— — 6 . ne. Von Paul de Rock. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Zweiter Theil. G Stuttgart: Scheible, Uieger„ Zattler. 1846. Erſtes Kapitel. Julius und Agathe. Den folgenden Tag, um zehn Uhr Morgens, als Guerreville, noch im Schlafrocke, ſich an ſein Fenſter geſetzt hatte, um mit Behaglichkeit die friſche Luft eines Frühlingsmorgens einzuathmen, meldete ihm Georg, daß ihn ein junger Mann zu ſprechen wünſche. „Laß ihn eintreten,“ ſagte Guerreville, indem er das Fenſter verließ, und ſeine Augen hefteten ſich mit einer gewiſſen Unruhe auf die Thüre ſeines Schlafzimmers. Es iſt ein großer, hagerer, ſchlanker, junger Mann, in deſſen Benehmen noch die ganze Steif⸗ heit eines Schülers liegt, obgleich er für Augen⸗ blicke ganz gerade und unbeweglich daſteht und ſich bemüht, das Ausſehen eines überlegenden Mannes zu haben. Seine Züge ſind regelmäßig und voll⸗ kommen harmoniſch; eine gerade Raſe, ein mittel⸗ mäßiger Mund, große, blaue Augen, von ſchön ge⸗ zeichneten, dunkeln Brauen beſchattet, eine große, ſehr hohe Stirn, auf welche die blonden, gelockten Haare nachläſſig herabfallen, bilden ein zugleich in⸗ tereſſantes und liebliches Ganzes; zu dem etwas me⸗ Paul de Kock. ROvI. 1 lancholiſchen Charakter dieſer Geſichtszüge kommt noch eine angeborene Bläſſe; wenn er aber lebhafter wurde, wenn ſeine ſchönen, blauen Augen von dem ganzen Feuer einer achtzehnjährigen Einbildungskraft erglühten und Roſenröthe ſeine Wangen färbte, dann mußten ſelbſt diejenigen, welche blonde und blaſſe Männer nicht lieben, zugeſtehen, daß er ein ſchöner Jüngling ſei. Der junge Mann näherte ſich mit einer gewiſſen Schüchternheit; er hielt ein künſtlich zuſammenge⸗ legtes, mit einer Schnur befeſtigtes Päckchen in der Hand und grüßte Guerreville ehrfurchtsvoll, indem er ſagte:„Mein Herr, ich bringe Ihnen die Hand⸗ ſchuhe, die Sie ſich geſtern ausgeſucht haben bei meiner Mutter. Madame Gallet.. Sie hat mir zugleich geſagt, ich ſollte Sie fragen, ob Sie ſonſt nichts benöthigt wären. und mich beauſtragt, Ih⸗ nen ihre Grüße zu überbringen.“ Guerreville war im erſten Augenblick von der Aehnlichkeit dieſes jungen Mannes mit ſeiner Mut⸗ ter überraſcht und, ganz damit beſchäftigt, dieſe Geſtalt, die tauſend Erinnerungen in ihm erweckte, zu betrachten, antwortete er nicht ſogleich auf das, was Julius zu ihm ſagte; der Sohn der Verkäu⸗ ferin ſchlug die Augen nieder und war ganz außer Faſſung gebracht, verwirrt durch die Blicke von Guerreville, der ihn ſo aufmerkſam betrachtete, ohne ihm etwas zu erwidern. Guerreville kam jedoch bald wieder zu ſich, und da er die Verlegenheit des jungen Mannes bemerkte, 3 ſagte er mit wohlwollendem Tone:„Entſchuldigen Sie, mein Herr, wenn ich Ihnen nicht alsbald ge⸗ antwortet habe ich bin ein wenig zerſtreut. und dann.. war ich überraſcht über Ihre Aehn⸗ lichkeit mit Ihrer Frau Mutter.“ „In der That, mein Herr, Jedermann findet, daß wir uns ſehr gleichen.“ „Aber wollen Sie nicht einen Stuhl nehmen? es würde mir viel Vergnügen machen, mich mit Ihnen einen Augenblick zu unterhalten.“ Julius verbeugte ſich und nahm Platz, Guerre⸗ ville ſetzte ſich ebenfalls, indem er fortfuhr:„Ich bin für Sie kein gewöhnlicher Kunde und Ihre Frau Mutter wird Ihnen, wie ich hoffe, auch ſchon geſagt haben, daß ich ein früherer Bekannter. ein alter Freund Ihrer Familie bin?“ „Ja, mein Herr, meine Mutter hat es mir ge⸗ ſagt, mehr als einmal hat ſie mir von Ihnen ge⸗ ſprochen, wie von einem Manne, der ihr ſtets leb⸗ hafte Theilnahme bewieſen hat und für den ſie eben ſo große Freundſchaft als Dankbarkeit hegt; ſie be⸗ trübte ſich ſogar, wenn ſie dachte, ich würde nie⸗ mals ſo glücklich ſein, Sie kennen zu lernen, weil Sie nicht mehr in Paris wohnten aber geſtern, als ich zurückkehrte, war meine Mutter ſehr ver⸗ gnügt. und ſie ſagte mir:„„Ich habe Dir eine angenehme Neuigkeit mitzutheilen; Herr Guerreville iſt in Paris, und er will Dir erlauben, ihn zu be⸗ ſuchen. Mache, daß er für Dich eben die Freund⸗ ſchaft empfindet, die er längſt für meine Familie — 4 hatte; höre mit. Ehrerbietung auf ſeine Rathſchläge, benutze die Lehren, die er wohlmeinend Deiner Ju⸗ gend ertheilen wird. Kurz, erweiſe ihm die voll⸗ kommenſte Ergebenheit, das wird die beſte Art ſein, mich von Deiner Liebe zu überzeugen!““ Dies iſt es, mein Herr, was mir meine Mutter geſagt hat, und es wird mir Vergnügen machen, ihr meinen Ge⸗ horſam zu beweiſen.“ Dieſe Worte wurden in einem ſo offenen Tone geſprochen, daß man ſie nicht mit den conventionel⸗ len Höflichkeiten, die man in der Geſellſchaft aus⸗ tauſcht, verwechſeln konnte. Guerreville reichte dem jungen Manne die Hand, indem er ſagte:„Ich danke Ihnen, Herr Julius, für Ihre gute Meinung für mich; die Freundſchaft eines Mannes von mei⸗ nem Alter kann keine grofe Anziehungekraft für Sie haben„wenn ſolche Verbindungen Reiz haben ſollen, muß Gleichheit der Jugend, wie der Anſich⸗ ten und Launen vorhanden ſein; wenn ich Ihnen demungeachtet in irgend einer Weiſe nützlich ſein kann, wenn Sie glauben, daß Ihnen meine Rath⸗ ſchläge einigen Vortheil gewähren können, ſo wer⸗ den Sie mich immer bereit finden, Ihnen gefällig zu ſein.“ Der junge Mann verbeugte ſich, indem er die ihm dargebotene Hand drückte; Guerreville fuhr fort: „Sie ſind der einzige Sohn„Ihre Mutter liebt Sie ſehr, wie ich glaube „O ja, mein Herr ſie iſt mir ſehr gut„ vielleicht zu gut.“ 5 „Man iſt nie zu gut gegen Einen, der uns liebt; und Ihr Vater?“ „Mein Vater iſt ein wenig ſtrenger in⸗ deß er iſt nicht hart, gewiß!... aber er liebt nur den Haudel er will, daß ich mich ganz dem Handel widme, und „Dazu haben Sie keine Neigung?“ „Nein, mein Herr, ich geſtehe es, daß ich gar keine Luſt zu dieſem Stande habe.“ „Welchen Stand wollen Sie denn ergreifen?“ „Mein Gott, mein Herr, ich weiß es ſelbſt nicht recht, das heißt, ich weiß es wohl„ aber ich wage es nicht zu ſagen; denn ich befürchte, dies möchte meiner Mutter Kummer machen und den⸗ noch ſcheint es mir, daß bei Allem, was ſich auf die Kunſt bezieht, ſo viel Ruhm, ſo viel Erfolg zu hoffen ſei.“ „In jedem Stande kann man auf Ruhm hoffen, wenn man ſich hervorthut. Glauben Sie, Herr Julius, daß es für den induſtriellen Mann keinen Ruhm gäbe, der damit angefangen hat, ein ge⸗ wöhnlicher, unbedeutender Commis zu ſein, durch Thätigkeit, Talente, Unternehmungen aber dahin gelangt, ſich ſelbſt an die Spitze eines großen Handlungshauſes zu ſtellen, deſſen Unterſchrift ſo viel Geltung hat als ein Bankzettel; der zahlreiche Gehülfen unter ſeinen Befehlen hat und ſich überall geehrt, geachtet ſieht? Ol einem ſolchen gereicht es ſehr zum Ruhme, von unten angefangen zu haben und ſo hoch geſtiegen zu ſein, und es wäre übel 6 angebracht von ihm, wenn er dies verhehlen oder wünſchen wollte, man möchte es vergeſſen; denn es iſt durchaus kein Verdienſt, reich oder mächtig ge⸗ boren zu werden, aber es bedarf deſſen immer, um ſich ſelbſt einen Namen und eine achtbare Stellung in der Geſellſchaft zu verſchaffen.“ „Mein Herr, ich bin weit entfernt, den Handel zu verachten. ganz im Gegentheil, meine Eltern treiben ihn mit Ehren und wenn es ſein muß Aber, mein Herr, wenn man an einer Sache keinen Geſchmack hat, ſo taugt man ſchlecht dazu.“ „Das iſt ſehr wahr Jedoch der Künſte gibt es vielerlei; Ste haben ohne Zweifel Ihre Wahl ſchon getroffen?“ „Mein Herr. ich geſtehe es, aber ich fürchte mich, zu„ „Wohlan, Herr Julius, ſprechen Sie mit Ver⸗ trauen zu mir ich bin weniger ſtreng, als ich Ihnen vielleicht erſcheine; ich werde mich erinnern, daß ich auch jung war.. und daß ich damals auch großer Nachſicht bedurfte Sie haben achtzehn Jahre! das iſt das Alter, wo die Illuſionen anfin⸗ gen, wo Herz und Geiſt ſich nur wollen entzücken laſſen; ich will⸗ Ihnen nicht ſagen, daß dies Alles nur Selbſttäuſchung ſei... O nein, man muß die Jugend nicht entzaubern, die Zeit übernimmt dieſe Sorge früh genug. Uebrigens liegt Offenheit in den Freuden dieſes Alters, es liegt Liebe in dieſen Leidenſchaften, welche in einem jugendlichen Herzen nnaufhörlich ſich entzünden und erneuern; aber es iſt 7 auch in einem achtzehniährigen Kopfe mehr Thorheit als Vernunſt, und deßhalb ſind ihm ſehr oft die Rathſchläge der Erfahrung nöthig.“ „Ach! mein Herr, Sie ſprechen mit ſo viel Güte zu mir ich fühle mehr Zutrauen zu Ihnen, als zu meinem Vater. Ich will Ihnen meine geheimſten Gedanken mittheilen.. Mein Herr, für das Theater fühle ich mich berufen.. vom Theater bin ich begeiſtert, an das Theater denke ich beſtändig.. Schauſpieler ſein.. ein großes Talent haben einen vollen Saal applandiren hören, das Publi⸗ kum bald zum Lachen, bald zum Weinen bringen⸗, ſeine Aufmerkſamkeit für ſich in Beſchlag nehmen, Aller Blicke auf ſich gerichtet ſehen, das beifällige Murmeln vernehmen, das einem gut geſprochenen Worte, einer tief empfundenen Rede folgt... Ach! mein Herr, das iſt das Glück, der Ruhm, das Vergnügen.. und das erneuert ſich jeden Abend!... Ahl da haben Sie die Carriere, die ich einſchlagen möchte!„„ „Sie wollten alſo zum Theater gehen?“ „Ja, mein Herr. das iſt es, was ich meinem Vater nicht zu ſagen wage.. denn dies würde ihn ſehr böſe machen... Er grollt mir ſchon, wenn er weiß, daß ich ins Schauſpiel gegangen bin; er ſagt, vaß ich all mein Geld dadurch verſchwende Ich habe nur das, was mir meine Mutter heimlich gibt, und ich glaube das ſchon für das Theater verwenden zu dürfen weil dies das einzige Vergnügen iſt, das ich mir erlaube.“ „ 8 „Und kennt Ihre Mutter Ihren Hang für das Theater.. grollt ſie Ihnen auch?“ „Ein wenig, aber ſo ſanft, ſo ſanft O ſie nur allein zu ſprechen hätte, dann könnte h ſicher thun, was mir nur gefällt!“ „Herr Julius, es iſt kein Unglück, Schauſpieler zu ſein, wenn man wirklich Talent hat aber wenn man keines hat, ſo iſt es der allertraurigſte Stand!* „H! ich werde Talent haben, mein Herr, das bin ich gewiß. Ol wenn Sie wüßten, wie mein Kopf ſich erhebt, wenn ich Samſon oder Bouffé ſpielen ſehe!... wie ich ſie beobachte, wie ich fürchte, eine einzige ihrer Bewegungen zu verlieren. welche Talente! welche Schauſpieler! Ah! mein Herr, haben Sie, wenn Sie die Beiden ſpielen ſahen, einmal Luſt bekommen, beim Theater zu ſein?“ Guerreville konnte ſich eines Lächelns nicht er⸗ wehren und erwiverte:„Nein, wahrhaftig! das hätte mich im Gegentheil davon abbringen können, denn ich würde gedacht haben, daß es doch ſehr ſchwer ſei, bis zu dieſem Grade der Kunſt zu ge⸗ langen.“ „Warum dies? es ſind ſchon Viele dahin gelangt!.. Wir haben noch viele andere Künſtler von großem Talent.. und, abgeſehen davon, liebe ich alle Schauſpieler!.. Wenn ich Einem unter⸗ wegs begegne, ſo möchte ich ihm an den Hals ſpringen, ihn umarmen.. ihm die Hand drücken. mit ihm Arm in Arm ſpazieren gehen ℳ 5 „Alles das beurkundet Ihre Liebe für das Theater; aber darin ſehe ich noch keinen Beweis, daß Sie Talent zum Schauſpieler haben.. man bewundert oft etwas, das man nicht naczum vermag.“ „„Ach! mein Herr. wenn ich es noch wagen dürfte, Ihnen zu geſtehen„ „Wagen Sie es, Herr Julius, Ihre Mutter hat Ihnen geſagt, daß Sie mich als einen alten Freund betrachten könnten, und ich wiederhole Ihnen, daß Sie Ihr Vertrauen nicht ſchlecht an⸗ gebracht haben ſollen.“ „Davon bin ich vollkommen überzeugt, mein Herr... Aber was ich Ihnen ſagen werde.. davon darf mein Vater. und ſelbſt meine Mutter keine Kunde bekommen. „Ich werde Ihnen nichts ſagen, da Sie Ver⸗ ſchwiegenheit von mir verlangen.“ „Gut! mein⸗Herr, ſo erfahren Sie denn, daß ich Deklamationsflunden nehme.“ „Sie nehmen Unterricht!... Das iſt ganz was Anderes Sind Sie im Conſervatorium?“ „O! nein, leider bin ich nicht ſo glücklich. » sber ich gehe zu einem Profeſſor.“ „Dieſer Profeſſor iſt ohne Zweifel einer unſerer ien Sipieie oder ein alter Künſtler von . ufe „NRein Herr, es iſt in der That ein alter Schau⸗ ſgieier, der, nachdem was er ſagt, kinſt viel Ta⸗ lent hat 10 „Wo ſpielt er?“ „Nun, er behauptet überall geſpielt zu haben.. Zudem erlauben es meine Mittel nicht, mir einen ſehr koftſpieligen Lehrer zu halten„ Ich wage es nicht, meine Mutter oft um Geld zu bitten, weil ich weiß, welche Auftritte ſie deßhalb mit meinem Vater hat; aber mein Profeſſor iſt nicht theuer, er gibt den Curſus für zwanzig Sous. und wenn man zehn Sous vorausbezahlt, ſo be⸗ kommt man noch fünf Stunden gratis „Das iſt in der That nicht viel.“ „Manchmal hat er auch ſehr viele Zöglinge!... Er ſagte mir, daß er große Künſtler gebildet habe.“ „Wie heißen ſie?“ „Ah! ſie ſind Alle in der Provinz; aber ich verſichere Sie, daß er ſehr gut unterrichtet. und er ſchwört mir, daß ich die ſchönſten Anlagen habe.“ „Jür welches Fach?“ „Für jugendliche Liebhaber.“ „Herr Julius, ein Lehrer, der fünfzehn Stunden für zehn Franken gibt, muß dieſe Sprache mit allen ſeinen Schülern führen... denn es iſt anzu⸗ nehmen, daß er große Noth hat, und auf jede Weiſe Geld zu verdienen ſuchen muß. Indeß will ich Sie nicht entmuthigen.. aber ich geſtehe es, es ſchmerzt mich, Sie eine ſo ſchwierige Laufbahn einſchlagen zu ſehen. und ich darf Ihnen nicht verbergen, daß es auch Ihre Mutter ſehr betrübt...“ „Wie! mein Herr, hat ſie denn meine Neigung errathen? 11 „Erräth eine Mutter nicht immer die Geheim⸗ niſſe Ihres Sohnes! Ja, auch die Ihrige hat Ihrer Begeiſterung für die dramatiſche Kunſt wahrge⸗ nommen... Sie befürchtet, Sie möchten den Ge⸗ danken haben, Schauſpieler zu werden... und es ſcheint mir, ihre Furcht ſei ſehr gegründet. Sie hat mir den Kummer nicht verhehlt, den ſie deßhalb empfindet. Bedenken Sie, Herr Julius, bevor Sie ſich von einer Neigung hinreißen laſſen, die gewiß nicht unüberwindlich iſt... ueberlegen Sie, ob alle die Erfolge, alle die Vergnügungen, die Sie auf dem Theater zu finden hoffen, den Kummer überwiegen können, den Sie Ihrer Mutter verur⸗ ſachen würden. Julius ſchlug die Augen nieder, er war bewegt und ſchwieg einige Zeit; endlich murmelte er zwi⸗ ſchen den Zähnen:„Mein Gott! mein Herr... Sie wiſſen wohl, daß die Eltern immer ſo ſind.. am Anfang grollen ſie.. wenn man aber ſein Glück macht, ſind ſie froh, daß man ſeiner Nei⸗ gung gefolgt iſt. daß man auf ſie nicht gehört hat!. Wenn ich ein großer Künſtler werde.. ſo ſcheint es mir, daß ein ſolcher einen Parfümeur aufwiegt.. Wenn Sie wollen, mein Herr, dann ſehen Sie mich ſpielen bei meinem Profeſſor. wir ſpielen Scenen.. bisweilen ganze Acte, wenn wir in hinreichender Zahl beiſammen find.. als⸗ dann können Sie urtheilen, ob ich Talent habe.“ Guerreville wollte eben antworten, als Georg die Thür des Zimmers halb öffnete und nur den 12 Vorderkopf hineinſteckte, indem er ſagte:„Mein Herr, es iſt eine junge Dame mit ihrer Kammer⸗ frau da, welche ſagt, Sie wären Ihr Pathe, und fragen läßt, ob ſie die Ehre haben könnte, Ihnen aufzuwarten.“ Eine leichte Röthe flog über das Geſicht von Guerreville, doch antwortete er raſch:„Gut! ich will dieſe junge Dame empfangen laß dieſelbe in den Salon eintreten und bitte ſie einen Augen⸗ blick zu warten.“ Georg zog ſich zurück und Julius erhob ſich mit den Worten:„Sie bekommen Beſuch, mein Herr, ich verlaſſe Sie, und bitte um Entſchuldigung, daß ich Sie ſo lange beläſtigt habe ich wollte Ihnen nur noch die Adreſſe meines Lehrers in der Della⸗ mation geben ich muß ſie bei mir haben es iſt Herr Triſtepatte, Rue du Petit⸗Hurlair. Ahl hier iſt ſeine Adreſſe.. Der Unterricht findet, den Sonntag ausgenommen, täglich ſtatt, von zwölf bis vier Uhr Nachmittags, oder Abends von ſieben bis zehn Uhr. Ich gehe hin, wenn ich irgend eine Beſorgung habe und mir eine halbe Stunde abmüßigen kann, aber Dienſtags und Donners⸗ tags, bei Tage, fehle ich faſt nie Sie werden doch kommen, um mich ſpielen zu ſehen, nicht wahr, mein Herr? ich wäre ſehr erfreut, Ihr Ur⸗ theil zu hören „Ja, ich werde kommen, ich verſpreche es Ihnen aber warten Sie.. warten Sie doch, Herr Julius„ 13 Und während er dies ſagte, drehte er ſich um und ging im Zimmer auf und ab, als wenn ihm etwas auf dem Herzen läge und er nicht wüßte, wie er ſich dabei benehmen ſollte; endlich näherte er ſich ſeinem Sekretair, nahm eine Rolle mit fünfzig Napoleons heraus, und ſchrieb auf ein Papier: Für Julius, damit ſeine Vergnü⸗ gungen keinen Zank zwiſchen ſeinen Eltern verurſachen. Guerreville wickelte dieſen Zettel über die Rolle, dann hüllte er Alles zuſammen in ein anderes Pa⸗ pier, und zu Julius zurückkehrend, legte er ihm die Rolle in die Hand, indem er ſagte:„Herr Ju⸗ lius, haben Sie die Güte, dieſes Ihrer Frau Mutter von mir zu überbringen.. es iſt eine alte Schuld, die ich hiemit berichtige, für ver⸗ ſchiedene Beſorgungen, die ſie vor langer Zeit für mich gemacht hat.“ Julius ſchien erſtaunt, da er die Summe, welche in ſeine Hand geglitten war, wog und ſtotterte: „Wie, mein Herr!.. Aber meine Mutter hat mir ja gar nichts geſagt. „Sie hatte nicht nöthig, Ihnen dies zu ſagen.. es iſt eine alte Rechnung, ſie hat es vielleicht ver⸗ geſſen.. Aber verzeihen Ste, mein Herr. man erwartet mich, ich werde das Vergnügen haben, Sie wiederzuſehen.“ Julius hielt es nicht für ſchicklich, noch weitere Nachfragen anzuſtellen; er ſteckte die Rolle in ſeine Taſche, grüßte Guerreville ehrerbietig, und ent⸗ 6. 14 fernie ſich, nachdem er ihn vorher um die Erlaub⸗ niß gebeten hatte, wiederkommen zu dürfen, um ihm ſeine Aufwartung zu machen. Der junge Mann ging fort, die Blicke von Guerreville folgten ihm; er blieb einige Augenblicke in ſeine Gedanken verſunken; endlich rief er Georg, und ſagte zu ihm:„Laß das Fräulein, welches in dem Salon iſt, hereintreten.“ Der Exſoldat machte eine halbe Wendung, ent⸗ fernte ſich und kam bald mit einem jungen Mädchen zurück, welche ins Zimmer ſchlüpfte, Knire machte und ſchon an der Thürſchwelle ausrief:„Guten Tag, mein Pathe!— Wie befinden Sie ſich, mein Pathe? Ich bin erfreut, Sie zu ſehen.. Wollen Sie mir erlauben, Sie zu umarmen, mein Pathe 2. Herr Guerreville bleibt unbeweglich und ſtarrt die Perſon, welche ihn ſo unverſehens mit einem Kuſſe angeht, an; es iſt ein junges Mädchen von ungefähr ſiebzehn Jahren, ſehr rund, ſehr fett, ſehr friſch und ſehr backenroth; eine ziemlich reizende Brünette, obwohl ihre großen braunen Augen mehr Frohſinn als Schelmerei ausdrücken und ihr Geſicht eben ſo ſehr aus Gewohnheit als aus Stimmung zu lachen ſcheint; aber ihr Mund iſt klein und mit hübſchen Zähnen garnirt, ihr Näschen wohlgebildet, hübſche Grübchen zeichnen ſich jeden Augenblick in ihre vollen Wangen, ihr Wuchs endlich iſt ſchlank und ihr Buſentuch ſpricht ſchon ſehr deutlich von entwickel⸗ ten Lieblichkeiten. Das iſt Fräulein Agathe, welche 15 nicht die geringſte Aehnlichkeit mit ihrem Pathen hat, nichtsdeſtoweniger aber ein hübſches Mädchen iſt, von offenbar handfeſter Geſundheit. Die froſtige und beinahe ſtrenge Miene, womit Herr Guerreville das Mädchen aufnahm, verblüffte dieſe ein wenig; ſie faßte ſich jedoch wieder und begann ihre Knixe und ihr Trippeln von Neuem, indem ſie die gleichen Redensarten wiederholte. „Guten Tag, mein Pathe, ich wünſche von Her⸗ zen guten Tag, mein Pathe!.. Wie befinden Sie ſich?„Ich komme, Ihnen meine Ehrerbie⸗ tung zu bezeugen und Sie zu küſſen, wenn Sie es mir erlauben wollen.“ Guerreville neigte ſich zu Agathen, küßte ſie auf die Stirne, obgleich das Mädchen ihm ihre Wangen hinhielt, führte ſie an einen Stuhl und ſagte zu ihr:„Setzen Sie ſich, mein liebes Kind.“ „Mit Vergnügen, mein Pathe,“ ſagte Fräu⸗ lein Agathe, indem ſie in einem Fauteuil Platz nahm. Guerreville ſetzte ſich zu dem jungen Mädchen, betrachtete ſie fortwährend, aber ohne im mindeſten bewegt zu ſcheinen, und ſprach:„Sie find die Tochter von Madame Grillon?“ „Ja, mein Pathe ich bin ihre einzige Toch⸗ ter. Agathe, Ihre Pathe.“ „Und Ihre Frau Mutter hat Ihnen die Erlaub⸗ niß gegeben, mich zu beſuchen?“ „O, gewiß, mein Pathe, ſie hat es mir ſogar befohlen. Ohne das würde ich nicht auf den 16 Gedanken gekommen ſein, zu Ihnen zu gehen.. denn ich dachte gar nicht an Sie, mein Pathe; als aber Mama geſtern nach Hauſe kam, ſchrie ſie ſchon unten an der Treppe: Agathe! Agathe! Dein Pathe iſt in Paris! ich bin ihm begegnet.. Du wirſt morgen früh zu ihm gehen, um ihm Deine Auf⸗ wartung zu machen und ihn zu umarmen. Und Mama war ſo glücklich ſo vergnügt, daß ſie nicht bemerkte, wie ſie auf den Rock meines Papa trat, welchen er über einen Stuhl gelegt hatte, weil er ſich wollte einen Knopf annähen laſſen; und als Papa zu ihr ſagte: Nimm Dich doch in Acht, meine Liebe, Du wirfſt meinen Rock auf die Erde und trittſt darauf; antwortete ihm Mama: O, das iſt mir ganz gleich... ich bin Herrn Eduard be⸗ gegnet, dem Pathen meiner Tochter; er wohnt in Paris, er wird uns beſuchen.. ich könnte heute auf allen Deinen Kleidern herumtreten und wäre deßhalb doch nicht weniger vergnügt.“ „Das iſt ſehr freundlich von Seiten Ihrer Mutter.“ „O mein Pathe! wir Alle im Hauſe lieben Sie ſehr!... und deßhalb bin ich auch ſehr erfreut, Ihre Bekanntſchaft zu machen; denn Mama ſprach oft mit mir von Ihnen und ſagte mir: Es iſt recht Schade, meine arme Agathe, daß Dein Pathe nicht in Paris iſt, denn ein Pathe iſt wie ein zweiter Vater. man wünſcht ihm zum Geburtsfeſte, zum neuen Jahre Glück. er würde Dir Geſchenke machen: der Deinige war ſehr liebenswürdig, ſehr ——— 17 großmüthig. Darum, mein Pathe, bedauerte ich es recht ſehr, Sie nicht zu kennen denn ich war, wie ich glaube, fünf Jahre alt, als ich Sie das letzte Mal ſah. und ich konnte mich Ihrer nicht mehr recht erinnern; ich glaubte, mein Pathe wäre ein dicker Mann von fettem Bauch und ſtarken Beinen ich weiß gar nicht, woher ich dieſes Bild entnommen habe!.. Gerade ſo bildete ich mir, als ich noch in der Penſion war, ein, das Theater wäre ein Laden, in welchem man allerlei Dinge verkauft. Ah! wenn man klein iſt, iſt man doch recht dumm! aber jetzt bin ich nicht mehr ſo: ich kennk Aes, und Mama ſagt, ich könne ſprechen wie Eine von vierzig Jahren.“ Fräulein Agathe ſchien noch immer geneigt, fort⸗ zuſprechen, aber Guerreville, der auf ſie hörte, wie wenn er immer an etwas Anderes dächte, unter⸗ brach die junge Schöne mit den Worten:„Ihre Eltern haben ohne Zweifel für Ihre Erziehung geſorgt?