Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Oltmanu in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih und Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenvmmen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 2 aufz WMonatt PW W W— „„* 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeibſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleiheneit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir zeeh dafür zu ſtehen haben. — Von Paul de Rock. „ — * Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Erſter Theil. Stuttgart: Scheible, Bieger Sattltr. 1846. Erſtes Kapitel. Der Bär von Chateau⸗Thierry. Ich brauche nicht zu ſagen, daß Chateau⸗Thierry ein hübſches Städtchen iſt, auf dem rechten Ufer der Marne, etwa zwanzig Stunden von Paris; daß es amphitheatraliſch an den ufern des Fluſſes ſich erhebt; daß zahlreiche Schiffe, welche ununterbro⸗ chen mit Mundvorräthen nach Paris ſegeln, ihm das heitere Ausſehen einer Handelsſtadt verleihenz endlich daß der berühmte Fabeldichter, Johann von Lafontaine, der ſeinen Geiſt in eine Thiermaske verhüllte(darin ſehr verſchieden von unſeren mo⸗ dernen Schriftſtellern), daraus entſproſſen iſt. Das Alles ſteht im geographiſchen Handlexikon für Jeden, der es noch nicht weiß. Minder bekannt iſt die Geſellſchaft von Chateau⸗ Thierryz doch kann man ſich nach ſeinen Erfahrun⸗ gen in einer beliebigen Provinzialſtadt einen belie⸗ bigen Begriff davon machen. Man iſt nämlich dort neugierig, geſchwätzig, übelredend; Adelige, wenn es welche gibt, gehen nur mit ſich ſelber um; der Beamtenſtand ladet nur reiche, angeſehene Bürger von zweiter Klaſſe ein; die dritte Klaſſe beſteht aus geringen Leuten, Künſtlern und Proletariern. Jede dieſer drei Klaſſen hört gerne von der andern S Uebles reden. Die Ariſtokratie herrſcht übrigens dermaßen darin, daß zwei Nachbarn einander nicht grüßen, wenn ſie nicht dieſelbe Geſellſchaft beſuchen. Kurz, es iſt dort eine kleine Welt, denn ich kenne ſehr große Städte, wo die gleichen Vorurtheile herrſchen. Die arme Ariſtokratie, welche man mit der Wurzel ausrotten, welche man mit Spott ver⸗ nichten wollte, man findet ſie dennoch immer wieder in Palaſt und Hütte, in Dorf und Stadt. Das Wort kann man ſtreichen, die Sache bleibt. Scheint fie auch im Salon eines Herzogs oder eines Marquis deſpotiſch zu regieren, ſo werdet Ihr ſie in gleicher Weiſe im Hauſe des Banquiers wiederfinden, wo der dicke Kapitaliſt den Klein⸗ händler über die Achſel anſieht, wo die Frau des Wechſelagenten mit ihrer Toilette die Frau eines Waarenhändlers niederdrückt; Ihr werdet ſie endlich wieder in dem Saale des Spießbürgers finden, wo der Kanzleidirektor den Ton eines Beſchützers gegen den Aſſiſtenten annimmt; wo die Gattin eines Spe⸗ kulanten mit der Künſtlerfrau nicht zum Wort kom⸗ men mag. Unter Kaufleuten blickt der Magazin⸗ beſitzer den Krämer verächtlich an; unter Künſtlern will der, welcher ein gutes Kleid anhat und einen geſpickten Beutel beſitzt, das große Wort führen; und ſo geht es herunter bis zur Bedientenſchaft in unendlichen Abſtufungen. Kehren wir nach Chateau⸗Thierry zurück und gehen wir in den Salon der Frau Blanmignon. Es iſt eine reiche Reninerin, bei welcher die erſten 7 Perſonen der Stadt ſich einfinden. Mad ame Blan⸗ migndn iſt Wittwe eines Anwalts, der ſein De⸗ partement in der Kammer vertrat; ſie hat fünfzehn⸗ tauſend Franken jährliches Einkommen auf dem Rücken; da ſie aber zugleich gefärbte Haare und gefärbte Augbraunen, übertünchte Wangen und po⸗ madiſirte Lippen trägt, ſo läßt ſich ihr Alter kaum errathen. Darum ſchreiben ihr Einige dreißig, An⸗ dre ſechzig Jahre zu. Thatſache iſt nur, daß Ma⸗ dame Blanmignon einem hart aufgetragenen Aqua⸗ rellgemälde gleicht. Der Salon iſt groß und elegant möblirt; na⸗ türlich ſteht ein Piano darin. Die Stühle find im Kreiſe um den Kamin geſtellt; Frauen und Fräulein ſitzen, die männlichen Mitglieder lehnen hinter den Stühlen der Damen; es find drollige Geſichter darunter, jedoch auch hübſche. Die Moden ſind eine ſtrenge Nachahmung des Pariſer Journals, aber man trägt ſich nicht mit jener Grazie, jener Koketterie und liebenswürdigen Bequemlichkeit, wie in der Hauptſtadt. Hier herrſcht ceremonienreiche Etikette mit dem Seepter der Langweiligkeit. Die Männer flüſtern halblaut und lächeln nur auf der Lippenſpitze; die Damen meſſen und bekritteln ſich und lachen gar nicht; die jungen Mädchen wagen kein Wort zu ſagen ohne Befehl der Mama, und mitten in dieſer Steifheit lächelt, grüßt, heißt ſitzen, bietet ein Schemelchen die Dame des Hauſes, Ma⸗ dame Blanmignon, was immer eine Erörterung von fünf Minuten nach ſich zieht. 8 „O nein, Madame, ich nehme keines an.— Ei, ja doch, ich bitte.— Ich brauche aber keines. — Doch, doch, es iſt bequemer.— Ihr Teppich iſt ſchon weich genug.— Sie müſſen Ihre Füße auf dieſes Schemelchen ſtellen.— Wahrhaftig, Madame Blanmignon, Sie find zu gütig, ich weiß gar nicht, was ich ſagen ſoll.— O, Madame, mit Ihnen kann man nie zu ſorgfältig ſein hier„fiellen Sie die Füße darauf iſt es hoch genug?— Vollkommen recht.“ Nach dieſem Wortſchwall um ein Schemelchen ſollte man denken, daß ein langdauernder, intereſ⸗ ſanter Gegenſtand die Geſellſchaft den Abend über unterhalten werde. Das hofft man auch, wenn man ſieht, wie feurig ſich eine Männergruppe in einer Ecke des Salons beſpricht. Madame Blan⸗ mignon ſcheint derſelben Anſicht, indem ſie laut fragt:„Mein Gott! Ihr Herren, mit welcher Wärme unterhalten Sie ſich da! Wollten Sie uns nicht ſagen, um was es ſich handelt? Nun, Herr Va⸗ devant, Sie hatten ja ehen das Wort„ Sie wer⸗ den die Neugierde der Damen vefriedigen. 4 Herr Vadevant iſt ein Mann von mittlerem Alter, khiner Statur, die übrigens nicht ſo übel wäre, wenn der Bauch etwas weniger hervorſtäche. Sein Geſicht ſieht einer friſchen roth angeſtrichenen Puppe ſo aufs Haar ähnlich, daß ein Kind es mit Entzücken küſſen würde. Herr Vadevant hat ein ſtehendes Lächeln auf den Lippen, aber dieſes Lä⸗ cheln ift halb und halb ſpöttlich, und ſeine kleinen, aber ziemlich lebhaften Augen glänzen fortwährend mit dem Ausdruck einer ſolchen Neugier, daß er das Ausſehen hat, als wollte er in Eure Gedan⸗ ken, oder zum mindeſten Eure Taſchen durchſpähen. Herr Vadevant war der Sohn eines reichen Kauf⸗ manns in Tropes, und befand ſich nach dem Tode ſeines Vaters im Beſitze eines hübſchen Vermögens. Er gedachte daſſelbe durch Spekulation zu vergrö⸗ ßern und ging deßhalb nach Paris, wo er ſein Geld in Aſſekuranzen, in Runkelrübenzuckeraffine⸗ rien und fogar in einer Unternehmung von geſtank⸗ loſen Abtritten anlegte. Aber der junge Vadevant hatte kein Glück in ſeinen Unternehmungen. Sein umherſpürender und ſpöttlicher Geiſt leiſtete ihm in der Hauptſtadt, wo er auf Leute ſtieß, die ſchlauer waren als er, keine guten Dienſte. Nach einem Dutzend Jahren, die er in Paris verlebte, hatte er zwei Dritttheile ſei⸗ nes Vermögens eingebüßtz nun fühlte Herr Vade⸗ vant, daß es Zeit ſei, ſich zurückzuziehen; er ließ ſich in Chateau⸗Thierry nieder, wo er mit einer Rente von fünftauſend Franken, welche ihm noch geblieben waren, eine anſtändige Rolle ſpielen und in den erſten Geſellſchaften erſcheinen konnte. Wir fügen noch bei, daß er Junggeſelle war, ein Stand, welcher in einer Provinzialſtadt, wo alle Mädchen vom Heirathen träumen und deßhalb alle heiraths⸗ fädigen Männer mit ſehr zuvorkommenden Blicken betrachten, ſehr angeſehen iſt. 615 ufgefordert von Madame Blanmignon, wendet — 10 ſich Herr Vadevant gegen die Damen, lächelt auf eine Weiſe, die ſeine zweiunddreißig ſehr weißen und ſorgfältig gepflegten Zähne ſichtbar werden läßt, während er ſich hin und herwiegend, erwi⸗ dert:„Mein Gott! meine Damen, der Gegenſtand, der uns beſchäftigt, verdient es vielleicht ſehr we⸗ nig. Wir ſprachen vom Bären ha! hal hal Sie wiſſen, der Bär Nun beginnt das Lachen, die Damen lachen mit; eine einzige ruft:„Was iſt es denn mit dieſem Bären? Mein Gott! iſt denn ein ſolcher in der Stadt?“ „Ach!“ ſagte Vadevant,„Madame Dubvuchet iſt nicht unterrichtet, weil Sie längere Zeit von hier abweſend waren. So erfahren Sie denn, ſchöne Frau, daß wir unter dem Bären einen Fremden verſtehen. einen Unbekannten, der ſich vor etwa drei Jahren hier niedergelaſſen, und von dem man in dieſer ganzen Zeit nicht mehr erfahren hat, als am Tage ſeiner Ankunft.“ „Wirklich! O, das iſt ſehr ſonderbar.. ſehr ſeltſam...— Herr Boullardin hat ihm den Bei⸗ namen Bär gegeben, und, auf Ehre, noch nie hat Jemand einen Namen mehr verdient.“ Herr Boullardin, ein großer, dicker Fünfziger, welcher ſich für einen der ſchönen Geiſter des Städt⸗ chens hält, weil er auf dem Büreau, wo die Ge⸗ burtsliſten aufgenommen werden, angeſtellt iſt, brummt mit einer rauhen und tiefen Stimme, welche von einem Bauchredner zu kommen ſcheint: 11 „Meiner Treu! ich habe ihn einen Bären ge⸗ heißen, ohne darüber nachzudenken!... Ich hätte ebenſowohl Kameel ſagen können.. „Wie boshaft, wie ſatiriſch dieſer Herr Boul⸗ lardin iſt!“ erwiderte Vadevant, ſich mit einem ſtechenden Blick gegen den vicken Beamten wendend, welcher, ſehr zufrieden mit dem, was er ſo eben geſagt hatte, ſich die Hände rieb unb ſeine Frau anſah. „Aber, meine Herren, was hat es denn mit dieſem Bären für eine Bedeutung, weil wir doch einen ſolchen haben,“ ſagte Madame Dubouchet; „Sie müſſen doch etwas über ſeine Perſon, über ſeine Art zu leben wiſſen.. Theilen Sie mir doch etwas mit, ich weiß ja noch gar nichis davon.“ „Reden Sie, Herr Vadevant,“ ſprach die Frau vom Hauſe;„Sie ſind am beſten unterrichtet, wie ich glaube.“ „Ich. o nein, ich weiß nicht mehr als dieſe Herren.. Indeſſen, wenn Sie es wünſchen, ſchöne Frau, will ich ſagen, was ich beobachtet und er⸗ fahren habe.“ Herr Vadevant tritt hierauf in den Kreis ein, welcher ſich um ihn ſchließt. Die Männer umſtellen ihn ebenfalls und jeder ſcheint mit Vergnügen das hören zu wollen, was er ſchon weiß. Der Bär war aber auch der Gegenſtand der Neugierde für alle Bewohner von Chateau⸗Thierry, und jedesmal, ſo oft von ihm die Rede war, war Alles ganz Ohr, in der Hoffnung, etwas Neues über dieſen geheimnißvollen Mann zu erfahren.“ 12 Herr Vadevant läßt einen freundlichen Blick über die Damen hinfliegen, lehnt ſich mit dem Rücken an den Kamin und beginnt ſeine Erzählung fol⸗ gendermaßen:„Vor ungefähr drei Jahren.. ja, es war im Jahre 1831.. ich glaube, es war ge⸗ rade auch im Monat März...“ „Nein, es war im Februar, ſagte Herr Boul⸗ lardin.. Die ganze Stadt machte Faſtnachtküch⸗ ſein olo Und der dicke Mann ſtrich ſich, entzückt über das, was er ſo eben geſagt, wohlgefällig das Kinn. „Im Februar dies iſt möglich,“ erwiderte Vadevant;„Jja, ich entfinne mich, daß ich als Spa⸗ nier maskirt auf dem Balle des Unterpräfekten war. einem ſehr glänzenden Balle, wo man nach Gefallen mit Gefrorenem bedient wurde! Doch um Vergebung, ich kehre zu meinem Bären zurück, wie es in einem Stücke, ich weiß nicht gleich in welchem, des Théätre des Variétés in Paris heißt.“ „Im Pourceaugnac vielleicht?“ verſetzte Boul⸗ lardin. „Ach mein lieber Herr Boulhardin 1.. Sie irren ſich gewaltig, Sie wiſſen alſo nicht, daß Pourceaugnac von Moliere iſt?. „Ol ich, ich verwechsle das immer.„Pourceau⸗ gnac, Herr von Crac!.. Die weiße Frau! Ich liebe das Schau ſpiel nicht, ich ſchlafe dabei ein meine Frau auch. nicht wahr, Madame Boul⸗ lardin 2. Madame erwiderte durch ein Ricken des Kopfes, 13 und Herr Vadevant, der lächelnd die Tölpeleien des Beamten mit angehört hatte, nahm wieder das Wort:„Ich wollte Ihnen alſo ſagen, Madame, daß es im Februar 1831 war; ein Reiſender kam in einem Poſtwagen an, der ohne Zweifel ſein Bedienter war. Der Reiſende erkundigte ſich ſogleich, ob in der Stadt ein kleines Haus zu miethen wäre. Man nannte ihm mehre, unter andern auch das des Herrn Tricot, welches am äußerſten Ende der Stadt liegt. Der Fremde beſah ſich das Haus, deſſen faſt ganz iſolirte Lage ihm zu gefallen ſchien; auf der Stelle miethete er dieſe Wohnung, welche völlig möblirt war, und zahlte die Miethe auf ein Jahr voraus„ „Zahlte er wirklich auf ein Jahr voraus 2“ ſagte ein alter, ganz abgezehrter Herr, von hagerer Figur, welcher, in einem Winkel des Salons ſitzend, bis daher den Mund noch nicht geöffnet hatte. „Ja, Herr Benoit, er zahlte. O! ich weiß dies ganz gewiß! ich habe es von Herrn Tricot ſelbſt, und ſeit dieſer Zeit hat er immer regelmäßig ſechs Monate voraus bezahlt er miethete das Haus für 800 Franken, das weiß ich ebenfalls.“ „Er iſt alſo reich, dieſer Unbekannte?— Ach! Das iſt die Frage: Iſt er reich. und wenn er Vermögen hat, wo mag er es verdient haben?.. Das weiß Niemand. Man erwartete, der Neuan⸗ gekommene werde bei ſeinen Nachbarn ſeine Auf⸗ wartung machen.. Bei den Honartionen, den Rotabilitäten der Stadt, daß er einige Empfeh⸗ 14 lungen habe und daß er es verſuchen würde, ſich in unſern Geſellſchaften Zutritt zu verſchaffen Nichts von Allem: Mein Fremder ſchließt ſich ein und empfängt Niemand, geht nur aus, um außer⸗ halb der Stadt ſpazieren zu gehen, ſpricht mit keinem Menſchen, und verſucht man es, ihn anzu⸗ reden, ſo antwortet er mit einem ſo barſchen, trockenen Tone, daß man keine Luſt hat, das Ge⸗ ſpräch fortzuſetzen, weil man ſich leicht einer Be⸗ leidigung oder einem Streite ausſetzen könnte, und Sie begreifen, daß man ſich mit einem Fremden nicht compromittiren mag!. Deßhalb iſt der Name Bär, den ihm Herr Boullardin ſo ſcharf⸗ finnig beigelegt hat, bei ihm ganz am Platz.“ „Bär!„ Brummbär! ja, ich habe ihm dieſen Namen gegeben,“ wiederholte derr Boullar⸗ din, indem er ſeine Frau anſah. „Das iſt ein ungezogener Menſch„ ein dum⸗ mer Kerl, dieſer Fremde.“ „Man kann nicht ſagen, daß er ein dummes Ausſehen hat,.. Er iſt ein Mann, der ſeine fünfzig Jahre haben muß— Ol nein„— O ja„ und vielleicht noch etwas mehr„— Ich wette, daß er noch nicht achtundvierzig hat— Sie haben alſo nicht bemerkt, daß ſeine ſchwarzen Haare grau find?.— Was beweist dies? Ich hatte ſchon mit zwanzig Jahr ganz weiße Haare.“ „Ich,“ ſagte eine kleine, alte Dame mit vieler Koketterie,„mich hat der Schrecken grau gemacht.. ich hatte pechſchwarze Haare„ aber eines Abends.. 15 auf der Straße wagte es ein Unverſchämter, ſich mir zu nähern. meine Taille zu umfaſſen.. ich falle in Ohnmacht und als ich wieder zu mir kam, war ich grau!“ „O!“ ſagte Herr Boullardin mit gedämpfter Stimme,„wenn alle Fraueu, die ich umſchlungen habe, dadurch weiße Haare bekommen hätten und Ein ſirenger Blick ſeiner Frau machte, daß der Beamte ſchwieg und das Ende ſeiner Rede hinab⸗ ſchluckte. „Unſer Bär,“ fuhr Vadevant fort,„ſieht durch⸗ aus nicht übel aus— Iſt er häßlich 2“ „Nein— Ol verzeihen Sie! er iſt ab⸗ ſcheulich. eine zurückſchreckende und unheilver⸗ kündende Figur— Richts von alle dem, ſeine Figur iſt im Gegentheil ſehr ſchön.— Ich, ich ſage Ihnen, er fieht aus wie ein Bandit.— Er iſt vielleicht ein.„ „Ich,“ ſagte ein ganz junger Mann,„ich habe ihn nur einmal geſehen, und zwar bei Nacht, aber es ſchien mir, als glänzten ſeine Augen wie die eines Katers„ „Es iſt vielleicht ein Vampyr!“ ſagte der alte, abgezehrte Herr.—„Viel eher fiehſt Du ſelbſt ſo aus, murmelte Vadevant, indem er ſich lächelnd abwandte.“ „O! mein Gott! Herr Benoit, reden Sie hier nicht von ſolchen Dingen wir haben ſonſt eine ſchlafloſe Nacht! Aber die Polizei ſollte ihre Augen auf dieſes Ungeheuer richten!„. 16 „Ich,“ verſetzte Madame Blanmignon,„bin über⸗ zeugt, daß ich, wenn ich ihm Abends begegnete, Nervenanſälle bekäme und deßhalb habe ich ihn noch nie geſehen.. aber die Idee, die ich mir von ihm mache, iſt ſchrecklich. Ein Menſch, der Niemand empfängt, zu Niemand geht, mit Keinem ſpricht, muß ein arger Verbrecher ſein.“ „Wie nennt er ſich denn 2“ ſagte Madame Du⸗ vouchet, er Kuß doch Herrn Tricot ſeine Quittungen unterzeichnen. „Er unterſchreibt Guerreville,“ ſagte Vadevant. „Guerreville... Das iſt ſeltſam! Der Name iſt höchſt auffallend!.. Es iſt ohne Zweifel nur ein falſcher Name, den er angenommen hat.“ „Ich wette, daß er Abracadabra heißt. hal yal“ ſagte Herr Boullardin, in ein rohes Gelächter ausbrechend. 5 „Wiſſen Sie aber auch, meine Herrn, daß es für unſere Stadt ſehr unangenehm iſt, daß ein ſo verdächtiges Individuum ſie zu ſeinem Aufenthalt erwählt hat?.. Wäre es denn nicht möglich, dieſen Herrn aus unſerer Stadt zu vertreiben?“ „Es iſt gewiß, daß er uns keine Ehre macht,“ ſagte Vadevant, indem er ſich in dem über dem Kamine hängenden Spiegel betrachtete und ſich ſeine zweiunddreißig Zähne zeigte. „Dieſer Tage,“ ſagte ein Herr, der bisher nur ven Andern nachgeſprochen hatte, und der ſchon deßhalb erröthete, weil er verſuchte, allein zu ſprechen,„dieſer Tage. ging ich aus, in der Ab⸗ 17 ſicht, friſche Luft zu ſchöpfen. und ſiehe da.. ich erblickte. oder ich glaubte zu erblicken.. ich wollte ſagen, daß ich den Unbekannten, genannt der Bär, verfehlte.“ „Wie ſchön das iſt, was uns Desboulleaur eben erzählte,“ ſagte Herr Vadevant, der ſich in die Lippen biß, um nicht vor Lachen zu zerplatzen. Während dem zog ſich der junge Mann„den es ſo große Anftrengung koſtete, das Wort zu führen, ſo ſchnell als möglich hinter die Andern zurück, indem er zwei dicke Schweißtropfen abtrocknete, die von ſeiner Stirne fielen. WMadame Dubvuchet, noch nicht zufrieden mit dem, was ſie erfahren, richtet neue Fragen an ihre Nachbarn und an Herrn Vadevant. „Ich begreife nicht, daß man noch nichts Be⸗ ſtimmteres über dieſen Mann weiß,“ ſagt ſie,„es muß ſchlecht angegriffen worden ſein. Sicherlich hat er Domeſtiken. die lehrt man ſprechen.“ „Unmöglich, Madame. Zudem hat er keinen Diener als den, welcher mit ihm angekommen ißt. Dies iſt eine Art von einem Affen, der wahrſchein⸗ lich ſeinen Herrn nachäffen will, ein großer, vier⸗ ſchrötiger Kerl, der ſich wie ein Koſack Jeden vvm Leibe hält. der mit Niemand ſpricht, ſelbſt nicht mit dem Kammermädchen in ſeinem Hauſe, der nie ins Weinhaus geht, und deſſen ganzes Vergnügen im Rauchen beſteht, während er auf der ſteinernen Bank ſitzt, die vor ihrer Wohnung angebracht iß.“ Paul de Kock. R0v. 2 18 „Ich wette, es ſind Republikaner,“ verſetzte der alte Benovit,„mit wichtiger Miene auf ſeine Doſe klopfend.“ „Ich,“ ſagte Vadevant,„glaubte mich ſchon ein⸗ mal auf dem Punkt, etwas zu wiſſen.. der Be⸗ diente hatte ſich rauchend vor ſeine Thüre geſetzt; ich ſpazierte vorüber... Ich glaube ſogar, daß ich mit Abſicht vor dem Hauſe des Bären vorüberging. Indem ich den Diener ſo ſitzen ſehe, kommt mir ein ſchlauer Gedanke in den Kopf.. Ich thue, ale hätte ich einen Fehltritt gethan, als hätte ich mir den Fuß verrenkt, und könne nicht weitergehen und Laſſe mich auf der Bank, neben dem Diener nieder. Das war gewiß ſchlau, was denken Sie davon?“ „Sehr ſchlau. ſehr ſinnreich!...“ „Gut, der Tölpel, ſtatt ſich zu erbieten, mich zu ſeinem Herrn zu führen, oder mir auf irgend eine Art Beiſtand zu leiſten, erhebt ſich, klopft ſeine Pfeife aus, geht in das Haus zurück und ſchließt auf unverſchämte Weiſe die Thüre hinter ſich zu.“ „Das iſt abſcheulich!“ ſchrie Madame Blanmig⸗ non,„das ſieht nur einem Wilden ähnlich.“ „Und nach dem Sprüchwort: Wie der Herr, ſo der Diener, zog ich den Schluß, daß der Herr eben ſo wenig Menſchlichkeit beſitze, als ſein Diener.. Und dann, was bedeuten alle dieſe Geheimniſſe 2... Das Eſſen wird ihnen vom Speiſewirth Godard zubereitet und täglich ins Haus gebracht. Der Bediente vezahlt die Rechnung und gibt dem Bur⸗ ſchen das Trinkgeld. Unlängſt hatte ſich Marga⸗ 19 rethe, die Köchin der Madame Dechaland, auf mein Anrathen, angeboten, unter dem Vorwande, ſie habe gegenwärtig keinen Dienſt, ob man ſie nicht anneh⸗ men wolle. der Diener war allem Anſcheine nach ausgegangen und der ſogenannte Herr Guerreville öffnete Margarethen die Thüre. Aber wiſſen Sie, wie er ſie aufnahm?.. Ach! das arme Mädchen wird daran denken!. Er ließ ihr kaum Zeit ſich zu erklären, wies ihr die Thür und erlaubte ſich ſogar, ſie an den Schultern fortzuſtoßen, weil fie ſich ihm nicht ſchnell genug entfernte.