Paul de Kock's humoriſtiſche Romane. deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Dreiundneunzigſter Theil. Stuttgart: Scheible, Bieger 4 Sattler. 1846. Mein Machbar Raimund. Von Paul de Rock. Es gibt nur Eine Liebe, aber tauſend ver⸗ ſchiedene Abſlufungen in derſelben. Maximen von La Rochefoucauldn Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Dritter Theil. SE Stuttgart: Scheible, Bieger à Sattler. 1846. grſtes Kapitel. Duell mit meinem Nachbar. Zur feſtgeſetzten Stunde begebe ich mich nach dem bois de Boulogne. Das Wetter iſt ſehr ſchön, der Spaziergang höchſt angenehm und die Spazier⸗ gänger zahlreich. Mein Nachbar hat, um ſich zu ſchlagen, ein Stunde gewählt, in der man kaum der Beobachtung entgehen kann; er läßt ſich aller⸗ dings immer gerne ſehen, aber doch ſcheint mir dies nicht der geeignete Fall dazu; er wäre, glaub' ich, im Stande, ſeinen Poſten vor einem Wachhauſe zu wählen. Doch Geduld! ich will nicht vorſchnell urtheilen. Hier iſt die Porte Maillot. Ich ſehe nichts von Raimund. Es iſt noch nicht Ein Uhr. ich will alſo ſpazieren gehen. Dieſen Morgen dachte ich nicht, daß ich heute noch allein in das Gehölz von Boulogne kommen würde. Caroline wundert ſich gewiß über mein Ausbleiben. In der That erweiſe ich ihr wenig Aufmerkſamkeit, und wenn ſie einigermaßen anſpruchsvoll iſt, wird ſie mit mir ſchmollen. Aber ich finde dann leicht ein Mittel, um den Frieden wieder herzuſtellen; nur in alten Ehen und bei alten Verbindungen ftumpfen Zänke⸗ reien die Liebe ab, weil alsdann die Verſöhnungen nicht mehr dieſelben ſind. Paul de Kock. XCRl. 1 2 Es iſt halb zwei Uhr Niemand erſcheint.. Ah! mein lieber Nachbar, hatten Sie wohl nur die Abſicht, mich ſpazieren zu ſchicken? Freilich be⸗ darf es vieler Vorbereitungen, ehe Sie ſich ſchla⸗ gen können; aber ſeit Morgens acht Uhr hätten Sie doch die nöthigen Anſtalten treffen und allen Ihren Bekannten ſagen können, daß Sie eine Eh⸗ renſache haben. Benachrichtigt er wohl die Gen⸗ darmerie davon? Dies iſt ſchon manchmal geſche⸗ hen: aber nein, er iſt ja der Fordernde; ich thue ihm alſo Unrecht. Der arme Raimund! Das Aben⸗ teuer mit dem Diner iſt furchtbar und er muß ſehr erbittert auf mich ſein, beſonders wenn er noch glaubt, ich ſei daran ſchuld, daß man ſein Profil in der Rue Vivienne an die Mauer klebte. Aber weßhalb die Prahlerei, mir ein Cartell durch die Portiere zu ſchicken? Wenn er nicht die Abſicht hat, ſich zu ſchlagen, ſo hätte er mich ja zu Hauſe treffen können; ich hätte dann lachend mein Uarecht eingeſtanden, denn ich gehöre keineswegs jener Men⸗ ſchenklaſſe an, welche die begangenen Thorheiten nur dadurch wieder gut zu machen ſucht, daß ſie den Beleidigten die Kehle abſchneidet. Ich halte es für ehrenvoller, einen Fehler frei zu geſtehen, und wenn der Gegner damit keine Genugthuung hat, ſo kann man ſich ja immer noch ſchlagen. Bald zwei Uhr ich verliere die Geduld; des Spazierengehens bin ich überdrüſſig, auch umwölkt ſich der Himmel, und allem Anſcheine nach werden wir ein Gewitter bekommen; ich habe daher ganz . 4 W 3 und gar keine Luſt, in dem Walde zu warten. Schon werden die Spaziergänger ſeltener, die Rei⸗ ter geben ihren Pferden die Sporen, die Kutſcher laſſen ihre Peitſchen knallen; Jedermann eilt nach der Stadt. Ich will das Gleiche thun„. Doch wer ſind jene drei Männer, die mit großen Schrit⸗ ten auf das Gehölz zugehen?— Ah! ich kenne denjenigen, der ſtolz an ihrer Spitze marſchirt: es iſt Raimund, mit zwei Zeugen, während er mir doch geſchrieben hat, er wolle allein kommen Thut nichts; ohne Zweifel wird mein Nachbar die Gefälligkeit haben, mir einen abzutreten; wahr⸗ ſcheinlich hat er in der Abſicht, mir den meinigen ſelbſt zu wählen, mich veranlaßt, keinen mitzu⸗ nehmen. Die Herren kommen näher.. Ich erkenne Raimunds Zeugen. der eine iſt der Melomane Vauvert, der andere der Baron von Witcheritche. Beim Teufel! das wird etwas zum Lachen geben! Ich dachte wohl, Raimund würde mir einen Streich nach ſeiner Art ſpielen. Wo zum Henker hat er dieſe Zeygen zuſammengeſucht? Es fehlt nur noch Friquet; aber es ſollte mich nicht wundern, wenn er hinter einem Baume auf der Lauer ſtünde, be⸗ reit, beim erſten Winke ſeines Onkels nach der Wache zu rufen. Die drei Herren triefen von Schweiß und doch haben ſie Zeit genug gehabt. Gewiß faßten ſie erſt ſpät einen feſten Entſchluß, um ſich untewegs zu erhitzen. Raimund iſt roth wie ein Hahn, Vauvert blaß wie eine Braut, und der Baron von Witche⸗ ritche macht ſo ſchreckliche Grimaſſen, daß ich ſeine Geſichtsfarbe nicht unterſcheiden kann. Sie ſcheinen etwas beruhigter zu ſein, als ſie mich allein ſehen; mir thut es leid, daß ich keinen Zeugen mitgenommen habe, denn dies hätte ſicher⸗ lich in Raimunds Plan eine bedeutende S gebracht. Man grüßt mich, ſobald man mich bemerkt; ich erwidere den Gruß und kehre in das Gehölz zurück, welches ich verlaſſen hatte. „Wohin gehen Sie denn? Warten Sie doch!“ ruft mir Vauvert zu, der vor Aufregung kaum ſprechen kann. Ich ſtelle mich, als pöre ich ihn nicht, und begebe mich tiefer in das Gehölz hinein. Vauvert läuft mir nach, holt mich ein und ergreift meine Hand. Ich fühle, daß er wie ein Haſe zittert. „Wohin gehen Sie denn, mein lieber Freund? Warum ſo weit in den Wald hinein? Sie ſehen ja, daß ein Gewitter kommen wird„„— Meiner Anſicht nach darf die Sache, welche uns hieher führt, nicht auf öffentlicher Straße abgemacht wer⸗ den, ſonſt hätten wir auch den Boulevard St. De⸗ nis zum Kampfplatze wählen können.— Mein lieber Freund, ich hoffe, daß„ übrigens— Was das Gewitter betrifft, ſo kann uns dieſes nicht geniren, im Gegentheile, es entfernt die Neu⸗ gierigen.“ Während ich mit Vauvert ſpreche, ruft mein 5 Nachbar von weitem:„Kein Vergleich, Herr Vau⸗ vert, kein Vergleich ich will keinen Vergleich, ſondern bin entſchloſſen, mich zu ſchlagen.“ „Sie hören,“ ſagt Vauvert zu mir,„er iſt vor Wuth ganz außer ſich! O, er iſt ſchrecklich, wenn er in Zorn geräth. Er hat überall geſagt, Einer müſſe fallen, entweder er oder Sie.“ Ich kann nur lachen über Raimunds Prahle⸗ reien, und zugleich beruhige ich den armen Vau⸗ vert, der kaum mehr weiß, wo ihm der Kopf fteht, denn er wohnte noch nie einer ähnlichen Fete bei. Endlich haben uns mein Nachbar und der Baron von Wiccheritche erreicht. Der Letztere trägt einen Hut mit acht Zoll hohen Ecken, den er tief auf das linke Ohr heruntergedrückt hat, was ihm das An⸗ ſehen eines Raufboldes aus der Rue Coquenard gibt. „Mein Herr,“ beginnt Raimund, mit martia⸗ liſcher Miene auf mich zuſchreitend,„ich ſagte Ih⸗ nen, daß ich allein kommen würde, und dies war wirklich auch meine Abſicht; als ich aber durch das Palais⸗Royal ging, begegnete mir mein Freund Vauvert, der, eben im Begriffe, ein kleines Brod zu ſeinem zweiten Frühſtücke zu kaufen, Alles ver⸗ ließ und mir folgte, ſobald er gehört, daß ich mit Ihnen eine Ehrenſache hätte„— Das heißt,“ wendete Vauvert ein,„Sie haben mir nicht geſagt, um was es ſich handle: ich erfuhr es erſt an der Barriere; denn ſobald Sie mich erblickten, nahmen Sie mich am Arme, ohne mir Zeit zu laſſen, mein Journal zu bezahlen Raimund fiellt ſich, als höre er nicht, was Vauvert ſagt, und fährt fort:„Ich habe alſo ſei⸗ nen dringenden Bitten nachgegeben. Uebrigens iſt er ja ebden ſo gut Ihr Freund, als der meinige, und ſeine Gegenwart kann Ihnen nicht mißfallen. Dem Herrn Baron von Wiccheritche find wir an der Barriere begegnet, während er gerade mit ſei⸗ ner Frau Gemahlin zu einem Diner aufs Land gehen wollte. Ich habe gedacht, es ſei beſſer, zwei Zeugen mitzunehmen, weil ich Ihnen dann einen davyn abtreten könnte. Der Herr Baron hat ſogar die Frau Baronin verlaſſen, welche ihn hier in der Rähe unter den Bäumen erwartet. Er wird nun mein Sekundant ſein und Vauvert der Ihrige, wenn es Ihnen angenehm iſt.“ Der Herr Baron, welcher jedesmal, ſo oft man ſeinen Namen nannte, eine Verbeugung machte, ßellt ſich neben Raimund und Vauvert nimmt hin⸗ ter mir ſeinen Poſten ein. „Herr Raimund,“ nehme ich nun meinerſeits das Wort, es ſcheint mir, wir könnten recht gut, ohne dieſe Herren zu beläſtigen, die Sache unter uns abmachen. Ich fürchte, die Frau Baronin möchte während unſeres Kampfes naß werden, und Vauvert wäre gewiß lieber auf ſeinem Büreau als hier.“ „Ja, das iſt wahr,“ erwidert Vauvert, der ſehnlichſt fortzukommen wünſcht.„Ich habe heute viele Geſchäfte„ und befürchte, von meinem Unteraufſeher einen Verweis zu erhalten.“ 8 8 B7 „Die Frau Baronin fürchtet kein Gewitter, ſie ſieht die kleinen Blitze recht gerne,“ ſagt Herr von Witcheritche, ſo anmuthig lächelnd, daß ſeine bei⸗ den Mundwinkel ſich bis an die Ohren hinauf⸗ ziehen. „Da nun dieſe Herren einmal gekommen find, ſo ſollen ſie den Weg nicht vergeblich gemacht haben,“ ſage ich, gleichfalls lächelnd;„ich nehme deßhalb Herrn Vauvert zum Sekundanten an.“ Vauvert fährt mit erſchrockener Miene zurück. „Beruhigen Sie ſich,“ rufe ich ihm zu,„die Sekundanten ſchlagen ſich ſelten; wenn ich jedoch falle und Sie mich rächen wollen, ſo ſteht das bei Ihnen.— Ich! mein theurer Freund.. ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, wie ſehr ich Sie liebe. es ſollte übrigens meiner Anſicht nach ein friedlicher Vergleich zu Stande kommen.. Freunde müſſen ihren Groll ablegen und ſich ausſöhnen„ Herr von Witcheritche, wir dürfen nicht dulden, daß dieſe Herren ſich ſchlagen.“ Den Baron ſcheint ein Gegenſtand, den er in ſeiner Taſche hat, mehr zu beſchäftigen, als unſer Duell, und Vauvert ſucht ihm mit Thränen in den Augen vergebens begreiflich zu machen, daß ich mich mit Raimund ausſöhnen ſollte. Doch mein Nachbar iſt hartnäckig.—„Ich will mich ſchlagen,“ rnft erz„man beleidigt mich nicht ungeſtraft„ Ich habe Herrn Gerville geſehen und weiß, daß er nicht mit Ihnen und Agathe dinirte nun wiſſen Sie genug!... Auch meine Silhouette an der Wand das iſt ein Mißbrauch des Vertrauens! Sie müſſen mir Rechenſchaft geben, Herr Dorſan; dieſe Sache wird Aufſehen erregen!— Mein Gott! Herr Nachbar, ich ſtehe zu Ihren Befehlen Machen wir unſern Handel nur gleich ab, denn es wird regnen, und es thäte mir ſehr leid, wenn dieſe Herren naß würden„beſonders da auch die Frau Baronin unter den Bäumen wartet.— Ich bin der Beleidigte und darf alſo die Waffen wäh⸗ len.— Natürlich.— Ich weiß den Degen ſehr gut zu führen.. denn ich habe Unterricht bei dem erſten Fechtmeiſter der Hauptſtadt genommen; indeß ſchlage ich mich nur auf Piſtolen, weil ich meine Vortheile nicht mißbrauchen will.— Das iſt ſehr edelmüthig von Ihnen; ich errieth Ihre Abſicht zum Voraus und brachte deßhalb Piſtolen mit.“ Wie ich meine Piſtolen aus der Taſche ziehe, ſehe ich, daß Raimund erſchrickt und ſich entfärbt. Dann zieht er auch ein paar große Sattelpiſtolen heraus und präſentirt mir dieſelben.„Schön,“ ſage ich, es nimmt alſo Jeder die ſeinigen.— Nein, nein, ſtecken Sie die Ihrigen wieder in die Taſchez die meinigen müſſen gebraucht werden. Sie ſehen ja, daß ich mit meinen Piſtolen zu ſehr im Vor⸗ theil wäre gegen die Ihrigen, welche um zwei Zoll kürzer find.— Ihr Benehmen iſt vortrefflich. Wohlan denn, wie Sie wollen.— Ja, mein Herr, ich darf die Waffen wählen und ſchlage mich nur mit den meinigen.— Gut; rufen wir dieſe Herren, um zu laden.“ * — —— 8 — 9 Ich drehe mich um, um Vauvert zu ſuchen, der, ſeit wir die Piſtolen in den Händen haben, an der Straße ſpazieren geht und nur nach langem Zögern den Entſchluß faßt, uns näher zu kommen. „Die Piſtolen ſind geladen,“ bemerkt Raimund; „dafür ſorge ich immer zum Voraus.— Gewöhn⸗ lich, mein lieber Nachbar, müſſen die Zeugen dieſes thun.— Hierin vertraue ich nur mir ſelbſt.. Uebrigens hat mein Freund Witcheritche ſie unter⸗ ſucht, nicht wahr, Herr Baron?“ Der Baron wickelte gerade kleine Neufchateller Käſe in doppeltes Papier, damit ſie von dem Regen in ſeiner Taſche nicht zergehen möchten, was ihm große Unruhe zu machen ſchien. Er antwortete deßhalb auf die Anrede meines Gegners nur mit einem beifälligen Lächeln. Aber was ich ſehe, beſtärkt mich in meinem Verdachte: Raimunds Muth kommt mir nicht na⸗ türlich vor; der Umſtand, daß er ſich nur ſeiner Piſtolen bedienen will, und daß er dieſelben zu Hauſe geladen hat, verräth eine Schelmerei, die ich entdecken will. Er präſentirt mir ſeine Piſtolen, mit der Bitte, eine davon zu wählen.„Auf wie viel Schritte wollen wir uns ſchießen?“ frage ich ihn.—„Auf fünfundzwanzig.“ „Mein Gott!“ ruft Vauvert,„das heißt ja, einander die Piſtole auf die Bruſt ſetzen.. Vier⸗ zig Schritt, meine Herrn; dies iſt nahe genug.. — Nein, nehmen wir dreißig; mehr kann ich nicht zugeben— Herr Baron, meſſen Sie doch die Schritte.“ Nur ungern verläßt der Baron ſeine Käſe, nach⸗ dem er dieſelben vorher auf den Raſen gelegt und ſorgfältig ſeinen Hut darüber gedeckt hat, denn es fängt bereits an heftig zu regnen. Endlich kommt er zu uns; ich nehme meine Stelle einz der Baron macht Rieſenſchritte und ich ſehe Raimund faſt nicht mehr. Mein Sekundant hat dermaßen Angſt, daß er nicht weiß, wo er ſich aufftellen ſoll. Er bittet uns, wir möchten doch wohl Acht geben, daß wir uns in den Perſonen nicht täuſchen; ich beruhige ihn. Herr von Witcheritche gibt das Signal, indem er den Takt ſchlägt, als handle es ſich um ein OQuartett von Haydn. Raimund ſchießt; der Knall oder die Furcht macht, daß Vauvert zu Boden fällt und, mit dem Geſichte gegen die Erde gekehrt, liegen bleibt. Ich bin unverſehrt; nicht einmal die Kugel hörte ich pfeifen.— Ich erſuche meinen Nachbar, es dabei bewenden zu laſſen!—„Nein, nein, ſchießen Sie,“ ruft er mir zu.„Er iſt ein Cäſar,“ ſagt der Baron, welcher Raimunds Muth bewundert. Ich will mich von der Wahrheit überzeugen.. Mein Sekundant liegt noch immer der Länge nach auf dem Boden;z Herr von Witcheritche hat es für paſſend gefunden, ſich weit hinweg hinter eine Baumgruppe zu begeben; mein Gegner wendet den Kopyf rücwärts, in der Meinung, ich werde zielen, 11 was ich keineswegs zu thun Luſt habe, obwohl ich überzeugt bin, daß ſeine Waffen nicht gefährlich find; aber die Käſe des Barons liegen nur zwei Schritte von mir entfernt und gegen dieſe ſchieße ich mein Piſtol ab. Die Exploſion ſchleudert den Hut hin⸗ weg und ein Papierpfropf hangt ſich an die kleinen Neuſchateller. Während ich über mein Duell lache, kommt Raimund mit ausgeſtreckter Hand auf mich zu und ruft, ſobald er mich erblickt:„Die Sache iſt abge⸗ macht, mein lieber Freund; ich habe Genugthuung; umarmen wir uns.— Wie?“ entgegne ich,„wollen Sie nicht wieder anfangen 2 Ich habe auch Waffen. — Nein, mein Freund; vergeſſen wir Alles ich bitte Sie, umarmen wir uns.— Es ſei! Ich werde thun, was Ihnen angenehm iſt.“ Während mein Nachbar ſich mir in die Arme wirft, läuft der Baron nach ſeinen Käſen und ſteht wie verſteinert da, als er ſie von kleinen Papier⸗ ſtückchen durchlöchert ſieht. „Dieſe Käſe riechen nach Pulver,“ ſagt er, ſie beſchnüffelnd.—„Ah! bitte tauſendmal um Ver⸗ zeihung, Herr Baron; aber da ich gegen meinen Rachbar nicht zielen wollte, ſo habe ich nach dieſer Seite geſchoſſen; es ſcheint mir, daß die Kugel ſie durchbohrt hat.“ Raimund wird roth vis über die Ohren. Meine ſpöttiſche Miene läßt ihn fürchten, ich habe ſeine kleine Kriegsliſt errathen, aber ich will ihn des Vergnügens, überall mit ſeinem Duell prahlen zu 12 können, nicht berauben. Ich laufe jetzt nach meinem Sekundanten, der noch immer auf dem Boden liegt; ich ermuntere ihn zum Aufſtehen, aber er rührt ſich nicht und ich finde nun, daß der arme Teufel wäh⸗ rend unſeres Zweikampfes in Ohnmacht gefallen iſt. Ich rufe Raimund herbei; dieſer hat ein Fläſchchen vinaigre des quatre-voleurs in der und wir benetzen damit Vauverts Geſicht, bis et endlich zu ſich kommt. Nachdem er ſich befühlt und die Ueber⸗ zeugung gewonnen hat, daß er nicht verwundet iſt, will er uns weiß machen, die Liebe zu uns Beiden habe ihm eine Ohnmacht zugezogen. Wir danken ihm und ſtellen ihn auf die Beine; aber Jeder muß ihn unter einem Arme nehmen, denn er iſt noch nicht im Stande, ohne unſere Hülfe zu gehen. Herr von Witcheritche umwickelt die Ueberbleibſel der Käſe mit ſeinem Taſchentuche und wir verlaſſen das Gehölz. Der Regen dauert fort; aber mein Sekundant kann nicht ſchnell gehen, und wir werden daher tüchtig durchnäßt. Raimund hat ſeine ganze Heiterkeit wieder erlangt und iſt vollkommen zu⸗ frieden mit ſeinem Tagewerk. Er kennt Vauvert, und weiß, daß ſein Duell bald das Geſpräch ſämmt⸗ licher Muſikliebhaber bilden wird, auch wenn er ſich ſelbſt nicht die Mühe nähme, es überall zu erzählen. „Sie haben einen ſehr großen Muth an den Tag gelegt, meine Herrn,“ ſagt Vauvert unter⸗ wegs.„Welche Kaltblütigkeit, welche Ruhe! Das nenne ich Tapferkeit!...— Ja, ja, dieſe Herren haben große Courage.— Ha, mein Nachbar Rai⸗ ⸗ „ ⸗ „ 13 mund iſt kein Mann, wie ein Anderer; ich bin überzeugt, daß er ſich wenigſtens zehnmal täglich auf dieſelbe Weiſe ſchlagen würde.“ Raimund verneigt ſich, ohne zu antworten. Vielleicht merkt er, daß ich weiß, wie er ſeine Pi⸗ ſtolen ladet. Endlich ſehen wir die Frau Baronin unter einem großen Baume ſitzen; ihr Gemahl nimmt ſie am Arme und wir wenden nach der Barriére.—„Ich habe gewaltig Appetit,“ ſagt Frau von Witcheritche zu ihrem Gemahle.—„Wir wollen jetzt diniren, Madame.“ Das Pärchen grüßt uns und verdoppelt ſeine Schritte. Ich vermuthe, daß ſie einen Traiteur aufſuchen, bemerke aber zu meiner Verwunde⸗ rung, wie zwei große Hunde von der Barriere an dem Herrn Baron folgen, der ſich vergebens Mühe gibt, dieſelben fortzujagen.„Gehören dieſe Doggen dem Herrn von Witcheritche?“ frage ich Vauvert. —„Rein, ich glauhe nicht, ich habe bei ihm nur Penſher geſehen.— Sonderbar,“ ſagt Raimund, „er muß in ſeiner Taſche etwas haben, das ſie an⸗ lockt.“ Ich ſuche einen Fiacre, aber des Regens halber ſind bereits alle fort. Wir hatten Herrn von Wit⸗ cheritche und ſeine Gemahlin ſchon aus den Augen verloren, als ſich ein Geſchrei vernehmen läßt. Bald gewahren wir, wie die beiden Doggen davon fliehen, der eine mit einer Cervelatwurſt, der an⸗ dere mit einem Stück Schinken. Der Baron und 14 die Baronin laufen den Hunden nach und rufen: „Haltet auf. Diebe!. Ah! Die verdammten Beſtien. ſie rauben unſer Mittageſſen!“ Die Frau Baronin minder ſtark, als ihr Mann, muß endlich ſtehen bleiben und erzählt uns, wie die beiden Doggen dem Herrn Baron das Mittag⸗ eſſen, welches ſie mit ihrem lieben Manne auf der Bank zu verzehren gedachte und das er ihr ſchon längſt als eine kleine Fete verſprochen. Während wir die arme Frau tröſten, läuft Herr von Witcheritche, nicht geſonnen, ſeine Cervelat⸗ wurſt und den Schinken aufzugeben, hinter den Hunden her und wirft Steine gegen ſie. Bereits hat er einen getroffen, und dieſer läuſt nun etwas langſamer; in der Hoffnung, auch den andern, der gerade die Barriere paſſiren will, zu erreichen, ſchleudert er mit aller Kraft einen Kieſelſtein nach ihm. Aber anſtatt die Dogge zu treffen, fährt der Stein einem Zolloffizianten ins Auge, der gerade zum Himmel aufblickt, um zu ſehen, ob das Ge⸗ witter ſich entferne. Der arme Mann fürzt mit dem Rufe:„Ich bin todt!“ Seine Kameraden laufen herbei:„Einer von den Hunden, der ſo eben die Grenze der Stadt überſchreitet, rennt dem Zollbeamten zwiſchen die Beine und läßt ihn ſtolpern. Der zweite Hund⸗, welcher ſich retten will, wird von dem Herrn Ba⸗ ron feſtgehalten, der nur ſeinem Diner nachjagt und ſich um die ganze übrige Welt nichts beküm⸗ mert. Endlich ergreift er die Dogge am Schwanze ———— . . — 15 und es entſpinnt ſich zwiſchen ihm und dem Hunde, der die Cervelatwurſt nicht laſſen will, ein Kampf. Die Soldaten vom Wachpoſten laufen auf das Geſchrei der Offizianten herbei. Die kleinen Gefährte müſſen anhalten; die bürgerlichen Wagen können nicht mehr wetter; Niemand darf den Weg paſſiren, bevor man weiß, um was es ſich handelt. Die Menge wächst; mit jedem Augenblick ſtrömen Reu⸗ gierige herbei und es werden die ſeltſamſten Muth⸗ maßungen aufgeſtellt.„Es werde ein bedeutender Gefangener arretirt, als er gerade die Stadt ver⸗ laſſen wollte, und wie es ſcheint, hat er die Offi⸗ zianten, welche ſich ſeiner bemächtigten, verwundet. — Nein, man hat Schmuggelwaaren in einem dieſer Gefährte entdeckt.“ Mitten in dieſem Tumulte, den das Bellen der Hunde noch vermehrt, ruft der Baron mit trium⸗ phirender Stimme:„Ich hab's, ich hab's!“ und hebt ſeine Cervelatwurſt, die er ſeinem Gegner aus dem Rachen gezogen hat, in die Höhe; dann, che der arme Teufel, den er ſo ſchwer getroffen hat, wieder zu ſich kommt, verſchwindet Herr von Wit⸗ cheritche in dem Gedränge und ſucht ſeine Frau auf, während die Zollbeamten, die Soldaten und Zu⸗ ſchauer noch immer nicht wiſſen, um was es ſich handelt. Die Frau Baronin hat ihren Gemahl gefunden; Vauvert iſt im Stande, allein zu gehen; Raimund ſpielt wieder den Höflichen. Ich trenne mich von der Geſellſchaft und fahre in einem Cabriolet nach Paris. 