“. „O ja, mein Pathe! gewiß, ich wurde ſehr gut erzogen; aber aus der erſten Penſion, in die man mich gebracht hatte, wurde ich wieder genommen, weil ich alle Tage Schminkbohnen zu eſſen bekam. Ich beklagte mich deßhalb bei Mama, welche der Unterlehrerin ſagte, daß die Schminkbohnen mich krank machten. Dieſe ſagte es der Direktorin, welche ihr erwiderte, um meinetwillen würde man die Hausordnung nicht abändern; Mama fand das fehr unanſtändig und ich ward anderswohin gegeben, Paul de Kock. X0vI. 2 18 wo ich mich viel beſſer befand: man hatte in der Woche Linſen mit Kartoffeln und Rindfleiſch; ich liebe gerade die Kartoffeln nicht ſehr, aber die Linſen ſind meine Leibſpeiſe. Aber wenn Sie wüß⸗ ten, mein Pathe, wie wenig Oel man in den Pen⸗ ſionen auf den Salat thut.. ich glaube faſt, man thut gar keines darauf. und das iſt ſehr ſchlimm für den Magen Ich hatte eine Freundin, welche „Iſt es ſchon lange, daß man Sie aus der Penſion genommen hat?“ „Es find jetzt achtzehn Monate, mein Pathe. Mama und Papa fanden, daß ich genug wüßte und daß ich nichts mehr zu lernen nöthig hätte.“ „Was haben Sie denn gelernt?“ „O, mein Pathe! ich kann ein wenig ſingen, ich ſpiele ein wenig das Piano, ich zeichne ein wenig„ „Es ſcheint mir, Sie können von Allem ein wenig.“ „Ja, mein Pathe und dann tanze ich ſehr gut Oich liebe den Tanz ſehr! Mama liebt den Tanz ebenfalls; wenn wir auf dem Balle ein⸗ ander gegenüber tanzen, ſagt ſie, man halte uns für zwei Schweſtern.“ „Und Ihr Herr Vater?“ „O, mein Vater tanzt nie oder höchſt ſelten, wenn nicht gerade der vierte Mann fehlt. aber Papa bringt die Touren immer in Unordnung, ich habe ihm noch nicht einmal die Paſtourelle beibrin⸗ 19 gen können!... Ah! apropos, mein Pathe, ich hätte bald vergeſſen, Ihnen zu ſagen, daß Mama mir aufgetragen hat, Sie zu bitten, uns morgen die Ehre zu erweiſen, bei uns zu ſpeiſen; man ſetzt ſich Punkt fünf Uhr zu Tiſche.“ 8 „Ich danke Ihnen, mein liebes Kind; aber ſagen Sie Ihrer Frau Mutter, daß ich ſehr bedaure, ihre Einladung nicht annehmen zu können.“ „Ah! warum dies, mein Pathe? Wir rechneten ſo beſtimmt auf das Vergnügen, Sie bei uns zu ſehen!. WMama wollte noch Madame Devaux und ihre Töchter einladen.. dies ſind Leute von gutem Ton, die Soireen geben. und dann Herrn Adalgis, einen ſehr liebenswürdigen jungen Mann, der immer weiße oder ſtrohfarbene parfümirte Hand⸗ ſchuhe trägt. Es iſt von einem jungen Manne ſehr ſchön, helle Handſchuhe zu tragen. das gibt ein ſehr feines Anſehen und dann ſpielt dieſer Herr auch das kleine Horn, das heißt er lernt es; aber er will es ſpielen, wenn er es weit gebracht haben wird, und dann wird er mich zu dem Piano be⸗ gleiten. Indeſſen ſingt er köſtliche Romanzen; das letztemal hat er uns die gute Hoffnung von Friedrich Bérat vorgeſungen.. WMein Gott, wie ſchön das iſt!... Mein Pathe, kennen Sie die gute Hoffnung von Bérat?“ „Meine liebe Pathe, ich bin ſehr betrübt, dies Alles nicht anhören zu können, aber ich wiederhole Ihnen, ich kann morgen von der Einladung Ihrer Eltern keinen Gebrauch machen.“ N 20 „Ah! das iſt ſehr Schade, meine Pathe; Papa freute ſich auch darauf, Sie bei Tiſche zu haben, weil Mama ihm geſagt hatte, ſie würde ein Com⸗ pot aus Kaſtanien zubereiten laſſen.“ „Ich werde Sie beſuchen, Agathe, ich werde Madame Grillon meine Aufwartung machen.“ „Wann dies, mein Pathe?“ „Sobald als mir dies möglich ſein wird Wollen Sie mir indeß erlauben, meine liebe Pathe, Ihnen ein kleines Geſchenk zu machen?“ Guerreville hatte ſich erhoben und war an ſeinen Sekretär gegangen. Er fühlte, daß es bei Agathen keines Vorwandes bedürfe, um ihr ein Geſchenk anzubieten; übrigens gab ihm der Litel Pathe ein Recht dazu. Agathe hatte ſich ebenfalls erhoben und machte eine zierliche Verbeugung, indem ſie ſagte: „Mein Pathe, Sie find ſehr gütig; ich werde mit Vergnügen Alles annehmen, was Sie mir gerne anbieten.“ Guerreville hatte aus einem Fache ſeines Sekre⸗ tärs eine hübſche Kaſchemirbörſe genommen, die mit Goldtreſſen und mit feinen Steinen beſetzt war; er legte in jede Seite derſelben fünfzehn Napolcon und überreichte ſie Agathen mit den Wor⸗ ten:„Nehmen Sie, meine liebe Freundin, be⸗ trachten Sie dieſe Börſe als ein kleines Andenken von mir; mit ihrem Inhalte werden Sie einige Ihrer Lieblingsneigungen befriedigen können. Es wäre vielleicht paſſender geweſen, wenn ich Ihnen 21 alle die Kleinigkeiten, die einem jungen Mädchen Freude machen, ſelbſt gekauft hätte... Aber Sie werden mich entſchuldigen, da ich mich auf alles dies wenig verſtehe und Ihr Geſchmack Sie beſſer leiten wird als der meine.“ Agathe nahm die Börſe, indem ſie vor Freude erröthete; dann machte ſie zwei oder drei Sprünge durch das Zimmer und rief:„Ach! wie gut Sie ſind, mein Pathe! Ah, die ſchöne Börſe!.. und alle dieſe Goldflücke!... O, welche hübſche Sa⸗ chen werde ich dafür bekommen!.. WMein Vater gibt mir nur ein Zehnſousſtück für meine kleinen Vergnügungen, damit kann ich nicht viel anfangen. Ah, ich will mir eine Schärpe kaufen, wie ich neu⸗ lich eine an Cbleſtine geſehen habe eine blaß⸗ blaue Schärpe mit weißen Franzen, das iſt aller⸗ liebſt WMein Pathe, wollen Sie mir erlauben, Sie zu umarmen? Ah, wie vergnügt ich bin!.. Mama hatte ſehr Recht, mir zu ſagen: Du wirſt ſehen, wie profitabel es iſt, ſeinen Pathen kennen zu lernen, beſonders wenn er reich iſt!“ Und Agathe reichte Guerreville ihre ſchönen, friſchen und kirſchrothen Wangen; dieſer aber be⸗ rührte ſie kaum mit den Lippen und führte ſie dann ſachte an die Thür, indem er ſagte:„Es thut mir leid, meine liebe Pathe, Sie nicht länger hier behalten zu können.. aber Geſchäfte nöthigen mich„ „O, mein Pathe, das genügt Sie brau⸗ chen ſich bei mir nicht im geringſten zu geniren 22 denn ich bin gänzlich ohne Umſtände beſonders bei Perſonen, die mir gefallen, und Sie, mein Pathe, gefallen mir ſehr.“ Unterdeſſen hatte Guerreville Agathe bis ins Vorzimmer geführt, wo ein großes Frauenzimmer mit einer weißen Schürze und einer bäuriſchen Haube Georg gegenüber ſaß, der ſie beſtändig be⸗ trachtete, doch kein Wort mit ihr ſprach. Agathe lief auf ihre Bonne zu und rief:„Jean⸗ nette! Dies iſt mein Pathe.. Mein Pathe, dies iſt Jeannette, unſere Kammerfrau. Sie geht immer mit mir, weil meine Eltern mich niemals allein ausgehen laſſen wollen; doch ich kenne meinen Weg ſehr gut, und werde mich gewiß niemals ver⸗ irren.. Glücklicher Weiſe lachen wir Beide, Jean⸗ nette und ich, wenn wir mit einander ausgehen.. Sie iſt ebenſo heiter als ich wir machen uns über die Vorübergehenden luſtig O! das iſt ſehr amüſant.. Es gehen ſo lächerliche Leute vor⸗ über, die ſo drollig ausſehen.. Doch Adieu, mein Pathe!. Ich werde Mama ſagen, daß Sie uns vald beſuchen werden, aber es wird ihr ſehr leid ſein, daß Sie morgen nicht zu Tiſche kommen können und dem Vater auch er wird ſein Kaſtaniencompot beweinen!. nicht wahr, Jean⸗ nette?.. Jeannette grüße meinen Pathen.. Auf Wiederſehen, mein Pathe beſuchen Sie uns vald.. WVollen Sie mir erlauben, Sie zu um⸗ armen?“ Fräulein Agathe reichte nochmals ihre Wangen 23 hin; aber Guerreville drückte einen ſehr kalten Kuß auf ihre Stirn und geleitete ſie dann hinaus, in⸗ dem er ſelbſt den Ausgang ſeiner Wohnung öffnete. Endlich entſchloß ſich das junge Mädchen zu gehen, aber nicht eher, als bis ſie ſich zuvor noch mehr als zwanzig Mal umgedreht hatte, um zu wieder⸗ holen:„Auf Wiederſehen, mein Pathe! beſuchen Sie uns bald.. vergeſſen Sie es nicht!. Als ſich Guerreville in ſeinem Zimmer allein befand, warf er ſich in ein Fautenil, indem er aus⸗ rief: Das waren nun dieſe zwei Kinder!.. Das iſt ſonderbar!... Ich hatte geglaubt, ihr Anblick würde mich bewegen, rühren.. Aber nein, ich habe in der Tiefe meines Herzens nichts empfunden, keine geheime Stimme erhebt ſich in meiner Seele, um mir zuzuflüſtern: Du biſt ihnen auch deine Liebe ſchuldig! Ich glaube, daß ihre Zärtlichkeit mir mehr läſtig als angenehm war. O! das iſt ſchlimm, ſehr ſchlimm! Doch woher kommt das? Weil ich in ihrer Rähe meine Tochter nicht vergeſſen kann!. meine Pauline.. Ol meine Tochter... Dir bin ich Vater Dich betete ich an Dir gehört noch immer meine ganze Zärtlichkeit... und fern von Dir kann ich keinen Augenblick glücklich ſein.. Aber noch keine Nachricht!. unmöglich zu er⸗ fahren, was aus ihr geworden iſt!... Mein Gott! ſollte ich ſie auf immer verloren habenl... Hat ſie mich ganz vergeſſen! verlaſſen Ol nein, man vergißt ſeinen Vater nicht ganz, wenn man weiß, wie theuer man ihm iſt, wenn man weiß, 24 daß er täglich ſeine Tochter beweint wenn man nicht zweifeln kann, daß ſeine Zärtlichkeit ſtets ſeinen Zorn überwinden werde, daß er alle Fehltritte ver⸗ zeihen werde, um nur ſein Kind umarmen zu können und dennoch verſchwinden die Jahre, und nichts! nichts. kein Brief, keine Nachricht!.. Guerreville ließ das Haupt auf die Bruſt finken und ſchien vor Schmerz vernichtet. Zweites Kapitel. Ein Freund und ein Ueberläſtiger. Es war ſchon eine beträchtliche Zeit verfloſſen, ſeit Agathe von Guerreville fortgegangen; doch dieſer war noch immer in ſeine Gedanken verſunken und ſeufzte unter der Laſt eines Kummers, den 3 jede Hoffnung verließ, während er in derſelben Stellung auf dem Stuhle ſaß und Stunde und Gegenwart vergaß, Alles vergaß, um nur an ſeine Tochter zu denken. Georg, an die Launen ſeines Herrn gewöhnt, erlaubte ſich niemals, ihn in ſeinen Betrachtungen zu ſtören; denn er wußte, daß er dann einen ſchlechten Empfang erhielt. Mehr als einmal hatte Guerreville ſchon auf dieſe Art die gewöhnliche Speiſeſtunde verſtreichen laſſen. An ſolchen Tagen hütete ſich Georg wohl, ihn daran zu erinnern; er ſagte ſich dann: Wahrſcheinlich hat der Herr keinen 25 Hunger, weil er nicht daran denkt, zu Tiſche zu gehen. Allein da er in einer Reſtauration ſpeiſt, ſteht es ihm ja frei, hinzugehen, wenn es ihm ge⸗ fällt. 1 Diesmal öffnete Georg, wider ſeine Gewohn⸗ heit, halb die Thür zum Zimmer ſeines Herrn, und da er ihn unbeweglich auf dem Stuhle ſitzen ſah, ſo huſtete er, um ſich veierklich zu machen, und Guerreville, der durch dieſes Geräuſch aus ſeiner gegenwärtigen Stellung erwachte und ſich nun wieder allein ſah, während ihn ſeine Träume eben mit ſeiner Tochter vereinigt hatten, wandte ſich ungeduldig gegen ſeinen Diener und rief mit zorniger Stimme:„Was wollen Sie, warum treten Sie ein, ohne daß ich Sie gerufen habe?“ Der arme Georg war ganz beſtürzt und im Begriff, ſich zurückzuztehen, ohne etwas zu ſagen: aber ſein Herr fuhr fort:„Nun gut! Werden Sie ſprechen?.. Weßhalb ſtören Sie mich?„ „Ol mein Herr, es iſt wahr; ich hätte bedenken ſollen. aber ich werde dieſem Herrn ſagen, daß er Sie ſtört, und daß Sie ihn heute nicht anneh⸗ men können.“ „Wie! noch Jemand! aber wird man mich denn gar nicht in Ruhe laſſen!.. Wer iſt da 2“ „Es iſt der Herr aus.. aus Chateau⸗Thierry... der Doktor Jenneval... welcher ſagt, ein Arzt habe jeder Zeit das Recht, bei ſeinen Freunden einzutreten. ſelbſt wenn ſie nicht krank ſeien..“ „Der Doktor.. der Doktor Jenneval!“ „ 26 Guerreville erhob ſich, ſtrich ſich mit der Hand über die Stirn und ſagte zu Georg: Herr Jenne⸗ val kann eintreten. Der Doktor trat ein, lief auf Guerreville zu und drückte ihm herzlich die Hand, während dieſer ſeinem Bedienten ein Zeichen gab, ſich zu entfernen. „Hier bin ich, ſprach Jenneval, indem er ſich mit froher Miene auf einen Stuhl niederließ. Ich habe ein wenig gezögert... aber ich mußte meine Angelegenheiten beenden, mit meinen Patienten ins Reine kommen!... Sie hatten die Güte, an mich zu denken, und in der That, ich weiß nicht recht, warum; denn ich habe mich ſehr oft über Sie und über Ihre Krankheit luſtig gemacht.. Aber vielleicht gerade deßhalb.. Ich glaube, daß ich mehr da⸗ durch geheilt habe, daß ich Sie zum Lachen brachte, als durch Verordnungen. Endlich pabe ich der Pro⸗ vinz Adien geſagt, und komme nach Paris, um hier zu praktiziren.“ „Sie wollen ſich hier niederlaſſen, Doktor?“ „Ja, das Leben in einer kleinen Stadt. ihre Klatſchereien, ihre Vergnügungen, ihre Gebräuche, das Alles behagt mir nicht mehr. Es lebe Paris! für die Künſte und Wiſſenſchaften, für die Theorie und Praxis! Indeß habe ich in Chateau⸗Thierry große Dinge gethan.. und erſt kürzlich eine herr⸗ liche Kur vollbracht... Madame Blanmignon heilte ich von ihren Krämpfen indem ich ſie Pillen nehmen ließ, die nur aus Mehl beſtanden, und den alten Herrn Benvit, der ſich für unterleibskrank hielt, — — 27 ließ ich fünfzehn Tagen hindurch nichts als Pfeffer⸗ kuchen eſſen.. Wahrhaftig, dieſe hatten einen be⸗ wunderungswürdigen Glauben! „Es ſcheint, mein lieber Doktor, daß Sie Ihre Heiterkeit noch nicht verloren haben...“ „Ich werde mich hüten, ſie zu verlieren, da ich damit meine Kranken heile. Uebrigens komme ich mit Empfehlungsbriefen beladen hieher.., habe auch überdies einige Bekanntſchaften und vielleicht wiſſen Sie, daß ich faſt eben ſo ſehr aus Neigung, als aus Intereſſe praktizire. Ich habe viertauſend Franken jährlicher Einkünfte, beſcheidene Wünſche, wenig Anſprüche: Mit dieſem kann cin Arzt, der noch unverheirathet iſt, ſehr leicht in die Praxis kommen, ohne ein epidemiſches Fieber oder die Cholera herbeizuwünſchen. Aber wie ſteht es mit Ihnen, mit Ihrer Geſundheit?.. Ich hätte mich eigentlich ſogleich darnach erkundigen ſollen.“ „Ich danke, Doktorz mit meiner Geſundheit ſteht es gut„ „Aber Sie ſind noch immer traurig, noch immer insgeheim betrübt O! ich ſehe das wohl, bei Ihnen leidet die Seele. Wohlan! ich werde Sie zu zerſtreuen ein wenig zu beſchäftigen ſuchen... Ich werde nicht nach Ihren Geheimniſſen fragen.. o! ich will mich nicht in Ihr Vertrauen eindrängen.. Das Vertrauen muß von ſelbſt kommen und dann gibt es auch Sorgen, die man lieber geheim hält; wahrſcheinlich gehören die Ihrigen zu dieſer Gattung... Später vielleicht, wenn Sie mich 28 beſſer kennen werden denn da Sie mir einmal erlaubt haben, Ihre Bekanntſchaft fortzuſetzen, ſo hieße es Ihnen ſchlecht für Ihr Vertrauen danken, wenn ich Sie mit meinen Fragen beläftigen wollte. Alſo abgemacht: Ich werde nie auf dieſen Gegen⸗ ſtand zurückkommen. Aber ich werde es verſuchen, Ihnen die Sorgen und den Kummer von der Stirne zu ſtreichen, weil dies zu meinen Functionen ge⸗ hört.“ „Mein lieber Jenneval, ich bin wahrhaft ver⸗ gnügt, Sie wieder zu ſehen.“ „Ich muß Ihnen ſagen, daß ich die Reiſe von Chateau⸗Thierry nach Paris mit einem Manne ge⸗ macht habe, der auch ſehr wünſcht, Ihre Bekannt⸗ ſchaft zu machen.. Aber ach! es iſt das neugie⸗ rigſte Geſchöpf, das ich jemals getroffen. Es iſt Herr Vadevant, einer von denen, die Ihnen ihre Karten zuſchickten, als ſie erfahren hatten, daß Sie mit dem Unterpräfekten befreundet wären. Als Vadevant er⸗ fuhr, daß ich mich in Paris niederlaſſen wollte, hat er Mittel gefunden, die Reiſe mit mir zu machen. Unterweges ſprach er viel von Ihnen. Um ihn recht toll zu machen, verbarg ich ihm nicht, daß ich dar⸗ auf rechnete, Sie oft zu ſehen. Auf der Stelle bat er mich auch, ihn bei Ihnen einzuführen.“ „Sie werden es doch unterlaſſen, Doktor?“ „Ol ſeien Sie ruhig; Vadevant iſt einer von den Menſchen, vor denen man ſich nicht fürchten varf, ihnen etwas abzuſchlagen, und die dies noch nicht abhält, Einem hundertmal dieſelbe Bitte zu 29 wiederholenz er gehört zu denen, welche glauben, daß man von den Leuten am Ende Alles erhält, wenn man ihnen nur recht läftig wird. Es iſt wahr, daß man damit bisweilen durchkommt; man gewährt Leuten, die uns läſtig find, manchmal Etwas, was man ſeinem innigſten Freunde verweigert hätte... die Welt iſt nun einmal ſo„ aber ich bin gar nicht geneigt, die Bekanntſchaft des Herrn Vade⸗ vant fortzuſetzen, obgleich dieſer mir bereits das An⸗ erbieten gemacht hat, der Arzt mehrer ſeiner hiefi⸗ gen Freunde zu werden, und unter Anderen auch bei einer ſeiner Couſinen, einer ſehr reichen Dame, wie er ſagt, welche zwei allerliebfle Töchter hat, die ſie bald verheirathen will: Er behauptet ſogar, deßhalb nach Paris gekommen zu ſein, um bei einer dieſer Verheirathungen Hülfe zu leiſten und ſeiner Coufine bei den Hochzeitsgeſchäften beizuſtehen. Er hat mir ſchon den Vorſchlag gemacht, mich bei ſei⸗ ner Coufine einzuſühren.“ „Mein lieber Doktor, laſſen Sie Ihren Herrn Vadevant, der mich durchaus nicht intereſſirt.. ſpäterhin werde ich Sie mit einigen Perſonen be⸗ kannt machen, die mich näher angehen; indeß kön⸗ nen Sie mir jetzt ſchon einen großen Gefallen er⸗ weiſen.“ „Sprechen Sie, ich ftehe ganz zu Ihren Dienſten.“ „Es ſind ungefährr drei Monate her als ich eine Wohuung ſuchte; ich trat in ein Haus der Rue Montmartre nachdem ich mehre Gelaſſe ange⸗ ſehen hatte, hörte ich von einem armen Teufel ſpre⸗ 30 chen, der in einer Dachkammer krank lag es war ein Waſſerträger er hatte zu ſeiner Ver⸗ pflegung nur ſeine Tochter bei ſich, ein Mädchen von fieben Jahren; und da man davon ſprach, ihn aus ſeiner Wohnung zu werfen, ſeine Möbeln zu verkaufen, befiel mich die Neugier, nach ſeiner Woh⸗ nung hinaufzuſteigen.“ „Die Neugier! ich verſtehe „Ich ſah den Mann er nannte ſich Jerome er ſah wie ein ordentlicher Mann aus; aber er war noch krank ſein armes, kleines Mädchen war ſehr ſchwächlich ſehr zart aber es liebte ſeinen Vater zärtlich und wich nicht von ſeinem La⸗ ger und er, ach! auch er liebte ſeine Tochter er nannte ſie ſeinen Schutzengel.“ Guerreville hielt inne, von tauſend Erinnerungen bewegt, die ſein Herz beſtürmten; endlich fügte er mit halber Stimme, und indem er ſeine Blicke auf die Erde heftete, bei:„Man iſt ſo glücklich, wenn man ſeine Tochter bei ſich hat.“ Es trat ein augenblickliches Stillſchweigen ein, das Jenneval nicht zu unterbrechen wagte: denn ſchon hatte er einen Theil der Sorgen von Guerre⸗ ville errathen. Endlich fuhr dieſer fort:„Ich gab dem Kinde einiges Geld damit den Vater die Miethe nicht beunruhigen ſollte; aber nun möchte ich doch wiſſen, ob der arme Jerome völlig herge⸗ ſtellt worden iſt.. „Und was hielt Sie ab, ihn wieder zu be⸗ beſuchen?“ — 31 „Ich weiß nicht die Zeit verſtrich mir ſo „Sagen Sie vielmehr, daß Sie ſich nicht den Dank für Ihre Wohlthaten holen wollten Ol ich errathe Sie, ich verſtehe Ihre Seele. Run gut! ich, der ich dem Jerome nichts gegeben habe, ich werde ihn beſuchen, und wenn er noch nicht herge⸗ ſtellt ſein ſollte, werde ich ſein Arzt ſein“ „Wollen Sie die Güte haben, Doktor?“ „Die Gütel und warum nicht; weil ich zuwei⸗ len lache und ſpaße, werden Sie doch bei mir kein unempfindliches Herz ſuchen, das dem Vergnügen, Anderen zu dienen, fremd iſt?“ „O nein, wenn ich Sie ſo beurtheilt hätte, ſo würde ich Sie nicht aufgefordert haben, mich wie⸗ der zu beſuchen.“ „Die Adreſſe dieſes Jerome?“ „Hier iſt ſie ich habe ſie auf dieſes Papier geſchrieben.“ „Sehr gut. ich werde morgen früh hingehen und Ihnen alsbald Bericht abſtatten.“ „Ich danke Ihnen, mein lieber Doktor“. „Indeß das iſt noch nicht Alles Haben Sie ſchon geſpeist?“ „Nein ich dachte noch nicht daran.“ „Aber ich denke daran, denn es iſt ſpät, und ich habe Hunger. Speiſen wir zuſammen, Sie ſollen nicht gezwungen ſein, zu eſſen; aber vielmehr be⸗ nn Sie Luſt dazu, während Ste mit mir plau⸗ ern.“ „Ich bin zu Ihren Dienſten.“ „Das iſt brav geſprochen. Nehmen Sie Ihren Hut und gehen wir.“ Guerreville ging mit dem Doktor weg, der ſei⸗ nen Arm unter den ſeines Freundes legte, indem er ſagte:„Wo ſpeiſen Sie gewöhnlich?“ „Ich habe keinen beſtimmten Ort, ich ſpeiſe in dem Quartier, wo ich mich gerade befinde und da ich die Abſicht habe, in Paris einen gewiſſen Je⸗ mand aufzufinden, ſo möchte ich gerne auch andere Speiſeanſtalten beſuchen, weil man doch überall neue Geſichter ſieht.“ „Vortrefflich, auch ich geſtehe Ihnen, daß ich, da ich mich in Paris niederlaſſe, die Reſtaurationen der Reihe nach durchzugehen wünſche; und dazu be⸗ wegt mich meine Leckerei viel weniger als die Neu⸗ gier; aber ich liebe es ſehr, zu beobachten, und ich will wiſſen, wie man in Paris in den verſchiedenen Klaſſen der Geſellſchaſt lebt. Werden Sie mich be⸗ gleiten? Während ich meine Betrachtungen mache, werden Sie ſich prüfend umſehen, ob Sie die Züge desjenigen, oder derjenigen, die Sie ſuchen, heraus⸗ finden.“ „Sehr gerne, Doktor.“ „Aber ich ſage Ihnen zum Voraus, daß ich Alles ſehen will, von der kleinſten Garküche bis zur vor⸗ nehmſten Reſtauration. Wenn man ſich unterrichten will, muß man ſich entſchließen, manchmal in ſon⸗ derbare Geſellſchaft zu gehen.“ „Ich wiederhole es Ihnen, ich werde gehen, wo⸗ 33 hin Sie wollen, und vielleicht werde ich wirklich in meinen Nachforſchungen glücklicher ſein.“ „So iſt es recht. Wir wollen den Anfang ma⸗ chen; wir werden ja nicht gezwungen ſein, da zu bleiben, wo es uns gar zu ſchlecht ſcheint. Man behauptet, in Paris ſei nichts leichter, als zu dini⸗ ren; dieſe Mahlzeit finde Jeder nach ſeinem Ge⸗ ſchmack in der That, hier iſt ſchon ein Schild, leſen wir: Diner zu ſechzehn Sous 3Zu ſechzehn Sous! wer hätte das geglaubt?. In dieſem modernen Babylon, wohin man aus allen Velttheilen zuſammenſtrömt, ſpeiſe man für ſech⸗ zehn Sous!.. Man braucht alſo doch nicht fünf⸗ zigtauſend Livres Renten, um in Paris zu leben.“ „Doktor, die Reſtaurationen, oder vielmehr die Orte, wo man zu eſſen bekommt, wuchern in die⸗ ſer Stadt; denn es wäre lächerlich, ſchlechte Gar⸗ küchen, aus denen man fortgeht, ohne ſich ſatt ge⸗ geſſen zu haben, Reſtaurationen zu nennen. Es gibt Speiſewirthe, Wein⸗ und Speiſewirthe, bürgerliche Speiſeanſtalten, Reſtaurationen zu feſten Preiſen und endlich Häuſer, in denen man für jeden Preis ſpeist; dieſe letzteren Anſtalten werden namentlich von Maurern, Steinhauern und überhaupt von Handwerkern beſucht, welche vier Sous zahlen und ſich eine Suppe aufbrühen laſſen, in welche ſie ihr Brod einbrocken. Ich ehre die menſchenfreundlichen Ideen und finde es ſehr zweckmäßig, daß ein Stein⸗ hauer eine Suppe billig eſſen kann; Jedermann muß leben, der ein Haus aufbaut, wie der, der es kauft; Paul de Kock. X0vl. 3 34 aber ich glaube doch nicht, daß Sie Luſt haben, in Gemeinſchaft von Maurergeſellen zu ſpeiſen.“ „Nein, wir wollen, ohne uns aufzuhalten, an den Reſtaurationen vorübergehen, in denen man um jeden Preis eſſen kann; aber es muß doch ein ſonderbares Mittageſſen ſein, für ſechzehn Sous „Sie werden in Paris nicht dreißig Schritte ma⸗ chen, ohne Zettel zu bemerken, auf denen, zu ſehr niedrigem Preiſe, eine vollſändige Mahtzeit ange⸗ boten wird. Für dreiundzwanzig Sous bekommen Sie eine Suppe, drei Schüſſeln, die Sie wählen können, Deſſert, eine Maas Wein und Brod nach Belieben. Für ſechzehn Sous, ſehen Sie, was dargeboten wird: Suppe, zwei Schüſſeln und Deſ⸗ ſert keinen Wein, aber Brod immer nach Be⸗ lieben„ Gefällt Ihnen das, Doktor?