Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, beutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Sechsundachtzigfter Theil. G Stuttgart: Scheible, Rieger 4 Sattler. 1846. ——— ————————— ————————— ——————————— Anbrens, r Savoyardr. Von Paul de Boch. Deutſch bearbeitet von Pr. Heinrich Elsner. Vierier Theil. G Stuttgart: Scheible, Uieger Sattler. 1846. v Erſtes Kapitel. Die Rückkehr nach Paris.— Ich verlaſſe bas Hotel. Nach dreimvnatlichem Aufenthalt in Genf ſchiffen wir uns auf der Rhone nach Lyon ein. Die Ufer der Rhone erquicken Geſunde und Kranke gleich ſehr; mehrere Wochen lang bewundern wir die herrlichen Landſchaften an beiden Seiten des Stromes. Das Rhonethal iſt weniger maleriſch als die ſchönen Schweizerthäler, aber immerhin würdig des Pinſels. Endlich denkt Herr Dermilly an die Rückkehr. Wir kommen in Lyon an und reifen nach achttägigem Aufenthalt in dieſer Stadt, welche die Erinnerung an den armen Peter und ſein Abenteuer in mir wieder auffriſcht, unſeres Weges weiter. Die wankende Ge⸗ ſundheit Herrn Dermilly's nöthigt uns von Zeit zu Zeit zu raſten, und erſt nach neunmonatlicher Abwe⸗ ſenheit ſehe ich Paris wieder, wo ich das erſte Mal tanzend und ſingend mit dem verlorenen Bruder ein⸗ zog. Wie iſt jetzt Alles ſo anders geworden! „Andreas,“ ſagt Herr Dermilly, als wir in die Barriéren der Hauptſtadt einfahren,„Du kehrſt in das Hotel des Herrn Grafen zurück, doch faſt glaube ich nur vorläufig. Was auch kommen mag, vergiß nicht, 6 daß ich Dich als meinen Sohn anſehe und daß meine„ Wohnung die Deinige iſt.“ Edelmüthiger Mann, wodurch habe ich ſo viel Güte verdient? Und doch brenne ich vor Ungeduld, ihn zu verlaſſen und in's Hotel zurückzukehren. So undankbar macht die Liebe, ohne je Erſatz zu bieten für die Schwächen und Fehler, wozu ſie Anlaß gibt. Es iſt acht Uhr Abends, als ich das Hotel be⸗ trete. Verlangend ſehe ich hinauf zu den Fenſtern von Adolphinens Gemach: ſie iſt da⸗ mein Herz ſagt mir's; aber werde ich ſie zu Geſicht bekommen heute Abend? Ich fürchte Vater und Neffen. Nein, ich will nicht zu ihr. Geſchwind zu Lucilien! Wenn nur Lucilie im Zimmer iſt. Doch ja, der Schlüſſel ſteckt. Im Vorzimmer höre ich, wie ſie in ihrer Schlafkammer ſich laut unterhält. Wer mag das ſein? Adolphine? Unmöglich! Ich kann nicht umhin, ein Weilchen zuzuhorchen- „Hurtig, John, Ihre engliſche Lektüre. Aber drängen Sie nicht ſo mit Ihren Beinen gegen meine.“ „RS Mis“ 5 „Immer ves, Ves. Schon wieder treten Sie mir auf die Füße.“ „Ves, Miss.“ „Halten Sie ſich ruhig, John, und ſagen mir, was zich liebe Sie auf Engliſch heißt.“ „I love vYou, Miss.“ „Ai love Wie weit man das Mäulchen auf⸗ reißen muß. Gottlob habe ich hübſche Zähne At love.“ † 7 „I love you for sver.“ „For ever? Was heißt das?“ „For ever, Miss ick liebe Ihnen für viel Seit„ „Ha ha ha! Wie komiſch das klingt! und da⸗ bei ſieht er mich an, als wäre er zwanzig Jahre alt. Ha ha ha!“ „For ever, Miss.“ „Ja, ja, ich verſtehe.. haltet doch die Kniee ruhig, kleiner Jokey. Mein Gott, wie feine Haut die Engländer haben, erſt jetzt ſehe ich das... und was heißt: küſſen Sie mich, John?“ „Kiss me.“ „Kiss me? Ha ha! wie drollig!... Das kann ich leicht nachſagen: Kiss me.. Kiss me.. na, wollt Ihr gleich aufhören, Schelmchen er erdrückt mich noch!“ Plötzlich reiße ich die Thüre auf, um dem engli⸗ ſchen Unterricht ein Ende zu machen, und ſehe, wie Mamſell Lucilie die Hand eines kleinen, roſigen, paus⸗ backigen Blondins in der ihrigen drückt. Es hat mir ganz den Anſchein, als lerne er ungleich ſchneller denn wir Savoyarden. Kaum erkennt mich Lucilie, ſo ſchreit ſie laut auf und wird bis über die Ohren roth, während der kleine Jokey mich verdutzt anblickt. Aber ſchnell be⸗ ſinnt ſie ſich und winkt ihrem Schüler fortzugehen. „Für heute iſt's genug,“ ſagt ſie,„morgen mehr!“ Maſter John grüßt ſie faſt mit betrübter Miene und ſchleicht ſich leiſe bhrummend aus dem Zimmer fort. 8 „Alſo wieder zurück, Andreas?“ ſagt Lucilie, auf mich zukommend.„Das nennt man Ueberraſchung.“ „Ich ſah, wie wenig Sie auf einen Beſuch von mir gefaßt waren.“ „Wie ſo, mein Herr? Sie ſind doch nicht eifer⸗ ſüchtig auf ein Kind, he?'s iſt ja nur Spaß, der engliſche Unterricht, nur Spaß. Auf John eiferſüchtig ſein! ha ha ha!“ „Nicht im Geringſten, Mamſell Lucilie, ich ver⸗ ſichere Sie „Um ſo beſſer! Aber wie groß Sie geworden ſind, Andreas, vollſtändig zum Mann erwachſen. Ich darf jetzt nicht mehr Du ſagen. Und Sie küſſen mich nicht'mal⸗ Andreas? Haben Sie die Artigkeit auf Reiſen verlernt?“ „Wie geht es der gnädigen Frau? dem gnädigen Fräu. lein?“ „Sie haben ſie noch nicht geſehen 2. „Nein, ich komme ſo eben erſt an.“ „Sie werden jetzt allein ſein. Madame klagte über Kopfſchmerz heute Morgen und hat keine Be⸗ ſuche angenommen.“ „Sie ſind allein? So will ich hinunter.“ „Ohne mir einen Kuß zu gönnen, Andreas? Aber ich hoffe, Sie kommen wieder!“ Ich höre Lucilien nicht mehr; ich ſtehe ſchon vor den Zimmern der Frau Gräfin. Vie mein Herz pocht! Ich ſon ſie wiederſehen, ſie, die Geliebte, die Ange⸗ petete! Ach, die Reiſe hat meine Liebe nur gefördert, ſtatt ſie zu ſchwächen. 5 — 9 Nur eine einzige Thüre trennt mich noch von ihr. Ich Sinnloſer, ſtatt dieſe Leidenſchaft zu nährei, die mich früher oder ſpäter unglücklich machen muß, thäte ich nicht beſſer, ſie zu fliehen? Aber ich kann nicht. Schon habe ich den Thürdrücker in der Hand.. ich öffne leiſe. ich ſehe ſie leſend am Tiſche ſitzen. Sie hört mich nicht. ſie liest ruhig Pört. Im Spiegel ihr gegenüber betrachte ich ſie mir nach Her⸗ zensluſt: ja, ſie iſt noch ſchöner, noch viel ſchöner geworden! Sie zählt jetzt ſechszehn Jahre. O, daß wir noch in jener Zeit wären, da ich ſie auf dem Arme trug, da ihre zierlichen Finger mit meinen Haarlocken ſpielten. Indeß bin ich ihr unvermerkt näher gekommen; endlich ſtehe ich dicht bei ihr. Ohne zu wiſſen, was ich thue, ergreife ich ihre Hand und führe ſie an mein Herz. Adolphine erſchrickt anfangs; als ſie mich aber erkennt, ſcheint ſie pocherfreut. „Sie wieder da, Andreas?“ ſagt ſie.„O, wie freue ich mich, Sie wieder zu ſehen. Jetzt reiſen Sie nicht mehr, Andreas, nicht wahr? jetzt bleiben Sie bei uns?“ Und dabei läßt mir das reizende Mädchen ihre Hand, die ich begeiſtert an's Herz drücke. Ich bin in ſo ſüßer Verwirrung, daß ich nicht weiß, was ich ſage. Sie ſcheint mein Entzücken zu theilen. Adolphine?“ „Sie haben mich alſo nicht vergeſſen, präulehg⸗ 3% Paul de Kock. LXRRvl. 2 10 „Wie konnt' ich das, Andreas? Sind Sie nicht mein Jugendfreund? mein Lebensretter?“ „O, daß ich mich Ihnen ganz widmen dürfte! Wüßten Sie nur, wie ich mich überall nach Ihnen zurückſehnte. Ich kannte nur Einen Wunſch: Sie bald möglichſt wiederzuſehen.“ Faſt entſchlüpft mir mein Geheimniß, ſo glücklich vin ich. Ich vergeſſe, daß ich vor Fräulein Adolphine ſtehe, daß eine weite Kluft mich von ihr trennt, da yöre ich Schritte im Nebenzimmer. Ich habe kaum Zeit, ihre Hand loszulaſſen, als— der Marquis in den Saal tritt. Als er mich erblickt, verzieht er höhniſch die Lip⸗ pen, geht auf ſeine Couſine zu, ſetzt ſich ihr gegen⸗ über und nimmt ſie vertraulich bei der Hand. Ach⸗ er kennt den Werth dieſes Schatzes nicht! 2 „Wie ich höre, iſt die Frau Mama unwohl, liebes Couſinchen, auch ich leide an Kopfſchmerzen, darum will ich mit Ihnen recht nach Herzensluſt lachen⸗ bis ſie fort ſind.“ Dann ſieht er mich verächtlich an und ruft: „Was machen Sie da? Gehen Sie hinaus, wir brauchen Sie nicht.“ Ich ſtehe wie angewurzelt, meine Augen feſt auf den Marquis gerichtet. Nur mit äußerſter Mühe halte ich mich zurück. „Haben Sie mich verſtanden?“ hebt er nach einer Weile an, als er mich noch immer auf dem nämlichen Platze ſieht.„Ich gebiete Ihnen⸗ hinaus⸗ zugehen.“ 11 „Ich habe Sie gehört, mein Herr, aber nicht ge⸗ wußt, daß Sie zu mir reden.“ „Zu wem ſonſt? Glauben Sie, ich trage Beden⸗ ken, den Herrn Savoyarden mit Namen Andreas fortgehen zu heißen?“ „Sie haben recht, Herr; ich bin Savoharde und rechne mir's zur Ehre an. Meine Landsleute ſind vekannt wegen ihrer Ehrlichkeit, Treue und Dank⸗ varkeit. Zeit meines Lebens will ich ihnen in dieſen ererbten Tugenden nacheifern. Dieß Gut iſt mir lieber als alles Geld und alle Titel ſo mancher vor⸗ nehmer Böſewichter.“ „Schöne Phraſen das, mein Lieber. Gewiß ha⸗ ben Sie die im Aubigu oder de la Gatté gelernt. Aber jetzt machen Sie, daß Sie fortkommen.“ „Sie haben hier Nichts zu befehlen, Herr!“ „Unverſchämter! Ich will Dich Mores lehren.“ Mein Blut kocht in meinen Adern.. aber Adol⸗ phine kommt auf mich zu und ſieht mich flehend an. „Mein Gott, warum dieſer Streit?“ ruft ſie. „Couſin, was hat Ihnen Andreas zu Leide gethan?“ „Ihr Andreas iſt ein unverſchämter Geſell.“ Länger halt ich's nicht aus: ich will auf den Mar⸗ quis zuſtürzen, da wirft ſich Adolphine flehend zwi⸗ ſchen uns. „Ohne die Anweſenheit von Fräulein Adolphine,“ rufe ich dem Marquis zu,„ließe ich mich nicht un⸗ geſtraft kränken. Danken Sie ihr!“ „Ich glaube gar, er will mir trotzen. Wart', ich will Dich lehren 12 In dem Augenblick tritt meine Wohlthäterin in's„ Zimmer: ſie hat unſern Streit gehört und iſt als⸗ bald herbeigeeilt, ihrer Schmerzen nicht achtend. Adolphine wirft ſich in die Arme ihrer Mutter und ruft:„Gib es nicht zu, liebe Mutter, daß ſie ſich zanken. Wenn Du wüßteſt... „Ich weiß Alles,“ erwiedert die Gräfin.„Therigny, ich glaubte, Sie hätten mehr Achtung vor mir! Be⸗ denken Sie, daß Sie in meinem Hauſe ſind und in Gegenwart meiner Tochter.“ „Wie, liebe Tante, Sie „Schweigen Sie, Therigny! und Sie, Andreas, gehen Sie auf Ihr Zimmer... kommen Sie mor⸗ gen zu mir.. gehen Sie, Andreas, ich bitte Sie.“ Damit reicht ſie mir ihre Hand, die ich ehrer⸗ bietig küſſe. Dann gehe ich hinaus, ohne den Mar⸗ quis anzuſehen, damit nicht mein Zorn mich zu einer Pflichtvergeſſenheit gegen meine Wohlthäterin hin⸗ reiße. Oben erwartet mich Lueilie; hier kann ich mei⸗ nen Gefühlen freien Lauf laſſen. Mit großen Schrit⸗ 1 ten ſpaziere ich im Zimmer auf und ab, ohne Lucilie zu beachten, die mich von Zeit zu Zeit am Rock zuſt. „Das iſt zu arg!“* „Was iſt zu arg, Andreas?“ „So beſchimpft zu werden und in Gegenwart Adolphinens.“ „Von wem?“ „O, meine Wohlthäterin, ohne ihre Nähe, wer weiß, wozu mein Zorn mich gebracht hätte!“— 13 „Schon wieder im Zorn, mein Herr? und ge⸗ gen wen?“ „Ich habe es ſatt! morgen verlaſſe ich das Hotel.“ „Sie verlaſſen das Hotel? ha ha ha! Andreas, was Sie ſagen?“ „Ich würde es gleich verlaſſen ohne den Befeyl der Gräfin, die mich auf morgen zu ſich beſchieden hat.“ „Hören Sie endlich auf, ſo zu ſcherzen, Herr An⸗ dreas; ich werde unwohl, wenn Sie nochmals vom Weggehen reden. o meine Nerven, ich fühle, wie ſie ſtarr werden. o ich falle... Dabei wirft ſie ſich laut ſeufzend auf den nächſten Stuhl. Als ſie aber ſieht, daß ihre Krämpfe mich nicht ſonderlich rühren und ich nach wie vor mit weiten Schritten im Zimmer herumgehe, da beſinnt ſie ſich plötzlich eines Andern und fliegt auf mich zu. „Schätzchen, wer hat Sie ſo in Harniſch gebracht, ſprich? Wurmt Sie der engliſche Unterricht beim kleinen Jokey, ſo will ich ihn aufgeben, ſo unſchul⸗ dig er iſt.“ „O nein, Lucilie, fahren damit fort, ſo lange und ſo oft Sie wollen: Sie nicht lange mehr geniren; morgen geht ich fort.“ „Das war der Mühe werth, zu kommen, um gleich wieder zu gehen. Und warum wollen Sie denn fort? was hat man Ihnen gethan?“ „Man hat mich gekränkt, Lucilie, beleidigt, wie einen Miſerabeln behandelt.“ „Wer, Andreas, wer?“ „Der Neffe des Grafen.“ 14 „Bah, weiter nichts! Um den Gecken, den Nar⸗ ren, der kaum jede hunderiſte Minute weiß, was er ſagt, um den kümmern Sie ſich, Andreas?“ „Lucilie, es gibt Dinge, die ich niemals vergeſſen werde. Ich ſtehe nicht für mich ein, was geſchieht, wenn ich noch einen Tag länger im Hotel bleibe. Ich muß fort, es iſt meine Pflicht; die Frau Gräfin fann meinen Entſchluß nur billigen, das weiß ich.“ „Und ich weiß, daß ſie Sie nicht fort läßt.“ „Lucilie, helfen Sie mir meine Sachen packen.“ „Hübſcher Zeitvertreib nach neunmonatlicher Ab⸗ weſenheit, wo man ſich zum erſten Mal wieder ſieht und Allerlei zu plaudern hat. Doch weil Sie's wollen. „Es iſt ſchnell geſchehen.“ „Mein Gott, wie halt ich's aus im Hotel, wenn . derAndreas fort iſt. Während Ihrer Reiſe tröſtete nich wenigſtens mit Ihrer Rückkehr.“ er Vnterricht im Engliſchen wird Sie zerſtreuen, Lucilie.“„ „Seht, wie böſe Dank für meine Lieb⸗ „Ich werde Ihre nie vergeſſen, Lucilie, und die ſeligen Stunden, dis ich bei Ihnen verlebte.“ „Hoffentlich, Andreas, aber aus dem Auge, nicht iſt, der Andreas! Iſt das der aus dem Sinn. Wir können uns ja nach wie vor ſehen'nen Kuß, Andreas, wenn Sie mich noch lieb haben.“ „O, der Therigny! ſein Anblick allein „Hol' der Teufel alle Zornigen s iſt nichts * 15 anzufangen mit ihnen. Wollte, Andreas, Sie wären noch ſo liebenswürdig wie als Kind.“ „Wie ſie die Arme nach mir ausſtreckte„ wie ſie mich anſah!“ „Wer ſtreckte die Arme nach Ihnen aus? wer ſah ſie an? Ich will es wiſſen.“ „Nein, ſie verachtet mich nicht“ ſie iſt zu gut⸗ zu zartfühlend.“ „Herr, Sie können ſich ſelbſt Ihre Hoſen ein⸗ packen das Geſchwätz langweilt mich.“ „O Adolphine! Adolphine!“ „So ſo! alſo das gnädige Fräulein ſieckt dem Herrn im Kopfe? Ich fürchte, er verliert noch ven Verſtand um ſie wenn's noch um mich wäre, aber, bah! er denkt nicht mehr an ſeine Lucilie! Wo wird denn der Herr in Zukunft wohnen? ich hoffe, nicht bei ſeiner Mamſell Nanette, denn die iſt — kein Kind mehr, und der Anſtand.. Andreas, Ihre„— * Adreſſe, ich will Sie oft beſuchen.“ i „Ich ziehe zu Herrn Dermilly.“. 7 „Zu Herrn Dermilly? Das genirt mich„aber gleichviel! immer noch be vie zu dem alten Va⸗ ter Bernhard.“„ Bernhard! Nanette! Pich Undankbarer! Noch pabe ich ſie nicht geſehen, baum an ſie gedacht! Aber wenn ich erſt fort bin aus dem Hotel, dann will ich ganz der Freundſchaft leben. Die Nacht vergeht unter trüben Betrachtungen von meiner Seite und unter fortwährenden Klagen von Luciliens Seite. Mit Tagesanbruch verläßt 16 mich das junge Kammermädchen, halb zärtlich, halb betrübt. Gegen eilf Uhr ruft mich endlich Lucilie zur gnä⸗ digen Frau hinunter, die mich ſprechen will. Adol⸗ phine ſitzt bei der Mutter und zeichnet. Die gute Caroline bezeugt mir die wärmſte Freund⸗ ſchaft, Adolphine ſieht mich huldvoll lächelnd an: Beide eifern in die Wette, die Kränkung des Mar⸗ quis in Vergeſſenheit zu bringen. Ich eröffne dann der Gräfin meinen Wunſch, bei Herrn Dermilly zu wohnen, vorausſetzlich mit ihrer Einwilligung. Adol⸗ phine ſcheint ängſtlich auf die Antwort⸗der Mutter zu warten. Nach kurzem Beſinnen antwortet dieſe: „Ich kann es Ihnen nicht verdenken, Andreas, und habe Nichts gegen Ihren Umzug, nicht, als ob ich fürchtete, die geſtrigen Auftritte würden ſich er⸗ neuern, ſondern weil ich glaube, daß die Gegenwart des Marquis Ihnen läſtig fallen muß. Da Ihre Erziehung beendet iſt, müſſen Sie jetzt Welt und Menſchen aus eigener Anſchauung kennen lernen, wozu Sie nicht leicht beſſere Anleitung finden als bei Herrn Dermilly, dex Sie eben ſo herzlich liebt wie ich, und das will Biel heißen, Andreas! Bei ihm ſind Sie eben ſo güt aufgehoben wie bei mir. Das tröſtet mich über Ihre Trennung von uns.“ „Wie, Mutter, Du läßeſt ihn fort?“ ruft Adolphine. „Weil ich's gut mit ihm meine, liebe Tochter. Andreas iſt jetzt neunzehn Jahre alt; der Aufenthalt hier, wo er faſt ausſchließlich auf ſein Zimmer be⸗ — —— — 17 ſchränkt iſt, kann ihm nicht länger zuſagen. Wir ſehen uns recht oft, nicht wahr, Andreas?“ Ich ſtottere nothdürftig eine Antwort, denn die unläugbare Betrübniß Adolphinens über die bevor⸗ ſtehende Trennung verwirrt mich. Darauf ſcheinen auch die Thränen zu deuten, die ich in ihren Augen ſehe. „Ehe ich Sie fortlaſſe, Andreas,“ fängt meine Wohlthäterin von Nenem an,„muß ich Ihnen meine Abſichten mit Ihnen entdecken. Ich wollte Ihnen die Mittel an die Hand geben, ſich hier in Paris zu etabliren, und Sie an das Mädchen verheirathen, das Sie lieben.“ „Das ich liebe?“ wiederhole ich beſtürzt, während Adolphine mich heimlich anſieht und aufmerkſam zu⸗ horcht. „Ja, Andreas, ich habe die Gefühle Ihres Her⸗ zens errathen.“ Ich blicke erröthend nieder. „Nicht gleich,“ fährt die Gräfin fort.„Sie ſind noch zu jung zum Heirathen, Andreas, aber wenn die Zeit da iſt zu Ihrer Vermählung mit.. Na⸗ netten, ſo liegt die Mitgift für Sie bereit. Neh⸗ men Sie das an als einen geringen Beweis meiner Erkenntlichkeit für die Verdienſte Ihres ſeligen Va⸗ ters um mich und meine Tochter.“ Nanette!. Sie glaubt alſo— Adolphine viel⸗ leicht auch— ich liebe Nanette! Nein, ich will und muß ihnen den Irrthum nehmen. Adolphine blickt auf ihre Zeichnung nieder, aber die Hand ruht; jetzt 18 ſieht ſie auf die Seite, um ihre Bewegung vor der Mutter zu verbergen. „Madame,“ antworte ich feurig,„ich danke Ih⸗ nen für den neuen Beweis Ihrer Güte, aber ich kann ihn nicht annehmen. Sie irren ſich über meine Neigungen. Ich werde nie, nie Nanette heirathen. Ich vetrachte ſie als eine Schweſter, doch von Liebe zu ihr weiß ich Nichts.“ „Sie lieben Nanette nicht?“ ruft meine Beſchütze⸗ rin erſtaunt. Statt zu antworten, ſehe ich Adolphine an, die freier zu athmen ſcheint und mir einen Blick zuwirft, ſo ſüß, ſo liebreich, daß ich in dem Augenblicke mit keinem Könige der Erde getauſcht hätte. Ich kann mich nicht ſatt ſehen an ihr; obgleich ſie das Haupt bückt, bemerke ich, wie ein leichtes Lächeln über ihre Lippen ſchwebt, offenbar in Folge meiner Antwort. So vleiben wir einige Minuten lang, während Adolphinens Mutter, ohne daß ich es gewahre, bald ihre Tochter, bald mich anſieht. Endlich erwache ich aus meinem Rauſche, und als ich meine Augen auf die Gräfin richte, glaube ich einen Ausdruck von Ernſt, faſt Strenge, wie ich ihn nie an ihr bemerkt, auf ihrem Geſichte zu leſen. Erröthend ſchlage ich den Blick nieder, fürchtend, ſie habe die Gefühle meines Herzens errathen.„ „Es thut mir leid,“ hebt die Gräfin von Neuem an,„daß ich mich geirrt have. Ich freute mich, Sie einſt an Ranettens Seite zu finden, und bin noch . 19 jetzt überzeugt, Sie würden glücklich mit ihr gewor⸗ den ſein. Vielleicht ändern Sie Ihre..“ „Nie, Madame, nie! Nie werde ich ein Mäd⸗ chen lieben können, das. „Genug, Andreas, Sie können gehen; ich werde Sie beim Herrn Grafen entſchuldigen.“ Befremdet durch dieſe Worte meiner Wohlthäterin will ich fortgehen, aber gleich darauf hebt ſie in ſanfterem Tone an: „Vergeſſen Sie nie, Andreas, daß ſie einen Theil ihrer Jugend in dieſem Hauſe verlebten, daß ich Sie wie meinen eigenen Sohn liebe, daß Ihr Glück mir ewig am Herzen liegt.“ „Wie könnt' ich das vergeſſen, Madame? Ihre Wohlthaten haben ſich unauslöſchlich meinem Herzen eingeprägt; Gott gebe, daß ich Ihnen einſt meine Erkenntlichkeit dafür beweiſen kann!“ Die gute Caroline ſchließt mich zärtlich in ihre Arme; Adolphine kommt auf mich zu, doch ein Blick der Mutter hält ſie zurück. Dafür reicht ſie mir zum Abſchiede die Hand, die ich in der meinen zit⸗ tern fühle. So ſchied ich aus dem Hauſe, wo ich acht Jahre meines Lebens zubrachte. Vielleicht wäre es mir, ach! veſſer geweſen, ich hätte es nie betreten! —,—— 20 Zweites Kapitel. Unverhofftes Zuſammentreffen. „Da bin ich,“ ſage ich, bei Herrn Dermilly ein⸗ tretend;„ich habe das Hotel auf immer geräumt und will jetzt bei Ihnen bleiben, wenn Sie es er⸗ lauben.“ „Wenn ich's erlaube, welche Rede!“ antwortet Herr Dermilly und ſchließt mich in ſeine Arme. „Deine Nähe, Andreas, ſoll meine Langeweile ver⸗ ſcheuchen und meine Schmerzen ſtillen. Es dauert nicht mehr lange, ſo wirſt Du mir die Augen zu⸗ drücken.