Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet 8 von Dr. Heinrich Elsner. Fünfundachtzigſter Theil. — Stuttgart: Scheible, Bieger s Sattler. 1846. Anbreas, d Von Paul de Bock. Deutſch bearbeitet ron Dr. Heinrich Elsner. Dritter Theil. —— Stuttgart: Scheible, Bieger„ Sattler. 1846. Erſtes Kapitel. Schelmſtücke des Berrn Roſſignol. Als ich erwache, liegt Alles noch in tiefer Ruhe im Hotel und doch ſcheint die Sonne freundlich am Himmel. Ich ſtehe auf, ſehe zum Fenſter hinaus, aber Niemand zeigt ſich, das Haus iſt wie ausgeſtor⸗ ben. Ich habe große Luſt, zu Vater Bernhard zu gehen, den ich ſeit vorgeſtern nicht geſehen; ich weiß gewiß, Nanette iſt böſe auf mich. Madame hat ja geſagt, ich dürfe meine Freunde beſuchen, wann ich wolle, ſo will ich denn hin zum Waſſerträger; ich halt's nicht länger aus im Zimmer. Ich gehe hinaus, ſteige die erſte, zweite Treppe hinunter und bin jetzt auf dem Hofe. Auch hier Niemand, kein Bedienter, keine Seele! Wie ſie lange ſchlafen in dieſem Hauſe! O weh, die Hofthüre iſt verſchloſſen und der Portier träumt noch in ſeinen Federn. Was fange ich an? Ich möchte ſo gern hinaus! Ich ſpaziere auf dem weiten Hofe hin und her in die Länge und Breite, blicke ſehnſüchtig zu ven Fenſtern auf, aber keines öffnet ſich. Ich huſte, als ich an der Wohnung des Portiers vorübergehe, faße dann Muth und klopfe ein⸗, zweſmal leiſe an die Scheiben. Niemand hört mich. Paul de Kock. LXRRvV. 1 2 So muß ich denn in meine Kammer zurück. Das große Haus widert mich an, denn es kommt mir wie ein Gefängniß vor. Wer weiß, ob die Leute nicht zwei oder drei Stunden ſo fort ſchlafen, wäh⸗ rend ich mit der Schweſter ſo fröhlich ſein könnte? Oben im zweiten Stock bleibe ich vor einer Thüre ſtehen, der meinigen gegenüber. Mir fällt ein, Ma⸗ dame hat geſagt, hier wohne Mamſell Lucilic. Das junge Kammermädchen iſt ſo freundlich ge⸗ gen mich, ſie wird es gewiß nicht übel deuten, wenn ich ſie bitte, mich hinauszulaſſen. Sie hat ja mehr als einmal geſagt: ſie ſei nach Madame die Her⸗ rin im Hauſe. Einer ſo hübſchen Frau gegenüber iſt man viel muthiger: ſie haben ſo was Liebenswürdi⸗ ges, Angenehmes, Bezauberndes. Es kommt mir vor, als fühle ich ihren Einfluß, denn ohne Anſtand klopfe ich an Mamſell Luciliens Thüre. Die jungen Mädchen haben einen leichten Schlaf. Gleich darauf höre ich Tritte vor der Thüre im Zimmer. „Wer klopft?“ fragt es drinnen. „Ich bin's, Mamſell: Andreas.“ „Wie? ſchon auf, Andreas? Rärrchen, was fällt Dir ein. Wir ſtehen erſt um acht Uhr auf und die Herrſchaft um neun. Was willſt Du ſo früh?“ „Ich möchte zum Vater Bernhard. Er und Na⸗ neite ſind längſt auf.“ i „So geh', wer hindert Dich?“ „Die Thüre iſt zu und der Portier ſchläft Ich habe zweimal an's Fenſter geklopft. Wie komme ich hinaus? O, Mamſell Lucilie, öffnen Sie mir die Hausthüre, ich bitle ſchön.“ „Mein Gott, wenn das Kindervolk ſich was in den Kopf ſetzt. ſchlafe ſo ſanft und da ſtört er mich aus dem Morgentraum. Aber warte, ich kann Dir nicht im Hemde öffnen.“. „Danke Ihnen, Manſell, ich will warten.“ Lucilie iſt flink: nach zwei Minuten öffnet ſie die Thüre, im Unterröcchen, Nachtleibchen und einem zierlichen Tuche von Seide um den Kopf. Ich bin erſt zwölfthalb Jahre alt, dennoch muß ich erröthen, ich weiß nicht warum, als ich ſie in dieſem ein⸗ fachen Neglige ſehe, das ihr allerliebſt ſteht. Mam⸗ ſell Lucilie zählt erſt achtzehn Jahre, iſt ſchlank ge⸗ wachſen, hat ziemlich volle Formen, ein ſchneeweißes Bein, wundernievlichen Fuß, lebhafte, ſchelmiſche Augen, ein Stumpfnäschen und friſchen Mund. Sie iſt keine Schönheit, aber ein niedlich Geſichtchen, das Einem allerlei Gevanken machen kann. Dabei hat ſie ganz die Tournure einer Griſette, daß ſie vieler vornehmen Damen Neid erregen und manchem ehr⸗ lichen Manne den Kopf verrücken dürfte. Ich ſtehe wie begoſſen vor iht, die Augen nieder⸗ geſchlagen. Sie lacht laut über mein linkiſch ver⸗ legen Weſen; faſt glaube ich, ſie hat die Urſache da⸗ von errathen. Dann geht ſie flink an mir borüber und hüpft die Stufen hinab. n onn dinro nnnd „Komm' doch, Schelmchen,“ ruft ſie mir zu. „Woran denkt er, hes⸗ 2 ch pachte nichts, aber mir war recht wohl, weiß 4 ſelbſt nicht warum! Ihr Staunen weckt mich aus dieſer Art von Betäubung und ich ſolge ihr. Unten vei der Loge des Portiers zeist ſie mir eine Schnur und ſagt:„Daran zieht man, wenn man ein oder aus will.“ Kaum habe ich an der Schnur gezogen, ſo öffnet ſich das Hoſthor. Wie fröhlich ſprang ich auf die Gaſſe hinaus. „Bleibe nicht zu lange aus, Andreas 1“ruft mir Lucilie nach. Aber ich höre nicht; ich bin ſchon weit weg⸗ 1 In Kurzem ſtehe ich vor Vater Bernhards Thüre. Der gute Auvergnat ſuchte Nanette zu tröſten, die ſchon glaubte, ich werde nie wiederkommen, weil ich einen Tag lang ausgeblieben. Meine Ankunft ver⸗ ſcheuchte alle Traurigkeit; ich erzählte ihnen haarklein, wie es mir den Tag zuvor gegangen⸗ „Sei recht artig und gehorſam,“ ermahnt der prave Waſſerträger;„die vornehme Dame verdient es um Dich, Andreas. Du ſchwimmſt jetzt oben auf vem Strome des Glückes, Andreas, Du brauchſt Dich vloß forttragen zu laſſen von ihm.“ Dann geht Vater Bernhard an die Arbeit, wäh⸗ rend ich bis neun Uhr bei Nanette bleibe. Wie ſchnell vergeht mir die Zeit bei ihr! Die gute Schweſter hat mich ſo gerne um ſich. Wenn Du erſt ein großer Herr biſt,“ ſagte ſie⸗ „dann vergiß uns nicht, Andreas, und behalte uns lieb.“ t 5. Ich verſpreche Nanette, ſie alle Morgen zu be⸗ ſuchen. Das erheitert ſie wieder eiwas und ſie nimmt 5 weniger traurig Abſchied von mir. Auf dem Rück⸗ wege fällt mir ein, noch bei dem guten dern Der⸗ milly vorzugehen. „Ich erwartete Dich,“ ſagte er mir, als ich in Zimmer trat.„Komme jeden Tag, wenn ich nicht in's Hotel gehe.“ Dann erzähle ich ihm von meiner Beſcützerin und ihrer Güte gegen mich. Er ſcheint gerne von Madame reden zu hören, und das wundert nichtz ſie iſt ja ſo gut! Im Hotel bemerke ich, daß die Bedienten nich verſtohlen anſahen und höre, wie ſie ſich in's Ohr ziſcheln: „Das iſt der Schützling von Madame.“ Dann grüßen ſie mich ſehr höflich und ſcheinen überraſcht, als ich ihren Gruß eben ſo yöflich erwie⸗ derte. Iſt das nicht billig, daß man wieder grüßt, wenn man gegrüßt wird? Die gnädige Frau läßt mich rufen; ich erzähle ihr Alles, was ich gethan habe. Als ich auf meinen Beſuch bei Herrn Dermilly zu ſprechen komme, muß ich jedes ſeiner Worte wiederholen, worauf ſie mich ermahnt, recht oft zu ihm zu gehen. Ich will ihr danken für die ſchöne Börſe, die ſie mir eſn hat, aber ſie ſagt: „Wende das Geld nützlich an, das iſt der veſte Dank. Du bekommſt jeden Monat ebenſoviel.“ Meine Tagesordnung iſt folgende: bis vier Uhr arbeite ich auf meinem Zimmer, wohin auch meine Lehrer kommen; dann gehe ich zur gnädigen Frau 6 hinunter und bleibe da bis zur Eſſenszeit; nach Tiſch gehe ich wieder hinunter und ſpiele mit Adolphine⸗ ausgenommen wenn Madame in Geſellſchaft geht oder Geſellſchaft bei ſich hat. Die erſten Tage nach dieſer neuen Einrichtung ſcheinen mir entſetzlich lange und öde. Die ſitzende Arbeit iſt mir ganz was Neues. Aber der Wunſch⸗ mich dankhar zu beweiſen für die viele Güte, die ich hier genieße, läßt mich den Widerwillen gegen das Lernen bald überwinden. Ich will ihr durch Eifer und Fleiß zeigen, daß ich ihrer Wohlthaten nicht unwürdig bin. In Kurzem habe ich das Lernen ordentlich lieb gewonnen: ich finde darin eine neue Quelle von Vergnügen; es geht mir ein neues Licht auf. Ich fühle, wie mein Verſtand ſich erweitert, meine Urtheskraft ſich ſärkt, wie eine Menge von Gedanken ſich mir im Kopfe anhäuft. Ich fange an, die ſüßen Früchte der Arbeit zu ſchmecken. Je mehr ich arbeite, um ſo mehr fühle ich den Werth der Erziehung. Die gute Gräfin ſieht meine Fortſchritte mit inni⸗ gem Vergnügen. Das verdoppelt meinen Eifer. Auch Herr Dermilly läßt es nicht an Ermunterungen ſehlen: er ſagt, ich könne Alles, was ich recht wolle. Wenn ich mit der kleinen Adolphine plaud ere, hört ſie nicht mehr die groben Fehler in meiner Sprache wie früher, obgleich ſie mich nie deßwegen auslachte. Das liebe Kind iſt eben ſo gut als ihre Mutter. Bei jeder Erzählung von einem neuen Unglücksfall treten ihr die hellen Thränen in's Auge und ſie ruht — — nicht eher, bis man verſpricht, dem Armen zu helfen. Sie heißt mich ihren kleinen Andreas. Hat ſie was nicht gut gemacht, ſo droht man ihr:„heute Abend darfſt Du nicht mit Andreas ſpielen,“ und gleich gibt ſie ſich alle erdenkliche Mühe. Faſt jeden Morgen gehe ich zum Vater Bernhard. Die Erziehung hat meine Sprache und Sitten ſehr verändert, aber mein Herz, fühle ich, iſt das alte ge⸗ blieben und ſoll es bleiben. Ich habe meine Freunde nach wie vor gleich lieb. Wenn oft Nanette ſeufzt: „Sie machen aus Dir einen vornehmen Herrn, Andreas; biſt Du erſt klug und gelehrt, ſo wirſt Du uns arme Leute auslachen,“ dann nehme ich ſie in meine Arme und ſuche ihr begreiflich zu machen, daß Geiſt und Herz zwei Dinge ſind, die uns kein Gold der Erde geben oder nehmen kann⸗ Ich bin jetzt ſechs Monate im Hauſe des Herrn Grafen und doch habe ich ihn erſt zweimal zu Ge⸗ ſicht bekommen. Er ſah mich höhniſch an, brummte Etwas zwiſchen den Zähnen und liebkoste dann ſeinen Hund. Gottlob, daß ich ihn nur ſo ſelten ſehe. Aber das kommt, weil ich, mich ſchnell auf mein Zimmer flüchte, ſobald ich Cäſar vor der Thüre der Frau Gräfin bellen höre; dann, weiß ich, iſt der Herr Graf im Anzuge. Mamſell Lucilie iſt immer gleich gefällig gegen mich. Ich habe längſt bemerkt, daß man mit ihrer Gunſt Alles durchſetzen kann im Hauſe. Der Portier murrte über mein frühes Ausgehen, weil es ihn aus ſeiner Morgenruhe ßörte, bis Mamſell Lucilie ihm * 8 bedeutete, daß ich ausgehen könne, wenn ich wolle. Der Herr Intendant erlaubte ſich allerhand ſpöttiſche Bemerkungen über mich, bis Mamſell Lucilie drohte, ſie werde es der gnädigen Frau ſagen. Und ſo weiter. Alle im Hauſe ſtehen unter dem Pantoffel des jungen Kammermädchens. Es gibt tauſend Dinge, womit die Herren ſich nicht befaſſen können, aber der Zofe entgeht Nichts. Ich merke, wer es bei der Gräfin gut haben will, der muß die Kleine zu gewinnen ſuchen. Durch die Güte meiner Beſchützerin bin ich jetzt im Beſitz von faſt neun Louisd'or, die ich nach und nach mir erſparte, dem Rath Luciliens gehorſam. Ich bin feſt entſchloſſen, Nanette ein hübſches Ge⸗ ſchenk zu machen, weiß aber noch nicht was? Für die gute Mutter iſt auf lange Zeit geſorgt. So iſt es meine Pflicht, mich denen dankbar zu erweiſen, die bei meiner Ankunft in Paris ſo menſchenfreund⸗ lich mich aufnahmen. Das kann die gute Mutter nur billigen. Die Summe, die ich habe, iſt ziemlich groß; aber was kaufe ich? In meinem Alter wird man leicht betrogen, und ich thäte beſſer, Mamſell Lucilie um Rath zu fragen, aber ich bin überzeugt, ein Geſchenk, das ich ſelber auswähle, gefällt Nanette ungleich beſſer. So oft ich ausgehe, nehme ich die Börſe mit. Ich bleibe vor den Läden ſtehen und betrachte mir all' die tauſend Herrlichkeiten, die Hüte, Tücher, Kleider u. ſ. w., aber das Alles iſt nichts für Na⸗ nette. Ich kaufte ihr gerne eine hübſche Uhr, aber —— 5 9 kann man die für acht Louisd'or haben? Mir dünkt, die muß theurer ſein. Eines Morgens bleibe ich auf meinem Wege zu Herrn Dermilly vor einem ſchönen Uhrmacherladen ſtehen und denke daran, für Nanette eine Uhr zu kaufen, als ich vor der Thüre des Malers dicht da⸗ neben einen Mann auf⸗ und abgehen ſehe, der eine lange Schachtel von weißem Holz unter dem Arme trägt und ein luſtig Liedchen trillert. An Gang, Haltung, Stimme, an den ſchmierigen Kleidern und dem ſchäbigen, über's linke Ohr hän⸗ genden Hut erkenne ich auf der Stelle Herrn Roſſig⸗ nol, das ſchönſte Modell in Europa, den Küchen⸗ dieb und Suppenſchlecker, den Schrecken der alten Thereſe. Rofſignol ſieht mich an von Kopf bis zu Fuß, kommt, den Bambus ſchwingend, auf mich zu, und lächelt wie Einer, der einen alten Bekannten wieder⸗ findet. „Biſt Du's, Kleiner? Meiner Seel'! ja. Sind alte Bekannte von oben im Atelier, weißt Du?... Alle Wetter, wie ſchön wir ſind. Die Nobleſſe im Stil.. gelt, Du biſt obenauf, Junge? Modeln wir für einen Mylord Kunſtkenner, he2 „Nein, Hert, ich modle nicht.“ „St'iſt nicht recht, Junge, biſt wie geſchaffen für's Modeln, gut gewachſen, ſchlank... wie'n Apollo. Modeln, Freund, modeln, wirf Dich auf die ſchönen Künſte, weiter brauchſt Nichts zum Glück. Sieh' mich an, werd' Artiſt, Künſtler. Die Künſte, merk Dir, ſind 10 für's Leben, was die Sonne für die jungen Erbſen iſt: ſie machen das Leben zuckerſüß. Ein Künſtler iſt frei wie der Vogel in der Luft. Notabene, ſo lange er Geld hat und nicht auf dem Hund iſt, wie ich in dieſer Viertelſtunde. Und kommt der Wechſel heute, So ſind wir reiche Leute, Doch morgen iſt's vorbei, Ja vorbei, lalala!. Nur nicht ängſtlich, mein Freundchen! Die Herren Maler haben meiſt eben ſo komiſche Einfälle, kein Geld zu haben, wie die Herren Studenten. Sie geben das Antike auf und malen lieber Hoſen als das nackte Fleiſch. Nur immer wieder zur alten claſſiſchen Schule zurückgekehrt! Griechen und Römer find und bleiben mal das auserwählte Volk Gottes. Bitte Dich, Freundchen, wie kann man einen Men⸗ ſchen in Hoſen und Stiefeln vergleichen mit ſolchem Torſo, ſolchen Beinen, ſo rieſenfeſten Muskeln! Und bis die Antiken wieder aus dem Grabe auferſtehen⸗ ſpaziere ich hier auf und ab. Ich will Herrn Der⸗ milly meine Aufwartung machen, hier auf der Straße. Er hat die kleine Controverſe von neulich längſt ver⸗ geſſen, aber die alte Thereſe nicht.. ſie iſt capa⸗ bel und ſchüttet mir das Spülwaſſer in's Geſicht, wenn ich den Kopf durch die Thüre ſtecke. So will ich hier auf der Straße warten. Aber ſprich, wie geht's denn Dir, Kleiner?“ e6 „Ich bin bei der Frau Gräfin von Franconard⸗ die mich erziehen läßt.“ „* —— D — S 1¹ „Frau Gräfin von Franconard? Der Name klingt weder griechiſch noch römiſch, ſondern ächt franz⸗ männiſch. Sapperlot, wie ſie Dich herausgefüttert hat!“ „Madame iſt ſo gut. Ich habe viel, viel mehr⸗ als ich wünſche und ſo viel Taſchengeld, daß ich Nanette ein hübſches Geſchenk kaufen kann.“ „Was für'ne Nanette?“ „Nanette, die Tochter von Bernhard, dem Waſſer⸗ träger, bei dem ich lange gewohnt habe. Wir haben uns ſo lieb wie Bruder und Schweſter.“ „Weißt, was das heißt, Freundchen?... Aber da komme ich wie gerufen: ich habe ein paſſendes Ge⸗ ſchenk für Nanette unter dem Arm.“ „Das wär'!“ „Freundchen, das Glück lächelt Dir! Höre mich an. Ich hatte der Madame Roſſignol einen Zwangs⸗ beſuch zugedacht, wie immer, wenn ich im Pech bin. Aber das Weibchen muß Lunten gerochen haben; gewiß fürchtete ſie, ich wolle ihr Fanfan entführen. Der Kleine kriegt immer ein Paar Sous als Modell für das Opfer Abrahams. Kurz, ſie iſt mit Phöbus aufgeſtanden und hat meinen hoffnungs⸗ vollen Erben mitgenommen. Alles verſchloſſen, ich aber öffne die Thüre zur ehelichen Behauſung mit einem Doppelſchlüſſel, den ich ſteis bei mir führe, und ſchmeichle mir mit der Hoffnung, einen Topf mit Suppe über dem Feuer zu erwiſchen. Aber, o Eitel⸗ keit: der Fleiſchtopf umgeſtülpt und nicht genug Rinde in der Küche zu einer Brodſuppe! In der Wuth 12 durchſtöbere ich die Schränke: auch das umſonſt. In Ermanglung von Mobilien, Eßwaaren, falle ich über die Immobilien her. Leider haben Madame Roſſig⸗ nol nebſt Erbe die fatale Gewohnheit, ihre ganze Garderobe mit ſich zu führen. Trotz allem Suchen finde ich nichts als einige ſchadhafte Teller und ditto Taſſen, die ich eben einſäckeln will in Ermanglung werthvollerer Gegenſtände, als ich in der Ecke eines alten Speiſeſchrankes dieſe Schachtel von weißem Holz entdecke. Ich öffne ſie und finde— o Wunder! die Clyſtirſpritze von Madame Roſſignol, ein pracht⸗ volles Möbel, faſt ganz neu, kaum fünf Jahre ge⸗ braucht. Schnell laß' ich alles Andere liegen und eile mit der ſchönen Beute von dannen, ſchon im Voraus des Frühſtücks und Mittageſſens mich freuend, das ich der guten Clyſtirſpritze zu danken habe. Aus beſonderer Vorliebe zu Dir, Freundchen, will ich ſie Dir beträchtlich wohlfeiler laſſen als jedem Andern. Du willſt ihr ein werthvolles Geſchenk machen, Dei⸗ ner Schweſter, Deiner jungen Freundin, der Ge⸗ ſpielin Deiner Kinderjahre? Wohlan, was gibt es Paſſenderes als'ne Clyſtirſpritze? Ein Möbel, eben ſo nützlich als nothwendig, das man in allen Pha⸗ ſen des Lebens gern ſieht. Pfui über all' das när⸗ riſche Spielzeug, den Flitterkram, die bloß auf einen Augenblick amüſiren! Aber ſo eine Clyſtirſpritze, wie anders? So oft Deine Freundin dieß Möbel anſieht, gedenkt ſie ſeufzend Deiner Liebe, die ſo ſinnig zu beſchenken weiß. Endlich zeugt dieß Ge⸗ ſchenk von Reife des Verſtandes. Kein Vater, glaub' 13 mir, auch der ſtrengſte nicht, wird in dieſer Liebes⸗ gabe ein Verführungsmittel für ſeine Tochter ſehen.“ Mit dieſen Worten öffnete Roſſignol die Schach⸗ tel und läßt mich den Inhalt derſelben bewundern. Aber ich geſtehe, trotz ſeinem Anpreiſen konnte ich nichts Schönes an der Clyſtirſpritze finden und ließ ſie mich kalt. „Und Du ſchweigſt, Kleiner?“ hebt er wieder an. „Sieh' nur, wie blank, wie glänzend. Ich verlange nicht, daß Du ſie probirſt, das gehört in's Haus und nicht auf die Straße; aber weil ich in Dir den künftigen Künſtler ſehe, weil wir uns im Atelier kennen lernten, ſollſt Du ſie für hundert Sous ha⸗ ben, und die Schachtel obendrein. He, was meinſt Du? Ein Spottpreis! wie weggeworfen. Aber weil Du es biſt und ſodann, Sapperlot! weil mir der Magen verdammt ſchief ſteht. habe ſeit kein Morgen Nichts gegeſſen.“ „Seit geſtern Morgen NRichts gegeſſen?“ holte ich und zog ſchnell meine Börſe aus der Taſche. „Nehmen Sie, Herr Roſſignol.. hůtten Sie das nur eher geſagt!“ Während ich ein Hundertſousſtück h ne er ganz verdutzt das Geld an, kratzt ſich das Ohr, vrückt den Hut auf's linke Ohr, beißt ſich mehrmals in die Lippen und ſcheint in tiefes Fndenn ver⸗ ſunken. „Nehmen Sie das, Herr Roſſignol, zum grühſtüch, Sie müſſen recht hungrig ſag 3 das Fie ihm hinreichend. 14 Er ſah mich forſchend an, ſchiebt es in die Taſche, zieht dann ſein Taſchentuch heraus und hält es vor die Augen, laut aufſeufzend. „Was fehlt Ihnen, Herr Roſſignol?“ frage ich theilnehmend. „Gewiß habe ich gunzer/⸗ antwortete er nach einer Weile ſchluchzend.„Aber ach! ich bin nicht der Einzige hätteſt Du geſehen, was ich geſtern Abend ſah, bei Gott, Andreas, das Herz hätte ſich Di im Leibe umgekehrt.“ „Was ſahen Sie denn?“ fragte ich, gerührt bich den wehmüthigen Ton, in dem er ſprach, während er mit dem Taſchentuch herumfuhr, als polire er Mahagoniholz. „Ach, Andreas, Paris iſt eine gefährliche Stavt für einen Menſchenfreund. Man wird oft auf harte Proben geſtellt! Glücklich der Reiche, der ſeine milde Hand aufthun und Alles ſättigen kann, was da lebet auf Erden, vom Souterrain bis in den höchſten Stock, deſſen Auge unter dem Gewande der Unſchuld Verdienſt und Talent findet im Todes⸗ kampfe mit Unglück und Wanzen!“ „Weiter, weiter, Herr Roſſignol.“ „Nur Geduld, mein junger Freund. Geſtern Abend kam ich aus dem Saal der Flora zurück, wo alle Welt meine Entrechats bewunderte, und trillerte wie gewöhnlich ein luſtig Liedchen auf dem Heim⸗ wege. Ich freute mich ſchon auf's Nachteſſen, denn ich war auf ſchnöde Weiſe um mein Diner gekom⸗ men. Ich hatte noch dreiunddreißig Sous im Sack, . —— —— 45 vie Frucht meiner Arbeit und Erſparniſſe. Da hör' ich juſt an der Ecke eines Gäßchens eine Stimme, die wie ein zweiſchneidig Schwert mir durch's Herz geht. Mitleidige Seele,“ ruft die Perſon mich an und ſchnäuzt ſich bei jedem Worte,„Erbarmen für meinen Vater, meine Tante, meinen Bruder und mich. Acht Tage lang haben wir Nichts ge⸗ geſſen, und wieder acht Tage nichts als Katzen, die auf unſern Dächern herumirren. Ich bin die Toch⸗ ter eines Künſtlers; aber Mißgeſchick haftet ſich an die Sohlen des Genius.