Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatrr von— Eduard Ottmann in Giehen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und efebedingungen. 6 1. Oflensein der Bibliothek. Die Vibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr pffen. jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenymmen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mi.— Pf. 6 2. Lescpreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von . 4. „ 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6 Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte„ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet von „ Dr. Heinrich Elsner. Einundneunzigſter Theil. 1 ₰ 2 Stuttgart: Bcheible, Rieger« Sattter 1846. ⁸ Mein Kachbar Raimund. Von Paul de Roch. Es gibt nur Eine Liebe, aber tauſend ver⸗ ſchiedene Abſtufungen in derſelben. Marimen von La Rochefoucauld. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Erſter Theil. — Stuttgart: Scheible, Vieger a KHattler. 1836. — ———— † Erſtes Kapitel. Die Griſette. An einem Samstag Abend ging ich auf den Bon⸗ levards ſpazieren. Allein und meinen Grillen nach⸗ hängend, feellte ich gegen meine Gewohnheit ganz ernſthafte Betrachtungen an über die Welt und ihre Bewohner, über Vergangenheit und Gegenwart, über Geiſt und Leib, über die Seelenkräfte, über Zufall, Schickſal und Beſtimmung. Vielleicht hätte ich mir bald Gedanken über den Mond gemacht, welcher am Himmel aufſtieg und in dem ich(mit ein wenig feſtem Willen kann man Alles ſehen) bereits Berge, Seen und Wälder erblickte, wenn ich nicht, gerade in die Höhe ſchauend, gegen Jemanden gerannt wäre, der auf mich zukam und den ich im Monde nicht bemerkt hatte. „Geben Sie doch Acht, mein Herr, Sie ſind ſehr ungeſchickt!“ rief plötzlich eine ſanfte Stimme, welcher ſogar der Zorn nichts von ihrem Reize benahm. Anmuthige Stimmen machten mich von jeher nach⸗ giebig und ſo ſtieg ich auch dießmal ſehr ſchnell aus den luftigen Regionen herunter, in die ich mich nur 6 aus langer Weile verirrt hatte, und blickte die Per⸗ 7 ſon mit der lieblichen Stimme an. Es war ein Mädchen von ſechszehn bis ſiebenzehn Jahren. Aus ihrem unter dem Kinn gebundenen Häubchen, ihrem Zitzkleide und ihrer beſcheidenen ₰ Schürze ſchloß ich, es ſei eine junge Arbeiterin, die ſo eben ihr Tagewerk beendigt und nun nach Hauſe gehe. Das Dirnchen hatte übrigens meiner Treu ein recht hübſches Ausſehen: lebhafte, ſchelmiſche Augen, ein niedliches Näschen, ſchneeweiße Zähne, ſchwarze Haare, feine Geſichtszüge und eine anmuthige Hal⸗ tung— lauter Dinge, die ich nicht im Monde ſah. Unter dem Arme hielt das Mädchen eine Mappe, an die ich, ohne meinen Willen, angeſtoßen war; ſie befeſtigte nun das Band wieder, welches dieſelbe zu⸗ ſammenhielt, und ſchien ſehr beſorgt, der Inhalt ihrer Mappe möchte durch meine Ungeſchicklichkeit Schaden gelitten haben. In aller Eile brachte ich deßhalb meine Eutſchul⸗ digung vor: „Auf Ehre, Mademoiſelle, es thut mir unendlich leid. warum bin ich doch ſo linkiſch geweſen!“ „Freilich, mein Herr, wenn Sie vor ſich geblickt 3 hätten, ſo wäre es nicht geſchehen.“ „Ich habe Ihnen doch nicht wehe gethan?“ „O nein! und wenn meine Blumen zerknittert ſind, ſo kann ich ſie zu Hauſe wieder ausbeſſern.“ Aha, eine Blumenmacherin, dachte ich; nun, dieſe Jungfern ſind gewöhnlich nicht ſpröde, vielleicht läßt ſich auch mit dieſer ein Verhäliniß anknüpfen. 1 — Die junge Arbeiterin hatte die Mappe wieder unter den Arm genommen und ging ihres Weges fort; ich begleitete ſie ziemlich lange, ohne etwas zu ſprechen. In galanten Unterhaltungen bin ich immer ſchüchtern geweſen; glücklicher Weiſe jedoch gibt ſich Alles von ſelbſt, ſobald eine ſolche nur erſt im Gange iſt. Von Zeit zu Zeit wagte ich indeß einige Worte. „Mademoiſelle geht ſehr ſchnell... wollten Sie nicht meinen Arm annehmen?... Ich wäre glücklich, ihr Cavalier ſein zu können!... Dürfte ich Sie nicht wieder ſehen?... Beſuchen Sie oft das Theater 2... Ich will Ihnen Billete ſchicken... geben Sie Acht, Sie gleiten aus.“ Auf ſolche und ähnliche Phraſen, wie man ſie bei nächtlichen Abenteuern im Munde führt, erhielt ich ſtets die Antwort: „Ja, mein Herr; nein, mein Herr; ich bitte, laſ⸗ ſen Sie mich, mein Herr; Sie verlieren zu viel Zeit... begleiten Sie mich nicht.“ Manchmal wurde mir auch gar keine Antwort zu Theil, ſondern man machte eine ungeduldige Bewe⸗ gung und ging auf die andere Seite des Boulevards. Ich folgte eben dahin und verſuchte es nach kurzem Stillſchweigen mit einer neuen Phraſe, wobei ich in meine Stimme den zärtlichſten und verliebteſten Ausdruck legte. Bald merkte ich, daß ich auf größere Schwierig⸗ keiten geſtoßen war, als ich anfangs glaubte. Ich mochte das Mädchen noch ſo weit begleiten, ich mochte noch ſo verliebt ſprechen, noch ſo zärtlich blicken— 8 Alles umſonſt. Aber gerade der Widerſtand ſteigerte mein Verlangen; dumm genug, glaubte ich eines Abends einer jungen Unſchuld zu begegnen und be⸗ gleitete ſie eine furze Strecke, als meine Schöne, an ihrer Thüre angelangt, mich einlud, mit ihr hinauf⸗ zugehen. Meine Leſer mögen mir jedoch glauben, daß ich mich wohl davor hütete. Indeß nirgends mehr als in Paris trügt der äußere Schein! Die geübteſten Kenner laſſen ſich daſelbſt manchmal irre leiten; ich ſelbſt traue mir einen Kennerblick zu, denn ich habe in der Welt der Erfahrungen viele gemacht und dennoch ſehe ich mich gar oft getäuſcht. Unter derartigen Betrachtungen ſchlenderte ich ne⸗ ben meiner hübſchen Blumenmacherin einher. Es war ein verteufelt weiter Weg. Wir gingen über die Boulevards Montmartre„ yoiſſonniére und Bonne⸗Nouvelle, an den kleinen Theatern vorbei. Nun, die Jungfer wohnt wohl dort im Marais, denke ich. Doch nein; jetzt kommt die Rue Cher⸗ lot, die Rue Bretagne und die alte Temple⸗Straße: immer weiter. Glücklicher Weiſe iſt das Wetter ſchön. Uebrigens müſſen wir einmal an's Ziel kommen! Ja, dann aber wird man mir die Thüre vor der Naſe zuſchlagen; doch was macht's? Ich lief ja ohnehin in ſo langer Weile herum, und jetzt hatte ich doch für meinen Spaziergang einen Zweck. Auf ziergang dieſe Weiſe kann ſich in Paris Jedermann leicht die Zeit vertreiben; er darf nur dem erſten beſten ſchel⸗ miſchen Geſichtchen folgen, das er erblickt. Ich kenne viele Leute, die nichts Anderes thun und dadurch ihre 9 Geſchäfte vernachläßigen. Es gibt eine Menge Schreiber, die, anſtatt bei ihrer Arbeit zu bleiben, beſtändig den Griſetten nachlaufen, unter dem Vor⸗ wande, einen Wecken kaufen zu wollen. Barhäuptig durchſtreichen ſie alle benachbarten Stadtheile, was wenigſtens inſofern für die betreffende Verwaltungs⸗ behörde beruhigend ſein kann, als ſie ſtets ſicher iſt, daß ihre Schreiber nicht verloren gehen. Doch mir kommt es am Wenigſten zu, das Betragen An⸗ derer zu richten; auch wäre die Zeit ſehr ſchlecht ge⸗ wählt, denn ich gehe ja in dieſem Augenblicke kei⸗ neswegs mit einem nachahmungswürdigen Beiſpiele voran. Kurz vorher war ich noch in Betrachtungen über die Unbeſtändigkeit der menſchlichen Dinge ver⸗ ſunken, und jetzt verfolge ich einen Weiberrock, der das Gebrechlichſte, Schwächſte, Trügeriſcheſte, aber auch das Lockendſte, Bezauberndſte und Anziehendſte birgt, was die Natur geſchaffen hat. Wohin gerathe ich? Meine Einbildungskraft iſt ungeſtüm erregt und doch ſehe ich nur einen wirklich ſehr niedlichen Fuß und den Anfang eines Beines, welches der be⸗ ſcheidene ſchwarzwollene Strumpf bedeckt. Ach, wenn ich nur auch das Strumpfband ſchauen könnte! Meiner Treu', ſelbſt auf die Gefahr hin, daß Einem die Thüre vor der Naſe zugeſchlagen wird, iſt es, ſtreng genommen, immer beſſer, ein Mädchen zu begleiten, als im Monde leſen zu wollen und ſein armes Gehirn mit metaphyſiſchen, aſtronomiſchen, phyſiologiſchen oder gar metopoſcvpiſchen Ideen ab⸗ zuquälen. Je mehr man ſich in's Ueberſinnliche ver⸗ Paul de Kock. Rc1. 2 10 tieft, deſto weniger findet man ein Ziel und einen ſicheren Maßſtab; mit einem ſchelmiſchen Geſichtchen aber weiß man ſogleich wohin, und bei einem ar⸗ tigen Frauenzimmer läßt ſich das Naturſyſtem ohne Mühe entdecken. Seit ein Paar Minuten ſprach ich gar nimmer mit meiner jungen Arbeiterin. Ihre Hartnäckigkeit hatte mich erbittert und ich mäßigte bereits meinen Gang, ſo daß ſie glauben konnte, ich folge ihr nicht' mehr. Indeß auf zwanzig Schritte behielt ich ſie fortwährend im Auge. Da bleibt ſie ſtehen ich gleichfalls... ſie ſpricht mit Jemanden... ich nähere mich... dieſer Jemand iſt ein junger Menſch. Ich beiße in meine Lippen, lauſche ein Wenig und vernehme folgendes Zweige⸗ ſpräch. „Guten Abend, Jungfer Caroline.“ „Guten Abend, Herr Julius.“ „Sie kommen ſehr ſpät.“ „Wir haben viel zu thun, beſonders am Sams⸗ tag; auch hatte ich eine Mappe in die Rue Richeleu zu tragen. Dies iſt der Grund meiner Verſpä⸗ tung.“ „Und was haben Sie denn in dieſer?“ „Ein hübſches Roſenbouquet, womit ich morgen meine Haube aufputzen will.. ich ſelbſt habe es ge“ macht. Sie werden ſehen, wie ſchön es ſich aus⸗ nimmt. aber da hat mich ein Tölpel auf dem Boulevard geſtoßen und ich mußte das Bouquet zu Boden fallen laſſen.“ 11 Bei dieſen Worien ſchlüpfte ich in die Allee, vor der ich ſtehen geblieben war, „Es gibt Leute, welche beim Gehen auf Nichts Acht geben.“ „Ich glaube, dieſer war ein Gelehrter; er guckte immer den Himmel an.“ „Hat er Sie nicht um Entſchuldigung gebeten?“ „O ja. aber ich muß Sie verlaſſen: meine Tante erwartet mich; ſie würde ſchmälen...“ „Es würde mir ſehr leid thun, Ihnen eine Un⸗ annehmlichkeit zu verurſachen. Wir werden uns morgen ſehen?“ „Ja, ja, wofern meine Tante mich zum Tanze läßt. ſie iſt ſo widerwärtig!... Haben Sie Billete auf Tivoli?“ „Ja, Jungfer Caroline, für vier Perſonen... ich werde Sie abholen.“ „Recht bald, Herr Julius.“ „O, ſeien Sie unbeſorgt... aber wohl gemerkt, wir tanzen den erſten Contretanz mit einander.“ „Das verſteht ſich!“ „Adien, Jungfer Caroline.“ „Adieu, Herr Julius.“ Herr Julius bengt ſich vorwärts; das Mädchen reicht ihm ihre Wange hin.. ich höre einen Kuß!... WMordelement! Darum bin ich alſo in die Rue des Roſiers gekommen! Singend entfernt ſich der junge Mann. Das Mädchen geht noch einige Schritte weiter, tritt hier⸗ auf in einen Gang, deſſen Thüre ſie hinter ſich ver⸗ ſchließt, und ich bleibe unbeweglich an der Goſſe ſtehen. Dieſer Julius iſt ein Liebhaber der Arbeiterin: Alles deutet darauf hin, und überdieß ein recht ehr⸗ barer Liebhaber, denn ich war überzeugt, daß er nur ihre Wange küßte und auch aus ſeinen Worten ſprach nirgends der Verführer. Am morgenden Sonntage geht's nach Tivoli, natürlich mit der Tante, denn er hat ja Billete für vier Perſonen. Wohlan! ich werde auch bei der Partie ſein— wohl nicht das einzige Mal. Verdammt! ſie iſt hübſch, ſehr hübſch. Ich will mir doch das Haus betrachten; man weiß nicht. der Zufall kann uns manchmal dienen.. dieſe Straße iſt dunkel... der Mond hinter den Wol⸗ ken. ich ſehe die Nummer nicht.. nun, ich werde dieſen Gang wieder erkennen, auch dieſen Winkel und dieſes Schirmdach. „Ei zum Teufel! geben Sie doch Acht... Sie haben es faſt über mich ausgegoſſen.“ Ein Bewohner des Hauſes meiner Schönen hatte das Fenſter geöffnet und ein Gefäß in die Straße geleert, gerade als ich die Farbe der Mauer betrach⸗ tete. Glücklicher Weiſe kam ich mit einigen Spritzern davon. Dieß ſetzte meiner Neugierde ein Ziel und ich verließ die Rue des Roſiers, die Flecken auf mei⸗ nem Kleide mit dem Sacktuche abwiſchend. Zweites Kapitel. Die Kokette. Zeitig genug, um noch die kleinen Theater gefüllt zu ſehen, komme ich auf den Boulevards an. Ein Dutzend Colporteure ſtürzen auf mich zu und bieten mir Gegenbillete an.„Der letzte Akt kommt erſt, mein Herr,“ kreiſchen ſie mir in die Ohren;„das iſt der ſchönſte: Sie werden den Kampf mit dem Sä⸗ bel und der Axt, den Brand und das Ballet ſehen. Ganz Paris läuft zu dieſem Stücke herbei... Sie werden da drin überall Platz finden.“ Unvermögend, ſo vielen Zudringlichkeiten zu wi⸗ derſtehen, kaufe ich ein Gegenbillet, womit ich, wie die Kerls ſagten, auf jeden Platz könnte. Man ließ mich indeß nur in's Parterre, wenn ich nicht etwa hinter den Galerien herumwandeln wollte. Ich wähle das Letztere. Um einen Akt zu ſehen, werde ich immer noch recht kommen; auch iſt das, was im Saale vorgeht, öfters ſogar ergötzlicher als das Spiel auf der Bühne. Ich betrachte gerne die Ge⸗ ſtalten um mich her, und es gibt deren ſehr drollige bei den Melodramen; dieſe Theater werden im All⸗ meinen vom Volke und einer Mittelklaſſe beſucht, welche ihre Gefühle nicht zu verbergen wiſſen und die ſich daher dem Eindrucke einer heitern oder erſchüt⸗ ternden Scene ohne Rückhalt überlaſſen. 14 „Ah! der Hund!... Ah! der Schurke!“ rief mein Nachbar jedesmal, ſo oft der Tyrann erſchien,„er wird bald ſeinen Lohn ſinden.“ Ich blickte meinen Nachbar an und ſchloß aus ſeiner Haltung und ſei⸗ nen Händen, daß er ein Lohgerber ſein müſſe. Seine Augen glänzten lebhafter als die des Schauſpielers, der den Verräther machte und gegen den er ſich jeden Augenblick ereiferte. Vor mir im Pourtour bemerkte ich eine Wäſcherin, die bei der Erzählung des Un⸗ glücks der Prinzeſſin laut ſchluchzte, und einen jungen Burſchen, der ſich unter der Bank verſteckte, um den Kampf nicht zu ſehen. Wie köſtlich ſich dieſe Leute da unterhalten, dachte ich; ſie ſind nicht abgeſtumpft für den Genuß des Schauſpiels. Mit Leib und Seele bei der Handlung, verlieren ſie kein Wort und denken acht Tage lang an das, was ſie heute Abend geſehen haben. Jetzt zur erſten Galerie; dort herrſcht ein beſſerer Ton, aber auch lange Weile. Durch eine Oeffnung erblicke ich eine ſehr anzie⸗ hende Geſtalt. Ich gebe der Aufſchließerin ein Trink⸗ geld und trete in die Loge, feſt entſchloſſen, mich für die bei Jungfer Caroline verlorene Zeit zu entſchädigen. Die Dame, welche mir von Ferne reizend vorge⸗ kommen war, iſt dieß in der Nähe weniger. Doch kann man ſie paſſiren laſſen, denn ſie beſitzt wenig⸗ ſtens ein gefälliges Aeußere, Eleganz und hübſche Haltung. Sie iſt noch jung, und wie ich bereits merke, eine große Kokette, ſo daß die Ankunft eines jungen Mannes in ihrer Loge ſie einen ſtören wird. 15 4 Ich bin, wie Sie ſehen, meine lieben Leſer, noch jung, ein Umſtand, den ich, ſo viel mir erinnerlich, bisher nicht erwähnte. Später werde ich Sie auch mit meiner Perſönlichkeit, meinen Talenten, meinen Liebhabereien und meinen Eigenſchaften bekannt ma⸗ chen: ein Abſchnitt, der kurz ausfallen wird. Neben dieſer Dame ſitzt ein Herr von ganz ge⸗ meinem Aeußeren, aber ziemlich auffallenden Ma⸗ nieren und dabei ſorgfältig gekleidet. Iſt es wohl der Gatte des Frauenzimmers? Ich glaube es faſt, venn ſie ſprechen beinahe Richts mit ein⸗ ander. Schade, daß nur noch die Hälfte eines Aktes zu ſehen iſt; ich hätte plaudern, den Angenehmen ſpielen und ein Verhältniß anknüpfen können. Wie mir ſcheint, mißfalle ich keineswegs, denn es ſtrahlen mir ſehr ſanfte Blicke zu; man hat ſich ſo hingeſetzt, daß ich der Schönen in die Augen ſchaue, ohne daß der Herr es bemerkt. Die Damen haben in dieſer Be⸗ ziehung eine ganz beſondere Geſchicklichkeit. Wenn ich einmal heirathe, ſo werde ich mich immer hinter meiner Frau aufpflanzen, damit alsdann.. ja, aber wenn ſich Jemand neben ſie ſetzte, wie könnte ich das Manöver der Füße und Kniee verhindern?. Das iſt zum Raſendwerden. ⸗ „Das Stück gefällt mir nicht übel,“ ſagte endlich die Dame zu ihrem Nachbar,„man ſpielt hier gar nicht ſchlecht.“ „Ja, ja!“ „Immer Ja!“ 16 „Ah, das muß ein Ehemann ſein; doch hören wir weiter, es kommt Etwas für mich!“ „Ich habe mich geſtern im Théatre frangais ge⸗ langweilt; die Mars ſpielte nicht... gehen wir nicht morgen in die Oper? Es gibt dort eine außeror⸗ dentliche Vorſtellung.“ „Wie Sie wollen.“ „Wahrhaftig, es iſt zu heiß, um beim Schauſpiele ſich recht amüſiren zu können. Wenn es Sonntags in den öffentlichen Gärten nicht ſo unordentlich her⸗ ginge, ſo würde ich mich dorthin flüchten... was halten Sie davon?“ „Mir iſi's einerlei.“ Die Dame machte eine Der Herr, ohne es zu bem etwas vor; ich ſtand auf, trachten und ganz zufällig rührung mit dem Arm der Miene verzog. „Dieſe Theater werden ſchlecht gelüftet... herrſcht darin ein unangenehmer Geruch,“ Nachbarin nach einer Weile. Ich dachte an die Spritzer auf meinem Kleide, die allerdings nicht am beſten duften mochten. Zwar konnte ich ein Lächeln kaum zurückdrängen, doch faßte ich mich noch und bot der Schönen ſchnell mein Riechfläſchchen. Es wurde an⸗ genommen und beim Zurückgeben ſchien man ſich gar nicht darüber zu ärgern, daß ich die darreichende Hand drückte. ungeduldige Bewegung. erken, trat in der Loge um die Dekoration zu be⸗ kam meine Hand in Be⸗ Dame, die darüber keine es ſagte meine 17 In dieſem Augenblick war das Stück aus. Zum Teufel, dachte ich, dieß iſt Schade! Wäre ich doch früher gekommen! Daran iſt Jungfer Caroline ſchuld... doch nein, ohne ſie würde ich ja noch auf dem Boulevard Montmartre herumſchlendern und die Sterne anglotzen. Weil ich die Blumenmacherin be⸗ gleitete, bin ich hierher gekommen und habe einen Akt geſehen; weil ich einer Griſette nachſtrich, habe ich hier eine Kokette getroffen, die vielleicht mit jener nicht einmal eine Vergleichung aushält!... Wie wunderbar ſich doch Alles fügt! Weil man Etwas über mein Kleid ausſchüttete, beklagte ſich dieſe Dame über den übeln Geruch und ich gab ihr mein Riech⸗ fläſchchen; noch mehr: ich drückte ihr die Hand. Nun ſage nur Jemand, es gäbe kein Verhängniß! Wenn ich dieſem Herrn da eine gewiſſe Verzierung aufſetzte, ſo wäre es die Schuld der Jungfer Caroline, weil ſie mich nicht erhören wollte. Man geht. Ich helfe der Dame über die Bänke ſchreiten, welche dem Publikum den Weg höchſt ſauer machen. Nun bietet der Gemahl meiner Schönen den Arm und ich habe das Nachſehen. Soll ich ihnen folgen oder nicht? Dieſer Ge⸗ danke beſchäftigte mich auf's Lebhafteſte, während ich die Treppe hinunterſtieg. Nach dem kurz vorher er⸗ lebten Begegniſſe hätte ich mich den übrigen Abend hindurch ruhig verhalten ſollen, aber mit vierund⸗ zwanzig Jahren kalkulirt man nicht ſo kühl; ich liebte leidenſchaftlich die Frauenzimmer; zudem war mein letztes Liebchen mir untren geworden(welcher Um⸗ 18 ſtand mich gerade in melancholiſche Betrachtungen verſenkt hatte), und ein junger Mann mit einer ſtarken Doſis Empfindlichkeit kann nicht leben, ohne Etwas für's Herz zu habenz alſo raſch vorwärts! Kaum auf dem Boulevard angekommen, geht es der Chauſſee zu. Gut! denke ich, man nimmt allem Anſchein nach einen Wagen; ich werde dann ſchon hören, was man zum Kutſcher ſagt und auf dieſe Weiſe ohne viele Mühe die Adreſſe erfahren. Aber ich täuſchte mich in meinen Vermuthungen. Man wendet ſich gegen einen niedlichen Vis-ä-viss; auf den Ruf„Andre“ erſcheint ein Bedienter, öff⸗ net den Schlag und läßt die Herrſchaft einſteigen. Dieß kitzelte meine Eigenliebe noch mehr; eine Frau, die Equipage hat, dachte ich, einer ſolchen Eroberung zu lieb darf man ſich ſchon einige Mühe geben.. alſo friſch dem Gefährt nach! Doch nicht zu Fuß, das wäre zu ermüdend. Es ginge noch an, wenn ſie in einem Fiaker führe... aber bürgerliche Pferde.. dieß würde mir einen Catarrh zuziehen. Ah! ich ſehe ein Cabriolet.. ſchnell es in Beſchlag genommen, denn der Wagen der Dame fährt ab. „He, Kutſcher!