“ Ich ſuche ihm die finſtern Gedanken auszureden, indem ich ihm die Ereigniſſe im Hotel und die Ur⸗ ſache meines plötzlichen Auszuges weitläufig erzähle. „Du haſt recht daran gethan,“ ſagt er,„der Groll hätte Dich am Ende vergeſſen machen, daß Du in Carolinens Hauſe biſt; Gott weiß, welch Unheil daraus hätte entſtehen können! Aber es iſt Deine Pflicht, Andreas, die Gräfin nach wie vor zu beſuchen, wenn auch ſo, daß Du jede Berührung mit Leuten meideſt, die Dir nicht wohlwollen. Geh' recht oft zu Bernhard und Naneite. Mein Haus ſteht ihnen jeder Zeit offen. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die Anſtoß nehmen an dem Beſuch eines ehrlichen Mannes, zu welchem Stande er gehören mag. So denk' ich als Künſtler und würde ſo den⸗ ken, wenn ich Graf wäre.“ 21 So bin ich denn wieder in dem nämlichen Zim⸗ mer, wo ich als eilfjähriger Knabe ſo liebreiche Pflege fand. Die gute Thereſe lebt nicht mehr; ein treuer Diener verſieht jetzt ihre Stelle. Auch das Atelier, wo Roſſignol ſeinen Geſpenſterſpuk trieb, beſehe ich mir wieder. Wo mag der Kerl jetzt ſtecken? Vielleicht hat man ihn ſeiner loſen Streiche wegen längſt fortgejagt aus Paris. Jetzt ſollte er mich nicht mehr an der Naſe herumführen! Herr Der⸗ milly, der aus Rückſicht auf ſeine erſchütterte Geſund⸗ heit nur noch äußerſt ſelten arbeitet, gebraucht keine Modelle mehr. „Es bleibt Dir vorbehalten, Andreas,“ ſagt er, „die von mir angefangenen Gemälde zu vollenden.“ Der Umzug aus dem Hotel hat mich dermaßen beſchäftigt, daß ich zu einem Beſuche bei meinen alten Freunden bisher unmöglich habe Zeit finden können. Jetzt aber will ich zu ihnen. Sie wohnen noch an derſelben Stelle. Vater Bernhard hält große Stücke auf ſeine Manſarde, obgleich er recht wohl eine beſſere Wohnung beziehen könnte; ſeine und ſeiner Tochter Arbeit bringt ihnen genug ein. Aber der gute Waſſerträger weiß nichts von Eitel⸗ keit, und wenn ihm Nanette vorſchlägt, einen Stock tiefer hinab zu ziehen, damit er nicht ſo hoch zu ſteigen habe, antwortet er ſeiner Tochter:„Meine Beine wiſſen, wohin ſie mich zu tragen, und meine Freunde, wo ſie mich zu ſuchen haben. Wer mei⸗ netwegen nicht eine Treppe yöher ſteigen mag, der thut mir einen Gefallen, wenn er zu Hauſe bleibt.“ 22 Darauf weiß Nanette nichts zu erwiedern; ihr Herz ſagt ihr, daß ein Stock mehr oder weniger mich nicht genirt. Und ſie hat recht. Mit Blitzes⸗ ſchnelle bin ich oben und gleich darauf beſinde ich mich in den Armen meiner guten Freunde. O, wie wohl mir das thut! Bernhard behauptet: ich ſei ein ſchöner Mann geworden; Ranette: ich ſei mir immer gleich geblieben; und ich finde Nanetten recht hübſch und ſchlank. Ihre neunzehn Jahre geben ihr ein gewiſſes zurückhaltendes Ausſehen, das ihr vor⸗ trefflich ſteht. „Ich lade mich bei Euch zu Gaſt,“ ſage ich ihnen. „Wie, Andreas!“ ruft Nanette hocherfreut,„Du kehrſt nicht in's Hotel zurück?“ „Nein, Nanette, ich habe es auf immer ver⸗ laſſen und wohne jetzt bei Herrn Dermilly.“ Vater Bernhard fragt nach der Urſache dieſer plötzlichen Veränderung, worauf ich ihm Alles er⸗ zähle. Im höchſten Grade überraſcht mich die Freude, die Nanette darüber zeigt. War ſie beim Wieder⸗ ſehen bloß erfreut, ſo bringt dieſe Nachricht ſie wahrhaft außer ſich: ſie hüpft und tanzt im Zim⸗ mer herum, lacht und ſingt zu gleicher Zeit, Wonne ſtrahlt aus ihren Augen, ſie iſt wie neugeboren⸗ ganz wieder das achtjährige Kind, das mit mir un⸗ ſere heimiſchen Tänze tanzte. „Vater! Vater!“ ruft ſie außer ſich,„er wohnt nicht mehr im Hotel! Welch ein Glück. Wie freut mich das!“ „Und warum denn?“ fragt Vater Bernhard. — 23 „Weil wir ihn jetzt recht, recht oft ſehen können. Herr Dermilly erlaubt uns gewiß, ihn zu beſuchen, und dann hat er mehr Zeit und denkt mehr an uns und hat uns noch lieber.“ „Noch lieber, Nanette? Du ſprichſt, als hätte ich im Hotel Euch vergeſſen!“ „Nein, nein! aber die vielen ſchönen Zimmer, die herrlichen Möbels, die vornehme Welt, die da zuſammen kommt, das Alles ſchwächt das Gedächt⸗ niß ein wenig; man ſieht da Leute, die O, wie froh bin ich, Andreas; o, kehre nie wieder dahin zurück.“ „Nie?“ ruft Bernhard;„das wäre ein ſchöner Dank für die vielen Wohlthaten.“ „Ich will nicht ſagen, Papa, daß er die Frau Gräfin nicht beſuchen ſoll, nein, aber er ſoll in dem vornehmen Hauſe nicht mehr wohnen und ſchlafen; das könnte ihm allerlei Dinge in den Kopf ſetzen, und Andreas darf nie vergeſſen, daß er ein Savoyarde iſt. Nicht wahr, Andreas, das wirſt Du nie ver⸗ geſſen? Du wirſt nie ſtolz?“ „Ich, Nanette? Bin ich das je geweſen?“ „Nein, mein Sohn, das biſt Du nie geweſen; aber meiner Seel', ich glaube, er hat dem Ding' da eine Schraube im Kopf losgemacht. Wie ſie rab⸗ belt und herumhüpft! Seit zehn Jahren habe ich an ihr das nicht mehr geſehen und gehört!“ Ich bleibe den ganzen Tag bei meinen Freunden. Unter den wahrhaft rührenden Beweiſen von An⸗ hänglichkeit, womit ſie mich überhäufen, enteilen die Stunden wie im Fluge. Wenn der Gedanke an Adolphine mir dann und wann einen Seufzer ent⸗ lockt oder meine Stirne in Falten legt, dann nimmt Nanette, als errathe ſie, was in meiner Seele vor⸗ geht, zärtlich meine Hand, ſpricht von der Mutter, der Heimath, und weiß alsbald das Lächeln auf meine Lippen zurückzuzaubern. Vater Bernhard, der mit den Jahren ſich etwas mehr Ruhe und Erholung gönnt, bleibt länger als gewöhnlich am Tiſche ſitzen und leert ein Fläſchchen Wein mit mir auf die Ge⸗ ſundheit Aller, die mir lieb und werth ſind, während Nanette mir leiſe zuflüſtert:„Andreas, wie danke ich Dir für den lieben, lieben Tag! Seit lange bin ich nicht ſo glücklich geweſen wie heute!“ Auch ich fühle mich recht zufrieden im Kreiſe vieſer guten Seelen, zufriedener als je im Hotel. So reine, ſo ſtille Freuden koſtete ich dort niemals. Warum mußte ich in das ſchöne Haus gerathen, das mir einen großen Theil meiner natürlichen Heiterkeit raubte? Gegen Abend verlaſſe ich meine Freunde. Ehe ich zu Herrn Dermilly zurückkehre, fühle ich die größte Luſt, beim Hotel vorbei zu gehen und mir die Fen⸗ ſter deſſelben anzuſchauen. Da bin ich vor dem Hauſe, wo meine Kindheit verſtrich und ein Theil meiner Jugend, wo ich die Wohlthaten der Erziehung em⸗ pfing, wo Geiſt und Herz herangebildet wurde. Ach, ich habe dieſe Vortheile theuer erkauft mit dem Verluſte meiner Seelenruhe! Gewiß, nicht der Un⸗ dank ſpricht aus mir; ich bin theilweiſe ſelbſt daran Schuld; ich hätte meine Blicke nicht erheben ſollen zur Tochter meiner Wohlthäterin. Aber ſtets in ihrer Nähe, wie konnte ich mich ihres Zaubers erwehren? Warum ließen ſie mich acht Jahre lang ſtündlich ihre Tugenden und ihre Reize bewundern? Oder glaubten ſie, der Savoparde habe nicht eben ſo gut ein empfänglich Herz in der Bruſt wie jeder andere Menſch? Auch die Frau Gräfin hat die Schmerzen der Liebe kennen gelernt, wie mir erzählt wurde, ſie wird daher Mitleid haben. Eine Mutter, die wider ihre Neigung geheirathet hat, wird ihre Tochter nicht zu gleichem Schritte nöthigen. O, ich Unſin⸗ niger! der ich ganz den Grafen, ſeinen Rang und ſein Vermögen vergaß, und eben ſo wenig bedachte, daß man im ſechsunddreißigſten Jahre anders fühlt und denkt als im achtzehnten! Mit den Jahren ver⸗ liert ſich die Empfänglichteit und Reizbarkeit deß Herzens und damit auch das Mitgefühl für die vet⸗ wandten Schmerzen Anderer. Nach faſt einſtündigem Auf⸗ und Abſpazieren vor dem Hotel und ſtummem Anſchauen der Fenſter von Adolphinens Gemach kehre ich endlich in meine neue Wohnung zurück. Aber mein Herz ſagt mit⸗ daß ich ohne die Dazwiſchenkunft des Marquis noch unter einem und demſelben Dache wäre mit Adol⸗ phine, und deßhalb muß ich den haſſen, der mich von ihr getrennt hat. Mehrere Wochen ſind nach meinem Umzuge ver⸗ Paul de Kock. LXRXVI. 3 26 flo ſſen und noch habe ich nicht gewagt, meiner Wohl⸗ thäterin einen Beſuch zu machen. Dafür gehe ich allabendlich mehrere Stunden vor dem Hotel auf und ab. Lucilie kommt dann und wann zu mir, namenilich wenn ſie weiß, daß ich allein im Atelier arbeite; denn Lucilie liebt die Tete-utétes. Von ihr höre ich, daß Fräulein Adolphine ſeit meiner Abweſen⸗ heit ſehr niedergeſchlagen iſt und auf keinen Ball mehr gehen will. Wüßteſt Du, Lucilie, wie angenehm die Nachricht in meinen Ohren klingt! Herr von Therigny, ſo erzählt ſie weiter, verthut viel Geld auf Pferde und Wagen. Er ſoll auch eine Tänzerin an der großen Oper unterhalten. Meinetwegen zehn, wenn er nur von ſeiner Couſine abläßt! Leider findet ihn der Herr Onkel höchſt bezaubernd, weil er ihm jeden Morgen irgend eine Neuigkeit von Chevet zuſchickt. Ihr Schluß iſt ewig derſelbe;„Ich betheure Ih⸗ nen, ich habe den engliſchen Unterricht ganz aufge⸗ ſteckt und den Herrn Champagne dittv. Kommen Sie doch in's Hotel. Es iſt nicht hübſch von Ihnen, daß Sie die gnädige Frau ſo ganz vernachläßigen.“ Ach, ich käme gern, wüßte ich nur, was mich ins⸗ geheim davon abhält. Aber auch Herr Dermilly drängt in mich, und weil ſeine Wünſche mir Befeble ſind, gehe ich denn envlich nach ſorgfältig gemachter Toiletle. Ohne eitel zu ſein, gebe ich wos auf ge⸗ ſchmackvolle Kleidung; im Stillen wünſche ich zu gefallen. Ich bin faſt eben ſo gut gekleidet wie ver Herr Marquis, und Lucilie verſichert, ich habe eine ganz ausgezeichnete Tournure. 27 Zitternd betrete ich das Hotel. Auf der Treppe denke ich daran, daß ich Adolphine ſehen ſoll; ſie iſt ja ſtets bei der Mutter. Lucilie ſieht mich kommen und meldet mich bei ihrer Herrin an. Gleich darauf heißt ſie mich eintreten. Die Frau Gräfin iſt da, aber Adolphine— fehlt. Madame empfängt mich ungemein freundſchaft⸗ lich, aber mein Herz ſucht Adolphine. Sie wird bald kommen, ſage ich bei mir. Eine Minute ver⸗ geht nach der andern, aber keine Adolphine zeigt ſich. So muß ich denn zurückkehren, ohne mich an ihrem Anblick geweidet zu haben! Gott weiß, ob ich es an Antworten habe fehlen laſſen oder ſonſt woran: genug, mir ſcheint, die Gräſin hat meine Unruhe, meine Ungeduld bemerkt. Unwillkürlich ſind meine Augen ſtets auf die Thüre gerichtet. Madame erkundigt ſich nach Herrn Dermilly's Befinden; ich wollte, ich könnte ihr beſſere Nachricht geben, denn er wird täglich ſchwächer. Ehemals hätte die zart⸗ fühlende Caroline bei der Nachricht von ſeinem Un⸗ wohlſein Allem getrotzt, ihm perſönlich ihre innige Theilnahme zu beweiſen, jetzt begnügt ſie ſich mit Seufzen und Wünſchen. So ändert man ſich mit den Jahren! Ich muß fort; mein Beſuch hat lange genug ge⸗ dauert. Ich ſtehe auf, aber ich halte mich nicht län⸗ ger; ſtotternd nenne ich Adolphinens Namen. „Meine Tochter befindet ſich wohl,“ antwortet die Gräfin froſtig;„ich werde Sie Adolphine beſtens empfehlen.“ 28 So iſt es denn gewiß, ich ſoll ſie nicht wieder⸗ ſehen. Traurig gehe ich von dannen, gefolgt von Lucilie, die mir auf der Treppe in's Ohr flüſtert: „Ich komme morgen zu Ihnen in's Atelier.“ „Warum habe ich das Fräulein nicht geſehen?“ „Madame hat ſie auf ihr Zimmer geſchickt, als ſie hörte, daß Sie da ſeien.“ Sie will alſo nicht, daß ich ihre Tochter ſehe. Wäre ſie doch früher ſo vorſichtig geweſen! Wie im Fluge eile ich aus dem Hotel, kaum im Stande, meine Thränen zurückzuhalten. Ich trete in das erſte beſte Haus, mich dort auszuweinen. Zu⸗ vor betrachte ich mir nochmals Adolphinens Fenſter und ſage bei mir:„Du ſollſt ſie nicht mehr ſehen, nicht mehr ſprechen, nicht mehr den ſüßen Klang ihrer Stimme hören!“ Mein Shmerz wird immer lebhaſter. Gottlob, daß ich hier auf dem dunkeln Gange eines unbe⸗ kannten Hauſes meinen Zähren freien Lauf laſſen kann, daß ich ſie nicht zu unterdrücken brauche. Plötzlich ſtürmt ein junger Menſch ungefähr in meinem Alter und faſt ſo gekleidet⸗ wie ich ehemals pei Vater Bernhard, laut ſingend in's Haus, tanzt an mir vorüber, der ich ihm ausweiche, und will vie Treppe hinaufeilen. Als er mich in meiner ele⸗ ganten Kleidung wie ein Kind weinen ſieht, bleibt er unſchlüſſig ſtehen und hört auf mit Singen, weiß aber nicht, wie er mich anreden ſoll. Er kommt auf mich zu, geht wieder, huſtet, bleibt ſtehen und kommt nochmals auf mich zu. „Nir für unchut, Harr,“ ſagt er.„Der Harr hat Schmerzen, wie mir dünkt; ſind wir gefallen auf der Treppe, die ſo finſter iſt wie'ne alte Kuh, oder haben wir uns den Schädel zerſtoßen, oder ſind wir übergefahren worden? Das kommt wohl vor in Paris. Man ruft: vorgeſehen! aber man man hört ſein eigen Wort nicht vor all dem Spek⸗ takel. Befehle der Harr was, ſo well ich's Sie be⸗ ſorgen thun.“ Wie wenig ich auch geſtört zu ſein wünſchte, ſo blieb ich doch nicht gleichgültig gegen die Stimme, die offenbar einem Savoyarden angehörte. Das Herz verhärtet ſich nie gegen die Erinnerungen an das Vaterland. Mit lebhafter Theilnahme kehre ich mich dem jungen Menſchen zu und antworte ihm freundlich: „Dank Dir, Freund, ich brauche VWhts.“ Der Ton, in dem ich das ſagte, mußte ihn nicht recht überzeugt haben, denn er tritt näher auf mich zu und ſagt nach einem Weilchen: „Das glaub' ich kaum, Harr!“ Ich trockne lächelnd meine Thränen aus den Augen und frage ihn: 2 „Du biſt aus Savoyen, nicht ſo2“ „Woran thut der Harr das merke?“* „An Deiner Sprache, Freund.“ „Bah! Iſt der Harr vielleicht auch aus Sa⸗ voyen?“ 4 „Ja, Freund, ich bin Dein Landsmann.“ „Das hätt' ich mir nich traumen laſſen, Harr. 30 Der Harr ſpricht nich wie unſer Einer und ſieht auch nich ſo aus; Ihr ſeid der Erſte, den ich ſo ge⸗ kleidet ſehe, Harr, und ich wette, Ihr ſeid nich nach Paris gekommen, ſo ju ju, pin pin zu machen. Nir für unchut, Harr, wenn ich das ſage.“ Die Offenheit und Ratürlichkeit des jungen Sa⸗ voyarden gefällt mir. „Biſt Du ſchon lange aus Savohen ſort, Freund?“ „Schon reacht lange, Harr! Ich war ſieben Jahr' alt und mein Bruder acht, als wir aus Sa⸗ voyen fortgingen. Hab' ſeitdem Schornſtein gefegt wie der leibhaftige Golt ſei bei uns.“ Sieben Jahre alt und mein Bruder acht! Wel⸗ cher Gedanke kommt mir! Ich ſehe ihn aufmerkſam an von Kopf bis zu Fuß. Ja, ja, ſein Geſicht hat offenbar Aehnlichkeit mit... und eilf Jahre ſind in⸗ zwiſchen vergangen. Gott, wenn er's wäre! Mein Herz pocht ſo, daß ich kaum Worte finden kann. „Wie heißt Dein Geburtsort in Savohen, Freund?“ „Verin, ein Dörſchen am Fuße des Montblanc.“ „Verin! Und Dein Vater?“ „Mein Vater ſtarb kurz⸗ che wir fortgingen.“ „Und Dein Vater hieß?“ „Wie ich, Herr: Georgit, mit Verlaub.“ „Er iſt's, er iſt's.. Peter, kennſt Du mich nicht, Deinen Bruder, Deinen Andreas 2. Damit ſchließe ich ihn in meine Arme und drücke ihn an mein Herz. Aber Peter ſieht mich ganz verblüfft an. „Ja, Peter, ich bin's... Dein Bruder, Dein Andreas!“ R. 31 „Andreas? Mein Bruder? Sie... Du, mein Bruder? Unmöglich!“ Es dauert lange, ehe ich ihm ſeine Zweifel pe⸗ nehmen kann. Meyrere Minuten halten wir uns brüderlich umſchloſſen, ohne Worte finden zu können. „Du, mein Bruder? mein Andreas? Du, in ſo ſchönen Kleidern?“ hebt er endlich an.„Und Du weinteſt?“ „Und Du, Peter, noch immer in Deinem alten Kittel? Und Du ſangſt?“ „Ja, Bruder, ich ſinge immer. Aber haſt Du denn Dein Glück gemacht, Bruder, daß Du wie ein Prinz gekleidet gehſt? Was Teufel heuleſt und flen⸗ neſt Du denn?“ „Später davon, Freund, jetzt will ich ganz dem Glücke mich hingeben. O, mein todt geglaubler Bruder!“ „Kein Wunder, Andreas. Seit ich dem Kerl im rothen Rock, der mich freſſen wollte, davon lief, haben wir uns nicht geſehen.“ „Komm', Bruder, komm' ſchnell mit mir,“ ſage ich nach einer neuen Umarmung,„zu meinem... zu unſerm beſten Freunde, er wird Dich eben ſo freund⸗ lich aufnehmen.“ „Nur Geduld, Bruder, erſt hab' ich mir Ant⸗ wort zu holen hier im Hauſe das trägt ganzer zehn Sous ein, und das iſt was, meiner Seel'!“ „Komm' nur, Bruder, Dir gehört all' mein Hab und Gut.“ „Bruder, den Kunden darf ich nicht verlieren, 32 und ſo eine Beftellung, die iſt herrlich; vergißt Du, was„ „Du haſt recht, Peter! Geh' denn, ich warte auf Dich.“ „Lieber, gib mir Deine Adreſſe, dann kommn ich zu Dir, wenn ich fertig bin. Du könnteſt lange warten müſſen„ich hab' da ſo'ne kleine Stopf⸗ mamſell, die auf ihren Schatz eiferſüchtig iſt, der ihr allerlei Flauſen vormacht; die könnte mich auf's Kundſchaften ausſchicken, meiner Seel'! aber ſie zahlt gut das Weibervolk rauft ſich die Haare nicht aus um'nen Sechſer mehr oder weniger, wenn das Herz im Spiele iſt. Es zahlt beſſer als die Manns⸗ leute.“ Ich gebe ihm Herrn Dermilly's Adreſſe und em⸗ pfehle ihm größtmögliche Eile. „Herr Dermilly? Nennſt Du Dich nicht mehr Andreas Georgit wie ſonſt?“ „Gewiß, Peter. Ich bin und bleibe ſtolz auf den Namen unſeres redlichen Vaters.“ „Gottlob, ich ſehe, Bruder, Dein Herz iſt noch das alte unter den neuen Kleidern!“ „Dermilly heißt mein Freund und Wohlthäter, bei dem ich wohne.“ „Gut, Andreas, ich verſtehe.“ „Komm' ja, und ſobald als möglich. Du darfſt mich nicht mehr verlaſſen; wir bleiben von nun an immer zuſammen.“ „Bei allem ſeinem Reichthum hat er mich lieb vehalten, der gute Andreas. Aber die Kleine war⸗ ———— 33 tet auf mich. Adieu, Andreas, ich bin gleich wie⸗ der bei Dir.“ Peter umarmt mich und fliegt dann die Treppe hinauf. Wie ganz anders verlaſſe ich dieſen Gang, als ich ihn betrat! So glücklich bin ich über das wunderbare Zuſammentreffen mit dem todtgeglaub⸗ ten Bruder, daß ich vor dem Hotel vorbeigehe, ohne zum Fenſter aufzublicken; ich denke nur an Peter. Ganz außer Athem komme ich bei Herrn Dermilly an und vermag kaum einige verſtändliche Worte hervorzubringen. Mein Freund nimmt den innigſten Antheil an meiner Freude. Mit größter Ungeduld harren wir der Ankunft Peters, um zu hören, wie es ihm in⸗ zwiſchen ergangen und warum er nicht längſt der trauernden Mutter Auskunft über ſich gegeben. Wir warten eine Viertelſtunde nach der andern, aber kein Peter kommt. Sollte er die Adreſſe ver⸗ loren haben? Und ich Thor habe vergeſſen, mich nach der ſeinigen zu erkundigen. Schon ſteigt meine Unruhe und Angſt auf's Höchſte, da wird plötzlich aus Leibeskräften an der Hausglocke geſchellt. Gottlob, das kann Niemand anders ſein als Peter. Ich öffne die Thüre und wir ſtürzen einander in die Arme. Ich führe Peter hinauf. In den Vorzimmern von Herrn Dermilly's Wohngemach blickt er ganz ſo verwundert um ſich, wie ich in meinem eilften Jahre, als ich in dem ſchönen Bette erwachte und die Vorhänge auseinander ſchlug. „Weiter, das iſt ſchön hier,“ ruft Peter ein über's andere Mal verwundert aus,„und wie gekehrt, wie geſchniegelt und geſtriegelt!“ Endlich ſtehen wir vor Herrn Dermilly. „Iſt das Dein Meiſter, Andreas?“ flüſtert mir Peter in's Ohr. „Viel mehr als das,“ antworte ich und ergreife Herrn Dermilly's Hand, während Peter ihn ganz verdutzt anſtarrt.„Das iſt mein zweiter Vater, mein Wohlthäter!“ „Willkommen, lieber Peter,“ ſagt Herr Dermilly⸗ meinem Bruder die Hand hinhaltend.„Ich will auch Dein Freund ſein.“ Peter weiß nicht, ob er ſie anrühren ſoll, macht allerhand Kratzfüße und tritt in ſeiner Verlegenheit auf eine Conſole, die mit lautem Gepolter umftürzt. Erſchreckt darüber fliegt er auf die entgegengeſetzte Seite gegen den Theetiſch an und ſchmeißt ein hüb⸗ ſches Theeſervice herunter, daß ſämmtliche Taſſen zerbrechen. Die neue Tölpelei bringt ihn vollends außer Faſſung und er bleibt wie vom Blitz getrof⸗ fen ſtehen, während Herr Dermilly laut lacht und ich Peter die Verlegenheit auszureden ſuche. Endlich gelingt es mir. Ich rücke ihm einen Armſtuhl hin und drücke ihn darauf nieder. Auf unſere Bitten hebt Peter folgendermaßen zu erzählen an: „Du weißt, Bruder, daß ich mit den Kleidern unterm Arm im bloßen Hemde davon lief, als der Satan im rothen Rock mich freſſen wollte. Meiner Seel', die Furcht vor dem Menſchenfreſſer gab mir 55 Flügel, und ohne mich nach Dir umzuſehen, lief ich davon Hals über Kopf. So kam ich zu den Bar⸗ rièren hinaus, ich weiß ſelbſt nicht, wie? Erſt im freien Felde, als ich die Stadt im Rücken hatte und Athem ſchöpfte, kam mir der Gedanke an Dich. Ich ſchrie:„Andreas! Andreas!