Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Zweiundneunzigſter Theil. Stuttgart: Scheible, Bieger Sattler. 1846. Mein Nachbar Raimund. Von Paul de Rock. Es gibt nur Eine Liebe, aber tauſend ver⸗ ſchiedene Abſtufungen in derſelben. Maximen von La Rochefoucauld. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Zweiter Theil. — Stuttgart: Scheible, Rieger« Sattler. 1946. Erſtes Kapitel. Das Feuerwerk— Der Wahrſager— Das Silhoukttenkabinet. Der Contretanz iſt zu Ende; die Tänzerinnen find wieder an ihrem Platze. Ich habe meine kleine Blumenmacherin nicht aus den Augen verloren. Sie ſitzt neben einer alten, ſehr einfach gekleideten Frau; dies iſt ihre Tante. Der Tänzer neben ihr iſt der Julius von geſtern Abend; endlich kommt ein anderes Mädchen am Arme ihres Galans und ſetzt ſich neben Caroline, wodurch die Geſellſchaft vervollſtändigt wird, die, wie ich mich jetzt erin⸗ nere, wirklich aus vier Perſonen beſtehen ſollte. Geraume Zeit ſchlendere ich um Mamſell Caroline und ihre Bekannten herum und blicke vor der Gruppe auf⸗ und abgehend das Mäbchen häufig an aber man ſcheint mich nicht zu bemerken. Ich fühle, daß ich mich zu einer Einladung entſcheiden muß, was mir jedoch hart fällt, denn man wird mich gewiß für einen Ladenſchwengel halten, der alle Sonn⸗ tage im Tivoli tanzen will. Während ich ſo hin⸗ und herfinne, präludirt das Orcheſter. Nun friſch gewagt! Ich nähere mich den Tänzerinnen, aber im Augenblicke, wo ich meine Einladung anbringen will, fteht die hübſche Blumenmacherin auf und bietet ihre Hand einem jungen Manne, der mir 1 Paul de Kock. X011. * 2 den Rang abgelaufen hat und ſie nun zum Tanze führt. Meine dumme Eigenliebe ließ mich zu ſpät kommen. Aber beim nächſten Contretanz werde ich mich einſtellen und um nicht abermals getäuſcht zu werden, gehe ich zu der Quadrille, in welcher Mam⸗ ſell Caroline figurirt und engagire ſie auf den nächſten Contretanz. Sie nimmt es an, welche Freude für mich; nun bleibe ich neben ihr ſtehen, ergieße mich mit mehren jungen Leuten in Lobes⸗ erhebungen über ſie und während ihr Tänzer avant- deux macht, bewundere ich ihr Roſenbouguet und bitte ſie wegen meiner geſtrigen Ungeſchicklichkeit um Entſchuldigung. Jetzt betrachtet man mich erſt ge⸗ nau, man lächelt und ſchenkt mir eine größere Aufmerkſamkeit, und zwar fällt, wie ich annehmen zu dürfen glaube, die Muſterung nicht zu meinem Rachtheile aus. Von Zeit zu Zeit wage ich einige Worte und gebe zu verſtehen, daß ich einzig und allein in der Hoffnung, ihr zu begegnen, nach Ti⸗ voli gekommen bin. Man gibt mir keine Antwort, aber ich ſehe, daß man auf mich hört. Wenn ſie auch gar nicht kokett iſt, ſo werde ich doch reuſſiren! — und ſie iſt es, ſie muß es ſein: alle Frauen⸗ zimmer ſind es. Der Contretanz geht zu Ende. Ungeduldig warte ich auf den folgenden, bei dem es mir möglich ſein wird, mit Caroline zu plaudern und zu erfahren, was ich hoffen darf. Schon nach wenig Worten merke ich gewöhnlich, wo ich daran bin und täuſche mich höchſt ſelten, nicht als ob ich Alles glaubte, 3 was man mir ſagt, aber ich errathe ſogleich, welche Hoffnungen man mir machen will. Die Damen, mit⸗ theilender als die Männer, haben ein gewiſſes Sichgehenlaſſen, wobei ein an ihren Umgang Gewöhnter ſich Vieles merken kann. Beſitzen ſie Geiſt, ſo machen zwei Worte denſelben kenntlich; haben ſie nur ein gutes Mundftück, ſo werden ſie auch damit zur Laſt; wiſſen ſie gar nichts zu ſpre⸗ chen, ſo iſt man gleichfalls ſchnell im Klaren. Mon⸗ taigne hat geſagt: der Styl iſt der Mann; mit dem gleichen Rechte hätte er auch ſagen können: die Converſation iſt die Frau. Ich bitte jedoch dieſen tiefen Denker um Entſchuldigung, daß ich meine Meinung nach der ſeinigen auszuſprechen wagte. Mamſell Caroline hat ihren Platz wieder ein⸗ genommen. In Erwartung des nächſten Contretanzes, der mir die Mittel zu ihrer richtigen Beurtheilung verſchaffen ſoll, gehe ich unter den Boskets, welche den Tanzplatz umgeben, ſpazieren. Ich will nicht wie ein Dummkopf neben der kleinen Blumenmacherin ſtehen bleiben, oder unaufhörlich vor ihr auf⸗ und ablaufen. Doch der Augenblick naht, wo ich ihre hübſchen kleinen Finger drücken, ihre Hände feſt in den meinigen halten werde. Es lebe der Tanz für die Liebenden! Man kann ohne Scheu ſeine geheim⸗ ſten Gedanken mittheilen, und zwar, ohne daß es dazu der Worte bedarf. Wahrſcheinlich find deßhalb die Mädchen ſo leidenſchaftlich für dieſe Uebung eingenommen und finden ſo ſehr Geſchmack an den Bällen. Wie viele Geſtändniſſe wurden während einer chaine oder einer trénis ſchon gemacht, welche die Männer trotz ihrer ſtrengen Ueberwachung nicht verhindern konnten! Wie raſch fliegt die Zeit dahin! Wohlan, ich will mich meiner Tänzerin nähern.. aber, mein Gott! welcher Lärmen, welcher Auflauf! Es iſt eine Rakete geſtiegen und Jedermann eilt, die Stühle nachſchleppend oder ſie tragend, nach dem großen viereckigen Platze in der Mitte des Gartens.„Das Feuerwerk! Das Feuerwerk!“ heißt es auf allen Seiten. Welch ein Gedränge! Es ſcheint, als hätten dieſe Leute noch nie in ihrem Leben ein Feuerwerk geſehen. Wie ſie einander ſtoßen und ſich den Weg ſtreitig machen! Was wird aus Caroline geworden ſein? Ich laufe wieder nach dem Tanzplatze, aber dieſer iſt leer; alle Tänzer haben ihn verlaſſen, um das Feuerwerk zu ſehen. Da wo meine hübſche Griſette ſaß, ſtreiten ſich jetzt zwei Burſche um einen Stuhl und es reißt endlich Jeder die Hälfte davon an ſich, was ihnen von großem Nutzen ſein wird. Ich habe Unglück mit Mamſell Caroline! Im Augenblicke, wo ich mich ihr nähern will, verſchwin⸗ det ſie aus meinen Augen. Indeß benimmt mir dieſer Umſtand nicht alle Hoffnung, ſie iſt beim Feuerwerk und ich will ſie dort aufſuchen. Ich folge alſo dem Zuge der Menge; aber beim Anblicke dieſes Menſchenknäuels, deſſen eine Hälfte die an⸗ dere verbirgt(denn die Einen find auf ihre Stühle geſtiegen, während die Andern ſich auf ihre Stöcke 5 ſtützen), fühle ich, daß es Thorheit wäre, hier Jemanden zu ſuchen. Ich will alſo das Ende des Feuerwerkes abwarten; man wird vielleicht auf den Tanzplatz zurückkehren und ich werde ſie dort ſehen. Indeß gehe ich um die Zuſchauer herum ſpaziren und ſehe beinahe eben ſo Vieles, als die, welche auf Stühlen ſtehen. Mehre Pärchen machen ſich von dem Menſchengewühle hinweg und verſchwinden unter den ſchattigen Gebüſchen; ſicherlich find dieſe nicht des Feuerwerkes halber nach Tivoli gekommen, aber ich möchte darauf ſchwören, daß ſie es mit Unge⸗ duld erwarteten und daß ihnen das Bouquet eben ſo viele Freude machen wird, als denjenigen, welche demſelben mit hoch empor gereckter Naſe anwohnen. Es wird eine pyrotechniſche Scene gegeben: Irion, wie Jupiter ſeinen Blitzſtrahl nach ihm ſchleudert. Ein Herr, der ſeine Frau ſtützt und ſein Töchterchen emporhebt, das bei Auffahren einer jeden Rakete einen Schrei ausſtößt, während der kleine Bruder ſich unter den Stühlen verbirgt, er⸗ klärt ſeiner Familie die Pantominen:„Wer iſt jener große Mann im rothen Mantel, der auf einem Vogel reitet?“ fragt die Kleine.—„Das iſt Ju⸗ piter, mein Kind, er ſitzt auf einem Paradiesvogel.“ —„Was hat er für einen Stecken in der Hand? — S iſt ſein Donnerkeil, um die Menſchen, welche nicht brav ſind, damit zu erſchlagen.“—„Ah, er ſieht aus, wie die Ruthe meiner Lehrerin!“—„Und wer iſt denn dieſer Jrion, mein Lieber?“ fragt die Gattin.—„Glaube, es iſt ein Römer; wart', jetzt 6 fällt's mir ein.— Ja, ja, s iſt der, welcher Ju⸗ piters Wagen lenken wollte. Du wirſt ſehen, er wird zerſchmettert werden.“—„Er wird zerſchmet⸗ tert werden, wie ſo?“—„Man wird ihn in das große Loch dort werfen, welches die Hölle vor⸗ ſtellt.“—„Aha, er wird zer. ſchmettert werden; natürlich.“—„O ich habe Angſt!“ ruft der unter den Stühlen verborgene Junge.—„Schweig' Oc⸗ tave; wenn Du ſo unruhig biſt, ſo könnten wir leicht fallen. Ich werde Dich nicht mehr nach Tivoli mitnehmen, Du feiger Kerl! Pfui, ein neunjähriger Burſche, der alle Tage mit meiner Nationalgar⸗ diſtenmütze ſpielt, fürchtet ſich vor einer Rakete.“ In dieſem Augenblick zerplatzt krachend ein Froſch, und Octav macht einen Sprung, der den Stuhl ſeiner Mamma umwirft; dieſe zieht ihren Mann nach; der Mann fällt mit dem Töchterchen, das ſich an dem Rockſchoße eines Herrn halten will; der Rockſchoß, welcher ſehr mürbe iſt, widerſteht dem Zerren nicht lange, ſondern bleibt in der Hand des Mädchens und der Herr ſchreit Dieb, indem er glaubt, man habe ihm ſein Sacktuch genommen, während er doch ſeine Taſche nicht mehr finden kann. In demſelben Augenblicke durchdröhnt eine neue, noch heftigere und länger andauernde Entladung die Luft; tauſend Feuer erglänzen, kreuzen ſich und ſchlängeln vor den Augen der Zuſchauer und ver⸗ breiten auf kurze Zeit eine magiſche Helle, ein un⸗ gewöhnliches Licht in dem Garten, der beinahe davon in Brand zu gerathen ſcheint; aber das 7 Geräuſch, der Glanz, der trügeriſche Tag dauern nur einen Augenblick. Einige Raketen⸗ und Leucht⸗ kugelnſtöcke fallen da und dort in dem Garten nieder und ſehr oft auf die neugierigen Zuſchauer, unter denen ſie Schrecken und Verwirrung verbreiten. Einer Dame wird der Hut verbrannt, einer An⸗ deren der Shawl von herumſprühenden Funken durchlöchert— wahrlich man muß das Vergnügen eines Feuerwerkes theuer bezahlen. Ich entfernte mich, ſehr zufrieden, daß mir die pyrotechniſche Vorſtellung keinen Schaden zufügte, aber ſehr ver⸗ wundert, meinen Nachbar Raimund in keinem Transparent geſehen zu haben; denn da ich ihn unter den Anſtalten zum Feuerwerke aus dem Ge⸗ ſichte verloren, ſo erwartete ich nichts Anderes, als daß er in dem Bouquet figuriren würde. Auf den Tanzplatz zurückgekehrt, bemerke ich Jungfer Caroline auch dort nicht und muß nun darauf verzichten, ſie dieſen Abend wieder zu finden. Allmählig ziehen die guten Bürgerskinder ab und begeben ſich nach beendigtem Feuerwerke nach Hauſe, zufrieden, für eine ganze Woche Vergnügen genoſſen zu haben. Auf Gerathewohl ſchlendere ich in den Alleen herum, wo die farbigen Gläſer nur noch einen ungewiſſen Schein verbreiten. Da berührt das Klingeln einer Schelle mein Ohr; und obwohl das Gelächter einiger jungen Leute, das Kichern der Damen und das entfernte Geräuſch des Tanzes mir jede Illuſion über die Einſiedelei benehmen, ſo gehe ich doch nach der Wohnung des ſogenannten 8 Zauberers hinauf, der mit Hülfe eines Stabes, eines großen Bartes, eines ſpitzigen Hutes, eines grauen Talars und eines drei Fuß langen Sprach⸗ rohrs um ſehr mäßigen Preis den Leuten wahrſagt. Die Mädchen laſſen ſich ſehr gerne wahrſagen. Die, welche noch Reulinge ſind, möchten gerne wiſſen, ob ein hübſcher Liebhaber mit braunen oder einer mit blonden Haaren ſie bald in die Reize des Lebens einſchulen wird; diejenigen, welche bereits Erfahrung haben, möchten wiſſen, ob ihr Liebhaber ihnen treu bleibt und ob ſie nicht auch noch von einem Anderen gerne geſehen werden; die Hübſchen ſind feſt überzeugt, daß ſie Eroberungen machen werden; die Häßlichen bilden es ſich wenigſtens ein, Allen wird Hoffnung gemacht und Jede iſt zu⸗ frieden. Es gewährt mir eine angenehme Ueberraſchung, meine junge Blumenmacherin wieder zu treffen, die ſich gleichfalls wahrſagen laſſen will. Ich trete näher; ſie ſieht mich und erröthet: das iſt ein gutes Zei⸗ chen. Aber ihre Tante und der Monſieur Jules find bei ihr. Ich kann alſo nicht mit ihr ſprechen. Da fällt mir ein herrlicher Gedanke ein, während der Wahrſager mit der Begleiterin Carolinens ſein Geſchäft abmacht. Ich ziehe meine Brieftaſche her⸗ aus(ein kluger junger Mann trägt ſtets eine ſolche bei ſich), nähere mich einer Lampe und kritzle mit dem Bleiſtifte eine höchſt zärtliche Liebeserklärung, welche ſicherlich auf die hübſche Griſette Eindruck machen wird. Ich miſche mich hierauf unter die 9 Neugierigen und ſuche beſonders dem Wahrſager nahe zu kommen. Caroline iſt jetzt an den Platz ihrer Freundin getreten und das magiſche Sprach⸗ rohr berührt bereits ihr Ohr. Ich zupfe den Zau⸗ berer an ſeinem Talar und zeige ihm mein Billet in Verbindung mit einem Hundertſousſtücke; er ſtreckt die Hand aus und nimmt es: dieſe Leute begreifen leicht, was man von ihnen will. Dies Alles geht vor, ohne daß die Neugierigen etwas bemerken. Nun ſagt man der Mamſell Ca⸗ roline tauſend ohne Zweifel recht angenehme Dinge, denn ſie lacht ganz närriſch; dazwiſchen ſcheint ſie beſtürzt und überraſcht, ja wirft mir einen ver⸗ ſtohlenen Blick zu. Ich wette, daß der Hexenmeiſter von mir ſpricht; dieſer Menſch verſteht ſein Hand⸗ werk und ich empfehle denſelben allen Damen. Der Wahrſager ergreift jetzt die Hand des Mäd⸗ chens, ſftellt ihr die Nativität und ſteckt ihr ganz ſachte mein Billet zu, indem er ſie ermahnt, daſſelbe erſt kurz vor Schlafengehen zu leſen. Wie mir ſcheint, begreift Mamſell Caroline Alles recht gut, denn ſie verbirgt das Papier in ihrem Buſen und geht dann erſt wieder zu ihrer Tante. Endlich entfernt ſie ſich mit der ganzen Geſell⸗ ſchaft, ich aber bleibe zurück, wohl wiſſend, daß mein Eremit mir Alles ſagen wird, was ich wiſſen will, denn er hat leiſe mit dem Mädchen geſprochen und ſie ihm oft vermittelſt des Sprachrohres Ant⸗ wort gegeben. Mein Hexenmeiſter kommt mir entgegen und läßt 10 mich auf einen Augenblick in ſeine Einſiedelei ein⸗ treten, wo er ohne Weiteres ſogleich auf den Haupt⸗ gegenſtand meiner Wißbegierde eingeht.„Sie heißt Caroline.— Ich weiß es.— Sie iſt Blumenmache⸗ rin.— Ich weiß es ebenfalls.— Sie zählt achtzehn Jahre.— Ich glaub's.— Sie hat keinen Liebhaber. — Ich hoffte es.— Sie will tugendhaft bleiben. — Ich zweifle daran.— Sie hat Sie bemerkt.— Natürlich.— Sie werden ihr gefallen.— Das wün⸗ ſche ich.— Sie arbeitet in der Rue Sainte⸗Appo⸗ line, von Morgens acht bis Abends acht Uhr.— Ich will nicht weiter wiſſen.“ Der vortreffliche Wahrſager erhält eine Beloh⸗ nung von mir und ich gehe, den Heimweg einſchla⸗ gend, in den Garten hinab, der bereits leer zu werden anfängt. Nun weiß ich doch endlich, wo ich Mamſell Carvline treffen kann. An der Silhouettenbude vorübergehend glaube ich eine Stimme zu hören, die mir nicht fremd däucht. Ich bleibe ſtehen man ſtreitet ſich in dem kleinen Kabinette von geöltem Papier und ich erkenne die Stimme meines Nachbars Raimund. Was zum Henker macht er hier? Wir wollen hö⸗ ren; der Silhouettenfabrikant ſpricht in dieſem Au⸗ genblicke: „Mein Herr, es iſt halb zwolf Uhr; Alles iſt fort, ich muß auch aufpacken.— Noch eine Sil⸗ houette, mein Freund, dann gehe ich.— Mein Herr, Sie find ſchon ſeit mehr als zwei Stunden in meinem Kabinet. Ich habe Sie bereits fieben⸗ 1¹ zehnmal ausgeſchnitten...— Nun, noch einmal, dann macht's achtzehn.. O, ich weiß meine Porträts ſchon anzubringen! überall erſucht man mich darum..— WMein Herr, ich hab' Ihnen ſchon geſagt, daß ich meine Bude ſchließen muß— Schließen Sie, wenn Sie wollen, ich bleibe daz ich will noch nicht gehen.— Sie müſſen gehen, mein Herr— JNoch eine Silhouette.— Rein, mein Herr, das kann nicht ſein.“ Unmöglich kann ich ein ſchallendes Gelächter zurückhalten, denn ich merke, daß Raimund aus Furcht, er möchte ſeiner dummen Streiche wegen arretirt werden, ſich in das Silhouettenkabinet ge⸗ flüchtet hat und nun um keinen Preis daſſelbe ver⸗ laſſen will. Meine Stimme muß meinen Nachbar beſtürzt gemacht haben, denn er ſagt zu ſeinem Porträtiſten: „Hören Sie,'s iſt Jemand in unſerer Nähe und Sie behaupteten doch, der Garten wäre leer.— Mein Herr, zahlen Sie jetzt und verlaſſen Sie meine Bude, oder ich muß den Adjutanten holen, um Sie hinauszubringen.“ Die Drohung mit dem Adjutanten verſetzte Rai⸗ mund in noch größere Beſtürzung. Die Nothwen⸗ digkeit fühlend, daß er das ſchützende Kabinet ver⸗ laſſen muß, ſtreckt er noch vorher den Kopf zur Thüre heraus, um zu ſehen, ob ihm Niemand auflaure. Die erſte Perſon, welche der Geängſtigte wahr⸗ nimmt, iſt, meine verehrten Leſer, Ihr gehorſamſter 12 Diener, der beim Anblicke des bleichen und ver⸗ ſtörten Geſichtes ſeines Nachbars ein neues Lachen nicht unterdrücken kann. Raimund weiß nicht recht, ob er ſich wieder verſtecken ſoll; doch er faßt end⸗ lich Muth, und überzeugt, daß ich ſeine bedrängte Lage nicht mißbrauchen werde, klammert er ſich an mich wie an einen Rettungsanker. „Mein lieber Herr Dorſan wie freut es mich, Sie zu treffen! Wenn Sie wüßten, was mir heute Abend in dieſem verdammten Garten begeg⸗ net iſt!— O, ich weiß es!... Der Lärmen war groß genug.— Ach, mein Gott, wird man mich wohl verhaften?— Es wäre möglich. Der Mann, den Sie verwundet haben, iſt ſehr übel dran; die jungen Leute, deren Kleider Sie verdarben, haben ſich an dem Gartenthore verſammelt; auch iſt der Schaden, welchen Sie im Garten ſelbſt anrichteten, ſehr beträchtlich, und— O, ich Unglücklicher!“ Und Raimund zog ſich wieder in das Silhouetten⸗ kabinet zurück, trotzdem daß der Eigenthümer des⸗ ſelben ihn beim Rocke faßte und hinausſchieben wollte. „Retten Sie mich doch, mein lieber Herr Nach⸗ bar, alle meine Hoffnung ſetze ich nur auf Sie.— Gut, ich will's thun, obwohl Sie mir vergangene Nacht einen ſehr maliciöſen Streich geſpielt ha⸗ ben!— Ah! ich ſchwöre Ihnen, ich verſichere Ihnen, es geſchah aus Zufall„ich werde Alles, was ich geſagt, zurücknehmen, wenn's Ihnen recht iſt Ich will ſagen, das Mädchen habe bei mir — 13 übernachtet.— Nein, Herr Raimund; hüten Sie ſich aber, in Zukunft von derſelben zu ſprechen; verlaſſen Sie jetzt dieſe Bude und folgen Sie mir. — Ich bin bereit, mein lieber Herr Nachbar.. Geben Sie mir meine Porträts. wie viel koſten dieſe Silhouetten?— Es ſind ſiebenzehn, das Stück zu vierzig Sous, macht gerade vierunddreißig Fran⸗ ken, mein Herr.— Zum Leufel auch, ein wenig theuer!— Dies iſt der Preis.“ „— Wohlan,“ ſage ich zu Raimund, deſſen jämmerliches Geſicht in dieſem Augenblicke keine vierunddreißig Franken werth war,„Sie werden damit Viele glücklich machen können: das iſt eine kleine Entſchädigung.“ Raimund zahlt ſeufzend, ergreift meinen Arm und bittet mich flehentlich, ihn doch zu beſchützen. „Nun, das will ich eben,“ erwidere ich ihm; „aber Sie werden wohl begreifen, daß ich es nicht mit fünfzig jungen Leuten aufnehmen kann, die am Gartenthore Sie erwarten und Ihnen wahrſcheinlich übel mitſpielen wollen.— Ja, ja, das begreife ich; aber ich kann doch auch nicht die Nacht hier zubringen; ohne Hut würde ich den Schnupfen krie⸗ gen, und morgen muß ich die Arie Joconde in einer Dilettanten⸗Soirée fingen.— Das iſt ſehr ärgerlich. Würden Sie ſich indeß getrauen, das Gartenthor zu paſſiren?.— Nein, gewiß nicht Dieſe Leute, wenn ſie etwas im Kopfe haben, find ſehr grob.— Dann gibt es kein anderes Mittel, als über die Mauer zu ſteigen.— Aber wenn man 14 mich für einen Dieb hielte?— Seien Sie unbe⸗ ſorgt; ich habe einen Plan. Kommen Sie nur.“ Wir ſchlagen die dunkelſten Pfade ein. Raimund folgt mir zitternd; ich führe ihn nach der an die Rue Clichh ſtoßenden Mauer und heiße ihn dort hinter einer Hagenbuchenhecke auf den Boden ſitzen. „Bleiben Sie hier; ich will hinausgehen und mich in der Rue Clichy vor dieſer Mauer aufſtel⸗ len. Wenn dann der günſtige Augenblick kommt, wo Sie ohne Gefahr herunterſteigen können, ſo gebe ich Ihnen ein Zeichen.— Welches Zeichen? — Ich klatſche zweimal in die Hand.— Gut. dieſe Mauer iſt ein wenig hoch. aber doch beſ⸗ ſer als todtgeſchlagen werden.. ich habe keine andere Wahl.— Adieu! ich wünſche Ihnen Geduld; machen Sie kein Geräuſch, rühren Sie ſich nicht, und geben Sie genau auf das Signal Acht— O, gewiß könnten Sie mir nicht Ihren Hut leihen?— Unmöglich, ich finge morgen ein Duett. — Dann will ich mein Sacktuch um den Kopf bin⸗ — den.— Sie werden wohl daran thun.— Wenn man Sie am Thore fragt, ſo ſagen Sie, ich ſei hinausgegangen.— Das verſteht ſich.— Laſſen Sie mich nicht zu lange warten— Sie dürfen ſich nicht eher zeigen, als bis es überall leer iſt.— Mein lieber Dorſan! wie ſehr verpflichten Sie mich! — Adieu, ich werde über Ihnen wachen.“ Lachend über die Lage und Feigheit Raimunds gehe ich hinweg und erreiche noch zu rechter Zeit die Gartenthüre; denn man wollte bereits ſchließen⸗ 15 Draußen werfe ich einen flüchtigen Blick auf die Rue Clichp, und begebe mich, durchaus nicht Wil⸗ lens, dort für die Sicherheit meines Nachbarn zu ſchildern, geradezu nach Hauſe. Nun mag der liebe Raimund auf das Signal warten, ſo lang es ihm gut dünkt. Sein Betragen von geſtern Nacht verdiente dieſe kleine Rache, die um ſo beſſer war, je weniger ſie aufgeſchoben wurde. Zweites Kapitel. Im Mondſchein. Ich ſetze meinen Weg fort, ganz vergnügt über meinen kleinen Spitzbubenſtreich. In welcher Angſt muß nun Raimund ſchweben und welche Figur muß er machen draußen in Tivoli! Bald jedoch be⸗ ſchäftigen ſich meine Gedanken mit einem angeneh⸗ meren Gegenſtande, mit der reizenden Caroline. Sie hat natürlich mein Billet geleſen; morgen werde ich in ihr Magazin gehen und bald erfahren, was ich hoffen darf. Allerdings iſt mein Plan nicht ſehr moraliſch: einer kurz dauernden Laune zu lieb ſuche ich ein Mädchen zu bethören; nun, ich habe große Fehler, denn ich glaube zum Beiſpiel, daß ein munterer Kerl nur auf der Welt iſt, um hübſchen Mädchen den Hof zu machen. Denen aber, welche tugendhaft bleiben wollen, kommt es zu, Nicetten 16 nachzuahmen, das heißt ſich nicht verführen zu laſſen. Träumend gelange ich nach Hauſe. Der Weg hat mir ſehr kurz geſchienen. Allerdings iſt die Witternng köſtlich; der Mond leuchtet eben ſo klar als geſtern, doch beſchäftige ich mich heute Abend nicht mit dem Firmamente. Schon will ich klopfen, als eine Perſon, die auf der Steinbank neben dem Hofthore ſaß, raſch aufſteht und auf mich zukommt. „Ah! Sie find's, Herr Dorſan.