——— Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet von Dr Heinrich Elsner. Vierundachtzigſter Theil. B— Stuttgart: Scheible, Kieger a Fattler. 1646. Anbreas, der S a voparde. Von Paul de Rock. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Zweiter Theil. — Go Stuttgart: Scheible, Bieger 2 Sattler. 1846. Erſtes Kapitel. Das junge Mädchen und ihr Zeiſig. Das Kamin⸗Abenteuer hat ſo viel Aufſehen ge⸗ macht, daß Jedermann den kleinen Schornſteinfeger ſehen will, der für den Teufel gehalten worden war. Peter geht, noch ganz von Ruß und Eingemachtem beſudelt, durch die Hände aller Neugierigen. Die Fräulein finden ihn hübſch, die Wittwen geben ihm ein Schläppchen auf die Wange, die Mägde fragen ihn leiſe, was er geſehen, als er in Fräuleins Du⸗ eroquets Zimmer heruntergefallen ſei, und wo der Doktor ihr die Schröpfköpfe angeſetzt habe. Peter antwortet, ganz erſtaunt, ſo gehätſchelt zu werden, Allen; er ſei, ohne vor ſich hin zu ſehen, herunter⸗ geſtürzt und habe, als er mit dem Geſicht auf den Boden gekommen, geſpürt, daß dieſer gezuckert ſei und dann nicht mehr geſchrien. Nachdem man ſich lange mit meinem Bruder be⸗ ſchäftigt hatte, gab ihm ein Jedes Etwas, und Herr Boulette geſtattet uns, in einem Winkel ſeines Hauſes zu übernachten. Wir ſchlafen ſingend ein, denn wir ſind jetzt ſehr reich: wir beſitzen beinahe vierzig Fran⸗ ken und Peter ſagt zu mir:„Nicht wahr, Andreas, es war geſcheidt von mir, durch das Kaminloch hin⸗ 6 durchzuſchlüpfen und in das Zimmer dieſer Dame hinabzufallen?“ Ich weiß ſelbſt nicht recht, was ich hierauf ant⸗ worten ſoll. Es ſcheint mir doch, als hätte ich beſſer gearbeitet wie mein Bruder, denn ich habe den Kü⸗ chenkamin auf's Reinlichſte gefegt und bin nicht zu dem Nachbar hinübergekommen. Aber Peter wurde gefeiert und ihn wollte Jedermann ſehen und Fragen an ihn ſtellen; er hat von Allen Etwas bekommen, während auf mich Niemand achtete. Hat mein Bru⸗ der beſſer gearbeitet? Ich begreife es nicht und ſchlafe ein, ohne mir den Grund erklären zu können. Am folgenden Morgen verlaſſen wir Pont⸗de⸗ Beauvviſin und ſchlagen den Weg nach Lyon ein. Unſere Säcke ſind mit Leckerbiſſen angefüllt, die man Petern geſchenkt hat; außerdem haben wir vierzig Sous in Reſerve. Dieß ſcheint uns bis nach Paris hinreichend. Wir pilgern heiter vorwärts; ſo lange wir Mundvorräthe haben, iſt mein Bruder nicht müde, er ſingt an Einem fort und ſchlägt ein Rad dazu, ohne ſich über ſeine Ferſe zu beklagen Oſt, wenn wir uns niederſetzen, um Etwas zu eſſen, und Peter ſpielt, ſtatt auszuruhen, ziehe ich das Bildniß der ſchönen Dame unter meiner Jacke hervor und betrachte es.„Begegne ich dieſem Frauenzimmer in Paris,“ ſagte ich dann bei mir ſelbſt,„ſo erkenne ich ſie augenblicklich, eile ihr nach und rufe ihr zu:„Hier, WMadame, iſß Ihr Gemälde, welches man bei uns hat liegen laſſen.““ Ich erinnere mich auch des einäugigen Herrn und * 7 des kleinen hübſchen Mädchens und bilde mir ein⸗ daß ich, in Paris angelangt, dieſen Leuten allen bald begegnen werde. Es wiederfährt uns bis Lyon nichts Beſonderes; aber es war Zeit, daß wir ankamen: unſer großes Vermögen ging auf die Neige und unſere Säcke waren ſchon lange leer. Beim Anblick dieſer ſchönen Stadt ſage ich zu meinem Bruder: „Hier wollen wir arbeiten und Geld verdienen.“ „Ja, ja,“ antwortet Peter;„Du ſollſt ſehen, An⸗ dreas, ich werde machen, daß man uns wieder gute Sachen gibt und mich hübſch findet.“ Dießmal kommen wir nicht mit Einbruch der Nacht in der Stadt an: wir befinden uns ſchon des Morgens um ſieben Uhr inmitten dieſer Straßen, von denen uns jede einzelne eine Stadt ſcheint. Man ſieht noch wenig Leute; die Krämer machen ihre Läden auf, die Taglöhner gehen an ihre Arbeit, die reichen Leute pflegen noch der Ruhe oder beſinnen ſich auf ihrem Polſter, wie ſie einen für die Müßig⸗ gänger ſo langen, für den thätigen Mann ſo kurzen Tag herumbringen ſollen. Wir können bloß die breiten Gaſſen und die hohen Häuſer bewundern. „Vorwärts!“ ſage ich zu meinem Bruder,„wir wollen uns gleich hören laſſen; aber weigere Dich nicht mehr ſo lang, in einen Kamin hinaufzuſteigen.“ Peter verſpricht es mir. Er ſcheint in der That entſchloſſen und fängt mit mir aus Ribeskräften zu ſchreien an:„Kaminfeger!“ 8* „Ho, ho! ihr ſeid früh d'ran, meine Kinder,“ ſagt ein alter, mit dem Kehren vor ſeinem Hauſe be⸗ ſchäftigter Portier zu uns⸗„Wir haben kaum den erſten Oktober und man heizt erſt um Allerheiligen ein; da mir meine Frau aber nächſten Sonntag Klöße kochen will, ſo iſt es mir nicht unangenehm, wenn mein Schornſtein gefegt wird. Obgleich wir in der Brandverſicherung ſtehen) fürchte ich mich doch immer vor dem Feuer, denn ich könnte einmal Nachts verbrennen. mein Leib iſt nicht verſichert! Meine Frau wollte letzthin, ich ſolle den Azor verſichern, weil man Giftkugeln im Quartier geſtreut hat. Wenn ich auch noch Geld für die Verſicherung der Lhiere bezahlen müßte, könnte ich es nicht mehr auftreiben., Komm', Kleiner, feg' mir meinen Schornſtein ſauber, hörſt Du?“ 1 Mit dieſen Worten führt der Portier meinen Bruder in ſein Haus.„Und ich?“ frage ich ihn. „Ah, Du? Du kannſt ſonſtwo Arbeit ſuchen; ich brauche keine zwei Schornſteinfeger für einen einzigen Kamin.“ „Geh' nur,“ ſage ich zu Peter,„ich will Dich hier erwarten, und wenn ich irgendwo Etwas zu thun bekomme/ ſo bleibſt Du, falls Du bälder fertig biſt, auf dieſer Bank ſitzen.“ Peter folgt dem Portier; ich gehe eine Weile auf der Straße auf und ab und werde bald von einer Magd gerufen, welche mir auſträgt, zwei Schorn⸗ ſteine zu reinigen. Während ich an metner Arbeit bin, iſt mein Bru⸗ der mit dem alten Portier gegangen der ihn in eine * „ Stube im ſechsten Stockwerk des Hauſes hinaufführt. Peter ſchaut ſich um: ein kleines trübſeliges Man⸗ ſardenzimmer, ein Waſſerkrug auf dem iſche, das Alles deutet ihm nichts Gutes an und ſieht Herrn Boulette's Laden nicht ähnlichz aber Peter hat ſeinen Plan gefaßtt er ſpricht Nichts und ſchickt ſich an, den Schornſtein hinaufzuklettern. „Nimm' Dich ja recht in Acht, Kleiner,“ wieder⸗ holt ihm der Portier mehrmals,„zerbrich mir NRichts; man hat vor Kurzem erſt die Röhre geflicktz fege ſauber, übereile Dich nicht; ich gehe wieder in den Hof hinunter, wenn Du fertig biſt, rufſt Du mir.