Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Siebenundachtzigſter Theil. Stuttgart: Scheible, üieger a Sattler. 1346. Andreas, Von Paul de Bock. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Fünfter Theil. D G Stuttgart: Scheible, Bieger a Sattler. 1846. Erſtes Kapitel. Peter und Roſſignol. „Sonderbar,“ denkt Peter bei ſich und ſpaziert gähnend im Zimmer auf und ab, das er jetzt allein bewohnt,„ſonderbar, ich bin jetzt Herr im Hauſe, mir fehlt Nichts, ich habe mehr Geld als ich brauche, und doch gähne ich den ganzen Tag. Als ich Bo⸗ tenläufer war, wußte ich nicht, was Langeweile ſei, denn ich hatte keine Zeit, daran zu denken. Ich ſang vom Morgen bis zum Abend, und kehrte ich Abends mit vierzig Sous im Sacke heim, war ich, meiner Seel', fideler, als ich mit allen den Goldfüchſen da bin. Sonderbar! damals war mein größter Wunſch ein ſolcher Goldfuchs; jetzt hab' ich ſie in größter Menge und ſie— langweilen mich. Ich dachte, ein Reicher, der müſſe und müſſe ſich amüſiren; aber weit gefehlt! Was fang' ich an? Wie kürze ich mir die Zeit? Schreiben kann ich nicht; ich weiß nicht einmal meinen Namen zu un⸗ terzeichnen! In den A⸗b⸗c⸗Büchern herumbuchſtabi⸗ ren mag ich nicht! Von Muſik verſtehe ich Nichts; noch weniger von Andreas ſeinem Gepinſel. Im Theater ſchlafe ich ein, obgleich es ſchön da iſt. Nur das Eſſen macht mir Spaß; aber kann ich den ich Armer an?“ ganzen lieben Tag am Tiſche ſitzen? Was ſang' Indem wird mit Leibeskraft an der Glocke gezogen. „Das nenn' ich mir herrenmäßig ſchellen! O wenn das Andreas wäre!“ Er öffnet. Wer tritt herein? Roſſignol, oder mit anderm Namen Loiſeau, Peters alter Kunde und Freund. Der Hut ſitzt noch immer auf dem linken Ohr; aber nicht mehr der alte ſchäbige, ſon⸗ dern ein funkelnagelneuer. Seit dem famoſen Diner, wo Peter um den ſeinigen kam, hat das Modell zufällig ſeinen alten mit einem neuen verwechſelt; gerne hätte Herr Roſſignol auch die übrigen Klei⸗ dungsſtücke zufällig verwechſelt, wenn es möglich geweſen wäre. So finden wir ihn denn in demſel⸗ ben eng anliegenden Beinkleide und ſchwarzen Rocke wieder, worin er dem Herrn Grafen von Franco⸗ nard ſeine Aufwartung gemacht hatte. Aber beide Theile ſind verſteckt durch einen langen, weiten Kar⸗ rick*, den er einem befteundeten Hauderer abge⸗ vorgt hat. Obgleich es in der Mitte Juni's iſt, hüllt er ſich ſo weit ein, als wären wir mitten im Winter. Endlich, um ſich ein imponirenderes An⸗ ſehen zu geben, hat er den Schnurrbart wachſen laſſen, den er in jeder Sekunde wenigſtens einmal zurechtdreht. Roſſignol wußte nicht, daß Peter mein Bruder war; er erfuhr es erſt am Tage jenes Diners, wo der Rauſch Peter zu Erzählung aller ſeiner Aben⸗ „Eine Art weiter engliſcher Reitrock. teuer begeiſtert hatte. Lange Zeit traute er ſich nicht, Peter zu beſuchen, aus Furcht vor mir, bis er eines Tags zufällig hört, daß Herr Dermilly geſtorben, Peter der alleinige Beſitzer einer ſchönen Wohnung, und Andreas, ſein Bruder, ſeit einiger Zeit ſpurlos verſchwunden ſei. Schon iſt er auf der Treppe meines Hauſes, als er von ungefähr ſeine Kleider muſtert. Der Rock hat nur noch zwei Knöpfe, die Hoſe iſt am Knie aufgeriſſen und an den Waden geplatzt.„Vielleicht hat Peter Domeſtiken,“ denkt er bei ſich,„und das kann ſie mißtrauiſch machen.“ Roſſignol iſt nie in Verlegenheit. Schnell kehrt er um, trifft auf dem nächſten Haltplatze der Hauderer einen befreundeten Kutſcher, mit dem er ſich dreimal herumgeprügelt und viermal ausgeſöhnt hat, klopft ihn auf die Schulter und ſpricht: „Leihe mir Deinen Karrik, Franz: auf zwei Stunden.“ „Meinen Karrik? Biſt Du von Sinnen?“ „Ich habe ihn dringend nöthig. Nur auf zwei Stunden; ich bring' ihn wieder.“ „Wie kann ich, Roſſignol? Ich habe nichts als die Weſte darunter.“ „Mehr brauchſt Du nicht im heißen Monat Juni.“ „Thor! wie kann ich in Hemdärmeln herum⸗ haudern?“ „Um ſo mehr gleichſt Du dem jungen Phaston, Freund.“ „Geh' mir mit Deinem Phaston.“ 8 „Ehe zwei Stunden vergehen, haſt Du ihn wie⸗ der. Bis dahin brauchſt Du ihn nicht; Du biſt ja der Letzte in der Reihe. Alſo Du willſt nicht, Franz? Willſt mich in Verzweiflung bringen, der Dir ſo oft Schnays gewichst hat. Franz, all' mein Vermögen ſteht auf dem Spiel; Deines auch vielleicht. Denn bin ich erſt bei Geld, ſo nehm' ich kein anderes Ge⸗ fährt als Deines und zahle Dir drei Franken für die halbe Stunde. Nun?“ „Bah, Du haſt mich zum Beſten.“ „Beim erſten Torſo, nein! Franz, da ſind fünf⸗ zehn Sous; warte auf mich im goldenen Kar⸗ pfen und laß Auſtern aufmachen.“ „Auſtern? Für fünfzehn Sous?“ „Ich zahle ſie: vier Dutzend. Geſchwind, Franz, zieh' den Aermel aus.“ „Aber mein Gefährt?“ „Sieh', wie die Sonne ſcheint, iriz Kein Sonn⸗ und Feſttag heute, bloßer Werktag. Bedenke das.“ „Aber. „Franz, Du trinkſt Deine Gläſer Weißwein in⸗ zwiſchen.. Du weißt.. und für zwei Sous Moſeler. Geſchwind den andern Aermel heraus.“ „Und Du bringſt ihn mir in zwei Stunden wie⸗ der?“ „Ich ſchwöre Dir's beim Herkules und Antonius!“ „Was ſind das für Leute? Aber wenn Du mich zum Beſten haſt, Kerl, dann...“ „Gewiß nicht, Franz. Laß Dir's inzwiſchen gut ſchmecken. Adieu.“ 9 Roſſignol wirft ſich geſchwind in den Karrik und hüpft fort, trillernd:„Wem der große Wurf gelungen!“ u. ſ. w. Peter ſieht Roſſignol befremdet an; denn der bis an die Ohren aufgewickelte Schnurrbart macht ihn durchaus unkenntlich. Aber ſchon iſt er Peter um den Hals geſprungen und drückt ihn an ſich wie eine Bärin ihre Kleinen. „Laſſen Sie mich los, Herr, Sie würgen mich!“ ruft Peter ärgerlich. „Ich Dich loslaſſen, mein lieber Peter? Kennſt Du Deinen alten Freund nicht mehr, Peter?“ „Mein Gott, Du biſt's, Loiſeau!“ „Wer ſonſt?“ „Aber Andreas ſagt, Du heißeſt Roſſignol.“ „Er hat recht.“ „Warum läſſeſt Du Dich denn Loiſeau nennen?“ „Iſt denn Roſſignol kein Loiſeau?“* „Gewiß.“ „Alſo! Folglich hab' ich meinen Namen nicht verändert.“ „Nein. Ich dachte nicht daran.“ „Uebrigens, was liegt am Namen? Loiſeau oder oſſignol, gleichviel! ich bin Dein Freund, Dein Freund auf Leben und Tod... auch Andreas ſein Freund, obgleich ich nicht recht an ihm gehandelt habe. Aber das war ein leichtſinniger Jugendſtreich, wie Jeder ſo macht. Iſt man doch nur einmal ung, tralala! Ich komme juſt, ihn um Verzei⸗ * Loiſeau, der Vogel.— Roſſignol, die Nachtigall. 10 hung zu bitten. Wo iſt er, der gute Andreas, führe mich zu ihm. Ich muß und muß ihn ſehen; auch Herrn Dermilly, meinen alten Zeichnenlehrer, wür⸗ digen Freund und Rathgeber. Führe mich zu ihm! Gib Acht, wie er mich aufnimmt!“ „Freund, da kommſt Du zu ſpät.“ „Zu ſpät? Wie ſo? Sprich⸗ geſchwind!“ „Herr Dermilly iſt ſeit lange todt.“ „Herr Dermilly todt? Mein Lehrer⸗ mein Va⸗ ter, mein Freund, mein Berather, mein Tröſter, mein Helfer? O, ich falle um.“ „Wird Dir nicht wohl?“ „Ich glaube, ja; gib mir...“ „Ein Glas Waſſer?“ „Lieber ein Glas Schnaps, wenn Du welchen haſt.“ „Ob ich welchen habe! Derr Dermilly hatte immer welchen, wenigſtens fünfzehn Sorten, und im Keller, ſage Dir, famöſen Wein.“ „Der ehrenwerthe Mann todt!“ „Nimm das, Loiſeau.“ „Nicht übel, meiner Seel'! Alſo Herr Der⸗ milly todt! So hat der Tod einen Stern erſter Größe verdunkelt. Ach⸗ welche Fortſchritte machte ich unter ihm. Er nahm mich auf wie ſeinen Sohn.“ „Er hat aber nicht väterlich von Dir geſprochen.“ „Ach, Peter, ich war auch oft ein undankbarer Sohn! Ich geſtehe, ich habe mir Manches vorzu⸗ werfen. Aber hin iſt hin. Was kann ich mehr thun, als bereuen? Noch einen Schluck.“ 11 „Iſt Dir jetzt beſſer?“ „Etwas. Aber ſprich, wo iſt Andreas, der gute Junge? Rufe ihn doch, ich will und muß ihn um⸗ armen, ich halt's nicht mehr länger aus.“ „Ach, alles Rufen hilft Nichts.“ „Mein Gott, Du erſchreckſt mich! Andreas auch todt? Noch ein Gläschen, Freund. Gib mir die Bouteille, ich will mir ſelbſt einſchenken. O mein armer Andreas!“ „Tröſte Dich, Roſſignol; er iſt ſeit ſechs Wo⸗ chen verſchwunden, ſpurlos... wir wiſſen nicht, wo e iſt. 5n „O mein armer Andreas! Und ich wollte mich bei ihm zu Gaſt laden. Macht Nichts, ſo bin ich bei Dir zu Gaſt, Peter. Aber ſag', hat er den Kol⸗ ler gekriegt? So wegzulaufen!“ „Nicht den Koller, Roſſignol: die Leidenſchaft, die hat ihn ſchrecklich geplagt; mehr darf ich nicht ſagen.“ „Ich will auch nicht mehr wiſſen. Beim Eſſen mehr davon.“ „Das Schlimmſte iſt, daß er einen Zettel hinter⸗ laſſen hat, worin er mir all' ſein Eigenthum ver⸗ macht, und Mamſell Nanette meint, das heiße ſo viel als: er wolle nie wieder kommen.“ „Deine Mamſell Nanette hat den Ragel auf den Kopf getroſſen, Peter; es iſt ausgemacht, daß Dir jetzt Alles gehört.“ „Und hältſt Du's für möglich: jetzt, da ich reich bin, habe ich tödtliche Langeweile!“ 42 —„Ganz natürlich, Peter.“ „Erſt der Kummer, die Sorge um Andreas..“ „Gewiß. Und dann die Einſamkeit, Niemand um Dich zu haben, mit dem Du ſchwatzen und la⸗ chen kannſt! Peter, Du weißt, ich bin Dein Freund; ich will Dir noch mehr werden, will Bruderſtelle an Dir vertreten; von heute an, von Stunde an wohne ich bei Dir und verlaſſe Dich nicht mehr.“ „Der gute Loiſeau... wollte ſagen Roſſignol.“ „Nenne mich wie Du willſt.“ „Wie oft wünſchte ich Dich herbei; ich wußte im Voraus, bei Dir würde ich mich nicht langweilen.“ „Dich langweilen? Bei mir? Du ſollſt keine Zeit dazu haben, das verſpreche ich Dir. Wir la⸗ chen, trinken, ſingen, ſcherzen und tanzen von Mor⸗ gen bis zum Abend und vom Abend bis zum Morgen. Der Vogelfänger bin ich ja, ſtets luſtig, heiſa, hopſaſa! Bei mir ſollſt Du lernen Dein Leben genießen.“ „Meiner Seel', das möchte ich; aber wenn ich denke, daß der arme Andreas...“ „Still, ſtill! wir denken nicht immer an Andreas. Jeden Morgen vor Aufſtehen weihen wir dem An⸗ denken des guten Bruders einige zärtliche Thränen und dann geht's an's Jubiliren. Aber, Sapperment, Du wohnſt hier wie der Großſultan in ſeinem Serail⸗ meiner Seel'! Ueberall Canapee's und Bergeres!“ „Bah, was iſt das gegen die andern Zimmer? Komm', ich will ſie Dir zeigen.“ Roſſignol folgt Peter, der in ſo heiterer Ge⸗ 13 ſellſchaft ſeine Traurigkeit faſt ganz vergeſſen hat. In gänzlicher Ermanglung aller Welt⸗ und Men⸗ ſchenkenntniß beurtheilt er Alles, was er ſieht und hört, nur nach dem äußern Anſchein. Weil Roſſig⸗ nol ſich ſeinen Freund auf Tod und Leben nennt, glaubt er ſteif und feſt an die Freundſchaft. Um des aufrichtigen Geſtändniſſes ſeiner alten Fehler wegen, denkt Peter bei ſich, muß ich ihm verzeihen, ſo gut wie Herr Dermilly und Andreas ihm verziehen ha⸗ ben würden. Daos ſchöne Modell wird nicht müde, die ſchönen Zimmer und die ſchönen Gegenſtände in denſelben zu bewundern; bisher kannte er bloß Küche und Ate⸗ lier. Er bleibt vor mehreren Gemälden ſtehen undruft: „Siehſt Du den Römer da? das bin ich! und den Griechen da? das bin wieder ich!“ „Aber ſie ſehen Dir nicht gleich.“ „Nicht von Geſicht, Freund, aber dem Leibe nach. Ich ſchmeichle mir, daß mein Torſo wunder⸗ bar getroffen iſt.“ „Und auf der Seite iſt die Küche.“ „O, die kenne ich recht gut, Peter; meinen Weg zum Atelier nahm ich immer durch die Küche. A pro- pos, lebt die alte Thereſe noch?“ „Was für'ne Thereſe?“ „Die Köchin meines Patrons.“ „Die iſt lange todt.“ „Du haſt recht gethan, zu ſterben, Thereſe: Du konnteſt nicht einmal'ne gute Suppe kochen.“ Paul de Kock. LXXRXVII. 2 14 „Seit Andreas fort iſt, habe ich keinen Bedien⸗ ten. Jür's Erſte wage ich kaum, mich von Andern bedienen zu laſſen... „Du haſt recht, Peter: alle Domeſtiken ſind ein wahres Diebsgeſindel; man bedient ſich lieber ſelbft. Höre, Peter, bei mir kannſt Du Sparſamkeit ler⸗ nenz ich will Dir einige ökonomiſche Grundſätze bei⸗ bringen. Nümmer eins: wir eſſen beim Traiteur; das iſt wohlfeiler und luſtiger. Niemals eine Küche im Hauſe; pfui, das ſtinkt! Will man extra diniren oder dejeuniren oder ſoupiren, ſo ſchickt man zum erſten Reſtaurateur, das iſt geſünder. Zweiter Grund⸗ ſatz: wir dulden keine Magd, keine Haushälterin im Hauſe. Das Weibervolk ſteckt ſeine Naſe in Alles und iſt geſchwätzig wie die Elſtern. Was zu beſor⸗ gen iſt, beſorgt der Stiefelwichſer.“ „Wie ſparſam der Roſſignol geworden iſt!“ „Nur Geduld, Peier, ich bin noch nicht fertig. Das iſt das Schlafzimmer von Andreas, nicht wahr?“ „Ach ja! Es ſteht jetzt leer und verwaist.“ „So will ich's für mich nehmen, Peter. Ich zahle den Miethzins auf und Stunde. Dritte Erſparniß!“ „Immer beſſer! Gedenkſt Du ſo fortzufahren⸗ dann werde ich immer reicher ſtatt ärmer.“ „Laß nur mich ſorgen, Peter. Die Kaſſe bitte ich mir aus; die will ich führen. Und was gedenkſt Du mit der Wohnung zu machen? Eine ſolche Woh⸗ nung für eine einzige Perſon wäre Unſinn.“ „Ich warte nur auf Andreas.“ 15 „Und ich warte mit Dir; wir warten zuſammen, das iſt luſtiger. Aber wo iſt der Wandſchrank, hin, hm... Du weißt, mit den Liqueuren? Ich denke, wir ſprächen einige Worte mit ihm.“ Peter führt ſeinen Freund in das Zimmer, wo der Wandſchrank mit den Liqueuren iſt und deckt einen Tiſch davor mit den Reſten einer Paſtete, dem Ueberbleibſel ſeines Frühſtücks. „Iſt das Alles, was Du haſt?“ fragt Roſſignöl. „Iſt das nicht genug?“ „Nein, Knicker! Wer bewirthet einen alten Freund mit ſo'nem Brocken von geſtern her?“ „Hätt' ich nur mehr.“ „Dummbärtchen, wozu ſind die Lraiteure da? Ruf' Deinem Portier; er ſoll uns vom erſten Gar⸗ koch Cotelettes, Rehragvut und eine gute Omelette holen. Inzwiſchen wollen wir uns den Keller an⸗ ſehen: ich möchte nicht ungerne ſeine Bekanntſchaft machen.“ Die Ungenirtheit, womit Roſſignol im fremden auſe den Wirth macht, weckt Peter aus ſeiner ge⸗ wöhnlichen Trägheit. Schon ſteht das ſchöne Modell auf der Treppe und brüllt aus vollem Halſe: „Holla, Portier! hieher, Kleiner! heraus aus Deinem Neſt! Subito!“ „Was machſt Du, Roſfignol?“ ſagt Peter ängſt⸗ lich.„Ich habe keinen Portier; die Frau von unten wartet mir auf und ſie vildet ſich ein...“ „Weil Du nicht mit den Leuten umzugehen weißt, Peter: ein Fünfzehnſousſtück und ſie drückt beſde 16 Augen zu, meiner Seel! Man muß gelegentlich generös ſein, wenn man ſich gut bedienen laſſen will: viertes Erſparniß!“ Eine kleine kugelrunde Frau von wenigſtens fünf⸗ zig Jahren und mürriſchem Geſichte tritt in's Zim⸗ mer. Die Gute bilvet ſich viel auf ihr reines Fran⸗ zöſiſch ein und auf das Taſchenwörterbuch, das ſie ſich ſelbſt angefertigt hat. Sie ſieht Peter eine Zeit lang ziemlich ungehalten an, weil Peter ſie in Gna⸗ den ihres Dienſtes entlaſſen hat. „Was wollen Sie?“ fragt ſie mürriſch;„Sie provociren das ganze Haus durch Ihr Geſchrei.“ „Ich bitte um Entſchuldigung, Madame Roch,“ entgegnet Peter;„ich wünſchte, Sie „Still!“ gebietet Roſſignol und damit wirft er ſeinen Karrik um, als mache er den Catilina, und ſiellt ſich zwiſchen Madame Roch und Peter. „Du weißt Dich nicht kurz zu faſſen; laß mich reden. Liebe Madame Roch! mein Freund und ich möchten ein recht excellentes Frühſtück zur Feier des heutigen frohen Tages, der uns nach vieljähriger Trennung zum erſten Male wieder vereint. Wir wünſchten uns vei einem Gläschen alten Burgunder und eini⸗ gen Cotelettes freundſchaftlichſt zu unterhalten; wür⸗ den Sie uns zu dieſer freundſchaftlichen Unterhaltung verhelfen?“ „Mein Herr, ich habe nicht mehr die Ehre⸗ Herrn Peter aufzuwarten.“ „Weil er fürchtet, mit Ihnen allein zu ſein, Ma⸗ dame Roch. Wer noch ſo friſch und blühend iſt„ 47 „Gar zu gütig, mein Herr.“ „Und noch ſo gut conſervirt...“ „Da haben Sie recht, Herr; ich ſchmeichle mich deſſen.“ „Wir könnten noch eine Medea machen, Schätz⸗ chen, oder eine Agrippina.“ „Ich weiß nicht, Herr, was Sie 4 „Wie alt ſind wir, Madame Roch?“ „Vierundvierzig Jahre, Herr.“ „Auf Ehre, man hält Sie höchſtens für eine Zwanzigjährige... Geld her, Peter! Madame Roch ſorgt für Alles.“ „Aber, mein Herr...“ „Und wer rechnete mit einer ſo intereſſanten Er⸗ ſcheinung? Du, du liegſt mir im Herzen, Du, du liegſt mir im Sinn! Geld her, Peter.“ Roſſignol langt mit der Hand hinten herumz Peter ſucht in der Taſche und ſteckt ihm ein Hun⸗ dertſousſtück in die oſſene Hand. „Noch eins,“ ſagt Roſſignol. Peter gibt ihm ein zweites. „Und noch eins,“ flüſtert das ſchöne Modell. Peter gibt ihm ein drittes, denkt aber bei ſich: „Fünfzehn Franken für's Frühſtück, das kann nicht der fünfte ökonomiſche Grundſatz ſein.“ Roſſignol ſteckt zwei Fünffrankenſtücke der Ma⸗ dame Roch zu, läßt das dritte unvermerkt unter den Karrik gleiten und flüſtert dann der Haushälterin in's Ohr:„Beſorgen Sie uns was recht Gutes; das kleine Geld gehört Ihnen.“ Dabei kneift er ſie in's 18 Knie, thut, als wolle er ſie umarmen und treibt ſie da⸗ durch der Treppe zu. Madame Roch, ganz verdutzt durch dieſe Zärtlichkeiten, aber höchſt empfänglich für Geld und Geldeswerth, bringt ſchnell ihr Halstuch in Ordnung und eilt die Treppe hinab. „Siehſt Du, wie ſie läuft,“ ſagt Roſſignol;„mit Geld bringt man die Schildkröten zum Laufen.“ „Ja, Freund, aber fünfzehn Franken für ein Frühftück!“ „Wie? Du bewohnſt fürſtliche Gemächer und kümmerſt Dich um ſolche Lumpereien? Willſt Du Dich amüſiren oder willſt Du nicht?“ „Gewiß will ich's. „So vertraue Dich mir an. Und weißt Du nicht bereits fünf oder ſechs ökonomiſche Grundſätze? Ich möchte eben ſo wenig einen Knicker aus Dir machen.“ „Topp! ich vertraue mich Dir an, denn Du haſt mehr Erfahrung als ich.“ „Das mein' ich! Laß Andreas nur ſechs Mo⸗ nate ausbleiben und er ſoll eine Veränderung finden, meiner Seel'. Jetzt in den Keller hinunter!“ Im Keller liegen ungefähr dreihundert Flaſchen gewöhnlichen Tiſchweines und mehrere Dutzend feiner Weine. Roſſignol iſt wie begeiſtert; er möchte im Keller unten frühſtücken; weil das aber außer der Ordnung iſt, ſucht er ſich bloß vier Flaſchen verſchie⸗ dener feiner Weine aus und bürdet Peter eben ſo viel Flaſchen ordinären Tiſchweines auf. Während Roſſignol luſtig trillert: Bin ich todt,laßt mich begraben in den Kellerunterm Faß u. ſ. w⸗ 19 ſchließt Peter den Keller zu, dann klettern ſie die Treppen hinauf. Bald kommt Madame Roch nebſt Kellner mit drei Schüſſeln zurück, die ſymmetriſch mit dem Wein auf den Tiſch geſtellt werden: das Alles unter man⸗ chen verliebten Tändeleien Roſſignols mit der vier⸗ undvierzigjährigen Madame Roch. Nachdem das Frühſtück angerichtet iſt, empfiehlt ſich Madame Roch unter tiefen Bücklingen und der ergebenſten Bitte, ſie nicht zu ſchonen, wenn die Herren was bedürf⸗ ten. Peter ſetzt ſich an den Liſch und ihm gegen⸗ über ſein Freund Loiſeau. „Mach' Dir's bequem,“ ſagt Peter,„und zieh' den mächtigen Karrik aus, Du mußt därin erſticken.“ „Nicht doch, Freund: ich habe Huſten und Schnu⸗ pfen und fürchte die Blähungen, und dann iſt das Möbel da ein liebes Erbſtück von einem Onkel, der ewig auf dem Meere herum fuhr.“ „Ich ſehe übrigens nichts Schönes daran; mein Gott, und er iſt mit Leder gefüttert, ha hal“ „So will ihn der Matroſe haben. In ſolchem Karrik trotzt er Sturm und Wetter.“ „So ſo! Dein Onkel war Matroſe?“ „Ein famöſer Kerl, ſag' ich Dir: drei neue Welten hat er entdeckt, und er hätte noch ein halb Schock neue Welten mehr gefunden, aber ein Hay verſchlang ihn.“ „Großer Gott, ein Hay?“ „Wie ich die Ehre habe zu melden. Deine Ge⸗ ſundheit!“ 20 „Der arme Onkel!“ „An ſo was iſt der Matroſe gewöhnt, Freund! Das kommt täglich vor.“ „Aber wie haſt Du den Karrik wieder gekriegt?“ „Ganz leicht. Bald darauf wird der Hay ge⸗ ſchoſſen, und als man ihn ausweidete und ausſtopfte für's Naturaliencabinet, fand man den Karrik in ſeinem Bauch unverſehrt mit einem Brief meines Onkels an mich in der Taſche; der Hay, ſcheint's, kann Leder nicht verdauen. Von meinem armen Onkel war nichts mehr übrig als zwei Finger und das linke Ohr: alle drei Raritäten ließ ich zum An⸗ denken an den guten Onkel in Gold faſſen.“ „Meiner Seel', ich danke für's Matroſenleben, wenn man ſolche Gefahren läuft.“ „Du haſt recht! Es lebe die Erde... der Wein darauf! Aber Sapperment! der Wein iſt nicht bit⸗ ter! Papa Dermilly hatte eine feine Zunge und alle Künſtler mit ihm.“ „Sonderbar, Roſſignol, Dein Hut iſt accurat wie der meine, den ich bei der Schlägerei im Wirths⸗ hauſe verlor; ſogar die Schnalle iſt die nämliche.“ „Ein Hut gleicht dem andern wie ein Ei dem andern, Freund.“ „Aber gelt! wir waren duhn.“ „Duhn? pfui! Ich bin nie duhn. Wenn man ein Paar Teller entzweiſchlägt und einige Fauft⸗ hiebe austheilt, ſagſt Du gleich, man ſei duhn! Luſtig waren wir, fidel, weiter nichts.“ „Warum läſſeſt Du denn den Bart wachſen? Du 21 ſiehſt ganz anders aus ſeitdem; oder haſt Du ge⸗ dient?“ „Ja, Freund, ich habe gedient, ſeit wir uns nicht geſehen haben, und an zwei Stellen zugleich.“ „Wo denn? Bei den Huſaren?“ „Nein, bei den Freiwilligen in beliebiger Uni⸗ form; der Pantalon iſt mir davon übrig.“ „Haſt Du Dich geſchlagen?“ „Das wollt' ich meinen; oft hab' ich mich ge⸗ ſchlagen; ein Paar Mal blieb ich für todt auf dem Wahlplatz liegen.“ „Biſt Du denn nicht avancirt?“ „Doch, Freund! oft bin ich avancirt: einmal ſo weit, daß ich immer eine ganze Meile den An⸗ dern voraus war. Aber der Ehrgeiz iſt nie mein Steckenpferd geweſen; die Künſte, Freund, die Künſte lagen mir ewig im Kopfe. Die erſte Liebe bleibt ewig unvergeßlich, tralala! Und ich wünſche mir Glück, daß ich den Dienſt guittirte, weil ich Dich getroffen habe. Deine Geſundheit, Peter!“ Roſſignol ißt und trinkt, was das Zeug halten will, denn ſeit Jahren hat er nicht ſo gegeſſen und getrunken wie an dieſem Tage. Die Korke fliegen an die Decke, der Wein perlt und ſchäumt, ein Glas nach dem andern wird ausgeſtochen. Wenn ein ſchmutziger Teller Roſſignol genirt, wirft er ihn mir nichts dir nichts auf ein hübſches Canapee, und die leeren Flaſchen werden alle auf den Boden ge⸗ rollt. Schon weiß Peter nicht mehr, wo er iſt und was er thut. In vollem Wetteifer mit ſeinem kampf⸗ 22 zelbien Gegner ſteigt ihm der Wein raſch zu Kopf, er glüht über und über, die Zunge wird ihm ſchwer und er hüpft wie toll im Zimmer umher, während Roſſignol mit größter Kaltblütigkeit ſitzen bleibt und wie ein Hay Alles verſchlingt, was der Traiteur geſchickt hat. Ueber Cotelettes, Omelettes, Rehragout, feine und ordinäre Weine und Liqueure vergißt Roſſignol ganz den armen Franz und ſein Verſprechen, den Karrik innerhalb zweier Stunden zurückzubringen. Aber Pünktlichkeit iſt nicht die Haupttugend des ſchönen Modells, der einen Pfropfen nach dem andern an vie Decke ſpringen läßt, und bei der fünften Flaſche, die er ganz allein geleert hat, endlich auch anfängt, die Wirkungen des Weines zu ſpüren wie ſein Wirth. nebermäßig erhitzt und dem Erſticken nahe, wirft er den Karrik ab. „Wir ſind ja unter uns, Peter; Freund bei Freund! Und meine Wäſche kann ſich immer ſehen laſſen, auch bei ſo ſtottem Dejeuner! Hol' mich Der und Jener, ich erſticke beinahe vor Hitze!“ „So gehſt Du mit dem Karrik um, Roſſignoll Denkſt Du nicht mehr an den armen Onkel?“ „An welchen Onkel?“ „Den der Hay fraß.“ „Onkel hin und herz ich habe keinen Onkel⸗ Deine Geſundheit!“ „Du ſagteſt ja eben, Du hatteſt einen Onkel.