“ „Eingeſtiegen, mein Herr.“ „Da bin ich.“ p „Wohin geht's, Herr?“ „Jolge dieſem Gefährt gerade vor uns und Du ſollſt ein gutes Trinkgeld erhalten.“ *Eine ſchmale Kutſche mit zwei einander gegenüber be⸗ findlichen Sitzen. 19 Das Letztere brauchte der Schuft von Kutſcher eigentlich nicht mehr, denn er war, wie ich fand, be⸗ reits beſoffen. Nun reute es mich zwar, daß ich dieſen genommen, aber die Zeitkürze geſtattete keine Aende⸗ rung. Der Hauderer peitſcht ſeine Mähre mit aller Macht; die verdammte Beſie ſchlägt einen verzwei⸗ felten Galopp an und überholt manchmal das bür⸗ gerliche Gefährt. „Sachte!“ rief ich meinem Kutſcher zu;„peitſche das Thier nicht ſo erbärmlich, damit kein Unglück geſchieht.“ „Seien Sie ruhig, Bürger, ich kenne mein Amt: ein zwanzigjähriger Kutſcher verſteht den Rummel. Wahrſcheinlich ſind Ihre guten Freunde dort in dem grünen Fiaker.. aber, meiner Seel', Sie müſſen vor ihnen ankommen.“ „Davon habe ich Dir nichts geſagt, ſondern ich verlange nur, Du ſolleſt dieſem Gefährt folgen.. wie kann aber das ſein, wenn Du es überholſt?“ „Ich ſage Ihnen, Herr, dieſes Gefährt ſoll uns folgen, man wird ſehen, daß mein Pfeed jenen bei⸗ den die Wage hält. Wenn Belotte einmal im Gang iſt, ſo gibt es kein Mittel, ſie aufzuhalten.“ „Mordelement! Du fährſt zu ſchnell! Wir ſind dem Gefährt weit voraus; wo iſt es jetzt hinge⸗ kommen?“ „Ah! ſie werden uns ſchon wieder einzuholen ſuchen.. aber der Kutſcher hat ſeine rechte Noth. nicht wahr, Herr, ich führte Sie gut?“ 20 „Halt jetzt.. ſo halt' doch!“ „Sind wir angekommen?“ „Ja, wir ſind angekommen.“ „Nicht wahr, Belotte hat tüchtig ausgezogen? He, he, wo muß man denn klopfen?“ „Nirgends!“ „Noch kein Bröſele von einem Fiaker weit und breit! Habe ich nicht recht gehabt, daß Sie vor den Andern ankommen würden? Ah, mein Fuhrwerk nimmt's mit der ganzen Welt auf.“ Ich ſteige aus und blicke überall umher... da war nirgends ein Gefährt; wir hatten es rein aus den Augen verloren. Das macht mich faſt toll, und überdieß muß ich noch die Prahlereien meines Trun⸗ kenbolds hören, der ſein Trinkgeld verlangt. Ich hätte gute Luſt, dem Kerl den Rücken durchzupeitſchen, doch ich halte an mich und faſſe ſchnell den Entſchluß, den Hauderer zu bezahlen und fortzuſchicken. „Wenn Sie einen guten Kutſcher und ein gutes Pferd brauchen, Herr, ſo ſtehe ich immer zu Dien⸗ ſten. Sie werden mich auf dem Taitboutplatze bei Tourſoni finden... dort in dem ſchönen Viertel... fragen Sie nur nach Franz, ich bin unter dem Na⸗ men der Grimaſſenm acher bekannt.“ „Gut, ich will d'ran denken.“ Der Schlingel entfernt ſich endlich und ich ſtehe allein in einer Straße, die mir unbekannt iſt. Da es jedoch ſchon ſpät und ich gar nicht geſonnen bin, die ganze Nacht hindurch herumzuſchlendern, ſo ſuche ich mich zu orientiren. Bald komme ich an einen 21 Ort, den ich kenne: es iſt die Rue des Martyrs, bei der Barriere des Montmartre. Zum Glücke wohne ich in der Rue St. Florentin, und um dorthin zu gelangen, geht es bergab. Ich ſteure alſo friſch auf mein Ziel los und mache mir allerhand Gedanken; ich hatte ja Zeit dazu. Doch meine Träumereien werden durch Geſchrei unterbro⸗ chen. Das Quartier des Porcherons iſt ge⸗ rade nicht von der gewählteſten Geſellſchaft bewohnt, und da ich keine Luſt habe, ein drittes Abenteuer aufzuſuchen, ſo verdopple ich meine Schritte, um wi⸗ derwärtige Begegniſſe zu vermeiden. Aber der Lärm hört nicht auf: man ſchreit, man flucht, man rauft ſich. Die Weiber rufen nach der Wache, dem Commiſſär und der ganzen Juſtiz des Viertels, die Männer ſchlagen einander und wälzen ſich in der Goſſe. Fenſter fliegen auf, Schlafmützen oder Nachthauben ſchauen heraus; man horcht, man lacht, man plaudert von einem Kreuzſtock zum an⸗ dern und fragt ſich, was es gebe. Niemand aber kommt herunter, weil es nicht klug iſi, bei Nacht ſich in einen Streit zu miſchen. Der Anblick von offenen Fenſtern und Rachtmützen erinnert mich an das kleine Ereigniß in der Rue des Roſiers. Nun ging's wie im Fluge weiter, denn ich glaubte ſchon vom Schickſale verfolgt zu werden. Doch hinter mir ertönen Schritte; ich lenke in eine Straße rechts ein, aber immer ſolgt man mir. endlich ſtehe ich ſtill, um Athem zu ſchöpfen, und als bald ergreift mich Jemand am Arme. 3 Drittes Kapitel. Die Blumenhändlerin. „Ach, mein Herr!.. retten Sie mich.. führen Sie mich. beſchützen Sie mich gegen den Schurken Beauviſage, der geſagt hat, daß er mich den Klauen eines Jeden entreißen werde! Hören Sie, wie er den jungen Finemouche durchprügelt, der doch ein rechter Tropf iſt! Meine Schweſter war nicht dumm: ſie hat Reißaus genommen, ſobald es Tachteln reg⸗ nete. Nun habe ich allein Alles auf dem Nacken, während die Schweſter vielleicht bei der Mutter über mich läſtert. Nur Sie können mir helfen, mein Herr, ſonſt bin ich ein verlorenes Mädchen.“ Während die Unbekannte in dieſer Weiſe ihr Lied abſingt und ſich nur unterbricht, um mit der Kehr⸗ ſeite ihrer Hände ihre Thränen zu trocknen, betrachte ich den Gegenſtand meines neuen Abenteuers und ſuche beim Scheine einer traurigen Straßenlaterne ihre Züge zu erforſchen. Sprache und Tracht zeigen mir ſehr ſchnell, mit wem ich es zu thun habe. Ein rothes, mit einem ſchwarzſammtnen Gürtel befeſtigtes Kleid, eine große Haube mit breiten Spitzen, ein farbiges, vorn ge⸗ bundenes Haltztuch, über dem ſich ein großes Kreuz à la Jeannette ſchaukelt— dießmal kann ich mich nicht täuſchen, denn alle Anzeichen deuten darauf hin, daß ich eine Händlerin vor mir habe, deren Bude bei den Charniers des Innocents ſteht. Will doch wenigſtens ſehen, ob ſie hübſch iſt.. Sapperment und wie! Ihre Augen, obwohl voll von Thränen, haben einen ehrlichen Ausdruck, der ſie recht intereſſant macht; ihr kleiner, verzogener Mund, ihr betrübtes, weinerliches Geſicht werden durch ein Lä⸗ cheln⸗ welches mir gilt, etwas angenehmer, und die⸗ ſes Lächeln, das einer Kokette nicht ſo reizend ſtünde, zeigt mir eine Reihe ſchneeweißer Zähne, die noch kein Pulver eines Quackſalbers verdorben hat. Trotz der Schönheit meiner neuen Bekanntſchaft aber zauderte ich doch nicht wenig, ob ich ihren Arm, den ſie um den meinigen ſchlang, behalten ſollte. Gewiß verkauft man mit einem ſo hübſchen Geſicht⸗ chen weder Fiſche noch Fleiſch, ſondern das Mädchen iſt eine Blumenhändlerin; aber ich möchte meine Ge⸗ liebte nicht unter den Blumenhändlerinnen ſuchen. Höchſtens könnte man, wenn die Gelegenheit ſich vie⸗ tet, ſich ein Späßchen erlauben; dieſen Abend jedoch habe ich kein Glück und will nichts mehr verſuchen. Alſo hinweg von dem Mädchen! So ſanft als möglich mache ich mich von ihrem Arme los, nehme eine ſehr kalte Miene an und ſage zu der Jungfer: „Es thut mir äußerſt leid, daß ich Ihnen nicht willfahren kann, aber ich kenne Sie nicht. Der Streit des Herrn Beauviſage mit Finemouche geht mich Nichts an. Ihre Schweſter hat ſich davon ge⸗ macht, thun Sie daſſelbe. Mag Ihre Mutter denken, was ſie will, das iſt mir gleichgültig. Mitternacht iſt vorbei, ich laufe ſchon lange in den Straßen herum und möchte mich nun ſchlafen legen.“ „Wie, mein Herr! Sie ſtoßen mich zurück?.. Sie wollen mich hier verlaſſen?... Sie ſcheuen den kurzen Weh, um einem armen Mädchen, das wegen einer Sache, die jedem Menſchen paſſiren kann, be⸗ trübt iſt, einen Dienſt zu erweiſen? Ich verſichere Ihnen, meine Mutter wird mir die Thüre nicht öff⸗ nen, wenn ich ohne einen Bürgen meiner Unſchuld zurückkehre. Kann ich denn dieſe allein beſtätigen? Wird Ihnen dieß den Mund koſten? Sie ſind ja ein braver Herr, einer von der vornehmen Ge⸗ ſellſchaft; vor Ihnen wird meine Mutter ihren Zorn zurückhalten und mich anhören. Aber wenn ich allein komme.. welche Wuth! Ach Gott! ach Gott! wie verfolgt mich doch das Unglück! Ich wollte nicht in jenen großen Salon gehen.. ich hatte eine Scheu vor Allem, was dort iſt... Hiezu noch Thränen, Seufzer und Geſtampfe mit den Füßen; man wird ſich vielleicht die Haare aus⸗ raufen das wäre Schade, ſie ſtehen dem lieben Närrchen ſo gut. Mein Herz iſt nicht von Kieſel. Durch die Ver⸗ zweiflung des Mädchens gerührt, denke ich bei mir ſelbſt: wenn ſie anſtatt eines Hausrockes ein Kleid von Seide oder auch von Merino trüge, wenn an der Stelle der Nachthaube ein Hütchen ſich befände und anſtatt des Kreuzes à la Jeannette ein niedliches Charivari ſich auf ihrem Buſen ſchaukelte, ſo hätte ich ſchon längſt dieſer armen Kleinen meine Dienſte angeboten. Ich würde den Galanten, den Liebens⸗ würdigen ſpielen; ich würde alles Mögliche thun, um Gehör zu finden; ich würde die Erlaubniß, ihr den Arm bieten zu dürfen, als eine Gunſt betrachten, und jetzt ſollte mich dieſe geringe Kleidung grauſam, gefühllos finden! Ich ſollte einem lieblichen Mäd⸗ chen, das mich mit thränenden Augen anfleht, einen leichten Dienſt verweigern? Wahrhaftig, das wäre nicht ſchön. Ich ſtrich einer Griſette und einer vor⸗ nehmen Dame nach, die vielleicht Beide zuſammen dieſem armen Kinde nicht gleichkommen. Ich habe den Abend mit Thorheiten vergeudet, nun kann ich doch wohl eine Stunde auf eine gute Handlung ver⸗ wenden. Nun, ich führe die Blumenhändlerin nach Hauſe, damit baſta! Sie ſeben, meine lieben Leſer, daß ich manchmal ein guter Kerl bin; allerdings gefiel mir das Mädchen auch nicht wenig. Alle Frauenzimmer gefallen Dir, werden Sie ſagen. Ja, meine lieben Leſerinnen, alle, die hübſch ſind, und ich wette, Sie ſind es ebenfalls. Jetzt nähere ich mich wieder meinem ſchönen Flüchtlinge. Sie ſaß an einem Eckſteine, hielt einen Zipfel ihrer Schürze vor die Augen und ſchluchzte. „Mademoiſelle!“ „Mein.. mein Herr!“ „Wie heißen Sie?“ „Ni. i. cette, mein Herr.“ „Gut, meine kleine Nicette; tröſten S ſich, Paul de Kock. R01. 26 weinen Sie nicht mehr und nehmen Sie meinen Arm; ich will Sie zu Ihrer Mutter führen.“ „Wirk.. wirklich?“ Das Mädchen hüpſt vor Freude in die Höhe: ich glaube, ſie hätte mich ſogar gerne geküßt, doch begnügt ſie ſich, meinen Arm zu ergreifen, drückt ihn feſt an den ihrigen und ſagt zu mir: „Ach, ich wußte wohl, daß Sie mich nicht in meiner Verlegenheit ſtecken laſſen würden! Ich bin ein ehrbares Mädchen, mein Herr; das ganze Viertel muß Ihnen bezeugen, daß Nicette's Ruf ſo rein wie eine Felſenquelle iſt. Aber meine Mutter iſt ſo böſe und meine Schweſter eiferfüchtig, weil ſie behaup⸗ tet, daß ich verführeriſche Blicke nach Finemonche werfe.“ „Sie können mir dieß Alles unterwegs erzählen. Wo geht es jetzt hin?“ „O, es iſt nur eine kurze Strecke; ich vettauſc in Croir⸗Rouge und wohne in der Rue St. Mar⸗ guerite, wo meine Mutter eine Obſtbude hat.“ Von der Vorſtadt Montmartre bis nach Croix⸗ Rouge: welch' ein ſterbenslanger Weg! Wenn doch nur ein Fiaker daher käme! Ich glaube, ich würde ſo⸗ gar das Cabrivlet des beſoffenen Franz wieder be⸗ ſteigen und ſollte auch gleich Balotte Reißaus neh⸗ men; aber nirgends ein Gefährt! Doch nur nicht gezaudert! Ich nehme Nicette am Arme und führe ſie mit verdoppelten Schritten weiter. „Sie ſind eine Händlerin, Ricette, und was verkaufen Sie denn?“ 27 „Bouquets, mein Herr, und zwar immer friſche; darauf bin ich ſtolz.“ Alſo eine Blumenhändlerin! Nun, das laß ich mir gefallen; es verkürzt in meinen Augen den wei⸗ ten Weg. Ich hätte gerade nicht gerne bei einer Häringsverkäuferin den Cavalier gemacht; jedoch ſoll man, wenn es ſich um eine Dienſtleiſtung handelt, an ſolche Kleinlichkeiten ſich kehren? Aber der Teu⸗ fel Eigenliebe kommt immer in's Spiel; übrigens bin ich nicht mehr werth als ein Anderer, vielleicht weniger. Der Leſer mag darüber urtheilen. „Ah, Sie verkaufen Bouquets?“ „Ja, mein Herr, und wenn Sie recht ſchöne wollen, ſo kommen Sie nur zu mir; es ſtehen Ihnen jederzeit zu Dienſten, bei Tag wie bei Nacht.“ „Ich danke. Aber wie kommt's, daß Sie von Ihrer Wohnung in der Vorſtadt St. Germain aus nach der Barriere Montmartre zum Tanze gehen? Es gibt doch gewiß auch Bälle in Ihrem Viertel.“ „Das will ich Ihnen ſagen. Das Fränzele, meine Schweſter, hat einen Geliebten, Namens Finemouche, einen Brauknecht, dabei einen hübſchen Menſchen mit braunen Haaren, in den ſich alle Mädchen des Biertels vergaffen. Meine Mutter ſagt, es ſei ein lockerer Vogel und will nicht dul⸗ den, daß die Schweſter ihm Gehör ſchenke; das Fränzele abe hält wie eine Kleite an ihm und gibt ſich alle Mühe, recht oft mit Finemvuche bei⸗ ſammen zu ſein, jedoch unter der Bedingung, daß er ihr nur aus redlicher Abſicht den Hof mache Dieſen Morgen hat ſie verſprochen, abermals nach Montmartre ſpazieren zu gehen und ganz ſentimen⸗ tal Milch zu trinken. Mich mußte ſie mitnehmen, denn die Mutter hätte ſie nicht allein ausgehen laſſen. Wir ſchützten den Beſuch einer Tante vor, die auf dem Boulevard Orangen verkauft. Dieß war ein Streich meiner Schweſter. Ich begleitete ſie nur ungerne, beſonders da Finemouche mir öfters verliebte Blicke zuwirft, die ich aber nicht erwiedere, ſo wahr ich ein ehrliches Mädchen bin. In Mont⸗ martre trafen wir den Brauknecht, der ciner Jeden von uns ſeine Galanterien vorſchwatzte. Endlich nach zweiſtündigem Spaziergange ſagte ich: Wir müſſen auch an's Heimgehen denken.“ Aber Fine⸗ mouche erwiederte:„Laſſen Sie uns auf ein Viertel⸗ ſtündchen in den großen Salon gehen, einen Sa⸗ lat eſſen und einen Walzer reißen.“ Ich wollte nicht einwilligen; aber meine Schweſter liebt das Walzen und den Salat, und ſo mußte ich nachgeben. Wir kommen alſo in den großen Salon; Frän⸗ zele tanzt mit Finemouche: bis dahin war Alles in Ordnung. Jetzt führt der Zufall den Beauviſage her, einen Wurſthändlersknecht aus unſerer Straße; dieß iſt ein Bürſchchen, das allen Mädchen den Hof macht und ſich dabei in mich verliebt ſtellt.“ „Es ſcheint, Jungfer Nicette, daß es Ihnen nicht an Verehrern mangelt.“ „Ich habe deren übrig genug, aber nicht durch meine Schuld; Gott weiß, daß ich ſie immer mit Kälte empfange aber je zurückhaltender man iſt, deſto dreiſter werden die Burſche. Ich habe dem Musje Beauviſage zu verſtehen gegeben, daß mir ſeine Galanterien ſehr zuwider ſind; ich werfe ihm alle ſeine Geſchenke vor die Füße; doch das hilft Alles Nichts. Sobald ich nur auf einen Augen⸗ blick meinen Platz verlaſſe, finde ich ſicher nach meiner Rücktehr eine Wurſt unter meinen Roſen und ein Schweinsſüppchen auf meiner Wärmpfanne; ja er wünſcht mir zu meinem Namenstage Glück und bringt eine Weißwurſt mit Trüffeln! Doch dieß rührt keineswegs mein Herz; ich habe ihm vor allen Gevatterinnen des Viertels erklärt, daß ich Nichts von ihm wolle und ihm ſeine Weißwurſt nachgeworfen; er iſt wüthend fortgegangen, mit dem Schwure, er wolle mich entführen. Sie können ſich nun wohl denken, mein Herr, daß, als dieſer Beau⸗ viſage in den großen Salon trat, mich ein Schrecken überkam, um ſo mehr, da ich weiß, daß er ein Tollkopf iſt. Aber ſollte man's glauben: er wagte mich zum Tanze einzuladen, als ob Nichts vor⸗ gefallen wäre! Ich ſchlug's ihm ab, weil ich nicht bald ſo, bald anders bin. Er wollte mich dazu zwingen; da kam Finemouche herbei und befahl dem Beauviſage, mich ſogleich in Ruhe zu laſſen, worauf dieſer mir nur noch mehr zuſetzte; endlich kam's ſo weit, daß Beide hinausgingen, um ſih zu ſchlagen. Meine Schweſter gab mir Unrecht, weil es ſie ver⸗ droß, daß ihr Geliebter ſich für mich ſchlagen wollte. Das Ende vom Lied war, daß Finemouche, der während des Eſſens tüchtig getrunken hatte, von 30 Beauviſage tüchtig durchgewalkt wurde. Meine Schweſter ergriff die Flucht, ſobald ſie ihren Lieb⸗ haber auf dem Pflaſter ſah; ich wollte das Näm⸗ liche thun, aber der aufdringliche Beauviſage lief hinter mir her. Zuletzt erblickte ich Sie, mein Herr, und das gab mir Muth; ich rechnete auf Ihren Schutz und nahm Sie beim Arme. Dieß iſt Alles.“ Nicettens Geſchichte ergötzte mich und das, was mir am meiſten gefiel, war, daß ſie klug ſchien und keinen Geliebten hatte. Meine Leſer werden ſagen: Was geht das Dich an? Du biſt ein junger Mann von Stande und wirſt keiner Blumenhändlerin den Hof machen. Allerdings; dieß iſt auch nicht meine Abſicht, aber dennoch drücke ich ſeit einigen Augen⸗ blicken den Arm des Mädchens weit zärtlicher.. o⸗ das geſchieht aus Zerſtreuung. „Mein Herr, glauben Sie wohl, meine Mutter werde mich ſchlagen?“ „Ich ſehe nicht ein, warum; Sie haben ja nichts Unrechtes gethan.“ „Ach! vor Allem hätten wir nicht in den großen Salon gehen ſollen.“ „Daran iſt Ihre Schweſter Schuld.