16 Zweites Kapitel. Eine kleine Abhandlung, welche nichts Unterhaltendes darbietet. Erſt nach fünf Uhr komme ich in Carolinens Wohnung; mein Duell und ſeine Folgen haben meine Abweſenheit verlängert. Sie ſchmält mit mir, daß ich, ohne ſie zu wecken, ausgegangen ſei und ſagt, ſie habe fortwährend mit der größten Unge⸗ duld auf mich gewartet. Lieber wäre es mir ge⸗ weſen, wenn ſie ſich gelangweilt hätte, doch ich be⸗ greife, daß ſie hinlänglich beſchäftigt war; in einem neuen Logis gibt es tauſenderlei zu thun und dann mußten auch die nöthigſten Einkäufe beſorgt werden: man zeigt mir einen ſehr eleganten neuen Hut und probirt ihn vor meinen Augen, übrigens ein zwan⸗ zigjähriges Mädchen mit hübſchem Geſicht und an⸗ muthiger Geſtalt könnte einen Zuckerhut aufſetzen und wäre noch ſchön. Caroline gefiele mir jedoch peſſer in einem Häubchen... indeß werde ich mich daran gewöhnen. Die übrige Toilette muß natürlich dem Hute entſprechen. Ich wundere mich oft über die Wichtig⸗ keit, welche die Frauenzimmer allen jenen Fahnen und Bagatellen, die man Schmuck nennt, beilegen; mit welch feiner Berechnung ſie eine Blume oder ein Band anbringen; mit welcher Sorgfalt ſie eine Garnitur, ein Bouquet oder eine Haarlocke ordnen! Dies Alles iſt manchmal das Ergebniß mehrer Tage tiefen Nachdenkens. Aber machen wir ihnen deßhalb keinen Vorwurf! Es geſchieht ja um unſertwillen. —= 47 Wir wären ſehr undankbar, wenn wir das tadelten, was man uns zu gefallen thut. Caroline hat ſich ganz verändert; ſie trägt ih⸗ ren neuen Schmuck mit vieler Behaglichkelt; es iſt nicht mehr die Griſette aus der Rue des Roſiers, ſondern die Kokette aus der Chauſſée d'Antin. Die Frauenzimmer bilden ſich in Allem weit raſcher aus als wir. Sehet dieſen Bauer: nach einem drei⸗ monatlichen Aufenthalte in der Stadt iſt er noch linkiſch und unbehülflich! Dieſes junge Bauern⸗ mädchen aber hat erſt ſeit acht Tagen ihre Heimath verlaſſen und bereits kennen ihre Eltern ſie nicht mehr„ vielleicht wird bäld auch ſie ihre Eltern nicht mehr kennen. Vierzehn Tage ſind verſtrichen, ſeit Caroline ihr kleines Logis in der Rue Caumartin bewohnt. Ich ſehe ſie täglich, wage aber nicht zu behaupten, daß es Liebe iſt, was ich für ſie fühle, wenigſtens iſt dieſe Liebe nicht ſehr leidenſchaftlich; doch gefällt ſie mir immer gleich gut; ich glaube, daß ſie mich mehr liebt, als im Anfange unſerer Bekanntſchaftz wenigſtens ſagt ſie mir dies. In manchen Erwartungen ſehe ich mich getäuſcht; denn ſie geht nicht mehr in ihr Magazin und ar⸗ beitet nuch zu Hauſe nicht; dagegen ſpielt ſie in Man ren, Ton und Haltung die vornehme Dame. Ich ſchlage ihr allerdings nichts ab, ſo oft ich auch den Entſchluß faſſe, meine Ausgaben einzuſchrän⸗ ken. Wie könnte man einem hübſchen Mädchen etwas verweigern, das uns mit rührender Paul de Kock. XCII. 18 bittet und dieſe Bitten mit ihren Zauberblicken unterftützt? Ich wenigſtens beſaß niemals die Kraft, eine ernßtliche Einſprache dagegen zu thun„es iſt vielleicht mein Unglück. 2 Ich finde allmählig, daß das, was ich Fahnen nannte, ein ſehr wichtiges Kapitel iſt, wenn man eine Frau unterhält. Ich ruinire mich durch Baga⸗ tellen: alle Tage gibt's ein Kleid, ein Halstuch, einen Shawl, einen Hut zu bezahlen! Ich weiß nicht, wie Caroline rechnet; aber ſie beweist mir immer, daß Dieſes oder Jenes gegenwärtig Mode ſei und daß ſie es demzufolge haben müſſe; ich aber denke zu billig, um einem Frauenzimmer das Nothwendige zu verweigern. Jeroch mein Einkom⸗ men reicht nicht aus; ich entlehne alſo und ſtecke mich in Schulden. Wie ſtände es erſt, wenn ſie auch das Ueberflüſſige haben wollte! Alle zwei Tage finde ich, nach Hauſe zurückeh⸗ rend, ein Bougquet an meiner Thüre. Meine kleine Nicette vergißt mich nicht und doch beſuche ich ſie nie; wenn ich an ihrer Bude vorübergehe, ſo ge⸗ ſchieht es ohne einen Gedanken an ſie, ohne einen Blick ihr zuzuwerfen. So oft ich indeß ihr Bou⸗ guet finde, faſſe ich den Entſchluß, ihr meinen Dank abzuſtatten; aber Caroline nimmt mich ſo ſehr in Anſpruch, daß ich keinen freien Augenblick habe; jeden Tag gibt's eine neue Luſtpartie, und ich habe niemals den Muth, ihr etwas abzuſchla⸗ gen, beſonders da ſie mir alle ihre Pläne höchſt plaufibel zu machen weiß. Ihre Anmuth entzückt, 19 ihr Geiſt verführt, ihre Heiterkeit ergötzt mich; die Schelmin weiß alle Gaben, welche die Natur ihr verliehen, aufs Trefflichſte anzuwenden. Eines Morgens erhalte ich ein Billet von un⸗ bekannter Hand. Es kommt von Frau von Marſan, die mir höchſt liebenswürdige Vorwürfe macht, daß ich meinem Verſprechen zuwider ihre mufikaliſchen Soiréen nicht beſuche. Sie ladet mich nun zu einem kleinen Feſte ein, das ſie in ihrem Landhauſe geben will. Frau von Marſan hatte ich beinahe vergeſſen, denn ich vergeſſe ſehr oft, was mich den Abend vorher in Flammen ſetzte, was ein großes Glück iſt, wenn man leicht in Flammen geräth, und was mir den Beweis liefert, daß das Herz keinen Theil an den Thorheiten nimmt, die wir Liebe nennen. Ich will dieſes Feſt beſuchen, denn Caroline ſoll mich nicht um alle meine Bekanntſchaften brin⸗ gen; ich will nicht auf die Geſellſchaft und die vor⸗ nehme Welt verzichten, weil ſie mich nicht dahin begleiten kann. Dieſes Mädchen hat mich bereits allzuviele Thorheiten begehen laſſen.. WMeiner Schweſter, die mich täglich erwartet, habe ich noch nicht einmal geantwortet! Ach! ich bin durchaus nicht mit mir zufrieden! Aber der Strom reißt mich fort; ich gebe nach und ſchließe die Augen. Es kommt Jemand zu mir. mein Nachbar Raimund; ich habe ihn ſeit dem Tage unſeres fa⸗ moſen Duells nicht mehr geſehen. Sicherlich weiß er, daß ich ſeine falſche Bravour nicht mißkenne, 20 ich, der von ſeinem Schrecken bei der galanten Par⸗ tie Zeuge war. Ich erfuhr zwar, daß er mit ſeinem Muthe überall prahlte und Jedermann ſein Duell erzählte, aber er vermied es bisher immer, mit mir in einer Geſellſchaft zuſammenzutreffen: meine Gegenwart hätte ſeine Erzählung von unſerem Zwei⸗ kampfe geſtört. Ich möchte doch wiſſen, was er jetzt von mir will. 5 „Guten Tag, mein lieber Freund... Wie geht's mit Ihrer Geſundheit?— WVie ich glaube, ziemlich raſch„ ich lebe gleichſam im Galopp.— Man muß weiſe ſein, Herr Nachbar.— Das ſagen Sie, Herr Raimund! Wie ſteht's denn mit Agathe?— O, ich ſehe ſie nicht mehr; unſer Verhältniß iſt für immer abgebrochen. Ich will auch nichts mehr von dieſen Jüngferchen man verbraucht ein Heidengeld.— Und ſchlägt oft nicht einmal die Unkoſten heraus.— Solche Jüngferchen wiſſen einen Mann nicht einmal zu würdigen, machen keinen Unterſchied zwiſchen einem Poeten und einem Pack⸗ knecht. Wenn man nur Geld in der Taſche hat, wenn man ſie nur vom Morgen bis zum Abend mit Bonbons, Leckereien, Gefrorenem und Syrup füttert; wenn man ihnen nur ſagt, wie anbetungs⸗ würdig ſie ſind; wenn man mit ihnen nur ins Theater oder aufs Land fährt; wenn man ihnen nur alle Fetzen kauft, die ſie wünſchen: dann, ja vann ſind ſie zufrieden. Im Uebrigen mag man dumm wie ein Ochs, grob wie ein Sackträger und geckenhaft wie ein italieniſcher Virtuoſe ſein, man — — 21 iſt doch in den Augen dieſer Dämchen lieb zum Freſſen.— Es liegt viel Wahres in dem, was Sie da ſagen, Herr Nachbar; im Allgemeinen aber verdirbt die Schmeichelei Männer und Weiber; werfen wir uns ihnen nicht zu Füßen, ſo können ſie auch nicht auf uns herabſehen. Die Schmeichler, die Höflinge, die Speichellecker ſchleichen ſich überall ein und verderben oft vas glücklichſte Naturell. Leider ſind die Könige mehr als alle Anderen von dieſem knechtiſchen Schwarm umgeben, der fort⸗ während Lobhudeleien in ihre Ohren ſummt. Lud⸗ wig Kl. hatte mehr Höflinge, als Ludwig KlI., Karl IK. mehr Schmeichler, als Heinrich IV.; Riche⸗ lien und Mazarin thaten keinen Schritt, ohne von einer Menge Höflinge umgeben zu ſein; man fürch⸗ tete ſie, man zitterte vor ihnen, aber man demü⸗ thigte ſich, man machte Verſe auf ſie. Sully und und Colbert hatten Bewunderer, die Schmeichler aber wußten ſie ferne zu halten; fie dachten zu edel als daß ihnen Leute nahen durften, welche ſie ver⸗ achteten. Wenn häufige Huldigungen die menſchliche Eitelkeit nicht kitzelten, wenn viele Lobſprüche uns nicht ein allzugroßes Vertrauen auf unſer Verdienſt einflößten, wie manchen Fehler hätten dann jene Helden, jene großen Heerführer vermieden, die in mißlicher Lage den Rath weiſer Männer ver⸗ ſchmähten, weil ſie nur an die Lobſprüche der Schmeichelei gewöhnt waren, weil ſie ſich für un⸗ beſiegbar hielten, weil tauſend Stimmen ihnen dies wiederholt hatten und weil derjenige, den 22 man den Halbgöttern gleichſtellt, nicht leicht den Rath anderer Menſchen annimmt! „Die verderblichen Folgen der Schmeichelei zeig⸗ ten ſich ſchon in den älteſten Zeiten. Durch Schmei⸗ chelei verführte die Schlange das erſte Weib. Seit jener Zeit verführen wir faſt immer durch daſſelbe Mittel dieſe Damen. Die Schmeichelei hat Anto⸗ nius und Nebukadnezar, Semiramis und Maria Stuart, Cing⸗Mars, Monmouth, Cleopatra und Marion Delorme zu Grunde gerichtet; Simſon ließ ſich die Haare abſchneiden, während er auf die Liebkoſungen Delila's hörte; Holofernes ließ ſich den Kopf abhauen, nachdem Judith's lockende Stimme Gnade vor ihm gefunden hatte; verblendet durch ſeine Siege begrub Karl XH. ſeine Armee in den Ebenen von Pultawa;z und auf ſein Glück pochend wollte der Marſchall von Villeroi bei Ramillies eine Schlacht liefern. Weil das Lob uns gegen unſere eigenen Fehler blind macht, ſo bleiben wir auf der Straße der Mittelmäßigkeit ſtehen, während wir vielleicht vermöge unſerer Naturanlagen uns über das Gewöhnliche erheben könnten. Während wir das Ohr den ſtrengen Mahnungen der Wahrheit verſchließen, halten wir die Eigenliebe für Genie, die Eitelkeit für Verdienſt, die Gewandtheit für Talent. Wie viele Künſtler, die unſer Urtheil ein⸗ holen, wollen nur Complimente hören! Man ver⸗ ſichert ihnen, alle ihre Werke ſeien Meiſterftücke und nicht der geringſte Fehler daran! Wer nun dieſes Ziel erreicht hat, gibt ſich keine Mühe mehr, 23 denn er hält Alles, was aus ſeinen Händen her⸗ vorgeht, für vollkommen. „Aber die Löflichkeit verlangt, daß wir nicht immer ſagen, was wir denken. Geſetzt, ein Dich⸗ ter liest uns ſeine Verſe vor und dieſelben find ſchlecht, ſo werden wir ihm dieſes nicht ſagen, falls er nicht unſer Freund iſt; denn wir haben ganz und gar keine Lußt, alle Fehler und Lächer⸗ lichkeiten zu rügen; dadurch würden wir uns zu viele Feinde erwecken, weil man dieſe Rolle höch⸗ ſtens im Theater duldet. In der Welt aber will man lieber friedlich für ſich leben, als ſeine Zeit damit verlieren, daß man Andere zu beſſern ſucht. „Wenn wir indeß aus Höflichkeit unſere Gedan⸗ ken zurückhalten, ſo brauchen wir dagegen noch keineswegs das zu ſagen, was wir nicht denken. Wenn man mir abſcheuliche Verſe vorliest, ſo werde ich ſchweigen, aber nicht behaupten, ſie ſeien ent⸗ zückend, ja ich werde mir ſogar gegen den Ver⸗ faſſer derſelben einige Bemerkungen erlauben. Ich kann niemals ein Porträt für getroffen erklären, wenn ich es fehlerhaft finde; ebenſowenig kann ich Jemand wegen ſeines Geſanges loben, wenn er mir die Ohren vollgeſchrieen hat. „Beſonders gegen aufkeimende Talente muß man mit dem Lobe ſparſam ſein, wenn ſie nicht anders erfticken ſollen; die Schmeichelei hat ſchon oft den Flug eines Genies gehemmt, welches im Wahne der Vollkommenheit ſich die Mühe der weiteren Ausbildung erſparen will. Ohne Zweifel iſt es 24 einem Vater zu verzeihen, wenn er ſeinen Sohn für ein Wunder von Schönheit, Geiſt und Talenten hält: die väterliche Liebe kann leicht irre leiten; aber wahren wir wenigſtens unſere Ueberzeugung, nöthigen wir ja nicht die Fremden, bei der Erzäh⸗ lung eines Schelmenſtreichs in Verzückung zu ge⸗ rathen, mit andächtiger Stille eine ſchon oft her⸗ untergehaſpelte Fabel anzuhören und voll Bewun⸗ derung vor triefenden Augen, platter Naſe und weit herabhängendem Kinne ſiehen zu bleiben, welche Reize nur einen Vater bezaubern können. Wenn es weniger Schmeichler gäbe, wie viele Leute, die jetzt unerträglich find, weil man ſie verdorben hat, würden dann die Zierde der Geſellſchaft ausmachen! Man ſpare den Enthuſiasmus für die Dichter und Künſtler, welche durch ihre Talente über jedem Lob erhaben ſtehen. Ohne Zweifel mußten Moliére's und Voltaire's Zeitgenoſſen dieſen hohen Geiſtern die verdienten Huldigungen darbringen; aber ſolchen Männern bezeugt man nicht durch fade Compli⸗ mente, durch eitle Lobſprüche ſeine Bewunderungz große Talente find ſtolz auf den Beifall der Gebil⸗ deten, ſie verachten dagegen die niedrige Schmei⸗ chelei der Thoren. „Als Voltaire Ferney bewohnte, unterließen die Reiſenden, welche vermöge ihres Ranges oder ihrer Verdienſte Zutritt bei ihm zu erhalten hofften, nie⸗ mals, ſelbſt wenn ſie einen Umweg machen mußten, die Einſiedelei des Philoſophen zu beſuchen; ZJeder war begierig, den außerordentlichen Mann zu ſehen⸗ —— 25 deſſen Genie die Welt in Staunen verſetzte. Geiſt⸗ reiche und gebildete Leute, dachten nur an das Ver⸗ gnügen, welches ſie aus ſeinen Worten ſchöpfen wür⸗ den; die Dummköpfe aber(denn auch dieſe wollten mit Voltaire plaudern) beſchäftigten ſich vor Allem mit dem Gedanken, was für eine Figur ſie vor dem Philo ſophen ſpielen ſollten, um ihm ihre Bewun⸗ derung gehörig an den Tag zu legen. Voltaire be⸗ nahm ſich liebenswürdig gegen die Erſtern; als aber eine Dame beim Anblicke des großen Dichters es für paſſend hielt, einen Schrei auszuſtoßen und ohnmäch⸗ tig zu werden, ſo zuckte der Philoſoph die Achſeln und kehrte ihr den Rücken. „Große Genies find ſelten, große Talente ſind liebenswürdig und beſcheiden; die aber auf halbem Wege ſtehen bleiben, während ſie es hätten weiter bringen können, athmen mit Wolluſt den Weihrauch, den man ihnen mit verſchwenderiſcher Hand anzün⸗ det. Wie ſollte ſich ein junger Menſch, deſſen Stimme weiter nichts als angenehm iſt, nicht für einen Lais oder Martin halten, ſobald man ihn auf eine un⸗ ſinnige Weiſe verhätſchelt. Er wird zum Singen eigentlich gezwungen; noch ehe ſie ihn gehört hä⸗ ben, gerathen die Frauenzimmer vor Bewunderung ſchon außer ſich; ſie rühmen ihn im Vorans bei ih⸗ ren Nachbarn: es iſt köſtlich! göttlich! entzückend! Und ſolche Worte vernimmt das Ohr des Virtuoſen, der endlich in die Wünſche der Verſammlung ſich fügt und nach der herkömmlichen Ziererei eine Ro⸗ manze höchſt mittelmäßig ſingt, aber noch nicht 26 vollendet hat, als der Beifallsſturm losbricht, wäh⸗ rend der unparteiiſche Zuhörer, der etwas ganz An⸗ deres erwartete, kaum ſeinen Ohren trauen kann. „Sehen Sie, mein lieber Herr Nachbar, ich habe mich niemals ſo weit erniedrigt, die Menge derer, welche ſich um jene Wunder der Geſellſchaft drängen, bei denen ich immer nur eine maßloſe Eigenliebe fand, zu vermehren, oder die Schaar der Anbeter einer Dame à la mode, deren Koketterie ſo weit geht, daß ich für ſie und für ihre Verehrer er⸗ röthe, zu vergrößern. Allerdings liebe ich eben ſo ſehr als jeder Andere ein hübſches Frauenzimmer; ich würde ihren Reizen zuerſt huldigen; aber muß man ſie deßhalb unaufhörlich bis in die Wolken er⸗ heben, muß man ſie mit Complimenten überhäufen, welche, wären ſie auch nicht übertrieben, doch für diejenige, der ſie gelten, ermüdend ſein müſſen? Sollte ſie keinen Schritt thun können, ohne daß ich ihre Tournüre, ihre Taille, ihren Gang, ihren Fuß, ihre Anmuth rühme? Sollte fie nicht lächeln dür⸗ fen, ohne daß ich über ihre Zähne, ihren Mund und den Ausdruck ihrer Augen in Verzückung gerathe? Sollte ſie kein Wort ſprechen können, ohne daß ich ihren Geiſt, ihre Freiheit, ihren Tact, ihren Scharf⸗ finn und den lieblichen Ton ihrer Stimme bewun⸗ dere? Ich kann dies Alles denken, werde es aber nicht ſagen, denn ich würde befürchten, diejenige, der ich dieſe Complimente mache, möchte darüber erröthen. Freilich hält man mich für nicht ſehr ga⸗ lant; dies ſchadet mir vielleicht bei einigen Damenz 27 aber ich kann und will mich nicht ändern; wenn Jedermann wie ich handelte, ſo gäbe es gewiß weniger Eitelkeit und Anmaßung bei den Männern, ſowie weniger Koketterie und Vapeurs bei den Frauen; man würde ſich mehr Mühe geben, liebens⸗ würdig zu ſein und zu gefallen, und dabei würde Alles gewinnen. Was halten Sie davon, Herr Nachbar?“ Ich bemerke, daß mein Nachbar nicht mehr auf mich hört; er unterſucht die Orangenblütenbouquets, welche mein Kamin ſchmücken, und ſcheint mit Neu⸗ gierde die älteren zu betrachten, welche ich auf meiner Kommode geſammelt habe, nachdem ich die Blumen, die ſich nicht conſerviren, herausgezogen. „Sie ſcheinen ein großer Liebhaber von Oran⸗ genblüten zu ſein,“ ſagt mein Nachbar endlich.— Allerdings.— Es iſt ein höchſt angenehmer Ge⸗ ruch„Sie haben da zwanzig Bouquets.— Ich zählte ſie nicht. Aber wollen Sie mir doch ge⸗ fälligſt ſagen, weßhalb Sie mich dieſen Morgen be⸗ ſuchen, denn ich vermuthe, daß Sie wegen irgend Etwas gekommen ſind.— Ja über dieſe Bouquets hatte ich es vergeſſen.. Ich erhielt von Frau von Marſan eine Einladung zu einem Feſt, das ſie übermorgen in ihrem Landhauſe geben wird; ich vermuthe, Sie werden auch hingehen, und mache Ihnen nun den Vorſchlag, daß wir uns gemein⸗ ſchaftlich nach dem Landhauſe dieſer Dame begeben wollen.— Recht gerne; Sie kennen den Weg und werden alſo mein Führer ſein.— Mit dem 28 größten Vergnügen. Wie kommen wir aber hin? — Wir werden ein Cabriolet miethen, das uns zu jeder beliebigen Stunde wieder zurückbringt.— Gut; ich hatte mir anfangs vorgenommen zu rei⸗ ten, denn ich liebe das Reiten ganz beſonders und beobachte dabei eine mir eigenthümliche Methode. — Ich zweifle keineswegs an Ihrer Reitkunſt; aber wir können ein Feſt bei Frau von Marſan doch nicht in Stiefeln beſuchen, und alſo dürfen wir auch nicht reiten.— Ganz recht Ich werde ein hübſches Cabriolet herbeiſchaffen, denn ich kenne einen Wa⸗ genvermiether; um welche Zeit fahren wir ab?— Um ſieben Uhr; dann kommen wir um acht Uhr, ge⸗ rade zur rechten Zeit, an.— Das iſt alſo abge⸗ macht Ich denke, daß wir uns herrlich amüſi⸗ ren werden, denn ich kenne die ganze Geſellſchaft und werde ſie ſogleich auf's Laufende bringen.— Ich glaubte, Sie wären noch nicht zweimal bei Frau von Marſan geweſen.— O das thut nichts; ich kenne Alles auf einmal, denn ich habe einen ge⸗ wiſſen Tact einen Ueberblick das macht die Gewohnheit Falls man Komödie ſpielen wollte, habe ich eine ſo eben vollendete Oper bei mir, die ich Ihnen unterwegs vorleſen werde.— Das wird mir ein großes Vergnügen gewähren.— Ich will jetzt nur noch die letzte Hand dran legen. Don⸗ nerſtag alſo, Herr Nachbar.— Donnerſtag.“ Raimund verläßt mich und ich beſuche jetzt Ca⸗ roline. Ich bemerke ſie an ihrem Fenſter; ſeit eini⸗ gen Tagen ſitzt ſie ſehr häufig vor demſelben, be⸗ — — — 29 ſonders wenn fie allein iſt. Es geſchieht ohne Zwei⸗ fel, um mich ſchon von weitem kommen zu ſehen. Sie ſcheint mir noch liebenswürdiger, fröhlicher, reizender, als gewöhnlich; die Luſt ſtrahlt aus ih⸗ rem Auge. O ſie liebt mich wirklich; ihre Seele iſt dankbar, ihr Herz gefühlvoll; ſie iſt nur kokett, um mir zu gefallen. Sie wollte, um ſich ganz hin⸗ zugeben, Jemand finden, der ihrer Liebe würdig wäre; ihr Herz hat mich auserkoren, und ich bin überzeugt, ſie wird mir treu bleiben. Ich dachte wohl, daß ich mit ein wenig Geduld eine ſolche Geliebte finden würde. * Drittes Kazitel. Die Landpartie. Heute fahre ich nach dem Landgute der Frau von Marſan. Ich habe Carolinen geſagt, daß ſie mich dieſen Abend nicht ſehen werde; ſie ſchien ſehr be⸗ trübt darüber, obgleich es geſtern einen kleinen Streit zwiſchen uns gab, und zwar eines gewiſſen Kaſchemirs halber, nach dem ſie die größte Luſt be⸗ zeugt, und den ich ihr nicht kaufen will. Ich gab ihr zu verſtehen, ſie bedürfe keines Kaſchemirs, um reizend zu ſein, und ſie gefalle mir beſſer in einer eleganten aber einfachen Kleidung. Hierauf ſchieden wir als die beſten Freunde von der Welt. Es ſchlägt ſieben Uhr; meine Toilette iſt fertig. Die Portiere bringt mir die Nachricht, es warte 30 drunten im Hofe ein Cabriolet auf uns. Wenn er denn ſo lange zu Hauſe?.. Ich werde ihn holen. Mein Nachbar zieht gerade die Hoſen an.— „Wie, Herr Nachbar, Sie ſind erſt ſo weit?— O, ich werde in einem Augenblicke parat ſein.— Ich wette, Sie ſind es in einer halben Stunde noch —— Raimund will, können wir abreiſen; aber was thut nicht.— Bah! Sie werden ſehen, wie geſchwind ich bin„Betrachten Sie indeſſen meine Waſſer⸗ malereien meine Skizzen Es ſind hübſche Sachen darunter. Wenn ich mehr Zeit hätte, ſo würde ich mich auch auf die Oelmalerei legen und die Kunſtausſtellung beſchicken; aber ich bin niemals mein eigener Herr.— Ich rathe Ihnen, bei der Waſſermalerei zu bleiben; dieſe Stücke find ausge⸗ zeichnet.— Nicht wahr? Das iſt burlesk, vriginell, ganz in Callots Manier„ Sehen Sie da die Suſanna im Bade?— Ich glaubte, es ſei die Ver⸗ ſuchung des heiligen Antonius.— Ah! weil es noch nicht fertig iſt.. Und mein kleiner Däumling? hu!— Ich hielt ihn für Blaubart.— Natürlich, weil er die Siebenmeilenſtiefel trägt.— Nur etwas raſch, Herr Nachbar; wie, Sie ſind noch immer an ihrer Hoſe?— Ja, bedenken Sie, dies iſt eben ein delikater Theil der Toilette.— Aber man trägt jetzt ſogar auf Bällen nur Pantolons.— Hat man gleich mir ſo ein Bein und eine Wade, woran ein Künſt⸗ ler Studien machen könnte, ſo zeigt man ſie eben nicht ungerne... Wollen Sie meine letzten Verſe ———— — — — — 8 auf den Tod des Lieblingshundes der Marquiſe Deſormeaux leſen?— Danke ſchön; ich bin Ihnen ſehr verbunden.— Sie hatten ausgezeichnete Er⸗ folge Alle Damen ſagten lächelnd, ſie würden bei mir die Grabſchriften ihrer Männer beßtellen. Der Anfang des Gedichtes iſt köſtlich: O Naturhund, treues Thier!“ — Den Ausdruck Naturmenſch habe ich ſchon gehört, aber noch nie wurde meines Wiſſens dieſes Epitheton einem Hunde beigelegt.—„Sie glauben alſo, mein lieber Herr Nachbar, daß es auch ver⸗ dorbene Thiere gibt?— Warum nicht?— Sie ſe⸗ hen es ja alle Tage. Jene armen Thiere, die man tanzen, Complimente machen und andere Kunſtſtücke aufführen läßt, haben eine Erziehung genoſſen. Der Hund der Marquiſe lebte nur nach ſeinem eigenen Willen; er biß Jedermann, der ſich ſeiner Gebieterin näherte, und ſprang während des Diners auf den Liſch, um ſein Freſſen ſelbſt aus den Schüſſeln und Tellern zu holen. Dies iſt Naturell; und ich be⸗ haupte, daß der Ausdruck Naturhund eine außer⸗ ordentlich glückliche Idee iſt.— Gut, Herr Raimund, aber ſputen Sie ſich doch auch ein wenig; wenn Sie zu jedem Theile ihrer Toilette ſo viel Zeit brauchen, ſo werden wir erſt Nachts ankommen— Jetzt bin ich fertig, habe die Schuhe und Hoſen an... aber mir ſcheint's, als ob die Hoſen hinten eine Falte ſchlagen.— Wenn Sie den Rock anhaben, ſo ſieht mans nicht.— Ja, aber beim Gehen oder Tanzen öffnet ſich der Rock.— O, dieſe Falte hat nichts zu bedeuten; glauben Sie denn, die Geſell⸗ ſchaft werde ihren Hintern betrachten?— Hören Sie, eine Falte kann die Tournüre ſehr beeinträchtigen; die Frauenzimmer bemerken Alles.— Die, welche ſich um ſolche Dinge kümmern, müſſen bei einer großen Reunion erſtaunlich Vieles zu thun haben. — So, jetzt geht's beſſer„ Ah! die Cravatte! — Dies wird lange dauern.— Ganz und gar nicht.. diefe Partie habe ich ſtudirt, und nun gibt ſich Alles von ſelbſt... Soll ich die Spitze oben oder unten anbringen?— Wo Sie wollen; aber beeilen Ste ſich nur.— Ah! ich will Sie horizon⸗ lal binden... Wie gefällt Ihnen dieſe Schleife?— Ausgezeichnet gut!... Sie ſind ſuperbe.