“ Mein Bruder gibt ihm kein Gehör, er iſt bereits in dem Kamin oben. Er klettert, rechts und links mit den Händen tappend, hinauf, findet aber kein Loch, keine Spalte. Peter begreift es nicht; er glaubt, er müſſe wieder einen andern Schornſtein finden, in den er ſich hinablaſſen oder in den er wenigſtens hin⸗ unterſteigen könne, um den Leuten wieder Furcht ein⸗ zujagen, Kuchen und Eingemachtes zu eſſen, mit Schmeicheleien überhäuft und mit großen Kreuzern beſchenkt zu werden. Durch anhaltendes Klettern war Peter bis an das Ende des Kamins hinaufgekommen; er ſtreckt ſeinen kleinen blonden Kopf hinaus und ſieht, daß er auf dem Dache iſt. Er ſchwankt einen Augenblick unent⸗ ſchloſſen, was er thun ſoll, da er keine große Luſt hat, in die Stube des alten Portiers zurückzukehren, wo er Niemand erſchrecken, alſo auch keine Belohnung und keine Leckerbiſſen erhalten kann. Indem ſich Peter umſchaut, bemerkt er in einer Entfernung von etwa zwei Schritten die Röhre eines andern Kamins, die eine ſehr weite Oeffnung hat. Es iſt ihm, wenn er ſich vorbengt, ein Leichtes, die⸗ ſelbe zu erreichen. Ein Kind berechnet die Gefahr nicht lang; es weicht oft vor einer eingebildeten zu⸗ rück und hüpft und tändelt auf einem an Abgründen hinführenden Wege; allein da die Betrunkenen ihren Schutzgeiſt haben, müſſen die Kinder noch mit grö⸗ ßerem Rechte einen haben, denn ein kleines unſchul⸗ diges Weſen muß in den Augen der Gottheit eben ſo intereſſant ſein als ein des Weines voller Menſch⸗ Mein Bruder ſteigt alſo aus ſeiner Röhre heraus, beugt langſam den Körper vor, erreicht mit ſeinen kleinen Händen den gegenüberſtehenden Kamin, glitſcht vort raſch hinein und klettert dann glücklich wie ein König, oder wie ein Liebhaber, der ſich zum erſten Stellvichein begibt, oder wie ein Theaterdichter, deſſen Stück Glück gemacht hat, oder wie ein Schauſpieler, der einen Kameraden auspfeifen hört, welcher die⸗ ſelben Rollen hat wie er, oder wie ein Spieler, der eine Quaterne gewonnen hat, oder wie eine alte Kokette, der man ein Compliment macht, oder wie eine Magd, die ihre Herrſchaft ausgehen ſieht, oder wie ein Schüler, der ſeine Vakanz antritt(der Leſer mag ſelbſt urtheilen, welche Perſon hievon die glück⸗ lichſte iſt) in dieſen neuen Schornſtein hinab. Als Peter zwei Drittheile des Kamins hinunter⸗ geſtiegen iſt, beſinnt er ſich, ob er ſich bis auf den Herd hinablaſſen ſoll; es fällt ihm aber ein, daß 11¹ man ſich beim Stürzen beſchädigen kann, er will es alſo nicht thun; erſt tief unten will er einen plumpen Sprung machen und zur Beluftigung der Anweſenden mit lautem Geſchrei in das Zimmer purzeln. Wir wollen einmal ſehen, zu wem Peter dieſes Mal hinabfällt und ob ſeine unerwartete Erſcheinung eben ſo viel Wirkung hervorbringt wie bei Fräulein Cäſarine Ducroquet. In dem Hauſe des alten Portiers, wo viele Mieths⸗ leute wohnten, logirte unter Andern auch eine alte reiche Dame, welche ihre Nichte, ein junges ſechszehn⸗ jähriges Mädchen, bei ſich hatte. Madame Durfort, ſo hieß dieſe Dame, war ſehr ſireng erzogen worden, ohne weder auf einen Ball noch in ein Theater zu kommen, kurz ohne irgend eines der Vergnügen zu genießen, die ſonſt der Ju⸗ gend geſtattet ſind. Erſt im neununddreißigſten Jahre hatte man es für paſſend gefunden, ſie heirathen und Herr ihres Willens ſein zu laſſen, und die junge neununddreißigjährige Frau kümmerte ſich in der That nie um den Willen ihres Mannes, entweder weil ſie ſich für einen etwas langen Zwang entſchädigen wollte, oder weil ſie es für natürlich hielt, zu befehlen, nach⸗ dem ſie ſo lange gehorcht hatte. Madame Durfort bemächtigte ſich augenblicklich der Oberherrſchaft. Man hatte ihr einen kleinen Mann, welcher ſechs Jahre jünger war als ſie und ihr bloß bis an's Kinn reichte, zum Gatten gegeben; derſelbe hatte außerdem den gutmüthigſten Charakter und die zarteſte Stimme. Hieraus wird euch klar werden, daß Herr Durfort 2 ſeiner Frau gegenüber nicht beſonders imponiren konnte. Nach achttägiger Verheirathung zitterte der arme Mann vor ihr und ſprach nur, wenn ſie ihm das Recht dazu eingeräumt hattez aber ſeine Frau hatte ihm befohlen, ſich überall für den glücklichſten Mann aus⸗ zugeben, und wenn er dieſes in einer Geſellſchäft nicht drei oder vier Mal wiederholt hatte, ſo näherte ſich ihm dieſelbe und kneipte ihn, um ihn zu dieſer Redensart zu zwingen, bis er gehorchte. Herr Durfort wär außer Stand, das Uebermaß ſeines Glückes zu ertragen: er ſtarb nach fünfjähriger Ehe, dem Himmel für das ihm gemachte Geſchenk dankend. Aber die Wittwe war ſehr unzufrieden mit dem Verſtorbenen, weil er ſie kinderlos zurückgelaſſen hatte; ſie behauptete überall, ihre Eltern hätten ihr einen zu kleinen Mann gegeben und ſie werde ſich mit keinem wieder verehlichen, der nicht fünf Fuß ſechs Zoll groß ſei. Allein, ſei es, daß man Herrn Durforts Glück nicht zu würdigen wußte, oder daß wenige Männer den Muth hatten, ſein Nachfolger zu ſein, es zeigte ſich Keiner, um den Seligen zu erſetzen. Madame Durfort ging ſofort, indem ſie bedachte, daß die Bedingung, welche ſie bei einer zweiten Ehe feſtſetzte, viele Bewerber ausſchließe, weil große Männer etwas Seltenes ſind, einen Zoll in ihren Anforderungen herunter, In kurzer Zeit ſprach ſie überall davon, daß ein fünf Fuß vier Zoll großer Mann noch etwas recht Hübſches ſeiz; bald äußerte ſie ſich zum Vortheil der Männer von mittlerer Größe; endlich gab ſie ſogar zu, daß man, obgleich klein, doch* 13 hübſch ſein könne und fügte weiter bei, daß im All⸗ gemeinen die kleinen Männer anmuthiger ſeien als die großen. Aber das Alles zog keinen einzigen Be⸗ werber herbei und Madame Durfort, welche ſich zu⸗ letzt mit einem Zwerg begnügt hätte, ſah mit Aergerniß „ ein, daß ſie auf die Hoffnung, einen zweiten Gatten zu finden, verzichten müſſe, obgleich ihr jegliche Taille recht geweſen wäre. Kinderlos und gezwungen, Wittwe zu bleiben, nahm Madame Durfort, die irgend Jemand zum Be⸗ herrſchen haben mußte, eine ihrer Nichten zu ſich, welche ſie auszuſtatten und zu verheirathen verſprach⸗ wenn man ſie dieſelbe nach ihrer Laune erziehen laſſe⸗ Madame Durfort war reich; man vertraute ihr die junge Aglae an, die damals erſt acht Jahre alt war und recht hübſch zu werden verſprach⸗ giun Die junge Richte entſprach den von ihregehrzten Hoffnungen; ſie war eine Roſe, die bald in ſchönſter Pracht ſrahlen ſollte. Wozu jedoch ſo viele Reize, eine ſo herrliche Friſche! Arme Kleine, welcher grau⸗ ſamen Tante hatte man Dich anvertraut! Madame Durfort hatte, ſich erinnernd, daß man ſie erſt im⸗ dreißigften Jahre heirathen ließ, die Abſicht, ihre * Nichte nicht vor dem vierzigſten in die Ehe treten zu laſſen indem ſie verſicherte, daß in dieſem Alter ein Frauenzimmer erſt im Stande ſei, eine Haushaltung e zu führen und ihren Mann zu reʒieren pin en „Welche Thorheit!“ ſagte ſie oft,„Kinder von achtzehn oder zwanzig Jahren heirathen zu laſſen! Vie können dieſe ſchon Charafter haben undlein Haus⸗ 14 weſen leiten! Wie geht es in ſolchen Fällen? Dann ſind die Männer Herr, führen ihre Weiber wie Kin⸗ der an der Naſe herum und Alles iſt verkehrt im Hauſe. Sprecht mir von einem vierzigjährigen Frauen⸗ zimmer, die weiß, was ſie thut; ihr Charakter iſt ausgebildet, ſie beſitzt Feſtigkeit und Zuverſicht, fie bleibt ihrem Manne keine Antwort ſchuldig. Ach! wenn Herr Durfort noch lebte, ſo könnte er euch ſagen, daß ich mich nach achttägiger Verheirathung benahm, als ob ich ſchon ſeit zwanzig Jahren ſeine Fräu ſei.