“ „Recht ſo, ich vergaß den Umſtand. Aber Sapper⸗ 23 moſt, Peter, das gibt nen ſidelen Tag. Wir leben, meiner Seel', wie die Amphitryonen. Du ſiehſt ſchon ganz anders aus, viel beſſer als heute Mor⸗ gen. Gelt, der Jur gefällt Dir?“ „So gut, Roſſignol, daß ich nicht mehr weiß, wo ich bin.“ „So wollen wir alle Tage leben! So leben wir, ſo leben wir, So leben wir alle Tage, In der gllerflottſten Sgufcympagnie! Von heute an ſind wir Ein Leib und Eine Seele, Bruder. Was ich nicht habe, haſt Du, und was Du nicht haſt, habe ich: Du biſt reich, ich vin liebens⸗ würdig; Du biſt bornirt, ich bin aufgeräumt und witzig. Gib Acht, wie luſtig wir den Strom des Le⸗ bens hinabſchwimmen wollen! Vom hoh'n Olymp herab ward uns die Freude!“ „Sag', Roſſignol, iſt das Deine freiwillige Uni⸗ form?“ ſtottert Peter, der immer angetrunkener wird. „Nein, das iſt mein Jagdhabit: acht Knöpfe feh⸗ len daran, die hat ein wüthender Eber auf einen Streich abgehauen, als ich ihn eben erlegen wollte. Probiren wir jetzt die Liquenre: Rum! der bleibt bis zuletzt für den Gnadenſtoß. Seubar! koſte das und trinke mir nach. Du darfſt Dir glückwünſchen zu mir, Peter, denn Du langweilteſt Dich wie ein Wolf.“ „O Bernhard! o Nanette!“ „Meinſt Du den Waſſerträger und ſeine Tochter?“ „Dieſelben.“ „Pfui, Peter! wie kann ein Menſch von Deiner 24 Stellung in der Welt die Bekanntſchaft eines Waſſer⸗ trägers cultiviren, pfui! Du mußt mehr Achtung haben vor Dir ſelbſt!.. Her mit dem Aniſette.“ „Aber war ich nicht früher Botenläufer?“ „Du warſt es, Freund, Du viſt es jetzt nicht mehr, alſo...'s iſt ganz ſo, wie der Schuft, der ein ehrlicher Mann wird, vergißt, daß er früher ein Schuft war. Dergleichen erlebt man alle Tage. Ich meine nicht, Peter, daß Du nicht mehr mit ihm ſprechen ſollſt, Du darfſt ihn ſelbſt von Zeit zu Zeit beſuchen, aber er darf nicht mehr Dein täglich Brod ſein ſchlechter Umgang verdirbt gute Sitten!. Wie findeſt Du den Cognac 2“ „Ganz ſo wie alle anderen Liqueure!“ „Bah, Peter, Du viſt ein ſchlechter Kunſtkenner. A propos, morgen führe ich Dich in die Geſellſchaft meiner Freunde, lauter fidele Geſellen wie ich, die ganze Nächte durchtanzen. Ich kenne alle die Ge⸗ legenheiten. Vivat die Fidelität! Pereat Deinen Freunden, die Dich zum Mönch und Einſiedler machen wollen! Heute Abend eröffnen wir unſere tanzende Laufbahn mit einem Walzer in der Barriére von Vaugrard. Du wirſt mir gerne Rock, Hoſe und Weſte leihen; für das Uebrige ſorge ich ſelbſt. Deine Geſundheit, Freund!... Stimme nur den Chor an aus dem Schinderhannes: Du weißt, er geht tralalala, tralalala... und ſo weiter in infinitum eum gratia. er iſt nicht eben ſchwer. Ich ſinge ihn alle Montage mit einer Bäckerin zum Drehrade. Das klingt göttlich, ſage ich Dir!“ 25 Sie trinken, ſchreien, ſingen und ſpringen noch eine Weile, bis Keiner von ihnen mehr Etwas ſieht oder hört. Peter ſinkt ſanft unter den Liſch, während Roſſignol, nachdem er links und rechts mit Tellern und Schüſſeln um ſich geworfen, auf Franzens Kar⸗ rik einſchläft zwiſchen einem Rebhuhnflügel und einer Flaſche Roſolio. Zweites Kapitel. Franzens Karrik. Während Roſſignol neben ſeinem Wirthe ſchnarcht, hat ſich der Kutſcher, dem Erſterer ſeinen Karrik abborgte, in die bezeichnete Schenke begeben und bei einem Gericht Auſtern und einer Flaſche Weißwein behaglich ſich niedergeſetzt. Franz zeigt den beſten Appetit und ſegnet im Stillen den guten Karrik, welchem er dieß leckere Mahl zu danken hat. Das erſte Dutzend Auſtern iſt im Umſehen verſchwunden; um mit mehr Gemüths⸗ ruhe der Ankunft ſeines Freundes zu harren, läßt er ein zweites Dutzend kommen. Die verabredete Stunde ſchlägt, aber kein Roſſig⸗ nol und kein Karrik läßt ſich blicken.„Eine Viertel⸗ ſunde mehr oder weniger ſchadet nichts,“ denkt Franz und beſtellt Schweizerkäſe und eine zweite Flaſche. Aber auch die Viertelſtunde und noch eine andere iſt vergangen, ohne daß Roſſignol ſich blicken läßt. Franz hat ſich ſo vollgeſtopft, daß er kaum athmen, 26 geſchweige denn ſich bewegen kann. Schon fängt er an ungeduldig zu werden und einen kräftigen Fluch auszuſtoßen. Noch lauter und derber flucht er, als ſeine Kameraden ihm melden, daß er jetzt der Erſte in der Reihe ſei und daher bei ſeinem Gefährt ſein müſſe, und doch hat er weder einen Rock zum Fahren noch Geld zum Zahlen. Er ſtampft auf den Boden, ſchlägt ſich mit geballter Fauſt vor die Stirne und ruft: „Ich Eſel, dem Schelm zu glauben! Bomben und Granaten, ich will ihm die Hölle heiß machen, wenn er zurückkommt. Was fange ich an, wenn meine Käthe mich in Hemdärmeln heimkehren ſieht! Sie wird glauben, ich hätte meinen Rock verſoffen.“ Alles Fluchen, Toben und Lärmen hilft Nichts: kein Roſſignol und kein Karrik kommt. Zum Unglück hat ſich der Himmel umwölkt; in jeder Sekunde kann das Gewitter losbrechen und Franzens Fiaker iſt noch der eitzige, der auf dem Platze hält; alle anderen ſi nd fort. Franz reißt das Fenſter auf, ſieht ſich den Himmel an und ruft verzweifelnd: „In dem Wetter fahre Einer Rock in bloßen Hemdärmeln.“ Plötzlich gießt es herunter wie ein Wolteveuh Alles rennt auf den einzigen Wagen zu. „Kutſcher! Kutſcher!“ ſchreit es rechts und tnts Man reißt ſi gar darum, wer zuerſt in das Ge⸗ fährt ſoll. „Reißt Euch nur,“ denkt Franz, der den Lärm ſieht und hört.„Ihr könnt lange auf den Kutſcher warten.“ 27 Inzwiſchen iſt es einem kleinen, von Kopf bis Fuß ſchwarz gekleideten Herrn mit ſchneeweißem Bu⸗ ſenſtreif und Tanzſchuhen, der mit ſeiner Ehehälfte zu einem Pejeuner dinatoire eilte, das ſein Couſin zur Feier der ihm nach fünfzehnjähriger Bewerbung endlich geglückten Ernennung zum Maire⸗Adjunkten einer Commune von dreihundert Feuerſtätten veran⸗ ſtaltete, nach heißem Kampfe gelungen, ſeine Ehe⸗ hälfte in den Wagen zu ſchaffen. Madame nimmt gleich den ganzen hintern Grund ein und zwingt alle übrigen Inſaſſen, das Feld zu räumen, worauf das ausgehungerte Paar ſich im alleinigen Beſitze des Fiakers ſieht. 8 4 Jetzt iſt Alles da, nur das Wichtigſte fehlt noch: der Kutſcher. Madame lehnt ſich mit halbem Leibe zum Kutſchenſchlage hinaus und ſchreit ſich heiſer nach dem Kutſcher, während der Herr Ehegemahl, jam⸗ mernd über die Gefahr, die von Seiten des Regens ſeinem neuen Habit droht, aber noch untröſtlicher über den Verluſt des Frühftücks, hin⸗ und herläuft und Franz aufſucht. Endlich ſieht er den goldenen Karpfen und läuft auf ihn zu. „Ich wette,“ denkt er bei ſich,„der Kerl thut ſich bene darinnen bei einem Glaſe Wein oder Schnaps. So macht es das Geſindel immer: wenn es Waſſer regnet, ſchwemmen ſie ſich mit Wein voll. Nur p⸗ Madame Belhomme, ich ſchaffe ihn gleich er.“ „Sputen Sie ſich, Herr Belhomme,“ ruft Ma⸗ 28 vame ihrem Ehegemahl nach.„Ich fürchte, ſie eſſen den Kalekuten ohne uns.“ „Iſt der Kutſcher von Numero ſiebzig darinnen, liebe Frau?“ fragt Herr Belhomme, in den Keller eintretend. „Ja, Herr, hinten in der Ecke ſitzt er,“ antwor⸗ tet die Auſternhändlerin, die um ihre Zeche beſorgt zu werden anfängt. „Geſchwind, Freund,“ ſagt Herr Belhomme, dem Hauderer traulich auf die Schulter klopfend,„Ihr ſolltet auf dem Platze ſein bei Eurem Wagen. Scht nur, wie es regnet, und Ihr ſeid der Letzte„. Ihr kriegt ein gutes Trinkgeld.“ „Nicht nöthig, Herr, ich habe keinen Durſt,“ antwortet Franz und bleibt ruhig ſitzen. „Hört Ihr, Kutſcher?“ ruft Herr Belhomme lauter. „Ja, ich höre. Ich kann jetzt nicht fahren.“ „Ihr könnt nicht fahren?“ wiederholt der kleine Mann, den Hut auf die Stirne drückend und auf die Fußſpitzen tretend.„Gleich auf der Stelle!“ „Unmöglich, Herr, ich kann nicht von der Stelle auch bin ich beſtellt.“ „Ihr lügt, Ihr ſeid nicht beſtellt, Ihr gehört mir und meiner Frau mein Couſin wartet. Iht ſollt und müßt.“ „Ich will nicht, Herr.“ Der kleine Herr erhebt ein ſolches Geſchret, daß Alles herbeieilt. „Ja, ja, er muß!“ rufen die Einen. „Erſt ſoll er zahlen!“ keift die Auſternhänvlerin⸗ 29 „Keines von Beiden,“ antwortet Franz und pfeift dabei. „Statuiren wir ein Beiſpiel!“ ſchnaubt Herr Belbomme außer ſich vor Wuth.„Gleich gehſt Du mit zum Commiſſarius.“ „Donner und Doria, Herr, wie kann ich bei ſolchem Wetter in Hemdärmeln, ohne Rock fahren ha verfluchter Roſſignol!“ „Mit oder ohne Rock: Du gehſt mit mir zum Commiſſarius. Verſtanden?“ „Er muß, er muß,“ wiederholen alle Umſtehen⸗ den im Chore,„oder wir bringen ſein Gefährt dahin.“ Franz, der ſieht, daß er mit Gewalt nichts aus⸗ richtet, will dem kleinen Herrn zum Polizeicommiſſär folgen, als der Weinbändler und die Auſternverkäu⸗ ferin ihm den Weg vertreten. „Ehe man geht, zahlt man hübſch, Freund.“ „Ich zahle ein ander Mal, ich habe keine Zeit jetzt.“ „Zahlen iſt gleich geſchehen. Wir kennen Euch zu wenig, um Euch zu borgen.“ „Ich komme gleich wieder.“ „Ihr zablt auf der Stelle; ſechs Dutzend Auſtern, Wein, Brod und Käſe machen zuſammen fünfund⸗ ſiebenzig Sous.“ „Da ſind fünfzehn Sous auf Abſchlag; ich bleibe den Reſt ſchuldig.“ „Nicht doch, Freund, Ihr zahlt ſogleich das Ganze.“ „Ihr könnt mich auf den Kopf ſtellen, ob Ihr Paul de Kock. LXRRvII. 3 „ 30 einen Sou mehr bei mir findet: ich habe den gan⸗ zen Tag keinen Sou verdient.“ „So ſo, der Herr frühſtückt flott und hat kein Geld in der Taſche?“ „Ein Freund hat mich herbeſtellt.“ „Flauſen das! Geſchwind zum Polizeicommiſſär mit dem Bruder Liederlich.“ „Erſt will ich ein Pfand für meine Auſtern, her mit ſeinem Hute.“ „Da habt Ihr ihn.. wir wollen Dich lehren, Freund, mit fünfzehn Sous in der Taſche zu frühſtü⸗ cken wie vornehme Herren!“ Vergebens ſucht der arme Franz ſich ſeines Hutes zu erwehren. So muß er denn, er mag wollen oder nicht, ohne Hut und Rock zum Commiſſär hinfahren. „Dem hab' ich gezeigt, daß ich'nen Kopf habe wie von Eiſen,“ ruft Herr Belhomme ſeiner Ehehälfte zu. „Die Mühe hätten Sie ſich ſparen können,“ ant⸗ wortet Madame.„Das iſt männiglich bekannt.“ Unter lautem Ziſchen und Hohngelächter der Um⸗ ſtehenden fährt der arme Tropf von Franz ab. Wi⸗ thend peitſcht er auf die Gäule los, daß ſie davon ſtolpern, was das Zeug halten will, und ſo oft er die Peitſche ſchwingt, läßt er einen mörderiſchen Fluch los gegen den Roſſignol. Zum Glück wohnt der Polizeicommiſſär nicht weit ab, dennoch kommt er pudelnaß an, wie aus dem Waſſer gezogen. „Wögen ſie mich brennen und foltern, ich fahre ſie nicht weiter,“ ruft er wüthend. — — 31 In Folge dieſes Vorfalls muß der arme Tropf acht Tage auf der Präfektur ſchwitzen, bringt einen Stockſchnupfen mit nach Haus und erhält obendrein noch eine tüchtige Tracht Schläge von ſeiner Ehehälfte. Herr und Madame Belhomme müſſen den Weg unter die Füße nehmen. Um ihren Aerger zu ver⸗ geſſen, zanken ſie ſich unterwegs in Einem fort und kommen von Kopf bis Fuß durchnäßt und beſprützt beim Herrn Couſin an— als eben das Frühſtück verzehrt iſt. Drittes Kapitel. Wie Peter haushalt. Als Peter den Morgen nach dieſem Frühſtücke, das bis zum Abend gedauert hatte, erwacht, ſtaunt er nicht wenig, ſich unter'm Tiſche zu finden, den Kopf auf einem Teller und den Arm in einer Schüſſel mit Eingemachtem. Er reibt ſich die Augen und be⸗ ſinnt ſich auf die Vorfälle des letzten Tages, denn noch gehen ihm die feinen Liqueure wie ein Mühlrad im Kopfe herum. Er ſteht auf, ſieht um ſich und tritt Roſſignol, der noch auf ſeinem Karrik ſchnarcht, auf's linke Ohr. Dieſer erwacht und flucht:„Wer wagt es, einen Künſtler zu boxen?“ Als Peter Roſſignol hört, erinnert er ſich allmä⸗ lig der Ereigniſſe des vorigen Tages. Ohne zu wiſſen 32 wärum iſt er nicht recht mit ſich zufrieden; das Ge⸗ wiſſen ſchlägt ihm. Aber ſchon iſt Roſſignol bei der Hand und auf den Füßen, ſo daß Peter keine Zeit bleibt, ſich Vorwürfe zu machen. „Wir haben, wie's ſcheint, ein Mittagsſchläfchen gehalten, Freund Peter,“ ſagt Roſſignol.„Das iſt vornehm. In Spanien und Italien ſchläft man ge⸗ wöhnlich nach Tiſch, und die Engländer, die am ſtottſten von allen Völkern leben, ſchlafen faſt immer unter'm Tiſch.“ „Wie? die Engländer ſchlafen unter'm Tiſch mit⸗ ten unter Tellern, Schüſſeln und leeren Flaſchen?“ „Ja, Peter, ganz ſo wie wir geſtern.“ „Bruder Andreas liebte die Sitte nicht.“ „Unter uns, Peter: Dein Andreas war ſo zim⸗ perlich wie'ne alte Jungfer; ich hoffe, Du folgeſt meinem Beiſpiele und nicht dem Deines Bruders.. aber es iſt heller Tag, wir müſſen an's rihſin denken.“ Indem ſieht er Franzens Karrik. Wie wahnſinnig ſchlägt er ſich auf Bauch, Kopf und Lenden zugleich, ſtößt einige ſeiner Lieblingsflüche aus und wirft ſich in einen Armftuhl. „O, ich Dummkopf!“ ruft er ein über's andere Mal. „Was gibt's?“ fragt Peter. Statt zu antworten ſchneidet Roſſignol ein grim⸗ miges Geſicht und ſpringt wüthend und fluchend vom Seſſel auf, denn er hatte ſich auf einen Teller geſetzt, der von geſtern her auf dem Stuhle liegen geblie⸗ ben war. 33 „Das verdammte Porzellan!“ ſchreit er.* „Haſt Du Dich geſchnitten?“ fragt Peter ängſtlich. „Und wie! Gerade in den A.... „In den A. 2 „Ich will mir kalte Umſchläge machen. Das Schlimmſte bei der Geſchichte iſt, daß die Hoſe zer⸗ riſſen iſt. Mein Gott! und vorne nichts als Fett⸗ flecken: das kommt von Deinem Tellerwerfen von geſtern.“ „Ich ſoll Schuld daran ſein?“ „Wer ſonſt? Mein Gott, und der Rock auch ganz befleckt von oben bis unten: die ſchönen neuen Kleider da! Erſt zweimal habe ich ſie getragen.“ „Und doch iſt die Hoſe ganz zerriſſen?“ „Ich muß während des Schlafes an die Stuhl⸗ ecken gekommen ſein. O weh', v weh'! was fang' ich an? Geſtern noch ſo flott gekleidet, daß alle Weiber ſich nach mir umſahen, und heute ſo aus⸗ zuſehen! Aber ſo kann ich nicht ausgehen, das be⸗ greifſt Du. Wie ſteht's mit Deiner Garderobe, Peter? Mit Deinem Cabinet? Du haſt doch eins?“ „Gewiß, Roſſignol, gewiß hab' ich eins: links, am Ende des Ganges. Du findeſt Alles da, was Du wünſcheſt.“ Roſſignol eilt ſingend fort, kommt aber gleich darnach wieder zurück, ein Läppchen gelber Lein⸗ wand, das Ueberbleibſel eines ehemaligen Schnupf⸗ tuches, unter die Naſe haltend. „Kerl, wo haſt Du mich hingeſchickt? Haſt Du mich zum Beſten?“ 34 „Iſt das Cabinet nicht nach Wunſch?“ „Närrchen, ich will Kleider, Hoſen, Röcke, Weſten und Du ſchickſt mich in ein.. „Wetter! Du fragteſt ja nach dem Cabinet.“ „Aber nicht nach ſolchem.. Kleider will ich, Kleider.“ „So ſo! dann geh' nur in Andreas Kammer, da haſt Du große Auswahl.“ „Endlich! Warum haſt Du das nicht gleich geſagt?“ Roſſignol geht in die ihm bezeichnete Kammer, öffnet die Commoden und Wandſchränke und bleibt bewundernd vor einer ſo wohl verſehenen Garderobe ſtehen. Gleich geht er an ſeine Toilectte und da er von Umſtänden nichts weiß, ſucht er ſich das ſchönſte Hemd, die feinſten Strümpfe und die neueſten Klei⸗ der aus. Dann läuft er vor den Spiegel und macht, obgleich im Frack und kurzen Hoſen, allerhand antik⸗ claſſiſche Stellungen. „Saerebleu,“ ruft er,„wie ſchön bin ich! Schade, daß ich das erſt im fünfundvierzigſten Jahre werde. Gleichviel, ich will die verlorene Zeit nachholen!“ In ſeiner Trunkenheit öffnet Roſſignol die Fen⸗ ſter, die auf die Straße gehen, wirft ſeine ganze alte Verlaſſenſchaft Stück für Stück zum S hin⸗ aus und ſingt dabei: „So lebt denn wohl, Gefährten meiner Jugend, Vir ſcheiden, um nie wieder uns zu ſehn!“ „So: fort mit euch; Adieu Pantalon! Adieu Frack! Adieu Hemd! et cetera ihr habt mir treulich 35 gedient. So wandert jetzt zum Lumpenſammler oder in den Sack des Savoyarden. Vivat die Savoharden!“ Dann kehrt Roſſignol zu Peter zurück, der nach⸗ denklich vor den Trümmern des geſtrigen Dejeuners ſitzt, wirft ſich vor ihm in die Stellung des Laokvon und fragt:„Wie findeſt Du mich?“ „Aber, Freund, das ſind Alles Andreas Kleider.“ „Davon iſt nicht die Rede, Peter; ich frage Dich, wie Du mich findeſt.“ „Sehr reinlich.“ „O, Du kalter Menſch, weiter ſiehſt Du Nichts? Ein Weib würde mehr ſehen. Mache Du jetzt Deine Toilette, Peterz Weſte und Cravatte tragen noch die Spuren vom geſtrigen flotten Dejeuner. Inzwiſchen habe ich einen Ausgang zu machen; ich bleibe nicht lange aus, dann gehen wir in den blauen QOua⸗ dranten oder zu Desnoyers. A propos, Du haſt die Kaſſe, nicht wahr?“ „Ja, ich habe Geld.“ „Gut, ſo gib mir hundert Thaler, ich will ein⸗ kaufen für unſere Haushaltung, denn es fehlt noch am Nöthigſten.“ „Am Nöthigſten?“ „Ja, z. B. fand ich nicht einmal Zahnſtocher ge⸗ ſtern nach dem Eſſen.“ „Willſt Du für hundert Thaler Zahnſtocher kaufen?“ „Deßgleichen fehlen Seifenkugeln und Brenneiſen: das Alles will ich einkaufen. Wir brauchen auch einen Domeſtiken: Leute wie wir müſſen einen haben!“ „Und geſtern nannteſt Du ſie Diebsgeſindel!“ 36 „Gib Acht, Peter, wie ich ihm auf die Finger päſſe.“ „Aber hundert Thaler... „Willſt Du mir nicht folgen, Peter, ſo überlaſſe ich Dich Deinem Schickſale. Entweder, oder.. willſt Du Dich amüſiren von Morgen bis Abend und von Abend bis Morgen. ſprich?“ „Gewiß will ich das.“ „So rücke mit den hundert Thalern hervor!“ „Das beſte Beiſpiel geb' ich dir, Drum folge ſtets in Allem mir, tra la la!“ Peter gibt ſeinem Freunde die hundert Thaler. Dieſer nimmt den Karrik, ſieht ihn lange prüfend an und ſagt dann kopfſchüttelnd: „Das Möbel iſt verdammt häßlich: es paßt nicht zu ſo ausgeſuchter Toilette.“ „Was ſagſt Du, Roſſignol?2“ „Ich ſage, daß ich ihn mit nach Haus nehmen möchte, wenn er nicht ſo abſcheulich wäre.“ „Und geſtern trugſt Du ihn noch?“ „Weil geſtern meines Onkels ſelig Namenstag war, Peter. Aber ich Dummkopf, was will ich mich lange damit ſchleppen, ich laſſe ihn mir nachtragen „yolla, Madame Roch!“ Eben will Roſſignol Madame Roch rufen, als die Thüre ſich öffnet und dieſe hereintritt, mit einer Hoſe in der Hand, die ihr beim Straßenfegen gerade auf den Kopf gefallen war. „Können Sie mir ſagen, meine Herren,“ fragt Madame Roch, die Hoſe hinhaltend, die Roſſignol 37 ſogleich als die ſeinige erkennt,„ob dieſer Pantalon Einem von Ihnen geyört? Ich wollte eben meinen Straßentheil fegen, als eine Menge Straßenjungen was aufheben und weglaufen. Gleich darauf fiel dieſe Hoſe mir auf den Kopf und zerdrückte den gan⸗ zen Beſatz meiner Haube.“ „Wirfſt Du Deine Hoſen den Leuten auf die Köpfe, Peter?“ fragt Roſſignol ganz erſtaunt. „Ich?“ antwortet Peter.„Das wär' mir ein ſchöner Zeitvertreib.“ „Die Hoſe kömmt nicht von uns, Madame Roch. Ein Blick auf dieß Möbel hätte Ihnen ſagen müſſen, daß Leute wie wir keinen ſolchen Plunder tragen.“ „Die Oebſtlerin gerade gegenüber ſagte „Die Oebſtlerin thäte beſſer, ihr Obſt zu zäh⸗ len, als ſich um ihre Nachbarn zu kümmern. Behal⸗ ten Sie die Hoſe, Madame Roch, für Ihren Enkel, wenn Sie einen haben!.. Weil Sie gerade da ſind, Madame, haben Sie die Gefälligkeit und tragen Sie mir den Karrik hinunter, bis ich einen Jokey nehme, der ihn mir nachträgt.“ „Aber, mein Herr... „Nur vorwärts, Madame, Sie ſind heute Mor⸗ gen reizender und friſcher als je... Peter, mach', daß Du fertig wirſt, ich bin gleich wieder da.“ Roſſignol wirft Franzens Karrik über den Arm der Haushälterin und ſteigt mit ihr die Treppe hinab. Auf jeder Stufe nimmt er eine neue Poſition ein. Die gute Madame Roch weiß nicht, was ſie davon enken ſoll; bald pleibt ſie verwundert ſtehen, bald 38 weicht ſie erſchreckt zurück, wenn er die ganze Kraft ſeines drohenden Mienenſpieles anwendet. „Das iſt Herkules,“ ruft er,„und das Antinous und das Hypolytus!“ Endlich haben ſie den Vorplatz erreicht. Roſſig⸗ nol ſteckt den Kopf zur Thüre hinaus und ſieht auf einem Eckſtein einen kleinen Schuhputzer, ſchwarz wie ein Köhler, ſitzen. Er winkt ihm herbei und bürdet ihm den ungeheuren Karrik auf. „Folge mir,“ ſagt er zu ihm,„und ſieh' ja zu, daß Du ihn nicht ſchmutzig machſt.“ Gefolgt vom kleinen Schuhputzer mit dem mäch⸗ tigen Karrik begibt ſich Roſſignol auf den Weg⸗ zuerſt nach dem Platze, wo er ſeinen Freund, den Hauderer, gefunden.„Er wird anfangs Feuer und Flammen ſpeien,“ denkt er bei ſich,„aber ein Hun⸗ dertſousſtück wird ihn bald zur Vernunft bringen.“ Aber Franz iſt nicht auf dem Platze, aus dem einfachen Grunde, weil er auf der Präfektur ſitz. Von da geht Roſſignol in den goldenen Kar⸗ pfen; auch da iſt er nicht. „Gott weiß, wo er ſein mag,“ ſagt Roſſignol bei ſich,„ich kann ihm nicht durch ganz Paris nach⸗ laufen in ſo flottem Coſtüm.. nehmen wir ein Ca⸗ briolet und inſpiciren die Gefährte.“ Roſſignol ſteigt in ein Cabriolet und befiehlt dem Schuhputzer, ihm Schritt für Schritt zu folgen. So fährt er von einem Platz zum andern, ohne Franz zu treffen. Roſſignol wird immer hungriger und der kleine Jokey immer naſſer, denn das Wetter iſt 39 heiß, der Karrik ungeheuer ſchwer und der Weg, den er, dem Wagen nachlaufend, zurücklegt, unge⸗ heuer weit. Endlich denkt er bei ſich:„Ich habe gethan, was ich thun konnte. geh'n wir zu Peter zurück.“ Der kleine Jokey, der keinen trockenen Faden mehr an ſich hat, ſegnet ſich, als der Wagen vor Peters Wohnung ſtille hält. Während Roſſignol das Fahr⸗ geld dem Kutſcher hinzahlt, denkt er bei ſich: der kleine Schelm trabt gut, das wäre kein übler Jokey für uns. „Kleiner, willſt Du bei mir dienen?“ „Und muß ich alle Tage ſo herumlaufen, Herr?“ „Nein, das war was Extra's heute: Du ſorgſt bloß für Zimmer, Betten und Fußzeug. Dir gehört Alles, was man Dir gibt; Du kriegſt Logis, Eſſen und Trinken und guten Lohn. Willſt Du, ſprich?“ „Gern, Herr.“ „So komm' mit und vergiß nicht, daß Du zwei⸗ hundert Franken voraus gekriegt haſt.“ „Zweihundert Franken im Voraus? Ich habe keinen Sou gekriegt.“ „Macht Nichts. Du ſagſt ſo oder ich entziehe Dir meinen Schutz.“ Als Peter den Roſſignol ganz ſo zurückkehren ſieht, wie er auszog, gefolgt vom kleinen Schuhputzer mit dem Karrik über den Arm, ruft er ihm eni⸗ gegen: „Und Du bringſt das Möbel mir wieder in's Haus, Roſſignol?“ 40 „Ich konnte mich nicht von ihm trennen, Peter: das Möbel liegt mir ſo am Herzen.. hier ſtell' ich Dir unſern Bedienten vor.“ „Der Kleine da?“ „Wozu brauchen wir Rieſen?“ „Er iſt ja pechſchwarz.“ „Wir waſchen ihn ſchneeweiß.. aber Peter, der Magen ſteht mir verdammt ſchief, mach', daß wir fortkommen.“ „Aber „Nun?“ „Ich bin ſeit zwei Tagen nicht bei Bernhard ge⸗ weſen.“ „Bernhard hin und Bernhard her.. Du gehſt ein ander Mal, das Frühſtück preſſirt viel mehr als Dein Beſuch bei Bernhard. Du, Kleiner, bleibſt hier und machſt die Betten; putze, ſcheure und amü⸗ ſire Dich„Adieu!“ Roſſignol ſchleppt Peter fort. Eben als ſie zum Hauſe hinaus wollen, ſagt dieſer: „Aber wie, wenn Bernhard kömmt?