“ „Oh! das iſt ſchrecklich. das iſt eniſetzlich!“ „Es iſt ſogar gemein!“ ſagte Boullardin, ſeine Frau anſehend. „Die arme Margarethe zu mißhandeln welche ſo gute Citronen⸗Créme macht.“ „Bei weitem nicht ſo gut wie meine Köchin,“ murmelte der alte Benvit. „Meine Herren,“ ſagte Madame Blanmignon, „wir müſſen uns verſchwören, wir müſſen uns Alle verbinden; um die Stadt von dieſem gemeinen Bä⸗ ren zu befreien. Iſt das auch Ihre Anſicht?“ „Ja, ja!“ riefen alle Männer, die Hände erhe⸗ bend, wie zu einem Schwure, während die Damen beifällig nickten. „Aber was machen wir, welches Mittel wenden wir an, um dieſen Menſchen zu vertreiben? Wir wollen ſehen man muß ſich beſinnen„ „Wenn wir ihm alle Tage, unter ſeinen Fenſtern klingelnd, unſere Aufwartung machten?„Aber „ 20 das würde auch die Bewohner der benachbarten Häuſer beläſtigen.“ „Wenn man ihm die Fenſter einwürfe?“ ſagte ein junger Schüler lachend. „Nein, das geht auch nicht,“ ſagte Madame Blanmignon;„wir dürfen nur erlaubte Mittel an⸗ wenden.“ Der Herr, welcher ſchon dicke Tropfen geſchwitzt hatte, weil er etwas hatte ſagen wollen, ſtreckte den Kopf aus dem Kreiſe hervor und fing an zu ſtottern:„Wenn man wenn. man Aller Augen richteten ſich nun auf den Rednerz er wurde ſcharlachroth und verbarg ſich ſchnell hin⸗ ter die Andern, indem er vor ſich hinmurmelt: „Nein, das wäre auch nichts.“ „Nun gut!“ ſagte Herr Voullardin, indem er ein lautes Gelächter aufſchlug;„es gibt ein ſehr einfa⸗ ches Mittel. man läßt allen Straßenkoth vor ſeine Thüre fahren ha! ha!“ „O pfui! pfui! Herr Boullardin, wie mögen Sie an dergleichen Dinge denken!. wir ſind nicht mehr im Faſching.“ „Ich hab's ich hab' ein Mittel!“ ſchrie Va⸗ devant, indem er ſich auf den Bauch, an die Stirne und in die Hände ſchlug. „Laſſen Sie hören laſſen Sie ſchnell hören!“ ſchrie man von allen Seiten, ſich um den kleinen Herrn drängend. „Nun gut! Ein Charivari!... Geben wir dem Bären eines, geben wir ihm zwei.. zehn, zwan⸗ 2¹ zig, wenn dies nöthig iſt. Dieſer Herr liebt die Ruhe, die Einſamkeit, die Stille; er muß die Cha⸗ rivari's verabſcheuen; die unſrigen werden ſehr ſchnell ihren Zweck erreichen und müde ſie anzuhören, wird der Bär ſich davon machen und ſich anderswo nie⸗ derlaſſen.“ „Bravo! Bravo! vortrefflich erdacht!“ rief man von allen Seiten.„O, dieſer Vadevant iſt ein aus⸗ gezeichneter Mann, er hat Verſtand für Viere.“ „Wenn dies lauter Desboulleaux wären, ſo wäre das gerade auch nicht viel.“ „Nun gut! Was iſt es mit dem Charivari, meine Herren?“ fragte Madame Blanmignon, welche ſehr gegen den Bären der Stadt eingenommen zu ſein ſchien. „Wohlan! noch dieſen Abend,“ erwiderte Vade⸗ vantz das Wetter iſt günſtig„ in Verbindung mit dieſen Herren bilden wir ein ſchönes Häufchen während die Damen Thee trinken, oder eine Partie ſpielen, wollen wir unſer erſtes Concert un⸗ ter freiem Himmel geben und dann ſogleich zurück⸗ kehren, um denſelben das Reſultat mitzutheilen. Sind Sie der gleichen Anſicht, meine Herren?“ „Ja, jal“ rief die Mehrzahl der Männer. Nur Herr Buullardin zögerte zu antworten; weil er als Polizeibeamter Bedenken trug, ſich bei einem Chari⸗ vari zu betheiligen. „Nun handelt es ſich nur noch darum, uns die nöthigen Inſtrumente zu verſchaffen,“ verſetzte Va⸗ devant.„Madame Blanmignon, wollen Sie wohl 22 Ihre Küchengeräthſchaften zu unſerer Verfügung ſtellen?“ „O mit größtem Vergnügen, meine Herren; nehmen Sie ſich bei mir Alles, was Ihnen tauglich ſcheint, um dieſen gemeinen Menſchen zu betäuben, ihm das Trommelfell zu zerreißen, damit er recht bald abreiſe.“ „Bravo! Madame Blanmignon Ich bean⸗ trage eine Dankadreſſe für Madame Blanmignon, wegen des Patriotismus, den ſie bei dieſer Gele⸗ genheit an den Tag legte. ich mache mich anhei⸗ ſchig, ein Gedicht über dieſen Gegenſtand zu ma⸗ chen Doch nun zu den Waffen! meine Herren, zu den Waffen!“ Alle wiederholen den Ruf von Vadevant und folgen ihm in die Küche. Der alte Benvit, Herr Boullardin und zwei andere Herren, welche nicht mehr in dem Alter waren, um an einem Charivari theilnehmen zu können, blieben bei den Damen im Salon zurück; aber bald kommen die Muſiker aus dem Stegreif mit ihren Inſtrumenten zurück, wo⸗ durch ſie ein ſo ſchallendes Gelächter erregen, wie man es ſeit langer Zeit in dem Salon der Ma⸗ dame Blanmignon nicht mehr gehört hatte. Der Eine hatte eine Bratpfanne, auf welche er mit einem Kochlöffel klopfte; der Andere ein Roſt⸗ eiſen, an welches er wie an eine Eimbel ſchlug; dieſer paukte mit einer Schaufel auf ein Kuchen⸗ becken, jener benutzte die Stücke einer zerbrochenen Schüſſel, als Caſtagnetten; der ſurchtſame Des⸗ 23 boulleaur rafſelte mit der Kette eines Bratſpießes, die er um ſeinen Leib geſchlungen hatte; der junge Schüler trommelte mit einer Ofengabel auf einer Caſſerole; Vadevant endlich hatte ſich eines großen Bettwärmers bemächtigt, in welchen er Nägel und Eiſenſtücke hinein gethan, ſo daß er, wenn er ihn ſchüttelte, einen diaboliſchen Lärm machte. „Herrlich! prächtig!“ riefen die Damenz„mit ſolchen Mitteln kann man alle Bären von Bern in die Flucht treiben! es wäre doch ſehr fatal, wenn es uns nicht mit dem von Chateau⸗Thierry gelingen ſollte.“ „Allons, meine Herren, vorwärts!“ ſagte Va⸗ devant;„ich mache auf die Ehre Anſpruch, an Ih⸗ rer Spitze zu marſchiren und das Zeichen zum Cha⸗ rivari zu geben; aber laßt uns ganz leiſe durch die Stadt ſchleichen, bis wir die Behauſung des Bären erreicht haben. Er muß wie vom Blitze getroffen werden das wird die Wirkung noch verſtärken vorwärts!“ Alle Charivariſten ſchickten ſich an, Vadevant zu folgen, als plötzlich die Hausglocke ertönte... „Wer kann noch ſo ſpät kommen?“ ſprach Ma⸗ dame Blanmignon. „Wer es auch ſein mag, ich ſtehe dafür, er wird ſich an uns anſchließen,“ ſagte Vadevant. In dieſem Augenblick ward die Thüre des Sa⸗ lons geöffnet und der Bediente meldete:„Herr Dok⸗ tor Jenneval.“ Es trat ein Mann von dreißig Jahren ein, von 24 einem angenehmen, geiſtreichen Aeußeren, gewand⸗ tem und feinem Benehmen; er begrüßte die Frau vom Hauſe und die übrigen Damen, ohne die ku⸗ rioſe Bewaffnung der Herrn bemerkt zu haben. „Ol unſer lieber Doktor!“ rief Vadevant;„hatte ich nicht Recht, als ich ſagte, der Ankommende würde einer der Unſrigen ſein?.. Allons Doktor, ſchnell, nehmen Sie ein Becken, oder wenigſtens ein paar Lichtſcheeren.“ „Wie! was bedeuten alle dieſe Anſtalten, meine Herren?“ ſagte der Doktor, indem er die Gegen⸗ ſtände genau betrachtete, welche die Muſiker in den Händen hielten;„wollen Sie ein Räthſel, ein Sprüchwort, eine Symphonie aufführen?. „Mehr als das; wir wollen ein Charivari brin⸗ gen, welches im ganzen Lande Aufſehen machen wird.“ „Ein Charivari?“ „Ja wohl ſchnell, nehmen Sie doch ein In⸗ ſtrument und kommen Sie mit uns.“ „Aber zuerſt iſt es doch nöthig zu wiſſen, wem Sie das Charivari bringen?“ „O! wären Sie nicht ſo ſpät gekommen, Doktor,“ ſagte Madame Blanmignon,„ſo wären Sie von Allem unterrichtet Aber nun kann man Ihnen nicht mehr „Verzeihen Sie, Madame, ich mußte Herrn Guerre⸗ ville beſuchen, der ſich nicht wohl befand, und „Herr Guerreville!“ ſchrie man von allen Sei⸗ ten;„Sie kommen von Herrn Guerreville dem Fremden dem Unbekannten dem Bären?“ 25 „Ja, meine Damen,“ erwiderte der Doktor lachend,„und ich war ſogar ſchon mehrmals dort.“ „Ol das iſt ſehr komiſch,“ ſagte Vadevant,„und gerade dieſem wollen wir ein Charivari bringen.“ „Dem 2 „Ja, Doktor; denn er iſt ein ſehr gemeiner Menſch, nicht wahr?. ſo eine Art von einem Wilden von unanſtändigem und rohem Beneh⸗ men„ von ungeſelligem Weſen. der die Kö⸗ chinnen zur Thüre hinauswirft... auf der Straße Niemand grüßt.. kurz und gut ein Bär!“ „Ich glaube, daß Sie ſich im Irrthum befin⸗ den, Herr Vadevant; ich urtheile ganz anders über Herrn Guerreville. Man kann in der Einſamkeit zu leben wünſchen, ohne deßhalb alle dieſe Fehler zu haben.“ „Der Doktor ſpaßt! ich bin deſſen gewiß... und bleibe doch bei dem, was ich über den Unbe⸗ kannten, den Bären geſagt habe ich beharre bei meinem Vorhaben, ihm ein Charivari zu brin⸗ gen. Nicht wahr, meine Herren?“ Dieſe Herren, welche fich nicht umſonſt mit einer Ofengabel oder einer Pfanne bewaffnet haben wol⸗ len, waren ſehr geneigt, Vadevant zu folgen, wel⸗ cher ſchon gegen die Thüre marſchirte und ſeinen Bettwärmer empor hielt, als ob er eine Fahne in der Hand hätte. Der Doktor betrachtete ſie lächelnd und begnügte ſich, ihnen zu ſagen:„Meine Herren, ich wider⸗ ſetze mich Ihrem Charivari nicht, nur erſuche ich 26 Sie, noch einige Minuten zu warten, damit der Herr Unterpräfekt, den ich bei ihm zurückgelaſſen habe, Zeit habe, ihn zu verlaſſen. denn ich ſetze vor⸗ aus, daß Sie dieſem nicht auch ein Charivari bringen wollen.“ Es iſt kaum möglich, die Wirkung zu beſchrei⸗ ben, welche dieſe Worte hervorbrachten; die Ge⸗ ſtalten verlängerten, die Stirnen runzelten ſich, mehre Geſichter erblaßten; es war ein allgemeines Erſtaunen, eine allgemeine Betäubung; die Herren waren erſtarrt und wie vom Blitze getroffen, wäh⸗ rend ſie noch ihre Pfanne oder ihren Keſſel in der Luft hielten. Madame Blanmignon empfand eine ſolche Er⸗ ſchütterung, daß ſich ihre Augbraunen entfärbten und daß von ihrer einen Wange aller Zinnober herabfiel; ſie ſuchte zwar ſich zu ſammeln, aber ihre Stimme war ſehr bewegt, indem ſie zu dem Doktor ſagte:„Iſt es möglich?„. Täuſchen Sie ſich nicht, mein lieber Herr Jenneval? Wie! der Herr Unterpräfekt geht.. zu dieſem Unbe⸗ kannten?“ „Ja, Madame; ich habe die Ehre, Ihnen zu wiederholen, daß ich ſie ſo eben verlaſſen habe; und ſo viel ich aus ihrer Unterhaltung, aus der ſie gar kein Geheimniß machten, vernehmen konnte, muß Herr Guerreville mit unſerem Unterpräfekten früher in ſehr enger Verbindung geſtanden ſein; fie ſind alte Freunde, ſie begegneten ſich dieſer Tage zufällig auf der Promenade, erkannten ſich, und 27 daher kommt es, daß der Eine den Anderen be⸗ ſuchte.“ Während dieſer Erklärung des Doktors mußte man die Charivariſten ſehen, wie ſie verſtohlen die Inſtrumente ablegten, die ſie ergriffen hatten: der Eine ließ ſeine Pfanne auf ein Sopha gleiten, der Andere legte ſein Caſſerol auf einen Lehnſtuhl, ein Dritter ſchob ſeine Zange unter das Piano, hier legte Einer die Kette zuſammen, um ſie in ſeine Taſche zu ſtecken, kurz, in wenig Minuten waren die Hände der Herren frei, Vadevant ausgenommen, der, als Träger des gewaltigen Bettwärmers, noch kein Mittel gefunden hatte, ihn irgendwo abzu⸗ legen, und welcher es nicht einmal wagte, ihn zu rütteln, weil das Eiſenzeug, das er enthielt, bei der geringſten Bewegung ein Geräuſch machte, das nun Jeder ſehr unangenehm fand. „Das iſt ſehr ſonderbar.„ſehr erſtaunlich!“ begann Madame Blanmignon;„es ſcheint alſo, daß wir uns geirrt haben, daß wir über dieſen Herrn Guerreville falſch berichtet wurden. Da der Herr Unterpräfekt ſein Freund iſt, ihn beſucht, muß er doch ein Mann von vornehmem Stande ſein. nicht wahr, Doktor?“ „Madame, das iſt auch meine Meinung. Zu Herrn Guerreville gerufen, weil er krank war, habe ich ihn noch nicht mehr als fünf⸗ bis ſechsmal ge⸗ ſehen, aber das genügt, um zu erkennen, daß er ein Mann iſt comme il faut, der Kenntniſſe und Verſtand hat. Wahrhaftig, ſein erſter Eindruck iſt 28 nicht beſonders angenehm: Herr Guerreville iſt von Natur ftolz und, wie ich glaube, ſehr hitzig; ich vermuthe bei ihm einen tiefen Gram, der ſein Ge⸗ müth verdüſtert; kennt man ihn aber ein wenig näher, unterhält man ſich mit ihm, ſo iſt leicht zu erſehen, daß unter dieſer ſtarren Außenſeite eine gefühlvolle Seele und ein edelmüthiges Herz ver⸗ borgen iſt.“ „Der arme Mann!... Sie glauben, daß er einen geheimen Kummer hat?“ riefen mehre Per⸗ ſonen. „Ich, ich habe nie daran gezweifelte,“ ſagte Madame Blanmignon;„und in der Tiefe meines Herzens bedauerte ich ihn. denn ich glaubte nie an alle die Fabeln, die man auf ſeine Rechnung ſetzte.“ „So kommt es, wenn man uns Geſchichten von Köchinnen hinterbringt,“ ſagte Boullardin, zu Va⸗ devant gewendet. Dieſer, noch immer von ſeinem Bettwärmer ſehr beläſtigt, entſchloß ſich, denſelben mitten im Salon niederzuſetzen, während er ausrief:„Wenn ich auch einige Geſchichten erzählte, welche übrigens der ganzen Welt bekannt waren ſo würde ich mir wenigſtens nie erlaubt haben, dieſem acht⸗ baren Unbekannten zuerſt den Beinamen Bär zu geben.“ Boullardin iſt verſteinert; denn da er auf der Mairie angeftellt iſt, glaubt er ſich gewaltig compromittirt zu haben, weil er einem Freunde 99 des Herrn Unterpräfekten den Beinamen Bär bei⸗ legte; er ſieht ſich ſchon abgeſetzt, ſchlägt die Augen nieder, ohne es zu wagen, ſeine Frau zu betrachten; plötzlich aber, den Bettwärmer be⸗ merkend, ruft er mit triumphirender Stimme: „Ich habe dieſen ehrenwerthen Fremden einen Bä⸗ ren genannt. ich geſtehe es. denn darin liegt nichts Böſes. Unter Bär begriff ich keine Beſtie. ich wollte damit einen Freund der Zu⸗ rückgezogenheit bezeichnen.. einen Freund der Ruhe und des Friedens ich hebe die Hand empor, daß ich nie etwas Anderes unter dem Bären ver⸗ ſtanden habe. Was aber außerdem klar beweist, daß ich nie die Abſicht hatte, dieſen Herrn zu be⸗ leidigen, iſt, daß ich keinen Antheil an dem pro⸗ jektirten Charivari genommen habe ich nehme die ganze Welt zum Zeugen.. und ich habe das Charivari ſteis verabſcheut.. Olo!“ „Gut, mein Herr!“ ſchrie Vadevant.„Wer hat nicht eingeſehen, daß es mit dem Charivari nur Scherz war. eine Scene, die wir ſpielten2... Wer möchte glauben, daß wir, bewaffnet mit den Küchengeräthſchaften, durch die Stadt gelaufen wä⸗ ren? Pfui doch!. Ich, meine Herren, ich er⸗ kläre, daß ich mit dieſem Bettwärmer nicht einmal hätte die Treppe hinabſteigen können, der eine läſtige Schwere hat.“ „Ja, ja!“ rief Madame Blanmignon,„dieſe Herren wollten uns etwas zum Lachen geben, und das iſt Alles.. Der Herr Doktor wird uns ge⸗ 30 wiß glauben, daß dies Alles nur ein Spiel war, ein Scherz„ „Ich, Madame, ich werde glauben, was man will,“ verſetzte der Doktor mit einer etwas un⸗ gläubig lächelnden Miene,„und ich gebe Ihnen die Verſicherung, daß ich ſchon nicht mehr an das Charivari denke.“ „Vortrefflich!“ rief Vadevant,„nichts mehr da⸗ von. Ich ſchlage einen Contretanz vor einen Galopp. ich erbiete mich ſogar, eine Romanze zu fingen.“ Das Anerbieten Vadevants wurde angenommen, und ſchon näherte er ſich dem Piano, als ein Ket⸗ tengeklirre, welches von einem Winkel des Salons kam, die Aufmerkſamkeit der ganzen Geſellſchaft auf ſich zog. Man horchte, man ſah ſich anz die Da⸗ men geriethen ſchon in Furcht; endlich näherte ſich ein junger Menſch dem Vorhange einer Fenſter⸗ niſche, von welcher das Geräuſch herzukommen ſchien; er zog den Vorhang weg und zeigte den Blicken der ganzen Geſellſchaft den furchtſamen Desbvulleaux, der ſich in der Hoffnung zurückgezo⸗ gen hatte, ſich der Ketten des Bratenwenders zu entledigen, die er um ſeinen Körper gewickelt hatte, und dem es noch nicht gelungen mar⸗ ſich davon zu befreien. Desboulleaux erröthete bis in das Weiße der Augen und verwickelte ſich nur noch mehr in ſeine Ketten, als er ſah, daß er der Gegenſtand der all⸗ gemeinen Aufmerkſamkeit war. Alle Anweſenden 31 wurden wieder ſehr ernſt, weil ſie begriffen, daß die Lage dieſes Herrn aufs Neue an das Charivari erinnern würde, und Madame Blanmignon ſagte zu ihm in ſehr trockenem Tone:„Was machen Sie denn da, Herr Desboulleaux?“ „Madame, ich verſuche es, mich von den Ketten des Bratenwenders zu befreien, welche ich ergriffen hatte, um mehr Lärm zu machen bei dem Charivari, welches„ „Den Bratenwender und ſeine Kette nehmen!... O mein Gott! wie kann man einen ſolchen Ge⸗ danken haben das beweist doch einen gar zu ſchlechten Geſchmack Ich erſuche Sie, Herr Des⸗ boulleaux, Alles dies wieder in meine Küche zu tra⸗ gen Ich wünſche, daß man mein Haus künftig nicht mehr ſo ausplündert.“ Herr Desboulleaur verließ beſchämt und nieder⸗ geſchlagen den Salon, indem er ſeine Ketten, wie ein Geſpenſt der Anna Radeliff hinter ſich nachzog, und man kann ſich wohl vorſtellen, daß er nicht mehr zurückkehrte. Die Geſellſchaft verſuchte es hierauf, einen Contretanz zu veranſtalten; aber Niemand hatte Luſt zu tanzen: der Ausgang des Cha⸗ rivari hatte alle Gemüther zu ſehr ergriffen und man beeilte ſich, von Madame Blanmignon Abſchied zu nehmen. 32 Zweites Kapitel. Eine Schachpartie. Ungefähr vierzehn Tage waren nach der von Madame Blanmignon gegebenen Charivari⸗Soirée verfloſſen, welche zur Folge hatte, daß eine Maſſe von Viſitenkarten bei dem Manne abgegeben wur⸗ den, welchen man den Bären von Chateau⸗Thierry genannt hatte, und der nun überall der vornehme Unbekannte hieß. In einem kleinen, einfach möblirten, aber ſorg⸗ fältig gebohnten und gereinigten Salon, ſaßen zwei Männer an einem kleinen Liſch, auf welchem ein Schachſpiel aufgeſtellt war. Es war ungefähr zwei uhr Nachmittags; ein helles Feuer brannte in dem Kamin, in deſſen Rähe die Schachſpieler ſaßen. Der Eine war ein Mann nahe an Fünfzig, den man aber nicht ſo hoch geſchätzt hätte, vbgleich ſeine ſorgenvolle Stirn und der Ausdruck ſeines Blickes langjährige Leiden ankündigten, und ſeine ſchwarzen Haare in der Nähe der Schläfe ſehr ergraut waren. Er war hoch und wohl proportionirt gewachſen und haite eine edle und ſtolze Haltung. Seine regelmä⸗ ßigen Züge hatten etwas Imponirendes und ſeine braunen Augen ſchüchterten beim erſten Blicke ein; betrachtete man ihn aber länger, ſo gewann man Vertrauen zu ihm, und die Bläſſe, eine Art von Traurigkeit, welche über ſein Antlitz verbreitet war, mußten vielmehr Theilnahme als Furcht einflößen. Dies war Herr Guerreville, deſſen finſtere Stim⸗ 33 mung zu ſo vielen Vermuthungen veranlaßt hatte; er war in einen koſtbaren Schlafrock gehüllt; ſein Kopf war von einer mit Pelzwerk verbrämten Tuch⸗ mütze bedeckt und ſeine Füße fleckten in Pantoffeln, mit gleichem Pelzwerke gefüttert. Während dem Spiel richtete er ſeine Blicke häufig nach einer auf dem Kamin ſtehenden Uhr, und öfters ſchien er zu horchen, ob nicht Jemand käme. Der andere Mann war der Doktor Jenneval, deſſen Bekanntſchaft wir ſchon gemacht haben und deſſen Ankunft bei Madame Blamignon dem Chari⸗ vari ein Ende machte. „Geben Sie wohl Acht, Ihr Thurm ſteht im Schach,“ ſagte der Doktor nach einem langen Still⸗ ſchweigen, in dem Augenblick, als ſich Herr Guerre⸗ ville zum Weiterſpielen anſchickte. „Ah! das iſt wahr, Doktor, ich habe es nicht bemerkt. Aber Sie ſind edelmüthig, Sie wollen Ihren Gegner nicht überliſten Sie machen ihn aufmerkſam, damit er ſich vertheidige.“ „Sollte das nicht immer ſo ſein2 Greift ein Ehrenmann ſeinen Feind an, ohne daß dieſer dar⸗ auf vorbereitet iſt 2“ „Nein, gewiß nicht! aber dieſer Grundſatz ſollte, wie bei Kämpfenden, auch von der übrigen Welt heilig gehalten werden und gerade das Gegentheil geſchieht. Man verſtellt ſich, man in⸗ triguirt. Um Böſes zu thun, läßt man es den nicht wiſſen, dem man eine Schlinge legt.“ Paul de Kock. X0v. 3 34 „Geſtehen Sie auch ein, daß es Dinge gibt, welche man dem, der dadurch in Nachtheil kommt, nicht vorher anzeigen kann zum Beiſpiel. wenn man einer ſchönen Frau den Hof macht.. ſo unterrichtet man ihren Mann nicht vorher davon.