“ aber Du hörteſt mich nicht. Gewiß riefſt Du:„Peter! Peter!“ und Peter hörte Dich eben ſo wenig, natürlich! Dann zog ich Hoſe und Rock an und ſetzte mich an den Rand eines Grabens. Ich hörte nicht eher auf,„Andreas“ zu rufen, bis ich vor Heiſerkeit nicht mehr konnte, dann fing ich zu weinen und zu ſchluchzen an. So kam die Nacht herein; endlich ſchlief ich ein. Mein letz⸗ ter Ruf war:„Andreas!““ Hier unterbreche ich ihn und ſchließe ihn gerührt in meine Arme. „Auch ich machte es ſo, mein theurer Peter, auch mein letzter Ruf und Gedanke war: Peter!““ „Den andern Morgen in aller Frühe,“ hebt Peter von Neuem an,„trete ich auf gut Glück eine Wan⸗ derung an, ohne zu wiſſen wohin? Ich hatte Hun⸗ ger; beim Suchen fand ich in der Taſche unſere ſieben Sous; wie Du weißt, war ich der Kaſſen⸗ führer und Kaſſenträger. Im nächſten Dorfe ließ ich mir für einen Son Brod geben, das ich vor lauter Weinen kaum hinunterbrachte, obgleich ich mörderiſchen Hunger hatte; denn ich dachte daran, daß Du kein Geld hatteſt, Andreas, und ſagte mir: was fängt der arme Bruder an, wenn er kein Kamin zu fegen findet! Bald tröſtete ich mich Etwas, 36 denn mir fiel ein, daß Du klüger und geſcheidter viſt als ich. Ich hatte oft gehört, daß, wer Kopf und Herz auf der rechten Stelle hat, in Paris ſein Glück machen muß. So kam ich in eine Stadt, ich hielt ſie für einen andern Theil von Paris. Gott⸗ lob, ſagte ich mir, da wird Andreas ſein! aber nein, ich war in St. Germain. Ich brach in lautes Wei⸗ nen aus; ein Herr, der eben vorüberging, fragte mich, warum ich weine und ich erzählte ihm meine Geſchichte.„Höre, ſprach er zu mir,„ich habe eben meinen Knecht fortgejagt, weil er ſich täglich betrinkt und mir den Wein im Keller ausſauft. Du biſt noch jung, haſt nicht viel Appetit, da kann ich ſparen.. auch ſind die Savoyarden ehrliche Burſche und trinken Waſſer ſtatt Wein. Wenn du willſt, nehme ich dich in meinen Dienſt, ſo brauchſt du wenigſtens nicht im Freien zu ſchlafen..„Und mein Bruder?“ fragte ich.„Den laſſen wir in Paris ſuchen wir haben ihn bald gefunden. Hocherfreut über das Verſprechen des Herrn folgte ich ihm. Er war Eigenthümer eines großen Hauſes, bewohnte aber für ſich bloß drei kleine Stuben. Mein ganzes Lager beſtand in einem ſchlechten Strohſack; dennoch ſchlief ich vortrefflich. Auch bekam ich nichts als Brod und gedörrte Hülſenfrüchte, aber wir Savoy⸗ arden ſind nicht lecker, wie Du weißt. Endlich ver⸗ ſprach er mir einen Jahreslohn von zwölf Franken. Dafür diente ich ihm als Lakai, Koch und Laufbote, und weil er ſich gewaltig vor Feuer fürchtete, mußte ch ihm jeden Morgen das Kamin fegen. So oft 37 ich mich nach Dir erkundigte, gab er mir auswei⸗ chende Antwort, bis er eines Morgens ſagte, Du habeſt Paris verlaſſen und man wiſſe nicht, wohin Du gegangen ſeieſt. Bruder, ich kann Dir nicht ſagen, wie ich bei der Nachricht weinte! Der Ge⸗ danke, Dich nie wieder ſehen zu ſollen, plagte mich Tag und Nacht. Bald darauf wollte ich nach Paris. »Du thuſt beſſer, bei mir zu bleiben, antwortete der alte Knauſer, der mich nicht miſſen wollte;„ nicht Jeder findet in Paris ſein täglich Brod.⸗ Zugleich verſprach er mir, an meine Mutter zu ſchreiben, um ſie über meine Lage zu berühigen. So lebte ich fünf Jahre im Hauſe des alten Geizhalſes. Je größer ich ward, um ſo ärger langweilte ich mich bei ihm, der ſich ewig über meinen Heißhunger beſchwerte, dennoch wagte ich nicht, ihn zu verlaſſen; ich bin von Natur ſchüchtern, wie Du weißt. Als er mich eines Morgens zum zweiten Frühſtück bei einem Paar Aepfel fand, gab er mir endlich meinen Abſchied. „Du biſt erſt zwölf Jahre alt,⸗ ſagte er, ,und frißt ſchon wie ein Fünfundzwanzigfähriger. Wo will das hinaus? Ich muß mich nach einem jüngeren, nicht ſo ausgehungerten Diener umſehen. Geh' nach Paris, vielleicht findeſt du deinen Bruder wieder. Da haſt du deinen Lohn für fünf Jahre.. mit ſechszig Franken kann man ſchon was anfangen!“ Zum erſten Male durfte ich eine ſo große Summe mein nennen. Luſtig und guter Dinge kehrte ich nach Paris zurück. Machſt du als Schornſteinfeger kein Glück, ſagte ich mir, ſo läufſt du Boten, du biſt alt genug dazu. Auch ſuchſt du Andreas, bis du ihn findeſt. Aber, du mein Gott, vergebens ſuchte ich Dich wie'ne Steck⸗ nadel, vergebens fragte ich jeden Savoyarden, der mir in den Wurf kam. Sie konnten Dich nicht ken⸗ nen, weil Du inzwiſchen ein vornehmer Herr gewor⸗ den warſt. Endlich hatte ich eine hübſche Summe erſpart: die ſchickſt du der guten Mutter, dachte ich bei mir. Aber wie fängſt du das an? Aus der Verlegenheit half mir ein Herr, ein alter Kunde von mir, dem ich oft die Schuhe wichſen mußte, wofür er nie zahlte, um, wie er ſagte, mir recht viel auf einmal geben zu können. Ich habe viele Bekannte in Savoyen, ſprach er zu mir. Gib mir das Geld und du darfſt dich darauf verlaſſen, daß es richtig beſorgt wird.“ Das licß ich mir nicht zweimal ſagen, wie Du leicht denken kannſt! Ich gebe ihm hundert Franken, und nach einiger Zeit brachte ey mir einen ſchönen Dank und die beſten Grüße von Seiten der Mutter und des Bruders.“ „Armer Peter,“ unterbrach ich ihn,„der Kerl hat Dich betrogen. Die Mutter weiß Nichts von Dir; ſie glaubt, Du ſeieſt längſt geſtorben.“ „Wär's möglich?! Und doch hatte der Herr ein ehrlich Geſicht! Nach einiger Zeit bot er mir auf's Neue ſeine Dienſte an.“ „Wie heißt der Herr?“ „Wart' nur, wie heißt er doch!.. Loiſeau.. ja, ja, Loiſeau, ein Banquier.“ „Und ſeine Adreſſe?“ „Die weiß ich nicht. Er kam immer zu mir. 39 Mitunter lud er mich auf ein Glas Kümmel in die Schnapsboutique an der Ecke ein.“ „Ein Banguier, der in einer Schnapsboutique mit Kümmel Dich traktirt?“ wiederholt Herr Der⸗ milly, ungläubig den Kopf ſchüttelnd.„Euer Herr Loiſeau, Freund Peter, hat mir ganz das Ausſehen eines Schelms, der eine tüchtige Tracht Prügel ver⸗ dient.“ „Bald darauf wurde ich krank und da es mit dem Verdienſt nicht ſo recht vorrücken wollte, ſo mußte ich lange krumm liegen und konnte der guten Mutter nichts ſchicken. Da führte mich mein Schick⸗ ſal oder mein guter Stern in das Haus, wo ich Dich wie ein Kind weinend fand, obgleich Du in ſo netten Kleidern ſteckteſt.“ Die letzten Worte Peters zogen mir das Blut in's Geſicht. Um dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben, fing ich eiligſt an, dem Bruder meine Geſchichte zu erzählen, von unſerer Trennung an bis auf den Augenblick unſeres Zuſammentreffens. „Meiner Seeln,“ ruft Peter,„Du hatteß Recht mit dem kleinen Porträt, das Du auf der Bruſt trugſt; Du haſt ihm Dein Glück zu verdanken. Aber ſag', Andreas, wie verſchieden ſind wir jetzt! Du biſt ein ſchöner, vornehmer Herr, haſt Talente, Kenntniſſe und Anſtand wie ein Graf, und ich bin geblieben, was ich war, bin noch eben ſo dumm wie zuvor; aber Du liebſt mich wie ehemals, das iſt die Hauptſache. Du haſt gemacht, daß unſere Muiter 40 zufrieden iſt und an Nichts Mangel leidet. Ueber Deinem Glück haſt Du Deine armen Eltern nicht vergeſſen und das iſt recht; wär' ich ſo reich gewor⸗ den wie Du: ich glaube, das hätte mir den Kopf verrückt und doch hab' auch ich ein gutes S Sapperlot,'s iſt ſchon ſpät und ich wohne im Fau⸗ bourg St. Jaques.“ „Nein, Freund Peter,“ ſagte Herr Dermilly, „Du wohnſt von heut' an bei mir und Deinem Bru⸗ ver. Wir wollen was Rechtes aus Dir machen.“ „Wär's möglich!“ ruft Peter und ſchmeißt vor Freude den Armſtuhl um.„Ich hier wohnen, in vieſem ſchönen Hauſe? Alle Hagel! aber mein Kratzeiſen ſollt' ich haben und meinen Ranzen! Oder laß' ich das bis morgen. Potz Sapperment, das muß ſich flott leben hier!“ Peter geräth außer ſich vor Freude. Ich drücke Herrn Dermilly gerührt die Hand und nehme Peter mit auf mein Schlafzimmer, denn es iſt ſchon ſpät und Herr Dermilly bedarf der Ruhe. In meinem Zimmer wird Peter nicht müde, die herrlichen Mo⸗ bilien anzuſtannen.„Hier ſoll ich wohnen, ich?“ ruft er ein über's andere Mal verwundert aus. Dennoch drückt ihn Etwas. Er möchte zu gerne wiſſen, warum ich geweint habe. „Aber ſage, Bruder, was bekümmerte Dich ſo auf dem dunkeln Gange in dem Hauſe?“ fragt er mich. „Ich will und muß es wiſſen.“. „Später, lieber Bruder.“ „Rein, Andreas, gleich, ich habe nicht eher Rühe. † 41 Denn, ſiehſt Du, wenn ich aufhören muß, luſtig zu ſein, um ein vornehmer Herr zu werden, ſo will ich lieber bleiben, was ich bin, da kann ich wenigſtens den ganzen Tag ſingen.“ „Mein Kummer, Bruder, hat nicht viel auf ſich. Weißt Du, Peter, was verliebt ſein heißt? Nein?“ „Verliebt? Meiner Seel', nein!“ „Dann, Peter, kannſt Du mich nicht verſtehen.“ „Du biſt alſo verliebt, Andreas? Und Deine Schöne hat Dir Wippchen vorgemacht wie der Schatz meiner kleinen Stopfmamſell?“ „Peter, kein Wort mehr davon.“ „Was glaubſt Du, Bruder?! Die Botenläufer ſind verſchwiegen wie das Grab.“ Nur mit Mühe bringe ich Peter in's Bett. Er findet es viel zu ſchön und weich; endlich wagt er's, ſich auszuſtrecken. Ehe er einſchläft, ruft er wieder⸗ holt: „Das ſchöne Bett, wie weich! man verſinkt ganz heiſa, hier will ich luſtig ſein! Aber ich will mich hüten vor Verliebtheit, ſonſt müßte ich auch weinen wie der arme Andreas!“ Drittes Kapitel. Herru Dermilly's Tod.— Ich bin reich.— Peter macht Dummheiten. Den nächſten Morgen beim Erwachen umarmen wir uns brüderlich. Wie ſüß iſt das Wiederſehen Paul de Kock. LXXRVI. 5 4 —————————— 42 nach ſo langer Trennung! Ich will mich gleich hin⸗ ſetzen und der guten Mutter die fröhliche Nachricht melden. Herr Dermilly ſchläft noch. Inzwiſchen ſchicke ich Peter in den Faubourg St. Jaques, damit er ſeine Effekten hole und alles Uebrige in Ordnung bringe. Er verſpricht, bis zehn Uhr zurück zu ſein. Ich ſchäme mich meines Bruders nicht, aber weil er bei uns wohnt, ſoll er auch gekleidet ſein, wie ich es bin. Wir ſind faſt von gleicher Größe; meine Klei⸗ der paſſen ihm. So mag er ſich mit den meinigen begnügen, bis ich ſeine Garderobe und was er ſonſt braucht, hergerichtet habe. Das unverhoffte Zuſam⸗ mentreffen mit dem geliebten Bruder ſcheint mir meine alte Heiterkeit wiedergegeben zu haben. Mein Glück wäre noch größer, wenn nicht der Zuſtand Herrn Dermilly's die lebhafteſten Beſorgniſſe in mir erweckte. Er wird mit jedem Tage ſchwächer und niedergeſchlagener, und ich darf nicht einmal der Frau Gräfin davon ſagen, denn er fürchtet, ſie zu betrüben. Mit Kratzeiſen und Ranzen auf dem Buckel kommt Peter zurück. „Wozu das?“ frag' ich ihn;„Du weißt, Du brauchſt die Sachen hier nicht.“ „Höre, Bruder, Du haſt große Dinge mit mir vor; aber wer weiß, ob ſie Dir gelingen. Ich be⸗ halte mein Kratzeiſen, vielleicht daß es mir ſpäter einmal gute Dienſte thut.“ „Du haſt recht, Peter, und was Du auch wirſt, & „ — pi g 43 ſie können Dir eine Erinnerung ſein an das, was Du früher warſt. Jetzt kleide Dich an.“ „Wie, Andreas, die ſchönen Kleider ſind für mich?“ ruft er, die Kleidungsſtücke, die ich ihm hinhalte, bewundernd anſehend. „Für wen ſonſt? Du biſt mein Bruder und ſollſt nicht ſchlechter gekleidet ſein als ich.“ „Mag ſein, Bruder; aber ſiehſt Du, ich komm' mir gar zu linkiſch d'rin vor.“ „Das gibt ſich, Peter; auch ich konnte mich nicht gleich an ſie gewöhnen.“ „O, wie hübſch muß das kleiden!“ Peter kleidet ſich anz dann gehen wir zu Herrn Dermilly, der mit dem Frühſtück auf uns wartet. Er lacht laut, als er Peter erblickt, und in der That ſieht er höchſt komiſch aus. Aus Furcht, die Kleider zu beſchmutzen oder zu zerdrücken, ſitzt er kerzengerade da und ſtarrt dann vor ſich hin, weder links, noch rechts, noch hinter ſich blickend. „Nicht ſo ſteif, Peter!“ ruf' ich ihm zu,„Du mußt Dich leichter tragen und thun, als ſtäckeſt Du noch in Deinem alten Kittel.“ Dann tritt er vor den Spiegel und ſtaunt Cra⸗ vatte und Weſte an. Er will nicht auf den Boden ſehen aus lauter Schonung gegen die Roſette ſeiner Halsbinde. Mit größter Mühe bringen wir ihn zum Sitzen, weil er die Rockſchöße zu zerkrümpeln fürchtet. Nach dem Frühftück, wobei Peter bloß zwei Taſſen umwirft und bloß eine Zuckerdoſe zerbricht, geh' ich mit Peter zu Vater Bernhard. O, daß ich ihn in's — —— 44 Hotel mitnehmen dürfte! Wären die Gräfin und Adolphine allein, ſie würden ihn beſtimmt gut auf⸗ nehmen. Auf der Straße ſage ich zu Peter: „Gib' mir den Arm und ſieh' nicht aus, als gingſt Du auf Eiern.“ „Wenn nur der Dreck nicht wäre, Andreas.“ „Dreck hin und Dreck her: haſt Du nicht Stiefel an?“ „Aber ſieh', wie ſie glänzen; ſchade, wenn ſie dreckig werden.“ „Drückt Dich die Hoſe, Peter?“ „Nein, Bruder.“ „Warum drehſt Du Dich denn ſo?“ „Ich mache kleine Schritte, Andreas; das iſt fein.“ „Fein hin und fein her, Bruder: geh', wie Du früher gingſt und kümmere Dich nicht um Feinheit.“ „Wie Du willſt, Bruder.“ „Warum biſt Du ſo roth im Geſicht? Shintbt⸗ „Nein, Bruder: die Cravatte drückt mich ein wenig.“ „Teufel, ſo mach' ſie loſer! Steck den Finger hinein.“ „Wohin denkſt Du, Bruder? Die Roſette würde zerdrückt.“ Ich führe Peter auf eine Hausflur, binde ihm dort das Halstuch loſer, knöpfe ihm den Rock auf und zeige ihm, wie er ſich zu halten habe; dann gehen wir weiter. Nach einer Weile macht er eine ſo drollige Miene, daß ich ihn lachend frage, ob er ſchon wieder erſticken wolle. 45 „Nein, Bruder; aber mir ſcheint, alle Leute ſehen mich an.“ „Waos ſollen ſie Dich anſehen? Und wenn's wäre, brauchſt Du ihren Blicken auszuweichen? Denke, Du viſt ein ehrlicher Burſch, und daß die, welche über Dein linkiſch Weſen lachen, vielleicht nicht ſo viel ſagen können.“ Dieſe Vorſtellung fruchtet: er bewegt die Beine freier, und als wir beim Waſſerträger eintreten⸗ athmet er auf, wie wenn ihm eine Centnerlaſt vom Herzen gewälzt wäre; hier fühlt er ſich in ſeinem Fahrwaſſer, denn hier imponirt ihm Nichts. Bernhard und Naneite theilen meine Freude und behandeln ihn ganz ſo liebreich wie mich ſelbſt. Ich gebe Bernhard einen Brief für meine Mutter, auf daß ſie ſich baldigſt mit mir freuen kann über den un⸗ verhofften Wiederfund Peters. Es dauert nicht lange, ſo fühlt er ſich bei den lieben Leuten ganz heimiſch; hier engt und zwängt ihn Nichts ein. Nach mehr⸗ ſtündigem Aufenthalt ſcheiden wir von unſern Freun⸗ den unter dem Verſprechen, ſie recht oft zu beſuchen. „Ihr ſeid zu jeder Stunde willkommen,“ ſagt Nanette zu Peter;„aber noch willkommener, wenn Ihr Andreas mitbringt.“ Gute Schweſter, jedes deiner Worte verräth deine Freundſchaft für mich. „Das ſind prächtige Leute,“ ſagt Peter ſchmun⸗ zelnd;„der alte Waſſerträger iſt eine kreuzbrave Haut, und Wetter! ſeine Nanette ein ſcharmanter Blumen⸗ ſtengel; meiner Seel'! die Bekanntſchaft will ich eultiviren, Bruder.“ F. „Das lob' ich mir, Peter; Du ſiehſt und hörſt nur Gutes bei meinen Freunden.“ „Ja, Andreas, und da bin ich wie der Fiſch im Waſſer, ſo frei und ungenirt; da rutſch' ich nicht aus auf dem glatten Boden, oder ſchmeiße Tiſche und Stühle um, oder zerbreche Teller und Taſſen.“ Sobald ſich Peter bei Herrn Dermilly etwas ein⸗ gewöhnt hat, zeig' ich ihm die Hauptſehenswürdig⸗ keiten von Paris und bemühe mich, ihm einige Po⸗ litur zu geben und ihn zuzuſtutzen für beſſere Ge⸗ ſellſchaft. Peter kann weder leſen noch ſchreiben; beides ſoll er bei mir lernen. Wie Herr Dermilly glaubt, eignet er ſich nicht zum Künßiler; dagegen könne man ihn ſpäter nach gehörigem Unterrichte in einem Handelshaus unterbringen. Ich fürchte, ich fürchte, den guten peler wird ſchon das vloße Leſenlernen viel Schweiß koſten. Er hat jetzt bereits einen ganzen Monat lang täglich vier Stunden Unterricht bei mir und noch kann er nicht Papa und Mama buchſtabiren. Wenn er geleſen und geſchrieben oder richtiger gekritzelt hat, geht er entweder ſpazieren, um ſich, wie er ſagt, eine hübſche Tournure zu geben, oder beſucht Bernhard und ſeine Tochter. Nur ſelten kann ich ihn begleiten, weil ich in Folge des täglich ſich verſchlimmernden Zuſtandes Herrn Dermilly's kaum von ſeiner Seite weiche. Mein einziger Ausgang, und immer nur auf kurze Zeit, iſt; zum Hotel, wo ich Adolphinens Fenſter ſehnſüchtig anſchaue. Die Nähe Peters hatte auf eine Weile meine Liebe zum Schweigen * — — 47 gebracht, aber nicht erſtickt; ſie tritt jetzt um ſo ge⸗ bieteriſcher in ihre alten Rechte ein. Lucilie kommt, ſich nach Herrn Dermilly's Be⸗ finden zu erkundigen. Ich höre von ihr, daß der junge Marquis noch eben ſo vergnügungsſüchtig, der Graf noch eben ſo lecker und Adolphine noch eben ſo traurig iſt, obgleich die Frau Gräfin ſie keinen Augen⸗ blick verläßt und ihr täglich neue Zerſtreuungen zu vieten ſucht. Lucilie wundert ſich, daß ich nicht mehr in's Hotel komme; aber wer ſoll bei Herrn Dermilly bleiben? Er nimmt ſichtlich ab und ich darf ihn nicht allein laſſen, obgleich er mich dringend auffordert, Peter zu begleiten und mir einige Erholung zu gönnen. Die gute Seele, wie dankbar er iſt für die Pflege, die ich ihm erweiſe! Er nennt mich ſeinen Sohn, und doch verdanke ich ihm Alles, was ich bin und habe. Sich über das zu wundern, was nicht mehr als verfluchte Schuldigkeit iſt! Iſt denn die Dank⸗ varkeit eine ſo ſeltene Tugend? Peter pflegt regelmäßig um eilf Uhr nach Haus zu kommen. Eines Abends iſt er um Mitternacht noch nicht zurück, obgleich er ſchon um drei Uhr Näch⸗ mittags ausging. Vielleicht hat er bei Bernhard zu Mittag gegeſſen, wie er es oft thut; aber Bernhard geht präcis um zehn Uhr in's Bett; auch die Thea⸗ ter ſind vorbei. Wo mag er ſtecken? Herr Dermilly ſchläft, doch bleib' ich noch auf, denn ich habe keine Ruhe im Bette, ſo lange Peter fehlt. Es ſchlägt ein Uuhr und noch iſt kein Peter zu hören und zu ſehen; ſchon will ich hinaus, ihn aufzuſuchen, als laut an ——— das Hofthor geklopft wird; gleich darauf höre ich meines Bruders Stimme auf der Treppe. Ich bin im Begriff, ihm Vorwürfe zu machen, ſtehe aber davon ab, als ich ſeinen Zuſtand gewahre: Peter iſt total betrunken, er kann ſich kaum auf den Beinen halten, der Hut fehlt, die Cravatte iſt ganz zerzaust, Rock und Hoſen ſind von oben bis unten mit Koth beſpritzt und die Augen wollen aus dem Kopfe fahren. Wo in aller Welt hat der arme Tropf ſich das geholt? Gewiß nicht bei Vater Bernhard. Morgen ſoll er beichten; für den Augenblick bin ich froh, wenn ich ihn zum Schweigen bringe, denn er rabbelt an Einem fort und ſchreit wie ein Faßbinder. „Da bin ich, Bruder, etwas ſpät, aber beſſer als gar nicht. Das war ein Jux, Bruder, und die andern Lümmel, die wollten uns prügeln, aber, ſag' Dir, wir haben die Kerle gewammst nach Noten.“ „Schweig', Peter!“ ſage ich,„und mach', daß Du in's Bett kommſt. Du weißt, Herr Dermilly iſt krankz willſt Du ihn aufwecken aus dem Schlaf durch Dein Gebrüll?“ „Sapperlot, Bruder! das vergeß' ich. Der gute Herr Dermilly! Höre, ich lieb' und achte ihn mehr wie mich ſelbſt; meiner Seel', ich möchte ihn nicht wecken.“ Dabei ſchreit der Tropf immer lauter. Endlich zieh' ich ihn in's Zimmer und ſchließe alle Thüren zu⸗ damit er Niemand ſtört. „Jetzt geh' in's Bett,“ ſage ich;„morgen kannſt Du erzählen, was Du gethan haſt.“ N——— 2 e⸗ famoſen Traiteur nach der Charte; Loiſeau beftellte 49 „Juchhe, Bruder, das war ein Jux! Und dinirt haben wir wie die Prinzen, meiner Seel'!“ „Mit wem haſt Du dinirt?“ „Mit wem? Das weißt Du nicht? Mit Loiſeau, meinem alten Kunden; jetzt ſchwört er, er ſei mein Freund auf Tod und Leben.