“ Die kleine Nichte antwortete ihrer Tante Nichts, aber im fünfzehnten Jahre fing ihr Herz zu ſeufzen an und es kam ihr vor, als ob ſie ſchwerlich ihr vier⸗ zigſtes erreichen werde, ohne vor Kummer zu ſterben; denn Madame Durfort zog Aglae auf, wie ſie ſelbſt aufgezogen worden wart führte ſie weder auf einen Bäll noch auf einen Spaziergang und verbot ihr jeden Umgangz ſi ſie ließ die arme Kleine alle die Lange⸗ büßen, die ſie ſelbſt einſt empfunden hatte. Auf dieſe Weiſe rächen ſich engherzige Seclen: Unſchuldige müſſen das Unrecht büßen, welches ihnen zugefügt wurde, während großmüthige Herzen ihr erlittenes Unrecht dadurch zu vergeſſen ſuchen, daß ſie ihre Nebenmenſchen beglücken und Wohlthaten ausüben. Madame Durfort war ſechszig Jahre alt, als ihre Richte in ihr ſechszehntes trät. Vergebens bemühten ſich einige vernünftige Leute, Aglae's Tante begreif⸗ lich zu machen, daß wenn ſie darauf beharre, ihre Nichte erſt im vierzigſten Jahre zu verheirathen, ſie wahrſcheinlich auf das Vergnügen verzichten 15 bei der Hochzeit derſelben zugegen zu ſein. Madame Durfort, welche ohne Zweifel glaubte, man altere im ſechszigſten Jahre nicht ſo ſchnell als im ſechszehn⸗ ten, antwortete beſtändig:„Ich verheirathe meine Nichte, wenn ſie ſo alt iſt wie ich, als ich Herrn Durfort heirathete.“ Aber der gute Lafontaine hat es ſchon geſagt: Ein Uebermaß der Kühnheit hilft oft weiter* Als ſelbſt der Vorſicht Uebermaß. Eine ſo traurige Lebensweiſe langweilte viejunge Aglae und ihre Langeweile wurde noch größer, wenn ſie be⸗ dachte, daß ihr vor Verfluß von vierundzwanzig Jahren nichts Anderes bevorſtehe. In ihr Zimmerchen einge⸗ ſperrt, deſſen Thüre neben der ihrer Tante auf die Hausflur führte, ſeufzte das arme Kind über ihrem Stick⸗ Tambourin oder ihrer Straminnäherei. Sie hatte kein unterhaltendes Buch zu ihrer Zerſtreuung: Ma⸗ dame Durfort hätte gezittert, wenn ſie einen Roman in den Händen ihrer Nichte geſehen haben würde; die Ritterromane ſchienen ihr noch gefährlicher als die andern, denn Herr Amadeus, Herr Tanered und Herr Roland ſprechen unaufhörlich von Liebe und zwar auf eine Weiſe, die einer jungen Unſchuld) die noch nicht weiß, daß die Liebhaber heutzutage anders ſind als die Ritter von ehemals, den Kopf verbreyen könnte. Die ganze Lektüre des jungen Mädchens beſtand aus dem Bürgerlichen Koch und ſelbſt aus dieſem hatte Madame Durfort das Kapitel über die Kapaunen herausgeſchnitten, weil die Art und Weiſe, wie dieſe Thiere gemäſtet werden, ihrer 16 Nichte hätte ſchwermüthige Gevanken beibringen können. 6 1d03 Wenn Aglae zu ihrer Tante zu ſagen wagte „Ich glaube, daß ich mit vierzig Jahren alt ſein werde,“ ſo ſchrie dieſe mit wüthenden Blicken auf die Jungfrau: „Was heißt Du alt? War ich alt, Fräulein als ich mich verheirathete? Stand ich nicht im ganzen Glanze meiner Schönheit? Winich nicht ſriſch, präch⸗ tig, wohlgeſtaltet? Wenn man dieſe Rotznaſen hört, wäre man mit fünfzig Jahren nicht mehr jung! Es iſt wahrhaftig zum Erbarmen! Lies die Geſchichte unſerer rältern, Plauvertaſche, damit Du eines⸗ BVeſſern belehrt wirſt.“ inc „Aber, Tante, Sie laſſen mich ja nur Rezepte übers Saucemachen leſen.⸗ — Weiledas für ein Frauenzimner wie nothwen⸗ digſte Wiſſenſchaft iſt; Dein Mann wird ſie aner⸗ kennen.“ n41 11 „Was ſieht denn in der Geſchichte unſerer Ur⸗ ältenn“ 2 nt 115 4 „Daß Abrahams Frau neunzig Jahre alt war, als ſie die Eroberung Pharav's von Egypten machte und die ſchöne Judith war ſchon über ſechszig, als ſie dem Holophernus den Kopf verrücktez ſomit glaube ich⸗ Fräulein, daß man auch im vierzigſten noch einen Mann finden kann. Auf dieſes wußte Aglae Richts zu erwievernz ſie begnügte ſich damit, wieder in ihr Zimmerchen zu⸗ rückzukehren und zu ſeufzen/ bis ſie ihre Tanke zw 17 einer Lottoparthie rief, der einzigen Erholung, die man ihr zuweilen gönnte. Ein junger Offizier auf halbem Sold, welcher ſeit einigen Tagen in demſelben Hauſe logirte, wo die Tante und die Nichte wohnten, ſah indeß eines Mor⸗ gens die ſchöne Aglae ihren Zeiſigkäfig aufhängen. Die arme Kleine ſprach mit ihrem Vogelz ſie ſuchte ihn zum Singen zu bewegem aber ſie ſchien dabei ſo traurig, und der meaoliſche Ton, in dem ſie ihn „Söhnchen, Herzchen“ nannte, hätte das gleichgültigſte Herz gerührt. Man kann ſich denken, daß der junge Offizier nicht unempfindlich blieb: Aglae's Züge hatten ihn intereſſirt; ſein einen Stock höher gelegenes Fenſter befand ſich gerade gegenüber von dem des jungen Mädchens, das allerdings beinahe immer geſchloſſen war. Allein der junge Mann ſah faſt den ganzen Tag zum Fenfter hinaus, in der Doffnungſeine Haus⸗ genoſfin zü erblicen. Es gibt nichts Gefährlicheres für hübſche Mädchen, als die Nachbarſchaft eines un⸗ beſchäftigten Offiziers. Ein Kriegep, der die härteſten Kämpfe mitgemacht, gibt ſich, um zu gefallen, mit den kleinlichſten Dingen ab: Herkules ſpann zu Ompha⸗ liens Füßen; Antiochus verkleidete ſich als Bacchus, um Cleopatra zu verführen; Rinaldv ſang ſeiner Ar⸗ mida; Franz I. machte der ſchönen Ferronniere Verſez und der tapfere Bayard ſelbſt beſchäftigte ſich manch⸗ mal neben Madame Randan ſchmachtend mit der Nähnadel. So verbrachte unſer junger Offizier, nachdem er Paul de Kock. LRXXIV. 2 . — 18 vie Feide ſeines Väterlandes geſchlagen hatte, ganze Tage damit, dem Zeiſig ſeiner Nachbarin zuzurufen: „Küß' mich, Söhnchen, küß' mich, Hetzchen.⸗ Aglae, welche ihr Fenſter nur des Morgens ein⸗ mal öffnete, um den Käfig aufzuhängen, wenn die Sonne ſchien, und Abends, um den Zeiſig hereinzu⸗ nehmen, bemerkte einige Zeit ihren Nachbar nichtz äber eines Tages, als ſie wie gewöhnlich den Käfig aufhing und nachdenklich vor Fifi ſtehen blieb, hört ſie eine äußerſt zarte Stinime mit Nachdruck wieder⸗ holen:„Küß' mich doch, Söhnchen, küß' mich, Herz⸗ chen.“ Dann erhebt ſie die Augen und erblickt das Geſicht ihres Nachbarn, welches nichts Abſchreckendes an ſich hatte. Sie ſchläat jedoch das Fenſter plötzlich zu, weil ſie ganz beſchämt iſt; dann nähert ſie ſich demſelben aber wieder und hebt eine kleine Ecke des Vorhanges in die Höhe, um zü ſehen, was der Herr mit der weichen Stimme für eine Phhſiognomie hal⸗ Es iſt ein junger, ſehr hübſcher Männz er hat praune Haare, blaue Augen, ein höchſt angenehmes Lächeln und ein räbenſchwarzes Schnurrbärtchen, das ſeinem Geſicht ſehr viel Charakter verlieh. Aglae hat vieſes auf einen Blick geſehen ſie bleibt aber immer mit dem Vorhangeckchen ſtehen, ſieht alle Augenblicke 3 wieder nach dein Nachbar hinauf und ſpricht bei ſich: „Ach, wie hübſch iſt ein Schnurrbart! Ach, wenn ich ein Junge wate, möchte ich auch einen haben! Jo vin überzeugt, er ſtünde mir gut.