— Su⸗ perbe iſt zu viel geſagt, aber ich glaube, daß ich ziemlich hübſch bin. ich brauche nur drei Nadeln hineinzuſtecken— Ach mein Gott! wir werden um acht uUhr nicht fortkommen.— Zum Teufel! das bringt mich in eine ſchöne Verlegenheit ich hätte früher daran denken ſollen.— Was denn? Haben Sie noch ein kleines Geſchäft?— Ich weiß nicht, ob ich dieſen Türkis über oder unter meinen Sma⸗ ragd ſtecken ſoll.— Mordelement! Herr Raimund, ich verliere die Geduld„ich gehe ohne Sie fort. — Da bin ich, da bin ich, Herr Nachbar. Meiner Treu', es gehe wie es mag, ich ſtecke den Türkis unten hin.— Gottlob!— Jetzt Rock, Hut und Hand⸗ ſchuhe Sie ſehen, ich bin parat.— Das iſt erſtaun⸗ lich.. Jetzt aber ſchnell fort.— Ja, ſchnell!. Ahl! erlauben Sie, ich vergaß ein parfümirtes Taſ chentuch.“ 33 Endlich gehen wir. Nachdem Raimund ſeine Thüre geſchloſſen, bemerkt er, daß er ſeinen Brillant noch nicht an den kleinen Finger geſteckt hat und geht wieder hinein, um dieſes nachträglich zu thun. Wir ſteigen die Treppe hinab, aber auf dem zweiten Stocke findet er ſeine Oper nicht in der Taſche, und geht wieder hinauf, um dieſelbe zu holen. Im Hofe angekommen, fällt ihm ein, daß er ſeine Lieb⸗ lingsromanzen vergeſſen, und da man ihn leicht zum Singen auffordern könnte, ſo muß ich aber⸗ mals warten, bis er dieſelben heruntergeholt hat. Ich gelobe mir, nicht mehr mit Herrn Raimund zu reiſen. Endlich beſteigen wir um ein Viertel auf neun Uhr das Cabriolet; jetzt vermißt er auch ſeine Lorgnette, aber diesmal bin ich unerbittlich; ich peitſche das Pferd und wir fahren ab. Die Nacht verhindert Raimund, mir ſeine Oper vorzuleſen; jedoch will er mir als Entſchädigung den Inhalt derſelben erzählen. Schon über eine Stunde ſpricht er von einer ſpaniſchen Prinzeſſin und einem arabiſchen Prinzen, ihrem Liebhaber, während ich an Frau von Marſan denke, die ich gerne ſehen möchte und die ich unbegreiflicher Weiſe ſo lange Zeit vernachläſſigt habe. Als wir St. Denis erreichen, iſt es bereits halb zehn Uhr und ich fluche über Raimund, deſſen Langſamkeit und dummes Zögern uns ſicherlich viel zu ſpät ankommen läßt. „Iſt's noch weit?“ frage ich meinen Nachbar vor St. Denis draußen.— Nein, etwa w eine Paul de Kod. Rcin. 34 Viertelſtunde... Ich ſagte Ihnen, meine Prinzeſſin, die man aus dem brennenden Palaſte rettet, müſſe am Ende des zweiten Actes in Ohnmacht fallen.. — Sie kennen den Weg, nicht wahr?— Ja, ja, nur immer vorwärts; ich werde Sie nicht irre leiten. Im dritten Acte, wenn der Vorhang auf⸗ geht, ſchläft die Prinzeſſin im Lager ihres Gelieb⸗ ten auf einer Kagone..— Waren Sie ſchon in dieſem tanhenſkt— Einmal; aber das genügt: ich habe ein ſehr zuverläſſiges Gedächtniß 1.. Die Soldaten ſind auf ihren Piken.. oder auf ihren Gewehren eingeſchlafen, denn ich weiß nicht gewiß, ob ſie unter König Ferdinand Piken hatten; das thut übrigens nichts. Der Prinz kniet vor der noch immer ohnmächtigen Prinzeſſin und fingt ihr ein füperbes Adagio aus D—moll vor, um ſie aufzu⸗ wecken.. Ich habe auch die Muſik dazu gemacht... Haben Sie jetzt einen Ueberblick?— Ja, ja, aber wenn Sie Ihren Prinzen und Ihre Prinzeſſin nicht in Ruhe laſſen, ſo werden wir bald nach Montmo⸗ rench kommen, und das kann doch ſicherlich unſer Weg nicht ſein; auch habe ich jetzt Ihre Fabeln lange genug angehört. Da, wenn Sie den Weg ſo genau kennen, nehmen Sie die Zügel und fahren Sie ſelbſt.— O, recht gerne.. Ich wette, daß wir kaum noch zweihundert Schritte von Frau von Marſan entfernt find.— Ich ſehe indeß kein Licht. — Ratürlich, weil es ſehr finſter iſt... Dieſer Teufel von einem Pferd ſcheint mir hartmäulig.— Sie quälen das Thier zu ſehr.— Ah! ich bemerke 35 Etwas Kutſcher, was iſt das für ein Ort?. — Montmorench, mein Herr, ruft unſer Jockey. „Eil Herr Raimund, Sie wollen doch Alles wiſſen! Sie find ein ſchlauer Menſch!— Werden Sie nicht böſe, Herr Dorſan, wir ſchlagen dort den Weg links ein; ich erinnere mich jetzt, daß der⸗ ſelbe geradezu nach dem Landhauſe der Frau von Narſan führt.— Ich hielte es für's Beſte, nach Paris zurückzukehren. wahrſcheinlich gibt's auch ein Gewitter.— Was thut's? Das Feſt findet im Hauſe Statt.— Das Feſt! Zum Henker! wir werden erſt um elf Uhr ankommen.— Nein, um zehn Uhr; ich will die verdammie Beſlie peitſchen.— Nun iſt mir Alles einerlei, ich habe meinen Entſchluß ge⸗ faßt.— Man verlangt ſehnlich nach uns, das weiß ich gewiß1.. Vorwärts, Mähre! vorwärts!— Sagen Sie lieber, daß man nicht mehr an uns denkt.— O, Leute, wie wir, werden nicht ſo leicht vergeſſen. Hil ho! du Schindersknochen!— Geben Sie Acht, Sie peitſchen das Pferd zu ſtark. Sehen Sie, es wird ſcheu..— Ach Gott! es geht durch!— Halten Sie es; ziehen Sie doch die Zügel an..— Ich kann's nicht aufhalten, mein lieber Freund.. Ich zerre ja aus allen Kräften.. Ach Gott! es läuft quer über die Felder.. wir ſind verloren.— Erſchrecken Sie nicht. es wird ſchon ſtehen bleiben. Jockey, ſteig ab und halte das Pferd auf!“.. Unſer Jockey iſt mit einem Sprunge auf dem Boden, folgt uns aber nicht, weßhalb ich fürchte, 36 er möchte ſich verletzt haben. Das Pferd galoppirt immer über Wieſen, Wege und Ackerfelder. Ich habe meinen Nachbar, der weder ſieht noch hört, ſondern an allen Gliedern zittert und laut um Hülfe ruft, die Zügel abgenommen. Zu allem Unheile bricht jetzt auch das Gewitter aus, der Regen ſtürzt in Strömen herab und der Wind ſchlägt uns den⸗ ſelben ins Geſicht. Unſer Pferd rennt immer noch fort; ich befürchte bereits einen ernſtlichen Unfall; wir find an einer ſehr abſchüſſigen Stelle und ich erwarte jeden Augenblick, mit dem Gefährte um⸗ geworfen zu werden; glücklicher Weiſe verſperren jetzt Weingärten unſerem flüchtigen Thiere den Weg. Es ſteht plötzlich ſtill; aber bei dem Verſuche, es ſich von den Reben und Pfählen, in denen es ſich gefangen hat, loszumachen, macht das Pferd ſo gewaltige Sprünge, daß es uns auf die Seite wirft und ebenfalls umfällt. „Ich bin todt!“ ruft Raimund im Niederſtürzen. Bevor ich mich davon überzeuge, ſuche ich aus meinem Gefängniſſe loszukommen, denn die Pfädle verſperren den Eingang unſeres Cabriolets. Endlich gelingt es mir. Ich habe nicht einmal eine Quet⸗ ſchung erhalten und ſchätze mich überglücklich, mit der Angſt davon gekommen zu ſein. Da ich nun einmal das Feſt der Frau von Marſan nicht beſuchen ſoll, ſo ergebe ich mich in mein Schickſal und bin feſt entſchloſſen, die Unfälle und Widerwärtigkeiten, welche Raimund mir immer bereitet, mit philoſo⸗ phiſcher Ruhe zu ertragen. 37 Ich will doch ſehen, in welchem Zuſtande mein Nachbar ſich befindet. Er ſtößt tiefe Seufzer aus; ſollte er ſich wirklich verletzt haben? Dies würde unſere Lage höchſt bedenklich machen. Ich nähere mich Raimund, der im Fallen zur Hälfte aus dem Cabriolet herausgekommen iſt und nun mit dem Geſichte gegen die Erde gekehrt da⸗ liegt. Ich ſchüttle ihn am Arme und kann ihn nur mit Mühe ſo weit bringen, daß er den Kopf auf⸗ richtet. Das Regenwaſſer hat bereits Pfützen ge⸗ bildet und die friſch umgegrabene Erde ſich an Raimunds Geſicht geheftet, der mir mit erſtickter Stimme ſagt, daß er nichts mehr ſehe. „Das thut nichts; kehren Sie nur Ihr Geſicht nach oben, dann wird der Regen bald den Dreck aus ihren Augen hinweg waſchen.— Sie haben Recht, lieber Freund ſo, jetzt bin ich geſäu⸗ bert. ich ſehe wieder hell. kann wieder Athem ſchöpfen.— Sind Sie verletzt?— Ich will mich doch einmal betaſten es thut mir überall weh aber ich glaube gleichwohl, daß ich keine bedeutende Verletzung erhalten habe.— Gottlob! — Ach, mein Freund! welch ſchreckliches Abenteuer! — An wem liegt die Schuld?— Hören Sie doch, ich habe das Pferd gepeitſcht, weil Sie ſo große Eile hatten.— Gut, nun legen Sie Ihre Dumm⸗ heit mir zur Laſt!„* „Wir ſind in einem ſchönen Zuſtandel und der Regen ftürzt in Strömen herab! Es ſcheint mir, als hätte ſich Alles gegen uns verſchworen„Da, 38 ſehen Sie, ſogar meinen Hut habe ich im Fallen zerriſſen.— Ei, zum Teufel! es handelt ſich jetzt nicht um Ihren Hut!— Ja, aber um meinen Kopf handelt es ſich, den ich nicht mehr ſchützen kann. Ich bin durchnäßt.. veſchmutzt. zerquetſcht.. gerädert.. welchen Katarrh werde ich bekom⸗ men!... Und meine Toilette! das war wohl der Mühe werth.. durchbrochene Strümpfe... Sehen Sie nur, mein Jabot iſt auf dieſen Pfählen ge⸗ blieben.. Ach, mein Gott! nächſtens falle ich in Ohnmacht!— Mordelement, Herr Raimund, laſſen Sie doch den Muth nicht ſinken! Sie benehmen ſich ja kläglicher als ein Kind. Wir müſſen von hier wegzukommen ſuchen.— Wo iſt denn unſer Jockey? — Itch fürchte, der arme Teufel hat ſich beim Herunterſpringen verletzt, und ich weiß in der That nicht, wo er ſein mag.— Wenn wir nur das Ge⸗ fährt aufrichten könnten.— Da iſt ein Rad zu Grunde gegangen.— Der Teufel iſt im Spiele. — Gewiß hat ſich auch das Pferd an dieſen Pfählen veſchädigt. Unſere Luſtpartie wird theuer zu ſtehen kommen, Herr Nachbar.— Ach welch ein Glück, daß Sie ſo ruhig und gefaßt bleiben können ich bin vernichtet und zugleich wüthend.— Folgen Sie mir.. Wir wollen ein Haus einen Zu⸗ fluchtsort. aufſuchen aber geben Sie wohl auf den Weg Acht, den wir einſchlagen.. Kom⸗ men Sie?— Warten Sie doch ein wenig ich will nur mein Taſchentuch um den Kopf binden.“ Wir verlaſſen die Weinberge; um Raimund vor⸗ 39 wärts zu bringen, muß ich ihn an der Hand nehmen, denn er fürchtet bei jedem Schritte zu fallen. So gehen wir zehn Minuten lang, alle Augenblicke in Waſſerpfützen tappend, welche die Dunkelheit uns verbirgt; ich fluche und Raimund jammert, weil er ſchon zum Voraus einen Katarrh befürchtet. Endlich bemerken wir eine kleine Hütte und das durch die Fenſier ſcheinende Licht zeigt uns an, daß die Bewohner derſelben noch nicht ſchlafen, denn die Bauern brennen gewöhnlich keine Nachtlichter⸗ „Wir ſind gerettet!“ ruft Raimund und will in aller Haſt auf das Häuschen zuſtürzen. Aber ich halte ihn zurück, aus Furcht, er möchte ſich auf eine Art anmelden, daß man uns nicht öffnen würde. Da⸗ gegen klopfe ich an die Thüre der Hütte. Die Landleute ſind ſelten mißtrauiſch, dieſe da, welche ſehr arm waren, hatten vor keinen Dieben bange. Man öffnet uns, in einer großen Stube ſehe ich eine Bäurin von einem halben Dutzend Kinder umgeben. Ich erzähle ihr unſer Abenteuer, während Raimund, der bereits hineingegangen iſt, eine große Schüſſel unterſucht, um zu erforſchen, aus was das Nachteſſen der Bauern beſtehe, und dann mit einer Grimaſſe auf mich zukommt, welche ſagen ſoll, daß wir in dieſem Hauſe nichts Beſonderes zu erwarten hätten. „Nun, was können wir für Sie thun, meine Herren?“ fragt die Bäurin, indem ſie Raimund alle Winkel der Stube durchſtöbern ſieht.— Iſt es noch weit bis nach Montmorench?— Rein, nur noch 40 eine kleine Viertelſtunde.— Wir kennen die Wege nicht; könnte Euer größter Junge uns nicht führen? Wir wollen Euch dieſen Dienſt gut bezahlen.“ Dies ſprechend gebe ich der Bäurin einen Tha⸗ ler, was ſie ſogleich zu unſeren Gunſten ſtimmt. „Das kann ſchon ſein,“ verſetzt ſie.„Julian, geh' mit dieſen Herren; wenn Sie müde ſind, können wir Ihnen auch Eſel geben.— Das iſt uns ſehr lieb; zuerſt müſſen wir unſern Jockey ſuchen, der ürgendwo in der Umgegend ſein muß, und dann ſollte unſer Pferd wieder aufgerichtet werden, denn es darf die Nacht nicht auf freiem Felde zubrin⸗ gen.— He, Julian, führe unſere Eſel aus dem Stalle. Nur muß ich Ihnen bemerken, daß ſie keine Sättel haben.— Thut nichts; ſie werden uns doch nützlich ſein.“ Die Eſel werden herbeigeführt; ich bezahle ſo⸗ gleich das Miethgeld und nehme einen dritten für unſeren Jockey, den ich wieder zu finden hoffe. Raimund entſchließt ſich nur ungerne, ſein Thier zu beſteigen; er verlangt einen Sattel und Steig⸗ bügel; er behauptet, auf einem Pferde wie Fran⸗ coni reiten zu können, und kann ſich nicht einmal auf einem Eſel halten. Seiner Jeremiaden müde, mache ich mich mit dem jungen Bauernburſchen, der den dritten Eſel beſteigt, auf den Weg, um den Jockep zu ſuchen. Als Raimund merkt, daß ich ihn nicht mehr höre, ſo faßt er den Entſchluß, mir zu folgen, indem er ſich mit der einen Hand an dem Kreuze und mit der andern an der Mähne 41 des Eſels hält. Er treibt das arme Thier hinter mir her und ſo ſind wir abermals auf freiem Felde. Ich laſſe meinen Eſel auf Gerathewohl traben und rufe mit lauter Stimme unſerem Jockep; meine Gefährten rufen gleichfalls aus allen Kräften; end⸗ lich gibt man uns Antwort: wir folgen dem Schall der Stimme und finden den jungen Menſchen unter einem Baume liegend. Der arme Teufel hat einen Fuß verrenkt und kann nicht mehr gehen. Ihh laſſe ihn den Eſel des Bauernkurſchen beſteigen; jetzt handelt es ſich nur noch darum, unſer Pferd ab⸗ zuſchirren, das neben dem Cabriolet liegt. Der Regen hat die Hitze des armen Thieres abgekühlt;z es läßt ſich endlich wieder aufrichten; nachdem ſo⸗ dann unſer Führer ſich überzeugt, daß es keine Ver⸗ letzung erhalten hat, beſteigt er daſſelbe, ſtellt ſich an unſere Spitze und die Cavalcade ſchlägt den Weg nach Montmorench ein. Alle dieſe Nebenumſtände haben viel Zeit weg⸗ genommen. Es iſt bereits halb zwölf Uhr vorbei, als wir unſer Gefährt verlaſſen, das ich dem Bauern⸗ burſchen anempfehle, der mir verſpricht, mit Tages⸗ anbruch einen Schmied zu holen und es ausbeſſern zu laſſen. Ohne Raimund würde es ſchnell vor⸗ wärts gehen; aber er nöthigt uns, jeden Augenblick ſtille zu halten, ſein Eſel läßt ſich nicht leiten und will öfters einen andern Weg nehmen, und der arme Kerl erhebt ein ſchreckliches Geſchrei, wenn wir nicht auf ihn warten. Glücklicher Weiſe hat 42 der Regen nachgelaſſen, der Himmel iſt ein wenig heiterer und wir können vor uns ſehen. um Mitternacht gewahren wir die erſten Häuſer von Montmorency. Raimund ſlößt einen Freuden⸗ ſchrei aus, ſein Eſel erſchrickt darüber, macht einen Sprung und wirft ſeinen Reiter auf einen kothigen Pfad, wo er ſeine Schuhe dahinten läßt. Da wir ein wenig voraus waren, ſo muß Raimund allein wieder aufſtehen; die Furcht, uns zu verlieren, gibt ihm Kraft; aber ſein Reitthier hat nicht auf ihn gewartet, und er läuft dem Eſel nach, den er erſt vor dem Wirthshauſe, wo wir abſteigen, wieder einholt. Alle Bewohner des Gaſthauſes ſchlafen; wir klopfen jedoch, bis man uns antwortet. Die Leute wundern ſich, daß ſo ſpät noch Reiſende kommen; ſie werden aber noch mehr ſtaunen, wenn ſie ſehen, in welchem Zuſtande wir ſind, beſonders Raimund, den ſein letzter Fall mit Koth von unten bis oben bedeckt hat. Man öffnet uns, fährt aber, wie ich vorausſah, bei unſerem Anblicke zurück. Es gelingt mir jedoch bald, die nöthige Aufklärung zu geben⸗ Wie der Wirth bemerkt, daß er es mit anſtändigen Leuten zu thun hat, ſo entſchuldigt er ſich und führt uns ſchleunigſt ins Haus. Man weist uns zwei ineinandergehende Zimmer an. Auch unſer Jockey wird untergebracht, das Pferd in den Stall geführt, und der Bauernburſche begibt ſich mit ſeinen Eſeln heimwärts. Ich laſſe ein tüchtiges Feuer anzünden, um uns 43 zu trocknen, und bitte den Gaſtgeber, irgend etwas Eßbares aufzutragen, denn unſere Unfälle haben mir den Appetit nicht genommen⸗ Man ſervirt Geflügel, Schinken, Salat und Früchte. Während ich mich zu Tiſche ſetze, geht Raimund in ſeinem Zimmer, wo er ebenfalls ein Feuer anmachen ließ, auf und ab und bittet das Mädchen, welches uns bedient, ihm die Lenden zu frottiren, damit er nicht krank werde. Die Magd iſt eine dicke Bauerndirne von zwanzig Jahren, die ſich vor einem Manne wenig fürchtet. Indeß kommt ihr doch Raimunds Vorſchlag ſonderbar vor; ſie blickt mich lächelnd an und ſcheint zu zaudern.— „Fürchte nichts,“ ſage ich zu ihr,„der Herr denkt heute nur an ſeine Geſundheit; ich ſtehe dafür, daß er artig iſt.“ Während mein Nachbar ſich frottiren läßt, ſpreche ich dem Souper tüchtig zu und trockne mich voll⸗ ſtändig an dem Feuer; Raimunds Zimmerthüre iſt nicht geſchloſſen; ich höre, daß er die Magd wegen ihrer Geſchicklichkeit lobt. Das Mädchen muß vom Frottiren ſchon lange müde ſein, aber meinem Nach⸗ var ſcheint es zu behagen; gewiß haven jetzt die Wärme und die Bemühungen der Magd Herrn Rai⸗ mund ſeine ganze Lebenskraft wiedergegeben, denn er wird unternehmend; ich höre nämlich das Mäd⸗ chen rufen, ſie werde böſe, und doch habe ich mich für die Artigkeit meines Nachbars verbürgt. Da traue man noch einem Menſchen! Der Lärmen in dem Nebenzimmer dauert fort. 44 Endlich flüchtet ſich das Mädchen laut lachend ins meinige, verfolgt von Raimund, der nur mit einem Hemd, Unterhoſen und einem Paar alten Pantoffeln vom Wirthe bekleidet iſt.„Verhalten Sie ſich heute Abend doch ruhig, Herr Raimund! Müſſen Sie mir denn überall Unannehmlichkeiten bereiten?— Mein lieber Freund, ſehen Sie dieſe Augen! O, die Schelmin, wenn ſie wollte!— Ja, aber ich will eben nicht, Herr Hitzkopf.— Ei, Herr Raimund, laſſen Sie dieſes Mädchen ruhig zu Bette gehen; es iſt ſpät und gar nicht der geeignete Zeitpunkt, das ganze Haus aufzuwecken;z ich habe nicht Luß, noch in eine Ungelegenheit wegen ſchönen Augen zu kommen. Geh jetzt, liebes Kind, wir bedürfen nichts mehr.— Ach! höre doch, wo iſt Deine Kammer? ſag' mir, wo iſt ſie?— Was geht das Sie an? — Sag' es nur, Närrchen; es wird Dich nicht gereuen.— Nun, ich ſchlafe dort drüben, am Ende des Ganges.— Gut, ich verſtehe.“ Die Magd verläßt uns und Raimund ſetzt ſich zu Tiſch.„Hoffentlich werden Sie dieſem Mädchen, das ſich über Sie luſtig macht, nicht nachlaufen.— Nein, nein, ich ſcherzte nur; ſie iſt feſt wie ein Felſen.— Sie mußte auch wiſſen, wie Sie ſind, denn Sis ließen ſich lange genug reiben.— Ja gewib. die Schelmin weiß es.— Es ſcheint mir aber, ſie ſei dadurch nicht ſehr zu Ihren Gunſten geſtimmt worden.— Bah! ſie hat mir ja ihre Kammer bezeichnet.— Verlaſſen Sie ſich nicht darauf.— O, ich habe ganz und gar keine Luſt, ——. 45 ſie aufzuſuchen; aber ſicherlich würde es, wenn ich wollte, nur von mir abhängen.— Das glaube ich nicht.— Wollen Sie wetten?— Nein, weil Sie dann irgend einen dummen Streich begingen, der mir die Nacht eben ſo angenehm machen würde, als der Abend geweſen iſt, und ich geſtehe Ihnen, daß ich für heute genug habe. Gute Nacht, Herr Raimund, ich will ſchlafen gehen; thun Sie das Gleiche.— Ja, Herr Nachbar, ja, ich werde es ebenſo machen. Schlafen Sie wohl.. Ihr Diener.“ Raimund nimmt etwas gereizt ſein Licht und begibt ſich in ſein Zimmer, deſſen Thüre er zu⸗ ſchließt. Ich lache über die Dummheit dieſes Ori⸗ ginals und lege mich zu Bette, wo ich alsbald einſchlafe. Ein Geräuſch, deſſen Urſachen ich nicht unter⸗ ſcheiden kann, erweckt mich bald wiederz ich horche, und rufe Raimund, um zu erfahren, ob er etwa unwohl ſei. Man gibt mir keine Antwortz ich höre nichts mehr und ſchlafe wieder ein. Erſt um acht Uhr wache ich auf. Die Sonne ſcheint hell in mein Zimmer und verkündigt einen ſchönen Tag. Da ich jetzt wider meinen Willen in Montmorench bin, ſo muß ich wenigſtens die herr⸗ üchen Promenaden in der Umgegend benützen und die Reize des Landlebens genießen. Auch kann unſer Cabriolet noch nicht ausgebeſſert ſein, und es findet daher jedenfalls ein Verzug Statt. Ich kleide mich an, rufe Raimund und frage ihn, ob er nicht vor dem Frühſtücke einen Spazier⸗ 46 gang mit mir machen wolle. Keine Antwort; wahr⸗ ſcheinlich ſchläft er hoch. Aber ſeine Zimmerthüre iſt halb offen, und ich glaube doch, daß er ſich geſtern Nacht eingeſchloſſen hat. Auf einen abermaligen Ruf:„Stehen Sie doch auf, Fauler! es iſt ſchon ſpät!“ erhalte ich wieder keine Antwort. Ich blicke nach dem Bette, er liegt nicht darin. Vielleicht iſt er ausgegangen, ohne mich zu erwecken. Schon will ich mich entfernen, als ich auf einem Stuhle Rock, Weſte und Hoſe bemerke, welche Raimund dahin gelegt hat, um ſie zu trock⸗ nen. Wie, er ſollte ohne Rock und Hoſen ausge⸗ gangen ſein! Das iſt ſonderbar... Jetzt fallen mir meines Nachbars Abſichten auf die Magd, ſo wie die Wette ein, welche er mir während des Eſſens anbot. Kein Zweifel mehr! Raimund wollte mir beweiſen, daß man ihm nicht widerſtehen könne; er hat ſich ſicherlich zu dem dicken Mädchen, das ihn vergangene Nacht ſo lange trocknete und frot⸗ tirte, ins Bett gelegt. Aber die Mägde ſchlafen voch nicht bis acht Uhr; ſie muß ſchon längſt auf⸗ geſtanden ſein; warum iſt alſo Raimund nicht zu⸗ rückgekommen? Soll vielleicht das ganze Haus wiſſen, wo er geſchlafen hat? Ich ſehe keinen Grund dazu und will mich deßhalb von der Wahr⸗ heit überzeugen. Ich rufe, ich klingle; die Magd kommt; es iſ die von geſtern Abend. Ihr Lächeln, ihre großen⸗ weit geöffneten Augen und ihr raſcher, entſchiedener Ton beweiſen mir, daß ſie nicht ſchüchtern iſt und 47 an nächtliche Beſüche gewöhnt ſein mag. Ich blicke ſie gleichfalls lächelnd an. ² „Sie haben mich gerufen, mein Herr?— Ja, mein liebes Kind.— Was befehlen Sie?— Wie befindet ſich unſer Jockei?— O, es geht gut, mein Herr; man hat ihm einen Verband an den Fuß gelegt.— Und das Cabriolet?— Kann in zwei Stunden fertig ſein. Aber der Eigenthümer der Weinberge, die Sie verdorben haben, iſt dem Gefährte gefolgt und verlangt eine Entſchädigung. Er ſagt, es ſeien mehr als zwölf Reben zu Grunde gerichtet.— Gut, er muß bezahlt werden; ich gebe ihm hundert Sons. He, meine liebe Dicke, ſage mir doch, was haſt Du mit meinem Kameraden angefangen?— Mit Ihrem Kameraden?— Ja, mit dem Herrn, der mit mir gekommen iſt.— Ah! der ſeine Schuhe verloren hatte und den ich ſo lange reiben mußte.— Ja.— Ei, ich habe nichts mit ihm angefangen und wollte auch nichts von ihm, obgleich er mir nachrannte wie ein durſtiger Hund. — Nur heraus mit der Sprache, Du brauchſt Dich nicht zu verſtellen; er hat bei Dir geſchlafen: darin ſehe ich nichts Unrechtes; aber wo zum Leufel ißt er jetzt?— Wie meinen Sie 2 Er ſoll bei mir ge⸗ ſchlafen haben? Ah! gehen Sie doch! Zch ſchlafe nur bei denen, die mir gefallen, und dieſer Stroh⸗ mann gefällt mir ganz und gar nicht. Wenn er ſo etwas behaüptet hätte, ſo würde ich ihm die Augen auskratzen.— Wenn man aber Jemanden ſeine Kammer zeigt, ſo liegt eine ſolche Vermuthung nicht 48 ferne.— Meine Kammer! ich hätte ihm meine Kammer gezeigt! Ha! ha! ha!