“ „Mich wundert nur das Deſſert bei einer Mahl⸗ zeit, bei der man nichts als Waſſer trinkt: das heiße ich ein verſchoſſenes Kleid mit Eitelkeit tragen; das iſt immer Luxus und Dürftigkeit. Die Fremden müß⸗ ten lachen, wenn ſie ſähen, wie wir uns der ge⸗ dörrten Pflaumen, oder der Mandeln, anſtatt des Weines bedienen. Aber ich habe mir vorgenommen, mich zu unterrichten, ich werde in eine Reſtaura⸗ tion zu ſechzehn Sous gehen, wenn ich gerade keinen Hunger habe. Heute wollen wir bei Véfour im Pa⸗ lais⸗Royal ſpeiſen.“ Guerreville und der Doktor ſchlugen die Richtung nach dem Palais⸗Ropal ein, und bald ſaßen ſie an 35 der Tafel in einem Salon bei Véfour; ſehr anſtän⸗ dige Leute, und ſogar einige Damen ſpeisten in ih⸗ rer Nähe. Während Guerreville ſeine Blicke lang⸗ ſam über die Perſonen, welche ſich im Salon be⸗ fanden, gleiten ließ, und Jenneval die Speiſekarte prüfte, die ihm ein Kellner gebracht hatte, öffnete ein kleiner Mann die Thüre des Salons, trat lä⸗ chelnd, ſich die Hände reibend, ein, und verneigte ſich gegen das Comptoir; dann näherte er ſich dem Tiſche, an welchem der Doktor ſaß und brach in einen Ausruf des Erſtaunens aus. Jenneval erhob die Augen und ſah ſeinen Reiſegefährten, Herrn Va⸗ devant, vor ſich. „Wahrhaſtig! das iſt ſchön! das iſt kößtlich!“ ſchrie der kleine Mann, indem er dem Doktor auf die Schulter klopfte.„O! die Begegnung iſt koſt⸗ bar! Wenn wir ein Rendezvous verabredet hätten, könnten wir uns nicht beſſer zuſammen finden! Ich ging in dem Garten, vor der Rotunde, ſpazieren, ich ſchlenderte umher, wartete bis ſich der Appetit einftellen würde, und als er ſich zeigte, ſagte ich zu mir: Speiſen wir heute bei Veéfour! Entzückt Sie hier zu finden!“ Jenneval neigte ſich zu Guerreville und ſagte ihm ins Ohr:„Ich wette, daß er ſich vor die Rotunde in der Hoffnung hingeſtellt hat, um mich dort zu fin⸗ den; denn es iſt gebräuchlich, wenn man nach Paris kommt, daß man ſich dort Rendezvous gibt, um in Geſellſchaft zu Tiſche zu gehen. Ich hatte ſein Anerbieten, mit ihm zu ſpeiſen, abgelehnt, und er 36 wird ſich in den Kopf geſetzt haben, mich wieder⸗ zufinden; nun thut es mir leid, daß wir nicht eine Mahlzeit zu ſechzehn Sons verſucht haben, dann hätte Vadevant vor der Rotunde Schildwache ſtehen müſſen.“ Während der Doktor eiſe ſprach, grüßte Va⸗ devant Herrn Guerreville mehrmals ſehr tief und ſagte zu jedem vorübergehenden Kellner:„Ein Couvert... raſch ein Couvert hieher, an die Seite dieſer Herren wenn es Ihnen näm⸗ lich nicht unangenehm iſt, meine Herren, daß ich neben Ihnen ſpeiſe.“ Dieſe Frage gehört zur Zahl terjenigin auf die es faſt unmöglich iſt, eine verneinende Antwort zu geben; wenn man ſich aber das Vergnügen macht, in Geſellſchaft von einem oder zwei Freun⸗ den zu ſpeiſen, ſo ſieht man es immer mit Wider⸗ willen, wenn ſich Ungeladene eindrängen. Leute, die ſich zu benehmen wiſſen, werden ſich niemals ſo unerwartet in die Mitte einer Geſellſchaft hin⸗ einwerfen; ſie werden es vorziehen, daß man ſie einlade, und ſie haben auch Recht. Guerreville verneigte ſich nur mit dem Kopfe gegen Vadevant, während Jenneval zu ihm ſagte: „Setzen Sie ſich hier, Herr Vadevant, Ihre Nach⸗ barſchaft kann uns nur ſehr angenehm ſein.“ „Sie haben noch nicht zu ſpeiſen angefangen?“ „Nein... WMein Gott, wir find auch erſt vor wenigen Augenblicken angekommen. Es ſcheint, als wären Sie uns auf dem Fuße gefolgt.“ 37 „O, das findet ſich ſehr leicht. Wenn es Ihnen beliebt, wollen wir zuſammen ſpeiſen; man bekommt mehr Gerichte, es iſt angenehmer und billiger; übrigens bezahlt Jeder für ſich, das ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt. dieſer Herr n nichts dagegen hat... Dieſe Frage, von einer Verbeugung begleitet, war gegen Guerreville gerichtet, der abermals nur mit einer Bewegung des Kopfes antwortete; aber Jenneval ſagte lachend:„Es ſei, Herr Vadevant, vereinigen wir unſere Gerichte.. Wahrhaftig, unſere Mahlzeit wird dadurch nur größeren Reiz er⸗ halten!... Wir ließen uns das Vergnügen nicht träumen, das Sie uns bereiten; aber wir ſind ſehr wähleriſch und ſo werde ich Sie zum Beiſpiel um die Erlaubniß bitten, eſſen zu dürfen, was mir gefällt.“ „Sehr gerne, denn ich liebe Alles, ich bin ganz und gar nicht wähleriſch Und dann glaube ich auch, daß Sie gerade ſo denken, wie ich: ich gehe zum Eſſen, um zu eſſen, nicht um etwas Beſon⸗ deres zu genießen. Uebrigens, wenn man regel⸗ mäßig in einem Gaſthauſe ſpeist, ſo muß man daſelbſt leben wie zu Hauſe.“ „Das iſt ganz richtig. Kellner, zuerſt Bur⸗ gunder.“ „Sie trinken gewöhnlich zuerſt Burgunder!“ ſprach Vadevant mit betroffener Miene. „Ja, ich liebe den guten Wein, und in der Re⸗ gel befinde ich mich gut dabei.“ 38 Vadevant wollte nicht den Anſchein haben, als hätte er eine andere Abſicht; er rieb ſich die Hände, indem er ſagte:„Wohlan! zuerſt Burgunder.. auch ich verachte den guten Wein nicht.“ Als dann neigte ſich der kleine Mann zu Jenne⸗ val und flüſterte ihm ins Ohr:„Iſt dies Herr Guerreville, der mit uns ſpeist?“ „Er ſelbſt.“ „O, ich habe ihn auf der Stelle wiedererkannt. Das findet ſich ſehr gut, da ich vor Begierde brenne, ſeine Bekanntſchaft zu machen. Bei Tiſche lernt man ſich ſchnell kennen. Sagen Sie doch, ſpricht er immer nur durch Zeichen mit dem Kopfe?“ „Er ſpricht ſehr wenig, aber ich rechne darauf, daß Ihre Liebenswürdigkeit ihn geſprächig machen wird.“ „Ich werde Allem aufbieten.. und ſollte er nur im geringſten wünſchen, auf die Hochzeit einer meiner jungen Coufinen zu kommen, ſo hat er nur darüber zu beſtimmen.“ „Sie können ihm ja den Vorſchlag machen.“ Jenneval zog ſich zurück und nahm die Speiſe⸗ karte in die Hand, die er zu prüfen ſchien. Guerre⸗, ville ſchien wieder in ſeine Betrachtungen verſunken zu ſein und ſich nicht mehr mit dem, was um ihn her vorging, zu beſchäftigen. Vadevant bot ver⸗ geblich Alles auf, um ſich angenehm zu machen; er ſchob das Salzfäßchen, den Senftopf vor ihn hin; bot ihm zu trinken und reichte ihm ein weniger hart gebackenes Brod; alle ſeine Anſtrengungen 39 halfen ihm nichts; endlich begann er Kügelchen aus weichem Brod zu formen und warf ſie auf den Doktor. „Ei, mein lieber Doktor, wie ſind Sie doch in die Speiſckarte vertieft... Man ſollte glauben, Sie hätten über eine Mahlzeit von zwanzig Cou⸗ verts nachzudenken.“ „Herr Vadevant, ich ſehe nicht ein, warum drei Perſonen nicht eben ſo viel als zwanzig eſſen ſoll⸗ ten, dezu noch in Paris, wo die Gaſtronomie ihre Altäre hat, wo die Kochkunſt täglich neue Erfin⸗ dungen hervorbringt; die Kenntniß der Karten in der Reſtauration iſt von keinem geringen Werthe; es reicht nicht hin, bei einer guten Mahlzeit tapfer zuzuſprechen, den Vortheil verſteht am Ende der erſte beſte Bauer; aber es zu verſteben, die Speiſen zu beſtellen: dabei entwickeln ſich Genie, Takt und Geſchmack... Dieſes Talent iſt weit ſeltener als man glaubt!... Kellner, friſche Auftern!“ Vadevant machte eine Bewegung auf ſeinem Stuhle und ſtotterte:„Ich halte nichts auf die Auſtern, ich„ „Aber ich, ich halte ſehr viel darauf; übrigens beſtellen Sie, was Ihnen gefällt, geniren Sie ſich nicht. Sie ſind nicht gezwungen, Auſtern zu eſſen. Kellner, dieſem Herrn kein Gedecke!“ „Verdammt!“ ſagte Vadevant bei ſich,„ich werde mir doch nicht Butter und Radieschen bringen laſ⸗ ſen, während er Auſtern ißt, welche man doch ge⸗ meinſchaftlich bezahlt!“ Er rief dem Kellner zu? — S 40 „He, Kellner, he! ich habe mich beſonnen, ich wün⸗ ſche auch Auſtern, wie dieſe Herren.“ Man ſetzte Auſtern auf, welche der Doktor mit einer Gewandtheit verſchlang, die Vadevant, der vergeblich alle Kräfte aufbot, ebenſoviel davon zu verzehren, wie ſein Nachbar, faſt zum Erſticken ge⸗ bracht hätte. Die Mühe, welche ſich der kleine Mann gab, machte Jenneval vielen Spaß, der ſeine Lachluſt unterdrückte und das Wort wieder nahm, als keine Auſtern mehr auf der Tafel waren. „Mein lieber Herr Vadevant, Sie müſſen ge⸗ wiß, wie ich, mitleidig lächeln, wenn Sie ſo einen guten Bürgersmann ſpeiſen ſehen, der alle Vervoll⸗ kommnungen der Feinſchmeckerei zu kennen glaubt, wenn ihm ſeine Köchin eine Creme oder zu Schnee geſchlagene Eier aufträgt.“ „Aber ich liebe die zu Schnee geſchlagenen Eier ſehr.“. „Kellner! Wachteln mit Caſſienſauce, ein Ra⸗ gout von Rebhühnern mit Trüffeln, Lar, Sauce anglaiſe Vadevant ſchnitt eine Grimaſſe und wollte den Kellner zurückhalten, indem er ſagte:„Aber.. Teufel.. das iſt ja eine Menge von Gerichten! Ragvut mit Trüffeln. Ich bin nicht ſehr für die Trüffeln. Wollen wir nicht etwas Anderes nehmen?“ „Nehmen Sie, was Ihnen beliebt, Herr Vade⸗ vant; ich, ich laſſe mir geben, was mir ſchmeckt.“ „Aber fragen Sie den Herrn nicht um Rath?“ 41¹ „O, Herr Guerreville läßt mir hierin freie Hand. Uebrigens, ich wiederhole es Ihnen, fordern Sie, was Sie wünſchen; Sie werden vielleicht Rindfleiſch mit Kohl vorziehen?“ „Nein, nein, ich ſpeiſe mit Ihnen!“ Und Vade⸗ vant begann wieder Brodkugeln zu kneten, indem er zu ſich ſagte:„Ich ſoll mir Rindfleiſch mit Kohl geben laſſen und ſie wollen Rebhühner mit Trüffeln! Und dann ſollen wir gemeinſchaſtlich bezahlen.. das wäre fein, das wäre pfiffig!“ Man brachte die verlangten Platten; der Doktor legie vor, indem er die Honneurs bei Tiſche machte; Vadevant hatte wenig Appetit, weil er ärgerlich war und daran dachte, daß er mehr, als ihm lieb war⸗ werde bezahlen müſſen; Guerreville aß, ohne ein Wort zu ſprechen; Jenneval allein führte die Unterhaltung. „Glauben Sie mir, Herr Vadevant, man kann ſich bei Anordnung der Mahlzeit auf mich verlaſſen. Ich habe Geſchmack, und dann liebe ich es, mich zu unterrichten, von Allem zu koſten, was ich nicht kenne. Kellner, bringen Sie uns eine Chipo⸗ lata, aber vorher einen gebratenen Faſanen.“ „Einen Faſanen!“ ſchrie Vadevant, indem er einen Sprung von ſeinem Stuhle machte;„Sie ſcherzen wohl?.. Wir werden doch nimmermehr einen Faſanen verzehren können!“ „O, er iſt nicht ſehr groß. Ich liebe die Faſanen leidenſchaftlich. Aber wenn Sie vielleicht lieber eine Gänſekeule wollen, ſo dürfen Sie nur „ 42 verlangen. Wir werden den Faſanen auch ohne Sie verzehren. Kellner, dieſem Herrn eine Gänſekeule!“ „O nein, nein!.. Was Teufels! ich will keine Gänſekeule ich kann keine Gans leiden; ich werde verſuchen, noch ein wenig Appetit für den Faſanen zu finden.. Aber wiſſen Sie auch⸗ Doktor, Sie veranſtalten eine unmenſchliche Freſſe⸗ rei!... Peſt! welcher Appetit!“ „O, das iſt noch nichts ich bin heute nicht recht im Zuge; aber ſobald wir das nächſtemal wieder zuſammenſpeiſen, will ich Ihnen ein Diner zuſammenſetzen laſſen, über das Sie ſich wundern werden.“ „Ja, Du biſt ſchlau, allein Du ſollſt mich nicht wieder fangen,“ ſagte Vadevant, die Broſamen knetend. Man brachte den Faſanen. Jenneval verlangte Bordeaux⸗Lafitte, dann Champagner; manchmal wechſelte er einen Blick mit Guerreville, der nur lächelte und den Kopf wegwandte, wenn er glaubte, Vadevant wolle an ihn das Wort richten. Dieſer wagte es nicht mehr, ſich irgend eine Bemerkung gegen den Doktor zu erlauben; er entſchloß ſich, zu eſſen und zu trinken, ſelbſt auf die Gefahr hin, ſich krank zu machen. Durch die Gewalt, die er ſich anthat, für ſein Geld auch genug zu verzehren, bekam Vadevant ſo einen kleinen Hieb, welcher bei Leuten von guten Sitten nie in Trunkenheit ausartet, aber das Ge⸗ ſpräch ſehr lebhaft macht. Der kleine Mann gerieth 43 gerade nicht in Zorn, weil mehr darauf ging, als er beabſichtigt hatte; aber er ſuchte ſich zu betäuben und wollte durchaus, dieſes Diner ſollte eine Art Bekanntſchaſt zwiſchen ihm und Guerreville herbei⸗ führen. Man kam zum Deſſert, und Vadevant, deſſen Wangen glühten und deſſen Augen faſt aus dem Kopfe ſprangen, hörte nicht auf zu ſchwatzen, wäh⸗ rend er ſich abwechſelnd an Guerreville, der ihm nicht antwortete, oder an den Doktor wandte, welcher lachen mußte, wenn er ihn anſah. „Ich bin entzückt, die Bekanntſchaft des Herrn gemacht zu haben,“ ſagte Vadevant, indem er zum dritten Male Guerreville ſein Glas zum Anſtoßen hinhielt.„Ich wünſchte es ſchon lange, der Doktor iſt mein Zeuge. Nicht wahr, Doktor, ich habe Ihnen mehrmals in Chateau⸗Thierry meine Begierde bezeigt, mit Herrn Guerreville bekannt zu werden, den ich von unſerem achtbaren Unterpräfekten ſo ſehr loben hörte?... Es war über ihn nur eine Stimme in der Stadt, um dem Herrn die Gerech⸗ tigkeit widerfahren zu laſſen, die er verdient. Man ſagte überall: O, Herr Guerreville, das iſt ein ausgezeichneter Mann. voll Fähigkeiten.. voll„ „Und wie konnte man das Alles von mir ſagen, mein Herr?“ erwiderte Guerreville achſelnzuckend. „Wußte man denn, wer ich war? Was konnte Ihnen den Wunſch einflößen, meine Bekanntſchaft zu machen? Konnte ich nicht ein Intriguant, ein Schelm ſein?“ 44 „O, niemals! Ein Freund des Herrn Unter⸗ präfekten! Ueberdies ſieht man das ja gleich an dem Benehmen, an den Manieren... Richt wahr, Doktor, noch ehe ich den Namen des Herrn wußte, ſagte ich: der Mann, der das Haus von Tricot gemiethet hat, iſt von gutem Stande?“ „Allerdings,“ erwiderte Jenneval lachend,„Sie hatten die beſte Meinung von Herrn Guerreville; ſo ſehr, daß Sie ihm ſogar eines Abends eine Se⸗ renade bringen wollten. Ich erinnere mich, daß Alleß bereits mit mehren Mitgliedern der bei Ma⸗ dame Blanmignon verſammelten Geſellſchaft in Ord⸗ nung gebracht war. Als ich eintrat, hatten ſie ſchon alle ihre Inſtrumente.. Ich weiß nicht mehr, was Sie ſpielten, Sie, Herr Vadevant?“ Der kleine Mann ſtieß den Doktor an den Fuß und an die Kniee und gab ihm durch Zeichen zu verſtehen, daß er ſchweigen ſolle. Jenneval aber, ohne daß er dies zu bemerken ſchien, fuhr fort: „Ich glaube, Sie hatten eine baskiſche Trommel, zum wenigſten machten Sie mit dem, was Sie in der Hand hielten, viel Lärm.“ „Der liebe Doktor ſcherzt, er will immer lachen. Wir waren an jenem Abende im Begriff, eine Charade bildlich darzuſtellen. eine Art von Sprüchwort.. „Deſſen Verfaſſer Sie ſind, nicht wahr?“ „Ich erinnere mich deſſen nicht mehr Ah s iſt ſehr heiß hier. wollen wir nicht ins Freie gehen?“ „Gern; aber erſt müſſen wir bezahlen.“ Jenneval verlangte die Rechnung; ſie belief ſich auf ſechsundſechzig Franken. „Juſt zweiundzwanzig Franken per Kopf,“ ſagte der Doktor, Vadevant die Rechnung hinzeigend, dieſer machte ein langes Geſicht, während er Geld aus der Taſche zog, doch bezwang er ſich, ſeine üble Laune zu verbergen. Hierauf verließen ſie die Reſtauration, um Vadevant, der nicht geneigt ſchien, ſeine beiden Liſchgenoſſen los zu laſſen, faßte den Doktor unter dem Arm und ſprach:„Was beginnen wir nun?...“ „Nun. Herr Guerreville und ich, wir haben beſchloſſen, dieſen Abend ins Theater Frangaiſe zu gehen.“ „Ins Theater Frangaiſe! damit bin ich einver⸗ ſtanden; man gibt ein Stück, das ſehr gefällt... Ganz Paris läuft hin, es zu ſehen.“ „Das iſt auch meine Meinung; was mir nur im Wege ſteht, iſt, daß ich vorher noch mit Herrn Guerreville zu einem Freunde gehen muß, der ein wenig krank iſt. Es iſt nicht weit von hier. Allein ich fürchte, wir finden dann keinen Platz mehr, wenn Sie nicht etwa die Güte haben wollten, ſogleich ins Theater zu gehen, um uns Platz zu halten.“ „Sehr gern. Ich gehe ſogleich.. Wo wollen Sie den Platz haben?„ „Nun auf dem Balkon„ „Auf dem Balkon, ſehr gut Ich verſpreche ⁴6 Ihnen, Sie ſollen zwei Plätze finden... Ich werde meine Handſchuhe hinlegen.. mein Sacktuch Ich werde ſogar der Schließerin ſagen, ſie ſolle kleine Bänke hinſtellen. Dann werde ich das Vergnügen haben, den Reſt des Abends in Ihrer Geſellſchaft zuzubringen. Ich fliege in das Theater Frangaiſe auf den Balkon, das iſt abge⸗ macht und erwarte Sie dort.. Vadevant lief eiligſt durch den Garten hin, in⸗ dem er Jedermann umrannte, um ſchneller ins Theater Frangaiſe zu gelangen; während Jenneval und Guerreville ſich von der Seite der Boulevards abwandten, und der Doktor noch lachend ſagte: „Ich glaube nicht, daß er noch einmal Luſt bekom⸗ men wird, unſer Mittagsmahl mit uns zu theilen... Ich hoffe, mein lieber Herr Guerreville, daß Sie meinem Benehmen in dieſer Angelegenheit Ihre Beiſtimmung geben werden?“ „O! vollkommen. Ihr Herr Vadevant iſt ein unausſtehlicher Menſch; ich danke Ihnen, daß Sie mich von ihm befreit haben.“ „Ich ſtehe nicht dafür, daß wir ihn für immer los ſind. Ol der kleine Mann iſt hartnäckig, eigen⸗ ſinnig.. Aber dann werden wir ſchon ſehen, um noch andere Mittel zu finden.“ Der Doktor begleitete hierauf Guerreville nach ſeiner Wohnung, welcher ihm beim Fortgehen nach⸗ rief: Vergeſſen Sie den armen Waſſerträger nicht!. 4 47 Drittes Kapitel. Nachrichten von Zizine. Den andern Nachmittag kam Jenneval zu Guerre⸗ ville, der ihn mit Ungeduld erwartete. „Ich habe Ihren Auftrag vollzogen, ſprach der Doktor, doch ich bedaure, Ihnen nichts Genügen⸗ des berichten zu können.. „Iſt Jerome etwa kränker geworden?“ „Neinz es ſcheint im Gegentheile, daß er wieder hergeſtellt, da er aus ſeiner Wohnung ausgezogen iſt. Der Waſſerträger mit ſeiner Tochter iſt fort; und der Portier, der mir wie eine ſchmutzige Beſtie vorkam, hat mir nicht ſagen können, wohin ſie gegangen ſind... Sie find fort, ſagte er mir; ich weiß nicht, wo ſie find. Ich war kein Freund von dem Waſſerträger, und da dieſe Leute niemals weder Briefe noch Beſuche erhielten, ſo hatte ich auch nicht nöthig, ſie zu fragen, wohin ſie gingen„. Das iſt alles, was ich aus dieſem Menſchen her⸗ ausbringen konnte.“ „So werde ich alſo wahrſcheinlich dieſen armen Auvergnaten niemals wieder ſehen.. Das betrübt mich ſehr. Beſonders bedaure ich, nicht mehr für ihn, für ſein Kind gethan zu haben... Doch er befindet ſich jetzt wohlz er wird ſeinen Lebens⸗ unterhalt verdienen können; er wird glücklich ſein, ich hoffe es!. Er hat eine Tochter, die ihn fehr liebt! Sie haben nie ein Kind gehabt, Dokior! * 48 Sie können ſich keinen Begriff von dem Glücke machen, das einen Vater durchdringt, wenn er ſich von einer zärtlich geliebten Tochter wieder geliebt fieht!„ „Ich begreife, daß dies ein ſehr reiner, hoher Genuß ſein muß!... Wie viel trübe Stunden bringt es aber auch, wenn man ſeine Kinder ver⸗ liert. oder wenn ſie uns verlaſſen!...“ Guerreville zitterte und ging tief bewegt im Zimmer auf und ab. Der Doktor ſah, daß er den wunden Fleck ſeines Freundes getroffen hatte; er hielt inne, und ging raſch in der Unterhaltung auf einen undern Gegenſtand über. „Apropos, ich habe unſern Freund von geſtern wieder geſehen.. Ol ich bin ihn noch lange nicht los. Mit Tagesanbruch kam er zu mir gelaufen, um zu erfahren, was geſtern aus uns geworden wäre: er behauptet, dadurch, daß er lange Zeit zwei Plätze für uns aufbewahrte, hätte er beinahe zwei Duelle bekommen, und daß ich mich dann nothwendiger Weiſe für ihn hätte ſchlagen müſſen. Aber endlich iſt alles glücktich abgelaufen; und Va⸗ 6 3 3 devant, den ich ein wenig auf mich aufgebracht glaubte, trägt mir nicht den geringſten Gröll nach: weit entfernt dayon, hat er ſogar ſchon Kranke für mich gefunden; er bat mich, in zwei Häuſer zu gehen, in denen man, wie er ſagte, meiner enf bedarf. Ein Arzt darf niemals einen Kranken ab⸗ weiſen, und Sie begreifen, daß durch dieſes Mittel Vadevant im Stande iſt, mich bei allen ſeinen *— 49 Bekannten einzuführen. So werde ich es denn verſuchen, wenigſtens allein die Langeweile dieſes Bündniſſes zu ertragen und dieſem Herrn bemerk⸗ lich zu machen, daß Sie kein Verlangen nach ſeinen Beſuchen tragen. Heute, hoffe ich, werden wir allein ſpeiſen können und kein Ungelegener ſoll uns ſtören, dann werden Sie nachdenken und ich meine Beob⸗ achtungen nach Belieben anſtellen können. Wenn Sie wollen, ſo wagen wir es heute, in einer Re⸗ ſtauration für fünfundzwanzig Sous zu ſpeiſen.. Auf die Gefahr hin, nachher noch wo anders zu⸗ eſſen, wenn wir nicht ſatk ſein ſollten.“ „Ich habe Ihnen ſchon geſagt, Doktor, daß ich ganz zu Ihren Dienſten bin.“ Als die beiden Freunde fortzugehen im Begriffe waren, trat Georg herein und meldete, es ſei ein Herr da, der Herrn Guerreville ſeine Aufwartung zu machen wünſche; und bevor dieſer noch Zeit hatte, zu antworten, trat der Beſuchende, der dem Bedienten wahrſcheinlich auf dem Fuße gefolgt war, in den Salon, indem er ſchon im Vorzimmer aus⸗ „Ah, guten Tag, Herr Guerreville.. Wie mit Ihrer Geſundheit? Wie erfreut bin ich, Sie anzutreffen... Ich fürchtete, Sie würden ſchon ausgegangen ſein.. Meine Frau ſagte mir: halte Dich ja nicht bei allen Karrikaturenhändlern auf;z ehe nämlich ſehr die Karrikaturen... Meine Frau uid meine Tochter Agathe, Ihre Pathe, haben mir aufgetragen, Sie ihrer Anhänglichkeit zu ver⸗ ſichern.“ Paul de Kod. XcvI. — 50 Während dieſer Herr ſich ſo breit erkundigte, vot ihm Guerreville einen Stuhl an und der Doktor betrachtete ihn neugierig. Der Neuangekommene war ein Mann von einigen fünfzig Jahren, an der Seite hatte er blondes und nach der Mitte zu etwas dunkleres Haar, was„ keinen Zweifel übrig ließ, daß er eine Perüke trug. Es war eine von jenen gefälligen Phyſiognomien, die man kaum anſehen kann, ohne die Lachluſt zu verſpüren: ein ſehr zufriedenes Aeußeres, ein Zucken des Mundes, der immer bereit ſchien, einen Witz los zu laſſen, und eine Naſe, die immer auf dem Punkte zu ſtehen ſchien, zu nieſen. Dies war Herr Grillon, der Gatte der Dame, welcher Guerreville auf dem Boulevard begegnet war, und mit der er eine ſo lange Unterhaltung gehabt hatte. Guerreville erwies Grillon alle gebräuchliche Artigkeiten, und wollte ihn eben fragen, was ihm das Vergnügen verſchaffe, ihn bei ſich zu ſehen; aber dieſer ließ ihm nicht die Zeit dazu. Grillon hatte die Gewohnheit, niemals auf das zu ant⸗ worten, was man ihn fragte; er ſprach in einem fort, ohne auf den Andern zu hören. Dieſe Art des Benehmens kommt im gewöhnlichen Leben ſehr häufig vor, da faſt Alle, die gern das große Wort führen, um den Faden der Unterhaltung nicht zu verlieren, es für das Beſte halten, die Andern gar nicht zu Worte kommen zu laſſen. Es gibt ſolche Leute, welche dies mit vollem Bewußtſein thun, indem ſie ſich einreden, das, was 51 ſie ſprechen, ſei tauſendmal mehr werth, als das, was ſie hören. Andere thun es aus Zerſtreuung, da ſie nie⸗ mals gehört haben, was ihr ihnen ſagtet, wenn dies in keinem Zuſammenhang mit dem ſteht, was ſie erzählen. Wiederum Andere thun es aus Rohheit und Mangel an Lebensart, aus Unverſchämtheit, aus dem Bedürfniß zu ſchwatzen. Man wird meiſtens bemerken, daß die Leute, welche es nicht verſtehen, Andere anzuhören, oder die es nicht verſtehen wollen, immer eine ſtarke Doſe Eigenliebe beſitzen, welche ihre Geſellſchaft ſehr langweilig macht. Grillon war von ſeiner Liebenswürdigkeit über⸗ zeugt, und dies war bei ihm ein Grund, der ihn zu hören verhinderte, und die Urſache, warum er immer mit dem beſchäftigt war, was er ſagte, oder ſagen wollte. Er nahm einen Stuhl, während er ſich umſah, wo er ſeinen Hut und Stock ablegen ſollte; endlich entſchloß er ſich, beide zwiſchen den Beinen zu halten und Guerreville die Hand zu reichen, in⸗ dem er ausrief:„Wie bin ich doch erfreut, Sie zu ſehen!. den lieben Herr Guerreville!.. Es iſt ſchon ziemlich lange, daß Sie Paris verlaſſen haben! „Ja, mein Herr. Ich bin indeß mehre Male hier geweſen, ohne daß Sie mich geſehen paben.