“ Der Doktor lachte und ſchien zu wünſchen, daß ſeine Reflexrion auch Herrn Guerreville lachen ma⸗ chen ſollte, aber dieſer ſchüttelte den Kopf und mur⸗ melte:„Sie haben Recht, Doktor, aber dann muß man ſich auch ſo zeigen, wie man iſt, nicht ſeinen Geſchmack, ſeine Neigungen verbergen, nicht in der Nähe der Frau, auf deren Eroberung man ausgeht, die Augen niederſchlagen, eine ergreifende Sprache annehmen, ſirenge Tugendgrundſätze heucheln, wäh⸗ rend man in der Tiefe des Herzens alle menſchlichen Fehler hat. Das iſt's, was mir am meiſten ver⸗ haßt iſt: man muß ſeine Fehler wie ſeine Tugenden eingeſtehen, alsdann zeigt man ſich wenigſtens im wahren Lichte, und um ſo ſchlimmer für die, welche man verführt, wenn ſie es ſpäter bereuen! Aber nur wenig Menſchen lieben die Offenherzigkeit die Menſchen wollen geſchmeichelt, gelobt ſein die Frauen wollen, daß man ſie anbete, oder wenigſtens, daß man es ihnen ſage. Sehen Sie, Doktor, ich kenne Sie erſt ſeit einem Monat, und wäre ich nicht krank geweſen, ſo iſt es ſehr wahr⸗ ſcheinlich, daß ich Sie nie geſehen hätte, weil ich in Zurückgezogenheit leben wollte.. Aber es reut mich nicht, Ihre Bekanntſchaft gemacht zu haben, denn ich halte Sie für offen und wahr, unbeſchadet 35 eines gewiſſen Hanges, über die wichtigſten Gegen⸗ ſtände leicht hinweg zu gehen Der Doktor verbeugte ſich lächelnd. „Aber die Menſchen können nicht vollkommen ſein,“ fuhr Guerreville fort;„Sie beſitzen nun, wie ich glaube, Alles, was nöthig iſt, um ein Freund und ſogar ein guter Arzt zu ſein.. Wenn ich Ihnen dies ſage, ſo denke ich es auch, ich mache nie Com⸗ plimente, ich; aber geſtatten Sie mir, Ihnen einen guten Rath zu geben.. Sie erlauben es, Doktor?“ „Sehr gerne, ich höre Sie mit Vergnügen an.“ „O! mit Vergnügen! und Sie wiſſen noch gar nicht, was ich Ihnen ſagen will. Nun gut! wenn Sie in Ihrer Kunſt Fortſchritte machen wollen, ſo ſuchen Sie hauptſächlich in den Phyſiognomien zu leſen, die Geheimniſſe der Seele zu erforſchen, welche oft der Mund nicht auszuſprechen wagt... Man heilt oft mehr durch Worte, als durch Arzneien.. wenn das Gewiſſen ruhig iſt, find die phyſiſchen Uebel ſelten gefährlich.“ „Das iſt mir längſt bekannt!“ ſagte der Doktor lachend. 3 „Ah! Dann brauche ich es Sie nicht erſt zu lehren!“ 3 „Zum Beiſpiel, Herr Guerreville, glauben Sie denn, ich erriethe nicht, daß die Bläſſe Ihres Ge⸗ ſichtes, das Aufgeregte in Ihren Zügen, nicht viel⸗ mehr von einem tiefen Kummer, als einer Störung Ihrer Conſtitution herrühren? Ich habe Sie nicht um Ihre Geheimniſſe gefragt, weil ich nicht die 36 Gewohnheit habe, nach dem zu ſuchen, was man mir verbergen will.“ „Sie haben ſehr recht daran gethan, Doktor, denn ich würde ſie Ihnen auch nicht mitgetheilt ha⸗ ben. Nicht als ob ich Sie meines Vertrauens nicht werth halte, ſondern weil es Dinge gibt, welche man nicht gerne erzählt. die man in ſeinem Bu⸗ ſen verwahren will, und die alle Tröſtungen der Freundſchaft nicht zu heilen vermögen oder in Ver⸗ geſſenheit bringen können.“ Während der letzten Worte wurde die Stimme von Herrn Guerreville immer matter und matter, ſeine Blicke waren auf die Erde geheftet und ein tiefer Seufzer entrang ſich ſeiner Bruſt. Es erfolgte eine lange Pauſe; endlich ſchlug ſich Guerreville mit der Hand vor die Stirn und wen⸗ dete ſich gegen den Doktor, indem er ſagte:„Aber wie„ſpielen wir nicht mehr?“ „Ich wartete, bis Sie mehr dazu aufgelegt wä⸗ ren,“ ſprach Jenneval. „Ach! Sie ſind ſehr gütig!“ ſagte der Reconva⸗ lescent, dem Doktor freundlich die Hand reichend. „Ich werde nicht viel Menſchen finden, die Ihre Ge⸗ duld beſitzen.. Und wirklich, es iſt eine langwei⸗ lige Partie mit einem Manne, den betrübte Gedan⸗ ken jeden Augenblick zerſtreut oder verſtimmt machen.“ „Mir gefällt ſie; während Sie Ihre Reflexionen ziehen, bin ich nicht weniger Herr der meinigen.“ „Das iſt wahr, doch geſtehen Sie, daß ich ſehr recht thue, nicht mehr unter die Menſchen zu gehen: 37 da will man nur heitere, liebenswürdige, geſprä⸗ chige Leute, und das iſt auch ganz natürlich. Zu Einem, der in eine muntere Geſellſchaft käme, um ſich immer abzuſondern, zu ſeufzen und nur mit halben Worten zu ſprechen, würde man ſagen: Sie wären beſſer zu Hauſe geblieben.— Man würde es ihm nicht ſagen, aber man würde es denken.— Und mit Recht.. Schach der Königin, Doktor.“ Sie ſetzten die Partie noch einige Zeit fort, endlich ſagte der Doktor die entſcheidenden Worte: „Schach und matt.“ „Ich bin beſiegt,“ erwiderte Guerreville, indem er den Liſch bei Seite ſchob und ſich dem Feuer näherte;„indeſſen glaube ich doch eben ſo ſark zu ſein wie Sie allein es gehen mir zu viel an⸗ dere Dinge durch den Kopf. Ach! Doktor, es iſt oft ſehr ſchwer, ſich zu zerſtreuen. Apropos, wie finden Sie mich heute?“ „Ziemlich gut... Ich habe Sie, ſo weit ich es vermochte, wieder hergeſtellt; jedoch, wie Sie ſo eben ſelbſt ſagten, iſt es Ihre Seele, welche ebenfalls einer Heilung bedarf... Und Sie wollen Ihren Kummer für ſich allein behalten.“ „Verſtehen Sie ſich auf Phyſiognomien, Doktor?“ „Ich habe es bis jetzt geglaubt... aber viele Beiſpiele haben mir gezeigt, daß ich nur ein Schü⸗ ler in dieſer Kunſt war. Zudem täuſchen die Hand⸗ lungen eben ſo oft als die Geſichter.“ „Die Handlungen!... Dies iſt das erſtemal, daß ich dies ſagen höre.— Allerdings beurtheilt 38 man die Handlungen faſt immer, ohne nach dem Beweggrund zu ſuchen, der ſie hervorgerufen. Wol⸗ len Sie mir erlauben, Ihnen zwei Ereigniſſe an⸗ zuführen, welche Beweiſe für das find, was ich ſo eben vorausſchickte?“ „Sehr gerne, ich höre Ihnen zu.“ Der Doktor rückte ſeinen Stuhl ebenfalls ans Feuer und begann ſeine Erzählung: „Ich wurde vor ungefähr zwei Jahren durch die Frau eines Handwerkers zu ihrem Manne ge⸗ rufen, der ſehr krank war. Ich behandelte ihn vierzehn Tage lang und beſuchte den Mann regel⸗ mäßig; ich fand die Frau immer an ſeinem Bette ſitzend, ihn ſorgfältig pflegend, ihn mit einem Eifer bewachend, der keinen Augenblick ermüdete, und beinahe immer die Augen in Thränen gebadet. Arme Frau! ſagte ich zu mir, wie ſie ihren Mann liebt! ſie iſt das Muſter eines Weibes. Allein eines Abends, als ich meinen Kranken verließ, ſtieg eine Nachbrin und Hausfreundin mit mir die Treppe hinab und fragte mich, was ich von dem Zuſtand des Kranken halte. Es iſt keine Hoffnung mehr, erwiderte ich ihr, der Mann kann nicht mehr aufkommen; mit großer Sorgfalt iſt es vielleicht möglich, ihn noch einige Tage hinzuhalten, aber es iſt unmöglich, ihn zu retten. Ich konnte mich noch nicht entſchließen⸗ dies der armen Frau zu ſagen, weil ich ihre Thrä⸗ nen fürchte. Suchen Sie ein Mittel, ſie auf dieſen Unglücksfall vorzubereiten. Die Nachbarin erman⸗ gelte nicht, das zu rapportiren, was ich ihr geſagt 39 hatte; aber denken Sie ſich mein Erſtaunen, als ich den andern Tag das Honorar für meine Beſuche mit einem Zettel bekam, der die Worte enthielt: „Da mein Mann nicht mehr aufkommen kann, mein Herr, ſoiſt es unnütz, daß Sie ihn ferner beſuchen.“ Ich konnte das nicht glauben, was ich ſo eben zu leſen bekommen, und begab mich wie gewöhnlich zu meinem Kranken. Die Frau öffnete mir die Thüre und rief: Aber, mein Herr, ich hatte Ihnen ja zu wiſſen gethan, daß Sie ſich nicht mehr hieher zu bemühen brauchen.— Madame, ſagte ich zu ihr, man läßt Niemand ſterben, ohne ihn bis auf den letzten Augenblick gepflegt zu haben.— Nach Belieben, mein Herr, aber ſicherlich werde ich Ihre Beſuche nicht mehr bezahlen, noch einen Groſchen für Medizin ausgeben, da mein Mann nicht mehr gerettet werden kann.— Das wird mich nicht ab⸗ halten, ihn wieder zu beſuchen, Madame.— Das ſteht bei Ihnen, mein Herr. Der arme, liebe Mann Ich werde ſogleich ſeinen Werkzeug verkaufen; da er doch nicht mehr davonkommen wird, ſo habe ich nicht mehr nöthig, ihn zu be⸗ wachen.— Und nun, mein Herr, wie benahm ſich dieſes Weib, welches ich für das Muſter der Gat⸗ tinnen gehalten? Sie ſorgte, ſie wachte nur für den Mann, der ibr zu eſſen verſchafft hatte; ſie weinte nur vor Kummer, ihn nicht mehr arbeiten zu ſehen, und von dem Augenblicke an, in dem ſie die Gewiß⸗ heit erhielt, es könne ihrem Manne nicht mehr geholfen werden, hatte ſie ihm ihre Freundſchaft entzogen.“ 40 „Ja, hier waren die Beiſpiele ſehr trügeriſch; und Ihr anderes Beiſpiel, Doktor?“ „Ein andermal behandelte ich als Arzt arme Handwerksleute, welche einen Sohn hatten, den ſie ſehr liebtenz aber der junge Mann, der ſich bis zu ſeinem neunzehnten Jahre ſehr gut aufgeführt und ſtets dem Willen ſeiner Eltern gehorcht hatte, änderte bald ſeinen Charakter und wurde in kurzer Zeit ein rechter Taugenichts; er frequentirte die Weinhäuſer, wollte nicht mehr arbeiten und ſetzte ſogar mehremale den Ermahnungen ſeines Vaters Widerſpänſtigkeit entgegen! Auf dieſe Weiſe er⸗ reichte er ſein zwanzigſtes Jahr und die Zeit der Conſeription; er verlor durch das Loos und ſollte abreiſen; aber an dem nämlichen Tage, an welchem er zu ſeinem Corps abgehen ſollte, denken Sie ſich mein Erſtaunen, erſchien der junge Mann bei mirz er näherte ſich mir mit verlegener Miene und ſagte mit bewegter Stimme:„Mein Herr, meine Eltern lieben Sie, ſie haben Vertrauen zu Ihnen und ſie haben Recht; aber auch ich weiß, daß ich mich Ihnen anvertrauen kann, und deßhalb will ich Ih⸗ nen bekennen, was ich noch Niemand geſagt habe.““ Schon ganz erſtaunt über die Veränderung, welche ich in den Manieren, in dem Ton des jungen Mannes wahrnahm, forderte ich ihn auf, ſich zu erklären, und er ſagte mir alsdann:„„Meine El⸗ tern find ſehr arm, aber ich bin ihr einziger Sohn und ſie lieben mich ſehr; mehremale habe ich ſie, ohne von ihnen bemerkt zu werden, von der Zeit 41 ſprechen hören, wo ich zur Conſecription mußte, und da ſagten ſie: Wir verkaufen, wir verpfänden Alles, was wir beſitzen, wir wollen, wenn es nöthig iſt, uns lange Zeit nur von Brod nähren, aber wir laſſen unſern Sohn nicht abreiſen, der uns eben ſo zärtlich liebt, als wir ihn. Ach! mein Herr, ich kann Ihnen nicht ſagen, was ich damals em⸗ pfand, aber ich wollte meine Eltern nicht in das Unglück ſtürzen; ſie zu bitten, mich abreiſen zu laſſen, ihren edlen Entſchluß zurückzuweiſen, wäre unnütz geweſen, dies fühlte ich wohl. Damals faßte ich den Entſchluß, mich ihnen dadurch zu ent⸗ fremden, daß ich zu arbeiten aufhörte, daß ich mich in Kaffeehäuſern und an öffentlichen Orten umher⸗ trieb, daß ich auf ihre Ermahnungen nicht mehr hörte, daß ich es ſogar wagte, übermüthig mit ihnen zu reden. So wurden ſie getäuſcht, ſie glaub⸗ ten mich jeder Beſſerung unfähig, der Tag der Lvosziehung kam heran und ſie ließen mich abreiſen. Ich habe ihnen Lebewohl geſagt aber ohne ſie noch zu enttäuſchen. denn ſie wären im Stande, mich loskaufen zu wollen. Aber, mein Herr 1 wenn ich in Spanien fallen ſollte, wo man ſich ſchlägt, wie es heißt, dann wäre es ſchrecklich für mich, die Verachtung meiner Eltern mit ins Grab zu nehmen. Dann ach! aber nur dann ſagen ſie ihnen, was ich gethan habe, auf daß ſie erfah⸗ ren, daß ihr Sohn ihrer Zörtlichkeit nicht unwürdig war.““ Der arme Junge weinte, während er dieſe Worte ſprach; ich öffnete ihm meine Arme und 42 drückte ihn lange an mein Herz; denn auch ich war ihm eine Genugthuung ſchuldig, auch ich hatte ihn, ſeiner Aufführung nach, für ein ſchlechtes Subjekt gehalten.“ „Dieſes Beiſpiel tröſtet uns für das andere,“ ſagte Herr Guerreville,„aber leider glaube ich, daß die erſteren weniger ſelten ſind.“ In dieſem Augenblick öffnete man die Thüre des Salons; ein großer Kerl von kaum dreißig Jahren, der mit einer Soldatenmütze von Wachsleinwand bedeckt war, ein Paar Huſarenbeinkleider und einen bis an das Kinn zugeknöpften Jagdrock trug, nä⸗ herte ſich dem Herrn des Hauſes und blieb vor ihm ſtehen, indem er die Hand an ſeine Mütze legte wie ein Soldat, der einen Offizier grüßt. Dies war George, der Diener des Herrn Guerre⸗ ville; der Burſche war Soldat geweſen und hatte ſich dort die raſche und duldende Gewohnheit, zu gehorchen, angeeignet, welche bei den Dienern ſo ſelten wirdz; auch war er von außerordentlicher Ordnungsliebe, eine Eigenſchaft, auf welche bei dem Militär ſtreng gehalten wird; endlich war er weder geſchwätzig noch neugierig: Alles dies ließ ſeinen geringen Verſtand und ſeine beſchränkte Gei⸗ ſteskraft in jedem andern Theile des Dienſtes überſehen. „Nun, George, ſind Sie auf der Poſt geweſen?“ fragte Herr Guerreville, als er ſeinen Diener ein⸗ treten ſah. „Ja, mein Herr, aber es ſind keine Briefe für Sie da.“ 43 „Nichts Neues! gar nichts ſechs Jahre find es bald und dennoch hoffe ich noch manch⸗ mal. Aber ich ſehe wohl, daß Alles aus iſt. O! es iſt doch ſchrecklich, in dieſer fortwährenden Span⸗ nung zu leben. und immer in ſeinen Hoffnungen getäuſcht zu werden.“ Guerreville hatte dieſe Worte mit halber Stimme geſprochen, aber mit einer ſo wehmüthigen Betonung, daß ſich der Doktor verſucht fühlte, in ſeine Arme zu ftürzen, um ihn zu tröſten, aber er hatte den Muth nicht dazu, denn die Blicke ſeines neuen Freundes waren ſo finſter, ſo nachdenklich gewor⸗ den, daß er ſich fürchtete, ihn in ſeinem Gedanken zu ſtören. Georg ſtand noch immer in der Mitte des Sa⸗ lon vor ſeinem Herrn. „Was machen Sie da?⸗ rief Herr Guerreville heftig, indem er ſeinen Diener ungeduldig anſah. „Ich habe dem Herrn noch Einiges zu über⸗ geben noch Karten, die man mir für ihn zu⸗ ſtellt hat; Georg überreichte ſeinem Herrn mehre Karten und verließ mit raſchem Schritte den Salon.“ Guerreville nahm mit übler Laune die Karten und heftete ſeine Blicke darauf, dann warf er ſie ins Feuer, indem er ſagte:„Vadevant, Boullar⸗ din Desboulleaux.. kenne ich denn dieſe Alle! werden mich dieſe Leute hier nicht in Ruhe laſſen!... Welche Wuth haben ſie ſeit eini⸗ gen Tagen, mir jeden Augenblick ihre Karten zu ſchicken!„ 44 Der Doktor Jenneval konnte einen Ausbruch des Lachens nicht unterdrücken, da er die Namen der Hauptmitglieder von der Geſellſchaft, die ſich bei Madame Blanmignon verſammelt hatte, brennen ſah. Guerreville wandte ſich gegen ihn, indem er ſagte:„Sie lachen, weil Sie mich dieſe Karten verbrennen ſehen?. „Ja... denn ich erinnere mich... O! aber ich darf Ihnen das nicht ſagen!“ „Sprechen Sie doch, Doktor. Ach! wenn Sie wüßten, wie gleichgültig mir jetzt Alles in der Welt iſt!“ „Nun wohl! vor noch nicht langer Zeit nannte man Sie in der ganzen Stadt nur den Bären, weil ſich Jeder darüber ärgerte, daß Sie die Ein⸗ ſamkeit der Geſellſchaft vorzogen. Aber ſeitdem man erfahren, daß der Herr Unterpräfekt ein Freund von Ihnen iſt, o! da hat ſich die Stimmung hin⸗ ſichtlich Ihrer ſehr verändert!.. Sie ſehen es, man thut die erſten Schritte, man gibt die Karte bei Ihnen ab. O! Sie ſind in Gunſt!“ Guerreville verſuchte zu lächeln und entgegnete: „Glücklich die Leute, welche ſich mit all dieſen Kleinigkeiten der Geſellſchaft beſchäftigen können!... Dies beweist zum Mindeſten, daß ſie keine große Sorge auf dem Herzen haben! Uebrigens, Doktor, werde ich aufhören, ein Gegenſtand der Bewunde⸗ rung für die Bewohner dieſer Stadt zu ſein.“ „Wie! hätten Sie wirklich die Abſicht, uns zu verlaſſen?“ 45 „Ja. ich will nach Paris„ „Auf längere Zeit? O! das iſt mir leid, denn ich habe Sie ſtets mit Vergnügen beſucht, und ich ſchmeichle mir, daß Sie ſo günſtig über mich ur⸗ theilen, um zu glauben, daß dieſes Vergnügen ohne Intereſſe war.“ Guerreville ergriff die Hand von Jenneval und drückte ſie ihm heftig, indem er entgegnete:„Ja, gewiß, ich glaube Ihnen; und auch ich war gerne in Ihrer Geſellſchaft.“ „Zudem, ſagte der Doktor, wiſſen Sie, daß die Zeit Alles verwiſcht, und ich geſtehe Ihnen, daß ich mir mit der Hoffnung ſchmeichelte, Sie allmählig von Ihrem Trübfinn heilen zu können.“ „Ol niemals niemals! Es gibt Leiden, die ſich nicht vergeſſen laſſen; und zudem iſt es bei mir nicht Melancholie„ WMenſchenhaß. aber ich denke lieber an das, was mir mein Leiden verurſacht, als daß ich mich zu zerſtreuen verſuche.“ „Aber es iſt möglich, daß ich auch nach Paris gehe, um mich dort niederzulaſſen. Sie wiſſen, daß ich Ihnen vft geſagt habe, der Aufenthalt in dieſer kleinen Stadt ſei mir nicht ſehr angenehm. Im Fall ich nach Paris komme, werden Sie mir doch erlauben, Sie zu beſuchen2“ „Ich bitte Sie ſogar darum. Da ich den Aufent⸗ halt in den Gaſthöfen nicht liebe, werde ich mich genöthigt ſehen, eine andere Wohnung zu ſuchen und ſobald ich eine ſolche gefunden habe, werde ich Ihnen meine Adreſſe ſchicken.“ 00 46 „Sie verſprechen es mir?“ „Ich verſpreche es Ihnen.“ Der Doktor war aufgeſtanden, er drückte aufs Neue die Hand von Guerreville und nahm Abſchied von ihm. Drittes Kapitel. Ein Ball auf der Unterpräfektur. Die Charivari⸗Soirée in Chateau⸗Thierry hatte Aufſehen gemacht; man hatte den Doktor um Ver⸗ ſchwiegenheit gebeten, und alle diejenigen, welche ſich an dieſem Abend bei Madame Blanmignon be⸗ funden hatten, hatten ſich das ſtrengſte Stillſchweigen über dieſe Angelegenheit gelobt; und deßhalb wußte am andern Vormittage die ganze Stadt, was am vergangenen Abend in der Geſellſchaft der Madame Blanmignon vorgegangen war. Diejenigen, welche ſich bei dem unterbrochenen Charivari nicht betheiligt hatten, ermangelten nicht, es aufs Strengſte zu kritifiren. Nach ihrer Anſicht war das Unternehmen von beleidigender Unſchicklich⸗ keit, und Madame Blanmignon hätte, ſtatt die Hände zu bieten, eher die Ausführung verhindern ſollen. Indeß, wie nun die Nachricht von Mund zu Mund immer mehr vergrößert wurde, ſo ſagte man auch bald, Herr Vadevant und mehre von ſeiner Geſellſchaft, wären die ganze Nacht in der Stadt 47 umhergezogen und hätten einen hölliſchen Lärm ge⸗ macht. Man hatte ſie gehört, mehre alte Frauen verſicherten ſogar, ſie hätten ſie mit Keſſel, Häm⸗ mer, Keulen und ſelbſt mit Feuerwaffen bewaffnet, geſehen. Und ihre Abſicht war, den ehrenwerthen Herrn Guerreville taub zu machen!(Die ganze Stadt wußte auch, daß der Herr Unterpräfekt bei dem Unbekannten auf Beſuch geweſen war.) Uun das Treiben der Charivariſten war um ſo verdammenswerther, als der intereſſante Fremde ſich gerade unwohl befand, und das entſetzliche Geräuſch, das man vor ſeinem Hauſe machen wollte, ſeine Nerven aufreizen, ſein Blut erhitzen und vielleicht ſeinen Tod hätte zur Folge haben können. Und ſeit nun Jeder ſeine Bemerkungen über dieſe Geſchichte gemacht hatte, begegnete Vadevant nur finſtern Geſichtern; ſeine Bekannten wendeten den Kopf ab, um ihn nicht grüßen zu müſſen; man ſchien ihn zu ſliehen wie einen Ausſätzigen; da halfen keine Entſchuldigungen, kein Rufen: Ich trug ja nur einen Bettwärmer und zudem ſind wir gar nicht aus der Thüre der Madame Blanmignon ge⸗ kommen; man erwiderte ihm: Sie haben in Ihren Bettwärmer eine Laſt von fünfzig Pfund gethan... Sie find fortgegangen.. die ganze Stadt hat Sie gehört. Ach! was hatte Ihnen dieſer Mann ge⸗ than der Freund des Herrn Unterpräfekten? Ol es iſt unverzeihlich. Vadevant war in Verzweiflung; er blieb acht 48 Tage zu Haus und wagte es nicht einmal, zum Fenſter hinauszuſehen. Er ließ ſich Thee holen, um das Intereſſe für ſich wieder zu erregen und glau⸗ ben zu machen, er wäre krank. Desboulleaur wurde in der That unwohl und war genöthigt, vierzehn Tage lang Reißwaſſer zu trinken. Madame Blanmignon gab keine Geſellſchaften mehr, und vergaß drei Tage lang ihre Haare, Au⸗ genbraunen und Wangen zu färben. Die andern Betheiligten vermieden es, ſich in Geſellſchaft zu zeigen. Boullardin endlich, welcher Herrn Guerreville zuerſt den Beinamen eines Bären gegeben hatte, beſtellte ein neues Kleid, welches ihm der Schnei⸗ der anmeſſen wollte, wieder ab. Was übrigens die Angſt der in dieſe Affaire Verwickelten aufs Höchſte ſteigerte, war, daß man wußte, der Herr Unterpräfekt ſei von dem Vorfall unterrichtet und habe den Doktor Jenneval zu ſich rufen laſſen, ohne Zweifel um von ihm etwas Nä⸗ heres zu erfahren. Bald aber verſetzte eine andere Neuigkeit die Geiſter in Thätigkeit: der Herr Unterpräfekt wollte einen großen Ball geben. Gewöhnlich hatten die Perſonen der Geſellſchaft von Madame Blanmignon die Ehre, Einladungen von der Unterpräfektur zu erhalten; aber diesmal ſagte man ſich: Es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß alle Diejenigen, welche ſich erlaubt haben, den ehrenwerthen Freund des Herrn 49 Unterpräfekten zu verſpotten, zu ſeinem Balle nicht werden eingeladen werden. Und wirklich, die Einladungen zu den Honora⸗ tioren kamen und die Charivariſten erhielten keine. „Wir. gehen auf den Ball des Herrn Unterprä⸗ fekten,“ bemerkt man mit Nachdruck in Gegenwart von Vadevant und Desboulleaux;„er wird prächtig ſein, wie man ſagt, und eine gewählte, feine Geſellſchaft nicht eine einzige Perſon, die nicht hinpaßte.