“ Die Magd, welche vor Zorn zuerſt purpurroth wurde, bricht jetzt plötzlich in ein ſchallendes Ge⸗ lächter aus. Es dauert ſehr lange, bis dieſer An⸗ fall von ungemeſſener Heiterkeit ſich legt. Das dicke Mädchen hält ſich die Seiten und muß auf einen Stuhl ſitzen, ehe ſie mit mir ſprechen kann; endlich findet ſie wieder Worte: „Mein Herr, die Thüre, welche ich Ihrem Freunde bezeichnete, gehört nicht zu meiner Kam⸗ mer, ſondern führt zu einem großen, ſehr trockenen Boden unter dem Dache, wo der Wirth allerlei Früchte aufbewahrt, als Birnen, Acpfel und Trau⸗ ben, ſodann viel Salzfleiſch, Schinken und Würſte. — Das mag ſein; aber ich denke, Dein Herr verſchließt dieſen Boden.— Ja, aber er behauptet doch, daß man ihm öfters etwas ſtehle, und ſeit einigen Tagen, ich weiß nicht, geſchieht es, um die Diebe zu erwiſchen, aber ich habe wohl bemerkt, daß die Thüre nar mit einem Riegel verſchloſſen iſt.— Dahin haft Du meinen Kameraden geſchickt?— Ja, mein Herr.— Was ſoll er aber die ganze Nacht dort gemacht haben! Irgendwo muß er doch ſein. Wohlan, führe mich nach dieſer Speiſekammer.— O, ich will den Wirth holen, weil es uns Anderen verboten iſt, dahin zu gehen.— Ich ſcheere mich den Leufel um dieſes Verbot: mein Kamerad muß wieder herbei; er kann doch nicht gegen⸗ wärtig die Ermitage beſuchen oder im Hemd und 49 Unterhoſen ſpazieren gehen.— Das glaube ich auch nicht.“ Ohne auf die Magd zu hören, welche ihren Herrn davon benachrichtigen will, verlaſſe ich mein Zim⸗ mer, ſteige die Treppe hinauf und durchwandle einen langen Corridor, an deſſen Ausgang ich eine Thüre wahrnehme. Dieſer Ort iſt ziemlich entfernt von den bewohnten Zimmern und wenn auch Raimund ge⸗ rufen hat, ſo ſcheint es mir leicht begreiflich, daß ſeine Stimme nicht gehört wurde. Aber weßhalb ſollte er da geblieben ſein? Will doch ſehen. Ich ſtoße die Thüre auf, die nicht verſchloſſen iſt und er⸗ blicke Raimund ſchlafend auf einem Schinkenbrette, während eines ſeiner Beine in einer Falle gefan⸗ gen iſt. Bei meiner Ankunft öffnet er die Augen und reicht mir mit einem ſchwer zu beſchreibenden Aus⸗ drucke die Hand:„Ach! mein Freund, mein Retter! Befreien Sie mich„ich bitte Sie!— Was Leu⸗ fels machen Sie denn da?— Sie ſehen, ich bin gefangen wie eine Ratte, kann mich nicht rühren! Schon ſeit Ein Uhr bin ich da, habe geſchrien, ge⸗ rufen, Niemand iſt gekommen, und ſo mußte ich mich geduldig in mein Schickſal ergeben. Ueberzeugt, daß meine Stimme nicht gehört würde, ſetzte ich mich auf das nächſte Beſte, was ich fand, und bin ein⸗ geſchlafen. aber es ſchmerzen mich alle Glieder Ich werde an Montmorency denken 1. Ich hätte gerne gelacht, aber Raimunds klägliche Figur flößt mir Mitleiden ein. Indeß ſuche ich ver⸗ Panl de Kod. X0IM. 4 50 gebens, ihn aus der Falle loszumachen, als unſer Wirth mit der Magd kommt; beim Anblicke der Letzteren ſchneidet mein armer Nachbar eine ſchreck⸗ liche Grimaſſe; während das dicke Mädchen vor La⸗ chen Thränen vergießt. „Ha! ha! nun habe ich doch den Dieb!“ ruft der Wirth, ehe er Raimund ſieht; als er aber näher kommt, ſo ſtaunt er nicht wenig, den Reiſenden, dem er Pantoffeln geliehen, vor ſich zu haben. Rai⸗ mund erfindet eine ziemlich wahrſcheinliche Geſchichte von einer kleinen Unpäßlichkeit, die ihn während der Nacht überfallen und genöthigt habe, einen gewiſſen Ort zu ſuchen, den er oben im Hauſe zu finden glaubte und ſo ſei er endlich hier in die Falle ge⸗ rathen. Der Wirth erſchöpft ſich in Entſchuldigungen; er allein kennt das Geheimniß der Falle und ver⸗ ſchafft auch meinem Kameraden ſogleich die Freiheit. Raimund kleidet ſich an, iſt aber übler Laune und gar nicht geſtimmt, die Umgebungen von Montmo⸗ rench zu bewundern. Aus Furcht, die Nacht, welche er im Hemde auf dem Schinkenbrette hinbrachte, möchte ihm einen Katarrh zuziehen, wünſcht er nichts ſebnlicher, als ſobald als möglich nach Paris zu⸗ rückzukehren. Ich könnte meinen Nachbar wegen des Mißge⸗ ſchickes, das ihn bei ſeinen galanten Abenteuern verfolgt, aufziehen; aber ich denke großmüthig und ſchweige. Diesmal reibt er ſich Schultern, Beine und Hintertheile ſelbſt; nach dem Frühſtücke be⸗ 5¹ ſuche ich die reizenden Orte, welche Gretry und Jean Jacques auch jetzt noch verherrlichen; denn Männer von Genie ſterben niemals ganz. Der Leſer wird mir eine Schilderung dieſer Gegend erlaſſen, da ſie ja ſchon oft beſchrieben worden iſt. Wenn ich aber einmal in eine ferne Gegend komme, und ich ſehe ein gothiſches Schloß, oder eine ihrem Verfall entgegengehende Kapelle, ſo verſpreche ich eine recht ſchöne Beſchreibung davon, denn ich kann alsdann Alles ſagen, was mir in den Kopf kommt, ohne be⸗ fürchten zu müſſen, daß man mich Lügen ſtraft. Itch kehre zu Raimund zurück; er erwartet mich mit Ungeduld. Das Cabriolet iſt ausgebeſſert, das Pferd iſt angeſchirrt und wir können abreiſen. Ich laſſe meine beiden Invaliden einſteigen, denn Rai⸗ mund befindet ſich eben ſo ſchlimm als der Kutſcher, kann kaum ein Glied rühren; ſodann ſetze ich mich in ihre Mitte und nach Bezahlung der Wirthsrech⸗ nung, auf welcher auch die Pantoffeln figuriren, in denen mein Nachbar nach Paris zurückkehrt, geht es der Hauptſtadt zu, wo wir ohne weiteres Mißge⸗ ſchick ankommen, weil ich Raimund die Zügel nim⸗ mer überlaſſe. Sobald wir unſere Wohnung erreicht haben, wird das Cabriolet zurückgeſchickt und dem Kutſcher für ſeinen verrenkten Fuß, der ihn mehre Tage an das Haus feſſeln wird, eine Entſchädigung gegeben. Ich bezahle und überreiche meinem Nachbar ein Ver⸗ zeichniß der Ausgaben ſeit gefern Abend; 52 Für das Cabriolet, welches wir einen Tag über die bedungene Zeit behalten haben 30 Fr.— Ct. Für die Bäuerin und ihren Sohn, der uns als Führer diente und das Pferd wieder aufrichten half 6„—„ Für Miethe der Eſel um Mitternacht 9„—„ Für die Reparatur des Cabriolets 12„—„ Für Beſchädigung der Weinberge. 5„—„ Für den Aufenthalt im Wirthshauſe, Schlafgeld, Abendeſſen und Früh⸗ Für Hrn. Raimunds Pantoffel 2„ 50„ Für die Magd, welche Hrn. Rai⸗ mund frottiren mußte 3„—„ Für Feuer in zwei Kaminen, wel⸗ ches in Wirthshäuſern ſehr ſelten„ vortnt Für den Kutſcher, der ſich den Fuß verrenkt hat, als er unſer Pferd anhalten wollte 220„—„ —.— Summa 117 Fr. 50. Ct. Bei Durchſicht der Koſten unſerer Luſtpartie, w⸗ zu er noch ſeine faſt ganz verdorbene Toilette rech⸗ nen konnte, ſtieß Raimund einen ſchweren Seufzer aus und zog ziemlich langſam aus ſeiner Börſe die 58 Franken und 65 Centimes, welche er mir ſchul⸗ dete. Endlich iſt unſere Rechnung im Reinen, und wir begeben uns Jeder in ſeine Wohnung. 53 Viertes Kapitel. Argwohn des Geiſtes.— Beſorgniſſe des Herzens. Mein Nachbar iſt ſchuld, daß ich der freundlichen Einladung der Frau von Marſan keine Folge leiſten konnte; doch will ich mich deßhalb ſobald als mög⸗ lich entſchuldigen und werde dann allein hingehen, wobei ich in jeder Beziehung zu gewinnen glaube. Caroline erwartet mich ohne Zweifel mit der größten Ungeduld; ſie muß daher ſehr ſchnell von ihrer Unruhe befreit werden. Ich hatte ihr verſprochen, noch bei Nacht zurückzukommen; aber unſere Aben⸗ teuer!„ Es iſt zwei Uhr vorbei; alſo ſchnell in die Rue Caumartin. Ich habe dieſe Straße erreicht. diesmal ſitzt ſie nicht am Fenſter aber muß man ſich denn einen ſchiefen Hals zuziehen, um mich bälder kom⸗ men zu ſehen? Nein, ſo etwas verlange ich nicht. Ich ſteige die Treppe hinauf, läute. man öff⸗ net nicht. Sie iſt ausgegangen. Des langen War⸗ tens müde, hat ſie wahrſcheinlich einen Spazier⸗ gang gemacht vielleicht beſorgt ſie auch einige neue Einkäufe. Ich muß alſo gehen und ſpäter wie⸗ derkommen Doch will ich noch einmal läuten. Abermals umſonſt. Ziemlich übel gelaunt, denn es kann mich nichts mehr aufbringen, als ein ver⸗ eiteltes Vergnügen, fleige ich die Treppe hinunter. Ich habe allerdings keinen Grund darüber böſe zu ſein, daß ſie ausgegangen iſt.. aber ſie hätte doch auf mich warten können. Ich entferne mich, indem 54 ich mir hinter dem Ohre kratze, ich glaube ſogar, daß ich mir an der Stirne kratze Sollte dies eine Vorbedeutung ſein? Ach! ich habe noch kein treues Frauenzimmer gefunden; doch ich will mich nicht zum Voraus ärgern, denn dies führt zu nichts. Auch nachher will ich meinen Kummer zu unter⸗ drücken ſuchen; dann werde ich weit glücklicher ſein. Auf dem Boulevard bemerke ich Caroline. Welche Toilette für einen Morgenſpaziergang! Sie hat mich geſehen und ſcheint verlegen; doch kommt ſie auf mich zu. Wir lächeln uns Beide entgegen, aber ich glaube, es iſt weder dem Einen noch dem Andern recht damit Ernſt; ſolch ein erzwungenes Lächeln ver⸗ räth ſich leicht. „Ah! Sie find da..— Ja, wundern Sie ſich darüber?— Ich erwartete Sie nicht ſo ſpät.— Ich glaube wirklich, daß Sie mich nicht mehr erwarteten. — Kommen Sie von Hauſe?— Ja; und Sie?— Ich habe einen kleinen Spaziergang gemacht.— Welche Toilette!— Nun, es ſcheint mir, eine ſehr gewöhn⸗ liche.— Doch nicht, im Vergleich mit der, welche Sie in der Rue de Roſiers trugen.— Sie ſagen mir doch immer Grobheiten.— Ich ſche nichts Grobes in dem,„ was ich ſage.— Man ſollte vielleicht in der Schürze ausgehen im Häubchen.— Das würde Ihnen nicht übel ſtehen.— Ich habe übrigens gar keine Luſt mehr dazu.— Ja, das glaub' ich.— Wenn man Sie hört, ſo ſcheint es faſt, Sie hätten mich als ein lin⸗ tiſches dummes Bauernmädchen kennen gelernt.— Ich weiß recht gut, daß Sie keine Unſchuld waren.— Wol⸗ ———— 55 len wir hier auf dem Boulevard ſtehen bleiben.. Ich gehe nach Haus kommen Sie mit?“ Nach einigem Zögern folge ich ihr dennoch. Wir ſind in ihrer Wohnung. Caroline verſpottet mich we⸗ gen meines ſtrengen Tones: in der That— was habe ich ihr denn eigentlich vorzuwerfen? Ich weiß wohl, daß ich manchmal nichts weniger als liebenswürdig bin und ein Brummbär wird nicht geliebt.. ja, aber ein Frauenzimmer, welches wahrhaft liebt, erträgt auch die Launen ihres Geliebten. Ich umarme Caroline und wir ſchließen Frieden. Ich ſpeiſe bei ihr, führe Sie ins Theater, will ihr recht viele Freude verſchaffen„aber ſie ſcheint ſich nicht ſehr zu amüſiren. ſie kommt mir etwas zer⸗ ſtreut vor, was mich beinahe beſtimmt, ſie ein wenig zu vexiren; doch halte ich mich zurück, denn ſie würde ſagen, daß ich unaufhörlich zanke! Wäre ſie aber wie ſonſt, ſo hätte ich keinen Grund, mich zu beklagen. Ja, ich wiederhole es: man iſt erſt dann nicht mehr liebenswürdig, wenn man nicht mehr geliebt wird. Es iſt beinahe Mitternacht, als ich nach Hauſe zu⸗ rückkehre... Eine geheime Hoffnung läßt mich ſehr ſchnell nach meinem Schlüſſelloche greifen.. kein Bougquet!... und doch iſt es der Tag dazu! Sollte mich Nicette auch vergeſſen? Das würde mich ſchmer⸗ zen. mir großen Kummer verurſachen! Doch welche Thorheit! Kann ich denn erwarten, daß mir das Mäd⸗ chen das ganze Jahr hindurch Blumen bringt, wäh⸗ rend ich ſie nicht einmal eines einfachen Morgengrußes wüdige?. Jedoch im Grunde meines Herzens nahm 56 ich die Beweiſe ihrer Dankbarkeit nicht gleichgültig auf; nein, ich fühlte den Werth derſelben, vielleicht mehr, als ich ſelbſt glaubte; ich hatte mich an dieſe kleinen Erinnerungszeichen ſo ſehr gewöhnt, daß ich dieſelben für einen ſchuldigen Tribut hielt. Es that mir wohl, von Nicette geliebt zu werden, ich hielt ſie der Treue fähig und während ich ihre Liebe nicht mißbrauchen wollte, ſchätzte ich mich doch glücklich, ihr ſolche einzuflößen. Nun will ich mir doch über ihr verändertes Benehmen Aufklärung verſchaffen; ich will ſie ſehen, mit ihr ſprechen. Morgen früh werde ich um ſechs Uhr aufſtehen und um die kleine Blumenhändlerin herumſchlendern. Was für ſeltſamen Menſchen ſind wir doch! Seit einem Monate vernachläſſige ich Nicette; weil ich nun glaube, daß ſie mich vergißt, brenne ich vor Verlangen, ſie wieder zu ſehen, ihr Benehmen und ihre Geſinnung kennen zu lernen!... Iſt es von meiner Seite Liebe, Eigenliebe, Eiferſucht, Eitel⸗ keit, Freundſchaft oder einfache Neugierde! Es iſt Alles, was ihr wollt, aber es iſt einmal ſo. Was Caroline betrifft, ſo will ich mich ihret⸗ wegen nicht beſonders grämen; denn entweder iſt ſie treu, oder ißt ſie es nicht: im erſteren Falle iſt mein Verdacht ungegründet; im zweiten verdient ſie weder meine Liebe, noch mein Bedauern. Dieſes ausgezeichnet ſchöne Dilemma rathe ich allen Eifer⸗ ſüchtigen der gegenwärtigen und zukünftigen Zeiten. Sie werden mir aber erwidern, daß man nicht ſehr verliebt iſt, wenn man ſich mit Vernunftſchlüſſen 57 tröſtet. Dagegen weiß ich nichts einzuwenden, denn ich glaube, ſie würden die Wahrheit ſagen. um ſechs Uhr bin ich auf den Beinen. Zu dieſer Stunde begegnen mir auch ſicherlich keine Bekannte, vor denen ich erröthen würde, wenn ſie mich mit einer kleinen Blumenhändlerin auf der Straße ſprechen ſehen. Da iſt der Platz, wo Nicette gewöhnlich feil⸗ bietet. Ich ſehe aber nichts ſollte es noch zu früh ſein oder ſollte ſie gar dieſes Viertel verlaſſen haben? Ich nähere mich einem wenige Schritte von mir entfernten Güterſchaffner, denn dieſe Leute wiſſen Alles. „Mein Freund, war nicht früher eine Blumen⸗ händlerin vor dieſem Hauſe?— Ja, mein Herr, noch vor acht Tagen.— Sie iſt alſo nicht mehr da?— O, nicht ſehr weit von hier!.. Nur etwa dreißig Schritte da unten werden Sie eine kleine Bude ſehen; darin ſitzt ſie jetzt.— Eine Bude ſagen Sie? — Ja, mein Herr, eine nicht gar große, hübſche Bude.“ Ich will mich entfernen wie aber, wenn ich von dieſem Manne etwas Genaueres erfahren könnte! Nicette hat eine Bude. was ſoll ich daraus ſchlie⸗ ßen? Ich zittere vor einer ſolchen Vermuthung! Ein Anderer wäre alſo glücklicher geweſen, als ich!.. ein Anderer wäre erhört worden.. dieſer Schatz, den ich erlangen konnte und den ich nur mit der größten Ueberwindung unberührt ließ, ſoll die Beute eines Anderen geworden ſein!... Ich nähere mich dem Güterſchaffner wieder, drücke 58 ihm ein Geldſtück in die Hand und ſtelle noch weitere Fragen an ihn: „Kennen Sie dieſe Blumenhändlerin?— Ja, mein Herr, ich kenne ſie doch gerade nicht ſehr genau, denn ſie iſt ein bischen ſtolz, ſie ſpricht nur mit ihren Kunden und auch mit dieſen ſehr wenig Gott ſtraf' mich, das iſt ein braves Mädchen, die helle Unſchuld.“ Das Lob, welches dieſer Mann Nicetten ſpendet, macht mir große Freude; es thäte mir alſo ſehr leid, wenn ſie in meiner Achtung etwas verlöre. „Sie ſagen, es ſei ein braves Mädchen?— Ja, mein Herr, darin kenne ich mich aus, und dann ſehe ich Alles, was hier vorgeht. Nicht als ob es Mam⸗ ſell Nicetten an Liebhabern fehlte... bewahre Cott, das ganze Viertel könnte ſie haben, wenn ſie wollte! ſie iſt ſo hübſch und hat überdies eine Menge Kun⸗ den. Erſt vor ſechs Wochen etablirte ſie ſich in dieſer Straße, aber gleichwohl bemerkten die jungen Leute ſie ſehr bald und nun kommen ganze Schaaren von gewichsten Herrchen, um ihr Blumen abzukaufen, ihr Schmeicheleien zu ſagen, Sie verſtehen mich wohl; aber Mamſell Necette verkauft nichts als Bouquets; dies muß man ihr nachrühmen. Sie hört eben ſo wenig auf die Stutzer, als auf die Lakaien, und wenn es Schelmen gibt, welche ſie erſuchen, die beſtellten Blumen in ihre Wohnung zu bringen, ſo ſind dieſelben ſchwer angeführt; denn Ricette ſchickt ihnen das alles durch das kleine Mädchen des Pe⸗ rückenmachers.“ 1 59 Entzückt über das Gehörte entferne ich mich und ſtehe in zwei Sprüngen vor Nicettens Bude. Sie ſtellt gerade ihre Blumentöpfe der Reihe nach auf. Bei meinem Anblicke ſtößt das Mädchen einen Schrei der Ueberraſchung aus einige Nelken entfallen ihren Händen. Sie erröthet und vermag kaum die Worte hervorzubringen:„Wie!. Sie find's, mein Herr!„ Lächelnd über ihr Staunen trete ich bei ihr ein, ſetze mich auf einen Schemel und ſehe ſie an. Wie ſchön iſt ſie! Die Freude macht ſie noch ſchöner und Freude ſtrahlt aus jedem ihrer Blicke. „Sie, Herr Dorſan. Sie bei mir!„ Ach ſo viele Freude erwartete ich nicht. ja, ich gab ſchon alle Hoffnung auf.— Warum denn, Ni⸗ cette?— Weil... Sie ſich ſo lange nicht mehr ſehen ließen...— Das iſt wahr, aber ich habe Ge⸗ ſchäfte, welche mir nicht geſtatten..— O⸗ mein Herr. ich glaube Ihnen... Ueberdies ſind Sie ja Ihr eigener Herr, und wie ſollten Sie auch an eine Blumenhändlerin denken.“ In dem Tone, womit ſie mir dieſes ſagt, liegt etwas ſo Rührendes, daß ich mich ganz bewegt fühle. Wie konnte ich doch ſo viele Anmuth, Reinheit und Zartheit des Gefühles vergeſſen!. Ich begreife mich nicht. Sie ſteht immer noch vor mir; ich ergreife ihre Hand und will ſie gar auf meinen Schvos ziehen ſie läßt mich gewähren ſie blickt zwar unruhig umher, beſitzt aber nicht die Kraft, ſich von mir zu 60 entfernen Ich Thor! was wollte ich thun! Wir ſind den Blicken der Vorübergehenden ausgeſetzt; es kann jede Minute Jemand hereinkommen. Sie hat nichts als ihren guten Ruf, und ich will denſelben beflecken! Das arme Mädchen! Aus Furcht, mir zu mißfalleu, würde es mir ſogar ſeinen Ruf zum Opfer bringen. Ich laſſe ihre Hand los und gehe, nach der Straße hinausſchauend, von ihr hinweg. Sie verſteht mich, denn ihre Augen danken mir. „Sie konnten eine Bude miethen, Nicette 2— Ja, mein Herr, ich verdiene ſehr viel, ſeit ich in dieſem Viertel binz ich ſpare, mache keinen unnöthigen Aufwand und glaube bisher immer recht gehandelt zu haben.— Ja, ich weiß, daß Ihr Benehmen un⸗ tadelhaft iſt.— Sie wiſſen es?— Ich habe nie daran gezweifelt; überdies haben Ihre Bouquets mir be⸗ wieſen, wie dankbar Sie ſind— Ach! wie ſollte ich vergeſſen können, was Sie für mich gethan haben? — Haben Sie noch keine Bekanntſchaften in dieſer Straße angeknüpft?— Nein, mein Herr; ich will auch keine anknüpfen.— Aber ſo allein werden Sie doch öfters Langeweile haben?— Wie ſollte ich mich langweilen? ich habe immer etwas zu denken.— Was thun Sie Abends?— Ich leſe und lerne ſchreiben.— Sie können ſchreiben?— Ein wenig in kurzer Zeit werde ich es hoffentlich beſſer verſtehen. Ein alter Herr gibt mir manchmal Unterricht darin.— Weßhalb brauchen Sie es aber noch beſſer zu lernen?— Das iß wahr, mein Herr; 61 wenn es Ihnen mißfällt, ſo will ich es aufgeben. — O, das ſage ich nicht; lernen Sie nur, Ri⸗ cette, wenn Sie Vergnügen daran finden; Sie find nicht geboren, um Bougquets zu verkaufen; aber ſuchen Sie ja die Stellung, welche das Schickſal Ihnen angewieſen hat, nicht zu überſchreiten; denn dies bringt ſelten Glück.— O, ich ſuche gar nichts, mein Herr; ich möchte nur etwas weniger dumm ſein, als bisher.— Meine liebe Freundin, Sie können unwiſſend ſein, ohne daß Sie deßhalb dumm findz Sie werden immer entzücken; um zu gefallen, bedarf Ihr natürlicher Verſtand keineswegs des Unterrichts, ſo wie Ihre körperlichen Reize nicht künſtlichen Schmuckes bedürfen, um zu verführen. Ach! Nicette, bleiben Sie immerhin, wie Sie gegen⸗ wärtig find, ſo, wie ich Sie das erſte Mal ſah; werden Sie nie anders!“ Sie hört mir ſchweigend zu; ihr ſanftes Auge billigt Alles, was ich ſage: wir verſtehen einander recht gut. Doch leider kommen jetzt Leute, welche ihre Blumen betrachten; ich muß mich deßhalb ent⸗ fernen. Ich verabſchiede mich und bleibe doch immer noch vor ihr ſtehen es gibt kein Mittel, einen Kuß zu erhalten... Ich fühle es wohl ſiee er⸗ räth mich. wir ſeufzen Beide einander ſo kalt zu verlaſſen. Ach! wenn wir nur in meiner Wohnung wären! Ich dürfte nur ein einziges Wort ſprechen, ſo würde ſie kommen, das weiß ich wohl; aber dieſes Wort kommt nicht über meine denn ſie wäre ſonſt verloren. Ich drücke ihr die Hand und begebe mich raſch binweg Ich fühle, daß ich ſie fliehen muß, um ſie nicht anzubeten. Fünftes Kapitel. Die vertrauliche Mittheilung. Wie eine glückliche Veränderung in unſerer Lage uns mit dem Leben wieder befreundet, wie ein günſtiges Ereigniß uns mit dem Schickſale wieder ausſöhnt, wie eine ſchöne Handlung einen Miſan⸗ thropen wieder der Menſchheit nähert, wie die An⸗ nahme ſeines Theaterſtückes den Unmuth eines Schriftſtellers dämpft, wie eine Flaſche alter Wein einen Trunkenbold ſeine Schwüre vergeſſen läßt, wie ein Sonnenſtrahl die letzten Spuren des Ge⸗ witters zerſtreut, auf dieſelbe Weiſe läßt uns der Anblick eines ſchönen Frauenzimmers unſere weiſeſten Vorſätze vergeſſen; ihre Liebe verwiſcht aus unſerer Seele, die Erinnerung an die Treu'oſigkeit unſerer letzten Geliebten und ihre Tugenden ſtimmen uns wieder freundlicher gegen das weibliche Geſchlecht überhaupt, das wir jedesmal, ſo oft wir getäuſcht, zu fliehen uns vornehmen, aber nie fliehen, weil dies nicht in der menſchlichen Natur liegt. Nicette ſteigt, ſo oft ich ſie ſehe, immer höher in meiner Achtung. Ich mache mir Vorwürfe, daß ich manchmal ein Geſchlecht ſchmähe, bei welchem man herrliche Muſter von Gefühl, Zartheit der 63 Empfindung und Sanftmuth findet und das öfters eine einzige Schwachheit mit tauſend trefflichen Eigenſchaften aufwiegt. Nun will es mich bedünken, als habe ich Caroline ungerechter Weiſe im Ver⸗ dacht; ſie gibt mir, wie ich glaube, durch ihr Be⸗ nehmen noch gar keinen Grund zur Eiferſucht und leicht könnten ungerechte Vorwürfe und Mißtrauen ein liebendes Herz erbittern. Ich fange jetzt ſogar an zu glauben, ich ſei bis⸗ her nur durch meine eigene Schuld hintergangen worden, und habe immer das Gegentheil von dem gethan, was ich hätte thun ſollen, um die Liebe eines Frauenzimmers mir zu erhalten. Man geht übri⸗ gens leicht zu weit in derartigen Schlüſſen und ich bätte mir am Ende noch vor demonſtrirt, die Treu⸗ loſigkeit der Frauenzimmer ſei nur eine Folge un⸗ ſeres Benehmens gegen ſie, aber ich ſtand jetzt gerade vor Tortoni, in dem Augenblicke, wo Rai⸗ mund daſelbſt eintrat, begleitet von einem etwa ſechszigjährigen, ſchlecht gewachſenen Herrn mit dummem, unangenehmem Geſichte, der ſich auf einen Stock flützen mußte, um ſein linkes Bein vorwärts zu bringen, deſſen Kleidung aber Reich⸗ thum ankündigte und deſſen Benehmen etwas hoch⸗ müthig war. Trotz Raimunds Einladung zu einem gemein⸗ ſchaftlichen Frühſtücke, kommt es mir gar nicht in den Sinn, mich neben dieſe Herren zu ſetzen. Ich thue, als höre ich gar nichts und ſitze in eine Ecke, weit von meinem Nachbar entfernt, den ich ſeit 64⁴ unſerer Reiſe nach Montmorency noch mehr fürchte. Während ich meine Chocolade trinke, bemerke ich, daß die Unterhaltung dieſer Herren ſehr lebhaft wird. Gewiß erzählt dieſer alte Gichtbrüchige ſeinem Freunde einige galante Abenteuer, und zwar mit ſehr lauter Stimme, um ſich das Anſehen eines jugendlichen Verführers zu geben. Würde er nicht beſſer thun, an ſeine Gebrechen zu denken? Er ſteht endlich auf; wahrſcheinlich wird Raimund ihm fol⸗ gen. doch nein, dieſer bleibt da und kommt auf mich zu. „Guten Tag, lieber Freund. Haben Sie ſich von den Strapazen der Reiſe ein wenig erholt?