—„Tochter eines Künſt⸗ lers?“ rief ich.„Geſchwind führen Sie mich zu Ihrem würdigen Herrn Vater. Alle Künſtler ſind Glieder einer und derſelben Familie. Es iſt ver⸗ fluchte Schuldigkeit, ihm nach Kräften zu helfen.“ — Bei dieſen Worten nimmt das junge Mädchen, ſchön wie der Morgenſtern, wenn's die Nacht nicht geregnet hat, mich am Arm und ruft begeiſtert aus: „Der Finger der Vorſehung hat Sie zu unſerm Engel erkoren!“ Sie führt mich auf einen Gang, ſo finſter wie ein Backofen, und dann ſieben elende Treppen hin⸗ auf, wahre Hühnerſteigen, wobei ich ſiebenmal mit der Naſe gegen die Wand renne. Aber wer achtet ſolchen Schmerz, wenn man ausgeht, Thränen zu trocknen? Endlich treten wir in eine niedrige Dach⸗ ſtube. Gott, welch' ein Anblick! Der Vater hat ſeit vierzehn Tagen ſich nicht raſirt, die Tante ihr letztes Strumpfband verkauft, der kleine Bruder ſpa⸗ ziert im Hemde herum, ohne Hoſen! Und das ſind Künſtler! So herunterzukommen! O Schickſal, wie 16 furchtbar iſt dein Zorn! Geſchwind zieh' ich meine letzten dreiunddreißig Sous aus der Taſche, lege ſie dem Greiſen zu Füßen und ftürze die Treppe hinun⸗ ter, ehe ſie mir leuchten können.“ „Gott vergelte Ihnen die gute That, Herr Roſſig⸗ nol.“ „Hätt' ich nur hundert Franken gehabt, Andreas, ich hätte ſie den Armen eben ſo gern gegeben. Aber was nützen dreiunddreißig Sous? Heute Morgen ging ich wieder zu ihnen. Denke Dir, ein Un⸗ menſch von Hauseigenthümer hat ſie mitſammt ihren ſieben Sachen auf die Straße geſetzt, weil ſie den Miethzins nicht zahlen können, und droht, den Greis noch heute einſtecken zu laſſen, wenn er ihm nicht die ſchuldigen acht bis neun Vuisd'or zahlt. Mein Gott, ein Künſtler, der auf der Straße campirt, eine Tante ohne Strumpfband, ein Bruder ohne Hoſen, eine ganze Familie vhne Obdach, ohne an⸗ dere Nahrung als Katzenfleiſch! O, wär' ich reich⸗ ich wolſte ihnen geben, ſo viel ſie bedürfen⸗ Leider hab' ich nichts als dieſe Clyftirſpritze; aber auch die will ich mit ihnen theilen.“ Bei dieſen Worten verdeckt ſich Roſſignol das ganze Geſicht mit dem Schnupftuche und ſchluchzt⸗ als wolle er erſticken. Das Herz wird mir groß: 7 ich denke an das Elend der Familie, an den Greis, der mit dem Kerker bedroht iſt. Ich ſehe meine Börſe an und ſage bei mir: 107 „Damit kann ich viel Gutes thun. Nanette er⸗ wartet kein Geſchent, ſomit hat's keine Eile. U ———— 7 gewiß würde ſie an meiner Stelle es auch ſo machen und das Geld den Armen geben.“ Ich beſinne mich nicht lange und ſchütte ihm die ganze Börſe in die Hand. „Nehmen Sie das Geld und geben Sie's den Armen. Es iſt Alles, was ich habe aber, ſo Gott will, hinreichend, die Unglücklichen zu retten.“ „Gute Seele!“ ruft Roſſignol und ſteckt das Geld ſchnell in die Taſche und mir die Schachtel unter den Arm.„Dacht' ich's mir doch. Du haſt eine edle That gethan, Andreas!“ „Nur ſagen Sie Herrn Dermilly nichts davon.“ „Sei unbeſorgt, Niemand ſoll es erfahren. Der⸗ gleichen Handlungen ſind zu ſchön, um ſie auszu⸗ poſaunen; je geheimer ſie gehalten werden, um ſo verdienftvoller. Adieu, Andreas, ich eile jetzt zum armen Mann. Bring' das Geſchenk Deiner Na⸗ nette und grüße ſie unbekannter Weiſe von Deinem treuen Freunde Roſſignol. Wie lächelt mir For⸗ tuna, ſo günſtig! Ich weiß ihr Dank da⸗ für, ſo brünſtig! Lalala!“ Sin Wie der Blitz war er verſchwunden. Da ſteh' ich nun mit der Clyſtirſpritze unter'm Arme. Soll ich ſie Nanetten bringen? Rein, nein! das iſt kein Geſchenk für ein junges zwölfjähriges Mädchen. Sie lacht mich aus, wenn ſie hört, ich habe das für ſie gekauft, und ich darf nicht ſagen, wik ich dazu gekommen bin. Entſchieden, es iſt nichts für ſie. Geld hab' ich nicht mehr, um was Anderes zu Paul de Kock. LXRRV. 2. „ 18 kaufen. Das Beſte iſt, ich gehe geſchwind heim, ohne die ſchönen Läden zu bewundern. Das Ding, das ich unter'm Arm trage, wird mir unterwegs ſehr läſtig. Ich eile ſchnell über den Hof, froh, daß mich Niemand ſieht. Eben als ich in mein Zimmer ſchlüpfen will, kommt Mamſell Lucilie aus ihrer Kammer. C „Endlich wieder da, Andreas? Madame hat mehrmals nach Dir fragen laſſen. Aber was haft Du da unter'm Arm?“ „Nichts, Mamſell, nichts.“ „Aha, ein Geſchenk für Nanette? Nicht ſo? Wie er ſich anſtellt, der Andreas! Warum ſo eilig, Herr Andreas?“ „Keineswegs, Mamſell, ich... „Ich muß wiſſen, was das iſt. Ich bin neugie⸗ rig, ſchrecklich neugierig, oder darf man's nicht ſe⸗ hen?“ „Es iſt ſo'ne Kleinigkeit, Mamſell Lucilie, ich. „Wie er roth wird! Ich wette,'s iſt ein Ge⸗ ſchenk für ſein liebes Nanettchen, von der er mir ewig vorſchwatzt. Ich glaube, Du hätteſt beſſer mich um Rath gefraßt. Der Knirps iſt erſt zwölf Jahre alt und thut ſchon wie ein Mann. Laß doch ſeh'n, Herrchen: ich laſſe Dich nicht eher in Dein Zimmer, bis ich weiß, was das iſt. Je ge⸗ heimer Du thuſt, deſto neugieriger werd' ich.“ Mamſell Lucilie ftellt ſich vor mich hin und zieht mir die Schachtel unter'm Arm weg, ehe ich mich 19 deſſen verſehe, öffnet ſie und bricht in ein unmäßiges Gelächter aus. „Was ſeh' ich? ha ha ha! Zu drollig das! ha ha ha! O, Du armer Andreas; die glückliche Wahl! Nein, und nicht einmal neu? ha ha ha! Und das für die kleine Nanette. Iſt ſie denn krank? ſprich!“ „Nein, Mamſell, nein, ſie iſt kerngeſund. Nicht für ſie habe ich das gekauft,“ ſag' ich ärgerlich, während Lurilie nur noch lauter lacht. „Alſo für Dich, Andreas? Aber wenn Du das Möbel brauchſt, Andreas, warum ſprichſt Du nicht? Wir haben keinen Mangel daran im Schloſſe.“ Verdrießlich geh' ich mit der Schachtel auf mein Zimmer. Noch immer hör' ich Mamſell Lucilie la⸗ chen. Wenn ſie die Geſchichte ausplaudert! Aber 's iſt Zeit, zur gnädigen Frgu hinunter zu gehen. Ich verſtecke das koſtbare Möbel unter der Bettlade und begebe mich dann in's Zimmer von Madame. Richtig, die boshafte Lucilie iſt ſchon da. An der lächelnden Miene der Gräfin erkenne ich, daß ſie bereits von Allem unterrichtet iſt. Meine Verlegen⸗ heit ſieigt auf's Höchſte; aber Madame hat Mitleid mit mir und fängt von Herrn Dermilly zu ſprechen an. Doch ſehe ich, wie ſie alle Mühe nöthig hat, das Lachen zu verheimlichen, während Mamſell Lu⸗ eilie ſich in die Lippen beißt, um nicht mitzulachen. Nie war mir ſo peinlich zu Muthe. Iſt das der Lohn einer guten That? Sie würden mich gewiß nicht auslachen, wenn ſie die näheren Umſtände wüßten. 20 Den Tag nach dieſer Begebenheit ſitz' ich ruhig auf meinem Zimmer und arbeite, als Mamſell Lu⸗ cilie leiſe hereinſchleicht, neugierig um ſich blickt, als ſuche ſie etwas, und mit geheimnißvoller Miene ſagt: „Lieber Andreas, Du mußt mir einen großen Gefallen thun.“ „Von Herzen gern, Mamſell. Reden Sie.“ „Ich kenne Deine Gefälligkeit. Es gibt Fälle, wo ein Freund des andern Freundes bedarf.. „Geſchwind, geſchwind!“ „Ich weiß, Du haſt Dir viel Geld erſpart, um Deiner guten Freundin Nanette ein Geſchenk zu machen. Du wirſt nicht alles Geld ausgegeben ha⸗ ben für die— Clyſtirſpritze.“ Und ſie fängt eben ſo unbändig zu lachen an wie geſtern, während ich über und über roth und ver⸗ legen werde. „Wozu das, Mamſell?“ ſtottere ich⸗ „Ich möchte etwas recht Hübſches kaufen,“ ant⸗ wortet ſie, mich ſcharf anſehend.„Mir fehlen noch zwanzig Franken. Willſt Du mir die leihen, An⸗ vreas? bloß auf vierzehn Tage.“ „Wie gerne wollte ich, Mamſell; aber.... „Nun? Aber.. ſprich doch.“ „Aber ich kann nicht.“ „Alſo Mißtrauen, mein Herr? Pfui, ſo miß⸗ trauiſch zu ſein!“ „O gewiß nicht. All' mein Geld(n Sie ha⸗ ben, wenn ich welches hätte.“ — „Welches hätte? Alſo Du haſt nichts mehr?“ „Nichts mehr, Mamſell. Alles iſt ausgegeben.“ „Ausgegeben? Alſv für ein ſchönes Geſchenk an Deine Schweſter?“ Ich antworte ganz leiſe: „Ja, Mamſell!“ Dieſe Lüge koſtet mich viel; aber ſie varf nicht wiſſen, wozu ich meine Erſparniſſe gebraucht habe. Die gute That verlöre dadurch allen Werth; auch hat mir Roſſignol dringend Stillſchweigen anem⸗ pfohlen. Luctlie ſcheint mir nicht zu glauben. Ich höre, wie ſie leiſe bei ſich ſagt: „Dahinter ſteckt was. Ich will es ſchon heraus⸗ kriegen.“ Dann verläßt ſie mich mtt den Worten: „Adieu, Herr Andreas. Hätte mir nicht gedacht, daß Du ſchon Geheimniſſe habeſt.“ Nach einiger Zeit bemerke ich, daß ich heimlich veobachtet werde bei meinen Ausgängen. Bleibe ich länger als gewöhnlich bei Vater Bernhard, ſo fragt man gleich, ob ich noch ſonſt wo geweſen ſei“ Aber was liegt mir daran! Mögen ſie immerhin Acht geben auf mich, ich thue ja nichts Böſes. Auch kommt es mir ſo vor, als ob das junge Kammer⸗ mädchen nicht mehr ſo freundlich gegen mich iſt wie ſonſt. Sie macht allerhand hämiſche Anmerkungen, und oft zeigt ſie ſich, wenn ich ſie am wenigſten er⸗ warte. Offenbar will ſie mich auskundſchaften. Dank der Großmuth der gnädigen Frau, kann ich bald der guten Schweſter das längſt gewünſchte 22 Geſchenk machen. Seit zwei Monaten iſt Herr Der⸗ milly verreist; ich bin daher ſeit eben ſo lange nicht in ſeinem Hauſe geweſen und weiß nichts von Herrn Roſſignol. In wenig Tagen beziehe ich wieder mein Monatsgeld. Damit und mit den Erſparniſſen der vier Monate nach meinem letzten Zuſammentreffen mit Herrn Roſſignol will ich Nanetten etwas recht Hübſches kaufen. Wie ſich von ſelbſt verſteht, hatte Roſſignol nicht daran gedacht, das Geld zu dem obengenannten milden Zweck zu verwenden. Vielmehr hatte ſich das liebenswürdige Modell mit meinen Erſparniſſen recht bene gethan; er, der nie mehr als ein Louis⸗ d'or zumal beſeſſen, dünkte ſich mit den zweihundert Franken in der Taſche wie ein Wähler erſter Klaſſe. Nachdem der erſte Rauſch verflogen, d. h. nachdem er ſich in den Schenken und Kneipen müde getanzt und auf den Lorbeeren ſeiner Eroberungen weidlich ausgeruht, fing er an, den Zuſtand ſeiner Garde⸗ robe näher in Betracht zu ziehen. Der ölfleckige Rock paßte nicht wohl zu ſeiner Cröſusrolle; da ge⸗ dachte er, daß er noch einen andern habe an einem gewiſſen Orte, und löste ihn mit fünfzehn Franken aus. Nun kaufte er ein Paar neue Tanzſchuhe mit ſchönen breiten Roſetten und einen ditto rothen Fou⸗ lard, den er um den Hals wickelte und künſtlich über die Bruſt ausbreitete, um ein Hemd zu verſtecken, das eher einem Schloſſer anzugehören ſchien, als einem Mylord⸗ Nach dieſen Einkäufen zählte Roſſignol ſein Geld — 23 wieder. Es blieben ihm nur noch ſieben Louis; es war alſo Zeit, mit Vervollſtändigung ſeiner Garde⸗ robe einzuhalten. Der unten eng anliegende Pan⸗ talon hat mehre ziemlich augenfällige Beſſerungen aufzuweiſen. Allein Roſſignol brüſtet ſich und denkt: „Die Schönen werden nicht gerade dahin ſehen, wo es Nichts zu ſehen gibt.“ Die Weſie mit breitem Kragen iſt oben bedeutend ſchadhaft. Auch hier weiß er Rath: er ſchlägt den Kragen in die Höhe und verwandelt ſo die offene Weſte in eine Shawlweſte. Am meiſten Kummer macht ihm der Hut. Was thut er? Er drückt ihn um ſo ſchräger auf's linke Ohr, wodurch nicht nur ſein Geſicht einen kühneren, markirteren Anſtrich er⸗ hält, ſondern auch das ſchäbige Ausſehen des Ran⸗ des verſteckt wird. Rachdem er ſolche Muſterung über ſeine Garde⸗ robe gehalten, glaubt er, an Tournure, Wuchs und Eleganz ſich mit dem erſten Löwen der Hauptſtadt der Welt meſſen zu können. Die eine Hand ſchwingt das gewichtige Rohr, die andere ſteckt in der Ta⸗ ſche und klimpert mit den Thalern, während der rothe Foulard ihm über's Kinn bis an den Mund geht. So ſtürzt er ſich in den Strudel der Vergnü⸗ gungen, führt ſeine Schöne auf die„Inſel der Liebe“ und nach Kokoli, und ſpielt auf drei Wochen den Unwiderſtehlichen in la Courtille und Charoma. Aber mit ſieben Louis kann man nicht ewig den großen Herrn ſpielen. Mit tiefem Leidweſen wech⸗ ſelt er jetzt den letzten Thaler, und ſieht erſchreckt den Augenblick herannahen, wo er wieder acht Stun⸗ den lang für hundert Sous Modell ſitzen muß, was ihm ungleich weniger behagt als Walzer und Ga⸗ loppaden. Wer drei Wochen lang nur dem Ver⸗ gnügen gelebt, der denft mit Schrecken an die Ar⸗ beit, zumal wer von Natur ſo faul iſt wie Herr Roſſig⸗ nol. Er trägt den beſſern Rock wieder in ſichern Ge⸗ wahrſam und ſpielt dafür eine ganze Woche länger den Großen. Aber dieß Geld iſt abſolut ſein letztes, und ſeit er ſeiner Frau das Möbel genommen, das ſie bisher den raubgierigen Fingern ihres Gemahls glücklich entzogen hat, bleibt Madame Roſſignol Nichts, was auch nur ein Paar Sous werth iſt. So muß er denn wieder den Römer oder Grie⸗ chen machen, er mag wollen oder nicht. Aber das Andenken an die verſchwundenen luſtigen Tage läßt unſerm Modell keine Ruhe. Alle Maler beſchweren ſich über die zitternde Bewegung ſeiner Kniee, was er damit entſchuldigt, daß das Andenken an die pa⸗ radieſiſchen Genüſſe der letzten Wochen ihm nicht zu Herzen gegangen, ſondern in die Beine gefahren ſei. An einem ſchönen Morgen, während er den An⸗ tonius macht, ſteigt ihm plötzlich der Gedanke an mich und meine Gutmüthigkeit in den Kopf. Meine Unerfahrenheit auszubeuten, ſcheint ihm das beſte Mittel, zu Geld zu kommen, und er wundert ſich, daß ihm der Gedanke erſt ſo ſpät einfällt. Kaum iſt die Sitzung aus, ſo faßt er vor Herrn Der⸗ milly's Thüre Poſto. Er wattet einen Tag nach dem andern; gber vergebens. Dennoch will er mich um jeden Preis ſehen. Je länger je mehr erblickt er in mir eine unerſchöpf⸗ liche Geldgrube, die ihn, bei einiger Geſchicklichkeit von ſeiner Seite, gegen jeden Mangel ſichern ſoll. Er erinnnert ſich, daß ich beim Herrn Grafen von Franconard wohne, der mich mit Güte über⸗ häufe. Gleich ſetzt er ſich in Bewegung, durchſtöbert alle Quartiere in Paris und erfragt endlich die Wohnung des Herrn Grafen. Nachdem er den Rock beſtmöglichſt von den Oel⸗ flecken gereinigt, die Schuhe, in Ermangelung eng⸗ liſcher Wichſe, mit Brodkrummen geputzt, den Pan⸗ talon ſorgfältig angezogen, den Weſtenkragen zier⸗ lich aufgerollt, die Cravatte bis über den Mund zu⸗ ſammengebunden, den Hut auf's linke Ohr geſtülpt und ſich zwei Schmachtlocken über's rechte Auge ge⸗ dreht hat, begibt er ſich auf den Weg in das gräf⸗ liche Hotel, wie gewöhnlich mit Bambusrohr, zier⸗ lich gerundetem linkem Arme und frechſtolzer Miene. Dabei hüpft er auf den Fußſpitzen über das Pflaſter und ſucht ſich immer die beſte Stelle aus, als fürchte er, ſeine Beinkleider zu verderben. Im Hofe des Hotels wird er vom Portier ange⸗ halten. „Wohin, mein Herr?“ „Zu meinem Freunde,“ antwortet dreiſt und geht weiter. Aber der Portier vertritt ihm den Weg, denn das Ausſehen Roſſignols flößt ihm kein Vertrauen ein. „Zu welchem Freunde, wenn ich bitten darf? 26 Man geht nicht ſo ohne Weiteres in's Hotel des Herrn Grafen.“ „Zu dem jungen Andreas, dem Adoptivſohn des Herrn Grafen.“ „Zum Adoptivſohn des Herrn Grafen?“ „Ja, ja. Oder zum kleinen Franconard, wenn das beſſer klingt.“ „Zum kleinen Franconard?“ „Ja, ja. Verſteh'n Sie nicht?“ „Wir haben keinen kleinen Franconard. Der Herr Graf hat keinen Sohn, nur eine Tochter.“ „Sacrebleu, ſag' Ihnen: ja! Ich ſah ihn erſt vor vier Monaten, ſchön wie die Sonne, ein junger Herr von zwölf Jahren, der ausſieht wie'n vier⸗ zeh njähriger.“ „Ach ſo, den kleinen Andreas, den Schützling der gnädigen Frau, meinen Sie.“ „Schützling oder nicht, gleichviel. Er wohnt hier, nicht wahr?“ „Ja, ja, jetzt verſteh' ich.“ „Gottlob! Wo wohnt er? Ich möchte ihn allein ſprechen.“ „Nur immer gerade aus und dann links die zweite Treppe.“ „Gut, gut!“ Und damit geht er ſeiner Wege, in den Bart brummend: „Wie die Kerle ſich breit machen, als wär' man hier beim Fez von Marocco.“ Aber ſchon im Veſtibule hat er den Weg ver⸗ r— — 27 geſſen. Ohne wieder zu fragen, geht er auf gut Glück zu, ſteigt die Treppe rechts hinauf, ſtatt die links, und geht durch mehrere Zimmer, voll Be⸗ wunderung über die ſchönen Vorhänge und Drape⸗ rieen. „Alle Hagel!“ ruft er aus,„der kleine Gutherz logirt hier wie ein Prinz. Die Bekanntſchaft iſt ſo gut als baar Geld; die will cultivirt ſein.“ Endlich ſtößt er auf mehrere Bedienten, die ſich hin und her recken und gähnen. „Wohin, mein Herr?“ fragen ſie. „Zu meinem vertrauten Freunde,“ antwortet Roſſignol dreiſt und zuverſichtlich. Die Lakaien ſehen ihn erſtaunt an; weil aber Dreiſtigkeit immer imponirt, namentlich Bedienten⸗ ſeelen, ſo laſſen ſie ihn gehen⸗ während ſie jeden beſcheidenen Armen unerbittlich zurückgewieſen hätten.. So kommt Roſſignol bis vor das Zimmer, wo Herr von Franconard wie gewöhnlich zu Rathe ſitzt mit ſeinem Intendanten und Koch. Im Vorzimmer fragt ihn der Bediente nach ſei⸗ nem Namen. „Warum das?“ „Um Sie zu melden.“ „Ich will mich ſelbſt melden.“ „Das iſt nicht Brauch hier.“ „Hölle und Teufel, wie viele Umſtände man yat, zu dem Knirps zu kommen! Gut, ſo meldet Herrn Roſſignol, erſten Mann in Europa für die Torſos.“ 9 „Erſten Mann in Europa für die Torfos?“ wie⸗ derholt der Bediente und geht dann, dem Herrn Grafen den erſten Mann für die Torſos anzumelden: „Erſter Mann in Europa für die Torſos?“ wie⸗ derholt der Graf kopfſchüttelnd und ſieht dann den Haushofmeiſter und Oberkoch fragend an. „Verſtehſt Du das, Champagne?“ „Meiner Seel', nein, Herr Graf. Ich kenne keinen Roſſignol. Und die Lorſos? Vielleicht meint er eine neue Art Sauce.“ „Was ſagen Sie dazu, Herr Oberkoch?“ „Ich glaube, Herr Graf, er meint eine neue Art, Kalbsköpfe anzurichten.“ „Teufel, das wäre intereſſant. Gewiß hat ihn der Ruf meiner Küche und culinariſchen Kenntniſſe angezogen. Geſchwind führt Herrn Roſſignol ein. Ich bin entzückt, ihn zu ſprechen.“ Inzwiſchen wurde dem ſchönen Modell die Zeit lang im Vorzimmer. Er ſtieß gewaltfam mit dem Bambus auf den Boden und trillerte: „So lang' hab' ich geſchmachtet, ohn⸗ Ende Dich geliebt!“ „Sie können eintreten, Herr Roſügnor!⸗ ruft endlich der Bediente. „Das hat Mühe gekoſtet,“ ſeufzt Roſſignol. Während er über die Schwelle tritt, ſtürzt Cäſar laut bellend auf ihn zu und will nach ihm beißen. Aber Roſſignol gibt ihm eins über den Kopf, daß er winſelnd unter den Stuhl ſeines Herrn kriecht. „Spring' mich nochmals an und lege deine 29 Klauen auf meinen Rock,“ ruft Roſſignol,„ſo haſt du eins, daß du vierzehn Tage nach Luft ſchnappſt!“ Der Eingang ſtimmt den Herrn Grafen nicht zu Gunſten des Fremden, während Champagne, die Klei⸗ dung des Herrn Roſſignol von Kopf bis zu Fuß mu⸗ ſternd, über die ängſtliche Fürſorge des Letzteren für ſei⸗ nen Rock lächeln muß. Aber aus Rückſicht auf den Werth eines Mannes, der eine neue Art von Kalbskopfzuberei⸗ tung erfunden hat, verzeiht man ihm ſein wunder⸗ liches Auftreten. Der Herr Graf winkt ihm zum Sitzen, was ſich Roſſignol nicht zweimal ſagen läßt. „Der Kleine iſt halt abweſend,“ denkt er bei ſich,„doch wird er bald kommen. Inzwiſchen bin ich hier bei ſeinem Beſchützer. Alſo, Acht gegeben, Roſſignol, und zeig' dich als Mann von Welt.“ Und zum Beweiſe ſeiner feinen Weltbildung fährt er fort, ſein Rohr zu ſchwingen und ein Lied⸗ chen zu trillern. Dann ſieht er den Grafen an und brummt in den Bart: „Hm, kein Apollo das, aber ein allerliebſter kleiner Cyklop.“ „Freund, wex hat Sie zu mir geſandt?“ fragt der Graf. „Niemand. Ich komme von ſetbſt und weil es mir ſo paßte.“ „Ahg, Sie haben von meinen Diners gehört und wollen mir Ihre Dienſte anbieten.“ „Ihre Diners? Hol' mich Der und Zener, wenn ich je davon gehört. Aber wenn ich Ihnen einen Gefallen thue, will ich gern davon koſten und Sie 30 ſollen in mir einen luſtigen finden, der bis zuletzt aushält.“ „Er will davon koſten,“ wiederholt der Graf, Champagne anſehend,„ſoll heißen, will mich koſten laſſen. Der Herr muß viel Talent haben, neit er ſeiner Sache ſo gewiß iſt.“ „Ich glaube faſt, Herr Graf.“ „Von wem wiſſen Sie denn meinen Namen, Herr Roſſignol?“ „Hölle und Teufel, vom Kleinen, dem ich vor Kurzem begegnete.“ „Vom Kleinen? Aha! dem in der Küche, ge⸗ wiß?