“ Die in Ungnade gefallenen Unglücklichen ent⸗ fernen ſich mit geſenktem Haupte und langer Raſez einige weinten, als ſie nach Hauſe kamen. Aber einige Tage nachher erſchienen alle Dieje⸗ nigen, welche ſich aus Furcht, man möchte ſich über ſie luflig machen, nicht zu zeigen gewagt hatten, mit ſtrahlendem Antlitze, die Stirn erhaben und ein Lächeln auf den Lippen, wie ſonſt. Nun konnten ſie ſich ſehen laſſen: ſie hatten auch ihre Karten zum Präfekturballe erhalten; ſie liefen, es überall erzählend, umher und ſprachen von nichts Anderem, indem ſie immer mit boshaf⸗ ter Wiene wiederholten: Es wird eine trefflich zu⸗ ſammengeſetzte, ſehr gewählte, ſehr feine Geſell⸗ ſchaft ſein. Die Andern waren erſtaunt, verßummt; ſie ſag⸗ ten unter ſich: Das iſt doch ſonderbar! Wie, der Herr Unterpräfekt erweist ihnen die Ehre, ſie einzüladen!. Aber man wird ſehen, vielleicht Panl de Kock XCv. 11 1 bin 50 hat er ihnen auf ſeinem Ball eine gute Lektion zugedacht. Unterdeſſen machte man große Vorbereitungen für die Toilette; die zuletzt Eingeladenen wollten beſonders prächtig erſcheinen, um dem Balle des Unterpräfekten Ehre zu machen. Boullardin hatte ſeinen neuen Anzug wieder beſtellt, und er wollte ſogar noch ein Paar ſammetne Beinkleider haben, trotz der Vorſtellungen ſeiner Frau, welche fand, daß dies nicht zu ſeinen Einkünften paſſe. Was noch mehr die Neugierde erregte, war der umſtand, daß man glaubte, Herr Guerreville würde, trotz ſeinem Hang zur Einſamkeit, vielleicht auf dem Balle ſeines Freundes, des Unterpräfekten, erſchei⸗ nen. Nie wurde ein Tag mit größerer Ungeduld erwartet, nie hat ein Feſt zum Voraus ſo viel Aufregung verurſacht und ſo viele Vermuthungen hervorgerufen. Endlich war dieſe große Soirée herangekommen. Man begab ſich mit ſtolzer Haltung auf die Unter⸗ präfektur, einige der Eingeladenen nicht mit ruhi⸗ gem Herzen, und man wird es errathen, daß dies die Charivariſten waren; indeß faßten ſie ſich ſo ziemlich und thaten ſich Zwang an, um immer ein Lächeln auf den Lippen zu haben. Der Herr Unter⸗ präfekt machte auf ſeinem Balle die Honneurs mit vieler Anmuth; er war freundlich gegen Jedermannz die Gemüther beruhigten ſich, beſonders da der ge⸗ fürchtete, geheimnißvolle Fremde, Herr Guerreville, nicht erſchien.. 51 Der Tanz nimmt ſeinen Anfang; Vadevant kommt nicht vom Platze; er engagirt die häßlichſten Damen und ſpringt wie toll mit ihnen herum: und dies Alles, um ſich bei dem Unterpräfekten in Gunſt zu ſetzen. Herr Boullardin glaubt, es liege in ſeinem Intereſſe, keine Platte mit Eis oder Kuchen vorübergehen zu laſſen, ohne davon zu nehmen; ſelbſt der ängſtliche Desboulleaur thut ſich Gewalt an, er will verſuchen, einen Galopp zu tanzen, und tritt dabei ſeiner Tänzerin ſo oft auf die Füße, daß ſie genug hat, bevor ſie eine Tvur durch den Salon gemacht. Der Doktor Jenneval iſt auf dem Balle; er tanzt nicht, aber er geht umher, er beobachtet, er lächelt oft, hauptſächlich wenn er Vadevant tanzen ſieht. Alles ging vortrefflich, der Ball war ſehr belebt und verſprach es noch ferner zu ſein; aber man ſetzte jetzt das Tanzen aus, um die Damen an eine große Tafel zu führen und an derſelben Platz nehmen zu laſſen, auf welcher das Abendeſſen an⸗ gerichtet war, mit einem Ueberfluß von Aufſätzen und Wachskerzen. Die Damen ſaßen alle; die Herren ſtanden hinter ihnen und bewunderten den Anblick, indem ſie auf das Aufſtehen der Damen warteten, das ihnen erlauben würde, noch etwas Beſſeres zu thun, als das Souper zu bewundern. Der Herr Unterpräfekt machte die Honneurs an ſei⸗ ner Tafel, und von allen Seiten empfing er nichts als Complimente über die Eleganz ſeines Feſtes. 52 Aber ein kleiner, ſehr häßlicher und naſeweiſer Herr, welcher darauf gerechnet hatte, die Geſell⸗ ſchaft der Madame Blanmignon foppen zu ſehen, ſchlich ſich hinter den Stuhl des Feſtgebers, und, einen Augenblick des Stillſchweigens benützend, der nur durch das Geräuſch der Meſſer und Gabeln unterbrochen wurde, begann er mit lauter Stimme: „Herr Unterpräfekt... Ihre Soirée iſt vortreff⸗ lich, aber ich erwartete hier mit Herrn Guerreville zuſammenzutreffen denn man hat mir geſagt, Herr Guerreville habe die Ehre, einer She Freunde zu ſein.“ Dieſe Worte brachten die ganze Geſellchaft in lebhafte Aufregung: die Einen erhoben den Kopf, ſahen ſich um und erwarteten mit Spannung die Antwort des Unterpräfekten; die Andern ſchlugen die Augen nieder und wußten gar nicht mehr, wie ſie ſich verhalten ſollten. Vadevant ſteckte ſein Kinn in ſeine Cravatte und hätte ſein ganzes Geſicht darin verbergen mögen; Boullardin verſchüttete ſeine Doſe auf die Schultern ſeiner Frau, hinter welcher er beſtändig ſtand; Madame Blanmignon führte einen Löffel voll Apfelbrei ſtatt zum Mund in die Naſe, und Desboulleaur endlich ließ einer Dame einen Theil des Compots, das er ihr präfantt ſollte, auf das Kleid fallen. „Ah! Sie wiſſen alſo, daß Herr Guerreville mein Freund iſt?“ erwiderte endlich der Herr Unter⸗ präfekt, indem er einen Blick auf warf. * 53 Der kleine boshafte Herr glaubte nun eine Dummheit geſagt zu haben und murmelte zwi⸗ ſchen den Zähnen:„Ich weiß das heißt, der Herr Unterpräfekt.. man hat mir geſagt. man glaubt zu wiſſen übrigens erlaube ich mir nicht, etwas mit Beſtimmtheit zu be⸗ haupten.“— „Nun gut! mein Herr, man hat ſich nicht ge⸗ täuſcht; ja, ich kenne Herrn Guerreville ſeit ſehr langer Zeit. Ich kannte ſeinen Aufenthalt in dieſer Stadt nicht und war entzückt, ihn hier wiederzu⸗ finden; es würde mir, ich geſtehe es Ihnen, ſehr lieb geweſen ſein, ihn in dieſer Geſellſchaft zu ſehen, aber Herr Guerreville widerſtand meinen dringenden Bitten. und nach dem Wenigen, was er mir geſagt, fühlte ich wohl, daß ich nicht weiter in ihn dringen könnte. Zudem habe ich vernommen, daß einige ſchändliche Gerüchte auf ſeine Rechnung in unſerer Stadt im Umlauf waren.“ Hier ſtützte ſich Boullardin mit beiden Händen auf die Schultern ſeiner Frau, da es ihm an Kraft gebrach, ſich aufrecht zu erhalten, und Vadevant fuhr bis an den Mund in ſeine Cravatte. Der Unterpräfekt fuhr fort:„Ich ſehe nicht ein, warum ein Mann den Spöttereien der Geſellſchaft ausgeſetzt ſein ſoll, weil er in der Einſamkeit zu leben wünſcht... Wir haben Männer von großem Verdienſt gehabt, welche die Welt nicht liebten.“ „Jean Jacques Rouſſeau konnte ſie nicht leiden,“ 54 murmelte Vadevant, ein wenig aus ſeiner Cravalte hervorkommend. „Und nicht immer iſt man ein böſer Menſch,“ fuhr der Unterpräfekt fort,„weil man die Geſell⸗ ſchaft flieht; aber es gibt Leute, die wegen eines Witzes Schlechtes von ihrem Vater ſagen würden.“ Bvoullardin kneipte die Ohren ſeiner Frau, er wußte nicht mehr, was er that. „Man hat mir ſogar geſagt... es wäre ein Charivari im Vorſchlag geweſen, um meinen Freund Guerreville zu zwingen, unſere Stadt zu verlaſſen.“ Hier richteten ſich Aller Augen auf diejenigen Perſonen, welche ſich bei Madame Blanmignon befunden hatten. Vadevant ließ nur noch ſeine Naſe ſehen; es trat eine allgemeine Stille ein, Gabeln, Löffel und Zungen waren außer Thätigkeit. Der Unterpräfekt fuhr mit einem faſt ſtrengen Tone fort:„Aber ich habe ſolche Geſchichten nicht glauben wollen. Wie konnte ich in der That auch annehmen, daß Leute von Verſtand, gut erzogene Menſchen, die Abſicht gehabt hätten, eine Handlung zu begehen.. die immer ſchimpflich iſt, und einen Menſchen, der ihnen nichts gethan, der ihnen un⸗ bekannt iſt, derſelben preiszugeben.. ein Mann, der vielleicht durch ſeine Stellung in der Welt, Anſprüche auf ihre Rückſicht. auf ihre Achtung, auf ihre Ehrerbietung hat?“ Der Unterpräfekt ſprach dieſe Worte mit be⸗ ſonderem Nachdruck. Der Doktor Jenneval biß ſich in die Lippen, um nicht in ein lautes Lachen aus⸗ — — — 55 zubrechen, und an der Tafel ſagte man ſich mit halblauter Stimme: der Unbekannte iſt ein bedeu⸗ tender Mann ein ehemaliger Miniſter;— ein bevollmächtigter Agent;— ein großer Kapitaliſt;— ein General;— ein Geſandter;— ein Graf, ein Herzog, ein Prinz. „Ich wiederhole es, ich habe von all dem nichts geglaubt,“ fuhr der Unterpräfekt mit freundlicher Miene fort;„aus einer einfachen Unbeſonnenheit hat man ein Ungethüm gemacht; aber ich verab⸗ ſcheue die Klatſcherei: Einigkeit und Vergeſſenheit iſt mein Wahlſpruch; und da ich überhaupt Einig⸗ keit und Frieden in unſerer kleinen Stadt zu ſehen wünſche, ſo hoffe ich, daß von dieſer Angelegen⸗ heit nicht mehr die Rede ſein wird.“ Dieſe Worte riefen die Heiterkeit wieder auf alle Geſichter. Vadevant zog ſein Kinn ganz aus der Cravatte; Boullardin ließ die Ohren ſeiner Frau los und verſprach ihr ein Paar ſchönere Ohr⸗ gehänge zu kaufen, um ſie für den ausgeſtandenen Schmerz zu entſchädigen und Desboulleaur verſprach ſich einen zweiten Galopp zu wagen, wenn er eine Tänzerin fände, die Willens wäre, mit ihm zu tanzen. Die Damen verlaſſen die Tafel und laſſen dem Souper die größte Ehre widerfahren, indem ſie den Witz ſprudeln laſſen, der ihnen zu Gebote ſteht. Sie rühmen den Champagner des Unterpräfekten, und Boullardin, der ſich auf einmal wieder in Gunſt ſetzen will, erhebt ſein Glas und ſchreit:„Auf die 56 Geſundheit des Herrn Unterpräfekten und ſeiner erhabenen Familie!“ Dieſer Toaſt wird mit all dem Enthuſiasmus, den der Champagner hervorbringen kann, wieder⸗ holt. Alsdann kehren die Herrn in den Ballſaal zurück; die Tänze, Walzer, Galoppaden fangen wieder an: Alles iſt von einer zügelloſen Heiter⸗ keit, da man keine Störung derſelben mehr zu fürchten braucht: Einigkeit und Vergeſſenheit. Herr⸗ liche Wort in der That, die alle Menſchen wohl überlegen und praktiſch anwenden ſollten; aber es gibt noch mehr Dinge als dieſe, die man thun ſollte und nicht thut! Dieſe glänzende und herrliche Nacht nahm auch ein Ende, weil Alles einmal enden muß. Das iſt freilich ſchlimm, wenn man ſich amü⸗ firt. Wenn man ſich jedoch fortwährend amüfirte, würde es vielleicht ſehr langweilig enden. Das Schlimme iſt dem Guten zur Seite, die Trauer nahe der Lußt, Langeweile begleitet das Vergnügen, dies iſt die Schattenſeite des Gemäldes. Ein Leben, in welchem man nichts zu wünſchen hätte, müßte ſehr einförmig ſein. Jedermann war wieder in ſeine Behauſung zu⸗ rückgekehrt; die jungen Leute berechneten die Zahl der Contretänze, die ſie getanzt hatten: denn am Tage nach einem Balle iſt es eine große Befriedi⸗ gung, zu ſeinen Freundinnen ſagen zu können: Ich habe mehr getanzt als Du.. Die Damen erinnerten ſich der Wirkung, die ſie durch ihre Toilette hervorgebracht hatten, dann — 57 gewiſſer Blicke oder Worte, die ſie für unnöthig hielten, ihren Männern anzuvertrauen, welche ihrer⸗ ſeits vielleicht mit Vergnügen ſich an ihre Galan⸗ terien gegen manche Damen erinnerten. Kurz, man amüfirte ſich in Frinnerung an ſein Steckenpferd, an ſeine Lieblingsneigung. Nun aber war Vadevants Lieblingsneigung die Neugier, und als er zu Hauſe angekommen war und ſich zu Bette gelegt hatte, um die nach einer Ballnacht nöthige Ruhe zu genießen, konnte er nicht aufhören, an das zu denken, was der Unter⸗ präfekt in Betreff Gucpreville's geſagt hatte. Er wiederholte ſich die Worte: Er iſt ein Mann, der vielleicht durch ſeine Stellung in der Welt An⸗ ſprüche auf unſere Rückſicht, auf unſere Achtung, auf unſere Ehrerbietung hat. Und Vadevant zerbrach ſich den Kopf, um zu errathen, welchen Rang dieſer myſteriöſe Fremde bekleiden könnte. Der Doktor Jenneval ſchien es zu wiſſen; aber der Doktor war ſehr diskret, und hatte ſich ſchon bei mehren Gelegenheiten über Vadevants Neugierde luſtig gemacht, er hatte alſo keine Hoff⸗ nung, durch ihn etwas zu erfahren. Vadevant ſchlief faßt gar nicht, und am folgen⸗ den Tag ſchickte er Herrn Guerreville ſeine Karte, indem er ſich ſagte: dies kann keinen Schaden bringen. Nach Verfluß von einigen Tagen abermals eine Karte; aber das brachte ihn nicht vorwärts. Guerre⸗ ville ſchickt ihm die ſeinige nicht einmal zurück. ⸗ 58 Vadevant war nicht der Mann, ſich abſchrecken zu laſſen; er wollte um jeden Preis die Bekannt⸗ ſchaft des Freundes des Unterpräfekten machen. Er ging mehre Tage nach einander vor dem Hauſe, das Herr Guerreville bewohnte, ſpazieren; er hoffte, dieſer würde herauskommen und er alsdann Ge⸗ legenheit finden, ein Geſpräch mit ihm anzuknüpfen. Auch hierin täuſchte er ſich. Herr Guerreville kam nicht heraus und Vadevant hatte umſonſt ge⸗ ſchildert. Endlich entſchloß er ſich zu einem entſcheidenden Mittel zu greifen. Eines Morgens, nach dem Früh⸗ ſtücke, kleidete er ſich mit vieler Sorgfalt an und machte ſich auf den Weg, um ſelbſt einen Beſuch bei dieſem geheimnißvollen Herrn zu machen, bei welchem er begierig war, zugelaſſen zu werden. Unterwegs ſagte Vadevant zu ſich ſelbſt: Allem nach iſt der Mann zu wohl erzogen, als daß er mich nicht empfangen ſollte; ich will mich ihm vor⸗ ſtellen. unter dem Vorwande Teufel! unter welchem Vorwande?... O! ich hörte ſagen, er ſuche ein Haus zu kaufen und ich weiß Viele, die zu verkaufen ſind.. Ich habe zwar von alle dem nichts ſprechen hören, aber ſtehe ich dieſem Herrn nur einmal gegenüber, dann knüpft ſich ſchon ein Geſpräch an... Ich ſchmeichle mir ebenſo liebenswürdig zu ſein, wie Doktor Jenneval.— Dieſer Unbekannte iſt von meiner Höflichkeit, von meinen Manieren entzückt und fordert mich auf, ihn öfters zu beſuchen„. das macht ſich von ſelbſt; 59 klopfen wir an. Vadevant klopft an, denn er war indeſſen vor der Thüre des Herrn Guerreville an⸗ gekommenz ein großes, roth und dickbäckiges Mädchen öffnete ihm. „Ei! von dieſer Magd wußte ich bis jetzt nichts,“ ſagte Vadevant zu ſich;„aber ſie iſt mir doch lieber als ſein großer Klotz von einem Bedienten.“ Und das dicke Mädchen mit einer liebenswür⸗ digen Miene anlächelnd, trat ihr Vadevant einen Schritt näher, indem er ſagte:„Könnte ich die Ehre haben, Ihren Herrn zu ſprechen? es iſt eine Angelegenheit von großer Wichtigkeit... und wenn ich in dieſem Augenblick nicht ſtöre...“ „Ol ja, mein Herr, nichts iſt leichter,“ erwiderte die Dienerin;„mein Herr iſt oben und frühſtückt... Aber Sie können ſelbſt zu ihm hinaufgehen.. „Er frühſtückt?“ ſprach Vadevant,„dann fürchte ich meine Zeit ſehr ſchlecht gewählt zu haben.. und ich bin nicht ſo kühn, mir zu erlauben...“ „Gehen Sie doch.— Gehen Sie doch mein Herr genirt ſich nicht im Eſſen, wenn auch Leute da ſind;z begeben Sie ſich nur in den erſten Stock, dort werden Sie ihn finden.“ Vadevant läßt ſich dieſe Worte nicht wieder⸗ holen; er ſteigt entzückt über die Leichtigkeit, mit welcher Herr Guerreville ſich ſprechen läßt, die Treppe hinauf und bedauert nur, nicht früher ge⸗ kommen zu ſein. In dem erſten Stocke angekommen, befand er ſich in einem Vorſaal und wußte nicht, durch welche Thüre er eintreten ſollte; er horchte 60 einen Augeublick. Ein Geräuſch von Flaſchen be⸗ zeichnet ihm den Weg; er ordnet ſeinen Anzug, macht Halsbinde und Kragen zurecht, nimmt den Hut ab, öffnet eine Thür und indem er ſich tief zur Erde bückt, murmelt er:„Ich bitte tauſendmal um Entſchuldigung, mein Herr, wenn ich ſtöre.“ „Nun gut, zu wem will Er denn mit ſeinen tau⸗ ſend Entſchuldigungen, Er?“ entgegnete mit rauher Stimme ein langer, von Kohlen geſchwärzter Mann, der, die dritte Flaſche leerend, vor einer Tafel ſaß. Vadevant erhebt ſeine Augen, er betrachtet die Perſon, die er vor ſich hat, und wird roth vor Zorn, als er bemerkt, daß er ſich vor einem Manne, mit dem er auf der Straße nicht geſprochen hätte, bis zur Erde gebückt hatte, vor einem dicken Bauern, der wegen ſeines Hangs zum Trunke in der Stadt bekannt war, und der ſich als Kohlenträger das Geld geſammelt hatte, das er vertrank. „Ich will zu Herrn Guerreville!“ rief der kleine Mann, indem er ſich übermüthig aufrichtete und ſei⸗ nen Hut aufſetzte;„mit Ihm habe ich wahrhaftig nichts zu ſchaffen.“ „Nun gut!. warum kommen Sie denn zu mir?„das iſt einerlei, wollen Sie einen Schluck trinken?— Herr Guerreville wohnt nicht mehr hier? — Wer iſt denn der Herr eigentlich? Vadevant ging verdrießlich aus dem Zimmer, ſtieg die Treppe hinab und ſagte zu dem Dienßmäd⸗ chen:„Warum ließen Sie mich denn hinaufgehen? Ich wollte zu Herrn Guerrebville. ich brauche 61 keine Kohlen, ich!— Das haben Sie mir nicht ge⸗ ſagt Sie haben nur nach meinem Herrn gefragt. — Ihr Herr!. Aber wiſſen Sie nicht, wo der⸗ jenige hingegangen iſt, der das Haus vor Euch be⸗ wohnte?— Ah! der Herr, der hier war mit ſeinem Sn— Ja, derſelbe!— Sie ſind nach Paris gereist. ſo viel ich wenigſtens ver⸗ nommen habe.“ „Nach Paris gereist!“ ſchrie Vadevant ſich ent⸗ fernend,„ich bin zu ſpät gekommen!.. Gleichviel „ich gehe auch nach Paris ich mache eine Er⸗ holungsreiſe dorthin und werde mich bemühen, den Herrn Guerreville aufzufinden. Viertes Kapitel. Aushängetafeln. Einige Tage nach der Unterhaltung, welche Herr Guerreville mit dem Doktor Jenneval gehabt, hatte der erſtere ſeinem Diener befohlen, die Mantelſäcke zurecht zu machen und den folgenden Morgen fuhren ſie in einer Poſtchaiſe nach Paris. Unterwegs ließ Georg, der bei ſeinem Herrn im Wagen ſaß, hie und da einen Ausruf der Freude vernehmen, aber er unterdrückte dieſelben auch als⸗ bald wieder, aus Furcht, ſeinem Herrn zu mißfal⸗ len. Georg war noch nie in Paris geweſen. In der Bretagne geboren und dort zum Soldaten aus⸗ gehoben, hatte ſein Regiment, während der ganzen Zeit, daß er die Flinte trug, nicht ein einzigesmal in der Hauptſtadt in Garniſon gelegen; hernach war er gerade zu dem Zeitpunkte in die Herrn von Guerreville getreten, als dieſer, lange auf Reiſen geweſen war, ſich in Cha niederließ, wo ſie drei Jahre verweilten. So oft Halt gemacht wurde, um die Pferde zu wechſeln, ſah ſich Georg überall um und bemühte ſich, etwas zu entdecken, das die Nähe der großen Stadt andeutete. Aber Paris läßt ſich nicht wie das Meer ſchon von der Ferne vernehmen, und oft iſt noch eine halbe Meile von der Stadt Alles ſtill, einſam und armſelig. Zum Glück für Georg iſt die Entfernung von Chateau⸗Thierry nicht groß. Der Exſoldat ſah ſich bald in der Mitte einer neuen Welt: die Läden, die Equipagen, die Vorübergehenden, Alles ſetzte ihn in Erſtaunen, betäubte ihn; er hielt ſich für betrunken als er mit ſeinem Herrn in ein ſchönes Hotel in der Straße Richelieu eintrat. Herr Guerreville nahm ein Zimmer, welches die Ausſicht auf die Straße hatte, und Georg ſagte zu ſich: Mein Herr wird ſich hier nicht gut befinden, da er die Ruhe und die Einſamkeit ſo ſehr liebt, er wird hier nicht ruhen können. Und den andern Morgen, als er bei ſeinem Herrn eintrat, erlaubte er ſich zu ſagen:„Der Herr hätte wohl hier nicht ſchlafen ſollen; man hört zu ſehr das Geräuſch von der Straße. dem er u⸗Thierry 63 „Ich bin an das Geräuſch von Paris gewöhnt,“ erwiderte Guerreville lächelnd:„O! mein braver Georg, ich bin in dieſer Stadt geboren ihr Ge⸗ räuſch, ihr Treiben und ihre Vergnügungen haben mich lange angezogen.. Das macht Dich ſtaunen, Georg;z weil ich jetzt traurig und zurückgezogen bin, haſt Du Mühe, zu glauben, daß ich heiter, ausge⸗ laſſen ſein konnte, wie die jungen Leute, die Du hier vor unſeren Augen vorübergehen fiehſt, und de⸗ ren einzige Beſchäftigung es ſcheint, ſich ſehen zu laſſen und über Alles, was ſie ſehen, zu lachen. Aber auch ich war jung und ich war nicht beſ⸗ ſer als die Anderen vpielleicht noch etwas ſchlim⸗ mer. Indeſſen ſuchte ich nie für beſſer zu gelten als ich war. und es iſt eine Tugend, ſeine Feh⸗ ler nicht zu verbergen; es gibt ſehr viele Leute, welche ſich, im Gegentheile, Tugenden beilegen wol⸗ ten, die ſie nicht beſitzen.