“ Und Fräulein Aglae würde gerne den ganzen Tag mit der Vor⸗ hangecke in der Hand ſtehen geblieben ſein, um ihr 1⁵ Gegenüber zu betrachten. Ihre Tante ruft: ſie muß ihr Fenſter verlaſſen. Wie ſchade! doch ſie wird ſich morgen wieder davorſtellen.. die armeKleine, welches Vergnügen es ihr macht, den Nachbar zu betrachten! Ach! Madame Durfort, Sie hätten Ihre Nichte vor den Schnurrbärten hüten ſollen. Abends beim Hereinnehmen des Käfigs ſieht man den Nachbar nicht; dieß iſt die Zeit, wo er ſich beim Mittageſſen befindet. Aber am folgenden Morgen verſäumt man nicht, Fifi aufzuhängen; man hat ſich zwar ſchon zum Voraus überzeugt, daß der Nachbar an ſeinem Fenſter iſt, allein man wagt es nicht, ihn änzublicken; man ſpricht übrigens länger mit ſeinem Zeiſig und hört dem Nachbar zu, welcher ſich auch mit ihm unterhält. Aglae erröthet und wird verlegen: dieß verſchönert ſie in noch höherem Grade; die Ver⸗ legenheit der Unſchuld hat etwas ſo Verführeriſches! Nicht allen Schönen iſt dieſe liebenswürdige Unbe⸗ holfenheit verliehen; es gibt welche, die ſie nachzü⸗ ahmen ſuchen, aber das ſind Dinge, die man nicht einlernen kann. Aglae ſchließt dieſes Mal ihr Fenſter langſamer, ohne jedoch nach dem Gegenüber zu blicken: ſie hofft, ſich durch das Aufheben der Vorhangecke zu entſchä⸗ digen; aber ihre Tante ruft ihr zur Arbeit. Wie ärgerlich! und wie lang wird der Tag bis zum kom⸗ menden Morgen ſein. Der junge Mann hat wohl bemerkt, daß man ihn beobachtet hat und erräth, daß man ihn, wenn man ihn Zleich nicht durch das offene Fenſter betrachtet, 20 doch hinter dem Vorhang gemuſtert hat. Ein junges Mädchen verräth ſich durch ihr ganzes Weſen, durch die geringſte Bewegung, und ſelbſt wenn ſie Gleich⸗ gültigkeit heucheln will, liegt Etwas in ihrem Aeußern, welches ihre Blicke oder ihre Worte Lügen ſtraft; die Liebe iſt ein ſo ſüßes, ſo ausſchließliches Gefühl für ſie, daß ſie ihr ganzes Sein durchdringt; ſie ſpricht ſich in ihren Handlungen, ihrem Gang, ſelbſt in ihrem Schweigen aus, und alle Anſtrengungen, ſie zu ver⸗ bergen, dienen häufig nur dazu, ſie deutlicher an den Tag zu legen. Aglae iſt nicht mehr dieſelben ſie iſt heiterer, leb⸗ hafter, wenn ſie mit ihrem Zeiſig ſpricht. Sie unter⸗ hält ſich weitläufig mit ihrem Vogel, welcher nie ſo gut beſorgt ward und jetzt mit Biscuits, Zucker und Körnern vollgeſtopft wird. Wie die kleinen Schelmin⸗ nen doch gleich auf Pfiffe gerathen!„Wie hübſch, wie artig er iſt, Fifi!“ ſagt das junge Mädchen, ihren Vogel an's Fenſter aufhängend. Und der Nachbar antwortet: „Ich liebe meine Herrin, ſie iſt ſo ſchön! Küß' mich Herrin, küß' mich geſchwind!“ „Haſt Du mich gern, Fifi?“ „Ja, ja, ja, ja.“ „Wenn ich aber den Käfig aufmachte, würdeſt Du doch davonfliegen.“ „Nein, nein! ich will bei Dir pleiben und nie zu einer Andern fliegen.“ Lieber Fifi!“ Und Fräulein Aglae ſtellte ſich, als vb ſie glaube, 2 ihr Zeiſig gebe ihr Antwort; für eine Unſchuld iſt das eben nicht ungeſchickt. Zeiſige, die eine ſolche Unterhaltung führten, würden in Frankreich mit einem wahnſinnigen Preiſe bezahlt, und der blaue Vogel war gegenüber von Fräulein Aglae's Zeiſig nur ein Dummkopf. Zweites Kapitel. Peter macht wieder einen dummen Streich. Seit man angefangen, mit Hülfe des Vogels ſich zu verſtändigen, hatte die kleine Nichte einige ver⸗ ſtohlene Blicke gewagt. Sie ſah, wie der junge Mann, während er nur mit dem Vogel beſchäftigt ſchien, kein Auge von ihr abwandte. Seinen höflichen Gruß erwiederte ſie mit leichtem Kopfnicken; dann gings wieder an die Unterhaltung mit Fifi, der vor das Fenſter geſetzt wurde, wie auch das Wetter ſein mochte. Dieſe zärtlichen Unterhaltungen dauerten leider nur gar kurz, denn die Tante, die nicht begriff, wie das Aufhängen eines Käſigs ſo viel Zeit erfordere, zankte die Nichte, als ſie nicht gleich wie gewöhnlich zurück⸗ kam. Die Kleine, die unaufhörlich von Liebe geplagt wurde und doch nicht mehr am Fenſter ſitzen durfte, wußte ſich zu helfen. Alle Augenblicke rief ſie: „Liebe Tante, es regnet; ich will Fifi herein⸗ holen.“ „Nein, Mamſellchen, es regnet nicht.“ 22 „Liebe Tante, ich ſage Ihnen, es regnet, ein Ge⸗ witter zieht auf. Der arme Fifi! er fürchtet ſich ſo vor dem Gewitter; wie er ſich verſteckt! Sehen Sie nur, wie finſter es wird.“ Um nur die Nichte los zu werden, erlaubte die Tante oft, den Zeiſig hereinzuholen. Kaum war er drinnen, ſo rief Aglae vergnügt: „Das Gewitter iſt vorbei und die liebe Sonne ſcheint wieder.“ „Glaub's wohl, es witterte bloß in Deinem Hirn.“ „Ach, die liebe Sonne! Darf ich nicht Fifi wieder vor's Fenſter ſtellen?“ „Nein, Mamſell: der Vogel bleibt, wo er iſtz Du bringſt mich von Sinnen mit Deinem Zeiſig. Statt zu nähen und zu ſticken, denkſt Du an Nichts als an den Zeiſig: Zeiſig hierhin und Zeifig dorthin, Zeiſig herein und Zeiſig hinaus; Morgens hat das Putzen und Füttern des Vogels kein Ende. Wenn das ſo fortgeht, laß' ich den Vogel fliegen, ſag' ich Dir.“ „Das hielt' ich nicht aus, liebe Tante! Der Vogel iſt mein einziges Vergnügen.“ „Dein einziges Vergnügen? Welche Impertinenz! Ein junges, anſtändig erzogenes Mädchen amüſirt ſich nie. Glaubſt Du, ich hätte mich je amüſirt vor meiner Heirath und doch heirathete ich erſt mit neunund⸗ dreißig Jahren; ſelbſt nach der Heirath amüſirte ich mich nie, nie, auch Herr Durfort nicht. Aber ihr⸗ junges Volk, denkt nur an's Vergnügen!“ Aglae ſchwieg und ſprach den ganzen Tag kein . * 23 Wort von Fifi. Um ſo reichlicher entſchädigte ſie ſich am andern Morgenz während man mit dem Vogel beſchäftigt ſchien, fragte und antwortete man ſich ge⸗ genſeitig. Der junge Offizier entdeckte bald die trau⸗ rige Lage der kleinen Nichte. „Ach!“ rief Aglae, wehmüthig den Käfig anſe⸗ hend,„ich bin recht unglücklich, lieber Fifi! Ich ſoll erſt mit vierzig Jahren heirathen und doch bin ich erſt ſechszehn.“ „Entſetzlich, barbariſch! Eine ſo hübſche Blume in ihrem Frühling welken, einſam verſchmachten laſſen⸗ ihr die frohe Jugendluſt rauben! Mit vierzig Jahren denkt kein Weib mehr an's Vergnügen; Liebe iſt dann zur Freundſchaft, Thorheit zur Weisheit, Koketterie zur Vernunft geworden„und dann erſt ſollen Sie lieben dürſen? Hören Sie nicht auf eine Tante, die ſo grauſam iſt; gehorchen Sie den Geſetzen der Natur und den Eingebungen Ihres jugendwarmen Herzens! Der Frühling allein iſt die Zeit der Liebe, des Ver⸗ gnügens. Lieben Sie, reziende Aglae, lieben Sie, ehe Ihr Herz vor Alter und Weisheit einſchrumpft⸗ Nur um Liebe zu erwecken, hat die Natur Sie mit ſolchen Reizen, ſolcher Iugendfriſche ausgeſtattet. Oder hätten Sie Ihre Schönheit, um der Ihr gebührenden Huldigungen verluſtig zu gehen? Nein, erwiedern Sie Gleiches mit Gleichem und glauben Sie an die Liebe deſſen, der Ihnen ewige Anbetung ſchwört.“ Es war der Zeiſig, der ſo ſprach. Und Aglae 2 Sie warf dem Vogel ein Kußhändchen zu und ſtotterte: „Ja, ich will Dir glauben, Fifi, will Dich liehen! Spiſt nicht meine Schuld, daß ich nicht ausgehe und des Abends Junkt zehn Uhr eingeſperrt werde.“ Rach ſolchem Geſtändniß brauchte der junge Of⸗ fizier nichts weiter, als auf Mittel und Wege zu ſinnen, wie er ſeiner Schönen ſich nähern könne; denn mit der Rolle des Zeiſigs vor dem Fenſter war er nicht zufrieden. Aber wie der kleinen Nichte ſich nähern? Die Tante hütete ſie wie ihren Augapfel: bei Tage durfte ſie nicht aus dem Hauſe gehen und Nachts wurde ſie in ihrer Kammer eingeſchloſſen. Wäre nur das Fenſter des jungen Mannes nicht ſo weit ab ge⸗ weſen, dann hätte er auf einem Brett wie auf einer Rutſchbahn hinüberklettern können; aber leider betrug die Entfernung ſechszehn Fuß und wo iſt ein Zimmer, deſſen Boden Dielen von ſolcher Länge hat? So mußte er ſich den Schlüſſel zu Aglae's Kammer zu verſchaffen ſuchen; es gab kein anderes Mittel. Daher wiederholte der Zeiſig allmorgentlich ſeinem Schätzchen: „Gib' den Schlüſſel, geſchwind! Suche den Schlüſ⸗ ſel zum Käfig!“ oder auch:„Oeffne mir die Thüre, ſei barmherzig!