Paul de Kock's humoriſtiſche Romanr. deutſch bearbeitet Dr. Heinrich Elsner. Vierundneunzigſter Theil. B Stuttgart: Scheible, Rieger 4 Sattler. 1846. Mein Nachbar Raimund. Von Paul de Rochk. Es gibt nur Eine Liebe, aber tauſend ver⸗ ſchiedene Abflufungen in derſelben. Marimen von La Rochefoncauld. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Vierter Theil. 0B S Stuttgart: Scheible, Bieger« Fattler. 1846. Erſtes Kapitel. Mein Unſtern verfolgt mich. Der Schlaf bleibt ferne von mir; denn meine Aufregung iſt zu groß, als daß ich Ruhe genießen könnte. Die ganze Nacht hindurch entwerfe ich Pläne, die bald vernünftig, bald thöricht ſind. Immerfort miſcht ſich Nicette in meine reizenden Phantafiegebilde; ich ſtelle mir ſie als Hirtin, als vornehme Dame, oder als Fräulein vor; ich bin bei ihr in einem Palaſte, in einem Dörfchen, in einer Einöde; aber überall ſind wir glücklich. Ach, wie ſüß iſt es doch, ganz wachend zu träumen, wenn man liebt und ſich gelisbt glaubt. WMit Tagesanbruch ſtehe ich aufz zwanzig Pläne durchkreuzen meinen Kopf, aber ich kann, wie es gewöhnlich der Fall iſt, keinen feſthalten. Zuerſt muß Nicetten ein Beſuch abgeſtattet werden; dies drängt mich am meiſten. Meine Toilette iſt bald beendigt; auch weiß ich wohl, daß ſie mich immer ſehr hübſch findet. Ich verlaſſe meine Wohnung; Jedermann im Hauſe ſchläft noch, vorausgeſetzt, daß außer mir kein Verliebter darin iſt. Frau Dupont, welche nicht mehr zu dieſer Gattung von Leuten gehört, läßt 6 mich eine ganze Ewigkeit warten, bis ſie endlich die Hausthüre öffnet. In weniger als fünf Minuten ſtehe ich vor dem Blumenladen. Er iſt noch geſchloſſen Dies nimmt mich ſehr Wunder; Nicette ſteht gewöhnlich früh auf. Soll ich warten 2.. Soll ich klopfen?. un⸗ ſchlüſſig bleibe ich auf der Straße ſtehen als ein Commiſſionär an mir vorbeigeht.. Es iſt der⸗ ſelbe, den ich ſchon vor einiger Zeit fragte; er kennt mich noch, grüßt und ſetzt ſich zwanzig Schritte von mir entfernt„ Ich gehe auf ihn zu, ohne eigentlich zu wiſſen, was ich thun will... Sogleich bietet der Commiſſionär mir ſeine Dienſte an. „Ich brauche Richts, mein Freund,“ ſage ich in ſehr traurigem Tone und drücke ihm ein Fünf⸗ frankenſtück in die Hand.. Verwundert blickt er mich an, ohne das Geld in ſeine Taſche zu ftecken, und wartet, bis ich ſpreche. Ich hefte die Augen auf Nicettens Bude und bezeichne ſie ihm. „Dieſe Blumenhändlerin öffnet ſehr ſpät, nicht wahr?— O, es iſt noch früh; jedoch iſt ſie ſeit einiger Zeit ein bischen faul; aber man varf ſich darüber nicht wundern.— Warum?— Wenn ein Frauenzimmer verliebt iſt. Sie wiſſen wohl.— Verliebt! Wer hat Ihnen geſagt, ſie ſei verliebt?.— O, das hat man bald heraus; ich bin ſeit zwanzig Jahren auf dieſem Platze und muß von Allem, was in dem Viertel vorgeht⸗ 8 unterrichtet ſein.— Was wiſſen Sie von dieſem Mädchen? Was haben Sie geſehen, was bemerkt? Sagen Sie mir Alles genau. Da. nehmen Sie.“ Ich greife abermals in meine Taſche und ein neues Geſchenk verdoppelt das Staunen des Com⸗ miſſionärs, der in meinen Augen zu leſen ſucht, ob ich etwa nicht verrückt ſei. „Sie ſagten mir, dieſes Mädchen ſei brav und ſittſam, ſie ſchenke Niemanden eine beſondere Auf⸗ merkſamkeit.— Ja, ſo iſt's, mein Herr. Sie be⸗ nimmt ſich immer höchſt ehrbar, aber wenn man jung iſt, darf man doch auch eine Neigung haben. — Erklären Sie ſich deutlicher!.. Wie kommen Sie auf einen ſolchen Gedanken?— Dies iſt ganz natürlich, mein Herr, ich habe ja ſchon öfters den Galan geſehen.“ Alſo auch Nicette hätte mich getäuſcht! Sie liebt mich nicht! NRein, ich kann es nicht glauben.. Ich will doch dieſen Mann vorher gehörig ins Ge⸗ bet nehmen. Ich nähere mich nun zitternd der Steinbank, auf welcher der Commiſſionär ſitzt und frage weiter: „Sie wollen einen Galan geſehen haben?— Ja, mein Herr...— Seit wann ungefähr?— Es ſind etwa drei Wochen, daß der Particulier hier herumſtreicht. Zuerſt kam er Morgens und kaufte Blumen; dann kam er auch Abends, plauderte mit der Kleinen und blieb längere Zeit da. Jetzt läßt er ſich faſt jeden Abend ſehen und unterhält ſich eine bis zwei Stunden mit der hübſchen Blumen⸗ 8 bändlerin; doch glaube ich immer noch in Ehren, denn die Ladenthüre bleibt ſtets offen, vorausgeſetzt, vaß ſie ſich nicht anderswo ſehen, was ſehr leicht möglich wäre, da die Frauenzimmer ſchlau ſind und man nicht auf den Schein gehen darf.— Wie fieht denn der junge Mann aus?— Er iſt gerade nicht mehr jung, ſondern gewiß ein guter Vierziger; eben ſo wenig iſt er ſchön, aber vornehm gekleidet, faſt wie Sie, und ſieht etwas bleich. Der Blumen⸗ händlerin, welche gegen uns Andere immer die Spröde ſpielte, mußte es natürlich ſchmeicheln, eine ſo flotte Eroberung zu machen.— Und er kommt jeden Abend?— Ja, mein Herr, faſt jeden Abend. — Schon gut.“ Mit raſchen Schritten entferne ich mich von dem Commiſſionär; der Unglückliche hat, ohne daran zu denken, mein Herz zerriſſen. Im nämlichen Augen⸗ blicke, wo ich mich rückhaltslos meiner Liebe zu Nicette hingeben will, wo ich tauſend Pläne ent⸗ werfe, um ihr und mein Glück zu begründen, wo ich feſt entſchloſſen bin, eine Geſellſchaft, die mich anwidert, zu verlaſſen, um nur mit ihr und für ſie leben zu können— in dieſem Augenblicke ſoll ich ſie alſo verlieren. Sie liebt einen Andern und ich glaubte, ihrer Liebe ſicher zu ſein. Mit dieſer ſüßen Illuſion ſehe ich die ganze reizende Zukunft entſchwinden, wovon ich heute Morgen noch träumte. Fortwährend bleibe ich auf der Straße ſtehen, denn ich kann mich unmöglich entfernen. Endlich geht die Ladenthüre auf; Nicette erſcheint; ſie iſt 9 blaß und niedergeſchlagen.. aber niemals ſah ſie ſo hübſch aus, niemals fühlte ich ſo große Liebe zu ihr. Welch unſchuldige Miene!.. und doch ſo treu⸗ los!.„ Indeß habe ich das Recht, mich zu be⸗ klagen? Hai ſie mir Treue geſchworen? Habe ich ihr geſagt, daß ich ſie liebe? Aber brauchte ich es ihr zu ſagen?. ich glaubte doch, wir verſtän⸗ den einander. Und nun haben wir uns Beide gegen⸗ ſeitig getäuſcht! Soll ich mit ihr ſprechen? weßhalb denn?.. was kann ich ihr ſagen, das ſie intereſſirt? Ich will ſie nicht mehr ſehen, nicht mehr mit ihr reden 8 nein, ich will ſie vergeſſen! Ohne zu wiſſen, wie es gekommen iſt, habe ich mich ihr genähert und bleibe ganz maſchinenmäßig vor ihrer Bude ſtehen. WMit erzwungener Miene kommt ſie auf mich zu; ihre Augen find roth, als hätte ſie ſehr viel ge⸗ weint: was mag wohl der Grund ihres Schmerzes ſein? Ich weiß nichts mit ihr zu reden; ſchweigend ſtehe ich vor ihr da ſie iſt gleichfalls in Nach⸗ denken verſunken. So fällt alſo eine Zuſammen⸗ kunft aus, bei welcher Vertrauen und liebevolle Hingebung herrſchen ſollten. Wir arme Menſchen, unſere Pläne find auf Sand gebaut! „Geſtern bin ich da geweſen,“ ſage ich endlich mit möglichſt kaltem Tone zu Nicette.„Geſtern. ja, ich habe Sie geſehen. mit. jener Dame. — RNein; ich meine ſpäter. denn ich bin wieder 10 gekommen und habe geklopft..— Ich war nicht da.— Ich glaubte, Sie gingen niemals aus. — Geſtern bin ich ausgegangen.— Sie hätten auch zu Hauſe ſein und mir nicht öffnen können.— Warum denn, mein Herr?— Man läßt ſich manch⸗ mal nicht gerne ſtören, wenn man Geſellſchaft hat.— Geſellſchaft?— Ja Sie verſiehen mich wohl; ſagen Sie noch, daß Sie Niemand Gehör ſchenken? Kommt nicht ſeit drei Wochen ein Herr zu Ihnen.. faſt jeden Abend?“ Nicette iſt verlegen und erröthet der Commiſſionär hat mich nicht getäuſcht.—„He! Mademoiſelle, warum antworten Sie nicht. habe ich die Wahrheit geſagt?— Ja, mein Herr, es iſt wahr.“ Sie geſteht es zu ach! hätte ſie doch ge⸗ läugnet! ich würde ihr ſo gerne geglaubt haben! Nun gibt es keinen Zweifel. keine Hoffnung mehr alſo ſchnell fort! Noch einen letzten Blick werfe ich ihr zu und entferne mich raſch, damit ſie den Kummer nicht bemerkt, den ſie mir verurſacht. Sie machte eine Bewegung, um mich zurückzuhalten... dann ſtand ſie auf der Schwelle ihrer Thüre ſtill, und begnügte ſich damit, mir nachzuſehen. Ich will nicht mehr an dieſes Mädchen denken. ſie iſt eben ſo wenig werth als die Anderen! Wahr⸗ haftig ich bin unglücklich in der Liebe: noch nie blieb ein Frauenzimmer mir treu; ſie haben mich getäuſcht, verrathen, verſpottet; aber ihre Treu⸗ 11 lofigkeiten ſchmerzten mich nicht ſo ſehr, wie Ni⸗ cettens Unbeſtändigkeit. Sie ſah wohl, daß ich ſie liebte.. die Frauenzimmer ſehen dies auf den erſten Blick. und ſie that Alles, um mir zu ge⸗ fallen. Noch ſo jung, und mit Liebe, Zartgeſühl und Dankbarkeit ſchon ein ſo falſches Spiel trei⸗ ben!... Ach! ich werde an nichts mehr glauben. Bevor ich ſie aber ganz vergeſſe, will ich doch denjenigen ſehen, der in ihrem Herzen meine Stelle einnimmt, der ihr gefällt, den ſie liebt. Ach, wie glücklich iſt er! Ich gäbe jetzt mein ganzes Ver⸗ mögen hin, um von Nicetten geliebt zu werden. Er kommt jeden Abend, hat der Commiſſivnär geſagt. Gut! Heute werde ich ihn ſehen. Dem Blumenladen beinahe gegenüber iſt ein Kaffeehaus; da kann ich warten, ohne bemerkt zu werden, denn ich will nicht, daß die Undankbare alle Qualen meines ſchwachen Herzens mit anſehe. Ich bringe den Tag hin, ſo gut es geht, und mit dem Schlage fünf Uhr begebe ich mich in die Rue St. Honoré. Nachdem ich mich ſchon von Weitem überzeugt habe, daß Nicette nicht an ihrer Laden⸗ thüre ſteht, ſchleiche ich unbemerkt in das Café, ſetze mich an einen Tiſch, in der Nähe der Fenſter und verlange eine halbe Bowle Punſch, weil ich natürlich viel Zeit brauche, um dieſelbe zu trinken. Dem Kellner fällt dieſes auf.. er hält mich natür⸗ lich für einen Engländer oder Flammänder. meinet⸗ wegen! Ich ergreife ein Journal und laſſe jetzt die Blumenbude nimmer aus den Augen. 12 Dem, der da wartet, kommt die Zeit ſehr lang vor, noch länger aber dem, der leidet und in Angſt ſchwebt. Die Nacht will gar nicht heranrücken. Je⸗ doch, wir haben Oktober, und um ſechs Uhr muß der Tag zu Ende gehen. Die Pendule des Café's zeigt erſt halb ſechs. gewiß geht dieſelbe nach. will doch nach meiner Taſchenuhr ſchauen.. fünf Uhr fünfundzwanzig Minuten! das iſt grauſam. Ich verſuche, meinen Punſch zu trinken, kann ihn aber unmöglich hinunterbringen und doch habe ich noch nicht dinirt. Endlich neigt ſich der Tag... aber wie werde ich in den Laden ſehen? Wie meinen Nebenbuhler erkennen?.. Hoffentlich wird Ricette ein Licht an⸗ zünden.. Ja, ſo eben geſchieht dies; ſie bringt ihre Blumen hinein.„. Welche Traurigkeit, welche Melancholie liegt in ihrem ganzen Weſen; ſie ſetzt ſich in ihrer Bude an den Tiſch, ſchreibt aber nicht mehr, ſondern ſeufzt und blickt oft nach der Straße. Sie wartet auf Jemand. aber nimmer auf mich. Es iſt beinahe ſieben Uhr, und noch will der Erwartete nicht erſcheinen.. Wenn er nicht käme.. wäre ich dann glücklicher? Hat ſie nicht dieſen Morgen ſelbſt zugeſtanden, daß ich die Wahr⸗ heit wiſſe? Hat ihr Erröthen und ihre Verlegenheit es mir nicht deutlich genug geſagt?.. Ein Herr erſcheint, tritt in die Bude und ſetzt ſich neben Nicette.. Großer Gott! Täuſchen mich etwa meine Augen? Es iſt Raimund.. Raimund bei Ri⸗ cette. Raimund ihr Geliebter! wäre dies möglich? 13 Schnell verlaſſe ich das Café, um mich von der Wahrheit zu überzeugen.. Man läuft mir nach. ich werde angehalten.. Es iſt der Kellner, welcher die Bezahlung fordert. Ich höre kaum, was er ſagt, drücke ihm aber einen Thaler in die Hand, wor⸗ auf er mich gehen läßt. Die Nacht erlaubt mir, auf der Straße zu bleiben, ohne von Nicette be⸗ merkt zu werden, während ich ſie ganz in der Nähe beobachten kann. Es iſt wirklich Raimund! Er ſpricht mit großer Lebhaftigkeit; ſie hört ihm aufmerkſam zu. Ich leſe in ihren Augen das In⸗ tereſſe, welches ſie an allen ſeinen Worten nimmt. Sie ſcheint auf einmal ſehr niedergeſchlagen zu werden und weint endlich... Er faßt ihre Hand und drückt dieſelbe zärtlich; ſie läßt es geſchehen. Raimund darf dieſe reizende Hand drücken. ach! Alles iſt aus ich kann nicht mehr an meinem Unglücke zweifeln. Schnell will ich fliehen, ſo lange ich noch die Kraft dazu beſitze; ich will ſie nimmer wieder ſehen. Doch fortwährend quält mich der Gedanke, daß Raimund von ihr geliebt wird. Für ihn habe ich alſo dieſe liebliche Blume bisher un⸗ angetaſtet gelaſſen! Hätte ſie Herz und Hand einem jungen Mann ihres Standes geboten, ſo würde ich mich vielleicht darüber getröſtet haben; aber ein Menſch wie Raimund ſoll über Nicette trium⸗ phiren! Welchen Gefallen kann ſie doch an ihm finden? Er iſt weder jung noch ſchön, ſondern ein Tölpel und ein langweiliger Geck. Einen ſolchen RKerl, an dem ich wenigſtens noch nichts Liebens⸗ 14 würdiges bemerkt habe, zieht ſie mir vor. O die Weiber! die Weiber! Nun kommt mir Raimunds Verlegenheit bei un⸗ ſerem letzten Zuſammentreffen nimmer unerklärlich vor. Der Verräther! Deßhalb meidet und flieht er mich alſo! Wahrlich, er iſt mein böſer Genins! Er weiß, daß ich Nicette kenne, weiß vielleicht, daß ich ſie liebe.. wenn ich nur meiner Wuth Gehör gäbe, ſo würde ich ihn fordern. Doch warum ſollte man einen Feigling zur Rechenſchaft ziehen? Und würde nach ſeinem Tode Nicette wieder für mich ſein, was ſie vormals war? Ich will den Einen verachten und die Andere vergeſſen! Dies iſt das Klügſte. Durch Schlaf ſuche ich jetzt wieder meine Qua⸗ len hinwegzubannen. Wie verſchieden iſt dieſe Nacht von der letzteren! Geſtern entwarf ich nur Pläne der Liebe und Treue... heute verfluche ich dieſe Gefühle und diejenige, welche mir dieſelbe einflößte. Wenn ich auch voll Mattigkeit auf einige Augen⸗ blicke entſchlummere, ſo beſchäftigt ſich beim Erwa⸗. chen mein erſter Gedanke mit der Erinnerung an alle meine entſchwundenen Hoffnungen. Sobald es Tag wird, kann ich dem Verlangen nicht widerſtehen, mit Raimund zu ſprechen. Ich werde mir übrigens nicht das Geringſte anmerken laſſen. Ich klopfe und klingele an ſeiner Thüre. Die Portiere weiß, daß er zu Hauſe iſt, denn Raimund ſteht gewöhnlich nicht frühe auf. Auf ein aberma⸗ 15 liges Klingeln bleibt mir der Glockenzug in der Hand, und jetzt erſt höre ich ein Geräuſch; ich er⸗ kenne Raimunds ſchweren Gang und ſeine näſelnde Stimme fragt: „Wer macht vor ſieben Uhr einen ſolchen Lär⸗ men an meiner Thüre? Es iſt abſcheulich, auf dieſe Weiſe Jemanden auſzuwecken!— Ich bin's, Herr Nachbar, ich, Dorſan, will mit Ihnen ſprechen.“ Einige Minuten ſchweigt Raimund und als er endlich Antwort gibt, erkenne ich aus ſeinem Tone, daß er mit meinem Beſuche eben nicht zufrieden ift. „Wie, Sie ſind's, mein lieber Nachbar?— Ja, ich bin's.— Was führt Sie ſo frühe zu mir?— Sie werden es erfahren; öffnen Sie nur, ich ſpreche nicht gerne durch eine Thüre hindurch.— Aber, ich bin ja im Hemde.— Ei, was thut's? Im Hemd, nackt oder angekleidet: ich habe keine Luſt, Ihre werthe Perſon zu muſtern; öffnen Sie jetzt und Sie können ſich ja wieder niederlegen; dies wird mich nicht hindern, mit Ihnen zu ſprechen.— Ich habe faſt die ganze Nacht hindurch Feſtgedichte gemacht und möchte noch ein wenig ſchlafen.— Mordele⸗ ment! Herr Raimund, öffnen Sie oder ich trete Ihre Thüre ein.“ Raimund ließ mich dieſe Drohung nicht wieder⸗ holen, ſondern öffnete ſeine Thüre, ſchlüpfte aber raſch durch das kleine Vorzimmer und begrub ſich unter der Bettdecke, ſo daß nur ſeine Naſenſpitze und ſeine großen, unruhig umherrollenden„ ſichtbar waren. 16 Ich folgte meinen Nachbar. Das Erſte, was mir in ſeiner Wohnung auffällt, iſt ein Dutzend Oran⸗ genbouquets, ähnlich denen, welche ich ſonſt von Ricette erhielt. Dieſer Anblick ſchnürt mir das Herz zuſammen; doch feſt entſchloſſen, nicht aus der Faſ⸗ ſung zu kommen, ſetze ich mich neben Raimunds Bett und verſuche, ruhig mit ihm zu reden. „Vie befinden Sie ſich heute, Herr Nachbar?“ Raimund blickt mich verwundert an.—„Haben Sie mir darum die Thüre eintreten wollen, um nach meinem Befinden zu fragen?— O, Sie können ſich denken, es war nur Spaß!.. Sie haben da hübſche Bouquets und ſind, wie es ſcheint, auch ein Freund von Orangenblüten.— Ja. ja. ich liebe dieſen Geruch ausnehmend„ er iſt gut für die Nerven und ich bin ſehr nervös.— Es herrſcht große Sympathie zwiſchen uns, denn dieſe Bouquets gleichen aufs Haar denen in meinem Zimmer, welche Sie ſchon mehrmals bewunderten.— Allerdings; dies hat mich eben auf den Gedanken gebracht, mir auch ſolche zu verſchaffen.— Und Ihre Blumen⸗ händlerin iſt gleichfalls die meinige?“ Raimund verſtummt und ſein Kopf verſchwindet einen Angenblick unter der Bettdecke. „He? Herr Nachbar!— Ich„habe keine be⸗ ſondere Blumenhändlerin, ſondern gehe bald zu dieſer, bald zu jener.— Ei, Herr Nachbar, wozu bedarf es der Verſtellung? Gehen Sie mit dem Beiſpiele des Vertrauens mir ſolchermaßen voran? Fürchten Sie ſich vor mir? O ſeien Sie unbeſorgt⸗ 17 ſchon längſt denke ich nicht mehr an die kleine Ni⸗ cette!“ Jetzt zieht er ſeinen Kopf völlig unter der Decke hervor und blickt mich mit freudiger Ueberraſchung an. „Wie, Sie denken wirklich nimmet an die kleine Blumenhändlerin?— Ich habe nie an ſie gedacht. — Nun dieſer Meinung war ich von jeher; Frau von Marſan mußte natürlich alle Ihre Gedanken in Anſpruch nehmen!— Nun, laſſen wir Frau von Marſan, und erzählen Sie mir Ihre Liebſchaft mit Nicette— O, das läßt ſich mit wenig Worten ſagen. Ich bin ſterblich in ſie verliebt und Sie wiſſen, wie hübſch das Mädchen iſt.— Eine aufge⸗ putzte Fratze.— Wie, das nennen Sie eine Fratze! der Teufel! Sie ſind ſehr ſchwierig.— Wei⸗ ter!— Ich mache ihr faſt jeden Abend den Hof. Anfangs ſpielte ſie ein wenig die Spröde jetzt aber kann ſie nimmer ohne mich ſein.. ich weiß gewiß, daß Sie mich anbetet.— Hat ſie es Ihnen geſagt? — So halb und halb. Man muß die Frauenzim⸗ mer nur verſtehen.— Sie ſind glücklicher als ic und Sie haben triumphirt?— Poch nicht eigentlich — doch das wird ſich ſchon geben.. mit Beharr⸗ lichkeit und fortgeſetzter Liebenswürdigkeit gelangt man zum Siege. O, ich bin ein Roué, und das iſ nöthig, um zu gefallen. Sentimentalität, Zärt⸗ lichkeit und Seufzer waren ehemals von Nutzenz jetzt aber ſcherzt man beim erſten Zuſammentreffen, bei dem zweiten beginnt man den Kampf und bei dem dritten raubt man einen Kuß.“ Paul de Kock. XC1v. 2 18 Ich vermag eine Regung des Zornes nicht zu„ beherrſchen.„Einen ſolchen Kerl liebt ſie alſo!“ denke ich und ſtehe raſch auf. Raimund, den mein Benehmen erſchreckt hat, verbirgt ſich von Neuem unter der Bettdecke.„Haben Sie wieder Krämpfe?“ ruft er, ohne ſich zu zeigen.—„Nein, nein, es hat nichts zu bedeuten Adieu, Herr Raimund, ſeien Sie glücklich, und beſonders, machen Sie Nicette glücklich.