„ich erwartete Sie Ich erkannte meine kleine Blumenhändlerin, welche der Anblick Carolinens faſt aus meiner Erinnerung verdrängte. Ricette indeß hat mich nicht vergeſ⸗ ſen ſie erwartete mich auf der Straße und es iſt beinahe ſchon Mitternacht! „Seit wann ſind Sie da, Ricette?— Seit neun Uhr, mein Herr.— Warum haben Sie ſo lange gewartet? — Ach, mein Herr, nehmen Sie mir's nicht übel, aber ich wollte Ihnen noch einmal danken und Jh⸗ nen auch ſagen, wozu ich das Geld verwendet hahe. — Meine liebe Freundin, dies wäre nicht nöthig geweſen; denn ich bin überzeugt, daß Ihr Betra⸗ gen ſtets tadellos iſt.— Mein Herr, macht es Ihnen Verdruß, daß ich auf Sie gewartet habe?. Ich will gehen. 6 Der Ton ihrer Stimme ſagt mir, daß ſie wei⸗ nen will. Habe ich etwa barſch mit ihr geredet? Sie will ſich mit ſchwerem Herzen entfernen. ich ergreife ihre Hand und halte ſie zurück. ſie ſtößt „ 17 einen tiefen Seufzer aus. Arme Ricette, galt dieſer Seufzer mir? Wenn dies der Fall iſt, ſo beklage ich, denn ich verdiene in der That nicht, von einer gefühlvollen und treuen Seele geliebt zu werden, und doch verlange ich, daß man mich an⸗ bete, daß man mir treu ſei; wie reimt ſich das zuſammen? „Wohlan, meine liebe Rieette, erzählen Sie mir Alles, was Sie ſeit geſtern gethan haben.— Wird es Sie aber nicht langweilen, mein Herr?— Nein, gewiß nicht; an dem, was Sie betrifft, nehme ich immer Antheil.— Ah, mein Herr, wenn Sie nun zuerſt bin ich zu meiner Mutter ge⸗ gangen, denn es iſt doch meine Mutter, obwohl fie mich vor die Thüre geſetzt hat, und ich bin ihr ſtets Achtung ſchuldig.— Da haben Sie ſchön ge⸗ handelt; welcher Empfang wurde Ihnen bei Madame Jerome?— Ein ſehr ſchlimmer, mein Herr, ein ſehr ſchlimmer. Sie fragte mich nicht bloß, wo ich übernachtet habe, ſondern machte mir abermals den Vorſchlag, Beauviſage zu heirathen, dann wolle ſie mir meine nichtsnutzigen Streiche, wie ſie ſagte, verzeihen. Habe ich denn nichtsnutzige Streiche bei Ihnen begangen, mein Heer?— Nein, gewiß nicht; und nachher?— Run, ich habe von dieſer Heirath nichts wiſſen wollen, und es bringt mich auch Niemand herum. Dann hat ſie mich wieder geſchlagen, und diesmal waren Sie nicht zugegen, um es zu verhindern.“ Ich kann mich nicht enthalten, über Ricettens Paul de Kock. Xon. 2 18 Raivetät zu lächeln, welche mich an die ihretwegen erhaltene Ohrfeige erinnert; aber die Härte der Madame Jerome empört mich. Wer wird auch der Tochter die Thüre weiſen, ſie ſchlagen und ohne Hülfe laſſen, in einem Alter, wo die leichteſten und oft einzigen Hülfsquellen in einem ausſchweifenden Lebenswandel beſtehen! Ach, es gibt Mütter, welche dieſen Namen nicht verdienen! „Weiter, Nicette?— Nun, ich habe meine Sachen zuſammengepackt und das Haus verlaſſen, ohne meine Schweſter geſehen zu haben, die wahr⸗ ſcheinlich nicht ſo keck war, ſich vor mir zu zeigen. Im Uebrigen darf ich mir ja nichts vorwerfen; allerdings ſchlage ich den Vurſthändler aus, aber wo es ſich bei dem Menſchen um ſeine Zukunft handelt, kann man wohl ſeinem eigenen Kopfe fol⸗ gen. Ich habe mich alſo mit meinem kleinen Pakete entfernt, weiß nicht, wie es gekommen iſt, aber wäh⸗ rend ich ſo dahinwandle, ſtehe ich auf einmal in Ihrer Straße. Ich ſuchte ein kleines Kabinet Da unten ganz in der Nähe, in der Straße St. Ho⸗ noré, dem Boulevard gegenüber, habe ich mir eines gemiethet. Ich kaufte ein Bett und einen Stuhl, weiter brauchte ich nicht. Morgen werde ich einen Tiſch zu meinen Bouquets erhalten; Blumen will ich ſchon bekommen. Ich werde mich dann auf dem Boulevard etabliren. an der Straßenecke und wenn Sie Bougquets wollen, mein Herr, ſo bin ich ja ganz in Ihrer Nähe und Sie können es mir leicht zu wiſſen thun Habe ich recht gehandelt, mein Herr?“ 19 Nicette hatte bereits zu ſprechen aufgehört und ich war immer noch ganz Ohr. Ihre Anhänglichkeit rührte mich; ſie wollte mir ſo nahe als möglich ſein, und die Art, auf welche fie dies ausdrückte, war ſo natürlich, ſo einfach, daß man glauben ſollte, ſie hätte nur ihre Pflicht gethan. „Sie ſprechen ja nicht mit mir, mein Herr; ſind Sie böſe, daß ich mein Quartier verlaſſen habe und hieher gezogen bin? Ach, wenn dies der Fall iſt, ſo will ich ein anderes Zimmer ſuchen und weit von hier weggehen, wo Sie mich nimmer ſehen werden!— Wie? Ich ſollte böſe ſein über Ihre Nähe? Warum können Sie doch ſo ſprechen, Nicette? Wiſſen Sie denn nicht, welchen Antheil ich an Ihnen nehme?— Ach! verzeihen Sie, mein Herr, ich hätte Sie vielleicht um Erlaubniß bitten ſollen... Sie ſind mein Beſchützer.— Stille, Sie find ein Kind. Es iſt mir recht lieb, daß Sie in dieſem Viertel logiren. Ich werde Sie oft ſehen, und das macht mir immer Freude.— Mir gleich⸗ falls, mein Herr. Indeß werde ich nicht mehr ſo frei ſein, Sie an Ihrer Thüre zu erwarten. Ich habe es heute nur gethan, um Ihnen Rechenſchaft über mein Betragen abzulegen, und damit Sie wiſſen, wo ich gegenwärtig bin.— Keine Entſchul⸗ digung, meine liebe Freundin... ich ſehe Sie ſo gerne ach, Nicette, welche grauſame und zu⸗ gleich entzückende Nacht habe ich bei Ihnen verlebt! ich werde mein ganzes Leben daran denken. Wohl hätte ich nicht zweimal denſelben Muth.— Sprechen 20 wir nicht davon, Herr Dorſan. Ich will heimgehen, es iſt ſehr ſpät und ich halte Sie vom Schlaf ab; nun, zum zweitenmale wird es auch nicht vorkom⸗ men.— Liebe Nicette, Ihre Reize, Ihre Anmuth, Ihre liebenswürdige Offenheit werden mich immer in jenes Zimmer begleiten, wo ich Sie noch ein⸗ mal zu ſehen hoffe.— Ach, Herr Dorſan, ſpre⸗ chen Sie nicht davon, ich bitte Sie„ Ich ſtehe Ihnen zu fern eine Blumenhändlerin— Ach, Nicette„ wenn Sie indeß wollten— Adieu, Herr Dorſan, adieu.“ Sie ſagt Adieu, geht aber nicht. Ich halte eine ihrer Hände; ſie drängt mich zurück und will mich dennoch nicht laſſen. Meine Augen find auf die ihrigen geheftet; wir ſprechen kein Wort das Hofthor ſteht offen„ ich glaube, Ricette würde mir abermals folgen. Plötzlicher Lärmen entreißt uns dieſer ſüßen Stimmung. Ein Mann ſtürzt Dieb ſchreiend her⸗ bei; Nicette macht ſich los und flüſtert mir ein zärtliches Lebewohl zu. Ich will ſie zurückhalten, aber ſie iſt ſchon in der Ferne. Ich klopfe an das Thor und will eintreten. Der Mann, welcher ganz allein herbeiläuft und den ich für einen Betrunkenen gehalten habe, wirft ſich zu⸗ gleich mit mir in das Hofthor und ſchreit:„Endlich bin ich gerettet!“ Als ich die Stimme Raimunds erkannt habe, bin ich neugierig, das Ende ſeiner Abenteuer zu vernehmen. Die Portiere, welche das Gepolter 21 hörte, kommt mit dem Lichte herbei, und wir ſehen Raimund, deſſen Hoſen vom Gürtel bis ans Knie zerriſſen ſind und der vor Mattigkeit ganz erſchöpft im Hofe liegt, um wieder Athem zu holen. „Ach, mein Gott, was iſt geſchehen, Herr Rai⸗ mund?“ rief Madame Dupont;„Sie befinden ſich ja in einem erbärmlichen Zuſtande!— Wie, Sie find's?“ ſagte ich;„und warum haben Sie Tivoli verlaſſen, ohne mein Signal abzuwarten?— Ja, ich wartete lange auf Ihr Signal!— Sie hatten eben keine Geduld.— Ich war eine Stunde in einem Winkel, als ich Leute hörte, welche die Runde machten; meiner Treu, da wurde mir bange und ich faßte den Entſchluß, über die Mauer zu ſteigen. Aber in der Haſt kletterte ich über zer⸗ brochene Gläſer; da zerriß meine Hoſe und auch den Rückgrat habe ich mir verwundet. In der Rue Montblanc ward ich von Betrunkenen inſultirt, ich glaube, ſie wollten mich gar beſtehlen; nach Hülfe rufend rettete ich mich nun, Gott ſei Dank, hie⸗ her; aber ich werde noch lange an Tivoli denken!...“ „Mein Herr,“ ſagte Madame Dupont,„man wird Ihren Rücken mit eau de boule waſchen müſ⸗ ſen.— Ja, das werde ich morgen früh thun„ — Sie haben aber doch Ihre Silhouetten noch?“ fragte ich.—„Ich glaube, daß ich beim Herab⸗ ſteigen von der Mauer einige verloren pabe.— Zum Teufel auch! deſto ſchlimmer, dies wird gegen Sie zeugen; mit Ihrem Porträt wird man Sie leicht entdecken; ich rathe Ihnen deßhalb, eine 22 falſche Naſe und wenigſtens vierzehn Tage lang eine Brille zu tragen.“ Mein Rachbar, der wohl merkt, daß ich ihn verſpotte, nimmt ſein Licht und ſteigt, ohne mir etwas zu erwidern, die Treppe hinauf. Als wir auf unſerem Boden ſind, wünſche ich ihm lächelnd gute Nacht und trete allein in mein Zimmer, wo ich ziemlich ruhig ſchlafe: die Nächte folgen zwar aufeinander, gleichen ſich aber nicht. Dies ſagen alle Frauen vierzehn Tage nach der Hochzeit. Drittes Kapitel. Widerwärtigkeiten. Beim Erwachen iſt die Erinnerung an meine beiden Mädchen mein erſter Gedanke. Ich kann nicht ſagen, welche, ob Nicette vder Caroline zuerſt vor meine Einbildungskraft tritt: ich weiß, daß mir alle zwei gefallen; aber Nicette iſt ſittſam, ſie will tugendhaft bleiben, ich habe es bis jetzt gut mit ihr gemeint und will alſo meine Handlungs⸗ weiſe nicht beflecken. Ich will ihr Freund ſein, wäre es auch nur, um mit einem Frauenzimmer ein neues Gefühl kennen zu lernen. Mamſell Caroline beurtheile ich anders, ich halte ſie für keine Novize mehr; ihr Verhältniß zu Mon⸗ ſieur Jules iſt mir klar: ſie ſucht einen Mann, liebt aber dieſen armen Burſchen nicht; wenn ſie ihn 23 liebte, hätte ſie denn alle meine Faſeleien lächelnd angehört? Hätte ſie mit Andern getanzt? Mamſell Caroline iſt eine ungemeine Kokette, und wie ich glaube, etwas ſchlau. Indeß hat ſie mich auf der Straße übel empfangen, als ich ihr nachlief; nun, ſie war eben nicht bei guter Laune, weil ich ihren Schmuck zerknittert hatte, den ſie damals höher ſchätzte, als eine Eroberung, weil er ihr tauſend Eroberungen verſchaffen ſollte. Aber ich werde bald wiſſen, wo ich mit ihr daran bin. Mittags begebe ich mich in das Magazin, wel⸗ ches mein Wahrſager mir bezeichnet hat. Er täuſchte mich nicht: mitten unter mehren ſchnippiſchen Ge⸗ ſichtchen treffe ich auch meine hübſche Tänzerin. Alle dieſe Mädchen ſchlagen bei dem Eintreten eines jungen Mannes die Augen nieder, aber alle muſtern mich ganz verſtohlener Weiſe. Caroline hat mich erkannt; ſie iſt einigermaßen verwirrt, da ſie nicht weiß, ob ſie mich anblicken oder emſig fortarbeiten ſoll, um ihre Verlegenheit beſſer zu verbergen. Natürlich muß ich mir in dem Magazine einen Vorwand nehmen: ich frage deßhalb nach Bouquets, Guirlanden und Garnituren. Man zeigt mir Alles; aber es iſt ein Herr, der den ganzen Flor ſeiner Bude vor meinen Augen auskramt, und die Mäd⸗ chen bewegen ſich nicht von der Stelle. Dies ſagt mir nicht zu, aber ich muß einen Entſchluß faſſen. Ich kaufe alſo für fünfzig Fran⸗ ken künſtliche Blumen, bezahle ſogleich Alles und laſſe meine Adreſſe zurück, mit der Bitte, man möchte mir die Blumen in meine Wohnung ſchicken, da ich morgen aufs Land reiſe. Man verſpricht mir's und ich gehe. Caroline muß mich verſtanden haben; aber wird ſie auch kommen? Ich bin begierig. Nach Hauſe zurückgekehrt, benachrichtige ich meine Portiere, daß ich Waaren erwarte, welche ich ge⸗ kauft, und daß ſie die Ueberbringerin auf mein Zimmer ſchicken möchte. Unterdeſſen weiß ich mich vor Ungeduld kaum zu faſſen, wie alle jungen Leute bei einem erſten Rendez⸗vous, wie alle Mädchen, welche von ihren Mamma's eingeſperrt werden, wenn ſie gerne einen Ausgang machen möchten. Eine Stunde vergeht, Niemand kommt; eine andere ſchleicht langſam dahin, und ſchon will ich nach dem Magazine zurückkehren, als an meine Thüre geklopft wird, mit Blitzes ſchnelle öffne ich— da ſteht Raimund vor mir, beladen mit einer mäch⸗ tigen Schachtel. „Was wollen Sie von mir, Herr Raimund?2... — Mein Nachbar, ich wünſche Ihnen guten Tag. — Ich danke Ihnen; aber was führt Sie eigentlich zu mir?— Das will ich Ihnen erklären; erlauben Sie, daß ich eintrete und die Schachtel ablege.“ Und ohne meine Antwort zu erwarten, tritt er in meine Antichambre und ſitzt auf einen Stuhl. Ich bleibe vor ihm ſtehen, in der Hoffnung, das werde ihn um ſo eher zu baldigem Fortgehen be⸗ wegen. „— Bitte um Verzeihung, wenn ich's mir be⸗ 25 quem mache; aber der Rücken thut mir noch ſehr wehe dieſe Mauer war verteufelt hoch.— Was wünſchen Sie? Sprechen Sie doch, ich habe Eile. — Nun zuerſt wollte ich Frieden mit Ihnen ſchließen, denn unter Nachbarn ſollte kein Häder ſtattfinden.. — O, das verlange ich auch nicht.— Nun ich eben ſo wenig: dies iſt alſo abgemacht Ich ſuchte eine Gelegenheit, mit Ihnen zu ſprechen; dieſe hat ſich dargeboten und ich habe ſie ergriffen: man hat ſo eben an meine Thüre geklopft und nach Ihnen gefragt.— Wie? So eben? Wer denn? — Ein Mädchen ein hübſches Kind, aber nicht ſo ſchön, wie die von geſtern.— Ein Mädchen! und was wollte ſie? Sprechen Sie doch.— Sie brachte Ihnen dieſe Schachtel, hatte Ihnen aber weiter nichts zu ſagen— Nun, wo iſt ſie? Was haben Sie zu ihr geſagt?— Ich nahm die Schachtel, und ſagte, Sie ſeien ausgegangen. Ich wollte nämlich das Vergnügen haben, Ihnen die⸗ ſelbe in eigener Perſon zuzuſtellen, um mich zu⸗ gleich mit Ihnen auszuſöhnen.— O, mein Gott, iſt's möglich! Müſſen Sie ſich denn immer in fremde Angelegenheiten miſchen? und dies zu meinem größten Verdruſſe. Ich wette, daß ſie es war!“.. Während ich die Schachtel öffne, blickt mich Rai⸗ mund voll Staunen an und kam ganz außer Faſſung, da er meine zornfunkelnden Augen ſah, während er Dank erwartete. Alle von mir gekauften Blumen ſind darin und in meiner Wuth gebe ich der Schachtel einen Fußtritt, ſo daß die Bouquets und Garni⸗ turen in die Höhe fliegen. Eine Guirlande 3 la jardiniére fällt Raimund auf den Kopf, der ſie nicht herabzunehmen wagt, weil ihn mein Grimm gleich⸗ ſam verſteinert hat. Nachdem ich lange gewüthet und meine Blumen zerknittert und verſtümmelt habe, werfe ich mich in einen Lehnſtuhl und blicke meinen Nachbar an. Da legt ſich mein Zorn; ich kann unmöglich eine ernſte Miene machen, während Raimund gekrönt und mit ſtieren Augen vor mir ſteht. Ich breche in ein ſchallendes Gelächter aus; dies beruhigt ihn und er lacht ebenfalls, um mich nachzuahmen, aber auf eine ſo erzwungene Weiſe, daß es eher einer Grimaſſe gleicht, als jenem unauslöſchlichen Ge⸗ lächter, welches die Götter erheben, wenn Vulkan ihnen zu trinken reicht. „Gut,“ ſagt endlich Raimund und verſucht aber⸗ mals zu lächeln,„ich glaube, Ihr Zorn hat ſich gelegt.— Man muß zu böſem Spiele gute Miene machen.— Sind Sie nicht zufrieden mit den Waaren⸗ die man ihnen ſchickt?— Es handelt ſich um keine Waaren, Herr Raimund; Sie werden mich wohl zwingen, eine andere Wohnung zu miethen.— Zch, mein Herr Nachbar? und wie ſo?— Weil Sie nur in meiner Nähe zu ſein ſcheinen, um alle 1 meine Plane zu durchkreuzen, um⸗ mich beinahe zur Verzweiflung zu treiben.— Ich begreife nicht.— 11 Warum ſchicken Sie, wenn man aus Irrthum bei Ihnen anklopft, die Leute nicht zu mir? Warum ſagen Sie, ich ſei nicht zu Hauſe, obgleich ich da 27 bin? Warum nehmen Sie dieſe Schachtel in Em⸗ pfang, während ich mit der Ueberbringerin ſprechen ſollte?— Mein lieber Herr Nachbar, ich bin untröſt⸗ lich, ich wußte nicht— Ich bitte Sie, Herr Raimund, miſchen Sie ſich nimmer in meine An⸗ gelegenheiten, oder es kommt zu ſehr ernſtlichen Auftritten.. Sie können ſich in dem Hauſe ja noch viel zu thun machen, wenn Sie die Klatſchereien der Köchinnen anhören, wenn Sie den Lebenswandel der Frauen belauern, wenn Sie die Mädchen aus⸗ ſpioniren und an den häuslichen Streitigkeiten Theil nehmen; mich aber verſchonen Sie mit Ihrer Zu⸗ dringlichkeit.— Herr Nachbar, ich verſichere Ihnen, daß man mich in Ihren Augen angeſchwärzt hat... Ich bin unfähig. ich treibe gerne Spaß, dies iſt Alles; aber von Klatſchereien will ich nichts, denn ich bin durchaus kein Schwätzer. Wenn ich dies wäre, ſo könnte ich Ihnen ſagen, daß die Dame im erſten Stocke zwei Liebhaber hat; daß ihr Mann in der Stadt eine Maitreſſe unterhält; daß Herr Gerard, im zweiten Stocke, ſich in ſchlimmen Um⸗ ſtänden befindet und daß ich gerichtliche Vorladungen, die ihn angehen, bei der Portiere geſehen. habe; daß Madame Bertin Soiréen gibt, um für ihre Töchter Männer zu finden; daß ihre Köchin eine üble Wirthſchaft führt; daß die untere Köchin einen Geliebten hat, dem ſie heimlicher Weiſe Fleiſch⸗ brühen bringt; daß der junge Beamte Gerville Schulden macht und keine Antwort gibt, wenn ſeine Gläubiger bei ihm anklopfen und noch tauſend an⸗ 28 dere Dinge. Aber dies Alles berührt mich nicht; ich habe genug mit meinen eigenen Angelegenheiten zu thun und bekümmere mich nicht um fremde. Dieſe Schachtel nahm ich in Empfang, weil ich Sie da⸗ durch zu verpflichten, Ihnen einen Dienſt zu er⸗ weiſen glaubte. Nun aber find Sie böſe darüber, und ich werde deßhalb in Zukunft die Leute zu Ihnen ſchicken, ſelbſt wenn Sie nicht zu Hauſe ſein ſollten. Adieu, Herr Nachbar!— Hel noch ein Wort, wenn's Ihnen beliebt. Wie ſah das Mädchen aus, welches dieſe Schachtel brachte?— Nun, recht gut, das heißt hübſch.— Was für ein Wuchs?— Mittlerer.— Braunes Haar?— Ja. braun oder kaſtanienfarben— Schwarze Augen?— Ja, d. h. dunkelgrau.— Ah! ſie iſt's 1.. — WVer iſt's?— Das geht Sie nichts an, Herr Raimund.— Allerdings; ich fragte nur aus Ver⸗ ſehen.„ Adieu alſo. Werden Sie dieſen Abend zu Madame Vauvert kommen? Es gibt dort große Soirée, Concert und vielleicht Ball. Ich glaube, Sie werden eine zahlreiche Geſellſchaft treffen. Ich finge die Arie Joconde. Madame Vauvert hat mir zu wiſſen gethan, es werde ſich eine junge Virtuofin auf der Guitarre einfinden, ſo wie ein Herr, der das Italieniſche gleich einem Bajazzo finge.— Das iſt lockend.— So viel ich weiß, wird auch Ma⸗ dame Bertin mit ihren Löchtern hingehen die tängere übt ein Stück ein, das ſie auf dem Piano ſpielen ſoll. Aber die Zeit verſtreicht und ich habe noch tauſend Beſuche zu machen. Auf Wiederſehen, 29 Herr Nachbar. Ich verſprach der Madame Vauvert, ihr einen Baß und eine Quinte zu bringen, um das Quartett zu vervollſtändigen. Ich will nun meine Mußikfreunde aufſuchen.“ Endlich geht er. Dieſer verfluchte Menſch iſt ſchuld daran, daß ich Caroline nicht geſehen habe; denn ſie hat mir die Schachtel gebracht, dies be⸗ zweifle ich nicht. Was ſoll ich jetzt anfangen? ſoll ich wieder nach dem Magazine gehen aber was dort ſagen 2 Ich weiß nicht doch ich will mein Zimmer nicht umſonſt mit künſtlichen Blumen an⸗ gefüllt haben; ich begebe mich alſo wieder in die Rue Sainte⸗Appoline. Der Herr des Magazins iſt nicht zu Hauſe; um ſo beſſer. Ich beklage mich nun, daß man mir meine Blumen nicht geſchickt habe. Ein Mädchen ſteht auf und verſichert, ſie habe dieſelben nach meiner Woh⸗ nung gebracht. Es iſt nicht Caroline; alſo iſt ſie nicht gekommen. Ich beruhige mich und meſſe meinem Nachbar die Schuld bei; die Dame, welche die Stelle des Herrn vertritt, ſchmält das Mädchen. Ich kaufe neue Guirlanden unter dem Vorwande, als hätte ich das erſtemal dieſelben auszuwählen vergeſſen und bitte zugleich, es möchte Jemand mit mir gehen, um dieſelben zu tragen. Zu dieſem Ge⸗ ſchäfte wird Caroline auserſehen. Nun werde ich doch endlich frei mit ihr reden, allein mit ihr ſein können. Geduld! ich bin noch nicht ſo weit; ſchmei⸗ cheln wir uns ja nicht zum voraus, denn man täuſcht ſich ſo oft. Mamſell Caroline geht mit niedergeſchlagenen Augen neben mir her. Ich halte mich in ehrerbie⸗ tiger Entfernung, aber einige Schritte von ihrem Magazine laſſe ich ſie in einen Fiacre ſteigen, der uns nach meiner Wohnung führt. Das Mädchen weigert ſich zuerſt, in dem Gefährte Platz zu neh⸗ men; jedoch auf mein wiederholtes Drängen ent⸗ ſchließt ſie ſich dazu und muß hier Alles hören, was die Liebe mich ſagen läßt, wenn man die Toll⸗ heiten, welche mich ſeit geſtern Abend beſchäftigten, Liebe nennen kann. Hinderniſſe jedoch verleihen der unbedeutendſien Grille einen Werth und machen manchmal aus einer einfachen Laune ein tiefes Gefühl. Die Schwierig⸗ keiten, welche bei Caroline ſich mir entgegenſtellen, laſſen mich einen großen Reiz in ihrer Nähe finden; meine Geſpräche gewinnen mehr Feuer, mehr Be⸗ redſamkeit!. und es gehört ja ſo wenig dazu, um ein Mädchen zu beſiegen, deſſen Herz ja bereits halb überwunden iſt. Alles läßt mich daher den glücklichſten Erfolg hoffen. Indeſſen hält das Gefährt an, wir ſieigen aus, und Mamſell Caroline gibt mir meine Schach⸗ tel, ohne mich in mein Zimmer begleiten zu wollen⸗ Vergebens bitte ich ſie darum, vergebens ſchwöre ich ihr, daß ich brav ſein werde: nichts kann die Hartnäckigkeit der Blumenmacherin beſiegen, und Alles, was ich von ihr erlangen kann, iſt ein Rendez⸗vous auf dem Boulevard für morgen Abend. Sie iſt wieder fortgegangen, ich kehre allein in 31 mein Zimmer zurück und kann nicht umhin, eine Betrachtung über den Unterſchied zwiſchen dem Be⸗ nehmen der Mamſell Caroline und Nicettens anzu⸗ ſtellen. Bei Nacht und kaum mit mir bekannt, bat mich die junge Blumenhändlerin ſelbſt, in meine Wohnung gehen zu dürſen; hingegen mitten am Tage und bei dem beſten Vorwande, ſich auf mein Zimmer zu begeben, fürchtet ſich die Blumen⸗ macherin, mich zu begleiten. Was ſoll ich daraus ſchließen? Daß die Eine die Gefahr beſſer kennt als die Andere? Nein, auch Nicette kannte ſie, dachte aber nicht daran und ſetzte ein unbedingtes Ver⸗ trauen in mich. Iſt Caroline wohl tugendhafter als Nicette? Tugendhafter kann ſie unmöglich ſein; ich fürchte das Gegentheil und der Unterſchied, welcher zwiſchen ihren Blumen exiſtirt, möchte leicht auch zwiſchen ihrer Tugend ſtattfinden. Warten wir indeß das Rendez⸗vvus ab. Dieſen Abend will ich zu Madame Vauvert gehen, nicht, um Raimund ſeine Arie ſingen zu hören, ſondern weil ſich daſelbſt gewöhnlich Originale verſammeln, die mich ergötzen, abgeſehen von dem Herrn und der Frau des Hauſes, welche wohl ein beſonderes Kapitel werth find. Viertes Kapitel. Das Liebhaber⸗Conzert. In Paris gibt es