“ Guerreville ſchien eher ein Selbſtgeſpräch zu füh⸗ ren und laute Reflexionen zu machen, als mit ſei⸗ nem Diener zu ſprechen. Demungeachtet hörte ihn Georg achtungsvoll an und wartete bis ſein Herr enden würde, um ihnzufragen, oberfrühſtücken wollte. Guerreville kleidete ſich raſch an und nahm zu Georgs großem Erſtaunen, ohne zu frühſtücken, ſei⸗ nen Hut und ging aus. „Es ſcheint, wir werden hier kein Leben führen wie zu Chateau⸗Thierry,“ ſagte Georg, als er ſei⸗ nen Herrn ſich entfernen ſah,„wir werden nicht mehr leben wie die Wölfe das iſt mir lieber.. 4 es raucht ſich in Geſellſchaft weit angenehmer.“ Und wirklich war es auch nicht Guerreville's Abſicht, in Paris ein zurückgezogenes Leben zu füh⸗ ren; er war mit dem Vorſatz nach Paris gekommen, noch einen Verſuch zu machen, um Jemand wieder⸗ zufinden, von welchem er ſeit langer Zeit vergeb⸗ lich Nachricht erwartete; dieſen Jemand hatte er ſchon einmal in Paris und dann in verſchiedenen Ländern geſucht; hierauf reiste er drei Jahre lang, in der Hoffnung, ihm zu begegnen und in Ver⸗ zweiflung darüber, daß es ihm nicht gelang, zog er ſich nach Chateau⸗Thierry zurück, wo er wäh⸗ rend drei Jahren nur ſeinen Sorgen und ſeinem Kummer lebte und dennoch bisweilen die Hoffnung hegte, eine angenehme Rachricht würde ſeinem Schmerze ein Ziel ſetzen; aber nach langem, ver⸗ geblichem Harren, konnte er dem Drange nach Pa⸗ ris zurückznkehren, nicht mehr widerſtehen. Denn es war ſehr wahrſcheinlich, daß die Perſon, die er ſuchte, ſich dort befand. Es gibt ein altes Sprüch⸗ wort, welches fagt: Suchet, ſo werdet ihr finden. Das Sprüchwort iſt grundfalſch, denn es gibt tau⸗ ſend Sachen, die ich ſchon vft geſucht habe und die ich niemals finden konnte und dennoch bitte ich Sie zu glauben, daß ich weder den Stein der Weiſen, noch das Verjüngungswaſſer ſuchte. Guerreville war nicht glücklicher und ſagte zu ſich ſelbſt:„Wie kann man in Paris Jemand finden, der ſich daſelbſ unter einem Namen verbirgt, den man nicht kennt? Wie iſt es möglich, ſich in dieſer unermeßlichen Stadt kutthüſbes⸗ in der man jeden Auginhlic⸗ 65 ohne es zu wiſſen, vor der Wohnung desjenigen vorbeigehen kann, den man weit davon wähnt?“ Dieſe Betrachtungen machte er, indem er auf gut Glück in der Stadt umherſpazierte; dabei ſtie⸗ ßen ſeine Blicke jeden Augenblick auf Zettel, welche an den Häuſern angeſchlagen waren oder heraus⸗ hingen; es fiel ihm ein, daß er nicht im Gaſthofe wollte wohnen bleiben und er ſich daher eine Woh⸗ nung ſuchen müßte; ferner bedachte er, daß die Aus⸗ hängezettel herrliche Hülfsmittel ſind, um Jemand in einer großen Stadt aufzufinden und er dankte der Vorſehung, die ihm ein Mittel an die Hand ge⸗ geben hatte, an das er nicht gedacht hatte. Zudem iſt es auch ein Zeitvertreib, ſich die Wohnungen an⸗ zuſehen, welche zu vermiethen find und man hat dabei Gelegenheit, mancherlei Scenen zu betrach⸗ ten. Für einen Denkenden iſt dies ein herrliches Mittel, ſich zu unterrichten. Wenn Ihr nichts zu thun habt, zwecklos umherſchlendert und Euch zer⸗ ſtreuen wollt, ohne den Muth zu haben, irgend etwas dafür zu wagen, ſo machet von dieſem Mit⸗ tel Gebrauch; es gibt nichts Unſchuldigeres, koſtet Nichts und ermüdet vloß Eure Füßez in Paris gibt es immer Wohnungen zu beſehen; man kann nicht dreißig Schritte in den Straßen oder Boulevards machen, ohne Aushängetafeln zu bemerken und dar⸗ unter ſind manche ſehr komiſch. Ich ſpreche hier nicht von der Orthographie! in Paris ſtößt man ſich an dieſe Kleinigkeit nicht, die Aushängetafeln beweiſen dies am Beſten. Die Puchſtabenkleckſer Poul de Kock. X0V. 5 bekümmern ſich wenig um die Meinung, die der Fremde über unſere Unwiſſenheit haben muß; dieſe Menſchen, welche ſich Künßller ſchimpfen, verſtehen gs, runde oder gothiſche Buchſtaben auf die Thüre eines Ladens zu machen, aber mit der Grammatik haben ſie ſich nie beſchäftigt. Und da ſich Viele für jeden einzelnen Buchſtaben bezahlen laſſen, ſo wol⸗ len ſie auch ſo viel als möglich verdienen und ſchrei⸗ ben Spezereien mit zwei S, zwei E und zwei N am Schluſſe. Kehren wir jedoch zu dem Kapitel„Zu vermie⸗ then“ zurück. Ihr werdet mir vielleicht ſagen:„Ich habe keine Luſt auszuziehen aber was thut das? Das hält uns nicht ab, uns die Wohnungen anzu⸗ ſehen. Ihr werdet noch ſehr viele Dinge ſehen, wäh⸗ rend es ſcheint, als wolltet Ihr nur die Wohnung beſehen! Eheſtandsſcenen, Familienſcenen, Damen im Negligée und oft noch paradieſiſcher coſtümirt; hier einen Herrn, der in übler Laune iſt, weil wir ihn in der Arbeit geſtört haben; die junge Dame iſt noch verdrießlicher über die Störung, weil ſie Mu⸗ ſikſtunde hat und ihr junger Lehrer ihr etwas An⸗ deres als die Scala vorſang; die Köchin brummt, weil ſie den Braten verlaſſen muß, der ihr ver⸗ brennen wird; dieſe reiche Dame befürchtet, die, welche die Wohnung ſuchen, könnten ſich aus derſel⸗ pen etwas ausſuchen und Diebe ſein(was auch manch⸗ mal vorkommt) und folgt ihnen in alle Zimmer ohne ſie einen Augenblick aus dem Geſichte zu verlieren; dann, 67 ſobald ſie fort ſind, läuft ſie umher, um ſich zu verſehen, daß ihre Uhr, ihr Silberzeug und ihr Sekretär noch am rechten Platze find; und die ver⸗ ſchämten Armen, die nur eine ſehr mäßige Schüſſel zum Mittagsbrode haben und auf zinnernen Ge⸗ ſchirren ſpeiſen.. O! gewiß, man iſt ſehr ärger⸗ lich, dieſe bei Tiſche angetroffen zu haben, man bemüht ſich, ſo zu thun, als bemerkte man ihre Speiſen nicht, welche ſie raſch unter den Tellern zu verſtecken ſuchen; man entfernt ſich, ohne ſich den Anſchein zu geben, daß man die Schüſſel mit Kartoffeln geſehen habe, welche ſie ſich zu eſſen enthalten, während ſie ziemlich laut und mit eigen⸗ thümlicher Betonung ſagen: Das Huhn war gut, das Huhn war vortrefflich! Sehet, welche Dinge Euch die Aushängezettel verſprechen, und ich habe noch nicht den zehnten Theil erwähnt. Ohne einzutreten könnet Ihr Euch ſchon an den Anſchlägen über der Thüre ergötzen. Da ſchauet hin und leſet: Schöne Wohnung für einen ledigen Herrn mit einem Keller und Spiegeln geſchmückt; und dort: Großes Logis mit Stallung und Remiſe, friſch tapözirtz und anderwärts: Schönes möblirtes Kabinet, von hinten, erſt kürzlich reparirt. Seit mehren Tagen ging Guerreville ſogleich nach dem Frühſtück aus und brachte die ganze Zeit bis zum Mittageſſen mit dem Beſehen von Wohnungen hin. Verweilen wir mit ihm vor einem Hauſe der Straße Montmartre, über deſſen Eingang Aushängetafeln 68 hängen. Guerreville trat ein und bemerkte an der linken Seite die Loge des Portier; er klopft an ein viereckiges Fenſter, es erfolgt keine Antwort, aber man gibt ihm ein Zeichen, daß er den Knopf an dem einen Glasfenſter umdrehen ſoll; er öffnet das Fenſter und ßteckt ſeinen Kopf durch, aber er iſt genöthigt, ihn ſogleich wieder zurückzuziehen; ein ſtarker Geruch von Kohlen, Knoblauch und Leder drang ihm zugleich in die Raſe und in die Kehle. Es befanden ſich hier in einem ungefähr vier Qua⸗ dratfuß großen Raume zwei Kinder, die ſich auf dem Boden herumwälzten, eine Frau, die ein drit⸗ tes an der Bruſt hatte, während ſie zugleich ihren Kochtopf abſchäumte, und ein ſchmutziger, brauner, häßlich geſtalteter Mann, der den Abſatz auf einen Stiefel nähte, indem er trillerte: Gebt mir mein Vaterland zurück, Oder laßt mich ſterben. Guerreville entſchloß ſich endlich doch, die Aus⸗ dünſtungen, die aus der Loge kamen, einzuathmen, und indem er zugleich an ſich ſelbſt die Frage ſtellte: wie kann es Kinder geben, die in dieſer Atmoſphäre ſich entwickeln? richtete er an den Portier die ge⸗ wöhnliche Frage: Was iſt in dieſem Hauſe zu ver⸗ mirthen? Der Portier beugt ſich hier über ein Brett weg, das ihm als Werktiſch diente, und begann nach der Gewohnheit der Leute dieſer Art damit, denjenigen, der an ihn dieſe Frage ſtellte, von oben bis unten zu meſſen, dann entſchloß er ſich zu erwidern:„Wir haben mehre Lokale, große 69 und mittelmäßige; es kommt darauf an, was der Herr darauf verwenden will.. Liebe Frau, gib auf den Kleinen Acht, er wird ſonſt in den Topf patſchen.“ In der That hatte ſich die Frau des Portiers ſo ſehr übergebogen, um nach ihrer Suppe auf den Kohlen zu ſehen, daß ihr Säugling, der ſich vom Buſen losgemacht hatte, in Gefahr kam, mit einem ſehr großen Stücke Speck, welches über das Waſſer hervorragte, Gemeinſchaft zu machen. „Kann man die Wohnungen nicht ſehen?“ fragte Guerreville. „O ja, mein Herr, man kann ſie jeden Augen⸗ blick ſehen ich werde Sie führen, denn der Hausbeſitzer verlangt, daß wir die Leute ſelbſt füh⸗ ren. dies iſt ſeinerſeits eine Schwäche. damit wir auf die Vorzüge des Lokals aufmerkſam machen. Frau, gib auf den Kleinen Acht, er liebt den Speck, der Schlecker da.“ Der Portier verläßt ſeinen Stiefel, ſucht ſich durch ſeine Kleinen und die alten Schuhe, welche die Loge ausfüllen, einen Weg zu bahnen, und gelangt endlich bis zu Guerreville, der das Lachen nicht unterdrücken konnte, da er ihn nun aufgerichtet ſah; ſitzend ſchien der Mann von gewöhnlichem Wuchſe zu ſein, aber ſtehend war er nicht ſo groß wie ein Beſen; ſeine ganze Perſon ſteckte im Rumpfe, ſeine Beine und Schenkel bemerkte man kaum, was jedoch den ſchußflickenden Portier nicht hinderte, ſich 70 im Gehen wie ein Tambour⸗Major hin⸗ und her⸗ zuwiegen. „Sucht der Herr ein Wirthſchaftslokal 2...— Vielleicht.— Ah! gut! mit Küche?— Ohne Zweifel.— Sehr gut! Frau, gib auf den Kleinen Acht. Haben Sie Kinder, mein Herr?“ Bei dieſer Frage konnte Herr Guerreville eine ſtarke Auf⸗ regung nicht unterdrücken, die den Portier erſchreckte, dem er trocken entgegnete:„Was bekümmert das Sie, ob ich Kinder habe? Werden Sie mit Ihren Fragen bald zu Ende ſein?“ „Verzeihen Sie, mein Herr, wenn ich Sie dies fragte, aber der Hausbeſitzer liebt die Kinder nicht, er hat die Schwachheit zu behaupten, dieſelben brächten Unfug in die Häuſer.“ „Wie kommt es alsdann, daß er Sie als Por⸗ tier beibehält?— Ah! das iſt wahr, ſehr wahr... die Bemerkung iſt gut. aber, ſehen Sie, meine Kleinen verlaſſen meine Loge niemals.. ſonſt komme ich mit meinem Knieriemen. Wollen Sie kommen, mein Herr.. Frau, nimm den Kleinen in Acht?“ Guerreville folgte dem Portier, der ſich endlich entſchloß, die Treppe hinaufzuſteigen. Sie kamen„ in den erſten Stock. Der Portier blieb ſtehen und ſagte mit höhniſch lächelnder Miene:„Nicht hier Sie ſehen doch die Platte an der Thür. Hier wohnt ein Kirchen⸗ beamter.. Auf dieſer Seite iſt das Arbeitszim⸗ mer, hier arbeiten die Gehülfen o! wie die 71 Pferde wie meine Frau ſagt, welche zuweilen in die Studirſtube kommt, um den jungen Leuten Thee zu bringen. Dieſe jungen Kleriker trinken ſehr viel Thee, ſie haben oft den Schnupfen; aber der Herr arbeitet eben ſo ſtark. o! immerwäh⸗ rend! Er iſt auch noch ein junger Mann, aber er will Geld verdienen, darauf hat er es abgeſehen. Er iſt ſeit Kurzem verheirathet und er hat vielleicht ſeine Stelle mit der Mitgift ſeiner Frau bezahlt; eine kleine Frau, die nicht beſonders ſchön und auch nicht ſehr gut iſt., Ich höre ſie oft in meiner Loge mit der Köchin ſchreien. Ah! gut, daß ich gerade davon ſpreche, es iſt eben die Zeit, in welcher der Sturm gewöhnlich losbricht es iſt zum Lachen!. Uebrigens iſt ihr Mann, der Kirchenbeamte, auch nicht ſehr heiter; man will ſogar behaupten, er habe ſeine Frau und ſeinen Poſten überdrüſſig... Olo! er war ſo fröhlich, bevor er angeſtellt wurde! er war der erſte Kleriker im Arbeitszimmer, er ſang den ganzen Tag und machte ſelbſt kleine Lieder für die große Oper⸗ Nun fingt er freilich nicht mehr; aber er hat einen ſchönen Lehnſtuhl mit rothem Leder und einen echt perſiſchen Schlafrock, wie mir meine Frau ſagt.“ Guerreville hörte Alles dies mit der größten Geduld an, wie Jemand, der ſich in der Hoffnung, eine intereſſante Neuigkeit zu hören, entſchließt, mit einem unermüdlichen Schwätzer ein Geſpräch anzuknüpfen. ⸗ 72 Der Portier hatte ſich reitend auf das Treppen⸗ geländer wie auf ein Pferd geſetzt und wollte ſeine Unterhaltung fortſetzen, als ſich die Thür des Ar⸗ beitszimmers öffnete: ein junger Mann mit einem Stoß Akten unter dem Arm trat heraus, und der Thürhüter ſagte ſogleich zu ihm:„Herr Benja⸗ min, ich bin ſchon an Ihrem Abſatze, ich habe Ihnen nur noch fünf oder ſechs Nägel einzu⸗ ſchlagen.“ „Sehr gut, Herr Fourré, vergeſſen Sie nicht, daß Sie mir die Stiefel ſchon auf morgen früh verſprochen haben.“ „Ja, Herr Benjamin, was ich verſpreche, das halte ich auch, ich weiß es gar nicht anders.“ Herr Fourré, da wir nun doch wiſſen, daß dies der Name des Thürhöters iſt, wendet ſich gegen Guerreville, indem er ſagt:„Das iſt eines von den Büreaupferden. O Gott! wie der tram⸗ pelt!. ſo nützt er ſeine Schuhſohlen ab!... Auch bin ich immer hinter ſeinen Abſätzen her!... Aber er hat die Schwachheit, zu verlangen, daß ich ſie ihm mit Nägeln beſchlage!. Pſui! das iſt eine ſchlechte Manier!.. das hält zu lange Wollen Sie mir folgen, mein Herr? Mein Gott, ich fürchte, meine Frau gibt auf den Kleinen nicht Acht!“ Und Herr Fourré bog die Hälfte ſeines Kör⸗ pers über das Treppengeländer und ſchrie ſo laut er konnte:„Athenais, nimm den Kleinen in Acht!“ 73 Man war im zweiten Stock angekommen; hier blieb der Portier vor einer Thüre ſtehen, und ſchickte ſich an, zu klingeln, als er ſich, wie wenn ihm plötzlich etwas eingefallen wäre, zu Guerreville mit den Worten wandte:„Apropos! Haben Sie Hunde 2 „Nein.“ „Das iſt gut! Denn es iſt wiederum eine Schwäche des Hauseigenthümers, zu behaupten, die Hunde beſchmutzen die Treppen.. dieſer Mann hat un⸗ endlich viel Schwächen! er hat ſich durch einen Handel mit Brennholz ein Vermögen erworben und iſt nun eigenfinniger als ein Marquis vom reinſten Adel„ Aber Sie werden mir ſagen, wir ſind Alle ſterblich! Ich will klingeln.“ „Einen Augenblick, ſagte Guerreville, was iſt das für eine Wohnung, die Sie mir zeigen wollen?“ „Es iſt die ſchöne, die große, ſechs Zimmer und eine Küche in der Rundung zwei Ein⸗ gänge preußiſchen Hefen. Zwölfhundert Franken und einen Sou Trinkgeld vom Franken; ferner die Beleuchtung der Treppe, welche beſonders bezuhlt wird.“ „Iſt dieſe Abtheilung bewohnt?.. Ja, von an⸗ ſtändigen Leuten: Einem Manne, deſſen Frau, einer Köchin und einem kleinen Kammermädchen, welches die Kleider der Frau zuheſten muß, die ſtets aus⸗ ſieht, als ob ſie erſticken wollte. Wie man mir ſagte, macht der Mann Geſchäfte an der Börſe; aber da er ungefähr fünfundzwanzig Jahre mehr hat als ſeine Ehehälfte, die jung und ſchön iſt, ſo macht ihn dies ein wenig unruhig. Dieſer Mann hat Eiferſucht im Kopfe!... Er kommt manchmal un⸗ verſehens zurück, wenn man ihn auf der Börſe glaubt. Wenn er mich ſragt, ob Jemand gekommen iſt, hat er ſogar etwas Wildes im Blicke, und ich, Sie können ſich einbilden, daß ich immer nein ſage, wenn ich gleich ja ſagen ſollte... Die kleine Frau iſt ſo großmüthig!. ſie überhäuft meine Familie mit Geſchenken Erfriſchungen und endlich, Sie begreifen... wir find Alle ſterblich. Auch iſt ſie mit aller Gewalt gegen das Ausziehen, die Frau nämlich!„ aber der Mann beſteht darauf, weil er gegenüber einen neuen Nachbar bemerkte, einen jungen, hübſchen, brünetten Mann, mit einem Knebelbarte, der ihm bis an den Hals geht; dieſer junge Mann iſt ftets am Fenſter, wenn Madame ſich daran zeigt!. was wollen Sie!. Es iſt zum lachen.“ Der Portier klingelt; ein junges Kammermädchen öffnet; Herr Fourré nimmt ſeine Mütze von Fiſch⸗ otterhaaren ab und grüßt mit freundlicher Miene: „Guten Tag, Mamſell Laide; entſchuldigen Sie, Mamſell Laide, wir kommen wegen der Wohnung... kann man ſie ſehen?“ „Ja, Herr Fourré, Sie können eintreten.— Ich küſſe Ihnen die Füße, Mamſell Laide wiſſen Sie. das kleine Pünktchen an Ihrem zucker⸗ ſüßen Brünettenſchühchen, mit dem Schmetterlings⸗ flügel mein Gott! was muß man da für ein 75 kleines Füßchen haben, um das anziehen zu können!. Das darf man alles wohl ſagen, wenn man ſo einen Fuß hat. Himmliſche Allmacht!“ Mamſell Laide antwortete auf dieſe Schmeichelei mit einem lauten Gelächter und Herr Guerreville trat in die Wohnung. Man ging durch ein Vorzimmer, einen Speiſe⸗ ſaal, dann durch einen geſchmackvoll dekorirten Saal, ohne Jemand wahrgenommen zu haben. Dies ſchien den Portier zu befremden, der zu dem jungen Kammermädchen ſagte:„Iſt Ihre Herrſchaft abweſend? ich habe ſie doch nicht weggehen ſehen. — Herr und Madame ſind in dem Schlafzimmer. — Ah ſo!. und werden wir ſie nicht beläſtigen, wenn wir dort eintreten 2...“ „Durchaus nicht! O ich ſagte ja, es iſt der Herr und die Frau.— Richtig!... Mamſell Laidchen iſt doch immer ſchelmiſch.“ Guerreville erklärte ſogleich, daß er das Schlaf⸗ zimmer nicht ſehen wolle; aber der Portier hatte ſchon eine Thüre links geöffnet, und als er den Mann und die Frau, die er darin wußte, erblickt hatte, zog er ſich zurück, klopfte an die Thür und rief: Kann man eintreten?2... entſchuldigen Sie... es iſt wegen der Wohnung. Ein Herr von einem gewiſſen Alter ſaß einige Schritte von einer jungen, hübſchen Frau entfernt, welche nur den Fehler hatte, daß ſie etwas zu um⸗ fangreich war, deren Kopf und Züge jedoch an die ſchönen Figuren erinnerten, welche Dubuff, vielleicht 76 ein wenig zu oft, in ſeinen Gemälden anbringt, wenn ſie Leben haben. Die Frau erwiderte den tiefen Gruß von Guerreville, wobei er ſich zugleich wegen der Stö⸗ rung entſchuldigte, mit freundlicher Miene. Der Mann aber konnte eine Regung der Ungeduld nicht unterdrücken, und ſeiner unfreundlichen Miene ſah man es an, daß er alle diejenigen, welche Woh⸗ nungen ſuchten, zum Teufel wünſchte. Fourré betrachtete ſie Beide, dann richtete er einen lächelnden Blick auf Laide. „Hier ſind große Schränke,“ ſagte der Portier, um Guerreville, der ſchon grüßte und ſich entfernen wollte, zurückzuhalten. „Es iſt gut, ich brauche fie nicht zu ſehen.“ „Aber Sie haben noch lange nicht Alles geſehen, mein Herr. hier iſt ein Ankleidezimmer. Darf man eintreten, Mamſell Laide?„ „Ich wiederhole Ihnen, daß dies unnöthig iſt,“ erwiderte Guerreville, indem er das Zimmer ver⸗ ließ; Fourré iſt genöthigt, ihm zu folgen, was er ſehr ungern thut, indem er vor ſich hinbrummt: „Hm! armer, lieber Mann! Du verſtehſt auch nichts vom Logiemiethen, geh! „Die Küche iſt in derſelben Reihe,“ rief der Portier, als er ſich mit Herrn Guerreville auf dem Vorſaale befand.—„Es iſt gut, ich weiß, daß dies eine Küche iſt und ich brauche ſie nicht zu ſehen.— Teufel! Sie ſind auch gar nicht neugierig. wenn ich eine Wohnung zu ſuchen hätte, ich würde ſogar „ unter die Betten ſehen.. nun gut! gefällt Ihnen dieſes Lokal?— Ich werde ſehen, ich will es über⸗ legen.— Die Dame iſt artig, nicht wahr? und großmüthig; wenn ihr Mann nicht hier geweſen wäre, hätte ſie mir ſicher etwas gegeben. Unter uns, dieſer Mann hier iſt ein Tyrann.. Wollen der Herr vielleicht jetzt die kleine Wohnung ſehen? — Sehr gern.