“ Mit dieſen Worten verlaſſe ich Raimund und ſchließe mich in mein Zimmer ein. Hier kann ich wenigſtens meinen Gefühlen Luft machen. Meine Seele iſt abwechslungsweiſe eine Beute der Liebe, der Eiferſucht, des Haſſes und der düſterſten Melan⸗ cholie. Indeß will ich mich faſſen und eine Schwach⸗ heit bekämpfen, worüber ich erröthe. Acht Tage lang beſuche ich Geſellſchaften und gehe Allem nach, was man Vergnügen nennt.. aber was mich ſonſt freute, hat jetzt keinen Reiz mehr für mich. Ich be⸗ ſuche Bälle, Theater, Concerte, Feten und glän⸗ zende Soiréen. überall nichts als Langeweile Eine Niedergeſchlagenheit verfolgt mich, über die ich nicht Herr werden kann.. Zu Hauſe iſt es mir wohler.. ich ſuche inf neue Qualen in meinen Erinnerungen, aber dieſe Qualen haben einen Reiz⸗ den mir kein geſellſchaft⸗ liches Vergnügen gewährt. Wenn ich Nicette jedoch vergeſſen will, ſo muß ich dieſe Wohnung verlaſſen. denn der Umſtand, daß ſie in meinem Zimmer weilte, daß ſie in meinem Bette ſchlief, erinnert — — 19 mich fortwährend an ſie und nährt meine Liebe. Eine Ortsveränderung aber und die allesbeſiegende Zeit werden mich von meiner thörichten Leidenſchaft heilen. in Ich will meine Schweſter beſuchen; ſie erwartet mich nicht mehr, wird mich aber immer mit Freude empfangen. Ich werde dort wenigſtens Weſen fin⸗ den, die mich lieben, und dies wird mir bei meiner Gemüthsſtimmung ſehr wohl thun. Die Anſtalten zu meiner Abreiſe ſind ſchnell ge⸗ troffen. Ich ſchließe mein Logis, behalte es jedoch, obwohl ich feſt entſchloſſen bin, daſſelbe nimmer zu bewohnen. Frau Dupont erhält von mir den Be⸗ fehl, Niemand hineinzulaſſen. Dann bezahle ich zwei Lermine zum Voraus und reiſe zu meiner Schweſter ab. Zweites Kapitel. Das Leben in der Provinz. Auf dem Landgute, das meine Schweſter ge⸗ wöhnlich bewohnt, ankommend, bemerke ich von Ferne, daß die Fenſterläden geſchloſſen find. Sollte Amalie mit ihrem Gatten verreist ſein? Dies hätte ſie mir gewiß geſchrieben. Ich läute am Hofthore; der Gärtner öffnet und ſagt, Herr und Frau Dene⸗ terre leben den Winter über in Melun und beſuchen nur Sonntags bei ſchönem Wetter ihr Landhaus. Melun iſt nur eine kleine Stunde entfernt. Ich will dieſen Weg zu Fuße machen. Es wird bereits dunkel, aber der Mond erhellt die Straße. Schon erblicke ich die erſten Häuſer von Melun, einem hübſchen Städtchen, das ich vielleicht ange⸗ nehm finde, weil mir Paris unerträglich vorkommt. Soviel iſt wenigſtens gewiß, daß meine Ortsver⸗ änderung nothwendig Zerſtreuung herbeiführt; Zer⸗ ſtreung aber iſt das beſte Mittel gegen Leiden des Herzens und des Gemüthes. Uebrigens bin ich kein Werther und will meine Liebe und meinen Schmerz nicht in Wäldern oder am Rande von Abgründen nähren, ſondern ich ſuche mich zu heilen, was zwar weniger romantiſch, aber natürlicher iſt, und ich ſtimme jederzeit für das Natürliche. Da ich mir die Adreſſe meiner Schweſter geben ließ, ſo finde ich bald Deneterre's Haus. Meine Schweſter erhebt ein Freudengeſchrei, als ſie mich erblickt; ſie fällt mir um den Hals und küßt mich⸗ „Biſt Du endlich da, mein lieber Eugen. Wahr⸗ haftig, ich hoffte nimmer, Dich vor nächſtem Früh⸗ jahre zu ſehen. Ach! es iſt ſehr ſchön, daß Du auch wieder an Deine gute Freunde denkſt.“ Ich ſage ihr nichts von Ricette, um welcher wil⸗ len ich allein Paris verließz auch will ich die weit⸗ läufigen Bemerkungen meiner lieben Amalie ver⸗ meiden, denn ſie iſt ein wenig geſchwätzig, was die Provinzbewohner in der Regel ſind, weil ſie nicht genug Beſchäftigungen haben, um ſich nicht in die Angelegenheiten ihrer Nachbarn zu miſchen. Meine Schweſter läßt nun ihren Gemahl holen, 21 der mit etlichen Freunden eine Partie Billard ſpielt. „Er bleibt alſo nicht mehr jeden Abend zu Hauſe?“ frage ich Amalie.—„O, mein lieber Eugen, im Winter find die Abende gar zu lang und man muß doch Etwas thun. In der Provinz ſpielt man: das iſt nun einmal herkömmlich und es kann hierin Nie⸗ mand eine Ausnahme machen.— Allerdings. Weißt Du noch, welche Lebensweiſe Du Dir bei Deiner Verheira⸗ thung ausdachteſt? Du nannteſt mich einen Narren, weil ich über Deine Pläne von häuslicher Zurück⸗ gezogeneheit ſpottete... und eben dieſe Einſamkeit haſt Du jetzt verlaſſen!— O nur für den Winter; denn zu dieſer Jahreszeit iſt es auf dem Lande ſo traurig, man ſieht Niemanden und kann nicht ſpa⸗ zieren gehen. In der Stadt hingegen gibt es Soi⸗ réen, Spiele und Bälle, kurz, Zerſtreuungen jeder Art. Deßwegen ſind wir hierher gezogen, zumal wir auch nicht die Sonderlinge machen wollen.— Ich finde dies ſehr natürlich.. Du biſt doch glück⸗ lich, nichtwahr?— Ja, mein lieber Eugen, ſehr glücklich! Mein Mann iſt ein gutes Kind, biswei⸗ len ein wenig eigenſinnig, weil er mir nicht immer folgen will, und wenn ich ihm auch beweiſe, daß ich Recht habe. Hie und da gibt's einen kleinen Streit, doch das hat nichts zu ſagen.— Rein, gewiß nicht, man muß es eben machen, wie die Anderen.— Aber Du haſt meine Kinder noch nicht geſehen, meine beiden kleinen Jungen Sie find allerliebſt.. wahre Teufelchen aber geſcheit, Du wirſt es bald finden.— Wo ſind ſie denn?— Sie ſchlafen. — Nun, man darf ſie jetzt nicht wecken.— Nein, Du ſollſt ſie morgen ſehen. Seit mehr als einem Jahre haſt Du uns nicht beſucht und ſeit dieſer Zeit find ſie ſehr gewachſen. Der ältere iſt jetzt vier Jahre alt, der jüngere drei. Du wirſt mir ſagen, wem ſie gleichen.“ Deneterre's Ankunft unterbricht unſer Geſpräch. Mein Schwager freut ſich über meinen Beſuch, um⸗ armt mich herzlich, fordert mich auf, den Winter über in Melun zu bleiben, und ich leſe in ſeinen Augen, daß ſein Herz mit ſeinem Munde überein⸗ ſtimmt. Bei ſeinem Eintritt hatte er eine Billard⸗ queue in der Hand und fellte dieſelbe in eine Ecke. Wir plaudern ein wenig von Geſchäften und Neuig⸗ keiten und Paris. Deneterre iſt zufrieden, ſeine Spinnfabrik trägt ihm viel Geld ein und ſein Geſchäft geht gut. Er hofft, in einigen Jahren ſich zurückziehen und von ſeinem Vermögen leben zu können. Während wir plaudern, beſorgt Amalie die Haus⸗ haltung, läßt mir ein Zimmer herrichten und bittet mich, vor dem Souper etwas zu genießen.„Ich ſoupire nie,“ erwidere ich.—„Hier mußt Du ſou⸗ piren, mein Lieber; ſo iſt's in der Provinz ge⸗ bräuchlich, und wie ich Dir verſichere, keineswegs unangenehm.— Gut, ich werde ſoupiren, wenn ich Hunger habe.— Apropos,“ ſagt Deneterre, „wo ſind denn die Kleinen? Warum kommen ſie nicht, ihren Onkel zu umarmen?— Sie find ſchla⸗ fen gegangen,“ verſetzt Amalie.—„Schlafen ge⸗ 23 gangen? welcher Unverſtand!*s iſt noch zu früh⸗ — Ihre Geſundheit erfordert dies.— Buben brau⸗ chen nicht ſo viel zu ſchlafen.— Buben, die den ganzen Tag umherlauſen und ſpielen, bedürfen Abends der Ruhe.— Aber ich will, daß ſie ihren Onkel umarmen.— Das können ſie auch morgen noch.— Morgen! morgen! das iſt mir nicht einerlei: ich hole ſie.— Sie aufwecken, daß ſie krank werden? — Du machſt ſie krank, daß Du ſie gleich Ratzen ſchlafen läſſeſt.— Soll ich denn nimmer über meine Kinder gebieten können?— Es ſind Buben und ich muß ſie bilden.— Du verſtehſt es nicht; zudem liegt der Fehler nicht an mir, daß ich keine Mäd⸗ chen habe.“ 5 Wie der Streit heftig zu werden anfängt, gebe ich eilends dem Geſpräche eine andere Wendung, indem ich Deneterre die Billardqueue darreiche mit der Frage:„Gehört dieſe Queue Dir?— Ja, es iſt eine Ehrenqueue, die ich kürzlich in einer Poule gewonnen habe.— Ah! Du ſpielſt Poule?— Je⸗ den Abend; ich verſtehe es meiſterlich.— Setze nur Deine Partie fort; wir wollen einander nicht geni⸗ ren, und überdies möchte ich bald zu Bette gehen. — Aber morgen,“ erwidert Deneterre, raſch nach ſeiner Ehrenqueue greifend, aber morgen mußt Du eine Partie mit mir machen, um zu ſehen, wie weit ich's ſeit einem Jahre im Billardſpiel gebracht habe.“ Deneterre verläßt uns und Amalie führt mich in mein Zimmer. Sie beſchreibt mir haarklein alle 24⁴ Einrichtungen, die ſie unterdeſſen in ihrem Haus⸗ weſen getroffen hat und noch auszuführen gedenkt. Ich frage nun meine Schweſter zugleich auch, ob es oft zwiſchen ihr und ihrem Manne eheliche Zwi⸗ ſtigkeiten abſetze.„Zwiſtigkeiten?“ erwidert ſie er⸗ ſtaunt;„o niemals.— Nun, ſo eben noch— Ah! das hältſt Du für eine Zwiſtigkeit? Warum nicht gar! Wir haben den Tag über viele ſolche Erörterungen, aber Zwiſtigkeiten ſind es doch nicht. Wenn man zuſammenlebt, ſo hält es ungeheuer ſchwer, beſtändig derſelben Meinung zu ſein.— Vielleicht wäre dies aber beſſer.— Unmöglich! Mein lieber Eugen, man ſieht wohl, daß Du noch ein Junggeſelle biſt und von dem ehelichen Leben nichts weißt; aber in Kurzem wirſt Du hoffentlich die Süßigkeiten der Ehe, von denen Du noch gar keinen Begriff haſt, kennen lernen.— Allerdings habe ich noch keinen Begriff davon.— Geduld, es wird ſchon kommen. Gute Nacht, lieber Eugen.“ Meine Schweſter verläßt mich; ich gehe zu Bett, indem ich über die Lebensweiſe, von welcher Amalie und ihr Mann mir ſo eben ein Beiſpiel gaben, Betrachtungen anſtelle. Dennoch führen ſie, wie Jedermann ſagt, eine höchſt glückliche Ehe. Meine Schweſter wenigſtens iſt verſtändig und ihrem Manne treu, Deneterre aber liebt Frau und Kinder von ganzem Herzen. Warum kommt es aber zwiſchen ihnen ſo oft zu Wortwechſeln? Ich ſehe, daß meine Schweſter Recht hat; das cheliche Glück iſt mir ganz unklar: ich will deßhalb lieber ſchlafen. 25 Die Reiſe hat mich ermüdet, der Anblick meiner Schweſter und ihres Mannes aber mich von meiner Melancholie befreit: denn alle Leiden nehmen mit der Zeit und durch Zerſtreuung ein Ende. Schon längſt habe ich nicht mehr ſo ruhig geſchlafen, wie jetzt, und wäre wahrſcheinlich den andern Morgen erſt ſehr ſpät aufgewacht, wenn nicht meine lieben Neffen es unternommen hätten, mich zu erwecken. Um ſieben Uhr Morgens höre ich ein großes Geräuſch in meiner Kammer und fühle, daß man mich an meinen Beinen und einem Arme zieht. Ich öffne die Augen und ſehe, daß die beiden Kinder meiner Schweſter auf mein Bett geklettert find und ſich auf mir herumwälzen. Während ich die Jungen noch ſchlaftrunken anſtarre, erſchallt ein gewaltiges Gelächter hinter mir, und wie ich den Vorhang zurückziehe, erblicke ich Deneterre, der zwei Schritte von meinem Bette entfernt ſitzt und über mein Staunen lacht. „Nun, wie findeſt Du die Kleinen?“ fragt er. —„Wackere Bürſchchen, wie ich bemerke.— Sind ſie nicht recht lieb 2— Sehr lieb, in der That.— Die Schelme ſind voll Leben und die Fröhlichkeit ſelbſt.— Das merke ich; ſage ihnen, ſie ſollen mich nicht ſo hart kneifen. Der da klammert ſich an meine Waden.— Dies iſt nur Spiel, mein Lieber. Alle Morgen werde ich auf dieſelbe Weiſe geweckt. Sage mir, gibt es ein angenehmeres Vergnügen? — Ja, für einen Vater mag es angenehm ſein, für einen Onkel aber hat es nicht denſelben Reiz. 26 — Ei, es hängt nur von Dir ab, dieſes Glück kennen zu lernen: heirathe, dann wirſt Du Kinder bekommen, die Dich mit Liebkoſungen überhäufen, wie die meinen.— Nun, ich werde es eines Tages ohne Zweifel thun.— He, ihr Schlingel, umarmt euren Onkel noch einmal und laſſet ihn alsdann aufſtehen.“ Um mir einen kräftigen Beweis ihrer Freund⸗ ſchaft zu geben, werfen ſich die Keinen über mich hin und zerdrücken und zerquetſchen mir das Geſicht dergeſtalt, daß ich um Gnade bitten muß. Papa beſiehlt ihnen, nachzulaſſen, aber die Racker hören ſo wenig auf ihn als auf mich. Glücklicherweiſe kommt meine Schweſter; jetzt ändert ſich die Scene, denn ſie geht ſehr verdrießlich auf ihren Mann zu und ſagt:„Wie! Du haſt die Kinder zu ihrem Onkel gebracht, ehe ich ſie gekämmt, gewaſchen und an⸗ gekleidet habe?— Ei, das iſt einerlei; muß man denn in Galla erſcheinen, um dem Onkel einen guten Tag zu wünſ 2— Es handelt ſich nicht um Galla; aber Eugen hätte ſie doch etwas geputzt ſehen ſollen; denn wenn ſie einmal beim Spiele ſind, ſo laſſen ſie ſich nicht mehr davon abbringen⸗ Du handelſt doch immer ohne meine Zuſtimmung — Liebe Schweſter, gerade ſo ſind die Kleinen ganz prächtig.— Auf, meine Herren, das Frühſtück ſteht parat.“ Das Wort Frühſtück macht einen gewaltigen Eindruck auf die kleinen Racker. Eilends verlaſſen ſie mein Bett und ich kann mich ankleiden. . 27 Wie es ſcheint, folgen die Beiſpiele ehelichen Glückes bei meiner Schweſter ſehr raſch aufeinander. Uebrigens werde ich ſie, wenn ich einmal heirathe, ſchwerlich zu einem Muſter in der Kinderzucht wäh⸗ len. Doch ich kam ja erſt geſtern Abend an und will kein vorſchnelles Urtheil fällen. Im Speiſezimmer komme ich wieder zur Familie. Beim Frühſtück erzählen mir Amalie und ihr Mann von ihrer Lebensweiſe. Morgens Geſchäfte oder ein Spaziergang, wenn man freie Zeit hat; Abends macht Deneterre im Kaffeehauſe ſeine Poule, während Amalie in Geſellſchaft geht. Montags gibt es nämlich bei dem Notar eine gewählte Reunion; die Honoratioren der Stadt verſammeln ſich daſelbſt, man ſpielt wenig, weiß aber das Reueße aus allen europäiſchen Kabinetten; man beſpricht die Intereſ⸗ ſen eines jeden Staates und liest den Moniteur. Dienstags begibt man ſich zu einem alten Kauf⸗ manne, der ſich von der Handlung zurückgezogen hat. Er iſt reich und tg einem hohen Fuße. Die Gäſte werden mit Bier, Backwerk und Limo⸗ nade bewirthet. Man ſpielt hoch: Boſton und Ecarté zu fünf Sous; manchmal ſteigen die Wetten bis auf 75 Centimes. Mittwochs iſt Geſellſchaft bei der Wittwe des Rathsſchreibers, welche vier hei⸗ rathsfähige Töchter, aber kein entſprechendes Ver⸗ mögen beſitzt. Hier gibt es ganz unſchuldige Spiele, Charaden und Sprüchwörter. Dadurch werden Kar⸗ ten und Lichter erſpart, und die jungen Herren finden auch beſſer Gelegenheit, mit den Töchtern 28 vom Hauſe Bekanntſchaft zu machen. Man ſpricht und lacht miteinander und findet während des Spiels häuſig Gelegenheit, ſich ein Wörtchen von Liebe zuzuflüſtern. Auf dieſe Weiſe iſt ſchon mehr als eine Heirath zu Stande gekommen, und wenn man vier Töchter hat, ſo darf man nichts verſäumen. nebrigens geht Alles in der Ordnung. Es herrſcht der ſtrengſte Anſtand bei den Spielen, und Blinde⸗ kuh iſt verboten. Donnerstags verſammelt man ſich bei einem alten Rathe Hier hat jedoch nur die noble Geſell⸗ ſchaft Zutritt. Auch darf man nicht von Politik, Krieg, Staatsangelegenheiten und Journalgerüchten reden. Es findet kein Spiel ſtatt, weil der Jugend dadurch ein böſes Beiſpiel gegeben werden könnte; man tanzt nicht, weil die Frau Räthin, eine alte Kokette, nie einen Tänzer finden konnte; man gibt keine Fragen oder Räthſel auf, weil das ganze Zimmer in Unordnung gebracht und die Möbel ver⸗ dorben werden könnten; man ſpielt keine Geſell⸗ ſchaftsſpiele, weil der Herr Rath dies für unan⸗ ſtändig hält, und man genießt endlich nichts, weil wohlerzogene Leute niemals Erfriſchungen bedürfen. Im Uebrigen kann man ſagen und thun was man will, ja man darf ſich ſogar amüſiren. Freitags iſt Geſellſchaft bei einem Wähler, deſſen junge und hübſche Frau alle Moden der Hauptſtadt nachahmt. Hier thut man Alles, was man will, es herrſcht kein Zwang und kein Ceremoniell. Man darf tanzen und fingen, wenn man Luſt hat. Häufig 29 werden auch Mußikſtücke aufgeführt, weil ſich ein Piano daſelbſt findet. Man ſpielt alle Spiele, vom Lotto bis zum Schach, und man kann nach Belie⸗ ben einen Sous oder einen Louisd'or riskiren. Man ſagt, was man will, man lacht, ſcherzt und plaudert; die Meinungen ſind völlig frei. Man findet faſt alle Journale und Erfriſchungen im Ueber⸗ fluſſe. Kurz, dieſe Soiréen gleichen denen in der Chauſſée d'Antin zu Paris. Samstags endlich verſammelt man ſich bei meiner Schweſter.„Du ſollſt ſehen,“ ſagt ſie zu mir,„wie wir uns amüſiren. Das iſt ein Lärmen und Leben! Man kann ſein eigenes Wort nicht mehr hören; man lacht wie toll und die Zeit verfließt ſo ſchnell, daß man noch um halb elf Uhr bei mir iſt.— Um halb elf Uhr Morgens?— Abends! Biſt Du ein Narr?— Dies iſt nicht ſpät.— Warum denn nicht? Die Soiréen hören bei uns gewöhnlich um zehn Uhr auf.— Nun wundert es mich nimmer, wenn Deine Kinder Dich vor ſieben Uhr wecken. Nun, was geſchieht Sonntags?— Sonntags verſammelt man ſich bei dem Maire. Er hat immer zahlreiche Geſellſchaft. Es wird Billard geſpielt und auch getanzt. Auf dieſe Weiſe, mein lieber Eugen, brin⸗ gen wir Winters jede Woche hin. Du ſiehſt, es gibt immer neue Zerſtreuungen, und wir haben keine Zeit, uns zu langweilen.— Habt Ihr kein Theater?— Sehr ſelten; man fragt eben nicht viel darnach.— Auch keine Concerte?— Bah! und diejenigen, welche wir unter uns veranſtalten... und dann bei ſchönem Wetter die reizenden Spa⸗ ziergänge in der Umgegend.. das Gehölz von Rochette, Trois⸗Moulins, und tauſend köſtliche Oerter; und der Fiſchfang, die Jagd, Stadtneuig⸗ keiten, kleine Intriguen, welche nach acht Tagen Jedermann weiß, Zänkereien, Moden, womit man ſich hier noch mehr beſchäftigt, als in Paris; ferner Feten, Diners, Taufen, Hochzeiten. O die Hoch⸗ zeiten geben uns auf einen ganzen Monat Stoff zur Unterhaltung. Ach, Du wirſt ſehen, mein Lieber, daß man in der Provinz noch ein weit lu⸗ ſtigeres Leben führt als in Paris. Meine Schweſter unterbricht ſich in ihrer Dar⸗ ſtellung der Annehmlichkeiten des Landlebens, als ſie ſieht, daß ihr Mann den Kleinen Kaffee zu trinken gibt, was wieder einen Wortwechſel herbei⸗ führt.—„Warum gibſt Du den Kindern Kaffee? Es bekommt ihnen nicht gut.— Bah!— Er iſt zu nervenreizend für ſie.— Bah!— Sie ſchlafen deß⸗ halb bei Nacht nicht.— Bah! bah!— Geh mit Deinem Bah! ich dulde nicht, daß die Kinder Kaffee trinken.— Nur einen Tropfen.— Das iſt ganz gleich.— Er iſt zu drei Viertel mit Milch vermiſcht.— Und wenn die Hälfte Milch darunter wäre, ſo taugt er ihnen nicht. Kommt Kinder.. trinket keinen Kaffee mehr.— Ich will noch.— Da haſt Du.— Wollt ihr mir jetzt gleich gehorchen. Laß doch die Kleinen in Ruhe.— Nein, ſie ſollen keinen Kaffee trinken.