“ Fräulein Aglae, die noch vor wenig Wochen vor keinem Spiegel ihr Strumpfbändchen angelegt hätte, aus Furcht, den Teufel oder ſonſt was darin zu er⸗ blicken, wußte ſchon nach einigen Tagen den Schlüſſel zu ihrer Kammer aus dem Arbeitsbeutel ihrer Tante wegzupraktiziren, als dieſe ihre Brille verlangte. Kaum hat der kleine Nichtsnutz den Schlüſſel erwiſcht, ſo nimmt ſie hurtig den Zeiſig vom Fenſter fort, denn der Wind geht ſo und der Himmel iſt voll Lämmerwölkchen. —,— 25 Dabei aber ruft ſie mehrmals laut:„Fifi.“ Gleich erſcheint der junge Offizier, der immer auf der Lauer ſteht, am Fenſter, und ſieht einen Schlüſſel auf den Hof fallen. Er wie der Blitz hinunter und hebt ihn auf; Aglae ſchließt ihr Fenſter wieder und verſichert die Tante, über Nacht werde das Wetter ſich ändern. Dieſe aber hört die Nichte nicht, denn ſie ſucht ihren Schlüſſel zu Aglae's Kammer. „Was ſuchen Sie, liebe Tante?“ fragt die kleine Schelmin ſo arglos wie möglich. „Nichts, Mamſellchen!“ antwortet Madame Dur⸗ fort. Aber ſie denkt bei ſich:„Die Kleine darf nicht wiſſen, daß ich den Schlüſſel verlor, ſonſt behält ſie ihn, wenn ſie ihn findet. Doch ich hab' ja einen zweiten: ſo wird ſie's nicht merken.“ Abends Schlag zehn Uhr ſperrt Madame Dur⸗ fort wie gewöhnlich ihre Richte ein und dreht den Schlüſſel zweimal um. O, das Getöſe dringt der Kleinen durch Mark und Bein. Sie fürchtet, mor⸗ gens den verkehrten Schlüſſel aus dem Beutel der Tante genommen zu haben, denn ſie weiß nicht, daß die Tante zwei hat. „Was wird der arme Fifi ſagen?“ denkt ſie.„Viel⸗ leicht glaubt er, ich wolle ihn zum Beſten haben, ich liebe ihn nicht. O, wie ſchmerzt der Gedanke!“ Sie ſetzt ſich nieder, ſtützt das Köpfchen auf die Hand und fängt bitter an zu weinen. Es iſt doch grauſam, in ſüßen Erwartungen ſo getäuſcht zu werden. Gar zu gerne hätte ſie mit Fifi— geſchwatzt. Aber horch! ſteigt nicht Jemand die Treppe herauf? Richtig. Er bleibt vor der Thüre ſtehen und ſieckt einen Schlüſſel in's Loch. O Seligkeit! der Schlüſſel wird gedreht und die Thüre öffnet ſich. Aglae ſchreit laut auf vor Wonne, denn ſie erblickt— den zierlichen Schnurrbart Fifi's. Liebende und verliebte Seelen können ſich leicht denken, was die beiden Liebenden, die ſich allein ſahen⸗ ſich mitzutheilen hatten; kalte Seelen werden es nie begreifen. Uebrigens hat die Liebe Gemeinplätze, die nur für die betreffenden Perſonen Intereſſe haben. Ich denke mir, der junge Offizier wollte bloß etwas näher mit ſeiner hübſchen Nachbarin ſchwatzen und daß Aglae nichts Böſes darin fand, den Jüng⸗ ling auch außerhalb ſeiner Rolle als Zeiſig zu hören. Gewiß waren Beide etwas redſelig, denn ſie unter⸗ hielten ſich an Einem fort bis gegen ſieben Uhr Mor⸗ gens; aber die Tante kam nie vor halb neun Uhr⸗ Aglae's Kerkerthüre zu öffnen. Indeß erheiſchte die Vorſicht, Fifi um ſieben Uhr fliegen zu laſſen. Dieſes ſüße Nachtgeſchwätz dauerte ſchon vierzehn Tage lang und Alles ſchien dem Glück der beiden Liebenden günſtig zu ſein. Die Tante hatte nicht den geringſten Argwohn; vielmehr war ſie mit der Nichte zufriedener als je, denn die Kleine gab ſich bei Tage weniger mit Fifi ab, weil ſie's bei Nacht einholen konnte. Wer ahnete damals, daß die Ankunft der beiden kleinen Savoharden die Seligkeit des lieben⸗ den Paares zu nichte machen ſollte. Aber Alles hängt auf's Engſte zuſammen; der kleinſte Umſtand hat oft die gewichtigſten Folgen. Es iſt das alte Lied; ein Verſtoß gegen die Etikette in Deutſchland bringt ganz Europa in Waffen, ein ditto Verſtoß in China ſetzt ganz Aſien in Flammen. Laſſen wir das Kapitel, es würde uns zu weit führen. Gewiß hat man ſchon errathen, daß Peter, mein Bruder, Schuld daran iſt, indem er aus dem Kamin des Portiers ſich durch das Kamin der jungen Aglae niederläßt. Es war erſt ſieben Uhr Morgens; die jungen Leute hatten auch dießmal nächtlich mit ein⸗ ander geſchwatzt oder ſchwatzten vielmehr noch, als Peter wie eine ſchwere Maſſe den Rauchfang her⸗ unterpoltert und laut ſchreiend ſich in's Zimmer wälzt. Der Lärm xaubt Aglaen die Beſinnung. Sie glaubt, ihre Tante poltere in's Zimmer und aus Schreck darüber ſtößt ſie einen lauten Schrei aus. Dann kriecht ſie geſchwind unter die Bettdecke, während der junge Mann mit einem Sprunge über meinen Bruder wegſetzt, ohne ihn zu bemerken, und ſich mit Leibeskräften gegen die Thüre wirft, als eben die Tante im Nachtleibchen und Schlafmütze herbeieilt, um zu ſehen, was der Lärm bedeute. Man denke ſich die Beſtürzung der Tante, als ſie mit dem Schnurrbart des jungen Ofſiziers karam⸗ bulirt.„Was, wie?“ ruft ſie,„ein Mann bei meiner Nichte? Welche Schande, welcher Scandal! Wer ſind Sie? Wie heißen Sie? Woher kommen Sie? Was machen Sie da?“ Statt zu antworten, gibt er der Tante eine tüchtige Kreisdrehung und hüpft ſtets vier Stiegen auf einmal hinab. Madame Durfort, die ſeit ihrer Heirath der⸗ 28 gleichen Drehungen verlernt hat, geräth aus dem Gleichgewicht und ſtürzt der Länge nach auf den Bo⸗ den in einem Zuftande, der wahrhaft Mitleid ver⸗ diente. Auf das Geſchrei meines Bruders und der alten Tante eilt die ganze Nachbarſchaft neugierig zuſammen: Diener, Köche und Köchinnen. Die Einen heben Madame Durfort auf, die Andern fragen ſich heiſer; ſogar der alte Portier kommt mit dem Beſen in der Hand herbei. Inzwiſchen ruft die Tante un⸗ aufhörlich Ach und Weh⸗, während mein Bruder, der ſieht, daß ihm das Follern nichts hilft und daß es nicht überall Süßigkeiten vom Boden aufzuſchlecken gibt, ſich allmälig aufrafft und die Savoyarde zu tanzen anfängt, dabei ſein Ju, ju! piu, piue ruft und mit den Händen klatſcht. Aglae, die von dieſer Muſik nichts verſteht, ſpringt endlich aus dem Bette auf und gibt dem Savoparden, der ſich dieſen Tanz in ihrem Zimmer erfrecht, ein Paar geſunde Ohrfeigen. Peter, der auf Kuchen geſpitzt hat, iſt ganz verdutzt darüber. In dem näm⸗ lichen Augenblick dringt die Tante, gefolgt vom Portier und einigen Köchinnen, in die Kammer der Nichte, welche über den Zorn ihrer Tante ganz erſtaunt thut und auf den kleinen Schornſteinfeger hinweist, der wie ein Blitz aus heiterem Himmel in ihr Zimmer ge⸗ fallen iſt. Der Portier erkennt meinen Bruder, packt ihn beim Ohr und wirft ihn zum Tempel hinaus. Peter, erſt geohrfeigt, dann geohrzupft, läuft heulend die Treppe hinab. Unten im Hofe erwiſcht ihn der junge Offizier, der ſich ftellt, als komme er aus ſeiner Wohnung, nach der Urſache des Lärmes ſich zu erkundigen. „Wart', ich will Dich lehren, durch's Kamin her⸗ unterpoltern, Du Schelm!“ und damit applizirt er Petern ein halb Schock derber Fußtritte;„Du kehrſt das ganze Haus von unterſt zu oberſt, ftörſt die Tanten um ſieben Uhr aus ihrer Morgenruhe: da haſt Du Eins. Künftig bleib' hübſch in Deinem Schorn⸗ ſtein; treff' ich Dich wieder, ſo ſchneid' ich Dir, meiner Seel', beide Ohren ab.