Reunionen für jeden Geſchmack, für jeden Stand, für jede Meinung, kurz für alle Klaſſen. Ein junger Mann, mit etwas Gewandtheit und Lebensart, kann überall hingehen; nichts iſt leichter, als ſich in die großen Reunionen einzuſchleichen, zu jenen glänzenden Feſten und Bällen, wobei die Menſchen zuſammen gepreßt ſind, ohne einander zu ſehen. Der Herr und die Frau des Hauſes wiſſen von der Hälfte ihrer Gäſte nicht einmal die Namen. In der großen Welt iſt es gebräuchlich, vorzuſtellen, wen man will, ohne um Erlaubniß zu bitten. Der Neuangekommene macht dem Amphitryo und deſſen Frau ſeine Aufwartung; man tanſcht unter liebens⸗ würdigem Lächeln die herkömmlichen Redensarten aus, dann iſt Alles abgemacht und ihr könnet ſpie⸗ len, tanzen, oder Erfriſchungen zu euch nehmen, ohne dem Herrn des Hauſes weiter Beachtung zu ſchenken. Richt ſo leicht erhält man Zutritt zu den ſo⸗ genannten bürgerlichen Reunionen. Hier will der Hausherr, ein wenig anſpruchsvoller als der Marquis oder der Banquier von der Chauſſee⸗ d'Antin, die Perſonen, welche ihn beſuchen, kennen lernen. Wenn ein junger Mann ihm einen Anderen vorſtellt, ſo erkundigt er ſich nach deſſen Namen, Stand und Lebenswandel; Einige treiben ſogar die 33 Lächerlichkeit ſo weit, daß ſie gegen junge Leute, deren Betragen ihnen zu leichtfinnig vorkommt, eine finſtere Miene machen. Jedoch findet ſich dieſe un⸗ gemeine Sittenſtrenge nur im Marais und im Fau⸗ bourg Saint⸗Germain. In der Mitte zwiſchen der großen Welt und der Bourgeviſie, zwiſchen der Etikette und der Unge⸗ bundenheit, ſtehen jene angenehmen Cirkel, wo eine liebenswürdige Freiheit, eine ungezwungene Heiter⸗ keit, eine erquickliche Vertraulichkeit herrſcht. Dies Alles findet man gewöhnlich bei den Künſtlern. Die Künſte reichen einander die Hand; die wahren Talente ſind nicht eiferſüchtig auf einander; ſie ſchätzen, ſie ſuchen, ſie achten ſich gegenſeitig; deß⸗ halb trifft man bei ihnen Geiſt ohne Bösartigkeit, Scherz ohne Bitterkeit, Wetteifer ohne Neid, Ver⸗ dienſt ohne Hochmuth und Wohlſtand ohne An⸗ maßung. Sodann kommen die gemiſchten Reunionen, belche Elemente der bereits angeführten in ſich vereinigen. Diejenigen, bei welchen ſolche ſtattfinden, verſtehen es nicht, eine Geſellſchaft zu empfangen; aber ſie wollen doch Gäſte haben, weil Soiréen zum guten Tone gehören und gegenwärtig Niemand hinter ſeinem Nachbar zurückbleiben will. Meine Gewohnheit iſt es nur, dahin zu gehen, wo ich perfönlich eingeladen worden bin; ich laſſe mich nicht gerne vorſtellen, außer in jenen Ver⸗ ſammlungen, wohin man ſich begibt, wie ins Theater und wo ich wieder kommen kann, ohne der Paul de Kock. R01I. 3 34 Unhöflichkeit beſchuldigt du werden, weil man mich nicht bemerkt hat. Die Geſellſchaft des Herrn und der Madame Vauvert kann unter die Reunionen des letzten Ranges gerechnet werden. Der Hausherr hält ſich für einen Muſiker, obwohl er in ſeinem Leben weder in drei Tempos einen Takt ſchlagen, noch eine Halb⸗ pauſe oder eine Vierteltaktpauſe bevbachten konnte, trotz dem, daß er Füße, Kopf und Hände dazu ver⸗ wendet. Indeß kann er ein wenig auf der Guitarre klimpern und wenn er eine kleine Romanze aecom⸗ pagnirte, ohne auf eine Pauſe oder eine Viertel⸗ taktpauſe zu ſtoßen, ſo iſt er der glücklichſte Menſch. Hiezu kommt noch eine beharrliche Neigung zu dem ſchönen Geſchlechte, dem er hinter dem Rücken ſeiner Frau fortwährend den Hof macht, eine ſtets mit Tabak angefüllte Naſe, eine ſchmutzige Kleidung und Jabots, ein ſchwerer Athem und rollende Au⸗ gen Hein mittlerer Wuchs und ein immer zitternder Körper— dann habt ihr das Bild des Herrn Vau⸗ vert, eines ſehr guten Burſchen, trotz ſeiner kleinen Fehler, wovon der größte darin beſteht, daß er mit fünfundvierzig Jahren noch nicht ſittſam iſt. Hei⸗ terkeit ziemt jedem Alter, aber mit der Ausgelaſſen⸗ heit hat es eine andere Bewandtniß. Es hat die Thorheit ihre Zeit, Doch der Verſtand hat auch die ſeine. Ich wenigſtens hoffe mit vierzig Jahren ebenſo „ ſittſam zu ſein, als ich es jetzt nicht bin. Betrachten wir nun Madame Vauvert. + 35„ Gewiß war ſie einſt ſchön leider will ſie es aber jetzt noch ſein. Ihr Teint 3 immer friſch und roth, ſelbſt wenn ſie krank iſt, was böſe Zungen zu der Bemerkung veranlaßt, daß ſie denſelben ſelbſt mache. Die Kenntniß und die Sitten der vor⸗ nehmen Geſellſchaft gehen ihr ab; dagegen beſitzt ſie viel Neugierde und ein außerordentliches Talent, die ganze Welt aufzuhetzen, obwohl ſie ſich ſtellt, als rede ſie Niemand etwas Böſes nach; ferner eine ſehr hervorſtechende Neigung zu hübſchen Jüng⸗ lingen und Chocolade. Das Haus der Madame Vauvert iſt indeß amü⸗ ſant, weil kein Zwang darin herrſcht, weil Jeder thut, was er will; weil man einer Menge Origi⸗ nale begegnet und weil man bei jeder Soirée über⸗ zeugt ſein darf, neue Geſichter zu treffen. Die Meiſten, welche ſich dort einfinden, gehen vorüber, wie in einer Zauberlaterne; die, welche nur lachen. wollen, kommen öſters. Zu den Letzteren gehöre ich. Vauvert nennt mich ſeinen lieben Freund, wäh⸗ rend Madame, ſeine Ehehälfte, mich ſtets mit einem allerliebſten Lächeln empfängt. Herr Vauvert, als ein niederer Beamter logirt nicht im erſten Stocke, läßt aber bei einer Soirée kleine Lichtſtumpen längs der Treppe aufſtecken, da⸗ mit die Künſtler und Dilettanten die Naſe nicht anſtoßen, ehe ſie den dritten Stock über den En⸗ treſol erreichen. Er hat keine Domeſtiken, verwendet indeß einen vierzehn bis fünfzehn Jahre alten ſpitzbübiſchen und duckmäuſeriſchen Neffen, einen 36 Notarsincipienten, zur Bedienung, was dem jungen Menſchen keineswegs behagt, der an Reunions⸗ abenden boshaſter Weiſe erſt ſpät von ſeinem No⸗ tare nach Hauſe kommt, um ſich den Befehlen des Onkels und der Tante zu entziehen. Es iſt faſt zehn Uhr, als ich die Wohnung des Herrn Vauvert erreiche; erſt um dieſe Zeit ver⸗ ſammelt ſich die Geſellſchaft. Die Kleinbürger, welche gerne die vornehmen Herren ſpielen möchten, glau⸗ ben, das ſpäte Erſcheinen gehöre zum guten Tone. Die Dilettanten oder Sänger laſſen gerne auf ſich warten und ſo wird, wie ich denke, die Reunion erſt morgen früh zu Ende ſein. Ich läute. Madame Vauvert öffnet mir, woraus ich ſchließe, daß der junge Reſſe noch nicht heimge⸗ kehrt ſei. „Ah, Sie ſind's, mein lieber Herr Dorſan; ſchön, daß Sie kommen; wir werden heute Abend große Geſellſchaft haben.— Wie, Sie werden haben? Sind denn die Gäſte, welche Sie erwarten, noch nicht da?— Bis auf Einige aber es iſt ja noch früh— Nicht ſogar.— Wir haben eine berühmte Demoiſelle vom Conſervatorium, welche eine ausgezeichnete Stimme beſitzt— Ei der Teufel!— Und eine Dame, welche die Baß⸗ geige ſpielt.— Ah, mein Gott! hier iſt's ja wie bei Nicolet; immer höher, immer höher.— Sie Schelm! hi! hi! hi! hi!...— Welche Stücke hat man den ſchon geſpielt?— Noch gar keine— Wie, noch nichts? und es iſt ſchon zehn Uhr; wann 37 beginnt denn das Conzert?— Der kleine Martin, welcher auf dem Piano accompagniren ſoll, iſt noch nicht da.— Auch ſeine Schweſter nicht?— Ja aber ſie will dieſen Abend nicht ſpielen, weil ſie unwohl iſt; ſie hat ihr Nervenleiden.— Ah! das iſt etwas anderes; wo iſt denn Ihr Herr Gemahl 2 — Er holt eine Baßpartie und entlehnt eine Brat⸗ ſche, damit es ein Quartett gibt.— Er hätte aber meiner Anſicht nach bälder für ſolche Dinge ſorgen ſollen.— Ah! ſeit dem Mittageſſen rennt er um⸗ her, der arme Mann und zuerſt mußte er Madame Roſemonde und ihre Tochter auſſuchen, hierauf bei dem Lautenmacher eine Baßgeige holen, hernach die Harfe der Demoiſelle Luquet herbeiſchaffen, ſodann ſich erkundigen, ob Herr Crachini kommen könne, kurz es nimmt kein Ende!— Ah! ich begreife, nichts als lauter Geſchäſte..— und der Schlingel Friquet kommt auch nicht heim; hoffentlich wird ihm ſein Onkel dieſen Abend den Leviten leſen. Aber treten Sie doch ein, mein lieber Herr Dorſan.“ Unſer Geſpräch fand in einem kleinen Gange ſtatt, der auf der einen Seite in den zugleich als Schlaf⸗ und Toilettenzimmer dienenden Speiſeſaal, auf der andern in den Salon führte. Ich trete in dieſes letztere Gemach, wo die alten Gäſte, ſowie die Neuangekommenen verſammelt ſind. Jeder fragte, wo der Herr und die Frau vom Hauſe wären, die man nicht bemerkte; Jeder rief nach ihnen und er⸗ kundigte ſich, warum man nicht mit etwas anfange; aber unter den Sängerinnen wollte keine zuerſt 38 fingen und vie ausführenden æinßter ſchienen eben⸗ falls nicht beſſer geſtimmt. „Mir ſcheint's, dieſen Abend werde es nicht zum Beſten gehen,“ ſagt mir geſtikulirend und boshaft lächelnd ein pockennarbiger Herr, deſſen Naſe ganz verſteckt zwiſchen ſeinen Bausbacken liegt und unter deſſen Brillen man vergebens die Augen ſucht.„Bald zehn Uhr und noch nichts gethan; das heißt doch, ſich über die Leute luſtig machen. Der arme Vau⸗ vert bringt ſeine Soirée mit dem Herbeiſchaffen von Inßtrumenten und Partituren zu! Es iſt in der That höchſt drollig. Schwerlich hat Paris ein zweites Haus, wie dieſes.— Gerade deßhalb iſt es amü⸗ ſant. Aber werden Sie dieſen Abend ſingen?— Ja, ich habe mein Stück aus Johann von Paris mitgebracht: C'est la princesse de NMavarre.— Haben Sie aber dieſes nicht bei der letzten Reunion ge⸗ ſungen?— Allerdings; aber ich habe keine Zeit gehabt, ein Neues einzuſtudiren; auch iſt es ja recht ſchön! Cest la princesse de Navarre que je vous annon... on... once 1.. Hel iſt's nicht hübſch? — Ja wenn Martin ſie fingt, ſo iſt es eine köſt⸗ liche Arie. Gibt es dieſen Abend viel Geſang 2— O wir werden genug zu lachen bekommen. Raimund muß die Arie aus der Joconde fingen; dieſe große Demviſelle fingt das obligate Stück aus Montano und Stephanie; die Kleine vom Conſervatorium hat auch eine Arie mitgebracht und Herr Crachini wird uns mit einigen Romanzen halb zu Tode quälen. Sodann riskiren Chamonie und ſein Freund — 39 heute Abend ein burleskes Duett. Wenn nur Gri⸗ paille ſich nicht auf der Guitarre accompagnirt, denn dann wären wir vollends verloren.“ Kaum hatte der kleine Bausback dieſe Worte geſprochen, als Gripaille auf ihn zugeht und alſo von ihm angeredet wird:„Nun, mein lieber Gri⸗ paille, werden wir nicht das Vergnügen haben, Sie zu hören?. Greifen Sie doch zur Guitarre, denn die Damen ſchmachten nach Ihren Accorden. Gri⸗ paille, der ſich für den erſten Guitarreſpieler von Paris hält, läßt einen verführeriſchen Blick auf die uns umgebenden Damen fallen und erwidert: Was zum Leufel ſoll ich denn ſingen? Ich weiß nichtsz auch habe ich Katarrh und dann iſt Vauverts Gui⸗ tarre ſo ſchlecht. ein wahrer Kochhafen. es iſt unmöglich, darauf zu ſpielen.“ „Mit Ihrem Talente weiß man Alles zu be⸗ nützen,“ ſagt eine kleine Alte, die ſich auf ihrem Stuhle umdreht und mit Begeiſterung die Hände faltet, während ihren Augen Thränen der Freude entquellen.„Ach! Gripaille ach! mein Freund! Ach Gott! Welche glückliche Augenblicke bereiten Sie mir! Die Muſik macht einen großen Eindruck auf mich, einen Eindruck, wovon Sie ſich keinen Begriff machen! Ich habe ſo zarte Nerven! Ich gebe mich ſo gerne einer Melodie hin! ach Gott! eine Melodie!.. Nimm deine Guitarre, Zauberer, nimm ſie und laß mich träumen! Du erinnerſt mich an einen ſchönen Wanderer, der in meiner Jugend unter meinen Fenſtern ſpielte!.. 40 Wir, ich und der bausbackige Herr, entfernen uns, um der kleinen Dame, von welcher ſich Gri⸗ paille wohl nur mit der größten Mühe wird los⸗ machen können, nicht ins Geſicht zu lachen. Gewiß iſt das Alter ehrwürdig; aber vor ſolchen alten Närrinnen, die während einer Romanze oder eines Adagio in Ohnmacht fallen, ernſthaft zu bleiben, hält ſehr ſchwer. Ich ſehe den alten Herrn, der gewöhnlich den Baß ſpielt, nach ſeiner Uhr ſchauen und zwiſchen den Zähnen murmeln:„Das iſt höchſt verdrieß⸗ lich! Ich ſollte um elf Uhr zu Hauſe ſein und die Zeit vergeht mit Nichtsthun, während ich doch ſchon ſeit ſieben Uhr da bin. Sie haben mich zum Beſten, indem ſie mir ſagen, man werde früh an⸗ fangen und wir bildeten ein vollſtändiges Quar⸗ tett; aber man wird mich ſicherlich nimmer daran kriegen.“ Endlich kommt keuchend, außer Athem, ſchweiß⸗ triefend und mit einer Bratſche und mehreren No⸗ tenheften belaſtet Herr Vauvert zurück. „Da bin ich! da bin ich!“ ruft er, mit verſtör⸗ ter Miene in den Salon tretend;„es hielt ſchwer, die Partien zuſammenzubringen, aber endlich iſt mir's gelungen.—„Du wirſt Dich unterwegs amü⸗ firt haben,“ ſagt Madame Vauvert, ſich in die Lippen beißend.—„Ja, beim Blitz! ſo iſt es; ich habe mich amüfirt! bin durch und durch naß!.. Meine Herren, jetzt können Sie mit dem Quartett beginnen.“ 41 „Fangen wir an,“ ſagt Herr Pattier(der Baß⸗ ſpieler).„Es bleibt uns nicht mehr viel Zeit übrig; haben Sie auch meine Partie mitgebracht?— Ja, ja, dort auf dem Pulte liegt ſie.— Alſo, meine Herren, wir wollen ſtimmen.“ Die Liebhaber, welche das Quartett bilden, ſtim⸗ men jetzt. Während dieſer Zeit nimmt man Platz, wo es einen leeren Stuhl gibt. Die Damen gäh⸗ nen bereits, ſchon die Ankändigung eines Quartetis verurſacht ihnen Vapeurs; um ſich zu zerßreun, plaudern ſie mit den Herren, die hinter ihnen ſtehen. Man flüſtert, man lacht, man ſpöttelt über Alles und beſonders über die Vortragenden. Der Augen⸗ blick, in welchem geſpielt wird, iſt immer derjenige, wo die Zuhörer den größten Lärmen machen. Endlich haben die Unerſchrockenen geſt mmt und ſtellen ſich vor ihr Pult. Schon hat der alte Baß einen kleinen Schirm von grünem Papier um den Leuchter geſtellt, damit das Licht ſeinen Augen nicht wehe thue. Die Bratſche hat ihre Brille auf⸗ geſetzt und die zweite Geige ſtreicht eine Unze Ko⸗ lophonium an ihren Bogen, während die erſte Geige ihre Kravatte auf eine ſolche Weiſe ordnet, daß das Inſtrument ihren Hals nicht reiben kann. Nach Beendigung aller dieſer Vorbereitungen (während welcher Vauvert durch mehre langgedehnte St's! die Ruhe unter der Geſellſchaft wieder her⸗ zuſtellen ſucht) hebt die erſte Geige ihren Bogen in die Höhe und ſtampft, ihre Kollegen anblickend, mit dem Fuße.„Sind wir fertig?“ fragt ſie end⸗ 42 lich mit entſchloſſener Miene.—„O ich bin ſchon ſeit zwei Stunden hier,“ erwidert Herr Pattier und zuckt verdrießlich die Achſeln.—„Im Augen⸗ vlicke, meine Herren,“ ſagt die zweite Geige; „meine Quinte hat nachgelaſſen.'s iſt eine neue Saite, ich muß ſie wieder ſpannen.“ Die Bratſche benützt dieſen Augenblick, um eine Paſſage einzuſtudiren, die ihr ſchwierig vorkommt, und der Baß nimmt zu ſeinem Troſte eine Priſe Tabak.—„Ich bin parat,“ ſagt endlich die zweite Geige.—„Gut; geben Sie nun Acht, meine Her⸗ ren. Wir wollen das Allegro ſehr gemäßigt und und das Adagiv ein wenig ſchneller ſpielen; dies wird einen beſſeren Effekt machen.— Wie Sie wol⸗ len; überdies treten Sie den Takt.“ Das Signal wird gegeben. Die erſte Geige fängt an, die Andern folgen. Obgleich ich dem Quartett wenig Aufmerkſamkeit ſchenke, ſo ſcheint es mir doch noch ſchlechter als gewöhnlich.—„Die Schurken haben ſich verſchworen, uns lebendig zu ſchinden,“ ſagt ein Nachbar zu mir. Auf einmal hält die erſte Geige inne und ruft? „Das geht nicht! das geht nicht!— Ich glaubte, es ginge recht gut,“ ſagt die Bratſche.—„Nein⸗ nein, es iſt etwas darin, was ſich nicht gut aus⸗ nimmt.— Wo denn?— Ach! Wo ich weiß es nicht genau.— Ich habe keine Note verfehlt,“ ſagt die zweite Geige.— Ich auch nicht.— Ich auch nicht.— Wohlan, meine Herren, wir wollen das Stück von Neuem ſpielen.— Ja, aber treten 43 Sie auch den Takt recht ſtark.— Ich glaube, daß ich ihn ziemlich ſtark trete.— O gewiß,“ ruft Ma⸗ dame Vauvert;„die Perſon, welche unter uns wohnt, ſagt, ſie wolle ſich bei dem Hausbeſitzer darüber beklagen.“ Man fängt von Neuem an; es geht nicht beſſer, und doch geberdet ſich die erſte Geige wie ein Be⸗ ſeſſener; die Geſellſchaft bricht in ein Gelächter aus; die Spieler halten inne. „So geht's nun einmal nicht,“ ſagt Herr Lon⸗ guet(der erſte Violiniſt).„Es muß irgendwo ein Fehler ſtecken... Betrachten wir die Baßpartie. Wie! Sie ſpielen aus B moll und wir aus D... Beim Blitz, nun wundere ich mich nimmer„— Ich ſpiele, was Sie angegeben haben,“ erwidert der alte Pattier, roth vor Zorn,„das erſte Quar⸗ tett des erſten Heftes— Allerdings; aber wie kommt's denn? Laſſen Sie doch den Litel ſehen.. Ein Quartett von Mozart! und wir ſpielen ein Quartett von Pleyel! Ah! Ah! das iſt eine ſaubere Hiſtorie!“ Jedermann lacht über das Abenteuer; Herr Pat⸗ tier allein iſt wüthend über Vauvert's Mißgriff, der die Ausführung des Quartetts verhindert. Er läuft zum Herrn des Hauſes, welcher ſich in einer Ecke des Salons neben eine junge Brünette geſetzt hat, der er verliebte Blicke zuwirſt. „Wie, Herr Vauvert! Sie ſagten mir, daß Sie die fehlende Partie gebracht haben, und nun iſt's eine Baßſtimme von Mozart, während wir ein 44 Stück von Pleyel ſpielen!...— Ich glaubte, Sie ſprächen von Mozart.— Sie glaubten!„ man macht keine ſo unverantwortlichen Mißgriffe.— Nun, ich will das rechte Stück herbeiſchaffen.— Rein, nein, dies wäre vergebliche Mühe„es iſt bald elf Uhr wahrlich die rechte Zeit, um Muſikalien zu holen. An dieſen Streich werde ich denken.“ Vater Pattier entfernt ſich brummend; man ſchenkt ihm weiter keine Aufmerkſamkeit. Madame Vau⸗ vert ſchmält ihren Mann wegen ſeiner Dummheit, während die Bratſche, welche nicht ablaſſen will, beharrlich die Paſſagen und Glanzpunkte ihrer Partie einſtudirt. So eben war mein Nachbar Raimnnd mit ſei⸗ nem Lieblingsſtücke unter dem Arme angekommen. Ich bemerkte mehre neue Geſichter und ſuchte auch Madame Bertin und ihre Töchter, die ſich ſelten bei Herrn Vauvert zeigten, deſſen ſehr gemiſchte Geſellſchaft ihnen nicht recht behagte, als ein ver⸗ wirrtes Gemurmel die Ankunft einer neuen Perſon verkündigte. Ich blicke nach der Thüre des Salons. Eine große, ſehr elegante Dame wird von Vauvert ein⸗ geführt, der ihr die Hand gibt und deſſen ſchmutzige Fleidung, Tabaksnaſe und verlegene Miene merk⸗ würdig abſtechen gegen die Anmuth, Eleganz und die feinen Manieren der Dame, welche er in ſei⸗ nem Salon, wo die Stühle eben ſo ſelten ſind, als in Tivoli, zu placiren ſucht. 45 Ich bemerke indeß am Kamine einen Stuhl, auf welchem eine dicke Katze ſchläft. Ich werfe die Katze zu Boden und reiche den Stuhl der Fremden dar, die ihn mit Dank annimmt. Bei näherer Betrach⸗ tung erkenne ich in ihr die Dame, welche ich vor⸗ geftern Abend im Theater ſah und deren Wagen ich vergebens zu folgen ſuchte. Bald überzeuge ich mich vollkommen, daß ſie es iſt, indem ich am Ein⸗ gange des Salons den Herrn erblicke, der ſie be⸗ gleitete und den ich ebenfalls wieder erkenne. Wahrlich, der Samstag Abend wird in meinem Leben Epoche machen, da mich der Zufall alle Per⸗ ſonen, welche ich damals traf, wieder finden läßt. Ich bin Nicettens Freund, ich will der Freund Ca⸗ rolinens werden, und was dieſe Dame betrifft, deren Namen ich nicht einmal weiß, ſo iſt tauſend gegen eins zu wetten, daß wir genauere Bekannt⸗ ſchaft miteinander machen werden. Mein Nachbar Raimund, der keine Zeit vertert⸗ wo er Beifall zu ernten hofft, iſt bereits an das Klavier getreten und ſucht mit den Augen Jeman⸗ den, der ſeine Arie accompagniren könne. Herr Gripaille aber, welcher ſieht, daß man ſich nicht um ihn bekümmert und ihn Niemand zum Singen auffordert, ergreift ſchnell die Guitarre, ſetzt ſich mitten in den Salon und fängt an, ſich zu prv⸗ duziren. Der Geſang iſt immer Dasjenige, was bei einem Concerte am meiſten unterhält, beſonders einem Liebhaberconcerte, wo die Spieler der Inſtrumente 46 ſelten zahlreich oder muſikaliſch genug ſind, um Vergnügen zu gewähren. Ein Quartett ergötzt nur die, welche es ausführen; eine Sonate auf dem Piano macht gähnen; die Variationen für die Harfe ſind immer um die Hälfte zu lang, und die Guitarre⸗Stücke können nach den übrigen In⸗ irumenten keine Wirkung mehr hervorbringen. Da⸗ her lauſchen die Zuhörer nur dem Geſange, und eine ſchöne Stimme ermüdet weder die Aufmerk⸗ ſamkeit noch die Ohren⸗ Gripaille jedoch hat keine ſchöne Stimme; im Gegentheil, ſie iſt ein fortwährendes Gemiſch von Falſettönen, Grillern und Sprüngen vom Liefen zum Hohen, wozu als Begleitung ein Gebrumme kommt, das er vermittelſt ſeines Daumens auf dem tiefen E der Guitarre hervorbringt, während er, um ſich Grazie zu geben, den Kopf hin⸗ und herwiegt. Indeß find ſeine Melodien manchmal angenehm, der LText unterhaltend, und dies kann für einen Augenblick gefallen. Aber er ſingt uns unaufhörlich dieſelben Stücke vor, wir wiſſen ſie auswendig, und wenn er die Guitarre in der Hand hält, ſo gibt es kein Mittel, ihn zum Niederlegen derſelben zu bringen. Nach der Romanze kommt ein Rondo⸗ nach dem Rondo eine kleine Poſſe, nach dieſer eine andere Romanze und ſofort. Ich langweile mich nicht, denn ich plaudere mit der fremden Dame, die über Alles, was ſie ſieht, ſehr erſtaunt und zugleich erfreut ſcheint, mich hier 47 zu treffen; denn ſie hat mich wieder erkannt, und wie ich ſehe., iſt meine Gegenwart ihr keineswegs unangenehm. Aber ich höre hinter mir meinen Nachbar Rai⸗ mund und den Herrn mit der Brille ſich darüber ärgern, daß Gripaille nicht aufhört zu ſingen.„Das iſt abſcheulich!. peinlich!. zum Einſchlafen! ſagt Raimund.„O, wenn er einmal ſeine Guitarre hat, ſo ſind wir verloren! Er fingt dann ohne Unterbrechung fort.— Und er will noch, man ſolle kein Geräuſch machen, nicht ſprechen. Stl ſehen Sie, wie zornig er nach unſerer Seite blickt, weil wir miteinander ſchwatzen.— Meinetwegen; vas iſt doch zu arg Lieder, die er uns ſchon zwan⸗ zigmal vorgeſungen hat!— Er ſagt, ſie ſeien von ihm, aber er lügt, ich habe ſie unter einem ande⸗ ren Namen geſtochen geſehen!— Man ſollte dieſem Menſchen den Eintritt in einen Salon ver⸗ bieten.