“ Meine Schweſter greift nach der Laſſe, ihr 31¹ Mann will ſie nicht fahren laſſen und die Kinder weinen. Glücklicher Weiſe bricht die Taſſe jetzt ent⸗ zwei; der Kaffee läuft auf den Boden und dieſe Scene ehelicher Freude nimmt ein Ende. Der heutige Tag wird dazu verwendet, mich überall in der Stadt umherzuführen und bei guten Bekannten vorzuftellen. Ich laſſe mit mir machen, was man will und zeige mich ſo gefällig, daß meine Schweſter ganz entzückt darüber iſt. Sie findet mich auch klüger und vernünftiger, als bei meinem letzten Beſuche. Nach dem Diner ſpielt Deneterre im Café eine Poule mit mir. Nachher holen wir meine Schweſter ab, um eine Reunion zu beſuchen. Es iſt Donners⸗ tag, und leider verſammelt man ſich heute bei dem alten Rathe, wo ich nur froſtige Geſichter und ſieife Tournüren ſehe. Glücklicher Weiſe beginnt die Soirée erſt um halb neun Uhr und endigt ſchon um drei Viertel auf zehn Uhr, was alſo bloß fünf Viertel⸗ ſtunden ausmacht, wo das erſte Drittel mit Com⸗ plimenten, das zweite mit Kopfnicken und Gemein⸗ plätzen und das dritte mit Gähnen hingebracht wird. Morgen Abend iſt Geſellſchaft bei dem Wähler; dies wird mich ein wenig für die Langeweile dieſes Tages entſchädigen. Hier finde ich einige hübſche Frauenzimmer und etwas mehr Behaglichkeit. In einer Woche habe ich alle Reunionen geſehen und kenne die ganze Stadt. Ueberall werde ich ſehr gut aufgenommen; ich bin reich und ledig und habe 32 alſo ſchon dieſem Umſtande eine gute Aufnahme zu verdanken. Allmählig gewöhne ich mich an die ehelichen Wortwechſel meiner Schweſter und ihres Mannes, ſo wie an die Schelmereien meiner Neffen, welche wirklich wahre Teufel ſind. Im Ganzen genommen führen Amalie und Deneterre ein glückliches Leben, und wie das Licht erſt durch den Schatten gehörig hervorgehoben wird, ſo muß auch die Freude einen dunkeln Hintergrund haben, wenn ſie mit unſerer Natur verträglich ſein will. Sollte ich jedoch hei⸗ rathen, ſo hoffe ich nicht, ſo viele kleine Wort⸗ wechſel mit meiner Frau zu bekommen, und werde auch meine Kinder auf eine andere Art erziehen. Schon vierzehn Tage wohne ich in der Provinz. Ich kann gerade nicht ſagen, daß ich mich beſonders amüſire. Doch habe ich auch keine Langeweile. Die Neuheit der Lebensweiſe, die originellen Geſichter, welche mir jeden Abend vorkommen, die Freund⸗ ſchaft meiner Schweſter und ihres Mannes, Alles dies zerſtreut mich. Die Zeit macht gleichfalls ihren Einfluß geltend, meine Traurigkeit verſchwindet, und ich werde wieder, was ich früher war. Indeß habe ich Nicette noch nicht ganz vergeſſen; ich liebe ſie noch immer: wenn ihr Bild ſich meinem Geiſte darbietet, ſo kann ich es nicht verbannen, wenn ich auch meinem Herzen Stillſchweigen auflegen muß. Ich möchte mich gerne wieder verlieben und wäre es auch nur eine Laune, eine jener Flammen, die mich ſonſt ſo ſchnell ergriffen; doch die alten 33 Gefühle ſind nicht mehr da„ Ich blicke um mich her und ſehe einige hübſche Frauenzimmer. einige reizende Geſichter; aber nichts, was Nicetten gleicht. Drittes Kapitel. Fräulein Pelagie.— Man will mich verheirathen. Meine Schweſter, die trotz ihrer Eigenheiten eine ſehr brave Frau iſt, fühlt ſich ganz glücklich, daß ich nimmer von meiner Rückkehr nach Paris ſpreche. Sie gibt ſich alle Mühe, mir jeden Tag neue Freuden zu verſchaffen; ſie ſähe es ſo gerne, wenn ich mich in Melun häuslich niederließe! Von Zeit zu Zeit will ſie mein Urtheil über die Damen hören, welche ich den Abend vorher geſehen habe. Sie hebt beſonders die Tugenden, die Talente und andere vortrefflichen Eigenſchaften einer Jeden her⸗ vor. Dann rühmt ſie die Süßigkeiten der Ehe, das Glück, wenn man Kinder beſitzt, was ſie indeß nicht hindert, alle Augenblicke ihren Buben einen Ver⸗ weis zu geben oder ſich mit ihrem Manne in einen Wortwechſel einzulaſſen. Nun, das gehört einmal zu den Süßigkeiten der Ehe. Ach meine theuerſte Schweſter! ich merke, Du kommſt auf Deinen Lieb⸗ lingsplan zurück.. Du willſt, ich ſoll es machen, wie die Andern. den Bruder zu verheirathen, iſt ja in einem Landſtädtchen eine ſo wichtige Ange⸗ legenheit. Welcher Stoff zu Unterhaltungen, Plau⸗ Paul de Kock. XC1V. 3 34 dereien, Viſiten, Feten und neuen Toiletten! Welche Quelle von Freuden! Bis jetzt habe ich der Verſuchung nicht nachge⸗ geben, allmählig aber fange ich an zu glauben, daß eine ſolide Ehe doch beſſer iſt, als das fruchtloſe Herumſchwärmen um alle Schönen, die uns be⸗ zaubern. Seit langer Zeit beſchäftigt nur noch Eine meine Gedanken aber dieſe hat mich getäuſcht und ich muß ſie alſo vergeſſen. Schon einige Tage her iſt meine Schweſter ganz beſonders vergnügt; ſie flüſtert öfters heimlich mit Deneterre, der zuletzt immer thut, was ſie will. Man rühmt mir noch mehr als ſonſt die Reize des Eheſtandes, ſpricht aber von keinem der jungen Frauenzimmer, die ich bereits geſehen habe.. gewiß, meine Schweſter führt etwas ganz Beſon⸗ deres im Schilde. „Heute Abend,“ ſagt Amalie zu mir,„werde ich meine Loilette ein wenig ſorgfältiger machen. Du wirſt mich natürlich begleiten, mein lieber Eu⸗ gen? Man verſammelt ſich bei Madame Lepine (der Gemahlin des Wählers) und es ſoll eine ſehr große Geſellſchaft geben.— Wir ſcheint es, als ob ich immer dieſelben Geſichter ſehe.— O, dieſen Abend wirſt Du neue Bekanntſchaft machen; Ma⸗ dame von Ponchartrain iſt vom Lande zurückgekehrt und wird ſich bei der Reunion einfinden.— Wer iſt dieſe Madame von Ponchartrain?— Eine ſehr achtungswerthe Frau, mit ſiebentauſend Livres Renten und ſiebenzig Jahre alt.“ Dies iſt in der That ſehr achtunggebietend; aber ich ſehe nicht, welches Intereſſe Madame von Ponchartrain für mich haben kann. Doch ich will zuſehen, es wird ſich alsdann ohne Zweifel das Räthſel löſen. Nach dem Diner geht meine Schweſter an ihre Toilette. Ich glaubte, die Pariſerinnen wären ko⸗ kett, aber ſeit ich in der Provinz wohne, muß ich den Schönen der Hauptſtadt Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen, denn ſie ſtehen zwei Stunden weniger vor ihrem Spiegel, als die Schönheiten eines Land⸗ ſtädtchens. Deneterre ſpielt ſeine Poule; ich gehe im Garten ſpazieren, während meine Schweſter ſich ankleidet. Zum erſten Male werde ich über ihre Langſamkeit ungeduldig, denn ich kann es kaum er⸗ warten, bis ich zu Madame Lepine komme, ich, der ich Amalie nur aus Gefälligkeit begleite; aber man hat manchmal Ahnungen. Endlich iſt meine Schweſter fertig; Deneterre hat ſein Spiel beendigt: wir gehen und erreichen bald das Haus des Wählers. Man meldet uns, denn in der Provinz betritt man unangemeldet keinen anſtändigen Salon. Ich muſtere mit den Augen die ganze Geſellſchaft, ſehe aber nichts Neues und werde beinahe etwas unwillig. Während Madame Lepine die Partie arrangirt, geht meine Schweſter auf ſie zu und ſagt:„Mein Bruder wird heute keine Karten ſpielen: man zähle alſo weder bei dem Boſton noch bei dem Reſervi auf ihn; er zieht die Geſellſchaftsſpiele vor.“ Davon habe ich zu meiner Schweſter kein Wort 36 geſagt; woher kommt es, daß ſie ohne meinen Willen alſo handelt? Ich will ſie gerade um eine Erklärung bitten, während der Bediente in den Saal ruſt:„Madame von Ponchartrain und ihre Nichte„ Ah! es handelt ſich um eine Nichte! Nun er⸗ rathe ich die Sache halb und halb. Alle Blicke kehren ſich nach der Thüre; ich ſehe eine große, hagere, gelbe Frau eintreten, die trotz ihres Alters noch die ganze Lebhaftigkeit der Jugend zu beſitzen ſcheint. Es iſt die Tante; doch ich will lieber die Nichte betrachten. Ein ſchmeichelhaftes Gemurmel läßt ſich bei ihrem Eintritte in den Salon ver⸗ nehmen. In der That, dieſe Richte iſt ſehr hübſch, von mittlerem Wuchſe, gut gebaut, jedoch etwas geſpreizt, was auf Rechnung der Erziehung kommt. Ihre Züge ſind regelmäßig, ihr Teint roſenfarben, ihre Haare äußerſt ſchön, und ihre Augen groß; die Farbe derſelben kann ich noch nicht erkennen, denn ſie ſchlägt ſie beſtändig nieder. Während Madame Lepine der Frau von Ponchar⸗ train und ihrer Richte entgegengeht, während alle jungen Frauenzimmer die Neuangekommene muſtern und irgend einen Fehler an ihr zu entdecken ſuchen, wirft mir meine Schweſter verſtohlene Blicke zu und ſucht in meinen Augen den Eindruck zu leſen⸗ welchen Fräulein von Ponchartrain auf mein Herz hervorgebracht hat. Arme Amalie! mein Herz iſt ganz ruhig. ruhig! nein, dies noch nicht, aber dieſe junge Per⸗ — ſon bringt es nicht in Aufregung. Ich wünſchte es wohl ſie iſt ſehr hübſch und ich wäre glücklich, wenn ich ſie lieben könnte. Die Nichte heißt Pelagie; ſo nennt ſie ihre Tante, welche an einem Whiſttiſch Platz genommen hat, um ſich nicht mehr zu rühren bis zum Augenblick des Aufbruchs. Vorher ermahnt ſie noch ihre Nichte, ſich zu amüſiren und weniger ſchüchtern zu ſein. Pelagie erröthet und antwortet ſehr leiſe:„Ja, meine liebe Tante.“ Dieſes Mädchen iſt, wie es mir vorkommt, die Unſchuld ſelbſ. Madame Lepine ergreift Pelagie am Arme und führt ſie in den Kreis der Geſellſchaftsſpiele. Ich ſetze mich neben fie, denn ich bin neugierig auf eine Bekanntſchaft mit dieſer Agneſe. Alle jungen Frauen⸗ zimmer blicken ſich an, als ich meinen Stuhl neben Pelagie ftelle; Aerger und Eiferſucht funkeln bereits aus ihren Augen. In der Provinz veutet man ſo ſchnell die geringſte Handlung, den unbedeutendſten Vorzug; doch es liegt mir wenig daran, was dieſe Fräuleins denken: ich bin ja mein eigener Herr. Wie lieblos doch junge Frauenzimmer gegen ein⸗ ander ſind! Sie ſuchen bei Soiréen gewöhnlich eine Neuangekommene, welche einigermaßen die Aufmerk⸗ ſamkeit rege macht, einzuſchüchtern, indem ſie ihr beim Spiele die ſchwierigſten Fragen vorlegen und ſie auf jede Weiſe verwirren. Ich merke dieſen Kunſtgriff und komme deßhalb Fräulein Pelagie zu Hülfe. Einmal wollte ſie mir danken, ſie ſing eine Phraſe an, deren Ende ich nicht hören konnte, 38 — aber ich ſah wenigſtens, daß ihre Augen von einem ſehr zarten Blau und einem äußerſt ſanften Aus⸗ drucke find. Madame Lepine, eine ſehr liebenswürdige Frau, die aufs Beſte für die Unterhalung ihrer Geſellſchaft ſorgt, fragt Madame von Ponchartrain, ob ihre Nichte muſikaliſch ſei.—„Ja, Madame,“ erwidert die alte Tante;„Pelagie ſingt und accompagnirt ſich auf dem Forte.“ Alsbald wird Pelagie von ſämmtlichen jungen Damen gebeten, ſich hören zu laſſen und ihnen etwas zu fingen. Sie hoffen dadurch Gelegenheit zum Kri⸗ tiſiren zu finden. Pelagie benimmt ſich ſehr linkiſch und ſchaut ihre Tante an; dieſe ſchlendert ihr einen Blick zu, welcher deutlich ſagt: Singe! Das Mäd⸗ chen ſteht auf; ich führe Sie ans Piano und erbiete mich zur Begleitung.„Nein, mein Herr,“ erwidert ſie, ich accompagnire mich ſelbſt.“ Sicherlich hätte mir eine Andere ganz anders gedankt, aber Pelagie iſt die helle Unſchuld und ich ſehe, daß ſie die Sprache der Schmeichelei noch nicht kennt. Sie ſingt eine alte, aus ſechs Strophen beſte⸗ hende Romanze. Es iſt darin von Liebe die Rede, was man jedoch nicht denken würde, wenn man Pe⸗ lagie hört, welche weder ihrem Geſange noch ihrem Inſtrumente einen Ausdruck zu geben weiß. Sicher⸗ lich hätte eine junge Pariſerin, ſelbſt aus einem Penſionate, beſſer geſungen und geſpielt; ſie hätte die Augen anmuthig verdreht, während Pelagie die 39 ihrigen nicht einmal aufſchlug; ſie hätte Wärme und Leben in die Worte gebracht, welche die Nichte der Madame von Ponchartrain mit Kälte vortrug. Die Vergleichung ſcheint durchaus nicht zum Vortheile Pelagiens auszufallen, wenn ich aber bedenke, daß gerade dieſer Umſtand ihre Unſchuld und Herzens⸗ reinheit beweist, ſo erhöht ihr linkiſches Weſen ſie noch in meinen Augen. Meine Schweſter iſt entzückt: ſie hat geſehen, daß ich Pelagie ans Piano und wieder zu ihrem Stuhle zurückführte. Dies iſt wirklich mehr als ge⸗ nug, um eine beginnende Liebſchaft anzudeuten, die natürlich nur mit einer Hochzeit endigen kann. Am Schluſſe der Soirée ſtellt Amalie mich der Großtante vor, die mir einen beinahe huldvollen Blick ſchenkt. Während ich die Treppe hinunterſteige, befindet ſich Pelagie neben mir; ich kann nicht an⸗ ders, als ihr die Hand bieten; das Fräulein ſchaut ihre Tante an ein Blick erlaubt ihr, meinem Aner⸗ bieten zu willfahren und man reicht mir ſehr linkiſch die Hand. Ich ergreife nur ihre Fingerſpitzen, denn ich füge mich allmählig in die Manieren und Ge⸗ wohnheiten des Provinziallebens. Die beiden Da⸗ men, welche nur wenige Schritte entfernt wohnen, ſtehen bald vor ihrer Thüre; wir verabſchieden uns mit kalter Höflichkeit und ich bemerke, daß Fräulein Pelagie im Ceremoniell ſehr ſtark iſt. Sobald wir zu Hauſe angekommen find, lenkt Amalie das Geſpräch auf Pelagie; ich erwartete dies und laſſe ſie ungeſtört mit ihrem Manne plaudern⸗ 8 40 „— Das iſt ein charmantes Mädchen!— In der That, das ſchönſte junge Frauenzimmer in Melun. — Und ſo gut erzogen!— Ausgezeichnet; eine ſtrenge Erziehung welche Haltung, welcher An⸗ ſtand!— Die perſonificirte Unſchuld!— Sie iſt ſehr muſikaliſch.— Kaum ſollte man es denken, da ſie gar keinen Werth darauf legt.— Sie iſt die einzige Erbin ihrer Tante das wäre eine vortreffliche Partie!— Wer ſie bekommt, wird keine ſchlechte Geſchäfte machen.— Und kann ſich auf die Tugend ſeiner Frau verlaſſen.“ Ungeduldig, daß ich nicht ſpreche, wendet ſich meine Schweſter endlich an mich:„Nun, lieber Eu⸗ gen, was denkſt Du denn von Fräulein von Pon⸗ chartrain?— Liebe Schweſter, was kann ich zu dem Lobe, das Du ihr ſo eben ſpendeteſt, noch hin⸗ zufügen?— Biſt Du nicht unſerer Meinung?— Beinahe— O, Du willſt es nur nicht geſtehen; aber ich habe recht gut bemerkt, daß Du ſie hübſch findeſt.— Hübſch, ohne Zweifel.— Gut erzogen. — Ich glaube es aber— Nun, Sie ge⸗ fällt Dir, lieber Bruder.— Sie gefällt mir.. das habe ich noch nicht geſagt.— Aber ich finde es ſehr natürlich. Geh', Deine Pariſerinnen können nie der reizenden Pelagie gleichen.— Ihr gleichen? O, darüber bin ich ganz Deiner Anſicht!“ Amalie iſt ganz ſelig. Ich mag ihr noch ſo oft ſagen, daß ſie ſich täuſche, ſie glaubt dennoch, ich ſei in Pelagie verliebt. Deneterre wiederholt jeden Augenblick, dies wäre eine ausgezeichnete Partie 41 und da ich ihren Heirathsprojekten kein Ende machen kann, ſo faſſe ich den Entſchluß, zu Bette zu gehen. Mehre Tage hindurch kommt keine Störung in der Lebensweiſe meiner Schweſter vor. Jeden Abend begleite ich ſie zu einer Soirée, und wenn ich mich auch manchmal weigern will, ſo findet ſie immer ein Mittel, mich dazu zu beſtimmen. Täglich ſehe ich Pelagie, die immer mit ihrer Tante kommt, die jedesmal Whiſt oder Reſervi ſpielt. Pelagie nimmt an den Geſellſchaftsſpielen Theil; aber ſie iſt fortwährend eben ſo ſchüchtern, eben ſo verlegen, als das erſte Mal, wo ich ſie ſah. Da ſie ſchön iſt, ſo haben die andern Frauenzimmer kein Mitleiden mit ihr; einige junge Verführer ſa⸗ gen ihr Schmeicheleien, welche gebildete Leute nicht zu wiederholen wagen, weil ſie zu abgedroſchen ſind. Aber die geiſtreichen Stutzer von Melun ſchei⸗ nen keinen Eindruck auf Pelagie zu machen; denn ſie nimmt ihre Complimente ſehr kalt auf und ant⸗ wortet ihnen nur mit einer tiefen Verbeugung. Die in ihren Hoffnungen getäuſchten Zierbengel flattern ſodann wieder um andere Frauenzimmer herum. Ich allein bleibe Fräulein von Ponchartrain treu und ich allein erhalte auch von ihr etwas minder lako⸗ niſche Antworten. Allerdings mache ich ihr keine Com⸗ plimente, die ſie nur in Verlegenheit bringen, ſon⸗ dern ſpreche mit ihr über die einfachſten Gegenſtände. In meiner Nähe ſcheint ſie etwas minder furcht⸗ ſam; ſie ſchlägt bereits die Augen auf, wenn ſie mir antwortet, und ich glaube, ſie hat mir ſchon 42 zweimal zugelächelt, was jedenfalls eine Auszeich⸗ nung iſt. Die Neuheit dieſes Courmachens ergötzt und zer⸗ ſtreut mich. Mein Herz iſt immer ruhig bei Pelagie, und dennoch, ſeit ich ſie ſehe, denke ich weniger an Nicette. Dieſe junge Agneſe weiß mich einiger⸗ maßen zu feſſeln, und ohne Liebe für ſie zu füh⸗ len, bin ich doch gerne an ihrer Seite. Außer ihrem hübſchen Geſichte locken mich beſonders ihre Schüch⸗ ternheit und Unſchuld an. Meine Schweſter iſt augenſcheinlich ſehr zufrie⸗ den, ſpricht aber von Pelagie nichts mehr mit mir. Die Großtante würdigt mich ihrer gnädigen Auf⸗ merkſamkeit und unterbricht um meinetwillen manch⸗ mal ſogar ihr Spiel. Freilich bin ich bei den jun⸗ gen Damen nimmer ſo gut angeſchrieben wie früher⸗ und meine Gegenwart macht ihnen auch keine ſo große Freude mehr. Beim Spiele legen ſie mir keine Strafen mehr auf, bei denen man ſich küſſen muß; doch dies kümmert mich im Grunde wenig. Die Mütter flüſtern zuſammen bei meinem Anblicke, während die Papa's mir boshaft zulächeln; Alles deutet auf ein wichtiges Ereigniß hin, und ich bin der Einzige, der gerade an das nicht denkt, wo⸗ mit ſich die ganze Stadt beſchäftigt. Deneterre öffnet mir zuerſt die Augen.„Wann iſt denn die Hochzeit?“ fragt er mich eines Abends, indem er ſich die Hände reibt.—„Welche Hochzeit? — Run, die Deinige!— Die meinige, und mit wem?— Mit wem? Wie magſt Du nur ſo fta⸗ ———— 23 gen? Wir haben Augen, mein Lieber, und wiſſen, woran wir ſind.— Aber ich habe doch auch zwei Augen und deſſenungeachtet habe ich noch nichts ge⸗ ſehen, was mich auf irgend eine Vermuthung brächte, daß— Eugen,“ ſagt meine Schweſter, „wozu dieſe Verſtellung gegen uns? Du liebſt Pe⸗ lagie ja, Du beteſt ſie an, ich bin davon über⸗ zeugt. Die ganze Stadt weiß es; o es iſt kein Geheimniß mehr.— Ah! die ganze Stadt weiß, daß— Ja, mein Lieber auch ihrerſeits hat das Fräulein Dich ausgezeichnet; dies ſieht man leicht: Du haſt alle Anderen ausgeſtochen. Die Tante findet großen Gefallen an Dir; ſie kannte unſere Mutter und hält viel auf unſere Familie. Sie gibt ihrer Richte als Ausſteuer tauſend Tha⸗ ler Renten und den Reſt ihres Vermögens nach ih⸗ rem Tode. Das iſt, wie mir ſcheint, nicht zu ver⸗ achten. Mit dem, was Du bereits beſitzeſt, werdet ihr ein ſehr behagliches Leben führen können. Sage mir jetzt, wann ſoll ich um ſie anhalten?“ Ich höre meine Schweſter an und geſtehe, daß ich ſehr erſtaunt über ihre Worte bin. Doch be⸗ greiſe ich, daß mein Benehmen, dem in Paris kein Menſch Aufmerkſamkeit geſchenkt haben würde, in einem Landftädtchen all die Vermuthungen hervor⸗ rufen konnte, auf welche man ſich ſtützt, um mich mit Fräulein von Ponchartrain zu verheirathen. Amalie und ihr Mann wiederholen mir ſo oft, ich ſei in Pelagie verliebt, daß ich es am Ende ſelbſt glaube. Vielleicht wäre es gerade nicht übel, 44 wenn ich dieſe junge Unſchuld heirathete. Bin ich nicht in ſie verliebt, ſo werde ich vielleicht nur um ſo glücklicher ſein; auch fühle ich wohl, daß eine neue Liebe nicht mehr bei mir aufkommen kann. Alles, was ich zu thun vermag, iſt, daß ich dieje⸗ nige, welche mich beunruhigt, vollends erſticke. Neben der unſchuldigen Pelagie werde ich ruhige Tage verleben; ſie iſt ſchüchtern, verſtandig und wohlerzogen: ein Mann wird aus ihr machen kön⸗ nen, was er will. Die Freundſchaft iſt, wie man ſagt, dauerhafter, als die Liebe. Ich werde deß⸗ halb mit meiner Frau zuerſt ein freundſchaftliches Verhältniß anknüpfen, um ſie deſto länger zu lie⸗ ben. Ich werde nicht eiferſüchtig ſein, und habe alſo eine Qual weniger. Meine Kinder werde ich auf eine andere Art erziehen, als meine Schweſter. Auch ſollen jene kleinen Wortwechſel nicht vorkommen, welche Amalie die Süßigkeiten der Ehe nennt, die aber ich für höchſt unangenehme Zwiſtigkeiten halte. Alle dieſe Gedanken verſetzen mich in eine Un⸗ entſchloſſenheit, welche meine Schweſter mit ihrem Lieblingsplane in Einklang bringt. Ueberzeugt, daß ich in Pelagie und Pelagie in mich verliebt ſei, daß eine ſolche Heirath mich zum glücklichſten Gatten machen und die Ruhe meines Lebens begründen würde, redet mir Amalie fortwährend zu, ich möchte ſie ermächtigen, für mich um Pelagiens Hand anzu⸗ halten. Jeden Augenblick ſtellt ſie mir das eheliche Glück wieder von einer andern Seite dar. Dene⸗ terre thut das Gleiche, erſtens ſeiner Frau zu ge⸗ 45⁵ fallen, ſodann, weil es ihm ſelbſt eine gute Partie dünkt. Dazu kommen endlich noch meine Herren Neffen, die ihre Lektion trefflich auswendig gelernt haben, mir auf Knie und Schultern klettern und mich fragen:„Wann iſt Deine Hochzeit, lieber Onkel?