“ „Ja, aber das Fränzele wird ſagen: ich ſei Schuld. Dann müſſen Sie auch wiſſen, meine Muitter nimmt den Beauviſage ein Bischen in den Schutz, weil er ſie mit Präſenten kirre macht und niemals in's Haus kommt, ohne eine acht Zoll lange Wurſt mitzubringen. Meine Mutter, eine leiden⸗ ſchaftliche Wurſtliebhaberin, verlangte, ich ſolle den * * 31 Fleiſcherburſchen heirathen, damit ſie immer ein Würſtchen bei der Hand hätte; ich wollte aber Nichts von dieſem Zipfel da wiſſen und ſeit der Zeit erhalte ich zu Hauſe nur ſcheele Blicke. Ueber mir wird ſich daher das ganze Ungewitter entladen. Ach, mein Gott! ich werde Schläge bekommen, dieß iſt nur zu gewiß.“ „Arme Nicette, ich verſpreche Ihnen, bei Ihrer Mutter ein Wort für Sie einzulegen.“ „O, ich bitte Sie darum! Das Weib wäre im Stande, mich gar nicht aufzunehmen, mich auf der Straße übernachten zu laſſen... an Allem iſt der Spitzbube Beauviſage Schuld; aber lieber will ich mich in's Waſſer ſtürzen, als ſeine Frau werden.“. „Würden Sie ebenſo von Finemouche ſprechen?“ „Ja, mein Herr; ich will einen Mann nach mei⸗ nem Geſchmack und alle dieſe Schlingel da gefallen mir nicht.“ „Sie haben demnach keinen Geliebien?“ „Nein, mein Herr.“ „In Ihrem Alter muß man aber doch lieben!“ „O, das hat keine Eile!... Aber jetzt iſt's nim⸗ mer weit; es geht raſch voran... mein Herz.. ach, wie mir das Herz klopft!“ In der That fühlte ich, wie das Mädchen zitterte; um ſie zu beruhigen, ergriff ich eine ihrer Hände und drückte ſie in die meinige: ſie ließ es geſchehen und dachte nur an ihre Mutter. Jetzt ſind wir in der Rue St. Marguerite. Ni⸗ cette will gar nicht mehr vorwärts. 32 „Da, mein Herr,“ ſagt ſie,„dieſes Haus, zu⸗ nächſt an dem Thorwege.“ „Gut; wir wollen näher treten.“ „Ach! noch einen Augenblick., laſſen Sie mich ein wenig Athem ſchöpfen.“ „Wozu dieſe Furcht; bin ich nicht da?“ „Ach! meine Mutter wird Sie vielleicht übel empfangen.“ „Wir wollen ihr ſchon Vernunft beibringen.“ „Dieß wird ſchwer halten.“ „Ihre Schweſtek verdient eher Tadel als Sie.“ „Ja, aber meine Schweſter liebt man und ich werde gehaßt.“ „Doch wir ſind nicht hierher gekommen, um kei⸗ nen Verſuch zu machen.“ „Sie haben recht, mein Herr; alſo friſch ge⸗ wagt!“ Wir ſtehen jetzt vor dem Laden der Madame Jerome; Nicette hat mir geſagt, ſo heiße ihre Mutter. Alles iſt verſchloſſen und verriegelt; es herrſcht die tiefſte Stille; man demerkt innen kein Licht. „Schläft Ihre Mutter in dem Laden?“ „Ja, mein Herr; im Hintergrunde deſſelben.“ „Man muß klopfen.“ „Ach, wenn meine Schweſter nicht heimgelom⸗ men wäre!“ „Klopfen wir immerhin.“ Ich klopfe, denn Ricette hatte nicht den Muth dazu; es erfolgt aber keine Antwort. 33 „Sie ſchläft ſehr feſt,“ ſagte ich zu der Kleinen. „O nein, mein Herr, ſie will mir nur nicht aufmachen.“ „Mordelement! ich will ſie ſchon zum Reden brin⸗ gen!“ Ich klopfe von Neuem. Wir hören ein Geränſch, dann Tritte und eine heiſere Stimme fragt: „Wer klopft um dieſe Zeit?“ „Ich, Mutter.“ „Ah, Du liederliches Menſch! Glaubſt Du, ich werde Dir mitten in der Nacht öffnen, nachdem durch Deine Schuld Schlägereien vorgefallen und ein ganzes Stadtviertein Allarm verſetzt worden iſt! Pack' Dich und komme mir nicht mehr unter die Augen.“ „Mutter, öffnen Sie mir doch, ich bitte; meine Schweſter hat Sie angelogen.“ „Nein, nein, ich weiß Alles; Du biſt eine ſtarr⸗ köpfige Dirne willſt keine Wurſthänvlerin werden! Geh', ſtreiche durch die Straßen; wir wollen ſehen, ob Du alle Tage Würſte bekommſt.“ Nicette weinte. Nun hielt ich es für den ſchic⸗ lichen Zeitpunkt, ſelbſt in's Mittel zu treten. „Madame,“ rief ich zur Thüre hinein mit einer Stimme, welche imponiren ſollte,„Ihre Tochter iſt unſchuldig, Sie brauchen ſie nicht zu ſchmähen, und wenn Sie ihr nicht öffnen, ſo ſind Sie ſelbſt für alle dummen Streiche, welche das Mädchen etwa begeht, verantwortlich.“ Ich warte nun auf Antwort, erhalte aber keine; 34 voch höre ich eiſerne Riegel zurückſchieben, als wollte man aufſchließen. Ich flüſtere Nicette zu: „Sie ſehen, meine Stimme und meine Vorßtel⸗ lung haben gefruchtet; ich wußte wohl, daß Ihre Mutter ſich beſchwichtigen laſſen würde. Trocknen Sie Ihre Thränen, ſie wird herauskommen; ich will ihr ſchon Vernunft beibringen und Sie dürfen nicht auf der Straße übernachten.“ Nicette hörte mich an, zweifelte aber, daß ich Begnadigung für ſie erlangen würde. Indeß dauerte das Geräuſch fort und wirklich ging der Laden auf;z Madame Jerome erſchien unter der Thüre im Un⸗ terrocke und mit einer Nachthaube. Näher tretend will ich zu Gunſten des Mädchens, das kaum athmete, unterhandeln; eine Phraſe, wo⸗ von ich mir Rührung des Mutterherzens verſpreche, habe ich bereits auf der Zunge, aber Madame Je⸗ rome läßt mich nicht zu Worte kommen. „Du biſt's alſo,“ ruft ſie,„der dieſe ſchamloſe Dirne begleitet und mich lehren will, wie ich meine Töchter behandeln ſoll! Da haſt Du Etwas für Deine Mühe!“ In demſelben Augenblicke gibt mir die Obſthänd⸗ lerin eine ſo derbe Ohrfeige, daß ich auf die andere Seite der Straße wanke; dann geht ſie wieder in ihren Laden und ſchlägt die Thüre uns vor der Naſe zu. 35 Viertes Kapitel. Mein Nachbar Raimund. Fünf Minuten lang rede ich mit Nicette keine Splbe, denn Madame Jerome's Ohrfeige hat mei⸗ nen Eifer für ihre Tochter beträchtlich abgekühlt. Ich kann nicht umhin, über die Erlebniſſe dieſes Abends nachzudenken, und glaube feſt, daß eine Fü⸗ gung des Schickſals mich alle meine Verführungs⸗ verſuche theuer büßen läßt. Weil ich einer jungen Arbeiterin nachſtrich, die ich nicht einmal mit der Fingerſpitze zu berühren wagte, ſo wurde ich in der Rue des Roſiers von einem gewiſſen übelriechenden Regen überſtrömt; weil ich bei einer Kokette, die mir ungemein zärt⸗ liche Blicke zuſchleuderte, den Galanten und Liebens⸗ würdigen ſpielte, fand ich einen vermaledeiten Kut⸗ ſcher, der mich in ein von dem meinigen weit entferntes Viertel hauderte; endlich, weil ich ein Blumenmädchen in Schutz nehmen und das arme Kind mit ſeiner Mutter wieder ausſöhnen wollte, trug ich die derbſte Ohrfeige davon! Dieſes letztere Ereigniß ſcheint mir eine große Ungerechtigkeit der Vorſehung, denn es war doch offenbar eine edle Handlung, Ricette zu ihrer Mutter zurückzuführen. Nun ſage mir noch Jemand, eine Wohlthat bleibe niemals unbelohnt! Meine brennende Wange jedoch kühlte ſich all⸗ 36 mälig wieder ab und auch meine üble Laune ward ein wenig gemildert. Nicette iſt nicht Schuld, daß ich beohrfeigt wurde; ich will ſie es alſo nicht ent⸗ gelten laſſen, ſondern ſo viel als möglich die arme 1 Kleine tröſten, deren Schmerz der letztere Vorfall noch geſteigert hat. „Sie hatten recht, Nicelte: Ihre Mutter iſt eine böſe Frau.“ „O ja, mein Herr! Nun werden Sie mir glau⸗ ben. Aber ich bin untröſtlich über das, was Ihnen 3 begegnet iſt. Wären jedoch Sie nicht da geweſen, ſo würde ich noch weit ſchlimmer empfangen wor⸗ den ſein.“ „In dieſem Falle iſt's noch gut gegangen.“ „Meine Mutter iſt hitzig.“ „Allerdings.“ „Sie hat eine leichte Hand.“ „Ich habe dieſelbe ſehr ſchwer gefunden.“ „Sie klopft mich wegen jeder Bagatelle, beſon⸗ ders ſeit ich dem Beauviſage einen Korb gegeben. Ach, ich bin höchſt unglücklich!... Wahrhaftig, ich ſtürze mich noch in den Ourcgkanal.“ „Beruhigen Sie ſich doch; die Hauptſache iſt jetzt⸗ ein Nachtlager für Sie ausfindig zu machen, denn Ihre Mutter wird Sie keineswegs aufnehmen. Ha⸗ ben Sie vielleicht Verwandte in dieſem Viertel?“ „Ach Gott! nein, keinen Menſchen... eine Tante, welche in der Vorſtadt St. Denis wohnt; aber ſie würde mich ebenfalls abweiſen, aus Furcht, mit meiner Mutter Streit zu bekommen.“ 37 „Wie ich ſehe, wird Madame Jerome allgemein gefürchtet.“ „Ach freilich!“ „Wo werden Sie alſo übernachten?“ „Bei Ihnen, mein Herr, wenn Sie es gütigſt erlauben, oder im andern Falle auf der Straße.“ In NRicette's Bitte lag etwas ſo Treuherziges und zugleich ſo Kühnes, daß ich einen Augenblick meine Ueberraſchung nicht bewältigen konnte. An die Unſchuld und Offenherzigkeit einer Blumenhänd⸗ lerin zu glauben, hält ſehr ſchwer; indeß redete ſie eine ſo wahre, ſo überzeugende Sprache. Auf der andern Seite hatten ihre Augen, wenn auch von Thränen erfüllt, einen höchſt zärtlichen Ausdruck; ihr Stülpnäschen, die Art, wie ſie mich beim Arme nahm, der Vorſchlag, bei einem jungen Manne übernachten zu wollen: alles Dieß verſetzte mich in eine Ungewißheit, aus der ich mich vergebens zurecht zu finden ſuchte. Indeß, man muß ſich entſcheiden; Ricette blickt mich an.. ſie erwartet mit flehenden Augen eine Antwort. Mein Herz iſt ſehr ſchwach. „Kommen Sie mit mir!“ ſage ich endlich zu dem Mädchen. „Ach, mein Herr, ich danke Ihnen für ihre Güte.“ Auf's Neue ergreift ſie meinen Arm und wir wenden uns nach der Rue St. Florentin. Dießmal geht es ſehr ſtill zu; ich denfe an das ſeltſame Abenteuer, welches mir jetzt begegnet: eine 38 Blumenhändlerin von der Straßenecke hinweg zum Uebernachten nach Hauſe zu nehmen! Dieß wird dem geneigten Leſer gleichfalls ſeltſam vorkommen, wenn er bedenkt, daß ich in der Rue St. Florentin, nahe bei den Tuilerien, wohne und, wie man bereits geſehen haben wird, ein kleiner Stutzer bin, aber ein Stutzer, der den Griſetten nachläuft!... Nun, es war zum Zeitvertreibe. Ich bin übrigens kein Geck, auf Ehre, und wenn ein Hang, den ich nicht be⸗ meiſtern kann, mich fortwährend zu dem ſchönen Geſchlechte hinzieht und mich Rang und Stand ver⸗ geſſen läßt, ſo ſpreche ich eben mit dem Dichter: „Dieß war des Schickſals Schuld!“ Eben ſo wenig jedoch gehöre ich zu denjenigen, die ſich über alle Convenienz hinwegſetzen; ich will in dem Hauſe, wo ich wohne, für keinen Menſchen gelten, der die erſie beſte Straßendirne aufgreift, und in meinem Hauſe gibt es, wie überall, böſe Zungen! Beſonders ein gewiſſer Nachbar... ah! Vor Allem darf alſo Nicette nicht geſehen wer⸗ den. Beim Eintritte wird ſich dieß hoffentlich leicht machen: es iſt wenigſtens ſchon ein Uhr Morgens. Meine Portiere wird zu Bette gegangen ſein; wenn ich dann klopfe, ſo fragt ſie von ihrem Bette aus: Wer iſt's? Nachher zieht ſie das Schloß auf, ohne ſich weiter um mich zu bekümmern. Nicette kann alſo unbemerkt mit mir die Treppe hinaufſteigen. Aber morgen, wenn ſie gehen will!... Madame Dupont, meine Portiere, iſt neugierig und eine Schwätzerin⸗ wie von einer Portiere nicht anders zu erwarten 39 ſteht. Man wird über mich ſpotten; das ganze Haus wird dieſes Abenteuer erfahren; bald wird es auch auswärts bekannt werden: dieß iſt höchſt fatal; aber ich kann doch die arme Nicette nicht auf der Straße laſſen. Wenn ihr die Patrouille begeg⸗ nete, ſo würde ſie als eine Vagabundin auf die Wachſtube geführt, und ich glaube doch, daß ſie unſchuldig iſt. Nun, wir wollen ſehen. Wir haben bereits die Brücken überſchritten, ſind längs der Seine hingewandelt und nähern uns meiner Wohnung. Nicette geht etwas langſamer, weil ſie von dem Vorfalle dieſes Abends ermüdet iſt; ich ebenfalls. „Hier find wir am Ziele,“ ſage ich endlich. „Ah, um ſo beſſer, denn ich vin ſehr müde.“ „Ich auch, das kann ich Ihnen verſichern. Ich will klopfen.“ „Ah⸗ welch' ſchöne Straße, welch' ſchönes Haus!“ „Nicette, machen Sie kein Geräuſch, wenn wir die Treppe hinaufgehenz Sie ſollten auch nicht ſprechen.“ „Nein, mein Herr, ſeien Sie unbeſorgt, ich werde Niemand aufwecken.“ „Stille! man öffnet.“ Madame Dupont fragt: Wer iſt draußen? Ich antworte. Wir ſind in dem Hauſe; die Spiegellampe brennt nicht mehr; überall herrſcht die größte Dun⸗ kelheit: dieß iſt mir erwünſcht. „Geben Sie mir die Hand,“ ſage ich ganz leiſe zu Nicette,„und laſſen Sie ſich führen; aber nur kein Gerällſch gemacht.“ 40 „Gewiß nicht, mein Herr.“ Ich führe das Mädchen an die Treppe und wir ſteigen dieſelbe ſo ſachte als möglich hinauf. Wäre ich doch bald oben! Wenn Jemand eine Thüre öff⸗ nete, könnte ich Nicette nicht vesbergen, da ich nicht einmal einen Karrik ihr umzuwerfen hätte; denn es iſt Sommer. Ich wohne im vierten Stocke. Wenn ein lediger Mann in der Rue St. Florentin ein hübſches Logis hat, ſo koſtet es ihn eine namhafte Summe, ſelbſt wenn er oben wohnt. Auf dem nämlichen Boden mit mir wohnt ein Original von ſechsund⸗ dreißig bis vierzig Jahren: ſeine Phyſiognomie wäre unwichtig, wenn nicht ſeine Grillen dieſelbe komiſch machten; er hat einen mittlern Wuchs und will ſich eine leichte Haltung geben, trotz einer Beleibtheit, die mit jedem Tage an Umfang zunimmt. Seine viertauſend Pfund Renten jährlich verſetzen ihn in die Lage, ſich nur mit den Angelegenheiten Anderer zu veſchäftigen; dabei hält er ſich für einen Dichter, Maler und Muſiker, kurz, er glaubt alle möglichen Talente zu beſitzen, wird aber von Jedermann, be⸗ ſonders von den Frauenzimmern, verſpottet. Deſſen⸗ ungeachtet drängt er ſich überall vor: er feylt bei keiner Reunion, bei keinem Balle, vei keinem Con⸗ certe, weil man in der Welt Diejenigen liebt, welche Lachen erregen, ſei es nun durch ihren Witz oder durch ihre Lächerlichkeiten. Wir haben bereits meinen Stock erreicht, als Herr Raimund raſch ſeine Thüre öffnet und im 41 Hemde, mit einem Lichte in der einen und einem Schlüſſel und Papier in der andern Hand, uns ent⸗ gegentritt. Ich weiß nicht zjoll ich vorwärts ſchreiten oder zurücktreten; Raimihd ſperrt die Augen weit auf und Ricette fängt an zu lachen. Damit Raimund wenigſtens keine Zeit haben möchte, das Mädchen genau zu betrachten, ſuche ich ſchleunigſt in meiner Taſche nach dem Zimmerſchlüſ⸗ ſel; aber er verwickelt ſich in mein Sacktuch, und wie ich ihn endlich losgemacht habe, finde ich das Schlüſſelloch nicht.. je mehr ich eile, deſto weniger gelingt es mir. ich glaube faſt, der Teufel iſt im Spiele! Kaum hat Raimund meine Verlegenheit bemerkt, ſo tritt er boshaft lächelnd näher und hält mir das Licht unter die Naſe mit den Worten: „Erlauben Sie, daß ich Ihnen leuchte, Herr Nachbar; geben Sie Acht, Sie taſten daneben.“ Wie gerne hätte ich ihm mit einer eben ſo der⸗ ben Ohrfeige aufgewartet, womit ich von Mutter Jerome regalirt worden war... gbet mich zuſam⸗ nehmend, danke ich ihm noch verbindlich für ſeine Gefälligkeit. Jetzt geht die Thüre auf; ich ſchiebe Nicette voraus, trete dann ſelbſt ein und ſchließe hinter mir ab, ohne auf Raimund zu hören, der mir auch noch mein Licht anzünden will. Plötzlich ſchießt mir ein Gedanke durch den Kopf: ich nehme eine Kerze, öffne die Thüre wiever, ſuche Paul de Kock R0l. 4 42 nach Raimund und erwiſche ihn an einem Hemd⸗ zipfel, während er gerade an einen gewiſſen Ort gehen will. Geheimnißvoll lege ich einen Finger an meine Lippen, wiewohl ich in Betracht der Loka⸗ lität auch meine Naſe hätte zuhalten dürfen. „Was gibt's?“ fragt Raimund, ſeinen Hemd⸗ zipfel aus meiner Hand losmachend. „Sagen Sie nirgends, daß Agathe dieſen Abend bei mir geweſen.“ „A. Agathe. wie... doch Sie ſcherzen!“ „Wir kommen von einem Maskenball.. ſie hat ſich abſichtlich verkleidet und...“ „Gibt es denn im Monat Juli noch Masken⸗ bälle?“ „So viel als Sie wollen. Es wurde dießmal der Namenstag eines Freundes gefeiert.“ „Aber das Mädchen. „Iſt natürlich verkleidet. Ich wette, Sie haben dieſelbe im erſten Augenblicke nicht wieder erkannt, denn das rothe Koſtüm ändert Alles.“ „Meiner Treu', ich muß Ihnen geſtehen, daß ich durchaus keine Aehnlichkeit fand.“ „Ich rechne auf Ihre Verſchwiegenheit.. morgen ſollen Sie weitere Gründe hören... Sie werden lachen über dieſes Abenteuer! Auf Wiederſehen⸗ Herr Nachbar.. gute Nacht. Erlauben Sie jetzt, daß ich mein Licht anzünde?“ „Mit größtem Vergnügen, Herr Dorſan.“ Ich verlaſſe Raimund und ziehe mich in mein Zimmer zurück. Mein Nachbar will nicht recht 43 glauben, daß er Agathe geſehen, doch habe ich mir wenigſtens durch dieſe Liſt eine Antwort auf ſeine Schwätzereien vorbehalten, und wenn er plaudert, ſo werde ich ſteif und feſt behaupten, er habe in ſeiner Schlaftrunkenheit nicht richtig geſehen. Aber Du vringſt ja, werden meine Leſer hier einwenden, durch dieſe Lüge ein anderes Frauen⸗ zimmer um ihren guten Ruf. Wer iſt die Agathe, welche Du ſo leichtſinniger Weiſe vorſchiebſt? Dieſe Agathe iſt meine letzte Geliebte, mit der ich ſeit kurzer Zeit gebrochen habe. Sie iſt eine junge, ſehr muntere und reizende Modehändlerin, die mir das Vergnügen bereitete, mich manchmal um Gafffreundſchaft für die Nacht anzuſprechen. Mein Nachbar ſah ſie öfters in meiner Wohnung aus⸗ und eingehen; nun aber verſchlägt ein Mal mehr oder weniger in dieſer Beziehung nichts und ihr guter Ruf ſteht, wie Sie ſehen, keineswegs auf dem Spiele. Jetzt weiß der geneigte Leſer, wer die Jungfer Agathe iſt. Von dem zwiſchen uns vorgefallenen Bruche hat mein Nachbar nichts erfahren, da er mein Vertrauen durchaus nicht beſitzt. Ich kehre nun wieder zu Nicette zurück; ſie erwartet mich in mei⸗ nem Zimmer. Es iſt halb zwei Uhr Morgens; aber bis es Tag iſt, läßt ſich noch ſehr Vieles ausrichten! Das Herz klopft mir! Meiner Treu', ich weiß nicht, wie dieſe Nacht vorübergehen wird. Fünftes Kapitel. Endlich iſt ſie vorübergegangen. „Wie drollig iſt doch dieſer Herr!“ ſagt Nicette, als ſie mich mit dem Lichte eintreten ſieht.„Als ich den Aufzug im Hemde, das poſſirlich geknüpfte Foulardtuch, die große Raſe, die vor Staunen weit aufgeriſſenen Augen erblickte, konnte ich mich des Lachens nicht erwehren.“ „Ich muß geſtehen, Mademoiſelle Nicette, Si machen mir viel zu ſchaffen.“ „Ich, mein Herr? Ach! ich bitte Sie ſehr um Verzeihung.“ „Endlich, Gott ſei Dank, ſind wir da; aber wie Sie wieder hinaus kommen, das weiß wirklich nicht.“ „Ei, durch die Thüre, wie ich herein kam.“ „O, dieß können Sie leicht ſagen!... Nun, wir wollen morgen ſehen.“ Nicette blickt ringsumher; ſie betrachtet mein Logis, meine Möbel; ſie folgt mir in jedes Gemach. Ich habe deren drei: eine kleine Antichambre, ein Schlafkabinet und ein Zimmer, wo ich arbeite, leſe, Klavier ſpiele, kurz, wo ich treibe, was mir beliebt. „Setzen Sie ſich doch, Nicette.“ „Ja, mein Herr, ſogleich. hier?