— Adieu Mamſell Laide ah! ſie iſt nicht mehr da! Gleichviel. das kleine Kam⸗ mermädchen iſt eine ſchlaue Katze.“ Man gelangte in den dritten Stock; Fourré zeigte auf eine Thür, indem er ſagte: Hier iſt es nicht; in dieſem Stocke ſind die Lokale abgetheilt. Hier wohnt ein Beamter der Stadt, mit ſeiner Frau, Leute im beſten Alter; der geht jeden Morgen um neun Uhr und kommt um fünf Uhr wieder zu⸗ rück: das iß ſolid; ſeit vier Jahren, die er im Hauſe wohnt, habe ich nicht bemerkt, daß er ein einziges Mal ſpäter gekommen wäre: Es iſt ein ſehr ordnungsliebender Mann!.. Abends geht er ins Kaffeehaus bis um neun Uhr, und nur Sonn⸗ tags erlaubt er ſich bis um zehn Uhr auszubleiben. Die Frau iſt ganz das Abbild ihres Mannes. man möchte ſagen ſeine Zwillingsſchweſter... jeden Tag um elf Uhr geht ſie aus, um ihre Einkäufe zu machen und kommt um Mittag zurück; dann bringt ſie Niemand mehr zum Ausgehen. O! dies find wirklich achtungswerthe Leute. „Und nach vorn?“ fragte Guerreville, der nicht müde zu werden ſchien, ihn anzuhören. „Nach vorn iſt die Wohnung, die ich Ihnen zeigen will: das iſt ein anderes Apropos.“ Stellen Sie ſich eine dicke Wittwe vor, die zwei Töchter hat und Abendgeſellſchaften gibt, in welchem ihre Töchter Muſik machen. ein hölliſches Ge⸗ polter! die ſchlagen auf das Piano, daß ich in meiner Lage darnach tanzen könnte. Alles hat Zu⸗ tritt und jedesmal muß ich den Leuten das Thor öffnen; wenn ſie wenigſtens auch freigebig wären, ſo würde ich ſagen: Wir ſind Alle ſterblich!. Aber ich kenne die Farbe ihres Geldes nicht, und manchmal währen dieſe Geſellſchaften bis nach Mitternacht; man tanzt, man ſingt, man treibts wie die Tollen: dieſe Leute ſind der Tod des Por⸗ tiers. Man ſagt, die Mutter bewirthe deßhalb ſo viele Leute, weil ſie hoffe, auf dieſe Art ihre Töchter zu verheirathen, aber wer wird ſich an denen ver⸗ greifen? Ich bin gewiß, daß die ſo arm iſt wie Hiob; das hat nicht einmal eine Wirthſchafterin: die Töchter beſorgen Alles, die Küche, die Zimmer⸗ die Schuhe... und dann beichtet ſich das ſtellt ſich vor das Piano und ſchlägt darauf, um ſich einen Anſtrich von Virtuoſität zu geben, wie meine Frau ſagt. Ol das bringt mich in Schweiß; mich.. ich will klingeln O)l ich vergaß, haben Sie Katzen? „Nein.“ „Wieder gut! Denn der Hauseigenthümer hat auch die Schwäche, die Katzen zu verabſcheuen, weil, wie er ſagt, dieſe Thiere einen widerlichen Geruch haben.“ Fourré hing ſich an die Klingel und zog daran, wie wenn er ſie abreißen wollte; eine junge Dame von etwa zwanzig Jahren öffnete; ſie hatte die Haare in der Mitte des Kopfes, mit einem Kamme, an dem nur noch drei Zähne waren, zurückgeſteckt; in der einen Hand hielt ſie ein Brenneiſen für die Locken, in der andern ein Stück Butterbrod; ſie war noch in der Bettjacke, obgleich es ſchon ſtark auf vier Uhr ging. „Wir kommen, um die Wohnung zu ſehen,“ ſagte der Portier, mit verächtlicher Miene, ohne auch nur die Hand an die Mütze zu legen. „Gutl ſehen Sie dieſelbe an,“ ſagte ſie, ließ die, welche geklingelt hatten, ſtehen, und ging eſſend davon. „Das hat nicht die mindeſte Lebensart,“ ſagte Fourré;„zum Glück kenne ich die kleinſten Schlupf⸗ winkel im Hauſe. Kommen Sie, mein Herr, und gehen Sie nach Gefallen weiter. O! Sie können immerhin Geräuſch machen, hier braucht man ſich keinen Zwang anzuthun.“ Guerreville folgte dem Portier, indem er die Unverſchämtheit beobachtete, mit der dieſer Mann die Miethsleute behandelte, von denen er kein Trink⸗ geld erhielt; da er aber die Wohnung der Wittwe und ihrer Töchter näher in Augenſchein nahm, ſo ward er zu glauben verſucht, daß in der Beſchrei⸗ bung Fourres etwas Wahres ſei. 80⁰ Der Speiſeſaal war noch nicht gereinigt; in der Mitte des Zimmers befanden ſich Schuhe und Brod⸗ kruſten; auf einem Tiſche lag ein dickes Haarge⸗ flechte neben einer Flaſche mit engliſcher Wichſe. Fourré ſtieß mit ſeinem Fuß die Schuhe weg und ſah Guerreville an, indem er vor ſich hinmur⸗ melte:„Was ich Ihnen geſagt habe iſt ſehr fein! Sehen Sie dieſe ſaubere Wirthſchaft!. wenn das meine Frau ſähe, ſie würde vor Aerger berſten, ſie, die nicht ein unreines Fleckchen auf ihrem Körper leiden kann„O, das iſt noch nichts wir wollen weiter gehen.“ Der Portier öffnete eine Thüre, welche zum Schlafzimmer dieſer Damen führte; die Betten wa⸗ ren noch nicht gemacht, Mieder und Strümpfe lagen auf den Stühlen umher: endlich waren ge⸗ wiſſe unentbehrliche Möbel, die man gewöhnlich zu verſtecken pflegt, wie zur Schau auf dem marmor⸗ nen Nachttiſch aufgeſtellt. Fourré zog eine zinnerne Doſe aus der Taſche, und nahm mit wichtiger Miene einige Priſen, in⸗ dem er vor ſich hinbrummte:„Ah! mein Goit!... mit Recht ſagt man, Tabak ſei der Tröſter des Mannes iſt Ihnen eine Priſe gefällig, mein Herr?“ Guerreville wies die ihm dargereichte Doſe zu⸗ rück, und der Portier ſteckte ſie wieder in die Taſche⸗ indem er ſagte:„Ihr Gehirn muß verſtopft ſein⸗ denn ſonſt. „ 1 5 ——— 8¹ Eine koloſſale Frau, von ungefähr 50 Jahren, mit einem ungeheueren rothen Turban auf dem Kopfe, als ob ſie auf den Ball wollte, im Uebrigen aber ſo gekleidet, als wollte ſie auf den Markt gehen, war eben damit beſchäftigt, ſich ihre Schuhe zuſchnüren zu laſſen; das junge Mädchen, welches die Thüre geöffnet hatte, lag vor der dicken Frau auf den Knieen; ſie hatte ihr Butterbrod auf den Boden gelegt und ſchwitzte große Tropfen, während ſie ihrer Mutter den Fuß zuſammenſchnürte. Guerreville brachte einige Entſchuldigungen vor, und wollte ſich zurückziehen; die dicke Frau jedoch widerſetzt ſich dem, während ſie ruft:„Bleiben Sie doch, mein Herr das Zimmer iſt noch nicht aufgeräumt, aber Sie wiſſen wohl, wie dies in einer Wirthſchaft geht.. Ziehe, meine Liebe, ziehe immerhin.. Wir hatten geſtern eine Geſangs⸗ Soirée; meine Töchter haben geſungen es wurde ſehr ſpät.. Laura, meine liebe Freun⸗ din, Du ziehſt nicht genug ſehen Sie ſich um, mein Herr, ſehen Sie ſich um, geniren Sie ſich nicht.“ Und die dicke Frau hob ihr Bein ein wenig mehr in die Höhe und wendete ſich dann von Neuem an ihre LTochter:„Laura, iß Deine Schweſter am Piano? Sie ſoll die Arie von Beniousky wieder⸗ holen, denn ſie wird heute Abend vor einem Pro⸗ feſſor des Conſervatoriums fingen: Welch neuer Tag für mich! welch glücklicher Wechſel! Paul de Kock. X0V. 6 8² Ach! wie ſchön das iſt, Gott, wie ſchön! dies wird niemals veralten, dies ziehe doch, mein liebes Kind!“ Während die Dame mit dem Turban ſprach, hörte man in dem anſtoßendeu Zimmer die Töne eines Pianv. Guerreville wollte ſich nicht länger im Schlafzimmer aufhalten, obgleich die dicke Frau wiederholte:„Sehen Sie ſich nach Gefallen um, mein Herr, ich bitte Sie darum.“ Er ging in den Salon. Ein junges Frauenzimmer ſaß am Piano und ſang, indem ſie ſich ſelbſt dazu begleitete; die An⸗ kunft eines Fremden ſtörte ſie nicht; im Gegen⸗ theil, ſie entwickelte alle ihre Kräfte ſo ſehr, daß die Fenſter zitterten. Fourré lächelte mit ſpötti⸗ ſcher Miene, indem er halblaut vor ſich hin ſagte: „Wenn ich Sie verſicherte, daß ich es in meiner Loge höre!“ Guerreville war nicht geſonnen, dem Concerte beizuwohnen, und wollte ſich daher entfernen, als die dicke Frau, die ihn abſichtlich zu verfolgen ſchien, mit einem Schnürſtiefel an dem einen und einem Pantoffel an dem andern Fuße, von ihrer Toch⸗ ter Laura begleitet, hereintrat, welche den Mund voll, und ein friſches Butterbrod in der Hand hatte. „Nun gut! mein Herr, wie gefällt Ihnen dies?“ fragte die Frau, indem ſie ſich an Guerreville wandte. Dieſer, in der Meinung, ſie ſpreche von der Wohnung, erwiderte:„Es iſt ein wenig zu hoch.“ —,— 8 83 „Wie, hoch mein Herr? Aber es iß doch die Orcheſterſtimmung, meine Tochter richtet ſich immer vnach!“ „Ah hoch! verzeihen Sie, Madame, ich glaubie, Sie ſprechen von dieſer Wohnung. Ihr Fräulein Tochter ſingt ſehr gut.“ „Nicht wahr, mein Herr? Sie ſind Beide ſehr muſikaliſch. Die Aeltere ſpielt auch die Caſtagnetten. Dieſen Winter war ſie, als Andaluſierin verkleidet auf einem Maskenball. einem Ball, auf dem es ſehr vornehm herging; und den ganzen Abend hörte fie nicht auf, beim Tanze die Caftagnetten zu ſpie⸗ len, und ihre Arme wie zu einem Bolero zu bewe⸗ gen; es war entzückend!“ „Ich glaube es, Madame.“ „Ich gebe ſehr oft Bälle: wenn man erwachſene Töchter hat, muß man ſie in die Welt bringen; man amüſirt ſich bei mir ſehr gut!“ Man ſieht, daß die dicke Frau, angezogen durch das freie und vornehme Weſen Guerreville's, vor Begierde brannte, ihn zu ihren Abendgeſellſchaften einzuladen; aber dieſer ließ ihr dazu keine Zeit und entfernte ſich mit einer tiefen Verbeugung; der Por⸗ tier folgte ihm, während die jüngere Tochter einen Orgelton erklingen läßt und die ältere ſich ein But⸗ terbrod abſchneidet. „Nicht wahr, hier geht es drollig zu?“ fragte der Portier, als ſie in dem Vorſaale waren. Guerre⸗ ville begnügte ſich zu lächeln, indem er erwiderte: „Iſt das Alles, was Sie mir zu zeigen hatten?“ — 84⁴ „Ja, denn ich ſetze voraus, daß Sie nicht im vierten Stocke wohnen wollen. Dort iſt ein Dachſtübchen, zur Seite des Herrn ſttmann, eines Schneidergeſellen, ein guter Kerl, ein Deut⸗ ſcher: nur iſt es Schade, daß er die Schwäche hat, die Flöte ſpielen zu wollen; ſobald er ins Zimmer tritt, greift er nach ſeinem Inſtrument. Glücklicher⸗ weiſe kommt er ſpät nach Hauſe und geht ſehr früh wieder aus, ſonſt würde man nichts zu hören be⸗ kommen, als: Kennſt Du der Liebe Sehnen! Er ſpielt immer dieſelbe Melvdie.“ Guerreville hielt es für unnöthig, höher hinauf zu ſteigen, er ging die Treppe hinunter und der Portier folgte ihm, indem er ſagte:„Neben Herrn Fluttmann, zum Beiſpiel, wohnt ein Künſtler; aber im großen Style, ein Maler.. Wenn der Herr einmal einen Maler brauchen ſollten, ſo em⸗ fehle ich Ihnen dieſen. Wir find Freunde: Er iſt ein Künſtler im vollſten Sinne des Worts.“ „In welchem Genre?“ „Ol in allen Genres, das iſt ihm gleich. Er malt Oelbilder, Aushängeſchilder, ſpaniſche Wände, kurz Alles, was man will; das iſt ein Mann, der ſeine Kunſt liebt, wie ich einen ſeinen Schuh liebe. Er iſt durch und durch ein Talent! Er hat mir das Bild meines jüngſten Knaben gemacht, wie er am Buſen ſeiner Mutter hängt: Es iſt zum Sprechen, man wird zu Thränen gerührt.“. 85⁵ Man war beinahe die Treppe hinabgeſtiegen, als der Portier aufs Neue begann:„Was die kleine Wohnung betrifft, die zu vermiethen iſt, ſo wird dieſe von einer ſchönen Dame bewohnt... Frau oder Mädchen„obgleich ſie ſich Madame nennen läßt. Aber wir, die wir die Welt kennen wir laſſen uns nichts aufbürden Ein junger, ſchöner Mann beſucht ſie häufig. Es iſt eine roman⸗ tiſche Geſchichte, eine Frau, die ſich vielleicht unter einem falſchen Namen verbirgt doch das iſt in Paris etwas Gewöhnliches!“ Seit einiger Zeit hörte Guerreville mit viel mehr Aufmerkſamkeit zu. Endlich hielt er an und wandte ſich gegen den Portier, indem er ſagte:„Wie alt mag dieſe Dame ſein?“ „Wie alt?„Ah! die Dame, nun ſehen Sie, ſie iſt noch jung Aber ihr Aeußeres iſt ſchon etwas angegriffen. ſie iſt betrübt, wie ich glaube, weil ſie der ſchöne junge Mann ſeit einiger Zeit ſel⸗ tener beſucht Ich gebe auf Alles Acht, ohne es merken zu laſſen.“ „Iſt es eine Frau von Stande?“ „Von Stande?. Wie meinen Sie das?“ „Ich wollte damit ſagen, ob ſie keine Hand⸗ werksfrau ſei, ob ſie nichts arbeitet kein Ge⸗ ſchäft hat?“ „Ich habe noch keines bei ihr wahrgenommen.“ „Führen Sie mich, ich will dieſe Wohnung ſehen.“ Guerreville war ſchon wieder eine Treppe hin⸗ 86 aufgeſtiegen; der Portier folgte ihm brummend. „Ach ſo, aber ſagen Sie mir doch vas fängt an, mich zu ermüden, ſo im Hauſe herumzulaufen zuerſt ſagten Sie, Sie müßten eine große Woh⸗ nung haben, und nun wollen Sie zwei kleine Zim⸗ mer ſehen, die gar nicht zu achten find.“ Guerreville ſtieg immer weiter, ohne ſich um die Bemerkungen des Portiers zu kümmern, der ſich doch endlich entſchloß, ihm zu folgen, indem er laut ſchrie:„So warten Sie doch wenigſtens auf mich!„LTeufel! es iſt nicht möglich, dieſem Herrn zu folgen.“ Im vierten Stocke angelangt, wollte Fourré ſeine Betrachtungen, ſein Geſchwätz von Neuem beginnen, aber Guerreville ließ ihm dazu keine Zeit. „Wo wohnt dieſe junge Frau?“ fragte er mit be⸗ wegter Stimme, den Arm des Portiers heftig ſchüttelnd. „Dieſe junge Frau..— Hier iſt ihre Thüre?..— Hier, hier wohnt Fluttmann; hier, es iſt... „Vorwärts, mein Herr, klopfen Sie, klopfen Sie doch!“ Dieſe Worte waren in einem Lone geſprochen, welcher dem Portier nicht erlaubte, noch länger zu zögern; er verbeugte ſich, nahm ſogar ſeine Mütze ab und klopfte an die von ihm bezeichnete Thüre, whne auch nur einen Laut hinzuzufügen. Eine Art von Haushälterin öffnete die Thüre; Guerreville ſah bald, daß dies nicht die Inhaberin V 87 der Wohnung war; er ſtotterte einige Worte über den Beweggrund, der ihn herführe, und ohne eine Antwort abzuwarten, ohne zu wiſſen, ob es nicht unbeſcheiden wäre, einzutreten, eilte er durch ein Zimmer, durch einen kleinen Durchgang, und ge⸗ langte endlich in ein anderes Zimmer, wo eine junge Dame vor dem Kamine ſaß. Bei dem raſchen Eintreten von Guerreville wandte die junge Dame den Kopf gegen ihn, und er konnte ihr bequem ins Geſicht ſehen.. aber ſchon war das Feuer, das bisher ſeine Blicke belebt hatte, erloſchen, um einer abermaligen Niedergeſchlagen⸗ heit Platz zu machen; er ließ den Kopf auf die Bruſt ſinken und ſeufzte:„Sie iſt es nicht!“ „Was! mein Herr Sie gehen, Sie gehen! Sie nehmen ſich nicht einmal die Zeit, ſich hier umzuſehen!“. Dies waren die Worte Fourré's, der hinter Guerreville ankam und ſich weder die raſche Weiſe, mit welcher dieſer bis in das Innerſte der Wohnung eingedrungen war, noch die Eile erklären konnte, mit welcher derſelbe, nachdem er einige Entſchuldi⸗ gungen geſtammelt, ihn von ſich ſtieß und hinaus⸗ rannte. „Es ſcheint mir, mein Herr,“ ſagte Fourrk, „daß es nicht der Mühe werth iſt, mich vier Trep⸗ pen hinaufſteigen zu laſſen und zu dieſer Dame zu gehen, um wieder fortzueilen, ohne etwas anzu⸗ ſehen! Itch wette, daß Sie nicht wiſſen, ob Schränke da drin ſind... Sie werden mir ſagen: — 88 wir ſind Alle ſterblich! aber mir wird die Suppe kalt.“ „Wieder eine Hoffnung vernichtei!“ ſprach Guerre⸗ ville betrübt, indem er ſich einen Augenblick an das Treppengeländer lehnte. „Sie haben bei dieſer jungen Dame etwas ver⸗ nichtet? Haben Sie vielleicht eine Fenßterſcheibe zerbrochen?“ Guerreville ging auf die Treppe zu, ohne dem Portier zu antworten. Fünftes Kapitel. Das klelne Mädchen. In dem Augenblick, als Guerreville den Fuß auf die erſte Stufe der Treppe ſetzte, um hinab⸗ zuſteigen, kam ein Mädchen von ungefähr ſechs Jahren dieſelbe herauf. Das Kind war ſehr ärmlich und für die Jahres⸗ zeit ſehr leicht gekleidet; ein Häubchen von brau⸗ ner Leinwand bedeckte ſeinen Kopf; ein an mehren Stellen geflickter Rock und eine ziemlich verſchoſſene ſchwarze Schürze machten ſeine ganze Bekleidung aus, und die kleinen Füßchen waren ſchon mit Holz⸗ ſchuhen beſchwert. Die Kleine trug ein vierpfündiges, rundes Brod unter dem Arme. Obwohl ihr dieſe Laſt ſchwer ſein mußte, ſchien ſie doch ſtolz darauf zu ſein, ſie — 89 zu tragen, und betrachtete ſie mit Wohlgefallen. Als ſie auf der Flur ankam und Leute erblickte, ſchlug ſie die Augen nieder und wandte ſich nach einer andern, kleinen, finſtern Treppe, die ſich in einem Winkel des Vorſaals befand und einer Müh⸗ lenleiter glich. Fourré hielt das Kind an, indem er ſagte: „Ah! Kleine, ſage doch Deinem Vater, der Haus⸗ eigenthümer wolle ſein Geld!.. Was Teu⸗ fels! Jerome will der Welt trotzen weil er krank iſt, glaubt er nicht mehr zu den gehörigen feſigeſetzten Terminen zahlen zu müſſen; man wird ihm ſeine Möbeln verkaufen, wenn er nicht zahlt. Sag ihm das nur wieder!“ Das Kind betrachtete den Portier halb mit ver⸗ ſchämter, halb mit trauriger Miene; dann entfernte es ſich raſch und ſtieg mühſam die Mühlenleiter hinauf. Guerreville, der anfangs auf das Kind nicht ſehr gemerkt hatte, ſah es, als der Portier mit ihm ſprach, genauer an; er betrachtete die kleine, ſo zaret, ſo niedliche Figur, ihre ſanften, feinen Züge, um welche ſich hellbraune Locken ringelten, und erſtaunte über den Ausdruck der Beſonnenheit, welcher auf dieſem ſo jungen Geſichte lag. Dieſes Kind hatte weder regelmäßige Züge noch rothe Wangen; es war keins von den dicken, pausbacki⸗ gen Kindern, von denen man gewöhnlich ſagt: es iſt ein hübſches Kind; noch war es einer der vollen⸗ deien Köpfe, welche die Maler in ihren Gemälden ſo gerne anwenden: es war ein kleines, blaſſes, zar⸗ tes, ernſtes Mädchen, das viele Leute gar nicht bemerkt und andere ſogar häßlich gefunden hätten, das aber die Aufmerkſamkeit derer erregen mußte, welche ſich auf den Ausdruck der Geſichtszüge ver⸗ ſtehen. Guerreville blieb einige Augenblicke nachdenkend ſtehen, dann wendete er ſich gegen die Mühlentreppez der Portier lief ihm nach und rief:„Nun, mein Herr.. wohin gehen Sie denn? Hier geht man nicht hinunter.“ ch will dieſen Jerome ſehen... den armen Mann, von dem Sie ſo eben ſprachen, den Vater dieſes kleinen Mädchens.“ „Sie wollen in dieſe Dachwohnung gehen!... Wahrhaftig, das iſt ein ſonderbares Vergnügen... Zetzt wollen Sie durchaus ein miſerables Zimmer miethen und ſogar noch unter dem Dache„ mit einer Fenſterluke. kurz einen Taubenſchlag, wie die Kammer, in der ich meine Vorräthe aufbe⸗ wahre.“ „Ift denn dieſe Bodenkammer zu vermiethen?“ „Zu vermiethen! wenn ſie Jemand will!... Sie denken doch wohl nicht, daß man hoffen könnte, ſie an anſtändige Leute zu vermiethen... und für armes Volk, da denke ich, das bezahlt nicht, wie der Waſſerträger Jerome; der Hauseigenthümer will ihn auch auf die Straße ſetzen; er will die Kammer lieber ſelbſt benützen, um Trauben oder Schmink⸗ bohnen darin zu trocknen, als ſie vermiethen, ohne 91 etwas dafür zu erhalten; der Mann hat Rechtz und dann ſchmecken die Schminkbohnen im Winter vortrefflich... man fädelt und hängt ſie auf eine Schnur, wie Roſenkränze.“ „Führen Sie mich zu dieſem Jerome,“ ſagte Guerreville, indem er dem Portier ein Zeichen gab, voranzugehen; aber Fourré machte im Gegentheil einige Schritte gegen die große Treppe, indem er ſagte:„Ich ſage Ihnen, Sie werden keine ſchlechte Kammer unter dem Dache miethen... Sie wollen ſich nur amüſiren; aber meine Loge und meine Frau erwarten mich. Steigen wir hinab.“ „Führen Sie mich zu dieſem Jerome,“ wieder⸗ holte Guerreville mit einer vor Unwillen bebenden Stimme, indem er einen durchbohrenden Blick auf Fourré warf. Der Portier ging nun vor ihm her, indem er die Hand an ſeine Mütze legte und vor ſich hin⸗ murmelte:„Freilich, wenn Sie noch nie eine Dach⸗ kammer geſehen haben. dies iſt auch ſehenswerth, wie etwas Anderes.. Haben Sie die Güte, mir zu folgen, aber nehmen Sie ſich in Acht, daß Sie ſich nicht ſtoßen, denn es iſt hier nicht ſehr hell.“ Der Portier ſtieg die Art von Leiter hinauf, welche zu der Dachkammer führte: dieſer Weg war ſo ſchmal, daß nicht zwei Perſonen neben einander gehen konnten; es gab weder einen Strick noch ein Geländer, um ſich zu halten; wenn man ſich aber rechts und links an der Mauer forthalf, konnte man wenigſtens zur Seite nicht fallen Kein 92 Tageslicht erhellte die Treppe, welche ſehr un⸗ eben war. „Verdammter Weg!“ ſagte Fourré, der ſeinen Kopf an die Mauer geſtoßen hatte.„Das iſt wahr⸗ haft halsbrechend!“ „Wie kommt das kleine Mädchen hier herauf, ohne zu fallen?“ ſagte Guerreville. „O, die Kinder. die find wie die Katzen; das klettert überall herum.. nehmen Sie ſich in Acht, mein Herr, wir ſind jetzt vben. Warten Sie, ich werde klopfen, damit Sie Licht bekommen, wenn man die Thüre öffnet.