“ Von Natur bin ich ſehr nachgiebig, und des ewigen Drängens und Treibens überdrüſſig, ſehe ich ein, daß ich entweder Ja ſagen oder die Stadt verlaſſen muß, in der man mich bereits als den künftigen Gemahl des Fräuleins von Ponchartrain bezeichnet. Was ſoll ich aber in Paris thun? jetzt, da das eheloſe Leben mich langweilt und ich das Bedürfniß fühle, mich an einen Gegenſtand meiner Neigung anzuſchließen.. beſonders auch, um diejenige, von welcher ich mich ſo innig geliebt glaubte, vollends ganz zu vergeſſen. Gut, ich will heirathen, ich will, wenn es mir möglich iſt, meine Frau anbeten; ſie möge mein Rettungsanker ſein. Das Reſultat dieſer Gedanken läßt mich eines Tags auf die dringenden Bitten meiner Schweſter antworten: „Thu', was Du willſt.“ Mehr verlangt Amalie nicht; ſie fällt mir um den Hals, küßt mich und geht alsbald zu Frau von Ponchartrain, um für ihren Bruder um Pe⸗ lagie's Hand anzuhalten. Nach einer halben Stunde überbringt ſie mir die Antwort, welche äußerſt günſtig ausgefallen iſt. 46 „Man gibt ſie Dir,“ ruft ſie ſchon unten an der Treppe;„ſie iſt Dein und Alles im Reinen; morgen treffe ich die nöthigen Vorkehrungen und beſorge das Aufgebot.“ Meine Schweſter geht etwas raſch zu Werke; aber ich kann unmöglich mehr zurücktreten. Die Werbung iſt geſchehen und angenommen, alſo bin⸗ dend für mich. Wie! ich will heirathen? und zwar Pelagie, die ich kaum kenne! Wahrlich, es kommt mir Alles wie ein Scherz vor; ich kann mich nicht an den Gedanken gewöhnen, der Mann des Fräu⸗ leins von Ponchartrain zu ſein. Viertes Kapitel. Eine Unterhaltung mit meiner Zukünftigen. Seit meine Vermählung beſchloſſen iſt, darf ich ganz allein Frau von Ponchartrain beſuchen und Pelagie in Gegenwart ihrer Tante den Hof machen. Manchmal führe ich Abends dieſe beiden Damen in eine Geſellſchaft und begleite ſie wieder nach Hauſe zurück. Dies Alles amüſirt mich gerade nicht; das ceremonielle Weſen und die Lächerlichkeiten der Pro⸗ vinz werden mir zum Ekel. Wenn ich einmal ver⸗ heirathet bin, will ich nach Paris zurückkehren und meiner Frau eine andere Lebensart beibringen. Trotz aller Mühe, welche ſich meine Schweſter gibt, um das zu beſchleunigen, was ſie den Augen⸗ 47 blick meines Glückes nennt, kann ich doch erſt in einem Monate Pelagie's Gemahl ſein. Unterdeſſen hoffe ich übrigens, mit meiner Zukünftigen beſſer bekannt zu werden. Ich ſehe ſie wirklich jeden Abend, aber in Geſellſchaft, wo alle jungen Leute die Augen auf uns richten, um zu erfahren, was man zu einander ſagt, wenn man ſich heirathen will. Ihr armen Kleinen! Vergebens horchet ihr, vergebens ſtrecket ihr den Hals vor, vergebens wollet ihr auch nur das kleinſte Wort erhaſchen: ihr werdet nichts vernehmen, das euch über dieſen Punkt belehren kann, denn ich und Pelagie haben noch nichts davon geredet. Es kommt euch wahrſcheinlich ſonderbar vor, daß ein Zukünftiger mit derjenigen, mit der er ſich verbinden will, noch nicht von Liebe und Ehe ge⸗ ſprochen hatz aber offen geſtanden, ich liebe es nicht, Jedermann in meine geheimſten Gedanken einzuweihen; und in Geſellſchaft hielte es ſehr ſchwer, Pelagie etwas zu ſagen, das nicht von allen jenen Ohren, die uns ohne Unterlaß umgeben, aufgefangen würde. Ich hoffte, des Morgens un⸗ genirter bei Pelagie ſein zu können, aber die Tante iſt immer da und öfters kommt noch ein Beſuch. Keinen Augenblick ſehe ich Pelagie allein und kann unmöglich ein zuſammenhängendes Geſpräch mit ihr anknüpfen, was mich nachgerade langweilt. Es kommt mir höchſt natürlich vor, daß man ſich vor der Heirath mit ſeiner Frau bekannt macht, und ich habe gute Luſt, das ceremonielle Weſen der Pro⸗ 1 ¹8 vinz zum Leufel zu ſchicken. Ich will mich nun an meine Schweſter wenden, um eine Zuſammen⸗ kunft mit meiner Zukünftigen zu erlangen. „Amalie, ich möchte doch auch ein wenig mit Pelagie plaudern.— Nun, was hindert Dich daran, mein Freund? Siehſt Du ſie nicht jeden Abend und jeden Morgen, ſo oft es Dir beliebt?— Al⸗ lerdings, ich ſehe ſie Morgens, aber in Gegenwart ihrer Tante und drei bis vier alter Schachteln, die auch dem feurigſten Liebhaber die Luſt, von Liebe zu reden, benehmen würden; zudem iſt Pelagie ſehr furchtſam, wie kannſt Du Dir nun denken, ſie werde ihre Gefühle im Beiſein von fremden Leuten ausſprechen?— Aber, mein Lieber, Du kannſt ja dieſelben aus den Winken errathen, welche ſie fallen läßt.— Meine liebe Schweſter, in dem Verhältniſſe, in welchem wir ſtehen, kann ich mich nicht mit Winken begnügen; ich will etwas Beſtimmtes, kurz, ich will endlich wiſſen, wo ich daran bin.— Aber, wie mir ſcheint, läßt man Euch ganz frei mit ein⸗ ander plaudern.— Ja; deſſenungeachtet wiederhole ich Dir, daß mir dies nicht genügt.— Abends ſitzeſt Du immer neben Pelagie; Du kannſt leiſe mit ihr ſprechen, ihr die Hand drücken...— Arme Ama⸗ lie! ich muß lachen über Deine Provinzialgunſtbeeu⸗ gungen in Paris erhält man weit mehr von jungen Frauenzimmern, mit welchen man ſich nicht verheirathet.— Um ſo ſchlimmer für die Pariſe⸗ rinnen, mein lieber Bruder.— Um ſo ſchlimmer oder um ſo beſſer, denn am Ende iſt ein Uebermaß 49 von Strenge oft ſehr ſchädlich: find die Grundſätze der Ehrbarkeit einmal der Seele eines Mädchens eingeprägt, ſo begreife ich nicht, warum man ihr eine milde Freiheit verweigert; diecjenigen, welche einen Fehler begehen, würden ihn ſpäter doch be⸗ gangen haben; diejenigen aber, welche ſich immer gut aufführen und die Gelegenheit, Schmeicheleien zu hören, nie mißbrauchen, dieſe, meine liebe Ama⸗ lie, bringen bereits in die Ehe eine Bürgſchaft für ihre Tugend mit. Denn Du wirſt doch zugeben, daß es kein großes Verdienſt iſt, unſchuldig zu ſein, wenn das Gegentheil unmöglich gemacht wird. Ach! mein lieber Bruder, welchen Begriff haſt Du doch von den Frauenzimmern! Du mußt in Paris recht verdorben worden ſein!— Liebe Schweſter, ich habe bloß von der Erziehung junger Mädchen minder beſchränkte Anſichten als Du: ich billige z. B. vollkommen die Methode der Engländer, welche ihren Töchtern erlauben, vor der Hochzeit zu thun was ſie wollen. Zu London beſucht ein junges Frauenzimmer ganz allein ihre Verwandten, um ihre Freunde und ihre Bekannten zu ſehen. Sie kann ſich mit einem jungen Manne ganz allein ins Concert oder ins Theater begeben, ohne daß man deßhalb vermuthet, es ſei derſelbe ihr Liebhaberz ohne Mentor beſucht ſie Bälle, und kann in Ge⸗ ſellſchaft lachen und plaudern, ohne von ihren Ver⸗ wandten zur Ordnung gerufen zu werden; iſt ſie aber einmal verheirathet, ſo verhält fich die Sache ganz anders: ſie muß ruhig zu Hauſe zu Paul de Kock. XC1v. 50 um ſich nur mit der Haushaltung und ihren Kin⸗ dern zu beſchäſtigen; ſie geht bloß noch mit ihrem Manne aus und empfängt nur in ſeiner Gegenwart Beſuch. Bei Feten und Aſſembléen ſetzt ſie ſich neben Perſonen ihres Geſchlechts, die gleich ihr die Män⸗ ner nach dem Eſſen verlaſſen, damit dieſelben un⸗ geſtört trinken und Thorheiten ſprechen können. Findeſt Du dieſe Lebensart ſo ſchlimm? Ich bin überzeugt, daß in England weniger Männer betro⸗ gen werden, als in Frankreich.— Bah! ſie werden eben ſchon vor ihrer Heirath betrogen.— Und hier wird man es nachher.— Bruder!...— Sei nicht vöſe, ich ſpreche nicht von Dir.— Nun, wohin ſoll dies Alles eigentlich abzielen?— Ich will, daß Du mir eine Zuſammenkunft mit Pelagie ver⸗ ſchaffeſt.— Eine Zuſammenkunft!— Ja, mit mei⸗ ner Zukünftigen; dies iſt doch nichts Außerordent⸗ liches.— Aber der Anſtand, vieſſlrn— Der Anſtand und die Sitten können dadurch nicht ver⸗ letzt werden.— Aber der Gebrauch„.— Deine Gebräuche werden mir nachgerade ſehr langweilig, und wenn Du mir die gewünſchte Zuſammenkunft nicht verſchaffſt, ſo bin ich im Stande, an einem ſchönen Morgen abzureiſen und Dir meine Zukünf⸗ tige, ihre Tante und alle Gevatterinnen der Stadt auf dem Halſe zu laſſen.— Mein Gott! der Toll⸗ kopf! er macht mir bange! Nun, ich will verſu⸗ chen, es zu arrangiren. Zudem verheirathet Ihr Euch ja in acht Tagen, und ſtreng genommen. Doch da fällt mir etwas ein: ich will zu Madame 51 von Ponchartrain gehen und ſie um Erlaubniß bit⸗ ten, ihre Nichte mitnehmen zu dürfen, um für die Hochzeit die nöthigen Einkäufe zu beſorgen. Sie kann es mir nicht abſchlagen; ich werde dann Pe⸗ lagie hieher bringen und Du kannſt ganz nach Be⸗ lieben mit ihr ſprechen.— Das iſt mir ſehr lieb. — Hoffentlich aber wirſt Du Dich verſtändig be⸗ nehmen und— Sei unbeſorgt. Du mußt wahr⸗ haftig eine ſehr ſchlechte Meinung von mir haben. — Im Gegentheil, ſonſt würde ich Deine Zukünf⸗ tige nicht holen.“ Meine Schweſter begibt ſich wirklich alsbald zu Frau von Ponchartrain. Meine Drohung, nach Paris zu reiſen, hat der armen Amalie Schrecken eingejagt; ſie wollte mich nicht einmal nach Paris laſſen, um die nöthigen Hochzeitgeſchenle einzukau⸗ fen: Deneterre erhielt dieſen Auftrag. Ich beſtand ſelbſt nicht darauf, denn es hätte mir eine Perſon begegnen können, die im Stande geweſen wäre, mich meine Hochzeit vergeſſen zu laſſen. Amalie hat ihren Plan durchgeſetzt. Sie kommt bald mit Pelagie zurück, welche bei meinem Anblicke erröthet und mir eine Verbeugung macht, als wäre ich ein Fremder.„Hier iſt mein Bruder, welcher erfreut ſein wird, ein wenig mit Ihnen zu plau⸗ dern,“ ſagt meine Schweſter, indem ſie Pelagie eintreten läßt.„Ich habe tauſenderlei zu thun und muß Euch auf einige Augenblicke verlaſſen; da je⸗ doch in acht Tagen Eure Hochzeit iſt, ſo finde ich 52 nichts Schlimmes darin, wenn Ihr einige Augen⸗ blicke beie inander ſeid.“ Amalie entfernt ſich und ich bin endlich mit meiner Zukünftigen allein. Pelagie ſetzt ſich eine Meile weit von mir entfernt. Ich ſtelle zuerſt mei⸗ nen Stuhl ganz nahe an den ihrigen und ergreife ſodann ihre Hände.. ſie macht keine Anſtrengung⸗ dieſelben zurückzuzichen. Ich blicke ſie einige Mi⸗ nuten lang an; ſie ſchlägt die Augen nieder und ſpricht kein Wort. Ich glaube, wenn ich die Unter⸗ haltung nicht begänne, ſo würden wir den ganzen Tag da ſitzen, ohne uns zu rühren. Ich fange deßhalb zuerſt an: „Fräulein, Sie wiſſen, daß wir einander hei⸗ rathen?— Ja, mein Herr.— In acht Tagen werde ich Ihr Gemahl ſein.— Ja, mein Herr.— Iſt Ihnen das recht?— Ja, mein Herr.— Lieben Sie mich alſo ein wenig?— Ja, mein Herr.“ Run, das klingt nicht ſo übel. Ich möchte je⸗ doch auch eine andere Antwort erhalten, als das ewige:„Ja, mein Herr;“ ich frage deßhalb weiter: „Haben Sie, als ich Ihnen zum erſten Male begegnete, mich ausgezeichnet, mich den übrigen jungen Leuten vorgezogen?“ Dieſe Frage ſcheint ihr ohne Zweifel etwas ſchwierig. Es vergeht geraume Zeit, bis ſie mir envlich antwortet:„Ja, mein Herr.“ Hat Ihr Herz niemals geredet, ehe Sie mich ſahen?— Ich weiß nicht, mein Herr.— Vie! 53 Sie haben die Liebe noch nicht gekannt?— Nein, mein Herr, ich kannte ſie nicht.— Aber Sie kennen ſie jetzt?— Nein, mein Herr.— Sie lieben mich alſo nicht?— Doch, mein Herr.— Würden Sie einen Andern mehr lieben, als mich?— Ich weiß nicht, mein Herr.— Wenn man Sie mit einem Andern verheirathete, wären Sie betrübt darüber? — Ich weiß nicht, mein Herr.— Aber warum heirathen Sie mich denn?— Ich weiß nicht, mein Herr.“* Faſt verliere ich die Geduld. Dieſes Frauen⸗ zimmer wird mich mit all ſeiner Sanftmuth zum Teufel ſchicken, und ich fürchte ſehr, daß ich Dumm⸗ heit für Unſchuld, linkiſches Weſen für Schüchtern⸗ heit gehalten habe! Aber ihre Hand zittert. ohne Zweifel fürchtet ſie, mich erzürnt zu haben. Ich will mich mäßigen und das Mädchen nicht in Angſt ſetzen; dies wäre keineswegs ein Mittel, ihr zu gefallen und ihr Vertrauen zu erwerben. „Pelagie— Mein Herr— Wenn man Jemanden heirathet, ſo nennt man ihn nicht mehr Herr.— Wie denn?— Nennen Sie mich Freund ich wünſche es immer zu ſein.— Ja, mein Freund. — Ihre Tante hat Sie ſehr ſfireng erzogen?— Ja, mein Freund.— Nehmen Sie in Ihrem Hauſe nie Beſuch von jungen Männern an?— Nein, mein Freund.— Gefällt Ihnen die Welt?— Ja, mein Freund.— Was wollen Sie thun, wenn wir verheirathet ſind?— Alles, was Sie wollen, mein Freund.— Werden wir in dieſer Stadt bleiben 54 oder nach Paris ziehen?— Das iſt mir ganz gleich jedoch— Sprechen Sie offen„ — Ich glaube, daß es mir in Paris beſſer gefiele. — In dieſem Falle freue ich mich, daß wir gleicher Anſicht ſind.“ Ich küſſe ihre Hand, um ihr meine Liebe ein wenig zu beweiſen. Sie zieht dieſelbe raſch zurück. „Pelagie, ein künftiger Gemahl kann die Hand ſeiner Braut küſſen, ſo oft er will.— Wirklich? — Ich ſchwöre es Ihnen.“ Alsbald reicht ſie mir beide Hände dar. Sie iſt ausgezeichnet gelehrig und das hat immer einen Werth. „Pelagie, was hat Ihre Tante in Bezug auf mich zu Ihnen geſagt?— Sie erlaubte mir, daß ich Sie anhören dürfe.— Weiter?— Daß Sie um meine Hand angehalten und ſie Ihnen dieſelbe bewilligt hätte.— Die Tante hat Sie alſo nicht vorher um Ihre Zuſtimmung gefragt?— RNein⸗ mein Freund„ warum denn?— Nun, um zu erfahren, ob ich Ihnen anſtändig ſei.— O, das war nicht nöthig.— Aber ich glaube doch.— Ich bin zu gut erzogen, um meiner Tante nicht zu ge⸗ horchen.— Wenn ich aber alt, häßlich und gichtiſch geweſen wäre.— Das iſt gleichviel.— Sie hätten mich doch geheirathet?— Ohne Zweifel, wenn meine Tante es verlangt hätte.— Sie haben alſo keine Neigung zu mir?— Was iſt das Neigung? — Wie, Ihre Tante hat Ihnen nicht geſagt, daß man ſeinen Mann lieben müſſe?— O doch.— * 55 Und ihm treu fein.— O doch.— Seinen Willen thun.— O doch.— Nie auf Andere hören.. — O doch.“ Nicht mehr im Stande, länger an mich zu hal⸗ ten, ſpringe ich von meinem Stuhle auf. Erſchrocken erhebt ſich Pelagie ebenfalls und blickt mich an. Mit großen Schritten gehe ich im Zimmer auf und ab. Sie kommt indeß auf mich zu und fragt mit weit geöffneten Augen: „Thut Ihnen etwas wehe?“ Ich kann nicht um⸗ hin über ihre Frage zu lächeln. Ich ſchließe ſie in meine Arme und ſuche ſie um jeden Preis zu be⸗ leben. Anfangs will ſie ſich losmacheu, aber ich ſage ihr, daß ein künftiger Gemahl das Recht hat, ſeine Braut zu umarmen.—„Ah! das iſt etwas An⸗ deres,“ antwortet ſie und weigert ſich nicht mehr. „Er kann ſie auch küſſen,“ fahre ich fort und drücke mehre Küſſe auf ihre Wangen und ihre Lippen. Sie läßt es geſchehen. Die Dummheit hat doch ſehr häufig ihre Gefahren; dies iſt eine Agneſe, mit der man vermittelſt falſcher Gründe Alles anfangen könnte, was man wollte. Meine Schweſter kommt; ich verlaſſe Pelagie, die ſich mit liebenswürdiger Folgſamkeit umarmen ließ. Ich glaube, daß ſie bereits etwas lebendiger geworden wäre. „Wohlan,“ ſagt meine Schweſter,„es iſt Zeit, daß Sie zu Ihrer Tante zurückkehren, meine liebe Pelagie; ſie könnte über eine längere Abweſenheit böſe werden. Ihr habt Zeit genug gehabt, um mit einander zu ſprechen, und wenn Ihr verheirathet 56 ſeid, ſo werdet Ihr noch weit mehr Gelegenheit dazu haben. Nehmen Sie Ihren Shawl, Fräulein; wir wollen gehen.“ Pelagie nimmt ihren Shawl, ohne ein Wort zu ſprechen, und ſchickt ſich an, meiner Schweſter zu folgen. Ich nehme Abſchied von ihr; ſie wirft mir jetzt einen ziemlich zärtlichen Blick zu. Ich glaube, daß die Küſſe ein wenig Eindruck auf ihr Herz gemacht haben, und dies gibt mir einige Hoff⸗ nung für die Zukunft. Ich ſehe nun klar ein, daß meine Braut keinen Geiſt befitzt, ja ich könnte vielleicht noch etwas Schlimmeres ſagen, aber ich muß mich darüber tröſten. Ich glaube, um glücklich zu ſein, braucht man kein Genie zur Frau; die geiſtreichen Frauen⸗ zimmer ſind gewöhnlich höchſt langweilig in der Ehe, und diejenige, welche unaufhörlich ihre von der Natur erhaltenen Vorzüge glänzen läßt, denkt ſelten daran, für ihre Kinder zu ſorgen und ihrem Manne zu gefallen. Von dem Augenblicke an, wo eine Frau ſich für geſcheiter hält, als ihren Mann, läßt ſie ſich nicht mehr von ihm lenken. Auch habe ich ſchon öfters Bekanntſchaft mit geiſtreichen Frauen⸗ zimmern gemacht, und das Reſultat iſt für mich nie gut ausgefallen. Agathe, Caroline und Ma⸗ dame von Marſan hatten Geiſt.. Und Nicette 2 Sie hatte gleichfalls Geiſt, und doch nun, es iſt ein Glück, daß meine Frau keinen hat. Ich weiß wohl, von einem Genie bis zur Dummheit iſt ein großer Abſtand, und wenn die Arroganz ermüdet, 57 ſo ermüdet die Albernheit noch weit mehr; aber die Ehe, welche ſo viele Veränderungen bewirkt, wird hoffentlich auch Pelagie's Verſtand etwas mehr aus⸗ bilden. Ich glaube bereits bemerkt zu haben, daß meine Liebkoſungen ihr gefielen; es gibt einen Augenblick, wo die Ratur eingeſchlafen zu ſein ſcheint: eine Kriſis iſt alsdann nothwendig. Pela⸗ gie's Herz und Geiſt bedürfen vielleicht nur dieſer Kriſis, um ſich zu entwickeln. Fünftes Kapitel. Ich heirathe. Der große Tag iſt gekommen. Heute muß ich das feierliche Jawort aus ſprechen, welches mich auf immer binden wird. Dieſes immer iſt ſehr lang. und doch wieder kurz, wenn man glücklich iſt. Manchmal verſetzen mich melancholiſche Gedanken in eine düſtere Stimmung. Ich bin nicht in die⸗ jenige verliebt, die ich heirathen will, und fühle, daß gerade dieſer Umſtand uns ſo leichtfinnig an den Altar treten läßt. Die Liebe, welche Gegenwart und Zukunft verſchönert, iſt ein am Hochzeittage ſehr nothwendiger Gott, der ſtets den Vorſitz führen ſollte. Indeß will ich auf ihn verzichten.. Es bleibt mir nichts anderes übrig.. wen ſollte ich ietzt lieben? Ich darf nicht mehr daran denken.. und doch denke ich daran. Sie liebte mich 58 nicht und konnte ich ſie denn heirathen!.. Dies wäre eine Thorheit geweſen. aber iſt denn eine Thorheit, welche glücklich macht, ſo tadelns⸗ werth?.. Thränen netzen meine Augen. Soll ich auf dieſe Weiſe den heutigen Tag beginnen? Es iſt die letzte Erinnerung, die ich ihr widme. von nun an will ich an alles dies nicht mehr denken. Auf! ich will verſuchen, heiter und liebenswürdig zu ſein, lie⸗ benswürdig gegen Pelagie, die es nicht bemerkt! Doch was thut's! Ich will mich betäuben. Meine Schweſter tritt zuerſt in mein Zimmer. Ich glaube, ſie gewahrt meine Traurigkeit, denn ſie küßt mich, ſchließt mich in ihre Arme und gibt mir die Verſicherung, daß ich ſehr glücklich ſein werde.. Wir wollen ſehen! In der Liebe war ich es bisher nicht; vielleicht geht es in der Ehe beſſer. Apropos, wo werde ich mit meiner Frau woh⸗ nen? Ich habe noch nicht daran gedacht; aber ich bin unbeſorgt: meine Schweſter ordnet dies Alles mit der größten Umſicht. Ich wäre indeß ſehr be⸗ gierig zu wiſſen, wohin ich meine Ehehälfte dieſen Abend führen ſoll. „Liebe Schweſter, Du haſt mir noch nicht ge⸗ ſagt, wo ich wohnen werde.