“ Sie betrachtet mein Sopha, meine Lehnſeſſel und Stühle, und ſcheint beinahe Anſtand zu nehmen⸗ . 45 ſich einem dieſer Möbel zu nähern. Ich kann nicht umhin, über ihre Verlegenheit zu lächeln. „Gefällt Ihnen meine Wohnung nicht?“ „O, im Gegentheil, mein Herr: Alles iſt hier ſo ſchön, ſo brillant!... Ich fürchte faſt, Etwas zu verderben.“ „O, ſeien ſie unbeſorgt.“ Ich führe das Mädchen vor das Sopha und nö⸗ thige ſie faſt mit Gewalt, ſich neben mich zu ſetzen. „Sie ſehen, Nicette, ich bin allein; Sie befinden ſich in der Wohnung eines Junggeſellen.“ „O, das iſt mir gleichgültig; übrigens hatte ich keine andere Wahl!“ „Nehmen Sie alſo keinen Anſtand, bei mir zu übernachten?“ „Nein, mein Herr, ich weiß wohl, daß Sie ein ehrenhafter Mann ſind und ich alſo bei Ihnen Nichts zu fürchten habe.“ Ah! ſie hält mich für ehrenhaft, denke ich in mei⸗ nem Herzen; ich muß alſo ein höchſt ehrliches Geſicht haben. Indeß bin ich nicht ſo übel, manche Frauen⸗ zimmer finden mich ſogar hübſch, und dieſes Mäd⸗ chen fürchtet ſich nicht, allein bei einem muntern jungen Manne zu übernachten!... Vielleicht komme ich ihr häßlich vor. Dieſe Gedanken peinigten mich nicht wenig; ich betrachtete jetzt Nicette genauer, als ich bisher ge⸗ than. Sie iſt in der That ſehr hübſch: ein zugleich ſo reizendes und ſanftes Geſicht trifft man ſelten bei einer Blumenhändlerin; ſie hat die ganze Friſche . 46 und die Lieblichkeit ihrer Blumen, dieſe Tochter einer Obſthändlerin, der Madame Jerome. Die Natur liebt ſolche Sonderbarkeiten; dießmal iſt mir der Zu⸗ fall günſtig geweſen. Schon bereue ich meinen aben⸗ teuerlichen Spaziergang nicht mehr; die Griſette und die Kokette ſind vergeſſen und ich denke nur an das hübſche Geſichtchen neben mir. Auf dieſe Weiſe in die Betrachtung des Mäd⸗ chens verloren, habe ich mich ihr genähert; ſachte ſchlinge ich meinen Arm um ihren Leib, und je gün⸗ ſtiger die Prüfung ausfällt, deſto feſter drücke ich ihr rothes Kleid. Nicette ſpricht kein Wort, aber ſie ſcheint bewegt; ihr Buſen hebt ſich heftiger, ihr Athem wird kürzer... ſie ſchlägt die Augen nieder.. plötzlich macht ſie ſich los, ſteht auf und fragt mich mit zitternder Stimme, wo ſie übernachten dürfe. Dieſe Frage ſetzt mich in Verlegenheit; ich ge⸗ ſtehe, daran hatte ich noch nicht gedacht. Ich blicke Nicette an: ſie ſchlägt fortwährend ihre ſchönen Augen zu Boden.. fürchtet ſie etwa, den meinigen zu be⸗ gegnen?... Sollte ſie mich vielleicht ſchon lieben? Ei, die verdammte Selbſtſucht miſcht ſich doch überall ein! „Nicette, wir haben ſchon noch Zeit, daran zu denken.. ſind Sie etwa ſehr ſchläfrig?“ „O, nein, mein Herr, durchaus nicht.“ „Ah, Sie haben alſo einen andern Grund?“ „Ich will Ihnen nicht beſchwerlich fallen... Sie ſagten mir, daß Sie müde ſeien.“ 47 „Das iſt vorüber, ich denke nicht mehr d'ran.“ „Gleichwohl, mein Herr, ſagen Sie mir, wo ich übernachten kann... ich will in das andere Zimmer gehen. ich werde dort auf einem Stuhle gut aus⸗ ruhen können und... „Die Nacht auf einem Stuhle zubringen! Wo denken Sie hin!“ „O, mein Herr, ich bin nicht verwöhnt.“ „Deſſenungeachtet werde ich doch nicht darein wil⸗ ligen; aber ſetzen Sie ſich nieder, Nicette, wir haben jetzt keine Eile mehr... kommen Sie doch. fürch⸗ ten Sie ſich denn bei mir?“ „Nein, mein Herr.“ Das Mädchen ſitzt nun in die andere Ecke des Sopha; ihre Röthe, ihre Verlegenheit verrathen mir zum Theil ihre Empfindungen... ich ſelbſt bin ver⸗ legen.. und warum denn neben einer Blumenhänd⸗ lerin? Gerade weil's eine Blumenhändlerin iſt, weiß ich mich nicht recht zu benehmen. Eine vornehme Dame oder eine Griſeite hätte mir weit weniger Sorge gemacht. „Nicette, wiſſen Sie, daß Sie hübſch ſind?“ „Dieß mußte ich ſchon öfters hören, mein Herr.“ „Es machen Ihnen wohl viele Leute den Hof?“ „Ja, Manche wollen mich durch Schmeicheleien locken, wenn ſie mir Bouquets abkaufen, aber ich höre ſie nicht.“ „Warum denken Sie wohl, daß ſie Ihnen ſchmei⸗ cheln?“ 48 „Weil es ſchöne Herren ſind gleich Ihnen.“ „Wenn ich von Liebe ſpräche, was würden Sie wohl denken?“ „Daß Sie meiner ſpotten wollen; dieß iſt ja ganz natürlich.“ Von einem ſolchen Tone verſpreche ich mir keinen großen Erfolg. Indeß fahre ich dennoch fort und nähere mich allmälig wieder dem Mädchen: „Ich verſichere Ihnen, Nicette, daß ich nie Jemand verſpotte.“ „So ſprechen alle Herren.“ „Uebrigens iſt Ihre Schönheit von der Art, daß ſie Liebe einflößen muß.“ „J, eine Liebe von vierzehn Tagen! O⸗ ich gehe nicht in die Falle.“ „Auf Ehre, Sie ſind zu hübſch für eine Blumen⸗ händlerin.“ „Bah, Sie ſcherzen.“ „Wenn Sie wollten, Nicette, ſo könnten Sie etwas Beſſeres finden!“ „Nein, mein Herr, ich will nur Blumen verkau⸗ fen.. o, ich bin nicht eitel. ich habe Beauviſage ausgeſchlagen, der doch auch Batzen hat und mir Zitzkleider, Hauben à la Glaneuſe und Semilirketten gegeven hätte: Richts konnte mich verführen. Wer mir nicht gefällt, bringt mich nicht herum.“ Intereſſirt iſt alſo das Mädchen nicht; man muß ihr gefallen, um Etwas zu erlangen. Nun, ich will's verſuchen. Aber leider habe ich Unglück, wenn ich den Liebenswürdigen ſpielen will ich weiß nicht mehr, 49 was ich ſage. So kommt es, daß ich zehn Minuten lang mit Nicette kein Wort ſpreche, ſondern bloß tiefe Seufzer ausſtoße und dazwiſchen hufte, um die Unterhaltung wieder in Gang zu bringen. Aber Nicette denkt nichts Arges dabei oder will ſich viel⸗ leicht über mich luſtig machen, denn ſie ſagt ganz kaltblütig: „Sie haben einen bedeutenden Catarrh, mein Herr.“ Ich erröthe über meine Dummheit! Linkiſch und furchtſam bleiben neben einer Blumenhändlerin, dieß iſt ja unverzeihlich! Herzhaft nehme ich jetzt Nicette in die Arme und ſuche ſie auf meine Kniee zu ziehen. „Laſſen Sie mich, mein Herr... laſſen Sit mich, ich bitte.“ „Nicette, ich thue Ihnen ja Nichts.“ „Sie drücken mich ſo ſehr...“ „Einen Kuß und ich laſſe Sie gehen.“ „Weiter nichts? wohlan!“ Es bedarf ihrer Einwilligung, denn ſie weiß ſich ſehr gut zu vertheidigen; ſie iſt ſtark und wehrt ſich mit Händen und Füßen. Da ich an derartige Käm⸗ pfe, von welchen unſere vornehmen Damen wenig wiſſen, nicht gewöhnt bin, ſo halte ich meinen Sieg über das Mävchen für ſehr ſchwierig. Sie hat mir einen Kuß geſtattet und ich mache mir dieſe Erlaubniß zu Rutzen. Voll Vertrauen auf meine Zuſage bietet ſie mir ihre friſchen und roſigen die noch überdieß mit dem Zauber ver Jugend und Unſchuld geſchmückt ſind. 50 Doch mich gelüſtet nach einem größern Glücke... auf den reizenden Mund möchte ich einen weit köſt⸗ lichern Kuß drücken. Nicette will zwar, aber zu ſpät, ſich widerſetzen.. nicht einen, tauſend Küſſe raube ich ihr... wie ſüß ſind die Lippen des Mäd⸗ chens! Saint⸗Preux fand die ſeiner Julie herbe, doch ich fühlte niemals eine Bitterkeit in den Um⸗ armungen eines hübſchen Frauenzimmers. Allerdings bin ich, Dank ſei dem Himmel, kein Saint⸗Preux. Ein verzehrendes Feuer zieht mir durch die Adern. Nicette theilt meine Glut, ich ſehe es an dem leb⸗ haften Ausdrucke ihrer Angen, an dem Beben ihres ganzen Weſens. Ich will ihre Verwirrung benutzen, um Moch zu wagen, aber ſie ſtößt mich zurück... ſie windet ſich los aus meinen Armen⸗ ſie läuft nach der Thüre; ſchon ſteht ſie draußen auf der Flur, als ich ſie erwiſche und an ihrem Unterröckchen halte. „Wohin laufen Sie denn, Nicette?“ „Ich gehe ſort, mein Herr.“ „Wie?“ „Ja, mein Herr, ich gehe.. ich darf die Nacht nicht bei Ihnen zubringen... nie hätte ich geglaubt, daß Sie meine Noth mißbrauchen würden, um.. aber ich habe mich getäuſcht.:. und gehe jetzt.“ „Bleiben Sie doch, um's Himmels willen, wo wollen Sie hin?“ „O, ich weiß noch nicht, aber gleichwohl werde ich in größerer Sicherheit ſein auf der Straße, als hier allein bei Ihnen.“ Ich verdiene einen ſolchen Vorwurf. Dieſes Mäd⸗ 51 chen iſt eine ehrbare Jungfrau; ſie hat ſich mir ohne Beſorgniß anvertraut, ſie hat mich um gaſtliche Auf⸗ nahme gebeten, und ich will ihr Vertrauen mißbrau⸗ chen, um ſie zu verführen. Das iſt nicht edel. Aber zu meiner Rechtfertigung muß ich auch ſagen, daß ich Nicette nicht kannte und daß trotz ihrer naiven Sprache ein Wädchen, welches einem Manne den Vorſchlag macht, bei ihm übernachten zu wollen, wenigſtens bedeutenden Verdacht erregen muß, be⸗ ſonders in Paris, wo man ſo ſelten einer Unſchuld begegnet. Immer noch ſteht ſie unter der halboffenen äuße⸗ ren Thüre, aber ich laſſe ihren Rock nicht aus den Händen. Ich blicke Nicette an und ſehe große Thrä⸗ nen aus ihren Augen perlen. Armes Kind! ich bin Schuld an deinem Kummer.. jetzt ſcheint ſie mir noch weit ſchöner... faſt möchte ich vor ihr niederknieen und ſie um Verzeihung bitten... doch wie? knieen vor einer Blumenhändlerin? O ſeien Sie unbeſorgt, meine Leſer, die Convenienz wird nicht verletzt. „Nicette,“ ſage ich endlich,„ich bitte, bleiben Sie!“ „Nein, mein Herr, ich habe Sie falſch beur⸗ theilt ich muß gehen.“ „Hören Sie mich: vor Allem können Sie nicht allein aus dem Hauſe gehen. um dieſe Zeit öff⸗ net die Portiere nur, wenn man ſeinen Namen nennt.“ „O, ich habe Ihren Namen wohl behalten: Si heißen Dorſan.“ „Der Name reicht nicht hin; ſie kennt auch meine Stimme.“ „Gut, dann werde ich bis zum Morgen in dem Hofe bleiben.“ „Aber dann wird Jedermann Sie ſehen... mit welchen Spöttereien, mit welchen Läſterungen werden Sie von den Mägden überhäuft werden! Ach, es iſt ſchon mehr als genug, daß der verdammte Raimund Sie geſehen. Kommen Sie wieder in mein Zimmer, Nicette, ich verſpreche, ich ſchwöre Ihnen, daß ich vernünftig ſein und Sie nicht mehr beläſtigen will.“ Sie zögert, ſie blickt mich an.. ohne Zweifel beſtätigen meine Augen das, was in mir vorgeht, denn ſie ſchließt die Flurthüre und ſagt lächelnd: „Ich glaube Ihnen und bleibe.“ In meiner Freude hätte ich ſie gerne noch einmal geküßt, doch ich mäßige mich, um meinen Schwüren nicht untreu zu werden. „Aber, mein Herr,“ ſagte Nicette,„wir können doch nicht Beide die Nacht auf Ihrem Sopha zu⸗ bringen?“ Sie hat recht, das wäre zu gefährlich. „Sie werden in meinem Bette ſchlafen, Ricette⸗ und ich werde mich in meinem Cabinete auf die Ottomane legen... o, nur keine Einwendung, Ma⸗ demoiſelle, ich will's ſo. Sie dürſen die Thüre zu meinem Arbeitszimmer doppelt verſchließen und kön⸗ nen ohne Furcht ſchlafen.. ſind Sie damit einver⸗ ſtanden?“ „Ja, mein Herr.“ — 53 Wir kehren in mein Schlafzimmer zurück, ich zünde ein zweites Licht an und bringe das Sopha in mein Cabinet. Nicette hilft mir dabei. Ich ge⸗ ſtehe, der Auszug behagt mir nicht recht. Endlich iſt Alles im Reinen. „Sie können nun zu Bette gehen und ruhig ſchlafen, Nicette... gute Nacht.“ „Gute Nacht, mein Herr.“ Ich nehme mein Licht und gehe in mein Cabinet, deſſen Thüre ich hinter mir zumache. Somit iſt alſo Jedes für ſich. Ich löſche mein Licht aus und werfe mich auf das Sopha. Wenn ich nur ſchlafen könnte... die Zeit flieht ſo ſchnell dahin... und doch verſchlafen wir wenigſtens den dritten Theil unſeres Lebens! Immer mit dem größten Behagen verſenken wir uns in dieſes Nichts und doch fürchten wir den Tod, der nur ein ewiger Schlaf iſt, während deſſen man ſicher⸗ lich keine böſen Träume hat! Aber, o Schlaf! Ich mag mich immerhin ſtrecken und nach allen Seiten drehen, ich kann nicht ſchla⸗ fen, es iſt unmöglich. Nun, ſo will ich Betrach⸗ tungen über den geſtrigen Abend anſtellen.. ich will an Caroline denken. an die ſchöne Dame. an den vermaledeiten Kutſcher.. NRicette hingegen will ich mir aus dem Sinn ſchlagen. Aber ihr Bild kehrt unaufhörlich zurück.. ich kann es nicht ver⸗ bannen ſie liegt ja in meiner Nähe. nur eine dünne Scheidewand trennt mich von ihr. dieſer Gedanke verfolgt mich! Wenn ich mir vorſtelle, wie 54 ich neben ihr liegen, ſie in meine Arme preſſen, ihr den erſten Unterricht in der Liebe mit Freuden geben könnte, dann verwirrt ſich mein Kopf, mein Blut braust fieberiſch.. um uns glücklich zu machen, be⸗ dürfte es nur Nicettens Zuſtimmung!... Aber ſie will nicht. Allerdings könnte dieſes Glück ſehr be⸗ denkliche Folgen für ſie haben. Meine Füße jucken mir. Ich will auſſtehen, ein wenig gehen, aber ganz ſachte; ſie ſchläft vielleicht und ſie darf nicht aufgeweckt werden. Armes Kind, du haſt dieſen Abend genug Kummer gehabt und ich fürchte, es erwartet dich ein noch größerer; denn wenn deine Mutter dich nimmer in's Haus läßt, was wirſt du anfangen? Bis jetzt habe ich nur an die Befriedigung meiner ſinnlichen Luſt, aber nicht an Nicettens Zukunft gedacht. Doch ich hörte ja den Schlüſſel nicht umdrehen... die Thüre iſt alſo nicht verſchloſſen; das iſt ſeltſam. Sie rechnet gewiß auf meinen Schwur. Den Ver⸗ ſprechungen eines jungen Mannes Glauben ſchenken... welche Unklugheit! Schläft ſie oder ſchläft ſie nicht? Ich wäre doch begierig. Seit einer halben Stunde ſtehe ich an der Thüre ganz unſchlüſſig... ich laufche, höre aber Nichts. Ich blicke durch's Schlüſſelloch: es iſt noch Licht in ihrem Zimmer... aus Vorſicht oder aus Vergeßlichkeit? Aber dieſe Thüre hat ſie nicht geſchloſſen... ach! vielleicht ſchloß ſie dieſelbe, ohne daß ich's hörte.. das wird ſich gleich zeigen. Ich drücke ganz ſachte auf die Schnalle... die Thüre geht auf... ich bleibe ſtehen, denn ich fürchte, ein Geräuſch gemacht zu haben. Indeß regt ſich Nichts. Wenn ich ſie nur einen Augenblick ſchlafend im Bette liegen ſehen könnte... nur da kann man die Schönheit eines Frauenzim⸗ mers richtig beurtheilen. Ich beuge den Kopf vor: das Licht ſteht auf der Commode, ein wenig vom Bette entfernt. Ich mache einige Schritte, halte den Athem zurück und nähere mich ſo ſehr als möglich. Sie iſt nicht aus⸗ gekleidet... ich hätte mir's denken können... nun ſchnell wieder hinweg. O, die verdammten Schuhe!... ſie knarren... Nicette erwacht. ich werde einen andern Schuhmacher nehmen. „Wünſchen Sie Etwas, mein Herr?“ ſagt ſie als⸗ bald zu mir. „Nein. ah! doch. ich ſuchte ein Buch. habe es aber jetzt gefunden.“ Eilends kehre ich in mein Cabinet zurück; ich muß eine ſehr tölpiſche Miene gehabt haben!... Die Thüre wird geſchloſſen und ich werde dieſelbe nicht mehr öffnen. D, wie lang kam mir die Nacht vor!... Doch der Tag iſt envlich angebrochen. 56 Sechstes Kapitel. Jungfer Agathe. Es iſt ſchon lange heller Tag. Man geht bereits im Hauſe aus und ein und ich habe noch nicht ge⸗ wagt, Nicette aufzuwecken.. ſie ſchläft ſo feſt. Nach dem ſtürmiſchen Abende muß ſie der Ruhe ſehr be⸗ dürftig ſein. Endlich höre ich Geräuſch; ſie ſteht auf, öffnet meine Thüre und tritt lächelnd vor mich hin: „Mein Herr, wollen Sie mir erlauben, daß ich Sie umarme?“ Ich verſtehe das Mädchen; dieß iſt der Lohn für meine Mäßigung. Wonnevoll nimmt ſie mich in ihre Arme. Jetzt fühle ich, was es heißt, wenn man ſich keinen Vorwurf zu machen hat. „Nun wollen wir vernünftig mit einander reden⸗ Ricette; doch nein, zuerſt wollen wir frühſtücken, wir können dann bei Tiſche gemächlich plaudern. Sie werden wahrſcheinlich auch Etwas genießen wollen?“ — „Ja, mein Herr, ich werde gerne mit Ihnen früh⸗“ ſtücken.“ „Ich hahe immer einige Mundvorräthe für um erwartete Beſuche da.“ „Sagen Sie mir, wo dieß Alles iſt, mein gerij ich will dann decken.“ „Sehen Sie dort das Büffet.. die Schubladen... „Gut, gut.“. 1 * 57 Schnell beſorgt ſie das Nöthige. In zwei Mi⸗ nuten iſt der Tiſch gedeckt. Ich bewundere Nicettens Anmuth und Lebendigkeit; eine kleine Wirthſchafterin wie dieſe würde mir unendlich mehr zuſagen als Madame Dupont, die Portiere, welche meine Haus⸗ haltung beſorgt. Aber wenn Madame Dupont käme! O, wir pnboß ſchon noch Zeit: es iſt erſt ſieben Uhr Morgens und die Portiere, welche weiß, daß ich ein wenig faul bin, erſcheint niemals vor acht Uhr. Wir können deßhalb ruhig frühſtücken. „Plaudern wir ein wenig, Ricette. Ich nehme Theil an Ihrem Schickſale, Sie dürfen nicht daran zweifeln.“ „Sie haben es mir bewieſen, mein Herr.“ „Was werden Sie thun, wenn Sie meine Woh⸗ nung verlaſſen?“ „Zu meiner Mutter zurückkehren.“ „Das iſt recht; aber wenn— wieder von ihr abgewieſen werden?“ „So werde ich mich nach Arbeit umſehen... ich werde, wenn's nöthig iſt, mich verdingen... vielleicht gibt man mir nicht überall eine abſchlägige Ant⸗ wort.“ „Nein, gewiß nicht, aber wer weiß, mit welchen Leuten Sie zu thun bekommen und in welche Hände Sie fallen! Jung und hübſch, wie Sie ſind, wird es Ihnen weit ſchwerer fallen als Anderen, einen ordentlichen Platz zu bekommen, wenn, wie ich ver⸗ muthe, Sie Ihre Ehre wahren wollen.“ Paul de Kock. XCI. 5 58 „O gewiß, mein Herr, ich werde ſiets tugendhaft bleiben.“ „Ich kenne die Männer: ſie ſind faſt alle Wüſt⸗ linge; die Ehe iſt kein Zügel für ihre Leidenſchaften. Ueberall, wo Sie dienen, werden Ihre Meiſter Ihnen ſehr unzweideutige Anträge machen, und wenn Sie nicht einwilligen, hahen Sie eine ſchlimme Behand⸗ lung zu erwarten.“ „Alsdann werde ich das Haus verlaſſen und nur bei einer Frau in Dienſt treten.“ „Die alten ſind in ihren Forderungen übertrieben und halten ihre Dienſtmädchen faſt wie eingeſperrt, aus Furcht, ſie möchten herumſchwärmen und Be⸗ kanntſchaften anknüpfen; die jungen hingegen em⸗ pfangen häufig Beſuche und werden Ihnen gefähr⸗ liche Beiſpiele geben.“ „Wie Sie doch jetzt ſo klug reden!“ „Kein Wunder: ein Säufer kennt den Wein, ein Roßtäuſcher die Pferde, ein Maler die Gemälde und ein Ausſchweifender die Verführungen. Gerade, weil ich nicht tugendhaft bin, kann ich beſſer als ein An⸗ derer Sie vor den Gefahren warnen, denen Sie entgegengehen. Die Erfahrung iſt hierin eine Leh⸗„* rerin. Sie ſind nicht mit mir der Verſuchung un⸗ terlegen; nun möchte ich Sie auch für die Zukunft 1 tugendhaft wiſſen. Sagen Sie mir deßhalb keinen Dank; es iſt vielleicht nur Eigenliebe von meiner Seite, aber ich fühle, daß ich nicht ohne Schmerz eine Blume, die ich nicht gepflückt habe, entweiht ſehen 1 Lönnte. Verſtehen Sie mich, Nicette?