“ Der Portier klopfte an, man öfnete eine Thüre: das kleine Mädchen erſchien und ſah faſt erſchrocken aus, als es den Herrn und den Portier, denen es ſo eben erſt begegnet war, wieder erblickte. „Wir wollen uns die Wohnung Deines Vaters anſehen,“ ſagte Fourré mit lächelnder Miene;„wenn ich ſage, Wohnung, ſo bin ich gewiß ſehr höflich! ich könnte ebenſogut Hundeſtall ſagen Hier durch, mein Herr, aber bücken Sie ſich, denn das Dach iſt faſt überall durchbrochen.“ Guerreville folgte dem Portier und gelangte in ein ſchlechtes Zimmer, deſſen jämmerlicher Anblick ihm das Herz zerriß. Keine Tapete verbarg die Mauern und Balken, welche die Decke bildeten; keine Vorhänge hingen vor den Fenſtern, durch die der Tag eindrang; ein ſchlechtes Bett, einige Stühle, ein kleiner Schrank aus weißem Holze, das man ein wenig angeſtrichen patte: das war das ganze 93 Möblement dieſes Zimmers. Aber in einer Ecke hatte man mehre Bretter zuſammengenagelt, um einen Verſchlag, einem kleinen Kabinette ähnlich, zu bilden. Hier iſt ein kleines Kinderbett aus Nuß⸗ baumholz, ſehr reinlich, ſehr ſauber; darüber iſt eine geräde Stange angebracht, von welcher Vor⸗ hänge aus grüner Leinwand herabhängen, welche das Ruhebett verdecken und den Lichtſtrahl ab⸗ wenden, der ſenkrecht auf dieſen traurigen Wohn⸗ ort fällt. Ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren lag in dem Bette, welches im Zimmer ſtand; ſeine Geftalt und ſeine kräftigen Arme ſchienen auf einen ſtarken Mann zu deuten, aber ſeine Geſichtsfarbe war krankhaft und ſeine Augen vom Fieber entzündet. Indeß konnte man aus ſeinen ſtark markirten Zügen weder Traurigkeit noch Muthloſigkeit leſfen; man ſah, daß der Kranke mit Vertrauen und Geduld gegen die Krankheit kämpfte, und daß die Hoffnung ihn noch nicht verlaſſen hatte. Nachdem das junge Mädchen die Thüre geöffnet, ſetzte es ſich dem Bette des Kranken gegewüber, ergriff deſſen Hand und hielt ſie in den ihrigen, indem es den Eindruck aus ſeinen Augen zu leſen ſuchte, welchen der unerwartete Beſuch auf ihn her⸗ vorbrachte. Jerome, der Waſſerträger, erhob den Kopf ein wenig, wie um zu grüßen, legte die Hand an ſeine baumwollene Mütze und ſagte mit dem unverkenn⸗ baren Accent eines Auvergnaten:„Entſchuldigen 94 Sie, meine Herren, daß ich nicht aufſtehe, um Sie zu empfangen doch wahrhaftig.. es ißt nicht meine Schuld. ich wünſchte wohl, es wäre mir möglich. „Es würde mich ſehr beirüben, wenn ich Ihnen die geringſte Störung verurſachte, braver Mann.. und wenn ich hätte denken können, daß meine Gegenwart Sie irgendwie beläſtigen würde, ſo wäre ich nicht bei Ihnen eingetreten.“ Der artige und freundliche Ton, womit Guerre⸗ ville dieſe Worte ſprach, ſetzten Jerome in Ver⸗ wunderung; er war ganz erſtaunt, daß ein Mann, deſſen Haltung und deſſen Aeußeres einen vornehmen Stand verkündeten, ihn würdigte, ſo gütig mit ihm zu ſprechen: das kleine Mädchen lächelte dem Frem⸗ den zu; ſeine Angſt war ſchon gehoben. Fourré, der nicht begriff, wie man befürchten könnte, einen Waſſerträger zu beläſtigen, hatte ſich auf einen Stuhl geworfen, indem er rief:„Mein Gott! wie ärmlich iſt es hier!... aber wie! Jerome, ſind Sie denn immer krank?“ „Ach! mein Gott, ja, Herr Fourré, meine Kräfte wollen gar nicht wiederkommen.“ „Das iſt traurig, das iſt um ſo trauriger, als man während der Zeit, in der man nichts arbeitet, nichts verdient.. und die Miethe läuft immer fort.“ „Ich wollte, ich könnte ſtatt ihr laufen,“ ſagt der Auvergnate, indem er ſich zu lächeln bemühte. „Sie ſehen noch ſehr ſchlecht aus, Jerome, Sie ſind noch ſehr gelb!.. Hören Sie denn, wir find 95 Alle ſterblich!. und es fterben dieſes Jahr ſehr viele Leute Guerreville fühlte ſich ſehr verſucht, den Portier an den Ohren zu nehmen; er hielt jedoch noch an ſich und näherte ſich dem Bette des Kranken. „Iſt es ſchon lange, daß Sie das Bett hüten?“ „Ueber drei Wochen, mein Herr. Es iſt ein Bruſtleiden, das mich befiel, wie ich glaube. aber was auch Herr Fourré ſagen mag, ich fühle ſehr wohl, daß ich mich beſſer befinde, und daß ich bald wieder meine Eimer werde tragen können.— Der Stand eines Waſſerträgers iſt ein ſchwerer Stand!— Doch, wenn man einmal darin iſt, denkt man nicht mehr daran. jeder Menſch muß ar⸗ beiten!. ich war ſo zufrieden, wenn ich nur ver⸗ diente, was ich brauchte, und von Zeit zu Zeit dieſer armen Kleinen ein Spielzeug heimbringen konnte!.. „Achl ja, da iſt das Geld gut angewandt!“ ſagte der Portier, indem er mit wichtiger Miene eine Priſe nahm.„Puppen kaufen, Kleinigkeiten für dieſes Kind. wie kann man ſolche Schwach⸗ heiten haben!.. Und Sie kauften nicht einmal von dem geringen Spielzeuge von zwei Sous es waren herrliche Puppenum fünfundzwanzig Sous!... „Ah! Hören Sie, Herr Fourré; für meine Zizi⸗ nette finde ich nichts ſchön genug.. meine kleine Tochter. mein kleiner Engel! gegenwärtig meine kleine Wärterin.. Ach! ich wünſchte, ich hätte ihr noch viel ſchönere Sachen gekauft!... 96 „Sie hätten beſſer daran gethan, das Geld bei Seite zu legen, um Ihre Miethe damit zu be⸗ zahlen! Man wäre dann nicht genöthigt ge⸗ weſen, Sie zur Thüre hinauszuwerfen, Ihre Möbeln zu verkaufen was in einem Hauſe von gutem Rufe immer ſehr unangenehm iſt.“ „Mich hinauswerfen. meine Möbeln zu ver⸗ kaufen!“ rief der Kranke, indem er es verſuchte, ſich halb aufzurichten und eine leichte Röthe ſeine matten Züge belebte;„wie! man könnte die Grau⸗ ſamkeit haben.. aber ich werde bezahlen, Herr Fourré, ich werde Alles bezahlen, ſobald ich wieder arbeiten kann.“ „Beruhigen Sie ſich, braver Mann!“ ſagte Guerreville, indem er ſich dem Bette näherte. „Nichts von alle dem wird geſchehen dieſer Portier weiß nicht, was er ſpricht!... „Ich weiß nicht, was ich ſpreche!“ wiederholte Fourré mit erhabenem Kopfe.„Man ſehe doch, wie der Herr, der nicht, wie ich, das Vertrauen des Hauseigenthümers beſitzt, mich meine Verpflichtungen lehren will. Das iſt wirklich ſehr gut.“ Ohne daß es ſchien, als höre er nur im ge⸗ ringſten auf das, was der Portier ſagte, legte Guerreville die Hand auf die Wange des kleinen Mädchens und es liebkoſend, ſagte er:„Iſt dies Ihr einziges Kind?“ „Ja, mein Herr.“ „Und Sie lieben es wohl ſehr? nicht wahr?“ „Ob ich es liebe o! es iſt mein kleiner 97 * Schatz„ Armes Kind, ſeid ich krank bin, ſorgt ſie für mich, gibt mir zu trinken.„geht, um mir Brod zu holen, und Alles, was ich verlange. Und doch iſt ſie noch ſo jung„erſt ſechs und ein halbes Jahr alt, aber es ſteckt in dieſem kleinen „ Köpfchen ſchon mehr Verſtand und Ueberlegung als in manchem viel älteren.“ Guerreville erwiderte nichts, er war in ſeine Betrachtungen verſunken; ſein Haupt ſank auf ſeine Bruſt und ein tiefer Schmerz malte ſich in allen ſeinen Zügen. Der Waſſerträger und ſein Kind betrachteten ihn mit Theilnahme und wagten kaum zu athmen. Wöhrend dieſer Zeit durchſuchte der Portier alle Winkel, und ſah ſich beſonders in dem Verſchlage um, in welchem das Bett des Kindes ſtand. Endlich ſtieß Guerreville einen tiefen Seufzer aus, dann ſagte er zu Jerome:„Ihre Lochter iſt bei Ihnen Sie können ſie umarmen, ſie an Ihr Herz drücken. Ach! es gibt Leute, die Sie noch um Ihr Bett, um Ihre Armuth beneiden! „Iſt es möglich, ſich wegen eines Kindes ſo zu berauben!“ rief Fourré, indem er ſeinen Kopf 3 hinter den Brettern hervorſtreckte.„In dem Bette des Kleinen ſind drei Matratzen, drei gute Ma⸗ tratzen. während der Vater auf einem elenden Strohſacke liegt.“ „Das beliebt mir ſo, Herr Portier,“ ſagte Jerome mit Ungeduld.„Es ſcheint mir, daß ich das Recht habe, mich zu betten, wie ich gi ich, Paul de Kock. X0V. 98 der ich weder verzärtelt, noch verweichlicht bin, befinde mich überall gut! Aber dieſes Püppchen!... o! das muß ſanft behandelt werden; ſehen Sie, wie zart, wie gebrechlich ſie iſt; eine Kleinigkeit würde ihr wehe thun!. „Sollte man nicht glauben, es wäre eine Prin⸗ zeſſin?.„ Ich liebe meine Kinder auch, aber wahrhaftig, ich wäre nicht im Stande, mich um ihretwillen ſo zu berauben.. Wohlan, mein Herr, Sie haben Zeit gehabt, ſich dieſes Zimmer zu be⸗ ſehen, ich muß wieder hinunter, ich wenn es Ihnen gefällt, für fünfzig Franken können Sie es haben, und wir werden die Bohnen anderswo trocknen.“ „Haben der Herr Luſt, hier zu miethen?“ fagte Jerome, indem er Guerreville anſah; aber dieſer machte ihm mit dem Kopfe ein verneinendes Zeichen. „Ich weiß nicht, wozu der Herr Luſt hat, ſprach der Portier, aber ich weiß, daß er ſich ſchon ſeit langer Zeit das ganze Haus zeigen läßt und mir noch kein Trinkgeld gegeben hat... O! mein Gott, ich glaube die Stimme meiner Frau im Hofe zu hören.“ Der Portier ſteckte ſeinen Kopf aus der Thüre über die kleine Treppe hinaus. Eine kreiſchende Stimme ſchrie im Hofe:„Fourré! verdroſſelt man Dich da oben.. wirſt Du noch heute berabkommen„Fourré!“ „Hier bin ich, liebe Freundin, hier bin ich.. ich werde hinunter kommen!“ ſchrie der Por⸗ ———— 99 tier, indem er ſeinen Körper vorwärts ſtreckte; alsdann wandte er ſich um, und indem er Guerreville anſah, ſetzte er hinzu:„Kommen Sie, mein Herr.“ Aber Guerreville rührte ſich nicht; er war ge⸗ rade damit beſchäftigt, ſich das Lager des kleinen Mädchens zu betrachten; dann ſah er ſich wieder im Zimmer um. „Nach Belieben!“ ſagte Fourré, indem er die Achſeln zuckte.„Wenn Sie an der Unterhaltung des Waſſerträgers Geſchmack finden, geniren Sie ſich nicht. ich habe die Schwachheit, mich nach meiner Suppe zu ſehnen.“ Und der Portier ſtieg raſch die Treppe hinunter, indem er vor ſich hinſummte: „Mein Weibchen macht mir alle Ehre.. Weil es ſo ſchöne Aeuglein hat „Sie ſind ein guter Vater, Herr Jerome,“ ſagte Guerreville, ſich dem Kranken nähernd und ihm herzlich die Hände drückend; dann machte er einige Gänge durch das Zimmer, blieb ſtehen und ſchien verlegen, als wenn er etwas auf dem Herzen hätte, das er nicht zu ſaßen wagte. „Es iſt, wie ich glaube, ſehr natürlich, ſeine Kinder zu lieben,“ ſagte Jerome,„und noch dazu meine Zizine, ſie iſt meine Retterin. mein Schutz⸗ engel, wie meine arme Frau in ihrer Sterbeſtunde ſagte!„ „Ihr Schutzengel! Was wollen Sie damit ſagen? v — „Ach! ja, mein Herr, damit will ich ſagen, daß dieſe mir ſchon einmal das Leben ge⸗ rettet hat... „Wie! ſo jung... „Das macht i 3 hören Sie. Ich hatte mich eines Abends zu Bette gelegt, und war rau⸗ chend, mit der Pfeife im Munde, eingeſchlafen.. was mir ſonſt oft begegnete; es ſcheint, daß Feuer aus meiner Pfeife gefallen iſt und meine leinene Bettdecke angezündet hat; ich merkte nichts davon und ſchlief wie ein Tauber; denn wenn ich wohl bin, ſchlafe ich ſehr gut.. und ich glaube, ich wäre, ohne zu erwachen, gebraten worden, wenn nicht dieſe Kleine durch den Rauch erweckt worden und ſchnell herbeigelaufen wäre mit nackten Füßen und mir zugerufen hätte:„Mein Vater! mein Vater! Sie brennen!“ während dieſe kleinen Hände es zu gleicher Zeit verſuchten, die Decke wegzureißen. Sie können ſich denken, daß ich im Augenblick aufſprang, ich bemühte mich, das Feuer zu löſchen, und kam da⸗ mit noch gut weg, nur eine halbe Betidecke zu haben; aber ſeit dieſer Zeit!. ol ich habe ge⸗ ſchworen, in meinem Bette nicht mehr zu rauchen, und ich verſichere Sie, ich habe den Schwur gehal⸗ ten; denn, ich hätte ja das liebe Kind mit mir verbrennen können!. und das wäre das größte Unglück geweſen!“ Als der Auvergnate dieſe Worte geſprochen hatte, zog er die Kleine auf ſein Bett und umarmte ſie zärtlich, dann fügte er hinzu:„Und man 101 findet es noch unrecht, daß ich ihr ſchöne Puppen kaufe„ aber ich laſſe die Welt reden und thue, was mir beliebt. Nicht wahr, meine Zinzi⸗ nette?“ Das Kind lächelte, indem es ſagte:„Ol ich ſorge auch recht für meine Puppe; ich nehme ſie mit in mein Bett und ich werde ihr ein Kleid machen, denn eine Dame im Hauſe hat mir recht ſchönes Zeug verſprochen.“ „Ja, ja; Du biſt eine gute Wirthin und Alles im Hauſe liebt Dich, dieſen Portier ausge⸗ nommen, der Dir nur harte Worte ſagt aber er ſoll ſich hüten, daß er Dich je nur unſanft be⸗ rühre! dann zerſchlage ich meine Waſſerkanne auf ſeinem Rücken!“ „Sie nennen Ihre Kleine Zinzinette?“ fragte Guerreville. „Ol ſie heißt eigentlich Caroline, aber ſehen Sie, ich, ich nenne ſie meiſt Zizine Zinette. der Name klingt ſo lieblich und Schwachkopf von Portier fragte mich neulich: Was ſoll das hei⸗ ßen, Zizine?„ das iſt nicht Franzöſfiſch Hml dummer Schwätzer!. Man that Recht dar⸗ an, ihn Fourré(Steck) zu heißen! denn er ſteckt ſich überall hin, wo er kann!“ Guerreville faßte die Kleine mit der Hand unter das Kinn, ſah ſich nochmals um, entfernte ſich dann vom Bette und ging mit den Worten zur Thüre: „Adieu, braver Mann, Adieu!“ „Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen, mein Herr,“ erwiverte der Auvergnate, indem er 102 die Hand an ſeine Mütze legte,„entſchuldigen Sie, daß ich Sie nicht hinausbegleiten kann.“ „Aber man ſieht an Ihrer Thüre nicht ſehr gut,“ ſagte Guerreville, indem er an der kleinen Treppe ſtchen blieb;„wenn Ihre Kleine mir den Weg zei⸗ gen könnte. „O! ſehr genau, mein Herr... Geh, meine Zizine, führe den Herrn und gib auch ſelbſt Acht, daß Du nicht fällſt.. Das kleine Mädchen ſprang nach der Thür, bald war ſie vor Guerreville und ſtieg langſam die ſteile und rauhe Treppe hinunter, indem ſie ſagte:„Folgen Sie mir, mein Herr, halten Sie ſich an der Mauer.“ Man war bald auf dem Ruheplatz, da ſagte das Kind dem Fremden Adieu und wollte wieder die Mühlenleiter hinaufſteigen. Aber Guerreville hielt ſie zurück und ſagte ihr:„Warte, Kleine, ich habe Dir etwas für Deinen Vater zu geben.. Halte Deine Schürze auf.“ Das Kind that, wie man ihm ſagte; Guerre⸗ ville zog ſeine Börſe und leerte ſie in die Schürze, fügte auch noch Alles hinzu, was er in den Taſchen an Geld hatte, ſo daß Alles zuſammen ungefähr hundert Franken betragen konnte. Das Kind riß die Augen weit auf, als es all das Geld erblickte; und da es, trotz ſeiner großen Jugend, ſchon wußte, daß ſein Vater viel arbeiten mußte, um nur einen geringen Theil davon zu ver⸗ dienen, ſo war es ſehr gerührt, ſeine Augen füll⸗ ten ſich mit Thränen, indem es ſtammelte: „Wie! mein Herr das Alles iſt für den Papa?“ „Ja, mein Kind, er ſoll ſeine Miethe bezahlen, und, mehr Ruhe habend, wird er ſchneller geneſen.“ Das Kind ließ ſich dieſe Worte nicht wiederho⸗ len; es vergaß ſogar dem Herrn zu danken und eilte nach ſeiner Dachkammer hinauf, ſo ſehr fühlte es ſich getrieben, ſeinem Vater das Geld zu brin⸗ gen. Guerreville bekam defhalb nur eine um ſo günſtigere Meinung von dem Herzen des Kindes; denn die Freude, welche es ſeinem Vater verurſa⸗ chen würde und die Hoffnung, dieſes Glück würde ihm ſeine Geſundheit wiedergeben, mußten allerdings ſeine erſten Gedanken ſein. Guerreville ſtieg die Treppe vollends hinunter, indem er ſagte;„Wenn ich auch nichts in Betreff meiner Angelegenheiten rrfahren habe, ſo habe ich doch meine Zeit nicht ganz verloren, während ich mir die Wohnungen in dieſem Hauſe beſah.“ Als Guerreville in den Hof kam, fand er den Portier, der ihn, ſeine Suppe vefithtenhe im Durchgange zu erwarten ſchien. Guerreville wollte, ohne ſich aufzuhalten, wei⸗ ter gehen, aber der Portier, nachdem er ſeine Schüſ⸗ ſel vor der Loge niedergeſtellt hatte, ftellte ſich zwi⸗ ſchen ihn und den Thorweg, indem er ſagte:„Nun, mein Herr, Sie haben ſich ohne Zweifel für das Lokal entſchieden, das Sie miethen wollen?“ Und während Fourré dies ſagte, ſtreckte er die Hand aus. „Ich werde in dieſem Hauſe nichts miethen,“ er⸗ widerte Guerreville und ging auf die Hausthüre zu. „Sie werden nichts miethen„das iſt ſchön und gut aber ich glaube, ich habe mich nicht ſtören und mein Handwerk verlaſſen dürfen ohne daß nun, Sie ſind zu billig, um.. Und die Hand des Portiers präſentirte ſich fort⸗ während vor Guerreville; aber dieſer, nachdem er in ſeinen Taſchen herumgeſucht und nichts mehr ge⸗ funden hatte, ſtieß den Arm, der ihm faſt den Aus⸗ weg verſperrte, zurück, und ging mit den Worten aus dem Hauſe: „Es thut mir leid. aber ich habe nichts bei mir.“ Fourré war einen Augenblick ſtumm vor Wutz, dann ſchlug er mit der Fauſt nach der Mütze und rief:„Ich bin beſtohlen, wie in einem Walde!.. Hat man einen Begriff von ſolch einer Gemeinheit! ein wohlgekleideter Mann wagt es mir zu ſagen, er habe kein Geld bei ſich, pfui!. das iſt gering! Aber der Menſch da, nach Allem zu ſchließen, iſt ein Spion, wie ich glaube.“ Sechstes Kapitel. Begegnungen. Acht Tage nach dieſer Begebenheit fand Guerre⸗ ville eine Wohnung in der Helderſtraße, die ihm —— —— „— 105⁵ gefiel; er ließ ſie ſogleich anſtändig möbliren und richtete ſich mit ſeinem treuen Georg darin ein. Den Tag nach ſeinem Einzuge ſchrieb Guerre⸗ ville, um ſein, dem Doctor Jenneval gegebenes Verſprechen zu erfüllen, an denſelben, fügte ſeine Adreſſe bei und forderte ihn auf, ſobald er nach Paris käme, ihn zu beſuchen. Indeſſen hörte Guerreville, obgleich er für ſich keine Wohnung mehr nöthig hatte, nicktsdeſtoweni⸗ ger auf, in die Häuſer zu gehen, an welchen ge⸗ ſchrieben ſtand: Wohnung zu vermiethen; und über⸗ all brachte er, wie er es mit Fourré gemacht hatte, die Portiers zum Plaudern, da er mehr über die Bewohner, als über die Wohnung Auskunft zu ha⸗ ben wünſchte, welche letztere ihm nur zum Vor⸗ wande dienten, um die Perſon, welche ihn unauf⸗ hörlich beſchäftigte, wiederzufinden. Mehr als einmal hegte Guerreville den Wunſch, Jerome und die kleine Zizine wieder zu ſehen, aber immer, wenn er ſich anſchickte, zu dem Auvergna⸗ ten zu gehen, hielt ihn der Gevanke zurück: wenn ich hinkomme, wird da der arme Mann nicht glau⸗ ben, ich wollte mir den Dank holen, für das We⸗ nige, was ich für ihn gethan habe? Und Guerreville wendete ſich nach einer andern Seite, indem er dachte, es ſei beſſer, er warte den Beſuch des Doctors Jenneval ab, um ihn dann zu bitten, hinzugehen und ſich nach der Geſundheit des Waſſerträgers zu erkundigen. Eines Tages, als Guerreville auf den Boule⸗ vards ſpazieren ging und die Blicke nach ſeiner Ge⸗ wohnheit auf die Hausthüren richtete, kam ihm eine Dame entgegen, die ihn ſcharf anſah, erſtaunt ſchien, ihn nochmals betrachtete und dann mit dem Ausruf auf ihn zulief:„Ich täuſche mich nicht Sie ſind es, Eduard! Sie find es gewiß! Guerreville betrachtete ſeinerſeits dieſe Dame, die ſchon nahe an den Vierzigen war, aber noch gut ausſah, und deren Weſen und Benehmen zeig⸗ ten, daß hier die Koketterie bereits vorüber war, Zwei braune, noch ſehr zärtliche und reizende Augen waren auf Guerreville mit einem Ausdruck gerich⸗ tet, der mancherlei vermuthen ließ; doch der, wel⸗ chen die Sprache dieſer Augen zu fragen ſchien, war durch dieſe Begegnung mehr unangenehm als angenehm berührt, und er erwiderte in einem ſehr kalten Tone:„Ja, Madame, ich bin es„ Sie täuſchen ſich nicht.“ „Ach! wie freue ich mich, Sie wieder zu ſehen! es iſt ſchon lange her! O! das heißt, ich bin Ihnen einmal begegnet. vor ungefähr drei oder vier Jahren... und Sie verſprachen mir, mich zu beſuchen... aber Sie find nicht gekommen Es iſt ſehr Unrecht, ſeine alten Bekannten ſo zu vernachläſſigen.. ich, ich bin ſo glücklich, Sie wieder zu ſehen. O Gott! wie aufgeregt bin ich ich muß ſehr blaß ſein „Sie find zu gütig, Madame!“ „Zu gütig!... Ach! ja, das iſt wahr, ich bin immer zu gut geweſen und Sie wiſſen auch 107 davon zu ſagen.. aber ich ändere mich nicht mehr.. es iſt jetzt ſchon zu ſpät. Aber wie! Sie fragen mich nicht einmal nach Agathe.. Ih⸗ rer Pathe?“ „Ach! verzeiheu Sie! eben wollte ich fragen.“ „O! wenn Sie wüßten, wie hübſch jetzt meine Tochter iſt; eine ſo feine, graziöſe, ausgezeichnete Fi⸗ gur ſie iſt ganz das Ebenbild von. von Je⸗ mand, an den ich immer gedacht habe.