— Ei, das verſteht ſich von ſelbſt.— Du mußt es mir aber doch ſagen, weil ich es nicht errathen kann.— Hat nicht Madame von Ponchartrain ein hübſches Haus, wovon ſie nur die Hälfte vedarf? Dort wirſt Du mit Deiner Gemahlin wohnen.— Bei der Tante 59 dies gefällt mir nicht ſonderlich.— Sei ruhig, Deine Zimmer ſind von den ihrigen entfernt; ihr werdet in keine Berührung mit einander kommen, als wenn es euch ſelbſt gut dünkt. O, ich dachte mir wohl, Du wäreſt gerne allein, und habe deßwegen die nöthigen Anordnungen getroffen. Gut; hat meine Braut alle gebräuchlichen Hochzeitgeſchenke erhalten? — Ja, mein Lieber; weißt Du denn nicht mehr, daß ich Dir geſtern den Brautſchmuck zeigte, und daß Deneterre von dem Gelde, welches Du ihm anwieſeſt, tauſend Thaler ausgab?— Ja, Du haſt Recht; es war mir ganz entfallen.— O, ich verſichere Dir, daß Pelagie entzückt ſein wird! Es iſt ein köſtlicher Brautſchmuck! welche Shawls! welche Kleider!— Gut, ich habe alſo heute nichts mehr zu thun, als mich zu verheirathen?— Nein, mein Lieber.— Deſto beſſer. Um welche Stunde iſt die Trauung?— Um elf Uhr wirſt Du Deine Frau abholen und auf die Mairie mit ihr gehen. Wir fahren in zwei Wagen, die ich bereits beſtellt habe. — Zwei Wagen! Dies kommt mir zu wenig vor. — Mehr ſind in der Stadt nicht zu miethen.— O, das iſt etwas Anderes.— Aber auf dieſen Abend ſind mehre Portchaiſen beſtellt.— Gibt es deren noch hier?— Gewiß; ſie ſind ſehr bequem und weniger gefährlich, als Wagen mit Pferden, die mir immer bange machen.— Allerdings, eine Portchaiſe geht nicht durch. Und von der Mairie aus begeben wir uns in die Kirche?— Ja, um ein Uhr.— Und nachher?— Rachher kehrt man 60 hieher zurück und plaudert bis drei Uhr.— Wo iſt denn die Hochzeit?— Hier, mein Lieber; Frau von Ponchartrain wollte ſie anfangs in ihrem Hauſe gehalten wiſſen, aber ich habe ſie herumgebracht. Hier werden wir ungenirter ſein: wir können lachen, ſingen und Thorheiten begehen.— Es würde mir Freude machen, wenn Du mich Thorheiten begehen ließeſt; und der Ball iſt ohne Zweifel auch bei Dir? — Nein, mein Lieber; der Ball wird bei Madame von Ponchartrain gegeben, die einen ſuperben Sa⸗ lon befitzt, wo man leicht drei Contretänze arran⸗ giren kann. Zu dem halte ich es für paſſender, daß man des Abends in der Nähe iſt, um die Braut in ihr Schlafgemach zu bringen— Wie! Die Braut in ihr Schlafgemach bringen? Ich denke, dies it meine Sache.— Nein, mein Lieber; die nächſte Verwandten bringen ja gewöhnlich die Braut in die Hochzeitkammer und kleiden ſie daſelbſt aus.— Du würdeſt mir einen Gefallen erweiſen, wenn Du ſo viel als möglich, dieſes höchſt lächerliche Cere⸗ moniell abkürzteſt. Ich glaubte, es wäre das Ge⸗ ſchäft des Mannes, ſeine Frau zu entkleiden und ſchlafen zu legen.— Ach! mein Bruder, der An⸗ ſtand!— Liebe Schweſter, aus zu vielem Anſtande wird man unanſtändig, ſo wie man aus allzu großer Sucht, ſeinen Verſtand glänzen zu laſſen, Dumm⸗ heiten ſagt. Die Extreme berühren ſich; zu große Strenge erzeugt zu große Ausgelaſſenheit. Die Wilden, welche Gegenden bewohnen, wo der civili⸗ firte Menſch nicht über ſie herrſcht, müſſen reine 61 „Sitten haben, weil ſie den Eingebungen der Na⸗ tur folgen und doch erſcheint die äußerſte Sitten⸗ reinheit, in Folge deren ſie nackt umhergehen und einander nichts verbergen, hei uns als eine raffi⸗ nirte Libertinage. Jener Diogenes, der weiſe ſein wollte, war nur ein Narr, und Krates, der ſich für einen Philoſophen hielt, nur ekelhaſt. Ich will Dir damit bloß zeigen, daß man in Allem die richtige Mitte beobachten muß, und daß, wenn zwei Gatten den Geſetzen und der Religion Genüge geleiſtet haben, es ihnen erlaubt ſein ſollte, ungeſtört mit einander zu Bette zu gehen.“ „Es thut mir ſehr leid, mein Lieber, aber der Gebrauch— Wäre ich in meine Frau verliebt, ſo würde ich mich den Teufel um dieſen Gebrauch ſcheeren; doch wir wollen nicht mehr davon ſprechen: ich werde mir Alles gefallen laſſen.— Das iſt ſehr ſchön von Dir; kleide Dich jetzt an und komm zum Frühſtück.“ Nun muß ich an meine Loilette denken; es iſt das wenigſte, daß man ſich an ſeinem Hochzeittage herauszuputzen ſucht. Obwohl Pelagie mir geſagt hat, ſie hätte mich geheirathet, ſelbſt wenn ich alt und häßlich geweſen wäre, ſo glaube ich doch, daß ſie den Unterſchied wohl bemerkt. Nun bin ich fertig. Meine Reffen kommen hereingeſprungen und ſagen mir, daß man mit dem Frühſtücke auf mich warte. Sie haben bereits ihre Sonntagskleider an⸗ gezogen und find ſo unbändig fröhlich, daß man im Hauſe ſein eigenes Wort nicht mehr verſteht. Glückliche 62 Jugend, wo die geringſte Veränderung, jede feſt⸗ liche Gelegenhett unſer Herz mit Freude erfüllt! Ich finde Deneterre bereits in Galla; er kommt auf mich zu, umarmt mich, drückt mir die Hand mit höchſt vergnügter Miene und ſagt in einem halb ernſten, halb komiſchen Tone:„Nun gehörſt Du zu den Unſrigen.“ Lächelnd blicke ich ihn an und unterdrücke einen Seufzer, der ſich ſehr ſchlecht zu ſeinem Compli⸗ mente geſchickt hätte. „Wohlan, wir wollen eſſen und zwar tüchtig eſſen,“ ſagt mein Schwager, indem er an den Tiſch ſitzt.„Mein Freund, Du mußt Dir heute Kräfte ſammeln.“ Hiemit beginnt das Kapitel der Scherze, welches übrigens in einem Städtchen, wo man ſich keine Zweideutigkeiten erlaubt, nicht lang ſein wird. Man mag immerhin ſagen, was man will, ich bin auf Alles gefaßt und will für jetzt Deneterre's Rath befolgen, das heißt tüchtig eſſen. „Beeilen wir uns,“ mahnt Amalie,„es iſt bald elf Uhr; Du darfſt Deine Frau nicht warten laſſen, mein lieber Eugen.— Nein, gewiß nicht, das wäre ungalant; ich bin bereit zu gehen.— He! Deneterre, biſt Du fertig?— Laß mir doch Zeit zum Eſſen.— Ach! Du biſt in Allem, was Du thuſt, ſo langſam. Setze doch den Kindern die Hüte auf.— Wie! Du willſt ſie auf die Mairie mitnehmen 2— Gewiß.— Das iſt dumm; ſie wer⸗ den dort wenig Vergnügen haben und uns im 63 Wagen geniren; es iſt beſſer, man nimmt ſie nur in die Kirche mit.— Und ich will, daß ſie jetzt mit uns gehen; habe ich ſie denn angekleidet, um ſie zu Hauſe zu laſſen?— Wir können ſie ja nachher holen.— Rein, ſogleich will ich ſie mitnehmen.— Es wird kein Platz für ſie da ſein.— Du kannſt ſie auf Deine Kniee ſetzen.— Damit ſie mir Fuß⸗ tritte geben und die Kleider der Damen beſchmutzen. — Sie werden ſich ruhig verhalten.— Das wäre etwas Neues.— Ach! Du langweilſt mich mit Deinen Albernheiten.— Rein, Du haſt einen eigen⸗ ſinnigen Kopf.“ Es iſt elf Uhr und ich mache dem Wortwechſel ein Ende mit der Erklärung, daß ich jetzt gehen will; die beiden Gatten thun das Gleiche und wir nehmen die Jungen mit. Ich wußte wohl, daß es ſo kommen würde. Zwei Wagen ſtehen vor dem Hauſe. Die Kut⸗ ſcher haben weiße Handſchuhe und große Bouquets. Alle Nachbarn ſtehen unter den Thüren und an den Fenſtern. Eine Heirath iſt ein großes Ereigniß in einer kleinen Stadt und man ſpricht mehr als acht Tage davon. Sobald wir ankommen, führt man uns in den großen Salon, wo die vertrauteſten Freunde und die vornehmſten, zur erſten Ceremonie eingeladenen Perſonen bereits verſammelt waren. Ich ſehe meine Zukünftige noch nicht; als ich ſie holen will, hält man mich zurück, denn ich darf nicht in ihr Gemach eindringen.—„Sie wird ſchon kommen —— 64 Madame von Ponchartrain;„mäßigen Sie ſich, mein lieber Herr Dorſan; Sie werden ſie bald ſehen.“ ½ Ich mäßige mich ſehr leicht, wünſchte jedoch, daß Alles ſchon vorbei wäre. Die Complimente, welche mir Jedermann macht und auf die ich nicht mehr zu antworten weiß, weil ſie immer das Näm⸗ liche beſagen, werden mir ſehr zur Laſt. Endlich erſcheint Pelagie in Begleitung ihrer Tante und meiner Schweſter. Ihre Toilette iſt prachtvoll und ihr Geſicht noch hübſcher als ge⸗ wöhnlich. Jedermann bewundert ſie und die Com⸗ plimente beginnen aufs Neue. Diesmal höre ich dieſelben mit größerem Vergnügen; die Gegenwart einer ſchönen Frau verſetzt mich ſiets in eine heitere Stimmung und ich zürne keineswegs über die Be⸗ wunderung, welche die meinige erregt. Ich ergreife die Hand meiner Braut; fſie ſchlägt die Augen nieder und ſcheint feſt entſchloſſen, die⸗ ſelben heute nicht zu erheben. Ich führe ſie zur Thüre hinaus und an den Wagen, ohne auf die Vorſtellungen ihrer Tante und meiner Schweſter zu hören, die mir zurufen:„Das geht nicht! Warten Sie doch Sie dürfen ihr die Hand nicht geben! Sie ſtören die Ordnung!“ Ich kümmere mich nicht um die Ordnung der Ceremonien. Madame von Ponchartrain wird beinahe böſe; meine Schweſter veruhigt ſie, indem ſie meine Halsſtarrigkeit auf Rechnung meiner übergroßen Liebe ſchreibt. Man beßteigt den Wagen, was eine halbe Viertelſtunde 65 wegnimmt, weil ungeheuer viel um den Vorrang und die Plätze geſtritten wird. Ich muß an mich hal⸗ ten, um nicht alle Ceremonien vollends ganz über den Haufen zu werfen. Endlich ſitzt man. Dene⸗ terre iſt genöthigt, mit ſeinen Kindern, die bereits drei Garnituren verdorben und mehre weiße Atlas⸗ ſchuhe beſchmutzt haben, zu Fuße zu gehen. Die kleinen Wildfänge find in der That ſehr ergötzlich. Wir kommen auf der Mairie an; die Ceremonie iſt bald vorüber. Nun bin ich verheirathet nach dem Geſetze und kann nicht mehr zurücktreten. Bei der Fahrt in die Kirche wird hinſichtlich der Wagen wieder das gleiche Ceremoniell beobachtet, wie vorher. Die Anordnung des Zuges dauert noch länger, denn es ſind auf der Mairie mehre neue Perſonen zu uns gekommen und deßbalb fünf Portechaiſen herbeigeſchafft worden. Meine Hochzeit hat das ganze Städtchen auf die Beine gebracht; die Kirche iſt voll von Menſchen, wir können uns kaum einen Durchgang erzwingen. Jedermann weiß, was eine Hochzeit iſt; ich werde deßhalb die meinige nicht näher beſchreiben? ſie gleicht in Bezug auf die Form allen übrigen; ich höre mehrmals ſagen:„Das iſt ein hübſches Paar!“ Man vernimmt dergleichen immer mit Vergnügen. Endlich wird das bedeutungsvölle Ja ausge⸗ ſprochen. Pelagie ſprach ſo leiſe, daß man ſie nicht hören konnte. Ich zeigte meine gewöhnliche Feſtigkeit. Man hat eine Rede an uns gehalten, ul de Rolv. 5 66 die vielleicht etwas lang, aber ſehr rührend war. Wie ſollte man nicht bewegt ſein, wenn man ſich für das ganze Leben verbindet! Ich habe Pelagie angeblickt. ſie hat nicht geweint; ſie ſchlägt die Augen nieder und ihre Haltung iſt beſcheiden, aber es zeigt ſich bei ihr ſo wenig Rührung als ſonſt, und meiner Anſicht nach hätte ſie doch weinen ſollen. Der Trauungsakt iſt vorbei. Ich bin verhei⸗ rathet. Wir verlaſſen die Kirche und begeben uns zu meiner Schweſter. Es iſt erſt halb zwei Uhr und man ſpeist nicht früher als um drei Uhr. Was bis dahin anfangen? Dieſe Zeit iſt ſchwer auszufüllen. Einige alte Leute ſchlagen ein Boſton oder ein Whiſt vor, Frau von Ponchartrain aber meint, das Spielen am Hoch⸗ zeittage würde der Etikette zuwiderlaufen; denn heute gehört es zum guten Tone, nichts zu thun oder mit Plaudern ſich die Langeweile zu vertrei⸗ ben, wobei man eine ſehr ſteife Haltung annimmt, um die Toilette nicht zu verderben. 3 Ohne mich um die liebe Tante zu bekümmern, gehe ich mit meiner Frau in den Garten. Ich möchte ſie gerne in eine abgelegene Allee führen, nicht als ob ich von meinen ehelichen Rechten jetzt ſchon Gebrauch machen wollte, ſondern ich wünſchte nur in Pelagie's Herzen zu leſen und die Gefühle deſſelben kennen zu lernen. Doch es iſt unmöglich; alle jungen Damen ſind uns gefolgt und die Neu⸗ gierigen verlieren uns nicht aus dem Geſichte. — 2———7— 67 Ich kann meine Frau nur bei der Hand nehmenz ich drücke dieſelbe zärtlich, ſehr zärtlich ſie blickt mich lächelnd an: gut! ſie verſteht alſo dieſe Sprache. „Sie thun meinen Fingern wehe,“ ſagte ſie, indem ſie ganz ſachte ihre Hand zurückzieht. Das iſt wirklich zum Verzweifeln! Ich habe keine Luſt mehr, allein mit ihr ſpazieren zu gehen. Zum Glücke iſt es jetzt Eſſenszeit. Mit vielem Ceremoniell begibt man ſich in den Speiſeſaal und nimmt in der herkömmlichen Ordnung Platz. Ich ſitze an einem Ende der Tafel, meine Frau an dem andern, ein herrliches Mittel, um die Harmonie unter uns aufrecht zu erhalten! Während des erſten Gerichtes herrſcht die größte Ruhe. Man ſitzt bolzgerade, man blickt ſich an, man bietet die Speiſen herum, man ißt und findet Alles göttlich, ausgezeichnet, delikat. Darauf be⸗ ſchränkt fich faſt allein die Ich habe keine Luſt, dieſelbe zu beleben, ſondern bleibe ernſt⸗ haft und ſogar nachdenklich. Manchmal blicke ich meine Frau an; ſie heftet beſtändig ihre Augen auf den Teller. Die Miene der Frau von Ponchartrain zeigt deutlich, wie ſehr ſie mit dem anſtändigen Benehmen der Neuvermählten zufrieden iſt. Sämmtliche Gäſte muſternd, bemerke ich zu mei⸗ ner Rechten eine hübſche, heitere, junge Blondine, 1 mit welcher ich in unſeren Geſellſchaften ſchon mehr⸗ mals geſcherzt habe. Ich ſuche zu meiner Zer⸗ ſtreuung ein Geſpräch mit ihr anzuknüpfen, erhalte„ ———— aber nur kalte, trockene Antworten. Woher kommt dies? Ach Gott! ich bin ja ein verheiratheter Mann. Jetzt darf ich bei jungen Frauenzimmern nimmer den Liebenswürdigen ſpielen, denn ich habe ja die Eigenſchaft eines Junggeſellen verloren, was in ihren Augen einen hundertmal größeren Werth hat, als alle Galanterien. Indeß will ich mich um jeden Preis erheitern und will deßhalb weniaſtens eſſen; aber ich habe keinen Hunger. So will ich trinken; aber ein Ver⸗ heiratheter darf ſich nicht berauſchen. Endlich kommt das zweite Gericht: der Appetit der Gäſte iſt etwas geftillt und die Schöngeifter fangen bereits an zu ſcherzen und feine Bemerkungen zu machen. Die jungen Leute lachen und die Damen finden Alles drollig. Meine Schweſter iſt ganz entzückt; ſie thut ihr Möglichſtes, um dieſe liebenswürdige Fröh⸗ lichkeit zu unterhalten. Deneterre iſt an dem klei⸗ nen Tiſche, an dem ſeine Buben nebſt ſechs anderen Kindern ſitzen, ſo ſehr beſchäftigt, daß er keine Zeit findet, nur ein Wörtchen mit der Geſellſchaft zu ſprechen. Das Deſſert und die Liqueurs ſteigern die all⸗ 5 gemeine Heiterkeit auf den hochſten Gipfel und vermehren dieſelbe noch durch ein paar tolle Streiche meiner Reffen, welche einige LTeller auf den Boden ſallen laſſen, drei Gläſer zerbrechen, die Kleider der Damen mit Sauce beflecken und bei allen Speiſen ungenirt zugreifen; denn ſie wiſſen wohl, daß ſie heute freien Lauf haben, 69 und machen ſich deßhalb dieſe Gelegenheit trefflich zu Nutzen. Auf ein gegebenes Zeichen erhebt man ſich vom Tiſche. Nach einem langen Wortwechſel mit Amalie über das Provinzialceremoniell frage ich nach meiner Frau, weil dieſelbe auf einmal verſchwunden iſt. „Sie macht ihre Toilette!“ lautet die Antwort. Nun, dagegen läßt ſich nichts einwenden, ſonſt würde ich mir alle jungen Damen auf den Hals laden. Zwei⸗ bis dreimal Toilette machen ge⸗ hört eben zu den Annehmlichkeiten eines ſolchen Feſtes. Der Ball wird bei Madame von Ponchartrain gehalten, und zwar in einem Salon, der von Lüſtres erleuchtet wird, die aus der Zeit Pipins des Kurzen zu ſtammen ſcheinen. Die eingeladenen Perſonen kommen in Maſſe, denn in einer kleinen Stadt läßt man kein Feſt unbenützt vorbei. Die Braut erſcheint in ihrem Ballſtaate, der einen ſehr guten Geſchmack verräth. Ich blicke Pelagie an, aber ihre Augen ſind wie immer niedergeſchlagen. Ich früſtere ihr zu:„Blicken Sie doch ein wenig auf, Sie haben ja ſo ſchöne Augen.— Meine Tante hat es mir verboten!“ Dies iſt Alles, was ich vernehme; doch mache ich keine Einwendung, denn ich will nicht ſchon den Herrn ſpielen. Das Orcheſter läßt ſich hören: zwei Geigen und eine Clarinette, das Vorzüglichſte, was hier zu haben iſt. Sie ſpielen Contretänze, wie ich ſie zu Paris nie pörte, und die wahrſcheinlich eigene 70 Compoſition des Kapellmeiſters dieſer kleinen Mu⸗ ſikbande ſind. Es wird viel getanzt und hier wenigſtens iſt die Freude nicht erheuchelt. Man ſtreitet ſich um den Tanz mit der Braut, die immer auf zwölf bis fünf⸗ zehn Quadrillen verſagt iſt. An den Mann kommt die Reihe nie, aber an dieſem Tage tröſtet er ſich, denn das, was ihn den Abend vorher ſehr geärgert hätte, läßt ihn ruhig, ſeit er verheirathet iſt. Wie doch ein Titel die Lebens⸗ und Denkungsart ändern kann! Ich tanze gleichfalls; dies gibt mir doch wenig⸗ ſtens Beſchäftigung und ich verlaſſe den Tanzplatz nicht früher als meine Frau. Die jungen Leute ra⸗ then mir, etwas auszuruhen, weil ich ſonſt zu müde würde, aber ich höre nicht darauf, denn ich denke weniger als ſie an das, was ich noch zu thun habe. Gegen das Ende der Soirée tanze ich mit Pela⸗ gie. Der Ball hat ſie ein wenig echauffirt; ihr Ge⸗ ſicht iſt geröthet, ihr Buſen wallt ſtärker; ſie iſt in der That ſehr hübſch und ich ſollte mich glücklich fühlen, ſo viele Reize zu beſitzen. Ich blicke auf meine Uhr und ſinde die Zeit ziemlich lang. Doch es wird bereits ſpät; ſchon Viele haben ſich zurückgezogen. Es iſt ein Uhr Morgens. Frau von Ponchartraine gibt meiner Schweſter ein Zei⸗ chen; ſie führen meine Frau hinweg. Ich errathe, was dies bedeutet und hoffe, man werde mir erlau⸗ ben, pelagie aufzuſuchen. Die Ceremonie kommt mir etwas lang vor, denn 7 f 71 7 erſt nach drei Viertelſtunden kehrt Amalie zurück und gibt mir ein Zeichen, wahrſcheinlich, daß ich mich jetzt in das Schlafgemach meiner Frau begeben dürfe. Jedermann geht; ich verlaſſe gleichfalls den Ball⸗ . ſaal und verfüge mich nach dem Stocke, den ich von jetzt an bewohnen werde. Ich habe mir den Weg nach meinem Schlafzim⸗ mer zeigen laſſen und aus Vorſicht Licht mitgenom⸗ men, um nicht den Hals zu brechen in den Winkeln dieſes alten Gebäudes. Ah! dort ſehe ich Licht. Ich öffne eine Thüre und trete in ein etwas alter⸗ thümlich möblirtes Zimmer, in welchem es übri⸗ gens an keiner Bequemlichkeit mangelt. Zwei Ker⸗ zen brennen auf dem Kamine ich erblicke auf einem Tiſche mehre Gegenſtände, die mir gehören, denn meine Schweſter hat meine ganze Garderobe in mein neues Logis ſchaffen laſſen. Ich bin zu Hauſe, was mir ſehr lieb iſt. Um nicht mehr ge⸗ ſtört zu werden, verſchließe ich die Thüre; dann gehe ich ſachte auf das Bett zu, deſſen Vorhänge zuge⸗ zogen ſind. Ich höre nichts; ſollte ſie ſchon ſchlafen? Es ſcheint nun wir wollen ſehen. Ich öffne die Vorhänge, ſehe aber Riemanden in dem Bette. Was ſoll das bedeuten? Ich bin doch in meiner Wohnung; Alles beweist mir dies. Wo kann denn meine Frau ſein? Sollte am Ende jedes ſein eige⸗ nes Zimmer haben? Ohne Zweifel.. Was zum Henker ſind dies für lächerliche Gebräuche! Aber ich will abſolut zu meiner Frau. Ich habe keine Puppe geheirathet, die den Mund nicht öffnet und jeden Tag die Augen niederſchlägt, um bei Nacht allein in einem beſonderen Bette zu ſchlafen. Dies dulde ich ein für allemal nicht. Unmöglich kann das Zimmer meiner Frau von dem meinigen weit entfernt ſein. Ich will es auf⸗ ſuchen, aber wo möglich ohne Geräuſch; dies würde bei Madame von Ponchartrain Aergerniß erregen, die vielleicht glaubt, ich habe ihre Nichte nur ge⸗ heirathet, um bei den Geſellſchaftsſpielen ihr den Hof zu machen. Ich durchlaufe mehre Zimmer und gelange end⸗ lich an eine Thüre, welche von innen verſchloſſen iſt. Kein Zweiſel; hier muß meine Frau ſein. Man wird ihr gerathen haben, ſich zu verſchanzen. Wie pfiffig doch die Leute hier zu Lande ſind. Ich klopfe, erhalte aber keine Antwort. Ich klopfe ſtärker.