“ „So, ſo, der Loiſeau hat die Hand im Spiel! Nun vegreife ich, warum Du ſo biſt! Wie Du mit einem ſolchen Kerl umgehen magſt, der Dich ſo ſchnöde betrog und wahrſcheinlich nichts Anderes iſt als ein abgefeimter Spitzbube!“ „Bruder, Du thuſt ihm Unrecht: er ſchwört, er ſei der ehrlichſte Kerl auf Gottes Erdboden, und wenn unſere Mutter das Geld nicht gekriegt habe, ſei er ſo unſchuldig d'ran wie ein einjähriges Kind; dann ſei er ſelbſt betrogen und beſtohlen worden. Zum Beweis dafür zog er allerhand Papiere und Schriften aus der Taſche, die ſeine Unſchuld ſonnenklar dar⸗ thun.“ „Kannſt Du denn leſen?“ „Das hab' ich ihm geſagt, aber er antwortete: Ich will Dir die Papiere vorleſen⸗ die mich ſo weiß machen in Deinen Augen wie Schnee und mehr noch, ich will ſie Dir vorleſen.“ Dann las er ſie mir vor; eins davon war ein Sittenzeugniß, ausgeſtellt vom Friedensrichter ſeines Arrondiſſements, mit dem wir dinirten.“ „Mit dem Friedensrichter?“ „Nein, mit dem Certificat in der Taſche, bei einem das Eſſen und ich zahlte, denn der arme Schelm hatte ein Loch in der Hoſentaſche, und als er nach dem Gelde ſuchte, war Alles durch das Loch gefallen.“ Plötzlich kam mir, ich weiß ſelbſt nicht wie, der Gedanke, dieſer Monſieur Lviſeau ſei kein Anderer als mein Freund Roſſignol; in ihrem Benehmen gleichen ſie ſich wie ein Ei dem andern.„Wo haſt Du denn Loiſeau getroffen, Peter?“ frage ich. „Auf der Straße, als ich zu Papa Bernhard wollte. Ein Herr kommt auf mich zu, ſieht mich von Kopf bis zu Fuß an und fliegt mir um den Hals. Ja, ich irre mich nicht,“ ruft er, ja, er iſt's!“ Und das ſang er, denn er ſingt oft, wenn er ſpricht, und meiner Seel', er ſingt wie ein Tauſendſaſa; er kann mit ſeiner Stimme Wirbel ſchlagen wie ein Tambour.“ 3 Das Alles paßt auf den Schuft von Roſſignol wie die Fauſt auf's Auge. „Nachdem er mich umarmt hat, als wolle er mich freſſen,“ fährt Peter in ſeiner Erzählung fort,„fragt er mich, ob ich das große Loos gewonnen oder die königliche Poſt beftohlen habe. Ich erzähle ihm nun, daß ich meinen Bruder Andreas wiedergefunden habe und bei einem guten Manne wohne, den ich von ganzem Herzen achte und liebe „Nur nicht ſo laut, Du ſchreiſt wie nicht geſcheidt. Willſt Du Herrn Dermilly aufwecken?“ „Bruder, nenn' den Namen nicht, oder mir kömmt das Weinen nah; denn guck', ich hab' ein Herz im Leib wie Wachs ſo weich, hi hi hi!“ . 51 „Jetzt heult er gar. Still, ewiger Schwätzer, ſtill! Warte bis morgen.“ „Schau', Andreas, der Herr Dermilly, der Dich ſeinen Sohn heißt, iſt ſo gut, hi hi hi! Aber Du verdienſt es auch, Du, hi hi hi! Andreas, ich will leſen, denn ſchau', mir geht's durch die Seele, daß Du ſo viel Mühe Dir gibſt.. hi hi hi.. und noch kann ich nicht Papa und Mama buchſtabiren. hi hi hi!“ „Das freut mich, Peter! Aber jetzt iſt's nicht Zeit zum Leſen, ſondern zum Schlafen; mach', daß Du in's Bett kommſt, ich bitte Dich.“ „Wie Du willſt, Bruder. Gib Acht, wie ich morgen buchſtabiren will und ganz allein: ſv. ſo ſi. ſo ffen. geſoffen. nichts als Wein geſoffen, Bruder, meiner Seel', nichts als Wein, und was für welchen? Hölle und Teufel, wie heißt er doch noch? Canpanier.. ja, ja, Canpanierwein, und beim Deſ⸗ ſert haben wir alle Teller zerſchlagen, denn Loiſeau ſang vom Bolero und dazu klapperte er mit den Scherben, als wären's Kaſtanien. Wie ſchön das klang, Bruder, ſo himmliſch, daß mehrere junge Leute, die im Nebenzimmer aßen, einen Sou nach dem andern uns zuwarfen, damit wir ſtillſchweigen ſollten! Was thut der Loiſeau? Der wirft ſie mit Tellern, ganzen und halben, und ſie werfen wieder mit Schüſſeln, daß Teller und Schüſſeln in der Luft zuſammentrafen und klirr, klirr ging's; hu, das war eine Luſt! Teller und Schüſſeln hin und her, links und rechts, oben und unten. Ein alter Herr, der in einem Winkel 52 des Saales friedlich bei ſeinem Haſenpfeffer ſaß, ward von einer Salatſchüſſel getroffen; racheſchnaubend fliegt er auf und will die Polizei holen. Wir aber zum Tempel hinaus: dabei hab' ich meinen Hut ein⸗ gebüßt. Schade d'rum, er war ganz neu.“ „Die Aufführung lob' ich mir.“ „Und mit Recht, Bruder. Wir haben uns als brave Männer geſchlagen; Du darfſt zufrieden ſein mit mir, Bruder.“ „Ja, Bruder, vor Allem, wenn Du endlich ſchweigſt und einſchläffſt.“ „Erſt ſag', ob Du mich noch lieb haſt.“ „Ja, Peter; aber wenn Du mich lieb haſt, ſo ſchlafe endlich ein.“ Endlich ſchläft er ein; gleich darauf hör' ich ihn laut ſchnarchen. Peter, Peter, wie würde es Dir gehen, wenn Du hier allein wäreſt ohne Bruder, Freund und Rathgeber! Dann wäre Dir's beſſer, Du kehrteſt nach wie vor den Schornſtein: arm würdeſt Du nach wie vor ehrlich bleiben, aber reich, wer weiß, was die Schelme aus Dir machen könnten! Es iſt die erſte Unbeſonnenheit, die er begeht und die verdient Nachſicht. Den andern Morgen beim Erwachen beſinnt ſich Peter vergeblich auf die Ereigniſſe des vorigen Abends; nur allmälig fallen ſie ihm wieder ein. Ein unmäßiger Genuß der Lafelfreuden wirkt nachtheilig auf das Gedächtniß, und wer ſich ihnen oft hingibt, gewinnt ganz den Anſchein eines Blödſinnigen. Je mehr er zum Bewußtſein kommt, um ſo mehr ſchämt er ſich 3. — 53 ſeines Benehmens und bittet mich inſtändig, Herrn Dermilly nichts davon zu ſagen; zugleich verſpricht er mir jeden Umgang mit Loiſeau zu meiden. „Wenn Du ihm wieder begegneſt,“ ſage ich zu Peter,„ſo beſtelle ihn an einen beliebigen Ort; dann gehen wir zuſammen hin, und iſt Dein Herr Loiſeau derſelbe, auf den ich Verdacht habe, ſo ſollen ihm ſeine Schelmſtücke ſchlecht bekommen.“ Ueber den immer beſorglicher werdenden Zuſtand des Herrn Dermilly vergeſſe ich dieſen Vorfall ſchnell. Herr Dermilly kann nicht mehr aufſtehen aus ſeinem Armſtuhl. Er fühlt, daß er nur noch kurze Zeit zu leben hat, obgleich er der Gräfin auf ihre wieder⸗ holten Anfragen hinſichtlich ſeines Befindens antwor⸗ ten läßt, daß es beſſer gehe. „Lieber Andreas,“ ſagt er zu mir,„ich weiß, wie ich daran bin, aber warum ſoll ich die gute Caroline im Voraus betrüben? Sie wird meinen Tod beweinen, nicht, wie ſie's früher gethan hätte, mit der Verzweiflung eines liebenden Herzens, ſon⸗ dern mit dem ſtillinnigen Schmerze eines Freundes bei der Trennung vom Freunde. Andreas, ich habe in Deinem Herzen geleſen: auch Dir macht die Liebe viel Schmerz!“ Was helfen alle Verſicherungen des Gegen⸗ theils? Er hat mein Geheimniß entdeckt. „Du liebſt Adolphine,“ ſo faͤhrt er fort;„ftände es bei mir, Dich glücklich zu machen, ſo würde Adolphine Dein Weib. Du biſt mein Adoptivſohn, und weil ich keine Erben habe, gehört Dir Alles, 54 was ich auf Erden zurücklaſſe. Dank meinem Talent und meiner einfachen Lebensweiſe habe ich mich bis auf ſechstauſend Livres Jahresrenten gebracht: ſie gehören Dir. Es iſt viel für einen Künſtler, aber ſehr wenig für einen Herrn von Franconard.“ „Nehmen Sie Ihre Wohlthaten zurück, Herr Dermilly,“ antworte ich tief erſchüttert, ſeine Hand mit meinen Thränen netzend,„nehmen Sie Alles zurück und bleiben Sie nach wie vor mein Freund und zweiter Vater!“ Leider hilft die ſorgſamſte Pflege zu nichts mehr. Nachdem Herr Dermilly noch einen ganzen Monat lang ſich kümmerlich hingeſchleppt hat, verſcheidet er eines Morgens ſanft und ruhig in meinen Armen. Seine letzten Worte waren Carolineund Andreas! Der Tod dieſes trefflichen Mannes verſetzt mich in die tiefße Trauer. Umſonſt ſucht Peter mich zu tröſten; auch Vater Bernhard und Nanette eilen herbei und bezeugen mir die innigſte Theilnahme an meinem Schmerze. Ach, erſt in den Stunden der Trauer wiſſen wir den Werth der Freundſchaft ſo recht zu ſchätzen! In ſeinem von ihm ſelbſt aufgeſetzten Teſtamente vermacht er mir ſein geſammtes Hab und Gut. So darf ich denn ein ſchönes Mobiliarvermögen und eine Jahresrente von nahe an ſechstauſend Livres mein nennen. „Sechstauſend Livres Renten!“ ruft Peter,„das heiß' ich eine prinzliche Erbſchaft, Andreas; dafür kannſt Du unſer ganzes Dorf kaufen.“ 55 „Iſt das wahr?“ fragt Nanette, mich beſorgt anſehend.„Biſt Du jetzt ſo reich wie... wie die Leute, die in Hotels wohnen?“ „Nein, Nanette, lange, lange nicht ſo reich! Aber reich genug, um Viele glücklich zu machen. Mutter, Bruder und Ihr, meine lieben Freunde, beſitzet Alles gemeinſchaftlich mit mir!“ „Dank Dir, Andreas,“ antwortet Vater Bern⸗ hard und drückt meine Hand;„ich will und brauche nichts. Ich weiß, daß ſechstauſend Livres Renten kein unermeßliches Vermögen ſind, immer aber hin⸗ reichend, Dich und Deine Familie anſtändig zu er⸗ nähren. Ich freue mich über Dein Glück, Du ver⸗ dienſt es; eben ſo feſt bin ich überzeugt, daß der Glanz des Geldes Dein Herz nicht beſticht.“ „Nie, Vater Bernhard, nie!“ Die Verſicherung gibt Nanette die Ruhe wieder, die ſie bei der Nachricht von meiner Erbſchaft ver⸗ loren zu haben ſchien. Mir bleibt jetzt nichts übrig, als den letzten Willen Herrn Dermilly's zu erfüllen. Vor ſeinem Tode übergab er mir ein verſiegeltes Paket mit der Bitte, es der Frau Gräfin perſön⸗ lich zu überbringen. So will ich denn jetzt in's Hotel. „Gewiß haben ſie ſchon von Deinem Reichthum gehört,“ ſagt Nanette;„ich wette, ſie werden Dich wieder in's Haus haben wollen.“ „Nein, Schweſter, nein, ſie wollen es nicht; bin ich doch nur ein armer Teufel gegen den reichen Herrn Grafen.“ 56 „Um ſo beſſer; je näher ihnen, um ſo weiter von uns!“ Eben, als ich in's Hotel fort will, wird mir ein Brief gebracht. An dem Poſtzeichen ſehe ich, daß er aus Savoyen kommt. Himmel, was hat das zu bedeuten! Die Mutter kann nicht ſchreiben, Jakob eben ſo wenig. Ich fürchte, ich fürchte... zitternd erbreche ich das Siegel; Peter und meine Freunde drängen ſich heran. Alle wollen wiſſen, was im Briefe ſteht. Er iſt von Michel, einem unſerer Nachbarn, und im Namen unſerer Mutter geſchrieben. Sie freut ſich unendlich über das Wiederauffinden Peters: die Nachricht hat ſie einigermaßen getröſtet über das Unglück, das ſie uns zu melden hat. Mein Goit! Jakob, unſer lieber Bruder, hat durch Sturz in einen Abgrund den Tod gefunden!. Armer, armer Jakob! ſo ſollen wir Dich nicht wieder ſehen! O, daß es Dir vergönnt geweſen wäre, am Genuſſe des mir zugefallenen Vermögens Theil zu nehmen! Schon ſehe ich einen Theil mei⸗ ner Hoffnungen zerfließen; ich kann nicht weiter leſen. Peter und ich, wir fallen uns in die Arme und weinen unſern Schmerz aus über den Tod des lieben Bruders, den wir ſo jung verlaſſen und einſt zum Mann erwachſen wieder zu ſehen gehofft hatten. Nach geraumer Zeit leſe ich den Brief zu Ende. Die gute Mutter hät die größte Sehnſucht nach uns; ſie möchte uns an ihr Herz drücken und ſich mit uns 57 über den Verluſt ihres geliebten Kindes ausweinen; ſie bittet uns flehentlich, ja nicht zu zögern, und wenn ſie uns auch nur einen Tag ſehen ſollte; un⸗ ſere Ankunft allein könne ſie wieder geſund machen. So wollen wir denn die Wünſche der Mutter ungeſäumt erfüllen. „Peter,“ ſage ich zum Bruder,„morgen, heute noch, wo möglich, wollen wir abreiſen; vie Mutter wartet, ſie iſt krank, unſere Gegenwart kann ſie heilen. Geſchwind nach Savoyen!“ „Ja, Bruder, wir müſſen fort. Zu Fuß?“ „Wohin denkſt Du, Peter? Mit Extrapoſt! Je ſchneller, je beſſer; was liegt mir am Gelde? Kann ich es beſſer anwenden, als gemäß den Wünſchen mei⸗ ner Mutter, die keines ihrer Kinder um ſich hat, ſie in den Stunden der Trauer zu tröſten? Je eher, je lieber fort, und je ſchneller, je beſſer! Meinetwegen ſechs Pferde, wenn es ſein muß. Vater Bernhard wird die Gefälligkeit haben, Alles, was zur Reiſe nöthig iſt, in Ordnung zu bringen, nicht wahr? Inzwiſchen will ich in's Hotel und der Frau Gräfin das Teſta⸗ ment des Herrn Dermilly und ſeine Briefe einhän⸗ digen.“ „Geh', Andreas, geh'; ich will Alles beſorgen: eine bequeme Poſſchaiſe, Pferde, Poſtillon und was ſonſt nöthig iſt, nicht zum Reiſen, ſondern zum Fliegen; noch heute Abend ſoll das Gefährt vor der Thüre ſein. Der gute Andreas! Meiner Seel' hätt' ich nicht Kunden, die bedient ſein wollen, ich Paul de Kock. LKXXVI. 5 ginge mit ihm nach Savoyen, bloß um der armen Marie zu ſagen, daß ihr Sohn ſeines Gleichen nicht hat in ganz Paris.“ „Gewiß nicht,“ ſagt Nanette weinend;„aber nicht wahr, Andreas, Du kommſt wieder zu uns zurück?“ „Ja, Nanette, ja; wir ſehen uns wieder!“ „Juchhe! welch Vergnügen!“ ruft Peter und ſpringt im Zimmer herum.„Im Poſtwagen mit ſechs Pferden wie der Wind in's Dorf einzufahren! Sapperment, wie die Leute die Augen aufreißen werden; ſie werden uns für Prinzen oder privatiſi⸗ rende Viehhändler halten!“ Ich bitte Nanette, unſere Koffer zu packen, denn Peter iſt ſo außer ſich, daß er zu keinem Geſchäft zu gebrauchen iſt. Das Paketchen, das ich der Frau Gräfin zu überreichen habe, in die Taſche ſteckend, eile ich nach dem Hotel. Unterwegs denke ich an den plötzlichen Umſchwung in meinen Vermögensverhältniſſen. Ich fühle, wie im Grunde meines Herzens allerhand neue Hoffnun⸗ gen ſich regen! Sechstauſend Libres Jahresrenten! Iſt das nicht viel mehr, als ich zu einem behag⸗ lichen Leben brauche? Außerdem führe ich meinen Pinſel, der mir immerhin ein ſtattliches Einkommen ſichert. Ich habe Talent für meine ſchöne Kunſt, wenn auch lange nicht das des Herrn Dermilly⸗ Dieß Alles zuſammengenommen kann ich meinem künftigen Weibe ein mehr als ſorgenfreies, ein an⸗ genehmes Leben ſchaffen. Ach! die wahre Liebe denkt . 59 nicht an's Geld! Oder wäre nur der glücklich, der ein glänzendes Hotel, prächtige Equipagen und zahl⸗ reiche Dienerſchaft beſitzt? O, wenn Adolphine mich liebte!* Aber wie bald verſchwanden dieſe Chimären vor dem prüfenden Blick des Verſtandes! Was iſt dieß mäßige Einkommen gegen das glänzende Vermögen des Grafen? Und geſetzt, ich wäre noch reicher, ſo reich, daß ich mich meſſen könnte mit ihm, hörte ich darum auf, Andreas der Savoyarde zu ſein? Im Hotel angekommen, erſteige ich die Treppen mit ungleich feſterem Tritte als ſonſt. So wahr iſt es, daß der Vermögliche jene ſichere Haltung, die ihn überall hin begleitet, nur aus dem Gefühle ſeiner Unabhängigkeit ſchöpft. Ich halte in der Hand das verſiegelte Paketchen; allem Anſcheine nach enthält es Liebesbriefe. In den meiſten Fällen haben ſolche Briefe uur eines gar kurzen Daſeins ſich zu erfreuen; dieſe haben den, an welchen ſie geſchrieben wurden, überlebt. Aus dieſen Briefen weht uns die ganze Glut eines lei⸗ denſchaftlich bewegten Herzens entgegen und ſetzt uns in Flammen, während die Hand, die ſie nieder⸗ ſchrieb, längſt in Staub und Aſche zerfiel. So iſt oft das Daſein eines Stückchens Papier von längerer Dauer als unſer eigenes! Meine Wohlthäterin muß von dem Tode Herrn Dermilly's unterrichtet ſein. So bin ich wenigſtens der ſchmerzlichen Nothwendigkeit überhoben, ihn ihr anzuzeigen. Je näher ich ihrem Zimmer komme, — 60 um ſo mehr entfällt mir der Muth. Seit länger denn fünf Monaten habe ich das Hotel verlaſſen und in der ganzen Zeit nicht einmal Adolphine zu Geſicht bekommen. Wird auch dießmal meine Hoff⸗ nung getäuſcht werden? Ich habe mich anmelden laſſen und werde nun förmlich eingeführt, wo ich ehemals frei ein⸗ und ausgehen durfte. Sie iſt da... ich habe ſie geſehen, nur ſie geſehen; unſere Blicke trafen ſich: ſie ſagten ſich in einer Sekunde, was unſere Herzen in fünf Monaten empfunden haben. Die Stimme meiner Wohlthäterin weckt mich aus meinem ſüßen Rauſche. Ihr Geſicht trägt die unverkennbaren Spuren tiefen Seelenſchmerzes, die lauter und beredter als alle Worte ihre Anhänglich⸗ keit an Herrn Dermilly bezeugen. Mit bewegter Stimme hebt ſie an: „Wir Beide, Andreas, haben einen warmen Freund verloren. Er verbarg mir ſeinen Zuſtand, er wollte mir bis zum letzten Augenblick die Hoff⸗ nung nicht rauben, und ich glaubte ihm. Ich weiß, was er für Sie gethan hat, den er wie ſeinen Sohn liebte. Hat er Ihnen Nichts für mich gegeben?“ „Aufzuwarten, Madame. Dieß Paket ſollte ich Ihnen eigenhändig überreichen.“ Sie nimmt es mir eiligſt aus der Hand und er⸗ pricht es mit feuchten Augen. Der Anſtand verlangt, vaß ich mich entferne; ſo nähere ich mich denn Fräu⸗ Nein Adolphine. Wir können eine Weile unbemerkt mit einander plaudern, denn die Mutter ſieht uns 61 nicht mehr; ſie iſt wie abweſend. Der Anblick der vielleicht vor fünfzehn Jahren gewechſelten Briefe verſetzt ſie in jene erſte Zeit ihrer jungen Liebe zu⸗ rück: die Gegenwart hat der Vergangenheit weichen müſſen. „Warum ſieht man Sie jetzt nicht mehr im Ho tel?“ fragt Adolphine halblaut.„Es iſt nicht recht von Ihnen, Herr Andreas, daß Sie Ihre Freunde ſo vernachläßigen.“ „O, mein Fräulein, wie gerne käme ich; aber ich fürchte... ich wage kaum... Ihr Herr Vater... Ihr Herr Couſin...“ „Hält ſie das ab? Mein Coufin iſt ein Sauſe⸗ wind und für den Augenblick nicht in Paris; mein Vater denkt nur an den Tod ſeines Schooßhundes; Mutter iſt untröſtlich über den Verluſt des guten Herrn Dermilly, den auch ich recht tief fühle. Ich hoffte wenigſtens, Sie würden kommen, uns zu trö⸗ ſten; aber auch das nicht! Ach, Herr Andreas, es war eine ſchöne Zeit, als wir auf dem Lande zu⸗ ſammen ſpielten, zeichneten und ſangen, nicht wahr? Wie glücklich war ich damals! Gedenken Sie dieſer Tage noch?“ „Wie könnte ich ſie vergeſſen, Fräulein? Jene Erinnerungen ſind das Glück und die Qual meines Lebens!“ „Die Qual? wie ſo?“ „Weil ich mir denke, jene Tage kehren nie wieder. Ach, ich fühle jetzt, was ich im dreizehnten Jahre nicht fühlte: die große Kluft, die uns trennt.“ 62 Ich ſeufze tief auf; Adolphine ſieht mich an, ihr Herz ſcheint das meine zu verſtehen. Wir Beide ſchweigen, aber unſere Augen reden und werden beredter, als unſer Mund vermocht hätte. Seliger Augenblick! Die Gräfin iſt noch immer in die Briefe vertieft und denkt einer glücklicheren Vergan⸗ genheit, während ihre Tochter und ich uns an der Gegenwart laben. Plötzlich wird unſer Geſpräch durch gewichtige Schritte im Nebenzimmer geſtört. Kaum habe ich mich von Adolphine entfernt und kaum hat die Grä⸗ fin die Papiere, die ſie in der Hand hält, verſteckt, ſo tritt Herr von Franconard in's Zimmer. „Ho ho!“ ruft er, als er mich ſieht,„Andreas bei Dir? Was macht er ſchon wieder in meinem Hotel?“ „Er bringt mir,“ antwortet meine Wohlthäterin, „die letzten Grüße eines Mannes, der mir ſehr theuer und werth war: die letzten Grüße Herrn Dermilly's, der ihm bei ſeinem Tode Alles vermacht hat.“ „Teufel! das Blatt hat ſich gewendet,“ ruft der Graf und wirft ſich in einen Bergeérez„ich erinnere mich jetzt, daß Sie mir von ſeinem Tode ſagten. Auch Cäſar iſt geſtorben, der arme Hundl ich weine täglich um ihn. Dermilly war nicht ohne Talent; aber Cäſar! o, das war unvergleichlich! Weißt Du nicht mehr, Andreas, wie er durch den Reif ſprang? Alſo Dermilly hat Dir alles Seinige ver⸗ macht? Hm! das heißt freilich nicht viel, ſo eine Ma⸗ lererbſchaft: arm wie ein Maler ſagt das Sprüchwort.“ „Herr Dermillo war nicht ſo arm, wie Sie glauben,“ antwortet die Gräfin, tief verletzt durch die Rede ihres Gatten;„er hinterläßt Andreas ſechs⸗ tauſend Livres Jahresrenten.“ „Sechstauſend Livres Jahresrenten!“ ruft Herr von Franconard und reißt die Augen weit auf. „Sapperlot, das lobe ich mir; wüßt' ich nur, wie ſie mit dem lumpigen Geſchmier auf Leinwand ſo viel zuſammenſchmieren! Hätt' er mir den Cäſar abkonterfeit, Du würdeſt zehn blanke Thaler mehr in der Erbſchaft gefunden haben, Andreas und ſechstauſend Livres Jahresrenten! Wiſſe, Du ge⸗ fällſt mir immer beſſer: Du haſt Dich zu Deinem Vortheil verändert, ſeit ich Dich zuletzt geſehen. Gott weiß, woher er die Tournure hat!