“ „Du denkſt an Nichts als an Deinen Bernhard! Laß mich das in Ordnung bringen... he, Madame Roch, wenn man nach Peter fragt, ſo ſagen Sie gefälligſt, er ſei mit einem Freunde ausgegangen, ſeinen Bruder zu ſuchen, und daſſelbe ſagen Sie, ſo oft man nach ihm frägt. Wir thun nichts Anderes als Herrn Andreas ſuchen.. verſtanden, Madames“ Bald darauf kehren ſie bei einem Traiteur ein, wo Peter über der Unterhaltung ſeines luſtigen Roſ⸗ 4¹ ſignol alle guten Rathſchläge ſeiner alten Freunde auf's Neue in den Wind ſchlägt. Roſſignol läßt Peter keine Zeit zur Beſinnung. Nach dem Früh⸗ ſtück führt er ihn zum Billard, von da zur Mittags⸗ tafel und nach dem Eſſen von einer Kneipe zur andern, wo er Gelegenheit findet, ihn der Elite ſei⸗ ner Bekanntſchaft vorzuſtellen, die vor Ungeduld brennt, Peter kennen zu lernen. Der arme Peter ahnt nicht, in welch' nobler Geſellſchaft er ſich be⸗ findet. Nachts kehren ſie meiſtens total duhn nach Hauſe zurück; oft bleiben ſie ganz aus. Man kann ſich ungefähr denken, wie es in einer Wohnung aus⸗ ſieht, wo ein ſchuhputzender Jokey das Regiment führt, das Unterſte zu Oberſt kehrt und, ſobald er ſich langweilt, ſeine Kameraden einlädt, mit ihm in den Zimmern zu ſpielen. Allein der Jokey wichst die Stiefeln gut, und weil dieß nach Roſſignols Mei⸗ nung die Hauptſache iſt, drückt man ein Auge zu. Dieſe Wirthſchaft dauert ungefähr ſchon drei Wochen. So vft Peter zu Bernhard will, weiß Roſſignol unter irgend einem Vorwande ihn ab⸗ zuhalten. Zuletzt redet Peter nicht mehr davon, denn ſchlechte Geſellſchaft verdirbt immer die Luſt an guter. Der ehrliche Waſſerträger hat ſich inzwiſchen oft nach Peter in ſeiner Wohnung erkundigt, immer aber von Madame Roch, die Roſſignol durch ſeine Apollo⸗ und Jupiterpoſituren ganz für ſich gewann und durch den Glanz des Geldes beſtochen hat, hören müſſen, daß Herr Peter ausgezogen ſei, ſeinen Bru⸗ der zu ſuchen. 42 „Armer Peler,“ denkt der argloſe Auvergnat bei ſich,„du gibſt Dir unſägliche Mühe und biſt damit um keinen Schritt weiter als wir.“ Eines Morgens begeben ſich Peter und Roſſignol, Beide wohlfriſirt und wohlgewichst, in die elyſäiſchen Felder zu einem Rendezvous mit einigen vertrauten Freunden. Eben als ſie über die Boulevards gehen⸗ kommt Franz mit ſeinem Gefährt daher. Wie der Blitz ſo ſchnell ſpringt er vom Bocke herunter und ſtürzt auf die Beiden los. „Du kommſt mir wie geſchlichen, Roſſignol: ich will Dich lehren Röcke ſtehlen!“ Und damit gibt er ihm fünf oder ſechs derbe Peitſchenhiebe, wovon aber der am Diebſtahl un⸗ ſchuldige Peter faſt eben ſo viel abkriegt als der ſchuldige Dieb. Erſchreckt über den unvorhergeſehenen Angriff eines ſo knochenfeſten Kerls wollen ſie Reißaus neh⸗ men. Allein Franz ſpringt auf Roſſignol los, ehe er ſich flüchten kann, und packt ihn dermaßen am Kragen, daß ihm Hören und Sehen vergeht. „Endlich hab' ich Dich, Du Schelm!“ ruſt er und ſchüttelt Roſſignol hin und her, daß er grün und gelb wird im Geſicht.„Wo iſt mein Karrik, ſprich? Was haſt Du mit ihm angefangen?“ „Laß mich los, Franz, Du erdroſſelſt mich, laß mich los!“ „Nicht eher, als bis Du meinen Karrik mir be⸗ zahlſt, und ein Frühftück, und die acht Tage, die ich auf der Präfektur geſeſſen habe, und einen Stoc⸗ 0 43 ſchnupfen, und die Schläge, die ich von meinem Weibe gekriegt!“ „Ich will Dir Alles bezahlen, laß mich nur los.“ „Ihr irrt Euch, Kutſcher,“ ſagt Peter, der von dem ganzen Vorfalle Nichts begreift,„wir wollen Nichts von Euch.Ihr ſeid beſoffen.“ „Ich beſoffen? Nicht doch, Herrchen; aber Ihr Kamerad da iſt ein Dieb, ein Schuft, ein Betrüger. Wart', ich will ihm einen Denkzettel geben!“ Und damit applicirt er dem ſchönen Modell einige ſo derbe Kopfnüſſe, daß ſeine ganze Friſur in Wirr⸗ warr geräth. Indem Peter ſeinem Freunde beiſtehen will, bekommt er gleichfalls einige Proben von Fran⸗ zens Rachegefühl, während die um den Wagen dicht verſammelte Menge ſich an dieſem Schauſpiel wei⸗ det; es iſt ohnehin ergötzlicher, Andere ſich prügeln zu ſehen als ſie miteinander zu tragen. Endlich iſt es Roſſignol gelungen, die linke Hand — mit der rechten vertheidigt er ſich, ſo gut es geht — in die Taſche zu bringen. Er zieht drei Hundert⸗ ſousſtücke daraus hervor und yält ſie Franzen unter die Naſe, der beim Anblick des Geldes gleich ruhi⸗ ger wird. Er ſäckelt ſie ein, läßt mit Püffen nach und fragt heiſer: „Und mein Karrik?“ „Du ſollſt ihn haben,“ antwortet Roſſignol,„fahr' uns nach Hauſe, mich und meinen Freund. Hätteſt Du gleich anfangs Vernunft angenommen, ſo hät⸗ teſt Du Deinen Freunden einen ſo widerwärtigen Auftritt erſpart.“ — 44 Indem öffnet Roſſignol den Kutſchenſchlag, läßt Peter einſteigen und ſetzt ſich neben ihn, während Franz beſänftigt auf den Kutſchen bock ſteigt und da⸗ von fährt. So friedlich endet zu allgemeinem Er⸗ ſtaunen der Zuſchauer die Scene, die ſo kriegeriſch vegonnen hatte. Ebenſowenig begreift Peter, dem die Schläge wehe thun, warum er ſich von einem Kutſcher fahren laſſen ſoll, der ihn eben noch ſo feindſelig behandelte. „Du ſollſt Alles wiſſen,“ ſagt Roſſignol und bringt ſeine von Franzens Hand zerzauste Friſur wieder in Ordnung. „Wie kannſt Du Dich einen Dieb ſchimpfen laſſen?“ „Weiß der Kerl, was er ſagt?“ „Aber haſt Du ihm nicht Geld gegeben?“ „Du ſiehſt alſo, daß ich ihn nicht beſtohlen habe!“ „Was für einen Karrik will er denn von Dir?“ „Ich ſoll ihm den Karrik meines ſeligen Onkels leihen, weil er auf dem Waſſer fahren will.“ „Hat er das Fahren auf dem Feſtlande ſait? Ein Kutſcher, der zu Waſſer geht?“ „Was iſt denn da ſo Auffallendes? Du mußt wiſſen, der Franz iſt ein famoſer Kerl; wir haben früher zuſammen gedient!“ „Warum wammste er Dich denn?“ „Er iſt oft von Sinnen: er hielt uns für ſeine Gäule. Uebrigens verdient der Kerl alle Achtung und ich wünſchte, Du rultivirteſt dieſe Bekanntſchaft.“ Vor der Wohnung dieſer beiden Herren empfängt 45⁵ Franz eine zärtliche Einladung, mit ihnen heraufzu⸗ kommen. Der Kutſcher läßt ſich nicht lange bitten und folgt ihnen mit der Peitſche in der Hand, vb⸗ gleich Peter dieſe Höflichkeiten gegen einen Menſchen, der ſie ſo eben noch geprügelt hat, nicht begreifen kann. Roſſignol führt Franzen auf ſein Zimmer, gibt ihm ſeinen Karrik wieder, ſchwört ihm, daß er acht Tage lang nach ihm herumgelaufen ſei, und geleitet ihm dann in den Eßſaal, worauf der Jokey ein flottes Diner vom Traiteur holen muß. „Und unſer Rendezvous auf den elyſäiſchen vel⸗ dern?“ fragt Peter. „Erſparen wir auf ein ander Mal. Ich bin ſo froh über das Wiederſehen mit dieſem unſerm alten Ka⸗ meraden, daß wir uns alle Drei recht gütlich thun wollen.“ Mit dem Karrik hat Franz ſeine gute Laune wie⸗ dergefunden; der Anblick der Flaſchen ſtimmt ihn vollends zur Heiterkeit. Peter läßt in allen Stücken Roſſignol ſeinen Willen. Dann ſetzen ſie ſich an den Tiſch, bedient vom kleinen Jokey und zweien ſeiner kleinen Kameraden, die er von der Straße heraufgewinkt hat, und ſo tafeln ſie fort wie ge⸗ wöhnlich bis in die Nacht. Es dauert nicht lange, ſo haben Peter und Franz mit einander ſchmollirt und auf ewige Freundſchaft angeſtoßen. Auf dieſe Weiſe wirthſchaftet Peter mit dein von mir überkommenen Vermögen. Unaufhörlich treibt er ſich in der gllerverächtlichſten Geſellſchaft herum, Paul de Rock 1.XRXRvII. 4 46 mit Menſchen ohne Beſchäftigung, ohne Sitten und Gefühl für Ehre. Sein täglich Brod ißt ein Menſch, eben ſo ſitten⸗ als gewiſſenlos, der ihn auf das Un⸗ verſchämteſte beſtiehlt und ausplündert. Peter wirft vas Geld zum Fenſter hinaus und macht ſich dabei weiß, er amüſire ſich, weil er aus der Kneipe in die Kaffeehäuſer und von den Kaffeehäuſern in die Schen⸗ ken und Ballſälle eilt. So oft ſich Peter über die ſchnelle Abnahme des Geldes veſchwert, gibt ihm Roſſignol den genügen⸗ den Troſt:„Du ſpielſt jetzt allerliebſt Poule und Siam, trinkſt Abends Deine drei Flaſchen, ohne duhn zu werden, und rauchſt Deine vier vder fünf Cigarren dazu. Wer dergleichen lernen will, muß ſich's was koſten laſſen, Freund.“ Wie anders ſieht es in der Wohnung des ehr⸗ lichen Waſſerträgers aus! Hier denkt und ſpricht man nur von Andreas. Bernhard erkundigt ſich täglich zweimal nach mir und ſucht Nanetten zu tröſten, venn er ſieht mit Schrecken, wie ſie täglich trüber, bläſſer und magerer wird. Ach, die Arme hat nicht ein einziges Mal gelächelt, ſeit ich fort bin! „Willſt Du Dich denn zu Tode grämen?“ fragt Vater Bernhard. „Rein, lieber Vater, aber ich will ihn wieder⸗ finden. O, laß mich ihn ſuchen.“ „Wo willſt Du ihn denn ſuchen, liebe Tochter? Wir paben ja keine Spur von ihm!“ Ranette antwortet Nichts varaufz ſie ſenkt das Köpfchen und verbirgt dem guten Vater ihre Thränen 47 Viertes Kapitel. Sechs Monate und acht Tage. Ungefähr ſechs Monate ſind entſchwunden, als Nanette eines Morgens mit freudeſtrahlendem Ant⸗ litz vor ihren Vater tritt. „Vater,“ ruft ſie,„Vater, ich weiß jetzt, wo er iſt. O, daß der Gedanke mir nicht früher gekom⸗ men iſt!“ „Du weißt, wo er iſt, und das ſo plötzlich?“ „Ja, Vater, ganz plötzlich. Mit einem Male kam mir der Gedanke; laß mich ihn zurückholen, lieber Vater.“ „Wo iſt er denn, ſprich?“ „Auf dem Landgute der Frau Gräfin! Dort war er ſo gern, denn er konnte ungeſtört mit der.. der. „Da ſollte er ſein?“ „Nirgends anders, lieber Vater. Mein Herz ſagt mir's und es belügt mich nie, wenn von Andreas die Rede iſt. O, laß mich hingehen.“ „Das Landgut der Frau Gräfin liegt in der Nähe von Fontainebleau, nicht wahr?“ „Ja, Vater.“ „Ich habe einen Bekannten dort, bei dem Du wohnen könnteſt; aber wie kommſt Du dort hin? Ein junges Mädchen kann nicht allein reiſen.“ „Bin ich nicht groß und vernünftig genug, Vater? Ach, und der arme Andreas ſtirbt vor Kummer, wenn er keinen Troſt hat.“ 48 „So geh' denn hin, weil Du's willſt.“ „O, Dank, theurer Vater, Dank!“ „Morgen gehen wir mit dem Stellwagen.“ „Warum bis morgen warten? Heute noch, lieber Vater, es iſt noch früh genug dazu.“ „So bald willſt Du mich verlaſſen⸗ Nanette?“ „Ich komme ja bald wieder, Vater, und in ſechs Monaten habe ich ihn nicht geſehen! Auch will ich Dir ſchreiben.“ „Du vergiſſeſt, Tochter, daß ich nicht leſen kann.“ „So gehſt Du zu unſerm Nachbar und läßt Dir meinen Brief vorleſen. O, wie glücklich wollen wir ſein, wenn wir Andreas wiedergefunden haben!“ Schon iſt Nanette in ihrem Kämmerchen. Gleich darauf kommt ſie mit einem Päckchen, worein ſie das Nöthigſte gewickelt hat, zurück. Sie nimmt ihre Schürze ab, ſetzt einen einfachen Strohhut auf und zieht den Vater bis an die Treppe, ehe er noch Zeit gehabt hat, ſich zu beſinnen. Sie kommen an dem Orte an, wo die Wagen halten, die nach Fontainebleau fahren. Es iſt gerade noch Platz füt Nanette; ſie ſpringt hoch auf vor Freude und ſetzt ſich neben ihren Vater auf einer Steinbank nieder, ihr Päckchen auf den Schooß neh⸗ mend. Der gute Waſſerträger will Nanette, bis der Wagen abfährt, in ein Kaffechaus führen, aber Nanette bleibt lieber auf der Bank ſitzen, denn ſie hat da die Diligence vor Augen und weiß, wenn ſie einſteigen muß. „Adieu, lieber Vater,“ ſagt ſie zu Bernhard, 49 „laß Dir die Zeit nicht lang werden; ich bin in Kur⸗ zem wieder bei Dir.“ Bernhard küßt ſeine Tochter und geht dann trau⸗ rig fort; Nanette ſieht ihrem Vater ſeufzend nach, aber ein Blick auf den Wagen tröſtet ſie. Endlich iſt die Stunde zur Abfahrt gekommen. Nanette ſteigt ſchüchtern ein und wagt kaum aufzuſehen vom Boden. Die Fragen einiger neugierigen Herrchen beantwortet ſie bloß mit einem Ja oder Nein, bis man ſie in Ruhe läßt. In Eſſona bleibt Nanette im Wagen ſitzen, ſtatt mit den andern Paſſagieren auszuſteigen, worüber einige derſelben allerhand hämiſche Bemer⸗ kungen machen und kichern. Allein was kümmert ſich Nanette um das Geſchwätz von Leuten, die un⸗ befugter Weiſe ihre Raien in die Angelegenheiten Anderer ſtecken. Nach einem kurzen Sefuche bei dem Freunde ihres Voters läßt ſich Nanette das Landgut des Herrn von Franconard bezeichnen. Es liegt bloß anderthalb Meilen von Fontainebleau ab. Trotz der Nähe, die es ihr leicht macht, dahin zu gehen, fängt Nanette an zu begreifen, daß ſie mehr Mühe haben wird, mich in der Umgebung des Gutes zu ſinden⸗ als ſie ſich in Paris gedacht hatte. Nanette geht zuerſt in's Schloß, wo ſie vom Schloßvoigt hört, daß Niemand von den Eigenthü⸗ mern im Hauſe wohne. „Und wo iſt denn Herr Andreas,“ fragt Nanette ſchüchtern,„der junge Mann, der bei der Frau Grä⸗ fin wohnte? Haben Sie ihn nicht geſehen2 50 kennen Sie ihn nicht wieder, wenn Sie ihn ſehen⸗ denn er iſt ſeit dem letzten Sommer, wo er hier war, ungemein groß geworden.“ „Ich würde ihn auf der Stelle wieder kennen,“ antwortet der Voigt,„aber er iſt ſeit jener Zeit nicht da geweſen.“ Nanette entfernt ſich traurig und durchſucht die umgegend. Dorf für Dorf und Flecken für Flecken, überall erkundigt ſie ſich nach mir, ohne Etwas über mich zu hören. Dennoch verliert ſie den Muth nicht und mit jedem neuen Tage fängt ſie ihr Liebeswerk von Neuem an. Nanettens Herz hat ſie nicht belogen: ich bin wirklich da, wo ſie mich ſucht. In jener Nacht, als ich ziel⸗ und planlos aus Paris fortlief, nur um Adolphinen zu entfliehen, hatte ich den erſten beſten Weg eingeſchlagen, der mich nach mehreren Stunden auf's offene Land führte. Noch geſchwächt von der letzten Krankheit und durch die Anſtrengungen des Marſches erſchöpft, ſinke ich faſt bewußtlos unter einem Baume nieder. Ich ging mit allerhand mörderiſchen Gedanken um, aber das Andenken an die gute Mutter ſchreckte mich davon zurück und gab mir den Muth wieder, obgleich ich furchtbar mit mir zu kämpfen hatte, denn die Wunde war noch zu friſch. Es war mir, als hörte ich mitten durch das Schweigen der Nacht den Schall der Inſtrumente und den Jubel der Gäſte vom Hotel des Grafen herüberſchallen. Ich vefand mich in der Nähe von Bondy und wußte weder aus noch ein; Paris verabſcheute ich — — — 51 und ſchwor, es nie wieder zu betreten. Einige Male dachte ich an meine Heimath, aber erſt wollte ich allein ſein, um meinem Schmerze in Muße nachhän⸗ gen zu können. Unter ſteten Gedanken an Adolphine und die in ihrer Nähe verlebte glückliche Jugendzeit ſtrichen meh⸗ rere trübe Tage dahin. Plötzlich wandelte mich eine unendliche Sehnſucht an, jene ſchönen Gegenden wie⸗ der zu ſehen. Schnell entſchloß ich mich hin zu pil⸗ gern, und bald darauf ſtand ich vor dem Schloſſe, wo ich die ſeligſten Stunden meines Lebens ver⸗ lebte. Ich wagte nicht einzutreten, aus Furcht, er⸗ kannt zu werden, aber eine ganze Nacht lang treib' ich mich in der Nähe des Schloſſes herum und mit Tagesanbruch erſteige ich eine kleine Anhöhe, von wo aus man einen großen Theil des Parkes über⸗ ſehen kann. Ich ſah die Boskette wieder, wo wir zuſammen geſeſſen, die Alleen, wo wir ſpazieren gegangen; ich ſuchte die ſeitdem entſchwundene Zeit zu vergeſſen und nur in der Vergangenheit zu leben. Mit äußerſter Mühe entriß ich mich dieſem geliebten Platze, der mich in die ſchönſte Zeit meiner Jugend zurückverſetzte. Ich fühlte mich hier weniger un⸗ glücklich und unruhig. So faßte ich den Entſchluß, mich in der Nähe dieſes köſtlichen Aufenthaltes, der meiner Seele ſo wohl that, bleibend niederzulaſſen. Ach, im zwanzigſten Jahre lechzt das Herz nach Liebe! Sogar den Schmerz heißt es willkommen, weil der Schmerz nichts Anderes iſt als Liebe. Nicht weit von der Anhöhe erhob ſich, unter ſchat⸗ 52 tigen Bäumen verſteckt, eine kleine Hütte, auf die ich zuging, in der Abſicht, mich Etwas auszuruhen. Die Hütte war von einer alten Bäuerin, ihrem Hunde und einigen Schafen bewohnt. Als ich die Alte fragte, ob nicht noch ein Wohnplätzchen für mich übrig ſei, glaubte ſie, ich ſcherze. „Wie, Herr,“ ſagte ſie,„ein junger Mann, der an das Stadtleben gewöhnt und ſo vornehm iſt wie Sie, der will in meiner ärmlichen Hütte mit einem alten Weibe wohnen?“ „Ich wünſche Nichts mehr als das.“ „Wenn es wirklich Ihr Ernſt iſt, Herr, ſo ſieht Ihnen das Kämmerchen oben, wo mein armer Sohn wohntz, zu Gebote. Es iſt das einzige in der Hütte, und daher auch das ſchönſte, Herr.“ Entzückt über das Anerbieten der Alten zog ich zwölf Louisd'or aus der Taſche— ich hatte ungefähr dreimal ſo viel von Paris mitgenommen— und ſchüttete die Thaler der Alten in den Schvoß. Die gute Frau mochte nie ſo viel Geld beiſammen ge⸗ ſehen haben, denn ſie ſtieß einen lauten Schrei der Verwunderung aus. „Das iſt für mein Logis!“ ſagte ich ihr. „So viel, Herr?“ fragt ſie.„Das langt ja für mein ganzes Leben. Sie können hier wohnen und eſſen, ſo lange und ſo viel Sie wollen. Ich theile mit Ihnen, was ich habe, Herr, das iſt billig für eine ſolche Summe!“ Meine Einrichtung war bald gemacht. Noch den⸗ ſelben Tag ging ich in die benachbarte Stadt und 53 kaufte Alles, was ich zum Zeichnen und Malen brauchte. So richtete ich mich gemüthlich in der Hütte ein. Ihre Lage ließ mir Nichts zu wünſchen übrig: ſie war maleriſch unter Bäumen verſteckt und kaum fünfhundert Schritte von dem Gipfel der An⸗ höhe entfernt, von wo ich einen Ueberblick über den ganzen Park meiner Wohlthäterin genoß. Hier verbrachte ich den größten Theil des Tages, oft in tiefes Nachdenken verſunken über die entſchwun⸗ denen glücklichen Zeiten, oft zeichnend und malend eine der ſchönen Particen, die ich mit ihr durchlau⸗ fen hatte. So verging die Zeit. Mein Schmerz war zu einer ſanften, wohlthuenden Schwermuth geworden, aber meine Liebe zu ihr nie erſtorben, denn der Anblick aller der Gegenden, welche ſie hatten entſtehen ſehen, war nicht geeignet, ſie aus meinem Herzen zu ver⸗ bannen. Eines Tages, als ich meiner Gewohnheit gemäß von meiner Lieblingsſtätte zurückkehrte, erblickte ich auf einem Seitenwege ein junges Frauenzimmer, das langſam einherging und ihr Taſchentuch vor's Auge hielt. Nanette war's. Nach achttägigem vergeblichen Herumſtreifen in dieſer Umgegend wollte ihr ſchon der Muth entſinken. Unter tiefer Bekümmerniß über die Erfolgloſigkeit ihrer Nachforſchungen entſchließt ſie ſich, nach Paris zurückzukehren. Da yört ſie mein Gehen. Sie erhebt ſchnell das Haupt, bleibt ſtehen, ſieht mich an, ſchreit laut auf 54 und fliegt in meine Arme. Das Alles war das Werk eines Augenblicks. Ihr Haupt an meine Bruſt gelehnt, nennt ſie mich ihren Andreas, ihren lieben Andreas, während ich mich immer nicht von meinem Staunen erholt habe. Nanette in meinen Armen und das an dieſem Orte, wo Alles an Adolphine erinnert! Wie iſt das möglich? Ohne Zweifel muß ſie meine Gefühle in meinen Augen geleſen haben, denn ſie ſagt ſchnell: „Nicht wahr, Sie ſtaunen, Herr Andreas? Ich ſehe es Ihnen an. Weil er ohne uns leben kann, glaubt er, wir könnten ohne ihn leben; weil er uns nicht mehr liebt, glaubt er, wir lieben ihn nicht mehr!“ „Ich Dich nicht mehr lieben, Nanette?“ „Ja, ja, Herr Andreas. Oder verläßt man die, die man liebt, wie Sie uns verlaſſen haben? Läßt man ſeine Lieben in tödtlicher Angſt und Beſorgniß zurück? Läuft man ſo ohne Weiteres weg, unbeküm⸗ mert um die Betrübniß derer, die uns lieben?“ „Ach, Nanette, ich fühle mein Unrecht gegen Dich und Deinen Vater; verzeihet mir.“ „Er fühlt ſein Unrecht, es thut ihm leidz Gottlob! Ja, Andreas, wir verzeihen, wir vergeſſen Alles. Wie froh, wie glücklich bin ich, daß ich Dich wieder habe; mein Schmerz iſt plötzlich zu Freude geworden!“ Ich drücke Nanetten an mein Herz, erfreut und betrübt zugleich über das Wiederſehen. Die Liebe macht uns wieder zu Kindern, die ſich ſchämen, ihre Fehler zu bekennen. E 55 „Aber was willſt Du hier, Nanette?“ „Mein Gott, er frägt noch! Dich ſuchen.“ „Mich ſuchen? Wer ſagte Dir, daß ich hier ſei?“ „Mein Herz, Andreas. Wie betrübt find wir ge⸗ weſen um Dich, lieber Andreas.“ „O, verzeihet mir; auch ich habe viel, recht viel gelitten.“ „O, ich weiß esz ich dachte mir gleich die wahre Urſache Deines plötzlichen Verſchwindens. Ja, Herr Andreas, wir wiſſen, daß die Liebe zu einer Andern Dich von uns, Deinen Verwandten und Freunden, Deiner Wohnung und Deinem Eigenthum forttrieb, wir wiſſen es. Ach, Andreas, daß Sie uns ſo ver⸗ laſſen konnten!“ „Nanette „Es iſt, wie— ſage. Sieh' nur weg, Andreas, das hilft Nichts. Aber nur Geduld, Freund, tröſte Dich mit der Zeit; es heißt, die Männer vergeſſen ungleich leichter als die Weiber. Komm' mit mir zurück, Andreas; mein Vater erwartet Dich ſchmerz⸗ lich, und auch der arme Peter hat Tag und Nacht keine Ruhe: er läuft noch immer herum, Dich zu ſuchen. Komm' geſchwind, Andreas; laß' uns ſie tröſten.“ „Nein, Nanette, nein! Ich habe geſchworen, Paris nie wieder zu betreten.“ „Wie, Herr Andreas, Sie haben geſchworen? O, man hält nicht immer, was man ſchwört; nur dieß⸗ mal vergiß ihn, den Schwur, Andreas, nur dießmal. Kannſt Du mir das abſchlagen?“ 56 „O, Nanette, ich bin hier ſo glücklich; nirgends kann ich ſo glücklich ſein, ſelbſt bei Euch nicht. Nein, ich will und muß hier bleiben.“ „Wie, in Einem fort den Park anzugaffen, wo Sie einſt mit... Glauben Sie auf dieſe Weiſe geheilt zu werden, Herr Andreas?“ „Komm' mit mir, Nanette, auf die Anhöhe daz ich will Dir zeigen, wo ich die ſeligſten Stunden meines Lebens koſtete.“ Ich nehme Nanekten bei der Hand; ſie folgt mir, ohne ein Wort zu ſagen. Oben angekommen, zeige ich ihr die Orte, die ich täglich mir anſehe. „Sieh', auf der Bank da ſaß ich oft neben ihr; die Zeit ſchien mir ſo kurz!“ „Ach und mir ſchien ſie ſo lange, weil ich dih nicht bei mir hatte. Warum trägſt Du Dich mit ſolchen Gebanken? Iſt ſie nicht verheirathet?“ „Wer Nichts zu hoffen hat, Nanette, der zehrt von den Erinnerungen einer glücklichen Vergangen⸗ heit.“ „Es hängt nur von Dir ab, Andreas, und Du kannſt wieder ſo glücklich ſein wie ehemals. Lieben denn die Männer nur einmal in ihrem S Man ſagt, daß es oft vorkomme.“ „Ach, Nanette, ich fürchte, ich kann nur Eui lieben.“ Nanette ſchweigt. Nach einer Pauſe wir in das Thälchen hinab. „Wo wohnſt Du?“ frage ich ſie. „In der benachbarten Stadt.“ 57 „Die iſt noch eine ganze Meile von hier entfernt; ich will Dich hinbringen.“ „Und Du gehſt mit mir nach Paris?“ „Nein, Nanette, ich kehre hierher zurück.“ „So brauchen wir nicht in die Stadt zu gehen; ich gehe nicht zurück.“ „Was willſt Du denn? Hier bei mir bleiben?“ „Hier bei Dir bleiben.“ „Bedenke, Nanette! Und Dein Vater?“ „Ich ſchreibe ihm, wo ich bin; er verzeiht mir gewiß.“ „Aber das geht nicht, Nanette; Nichts hält Dich hier zurück.“ „Nichts? Ach, Andreas, ich habe vielleicht mehr Grund, hier zu bleiben, als Du.“ „Was willſt Du hier thun?“ „Dir Geſellſchaft leiſten.. und wenn Dich das langweilt, mich ſo weit entfernen, daß mein Anblick Dich nicht ärgert.“ „Noch einmal, Nanette, das hat keinen Sinn und Verſtand.“ „Gleichviel, ich bleibe bei Dir; ich habe ſo gut meinen Willen wie Du den Deinigen.“ Dieſe Entſchiedenheit Nanettens behagt mir nicht; ich mache noch mehrere vergebliche Verſuche, ihr den Plan auszureden, dann kehre ich mit Einbruch der Nacht in die Hütte zurück, gefolgt von Nanetten. WMeine Wirthin ſieht bald die neue Ankömmlingin, bald mich fragend an. „Madame iſt von Ihrer Bekanntſchaft?“ fragt ſie endlich laut. 58 „Ja, ſie iſt„ „Ihre Frau, ich wette.“ „Nein, nein, gute Frau,“ antwortet Ranette ſeuf⸗ zend,„ich bin nur ſeine Schweſter.“ „Die Schweſter des Herrn? Meiner Seel', ich glaube, Sie ſehen ihm ähnlich.“ „Auch ich möchte bei Ihnen wohnen, gute Frau,“ „Aber, mein Gott, iſt denn mein Hüttchen behext?“ „Da haben Sie Geld für.. „Brauche keins: Ihr Bruder hat mir ſchon gezahlt; aber ich habe keinen Platz Kinder. Die Kammer oben vewohnt Ihr Bruder und hier wohne ich: das iſt Alles.