„wer iſt da?“ fragt man endlich und ich erkenne Pelagiens Stimme. „Ich bin's, meine Liebe.— Ah! Sie ſind's, Herr Gemahl.— Ja, meine Liebe, öffne mir ſchnell. — Warum?— Nun, ich werde es Dir ſogleich ſagen, öffne nur.— Ach! ich kann nicht.— Wie? Du kannſt nicht?— WMeine Tante hat es mir verboten.— Deine Tante weiß nicht, was ſie ſagt. In ihrem dreiunddreißigjährigen Wittwenſtand hat ſie vielleicht vergeſſen, daß Mann und Frau bei einander ſchlafen.— O, ich weiß wohl, daß Sie zuletzt bei mir ſchlafen werden; aber man hat mir geſagt, der Anſtand erfordere es, dieſen Augenblick 73 ſo weit als möglich hinauszuſchieben.— Und ich ſage Dir, daß wir ſogleich bei einander ſchlafen müſſen; der Anſtand hat mit unſerem Verhältniſſe nichts mehr zu ſchaffen. Die Freuden der Ehe kön⸗ nen Deine Schamhaftigkeit nicht verletzen, öffne mir jetzt nur.— Ich fürchte meine Tante.— Hal Madame, ich bin Ihr Gatte; Sie haben mir dieſen Morgen Gehorſam gelobt und brechen ſchon jetzt Ihren Schwur. Pelagie, wenn Du noch länger zö⸗ gerſt, ſo zünde ich das Haus an.— Ach! mein Gott!“ Pelagie öffnet alsbald, ſie iſt im Hemde, und eilt, ſich in das Bett zu verſtecken; ich folge ihr.. Doch laſſen wir den Vorhang nieder vor Synens Myſterien. Sechstes Kapitel. Rückkehr nach Paris. Die erſten Tage der Ehe nennt man den Honig⸗ monat. Ich bekomme als Honig den nächſten Mor⸗ gen nach der Hochzeit eine große Scene mit Ma⸗ dame von Ponchartrain, weil ſie an den matten Augen und dem Gange meiner Frau, ſowie an tau⸗ ſend Kleinigkeiten bemerkt, daß ich die Roſe ſchon geflpückt habe. Sie macht mir Vorwürfe, nennt meine Liebe eine thieriſche und behauptet, ich wolle ihre Nichte tödten. Es gehörte wahrhaftig eine Engelsgeduld dazu, um mit kaltem Blute derglei⸗ 74 chen Grobheiten anzuhören; da ich aber kein Engel bin, ſo laſſe ich die Tante gehörig ablaufen und verbiete ihr, ſich künftig in meine Ehe zu miſchen. Madame von Ponchartrain ſchreit und lärmt; ich ziehe mich in meine Wohnung zurück und nun find wir entzweit. Alte Weiber plaudern gerne; unſere Tante iſt noch überdies bösartig und rachſüchtig. Anſtatt dieſe Scene zu vergeſſen, denkt ſie nur an Rache. Ueber⸗ morgen weiß es ſicherlich die ganze Stadt, daß ich ein Wüſtling bin und meine Frau bereits ſehr un⸗ glücklich mache. Meine Schweſter indeß, die mich liebt und kennt, gibt ſich alle Möhe, die Gerüchte, welche die alte Tante zu meinem Nachtheile ausſtreut, Lügen zu ſtrafen. Sie geräth mit Madame von Ponchartrain in Streit, weil ſie ihre Anſicht keineswegs theilt. In der Stadt glauben die Einen meiner Tante, die Andern meiner Schweſter; die Meinungen ſind ver⸗ ſchieden, was beinahe zwei Parteien hervorrufen würde, wenn man nicht in der Hauptſache, nämlich in der Liebe zum Scandal, einig wäre. Ich kümmere mich wenig um das, was die Be⸗ wohner Melun's von mir denken und ſagen, ſon⸗ dern ich beſchäftige mich mit meiner Frau und ſorge hauptſächlich dafür, daß ſie nicht denkt wie ihre Tante. FPelagie befindet ſich in keiner geringen Verlegen⸗ heit; ihre Tante ſagt ihr, ſie ſolle nicht auf mich hö⸗ ren, und ich ſage ihr, ſie ſolle nicht auf ihre Tante . — — 75 hören. Die Tante bietet Alles auf, um ſie häuſig bei ſich zu haben, und ich thue mein Möglichſtes, daß ſie ſelten zu ihr geht. Madame von Ponchar⸗ train ſagt meiner Frau, ſie müſſe befehlen und die Herrin ſpielen, ich aber ſuche ihr beizubringen, daß man dieſes Geſchäft dem Manne überlaſſen müſſe. Dies Alles erzeugt bei meiner Frau manchmal eine große Unſchlüſſigkeit. Ich bin erſt ſeit etlichen Tagen ihr Mann, und ihre Tante leitet ſie ſchon ſeit ihrer früheſten Jugend. Sie fürchtet dieſelbe und mir thäte es ſehr leid, wenn ich ihr eine gleiche Empfindung einflößte. Die Folge von Allem iſt, daß ſie mehr ihrer Tante als mir gehorcht und daß es zwiſchen uns zu jenen kleinen Wortwechſeln kommt, die ich ſo gerne vermieden hätte. Wenn Pelagie Geiſt und ein geſundes Urtheil beſäße, ſo würde ſie merken, daß ihre Tante Unrecht hat. Aber ach! der Verſtand iſt für ſie eine ganz unbekannte Sache. Ueber einen Punkt find wir jedoch gleicher An⸗ ſicht, nämlich über das Recht, bei einander ſchlafen zu dürfen. Es fällt Pelagie jetzt nimmer ein, ihr beſonderes Bett zu haben und die Thüre vor mir zu verſchließen. Darauf hätte ich faſt wetten kön⸗ nen; wenn dieſe jungen Agneſen einmal im Zuge ſind, ſo kann man ſie nicht mehr aufhalten⸗ Ich habe keine Luſt, zu Melun zu bleiben; bevor ich aber meine Frau nach Paris führe, ſollte ich da⸗ ſelbſt eine Wohnung zu ihrem Empfange in Bereit⸗ ſchaft palten. Ich kann ſie nicht in mein Jungge⸗ ſehen ab. 76 ſellenlogis führen.. dies paßt nicht für uns, und ich will nicht, daß ſie daſſelbe ſehe. um ein ſchickliches Logis zu miethen, es zu möbliren und die nöthigen Domeſtiken anzuſtellen, werde ich mich wenigſtens acht Tage in Paris auf⸗ halten müſſen, aber Gott weiß, wie ich meine Frau bei meiner Rückkehr wieder finden werde, wenn ich ſie acht Tage lang in den Klauen ihrer Tante laſſe. Eine Stunde bei Madame von Ponchartrain führt immer zwiſchen Pelagie und mir einen Streit her⸗ bei. Sie ſagt nämlich alsdann ſtets das Gegen⸗ theil von dem, was ich ſage, und es koſtet mich eine unſägliche Mühe, ſie wieder auf andere Gedanken zu bringen. Wenn ſie mich nun acht Tage lang nicht ſähe, ſo gäbe es kein Mittel mehr, mitein⸗ ander zu leben. Was alſo anfangen? Ich will nicht länger in dieſer Gegend bleiben, denn die Provinz iſt mir bereits ſo zum Ekel, daß ich ſterben würde, wenn ich hier bleiben müßte. Meine Schweſter, die meine Verdrießlichkeit be⸗ merkt, will trotz ihres Verlangens, mich bei ſich zurückzuhalten, Deneterre nach Paris ſchicken, um vaſelbſt eine Wohnung für mich einzurichten. Mit Dank nehme ich dieſes Anerbieten an und mein Schwager reist mit den nöthigen Inſtruktionen ver⸗ Käme er doch bald wieder! Die Zeit däucht mir ſchrecklich lang. Ich darf meine Frau nicht verlaſ⸗ ſen, und unaufhörlich um eine Perſon ſein, die —— nichts zu ſagen weiß, und das, was man ihr ſagt, öfters nicht verſteht, iſt eine wahre Höllenqual. Ach! wenn geiſtige Vorzüge fehlen, ſo hat die Schön⸗ heit einen geringen Werthl Deneterre iſt ſchon zwölf Tage abweſend. Ma⸗ dame von Ponchartrain, welche weiß, daß ich mit meiner Frau nach Paris gehe, hat eine größere Wuth, als je. Sie ſucht mir jeden Tag einen neuen Streich zu ſpielen. Sie belauert ihre Nichte, wie eine Katze die Maus. Mein Beſtreben iſt es, dieſe kleinen Complotte zu vereiteln; wir liegen ſtets in offenem Kampfe miteinander und dies gewährt mir wenigſtens Zerſtreuung. Die Verleumdungen der alten Tante haben hie und da Eingang gefunden, denn wenn ich eine Ge⸗ ſellſchaft beſuche, was indeß höchſt ſelten geſchieht, ſo entſteht bei meinem Erſcheinen ein Gemurmel und mißfälliges Geflüſter. Die Einen blicken mich ½ an, die Andern wenden die Geſichter hinweg; die WMatronen, warme Freundinnen der Madame von Ponchartrain, kehren ſich ſchnell von mir ab; Einige machen ſogar bei meiner Annäherung eine Vewe⸗ gung des Entſetzens, wie wenn ich ein Peſtkranker wäre. Ich lache darüber mit den Klugen und Vernünf⸗ tigen, aber dieſe bilden keineswegs die Majorität; überdies iſt es leichter, Böſes als Gutes von Je⸗ nanden zu reden: die Fehler ſpringen in die Augen, während die Tugenden ſich verbergen. Endlich kehrt Deneterre zurück. Er hat auf dem 18 Boulevard Montmartre eine Wohnung für mich ge⸗ miethet, die ich mit meiner Frau ſogleich beziehen kann. Die Domeſtiken erwarten uns bereits. Alſo nicht länger gezaudert! Ich ermahne Pe⸗ lagie zum Einpacken ihrer Effekten, was ſie mit um ſo größerer Bereitwilligkeit thut, als auch ihr die Autorität der Tante verhaßt iſt und ſie ſich nach Paris ſehnt, dem Paradieſe der Frauen und der Hölle der. ach Gott! faft hätte ich meine Stel⸗ lung vergeſſen. Alles iſt fertig. Ich nahm Abſchied von meiner Schweſter, ihrem Manne und meinen Neffen. Pe⸗ lagie ſagt ihrer Tante Lebewohl; Madame von Ponchartrain will ihre Nichte nicht fortlaſſen und behauptet, ich habe keineswegs das Recht, ſie mit⸗ zunehmen. Ich muß beinahe Gewalt anwenden, um meine Frau den Händen der alten Tante zu entrei⸗ ßen, die ſogar droht, uns in Paris aufzuſuchen;. aber dort iſt kein Terrain für ſie: man ſpielt da⸗ ſelbſt des Morgens nicht Boſton. Jetzt ſind wir unterwegs und aus lauter Freude umarme ich meine Frau. Gerade ſeit ſechs Wochen bin ich nun verheirathet und fünf Monate ſind es, daß ich Paris verließ. Endlich ſehe ich ſie wieder, dieſe glänzende Stadt, und rufe:„Heil dir Stadt des Lärmens, Stadt des Kothes und des Rauches! Ich ziehe deinen Lärmen dem Geklatſche und den Kleinlichkeiten der“ Provinz deinen Koth dem Graſe, das in den ein⸗ ſamen Straßen eines Landftädtchens wächst, — 79 deinen Rauch jenen ſoliden Freuden, die ich übrigens nicht gefunden habe, vor.“ Siebentes Kapitel. Raimund tritt wieder auf. Wir ſfind in unſerer neuen Wohnung eingquar⸗ tirt. Sie iſt groß, bequem und ſehr gut eingetheilt. Gerade an mein Kabinet ſtößt ein Zimmer, in welchem ich leicht ein Bett aufſtellen laſſen könnte, falls meine Frau genirt wäre oder allein ſchlafen möchte. Man muß auf Alles Bedacht nehmen. Wir haben zwei Domeſtiken, eine Kammerfrau und eine Köchin; weiter ſind nicht nöthig. In den erſten vierzehn Tagen läßt mir Pelagie keinen Au⸗ genblick Ruhe. Ich muß ſie überall hinführen: auf Promenaden, ins Theater, in Concerte und zu Curiofitäten aller Art. Beſonders viele Zeit ver⸗ wendet ſie auf die Beſichtigung der Modewaaren⸗ handlungen. Die Wagen, die Toiletten, die jungen Herren, welche im Theater die Frauenzimmer ſo höchſt reſpekwoll belorgnettiren und ihnen verliebte Blicke zuſchleudern, ergötzen Madame Dorſan un⸗ gemein. Sie beginnt jetzt die Augen aufzuſchlagen und gleichfalls kleine unſchuldige Blicke um ſich zu werfen. O ich wußte wohl, daß dies ſo kommen würde. Ich kenne Paris; es bietet mir nichts Neues 80⁰ mehr, aber meiner Frau zu Liebe muß ich alle Straßen durchwandern, bis auf einen einzigen Ort. nach dem ich mich ſehne und vor dem ich mich fürchte. Beſtändig habe ich bisher eine gewiſſe Straße vermieden. Warum? Ich weiß es ſelbſt nicht recht.. aber ich möchte lieber allein dieſelbe durch⸗ wandeln; ich würde vielleicht meinen Commiſſionär wieder ſinden und könnte... doch nein, ich will ihn nicht mehr fragen... wvzu würde mir es auch nützen. Meine Frau ſchläft. Es iſt acht Uhr und um zehn Uhr werden wir erſt frühſtücken. Ich habe deß⸗ halb Zeit, einen Augenblick auszugehen. Ich will mein kleines Logis aufſuchen. Die Rue St. Honoré durchſtreifend, kann ich einem geheimen Gefühle, das mich nach Nicettens Blumenbude hindrängt, nicht widerſtehen. Ich gehe anfangs ſehr ſchnell, aber je näher ich dem verhängnißvollen Orte komme, deſto langſamer werden meine Schritte. Ich will nicht eintreten, will nicht mehr mit ihr ſprechsn⸗ aber doch möchte ich ſie ſeben. Vor der Bude ſtehen Blumentöpfe. Ich begebe mich jetzt auf die andere Seite der Straße, um nicht ihrer Wohnung zu nahe zu kommen⸗ ſie könnte ſonſt mit mir ſprechen und ich würde beim Klange ihrer Stimme wider Willen flehen bleiben. Endlich gehe ich vorbei und werfe einen raſchen Blick nach der Bude, ſehe aber meine Blumen⸗ händlerin nicht, ſondern nur ein Frauenzimmer von ganz gemeinem Geſichte, welches nicht im Minde⸗ 8¹ V ſten Nicetten gleicht. Jetzt nähere ich mich der Bude und das mir unbekannte Frauenzimmer fragt:„Will der Herr etwas kaufen?— Nein, nein,“ erwidere ich, raſch mich entfernend und auf den Platz meines Commiſſivnärs zueilend, denn ich möchte gerne Er⸗ kundigungen bei ihm einziehen. Er iſt nicht da, kommt aber endlich und erkennt mich ſogleich wieder: „Ihr Diener, mein Herr; wenn ich gewußt hätte, daß Sie da wären. ich habe Sie ſchon lange nicht geſehen, mein Herr.— Allerdings und ſeitdem...— O, es iſt eine große Veränderung vorgegangen! Die ſchöne Blumenhändlerin iſt nicht mehr da!— Nicht mehr?— Nein, mein Herrz ſie hat ihren Kram der Frau Thomas verkauft, die Sie dort ſehen.— Verkauft?— Ja, mein Herr, und ſehr gut verkauft; es heißt, Mamſell Nicette ſei reich geworden, habe geerbt.— Wo iſt ſie denn jetzt?— Meiner Treu, das weiß ich nicht; ſie hat nicht geſagt, wo ſie hingehe und ich ſehe ſie auch nicht mehr.— Und der Herr, welcher ſie jeden Lag beſuchte?— Iſt immer gekommen, aber gegen das Ende ſeltener.— Sollte er ſie entführt haben? — Ich weiß es nicht; doch ſcheint es mir, daß ſie ihre Bude aus eigenem Antriebe verkaufte.— Seit wann?— Ungefähr ſeit ſechs Wochen— Und Sie wiſſen nicht, wohin ſie gegangen iſt?— Nein, mein Herr.“ Ich bezahle den Commiſſionär und entferne mich, denn weitere Fragen wären unnütz. Nicette hat ihren Handel aufgegeben! Was iſt aus ihr Paul de Kock. X01V. 8² den? Was macht ſie jetzt? Sollte ſie mit Raimund leben? Das ſcheint mir nicht möglich. Hat er ihr wielleicht eine Wohnung gemiethet? Ich weiß nicht, was ich denken ſoll, und eile geradezu nach der Rue Florentin. Meine Portiere ſtößt, als ſie mich erblickt, einen Schrei der Ueberraſchung aus.„Ah! Sie hier, mein Herr! Wahrhaftig, wir haben Sie für todt ge⸗ glaubt! Wiſſen Sie, daß Sie bald ſeit ſechs Mo⸗ naten abweſend find!— Ich weiß es, Frau Du⸗ pont; geben Sie mir gefälligſt meine Schlüſſel. — Sogleich mein Herr, ſogleich... Ich habe für Ihr Zimmer gehörig Sorge getragen und Ihre Möbel jeden Monat ausgeklopft..— O, dar⸗ über bin ich ganz beruhigt. Sagen Sie mir, wohnt Herr Raimund noch immer auf meinem Boden.— Nein, mein Herr; er hat uns verlaſſen, und da⸗ gegen..— Wiſſen Sie ſeine Adreſſe?— Ja⸗ mein Herr; er wohnt jetzt in der Rue Pinon, bei der Oper, Nr.. ach Gott! ich hab's vergeſſen, es wird mir aber einfallen. Da ſind Ihre Schlüſſel, mein Herr.— Welche Nummer, Frau Dupont?— Verdammt! ich wußte es noch geſtern; aber die Straße iſt nicht lang.— Gottlob!— Warten„ Sie doch, da habe ich Ihnen einen Brief zu über⸗ geben; er iſt wenigſtens ſeit ſechs Wochen hier, aber ich wußte nicht, wohin ich Ihnen denſelben ſchicken ſollte.— Ein Brief!— Ja, ein junges Frauen⸗ 3 zimmer hat ihn gebracht.— Ein Frauenzimmer! Geben Sie her.— Hier, mein Herr.“ Ich 83 nehme den Brief und erkenne— Nicettens Schrift⸗ züge. Ich erbreche das Siegel und leſe Folgendes: „Mein Herr! Seit langer Zeit kamen Sie nicht mehr, und ich wußte nicht, warum Sie mich verließen. Das letzte Mal, als Sie mit mir ſprachen, kamen Sie mir erzürnt vor und ich glaubte, Sie ſeien böſe auf mich, ohne daß ich den Grund errathen konnte. Heute erfahre ich, daß Sie verheirathet ſind; nun dürfen Sie natürlich nicht mehr an mich denken, noch mit einer Blumenhändlerin ſprechen. Ich würde mir auch nicht erlauben, an Sie zu ſchreiben, wenn es nicht geſchähe, um von Ihnen Abſchied zu nehmen. Ich will meine Bude verkaufen und mich an einen Ort zurückziehen, wo ich allein ſein und meinem bekümmerten Herzen durch Thränen Luft machen kann. Ich habe von meiner Mutter und einer Tante, die mir ihr ganzes Vermögen hinterlaſſen hat, Vieles geerbt, mehr, als ich zu meinem Lebens⸗ unterhalte brauche; aber ich vergeſſe nicht, daß ich Ihnen Alles verdanke, daß Sie Mitleiden mit mir hatten, als Jedermann mich verließ und daß Sie mich aus der dürftigſten Lage befreiten; ach! ich werde es niemals vergeſſen! Leben Sie wohl, mein Herr; ich wünſche Ihnen alles Glück in Ihrer Ehe. Möge Ihre Frau Sie recht glücklich machen! ſie muß Sie innig lieben!... Leben Sie wohl, mein theurer Wohlthäter. Nicette.“ Ich küſſe Nicettens Brief, lege ihn dann ſorg⸗ 84⁴ fältig zuſammen und ſchicke mich an, wieder zu meiner Frau zurückzukehren. Auf einmal klopft mir Jemand auf die Schulter; ich kehre mich um und erblicke— Raimund. „Ah! Sie hier, mein lieber Freund!— Guten Tag, Herr Raimund.— Sie find alſo jetzt wieder in Paris.— Wie Sie ſehen.— Achl ich glaube Sie ſchon ſeit hundert Jahren nicht mehr geſehen zu haben.— Ich verſichere Ihnen, daß ich ebenſo erfreut bin, Sie zu treffen.— Ich muß Ihnen vor Allem zu Ihrer Heirath Glück wünſchen; ich hörte, Sie hätten eine ſehr gute Partie gemacht und eine ausgezeichnet ſchöne Frau bekommen.— Ah! Sie wiſſen es?— Ja, einer meiner Freunde, der durch Melun reiste, hat mir Alles erzählt, Sie müſſen denſelben in Geſellſchaft geſehen haben Herr Reignier.— Allerdings, ich glaube mich zu erinnern.— Nun, dieſer hat mir Alles geſagt. Ah! ich war faſt böſe auf Sie und ſagte: wie, mein lieber Dorſan, mein Freund hat geheirathet, ohne mich es wiſſen zu laſſen, mich, der ich ſo großen Theil an ſeinem Glücke nehme.— Sie ſind ſehr gütig, aber meine Frau wartet und ich kann mich nicht länger aufhalten.. Dennoch möchte ich gerne mit Ihnen plaudern... Wollen Sie nicht ein Früh⸗ ſtück bei mir annehmen?— Wie, ob ich will?— Ich werde Sie meiner Frau vorſtellen.— Ich bin entzückt, ihre Bekanntſchaft zu machen.“ Ratmund begleitet mich. Meine Frau war nicht unruhig, denn ſie hat bei meiner Zurückkunft ſchon 85⁵ gefrühſtückt. Ich ſtelle ihr Raimund vor, der ſich in Huldigungen und Galanterien ergießt, die eigent⸗ lich Pelagie langweilen ſollten; aber geiſtloſe Frauen⸗ zimmer legen den größten Werth auf Complimente; bei ſolchen kann man mit Gemeinplätzen liebens⸗ würdig ſein und darin iſt Raimund unerſchöpflich. Die ganze Unterhaltung dreht ſich um die An⸗ nehmlichkeiten von Paris und ich ſehe wohl, daß ich dieſen Morgen mit Raimund nicht von Nicette ſprechen kann, denn meine Frau iſt immer zugegen. —„Wo wohnen Sie?“ frage ich ihn.„Rue Pinon, Nr. 2, ich habe mein altes Logis verlaſſen; da Sie nimmer mein Nachbar waren, langeweilte ich mich dort.— Ich will Sie beſuchen.— O, geben Sie ſich dieſe Mühe nicht. ein Junggeſelle iſt ſelten zu Hauſe; ich werde zu Ihnen kommen und wenn Sie erlauben, manchmal Ihrer Frau Gemah⸗ lin den Hof machen.