— Ja wahrlich; wir wollen Vauvert rufen, damit er ihn ſchweigen heiße.— Er wird es nicht wagen.— Warten Sie, man muß eine Dame an das Pianv führen, dann wird er vielleicht das Feld räumen.“ Somit laufen dieſe Herren zu Vauvert, der nicht mehr weiß, wo ihm der Kopf ſteht, noch wie er ſeinen Freund Gripaille bitten ſoll, die Geſell⸗ ſchaft nimmer zu unterhalten. Endlich erklärt ſich eine große und dicke Demoi⸗ ſelle zum Singen bereit; auch der junge Martin kommt, um zu accompagniren: man führt Beide 48 ans Klavier. Indeß ſtellt ſich Gripaille, als be⸗ merke er nichts von Allem, was vorgeht, und prä⸗ ludirt zu ſeiner ſechsten Poſſe; aber der Lärmen im Speiſezimmer, wo ein Theil der jungen Leute ſich verſammelt, die in dem Salon keinen Platz mehr finden, nöthigt den Guitarreſpieler, die Par⸗ tie aufzugeben. Trotz der kleinen, obligaten Bei⸗ fallsbezeugungen ſleht er ſehr übel gelaunt auf und ſetzt ſich in Ermanglung von etwas Beſſerem vor die kleine Alte, die während ſeines Geſanges in Verzückung, in dem höchſten Himmel geweſen war. „Komm,“ ſagt ſie zu Gripoille, ſobald er neben ihr ſitzt„komm, laß Dich umarmen!... Du haſt mich hingeriſſen... bezaubert ja bezaubert! Ich will Dir dafür lohnen.“ Der arme Guitarreſpieler muß auch dieſe Prü⸗ fung beſtehen; er umarmt die Alte mit ziemlich viel Anſtand; die Bewunderer ſind ſelten und man muß ſie deßhalb theuer bezahlen. Jetzt bemerkt mich mein Nachbar; er kommt mit dargebotener Hand auf mich zu, bleibt aber vor meiner unbekannten Dame ſtehen, der er eine tiefe Verbeugung macht. Dieſer verteufelte Raimund kennt die ganze Welt. Hören wir ein wenig zu: „Was ſehe ich?... Frau von Marſan! welcher Zufall! wahrhaftig ein Glück, das ich nicht erwar⸗ tete! Wer hat uns denn dieſe angenehme Ueber⸗ raſchung bereitet?— Herr von Warſan ſieht manch⸗ mal Herrn Vauvert in den Bureaux des Miniſte⸗ riums; dieſer ladet ihn ſeit langer Zeit immer zu 49 ſeinen Concerten ein, und heute haben wir uns nun dazu entſchloſſen; aber ich geſtehe(ſagt ſie, gegen mich gewendet), daß ich auf Alles, was hier vorgeht, nicht gefaßt war.— Wir wollen verſuchen, Madame, Ihnen ſo viel Unterhaltung zu verſchaf⸗ fen, daß Sie dieſen Abend nicht bereuen werden.“ Hierauf läuft mein Nachbar an das Klavier, ohne Zweifel, um ſich den Platz nach der großen Demviſelle zu ſichern; aber der kleine Bausback iſt ihm zuvorgekommen, und wir werden wohl der „Prinzeſſin von Navarra“ nicht entgehen können. Während jene Demviſelle die Arie aus Mon⸗ tano und Stephanie fingt, trete ich einem Mäd⸗ chen, das vergebens einen Flatz ſuchte, meinen Stuhl ab und ſchöpfe friſche Luft im Vorzimmer, wohin ſich ein großer Theil der jungen Leute flüch⸗ tet, welche das ſchneidende Kreiſchen der Sängerin aus dem Salon vertrieb. In dieſem Angenblicke wird geklingelt; Vauvert öffnet und der kleine Fri⸗ quet erſcheint. Ich erwarte eine Scene zwiſchen dem Onkel und Reffen und bleibe deßhalb ſtehen. „Woher kommſt Du, Kerl?“ ruft Vauvert, in⸗ dem er eine wichtige Miene zu machen ſucht.— „Mein lieber Onkel, ich komme von meiner Schreib⸗ ſtube.— Von Deiner Schreibſtube, Nachts um elf Uhr!— Ja, mein lieber Onkel.— Du wirſt mir doch hoffentlich nicht zumuthen, ſo Etwas zu glauben!— Warum denn nicht, mein lieber Onkel? — Weil ich weiß, daß Du jeden Abend um neun Paul de Kock. XC17. 4 50 Uhr nach Hauſe gehen darfſt.— Mein lieber Onkel, der Aſſiſtent hat mir Commiſſionen übertragen, deß⸗ halb bin ich ſpäter gekommen.— Commiſſion!.. Ich weiß, wie Du ſie beſorgſt; ich höre ſaubere Geſchichten, Du Schlingel.— Vor Allem, mein lieber Onkel, bin ich kein Schlingel.— Dein Aſſi⸗ ſtent hat mir geſagt, Du ſeieſt vorgeſtern früh, während man auf der Kanzlei eine ſehr preſſante Akte, womit man Dich zur Unterzeichnung fortge⸗ ſchickt hatte, erwartete, ruhig unter dem Pont des Arts geſeſſen und habeſt Fiſche geangelt!— Ich! mein lieber Onkel⸗ ich! ha, welche Lüge! — Er wagt es noch zu läugnen, während ich doch die Beweiſe habe.— Die Beweiſe! und wo ſind ſie?— Wo? da, Musje Friquet, da iſt ein Paket Angeln, das ich in Deiner Rocktaſche fand. He! was ſagſt Du dazu?— Mein lieber Onkel, dies beweist nichts. nicht für mich habe ich dieſe Angeln gekauft.— Für wen ſonſt?— Für meinen Bruder, der Sonntags im Kanal de Ourg ſiſchen will.— Du biſt der abgefeimteſte Lügner, den ich Lenne. Ich wette, Du haſt eine Contre⸗Marke ge⸗ kauft und das Ende eines Melodrama's geſehen⸗ — Mein lieber Onkel, Sie wiſſen ja, daß ich kein Geld habe.— O, für das Theater und Leckereien fehlt es Dir niemals daran. Schenke nun zu zrinken ein und präſentire dieſen Damen da die Gläſer.“ „So iſts!“ ſagt der kleine Neffe und entfernt ſich höchſt übelgelaunt;„kaum nach Hauſe gekommen⸗ muß ich ſchon den Bedienten meines Onkels machen; ſie ſollen ſich einen Neger halten.. So ſchickt mich auch meine Tante jeden Morgen aus, um irgend einen Leckerbiſſen für ihre Katze, ſowie Milch und Kohlen zu holen.— Du räſonnirſt, glaube ich,“ ſagt Madame Vauvert, indem ſie auf Friquet zugeht und ihn in den Arm kneift;„da, dies iſt für Dein Brummen.— O weh! mich ſo zu knei⸗ fen! Das iſt nicht ſchön, Tante. Gewiß werde ich acht Tage lang ein Mal davon haben.— Um ſo beſſer!“ „Mein Gottl wie oabſcheulich ſie iſt!“ ſagt Friquet ganz leiſe und zieht zu ſeinem Troſte einen Fladen aus der Taſche, den er auf drei Biſſen ver⸗ ſchlingt. Doch das Geſchrei hat aufgehört, die große Demvoiſelle ſingt nicht mehr. Der kleine Bausback ſitzt an ihrer Stelle; er beharrt darauf, ſeine Arie aus Johann von Paris zu ſingen, und man muß dieſelbe ſchon hinnehmen. Während er aber Töne herauszuwinden ſucht und bei jedem Ritor⸗ nelle huſtet, damit man glauben ſolle, er habe einen Katarrh, ſehe ich die übrigen Sänger ein⸗ ander anblicken, bedeutungsvolle Zeichen machen, gähnen und ſich in die Lippen beißen. Wahrlich, die Dilettanten ſind viel bösartiger als die Künſt⸗ ler, und gerade die, welche am meiſten der Nach⸗ ſicht bedürfen, find jederzeit bereit, über die Ande⸗ ren herzufallen. Man glaubt ſeine eigene Mittel⸗ mäßigkeit zu verdecken, wenn man auf die geringen 52 Kräfte ſeines Rachbars hindeutet; die Selbſiſucht, die uns gegen unſere eigenen Fehler blind macht, läßt uns mit Heißgier die Fehler Anderer aufſuchen, gerade als wenn man dadurch Etwas gewänne! Welche Thorheit! Weil Herr N. N. falſch fingt, haben wir deßhalb eine hübſchere Stimme? Weil dieſer ſchlecht geigt, werden wir denn um ſo beſſer Klavier ſpielen? Weil Jener häßlich, mißgeſtaltet und lächerlich iſt, werdet ihr dadurch ſchöner, wohl⸗ geſtalteter und liebenswürdiger? Nein, gewiß nichtz aber es gewährt immer Beruhigung, Leute zu ſehen, über die man ſich luſtig machen kann, und die uns von der Natur noch minder begabt vorkommen, als wir ſelbſt. Roquelaure z. B. warf ſich freudig einem Menſchen um den Hals, deſſen Häßlichkeit ſeine eigene noch überbot.— Ei, mein Herr, das iſt etwas Anderes. Roquelaure entſagte der Eigen⸗ liebe, er wußte, was er war; aber Sie würden an ſeiner Stelle Denjenigen, welchen er umarmte, verſpottet und, vor den Spiegel tretend, ſich ſelbſt für ſchön gehalten haben. Die Prinzeſſin von Navarra iſt geſungen. Stolz ſchreitet der kleine Bausback durch den Sa⸗ lon, um Lorbeeren zu ſammeln ſelbſt von Denen⸗ die er ſo eben noch als Ignoranten in der Muſik bezeichnet hat; der Beifall macht ja immer Freude. neberall ſagt man ihm, er habe recht hübſch ge⸗ ſungen; natürlich, wir leben in einem policirten Zuſtande, das heißt wir dürfen nicht freimüthig ſein. Ich allein erlaube mir, ihm zu bemerken⸗ 53 er ſcheine an einem Katarrh zu leiden, worüber er roth wird wie ein Hahn; ich ſehe ſeine Naſe nicht mehr. „Allerdings,“ erwidert mir der Bausback envlich; „ich habe einem bedeutenden Katarrh; dies genirte mich gewaltig.— Weßhalb haben Sie denn geſun⸗ gen?— Ach, man hat mich ſo dringend darum gebeten!“ Und doch ſah ich ihn mit Raimund um den Platz ſtreiten. Wie thöricht ſind die Menſchen! Aber ſtille! mein Nachbar will ſingen; dies verdient Beachtung. Nein, zwei Herren find ihm zuvorgekommen; mir ſcheint, ſie ſingen ein italieniſches Duett; mir ſcheint, ſage ich; denn von ihrem Kauderwälſch, das ſie vor dem Klavier ableiern, kann ich gar nichts verſtehen; der Eine ſchaukelt mit dem Kopfe, um den Takt anzugeben, gerade wie ein Bär hinter den Eiſenſtangen ſeines Käfigs geſtikulirt; der An⸗ dere, welcher ohne Zweifel ein äußerſt kurzes Ge⸗ ſicht hat, hält die Naſe hart auf das Notenheſt. Der junge Mann, welcher auf dem Klavier accom⸗ pagnirt, ſucht vergebens eine Harmonie unter den beiden Sängern herzuſtellen. Es iſt rein unmöglich. —„Sie bleiben zurück,“ ſagt der Eine.—„Dies kommt daher, weil ich eine Linie überhüpft habe. Fahren Sie doch fort.— Es geht zu raſch; Sie drängen mich, ich habe das Stück noch nie geſehen, und Italieniſch vom Blatt weg zu fingen iſt ver⸗ teufelt ſchwer.“ Ich weiß gewiß, daß dieſer Herr ſeine Partie 54 ſchon ſeit vierzehn Tagen ſtudirt hat. Trotz ihrer Anſtrengungen müſſen ſie aber in der Mitte des Duetts aufhören. „Wir werden es das nächſte Mal fingen,“ ſagt Herr Chamonie;„dann find wir beſſer eingeübt; das Stück verlangt Studium; dieſer Roſſini iſt ſehr chromatiſch.“* „Allerdings,“ ſagt Vauvert, ſeine Naſe mit Tabak voll ſtopfend, wovon die Hälfte auf ſeine Hemdkrauſe fällt.„Schade, daß Sie es nicht zu Ende brachtenz es gefiel mir recht gut.— Wir wollen es noch einmal im Theater hören.“ Halblaut gab Gripaille ſein Entzücken über das Mißgeſchick der beiden Herren zu erkennen.„Ich liebe das Italieniſche nicht,“ ſagt Madame Vau⸗ vert; die vielen tſchi und tſcha machen einen höchſt unangenehmen Eindruck auf mich.— Ach! Madame, welche Läſterung, Roſſini nicht zu lieben!“ „Was iſt denn Roſſini, mein lieber Onkel!“ fragt jetzt der kleine Schreiber, der ſich unterdeſſen in den Salon geſchlichen hatte; ich glaube dieſen Namen ſchon einmal in dem Quixote geleſen zu haben.— Der Einfaltspinſel! verwechſelt Roſi⸗ nante mit Roſſini! Schwänke die Gläſer aus, Tauge⸗ nichts und miſche Dich nicht mehr in die Unter⸗ haltung.“ Endlich ſitzt mein Nachbar am Klavier und reißt ſeinen Mund ſchrecklich weit auf, um uns zu ſagen, daß er lange ſchon die Velt durchzog. Aber in dieſem Augenblicke hört man die Töne einer 05 Baßgeige und Vauvert ſtellt ein Pult mitten in den Salon?. „Was machen Sie denn da?“ ſagt Raimund, ſich unterbrechend;„Sie ſehen doch, daß ich ſinge.— Frau von Witcheritche will ihr Baßſolo ſpielen.— Meinetwegen, aber zuerſt will ich ſingen; Frau Witcheritche kann nachher ſpielen.— Nein, ſie will jetzt ſpielen, weil es ſchon ſpät iſt.“ Und ohne den brummenden Raimund, der vor Zorn den Leuchter auf den Reſonanzboden fallen läßt, weiter zu beachten, ſtellt Vauvert ſein Pult feſt und holt ſodann die deutſche Virtuoſin, welche ich bisher noch nicht bemerkt habe. Es iſt eine ſehr ſchöne, wohlgeſtaltete, blonde und anmuthsvolle Frau. Mit erſtaunlicher Gewandt⸗ heit hält ſie ihre Baßgeige zwiſchen den Knieen und ſcheint keineswegs ſchüchtern zu ſein; ſie ſpielt mit Leichtigkeit und Geſchmack, und ich ſehe an den langen Geſichtern der Quartettliebhaber, daß ſie bei einer Dame kein Talent erwarteten, welches das ihrige in Schatten ſiellen ſollte. In meine Ohren dringt eine Stimme, welche unaufhörlich wiederholt:„Gut, gut, gut leicht ſtreichen.. den Bogen feſt.. Leicht ſtreichen!“ Ich drehe mich um und bemerke ein ganz ge⸗ meines Geſicht, welches abwechſelnd die Virtuoſin und die Geſellſchaft anblickt, Grimaſſen als Bei⸗ fallszeichen ſchneidet und mit ſeinen rollenden Au⸗ gen mich an Brunet in Pésespoir de Jocrisse er⸗ innert. Der Inhaber dieſer ſeltſamen Phyſiognomie 56 iſt ein großer Mann in grünem abgetragenen Ge⸗ wande, deſſen gemeine Haltung durch ſeine hoch⸗ müthigen Manieren noch lächerlicher wird. „Was iſt dies für ein Mann?“ frage ich einen Nachbar.„Es iſt der Gemahl jener Dame, welche die Baßgeige ſpielt.— Wie! ein ſo widerliches Geſicht darf ſich jenem hübſchen Kopfe nähern!.. wie Schade! Es kommt mir vor, wie ein Satyr neben einer Hebe.— Die Dame ſcheint ihren Ge⸗ mahl zu lieben.— Man ſieht wohl, daß ſie eine Ausländerin iſt! Und was treibt dieſer Gemahl? — Richts; er iſt ein Baron.— Ein Baron! das hätte ich nie gedacht; er hat ja ganz das Ausſehen eines Schuſters. Aber in Deutſchland iſt Jedermann ein Baron, wie in Rußland alle Soldaten Kreuze haben. Daraus läßt ſich kein Schluß ziehen.“ Der Herr Baron von Witcheritche, der mit ſeinen rollenden Augen ohne Zweifel bemerkt hatte, daß ich ihn anblickte, kommt, ſobald ſeine Frau aufhört, lächelnd auf mich zu, um ein Geſpräch anzuknüpfen. Ich habe die Bemerkung gemacht, daß die Deutſchen, wenn ſie reden, viel lächeln. Schade, daß man den Leuten nicht ins Geſicht lachen kann, denn der Herr Baron von Witcheritche hat eine ſehr komiſche Miene, beſonders, wenn er den Ange⸗ nehmen ſpielt. Wir wollen ſehen, was er will. „Ich wette, der Herr iſt auch ein Dilettant auf der Baßgeige. Der Herr ſpielt vielleicht ſehr gut? — Ich, mein Herr? Sie täuſchen ſich: ich ſpiele die Baßgeige nicht.— O, Sie wollen es nur nicht 57 ſagen; ich leſe ſogleich die geheimſten Gedanken der Menſchen aus ihren Geſichtern.— Der Tauſend, da ſind Sie ſehr glücklich, Herr Baron von Wit⸗ cheritche!— Ich habe das menſchliche Herz ſtudirt und verſtehe mich vollkommen auf die Phyſiognomik. — Wie meinen Sie, Herr Baron?— Ich ſage, daß ich mich in der Phyſiognomik auskenne.— Ich begreife nichts von Allem!— In der Pſpſiognomik. — Ah! Phyſiognomie, wollen Sie ſagen„ Der Herr Baron entfernt ſich jetzt, ohne zu lächeln. Das beſte Mittel, einen Fremden los zu werden, iſt, wenn man ſich ſtellt, als verſtehe man ihn nicht. Aber mein kleines Zweigeſpräch mit Herrn von Witcheritche hat mich die Romanze Crachini's über⸗ hören laſſen; dies ärgert mich nicht wenig; er be⸗ gleitet immer ſeinen Geſang mit einer Pantomime, welche das Verdienſt deſſelben ums Doppelte er⸗ höht. Während andere Liebhaber ſich hören laſſen, ſpähe ich nach Raimund; denn da ich noch keinen Platz neben der Frau von Marſan finden konnte, ſo wäre es mir eben nicht unangenehm, nähere Aufſchlüſſe über ſie zu erhalten und dieſe kann mir Niemand geben, als mein Nachbar. Er iſt nicht im Salon. Ich gehe in das kleine Gemach; mein Eintritt unterbricht ein ſehr leb⸗ haftes Geflüſter zwiſchen Vauvert und einer blonden Dame, welche ſich ſeit einer Stunde in dem Speiſe⸗ ſaal befindet, um unter einer Menge von Hüten, Tüchern und Shawls, welche auf dem Bette der 58 Gatten durch einander liegen, ihren eigenen Shawl zu ſuchen. „Wollen Sie uns ſchon verlaſſen?“ fragt Vau⸗ vert mit zärtlicher Stimme und blickt zugleich hinter ſich, ob ſeine Frau nicht komme.—„Ja, es iſt ſpät; ich muß nach Hauſe.— Mein Neffe ſoll ſie heimbegleiten. Friquet! Friquet!“ Friquet kommt und flucht zwiſchen den Zähnen⸗ weil er die blonde Dame heimbegleiten muß. Zwei Stunden lang ſucht er ſeinen Hut, unter fortwäh⸗ renden Aeußerungen ſeines Unmuthes, daß er Je⸗ dermann heimbegleiten und noch ſo ſpät ausgehen müſſe. Sein Onkel nimmt ihn an den Ohren. Ich ſuche Raimund, der verdrießlich ſich an ein Fenſter des Speiſeſaals geſtellt hat. „Singen Sie denn nicht, Herr Nachbar?“— Kann man denn hier Etwas thun? ich frage Sie! Welche Unordnung! welches Gewühl. Man kennt ſich ſelbſt nicht mehr. Hundertmal habe ich Ju Vau⸗ vert geſagt, er ſolle ein Programm verfaſſen und es an dem Spiegel aufſtecken, dann würde Alles der Ordnung gemäß gehen. Aber nein! er hört auf nichts ſondern kneipt lieber die Mädchen, welche in einem Winkel ſtehen, in die Kniee u. ſ. w. anſtatt ſich mit ſeinem Concerte zu beſchäftigen.— Allerdings ſollte mehr Ordnung herrſchen.— Uns ein Baßconcert aufſpielen laſſen, welches kein Ende nimmt und unſere Ohren martert! Zudem iſt, Sie mögen ſagen, was Sie wollen, eine Frau, welche die Baßgeige ſpielt, jedenfalls höchſt lächerlich. Es 59 macht den gleichen Eindruck auf mich, wie wenn ein Mann Strümpfe ſtopft; und die Frau Baronin thäte beſſer, die ihrigen zu ſtopfen, als Staccati und Arpeggine zu machen.— Wie? Eine Baronin ſollte Strümpfe ſtopfen!— Ah! gehen Sie doch; das mag mir ein wackerer Baron ſein... Neulich habe ich ihn auf dem Boulevard du Temple für einen Sou Aepfel kaufen ſehen... und er marktete noch!.. Zum Mittageſſen kaufte er eine Wurſt; und es hat mir Jemand, der ihn beſuchte, geſagt, man erhalte bei ihm als Erfriſchung Johannes⸗ beeren. Doch dieſer Vauvert iſt einzig! Er will uns weiß machen, daß er Fürſten bei ſich empfange!.. Geſandte vielleicht!... während ſein Haus eine wahre Noahsarche iſt.— Apropos, Sie kennen, wie mir ſcheint, Madame von Marſan?— Ma⸗ dame von Marſan? Ja, gewiß! Ich beſuche ihre Reunionen Es iſt eine ſchöne, kokette Frau, wie Sie ſehen werden; aber ſie beſitzt Geiſt, Anſtand und Gewandtheit; ſie gibt ſich für eine Achtundzwanzig⸗ jährige aus, obwohl ſie immerhin ihre zweiund⸗ dreißig auf dem Rücken hat. Man weiß mehre Lieb⸗ ſchaften von ihr; da ſie ſich aber nicht bloß ſtellt und das Decorum beobachtet, ſo hat das nichts zu ſagen; die Sitten gehen über Alles. Ihr Ge⸗ mahl iſt ein ziemlich guter Kerl, freilich, wie es heißt, auf ſeine Intereſſen ſehr erpicht. Der Mann macht Geſchäfte, aber nicht wie jene Unglücklichen, die vierzehn Tage lang umherrennen, um einen Schuldſchein abzuſetzen, der ihnen höchſtens ſieben 60 bis acht Franken einträgt oder die ganz geheimniß⸗ voll Häuſer feilbieten, die man in dem pelites-af- ſiches angezeigt findet; Herr von Marſan verſteht ſeinen Vortheil beſſer und gewinnt viel Geld. Ober⸗ halb St. Denis beſitzt er ein prächtiges Landhaus, in welchem ſeine Frau ein allerliebſtes kleines Theater einrichten ließ. Ich ſelbſt werde nächſtens dort ſpie⸗ len; es iſt eine ausgezeichnete Bekanntſchaft; man amüfirt ſich köſtlich. Ich habe bereits zweimal da⸗ ſelbſt einen Beſuch abgeſtattet und weiß, daß ſie viel auf mich halten. Wenn Sie wollen, mein lieber Freund, ſo will ich Sie hinführen; von mir vor⸗ geſtellt, werden Sie gut aufgenommen werden.— Ich danke Ihnen; aber, wie Sie wiſſen, laſſe ich mich nicht gerne vorßtellen. Raimund verläßt mich, um ans Klavier zurück⸗ zukehren; er hat noch immer Hoffnung, ſeine Arte an den Mann zu bringen. Da ich nun über Frau von Marſan Alles weiß, was ich wünſchte, ſo kehre ich wieder in den Salon zurück. Mit Grund darf ich annehmen, daß dieſe Dame ſich auch nach mir erkundigen wird und Raimunds Schilderung wird mir in ihren Augen nichts benehmen, denn mein Nachbar gehört zu jener Gattung von Leuten, welche ſich ſtets die rühmlichſten Bekanntſchaften beilegen. Sicherlich wird er mich für ſehr reich ausgeben, ja mich von einer der älteſten Familien Frankreichs ab⸗ ſtammen laſſen u. ſ. f. Er kann indeß auch zu Frau von Marſan ſagen, ich ſei leichtfinnig, unbeſtändig 61 und lüge gerne— lauter Fehler, die mir bei Damen noch nie geſchadet haben. So eben hat man ein Stück auf der Harfe aus⸗ geführt; die Perſon, welche ſpielte, hat ſich nur dreimal geirrt, nur zweimal von vorn angefangen und nur vier Saiten zerriſſen. Darüber dürfen wir uns nicht beklagen. Raimund hat Frau von Marſan verlaſſen, um einen Accompagnateur zu ſuchen und droht, wenn er Keinen findet, ſich ſelbſt zu accompagniren. Nach vielem Spähen, Drängen und Bitten führt er end⸗ lich den jungen Martin ans Klavier, huſtet und räuſpert ſich, ſtellt die Lichter anders, läßt die Fenſter ſchließen und wirft ſich in Poſitur, um ganz das Ausſehen Joconde's zu haben.. Aber plötzlich ent⸗ ſteht ein dumpfes Gemurmel; die jungen Herren laufen zu Herrn Vauvert, und die jungen Damen umgeben ſeine Frau; man hat ihnen einen Contre⸗ tanz verſprochen; es iſt beinahe ſchon Mitternacht, und wenn man noch länger zögert, ſo wird nichts aus dem Tanze. Endlich geben die beiden Gatten den Bitten der Jugend nach.„Man tanzt!“ ruft Herr Vauvert, wie ein Thürſteher des Palais rufen würde;„Ruhe, wenns gefällig iſt.“ Jetzt rührt ſich auf einmal Alles im Salon. Die jungen Herrn fordern die Damen auf. Man ſchafft die Stühle bei Seite, um FPlatz zu gewinnen und bittet diejenigen, welche nicht tanzen, ſich in eine Ecke zu ſchmiegen. Raimund iſt mit offenem Munde vor dem Kla⸗ 62 viere ſtehen geblieben; er glaubt ſich zu irren und kann kaum begreifen, was er ſieht; gewiß wollte er gerade ſeine Arie anſtimmen. aber ſtatt eines Ritornells aus Joconde, ſpielt der junge Martin einen Tanz. Dieſen letzten Streich kann mein Nach⸗ bar nicht verdauen; mit vor Wuth zitternder Hand nimmt er ſein Notenheft untex den Arm und ſchreitet wie ein Raſender durch den Reigen der Tänzer, unbekümmert um die Fußtritte, welche er überall erhielt.„Herr Raimund geht grollend fort,“ ſagt lächelnd zu Madame Vauvert, eine a la Ninon cvif⸗ ſirte Dame, deren aufgelöste Haare aber in langen Flechten herumflattern, obwohl ſie die Vorſicht ge⸗ braucht, ihre Papilloten erſt auf der Treppe aus⸗ zuziehen.„O das iſt mir gleichgültig,“ erwidert Madame Vauvert;„er langweilt uns doch immer mit ſeinen Arien und Verſen, die er uns vorleſen will: es iſt ſtets daſſelbe.“ In dieſem Augenblicke erſcheint Raimund, den ich bereits ferne glaubte, wieder an der Thüre des Salons und ruft mit ungeduldiger Miene:„Meinen Hut, Madame Vauvert, ich will meinen Hut; wo iſt er? Es iſt doch ſchrecklich, daß man in Ihrem Hauſe niemals ſeine Sachen wieder finden kann.— Ei der Tauſend! er wird nicht verloren ſein, Ihr Hut.