“ 59 „Ja, ja, ich bin keine Spröde und begreife wohl, was Sie meinen! Aber ſeien Sie unbeſorgt! Wie könnte ich einem Andern gewähren, was ich Ihnen verweigert habe?“ Dieß ſagte ſie mit tiefem, wahren Gefühle. Ah! ich gefalle ihr, daran darf ich nicht zweifeln; ich ſchätze ſie jetzt nur um ſo höher, weil ſie in mein Begehren nicht einwilligte. „Uebrigens, meine liebe Freundin, ſehe ich nicht cin, warum Sie Ihren Blumenhandel nicht fortſetzen ſollten; er ſchickt ſich beſſer für Sie als ein Dienſt.“ „Das iſt wahr, mein Herr, aber...“ „Ich verſtehe Sie, Riceite: da, nehmen Sie dieſe Börſe ſie können dieſelbe ohne Erröthen anneh⸗ men, denn ſie iſt ja nicht der Preis Ihrer Ent⸗ ehrung. Es iſt ein Dienſt, den ich Ihnen erweiſe, Geld, das ich Ihnen leihe, wenn Sie ſich damit lieber einverſtehen.“ „Ach! mein Herr, Geld von einem jungen Manne... was wird man denken?“ „Sie werden nicht ſagen, von wem Sie es er⸗ halten.“ „Aber ein Mädchen, das plötzlich Geld zu ſeiner Verfügung hat... man glaubt... man bildet ſich ein. „Laſſen Sie die Gevatterinnen ſchwatzen und legen Sie ihnen durch Ihr ſittſames Betragen Stillſchwei⸗ gen auf.“ „Meine Mutter...“ „Eine Mutter, ihrem Kinde das 6Brod 60 verweigert, kann billiger Weiſe nicht mehr von ihm verlangen, daß es ihr Rechenſchaft über ſeine Hand⸗ lungen ablege.“ „Aber dieſe Summe... Sie geben mir zu viel, mein Herr.“ „Dieſe Börſe enthält nur hundert Thaler... ich habe dieſelben vor zwei Tagen im Spiele gewon⸗ nen. Wenn Sie wüßten, Nicette, wie leicht das Geld im Spiele verloren geht, ſo würden Sie mir für dieſe Bagatelle weniger danken.“ „Eine Bagatelle... hundert Thaler!... Davon kann man ja ein ganzes Etabliſſement gründen! Ach! mein Herr, das iſt ein Schatz!“ „Ja, für Sie, die Sie den vollen Werth des Geldes kennen und einen nützlichen Gebrauch davon machen. Jedes Ding hat erſt ſeinen Werth, wenn es am rechten Platze iſt.“ „Dieß Alles will ohne Zweifel heißen, daß Sie ſehr reich ſind?“ „Dieß heißt, daß ich im Wohlſtande aufgewach⸗ ſen und, an die Befriedigung aller meiner Grillen gewöhnt, den Werth des Geldes nicht genug kenne. Dieſe hundert Thaler, die ich Ihnen anbiete, würde ich im Spiele verlieren, ohne daß ich mich deßhalb grämte. Nehmen Sie dieſelben alſo an, Nicette; Sie können mir das Geld wieder zurückerſtatten, wenn ich einſt deſſen bedarf.“ „O ja, mein Herr, ſobald Sie es verlangen! Alles, was ich mir erwerben werde, ſteht zu Ihren Dienſten.“ 61 „Daran zweifle ich nicht, meine liebe Freundin;z dieß iſt alſo eine abgemachte Sache.“ „Ja, mein Herr. Wenn meine Mutter mich fort⸗ ſchickt, werde ich ein kleines Zimmer miethen, Blu⸗ men kaufen und durch weiſe Sparſamkeit und Ord⸗ nung vielleicht eines Tages einen ſchönen Laden ein⸗ richten können.“ „Das bezweifle ich nicht; dann werden Sie nach Ihrem Geſchmacke heirathen und glücklich ſein.“ „Ach, vielleicht.. ſprechen wir nicht davon, mein Herr.“ „Aber die Zeit fließt ſchnell dahin; es iſt bald acht Uhr; Sie müſſen jetzt gehen, Nicette.“ „Ja, mein Herr,'s iſt wahr, ſobald Sie wollen; aber. werde ich...“ „Was wollen Sie mir ſagen?“ „Werde ich Sie nie mehr ſehen?“ „Ich hoffe im Gegentheil, Sie noch öſters zu ſehen; wenn Sie in ein anderes Viertel ziehen⸗ ſo können Sie bei meiner Portiere Ihre Adreſſe ab⸗ geben.“ „Gut, mein Herr, ich werde nicht K Das Mädchen iſt ſehr bewegt; ſie wendet die Augen hinweg und verbirgt ihre Thränen fällt ihr etwa der Abſchied von mir ſchmerzlich? Welche Kinderei! wir kennen uns ja erſt ſeit geſtern, aber auch ich kann mich faſt nicht von ihr trennen. Ohne Zweifel wird ſie auf der Treppe einigen Domeſtiken begegnen, doch was iſt zu machen? Es gibt keinen andern Weg; ſie verſpricht mir, ſehr 62 ſchnell hinabzugehen und unter dem Thorwege ſich nicht zu verweilen. 5 Ich umarme ſie zärilich, faſt allzuzärtlich für einen Mann, der hundert Thaler weggeſchenkt hat, . denn man könnte es mir faſt als eine Zurücknahme ausrechnen. Ich öffne die Flurthüre und laſſe Nicette voraus⸗ gehen. Da erſchallt ein Gelächter: ich blicke auf.. die Thüre des verdammten Raimund ſteht offen.. er iſt drinnen.. bei einem jungen Frauenzimmer... und dieſe iſt— Agathe. Ein ſauberer Streich. Ich ſehe Raimund ſeine Neugierde und Agathe ihre Wuth an. Sie lauerten mir ohne Zweifel auf... vielleicht haben ſie ſchon mit Anbruch des Tages ein Complott gemacht. Aber wie kommt's, daß Agathe... ſie ſprach doch ſonſt nie mit Raimund er ſoll mir dafür büßen. Nicette ſchaut mich an und ſucht in meinen Au⸗ gen zu leſen, ob ſie fortgehen oder zurückbleiben ſoll. Es wäre unnütz, noch länger zu zaudern, ſonſt könnte Raimund noch gar einen Theil der Hausleute auf meinem Boden verſammeln. Ich ſchiebe Nicette alſo nach der Treppe. „Adieu, Herr Dorſan,“ ſagt ſie traurig. „Adieu, adieu, mein Kind... ich hoffe, daß Ihre Mutter ich werde ſehen... Sie werden wiſſen wir können wohl... adieu!“ Ich weiß nicht mehr, was ich ſage; Aerger und Zorn verhindern mich am Sprechen. Aber Nicette, 63 voll Kummer, mich verlaſſen zu müſſen, trocknet mit der Schürze einige Thränen aus ihren Augen. „Ah, ah, ganz rührend!“ ruft Jungfer Agathe, als ſie das Blumenmädchen die Treppe hinabſteigen ſieht;„ei wie, man weint, man ſeufzt! Ha ha ha! wahrhaftig zum Todtlachen Aber ich wäre Ihnen ſehr verbunden, mein Herr, wenn Sie mir ſagten, wie es kommt, daß ich, ohne davon zu wiſſen, ver⸗ gangene Nacht auf einem Maskenballe mit Ihnen war. Nun, reden Sie doch, oder verſtehen Sie mich nicht?“ Mir geht etwas ganz Anderes im Kopfe herum. Ich ſchaue auf meinen Nachbar und meine Blicke ſetzen ihn ohne Zweifel in Verwirrung, denn in ein und derſelben Minute ſehe ich ihn roth werden, ver⸗ legen hin und her trippeln, dann erzwungen lächeln und endlich in ſein Zimmer treten und die Thüre verſchließen. „He, Herr Raimund, wir ſind noch nicht quitt werden uns wieder ſehen,“ rufe ich an der Thüre meines Nachbars. Dann drehe ich mich ſogleich um und will der Jungfer Agathe auch ihre Antwort ge⸗ ben. Dieſe aber iſt bereits in mein Zimmer einge⸗ treten und— ſie kennt die Lokalität recht gut— ſitzt ganz ungenirt im kleinen Cabinet auf der Ottomane. „Nun ſag' mir doch, Eugen, was bedeutet all' das? Ach, mein Gott! welche Veränderung iſt hier vorgegangen? Das Sopha im Cabinet„das Bett noch zur Hälfte gemacht... die Reſte eines Frühſtücks... was iſt heute Nacht vorgefallen?“ „Nichts, ich verſichere Ihnen.“ „Begreife wohl, nur etwas ganz Gewöhnliches; aber das Sopha macht mich ſtutzen. Eugen, komm', mein Eugenchen, erzähle mir. Biſt Du gleich nim⸗ mer mein Liebhaber, ſo heißt das noch nicht, daß wir keine Freunde ſind.“ Wie Sie wiſſen, meine verehrten Leſer, iſt Jung⸗ fer Agathe die Modehändlerin, mit welcher ich ge⸗ brochen hatte, weil ich erfuhr, daß ſie Treuloſigkeiten gegen mich beging. Gerade aus dieſem Grunde feellte ich geſtern Abend jene trübſinnigen Betrachtungen während meines Spazierganges auf den Boulevards an. Aber ſeitdem wurde mein ſchwaches Herz von ſo vielen neuen Empfindungen erregt, daß die Er⸗ innerung an Agathens Untreue plötzlich in mir erloſch; ich gräme mich nimmer um ſie und will auch deß⸗ halb nichts mehr von ihr. Ich fühle, daß ſie mit Recht über meine ernſthafte Miene ſpöttelt, die im Ganzen genommen mit unſerer alten Bekanntſchaft nicht harmonirt und die Andere leicht auf den Ge⸗ danken bringen könnte, als habe ich in einer Mode⸗ händlerin eine Penelope zu finden gehofft. Ich ver⸗ ſetze mich alſo wieder in eine heitere Stimmung und frage meinerſeits: „Wie kommt's, daß Du da oben erſcheinſt und mit Raimund, den Du doch niemals leiden konnteſt, plauderſt?“ „Aber das Sopha in dieſem Cabinet. „Du ſollſt es erfahren; beant mir meine Frage.“ — 5 65 „O, mit Vergnügen. Geſtern habe ich mit Ger⸗ ville— Du kennſt ihn, den jungen Beamten, welcher unten wohnt— eine Landvartie gemacht.“ „Ja, alſo mit meinem Nachfolger.“ „Mit Deinem Nachfolger, mag ſein. Wir ſind ſpät heimgekommen, ich war ſehr müde... und...“ „Haſt bei ihm übernachtet. Alles ganz natürlich nun, weiter?“ „Weiter.. ich mußte dieſen Morgen gehen. Um halb ſieben Uhr ſteige ich gemächlich die Treppe hinab und will durch's Hofthor hinaus, da bemerke ich Rai⸗ mund an dem Eckſteine. Er betrachtet mich und ſagt ſpöttiſch lächelnd:„Wahrhaftig, ich glaubte nicht, daß Sie es wären, Sie waren ja vollkommen ver⸗ kleidet; das volksthümliche Gewand ſteht Ihnen gut und doch verändert es Sie ſo erſtaunlich, daß ich ge⸗ ſchworen hätte, Herr Dorſan erlaube ſich einen ſchlech⸗ ten Spaß mit mir.“ Ich begreife Raimund nicht, aber Dein Name und das, was er mir ſagt, reizen meine Neugierde. Ich vermuthe irgend einen Irr⸗ thum und nöthige Raimund, mir Alles genau zu erzählen. Das Abenteuer kommt mir recht poſſirlich vor. Raimund iſt ganz verwundert, als er hört, daß nicht ich bei Dir war. Auf die Erkundigung, ob Deine neue Eroberung noch im Hauſe ſei, antwortet er mir mit Ja; denn er ſei einen Theil der Nacht auf der Flur geblieben und habe ſich mit Tagesan⸗ bruch unter dem Hofthore poſtirt. Sogleich gehe ich wieder mit hinauf, um die Scene pikanter zu machen, und wir warken wenigſtens eine Stunde lang, bis 66 es Dir gefällt, die Thüre zu öffnen. Wir wären bis Abend ſtehen geblieben, um unſere gegenſeitige Neu⸗ gierde zu befriedigen.“ „Ha! was für ein Menſch iſt dieſer Raimund! Ein altes Weib hätte ſeine Sache nicht beſſer ge⸗ macht.“ „Nun habe ich Alles geſagt; jetzt iſt's an Dir.“ „Was willſt Du denn weiter wiſſen? Du haft eben ein Mädchen mein Zimmer verlaſſen ſehen.“ „Ja, ſie iſt hübſch. ein wunderliebliches Ge⸗ ſichtchen etwas großes Maul... aber ein herr⸗ liches Gewand! Wie, Herr Eugen, Sie, ein Stutzer, Sie finden Gefallen an ſolchen Großmutterhauben? Ha, ich muß nur ſtaunen!“ „Mademviſelle, Haube oder Hut... das iſt mir gleichgültig.“ „Ich glaub's; Dir liegt mehr an etwas anderem „Du täuſcheſt Dich, Agathe. Dieſes Mädchen iſt tugendhaft, ehrbar.. weiter will ich Nichts von ihr.“ „Ha, das verſteht ſich! Sie hat eben bei Dir übernachtet, weil ſie ſich allein gefürchtet hätte. Das iſt Alles! Sieh' nach, Johann, ob ſie nicht „Allerdings, der Schein ſpricht gegll uns, und . doch iſt's vollkommen wahr. Da auf dieſem Sopha habe ich geſchlafen und ſie dort draußen.“ „Ja, zehn Minuten, das iſt möglich; aber nach⸗ her wirſt Du ihr doch auch einen Beſuch abgeſtattet haben?“ „Nein, ſo wahr ich lebe.“ 67 „Biſt doch gewiß nicht ſo einfältig geweſen, die ganze Nacht hier zuzubringen.“ „Ja, in Deinen Augen ſind Tugend und Unſchuld nur eine Thorheit.“ „Ei, Sie ehrbarer Herr! Aber da ich Sie nie weder tugendhaft noch unſchuldig fand, ſo muß ich mich baß über Ihre Tugenden verwundern: ſie ſind mir eine wahre Neuigkeit.“ „Ich will mich nicht beſſer machen, als ich bin, und geſtehe Dir offen, daß ich über die Unſchuld dieſes Mädchens zu triumphiren ſuchte; aber ihr Widerſtand war ſo ernſtlich, ihre Thränen ſo auf⸗ richtig, ihre Bitten ſo rührend, daß ich mich wirklich gerührt fühlte und meine Abſichten bereute.“ „Vortrefflich! Wahrſcheinlich, um eine eklatanie Probe von ihrem Widerſtande abzulegen, hat die tugendhafte und keuſche Pomeranzenhändlerin bei Ihnen übernachtet... ha ha! welch' hübſchen Bären willſt Du mir da aufbinden!“ „Glauben Sie, was Sie wollen, es bleibt doch wahr, daß Nicette und keine W zenhändlerin iſt.“ „Bitt um Verzeihung, mein Herr, wenn ich den Gegenſial Ihrer Bewunderung beleidigt habe! Mamſell Nicette verkauft ohne Zweifel Hechte auf dem Markte der unſchuldigen Kinder Cdes Innocents)7“ „Nein, Mademoiſelle, ſie verkauft nur Bou⸗ quets.“ „Bouquets? Ei, wie herrlich! Alſo eine Blumen⸗ 68 händlerin? Jetzt wundere ich mich nicht mehr über die Achtung, die man ihr zollt.“ „Sicherlich verdient ſie dieſelbe in weit höherem Grade, als gewiſſe Frauenzimmer, welche elegante Hüte tragen.“ „Und auch mehr als die, welche ſolche machen, nicht wahr?“ „Kann ſein.“ „Der Herr iſt ſehr gereizt, daß man die Tugend und Sittſamkeit eines Mädchens zu bezweifeln wagt, das ganz unſchuldig bei einem jungen Manne über⸗ nachtet, der in vierundzwanzig Stunden ein Cato geworden iſt. Höre, Eugen, Du magſt ſagen, was Du willſt, ich glaub's eben nicht.“ „Ich werde Nichts mehr ſagen, weil ich teinen. Werth auf Ihre Meinung lege.“ „O, wir wollen Frieden ſchließen und ich nehme an, wenn's Dir gefällt, daß es die Jungfrau von„ Orleans war.“ Zetzt nähert ſich Jungfer Agathe mir und um⸗ N armt mich; ſie rückt mir mit einer ſolchen Zärtlich⸗ keit zu Leibe, daß ich Zlaube, es hätte nur meiner Siwilligung bedurft,“ um meinen Nachbar ebenfalls zum Hahnrei zu machen; aber dazu habe ich keine Luſt. Nur Ricette beſchäftigt meine Gedanken, und die, welche nicht an ihre Unſchuld, an ihre Tugend glauben will und mein Benehmen gegen ſie beſpöt⸗ telt, iſt mir ein Gräuel. Wenn es uns große An⸗ ſtrengung koſtet, um etwas Gutes zu thun, ſo ver⸗ abſcheuen wir den, der die Freude daran uns zu 69 verkümmern ſucht. Ich empfange daher nur mit der größten Kälte den Kuß der Jungfer Agathe. Die junge Modehändlerin iſt ihrerſeits auch ſehr gereizt und doch liebt ſie mich nicht mehr, hat mich vielleicht nie geliebt; aber bei manchen Leuten tritt die Selbſtſucht an die Stelle der Liebe und erzeugt ebenfalls Eiferſucht. Agathe nimmt ihren Shawl, den ſie beim Eintritte abgelegt hatte, knüpft ihren Hut wieder und macht einen Knix, begleitet von ei⸗ nem Lächeln, das ironiſch ſein ſoll, in dem ſich aber Aerger und Zorn ſehr deutlich ausdrücken. „Adieu, mein Herr. Vermuthlich haben die Er⸗ eigniſſe dieſer Nacht Sie ſehr ermüdet: Sie werden wohl der Ruhe bedürſen und auch ein wenig der Einſamkeit, damit Sie über die glänzende Eroberung, welche jeden Ihrer Augenblicke entzückt, ungeſtört nachdenken können! Ich bitte, meine Adreſſe gütigſt an Mademviſelle von RNicette abgeben zu wollen. Es wird mir eine Ehre ſein, ihre Kundſchaft zu er⸗ halten, im Fall ſie das Koſtüm ändern möchte, wenn Sie nicht etwa die Abſicht haben, die Mamſell in ihrer beſcheidenen Tracht zur Geliebten anzunehmen, denn eine liebende und empfindſame Seele mag aller⸗ dings die gemeine Haube der Tugend dem Schlepp⸗ kleide des Leichtſinns weit vorziehen.“ Hiemit entfernt ſich Jungfer Agathe, das Lied trillernd: „Wenn man nur ein Schätzchen hat, Was braucht man dann noch mehr?“ Siebentes Kapitel. mir gefällt. an dieſem Tage ſpazieren gehen!... ſeinem laſſen?“ Ein Wort über meine Perſon. Agathe iſt ſchon lange fort und ich bin noch in meinem Cabinet, über die verfloſſene Nacht und meine Abenteuer Betrachtungen anſtellend. Die Thüre geht auf und herein tritt Madame Dupont, die Por⸗ tiere, um meinen Haushalt zu beſorgen. Frau ermangelt nicht, ſogleich einen Blick auf Alles zu werfen und die Frauenzimmer ſehen mit einem einzigen Blicke mehr, als wir andern Menſchen in — einer Viertelſtunde. Ich Dummkopf habe vergeſſen, das Sopha wie⸗ der an ſeinen Platz zu ſtellen. Daran iſt Jungfer Agathe ſchuld. Uebrigens bin ich Herr in meiner Wohnung und kann meine Möbel ordnen, wie es Ich plaudere nie mit meiner Portiere; das weiß Madame Dupont. Indeß ſehe ich, daß ſie ſich nach mir umwendet und ein Geſpräch anzuknüpfen ſucht. „Es wird einen herrlichen Tag geben... daß es ein Sonntag iſt; ſo viele Leute dürfen nur prächtig!.. Ah, ah! Der Herr hat die Möbel an⸗ ders geſtellt... will der Herr jetzt Sopha in 71 „Nein, Sie können es wieder an ſeinen Platz ſtellen.. ich will Ihnen dabei helfen.“ „Ah! der Herr hat nur einen Verſuch machen wollen?“ „Ja, einen Verſuch.“ „Wie meine Tochter, die auch jeden Augenblick die Wiege ihres Kindes an einen andern Platz rückt; ſie hatte heute Nacht dieſelbe in ihr Schlafzimmer geſtellt; aber mein Schwiegerſohn will's nicht leiden, weil der Kleine ſchon in's vierte Jahr geht und ein Ehepaar doch ungenirt ſein muß. Sie können ſich den⸗ ken ei, wie ſchön: Ihr Bett iſt faſt noch ganz sgemacht, mein Herr.“ „Natürlich, weil ich mich wenig darin gerührt habe.“ „Der Herr hat bereits gefrühſtückt, wie mir ſcheint. Der Herr hatte heute früher Hunger als gewöhnlich.“ Ich gebe keine Antwort mehr, ſondern mache meine Toilette, um ſobald als möglich auszugehen. Madame Dupont bückt ſich, hebt Etwas auf und bringt mir's mit boshafter Miene. „Hier, mein Herr, habe ich ein kleines Kreuz ä la Jeannette vor Ihrem Bette gefunden.“ „Geben Sie her, Madame Dupont; ich weiß ſchon, ich habe es geſtern gekauft... ich muß es Jemanden ſchicken es gehört auf's Land der Tochter unſeres Pächters.“ „Ein hübſches Kreuz, ſieht aber nicht neu aus.“ „Ei, das verſtehen Sie nicht, Madame Dupont.“ Schnell ſchiebe ich das Kreuz in meine Taſche, 72 um es den Blicken der verdammten Portiere zu ent⸗ ziehen, die, als ich ihr nicht mehr antworte, ganz allein ſpricht, um die Unterhaltung nicht ſtocken zu laſſen. „Dieſes Mädchen ſoll ſehr ſchön ſein; man ſag auch, ſie habe geweint... höchſt ſonderbar!“ 3 „Von welchem Mädchen ſprechen Sie?“ „Ach! von einer Jungfer, einer Art... meiner Treu, ich weiß nicht, wie ſie war, denn ich habe ſie nicht geſehen. Sie iſt indeß an der Loge vorbeige⸗ gangen, aber ſo raſch... brrr! wie ein Blitz!“ „Wer hat denn mit Ihnen von ihr geſprochen?“ „Jungfer Martin, die Köchin der Madame Ber⸗ tin, welche das Mädchen geſehen hat, als ſie Milch holte.“ „Und woher kam denn dieſe Jungfer?“ „Ah! ich.. man.. es heißt... doch ich weiß eigentlich nichts davon, mein Herr.“ Die Art, auf welche Madame Dupont mir ſagtc, ſie wiſſe Nichts, bewies mir, daß ſie im Gegentheile ſehr Vieles wiſſe. Raimund wird mit der Köchin geplaudert haben, dieſe mit der Portiere; dann das Sopha, das goldene Kreuz.. kurz, man ſpricht im ganzen Hauſe jetzt von mir. Madame Bertin wird Alles zuerſt erfahren, und gerade Madame Bertin hat zwei hübſche Töchter, deren Achtung ich nicht verlieren möchte. So muß alſo eine gute, eine edle Handlung mir in den Augen vieler Leute ſchaden! O, der Schein! Um dem Geplauder ein Ende zu machen, will 73 ich ausgehen, als Madame Dupont mich anhält und ſagt:„Erlauben Sie gütigſt, mein Herr; ich vergaß, daß ich Ihnen Etwas zuſtellen ſoll.