“ Nachdem er ſich ſo an meinem Bruder gerächt, geht er ruhig in ſeine Wohnung zurück. Auch die Köchinnen verlaufen ſich allmälig:'s iſt ja bloß ein Schornſteinfeger, der in's verkehrte Kamin gerathen. Aber Madame Durfort kann den jungen Mann mit Uniform und Schnurrbart nicht vergeſſen, der aus der Kammer ihrer Nichte ſich fortgeſchlichen und ihr einen Stoß gegeben hat, daß ſie der Länge nach hinfiel. Vor den Leuten ſchweigt ſie, doch kaum iſt ſie mit Aglae allein, ſo fragt ſie, wer der Eindringling ge⸗ weſen. Aglae iſt wie aus den Wolken gefallen und ſchwört, daß ſie Niemand geſehen. Endlich ſagt ſie, woher ein Schornſteinfeger gekommen, daher künne auch ein junger Offizier kommen. Die Tante weiß nichts darauf zu antworten; damit aber nicht wieder ein Schornſteinfeger nebſt Offizier in das Zimmer ihrer Richte regne, läßt ſie ſie neben ſich ſchlafen, bewacht ſie noch ſorgſamer als zuvor und ſchenkt Fifi die Freiheit trotz aller Bitten und Proteſtationen des jungen Mädchens. Draußen auf einer Bank in der Siraße etwartete ich meinen Bruder. Ich war längſt fertig mit Ka⸗ minfegen und begriff nicht, wo Peter ſo lange bleibe. Endlich ſah ich ihn heranhinken mit rothgeweinlen Augen und ſich an einem gewiſſen Theile reibend, als ſchmerze ihn der. „Was fehlt Dir, Peler?“ frag' ich, ihm enige⸗ geneilend. Er nimmt mich bei der Hand und zieht mich fort. „Komm', Andreas,“ ſagt er,„komm' geſchwind; läß uns fort aus dieſer Stadt.⸗ „Aber warlm jetzt ſchon fort? Worüber weinſt Du? Sprich'!“ m6 „Koinni', Bruder, komm'! Relten wir uns, man will mir die Ohren äbſchneiden.“ 0ℳ „Die Ohren abſchneiden 2“ „Ja, komm'; ich will nicht länger bleiben.“ Und damit zieht er mich fort. Schon haben bir Lyon im Rücken und doch blickt er jede Minnte ängßtlich zurück, als ſei man ihm auf den Ferſen. Drittes Kapitel. Ankunft in Paris.— Unvorhergeſehenes Creigniß. Erſt zwei Meilen hinter Lyon erholt ſich Peter vom erſten Schrocken und ſteht mir Antwort auf meine Frage über die Urſache ſeiner Thränen 31 „Nun ſprich', warum weinteſt Du? Was hat man Dir gethan?“ „Weiß Gott, Andreas) was all die Leute da von mir wollten. Ich wollte es machen wie beim Pa⸗ ſtetenbäcker: ich geh' die eine Röhre hinauf und als ich vben bin, ſchlüpf' ich in eine andere hinein unt rutſche d'rin herunter, ſingend unv ſchreiend. Gewiß kriegſt Dü da auch Kuchen, denk' ich bei mir, wie bei der andern Dame, weißt Du? Warum nicht gar.. Ohrfeigen krieg' ich, Ohrfeigen von einer Manſell, der Alte mit dem Beſon packt mich am Ohr und als ich unten bin im Hofe, kommt ein Herr mit Schnurt⸗ bart auf mich zu ünd tritt mich mit Füßene1. dahin und droht, er wolle mir die Ohrem abſchneiden, wenn er mich nochmals erwiſche.“ Arſter Bruder!“ „Sag' nur, Andreas, warum die da unten ſo freundlich geweſen ſind und warum die in Lhon für dieſelbe Sache mich geprügelt haben?⸗ 1 „Ich weiß nicht, Bruder; aber merk' Dir ein für alle Mal: Du mußt immer in derſelben Röhre bleiben, wenn Du fegſt. Ich habe in Pont⸗de⸗Beait⸗ voiſin keine Complimente gekriegt, aber auch keine Schläge in Lyon wie Duz ſie haben meine Arbeit ordentlich bezahlt. Mach's in Zukunft wie ich, dann geht es Dir beſſer.“ Peter verſpricht, in Zukunft vorſichtiger zu ſein und nie tieder durch eine andere Röhre hinabzu⸗ ſteigen. Luſtig geh'n wit fürbaß, denn wir brennen vor Ungeduld, Paris zu ſehen, die große, große Stabt, von der man uns ſo viel erzählt hat. Peter träumte von nichts als Marionetten, Seiltänzern und Schat⸗ tenſpiel an der Wand; ich aber fühle nach dem Porträt unter meiner Weſte und denke an den ein⸗ äugigen Herrn und das hübſche kleine Mädchen; ich bin ganz ſtolz, ihnen das Kleinod wiederbringen zu können, das ſie in unſerer Hütte liegen ließen. Es war mir, als müßte ich ſie gleich bei unſerer Ankunft in Paris treffen. Unterwegs geht Alles gut; es begegnet uns nichts Ungewöhnliches. Wenn wir auf unſerm Marſch in einer Stadt Arbeit bekommen, ſo hält ſich Peter immer hübſch in dem nämlichen Kamin und geräth in keinen fremden; ſo gehört ſich's auch. Wir verdienen ge⸗ rade ſo viel, als wir brauchen. Endlich, endlich ſtehen wir am Ziel: ſchon erblicken wir ganz in der Ferne die ungeheuren Häuſer der großen Stadt. O⸗ wie that uns das ſo wohl, wie muthig fühlten wir uns.„Sieh', da liegt Paris,“ riefen wir Beide zu⸗ ſammen aus,„wo man ſo viel Geld verdient und ſo luſtig lebt und wo's ſo viel zu ſehen gibt: Ma⸗ rionetten und Seiltänzer, und wo man ſo gut ißt und trinkt.“ Vir geben uns die Hand, Peter und ich, werfen die Mütze hoch in die Luft und jauchzen laut auf vor Freude. Wenn wir nur erſt in Paris ſind, ſa⸗ gen wir uns, da muß es uns gut gehen, und man braucht da nur zu wohnen, um glücklich zu ſein⸗ Aber ich bin erſt acht Jahre alt und mein Brude ſieben. 4 Ehe wir in Paris einziehen, halt' ich es für gut, dem Bruder ein Paar nützliche Lehren zu geben. „Bruder,“ ſag' ich,„bedenke, was unſer guter Vater ſagte. In der großen Stadt leben nicht lau⸗ ter ehrliche Leute, auch viele Schelme, Spitzbuben und Diebe, daß Gott erbarm'. Aber ſo muß es halt ſein. Es gibt da Viele, welche ſich luſtig ma⸗ chen über die, welche vom Land herein kommen, ihnen allerlei böſe Poſſen ſpielen und ihnen das Geld aus der Taſche ſtehlen; nicht uns, denn wir haben keines. Aber vielleicht lacht man uns aus, denn wir ſind noch Kinder, und treibt mit uns ſein Spiel. D'rum nimm Dich in Acht und glaub' nicht Alles, was man Dir ſagt. Hörſt Du, Peter? „Ja, ich höre, Andreas; aber ich bin nicht ſo dumm, wie Du weißt!“ Ich war nicht ſo ganz feſt davon überzeugt, doch wollt' ich's Peter nicht merken laſſen. Jetzt endlich ſind wir in Paris. Wie wurde uns zu Muthe in der großen, ungeheuer großen Stadt. Um ſieben Uhr Morgens betraten wir eine der Vorſtädte Lyons, und ſchon nach einer Stunde hatten wir ſie im Rücken, ohne uns umzuſehen. Aber hier! Es ſchlägt drei Uhr Nachmittags, als wir uns in Paris befinden. S iſt die Stunde, wo Jeder ſeinem Geſchäft nach⸗ geht. Die Straßen ſind vollgepfropft mit Menſchen, die Wagen raſſeln mit Blitzesſchnelle an uns vorüber und um uns her, die Läden ſtrahlen im ſchönſten Glanze, die Tabuletkrämer bieten ihre Waaren feil, Paul de Kock LRRRIv. 3 — —. dazwiſchen rufen die Oebſtler, Gemüſeweiber, Waſſer⸗ träger u. ſ. w. Rechts wird die Drehorgel geſpielt, links geigt ein blinder Geiger, etwas weiter davon ſingen Mehrere zur Guitarre. Ich ſtoße Peter mit Gewalt fort. Er reißt die Augen auf und ſperrt das Maul auf; er weiß nicht, wohin er zuerſt ſehen ſoll. Faſt geht's mir wie ihm, doch geb' ich mir Mühe, weniger dumm auszuſehen. Die Ohren wollen uns ſpringen von dem ewigen Geraſſel der Wagen und dem ver⸗ worrenen Geſchreit„Für drei und einen halben Sous Alles nach Belieben!— Waſſer, Waſſer!— Zwei Stück für fünfzehn Sous!— Aufgeſchaut, meine Herren und Damen, Meſſer, Scheeren, Lotto's, Domino's!— Nur zugekauft, Kinder, friſchgebacken, eben aus dem Ofen!— Uhrketten, von Haaren, zu allen Preiſen und zu allen Sorten!— Die aller⸗ neueſte und allerbeſte Anweiſung zum Piquet und Ecarte!— Immer heran, meine Herren und Da⸗ men, hier iſt zu hören und zu leſen das rührende Lied auf den weltbekannten Pariſer Giftmord, nach der Melodie: O Liebe, Liebe, Liebe!— Nur noch der letzte Reſt!— Jede Nummer gewinnt! Ziehen Sie, Mamſellchen, ziehen Siel u. ſ. w. u. ſ. w.