“ „Kann ſein. Soll mich nicht wundern, denn er war ſo dick und fett.“ „Ja, ja, Herr Graf,“ ſiel der Oberkoch ein, „er meint den Küchenjungen, der ihm die Adreſſe des Hern Grafen gegeben hat.“ „Herr Roſſignol, ich freue mich, Ihrem Talent einen angemeſſenen Wirkungskreis geben zu können.“ „Iſt der Herr Graf auch Artiſt oder Kunftlieb⸗ haber?“ „Ich? Sachkenner und Kunſtliebhaber zugleich. He, Herr Chef, was ſagen Sie zu meinen drei Gängen.“ „Drei Gänge? Bin nie davon Modell geweſen.“ „Solche Köpfe wie den da muß ich haben, Herr Roſſignol.“ „Solche Köpfe? Haben Sie Luſt auf meinen Kopf, Herr Graf.“ „Gewiß.“ „Gewöhnlich nimmt man mich nur für den Leib⸗. „Alſo den Leib machen Sie auch?“ „Und wie? Das iſt ein Triumph! Aber wie Sie wollen. Wenn Ihnen mein Kopf hübſch dünkt für die Antike, ſo ſteht er Ihnen zu Dienſt für hun⸗ dert Sous die Sitzung.“ „Für hundert Sous?“ wiederholt der Graf und ſieht bald Champagne, bald den Oberkoch befrem⸗ det an.„Das iſt, meiner Seel', wohlfeil.“ „Aber auch gut?“ fragt der Oberkoch halb leiſe. „Und Sie bürgen mir für die Güte des Kalbs⸗ kopfes?“ fährt der Graf fort. Kaum hat er das geſagt, ſo ſpringt Roſſignol auf, drückt den Hut über's Ohr und ruft wüthend: „Kalbskopf! Was, wie, Kalbskopf? Sie miſe⸗ rables Modell aller blinden Tröpfe in ganz Paris, Sie wagen es, einen Mann zu inſultiren, woraus man tagtäglich Jupiter und Achilles macht?“ „Was heißt das?“ ruft der Graf, erſchreckt aus ſeinem Seſſel auffahrend, unter lautem Gebell Cä⸗ ſars, den Roſſignol mit drohender Stockſchwingung zur Beſinnung bringt.„Erklären Sie ſich, mein Herr. Was wollen Sie von mir?“ „Von Ihnen? Nichts.“ „Sie ſind alſo nicht der Erfinder einer neuen Art Kalbskopfzubereitung, der mir ſeine Dienſte an⸗ trägt?“ „Ha ha ha! Der Gedanke iſt gut. Wer ha Ihnen das in den Kopf geſetzt?“ 32 „Was wollen Sie denn?“ donnert der Graf. „Hölle und Teufel, Andreas ſehen, meinen Freund, einen alten Collegen bei Herrn Dermilly, nen Jun⸗ gen, den ich gern hab' und den Sie koſtenfrei † aufziehen.“ „Was, Kerl, und Sie wagen, in mein Cabine einzudringen?“ 5 „Wußt' ich das? Sag' Ihnen, ich will zu An⸗ dreas und Niemand ſonſt.“ „Die Impertinenz! Und Cäſar zu ſchlagen! Der kleine Savoyarde bringt mir ſchöne Freunde in's Haus.“ „Schöner wie Sie, mißgeſchaffener Beliſarius.“ „Das haben wir jetzt von der Menſchenfreund⸗ lichteit der Gräfin; ſolche Auftritte! Lafleur! Jas⸗ min! zur Thüre hingus mit dem Kerl! zum Fen⸗ ſter, wenn er noch lange unverſchämt iſt!“ „Hoho!“ ruft Roſſignol und ſchwingt ſein Bam⸗ busrohr,„der Erſte, der mich anrührt, dem färb'“ ich die Naſe wie mit Coloquintenſaft. Und Du, einäugiger Cyklop, hüte Dich, oder ich ſchicke Dich zu Deinen Brüdern in der Werkſtatt Vulkans.“„ Auf den Ruf des Grafen, der ſich hinter Cham⸗ pagne und den Oberkoch verſchanzt hat, und das„ Geheul Cäſars, der von einem gewichtigen Stock⸗ ſchlage zuſammengeſunken iſt, läuft die ganze Die⸗ nerſchaft zuſammen. Aber Roſſignol hält ſie in ſol⸗ chem Reſpekt, daß er unangetaſtet ſeinen Rückzug vewerfflelligen kann, gefolgt von der Schaar der Lakaien, die ihn ſcheinbar vor ſich her treiben, in„ 33 Wirklichkeit aber froh ſind, ihm bloß nachſehen zu dürfen. Unten im Veſtibule carambulirt er mit Mam⸗ ſell Lucilie, die neugierig iſt, was der Lärm im Cabinet des Grafen bedeute. Auf ihre Frage, was er wolle, erzählt ihr Roſſignol in zwei Worten den ganzen Vorfall und die Gründe ſeines Beſuches im Hotel. Lucilie ſieht ihn aufmerkſam an, dennoch zeigt ſie ihm den Weg zu meinem Zimmer, und dieß⸗ mal hat er ſich nicht geirrt, mein vertrauter Freund. Ich ſaß bei der Arbeit, als er eintrat. „Sapperlot,“ rief er,„das hat Mühe gekoſtet, Andreas!“ „Sie da, Herr Roſſignol?“ „Ja, ich, nach hartem Kampf mit fünf oder ſechs Lümmeln, commandirt von einem Invaliden.“ „Nach hartem Kampf?“ „Ein ander Mal mehr davon, Freundchen. Gott⸗ lob, daß ich endlich Dich treffe, das iſt die Haupt⸗ fache.“ „Und der unglückliche Greis, Tante und Kinder?“ „Seguen Dich als ihren Schutzengel, Andreas. Wärſt Du doch Augenzeuge ihres Glückes geweſen! Noch jetzt muß ich weinen, wenn ich daran zurück⸗ denke.“ „Genug, daß ich weiß, ſie ſind glücklich. Kein Wort mehr davon.“ „Du haſt recht, Andreas. Sprechen wir lieber von andern Hülfsbedürftigen. Andreas, Dein Herz iſt noch immer das alte?“ Paul de Kock. LXRXXV. 3 34 „Immer das alte, Herr Zol ignol. Aber wozu die Frage?“ „Du gute Seele Du, biſt b5 immer die alte. Aber ſag', haſt Du Geld?“ „Geld? Ja, ein wenig.“ „So will ich Dir nochmals Gelegenbeit geben, die Freuden des Wohlthuns zu koſten, Thränen zu trocknen und gleich den leuchtenden Meteoren des Himmels„ „Was meinen Sie, Herr Roſſignol?“ „Ich meine, daß ich auf meiner Endeckungsreiſe vier andere Familien gefunden habe, die im tieſſten Elende ſchmachten. Andreas, zwei Louisd'or auf jede Familie, alſo acht Louisd'or im Ganzen, und Du kannſt nochmals Unglückliche von Verzweiflung retten. Du beſinnſt Dich, Freundchen? Iſt Dein Herz verhärtet bei den Fleiſchtöpfen Egyptens, wollte ſagen: des Herrn Grafen von Franconard? Sä⸗ heſt Du nur den Jammer. Da iſt z. B. eine blut⸗ junge Mutter, Wittwe mit vierzehn Kindern auf dem Arme. Ich an Deiner Stelle ſchwankte keinen Augenblick. Aber mein geringer Verdienſt reicht kaum aus für meine Frau und den Erben meines Namens.“ „Ich machte ſo gerne Nanette ein Geſchenk, Herr Roſſignol.“ „Schon wieder? Sollte denken, Du haſt ihr erſt vor Kurzem was recht Artiges geſchenkt. Du richteſt Dich mit dem Schenken an Weiber zu Grunde⸗, Andreas. Ich ſehe, ich muß Dich v Wu der gottloſen Gewohnheit.“ 35 „Ich hab' aber nur vier Louis jetzt.“ „Macht nichts. So warten wir mit den beiden andern Familien bis nächſten Monat. Sie warten gerne; ich ſchwöre Dir, kein Anderer ſoll Dir im Wohlthun zuvorkommen.“ Ich ſchwanke noch immer, auch dießmal ihm meine ganze Börſe hinzugeben; es iſt mir, als hielte eine innere Stimme mich davon ab. Aber Roſſignol ſetzt mir ſo zu mit Bitten, ſchildert das Elend mit ſo grellen Farben, ſpricht von einer blinden Mutter, einem gichtbrüchigen Vater, daß ich an den Sekretär gehe, die Börſe zu holen. Schon will ich ihm das Geld in die Hand ſchütten, als plötzlich— Lucilie erſcheint und ſich zwiſchen mich und Herrn Roſſig⸗ nol ſtellt. Bei ihrem Anblick werde ich ganz verdutzt, als hätte ich was Böſes thun wollen. Roſſignol faßt ſich ſchnell und ſucht ſeinen Aerger hinter erkünſtelter Heiterkeit zu verſtecken. Lucilie, die ſeit längerer Zeit ſchon mein Thun und Treiben ſorgfältig beobachtet hatte, begriff nicht, was ein ſolcher Mann wie Roſſignol mit mir zu ſchaffen haben und wie er mich ſeinen vertrauten Freund nennen könne. Sie war ihm daher nachgeſchlichen und hatte unſer Geſpräch vor der Thüre meines Zimmers be⸗ lauſcht. Ihr Erſtes iſt, daß ſie mich bei der Hand nimmt, die ſie zärtlich in der ihrigen drückt. Dann ſagt ſie, zu Herrn Roſſignol gewendet: 36 „Wiſſen Sie, mein Herr, daß es nicht recht ge⸗ handelt iſt, das Vertrauen und die Gutmüthigkeit dieſes Kindes ſo zu mißbrauchen, um ihm ſein er⸗ ſpartes Geld abzulocken?“ Roſſignol beißt ſich die Lippen, ſieht auf den Bo⸗ den nieder und antwortet mit erkünſtelter Stimme: „Eine ganze Vande Unglücklicher ſchickt mich zu meinem kleinen Freunde, weil ſie ſein gutes Herz und ſeine Mittel kennt. Iſt es denn Unrecht, den Kleinen zum Wohlthun zu ermuntern?“ „Gewiß nicht, mein Herr, und Andreas iſt Herr ſeines Geldes. Aber ehe man gibt, ſoll man wiſſen, ob die Armen der Unterſtützung werth ſind. Die Erſparniſſe dieſes Kindes ſollen nicht zur Ermunte⸗ rug des Laſters und der Trägheit dienen.“ Bei dieſen Worten ſteckt Roſſignol ſeine alte Raufbolderei auf und fragt in unverſchämtem Tone: „Was bedeuten dieſe Winke?“ „Sie bedeuten,“ antwortet Lueilie,„daß Sie das Geld dieſes Kindes vergeudet und ihm dafür veine alte Clyſtirſpritze zugeſteckt haben.“ „Eine neue, mit Verlaub. Ich will ſie an Ih⸗ nen probiren, zum Beweiſe.“ „Heute wollen Sie daſſelbe Experiment wieder⸗ holen.“ „Mamſell, reden Sie leiſer, oder...“ „Ich rede ſo laut oder leiſe, wie ich will. Und wenn Sie noch länger impertinent ſind, laß ich Sie hinausjagen oder verbiete Ihnen, je wieder das Ho⸗ tel zu betreten. Verſtanden? Derlei Unverſchämt⸗ 37 heiten ſtehen Ihnen ſchlecht nach den Dummheiten drunten im Cabinet des Herrn Grafen.“ „Das iſt der Mühe werth, weil ich dem räudi⸗ gen Hunde, der mich verſaute, die Pfote zertrüm⸗ mert! Hat er nicht an drei genug, ſeinem einäugi⸗ gen Herrn nachzuhinken?“ „Haben Sie die Wahrheit geſagt, ßp geben Sie mir die Adreſſe der vier armen Familien. Die Frau Gräfin wird ſie nach Kräften unterſtützen.“ „Geh'n Sie mir mit Graf und Gräfin.“ „Da haben wir's, Sie können mir nicht antwor⸗ ten. Pfui über dieß niedrige Benehmen! Fort von hier, und daß ich Sie nicht wieder treffe hier im Hauſe.“ „Hoho, Schürzenmamſellchen! Das zwitſchert wie die Herrſchaft. Ich gehe, weil es mir Vergnügen macht. Andreas, ich bin Dir nicht böſe; wir ſeh'n uns bald wieder. Adieu, Domeſtikenſeele!“ Roſſignol ſchneidet Lucilie ein Geſicht und trollt dann von hinnen, ſich ſtutzerhaft hin und her wie⸗ gend und die Arie:„Schooßkinder ihr der Damen“ trillernd. „Der elende Kerl der!“ ruft Lucilie, ihm nach⸗ ſehend. Dann kommt ſie auf mich zu, nimmt mich in die Arme und küßt mich— zum erſten Male. O, wie mir das thut! Ich ſehe ſie an und, mein Gott! die Thränen ſitzen ihr ganz loſe. „Was haben Sie denn?“ frage ich ſie. „Wie gut Du biſt, Andreas. Wie konnt' ich doch 38 ſo was von Dir denken? Nein, ich glaubte es nicht, aber ich wußte, dahinter ſtecke was, und das wollt' ich heraus haben. Jetzt weiß ich's und wie freue ich mich. Geſchwind zur gnädigen Frau hin⸗ unter!“ 3 Und wie der Blitz iſt ſie fort. Gleich darauf läßt Madame mich rufen und ſcheint ganz bewegt, als ſie mich erblickt. Herr Dermilly, der darüber gekommen iſt, thut eben ſo gerührt, und Fräulein Adolphine nennt mich ihren guten Andreas. Was wollen ſie denn von mir? Was habe ich ſo Er⸗ ſtaunliches gethan? Dann muß ich erzählen, was zwiſchen mir und Roſſignol vorgefallen iſt. Die gute Caroline nöthigt mich, die gleiche Summe von ihr anzunehmen, die unter falſchem Vorwande mir ab⸗ gelockt worden iſt. Dabei fehlt es natürlich nicht an Ermahnungen, künftig vorſichtiger zu ſein. Nach dieſem Vorfall ſind die Frau Gräfin und Mamſell Lucilie noch wohlwollender und freundlicher gegen mich, während der Herr Graf mich finſter an⸗ ſieht, ſo oft er mir begegnet; denn er behauptet, ich ſei Schuld an der Mißhandlung, die Cäſar von Roſſignol erfahren hat. Zweites Kapitel. Erſte Regungen des Herzens. Dem Edelmuth meiner Wohlthäterin habe ich mein doppeltes Glück zu danken. Ich kann nicht 39 nur der guten Mutter eine gleich große Summe ſchicken, wie die, welche ich an Roſſignol gegeben habe, ſondern außerdem noch der Schweſter ein Ge⸗ ſchenk machen. Aber dießmal will ich Lucilie zu Rathe ziehen und ſie bitten, für mich den Einkauf zu beſorgen. Ueber dieſen Beweis meines Zutrauens zu ihr freut ſich das junge Mädchen nicht wenig. Sie kauft mir eine niedliche Damenuhr, die lange nicht ſo viel koſtet, als ich glaubte. Beim Anblick dieſes Ge⸗ ſchenkes ſpringe ich hoch auf vor Freude. O⸗ wie Nanette ſich freuen wird! So vft ich von meiner Schweſter rede, ſieht mich Lucilie aufmerkſam an. „Du haſt ſie gern, die kleine Nanette?“ fragt ſie. „Und wie! Vir ſind wie Bruder und Schweſter.“ „Wie alt iſt ſie?“ „Eben ſo alt als ich: bald dreizehn Jahre.“ „Iſt ſie hübſch?“ „Alle finden es, Mamſell Lucilie.“ „Und Du auch, Andreas?“ „Ich weiß nur, daß ſie gut iſt und mich lieb hat. Ich weiß nicht, ob ſie hübſch iſt. Aber kann der häßlich ſein, der von Herzen ſo gut iſt?“ „Meinſt Du, Andreas? Ich möchte ſie gern ein⸗ mal ſehen. Warum kommt ſie nie in's Hotel?“ „Sie wagt es nicht; auch Vater Bernhard nicht. Sie haben lieber, daß ich zu ihnen komme.“ „Und was thut ſie zu Hauſe, Deine Nanette?“ „Sie näht und ſorgt für Haus und Küche. Das macht ſie ſchon ganz gut.“— 40 „Was Du ſagſt! Den kleinen Ausbund möcht' ich ſehen!“ Das ſagt ſie in einem Tone, daß man glauben ſollte, ſie ärgere ſich über das Lob, das ich meiner Schweſter gebe, und doch weiß ich, ſie würde ſie ebenſo gern haben, wenn ſie ſie kennte, wie ich ſie kenne. In einem Nu bin ich bei Vater Bernhard. Nanette iſt allein; um ſo beſſer! ich bin ſo linkiſch beim Schenken. Weiß Gott, was Nanette ſeit eini⸗ ger Zeit hat. Je größer ſie wird, um ſo mehr nimmt ihre Heiterkeit ab. Auch iſt ſie lange nicht mehr ſo vertraulich mit mir; oft vergißt ſie gar, mich zu dutzen und nennt mich Herr Andreas. Wenn ich ſie darüber zanke und ihr die Veränderung in ihrem Weſen und Benehmen vorhalte, ſo wird ſie roth, ſieht mich zärtlich an und betheuert, ſie wiſſe ſelbſt nicht, warum es ſo ſei, aber ſie liebe mich nach wie vor gleich ſehr, und ich bin feſt über⸗ zeugt, ſie ſagt die Wahrheit. Mein Geſchenk macht Nanette die größte Freude. Sie hängt die Uhr um den Hals und ruft: „Da ſoll ſie immer bleiben.“ Plötzlich wird ſie traurig und ſeufzt: bieten kann.“ „Naneite, hab ich nicht Deine Freundſchaft? Die iſt mehr werth als alle Uhren in der Welt.“ Vater Bernhard kommt; er iſt vor Staunen außer ſich über das glänzende Geſchmeide. Dann nimmt er eine ernſte Miene an und ſagt: —— — 3 ——————————————————— ————— 41 „Und Deine Mutter, Andreas? Sie kann das Geld beſſer brauchen, als Nanette die Uhr. Durch ſolche Geſchenke richteſt Du Dich zu Grunde, An⸗ dreas.“ „O nein, nein! Seht, das iſt für meine Mut⸗ ter. Die Frau Gräfin iſt ſo gut! Sie kommt allen meinen Wünſchen zuvor.“ „Mag ſein, Andreas; aber ich dulde nicht, daß Du je wieder Nanette ſolche Geſchenke machſt. Sie iſt keine Prinzeſſin, was ſoll ſie mit ſo ſchönen Sa⸗ chen? Mit Dir iſt es anders, der Du in der vor⸗ nehmen Welt lebſt. Wir ſind arme Leute und ich will nicht, daß meine Tochter ſich wie eine große Dame trägt.“ Nanette hört ihm mit Thränen in den Augen zu und will mir die Uhr zurückgeben. Nur mit gkößter Mühe beſchwichtige ich den ehrlichen Waſſerträger. Er iſt unendlich zartfühlend, und doch beſucht er weder die Börſe, noch die Hofwelt, noch die Ge⸗ ſchäftsmänner. Nach vielem Angenehmen muß ich Nanetten Etwas mittheilen, was ſie betrüben wird. Meine Wohlthä⸗ terin will nämlich demnächſt auf's Land gehen, wo ſie ſeit mehren Jahren nicht geweſen iſt, und ich weiß gewiß, daß ſie mich mitnimmt. „O mein Gott,“ ſeufzt Nanette,„und wie lange wirſt Du ausbleiben?“ „Ich weiß es nicht, Nanette.“ Ich mag ihr nicht ſagen, daß wir vielleicht meh⸗ rere Monate abweſend ſind. „Da haben wir's,“ hebt, ſie wieder an.„Ich ſehe kommen, daß Du endlich ganz ausbleibſt. So geht's, wenn man bei vornehmen Damen wohnt. Ich wollte lieber, Du nähmeſt die Uhr zurück und kämeſt da⸗ für wie ſonſt.“ „Tochter, das kann nicht ſein,“ fällt der gute Auvergnat ein.„Andreas weiß jetzt ſo viel ſchöne Sachen, daß er ſich bei uns nuiſtndeg Leuten langweilen würde.“ „O nein, nein, Vater „Und potz Sapperment, das nehme ich Dir nicht übel, Burſche. Wer ſo viel lernt, der lernt nicht, um Briefträger zu werden.“ „Und wenn ich auch ſo lernte, wie Andreas, Vater?“ „Schweig' kleine Närrin. Stopfe Deine Strümpſfe und koch' mir eine gute Suppe: das iſt Alles, was Du brauchſt!“ Bei der Rückkunft in's Hotel höre ich von Luci⸗ lie, daß wir ſchon in acht Tagen auf das Landgut der gnädigen Frau abreiſen. „Wie reizend es da iſt!“ ruft Lucilie.„Schöne Gärten, Gehölze, Blumen, Boskette. Wie luſtig wollen wir ſein! Da ſtört uns kein Graf, kein Cä⸗ ſar, kein Champagne. Wir nehmen nur Sophie, die Bonne des Fräuleins, und eine Köchin mit. Schloßvogt und Gärtner ſind immer im Schloſſe. Da können wir lachen und ſpazieren gehen. Gib Acht, wie ich Dich herumführen will in der Pu⸗ gegend.“ Mamſell Lucilie kann den Augenblick der Abreiſe nicht erwarten. Auch ich würde mich freuen, wenn ich meine guten Freunde mitnehmen dürfte. Hier in Paris fürchte ich immer, dem Herrn Grafen zu vegegnen. So oft er mich ſieht, blickt er zornig weg und brummt laut genug, daß ich's höre: „Der Bettelbube von Savoyarde, der von mei⸗ nem Gelde lebt, iſt ſchuld, daß Cäſar zum Krüppel wurde.“ Die Worte jagen mir das Blut in's Geſicht, denn ich muß dann immer des guten Vaters ſelig gedenken, wie er im Bette liegt und hinſiecht an den Wunden, die er in ſeinem edlen Eifer für die Lebensrettung des Grafen erhalten hat. Nur die Rückſicht auf meine großmüthige Beſchützerin hält mich ab, ihm zu antworten, wie ſich's gebührt. Ich ſchweige und gehe fort, ſeufzend; „Kann das der Gemahl der Gräfin und der Va⸗ ter Adolphinens ſein?“ Den Tag vor der Abreiſe nehme ich von meiner Schweſter Abſchied. „Wie werde ich Dich vermiſſen, Andreas,“ ſagt ſie.„Wie lange wird mir die Zeit ſcheinen. Ich will recht oft die Uhr anſeh'n und immer dabei an Dich denken.“ Gute Nanette! Wüßte ſie, daß wir mehrere Monate lang uns nicht ſehen werden! Ich umarme ſie zärtlich, das thue ich ſo gerne! Mir iſt dann ſo ganz anders zu Muthe als bei dem Kuß, den Mamſell Lucilie mir unlängſt gab. Bei der guten 44 Schweſter ſeufze und zittere ich nicht, noch werde ich roth und unruhig. Warum gerieth ich denn in ſolche Bewegung bei dem Kuß des jungen Kammer⸗ mädchens? Und doch habe ich Nanette viel lieber als Lucilie. Und Adolphine! O, vie liebe ich wieder ganz anders als Nanette und Lucilie. Oft glaube ich gar, ich liebe ſie nicht, weil ich in ihrer Nähe ſo verlegen werde. Ich bin immer unruhig, ſo oſt ich zu ihr hinuntergehe. Kaum wage ich an ihrer Seite den Mund aufzuthun. Wie ſonderbar das Alles iſt! Werde ich denn immer kindiſcher, je älter und größer ich werde? Nur bei Nanette bleib' ich mir immer gleich. Der Tag der Abreiſe iſt da. Ich bin in dem nämlichen Wagen mit der Frau Gräfin, ihrer Toch⸗ ter und Lucilie; die beiden Bonnen ſitzen im Pack⸗ wagen. Wie angenehm wird die Fahrt werden! Ich ſitze Adolphine gegenüber und doch wünſchte ich mir faſt einen andern Platz. Ich ſehe immer nieder und wage kaum, das liebenswürdige Kind anzuſe⸗ hen, noch Hand und Fuß auszuſtrecken, aus Furcht, die ihrigen zu berühren. Am meiſten in Verlegen⸗ heit bringt mich der Gedanke, daß die Andern mer⸗ ken könnten, was in mir vorgeht, während ich es ſelber nicht recht weiß. „Warum ſo ſchweigſam, Andreas?“ fragt die Gräfin.„Freueſt Du Dich nicht mit uns, auf's Land zu kommen?“ „O gewiß, gnädige Frau!“ „Und doch biſt Du ſo betrübt?“ 145 „Ich weiß den Grund, Madame,“ ſagt Lucilie. „Herr Andreas denkt an ſeine kleine V Er hat das Heimweh nach ihr.“ Mamſell Lucilie irrte ſich, ich dachte nicht an nNa⸗ nette. Lächelnd antwortet die Gräfin: „Um ſo angenehmer das Wiederſehen, Andreas.