„Ach, mein Gott! und meine Katze iſt auch nimmer da Ich hatte ſie auf einen Stuhl am Kamine geſetzt. warum hat man ſie geſtört! die arme Moumoute! Die Thüre des Vorſaales wird ſo oft geöffnet, ſie iſt gewiß hinausgegangen und 63 man wird ſie mir ſtehlen.. Moumoute! Mou⸗ moute! ℳ Man fährt fort zu tanzen, ohne die Klagen der Madame Vauvert oder die Reklamationen Raimunds zu beachten; die Tanzenden wollen ſich durch ein kurzes Vergnügen für mehre langweilige Stunden entſchädigen, und die, welche fürchten, daß die Reihe nicht an ſfie kommen möchte, ſchieben, wäh⸗ rend Herr Vauvert ihnen den Rücken kehrt und ſeine Frau ihre Katze ſucht, den Zeiger an der Uhr zurück. Ich habe Frau von Marſan zum Tanze aufge⸗ fordert und nach vielen Umſtänden hat ſie einge⸗ willigt.„Welch' merkwürdiges Haus!“ ſagt ſie zu mir.„Ich finde es entzückend, weil ich Sie hier getroffen habe.— Da Sie mich aber wahrſcheinlich nicht mehr hier treffen werden und ich Sie doch wieder ſehen möchte, ſo hoffe ich, mein Herr, Sie werden mir das Vergnügen machen, auch in meinem Hauſe ein wenig Muſik anzuhören.“ Ich nehme natürlich an, und nach dem Contre⸗ tanze ſtreiche ich um den Gemahl herum und knüpfe ein Geſpräch mit demſelben an. Ich rede mit ihm von Spekulationen, Häuſern, Schlöſſern und Bör⸗ ſenangelegenheiten; ohne Affektation nenne ich ihm auch meinen Namen, ſpreche von meiner Familie und meinem Vermögen. In jedem anderen Hauſe würde ich nicht ſo handeln; aber in einer gemiſch⸗ ten Reunion mag ich mich nicht gerne in eine Klaſſe mit vielleicht ſehr achtungswerthen Leuten ſtellen laſſen, die jedoch nichts weiter ſind als das, und viele Menſchen legen auf ein ſolches Prädikat kein großes Gewicht. Ich wette, daß Herr von Marſan mich ſehr liebenswürdig findet; es iſt ſo leicht, die Leute bei ihrer ſchwachen Seite zu faſſen, voraus⸗ geſetzt, daß ſie eine haben. Wenn junge Frauenzimmer ins Tanzen gerathen, ſo geht es ihnen wie den Dichtern, die ihre Verſe vorleſen: ſie können gar nimmer aufhören. Indeß hat Madame Vauvert, welche den Lärmen zu arg findet und den Hausbeſitzer zu erzürnen fürchtet, ſchon mehrmals geſagt:„dies iſt der letzte Tanz;“ aber der letzte nimmt kein Ende. Friquet, der ſo eben ſehr erbittert, daß er eine Dame heimbegleiten mußte, zurückgekommen iſt, ſchleicht ſich hinter die Tänzer, blickt nach der Uhr und ſagt ſeinem Onkel, man habe den Zeiger, welcher erſt Mitternacht zeigt, während es ſchon Eins iſt, zurückgeſchoben. Vauvert zieht ſeine Taſchenuhr zu Rath, findet, daß ſein Neffe Recht hat und denkt, jetzt gelte es, als Mann von Charakter aufzutreten, und es zieme ſeiner Würde, augenblicklich die Geſellſchaft vor die Thüre zu ſetzen. Sogleich löſcht er die an den vier Ecken des Salons angebrachten Lampen aus; es ſind nur noch einige Kerzen übrig, und ein paar junge Her⸗ ren ſchicken ſich an, auch dieſe auszulöſchen, um die Scene noch drolliger zu machen, als Vauvert ſich derſelben bemächtigt und die Geſellſchaft folgen⸗ 6⁵ dermaßen anredet:„Ich habe bereits geſagt, es ſei Zeit, nach Hauſe zu gehen; meine Gemahlin iſt unwohl und ich muß nur ſtaunen, daß man gegen unſeren Willen zu tanzen fortfährt.“ Auf eine ſo höfliche Rede lacht Alles und man läuft in den Speiſeſaal, um ſich zum Abzuge zu rüſten. Aber hier erreicht die Verwirrung und Un⸗ ordnung erſt ihren Glanzpunkt. Die Damen fragen nach ihren Shawls, Hüten. Tüchern und Schuhen; die Sänger fordern ihre Notenhefte, Andere ihre Inftrumente; man vergreift ſich, man findet ſeine Sachen nimmer; die jungen Herren machen ſich an die Damen, unter dem Vorwande, ihnen behülflich zu ſein, eigentlich aber, weil die Augenblicke eines Gedränges den Liebenden und Liebhabern am gün⸗ ſtigſten ſind. Der Eine knüpft ein Band, der An⸗ dere hält den Fuß beim Anziehen der Schuhe. Mitten in dieſem Gewühle rufen die Mama's nach ihren Töchtern, die Männer nach ihren Frauen, die Brüder nach ihren Schweſtern. Aber dieſe Damen haben etwas Anderes zu thun, als zu antworten. Man flüſtert, man drückt ſich die Hände, man ver⸗ abredet Rendez⸗vous, man arrangirt andere Par⸗ tien, und der Augenblick des Weggehens gehört nicht gerade zu den am wenigſten amüſanten. Um der Frau von Marſan die Mühe, in dieſem Gedränge ihren Shawl zu ſuchen, zu erſparen, be⸗ gebe ich mich in das Schlafzimmer und gelange nicht ohne Mühe bis zu dem Bette, auf welchem die Tücher und Hüte liegen. Während meine Hand Paul de Kock. XcCR. 5 66 einen Shawl ſucht, begegnet ſie runden und ziem⸗ rich feſten Formen, die ich nicht ſuchte, die ich aber ſowohl aus Gewohnheit, als auch weil ich mit einer mir ſehr befreundeten Dame zu thun zu haben glaube, liebkoſe. Die Dame jedoch, welche ſich über das Bett hinbeugte und von der ich nur den Rücken ſah, dreht ſich raſch um. O Schrecken! Es iſt nicht die, welche ich meinte. Ich will mich ent⸗ ſchuldigen, aber man erwidert mir mit dem zärt⸗ lichen, anmuthsvollen Lächeln, welches mich zu neuen Verſuchen einzuladen ſcheint. Meiner Treu, ſo Etwas hätte ich nicht erwartet von Seiten dieſer Dame, welche im Salon die Spröde, Pretiöſe, ja ſogar die Strenge ſpielt. Da gehe man auf den Schein! Ich habe ſchon oft geſagt, ich werde mich nimmer täuſchen laſſen, und dennoch geſchieht es im⸗ mer wieder. Endlich hat Jedermann gefunden, was er ſuchte. Schon lange ſteht Friquet, der ſich nach dem Bette ſehnt, mit der Kerze in der Hand auf dem Vorſaal, um uns zu leuchten. Der Herr und die Frau vom Hauſe haben ihren Wunſch deutlich genug zu er⸗ kennen gegeben, deßhalb ſetzt man ſich in Marſch.* Es iſt eine kleine Prozeſſion; man ergreift die Hand Derjenigen, die man bevorzugt, und ſteigt, über die Soirée lachend, die Treppe hinab. Die jungen Herren machen einen großen Lärmen, weil Vauvert ihnen der Nachbarn wegen die größte Stille anempfohlen hat. Endlich ſtößt im zwei⸗ ten Stocke ein junger Mann Friquets Leuchter 67 um und wir befinden uns in der dichteſten Fin⸗ ſterniß. Nun entſteht ein noch ßärkeres Gelächter; die Mama's ſchimpfen über den Urheber dieſes Strei⸗ ches, die andern Damen thun deßgleichen, aber ich darf mit Grund annehmen, daß viele keineswegs böſe darüber ſind.„Der Dummkopf macht es immer ſo,“ ruft Vauvert ſeinem Neffen von der Treppe herunter zu.—„Mein lieber Onkel, ich bin un⸗ ſchuldig,“ erwidert der kleine Schreiber;„man hat mir meinen Leuchter abſichtlich umgeworfen.— Ich begreife nicht, was es für ein Vergnügen gewähren kann, wenn man die Leute der Gefahr, zu fallen oder ſich vielleicht zu verwunden, ausſetzt, mur⸗ melt der Herr Baron von Witcheritche, der, wie mir ſcheint, ſehr eiferſüchtig auf ſeine Frau iſt und den die Dunkelheit beſorgt macht.—„Mein lieber Mann, halte Dich nur an dem Geländer und gib auf meinen Stradivari Acht,“ ſagt die Frau Ba⸗ ronin mit ſanfter Flötenſtimme.—„Gerade für Deinen Stradivari fürchte ich.“ Vorſichtig und ganz ſachte ſteigen wir hinab. Ich gebe der Frau von Marſan die Hand und be⸗ klage mich keineswegs über die Dunkelheit; aber der kleine Schreiber, welcher die Kerze bei dem Portier wieder angezündet hatte, kommt mit ſeinem Lichte zurück, gerade in dem Augenblicke, wo wir auf der letzten Treppenſtufe angelangt ſind. Ich bemerke jetzt kleine Aenderungen in der Ordnung des Zuges; einige Halstücher find verſchoben, einige 68 Geſichter lebhaft geröthet und viele Augen ſenken ſich zu Boden, ohne Zweifel, weil das Licht ihnen wehe thut; aber ich hüte mich wohl, einen für die Tugend dieſer Damen und Fräuleins kränkenden Schluß daraus zu ziehen. Der Augenblick des Abſchiednehmens iſt gekom⸗ men. Ich ſehe, wie arme junge Herren, die in der Gegend des Palais⸗Royal wohnen, bis an das äußerſte Ende des Marais begleiten müſſen; ich ſehe junge Damen es ſo einrichten, daß ſie den Arm ihrem Freunde geben; ich ſehe Frauen ſeufzen, weil ſie dem Manne folgen müſſen. Ohne Zweifel könnte ich noch weit mehr ſehen, wenn es nicht Racht wäre. Frau von Marſan iſt mit ihrem Ge⸗ mahl in ihren Wagen geſtiegen, und da dieſer hört, daß ich in der Rue St. Florentin wohne, ſo bietet er mir äußerſt artig einen Flatz auf dem Rückſitze an. Ich willige ohne Umſtände ein. Wahrlich, die⸗ ſer Herr von Marſan iſt ein ſehr liebenswürdiger Mann. „Jetzt iſt Niemand mehr da!“ ruft Friquet dem Portier zu, indem er das Hoſthor ſchließt.„Gott⸗ lob!“ erwidert dieſer und macht ſein Fenſter zu. „Ein Uhr vorüber! Ihrem Onkel wird aufgekündigt werden. Macht der Lärmen, gibt Soiréen, weckt die ganze Welt.. und für nichts. Wenn man's ſo bunt treiben will, muß man ein eigenes Haus haben.“ 6 69 Fünftes Kapitel. Das Bouquet. Unterwegs plaudern wir über Vauverts muſika⸗ liſche Soirée. Frau von Marſan lacht unbändig; Herr von Marſan zuckt die Achſeln und meint, die Vornehmthuerei ergreife jetzt alle Klaſſen der Ge⸗ ſellſchaft; man glaube ſich nicht mehr en famille amüſiren zu können; man wolle um jeden Preis den Kreis, in welchen das Schickſal uns geſtellt, überſchreiten; die Leute werden alle Tage vergnü⸗ gungsſüchtiger, und um dieſen Hang zu befriedigen, opfern der Handwerker ſeinen Wochenlohn, der Ar⸗ beiter ſein Erſpartes, der Kaufmann ſeine Fonds, der Handlungsdiener drei Viertel ſeines Salairs: daher die vielen Verlegenheiten, Anlehen, Schulden und Bankerotte. Man müſſe ſeine Einkünfte berech⸗ nen, ehe man Diners, Soiréen und Bälle gebe. „Wie mir ſcheint,“ ſagt Frau von Marſan,„wer⸗ den die Soiréen Vauvert nicht zu Grunde richten.— Das ſcheint Ihnen nur ſo, Madame, weil Sie die Sache ganz oberflächlich betrachten und dieſelbe, wie ich zugeſtehe, auf den erſten Anblick nichts Glän⸗ zendes darbietet. Aber die großen Lampen, die Wachskerzen, das gemiethete Klavier, die überall her zuſammengeſuchten Mufikſtücke und Inſtrumente, ſo wie die beſcheidenen Erfriſchungen ſind für einen niederen Beamten mit 1800 Franken eben ſo koſt⸗ ſpielig, als für einen Bankier das glänzendſte, wo es an Nichts mangelt. Nur findet zwiſchen dem „ 70 Bankier und dem Beamten der Unterſchied ſtatt, daß man die Reunion des erſteren rühmt und mit dem Beſuche derſelben prahlt, während man über die Soirée des zweiten ſpottet und ſich nur in die⸗ ſelbe begibt, um diejenigen, welche durch ihren thörichten Aufwand ſich den größten Verlegenheiten ausſetzen, zu verhöhnen.“ Herr von Marſan hat t; wahrlich dieſer Mann ſpricht ſehr vernünftig. Ich gebe ihm daher Beifall, einmal, weil ich über dieſen Gegenſtand gleicher Anſicht mit ihm bin, ſodann weil ich meine Gründe habe, immer ſeiner Meinung zu ſein. Herr von Marſan wohnt am Eingange des Faubvurg St. Honoré. Als ich ſeine Adreſſe erfahre, muß ich unwillkürlich lachen, weil mir der verma⸗ ledeite Kutſcher einfällt, welcher an jenem Abende, wo ich dem vis-à-vis folgen wollte, mich den Fau⸗ bourg Montmartre hinaufführte. Meine Heiterkeit ſchiebe ich jedoch ſchnell auf das Concert, und da uns noch genug komiſche Züge davon vorſchweben, ſo findet man dies ſehr natürlich. In der Rue St. Florentin ſteige ich aus, nach⸗ dem man mich vorher eingeladen hat, nicht ein Concert, ſondern ein wenig Muſik anhören zu wollen, was etwas ganz Anders iſt; denn ich geſtehe, daß ich nichts dergleichen in Vauverts Liebhaber⸗Con⸗ certe hörte. Nun ſtehe ich vor meiner Thüre und denke an meine neue Bekanntſchaft, Eroberung will ich ſie noch nicht nennen, obwohl ich mir insgeheim damit ſchmeichle. Indeß habe ich auch die reizende 71 Caroline, welche mir auf den folgenden Tag ein Rendez⸗vous zuſagte, nicht vergeſſen. Meine Ein⸗ vildungskraft hat nun genug Stoff zu Träumen; welche Quelle von Freuden verheißt mir die Zu⸗ kunft!1 Ich ſehe nur Roſen und mein entzückter Geiſt will mein Herz beſtechen, das von all dieſem auch Etwas für ſich haben möchte. Ohne Licht bin ich die Treppe hinaufgeſtiegen; denn es iſt ſchon ſehſpät und Frau Dupont löſcht ihren Scheinwerfer um Mitternacht aus. Ich ſtehe an meiner Thüre und will öffnen. Während ich mit dem Schlüſſel herumtaſte, ſtößt meine Hand auf Etwas. es ſind Blätter.. Blumen ein Bougquet, welches man da hineingeſteckt hat... ah! ich weiß wohl, wer! Ich trete ein; ein Zündhölzchen verſchafft mir ſogleich Licht und ich kann mein Bougquet näher be⸗ trachten. Es iſt reizend.. Orangenblüten, einige Roſen, Nelken und um Alles herum Vergißmeinnicht. Der Strauß wird von einem kleinen ſeidenen Bande zuſammengehalten. Liebenswürdige Nicette! Du denkſt alſo immer noch an mich? Du biſt nicht un⸗ dankbar! O nein, du haſt ein gutes Herz und biſt tugendhaft; wie Schade, daß du mit dieſen beiden koftbaren Eigenſchaften in einem niedrigen Stande geboren wurdeſt! Richt als ob ich glaubte, Deines⸗ gleichen wüßten deine Tugenden nicht zu würdigen, aber ich kann ſie nur bewundern; du wirſt ein Schatz für Andere, für mich wirſt du nichts ſein. Meine Schätze muß ich in der vornehmen Welt ſuchen; es 12 gibt deren ohne Zweifel darin, aber ſie ſind nicht alle ſo reizend. Wie hat ſie es nur angefangen, um das Bou⸗ quet in mein Schlüſſelloch zu ſtecken? Wäre es nicht ſo ſpät, ſo würde ich hinuntergehen und meine Portiere fragen; aber ich muß ſchon warten bis morgen. Raimund, der Alles ſieht, muß auch das Bouquet geſehen haben; vielleicht ſeine Arie aus Joconde verrückte ihm ja den Kopf.. Ich wollte, es wäre Morgen, damit ich Frau Dupont fragen könnte. Fortwährend berieche und bewundere ich Nicettens Bouquet; ich betrachte alle dieſe Vergißmeinnicht. Ah! ich verſtehe das Mäd⸗ chen, die Dankbarkeit gibt's ihr ein. Arme Kleine! ſie liebt ihren Wohlthäter; das iſt ſehr natürlich; aber ſchön, wie ſie iſt, werden bald Liebhaber ſie umlagern: ihr Herz wird ſprechen und ſie wird mich vergeſſen; dies iſt ſtets das Ende von ſolchen Ge⸗ ſchichten. Sorgfältig ſtelle ich mein Bouquet in das Waſſer und lege mich zu Bette. Noch einmal laſſe ich in meinem Gedächtniſſe die Ereigniſſe des Tages an mir vorüber gehen. Frau von Marſan und Caro⸗ line ſpielen jede eine große Rolle; dieſe Frauen⸗ zimmer ſind kokett in verſchiedener Weiſe, das iſt wahr, aber immer iſt's eben Koketterie. Ach! alle, die ich kannte, waren es, und ich glaube, daß man mich niemals wirklich geliebt oder wenigſtens nur auf einen Augenblick geliebt hat. Welchen Werth hat aber ein Gefühl, das nicht länger dauert, als 73 eine Laune und die leichteſte Prüfung nicht beſteht? Meine Schweſter will, ich ſolle mich verheirathen! Wie kann ich bei einer Frau das finden, was mir keine Geliebte gewährt? Ohne Zweifel können ein unauflösliches Band, Kinder, Pflichten, die Blicke der Welt meine Frau von jeder Treuloſigkeit ab⸗ halten; aber alle dieſe Rückſichten werden die ein⸗ mal erloſchene Liebe nicht wieder anfachen. Ich will mich nicht verheirathen, ſondern will das Leben genießen. Aber ſeit einiger Zeit kommt es mir vor, als ſei ich mitten unter meinen Thor⸗ heiten doch nicht recht glücklich. Obgleich flatterhaft, habe ich doch Gefühl: mein Herz ſucht einen Gegen⸗ ſtand ſeiner Neigung und es iſt nicht ſein Fehler, wenn er keine ihm gleichgefinnte Seele findet. Seit geraumer Zeit habe ich nur treuloſe Frauenzimmer getroffen; ehemals verließ ich dieſelben zuerſt, die letzteren jedoch haben mir keine Zeit dazu gelaſſen; freilich beging ich die Dummheit, ſie auf die Probe zu ſtellen. Ich will hinfort klüger ſein, will die Frauenzimmer nehmen, wie ſie find, und dem Zu⸗ fall danken, wenn er mich glücklich leitet. Wer weiß? Vielleicht wird Caroline mich lie⸗ ben? Vielleicht wird Frau von Marſan ihre Koket⸗ terie ablegen?.. vielleicht iſt die junge Blumen⸗ macherin ſehr tugendhaft! und was die Abenteuer betrifft, welche mein Nachbar Raimund der Frau von Marſan beilegt, ſo hat derſelbe eine ſo böſe Zunge, daß man ſeinen Reden keinen Glauben ſchenken darf. 7⁴ Ich wiege mich mit dem Bilde meiner Schönen, weiß aber nicht, warum die Erinnerungen Nicette ſich fortwährend in meine Plane, in meine Hoff⸗ nungen miſcht. Ich glaube, der Geruch ihrer Bvu⸗ quets führt ſie mir ſtets nahe; dieſe Orangenblüten duften ſo lieblich, daß ich dieſelben nicht aus meinem Zimmer hinweg nehmen will. Welch zarte Aufmerk⸗ ſamkeit, daß ſie mir dieſes Bouquet brachte und es an einen ſolchen Ort hinſteckte, daß ich es bei meiner Heimkehr finden mußte. Ach! wenn die Frauenzimmer kokett und falſch ſind, ſo find auch ſie allein einer Hingebung einer Feinheit des Ge⸗ fühles fähig, die ſie ſelbſt in dem unbedeutendſten umſtande Mittel finden läßt, Beweiſe von ihrer Liebe und ihrer Freundſchaft zu geben. Ich ſchlafe ein, aber wie kommts, daß ich weder von Caroline noch von Frau von Marſan träume? Nicette iſt es, die mich im Traume beſucht, die mich fortwährend beſchäftigt! Ganz gewiß erinnerte der Hrangenblütenduſt mich ſelbſt im Schlafe an ſie. Sechstes Kapitel. Die galante Partie. Ich ſchlief noch, als Frau Dupont heraufkam, um meinen Haushalt zu beſorgen. Sogleich fragte ich ſie und wollte wiſſen, ob ſie Nicette geſehen habe. 75 „Frau Dupont, wollte geſtern Abend Jemand zu mir?— Nein, mein Herr, kein Menſch.— Haben Sie Niemand nach meinem Zimmer hinauf⸗ gehen ſehen?— Sie können ſich wohl denken, mein Herr, daß ich Niemand hinaufgelaſſen hätte, indem ich wohl wußte, daß Sie ausgegangen waren.“ Sonderbar! Wie hat ſie es doch gemacht, um die Wachſamkeit der Portiere zu täuſchen? Sie wollte alſo unbemerkt das Bougquet bringen; ſie dachte gewiß, es könnte mir unangenehm ſein und ihr Geſchenk gewinnt dadurch in meinen Augen einen doppelten Werth. Um mich aller dieſer Gedanken zu entſchlagen, beſchäftige ich mich jetzt mit den Commiſſionen, welche mir mein Schwager in Auftrag gegeben hat. Ich gehe aus und laſſe Frau Dupont alle in meinem Zimmer zerſtreuten künſtlichen Blumen in eine Schachtel zuſammenpacken, empfehle ihr aber, das Vvuquet, welches auf meinem Kamine ſteht, nicht anzurühren. Dies iſt für meine Portiere eine unerſchöpfliche Quelle von Vermuthungen. Der Tag verſtreicht mit den Schritten und An⸗ fragen, die ich bei verſchiedenen Behörden machen muß, deren Weiſung und Unterſtützung mein Schwa⸗ ger Deneterre, welcher bauen laſſen und verſchie⸗ dene Unternehmungen beendigen will, nöthig hat. Dieſe Geſchäfte ſind mir willkommen, da ſie mich vor langer Weile ſchützen. Man glaube indeß nicht, daß ich meine Zeit gewöhnlich in träger Ruhe hin⸗ 76 bringe; nein, ich liebe die ſchönen Künſte, beſon⸗ ders Poeſie und Mufik und gebe mich denſelben mit Leidenſchaftlichkeit hin, wenn meine Thorheiten mir Muße dazu laſſen; aber ich geſtehe, daß ich ſeit ge⸗ raumer Zeit ſie ſchrecklich vernachläſſigt habe. Die Stunde des Diners iſt. Ich vergeſſe nicht, daß ich für den Abend ein Rendez⸗vous auf dem Boulevard Bondp, in der Nähe des Chateau d'Eau habe. Um dem bezeichneten Orte näher zu kom⸗ men, halte ich nicht für unpaſſend, anſtatt, wie gewöhnlich im Palais⸗Royal, heute auf den Boule⸗ vards der kleinen Theater zu diniren; dann brauche ich Abends keinen weiten Weg mehr zu machen. Ich wende mich alſo nach dem Marais. Schon ſtehe ich auf dem Boulevard du Temple und bin nur noch um die Wahl verlegen. Alle Reſtau⸗ rateure ſind mir bekannt; ich habe keine galante Partie vor und kann alſo dahin gehen, wo man am beſten ißt, ohne mich um bequeme und gut ver⸗ ſchloſſene Kabinette zu bekümmern. Ich entſcheide mich für den Cadran⸗Bleu, es iſt zwar theuer dort, aber das Diner gewöhnlich gut. Alſo in den Ca⸗ dran⸗Bleu! Ich verfolge meinen Weg und will an dem Jar⸗ din Turc vorübergehen, als ich vor mir einen Herrn erblicke, der eine Dame am Arm führt. Raimunds Haltung iſt zu originell, als daß ich mich täuſchen könnte. Er iſt es; ſein Gang, ſeine dicken Waden, ſeine Geberden. Alles verräth ihn. Das Geſicht der Dame iſt unter einem großen Hute verſteckt, 77 aber ich glaube auch ſie zu kennen. Mein Nachbar ſpricht lebhaft mit ihr; ich ſehe, daß er ihr den Arm drückt, und ſchließe, daß er überglücklich ſein muß. Parbleu! ich möchte doch wiſſen, wohin ſie gehen wenn ich nur, ohne daß Raimund mich bemerkt, das Geſicht ſeiner Schönen, deren Hal⸗ tung mir nicht unbekannt iſt, ſehen könnte.. Aber ſie gehen quer über den Boulevard und treten bei einem Traiteur an der Ecke der Rue Angouleme ein. dies iſt der Meridien; ſo viel ich mich er⸗ innere, wird man dort von Mädchen bedient und hat es ſehr bequem; wenigſtens war es vor einigen Jahren ſo. Was hindert mich, meinem RNachbar zu folgen? Vielleicht zeigt der Zufall mir ſeine Schöne; auch macht Raimund ſo viel Weſen mit ſeinen Ge⸗ liebten, er gibt ſie immer für Prinzeſſinnen und ſeltene Schönheiten aus, ſo daß ich neugierig bin, eines dieſer Wunder zu ſehen. Ich laſſe den Cadran⸗Bleu zur Rechten, begebe mich, ſelbſt auf die Gefahr hin, weniger gut zu diniren, in den Meridien und verlange ein Kabinet. Ein Mädchen führt mich. Wir gehen an einem Zim⸗ mer vorüber, aus welchem ich Raimunds Stimme höre; ich will mir das nebenanſtoßende Kabinet öffnen laſſen. Die Wand, welche mich von Raimunds und ſeiner Schönen Gemache trennt, iſt ſo dünn, daß ich ihre Stimme hören kann, wenn ſie nicht gar zu leiſe ſprechen. Auch laſſe ich meine Thüre offen; die ihrige iſt noch nicht geſchloſſen, weil man deckt; ich kann alſo von Zeit zu Zeit etwas von den Worten meines Nachbars vernehmen, der die unglückliche Gewohnheit hat, ſehr laut zu reden, eine Gewohn⸗ heit, die er deßwegen angenommen, um ſich be⸗ merklich zu machen und die er ſogar bei ſeinen In⸗ cognitos beibehält. So viel ich aus den einzeln aufgefangenen Reden merke, ſcheint Raimund ſich tüchtig abzuquälen, um ſeiner Schönen zu gefallen, deren Geſchmack er bei der Wahl des Diners zu Rathe zieht. Ich glaube, er hat ihr ſchon zum dritten Male die Karte vor⸗ geleſen und ſie kann ſich kaum für Etwas entſchei⸗ den; ſie liebt nichts, ſie hat keinen Hunger, Alles iſt ihr gleichgültig; aber fie verlangt tauſend Sachen, die nicht auf der Karte ſtehen. An dieſer Ziererei und der Umſtändlichkeit dieſer Dame merke ich wohl, daß mein Nachbar keine ſehr ausgezeichnete Exobe⸗ rung gemacht hat. Es ſcheint faſt, als wolle ſeine Schöne ihn zum Beſten haben und mit ſeinem Aerger ihr Kurzweil treiben. Ich wette⸗ daß er noch nichts erlangt hat und möchte feſt behaupten, er möchte ſich durch ſein Diner ganz umſonſt in Unkoſten ver⸗ ſetzen. So oft ſich die Dame hören läßt, ſteigt eine verworrene Erinnerung in mir auf.. Ja, ganz gewiß kenne ich dieſes Frauenzimmer, nur kann ich nicht ſagen, wer ſie iſt; ich habe ſchon ſo Viele kennen gelernt, daß man von meinem Gedächtniſſe kaum eine genaue Unterſcheidung verlangen kann⸗ und dann habe ich bis jetzt nur einige unzuſammen⸗ 79 hängende Worte gehört. Nun, ich will ſie ſehen, ja ich werde ſie ſehen! Mir ſcheint es, als ob Raimund ſeine Speiſe⸗ karte ſelbſt machen wolle, denn ich höre ihn nicht mehr ſprechen.. Die Dame ſummt einige Vaude⸗ ville⸗Refrains.. gewiß, dieſe Stimme iſt mir nicht fremd. Ich höre klingeln. Die Kellnerin kommt herauf. Raimund übergibt ſeine Karte und beſtellt das Eſ⸗ ſen. Das Mädchen geht hinab. Die Dame will kromage fouettée, was mein Nachbar nicht verlangt hat. Er läuft der Kellnerin nach, um ſeinem Speiſe⸗ zettel auch dieſes noch beizufügen. Während er an meinem Kabinette, deſſen Thüre ich abſichtlich offen gelaſſen habe, vorübergeht, werfe ich einen Blick hinaus und Raimund bemerkt mich. „Was ſehe ich! Sie hier, mein lieber Freund Dorſan?