“ „Iſt Ihr Bett groß genug für Zwei?“ „Groß genug für fünf, meiner Seel'; wir Bauers⸗ leute haben Betten, daß eine ganze Familie darin ſchlafen kann.“ „Gut; wollt Ihr erlauben, liebe Frau, daß ich bei Euch ſchlafe?“ „Gern, Madame, wenn Sie vorlieb nehmen wollen.“ Nanette iſt entzückt, ich aber ärgere mich. Ich wünſche ihnen gute Nacht und gehe in meine Kammer hinauf. Der Eigenſinn Nanettens ſetzt mich in Staunenz ich hätte ihr das nie zugetraut. Wider meinen Willen bei mir bleiben wollen, iſt das nicht im höchſten Grade ſeltſam? O, ich Undankbarer! Ich verſuche mich in den Schlaf zu leſen— ich habeunlängſt in Fontainebleau einige Bücher gekauft— aber ich bin nicht bei meiner Lektüre; ich kann nicht 59 vergeſſen, daß Nanette bei mir iſt. O, die Weiber, wenn die ſich was in den Kopf geſetzt haben!... Dennoch iſt Nanette ſo ſanft, ſo gut, ſo jungfräulich gleichviel, auch ſie hat ihr Theil vom Weibe an ſich. Die Nacht vergeht mir faſt ſchlaflos; doch habe ich weniger als ſonſt an Adolphine gedacht, weil Na⸗ nette mich in meinen Erinnerungen ſtört. Ich gehe in der feſten Abſicht hinunter, durch mein Benehmen zu zeigen, wie wenig ich Nanetten Dank weiß für ihre Geſellſchaft. Sie iſt mit ihrer Toilette ſchon fertig; ſie hat Nichts auf dem Kopfe, aber ihre Haare ſind ſo hübſch und bei aller Einfachheit ſo geſchmackvoll geordnet! Schüchtern blickt ſie nieder, als ich eintrete, und wagt kaum einen guten Morgen, Andreas. Ich, eben noch feſt entſchloſſen, ihr nicht zu ant⸗ worten, ich— küſſe ſie, gewiß nur aus Gewohnheit. Ich muß ihr alſo auf andere Weiſe meinen Aerger zeigen. „Sie haben gewiß recht ſchlecht geſchlafen,“ frage ich nach einer Pauſe. „Im Gegentheil, auf's Beſte.“ „Es fehlt hier am Nöthigſten.“ „Ich habe Sie; mehr brauche ich nicht.“ „Der Ort iſt ſo abgelegen; keine Seele verirrt ſich hierher.“ „Ich wünſche Niemand außer Sie.⸗ „Sie werden ſich langweilen hier auf dem Lande.“ „Ich arbeite für die gute Frau.“ 60 „Abends zeichne ich auf meiner Kammer; die Zeit wird Ihnen lang werden.“ „So wenig als geſtern.“ Ich ſchweige, denn ſie bleibt mir doch keine Ant⸗ wort ſchuldig, nehme meine Zeichnung und gehe hinaus auf meinen Lieblingsplatz. Alles um mich her verſetzt mich im Geiſte in Adolphinens Nähe, aber gleich darauf muß ich wieder an Nanette denken und ich ſehe mich nach ihr um„„ſie iſt nicht da; wo mag ſie ſein? Ich habe nicht lange gezeichnet, ſo muß ich mich ſchon wieder nach ihr umſehen. Endlich erblicke ich ſie, ungefähr zweihundert Schritte von mir ſitzend und nähend. Arme Schweſter! ſie ſitzt hinter einem Gebüſch verſteckt, damit ich ſie nicht ſehe! Aber was kümmert's mich: mag ſie da nähen, ſo lange ſie will; ſie kann lange warten, bis ich mit ihr rede; ich will ſie züchtigen für ihren Eigenſinn. Während ich ſcheinbar fortzeichne, blicke ich jede Minute verſtohlen auf das Gebüſch, hinter welchem ſie ſitzt; ſie erhebt keinen Blick von ihrer Arbeit. Das Vergnügen lob' ich mir! Bei mir ſein und nicht mit mir reden, nicht einmal mich anſehen! Doch ich glaube, ich habe ihr geſtern Beides verboten; gewiß fürchtet ſie, ungehorſam zu ſein. Wie konnt' ich ihr das verbieten! Das iſt hart; Nanette war immer ſo freundſchaftlich, ſo ergeben gegen mich, und ihr Vater mein erſter und größter Wohlthäter. Sie will mich tröſten und ich behandle ſie ſo hart! Hab' ich denn alles Gemüth verloren? Geſchwind, ich will ihr winken, ſich neben mich zu ſetzen; dann kann ich doch von 61 Adolphine mit ihr ſchwatzen.. ihre Nähe ſoll die Er⸗ innerung an Adolphine eher ſtärken als ſchwächen. Ich kehre mich dahin um, wo Ranette ſitzt, und winke ihr: ſie blickt immer nieder; kein Wunder, daß ſie mich nicht ſieht. Ich huſte leiſe und rufe ſie bei Namen: auch das hilft Nichts. Was gilt's, ich muß noch aufſtehen und zu ihr gehen? Ich nähere mich ihr langſam; dicht vor ihr bleibe ich ſtehen. Sie arbeitet ruhig fort und ſieht immer nieder, doch ſcheint es mir, als ob ihr Buſen heſtiger ſchlage. „Nanette, haben Sie mich nicht gehört?“ „Haben Sie gerufen?“ fragt ſie, ohne aufzuſehen. „Ja, ich habe gerufen.“ „Was wollen Sie von mir?“ „Wenn Sie ſchlechterdings bei mir bleiben wollen, iſt es lächerlich, daß wir eine halbe Meile von ein⸗ ander ab ſitzen.“ „Ich fürchtete, meine Nähe ſei Ihnen nicht an⸗ genehm.“ „Sonderbar! ich kann in Ihrer Nähe eben ſo gut zeichnen und die geliebten Plätze nach Muße be⸗ trachten.“ Nanette ſteht auf, nimmt ihre Arbeit und folgt mir bis an meinen Platz, aber immer, ohne mich an⸗ zuſehen. Dann ſetzt ſie ſich vier Schritte von mir nieder und fängt wieder zu arbeiten an. Ich thue das Nämliche. Vergebens warte ich, daß Nanerte ein Geſpräch anknüpftz ſie rührt keine Paul de Kock, LRRRVII. 5 62 Vppe und ſieht eben ſo ſtumm wie früher auf ihre Arbeit nieder. Dieß Stillſchweigen will mir, glaub' ich, nicht behagen. Aber vielleicht fürchtet ſie, mich zu ſtören; ſo muß ich den Anfang machen. „Warum ſo ſchweigſam, Nanette?“ „Ich glaubte, Sie wollten Ihren Gedanken nach⸗ hängen.“ „Aber können wir nicht zuſammen ſwtzen von dem, was mich in Gedanken beſchäftigt?“ „Ich plaudere gerne mit Ihnen, was es auch ſei.“ „Sie waren immer ſo liebevoll gegen mich und ſo theilnehmend!“ „Wen man gerne hat, mit dem theilt man Freude und Schmerz.“ „Die Weiber können uns beſſer tröſten als unſere beſten Freunde; bei Ihnen, Nanette, hab' ich mich ſtets weniger unglücklich gefühlt. O, wenn ich denke, wie Sie in meiner Krankheit mich gepflegt haben, dann habe ich mir viele, recht viele Vorwürfe zu machen.“ „Ich mache Ihnen keine Vorwürfe; ich finde Sie immer gleich gut.“ „Weil Sie zu nachſichtig ſind. Ach, wenn Adolphine mich ſo geſehen hätte wie Sie! Aber ſie liebte mich nie; nur kurze Zeit dauerte die Täuſchung.. ach, da⸗ mals, an dieſem entzückend ſchönen Orte, bezeigte ſie mir eine ſo wahre, ſo warme Neigung; aber ſie war ein Kind damals und ich auch. Später, zum Mann erwachſen, hätte ich ein Gefühl erſticken ſollen, das mich über kurz oder lang unglücklich machen mußte⸗ 63 weil ſie über kurz oder lang ſich an einen Andern verheirathen mukte. Es iſt vielleicht beſſer für mich, daß es ſo geſchehen; ich fühle, ich ſollte ihr Bild ganz aus meinem Herzen verbannen, aber ich kann es nicht: unwillkürlich muß ich an ſie denken, die mir Tag und Nacht im Sinne liegt!.. Was arbeiten Sie da mit ſolchem Fleiße, Nanette? Sie gönnen mir nicht einen Blick!“ „An einer Schürze für die gute Frau. Ich bat ſie um eine Arbeit, weil ich keine bei mir habe.“ „Und eilt es ſo?“ „Gewiß nicht.“ „Man ſollte es glauben, wenn man Sie nähen ſieht. Aber warum dutzen Sie michnicht mehr, Nanette?“ „Ich mache es wie Sie.“ „Man ſollte glauben, wir wären uns böſe. ich würde mir's nie verzeihen, wenn ich Dir böſe wäre, Nanette.“ „Ich werde Dir nie böſe, Andreas, nie! das ſchwöre ich.“. „Gottlob ſind wir jetzt wieder auf dem alten Punkte; das„Sier in Deinem Munde klang mir gar zu närriſch.“ „Und mir ging es durch's Herz⸗ Andreas.“ „Haben wir uns nicht als Kinder gekannt? Ge⸗ denkſt Du noch des Tages, als Dein Vater mich ſchlafend auf der Hausflur fand? Sprich! Du ſchrieſt vor Staunen, als Du mich ſaheſt; weißt Du noch?⸗ „Ob ich's weißl Und Du warſt ganz beſchmutzt und weinteſt um Deinen Bruder.“ nien 64 Ja, und Du gabſt mir gleich zu eſſen und zü trinken. Schon damals warſt Du ſo gut und liebe⸗ voll gegen mich wie jetzt. Wie luſtig wir waren!“ „Und weißt Du noch, wie wir zuſammen tanzten?“ „Ja ja, die Savoyarde. Lieber, lieber Tanz ich glaube, ich habe Dich ganz verlernt.“ „O, ich kann ihn noch ganz gut.“ „Du glaubſt.. Und ſchon will ich aufſpringen. Es hätte nicht viel gefehlt, ſo hätte ich die Savoharde getanzt an dem nämlichen Platze, wo ich ſechs lange Monate ſeufzte und ſchmachtete. Aber es iſt Zeit, in die Hütte zurückzukehren. Ich nehme meine Zeichnung, Nanetle legt ihre Näharbeit zuſammen, wir geben uns den Arm und ſo wandern wir der Hütte zu. Zum erſten Male, ſeit ich Paris verlaſſen habe, fühle ich Hunger und freue mich auf unſer ländliches Mahl. Nach dem Eſſen ſchlage ich der Schweſter einen Spaziergang in der Umgegend vor. Sie willigt ein, und ſchon wieder ſind wir Arm in Armz dießmal gehen wir nicht auf die Anhöhe zu. Wirklich, dieß Land iſt wunderſchön, Nichts fehlt: Felſen, als wäre man hundert Meilen von Paris ab, herrliche Wald⸗ ungen, liebliche Bäche, Alles iſt da, was eine Land⸗ ſchaft maleriſch macht... nur ein wenig öde und traurig; aber in Nanettens Nähe vergeſſe ich das. Spät kehren wir in die Hütte zurück; gleich da⸗ rauf wünſche ich Nanetten gute Nacht und gehe auf meine Kammer. Bei der Prüfung des entſchwun⸗ 65 denen Tages muß ich mir geſtehen, daß er mir un⸗ gleich kürzer vorkam als gewöhnlich; auch lege ich mich nicht ſeufzend zur Ruhe nieder wie ſonſt. Mein Gott, ſollte die Krankheit der Liebe wirklich heilbar ſein? Sollte die Liebe zugleich mit der Hoffnung auf Verwirklichung derſelben erſticken oder doch abnehmen? Nein, nein! ich liebe Adolphine noch immer. Warum bin ich denn nicht mehr ſo traurig wie früher? Gleich⸗ viel! ich habe keinen Grund, über die Rückkehr zur Vernunft mich zu beklagenz ſchlafen wir, das iſt beſſer als alles Grübeln. Ich lege mich auf mein Kiſſen nieder, da iſt mir, als drücke Nanette mir ſanft die Augen zu, und im Traum gaukelt ihr liebes Bild unaufhörlich um mich. Den andern Morgen gehen wir wieder auf die Anhöhe wie den Tag zuvor; ich nehme meine Zeich⸗ nung mit und Nanette ihre Näharbeit. Dießmal ſetze ich mich ihr gegenüber, damit ſie mich anſehen muß, ſo oft ſie den Blick erhebt. Wir plaudern viel; Nanette ſcheint heiterer, ſie lächelt, wenn ſie mich anblickt, und wie ſüß! Wenn ich eine Zeitlang gezeichnet habe, zeige ich ihr meine Arbeit; dabei muß ich ihr näher kommen. Mitunter vergeße ich, an meinen Platz zurückzukehrenz ihre Nähe iſt mir ſo wohlthuend. Dieſer Tag vergeht noch ſchneller als der letzte, und doch haben wir, ſo viel ich weiß, kein Wort von Adolphinen geſprochen. Drei weitere Tage vergehen auf dieſelbe Weiſe. Es iſt mir ſonderbar zu Muthe; es ſcheint, als er⸗ weitere ſich mein Herz, als fühle es neue Luſt zum N 66 Leben in ſich. Ich kann keinen Augenolick vhne Na⸗ netten ſein; es fehlt mir Etwas, wenn ſie nicht bei mir iſt. Zwar gehen wir noch täglich auf die An⸗ höhe, aber es ſcheint mir täglich unnöthiger, weil ich die ganze Umgegend nachgerade im Kopfe habe und auswendig weiß wie ein Buch: immer dieſelben Pfade, dieſelben Boskette, dieſelben Anſichten, die ich ſchon hundertmal gezeichnet habe; doch wage ich nicht, Nanetten einen andern Spaziergang vorzu⸗ ſchlagen. Gott weiß, welches Schamgefühl mich davon abhält! Am ſechsten Tage ſitzen wir abermals einander gegenüber. Ich habe die Zeichenmappe auf dem Schooße und ſuche nach einer neuen Anſicht. Unwill⸗ kürlich fallen meine Augen auf meine Gefährtin: nie ſchien ſie mir ſo hübſch.. ja, ja, Nanette iſt in der That reizend: welche Anmuth in Blick und Weſen, welche Friſche, welch' ſüßes Lächeln! Eben jetzt ſitzt ſie mit dem Rücken gegen einen Baum und lehnt ihr Köpfchen über die Arbeit. Welcher Einfall: ich ſuche nach einer neuen Anſicht, aber kann die Natur mir einen ſchöneren darbieten als— Nanette? Ich nehme die Kreide und fange an, Nanetten zu zeichnen. Die Aehnlichkeit ſoll Nichts zu wünſchen übrig laſſen. „Sieh mich doch an, Nanette!“ ſag' ich zu ihr, als ſie ewig das Köpfchen geſenkt hält; Nanette ge⸗ horcht auf der Stelle. O, wie viel Mühe gebe ich mir. „Warum ſoll ich Deine Zeichnung nicht ſehen?“ fragt ſie nach einiger Zeit. 67 „Weil ich noch nicht fertig bin; morgen darfſt Du ſie ſehen.“ Den folgenden Tag bin ich mit Nanettens Por⸗ trät fertig. Ich muß geſtehen, es iſt mir trofflich ge⸗ lungen: Nanette leibt und lebt auf dem Bilde. So⸗ bald ich den letzten Strich gethan, ſchleiche ich mich an ihre Seite und ſchiebe ihr das Bild auf den Schooß. „Wie findeſt Du es?“ frage ich ſie lächelnd. Sie ſchreit laut auf, dann ſieht ſie mich an, und wie! Nie hat ſie mich ſo angeſehen. „Biſt Du zufrieden?“ frage ich. Aber ſie iſt keiner Antwort fähig— ſie weint, welche Kinderei! und ich, ich— weine mit ihr. Wir gehen in die Hütte zurück. Nach dem Eſſen gehen wir nochmals aus, ſprechen zwar wenig, ſehen uns aber öfter an. Beim Zubettegehen ſage ich ihr gute Nacht und küße ſie. Sonderbar! ich habe ſie hundertmal umarmt und geküßt, und doch iſt mir, als wäre dieß ihr erſter Kuß. Den folgenden Tag erachte ich es für ziemlich un⸗ nöthig, unſern alten Weg auf die Anhöhe einzu⸗ ſchlagen. „Dein Vater wird beſorgt ſein über Dein Aus⸗ bleiben,“ ſage ich zu Nanetten. „Nicht doch, er weiß Beſcheid: ich habe ihm ge⸗ ſchrieben.“ „Er wird ſich nach Dir ſehnen, Nanette: Ihr ſeid nie ſo lange getrennt geweſen. Du mußt nach Paris zurückkehren.“ „Du weißt, ich kehre nicht ohne Dich zurück.“ 68 „So gehen wir zuſammen.“ Nanette ſpringt hoch auf vor Freude. Unſere Vor⸗ kehrungen ſind bald getroffen und wir räumen die liebe Hütte: Nanette nach achttägigem, ich nach ſechs⸗ monatlichem Aufenthalt, und doch wollte ich mein Leben dort beſchließen. Aber ſo geht's, wenn man im zwanzigſten Jahre ſchwört! Fünftes Kapitel. Die Folgen von Peters Haushaltung. Wir fahren mit dem Eilwagen von Fontainebleau nach Paris. Unterwegs ſpreche ich wenig, denn der Gedanke, daß Nanette nur acht Tage brauchte, um mich von meinem Entſchluß abzubringen, quält mich etwas. So oft ich ſie aber anſehe, was jetzt ungleich häufiger geſchieht als ehemals, fühle ich in tiefſter Seele, daß ich um keinen Preis wieder in meine Ein⸗ ſamkeit zurück möchte. Wir ſteigen aus. Nichts Natürlicheres, als daß ich Nanetten zu ihrem Vater begleite. Als der gute Vater Bernhard uns erblickt, weiß er ſich kaum zu faſſen und ſtürzt uns in die Arme. „Hatte ich nicht recht,“ ſagt Nanette,„daß ich ihn finden und zurückbringen würde?“ „Meiner Seel', Du hatteſt recht, Mädchen. Aber jetzt wird er uns nicht wieder davon laufen, hoffe ich.“ 69 „Gewiß nicht, Vater Bernhard; ich gelobe es feſt und theuer.“ „Wüßteſt Du, Kind, welche Sorge und Angſt Du uns machteſt.“ „Verzeihung, Vater, Verzeihung! Von heute an ſollen Sie mich täglich ſehen; jeden freien Augen⸗ blick will ich bei ihnen ſein. Aber ich will tüchtig arbeiten; ich will und muß es zu was bringen in meiner Kunſt.“ „Recht ſo, mein Freund; Du haſt zwar Geld, aber wer weiß, was uns die Zukunft bringt. Wir müſſen daher auf Alles gefaßt ſein.“ „Und wo iſt Peter, mein Bruder? Wie ſehne ich mich, ihn zu ſehen und zu umarmen!“ „Donner und Doria, der arme Junge gibt ſich verteufelt viel Mühe um Dich; er läuft Tag und Nacht nach Dir herumz er iſt nie zu Hauſe.“ „Und er hat Euch nicht beſucht?“ „Nie! Seit undenklicher Zeit nicht.“ Eine dunkle Ahnung ſagte mir, daß Peter ſeine Zeit zu was Anderem brauche, als mich zu ſuchen. Bis ſpät Abends bleibe ich bei meinen alten Freun⸗ den; nie, nie habe ich mich ſo wohl bei ihnen gefühlt. Die Trennung von Naneiten fällt mir außerordentlich ſchwer und wir ſcheiden unter dem Verſprechen, uns den folgenden Tag wieder zu ſehen. Auf dem Heimwege wandelt mich nicht mehr wie früher die Luſt an, vor dem Hotel vorbeizugehen, vielmehr nehme ich mir feſt vor, die Straße, in der das Hotel liegt, ſorgfältig zu meiden, ſo wie auch den Namen irgend eines Gliedes der gräflichen Fa⸗ milie nie vor meinen Freunden zu nennen. Mit dem Schlage zehn Uhr klopfe ich an meine alte Wohnung an. Madame Roch fährt zuſammen, als ſie mich erblickt. Mit Hülfe ſeiner antiken Stel⸗ lung und einiger Geſchenke, die ihn wenig koſteten, weil ſie aus meinem Beutel kamen, hatte Roſſignol Madame Roch ganz für ſich gewonnen. Außerdem mochte ſie denken, daß mit meiner Rückkehr das alte Hausregiment wieder anfangen werde. „Iſt mein Bruder zu Hauſe?“ frage ich. „Nein, Herr, er iſt mit ſeinem vertrauten Freunde ausgezogen, um Sie zu ſuchen.“ „Wer iſt der vertraute Freund? Wie ſiebt er aus?“ „Ein ſchöner junger Mann, äußerſt liebenswürdig und luſtig. Er bewohnt jetzt Ihr Zimmer.“ „Was Teufel! mein Zimmer? Ich wünſche, daß Ihr ſchöner junger Mann ſich ſofort ein anderes Logis ſuche.“ „Das iſt Ihre Sache, Herr; Sie brauchen meinen Rath nicht.“ „Gewiß nicht, Madame Roch. Wann kommen die Herren gewöhnlich heim?“ „Sie haben keine beſtimmte Stunde, Herr;: bald früher, bald ſpäter, bald gar nicht.“ „So, ſo! Alſo mein Bruder ſucht mich auch während der Nacht; er glaubt am Ende, ich ſchlafe auf der Straße. Iſt Niemand oben?“ „Ja, Herr, der Jokey.“ „Jokey! Hält mein Bruder einen Jokey?“ 71 „Ja, Herr, einen kleinen Burſchen, der vft einen ſolchen Höllenlärm im Hauſe macht, daß ich mich darüber beſchweren muß. Die Herren wollen ihm den Brodkorb höher hängen, ſagen ſie.“ „Getroſt, Madame Roch, ich verſpreche Ihnen, der Läm ſoll die längſte Zeit gedauert haben.“ Ich laſſe mir Licht geben und ſteige die Treppe hinauf. Wer in aller Welt mag der vertraute Freund Peters ſein, den er in mein Zimmer einquartirt hat? Doch nicht Roſſignol? Unmöglich! Wie kann Peter meine Warnungen ſo gänzlich in den Wind geſchla⸗ gen haben! Die Thüre meiner Wohnung ſteht ſperrweit offen. So hat Madame Roch doch recht gehabt, daß ich leicht hineinkommen könne; man ſollte glauben, mein Haus ſei ein Wirthshaus. Ich trete ein. Gott im Himmel, welche Wirth⸗ ſchaft, welche Unordnung überall! Auf den erſten Blick ſehe ich, daß der Staub handhoch auf den Moöͤ⸗ beln liegt: hier kann ſeit ſechs Monaten nicht gefegt, gekehrt und gelüftet ſein; alle Möbeln ſind von der Stelle gerückt. Im Eßſaal erblicke ich auf einem Leuchterſtuhl Trümmer eines Frühſtücks; ich glaube, man hat offene Tafel hier gehalten. Alle Seſſel ſind mit Fettflecken beſchmutzt, der Spiegel im Wohnzim⸗ mer zerſchlagen, die Sitzuhren auf dem Kamin ſind verſchwunden. Peter, Peter, was bedeutet das? Ich gehe in Peters Kammer: das Bett iſt noch nicht gemacht; wohin ich den Fuß ſetze, trete ich auf Etwas. In meiner Kammer ſieht es noch troſtloſer 72 aus. Ich öffne die Commoden: Alles leer; ich öffne den Wandſchranf; Alles leer; auch vie Wandgemälde ſind verſchwunden. Wenn das noch eine Weile ſo fortgegangen wäre, hätte ich keine Stühle mehr an⸗ getroffen. Aber wo ſteckt denn der Jokey dieſer ſauberen Herrn? Ich ſehe und höre Nichts von ihm. Nachdem ich Alles durchſucht, finde ich endlich unter dem Rinn⸗ ſtein in der Küche neben ſieben bis acht Confekttöpfen einen kleinen Buben, der wie ein Siebenſchläfer ſchnarcht; gewiß iſt das der Jokey. Als ich ihn genau betrachte, erkenne ich in ihm denſelben Knaben, der mir einige Male die Stiefel geputzt hat. Schlafe fort, Du biſt der wenigſt Schuldige von ihnenz Peter und ſein vertrauter Freund haben mehr gethan als bloß die Confekttöpfe ausgeſchleckt. Ich gehe in Peters Kammer, um auf ihn zu warten. An Schlaf iſt bei mir nicht zu denken; die Wirthſchaft in meinen Zimmern hat mich allzuſehr erzürnt. Gute Mutter, wenn Du das ſäheſt, Du würdeſt vielleicht eher mir zürnen als ihm. Statt ein wachſames Auge auf ihn zu haben, wie ſie mir dringend anempfahl⸗ habe ich ihn ſich ſelbſt überlaſſen! Bin ich nicht eben ſo ſchuldig wie er? Meine Uhr weist Zwei und noch iſt Peter nicht zurück. Wo mag er ſein? O daß ich's wüßte, ich würde ihn den Elenden entreißen, die ſeine Gutherzig⸗ keit auf ſo ſchnöde Weiſe mißbrauchen und ihn aus⸗ beuten und zu ihres Gleichen machen möchten. Endlich wird laut an die Hausthüre gepocht. Ge⸗ 73 wiß ſind ſie es; ja, ich höre ſie auf der Treppe: der Eine ſingt, der Andere zankt. In dem Sänger erkenne ich alsbald den Windbeutel von Rofſihnol. Ich varf mich auf das Schlimmſte gefaßt halten. Ich verſtecke mich, um ſie einen Augenblick nach Muße betrachten zu können. Die Thüre habe ich halb offen gelaſſen, damit ſie ihren Jokey nicht wecken. Sie treten ein; großer Gott, in welchem Zuſtande! Beide find total duhn, ihre Kleiber von oben bis unten zerriffen, Halstuch und Cravatte fehlen, Peter hat ein fauſtdick geſchwollenes Auge und Roſſignol die Spuren mehrerer Stockſchläge im Geſicht. Peter iſt ſo duhn, daß er kaum auf den Beinen ſtehen kann; er wirſt ſich auf den kiſten beſten Stühl, die Hände vor's Auge haltend. Roſſignol flucht und tobt nach ſeinem Jokey und ſingt vabei. „Sakriſta! wo iſt der kleine Schelm?“ ruft er; „die Thüren ſtehen ſperrweit auf, als wären wit im Wirthshaus. Fort mit Dir, Schelm, wir können Dich nicht mehr brauchen! Solſte der Schelm noch in der Küche bei den Töpfen herumſchlecken? Holla, Fronta, Lafleur, Lolive, eine Bettflaſche, oder ich ſtecke das Haus in Brand!“ 1 Bei dieſen Worten ergreift Herr Roſſignot einen Beſen und ſchlägt mit aller Macht auf den Früh⸗ fückstiſch. Länger hälte ich mich nicht; ſchnell trete ich aus der Ecke hervvr.“ „Wer da?“ ruft Roſſignol, der mich nicht erkennt. „Wer wagt es, vei Nacht in's Haüs zu kommen? Der Teufel hole unſere Madame Roch! Freund, was willſt Du? Wer biſt Du? Sprich', daß wir uns kennen lernen.“ „Sprich', wer biſt Du!“ wiederholt Peter, das linke Auge fortwährend zuhaltend und das rechte ſperrweit aufreißend. „Wer ich bin, Unglücklicher? Hätte der Rauſch Dich nicht zum Vieh gemacht, Du würdeſt mich längſt erkannt haben.“ Peter erkennt mich an der Stimme; er erhebt ſich halb vom Stuhle, ſtarrt mich an und fällt dann in den Seſſel zurück. „Andreas, Du!“ ruft er und läßt das Haupt auf die Bruſt ſinken; er ſcheint plötzlich zum Bewußtſein erwacht. Roſſignol aber, der ſich mit dem Beſen in der Hand etwas zurückziehen will, geräth in der Hitze gegen den Tiſch und fällt mit ihm um. „Andreas?“ ruft erz„unmöglich! Er wollte ja nie wiederkommen.“ „Und doch iſt er wiedergekommen,“ donnere ich ihm zu,„um Sie zum Tempel hinauszujagen.“ „Nur nicht ſo böſe, Herr Andreas! Ich meine es gut mit Peter; ich bringe ihm einige Lebensart bei.“ „Fort, Elender, der Sie meinen Bruder eben ſo verderbt machen möchten wie Sie ſind, fort, oder ich ſtehe nicht für mich ein.“ „Nichts für ungut, Herr Andreas; verſtändigen wir uns! Der Korporal hat ihm das Auge gebläut, weil er mit ſeinem Schatze walzen wollte; aber ſchon morgen ſollen ſie wieder gute Freunde ſein Ehe Roſſignol ausgeſprochen hat, reiße ich ihm 75 den Beſen aus der Hand und prügle ihn damit zum Zimmer hinaus. Wie der Blitz fliegt das ſchöne Modell die Treppe hinab, klopft an die Loge der Thürhü⸗ terin und will ſchlechterdings bei ihr über Nacht bleiben. So weit geht die Gefälligkeit der Madame Roch aber nicht und Roſſignol muß unverrichteter Dinge abziehen. „Gute Nacht, liebe Madame Roch,“ ruft er ihr zu,„'s iſt zu ſpät für heute; ein ander Mal will ich Ihnen den Achilles vormachen.