— Dieſe Frage gilt Ihnen. Gott ſei Dank, ich habe nicht auf einem Schinkenbrette geſchlafen, mit den Beinen im Garne, wie eine Lerche.— Ah! Sie Schelm.. Ich ſehe allerdings aus wie ein Sper⸗ ling; aber es thut mir nichts mehr wehz; ich habe mich geſtern tüchtig frottirt.. auch zwei Flaſchen von einem Hautverſchönerungsmittel und drei Fläſch⸗ chen Ceilonöl gebraucht; ſo hatte ich dieſen Morgen meine ganze Elaſticität wieder. Hören Sie mal, kennen Sie den Herrn, der ſo eben bei mir war? — Nein.— Es iſt Herr von Grandmaiſon.— Ich habe noch nie von ihm gehört.— Er iſt ein ſehr reicher Mann!... ungeheuer reich!.— Auch ungeheuer häßlich.— Ein ehemaliger Financier Lieferant, Entreprenneur..— Ja, ich verſtehe.— Er gibt köſtliche Bälle.— Doch ſchwerlich für ſich⸗ — O, der iſt noch immer ein luſtiger Kauz.— 65 Er ſieht übrigens nicht darnach aus.— Weil er ein wenig hinkt? Deſſenungeachtet macht er doch Er⸗ oberungen.— Nämlich erkaufte.— Allerdings; doch kommt's auf Eins heraus. Unter uns geſagt, er hat das Pulver auch nicht erfunden, und ſeine Erziehung beſchränkt ſich aufs Multipliziren und Subtrahiren, das er von Grund aus verſteht. Trotzdem bekommt er aber die ſchönſten Frauen⸗ zimmer von Paris.— Das iſt für die ſchönſten Frauenzimmer von Paris gerade kein Lob.— So eben erzählte er mir einen neuen Liebeshandel, den er bald ins Reine bringen will... Ha! ha! das iſt ſehr drollig!.. eine jugendliche, bezaubernde Schönheit ſoll einem jungen Manne vor der Naſe hinweggeſchnappt werden.— Irgend ein unterhal⸗ tenes Mädchen.— Die Kleine ſcheint ihren Preis werth zu ſein ſie machte Umſtände.. auch nimmt der junge Mann, der ohne Zweifel eiferſüch⸗ tig iſt, ſie ſehr unter Aufficht. Trotzdem hat man ſich geſehen.. zuerſt am Fenſter. dann kamen Billets, dann Anträge!.. Grandmaiſon, welcher ſich in derartigen Angelegenheiten wohl zu benehmen weiß, hat von Kaſchemirs und Brillanten geſprochen. Die Kleine iſt kokett, und wie es ſcheint, hält ihr junger Geliebter ſie nur auf bürgerlichem Fuße. Der arme Burſche wird bald aus dem Sattel ge⸗ hoben ſein.“ Ich empfinde eine gewiſſe, mir unerklärliche Unruhe: Raimunds Erzählung, die ich bisher nur maſchinenmäßig angehört hatte, intereſſirt mich jetzt Paul de Kock. Xo1M. 5 ſehr: die Worte Kaſchemir, Fenſter, Brillanten er⸗ wecken in meinem Gemüthe einen unbeſtimmten Verdacht, über den ich erröthe, wenn ich an Grand⸗ maiſon's Ausſehen und Alter denke. Meine Eigen⸗ liebe will nicht dulden, daß man mir einen ſolchen Nebenbuhler vorzieht aber eine geheime Stimme ſagt mir, daß uns die Eigenliebe öfters täuſcht: ich will mich von der Wahrheit überzeugen und richte deßhalb an Raimund einige Fragen, die mich über den Grund oder Ungrund meiner Beſorgniſſe auf⸗ klären müſſen. „Wo wohnt dieſer Herr von Grandmaiſon.— In der Rue Caumartin hat er ein prachtvolles Haus beinahe am Eingange der Straße vom Boulevard her.“ Ein Schauder durchläuft meinen ganzen Körper, mein Magen zieht ſich zuſammen, Zentnerſchwere laſtet mir auf der Bruſt, und all dies iſt das Er⸗ gebniß eines Wortes und einer Sekunde: ich fahre indeß, die größte Ruhe heuchelnd, mit meinen Fragen fort: „Und dieſe junge Schönheit?— Wohnt ihm gegenüber in einem kleinen Hauſe, das keinen Por⸗ tier hat, im zweiten Stocke vorn heraus. An ihrem Fenſter hat Grandmaiſon ſie geſehenz die Straße iſt breit, aber er beſitzt ein vorzügliches Opernglas, einen kleinen Teleſtop, wodurch die Gegenſtände uns vor die Naſe gerückt werden. Sie wiſſen, wie angenehm es iſt, durch ein ſolches Gas nach einer Tänzerin zu ſchauen.— Sprechen Sie ſich doch aus! 67 Dieſes junge Frauenzimmer alſo?— Wie ich Ihnen ſagte: vermittelſt ſeiner Lorgnette überzeugte er ſich, daß ſie jung, hübſch, wohlgebaut und noch nicht verwelkt iſt. O, er hat zu dieſem Zwecke köſt⸗ liche Gläſer!— Aber der Liebhaber?— Der Lieb⸗ haber logirt nicht bei ihr. Er beſucht ſie ſehr oft, ſetzt ſich aber alsdann nicht ans Fenſter, weßhalb Grandmaiſon ihn noch nicht deutlich geſehen hat... denn das Mädchen verläßt ſogleich ihr Fenſter, ſobald der junge Mann kommt!— Weiter?— Nun, Alles geht aufs Beſte. Grandmaiſon hat vorgeſtern, während der Liebhaber gerade auf dem Lande war, die Kleine in eine Gitterloge der Oper geführt.“ Jetzt kann ich mich nicht mehr halten, und ohne zu wiſſen, was ich thue, ſchlage ich heftig auf den Tiſch, der zwiſchen mir und meinem Nachbar ſteht; die Erſchütterung iſt ſo ſtark, daß die Chocolade⸗ taſſe an Raimunds Naſe fliegt, der beim Sprechen ſich über den Tiſch bückte; der Reſt der Flüſſigkeit ergießt ſich auf Weſte und Jabot meines Nachbars, und dieſer ſpringt zurück, erſchrocken über meinen choleriſchen Anfall. Beſchämt, meine Verwirrung, meinen Zorn und und meine Wuth ſo deutlich an den Tag gelegt zu haben, ſuche ich mich wieder zu faſſen und entſchul⸗ dige mich bei Raimund, der nicht weiß, ob er ſich mir wieder nähern darf, und ein Glas Waſſer ver⸗ langt, um ſein Geſicht abzuwaſchen. „Bitte um Entſchuldigung, bitte tauſendmal um 68 Entſchuldigung, mein lieber Raimund. ich weiß nicht, was mich angewandelt hat... Sie ſagten alſo, vorgeſtern...— Sie haben mir einen ordentli⸗ chen Schrecken eingejagt.. bekommen Sie biswei⸗ len Nervenkrämpfe?— Nein, nein, es geſchah aus Zerſtreuung. Sie ſagten...— Zum Teufell Sie müſſen Acht geben... Ohretwegen muß ich nun Weſte und Hemd wechſeln.— O, das hat nichts zu bedeuten... Vorgeſtern alſo hat er die⸗ ſes junge Frauenzimmer in eine Gitterloge der Oper geführt?— Ja, ja Habe ich noch etwas im Geſichte?— Gar nichts; Sie haben ein ganz allerliebſtes Ausſehen... Fahren Sie fort.“ Dieſes Compliment gibt Raimund ſeine gute Laune wiederz er verſteckt ſeinen Jabot und nimmt den Faden des Geſpräches wieder auf. „Ja, ſie waren in einer kleinen Loge— Damit iſt's alſo aus?— O noch nicht. Sie können ſich wohl denken, daß die Schöne Umſtände macht, und dann iſt Grandmaiſon nicht der Mann, der die Sachen ſo über den Nagel abbricht bei ſeinem Beine muß er ſich Alles bequem machen. Unſer Einer wäre freilich ſchneller zum Ziele ge⸗ langt...— Und dann?— Geſtern Morgen hat er die Kleine extra muros wieder geſehen und ihr auf dieſen Abend einen prachtvollen, echt türkiſchen Kaſchemir verſprochen, wenn ſie bei ihm ſoupiren wolle; ferner eine vollſtändig möblirte Wohnung, ein Kammermädchen, eigene Equipage und monatlich hundert Louisd'or, ohne die Geſchenke zu rechnen, „. 69 wenn ſie bei ihm bleiben will.— Nun?— Sie hat eingewilligt..— Hat eingewilligt!“ Ich erhebe mich ſo raſch, daß Raimund zurück⸗ ſpringt und mich unruhig anblickt. „Herr RNachbar, bekommen Sie wieder Ihren Anfall?— Nein hat nichts zu bedeuten... Wir wollen ein wenig ins Freie gehen.“ Somit führe ich Raimund am Arme hinaus. Er folgt mir mit kläglichem Geſichte. Ohne Zweifel drücke ich ihm den Arm, denn er bittet mich, ihn loszulaſſen aber ich heachte es nicht. „Mein lieber Dorſan, Sie haben Krämpfe.. laſſen Sie doch meinen Arm los.— O, die Frauen⸗ zimmer! die Frauenzimmer! Was ſchnürt mir mein Herz ſo zuſammen? Ich liebe ſie ja nicht! Rein, ich liebe ſie nicht.— Mein Freund, laſſen Sie mich los, ich bitte Sie darum.— Ach! es iſt grauſam, ſtets betrogen zu werden, und wofür? das frage ich Sie.— Ich weiß nicht, was Sie mich fragen; aber laſſen Sie mich los, Sie thun mir wehe; ich müßte ſonft Leute herbeirufen.— Aber iſt ſie es wohl auch? Ich muß ſie überführen.. Raimund!“ Wie ich mich nach meinem Nachbar umkehre, ſo blickt er mich ſo kläglich und erſchrocken an, daß ich ihn ſchnell loslaſſe, mich etwas beruhige und ihn frage, was ihm ſei.— Was mir iſt? Meiner Treu! Sie haben Fieberanfälle. Sie drücken mir den Arm, daß ich ſchreien muß; Sie ſtoßen Reden aus, die ich nicht begreiſe.— Ah! weil ich an etwas dachte, das ich Ihnen ſpäter erzählen werde; aber kommen wir wieder auf den Liebeshandel Ih⸗ res Freundes zurück, denn er amüſirt mich ſehr.— Ich hätte nicht geglaubt, daß Sie ſich amüſirten. — Herr von Grandmaiſon ſoupirt heute Abend mit ſeiner neuen Eroberung?— Ja, heute Abend.— Ich wäre ſehr neugierig, das Frauenzimmer, wel⸗ ches Sie ſo ſchön nennen, zu ſehen.— Meiner Treu! ich bin es gleichfalls, denn ich kenne dieſelbe eben ſo wenig als Sie, und es wird mir daher ein wahres Feſt ſein, ſie zu ſehen.— Wie! Sie werden ſie ſehen?— Ich bin zum Souper einge⸗ laden, nebſt fünf oder ſechs anderen lockeren Vögeln, lauter intimen Freunden von Grandmaiſon. Er iſt ein wenig dumm, und wenn er zu einem Frauen⸗ zimmer geſagt hat, daß er wohl möchte Sie verſtehen mich ſchon, ſo weiß er nichts mehr zu ſagen, um ſie zu amüſiren, daher ladet er zum Souper immer mehre Freunde ein, um ſeine Schöne im Zuge zu erhalten.— Sehr gut berechnet und höchſt angenehm für die Gäſte.— Sie können leicht denken, daß für uns immer etwas abfällt... Wenn ein Frauenzimmer nur etwas Gefühl und Feuer hat, ſo kann es ſich nicht mit dem invaliden Grandmai⸗ ſon begnügen.— Ah! Sie find ſein Freund und Stellvertreter.— Wie man will. O, wir amüſiren uns köſtlich bei dieſen kleinen Soupers und lachen uns immer die Haut voll. Das Eſſen iſt vortreff⸗ lich und der Wein ausgezeichnet! Nirgends Zwang oder Ceremonien; wir plaudern, ſfingen, trinken, und Witze, zweideutige Wortſpiele, Zoten und 71 pikante Aneldoten fallen hageldicht. Alles geht bunt durcheinander, man hört ſeine eigenen Worte nicht mehr: ein göttliches Leben!— Ich bedaure nur, an Ihren Vergnügungen keinen Theil nehmen zu können.— Wollen Sie dies, mein Lieber? Parblen! wenn Sie Luſt haben, ſo werde ich Sie einführen. — Wie! Sie könnten das?— Ich kann Alles, was ich will Sie wiſſen wohl, daß mir Alles ge⸗ lingt.— Ich dachte nicht daran; aber dieſer Herr von Grandmaiſon kennt mich nicht.— Was thut's? Ich kenne Sie: dies genügt. Von Raimund vor⸗ geſtellt werden Sie willkommen ſein.— Glauben Sie dies wirklich?— O, gewiß; wenn man nur fröhlich iſt und einen Spaß verſteht, ſo wird man bei Grandmaiſon immer mit Jubel aufgenommen. Er hält deßhalb auch große Stücke auf mich.— O, wenn es ſich nur um Späße handelt, ſo ver⸗ ſpreche ich, dieſen Abend recht heiter zu ſein.— Sie ſind unſer Mann; das iſt alſo abgemacht; heute Abend treffen Sie mich im Café Anglais um zehn Uhr, zu welcher Zeit wir uns verſammeln.— Ich werde mich einfinden.— Trinken Sie aber doch ein wenig Fleur d'orange, um Ihre Nerven zu beru⸗ higen.— Seien Sie ruhig, ich bekomme keinen Anfall.— Adieu alſo; heute Abend um zehn hr.“ k Raimund verläßt mich; noch lange denke ich über das Gehörte nach. Dieſes Frauenzimmer iſt aller Wahrſcheinlichkeit zufolge Caroline, und doch leuchtet noch in meinem Herzen ein ſchwacher 72 Hoffnungsſchimmer. Ich will in ihre Wohnung gehen, aber meine Gefühle wohl verbergen; ich will wo möglich in ihrer Seele zu leſen, ihren Verrath aus ihren Augen zu erkennen ſuchen. Vor Allem aber will ich vernünftig... ein Philoſoph ſein und mir folgende zwei Verſe merken: Für den Narren iſt der Lärmen, für den Thoren ſind die Klagen, Wird der Kluge hintergangen, hört man ihn kein Wörtchen ſagen. Sechstes Kapitel. Das kleine Souper. Caroline iſt zu Hauſe. Meine Ankunft ſcheint ſie nicht zu geniren. Sie empfängt mich freundlich, ſpricht mit mir und lächelt wie gewöhnlich. Sollte ich ſie ungerechter Weiſe im Verdachte haben? In⸗ deß bemerkt ſie meine Verwirrung nicht. Die ge⸗ heime Aufregung, welche ich zu verbergen ſuche, würde den Augen der Liebe nicht entgehen, denn dieſe ſehen und errathen Alles. Caroline hingegen richtet keine Frage an mich, während ich nicht weiß, wo mir der Kopf ſteht, noch was ich ſage wäh⸗ rend ich mit jedem Augenblicke herauszuplatzen im Begriffe bin und nur mit Mühe meine Qualen un⸗ terdrücke. Nein, ſie liebt mich nimmer. Auf meine Andeutung, daß ich den Tag bei ihr zubringen werde, glaube ich in ihren Blicken Ver⸗ wirrung zu erkennen, aber ſie faßt ſich ſogleich 8 wieder.— Es macht mir jeder Zeit Vergnügen, wenn Sie bei mir ſind,“ ſagt ſie endlich mit jener ſanften Stimme, die mich bei unſerer erſten Begeg⸗ nung auf dem Boulevärd verführte. Ach, dieſe Stimmen ſind trügeriſch, wie alles Uebrige! Vergebens ſuche ich mein Geſicht zu behertſchen und mir ein heiteres Aus ſehen zu geben; es gelingt nicht. Ich fühle immer Etwas, das mich ängſtigt, mir die Bruſt zuſammenſchnürt. Ich ſetze mich ans Fenſter, gehe aber ſogleich wieder hinweg, denn ich darf heute Abend nicht erkannt werden. Ach, wie iſt der Tag ſo lang! Ich beſchleunige den Augen⸗ blick des Mittageſſens; noch nie wurde vielleicht eine traurigere Mahlzeit gehalten. Caroline beklagt ſich über Kopfweh ich beklage mich nicht. Wenn ich von Liebe mit ihr ſprechen könnte! Ich will es verſuchen aber ich erkenne nur noch Gemein⸗ plätze in ihren Antworten; ach wie langweilig iſt doch die Unterhaltung zwiſchen zwei Perſonen, die einander nicht mehr lieben! Ich ſchlage ihr vor, mit mir ins Theater zu gehen. Sie will nicht; ihr Kopfweh nimmt zu.. ſie fühlt ſich unwohl.. Treuloſe! ich begreife ſchon warum denn mir nicht offen ſagen:„Ich liebe Dich nimmer!“ Ach, ich würde Dir weniger zür⸗ nen, wenn Du ſo handelteſt. Aber man will zur Untrene auch noch die Falſchheit und Heuchelei hin⸗ zufügen; man will uns in Allem täuſchen. „Wollen Sie, daß ich bei Ihnen bleibe?“ frage ich mit ſcheinbarer Beſorguiß um ihre Geſundheit. „Nein, nein, ich danke ihnen ich bedarf nur der Ruhe, morgen wird es ſchon beſſer gehen.“ Sie kann die Furcht, welche ihr mein Vor⸗ ſchlag verurſacht, der ihre Plane vereiteln würde, nicht verbergen. Es hinge nur von mir ab, die Ausführung derſelben heute Abend dadurch zu ver⸗ hindern, daß ich bei ihr bliebe; allein auf dieſe Weiſe würde ich den Augenblick nur hinausſchieben, und ich hätte nicht ſobald das Vergnügen, ſie ihrer Treuloſigkcit zu überſühren. Ah! wäre es nur ſchon Abend! Wenn uns etwas Unangenehmes widerfahren ſoll, ſo ſind die Augenblicke, welche demſelben vorher⸗ gehen, peinlicher, als die, welche darauf folgen. Es ſchlägt acht Uhr. Sie will zu Bette gehen und ſchlafen, ein Wink für mich, daß ich gehen ſoll. Ich ſage ihr Lebewohl, ſie umarmt mich. ſie drückt mir die Hand, aber ihre Augen ſind trocken, ihr Buſen pocht nicht im geringſten. Ich gehe: es war Zeit, denn ich wollte gerade losbrechen. Run ſind noch zwei Stunden übrig, bis ich Rai⸗ mund aufſuchen werde; ich kann mich unterdeſſen be⸗ ruhigen und einen Entſchluß faſſen. Die freie Luft thut mir wohl: das habe ich ſchon hundertmal em⸗ pfunden. Eine mehr oder minder dichte Atmoſphäre hat einen großen Einfluß auf unſere Denkart, be⸗ ſonders wenn wir reizbarer Natur find„ Ein wenig Regen, ein wenig Sturm beruhigt oder er⸗ regt unſere Leidenſchaften. 4 Sie hat meinetwegen ihre Tante, ihren Julius und noch viele Andere verlaſſen. warum ſollte 75 ſie nicht auch mich verlaſſen? Sie liebt mich nim⸗ mer das iſt kein Verbrechen. Sie hintergeht mich: dies macht mir, wie ich glaube, den größten Schmerz; denn es iſt ein ſo demüthigendes Gefühl, betrogen zu werden, beſonders in einem Alter, wo man ſelbſt betrügt. Doch eine ſolche Bekanntſchaft mußte zuletzt ein Ende nehmen: ein wenig früher oder ſpäter thut nichts zur Sache. Ich fühle gleichfalls keine Liebe mehr zu ihr, aber gerade vielleicht deßhalb, weil ſie mich zuerſt verläßt, bin ich um ſo erbitterter gegen ſie, denn die Liebe verzeiht Vieles, was die Eigenliebe nicht entſchuldigt. Ach, wenn mich Ricette hintergangen hätte, dann wäre mein Schmerz ganz anderer Natur, beſonders wenn ich bedenke, welche Unruhe mir die Nachricht verurſachte, daß ſie jetzt eine Bude beſitze; und doch bin ich nur ihr Freund. Ich will an Nicette denken, dies iſt das beſte Mittel, um Caroline zu ver⸗ geſſen. Ich habe alle Boulevards durchwandelt und alſo genug Zeit gehabt, um einen Entſchluß zu faſſen. ch fühle, daß man ein großer Narr ſein muß, wenn man ſich eines Weibes wegen grämt, das Andere um unſertwillen verrathen hat. Wie kann man denn auf die Treue eines Menſchen bauen, der uns nur Treuloſigkeiten zur Garantie gibt. Ich bin deßhalb feſt entſchloſſen, mich auf Ko⸗ ſten der Mamſell Caroline zu amüſiren. Dies iſt die beſte Rache, die man an einem Frauenzimmer, * 76 das uns hintergeht, nehmen kann. Jede andere, in die ſich Haß, Groll oder Eiferſucht miſcht, beur⸗ kundet noch einen Reſt von Liebe und iſt keine voll⸗ kommene Rache. Um zehn Uhr bin ich im Café Anglais und trinke bis zu Raimunds Ankunft ein Glas Punſch. Ich will mich nicht berauſchen, möchte aber doch jenen Grad von Thorheit erlangen, der uns die Thorheiten Anderer weniger merklich macht. Mein Nachbar kommt in dem Negligé eines galanten Abenteurers. Aus ſeiner ſtrahlenden Miene könnte man ſchließen, er ſei heute Abend der Held des Feſtes. „Wir werden uns herrlich amüſiren,“ ſagte er, neben mich ſitzend und ſeinen Elnbogen auf einen benachbarten Tiſch ſtützend; ohne zu bemerken, daß er damit in einen Milchreis kommt, den ein alter Stammgaßt ruhig verzehrte. „Zum Teufel, Herr! Geben Sie doch Acht!“ ruft der alte Politikus, ſein Journal weglegend⸗ Raimund ſtammelt tauſend Entſchuldignngen hervor und wirft in der Lebhaftigkeit, womit er ſeinen Elnbogen herauszieht, den Reisteller auf die weißen Hoſen eines Stutzers, der gerade im Modejournal liest. Der Stutzer erhebt ein Geſchrei, der alte Stammgaſt fährt Raimund barſch an und ich ſehe, daß ſeine Entſchuldigungen die Sache nur noch ver⸗ ſchlimmern. Aus Furcht, es möchte ein neues Abenteuer uns von Grandmaiſons Souper abhalten, beeile ich mich alsbald, die Ruhe wieder herzußtellen und die beiden Herren zu beſchwichtigen. Endlich gelingt es mir und dann ziehe ich Raimund ſogleich zur Thüre hinaus. „Mir ſcheini's, die Soirée nimmt einen ſchlim⸗ men Anfang,“ bemerke ich gegen ihn, nach der Rue Caumartin einlenkend.„Bah! im Gegentheil das verſpricht einen heitern Abend Es iſt nicht meine Schuld, daß der alte Politikus ſeinen Reis gerade unter meinen Arm ſtellte er hätte ihn nur eſſen dürfen, anſtatt die Zeitung zu leſen, ſo wäre dies nicht pafſirt. Aber's iſt halb elf Uhr; wir wollen eilen, denn ich wette, daß man auf uns wartet— Das heißt, auf Sie.— O, ich habe Grandmaiſon ein Billet geſchrieben, um ihn zu be⸗ nachrichtigen, daß ich einen guten Freund mitbringen werde; alſo wartet man auch auf Sie.“ Wir gelangen in die Rue Caumartin und treten in ein ſchönes Hotel, Carolinens Wohnung gerade gegenüber. Dann ſteigen wir eine prachtvolle Treppe hinauf und durchſchreiten mehre brillant erleuchtete Vorzimmer, wo ein halbes Dutzend Lakaien gähnt. Alles kündigt hier Reichthum und Lurus an. Der⸗ gleichen konnte ich freilich Carolinen nicht bieten und doch glaubte ich ſehr Vieles für ſie zu thun ich habe mich ihrethalben in Schulden geſteckt.. was wird mir nun für ein Lohn dafür? Ach, ich wollte ja eine femme entreteme. Mein Herz pocht ein wenig, während ich mich dem kleinen Salon nähere, wo uns die Geſellſchaſt erwartet. doch werde ich bald wieder ruhig. Wir treten ein, ich ſehe nur vier Männer unter denen ſich der Herr vom Hauſe nicht befindet. „Ah! guten Abend meine Freunde!“ ruft Rai⸗ mund und drückt einem Jeden die Hand.„Hier bringe ich einen liebenswürdigen Kerl, der ſich heute Abend mit uns amüſiren will. Aber wo iſt denn Grandmaiſon?— Im Boudoir; er unterhält ſich vor dem Souper mit ſeiner Kleinen.— Schön! ſchön! Man bringt Alles vollends ins Reine; man ver⸗ ſtändigt ſich haben Sie das Mädchen ſchon ge⸗ ſehen, meine Herren?— Noch nicht Sie ſoll entzückend ſein.— Verfü hreriſch und faſt noch un⸗ eingeweiht!— Zum Teufel! Welch ein Wunder! — Grandmaiſon empfiehlt uns deßhalb etwas mehr Anſtändigkeit, als gewöhnlich.— Gut, wir werden ſtufenweiſe zu Werke gehen, um die Kleine nicht zu erſchrecken. Aber man muß dies Mädchen endlich voch einweihen, und Grandmaiſon iſt nicht der Mann dazu.— Der arme Kerl! Höchſtens kann er ihr ein Wörtchen nach dem Souper ſagen.— Sein Wein iſt köſtlich!— Und ſein Koch ausgezeichnet Meiner Treu', ich habe alle Achtung vor ihm.— Vor dem Koch?— Rein, vor Grandmaiſon. Alſo, meine Herren, keine Zweideutigkeiten; dieſe find uns heute verboten, auch halte ich viel auf gute Sitten.“ Während dieſer liebenswürdigen Unterhaltuns muſterte ich ein wenig die anweſenden Herren. Der Eine, ein kleiner, dicker Rothkopf, lacht über jeden Witz, ohne bei irgend Etwas ſeinen Senf dazu zu —— 79 geben. Der, welcher am meiſten ſpricht, iſt ein Männchen von etwa fünfzig Jahren, das den Roué ſpielt und durch die gemeinſten Zoten ſeine Ueber⸗ legenheit über die jungen Leute geltend zu machen ſucht. Ein blaſſer, hagerer Zierbengel mit hohlen, matten Augen, aus denen das Laſter herausgrinst, ſitzt in einem Lehnſtuhle und ſpendet manchmal den Bonmots Raimunds, der ſich in ſeiner Sphäre be⸗ findet, einige platte Lobſprüche. Endlich vervoll⸗ ſtändigt ein großer, dicker Herr mit Ochſenaugen und einer Naſe, die eine Coloquinte beſchämt hätte, die Reunion, welcher meiner Anſicht nur noch der Baron von Vitcheritche mangelte. Endlich öffnet ſich eine Thüre und hereinhinkt der Herr von Grandmaiſon. Aber er iſt allein.„Wo iſt ſie? wo iſt ſie?“ rufen alle anweſenden Herren zugleich.—„Nur einen Augenblick Geduld, Sie werden ſie dann ſehen.. Jetzt macht ſie ein wenig Toilette. Als ich ihr ſagte, daß ich mit meinen Freunden ſoupiren würde, ſo wollte ſie nicht im Negligé erſcheinen. und dann freut es mich auch, daß fie alle Geſchenke ſieht, welche ich ihr machte. Ihr Kammermädchen iſt gegenwärtig um ſie be⸗ ſchäftigt. Nur ein wenig Geduld und Punſch, bis das Souper kommt.“ Raimund ftellt mich dem Herrn von Grandmaiſon vor, der mir mit den herkömmlichen Complimenten ſagt, wie angenehm es ihm ſei, daß ich ſeine kleine Reunion zu zieren die Güte habe. Während ich ihm antworte, befürchte ich, er möchte mich erkennen; 1 80 aber meine Furcht verſchwindet bald wieder, denn ich ſehe, daß Herr von Grandmaiſon ſeines Opern⸗ glaſes bedarf, um die Gegenſtände genau zu unter⸗ ſcheiden. Jetzt wird eine rieſenhafte Punſchbowle gebracht, der die Herren ſo fleißig zuſprechen, daß ich nicht weiß, in welchem Zuſtande ſie beim Souper ſein werden. Der große Herr, mit dem dummen Ge⸗ fichte, den man Mylord nennt, thut weiter nichts, als immerfort ſein Glas füllen und leeren, wäh⸗ rend der kleine Rothkopf, den ich mit dem Namen Zamorin rufen höre, ſich mit Makronen und Bis⸗ cuit vollſtopft, um beſſer auf das Souper warten zu können. Der alte Roué und der junge Zierbengel erkun⸗ digen ſich nach dem Geſichte von Grandmaiſons neuer Maitreſſe und der Amphitryo entwirft eine ausführliche Schilderung ihrer Reize, mit dem Ver⸗ ſprechen, morgen mehr davon zu erzählen.