“ „Ol es ſind wohl zwölf Jahre, die Sie ab⸗ 52 weſend waren.. O! O! wir 6 Bekannte., Ich finde Sie nicht verändert... „Sie ſind ſehr gůtig.„Aber 5 habe im Gegen⸗ theile ſtark gealtert. „Ich habe mich ſo wenig verändert, ich, und ich habe noch immer vortrefflichen Appetit.. und meine Frau, wie haben Sie die gefunden 2... he!— Aber ich. Sie war einmal ſehr ſchön... meine Frau ausgezeichnet ſchön! Meine Lochter iſt ihr ſehr ähnlich.. und mir auch.. Sie haben Agathe geſehen.. Ihre Pathe.. Ein charmantes Kind. Ein Ausbund von Geiſt.. Sie beist überall an. wie ihre Mutter... Wir haben ihr eine glänzende Erziehung geben laſſen, Muſik, Zeichnen, Tanz „Ich habe das Vergnügen gehabt, meine Pathe zu ſehen. Sie iſt ſehr gut und hat eine ſehr ſanfte Miene.“ „Und dann die Modeſprachen, Italieniſch, Eng⸗ liſch! Sie weiß Alles, hören Sie! Man hat nur ein Kind; man iſt ſtolz darauf, das iſt natür⸗ lich; und die eine Tochter, die ich habe, iſt mir ordentlich vom Himmel geſchickt; erinnern Sie ſich noch? Ich war auf Reiſen. Ich hatte meine Frau krank zurückgelaſſen, das heißt, ſie war in geſeg⸗ neten Umſtänden. Sie hatte es gar nicht vermuthet, ich noch viel weniger; und als ich nach Verlauf eines Jahres zurückkam, wie war ich erſtaunt und entzückt, Vater zu ſein!“ „Und Ihre Geſchäfte, Herr Grillon, die haben ſie aufgegeben, wie ich glaube?“ 53 „Leider habe ich ſeitdem keine Kinder mehr be⸗ kommen können; ich habe nur dieſe Tochter. ich hätte mir auch einen Knaben gewünſcht. Doch was wollen Sie?. Der Menſch denkt!. und Sie, Herr Guerreville, haben Sie Kinder?“ „Ja, mein Herr, ich habe eine Tochter, aber ſie wohnt weit von Paris.“ „Sie wiſſen nicht, warum ich gekommen bin, aber ich will es Ihnen ſagen. Erſtens, um das Vergnügen zu haben, Sie zu ſehen und dann, da wir wünſchen, Ihre Bekanntſchaft zu erneuern, ſo wollen wir Sie bei Tiſche haben. Sie haben es geſtern meiner Tochter abgeſchlagen... obgleich ſie Ihre Pathe iſt. „Mein Herr, es war mir unmöglich, es anzu⸗ nehmen.“ „Deßhalb ſagte mir meine Frau: Grillon, gehe Du ſelbſt, Herrn Guerreville einzuladen; er hat es vielleicht abgeſchlagen, weil Du Deine Tochter nicht begleitet haſt.“ „Ol ich bitte Sie, zu glauben, daß dies nicht der Fall war...— Ich ging ſogleich aus, und da haben Sie mich. Ich komme, Sie ſelbſt um einen Tag zu fragen welchen Sie wollen es iſt uns ganz gleich. wir diniren alle Tage. laſſen Sie hören, wenn es Ihnen am liebſten iſt.“ „In der That, Herr Grillon, ich bin Ihnen ſehr dankbar, daß Sie ſich hieher bemüht haben. Aber ich befinde mich nicht recht wohl.. Sie ſehen hier ſogar meinen Arzt... 3 54 „Nun gut! übermorgen, iſt es Ihnen da ge⸗ nehm? „Ich habe die Ehre, Ihnen zu ſagen, daß ich durchaus nicht aufgelegt bin, in der Stadt zu ſpei⸗ ſen, und „Oder Sonnabend, wenn es Ihnen lieber iſt, denn uns iſt es ganz gleich. Allein ich gehe nicht hinweg, ohne Ihr Verſprechen zu haben.“ Guerreville ſah, daß es kein Mittel gab, der Einladung Grillon's zu entgehen. Vielleicht ſagte ihm auch eine geheime Stimme, daß er der ihm erwieſenen Freundſchaft wenigſtens Dankbarkeit ſchul⸗ dig ſei. Dieſe Rückſichten beſtimmten ſeinen Ent⸗ ſchluß und er erwiderte:„Nun wohl, mein Herr, heute über vierzehn Tagen werde ich das Vergnügen haben, bei Ihnen zu ſpeiſen.“ „Heute über vierzehn Tagen, das iſt ein wenig lang. doch das mact nichts. Sie haben es zu⸗ geſagt und wir werden dafür ſorgen, daß Sie Ihre Zuſage nicht vergeſſen Ich werde die Ehre ha⸗ ben, Sie wieder zu ſehen.“ „O, Sie können auf mich rechnen.“ „Und dann wird Sie auch Ihre Pathe beſuchen⸗ die luſtige Agathe. Sie liebt ihren Pathen ſehr⸗ ſie ſpricht uns den ganzen Tag über von nichts Anderem, als von ihrem Pathen; dies iſt wahr, und wenn ſie es nicht thut, ſo ſpricht meine Frau von Ihnen. Sie iſt ſehr ſchön geweſen, meine Frau.. Adieu, Herr Guerreville; ich gehe, denn die Speiſeſtunde rückt heran und ich bin ſehr pünkt⸗ 55 lich. Alſo, heute über vierzehn Tage. Haben Sie unſere Adreſſe?“ „Ja, mein Herr, Ihre Frau Gemahlin hat ſie mir gegeben.“ „Halt, hier iſt ſie. und Punkt fünf Uhr, wenn es Ihnen gefällig iſt.. Uebrigens wird meine Tochter noch die Ehre haben, Sie zu beſuchen.. ſie ſpricht von nichts als von ihrem Pathen.“ „Ich habe die Ehre, Sie zu grüßen, mein Herr. — O, Agathe liebt Sie ſehr! Recht guten Tag, mein Herr Guerreville, entzückt, Ihre Bekanntſchaft erneuert zu haben. Punkt fünf Uhr!“ Grillon ging; der Doktor betrachtete lächelnd Guerreville und ſagte zu ihm:„Sie haben wohl gethan, dieſe Einladung anzunehmen, ſonſt wäre wahrſcheinlich der Vater, die Mutter und Ihre Pathe Eins ums Andere gekommen, Sie von Neuem aufzufordern.“ „Ja, ich mußte nachgeben; aber Sie ſehen es, Doktor, felbſt in Paris iſt man nicht immer Herr, zu thun was man will; man muß wider Willen in. Geſellſchaſt gehen.“ „Da Sie Jemand in dieſer Stadt ſuchen, ſo werden Sie ihn ſicher nicht finden, wenn Sie in der Zurückgezogenheit leben.“ „Sie haben Recht. Aber es gibt Häuſer, wohin ich nie zurückzukehren wünſchte.“ „Es ſcheint indeß, daß die Familie Grillon große Anhänglichkeit für Sie hat?“ „Doktor, haben Sie noch nie bemerkt, daß die 56 Zuvorkommenheiten und die großen Freundſchafts⸗ bezeigungen gewiſſer Leute uns mehr abſtoßen als anziehen?“ „O, wohl, leider! Ich habe es ſchon oft em⸗ pfunden Gerade deßhalb muß man nie mit Gewalt Freundſchaft oder Liebe erringen wollen: dies find Gefühle, die ganz von ſelbſt kommen müſſen, ganz natürlich, und welche zurückweichen, wenn man auf ſie eindringt. Aber wollen wir nicht in die Reſtauration gehen, in der man für fünfund⸗ zwanzig Sous ſpeist?“ „Sehr gern.“ In dem Augenblicke, da die Herren den Salon verlaſſen wollten, öffnete Georg die Thüre und ſagte:„Herr Julius iſt da und bittet Herrn Guerre⸗ ville um die Erlaubniß, ihm zwei Worte ſagen zu dürfen.“ „Noch Einer!“ rief Guerreville, indem er eine ungeduldige Bewegung machte;„wird man mich denn keinen Augenblick in Ruhe laſſen?“ „Wenn ich Sie vielleicht genire,“ ſprach der Doktor,„will ich in ein anderes Zimmer gehen.“ „Nein, bleiben Sie.. Nun gut, wo iſt dieſer Herr Julius? Ich will ihn hören, er ſoll eintreten.“ Georg kehrte zu dem jungen Mann zurück, der em Vorzimmer wartete, und bald näherte ſich Ju⸗ Uus ſchüchtern dem Salon, wo die finſtere Miene und der ärgerliche Ton, womit Guerreville ihn empfing, ihm das Blut in die Wangen trieben. —— 57 „Was wollen Sie von mir, mein Herr?“ „Mein Herr, ich bitte Sie recht um Verzeihung, wenn ich mir ſchon ſo bald die Freiheit genommen habe, wieder zu kommen und Sie zu ſtören.“ „Was gibt es denn?“ „Ich wollte Ihnen ſagen, da Sie zu wünſchen ſchienen, zu erfahren. Es iſt... „Sprechen Sie deulicher, mein Herr, ich ver⸗ ſtehe Sie nicht.“ Der arme Julius war durch dieſe Worte ganz außer Faſſung gebracht; er ſchlug die Augen nieder, murmelte einige unverftändliche Worte und wußte nicht, ob er bleiben oder ſich zurückziehen ſollte. Der Doktor, gerührt durch die Verlegenheit des jungen Mannes, näherte ſich Guerreville und ſagte ganz leiſe: „Der arme Burſche, er weiß gar nicht mehr, wo er iſt; er ſieht ſehr ſchüchtern aus und Ihr Empfang hat ihn ſo verwirrt, daß er gar nicht mehr weiß, was er ſagen wollte.“ Guerreville wandte ſich um, betrachtete Julius und drückte dann dem Doktor die Hand, indem er ſagte:„Sie haben Recht, ich bin ungerecht, ich habe Unrecht.“ Und ſich Julius nähernd, welcher eine ſehr weinerliche Miene machte, klopfte er ihm auf die Schulter und ſagte in weit ſanfterem Tone zu ihm:„Nun gut, laſſen Sie hören, mein Freund, was haben Sie mir zu ſagen.. Was wünſchen Sie von mir?“ Die Stirne des jungen Mannes heiterte ſich 58 auf und er antwortete in einem Zuge:„Mein Herr, ich habe Ihnen von Herrn Triſtepatte, Pro⸗ feſſor der Deklamation, erzählt, und Sie haben die Güte gehabt, mir zu verſprechen, einmal zu ihm zu gehen, um mich zu hören, damit Sie über meine Anlagen für das Theater urtheilen könnten. Ich wollte Ihnen nun ſagen, mein Herr, daß übermor⸗ gen in der Mittagsſtunde dort eine große Lektion ſtatt findet: man wird Fragmente aus Zaire und aus der Schule der Alten ſpielen, damit die Zöglinge um ſo leichter beurtheilt werden können. Ich ſoll eine bedeutende Rolle ſpielen, und wenn Sie kommen könnten, um mich zu hören.. „Gut, ich werde kommen, Herr Julius, da Sie es wünſchen.“ „Ah, mein Herr, es wird mich ſehr glücklich machen. Sie wiſſen doch die Adreſſe des Herrn Triſtepatte, Rue du Petit⸗Hurleur?“ „Ja, Sie haben ſie mir gegeben; ich hoffe, Sie werden es nicht übel nehmen, wenn dieſer Herr mit mir kommt, wenn es ihm ſeine Zeit erlaubt.“ „O, ganz im Gegentheil, mein Herr, bringen Sie ſo viele Lente mit, als Sie wollen. Es wird meinem Profeſſor ſogar noch große Freude machenz 3 er empfiehlt es uns ſiets, unſere Bekannten mit⸗ zubringen, weil dieſe dann ein Publikum bilden und wir uns dadurch gewöhnen, vor den Leuten zu ſpielen; und wenn unſere Freunde nicht kommen, 3 ſo holt er die Nachbarsleute und die Portiers aus der Nähe herbei, weil dieſe doch immer ein kleines —.— —.— 59 Publikum ausmachen; aber wenn Sie etwa zu uns kämen, ſo werden Sie doch meiner Mutter und meinem Vater nichts davon erzählen?“ „Sein Sie unbeſorgt; Sie haben mir Ihr Ver⸗ trauen geſchenkt und ich werde daſſelbe nicht miß⸗ brauchen.“ „Alſo übermorgen, mein Herr.“ „Ja, Herr Julius.“ „Ich bitte Sie tauſendmal um Verzeihung, daß ich mir die Freiheit genommen, Sie zu beläſtigen. Ich wollte nur das Vergnügen haben, Sie davon zu benachrichtigen“ „Das iſt ſehr ſchön von Ihnen; auf Wieder⸗ ſehen.“ „Meine Herren, ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen!“ Julius entfernte ſich faſt rücklings, um ſich noch mehrmals verbeugen zu können; als er fort war, rief Jenneval:„Dieſer junge Mann gefällt mir ſehr; ſeine Manieren haben noch die Friſche, die Schüchternheit der Jugend. Was ich aber nicht begreifen kann, iſt, daß er Sie bittet, ſeinen dra⸗ matiſchen Verſuchen beizuwohnen, und daß Sie ihm verſprochen haben, hinzukommen, um den Unterricht des Herrn Triſtepatte mit anzuhören.“ „Was wollen Sie, Doktor? Ich hatte ohne Zweifel einige Gründe, es dieſem jungen Manne nicht abzuſchlagen. Seine Mutter hat mir ihn drin⸗ gend empfohlen; aber er iſt leidenſchaftlich für das Theater eingenommen, und ich fürchte, er möchte 60 dadurch ſeine Zukunft gefährden. Wenn Sie über⸗ morgen zur angegebenen Zeit nichts Beſſeres zu thun haben, und Sie zu dieſem Lehrer in der De⸗ klamation mit mir kommen wollen... „O, ich acceptire Ihr Anerbieten von ganzem Herzen. Zaire und die Schule der Alten in der Rue du Petit⸗Hurleur vortragen zu hören, muß ſehr intereſſant ſein, und für alles Geld der Welt würde ich dieſe Gelegenheit nicht unbenützt vorüber⸗ gehen laſſen. Ich habe im Conſervatorium biswei⸗ len die Schüler der Deklamationsklaſſe gehört, aber ich bin überzeugt, bei Herrn Triſtepatte muß es noch weit komiſcher ſein. Indeß, wollen wir nicht zum Eſſen gehen?“ „Beeilen wir uns, es könnte ſonſt noch ein Be⸗ ſuch kommen.“ Guerreville und der Doktor ſchlugen ihren Weg nach dem Quartier Latin ein, und fanden bald eine Reſtauration zu fünfundzwanzig Sous. Sie traten in einen weiten, mit Tiſchen beſetz⸗ ten Saal, zwiſchen welchen nur ſo viel Raum übrig blieb, daß ſich eine Perſon mit genauer Noth durch⸗ drängen konnte; faſt alle Tiſche waren beſetzt, und oft ſogar von mehren Geſellſchaften. Es ließ ſich eine fortwährende Bewegung von Schüſſeln, Tellern und Marqueuren wahrnehmen; das Geräuſch der Gabeln, Gläſer und Kinnbacken ſcholl einem wie Bienengeſumſe vor den Ohren; von allen Seiten des Saales hörte man fortwährend den Ausruf wiederholen:„Brod! Kellner, hieher Brod!“ . — 61 Nicht ohne Mühe fand der Doktor zwei Plätze mitten an einem Tiſche, an welchem zwei junge Leute ſaßen, von welchen der eine einen mächtigen Bart 3 la Franz I., der andere einen Knoten an der Halsbinde hatte, der noch breiter war, als ſein Hut. Der Erſtere ſtritt ſich mit dem Marqueur. „Ich habe eine Portion Creme bei Ihnen be⸗ ſtellt.“ „Mein Herr, es iſt keine mehr vorhanden.“ „Ich habe ſie ſchon längſt beßtellt.“ „Mein Herr, es war keine mehr da.“ „Schon ſeit acht Tagen hat es keine mehr ge⸗ geben, zu welcher Stunde ich ſie auch verlangen mag. In dieſem Fall muß man ein⸗ für allemal erklären, daß keine mehr bereitet werden.. Oder wenn Sie etwa zwei Dutzend Portionen davon bereit halten für die zweihundert Menſchen, welche hier ſpeiſen, das iſt eine ſaubere Wirthſchaft. Ich werde nicht mehr hier ſpeiſen... und alle meine Freunde werden es machen wie ich. Wir werden anders⸗ wohin gehen und Ihr Etabliſſement wird ruinirt ſein!. denn wir haben Sie empor gebracht und wir werden Sie auch wieder herunterbringen, wenn es uns beliebt...“ Während er dieſe Worte ſprach, erhob ſich der junge Mann raſch, warf ſeine Serviette zornig auf den Tiſch und ging mit drohender Miene davon, indem er noch einige Worte, wie: Sauwirthſchaft und elende Kneipe! vor ſich hinmurmelte. „Sehen Sie nur, wovon das Glück abhängt,“ 62 ſagte der Doktor.„Da ſteht eine Anſtalt am Rande des Verderbens, einer kleinen Portion Creme we⸗ gen. Revolutionen haben zuweilen keine tiefe⸗ ren Urſachen.“ „Pah!“ ſagte der Kellner, das Couvert des jungen Mannes, der eben fortgegangen war, wie⸗ der aufhebend;„er wird ſchon morgen ganz zufrie⸗ den wieder kommen. Wenn man auf alles das hören wollte, was die Leute verlangen, man müßte noch Geld zu ihrem Eſſen beilegen... Was befehlen die Herren? Es gibt nur noch Boeufſteaks, Kalb⸗ fleiſch ä la bourgeviſe und Spinat.“ „So bringen Sie uns Spinat, Kalbfleiſch und Boeufſteaks.“ „Sehr wohl, die Herren ſollen ſogleich bedient werden.“ Während man für ſie. deckte und ſie ſich über das Mittagsbrod für fünfundzwanzig Sous her⸗ machten, vergnügte ſich der junge Mann mit dem großen Knoten an dem Halstuch damit, den Inhalt einer Pfefferbüchſe in einen Senftopf zu ſchütten; dann warf er eine Handvoll Salz in eine Waſſer⸗ flaſche und verſuchte es, Brodkügelchen in eine Oel⸗ flaſche zu bringen. „Errichtet doch menſchenfreundliche Anſtalten,“ ſagte Jenneval,„um dafür ſo belohnt zu werden. Alle dieſe jungen Leute würden ſehr in Verlegenheit gerathen, wenn es keine billigen Gaſtwirthe gäbe. Hier bekommen ſie für fünfundzwanzig Sous eine 3 Suppe, drei Schüſſeln zur Auswahl oder auch noch 63 mehr, eine Flaſche Wein und Brod nach Belieben, das ſie auch nicht ſchonen; und in der That, es iſt Alles genießbar, beſonders wenn man Appetit bat, der dieſen Leuten nicht zu fehlen ſcheint. Und dabei iſt es ihre Luſt, Pfeffer und Salz zu vermengen, d den Senf und das Oel zu verderben, kurz demjeni⸗ gen, der es unternommen hat, ſie für weniges Geld ſatt zu machen, allen möglichen Schaden zu⸗ zufügen. Thut den Menſchen nur Gutes und glaubt an ihre Erkenntlichkeit!.„ Guerreville ſchüttelte das Haupt und ſtieß einen leichten Seufzer aus. Während dem Eſſen durchlief er mit den Blicken den Saal, prüfte alle Geſichter und verſank dann wieder in ſeine Betrachtungen, welche der Doktor niemals zu unterbrechen ſuchte, 5 weil Guerreville ſehr traurig ſchien; denn Jenneval hatte auch den Grundſatz, daß man die Leute nicht zwingen könne, heiter zu ſein, und um ſie zum Lachen zu bringen, müſſe man den paſſenden Augen⸗ blick zu wählen wiſſen. In den Reflaurationen, in denen man für feſte Preiſe ſpeist, wird man ſehr ſchnell bedient; es iſcheint ſogar, daß man Alles, was verlangt wird, Schlag auf Schlag bringe, damit man ſich gedrun⸗ gen ſieht, ſich zu beeilen und Andern Platz zu machen. Der Doktor und Guerreville hielten ſich nicht lange bei dem Speiſewirthe auf, ſie gingen fort, der Eine nachdenklicher und trauriger als er ge⸗ kommen war, der Andere, indem er ſagte:„Es — 64 iſt gar nicht übel hier, aber ich werde doch nicht wieder kommen.“ Nachdem ſie einige Zeit inſchweigend neben einander hingegangen waren, ſagte Jenneval end⸗ lich zu ſeinem Begleiter:„Sie ſcheinen mir dieſen Abend noch trüber geſtimmt, als am Morgen; ſollten Sie vielleicht bei dem Speiſewirth Je⸗ mand geſehen haben, der Ihren Kummer erregt hätte?“ „Nein, Doktor, nein! Ach! wollte der Himmel, ich wäre denen begegnet, die ihn kennen, welche Schuld daran ſind; aber nichts, immer nichts, und das bringt mich in Verzweiflung. Vergebens gehe ich überall hin, vergebens erkundige ich mich und durchrenne dieſe Stadt, kein Zeichen bringt mich auf die Spur derjenigen, die ich ſuche. Manchmal, Sie haben es geſeben, verſuche ich zu lächeln, mir Muth zu machen, ſogar mich zu zerßreuen; doch wenn Sie wüßten, wieviel mich das koſtet! In der Tiefe mei⸗ nes Herzens habe ich immt denſetben Schmerz, die⸗ ſelbe ckerinnerung; und endlich, wenn ich es müde werde, mich zu zerſtreuen, dann iſt es mir Bedürf⸗ niß, zu träumen, zu ſeufzen, mich ungeſtört mei⸗ nem Unglücke hinzugeben! Adieu, Doktor! Adieu, morgen ſehen wir uns wieder.“ Jenneval verſuchte es nicht, Guerreville zurück⸗ zuhalten; er wußte, daß ſchlecht angebrachte Troſt⸗ gründe beläſtigen und nicht beruhigen; er ließ ſeinen Freund allein nach ſeiner Wohnung zurückgehen und ſagte zu ſich:„Warten wir, bis er mir ſein Ver⸗ 6 65 trauen ſchenkt, dann erſt will ich es verſuchen, ſeine Schmerzen mit ihm zu theilen.“ Den andern Tag, in aller Frühe, kehrte Guerre⸗ ville, der ſehr bald ausgegangen war, um ein von ſeiner Wohnung ziemlich entferntes Stadtviertel zu beſuchen, eben von dort zurück, als ein Ausruf, der in ſeiner Nähe erſcholl, und von einem ſehr ftarken Geräuſche begleitet wurde, ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Ein Waſſerträger blieb vor Guerreville ſtehen und ſetzte ſo haſtig die beiden Fäſſer, die er trug, auf dem Pflaſter nieder, daß ein Lheil des von ihnen ent⸗ haltenen Waſſers herausfloß und einen See zu ſei⸗ nen Füßen bildete. Dieſer Mann betrachtete Guerre⸗ ville mit einem ſchwer zu beſchreibenden Ausdruck der Freude und des Glückes; er wollte ſprechen, aber ſeine Bewegung war ſo ſtark, daß er nur die abge⸗ brochenen Worte hervorbringen konnte:„Er iſt es „ Ach! mein Gott! er iſt es welche Wonne vor Entzücken Per. wie freue ich mich.“ „Es iſt Jerome!“ rief zu gleicher Zeit Guerre⸗ ville, der den Waſſerträger wieder erkannte, und reichte dem Auvergnaten die Hand, der ſich Anfangs zu fürchten ſchien, ſie zu ergreifen, ſie dann achtungs⸗ voll ergriff, und endlich mit einer Kraft drückte, daß er ſie faſt gebrochen hätte.“ „Ja, ich bin's, mein Herr mein Herr, mein Wohlthäter.“ „Laſſen Sie das, Jerome, es war ja nur ein ſchwacher Dienſt.“ Paul de Kod. X0vI. 5, 66 O! was Sie gethan haben, das war ein großer Dienſt, Sie haben mich von der Noth, von dem Elend gerettet, von dem Teufel und ſeinem Gefolge, das bei mir war. O! Sie find mein theuerer Wohl⸗ thäter! Sehen Sie, Ihre Hülfe hat mir die Ruhe wiedergegeben, und mit dieſer iſt die Geſundheit ſehr ſchnell zurückgekehrt. Ach Gott! wie arm wa⸗ ren wir!. obgleich ich noch zu lachen verſuchte, um meine arme kleine Zizine nicht zu betrüben!. ol als ſie mir Alles das brachte, was Sie in Ihre Schürze gethan hatten. Sie war auch ſo glücklich, das liebe Kind, und dann wünſchte ſie ſehr, Ihnen zu danken, beſonders, da ſie ſah, wie ich vor Freude weinte.“ „Stille, ſtille, Jerome, laſſen wir das!“ „O nein, mein Herr, ich muß mir Luft machen! Wie lange iſt es ſchon, daß ich wünſchte, Sie zu treffen, um Ihnen meine Dankbarkeit zu bezeigen. Sehen Sie, es erſtickte mich faſt, das Alles auf meinem Herzen zu behalten. Verzeihen Sie mir, wenn ich mir erlaube, ſo mit Ihnen auf der Straße zu ſprechen. Aber ich kann Sie ja ſonſt nirgends ſehen.“ 6 „Jerome, ich bin nicht von den Leuten, welche ſich etwas zu vergeben glauben, wenn ſie mit einem Waſſerträger ſprechen, einem Handwerker die Hand drücken. Ich habe viele Leute geſehen, welche die Gleichheit in ihren Schriften predigen und doch für ihre Untergebenen ſehr unzugänglich waren; ich aber, der ich nicht predige, der ich Niemand zu bekehren hoffe, habe nie begreifen können, wie man darüber 67 erröthen kann, mit einem anſtändigen Manne zu ſprechen, von welchem Stande er auch immer ſein mag. Auch ich freue mich, Sie wieder getroffen zu haben, denn mehr als einmal habe ich an Sie ge⸗ dacht. Ihre Lage, Ihre Zärtlichkeit für Ihr Kind hat mich lebhaft intereſſirt, und find Sie nun glück⸗ licher?“ „Glücklich! O Gott! mein Herr wie man will. Auf eine Art bin ich freilich glücklich, weil ich mich jetzt wohl befinde und mir meinen Lebens⸗ unterhalt verdienen kann; aber von der andern Seite bin ich nicht mehr ſo vergnügt, wenn ich nach Hauſe komme, weil ich dann meine Kleine nicht mehr vor⸗ finde, die ich ſo gerne auf meinen Knieen wiegte und ſchwatzen hörte.“ „Wie! Sie haben Ihre Tochter nicht mehr?