“ „Was denn?“ „Ich hab's gänzlich vergeſſen... dieſes Mädchen geht mir fortwährend im Kopfe s iſt eii Brief da.“ „Ein Brief? Wer hat Ihnen denſelben über⸗ geben?“ „Der Brieſträger, mein Herr, hat ihn geſtern Abend gebracht. Sie waren vereits ausgegangen, und als Sie zu ſo ſpäter Stunde heimkamen, lag ich im Bette, und ſo kam's.“ „Mordelement! Geben Sie mir doch den Brief, Madame Dupont, und verſchonen Sie mich mit Ihren langen Bemerkungen.“ „Da, mein Herr.“ Ich kenne die Handſchrift und das Siegel: der Brief iſt von meiner Schweſter, von der lieben Amalie. Doch halt! Ich hätte meinen verehrten Leſern ſchon längſt erklären ſollen, wer ich bin, woher ich komme und was ich thue. Ich geſtehe, daß ich nicht daran dachte. Indeß wären auch ohne nähere Nach⸗ richten über meine Perſönlichkeit meine Abenteuer doch eben ſo verſtändlich und klar; denn da weder ein Geheimniß, noch ein Meuchelmord, noch eine Entführung, noch eine Vergiftung, noch die Unter⸗ ſchiebung eines Kindes(was immer trefflichen Effekt macht), noch Spaziergänge in den Galerien des We⸗ Paul de Kock. X01. 1 6 4 ſtens, noch Beſuche in Katakomben, noch magnetiſche Geſichte, noch Zuſammenkünfte in ſchauerlichen Höh⸗ len u. ſ. w. dabei vorkommen, ſo hätte ich eigentlich Nichts zu erklären, keinen verwickelten Knoten zu löſen und ich könnte im bisherigen Tone meine Ge⸗ ſchichte ganz einfach zu Ende führen. Deſſenungeachtet, werden Sie einwenden, iſt es immer gut, zu wiſſen, mit wem man zu thun hat, und man möchte dieß ſogar recht bald erfahren. Allerdings; aber ich habe eben meine eigenen Anſich⸗ ten und da meiner Meinung nach die ewigen Familien⸗ geſchichten durchaus nicht intereſſant ſein können, ſo will ich's ſo kurz als möglich machen. Itch heiße Eugen Dorſan. Meine Familie iſt aus Paris; mein Vater war Prokurator, übrigens ein ſehr ehrenhaſter Mann, wie man mir geſagt hat, und ich habe nie daran gezweifelt. Er verdiente viel Geld und es ging ihm gut; aber er ſtarb noch in jungen Jahren, leider in Folge übermäßiger Arbeit. Meine Mutter blieb Wittwe mit ihren beiden Kindern: meiner vierjährigen Schweſter Amalie und mir, dem jüngeren. Madame Dorſan war reich; ſie hätte ſich wieder verheirathen können, zog es aber vor, ihre Freiheit zu behaupten. Sie handelte vernünftig, ſowohl um ihret⸗ als um unſertwillen; denn ich glaube, daß die Ehe eine vortreffliche Sache iſt, von der man aber einen mäßigen Gebrauch ma⸗ chen muß. Meine Schweſter und ich empfingen eine gute Erzichung und zwar nicht ohne glücklichen Erfolg, „ beſonders meine Schweſter, welche, von Nalur ſanft, liebenswürdig und gutherzig, ſtets die Zufriedenheit ihrer Lehrer zu erwerben und unſerer Mutter ihre Liebe und ihren Gehorſam zu beweiſen auf's Eifrigſte ſich beſtrebte. Ich bin zwar kein Phönix, habe je⸗ doch eben ſo wenig große Fehler. Meine vorherr⸗ ſchende Leidenſchaft iſt die Liebe zum weiblichen Ge⸗ ſchlechte; aber da in meiner Kindheit dieſe Neigung ſich nicht entfalten konnte, ſo wirkte ſie auch nicht nachtheilig auf meine Fortſchritte. Meine Mutter hatte ein prächtiges Landhaus bei Melun gekauft; dort brachten wir die ſchöne Jahreszeit zu. Unſere Kinderjahre verſloßen in un⸗ getrübter Ruhe, ohne wichtige Ereigniſſe, ich darf ſagen, ſogar ohne Kummer und Leiden; denn was kann man bis zum fünfzehnten Jahre für einen Schmerz haben, wenn man geſund und von reichen und guten Eltern umgeben iſt? Wie beklage ich jene unglücklichen Kinder, die im Elende erzogen werden von Eltern, welche das Unglück oft rauh und gefühllos macht! In den Ta⸗ gen der Unſchuld kennen ſie bercits die Qualen des reifern Alters— welche traurige Schule des Lebens! Mit ſechszehn Jahren heirathete meine Schwe⸗ ſter einen jungen, vierundzwanzigjährigen Mann, der, ein geſchickter Fabrikant, zu Melun eine Vaum⸗ wollenſpinnerei beſaß. Drei Jahre ſpäter ſtarb unſere Mutter; ſie hatte trefflich für ihre Kinder gehaust und hinterließ einem jeden zehntauſend Livres Renten. Amalie, oder Madame Deneterre, wie ſie nun hieß, bezog mit ihrem Manne unſer Haus und ich ging nach Paris, ſowohl um mich über den Verluſt meiner Mutter zu⸗ tröſten, als um meine Weltkenntniſſe zu erweitern. Seit dieſer Zeit, und es ſind nun ſechs Jahre, lebe ich in dieſer verführeriſchen Stadt, höchſtens daß ich ſechs Wochen während des Sommers bei meiner Schweſter zubringe. Heuer bin ich noch nicht dort geweſen und deßhalb ſchreibt mir nun ohne Zweifel Amalie. Die liebe Schweſter, welche weiß, daß ich nicht ſehr tugendhaft bin, wünſcht ſehnlichſt, ich möchte mich verheirathen, denn alsdann würden meine tollen Streiche aufhören. Jeden Sommer treffe ich daher in ihrem Hauſe eine neue hübſche, wohlerzogene Jungfer, die Anmuth, Talente und eine ſtattliche Mitgift beſitzt. Man ſtellt ſie mir dann immer ohne Ziererei vor, aber ich merke ſo⸗ gleich, woher der Wind bläst. Jedoch ungeachtet der Zuvorkommenheit meiner Verwandten, der Lob⸗ reden meiner Schweſter über das Glück des Eheſtan⸗ des und der Seufzer und verſtohlenen Blicke der heirathsluſtigen Mamſellen reiſe ich jedes Mal nach ſechs Wochen ab, ohne eine Erklärung gegeben zu haben. 5 „Nur Geduld,“ ſagt meine Schweſter zu ihrem Manne,„das nächſte Jahr will ich ſchon Eine her⸗ ausfinden, die den Starrkopf herumbringt.“ „Amen!“ erwiedert ruhig Deneterre;„überlaſſen wir das dem nächſten Jahre.“ Irtzt will ich den Brief meiner Schweſter leſen; „Mein lieber Eugen, wir haben Ende Juli und Du biſt noch nicht gekommen. Sollte der Aufenthalt in Paris Dich Deine Verwandten, die Dich lieben und ſich unaufhörlich mit Dir und Deiner Zukunft beſchäftigen, ganz vergeſſen laſſen?“ Mit meiner Zukunft? Ah! ich begreife... wieder eine Heirath, die man mir vorſchlägt. Von welcher Wuth iſt doch Amalie beſeſſen, daß ſie mich beſtän⸗ dig unter den Pantoffel bringen will! Wahrhaftig, ſie iſt ſchlimmer als ein Vormund in der Komödie. Weiter: „Du mußt gewiß überdrüſſig ſein jener zahl⸗ reichen Eroberungen, jener galanten Abenteuer, jener Frauenzimmer endlich, die allein nach dem Vergnügen trachten und die Dich eben ſo ſchnell vergeſſen, als ſie Dich angebetet haben...“ Ha ha, welche Sarkasmen! Sie täuſchen ſich gewaltig, mein liebes Schweſterlein. Ich bin keines⸗ wegs der Eroberungen überdrüſſig; die, welche ich mache, ſind nicht alle ſo leicht, als Sie meinen. Aber in der Provinz ſind die Leute noch boshafter, laſterſüchtiger, denn zu Paris, und ſeit meine Schweſter die Hauptſtadt verlaſſen hat, nimmt ſie gegen mich einen großmütterlichen Predigtton an. Doch ſie hat ein gutes Herz und ich kann es ihr gerade nicht verdenken, wenn ſie ſich fortwährend mit mir beſchäftigt. Wo bin ich ſtehen geblieben 2... „als ſie Dich angebetet haben. Ich erhalte öfters Nachricht über Dich durch Leute, welche von Pa⸗ ris kommen: ich weiß, daß Du unbeſonnenere 78 Streiche machſt als je, daß Du nur an Dein Vergnügen denkſt, daß Du jede Geliebte hinter⸗ gehſt und daß man Dir Deine Untreue mit dop⸗ pelter Münze heimbezahlt.“ Wie ſie es doch ſo gut trifft! Es iſt zum Staunen. „Man hat mir nicht eine vernünftige Hand⸗ lung von Dir erzählt.“ Ach, meine liebe Schweſter, wenn Du die Ge⸗ ſchichte der vergangenen Nacht wüßteſt!... Und man verläumdet mich... man behandelt mich als einen Wiüſtling!... Ach, Nicette, Du biſt ſo hübſch, und ich habe mir wahrhaftig ein großes Verdienſt erwor⸗ ben, daß ich mich mäßigte. „Ich hoffe indeß, Du werdeſt nicht unverbeſſer⸗ lich ſein. Komm' doch ſchnell zu uns. Wir haben auch hübſche Frauenzimmer hier; ſie ſind ſittſam und tugendhaft; dieß muß meiner Anſicht nach ihre Schönheit noch erhöhen.“ O, ohne Zweifel, ſehr hübſche Frauenzimmer: überſpannt, affectirt, ſpröde oder Zieraffen! Und welche Tournüren!... Kurz, Landpomeranzen, und damit iſt Alles geſagt. Was ihre Tugend betrifft, ſo iſt es möglich, daß.. aber man darf dem Scheine nicht trauen, das weiß ich am beſten; denn ich hätte geſchworen, Nicette wäre ein kleiner Gaſſen⸗ vogel. „Mein Mann ſchickt Dir hier eine Note über einige Commiſſionen, um deren Beſorgung er Dich bittet. Er bereitet auf Deine Ankunft herrliche Fiſchpartieen vor und ich werde mich glücklich — ſchätzen, Dich recht bald umarmen zu dür⸗ 8„Amalie Deneterre.“ Gut, ich will abreiſen... in einigen Tagen. Zuvor aber muß ich meine Angelegenheiten in's Reine bringen. Es iſt mir übrigens angenehm, daß ich weiß, was Nicctte thun wird; ich intereſſire mich für dieſes Mädchen und will ſie nicht aus den Augen verlieren. Jetzt gehe ich aus und will gerade die Treppe hinunter, als es mir plötzlich einfällt, mit meinem Nachbar Raimund zu ſprechen und ihm für ſeine Verſchwiegenheit zu danfen. Ich läute... keine Ant⸗ wort; ich habe indeß ein Geräuſch gehört. Ich läute wiederum und dießmal bleibt mir der Drahtzug in der Hand. Man öffnet nicht. Ich wette, daß er ein Loch in ſeine Thüre gemacht und geſehen hat, daß ich es bin. Tbut Nichts; er kann mir nicht immer ent⸗ gehen. Damit er indeß weiß, daß ich ſeinen Draht⸗ zug heruntergeriſſen habe, binde ich denſelben an den meiner Thüre. Endlich ſteige ich hinunter. Auf dem Treppen⸗ abſatze des erſten Stockes begegnen mir Madame Vertin und ihre beiden Töchter, welche in die Meſſe gehen. Ich grüße... man erwiedert meinen Gruß, aber mit einer Kälte, die himmelweit verſchieden iſt von der freundlichen Zuvorkommenheit, womit man mich ſonſt empfing. Die beiden Fräulein ſtehen da, ohne 80 die Augen aufzuſchlagen, und Mama macht ein ſo finſteres Geſicht, daß ich es nicht wage, mit ihr zu ſprechen. Dieß Alles rührt einzig und allein von Rai⸗ munds, der Jungfer Martin und der Portiere Plaudereien her. Man weiß, daß Nicette bei mir übernachtet hat, d. h. die Mama weiß es und hat deßhalb ihren Töchtern befohlen, an mir vorüber⸗ zugehen, ohne die Augen aufzuſchlagen, ohne mir zuzulächeln und beſonders ohne mit mir zu reden. Aber, wird der Leſer einwenden, die Modehänd⸗ lerin hat ja auch bei Dir übernachtet! Ja, das iſt ganz etwas Anderes: Agathe trägt eine Kleidung, die Niemanden auffällt und man bemerkte ſie deß⸗ halb nicht; übrigens ſind auch noch Leute in dem Hauſe, für welche ſie Putzwaaren macht, und ſo wußte man nie genau, zu wem ſie kam. Ich konnte alſo bei Madame Bertin wohlgelitten ſein und in ihre Geſellſchaft zugelaſſen werden, als Jungfer Agathe mich bereits mit ihren Gunftvezeu⸗ gungen beehrte. Nun aber bin ich auf einmal ſchlecht angeſchrieben, weil Nicette, die ſchöne Blu⸗ menhändlerin, bei mir übernachtete, und man weiß, wie es gekommen iſt. Die Welt iſt einmal ſo: ſie urtheilt nach der Schale, ehe ſie den Inhalt kennt. Ihr möget ſein, wie Ihr wollet, wenn Ihr nur den äußern Anßtand beobachtet; wahret den Schein, dann ſeid Ihr über⸗ all willkommen.* Dieſe Betrachtungen machen mich übelgelaunt. — — 81 . Aus dem Hauſe tretend, ſchimpfe ich über Diejenigen, welche Alles unter denſelben Geſichtspunkt ſtellen und den engen Kreis, den das Herkommen gezogen hat, nicht verlaſſen wollen. Uebelgelaunt gehe ich ſpa⸗ zieren; übelgelaunt ſpeiſe ich zu Mittag; übelgelaunt trinke ich meinen Kaffee und gleichfalls übelgelaunt ſetze ich mich in der Nähe der elyſäiſchen Felder auf einen Stuhl an einem großen Baume. Achtes Kapitel. Die Zauberlaterne. Schon ſeit geraumer Zeit ſaß ich unter dem großen Baume. Die Nacht hatte einen Theil der Spaziergänger zerſtreut; die, welche blieben, zogen ſich tiefer in die Alleen zurück und ſchienen vorzugs⸗ weiſe die dunkelſten und am wenigſten frequentirten Plätze zu ſuchen; ſie hatten ohne Zweifel ihre Gründe⸗ Ich weiß nimmer genau, welcher Gedanke mich be⸗ ſchäftigte, als ich ſchwere Tritte hinter mir anhalten hörte. Ich wende mich um und ſehe einen Mann, der ein Geräth trägt, das wir Zauberlaterne nen⸗ nen. Neugierig betrachtet er meinen Baum; mich hat er entweder nicht geſehen oder ſchenkt mir wei⸗ ter keine Aufmerkſamkeit. Dann ſchlägt er Feuer, um ſeinen Tableaux Licht zu verſchaffen. Ich denke dabei an Florians Affen; die Erinnerung an dieſe 82 Fabel macht mich lachen und ich bin entſchloſſen, den Herrn der Laterne anzuhören, obwohl mir die Vergleichung Beſorgniß einflößt. Während der Mann die nöthigen Vorkehrungen zu ſeinem Schauſpiele trifft, murmelt er zwiſchen den Zähnen: „Ach! das Lumpenmenſch! das Luder! Wo iſt ſie jetzt in dieſen drei Stunden, ſeit ſie mich verlaſſen hat mit der Ausrede, dem Kinde zu eſſen geben zu wollen? Sie ſpielt mir ſicherlich einen Poſſen... wenn heute kein Einnahmstag wäre, ſo ließ ich eben den Karren ſtehen. Warte, Madame Trousquin... ich will ſchon mit Dir in's Reine kommen, und wenn ich Etwas merke, ſo wird's eine nachdrückliche Lek⸗ tion geben!“ Wie mir ſcheint, iſt der arme Mann eiferſüchtig; er flucht, ſtampft mit dem Fuße und blickt nach allen Seiten hin, aber Madame Trousquin kommt nicht; dagegen lockt der Schein der Zauberlaterne ein Mädchen herbei und einen jungen Soldaten, der ſich neben das Mädchen ſetzt und den Mann erſucht, den Vorhang vor ihnen gehörig zu verſchließen. Dieſer verhüllt die Leute mit einer alten blauen oder grauen(die Farbe läßt ſich nicht mehr recht unterſcheiden) Leinwand und ich komme ganz natürlich auf den Gedanken, daß eine Zauberlaterne manch⸗ mal eine große Bequemlichkeit iſt. Der Vater Trousquin beginnt ſein Spiel, unter⸗ bricht es aber häufig mit Flüchen über ſeine Frau, die immer noch nicht kommen will, und ich höre 83 aufmerkſam zu, obwohl ich Richts ſehe und nicht hinter dem Vorhange bin, aber denke, daß die Zu⸗ ſchauer, denen Trousquins Erklärung gilt, wenig an die Betrachtung der Tableaux denken. „Sehen Sie, meine Herren, meine Damen, hier iſt die Sonne, die Sterne und die Fiſche. Dort Erzeugniſſe der Erde, als Bäume, Gemüſe, Thiere, Pflanzen, Höhlen, Steine, Klapperſchlangen. „Sehen Sie, mein Herr, die Sonne; Sie kön⸗ nen dieſelbe nicht anblicken vor lauter Glanz, und den Mond, der voll iſt, weil man das erſte Viertel hat. Sehen Sie dieſe Sterne, welche ſchießen, wie wenn ſie der Teufel holen wollte...(Drei Stunden, um Fifi ſchlafen zu legen! Ha, die Hündin, wie wird ſie dieſen Abend tanzen!)... Sehen Sie die Venus, welche glänzt wie eine Semilornadel! Sehen Sie den Abendſtern, den Stern des Hirten, das iſt ohne Zweifel der Hirte Tircis, in Betracht ſeiner Reputation. Sehen Sie die drei Könige, welche niemals ohne einander ausgehen! Sehen Sie den Wagen, der wie die von den ruſſiſchen Bergen rollt. Sehen Sie den Merkur und Jupi⸗ ter; ſehen Sie die Jungfrau und die Zwillinge; ſehen Sie den Stier und den Steinbock... da kann Jedermann ſie ſehen. Sehen Sie die Waage; ſe⸗ hen Sie den Scorpion, der ein böſes Thier iſt! Hier, meine Herren, meine Damen, ſind die Pla⸗ neten, welche auf die Nerveninfectionen Derer Einfluß haben, die unter ihrer Affluenz geboren ſind. Der Planet Venus iſt für die galanten 84 Frauenzimmer; der Abendſtern für die hübſchen Burſche; die drei Könige für die Helden; der Wagen für die Kutſcher; der Merkur für die Apotheke; die Jungfrau für die Mädchen und der Steinbock für ſehr viele Partikuliers, welche Sie wohl kennen. Sehen Sie, meine Herren und Da⸗ men, mitten in dieſer großen ſchwarzen Wolke, welche voll von Sternen iſt, zwiſchen dem Bär und dem Widder einen großen Kometen, der einen län⸗ gern Schweif hat als ein Fuchs: dieſes glänzende Meteor hat zu jeder Zeit das Ende der Welt ange⸗ kündigt; es kann mit ſeinem Kopfe oder ſeinem Schweife unſere Erdkugel, welche nur an einem Faden hängt, zerſtören, und uns wie Kaſtanien braten.“ Jetzt bemerkte ich hinter dem Vorhange eine ſtarke Bewegung und vermuthete, daß das Mädchen ſich von der Länge des Kometenſchweifes überzeugte. „Nur einen Angenblick Geduld, meine Herren und Damen, Sie werden ſehen, was Sie ſehen werden.“ Vater Trousquin zieht an einer Schnur, um ein anderes Tableau vorzuführen, und beginnt nach eini⸗ gen kräftigen Schwüren mit unmerklich veränderter Stimme ſeint Erklärung wieder:“ „Hier, meine Herren und Damen, iſt zu ſehen das Innere des Palaſtes des großen Kin⸗Kin⸗li⸗ King, Kaiſers von China und Königs von Pecking. Sie ſehen ihn felbſt im Gallakleide auf ſeinem ſchö⸗ nen goldenen Stuhle ſitzen, umgeben von Mandarinen 85 und Nationalgarden. Er ertheilt Audienz und empfängt die Bittſchriften aller Chineſen des Stadtgebietes. „Sehen Sie dort in der Ecke jenen Vater, der ſich auf ſeine Tochter und auf ein Bambusrohr ſtützt: er verlangt die Beſtrafung eines Verführers, der dieſem armen unſchuldigen Mädchen fünf Kinder gemacht hat und ihnen keine andere Nahrung gibt als Peitſchenhiebe. Schen Sie, meine Herren, das zornige Geſicht des unglücklichen Vaters; ſehen Sie den Schmerz, die Trauer und die Reue in den Augen des Mädchens! Ein wenig links ſteht ein Mann in braunem Mantel, von dem man nur die Naſe ſieht: dieß iſt der Verführer, der ſein Urtheil erwartet. Sehen Sie ſein bleiches und blaſſes Geſicht, ſeine hohlen Augen und ſeinen zitternden Gang. Er Pel wohl, daß er ſchlimm wegkommen wird. „Weiter, im Hintergrunde des Tableau. Ein dickes Weibsbild, welche jetzt ganz außer Athem herbeiläuft, unterbricht die Erklärung des Schauſpiels. Vermuthlich iſt's Madame Trousquin, und das Zwiegeſpräch, welches ſich zwiſchen ihr und dem Herrn der Zauberlaterne entſpinnt, beweist mir wirklich, daß ich richtig gerathen habe. Herr Trousquin. „Nun, kommſt Du endlich, verfluchte Landſtreiche⸗ rin!... Weiter im Hintergrunde des Tableau (zu ſeiner Frau); ich ſage nichts, als Du ſollſt mir da⸗ für büßen... weiter im Hintergrunde des Tableau führen Landjäger einen Unglücklichen hinweg, der ſich geberdet, gls hätte er die Kolit; dieß iſt ein Deſer⸗ 86 teur, der deſertirt iſt und verrätheriſcher Weiſe in das feindliche Lager überging; man macht nicht viel Um⸗ ſtände mit ihm: er wird erſchoſſen und nachher ge⸗ henkt werden.