“ Ja, gewiß freue ich mich, ſie wiederzuſehen, und doch ſind Madame und Lucilie im Irrthum. Etwas ganz Anderes als das Heimweh nach Nanette hält mich ab, Adolphine anzuſehen. Die Tochter meiner Wohlthäterin nähert ſich ih⸗ rem zehnten Lebensjahre. Ihr Wuchs wird ſchlanker und voller, ihre Züge markirter. Die Augen ſind immer gleich ſchön, aber der Ton ihrer Stimme ſcheint mir noch ſanfter zu werden, und ihre Ma⸗ nieren noch anmuthiger; Geiſt, Urtheil und Gemüth entfalten ſich immer mehr. Sie ſpielt nicht mehr mit der Puppe: Muſik und Zeichnen ſind jetzt ihre liebſten Beſchäftigungen; dabei iſt ſie gleich gut und wohl⸗ thätig gegen die Armen und Unglücklichen, wie bis⸗ ber. Sie weiß Nichts von der Gefallſucht und dem Dünkel auf körperliche und geiſtige Vorzüge, die ſo oft den Uebergang des Kindes in's jungfräuliche Alter begleiten. Nur von Zeit zu Zeit, wenn ich mich unbemerkt glaube, ſehe ich Fräulein Adolphine verſtohlen an. Begegnen ſich unſere Blicke, ſo ſchlage ich den mei⸗ nen ſchnell nieder, und doch leſe ich in ihren nur Sanſtmuth und Freundſchaft für mich. 46 Das Gut der Frau Gräfin liegt in der Nähe von Fontainebleau. Gegen ſechs Uhr Abends rollt unſer Wagen in den weiten, mit einer Gittermauer umſchloſſenen Hof eines prächtigen, dicht am Wege gelegenen Hauſes. Der Schloßvogt eilt herbei und gleich nach ihm der Gärtner und ſeine Frau. Die Kunde von der Ankunft der gnädigen Frau verbreitet ſich mit reißender Schnelle. In Aller Augen ſehe ich die herzlichſte Freude glänzen. Kaum ſind wir in's Innere des Hauſes eingetreten, und ſchon hat ſich eine große Menge Dorfbewohner, Greiſe, junge Mütter, Kinder, verſammelt, die Gutsherrin zu beglückwün⸗ ſchen. Wo ſie weilt, da iſt ſie geliebt und angebetet, denn überall hinterläßt ſie Spuren ihrer Menſchenfreund⸗ lichkeit. Wie herzlich iſt ihr Empfang an dieſem Orte! Sie braucht keinen Intendanten, der mit Geld und guten Worten die Bauern zu Böllerſchüſſen er⸗ muntert und zu Freudengeſchrei, das zu dem un⸗ freundlichen Ausdruck der Geſichter ſchlecht paßt. Sie kommt nicht wie eine Herrin, welche die Huldigun⸗ gen ihrer Vaſallen entgegennimmt und die offiziellen Lobhudeleien gähnend anhört; nein, ſie kommt als eine gute Fee, der das Wohlthun ihre einzige Luſt iſt. Die Heiterkeit, die ihre Ankunft veranlaßt, iſt ungekünſtelt, natürlich, rein. Sie wird empfangen wie eine Mutter von ihren Kindern. Die Freude der Dorfbewohner iſt um ſo größer, als die Gräfin, durch verſchiedene Beweggründe in Paris zurückgehalten, voriges Jahr ihr Gut nicht beſuchen konnte. Sie weiß Jedem etwas Angeneh⸗ „ 47 mes, Freundliches zu ſagen, und ſtellt dann den Leu⸗ ten ihre Tochter vor. „Du ſiehſt, liebe Adolphine,“ ſagte ſie leiſe zu ihr, „wie gerne mich die Leute haben, und doch that ich Nichts weiter, als daß ich für ihre Intereſſen ſorgte, indem ich die Arbeit belohnte, die Armen unterſtützte, hauptſächlich aber keinerlei Unbill duldete. Es iſt ſo leicht, ſich beliebt zu machen: man braucht bloß das Gute aufrichtig zu wollen und ſelbſt zu thun. Die Wohlthaten, die durch viele Zwiſchenhände ge⸗ hen, verlieren allen Nutzen und bewirken oft, daß man die eigentliche Quelle derſelben vergißt.“ „Wird der Herr Graf auch ſo aufgenommen?“ frage ich Lucilie leiſe. „Warum nicht gar! Man ſchießt, man lärmt, man ſchreit, man wünſcht ihm Glück; aber das Alles geſchieht auf Antrieb Champagne's. Herr von Fran⸗ conard hetzt Cäſar auf Alle, die nicht laut jubeln und ſchreien.“ Während die gnädige Frau und Fräulein Adol⸗ phine ausruhen, ſchlägt mir Lucilie einen Rundgang durch's Schloß vor. Das kommt mir ganz erwünſcht und ich folge meiner liebenswürdigen Führerin. Dann gehen wir in ven Garten hinunter, der ſich weit, weit hinter dem Schloße ausdehnt. Wie ſo hübſch ordentlich Alles iſt! Bewundernd ſehe ich mir die reizenden Boskette, die dichtbelaubten Alleen und künſtlich ausgeſchnittenen Baumgruppen an. Nichts fehlt an dieſem Orte der Luſt: hier ein Waſſerfall, ein Teich, eine Grotte; dort eine Felspartie, ein dichtes Gehölz; dort wieder blumige Raſen, Blumen⸗ hecken und Beete, niedliche Pavillons u. ſ. w. Wie köſtlich muß ſich's hier wohnen! Ich ſpringe und hüpfe von Allee zu Allee, von Weg zu Weg. „Hab' ich's nicht geſagt, Andreas, wie ſchön es hier iſt?“ ſagt Lucilie.„O, ich wollte, wir blieben recht, recht lange hier; aber halt, wo bringen wir Dich unter? Komm', ich will Dir eine hübſche Kam⸗ mer ausſuchen.“ Wir kehren in's Schloß zurück und gehen von einem Zimmer in's andere. „Hier ſchläft die gnädige Frau,“ ſagt Lucilie, „und dort das Fräulein. Der Herr Graf wohnt ganz am andern Ende.“ „Und hier?“ „Herr Dermilly, wenn er uns beſucht. Und dort iſt mein Zimmer; gerade darüber ſind zwei Stuben meiner Seel', die wären für Dich recht. Und wenn Du nicht artig biſt, klopfe ich mit dem Stocke an die Decke. Was meinſt Du, Andreas, ſoll ich hier für Dich ſorgen wie in Paris?“ „Ja, ja, Mamſell, Sie ſind ſo gut gegen mich!“ „So bin ich nicht gegen Alle, Andreas, aber Du biſt auch ſo nett, ſo artig, ſo gehorſam.“ Damit kommt ſie auf mich zu und gibt mir einen Patſch auf die Wange. Schon habe ich mich auf einen Kuß geſpitzt, aber nein!. Schade d'rum. Die Frau Gräfin iſt mit Luciliens Wahl zufrie⸗ den. Dann ordnet ſie meinen Lehr⸗ und Lernplan, ſo wie den ihrer Tochter. Nach gethaner Arbeit 49 dürfen wir ſo wiel herumſpazieren, laufen und ſpielen, als wir wollen. Hier auf dem Lande fühle ich mich in Adolphinens Nähe ungleich weni⸗ ger genirt und verlegen. Ausgenommen die Arbeits⸗ ſtunden ſind wir immer bei einander. Bald laufen wir in die Alleen und auf den Raſenplätzen herum, bald fahre ich ſie im Nachen auf dem Teiche. Oſft begleitet uns Lucilie, meiſtens aber iſt ſie bei der Frau Gräfin. Sobald Adolphine mich ſieht, winkt ſie mir in den Garten. „Du biſt nicht geſcheidt, Adolphine, Du lang⸗ weilſt Andreas,“ ſagt die Gräfin mitunter. „Nicht doch, liebe Mutter,“ antwortet die Toch⸗ ter,„laß uns nur herumlaufen. Ich verſichere Dir, Andreas langweilt ſich nicht bei mir.“ Wie im Fluge enteilt die Zeit an dieſem ſchönen Orte. Immer feſter wurde das Band zärtlicher Ver⸗ traulichkeit, das uns umſchlingt; hier ſchreckt mich weder die Gegenwart langweiliger Perſonen, noch der Zwang der Etikette von Adolphinens Seite weg. Gute Nanette, ich habe dich ſtets gleich gerne, und doch wünſche ich nicht den Augenblick unſerer Rück⸗ kehr nach Paris herbei. Wir wohnen jetzt fünf Monate hier, fünf Mo⸗ nate! Mein Gott, wie ſchnell ſie vergangen ſind! Herr Dermilly hat uns dreimal beſucht, jedes⸗ mal auf vierzehn Tage. Der Herr Graf meldete zwar brieflich ſeine Ankunft, iſt aber durch einen ſtarken Gichtanfall in Paris zurückgehalten worden. Paul de Kock. LRRNv. 4 50 So kommen wir dießmal mit der bloßen Furcht davon. Der Herbſt iſt vor der Thüre: die Blätter welken, die Bäume entlauben ſich. Gegen Ende des ſechsten Monates unſeres ländlichen Aufenthaltes be⸗ geben wir uns auf die Heimreiſe. Mit tiefbetrüb⸗ tem Herzen ſcheide ich von dieſem lieben, lieben Orte. „Nächſtes Jahr kommen wir wieder,“ tröſtet mich Adolphine,„und ſind dann eben ſo vergnügt.“ Lucilie ſagt das Nämliche, und um die Schmer⸗ zen des Abſchiedes zu überwinden, denke ich an die Freude des Wiederſehens mit Nanetten. Mein erſter Ausgang in Paris iſt zu Vater Bernhard. Nanette öffnet die Thüre... mein Gott, wie groß iſt ſie geworden! Sie ſieht nicht mehr aus wie ein Kind, aber die Heiterkeit, die ſie noch ein⸗ mal ſo hübſch machte, iſt dahin. Ihre Augen ſind roth von Weinen, ihre Züge matt. Sie umarmt mich nicht wie gewöhnlich, ſondern ruft bloß: „Sie da, Herr Andreas?“ „Herr Andreas? Was ſoll das? Bin ich nicht mehr Dein Bruder, Dein beſter Freund?“ Ich fliege in ihre Arme, drücke ſie an's Herz, küße ſie. Ihre Thränen brechen ſich Bahn. „Du liebſt mich alſo noch wie ſonſt!“ ruft ſie. „Sechs Monate, ſechs lange Monate ohne Dich! Ich glaubte ſchon, Du kämeſt nie wieder. Ach, ich habe viel, viel geweint, und Du, biſt Du recht vergnügt geweſen?“ Ich wage nicht ja zu ſagen. „Aber warum haſt Du geweint, Nanette? War — 51 es denn meine Schuld, daß ich auf das Land mußte?“. „Warum ich weinte? Du frägſt wie mein Vater! Weil ich Langeweile hatte. Aber wenn Du nächſtes Jahr wieder auf's Land gehſt, kann ich wenigſtens Nachricht haben von Dir.“ „Hat der Hauswart Dir keine Nachricht von mir gegeben, wie er verſprach?“ „Nicht durch den Hauswart will ich ſie haben, Andreas, auf andere Weiſe.“ Sie will nicht mehr ſagen. Inzwiſchen kommt Vater Bernhard zurück; er findet, ich ſei viel größer und ſtärker geworden. „Die Landluft bekömmt Dir gut, Freundchen,“ ſagt er. „Das fehlt noch, Papa, daß Ihr ſein Ausſehen rühmt, dann bleibt er in Zukunft ganz auf dem Lande!“ Bernhard hat während meiner Abweſenheit Nach⸗ richt von meiner Mutter erhalten. Sie weiß noch immer Nichts von Peter, freut ſich aber, daß es mir gut geht und wünſcht Nichts ſehnlicher, als mich noch einmal zu ſehen und zu umarmen. Ich theile ihren Wunſch und hoffe das Beſte davon, doch muß ich erſt meine Studien beendigen und mich der Wohl⸗ thaten meiner Beſchützerin würdig beweiſen. Ich verſpreche, meine guten Freunde täglich zu beſuchen, als Erſatz für die mehrmonatliche Trennung von ihnen. Dacht' ich mir's doch, daß ich in Paris nicht ſo 52 glücklich ſein werde wie auf dem Lande! Hier im Hauſe ſehe ich Fräulein Adolphine nur ſelten, und nie bin ich allein mit ihr; es ſind entweder Lehrer oder irgend eine Kammerjungfer bei ihr. Wie ganz anders wirkt die Stubenluft auf Geiſt und Gemüth, als die friſche Natur. Der Anblick der freien Got⸗ teswelt macht das Herz weit und gibt den Gedanken Nahrung. Bei unſern Spielen im Garten, wie oft habe ich ſie in den Arm genommen; hier wage ich kaum ihre Hand zu berühren. Sobald Beſuch kommt, muß ich fort, denn ich fürchte den Herrn Grafen, der mich immer noch ſo grimmig anſieht. Faſt die ganze Zeit bin ich auf meinem Zimmer, aber um ſo fleißiger kann ich arbeiten, und je mehr ich das thue, um ſo mehr regt ſich mein Ehrgeiz. Ich glaube, ich möchte durch Uebung und Ausbildung meiner Talente meine geringe Geburt in Vergeſſenheit brin⸗ gen. Doch nein, ich will nie meine arme Herkunft vergeſſen, will ihrer ſtets gedenken und wenn ich noch ſo reich und vornehm werde. Wer ſein Glück ſich ſelbſt verdankt, iſt der nicht eben ſo achtungswerth, als wer im Schvoße des Reichthums geboren wird? Der Frühling iſt wieder da. Ich ſehne mich nach dem Augenblick, wo wir auf's Land gehen, wo ich oft mit Adolphine allein ſein und ſie ſehen kann, ſo oft ich will. Dennoch ſteigt mit jedem Tage meine Verlegenheit gegenüber dem Fräulein. Ich bin jetzt vierzehn Jahre, ſie iſt bald eilf, wir ſind alſo noch Kinder. Warum bin ich denn weniger heiter als ehemals? Nimmt das Glück mit den Jahren ab? 53 Ich fühle eine Sehnſucht in mir und weiß nicht, wornach? In meinen Träumen ſehe ich immer Adol⸗ phinens Bild. Auch das junge Kammermädchen er⸗ ſcheint mir oft, wie ſie leibt und lebt, mit ihrem reizenden Geſichtchen, ihren anmuthigen, lebhaften Bewegungen, ihren lockenden Formen, ihren nied⸗ lichen Füſchen. Was heißt das? Vielleicht bin ich krank, aber ich wage nicht, gegen irgend wen von den Empfindungen meines Herzens zu reden, denn ich fürchte, man lacht mich aus. Endlich naht der Tag der Abreiſe. Beim Ab⸗ ſchiede ſagt Nanette: „Du ſollſt bald Nachricht haben von mir.“ „Durch wen?“ Aber ſie bleibt mir die Antwort ſchuldig. Der Wagen rollt hinaus zu den Thoren der Hauptſtadt. Alles unterwegs lacht mich an, denn ich freue mich auf das Ziel unſerer Reiſe. Auch dießmal ſitze ich Fräulein Adolphine gegenüber. Trotz der beſten Vorſätze, nicht ſo ſchüchtern und verlegen zu ſein, bleibt es beim Alten, ja wird es noch ſchlimmer als je zuvor, ſobald ich mich unter den drei Damen ſehe. Ich weiß nicht, wohin ich blicken, wo ich Hände und Füße laſſen ſoll. Werde ich ge⸗ fragt, ſo erröthe ich bis unter die Ohren und kann kaum antworten. O, gewiß bin ich innerlich glück⸗ ſelig, aber Niemand vermuthet das an meiner trau⸗ rigen Miene. Ich, früher ſo heiter, ſo ungezwun⸗ gen und natürlich, ſo nett, warum bin ich jetzt ſo ganz anders geworden? Nur bei Nanetten bin ich 54 der Alte, aber, o weh! mir ſcheint, als ob Ranette mir gegenüber ganz ſo wird, wie ich in der Nähe von Fräulein Adolphine werde. Sie ſeufzt von Zeit zu Zeit und erröthet, wenn ich ſie anſehe. Nanette iſt genau von meinem Alter. Vielleicht iſt das die Folge unſerer vierzehn Jahre. Endlich haben wir den herrlichen, wonnigen Auf⸗ enthalt erreicht. Ich fühle, wie die Ungezwungen⸗ heit, die hier auf dem Lande herrſcht, mir meinen alten Frohſinn theilweiſe wiedergiebt. Ach, wie gerne lebte ich ſo fort und fort. Richts fehlt mir hier als die gute Mutter, Peter und die guten Pariſer Freunde. Dank dem Unterrichte des Herrn Dermilly zeichne ich ſchon recht hübſch. Auch Adolphine hat es in dieſer Kunſt ſchon weit gebracht, die uns für dieſen Sommer neuen Genuß verſpricht. Unter ſchattigen Bäumen auf einer Raſenbank ſitzen wir Beide und nehmen die ſchöne Landſchaft auf, die ſich vor uns ausbreitet. Die Frau Gräfin iſt Richterin zwiſchen uns. Ich gebe mir alle Mühe, denn ich möchte gar zu gerne das Lob meiner Wohlthäterin verdienen, und dann ſitzt ſich's ſo gut an Fräulein Adolphinens Seite! Während ſie zeichnet, kann ich ſie ganz nach Belieben anſehen und ihre kindlich reinen Züge be⸗ wundern, in denen ſich ſchon die erſten Seelenregun⸗ gen der Jungfrau abſpiegeln. Wenn ſie das bemerkt, ruft ſie lachend: „Andreas, Du zeichneſt nicht; was gilt's, ich werde eher fertig als Du!“ Sobald ich aber niederſehe auf die Zeichnung, „ F 55 dann reckt ſie leiſe das Köpfchen über meine Schul⸗ ter und ſieht mir auf das Blatt, um ihre Arbeit mit der meinigen zu vergleichen und darnach auszubeſſern. Dann halte ich ganz ſtille und thue, als merkte ich ihre Schalkheit nicht. Wie wonnig iſt mir zu Sinne, wenn ihr Köpfchen ſo neben dem meinigen ruht! Lucilie erweckt Empfindungen ganz anderer Art in mir. Wenn wir Zwei allein ausgehen oder Krie⸗ ger ſpielen, dann drück' ich ihre Hand in der meini⸗ gen, berühre ihre lockenden Formen und ſehe lüſtern ihr in's ſchelmiſche Auge. Bei ihr weiß ich nichts von Schüchternheit; dafür ſind die Gefühle, die ſie mir einflößt, ungleich weniger ſanft. An Lurilie denke ich nur, wenn ich ſie ſehe, während Adolphi⸗ nens Bild mir nie aus dem Sinne kommt. Seit dem Tage, wo ſie Roſſignol aus meinem Zimmer fortwies, hat ſie mich nicht mehr um⸗ armt. Lucilie ſcheint weniger vertraulich mit mir zu ſein als früher, gewiß nicht aus dem Grunde, weil ſie an derſelben Krankheit leidet wie ich, denn ſie iſt ja ſchon zwanzig Jahre alt. Wenn wir zuſammen ſpielen oder ich mich auf ihren Schooß ſetzen will, ſtößt mich Lucilie ſanft zurück und ſagt mit bewegter Stimme: „Nimm Dich in Acht, Andreas, Du biſt bald kein Kind mehr, wir können nicht mehr dieſelben Thorheiten machen.“ „Warum nicht, Mamſell?“ „Weil. v, Du Schelm Du, weil nur Geduld, Sie werden es bald einſehen, mein Herr!“ 56 Und doch treibt ſie gerne ihre Narrheiten mit mir, immer treffe ich ſie im Garten, oft ſieht ſie mich verſteckt an, und wenn Madame ſie ausſchickt in's Dorf, will ſie, daß ich ſie begleite. Dann nimmt ſie meinen Arm und ich bin jetzt erwachſen genug, ihr Cavalier zu ſein. Meinem Wuchſe nach bin ich„ wie ein Siebenzehnjähriger. Wie gerne höre ich ſagen: er ſieht ſchon aus wie ein Mann! denn ich 6 meine, als Mann lebe ſich's viel glücklicher denn als Jüngling. Werde ich immer ſo denken? An holperigen Stellen lehnt ſich Lucilie auf mich, und das behagt mir recht wohl. Wird der Weg enger, ſo daß wir einander näher kommen, dann fühle ich, wie ihr Buſen unter meiner Hand ſchwillt,— Und dieß mächt mir das Herz Kopfen. Setzen wir uns und legt ſie ihre Hand in die meinige, ſo habe ich immer Luſt, ſie zu drücken, doch wage ich's nicht. Glücklicher Weiſe iſt Lucilie kühner als ich: ihre hüb⸗ ſchen Finger drücken zärtlich die meinigen und dann werde ich purpurroth. Ungefähr nach Verlauf des erſten Monats un⸗ ſeres ländlichen Aufenthaltes überreicht mir eines Morgens die gnädige Frau einen Brief, der unter meiner Adreſſe mit der Poſt angekommen iſt. „Ein Brief an mich? Von wem kann der ſein?“ .„Vielleicht von Deiner Mutter,“ antwortet die Gräfin. „Meine Mutter kann nicht ſchreiben, Madame, auch Bernhard nicht.“ „So iſt er von anderer Hand,“ ſagt Mamſell 57 Lucilie, die zufällig in dem nämlichen Zimmer ſich befindet und, wie ich ihr anſehe, vor Neugierde brennt, den Namen des Brieſſtellers zu erfahren. Madame erlaubt mir, ihn zu leſen. Die Schrift iſt zwar ſchlecht, doch leſerlich. Was ſeh' ich! Von Nanetten ſie hat alſo ſchreiben gelernt, um mit mir correſpondiren zu können. Ich ſchreie laut auf vor Staunen und Freude und ſage zu Madame: „Von Nanette, von Nanette! ein Brief von mei⸗ ner Schweſter!“ In meiner Freude überſehe ich ganz das häßliche Mäulchen, das Lueilie macht, und höre nicht, wie ſie vor ſich hinmurmelt: „Dacht' ich mir's doch!“ Madame erlaubt mir, Nanettens Brief laut vor⸗ zuleſen. Denn er kann kein Geheimniß enthalten. Er lautet alſo: „Lieber Andreas, ich habe heimlich ſchreiben ge⸗ lernt, um Dir Nachricht von mir geben und einen Brief von Dir empfangen zu können. Ach, wie lange kommt mir der Sommer vor, ſeit Du nicht bei uns biſt! Wann hört das endlich auf? Wann ſehe ich Dich wieder täglich, wie ehemals? Antworte mir, Andreas. Der Vater verzeiht gewiß, daß ich ohne ſein Wiſſen ſchreiben gelernt habe, wenn ich ihm einen Brief von Dir vorleſe.“ 5 „Das gute Kind!“ ſagt die Frau Gräfin.„Du wärſt recht undankbar, Andreas, wenn Du ſie nicht wieder liebteſt, die Dich ſo liebt.“ 58 „Ich bin nicht undankbar, Madame: ich will, daß Nanette ſtets an meinem Glücke Theil nimmt.“ „Das ſieht man!“ ſagt Mamſell Lucilie halb⸗ laut und dreht zornig an einem Halstuch, das ſie in der Hand hat. „Antworte Deiner Schweſter, Andreas, ſage ihr, daß ihr euch wiederſehen werdet, und wenn Du ſie nach einigen Jahren noch ſo lieb haſt, wie jetzt, dann aber was hat Euch das Thee⸗ brett gethan, Lucilie? Ihr werft alle Taſſen auf die Erde!“ „Es iſt nicht meine Schuld, Madame,“ antwor⸗ tet Lucilie und beißt ſich in die Lippen,„die Thee⸗ kanne fiel mir aus der Hand beim Reinigen. ich wollte den Fingerhut aufnehmen.“ Lucilie weiß nicht mehr, was ſie ſagt. Indeß eile ich auf mein Zimmer, Nanettens Brief zu be⸗ antworten und ihr zu verſprechen, daß ich oft ſchrei⸗ ben werde. Madame will die Güte haben, den Brief abzuſenden. Als ich ihn hinunter bringen will, begegne ich dem Kammermädchen. Mein Gott, wie böſe ſieht ſie aus! Schweigend geht ſie an mir vorüber. „Was haben Sie denn, Mamſell Lucilie?“ frage ich ſie. „Was geht das Sie an, mein Herr? So, ſo.. Sie haben Ihrer Nanette ſchon geantwortet, das lob' ich. Gewiß einen Schwur ewiger Liebe?“ „Sie verlangt keinen Schwur; ſie weiß, vaß ich ihr treu bleibe.“ 2 59 „Seht mir den kleinen Prahlhans an. Die Toch⸗ ter eines Waſſerträgers... göttlich, göttlich!“ „Aber, was bin ich denn, Mamſell?“ „Sie, mein Herr? Das iſt was Anderes: Sie können ſich emporarbeiten mit Hülfe der Erziehung, die Sie genießen. Ein Mann von Geiſt, Talent, der kommt weit.“ „Sie thun nicht recht, Mamſell Lucilie, die arme Nanette zu verachten; das hätte ich nicht von Ihnen gedacht!“ „Ich verachte ſie nicht, aber ich kann ſie nicht ausſtehen.“ „Was hat ſie Ihnen denn gethan?“ „Nichts, nichts, aber ich will nicht, daß Sie mir wieder von ihr reden. Sie denken nur an Ihre Na⸗ nette und das langweilt mich.“ Und damit geht ſie zornig fort. Sie glaubt alſo, ich denke nur an Nanetten? O, ich wollte, es wäre ſo, denn meine Liebe zu Nanetten nimmt mir nicht meine Heiterkeit oder ſtimmt mich ſo wehmüthig. Ja, ich liebe ſie zärtlich, ich könnte mein Leben laſ⸗ ſen für ſie, aber meine Liebe zu ihr iſt wie die Liebe zwiſchen Geſchwiſter oder der Geſchwiſter zu den Eltern. Schon naht das Ende der ſchönen Jahreszeit und noch immer ſchmollen wir, Lucilie und ich. Da hören wir eines Morgens einen lauten Lärm im Vorhofe. Ein Wagen fährt in geſtrecktem Galopp herein: der Herr Graf iſt's, begleitet von Cham⸗ pagne, ſeinem Oberkoche und zwei Lakaien. 60 Ach, wir waren ſo ruhig und zufrieden. Was will er denn hier? Warum ſtört er uns? „Das dacht' ich mir,“ ſagte Lucilie lächelnd. „Madame erhielt vor wenig Tagen einen Brief vom Herrn Grafen, worin er ſchreibt, er müſſe noch in dieſem Jahre einen Leibeserben haben, deßhalb kommt er mit Extrapoſt. Aber wenigſtens ſchon zwölfmal kommt er in derſelben edlen Abſicht und muß unver⸗ richteter Sache wieder abziehen.