“ „Sie ſind allzu nachſichtig, Herr Graf,“ ant⸗ worte ich unter leichter Verbeugung. „Allzu nachſichtig! Hübſch geantwortet! Wer hat Dir das Compliment beigebracht? Du ſelbſt2 Da ſieht man, nichts bildet den Geiſt mehr als das Geld, und ſechstauſend Livres Jahresrenten iſt mei⸗ ner Seel genug für einen Savoyarden. Ich wette, Du willſt einen Kram anlegen. Lebte Cäſar noch, ſo würde ich Dir Dieß und Jenes, 3. B. für die Küche, zu liefern geben; da braucht man aller⸗ hand; aber das Ereigniß hat mich ſo verſtimmt, daß ich Alles in der Küche gehen laſſe, wie's geht!“ „Gar zu gütig, Herr Graf! Es iſt aber nicht meine Abſicht, einen Kram anzulegen; ich will bei 64 der Kunſt bleiben, die mein Wohlthäter mich lehrte. Ich bin nicht auf Gelderwerb erpicht!“ „Schlimm! ſehr ſchlimm! Der Handel könnte Dich weit bringen; mit dem Zuwägen von Erbſen und Sauerkraut kommt man weiter als mit dem Hin⸗ 3 und Herpinſeln. Jeder will leben, das iſt ausge⸗, machte Wahrheit, aber nicht Jeder will was gemalt haben. Ich z. B. kümmere mich tauſendmal weniger um Maler als um Köche. Hab' ich nicht recht, he?“ Statt zu antworten, mache ich ihm mein Com⸗ pliment und verabſchiede mich bei der Gräfin für die Reiſe nach Savoyen. „Sie reiſen nach Savoyen?“ fragt Adolphine. „Um nicht wieder zurückzukehren nach Paris?“ „Hoffentlich bald, Fräulein Adolphine; ich will nur die Mutter beſuchen, die ich ſeit eilf Jahren, ſo lange ich aus der Heimath fort bin, nicht geſehen habe. Mein Bruder Peter reist mit. Die Mutter bedarf unſeres Troſtes über den Verluſt Jakobs, unſeres jüngſten Bruders.“ „Peter, Jakob, Nikolaus,“ unterbricht mich der Graf,„gleichviel! die Angelegenheiten Deiner Fa⸗ milie gehen uns nichts an; mach', daß Du fortkommſt* nach Savoyen. Wären die Murmelthiere eßbar, ſo würde ich Dir auftragen, mir welche zu ſchicken; aber Euer Land bringt nichts Gutes hervor. Mir fällt ein, daß ich mal bei Euch war.“ „Wir wiſſen es noch recht gut, Herr Graf.“ Und damit küſſe ich die Hand meiner Wohlthä⸗ — 65 terin, werfe Adolphine einen zärtlichen Blick zu und verlaſſe eiligſt das Zimmer. Unten an der Treppe begegnet mir Lucilie; ſie gratulirt mir zu der reichen Erbſchaft. „Jetzt hat er ein bequemes Leben, der gute An⸗ dreas!“ ſagt ſie.„Sechstauſend Livres Jahresrenten⸗ hübſch von Geſicht, ſchlank gewachſen, wohl erzogen: was kann man mehr verlangen? Sie ſollten ſich etabliren, Andreas, und heirathen, recht bald. Die ledigen Leute kommen auf allerlei böſe Gedanken, wovon nur eine Frau ſie abhalten kann, Notabene, wenn ſie ordnungsliebend, ſparſam, häuslich u. ſ. w. iſt, kurz, ſo wie ich. Weißt Du was⸗ Andreas? Ich habe ſchon was auf der Seite, dazu allerhand Ausſichten. Wenn Du recht artig ſein willſt, geb' ich Dir meine Hand. Was meinſt Du, Andreas? Wir leben gewiß gut mit einander.“ „Nein, Lucilie, das geht nicht.“ „Das geht nicht? Schau' mir Einer den Herrn an, wie gleichgültig er das ſagt! Hat das Herr⸗ chen ſeinen Schwur vergeſſen?“ „Ich habe nie geſchworen, Sie zu heirathen, Lucilie.“ „Thut nichts, Andreas; ſo Viele ſchwören und heirathen nicht, daß wohl'mal Einer heirathen kann, ohne geſchworen zu haben. Uebrigens, wie Sie wollen, mein Herr! Ich kann hundert Männer krie⸗ gen, wenn ich will.“ „Das weiß ich, Lucilie, und da ich eine Reiſe nach Savohen vorhabe, hoffe ich, Sie werden mir 66 von Zeit zu Zeit ſchreiben, wie es Ihnen und der Frau Gräfin geht.“ „Sie reiſen nach Savoyen, Andreas? Gewiß, um Ihre Mutter zu beſuchen? Der gute Andreas! Wie wird Mama ſich freuen! Aber das iſt zu arg von Ihnen, daß Sie mich nicht zur Frau wollen! Ich würde Ihnen recht böſe ſein, wenn ich könnte. Andreas, ich will thun, was Sie wünſchen, will Ihnen ſchreiben von mir und der Frau Gräfin. Ge⸗ ſchwind einen Kuß zum Abſchied pfui, wer nimmt ungeküßt Abſchied und ſo im Fluge, auf der Treppe! Sie hätten wohl auf mein Zimmer kommen können, wie ſich's gehört, Andreas.“ „Ich kann nicht, Lucilie; der Wagen ſteht ſchon reiſefertig vor der Thüre.“ „Adieu denn, Andreas; auf Wiederſehen!“ Ich drücke ihr einen Kuß auf die Lippen und eile dann fort. Wie ich in unſere Straße einbiege, ſehe ich den Reiſewagen ſchon vor der Thüre halten und den Poſtillon im Sattel. Peter ſitzt im Wagen und ſchaut ſich ungeduldig links und rechts nach mir um. Der gute Vater Bernhard hatte nicht eher geraſtet, bis er alle meine Wünſche erfüllt. Schnell gehe ich hinauf, von meinen Freunden Abſchied zu nehmen, ſtecke eine ziemlich bedeutende Geldſumme zu mir und ſteige dann neben Peter ein, der den Augen⸗ blick unſerer Abfahrt nicht erwarten kann. Jetzt ſind wir fertig. Der Poſtillon ſchwingt die Peitſche und davon fliegen wir in bequemer vier⸗ ſpänniger Chaiſe, der Heimath zu, die wir vor eilf 67 Jahren zu Fuß verlaſſen hatten, um in Paris unſer Brod zu ertanzen und zu erfegen. Bernhard und Nanette ſehen uns auf der Straße noch lange nach. Viertes Kapitel. Reiſe nach Savohen.— Ankauf.— Schnelle Rückreiſe. Peter, der nie in einem Hotel gewohnt hat wie ich, noch je in einem Wagen gefahren, weiß ſich während der erſten Station nicht zu laſſen vor Ju⸗ vel. Sein Mund iſt in ewiger Bewegung: bald ruft er vor Freude, bald vor Staunen, bald vor Schreck, wenn der Wagen, der mit Blitzesſchnelle fährt, in den Geleiſen ſich neigt oder über holpe⸗ rige Straßen hinrollt. Wie gerne gäbe ich mich mei⸗ nen Betrachtungen hin, aber Peter gönnt mir keine Zeit dazu. „Sieh', Bruder,“ ruft er,„wie die Pferde ga⸗ loppiren. Wie angenehm das Fahren thut. Dauert es recht lange? Ich wollte, es hörte nie auf. Schau', Bruder, links und rechts Häuſer, Bäume, Dörfer, Alles läuft von uns weg. Wie gut es iſt, reich zu ſein, und die hübſche Erfindung da, ſo mit Poſt⸗ pferden zu reiſen! Mein Gott, wie die Leute uns anſehen; ich wette, ſie möchten an unſerer Stelle 68 ſein! Wir müſſen recht vornehm ausſehen. O⸗ wenn das Fahren doch nie aufhörte!“ „Armer Peter, Du kriegſt es bald genug ſatt!“ „Satt? Nein, Bruder, nie!“ Am zweiten Tage iſt Peters Enthuſiasmus be⸗ deutend abgekühlt. Er fängt an, ermüdet zu wer⸗ den durch die einförmige Bewegung. Der Wagen iſt bequem, doch haben wir die ganze Nacht durch⸗ gefahren und nur an den Stationen angehalten, um die Pferde zu wechſeln. Peter meint, ein viertel⸗ ſtündiger Spaziergang würde ihm nicht übel vekom⸗ men, und ſchon bedauert er die Fußgänger weniger. Jetzt haben wir Lyon im Rücken und nähern uns der Savoyer Gränze. Hier erſcheint uns Alles wie neu. Die Seele erweitert ſich, das Herz ſchlägt uns raſcher beim Anblick altbekannter Gegenden. „Siehſt Du das Haus da?“ rufen wir gleichzei⸗ tig;„den Pfad? da haben wir vft geſeſſen, und unter dem Baume da oft gefrühſtückt. O, mein Gott, und die Berge, unſere Gletſcher! Hinter dem Flecken da liegt unſer Dörfchen. Schöne Heimath, wir grüßen dich!“ Wie der Blitz fliegen wir zum Wagen hinaus, ſtürzen uns in die Arme und weinen vor Freude. Aber was ſehe ich da links am Wege, neben dem jähen Abhang? Eine Barriere, dieſelbe, auf der wir uns ſchaukelten, als wir von der guten Mutter fort⸗ gingen; ſie bewegt ſich wie in jener Racht, da ſie Peter erſchreckte. „Laß uns hin, Bruder,“ rufe ich Peter zu,„laß „ F 69 uns an ſie lehnen. Mein Gott, mir iſt wieder ganz zu Muthe wie damals.“ Peter folgt mir, der Wagen hält. Jetzt ſtehen wir vor der Barriere, wir möchten ſie umarmen! Wir klettern hinauf und ſchaukeln uns wie in den fröhlichen Tagen unſerer Kindheit. Der Poſtillion weiß nicht, was er davon denken ſollz er muß uns für Narren halten. Ach, er kann nicht rathen, was in unſerm Herzen vorgeht! Die kindliche Freude dauert nicht lange. Ein Gedanke an Paris, an Adolphine, an den gewalti⸗ gen Umſchwung in unſern äußern und innerlichen Verhältniſſen— und ich muß ſeufzen, ſeufzen vor Kummer. Peter ſchaukelt ſich noch immer; der gute Junge kommt ganz ſo zurück, wie er ausgezogen iſt. Ich heiße den Kutſcher mit dem Wagen warten im Flecken, der ungefähr eine Viertelmeile von un⸗ ſerm Dörſchen liegt. Wir wollen zu Fuß gehen. Peter ſieht mich erſtaunt an: er wäre ſo gerne in geſtrecktem Galopp vor die Hütte der Mutter ge⸗ fahren. „Bruder,“ ſage ich ihm,„die Nachbarn und Freunde müſſen uns für ſtolz halten, wenn wir im Vierſpänner einfahren. Wir gehen beſſer zu Fuß und zeigen unſern Reichthum lieber durch Wohlthaten gegen die Armen. Was meinſt Du?“ FPeter umarmt mich. „Du haſt recht, Andreas, wie immer!“ ruſt er. „Ich Dummkopf ſeh' nie weiter, als eben meine Naſe reicht.“ 70 Nachdem wir den Poſtillon mit den Poſtpferden zurückgeſchickt und den Wagen im Flecken eingeſtellt haben, nimmt Jeder von uns ſeine Sachen auf den Buckel; ſo wandern wir unſers Weges weiter dem Dörſchen zu. Peter will Alles tragen: er ſagt, er ſei gewöhnt daran und ſtärker als ich; aber ich gebe es nicht zu, ich will meine Sachen tragen: ſo gut wie er die ſeinigen; die Leute könnten ſonſt meinen, ich dünke mich vornehmer als Peter. Wir beflügeln unſere Schritte. Immer bekannter wird uns die Gegend: jeder Ort, jede Stelle erinnert uns an die ſchöne Jugendzeit. Jetzt ſtehen wir auf dem Punkt, wo die theure Mutter vor eilf Jahren Abſchied nahm von uns und uns nachſah, ſo lange ſie konnte. Peter und ich, wir blicken uns wehmüthig anz derſelbe Gedanke ſteigt in uns auf. Auch Jakob ſtand da neben der Mutter, hier ſahen wir ihn zum letzten Male; noch ſeh' ich ihn, wie er uns eine Kußhand zuwarf. Unſere Augen füllen ſich mit Thränen. Ach, ſo iſt denn kein Glück vollkommen auf Erden! Das unſrige wäre zu groß, wenn wir Alles im Dorfe wieder träfen, wie wir's verlaſſen haben. Aber die Mutter wartet; geſchwind weiter! Sieh', hinter jenem Hügel liegt unſer Dorf; hinauf, hinauf! Kaum ſind wir oben, ſo fliegen wir uns in die Arme. „Sieh' da, ſieh' da!“ das iſt Alles, was wir her⸗ vorbringen können. Die Freude, das elterliche Dach wiederzuſehen, das wir deutlich erblicken, raubt uns die Sprache. Von da an gehen wir nicht mehr, wir fliegen der geliebten Wohnung zu. Jetzt haben wir 71 ſie erreicht. Unwillkürlich fallen wir auf die Kniee nieder vor der beſcheidenen Hütte, in der wir das Licht der Welt erblickten. Die Thüre iſt verſchloſſen. Sollen wir uns plötzlich zu erkennen geben, oder die Mutter allmälig vorbe⸗ reiten auf das Glück, das ihrer wartet? „Zu große Ueberraſchung thut nicht gut,“ ſagt Peter. Aber ich kann mich nicht halten; zitternd klopfe ich an. Die Thüre öffnet ſich; ſie iſt's, ſie iſt's, die gute Mutter ſteht vor uns. „Was wünſchen Sie, meine Herren?“ fragt ſie unter höflicher Verbeugung. Meine Herren! Sie kennt uns alſo nicht. Kein Wunder! eilf Jahre haben uns zu Männern um⸗ geſchaffen und außerdem unſere elegante Kleidung.. doch das Herz erräth alsbald: Keiner von uns Beiden rührt ſich von der Stelle, Keiner ſpricht, er wagt es nicht; aber wir öffnen lächelnd die Arme, und ſchon hat ihr Herz uns bei Namen genannt. „Mein Gott!“ ruft ſie,„wär's möglich?“ „Ja, theure Mutter, wir ſind's, Deine Söhne... Dein Peter, Dein Andreas ſteht vor Dir!“ rufen wir Beide wie aus Einem Munde und fliegen an ihr Herz, als wären wir noch die Kinder wie ehemals. Und wir ſind auch noch die Kinder, wenn auch nicht dem Leibe, doch dem Herzen nach. Lange können wir keine Worte finden für unſer Glück! Die gute Mutter erdrückt uns faſt in ihren Armen.** „O, wie Ihr groß geworden ſeid!“ ruft ſie,„und wie ſchön, wie vornehm, Ihr armen Kleinen, Ihr! Du am meiſten, Andreas: Du biſt wie ein Grafz Peter nicht ſo ganz, der iſt noch ein wenig linkiſch geblieben. Ach, Andreas, und wie gut Du gegen mich warſt; durch Deine Güte hat Deine Mutter nie erfahren, was Elend heißt.“ „Peter hätte das Nämliche gethan, liebe Mutter, aber ein Schuft hat ihn betrogen und das Geld für ſich behalten, das er Dir beſtimmt hatte.“ „O, ich glaube Euch, meine Kinder! Nicht wahr, Ihr habt mich immer gleich lieb, Eure Mut⸗ ter? Wenn doch der arme Jakob noch lebte, wie würde er ſich mit mir freuen; aber Gottlob! daß ich Euch bei mir habe, Euch an mein Herz drücken darf. Ja, ich fühle, daß ich noch eine glückliche Mutter bin!“ Wir treten in die Hütte; Alles, Alles erinnert uns an unſere Kindheit. „Sieh', Peter,“ ſage ich zum Bruder,„da iſt der große Stuhl, worauf unſer guter Vater ſtarb; da knieten wir nieder vor ihm; da iſt die Stelle, wo er beſonders gern ſaß und uns auf den Knieen ſchaukelte.“ „Ja, liebe Kinder, es iſt ſo,“ fällt die gute Mutter ein und trocknet ſich die Augenz„ich ſehe, Ihr habt nichts von dem Allen vergeſſen.“ „Und da ſchliefen wir; jetzt, glaub' ich, würden wir nicht mehr ſo gut ſchlafen da.“ „Und da fand ich das Porträt meiner Wohl⸗ thäterin.“ 73 „Ja, Andreas, das Porträt hat Dein Glück gemacht und meines; ihm haſt Du's zu danken, daß Du jetzt ein vornehmer Herr biſt. Aber ich muß wiſſen, wie das Alles ſo gekommen iſt, Ihr ſollt mir Eure Geſchichte erzählen von Anfang bis Ende. Doch erſt ſetzt Euch und ruht Euch aus, Ihr werdet müde ſein vom Wege. Seid Ihr zu Fuß gegangen?“ „Wohin denkſt Du,. Wir haben es uns bequem gemacht, wir. Schon will Peter Alles zum Beſten geben, aber ich zupfe ihn am Arm und winke ihm zu ſchweigen. Die Mutter weiß nicht, daß Herr Dermilly todt iſt und daß er mich zum Erben eingeſetzt hat; ich will ſie damit überraſchen, darum falle ich geſchwind Peter in die Rede und ſage: „Wir haben unterwegs Gelegenheit gefunden zum Fahren; ſo ſind wir nicht ermüdet.“ „Um ſo beſſer, liebe Kinder! Jetzt will ich in die Küche und Euch Euer Lieblingseſſen kochen: wißt Ihr noch, die Kuchen, die Ihr früher ſo gern aßt. Guter Gott, hätt' ich das gedacht, daß Ihr heute kommt, der Tiſch ſollte ſchon gedeckt ſein. Aber Ihr wolltet mich überraſchen, nicht wahr? Heut' Abend werden ſie Euch gut ſchmecken!“ Während die gute Mutter in die Küche eilt, um uns Kuchen zu backen, ſehen Peter und ich uns im Dorfe um und nach den altbekannten Geſichtern. Zuerſt gehen wir auf den Kirchhof zum Grabe des ſeligen Vaters; dicht daneben liegt auch Jakob be⸗ Paul de Kock. LXXXVI. 6 graben. Mit einem Dorfkirchhof iſt man bald fertig. Nichts von dem Luxus und der Pracht eines Pöére⸗ la⸗Chaiſe! Kreuze, einige Steine, mit Kränzen um⸗ wunden, hie und da einige Blumenbeete, das iſt Alles, was an die Ruheſtätte der Abgeſchiedenen er⸗ innert. Der Tod iſt hier einfach und ſchmucklos, wie das Leben außerhalb der Ringmauern des Gottes⸗ ackers. Der Bauer beſucht die Gräber ſeiner ver⸗ ſtorbenen Lieben, um ihnen eine Thräne des Anden⸗ kens zu weihen, und nicht um die Pracht der Mau⸗ ſoleen zu bewundern oder pomphafte Inſchriften zu buchſtabiren. Nach kurzem Gebete auf den Gräbern des Vaters und Bruders gehen wir langſam in's Dorf zurück. Oft bleiben wir ſtehen; jeder Pfad, jeder Kreuzweß ruft eine alte Erinnerung hervor: hier auf dieſer Stelle warfen wir uns vft mit Schneeballen. „Sieh', Bruder,“ ſagt Peter,„hier flog mir einer gerade auf's Auge. Du ſiehſt, auch ich habe die ſchöne Zeit nicht vergeſſen.“ Keiner im Dorfe erkennt uns. Wie ſtaunen die guten Leute, als ſie unſere Namen hören. „Ihr die Söhne der braven Marie!“ rufen ſie ein über's andere Mal.„So groß geworden und ſo vornehm! Unmöglich!“ Aber wie freuen ſie ſich, als ſie merken, daß unſer Herz das alte geblieben iſt. O, wie drängen ſie ſich an uns heran: Jeder will uns ſeine Freude be⸗ zeugen! Endlich kommen wir unter das mütterliche Dach 75 zurück; der Tiſch iſt ſchon gedeckt. Noch jetzt ſchmeckt mir das einfache ländliche Mahl, das die gute Mut⸗ ter uns zubereitet hatte. Seit langer Zeit aß ich nicht mit ſo geſundem Appetite, und je mehr ich ihren Kuchen zuſpreche, um ſo mehr freut ſich die Mutter. Peter aber macht dann und wann ein när⸗ riſch Geſicht. „Schmeckt Dir's nicht, Peter?“ fragt ſie. „Und wie, Mutter! Aber die Pariſer Küche iſt halt doch. anders.“ „Was, Peter, Du magſt die Kuchen nicht mehr, die Du früher ſo gern aßeſt?“ „Weißt Du, Bruder, früher kannt' ich die Ome⸗ lettes und die Paſtetchen und all' die andern Herr⸗ lichkeiten noch nicht, die ich und Loiſeau bei dem Traiteur an der Ecke, aßen. o Mutter, die Ome⸗ lettes ſoufflées und die Paſteten, ſag' ich Dir, die ſchmecken famos! Hätt' ich Dir nur welche in der Taſche mitgebracht; aber wenn Du nach Paris kommſt, Mutter, meiner Seel', vierzehn Tage lang ſollſt Du nichts eſſen als Omelettes ſoufflées!“ „Dank Dir, lieber Peter, um Deine Omeletten zu koſten, mag ich nicht ſo weit reiſen, und ich bin gewiß, ſie ſind nicht beſſer als meine Kuchen. Nicht wahr, Andreas? Dir ſchmecken ſie und das. mich.“ „Ja, Mutter, ſie ſchmeden mir trefflich,“ ant⸗ worte ich und trete Peter auf den Fuß, zum Zeichen⸗ daß er ſchweigen ſoll. Es will mir nicht gefallen, daß er die Pariſer Omelettes auf Koſten der von 76 Mutterhand gebackenen Kuchen herausſtreicht. Nach der Abendmahlzeit erzählt Jeder von uns ſeine Aben⸗ teuer ſeit der Ankunft in Paris. Peter iſt mit ſei⸗ ner Geſchichte bald fertig. Meine dauert viel län⸗ ger. Als ich auf den Tod meines Wohlthäters zu ſprechen komme, weint die Mutter heiße Thränen. „Sag' ihr doch von der reichen Erbſchaft,“ flü⸗ ſtert mir Peter zu. Ein Blick von mir bringt ihn zum Schweigen. Doch höre ich, wie er in den Bart brummt: „Der Andreas jetzt.. iſt ein ganz anderer Kerl.“ Die Mutter verſteht ihn nicht. Zum Schluſſe mei⸗ ner Erzählung ermahnt ſie mich, ja recht dankbar und erkenntlich zu ſein gegen die Gräfin, gegen Bernhard und ſeine Tochter für die unzähligen Wohl⸗ thaten, die ich von ihnen empfangen habe. Auffal⸗ lend iſt mir, daß ſie kaum von Adolphinen redet und immer auf Nanette zurückkommt. Offenbar iſt ſie durch die Herzensgüte Nanettens beſtochen worden. Alles an Nanette gefällt ihr. Während ich mich auf das Lob ihrer Tugenden beſchränke, wird Peter nicht müde, ihre Schönheit, ihren ſchlanken Wuchs und ihre Anmuth zu rühmen, ſo daß die gute Mut⸗ ter alle Augenblicke ausruft: „Das gute, liebe Mädchen das, ich möchte ſie ſehen und küſſen!“ Es iſt jetzt Zeit zum Schlafen. Wo legen wir uns zur Ruhe nieder? Die Mutter fürchtet, ſie könne uns nicht nach Wunſch betten, doch verſichere ich ſie, daß wir Beide zufrieden ſind mit einer Ma⸗ 77 tratze und einem Strohſack in demſelben Verſchlage, wo wir als Kinder ſchliefen. Peter reißt die Augen weit auf und ſieht mich ſchweigend an. Ich bin ihm ein Räthſel, aber er wagt keine Erwiederung dage⸗ gen. Erſt als wir allein ſind, fragt er: „Andreas, willſt Du nicht mehr reich ſein?“ Ich ſehe ihn lächelnd an.„Schlaf nur auf dem Strohſacke und der Matratze, worauf Du als Kind ſchliefſt,“ antworte ich ihm,„das ſchadet Dir Nichts. Im Gegentheil, wie kannſt Du Dir ein ſo ſüßes Vergnügen rauben wollen?“ Aber Peter hört mich nicht mehr. Er ſchläft ſchon und vald folge ich ſeinem Beiſpiele. Die ſüßen Erinnerungen aus der Knabenzeit wiegen mich bald in Schlaf. Mit Tagesanbruch ſtehe ich auf. Peter ſchläft noch, aber die Mutter iſt ſchon am Herde mit unſerem Frühſtück beſchäftigt. Unter dem Vorwande, die friſche Morgenluft zu genießen, gehe ich hinaus, doch habe ich Anderes im Sinne. Geſtern beim Spaziergange durch's Dorf ſah ich ein allerliebſtes Wohnhäuschen mit reizender Ausſicht, das zum Kauf oder zur Miethe ausgeboten war. Das Häuschen kaufſt du der Mutter, dacht' ich bei mir und überraſcheſt ſie mit dem Geſchenk. In der Abſicht mache ich mich ſo frühe fort. Ich klopfe an die Thüre; ein alter Gärtner, der einzige Be⸗ wohner des Hauſes, öffnet mir. „Ich möchte das Haus kaufen,“ ſage ich ihm,„an wen muß ich mich wenden?“ 78 „An den Stadtnotar von de l'Hopital, Herr, der mit dem Verkauf des Hauſes beauftragt iſt. Es wurde für eine hübſche Dame gebaut, die recht ein⸗ ſam leben wollte. Doch ſchon nach einem halben Jahre hatte ſie das Einſiedlerleben ſatt, und dann gab ſie dem Notar den Auftrag, es in ihrem Namen zu verkaufen oder zu vermiethen.