“ Madame Trous quin(während ihr Mann erklärt). „Was brauchſt Du denn ſo zu ſchreien, mußte ich nicht Fifi ſchlafen legen und die Suppe kochen? Iſt es nicht ein verdammt weiter Weg von den elyſäi⸗ ſchen Feldern bis in die Rue Jean⸗Pein⸗MWollet?“ Herr Trousquin. „Lügnerin! Du biſt ſchon ſeit fünf Stunden fort und jetzt iſt's neun Uhr. Woher kommſt Du?.. Zieh' an der Schnur... Madame Trousquin ſtellt einen Napf, den ſie unter ihrer Schürze trug, auf einen Schemel; ſodann geht ſie an ihren Poſten zur Seite der Zauberlaterne und nimmt den Wechſel der Tableaux vor. Herr Trousquin. „Hier, meine Herren und Damen, iſt zu ſehen eine Anſicht von Athen in Griechenland... Gu ſeiner Frau): ſtelle meine Suppe dorthin und ſag' mir, woher Du kommſt.“ Madame Trousquin. „Ich komme von Hauſe, eiferſüchtiger Spentel! Unterwegs begegnete mir Angelika und mit der habe ich einen Augenblick geſprochen... haſt Du viel Pu⸗ blikum?“ Herr Trousquin. „Sehen Sie die Schönheit des Himmels und des Waſſers; ſehen Sie dieſe Paläſte, dieſe Säulen und 87 dieſe von den Römern erbauten Tempel; ſehen Sie dieſe prächtigen Statuen, von denen nur noch einige Stücke übrig ſind! Sehen Sie dieſen Cirkus, in welchem man Stiergefechte hielt, um die Jugend in der Stärke zu üben...(zu ſeiner Frau) ſicherlich biſt du mit Grupeon ſpazieren gegangen... ſehen Sie dort die berühmten Partiaten, die mit einander boren wie Engländer und mit einem ſchweren Räd⸗ chen Siam ſpielen... Czu ſeiner Frau): er wird Dich in einem geheimen Cabinete regalirt haben... die⸗ ſer ſchöne Jüngling rechts iſt Alcibiades mit ſeinem Lehrer Sokrates, der ihm Dinge lehrt, die er nicht weiß... Während dieſer Worte ſehe ich den Vorhang ſich bewegen und höre das Mädchen halblaut ſagen: „Ach, wie unartig, wie unartig! Ich will nicht!“ Vater Trousquin gibt ſeiner Frau einen Wink, an der Schnur zu ziehen, und fährt dann in der Er⸗ klärung fort: „Sehen Sie, meine Herren und Damen, ein Stück aus der Mythologie: das Urtheil des großen Sa⸗ lomo, den man den Weiſen nennt, welcher ein Kind in zwei Theile hauen laſſen will wie eine Paſtete... ſehen Sie den Schrecken dieſes Kleinen, der ſein Schickſal erwartet, mit den Füßen in der Luft zap⸗ pelnd; ſehen Sie die Freude dieſer Rabenmutter, die Alles mit trockenem Auge anblickt, wie wenn man ihr die Hälfte eines Kaninchens geben wollte; aber ſehen Sie den Schmerz der wahren Mutter, die das Tranſchirmeſſer, welches bereits den Nabel des un⸗ 88 ſchuldigen Kindes bedroht, auf die Seite ſchieben will.“ Das Mädchen(hinter dem Vorhange). „Ach! Sie Boshaſter! Sie abſcheulicher Menſchl Laſſen Sie mich doch... ach! das iſt garſtig!“ Herr Trousquin. „Haben Sie keine Sorge, man wird ihm Nichts abhauen, die Natur wird ſprechen... Gu ſeiner Frau) gib mir die Suppe, ich habe Hunger... der große Salomo, welcher die beiden Mütter mit Argusaugen anblickt, denkt bei ſich ſelbſt... Gu ſeiner Frau) warum ſind in der Suppe ſo viele Zwiebeln?... dieſes Kidd kann nicht zwei Mütter haben, wenn's zwei Väter hätte, ſo ginge es noch an das kann der Fall ſein.. 6zu ſeiner Frau): Du machſt es immer ſo.. nun, dahinter ſteckt ein Betrug. Die Zärt⸗ lichkeit der wahren Mutter gibt ſich durch eine Fluth von Thränen zu erkennen, die Aas von einer Mut⸗ ter ſteht ruhig da wie ein Eckſtein... Gu ſeiner Frau)t zudem brenzelt ſie noch!... Sie hat kein Mut⸗ terherz.. da, zieh' an der Schnur. „Hier, meine Herren und Damen, iſt zu ſehen der König David, wie er mit dem Rieſen Goliatb, dem Schrecken der Philiſter, kämpft.(Zu ſeiner Frau) da guck her... ſehen Sie, mit welcher Gewalt David einen Kieſelſtein ſchleudert und den Rieſen in den Staub wirft.“ Madame Trousquin(über die Laterne hinwegblickend). „Nicht ſo... Du zeigſt ihnen gegenwärtig die Schlacht von Marengo.“ 89 Herr Trousquin. „Alſo, meine Herren und Damen, hier iſt zu ſehen die berühmte Schlacht von Marengo, welche von den Franzoſen gewonnen wurde... 6zu ſeiner Frau): Du bringſt mir immer Rüben im Ueberfluſſe. Madame Trousquin. „Ei! iſt Dir dieſes Gemüſe nimmer gut genug? Du wirſt ſehr kitzelig. Wie viel haſt Du heute ein⸗ genommen?“ Herr Trousquin. „Zehn Sous... ſehen Sie hier dieſe Kanoniere und Küraſſiere. Sehen Sie, wie ihre Säbel blitzen, die Kugeln ſauſen und Alles zuſammenſchmettern! Sehen Sie die Huſaren, die Dragoner, die Trom⸗ peter und Tambours; hören Sie das Geſchrei der Todten und Sterbenden, die Klagen der Verwunde⸗ ten und Beſiegten! Sehen Sie rechts den jungen Soldaten, der ſeine Fahne mit den Zähnen hält, weil man ihm bereits beide Arme abgehauen hat; ſehen Sie links jenen Offizier unter drei todten Pfer⸗ den liegen: er vergißt, daß er erſticken muß und nimmt noch einen feindlichen General auf's Korn. Sehen Sie den Staub, die Flammen, den Rauch, das Gemetzel und den Tod, welche das Tableau zieren. Sehen Sie, wie ſchön! der Kampf wird hitzig, man feuert...“ Hier wird die Erklärung durch ein unerwartetes Ereigniß unterbrochen. Das Mädchen und der Sol⸗ dat, welche ohne Zweifel großen Theil an der Schlacht nahmen, denn ich hörte jeden Augenblick Paul de Kock. XC1. 90 die Seufzer der Jungfer und die halblauten kräfti⸗ gen Worte ihres Gefährten, ſtürzen, nicht zufrie⸗ den, den Vorhang in Bewegung zu ſetzen⸗ mit Hef⸗ tigkeit auf die Zauberlaterne, gerade bei der ſchön⸗ ſten Stelle des Berichtes über die Schlacht von Ma⸗ rengo. Die Erſchütterung iſt ſo gewaltig, daß das ambulante Theater keinen Widerſtand mehr leiſtet, ſondern vorwärts ſtürzt und die Zuſchauer darüber hin fallen, während der Direktor der Anſtalt mit ſei⸗ nem Suppennapfe umgeworfen und Madame Trous⸗ quin von den Schnüren, welche ſie in jeder Hand hält, ebenfalls zu Boden gezogen wird. Ich allein ſtehe aufrecht mitten unter dieſer Ver⸗ heerung, denn mein großer Baum hat mir vollkomme⸗ nen Schutz gewährt. Aber welches groteske Gemälde bietet ſich jetzt meinen Augen dar! Salvmo und der große Kin⸗Kin⸗li⸗King liegen unter den Gärten des Luxemburg und Athen, die Sonne hat keinen Glanz, der Komei keinen Schweif mehr, der Mond iſt mit Oel bedeckt. Vater Trousquin zappelt unter der zer⸗ brochenen Laterne, den Henkel ſeines Suppennapfes noch in der Hand haltend. Das Mädchen iſt auf eine ſo merkwürdige Art hingefallen, daß ſie einen Ge⸗ genſtand blicken läßt, der den ſchönſten Mond einer Zauberlaterne beſchämen würde. Der Kopf des iun⸗ gen Soldaten ſteckt in dem Suppennapfe des Vaters Trousquin; die Rüben und Zwiebeln bedecken ſein Geſicht. Er ſcheint in einer Falle zu ſein, welcher er nicht ſo leicht entrinnen kann. Mutter Trousquin iſt mit Anſtand hingefallen, was ſie hauptſächlich ihren 91 Schnüren zu danken hat, und der Vorhang der Zauber⸗ laterne verbirgt Alles, was ſie erröthen machen könnte. Da gewöhnlich Diejenigen, welche am lauteſten ſchreien, minder bedeutend verletzt ſind, ſo erhebt Madame Trousquin ein jämmerliches Geſchrei, ihr Mann flucht läſterlich und das Mädchen ſeufzt kräf⸗ tig. Der Soldat allein ſchreit nicht; ich glaube, daß er Geſchmack an der Suppe und dem Gemüſe findet. Angelockt durch den Lärmen, das Geſchrei und die Flüche laufen alle Spaziergänger auf die zerbro⸗ chene Laterne zu und ich bin augenblicklich von einem Haufen Leute umringt, die Gott weiß woher zuſam⸗ menſtrömen, denn eine Minute früher bemerkte ich keinen Menſchen auf den elyſäiſchen Feldern. Man ſchneidet mir den Rückzug ab; ich finde kei⸗ nen Ausweg mehr aus der dichten Gruppe, doch bin ich begierig, welches Ende dieſe Scene nehmen wird. Nach langem Sträuben und Fluchen ſucht man die Sachen wieder in Ordnung zu bringen. Der Soldat ſäubert ſein Geſicht; das Mädchen ſteht auf und ſchlägt ihre Röcke hinunter; die Mutter Trous⸗ quin macht ſich von ihren Schnüren los; die Zau⸗ berlaterne wird vom Boden aufgehoben und der Vater Trousquin ſteht ebenfalls wieder da. Der Solvat ſucht ſeine Bekanntſchaft hinwegzu⸗ führen, aber kann dem Eigenthümer der Zauber⸗ laterne nicht entwiſchen, welcher gebieteriſch verlangt, daß ihm der angerichtete Schaden vergütet werde. „Meine Gläſer ſind zerbrochen,“ ſagt Vater Trous⸗ quin zu dem Soldaten;„Sie haben mir Flecken in 92 vie Sonne und den Mond gemacht; Sie haben mein Urtheil Salomo's und meinen chineſiſchen Palaſt zer⸗ trümmert; Sie haben meine Anſichten von Griechen⸗ land verdorben: dieß muß mir Alles bezahlt werden.“ „Geh' zum Teufel!“ ſagte der Soldat und ſuchte ſo gut als möglich ſeine Toilette wieder zu ordnen, „ich werde Dir gar Richts bezahlen. Ich pfeif' in Deine Chineſen und Deinen Salomon; Deine Sonne und Dein Mond ſehen aus wie zwei Waſſertropfen in Kreuzernachtlampen, und was Deinen Suppen⸗ hafen betrifft, ſo hätte wohl ſchon längſt kein Hund mehr daraus gefreſſen.“ „Sie haben meine Laterne zerbrochen und müſſen mir dieſelbe bezahlen.“ „Du alter Lump, wenn Deine Laterne eine Lot⸗ terfalle geweſen iſt, ſo kann ich nichts dafür.“ „Sie haben dieſelbe während der Schlacht von Marengo heruntergeworfen.“ „Du wirſt ſie ſelbſt beim Richten Deiner Gläſer umgeworfen haben.“ „Sie haben mir meinen Napf zerbrochen.“ „Und Du biſt Schuld, daß ich mir meine Hoſen zerriſſen habe.“ „Auch iſt meine Laterne ein ehrbares und ſittſames Schauſpiel und ich höre, daß man ſich derſelben be⸗ dient, um... „Schweig, Kerl, oder ich ſchneide Dir die Zunge ab.“ Der Soldat griff nach ſeinem Säbel; die Volks⸗ menge wich alsbald einige Schritte zurück; das Mäd⸗ 93 chen faßt wieder den Arm ihres Geliebten und Mut⸗ ter Trousquin zog ihren Mann bei Seite und bielt den Schemel als einen Schild vor. Jede Partei maß ſich gegenſettig mit den Augen, blieb aber vollkommen ruhig. Der Soldat machte keine Miene, zu bezahlen, und Vater Trousquin ſchien nicht Willens, ſich zu entfernen, ohne für ſeinen Ver⸗ luft entſchädigt worden zu ſein. Ich glaubte jetzt, daß es nur Ein Mittel gebe, um die Sache ohne Blutvergießen zu bereinigen. Das Abenteuer mit der Zauberlaterne hatte mir Vergnügen gemacht und meine üble Laune völlig zerſtreut; es war alſo nicht mehr als billig, daß ich eine Vermittlung zu bewerk⸗ ſtelligen ſuchte. Ich war allein bei den Kämpfenden ſtehen geblieben, denn die Zuſchauer hielten ſich vor dem Säbel und dem Fußſchemel in ehrfurchtsvoller Entfernung. Ich lange alſo in meine Bruftaſche, ziehe zwei Thaler heraus und werfe ſie dem unglück⸗ lichen Laternenmann zu. „Da habt Ihr Etwas zur Reſtauration Eurer Paläſte und Sterne; nehmt, aber ein andermal ſchließt Euern Vorhang vor den Zuſchauern nimmer ſo feſt zu. Die Kindertheater werden jetzt von Leuten jeden Alters beſucht; fraget nur Seraphin, den auch leicht⸗ ſinnige Frauenzimmer beſuchen in Folge der Dunkelheit, welche während des Feuerwerkes im Saale herrſcht!“ Vater Trousquin macht große Augen, ſeine Frau fällt über die zwei Thaler her und man läßt den Soldaten ruhig fortgehen, was er jedoch nicht thut, ohne vor mir reſpektvoll an die Mütze gegriffen zu haben. 94 Ich entferne mich ebenfalls und komme in die Rivoliſtraße. Auf meine Uhr blickend finde ich, daß es erſt neun Uhr iſt und ich habe es nie geliebt, früh⸗ zeitig zu Bette zu gehen, beſonders wenn ich Unter⸗ haltung ſinde. Da nun die Laternenſcene mich in eine heitere Stimmung verſetzt hat, ſo will ich dieſe nicht ſobald wieder verfliegen laſſen. Doch, was ſoll ich jetzt thun? Zu Paris, wird man ſagen, gibt es tauſend Mittel, ſich zu amüſiren; ja, aber was das wirkliche Vergnügen betrifft, ſo varf man keine zu großen Erwartungen davon hegen. Wenn Ihr bei einer großen Reunion ſechs liebens⸗ würdigen Perſonen begegnet, ſo werdet ihr immer zwanzig treffen, die Euch langweilen; in kleiner Ge⸗ ſellſchaft können Eure Freunde gerade aus irgend einem Grunde mißmuthig geſtimmt ſein; die Damen können Migraine oder Vapeurs haben, und man erlebt oft höchſt langweilige Augenblicke da, wo man ſich viele Unterhaltung verſprach. Das Klügſte iſt alſo, auf gar Nichts zu rechnen. Aber ich erinnere mich, daß im Tivoli heute ein großer Ball gehalten wird. Es iſt neun Uhr, alſo ſchnell ein Cabriolet und ich werde gerade zum Glanzpunkte der Soiree eintreffen. 95 Neuntes Kapitel. Tivoli. Ah! welch' herrlicher Garten, dieſer Tivoli! Es ſcheint, als betrete man einen jener Zauberorte⸗ welche in der Tauſend und einen Nacht ſo reizend geſchildert werden. Muſik, Illumination, Spiele jeder Art und Feuerwerke, Alles vereinigt ſich, um die Augen zu blenden und dem Sinn zu ſchmeicheln. Wie ſchade, wenn ein gemeines Geſicht und eine pö⸗ belhafte Aufführung dieſes Gemälde verdirbt und mich daran erinnert, daß ich in einem öffentlichen Garten bin, in welchen Jeder mit einer anſtändigen Kleidung und drei Thalern zwölf Sous eintreten kann. Ich habe erſt wenige Schritte in dieſem Garten gethan und bereits viele Dinge geſehen. Wie ſchön ſind dieſe Laubgänge! Wie ergötzen dieſe Feuer⸗ guirlanden! Da geht es bunt durcheinander; man blickt die Leute an, man betrachtet ihre Toiletten, man ſucht ſeine Bekannten: dieß iſt der Boulevard de Gand. Gehen wir weiter, ſo wird die Beleuch⸗ tung ſeltener; einige da und dort aufgeſtellte Lämp⸗ chen zeigen Euch den Weg, ohne Euch zu verrathen. Hier ſpazieren nur zerſtreute Paare; man will nicht mehr geſehen werden... einige ſcheinen ſich ſogar zu verbergen und den Schatten und das Dunkel zu ſuchen. Glückliche Gebüſche, ihr beſchützet die Liebe 8 96 und die Freude! Wie viele Küſſe ſind ſchon hinter eurem dichten Blätterwerke gegeben und empfangen worden! Ach! wenn ihr ſprechen könntet! Aber ich glaube, daß man neben mir redet. Ganz in Gedanken habe ich mich unter die ein⸗ ſamen Gebüſche verirrt, wo ich nichts hoffen darf⸗ weil ich allein bin. Gerade um einen Strauch her⸗ umgehend, bemerke ich etwas Weißes auf dem Bo⸗ den... das iſt ein Herr und eine Dame, welche ohne Zweifel von ſehr wichtigen und ſehr geheimen An⸗ gelegenheiten ſprechen, denn ich glaube, daß ſie ein⸗ ander zuflüſtern... aber meine Gegenwart genirt dieſelben: die Dame ſtößt einen leichten Schrei aus und drängt den Herrn zurück. Schnell hinweg, denn es iſt doch wahrlich kein Vergnügen, die Frende An⸗ derer zu ſtören. Um wieder mit der übrigen Menſchheit zuſam⸗ menzukommen, verlaſſe ich dieſe Gebüſche, wo mich faſt die Luſt anwandelte, allein ſpazieren zu geben. Nun iſt's wieder wie am hellen Tage. Ich höre das Rollen der Wagenz ich bin bei den Hügeln, wo ſich vie vornehme Dame und die geringe Taglöhnerin⸗ die Modehändlerin und die beſcheidene Nähterin⸗ das auf fremde Koſten lebende Frauenzimmer und vie Penſionsſchülerin verſammeln. Welches Vergnü⸗ gen finden alle dieſe Damen in dem ſchnellen Her⸗ unterfahren? Wenn ſchon der Luftzug ihren Kopf⸗ putz verdirbt, ihre Hutbänder auflöst und ihre Haar⸗ locken flattern macht, ſo bringen ſie doch dieſes Opfer recht gerne dem Vergnügen, zwanzig Sekunden lang mit Windesſchnelle dahinzufliegen. Die Freude malt ſich auf allen Geſichtern, nur einige Engländer ver⸗ lieren ihre Ernſthaftigkeit nicht. Ich bin allein und werde keine ſolche Fahrpartie machen, denn ich finde wohl, daß man, um Vergnü⸗ gen an dieſer Uebung zu finden, neben einem ſchö⸗ nen Frauenzimmer ſitzen muß. Man kann alsdann ſeinen Arm um eine ſchlanke Taille ſchlingen und ſich an reizende Formen ſchmiegen, man kann ſich beim Fahren Vieles erlauben, denn man darf nicht befürchten, zurückgedrängt zu werden... und die neben uns ſitzende Geſellſchafterin iſt immer dergeſtalt von der raſchen Bewegung betäubt, daß ſie keine Zeit hat, ſich zu erzürnen. Alle Vergnügungen müſſen der Liebe dienen und erhalten einen doppelten Reiz durch die Gegenwart des geliebten Gegenſtandes. Beim Tanze, auf den Hügeln, unter den Gebüſchen muß man paarweiſe erſcheinen, um glücklich zu ſein; wie können ohne ein Frauenzimmer die ſüßeſten Empfindungen, die zarte⸗ ſten Herzensergießungen ſtattſinden? Erſt durch das ſchöne Geſchlecht lernt man ſein Herz kennen. Doch ich will mich dieſer Gedanken entſchlagen, welche der Tivoligarten unwillfürlich in mir erweckt. Laßt uns dorthin gehen, wo die Muſik einladet; hier iſt ein Sänger. Ah! wir wollen uns nicht bei ihm aufhalten, Tivoli würde ſonſt ſeinen ganzen Zauber verlieren. Was ſehe ich da unten? Armſeſſel, welche ſich frei in der Luft im Kreiſe drehen und darin ſitzenve Da⸗ 98 men wiegen! Dieß iſt eine ruſſiſche Schaukelanſtalt. Warum halten ſich alle dieſe Herren auf derſelben Seite und blicken lächelnd nach den luftigen Sitzen? Ah! ich merke, daß der Wind die Kleider der Da⸗ men leicht emporhebt und man die Waden, manch⸗ mal auch die Kniee ſieht... wahrlich ein Spiel⸗ welches ebenſowohl die Zuſchauer als die Theilneh⸗ menden ergötzt. Die Damen merken, wie es ſcheint, durchaus nicht, was die Aufmerkſamkeit der Herren feſſelt, und überhören ebenfalls die unanſtändigen Witzeleien⸗ welche ſich der größere Theil der neugierigen Zu⸗ ſchauer erlaubt, denn fortwährend ſchaukeln ſie unter hellem Gelächter, gleich tollen Kindern. Aber der Dreher hält inne und es muß abgeſtiegen werden. Ich bleibe, um die Damen mehr in der Nähe zu vetrachten o mein Gott! man dürfte ſich den Hals nicht ſchief biegen, um eine Wade zu ſehen; meiner Meinung nach konnten die Herren ohne viele Mühe noch weit mehr zu Geſicht bekommen. Ich verlaſſe die Schaukelanſtalt und gehe nach dem Schauſpiele Boboche's; eine unermeßliche Menge beſindet ſich vor dem Theater und es iſt mir nimmer möglich, einen Sitz zu bekommen. Es bleibt mir alſo nur das Stehen übrig. Ver⸗ gebens dränge ich mich unter die Glücklichen, und wenn ich Bobéche nicht ſehe, ſo ſehe ich doch wenig⸗ ſtens Etwas: ich bemerke das Vergnügen, welches alle dieſe jungen Leute, gleichſalls ſtehend wie ich, zu koſten ſcheinen; ſie können zwar Nichts ſehen, aber 99 ſie begnügen ſich neben Damen, die auf Stühle ge⸗ ſtiegen ſind und die ſie nun halten, damit ihnen kein Zufall zuſtößt. Ihre Arme ſchlingen ſie unten um die Kleider; man ſtützt ſich auf ihre Schulter: dieß Alles muß eine große Annehmlichkeit gewähren. Mein Gott! dort will eine Dame fallen!... Warum hält ſie Niemand? Ja, es iſt eine Mama! Doch es kommt ein Mädchen in hübſchem Kopfputz, mit herrlichen Locken, das als ſchön gelten könnte, wenn ihre Kleidung für einen öffentlichen Garten nicht zu lä⸗ cherlich wäre; dieſes beſtrebt ſich, der alten Dame zu Hülfe zu eilen. „Warte, Mama,“ ruft das Mädchen,„ich will meinen Stuhl hinter den Deinigen ſtellen, dann kannſt Du Dich auf mich ſtützen und ich werde Dich halten!