“ Peter ſitzt noch immer wie leblos im Seſſel; er wagt nicht aufzuſtehen, noch ſich von der Stelle zu rühren. Der Arme dauert mich; ſein Auge muß ihn gewaltig ſchmerzen. Vor der Hand will ich ihn tröſten und ihm ſpäter die verdienten Vorwürfe machen. Ich ſuche nach friſchem Waſſer. Alle Gläſer riechen nach Liqueur; ich waſche ein Glas unten am Brun⸗ nen rein und ſuche dann eine Serviette, um Peter zu verbinden, kann aber keine finden; ſo muß denn mein Taſchentuch herhalten. Ich nehme Peters Kopf in die Hände und waſche ſeine Wunde; er läßt Alles mit ſich machen. Dann bricht er in Thränen aus und wirft ſich mir zu Füßen. „Steh' auf, Peter,“ ſage ich unwillig;„ſchäme Dich. Wer fällt vor ſeines Gleichen nieder? Ge⸗ ſchweige denn ein Bruder vor dem andern.“ „Ach, Andreas, wie leid thut mir„ .„Still, wir reden morgen davonz es iſt drei Uhr und wie mir ſcheint Zeit, in's Bett zu gehen, obgleich Du gelernt haſt, die Nacht zum Tage zu machen. Geh' und ſchlaf'; Du haſt Sclaf nöthig./ „ 76 „Er gehorcht und geht in ſeine Kammer, während ich genöthigt bin, in einem Seſſel zu übernachten, denn es eckelt mir vor dem Bette, in welchem Herr Roſſignol geſchlafen. Trotzdem ſchlafe ich friedlich; mein Gewiſſen iſt rein und Nanette hat die Seufzer, die Adolphinens Andenken mir entlockte, zum Schwei⸗ gen gebracht. Am folgenden Morgen iſt es meine erſte Sorge, den Jokey zu verabſcheiden und eine gewandte Haus⸗ hälterin anzunehmen, die in das furchtbare Chaos einige Ordnung bringk. Ich öffne meinen Sekretär: Alles iſt keer, und doch enthielt er zweitauſend Franken, als ich fortging. Auch das Silberzeug iſt gänzlich verſchwunden, ſo wie drei große Gemälde von Hertn Dermilly's Hand, die ich als Andenken an ihn forg⸗ fältig aufheben wollte. Peter ſchläft noch; ich will wiſſen, wie es mit mir ſteht, ehe er aufwacht. So gehe ich denn zu meinem Notar, mich nach dem Stand meines Vermögens zu erkundigen und nach dem Gebrauch, den Peter von dem Handſchein ge⸗ macht hat, worin ich ihn mit der Verwaltung meines Eigenkhums beauftragte. „Ihr Bruder hat vierzehntaufend Franken ver⸗ braucht ſeit Ihrer Abreiſe, ſagt mir der Notar.„Er holte faſt täglch Geld; ihn begleitete ein Erzſpitz⸗ bube, den ich gerne mit Stockſchlägen fortgejagt hätte. Als ich ihm Vorſtellungen machte, zeigte er mir den von Ihnen ausgeſtehlten Handſchein; gegen meine Bemerkung, daß er das Eapital angreife und dadurch die Jahreszinſen bettingere, bemerkte ſein 77 Gefährte, daß ſie nothwendig Geld brauchten zu höchſt einträglichen Spekulationen, welche aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach ihr Vermögen vervierfachen würden. Hät⸗ ten ſie kein Geld, ſo ſeien ſie genöthigt, alles Mobi⸗ liar zu verkaufen.“ So hat denn Peter in Zeit von ſechs Monaten und einigen Tagen nicht weniger als ſechszehntauſend Franken verputzt, ungerechnet den Ertrag des Silber⸗ zeuges, der Pendel⸗ und anderen Uhren, meiner Gar⸗ derobe u. ſ. w. Noch kurze Zeit und das geſammte von Herrn Dermilly ererbte Gut wäre an Spitzbuben und liederliche Weibsbilder vergeudet worden. Kurz vor meiner Rückkehr iſt Peter aufgeſtanden. Er ſieht gewaltig angegriffen aus: ſeine früher ſo blühende Geſichtsfarbe iſt welk und blaß, ſein Gang erinnert ganz an den ſeiner Zech⸗ und Schlemmbrü⸗ der, ſein Auge iſt noch dick angeſchwollen und ſpielt in alle Farben. 5 Er wagt es nicht, den Mund aufzuthun. Ohne ein Wort zu ſagen, nehme ich ihn beim Arm und führe ihn vor den einzigen Spiegel, welcher den räuberiſchen Händen Roſſignols entgangen iſt. „Betrachte Dich einmal, Peter; ſieh', wie ver⸗ ändert Du biſt. Dieß ſchwelgeriſche Leben ſeit meiner Entfernung hat nicht blsh mein Vermögen, ſondern auch Deine Geſundheit vielleicht auf immer zu Grunde gerichtet; die letzten ſechs Monate haben Dich um zehn Jahre älter gemacht. Und weißt Du, wie viel Du in derſelben Zeit durchgebracht haſt? Sechszehn⸗ Paul de Kock. LRxRvM. 6 tauſend Franken, ſage ſechszehntauſend Franken! Noch unlängſt hätteſt Du mit dem Viertel dieſer Summe Dich etabliren können. Wo find die Setzuhren ge⸗ blieben?“ „Roſſignol behauptete, ſie ſeien von ſchlechtem Geſchmack;z deßhalb wolle er ſie gegen beſſere um⸗ tauſchen.“ „So war das Silberzeug auch von ſchlechtem Ge⸗ ſchmack?“ „Er ſagt, er habe es einer Dame geliehen, die damit nach Amerika durchgegangen iſt.“ „Und meine Wäſche? meine Kleider?“ „Sie ſeien nicht modiſch genug.“ „Und die drei Gemälde meines Wohlthäters?“ „Die gehörten ihm, ſagte er, weil er darauf ab⸗ gemalt ſei; er wolle ſie ſeiner Familie ſchicken.“ „Peter, wie konnteſt Du mit einem ſolchen Nichts⸗ würdigen umgehen? mit einem Menſchen, den Du als Dieb kannteſt? Und nicht zufrieden damit, quar⸗ tierſt Du ihn bei Dir ein und gibſt Dich blindlings in ſeine Hände, nimmſt ſeine Unſitten, ſeine Laſter, ſeine verderbten Gewohnheiten an und treibſt Dich mit ihm und ſeinen Helfershelfern in gemeinen Schen⸗ ren und Kneipen herunk ſtatt die Freunde zu beſuchen, die es wahrhaft gut mit Dir meinen und denen ich Dich ſo dringend empfohlen habe. Kein Wunder, daß auf ſolche Tage ſolche Nächte folgen und daß Du Dein Werk mit Prügelei beſchließeſt, die Dich beinahe um Dein Auge gebracht hätte! Peter, Peter, was ſoll ich davon denken und ſagen? Biſt Du deßhalb 79 nach Paris gekommen? Iſt das der Dank für die Lehren unſers guten Vaters?“ Peter iſt wie vernichtet. Ohne ein Wort zu er⸗ wiedern, ſchleicht er ſich fort. Was fange ich mit ihm an? Hat dieß Leben den guten Kern in ihm vollſtändig ertödtet, oder iſt es noch Zeit zur Umkehr für ihn? Laſſe ich ihn hier, oder ſchicke ich ihn nach Savoyen zurück? Was wird die gute Mutter ſagen, wenn er, der geſund an Leib und Seele ausgezogen, an Leib und Seele krank oder gar verderbt zurückkehrt? Ich bin noch unſchlüſſig, doch ſcheint mir das Beſte, ihm eine recht derbe Lektion zu geben und ihn ſo ſchnell als möglich in eine andere, minder behagliche Lage zu verſetzen. Während ich ſo nachdenke, öffnet ſich plötzlich die Thüre. Wer beſchreibt mein Erſtaunen, als ich Peter, von Kopf bis zu Fuß verändert, vor mir ſehe: er hat wieder ſeine ärmliche Savoyardentracht an und das Kratzeiſen auf dem Buckel. „Andreas,“ ſagt er mit bewegter Stimme,„ſeit Du mich in die ſchönen Kleider ſteckteſt, habe ich nichts als Dummheiten begangen. Wer weiß, wohin ich komme, wenn dieß träge, ſchwelgeriſche Leben fort⸗ dauert. Ich will zu meinem Handwerk zurück; ich habe mich ehrlich und redlich dabei genährt und mich wohler gefühlt als jetzt. Laß' mich erſt wieder den Kamin fegen, und Du ſollſt keine Urſache mehr haben, Dich Deines Bruders zu ſchämen.“ Gerührt fallen wir uns in die Arme und weinen uns aus. Schon will ich ihn einladen, bei mir zu 80 bleiben; voch nein, ich fühle, daß Peter nirgends ſchneller und gründlicher geſunden kann als in Ge⸗ ſellſchaft der Leute, die im Schweiß ihres Antlitzes ihr Brod auf redliche Weiſe verdienen. Nach ſechs⸗ monaklichem Umgang mit einem Roſſignol wird das mühſame Handwerk, das er gelernt hat, ihm unend⸗ lich wohl thun. „Peter,“ ſage ich nach einer Pauſe zu ihm,„dieſer Dein Entſchluß beweist mir, Gottlob, daß Dein Herz nicht gelitten hat, ſondern nur Dein Kopf. Nimm Dein Handwerk von Neuem auf, ich habe nichts da⸗ gegen, und mache nur, daß ich Dich einſt unſerer guten Mutter als würdiger Sohn vorſtellen darf.“ Peter umarmt mich nochmals und entfernt ſich mit dem Eiſen auf dem Rücken. Beim Hinausgehen ſingt er daſſelbe Liedchen, das er an jenem Tage ſang, als wir in dem dunkeln Gange des Hauſes gegenüber dem gräflichen Hotel ſo unerwartet zu⸗ ſammentrafen. Jetzt geſchwind zu Nanette; bei ihr w ich am leichteſten meine Verluſte. Sie erwartet mich mit Ungeduld, ja mit Unruhe, denn ſie fürchtet, ich habe dem Verlangen nicht wi⸗ derſtehen können, das altgewohnte Haus mir anzu⸗ ſehen, vielleicht gar mit Adolphine zuſammenzukom⸗ men. Sie läßt es gar nicht laut werden, aber ich leſe es in ihren Augen, deren Sprache ich jetzt un⸗ gleich beſſer verſtehe als je zuvor. Aber nein, gute Nanette, Du haſt jetzt nichts mehr zu fürchten; ich habe nur Einen Gedanken: Dich glücklich zu machen, 8¹ Dir zu lohnen für die reine, uneigennützige Liebe, die ich trotz unzähliger Beweiſe ſo ſpät erſt ſchätzen gelernt habe. Ich ſage ihr das nicht, aber ſie muß ſo gut in meinen Augen leſen können wie ich in den ihrigen, denn ein einziger Blick von mir tröſtet und beruhigt ſie. Ich erzähle meinen Freunden, wie Peter in meiner Abweſenheit gehaust hat. Sie wollen es kaum glauben, eine ſo gute Meinung haben ſie von Peters Herzen; allein das Ende ſöhnt ſie wieder mit ihm aus. „Du haſt recht gehandelt, Andreas,“ ſagt Bern⸗ hard;„laß ihn nur bei ſeinem Handwerk, das ihn redlich nähren kannz er wird von dem ausſchweifen⸗ den Leben zurückkommen.“ „Armer Peter!“ ruft Nanette.„Aber wgrum ſchickſt Du ihn nicht nach Savoyen zurück?“ „In Kurzem hoffe ich mit ihm zurückzukehren,“ antworte ich, Nanette anſehend, die purpurroth wird. „So willſt Du ſchon wieder fort, Andreas?“ „Ja, um nie wieder nach Paris zu kommen.“ Nanette ſeufzt. Ich ſage nicht mehr, aber ich habe ſchon meine Pläne gemacht. Ehe wir in die Heimath zurückkehren, will ich mich in meiner Kunſt hervorgethan und Peter von den laſterhaften Ver⸗ gnügen, die er ſich in Roſſignols Geſellſchaft ange⸗ eignet, ſo viel vei mir ſteht, gebeſſert haben: dann reiſen wir ab, Peter und ich, doch nicht allein, ſon⸗ dern in Geſellſchaft einer lieben Gefährtin, die mei⸗ nen Lebensweg mir verſchönern ſoll. Mit dem 82 Vermögen, das mir noch übrig bleibt, kann ich ein hübſches Gut kaufen, die ländliche Einſamkeit mit allen Reizen ausſtatten, mich meiner Liebe zur Kunſt nach Muße hingeben und das eheliche Glück in vol⸗ lem Maße koſten. Ich brauche kaum zu ſagen, daß ich unter der Lebensgefährtin keine andere als Na⸗ nette meine. Von dem Allem weiß ſie Richts; nicht einmal meine Liebe habe ich ihr förmlich geſtanden und eben ſo wenig ſie mir die Gefühle ihres Herzens. Aber braucht man ſich das zu ſagen? Wir verſtehen uns ohne das. Obgleich ich angeſtrengt arbeite, ſehe ich Nanette täglich: jeden freien Augenblick bringe ich bei ihr zu. Oft ſind wir allein, oft ſitzen wir ſtundenlang bei einander. Während ſie arbeitet, kann ich mich nicht ſatt ſehen an der Anmuth, die über ihre ganze Erſcheinung und ihr ganzes Weſen ausgegoſſen iſt. Ich wundere mich nur, daß ich ſolche Reize ſo lange habe überſehen können. Aber daran war nur meine Liebe zu einer Andern Schuld, eine Liebe, die mich unglücklich machte, während es Nanette auf⸗ behalten bleibt, mich durch die Liebe zu beglücken. Je länger, je glücklicher ſcheint Nanette. Ihre Unruhe weicht immer mehr; denn mein Blick wird mit jedem Tage ſorgenfreier, heller. Nie entſchlüpft mir ein Wort über die Bewohner des Hotels, nie gehe ich an dem Hauſe vorüber, und in Paris kann es eine Ewigkeit dauern, bis man ſich zufällig auf der Straße begegnet. Nichts freut Nanetten mehr, 83 als daß ſie mich täglich ſieht. Auch Peter iſt wieder ganz der Alte geworden: mit ſeinem Schabeiſen hat er die alte Luſt zur Arbeit und die alte Heiterkeit wieder bekommen. Unterdeß mache ich tüchtige Fort⸗ ſchritte in meiner Kunſt und nähere mich mit jedem Tage mehr und mehr dem Ziele meiner Wünſche. Es ſind jetzt zehn Monate ſeit meiner Rückkehr nach Paris mit Nanette vergangen. Wie ſchnell iſt mir die Zeit enteilt! Noch zwei Monate und ich darf hoffentlich an die Heimreiſe denken. Aber das Schickſal hat es anders beſchloſſen! Eines Tages will ich zu Bernhard, als ich plötz⸗ lich von einer jungen Frau angehalten werde, die mich hocherfreut bei Namen ruft; ich ſehe auf und erkenne— Lucilie. Mit einem Male fühle ich mich in eine ganze Welt achtjähriger Erinnerungen, die dem Entſchlafen nahe waren, zurückverſetzt. Schon will ich forteilen, doch ſie hält mich feſt. „Wie freut es mich, daß ich Sie treffe, Herr Andreas!“ ruft ſie;„ich habe Sie ſo lange nicht geſehen. Aber wie ſtark Sie geworden ſind, und wie finden Sie mich? verändert?“ „Noch immer die Alte.“ „Danke Ihnen für das Compliment; aber ich weiß, ich bin etwas magerer geworden: aus Mit⸗ gefühl für Andere. Ich habe ein ſo empfänglich Herz und das greift die Geſundheit an.“ „Adieu, Lucilie, ich freue mich gleichfalls, Sie geſehen zu haben. ich muß weiter, ich kann mich nicht länger aufhalten.“ 8⁴ „Mein Gott, ſo eilig! Eben ſpricht man ſich wieder nach ſo langer Zeit und gleich laufen Sie davon; ich habe Ihnen ſo viel zu erzählen.“ „Ich darf nicht hören, Lucilie: gewiſſe Perſonen will ich vergeſſen. Empfehlen Sie mich der Frau Gräfin beſtens: das iſt Alles, um was ich bitte.“ „Mein Gott, wer ſcheidet ſo von einander? Ich hoffe, Herr Andreas, Sie ſind jetzt von Ihrer Liebe geheilt, daher ſchweige ich davon... es war eine Schulliebelei, wie Jeder ſie gehabt hatz ſo was ver⸗ geht mit der Zeit. Ich z. B. war ſchon in meinem zwölften Jahre bis über die Ohren verliebt in mei⸗ nen Cvuſin, den ich mein Männchen nannte, und ich glaubte, die Liebe würde ewig dauern; aber was iſt das Ende vom Lied? Ich finde das Männ⸗ chen jetzt ganz abſcheulich.“ „Adieu, Lucilie! man wartet auf mich.“ „Alſo nicht ein Viertelſtündchen wollen Sie mir ſchenken. einer alten Freundin, die Sie noch eben ſo gern hat wie früher? Wer weiß, wenn wir uns wieder treffen! Wohne ich doch über eine Meile von Ihnen.“ „Wie, Lucilie, Sie ſind nicht mehr bei der Frau Gräfin?“ „Gewiß bin ich's noch.“ „Wohnt ſie denn nicht mehr in ihrem Hotel?“ „In ihrem Hotel? So wiſſen Sie nicht.. „Ich weiß von Richts, Lucilie; Sie erſchrecken mich. Reden Sie!“ „Mein Gott, Sie wiſſen nicht, wie es uns ergangen?“ * 85 „Auf Ehre, ich weiß keine Splbe. Geſchwind, erzählen Sie!“ „Wo ſoll ich anfangen und wo aufhören? Ein Schlag nach dem andern hat uns getroffen. Aber ſo geht's, wenn die Mütter vergeſſen, daß ſie jung geweſen ſind und ihren Löchtern Männer geben, die ſie nicht mögen.“ „Reden Sie, Lucilie, reden Sie!“ „Die Heirath Fräulein Adolphinens mit ihrem Couſin wiſſen Sie. O, wie viele Thränen hat die arme Kleine geweint, ganz im Stillen, denn ſie wollte ihre Mutter nicht betrüben. Adolphine liebte Sie, das weiß ich, aber ſie ließ es ſich nicht mer⸗ ken: die jungen Fräulein behalten ſo was immer für ſich; auch hat die Frau Gräfin ihr oft vorge⸗ ſchwatzt, daß Sie niemals ihr Gemahl werden könnten: ſo gab ſie denn nach. O, wie viel beſſer hätte man gethan, ſie Ihnen zur Frau zu geben; Sie hätten ſie gewiß glücklich gemacht.“ „Weiter, Lucilie, weiter!“- „Alſo: ungefähr acht Tage nach der Hochzeit ſeiner Tochter ſtirbt der Herr Graf an Unver⸗ daulichkeit: daran lag nicht viel; aber wäre er eher geſtorben, ſo hätte vielleicht die Hochzeit gar nicht ſtattgefunden, denn er namentlich wollte ſie. Eine Zeit lang hielt es der Marquis bei ſeiner jungen Frau ruhig aus, aber ſchon kaum nach Verlauf von zwei Monaten ward er ganz an⸗ ders: er ging Morgens in aller Frühe aus, kam erſt ſpät heim, oft gar nicht; kurz, er ließ ſeine 86 Frau Frau ſein und trieb ſich außerhalb des Hauſes heruin. Die junge Marquiſin trug ihr Unglück ſtandhaft und blieb immer bei ihrer Mutter. Als dieſe dem Marquis allerhand friedliche Vorſtellun⸗ gen machte, ward es noch viel ärger. Er ſagte: er ſei Herr im Hauſe und könne thun, was er wolle, das werde er ihnen zeigen. Und er hat Wort ge⸗ halten! Denken Sie ſich die Verzweiflung meiner. guten Herrin, als ſie hört, daß ihr Schwiegerſohn ein Spieler von Profeſſion ſei und ſich außerdem noch hundert andern Ausſchweifungen überlaſſe. Es war dem jungen Marquis leicht geworden, ſeinen Schwiegervater, der ſich nur um ſeine Hunde und ſeine Küche kümmerte, über ſeine Vermögensum⸗ ſtände zu täuſchen.. kurz und gut, es kam bald heraus, daß der Marquis bei ſeiner Verheirathung ſchon bis über die Ohren in Schulden ſteckte und ſeine Gläubiger nur deßhalb Geduld hatten mit ihm, weil ſie hofften, die Mitgift der jungen Gräfin werde ihn in den Stand ſetzen, ſeine Schulden we⸗ nigſtens theilweiſe abzutragen. Aber ſolch ein Erz⸗ verſchwender wie der Marquis hätte das Vermö⸗ gen eines Nabob in Kurzem durchgebracht! Leider verſtehen die Gräfin und ihre Tochter von Geldge⸗ ſchäften Nichts. Das Ende vom Liede war, daß die Gläubiger des jungen Marquis das Hotel und ſämmtliches Zugehör vor ungefähr zwei Monaten in Beſchlag nahmen. Das Hotel und das geſammte Mobiliar wurden an den Meiſtbietenden verkauft. Die Damen haben Mühe genug gehabt, die werth⸗ 87 vollſten Sachen zu retten. Herr Champagne bot mir ſeine Hand an, aber ich ſchlug ſie, ohne mich lange zu beſinnen, aus. Pfui, einen ſolchen Men⸗ ſchen, einen Dieb und Betrüger zu heirathen! Denn ich bin für mich überzeugt, er ſteckt mit den Gläu⸗ bigern des Marquis unter einer Decke. Wider den Willen der Gräfin, die mich ſchlechterdings aus ihrem Dienſte entlaſſen wollte, bin ich ihr in ihre beſcheidene Wohnung im Faubvurg Saint⸗Germain gefolgt: da müſſen ſich die Damen mit dem Nöthigſten begnügen und ruhig warten, bis der Marquis, der ſeit der Beſchlagnahme des Hotels ſich aus dem Staube gemacht hat, ſeiner jungen Frau Nachrichten gibt.“ Vergebens ſuche ich die Wirkung dieſer Nachricht auf mich zu ſchildern. Wär's möglich? Meine Wohl⸗ thäterin, eben noch im Schooße des Glückes und Reichthums, plötzlich aller Annehmlichkeiten beraubt, welche den höheren Klaſſen eben ſo nothwendig ge⸗ worden ſind wie das liebe Brod? Und ihre Toch⸗ ter, Fräulein Adolphine.. ich kann es nicht über's Herz bringen, ſie Frau zu nennen— Fräulein Adol⸗ phine unglücklich, elend, von ihrem Gemahl ver⸗ laſſen, an der Mutterbruſt ihren Kummer auswei⸗ nend? Mein Gott, wer hätte das gedacht! Lueilie drückt mir die Hand und will ſich entfernen. Jetzt iſt die Reihe an mir, ſie zurückzuhalten. „Lucilie, ich wünſche Sie wiederzuſehen.“ „Ich bleibe den ganzen Tag bei meiner Herr⸗ ſchaft; aber Ihnen, Herr Andreas, kann ich unmög⸗ lich was abſchlagen.“ 88 „Es handelt ſich nicht um mich, Lucilie. Ich möchte. ich weiß ſelbſt nicht was... aber ſo können ſie nicht bleiben; es muß was geſchehen.“ „O, Andreas, Ihre Bewegtheit zeugt von Ihrem guten Herzen; ſie macht Ihnen Ehre. Ich hätte vielleicht ſchweigen ſollen von dem Allem; aber Sie wiſſen, ich kann Nichts für mich behalten.“ „Ich danke dem Himmel, daß er uns zuſammen⸗ führte, Lucilie! Wenn ich's nur eher gewußt hätte. Aber ich muß, ja, Lucilie, ich muß Sie wiederſehen, und recht bald; ich muß mit Ihnen ſprechen.“ „Vielleicht möchten Sie die Damen beſuchen? Hier iſt ihre Adreſſe. Wie werden ſie ſich freuen! Sie ſprechen nicht von Ihnen, aber denken um ſo mehr an Sie.“ „Sie irren ſich, Lucilie.“ „Nein, Herr Andreas, ich irre mich nicht.“ „Ich darf ſie nicht ſehen, Lucilie. Aber Sie möchte ich ſehen, ſprechen: ich erwarte Sie über⸗ morgen, hören Sie, übermorgen; vergeſſen Sie's ja nicht!“ „Ich vergeſſe nie ein Rendezvous, Herr An⸗ dreas.“ „Adieu, Lueilie! Und ſagen Sie ja nicht, daß Sie mir begegnet ſind.“ „Verlaſſen Sie ſich darauf. Adieu!“ Es dauert lange, lange, ehe ich mich einiger⸗ maßen von meinem Schrecken erhole. Mein Ent⸗ ſchluß iſt ſchnell gefaßtz ich habe keine andere Wahl. Aber Nanette wartet. Soll ich ihr ſagen, was ich 89 zu thun gedenke? Ja, RNanette kann es nur billi⸗ gen; auch darf ich ihr Richts verheimlichen. Nanette iſt allein im Zimmer. Auf den erſten Blick merkt ſie, daß ich was auf dem Herzen habe. „Was fehlt Dir, Andreas?“ fragt ſie, auf mich zulaufend. „Nichts, Nanette, nichts!“ „Andreas, Du haſt ein Geheimniß vor mir: ich ſehe Dir's an den Augen an. Gewiß biſt Du Je⸗ manden begegnet.“ „Ja, Nanette, ich bin Lueilie begegnet.“ „Und daher Deine Bewegung? Hat ſie Dir er⸗ zählt von. einer, die Du noch liebſt?“ „Höre mich, Nanette. Lucilie hat mir erzählt, daß meine Wohlthäterin und ihre Tochter durch das laſterhafte Leben des jungen Marquis um ihr ganzes Vermögen gebracht ſind; daß Beide das ſchöne Hotel mit einer kleinen Wohnung im vierten Stockwerk vertauſcht habenz daß ſie Nichts mehr ihr eigen nennen, als ihre Juwelen, ihren Schmuck.“ „Großer Gott!“ „Nanette, was ich habe, habe ich von Herrn Dermilly, der nicht nur mein Wohlthäter, ſondern auch der vertrauteſte Freund der Gräfin war. Glaubſt Du nicht, daß wenn Herr Dermilly noch lebte, er alles Seine hingeben würde, um ſeiner geliebten Caroline in ihrer Bedrängniß zu helfen?“ „Gewiß, gewiß!“ „Was er nicht mehr thun kann, das muß ich thun. Wohlan, ich vin entſchloſſen, ihr mein ganzes 90 Verwögen zu geben: ſie hat gerechte Anſprüche dar⸗ auf, denn ſie iſt mir eine großmüthige Wohlthäterin geweſen. Ueberdieß bin ich im Stande, von dem Ertrage meiner Kunſt zu leben, was bei ihr nicht der Fall iſt. Meine einzige Betrübniß iſt, daß ich meiner künftigen Lebensgefährtin dann Nichts weiter anzubieten habe als meine Hand. Willſt Du mich heirathen, Nanette, auch wenn ich arm bin?“ „Was ſagt er? Er will mich heirathen?.. Alſo ich wäre es, Andreas? Alſo liebſt Du mich?“ „Ob ich Dich liebe, Nanette! Du hätteſt es lange merken können.“ „Ich glaubte, Du liebteſt mich bloß als Deine Schweſter!“ „Viel mehr, Nanette! Ich liebe Dich als mein künftiges Weib, ich liebe Dich wie Nichts auf der Welt; ich kann hinfort nicht ohne Dich leben, Na⸗ nette!“ 1 „O Du Böſer! Und Du ſagteſt Nichts davon? Aber auch ich ſagte Dir Nichts, und doch hat mein Herz nur für Dich geſchlagen.“ Ich nehme Nanette in meine Arme und drücke ſie zärtlich an mein Herz. Sie weint, aber dießmal im Uebermaß ihrer Freude, und ich laſſe ſie ruhig fortweinen. „Nun, Nanette, und meine Wohlthäterin?“ frage ich nach einer langen Pauſe ſtummen Glückes. „Soll Alles haben, was Dir gehört, mein Freund. Verkaufe Alles, Alles: je ärmer Du wirſt, um ſo näher kommſt Du mir. Was brauchſt Du 91 Vermögen? Du haſt Talent genug: Deine und meine Arbeiten nähren uns hinreichend. O, wie glücklich wollen wir ſein! Ja, Andreas, Du haſt recht: es wäre ſchnöder Undank, wollteſt Du ſie in den Tagen des Unglücks im Stiche laſſen. Geſchwind, Andreas, und thue Alles von Dir; Du ſiehſt, wie wandelbar der Reichthum iſt und wie gefährlich: er hätte beinahe den armen Peter von Grund aus ver⸗ derbt und Dich von mir entfernt. Wie will ich Dich lieben, wenn Du erſt arm biſt wie ich!“ Ich umarme Nanette nochmals und will dann von ihr ſcheiden, als Vater Bernhard in's Zimmer tritt. Halb lachend und halb weinend eilt ſie auf ihn zu und wirft ſich in ſeine Arme. Der gute Waſſerträger ſieht ſie verwundert an. „Vater,“ ruft ſie,„er liebt mich, mich und keine Andere, ich ſoll ſeine Frau werden, er will mich heirathen! Nicht wahr, Papachen, Du haſt Nichts dagegen, Nichts? Sprich Väterchen, ſage ja!“ „Was Teufel fehlt Dir, Mädchen? Wer will Dich heirathen?“ „Andreas, Väterchen. Wen könnte ich ſonſt hei⸗ rathen?“ „Ja, Vater Bernhard,“ ſage ich,„ich werbe hiemit um Nanettens Hand. Ich gelobe Ihnen, ſie Zeit meines Lebens zu lieben, ſie auf den Händen zu tragen. Aber ich muß Ihnen zugleich ſagen, daß ich nicht mehr reich bin, daß das von Herrn Der⸗ milly ererbte Vermögen in andere Hände übergegan⸗ gen iſt.“ 92 Hierauf erzähle ich dem guten Auvergnat die unglücksfälle der gräflichen Familie, ſo wie das, was ich zu ihrer Hülfe zu thun gedenke. Statt zu ant⸗ worten, nimmt er ſchweigend Nanettens Hand, legt ſie in die meine und drückt mich zärtlich an's Herz. Braver Mann, welches Beiſpiel biſt Du für unzäh⸗ lige Väter! Als ich zum Notar will, faßt mich Nanette unru⸗ hig, faſt ängſtlich an. „Was fehlt Dir, Nanette?