“ Vor dem Gebell Cäſars, der quickenden Stimme ſeines Herrn, dem lauten Lärm der Dienerſchaft iſt die Freude aus unſerer Wohnung entwichen. Madame hat ſich mit ihrer Tochter eingeſchloſſen, ich verſtecke mich auf mein Zimmer, nur Lucilie geht dem Herrn Grafen entgegen, der ſchon ganz wild thut, daß die Bauern ihn nicht mit Lebehochrufen und Blumen⸗ ſträußen empfangen. „Sie wußten Nichts von Ihrer Ankunft, Herr Graf,“ antwortet lächelnd das junge Kammer⸗ mädchen. „Macht nichts, Mamſell, ſie hätten ſie errathen ſollen; ſie müſſen jeden Augenblick auf meine An⸗ kunft gefaßt ſein! Iſt das billig, daß ein großer Grundbeſitzer ganz ſo aus dem Wagen ſteigt wie ein ſimpler Privatmann? Iſt es nicht ihre ver⸗ dammte Schuldigkeit, mich, der ihnen Brod und Arbeit gibt, mit lauten Vivats zu empfangen?“ „Sie hätten es auf Befehl gethan, Herr Graf.“ „Gewiſſe Dinge ſollte man nie vergeſſen, Mamſell her, Cäſar, her aber die Frau Gräfin ver⸗ 61 ſteht das Regiment nicht, die Leute haben keinen Re⸗ ſpect vor ihr.“ „Um ſo mehr Liebe, Herr Graf!“ „Liebe, Liebe? Bah, das macht keinen Lärm.. ſtill, Cäſar!... Ich will, daß man mich heut' Abend glänzend bewillkommt, verſtanden, Champagne?“ „Ja, Herr Graf.“ „Ich will, daß alles Bauernpack ſingt, tanzt, mich bewillkommt, kurz, ſeine Freude über meine Ankunft laut bezeugt.“ „Das ſollen ſie, Herr Graf, ich nehme es auf mich; ſie werden mit dem Empfange zufrieden ſein.“ „Je lauter, deſto beſſer. Und Du bezahlſt ihnen die Geigen, hörſt Du?“ „Ich höre, Herr Graf.“ Herr von Franconard begibt ſich in ſeine Gemä⸗ cher und läßt ſich durch Lucilien bei Madame melden. „Was führt Sie denn ſo plötzlich her?“ fragt Lu⸗ eilie Herrn Champagne. „Ich glaube, unſer Souper von geſtern Abend.“ „Ihr Souper?“ „Ja, der Herr Graf traktirte⸗ geſtern Abend drei gute Freunde, drei luſtige Zechbrüder. Es ging hoch her dabei: erſt Tafel zu Ehren eines neuerfundenen Gerichts; der Kochſcheint damit Ehre eingelegtzu haben, denn Alle waren die Ausgelaſſenheit ſelbſt. Der Herr Graf wollte es ſeinen Gäſten zuvorthun. Vergebens erinnerte ich ihn an das Podagra und Chiragra, ver⸗ gebens an die Vorſchriften des Arztes. Als er vom Tiſch aufftund, ſchwur er, er wolle einen Erben ha⸗ 62 ben, und noch in dieſem Jahre. Deßhalb kamen wir mit Extrapoſt hier an.“ Dann geht Champagne in's Dorf, poſaunt überall die Ankunft des Grafen aus und verkündet, daß er ſchlechterdings feierlich empfangen werden wolle. Aus Rückſicht auf ihre edle Wohlthäterin, deren Ge⸗ mahl Herr von Franconard iſt, laſſen die Leute die Ar⸗ veit liegen, ziehen ihre Sonntagskleider an und binden Blumenſträuße. Champagne ſteckt den jungen Bur⸗ ſchen einige alte Flinten zu, läßt ſie mit Salz laden und empfiehlt ihnen nachdrücklichſt, aus vollem Halſe Vivat zu ſchreien und ſo laut als möglich zu ſpek⸗ takeln. Um dem Stolze mancher Herren zu genügen, ißt oft weiter Nichts nöthig, als daß man ihnen die Ohren vollſchreit. Wären ſie nicht durch Eigenliebe und Eitelkeit verblendet, könnten ſie vorurtheilsfrei in den Herzen derer leſen, die ihnen Weihrauch ſtreuen und Complimente ſchneiden, könnten ſie die wahren Triebfedern der ſie ſcheinbar vergötternden Menge ergründen: wahrlich, ſie würden wenig Werth legen auf ſolche Huldigungen! Der Herr Intendant, eine Art Ceremonienmeiſter bei den offiziell⸗feierlichen Empfangsfeſtlichkeiten des Herrn Grafen, vergißt nie, einige Pakete voll Pe⸗ tarden mitzubringen, die dann unter die Bauern⸗ ſchaft ausgetheilt werden. Auch dießmal hat er ſie nicht vergeſſen, und um den gnädigen Herrn, dem der Lärm nie laut genug iſt, ja recht zufrieden zu ſtellen, hat er außerdem eine Menge Sonnen, Schwärmer und Ra⸗ 63 keten eingekauft, zur größerer Verherrlichung des Feſtes. Alles iſt in Bewegung im Hauſe; der Herr Ober⸗ koch kehrt das Unterſie zu Oberſt, um dem Grafen eine zweite Auflage des geſtrigen, ſo beifällig auf⸗ genommenen Gerichtes zu veranſtalten, Unterdeß iſt Herr von Franconard gleich nach gemachter Doilette in ſeinem Zimmer tief eingeſchlafen und erwacht erſt, als die Tafel ſervirt iß. Schnell begibt er ſich in's Zimmer, wo die Grä⸗ fin und ihre Tochter auf ihn warten. Er bietet erſte⸗ rer galant den Arm und führt ſie in den Eßſaal. Bei Tiſche ſieht er ſich das gnädige Fräulein genau an, das er ſeit lange nicht beachtet hat. „Teufel,“ ſagt er,„die Kleine wächst erſtaunlich heran, ſie wird mir immer ähnlicher. Wie alt iſt ſie, Madame?“ „Sie tritt in ihr zwölftes Jahr, mein Herr.“ „Das macht ſich! In drei oder vier Jahren kön⸗ nen wir ſie an einen hohen Herrn aus meiner Be⸗ kanntſchaft verheirathen, an einen luſtigen Bruder wie ich bin; aber erſt wollen wir ſie mit einem Brü⸗ derchen beſchenken.“ „Mein Herr, ich biite Sie,“ flüſtert die Gräfin dem Grafen in's Ohr,„bedenken Sie, meine LTochter iſt kein Kind mehr. Verſchonen ſie mich mit Ihren Scherzen.“ „Ich ſchweige nicht, Madame, ich rede in allem Ernſt. Doch Sie haben recht: non est in locus. Eſſen wir erſtz nach dem Bauernfeſt heut' Abend 64 werden Sie mir ein gnädiges Gehör ſchenken, hoffe ich.“ Auf dem Lande eſſe ich gewöhnlich mit Madame. Aber aus Furcht vor dem Grafen habe ich nicht ge⸗ wagt, mich bei Tiſche einzufinden. „Warum kommt denn Andreas nicht?“ fragt Adol⸗ phine ihre Mutter. „Wer iſt das, der Andreas?“ fragt der Graf. „Doch nicht der kleine Savoyarde?“ „Ja, mein Herr, der Sohn des Mannes, der Ihnen und meiner Adolphine das Leben rettete. Sie ſcheinen den Umſtand immer zu vergeſſen.“ „Wie oft ſoll ich daran denken, Madame, an den einmaligen Umſtand? Uebrigens ſcheint er hier gut genug aufgehoben... Apporte, Cäſar, apporte! Spring'.. beſſer! Der arme Cäſar, wie er ſchlecht ſpringt, ſeit der Schurke ihn verkrüppelt hat! 5ßt der Savoyarde an Ihrem Tiſche, Madame?“ „Auf dem Lande, ja. Warum ſollte er nicht? Sie wiſſen, ich behandle ihn nicht wie einen Bedien⸗ ten; die Erziehung, die ich ihm geben laſſe, ſchlägt vortrefflich an: ſein Benehmen und ſeine Sprache geſtatten ihm den Zutritt zur beſten Geſellſchaft.“ „Er iſt und bleibt ein Savoyarde, Madame, und ich ſinde es höchſt lächerlich, daß Sie ihn an Ihrem Tiſche eſſen laſſen, weil Anſtand, Etikette, Decoreur.. kuſch, Cäſar, kuſch, du kommſt mit der Pfote auf meine Serviette.“ Die Frau Gräfin ſchweigt, Adolphine iſt traurig⸗ weil ich nicht da bin und ſie in Gegenwart ihres „ —————— 65 Vaters nicht wagt, fröhlich zu ſein wie gewöhnlich. Während ſie eſſen, ſchleiche ich mich aus meinem Verfteck im Zimmer und gehe in den Garten hin⸗ unter. Ich denke über Dieß und Jenes nach, ich werde ja immer vernünftiger. Mit fünfzehnthalb Jahren kennt man ſchon den Zauber ſüßer Träume⸗ reien. Der Gedanke an Adolphinen entlockt mir einen zärtlichen Seufzer. Wer zum erſten Male liebt, der zieht die Einſamkeit den frohen Knabenſpielen vor. Die keimende Liebe iſt das Grab der Kinder⸗ jahre und die Wiege ſüßer Hoffnungen. So geht es weiter, bis mit dem Alter die Liebe uns verläßt; dann wandelt ſich die Hoffnung in das Heimweh nach der frohen Vergangenheit um. Des nahe bevorſtehenden Umzuges nach Paris gedenkend, wandle ich traurig und mißmuthig durch eine der langen Alleen des Parkes, als ich plötzlich eine wohlbekannte Stimme höre, welche ruft:„Hören Sie auf oder ich werde böſe!“ Lucilie iſts. Die Stimme kommt aus einem nahen Boskett, wovon ich bloß durch einen Flieder⸗ buſch getrennt bin. Gleich plagt mich die Neugierde. Ich gehe näher, mache leiſe die Blätter auseinander und ſehe— Herrn Champagne auf einer Raſenbank neben Lucilie, die Kränze bindet und von Zeit zu Zeit den Herrn Intendanten zurückſtoßt, weil er ihre Arbeit etwas allzu nahe betrachtet. Ich weiß nicht warum? aber ich kann den Cham⸗ paßne nicht leiden. In Paris ſitzt er Mamſell Lu⸗ Paul de Kock. LRRRv. 5 66 cilie immer auf den Ferſen, langweilt ſie mit ewi⸗ gen Complimenten, ſpielt den Verliebten und glaubt ſich unwiderſtehlich. Was mag er jetzt von ihr wol⸗ len in dieſem Boskett? Ich kann nicht umhin, ſein Geſchwätz zu belauſchen. „Sie ſind ein reizendes Weſen, Mamſell Lucilie, reizend, auf Ehre!“ „Hören Sie nicht, Herr Champagne? Der Graf ruft.“ „Täuſchung, Mamſell. Er ſitzt bei Tiſche und denkt nicht an Champagne, aber an Champagner die niedlichen Arme da, das ſchneeweiße Patſch⸗ händchen.. „Sie vergeſſen das Bauernfeſt, Herr Champagne.“ „Nein, mein Fräulein,'s iſt noch lange Zeit bis dahin. Erſt jetzt, beim Wiederſehen nach langer Trennung, fühle ich die Größe meiner Liebe zu Ihnen, holde Kammeriſton.“ „Holde Kammeriſton, ha, ha, ha! Wie komiſch, wenn ein Bedienter poetiſch wird.“ „Bei Ihnen möchte ich nichts werden als glück⸗ lich durch ihre Liebe; o, wenn Sie mich erhörten!“ „Nicht ſo nahe, Herr Champagne, ſie zerdrücken meinen Kranz.“ „Sie werden ſich recht langweilen hier?“ „Im Gegentheil, ich amüfire mich auf's Beſte.“ „Unmöglich! Ohne Geſellſchaft, unter lauter Kin⸗ dern muß Ihnen der Tag recht lange werden.“ „Nicht im Geringſten, Herr Champagne. Die Stunden vergehen, ich weiß nicht wie.“ 67 „Oder fände Ihr zärtlich Herzchen insgeheim Beſchäftigung?“ „Wie neugierig Sie ſind, Herr Champagne.“ „Wie glücklich wäre ich, wenn es für mich ſchlüge! Sie ſollen und müſſen meine Liebe erwiedern.“ „Sehe nicht die Nothwendigkeit ein, Herr Cham⸗ pagne.“ „Warum denn ſo hartherzig, kleine Schelmin?“ „Der Graf wartet auf Sie.“ „Erſt einen Kuß, dann gehe ich.“ „Ich hoffe, Herr Champagne, Sie „Geſchwind einen Kuß, ich will und muß einen Kuß. „Hören Sie auf oder ich werde böſe.“ Schon will Herr Champagne Lucilien umarmen, als ich ſchnell durch den Flieder in's Boskett ſpringe und ſo gewaltſam auf den Herrn Intendanten los⸗ ſtürze, daß dieſer das Gleichgewicht verliert und in den Sand rollt. Lueilie lacht laut auf, ich glühe vor Zorn, und Herr Champagne hebt ſich allmälig vom Boden empor. „Möchte doch wiſſen, Herr Andreas,“ ſagt er, „was Ihnen das Recht gibt, mich ſo zu behandeln?“ „Sie wollten ſie küſſen wider ihren Willen, ſo mußte ich ihr zu Hülfe kommen.“ „Zu Hülfe? Ein ſchöner Ritter das! Mag' ich ſie küſſen oder nicht, das geht Sie Nichts an.“ „So oft Mamſell Hülfe bedarf, gebe ich ihr Hülfe.“, — — 68 „Sehr wacker! Merken Sie ſich, junger Mann: die Weiber bedürfen Ihrer Hülfe nicht, ſie können ſich ſelbſt helfen und brauchen von Keinem Hülfe, am wenigſten in ſolchen Fällen. Sie ſind noch ein Kind, merken Sie ſich's für die Zukunft.“ „Andreas hat ganz recht gehandelt,“ ſagt Mam⸗ ſell Lucilie,„und ich danke ihm dafür. Ich hoffe, er wird mehr auf die Stimme ſeines Herzens hören, als auf Ihre albernen Reden, Herr Champagne.“ Der Intendant erblaßt vor Zorn, ſieht mich ſpöttiſch an und ſagt: „Der kleine Savoharde iſt der Mamſell an's Herz gewachſen, wie's ſcheint. Er iſt noch jung, aber verſpricht viel. Ergebenſter Diener, Mamſell Lucilie.“ Und damit geht er fort, hämiſch lächelnd und ſingend, um ſeinen Zorn zu verſtecken. Es dauert eine Weile, ehe wir uns von unſerer Beſtürzung erholen, Lucilie und ich. Nach längerem Schweigen hebt ſie endlich an: „Du warſt alſo in der Nähe des Boskeits, Andreas?“ „Ja, Mamſell.“ „Und die Reden Champagne's mißfielen Dir?“ „Gewiß!“ „Ernſtlich, Andreas?“ Dann rückt ſie nahe an mich heran, legt ihren Arm auf meine Schulter und ſieht mich ach, ſo zauberiſch!“ „Und es wäre Dir nicht recht, wenn ich Cham⸗ pagne liebte? „Ich glaube: nein.“ „— 69 „Warum nicht?“ „Ich weiß nicht; ich wünſchte beinahe, Sie liebten Niemand.“ „Seht mir den Egviſten, den kleinen Schelm!“ An der Art und Weiſe, wie ſie das ſagt, merke ich, daß ſie mir nicht ſehr böſe iß. Nie, nie dünkt mir der Ton ihrer Stimme ſo ſüß und ihr Geſicht ſo reizend. „Andreas, ich mag den Champagne nicht. Du biſt mein Vertheidiger, mein Beſchützer geweſen: als ſolchem gehört Dir eine Belohnung.“ „Ich will keine Belohnung, Mamſell.“ „Keine? Auch nicht, wenn es— ein Kuß wäre?“ Ich werde überroth und zittere. „Ja ja, Mam.. ſell,“ ſtotterte ich ver⸗ wirrt. „Vielleicht biſt Du mit der Belohnung nicht recht zufrieden?“ „Und wie und wie!“ „So laß ſeh'n, Andreas.“ Verſchämt ſehe ich nieder und wage mich nicht von der Stelle. Sie blickt mich eine Weile fragend an und ſagt dann lächelnd: „Will der Herr mich nicht küſſen, ſo will ich den Herrn küſſen.“ Alsbald fühle ich ihre Lippen auf meiner bren⸗ nend heißen Wange. Der Kuß durchzuckt mich wie ein elektriſcher Schlag; nie hatte ich eine ſo ſüße Empfindung gehabt. Statt eines Kuſſes gebe ich ihr tauſend Küſſe, während ſie unaufhörlich ruft: „Genug, Andreas, eug. nen Gott, das böſe Kind das!“ Plötzlich ſchreckt uns ein lauter Lärm von der Seite des Schloſſes her. Lucilie glaubt die Stimme der Gräfin zu hören und reißt ſich aus meinen Ar⸗ men los.„ „Komm' doch, Andreas,“ ſagt ſie, zziß fängt das Feſt an.“ Ich folge ihr ungern. Wos liegt mir am Feſte? Es verſpricht mir nicht halb ſo viel Vergnügen wie das eben empfundene in Luciliens Armen. Drittes Kapitel. Das Feuerwerk und ſeine Folgen. Der Lärm, der mich aufſtörte aus meinem ſüßen Rauſche, verkündete den Anfang des Feſtes. Bei ihrem Einzuge in den Schloßhof hatten die Bauern auf Commando des Herrn Intendanten ihre Flinten losgebrannt, und eine alte Geige, begleitet von einem Tombourin, die Melodie:„Heil dir im Sieges⸗ kranz“ intonirt, am Ende aber, das dem Spielen⸗ den entfallen war, das„Was weinſt Du, ſchöne Schäferin“ angeſtimmt. Allein die„Pon pon“ des Tambourin, das immer im Takte eines Contre⸗ tanzes blieb, während ſein College ein Adagio ſpielte, bewirkten, daß man den Uebergang aus der einen Arie in die andere nicht hörte. Hinge⸗ riſſen von dieſer zauberiſchen Muſik ließen die — W 71 Bauern aus vollem Halſe den großen Tartaren⸗ chor aus der Lodviska“, erſchallen, das einzige Stück, das Champagne ihnen eingepaukt hatte und daher regelmäßig bei jedem feierlichen Empfange des Grafen zum Beſten gegeben wurde. Herr von Franconard hatte weidlich gegeſſen und getrunken, Alles das mit lobenswerther Rück⸗ ſicht auf die menſchenfreundliche Abſicht, wegen wel⸗ cher er in geſtrecktem Galopp von Paris hierher ge⸗ eilt war. Er war zwar gut aufgeräumt, aber nicht einmal halb betrunken, denn ein Herr von Stande und guter Lebensart betrinkt ſich nie. Sein Auge, ungewöhnlich funkelnd, kehrte ſich unaufhörlich der Frau Gräfin zu, die aber jedesmal wegſah und that, als bemerke ſie die eroberungsluſtigen Mienen des Herrn Gemahls nicht. Schon fing Madame an, über die zweideutigen Scherze des Herrn Grafen ungehalten zu werden, als die Flintenſchüſſe und das Charivari vom Hofe herauf den Einzug der Bauern verkündeten. Einer derſelben richtete ſein Gewehr ſo ungeſchickt, daß die ſalzige Ladung gegen das mittlere Fenſter des Eßſaales fährt und die Scheiben zertrümmert. Adolphine ſpringt entſetzt in die Arme ihrer Muiter, Cäſar bellt und der Herr Graf iſt außer ſich vor Entzücken. „Gut, recht gut,“ ruft er,„noch beſſer! Endlich merkt man, daß ich da bin. Was ſie ſpielen, iſt recht hübſch, aber was ſingen vie Leute, Cham⸗ pagne?“ 72 „Den großen Tartarenchor aus„Lodviskas, Herr Graf.“ „Immer das alte Stücchen! Kannſt Du ihnen nichts Neues beibringen?“ „Beim nächſten Empfang ſollen ſie italieniſch ſingen, Herr Graf.“ „Bah, das bringſt Du ihnen nicht ei.⸗ „Ganz leicht, Herr Graf. Die Worte brauchen wir nicht; die Geige ſpielt die Melodie und dazu müſſen ſie mit Hand und Fuß den Takt ſchlagen.“ „Gut, Champagne, ſo wird der ſchwierige italie⸗ niſch Accent ſie nicht geniren. Madame, fügen wir uns dem ſtürmiſchen Verlangen der Leute, beglücken wir ſie vollends mit unſerer Gegenwart.. Ihren Arm, wenn ich bitten darf!“* Madame nimmt den Arm des Herrn Grafen an und gibt den andern ihrer Tochter. Bei ihrem Erſcheinen auf der Schloßtreppe werden ſie mit don⸗ nerndem Vivat empfangen, das, inſoweit es ehrlich gemeint iſt, nur der edlen Gräfin galt. Alle drän⸗ gen ſich herzu, ihr Blumenſträuße zu reichen, die ſie eben ſo anmuthig als huldvoll entgegen nimmt und dabei Jedem etwas Angenehmes zu ſagen weiß. Inzwiſchen geht Herr von Franconard herum, lorgneitirt die Bauernmädchen, gibt den pübſchen einen zärtlichen Patſch oder kneift ſie, mit der Miene eines Protectors, in den Arm, in's Knie oder ſonſt⸗ wohin. Ein über's andere Mal hört man ihn ru⸗ fen:„Pfui, die Naſe. der Mund.. die großen Füße die ſchauderhaften Hände mein Gott, ——½ 73 hat man je ſo was geſehen?! Hm! die geht an. paſſabel. nicht ganz ſo häßlich he da, ihr Dir⸗ nen, ihr ſeid froh, mich zu ſehen, nicht wahr? Ich käm' öfter, Kinder, wenn ihr hübſcher wär't. Aber eure Rage taugt nichts hier zu Land.“ Jetzt wird der Park den Bauern geöffnet, die Geige gibt das Signal zum Tanze, die Quadrillen bilden ſich, Jeder nimmt ſein Schätzchen. Auf allen Geſichtern glänzt Heiterkeit und Luſt. Man fliegt da⸗ hin, hüpft, ſpringt, kreuzt und dreht ſich, geht und kommt. Der Bauer iſt mit Leib und Seele beim Tanze! Der Herr Graf hat anfangs Luſt, den Ball mit einem jungen Bauernmädchen zu eröffnen, dann aber denkt er an Podagra und andere agras. So geht denn bloß auf und ab und hin und her mitten durch die Quadrillen, gefolgt von Cä⸗ ſar, der zum größten Ergötzen ſeines Herrn nach den Beinen der Tänzer ſchnappt oder eine Tänzerin am Rock erwiſcht. Wie gerne nähme Adolphine an dem Vergnügen der Landleute Antheil und tanzte mit mir, aber ſie ſucht mich vergebens. Ein über's andere Mal fragt ſie ihre Mutter:„Wo iſt denn Andreas? Wa⸗ rum fehlt er, wo Alles ſich freut?“ Endlich bemerkt mich Madame unter der Menge verſteckt. Sie winkt mir zu ſich und ſtellt mir Adol⸗ phine vor mit den Worten:„Warum tanzeſt Du nicht mit Adolphine? Sie wartet längſt darauf.“ Mein Gott, wie kann ich in Gegenwart des Grafen, unter ſeinen Augen, mit Adolphine tan⸗ 74 zen?! Aber noch weniger vermag ich einer ſo füßen Verſuchung zu widerſtehen. Ich nehme die Hand des liebenswürdigen Mädchens, und dahin fliegen wir. nahe gefolgt von Lucilien, welche von einem jungen Bauern engagirt iſt. Jetzt ſtehen wir uns gegenüber. Der Geiger geigt und das Tam⸗ bourin wirbelt, was das Zeug halten will. Welch ein Vergnügen, mit Adolphine zu tanzen und Lu⸗ eilien gegenüber zu haben, bald die Hände der einen zu drücken, bald die Finger der andern leiſe in ſeiner Hand zu fühlen! Nie bin ich ſo glücklich geweſen, nie iſ mir die Zeit raſcher verflogen. Ich glaube, ohne den Grafen tanzten wir noch heute. Kaum hat aber dieſer Adolphine und mich tanzen ſehen, ſo höre ich auch ſchon das Wort„Savoyarde“, und aus iſt unſere Freude. Dem Geiger wird als⸗ bald Stille geboten. Alſo auch hier kann er meine Abkunft nicht ver⸗ geſſen?. auch hier macht er meine geringe Geburt mir zum Verbrechen?! Traurig laß ich Adolphinens Hand los und flüchte mich in das Dunkel eines Bos⸗ ketts, mein volles Herz durch Thränen zu erleichtern. An dieſen Thränen iſt Niemand ſchuld als der Herr Graf. Nicht, daß ich dem Schickſal zürnte, das mich als Savoharde geboren werden ließ, v nein, aber die Ungerechtigkeit der Menſchen kränkt mich. Ich bin noch zu jung, mich an dieſe ſchmerzliche Erfahrung gewöhnen zu können! Aber das Feſt iſt noch nicht aus. Herr Cham⸗ pagne, der ſeine Sonne, Raketen, Schwärmer 75 u. ſ. w. auf einem freien Raſenplatz kunſtverſtändig angebracht hat, tritt unter tiefen Bücklingen auf den Grafen zu und überreicht ihm einen Stock, an deſſen oberem Ende eine brennende Lunte ſich befin⸗ det, mit folgender Anrede: „Die Geſchichte lehrt uns, daß in früheren Jahr⸗ hunderten die Lehensherrn bei Feſten, Turnieren, Fi⸗ ſcherſtechen u. ſ. w., die ſie veranſtalteten, die erſte Lanze zu brechen und den erſten Preis davonzutragen pflegten; deßgleichen mit Bogen oder Flinte zuerſt in die Scheibe zu ſchießen, die dann nicht zu weit weg aufgeſtellt ſein durfte; deßgleichtn zuerſt die jungen Neuvermählten am Hochzeittage zu umarmen — man nannte das jus primae nocti; kurz und gut, gnädiger Herr, die gnädigen Herren waren damals für Alles und bei Allem die Erſten!