—„Wie wird man ſie nennen?“ fragt Raimund.—„Sie wird Madame St. Laon heißen ein hübſcher Name nicht wahr, meine Herren?— O ja, ſehr hübſch..— Ich halte viel auf Namen.— Hat ſie Kinder?— Einfaltspinſel! haſt Du denn nicht gehört, ſie ſei faſt noch uneingeweiht?— Ja, aber faſt iſt nicht ganz... Schweigen Sie, Rai⸗ mund, Sie beleidigen die Unſchuld!“ ruft Herr Ro⸗ cambolle, der alte Rous,„ich bin überzeugt, daß Grandmaiſon dieſes Frauenzimmer unter den Tu⸗ genden ſelbſt herausſuchte.“ 81 Entzückt über ſeinen Witz kehrt ſich Rocambolle lachend gegen den jungen Zierbengel, der gleich⸗ falls lacht und zwei oder drei verdorbene Zähne, die einzigen, welche er noch befitzt, ſehen lãßt Um bei dem allgemeinen Jubel nicht langweilig zu erſcheinen, ſage ich heraus, was mir in den Kopf kommt und ſo gelingt es mir manchmal, ohne die geringſte Mühe die ganze Geſellſchaft zum Lachen zu bringen, weßhalb Raimund laut ausruft:„Habe ich Ihnen nicht geſagt, er ſei ein Kapitalkerl2“ Man hält mich alſo für liebenswürdig, und ich wollte dies doch gerade nicht ſein, aber die Herren find eben heute gut aufgelegt. Man meldet, das Souper ſei angerichtet. Grand⸗ maiſon blickt nach ſeiner Uhr.„Es iſt drei Viertel,“ ſagt er,„ſie muß parat ſein.. ich will ſie holen. Begeben Sie ſich in den Speiſeſaal; dorthin will ich das Mädchen bringen.“ Er geht, und Raimund, der die Lokalität kennt, führt uns in ein rundes, elegant decorirtes Gemach, in deſſen Mitte ſich eine Tafel befindet, beſetzt mit Allem, was den Augen, dem Geruche und dem Geſchmacke ſchmeicheln kann. Eine ſchöne, auf einem kleinen Kamine, von weißem Marmor ſtehende Pendule zeigte jetzt faft Mitternacht. „Zum Teufel!“ ruft Rocambolle,„ſchon Mitter⸗ nacht! Nun haben wir wenig Zeit mehr zur Be⸗ luftigung übrig.— Auch nicht zum Efſen,“ verſetzt Zamorin. Paul de Kock. XCIM. 6 8² „Warten Sie, warten Sie, meine Herren,“. ſagt Raimund, der immer den Ffiffigen ſpielt; „ich will den Zeiger um eine Stunde zurückſtellen. — Herrlich! herrlich!“ erſchallt es von allen Sei⸗ ten„Dieſer Teufelskerl, der Raimund, weiß ſich immer zu helfen! er iſt ſchlau wie ein Weibs⸗ bild.“ Voll Freude, ſeinen Scharffinn glänzen laſſen zu können, läuft Raimund nach der Uhr, nimmt mit erſtaunlicher Geſchwindigkeit die ſie bedeckende Glasglocke hinweg und dreht die Zeiger auf eine ſolche Weiſe, daß es wahrſcheinlich in zwei Stunden noch nicht Mitternacht iſt. Unſere Aufmerkſamkeit wird jetzt durch Grandmaiſons Stimme anders wohin gelenkt, denn nun wird diejenige kommen, welche alle Gäſte, aber gewiß mit weit weniger Ungeduld als ich, erwarten! Jeder wendet ſeine Augen nach der Thüre, durch welche ſie eintreten ſoll; ich allein halte mich ab⸗ ſeits, ſo daß man mich nicht gleich bemerken kann. Wir hören bereits das Rauſchen ihres Kleides in dieſem Augenblicke ertönt ein lautes Klirren in dem Zimmer, Raimund hat die Uhrfeder abge⸗ riſſen; um ſeine Dummheit zu verbergen, entfernt er ſich nun ſo raſch als möglich von dem Kamine und läuft der erwarteten Schönen entgegen. Sie erſcheint endlich, geführt von Grandmaiſon und Raimund, der ſich ihrer anderen Hand bemäch⸗ tigt hat und bereits all die ſchönen Sachen, welche er weiß, auskramt. Ich habe ſie geſehen.. und ——— 83 mein Herz hat heftiger gepocht; meine Brußt hat ſich zuſammengeſchnürt... Dies iſt wahrſcheinlich der letzte Eindruck, welchen ihre Gegenwart auf mich hervorbringen wird. Ihre Toilette iſt prachtvoll. Ein Smaragd⸗ Collier glänzt auf ihrer Bruſt; ein ſehr ſchöner Kamm und Girandolen vollenden ihren Kopfputz. Ihre niedergeſchlagenen Augen verleihen ihr eine beſcheidene Miene, welche faſt derjenigen gleich⸗ kommt, womit ſie mich das erſte Mal täuſchte. Dieſes Mädchen hat ſeine Phyſiognomie vollſtändig in ſeiner Gewalt... Ich will doch ſehen, wie ſie meinen Anblick aushält. Endlich ſchlägt ſie ihre Augen zu der Geſell⸗ ſchaft auf; alsbald erſchallen unzählige Lobſprüche und Complimente, ſie iſt in der That ſehr hübſch und die Herren wiſſen ihrem Entzücken, ihrer Be⸗ wunderung nicht Worte genug zu leihen. Wie glück⸗ lich iſt Caroline in dieſem Augenblicke, ſie erröthet, aber vor Freude und Stolz, nicht aus Beſcheiden⸗ heit. „Wo iſt denn mein Freund?“ ruft Raimund, mich mit den Augen ſuchend. Er erblickt mich in einer Ecke, von wo aus ich die Scene betrachte; er läuft auf mich, ergreift mich bei der Hand und führt mich zu Caxolinen.„Kommen Sie doch,“ ſagt er,„kommen Sie doch; hier ſind die drei Grazien. Hebe Venus.. Pſpche Raimund wird durch einen Schrei, welchen Caroline ausſtößt, unterbrochen. Sie hat mich in 8⁴ dem Augenblicke erblickt, wo ich ihr mein Compli⸗ ment mache und Herrn von Grandmaiſon Glück wün⸗ ſche. Sie erbleicht wird verlegen will ſich aber wieder faſſen doch die Aufregung iſt zu ſtark; ſie wankt und fällt auf ihren neuen Anbeter. Dieſer, der gerade die Glückwünſche ſeiner Freunde erwi⸗ dern wollte und um etwas Pikantes zu ſagen, eine Priſe aus ſeiner goldenen Tabaksdoſe nahm⸗ iſt der unerwartet entgegenprallenden Laſt nicht ge⸗ wachſen; ſein linkes Bein befindet ſich niemals im Gleichgewichte und durch Carolinens Sturz wird auch das rechte zum Weichen gebracht: Herr von Grandmaiſon thut daher einen ſchweren Fall, wo⸗ bei er ſich an dem nächſten Gegenſtande zu halten ſucht. Er erwiſcht nur Rocambolle's Schenkel und klammert ſich an denſelben an; während aber Grand⸗ maiſon einen Theil des Individuums ſelbſt zu halten glaubt, hat er nur Baumwolle gefaßt, womit der alte Libertin ſeine Hoſe ausſtopfte, um ſich woll⸗ lüſtige Formen zu geben. Der Kaſemir kracht, der Stoff reißt und Rocambolle's künſtlicher Hinter⸗ backen bleibt in Grandmaiſons Hand. Während Rocambolle zornig ſeine baumwollenen Hinterbacken wieder nimmt, während der zahnloſe Stutzer lachend wie ein Narr ſich in eine Bergere wirft, während Zamorin nachſieht, ob das Eſſen nicht kalt werde und während der Mylord mit ſeinen rollenden Augen überall umherglotzt, ſtürzt Rai⸗ mund, der für ſich allein Alles wieder in Ordnung bringen will, raſch auf den Tiſch zu, um für das —— 85* ohnmächtige Mädchen ein Mittel zu ſuchen; indem er nun eine Waſſerflaſche ergreifen will, ſtürzt er zwei Madeiraflaſchen und einen Kronleuchter um, Geſicht, der nun ſchwört, man habe ihm die Naſe eingeſchlagen, während Zamorin beim Anblicke der Verheerung, welche Raimund unter dem Souper anrichtet, um Hülfe ruft. Die Bedienten laufen herbei, aber ihre Gegenwart vermehrt bloß die Unordnung. Caroline iſt noch immer ohnmächtig, oder ftellt ſich wenigſtens ſo, um ihre Verwirrung zu verbergen. Grandmaiſon fährt zu fluchen, Rocam⸗ bolle zu ſchreien und der junge Mann zu lachen fort. Der Engländer ſucht einige Flaſchen Cham⸗ pagner in Sicherheit zu bringen, und Raimund, welcher dem Mädchen zu Hülfe kommen, Grand⸗ maiſon aufheben und den Frieden wieder herſtellen will, hat Möbel umgeſtürzt, Gläſer und Teller zerbrochen, dem Einen Geflügel ins Geſicht, dem Andern eine Torte auf den Schvoß geworfen und fällt endlich ſelbſt auf ein mit Liqueurs und einge⸗ machten Früchten beladenes Tiſchchen. Was ſoll ich noch länger bei Herrn von Grand⸗ maiſon thun? Meine Rache iſt vollkommen; die Unordnung hat ihren Gipfel erreicht: der Schauplatz der Freude hat ſich in einen Schauplatz der Verwir⸗ rung und des Schmerzes verwandelt. Geſchrei folgte den Geſängen, Klagen den Bonmots, Zorn der Trunkenheit, Trauer der Heiterkeit; Caroline hat 86 mich geſehen und erkannt, und der Eindruck hat meine Erwartung übertroffen. Völlig zufrieden ge⸗ ſtellt und es einem Jeden überlaſſend, ſich ſelbſt ſo gut als möglich aus ſeiner Lage zu ziehen, ent⸗ ferne ich mich aus Grandmaiſons Hotel, gänzlich geheilt von der Leidenſchaft, welche die junge Blu⸗ menmacherin mir eingeflößt hatte. Siebentes Kapitel. Die beiden Beſuche— Der Schreibunterricht. Den Tag nach dieſer Reunion wird um neun Uhr Morgens bei mir geklingelt. Ich liege noch im Bette, mein Kopf iſt kalt, mein Herz ruhig, mein Geiſt nicht mehr durch die Erwartung eines Ereig⸗ niſſes gefoltert, und ich ſtelle mir jetzt die verſchie⸗ denen Perſonen vor, die ich in Grandmaiſons Hotel verlaſſen habe; ich glaube ſie noch um das ruinirte Souper klagen zu hören und lache vor mich hin, wie wenn ich mitten unter jenen Herren ſtände. Wenn in dieſem Augenblicke irgend ein Neugie⸗ riger, geführt von dem hinkenden Teufel, ſich auf das Dach meines Hauſes ſetzte und mich betrachtete, ſo würde er glauben, ich häite einen Anfall von Rarrheit. Mir kommt es übrigens durchaus nicht ungewöhnlicher vor, über ſeine Erinnerungen zu lachen, als darüber zu weinen, und doch erſtaunt man niemals, wenn man Jemand deßhalb Thränen vergießen fieht; aber wenn ihr ganz allein lachet, 87 ſo hält man euch für einen Narren oder für einen Dummkopf. Iſt denn das Weinen naturgemäßer, als das Lachen? Die Portiere öffnet meine Thüre und führt meinen Nachbar Raimund ein, der, als er mich ſo fröhlich ſieht, auf ben Gedanken kommt, ſeine Gegenwart ſei daran ſchuld und nun einen Augenblick ſtehen bleibt, ungewiß, ob er ſich darüber ärgern oder meine gute Laune theilen ſoll. Kluger Weiſe ergreift er die letztere Partie und nähert ſich ſpöttiſch lächelnd meinem Bette: „Ha! mein lieber Freund, der geſtrige Abend war heiß! ha! ha! ha! Sie denken noch daran, nicht wahr 2— Ja, aber ich wünſchte von Ihnen das Ende der Geſchichte zu erfahren.— Und ich eine Erklärung. — Vielleicht wieder im Gehölze von Boulogne 2 — Nein, nein, Sie Schelm! ha! ha! Die ſchöne Caroline iſt bei Ihrem Anblicke nicht ohne Grund in Ohnmacht geſunken.— O, der Grund iſt ſehr natür⸗ lich: ich bin der junge Mann, an deſſen Stelle Herr von Grandmaiſon getreten iſt.— Wäre es mög⸗ lich? Ah! das Abenteuer iſt einzig! Und ich mußte Sie gerade zum Souper mitbringen, ich mußte Sie dem armen Grandmaiſon vorſtellen! Zum Teufel auch, Sie ſagen mir gar nichts, Sie ſchenken mir durchaus kein Vertrauen, währenb ich Ihnen doch von ganzem Herzen ergeben bin.— Ich wollte eine Ueberraſchung hervorbringen.— Dies iſt Ihnen vortrefflich gelungen.— Nun wie iſt der Abend abgelaufen?— Sehr traurig. Ein Souper gab es nicht. Das Mädchen wollte ſich entfernen. Grand⸗ 88 maiſon ſah ſehr kläglich aus, denn es war ihm, ich weiß nicht wie, eine Weinflaſche ins Geſicht gefallen und wir mußten ihn und ſeine Maitreſſe zu Bett gehen laſſen; aber ich glaube, die Nacht wird ganz anders abgelaufen ſein, als er ſich's dachte. Wir gingen ziemlich übelgelaunt aus einan⸗ der. Rocambolle beklagte ſeinen baumwollenen Schenkel, Zamorin das Souper, Mylord den Wein, und der Andere die junge Schöne, welche er zu verführen hoffte. Nur ich tröſte mich über Alles, wie Sie wiſſen. Ich konnte es übrigens kaum erwarten, bis ich Sie ſah, um die Urſache dieſer freudeſtörenden Kataſtrophe zu erfahren. Gerne hätte ich heute Nacht an ihre Thüre geklopft, um Sie bälder ſprechen zu können.— Sie haben wohl gethan, mich ſchlafen zu laſſen.— Ich gehe jetzt, Herr Nachbar, bitte Sie aber, ein andermal mir etwas mehr Zutrauen zu ſchenken Sie wiſſen ja, wie discret ich bin; man kann mir Alles anver⸗ trauen, das heißt, unter dem Siegel des Geheim⸗ niſſes. O, ich hätte einen guten Inguiſitor oder einen Illuminaten gegeben; ich liebe die Geheim⸗ niſſe und wie ſorgfältig ich ſie bewahre, beweist Ihnen ſchon hinlänglich der Umſtand, daß ich Frei⸗ maurer bin und noch niemals ein Geheimniß aus⸗ geplaudert habe.— Sie ſagten mir, es gebe keines. — Allerdings; doch ſagte ich dies nur, um Sie beſſer zu täuſchen. Adieu, Herr Rachbar. Apropos, Sie wiſſen wohl die Neuigkeit noch nicht: es heißt der Baron von Witcheritche ſei entzweit mit ſeiner 89 Gemahlin. Ein Muſikliebhaber ſollte die junge Frau den Serpent lehren; der Gemahl hatte eingewilligt, weil es ein weiteres Inſtrument iſt und bei Ge⸗ legenheit von Nutzen ſein kann. Ueberdies wollte der Baron kleine Duette für die Geige und den Serpent componiren, um ſie gemeinſchaftlich mit ſeiner Frau auszuführen. Somit ertheilte ihr der Mufikliebhaber jeden Morgen Unterricht; aber an einem ſchönen Tage kam Witcheritche, den man auf dem Lande glaubte, unerwartet ſchnell wieder nach Hauſe zurück. Er ſah, wie der Dilettant der Frau Baronin ſeinen Serpent zeigt, die ſogleich das Mundftück daran entdeckte. Seit dieſem Tage ſcheint Witcheritche die Muſik nicht beſonders mehr zu lie⸗ ben, denn er hat geſchrieen und geflucht; ſeine Frau hat geweint; der Liebhaber hat ſich aus dem Staube gemacht: kurz, es gab einen Scandal. Der kleine Friquet, dem ich begegnete, hat mir dies Alles erzählt; er weiß es von ſeiner Tante, die es von Madame Bertin weiß; dieſe hörte es von Crachini, dieſer von Gripaille, und Gripaille er⸗ fuhr es von einem Mädchen, das in Witcheritche's Hauſe wohnt. Man darf indeß einem Gerüchte nicht ſo leicht glauben, ſondern muß an die Quelle zurückgehen. Ich werde dieſen Morgen den Baron beſuchen und falls ich bei ihm keine Kälte gegen ſeine Frau bemerke, werde ich von dem Serpent zu ſprechen anfangen. Adieu, ich will jetzt ein kleines Vaudeville beendigen, um das man mich in der Rue de Chartres gebeten hat..— Wurde ſchon 90 eines Ihrer Stücke bei irgend einem Theater auf⸗ genommen?— O, überall.— Sonderbar, man ſpielt ja nirgends eines.— Dies kommt daher: wenn man ein Stück von mir nicht ſogleich ſpielt, ſo nehme ich es wieder zurück. O, ich bin in dieſer Beziehung eigenſinnig! Augenblicklich wird Alles wie⸗ der zurückgenommen, ſobald man es nicht aufführt, wie ich verlange. Aus einem ähnlichen Grunde ſchicke ich auch meine Gemälde und Skizzen nicht in die Kunſtausſtellung, denn ich fürchte, ſie möchten einen ungünſtigen Platz erhalten. Man muß ſtolz ſein; das wahre Talent concentrirt ſich in ſich ſelbſt, und es kommt immer ein Augenblick, wo es durchbricht. Adien, Herr Nachbar, ich will Sie jetzt nimmer länger geniren.“ Dieſer Menſch muß doch glücklich ſein, denke ich vei mir ſelber; er zweifelt an nichts, hält ſich für ein Genie und für eine Schönheit. Wenn ein Frauenzimmer ihn nicht erhört, ſo geſchieht es nur, weil fie ihn zu heftig zu lieben fürchtet; wenn ſeine Verſe nicht gedruckt werden, ſo rührt dies daher, weil die Buchhändler Ignoranten find; wenn ſeine Theaterſtücke keine Aufnahme finden, ſo iſt Kabale im Spiel: ſeine Eigenliebe läßt ihn Alles unter einem ſchmeichelhaften Geſichtspunkte erblicken. Ge⸗ wiß hält er ſich für muthig, obwohl er ſich mit Piſtolen ohne Kugeln duellirte; ja er würde ein militäriſches Genie zu ſein glauben, wenn er in der Nationalgarde diente. Seine Beine findet er ſchön, weil er dicke Waden hat, und eben ſo ſeine —,— ——,——— 91 Haare, weil ſie kraus find wie die eines Negers. Kurz er iſt glücklich, und dies iſt die Hauptſache. Glückliche Leute ſind doch nicht ſo ſelten, als man gewöhnlich annimmt, denn es gibt viele Menſchen auf der Welt, welche meinem Nachbar Raimund gleichen.* Wäre es nicht ſo ſpät, ſo würde ich Nicette beſuchen; ich würde aus ihren Augen jenes ſo ſanfte, ſo zarte und vielleicht ſo wahre Gefühl ſchöpfen, welches ich in den ſchönen Augen der Mamſell Ca⸗ roline niemals fand; ich ſage vielleicht, denn ich mag mich jetzt auf nichts mehr verlaſſen!... Beim Ausgehen ſchlage ich, ohne daran zu den⸗ ken, den Weg nach der Rue Caumartin ein; es geſchieht eben aus Gewohnheit. Die Gewohnheit, welche uns ungeheuer Vieles thun läßt, iſt wirklich eine zweite Natur. Wie Manche lieben ſich nicht mehr und bleiben doch aus Gewohnheit beieinander! Ich ſpreche nicht von den Verheiratheten... dieſe können nicht anders. Um dieſe Gewohnheit, welche wegen meiner erſt zweimonatlichen Bekanntſchaft mit Carolinen noch nicht tief eingewurzelt ſein kann, früher abzulegen, will ich Frau von Marſan beſuchen, in die ich mich früher verliebt zu haben glaube. Ueberdies ſchulde ich ihr einen Beſuch für die Einladung, welche ich, Dank meinem Reiſegefährten, nicht benützen konnte. Sie wohnt, ſo viel ich glaube, im Faubourg St. Honoré, der erſten Straße rechts gegenüber... indeß werde ich fragen; die reichen Leute ſind be⸗ 92 kannt und laſſen ſich immer leicht auffinden; nur verſchämte Arme kennt Niemand und ſie werden eben ſo ſelten geſucht. Im Faubourg St. Honoré frage ich nach Herrn von Marſan; drei bis vier Perſonen beeilen ſich, mir mit dem Finger ſeine Wohnung zu zeigen. Herr von Marſan muß ein ſehr reicher Mann ſein; Jeder kennt ihn oder will ihn wenigſtens kennen. Um den Reichthum iſt es doch etwas Schönes! Das Haus iſt wirklich ſehr hübſch, vielleicht weniger elegant und luxuriös als Grandmaiſon's Hotel, aber ich vermuthe, daß es mehr einträgt, und bei einem Geſchäftsmanne, der zu rechnen weiß, muß dieſer Vortheil alle anderen überwiegen. Es iſt erſt Mittag; werde ich Frau von Marſan ſehen können? Es iſt das erſtemal, daß ich zu ſo früher Stunde einer hübſchen Dame, und zwar einer hübſchen Dame, die faſt ihre dreißig Jahre zählt, meine Aufwartung machen will. Je weiter ſich die Frauenzimmer von ihrem Frühlinge ent⸗ fernen, deſto mehr Zeit verwenden ſie auf ihre Toilette und können deßhalb erſt ſpät Beſuch an⸗ nehmen. Mit fünfzehn Jahren geben ſie ſich wie ſie ſind, mit zwanzig treten ſie in einem einfache Ne⸗ glige auf, mit fünfundzwanzig betrachtet man ſich einige Zeit vor dem Erſcheinen im Spiegel, mit dreißig verwenden ſie große Sorgfalt auf ihre Toi⸗ lette, mit ſechsunddreißig.. dies würde uns zu weit führen. Der Portier weist mich in den erſten Stock hinauf nach der Thüre links; dies iſt die Wohnung der Frau von Marſan. Die Büreaur des Herrn ſind im Erdgeſchoſſe. Nachdem ich bereits durch mehre Zimmer ge⸗ gangen bin, finde ich endlich eine Kammerjungfer, welche nicht hübſch iſt und bei der man ſich nicht aufhalten darf, wenn man ihre Gebieterin ſehen will. Ich frage nach Madame, nenne meinen Na⸗ men und die Zofe meldet mich an. Ich darf nur fünf Minuten warten.. dies iſt wenig, um eine ſchöne Frau zu ſehen, während ſo viele reiche Dummköpfe, ſo viele Beamte und un⸗ gehobelte Emporkömmlinge oft eine Stunde auf ſich warten laſſen, ehe ſie uns ihre abgeſchmackte Phyfiognomie zeigen. „Sie können eintreten, mein Herr,“ ſagt die Kammerjungfer und führt mich zu ihrer Gebieterin. Dieſer prompte Empfang erſcheint mir als eine glückliche Vorbedeutung. Frau von Marſan ſitzt auf einem kleinen Sopha. Das Zimmerchen iſt hübſch und auf die anmuthigſte Weiſe decorirt; es wird nur von einem ſanſten, durch doppelte Vorhänge und Jaloußieen gemäßigten Lichte erhellt. Es befinden ſich darin ein Piano, eine Harfe und Romanzen... Ich habe große Neigung zu Frauenzimmern, welche die Mufik lie⸗ ben, und noch mehr zu denen, welche ſelber ſpielen. Dies iſt ein Mittel gegen die Trägheit, und ein Frauenzimmer, welches nichts thut, denkt zu viel. Frau von Marſan empfängt mich mit einem 94 liebenswürdigen Lächeln, in welchem ich eine kleine Schattirung von Aerger zu entdecken glaube. Ich ſchreibe es dem Umſtande zu, daß ich meinen Be⸗ ſuch ſo lange verſchob, indeß werde ich mich ſchon zu entſchuldigen wiſſen. Sie iſt pikirt. ſie hielt mich für eine ſichere Eroberung und hat mich unter⸗ deſſen nicht mehr geſehen. Dies muß ihr in der That ſeltſam vorgekommen ſein, nach meinen ver⸗ liebten Blicken im Theater und meinem Benehmen bei Vauvert. Ich ſelbſt ſtaune darüber, denn ich finde ſie jetzt hundertmal ſchöner als Caroline. Man macht mir jedoch keine Vorwürfe; aber ich halte mit meinen Entſchuldigungen nicht lange zu⸗ rück und erzähle mein Abenteuer mit Raimund. Frau von Marſan lacht ſehr darüber, und die Hei⸗ terkeit, welche die Etikette und das Ceremonielle eines erſten Beſuches verbannt, macht, daß man ſich leichter verſtändigt und das Herz ſich bereitwil⸗ liger aufſchließt. Um meinen Beſuch zu verlängern, bitte ich Frau von Marſan um eine Romanze. Sie ſingt dieſelbe zum Piano mit einem Geſchmack und einer Grazie, die mich entzücken. Ihr Accompagnement zeigt, daß ſie ſehr mufikaliſch iſt.. Wie viel mußte ſie wohl bei Vauvert's Soirée leiden! Jedoch darf eine erſte Aufwartung nicht zu lange dauern. Man muß ſich nicht ſogleich völlig ausſpre⸗ chen, beſonders bei Frauenzimmern, die an Huldi⸗ gungen und Galanterien gewöhnt find. Ich habe 95 in dieſer Hinſicht ſchon öfters gefehlt, will aber in Zukunft vorſichtiger ſein. Ich verabſchiede mich alſo bei Frau von Marſan. „Werden Sie wieder ſo lange nichts von ſich hören laſſen?“ fragt ſie mich beim Gehen.—„Nein, Madame; ich werde von Ihrer gütigen Erlaubniß, Sie beſuchen zu dürfen, öfters Gebrauch machen.. möchte es Ihnen ja nie als ein Mißbrauch erſchei⸗ nen!— Glauben Sie, mein Herr, daß ich mich niemals darüber beklagen werde. Sie lieben die Muſik: wir werden alſo manchmal ſpielen. Ich gehe ſehr ſelten aus und es wäre recht ſchön von Ihnen, wenn Sie öfters unſere kleine Geſellſchaft beſuchten.“ Dieſe Frau iſt entzückend.. ich glaube, daß ich jedes Mal, wenn mein Herz Feuer fängt, ſo ſpreche; doch die Wiederholung ſchadet nicht, weil ja dieſelben Gefühle in unſerer Seele ſich wieder⸗ holen. Liebenswürdiger konnte ſie nicht mit mir ſprechen. Sie wird mich nie zu oft ſehen.. klingt faſt wie eine Erklärung. Voll Hoffnung und mich bereits angebetet wähnend, verlaſſe ich Herrn von Marſan's Haus. Uebrigens würde nach dem, was mir Raimund geſagt hat, dies nicht ihre erße Schwachheit ſein.. ich glaube, er hat mir von drei oder vier Neigungen der Frau von Marſan erzählt; jedoch auf die Worte meines Nachbars, der ein Lügner und Verleumder iſt, läßt ſich nicht bauen. Ich werde ſie heute Abend beſuchen heute 96 Abend? Nein, das wäre zu bald. Ich will mich nimmer ſo ſchnell in einen Liebeshandel einlaſſen, ſondern vorher den Charakter derjenigen, welche mir gefällt, kennen lernen... Doch was helfen alle Vorſätze? Schon ſteht mein Herz wieder in hellen Flammen. Ach! ich bin unverbeſſerlich. Erſt in zwei Tagen werde ich der Frau von Marſan wieder meine Aufwartung machen. Bis dahin bedarf ich der Zerſtreuung; nicht als ob ich noch an Mamſell Caroline dächte, o! von dieſer Leidenſchaft bin ich vollkommen geheilt und glaube jetzt ſogar, daß die Wunde niemals tief geweſen iſt. Indeß, wenn ich mir ſelbſt überlaſſen bin, wird meine natürliche Ungeduld mich zu Frau von Marſan treiben. Aber iſt denn nicht Nicette ein Mittel gegen Langeweile und beſonders gegen neue Liebſchaften? Ich will ſie alſo auffuchen; doch jetzt kann es nicht ſein: es iſt erſt zwei Uhr, man würde mich mit ihr plaudern ſehen, und dies will ich ver⸗ meiden. Ich muß die Nacht abwarten; indeſſen will ich nach Hauſe gehen und meine Sachen ein wenig ordnen. Zu Hauſe iſt ein Brief von meiner Schweſter. Arme Amalie! ſie beklagt ſich, daß ich ſie ganz vergeſſe; in der That, wir haben bereits Septem⸗ ber und noch habe ich ſie nicht beſucht. Wenn man auf zwei oder drei Tage hingehen könnte aber unmöglich!