“ „Ich will Ihnen das erklären, wenn Sie es mir gütigft erlauben wollen. Als Sie mir ſoviel Geld gegeben hatten, um meinen Wirth zu bezahlen, er⸗ füllte ich auch gleich dieſe Pflicht; aber er ließ mir durch ſeinen elenden Schuhflicker von einem Portier ſagen, daß ich am Termin nichtsdeſtoweniger aus⸗ ziehen müſſe, weil er ſeine Wohnung brauche. Ich ſagte, das iſt mir ganz gleich, da er mir nunmehr meine Möbel nicht mehr zurückbehalten kann; ich werde wohl immer noch eine eben ſo hübſche Bo⸗ denkammer finden, und ſobald ich wieder auf den Füßen war, was nicht mehr lange währte, ſo machte ich mich auf, eine andere Dachſtube zu ſuchen; ich fand ſie, wie ich ſie wünſchte, in einem ſchönen Haus 68 der Rue St. Honoré, deſſen Portier ein guter Mann iſt, der die armen Leute nicht roh behandelt. Nach Verfluß von zehn Tagen waren wir in unſerem neuen Lokale im ſechsten Stocke eingerichtet, zu dem wenigſtens eine ordentliche Treppe führte, auf der man nicht zu befürchten hatte, den Hals zu bre⸗ chen. Meine kleine Zizine ging oft hinunter, ſei es zur Fruchthändlerin, oder um ein wenig mit den Kleinen des Portiers, die mit ihr von gleichem Al⸗ ter waren, zu ſpielen. In dem erſten Stock wohnte damals zufällig ein Fräulein mit ihrer Mutter. O! es waren ſehr reiche Leute, Leute von Stande! Trotzdem fiel dem Fräulein meine Zinzinette, wenn ſie dieſe auf der Treppe ſah, auf. Sie wiſſen doch, mein Herr, daß ſie ſehr artig iſt, das liebe Kind, daß ſie ein ſo vernünftiges, ſo bedächtiges Weſen hat, als wenn ſie zwanzig Jahre alt, als wenn ſie gar nicht mehr ſo klein wäre. So fing denn das Fräulein aus dem erſten Stocke an, ſich mit Zizine zu unterhalten, und mit ihren Antworten zufrieden, ließ ſie dieſelbe zu ſich ins Zimmer kommen, gab ihr Zuckerſachen, Kuchen, kleine Häubchen; endlich kam es ſo weit, daß das Fräulein nicht mehr einen Tag leben konnte, ohne die Kleine zu ſehen und daß Zizine den ganzen Tag bei ihr zubringen mußte. Ich wußte dies, und Sie begreifen, daß ich darüber nicht böſe ſein konnte, denn ich ſagte mir: das liebe Kind beſindet ſich beſſer im erſten Stocke, als im ſechsten! Und alle Tage kam die Kleine mit neuen Geſchenken herauf, welche die guten Damen ihr ge⸗ 69 macht hatten. Eines Tages ließen ſie denn endlich auch mich bitten, zu ihnen hereinzukommen: das machte mich Anfangs ein wenig ſtutzen; aber das iſt gleich, ich zog mich ſauber an und begab mich zu Madame Dolbert, dies iſt der Name dieſer Dame. Man ließ mich eintreten; ich fand die Mutter und die Tochter, und dann, wie gewöhnlich, meine Zin⸗ zinette, welche mit zwei oder drei Puppen ſpielte. Die alte Dame(denn es iſt eigentlich nicht die Mutter, ſondern die Großmutter von Fräulein Ste⸗ phanie, welche außer ihr keine Verwandte mehr hat) die alte Dame näherte ſich mir und ſagte:„Jerome, meine Enkelin liebt Ihre Kleine zärtlich, Sie ſind Wittwer, und können ſich daher nicht recht mit ihr abgeben, wenn Sie darauf eingehen wollen, ſie uns zu überlaſſen, ſo werden wir ihr die größte Sorfgalt ſchenken; wir werden ſie erziehen; ſie hat ſchon ſo vielen Geiſt und Verſtand, daß es ein Ver⸗ rath ſein würde, die glücklichen Anlagen, welche ſie von der Natur empfangen hat, nicht auszubilden. Meine Enkelin wird ſich ein Vergnügen daraus ma⸗ chen, ſie auch in der Muſik und im Zeichnen zu un⸗ terrichten, kurz, wir wollen ſie wie unſer Kind be⸗ handeln und wenn ſie groß ſein wird, ſo verpflichtet ſich meine Stephanie, abgeſehen dovon, daß ſie in ihren Kenntniſſen Hülfsmittel gegen alle Noth finden wird, ihr auch noch eine kleine Mitgift zu geben, wenn ſie ſich ſollte verheirathen wollen. Wohlan! Jerome, verſtehen Sie ſich dazu, uns dieſes Kind zu überlaſſen?““ Ach Gott! Mein Herr, Sie begreifen 7⁰ wohl, daß ich über dieſen Vorſchlag ganz roth⸗ ganz blaß, ganz verwirrt wurde! Mein Herz er⸗ weiterte ſich, vor Freude und vor Schmerz! Ich glaube ſogar Thränen drangen aus meinen Augen, und meine kleine Zizine verließ all ihr Spielzeug und lief in meine Arme, indem ſie ſagte: Haſt Du Kummer? Ich umarmte ſie, ohne ihr ſogleich ant⸗ worten zu können, aber ich drückte ſie feſt an mein Herz, es ſchien mir ſchon, als wäre es das letzte⸗ a Hier hielt Jerome inne, denn durch die Erin⸗ nerung an jenen Augenblick, traten ihm wieder die Thränen in die Augen. Guerreville, der nicht we⸗ niger bewegt war, ſchüttelte ihm die Hand und ſtam⸗ melte:„Armer Jerome!“ Der Waſſerträger ſtieß einen tiefen Seufzer aus und fuhr dann fort:„Ich hatte nicht lange Zeit zu überlegen; es zerriß mir zwar das Herz, mich von meiner Zizine zu trennen, aber es war zu ihrem Wohle, zu ihrem Glücke, ich willigte ein.“ „Was! Jerome, Sie konnten einwilligen, ſich von Ihrer Lochter zu trennen, von Ihrem einzigen Kinde, von derjenigen, die Ihre alten Tage erhei⸗ tern ſollte?“ „Ich that es, um ſie glücklicher zu machen, mein Herr; es ſchien mir, als dürfte, als könnte ich dem nicht entgegentreten.“ „Ah! Sie haben da ein großes Opfer gebracht.“ „O Gott, ja! es war ein Opfer. Indeß die Damen, welche mir den harten Kampf anſahen, 7¹ ſagten zu mir:„„Sie werden Ihre Tochter ſehen können, wenn Sie wollen, ſo oft Sie es wünſchen.““ Und das beruhigte mich ein wenig. Zu Zinzinette ſagte man nur:„„Dein Vater will, daß Du hier ſchlafeſt und im erſten Stocke wohneſt, ſtatt in den ſechsten hinaufzuſteigen; aber er wird Dich, ſo oft er Zeit hat, zu beſuchen kommen.““ Das liebe Kind wollte Anfangs nicht, es warf die Spielſachen bei Seite und rief:„„Ich will lieber bei meinem Vater ſchlafen, ich will ihn nicht verlaſſen! Wenn er wie⸗ der Feuer auf ſein Bett wärfe, hätte er Niemand bei ſich, der es auslöſchen könnte!““ Arme Kleine! Ich mußte mich böſe ftellen, um ſie zu bewegen, nicht mehr in meiner Dachkammer zu ſchlafen! und ſie ließ ſich doch noch das Verſpre⸗ chen geben, hinaufkommen zu dürfen, um mich öſter zu ſehen. So war denn die Sache abgemacht. Zi⸗ zine blieb bei Madame Dolbert. In den erſten Ta⸗ gen beſuchte ich fie oft, dann etwas ſeltener, denn ich befürchtete immer, zu ſtören, und ich befand mich in Gegenwart dieſer Damen nicht ſo recht behaglich; aber ich faßte mich, weil ich ſah, daß die Kleine gut aufgehoben war. So ſtanden die Sachen, als vor ſechs Wochen die Damen aus der Wohnung zogen; ſie verließen die Rue Saint Honoré, um nach dem Boulevard de la Madeleine zu ziehen. Ach Gott! ich konnte nicht mitziehen, denn ich habe in dem Stadtviertel keine Beſchäftigung. Ich mußte meine Kleine weit von mir weggeben, und nun wage ich es nicht, oft zu ihr zu gehen; nicht etwa, weil ſie 72 mir weniger Anhänglichkeit erweist. o nein! im Gegentheil, das liebe Kind ſpringt mir an den Hals, ſobald ſie mich erblickt; aber die Arbeit nimmt mich den ganzen Tag in Anſpruch, und des Abends muß ich eſſen und ſchlafen, um den andern Morgen wie⸗ der anfangen zu können. So, mein lieber Herr, iſt es mir ergangen. Es iſt ein großes Glück für meine Kleine, welche wie eine vornehme Dame erzogen wird, aber es iſt ein großer Verluſt für mich, ſie nicht mehr jeden Abend und jeden Morgen umarmen zu können.“ Jerome hatte ſeine Erzählung beendet und trock⸗ nete ſich die Augen mit ſeinem Sacktuch; Guerre⸗ ville ſchien auch ganz ergriffen, indem er zu ihm ſagte:„Ich wünſche, Jerome, daß Sie das, was Sie gethan haben, niemals mögen zu bereuen ha⸗ ben. Aber ſich von ſeinem Kinde zu trenuen! Doch Sie können ſie noch täglich ſehen. Arme Kleine! Ich begreife, wie man zu ihr dieſe Anhänglichkeit hat faſſen können, ſie iſt wirklich anziehend; und ihre Be⸗ ſchützerin, ſagen Sie, heißt Madame Dolbert?“ „Ja, mein Herr.“ „Und wohnt Boulevard de la Madeleine?“ „An der Ecke der Rue Duphot.“ „Ich werde es verſuchen, Erkundigungen einzu⸗ ziehen, um zu erfahren, ob Ihre Tochter auch wirk⸗ lich in guten Händen iſt. Und Ihnen, Jerome, gebe ich hier meine Adreſſe, beſuchen Sie mich; bringen Sie mir bisweilen Nachricht von ſich, erzählen Sie mir von Ihrer Tochter; ich bin auch Vater, und 73 ich liebe meine Tochter ebenſo zärtlich, als Sie die Ihrige lieben. darum werde ich Sie immer mit Vergnügen anhören.“ „Ach! mein Herr, das iſt zu viel Güte.. und ich danke Ihnen dafür ſehr, und ich werde gewiß von Ihrer Erlaubniß Gebrauch machen.. ich werde das Glück haben...“ „Ja, beſuchen Sie mich, Jerome, wir plaudern von Ihrem Kinde; Adien!“ Bevor ſich Guerreville entfernte, drückte er dem Auvergnaten nochmals die Hand, und Jerome ſagte zu ſich, indem er ſeine Waſſerfäſſer wieder aufhob: „Ein ſehr braver Mann!... Sollte er nicht glück⸗ lich ſein!... An was denkt alsdann die Vor⸗ ſehung!...“ Viertes Kapitel. Ein Profeſſor der Deklamation. Der Doktor hatte den Vorſchlag, den ihm Guerreville gemacht hatte, ihn zu einem Profeſſor der Deklamation zu führen, nicht vergeſſen. An dem von Julius angegebenen Tage holte er gegen Mittag ſeinen Freund ab, und Beide ſchlugen den Weg nach der Rue du Petit Hurleur ein. „Ich würde dem Profeſſor nicht rathen, in dieſem Quartier ein Theater zu errichten,“ ſagte Jenne⸗ val, während ſie über die Rue Boury lAbbe gingen, „ich glaube nicht, daß ſich durch die Anzichungskraft 74⁴ des Schauſpiels die Leute über den Koth, den man hier das ganze Jahr hindurch findet, hinwegſetzen könnten; es gehört ſchon viel Muth oder Beruf dazu, in der Rue du Petit Hurleur dramatiſchen Unterricht zu nehmen.“ „Und was werden Sie erſt von Denjenigen ſagen, welche hingehen, um die Zöglinge anzu⸗ hören?“ „Ich werde ſagen, daß das, was man nur einmal ſo zufällig thut, immer einigen Reiz hat, und wäre es auch der der Neugierde.“ In der Rue du Petit Hurleur angekommen, blieb Guerreville mit ſeinem Gefährten bei der Hausnummer, welche auf der Adreſſe ſtand, ſtehen: Es war ein altes und ſchlechtes Haus, zu dem eine ſehr dunkle Halle führte, in welcher alle möglichen Dinge gemacht wurden, welche die Eintretenden bewogen, ihre Schritte zu beſchleunigen. Im Hin⸗ tergrunde fand man, tappend, rechts eine Treppe, und nach und nach, wenn die Augen ſich an das Dunkel gewöhnt hatten, bemerkte man die Stufen, halb aus Holz und halb aus Stein, und ein Ge⸗ länder, bei dem man keine Luſt verſpürte, ſich mit der Hand daran zu halten. „Dieſes Haus iſt fürchterlich ſchmutzig,“ ſagte Guerreville, indem er ſeinen Begleiter anſah. „Es iſt das alte Paris,“ erwiderte der Doktor lachend;„es gibt Leute, welche dieſes Haus be⸗ wunderungswürdig finden würden, weil es aus dem Mittelalter iſt. und ſie nennen Diejenigen 75 Vandalen, welche die peſtilenzialiſchen Kloaken wegriſſen und an ihre Stelle luftige, helle, ſaubere Häuſer bauen, in die man ohne Furcht, den Hals zu brechen, hineingehen kannz glücklicherweiſe ver⸗ ſchönert ſich Paris täglich, zum Verdruß dieſer Freunde des Alterthums, und nach einem nothge⸗ drungenen Beſuche in der Rue de la Colandre oder Grand und Petit Hurleur, kann man nach Belieben Athem ſchöpfen in der Rue de la Pais oder Rivoli. Aber es ſcheint mir, daß auch wir gut thäten, uns in dieſem Durchgange nicht aufzuhalten.“ „Aber ich ſehe ja keinen Portier.“ „Einen Portier! kannte man denn einen ſolchen, als man dies Haus erbaute! Damals kamen die Bürger ſelbſt herunter, ihre Thüren zu öffnen und zu ſchließen... Gehen wir hinauf. wir werden am Ende ſchon finden, aber wir werden uns nicht im erſten Stock aufhalten; das iſt unnütz; der Pro⸗ feſſor Triſtepatte muß höher wohnen.“ Die Herren gelangten in den zweiten Stock, wo auf einer Art von einem kleinen Abſatze, welcher ſich vor dem Corridor befand, vier Thüren waren. „Wollen wir an eine von dieſen Thüren klopfen?“ fragte Guerreville. „Nach Belieben; aber ich vermuthe, der Pro⸗ feſſor wohnt noch höher.“ Guerreville klopfte an eine Thür, keine Ant⸗ wort; an eine zweite, keine Antwortz an die beiden andern, daſſelbe Stillſchweigen. „Was ſoll denn das bedeuten, Doktor? Iſt denn dieſes Haus nicht bewohnt?“ „Ich glaube im Gegentheil, daß es ſtark be⸗ wohnt iſt; wahrſcheinlich aber von Geſchäftsleuten, die jetzt an ihrer Arbeit ſind. Wir wollen noch höher hinauf.“ Im dritten Stocke war eine Thür offen und ließ in ein kleines Zimmer ſehen, in welchem als einziges Möbel ein Kehrbeſen ſtand, an dem aber von Borſten keine Spur mehr war. Guerreville ging in dieſes Zimmer und klopfte an die Thür; man antwortete nicht, aber bald ließ ſich aus dem Ge⸗ mache, das ſich im Hintergrunde befand, Kinderge⸗ ſchrei vernehmen. Der Doktor, welcher Guerreville gefolgt war, entſchloß ſich, eine Thür zu öffnen, und ein Gemälde, würdig des Pinſels eines Biarv, bot ſich ihren Blicken dar. In einem ſchlecht möblirten Zimmer, ohne Fenſtervorhänge und der Tapeten an den Wänden faſt gänzlich beraubt, befand ſich an der einen Wand ein ſchlechtes Bett, an der andern eine Art von Wiege; in der Mitte des Zimmers ſtand ein runder Tiſch, darauf einige Taſſen, Brod und ein Teller mit einem großen Stück Käſe; auf dem Bette lag ein Kind von drei bis vier Jahren, ſchmutzig und übel ausſehend, aber ſtark und kräftig. In der Wiege lag ein anderes, jüngeres Kind, das aber auch kräftig und geſund ausſah; in dem Kamine endlich war Feuer unter einem Roſte, auf welchem ein Topf mit Milch ſtand. 77 In dem Augenblick, wo der Doktor die Thür öffnet, ſchreien die beiden Kinder ganz jämmerlich; demjenigen, das auf dem Bette lag, ſtanden die Angen faſt aus dem Kopfe heraus, ſo ſehr ſtrengte es ſich in ſeinem Schmerze an. Das kleinere ſchlug fortwährend um ſich und verzerrte das Geſicht, und während es die Arme nach dem Kamine ausſtreckte, beugte es ſich ſo ſehr aus der Wiege heraus, daß es in Gefahr zu ſchweben ſchien, auf den Boden zu ſtürzen. „Ah! mein Gott! was iſt dieſen Kindern be⸗ gegnet?“ ſprach Guerreville, der hinter dem Doktor ins Zimmer trat,„ſie ſind wahrſcheinlich krank... und ihre Eltern laſſen ſie ſo allein.. Sehen Sie doch, Doktor, was Sie thun können, um ſie zu beſänftigen.“ Aber der Doktor lachte ſchon laut auf, indem er Guerreville auf der einen Seite eine Katze zeigte, die mit dem Stück Käſe davon lief, und auf der andern die Milch, welche am Feuer ausgekocht war und nun an allen Seiten des Topfes überlief. Das war wirklich die urſache, weßhalb die Kinder ein ſo lautes Geſchrei erhoben; jedes von ihnen ſah ſein Frühſtück dahinfliehn und war in Verzweiflung, es nicht retten zu können. Jenneval nahm den Topf vom Roſte herunter, zog der Katze das Stück Käſe weg, legte es wieder auf den Leller und alsbald hörte das Jammer⸗ geſchrei auf; die beiden Kleinen begnügten ſich in abwechſelnden Tonarten zu rufen:„Ich habe Hunger, ich will eſſen ich habe Hunger!.. 78 In dieſem Augenblick trat eine Frau, die das Halstuch über den Kopf gebunden hatte, in das erſte Zimmer, und da ſie von dort aus die beiden Fremden bemerkte, von denen der Eine einen Topf in der Hand hielt, ſo fing ſie faſt eben ſo arg als die Kinder zu ſchreien an:„Ein Dieb! zu Hülfe! Es ſind Diebe bei mir!. Und als die Kinder ihre Mutter ſchreien hörten, fingen ſie auch an zu heulen, ohne zu wiſſen warum, aber ohne Aufhören. Dieſes unerwartete Zetergeſchrei erſchreckte Jen⸗ neval dermaßen, daß ihm der Topf aus den Händen ſtürzte, er fiel auf die Katze, der die fiedende Milch, welche noch im Topfe geblieben war, auf den Kopf floß. Die verbrannte Katze heulte, ſprang auf den Tiſch, zerbrach eine Flaſche; die Kinder und die Mutter ſchrieen noch ärger, Jenneval lachte laut auf, Guerreville allein blieb ruhig und kalt mitten unter dieſer Verwirrung. Zwei alte Frauen kamen aus zwei Thüren des Vorſaals heraus; die Eine im Schlafjäckchen und Unterrocke, mit einem Romane in der Hand; die Andere in einem ſchwarzen Ueberrock, der ausſah, als wären Federn darauf getrocknet worden, und einem Hute, der keine Farbe mehr hatte, und der durch ſeine Breite zugleich als Schutz für die Augen, als Schirmdach und als Sonnenſchirm dienen konnte. Während dieſe Damen ſehen wollten, was ge⸗ ſchehen wäre, näherte ſich Guerreville der Frau, die das Tuch um den Kopf gebunden hatte, und 79 gab ihr endlich zu verſtehen, daß er zu ihr gekom⸗ men wäre, um ſich nach der Wohnung des Herrn Triſtepatte zu erkundigen, und daß ſein Freund, in dem Augenblicke, in welchem er eintrat, das Früh⸗ ftück ihrer Kinder zu retten ſuchte. Jenneval, der ſich indeſſen wieder gefaßt hatte, hob den Topf auf und zeigte ihn der in Thränen zerfließenden Mutter hin, indem er ſagte:„Ich hätte noch eine Taſſe Milch gerettet.. Ihr Jammer⸗ geſchrei aber war Schuld daran, daß ich den Reſt verſchüttet habe, und daß Ihre Katze auf ſo ſchreck⸗ liche Weiſe für Ihre Naſchhaftigkeit beſtraft worden iſt! Indeß, da ich die Schuld an dem Schaden, welchen dieſes arme Thier angerichtet hat, auf mich nehmen muß, ſo bitte ich Sie, mir zu erlauben, daß ich ihn bezahle.“ Mit dieſen Worten legte der Doktor ein Hun⸗ dertſousſtück auf den Tiſch, und da Alles, was die Katze zerbrochen hatte, kaum dreißig Sous werth war, fing die Mutter der beiden Kleinen an ſich mit Verbeugungen anzuſtrengen und wurde überaus artig; und die beiden Alten, welche auf dem Vor⸗ ſaal das Alles mit anſahen, ſprachen bei ſich: Dieſe Madame Limoufſſe iſt glücklich!.. Ihre Katze bringt ihr Geld ein.. Es gibt Leute, welche in Allem Glück haben!.. WMeine Katze hat mir noch nichts weiter eingebracht als Schmutz und Aerger!. Ich habe in meinem Leben ſchon zehn Hunde gefun⸗ den! aber die hat man weder in Zeitungen geſucht, noch wurde eine anſtändige Belohnung für die Rückgabe derſelben geboten; ich fütterte ſie Wochen⸗ lang und Niemand forderte ſie zurück Ich hatte nichts als den Koth davon!.„ Da vergeht es Einem, Gutes zu thun.“ Bevor ſich Guerreville entfernte, wandte er ſich noch an die Mutter der beiden Kinder mit den Worten:„Sagen Sie mir, Madame, als wir hereintraten, ſchrien Ihre Kinder ſehr heftig und verlangten zu eſſen; haben ſie denn noch nicht ge⸗ frühſtückt?“ „Nein, mein Herr.“ „Wie ſo ſpät, es iſt ſchon halb ein Uhr.“ „Ach Gott, mein Herr, was wollen Sie? Ich mache Bedienungen und muß frühe ausgehen.. Ich habe jetzt an drei verſchiedenen Orten zu thun und kann nicht eher nach Hauſe kommen, als bis meine Geſchäfte beſorgt find.“ „Und wenn Sie fünf, ſechs Stellen hätten?“ „O, dann müßten meine Kinder noch ſpäter frühſtücken! Aber das ſchadet ihnen nichts, ſie find daran gewöhnt. „Könnten Sie denn ihr Frühflück nicht auf ihr Bett hinſtellen?“ „O nein, dann verſchlängen ſie Alles ſo ſchnell, daß die lieben Kleinen erßicken würden.“ „Eine ſonderbare Art und Weiſe, ſeine Kinder zu lieben und zu erziehen,“ ſagte Jenneval, indem er aus dem Zimmer ging.„Aber apropos, wie ſteht's mit Herrn Triſtepatte?“ „Der wohnt oben, meine Herren, das heißt noch einen und einen halben Stock höher. Uebrigens werden Sie an ſeiner Thür ſeinen Namen und Stand angeſchlagen finden.“ Die Herren ſtiegen noch weiter hinauf, und da ſie vor den beiden alten Frauen vorbeigingen, ver⸗ neigten ſich dieſe tief vor ihnen. In dem nächſten Stockwerke bemerkten ſie in einem Winkel noch ein Fragment von einer Treppe, die nur acht Stufe hatte und zu einer Thür führte, an welcher mit Kreide angeſchrieben ſtund: Deklamationsſchule. Täglicher Unterricht. Man bittet, an der Schnur zu ziehen.„ In der Witte der Thüre war ein Loch, aus welchem ein Strick heraushing, an dem ein Reif⸗ ſtück befeſtigt war, um bequemer daran ziehen zu können. „Man kann dem Profeſſor Triſtepatte nicht den Vorwurf machen, daß er ſeine Zöglinge zum Luxus in Dekorationen und Coſtümen verführe,“ ſagte Jenneval, während er den Strick mit dem Stücke Holz ergriff;„hier beurkundet Alles eine große Ein⸗ fachheit. ich bin neugierig, das Uebrige zu ſehen.“ Er zog an dem Stricke, die Thüre ging auf;z ſie traten in einen Gang, an deſſen Ende ſich eine zweite Thüre befand; als ſie ſich dieſer näherten, hörten ſie mit lauter, feuriger Stimme ſprechen, und ſie ſchloſſen daraus, daß der Unterricht bereits hegonnen habe. Der Doktor drehte einen Schlüſſel um, der in Paul de Kock. XCvI. 6 dieſer Thüre ſteckte, öffnete ſie und forderte Guerre⸗ ville auf, ihn in dieſes dramatiſche Heiligthum einzuführen.* Es war ein großes Zimmer, in welches das Licht von oben hineinſiel und das man daher für die Werkſtätte eines Malers hätte halten können, wenn man Gemälde darin erblickt hätte; in der ganzen Breite des Hintergrundes waren mit Bret⸗ tern bedeckte Geſtelle angebracht, die ſich anderthalb Schuh über den Fußboden erhoben; dieſe bildeten die Bühne; auf jeder Seite dieſes Geſtelles war ein Stück Tapete mit Bindfaden und Nägeln an der Decke befeſtigt, wodurch die Couliſſen vargeßtellt wurden; auf einem alten, ſchlecht überzogenen Sopha endlich, welcher an einer Seite des Saales ſtand und ausſah, als hätte er früher dazu gedient, um Salat darauf anzumachen, ſah man bunt durch⸗ einander einen Helm, einen Turban, eine Toga, ein Schwert, einen Mantel aus dünnem Zeuge, eine Tunica und einen Gürtel liegen. Dies war das Magazin des Coſtüms.. Als die beiden Herren die Thür öffneten, befand ſich Niemand auf der Bühne; ein junges Mädchen ſaß in einem Winkel des Zimmers und ſchien in einer Broſchüre eine Rolle zu ſtudiren. Ein junger, nachläſſig gekleideter Mann mit einem Walde von Haaren auf dem Kopfe, die er auf eine Art herum⸗ geſtrichen hatte, als wolle er ſich die Mähne eines Löwen geben, trabte durch den Saal, indem er mit ſo vielem Feuer geſtikulirte und deklamirte, ———— 83 daß ihm die Schweißtropfen die Wangen hinab⸗ floßen; in einem Lehnftuhle mit Rollen endlich, der vor den Bühnengeſtellen ſtand, ſaß der Profeſſor Triſtepatte. Es war ein Mann nahe an den Sechszigen, der aber mit großer Sorgfalt darauf bedacht war, die Eindrücke der Zeit unbemerklich zu machen, die er nur den Anſtrengungen ſeiner Kunſt zuſchrieb. Seine gedrungene, aber ſehr angenehme Geſtalt, ſeine etwas zu hellblauen Augen, ſein wohlgeſtal⸗ teter Wuchs und ſeine gewandte Stellung muß⸗ ten ihm einſt als Liebhaber gute Erfolge geſichert haben; mit den Jahren aber hatte er einen ſtar⸗ ken Leib bekommen, ſeine Augen waren matt und ſein Geſicht beträchtlich faltenreich geworden. Um ſich jedoch ein jüngeres Ausſehen zu geben, trug er ein Mieder, das ihm den Leib einzwängte; er hatte eine ſchöne, wohlgelockte, blonde Perüke, eine ſteife, feſt angeſchnallte Halsbinde, in welche er alle Falten ſeines Geſichtes hineinzuſtecken ſuchte, bevor er die Schnalle zumachte, ſo daß es ſchien, als wäre ſeine Haut unter dem Kopf mit Nadeln angeſteckt. Dies war der Profeſſor, der einen weiten, weiß⸗ lichen Schlafrock und darunter faſt immer enganlie⸗ gende Beinkleider anhatte, um ſeine Beine bemerk⸗ lich zu machen. Als er die beiden Fremden ge⸗ wahrte, deren Aeußeres Leute von Stand anzeigte, ſprang er raſch von ſeinem Rollſtuhle auf, um ihnen entgegenzugehen. „Meine Herren, haben Sie die Güte, näher zu treten, ich bitte Sie darum.“ „Haben wir die Ehre, Herrn Triſtepatte, Pro⸗ feſſor der Deklamation, zu ſprechen 2 „Der bin ich.. Es iſt mir die größte Ver⸗ legenheit, Sie im Negligé empfangen zu müſſen; aber ich machte eben mit einem Zöglinge eine Repeti⸗ tion. Wollen Sie ſich vielleicht in das Schlaf⸗ zimmer bemühen?