“ frage ich. „Du gehſt zum Notar?“ „Ja, Nanette.“ „Und dann? zur Frau Gräfin, nicht wahr?“ „Nein, Nanette. Was ich thue, thue ich durch Lucilie. Von mir würde die Frau Gräfin nichts annehmen. Sie iſt zu ſtolz dazu.“ „Gottlob! alſo Du gehſt nicht zur Gräfin.“ „Nein, Nanette, nein!“ Gleich iſt ihre Unruhe und Angſt verſchwunden. Ich leſe in Deinem Herzen, gutes Mädchen: Du fürch⸗ teſt, Adolphinens Anblick würde die kaum vernarbte Wunde wieder aufreißen. Fürchte Nichts, Nanette, die Liebe, welche in einer andern Liebe ihr Grab gefunden, erſteht nie wieder zu verjüngtem Daſein! Ich eile zum Notar und thue ihm zu wiſſen, daß ich innerhalb vierundzwanzig Seunden mein geſamm⸗ tes Eigenthum verwerthen will, ſollte ich auch bei dem Verkaufe einbüßen. Wer ſchnell hilft, der hilft doppelt. Mein Notar ſieht mich ganz verdutzt an; gewiß denkt er bei ſich, der verſteht das Wirthſchaf⸗ 93 ten noch beſſer als Peter und Roſſignol. Er will Einwendungen machen. „Ich wünſche nicht Ihren Rath, mein Herr,“ antworte ich ihm,„ich wünſche Geld.“ Inzwiſchen ſehe ich mich nach einer beſcheideneren Wohnung um. Ein Zimmer zum Schlafen und ein anderes zum Arbeiten, mehr will und brauche ich nicht, bis ich die Gemälde angefertigt habe, deren Erlös die Koſten der Ausſteuer, Hochzeit und Rück⸗ reiſe nach Savoyen beſtreiten ſoll. Der Gedanke daran wird mich befeuern bei der Arbeit und mein Kunſttalent zeitigen. Bald habe ich ein paſſendes Logis in der Nähe von Vater Bernhard gefunden. Dann kehre ich nach Haus zurück, verkaufe alles überflüſſige Mobiliar, verabſchiede Madame Roch und zahle ihr den Lohn für das verfloſſene Quartal und das nächſte oben⸗ drein. Hierüber vergeht der Tag. Ehe ich am andern WMorgen zum Notar gehe— bei den Herren Rechts⸗ kundigen kommt man lieber etwas ſpäter als frü⸗ her— begebe ich mich zu Nanette, der ich nicht früh genug kommen kann. Wie freut ſie ſich, als ſie hört, daß ich in ihre Nähe ziehe! Seit geſtern, ſeit der Gewißheit ihres Glückes, iſt ſie wie neu geboren. Augen, Stimme, die geringſte ihrer Bewegungen, Alles an ihr athmet „die Liebe, den höchſten und ſchönſten Reiz ihres Da⸗ ſeins. Paul de Kock. LXXXVII. 7 94 Endlich ſchlägt die mit dem Notar verabredete Stunde. Er legt mir tauſend und aber tauſend Pa⸗ piere zur Unterſchrift vor. Ich unterzeichne Alles, was er verlangt, obgleich er mich bei jedem Akten⸗ ſtück auffordert, wohl zu überlegen, was ich thue. Endlich händigt er mir ein Portefeuille mit fünfund⸗ achtzigtauſend Franken ein. Das iſt Alles, was mir nach Peters ökonomiſchem Haushalte von der Erb⸗ ſchaft Herrn Dermilly's noch übrig bleibt. Ich ſtecke das Portefeuille mit derſelben Freude ein, als hätte ich einen goldenen Einkauf gemacht. Der bedächtige Geſchäftsmann muß mich für einen Narren oder für einen Bruder Liederlich halten; aber was liegt mir an der Meinung dieſes Herrn! Mein Gewiſſen iſt rein, und das iſt die Hauptſache. Eine Viertelſtunde vor der beſtimmten Zeit findet ſich Lucilie bei mir ein. „Was gibt es Neues bei der Frau Gräfin?“ rufe ich ihr zu. „Nichts. Der Marquis läßt noch immer Nichts von ſich hören. Meine junge Herrin, um ihre Mut⸗ ter beſorgt, hat mich beauftragt, ihr Arbeit zu ſuchen; Madame that daſſelbe. Wüßten Sie nur, Herr An⸗ dreas, wie mir das zu Herzen geht!“ „Tröſten Sie ſich, Lucilie: dieß Portefeuille wird hoffentlich auf lange ihrer Noth abhelfen. Nur ſchwören Sie mir, daß Sie genau thun wollen, was ich Ihnen ſage.“ „Ja, ich ſchwöre es. Sie wiſſen, daß ich immer gethan habe, was Sie wollten.“ 1 95 „Sie geben alſo dieß Portefeuille der Frau Gräfin und ſagen ihr, daß es von einem Unbekannten gebracht wurde, der ſeinen Namen nicht genannt habe.“ „Und weiter?“ „Weiter nichts.“ „Und ich ſoll Nichts von Ihnen ſagen?“ „Kein Wort, hüten Sie ſich!“ „O ich errathe Sie, guter Andreas. Gewiß iſt Geld in dem Portefeuille, viel Geld vielleicht, denn Sie ſind zu Allem fähig, um meiner Herrin zu helfen.“ „Nein, Lucilie! Mir bleibt noch mehr als genug übrig.“ „Und ich ſoll Richts von Ihnen ſagen?“ „Keine Sylbe! Wenn Sie mein Geheimniß ver⸗ rathen, ſpreche ich nie mehr ein Wort mit Ihnen. Merken Sie ſich's.“ „Ich gehorche, Herr Andreas. O, wäre doch Fräulein Adolphine Ihre Frau geworden, wie glück⸗ lich könnte ſie jetzt ſein! ₰ den Morgen kömmt ſie mit verweinten Augen in's Zimmer. Ihrer Mutter ſagt ſie, das ſei ein Augenleiden, aber ich, ich weiß die Urſache.“ „Lucilie, ſorgen Sie beſtens für die beiden Da⸗ men und geben Sie mir von Zeit zu Zeit Nachrichten über die Frau Gräfin. Hier iſt meine Adreſſe. Jetzt Adieu! Eilen Sie und bringen Sie es gleich den Damen.“ „Erſt einen Kuß zum Abſchied, Herr Andreas!“ 96 Ich küſſe Lucilie, dann entfernt ſie ſich mit dem Portefeuille. Ich fühle mich glücklicher und zufrie⸗ dener als je zuvor. In geradem Gegenſatz gegen ſo Viele gewann ich um ſo mehr an Heiterkeit, als ich an Schätzen einbüßte. 5 Sechstes Kapitel. Zurüſt ungen zur Hochzeit.— Letzter Streich Roſſignols. Ich wohne jetzt in meinem kleinen Logis ungleich zufriedener als in der alten, größeren und ſchöneren Wohnung. Der Gedanke, dem Mangel meiner Wohl⸗ thäterin abgeholfen zu haben, verwandelt die mir freiwillig auferlegten Entbehrungen in Genüſſe für mich. Mit verdoppeltem Eifer arbeite ich an den ange⸗ fangenen beiden Gemälden. Der Erlös aus den⸗ ſelben ſoll die Koſten d Hochzeit und der Mitgift beſtreiten. Letztere wird zwar nicht ſehr glänzend ausfallen, aber was ſchadet das? Nanette wünſcht ſich keine Diamanten, Caſhemirſhawls und Spitzen. Mir gefällt ſie beſſer ohne dieſelben, als mit ihnen. Es dauert nicht lange, ſo kommt Lucilie wieder. Als ſie mich ſieht, fällt ſie mir weinend um den Hals und ergießt ſich in Lobſprüche, die mir gewaltig über⸗ trieben ſcheinen, weil das Opfer mich wenig Ueber⸗ windung gekoſtet hat. Die Frau Gräfin, ſo erzählt ſie, habe alles Mögliche verſucht, ihr das Geheimniß zu entlocken, während ſie ſtandhaft vehauptet hätte, den Geber nicht zu kennen. Die Damen vermuthen, das Geld komme vom Marquis. Um ſo beſſer! das muß Adolphine mit ihrem Gemahl ausſöhnen. Es iſt gar traurig, die nicht achten zu dürfen, deſſen Namen man trägt! Inzwiſchen iſt Fräulein Adol⸗ phine, wie Lucilie verſichert, noch eben ſo traurig wie zuvor. Wenigſtens leiden ſie jetzt keinen Mangel und brauchen nicht mehr daran zu denken, um des Geldes wegen zu arbeiten. Beim Abſchied muß Lucilie nochmals ſchwören, ihr und mein Geheimniß für ſich zu behalten, obgleich es ſie ärgert, daß die Damen den Marquis in ſo gutem Verdacht haben⸗ Auch Peter iſt mit dem von mir gethanen Schritte zufrieden. Er verſichert, daß er jetzt lieber arbeite als je, und daß er den mir verurſachten Schaden erſetzen wolle. Seitdem er wieder zum Schabeiſen gegriffen hat, iſt ſeine alte Heiterkeit, ſo wie auch ſein blühendes Ausſehen zurückgekehrt. Nur auf dem linken Auge trägt er noch die Spuren jener nächt⸗ lichen Prügelei. So oft ſie ihn in die Kneipen nehmen wollen, zeigt er auf ſein Auge und betheuert, daß er aus einem Weintrinker ein Wafſertrinker gewor⸗ den ſei. Allabendlich bin ich bei Nanetten und ſchmiede mit ihr allerhand Pläne für die Zukunft. Mit jedem Tage entdecke ich an dem Mädchen neue Tugenden. Keine Spur von Ehrgeiz oder Eitelkeit! Ihr einziger und höchſter Wunſch iſt, mit mir zu leben und zu 98 ſterben. Vater Bernhard altert bedeutend und hat ſich von ſeinen Geſchäften zurückgezogen. Wir neh⸗ men ihn mit nach Savoyen; dort ſoll es ihm wohl gefallen bei meiner guten Mutter in ihrem hübſchen Häuschen. Wie freue ich mich auf die ſchönen Zei⸗ ten. Die Hoffnung des Glückes iſt ſchon das Glück ſelbſt; oft iſt die Vorfreude mehr werth als die Freude ſelbſt. Jeden Abend fragt Nanette, ob ich bald fertig ſei mit meinen Gemälden. Endlich, nach ſechs Wochen, lege ich die letzte Hand daran. Wenn ich nur erſt einen Käufer gefun⸗ den hätte! Früher war mir das ein Leichtes: ſo lange ich dem Glücke im Schvoße ſaß, ſuchte man eine Ehre darin, mir Aufträge geben zu können; jetzt iſt das anders, weil ich die Dummheit began⸗ gen habe, merken zu laſſen, daß ich nicht mehr reich bin und daher um des Broderwerbes wegen malen muß. Ich hätte die Leute ruhig bei ihrem frühern Glauben laſſen ſollen, daß ich nur aus Luſt und Liebe zum Fache arbeite. Ich wette, ich hätte längſt ſchon Liebhaber gefunden. Aber erſt der Schaden macht uns klug! Oft legt ſich meine Stirne unwillkürlich in Run⸗ zeln. Sobald Nanette das ſieht, iſt ſie gleich mit ihrem Troſt bei der Hand. „Warum ſo bekümmert?⸗ ſpricht ſie.„Was brau⸗ chen wir Geld, Freund? Wir gehen zu Deiner Mut⸗ ter; Du malſt und ich nähe und ſtricke oder arbeite ſonſt was. Wer mit ſo Wenigem zufrieden iſt, der muß glücklich werden!“ 9 5 99 „Ja, liebes Mädchen, ich fühle das mit Dir; aber Dich ſo auf gut Glück heirathen, ohne ſicheres Brod und ohne Dir das Nöthigſte reichen zu können: nein! das geht nicht und doch verlangt mich von ganzer Seele nach der Heirath mit Dir.“ „Wann macht Ihr denn endlich Anſtalten zur Hochzeit?“ fragt Vater Bernhard täglich. „Sobald es dem Herrn beliebt,“ antwortet Na⸗ nette mit einem Blick auf mich, der mich in's Herz trifft. „Hoffentlich recht bald!“ ſtoitere ich verlegen. „Ich muß erſt fertig ſein mit...“ „So mach' ſchnell,“ entgegnet Vater Bernhard; „ich werde alt, Kinder, und ich möchte gerne auf Eurer Hochzeit noch einmal tanzen.“ Eines Tages ſitze ich mißmuthig auf meinem Zimmer und denke, wie ich meine Gemälde an den Mann bringe, als plötzlich die Thüre ſich öffnet und Peter hereintritt, wie mir ſcheint, äußerſt verlegen. „Was willſt Du?“ frage ich ihn, der ſtumm vor mir ſtehen bleibt. „Haſt Du Deine Gemälde verkauft, Bruder?“ „Leider noch nicht.“ „Und Du heiratheſt nicht, weil Du kein Geld haſt 2 „Ja, Peter. Ich weiß zwar, das iſt kein Hin⸗ derniß für Naneiten; aber ich möchte nicht. kurz⸗ Bruder, ich heirathe ſie, das iſt gewiß: alſo tröſte Dich!“ „Wirſt Du mir böſe, Bruder.. 100 „Sprich, Peter.“ „Wann ich aber ich mag's nicht ſagen.“ „Nur heraus mit der Sprache.“ „So höre denn: Du weißt die dummen Streiche, die ich mit dem Schuft von Roſſignol machte. Wenn Du jetzt die Hälfte hätteſt von dem durchgebrachten Gelde, nicht wahr?“ „Laſſen wir das, Peter, geſchehen iſt geſchehen! Nur laß' Dir jene Zeit zur Warnung dienen und hüte Dich vor ſolcher Geſellſchaft.“ „Gewiß, Bruder; der Roſſignol wollte einmal wieder anfangen mit mir, aber ich hab' ihm mit dem Stock den Weg gewieſen und die Luſt zum Geſpräch verging ihm augenblicklich. Seit ich von Neuem ar⸗ beite, habe ich mir Etwas erſpart als Schadenerſatz für Dich.“ „Wie kannſt Du ſo reden, Bruder? Mein Ver⸗ mögen war auch Deines. Ueberdieß hatte ich Dich zum unumſchränkten Herrn deſſelben eingeſetzt.“ „Abgeſehen vom Gelde.. aber die MWobilien. die Penduluhren.. die Wäſche. die Kleider!. Seitdem hab' ich eine Kleinigkeit zuſammen geſpart; nimm ſie von mir an; es ſind achtzig Franken in dieſem Sack; ſie gehören Dir, Andreas. Heirathe damit, wenn Du kannſt.“ Mit den Worten yat er einen Sack aus der Taſche gezogen und hält ihn mit zitternder Hand mir hin. Du guter, lieber Peter! Ich drücke ihn zärtlich an mein Herz, weigere mich aber entſchieden, das Geld anzunehmen. 101 „Ich bitte Dich, Andreas, nimm es an von mir, oder ich muß glauben, daß Du mir noch böſe biſt.“ Peter dringt ſo lange in mich, bis ich mich end⸗ lich zur Annahme bereit erkläre. Während dieſes brüderlichen Zwiſtes öffnet ſich die Thüre und herein tritt ein Mann von reiferem Alter, einfach, aber anſtändig gekleidet. Schon bei den erſten Worten weiß ich, was er will, und das Herz hüpft mir im Leibe. Er hat gehört, daß ich zwei Genregemälde zum Verkauf habe und wünſcht ſie zu ſehen. Ich führe ihn in mein Atelier und zeige ſie ihm. Der Unbekannte betrachtet ſie lange; dann läßt er einige Worte fallen, woran ich merke, daß ich es mit einem geübten Kunſtkenner zu thun habe. Aber man denke ſich meinen Schrecken, als er mich auf mehrere weſentliche Mängel in Compoſition und Aus⸗ führung aufmerkſam macht, worin ich ihm Recht geben muß. O, in dem Augenblicke hätte ich dieſe mühſamen Werke meiner Hand zu Staub und Aſche verbrennen mögen! Aber wer ſchildert mein freudiges Erſtaunen, als er mit den Worten ſchließt:„Trotz der Mängel will ich Ihre Gemälde kaufen. Iſt Ihnen ein Kaufpreis von zwölfhundert Franken für Beide genehm?“ Dabei zählt er mir dieſe Summe auf den Tiſch hin. Ich, früher im Beſitz von ſechstauſend Livers Jahresrenten, gerathe bei dem Anblick dieſer zwölf⸗ hundert Franken in ſolche Epxtaſe, daß ich lange keine Worte finden kann. Da ſieht man, daß ein einziger, 102 im Schweiß des Antlitzes erworbener Thaler glück⸗ licher macht als alle Schätze, welche die vlinde Göttin uns auf den Weg ſtreut. „Hier iſt meine Adreſſe: Sie werden die Gemälde mir zuſchicken.“ Dann entfernt er ſich; ich will ihm an die Treppe das Geleit geben, aber er leidet es nicht. Auf der Karte leſe ich den Namen eines Mannes, der mir als reicher und gediegener Kunſt⸗ kenner geprieſen war. Obgleich er über Millionen zu gebieten hat, iſt er einfach zu Fuß gekommen. Zugleich hat er mir einige bedeutſame Winke gege⸗ ben mit jener Höflichkeit, welche die ſtrengſte Kritik zu verſüßen weiß. Es iſt überaus wohlthuend, die Gaben des Glückes mitunter an den rechten Mann gebracht zu ſehen! Kaum iſt der Herr fort, ſo geben wir uns die Hand und tanzen um den Tiſch mit den zwölfhun⸗ dert Franken ſo ausgelaſſen herum wie Kinder. „Jetzt hoffe ich, ſchiebſt Du Dein Säckchen in die Taſche,“ ſage ich zu Peter. 3 „Mit nichten, Andreas; es gehört Dir.“ „Peter, Du ſollſ es Dir aufheben.“ „Was ſoll ich damit machen? Die gute Mutter kraucht es, Gottlob! nicht, ſonſt würde ich es ihr ſchicken.“ „Gib es mir ſpäter, wenn ich es nöthig habe.“ „Es ſei!“ „Und glaubſt Du, ich wolle Dich hier auf der Straße herumlaufen laſſen? Gleich nach der Hoch⸗ zeit reiſen wir ab, Du mit uns. Das Haus der 6 ————— 103 Mutter iſt groß genug für uns Alle. Jetzt, da mei⸗ uem Talente die Bahn gebrochen iſt, bleibt mir Nichts zu wünſchen übrig. Geſchwind zu Nanette! In⸗ zwiſchen bringe da beide Gemälde zum Herrn. dann treffen wir uns bei Bernhard.“ Mit meinem Schatze in der Taſche eile ich zu Nanette. Schon von Weitem liest ſie die frohe Rachricht in meinen Augen; ich ſchütte ihr mit triumphirender Miene die zwölfhundert Franken in den Schvoß und ſage:„Siehe da die Frucht meines Talentes und Fleißes. O, Nanette, wie danke ich meinen Wohl⸗ thätern für das Geſchenk einer guten Erziehung: das iſt ein Gut, das uns Niemand rauben kann und das uns niemals im Stiche läßt. Ich weiß, die gute Mutter hätte mich auch ſo aufgenommen; aber wie ungleich fröhlicher kann ich jetzt vor ſie hintreten. Gib Acht, mit welchem Eifer ich von heute an meine ſchöne Kunſt pflegen will; Deine Nähe ſoll die herr⸗ lichſte Belohnung meiner Arbeit ſein.“ Vergebens ſchildere ich Nanettens Entzücken; auch Vater Bernhard geräth außer ſich. „Ich will Ihr Sohn ſein,“ rufe ich und ftürze in ſeine Arme.„Dem Herzen nach war ich's längſt.. aber bald. bald!“ „Ja, Vater, ja, wir ſind am Ziele: Andreas hat ſeine Gemälde verkauft.“ Der gute Auvergnat ſieht bald mich, bald Na⸗ nette an. Wir laſſen ihm keine Zeit, zu antworten, denn ſchon haben wir die Köpfe voll von tauſend 104 Plänen; ich will die verlorene Zeit je eher je lieber einholen. Morgen, heute Abend noch möchte ich Nanette heirathen; aber es ſind noch manche Förm⸗ lichkeiten zu erfüllen. Zu meinem Glücke habe ich mir ſchon lange vorher die nöthigen Papiere aus Savoyen kommen laſſenz gleich morgen will ich Al⸗ les in Bewegung ſetzen, daß wir ſo bald als möglich in den erſehnten Hafen einlaufen. Nanette weiß nicht, wo ihr der Kopf ſteht; alle Augenblicke umarmt ſie ihren Vater; es ſcheint, als ob man immer ſchüchterner wird, je näher man dem Gipfel des Glückes kommt. Aber wenn ihre Küſſe einem Andern gehören, ſo gehören ihre Blicke gewiß ganz mein, und ich verſtehe Alles, was ſie mir ſagen. Peter nimmt von ganzem Herzen Theil an meinem Glücke. Unſere Abreiſe nach Savoyen iſt auf den zweiten Tag nach unſerer Hochzeit feſtgeſetzt. So bleibt denn Nanette die beiden erſten Tage ihres Eheſtandes in meiner kleinen Wohnung, die immer⸗ hin groß genug iſt für uns Beide. Raum iſt in der kleinſten Hütte Für ein glücklich liebend Paar! Leider müſſen wir noch zehn Tage warten, bis alle Förmlichkeiten in Richtigkeit gebracht ſind. O, die zehn Tage werden mir eine Ewigkeit dünken; je näher man ſeinem Ziele kommt, um ſo ſchneller möchte man's erreichen; aber getroſt, es gibt noch allerhand Einkäufe zu machen, das wird mir die Zeit verkürzen! Etwas ſoll Nanette zur Mitgift haben, wenn auch nur wenig; höchſtens fünfhundert Franken 105 darf ich darauf wenden; der Reſt bleibt für die Hoch⸗ zeit und die Reiſe. Bin ich erſt bei der Mutter, dann brauche ich Nichts; mein Pinſel wird mich und die Meinen mehr als bloß nothdürftig nähren. Lebt ſich's doch in Verin wohlfeiler als in Paris, und große Anſprüche machen wir nicht! Heutzutage koſtet das kleinſte Körbchen für die Mitgift ſchon an die fünfhundert Franken; aber ich vedanke mich ſchönſtens, ein Rachäffer der Großen zu ſein. Auch habe ich keine Diamanten, keine Ca⸗ ſhemirſhawls, keine Spitzen Nanetten anzubieten: ein flockſeidenes Tuch, ein einfaches Tuch, ein ſeide⸗ nes Kleid, einige Modewaaren, ein Schleier, ein Paar Ohrringe und einige Fingerringe, das iſt ſo ziemlich Alles, was Nanette von mir bekommt, und doch freut ſich Nanette über dieſe Kleinigkeit, als wäre ſie Millionen werth. Sie kramt Stück für Stück aus, bewundert die Herrlichkeiten und zeigt ſie dann ihrem Vater, der gleichfalls in die Bewunderung einſtimmen muß, ob⸗ gleich er nichts davon verſteht. Bei jeder neuen Sache ſieht ſie mich an und drückt mir die Hand, als wolle ſie ſagen: nicht über die Geſchenke freue ich mich, ſondern über die Hand, die ſie mir gibt. Unter den Fingerringen befindet ſich einer, wor⸗ auf aus meinem Haare das Wort Dreue geflochten iſt. Mehr als die Tücher, Kleider und andere Stoffe zuſammen freut ſie dieſer Eine Ring: auch daran ſehe ich, wie innig ſie mich liebt. Endlich haben wir den Vorabend unſeres Hoch⸗ 106 zeittages erreicht. Nanettens Loilette iſt fertig; ſie wird ſich allerliebſt ausnehmen: Schmuck und ſie werden ſich gegenſeitig ſchmücken. Bernhard hat ſich einen neuen Rock zu dem feſtlichen Tage machen laſſen, und Peter deßgleichen. Aber ich Thor, noch habe ich nicht an die Hochzeitsgäſte gedacht: Bern⸗ hard hat einige Freunde, Nanette einige junge Freun⸗ dinnen, die dürfen nicht ganz leer ausgehen an dieſem Feſitage. Wie viel laden wir? Höchſtens Zwanzig, denke ich: beſſer wenige, aber gute Bekannte, als viele und entfernte. Wie alle jungen Mädchen tanzt Nanette gerne; auch das Vergnügen ſoll ſie haben. Eine einzige Violine thut dieſelben Dienſte wie ein ganzes Orcheſter. Ausgemacht! wozu brauchen wir all' den Hokus Pokus und den Firlefanz? Wie oſt hat Nanette mich gebeten:„Nur keine koſtſpielige Hochzeit! wir können auch ohne ſie glücklich ſein.“ Ich weiß das, liebe Nanette, aber ich weiß auch, daß Du gerne einige Bekannte und Freunde zu Zeu⸗ gen Deines Glückes haben und daß Papa Bernhard allzugerne auf der Hochzeit ſeiner Lochter tanzen möchte. Ich gebe den Leuten recht, die ſagen: eine Hochzeit iſt kein Alltagsding. Feiern wir immerhin die Hauptabſchnitte in unſerem Lebenz es ſind ihrer nicht allzu viele. Um ſieben Uhr Abends bin ich mit den Einla⸗ dungen fertig. So habe ich nur noch den Gaſtwirth mir auszuſuchen; ich will weder einen allzu vorneh⸗ men, noch allzu geringen, ſondern einen mittleren Schlages. Paris bietet eine hinreichend große Aus⸗ 1 107 wahl von Gaſthöfen dar; es gibt welche für alle Börſen und für alle Klaſſen. „Komm' mit,“ ſage ich zu Peter, der in ſeinen Hochzeitskleidern prangt,„wir wollen einen Saal ſuchen und das Eſſen beſtellen.“ „Alſo eine Hochzeit, Bruder?“ „Wir tanzen, Peter.“ „Wir tanzen? Juchhe!“ „Aber ſchweige davon, Peter.“ „Verlaß Dich auf mich! Eine Hochzeit. hei⸗ ſaſa.“ Und dabei fängt er auf der Straße zu tanzen an, ſo daß ich ihn zur Ordnung rufen muß. Unter⸗ wegs fällt mir ein, daß ich und Herr Dermilly einſt bei einem Traiteur in der Nähe der Auſterlitzbrücke recht gut zu Mittag aßen; es iſt zwar etwas abge⸗ legen und ſtill, aber um ſo weniger haben wir von der Neugierde der Straßenjungen zu leiden, und das iſt mir ganz recht. Wir ſchlagen alſo den Weg ein zu dieſem Traiteur. Eine Anfrage wie die meinige iſt immer gut aufgenommen. Nachdem wir uns über die Preiſe verſtändigt und alles Nöthige verabredet haben, führt uns der Wirth durch ſeinen Garten zurück, um uns die Annehmlichkeiten deſſelben zu zeigen. Während wir am Fenſter eines kleinen Pavil⸗ lons vorübergehen, erhebt ſich plötzlich darin ein ge⸗ waltiger Lärm. „Ihr könnt mir Euern Garten nicht verbieten, Mütterchen,“ ruft eine Peter und mir wohlbekannte 108 Stimme.„Die friſche Luft zaubert die Roſen auf meine Wangen zurück. O, wie wohl iſt mir im Grünen, tralala!“ „Sie mögen ſpazieren und ſingen, ſo viel Sie wollen; aber erſt zahlen Sie Ihre Zeche und dann mögen Sie gehen.“ „Welche Logik, ſchöne Niobe! Sie wollen, ich ſoll gehen, und doch laſſen Sie mich nicht fort. Welche Confuſion in Ihrem Gehirnkaſten!“ „Hörſt Du den Roſſignol,“ flüſtert Peter mir zu. „Warum ſtreitet man ſich?“ frage ich den Wirth. „Der Teufel hat uns da einen Bruder Liederlich erſter Klaſſe in's Haus geführt; er iſt ſchon acht Tage bei uns und wir können ihn nicht los werden. Er kam eines Abends mit honigſüßer Miene und beſtellte ein Nachteſſen. Nachdem er bis ſpät in die Nacht getafelt, verlangte er ein Nachtquartier, weil er ſeinen Geſchäftsführer hierher beſchieden habe und daher auf ihn warten müſſe; wider unſere Gewohn⸗ heit haben wir ihn zu Nacht behalten. Den andern Morgen hat er ſich ein ſplendides Früyſtück bringen laſſen und machte noch immer keine Miene, aufzu⸗ brechen; ſo hat er es acht Tage lang getrieben, vor⸗ geblich auf ſeinen Geſchäftsführer wartend, der ihm Geld bringen ſoll. Er möchte, wie es ſcheint, das ganze Jahr ſo fortlogiren... und denken Sie ſich die Unverſchämtheit: er hat ſich angeboten, mir allerhand Poſituren vorzumachen, und mir ſeinen Torſo, wie er ſagt, an Abzahlungsſtatt angetragen. Was in aller Welt ſoll ich mit der Münze anfangen? Er 109 ſoll entweder bezahlen, oder fort mit ihm! Er muß bis morgen das Haus geräumt haben, denn der Kerl hat die liebenswürdige Unverſchämtheit, mit allen Perſonen Freundſchaft ſchließen zu wollen.. endlich iſt mir die Geduld ausgegangen, und ich habe nach dem Herrn Commiſſär geſchickt. Bis ver kömmt, laſſe ich den Schelm von meiner Frau bewachen, denn geſtern überraſchte ich ihn, wie er plötzlich auf die Gartenmauer ſprang, um den Adonis zu machen, wie er ſagt. Nur Geduld, du haſt im Gefängniß Zeit ge⸗ nug, den Adonis einzuſtudiren. Meiner Seel', er äße den ganzen Tag nichts als Kapaunen und tränke nichts als Champagner, wenn ich ihn fortmachen ließe.