„ wenn ich dort bin, ſo läßt man mich nimmer nach Paris. Sie ſchreibt mir von einer ſüperben Partie, welche ſie für mich ausgeſucht S habe ein Mädchen von ſechszehn Jahren, ſchön, tugendhaft und reich! Ich geſtehe, das iſt glänzend, verführt mich aber noch nicht. vielleicht in zwei bis drei Jahren: wir wollen ſehen. Ich will jedoch dieſen Herbſt meine Schweſter und ihren Gemahl auf vierzehn Tage beſuchen; vorher müſſen aber meine finanziellen Angelegenheiten ein wenig in Ord⸗ nung gebracht werden, denn meine Liebſchaft mit der Blumenmacherin hat denſelben einen bedeuten⸗ den Stoß gegeben. Zum Teufel! wenn es ſo fort⸗ gegangen wäre, würde mein Einkommen bald ver⸗ ſchleudert geweſen ſein. Ich muß ihr noch dankbar ſein, daß ſie mich noch zu rechter Zeit aufgegeben hat; bei ſechsmonatlicher Sparſamkeit werde ich meine Schulden bezahlen können. Ich will alſo auf ſechs Monate jene Paſſionen ablegen, welche mich ſo theuer zu ſtehen kommen. Mamſell Caroline hat mir bewieſen, daß man nicht für diejenigen Frauen⸗ zimmer, welche uns am meiſten lieben, auch die größten Opfer bringt. Es iſt Nacht; nun will ich Nicette beſuchen. Ihr Blumenladen iſt geſchloſſen, aber ich bemerke Licht durch das Fenſter über der Thüre. Ich klopfe ganz leiſe, denn ich fürchte die Aufmerkſamkeit der Nachbarn rege zu machen. „Wer iſt da?“ fragt eine weibliche Stimme.— „Ich bin's, Nicette.. es iſt.„ Ich brauche mich nicht zu nennen. ſchon iſt die Thüre geöff⸗ net und ich ſtehe vor ihr„ Ich trete ein, ſchließe die Thüre wieder und betrachte das Mädchen unter Paut de Kod. Xohtr. 7 98 ſeinen Blumen, die das ganze Zimmerchen anfüllen, in welchem nur noch Platz zu einem Tiſche und einem Stuhle iſt. Der Tiſch iſt mit Papier, Fe⸗ dern und Büchern bedeckt, und ein einziges Licht erleuchtet das niedliche Gemach, wo tauſend und aber tauſend Blumen die kößlichſten Wohlgerüche verbreiten. Nicette hat mir einen zweiten Stuhl aus dem Zimmer hinter ihrem Laden geholt. Sie ſtellt den⸗ ſelben mitten unter ihre Blumen. In ihren reizen⸗ den Zügen leſe ich die Freude, welche ihr meine Gegenwart verurſacht, bemerke aber auch zu meiner Betrübniß, daß ihre Augen roth und die Roſen von ihren Wangen verſchwunden find. Sie bittet mich nun, neben ihr Platz zu neh⸗ men.—„Wie gütig find Sie, Herr Dorſan, daß Sie mich beſuchen und bisweilen an mich denken!.. — Denken Sie denn nicht an mich, RNicette?— O, immer! Aber dies iſt kein Grund, daß bei Ihnen iſt es etwas Anderes!— Was thaten Sie, als ich kam?— Ich ſchrieb, mein Herr ich lernte meine Aufgabe.“ Sie erröthet. Ich ſehe auf den Tiſch und erblicke mehre Blätter mit großen Buchſtaben. ein Name, der hundertmal geſchrieben und wieder geſchrieben iſt. es iſt der meinige Arme RNicette! Ich ſehe ſie an ſie wird noch röther und ſtammelt mit niedergeſchlagenen Augen:„Verzeihen Sie, mein Herr, wenn ich Ihren Namen zur Uebung ſchrieb. aber ich dachte, den Namen meines Wohlthäters müßte ich zuerſt ſchreiben lernen.“ 99 Ich habe ihre Hände ergriffen und drücke ſie in die meinigen.„Wahrlich, Nicette, ich verdiene nicht ſo viele Freundſchaft wenn Sie mich ge⸗ nauer kennen würden!— Ach! ich kenne Sie aus dem, was Sie für mich gethan haben.— Sind Sie jetzt glücklich?— Ja, mein Herr, ich könnte nicht glücklicher ſein.“ Der Ton, mit welchem ſie dieſes ſagt, ſo wie ihre melancholiſche Geſichtsfarbe geben mir Vieles zu denken. „Nicette, ich finde Sie verändert.— Wie ſo, mein Herr?— Sie ſind bleich ein wenig ab⸗ gemagert.— Ich bin jedoch nicht krank.— Viel⸗ leicht kommt es von dieſem Blumendufte.— O, ich bin ſchon längſt daran gewöhnt.— Sie ſehen nim⸗ mer ſo heiter aus wie früher, als wir das erſte⸗ mal einander begegneten.— Ach! man bleibt ſich nicht immer gleich.— Jedoch, wenn Sie keinen Kummer haben.— Nein, mein Herr, das nicht. — Ihre Augen beweiſen mit das Gegentheil.. Liebe Nicette, Sie haben geweint.— Nein, mein Herr; und wenn dies auch der Fall wäre man weint manchmal ohne zu wiſſen warum und ohne daß man Kummer hat.“ Wir ſchweigen. Ich mag nicht weiter fragen, denn ich glaube ihren Schmerz zu errathen. Sie blickt mich nicht mehr an, wahrſcheinlich weil ſie fürchtet, ich leſe in ihren Augen. Sie bleibt nach⸗ denkend und ſtumm. Ich kann nimmer ſprechen. Ihre Traurigkeit iſt in mein Herz übergegangen.. 100 aber dieſes Schweigen hat einen Reiz, den wir Beide fühlen. Ich muß ſie jedoch zu zerſtreuen ſuchen und ſelber allzugefährliche Gedanken von mir entfernen. Ich nähere mich alſo dem Tiſche und betrachte die Papiere. „Sie ſchreiben ſchon recht brav, Ricette.— O noch nicht beſonders, aber ich hoffe mit der Zeit... — Rehmen Sie noch immer Unterricht?— Nein, ich habe keinen Lehrer mehr Er fägte mir... Dinge, welche mich langweilten, ließ mich immer: Commencement, communement, exactement ſchrei⸗ ben, während ich das Schreiben eben ſo gut zu lernen glaubte, wenn ich mich in dem Namen Dorſan übte, obgleich dies kein ſo langes Wort iſt. Darüber wurde er ſehr böſe, dann ich habe ihm den Abſchied gegeben. Auch weiß ich bereits allein zurecht zu kommen.— Wir wollen ſehen.— Ach, mein Herr, vor Ihnen würde ich zittern— Warum? Ich will Ihnen Unterricht geben.. Sind Sie's zufrieden?— O, ja. gewiß.“ Sie ſetzt ſich an den Tiſch; ich ſtelle meinen Stuhl hart neben den ihrigen, ſchlinge meinen Arm um ſie und leite ihre Hand mit der meinigen; mein Geſicht berührt ihre Haare; ihr ganzer Körper iſt an den meinigen gedrückt; ich ſauge ihren ſüßen Athem ein und kann die Schläge ihres Herzens zählen. Ach, welches Vergnügen gewährt mir dieſer Unterricht! Ohne daran zu denken und ohne alle Abſicht, 101 laſſe ich ſie immer,„ich liebe dich,“ ſchreiben. Meine Hand zittert eben ſo ſehr als diejenige, welche ich leiten will. Da entquillt eine Thräne ihren Augen.. Die Feder entfällt uns; ich weiß nicht, wie es kommt, aber Nicettens ſchönes Geſicht befindet ſich auf einmal an meiner Bruſt; ihre beiden Arme ſind um meinen Hals geſchlungen; die meinigen umfaſſen fſie gleichfalls mit Zärtlich⸗ keit. Ach, ich fühle es wohl, in dieſem Augenblicke würde ich, ſelbſt wenn Frau von Marſan oder jede Andere da wäre, mich nicht aus Nicettens Umar⸗ mung losreißen. Wir ſitzen ſchon lange ſo bei einander und den⸗ ken gar nicht daran, uns zu trennen. Nicette iſt ſelig und ich, ich darf es wohl geſtehen, empfinde ein Glück, welches ich noch nicht kannte, eine Freude, von der ich keinen Begriff hatte und die durch kein Verlangen, worüber ich erröthen müßte, getrübt wird. Aber jetzt kann ich für die Zukunſt nicht ein⸗ ſtehen. eine weitere Liebkoſung könnte eine Feuersbrunſt erregen. Auf einmal klopft man heftig an die Thüre; Nicette macht ſich aus ſeinen Armen los; ich blicke ſie unruhig an:„Wer kann denn ſo ſpät noch zu Ihnen kommen? Sie haben mir geſagt, daß Sie keine Bekanntſchaft hätten.— Ich weiß nicht, wer es iſt; ich erwarte Niemand.“ Ihre Augen beruhigen mich; ſie können nicht lügen. aber man klopft von Neuem, und wir nmnierſcheiden deutlich die Worte:„Machen Sie voch 102 auf, Jungfer Nicette; Ihre Mutter iſt ſehr krank; ſie will Sie ſehen.“ Ricette öffnet und erkennt das Mädchen einer Nachbarin, der Madame Jerome. Die Kleine be⸗ nachrichtigt Nicette, ihre Mutter habe einen Schlag⸗ anfall bekommen in Folge eines heftigen Streites mit ihrer Tochter Franziska und da ſie nun ſehr krank ſei, ſo habe ſie den Wunſch ausgedrückt, ihr Kind, welches ſie einſt ſo ungerechter Weiſe fort⸗ jagte, wieder zu ſehen. In einem Augenblicke hatte Nicette ihre Haube aufgeſetzt und ihre Schürze umgebunden.„Adieu, adieu, Herr Dorſan,“ ſagt ſie zu mir mit bewegter Stimme und thränenſchweren Augen;„meine Mutter iſt krank, ach! ich muß jetzt alles Andere vergeſſen.“ Wir verlaſſen die Bude. Ricette ergreift den Arm des Mädchens und eilt ſo ſehr, daß dieſe ihr nur mit Mühe folgen kann. Ich verliere ſie bald aus dem Geſichte. Liebenswürdiges Mädchen! Du vereinigſt alle Tugenden; ich liebe dich mehr, als ich glaubte.. mehr, als ich jemals geliebt habe Der größte Beweis von meiner aufrichtigen Liebe iſt, daß ich bisher deine Unſchuld ehrte; aber ich fühle, Abends darf ich dich nicht wieder ſehen; allein bei dir zu ſein, wäre gefährlich.„ Wenn man nicht an die Thüre geklopft hätte.. ſo weiß ich nicht, wie es gegangen wäre. Jetzt muß ich zu Frau von Marſan zurückkehren, um mich Nicettens wegen zu zerſtreuen, ich muß 103 meinen Kopf beſchäftigen, um mein Herz zu be⸗ ruhigen. Dadurch werden meine neuen Thorheiten wenigſtens einen entſchuldbaren Beweggrund haben. Achtes Kapitel. Die bürgerliche Komödie— Die Probe. Seit einigen Tagen iſt mein Benehmen ſehr klug. Ich mache der Frau von Marſan, über die mein Nachbar ſicherlich zu viel geſagt hat, den Hof; ich beſuche Ricette Abends nicht mehr, und wenn ich Morgens an ihrer Bude vorbeigehe, ſo wünſche ich ihr einen guten Tag, ohne mich auf⸗ zuhalten. Ihre Trauer zeigt mir, welchen Verluſt ſie erlitten hatz aber ich habe ſie noch nicht um die näheren Umſtände des Todes der Frau gefragt. Frau von Marſan iſt eine ſehr tiebenwürige und ſehr kokette Dame, faſt beſtändig von einem Haufen Anbeter umlagert; doch bin ich nicht ſo ſehr verliebt, um eiferſüchtig zu werden. Ihre Soiréen ſind köſtlich: die Geſellſchaft gewählt, die Frauen⸗ zimmer hübſch, die Herren von gutem Tone. Es herrſcht kein läſtiger Zwang, ſondern eine anſtändige Freiheit dabei. Es wird Mufik gemacht, und man ſpielt auch, aber ohne Leidenſchaft. Der Monat Oktober naht heran und ehe der Winter ſeine Bälle wieder bringt, will Frau von 104 Marſan noch ein Feſt in ihrem Landhauſe geben. Als theatraliſche Stücke werden der„Barbier von Sevilla,“ und„Fanchon la Vielleuſe“ gewählt. Frau von Marſan wünſcht, daß ich eine Rolle über⸗ nehme. Nach einigem Zögern entſchließe ich mich, den Lindor zu ſpielen, und ſie ſpielt die Roſine. Auch Raimund ſpielt eine Rolle. Herr von Mar⸗ ſan aber nimmt keinen Theil an der Komödie; bei großen Feten find die Ehemänner nur gut, um Geld herzugeben. Nun verfolgt mich Raimund wie ein Quälgeiſt mit ſeinem ewigen Geſchwätz von der den Komödie. „Anſtatt dieſe Fanchon, ſagt mein Nachbar jeden Morgen,„hätte man ein kleines neues Stück ſpielen ſollen. Ich würde ſchon eines gemacht haben. Doch es iſt nun einmal ſo. Uebrigens hätte ich doch lieber den Offizier, als den Abbé geſpielt.. dieſe Rolle würde mir beſſer zu meiner Figur und Hal⸗ tung paſſen doch, ich will den Abbé aus Ge⸗ fälligkeit ſpielen.. ich bringe ja gerne ein Opfer. Ich hoffe indeß, man werde, wenn die Zeit hin⸗ reicht, noch vor dem Feſte eine kleine Oper:„die von Venus beſchützten Liebenden“ ſpielen.. ſie hat nur drei Acte. ſehen Sie, hier iſt der erſte Art.— Ich ſtudire meine Rolle.— Thut nichts; ich wünſchte von Ihnen ein Urtheil. Das Theater ftellt eine prächtige Landſchaft vor, wo man Anſtalten zur Hochzeit der Liebenden trifft. Die Prinzeſſin beginnt alſo:„Prinz. hier an dieſem 105 Ort, wo man uns will verbinden. Fühl ich mein höchſtes Glück... fühl ich„ Weiter yöre ich nicht. Obſchon das Feſt erſt in zehn Tagen gegeben wird, mache ich mich doch von Raimund los und reiſe nach dem Landgute der Frau von Marſan. Es iſt noch Niemand von der einge⸗ ladenen Geſellſchaft da, was mir ſehr lieb iſt. Das Landhaus des Herrn von Marſan gleicht einem kleinen Schloſſe; ſeine Lage iſt herrlich, die Umgebung entzückend. Die Gärten find groß und ſehr gut unterhalten, die Zimmer elegant und ſo vertheilt, daß man leicht eine zahlreiche Geſellſchaft unterbringen kann. Doch vor Allem muß ich der Gebieterin des Hauſes meine Huldigung darbringen. „Madame iſt allein,“ ſagt mir die Kammerjungfer; „es ſind noch keine Gäſte angekommen.“ Das hatte ich gehofft.„Und Herr von Marſan? — O, der Herr wird erſt am Tage vor dem Feſte kommen.. Er miſcht ſich nie in dergleichen Sachen.“ Ich konnte meine Zeit nicht beſſer wählen. Die Aufnahme, welche mir bei Frau von Marſan zu Theil wird, beweist, daß man ſich durch meine Eile geſchmeichelt fühlt.„Schön, daß Sie zuerſt kommen,“ ſagt Frau von Marſan, wir können mit einander eine Scene aus dem Barbier repetiren. Sie wiſſen, unſere Rollen ſind lang, und ich habe ein ſehr kurzes Gedächtniß. Hierauf zeigt ſie mir nicht ohne Stolz ihr Theater. Es iſt mitten in dem Garten, groß, ele⸗ gant, ſehr gut decorirt und kann vielleicht drei⸗ 106 hundert Perſonen faſſen. Ich lobte natürlich Alles, wie ſich's gebührt, und Frau von Marſan ſagte, daß ſie Alles aufbieten werde, um den durch das zuletzt geſpielte Stück Pourceaugnae erlangten Ruf ihres kleinen Theatets aufrecht zu erhalten. Ich verſpreche ihr gleichfalls, meine Rolle aufs Sorgfältigſte einzuſtudiren. Die Gärten gefallen mir ausnehmend; ſie find ſo geräumig, daß man ſich darin verlieren kann, und ich hoffe, dieſer Umſtand werde mir keinen geringen Vortheil Zewähren. Es befindet ſich in demſelben ein Gehölz, eine Grotte, eine Brücke, unter welcher nur das Waſſer fehlt, ſehr dunkle Gebüſche, bedeckte Alleen, immergrüner Raſen, einige hübſche Hügel, ein unterirdiſcher Gang, ein Felſen, eine Cascade u. ſ. w. Mit einem Worte, es iſt ein herrlicher Park, von dem die Langeweile ferne zu bleiben ſcheint. Frau von Marſan gibt mir ein hübſches Zim⸗ mer, das die ganze Landſchaft beherrſcht. Dieſes Gemach würde mir beſſer gefallen, wenn es nicht ſo weit von dem ihrigen entfernt wäre. Ich mache ihr deßhalb Vorwürfe.. Sie ſpottet... nur Geduld mein Stichwort wird ſchon kommen. Ich muß indeß meine Rolle einüben, denn heute Abend will Frau von Marſan einige Scenen mit mir repetiren. Sie geht, um ihre Rolle gleichfalls vorzunehmen. Auf dem Lande herrſcht keine Etikette, tein Zwang mehr.„Hier,“ ſagt ſie zu mir,„thut Jeder, was er will, ſteht auf, wenn es ihm be⸗ 107 liebt, geht ſpazieren, kommt wieder heim ganz nach Gutdünken. Wenn man nur die Stunde des Eſſens und der Probe nicht verſäumt, ſo iſt man im Uebri⸗ gen ganz ſein eigener Herr.“ Ich verſpreche, den beſtehenden Regeln nach zu leben, und will mich in die Bosquets vertiefen, um die Rolle des Almaviva zu ſtudiren. Aber der Ge⸗ danke, daß ich in dieſem Hauſe mit Frau von Marſan allein bin, denn die Bedienten und Tag⸗ löhner dürfen nicht gerechnet werden, dieſer Gedanke macht mich unaufhörlich zerſtreut. Sie gibt mir ſo viele unzweideutige Beweiſe, daß ich an ihrer Nei⸗ gung beinahe nicht zweifeln kann; aber ich habe es ja mit einer großen Kokette zu thun, die vielleicht meine Huldigungen nur deßwegen freundlich ent⸗ gegennimmt, um mich deſto länger an ihren Triumphwagen zu ketten. Ich hoffte mit Frau von Marſan allein zu dini⸗ ren; aber ein langweiliger Nachbar kommt auf Beſuch und dinirt mit uns. Ich glaube, daß die Gegenwart dieſes Herrn ſie eben ſo ſehr beläſtigt als mich; jedoch muß man eine freundliche Miene gegen ihn machen. Glücklicher Weiſe ſpricht der Nachbar beim Eſſen für Drei; ſomit können wir an Alles denken, was uns beſchäftigt, ohne daß die Unterhaltung ſtockt. Endlich um halb acht Uhr denkt der alte Herr ans Heimgehen; er entfernt ſich und ich bleibe allein bei Frau von Marſan. Wir machen einen Spaziergang in den Garten. Das Grün, der Schatten, die Stille, Alles ladet zur 108 Zärtlichkeit ein. Ich will von Liebe ſprechen. die Kokette antwortet nur mit Stellen aus ihrer Rolle Ich fahre fort, ohne auf ſie zu hören... ſie ſchmält.—„Ei, mein Herr,“ ſagt fie,„Sie haben nicht ſtudirt.. Sie wiſſen kein Wort von ihrer Rolle!— Aber Madame, es handelt ſich nicht um die Komödie.— Wie, mein Herr, haben wir nicht eine Probe ausgemacht?— O dazu iſt noch lange Zeit.— RNein, ich habe ein ſchlechtes Ge⸗ dächtniß.— Sie wollen mich alſo nicht hören?— Im Gegentheil; Sagen Sie mir nur das Stich⸗ wort.— Schon längſt wiſſen Sie, duß ich Sie liebe, daß ich Sie anbete.— Ja, das ſteht in Ihrer Rolle, aber Sie müſſen es anders ausdrücken.— Ich ſehe wohl, Madame, es macht Ihnen Freude, mich zu quälen.— Verdruß Wärme„das iſt's o, ich verſichere Ihnen, Sie werden ſehr gut pieten⸗ 4 Ich kann unmöglich eine Erklärung dieſer Frau entlocken; dies macht mich ſehr übel gelaunt. Je⸗ doch entſchließe ich mich den nächſten Tag meine Rolle zu ſtudiren. Ich begebe mich deßhalb in den Gar⸗ ten, mit dem Barbier von Sevilla in der Hand. Ich lernte immer leicht, wenn ich wollte; in weniger als vier Stunden wußte ich faſt das ganze Stück auswendig. Beim Eſſen ſage ich nichts, denn ich will Frau von Marſan überraſchen, die mich lä⸗ chelnd fragt, ob ich meine Rolle eben ſo gut inne, habe, als geſtern. Der Abend kommt; wir bleiben im Salon; ſe „ 109 will die Probe nicht im Garten vornehmen; was mag wohl der Grund davon ſein? Sie nimmt ihre Rolle; ich brauche die meinige nicht, denn ich weiß ſie auswendig. Wir repetiren unſere Scenen. Ich lege eine Wärme, eine Wahr⸗ heit in das Spiel, welche Frau von Marſan ver⸗ ſtummen macht. Nun iſt das Schmälen an mir; ich muß ihr helfen, aber ſie iſt entzückt über mein Ta⸗ lent, ſie thut Alles, was ich will fie läßt mich ihre Hand ergreifen, ſie drücken, küſſen, mich zu ihren Füßen werfen.„Wie! kommt dies auch im Stücke vor?“ fragt ſie ſehr aufgeregt.„Ja, Ma⸗ dame, ja.“ Schon bin ich bereit, aus ihrer Aufre⸗ gung alle Vortheile zu ziehen, welche mir die Rolle eines Liebhabers an die Hand gibt, als ſich draußen ein Geräuſch pören läßt. Die Salonthüre geht auf und Raimund tritt herein. Der verdammte Menſch iſt wahrhaftig zu meinem Unglücke geboren! Wie er mich zu den Füßen der Frau von Marſan ſieht, zieht er ſchnell ſeine Rolle aus der Taſche und ſchreit aus Leibeskräften:„Ha! verflucht! der ra⸗ ſende, der ſchändliche Räuber Figaro! Hier darf man keinen Augenblick das Haus ver⸗ laſſen ohne bei der Rückkehr... Madame, ich habe die Ehre, Ihnen meine Huldigungen darzu⸗ bringen. Sie ſehen, daß ich pünktlich bin. Guten Adend, Herr Dorſan; warum ſind Sie denn geſtern ohne mich abgereist? Ich wäre mit Ihnen gegangen. Tun, Sie ſehen, daß ich meine Rolle ſchon aus⸗ wendig weiß. O ich habe ein herrliches Gedächt⸗ 11⁰ niß mit dem Souffleur wird es recht gut ge⸗ hen.“ Frau von Marſan dankt Raimund für ſeine Pünktlichkeit und macht ihm Complimente wegen ſeines herrlichen Gedächtniſſes. Ihre Aufregung iſt vorbei; wir beginnen die Probe wieder, und ſie iſt nun ganz in ihrer Rolle. Abermals wurden meine Hoffnungen vereitelt... Der verdammte Raimund! Am folgenden Tage kommt die ganze, zur Auf⸗ führung der Komödie erforderliche Geſellſchaft an. Nun kann ich mit Frau von Marſan nimmer unter vier Augen ſprechen. Raimund läuft überall umher und bringt Alles in Unordnung. Der Tag des Feſtes rückt immer näher. Eine Probe folgt der andern. Jeder will am Beſten ſpielen. Wir haben insgeſammt unſere Rollen voll⸗ kommen inne, außer Raimund, der den Bartholo ſtammelt und vom Lattaignant keine Strophe be⸗ halten kann. Die Damen ſchmälen ihn, aber ſeine Antwort iſt immer dieſelbe:„Mit dem Souffleur wird es ſchon gehen.“ Am Tage vor der Vorſtellung wollen wir auf dem Theater eine Generalprobe bei Licht halten. Raimund iſt ſeit dem Morgen verſchwunden und um ſechs Uhr, der zur Probe feſtgeſetzten Stunde, noch nicht zurückgekehrt Man ſucht ihn im ganzen Hauſe, im Garten, im Gehölze, da man nicht ohne ihn beginnen kann. Endlich kommt er um acht Uhr mit Schweiß und Staub bedeckt, und zwei dicke, rothwangige, ſehr ſchmutzige Jungen von fünf bis ſechs Jahren an der Hand führend. . 111 „Wo zum Leufel waren Sie denn?“ ruft man allgemein. Die Damen wollen meinen Nachbar ſo⸗ gar ſchlagen.—„Schön!“ ſagt Raimund,„ſchmält nur tüchtig, während ich mir faſt die Füße ablief, um zwei Amoretten zu finden. Ich glaube, daß ich heute mehr als zehn Stunden gemacht habe, aber überall ſah ich nur ſauertöpfiſche Geſichter, ſchie⸗ lende Augen und platte Naſen.. endlich fand ich in St. Denis zwei ausgezeichnet hübſche Amoretten.“ Der Anblick der beiden Jungen, denen Raimund, um ſie zu gewinnen, unterwegs Traubenmus ge⸗ kauft und die ſich damit bis über die Ohren be⸗ ſchmiert hatten, ſtillt raſch den Zorn der Geſellſchaft. „Und ihre Mutter?“ fragt Frau von Marſan. —„Iſt eine Milchfrau in St. Denis. Sie iſt ent⸗ zückt, daß ihre Kinder Amoretten ſpielen dürfen.. ſie wird morgen ſelbſt kommen; ich habe ihr einen Platz hinter dem Vorhang im Fond verſprochen. Aber jetzt laſſen Sie die Jungen ein wenig reinigen, dann werden Sie ſehen, wie ſchön Sie ſind.“ Die junge Dame, welche Fanchon ſpielt, be⸗ greift nicht, wozu man Amoretten bedürfe. Frau von Marſan ſucht Raimunds dummen Streich wie⸗ der gut zu machen. Die Probe dauert bis Ein Uhr. Dann begibt ſich Jedermann ſehr ermüdet zu Bette. Raimund übergibt ſeine beiden Amoretten der Haus⸗ hälterin, mit der Bitte, ſie wohl zu ſäubern und früh aufzuwecken, damit er ihnen ihre Rolle noch eibringen könne. 112 Neuntes Kapitel. Almaviva und Roſine— Scene zum Barbier von Sevilla. Der große Tag iſt endlich angebrochen. Die Da⸗ men ſind frühzeitig aufgeſtanden, weil der Gedanke an ihre Toilette ſie wenig ſchlafen ließ. Die Her⸗ ren, manchmal eben ſo kokett als die Frauen, ſind ſowohl mit ihrem Koſtüm als ihrer Rolle beſchäf⸗ tigt. Ich kümmere mich wenig um die Aufführung der Stücke, da meine durch die Hinderniſſe nur noch geſteigerte Liebe zu Fran von Marſan mich völlig einnimmt; der geſchäftigſte von Allen aber iſt Rai⸗ mund. Er hat hauptſächlich mit ſeinen Bauernjun⸗ gen viel zu thun, bis ſie herausgeputzt und ange⸗ kleidet ſind. Aus Paris hat ſich eine zahlreiche und glänzende Geſellſchaft eingefunden. Auch viele Nachbarn ſind zu der Fete geladen. Herr von Marſan wird erſt wenige Augenblicke vor dem Diner kommen, da eine Börſenangelegenheit ihn noch in der Stadt zurück⸗ hält. Endlich ſchlägt die für den Beginn des Theaters veſtimmte Stunde. Unſer kleiner Saal iſt voll. Raimund blickt unaufhörlich durch das Loch im Vorhange, um zu ſehen, wo die Damen ſitzen, de⸗ nen er heute verliebte Blicke zuſchleudern wil⸗ „Man muß anfangen!