“ „Zeige mir das Haus, Freund.“ „Gern, Herr. Ich bin der Gärtner und wohne jetzt allein darin.“ Alles iſt ſo, wie ich's wünſche: eben ſo geſchmack⸗ voll als bequem. Erſt ein hübſcher Hofraum, dann ein Erdgeſchoß, ein Stockwerk und mehrere Böden. Es iſt groß genug für wenigſtens zwölf Perſonen. Um ſo beſſer, ſo können wir noch mehrere Freunde beherbergen. Unſere Savoyer Freunde verdienen den Namen im vollſten Sinne des Wortes, und wer von Paris kommt, uns hier zu beſuchen, verdient den Namen gleichfalls. Auch die Bequemlichkeiten laſſen Nichts zu wünſchen übrig; Alles einfach, ſauber und nett: Milchkammer, Taubenſchlag, Gewächshaus u. ſ. w. Sehen wir uns den Garten an: dritthalb Morgen, trefflich beſtellt, dabei ein kleines Getreide⸗ feld. Was will ich mehr? So brauchen wir Richts einzukaufen. „Und der Kaufpreis?“ frage ich den alten Gärtner. „Iſt etwas hoch, Herr, aber Sie kaufen was Gutes: ein hübſches Haus, viel Land, guter Boden, ſolide Mobilien...“ 79 „Nennt die Summe, Freund!“ „Neuntauſend Franken, Herr.“ „Neuntauſend Franken?“ j Das ſcheint mir ſpottwohlfeil, aber ich vergeſſe, daß ich nicht mehr in Paris bin und daß hier ein ganzes Haus mit Land und Garten weniger koſtet als eine kleine Wohnung in der Chauſſee d'Antin. „Du prauchſt die Schreiber nicht,“ ſage ich zum Gärtner,„ich kaufe das Haus.“ „Sie kaufen das Haus? Und was wird aus mir?“ „Ich kaufe Dich mit. Was bekommſt Du für Deine Gärtnerei?“ „O, Herr, ich bin mit Allem zufrieden, wenn ich nur ein Hüttchen da hinten im Hofe behalten darf. Der Garten nährt mich ſattſam. Was meint der Herr von jährlich zehn Thalern? Dafür will ich ar⸗ beiten von Morgen bis Abend.“ Zehn Thaler! Armer Mann. Der Herr Graf gibt einer Menge Lakaien, die den ganzen lieben Tag herumfaullenzen, mehr als hundert Thaler; aber immer vergeſſe ich, daß ich in Verin und nicht in Paris bin. „Du ſollſt zwanzig haben,“ ſage ich nach einem Weilchen.„Da haſt Du ſie im Voraus; dafür er⸗ warte ich, daß Du bei meiner Mutter vleibſt und ihr treu dienſt.“ „Bei Ihrer Mutter, Herr? Haben Sie das Haus für Ihre Frau Mutter gekauft?“ „Still, Freund, kein Wort davon, ich will ſie 80 rüberraſchen. Ich will jetzt zum Notar. heut' Abend, hoffe ich, ſoll der Contrakt in meiner Hand ſein.“ Bei der Abreiſe von Paris hatte ich ungefähr zehntauſend Franken in Gold beigeſteckt, die ich in Herrn Dermilly's Sekretär vorgefunden. Die Summe kann ich nicht beſſer verwenden als auf den Ankauf dieſes niedlichen Häuschens, das Alles in ſich vereint, der guten Mutter in ihren alten Tagen das Leben angenehm zu machen. Ich freue mich auf die Ueber⸗ raſchung wie ein Kind. Die Vorfreude beflügelt meine Schritte, und ehe ich's merke, habe ich den hohen Berg erklommen, der zwiſchen Verin und l'Hopital liegt. Ich treffe den Notar zu Hauſe, und bevor er mit ſeinen Reverenzen fertig iſt, habe ich ihm ſchon mein Anliegen vorgetragen. Leider iſt der Akten⸗ und Kanzleimenſch nicht ſo flink wie ich; er meint, gut Ding will Weile haben. „Ich werde an den Contrakt gehen,“ ſagt er. „Aber auf der Stelle, mein Herr.“ „Wir müſſen erſt das Geld.„ „Hier iſt es, Herr, neuntauſend Franken, ſo viel als das Haus koſtet.“ „Schön, ſchön, aber „Kein Aber, mein Herr! Nennen Sie die Nota⸗ riatsgebühren, ich zahle gleich baar, ohne zu han⸗ deln, aber eilen Sie.“ Mit ſolchen Worten bringt man die ganze Welt in Bewegung. Der Notar wendet ſich an ſeinen Schreiber. Ich geſchwind dem Schreiber ein Geld⸗ ſtück in die Hand gedrückt, das hilft. Der gute 8¹ Mann ſchneidet nicht erſt dreimal bei jedem Worte die Feder. Unterdeß gehe ich im Garten ſpazieren, während die Herren mit ihrer Schreiberei beſchäftigt ſind. Kaum hört die Frau Notarin, daß ein junger Mann, der kauft, ohne zu handeln, und nobel bezahlt, im Comptvir iſt, ſo ordnet ſie hurtig ihre Friſur und kommt in den Garten hinab, mir Geſellſchaft zu leiſten.. Die Frau Notarin iſt nicht hübſch, aber höchſt anſpruchsvoll, und bekanntlich gibt es nichts Liebens⸗ würdigeres als eine Dame aus der Provinz, die Anſprüche macht. Ehe fünf Minuten vergangen ſind, weiß ich, daß Madame eine herrliche Stimme hat, die ſchwerſten Opernarien ſingt und ſich auf dem Pianoforte ſelbſt begleitet; daß ſie italieniſch ſpricht und ziemlich gut lateiniſch; daß ſie den Code civil ganz im Kopfe hat; daß ſie nie Kinder ge⸗ habt hat, noch ſich welche wünſcht, weil das die Taille verdirbt; daß ſie Verſe macht und gerne tanzt; daß ſie die beſten Omelettes zu machen verſteht und ſelbſt das Regiment führt in der Küche; endlich, daß ſie immer nach den neueſten Moden des Lyoner Modejournals gekleidet iſt. Während ich das Alles anhören muß, bin ich mit meinen Gedanken bald in dem neugekauften Hauſe, bald in Paris bei Adolphinen. Kein Wun⸗ der, daß ich der guten Frau die verkehrteſten Ant⸗ worten gebe, wenn ſie mich fragt, und ſie fragt eben ſo gerne, als ſie erzählt. Sie mag einen ſchö⸗ 82 nen Begriff von meinen Verſtandesfähigkeiten be⸗ kommen haben, die Gute! Aber ich weiß mich zu tröſten. Endlich, nach zwei tödtlich langen Stunden, läßt mich der Herr Notar wiſſen, daß Alles in Rich⸗ tigkeit ſei. Ich eile auf's Comptoir, zahle die Ge⸗ bühren und ſtürze mit dem Contrakte, den ich auf meiner Mutter Namen habe ausfertigen laſſen, Hals über Kopf zum Zimmer hinaus. Doch habe ich Zeit zu hören, wie der Notar zum Schreiber ſagt: „Dem Herrn merkt man an, daß er kein Haus⸗ mäkler iſt.“ Ich bin lange ausgeblieben; Mutter und Bruder haben nicht bloß ohne mich gefrühſtückt, ſondern auch mit dem Eſſen auf mich gewartet. Schon geräth die gute Mutter in Angſtz ſie fürchtet, ich habe das Bergſteigen verlernt und ſei, wie Jakob, in den Abgrund hinabgeſtürzt. Reter ſuchte mich überall. Endlich trete ich ein. Die Wonne, die in meinen Augen glänzt, nimmt ihnen alle Unruhe. Ich ſchütze Dieß und Jenes vor und finde leicht Glauben, denn Keines von Beiden hat die leiſeſte Ahnung von meinen Abſichten. Nach dem Eſſen führe ich die Mutter ſpazieren. Inzwiſchen habe ich meine Maßregeln ſo getroffen, daß alles Hausgeräth aus der Hütte in die neue Wohnung hinübergeſchafft wird. Unvermerkt führe ich ſie in die Nähe des hübſchen Häuschens, womit ich ihr ein Geſchenk machen will. Während des Spazierganges werden wir dermaßen von Freunden und Bekannten beſtürmt, welche der guten Mutter Glück wünſchen zu ſolchen 83 Söhnen— und das kann eine Mutter nie oft genug anhören— daß die Nacht hereinbricht, ehe ſie ſich deſſen verſieht. „Es iſt ſpät,“ ſagt ſie endlich,„und wir haben noch weit bis nach Hauſe. Ich bin ſo lange nicht ausgegangen, daß ich kaum noch den Weg zu finden weiß.“ Statt Mutter und Bruder in die Hütte zurück⸗ zuführen, führe ich ſie in die neue Wohnung, die ihnen ein Schloß zu ſein ſcheint. „Ich kenne den Beſitzer dieſes Hauſes,“ ſage ich. „Er hat mich und Euch zum Nachteſſen eingeladen, kommt!“ Und damit klopfe ich an die Hausthüre. Das kommt Peter ganz erwünſcht. Vielleicht gibt's da Omelettes ſoufflées und Paſtetchen, denkt er. Die Mutter will erſt nicht, denn ſie fürchtet zu geni⸗ ren; ſie gibt aber nach, als Franz, der alte Gärt⸗ ner, öffnet und unter tauſend Complimenten uns in's Haus nöthigt. Ich winke ihm zu ſchweigen. Die ehrliche Haut, die ſich auf's Ueberraſchen nicht verſteht, iſt eben ſo verlegen als die Mutter, die ſich nicht von der Stelle wagt und immer nach dem Herrn des Hauſes ſich erkundigt. Wir ſteigen die Treppe hinauf und treten in die Stube, die ich für die Mutter beſtimmt habe. Alles ſieht ſie bewundernd an und ruft ein über's andere Mal: 4 „Wie hübſch das Haus! Das müſſen reiche Leute ſein, die hier wohnen.“ Wer aber beſchreibt ihr Staunen, als ſie in der 8⁴ Stube ihre alte Commode, den Bettkranz von Buchs und dicht neben dem Kamin den alten Stuhl wieder⸗ findet, worauf unſer Vater ſelig zum letzten Male einſchlief. „Mein Gott, was heißt das?“ ruft ſie.„Das ſind ja meine Sachen: mein Stuhl, meine Commode, mein Beit.. begreift Ihr das, Kinder?“ „Recht gut, liebe Mutter,“ antworte ich.„Du biſt hier bei Dir, dieß Haus iſt Dein Eigenthum. Während unſeres Spazierganges habe ich Alles her⸗ tragen laſſen, was Dir lieb und werth iſt von Dei⸗ nen alten Sachen.“ Die Mutter weiß nicht, ob ſie wacht oder träumt, während Peter wie toll im Zimmer herumhüpft und ruft: „Merkſt Du jetzt, wie reich Andreas iſt, liebe Mutter? Dachte ich's mir doch, daß er Dich über⸗ raſchen wolle.“ „Wie, Andreas, Du biſt reich?“ „Ja, Mutter, reich genug, um Dir dieſen fried⸗ lichen, ſtillen Aufenthalt anzubieten. Herr Dermilly hat mich zu ſeinem Erben eingeſetzt. Ich habe eine ſchöne Wohnung in Paris, und ich ſollte meine Mutter in einer Hütte wohnen laſſen? Hier iſt der Kaufbrief, lies: das Haus gehört Dir.“ „Mir oder Dir, gleichviel! Nimm Dir ein Weib, Andreas. Erſt wenn Du mit Weib und Kindern hier mit mir wohnſt, erſt dann iſt mein Glück voll. Thu' es, Andreas, und heirathe.“ „Und ich heirathe mit, Mutter, wir heirathen 85 Alle,“ ſagt Peter.„Aber erſt wollen wir eſſen und dann das Haus beſehen.“ Der Wunſch der guten Mutter, ſo herzlich er gemeint iſt, entlockt mir einen tiefen Seufzer. Um der trüben Gedanken mich zu erwehren, biet' ich mich ihr als Führer an durch's Haus, das ſie unvergleich⸗ lich findet. Peter ſucht ſich ein Zimmer aus und ich wähle mir dasjenige, das die weiteſte und wech⸗ ſelvollſte Ausſicht in die herrliche Umgegend darbie⸗ tet. Es iſt zu ſpät, um die Milchkammer, den Tau⸗ benſchlag, die Waſchküche und den Garten in Augen⸗ ſchein zu nehmen; das bleibt alſo bis morgen früh. Inzwiſchen hat Franz in einem Saale des Erdge⸗ ſchoßes das Abendeſſen angerichtet, das wir uns trefflich ſchmecken laſſen. Dann begeben wir uns zur Ruhe in jener behaglichen Stimmung, in die eine heinliche Wohnung immer verſetzt. Den folgenden Morgen beſichtigen wir das ganze Haus bis in die kleinſten Theile. Als gute Haus⸗ hälterin freut ſich die Mutter unendlich am Backofen, Backtroge, der Milchkammer, Waſchküche, Holzlege, und wie die Herrlichkeiten ſonſt noch heißen mögen⸗ wofür nur das Weib den rechten Sinn hat. Drau⸗ ßen im Freien bewundert die Mutter vor Allem das Getreidefeld, während Peter ſich an den ſchönen Fruchtbäumen labt, womit der Garten bedeckt iſt. Der Eigenthümer zeigt immer große Luſt, überall Verbeſſerungen anzubringen. Hier iſt Das nicht recht, dort Jenes nicht. So haben denn Peter und ich die Hände voll zu thun: wir graben die Beete um, hacken, 856 pfropfen, beſchneiden die Bäume, pflügen u. ſ. w. Der alte Franz brummt Etwas in den Bart, aber wir hören ihn nicht. Darüber vergehen ſechs Wo⸗ chen, und noch habe ich keine Sekunde Langeweile empfunden. Wenn ich genug gezeichnet und gemalt habe, dann greife ich zum Grabſcheit und beſtelle unſer Gütchen. Adolphinens Bild verläßt mich nie, aber ich fühle, um ganz glücklich zu ſein, muß ich ſie hier in Verin haben und nicht zu ihr nach Paris zurück⸗ kehren. Von meiner guten Freundin ſind Nachrichten ein⸗ gelaufen, aber nicht von Lucilien. So weiß ich denn keine Sylbe, wie es im Hotel ausſieht und hergeht neber die Zeit meiner Abreiſe von hier iſt noch nichts beſtimmt. Wenn es vom Willen der guten Mutter abhinge, ſo käme ich nie wieder nach Paris zurück. Wie oft ſagt ſie: Andreas, du biſt reich, biſt unab⸗ hängig, warum bleibſt du nicht bei mir? Endlich trifft der langerſehnte Brief Luciliens ein. Ich weiß ſelbſt nicht warum, aber die Hand zütert mir, als ich das Schreiben öffne, und doch habe ich Nachrichten über Adolphinen zu erwarten. Ich durchlaufe flüchtig die erſte Seite.. Schwüre ewiger Treue und Anhänßlichkeit, und nichts als Schwüre. Lucilie, du vergiſſeſt, daß ich kein Kind mehr bin! Aha, da kommt Etwas über's Hotel. „Der junge Marquis iſt zurück. Er hält ſich jetzt mehr zu Haus und gibt ſich mehr Mühe um ſeine Couſine. Fräulein Adolphine wird mit jedem Tage 87 hübſcher. Allem Anſcheine nach wirbt der Marquis um die Hand ſeiner Couſine.⸗ Er wirbt um ſie! Ich laſſe den Brief fallen, das Wort ſchneidet mir in's Herz. Wär's möglich, Adolphine den Marquis heirathen? O, ich Elender, konnte ich das nicht vorausſehen! Mußte es nicht ſo kommen? Hatte ich nicht eine Ahnung davon? Und doch, nein! Wie ſie bei unſerer letzten Unter⸗ redung über ihn ſprach, kann ſie ihn nicht lieben„. nein! Der Kopf ſchwindelt mir. Das einzige Mittel, die Heirath Adolphinens mit dem jungen Marquis zu hintertreiben, iſt, daß ich mich ihr perſönlich zeige. Schnell eile ich zur Mutter, ihr meine Abreiſe nach Paris anzukündigen. „Was, Andreas, ſo plötzlich fort? Heute Mor⸗ gen dachteſt Du nicht daran!“ „Ich habe Rachrichten bekommen, die mich zur ſchleunigen Abreiſe zwingen.“ „Gewiß keine guten, Andreas! Mein Gott, wie blaß und verſtört Du biſt.. ſprich, was haſt Dus“ „Nichts, liebe Mutter, Nichts, aber ich muß mor⸗ gen fort.“ „Morgen ſchon?“ „Ja, morgen. Geh' in den Flecken, Peter, wo wir unſern Wagen ließen und veſtelle Poſtpferde auf morgen früh.“ „Wie Du willſt, Bruder.“ „Wenn Du lieber bei der Mutter bleibſt, ſo bleib', Du haſt Richts in Paris zu thun.“' „O, Bruder, ich habe wahrlich Nichts gegen die Reiſe nach Paris. Es fährt ſich ſo hübſch im Poſt⸗ wagen.“ „Ja, geh' nur mit Andreas⸗ Peter,“ ſagt die Mutter,„es iſt mir ein großer Troſt, wenn ich Dich bei ihm weiß. Der arme Andreas hat den Kopf ſo voll!“ Peter rennt wie beſeſſen davon. Inzwiſchen packe ich unſere Sachen⸗ dabei ſieht mich die gute Mutter prüfend an, als wolle ſie meine geheimſten Gedan⸗ ken errathen. — „Andreas,“ ſagt ſie endlich,„Du haſt Kummer, ſage mir, was drückt Dich?“ Ich kann nicht antworten, aber ich nehme ihre Hände und drücke ſie zärtlich an mein Herz. Mein Stillſchweigen iſt faſt ein Geſtändniß. „Bei all' Deinem Reichthum, Andreas, viſt Du nicht glücklich,“ hebt die Mutter von Neuem an⸗ „Lieber wollte ich, ich wäre noch in unſerer alten Wohnung und ſähe Dich in Deinem ſchlichten Kittel einhergehen und guten Muthes Deine Waſſerſuppe eſſen, wie ehemals. Ach, Du kehrſt jetzt nach Paris zurück, Du willſt nicht bei Deiner Mutter bleiben. Aber wenn Deine Schmerzen nicht vergehen, o⸗ ſo komm' baldigſt zurück. Ich will Dich tröſten, Kind, oder mit Dir weinen!“ Ich ſuche ihr die Unruhe auszureden, kann aber meine Sehnſucht nach Paris nicht verheimlichen⸗ Endlich iſt der Augenblick des Abſchiedes da. ₰e empfehle dem alten Franz unſer kleines Gut, dann 89 ſcheiden wir unter heißen Thränen von der guten Mutter. Bald darauf haben wir unſern Wagen er⸗ reicht und ſagen unſerer Heimath zum zweiten Male Lebewohl. Fünftes Kapitel. Die Zuſammenkunft⸗— Das Duell.— Keine Hoff⸗ nung mehr. Das Verſprechen eines guten Trinkgeldes treibt die Poſtillone zu größtmöglicher Eile. Wir fliegen dahin, daß die Funken ſprühen. Peter ſucht nach Kräften mich zu zerſtreuen, aber ich höre nicht auf ihn: ich träume nur von Adolphinen und dem jun⸗ gen Marquis. Die Sehnſucht nach Paris läßt mir keine Ruhe, und doch weiß ich nicht, was ich dort will; Alles geht mir im Kopf durch einander. Endlich kommen wir in Paris an. Obgleich es nahe bei zehn Uhr Abends iſt, muß ich mit Lucilie reden. Ich laſſe Peter zu Hauſe und gehe in's Hotel; der arme Schelm iſt noch ganz betäubt von der Eile, womit wir gereist ſind. Der Portier kennt mich, ſo komme ich leicht in's Haus. Die Fenſter ſind hell erleuchtet: gewiß hat die Frau Gräfin Geſellſchaft. Mit klopfendem Her⸗ zen ſteige ich die Treppe hinauf, die zu Luciliens Wohnung führt; auf der Mitte derſelben begegnen Paul de Kock. LXXXvI. 7 90 wir uns. Als ſie mich erblickt, ſtößt ſie einen lanten Schrei aus. „Still, Lucilie, ich bitte Sie. Man darf nicht wiſſen, daß ich im Hotel bin.“ „Mein Goit, wie bin ich erſchrocken! Ich glaubte ihn in Savohen, und da ſteht er vor mir, leibhaftig. Willkommen, Andreas, willkommen!“ „Geh'n wir in Ihre Kammer, Lucilie, da können wir ungeſtört plaudern.“ „Gern, Andreas, recht gern... der Schreck iſt mir in alle Glieder gefahren... dießmal ſollen Sie nicht ſagen, daß ich bei dem kleinen Engländer eng⸗ liſch gelernt habe; der kleine Dummkopf hat für Nichts Sinn als für Eſſen und Trinken.“ Während Lucilie die Kerzen anzündet, werfe ich mich in ihren Armſtuhl. Als ſie auf mich zukommt und mir einen Kuß geben will, ſieht ſie meine Ver⸗ wirrung, meine Bläſſe. „Was haben Sie denn⸗ Andreas?“ ruft ſie. „Leiden Sie?“ „Ja, Lucilie, ich leide.“ „Sind Sie ermüdet von der Reiſe?“ „Nein.“ „Iſt Ihre Mutter krank?“ „Gott ſei Dank, nein! Ich habe ſie geſund und glücklich verlaſſen.“ „Aber warum denn ſo blaß, ſo verſtört? Ich muß es wiſſen, ich meine es gut mit Ihnen.“ Dabei ſieht ſie mich theilnehmend ängſtlich an. Nach einer langen Pauſe ſtottere ich endlich: 9¹ „Iſt es wahr, daß Fräulein.. Adolphine.. ihren Couſin.. heirathen ſoll?“ „Iſt's möglich?“ ruft ſie erſtaunt und läßt die Arme ſinken.„Mein Gott, wer hätte das gedacht!“ „Antworten Sie, Lucilie, ich bitte, ich beſchwöre Sie!“ „Iſt's möglich, Andreas? Sie lieben Fräulein Adol „Still, Lucilie, wenn man uns hörte...“ „Der Arme! Ja, er liebt ſie. Alſo daher Ihre Traurigkeit? daher Ihre Bläſſe? O, ich Thörin, das hätte ich errathen können! Wo hatte ich denn meine Augen! Armer Andreas! Aber nicht wahr, An⸗ dreas, Sie behalten mich immer lieb.. etwas lieb?“ „Ja, gute Lueilie, ja, immer! Nur kein Wort davon geſagt.“ „Was denken Sie von mir, Andreas? Das Weib iſt tauſendmal verſchwiegener als der Mann, wenn ſie verſchwiegen ſein will, verſtanden?“ „Und Fräulein Adolphinens Heirath?“ „Iſt noch im weiten Felde, Andreas. Bloß der Herr Marquis und der Herr Graf ſprechen davon.“ „Genug, wenn die es wollen!“ „Die ſgnädige Frau und das gnädige Fräulein haben auch ihren Willen, Andreas. Aber geſetzt, die Heirath wäre Nichts, was dürfen Sie hoffen, An⸗ dreas?“ „Nichts, ich weiß es, Nichts!“ „Welche Thorheit alſo, die zu lieben, die man nicht bekommen kann.“ 92 „Ach, Lucilie, wer iſt Herr ſeines Herzens?“ „Meiner Seel', er hat recht, der Andreas! Nie⸗ mand iſt Herr ſeines Herzens! Und warum ließ man Sie mit dem Fräulein ſpielen und ſingen und zeich⸗ nen und malen? Es ſind ja Kinder, ſagten ſie. Aber, mein Gott, Kinder denken auch und haben auch ihr Theilchen Bosheit, und dabei war er ſo heißblütig, der Andreas... „Lucilie, liebe Lucilie, einen Gefallen, nur einen!“ „Und der wäre?“* „Ich weiß, ich tein Adolphinen nicht mehr ſehen; aber ehe ich ganz ſcheide, möchte ich ihr Lebewohl ſagen.“ „Lebewohl? Und mir auch, Andreas?“ „Nein, Lucilie, wir können uns ſehen nach wie vor, wenn auch nicht im Hotel.“ „Sie thun recht, Andreas: nicht mehr geſehen, nicht mehr geliebt!“ Glauben Sie mir, es kommt die Zeit, wo Sie mir Recht geben. Bei den Män⸗ nern heißt's:„aus den Augen, aus dem Sinn!“ bei uns Weibern iſt das anders, denn unſer Herz iſt anders als das Eure.“ „Aber Ihre Antwort, Lucilie?“ „Aber was kann ich dazu thun, Andreas?“ „Nichts weiter, als ihr ſagen, daß ich wieder da bin, daß ich ſie ſehen, mit ihr reden möchte allein nur einen Augenblick! Und wenn ſie einwilligt, ſo ſagen Sie mir, Lucilie, wenn Madame in ihrem Cabinet liest, dann arbeitet Adolphine allein im kleinen Salon. und dann, v dann kann ich mit ihr 93 reden nur einen Augenblick! weiter will ich Nichts. Was antworten Sie darauf, Lucilie?“ „Ich will thun, was ich thun kann. hören Sie: morgen, während des Frühſtücks, will ich das Fräulein von Ihrem Wunſch in Kenntniß ſetzen, dann kommen Sie auf mein Zimmer und warten hier, bis ich Ihnen Nachricht bringe.“ „O, wie gut Sie ſind, Lueilie!“ „Eben ſo gut als Sie böſe. Trotz Ihrer Un⸗ treue lieb' ich Sen Sie immer lie⸗ ben; ich möchte Sie recht glücklich wiſſen.“ „Glücklich? Nie, Lucilie, nie!