— Ja, Herr Raimund, und was machen denn Sie da?“ Mit geheimnißvoller Miene und auf den Zehen ſchreitend tritt er ein, zeigt mir lächelnd das Neben⸗ kabinet und verſucht ganz leiſe zu ſprechen: „Ich bin da. neben— Bahl!— Mit Jemanden.— Ah! ich verſtehe eine galante Partie.— So iſt's.— Sie ſind ein ſchrecklicher Menſch. Man wirft mir Flatterhaftigkeit vor, aber Sie ſind noch hundertmal leichtfinniger als ich.— Nun, es wäre möglich.— Und die Perſon?— O ſie iſt reizend, entzückend! eine vornehme Dame, die Wagen, Equipage und Livrée hat! Wir ſind 80 incognito hier.— Dies denke ich wohl.— Sie gewährt mir heute eine Gunſt, welche ſie tauſend Andern abgeſchlagen hat.— Sie Glücklicher! Meine Neugierde wird rege: könnte ich die Dame nicht ſehen?— O, unmöglich, mein Freund, unmöglich! Es iſt eine Frau, die viel auf ihren Ruf hält! Wenn ſie wüßte, daß ich gegen einen meiner Freunde indiseret geweſen wäre, ſie würde mir den Lod ſchwören und mir niemals mehr verzeihen.— Nun, ich beharre nicht darauf, weil ich ſehe, daß es un⸗ angenehme Folgen für Sie hätte. Ich mache Ihnen aber deſſenungeachtet mein Compliment zu einer ſo hübſchen Eroberung.— Allerdings verdient ſie ihr Lob. Sie wiſſen wohl, daß ich in Bezug auf die Frauenzimmer ſehr wähleriſch bin und nicht mit der erſten Beſten gehe, denn ich yalte viel auf Anſtand und Tournüre.“ „Ich glaube, Herr Raimund wird ſarkaſtiſch.“ „Beſonderes Vergnügen gewährt es mir, die Grauſamen zu beſiegen, denn bei dieſen hat man doch wenigſtens ein Verdienſt.. Sie verſtehen mich. Doch ich wette, meine Schöne wird un⸗ geduldig werden: Adien alſo, Herr Nachbar. Liebe und Freude rufen mich.— Laſſen Sie nicht auf ſich warten.“ Ganz außer ſich vor Entzücken geht Raimund hinweg und tritt wieder in ſein Kabinet, deſſen Thüre er verſchließt. Alles, was er ſagte, vermehrt meine Neugierde, denn ich wette, daß er mir eines ſeiner gewöhn⸗ 81¹ lichen Mährchen aufbinden will. Ich weiß ſeine Geſchichten von großen Damen ſchon zurechtzu⸗ legen, und während er mit mir ſprach, ſah ich ihn nach Lügen ſuchen; er ſchien ſogar mehr als ſonſt ins Detail einzugehen, damit ich ihm beſſer glau⸗ ben ſollte. Mein lieber Herr Raimund, Sie ſind noch nicht ſchlau genug, um mich hinter das Licht zu führen; weil Sie mich bei einer kleinen Blumen⸗ händlerin ſahen, ftimmen Sie jetzt einen hohen Ton an und werfen mit Epigrammen um ſich, aber ich möchte bezweifeln, ob Ihre vornehme Dame meiner einfachen Nicette gleichkommt. Mein Fenſter geht auf den Boulevard, und wäh⸗ rend ich meine Suppe erwarte, öffne ich daſſelbe, um die Ausſicht zu genießen, denn ich habe keine galante Partie. Bei meinem Nachbar iſt die Ja⸗ louſie nicht herunter gelaſſen, woraus ich ſchließe, daß ſeine Angelegenheiten noch keineswegs weit vorgerückt ſind. Während ich die Vorübergehenden betrachte, ſehe ich auf dem Boulevard, gerade vor dem Hauſe unſeres Traiteurs, einen jungen Herrn ſtehen blei⸗ ben, der mir nicht unbekannt iſt. Es iſt Gervile, der in meinem Hauſe wohnt und bei dem Jungfer Agathe in der denkwürdigen Nacht, wo ich Nicette beherbergte, ſich aufhielt. Was macht er wohl da? Er iſt ſtehen geblie⸗ ben.. er blickt überall umher und ſcheint Jemand zu erwarten oder zu ſuchen. Bei meinen Nachbarn hat man ſo eben das Paul de Kock. XCM. 6 82 Fenſter geöffnet Gut! vielleicht will die Dame friſche Luft ſchöpfen und ich kann ihr Geſicht ſehen. Aber was gibt's denn? Ich höre einen Schrei aus⸗ ſtoßen und das Fenſter raſch ſchließen. Es muß etwas Außerordentliches dahinter ſtecken. Wahrlich, ich werde faſt eben ſo neugierig als Raimund. Ich ziehe mich vom Fenſter zurück und glaube im anſtoßenden Kabinette lebhaft ſprechen zu hören. Meiner Treu, ſie mögen thun, was ihnen beliebt, ich will zuerſt ſpeiſen, denn ich habe Hunger und die Kellnerin bringt mir gerade meine Suppe. Aber welch ein Lärmen! Raimund verläßt raſch ſein Kabinet, tritt bleich, verſtört und zitternd in das meinige und ſtößt in ſeiner Eile an die Auf⸗ wärterin, welche gerade vor dem Liſche die Schüſſel zu Boden fallen läßt. „Ach Gott! mein Herr, wie fatal!“ ſagt das Mädchen, ihre Schüſſel wieder aufhebend.„Sie haben mich ſchön verbrannt! Die ganze Suppe iſt mir über meinen Fuß hinunter! Ich werde ſchreck⸗ liche Blaſen bekommen!— Gut, Jungfer Kellnerin, ich will Ihre Suppe bezahlen.— Und meine Schürze iſt auch verdorben. und mein Bein?— Ich werde, es bezahlen,“ erwidert Raimund, der, nicht mehr wiſſend, was er ſagt, das Mädchen hinausſchiebt und ſorgfältig die Thüre ſchließt. „He, he, Herr Raimund! Was Teufels haben Sie? Sie rennen da herein wie ein Wahnſinniger! — Ach, mein lieber Freund, ich habe Grund dazuz eine Angelegenheit, ein Umſtand meine Lage iſt 83 ſchrecklich. Erlauben Sie, daß ich durchs Fenſter blicke... Ah! haben Sie voch die Güte, den Vorhang her⸗ unter zu laſſen, damit er mich nicht ſieht.— Wollen Sie ein Narr werden, Herr Nachbar?“ Raimund gibt mir keine Antwort. Er will hin⸗ ter dem Vorhange verſteckt nur mit der größten Vorſicht durch das Fenſter blicken. Ich ſehe ihn noch bleicher werden.„Er iſt da,“ ſagt er endlich.— „Wer denn?— Gerville.— 2h! richtig; nun, was kümmert das Sie?— O dies kümmert mich ſehr viel! Sie wiſſen alſo nicht, wie ſchrecklich aufbrau⸗ ſend eiferſüchtig er iſt?— Und dann?— Nun, er iſt meinetwegen da ich bin überzeugt, daß er mir auflauert, und zwar nicht ohne Grund, denn ich habe ſeine Geliebte bei mir.— Wie! Sollte ſich Jungfer Agathe in eine Dame mit Equipage und Livrée verwandelt haben?— Nun, mein lieber Freund, es geſchah, um ſie beſſer zu verbergen, um ihren Ruf zu ſchonen.— O was den Ruf be⸗ trifft, ſo kann ich Ihnen verſichern, daß ſie nichts zu fürchten hat. Ha, ha, ha! Herr Raimund. Sie lieben die Grauſamen... Frauenzimmer von einer gewiſſen Tournüre.— Scherzen Sie ſpäter, mein lieber Freund, aber jetzt bitte ich Sie, mich zu retten. Ich glaube nur durch Sie aus der miß⸗ lichen Lage, in der ich mich befinde, herauskommen zu können.— Erklären Sie ſich näher.— Gerville wird, das bin ich überzeugt, ins Haus kommen 5 man wird ihm geſagt haben, daß ich da ſei Wollten Sie nun nicht für einen Augenblick meine 8⁴ Stelle einnehmen und mir dieſes Kabinet abtreten. ich laſſe dann meine Thüre offen; er wird mich allein ſehen und dies wird ſeinen Verdacht zerſtreuen. — Aber warum ſchließen Sie ſich nicht mit Ihrer Schönen ein? Er wird doch hoffentlich Ihre Thüre nicht eintreten.— Er wäre dazu fähig. oder er könnte mich auch auf dem Boulevard erwarten, und wenn ich mit Agathe hinausginge, ſo gäbe es natürlich eine höchſt unangenehme Scene ſodann wohnen wir in dem gleichen Hauſe, wie Sie wiſſen, und wenn er Etwas merkte, wie dürfte ich je wie⸗ der ruhig heimgehen? Er wäre im Stande, mir Nachts auf der Treppe aufzulauern.— Was Leu⸗ fels machen Sie ſich aber an ſeine Geliebte?— Nun, in einem Anfall von Thorheit 7Als ſie letzthin in meinem Zimmer oben war, find mir ſolche Gedanken gekommen.— Ach ja, an jenem Morgen, wo Sie alle Beide ſpionirten.“ „Mein Gott! er iſt eingetreten!“ rief Raimund nach einem Blicke auf den Boulevard.„Mein lie⸗ ber Freund, retten Sie mich doch gehen Sie.. ich komme dann wieder zu Ihnen.“ Ohne mir Zeit zu einer Antwort zu laſſen, ſetzt mir Raimund meinen Hut auf den Kopf, ſchiebt mich zum Zimmer hinaus und ſchließt ſich ein. Ich ließ geduldig Alles mit mir anfangen, und ohne noch zu wiſſen, was ich für meinen Nachbar thun will, deſſen ſtarke Seite keineswegs der Muth iſt, trete ich in das Kabinet, wo Agathe ſich befindet, die bei mei⸗ nem Anblicke einen Schrei der Ueberraſchung ausſtößt. 85⁵ „Ach, mein Gott!„s iſt Eugen! wiel Sie„ Du biſt es?— Ja, ich bin's, der ſich aufopfert, um den armen Raimund zu retten, dem die Furcht wahrſcheinlich eine Krankheit zuziehen wird.— Ha! ha! hal das macht mir Spaß.— St! er iſt da. er kann Sie lachen hören, und in dieſem Augenblick würde er es Ihnen ſehr übel nehmen.— O, das iſt mir gleichgültig! Hal hal ha! Glaubſt Du etwa, ich ſei in Raimund verliebt? O, er iſt doch gar zu dumm und will den Lovelace ſpielen! Ach, ich konnte mich nicht mehr halten. Als er das Fenſter öffnete und ich Gerville auf dem Boulevard erblickte, ſtieß ich einen Schrei der Ueber⸗ raſchung aus und trat ſchnell zurück; es wäre mir nicht lieb, wenn Gerville mich bei Raimund ſehen würde. Er iſt gerade nicht eiferſüchtig, aber doch könnte ihm ſo etwas mißfallen. Weißt Du, was ich gethan habe? Ich habe meinem Einfaltspinſel geſagt, Gerville ſei ſchrecklich eiferſüchtig; er hätte Verdacht auf ihn, ſeit er wiſſe, daß wir unlängſt auf dem Vorſaale zwei Stunden allein bei einander waren, und ich ſei überzeugt, daß er auf dem Bou⸗ levard uns auflauere. Je mehr ich darüber ſprach, deſto größer wurde die Angſt meines Anbeters, der denn doch noch mehr Liebe zu ſeiner Perſon, als zu der meinigen beſitzt. Als ich vollends hinzufügte, Gerville wäre im Stande, ihn zu erſtechen, ach da ergriff der arme Kerl ſeinen Hut und lief davon. Hal ha! ha! Aber es iſt ſehr galant von ihm, daß er mir einen ſo liebenswürdigen Geſellſchafter ſchickte! 86 Indeß möchte ich wohl wiſſen, was aus Gerville geworden iſt; ich glaube, er wartete arglos auf einen ſeiner Freunde.— St! man ſteigt die Treppe herauf. Raimund öffnet die Thüre; wir wollen hören Gerville ſpricht.“ Wir lehnen uns an unſere Thüre, welche wir ganz ſachte ein wenig öffnen, und vernehmen fol⸗ gendes Zwiegeſpräch:„Ah! Nachbar Raimund!— Idr Diener.— Wie gehts?— Nicht übel.— Wie! Sie ſpeiſen allein in einem Kabinet?— Ja, ich habe dringende Geſchäfte und möchte nicht gerne geſtört werden.— Ich will Sie in dieſem Falle nicht geniren; ich erwarte Jemand, der mir auf dieſem Boulevard ein Rendez⸗vvus zugeſagt. Guten Appetit, Herr Nachbar!— Ihr Diener.“ Gerville ſchließt die Thüre von Raimunds Ka⸗ binette und tritt, an unſerem Zimmer vorüber⸗ gehend, in ein anderes. „Nun, Fräulein,“ ſage ich zu Agathe,„welchem von dieſen beiden Herren geben Sie den Vorzug? — O es ſällt mir ein herrlicher Gedanke ein!— Gewiß wieder eine Thorheit.— O es wird einzig ſein. Hilf mir, lieber Eugen, ich bitte Dich.“ um mir eine nähere Erklärung zu geben, geht Agathe mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, ſtößt die Stühle hin und her, wirft einige um und ruft unter dieſem Lärmen von Zeit zu Zeit: „Mein lieber Freund, ſei nicht böſe; ich verſichere Dir, daß Du Unrecht haſt ich ſchwöre Dir, daß ich Raimund nicht geſehen habe!... daß ich ihn 87 nicht liebe! Frage Dorſan; er hat mir ein Diner angeboten, weil er eine Dame erwartet.“ Jetzt errathe ich Agathens Plan: ſie will Rai⸗ mund glauben machen, Gerville ſei bei uns; um ſie zu unterſtützen mache ich Lärmen für Zwei und verſuche dazwiſchen, Gerville's Stimme nachzuah⸗ men. Ermüdet von unſerer Komödie hören wir endlich auf; Agathe gibt mir ein Zeichen, das ich verſtehe; ich verlaſſe das Kabinet, verſchließe die Thüre deſſelben und trete ſachte in Raimunds Zim⸗ mer, der zitternd und von Angſt faſt gelähmt vor einem Beeſſteak mit Kartoffeln ſitzt. Ehe ich auf ihn zugehe, verſchließe ich vorher die Thüre und lege einen Finger an meinen Mund; wir ſehen wie zwei Verſchwörer aus. Diesmal ſpricht Raimund ſo leiſe, daß ich Mühe habe, ihn zu verſtehen. „Er iſt da„ ſage ich, nach meinem Kabinette zeigend.—„O, ich weiß es wohl ich habe ihn gehört.. Aber, wie iſt es zugegangen?— Wir glaubten, er ſei fort, und öffneten unſere Thüre; da ſtand er auf der Lauerz er ſah Agathe und trat ein; dann erfolgte eine ſchreckliche Scene, weil er glaubt, ſie ſei mit Ihnen hieher gekommen; denn auf mich iſt er nicht eiferſüchtig.— O, ich weiß nur allzuwohl, daß er es auf mich iſt; ich habe ſo eben geſehen, daß er meinen Worten keinen Glau⸗ ben ſchenkt. er hatte Zweifel... vielleicht ſah er uns über den Boulevard gehen.— Dies wäre leicht möglichz aber wie unvorſichtig Sie doch ſind! * 88 Wenn man eine ſolche Partie macht, ſo nimmt man ein Gefährt und tritt durch die Hinterthüre bei dem Reſtaurateur ein.— Allerdings, Sie haben Recht, wir hätten durch die Hinterthüre eintreteu ſollen; aber ich verſichere Ihnen, daß ich durch dieſelbe hinausgehen werde.— Er glaubte zuerſt, ich wäre Ihr Vertrauter und nur da, um Ihnen behülflich zu ſein.. In der That, ich riskire Ihrethalben nicht wenig.— Ach! mein lieber Dor⸗ ſan, ich werde in meinem Leben nicht vergeſſen, wie viel ich Ihnen ſchuldig bin.— Endlich wird er ruhiger. Agathe hat ihn zur Vernunft gebracht... ſie ſagt, ſie ſei nur hieher gekommen, um ihm auf⸗ zupaſſen.. Jetzt ſpielt ſie die Eiferſüchtige.— O, das iſt köftlich! vortrefflich! die Frauenzimmer wiſſen ſich doch aus jeder Verlegenheit zu ziehen.— Ich wollte ſie allein ſpeiſen laſſen, aber er will nicht. Ich bin nun unter dem Vorwand, das Diner zu beſtellen, herausgegangen.— Es iſt ſchon be⸗ ſtellt, mein lieber Freund, und ich werde es auch bezahlen. Da Sie ſich meinetwegen aufopfern, ſo will ich Sie nicht auch in Unkoſten verſetzen.— Wie Sie wollen; ich will der Kellnerin Befehl zum Auftragen geben, dann wollen wir uns zu Tiſche ſetzen.— Gehen Sie, mein edelmüthiger Freund.. verbieten Sie ihr, von mir zu ſprechen..— Sie dürfen ruhig ſein.— Ach, ich habe nur noch eine Beſorgniß.— Welche denn?— Um Agathe zu überraſchen, habe ich, während ſie mir den Rücken zuwandte, ihr mein Porträt in ihren Ridikül 89 geſchoben.— Ihr Porträt?— Ja, eine meiner Silhouetten, die, wie Sie wiſſen, ich auf Roſa⸗ grund geklebt und mit kleinen Amoretten eingefaßt habe. Wenn nun Agathe ihr Sacktuch hervorlangen wollte und die Silhouette auf den Boden faällen ließe, oder wenn ſie neugierig dieſelbe betrachtete. — St! das gäbe eine ſaubere Geſchichte! Dann würde Gerville ſteif und feſt behaupten, ich ſiche im Einverſtändniſſe mit Ihnen.— S Sie doch dafür, mein lieber Freund, daß Agathe ſich nicht ſchneuzt.— Dafür ſtehen kann ich nicht, aber ich werde ihr ein Zeichen geben, daß ſie ſich in die Serviette ſchneuzt; dies wird Sie dann auf keinen Fall compromittiren.— Gerade das.— Adieu! eine längere Abweſenheit würde ſeinen Ver⸗ dacht erregen.“ Ich verlaſſe Raimund, der ſich diesmal in ſein Kabinet einſchließt, und kehre zu Agathe zurück. Die Kellnerin kommt mit dem Diner; der Perſonen⸗ wechſel ſcheint ſie zu überraſchen; aber zwei Worte und ein Hundertſousſtück, das ich ihr in die Hand drücke, bringt ſie ſogleich auf unſere Seite. Sie verſpricht, dem dicken Herrn zu ſagen, wir ſeien zu Drei, und entfernt ſich voll Freude, daß ſie ſich auf Koſten Desjenigen, der ihr die Suppe über die Füße hinunterwarf, luſtig machen kann. „Jetzt wollen wir ſpeiſen,“ ſage ich und nehme an dem Tiſche meinen Platz neben Agathe ein;„ich geſtehe, daß ich nicht erwartete, mit Dir zu di⸗ niren.— O ich auch nicht, aber die unverhofften „ 90 Freuden ſind immer die beſten.— Vor einem Monat waren wir bereits ſehr vernünftig bei ein⸗ ander.— O, wir haben wohlgethan, uns zu tren⸗ nen; das Wiederſehen hat dann einen um ſo grö⸗ ßeren Reiz— Ja, ich weiß, daß Du die Ver⸗ änderung leidenſchaftlich liebſt.— Rein, mein Freund, nicht ſowohl die Veränderung, als die verbotene Frucht, und wenn ich bedenke, daß Gerville uns zur Rechten, Raimund zur Linken iſt, und daß es mir gelungen, nicht mit Demjenigen zu diniren, der das Eſſen beſtellt hat Ha! hal ha!— Lache doch nicht ſo laut.— Im Gegentheil, dies beruhigt ihn. er denkt alsdann, Gerville ſei bei guter Laune Ha! ha! ha! das wird ihm Ap⸗ petit machen.“ Agathe iſt ganz närriſch vor Freude; ſie muß ſich die Serviette vor den Mund halten, um ihr Lachen einigermaßen zu dämpfen; das Bewußtſein, zwei Männer auf einmal zu täuſchen, verleiht ih⸗ rem Geſichte einen neuen Ausdruck; ich geſtehe, noch nie habe ich ſie ſo fröhlich geſehen. Sie neckt, kneipt, umarmt mich„. Ach! Fräulein Agathe, Sie ſind ſehr treulos, aber auch ſehr verführeriſch! Seit einigen Tagen übrigens habe ich nur gelieb⸗ äugelt. und ich fühle, daß ich Raimunds Myſti⸗ ſikation vollſtändig machen muß. Ach! mein armer Nachbar, wenn Sie wüßten, wie Agathe Sie zum Beſten hat! Wir hören Jemand die Treppe heraufkommenz es iſt die Kellnerin. Das Mädchen beſitzt Takt und 91 Klugheit; wenigſtens dreimal dreht ſie den Schlüſſel herum, ehe ſie unſere Thüre öffnet. Ich koſte den Wein: es iſt Volnay, erſte Qualität.. wahrlich, mein Nachbar iſt ein Feinſchmecker! „Sie werden ſehr gut ſpeiſen,“ ſagt das Mäd⸗ chen lächelnd;„dieſer Herr hat nichts vergeſſen Champagner. Deſſert und dann der Coup du milieu.— Ja, wir werden Coup du milieu haben; hörſt Du, Freund?— Sei ruhig, Agathez Jungfer Kellnerin, hat der Nachbar Sie gefragt?— Ja⸗ ich habe ihm erwidert, Madame ſpeiſe mit zwei Herren; dann wurde er ein wenig ruhiger.— Gut.“ Wir ergötzen uns nun an Raimunds Diner. Es iſt delikat und ausgeſucht. In einem ruhigen Au⸗ genblicke bitte ich Agathe um Auskunft, warum ſie mit meinem Nachbar, den ſie doch nicht liebe, habe ſpeiſen wollen.—„Um mich deſto beſſer über ihn luſtig machen zu können,“ gab ſie mir zur Antwort. „Seit dem Tage, wo wir Deiner kleinen Blumen⸗ macherin auflauerten, macht mir Raimund fortwäh⸗ rend den Hof. Er verfolgt mich mit ſeinen Liebes⸗ erklärungen und Billetsdour, die ich nur annehme, um ſie den Mädchen in meinem Magazine zu zei⸗ gen, was uns ſehr viel Stoff zum Lachen gibt, denn ſein Styl iſt ſo drollig als ſeine Perſon. Er hatte mich ſchon zwanzigmal um ein Rendez⸗vous gebeten, als ich ihm heute an der Porte St. Denis begegnete; ich kam von Gerville, den ich nicht ge⸗ troffen, und wollte gerade nach Hauſe gehen. Rai⸗ mund bittet und fleht mich an, bei einem Traiteur 92 mit ihm zu diniren; ich weigere mich zuerſt, bald aber läßt der Wunſch, ihn zum Beſten zu haben, auf ſeine Koſten zu lachen, kurz, mich zu amüfiren, mich einen anderen Entſchluß faſſen. Du weißt wohl, wie unbeſonnen ich bin... Ich dachte gar nicht daran, daß Gerville mir begegnen könnte, auf den ich, offen geſtanden, wenig halte; deßhalb willigte ich ein und ließ mich von dem armen Rai⸗ mund, der ſeinen Triumph geſichert glaubt, wäh⸗ rend ich noch nie die Adſicht hatte, ihm etwas zu gewähren, in ein Privatkabinet führen.— Wir wollen auf ſeine Geſundheit trinken.— Recht gerne. — Iſt dies der Coup du milieu?— Rur ein wenig Geduld, wir ſiad noch nicht ſo weit! Dieſer Vol- au-vent iſt köſtlich, ſo wie dieſer mit Madeira und Trüffeln zubereitete Braten!— Und dieſe jungen Rebhühner, ebenfalls mit Trüffeln! Ach, der arme Raimund! Sehen Sie, der Böſewicht ließ an Alles Trüffeln thun.“ Die Kellnerin kommt mit dem Rhum und dem zweiten Gedecke.—„Ach, mein Gott!“ ruft Agathe, „Trüffeln mit Champagner! das iſt ja zum Ster⸗ ben. Und was ißt der Nachbar2— Ein Huhn mit Reis, Madame.— O, dies iſt erfriſchend; geben Sie ihm auch gedörrte Pflaumen zum Deſſert: ſie erweichen.“ Die Kellnerin geht. Trefflich laſſen wir uns die Trüffeln, das Hühnchen und die Krebſe ſchmecken, deren Scheeren Agathe an Raimund ſchicken will. Auch vergeſſen wir den Coup du milien nicht; meine 93 Geſellſchafterin hält viel darauf und ich gleichfalls. Mit ſeinem Liebesmahle hat uns der Verführer Raimund den Teufel in den Leib gejagt; ich glaube, er ißt ſtets Trüffeln bei ſeinen galanten Partien. Indem er mich aber ſeinen Platz neben Agathe einnehmen ließ, hat er mir eine ſchreckliche Laſt aufgebürdet!„Räche Dich,“ ſagt ſie jeden Augen⸗ blick zu mir,„räche Dich, Eugen; Du weißt, Rai⸗ mund ift daran ſchuld, daß man Deine kleine Veſtalin von Dir hinweggehen ſah.. Du weißt, daß er auch Schwätzereien im Hauſe machte, ſo lange ich Dich beſuchte... Du weißt, daß er durch ſeine Neugierde und Indiskretion Dich mit mehrern Damen entzweite. Räche Dich„räche Dich immerhin.“ Wie furchtbar find die Frauenzimmer, wenn es ſich um Rache handelt! Agathe läßt mir keine Ruhe, und doch legt ſich mein Zorn bereits. Zum Glücke bringt man das Deſſert. Nun kommt Cham⸗ pagner! und Käſe à la vanille, Marzipan und Bis⸗ cuit à la rose, Maraskino⸗Gelce, endlich Liquer des les de madame Amphon! Ich bin verloren! — Raimund will meinen Tod.„Ich möchte nur die Miene ſehen, weiche er jetzt macht, ſagte Agathe:„Geh, ſprich ein wenig mit ihm.“ Ich verlaſſe unſer Kabinet, deſſen Thüre ſie halb offen hält, um zu horchen. Auf ein leichtes Huſten vor ſeinem Zimmer öffnet mir Raimund. „— Vie geht's?“ fragt er mich.—„O, s geht recht gut! Wir ſind am Deſſert.— Und Gerville2 94 — Er denkt an nichts mehr.— Ich befürchtete, er habe Agathen eine Scene bereitet. Ich glaubte fie ſeufzen oder ſchluchzen zu hören.