“ Champagne hält ein, um Athem zu ſchöpfen und auf das Ende der wohlgeſetzten Rede ſich zu veſinnen, während der Graf, der nicht weiß, wo er hinaus will, ihn fragt, ob er vielleicht im Hofe ein Lanzen⸗ brechen oder auf dem Teiche ein Fiſcherſtechen ange⸗ ordnet habe. bün „Das nicht, gnädiger Herr,“ antwortet Cham⸗ pagne,„aber ein hübſches Feuerwerk mit Sonnen, Monden, Sternen, Schwärmern und Raketen auf dem Raſen dort, und ich möchte Ihnen vorſchlagen, die erſte Rakete abzufeuern. Deßhalb geb' ich mir die Ehre, Ihnen dieſe Lunte zu präſentiren.“ Der Herr Graf ſcheint entzückt von dieſer Ueber⸗ raſchung, nimmt ihm die Lunte aus der Hand, . 76 ſchwingt ſie wie eine Fahne in die Höhe und legt ſie dann über die Schulter. Herr von Franconard marſchirt voran, dann ſetzt ſich die ganze Verſamm⸗ lung gegen den großen Raſenplatz zu in Bewegung. Unterwegs muß der Herr Graf die möglichen Folgen dieſes Wageſtückes reiflicher erwogen haben, denn er ruft Champagne und flüſtert ihm in's Ohr: „Die Lunte ſcheint mir zu kurz.“ „Sie iſt vier Fuß lang, Herr Graf.“ „Das iſt zu kurz, Champagne, hol' mir den Be⸗ ſenſtiel, den längſten, den Du findeſt, und binde die Lunte d'ran.“ „Aber, Herr Graf. „Kein Aber. ihu', wie ich befehle.“ Champagne geht mit der Lunte ab, während der Zug weiter marſchirt, voran den Grafen, der, in Ermanglung der Lunte, ſeinen Spazierſtock mit vieler Grazie auf und ab ſchwingt und ſtolz um ſich blickt. Eben als der Zug auf dem zum Feuerwerk er⸗ korenen Raſenplatze eintrifft, kommt Champagne zurück und präſentirt dem Grafen einen Stock ſo lang, daß man ein Strohdach über dem dritten Stock von ebener Erde aus anzünden konnte. Beruhigt nähert ſich der Graf dem Feuerwerke. Als er aber die dicken Sonnen und Raketen ſieht, erſchrickt er auf's Neue. „Geht das Alles auf einmal los, Champagne?“ „Nein, gnädiger Herr. Die erſte Rakete gibt bloß das Signal, dann jreten Sie bei Seite und ich feure das Uebrige los, das weiter davon aufge⸗ ſtellt iſt.“ „So gib mir die kleinſte Rakete zum Abfeuern. Der erſte Schuß darf nicht zu laut ſein, er erſchreckt ſonſt die Landleute.“ „Die da iſt die kleinſte, Herr Graf.“ „Gut ſo. geh' weg! oder biſt Du gewiß, daß ſie nicht losgeht?“ „So Gott will, geht ſie los, Herr Graf.“ „Ich meine, beim bloßen Anrühren. Ich habe keine Luſt, das andere Auge auch noch zu verlieren.“ „Hat keine Gefahr, Herr Graf. Ich ſtehe dafür.“ Alles wartet ungeduldig auf den Anfang des Schauſpieles. Die Dorfbewohner ſind auf dem Ra⸗ ſenplatze verſammelt, die Frau Gräfin ſteht zwiſchen ihrer Tochter und Lucilien, ich etwas weiter davon und ſehe ſie an, denn ich fürchte mich, Adolphine nahe zu kommen, ſo lange der Graf da iſt. Endlich faßt der Held des Tages Muth, nimmt den Beſenſtiel mit der Lunte am äußerſten Ende, ſtreckt den Arm ſo weit aus als möglich und berührt die Rakete. Das Feuer fängt und— krach! ſprüht die Rakete in die Lüfte unter lautem Jubelſchrei der verſammelten Menge. Gott dankend, daß ihm der große Wurf gelungen, ſchmeißt er die Lunte weit von ſich und trocknet ſich den Angſtſchweiß von der Stirne. Zum Unglück aber wirft er die Lunte mit⸗ ten unter das übrige Feuerwerk, das Champagne unvorſichtiger Weiſe allzu nahe den Zuſchauern an⸗ gebracht hat. In Einem Nu geht die ganze Ge⸗ ſchichte los, und mit einem furchtbaren Knall wir⸗ beln Sonnen, Monde, Sterne, Schwärmer und Raketen in die Höhe und fallen ziſchelnd und ſchlän⸗ gelnd unter die Menge nieder. Eine Artiſchocke fährt geraden Wegs zwiſchen die Beine des Herrn Grafen, der, betäubt von der Exploſion, nicht weiß, wohin er ſich flüchten ſoll. Alles ſchreit und jammert. Mützen, Hüte und Schürzen der Bäuerinnen ſchlagen in hellen Flammen auf.„Ich brenne, ich brenne!“ ruft es von allen Seiten;„löſcht! Waſſer! Waſſer!“ Die Trümmer einer Sonne ſind gerade auf Adol⸗ phinens Haupt niedergefallen. Ihre Haare fangen Feuer und ſchon droht den Kleidern Gefahr. Die Frau Gräfin verliert den Kopf, Lucilie ſchreit um Hülfe, aber Jeder denkt nur an ſich. Wer brennt, hat genug mit ſich zu thun, und wer nicht brennt, ſieht ſich von Kopf bis Fuß an. Schnell ſpring' ich zur Hülfe herbei, nehme ſie in meinen Arm, löſche durch den Druck die Flamme in ihren Kleidern und erſticke mit der Hand das Feuer in ihren Haaren. So iſt ſie denn gerettet, ohne daß ihr Geſicht von der Flamme gelitten hat. Die Gräfin findet keine Worte, mir ihren Dank zu bezeugen; ſie heißt mich ihren Retter und den Retter ihrer Tochter. Was hab' ich denn ſo Außer⸗ ordentliches gethan? Iſt es nicht natürlich, daß ich für Adolphine mein Leben wage? Dieſe weiß nicht, in welcher Gefahr ſie ſchwebte. Sie lacht ſchon wie⸗ der und nennt mich ihren lieben Andreas. Lieber 1 59 Andreas! Ach, dieſe ſüßen Worte aus ihrem ſüßen WMunde laſſen mich die leichten Schmerzen der Brand⸗ wunde an der Hand vergeſſen. „Armer Schelm!“ ſagt Lucilie;„er hat ſich die ganze Hand verbrannt.“ „O, das thut nichts, Mamſell!“ Madame will mich eben in's Haus führen, um mich verbinden zu laſſen, als ein furchtbares Angſt⸗ geſchrei ertönt. Der Herr Graf, der bis dahin ru⸗ hig geweſen war, läuft mit einmal wie verrückt im Garten herum, greift mit den Händen an die Hoſen und ſchreit, daß er brenne. Die Artiſchocke hatte beim Durchfahren durch die Beine den oberſten Theil jenes Kleidungsſtückes geſtreift, der, weil er von Tuch war, nicht ſo leicht Feuer fing. Der Herr Graf meint, der brandichte Geruch, der ihm über⸗ all hin folgt, komme von Anderen her, und merkt ſeine perſönliche Gefahr erſt an den körperlichen Schmerzen. Statt ſich ruhig zu halten und das Feuer zu er⸗ ſticken, ſpringt er links und rechts herum, krümmt und windet ſich und ſchreit dabei wie ein Beſeſſener: „Zu Hülfe, Champagne; ich röſte... ich brenne... meine Hoſe die Rakete. ich brate„ Dadurch wird das Feuer, das man nicht ſehen konnte, weil es durch die Rockſchöße verdeckt war, nur um ſo ärger. „Wo brennt der Herr Graf?“ fragt Champagne herbeieilend;„ich ſehe nichts!“ Statt zu antworten, hebt der Graf die Rockſchöße in die Höhe und zeigt 80 den gefährdeten Theil. Champagne zieht das Schnupf⸗ tuch aus der Taſche und legt es darauf; das hilft aber nicht ſchnell genug. Indeß tobt und flucht der Graf wie ein Verdammter und ſchreit, daß ſein Liebſtes auf Erden in Gefahr ſei. Außerordentliche Gefahr verlangt außerordentliche Hülfe. Somit nimmt Champagne, um das Haus Franconard vor dem Ausſterben zu retten, den Grafen in die Arme, läuft mit ihm auf den Teich zu und wirft ihn Hals über Kopf mitten in's Baſſin. Der Graf verſchwindet einen Augenblick, taucht dann wieder in die Höhe, arbeitet mit Händen und Füßen und ſchreit, als brenne er noch, denn er fürchtet das Waſſer eben ſo ſehr als das Feuer. Cham⸗ pagne ergreift eine lange Hackenſtange, die dicht neben ihm liegt, hält ſie dem Schwimmer zu und fragt:„Brennen Sie noch, Herr Graf?“ „Nein⸗ Schuft!.. Zieh' mich heraus, oder ich ertrinke.“ Champagne erwiſcht mit der Hackenſtange den Herrn Grafen am Gürtel und zieht ihn ſanft auf's Trockene. Aber in Folge des plötzlichen Ueberganges oder Ue⸗ falles vom Feuer in's Waſſer und der Schmerzen der Brandwunden kann er nicht aufſtehen, und man trägt ihn in's Bett. Statt an die Erzielung eines Erben zu denken, verbringt der Graf die Nacht un⸗ ter Schmerzen und Auflegen von Cataplasmen. 81 Viertes Kapitel. Ich bin kein Kind mehr. . Den Tag nach dieſem denkwürdigen Feſte, das ſo außerordentliche Folgen gehabt, will Herr von Franconard, der über heſtige Schmerzen klagt, nach Paris zurückkehren. Madame läßt ſich's nicht neh⸗ men, ihn zu begleiten, um ihn perſönlich zu pflegen; ſie meidet ihn, wenn er von Liebe ſchwatzt, aber hat Mitleid mit ihm, wenn er Mitleid verdient. Wir reiſen zuſammen ab. Meine Hände ſchmer⸗ zen ſehr, aber ich vergeſſe das, wenn ich denke, daß ich Adolphinen gerettet und ihr hübſches Geſicht ge⸗ gen die Feuerflamme beſchirmt habe. Dießmal reiſen wir nicht wie gewöhnlich. Ma⸗ dame ſitzt mit ihrer Tochter im Wagen des Grafen; ich bin im ihrigen mit Lucilie und Herrn Chämpagne, der mich ſcharf anſieht, namentlich als das junge Kammermädchen meine Hände nimmt und ſagt: „Der arme Andreas, das muß ihm recht weh thun. Ohne ihn hätte ſich das Fräulein das ganze Geſigh verbrennt. Sie haben da ſchöne Geſchichten gemacht, Herr Champagne, mit Ihrem Feuerwerk!“ „Mich dünkt, ich verdiene alles Lob!“ antwortet Champagne.„Ohne mich wäre der Herr Graf zu Kohlen und Aſche verbrannt. Ich habe ihm das Leben gerettet!“ Paul de Kock. LXKRv. 6 82 „Ich weiß nicht, was Sie ihm gerettet haben, aber ich weiß, daß Sie beinahe uns Alle verbrannt hätten.“ In Paris angekommen, befällt den Grafen eine Krankheit in Folge der plötzlichen Erkältung nach der drohenden Feuersgefahr. Die gute Caroline„ pflegt ihn mit größter Aufopferung. Unterdeß geh' ich regelmäßig zu Nanette, wenn ich nichts zu ar⸗ veiten habe und nicht bei Adolphine ſein kann. Ich fühle, ich darf mir nicht mehr die alten Vertraulich⸗ keiten gegen die Tochter meiner Wohlthäterin erlau⸗ ven. ſie wächst immer mehr heran. Statt zu ſpie⸗ len, zeichnen und muſiciren wir, oder unterhalten uns über vernünſtige Dinge. Auch das hat ſeine großen Reize. Das liebenswürdige Kind dutzt mich nicht länger, auch heißt ſie mich nicht mehr ihren lieben Andreas. Ohne Zweifel hat man ihr geſagt, daß ſich das nicht mehr ſchicke. Doch ihre Stimme iſt und bleibt gleich ſanft und ſüß. Ich leſe in ihren Augen, wie ihr Herz mich immer noch ihren lieben Andreas nennt. Seit dem Abenteuer im Boskette will mich Lueilie nicht mehr küſſen; ſie ſagt, ich ſei jetzt zu groß. Und doch bekomm' ich immer größere Luſt darnach⸗ 2 6e älter ich werde. Nanette hat nichts dagegen, und wird doch auch ein recht hübſches Mädchen. Sie iſt groß, ſchlank⸗ von ziemlich anziehenden Geſichtszügen, natürlich riſcher Farbe und kindiſch einfachem Weſen und Benehmen, arbeitſam und thätig; dabei lernt ſie 8³ nähen und liest heimlich Romane, um zu wiſſen, wie man in der vornehmen Welt liebt und von Liebe ſpricht. Ich nähere mich jetzt dem ſiebenzehnten Lebens⸗ jahr. Seit ihm der Schwärmer zwiſchen die Beine gefahren, ſcheint der Herr Graf ſein Lieblingsproject hinſichtlich des Erbens aufgegeben zu haben. Die Gräfin iſt jetzt oft bei ihrem Gemahl, weil er ſie mit ſeinem Liebesgeſchwätze verſchont. Statt des zu erzielenden Sohnes denkt Herr von Franconard nur an ſeine Tochter. Adolphine iſt erſt vierzehn Jahre alt und doch feſſelt ſie Aller Blicke durch ihre Schön⸗ heit und Anmuth. Sie iſt der Stolz ihrer Mutter, die, weit entfernt, Eiferſucht zu fühlen, nur für das der Tochter geſpendete Lob Ohren hat, und doch iſt ſie, die Mutter, noch eine junge und ſchöne Frau. Im Stillen bewundere ich die täglich mehr ſich entfaltenden Reize Adolphinens; ihr Bild umſchwebt mich Nacht und Tag. Ich bin groß, wohlerzogen, habe alles Ländliche abgeſtreift; ich höre, wie man meinen Wuchs und mein Ausſehen lobt. Im Schloſſe heiße ich überall Herr Andreas ich muß alſo etwas Herrenartiges an mir haben. Man rühmt auch meine Talente und Fertigkeiten. Aber was nützt mir das Alles? Muß ich mich nicht einſt von Adolphit trennen? Schon jetzt quält mich der Gedanke und läßt mir nirgends Ruhe. Ich bin nur ein armer Sa⸗ voyarde, aus Menſchenfreundlichkeit hier im Schloſſe aufgezogen ich verdanke Alles der Güte der Frau * 84 Gräfin. Aber wird die Erziehung, die ich ihr zu danken habe, mich glücklicher machen? „Wollen Sie den Andreas ewig bei ſich behalten, Madame?“ fragt eines Tages der Graf. „Er iſt noch jung,“ antwortet meine Wohlthä⸗ terin.„In Kurzem werd' ich mich nach einer Be⸗ ſchäftigung für ihn umſehen, die ſeinen Talenten angemeſſen iſt.“ Eine Beſchäftigung.. eine Stelle! Ich muß alſo das Haus verlaſſen.. mich von Adolphine trennen! Ich wage nicht, meinen Kummer blicken zu laſſen. Nur gegen die gute Schweſter ſchütte ich mein Herz aus. Ich rede ihr unaufhörlich von dem jungen Fräulein vor, rühme ihre Anmuth, Schönheit und Talente, erzähle ihr Wort für Wort Alles, was ſie mir geſagt hat. O wie gerne ſpreche ich von Adol⸗ phine! Nanette hört mich ſchweigend anz oft glaub' ich Thränen in ihren Augen zu ſehen. Arme Schwe⸗ ſter, gewiß hat ſie Mitleid mit mir. gewiß iſt ſie traurig, weil ſie mich traurig ſieht. So frei und offen könnt' ich gegen Lucilie nicht ſein, aus Furcht, ſie werde die Beſchaffenheit meiner Gefühle errathen und davon plaudern. Um keinen Preis der Welt möcht' ich die Urſache meiner Trau⸗ rigkeit bekannt wiſſen im Hotel. Ich bin ſo ſchon ſo ſchüchtern und verlegen bei Fräulein Adolphine. Es ſcheint mir, Jeder ſehe mir bis auf den Grund der Seele.„ Zur Feier des Namenstages ſeiner Tochter will der Graf einen prächtigen Ball veranſtalten. Ich 85 weiß nicht, warum dieß mich faſt trübe ſtimmt, und doch wird es ihr zu Ehren gegeben! Aber ich denke mir, ich darf ſie den ganzen Abend nicht ſehen; ich fürchte, ſie wird von vielen jungen und ſchönen Leuten umgeben ſein, die ſie reizend finden und es ihr ſagen werden, und das, glaub' ich, iſt die Urſache meines Mißmuthes. Ich gehe zur gnädigen Frau hinunter. Ich fürchte mich, Adolphinen ein Bouquet zu reichen; aber eine Roſe von meinem ſelbſtgezogenen Roſen⸗ ſtocke am Fenſter will ich ihr bringen. Madame iſt mit ihrer Toilette beſchäftigt, Adol⸗ phine allein im Zimmer, vor ihrem Flügel. Seit langer Zeit haben wir uns nicht allein geſehen. Trotz der günſtigen Gelegenheit, ihr die Blume mit den beſten Wünſchen für ihr künftiges Glück zu überrei⸗ chen, hab' ich nicht den Muth dazu. Ich bleibe wie feſtgewurzelt mitten im Saale ſtehen und ſehe bald—% Adolphine, bald die Roſe an. Als das liebenswürdige Kind mich erblickt, ruft ſie:„Sie da, Andreas kommen Sie näher.“ Ich trete langſam näher und zerreiße faſt die Blume, die ich in der Hand habe. „Wir ſehen uns ja ſo ſelten, Andreas. Gefällt es Ihnen nicht mehr bei uns?“ „Und wie, Fräulein!“ „Warum kommen Sie nicht täglich?“ „Ich fürchte.. zu ſtören, Fräulein.“ „Zu ſtören?. Nein, Andreas, ich kann in Ihrer Gegenwart eben ſo fleißig arbeiten.. vielleicht 86 noch fleißiger und beſſer. Oder langweilt Sie die Mußik?“ „Gewiß nicht, Fräulein.“ „Fräulein?.„Wie feierlich und gemeſſen, An⸗ dreas? Sie ſcheinen lange nicht ſo heiter wie ehe⸗ mals. Drückt Sie was? Sagen Sie's mir, Sie wiſſen, ich bin Ihre Freundin!“ O, wie mir das zu Herzen geht! Ich bin ſo entzückt darüber, daß das Wort auf meiner Zunge erſtirbt. Ich reiche ihr die Roſe hin und ſtottere: „Wollten Sie geruhen, Fräulein?“ „Die ſchöne Roſe iſt für mich, Andreas?“ „Ja, Fräulein, wenn Sie ſie annehmen wollen von mir. Iſt nicht heute Ihr Namenstag?“ „Wenn ich ſie annehmen will? Zweifeln Sie da⸗ ran? Ich meinem Lebensretter eine Roſe verwei⸗ gern? Die Roſe, lieber Andreas, iſt mir das liebſte Geſchenk nach dem Geſchenk meiner Mutter.“ Lieber Andreas! Sie nennt mich ihren lieben Andreas. Ich bin wie außer mir! In namenloſem Entzücken faſſe ich ihre Hand und drücke ſie in der meinigen. Aber wer kommt.„Cäſar bellt. Großer Gott, der Herr Graf iſt's. Schnell reiß ich mich von Adolphinen los und eile auf die Thüre zu, mich davon zu ſchleichen; doch zu ſpät, ich laufe gerade auf ihn zu. „Vorgeſehen, Schlingel!“ ruft Herr von Fran⸗ conard.„Er iſt Schuld, daß Cäſar auf drei Pfoten herumhinkt, und jetzt rennt er mir die Raſe ein. Wann trollt Er ſich endlich aus meinem Hauſe?“ 87 Schlingel! Das Eine Wort vernichtet alle meine Freude; wie weh mir das ihut! Ich muß meinen Thränen Luft machen. Ich ſchließe mich in meinem Zimmer ein und hänge meinen trüben Gedanken nach, bis die Stunde des Feſtes ſchlägt. Dann gehe ich an das Fenſter und betrachte mir die ſchönen Wagen, Pferde, Liv⸗ reen und Toiletten; das dauert wohl über eine Stunde. Was jetzt anfangen? Hinunter darf ich nicht, bei den Bedienten mag ich nicht ſein, und um Nanette und Vater Bernhard zu beſuchen, müßte ich die glänzend erleuchtete Treppe hinunter und ich ſchäme nich, meine traurige Miene zu zeigen, wo es ſo hoch hergeht. Ich werfe mich verſtimmt auf einen Stuhl und denke über mein Schickſal nach. Es iſt mir, als hörte ich noch den„lieben Andreas“ von Adolphinen und dazwiſchen den„Schlingel“ vom Grafen. Ich muß endlich bitter weinen. Mir ſcheint, als hätte Madame beſſer gethan, mich in meinem früheren Berufe zu laſſen; ich war ſo glücklich, ſo zufrieden bei Bemhard und Nanette! Je länger ich nach⸗ ſinne, um ſo trauriger werde ich. Plötzlich fühle ich eine ſammtweiche Hand auf menen Augen und höre eine wohlbekannte Stimme. „Warum ſo allein und ſo brummig wie ein Bär, während Alles im Hotel luſtig und guter Ding iſt?“ Luilie iſt's. Sie hat ſich leiſe in's Zimmer ge⸗ ſchlichn, ohne daß ich ſie gehört. „Komme mit, Andreas, wir wollen durch ein Fenſter im Saale dem Tanz zuſehen. Da ſind wir allein und können uns nach Muße die ſchönen Toi⸗ letten anſchauen und an den vornehmen Leuten ler⸗ nen, wie man es auf dem Balle machen muß.“ „Ich danke Ihnen, Mamſell Lucilie; ich habe keine Luſt, dem Tanz zuzuſehen,“ ſage ich betrübt zu Lucilie. Sie bückt ſich und ſieht dann die Thränen in meinen Augen. „Mein Gott, was gibt es denn? Ich glaube, er weint; ja, ſeine Augen ſind ganz roth. Andreas, Freundchen, was fehlt Dir? Warum ſo traurig? Ich will und muß es wiſſen; weinen, wenn Alles lacht und ſcherzt! Geſchwind, warum weinen wir?“ Lucilie ſetzt ſich neben mich auf den Stuhl, lest meine Hände auf ihren Schvoß, drückt ſie, neigt ſich zu mir, ſieht mich fragend an und beſchwört nich auf die theilnehmendſte Weiſe, ihr die Urſache mei⸗ nes Kummers zu nennen. O, wie gut doch die Weiber zu tröſten wiſſen; unſer Schmerz ſcheint ihr Schmerz zu ſein. Ehe wir es merken, fühlen wir uns um die Hälfte leichter. Schon komme ich mir weniger bedauernswerth vor, ſeit Lucilie bei mir iſt und ich bei ihr. Ich erzähle ihr bloß, was der Graf zu mir geſagt hatz das Andere behalte ich für mich.. „Weiter Nichts?“ lächelt ſie.„Wie kindiſch, ſich darüber zu grämen. Was kümmerſt Du Dich um den alten Griesgram, der für Nichts Sinn hit als für Küche und Hundeſtall. Biſt Du darum neniger . 89 geliebt von der gnädigen Frau, dem Fräulein und mir? Biſt Du darum weniger talentvoll, weniger nett, weniger artig? Alſo nicht länger geweint, ich verbiete es. Weinen macht die Augen roth und ſcha⸗ det den hübſchen Aeuglein da...“ Dabei küßt ſie mich auf die Stirne und das thut mir ſo ſüß, ſo wohl! Ich glaube, ich bin ſchon Etwas getröſtet; dennoch ſeufze ich tief auf, aber nicht ganz aus Kummer. Lucilie meint, ich ſei immer noch traurig und hält nochmals ihr Köpſchen dicht an meine Bruſt. Dießmal küſſe ich ſie, doch nicht auf die Stirne. „Was machſt Du denn, Andreas,“ ruft Lucilie mit zitternder Stimme.„Warum küſſeſt Du mich? Wenn es Dich tröſtet, will ich's Dir ein wenig er⸗ lauben, aber nur ein wenig.. ich glaube, jetzt iſt's genug, mein Herr.“ Das ſagt ſie nicht in ſcheltendem Tone. Der Anblick meiner Thränen hat ihr Mitleid eingeflößt, und Mitleid macht ſchwach. Ich drücke ſie brünſtig an mein Herz: o, ſie hat nicht mehr Zeit, meine Küſſe zu zählen; ſie ftößt mich zurück, aber ſo ſanft! und wie zärtlich ſagt ſie:„Andreas, mein Freund, höre auf, ich bitte Dich!“ Wie konnte ich*1.. Im ſiebenzehnten Jahre auf⸗ hören?!.. Mich nicht tröſten dürfen in Deinen Armen, Du gutes Mädchen?! Jetzt haben wir die Rollen gewechſelt: ich bin der Tröſter und Lucilie die zu Tröſtende. „Wer hätte das von Dir gedacht, Andreas?“ ſagt 90 ſie laut aufſeufzend, doch ſehe ich keine Thräne in ihrem Auge. Ich tröſte Lucilie und ſie gibt ſich zu⸗ frieden; bald fängt ſie jedoch wieder zu jammern an und ich tröſte ſie nochmals. Aber Alles hat ein Ende. Kaum iſt ſie genug getröſtet, ſo nimmt ſie die alte Schelmenmiene an und ſagt lächelnd: „Nur geſchwiegen, Andreas, es geht Niemand was an, ich bin Herrin im eigenen Hauſe. Wer hin⸗ dert mich, wenn ich Dich lieben will? Doch wollte ich, Du wärſt artiger geweſen, aber was geſche⸗ hen, iſt geſchehen.. vorbei! Jetzt fehlt nur noch der Liebesſchwur, Andreas, einen regelrechten Schwur will ich, Andreas, geſchwind! Mein Gott, das Kind weiß von Nichts, ich muß ihm Alles beibrin⸗ gen.