“ „Reden Sie nicht ſo, Andreas, das thut mir in der Seele weh. Wenn ich Gräfin wäre, ich nähme Sie gleich, auf der Stelle!“ „Adieu, Lucilie, Adieu! Auf morgen. vergeſſen Sie nicht.“ „Zählen Sie auf mich.„Adieu, Andreas!“ Ich komme nach Haus zurück. Peter ſchläft ſchon tief. Glücklicher Peter! Du haſt keine Sorgen, keine Qualen, keine Unruhe! und doch bin ich der Glück⸗ liche in den Augen der Welt. Ich habe Freunde und Beſchützer in der Welt gefunden, ſie haben mich erzogen und herangebildet, ich ſtehe jetzt unabhängig da durch die reiche Erbſchaft, während der Bruder, den das Schickſal ungeſtört ſeinen Weg gehen ließ, geblieben iſt, was er war, und nicht einmal ſeinen Namen ſchreiben kann. Dafür flieht mich der Schlaf, der den Bruder erquickt! So entſchädigt die Natur immer ihre Kinder. —————— 94 WMit Früheſtem bin ich wieder auf. Ich zähle die Stunden bis zur Zuſammenkunft mit Adolphi⸗ nen. Vor neun Uhr Morgens darf ich mich nicht ſehen laſſen im Hotel. Was anfangen bis dahin? Ich will zu Bernhard und Nanette, vielleicht gelingt es ihnen, mich zu zerſtreuen. Peter ſchläft noch. Schlafe noch, ſo lange du magſt, von den Ermü⸗ dungen der Reiſe. Der Glückliche der, er weiß nichts von den Aengſten der Liebe! Bernhard iſt ſchon beim Frühſtück mit Nanette. Ihr lauter Freudenſchrei verkündet dem Vater meine Nähe. O wie viel haben wir uns zu fragen und zu antworten! Nanette hört mich entzückt an; ſie möchte keine Sylbe von meiner Erzählung verlieren, während mich Bernhard wiederholt auf die Schulter klopft und ruft:„Du biſt ein guter Sohn, Andreas, das ſieht man an dem Ankauf des Hauſes Tauſend, da muß ſie wie eine Prinzeſſin leben, die gute Mut⸗ ter! Bald zieh' ich mich vom Geſchäft zurück, dann will ich ſie in Savoyen beſuchen.“ Bei Bernhard iſt mir die Zeit raſcher vergangen. Schon höre ich neun Uhr ſchlagen. Ich verabſchiede mich von meinen Freunden und eile zu Lurilien, die ich noch in ihrer Kammer finde. „Schon ſo früh!“ ſagt ſie.„Noch iſt es nicht Zeit, mit dem Fräulein zu reden. Inzwiſchen wol⸗ len wir frühſtücken. Wollen Sie Plumpudding, Andreas? den hat mir der kleine Engländer ge⸗ bracht, ich mag das Zeug nicht; bis dahin iſt der Kaffee fertig.“ — 95 „Ich danke für Alles, Lucilie.“ „Man muß immer eſſen, wenn man verliebt iſt, Andreas. Sie dürfen nicht glauben, intereſſanter zu werden, weil Sie Nichts eſſen; das iſt ein thö⸗ richter Glaube das, mein Herr!“ Alles Weigern hilſt Nichts. Während ſie das Frühſtück in Bereitſchaft ſetzt, treib' ich ſie ein über's andere Mal, zu Adolphinen hinunter zu gehen. End⸗ lich geht ſie.. Gott, welche Antwort mag ſie zurück⸗ bringen? Wird ſie einwilligen? Und was ſage ich ihr dann? Schon iſt eine tödtliche halbe Stunde verfloſſen und noch keine Nachricht. Endlich kommt Lucilie. „Das hat lange gedauert!“ rufe ich ihr zu. „Man findet nicht gleich Gelegenheit zu einem Töte-à-Téte mit dem Fräulein.“ „Und was hat ſie geſagt?“ „Erſt war Madame bei dem Fräulein. Als ſie fortging, habe ich ihr gemeldet, daß Sie zurückge⸗ kehrt ſeien, worüber ſie höchſt erfreut ſchien.“ „Erfreut? wirklich, Lucilie?“ „Ja, Herr, ja. als ich ihr aber ſagte, daß ſie auf meinem Zimmer ſeien und ſie nur einen Augen⸗ blick zu ſehen wünſchten, da fragte ſie, warum Sie nicht herunterkämen und in Gegenwart von Madame mit ihr ſprächen? Ich wußte Richts zu antworten... ſagte, Sie müßten gewiß ein Geheimniß haben. Sie wurde roth und ſagte dann, ſie wolle im klei⸗ nen Saal arbeiten, was ſo viel heißt als ſie wil⸗ lige in Ihre Bitte.“ 96 „Welch' Glück, Lucilie!“ „Ich will Acht geben, wenn Madame auf ihr Zimmer geht; kommt Madame zufällig in den klei⸗ nen Saal und findet Sie bei ihrer Tochter, ſo geben Sie ſich den Anſchein, als ſeien Sie eben gekommen, ihr einen Beſuch zu machen. Nicht wahr, ich bin gut, gütiger als Sie's verdienen! Ich will jetzt hinunter und Sie rufen, wenn das Fräulein allein iſt.“ Ich ſoll alſo Adolphinen ohne Zeugen ſehen und ſprechen. O, wenn meine Wohlthäterin die Kühn⸗ heit wüßte! Aber Adolphine muß wiſſen, ehe ich ſie auf immer verlaſſe, daß ihr Bild unauslöſchlich in meinem Herzen fortlebt und nie eine Andere darin herrſchen wird. Wer beſchreibt meine Empfindungen, als Lucilie wieder in's Zimmer tritt und mir winkt, hinunter zu gehen. Noch jetzt weiß ich nicht, wie ich in den Saal gekommen bin, doch höre ich, wie Lucilie mir in's Ohr flüſtert: „Ich will huſten, wenn Madame zurückkommt.“ Ich öffne die Thüre und ſtehe vor— Adolphinen. „Sie wieder da, Andreas!“ ſagt ſie lächelnd. „Und Sie wollen mich allein ſprechen? Haben Sie Kummer, den Sie meiner Mutter nicht anvertrauen mögen?“ „Nein, Fräulein Adolphine, aber.. ich wünſchte Ihnen Lebewohl zu ſagen, ehe ich auf immer ſcheide.“ „Was? Eben erſt von Savoyen zurückgekehrt, denken Sie ſchon wieder an die Abreiſe 2“ 3 „Was ſoll ich in Paris? Darf ich ja Sie nicht mehr ſehen! Man ſagt, Sie heirathen.“ „Ich heirathe? Wer ſagt Ihnen das, Andreas?“ „Ihr Herr Couſin macht Ihnen beſtändig den Hof, Fräulein Adolphine, und das iſt natürlich: er liebt ſie. Wer kann Sie ſehen, ohne Sie zu lieben und gewiß lieben Sie auch ihn.“ Sie antwortet Nichts, aber ſieht mich ſo zärtlich an, daß ich es wage, ihre Hand in die meinige zu nehmen und ſie zu drücken. „Ich wünſche Nichts inniger als Ihr Glück, Fräu. lein. Adolphine,“ ſtotterte ich nothdürftig. „Aber ich habe nicht den Muth⸗ Zeuge deſſelben zu ſein. ach, Niemand wird mich beklagen⸗ und doch iſt Schmerz und Kummer von jetzt an mein Theil!“ Andreas, warum das? Warum ſo unglücklich?“ „Weil ich im Stillen leiden muß, Fräulein, und doch würde ich weniger unglücklich von Ihnen ſchei⸗ den, wenn ich wüßte, daß Sie mir einige Theilnahme ſchenken.. daß Sie mir meine Liebe zu. Ihnen verzeihen.“ „Ihnen verzeihen? Iſt Ihre Liebe zu mir ein Verbrechen? Sind wir nicht zuſammen erzogen? Waren Sie nicht der Geſpiele meiner frohen Kinder⸗ derjahre? Auch ich liebe Sie, Andreas und finde nichts Böſes darin!“ „Sie lieben mich, Fräulein Adolphine? mich? O, dann iſt mein Glück ohne Grenzen. Dieß Eine Wort heilt alle meine Leiden, dieſer Eine Augenblick ſtärkt mich für ein Jahrtauſend von Schmerzen!“ 98 Ich ſtürze vor ihr auf's Knie, nehme ihre Hand und drücke ſie an mein Herz. Sie blickt auf mich nieder, ihre Thränen fließen.. o, wie ſüß ſind mir die Thränen, die ſie aus Theilnahme für mich vergießt!... In dieſer Lage dachten wir nicht daran, daß die Zeit enteilt. Plötzlich weckt uns ein Schrei in unſerer Nähe: ich ſehe mich um.. Gott!... wir haben einen Zeugen gehabt, und wen?— den Grafen! Adolphine bleibt wie vom Blitz getroffen ſtehen und zittert an allen Gliedern, während ich, meiner Sinne kaum mächtig, aufſpringe und einige Schritte zurücktrete. Herr von Franconard hat ſich in einen Seſſel geworfen, ſprachlos vor Zorn. Endlich ſtot⸗ tert er heraus und macht dabei eine drohende Ge⸗ berde nach der andern: „Elender Verführer! wache oder träume ich? Ein Savoharde zu den Füßen meiner Tochter? Ein Habenichts, den wir aus Gnade und Barmherzigkeit aufzogen, der wagt es, die Hand von Fräulein von Franconard zu erfaſſen?... Ich erſticke.. o, meine Gicht rührt ſich wieder, meine Gicht!“ Auf den Schrei des Grafen ſind der Marquis von der einen Seite und die Frau Gräfin von der andern herbeigeeilt. „Was gibt es, mein Herr?“ fragt meine Wohl⸗ thäterin.„Andreas hier.. Adolphine zittert. was hat das zu bedeuten?“ „Was das zu bedeuten hat? Bei Gott, Madame, es war die höchſte Zeit, daß ich kam. Ich gratulire 6* 8 99 Ihnen zu Ihrem Andreas: ich fand ihn eben auf den Knieen vor Ihrer Tochter.“ „Auf den Knieen vor meiner Tochter?“ wieder⸗ holt die Gräfin.„Großer Gott! was haben Sie zu erwiedern, Andreas?“ Ich ſehe beſchämt nieder, keines Wortes mächtig. „Der Kerl auf den Knieen vor meiner Couſine!“ ruft der Marquis.„Wart' ich will den Elenden züchtigen!“ Damit reißt er dem Graien den Stock aus der Hand und will mich ſchlagen: das bringt mich zur Beſinnung. Ehe noch die Gräfin dem Marguis ein „Halt“ zurufen kann, reiße ich ihm den Stock aus der Hand, zerbreche ihn über's Knie und werfe ihm die Splitter vor die Füße. Der Marquis zittert vor Wuth, Adolphine erhebt flehend die Arme, der Graf wirft ſich im Seſſel hin und her, bald roth, bald blau vor Aerger, Lucilie winkt mir zu fliehen und die Gräfin tritt gebieteriſch zwiſchen mich und den Marquis. „Verlaſſen Sie uns, mein Herr,“ ſagt meine Wohlthäterin in einem Tone, der mir durch Mark und Bein geht,„und zeigen Sie ſich nie wieder im Hotel. Ich hätte nimmer gedacht, daß Sie uns Anlaß geben würden zu ſolchen Widerwärtig⸗ keiten.“ Ich bin wie vernichtet und wage nicht, die Augen aufzuſchlagen. Als ich aus dem Zimmer fort will, faßt mich der Marquis am Arm und ſagt: 30 hoffe, wir ſehen uns wieder.“ 100 „Wann Sie wollen, Herr; nur vergeſſen Sie nicht, daß ich ein Mann bin wie Sie.“ Der Würfel iſt gefallen: ich verlaſſe das Hotel, um es nie wieder zu betreten. Ich fühle, ich ver⸗ diene den Vorwurf der Gräfin, aber die Verſicherung Adolphinens, vaß ſie mich liebe, läßt mich alles An⸗ dere vergeſſen. 2 In unbeſchreiblicher Aufregung laufe ich lange in den Straßen auf und ab, ohne zu wiſſen wohin. Endlich ſtehe ich vor meiner Wohnung. Der Portier öffnet die Thüre und gibt mir ein Billet, das eben ge⸗ bracht worden iſt. Ich erbreche es und leſe: „Sie ſind nur ein Elender, den ich mit Verach⸗ tung ſtrafen ſollte; dennoch will ich mich zu Ihnen erniedrigen und die Schmach abwaſchen, die Sie meiner Couſine angethan haben. Ich erwarte Sie heute Abend ſechs Uhr mit Piſtolen Eingangs des Ge⸗ hölzes von Vincennes. Nur mein Jokey begleitet mich. Marquis von Therignh.⸗ Alſo ein Duell... ein Duell mit dem Neffen meiner Wohlthäterin! In welche Lage habe ich mich verſetzt, ich Unglücklicher! Wenn ich ſiege, wenn ich ihn vielleicht gar tödte: iſt das mein Dank für die unzähligen Wohlthaten, womit mich die Gräfin neun Jahre lang überhäufte? Wie lohne ich ihr dafür? Indem ich meine Blicke zu ihrer Tochter erhebe, ſtreue ich den Samen der Zwietracht unter ſie und morde den künftigen Gatten ihrer Tochter. Ja, ich fühle mein Unrecht, ich fühle es tief, aber ich kann den Zweikampf nicht ausſchlagen: mein einziger Wunſch +— 101 iſt, daß ich unterliege, daß ich auf dem Wahlplatze vleibe aber wer ſoll dann die Mutter tröſten? Ich gehe hinauf. Peter wundert ſich, ſeit geſtern Abend mich nicht geſehen zu haben. „Peter,“ ſage ich, ihn zärtlich umarmend⸗„eine wichtige Angelegenheit ruft mich um ſechs Uhr Abends fort. Komme ich heute Abend nicht zurück, ſo ver⸗ füge Du über mein geſammtes Eigenthum; nur ver⸗ ſprich mir, daß Du dann Paris verlaſſen und die gute Mutter tröſten willſt.“ „Nein, Andreas, ich kehre nicht ohne Dich nach Savopen zurück: die Mutter hat mir auf die Seele gebunden, Dich überall hin zu begleiten und zu zer⸗ ſtreuen. Du biſt traurig heute: komm' mit zu Papa Bernhard, Mamſell Nanette wird Dich erheitern; ſie liebt Dich und Du liebſt ſie. Oder wärſt Du in eine Andere verliebt?“ „Geh' ohne mich, Peter, ich hole Dich heute Abend ab.“ „Wie Du willſt, Bruder.“ Peter umarmt mich und lauft fort. Wie trübe die Gedanken auch ſind, die mich beſtürmen, ſeit ich allein bin: das liebe Bild Adolphinens verſcheucht ſie alle. Ich glaube mich noch immer zu ihren Füßen. Ja, ich ſcheue mich nicht, es zu ſagen, ſogar meine Leiden ſind mit einer Süßigkeit gewürzt, die ich um keinen Preis der Welt austauſchen möchte gegen ein Glück, das ich auf Unkoſten von Adolphinens Liebe gewinnen könnte. Unter den Träumen der Liebe verfließt die Zeit 102 ſchnell. Meine Uhr weist ſchon ein Viertel auf ſechs Uhr und noch bin ich zu Hauſe. Es iſt die höchſte Zeit. Ich ſtecke die Piſtolen bei, die Herrn Dermilly gehörten— würde er mich wohl wie ſeinen Sohn behandelt haben, wenn er gewußt hätte, daß ich ſeine Waffen gegen einen Verwandten Carolinens kehrte?— und eile zum Hauſe hinaus. „Zehn Franken, wenn ich einige Minuten vor ſechs Uhr Eingangs des Gehölzes von Vincennes bin,“ rufe ich dem Kutſcher zu. Für zehn Franken ſchont kein Kutſcher ſeine Pferde: er bringt mich zu rechter Zeit an Ort und Stelle. Ich ſehe um mich, aber kein Marquis iſt zu ſchauen. „Warte hier,“ ſage ich dem Kutſcher,„ich könnte Dich brauchen.“ „Ich verſtehe, Herr! Zählen Sie auf mich, ich bin der Mutus unter den Kutſchern.“ Nach längerm Warten ſehe ich endlich den Vis⸗ä⸗ vis des Marquis heranfahren. Er ſpringt in meiner Nähe behende aus dem Wagen und winkt dem Jokey, beim Pferde zu bleiben. Dann gehen wir zuſammen etwas ab von den Gefährten in das Dickicht des Waldes. Bald ſind wir weit genug und entfernen uns dann auf ungefähr fünfzehn Schritte von ein⸗ ander. „Ich glaube,“ fagt er hohniſch lächelnd,„der erſte Schuß iſt an mir.“ „Ja, Herr, ich glaube es auch.“ Der Marquis ladet ſein Piſtol, zielt und drückt los; die Kugel fliegt dicht an mir vorüber. 103 „An Ihnen,“ ſagt er kalt.„Ich bin heute un⸗ geſchickt.“ Ich weiß nicht, was ich thun ſoll.. ich beſinne mich, ich ſchwanke. „Schießen Sie,“ ruft er mir zu,„oder ich glaube, daß Sie ſich fürchten, von Neuem anzufangen.“ Die Worte bringen mich zur Entſcheidung: ich richte die Waffe, faſt ohne meinen Gegner zu ſehen. Der Schuß geht los. ich Unglücklicher!.. der Marquis ſtürzt zuſammen. Das Blut ſtrömt aus einer Wunde in der rechten Seite. „Hat Nichts zu ſagen,“ ruft er.„Der Wagen ſoll kommen... helfen Sie mir einſteigen„ich will ſchon bis nach Hauſe kommen.“ Wir helfen dem Marquis in den Wagen, der Jokey nimmt ſeinen Sitz ein, treibt die Pferde an und davon fliegen ſie. In Verzweiflung über meinen Sieg, der mir als eine neue Schranke erſcheint zwi⸗ ſchen Adolphine und mir, gehe ich auf meinen Wa⸗ gen zu, der noch an derſelben Stelle hält. Der Kutſcher muß mich faſt hineinheben, ſo gedankenlos bin ich. Noch immer glaube ich den blutenden Mar⸗ quis vor mir zu ſehen. Wenn er ſtürbe! Könnte ich mir je ſeinen Tod verzeihen? „Wohin, Herr?“ „Nach Paris.“ „Paris iſt groß, Herr! Wohin befehlen Sie 2“ „Dahin o meine Mutter! wüßteſt Du, daß ich Menſchenblut vergoſſen habe, Du würdeſt es nicht glauben!“ 104 „Es ſcheint, Herr, Ihr Gegner hat die Kugel attrapirt.“ „Er iſt bloß verwundet, ich hoffe „Nur nicht ängſtlich, Herr! Laſſen wir den Chi⸗ rurgus ſorgen.fort, Cocotte. Aber wohin, Herr?“ „Zum Bernhard.“ „Es giebt viele Bernhard in Paris, Herr! Mei⸗ nen Sie den Traiteur?“ „Jahrt in die alte Tempelſtraße. Ich will ſchon rufen, wenn Ihr halten ſollt.“ Ich will mich bei meinem alten Freunde Raths erholen, was zu thun iſt. Hätte ich das nur eher gethan, dann wäre das Duell unterblieben. Ich ver⸗ geſſe jetzt, daß der Marquis Adolphinen liebt.. und ſollte er auch ihr Gemahl werden, ich wünſche, ſeine Wunde möge nicht tödtlich ſein. Vor Bernhards Hauſe ſteige ich aus. Nanette iſt allein. Als ſie mich ſieht, fliegt ſie in meine Arme und weint laut. „Was haſt Du denn?“ frage ich. „Peter ſagte uns, daß Du ganz verſtört geweſen biſt und von ewigem Abſchied geſprochen haſt. O mein Gott, was hab' ich um Dich ausgeſtanden, Andreas! Vater und Peter ſuchen Dich. Gottlob⸗ vaß ich Dich wieder habe. Aber ſage, woher kommſt Du? Warum machſt Du uns ſolche Unruhe? Wie blaß Du biſt! Soll ich Dich nie wieder heiter und glücklich ſehen?“ „Nein, liebe Schweſter, nie mehr! Für mich gibt's kein Glück mehr.“ „Kein Glück mehr, Andreas? O, ſprich nicht ſo, 105 Andreas, das thut mir in die Seele weh aber was iſt Dir ſchon wieder begegnet, ſprich?“ „Ich habe mich geſchoſſen.“ „Geſchoſſen? WMein Gott!... Du?. So ſanft, ſo gut.. v, wenn man Dich getödtet hätte!“ Nanette nimmt meine Hände: ſie will ſehen, ob ich verwundet bin; dann betrachtet ſie mich athem⸗ los von Kopf bis Fuß.. „Und mit wem, Andreas?“ fragt ſie. „Mit dem jungen Marquis von Therigny.“ „Mit dem RNeffen der Frau Gräfin? O, wenn Du ihn getödtet hätteſt!“ „Nein, Nanette, er iſt bloß verwundet, doch hoffe ich.„ „Sich zu ſchießen! und Du, Andreas!“ „Ach, ich errathe Alles. Gewiß hat er ſeiner Cou⸗ ſine den Hof gemacht; Du liebſt ſie, ich weiß es... um Adolphine habt Ihr Euch geſchlagen, nicht wahr?“ „Wer ſagt Dir, Nanette, daß ich Adolphine liebe?“ „O, Andreas, das habe ich längſt, längſt geahnt,“ antwortet Nanette und yält die Schürze vor die Au⸗ gen.„Ach, das weiß ich ſchon lange!“ Alſo meine Liebe zu Adolphinen iſt kein Geheim⸗ niß mehr! O Liebe, wie ungeſchickt biſt du im Verheimlichen! Jetzt darf ich wenigſtens meinem Her⸗ zen Luft machen vor der Schweſter. Gottlob! „Du haft recht geſehen, Nanette!“ ſage ich, ihre Hand ergreifend.„Ja, ich liebe Avolphine, ich bele Paul be Kock. LXRRvI. 8 „Wüßteſt Du, Nanette, wie er mich behandelt hat.“ ſie an. Dieſe Leidenſchaft iſt die Urſache meines Kummers; vergebens kämpfe ich dagegen: meine Vernunft iſt ſchwächer als mein Herz. O, Nanette, wie unglücklich bin ich!“ „Ich dachte mir, daß es ſo kommen würde, als man Dir die alten Kleider aus⸗ und die neuen anzog. Wärſt Du geblieben, was Du warſt, Du würdeft nie Deine Blicke zu der Tochter einer Gräfin erho⸗ ven haben, und vielleicht könnten wir. jetzt recht recht glücklich und zufrieden ſein man wollte mich nicht hören, leider!“ Heiße Thränen fließen gus ihren Augen. Gute Schweſter, wie innig Du theilnimmſt an mir! „Und weiß Fräulein Adolphine, daß Du ſie liebſt?“ fragt Nanette nach einer langen Pauſe. „Erſt heute habe ich ihr meine Liebe geſtanden.“ „Und was hat ſie geſagt? O, gewiß theilt ſie Deine Liebe! Aber was hilft das, Andreas? Du kannſt ſie doch nicht heirathen. Vergiß ſie, Andreas, vergiß ſie.“ „Nie, Nanette, nie!“ „O mein Gott!“ Ein kalter Fieberſchauer, die Folge der gewalti⸗ gen Anſtrengungen dieſes Tages⸗ überläuft mich. Ich zittere an gllen Gliedern, die Zähne klappern mir im Munde. Ich will nach Hayſe, aber Nanette läßt mich nicht allein fort. „Ich wache bei Dir, Andreas. Vater wird Nichts dagegen haben; Du haſt NRiemand, der Dich pflegen könnte, als mich. Nein, ich verlaſſe Dich nicht. Wenn — 107 ich Dich langweile, kannſt Du mir von Deiner Liebe, Deiner.. Adolphine erzählen und ich will Dich anhören.“ Nanette holt eiligſt Tuch und Hut. Dann gehen wir fort. Ich muß mich auf Nanette ſtützen, ſo zit⸗ tern mir die Kniee; endlich kommen wir an. Bern⸗ hard und Peter treffen wir in meiner Wohnung. Man denke ſich ihren Schreck über meinen Zuſtand. Kaum vermag ich den Namen des Marquis zu ſtot⸗ tern und ſie zu bitten, nach ſeinem Befinden ſich erkundigen zu laſſen. Sie bringen mich in's Bett. Nur undeutlich ſehe und höre ich, was um mich vorgeht. Bald darauf ſtellt ein heftiges Delirium ſich ein; ich kenne meine Freunde nicht mehr. 4 In dieſem Zuſtande befinde ich mich lange. Endlich öffne ich die Augen wieder; die Beſinnung kehrt mir zurück. Die Erſte, die ich erkenne, iſt Nanette, an den Füßen meines Bettes ſitzend. Mit ſchwacher Stimme rufe ich ihren Namen. „O⸗ er erkennt mich wieder!“ ruft Naneite.„Gott⸗ lob, er iſt uns wieder geſchenkt!“ „Liebe Schweſter, Du wachteſt bei mir?“ „Ich habe Dich keinen Augenblick verlaſſen.“ „Wie lange bin ich krank?“ „Seit heute vor achtzehn Tagen. Ach, wir waren recht beſorgt um Dich, Andreas. Jetzt biſt Du außer Gefahr.“ „Und der Marquis?“ „Tröſte Dich: ſeine Wunde iſt ſchon vernarbt!“ 108 Er lebt! Dieſe Nachricht kräftigt mich mehr als alle Medicin. Lächelnd ſehe ich Nanette an. Gleich darauf eilt Peter hocherfreut an mein Bett, nimmt meine Hand, die ich kaum heben kann, und ſchlägt ein, daß es laut klatſcht. „Mein Gott, Peter, was machen Sie?“ ſagt Nanette, ihn ſanft zurückſtoßend.„Wer ſchlägt einen Kranken ſo in die Hand!