“ Und die zwei braunen Augen dieſer Dame rich⸗ teten ſich von Neuem auf Guerreville, der die ſeinen niederſchlug, indem er ſagte:„Wie alt mag nun Ihre Tochter ſein?“ „Wie alt? Nun bald achtzehn Jahre; es ſcheint mir, daß Sie ihr Alter eben ſo gut berechnen könn⸗ ten, wie ich; aber ich ſehe, Sie haben Alles ver⸗ geſſen.. Für Sie hat die Vergangenheit nicht einmal Rückerinnerungen, wie ich bemerke O die Ungeheuer von Männer. Sie ſind Undank⸗ bare, die wir dazu machen!. Dieſe Betrachtung war von einem tiefen Seufzer begleitet; Guerreville ſchien ihn nicht zu bemerken und fuhr fort:„Und Ihr Gemahl, wie befindet er ſich?“ Dieſe Frage ſchien der Dame ein wenig Humor zu geben, und ſie antwortete mit einer Art von be⸗ leidigter Miene:„Mein Mann befindet ſich ſehr wohl; dem Himmel ſei Dank; Grillon iſt niemals krankz ich habe nie wahrgenommen, daß er einen Anfall von Fieber gehabt hätte.. es iſt ein ſo ſorgloſer 108 Mann von einem ſo glücklichen Charakter!... wenn nur ſein Mittagbrod Punkt fünf Uhr bereit ſteht, iſt ihm alles Uebrige gleich... Hätte er nicht eine ordentliche und geſcheite Frau bekommen, wie ich bin, die ihn leitet, wenn er Geſchäfte machen will, ſo würde es jetzt ſchlimm mit uns ſtehen!. Aber glücklicher Weiſe war ich immer da, und ver⸗ beſſerte die Thorheiten meines Mannes. Wenn ich mir auch einige Schwachheiten vorzuwerfen habe, ſo glaube ich doch, von der andern Seite nur Lobeserhebungen zu verdienen.. Ich ſage dies nicht, um mich zu entſchuldigen; aber Ihr Benehmen gegen mich hat mir viel Kummer gemacht.. Wahrhaftig, wenn man auch aufhört, in eine Perſon verliebt zu ſein, ſo iſt dies noch kein Grund, ſie ſo gänzlich zu vernachläſſigen. kann man nicht einige Freundſchaft bewahren?... Sprechen Sie doch, mein Herr, Sie gelobten mir ja einſt ſtets mein Freund zu bleiben Dies ſagend, ftreckte ſie eine Hand aus, und ergriff die des Herrn Guerreville, der ſie, wie aus Gefälligkeit, gewähren ließ. „Eduard, was habe ich denn gethan, daß Sie es gänzlich unterließen, mir Nachricht von Ihnen zu geben?„ Sie dachten wohl niemals an Eu⸗ phemie. an dieſe arme Euphemie, die Sie Minnie nannten.. „Ach! mein Gott, Madame!“ rief Guerreville, ihr haſtig ſeine Hand entziehend,„wenn man jung iſt, ſagt man vielerlei, wobei man nichts denkt.. 109 Wenn man ſich an alle die Thorheiten erinnern ſollte, die man begangen hat man würde oft über ſich ſelbſt erſtaunen.“ Madame Grillon, oder Euphemie, biß ſich in die Lippen und ſchwieg; ſie ſchien ſich ſogar ent⸗ fernen zu wollen; aber Guerreville, der ſich ſchon über den rauhen Ton ärgerte, in welchem er mit ihr geſprochen hatte, fuhr fort:„Verzeihen Sie mir, Madame, ich ſühle, daß ich ſehr wenig lie⸗ benswürdig bin ich erwidere Ihre Freundſchaft ſchlecht; aber, Sie wiſſen ich bin immer ein wenig ſchnell aufgeregt geweſen. Und, ſeitdem Sie mich nicht geſehen haben, hat der Kummer meine Gemüthsart ſo ſehr verdüſtert, daß ich mich oft eines einzigen Wortes. des geringſten Umſtandes wegen, von den Bewegungen des Zorns, der Ungeduld fortreißen laſſe, über die ich nachher erröthete. Ach! meine Geſellſchaft hat nichts Angenehmes mehr!... Ich bin nicht mehr dieſer Eduard, den Sie einſt gekannt haben!. und die Zeit hat meinen Cha⸗ rakter noch mehr als meine Züge verändert.“ „Ach! Sie ſind der einzige Mann, den ich in meinem Herzen bewahrt habe... Ich finde Sie nicht verändert! Wenn Sie wieder lächeln wollten, wären Sie noch derſelbe.. Sie haben Kummer gehabt, armer lieber Freund!... Aber Sie haben mir ihn nicht anvertraut!... Als ich Ihnen das letztemal begegnete, es ſind jetzt vier Jahre, da werden Sie ſich wohl erinnern, daß ich es merkte, ein geheimer Kummer drücke Sie, und damals bat ich Sie, mir denſelben mitzutheilen; aber Sie haben meine Tröſtungen zurückgewieſen.“ „Weil es Sorgen gibt, die kein Troſt mildern kann, und ſolche muß man, wie mir ſcheint, in der Tiefe ſeines Herzens bewahren.“ „Aber, mein Gott, was iſt Ihnen denn ſo Schreckliches begegnet? Sind es Glückszufälle? Ol nein, ich kenne Sie zu gut, um nicht gewiß zu ſein, daß dergleichen Ereigniſſe von Ihnen mit Philoſophie würden ertragen werden. Sie find Wittwer„ und der Tod Ihrer Frau mußte Sie tief betrüben; denn ich weiß, daß Sie ſie ſehr liebten, obgleich Sie ihr häufig untreu waren.. Aber die Männer haben das Recht, die Liebe mit. der Unbeſtändigkeit zu vereinigen: dies iſt ein Recht, ⁰ das ſie ſich angemaßt haben, und deſſen ſie ſich un⸗ beſchränkt bedienen. Wohl, Sie liebten Ihre Frau zärtlich; aber ſeitdem ſie geſtorben, ſind, wie ich glaube, zehn Jahre verfloſſen, und ich habe Sie ſeitdem traurig geſehen, aber nicht verzweifelt. Sie hatten eine Tochter. eine Tochter, die Sie anbeteten... von der Sie mir ohne Unterlaß er⸗* zählten. Sollte Ihrer lieben Pauline etwas vi„ fahren ſein?“ Bei dem Namen von Pauline n die Züge Guerreville's; eine düſtere Wolke bedeckte ſeine Stirne, ſeine Blicke ſenkten ſich zu Boden, und er ſtotterte mit bewegter Stimme:„Nein. nein. es iſt meiner Tochter nichts widerfahren... 11¹ aber ſeit langer Zeit iſt ſie nicht mehr bei mir... ſie iſt verheirathet.“ „Was! Ihre Tochter iſt verheirathet, und Sie konnten ſich entſchließen, ſich von ihr zu trennen?“ „Ich bin überzeugt... Es war zu ihrem Glücke:“ „Wo wohnt ſie denn jetzt?“ „Weit von hier in der Dauphiné.. „Und Sie?“ „Ich! nun ich bin in Paris.. und ich habe die Abſicht, mich einige Zeit pier aufzuhalten.... „Sie wollen ſich in Paris niederlaſſen! Haben Sie denn Ihre ſchöne Beſitzung in der Nähe von Orleans nicht mehr?... „Doch„ Aber ſeitdem meine Frau todt und ſeitdem... meine Lochter verheirathet iſt... hat es mir da nicht gefallen.. Darum bin ich auch einige Zeit gereist... und nun will ich ein wenig in Paris bleiben.“ „O! wie freue ich mich darüber.. ich hoffe, Sie werden uns beſuchen... Sie werden nicht wie ein Einſiedler leben. Sie werden die Welt nicht fliehen... und Ihre Pathe... Ihre kleine Agathe, empfinden Sie denn gar nicht den Wunſch, ſie zu ſehen, zu umarmen?.. Ich, ich habe ihr oft von ihrem Pathen erzählt, die arme Kleine, ſie hat Sie ſchon zwölf Jahre nicht geſehen. Ol ja, ſo lange mag es ſein, ſeit Sie nicht mehr in unſer Haus gekommen find, ſie wird Sie vielleicht nicht wieder erkennen. aber ich will, daß ſie morgen hin⸗ 112 geht und bei ihrem Pathen ihre Verpflichtungen er⸗ füllt.. WMeine Kammerfrau wird ſie zu Ihnen bringen.. denn meine Tochter geht nie allein aus. Erlauben Sie es, mein Herr?“ „Ohne Zweifel.. Indeß. Ihr Gatte. „Ol mein Mann Sie wiſſen wohl, daß er nicht Herr im Hauſe ift!.. ausgenommen, was ſein Mittagsbrod betrifft... Uebrigens liebt Sie Grillon ſehr, und er wird entzückt ſein, Sie wieder zu ſehen. Er hat mich mehre Mal geſragt, ob ich keine Nachrichten von Ihnen hätte, und ich werde ihn ſehr erfreuen: wenn ich ihm ſage, daß Sie in Paris ſind. Ah! geben Sie mir doch Ihre Adreſſe. denn Sie wären noch im Stande, uns nicht zu beſuchen; auf jeden Fall aber werde ich Ihnen meine Agathe ſchicken Ich will, daß Sie ſehen, wie hübſch ſie iſt wie ähnlich ſie iſt ihrem.. Aber, mein Gott, vas ſcheint Ihnen ganz gleichgültig zu ſein. Ach! die Männer, die Männer!. ſie ſind nicht lange liebenswürdig.“ Guerreville zog aus ſeiner Taſche eine Karte mit ſeinem Namen und ſeiner Adreſſe, und über⸗ gab ſie an Madame Grillon, die ſie in ihren Beutel ſteckte, indem ſie ſagte:„Agathe wird kommen, ihren Pathen zu umarmen... alsdann, mein Herr, werden Sie uns aus Freundſchaft für dieſes Kind, vielleicht der Ehre werth halten, uns bisweilen zu beſuchen.“ Hierauf trennten ſie ſichz die Dame lächelte und Guerreville zwang ſich, ihr Lächeln zu erwidern. — — 113 Guerreville ſetzte ſeinen Weg fort, indem er über die Begegnung nachdachte, die ihm ſo eben zugeſtoßen war. Der Anblick der Madame Grillon hatte ihn an eine Epoche ſeines Lebens erinnert, in welcher die Galanterie einen großen Platz ein⸗ nahm. Damals nahm die Liebe, die Frauen all ſeine Zeit in Anſpruch; der Anblick einer neuen Schönheit ließ ſtets ſeine Wünſche erwachen und ihn neue Triumphe feiern. Damals wußte der Mann, deſſen Aeußeres ſo kalt und ernſt geworden war, zu lächeln, ein Herz zu feſſeln und ſeine Freimüthig⸗ keit und Lebhaftigkeit hatten einen Reiz, dem wenige Frauen zu widerſtehen vermochten. Guerreville konnte einen leichten Seufzer nicht unterdrücken, als er ſich an dieſe glückliche Zeit ſeines Ledens erinnerte, und doch würde er, wäre eine Rückkehr möglich geweſen, ſich dieſes Glück nicht zurückgewünſct haben. In dem Augenblick, als er in ſein Hans zu treten im Begriffe war, erinnerte er ſich, daß er Handſchuhe kaufen wollte; er ſetzte daher ſeinen Wes fort und ſah ſich nach einem Laden um, in welchem ſolche zu haben wären. Er bemerkte bald ein kleines Magazin für Parfümerie und Krämer⸗ waaren. Er trat ein; eine Dame ſaß allein an einem Ladentiſche; Guerreville richtete die Blicke auf die Verkäuferin, er verlangte Handſchuhe, und während man ihm ſolche ſuchte, ſetzte er ſich vor dem Laden⸗ tiſche nieder. Paul de Kock. X0V. 8 3 Man öffnete, man durchſuchte die Pakete; die Verkäuferin ſchien ganz verwirrt, ſie brachte Männer⸗ und Frauenhandſchuhe unter einander, und ver⸗ mengte die Farben, weil ſie Guerreville fortwährend betrachtete, der gar nicht auf ſie achtete und in Betrachtungen wieder verſunken war. „Dieſe hier werden Ihnen vielleicht paſſen,“ ſprach ſie endlich mit bebender Stimme. Guerreville hielt die Hand hin, die er ſanft gedrückt fühlte, ohne daß man es verſuchte, ihm die Handſchuhe anzupaſſen; er erhob nun ſeine Augen zu der Perkäuferin und beider Blicke begegneten ſich. „Maria! rief Guerreville. „Ja, mein Herr, ja Maria„ Sie ſfind wohl hier eingetreten, ohne zu wiſſen, daß dieſer Laden mir gehört?“ „Wer hätte mir es ſagen können?. und wenn ich es gewußt hätte „So wären Sie vielleicht nicht eingetreten.“ „O, das habe ich nicht geſagt!“ „Aber ich ich bin überzeugt davon. Doch der Zufall war mir günſtig und ich fühle mich glücklich, daß Sie, hier vorübergehend, Handſchuhe benöthigt waren.“ Dieſe Worte wurden mit mehr Lraurigkeit als Verdruß ausgeſprochen, und Gerville blieb verlegen, ohne zu wiſſen, was er antworten ſollte. Die Verkäuferin war eine Frau von ſechsund⸗ dreißig Jahren, weiß, blond und recht hübſch. Ein über ihre Züge ausgebreiteter Ausdruck von Trau⸗ 11⁵5 rigkeit erhöhte ihre Reize noch. Sie war von fei⸗ nem, zartem Wuchſe und hatte ein jugendliches Benehmen, und alle diejenigen, welche ihr Alter nicht kannten, waren überzeugt, die liebenswürdige Frau wäre nicht über dreißig Jahre alt. Wenn man daher mit ihr einen großen, jungen, ſchon kräftigen und wohlgebauten Mann erblickte, deſſen Züge viel Aehnlichkeit mit denen der Verkäuferin hatten, ſo ſagte man:„Dieſer Herr iſt Ihr Bru⸗ der, Madame; nicht wahr?“ Aber die hübſche Frau umarmte den großen Jungen zärtlich und antwortete:„Rein, es iſt mein Sohn!“ „Ihr Sohn?. Aber das iſt nicht möglich„ Ihr Stiefſohn, wollen Sie ſagen!“ „Nein, es iſt mein Sohn, ich bin ſeine rechte Mutter.“ „Aber, wie alt iſt er denn?“ „Bald neunzehn Jahre.“ „Ach, mein Gott! wer hätte das je ge⸗ glaubt!.. Sie, Madame, ſchon einen Sohn von neunzehn Jahren!.. Sie müſſen ſich ſehr jung verheirathet haben.“ Und die Ausrufungen des Erſtaunens wurden erneuert und wiederholten ſich eben ſo oft, als Ju⸗ lius im Laden ſtand und eine neue Kunde eintrat. Oft ſogar langweilten Madame Gallet all die faden Schmeicheleien, die ſie anhören mußte; aber ſie war Verkäuſerin und genöthigt, Alles dies mit freundlicher Miene aufzunehmen. An dieſem Tage war der Sohn der Verkäuferin nicht im Laden, aber die Mutter hätte es wohl gewünſcht, daß er da geweſen wäre und ihre Blicke richteten ſich oft nach dem Boulevard, in der Hoff⸗ nung, dort ihren Sohn zu bemerken; in gleichem Maße vermied ſie es, nach dem Hintergrunde des Ladens zu ſehen, wo ein etwa vierzig Jahr alter, langer, magerer und ſehr garſtiger Mann ſtand, der die Augbraunen zuſammenzog, indem er in den Regiſtern nachſchlug und ſeine Rechnungsbücher be⸗ richtigte, ohne ſich im mindeſten um das zu küm⸗ mern, was in dem Laden vorging, ſo ſehr ſchien ihn ſeine Arbeit in Anſpruch zu nehmen. Guerreville probirte und wählte ſich Handſchuhe; die Frau hinter dem Ladentiſche ſah ihn öfters prüfend an, ſchlug dann die Augen nieder oder richtete ihre Blicke nach der Thür; aber ſie ſchien es nicht mehr zu wagen, das Wort an ihn zu richten. „Es ſcheint mir, Madame, Sie haben gute Geſchäfte gemacht,“ fagte endlich Guerreville, in⸗ dem er ſich umſah;„dieſer Laden iſt geſchmackvoll, wohl aſſortirt und befindet ſich in einem ſehr gele⸗ genen Stadttheile.“ „Wenn man ſein ganzes Leben hindurch arbeitet, muß man wohl endlich etwas zuſammenbringen.. Geld verdienen, das iſt der einzige Gedanke meines Mannes dies war immer der Beweggrund aller ſeiner Handlungen.“ „Und im Uebrigen... macht Sie Herr Gallet glücklich?“ 117 „Glücklich! ja, ſo wie ich es ſein kann.. Er behandelt mich nicht ſchlecht, aber ich habe ihn auch in den achtzehn Jahren, in denen wir verheirathet ſind, nie um einen Ruhe⸗ oder Erholungstag ge⸗ beten. Ich war immer da, ſaß immer in dem Ge⸗ wölbe. zuerſt in einem kleinen, ſehr einfachen Laden, dann in einem ſchöneren, nun hier.“ „Dies einförmige Leben muß Sie langweilen.“ „Nein, ich bin daran gewöhnt, ich möchte es nicht mehr vertauſchen denn wenn ich ſo in meinem Laden ſitze, oft ganz allein, ſo kann ich nach Gefallen meinen Gedanken nachhängen, und darin beruht mein Glück!... Meine Erinnerun⸗ gen immer meine Erinnerungen.“ Mariens Stimme verrieth ihre Bewegung, man ſah ihr an, daß ſie ſich Gewalt anthat, um ihre Thränen zurückzuhalten. Guerreville zerdrückte die Handſchuhe, die er anprobiren wollte; er war ſelbſt gerührt, obgleich er ſich bemühte, es nicht zu ſchei⸗ nen; er huſtete zu wiederholten Malen, machte einige Gänge durch das Gewölbe, betrachtete ſich den Mann im Hintergrunde, der in ſeine Bücher vertieft war, ging dann wieder an den Ladentiſch und fragte mit leiſer Stimme:„Aber haben Sie nicht noch einen andern Troſt?“ Maria erhob den Kopf und ſah Guerreville an; ein Ausdruck der Freude belebte alle ihre Züge und ſie rief:„Ah, Sie haben es doch nicht vergeſſen! Ich wollte ſehen, ob Sie mit mir darüber ſprechen würden. ob Sie noch an ihn denken an das 118 arme Kind, meinen Abgott, meinen Schatz. meinen Sohn Ihren.. O, aber, mein Gott! ſagen Sie mir doch wenigſtens, daß Sie ihn ein wenig lieben.. daß Sie ihn ſehen umarmen wollen; ſagen Sie mir dies, mein Herr, damit ich das für eine Mutter ſüßeſte Vergnügen empfinde, damit mein Herz noch einmal vor Freude auf⸗ jauchze! O! ja ja nicht wahr, Sie haben den Wunſch, ihn zu ſehen?“ „Maria! Maria! Still.. nehmen Sie ſich in Acht, wenn man Sie hörte... „O, es hat keine Gefahr! Man berichtigt die Bücher man hat keine Luſt, auf mich zu hören; zudem war Herr Gallet niemals eiferſüchtig. Konnte er es auch ſein? Mich heirathend, wußte er wohl, daß ich die Frucht einer ſchwachen Stunde unter meinem Herzen trug die Frucht meiner Liebe zu einem Andern!.. Ich habe ihm nichts verſchwiegen. er hatte nicht das Recht, mir einen Vorwurf zu machen, weil ich ihn nicht zu täuſchen verſuchte. Er jagte mir, er wäre Philoſoph.. er würde mein Kind lieben und ihm einen Namen geben. Die fünfzehnhundert Franken, die Sie mir gegeben, überwanden alle Hinderniſſe; ich, meiner⸗ ſeits, würde es vorgezogen haben, nie zu heirathen und mit meinem Sohn allein zu bleiben, aber Sie wünſchten es und ich habe gehorcht.“ „Es ſcheint mir, daß Sie es nicht bereuen dür⸗ fen; heute hat Ihr Sohn einen Ramen. Sie ebenfalls; Sie find wohl eingerichtet, angeſehen 119 Maria! die Fehler der Jugend werden durch eine gute Aufführung verlöſcht.“ „Ja, aber auch die Glückſeligkeit. Doch es mußte ſo ſein!. Und Sie, mein Herr, ſind Sie glücklich? Ach! ich habe oft für Sie gebetet, denn ich dachte immer an Sie. Ihre Frau?.. „Meine Frau iſt nicht mehr!. ich habe ſie vor zehn Jahren verloren.“ „Ihre Frau iſt todt! Welches Unglück! ſterben, wenn man ſo glücklich iſt... wenn man nichts zu wünſchen hat denn Sie liebten ſie und ſie ſah Sie täglich.. Arme Frau! Ach! ich wünſchte, ich wäre an ihrer Stelle geweſen und auch ſchon geſtorben. Aber Sie haben Kinder?“ „Ich habe nur eine Tochter, welche verheirathet iſt; jetzt wohnt ſie weit von mir. Deßhalb habe ich mich in Paris niedergelaſſen, wo ich es verſu⸗ chen will, mich ein wenig zu zerſtreuen.“ „Sie bleiben in Paris? O! dann, wenn Sie es erlauben, wird mein Sohn Sie beſuchen.. bisweilen; ich hoffe, dies wird Sie nicht be⸗ läſtigen. O, Sie glauben gar nicht, wie gut er iſt, mein lieber Julius; er iſt ſchon ganz Mann. Erinnern Sie ſich noch, daß er achtzehn und ein halbes Jahr alt iſt. aber er iſt voll Talent.. voll Geiſt. und mit einem guten Herzen verbin⸗ det er einen ausgezeichneten Charakter.“ „Was treibt er?“ „Er hat in einer Penſionsanſtalt ſtudirt, aber ſeine Studien bereits beendet. Ich hätte gewünſcht, daß er für irgend einen ausgezeichneten Stand ſich ausſprechen möchte, wobei Ruhm zu erwerben iſt, wobei man ſich einen Namen macht etwa als Advokat, als Schriftſteller; aber mein Mann, der nur an den Handel denkt und nur Geld zu verdie⸗ nen ſucht, will ſeinen Sohn als Commits behalten, weil Julius ihm ſehr nützlich iſt. Unter uns, ich glaube, mein Sohn möchte gerne Künſtler werden; er iſt in das Theater vernarrt und erzählt mir fort⸗ während davon; jede freie Stunde, über die er verfügen kann, bringt er im Theater zu. Das gibt ſogar manchmal dazu Anlaß, vaß Gallet mit ihm grollt; er wirft ihm vor, daß er all ſein Geld für die Comödie ausgebe. er hat vielleicht nicht Unrecht, denn dieſer Enthuſiasmus von Julius für das Theater läßt mich manchmal befürchten, er könnte Luſt bekommen, Schauſpieler zu werden... Das wäre ein großes Unglück, nicht wahr?“ „Warum? wenn er wirklich Talente hätte.. einen entſchiedenen Beruf„ „O, mein Herr! das iſt ſo ſelten. O nein, ich möchte nicht, daß mein Sohn Schauſpieler würde, und ich glaube, es würde auch Ihnen mißfallen. Da mein Julius Sie beſuchen wird, ſo bitte ich Sie, mein Herr, lenken Sie ſeine Gedanken von dem Theater ab.“ „Unter welchem Vorwande ſoll ich ihm Rath⸗ ſchläge geben? Warum glauben Sie, daß er dar⸗ auf hören werde?“ „Nun weil ich weiß nicht es ſcheint 121 mir, daß er auf Sie hören, Sie beachten müſſe; ich werde ihm ſagen, Sie ſeien ein alter Freund meiner Familie, Sie hätten mich gekannt. be⸗ ſchützt, als ich eine Waiſe war. Wollen Sie daß ich ihm dies ſage?“ „Ich verlaſſe mich auf Sie, Maria, daß Sie Ihrem Sohn nichts ſagen werden, was jemals die Achtung ſchmälern könnte, die er vor ſeiner Mutter haben muß.“ „O! wenn man die Leute recht liebt, ſo achtet man ſie auch immer Alſo, morgen wird Ih⸗ nen mein Sohn die Handſchuhe bringen, die Sie ſich ausgeſucht haben. Sie wünſchen es, nicht wahr?“ „Ja, Madame.“ „Wenn ich nun auch nicht zu hoffen wage, mein Herr, daß Ihnen mein Anblick angenehm ſei, ſo würde es mich doch ſehr glücklich machen, wenn Sie im Vorbeigehen vor dieſem Laden irgend etwas einzukaufen hätten.“ „Sie dürfen überzeugt ſein, Madame, daß ich ſtets dieſem Magazine den Vorzug geben werde Hier iſt meine Adreſſe.. Sagen Sie Ihrem Sohne, daß ich ſtets bis gegen Mittag zu treffen bin.“ „O, ich werde es nicht vergeſſen.“ „Adieu, Madame.“ „Adieu, mein Herr.“ Guerreville wechſelte einen letzten S mit Paul de Kock. X0V. 122 der Verkäuferin, dann verließ er den Laden und ging nach Hauſe, indem er ſagte:„Sonderbarer Tag! Das waren Begegnungen, die ich nicht erwartete!.. Arme Frau! Das Alles war meinem Gedächtniſſe entſchwunden!“ ſ ſiſſiſſſſſſſſſiſſſſſſſciſtſſiſſmſſn 8 9 10 3