“ Lucilie ſtellt ſich vor mich hin, heißt mich die rechte Hand in die Höhe heben und ihr Alles nach⸗ ſprechen, und erkünſtelt eine feierliche Miene, die zu ihrem Schelmengeſichtchen ſchlecht paßt. „Ich ſchwöre Lucilie, die ich von ganzem Herzen liebe.. nun, mein Herr, kömmt's bald?“ „Ich ſchwöre Lucilie, die ich von ganzem Herzen ſebe. „Gut ſo. und ewig lieb behalten i „O gewiß, ewig!“ „Wie nett er das ſagt! Einen Kuß Dir, zum Lohn, Andreas. Mein Gott, wo waren wir?“ „Ich ſchwöre, Sie ewig zu lieben, theure Lucilie.“ „Theure Lucilie, immer beſſer! Ja, Andreas, Du mußt mich ſo nennen, Notabene, wenn wir allein 91 ſind, denn vor der Welt darfſt Du Richts merken laſſen.“ „Gewiß nicht, Mamſell.“ „Mamſell? Was ſoll das froſtige Mamſell? Sag': theure Lucilie, wie Du eben ſo nett ſagteſt.“ „Ja, meine theure, innigſt geliebte Lucilie.“ „So iſt's recht, mein lieber Andreas. Aber der Schwur, mein Herr, mit dem kommen Sie nicht. Einen Schwur will ich, einen Schwur, verſtanden? Alſo: ich ſchwöre ihr ewige nun, kommt's bald?“ „Treue? Was verſteht man darunter, Lucilie?“ „Heilige Mutter Gottes, das heißt aber dem Kinde muß man Alles ſagen! das heißt, daß Du nur mich lieben willſt.“ „Das kann ich nicht ſchwören, Lucilie.“ „Was? Wie? Das können Sie nicht ſchwören, mein Herr? Warum nicht, wenn ich bitten darf?“ „Weil ich lügen müßte, und ein Savoyarde lügt nicht, ſelbſt wenn er in Paris erzogen iſt. Ich will nie vergeſſen, was mein Vater ſelig. „Von dem Allen verſtehe ich Nichts, mein Herr. Haben Sie etwa ſchon Ihr Auge auf eine Andere gerichtet, kleiner Verräther? Ach, lieber Andreas, das wäre recht ſchlecht gehandelt!“ „Und ich ſoll nicht mal meine Wohlthäterin, Na⸗ nette und Fräulein Adolphine lieben dürfen?“ „So meine ich's nicht, Andreas, ich meine unter Liebe. doch wozu der Schwur, Thorheit das! Man ſchwört und vergißt über dem Schwur die Perſon, 92 der man geſchworen hat. So geht's in der Welt. Liebe mich, ſo viel Du kannſt und magſt; ich darf nicht mehr verlangen von Dir als Freundſchaft. Du biſt ſiebenzehn Jahre alt, ich vierundzwanzig: ſo bin ich bald zu alt für Dich, Andreas.“ „Was kümmert mich das Alter, Lucilie, ich will Dich ewig lieben.“ „Das Alter macht viel aus, Andreas. Auch ſag' ich nicht, daß ich alt bin, Gott ſei Dank, im vier⸗ undzwanzigſten Jahre iſt man noch jung, ſehr jung, Andreas, namentlich die Weiber. Mit den Männern iſt's anders, die ſcheinen viel eher vernünftig. Du z. B. ſiehſt ſchon aus wie ein Mann von zwanzig Jahren. Aber was iſt die Uhr, Andreas meiner Seel'“ eilf Uhr! Wenn Madame ruft! Ich muß fort, ſchade, ſchade! Adieu, Andreas, Adieu! Aber noch Eins, Andreas, noch eine Bitte, die Du mir nicht abſchlagen darfſt.“ „Und die wäre?“ „Daß Du nicht ſo oft zu Deiner Nanette gehſt, ich mag ſie nicht, Deine Nanette, ſie iſt eben ſo alt wie Du; hat ſie keinen Liebhaber?“ „Nanette einen Liebhaber? O nein, nein, Lucilie! Sie denkt nicht daran.“ „Woher weißt Du das? Doch ich rathe, warum? Weil Du ihr Liebhaber biſt! Warte, Schelmchen!“ „Ich Nanettens Liebhaber? Nein, Lucilie, ich liebe ſie wie eine Schweſter.“ „Ha ha! Man weiß, was das heißt, man kennt — — 93 die Liebe von Brüdern zu Mamſellchen, die nicht ihre Schweſtern ſind! Und es wäre recht ſchlecht von Dir, die Tochter des ehrlichen alten Bernhard zu verführen, der Dich wie ſeinen Sohn aufgenom⸗ men und behandelt hat.“ „Aber, Mamſell, ich ſchwöre.... „Aber, mein Herr, Sie wiſſen, ich will keinen Schwur, das da iſt beſſer... Adieu jetzt, Andreas, ich muß fort. Du gehſt gleich zu Bette, nicht wahr?“ „Gewiß, Lucilie, was ſoll ich noch thun?“ „Gut ſchlafen, Andreas, und von mir träumen, wie ich von Dir träumen will, und wie ich ſchon oft gethan habe, ohne Dir's zu ſagen. Jetzt wird er mir vollends keine Ruhe mehr gönnen im Traume. O, die Männer die, wie das Volk uns quält! Mein Gott, wenn ich daran denke, habe ihn als Kind ge⸗ kannt und heute. heute. gute Nacht, Andreas!“ Sie küßt mich, geht, kommt zurück und küßt mich nochmals. So macht ſie's wenigſtens zwanzig Mal. O, das reizende, wonnige Geſchöpf! Endlich iſt ſie fort, und gleich liege ich im Bett. Wer hätte ge⸗ dacht, daß ein Tag, der ſo bitter anfing, ſo ſüß enden würde! Fünftes Kapitel. Ein neuer Ankömmling.— Abreiſe. Dank den Tröſtungen der liebenswürdigen Lucilie, bin ich auf eine Zeit lang von dem träumeriſchen ——— 94 Weſen kurirt. Sobald das junge Mädchen einen Rückfall in die Schwermuth für mich fürchtet, ſteht ſie mir hülfreich bei und verſcheucht mit dem Talis⸗ man ihrer ſüßen Liebkoſungen alle trüben Gedanken in die Zukunft. Bei ihr kann man nur an die Ge⸗ genwart denken. Trotz dem fühle ich, daß meine Neigung zu Fräu⸗ lein Adolphine täglich inniger wird. Auch Lucilie liebe ich, aber welch' ein Unterſchied zwiſchen meinen Gefühlen für die Eine und die Andere! Bei letzterer iſt meine Schüchternheit gänzlich verſchwunden; ich ſcherze, lache, küſſe, und denke nur an's Vergnügen. Der Anblick ihrer Reize, ihr ſchelmiſches Auge, ihr anmuthiges Weſen entflammt meine Sinnez ich bin wie berauſcht von ſüßer Luſt. Bei Adolphinen bin ich noch immer gleich ſchüchtern, gleich verlegen. Ich hätte ihr tauſend Dinge zu ſagen und finde keine Worte dafür, ich ſehe ſie nur verſtohlen an, ich fürchte und wünſche ihrem Auge zu begegnen. Spricht ſie mit mir, ſo zittere und ſeufze ich; ſieht ſie einen An⸗ dern an, ſo wird mir ich weiß ſelbſt nicht wie ſchwül zu Muthe. Iſt das eigentlich Vergnügen, was ich in ihrer Nähe empfinde? Schwerlich, und voch muß es ſo ſein, weil ich für dieſen Genuß alle Genüſſe, die Lucilie mir gewährt, hingeben würde. Es gibt alſo zwei Arten von Liebe. Wie kommt es, daß man der Liebe, die uns glücklich macht, die andere vor⸗ zieht, die uns Schmerzen bringt? Ungeachtet Luciliens Verbot ſehe ich Nanetten nach wie vor. Das gute Kind nimmt in Allem, 95 was mich betrifft, den lebhafteſten Antheil; ich muß ihr yaarklein erzählen, wie ich den Tag über lebe und was ich thue. Gegen ſie ſchütte ich mein gan⸗ zes Herz aus, gewiſſe Vertraulichkeiten abgerechnet, die ich für mich behalten muß, weil ich kein Kind mehr bin und das männliche Alter, dem ich mich nähere, Verſchwiegenheit fordert. Aber auch Nanette iſt größer und reifer geworden. Eines Tages, als wir allein ſind, füllt mir ein, was Lucilie kürzlich ſagte. „Nanette,“ ſage ich zu ihr,„ich habe keine Ge⸗ heimniſſe vor Dir, wie Du weißt, doch ſcheint mir, Du ſchenkſt mir nicht daſſelbe Vertrauen.“ Nanette erhebt ihr ſanftes, etwas ſchmachtendes Auge auf mich und fragt erſtaunt: „Was meinſt Du, Andreas?“ „Ich meine, Du haſt gewiſſe unſchuldige Geheim⸗ niſſe vor mir.. in Deinem Alter fängt das Herz an ſich zu regen, glaub' ich.“ Sie erröthet und fragt eben ſo haſtig als ver⸗ wirrt: „Wer behauptet, daß mein Herz ſich rege?“ „Niemand, Nanette, ich vermuthe es nur, weil Mamſell Lucilie meint, Du ſeieſt alt genug. Einen zu lieben.“ „Deine Mamſell Lucilie iſt nicht geſcheidt. Sie mag mehr wiſſen als ich, aber ich ſehe nicht die Nothwendigkeit davon ein.“ „Sei nur nicht böſe, Nanette, es iſt ja kein Ver⸗ brechen, einen Liebhaber zu haben; ich meine einen Mann, der Dir in Ehren den Hof macht.“ 96 „Nein, Andreas, nein, ich habe keinen und werde nie einen haben.“ „Nie? Wer ſteht Dir dafür?“ „Ich ſelbſt, Andreas, ich! Aber was geht das denn Mamſell Lucilie an und warum ſetzt ſie Dir ſolche Dinge in den Kopf?“ Nanette hält die Schürze vor's Auge. „Tröſte Dich, Nanette,“ ſage ich und nehme ſie in den Arm.„Du brauchſt nicht zu weinen; ich ſagte da nichts Arges von Dir.“ „O doch, doch! Wie kann man mir einen Lieb⸗ haber andichten, mir, großer Gott, iſt's möglich!“ „Warum nicht, Nanette? Du biſt hübſch genug, Einem zu gefallen.“ Nanette erhebt ſchnell den Kopf und ſieht mich vergnügt an. „Alſo Du findeſt mich hübſch, Andreas?“ „Gewiß, Nanette.“ „Eben ſo hübſch als Fräulein Adolphine und Mamſell Lucilie?“ „Das iſt ſchon. anders.“ Sie blickt traurig nieder und wiederholt: „Ja, ich ſehe, daß es was Anderes iſt.“ „Es gibt ſo viele verſchiedene Schönheiten, Na⸗ nelte; keine ſieht der andern ganz gleich und doch gefallen ſie uns alle.“ „Mein Gott, Andreas, wie gelehrt Du über dieſe Dinge zu ſprechen weißt! Haſt Du das auch von Mamſell Lucilie gelernt?“ Dieſe naiv⸗unſchuldige Bemerkung Naneitens 97 zwingi mich, zu erröthen. Nach einer Weile hebt ſie auf's Neue an: „Und wär's Dir recht, wenn ich einen Liebhaber hätte?“ „Warum nicht? wenn er anders gut, redlich, fleißig und verſtändig iſt. kurz ſo⸗ wie Du's ver⸗ dienſt.“ Nanette antwortet Nichts. Sie ſteht auf und trocknet ſich, während ſie ihre Arbeit holt, mit dem Schnupftuch heimlich die Augen. Womit hab' ich ihr denn weh gethan? Ich denke nach, aber finde Nichts; gleich darauf tritt Vater Bernhard in's Zimmer und macht unſerm Geſpräch ein Ende. Vergeblich über die Urſache von Nanettens Kummer nachdenkend, kehre ich in's Hotel zurück. Hier finde ich Alles in großer Bewegung. Im Hofe des Hotels hält ein Reiſewagen und dicht dabei ſteht ein von Kopf bis zu Fuß beſtaubter Poſtillon. Wer mag denn angekommen ſein? Zum Glücke be⸗ gegne ich alsbald der allwiſſenden Lucilie, die mir die gewünſchte Aufklärung gibt. „Der Neffe des Herrn Grafen,“ ziſchelt ſie mir in's Ohr,„iſt ſo eben aus dem Wagen geſtiegen.“ „Welcher Neffe? Zum erſten Male höre ich von einem Neffen des Herrn Grafen.“ „Natürlich! denn er iſt erſt kürzlich zu Vermögen gelangt. Er iſt der Sohn einer Schweſter des Herrn Grafen, die einen Marquis von Thurigny heirathete, der ſeiner Wittwe Nichts hinterließ als ſeinen vor⸗ Paul de Kock. LKRKRV. 7 98 nehmen Namen. Die arme Frau ſchrieb an ihren Bruder, der aber that das Klügſte— er ſchwieg. Vor zwei Jahren ſtarb die Mutter des jungen Mar⸗ quis und erſt vor Kurzem hat Letzterer von einem Onkel ſeines Vaters eine hübſche Summe geerbt. Kaum hat der Graf dieß erfahren, ſo hat er ſeinem Neffen, der in der Normandie anſäßig iſt, geſchrieben, um ihn nach Paris einzuladen. So eben iſt er bei uns eingetroffen und, wie's ſcheint, wird er hier im Dotel wohnen, denn der Herr Graf hat Zim⸗ mer elegant einrichten laſſen.“ „Und wie alt iſt dieſer Neffe?“ „Faſt ſo jung wie Du, Andreas: zwanzig Jahre höchſtens, ſo ein Herrchen, das aus dem Collége kommt, aber dabei mit Anſtand, Ton, vielem Witz, wie mir ſcheint, übrigens nicht häßlich von Geſicht; etwas weniger Dünkel ſtünd' ihm noch beſſer, aber, mein Gott! was kann man verlangen von ſo einem Bürſchchen, das plötzlich zu Vermögen kommt? Das muß ihm das Köpfchen verrücken! Man muß ſchon viel Vernunft haben mit zwanzig Jahren, um nicht unerträglich zu werden, wenn Einem baare zwanzig⸗ tauſend Livres Renten zufallen.“ Ich weiß nicht, warum die Ankunft dieſes jungen Herrn mir nicht behagt. Das fehlte noch, daß ein ſolcher Reffe ſich im Hotel feſtſetzt; er ſpricht Avolphine täglich, ſtündlich, da muß er ſich in ſie verlieben! Und wär' er nur häßlich, ungeſtalt, aber Lucilie ſagt, er ſei nicht übel.. ziemlich hübſch; das iſt zum Ver⸗ zweifeln! Zwanzig Jahre alt, hübſch, reich. ach⸗ — „ 99 wie glücklich mag er ſein oder noch werden! Jetzt iſt's aus mit Dir, armer Andreas! Aber was durfteſt Du auch hoffen? Weißt Du nicht, daß eine himmelhohe kluft Dich trennt von dem liebenswürdigen Kinde? daß ihr Vater Dich verächtlich anſieht? Ja, ich weiß dieß Alles und doch ärgert mich die Ankunft diefes Neffen. Dießmal bin ich eben ſo neugierig als Lucilie. Ich brenne vor Ungeduld, den neuen Ankömmling zu ſehen. Endlich geht mein Wunſch in Erfüllung? ich ſehe ihn von meinem Fenſter aus über den Hof ſpa⸗ zieren. Wirklich iſt er groß, ziemlich ſchlank, regel⸗ mäßig von Geſicht; aber wie gebieteriſch gegen ſeine Diener, wie anmaßend und nachläßig in Manieren, wie abgeſchmackt in Kleidung und Haltung. Er bleibt kaum fünf Minuten im Hofe und ſchon hat er we⸗ nigſtens hundert Mal mit der Hand in ſeiner Friſur herumgefahren, die Cravatte hin und her gezupft und ſeine Kleider glatt geſtrichen; wie kann ſo Einer lie⸗ benswürdig, geiſtreich, gemüthlich ſein? Insgeheim gebe ich mich der Hoffnung hin, er werde Adolphine nicht gefallen. Den ganzen Tag vleibe ich auf dem Zimmerz ich wage nicht, zur Gräfin hinunterzugehen, aus Furcht, dem jungen Marquis zu begegnen. O, wie bleiern ſchleichen die Stunden dahin! Gegen Abend veſucht mich Lucilie. Sie fragt nach der Urſache meiner Verſtimmung; ich möchte nicht, daß ſie ſie erräth und doch kann ich mir keine Gewalt anthun. Lucilie verſucht nach beſten Kräften, 100 meinen Trübſinn zu verſcheuchen; dießmal ſind alle ihre Anſtrengungen vergebens. Das erzürnt ſie ſo, daß ſie betheuert, ich ſei ganz unausſtehlich und ver⸗ diene nicht mehr, daß man ſich ſo viel Mühe um mich gebe. Ich laſſe ſie fortſchwatzen: die härteſten Vorwürfe hätte ich ruhig angehört, und denke nur an Adolphine und den jungen Marquis. Als ſie merkt, daß mit Böſem Nichts anzufangen iſt, verſucht ſie's auf andere Weiſe und wirft ſich ſchluchzend auf einen Stuhl. Die Thränen der Schönen erweichen auch das härteſte Männerherz, wie viel mehr das Herz eines achtzehnt⸗ halbjährigen Jünglings, der im erſten Stadium der Liebe ſich befindet. Ich biete Allem auf, meine hübſche Leidtragende zu beſänftigen, die mich der Reihe nach ein Unge⸗ heuer, ein Treuloſer, ein kleiner Verräther und Gott weiß was ſonſt noch ſchimpft. Vergebens betheure ich ihr, daß ſie im Irrthum ſei; alle Worte und Vor⸗ ſtellungen fruchten Nichts: ſie behauptet, Welt und Menſchen beſſer zu kennen. So muß denn auch ich zu andern Mitteln greifen. Endlich hab' ich ihre Thränen getrocknet; ſie findet mich nachgerade nicht mehr ſo ſchlimm und böſe, bittet mich aber beim Fortgehen flehentlich, das widerliche ſauertöpfiſche Weſen abzulegen, wenn ich anders den Damen gefallen wolle. Als ſie fort iſt, ſtelle ich allerhand vergleichende Betrachtungen an über mein Verhältniß zu den drei Weibern, die ich am meiſten liebe. Adolphine macht mich glücklich mit einem * — 101 Worte, einer lächelnden Mienez ſie ſcheint die innigſte Freundſchaft für mich zu empfinden, ſpricht immer mit Vergnügen mit mir, und doch iſt ſie nicht traurig, wenn ich nicht bei ihr bin; ſie gibt ſich allen Ver⸗ gnügungen ihres Alters ganz und ungetheilt hin, vielleicht weil ſie mich dann vergißt. Lucilie dagegen vergöttert mich, wie ſie ſagt, und möchte den ganzen Tag bei mir ſein; aber ihre Liebe iſt gebieteriſch, ſie zankt und ſchilt mich, wenn ich zerſtreut und nach⸗ denklich bin; ich ſoll nur ſie ſehen, nur an ſie denken, ihr ewig neue Beweiſe meiner Zärtlichkeit geben; ihre Liebe iſt etwas ſelbſtiſcher Art, wie mir dünkt. Na⸗ nette endlich iſt immer gleich gut und freundlich gegen mich, bin ich froh oder traurig, erzähl' ich ihr von Lucilie oder von Adolphine. Sie bezeigt mir ſtets die nämliche Freundſchaft und braucht mich bloß zu ſehen, um glücklich zu ſein. Ja, gute Schweſter, ich weiß gewiß, Dein Herz wird ſich nie verändern, denn die Freundſchaft, die dich beſeelt, iſt dauerhafter als Liebe. Den folgenden Morgen läßt mich Herr Dermilly zu ſich rufen. In der Vorhalle des Hotels treffe ich den jungen Marquis und Champagne. Ich grüße den Neffen des Herrn Grafen hoflich; der aber ſieht mich an, bückt ſich gegen Champagne und fragt ihn ſo laut, daß ich's höre: „Wem gehört der Knabe?“ Wem ich gehöre? O, die Unverſchämtheit! Bin ich denn ein Knecht? Champagne antwortet leiſe dem jungen Marquis, —— ————— 102 der höhniſch zu lächeln anfängt und eben ſo laut wie früher ſagt: „So, ſo, das iſt der Savoyarde, von dem mein Onkel mir erzählte?“ Schon wieder der Savoyarde! Der anma⸗ ßende Ton, in dem der junge Menſch dieſe Worte ſpricht, treibt mir das Blut in's Geſicht. Schon will ich umkehren und ihn zur Rede ſtellen, denn mich gelüſtet, an dieſem Mann, den ich, ohne ihn zu kennen, verabſcheue, mein Müthchen zu kühlen und mich mit ihm zu ſchlagen. aber er iſt nicht mehr da. Alsbald werde ich ruhiger und zittere über dem Gedanken, der in mir aufſtieg. Im Hauſe meiner Wohlthäterin Händel zu ſuchen mit einem Verwand⸗ ten ihres Gatten, iſt das der Dank für ihre große Güte gegen mich? Lieber flieh' von hier, ſage ich zu mir, ehe du dich auf ſo ſchnöde Weiſe an deiner Beſchützerin vergehſt!* Ich begebe mich zu Herrn Dermilly. „Andreas,“ redet er mich an,„ich habe Dir einen Vorſchlag zu machen, von dem ich wünſche, daß er Dir genehm ſein möge, doch ſtelle ich Alles Deinem freien Willen anheim. Auf Rath meines Arztes bin ich zu einer Reiſe in die Schweiz entſchloſſen; ſchon lange ſehne ich mich nach dem ſchönen Lande, das dem Auge des Malers eben ſo viel Genuß verſpricht wie dem Auge des einfachen Naturfreundes. In acht Tagen reiſe ich ab. Willſt Du mit?“ „Ob ich will!“ rufe ich entzückt und drücke ge⸗ rührt Herrn Dermilly's Hand.„Sie könnten mir den — „ —, — 103 Vorſchlag zu keiner paſſenderen Zeit machen. Ja, ja, ich reiſe mit Ihnen, wann Sie wollen; morgen, heute, noch in dieſer Stunde!“ Solche Reiſeluſt und die Wärme im Ausdrucke derſelben ſcheinen Herrn Dermilly zu erſtaunen. Er ſieht mich lange prüfend an und ſagt dann: „Es freut mich, Andreas, daß Du mich begleiten willſt, aber ich geſtehe, dieſe Sehnſucht, von Paris fortzukommen, überraſcht mich ein wenig. Biſt Du nicht mehr ſo glücklich im Hauſe des Grafen wie früher? und wenn das iſt, warum haſt Du mir die urſache Deines Kummers verſchwiegen?“ „O, ich habe keinen Kummer, Herr Dermilly. Die Frau Gräfin iſt immer gleich gut gegen mich.“ „Ich weiß, daß Caroline Dich zärtlich liebt. Den⸗ noch biſt Du ſeit einiger Zeit nicht mehr der Alte. Ich habe Dich genau beobachtet, aber geſchwiegen, weil ich hoffte, Du würdeſt Dich mir von ſelbſt ent⸗ decken.“ „Wenn ich Geheimniſſe hätte, Herr Dermilly, ſo wären Sie der Erſte, dem ich ſie mittheilte. Wie Vieles verdanke ich Ihnen? Sie haben mich ge⸗ pflegt, mich als Ihren Sohn behandelt, mich die ſchöne Kunſt gelernt, welche die inneren Anſchau⸗ ungen auf die Leinwand zaubert, haben mir Ge⸗ ſchmack beigebracht an allem Guten, Wahren, Edeln und Schönen. Das Alles haben Sie gethan und mehr noch Sie wären der Erſte, der Einzige, dem ich meine Geheimniſſe anvertraute. Aber ich habe keine, keine, gewiß nicht!“ 104 Der Ton dieſer Worte ſcheint ihn nicht zu über⸗ zeugen, denn er ſieht mich noch immer forſchend an. „Haſt Du wieder Etwas mit dem Herrn Grafen gehabt?“ „Nein, Herr Dermilly.“ „Du verträgſt Dich noch immer gut mit Mamſell Lurilie?“ „Noch immer, Herr Dermilly.“ Bei den Worten muß ich unwillkürlich lächeln; auch Herr Dermilly lächelt, wie ich glaube. Nach einer Weile hebt er ernſthafter an: „Und Nanette?“ „Hat mich gleich gern. Das gute Kind bleibt ſich immer gleich.“ „Und Adolphine?“ fragt er, mich ſchärfer an⸗ ſehend. Der Name Adolphine bringt mich in äußerſte Verwirrung. „Fräulein Adolphine,“ ſtotterte ich nothvürftig heraus,„iſt ſo gut, ſo liebenswürdig.“ Mehr kann ich nicht, ich fürchte mich zu verra⸗ then. Herr Dermilly hält mit Fragen ein, ſieht mich tief bewegt an und ruft nach einer Pauſe ſeufzend: „Armer Andreas!“ Dabei drückt er mir zärtlich die Hand. „Armer Andreas!“ O Himmel, ſollte er mein Geheimniß errathen haben? Aber woran? Hab' ich doch kein verdächtig Wort geſagt! „Du gehſt mit mir,“ ſagt Herr Dermilly nach ——— 105 einer Payſe zu mir.„Die Reiſe wird Dir eben ſo wohl thun, und ſtatt acht Tage zu warten, wollen wir ſchon übermorgen Paris verlaſſen.“ „Gehen wir nach Savoyen, Herr Dermilly?“ frage ich ihn nach einer Weile. „In dieſem Jahre nicht, Andreas, aber im näch⸗ ſten, wenn meine Geſundheit es erlaubt. Dann wollen wir Deine gute Mutter beſuchen.