“ Je weiter wir kommen, um ſo ärger wird der“ Lärm und um ſo dichter die Menſchenmenge. Schon zweimal wurde Peter umgerannt, denn er bleibt vor jedem Laden ſtehen, ohne den Leuten auszuweichen. Schon wieder läuft er mit der Naſe gegen einen ſchönen Herrn an, der wie ein Edelmann gekleidet iſt, mit ſpiegelglatten Stiefeln, blauem Rock ni 35 goldenen Knöpfen, Faltenhoſen, prachtvoll friſirlen Haaren, thurmhoher Halsbinde und ſchneeweißen Handſchuhen. Der gnädige Herr ſtößt Peter auf die Seite und fährt ihn an: „Schlingel von Savoharde, Schmutzlümmel! Die Kanaille macht ganz Paris dreckig!“ Peter guckt den geſtrengen Herrn groß an und ſpringt raſch auf die Seite, ſtolpert aber gegen den Korb einer Oebſtlerin und wirft Alles auf's Pflaſter. „Daß Du die Peſt kriegſt, Savoyarde!“ ruft die Frau wüthend.„Wo haſt Du die Augen, Eſell Gleich ſamml' das Obſt auf, und bezahle, was Du verdorben haſt.“ Ich wie der Blitz hin und helfe dem Bruder das Obſt aufleſen. Dann zieh' ich ihn fort und zanke ihn: „Gib doch Acht, Peter; ſieh' in Zukunft ordent⸗ lich vor Dich hin.“ Aber Peter iſt ſo außer ſich vor Staunen, daß er mich nicht hört. Er weist mit dem Finger auf einen Kleiderladen und ruft: „Sieh', Andreas, die ſchönen Kleider, und da, die ſchönen Spiegel, und da, die ſchönen Stühle!“ Nur mit Mühe bring' ich ihn von einem Paſte⸗ tenbäckerladen weg. Er zupft mich am Kleid, ſieht mich bittend an und ſagt ganz leiſe: „Andreas, haſt Du zwölf Sous?“ „Nein! Wozu das?“ „Hörſt Du nicht?„Zwölfhundert Franken für zwölf Sous!“ ruft der kleine Herr da. Die wollen wir kaufen, Andreas, und uns dann beim Paſteten⸗ bäcker ſatt eſſen.“ „Geh', Peter; der Herr da hat uns zum Beſten. Ich ſagte Dir ja, Paris iſt voll von Schelmſtreichen!“ „Du glaubſt, er will bloß ſpaßen?“ „Was ſonſt, Peter? Wie kann er zwölfhundert Franken für zwölf Sous verkaufen? Er muß uns für rechte Eſel halten!“ Jetzt ſind wir vor einem Kupferſtichladen. Ueber eine Stunde bewundern wir die herrlichen Bilder. Nie hatten wir ſo ſchöne Sachen geſehen, und ich glaube, noch ſtünden wir da, wenn nicht etwas weiter ab Peter ein kleines Haus von Leinwand ent⸗ deckt hätte, vor dem eine Menge Menſchen ſich ſtieß und drängte. „Ach, Andreas, eine Katze! Polichinello! der Teufel!“ ruft er und läuft weg. Ich folge ihm dahin. Ein Marionettentheater iſt's, wo eine Katze von Polichinello gehänſelt wird und ſich mit Rotomago herumprügelt. Die Geduld des armen Thieres hätte mich in Staunen geſetzt, hätte ich nicht gehört, daß es in Paris Thiere gebe ſo geſcheidt wie Menſchen. Alles läuft herbei, dieß Schauſpiel zu ſehen; eine neugierige Menge umgibt uns: Bonnen, welche die Katze den Kindern zeigen⸗ während ſie mit Soldaten ſchwatzen; Mamſellchen, die oft ſich umblicken, und ach! wie hübſch und artig ſind; auch Herren, die dicht hinter den Mamſellchen ſtehen und ihnen immer auf der Ferſe folgen. Das iſt nicht höflich, ihr Herren. Jetzt ſeh' ich gar Einen, „ 37 der ſeine Hand unter die Schürze von einer dieſer Damen ſteckt. Schon will ich: Diebe! Diebe! ſchreien, aber die Dame kehrt ſich um und ſieht ihn ſo freund⸗ lich an. Sie müſſen ſich gut kennen, ſcheint's. Endlich ſiegt die Katze, der Teufel verſchwindet, nicht in den dunkeln Schooß der Erde oder in die Luft, ſondern in den Hintergrund des Häuschens von Leinwand, das ſich plötzlich in Bewegung ſetzt und etwas weiter unten ſtille ſteht, zum großen Ergötzen der Zuſchauer. Ich nehme Peter beim Arm und reiße ihn mit fort. Noch wiſſen wir nicht, wohin wir gehen und wornach wir uns erkundigen ſollen;z aber Paris iſt ſo voll von Wundern und Herrlich⸗ keiten für uns, daß es uns ganz natürlich ſcheint, der Neugier nachzugeben und all' die tauſend Schön⸗ heiten um uns anzuſtaunen. Zwar ſehe ich mich unter der großen Menſchenmaſſe nach dem Serrn um, der eine Nacht bei uns ſchlief, und nach der ſchönen Dame, deren Porträt ich auf der Bruſt trage, auch nach dem hübſchen kleinen Mädchen; aber ich finde ſie nicht. Es muß doch nicht ſo leicht ſein, Jemand in Paris aufzufinden, wie ich mir dachte! „Mein Gott, wie groß!“ ruft Peter bei jedem Schritt aus, den wir vorwärts thun.„Sag' nur, Andreas, wie leicht kann man ſich hier verirren!“ „Gewiß, Bruder, und doch ſeh' ich noch kein Ende. Aber ſchau', Peter, ſchau', die Bäume, eine Promenade! Komm' hierher, da iſt's hübſcher und ſtiller von Wagen.“ Wir haben die Boulevards erreicht, denn das ſind die Bäume, die Promenade. Wir gehen und gehen immer weiter und dennoch fühlen wir keine Müdigkeit, ſo ſehr bewundern wir, was wir hören und ſehen. Hier ſind es goldene Ringe, Brillant⸗ nadeln zu zwei Sous das Stück. „Kaufen wir eine,“ ſagt Peter leiſe. „Bruder, wohin denkſt Du! Merkſt Du nicht, man will uns zum Beſten haben?“ „Schon wieder? Schon wieder, Peter?“ Einige Schritte davon ſteht ein Herr vor einem kleinen Bretterhäuschen, klopft mit einem Stock auf eine Leinwand und ruft: „Hier iſt für den Spottpreis von zwei Sous zu ſehen der große, berühmte Antianto⸗Polvphage⸗ der Zeiſige, Aale, Säbel und Degen verſpeist!“ Auch das will Peter ſehen. „Nicht doch,“ ſag' ich ihm,„man lacht uns ausz vergiß nicht, wir ſind in Paris.“ Nur mit vieler Mühe halt' ich Peter zurück, der mit ſeinen ſieben Sous in der Taſche Alles ſehen, hören und kaufen will. Aber halt, wohin rennt die Menge? Was ſoll die Muſik? Wir folgen dem Strome, und erblicken mitten auf einem großen Platze ein offenes Cabriolet und darauf einen Herrn in rothem, goldgeſticktem Rocke, mit gepuderten Haaren und langem Zopfe, Nankinhoſen, Huſarenſtiefeln und zwei langen goldenen Uhrenketten, woran zwei dicke rothe Kugeln hängen. Hinter dieſem ſchönen Herrn ſtehen zwei Männer mit einem Geſicht, ſo ſchwarz wie Neger, aber Hän⸗ 39 den, wie wir ſie haben. Beide Männer ſind ganz ſonderbar gekleidet: Hoſen, ſo weit wie Unterröcke, enge Weſten von flohfarbener Seide, geſtickte Gür⸗ tel und eine Art von Schnupftuch um den Kopf ge⸗ wickelt. Sie machten die Muſik, die wir ſchon in * der Ferns hörten; der erſte hat ein Jagdhorn, der zweite eine Klarinette, beide haben auf dem Kopf Triangel mit Glöckchen und vor ſich zwei große Trom⸗ meln, die ſie mit den Knieen ſchlagen, denn die Stöcke ſind an den Knieen befeſtigt. Alles an dieſen Männern iſt in ewiger Bewegung, kein Glied ruhig: der Kopf wackelt immer hin und her, Bruſt, Leib, Arme und Kniee fliegen hin und her. O wie köſtlich ſieht das aus, und wie laut und doch ſo ſchön klingt es! Peter, der nie eine ſo herrliche Muſik gehört, iſt wie behext; er drängt ſich bis an die Räder durch und fängt an die Savoyarde zu tanzen, ſchreit Ju, ju! piu, piu! und klatſcht in die Hände. Aber der eine von den beiden Herren mit ſchwarzem Ge⸗ ſichte nimmt eine ungeheuere Peitſche und zieht ihm eins über, daß er ſich ruhig verhalte. „Siehſt Du,“ ſag' ich leiſe zu Peter, der ein jämmerlich Geſicht ſchneidet,„die Herren machen teine Muſik, daß Du tanzen ſollſt. Sei ruhig oder man ſchickt uns zurück.“. „Andreas, der Herr da in rothem, goldgeſticktem Rock iſt ein Edelmann, nicht wahr?“ „Das ſollt' ich meinen, Bruder.“ „Aber die beiden ſchwarzen Teufel da?“ „ 40 „Sind ſeine Bedienten, Peter. Still, ſtill. Der ſchöne Herr will reden.