“ All dieſe Worte begleitete er mit ſo vielen Ver⸗ beugungen, wie ſie bei den Männern, welche den Degen an der Seite und Epauletten auf den Schul⸗ tern tragen, gebräuchlich ſind;z Triſtepatte hatte ſo oft die Rolle ne geſpielt, daß er da⸗ durch, vielleicht a„ ganz das Benehmen eines ſolchen beibehalten hatte; und ſehr häufig warf er auch, während er ſprach, das Taſchentuch über den einen und dann wieder über den an⸗ dern Arm. Guerreville hielt den Profeſſor zurück, da dieſer eben im Begriffe ſtand, die Thüre eines andern Zimmers zu öffnen:„Mein Herr, wir befinden uns hier ſehr wohl und, weit entfernt, Sie in Ihren Lehrſtunden ſtören zu wollen, würde es uns ſehr freuen, wenn Sie uns erlauben würden, die Zuhörer dabei abzugeben.“ „Ah! meine Herren, das wird mir und meinen Zöglingen zur höchſten Ehre gereichen. Sie ha⸗ ben vielleicht die Abſicht, in einer Geſellſchaft eine Komödie oder ein Sprüchwort aufzuführen, und ——————— 85 Sie wünſchen, ſo zu ſagen, die auf den Brettern üblichen Gewohnheiten zu ſehen?.. Daran thun Sie ſehr wohl, das iſt ſehr vernünftig von Ih⸗ nen„ Dies iſt ſehr nothwendig, beſonders in Beziehung auf das Auf⸗ und Abtreten. In der Regel fehlen die Leute, die gerade keine Künſtler vom Fache find, bei ihrem Auftreten und Ab⸗ gehen, und das, meine Herren, iſt eine gewaltige Klippe! O, täuſchen Sie ſich darüber nicht!.. Das iſt ſehr ſchwer; leichter iſt noch das Auftreten, aber der Abgang, ohne dem Publikum den Rücken zu zeigen o, der will ſtudirt ſein!. Man muß ſich lange Zeit mit dieſem Punkt beſchäftigen, und ich ſchmeichle mir, in dieſer Beziehung treffliche Vorſchriften zu ertheilen.“ Während er ſprach, warf der Profeſſor mehrè Male ſein Taſchentuch von einem Arm auf den andern mit der Gewandtheit eines Taſchenſpielers, und Guerreville, der über ſein Geſchwätz unruhig wurde, ſchien ſchon große Luſt zu haben, Herrn Triſtepatte zu zeigen, daß er es verſtehe, abzu⸗ gehen; endlich machte der Profeſſor eine Pauſe, um ſich zu verbeugen und das Schnupftuch zu ſeiner eigentlichſten Beſtimmung anzuwenden; der Doktor benützte dieſen Augenblick, um ihm zu ſagen:„Wir baben durchaus nicht die Abſicht, Komödie zu ſpie⸗ len, ſondern wir ſind hierher gekommen, um einen Ihrer Zöglinge zu hören, an dem wir großen An⸗ theil nehmen.“ „Einen meiner Zöglinge welchen?“ 86 „Einen jungen Mann Namens Julius.“ „Herrn Julius o, ein charmanter Junge, ein vortrefflicher Schüler, von ausgezeichneten An⸗ lagen für gewiſſe Rollen.. Zwar iſt ſein Organ etwas ſchwerfällig, aber das wird ſich ſchon geben, ich werde es ſchon ausbilden. ich habe ſchon ganz Andere ausgebildet: Talma war einer meiner Zuhörer, meine Herren, Talma befragte mich um meine Anſichten, er befolgte meine Rathſchläge.. haben Sie doch die Güte, ſich zu ſetzen, meine Herren und er bereute es auch gar nicht ich ſagte ihm, wie er zu Mellius die Worte ſprechen ſollte: Was ſagſt Du dazu? Talma ſprach dieſe Worte vortrefflich, denn ich glaube, es wäre ihm ſehr ſchwer geworden, etwas ſchlecht zu ſpre⸗ chen; aber der Ton kam aus der Naſe und die Wirkung war verfehlt; da ſagte ich zu ihm: Mein Freund denn Talma wollte durchaus, daß ich mich ſeinen Freund nannte; ich ſagte ihm: mein Freund, willſt Du eine ungeheure Wirkung mit dieſem: Was ſagſt Du dazu? hervorbringen? Nun gut! ſo ſprich das„Was ſagſt“ mit der Kehle und das„Du dazu“ ſtoße mit dem Gaumen hinaus. Den ſolgenden Abend machte er es ſo und das Haus dröhnte von dem Beifallsgeſchrei. Setzen Sie ſich hier. vor meine Bühne, ſo werden Sie die Wirkung gut beurtheilen können. Meine Zög⸗ linge werden nicht mehr lange auf ſich warten laſ⸗ ſen wir haben heute große Stunde das heißt man ſpielt Fragmente, worin Jeder ſeine —— — 87 beſondere Rolle hat: Das iſt eine ſehr gute Ma⸗ nier, die Talente auszubilden. Herr Julius kann nicht mehr lange ausbleiben.. Wollen Sie mir indeß erlauben, die große Scene aus dem Oedip zu beenden, mit dem Herrn...“ „Thun Sie, mein Herr, was Ihnen beliebt, und laſſen Sie ſich durch uns gar nicht ſtören.“ „Ich wäre ſehr glücklich, meine Herrn, wenn ich immer ein Publikum hätte, das meine Bemühungen ſo gut zu würdigen verſtände!... Guten Morgen, Brülard, guten Morgen, mein lieber Junge.“ Dieſe Worte waren an einen eben eintretenden jungen Mann gerichtet; ſeine Kleidung deutete auf einen Burſchen in einer Spezereihandlung; ſein Mützchen und die grüne Schürze trug er zuſammen⸗ gelegt unter dem Arme. Der junge Mann, der beim Hereintreten Guerreville's und des Doktors dekla⸗ mirte, fuhr ununterbrochen fort, für ſich hin zu ſprechen und zu geſtikuliren, während er mit Rieſen⸗ ſchritten durch den Saal ging, wahrſcheinlich, um ſich in der Hitze zu erhalten, und mit vieler Sorg⸗ falt fuhr er ſich mit der Hand in die Haare, um ſie in die Höhe zu ſtreichen; der Burſche aus der Spe⸗ zereihandlung begrüßte ihn mit„guten Tag,“ Jener aber antwortete ihm nicht, drückte ihm uur die Hand und fuhr fort zu deklamiren. „Wohlan, Herr Alfred, wir wollen Ihre Scene des Oedipus zu Ende bringen,“ ſagte Triſtepatte, indem er ſich an den Zögling wandte, der in fort⸗ währender Bewegung war.„Mamſell Joſephine ſtudiren Sie Ihre Rolle der Zaire gut ein, wir werden ſogleich einen ganzen Akt daraus auf dem Theater ſpielen.“ Das junge Frauenzimmer, welches da ſaß, ent⸗ gegnete, ohne die Augen aufzuſchlagen:„Ja, mein mein Herr.“ Hierauf wendete ſich der Profeſſor an den eben Angekommenen:„Brülard, wollen Si den Icarus im Oedip übernehmen?“. „Alles, was Sie wollen, Herr Lrißtepatte.“ „Wir wollen die fünfte Scene des dritten Aktes nehmen; ich werde den Phorbas ſprechen, und da⸗ durch wird die Vorftellung eine gewiſſe Färbung bekommen.. Sie haben doch die Rolle des Jcarus ſtudirt?“ „O ſehr gut... Aber ich erinnere mich derſelben nicht mehr ganz; wenn Sie das Stück haben. „Wenn ich das Stück habe!. Er fragt mich, ob ich Voltaire habel... Es iſt wahr, ich könnte ihn allerdings entbehren, weil ich ihn auswendig weiß. Nehmen Sie, Brülard, hier iſt der Theil, in welchem der Oedip ſteht... Guten Tag, Madame Grignvur.. Sie haben Ihre Tochter mitgebracht, das iſt ſehr gut... Wir werden ſogleich anfangen...“ Madame Grignour war eine Frau von etlichen vierzig Jahren, die das Benehmen einer Logen⸗ ſchließerin hatte, und einen Hut, welcher den der Nachbarin, der Madame Limouſſe, hätte ausſtechen können; die einen großen grünen Sack und einen Korb trug, aus welchem ein halbes Dutzend Pfen⸗ nig⸗Brätzeln hervorſchauten. Ihre Art, zu ſprechen — 5— 89 und zu lächeln, hatte ein gewiſſes Vornehmthun. An der Hand führte ſie ein kleines Mädchen von dreizehn bis vierzehn Jahren, deren Schuhe mit Bänderſtreifen feſtgebunden waren, und der Reſt der Kleidung paßte ebenfalls ganz hiezu. „Das verſpricht ſehr amüſant zu werden,“ flü⸗ ſterte der Doktor Guerreville ins Ohr, der ſich eines Lächelns nicht enthalten konnte, als er ſah, wie der Profeſſor einen Zipfel ſeines Schlafrocks auf die Schulter legte, wie wenn erſich einen Mantel umwärfe. „Wollen wir anfangen?“ fragte Alfred, indem er ſich nochmals mit den Fingern, die ihm als Kamm dienten, durch die Haare fuhr. „Ja ich bin bereit. Oedip und Icarus find beiſammen, wenn ich Ich komme herein. Um inem Eintreten mehr Wirkung zu geben, riſtepatte die Thür, die auf den Saal ging, ſelli ſich in den Hintergrund, von wo aus er an⸗ fing, mit abgemeſſenen Schritten vorzugehen, in⸗ dem er bei jedem Schritte anhielt, um einen Seufzer auszuſtoßen Nach zwei Minuten kam er vor, blieb vor Alfred ſtehen, richtete die Blicke auf den Boden, und ſtemmte eine Hand in ſeine Hüfte. „Herrlich aufgetreten!“ murmelte Madame Gri⸗ gnour.„Es erinnert mich an Herrn Friedrich, im dritten Akte des Spielers. Gott! wie hat dieſes Stück auf meine Nerven gewirkt!“ „Bſt! Stille, Madame Grignbux. An Ihnen iſt es, Alfred.“ ———— 90 Der junge Alfred fuhr ſich mit der Hand in die Haare und ſchrie: Ah! Phorbas, tritt heran! Der kleine Brülard recitirte hierauf in eine Athemzuge: Mein Staunen wächst! ge mihr ich ihn betrachte. O! Herr, er iſts, er iſts „So iſt es nicht, Brülard,“ rief der Profeſſor, mit dem Fuße ſtampfend;„Sie laufen„ Sie laufen.. Sie ſagen uns das vor⸗ als wenn Sie ausriefen: Wer will einen friſchen Trunk, wer will trinken! Teufel, mein Freund, man hält an, man hält inne, man nimmt ſich Zeit: Je mehr ich ihn betrachte.. Hier halten Sie an, als ob Sie eine Schlange erblickt hätten: O! Herr, er iſts!.. Hier öffnen Sie die Arme und den Mund„„ Großes Staunen muß ſich im Munde ausdrücken; ich antworte Ihnen... Verzeiht, wenn er Fuern unbekannten Züge.. Brülard. Du! vom Berge Citron denkſt nicht mehr an mich? „Was ſoll das für ein Berg Citron ſein!... indem er den Zipfel ſeines Schlafrocks losließ; „der Berg heißt Citheron. Geben Sie doch Acht, mein Freund, auf das, was ſie leſen.“ „Ah! Ich dachte es gleich,“ rief Madame Gri⸗ gnoux,„ich glaube nicht, daß man in O-Fdipe je⸗ mals Citronen angewendet hat! Hier, Cäſarine, nimm doch eine kleine Butterbrätzel.. Das wird Dir den Magen für Deine Rede ſtärken.“ ——— 91 Der kleine Brülard, dem es einige Mühe zu machen ſchien, raſch fortzuleſen, fuhr fort: Wie! jenes Kind, das Ihr mir übergabt. Das Kind, das Ihr zum ew'gen Ruinen. „Zur ewigen Ruh!“ ſchrie Triſtepatte. Ah! was ſpracht Ihr da?... „Verdammt, ich habe ſchlecht geleſen,“ erwiderte Brülard. „Schweigen Sie doch, mein Freund, Phorba ſpricht:* Ah! was ſpracht Ihr da, Und welche Erinnerung erweckt Ihr in meinem Beiſt? Brülard(leſend). Hm. Wo bin ich denn? Hm.. „O zweifelt nicht, mein Fürſt, Wa„was auch der Mann da ſpricht, er Legt Euch mir in Harm.“ Triſtepatte riß dem Spezereikrämerburſchen das Buch aus der Hand und ſagte zu ihm: „Mein Freund, Sie ſind durchaus nicht im Stande, vom Blatte zu leſen: wie Sie eine Rolle auswendig wiſſen, ſo geht es ſehr gut; aber Sie müſſen dieſelbe vorher mehremale geleſen haben... Sie ſagen: mir in Harm, ſtatt mir in Arm. Alfred, beenden Sie ganz allein Ihre vierte Scene... es iſt ein Monolog.“ Alfred begann von Neuem durch den Saal zu traben, ſich die Harre in die Höhe zu reißen, und mit der größten Anſtrengung ſeiner Lungen den letzten Monolog des Oedip herauszudonnern, den 92 Madame Grignoux durch öftere Ausrufe von: Bravo.. O!— Gut!„Ol ſehr gut! O! O! Ol.. unterbrach. Lriſtepatte war öfters ge⸗ nöthigt, ihr Stillſchweigen zu gebieten. Der Pro⸗ feſſor hatte ſich neben den Doktor geſetzt, um ſeinen Zögling deklamiren zu hören, und von Zeit zu Zeit gab er durch ein beifälliges Lächeln, oder durch eine Be⸗ wegung des Kopfes zu verſtehen, daß er zufrieden ſei. Als der Monolog beendigt war, klopfte Triſte⸗ patte dem Oedip auf die Schulter, der ſo in Schweiß gebadet war, als ob er eben aus dem Waſſer käme: „Sehr gut, Alfred.. ſehr gut, mein Freund.. Das läßt etwas erwarten... es ſteckt ein Eßlair in dieſer Ausdrucksweiſe, doch bleibt Ihnen noch viel zu thun übrig.. Paſſen Sie auf, mein Freund, ich werde Ihnen den Monolog vorſprechen.. und jede einzelne Betonung hervorheben, geben Sie wohl Acht.“ Triſtepatte nahm ein Stück rothes Zeug, welches er um ſeine blonde Perüke band, um einen grie⸗ chiſchen Kopfputz zu haben. Alsdann legt er den alten Schlafrock in Falten wieder um ſeinen Körper, wirft ſich in die Bruſt und beginnt: So iſt das ſchreckliche Orakel denn erſüllt, und meine Furcht hat ſeinen Schlag beſchleunigt. „Alles das ohne Hebung der Stimme ich ſpare meine Kraft für die Effekte.. Und ſeh' mich endlich, in entſetzlicher Verwirrung, als des eigenen Blutes Schänder, Als Vatermörder und doch tugendhaft.. ——— „Hier werde ich ein wenig warm. Elende Tugend! „Hier ſtampfe ich und trete eiien Schritt zurück. Traurig ſeerer Schall! Du, deren Vorſchriſt ich im ganzen Leben, Dos ich nunmehr venfluche, nachgeſt ebt... „Mit ſehr bitterem Lächeln.. Vor meinem ſchwarzen Stern biſt Du erbleicht! „Dabei öffne ich die Arme. Ich floh die Schlinge, darum fiel ich drein. „Ich ſtelle mich, als ſähe ich eine Grube vor meinen Füßen. Ein ſtärk'rer Gott als Du, riß mich zum Frevel. Und unter meinem flücht'gen Fuß grus er Hier wurde der Profeſſor durch die Ankunft zweier Mädchen unterbrochen, welche kleine Häubchen und ſeidene Schürze trugen, und mit ſehr leicht⸗ fertiger Miene in das Zimmer traten, indem ſie ausriefen:„Iſt es hier, wo man Komödie ſpielen lernt?... Wir wollen Lectionen nehmen; wir ſpielen übermorgen bei Herrn Génart, Rue de Cancri, mit Künſtlern vom Fache, und wir möchten auch nicht gar zu ſehr zurückſtehen. Was mich be⸗ trifft, ich habe ein ſehr gutes Gedächtniß, behalte Alles, was ich will. und meinerſeits, findet man, daß ich Couplete allerliebſt finge.. Ich kann alle die Stückchen der Mamſell Jenny Colon. Wie viel nehmen Sie für die Lection, mein Herr? 94 Sie müſſen nicht gar zu viel verlangen; wir ſind Franſenmacherinnen.. Wir wühlen nicht im Golde herum Aber dies kommt vielleicht noch„ „Wir werden ſchon einig werden, meine Damen... Ich übernehme Niemand. Setzen Sie ſich doch.“ „Dürfen wir hier bleiben, um Ihre Zöglinge ſpielen zu ſehen?“ „Gewiß, ich habe heute große Stunde Das kann Ihnen nur nützlich ſein.. Alfred, ich werde Ihnen ein andermal den Oedip vollſtändig vor⸗ tragen Ich bin dieſen Morgen ſo ſehr in An⸗ ſpruch genommen.. So viele Schüler... „Mein Herr,“ ſprach eine der Griſetten, indem ſie ſich hinſetzte,„wir wollen in der Agnes von Belleville ſpielen, können Sie uns dieſes Stück einüben?“ „O! meine Damen, ich zeige Ihnen Alles, was Sie nur wünſchen!.. Ah! Hier iſt Herr Julius... Kommen Sie doch näher, mein lieber Freund.. Man wartete nur auf Sie, um anzufangen.“ Julius triefte vor Schweiß, er trug ein Käſichen mit Fau de Cologne⸗Flaſchen unter dem Arm, das er in einen Winkel ſiellte; als er Guerreville be⸗ merkte; lief er raſch auf ihn zu, um ihn und den* Doktor zu begrüßen. Guerreville reichte ihm die Hand und ſagte zu ihm:„Sie ſehen, junger Mann, daß ich Wort halte.“ „Ol mein Herr, ich danke Ihnen tauſendn Ich bin ganz troſtlos, daß ich Sie habe laſſen. Aber mein Vater hatte mir mehre Aufträge ————— — gegeben, und ich konnte mich derer nicht ſchneller entledigen. Ach! wann werde ich endlich von der Pomade, von den Handſchuhen loskommen!... Endlich werden Sie mich ſpielen ſehen, meine Herren, und ich bitte Sie, mir ohne Umſtände zu ſagen, was Sie von meinen Anlagen halten.“ „Wir hätten keinen Grund, Sie zu täuſchen, daher können Sie auf unſere Offenherzigkeit rechnen.“ Julius ſchickte ſich an, zu ſpielen, und zu gleicher Zeit mit ihm Alfred, der Gewürzkrämerburſche, Mamſell Joſephine und die junge Cäſarine Gri⸗ gnoux. Während ſeine Zöglinge damit beſchäftigt waren, auf das Gerüſte zu ſteigen, entſchlüpfte der Profeſſor, er ging mit ſeinem griechiſchen Kopfputze fort, kam jedoch bald wieder zurück, von den beiden alten Frauen aus dem dritten Stocke und einem bejahrten Manne begleitet, der ſehr dick war und kaum gehen konnte, obgleich er ſich auf einen Stock ſtützte; dieſer Herr, welcher Pantoffel trug, und den Kopf mit einem ſchwarz ſeidenen Käppchen be⸗ deckt hatte, hielt in der linken Hand ein ſtählernes Horn, dergleichen ſich Leute bedienen, welche mit Taubheit behaftet ſind. Triſtepatte gibt ſich viele Mühe, ſein Publikum zum Sitzen zu bringen; dem dicken Herrn wies er ſeinen Platz in dem Rollſtuhle an, dann ging er zu Guerreville und flüſterte ihm ins Ohr:„Ich bitte Sie um Verzeihung, wenn ich einige Nach⸗ barn hergebracht habe, die heraufkommmen, ohne Toilette gemacht zu haben.. Aber das beachten Künſtler wenig, und ich halte viel darauf, meinen alten Nachbar hier zu haben; er iſt ein trefflicher Kenner von Geſangspartieen; er war vierzig Jahre lang in verſchiedenen Orcheſtern von Paris Vio⸗ loncelliſt: er iſt ein ausgezeichneter Muſiker, unglück⸗ licherweiſe iſt er ein wenig taub geworden, und dadurch war er genöthigt, ſich zurückzuziehen.“ „Aber,“ ſogte Jenneval,„wenn ertaubiſt, wiekann er da die Geſangsanlage Ihrer Zöglinge beurtheilen?“ „O! mit ſeinem Horne hört er ſchon noch Aber Sie begreifen, daß er ſich in einem Orcheſter nicht das Horn vorhalten und ſein Inſtrument ſpielen konnte.“ „Das iſt ganz richtig.“ „Meine Damen, nehmen Sie doch Platz.“ Dieſe Einladung galt den beiden alten Nach⸗ barinnen, von denen die Eine, die mit dem ſchwarzen Rocke, ihren ungeheueren Hut aufbehalten, während die Andere einen alten, rehfarbenen Shawl über ihr Negligé geworfen, und ſich ein kleines Hütchen aufgeſetzt hatte. Dieſe beiden Damen ſtanden ehr⸗ furchtsvoll hinter den Stühlen, und die beiden Griſetten hatten ſchon mehremal laut aufgelacht, wenn ſie die alten Weiber ſich betrachteten. Auf Triſtepatte's Einladung ſetzten ſich die Letztern end⸗ lich auf den Sopha, der Madame Grignoux zur Seite, welche eben daran war, die vierte Brätzel, die ſie aus ihrem Korbe genommen hatte, zu ver⸗ zehren.„Wir werden Ihnen zwei Akten von Zaire vorſpielen,“ fagte der Profeſſor, indem er ſich ſein 97 Schnupftuch wie einen Gürtel um den Schlafrock wand, und auf ſeinen Kopf einen Helm ſetzte, der vollkommen einem Trichter glich. Julius hatte bereits einen Turban aufgeſetzt und ſich in ein gro⸗ ßes Stück grüner Leinwand eingewickelt. Der junge Alfred hatte ſein Haupt mit einem Ritterhelm be⸗ deckt. Die beiden jungen Mädchen zogen bloß ihre Kämme heraus und ließen die Haare über die Schul⸗ tern hinabfliegen. Der Krämerburſche zog eine Tu⸗ nica über ſeine Weſte und wand ſich um den Leib einen Gürtel, an welchem ein Kinderſäbel hing. Der Profeſſor ging von einem ſeiner Zöglinge zu dem andern, betrachtete Jeden genau und rieft „Nicht übel, meine Kinder! Alfred, der Helm ſitzt Ihnen zu tief in der Stirne, laſſen Sie Ihre Augen⸗ brauen ſehen. mehr hinauf, ſo iſt es recht. Ju⸗ lius, den Turban tief eingedrückt; werfen Sie den Mantel auf der linken Schulter ſtark in Falten.. Brülard, mein Freund, ſuchen Sie es zu vermei⸗ den, den Säbel ſtets zwiſchen Ihren Beinen zu ha⸗ ben, es würde ſie ſonſt bei Ihren Abgängen geniren. Sie, meine Damen, Sie ſtellen Zaire und Fatime vor; Mamſell Joſephine, bedenken Sie, daß Zaire in ihrem Herzen Chriſtin iſt, und Muſelmännin in der Tiefe ihrer Seele: ſeien Sie davon ganz durch⸗ durchdrungen; es iſt eine der ſchönſten Rollen des Stückes. Sie beten Orosman als Menſchen an, und haſſen ihn als Muhamedaner; machen Sie mir alle dieſe Nüancen recht bemerklich. Sie, kleine Cä⸗ ſarine, heben den Stolz Fatime's hervor.“ Paul de Kock. XCvI. 7 98 „Wenn Sie noch einer Vertrauten bedürfen, ſo wiſſen Sie, daß ich da bin, Herr Triſtepatte,“ ſagte Madame Grignoux. „Danke, Madame Grignoux, in dieſem Stücke nicht. Aber ich bemerke ſoeben, daß wir keinen Souffleur haben, wollen Sie wohl ſo gütig ſein, dieſe Stelle zu übernehmen?“ „Sehr gerne, Herr Triſtepatte, um ſo mehr, als ich mit einer großen Gewandtheit ſpufflire; es ge⸗ nirt mich nicht im geringſten! Sie ſollen hören, wie ich da ſouffliren werde. Aber wo iſt denn das Heft? 251 gut, es iß ein ganzer Band. Ich will mich dem Theater gegenüberſetzen. Ich bin gar nicht böſe, den Souffleur machen zu müſſen, weil Cäſarine ihre Rolle nicht recht kann, und Sie be⸗ greifen wohl, daß dies bei Künſtlerinnen häufig vorkommt. Ich ſage das nicht aus Bosheit.“ „Hinauf, hinauf aufs Theater, meine Kinder, ich mache den Luſignan. Wir wollen mit dem zwei⸗ ten Akte anfangen.“ Mittelſt einer kleinen Bank ſtiegen der Profeſſor und ſeine Zöglinge auf das Gerüſt, dann verbar⸗ gen ſie ſich hinter den Tapetenſtücken, welche Cou⸗ riſſen vorſtellten. Triſtepatte that drei Schläge, wo⸗ durch eine ſolche Wolke von Staub aufgewirbelt wurde, daß Madame Grignour, welche gerade ſo ſaß, daß ihr Kopf an die Bretter reichte⸗ einen hef⸗ tigen Huſten bekam, wobei Sie ausrief:„Danke! das iſt das Gewürz zu meinen Brätzeln. Wie es ſcheint wird unſer Theater nicht alle Tage gereinigt.“ ——— Aber das Auftreten von Nereſtan und Chatillon zwang den Souffleur, ſeine Betrachtungen abzubre⸗ chen. Der junge Clerc machte Nereſtan, und Brü⸗ lard den Chatillon. Die erſte Scene ging ohne Un⸗ terbrechung vorüber; die beiden Zöglinge wußten ihre Rollen auswendig und bedurften des Souffleurs durchaus nicht, der ihnen nur von Zeit zu Zeit zu⸗ rief:„Nicht ſo ſchnell! Peſt! Wie Sie eilen! Ich kann Ihnen ja gar nicht folgen, ich.“ Zaire erſchien mit fliegenden Haaren. Dasjenige Frauenzimmer, welches dieſe Rolle ſpielte, hat eine Kopfſtimme, welche die Ohren der Hörer zerriß, ſo daß der alte, taube Herr, der bis dahin gar keinen Antheil an dem Stücke zu nehmen ſchien, ein Zei⸗ chen ſeiner Zufriedenheit machte, indem er leiſe vor ſich hinflüſterte:„Allen Reſpekt, die hat Organ.“ „Zaire war im Zuge, Ihre Rolle herzuſagen, als Madame Grignoux ſich halb erhob, ihren Kopf über die Bretter wegſtreckte und rief:„Wohlan! warum trittſt Du nicht auch auf, Du, Cäſarine, was bleibſt Du da ſo hinter der Leinwand ßlecken? Biſt Du nicht die Vertraute Fatime?“ „Sie tritt in dieſer Scene nicht auf,“ ſchrie der Profeſſor,„ſchweigen Sie doch, Suuffleur!“ „Was? das wäre mir eine ſchöne Geſchichte, bezahle ich deßhalb meine fünfzehn Sous, daß meine Tochter hinter den Couliſſen bleiben ſoll, während die Andern ſpielen? Da ſie die Vertraute macht, muß ſie deßhalb nicht immer ihrer Herrin folgen?“ 100 „Man ſagt Ihnen, daß ſie nicht in dieſe Scene gehört.“ „Und ich, ich ſage Ihnen, der Autor hat einen Feh⸗ ler begangen, ganz offenkundig. Komm doch, Fatime, Du Kleine! Das gewöhnt ſie immer ans Publikum.“ um Madame Grignoux zufriedenzuſtellen, ftieß der Profeſſor Fatime aufs Theater vor. Die Ver⸗ traute erſchien, indem ſie eine Brätzel kaute. Bald darauf erſchien Triſtepatte als Louſignan. Bei ſei⸗ nem Auftreten fingen die beiden Frauen aus dem dritten Stocke aus Leibeskräften zu applaudiren an, während die eine der Griſetten zu ihrer Freundin 1 ſagte:„Ol meine Liebe, wie gemein er iſt! Er gleicht einem abgebrochenen Stuhle!“ Triſtepatte ſprach ſeine Scene ſo gedehnt, daß er ſie eine halbe Stunde lang hinzog. Er hielt inne und machte Pauſen, er ſetzte ſich, während er ſich von Zeit zu Zeit unterbrach, um zu ſeinen Zög⸗ lingen zu ſagen:„Geſicht zum Publikum, Zaire. Geben Sie doch Acht, Sie kehren ja dem Parterre den Rücken zu. Aufgemerkt, meine Damen, ſtellen Sie ſich doch nicht immer verkehrt. Aus Euren Armen, meine Kinder, kann ich mich nimmer reißen, Ich ſeh' Dich endlich wieder, trauervolle Familie, die mir ſo theuer, Du Mein Sohn und würdiger Erbe Alfred, mein Freund, Ihr Helm fällt Ihnen auf die Naſe, man ſieht Ihr Geſicht nicht mehr; wie wollen Sie, daß das Publikum über den Ausdruck Ihrer Augen urtheile?