“ „Das macht Nichts, Nanette; im Gegentheil, das heilt ihn. Der gute Andreas! wie freue ich mich, daß er gerettet iſt! Meiner Seel', Bruder, Du haſt der armen Nanette mehr zu danken als der Kunſt Deiner Aerzte: ſie iſt nicht von Deinem Bette ge⸗ wichen, achtzehn Tage lang, ohne ein Auge zuzuthun!“ „Schweigt, Peter, Ihr Bruder bedarf der Ruhe.“ „Nein, er muß wiſſen, daß Sie keinen Biſſen Brod aßen und Nichts thaten als weinen und. beten... meiner Seel', keinen Mund voll Brod zu eſſen, den ganzen Tag lang, das halte Einer aus!“ Ich kann ihr nicht antworten, aber ich reiche ihr die Hand, die ſie in der ihrigen drückt. Ihre Augen ſtrahlen vor Wonne, ſie ſcheint wie neugeboren. Auch Vater Bernhard kann nicht laut genug ſeine Freude über meine Geneſung ausdrücken. Ob ſie wohl im Hotel von meiner Krankheit gehört haben? ob wohl Adolphine ſich nach meinem Befinden hat erkundigen laſſen? Plötzlich fällt mir ein, daß mir der Zutritt in's Hotel auf immer unterſagt iſt. Ach, der Ge⸗ danke wirft mich in die alte Verzweiflung zurück! Ich erhole mich nur ſehr langſam. Erſt nach — Vy fünfzehn Tagen darf ich wieder etwas aufſtehen, doch bin ich noch ſo ſchwach, daß ich mich auf Nanettens Arm ftützen muß. Das läßt ſie ſich nicht nehmen, die Gute! Während meiner Krankheit habe ich nicht anders vom Hotel geſprochen, als bloß um mich nach dem Befinden des Marquis zu erkundigen, der, wie ich höre, ſchon lange vollſtändig geheilt iſt. Adol⸗ phinens Name iſt nicht über meine Lippen gekommen. So oft Nanette mich nachdenklich und träumeriſch ſieht, unterhält ſie mich von den heimathlichen Ber⸗ gen und der guten Mutter, und das Mittel gelingt ihr eine Zeit lang. Endlich aber kann ich meinen Schmerz nicht mehr verbergen und Luciliens Name entſchlüpft mir. „Iſt ſie nicht einmal da geweſen?“ frage ich. „Hat Niemand im Hotelſich nach mirerkundigen laſſen?“ Nanette ſieht weg und antwortet mit ſchluchzen⸗ der Stimme: „Ich glaubte, Du wollteſt die Perſonen im Hotel ganz vergeſſen, Andreas; deßhalb verſchwieg ich Dir, daß Mamſell Lucilie da geweſen iſt.“ „Lucilie iſt da geweſen? Was hat ſie geſagt, Nanette? ſprich!“ „Du denkſt alſo immer noch an die Dinge, die Dich krank machten?“ „Nein, Nanette, nein! Aber ich will wiſſen, ob die Frau Gräfin noch böſe iſt auf mich. Der Ver⸗ luſt ihrer Freundſchaft würde mich ewig betrüben, Nanette.“ „Ich fürchte, Andreas, Du denkſt nicht bloß allein 1¹0 ann die Frau Gräfin, Deine Wohlthäterin. Uebrigens muß Mamſell Lucilie bald wiederkommen; Du biſt jetzt weit genug hergeſtellt, um mit ihr zu ſprechen von den Perſonen, die Du liebſt.“ Vier Tage nach der eben erzählten Unterredung mit Nanetten kommt die ſehnlichſt erwartete Lucilie. Sie umarmt mich, küßt mich und gibt ihre Freude über meine Wiederherftellung auf die lebhafteſte Weiſe zu erkennen. Ehe ſie Zeit hat, davon anzu⸗ fangen, habe ich ſie ſchon mit Fragen nach Adolphine, ihrer Mutter und den Ereigniſſen im Schloſſe be⸗ ſtürmt. Lucilie läßt ſich nicht lange bitten. „Kaum hatten Sie das Hotel verlaſſen,“ hebt ſie zu erzählen an,„ſo wurde der Graf von der Gicht befallen, das Fräulein weinte und Madame ſchloß ſich mit ihrer Tochter ein. Man merkte es der Frau Gräfin an, daß ſie viel leiden mußte! Glück⸗ licher Weiſe erfuhr die Gräfin nicht, daß ich die Hand im Spiel hatte, ſonſt.. Der junge Herr Marquis ging unter tauſend wüthenden Drohungen fort. Ach, ich zitterte für Sie, Andreas, denn ich kenne die Herren! Als er Abends blutend in's Hotel gebracht und es ruchbar wurde, daß Sie, Andreas, der Thä⸗ ter ſeien, da ſchnob der Herr Graf Feuer und Flammen und die Frau Gräfin verbot, daß je wieder Ihr Name im Hotel genannt werde.“ „O, meine Wohlthäterin, ſo habe ich denn auf immer ihre Freundſchaft verſcherzt! Vielleicht ſtraft ſie mich gar mit Verachtung! Das iſt mehr, als ich aushalten kann!“ 11¹ „Dennoch bin ich überzeugt, Andreas, daß ſie im Grunde ihres Herzens Sie noch immer liebt; ſie wird Ihnen bald verziehen haben.“ „Nie, Lucilie, nie! Aber Adolphine.. reden Sie 2“ „Fräulein Adolphine iſt ſehr betrübt. Ich glaube, ſie weint oft im Stillen. Indeß weicht ihr Coufin nicht von ihrer Seite und ſucht ſie auf jede mögliche Weiſe zu erheitern.“ „Genug, Lucilie, genug! Ich danke Ihnen.“ „Nur Muth, Andreas. Wer verzagt in ſeinem zwanzigſten Jahre? In dieſem Alter vergißt man leicht.“ „Am ſchwerſten, Lucilie, am ſchwerſten, glauben Sie mir.“ „Aber ein ſchmucker Herr wie Sie, der darf und ſoll nicht verzagen, das ſag' ich, verſtanden? Jetzt Adieu, Andreas, ich komme recht bald 6 ſo oft ich kann.“ Mitten in die Nacht meines Kummers faut noch immer ein Hoffnungsſtrahl, ausgehend von jener Un⸗ terredung, die von ſo unſeligen Folgen begleitet war. „Adolphine weiß, daß ich ſie liebe,“ ſage ich mir, „und das Geſtändniß meiner Liebe hat ſie nicht erzürnt.“ Endlich bin ich ſo weit hergeſtellt, daß ich aus⸗ gehen darf; doch fliehe ich das Hotel. Nanekte iſt wieder bei ihrem Vater, ſeit ich die Krankheit über⸗ ſtanden habe. Wir ſind oft zuſammen ausgegangen Arm in Arm. In ihrer Nähe iſt mir ſo wohl; ſie weiß ſich in mich zu finden und läßt mich ungeſtört meinen Gedanken nachhängen, während Peter⸗ ſo 112 oft er mit mir ausgeht, mich erheitern und beluſtigen zu müſſen glaubt. Oft thue ich ihm den Gefallen und lache, aber die Fröhlichkeit kommt nicht aus dem Herzen; das Weinen iſt mir oft viel näher. Schon ſind drei Monate vergangen ſeit meiner Krankheit. Da ich nicht mehr von Adolphine ſpreche, ſo hofft Naneite, ich werde ſie allmälig ganz ver⸗ geſſen. Aber im Innern meiner Bruſt greift die Flamme immer weiter um ſich! So oft ich ausgehe, möchte ich in's Hotel, und nur mit Mühe halte ich mich davon zurück. Ich fühle, daß ich nicht mehr leben kann ohne Nachrichten von Adolphine, und Lucilie kommt nicht wieder. Was hat das zu bedeu⸗ ten? Hat ſie ihren Andreas vergeſſen? Endlich widerſtehe ich der Verſuchung nicht län⸗ ger. Eines Abends, als ich von Bernhard und Na⸗ nette komme, lenke ich meine Schritte dem Hotel zu, getrieben von Gott weiß welcher trüben Vorahnung. Es iſt mir, als ſtehe meinem Geſchicke eine totale Veränderung bevor. Ich beflügle meine Schritte, ich bin faſt außer Athem. Endlich ſehe ich das Haus, wo ich acht Jahre meines Lebens zubrachte. Aber welch' ein Glanz, welch' ein Schimmer! Die ganze Fagade des Hotels ſtrahlt im Glanze von tauſend Kerzen, und welche Bewegung drinnen! Was hat das zu bedeuten? Gewiß haben ſie Ball oder Tanz oder ſonſt eine Luſtbarkeit, deren ſchönſte Zierde— Adolphine heißt. Ich nähere mich dem Hauptthor, das offen ſteht. Der Hof iſt gedrängt voll von Equipagen. Ehe ich — — 113 mich's verſehe, bin ich mitten unter den Kuiſchern und Bedienten. „Das geht luſtig her,“ ſagt der Eine. „Kein Wunder,“ antwortet ein Anderer,„die Neuvermählte iſt jung und ſchön!“ Die Neuvermählte! Es überläuft mich eiskalt. Von welcher reden ſie? wer iſt die Neuvermählte? Ich nähere mich der Loge des Portiers und frage ihn mit verſtellter Stimme, ob Ball im Hotel ſei? „Ball, Herr? Warum nicht gar! Fräulein Adol⸗ phine von Franconard feiert ihre Hochzeit mit ihrem Couſin, dem jungen Marquis von Therigny.“ Ein eiskalter Schauer überläuft mich; mein Kopf ſchwindelt. Es iſt mir, als ziehe mich ein unſichtbarer Arm auf die Steinbank in der Nähe nieder, ſonſt wäre ich umgefallen. So bleibe ich über eine Stunde ſitzen wie ein Beſinnungsloſer, bis der Schall der Inſtrumente und das laute Gewoge in den Sälen oben mich endlich aus dem Starrſchlafe wecken. Ich ſtehe auf und eile meiner Wohnung zu. Dort angekommen, nehme ich etwas Geld aus meinem Sekretär zu mir und ſchreibe einige Zeilen nieder für meinen Bruder, worin ich ihm mein geſammtes Eigenthum zur Verfügung ſtelle. Mein Weg führt mich durch Peters Kammer. Wie ſo friedlich er da liegt in den Armen des Schlafes! „Schlafe fort, Bruder, ſchlafe ſanft!“ rufe ich flüſternd.„Sei glücklicher als ich, tröſte unſere Mut⸗ ter, unſere Freunde. Denket recht oft an den armen Andreas! Wie glücklich wäre er jetzt mit Euch, wenn 11¹4 man ihn ſeinem Schickſale überlaſſen hätte! Lebe wohl, Bruder, lebe wohl!“ Ich umarme Peter, ohne ihn zu wecken, ſchließe leiſe die Thüre ſeiner Kammer, verlaſſe das Haus und irre mitten in der Nacht, ohne Ziel, ohne Plan, in den Straßen umher, der Laſt meines Herzeleides erliegend. Sechstes Kapitel. Verſchiedene Arten Liebe. Peter, der mich den Abend zuvor nicht geſehen hat, ſucht mich am andern Morgen in meiner Kam⸗ mer und findet mich nicht. Beunruhigt über mein Ausbleiben erkundigt er ſich bei der Thürhüterin — ſeit unſerer Reiſe nach Savoyen hatte ich meinen Diener entlaſſen— und hört, daß ich ſpät nach Haus gekommen und gleich wieder ausgegangen ſei. Dann eilt er zu Vater Bernhard, in der Hoffnung, mich dort zu treffen. Bernhard und Nanette theilen Peters Unruhe. „Andreas hat uns geſtern Abend um zehn Uhr ruhiger als gewöhnlich verlaſſen,“ ſagt Bernhard. „Wo mag er ſich denn herumtreiben?“ fragt Pe⸗ ter.„Er iſt gegen Mitternacht heimgekommen und ſogleich wieder fortgegangen.“ „Wartet nur, wartet, ruft Nanette und holt Tuch und Hut.„Ich kann mir denken, wo er ißt. Ich muß 1⁵ wiſſen, ob ſchon wieder was vorgefallen iſt. Was thue ich nicht um Andreas willen; müßt' ich auch in das Haus gehen!“ Nanette legt ihre Schürze ab, ſetzt geſchwind ihren Hut auf, wirft das Tuch um und iſt im Um⸗ ſehen verſchwunden. Mit beklommenem Herzen eilt ſie dem Hotel des Grafen zu. Vor der Hauptthüre des Hotels, die um ſieben Uhr Morgens ſtets noch verſchloſſen iſt, entſinkt ihr der Muth: ſie weiß nicht, wie und wornach ſie fragen ſoll. Aber die Angſt um Andreas beſiegt ihre Schüchternheit: ſie läßt den ſchweren Hammer auf die Thüre fallen, daß es laut tönt. Sie wartet, ſie horcht, aber Niemand regt ſich. Sie klopft nochmals und lauter wie das erſte Mal. „Mein Andreas,“ denkt ſie bei ſich,„iſt mehr werth als alle die vornehmen Herren da drinnen, und mir iſt er hundertmal mehr werth! Was kümmere ich mich um die Scheltworte einiger Lakaien, wenn ich Nachricht erhalten kann über meinen Freund.“ Endlich öffnet ſich das weite Thor laut knarrend⸗ Nanette tritt ein und blickt ſchüchtern um ſich. „Wer klopft denn ſchon ſo früh? Wir haben die ganze Nacht kein Auge zugethan. Wer da? Was will man?“ ruft eine Stimme aus der Loge des Thür⸗ hüters, der Nanette verlegen ſich nähert. Sie hat ſchon daran gedacht, nach Mamſell Lucilie zu fragen⸗ aber ſie kann es nicht über's Herz bringen, denn ſie kann Lucilien nicht ausſtehen. Den Grund dieſes Widerwillens wird jede weibliche ſich iaic von ſelbſt denken können. 5 116 „Herr,“ redet ihn endlich Nanette an, dem Lo⸗ genfenſter ſich nähernd, wo das mürriſche Geſicht des Portiers hervorguckt,„ich möchte wiſſen, ob Sie Andreas geſehen haben geſtern Abend.“ „Welchen Andreas? Ich kenne keinen Andreas.“ „Sie müſſen ihn kennen, Herr.. den artigen jungen Herrn, der acht Jahre in dieſem Hotel ge⸗ wohnt hat.“ „Sie meinen den Savvparden“ „Ja, Herr, denſelben.“ „Morbleu, der iſt ſchon ein ganzes Jahr nicht mehr hier. der Teufel ſoll Sie holen, daß Sie um ſieben Uhr Morgens ſchon das ganze Hotel in Allarm bringen! Glauben Sie, wir ſind hier in einer Wein⸗ kneipe? Machen Sie, daß Sie fortkommen, und ſchließen Sie die Thüre zu.“ Nanette ſchweigt; endlich weint und ſchluchzt ſie. Der Portier, der ſchon den Kopf zurückgezogen hat, ſteckt ihn nochmals durch's Fenſter und faßt das junge Mädchen an, das kaum zwanzig Jahre zählt, wohl⸗ geſtaltet, friſch und hübſch iſt. Die Thränen, die ihr aus den ſchönen Augen fallen, machen ſie noch intereſſanter. Auch die Portiers ſind für weibliche Reize nicht unempfänglich; die großen ſchwarzen Au⸗ gen Nanettens nehmen ihm alle Müdigkeit und er fragt in ſanfterem Tone: „Was weint Ihr, Mädchen? Iſt Euer Andreas Euch untreu geworden? Und doch ſeid Ihr recht artig, meiner Seel'! Aber die junge Welt kennt den Werth eines ſchönen Schatzes nicht.“ — 117 „Ihr irrt Euch, Herr. Ich ſuche Andreas, weil wir um ihn beſorgt ſind; wir wiſſen nicht, wo er ſein kann. Da fiel mir ein, er könne geſtern Abend hier im Schloſſe geweſen ſein.“ „Es iſt nicht wahrſcheinlich, daß Euer Andreas mit zur Hochzeit geladen wurde.“ „Zu welcher Hochzeit, Herr?“ „Zur Hochzeit von Fräulein Adolphine von Fran⸗ conard und ihrem Couſin, dem Marquis von Therignp.“ „Fräulein Adolphine hat ſich verheirathet?“ „Ja, geſtern. Kömmt Euch das lächerlich vor, Mamſell 2“ „Adolphine verheirathet! O, wenn er das er⸗ fahren hätte!“ „Was fehlt Euch denn, Mamſellchen? Eben lach⸗ tet Ihr und jetzt weint Ihr?“ „Ach, Herr, ich fürchte, daß Andreas„ „Aber halt, ich erinnere mich, daß geſtern Nacht zwiſchen zehn und eilf Uhr ein Herr mich fragte, was es hier im Hotel gebe.“ „O, das wird er geweſen ſein!“ „Ja, ja, Ihr habt recht: er war's, ich entſinne mich auf ſein Geſicht.“ „Und was that er weiter?“ „Meiner Seel', das weiß ich nicht. Ehe ich mich umſah, war er wieder verſchwunden hinter den Wa⸗ gen, die im Hofe dicht gedrängt ſtanden.“ „O, mein armer Andreas! Was mag er gethan haben in der Verzweiflung? Wohin iſt er gegangen? O, ich Arme!“* 118 „Mamſell, Mamſell! Sie verlieren Ihr Schnupf⸗ tuch; geben Sie Acht.“ Nanette iſt ſchon fort; ſie eilt zum Vater zurück und erzählt ihm, was ſie gehört hat. Bernhard be⸗ greift nicht, wie die Nachricht von der Hochzeit Fräu⸗ lein Adolphinens mich in Verzweiflung habe bringen können, bis ihm Nanette das Geheimniß von mei⸗ ner Liebe zu Avolphinen anvertraut. Jetzt erſt geht ihm ein Licht auf über die Urſache meines geheimen Kummers. „Ja,“ bekräftigt Peter,„der Bruder war verliebt bis über die Ohren. Er geſtand mir einmal, daß der Liebesteufel ihn Nacht und Tag quäle; er ſprach nicht, er malte nicht, er ſang nicht und, was das Meiſte iſt, er aß nicht.“ „Wo mag er ſein?“ ruft Nanette.„Statt uns Dein Leid zu klagen, Andreas, fliehſt Du uns! Him⸗ mel, ſollte er in der Verzweiflung. „Sei ruhig, Nanette! Andreas wird an ſeine Mutter, ſeine Freunde denkenz er iſt keiner ſolchen That fähig. Gedulde Dich, er wird ſchon wieder kommen, recht bald. Aber ſeine Mutter darf nichts davon hören.“. Der Tag vergeht ohne Nachrichten von Andreas. Als Peter das Papier, worin ich ihm mein ganzes Eigenthum vermachte, an Naneite zeigt, geräth ſie in Verzweiflung. Vergebens ſucht Bernhard ſie zu tröſten, auch Peter thut ſein Möglichſtes, aber gleich darauf fängt er zu weinen an, ſo daß er ſelbſt des Troſtes bedarf. „ — 119 Der folgende Tag vergeht auf dieſelbe Weiſe. Bernhard geht dahin, Nanette und Peter dorthin. Den Abend kehrt Jever traurig zurück. „Sollte er verirrt ſein?“ ſagt Peter.„Unmöglich, er iſt zu groß dazu. Vielleicht hat er plötzlich ab⸗ reiſen müſſen und er kommt zurück, wenn wir ihn am Wenigſten erwarten.“ Bernhard ſagt daſſelbe, obgleich er nicht daran glaubt. Wegen der Unruhe der Tochter verheimlicht er die eigene. So ſchwindet eine Stunde nach der andern, ein Tag nach dem andern, und immer größer wird Nanettens Angſt. Den Tag über weint ſie und Nachts thut ſie kein Auge zu. Lucilie hat mich lange Zeit, ungeachtet ihres Ver⸗ ſprechens, nicht beſucht, weil ſie nicht die Unglücks⸗ botin von der Heirath Adolphinens mit ihrem Couſin ſein will. Eines Morgens kommt ſie und findet Peter, der wie gewöhnlich bei allen ſeinen alten Kameraden, denen er mein Signalement gegeben hat, herumgelau⸗ fen iſt, um etwaige Nachrichten über mich einzuziehen. „Was gibt's?“ ruft Lucilie bei ihrem Eintritt in mein Zimmer.„Welche Unordnung! Alles liegt hol⸗ ter und polter durch einander.“ „Meiner Seel',“ antwortet Peter,„ſeit Andreas verſchwunden iſt, weiß ich nicht, wo mir der Kopf ſteht; ich weiß kaum, daß ich lebe.“ „Andreas verſchwunden? und ſeit wann2“ „Seit ſeine Schöne einen Andern geheirathet pat. Aber mit Verlaub, Mamſell, ich habe ſie nie geſehen, die Schöne!“ 4 120 „Er weiß alſo von der Hochzeit von Fräulein.. und ich nahm mir vor, davon zu ſchweigen. Welch' ein Eigenſinn der Andreas iſt.“ „Meiner Seel', wenn er liebt, ſo liebt er zum Raſendwerden.“ „Ich weiß das, Herr Peter. Wüßte nur der gute Andreas, wie lange Fräulein Adolphine ſich geſträubt hat aber Papa und Couſin drangen in ſie, und auch Mama ſchien die Heirath zu wünſchen, ſo gab ſie endlich nach, und was thut Andreas? Er läuft weg: das Dümmſte, was er thun konnte. Gibt es nicht viel andere Mittel noch; aber man ſieht, daß er nicht aus Paris iſt. Wo iſt er denn?“ „Wenn wir das wüßten, wären wir nicht ſo trau⸗ rig, Mamſell.“ „Tröſten Sie ſich nur, Herr Peter: Andreas kömmt bald wieder; er wird ſich eines Beſſern be⸗ finnen. Alle meine guten Lehren halfen Nichts. Adieu, Herr Peter, weinen Sie nicht wie ein Kind; Sie haben ſo rothe Augen wie ein Kaninchen. Und Ihr Halstuch, wie das ſitzt, und die Roſette, ha ha ha! Wer macht jetzt noch eine Roſette, pfui! Warten Sie, ich will Ihnen zeigen, wie man das Halstuch bindet.“ „Iſt nicht nöthig, Mamſell; ſchön Dank!“ . „Sehen Sie. ſo und dann ſo.. Der Herr wäre nicht übel, wenn er etwas weniger ſteif und unbeholfen wäre. Sehen Sie, man legt die Schleifen kreuzweiſe über einander und zieht ſie nach unten durch. Jetzt ſind Sie noch'mal ſo hübſch.“ „Morgen früh hab' ich's ſchon vergeſſen, Mamſell.“ 124 „So will ich wiederkommen, um Ihnen Unterricht darin zu geben.. wvollte ſagen, um mich nach dem guten Andreas zu erkundigen, denn ich habe ihn von Herzen gern, obgleich er mich oft geärgert hat. Aber ich habe ein gutes Herz, ich, und habe ihm längſt verziehen. Adieu, Herr Peter, ſeien Sie nur luſtig: das Weinen und Heulen hilft zu Nichts. Sapper⸗ ment, nicht ſo fteif! und hübſch gerade! und wer macht ſolche Complimente!... Adieu! Ich komme bald wieder, um nach Anvreas zu fragen.“ „Die Mamſell hat meiner Seck' recht,“ denke Peter, als Lucifie fort iſt.„Wozu das Weinen und Heulen? Wie zum erſten Male werde ich ihn auch zum zweiten Male wiederfinden, um ſo leichter, als wir jetzt groß geworden ſind. Andreas hat mir ſein Haus und Vermögen anbertraut, ſo will ich denn recht dafür ſorgen. Ei der Tauſend, jetzt wäre mir der Loi⸗ ſeau erwünſcht: der ließe mir keine Zeit zum Weinen.“ Nanette denkt anders als Peter. Statt mit der Zeit ruhiger zu werden, wird ſie immer unruhiger. Flehentlich bitet ſie ihren Vater um Erlaubniß, ihren Bruder ſuchen zu dürfen. „Was hilft das Suchen?“ antwortet der Waſſer⸗ träger.„Gott weiß, wo er ſein mag. Und ſchickt es ſich, daß ein junges Mädchen hinter einem jungen Mann herläuft? Hätte ich nur die leiſeſte Ahnung, wo er ſein kann, dann wollte ich es gern erlauben, denn ich kümmere mich um kein Geſchwätz: ich weiß, daß Du ordentlich biſt und Andreas auch.“ Paul de Kock. LRRRVI. 9 ———— „und Du weißt ja, Papa, daß Andreas mich nie geliebt hat, daß er nur an ſeine Adolphine dachte, und doch hat ſie einen Andern genommen ſie liebie ihn nicht, wie ich ihn liebe!“ „Tochter! das Fräulein iſt eine Gräfin und dem Willen ihrer Eltern gehorſam. Wir dürfen ſie nicht tadeln; Andreas hätte ſie nie heirathen können.“ „Warum nicht, Vater?“ „Warum nicht? Weil die Welt weißt Du, die Welt „Nein, Vater, ich weiß nicht; aber laß mich An⸗ dreas ſuchen, ich bitte Dich: ich habe nicht eher Ruhe.“ „Wenn wir ungefähr wiſſen, wo er iſt, dann ja. Bis dahin will ich nicht, daß Du auf gut Glück aus⸗ läufſt und vielleicht auch Dich verlierſt. Bleibe bei mir und warte hübſch auf Nachrichten von ihm.“ Nanette gibt nach; aber ſie weint ſich im Stillen aus und jeden Abend wiederholt ſie bei ſich:„Schon wieder iſt ein Tag dahin und noch immer keine Nach⸗ richten von ihm. Der Undankbare! Wie kann man Tag und Nacht ſo ſchmerzlich auf ſich warten laſſen! Ach, ſeine Adolphine liebte ihn nicht, wie ich ihn liebe!“ n 10 11 12 14 15 16