— Das wird uns ſehr ange⸗ nehm ſein.— Aber ich muß Sie jetzt verlaſſen. Ich habe dieſen Morgen drei Rendez⸗vous; dies machen die vielen Bekanntſchaften. keinen Augenblick freie Zeit! Adien, mein lieber Freund; Madame, ich lege Ihnen meine unterthänigſte Huldigung zu Füßen.“ Raimund entfernt ſich, ganz vergnügt über ſein letztes Compliment. Er iſt noch immer der Alte. —„Dieſer Herr iſt ſehr liebenswürdig,“ ſagt Pela⸗ gie, nachdem er weggegangen iſt. Bei meiner Frau nimmt es mich nicht Wunder, daß ſie Raimund liebenswürdig findet aber Nicette!... 86 Am nächſten Tage ſuche ich Raimunds Wohnung aufz er iſt nicht zu Hauſe, ſondern bereits ausge⸗ gangen.„Logirt er allein?“ frage ich die Portiere. —„Ja, mein Herr, ganz allein.“ Ich laſſe meinen Namen bei der Portiere zu⸗ rück; dies wird Raimund bewegen, mir einen Be⸗ ſuch abzuſtatten und vielleicht kann ich alsdann mit ihm unter vier Augen von Nicette ſprechen. In der That kommt er auch wirklich den andern Morgen, außerordentlich entzückt über die Aufmerkſamkeit, welche ich ihm ſchenkte. Ich lade ihn ein, ohne Weiteres mit uns zu diniren; er vrückt mir die Hand und ich leſe in ſeinen Augen, daß er das Anerbieten nicht ausſchlägt. Die Mahl⸗ zeit würzt mein Nachbar mit ſeinen gewöhnlichen Trivialitäten. Nach dem Eſſen ſchlage ich den Beſuch des Theaters vor und mein Vorſchlag wird ange⸗ nommen. Während nun meine Frau ihre Toilette macht, bin ich mit Raimund allein. Unvermerkt lenke ich das Geſpräch auf ſeine Er⸗ oberungen.—„Apropos,“ frage ich ihn,„wie weit ſind Sie mit der jungen Blumenhändlerin ge⸗ —— kommen?— Wie! mit der kleinen NRicette?— Ja, der ſie jeden Abend den Hof machten.— O, das iſt ſchon lange aus und ich denke nicht mehr daran; ich habe unterdeſſen ſo viele Andere gehabt!— Sie war alſo Ihre Maitreſſe?— Ja, drei oder vier Tage, und dann habe ich ſie aufgegeben.— Sie ſehen ſie nicht mehr?— Rein, ich weiß nicht ein⸗ mal, wo ſie gegenwärtig iſt, denn ſie hat ihre Bude 87 verlaſſen. Ohne Zweifel wird ſie jetzt unterhalten. Dieſes Mädchen machte ſehr lächerliche Anſprüche: ſie wollte die Dame ſpielen, und das hat mich ge⸗ langweilt. Wenn ich eine Petite⸗Maitreſſe haben will, ſo wende ich mich an keine Blumenhändlerinz man muß immer ſeinen Rang behaupten. Ach! Ihre Frau, das iſt eine Schönheit, und dann, wie lie⸗ benswürdig! wie geiſtreich! Ich habe dies im erſten Augenblicke geſehen. Sie ſind ſehr glücklich, mein Freund!“ Während er von meiner Frau ſpricht, höre ich nimmer auf ihn, ſondern denke an Nicette. Er ſagte, ſie ſei ſeine Maitreſſe geweſen; ſollte dies wahr ſein? Ach! wenn ich ihn nicht bei ihr geſe⸗ hen hätte, ſo würde ich dieſe Angabe als eine ab⸗ ſcheuliche Lüge verwerfen. Ich kann alſo unmöglich erfahren, was aus ihr geworden iſt und werde ſie vielleicht niemals wieder ſehen. Jetzt erſcheint meine Frau wieder; ihre Toilette iſt beendigt. Raimund bietet ihr den Arm; ich gebe Pelagie ein Zeichen, denſelben anzunehmen. Wir gehen miteinander ins Theater und mein Nachbar unterhält ſich die ganze Zeit über mit meiner Frau aufs Lebhafteſte. Zu Ende des Schauſpiels kehrt Jedes nach Hauſe zurück. Ich möchte jetzt wohl ein abgeſondertes Schlafzimmer haben, aber ich wage es nicht vorzu⸗ ſchlagen. Ich bin heute ſehr übel gelaunt. Frau ſpricht nichts, aber ich wette, daß ſie Rai⸗ mund weit liebenswürdiger ſindet als mich. Welche 88 Albernheit, wenn ſich zwei in ihrer Denkart und Gefühlsweiſe ganz verſchiedene Menſchen miteinan⸗ der verbinden! Ich ſage mir das jeden Tag vor und jeden Tag werde ich gleichgültiger gegen meine Frau. Während ſie ſich mit Raimund unterhält, gehe ich oft nach meiner kleinen Junggeſellenwoh⸗ nung, arbeite daſelbſt und denke an glücklichere Zei⸗ ten, wo ich noch ein Orangenblütenbouquet in mei⸗ nem Schlüſſelloche fand. Damals hätte ich glücklich werden können, aber ich wußte mein Glück nicht zu hörig zu würdigenz jetzt ſind dieſe Augenblicke vor⸗ über und jetzt erſt fühle ich ihren vollen Werth⸗ be⸗ ſonders wenn ich von meinem kleinen Logis aus zu meiner Frau zurückkehre. Achtes Kapitel. Das hätte ich mir denken können. Obwohl ich erſt ſeit einem Jahre verheirathet vin, habe ich doch ſchon alle Manieren eines alten Ehemanns. Morgens gehe ich nicht mehr mit mei⸗ ner Frau aus; ſie kennt jetzt Paris eben ſo gut als ich und bedarf meiner Begleitung nimmer. Rai⸗ mund iſt Hausfreund und Pelagie findet an ſeiner Unterhaltung den größten Gefallen; ſie kann kaum ohne ihn leben. Jeden Abend gibt ſie Geſellſchaft, während ich nach meinem kleinen Logis gehe. Es iſt vielleicht ein Fehler von meiner Seite, daß ich 89 meiner Frau ſo viele Freiheit einräume, beſonders da ſie auch in Putzſachen zu viel Geld verſchwendetz aber ich ſchweige, um die kleinen Wortwechſel zu vermeiden und wenigſtens den Frieden zu er⸗ halten. Seit einiger Zeit beſucht meine Frau häufiger als je Bälle und Reunionen, von denen man erſt ſehr ſpät nach Hauſe zurückkehrt. Ich mißgönne ihr kein Vergnügen, fürchte, der Mißbrauch derſel⸗ ben möchte ihrer Geſundheit ſchaden und mache ihr deßhalb einige Vorwürfe, die übrigens etwas ſpitzig beantwortet werden. Ein Wortwechſel entſpinnt ſich und Madame ſpricht in einem Tone, den ich nie bei ihr vernahm, denn die ſonſt ſo furchtſame und beſcheidene Pelagie verlangt zuletzt ein eigenes Schlafzimmer, um ungenirter zu ſein. Sogleich laſſe ich ein Bett in das an mein Ka⸗ binet ſtoßende Gemach ſtellen, welche durch einen Salon, eine Antichambre und ein Mufikkabinet von dem Zimmer meiner Frau getrennt iſt. Raimund, der dieſe neue Anordnung ſieht, nennt ſie ausge⸗ zeichnet gut und ſagt, dies habe uns nur noch ge⸗ fehlt, um eine muſterhafte Ehe zu führen. Pelagie verſchleudert beträchtlich viel Geld. Um ihren Thorheiten ein Ziel zu ſetzen, begleite ich ſie wieder in die Geſellſchaften. Raimund beeifert ſich, ſeine angebliche Freund⸗ ſchaft gegen uns auf jede Weiſe an den Tag zu le⸗ gen. Oefters hat er die Gefälligkeit, meine Frau nach Hauſe zu führen, wenn ich nicht ſo ſpät aus⸗ 90 vleibe wie ſie, und da wir nimmer bei einander ſchlafen, ſo kann Madame Dorſan heimkommen, wenn es ihr beliebt, ohne daß ich es weiß. Ich fürchte indeß, ihre ſehr zarte Bruſt möchte durch dieſe beſtändigen Nachtwachen leidend werden. Morgen will ſie wieder einen Ball beſuchen, und ich rathe ihr, zu Hauſe zu bleiben; aber ſie hört nicht auf mich. Nun, ich werde ſie begleiten und frühzeitig wieder heimführen. Raimund veſucht in unſerer Geſellſchaft gleich⸗ falls dieſe Soirée, die ſehr zahlreich und zugleich ſehr glänzend iſt. Um Mitternacht ermahne ich, ge⸗ ſättigt von Staub, meine Frau zur Heimkehr „Wie! mein Herr,“ erwidert Pelagie,„ich ſollte im angenehmſten Augenblicke gehen? O, ich bleibe da bis zu Ende des Balles. Sie können ſchlafen gehen, Herr Raimund wird mich nach Hauſfe führen.“ Was läßt ſich einer ſolchen Entſchloſſenheit ent⸗ gegenhalten? Ich nähere mich Raimund; er kommt aber meinen Wünſchen zuvor:„Mein lieber Freund, wenn Sie müde ſind, ſo gehen Sie nach Hauſe; ich werde Ihre Frau Gemahlin heimbegleiten.— So? Gut; Sie erweiſen mir einen Gefallen.“ Ich gehe nach Hauſe und lege mich zu Bette. Ich mag etwa drei Stundtn geſchlafen haben, als ich aus einem mir unbekannten Grunde aufwache. Meine Uhr ſchlägt drei. Ich möchte doch wiſſen, ob meine Frau heimgekommen iſtz gewöhnlich kümmere ich mich nicht darum, heute aber habe ich für ihre Ge⸗ ſundheit bange. Wenn ſie ſich nicht ſchont, ſo kann — 91 es ernßlliche Folgen nach ſich ziehen und obgleich ich ſie nicht liebe, ſo iſt es doch meine Pflicht, über ihr Leben zu wachen. Dieſer Gedanke läßt mich nimmer einſchlafen. Ich habe einen Schlüſſel zu ihrem Zimmer; dieſen nehme ich und gehe leiſe durch den Salon bis an die Thüre ihres Schlafgemaches. Ich bemerke Licht durch das Schlüſſelloch, und völlig zufriedengeſtellt will ich mich ſchon entfernen, als ich ſprechen höre. Mit wem kann ſie wohl plaudern? Die Domeſtiken ſchlafen. Ich höre es immer noch, kann aber nichts deut⸗ lich unterſcheiden.. Indeß kommt mir dieſe Stimme bekannt vor.. Tauſend Gedanken durchkreuzen meinen Kopf. Sachte drehe ich den Schlüſſel um, trete raſch ein und erblicke Raimund bei meiner Frau. Vor Staunen kann ich mich einen Augenblick gar nicht rühren... Raimund iſt aus dem Bett ge⸗ ſprungen„. Er läuft wie ein Beſeſſener in dem Zimmer umher und findet ſogar die Thüre nimmer, während doch zwei derſelben vorhanden find. Ich kann nicht unterlaſſen, ihm einen Fußtritt zu ver⸗ ſetzen, wovon er zu Boden flürzt, bald jedoch be⸗ reue ich meine Unklugheit. Wozu denn Lärmen ma⸗ chen? damit das ganze Haus meine Schande er⸗ fährt? Dies würde mir noch fehlen. Ich hebe Rai⸗ mund auf, ſchiebe ihn zur Thüre hinaus und gebe ihm noch ein Licht, damit er ſich auf der Treppe den Hals nicht breche. Unmöglich kann man höflicher ſein:„Morgen ſehen wir uns;“ rufe ich ihm nach; wahrſcheinlich aber hört er mich nicht. 92 Meine Frau iſt liegen geblieben und rührt ſich nicht.„Sie ſehen,“ ſage ich zu ihr,„ich will kei⸗ nen Scandal anfangen; indeß bin ich durchaus nicht Willens, noch länger bei Ihnen zu bleiben. Ich will Ibre Laſterhaftigkeit zwar verbergen⸗ aber nicht Zeuge davon ſein. Von nun an werden wir ge⸗ trennt leben, weil keine Scheidung ſtattfinden kann. Man wird vielleicht das Unrecht mir aufbürden und ſagen, ich habe Sie unglücklich gemacht und verlaſ⸗ ſen, aber um das Gerede der Leute kümmere ich mich wenig. Sie haben Ihr Vermögen, ich das meinige und fortan ſoll keine Gemeinſchaft mehr zwiſchen uns ſein.“ Pelagie ſpricht kein Wort; ich glaube faſt, ſie iſt unterdeſſen wieder eingeſchlafen. Ich nehme ein Licht, verſchließe ihre Thüre und trete in mein Zim⸗ mer. Von Schlafen kann bei mir jetzt keine Rede ſeinz ich packe deßhalb meine Effekten zuſammen, um mit Anbruch des Tages ein Weib, das ich erſt vor acht⸗ zehn Monaten heirathete, für immer verlaſſen zu können. Ein ſolches Ende nimmt alſo dieſe„ſchöne Partie,“ dieſe„glückliche Ehe.“ Sobald der Tag graut, gehe ich auf die Straße hin ab, hole einen Commiſſionär und laſſe alle meine Effekten hinwegtragen. Nun will ich wieder als Junggeſelle leben. k Vie froh bin ich jetzt, daß ich mein kleines Lo⸗ gis noch habel es ſcheint faſt, als hätte ich geahnt, 4 daß ich es eines Tages wieder bewohnen würde. Als Frau Dupont die Pakete erblickt, welche man 93 vringt, fragt ſie mit boshafter Miene:„Will der Herr jetzt zu Hauſe ſchlafen?— Ja, Frau Dupont. Von nun an werde ich leben wie früher.“ Nach Beendigung dieſes Geſchäftes ergreife ich meine Piſtolen und verfüge mich nach Raimunds Wohnung.„Wohin gehen Sie, mein Herr?“ fragt die Portiere, als ſie mich die Treppe hinaufrennen ſieht.—„Zu Herrn Raimund.— Ei, Sie wiſſen alſo nicht, daß er abgereist iſt?— Wie! abgereist? — Ganz gewiß; er iſt nicht einmal zu Bette gegan⸗ gen, ſondern hat noch dieſe Nacht ſeine Effekten zu⸗ ſammengepackt, ſeinen Miethzins bezahlt und mich mit dem Verkaufe ſeiner Möbel beauftragt. O, ich weiß nicht, was ihm begegnet iſt! aber er ſah ſo verſtört aus, daß ich ihn anfangs für wahnſinnig hielt; auch eilte er dermaßen, daß er ſogar höchſt nothwendige Sachen zurückließ. Ich weiß nicht ein⸗ mal, wohin er geflohen iſt.— Der Feige! wehe ihm, wenn ich ihm je wieder begegne! Aber der Kerl iſt im Stande, Paris ganz verlaſſen zu haben.“ Ich verlaſſe Raimunds völlig verblüffte Portiere und kehre nach der Rue St. Florentin zurück, um in meiner kleinen Wohnung Alles zu ordnen und wieder meine alte Lebensart anzunehmen. Neuntes Kapitel. Meine Nachbarin. Nach einigen Tagen habe ich meine Ruhe wie⸗ der erlangt; auch meine verlorene Fröhlichkeit ſcheint 94 ſich wieder einzuſtellen. Manchmal halte ich mich ſogar noch für einen Junggeſellen, und jetzt, da ich keine Frau mehr habe, iſt es am Beſten, wenn ich vergeſſe, daß ich verheirathet bin. Wie vorauszuſehen war, wirft man den erſten Stein auf mich Meine Schweßer ſchreibt mir in einem Briefe, es ſei abſcheulich, daß ich meine Frau verlaſſen habe, ich müſſe mich durchaus wieder mit ihr verſöhnen; Madame von Ponchartrain ſei wü⸗ thend und Pelagie verlange unaufhörlich Geld. Als Antwort ſchreibe ich meiner Schweſter die näheren Umſtände unſerer Trennung und bitte ſie, dieſelben geheim zu halten. Sie wird es nicht thun; aber zu Melun mag man immerhin wiſſen, daß ich ein Hahnrei bin, denn ich habe keine Luſt dahin zurück⸗ zukehren. 1 Bereits habe ich meine alte Lebensweiſe wieder angefangen, nur mit Hinweglaſſung früherer Thor⸗ heiten; aber ich muß mich einſchränken und ſparen; meine werthe Frau verſchleudert ihr Vermögen ſo raſch, daß ſie vorausſichtlich bald meine Hülfe an⸗ ſprechen wird und dann muß ich ihr eine Penſion ausſetzen. 3 Die Ruhe, die ich in meiner beſcheidenen Woh⸗ nung genieße, thut mir recht wohl, und ich merke deutlich, daß Raimund nicht mehr mein Nachbar iſt. Dennoch möchte ich ihn treffen; bisher aber ſuchte ich in Paris vergebens nach ihm. Gewiß hat er die Stadt verlaſſen. Was für eine Nachbarſchaft habe ich denn eigent⸗ 4 lich jetzt? Ich ſah noch Niemanden aus⸗ und ein⸗ gehen. Es muß ein rechter Stubenhocker ſein; ich bin gerade nicht neugierig, wünſchte aber doch mei⸗ nen Nachbar zu kennen und will mich deßhalb bei Frau Dupont erkundigen. „Frau Dupont, haben Sie mir nicht geſagt, das Logis, welches ſonſt Raimund bewohnte, ſei ver⸗ miethet?— Gewiß, mein Herr; es ſtand keine acht Tage lang leer; man hat es ſogleich bezogen.— Aber ich ſehe doch keine Seele aus⸗ und eingehen und höre auch kein Geräuſch.— O, dieſe Perſon iſt ſehr ruhig, geht niemals aus und empfängt auch keinen Beſuch. Es geſchieht nicht aus Armuth, ſondern ſie ſcheint ſich eben nicht amüſiren zu wol⸗ len.— Es iſt eine Dame?— Ja, mein Herr; und was ihre Ehrbarkeit und ihre Sitten anbelangt, ſo läßt ſich nicht das Mindeſte dagegen ſagen.— Iſt es eine alte Frau?— Keineswegs, mein Herr, ſondern ein junges und ſehr ſchönes Frauenzimmer. — Wie! ſie iſt ſchön?— Ja, ſehr ſchön, ſo viel ich wegen des großen Hutes, den ſie befländig trägt, ſehen konnte.— Eine junge und ſchöne Frau allein! ohne Liebhaber! ohne Mann!— Sie will von Nie⸗ manden etwas, ſonſt würde ich es wohl wiſſen.— Aber ſie geht doch manchmal aus?— Morgens in aller Frühe, um ihren Bedarf einzukaufen„Sie ſchlafen alsdann noch und können ihr nicht begegnen. Nachher rührt ſie ſich nimmer.— Sonderbar!— Ich wollte ſchon hie und da mit ihr plandern, aber ſie ſpricht nicht: es laſſen ſich keine zwei Worte aus 96 ihr herauspreſſen; da ſie jedoch ſehr eingezogen lebt und ihren Miethzins richtig bezahlt, ſo hat dies nichts zu bedeuten. Uebrigens glaube ich, man ſollte die Leute zwingen, anzugeben, was ſie find.“ Ich kann nicht umhin, über die Reflexion meiner Portiere zu lächeln. Was ich von meiner Nach⸗ barin hörte, ſtachelt meine Neugierde; ich hätte veinahe Luſt, ihre Bekanntſchaft zu ſuchen, aber warum dieſes junge Frauenzimmer beläſtigen? Sie liebt die Welt nicht und hat vielleicht ihre Gründe, dieſelbe zu fliehen: alſo Achtung vor ihrer Ein⸗ ſamkeit! Geſellſchaften beſuche ich nicht mehr, um meiner Frau nirgends zu begegnen, die, von jungen Leuten umſchwärmt, ihr ausſchweifendes Leben fortſetzt. Die Zeit vergeht mir ſehr ſchnell. Schon bin ich ſeit drei Monaten Junggeſelle. Meine Unterhaltung 1 bilden Bücher und Muſik, dieſe Troſtquellen für Betrübte. Auch ſchwebt Nicettens Bild immer noch meiner Seele vor. 3 Von Melun erhalte ich keine Nachrichten mehr; man läßt mich endlich in Ruhe. Durch dienſtfertige Freunde, die ſich uns öfters gegen unſeren Willen aufdrängen, erfahre ich von Zeit zu Zeit, daß Ma⸗ dame Dorſan nicht tugendhafter wird. um Pelagie immer aus dem Wege zu gehen, mache ich manchmal Landpartien, aber gerade an diejenigen Orte, welche die vornehme Welt nicht beſucht. Von einer ſolchen Partie zurückkehrend⸗ 5 finde ich eines Abends in dem Schlüſſelloche meiner 97 Zimmerthüre wieder ein Orangeblütenbouquet, ganz denen ähnlich, welche ich ſonſt von Nicette erhielt. O gewiß, keine Andere hat es mir geſchickt; ſie iſt alſo doch in Paris, denkt noch an mich, liebt mich noch immer! Während ſich ſolcherlei Gedanken in meinem Kopfe kreuzen, unterſuche ich das Bouquet, ob ihm nichts Geſchriebenes beigelegt iſt; ich finde aber gar nichts. Nun, ich will Frau Dupont fragen, wer an meiner Thüre geweſen ſei. Ohne an meine Müdigkeit zu denken, ſteige ich raſch die Treppe hinab und trete bei der Portiére ein.„Hat Jemand zu mir gewollt?— Rein, mein Herr.— Wie! man hat nicht nach mir gefragt. eine junge Dame?— Ich verſichere Ihnen, mein Herr, daß ich Niemand geſehen habe.— Ach! Sie ſehen nie Etwas; ſonſt bemerkten Sie auch nichts! — Vie, mein Herr?— Es iſt doch Jemand ge⸗ kommen... ich habe dieſes Bouquet in meinem Schlüſſelloche gefunden.— Sehr kurios! man kann ſich in der Thüre geirrt haben.— Geirrt? nein, man hat ſich nicht geirrt, ſie iſt da geweſen.— Sie! wer denn?— Deffnen Sie mir, Frau Du⸗ pont.— Wiel mein Herr, Sie wollen jetzt aus⸗ gehen. warten Sie doch, bis das Ungewitter vorüber iſt... es regnet ſo ſtark.— Oeffnen Sie mir, ſage ich!“ Die Portiere wagt keine weitere Bemerkung. Ich gehe, weiß aber nicht, wohin.. Doch ich will Erkundigungen über Nicette einziehen und laufe Paul de Kod. XCIV. 7 98 deßhalb nach der Rue St. Honoré; aber die Bude, welche ehemals ihr gehörte, iſt geſchloſſen. Ich klopfe und erhalte keine Antwort. In dem gegen⸗ über befindlicheu Café weiß man mir auch keine Auskunft über Nicette zu geben, eben ſo wenig in dem Hauſe, wo ihre Mutter ſonſt wohnte. Ohne Hoffnung, je zu erfahren, was aus Nicette geworden iſt, kehre ich ganz verſtimmt nach Hauſe zurück, und am nächſten Morgen liege ich in Folge einer Erkältung am heftigſten Fieber darnieder. Mein Kopf brennt, mein Gaumen iſt trocken; überall Symptome einer bedeutenden, gefährlichen Krankheit. Wer wird mich pflegen? Wer wird bei mir wachen? Meine Verwandten ſind nicht in Paris, ich muß mich alſo ſchon auf fremde Leute verlaſſen. Neun Tage lang weiß ich nicht, wer um mich iſt, denn ich höre und ſehe nichts. Erſt nach Verfluß dieſer Zeit ftellt ſich eine glückliche Kriſis ein, ich bin gerettet; das Fieber läßt nach; ich bedarf jetzt nur noch einer ſorgfältigen Pflege und der Ruhe. Ich öffne die Augen ein wenig und blicke mit Mühe umher. Frau Dupont ſteht an meinem Bette. „Bin ich lange im Delirium gelegen 2“ frage ich ſie.—„Neun Tage, mein Herr; o Sie waren ſehr krank, bis auf den Tod! Aber dem Himmel ſei Dank, jetzt ſind Sie gerettet und haben nur noch Ruhe nöthig. Ach! warum find Sie doch bei jenem Unwetler ausgegangen! Wie unbeſonnen! Aber jung Leute wollen niemals einen Rath annehmen. 