— Dies geſchah aus Kummer und Liebe.. und dann ſpielt ſie noch immer die Eiferſüchtige. im Herzen aber denkt ſie, wie ich wohl merke, nur an Sie.— O⸗ ſie betet mich an, mein lieber Freund, das weiß ich wohl.— Ihr Diner iſt köſtlich, Herr Raimund; Sie haben Ihre Sache gut gemacht.— Ja, ja, ich habe es abſichtlich ſo verlangt, glaubte es mit ihr theilen zu dürfen!— Sie weiß, daß Sie es be⸗ fohlen haben und iſt Ihnen deßhalb nicht minder zu Dank verpflichtet. Ich ſehe es ihren Augen an, daß ſie keine Trüffel ißt, ohne an Sie zu denken. — Die liebe Agathe! Aber ich höre lachen„es ſcheint mir..— Ja ſie iſt's.. Sie lacht, um ihn deſto beſſer zu täuſchen; aber der Fromage fonetté erwartet mich; Adieu, mein Freund.— Wie, Sie haben den Champagner noch nicht ge⸗ trunken?— Noch nicht.— Aber Sie ſehen doch ſo erhitzt aus.— dies macht der Coup du milien. — Sagen Sie mir, ſoll ich vor oder nach Ihnen gehen?— Vorher, wäre das Klügſte.— Ich werde in den Garten des Café Ture ſpazieren gehen.. vor dem kleinen Pavillon, wo ſich ein Kreuz befindet. — Ich ſehe es von hier aus.— Wenn dann Ger⸗ ville Sie verläßt oder Agathe mit ſich nimmt, ſo werden Sie mich dort treffen.— Das verſteht ſich⸗ — Ich werde Sie alſvo erwarten. Auf Wiederſehen, Herr Nachbar.. Ich bitte Sie tauſendmal um 95 Verzeihung, daß ich Ihnen ſo viele Unruhe verur⸗ ſache. Was Sie heute für mich thun, iſt ein wahrer Freundſchaftsdienſt. Jetzt habe ich nur noch eine Bitte. haben Sie auf meine Silhouette Acht! Geben Sie Agathen ein Zeichen, daß ſie ihren Ridikül nicht berührt.. thun Sie mir's zu Ge⸗ fallen, mein Freund.— S iſt bereits geſchehen. — O dann wiederholen Sie es noch einmal zu meiner Beruhigung.— Ich will's verſuchen; auf Wiederſehen.“ Ich kehre zu Agathen zurück, welche vor Lachen Thränen vergießt. Bis jetzt hatte ich mit ihr noch nicht von der Silhouette geſprochen; dieſe war jetzt das Bougquet für das Deſſert. Mei⸗ nes Nachbars Profil iſt auf Roſenpapier mit Vig⸗ netten geklebt und wir ſehen darunter etwas Ge⸗ ſchriebenes. Es iſt ein Vers von Raimund, der alſo lautet: „Man ſieht hier mein Profil, umringt von Amoretten, Die halten immerfort mich an ver Liebe Ketten.“ Das iſt geiſtreich und eines Berthellemot's würdig; da jedoch, wie wir bemerken, ein kleiner Amor an Raimunds Raſenſpitze ſchwebt, ſo hieße es nach unſerer Meinung beſſer, anſtatt„an der Liebe Ketten“ an der Naſe. Agathe will meinen Nachbar zuerſt an den Spiegel in unſerem Kabinette ftecken, ändert aber ihren Ent⸗ ſchluß wieder. Sie hat jetzt im Sinne, Kopien von der Silhouette machen zu laſſen; dieſe will ſie dann in die aus Raimunds Billetsdour zuſammenge⸗ 96 ſtoppelten Liebesbriefe ſtecken und ſie, mit der Adreſſe des Originals unterzeichnet, an alle Modiſtinnen ihrer Bekanntſchaft ſchicken. Der Champagner vollendet, was das aufreizende Diner begonnen hat; wir find im Begriffe, tauſend Thorheiten zu ſagen und zu begehen. Agathe ſtopft ſich mit Marzipan und Gelée voll, ich laſſe die Stöpſel ſpringen. Der Wein muſſirt und perlt und gleitet aus unſeren Gläſern bald über unſere Lippen; wir wiſſen nimmer, was wir ſagen, wohl aber, was wir thun. Agathe benimmt ſich ohne den ge⸗ ringſten Zwang, und wenn Raimund horcht, ſo wird er diesmal glauben, daß wir uns ſchlagen. Aber wie der Champagner beim Einſchenken zu⸗ erſt von ſelbſt muſſirt, dann nur noch, wenn man ihn ſtark ſchüttelt und endlich gar nicht mehr, ſo, meine lieben Leſer, erlöſchen jene Vulkane, die in dem lebhafteſten Glanze ſtrahlten, und ſo, meine ſchönen Leſerinnen erlöſcht jenes Zauberfeuer, welches aus euren hübſchen Augen ſprüht und euch ſo viele Eroberungen verſchafft. Ach! Alles vergeht in der Natur! Alles wird zerſtört und vernichtet; Alles ſtirbt! Dies iſt das allgemeine Geſetz; wir werden dazu geboren und jeder Schritt im Leben iſt ein Schritt zum Grabe; da gibt es keinen Vertrag: Der Tod hat ſolche Schrecken, die keinen andern gleichen; Wenn man auch zu ihm fleht, Läßt ſich der Grauſame doch nimmermehr erweichen, Daß er vorübergeht. 97 Man ſieht nicht bloß den Armen hülflos entgegen wanken Dem längſt erſehnten Grab, Nein, ſelbſt vom Könige wehrten des Louvre's Schranken Die Wache ihn nicht ab. Ich weiß nicht, wie der Champagner mich zu dieſem Citate verleitete; aber ſicher wird man mir daſſelbe nicht übel nehmen, denn die Verſe ſtehen gar nicht am unrechten Orte und ich möchte ſie wohl gemacht haben. Wir ſind alſo wieder vernünftig geworden, wenigſtens in unſeren Handlungen. Ich blicke nach meiner Uhr! bald acht Uhr.„ Pſt! und mein Rendez⸗vvus! Der Champagner hat mich noch nicht des Gedächtniſſes beraubt, aber Agathe mir einen großen Theil meines Feuers genommen. Raimund muß ſchon längſt im Eafé Ture Schild⸗ wache ſtehen. Gerville ſahen wir vor mehr als einer Stunde das Haus verlaſſen; nichts hindert uns alſo, gleichfalls zu gehen. Meine Geſellſchafterin nimmt Hut und Shawl und ſucht ſich ein beſchei⸗ denes Ausſehen zu geben, was ihr aber nicht ge⸗ lingen will, obwohl ſie die Augen niederſchlägt; ich thue mein Möglichſtes, um eine ernſte Miene und beſonders einen feſten Gang anzunehmen; der Teufel von Champagner ſteigt mir immer in den Kopf; indeß können wir uns doch auf den Byulevards zeigen, da wir eigentlich nur etwas aufgeregt ſind. Wir verlaſſen den Meridien; Raimund hat Alles bezahlt; Wirthin und Kellnerinnen grüßen uns lächelnd.—„Haben wir denn etwas Seltſames in Paul de Kock. XOII 7 98 unſerer Phyſiognomie?“ frage ich Agathe.—„Nein; aber ſicherlich errathen dieſe Leute, daß wir uns über Raimund luſtig machen Vielleicht glaubt man gar, es ſei mein Mann. Das wäre doch et⸗ was zu ſtark.— Bah! Solche Fälle find ſchon vor⸗ gekommen.— Hier iſt das Café Turc; wollen wir eintreten?— Weßhalb?— Um Raimund auf ſei⸗ nem Wachpoſten abzulöſen.— Er mag bleiben; ich habe keine Luſt, mich mit Liebeserklärungen aufs Neue langweilen zu laſſen. Alles iſt gegangen, wie ich wünſchte; da jedoch ein gleiches Abenteuer ſich nicht zum zweiten Male wiederholen dürfte, ſo ver⸗ ſichere ich Dir, daß er mich in kein Privatkabinet mehr führen wird.— Armer Raimund! Dieſe ga⸗ lante Partie wird dir großen Nutzen bringen!.. Doch ich ſehe, das Chateau d'Eau es erwartet mich Jemand und ich muß Dich hier verlaſſen.— Wie! Schon jetzt?— Unſer Stück iſt zu Ende, meine liebe Freundin; wir können uns immer nütz⸗ lich ſein und wollen deßhalb uns trennen, ehe die Langeweile dem Vergnügen folgt und der Cham⸗ pagner gänzlich verraucht; dann bewahren wir wenigſtens von dieſem Zuſammentreffen eine ange⸗ nehme Erinnerung.— Adieu alſo, mein lieber Eugen; möchten wir uns eben ſo gut amüſiren, wenn wir einander wiederſehen!“ Agathe entfernt ſich und ich gehe nach dem Cha⸗ teau d'Eau. 99 Siebentes Kapitel. Die Roſe ohne Dornen. Schon bin ich ſechsmal um das Bafſin herum⸗ ſpaziert und bleibe von Zeit zu Zeit vor den Löwen ſtehen, die ich auf allen Seiten betrachte; dann höre ich der Abwechslung halber zu, wie das Waſſer in die Abzugskanäle ſtürzt, dies Alles iſt zweifelsohne ſehr erquickend, wird mir aber dennoch bald zu⸗ wider. Die Schildwache betrachtet mich aufmerk⸗ ſam; wahrſcheinlich komme ich ihr verdächtig vor. Es wird Nacht und ich will bereits gehen, als ein Frauenzimmer in kleinem Häubchen auf mich zukommt. iſt ſie es endlich? kaum wage ich noch, dies zu hoffen; zu oft habe ich mich ſchon getäuſcht, denn mein Geſicht iſt etwas zu ſchwach; aber man kommt mir immer näher„O, diesmal iſt ſie es gewiß. Caroline kommt lächelnd an mich heran; ſie iſt nicht vornehm gekleidet, aber es herrſcht Geſchmack in ihrem Anzuge; ihr Häubchen iſt ſorgfältig zuge⸗ bunden und ihre Haare find ſicher den ganzen Tag über in Papilloten geblieben: ſo viele Mühe gibt man ſich nicht wegen eines Mannes, den man nicht erhören will. Dieſes Mädchen kommt mir ſehr ſchlau vor; aber obwohl mich der Champagner noch leicht⸗ finniger gemacht hat, als gewöhnlich, ſo denke ich doch nicht daran, einer Griſette in ihrem Häubchen nitten in Paris den Arm zu geben. „Ich hoffte kaum mehr Sie zu ſehen,“ begann 100 ich— Warum denn? Es iſt erſt ein Viertel auf neun Uhr und ich darf mein Magazin nicht bälder verlaſſen.— Wir wollen einen Spaziergang im Freien machen.— Im Freien! O es iſt ſchon zu ſpät.. nach neun Uhr darf ich nicht heimkom⸗ men, meine Tante würde ſonſt mit mir zanken.— wollen wir irgendwo eintreten.— Nein, ich will nicht.. Ach! wenn man mich bei Ihnen ſähe!“ Ich mag ihr nicht ſagen, daß es mir ganz und gar nicht angenehm iſt, auf dem Boulevard mit ihr umherzuſchlendern; denn ich habe doch Rückſichten zu beobachten. Sie trägt eine Schürze und ein Häubchen und dies genirt mich gewaltig. Gewiß ſtelle ich eine Modehändlerin eben nicht über eine Blumenmacherin; aber Agathe iſt wie eine vor⸗ nehme Dame gekleidet und ich kann ihr den Arm geben: ein Shawl und ein Hut verändern ein Frauenzimmer bedeutend, und ſolchen Kleinigkeiten, wenn er ſie auch verachtet, muß ein junger Mann, der in vornehme Geſellſchaften kommt, ſich unter⸗ werfen. Wenn Nicette mir um Mittag, anſtatt um Mitternacht begegnet wäre, ſo hätte ich ſie nicht zu Juße zu Madame Jerome zurückbegleitet. „Wir wollen ein wenig in der Rue des Marais ſpazieren gehen,“ meinte Caroline;„wenigſtens darf ich nicht fürchten, dort bemerkt zu werden.— Recht gerne.“ Dieſer Vorſchlag gefällt mir ſehr.— Wir — Das iſt eine ſehr langweilige Tante! Nun, ſo 101¹ ſteigen die Stufen hinab, ſchlagen die Paſſage des Vauxhall ein, und befinden uns nun in der Rue des Marais, einer für ſentimentale Spaziergänge ſehr günſtigen Straße. Mamſell Carvline verſteht ſich trefflich auf die Lokalität. Der Inhalt unſeres Geſpräches läßt ſich leicht errathen. Zwiſchen zwei Verliebten, zwiſchen einem galanten jungen Mann und einer Kokette, zwiſchen einem hübſchen Frauenzimmer und einem hübſchen Herrn, einem Jüngling und einer Griſette wird fortwährend derſelbe Stoff abgehandelt; man ſpricht von Liebe und immer nur von Liebe. Seit Jahr⸗ hunderten bildet dies zwiſchen Mann und Frau die Grundlage der Unterhaltung; man hat ſchon unge⸗ heuer Vieles darüber geſagt und doch iſt der Gegen⸗ ſtand noch nicht erſchöpft; allerdings behandelt ihn Jeder nach ſeiner Art, aber am Ende ſtreben doch Alle demſelben Ziele zu. Mein Champagnerzopf läßt mich ziemlich leicht⸗ finnig herausplaudern; Mamſell Caroline, die wahrſcheinlich nicht dinirt hat, wie ich, hält ſich zurück. Ich erlange nichts von ihr; ſie ſchiebt ſtets ihre Tante vor und beklagt ſich über die Strenge, womit man ſie behandle, da ſie aber nicht die Mittel beſitze, auf eigene Fauſt zu leben, ſo müſſe ſie ſich der Nothwendigkeit unterwerfen. Ich glaube die Wünſche des Mädchens, welches die Freiheit liebt, nur ſeufzend von Hüten und Schmuckſachen redet und ebenſowohl der Tante, als des Magazins überdrüſſig ſcheint, zu errathen. Ich 102 deute ihr deßhalb die Mittel an, wie ſie frei und glücklich werden könne; ich laſſe ein Wort von einem hübſch möblirten Zimmer fallen, wo man ſeine eigene Herrin wäre, wo man nach Bequem⸗ lichkeit arbeitete, kurz, wo man ganz nach ſeinem Willen lebte. Dies Alles iſt ſehr verführeriſch, Mamſell Caroline hört mir aufmerkſam zu; ſie antwortet nicht, ſeufzt jedoch und ſchlägt die Augen nieder. Ich ſpreche von Toilette, Theater, Luſt⸗ partien: lächelnd blickt ſie mich an und läßt fich einen ſehr zärtlichen Kuß rauben. Gut, ich habe ihre ſchwache Seite entdeckt: das Mädchen hat Langeweile, ſie will ihre eigene Herrin ſein, kurz, ſie möchte ein Zimmer für ſich bewohnen. Die Griſetten ſind insgemein ſo; ſie ſehnen ſich nach einem eigenen Haushalte, als ob dann ihr Glück gemacht wäre. Ich ſehe, daß auch meine Blumen⸗ macherin dieſen Augenblick kaum erwarten kann, und mir früher nichts gewähren wird. Dies ver⸗ räth gerade keine Liebe, aber Klugheit und Berech⸗ nung. Was ſoll ich thun? Meiner Treu! wieder eine Thorheit begehen? Caroline iſt reizend; viel⸗ leicht wird die Dankbarkeit ſie an mich feſſeln. Die Dankbarkeit— weil ich ſie verführen will! Ja, ich geſtehe, dies iſt nicht das geeignete Wort; aber man bedenke wohl, daß ich ihr Zeit zu reiflicher Ueberlegung laſſe. „Caroline, lebt Ihre Tante von Ihrer Unter⸗ ſützung?— Nein, mein Herr, ich bin im Gegen⸗ theile überzeugt, daß ſie es gern ſähe, wenn ich * 103 mich etabliren würde.— Ich verſtehe; haben Sie keine anderen Verwandten?— Nein, mein Herr. — Würden Sie Ihre Tante gerne verlaſſen?— O, gewiß; denn wir zanken uns oft, und wenn ich ein eigenes Zimmer hätte miethen können, ſo würde ich dies ſchon längſt gethan haben.— Dann ſollen Sie morgen ein ſolches haben.— Wäre es möglich, mein Herr?“ Sie hüpft vor Freude, hält aber plötzlich wieder inne, wahrſcheinlich weil ſie bedenkt, es ſei nicht gerathen, ihre ganze Freude auf einmal an den Tag zu legen, ſondern ſie müſſe vorher noch einige Umſtände machen. „Aber, mein Herr ich weiß nicht, ob ich es annehmen darf...— Warum nicht?— Was würde die Welt ſagen?— Mir ſcheint, daß die Welt Ihnen noch gleichgültiger ſein muß, als Ihre Tante, und wenn Sie dieſe nicht zu erzürnen fürch⸗ ten, was kümmern Sie ſich dann um fremde Leute? — Allerdings, mein Herr, es iſt mir im Grunde gleichgültig, auch haben mehre Mädchen von meiner Bekanntſchaft es eben ſo gemacht und ſich nicht ſchlecht dabei befunden.— O, es wird Ihnen kei⸗ neswegs an Beiſpielen fehlen. Deßhalb, meine liebe Freundin, halten Sie ſich morgen um dieſelbe Zeit bereit; ich werde Sie hier abholen; packen Sie das Nothwendigſte zuſammen und dann führe ich Sie in Ihre Wohnung.— Gut! Da Sie es ſo verlangen, ſo werde ich morgen bereit ſein.— Ah! noch eine Frage: Wer iſt jener Herr Jules, 104 mit welchem ſie in Tivoli waren?— O, ein jun⸗ ger, rechtlicher Mann, der mich bisweilen in Ge⸗ ſellſchaft meiner Tante ſpazieren führte.— Ich glaube Ihnen; aber wäre er auch noch hundertmal rechtlicher, ſo müſſen Sie mir verſprechen, ſeinen Umgang künftig zu meiden und nicht mehr mit ihm ſpazieren zu gehen.— Seien Sie ganz ruhig: ich weiß wohl, daß ſich dies nicht ſchickt, und ich möchte Ihnen nicht im geringſten mißfallen.— Sie ſind entzückend; alſo morgen, wie wir ausgemacht ha⸗ ben.— Ja, morgen; es iſt ſpät; wir wollen uns jetzt trennen.“ Durch einen Kuß auf Carolinens Lippen beſiegle ich unſern Vertrag und ſie entfernt ſich raſch, ohne Zweifel, um ſich im Voraus auf die Veränderung ihrer Lage vorzubereiten. Ich werde alſo Mamſell Caroline unterhalten. Das Wort unterhalten hat einen übeln Klang für meine Ohren! Gewöhnlich gebraucht man es bei alten Lüſtlingen, bei häßlichen, dummen oder ſchwachen Leuten, die, vom Glücke begünſtigt, nur um ſchweres Gold Gunſtbezeugungen erlangen, welche Andern oft ohne Mühe zu Theil werden. Solche Menſchen werden ſehr ſelten geliebt und faſt immer hintergangen; ich ſelbſt habe mich ſchon oft auf ihre Koſten amüſirt und will nun Caroline unter⸗ halten! Nein, ich will ihr ein Zimmer geben, dies iſt Alles; freilich werde ich ihr hie und da auch einige kleine Geſchenke machen, aber ſie muß dabei arbeiten; denn ich habe keine Luſt, alle ihre Launen 105 zu befriedigen: ich bin alſo nur ihr Geliebter, nicht ihr Unterhalter. Man verſucht ſeine Handlungen ſtets unter dem günſtigſten Geſichtspunkte zu betrachten; übrigens iſt Caroline wirklich hübſch; ſchon längſt ſchmachte ich nach ihr, und ich möchte endlich meine Wünſche erfüllt ſehen. Ich glaube, daß ſie mich liebt, ob⸗ wohl ich in ihrem Betragen noch keinen Beweis dafür gefunden habe; aber es iſt ſo ſüß, ſich mit dem Gedanken zu ſchmeicheln, daß man dieſes Ge⸗ fühl einflößt. Sie iſt kokett; nun, ich werde ſie ſchon feſſeln; ſie wird nur mich ſehen, nur mit mir gehenz ſie wird nach meinem Willen leben und mir treu ſein: ſo habe ich im Sinne, es einzurichten. Den nächſten Morgen denke ich an Alles, was mir zu thun obliegt. Ich darf keine Zeit verlieren; eilends kleide ich mich an, und während ich gerade meine Thüre ſchließe, kommt Raimund im Schlaf⸗ rocke auf mich zu: „Sie gehen ſchon aus?— Ja, Herr Nachbarz ich habe viele Geſchäfte.— Zum Teufel, ich hätte gern mit Ihnen geredet.— Dies kann ein ander⸗ mal ſein.— Sie haben mich geſtern nicht im Café Turc abgeholt; ich bin bis zehn Uhr im Garten geblieben.— Thut mir leid! Adieu.— Sagen Sie mir doch. und mein Porträt; hat Agathe mein Porträt. 2“ Ich höre Raimund nicht mehr, denn ich bin bereits unten an der Treppe. Ich durchſtreife die ganze Umgegend, um ein Zimmer zu findenz es muß ein ſolches ſein, das man ſogleich beziehen 106 kann; auch möchte ich nicht, daß Caroline zu weit entfernt von mir wohnte. Bis jetzt habe ich noch kein paſſendes Logis gefunden: das eine iſt zu hoch, das andere zu dunkel oder zu ſchmutzig. Ich gehe mit emporgehaltener Naſe und ſuche überall nach Anſchlägen. Vor einem Hofthore ſtehend höre ich einige Schritte von mir leicht huſten: dieſer Huſten erſcheint mir abſichtlich, ich drehe mich um und erblicke Nicette. Ich war, ohne daran zu denken, nur zwei Schritte von ihrer Bude entfernt. Ri⸗ rette blickt mich an und ſchlägt hierauf die Augen nieder: ſie wagt weder mich zu grüßen, noch am hellen Tage mit mir zu reden: armes Mädchen! Nun fällt ihr Bouquet mir ein, das ich bereits vergeſſen hatte; ich habe ihr noch nicht für ihre Aufmerkſamkeit gedankt! Ich nähere mich alſo ihrer Bude, wähle einige Blumen heraus und ſage ihr mit leiſer Stimme, wie ſehr mich ihre Freundlich⸗ keit gerührt habe; Nicette erröthet vor Freude und ich entferne mich, während ſie mir mit den Augen folgt. Endlich finde ich in der Rue Caumartin, was ich wollte: zwei kleine hübſche Zimmer, die man ſogleich beziehen kann. Es handelt ſich nur noch darum, dieſelben zu möbliren; aber mit Geld iſt nichts leichter. Ich gehe alſo zu einem Tapezier, kaufe das Nöthige und laſſe es mir ſogleich nach⸗ tragen. In weniger als drei Stunden iſt das kleine Logis vollſtändig möblirt. Anfangs wollte ich mich nur auf die nothwendigſten Geräthe beſchränken⸗ 107 aber bald miſchte ſich die Eigenliebe darein; ich will Carolinen eine angenehme Ueberraſchung bereiten: es iſt eine Bergtre zum Ausruhen nöthig, eine Ottomane, worauf Zwei Platz haben; ferner Spie⸗ gel, beſonders aber eine Toilette, und endlich ein gutes Bett; ſodann braucht man auch Vorhänge, um die Blicke der Nachbarn abzuhalten; ſie müſſen doppelt ſein, damit die Tageshelle etwas gedämpft wird; auch eine kleine Uhr iſt nöthig, um bei un⸗ ſeren verliebten Tändeleien(denn von Liebe werde ich immer mit Caroline ſprechen) die Zeit nicht zu vergeſſen. Alle dieſe Kleinigkeiten gehen weiter, als ich anfangs wollte; aber ich will bei anderen Sachen ſparen, und ſolche außerordentliche Ausga⸗ ben kommen ja ſelten vor. Endlich iſt Alles im Reinen. Ich habe die Zim⸗ merſchlüſſel; ein Portier iſt nicht im Hauſe, alſo ein Spion weniger. Doch ich muß auf Alles Be⸗ dacht nehmen. Heute Abend wird Caroline dieſes Quartier bewohnen, das ihr wenig bekannt iſt; ich möchte ihr nun wenigſtens ein Souper anbieten; in der Nähe iſt gewiß ein Lraiteur. Alſo ſchnell eine kleine Collation beſtellt! Aber ehe meine Ge⸗ liebte von ihrer neuen Wohnung Beſitz nimmt, darf auch nicht das Geringſte vergeſſen werden. Ich will deßhalb fünfzehn Louisd'or in dieſe Kommode legen, damit ſie ihre erſten Bevürfniſſe beſtreiten kann; denn in der nächſten Zeit wird ſie, noch nicht an ihre neue Lage gewöhnt, ſchwerlich an die Arbeit denken, und dies iſt ſehr zu entſchuldigen, 108 da einem jungen Mädchen der Kopf ſo leicht ver⸗ dreht wird! Aber man findet ſich in Alles, und wenn meine ſchöne Blumenmacherin tugendhaft ſein und ſich ordentlich aufführen will, ſo wird ſie recht behaglich leben können. Ich bin zu dem Traiteur gegangen und habe auf neun Uhr ein delikates Souper deſtellt. Nun will ich bis heute Abend die Zeit todt ſchlagen; es iſt die Stunde des Diners; ich habe zwar keinen Hunger, will aber doch ſpeiſen: dies gewährt mir wenigſtens Beſchäftigung. Es iſt ſechs Uhr: noch dritthalb ewige Stunden! Ich will einen Spaziergang machen; in dieſem Augenblicke wäre mir ſogar Raimunds Unterhaltung angenehm. Ich ſchlage den Weg nach der Rue Vivienne ein; dort befindet ſich das Modewaaren⸗ magazin, in welchem Agathe arbeitet; ich wette, daß Raimund in der Nähe herumſchlendert. Agathens Magazin näher tretend, gewahre ich viele Leute vor einem zehn Schritte von dem Ma⸗ gazine angebrachten Anſchlage. Ich halte mich ge⸗ wöhnlich nicht auf, um etwas von verlorenen Ef⸗ fekten oder verlorenen Hunden zu leſen, aber ich ſehe Jedermann lachen, und es ſcheint deßhalb keine gewöhnliche Ankündigung zu ſein. Ich trete näher und horche:„Das iſt ſehr ſpaßhaft,“ ſagt der Eine. —„Ein excellenter Streich,“ bemerkt der Andere; „es iſt täuſchend ähnlich; ich kenne dieſes Profil.“ Ich will mich gleichfalls nähern, dränge mich deßhalb durch den Volkshaufen und erblicke Raimunds 109 Silhouette, die man auf ein großes, weißes Papier geklebt und in höchſt leſerlicher Schrift die Worte darunter geſetzt hat: „Nachricht für Damen und Fräuleins. Das Original dieſes Porträts ſucht eine Ferſon von fünfzehn bis ſechsunddreißig Jahren, welche in einem Privatkabinette ein Diner annehmen möchte.“ Leicht errathe ich den Urheber dieſes boshaften Sireiches; Agathe ſteht bei ihren Colleginnen unter der Thüre des Magazins und die Mädchen lachen unbändig beim Anblicke der Volksmenge, welche ſich um die Silhouette ſchaart und ihre Bemerkungen darüber macht. Ich habe Mitleiden mit dem armen Raimund; wenn ich es wagte, würde ich ſein dem Geſpötte der Vorübergehenden ausgeſetztes Geſicht herunterreißen; allerdings kann man ihn nach dem ſchwarzen Profil nicht leicht erkennen; indeß iſt die Phyſiognomie meines Nachbars ſehr vriginell und der Silhouetteur hat leider ihn vollkommen gut getroffen, was auch der Fall ſein mußte, da Rai⸗ mund einen ganzen Abend in der Bude deſſelben zubrachte. Unter den Neugierigen bemerke ich den kleinen Friquet, welchen man immer vor Anſchlä⸗ gen, Carricaturen, Kuchenhändlern, Bänkelſängern und allen Schauſpielen auf öffentlicher Straße findet. Der kleine Schreiber hat Raimund erkannt; er hält ſich den Bauch vor Lachen und ruft:„Ich kenn' ihn! *s iſt Herr Raimund, der bei meiner Tante fingt! O, er iſt's! Welche Bosheit, ihn da anzukleben!