“ Die Mama willigt in dieſe Anordnung ein und das Mädchen ſteigt auf ihren Stuhl, nachdem ſie denſelben hinter den ihrer Mutter geſtellt; aber ich ſehe, daß die Jungfer ebenfalls gehalten wird: ein großer blonder Herr verliert ſie nicht aus den Augen. Er ſteht neben ſie hin, blickt ſie an, winkt ihr zu. Die Jungfer ſieht nur auf Boboche, und ihrer Mut⸗ ter das Spiel erklärend, läßt ſie aus ihrem Hand⸗ ſchuh ein kleines Billet in die Hand des Jünglings fallen, und zwar ganz ohne Scheu, ohne Affektation, ja ohne ihr Geſpräch zu unterbrechen. Wahrlich, unſere jungen Frauenzimmer legen eine bezaubernde Anmuth in Alles, was ſie thun; die Welt geht mit Rieſenſchritten einer immer höheren Vervollkomm⸗ nung entgegen. 100 Der blonde Herr dreht das Billet in ſeiner Hand und brennt vor Begierde, daſſelbe ſogleich zu leſen, wagt es aber nicht. Seine Ungeduld macht mir Vergnügen; ich will ſehen, was er thut... doch jetzt kommt ein altes Paar, ſeine Stühle nachſchlep⸗ pend: die Dame poſiirt ſich gerade vor mir aufz ſie lehnt ihre Hinterbacken beinahe an mein Geſicht, und ihr Gemahl, der ſich neben ſeine Ehehälfte ſtellt, nimmt mir vollends das Biöschen Ausſicht, welches mir noch blieb. Hier kann ich mich nicht halten. Um nicht iedes Vergnügens beraubt zu ſein, muß ich Etwas auf⸗ ſuchen, das mich intereſſirt. Das ungeheure Hinter⸗ geſicht meiner Nachbarin iſt gerade nicht lockend, auch bin ich kein Freund von gewiſſen Düften. Ich arbeite mich alſo, nicht ohne Mühe, aus den Stüh⸗ len, Beinen und Gewändern heraus. Nun bin ich glücklich da außen und will ein wenig Athem ſchöpſen; die friſche Luft thut immer wohl, wenn man Bo⸗ boche, ſelbſt im Freien⸗ beſucht hat. Ich betrete eine ſchöne Lindenallee, die an den großen Raſenplatz ſiößt, auf welchem man Blinde⸗ kuh ſpielt, ſchaukelt, den ägpptiſchen Vogel ſchleudert und tauſend andere Dinge treibt, von welchen die ſchönſten unſichtbar ſind. Ich höre die Stimme der Damen, welche ſchaukeln und die ihre Cavaliere bit⸗ ten, langſamer zu thun⸗ während dieſe, um ihre Kraft und Behendigkeit zu zeigen, alle ihre Muskein anſtrengen, ſelbſt auf die Gefahr hin, diejenigen zu» 101 erzürnen, welche ſie ſchaukeln. Dieß iſt eine neue Art, ſich liebenswürdig zu machen. Aber da unten weint Jemand... es iſt ein Bube von zwölf bis dreizehn Jahren, der mit einem großen⸗ mindeſtens achtzehnjährigen Laffen ſchaukelt. Kaum hat dieſer Letztere den Balken beſtiegen, als der Junge am andern Ende über die kleine Eiſenſtange, an welcher die Spielenden ſich halten, ſo heftig empor⸗ geſchnellt wird, daß er zu Boden fällt, glücklicher Weiſe jedoch auf den Raſen, ſo daß er keine Ver⸗ letzung erhält. Ein wenig hinkend macht er ſich da⸗ von, während der große Lümmel ganz ſtolz iſt auf den Klapps, den er dem Buben verſetzt. Das Schaukeln iſt ein ſchönes Spiel, ich rathe aber Den⸗ jenigen, die daſſelbe treiben wollen, vorher den Bo⸗ den mit etwas Weichem beſtreuen zu laſſen, denn ich weiß aus Erfahrung, daß man häuſig fällt und manchmal ſogar gefährlich. Doch welch' ein Sauſen!... Es feſſelt unwilllür⸗ lich meine Aufmerkſamkeit. Schwirrte ein Pfeil vor⸗ bei? Nein, der ägpptiſche Vogel iſt abgefſogen. Wie ſtolz iſt der Glückliche, der das Ziel getroffen; allerdings hatte er den Vogel nur eilf Mal losge⸗ laſſen. Ein dicker Herr nimmt jetzt den eiſernen Draht.. ich kenne ihn wohl: es iſt Raimund. Es wäre ein Wunder geweſen, wenn ich ihn nicht ge⸗ troffen hätte, denn dieſer Menſch iſt überall. „Ich wette,“ ſagt er mit dummdreiſter Miene und Aufſehen erregender Stimme zu demjenigen, wel⸗ cher ſo eben geſpielt hat,„ich wette, mein Lieber 102 Geder Menſch iſt ſein Bekannter), daß der Vogel auf drei Mal losjliegt.“ „Und ich wette, daß er nicht fliegt; dieß iſt kei⸗ neswegs ſo leicht, als Sie glauben.“ „Leicht! leicht! Wenn's leicht wäre, ſo hätte es keinen Werth.. ich habe ein ſehr gutes Augenmaß und wette mit Ihnen eine Portion Gefrorenes.“ „Daß es auf drei Mal geht?“ „Ja, ganz gewiß brauche ich nicht drei Mal dazu.“ „Ich wette, daß Sie dieß nicht im Stande ſind.“ „Wir wollen ſehen.“ Ich bleibe ſtehen, in der feſten Ueberzeugung⸗ mein Nachbar werde irgend eine Dummheit begehen. Der mit der Leitung des Spiels veauftragte Mann lud jetzt die eiſerne Büchſe wieder, an welche der Drücker befeſtigt iſt. „Hinweg!“ rief ihm Raimund zu⸗ brennend vor Ungeduld, ſeine Geſchicklichkeit zu zeigen, und den Vogel ſo hoch erhebend, als ſeine Arme ihm ge⸗ ſtatteten. Die Büchſe wird wieder verſchloſſen. Der Mann entfernt ſich. Raimund läßt ſeinen Vogel mit ſolcher Geſchicklichkeit fliegen, daß das Eiſen, nachdem es mehrere Zickzack beſchrieben, ſechs Zoll vom Ziele niederfällt. Mein Nachbar läßt ſich dadurch nicht abſchrecken; zum zweiten Male ſchleudert er den Vogel eben ſo unglücklich. „Das Gleichgewicht fehlt,“ ruft er;„der Draht iſt krumm, dafür kann ich Nichts.“ „Nun kommt das letzte Mal.“ 103 Dießmal zielt Raimund wenigſtens drei Minuten lang. Endlich ſchwirrt der Vogel durch die Luft, aber ohne das Ziel zu treffen. „Ich habe gewonnen! ich habe gewonnen!“ ruft Raimunds Gegner;„Sie ſchulden mir eine Portion Gefrorenes.“ „Freilich haben Sie gewonnen, dieß iſt Alles, aber ich bin überzeugt, daß der Schnabel des Vo⸗ gels den Drücker berührt hat und wenn er nicht los⸗ ging, ſo kommt dieß daher, weil das Pulver feucht iſt.“ „Schlechte Ausrede! Sie haben verloren und ſchulden mir eine Portion Gefrorenes.“ „Gut! ich will Revanche.“ „O, recht gerne: zwei Portionen ſind mir lieber als eine.“ „Das wollen wir ſehen! He da! den Drücker ge⸗ richtet; ſicherlich iſt Etwas daran verdorben, wodurch das Losgehen verhindert wurde.“ Dem Spieler zu Gefallen öffnet der Spielmeiſter die Büchſe und unterſucht dieſelbe. Unterdeſſen nimmt mein Nachbar den Vogel, betrachtet, erbittert über den Verluſt ſeiner erſten Wette, den eiſernen Schna⸗ bel, ſucht dem Vogel ein vollkommenes Gleichgewicht zu geben und faßt ihn nur leicht an beiden Flügeln. „Jetzt begreif' ich's, jetzt begreif' ich's,“ ſagt er mit zuverſichtlichem Tone;„wenn ich dieß früher be⸗ merkt hätte, ſo würde ich getroffen haben. Man muß den Vogel nur leicht mit der Fingerſpitze halten und dann ihn gehörig im Gleichgewichte los laſſen.“ 104 Mit dieſen Worten ließ Raimund den Vogel los⸗ welcher den unglücklichen, mit Unterſuchung des Drü⸗ ckers beſchäftigten Mann an den Kopf traf. Der arme Teufel wurde ſchwer verwundet und fiel furcht⸗ var ſchreiend zu Boden. Alles läuft herbei. Raimund benützt die Unordnung, um ſich aus dem Staube zu machen. Mit Armen und Ellenbogen um ſich ſtoßend, vahnt er ſich einen Weg durch die Menge, ſpringt über die Stühle hinweg, rennt wie ein Wahnſinniger mitten durch die auf dem Raſen ſitzenden Gruppen⸗ verwickelt ſich in den Beinen einer Kokette, die ganz ruhig auf dem Graſe mit einem jungen Djffizier plau⸗ verte, fällt wie ein Sack über ſie hin und zerſchmet⸗ tert ihr mit ſeinem Wanſte den Buſen, der glücklicher Weiſe nur von Gaze war. Die Dame ſchreit, damit man glauben ſollte, es ſei ein ächter Buſen zuſam⸗ mengedrückt worden; der Offizier ſteht auf, wüthend über die Zerſtörung von Reizen, die er für wirklich hielt; er ergreift einen Stuhl und verfolgt Raimund: dieſer aber iſt bereits in weiter Ferne, denn die Furcht leiht ihm Flügel. Ich folge meinem Nachbar, der im Gedränge ſei⸗ nen Hut verloren hat; er läuft foriwährend und ſchießt jeden Augenblick Vöcke: da rennt er gegen eine Schaukel, ſtößt ſeinen Kopf an hölzerne Pferde, wirft zwei Frauenzimmer um, welche auf einem klei⸗ nen, abgeſonderten Platze walzten, und ſtürzt, Alles, was ihm unter die Füße kommt⸗ niederrennend, end⸗ lich in die große Allee, um in dem Gedränge zu ver⸗ ſchwinden. Da haͤngt aber eine Reihe farbiger Glä⸗ 105 ſer und zwar etwas nachläßig angebracht; Raimund geräth nun unter die Illumination, ſößt an die Glä⸗ ſer und alle fliegen auf die Spaz iergänger herab, welche ſich plötzlich mit Oelflecken bedeckt ſehen. Die Damen erheben ein jämmerliches Geſchrei beim An⸗ blicke ihrer beſchmutzten Kleider und Federn; die jun⸗ gen Männer ſind eben ſo wüthend, denn ihre Röcke, ibre Weſten, ihre Hoſen, Alles verbreitet einen ab⸗ ſcheulichen Oelgeruch. Raimund iſt auf's Neue der Gegenſtand des allgemeinen Zornes; der arme Tropf⸗ noch ganz außer Athem, muß abermals die Flucht ergreifen. Er ſpringt über eine Hagebuchenhecke, um ſchneller aus der Allee zu kommen;z aber nimmer wiſſend, wo ihm der Kopf ſteht, läuft er in den für das Kunſtfeuer beſtimmten Raum, trotz des Geſchreis eines Invaliden, der ihm den Eingang wehren will. Raimund rennt zwiſchen Raketen, Vomben, Arti⸗ ſchocken und romaniſchen Lichtern umher; der Inva⸗ lide ruft die Gensdarmen, um einen Menſchen zu arretiren, welcher Alles zerbreche und die Vorſtellung ves Kunſtfeuerwerkes verhindern wolle. Die Wache kommt: Raimund hat nur noch Zeit, ſich auf ein Transparent zu werfen, welches er zerſprengt wie der Hirſch Franconi's. Endlich verſchwindet er. Alles wird wieder ruhig; man ſucht den von meinem Nach⸗ bar angerichteten Schaden wieder gut zu machen und ich kehre zu den Spielern zurück, lachend über Raimunds Pech, wodurch er für ſeine Spitzbüberei von heute morgen hinlänglich beſtraft iſt. Paul de Kock XoO1. 8 106 Meiner Treu', denke ich, den Weg zum Tanz⸗ platze einſchlagend, wenn ich auch nur nach Tivoli gekommen wäre, um Zeuge von Raimunds Helden⸗ thaten zu ſein, ſo rürfte mich doch mein Ausflug nicht renen. Aber ich habe heute Glück; vielleicht hält das Schickſal noch andere Abenteuer für mich in Bereitſchaft. Vor dem Theater eines Taſchenſpielers bleibe ich ſtehen. Das Volkegedränge iſt eben ſo beträchtlich als bei Boboche; voch herrſcht hier eine etwas grö⸗ ßere Ordnung. Die meiſten Zuſchauer ſitzen und ich kann, obwohl in der letzten Reihe, auch Etwas ſehen. Es werden Karten gezogen, Ringe wegſtipitzt und ein Glas Wein in Blumen verwandelt. Dieß Alles bezaubert die Geſellſchaft, welche die Gehülfen des Taſchenſpielers nicht erkennen und die Vorbereitun⸗ gen, die zu den ohne Präparation ausgeführten Stücken nöthig ſind, nicht ſehen will. „Das iſt rin Hexenmeiſter!“ ruft ein kleiner Herr, indem er große Augen macht und gewaltig dumm umherblickt.„Meiner Treu', Alles iſt mir unbegreif⸗ lich, und Dir, Frau?“ „O, ich will ſelbſt ſehen,“ erwiedert die Ehehälfte des kleinen Herrn, und gibt dem Taſchenſpieler ein Zeichen, daß ſie eine Karte ziehen wolle. Dieſer— kommt alsbald herbei, auf italieniſch, deutſch und engliſch kauderwälſchend, welcher unbegreifliche Jargon das Staunen und Entzücken der Zuſchauer vollends auf den höchſten Gipfel ſteigert. Die Dame zieht Laub⸗Acht und miſcht daſſelbe ſo⸗ vW 107 dann wieder unter die übrigen Karten; unſer Hexen⸗ meiſter aber kann mit Sicherheit die gezogene Karte errathen, weil nur Laub⸗Achter in dem dargebotenen Spiele ſind. Um die gaffende Menge jedoch vollends verrückt zu machen, bringt er ſeine Hand hinter den Rücken des kleinen Herrn, den man, während ein anderes Stück zur Ausführung kommt, plötzlich auf⸗ zuſtehen vittct. Dieſer weiß ſich gar nicht mehr zu faſſen, als die von ſeiner Ehehälfte gezogene Karte unter ſeinen Hoſen liegt. Ich verlaſſe das Theater des Hexenmeiſters; wie ich aber in meine Taſche greife, finde ich mein Sack⸗ tuch nimmer in Folge eines auf ſo muſterhaſte Weiſe ausgeführten Kunſtſtückes, daß es das des Taſchen⸗ ſpielers bei Weitem übertrifft. Zum Glücke hatte ich mein Cachet beſſer verwahrt. Jetzt ſtehe ich vor dem Raume, welcher dem Tanze geheiligt iſt. Es gehört jedoch nicht mehr zum guten Tone, in den öffentlichen Gärten zu tanzen; nur an Kirchweihen macht unſere feine Pariſer Welt einen Kuhſchweif mit. Hier wagen bloß Händlerin⸗ nen, Klein⸗Bürgerinnen und Griſetten ſich dem Ver⸗ gnügen des Tanzes zu überlaſſen: ſie kennen keinen Zwang, keinen guten Ton; ſie wollen ſich amüſiren und ſind ſo ſelig, wenn ſie tanzen! Die Freude malt ſich auf ihrem Geſichte, wenn ſie nur Hopſer machen dürfen! Die Miene dieſer ſchönen Fräulein, welche dem Tanze zuſchauen, ſagt mir, daß der gute Ton manchmal ſehr läſtig iſt; aber man rächt ſich durch Bekrittelung Derer, welche demſelben Trotz bieten. 108 Man ſpottet, man läſtert über Andere; der Anſtand und gute Ton verbietet dieß niemals. Was man ſelbſt nicht thun kann, wird als lächerlich dargeſtellt und was man insgeheim liebt, perſiflirt. Da haben wir eben die Fabel vom Fuchs und den Trauben. Bald wenden ſich die Zuſchauer nach einer andern Quadrille. Die Menge wächst; die Tänzer ſind von einem dreifachen Kreiſe Neugieriger umgeben. Wahr⸗ ſcheinlich kann man dort einige hübſche Geſichtchen oder eine ſehr lächerliche Tracht ſehen. Ich trete näher und gelange unter die vorderen Zuſchauer; je⸗ doch die Tänzerin, welche ich erblicke, hat ein ganz gewöhnliches Geſicht und deßgleichen eine ſolche Klei⸗ dung: dieſe kann alſo nicht der Gegenſtand des all⸗ gemeinen Gedränges ſein. „Sie iſt in der That ſehr hübſch.“ „Ah! Du wirft ſehen, mit welcher Anmuth ſie tanzt,“ ſagen zwei junge Leute neben mir. Ich überblicke jetzt die ganze Quadrille und meine Augen fallen bald auf ein Mädchen, das ein kleines, mit einem Roſenbouquet geſchmücktes Häubchen trägt. Die reizenden Züge des Mädchens erregen meine Bewunderung. Ihre Augen ſtrahlen von Tanzluſt; gewaltig pocht ihr Buſen und das ſchmeichelhaſte Ge⸗ murmel um ſie her färbt ihre Wangen mit einer lebhaften Röthe. Welches Frauenzimmer iſt unem⸗ pfindlich gegen das Lob? Trafet Ihr jemals ſolche, meine Leſer? Wenn dieß der Fall wäre, ſo bitte ich Euch, dieß als ein merkwürdiges Ereigniß in Euer Tagebuch zu ſchreiben. — — — 109 Während ich die hübſche Tänzerin betrachte, kommt mir plötzlich eine Erinnerung. Dieſe Züge, dieſer Wuchs, dieſes Roſenbouquet, und der Plan, nach dem Tivoli⸗Garten zu gehen... kein Zweifel mehr: es iſt Jungfer Caroline, es iſt meine kleine Blumen⸗ macherin von geſtern Abend. Wie erſtaunte ich, die bereits Vergeſſene an einem Orte wieder zu finden, wo ich ſpazieren ging, ohne ſie zu ſuchen! Nun da der Zuſall ſie wieder in meine Nähe geführt hat, ſo will ich dieſen Umſtand benützen und dem guten Tone zum Trotz ſie zu einem Tanze auffordern, um mit ihr ſprechen zu können. Doch wenn Bekannte mich in Tivoli tanzen ſähen! Aber nein, ich verachte den Tadel und Spott der jungen Leute, ſo wie die Läſterungen der Damen, und die verführeriſchen Züge Carolinens anblickend, ſage ich mit Rouſſeau:„Glücklich ſein iſt das erſte Be⸗ dürfniß des Menſchen!“ Nun, um glücklich zu wer⸗ den, muß ich vor Allem mit Jungfer Caroline tanzen. O * In demſelben Verlage ſind erſchlenen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Adeline, oder Erziehung durch Welt und Schickſal Roman in vier Büchern. 2 Thle. 8. 3 fl. 30 kr. oder 2 Rthlr. Der kaiſerliche Baſtard. Aus den Memoiren des Oberſten Düvar, natürlichem Sohne des Kaiſers Napolcon. 3 Bände. 8. 4 fl. 30 kr. oder 2 Rthlr 15 ggr. Bidpai's Fabeln, oder Calila und Dimna. Aus dem Arabiſchen von Ph. Wolff. 2 Theile. 8. 3 fl. oder 1 Rthlr. 21 ggr. Alois Blumauers geſammelte Werke. Voll⸗ ſtändigſte Ausgabe in drei Tbeilen, mit dem Bild⸗ niſſe des Verf. kl. S. 2 fl. 24 kr. oder 1Rthlr. 128gr. Wilb. Blumenhagens ſämmtliche Schriften. Zweite Geſammtausgabe in 16 Bänden(à 1 fi. 12 kr. oder 18 ggr.), mit 17 Stahlſtichen. S. 19 fl. 12 kr. oder 12 Rthlr. F. W. Bruckbräu, Mittheilungen aus den ge⸗ heimen Memviren einer deutſchen Sän⸗ gerin. 2 Bände. S. 5 fl. 24 kr. oder 3 Rthlr. —— Der Pabſt im Unterrocke. Ein hifloriſcher Roman. 2 Thle. 8. 3 fl. 30 kr. vder 2 Rthlr. 6ggr. —— Roſa's Gardinenſeufzer. 2 Thle., mit 1 Kupfer. 8. 3 fl. 30 kr. oder 2 Rthlr. 6 ggr. —— Schürzenräthſel. 8. 2 fl. 30 kr. oder 1 Rthlr. 12 ggr.* F. Cooper, Der letzte Mohican. Eine Geſchichte aus dem Jahre 1757. Aus dem Engliſchen. 4 Bde. 8. 7 fl. oder 4 Rthlr. F. Cooper, Die Rordamerikauer, geſchildert von einem reiſenden Junggeſellen. Aus dem Engli⸗ ſchen. 4 Bände. 8. 6 fl. oder 3 Rthlr. 12 ggr. Cottin, Eliſabeth, oder die Verbannten in Sibi⸗ rien. Aus dem Franz. von Prof. Karl Courtin. Mit 4 Kupfern. 8. 48 kr. oder 12 ggr. Cunnigham, Paul Jones, der Seeräuber für Amerika's Freiheit. 3 Bde. S. 7 fl. ov. 4 Rthlr. Frau du Hauſſet's Memviren. Als Eingang zu den Memoiren der Frau von Campan. Aus dem Franzöſiſchen. gr. 8. 2 fl. oder 1 Rthlr. 6 ggr. C. E. Ebert, Das Kloſter. Irplliſche Erzählung in 5 Geſängen. 12. 2 fl. 30 kr. oder 1 Rthlr. 12ggr. Ednard, von der Verfaſſerin der Urika. Aus dem Franzöſiſchen. 2 Thle. S. 3 fl. oder 1 Rthlr. 21 ggr. Die Franzoſen der neueſten Zeit. Geſchildert von namhaften franzöſiſchen Schriftſtellern. Mit vielen Holzſchnitten. Lex. 8. 3 fl. 12 kr. oder 2 Thlr. C. F. Friedrich, Ednardo, Prinz von Parma, der unglückliche Fürſtenſohn, oder Ortellinos Jugendjahre. Romantiſche Geſchichte. 8. 2 fl 50 kr. oder 1 Rthlr. 12 ggr. ——, Rivogar, Fürſt der Hölle, oder die Teu⸗ felsbeſchwörung in der Geiſterburg. Eine Rit⸗ ter⸗ und Geiſtergeſchichte aus dem zwölſten Jahr⸗ hundert, mit einem Kupfer. S. 3 fl. 18 kr. oder 1 Rthlr. 20 ggr. A. Gavin, Die enthillten Geheimniſſe des Beichtſtuhls, oder die Betrügereien der Pfaf⸗ ſen und Mönche in Spanien. Vor hundert Jahren beſchrieben. gr. 8. 2 fl. 30 kr. oder 1 Rthlr. 12 ggr⸗ Die Geiſterzwillinge, oder Vrudermord und Rache. Ritter⸗ und Geiſtergeſchichte aus dem vierzehnten Jahrhundert. Mit einem Titelkupfer. 8. 2 fl⸗ 4 kr. oder 1 Rthlr. 8 ggr. Oliver Goldſmith, Der Landprediger von Wackefield. Eine Erzählung⸗ angeblich von nſſſ