“ rufen diejenigen, welche be⸗ reit ſind; aber dies iſt noch nicht Jeder, und Rai⸗ mund kann gar nicht mit dem Ankleiden fertig wer⸗ den.„Eilen Sie doch!“ ſchreit man ihm von allen 113 Seiten in die Ohren und treibt ihn nach ſeiner Loge. Dann erkundigt man ſich, ob Roſine, d. h. Frau von Marſan, parat ſei. Schon haben die vier Dilettanten, welche das Orcheſter bilden, zweimal die Ouvertüre zu Richard Löwenherz geſpielt, welche als Ouvertüre zum Barbier von Se⸗ villa dienen muß. Schon wollen ſie zum dritten Male dieſelbe wiederholen, weil ſie keine andere ha⸗ ben. Das Publikum wird bereits ungeduldig und man hört leiſes Gemurmel. Endlich ſind wir fer⸗ tig, und Raimund, der den Maſchiniſten macht, läßt den Vorhang aufziehen. Meine Rolle weiß ich ſehr gut und die Liebe zu Frau von Marſan, die mir als Roſine gekleidet noch reizender vorkommt, verleiht meinem Spiele Wahrheit und Wärme. Der junge Menſch, welcher den Figarv vorſtellt, beſitzt ein hübſches Geſicht, Lebhaftigkeit und tollkühnen Muth. So geht mit Ausnahme einer Ungeſchicklichkeit, welche ſich Rai⸗ mund in der Maſchinerie zu Schulden kommen läßt, Alles ſehr gut von Statten und das Publikum iſt entzückt. Im zweiten Akte kann Raimund bereits ohne den Souffleur kein Wort mehr ſprechen; indeß die Zu⸗ ſchauer ſind nachſichtig und man applaudirt. Nun beginnt der dritte Akt. Mein Nachbar muß die Scene eröffnen. Er ſchreitet vorwärts und ſtellt ſich ge⸗ rade vor den Souffleurkaſten. „Welcher Unmuth!.. welcher Unmuth!— (Zum Souffleur: Souffliren Sie doch!) Sie ſchien Paul de Kock, Xc. 8 114 beruhigt.. da! nun ſag' mir Einer..(Souff⸗ liren Sie nicht!) nun ſag mir Einer, welcher Teu⸗ fel ihr den Kopf verrückte...(Souffliren Sie doch!) daß ſie, daß ſie nicht mehr..(Wie? ich ver⸗ ſtehe nichts!) daß ſie nicht mehr bei Don Bafilio Unterricht nehmen will.(Souffliren Sie doch nicht) Sie weiß, daß er ſich nicht in meine Heirath. Thut Alles thut Alles.. thut thut. (Vie? was muß ich ſagen? der Teufel auch! Sie können gar nicht ſouffliren!)“ Das Publikum lacht über unſeren Bartholo und Raimund reibt ſich mit zufriedener Miene die Hände, und ruft jedesmal, wenn er hinter die Couliſſe geht:„Nun, ſie ſind zufrieden! ſie amüſiren ſich köſtlich! Noch nie wurde im Theätre frangaise ſo viel gelacht.“ Das Stück wird jedoch zu Ende geſpielt, trotz⸗ dem daß Raimund ſein Möglichſtes thut, um es durchfallen zu laſſen; aber Roſinens Anmuth, Fi⸗ garo's Heiterkeit und, man muß ſich doch auch ſelbſt Gerechtigkeit widerfahren laſſen, die Glut der Em⸗ pfindung, welche mich als Almaviva beſeelt, machen die Jlluſion vollkommen. Ich erringe einen glänzen⸗ den Succeß und leſe in den Augen der Frau von Mar⸗ an die Freude, welche ihr mein Triumph verurſacht. Nach dem Barbier ſchreitet man zur Darſtel⸗ lung Fanchons. Alle, welche im erſten Stücke mitſpielten, ſpielen auch im zweiten, außer Frau von Marſan und mir, welcher Umſtand uns Zeit läßt, das Koſtüm zu wechſeln. * . 6 11⁵ Unſere Logen gehen nach dem Garten; die der Damen ſind nur durch eine Lindenallee von denen der Herren getrennt. Nachdem ich meine Kleider wieder angezogen habe, gehe ich in den Garten, um friſche Luft zu ſchöpfen. Das zweite Stück hat bereits begonnen; Jedermann iſt auf dem Theater oder im Saale. Draußen im Garten herrſcht eine tiefe Stille. Ich wandle gerade durch die Linden⸗ allee, als ich aus einem der gegenüber befindlichen Kabinette eine Dame treten ſehe. Ich bleibe ſte⸗ hen es iſt Frau von Marſan, meine Roſine Sie hat mich gleichfalls erkannt und kommt auf mich zu. „Wohin geht denn Graf Almaviva?— Ich wollte einen Augenblick die Friſche dieſes Gartens genie⸗ ßen aber es fehlte mir Etwas ohne Roſine kann Almaviva nicht glücklich ſein.— Roſine weiß nicht, ob ſie den Grafen begleiten darf.— Wiel nachdem Sie in die Entführung eingewilligt haben?2 — Wirklich ſtände es mir nicht gut, jetzt noch die Grauſame zu ſpielen aber bedenken Sie, daß Sie mir Treue geſchworen haben daß Sie mich ewig und nur mich allein lieben wollen— O,„ ich ſchwöre es Ihnen noch einmal.— Aber wo füh⸗ ren Sie mich denn hin? Ich glaube, daß wir zu weit gehen. Weßhalb die dunkelſten Wege wählen2 Warum uns in dieſes Gebüſch verſtecken? Es iſt ſo ſinſter.— Meine liebe Roſine, was können Sie bei mir fürchten.— Mein lieber Lindor ich bin un⸗ rubig.— Haben Sie ſich nicht mir ganz anver⸗ 1¹6 traut?— Ach! ich glaube, daß ich unklug handelte Was machen Sie da? mich ſo zu umar⸗ men! dies ſteht nicht in dem Stücke.— Verweigert man dem Geliebten, der bald Gemahl ſein wird, einen Kuß?— Hören Sie auf, Lindor! Dor⸗ ſan!„O dieſe Scene!— Theure Roſine, iſt ſie nicht ganz natürlich? Muß ſie nicht unſere Liebe krönen?“ Frau von Marſan ſträubt ſich vergebens es iſt zu ſpät ich bin zu tief in den Geiſt mei⸗ ner Rolle eingedrungen, ſie ſelbſt hat ſich mit der meinigen identificirt. Wir fügen zum Barbier von Sevilla die Scene hinzu, welche das Publi⸗ kum nicht ſieht, die es aver nach der Vereinigung Almaviva's und Roſinens errathen kann. Schon lange war das Gebüſch der ſtille Zeuge unſerer Liebesſcene, welche der Mond nur halb be⸗ leuchtete. Die Hitze, womit wir unſere beiden Rol⸗ len ſpielten, ließ uns die Welt und das Feſt ver⸗ geſſen. Ich wollte als Almaviva in dem Gebüſch den gleichen Succeß erringen, als auf dem Theater, und es gelang mir wirklich ausgezeichnet gut. Wir dachten noch nicht an eine Entwickelung, als ein un⸗ vorhergeſehener Umſtand plötzlich ſtörend einſchreiten mußte aber um dies zu erklären, müſſen wir einen Blick in den Saal werfen. Fanchon war ziemlich ſchlecht geſpielt worden. Nach Beendigung des Stückes wollte dann Rai⸗ mund zu Ehren der Dame, welche die Fanchon darſtellte, ſeine kleine Scene geben. Wie er aber 117 an einer Schnur zog, um einen Blumenkranz auf das Haupt der Dame herabſinken zu laſſen, ſo kam eine Klpſtierſpritze hernieder. Der Gärtner hatte ver⸗ geſſen, die Klſtierſpritze, welche noch aus Pour⸗ ceaugnac da war, loszubinden, und den Kranz an der Schnur zu befeſtigen. Das Publikum lachte na⸗ türlich aus vollem Halſe; Raimund aber fluchte und war ganz wüthend vor Zorn. Um dieſen Streich wieder gut zu machen, wollte er ſeine beiden Amo⸗ retten hervorholen; aber die Bauernjungen, welche man vor dem Beginn des Spieles unter der Bühne verſteckt hatte, waren aus Langeweile davon ge⸗ laufen, und da ſie bei ihrer Flucht an einem Buffet vorbeikamen, ſo hatten ſie ihre Tuniken mit allen möglichen Leckereien angefüllt und ſich dann an einen ſichern Ort geflüchtet, um ihre Beute in Ruhe zu verzehren. Während nun die beiden Jungen ſich gütlich tha⸗ ten, lief Raimund wie wahnſinnig umher, um ſeine Amoretten aufzuſuchen. Vor dem Lheater draußen begegnet er Herrn von Marſan, welcher ſeine Frau ſuchte, über deren Abweſenheit ſich die Geſellſchaft verwundert. „Haben Sie ſie gefunden?“ fragt ihn Raimund. Ich weiß nicht wo ſie iſt; man fragt nach ihr gewöhnlich brauche ich mich um nichts zu kümmern. — Von wem ſprechen Sie denn?— Von meiner Frau, die nicht da iſt, um die Honneurs zu ma⸗ chen.— Ah! Frau von Marſan kann nicht verlo⸗ ren gegangen ſein ſie wird ſich ſchon finden; 118* aber meine beiden Amoretten fehlen, das iſt weit beunruhigender; denn ich muß ſie ihrer Mutter wieder zurückbringen, die keine Venus iſt; ſie würde mir einen ihrer Milchkrüge an dem Kopfe zerſchla⸗ gen, wenn ihre beiden Fratzen nicht wieder zum Vorſcheine kämen. Wir wollen ſie miteinander in dem Garten ſuchen; die Schlingel müſſen doch ir⸗ gendwo ſein.“ Herr von Marſan folgt Raimund, mehr, um ſeine Frau zu ſuchen, als um die kleinen Flüchtlinge zu entdecken. Sie durchſtreifen einen Theil des Gartens. Herr von Marſan will zur Geſellſchaft zurückkehren, in der Meinung, ſeine Frau werde dort ſein; aber Raimund läßt ihn nicht los und ſagt, er ſei verantwortlich für die Amoretten, welche in ſeinem Hauſe verloren gegangen wären⸗ Sie nähern ſich der Schaukel bei dem Gebüſche, wo ich meine Scene mit Frau von Marſan ſpiele. „Sie ſind dort,“ ſagt Raimund;„ich höre die Schaukel ſich bewegen; ich dachte mir doch, meine 1 beiden Schlingel würden ſpielen.“ Man nähert ſich der Schaukel und gewahrt nichts. „Sie ſehen wohl, daß hier Riemand iſt,“ ſagt Herr 3 von Marſan.—„Sonderbar,“ verſetzt Raimund⸗ „ich höre doch immer daſſelbe Geräuſch ja, da⸗ neben in dem Gebüſche. Was Teufels machen ſie da! Herr von Marſan geht voran, Raimund folgt ihm der Mond ſchien jetzt gerade ſehr hell 1 wir ſind wie verſteinert. 1¹9 „Almavvia und Fofine!“ ruft Raimund zurück⸗ ſpringend. Herr von Marſan allein verliert ſeine Kaltblütigkeit nicht.„Madame,“ ſagt er ruhig zu ſeiner Frau,„die Geſellſchaft verlangt nach Ihnenz Sie ſind bei der Fete nöthig und ſollten Ihre Ge⸗ ſchäfte mit Ihren Vergnügungen beſſer in Einklang zu bringen ſuchen.“ Nach dieſen Worten entfernt er ſich ruhig und geht wieder ins Haus. Frau von Marſan iſt ohn⸗ mächtig; Raimund fleht wie eine Bildſäule daz ich ſpringe aus dem Gebüſche, ſtoße ihn raſch zurück, habe in einem Nu das Hofthor und das Landhaus hinter mir, gewinne die Straße und erreiche Mor⸗ gens um zwei Uhr Paris. Zehntes Kapitel. Wohin wird dies führen. Nach dem Abenteuer im Gebüſche kann ich Frau von Marſan nicht mehr beſuchen und ſie nimmer öffentlich ſehen. Unſere Bekanntſchaſt muß alſo noth⸗ wendig mit dem Schleier des Geheimniſſes bedeckt werden; bei vielen Frauen würde dies den Reiz noch erhöhen, aber bei Frau von Marſan, welche gerne eine Schaar Anbeter um ſich ſieht, wird die Unmöglichkeit, mit meiner Eroberung zu prahlen, ſehr ſchnell ihre Liebe abkühlen. Wenn wir uns nimmer in ihrem Hauſe ſehen, ſo geſchieht es aus Rückſicht für den Anſtand; denn 120 Raimund, welcher Zeuge der Kataſtrophe war, hat ſicherlich dieſes Abenteuer überall ausgebreitet. Es kommt indeß eine Korreſpondenz zwiſchen mir und Frau von Marſan zu Stande; wir geben uns gegenſeitig Rendez⸗vous und gehen mit ein⸗ ander aufs Land, ſo wie ins Theater in Gitter⸗ logen. Auf dieſe Art iſt mir ihre Geſellſchaft noch lieber als ſonſt, weil kein Schwarm von jungen Gelbſchnäbeln zugegen iſt, die der Kokette ihre Hul⸗ digungen darbringen; aber ich fürchte, Frau von Marſan iſt nicht ſo zufrieden wie ich. Schon wird unſere Korreſpondenz flauer, unſere Rendez⸗vous werden ſeltener; ſie hat immer irgend eine Abhal⸗ tung: eine Reunion, einen Ball, eine Fete, bei der ſfie nicht fehlen darf. Ich ſchenke dieſen Entſchuldigungsgründen keinen Glauben, weil ich wohl weiß, daß ſie über ihre Zeit frei verfügen kann: aber natürlich, glänzende Bälle und enthufiaftiſche Huldigungen gefallen ihr beſſer, als unſere einſamen Zuſammenkünfte. Der Schluß, den ich daraus ziehe, iſt ſehr einfach: Frau von Marſan liebt mich nicht und hat mich nie ge⸗ liebt... Es war nur Zufall.. eine augenblick⸗ liche Laune und aus Langeweile gibt ſie mich wieder auf. Als ich eines Morgens raſch meine Thüre öffne, erblicke ich Raimund, der gerade die Treppe hinab⸗ gehen will. Seit jener Scene im Gebüſche war er mir immer ausgewichen. Ich ergreife ihn nun raſch am Rockſchoße und ſage: 121 „He! Herr Raimund, ich glaubte, Sie wären geſtorben.— Guten Tag, Herr Nachbar. Wahr⸗ lich, ich habe Sie ſeit dem Barbier von Se⸗ villa nicht mehr geſehen.— Ja, ſo iſt's; und doch hätte ich gerne von Ihnen erfahren, wie das Feſt ablief.— O, das wiſſen Sie ſicherlich von..— Von wem?— Sie verſtehen mich ſchon.. Wahr⸗ haftig, ich glaubte, Sie wären böſe auf mich.— Warum denn?— Weil ich den Gemahl in das Gebüſch geführt habe.— Ah! Sie haben ihn hin⸗ eingeführt?— Das heißt: ich und doch auch wie⸗ der ich nicht. Er ſuchte ſeine Frau und ich ſuchte die Amoretten, welche ſich gerade eine Indigeſtion auf dem Speicher zuzogen; die kleinen Schlingel ſind beinahe zerplatzt; ihre Mutter behauptete, es ſei meine Schuld, und wollte mir die Augen aus⸗ kratzen. Ich habe viel Unglück bei jener Fete ge⸗ habt. Aber um wieder auf Ihr Abenteuer zu kom⸗ men, ſo wäre Alles anders gegangen, wenn Sie mich zum Vertrauten Ihrer Liebſchaft mit Frau von Marſan gemacht hätten; ich hätte den Mann ferne gehalten. Sie wollen mir aber auch nie etwas ſagen, und das bringt Ihnen nur Ungelegenheiten. Ferner ſind Sie Schuld, daß ich Herrn von Marſan nicht mehr beſuche.— Warum denn?— Warum? Dies iſt ganz einfach... Die Frau, welche weiß, daß ich geſehen habe.. macht mir ein böſes Ge⸗ ſicht. Der Mann iſt ein anderes Original. Ich wollte Alles wieder in Ordnung bringen, es war ja Abend Mondſchein.. und mit ein wenig 122 Scharfſinn läßt ſich Vieles ausgleichen.— Weiter? — Nun, als Sie ſort waren, wollte ich anfangs der Frau von Marſan zu Hülfe kommen, die ich für ohnmächtig hielt; aber im Augenblicke, wo ich mich ihr mit meinem Flacon näherte, erhob ſie ſich ganz allein, warf mir den Flacon an die Naſe und eilte nach ihrem Zimmer. Dies ſehend dachte ich bei mir ſelbſt: ich muß den Mann aufſuchen und ihm einen blauen Dunſt vor die Augen machen. Ich ging alſo in den Salon und gab Herrn von Marſan ein Zeichen; er wollte anfangs den Erarté⸗ tiſch nicht verlaſſen, endlich ließ er ſich doch be⸗ reden. Ich führte ihn in eine Ecke und ſagte: Mein Herr, man darf nicht Alles glauben, was man ſieht. beſonders wihn der Mond ſcheint.. denn der Mond gibt Allem ein anderes Ausſehen und dadurch kann leicht eine Täuſchung ſtattfin⸗ den. Die Scene, welche Sie in dem Gebüſche ſahen, war von meiner Erfindung und ſollte nach dem Barbier geſpielt werden. es iſt eine Liebes ſcene. Je feſter man bei ſolchen Scenen ein⸗ ander umſchließt, deſto theatraliſcher iſt bie Illuſion. War das nicht klug?— Sehr klug; und was er⸗ widerte Herr von Marſan?— Kaum ließ er mich zu Ende reden, dann ſagte er mir in ſehr trockenem Tone: Langweilen Sie mich nicht länger mit Ihren Albernheiten und ſchweigen Sie gänzlich über dieſe Sache. Damit kehrte er mir den Rücken. Meiner Treu, ich geſtehe Ihnen, daß ich dies ſehr grob fand. Einen Augenblick nachher kommt die Milch⸗ 123 frau mit ihren beiden Jungen, die ganz kirſchblau ausſahen und die man in einem Speicher gefunden hatte. Das unverſchämte Bauernweib ſagte mir nun die größten Beleidigungen und ſchwur, wenn die Kleinen erſticken, werde ihr Mann mich bei dem Friedensrichter belangen; denn ich ſei an Allem ſchuld. Ich habe ja doch den Jungen geſagt, ſie ſollen Amoretten ſpielen, nicht aber ſich toll und voll freſſen. Meiner Treu, als ich dies ſah, nahm ich meinen Hut, ſetzte mich in Figaro's Cabriolet und kehrte nach Paris zurück, mit dem feſten Vor⸗ ſatze, keine anakreontiſchen Scenen mehr für Bauern zu arrangiren.“ Mein Nachbar verläßt mich jetzt ſchnell; ſonſt konnte ich ihn kaum fokkbringen. Dieſes ſein Be⸗ nehmen fällt mir auf. Uebrigens macht etwas An⸗ deres mich noch weit unruhiger; ich erhalte nämlich ſeit längerer Zeit von Nicette keine Bouquets mehr. Anfangs dachte ich, der Tod ihrer Mutter werde ſie zu ſehr beſchäftigen; aber ſeitdem ſind bereits über ſechs Wochen verfloſſen, und ich finde immer noch nichts an meiner Thüre. Ich war an dieſen Beweis ihrer Erinnerung ſo gewöhnt, daß ich jeden Abend beim Nachhauſegehen ſchnell mit der Hand ans Schlüſſelloch greife... aber ich finde nie Et⸗ was und ſage mir traurig: Auch ſie hat mich vergeſſen! Ich könnte ihr Vorwürfe machen aber ſie ſoll das, was ihr zuerſt eine Freude war, nicht als eine Pflicht betrachten. Seit langer Zeit habe ich 4 124 ſie übrigens nicht mehr geſehen; denn neben meinen ſonſtigen Bekannten beſchäftigt mich gegenwärtig immer noch Frau von Marſan, obwohl unſere Zu⸗ ſammenkünfte mit jedem Tage ſeltener und trübſe⸗ liger werden. Ich glaube, ſie ſucht nur einen Beweggrund, um völlig mit mir zu brechen. Heute ſpeiſe ich mit Frau von Marſan im Cadran⸗ Bleu; der gerade gegenüber befindliche Meridien erinnert mich an das weit fröhlichere Mahl in Ge⸗ ſellſchaft Agathens. Die Griſette, welche uns offen hintergeht, iſt doch hundertmal liebenswürdiger, als die Kokette, welche uns anblickt, ohne uns zu lieben. Das Diner geht ſehr F vorüber; um ſieben Uhr wiſſen wir uns nichts mehr zu ſagen. Ich ſchlage das Theater vor, man findet keinen Gefallen daran; zu einem Spaziergange ſchickt ſich die Jahreszeit nicht. endlich klagt man über Kopf⸗ und Magenweh. Frau von Marſan will ſich frühzeitig zu Bette begeben; ich bin ebenfalls ihrer Anſicht. Wir verlaſſen nun den Cadran⸗Bleu; ich will ein Gefährt nehmen, aber ſie will lieber zu Fuße gehen; es iſt bereits dunkel und wir dürfen keine unangenehme Begegnung befürchten. Wir wandeln neben einander her wie ſeit zwan⸗ zig Jahren verheirathete Eheleute, indem wir nur alle fünf Minuten ein Wort ſprechen. Jetzt find wir in der Rue St. Honoré und wollen an Nicet⸗ tens Bude vorübergehen; ſie wird geſchloſſen ſein, was mir ſehr lieb iſt. Wir nähern uns„ die 125 Bude iſt noch offen, ich ſehe noch Blumentöpfe„ Es gibt kein Mittel, umzukehren. Warum denn auch? Kann ich nicht den Arm geben, wem ich will? Ja, aber ich wünſchte doch, daß ſie mich nicht ſähe. Nun ſind wir da. Nicette ſteht vor ihrer Thüre ſie hat mich erblickt. und ich weiß nicht, aus welcher Laune Frau von Marſan die Blumen betrachten will.—„Ah! hier iſt ein hüb⸗ ſches Orangenbäumchen,“ ſagt ſie zu mir;„ſchon längſt möchte ich eines in meinem Boudvir haben; dieſes gefällt mir vorzüglich. finden Sie es nicht auch ſehr ſchön?— Ja, Madame; ja, es iſt ſehr ſchön.“ 5 Ich bin verlegen und ſchlage meine Augen nie⸗ der, um denen Nicettens nicht zu begegnen. „Ich fürchte jedoch, daß es zu groß iſt,“ fährt Frau von Marſan fort.„Haben Sie keine ande⸗ ren, liebes Kind?“ Nicette gibt keine Antwort; ſie hat ihre Augen auf mich geheftet, und ohne Zweifel ſagen ihre Blicke ſehr Vieles, denn Frau von Marſan betrach⸗ tet nun ihrerſeits das Mädchen mit Verwunderung. Ihr hübſches Geſicht, ihre Verlegenheit und meine Aufregung laſſen Frau von Marſan einen Verdacht ſchöpfen, der ohne Zweifel weit über die Wahrheit hinausgeht. Frau von Marſan liebt mich nicht mehr, aber ſie iſt neugierig wie alle Frauenzimmer; ſie blickt mich deßhalb zärtlich an, ja ſie dutzt mich, was 126 ſie im Anfange unſerer Bekanntſchaft gewiß nicht zwanzigmal that. „Mein lieber Freund, wie findeſt Du dieſe Bäum⸗ chen; ſag' mir Dein Urtheil darüber, mein theurer Dorſan; ich möchte nur wählen, was Dir gefällt.“ Der Zorn und Aerger ſchnürt mir faſt die Kehle zu; ich kann nur eine kurze und zuſammenhangsloſe Antwort geben. Dagegen betrachte ich fortwährend Nicette; ſie wird bleich, wankt, ihre Augen füllen ſich mit Thränen und ſcheinen mir zu ſagen:„Sie liebt Dich, Du liebſt ſie alſo auch?“ Frau von Marſan ſieht dies Alles; ſie lächelt boshaft und blickt Nicette mit Aufmerkſamkeit an. „Was haben Sie denn, liebe Kleine?“ fragt ſie in verächtlichem Tone;„Sie ſcheinen ſehr aufgeregt. — Ich habe nichts, Madame, gar nichts,“ erwidert das Mädchen mit zitternder Stimme, bald auf Frau von Marſan, bald auf mich blickend.— Wie viel koſtet dieſes Orangenbäumchen?— Was Sie wol⸗ len, Madame, es iſt mir gleich.— Wie! es iſt Ihnen gleich? Seltſam! Was ſagſt Du dazu, lieber Dorſan? Sprich doch! ich kann wahrhaftig heute Abend nicht aus Dir kommen.— Wenn es Ihnen gefällig iſt, Madame, ſo wollen wir gehen.— Ah! ich ſehe, mein Herr, Sie haben Ihre Gründe, um mit mir nicht länger hier zu bleiben... Meine Gegenwart iſt Ihnen läſtig und ſcheint auch dem Jüngferchen unangenehm zu ſein Hal ha! hal das iſt ſehr ſpaßhaft. Dieſer Kleinen Kummer verurſachen, iſt eine Grauſamkeit ohne Gleichen⸗ 127 Nun, wir wollen gehen, mein Herr, wenn es Ih⸗ nen beliebt; aber ich bitte, tröſten Sie doch auch das Mädchen. Adieu, Kleine!“ Frau von Marſan verläßt die Bude; ich folge ihr, nachdem ich noch einen Blick auf Nicette ge⸗ worfen. Aber ſie weint und ſieht mich nimmer an. Sobald wir auf der Straße ſind, bricht Frau von Marſan in ein ſchallendes Gelächter aus und ſpottet über meine Liebe, ſo wie über die unſchul⸗ dige Blumenhändlerin. Ich gebe keine Antwort, obwohl ich ihr beißende Dinge ſagen könnte; aber man muß nachſichtig ſein gegen Diejenigen, die unſertwegen eine Schwachheit begingen. Endlich hat ſie ihre Wohnung erreicht und ich verlaſſe ſie. Es treibt mich, Nicette wieder zu ſehen. Ich will ihr jetzt Alles ſagen, was ich denke, Alles, was ich leide; ich will ihr nicht mehr die Liebe verbergen, welche ſie mir einflößt und welche ich bisher vergeblich bekämpft habe. Sie liebt mich ebenfalls, daran darf ich nicht zweifeln. Wir wer⸗ den glücklich ſein.. ja, ich überlaſſe mich von jetzt an ganz der Neigung meines Herzens. Die Freund⸗ ſchaft zwiſchen uns iſt nur ein Vorwand, um die Liebe zu verbergen; aber wir können uns nicht mißverſtehen. Wozu deßhalb ſolche Anſtrengungen, um das Gefühl, welches uns einander nähert, zu verbergen? Warum ſoll kalte Berechnung uns des Glückes berauben? Iſt denn die Liebe ein Verbre⸗ chen? Und kann das, was uns beglückt, uns ſtraf⸗ bar machen? 1²8 Ich laufe ich fliege.. ich ſtehe vor ihrer Wohnung die Bude iſt geſchloſſen ich ſehe auch kein Licht drinnen. Ich klopfe, man antwor⸗ tet nicht. Sollte ſie ſchlafen? Nein, nein, ich fühle wohl, daß ſie nicht ſchlafen kann! Ich klopfe von Neuem wiederum keine Antwort!... Wo kann ſie wohl ſein?... Ich bleibe eine Stunde lang vor ihrer Bude ſtehen. Ich klopfe noch einmal, aber vergebens; ich überrede mich, daß ſie drinnen iſt und mir nicht aufmachen will.. daß ſie weint und ihre Thränen verbergen will. Sie fürchtet vielleicht Vorwürfe von mir wegen ihres Benehmens in Gegenwart der Frau von Marſan. Theure Nicette! nein, ich werde Dich wegen Deiner Liebe nicht tadeln. Morgen werde ich ſie ſehen... morgen ſie tröſten und leicht über die Entſchlüſſe von dieſer Nacht triumphiren! Wohlan denn, da es ſein muß, ich will bis morgen warten. nſſſ