“ Während er dabei ſtets von der Bosheit des Anklebens ſpricht, wiederholt der kleine Duckmäuſer jeden Augenblick:„Ich kenn' ihnz's iſt Herr Rai⸗ mund, der meine Tante beſucht.“ Ich will gerade gehen, als ich mich umkehrend Raimund erblicke, der vor Agathens Fenſter auf⸗ und abſpaziert, den Angenehmen ſpielt und Blicke ſchleudert, auf welche man nur mit Gelächter ant⸗ wortet. Der Unglückliche geräth in die Nähe ſeines Por⸗ träts; wenn Friquet ihn bemerkt, ſo iſt er verlo⸗ ren; denn der kleine Schreiber wird ihn Jedermann zeigen. Ich will meinem Nachbar dieſe Myſtifikation zu erſparen ſuchen, gehe deßhalb auf ihn zu, nehme ihn am Arme und will ihn mit mir fortführen: „Kommen Sie, mein lieber Herr Nachbar, kom⸗ men Sie, wir wollen miteinander Kaffee trinken.“ —„Ich mag nicht, mein Freund; Sie ſehen, daß ich in einer Angelegenheit hier bin Ich paſſe Agathen auf und möchte mit ihr ſprechen.“—„Sie können ja ſpäter mit ihr reden, kommen Sie nur.“ —„Nein, die Zeit ſcheint mir günſtig; ſie läßt kein Auge von mir.“ In der That wirft das ſchelmiſche Mädchen, aus Jurcht, Raimund könnte ſich entfernen, ihm Blicke zu, daß man vor Lachen berſten möchte. Mein Nachbar, der ſie noch nie ſo freundlich geſehen, und der zugleich bemerkte, daß alle Arbeiterinnen aus dieſem Magazine fortwährend nach ihm heraus⸗ ſchauen, weiß ſich vor Freude nicht zu faſſen; er 111 ſchlendert, auf ſeinen Stock geſtützt, in der Straße umher; vergebens nehme ich ihn beim Arme, um keinen Preis will er ſich von der Modewaarenhand⸗ lung entfernen. Da bemerkt er die nur wenige Schritte entfernte Volksmenge: „Dort gibt's Etwas... Wir wollen ſehen, was es iſt.— Bah!'s iſt nicht der Mühe werth. Es wird vielleicht eine Belohnung für einen verlornen Hund verſprochen, oder ein neues Ol zur Verhütung des Ausfallens und Weißwerdens der Haare ange⸗ kündigt.— St! mein lieber Freund; ſolche Oele ſind nicht zu verachten, ich wenigſtens verſuche es mit allen, die zum Vorſcheine kommen; es verur⸗ ſacht mir zwar oft Kopfweh, aber um ſeine Ju⸗ gend zu erhalten, muß man ſchon etwas wagen. Ich glaube übrigens, daß es etwas Anders iſt.. Jedermann lacht. die Sache muß ſehr ſpaßhaft ſein.— Wiſſen Sie denn nicht, daß in Paris we⸗ gen der geringſten Bagatelle ſich hundert Perſonen ver⸗ ſammeln?— Gleichviel; ich will einmal ſehen. Ich lache auch gerne, wenn die Gelegenheit ſich darbie⸗ tet Ich will Ihnen bald ſagen, was es iſt.“ Ohne ſich im geringſten aufhalten zu laſſen, hat er bereits mit einer Leichtigkeit, deren ich ihn nicht für fähig hielt, über die Gaſſe geſetzt. Schon iſt er unter dem Haufen der Nengierigen und macht ſich mit Händen und Elnbogen Bahn. Die Modi⸗ ſtinnen verlieren ihn nicht aus den Augen. Ich will gleichfalls Zeuge von der Wirkung ſein, welche ſeine Silhouette auf ihn hervorbringen muß. Im Au⸗ mund, der meine Tante beſucht!“ 112 genblicke, wo er an die Mauer gelangt und keinem ſeiner Sinne trauend unbeweglich vor ſeinem Pro⸗ ſile ſteht, ſtößt der kleine Schreiber, welcher den Platz nicht verlaſſen hat, einen Schrei aus und ruft vor allen Umſtehenden:„Da iſt Ihr Portrait, Herr Raimund; es iſt ſehr ähnlich.“ Und alle jungen Leute wiederholten mit Friquet:„Es iſt Herr Rai⸗ 1 Mein Nachbar drückt ſich den Hut ſo tief ins Geſicht, daß nur noch ſeine Raſenſpitze hervorragtz er will fliehen und ftürzt unter die Straßeniungen, die ihm höhnend den Weg verſperren. Raimund weiß ſich nicht mehr zu helfen;z überall ſtößt er die Neugierigen zurück. Unter ſchallendem Gelächter vom Magazine her, das ihm vollends das Herz durchbohrt, läuft er davon wie der Wind; aber ſein Hut bedeckt ihm dergeſtalt die Augen, daß er keinen Schritt vor ſich hin ſieht, und ſo ſtößt er an einen Blinden, welcher von einem Hunde, der einen Korb im Maul trägt, geführt wird. Der arme Teufel fällt unter einem fürchterlichen Fluche rückwärts; als der Hund ſeinen Herrn fallen ſieht, läßt er ſeinen Korb los und ſetzt Raimund nach; der Blinde ſchreit:„Diebe!“ weil er ſeine Sous auf dem Pflaſter herumrollen hörtz Raiinund flucht, weil der Hund ihn in die Beine beißt. Man läuft herbei, um Frieden zu ſtiften und den Beit⸗ ler aufzuheben; aber es gelingt den Leuten kaum, ſich zu nähern, weil der Blinde mit ſeinem Stocke überall herumſchlägt, in der Meinung denjenigen⸗ 1¹13 der ihn umftürzte, zu treffen, während Raimund mit dem Hunde kämpft, der deſſen Bein wahr⸗ ſcheinlich für ſeinen Korb hält und es nicht los⸗ laſſen will. Endlich ſteht der Blinde wieder auf ſeinen Fü⸗ ßen und der Hund, der treue Vertheidiger ſeines Herrn, hat den Korb wieder im Maul. Um dem armen Teufel, der ſich den Hintern betaſtet und ſein eingenommenes Geld wieder verlangt, eine Ent⸗ ſchädigung zu geben, muß mein Nachbar in ſeine Taſche ſtechen, während Alles ihm in die Ohren ſchreit:„Seien Sie großmüthig, Herr Raimund, und rennen Sie nicht durch die Straßen von ris wie ein Narr.“ Um ſich aus dem Gedränge, das mit jedem au⸗ genblicke zunimmt, loszumachen, leert Raimund ſeine Taſchen, und je mehr er gibt, deſto mehr be⸗ klagt ſich der Blinde über ſeinen Hintern.„Dieſe Taugenichtſe ſind niemals zufrieden!“ brummt mein Nachbar;„da find zwölf Franken für Deine Hinter⸗ theile und dreißig Sous für Deine Einnahme, ich glaube, das iſt hinreichend.“—„Sie haben mich verwundet,“ ſagt der Blinde und ſchreit, wie ein Tauber,„ich kann acht Tage lang nimmer ausge⸗ hen, und verlange Entſchädigung für den Verluſt, der mir dadurch erwächst.— Da ſind noch zwölf Franken.— Das iſt nicht genug, mein lieber Herr.— Wie? dies macht drei Livres für den Tag und Du biſt nicht zufrieden! Es ſcheint, Dein Handwerk iſt einträglich.— Ich bin ein armer Fa⸗ Panl de Kock. X0IMI. 8 1¹⁴ milienvater und habe fünf Kinder.— Warum führt denn Deine Frau Dich nicht, anſtatt des Hundes? — Meine Frau ſingt auf dem Maubertplatze, mein lieber Herr.— Und Deine Kinder?— Mein älte⸗ ſter Sohn ſingt auf dem Boulevard des Italiens; ſeine jüngere Schweſter in der Rue du Grand⸗Hurleur; die Dritte auf dem Mont Parnaſſe mein Vierter in den Elyſäiſchen Feldern und das jüngſte Kind fängt an, in der Rue du Petit⸗Lion zu fingen. Wir ſingen Alle, mein lieber Herr.— So, und die wollen ſich noch beklagen, Leute, welche von Mor⸗ gen bis zum Abend fingen und ihre tägliche Ein⸗ nahme um keine drei Livres geben; ich frage Sie, gibt es in Paris eine glücklichere Familie, als dieſe?“ Das Publikum lacht über die Reflerion meines Rachbars, dem Blinden, der noch immer den Un⸗ verſchämten ſpielen will, droht man, ſeine verwun⸗ deten Gliedmaßen dem Herrn Commiſſär zu zeigen, der für die Hintertheile in jedem Zuſtand einen Ta⸗ rif hat. Der Bettler, welcher von dem Gerichte nicht gerne eine derartige Viſitation vornehmen laſ⸗ ſen will und auch einen beträchtlichen Rabatt be⸗ fürchtet, entfernt ſich mit ſeinem Hunde, Raimund mit ſeiner Schmach und ich mit der Silhouette, die ich heruntergeriſſen und in die Taſche geſteckt habe. Jetzt iſt es Zeit, Carolinen aufzuſuchen. Ich nehme deßhalb einen Fiacre und laſſe mich hinter vas Chateau d'Eau führen. Hier ſteige ich aus und gehe, meinen jungen Flüchtling erwartend, auf dem Boulevard ſpazieren. Diesmal erſcheint ſie bald — 1¹⁵ mit mehren Schachteln in der Hand; ſie lächelt mir ſchon von ferne zu; es herrſcht in ihrem Benehmen eine größere Hingebung, in ihren Blicken eine grö⸗ ßere Zärtlichkeit, als ſie mir bisher bewieſen hatte; nun ſehe ich, daß ich Herr über ihr Herz bin. Sogleich führe ich ſie an den Wagen; wir pa⸗ cen die Schachteln ein, ſetzen uns neben einander und ich befehle dem Kutſcher, ſeine Pferde raſch an⸗ zutreiben, denn ich kann es kaum erwarten bis ich mich an ihrer Ueberraſchung weiden darf. Endlich nach ſchneller Fahrt, während welcher ich ſie unter den Betheuerungen ewiger Liebe in den Armen hielt⸗ halten wir in der Rue Caumartin vor der Thüre ihrer neuen Wohnung. Ich öffne die Hausthüre und bezahle den Kut⸗ ſcher. Caroline nimmt ihre Schachteln und ich gebe ihr die Hand, um ſie die Treppe hinauf zu gelei⸗ ten, denn es iſt Nacht und man ſieht gar nichts. Es nimmt mich Wunder, daß ihre Hand in der meinigen nicht zittert.. Trotz der ſo bedeutenden Veränderung ihrer Lage iſt ſie nicht aufgeregt. wahrlich, dieſes Mädchen beſitzt ſehr viel Charakter. Endlich ſind wir oben; eine alte Nachbarin gibt uns Licht: Caroline kann nun ihre neue Wohnung betrachten. Entzückt ſchaut ſie überall umher; ich ſehe die Freude aus ihren Augen glänzen.„Ach! wie ſchön! wie ſchön!“ ruft ſie jeden Augenblickz dann ſitzt ſie auf die Bergere, auf die Ottomane, betrachtet ſich im Spiegel, unterſucht ihre Vor⸗ hänge, ihre Kommode, ihre Uhr, ihren Tiſch, ihre 1¹6 Stühle u. ſ. w. Nur das Bett wagt ſie nicht nä⸗ her in Augenſchein zu nehmen; geſchieht es aus Scham? „Sind Sie zufrieden?“ frage ich, das Mäd⸗ chen auf meinen Schooß ziehend.—„O, wie ſollte ich es nicht ſein? Dieſe Wohnung iſt entzückend Alles iſt ſo elegant.. Es mangelt an nichts Ich werde ja hier wohnen wie eine vornehme Dame.— Es gefällt Ihnen alſo?— Ich fühle, daß ich dieſe Zimmer nicht wieder verlaſſen könnte. — Nun, es freut mich, Ihren Beifall erobert zu haben; dies Alles gehört Ihnen.— Mir? Ach! Sie ſind zu großmüthig!— Und wenn Sie mich nicht lieben, ſo ſteht es bei Ihnen, keinen Beſuch von mir anzunehmen; ich verlange keine Belohnung für das, was ich thue.— Ach! wo denken Sie hin? wenn ich Sie nicht liebte, wäre ich Ihnen dann gefolgt? Würde ich etwas von Ih⸗ nen annehmen? Ich laſſe Sie nicht weiter ſpre⸗ chen; ein Kuß ſchließt ihr den Mund... Man klin⸗ gelt heftig; Caroline fährt zuſammen.—„Wer kann denn hierher kommen?“ fragt ſie. Ich be⸗ ruhige ſie und öffne. Es iſt der Traiteur, welcher das beſtellte Souper bringt; dieſer Anblick gibt Carolinen ihre ganze Fröhlichkeit wieder. Wir decken; die Speiſen wer⸗ den auf den Tiſch geſtellt, der Küchenjunge wird fortgeſchickt. Nun ſind wir allein zu Hauſe, unſere eigene Herren. Ich habe keinen großen Appetit, ſehe aber mit ——„——— 117 Vergnügen, daß meine Geſellſchafterin dem Mahle Ehre macht. Sie ißt von Allem, ſie findet Alles zut. Dieſe ſpielt doch wenigſtens noch nicht die verwöhnte Dame, denke ich bei mir ſelbſt; ſie ſucht ihre Freude und ihren Appetit nicht zu verbergen; ſie geſteht, daß ſie bei ihrer Tante niemals ſo gut ſoupirte, daß ſie gute Koſt, Leckerbiſſen und Mus⸗ katwein liebt; ich ſetze ihr alſo Muskatwein vor. Ich will ſie nicht trunken machen, aber ein kleiner „Spitz“ wird vollends alle Ziererei verbannen, die ihrer Heiterkeit noch Eintrag thut. Caroline beſitzt Geiſt, Witz und Schlauheit; vielleicht nur allzuviel. Ich ahne, daß dieſes Mäd⸗ chen Fortſchritte machen und eine kemme à la mode werden kann; ich begreife wohl, daß ſie ſich in der Rue des Roſiers langweilte; ſie wünſchte insgeheim, auf einem größern Schauplatze zu glänzen, weil ſie von den Triumphen, die ihrer warten, ein Vorge⸗ fühl hat. Ich will deßhalb, ſo viel an mir liegt, ihren Hang zu Lurus, Toilette und Aufwand nicht allzuſehr begünſtigen, denn ſpäter könnte man ſie ſchwerlich wieder auf einen andern Weg bringen. Aber es ſchlägt elf Uhr.—„Schon elf Uhr?“ fragt Caroline;„wie ſchnell vergeht doch die Zeitl“ Ich ſitze neben ihr, halte ſie in meinen Armen und lege meinen Kopf auf ihre Schulter; Schwei⸗ gen iſt an die Stelle unſerer tollen Freude getreten, aber das Schweigen malt beſſer die Verwirrung des Herzens, als die lärmenden Ausbrüche der Tborheit. 118 „Es iſt ſchon ſehr ſpät“ bemerkt Caroline endlich halblaut.—„Ich muß Sie alſo verlaſſen?“ frage ich;„ſind Sie jetzt nicht ihre eigene Herrin?“ Sie ſchlägt die Augen nieder und gibt keine Ant⸗ wort; aber brauche ich ein anderes Zugeſtändniß2 Sie vertheidigt ſich nur ſchwach und ich benehme mich als ein ſo geſchicktes Kammermädchen, daß ſie in einem Augenblicke in der Nachttvilette ſich befin⸗ det, wenn man dies noch Toilette nennen kann; denn ich reiße Alles von ihr weg, Schnüre und Stecknadeln! Dieſe Hinderniſſe ſind ſehr ſchwach; denn glücklicher Weiſe will die Mode nicht, daß un⸗ ſere Damen einen eiſernen Harniſch tragen, aber auch dann würde die Liebe bald eine Breſche entdecken. Ich wünſchte, noch auf ein ſüßeres Hinderniß zu ſtoßen; aber leider findet ſich dieſes nicht. Ach! Mamſell Caroline! das hätte ich mir denken kön⸗ nen! doch was thut'e! Iſt ſie darum weniger hübſch? Nein, gewiß nicht; und vielleicht gab ge⸗ rade dieſer Umſtand ihrer Phyſiognomie jenen bos⸗ haften und koketten Ausdruck, der mich verführte. Aber ich muß unwillkürlich daran denken, daß ein Anderer weit mehr erlangt hat, als ich, ohne dem Mädchen eine Wohnung zu geben; indeß tröſte ich mich mit dem Verſe: „Der erſte Schritt geſchieht, man denkt nicht dran!“ Nur der zweite wird mit Ueberlegung gemacht und es gewährt größeren Ruhm, ein Mädchen zu die⸗ ſem zu überreden. Dieſe Anſicht will ich mir ein⸗ prägen. 5 „—————————— —— —.— 1¹9 Wenn es kein anderes Mittel gibt, ſo muß man immer zum böſen Spiel gute Miene machen. Wenn ich ihr Mann wäre.„o dann müßte ich eben ſo handeln; denn wenn man die Ueberzeugung hat, daß man ein George Dandier iſt, ſo braucht man es gerade nicht der ganzen Welt zu ſagen. Alle dieſe Gedanken habe ich deßwegen für mich behalten, und an Caroline nur Liebkoſungen ver⸗ ſchwendet, die ſie mir mit einer Lebhaftigkeit, einer Stärke des Gefühls erwiderte, deren ich ſie nicht für fähig gehalten und die ich ſicher nie bei einer Agneſe geſunden hätte. Dies iſt ſchon ein Troſt⸗ punkt. Sie ſchwört mir, daß ſie mich beſtändig liebe, nur mit mir glücklich ſein, nur mich ſehen, mir ſtets treu bleiben, und nur mir zu gefallen ſuchen wolle. Ich ſage ihr faſt das Gleiche und wir ſchlafen unter öfterer Wiederholung dieſer zärtlichen Liebes⸗ ſchwüre ein. Als ich erwache, iſt es bereits heller Tag... Caroline ſchläft noch. Es iſt erſt ſechs Uhr Mor⸗ gens; ich will ſie nicht wecken; ſie muß müde ſein. Leiſe drücke ich einen Kuß auf ihre Lippen, die ſelbſt im Schlafe zum Küſſen einladen und verlaſſe das Bett, wo ich in den Armen meiner Schönen alle Süßigkeiten der Luſt, mit Ausnahme von Etwas fand doch ich will nimmer daran denken. Geräuſchlos kleide ich mich an, denn ich will gehen, ohne ſie zu wecken. Ich weiß, daß die Ge⸗ wohnheit des Beiſammenſeins bald Ueberſättigung zur Folge hat; ich will ſie alſo nicht zu oft beſuchen, damit wir einander ſtets mit um ſo größerem Ver⸗ gnügen ſehen. O, ich habe in dieſem Punkte Er⸗ fahrung! Wenn man die Liebe nicht ſchont, ſo nützt ſich nichts leichter ab. Sodann möchte ich, obwohl Mamſell Caroline mir ſehr gefällt, doch nicht fort⸗ während mit ihr leben. Jetzt bin ich fertig; ich werfe noch einen Blick auf meine neue Freundin, dann entferne ich mich ſachte und ſchließe die Thüre zu. Welch ein Unterſchied zwiſchen Paris um ſechs uhr Morgens und Paris um ſechs Uhr Abends! Welche Ruhe herrſcht in dieſem Viertel, das nach wenigen Stunden von dem Lärmen der Kaleſchen, Whiski's, glänzender Kavalkaden, dem Geſchrei der Kutſcher und Lakaien, dem Geſumme der Fuß⸗ gänger und Händler erſchallen wird! Nur einzelne Milchmädchen beleben jetzt das Gemälde. Ich wende mich nach den Boulevards: welche Friſche! welch reizende Promenade! Ich kann mir das Vergnügen, über dieſelben hinzulaufen, ehe die Menſchenmenge auf ihnen wogt, nicht verſagen. Die friſche Luft thut mir wohl; fie verſetzt mich in eine ruhige Stimmung, und ich begreife, daß man Morgens um ſechs Uhr bereuen kann, was man Abends um ſechs Uhr gethan hat. Jetzt gehen die Buden auf; die Kaufleute und Händler ſtellen ihre Waaren zur Schau, die Por⸗ tiers kehren, die Fenſterläden öffnen ſich, die Faulen gähnen, die Arbeiterinnen holen ihr Loth Kaffee⸗ 12¹ die Junggeſellen ihr Brod, die Wärterinnen ihren Feuertopf und die alten Weiber ihr Rahmkrügchen. Der Commiſſionär trinkt ſein Glas Wein, der Kutſcher ſein Glas Branntwein, um den Tag gut anzufangen. Die Bäurinnen, welche bereits die Hälfte derſelben verlebt haben, beſteigen ihren Eſel wieder und kehren aufs Land zurück. Ich verlaſſe die Boulevards und begebe mich nach Hauſe. Drei Viertel der Bewohner deſſelben ſchlafen noch. Es iſt erſt halb acht Uhr und ich begegne nur einigen Wärterinnen. Mein Nachbar iſt hoffentlich noch nicht aufgewacht; der arme Raimund! Nach dem geſtrigen Abenteuer wird es zwiſchen uns ver⸗ muthlich zu einer Erklärung kommen. Er muß ganz wüthend gegen mich ſein, denn ich traue ihm ſo viel geſunden Menſchenverſtand zu, daß er jetzt begreift, daß die Mädchen im Modewaarenmaga⸗ zine ſich über ihn luſtig machten. Ich ſtehe vor meiner Thüre. Es ſteckt Etwas im Schlüſſelloche. wieder ein Bouquet von Ni⸗ cette. Es iſt bereits ein wenig verwelkt und ohne Zweifel ſeit geſtern Abend hier. Die kleine Blumen⸗ händlerin vergißt mich nicht, ich aber, der ich ihr um ſechs Uhr wohl einen guten Morgen hätte wün⸗ ſchen können, habe nicht an ſie gedacht. Ich gehe faſt nie an ihrer Bude vorbei! Und doch verdient Niceite, daß man ihr zu lieb einen Umweg macht. Seit einigen Tagen bin ich indeß ſo beſchäftigt, daß ich keine Zeit habe, an meinen Schützling zu denken;z ich habe mir übrigens gelobt, mich nicht ——— 122 allzu oft an Ricette zu erinnern und ich glaube, daß ich wohl daran thue, beſonders ihretwegen. Sie ſoll mich vergeſſen, denn ein Mädchen von ihrem Geſühle würde demjenigen, den ſie liebt, mit unverbrüchlicher Treue anhangen. Ich will ſie nicht beſuchen; dies iſt das klügfſe. Dann wird ſie mich endlich vergeſſen. ach! ich fühle, daß es mir doch leid thäte. Ich nehme das Bougquet heraus und öffne die Thüre. Auch mein Zimmer erinnert mich an Nicette und die Nacht, die wir bei einander verlebten. Dieſe Nacht gleicht keines wegs derjenigen, welche ſo eben für mich verfloſſen iſt und mir nichts Außerordent⸗ liches geboten hat. Ich habe ſchon viele Nächte, wie die letztere hingebracht, und werde ohne Zweifel noch viele auf dieſelbe Weiſe hinbringen; aber ſolche Nächte ſind ſelten, in denen ein gefühlvolles und hübſches Mädchen von ſechszehn Jahren uns nicht nur entzückt, ſondern uns auch Achtung gegen ihre unſchuld einflößt. Ich bin nicht ſo zufrieden, als ich es ſein ſollte. Im Beſitze eines reizenden Frauenzimmers⸗ denn Caroline iſt wirklich wunderlieblich und ſie verliert auch im einfachſten NRegligée nichts, was kann ich noch wünſchen? Ach! ich wurde ſchon ſo oft getäuſcht, daß es mir erlaubt iſt, etwas ängſtlich zu ſein! Meine neue Geliebte iſt kokett, wenigſtens eben ſo wie meine früheren, und dies iſt nicht ſehr beruhigend; aber warum ſich im Boraus quälen? Zch habe mir ja gelobt⸗ leidenſchaftlos zu bleiben —r 123³ und die Ereigniſſe vom philoſophiſchen Standpunkte aus zu betrachten. Ja ich habe mir's gelobt, aber es gelang mir noch nie; vielleicht werde ich mit der Zeit und durch Gewohnheit zum Ziele gelangen. Es heißt, man könne ſich in Alles ſchicken; aber ich glaube, daß es ſehr ſchwer hält, ſich an das zu gewöhnen, was unſere Eigenliebe verletzt. Es kommt Jemand. Frau Dupont bringt ein Billet.. Geben Sie her, Madame Dupont. Meine Portiere behandelt Alles, was fſie thut, mit einer geheimnißvollen Wichtigkeit, die mich ſehr gaudirt. Sie überreicht mir das Papier mit einer bedeutungsvollen Reverenz. Aber ich ſehe, daß das Billet nur zuſammengelegt und nicht geſiegelt iſt; meine Portiere weiß alſo wahrſcheinlich bereits den Inhalt deſſelben, der ihrer wichtigen Miene nach ſehr ernſthafter Natur ſein muß. „Wer hat Ihnen dieſes Billet übergeben, Ma⸗ dame Dupont?— Herr Raimund— Mein Rachbar?— Ja, mein Herr, und ich habe den Auf⸗ trag, Ihre Antwort entgegenzunehmen.— Run⸗ ich will den Brief leſen!“.. „Herr Dorſan! In Betreff des vorgeſtrigen Diners muß ich mir eine Erklärung von Ihnen ausbitten. Dieſe kann aber nur im Gehölze von Boulogne ſtattfinden, wo ich Sie heute zwiſchen zwölf und ein Uhr erwarte. Ich werde allein ſein; thun Sie daſſelbe. Ich halte Sie für einen zu ehrenhaften Mann, als daß Sie 124 bei dieſem Rendez⸗vous ausbleiben ſollten. Sie werden mich bei der Porte Maillot treffen. Raimund.“ Ich lache wie toll nach Durchleſung dieſes Billets. Frau Dupont, der Raimund ſicherlich ge⸗ ſagt hat, daß wir uns ſchlagen werden, ſcheint be⸗ troffen über meine Fröhlichkeit und fragt mich, welche Antwort ſie überbringen ſolle.—„Gehen Sie,“ erwidere ich, und ſagen Sie meinem lieben Nach⸗ bar, daß ich mich bei dem Rendez⸗vous einfinden werde. Meine Portiere, ſtolz auf ihre Geſandtſchaft in einer ſo wichtigen Angelegenheit, macht mir eine ernſthafte Verbeugung und überbringt Raimund meine Antwort, der wahrſcheinlich in ihrer Loge wartet und allen Gevatterinnen und alten Weibern mittheilt, daß er eine Ehrenſache auszufechten habe. Ich geſtehe, daß ich keine Herausforderung von Seiten meines Nachbars erwartete Welche Waffen ſoll ich nehmen? Er ſpricht nichts davon; ich glaube, daß ſie nutzlos ſein werden; jedenfalls will ich meine Piſtolen in die Taſche ſtecken. Wer weiß? Vielleicht habe ich Raimund unrichtig beur⸗ theilt. Auch die Wahnſinnigen haben ihre lichten Augenblicke, die Geizigen find manchmal verſchwen⸗ deriſch, die Tyrannen gütig, die Koketten aufrich⸗ tig, die Spitzbuben rechtſchaffen— und ſo können ja auch die Feigen bisweilen Muth an den Tag legen. —=—— —,— nſſſ