“ „Gehen wir, Bruder,“ flüſtert mir Peter in's Ohr,„ich möchte nicht, daß er mich ſähe.“ Kaum hat er das geſagt, ſo ſpringt das ſchöne Modell fünf Fuß hoch aus dem Fenſter in den Garten herab und richtet ſich vor uns als Amor aufz als er uns erkennt, ſtößt er einen lauten Schrei aus. „Holde Glücksgöttin, Gönnerin aller Künftler,“ ruft er und tanzt auf uns zu,„ich danke Dir für dieſe Wohlthat! Grüß' Dich Gott, Caſtor, grüß⸗ Dich Gott, Pollux. Geſchwind die Rechnung, Herr Wirth, geſchwind! Ein Künſtler läßt den andern nicht in der Patſche ſtecken.“ Peter erröthet vor Zorn, während ich ganz ver⸗ dutzt bin über die grandioſe Unverſchämtheit, und der Wirth bald mich, bald meinen Bruder verwun⸗ dert anſieht.* Paul de Kock. LXKXVII. 8 110 „Wie?“ ſtottert er,„die Herren kennen dieſen Bruder Liederlich?“ „Bruder Liederlich!“ donnert Roſſignol;„iſt das mein Name, elender Katzenbratſpieß?“ Darüber geräth der Traiteur in Wuth. „Nur gemach, Freund Jugan,“ ſagt Roſſignol, „Ihr kriegt Euer Geld. Aber man bleibe hübſch weg: Eure Hände ſtinken verdammt nach Hanföl. Geſchwind, Peterchen, Du wirſt doch einige Thaler haben für Deinen alten Zechbruder?“ Peter verſtummt vor Aerger und Schaam, in⸗ dem hat Roſſignol die Frechheit, mir die Hand zu reichen.„ „Daß Sie mich um mein Geld geprellt haben,“ ſage ich, zwiſchen ihn und Peter tretend,„kann ich vergeſſen, nicht aber, daß Sie meinen Bruder eben ſo gemein und niedrig machen wollten, wie Sie ſind... und Sie wagen es, uns Freunde zu heißen? Dieß Wort in ihrem Munde iſt die ärgſte Beſchimpfung! Schätzen Sie ſich glücklich, wenn ich mich nicht dem Herrn anſchließe und Sie zur Strafe ziehe!“ „Recht ſo! Erſt läßt man den Freund im Pech ſtecken und hält ihm dann noch eine Moralpredigt! Geht, Ihr Sottjes, wir brauchen Euch nicht; dafür kriegen wir keinen Kuß zu ſchlucken.“ Kaum hat Roſſignol ausgeſprochen, ſo erſcheint Eingangs des Gartens die Wirthin, die bei dem ver⸗ zweifelten Sprunge des ſchönen Modells fortgerannt war, um die Wache zu holen, mit einem Korporal und vier Füſeliren, während durch eine andere Thüre 1¹¹ Sobald Roſ⸗ der Commiſſär nebſt Kellner eintreten. ſignol die Soldaten erblickt, runzelt er die Stirne und brummt in den Bart: „Donner und Doria, der erſte antike claſſiſche Torſo ſeiner Zeit in einem Gefängniß verſchimmeln? Nie und nimmer!“* „Da ſteht der Schelm!“ ſagt die Wirthin zum Commiſſär, auf Roſſignol weiſend, der bei jedem Schritte ſich bis zur Erde bückt, offenbar in der Ab⸗ ſicht, ſein Geſicht zu verſtecken. „Sparen Sie Ihre Kratzfüße, Herr, und ant⸗ worten Sie,“ ſagt der Mann des Friedens, während Roſſignol mit den Fingern in einer alten Tabatiére wühlt, die der Korporal halb geöffnet hat.„Sie wollen nicht fort von hier, mein Herr?“ „Wer ſagt das? Ob ich fort will!“ „Aber Sie wollen nicht zahlen, Herr!“ „Ob ich will, Herr Commiſſär! Ich will ſogar dem Kellner ein Extratrinkgeld geben.“„ „So zahlen Sie Ihre Rechnung, damit wir fertig werden.“ „Das iſt eine andere Sache, Herr Commiſſär. Das böſe Können! Am Vollen liegt es gewiß nicht. Mein Geſchäftsführer läßt acht Tage auf ſich war⸗ ten; iſt das meine Schuld? Bis dahin bin ich Mo⸗ dell. Nichts für ungut, Herr Polizeicommiſſär, aber wenn Ihre Frau zufällig ſchwanger iſt und ſie einen ſchönen Mann anſehen will, ſo biet' ich hier⸗ mit meine Dienſte an.“ „Korporgl, nehmt ihn mit und ſchafft ihn heute ——————— 2 112 Abend auf die Präfektur,“ gebietet der Commiſſär, während Roſſignol luſtig trillert: „Gute Nacht, liebe, liebe Lieſe!“ u. ſ. w. Roſſignol geht in der Mitte, vor und hinter ihm der Korporal mit ſeinen Leuten. „Ich ergebe mich auf Gnade und Ungnade, Burſche, überzeugt, daß meine Unſchuld an den Tag kommen muß, wie die der keuſchen Suſanna. Ich mache Euch die Hölle nicht heiß, Freunde.“ Als ſie ſehen, daß der Gefangene ihnen gutwillig folgt, laſſen ſie ihm ziemlich freien Raum. Gleich außerhalb des Gartens bleibt er ſtehen, wühlt in den Taſchen und ruſt: „Ich habe mein Schnupftuch liegen laſſen; ſie ſollen es nicht geſchenkt haben.“ „Ich will es holen,“ ſagt der Korporal und ge⸗ bietet den Solvaten zu halten. Unwillkürlich ſehen ſich dieſe nach dem Hauſe des Traiteurs umz das hat Roſſignol gewollt. Wie der Blitz rennt et da⸗ von und auf die Aufterlitzbrücke zu. Dem Inva⸗ liden, der ihm den Son abverlangt, gibt er einen Puff, daß er rücklings über fällt, und läuft dann weiter. Aber ſchon ſind ihm die Kriegsknechte auf den Ferſen.„Hebet ihn, hebet ihn!“ ſchallt es hinter ihm; bald hört man den Ruf am andern Ende der Brücke, und eine Menge Menſchen verſperrt ihm den Weg. Was ſoll er thun? Flügel hat er nicht, um über die Menge wegzuſetzen. Er bleibt einen Augenblick ſtehen und ſieht ſich um; ſchon iſt er von gllen Seiten eingeſchloſſen, 1¹18 „Wir haben ihn!“ ruft der Korporal. „Noch nicht,“ antwortet Roſſignol, ſetzt mit einem verzweifelten Sprunge über das Brückengeländer mit⸗ ten in den Fluß hinein, und trillert dabei, eben ſo luſtig wie zuvor: „Ich denk' halt! wie Gregorius, Mich plaget arg der Durſtius“ u. ſ. w. Verwundert ſchauen ihm die Soldaten nach; Alles läuft an den beiden Ufern zuſammen und verſucht ihn zu retten; aber umſonſt: der Strom packt ihn und ſpült ihn fort bis nach St. Cloud. Peter iſt auf's Tiefſte davon ergriffen. „So endet oſt der Menſch,“ ſage ich zu ihm, „der kein Gefühl für Recht, Tugend und Ehre hat!“ Siebentes Kapitel. Leid und Luſt. Wir eilen zu Nanetten zurück; ich kann nicht län⸗ ger von ihr getrennt ſein. Es iſt immer ſo, wenn man ſich für's ganze Leben binden will; freilich ſagt man, daß ſpäter aber nein, Nanette und ich bleiben ewig dieſelben; wir ſind nicht von Paris. Man hat ſich tauſend Dinge zu ſagen am Vor⸗ abend vor der Hochzeit. Je näher der Augenblick kommt, der über unſer ganzes Leben entſcheidet, je fruchtbarer werden wir an Plänen für die Zukunft. 114 Nach Savoyen richten ſich unſere Augen und Herzen; dori hoffen wir unſer und meiner Mutter Glück zu ſichern. In dieſem unſern Planmachen ſtört uns Peter, der plötzlich auf Nanette zukommt und zu ihr ſagt: „Liebe Schweſter, ich engagire Sie auf den erſten Contretanz.“ „Wie,“ ruft Nanette erſtaunt,„ſo haben wir Tanz morgen?“ Alſo dahin iſt die Ueberraſchung, worauf ich mich gefreut! Hat der Peter richtig ausgeplaudert, wie ich es fürchtete. Gleich darauf geht ihm ein Licht auf über ſeine Unvorſichtigkeit, denn er macht ein ellenlanges Geſicht und ſieht mich betrübt an. „Wie, mein Freund,“ fragt Nanette,„Du wollteſt mich überraſchen mit dem Tanze?“ Ich erzähle ihr, was ich auf unſern Pohets verabredet und angeordnet habe. „O Du guter Andreas!“ ruft Nanette und drückt zärtlich meine Hand,„das haſt Du nur aus Rückſicht auf mich gethan; denn Du magſt die Geſellſchaften und Tänze nicht o Du guter Andreas!“ „Wie?“ fällt Vater Bernhard ein,„eine Hoch⸗ zeit? Tanz?. Juchhe, das lob' ich mir, Kinder, Ihr ſollt' ſehen, daß ich's im Tanzen Euch Allen zuvorthue!“ „Und ich auch,“ ſagt Peter und hüpft in der Kammer herum;„meine Beine ſollen keinen Augen⸗ blick Ruhe haben. die ganze Nacht will ich mich üben!“ 115 Unſere Freude iſt ſtill⸗innig. Nanette und ich ſpre⸗ chen wenig; um ſo mehr ſagen ſich unſere Blicke, die ſchon im Vorgenuß der Seligkeit ſchwelgen. Na⸗ türlich haben wir an andere Dinge zu denken als an Tanz. So vergeht der Abend. Beim Abſchiede wieder⸗ holen wir uns mehrmals das Wort:„Auf Mor⸗ gen!“ In dieſem einen Worte iſt Alles enthalten: Glück, Liebe, Zukunft. Erſt von Morgen an datirt unſer Daſein. Ich nehme Peter mit mir, denn er ſoll die Nacht vei mir ſchlafen. Bei der Rückkunft überreicht mir der Portier einen Brief von Luciliens Hand. Ich eröffne ihn zitternd und leſe Folgendes: „Lieber Andreas, Ihr Herz wird brechen, wenn Sie von dem neuen Unglück meiner beiden Herrinnen hören. Aber an wen könnte ich mich wenden, wenn nicht an Sie, den einzigen Freund, der ihnen ge⸗ vieben iſt? Ich weiß nicht, wo mir der Kopf ſteht, Andreas: verzeihen Sie d'rum den Mangel an Zu⸗ ſammenhang, der ſich überall zeigen wird. Dank Ihrer Unterſtützung, Andreas, ging es den Damen veſſer als bloß erträglich gut. In dem Glauben, daß Herr von Bherigny der Geber ſei, lebten ſie der Hoffnung, daß er ſein Unrecht bereuen und ſie nie verlaſſen werde. Vor drei Tagen erſchien plötzlich Herr von Therigny bei den Damen, in einem Zu⸗ ſtande, der nichts Gutes erwarten ließ. Er war er⸗ ſtaunt, ſie in ſolcher Gemächlichkeit zu finden. Schon wollte er ſie ausfragen, als ſie ihm dankten für die 116 Summe, die, wie ſie glaubten, von ihm herrühre. Herr von Therigny, anfänglich überraſcht, beſann ſich bald und nahm ihren Dank an. Es hätte wenig geſehlt, ſo wäre ich mit meinem Geheimniß heraus⸗ gerückt, als ich hörte, wie er ſtillſchweigend ſich für den Geber erklärte. Aber eingedenk meines Eides ſchwieg ich. Abends läßt er ſich die Schlüſſel geben und geht damit fort. Denken ſie ſich den Schmerz der Damen, als er, ſtatt wiederzukommen, ihnen einen Brief ſandte, worin er ſein junges Weib auf die gehäſſigſte Weiſe beſchuldigte, einen verbrecheri⸗ ſchen Umgang mit Ihnen zu pflegen, und zu ver⸗ ſtehen gab, ſie ſtelle ſich bloß, als glaube ſie, das Geld von ihm, dem Marquis, empfangen zu haben, um deſio beſſer ihre Intriguen mit Ihnen verſtecken zu können. Kurz und gut, das Ungeheuer hat ihnen Alles genommen und weggetragen: Geld und Koſt⸗ barkeiten.„Nichts hat er ihnen gelaſſen! Verge⸗ bens ſchildere ich Ihnen den Schmerz der Gräfin, weniger über das Elend, das ihrer wartet, als über die ſchändliche Beſchuldigung wider ihre Tochter. Meine junge Herrin, ohnehin leidend, iſt durch dieß abſcheuliche Benehmen ihres Gatten äußerſt ange⸗ griffen. Auf inſtändige Bitten der Gräfin habe ich endlich Ihren Namen genannt. Wären Sie doch Zeuge ihres innigen Dankes geweſen!„Der gute Andreas, das wundert mich nicht an ihm!“ hat die junge Marquiſe ein über das andere Mal gerufen, während die Thränen aus ihren Augen ſtrömten. Die Frau Gräfin ergoß ſich in die heißeſten Dank⸗ 117 ſagungen gegen Sie.„Lucilie, ſagte ſie zu mir, ich muß ihn ſehen, ihm danken. So weit iſt es mit uns gekommen, Herr Andreas. Laſſen Sie nicht lange auf ſich warten: die beiden Damen bedürfen des Troſtes mehr als je, und wer anders könnte ſie tröſten als Sie?“ Ja, ich fühle es, ich bin der einzige Freund⸗ der ihnen bleibt von den Vielen, die in den Tagen des Glückes ſie ſchmetterlingsartig umgaukelten. Schon male ich mir die Größe des Elends dieſer beiden vornehmen Damen aus. Nein, nein, das darf und ſoll nicht ſein! Auch dießmal will ich ihnen helfen. Peter iſt ſchon am Auskleiden. „Halt, Peter,“ ſage ich zu ihm,„Du mußt noch einen Weg machen für mich.“ „So ſpät, Bruder?“ „Es muß ſein, Peter. Du weißt, wo der Trai⸗ teur wohnt, bei dem ich das Eſſen auf morgen be⸗ ſtellte?“ „Ja, haſt Du was zu beſiellen vergeſſen?“ „Geh' und beſtelle das Eſſen ab.. geſchwind, Peter: kein Eſſen, kein Ball, wir brauchen Richts davon!“ Peter reißt erſtaunt die Augen auf. „Großer Gott!“ ruft er,„keine Hochzeit, kein Eſſen, kein Ball? Höre ich recht?“ „Ja, Peter: Nichts von dem.“ „Aber Nanette und Bernhard haben ſich ſchon auf den Tanz gefreut.“ „Sie werden meine Maßregeln billigen.“ 118 „Aber die Gäſte ſind ſchon geladen.“ „Sie können zu Haus bleiben und zu Haus eſſen und tanzen.“ „Aber der Traiteur?“ „Es iſt noch Zeit zum Abbeſtellen, drum ſpute Dich.“ „Und der böſe Brief iſt an dem Allem ſchuld?“ „Ja, Peter, Du ſollſt ihn ſpäter leſen.“ „Welch' Unglück! Keine Hochzeit, kein Eſſen, kein Ball! Und Du beſtehſt auf Deinem Sinn?“ „Unwiderruflich! Geh', laufe Peter, es iſt die höchſte Zeit.“ Peter gehorcht wie immer, aber hält ſich die Au⸗ gen zu, um ſeine Thränen zu verbergen. Inzwiſchen überlege ich, was ich zu thun habe. Daß Nanette meinen Entſchluß billigt, davon bin ich gewiß. Aber wird die Frau Gräfin eine neue Unterſtützung von mir annehmen wollen? Nimmermehr, wenn ſie er⸗ fährt, daß ich ſelbſt darüber Noth leide. So will ich denn mich reich ſtellen, damit meine Hülfe leichter Eingang findet. Peter kommt mit verweinten Augen zurück. „Nun, was hat der Traiteur geſagt?“ frage ich ihn. „Er läßt es gelten, aber er ſagt, Du ſeieſt ſo unbeſtändig wie eine Wetterfahne.“ Was kümmert mich der Mann! um Peter zu tröſten, laſſe ich ihn Luciliens Brief leſen. „Wir verſagen uns allerdings ein Vetgnügen,“ ſage ich zu Peter,„dafür haben wir den Troſt, dem ——— 1¹9 Elend meiner Wohlthäterin auf kurze Zeit zu ſteuern, denn das an der Hochzeit erſparte Geld ſoll der Frau Gräfin zu gute kommen. Nun, Peter, zürnſt Du noch?“ „Gewiß nicht, Bruder, Du haſt recht gehandelt,“ entgegnet Peter, tief ſeufzend,„aber ich hätte zu gern getanzt!“ Mit Tagesanbruch gehe ich zu Vater Bernhard. Sie ſind ſchon aufz die Freude hat ſie die ganze RNacht nicht ſchlafen laſſen. Mit wonneverklärtem Antlitz kommt mir Nanette entgegen, doch erſchrickt ſie, als ſie meine Unruhe ſieht. Statt zu ſprechen reiche ich ihr Luciliens Brief hin. Das gute Kind! Während ſie liest, malt ſich auf ihrem Geſichte die herzlichſte Theilnahme an dem Unglücke meiner Wohlthäterin. Kaum iſt ſie mit Leſen fertig, ſo eilt ſie auf mich zu und ruft: „Mein Freund: keine Hochzeit, kein Eſſen und keinen Ball! Was ſind alle dieſe Freuden gegen die Freuden des Bewußtſeins, Deiner Wohlthäterin ge⸗ holfen zu haben!“ „O, Du gute Nanette, ich dachte wie Du ſelbſt und habe ſchon demgemäß gehandelt, und doch wagte ich kaum, Dir die Nachricht zu bringen.“ „Du wagteſt es nicht? Weißt Du nicht, daß ich will, was Du willſt? Mein höchſtes Glück iſt Deine Hand, Deine Liebe, mehr will und brauche ich nicht. Aber nicht wahr, unſere Hochzeit wird nicht aufge⸗ ſchoben?“ „Gewiß nicht: noch heute wirſt Du mein⸗ Aber 120 ehe wir nach Savoyen abreiſen, muß ihnen geholfen ſein. Sie haben Niemand, der für ſie wacht und ſorgt außer mir.“ „Wir warten ſo lange, Andreas. Dein Logis iſt groß genug für uns; bis dahin will ich arbeiten und zuſammenſparen. Gib Acht, Andreas, Glück iſt beſſer als aller Reichthum der Welt.“ Gute Nanette, welch' ein Herz ſpricht aus jedem deiner Worte und Blicke! „Es iſt noch zu frühe, zu den Damen zu gehen,“ ſagt ſie,„bleibe bei uns und frühſtücke mit uns, dann magſt Du gehen, aber bald wiederkommen. Nicht wahr, Andreas, nach zwei Stunden biſt Du wieder hier, Du vergiſſeſt es nicht?“ Wie könnte ich das vergeſſen? Muß ich ſie doch mit jedem Augenblicke mehr lieben. Sie iſt mehr als gut, ſie iſt ein Engel! Gleich nach dem Frühſtücke geht Nanette fort, um einige nothwendige Einkäufe zu machen, wie ſie ſagt. Inzwiſchen bleibe ich mit Vater Bernhard allein, der nicht mehr an die Hochzeitsfeier denkt. „Was wir im Wirthshaus nicht thun,“ ſagt er, „das thun wir bei uns. Wir können hier eben ſo flott tanzen wie dort.“ Braver Alter, du biſt zu jedem Opfer bereit. „Du thuſt nicht mehr als Deine Schuldigkeit,“ hebt er nach einer Pauſe an,„wenn Du Dich dank⸗ bar erweiſeſt gegen Deine Wohlthäterin.“ Nanette bleibt lange aus. Endlich kommt ſie zurück, ganz erhitzt, aber mit freudeſtrahlendem Ant⸗ Frau Gräfin. 121 litze. Ich frage nicht, wo ſie geweſen iſt, denn ein Blick auf ſie und jeder eiferſüchtige Gedanke iſt ver⸗ ſchwunden. „In zwei Stunden bin ich wieder da, Nanette,“ ſage ich, von ihr Abſchied nehmend. Sie folgt mir bis auf die Treppe, macht die Thüre hinter ſich zu und drückt mir ſchüchtern einige Goldſtücke in die Hand. „Nimm das und lege es zu dem übrigen Gelde,“ flüſtert ſie mir in's Ohr. „Woher das Geld, Nanette?“ „Nicht wahr, Andreas, Du zürnſt mir nicht, aber all' die ſchönen Geſchenke, die Du mir geſtern mach⸗ teſt, ſind mir nicht nothwendig. Ich brauche keine großen Shawle und ſeidenen Kleider: Du haſt mir oft verſichert, je einfacher ich ſei, um ſo beſſer gefiele ich Dir. Zürne nicht, Andreas, ich habe Alles zurück⸗ gebracht, bis auf ein einfaches Kleid, das ich mir heute Nacht zugeſchnitten und genäht habe, und bis auf dieſen Ring mit den Haaren und dem ſüßen Worte Treue. O, verzeihe mir, Andreas, daß ich dieß gethan habe, ohne Dich zu fragen!“ Ihr verzeihen?! Keines Wortes mächtig, drücke ich ſie ſtumm an's Herz und bedecke ſie mit meinen Küſſen. „Genug, genug!“ ſagt das gute Mädchen errö⸗ thend,„Du könnteſt ſonſt glauben, ich hätte es aus Eigennutz gethan.“ Endlich reiße ich mich von ihr los und eile zur Anfangs denke ich nur an Ranelte; aber je mehr ich mich der Wohnung der Gräfin nähere, um ſo verlegener und beklommener werde ich. Ach, das Wohlthun iſt ſchwerer als man glaubt, vor Allem, wenn man mit zarter Schonunß dabei verfahren will. Und dann ſoll ich Adolphinen wieverſehen nach lan⸗ ger, langer Trennung! Ich fühle keine Liebe mehr für ſie, mein Herz gehört ganz Nanette an, und dennoch zittere ich bei dem Gedanken an das Wieder⸗ ſehen mit Adolphinen!... Aber Muth, vergiß alles Frühere und bedenke, daß ſie für dich nichts weiter iſt als eine Freundin und die Lochter deiner Wohl⸗ thäterin. Jetzt ſtehe ich vor ihrer Wohnung, einem Häus⸗ chen von beſcheidenem Ausſehen, und im vierten Stocke dieſes Hauſes wohnt— die frühere Beſitzerin eines glänzenden Hotels, die Herrin von mehr als zehn betreßten Dienern. Dergleichen Glückswechſel find faſt etwas Alltägliches, dennoch erfüllen ſie uns mit Wehmuth. Zitternd ſteige ich hinauf. Je weiter ich komme, um ſo mehr entſinkt mir der Muth. Vor der Thüre bleibe ich einen Angenblick ſtehen und ſammle friſche Kraft. Als Lucilie mich erblickt, ruft ſie laut aus vor Freude: „Wie werden die Damen ſich freuen! Ich will Sie geſchwind anmelden.“ „Halt, Lucilie! Erſt geloben Sie mir, daß Sie keiner meiner Angaben widerſprechen wollen.“ 123 „Ja, Herr Andreas, ich gelobe es.“ „Ich wünſche bei der Frau Gräfin reich, wenig⸗ ſtens wohlhabend zu erſcheinen und ich bin es wirk⸗ lich, denn meine Kunſt bringt mir genug ein.“ „O, Sie brauchen das nicht zu ſagen, ich errathe Ihren Beweggrund. Ich weiß, was Sie wollen und werde Ihnen nach beſten Kräften helfen.“ Wir treten ein. Das Zimmer iſt einfach, aber nicht ärmlich möblirt. „Meine junge Herrin iſt noch nicht auf,“ ſagt Lucilie.„Sie iſt ſeit einiger Zeit recht leidend, die Frau Gräfin weicht nicht von ihrer Seite. Ich will Sie anmelden, Andreas.“ Während ich im Zimmer warte, muß ich unwill⸗ kürlich an die Pracht des Hotels zurückdenken. Aber horch. man kommt.. die Thüre öffnet ſich, mein Herz pocht lauter.. meine Wohlthäterin iſt's; mit offenen Armen empfängt ſie mich. „Andreas,“ ruft ſie mit tiefbewegter Stimme, „mein lieber, guter Andreas!“ Ich werfe mich ihr zu Füßen, nehme ihre Hand und bedecke ſie mit Thränen. „Stehe auf, Andreas,“ antwortet ſie,„Dein Platz iſt an meinem Herzen.“ Dann heißt ſie mich neben ſich ſitzen. 2 „Du weißt Alles,“ ſagt ſie, mich zärtlich anſehend, „und ich weiß, was Du für uns gethan haſt.“ „Kein Wort davon, edle Frau.“ „Andreas, ich muß meinem Herzen Luft machen. Erkenntlichkeit iſt nur für den Undankbaren eine 124 Laſt; ich„ich bin ſtolz auf Deine Wohlthaten. Aber ſprich, mein Freund, Du darbſt um unſert⸗ willen?“ ½ „Gewiß nicht, edle Frau: ich bin noch reich; Ihnen verdanke ich die Bildung, die mir ein er⸗ wünſchtes Auskommen ſichert. Sie haben mich oft⸗ mals Sohn genannt, erlauben Sie, daß ich dieſes ſchönen Namens mich würdig zeige. Vertrauen Sie mir die Sorge für Ihre Zukunft: Gottlob, ich kann ſie auf mich nehmen. Nicht wahr, Sie gewähren mir meine Bitte?“ „Nein, Andreas, Du haſt genug gethan, ich darf nicht mehr von Dir annehmen. Meiner Hände Ar⸗ beit „Nein, nein, das dulde ich nicht! Ich ſage Ihnen, 1 ich bin noch reich. Entweder gewähren Sie die Bitte, oder ich muß glauben, daß Sie mir Ihre Freund⸗ ſchaft entzogen haben.“ Mit den Worten knie ich vor ihr und ihre 4 Hand in die meinige, die ſie mit ihren Thränen netzt. „Ich ſtehe nicht eher auf, bis Sie meinen Wunſch gewähren!“ rufe ich bewegt. „In dem Augenblick öffnet ſich die Thüre und herein tritt— Adolphines Großer Gott, welche Ver⸗ änderung iſt mit ihr vorgegangen! Sie iſt immer noch ſchön, aber jeder Zug ihres Antlitzes trägt die Spuren tiefſten Seelenleidens. Als ſie mich erblickt, fliegt eine plötzliche Röthe über ihre Wangen und verdrängt ihre gewöhnliche Bläſſe. 3 5 125 „Schon aufgeſtanden?“ ruft die Gräfin und eilt ihr entgegen. „Ja, Mutter: ich wollte Andreas ſehen; ich habe ſo lange nicht das Vergnügen gehabt.“ S Sch ſtehe wie eingewurzelt vor ihr. Wer be⸗ greift, was ich in dem Augenblicke fühle! Es über⸗ läuft mich baks heiß, bald kalt. Ich verſuche zu reden; umſonſt! Luſt und Leid theilen ſich in mich: letztere Empfindung ünerwiegt, wie mir ſcheint. „Madame. ſtottere ich kaum vernehmlich.“ „Deine Freundin, Deine Sohwefter ſteht vor Dir,“ ſagt die Gräfin.„Gib Andreas die Hand, Adolphine.“ Ich nähere mich ihr und ergreife die Hand, die ſie mir hinhält, aber mit abgewandtem Antlitz; ich glaube eine Thräne in ihrem Auge zu ſehen. Mit heißen Küſſen vedecke ich die Hand, die in der mei⸗ nigen brennt und zittert. Um meiner ſchmerzlichen Verlegenheit ein Ende zu machen, erkundigt ſich die Gräfin nach meiner Mut⸗ ter, nach Bernhard und meinen alten Freunden. Mit größtem Wohlgefallen hört ſie, was ich für meine Mutter gethan habe.— „Du biſt ein eben ſo guter Sohn,“ antwortet ſie, „als warmer Freund.“ Aus Furcht, meine Hülfe verſchmäht zu ſehen, verſchweige ich meiner Wohlthäterin meine Heirath mit Nanette. Adolphine ſpricht wenig. Sie ſieht mich oft heim⸗ lich an; ſobald ſich aber unſere Blicke begegnen, Paul de Kock LXRXRVIMI. 126 ſchlägt. ſte d das Auge nieder und wird unruhig, wie mir ſcheint. Gewiß denkt ſie an die ſchönen Tage unſerer Kindheit und vergleicht die Gegenwart mit jener ſeligen Vergangenheit. Aber die Zeit iſt um, ich muß zu Nanetten zürück. Beim Abſchiede bitte ich um die Erlaubniß, dann und wann die Gräfin beſuchen zu dürfen „Andreas,“ ſagt ſie,„Du biſt unſer einziger Freund. Wir können Dich nicht oft genug ſehen.“ Ich küſſe die Hand meiner Wohlthäterin und nä⸗ here mich dann Adolphinen. Sie erhebt ihr mattes Auge auf mich und ſagt gezwungen lächelnd: „Ich hoffe Sie bald wiederzuſehen, Andreas.