“ Welch ein Glück, nach ſo langer Abweſenheit die Mutter wiederſehen! An der Mutterbruſt vergißt man, denke ich, alle Schmerzen der Liebe. Die Abreiſe iſt unwiderruflich auf übermorgen feſtgeſetzt. Ehe ich in's Hotel zurückkehre, gehe ich zu Vater Bernhard, ihm den Entſchluß des Herrn Dermilly mitzutheilen. Nanette nimmt dieſe Nachricht ungleich ruhiger auf, als ich geglaubt hätte; es ſcheint ihr ſogar lieb zu ſein, daß ich das Hotel verlaſſe. „Du ſollſt immer bei Herrn Dermilly bleiben,“ ſagt ſie,„er iſt ſo gut und hat Dich ſo lieb. Du biſt bei ihm beſſer aufgehoben, dünkt mich, als beim Grafen, der ſo unartig gegen Dich iſt. Wirſt Du nach Deiner Rückkehr wieder im Hotel wohnen?“ „Gewiß, Nanette, eine Zeit lang wenigſtens.“ „Ich an Deiner Stelle, Andreas, ich würde nicht im Hotel bleiben, wenn ich ſo viel wüßte, wie Du jetzt. Du haſt weiter nichts davon, als daß Du Dich an ein vornehmes Leben gewöhnſt.“ Ich glaube, Nanette hat nicht ganz Unrecht. Aber hat nicht meine Wohlthäterin ein Recht, über mich 106 zu verfügen. Und werde ich's je über mich gewinnen können, Adolphine zu verlaſſen? Ach, in dem Au⸗ genblick denke ich erſt an den jungen Marquis! Bei meiner Rückkunft in's Hotel laſſe ich mich bei meiner Wohlthäterin melden. Zitternd trete ich in's Zimmer, wo ich Mutter und Tochter allein finde und ihnen die Abſicht des Herrn Dermillh mit mir eröffne. Die Gräfin billigt meine Entſchlüſſe.„Die Reiſe kann Dir nur nützlich werden,“ ſagt ſie zu mir;„ſie vervollſtändigt Deine Erziehung. Herr Dermilly kann Dir die beſte Anleitung geben, mit fremden Ländern und Menſchen bekannt zu werden und nütz⸗ liche Kenntniſſe einzuſammeln. Nach Deiner Rück⸗ kehr will ich gleich an die Sicherung Deiner Zukunft denken.“ Kaum höre ich, was die Frau Gräfin ſagt, denn Auge, Ohr und Sinne ſind ganz bei Adolphine, die, wie mir ſcheint, bei dieſer Nachricht blaß geworden iſt. Sollte ihr wirklich meine Abreiſe Schmerz ma⸗ chen? Ach, wenn ich Hoffnung hätte, daß ſie mich nicht ganz vergißt, dann würde ich die Reiſe weni⸗ ger unglücklich antreten. Sie erhebt ſich und kommt auf mich zu. „Wie, Andreas,“ ſagt ſie,„Sie wollen uns ver⸗ laſſen?“ Der Ton, in dem ſie fragt, geht mir bis in die tiefſte Seele. Dann umarmt ſie ihre Mutter und fragt weiter: „Warum laſſen Sie Andreas fort, liebe Mutter? 107 Wozu braucht er die Reiſe? Er iſt viel beſſer bei uns hier.“ „Mein liebes Kind,“ antwortete die Gräfin lä⸗ chelnd,„Andreas kommt bald zurück. Auch müſſen wir uns allmälig an die Trennung von ihm gewöh⸗ nen; bedenke, er kann nicht immer bei uns bleiben: Andreas wirv käglich älter und größer und muß.. doch davon ſpäter mehr.“ Adolphine ſieht mich traurig an und ich blicke ſeufzend nieder. Ich darf ihr nicht ſagen, daß es mein höchſtes Glück wäre, ewig bei ihr zu ſein und zu bleiben! Es gibt ja Manches im Leben, was man nur denken, nicht ſagen darf. Plötzlich wird die Thüre aufgeriſſen. Laut la⸗ chend fürmt der junge Marquis herein und wirft ſich in einen Seſſel. „Der Herr Onkel iſt wüthend,“ ruft er, ſich den Bauch haltend vor Lachen.„Ich wollte Cäſar rau⸗ chen lernen und habe ihm dabei einen Zahn ausge⸗ brochen.“ Die Ankunft des jungen Marquis unterbricht uns Drei. Madame hat die Güte, ihn anzuhören, Adol⸗ phine ſetzt ſich an ihr Piano und ich gehe fort, denn der Unfall Cäſars verhindert natürlich, an die Ab⸗ reiſe des Savoyarden zu denken. Nur Lucilie weiß noch nichts von meiner bevor⸗ ſtehenden Abreiſe. Ich will damit warten bis Abend, denn ſobald die Frau Gräfin ihre Dienſte nicht mehr braucht, kommt ſie gewöhnlich auf mein Zimmer, um noch ein Weilchen zu plaudern, ehe ſie zu Bett geht. 108 Schon höre ich ſie die Treppe herauffliegen. Ge⸗ wiß erkundigt ſie ſich, ob ich heute wieder ſo traurig bin wie geſtern. Ich weiß nicht recht, wie ich bei ihr die Sache an⸗ bringe; ſie iſt ſo ſelbſtſüchtig, ſo ſtürmiſch in ihrer Liebe. Ich fürchte, ſie zu erzürnen, und doch muß„ ich reden; ſie ſelbſt fordert mich dazu auf. „Du haſt wieder was heut' Abend,“ ſagt ſie mir, „ich ſeh' Dir's an den Augen an. Schon wieder Geheimniſſe vor mir, he? Ich will und muß Alles wiſſen, ſelbſt Deine Treuloſigkeiten, wenn Du undank⸗ bar genug warſt, ſolche zu begehen.“ „Nein, nein, Lucilie.“ „So ſprich, Andreas. Ich denke mir allerhand.“ „Lucilie, ich will fort, aber komme bald wieder.“ „Du willſt fort, mein Gott, um eilf Uhr Nachts? Mein Herrchen, das geht nicht, oder ich ſag's Ma⸗ dame.“ „Sie verſtehen mich nicht, Lucilie. Herr Der⸗ milly will mich mitnehmen in die Schweiz, wohin er reist auf den Rath ſeines Arztes; ich begleite ihn, und ſchon übermorgen reiſen wir ab.“ „Abreiſen?. in die Schweiz?.. übermorgen? Und das ſagt er mir ſo, als.. Andreas, wenn Du fortgehſt, tödt' ich mich aus Herzeleid!“ Sie wirft ſich in einen Stuhl, macht die Augen zu, ſtreckt die Hände aus und knirſcht mit den Zäh⸗ nen. Mein Gott, ich glaube, ſie kriegt Krämpfe... ja, ja, ſie wird unwohl. Geſchwind laufe ich in ihre Kammer, hole Orangenblüthenwaſſer, Zucker, Eſſig, 109 Kölniſchwaſſer, reibe ihr die Schläfe und halte ihr das Flacon unter die Naſe.„Lucilie!“ rufe ich, „geliebte Lucilie, erwache! Ich komme ja bald wie⸗ der; ich will Dich nicht vergeſſen!“ Sie antwortet nicht, ſie regt und rüttelt ſich nicht. Meine Unruhe ſteigt auf's Höchſte; ſchon will ich Hülfe rufen, als ſie plötzlich aufſpringt, die Gläſer und Flaſchen, die ich ihr hinhalte, mir aus der Hand wirft und zornig ſchreit:„Nein, mein Herr, Sie reiſen nicht, ich will es nicht, ich, verſtehen Sie mich! Sie bleiben hier oder ich gehe mit Ihnen überall hin, bis an's Ende der Welt. Mag man ſagen, was man will, gleichviel!“ Dabei geht ſie heftig im Zimmer auf und ab, ſtampft mit dem Fuß auf den Boden, wirft die Möbeln bei Seite, die ihr im Wege ſtehen, ſchlägt mit geballter Fauſt auf den Tiſch und Commode, wie ein kleiner Teufel. Obgleich ich daraus erſehe, daß ſie was auf mich hält, fürchte ich doch, daß man den Lärm unten hört. Ich verſuche die letzten Worte, ſie zu beruhigen; ſie hört mich nicht. Endlich habe ich das Reden ſatt. Dann fängt ſie an zu weinen und mit den Thränen hat ihre Raſerei aufgehört. Allmälig nimmt ſie Vernunft an und ſpricht nicht länger davon, mir zu folgen oder ſich um's Leben zu bringen. Dafür geht es jetzt an ein Seufzen und Schmachten; ein Schwur ewiger Treue drängt den andern u. ſ. w. Ich thue Alles, was ich kann, ſie zu beruhigen, aber es will mir nicht recht gelingen. Es ſchlägt Mitternacht. Lueilie will fort, doch 11⁰ bittet ſie mich, ſie zu begleiten, um noch länger bei mir zu ſein. Ich habe ja nicht weit; ihre Thüre iſt der meinigen gegenüber. Luecilie bittet mich einzu⸗ treten; ſie habe noch keine Luſt zu ſchlafen. Ich auch nicht, und wie könnte ich ihr Etwas abſchlagen, die mir ſo viel Anhänglichkeit bezeugt! Ich gehe alſo hinein, nur für einen Augenblick, aber ich weiß nicht, wie es kommt: die ganze Nacht verfliegt und die liebe Sonne findet mich noch in Lueiliens Kammer. „Mein Gott,“ ruft das junge Kammermädchen, „Alle ſind ſchon wach im Hotel. Wenn ſie Dich fort⸗ gehen ſehen, was werden ſie von mir denken?“ Gewiß keine Unwahrheit! ſag' ich bei mir. Doch begreife ich, daß man gewiſſe Dinge nicht an die große Glocke hängen darf. Lurilie will, ich ſoll bis an den Abend in ihrer Kammer verſteckt bleiben. So weit geht meine Vorſicht nicht und ich finde mich veranlaßt, Lucilie in aller Güte zu widerſprechen. Ich glaube, ſie hätte mich gar zu gern ganz bei ſich behalten!! Ueberdieß habe ich noch allerlei Vorkehrungen zu treffen für die morgige Abreiſe. Trotz der flehent⸗ lichſten Bitten Luciliens, die Alles für ihren guten Ruf befürchtet, ſchlich ich mich fort aus ihrer Kam⸗ mer und erreiche ungeſehen die meinige. Ich packe meine Effekten und laſſe ſie dann zu Herrn Dermilly bringen. Es bleibt mir kaum noch Zeit, von Vater Bernhard und Nanette Abſchied zu nehmen. Sch verſpreche der guten Schweſter, ihr recht oft zu ſchrei⸗ ben und bitte ſie, mir eben ſo oft zu antworten. Zu⸗ F 11¹ gleich händige ich Bernhard eine neue Geldſumme für die Mutter ein. Von der Seite kann ich alſo auf einige Zeit ruhig ſein. Auch Lucilie will, daß ich ihr ſchreibe, was ich unter der Bedingung verſpreche, daß ſie meine Briefe beantworte und mich über Alles, was während mei⸗ ner Abweſenheit im Schloſſe vorgeht, auf dem Lau⸗ fenden halte. Ich kann mich an keine beſſere Quelle wenden. „Ich verſpreche Dir's, Andrees,“ ſagt ſie.„Nur darfſt Du über meinen Sthl nicht lachen.“ Ueber ihren Styl lachen! Glaubt ſie denn, ich könne je vergeſſen, was ich früher geweſen bin? Sie meint, ich dürfe es ſo Manchem nachma⸗ chen, die ihre Abkunft nur zu bald vergeſſen! Nein, Lucilie, Du irrſt, ich werde meines Vaterlandes, meiner Herkunft, meiner Eltern, meiner Hütte ewig eingedenk bleiben! Ich nehme den Augenblick wahr, wo Madame mit ihrer Tochter allein iſt, um ihnen Lebewohl zu ſagen. Wie betrübt ſieht mich Adolphine an! Mein Herz iſt ſo voll, daß ich keine Worte finden kann und ſchweigend vor Madame ſtehen bleibe. Doch erräth ſie, warum ich komme. „Adieu, Andreas,“ ſagt ſie,„reiſe glücklich und vor Allem gib genau Acht auf Herrn Dermilly. Seine Geſundheit iſt ſehr leidend, doch hoffe ich, die Reiſe ſoll ihm gut thun. Du weißt nicht, Andreas⸗ wie viel Du an ihm haſt: einen Vater, einen Freunb Das vergiß nicht.“ * 2* Das ſagt ſie mit tief bewegter Stimme. Ich nehme ihre Hand, vrücke ſie an mein Herz und ver⸗ ſichere ihr, daß ich Alles thun werde, um mich der Güte deſſen, dem ich nach ihr das Meiſte vrrdanke, ſtets würdig zu beweiſen. Dann wende ich mich zu Adolphine, verneige mich gegen ſie und will fortgehen. „Nun, Andreas,“ ſagt meine Wohlthäterin,„und Du umarmſt Adolphine nicht?“ Sie umarmen! Das wagte ich nicht, und noch in dem Augenblicke wage ich's nicht. Aber das lieb⸗ liche Kind ſteht auf und nähert ſich mir einige Schritte. Sie hält mir die roſige Wange hin und ſagt: „Adieu, Andreas, kommen Sie bald und recht geſund zurück.“ Leiſe berühre ich mit meinen Lippen ihre Wange und ſtürze dann zur Thüre hinaus, denn der Kopf ſchwindelt mir; ich weiß nicht mehr, wo ich bin. Die Erinnerung an dieſen ſeligen Augenblick beglei⸗ tet mich überall hin auf meiner Reiſe. Sechstes Kapitel. Die Schweizerreiſe. Der Wagen rollt dahin; mehrere Meilen trennen mich ſchon von ihr und doch fühle ich den Sammt ihrer Wange noch auf meinen Lippen, doch wehl mich noch ihr ſüßer Athem an, doch bebe ich noch von der zauberiſchen Wirkung ihres Kuſſes!.„Rauſch 113 der Liebe, du bringſt alle anderen Gefühle zum Schwei⸗ gen, du machſt oft ungerecht, hart, undankbar und ſelbſiſüchtig. Schweſtern, Freunde, Eltern Alles iſt vergeſſen, ſo lange du dauerſt. Aber du biſt nur ein Rauſch. Mit dem Wiedererwachen der Vernunft tritt auch die Freundſchaft in ihre alten Rechte ein! Mehrere Stunden lang ſtarre ich ſchweigend vor mich hin, in tiefes Nachdenken verſunken. Herr Der⸗ milly iſt ſo zart, mich nicht aufzuſtören aus meinen Träumereien. Endlich ſehe ich mich im Wagen um und finde mich an der Seite deſſen, der mich zu ſeinem Reiſegefährten erkoren hat, und noch habe ich kein ſterbend Wörichen mit ihm gewechſelt. „Verzeihen Sie, Herr Dexmilly,“ ſage ich, mich ſchnell aufrichtend,„ich dachte. „Macht Nichts, Andreas,“ antwortete er liebreich, „ich weiß, was Dich drückt. Im Anfang der Reiſe iſt das Herz noch voll vom Abſchiede. Aber das gibt ſich bald. Sieh' Dich um mit mir in der freien Natur; labe Dich an der ſchönen Landſchaft, an den Feldern, Wieſen und Waldungen; vergiß einen Augenblick Paris: Du findeſt es wieder, wie Du es verlaſſen haſt. Andreas, Du biſt kaum achtzehn Jahre, und ſchon guält Dich die Liebe. Beſiege die Leidenſchaft oder ſie beſiegt Dich und macht Dir viel Kummer. Dieſe Welt iſt nicht für empfindſame Herzen geſchaffen. Nimm' Dir ein Beiſpiel an mir: auch mich hat die Liebe unglücklich gemacht, weil ich meiner Leidenſchaft freien Lauf ließ. Ohne dieſe Paul de Kock LXRRV. 8 Neigung, wie glücklich könnte ich jetzt ſein! Jetzt erſt, in meinem vierzigſten Jahre, ſehe ich ein, wie unver⸗ nünftig ich handelte; damals, im fünfundzwanzigſten Jahre, dachte ich anders. Ich warne Dich, Andreas: ſollteſt Du eine Neigung fühlen, die keinen Erfolg ver⸗ ſpricht, ſo reiß' Dich heraus, dann ſiegſt Du über ſie.“ Herr Dermilly hat ganz recht. Statt ewig von der reizenden Adolphine zu träumen, thäte ich beſſer, meinem Herzen anderweitige Beſchäftigung zu geben, ſelbſt auf Unkoſten meiner Treue gegen Lucilie. Aber ich bin noch weit von den Vierzigen und denke jetzt, wie Herr Dermilly im fünfundzwanzigſten Jahre dachte. Mein Gefährte unterhält mich von Nanette, Bernhard, meiner Mutter und dem armen Peter, der gewiß nicht mehr lebt. Wie gerne höre ich ihm zu. Nein, die Liebe hat ſo ſüße Erinnerungen noch nicht aus meinem Herzen verbannt! Dafür unter⸗ halte ich ihn von der gnädigen Frau. Dann, glaube ich, träumt er noch eben ſo ſanft wie in ſeinem fünf⸗ undzwanzigſten Jahre. Zum Lohn dafür unterhält er mich wieder von Adolphine. Dann mache ich's, wie er zuvor. Keine Sylbe entfällt mir, und ich bitte ihn, immer wieder von vorn anzufangen. So verſtändigen ſich unſere Herzen auf's Beſte. Unter dieſem gegenſeitigen Aus⸗ tauſch von Gedanken und Gefühlen verfließt die Zeit auf's Angenehmſte. Unſer Weg geht zuerſt nach Baſel, wo wir einige Zeit vleiben wollen, um die Umgegend zu beſuchen. Die Stadt ſelbſt iſt ziemlich finſter; die Einwohner — Sn 1¹⁵ ſind nicht ſehr verbindlich, aber die Umgegend herr⸗ lich. Welch Vergnügen, in den maleriſchen Thälern herumzuſtreifen, die Berge zu erklimmen, die alten Schloßruinen auf ihren Gipfeln zu erſteigen und von dort aus dem Sturz der Gießbäche über den Felſengrund zuzuſehen. Dieſer prachtvolle Anblick er⸗ innert mich an meine Heimath. Die Schweiz hat viele Aehnlichkeit mit Savoyen, nur ſcheinen die Bauern dort reicher und glücklicher zu ſein; ſelten erblickt man einen Bettler. Wir treten in aller Frühe unſere Wanderungen an und kommen oft erſt den andern Tag zurück, dann ſchlafen wir in Senn⸗ hütten bei Bauern, die uns mit ihrer weitgeprieſenen Herzlichkeit und Gaſtlichkeit aufnehmen. Am achten Tage unſeres Aufenthalts in Baſel bekamen wir Briefe von Paris; denn ſie wußten, daß wir um die Zeit in Baſel ſein werden. Es ſind darunter zwei für mich und bloß einer für Herrn Dermilly, aber mit welchem Glücke eröffnet er ihn.. und kein Wun⸗ der, eine einzige Zeile von geliebter Hand iſt ja ſchon ſo wohlthuend! Aber habe ich ein Recht, zu klagen, ich Undankbarer? Die Briefe ſind von Lucilie und Nanette. Fangen wir mit Lucilie an: ich muß wiſ⸗ ſen, wie es im Hotel zugeht. Seht den Schelm: nichts als Verſicherungen ihrer Liebe und Treue! Glaub' Ihnen, Mamſellchen. Lie⸗ ber wären mir Nachrichten über Madame, Adolph. Sie denkt immer an mich, ſie ſtirbt vor Sehnſucht nach mir. Gut, gut... aber kein Wort von Adol⸗ phine, vom jungen Marquis. Die Lucilie denkt voch an Nichts! Aber halt, da iſt ein kleines post scriptum.„Nichts Neues im Hotel. Madame iſt traurig, das gnädige Fräulein ditto, der Herr Graf leidet an Verſtopfung, der junge Marquis lebt in Saus und Braus.“ Um ſo beſſer, ſo kann er nicht bei ſeiner Couſine ſein! Was ſteht da unten noch?„Herr Champagne macht mir immer noch den Hof, aber ich höre ihn nicht.“ Das iſt der Mühe werth, ſo was zu ſchreiben. Item⸗ ich weiß wenigſtens, daß ſie traurig und der Herr Vetter nicht immer um ſie iſt. Dank Dir, Lucilie. Jetzt an Nanettens Brief. Gute Nanette, ich hätte mit Dir anfangen ſollen! Aber wenn ich an Dich denke, denke ich wenigſtens ganz an Dich. Ihre Zeilen ſind der getreue Spiegel ihres reinen, jungfräulichen Herzens.„Sei glücklich,“ ſchreibt ſie,„vergiß mich nicht, wie ich Dich nie vergeſſen werde.“ Wie kurz, und doch ſind die wenigen Worte mehr werth, glaube ich, als die ellenlangen Schwüre Lu⸗ ciliens. Nach dreiwöchentlichem Aufenthalt in Baſel be⸗ ſuchen wir Bern, Zürich, St. Gallen und Neufchatel. Unſer Album wird täglich reicher an maleriſchen Landſchaftsſkizzen. Ach, wäre mein Herz nicht ſo ge⸗ drückt, mit welchem Enthuſiasmus wollte ich die Herrlichkeiten der Natur genießen! Aber immer muß ich zurückdenken an's Hotel des Grafen und die Be⸗ wohner deſſelben! Nit tiefer Bekümmerniß ſehe ich, daß es mit ——. — 117 der Geſundheit meines Reiſegefährten nicht den er⸗ wünſchten Erfolg hat. Täglich wird er magerer, bleicher und ſchwächer. Ich fürchte, die Ausflüge in die Berge ſchaden ihm, weil er ſich zu ſehr anſtrengt. Aber ſo oft ich ihn davon abhalten will, ſagt er: 3 „Laß mich die Natur bewundern und an ihrer Herrlichkeit mich laben, ſo lange ich noch kann. Viel⸗ leicht iſt mein Ende nahe; bis dahin möchte ich meine Zeit ſo nützlich als möglich anwenden.“ Wir bringen faſt zwei Monate in dieſen ſchönen Gebirgsgegenden zu. Herr Dermilly will nun nach Genf. Wir miethen Saumthiere und, von Führern geleitet, pilgern wir in kleinen Tagereiſen weiter und ruhen aus, wo es uns gefällt. Solch' ein Reiſen lob' ich mir. Jetzt haben wir den Genferſee erreicht. Herr Dermilly iſt ſchwach und leidend. Ich ſehe voraus, daß wir einige Zeit in Genf bleiben müſſen, was ich nach Paris ſchreibe. Seit länger denn zwei Monaten haben wir keine Nachricht. Wie mag es im Hotel zugehen? Sollte ich ſchon vergeſſen ſein? Bald darauf antwortet mir Nanette. Immer dieſelbe Güte und Sanftmuth! Sie ermahnt mich, Herrn Dermilly ſo ſorgfältig als möglich zu pflegen und ihn keinen Augenblick allein zu laſſen. Warum antwortet Lueilie nicht eben ſo ſchnell? Sie, die mir bis an's Ende der Welt nachlaufen, aus Sehnſucht nach mir ſich umbringen wollte? die von Krämpfen befallen wurde? Woher der Verzug? Bin ich doch noch ſo jung! Acht Tage ſpäter trifft Luciliens Antwort ein. Immer daſſelbe Geſchwätz: Liebe, nichts als Liebe. Doch lodert die Liebesflamme nicht mehr ſo hell und heiß, wie mich dünkt, als im erſten Vuiel⸗ Gottlob, endlich einige Details! „Es geht etwas luſtiger zu im Hotel; wir haben mehrere Bälle gehabt. Der junge Marquis iſt ein Sauſewind, der nie genug kriegen kann. Er iſt ſelbſt öfter bei ſeiner Couſine. Mademviſelle wird täglich hübſcher.“ Ach, ich weiß nur zu gut, wie hübſch ſie iſt. Kaum wage ich weiter zu leſen. „Sie lacht über die Narrheit ihres Couſins.“ Sie lacht mit ihm! Mein Gott, ich bin verloren. Armer Andreas, ſie denkt nicht mehr an Dich! Sie lacht, ſie findet ihn ienwhhe er gefällt ihr, ſie lieben ſich, ſie heir. Leſen wir weiter. „Der Herr Marquis hat einen kleinen Engländer als Jokey in Dienſt genommen. Er iſt erſt fünfzehn Jahre alt, noch ein Kind, aber hübſch ich muß lachen über ſein Kauderwälſch, er bringt kaum vier Worte franzöſiſch heraus.“ Was geht mich das an? Mag er alle Jokey's in Dienſt nehmen, der Herr Marguis. Aber halt⸗ ſollte ſie vielleicht mit ihm lachen, wie Adolphine mit dem Marquis?! Sie gibt ſich gern mit jungen Leuten ab, um ſie heranzuziehen wie mich. So, ſo. Daher das lange Stillſchweigen? Doch nein! Hab' ich nicht ihren Schmerz, ihre Thränen, ihre Wuth 119 geſehen, als ich ihr von meiner Abreiſe erzählte? Jetzt zum Schluſſe. „Adieu, lieber Andreas. Amüſire Dich gut und ſei recht artig. Deine treue Lucilie.“ Deine treue Lucilie! Ich habe ihr alſo Unrecht gethan. Ich möchte gerne nach Paris zurück; aber Herr Dermilly hat Niemand, der ihm von der Frau Gräfin erzählen könnte, und das allein ſcheint ihm gut zu thun, beſſer als alle Arznei. Er iſt krank, ich kann und darf ihn nicht verlaſſen. es wäre der ſchnödeſte Undank, nach den überſchwänglichen Wohlthaten, womit er mich überhäuft hat. Und müßt' ich ihm mein ganzes Leben widmen, ich will es ohne Mur⸗ ren thun. Endlich befindet er ſich beſſer und wir treten un⸗ ſere Wanderungen von Neuem an. Könnt' ich nur die Schönheiten der Natur ſo recht aus vollem Her⸗ zen genießen. Aber dazu gehört, was mir fehlt: Seelenruhe. Wenn Eiferſucht im Herzen wühlt, dann erblindet das Auge gegen die Reize der Natur. —— DO. n 10 11 12 14 15 16