99 und vann vollends ein Bouquet ſich unter die Naſe legen, wenn man ſchläft. wie thöricht!— Was hat man mit dieſem Bougquet gemacht?— Es iſt da drüben in dem anderen Zimmer; ſeien Sie un⸗ beſorgt, Sie werden es wieder erhalten.— Wer hat während meiner Krankheit bei mir gewacht?— Ich und dann„. die Nachbarin.— Die Nach⸗ barin!— Ja, die Dame auf Ihrem Stocke. O ſie trug alle erdenkliche Sorgfalt für Sie. Sobald ſie hörte, daß Sie krank wären, wollte ſie Ihre Wär⸗ terin ſein, und meiner Treu! wenn ſie ſchon ihr ganzes Leben hindurch Kranke gepflegt hätte, ſie hätte es nicht beſſer machen können.— Wo iſt ſie denn, damit ich ihr danken kann?— O⸗ Sie kön⸗ nen ihr ſpäter danken; ſie iſt in ihrem Zimmer... Aber Sie ſprechen ſo viel und der Arzt hat es ver⸗ boten.. Schlafen Sie, mein Herr, ſchlafen Sie⸗ dies wird Ihnen wohlthun.“ Frau Dupont zieht meine Bettvorhänge zu und gibt mir keine Antwort mehr. Ich begreife das Benehmen dieſer Dame nicht, habe jedoch noch nicht die Kraft, lange darüber nachzudenken. Ich ſchlafe o wieder ein mit dem Wunſche, ſie bald zu ſehen. Gegen Abend wache ich aufz es iſt Jemand bei mir bei einer Bewegung, die ich mache, will man ſich raſch entfernen, aber die Zeit reicht nicht mehr hin. Meine Augen begegnen den ihri⸗ gen ich erkenne ſie„es iſt Nicette! Ich ſtoße einen Schrei aus; ſie kehrt ſich nach mir um.—„O, ſprechen Sie doch,“ rufe ich,„ſpre⸗ 100 chen Sie doch, damit ich gewiß weiß, daß Sie es ſind.— Ja, ja, ich bin's, es iſt Ihre Nicette.. Ach! Herr Dorſan, ich bitte Sie, reden Sie nicht mehr, man hat es Ihnen verboten. Ich wollte mich deßhalb nicht ſehen laſſen.— Theuerſte Ni⸗ cette, ach! iſt Ihr Anblick nicht heilbringender als alle Arzneien? Sie ſind es! ja, Sie find es!“ Ich ergreife ihre Hände und drücke ſie an mein Herz; ich kann nicht mehr ſprechen. Sie ſucht mich zu beruhigen, aber ſie iſt eben ſo bewegt als ich. Ihre Thränen fließen und fallen auf mich herab; wie ſüß ſind ſie für uns Beide! „Alſo Sie, Nicette, haben mich während meiner Krankheit gepflegt?— War es nicht meine Pflicht? Hätte ich dieſe Sorge anderen Leuten überlaſſen ſollen?— Sie waren alſo meine Nachbarin?— Ja, mein Herr.— Grauſame! und Sie haben ſich vor mir verborgen!— Ich glaubte nicht, daß mein Anblick Ihnen Freude machen würde.— Sie glaub⸗ ten es nicht!— Sie ſind verheirathet.— Sie ſehen wohl, daß ich nicht mehr bei meiner Frau wohne.— Ich wagte es nicht, mich bei Ihnen zu zeigen, aus Furcht, Sie möchten dieſe Wohnung verlaſſen.— Welcher Gedanke, Nicette!— Ich konnte indeß dem Verlangen, mich in Ihre Erinne⸗ rung zurückzurufen, nicht widerſtehen, und deßwe⸗ gen haben Sie dieſes Bouquet gefunden.— Ihm verdanke ich alſo das Glück, Sie wiedergefunden zu haben! Ich bitte Sie, Nicette, verlaſſen Sie mich nicht mehr.— Rein, mein Herr, ich werde 101 Sie nie mehr verlaſſen, wenn Sie es mir erlau⸗ ben; aber beruhigen Sie ſich jetzt und ſprechen Sie nicht mehr.“ Ich gebe ihren Bitten nach, denn ich verdanke ja ihrer Sorgfalt das Leben. Mit jedem Tage macht meine Geneſung größere Fortſchritte; um mich aber ganz wohl zu befinden, muß Ricette in meiner Nähe ſein; nun, ſie darf mich auch nicht mehr verlaſſen. Sie ſcheint über die Gefühle, welche ich gegen Sie an den Tag lege, ganz entzückt; ich leſe es in ihren Augen, ſie liebt mich noch immer. Nur verdüſtert zuweilen der Gedanke an Raimunds Verhältniß zu Nicette die ſeligen Augenblicke, welche ich bei ihr zubringe⸗ Sie hat dieſen plötzlichen Uebergang von der Freude zur Traurigkeit bemerkt und erlaubt ſich deßhalb eine Aeußerung varüber.„Sie denken ge⸗ wiß an Ihre Frau.— RNein,“ erwidere ich, ſie ſanft anblickend,„ich denke an Raimund.— An Herrn Raimund„ und deßhalb ſeufzen Sie?— Sie wundern ſich darüber? Hat er mir nicht das köſtlichſte der Güter geraubt?— Was wollen Sie damit ſagen? Ich verſtehe Sie nicht.— Ach! Ni⸗ cette, Sie haben ihn geliebt und verſtehen mich nicht!— Ich habe ihn geliebt? Großer Gottl wer hat Ihnen das geſagt?— Ich habe es geſehen und weiß, daß er Ihr Geliebter war.— Mein Gelieb⸗ ter! O Himmel! ich bin alſo verächtlich in Ihren Augen! und Sie haben es geglaubt!“ Thränen erſticken ihre Stimme, ſie kann nicht 102 mehr ſprechen. Ich laufe auf ſie zu, ſchließe ſie in meine Arme und bedecke ſie mit Küſſen; ſchon der Gedanke, daß Raimund mich angelogen hat, iſt ein Glück. „Nicette, liebe Nicette, antworten Sie mir... Aber wie kommt es? Ich ſah ihn doch bei Ih⸗ nen er ergriff Ihre Hände, Sie haben es ſelbſt zugeſtanden..— Ach! können Sie glauben, daß ich je einen Anderen liebte, als Sie! ich, die ich mein Leben für Sie geben würde! ich, die ich, ſeit ich Sie zum erſtenmale ſah, nur an Sie dachte! Ach, verzeihen Sie meine heftige Liebe zu Ihnen; es veleidigt Sie vielleicht, aber ich muß Ihnen endlich mein Herz eröffnen.. Als ich noch meinen Blumenladen bewohnte, beſtand mein einziges Glück darin, Sie zu ſehen.. Jeden Tag erwartete ich Sie, oder hoffte wenigſtens, Sie vorbeigehen zu ſehen. aber es kam ſehr ſelten vor. Ich brachte Ihnen Bouquets, als Beweiſe meiner Dankbarkeit, und benützte den Augenblick, wo die Portiere ge⸗ rade nicht da war, um dieſelben an Ihrer Thüre zu befeſtigen. Manchmal ſah ich Sie mit einer Dame am Arme vorbeigehen; ich weinte alsdann, denn ich dachte: nie werde ich wie dieſe mit ihm gehen. Wenn ich Sie längere Zeit nicht ſah, ſo wünſchte ich nichts ſehnlicher, als Nachricht über Sie zu erhalten; aber ich wagte niemals, zu Ihnen zu kommen. Eines Tages kaufte mir Herr Rai⸗ mund Blumen abz er kannte mich ohne Zweifel und kam den andern Morgen wieder. Während er — 103 meine Blumen betrachtete, machte er mir Compli⸗ mente, aber ich hörte nicht darauf. Er ſprach von Ihnen, o, alsdann hörte ich ihn ſo gerne an. Dies bemerkend, ſprach er jedesmal, ſo oft er kam, von Ihnen, und ich forderte ihn auch auf, länger zu bleiben. Er war die einzige Perſon, durch welche ich Nachricht über Sie erhielt. Was er mir ſagte, bekümmerte mich ſehr und doch wollte ich es hören. Er erzählte mir, Sie hätten zwan⸗ zig Maitreſſen, liebten alle Frauenzimmer und hät⸗ ton über mich geſpottet. Dann zeigte er mir die Bouquets, die ich Ihnen brachte und die Sie, wie er ſagte, ihm zum Präſent gemacht hätten.— Der Elende!... und Sie haben ihm geglaubt, Ricette? — Ach, als ich Sie mit jener Dame kommen ſah, welche Blumen kaufte, Sie ihren guten Freund nannte und ſich über mich luſtig machte, da mußte ich doch denken, daß Herr Raimund mir die Wahr⸗ heit ſage. Darüber wurde ich ſo bekümmert, daß ich nicht zu Hauſe blieb, ſondern ausging und einen Theil der Nacht hindurch herumlief, ohne zu wiſſen, was ich anfangen ſollte. Während dieſer Zeit find Sie gekommen. Den andern Morgen, als Sie zu⸗ rückkehren, waren Sie ſehr böſe und verließen mich raſch wieder. Ich wollte Sie zurückhalten⸗ wagte es aber nicht. Abends kam Raimund wieder und ſprach von Ihnen. Ich weinte, er wollte mich tröſten, er konnte meine Hände in die ſeinigen legen, ach! ich merkte es nicht, ſondern dachte nur an Sie. Den folgenden Tag kam er abermals und wollte von ſich ſelbſt ſprechen; er ſagte mir, daß er mich anbete, und tauſend andere Dinge; er ſprach indeß nicht mehr von Ihnen und ich ſchenkte ihm auch kein Gehör. Ich nahm keinen weiteren Beſuch mehr von ihm an; da ſchickte er mir einen langen Liebesbrief, worin er mich eine Grauſame und Boshafte nennt. Ich habe den Brief aufbe⸗ wahrt, um Ihnen denſelben zu zeigen. Endlich ließ er mich in Ruhe. Ich ſah Sie nicht mehr und ging deßhalb in dieſes Haus; hier erfuhr ich, Sie wären abgereist, hätten aber Ihr Logis beibehal⸗ ten. Dies gab mir Hoffnung auf Ihre Rückkehr. Eines Tages ging Raimund an meiner Bude vor⸗ bei und war ſo grauſam, mir zu ſagen, Sie hätten jetzt geheirathet. Ach! ich konnte nichts Anderes erwarten. Ich wußte, daß Andere Sie lieben müßten, und doch ward ich ſo traurig, daß ich nicht mehr den Muth hatte, meine Bude beizube⸗ halten. Zudem war ich vermöglich genug gewor⸗ den, um ohne dieſelbe leben zu können. Ich bin in dieſes Haus gekommen und habe gehört, das Logis auf Ihrem Stocke wäre vakant. Ich habe es ſogleich gemiethet, um in der Nähe des Zim⸗ mers zu ſein, wo ich jene Nacht zubrachte, die über mein Leben entſchieden hat. Als Sie endlich ſelbſt wieder ankamen, wagte ich nicht, Ihnen unter die Angen zu treten, weil ich glaubte, es möchte Ih⸗ nen unangenehm ſein. Dies iſt die Wahrheit: glau⸗ ben Sie jetzt noch, ich habe einen Anderen anße Ihnen geliebt?“ 105 Am Schluſſe ihrer Erzählung holt Nicette Rai⸗ munds Brief und bringt mir denſelben. Ich be⸗ durſte deſſen nicht, um ihr zu glauben, aber dieſer letzte Beweis überzeugt mich vollends, daß ich von Raimund zum Beſten gehalten worden war. Ach! wie ſüß iſt für mich dieſer Augenblick, in welchem ich Nicette meiner ganzen Liebe würdig wieder finde. Meinerſeits erzähle ich ihr gleichfalls ausführlich, was mir unterdeſſen begegnet iſt und wie ſehr mich der Gedanke ſchmerzte, daß ſie Rai⸗ munds Geliebte ſein könnte. Sie weint vor Freude und Liebe; ſie blickt mich an, ergreift meine Hände und legt ſie an ihr Herz⸗ „Sie liebten mich alſo und Sie lieben mich noch immer,“ ſagt ſie;„ach, wie glücklich bin ich!“ Die Erzählung von meiner Heirath und von Pelagie's Benehmen verſetzt ſie in das größte Er⸗ ſtaunen. Sie begreift nicht, daß meine Frau mich nicht lieben könne.„Theure Nicette, ohne dieſen elenden Raimund wäre ich noch freil Aber das Band, welches mich an Pelagie feſſelt, iſt von der Ratur zerriſſen, wenn auch nicht von den Menſchen.“ „Wiel“ ſagt ſie;„Sie werden nicht mehr zu Ihrer Frau zurückkehren?— Riemals. Dieſer Ent⸗ ſchluß ſtand unwiderruflich feſt, noch ehe ich Sie wieder gefunden hatte; Sie brauchen ſich deßhalb keine Vorwürſe zu machen.— Und Sie wollen⸗ daß ich bei Ihnen bleibe?— Ob ich es will! Könnte ich jetzt ohne Dich leben?— Ach! mein Herr, wie glücklich werde ich ſein?— Liebe Nicette, 106 nenne mich nicht mehr Herr Ich bin Dein Freund, Dein Geliebter... Du biſt die Welt für mich Nenne mich Eugen... Deinen Eugen!“ Während dieſer ſüßen Unterhaltung iſt der Abend verfloſſen.„Nun muß ich in mein Zimmer gehen,“ ſagt Nicette;„es iſt Zeit zum Schlafen; Du be⸗ darfſt auch der Ruhe.— Ach! das Glück hat mir die Geſundheit wiedergegeben!.. aber Du biſt meine Wärterin und darfſt mich nicht verlaſſen.“ Sie erröthet und blickt mich an, iſt jedoch nicht im Stande, mir etwas abzuſchlagen. Die Trunkenheit einer wahren Liebe habe ich noch nie gekoſtet und heute glaube ich erſt wirklich zu leben. Zehntes und letztes Kapitel. Große Ereigniſſe.— Schluß. Neue Tage brechen für mich anz bei Ricette verſtreicht die Zeit im Fluge und nur die Liebe bleibt. Täglich glaube ich ſie mehr zu lieben. Die arme Kleine fürchtet manchmal, ihr Glück möchte ein Traum ſein. Wie lebhaſt iſt unſere Freude! wie ſüß unſere Unterhaltung! Nicette iſt nicht mehr jene kleine Blumenhändlerin, wie ehemals. Seit ſie mich kennt, hat ſie ſich beſtändig Mühe gegeben, alle Manieren und Ausdrücke, die mir mißfallen könnten, abzulegen und dagegen Kenntniſſe zu er⸗ werben, welche ihr bisher mangelten. Während der — — 107 ganzen Zeit unſeres ſtillen Beiſammenwohnens hat ſie jeden Augenblick, in welchem ſie nicht um mich war, dem Studium geweiht. Jetzt drückt ſie ſich mit der größten Leichtigkeit aus; ihre Manieren find anmuthsvoll, ihre Tournüre einfach, aber an⸗ ſtändig und dabei nicht ſteif. Sie macht keine ſtrenge Miene wie Pelagie; aber ihre Haltung iſt ſittſam und ihr Blick ſanft. Ihre ganze Perſönlichkeit muß gefallen und ihr Herz.. ach ihr Herz iſt ein Schatz! Sechs Monate find vorübergegangen, wie ein Tag, ſeit ich Nicette wieder gefunden; unſer Glück wäre vollkommen, wenn ſie nicht manchmal trüb⸗ finnige Augenblicke hätte. Ich errathe ihren Schmerz. „Du biſt verheirathet,“ ſagt ſie öfters zu mir;„es iſt vielleicht nicht recht von mir, vdaß ich bei Dir wohne. Wenn Du mich eines Tags verachten wür⸗ deſt!... Liebe Nicette⸗ laß dieſe Grillen, die mein Herz betrüben. Die Welt mag denken und ſagen, was ſie will, ſie hat Unrecht, wenn ſie Dich läſtert. Muß man die Frau verachten, die ihren Mann hintergeht, oder die Geliebte, die ihrem Liebhaber treu bleibt?“ Eines Morgens, während wir gerade frühſtücken, wird heftig an meiner Thüre geklingelt. Nicette öffnet und kommt mit einem Frauenzimmer zurück, die ich kenne: es iſt Juſtine, Pelagie's Kammermädchen. Mein Blut erſtarrt; welche Rachricht wird ſie mir bringen?. „Mein Herr,“ ſagt Juſtine,„Ihre Frau Ge⸗ mahlin iſt ſehr krank; vor drei Tagen iſt ſie von 108 einem Ball heimgekommen und hat Blutbrechen gehabt. Man fürchtet für ihr Leben und ſie wünſcht Sie zu ſehen.“ Nicette erblaßt und wankt, holt aber dann ſo⸗ gleich meinen Hut. „Gehen Sie, mein Freund,“ ſagt ſie,„gehen Sie eilends Ihre Frau erwartet Sie. Ach! wenn es nöthig iſt, ſo bleiben Sie bei ihr und kommen Sie nicht wieder ſuchen Sie nur ihr Leben zu retten.“ Ich folge alsbald Juſtinen und betrete jenes Haus, in das ich nicht mehr zurückzukehren glaubte. Welche Veränderung iſt vorgegangen! welche Un⸗ ordnung herrſcht überall! Endlich komme ich in das Zimmer meiner Frau, nähere mich ihrem Bette und kann ſie kaum mehr erkennen. Dies iſt alſo jene einſt ſchöne Pelagie! Ich vergeſſe ihre Fehltritte und empfinde nur Mitleiden für ſie. Sie reicht mir die Hand.„Ich wollte Sie noch ſehen, ehe ich ſterbe,“ ſagt ſie mit erloſchener Stimme.„Eugen, vergeben Sie mir mein Ver⸗ brechen.. Sie ſehen, ich bin genug beſtraft. Wenn ich Ihnen gefolgt hätte, wäre ich jetzt nicht an dem Rande des Grabes!“ Ich will ſie tröſten und verſuche in ihrem Herzen die Hoffnung wieder anzufachen; aber es gelingt mir nicht: ſie fühlt nur zu gut, daß die zarteſten Keime ihres Lebens zerſtört ſind. Ich ſetze mich neben ſie. Der Tag vergeht, ohne daß eine Aenderung in ihrem Zuſtande einträte; 109 aber die Nacht iſt ſchrecklich und um fünf Uhr mor⸗ gens hat Pelagie aufgehört zu leben. Ich vergieße Thränen über der Aſche einer Frau, deren Leben ſo kurz und deren Glück ſo falſch war. Nachdem ich die Vorkehrungen, welche dieſes Ereigniß nothwendig macht, getroffen und die von meiner Frau contrahirten Schulden bezahlt habe, kehre ich zu Nicette zurück.„Was macht Deine Frau?“ fragt ſie.—„Sie lebt nicht mehr!— Ach! mein Freund laß uns weinen über ihr Schick⸗ ſal; ſie konnte durch Deine Liebe ſo glücklich ſein!“ Um mich zu zerſtreuen, faſſe ich den Entſchluß, mit Nicetten eine Reiſe zu machen. Dies wird ihre Bildung vollenden: der Anblick der Schweiz und Italiens iſt immer vortheilhaft für Jemand, der Verſtand und Gedächtniß beſitzt. Nicette iſt bereit, mir zu folgen. Ueberall wird ſie ſich in meiner Nähe glücklich fühlen; es iſt ihr gleichgültig, unter welchem Himmel und in welchem Klima wir leben. Nur in mir findet ſie die Quelle ihrer Freuden und ihres Glückes. Ach Ricette, liebe mich fortwährend ſo innig! Wenn Du mich je ver⸗ rathen könnteſt, dann dürfte man kein Weib mehr lieben und Keiner mehr glauben! Vir reiſen in einer Berline ab, die ich gekauft habe. Auf vieſe Weiſe können wir überall verweilen, wo uns eine Gegend gefällt, wo ein Denkmal unſere Bewunderung erregt, wo ein hiſtoriſches Factum uns intereſſirt. Nur ſo iſt eine Reiſe angenehm und von Vortheil. 1¹0 Wir durchreiſen die Schweiz; ich will Nicetten den ſtolzen Montcenis zeigen. Wir ſteigen in einem Gaſthofe am Fuße des Berges ab; ich bemerke ein ungewöhnliches Treiben in dem Hauſe und verlange ein beſonderes Zimmer. Jeden Augenblick bricht die Magd, weiche uns führt, in Ausrufungen aus. „Was iſt denn hier vorgefallen?“ frage ich ſie; „es ſcheint Alles ſehr beſchäſtigt; es ſind ohne Zweifel viele Reiſende da?— Ja, mein Herr, es iſt dieſen Morgen eine Geſellſchaft von Fremden angekommen, die den Berg beſteigen wollen: Eng⸗ länder, Franzoſen und Ruſſen; aber das iſt es nicht, was uns ängſtigt. Denken Sie einmal, als dieſen Morgen alle dieſe Herren vor dem Früh⸗ ſtücke beiſammen waren, ſprachen ſie unter Anderem auch von Tabled'hotes. Einer von ihnen ſagte, er amüſire ſich mit ſchnellem Eſſen; ein Anderer be⸗ hauptete, er könne ſechs hartgeſottene Eier vor dem Frühſtücke verſpeiſen und noch ſchneller eſſen als alle Uebrigen. Man lachte ihn aus; er wettete ſechs Louisd'or und ein Engländer hielt die Wette. Der arme Mann läßt ſich hartgeſottene Eier bringen⸗ ſpeist ſie, ſetzt fich dann zum Frühſtücke nieder und hält ſich ſo wacker, daß er die ſechs Louisd'or ge⸗ winnt. Aber vald nachher wird er gelb, roth und blau; man mußte ihn zu Bette bringen, und an⸗ ſtatt den Berg zu beſteigen, wird er wohl in un⸗ ſerem Hauſe zerplatzen.— Ohne Zweifel hat ein Engländer ⸗dieſen dummen Streich gemacht?— Nein, mein Herr, ein Franzoſe.— Ein Franzoſe? 111 — Wenn Sie ihn ſehen wollen, ſo gehen Sie ganz ungenirt zu ihm.. Alles ſteht um ſein Bett herum und Jeder empfiehlt ein Rettungsmittel. Voll Neugierde, dieſen Mann zu ſehen, verlaſſe ich Nicette und begebe mich in das Zimmer des Sterbenden. Im gleichen Augenblicke, wo ich ein⸗ trete, iſt er an den Folgen ſeiner Wette geſtorben. Ich werfe einen Blick auf ihn und erkenne— meinen Nachbar Raimund. ——— Inhalt des erſten Theils. Sh Erſtes Kapitel. Die Griſette„ Zweites— e Kolete 1³ Drittes— Die Blumenhändlerin„„ 8 Viertes— Mein Nachhar Raimund ⸗ Fünſtes— Endlich iſt ſie vorübergegangen 44 Sechstes— Jungfer Agathe hit 56 Siebentes— Ein Wort über meine Perſon„ 7⁰ Achtes— Die Zuberlaterne 8¹ Reuntes— Fiool 95 IFnhalt des zweiten Theils. Erſtes Kapitel. Das Feuerwerk.— Der Wahrſager.— Dos Silhouettenkabinet„„ Zweites— Im Mondſcheine 1⁵ Drittes— Widerwärtigkeiten 27 Viertes— Das Liebhaberconcert 5 Fünſtes— Das Bouquet 65 Sechstes— Die galante Partie.— 47* Die Roſe ohne Dornen„.* 95 Siebentes * ——— Inhalt des dritten Theils. Erſtes Kapitel. Zweites— Drittes PViertes Fünſtes— Sechstes— Siebentes— Achtes— Neuntes— Zehntes— Duell mit meinem Nachbar„ Eine kleine Abhandlung, welche nichts Unterhaltendes darbietet„ Die Landpartie. Argwohn des Geiſtes.— Veſorgnißſe des Herzens„.. Die vertrauliche Mithelung Das kieine Souper.. Die beiden Beſuche.— Der Schreibunter⸗ richt.. Die dürgertiche Komödie.— die probe 103 Almaviva und Roſine.— Eine Scene zum Barbier von Sevilla...„142 Wohin wird dies führen?„ 8 449 Inhalt des vierten Theils. Erſtes Kapitel. Zweites— Drittes— Viertes Fünſtes Sechstes Siebentes Achtes Neuntes— Zehntes— WMein Unſtern verfolgt mich„„ Das Leben in der Provinz Fräulein Pelagie.— Man will nich ver⸗ heirathen.... Eine Unterhaltung mit vinr Zutünſtigen Ich heirathe.*. 5 5 Rückkehr nach Paris i Raimund tritt wieder auf Das hätte ich denken können Meine Nachbarin„ Große Ereigniſſe.— Schtuß nſſſ