“ „Ja, Madame,“ ftottere ich und eile mit gedrück⸗ tem Herzen fort. Ehe ich das Haus verlaſſe, drücke ich Lucilien das Geld in die Hand; ſie will mir dan⸗ ken, aber ich bin ſchon verſchwunden. Auf der Straße athme ich freier. O, wie ſchwer iſt mir dieſe Zuſammenkunft geworden! Aber nach gethaner Pflicht iſt gut ruhen. So will ich denn nur an's Vergnügen, an die Liebe, an Ranetten denken! Nanette kommt mir in ihrem neuen, ſelbſtgemach⸗ ten Kleide entgegen. Ich leſe die Unruhe in ihren Augen, aber eine kurze Umarmung und das Lächeln iſt auf ihre Lippen zurückgekehrt. Stillſchweigend bittet ſie mich um Verzeihung für die Unruhe, die ſie meinetwegen empfunden. Wir ſind jetzt Alle beiſammen. Die Geſellſchaft beſteht aus Bernhard, Peter und zwei alten Freunden 127 des guten Auvergnaten. Jeder iſt in ſeinen beſten Kleidern und Peter hüpft und ſpringt im Zimmer herum, als wolle er ſich für das Tanzen eniſchädigen. Da wir nur ſechs Perſonen im Ganzen ſind, wird ein einziger Fiaker uns genügen. Während p wir in den Wagen ſteigen, hat ſich die ganze Nach⸗ barſchaft eingefunden, um die Braut zu ſehen, und meiner Seel', ſie darf ſich ſehen laſſen! Sie hat keine Spöttereien über den jungfräulichen Kranz, der ihre Stirne ſchmückt, zu fürchten. Nicht alle jungen Mädchen, die in den Stand der Ehe treten, können das müßige Geſchwätz und den prüfenden Blick der Nachbarsleute ſo ungeſcheut aushalten wie Nanette. Wir ſitzen zwar etwas eng im Fiaker, aber was macht das. Luſtig und guter Dinge fahren wir un⸗ ſeres Weges, denn unſere Hochzeit gehört nicht zu denen, wobei die Welt ſich lächelnd anſieht. Ich kann das ernſte, ſchweigſame Ausſehen ſo mancher Neuvermählten nicht ausſtehen. Es ſcheint mir immer, als verſtecke ſich dahinter das Vorgefühl S von demnächſt bevorſtehendem Unwetter. Wir haben jetzt den Segen der Kirche zu unſerem ehelichen Bunde empfangen. Sie iſt mein! mein auf 1 immer! mein liebes, gutes Weib! Wie gerne nenne 3 ich ſie bei dieſem Namen und wie gerne hört ſie ihn! Welche Liebe leuchtet aus jedem deiner Blicke, Na⸗ nette! Von der Kirche fahren wir zu Vater Bernhards Wohnung zurück, wo eine dienſgefällige Nachbarin 3 inzwiſchen das Diner angerichtet hat. Wir ſetzen uns an den Tiſch, lachen, trinken und ſingen. Oſt ſehen wir uns ſeufzend an, Nanette und ich, aber wir wiſſen recht gut, warum? und das hat Nichts auf ſich! Nach der Mahlzeit tanzen wir ſo heiter und froh wie die Kinder von ehemals. Aber dießmal haben wir den Tanz bälder ſatt als ſonſt; um zehn Uhr wünſchen wir der Geſellſchaft eine ruhſame Nacht. Peter bleibt bei Bernhard und ich..ich führe trium⸗ phirend meine Braut, meine vielgeliebte Nanette in meine, in unſere eheliche Behauſung! Achtes Kapitel. Letzte Prüfung.— Rückkehr nach Savohen. Liebe, Ordnung und Fleiß verſprechen unſerer kleinen Haushaltung ein dauerndes Glück. Ich ar⸗ beite an einem neuen Gemälde, Nanette näht Klei⸗ der, Peter fegt ſeine Kamine und Vater Bernhard ruht, das iſt ihm zu gönnen. In Savohen könnten wir in dem niedlichen Häuschen der guten Mutter wie die Prinzen leben. Aber die Pflicht der Dank⸗ barkeit gegen meine Wohlthäterin und ihre Tochter hält mich ſo lange in Paris zurück, bis ihr Schick⸗ ſal entſchieden iſt. Ich darf ſie um ſo weniger ver⸗ laſſen, als alle Welt ſie verläßt. In den erſten Tagen nach unſerer Heirath gibt . 129 es unendlich viel Zerſtreuungen, kaum, daß ich eine Stunde vor meinem Gemälde ſitzen kann; auch Nanette ſteht jeden Augenblick auf... wir haben uns halt tauſend Dinge zu ſagen. Aber bei aller Lieve, die aus ihren Augen leuchtet, iſt ſie die Sin⸗ nigkeit und Vernunſt ſelbſt.„Freund,“ ruft ſie mir zu, wenn ich zu oft den Pinſel niederlege,„bedenke, du haſt viele Pflichten auf Dir!“ Seufzend kehre ich dann an die Arbeit zurück. Gottlob können wir Maler Abends ausruhen, und dann entſchädige ich mich bei ihr für die Entbehrungen des Tages. Das liebe, gute Weib iſt die erſte, die mich auf⸗ fordert, meine Wohlthäterin zu beſuchen. Mit jedem Augenblicke entdecke ich neue Tugenden, neue Reize an meiner Lebensgefährtin. Ihr Geſpräch iſt einfach und kunſtlos, natürlich und doch ſo zauberiſch; ihr Geſchmack zart und gebildet; ihr Geiſt anmuthig und liebenswürdig; Nichts iſt in Sprache und Benehmen, was im Geringſten gegen die zarte Lebensart ver⸗ ſtieße, und doch iſt ſie nur die Tochter eines ſchlich⸗ ten Waſſerträgers. Wer hat ſie das gelehrt? Offen⸗ bar gehört ſie zu den von der Natur vorzugsweiſe begünſtigten Geſchöpfen, zu jenen reinen Naturkin⸗ dern, die Alles aus ſich ſchöpfen und keiner Unter⸗ weiſung bedürfen. Mein zweiter Beſuch bei der Frau Gräfin fällt mir ſchon leichter, und doch fühle ich mich gedrückt, wenn ich Adolphinen anſehe. Ach, die erſten Ein⸗ vrücke kommen ſchnell und verſchwinden langſam, ſehr langſam! Meine Wohlthäterin zürnt, daß ich ſo lange habe auf mich warten laſſen; ſie will, daß ich öfter komme, weil ſie Niemand ſehe und ſpreche außer mir. Adolphine iſt noch immer ſchwach und leidend. Ich habe bisher keine Gelegenheit gehabt, ſie allein zu ſehen, auch wünſche ich ſie nicht mehr herbei; im Gegentheil, mir ſcheint, ich würde dann noch verlegener ſein. Madame erkundigt ſich theilnehmend nach dem Erſolge meiner Arbeiten. Ich antworte ihr, daß es auf's Beſte gehe. Aus dergleichen Nothlügen, in reiner Abſicht geſagt, mache ich mir kein Gewiſſen. „Gottlob, daß es Dir gut geht, Andreas,“ ſagt ſie.„Ich wünſche nur, Dein edles Benehmen wäre überall bekannt!“ Ehe ich fortgehe, erkundige ich mich bei Lucilien, ob die Frau Gräfin und ihre Lochter im Geringſten Mangel leiden. Bei der Gelegenheit höre ich, daß Erſtere ſtickt, wenn Letztere ſchläft, damit ihre Toch⸗ ter ja nichts davon merke. Arme, arme Frau, da ſieht man, wie beneidenswerth der Reichthum iſt geſchwind zu meinem Pinſel zurück! Ein Lächeln Nanettens verſcheucht alle trüben Gedanken. Als ich ihr die Urſache meiner Betrüb⸗ niß erzähle, küßt ſie mich und ſagt: „Wir ſind Beide noch jung, mein Freund! Ar⸗ beiten wir tüchtig vorwärts, dann wirſt Du bald mehr thun können für Deine alte Wohlthäterin und gewiß nicht weniger glöcklich ſein.“ Meine Antwort iſt, daß ich ſie an mein Herz drücke. 13¹ Wir ſind jetzt drei Monate vermählt. Ich habe inzwiſchen mein Gemälde verkauft, aber der Käufer meiner früheren Arbeiten iſt leider auf dem Lande; das letzt gefertigte iſt nicht ganz nach Wunſch ge⸗ lungen. Mein Weibchen ſteckte mir zu viel im Sinn; dafür will ich dem neuen allen meinen Fleiß und alle meine Liebe zuwenden. Aber wie wird es mir gehen, bis es fertig iſt! Werden nicht die beiden Damen allerlei dringende Bedürfniſſe haben? denn das letzte Geld muß bald ausgegeben ſein. Dazu kommt, daß mein eigener Hausſtand, wie beſcheiden er ſein mag⸗ immerhin Auslagen verlangt. Oft wird es mir etwas ſchwül vabei, und nicht immer gelingt es Nanette, die Sorge von meiner Stirne wegzu⸗ lächeln. Zwar betheuert ſie ein über's andere Mal, daß ſie Nichts brauche für die Haushaltung, und heißt mich unbeſorgt ſein für die Zukunft; allein wie ſoll es werden, wenn die junge Marquiſin ernſtlich krank wird, wozu es, leider! ganz den Anſchein hat? Eines Tages, als ich vie beiden Damen beſuchen will, treffe ich Niemand als— Adolphine. Die Gräfin und Lucilie ſind Beide ausgegangen. Ich bin mit Adolphine nicht allein geweſen ſeit jenem verhängnißvollen Tage, wo ich ihr meine Liebe geſtand und bald darauf vom Grafen überraſcht wurde. O, wie ſchmerzlich iſt mir der Gedanke! Ich weiß nicht, ob Adolphine gleichfalls dieſes Um⸗ ſtandes gedenkt; aber ſie ſcheint eben ſo verwirrt wie ich. . 132 Ich ſetze mich neben ſie. Nach einigen Erkundi⸗ gungen hinſichtlich ihres und ihrer Mutter Befinden ſtockt das Geſpräch. Ich weiß nicht, was ich ihr ſagen ſoll; die Flut von Erinnerungen, die auf mich ein⸗ ſtürmt, läßt mich nicht zur Beſinnung kommen. Adol⸗ phine iſt eben ſo ſtumm. Wir ſitzen da wie zwei Ver⸗ brecher, die ſich vor dem Bekenntniß ihrer Thaten ſcheuen, oder wie zwei Liebende, die mit einander grollen, und doch ſind wir weder das Eine noch das Andere. Ich ſehe fortwährend nieder, doch höre ich, wie ſie ſeufzt. Offenbar leidet ſie. Es iſt mir, als werde ich von ihr angeſteckt, denn ich fühle mich unendlich beklommen. Endlich bricht ſie das Schweigen und ſagt mit zitternder Stimme: „Wir haben uns lange nicht ohne Zeugen geſehen und geſprochen, Andreas. Ich möchte wiſſen.. Sie kann nicht weiter. Mit geſpannteſter Erwar⸗ tung horche ich auf. „Was Sie von mir gedacht haben, Andreas,“ fährt ſie nach einer Pauſe zitternd fort,„als Sie meine Heirath mit Herrn von Therigny erfuh⸗ ren?“ „Ich dachte, Madame, daß dieſe en Ihrer Familie zuſage„ und daß. Nichts. ihr im Wege ſtehe.“ „Auch, daß ich glücklich werden könne?“ „Ja, Madame.“ Sie ſchweigt. Habe ich ihr wehe gethan? Ich ſehe ſie an. O Himmel, die Thränen rinnen über 133 ihre Wangen. Eben will ich ihre Hand ergreifen, als die Frau Gräfin in's Zimmer tritt. „Was fehlt Dir, Adolphine?“ fragt ſie, erſchreckt über den Zuſtand ihrer Tochter. „Nichts, Mutter, Nichts!“ ſtottert ſie und verſucht zu lächeln.„Ein Schwindel.“ „Armes Kind!“ Ich will den Arzt holen, aber Adolphine gibt es nicht zu. Bald gelingt es ihr, die Mutter zu be⸗ ruhigen; aber mich täuſcht ſie nicht. Tief bewegt kehre ich nach Haus zurück. Ver⸗ gebens ſuche ich zu arbeiten: es will nicht gehen; kaum kann ich den Pinſel halten. Ich lege mich bald in's Bett nieder, aber die Erlebniſſe dieſes Tages laſſen mir keine Ruhe. Mitten in der Nacht wache ich auf; Nanette iſt nicht bei mir! Ueberraſcht, un⸗ ruhig ſtehe ich in aller Stille auf. Endlich ſehe ich ſie im Nebenzimmer beim Schein ihres Lämpchens an der Arbeit ſitzen. Die Gute! während ich glaube, daß ſie ſchläft, arbeitet ſie die Nächte durch! Sie hat mich gehört und kommt erröthend auf mich zu. Und was thut ſie? Sie bittet mich um Verzeihung, daß ſie in der Nacht arbeite, und ver⸗ ſichert mich, daß es keine Anſtrengung, ſondern ein Vergnügen für ſie ſei. So viel Liebe, ſo viel Güte kann mich an Nanette nicht mehr überraſchen; ich kenne ſie. Aber wie quält es mich, daß ich ihr nicht nach Verdienſt dafür lohnen kann! Und was antwortet ſie? Meine Liebe ſei ihr ſchönſter Lohn! Solcher Edelmuth befeuert meinen Muth„auf's 134 Neue. Ich arbeite eifriger denn je zuvor, und meine Anſtrengungen werden mit dem ſchönſten Erfolge ge⸗ krönt. Denn eines Morgens tritt ganz unerwartet der reiche Kunflkenner, der meine erſten beiden Ge⸗ mälde mir abkaufte, in's Zimmer und erkundigt ſich nach meiner neueſten Arbeit. Ich zeige ſie ihm und ernte dafür ſeinen vollen Beifall. Das Ende iſt, daß er ſie mir für eine bedeutende Summe ab⸗ kauft. Man denke ſich meinen Jubel! Jetzt muß Nanette verſprechen, ſie mag wollen oder nicht, daß ſie das nächtliche Arbeiten aufſteckt. Wie gerne ſchenkte ich ihr ein kleines Geſchmeide; aber ſie will durchaus nichts annehmen, erinnert mich dagegen an meine Pflicht gegen meine Wohlthäter. Seit dem letzten Téte-à-Téte mit Adolphine iſt ſie eben ſo ſchweigſam wie zuvor. Wenn ich komme, lächelt ſie und ſcheint erfreut über meine Gegenwart, aber gleich darauffälltſie in ihre alte Schwermuth zurück. Nach Verfluß einiger Zeit gehe ich wieder zu den beiden Damen, ohne den ſchönen Erfolg meiner jüngſten Kunſtbeſtrebung zu melden. „Wir waren recht beſorgt Deinetwegen,“ ſagt die Fran Gräfin;„wir fürchteten, Du ſeieſt krank, drum hab' ich Lueilie zu Dir geſchickt.“ Wie dankbar ich auch bin für den neuen Beweis ihrer Theilnahme, ſo iſt mir doch nicht recht damit gedient, denn ich fürchte, daß Lucilie auf dieſe Weiſe meine Heirath erfährt und ſie ausplaudert. Ich ſuche meine Unruhe zu verftecken und will mich eben empfehlen, als Lucilie raſch in's Zimmer tritt. —, k 135 „Ich komme eben von Ihrer Wohnung, Herr Andreas,“ ſagt ſie, bedeutſam lächelnd. Ich winke ihr zu ſchweigen, aber ſie verſteht mich nicht oder will mich nicht verſtehen. „Du haſt Niemand gefunden!“ ſagt die Frau Gräfin. „Doch, doch, gnädige Frau: eine recht liebens⸗ würdige Perſon.“ „Gewiß ſeinen Bruder!“ „Nein, Madame, es war kein Herr.“ Die Frau Gräfin hält mit Fragen ein, aber Adol⸗ phine ſieht mich erſtaunt an. Ihr blaſſes Antlitz be⸗ deckt ſich mit einer flüchtigen Röthe. Ehe ich Lurilie zuwinken kann, hat ſie mein Geheimniß bereits ver⸗ rathen. „Entſchuldigen Sie gütigſt, gnädige Frau aber Herr Andreas hat uns nichts davon geſagt, daß.. denken Sie, Madame... daß er verheirathet ſei.“ „Verheirathet?“ „Ja, Madame, mit ſeiner lieben Nanette, die ich heute zuerſt geſehen habe und in der That allerliebſt fand.“ „Iſt dem ſo, Andreas?“ fragt meine Wohlthäterin. „Ja, Madame,“ ſtottere ich verlegen. „Und warum ſagteſt Du das nicht?“ Während ich nach einem Vorwande ſuche, blicke ich zufällig auf Adolphine. Großer Gott! blaß wie der Tod, iſt ſie bewußtlos in die Ecke des Sopha's geſunken. Auf meinen Schrei ſieht ſich die Frau Gräfin nach ihrer Tochter um. Schnell eilt ſie ihr zu Hülfe, nimmt ſie in ihre Arme und ruft ſie laut bei Namen, während Lucilie und ich Alles thun, um ſie in's Leben zurückzurufen. Aber unſere Anſtrengungen ſind umſonſt; ihre Augen bleiben geſchloſſen. Mit Blitzes ſchnelle eile ich zum Arzte und hole ihn herbei. Endlich gelingt es ihm, ſie aus ihrer Ohnmacht zu wecken. Sie öffnet die Augen, ſieht erſt mich, dann die Mutter an und ruft mit ſchwacher Stimme: „Fürchtet Euch nicht, es iſt von keiner Bedeutung.“ Nachdem wir ſie in's Bett getragen haben, ent⸗ ferne ich mich mit dem Arzte. Auf meine Frage nach dem Zuſtande Adolphinens gibt er mir die wenig tröſtliche Antwort, daß die Urſache der Krankheit ein tiefgewurzeltes Seelenleiden ſei, woran alle An⸗ ſtrengungen der Kunſt ſcheitern müſſen. Ach, ich fürchte, ich errathe die geheime Urſache dieſes Seelen⸗ leidens! Als Nanette von dem beunruhigenden Zuſtande Adolphinens hört, erbietet ſie ſich zu allen möglichen Hülfeleiſtungen: ſie will bei ihr wachen, ſie pflegen. Aber ich glaube nicht, daß die Gegenwart Nanettens wohlthuend auf die Kranke einwirkt. Abends ſpreche ich bei der Frau Gräfin vor. „Adolphine iſt ruhig,“ ſagt Lucilie.„Madame weicht nicht von der Seite ihrer Tochter.“ Von dort aus gehe ich zum Arzte und bitte ihn, der Kranken alle mögliche Sorgfalt zu ſchenken. „Ich will thun, was in meinen Kräften ſteht,“ ſagt er kopfſchüttelnd;„aber es wird Richts helfen.“ Nanette iſt faſt eben ſo unruhig über den Zuſtand 7 . ——,— 137 der Kranken, als ich es bin. Kaum liege ich in meinem Bette, ſo ſchreckt mich Adolphinens Bild aus dem erſten Schlafe auf. Gleich darauf wird laut an die Hausthüre geklopft. Eine geheime Ahnung ſagt mir, daß es mir gelte. Ich ſtehe auf, kleide mich eiligſt an und öffne die Thüre. Ach, ich habe mich nicht getäuſcht. Lucilie ſteht vor mir, in Thränen gebadet. „Kommen Sie geſchwind!“ ruft ſie mir zu.„Die junge Marquiſin iſt von einem hitzigen Nervenfieber befallen. In ihren lichten Augenblicken verlangt ſie nach Ihnen; ſie will Sie ſehen, mit Ihnen ſprechen!“ Ich folge Lucilie; ſchweigend gehen wir neben einander. Endlich ſind wir vor dem Hauſe. „Und der Arzt?“ frage ich. „Iſt oben bei der Frau Gräfin, die in Verzweif⸗ lung iſt über den Zuſtand ihrer Tochter.“ Ich trete in das Krankenzimmer. Sie ſieht mich nicht; ſie liegt in den Armen ihrer Mutter. Das Fieber hat eben ſeinen Höhepunkt erreicht. Wir treten an ſie heran, ſprechen zu ihr; ſie nennt meinen Namen, aber ſie erkennt mich nicht. Auch Nanettens Name kommt über ihre Lippen; zugleich macht ſie eine Bewegung mit der Hand, als wolle ſie Etwas von ſich abwehren. Dann drückt ſie die Hand an die Bruſt und ruft in wahrhaft herzzerreißendem Tone: „Er iſt da immer da ich kann ihn nicht fortkriegen von da! Aber er liebt mich nicht mehr... er kann mich nicht mehr lieben... Hierauf fällt ſie in einen tiefen Schlaf, woraus ſie bald ruhiger und mit vollkommenem Bewußiſein erwacht. Meine Gegenwart ſcheint ihr wohl zu thun, denn ſie lächelt die Mutter an und bittet mit faſt erſtickter Stimme: 2 „Erlauben Sie, liebe Mutter, daß ich mit Andreas einige Worte rede.. zum letzten Male. Dann will ich Sie nicht mehr verlaſſen.“ Die Gräfin umarmt ſiec, worauf der Arzt die Mutter in's Nebenzimmer führt. So ſtehe ich denn allein vor Adolphinens Bett; ihre Augen find vom Weinen aufgeſchwollen. Sie reicht mir, der ich kaum das Schluchzen unterdrücken kann, ihre Hand und ſagt: „Andreas, meine letzte Stunde iſt nahe; ich bin es zufrieden, denn ich kann doch nicht mehr glücklich ſein. Sage mir, daß Du mich geliebt haſt... nenne mich noch einmal Deine Adolphine wie in den ſchönen Tagen unſerer Kindheit.. und ich ſterbe zufriedener.“ „Adolphine!... meine Adolphine!. bleibe bei uns bei mir... bei Deiner Mutter! Bleibe bei uns, die wir Dich lieben... und wie lieben...“ „Nein, Andreas. genug jetzt. ich ſterbe glücklich. lebe wohl, und verlaß meine Mutter nicht. Ich will noch einmal ihre Hand drücken, aber ſie iſt eiskalt.. Adolphine hat die Augen auf immer geſchloſſen! In dem nämlichen Moment kommt die Gräfin zurück. Schnell gehe ich ihr entgegen und nehme ſie mit in's andere Zimmer. Sie fragt nach ihrer Toch⸗ 139 ter. Ach, mein Schweigen ſagt genug! Sie fällt mir in die Arme. Mit Hülfe Luciliens trage ich ſie in den Wagen des Arztes, welcher ſie in meine Woh⸗ nung bringt. Alsbald kehre ich zu der Entſeelten zurück und bleibe bei ihr, bis die letzten ſchmerzlichen Pflichten erfüllt ſind. Eine einfache beſcheidene Gruft deckt die ſterblichen Ueberreſte dieſes Weibes, das in den achtzehn Jahren ihres kurzen Daſeins die außerordent⸗ lichſten Wechſelfälle des Glückes erlebte. Dank der angeſtrengteſten Pflege von Seiten des Arztes, Luciliens, meiner Frau und mir gelingt es uns endlich, die troſtloſe Mutter zu beruhigen. Wir beweinen Avolphine mit ihr wie eine Tochter und Schweſter. Jetzt hält uns nichts mehr in Paris zurück; im Gegentheil wird der Aufenthalt unter dem reinen Himmel Savoyens der Gräfin unendlich wohlthuend ſein. Bald nach dem Tode ihrer Tochter erfährt die Frau Gräfin, daß Herr von Therigny, nachdem er das geſtohlene Geld bis auf den letzten Heller ver⸗ ſpielt hatte, in einem Duell geblieben ſei. Den flehentlichen Bitten Nanettens, vereint mit den mei⸗ nigen, gelingt es endlich, die Frau Gräfin dahin zu bringen, daß ſie einwilligt, uns nach Savopen zu folgen und uns wie ihre Kinder anzuſehen. „Ja, Ihr ſeid meine Kinder,“ antwortet die Gräfin und drückt uns an ihr Herz.„Du, Andreas, haſt unendlich mehr an mir gethan, als ich ver⸗ diente, und Du, liebe Nanette, obgleich wir uns erſt 140 ſeit Kurzem kennen, haſt mich mit kindlicher Sorgfalt gepfleßt. Ich erkenne Eure Liebe und bleibe hinfort bei Euch; Ihr ſeid mein Ein und Alles.“ „Und Sie gehen mit uns nach Savoyen?“ „Wohin Ihr wollt!“ O, die Freude über die Rückkehr in die liebe Hei⸗ math! Alle Vorkehrungen ſind bereits getroffen; Peter und Bernhard zur Reiſe gerüſtet. Gerne hätten wir Lucilie mitgenommen; allein ſie zieht es vor, einem jungen achtzehnjährigen Manne, der eine tüch⸗ tige Hausfrau ſucht, ihre Hand zum ehelichen Bunde zu reichen. „Er iſt zwar noch ein Kind,“ ſagt Lucilie,„aber ich will ihn heranbilden.“ Mit dergleichen Heran⸗ abgegeben. Endlich iſt der Tag der Abreiſe da. Ich habe für uns Fünf eine Berline genommen, denn ich will die Frau Gräfin nicht allein im Poſtwagen reiſen laſſen. Gerührt von den vielen Freundſchaftsbeweiſen, die ſie bei uns findet, gibt ſie uns oft die Hand und ſagt mit thränendem Auge: „Ihr bringt es am Ende noch dahin, daß ich mit dem Leben mich wieder ausſöhne!“ Heimathberge am Horizont aufſteigen ſahen! Nanette iſt ganz ſo außer ſich wie Peter und ich. „Alſo das iſt Euer Geburtsland!“ ruft ſie ein über's andere Mal. Derwohlbekannten Barriére werfen wir als einem alten Freund unſern herzlichen Gruß zu. bildungen hat ſich die gute Lucilie von jeher gerne Wer ſchildert unſern Jubel, als wir die lieben 141 Ich habe ihnen Allen viel von dem niedlichen Häuschen der Mutter erzählt; aber ſo hübſch hatten ſie ſich's doch nicht gedacht. „Das iſt ja ein Schloß!“ rufen Bernhard und Nanette. „Welch reizender Aufenthalt!“ ſagt die Gräfin. „In Eurer Mitte,“ falle ich ein,„iſt es meine Welt. Nie ſollen meine Wünſche weiter gehen als bis an die Berge, die unſern Horizont einſchließen. Das ſchwöre ich!“ Die Freude der Mutter begreift nur der, der ſie mit angeſehen hat. „Wir kommen, um nie wieder zu ſcheiden von Dir, liebe Mutter.“ „Nie wieder?“ ruft die Mutter.„Ihr wollt nie wieder nach Paris zurück?“ „Nie; wir bleiben ſtets bei Dir.“ „Und Du auch, Peter? Haſt Du Dich von den Omeleites ſoufflöes und Paſtetchen trennen können?“ „Ich habe ſie ſatt gekriegt,“ antwortet Peter und legt die Hand auf's linke Auge. Die Frau Gräfin und meine Mutter haben ſich bald recht lieb gewonnen. Die Tugend macht alle Stände einander gleich und ebnet alle Unterſchiede des Ranges und Vermögens. So ſind wir denn in unſerm niedlichen Häuschen auf's Behaglichſte eingerichtet. Die Frau Gräfin be⸗ wohnt das ſchönſte Zimmer; ſie weigerte ſich zwar, aber dieß iſt das einzige Mal, daß ich gegen ihren Paul de Kock. LXRXVII. 10 142 Willen handelte. Das Glück iſt mit uns eingekehrt in dieſen friedlichen Aufenthalt. Peter beſtellt den Garten; Vater Bernhard pilft ihm dabei, ſo gut es ſein Alter erlaubt; die übrige Zeit ſitzt er bei der Mutter. Meine edle Kunſt, der ich mich von ganzem Herzen widme, nährt uns nicht bloß, ſondern erlaubt uns auch, dann und wann einiges Gute zu thun in der Umgegend. Zum Schluß gedenke ich dankbar meiner Vaterfreuden: mein theures Weib hat mir zwei geſunde Buben geſchenkt. Wenn der Winter unſere Bergbewohner um ihren gaſtlichen Herd ver⸗ ſammelt, dann erneuere ich meine ſchönen Jugend⸗ tage, indem ich Schneeball ſpiele mit meinen Jungen. .. Inhalt des erſten Theils. Erſtes Kapitel. Ein Schneegemälde.— Die Savohar⸗ denfui Zweites Kapitel. Die Reiſenden.— Die kleine Schlä⸗ Drittes Kapitel. Sie erwacht.— Abreiſe der Fremden Viertes Kapitel. Der Tod eines Vaters.— Nothwendige Trennung Fünftes Kapitel. Die kleinen Saboharden.— Schrecken und Freude. Sechstes Kapitel. unſer ſir ve. Peiers erſte Heldenthat. Inhalt des zweiten Theils. GErſtes Kapitel. Das junge Mädchen und ihr Zeiſig Zweites Kapitel. Peter macht wieder einen dummen Streich.. Drittes Kapitel. Ankunfti in Paris.—unvorhergeſe⸗ henes Ereigniß. Viertes Kapitel. Der Waſſerträger.— Die guten Leute Fünftes Kapitel. Begegnung.— Unfall.— Neuer Beſchützer. Sechstes Kapitel. Das Atelier des Malers.——Serr Roſſignol. Siebentes Kapitel. Das Hriginal des Porträts Achtes Kapitel. Der,— Das Kammer⸗ mädchen Inhalt des dritten Theils. Erſtes Kapitel. Schelmſtücke des Herrn Roſſignol. Zweites Kapitel. Erſte Regungen des Herzens.. Drittes Kapitel. Das Feuerwerk und ſeine Folgen Viertes Kapitel. Ich bin kein Kind Fünftes Kapitel. Ein neuer Ankömmling.— Abreiſe Sechstes Kapitel. Die Schweizerreiſe. Inhalt des vierten Theils. Erſtes Kapitel. Die Rückkehr nach Paris.— Ich ver⸗ iſe* Zweites Kapitel. Unverhofftes Zuſammentreffen 2 Drittes Kapitel. Herrn Dermilly's Tod.— Ich bin reich.— Peter macht Dummheiten. Viertes Kapitel. Reiſe nach Savoyen.— Ankauf.— Schnelle Rückreiſe Fünftes Kapitel. Die Zuſammenkunft.— Das Duell. — Reine Hoffnung mehr. Sechstes Kapitel. Verſchiedene Arten Liebe. Inhalt des fünften Theils. Erſtes Kapitel. Peter und Roſſignol Zweites Kapitel. Franzens Karrik Drittes Kapitel. Wie Peter haushält. Viertes Kapitel. Sechs Monate und acht Tage Fünftes Kapitel. Die Folgen von Peters Haushaltung Sechstes Kapitel. Zurüſtungen zur Hochzeit.— Letzter Streich Roſſignols 1M Siebentes Kapitel. Leid und Luſt Achtes Kapitel. Letzte Prüfung.— Rüctehr nach Su 8 S Seite 38 70 81 93 112 114 n 10 11 12 14 15 16