“ —— 101¹ „Das iſt nicht meine Schuld, er iſt zu groß.“ „Dann legt man ein Schnupftuch hinein. Du, ach, Du, o LTochter, Zerſtreue den Verdacht mir, nimm hinweg Den Trug „Den Fluch!“ ſchrie Madame Grignaux. „Wie, Souffleur?“ „Ich ſage Ihnen, es heißt: Fluch.“ „Pahl! Unmöglich! Sehen Sie genauer.“ Triſtepatte ſah im Buche nach und gab es ihr mit den Worten zurück:„Das iſt doch ſehr ſonderbar, ich habe immer Trug geſagt und man hat mich nie⸗ mals getadelt. Wahrhaftig, ich habe nicht die Kühn⸗ heit, Voltaire zu verbeſſern, aber ich glaube, daß ſich das Wort Unſinn an dieſer Stelle nicht übel ma⸗ chen würde. Ich berufe mich deßhalb auf dieſe Herrn.“ Dieſe Herrn aber antworteten nichts; da hiel⸗ ten es die beiden alten Frauen aus dem dritten Stocke für paſſend, zu applaudiren. Triſtepatte dankte und ſetzte die Scene fort. Der Akt ging ohne irgend einen beſonderen Zufall zu Ende, ausgenom⸗ men den Fall von Chatillon, dem ſein kleiner Sä⸗ bel zwiſchen die Beine kam, und der in dem Augen⸗ blicke, da ſie abgehen wollten, zu Nereſtans Füßen hinftürzte. Der zweite Akt begann; Loufignan, der ſeine Rolle beendigt hatte, miſchte ſich unter die Zuſchauer, um ſeine Zöglinge ſpielen zu ſehen. Julius erſchien. Er machte den Orosman. Der junge Mann ließ die grüne Leinwand, die ihm als 102 Mantel diente, um ſich herfliegen; er deklamirte mit Feuer, aber eben ſo falſch als monoton; trotzdem rief ſein Profeſſor aus:„Sehr gut! Julius, ſehr gut! Sie machen ſich, mein Freund, Sie werden es ſehr weit bringen!“ „Ich weiß nicht, zu was es dieſer junge Mann bringen wird,“ ſagte der Doktor ganz leiſe zu Guerreville;„aber ich würde ihm nicht rathen, dieſe Carriére fortzuſetzen, durch welche er ſeinen Tod befördern würde.“ In der That hatte auch, als der zweite Akt der Zaire zu Ende ging, Julius ſolche Anſtrengungen gemacht, um Effekt hervorzubringen, daß er nicht mehr ſprechen konnte; er hatte ſich überboten und war ganz erſchöpft. Triſtepatte hüllte ihn in eine Leinwanddecke, ließ ihn auf dem Sopha niederſitzen, indem er ihn mit Lobeserhebungen überhäufte, und ihm die großartigſten Erfolge voraus verkündete. Dann wandte ſich der Profeſſor an die Verſamm⸗ lung und ſagte:„Meine Herren und Damen, wir werden die Schule der Alten nicht aufführen, da mein Zögling Julius, in Folge der bewunderungs⸗ würdigen Glut, die er als Orosman entwickelt hat, zu angegriffen iſt, um fortzufahren; aber wir wollen Ihnen einige Scenen aus einer Komödie, von mei⸗ ner Erfindung, zum Beſten geben. Es iſt ein klei⸗ nes, niedliches Stückchen, in Verſen, und heißt: Der verführeriſche Marquis. Daſſelbe wurde mit vielem Erfolge bereits auf tauſend Liebhaber⸗ Theatern aufgeführt. Joſephine, Sie machen die 103 Gräfin. Stecken Sie Ihre Haare wieder hinauf⸗ meine liebe Freundin. Sie ſtellen eine große Ko⸗ kette dar. Alfred wird den Lafleur ſpielen, einen vornehmen Livréebedienten. Nehmen Sie Ihren Helm ab. Und Brülard den Marquis, den kann er ſehr gut. Cäſarine wird die Liſette machen.“ „Ah! das dachte ich auch,“ murmelte Madame Grignoux,„wenn meine Tochter etwas machen ſoll, führe ich ſie nach Hauſe, damit ſie arbeite, und das ſogleich.“ „Sagen Sie uns doch, mein Herr,“ rief eine der Griſetten,„wird man bei Ihnen nicht in Vaude⸗ villes unterrichtet? Wir wollen ſingen, meine Freun⸗ din und ich.“ „Sogleich, meine Damen, werden wir zur Oper übergehen. Ich werde Sie ſingen laſſen, ich werde— ſelbſt erfreut ſein, Ihre Mittel kennen zu lernen.“ „Er will unſere Mittel kennen lernen,“ ſagte eine der Griſetten zu ihrer Freundin.„Was geht das ihn an? Was bekümmert er ſich darum? da wir ihm ja unſere Stunden bezahlen.“ „Du haſt ihn falſch verſtanden; er meint damit unſere Stimmen.“ „Sage mir doch, Phraſie, amüſirt Dich dieſes Komödienſpiel? Sie ſpielen nicht ſo gut, wie bei Fresnoi im Lazary.“ „St! ſei doch ſtill, ſie wollen uns ein Luſtſpiel aufführen.“ „Allons! angefangen, meine Kinder!“ rief der Profeſſor;„ich weiß mein Stück auswendig, und 104 werde es Ihnen ſouffliren, wenn es nöthig iſt. La⸗ fleur und Liſette eröffnen die Scene. Meine kleine Cäſarine, ſuchen Sie doch mit Ihrer Krußte fertig zu werden, damit Sie nicht immer eſſen, wenn Sie ſpielen. Ich klopfe.“ Triſtepatte beſtieg das Gerüſt, von wo aus er ſich beeilte, ſeinem Publikum drei Staubwolken zu⸗ zuſenden; dann ſtieg er ganz gelaſſen wieder hinab und ſetzte ſich in einen Winkel neben dem Theater. Der junge Alfred, der einen Hut hatte, welcher alle beliebigen Formen annehmen konnte, machte eine Art von Claque daraus, ſchob ihn, wie ſein Profeſſor, unter den Arm und trat hüpfend in die Scene. Das Stück begann: Alfred. Wohlan! die Liebe ſoll und mein Liſetichen leben!... Sie iſt ein ſchelmiſch Kind, bildſchön und gleich ergeben. Mein Herr macht ſeinem Schatz den Hof an dieſem Ort,. Ich, ſein getreuer Knecht, ſetz' mit der Magd es fort. „Betonen Sie es gut, mein Freund,“ ſagte Tri⸗ ſtepatte,„das Alles will zart empfunden ſein, Mein Herr macht ſeinem Schatz an dieſem Ort. Machen Sie einen Hoppas an dieſem Ort, um zu zeigen, daß Sie juſt an dem Ort ſind. den Hof. Einen leichten Schlag auf Ihren ign Sentelte Halt ſehen Sie, wie ich„ Und Herr Triſtepatte, der 6 einen Schlag auf den linken Schenkel geben wollte, trifft den unge⸗ ren Hut einer der alten Nachbarinnen hinter ihm, welcher bis ans andere Ende des Saals fliegt; ——— 105 jetzt ſicht man einen halb grauen, halb blonden Kopf, auf welchem ein alter Strumpf als Baumwollen⸗ mütze ſitzt. Der Profeſſor ſtottert tauſend Entſchul⸗ digungen, läuft dem Hut nach und bringt ihn eiligſt 1 ſeiner Eigenthümerin zurück, welche den beiden Gri⸗ ſetten, die dieſer Zufall wieder in große Luſtigkeit 1 verſetzt hat, wüthende Blicke zuſchleudert. „Stille! Silentium! fahren wir fort,“ ſagte der Profeſſor.„An Ihnen iſt es, Liſettchen!“ Fräulein Cäſarine. Ah! ſchaut doch der Herr La„fleur ſucht mich neu zu kirren, Sagt, ich ſei hübſche, und er müſſe um mich girren. Nein, mir ſcheint er ein Spitz buve, der oſtmals lügt; Mich aber kein Schmetter„„ling ſeiner Art betrügt.“. „So iſt es nicht! ſo iſt es nicht!“ ſchrie der Profeſſor, ungeduldig mit dem Fuße ſtampfend. „Ach, mein Gott! Mademoiſelle, wo haben Sie denn gelernt, die Verſe ſo jämmerlich zu zerhacken? Doch mich kein Schmetter ling von ſeiner Art betrügt. Doch mich kein Schmetter dvas iſt abſcheulich! Sie fürchten die Schmetter nicht.“ „Alle Wetter! mein Herr, bei den zwölſwortigen 1 Verſen glaubte ich, falle der Ruhepunkt immer in die Mitte.“ „Sie glaubten falſch, Mademviſelle, Pauſen und Caſuren!... das war gut genug für die alten Dich⸗ ter; aber die jüngern binden ſich an alles das nicht. Fragen Sie nur dieſe Herren da. man ruht ſich aus, wo man will, oder beſſer, wo man kanm Ich habe ein neues Stück geſchrieben, ich darf mich 106 derſelben Freiheiten bedienen, wie meine Collegen. Fahren Sie fort, Liſette.“ Mademviſelle Grignonx recitirte ihre Rolle in einem Athemzug und ohne ſich einen Augenblick aus⸗ zuruhen. Der Profeſſor machte ihr begreiflich, daß er jetzt zufriedener ſei; die beiden Damen aus dem dritten Stocke fingen wieder an zu applaudiren. Der kleine Brülard trat in die Scene; um den Mar⸗ quis vorzuftellen, hatte er ſich ein Floret an die Seite gehängt, in Ermangelung eines Degens, und Manchetten und ein Vorhemdchen aus Papier ge⸗ macht. Brülard. Ah! da biſt Du, Läfleur! Ah! da biſt Du, Liſette! O! Kinderchen Ihr ſeid's. ach lange ſchon hätte Ich den Moment erlauſcht, von meines Herzens Brennen, Der ſchönen Gräfin ein Geſtändniß thun zu könnenz Liſette, nimm das Geld und zudem als Geſchenke Den Ring hier, groß von Werth, nur ſteh' mir bei, ich denke.“ „Sehr gut! ſehr gut! Brülard,“ ſagte Triſte⸗ patte. Dann ſich gegen den Doktor wendend, flü⸗ ſterte er ihm zu:„Wie finden Sie meinen Styl? Er iſt fließend, nicht wahr?“ „Sehr fließend aber verzeihen Sie mir dieſe Bemerkung, es ſcheint mir, als folgen ſehe viele weibliche Reime aufeinander?“ „O! das hat nichts zu ſagen, im Gegentheile, das iſt weicher. Wenn Sie ſich die Mühe geben wollen, auf die Verſe in der großen Oper, oder in der Opera Comique zu achten, ſo würden ſie bemer⸗ 109 „Ja, mein Herr...— O, das iſt ſchön, das iſt prächtige Mufik.. Auf meiner Guitarre fehlen zwei Saiten, ſonſt würde ich Sie begleiten; aber ich werde den Takt ſchlagen. Steigen Sie auf das Theater und fingen Sie mit den nöthigen Bewe⸗ gungen, ich werde die Ritornelle trillern.“ Joſephine kletterte wieder auf die Bretter und ſang ihre Arie aus den Bajaderen, indem ſie alle dazu nöthigen Geſten machte. Der Geſang wurde von dem Profeſſor und ſeinen Zöglingen beklatſcht; Mademoiſelle Joſephine ſtieg mit ſtrahlendem Antlitz wieder in das Zimmer herab. „Wie finden Sie dieſe Stimme, Herr Berruchon?“ fragte der Profeſſor, indem er ſich an den dicken, tanben Mann wandte, und dieſer verſicherte, daß er nichts gehört habe. „Ah, es iſt richtig! Ich dachte nicht mehr daran,“ ſagte Triſtepatte;„Joſephine, meine liebe Freundin, wollen Sie wohl die Güte haben, Ihre Arie noch einmal zu beginnen und ſie diesmal in das Horn des Herrn Berruchon hineinzufingen, damit er über Ihr Talent urtheilen könne?“ Joſephine, als folgſame Schülerin, näherte ſich dem Lehnſtuhle des Herrn Berruchon, der vormalige Violoncelliſt legte das Horn an ſein Ohr und das Mädchen fing nochmals an, ihre Arie zu fingen, indem ſie ihren Mund an den Becher des Hörrohrs legte; da aber der alte Muſiker noch nicht genug hörte, ſo neigte er ſich und brachte das Rohr an das Geſicht der Sängerin, welche daſſelbe jetzt faft 110⁰ ganz darin verſteckt hatte, wodurch ſie in ihren Rouladen ein wenig gehindert wurde. Währenddem wurde die Arie zu Ende gebracht, Berruchon warf ſich wieder an den Rücken ſeines Lehnſtuhls und ſagte:„Eine ſehr ſchöne Stimme! Ein ſehr kräftiger Alt!“ „Ah, Sie finden, daß ſie einen Alt hat,“ ſagte der Profeſſor, in das Hörrohr ſprechend;„ſie ſcheint mir eine ſehr hohe Stimme einen Sopran zu haben.“ „Durchaus nicht, mein Freund; das iſt ein Alt, eine Baßftimme! Was ſagen dieſe Herren dazu?“ „Ich,“ ſagte der Doktor,„ich finde auch, daß das Fräulein eine ſehr hohe Stimme hat; aber wenn dieſe erſt durch ein Hörrohr ſchallt, ſo nimmt es mich gar nicht Wunder, daß ſie in einen Alt übergeht.“ „Wohlan, meine Damen, nun iſt die Reihe an Ihnen,“ ſagte Triſtepatte, ſich zu den beiden Fran⸗ ſenmacherinnen wendend;„Sie wiſſen ohne Zweifel einige Arien auswendig?“ „Ah! ich glaube wohl, daß wir auswendig wiſ⸗ ſen!. Das ganze Repertvir der Mamſell Jenny Colon. die Arie des Herrn Achard... Ah, wie liebe ich die Stimme des Herrn Achard!... Nun, Phraſie, ſinge die Arie aus Commis und die Griſette.“ „Du wirſt mir aushelfen, wenn ich fallire.“ Als ſich das junge Mädchen zu ſingen anſchickte, nahm ſie der Profeſſor der Deklamation bei der „ 111 Hand, führte ſie zu Herrn Berruchon, der ſein Horn feſt ans Ohr gedrückt hielt, und ſagte zu ihr: „Haben Sie die Güte, ſich ein wenig an das Hör⸗ rohr dieſes Herrn zu neigen, damit er Sie hören kann.“ „Das wäre ſchön!“ ſagte die Griſette, indem ſie ſich herumdrehte;„wollen Sie über mich lachen? Das wäre ſehr bequem!... Glauben Sie, daß ich hieher gekommen bin, um in Hörner hinein⸗ ſingen zu lernen?“ „Aber, mein Fräulein, meine Schülerin hat ja eben die Arie aus den Bajaderen:„Kein Auge wende ich ab,“ gut hineingeſungen.“ „Ich weiß nicht, wie ſie das angeſangen hat, aber ich weiß, daß ich nicht in das Horn finge, ich!„ „O, mein Gott! komm, Phraſie, wir wollen gehen. Die Klaſſe dieſes Herrn kommt mir als ein ſchauderhafter Ort vor.“ „Schauderhaft, meine Klaſſe!“ rief Triſtepatte, indem er ſein Schnupftuch über ſein Bein warf; „meine Damen, mäßigen Sie Ihre Ausdrücke, ich bitte Sie darum!“ „Ja, komm! O, wir werden noch immer ſo gut ſpielen, als dieſe Alle hier!... Ueberdies iſt gar kein Mangel an Profeſſoren.. Aber kommt man denn in die Rue du Petit⸗Hurleur, in den vierten Stock, um in ein Horn hineinſingen zu lernen?“ „Meine Damen, reſpektiren Sie Klaſſez mein Talent iſt bekannt, und ich. 112 „O, ich glaube wohl, daß Sie bekannt ſein müſſen, ſeit der Zeit, daß Sie auf der Welt ſind! Komm, Phrafie, wir wollen gehen, wir wollen keine Zaire ſpielen, im türkiſchen Coſtüme ſieht man ſo häßlich aus; ich grüße Sie, meine Herren, meine Damen.“ Die beiden Frauenzimmer begaben ſich hinweg, indem ſie laut auflachten, während Triſtepatte, roth vor Zorn, am Rande ſeiner Bühne auf⸗ und ab⸗ ging und die Zöglinge über das, was ihr Profeſſor ſo eben hatte anhören müſſen, wie verſteinert daſtanden. „Es gibt keine Sitten mehr. es gibt keinen Reſpekt mehr. es gibt kein Decorum mehr murmelten die beiden alten Nachbarinnen, während Berruchon, der von Allem, was vorgegangen, kein Wort gehört hatte, fortwährend ſich das Horn ans Ohr hielt, indem er ſchrie:„Wird mir Niemand etwas vorfingen?“ „Die kleinen Unverſchämten!“ ſagte Madame Grignvux,„ſie hätten eine Züchtigung verdient.. Ich hätte ihnen gar zu gern die Ruthe gegeben.“ „Und ich auch,“ ſagte der Krämerburſche;„um ſo mehr, als ſie fortwährend gelacht haben, wäh⸗ rend ich den Chatillon ſpielte.“ „Ich wette,“ ſagte Triſtepatte,„aß einer mei⸗ ner Collegen, der über den Erfolg meines Unter⸗ richts eiferfüchtig iſt, mir aus Haß dieſe Frauen⸗ zimmer auf den Hals geſchickt hat.“ Während dieſer Unlerredung erhoben ſich Guerre⸗ 113 ville und der Doktor von ihren Sitzen; Julius hatte ſeine Leinwandhülle abgelegt, ſich den Rock wieder angezogen und den Hut genommen; er nahm Ab⸗ ſchied von dem Profeſſor, der ihm die Hand drückte, indem er ihm noch ſagte: Mein lieber Freund, ich bin entzückt von Ihnen, Sie werden es weit brin⸗ gen, ich ſtehe Ihnen dafür; mit Hülfe meines Un⸗ terrichts werden Sie noch auf unſern erſten Thea⸗ tern glänzen.“ Dann wandte ſich Triſtepatte an Guerreville und ſagte zu ihm:„Kann ich wohl ſo glücklich ſein, zu glauben, daß Sie und Ihr Freund an meinen Vorftellungen einiges Vergnügen gefunden haben?“ „Sehr viel, mein Herr, ſehr viel Vergnügen!“ entgegnete der Doktor,„und ich verſichere Sie, daß ich dieſen Morgen nie vergeſſen werde.“ „Wenn mir dieſe Herren die Ehre geben woll⸗ ten, wieder zu kommen, ſo würde ich mich durch die Gegenwart ſo ausgezeichneter Kunßtliebhaber ſehr geſchmeichelt fühlen.“ Dieſe Worte waren von unzähligen Bücklingen begleitet, und Triſtepatte fuhr auf dieſe Art fort, bis er ſie an die Treppe geleitet hatte. Endlich trat Guerreville und ſein Freund aus dem Hauſe des Profeſſors der Deklamation; der junge Julius begleitete ſie auf die Straße und ging noch einige Schritte neben dem Freunde ſeiner Mut⸗ ter her: man ſah es ihm an, daß er vor Begierde brannte, Guerreville zu fragen, was er über ſeine Anlagen für die Bühne urtheile; doch er, Panl de Kock. XCVI. 114 nicht, wie er das Geſpräch anknüpfen ſollte, ob⸗ gleich die Schmeicheleien ſeines Lehrers ihm viel Vertrauen zu ſeinem Talente eingeflößt hatten. Jenneval bemerkte die Verlegenheit des jungen Mannes und ſagte im Weggehen zu Guerreville mit halblauter Stimme:„Nun gut.. ſagen Sie nichts zu dem Zöglinge des Herrn Triſtepatte, oder wollen Sie, daß ich mit ihm ſpreche? Der junge Mann möchte doch gern wiſſen, was Sie von ſei⸗ nem Talente halten.“ „Von ſeinem Talent!.. Armer Burſche!.. O, ſeine Mutter hatte ſehr Recht!“ Endlich gelangten ſie auf die Boulevards; Guerre⸗ ville hielt ſeine Schritte an. Julius ging immer in einiger Entfernung von ihm, aber ſein Geſicht hatte ſich verfinſtert, well man nicht mit ihm ſprach; endlich wandte ſich Guerreville nach ſeiner Seite und richtete das Wort an ihn:„Herr Julius, ha⸗ ben Sie noch immer Luſt, Schauſpieler zu werden?“ „Ohne Zweifel, mein Herr.“ „Allein Sie haben Unrecht, ſehr Unrecht.“ „Wie, mein Herr, Sie finden keine Anlagen in mir?“. „Gar keine. „Indeß, mein Profeſſor. „Ihr Profeſſor iſt ein Narr, den ich für unfähig halte, Sie in dem zu unterrichten, was er ſelbſt nie gekonnt hat.“ Der arme Julius war wie verſteinert; er hatte Schmeicheleien erwartet und man ſagte ihm ohne * 11⁵ umſtände, daß er nicht die mindeſte Anlage für das Theater gezeigt habe. Die Röthe ſtieg ihm ins Geſicht, er ſchwieg jedoch, ſchlug die Augen nieder und ging weiter. Der Doktor näherte ſich dem jungen Mann, deſſen Illuſionen alle eben vernichtet worden waren, und ſprach zu ihm, indem er ihn ſanft unter dem Arm faßte:„Sehen Sie, mein lieber Julius, Sie ſind noch ſehr jung: geſtatten Sie, daß ich Ihnen einen Rath gebe?“ „Ich werde Sie anhören, mein Herr.“ „Ich will mir nicht erlauben, über Ihren Beruf für das Theater zu urtheilen, mein Ausſpruch in dieſer Beziehung dürfte ſelbſt nicht competent ſein; aber ich bin Arzt, und als ſolcher will ich zu Ihnen ſprechen: Sie find mit ſehr zarten Lungen begabt, glauben Sie mir und gehen Sie nicht zum Theater, Ihre Geſundheit würde dadurch ſehr leiden und vielleicht würden Sie die Anſtrengung gar nicht aushalten können, die Sie machen müßten, um ein großer Künſtler zu werden Ueberlegen Sie das wohl. In Ihrem Alter ſcheint Einem das Le⸗ ben ſo lang, ſo ſchön.. Statt es durch immer von Neuem ſich wiederholende Anſtrengungen abzu⸗ kürzen, wäre es da nicht beſſer, wenn Sie es durch paſſende Genüſſe ſtärkten?“ „O, mein Herr, mein Leben würde ſehr traurig ſein, wenn ich Parfümeur bliebe.“ „Können Sie denn gar nicht Anderes werden, als Parfümeriehändler oder Schauſpieler? Gibt 116 es nicht in den Künſten ſelbſt noch tauſend andere Wege, die Sie verfolgen können?.. Herr Guerre⸗ ville intereſſirt ſich für Sie er wird Sie leiten; ſeine Rathſchläge müſſen Sie befolgen.“ „Sie glauben, daß Herr Guerreville Antheil an mir nimmt?. O, wie glücklich würde ich ſein, wenn dem ſo wäre!.. Meine Mutter hat mir ſo dringend empfohlen, alle meine Kräfte aufzubieten, um ſeine Freundſchaft zu verdienen. Aber Herr Guerreville hat manchmal eine ſo ſtrenge Miene, welche mich einſchüchtert.“ „Herr Julius, wenn Sie erſt mehr Weltkenntniß haben, ſo wird es Ihnen klar werden, daß es beſſer iſt, bisweilen ſtrengen Mienen zu begegnen, die Ihnen die Wahrheit ſagen, als lächelnden, die Sie belügen.“ „O, ohne Zweifel, mein Herr; aber„trotz⸗ dem wage ich es nicht, zu glauben Sie ſehen ja, daß Herr Guerreville jetzt kein Wort mehr von mir ſagt. Ich will Sie verlaſſen, denn ich befürchte, ihn zu beläſtigen.“ „O, er iſt oft zerſtreut, kunetiſche Er hat Kummer, den man berückſichtigen muß.“ „Kummer! O, Sie glauben, er habe Kummer?“ „Ich weiß es gewiß.“ „Ah! dann bin ich ihm viel Dank dafür ſchuldig, daß er ſo gütig war, heute zu meiner Deklama⸗ tionslehre zu kommen.“ „Ja, er hat Ihnen dadurch ein großes Opfer gebracht, und dies beweist, daß er Theil an Ihnen 117 nimmt; um ſich dieſe Theilnahme zu erhalten, müſ⸗ ſen Sie dem Theater entſagen.“ „Dem Theater entſagen.. Ach, mein Herr, welches Opfer! Aber, ich werde ſehen ich werde überlegen.. Adien, mein Herr!“ Julius grüßte den Doktor, dann ſagte er meh⸗ remale zu Guerreville: Adieu! und da er keine Antwort erhielt, grüßte er ihn ehrerbietig und ent⸗ fernte ſich. „Armer Burſche!“ ſagte Jenneval zu ſich;„ich habe ihn verſichert, Guerreville intereſſire ſich für ihn; aber ich glaube, ich bin zu weit gegangen.“ Und ſich Guerreville nähernd, ſagte der Doktor zu ihm:„Nun, er hat uns verlaſſen.. Er iſt ganz troſtlos weggegangen über das, was Sie ihm geſagt haben.“ „Wet iſt dies?“ fragte Guerreville mit erſtaun⸗ ter Miene, aus ſeinen Träumereien erwachend. „Wer ſonſt als Herr Julius, der junge Mann, den ſeine Mutter Ihnen empfohlen hat.“ „Ach! Verzeihung.„ Verzeihung, Doktor! Ach ja, Julius!... Ich hatte ihn vergeſſen!“ „Das ſah ich wohl,“ ſagte Jenneval zu ſich ſelbſt;„ein einziges Gefühl nimmt ſein Herz ſo ſehr in Anſpruch, daß kein anderes mehr Platz darin hat.“ 118 Fünftes Kapitel. Die Damen Dolbert. In einem ſehr ſchönen Salon, deſſen Fenſter nach dem Boulevard de la Madeleine gingen, ſaß eine alte, elegant gekleidete Dame auf einem Di⸗ van; ihr Rücken und ihre Arme waren mit Kiſſen umgeben, die Füße hatte ſie auf ein ſchönes, mit Stickereien eingefaßtes Tabouret geſtellt. Ein Buch lag zur Seite der alten Dame, die ihre Lektüre öfters unterbrach, um in ein kleines Seitenzimmer zu blicken, deſſen Thüre weit geöffnet war. Dieſes kleine, mit weißem Kaſchemir austape⸗ zirte Zimmer war mit allen kleinen Koſtbarkeiten und phantaſtiſchen Spielereien angefüllt, welche erfunden worden ſind, um den Mußeſtunden einer Frau einigen Reiz zu verleihen. Lackirte Tiſche waren mit Schachteln, Kleinigkeiten für den täg⸗ lichen Gebrauch, Tabletten, Andenken und mit allem dem zum Malen und Zeichnen nöthigen Material bedeckt. An der Seite eines Dintenfaſſes von Perl⸗ mutter erblickte man einen niedlichen Affen aus Porzellan; neben einer Arbeitstoilette war Pouſtro oder ein neues Spiel. Dieſes liebliche Zimmer war das Boudvir Stephaniens, der Enkeltochter von Madame Dolbert.* Stephanie war erſt ſechszehn Jahre alt; es war ein herrliches Mädchen, blond, roſig, lieblich und voll Grazie; mit ihrem ſchönen griechiſchen Profil, mit ihren dicken Haarflechten ä la Clotilde, erinnerte 119 Stephanie an die lieblichen Burgfräulein, welche wir in den Gemälden aus dem Mittelalter damit 6 beſchäftigt ſehen, ihren Rittern eine Schärpe zu ſlicken; beſonders aber geſiel an dem jungen Mäd⸗ chen eine gewiſſe Offenheit, eine echt kindliche Hei⸗ terkeit, welche die ſicherſten Beweiſe von ihrem Mangel an Koketterie und ihrer Anſpruchsloſigkeit waren. Stephanie trug einen feinen neberrock von weißem Mouſſelin, lag auf den Knieen und war damit be⸗ ſchäftigt, eine hübſche Puppe anzukleiden, welche ein kleines Mädchen von ſechs bis ſieben Jahren 3 hielt; dieſes kleine Mädchen, ebenſo elegant ge⸗ kleidet wie Stephanie, war daſſelbe, welches einft einen Rock aus grober Leinwand getragen und nur eine ſchlechte, ſehr abgenützte Schürze hatte und in einer Dachkammer wohnte, in der es ihr oft an dem Nöthigſten gebrach. Es war die kleine Zizine⸗ welche bei Stephanie Dolbert ſo ſehr in Gunſt ge⸗ kommen, die jetzt mit ihr zuſammenwohnte; trotz des Unterſchiedes ihrer Kleidung und ihrer Lebens⸗ weiſe aber war es noch immer die kleine, blaße,— niedliche Geſtalt mit dem ausdrucksvollen Geſichte, welches einen ihr Alter weit überſchreitenden Ver⸗ ſtand anzeigte. Stephanie, die in Folge ihres Charakters, viel⸗ leicht noch mehr Kind war, als ihre kleine Freundin⸗ fand viel Vergnügen daran, die Puppe zu putzen, und bald ſetzte ſie ſich mitten ins Zimmer nieder, ohne zu fürchten, daß ihr ſchöner Anzug darunter 120 leiden müßte, oder ſie rutſchte auf den Knieen hin und verfolgte Zizine, welche fortlief und ſich hinter einem Schrank verbarg, und wenn man ſich er⸗ haſchte, dann gab es ein ſchallendes Gelächter, ſo offen, ſo glücklich, daß man es bedauert haben würde, die liebenswürdige Stephanie vernünftiger zu ſehen. Seitdem Zizine bei Madame Dolbert wohnte, floſſen ihre Tage unter dieſen unſchuldigen Ver⸗ gnügungen dahin, welche dann und wann nur durch eine Stunde in der Mnſik, im Schreiben oder Zeichnen unterbrochen wurden. Stephanie, welche mannigfache Talente beſaß, hat es über ſich nehmen wollen, ihren kleinen Schützling darin zu unter⸗ richten, und die Schülerin, welche die glücklichſten Anlagen bekundete, war manchmal geſetzter als ihre Lehrerin, die nur zu oft von dem Unterrichte auf⸗ ſprang, um ſich zu irgend einer Spielerei zu be⸗ geben. Das Kind zeigte ein lebhaftes Verlangen, zu lernen; es ſchien, als wollte Zizine beweiſen, daß ſie deſſen, was man für ſie that, auch würdig ſei, und oft war Stephanie genöthigt, zu ihr zu ſagen, arbeite nicht ſo ſehr, meine Kleine, Du wirſt Dich ermüden. Zizine aber entgegnete: O! das Lernen macht mich nicht müde!.. und ich möchte gern Alles ſo vollkommen wiſſen wie Sie!... Mein Papa Jerome wird ſehr vergnügt ſein, ſehr ſtaunen, wenn er mich Clavier ſpielen hört!.. Stephanie ging weder ins Theater noch ſpa⸗ zieren, ohne ihre kleine Freundin mitzunehmen; ſie 121 langweilte ſich auf einem Balle, in einer Soirée, weil Zizine nicht dabei war. Madame Dolbert, die ihre Enkelin anbeteie und ihr immer viel nachge⸗ geben hatte, widerſprach ihr in keiner Sache. Ste⸗ phanie hatte gewollt, ihr Günſtling ſollte wie ſie gekleidet ſein, ihr Bett ſollte an der Seite des ihrigen ſtehen, es ſollte ihr an nichts mangeln; die gute Großmutter hatte Alles bewilligt, ſo daß Zi⸗ zine behandelt wurde, wie wenn ſie zur Familie gehörte. Aber dieſes neue Glück, dieſe Umwandlung ihrer Lage, ließen das Kind die Bodenkammer, in der es einſt gewohnt hatte, und den Waſſerträger Jerome nicht vergeſſen; ſie ſprach oft davon; ſie wurde un⸗ ruhig, wenn ihr Vater ſie lange Zeit nicht beſucht hatte, und manchmal mußte Stephanie alle ihre Beredſamkeit anwenden und ihre Liebkoſungen ver⸗ doppeln, um Zizine vom Weinen abzuhalten, weil ſie an ihren armen Vater dachte. Stephanie hatte eben zu Zizinens Zerſtreuung, welche tief aufſeufzte und ſagte, ihr Vater hätte ſie ſchon ſeit geraumer Zeit nicht mehr beſucht, die Puppe zur Hand genommen, die im Boudoir an⸗ gekleidet wurde. Die Traurigkeit des Kindes hatte ſich raſch zerſtreut; es war noch in dem glücklichen Alter, wo Lachen und Weinen ſo nahe an einander grenzen, und Stephanie, entzückt, ſie wieder heiter zu ſehen, gab ſich all den Ausgelaſſenheiten hin, die ihr durch den Kopf fuhren. „Wie! meine Tochter, Du knieſt noch auf dem 122 Boden!“ ſprach Madame Dolbert, indem ſie ihre Blicke nach dem kleinen Zimmer richtete. „Ja, gute Mama, ich bin auf den Knieen. So iſt es mir bequemer, um unſere Puppe S ziehen.“„ „Aber Stephanie, Du biſt nicht mehr in n Alter, um noch mit einer Puppe zu ſpielen. „Warum dies, gute Mama? Ich werde ſpielen, ſo lange mich dies amüſirt! und es wird mich immer amüfiren.“ „Bedenke doch, Stephanie, daß Du in drei Monaten fiebzehn Jahre alt wirſt.“ „Das iſt mir ganz gleich... Muß man denn, wenn man groß wird, dem etiei was einem Freude macht?. O! dann, liebe Mama, möchte ich es vorziehen, mein ganzes Leben hindurch klein zu bleiben, wie Zizine, meine kleine Zizine, die mir verſprochen hat, nicht groß zu werden, um immer mit mir zu ſpielen.“ Und Stephanie ſchlang ihre Arme um den Hals des Kindes, und zog es in einer zärtlichen Umar⸗ mung an ſich. „Zizine iſt vernünftiger als Du,“ verſetzte Ma⸗ dame Dolbert,„und wenn ſie Dein Alter, haben wird, bin ich ſicher, daß ſie mit Si Pupß mehr ſpielen wird.“ „Zizine iſt viel zu vernünfiig weiß es wohl. deßhalb bringe ich ſie zum n, deßhalb mache ich ſie lachen denn ich fürchte; ſie langweilt ſich bei uns und möchte uns verluſen wollen.. und ———. ———— 123 dann, dann würde ich vor Kummer ſterben! Hörft Du, Zizine?“ „O! nein! ich will Dich nicht verlaſſen; ich liebe Dich ſehr,“ ſagte die Kleine, indem ſie ſich ihrerſeits in die Arme ihrer jungen Wohlthäterin warfz„aber ich finde, daß es ſchon ſehr lange iſt⸗ ſeitdem ich meinen Papa nicht geſehen habe. Wenn er krank wäre... dann müßte man mich gehen laſſen, um ihn zu pflegen.“ „Ja, ohne Zweifelz aber ſei ruhig, er iſt nicht krank; ich habe mich vor einigen Tagen nach ihm erkundigt.“ „Wirklich 7 „Ol ich lüge niemals... die gute Mama.. „Warum kommt er alsdann nicht?“ „Weil er keine Zeit hat. Sein harter Stand eines Waſſerträgers hält ihn davon ab.. Du weißt nicht, Zizine, daß ich Deinem Vater, als er das letztemal hier war, den Vorſchlag gemacht habe, ſeine Hantirung aufzugeben... Die gute Mama hätte ihm Geld gegeben, um zu leben, und dann... hätte er thun können, was er gewollt hätte.. dann hätte er Zeit genug gehabt, Dich zu beſuchen; aber Jerome hat es mir abgeſchlagen, indem er ſagte: Mademoiſelle, Sie find ſehr gütig, erweiſen Sie meiner Zinzinette Gutes, dann bin ich einver⸗ 3 ſtanden, aber ich, ich habe die Kraft zu arbeiten, und ich würde ein Taugenichts ſein, wenn ich Ihr Anerbieten annähme. Das war recht häßlich, mir dies abzuſchlagen, nicht wahr? 124 Die Kleine ſchlug die Augen nieder, ſchien ver⸗ legen zu ſein und ſchwieg; denn ſie fühlte in der Tiefe ihrer Seele, daß ihr Vater geantwortet hatte wie er mußte, aber die gute Mama rief:„Jerome iſt ein braver Mann, und ſeine abſchlägige Ant⸗ wort beweist mir, daß er verdient, daß man ſich für ihn intereſſirt.“ „Ja, ein braver Mann! Das iſt ſehr gut,“ ſagte Stephanie ſpöttiſch;„aber, wenn er es den⸗ noch angenommen hätte, wäre Zizine jetzt ver⸗ gnügter.“ „Stephanie, Du verlangſt, daß ſich alle Welt nach Deinem Willen füge. Du überlegſt nicht, meine Liebe, daß Jerome in der Tiefe ſeiner Seele einen edleren Stolz trägt, den er nicht bloß ſtellen darf.“ Stephanie erwiderte nichts; aber ſie erhob ſich, nahm Zizine an der Hand, und indem ſie dieſelbe in den Salon hineinzog, tanzte ſie einen Galopp mit ihr, bis Beide, von der Anſtrengung erſchöpft, auf den Divan neben der Großmutter hinſanken. Die Bekannten der Madame Dolbert erſtaunten manchmal, wenn ſie deren Enkelin noch wie ein Kind ſpielen ſahen, aber wenn man ſie darauf auf⸗ merkſam machte, entgegnete die gute Mama lächelnd: „Ich ſehe nichts Schlimmes darinnen, daß ſie ſo lange als möglich noch Kind bleibt!. Es wird der Augenblick nur zu ſchnell herankommen, in welchem ihre unſchuldigen Vergnügungen keinen Reiz mehr für ſie haben werden; meine Enkelin hat als einzige Stütze nur mich: Sollte ich, um meine 125⁵ Würde geltend zu machen, ſie auszanken, wenn ſie lacht und glücklich ſcheint, ihr befehlen, ſich vor den Leuten hübſch gerade zu halten, eine nachdenk⸗ liche Miene, eine ernſte Haltung anzunehmen, da⸗ mit man von ihrem Verſtande eine hohe Meinung habe O! nein, ich will ihr durchaus keinen Zwang anthun. Stephanie iſt hübſch, ſie hat Ver⸗ mögen. Es wird nur zu bald Einer kommen, der ihr Vermögen wird mit ihr theilen wollen.“ Was die gute Mama vorausgeſehen hatte, ging auch bald in Erfüllung. Eine alte Freundin der Madame Dolbert gab einen großen Ball, Ste⸗ phanie und ihre Großmutter erhielten dringende Einladungen. Madame Dolbert, die nur darauf bedacht war, ihrer Enkelin Vergnügen zu machen, und die glücklich war, wenn ſie die Lobreden hörte, die man deren Schönheit machte, hatte verſprochen, ſich auf dem Balle einzufinden. Aber Stephanie ſagte ſogleich: ich will nicht auf dieſen Ball gehen, außer wenn man mir er⸗ laubt, meine Zizine mitzubringen. „Mein liebes Kind,“ ſprach Madame Dolbert, „was Du verlangſt, kann nicht ſein; wir können dieſe Kleine nicht mit uns in die große Welt nehmen, daß ſie hier immer in Deiner Nähe ſei, will ich wohl leiden, aber bei Fremden dürfen wir uns nicht erlauben, die Tochter Jerome's, des Waſſerträgers, einzuführen.“ „Und warum dies, gute Mama? Du weißt, daß Zizine überall ſo klug und vernünftig iſt.“ ——— 126 „Das macht nichts, es wäre unſchicklich; und wenn ich es Dir abſchlage, kannſt Du Dir denken, daß es durchaus unmöglich iſt.“ „Nun gut! Alsdann ſchlage ich es auch ab, auf dieſen Ball zu gehen, wohin ich meine kleine Freun⸗ din nicht mitnehmen kann.“ Madame Dolbert beſtand nicht darauf, doch war ihr dieſer abſchlägige Beſcheid ſehr zuwider, weil der Ball von einer ihrer älteſten Bekanntinnen ge⸗ geben wurde, und weil ſie wußte, daß dies Ste⸗ phanie zu Ehren geſchah, welche durch ihre Liebens⸗ würdigkeit und ihre Geſtalt die allgemeinſte Be⸗ wunderung erregte. Aber die kleine Zizine hatte, in einem Winkel des Saals ſitzend, keines dieſer Worte verloren, während ſie ſelbſt mäuschenſtille war und ſich nie⸗ mals erlaubte, ſich in ein Geſpräch zu miſchen. Doch als ſie Stephanie allein ſah, näherte ſie ſich derſelben und ſagte zu ihr:„Ich bitte Dich darum, meine liebe Freundin, gehe mit Deiner Großmutter auf den Ball, ohne dies muß ſie ja denken, ich wäre Schuld daran, daß Du Dir kein Vergnügen geſtatteſt.. dann wird ſie mich nicht mehr ſo lieb haben„das würde mich recht betrüben.“ Stephanie umarmte das kleine Mädchen, indem ſie ſagte:„Wie gut Du biſt! ich ihue doch ſehr wohl daran, Dich zu lieben!. Dann lief ſie zu Madame Dolbert und ſagte zu ihr: ſie wolle auf den Ball gehen. Man beſchäftigte ſich ſogleich mit den Lorpexet 127 tungen für Stephaniens Toilette, denn Madame Dolbert wollte, daß ihre Enkelin ebenſowohl durch ihren Putz, als durch ihre Schönheit glänzen ſollte. Nichts wurde vernachläſſigt, um diejenige noch aus⸗ zuſchmücken, welche die Natur ſo wohlgefällig mit ihren Gaben überſchüttet hatte. Der Tag des Balles kam, Stephanie mit eben ſo vielem Geſchmuck als Pracht gekleidet, ſah wie eine Nymphe aus, die im Begriffe ſteht, ſich in die Wolken zu erheben. Jeder bewunderte ſie, und Zizine lief fortwährend um ſie herum, indem ſie ausrief:„O, wie ſchön Du biſt.“ Stephanie allein ſchien gleichgültig für die Wirkung, welche ihr Putz hervorbrachte; ſie ſtieß, während ſie ſich im Spiegel betrachtete, leichte Seufzer aus und murmelte: das war auch der Mühe werth, ſo große Toilette zu machen, ich werde mich langweilen, ich bin es gewiß. Als endlich die Stunde herangekommen war, daß ſie zum Balle fahren ſollte, machte Stephanie immer noch eine unwillige Miene und umarmte Zizine, indem ſie ſagte:„Adieu, morgen werden wir uns gut amüſiren.. Wir werden unſere Puppe ganz ſo anziehen, wie ich jetzt gekleidet bin.“ Ein Gemurmel des Erſtaunens erhob ſich bei dem Eintritt der Damen Dolbert. Die gute Mama war ſo glücklich, als hätten alle Complimente ihr gegolten. In einem gewiſſen Alter genießt man die Triumphe ſeiner Kinder, ſobald man keinen Anſpruch darauf macht, ſelbſt noch jung zu erſcheinen, ſein Alter zu verhehlen und ſich zu ſchmeicheln, man 128 mache noch Eroberungen; in dieſem Falle macht man ſich nur lächerlich und bleibt verlaſſen in irgend einem Winkel ſitzen. Unter den zahlloſen Bewunderern von Stephanie, ſchien beſonders ein Herr von ungefähr dreißig Jahren, den man aber noch einen jungen Mann„ nennen konnte, weil er kaum fünfundzwanzig Jahre alt zu ſein ſchien, von den Reizen des Fräulein Dolbert lebhaft ergriffen zu ſein. Dieſer Herr war auch recht hübſch; groß, edel gebaut, elegant; ſein geiſtreiches, ausgezeichnetes Geſicht war oft ernſt, was in Verbindung mit der eigenthümlichen Bläſſe ſeiner Geſichtsfarbe, ſeinen Zügen einen Anſtrich von Schwermuth gab, der ſchon für ihn einnahm; aber wenn er lächelte, ſo hatten ſeine Augen einen ſchwer zu beſchreibenden Ausdruck, einen Ausdruck, den die Frauen beſſer verſtehen mußten als die Männer, der ſie aber den⸗ noch niemals verletzen konnte. Emil Delaberge, dies war der Name dieſes Herrn, forderte Stephanie bald zum Tanze auf, dabei wechſelte er jedoch mit ihr nur einige unbe⸗ deutende Worte, indem er ſich damit zu begnügen ſchien, ſeine Tänzerin zu bewundern. Beim zweiten Tanze bemühte ſich der junge Mann, Stephanie zum Sprechen zu bringen: dieſe antwortete ihm mit der Milde, mit der liebenswür⸗ digen Offenheit, die ſich ſchon auf ihren Zügen aus⸗ ſprach. Emil ſah auf der Stelle, daß er es mit keiner Kokette zu thun hatte, und daß alle jene 129 Nichtsſagenden, welche ſich auf den Bällen breit machen, auf ſeine ſchöne Tänzerin ſehr wenig Ein⸗ druck machen würden. Stephanie tanzte zum drittenmale mit Dela⸗ berge, als Madame Dolbert, die gerade neben der Frau vom Hauſe ſaß, dieſe fragte, wer der Herr wäre, der mit ihrer Enkelin tanze. „Es iſt Herr Emil Delaberge,“ entgegnete die Dame, ein junger Mann aus ſehr guter Familie. „Doch, meine liebe Freundin, Sie müſſen ja ſeine Tante gekannt haben, die Frau von Marvelle. welche vor fünf Jahren geſtorben iſt.“ „Ja, ich kannte Frau von Marvelle. 2h! dieſer junge Mann iſt ihr Neffe?“ „Ja! Er hatte ſchon fünfundzwanzigtauſend Franken jährlicher Renten, die ihm ſein Vater hin⸗ terlaſſen hatte; von ſeiner Tante, die nicht verhei⸗ rathet war, hat er noch zweimal ſo viel geerbt; er iſt daher ſehr reich und noch lebig, obgleich er nah an den dreißiger Jahren iſt, was man ihm gar nicht anſieht.. Er iſt noch ſo jugendlich. Es iſt ein charmanter Cavalier. der überall gern geſehen wird. Reich, von guter Familie und noch un⸗ verheirathet O! wenn er ſich heirathen wollte, er yätte nur zu wählen„ Er iſt lange Zeit ge⸗ reist, erſt ſeit dem Tode ſeiner Tante ſcheint er ſich in Paris niedergelaſſen zu haben.“ Während dieſer Unterhaltung wechſelte Emil Delaberge einige Worte mit einem jungen Manne, Paul de Kock. XCVI. 9 130 der ſich den Tanzenden genähert hatte, um Stephanie genauer zu betrachten. „Sie ſind glücklich, mein lieber Emil,“ ſagte der neu Hinzugekommene;„Sie tanzen mit der ſchönſten Dame des Balles. und es ſcheint mir, es ſei dieſen Abend nicht das erſtemal.“ „Wahrhaftig ich habe ſchon das Vergnügen gehabt.. Es iſt ein allerliebſtes Mädchen. Wer iſt ſie Wiſſen Sie es?“ „Gewiß, es iſt die Enkelin der Madame Dol⸗ bert, der alten Dame, welche dort unten ſitzt. und die Sie in dieſem Augenblick betrachtet; der Vater der ſchönen Stephanie war in der Magiſtra⸗ tur. Er war ein ſehr achtungswerther Mann, von großem Verdienſte; aber er und ſeine Frau ſtarben ſehr jung und üverließen die kleine Stephanie der Fürſorge ihrer Großmutter, die übrigens vernarrt in ſie iſt und ſie, wie man ſagt, machen läßt, was ſie will... Die junge Dame wird zum wenigſten zwanzigtauſend Franken jährlicher Einkünfte haben: Das iſt eine ſchöne Partie; aber für Sie, Dela⸗ berge, der Sie ein Nabob, ein Kröſus ſind, der eine Provinz erheirathen könnte, iſt es nicht genug; laſſen Sie daher uns dem Fräulein Dolbert den Hof machen und ſiellen Sie ſich nicht unſern Hoff⸗ nungen in den Weg!. Sie ſind ein ſehr gefähr⸗ licher Nebenbuhler!. Sobald Sie erſcheinen⸗ achtet man nicht mehr auf uns Andern, deren Glück oft nur in der Hoffnung beruht.. Man hat nur Augen für Sie, und die Mütter werden Ihnen am 131 Ende noch die Hand Ihrer Töchter anbieten, ſo ſehr ſind Sie nach einer Verbindung mit Ihnen begierig.. Heirathen Sie doch endlich einmal, Delaberge⸗ damit nicht mehr alle Wünſche nach Ihnen allein gerichtet find.“ Emil entgegnete lächelnd:„Es hat keine Eile Ich befinde mich ſehr wohl in meiner Lage! „Ol meiner Treu, mein Lieber, Sie haben ſehr Recht!... Und Eiferſucht bei Seite, geſtehe ich Ihnen, daß ich an Ihrer Stelle mich niemals verheirathen würde!... Oder ich müßte leiden⸗ ſchaftlich verliebt ſein. Aber ein Mann, dem die Triumphe ſo leicht werden, verliebt ſich ſelten.“ Die Unterhaltung wurde nicht weiter geführt⸗ der Contretanz war zu Ende, und der Tänzer von Stephanie verließ ſie, nachdem er ſie zu ihrer Groß⸗ mutter zurückgebracht hatte. Emil wandte indeß keinen Blick von ſeiner ſchönen Tänzerin ab, wäh⸗ rend er doch die Sorgfalt, die er auf Ihre Betrach⸗ tung verwendete, zu verbergen ſuchte. Er hatte zu viel Geiſt und Takt, um ein allgemeines Aufſehen zu geben, um denjenigen jungen Leuten nachzu⸗ ahmen, welche glauben, um die Eroberung einer Dame zu machen, müſſe man ihr vor aller Welt zu verſtehen geben, man ſei in ſie verliebt, und das Mittel, ihr zu gefallen, beſtehe darin, ſich auf eine Art vor ſie hinzuſtellen, daß ſie die Augen nicht aufſchlagen kann, ohne den Blicken zu begegnen⸗ die hartnäckig auf die ihrigen gerichtet find. Gegen die Mitte der Soirée hatte Stephanie 132 bereits mit mehren jungen Leuten getanzt, die ihr Alle zu gefallen geglaubt hatten, wenn ſie ſie mit Schmeicheleien überhäuften, jeder dieſer Herrn ſuchte immer ſeinen Vorgänger in Complimenten zu über⸗ bieten. Jeder ſchmeichelte ſich, liebenswürdiger zu erſcheinen, um ſich ſeiner Tänzerin bemerklicher zu machen, indem er ihre Reize und ihr Benehmen bis in die Wolken erhob. Aber weit entfernt davon, hatten es die jungen Leute nur dahin gebracht, Stephanie zu langweilen, welche, betäubt von ihrem Geplauder, eben einen Contretanz ausſchlug um bei Madame Dolbert zu bleiben. „Sollteſt Du ſchon müde ſein?... Willſt Du, daß wir den Ball verlaſſen?“ ſagte die Großmutter zu ihrer Enkelin. „Nein, gute Mama, das iſt es nicht aber ſehen Sie, alle dieſe Herren, mit denen ich tanze, wiederholen mir immer daſſellbe.. und das lang⸗ weilt mich.“ „Was ſagen ſie Dir denn?“ „Daß ich reizend, daß ich die Schönſte auf dem Balle ſei!. Daß ich tanze wie ein Engel daß ich voll Grazie wäre!. „Ahl mein Gott! und deßhalb ſchlägſt Du den Tanz aus,“ ſprach Madame Dolbert lächelnd. „Ja gute Mama! ſie ſagen mir immer daſſelbe. Uebrigens iſt es nicht wahr, ich bin ge⸗ wiß nicht die Schönſte auf dem Balle, und es ſind noch viele Fräulein da, die beſſer tanzen als ich.. Nicht wahr, gute Mama?“ 133 „Das iſt möglich; aber ich ſehe nicht ein, warum man ſich ärgern ſoll, wenn man einem ſagt, daß man ſchön ſei... In Geſellſchaft, meine Tochter, glauben die Herren den Damen Artigkeit ſagen zu müſſen das iſt ſo gebräuchlich.“* „Das bleibt ſich gleich, ſie ſollten doch nicht wenigſtens Alle das nämliche thun.“ „Würdeſt Du es lieber haben, daß man Dir ſagte, Du wäreſt häßlich?... „Aber ich glaube, das würde mir doch wenigſtens komiſch vorkommen ich würde darüber lachen müſſen.“ „Und alle dieſe Herrn haben doch gefunden, daß Du gut tanzeſt?.. „Mein Gott, ja Ah! Es iſt nur ein Ein⸗ ziger, ja, ein Einziger, der mir keine Complimente gemacht hat... deßhalb habe ich mir dieſen auch gemerkt. Ich ziehe ihn allen Andern vor.“ „Welcher iſt es denn?“ „Gute Mama, es iſt ein Herr, mit dem ich mehremal getanzt habe Er hat ſich mit mir unterhalten, aber nicht wie die Andern, um mir zu ſagen: mein Fräulein, Sie tanzen unver⸗ gleichlich! oder: mein Fräulein, Sie ſind voll Liebenswürdigkeit! Er hat mir über die Soirée, über die Vergnügungen des Wit ters ge⸗ ſprochen, er hat mich gefragt, ob ich muſikaliſch wäre dann noch verſchiedene Dinge dies war doch wenigſtens abwechſelnd.“ „Zeige mir doch den Herrn... 134 „Warten Sie, gute Mama, er geht ſo eben hier auf und ab Ah! Sehen Sie, ich bemerke ihn Es iſt der Herr. der„ Hier hielt Stephanie inne, dann ſchlug ſie die Augen nieder und ſagte mit leiſer Stimme: es iſt der Herr, der auf uns zukommt. In dieſem Augenblicke näherte ſich die Frau vom Hauſe, Emil Delaberge an der Hand führend, Madame Dolbert, um ihr denſelben vorzuſtellen. „Meine liebe Freundin, wollen Sie mir erlau⸗ ben, Ihnen Herrn Emil Delaberge vorzuſtellen, den Neffen jener liebenswürdigen Frau von Marvelle, die wir ſo ſehr liebten, Sie und ich.“ Madame Dolbert empfing den Neffen ihrer ehe⸗ maligen Freundin ſehr artig. Die ausgezeichneten Manieren Emils ſprachen zu ſeinen Gunſten; und wenn er liebenswürdig ſein wollte, ſo war es ſehr ſchwer, dem Reiz ſeiner Unterhaltung zu wider⸗ ſtehen. Der junge Mann gah auf eine achtungs⸗ volle Weiſe Madame Dolbert zu verſtehen, wie ſehr er ſich geſchmeichelt fühlen werde) die Bekannt⸗ ſchaft einer Freundin ſeiner ſeligen Tante fortzu⸗ ſetzen, und die Großmutter von Stephanie, welche dieſe Bitte ganz natürlich fand, entgegnete Herrn Emil Delaberge, daß ſie ihn ſtets mit Vergnügen bei ſich ſehen würde. Emil dankte Madame Dolbert ſehr für die ihm bewilligte Gunſt und heftete ſeine Blicke in dieſem Augenblicke auf Stephanie, welche erröthete und die Augen Fiederſchlug, ohne zu wiſſen warum. ⸗ . 135 Emil nahm von den Damen Abſchied. Man tanzte noch, aber, faſt in demſelben Augenblick, bezeigte Stephanie Madame Dolbert den Wunſch, ſich nach Hauſe zu begeben. Dieſe, nachdem ſie all die gewöhnliche Sorgfalt angewendet hatte, ihre Enkelin vor Erkältung zu ſchützen, ſtieg mit ihr in den Wagen, der Sb nach ihrer Wohnung trug. Den andern Morgen lauerte die kleine Zizine auf das Erwachen ihrer jungen Beſchützerin; das Kind hatte, während ihrer Abweſenheit, ſeine Puppe ganz ſo angezogen, wie Stephanie zum Balle ge⸗ ſchmückt war; ſie dachte ihrer guten Freundin eine angenehme Ueberraſchung zu bereiten, und ſich ganz nahe an deren Bett ſetzend, hielt ſie die ſchöne Puppe auf den Knieen und wartete ſchweigend, bis Stephanie die Augen öffnen würde. Der erſehnte Augenblick erſchien endlich; das junge Mädchen murmelte einige Worte, Zizine lief an ſie heran und umarmte ſfie; endlich zeigte ſie ihr die Puppe, indem ſie ſagte: ſieh, wie ſchön Du geſtern warft. Stephanie lächelte, aber ſie brach in kein Ge⸗ lächter aus, wie ſie es gewöhnlich zu thun pflegte, wenn ſie mit ihrer kleinen Freundin ſpielte; man möchte ſogar ſagen, daß ſie ihre Puppe mit Gleich⸗ gültigkeit betrachtete. Als Stephanie aufgeſtanden war, erzählte ſie Zizinen Alles, was den Abend vorher auf dem Balle vorgegangen war; und im Verlauf des ganzen 136 Tags ſprach ſie von nichts Anderem. Und als ihr Zizine vorſchlug, mit der Puppe zu ſpielen, ſchlug es ihr Stephanie ab und bemerkte, das würde ſie. nicht amüſiren. Die kleine Zizine, ganz erſtaunt, ſagte zu ihr:„Es amüſirte Dich doch geſtern ſo ſehr!„ „Ja geſtern.. ſtammelte Stephanie in einer Art von Träumerei. Für das Kind war es ſeit geſtern nur der Zwi⸗ ſchenraum eines Tags; für das junge Mädchen aber lag eine Kluft dazwiſchen, ſo breit, wie die unbe⸗ ſtimmte Erinnerung an ein vergangenes Leben. ſ ſiſſiſſſſſſſſſiſſſſſſſciſtſſiſſmſſn 8 9 10 3