“ Wirklich ſteht der rothe Herr auf, gibt den bei⸗ den Muſikanten ein Zeichen, ſtill zu ſein, trocknet ſich mit einem zerlöcherten Schnupftuch den Schweiß von der Stirne und will zu reden anfangen. Alles ſpitzt die Ohren. Peter und ich ſind in der erſten Reihe und können jede Silbe hören. Leider ſpricht er ſo ausländiſch, daß ich ihn ſchwer verſtehe. Wie's mir deucht, geht's der Menge nicht beſſer, und doch hört Jeder mit der größten Aufmerkſamkeit zu. Nach⸗ dem der ſchöne Herr nochmals ſich die Stirne getrock⸗ net und ſich geräuſpert, fängt er ſo an: „Meine Erren und Damen, Signora und Miſt⸗ reß, ich grüſſe Ihnen. Für Sie ſdeht der Signor Fugacini, der ſik ßchmeichelt, Ihnen Allen bekannt ſu ſein: perche ſeit drei oder ßwei Jahrhundert; ick bin ſerr bekannt in alle Aubtſtädte, ſi Signors, durk die Kuren ick habe vollſogen mit dem göttliken Bruſtbalſam und Magenbulver, durk mein Genie erfindet! Ik you please, Meſſieurs, Mhlords, meipe Erren, das is ein Balſam für die Magen, das mackt, daß man lebt undert Jahre un oft nok merr, wie die Karraktere beſchaffen ſeind. Un wenn die Schachtel leer is, hab ick nock merr, meine Erren und Damen, immer nack Belieben. God dem, Sig⸗ nors, ick bin kapabel, Sie Straußenmagen und an⸗ dere Viehmagen ſu geben. Mein Balſam mackt Ihnen verdauen Sdeine, Marmor, Mooß, Gieſel, altbacken Brodt, Berlen, Gupfer, ßwarze Radis 4¹ und Diamanten! Perche, Sie begreifen ſugleik die ganze Nutzlikkeit, un per provar, meine Erren und Damen, wenn Sie ſeind in die große Wüſte Sahara, wo es nur Sand un Sdeine zu eſſen gibt, un Sie nehmen mein Balſambulver mit, per provar, omne tulit ponctum, ick will nich Signor Fugacini eißen, wenn Sie nich Sand und Sdeine eſſen wie gelbe Erbſen, un ebenſo abbetitlich, very good!“ Alle ſahen ſich verwundert an. „Ein Deutſcher!“ ſagen die Einen. „Nein, ein Engländer!“ ſagen die Andern. „Gott bewahre, ein Türke!“ ruft eine Köchin. „Er hat ja Neger bei ſich, und gewiß hat er ſeinen Balſam in einem Serail gefunden.“ „Verzeihung, Wertheſte,“ entgegnet eine Andere, „ich weiß es gewiß, er iſt ein Italiener, er hat very good geſagt. Ich habe mein Italieniſch bei einer Sängerin in der Oper gelernt, bei der ich drei Jahre diente.“ „Andreas,“ fragte mich Peter ganz leiſe,„der ſchöne Herr da will uns Kieſel zu eſſen geben?“ „Nicht doch, Bruder. Er hat einen Balſam, den er uns ſchenken will, glaub' ich; denn ich ver⸗ ſteh' ihn nicht ganz. Still, er fängt wieder an.“ „Meine Erren und Damen, ick könnte Ihnen die ſtaunlicke Graft von meinem Balſam ſeigen. Sie brauken bloß nak London, Rom, Konſtantinopel, Madrid, Peking, Egypten, Syrien und Arabien ſu geh'n. Aber ick will Sie nich ſo weit ſchicken. Ick will lieber coram populo Sie hinweiſen auf dieſe 42 veiden Neger aus Afrika, die nicks eſſen als Sdein, Mooß und Marmor— un warum? Weil ſie mein Balſam brauken.“ Dabei wies der ſchöne Herr auf die beiden Mu⸗ ſitanten, von denen Einer an einem dicken Stück Schwarzbrod und einer Servelatwurſt kaute. „Sie ſeh'n, meine Erren und Damen, ſie ſeind ſtark un geſund, un vok der da is neunundneußik Jahre, un der andere is undert un elf. Das ſprikt ſerr für mik. Aber das Beſte kommt nock. Um Ih⸗ nen coram populo einen Beweis von die ſtaun⸗ like Güte von meinem Magen zu geben, will ick eſſen kein Stein, kein Sand, kein Diamant, das wär' ſu leikt vor mik, meine Erren und Damenz nein, ick will eſſen cor am populo ein klein Kind von ſieben oder akt Jahr, männlik oder weib⸗ lik, das erſte beſt, das ſik eſſen laſſen will.“ Alle brachen in laute Verwunderung aus⸗ „Mein Gott,“ flüſtert Peter mir zu,„ein Kind will er eſſen, der ſchöne Herr?“ „Warum nicht gar, Peter. Er hat uns zum Beſten, wie die Andern auch.“ Inzwiſchen iſt Signor Fugacini von ſeinem Ca⸗ briolet herabgeſtiegen und Einer der Neger mit ihm, um Platz zu machen unter der Menge, die endlich einen weiten Kreis bildet um den Wagen. „Das wär' ein Stück!“ ruft der Eine. „Bin doch neugierig!“ der Andere. „Unmöglich!“ ein Dritter, u. ſ. w. Peter und ich ſtehen immer noch in der erſten 43 Reihe, während der ſchöne Herr im rothen Rock ſtolz und vornehm in der Mitte des Kreiſes auf und ab marſchirt. Er ſieht ſich um nach allen Seiten, wartet eine Zeit lang; aber kein Kind erſcheint, um ſich eſſen zu laſſen. Plötzlich bleibt Signor Fugacini vor Peter ſtehen und muſtert ihn von Kopf zu Fuß. Peter wird purpurroth im Geſicht und ganz verdutzt. Aber ich ſtoß' ihn an und ſage ihm in's Ohr: „Sei ohne Furcht, er thut Dir nichts. Er hat bloß ſeinen Spaß mit Dir!“ „Komm' her, Kleiner!“ ſagt der Herr und winkt Peter. Ich ſtoß' ihn ſanft vorwärts, und gleich darauf ſteht er mitten im Kreiſe. „Wie alt biſt Du?“ „Sieben Jahr, Herr.“ „Sieben Jahr! reckt ſo, very good! Du biſt hübſch, dick und fett. Soll ick dik eſſen, Speck? Es thut nik weh, und du kriekſt ſwölf Sous dafür.“ Peter reißt die Augen weit auf und ſi t mich fragend an. „Nur zu,“ ſag' ich ihm,„'s iſt ja nur Spaß, oder meinſt Du, er werde Dich wirklich aufeſſen?“ „Ja, ich will, Herr!“ ruft Peter. Der Mann im rothen Rock nimmt Peter bei der Hand, zeigt ihn erſt der verſammelten Menge und läßt ihn dann durch die beiden Neger in die Höhe heben, die ihn fünf Minuten lang in der Schwebe halten müſſen, damit die Zuſchauer ihn beſſer ſehen. Dabei muſiziren ſie und ſchlagen mit den Trommel⸗ 44 ſtöcken an ihren Knieen unbarmherzig auf die Trom⸗ meln los, während Peter in ſeiner Todesangſt die poſſierlichſten Fratzen ſchneidet. Endlich gebietet der Herr den Muſikanten Stille und zutt mit donnern⸗ der Stimme: „Aufgeſchaut, meine Erren und Damen! Dieß Kind, ſieben Jahre alt, werd' ick eſſen und in fünf Minuten verdauen, bloß mit Hülfe von mein Bal⸗ ſam!“ Alles reckt die Hälſe empor. Auch ich bin außer mir vor Neugier; es konnte ja dem Bruder kein Leid geſchehen. Peter aber ſcheint nicht ſo ruhig wie ich, obgleich ich ihm unaufhörlich bedeute, ohne Furcht zu ſein. „Mein Kleiner,“ ſagt der ſchöne Herr zu Peter, den die beiden Neger wieder auf die Erde geſtellt hatten,„Du mußt Dik ausſieh'n. Ick hab' geſackt, ick will ein Kind eſſen, aber nick, ick will ſeine Klei⸗ er eſſen. Dock aus Reſpekt vor die ehrenwerthe Geſellſchaft will ick Dick mit Dein Hemd ſpeiſen. Sieh' bloß Dein Rock und Dein Oſe aus.“ Peter beſinnt ſich eine Weile. „Geſchwind, zieh' Dich aus!“ ſag' ich ihm.„S iſt ja nur Spaß, Peter. Wie kannſt Du glauben, daß der Herr Dich eſſen will?“ Peter mault etwas, aber thut, wie ich ihm ge⸗ ſagt. So ſteht er denn ohne Jacke und Hoſe, im bloßen Hemde da, die Kleider unter'm Arme. Dann führt der ſchöne Herr Peter im Hemde im Kreiſe herum, dabei ruft er laut: 45 „Erxaminiren Sie ihn, meine Erren und Damen. Sie ſeh'n, der Klein' is kein Geripp nick, God dem, der Schelm is dick un fett. Als ick ihn zur Speiſe mir ausgewällt, da ſah ick nick, wie fett er ſein that. Aber mackt nicks, ſechs Fund merr oder weniker! Um ſo beſſer vor die Geſellſchaft.“ 3 Die Promenade im Hemde behagte Peter nicht ſonderlich, der ſich mehr als einmal von ſeinem Führer losreißen wollte; der aber hält ihn feſt und ſieht ihn groß an⸗ „Nur Gedult, kleiner Schelm! wir ſind nok nick fertik! Du haſt mordlange Haare, un Haare ſchmecken nick gut. Ick will Fleiſch eſſen un kein' Haare. Holla, Domingo, ſchneid' ihm die Berrühk ab!“ Domingo kommt mit einer großmächtigen Scheere, vor der Peter erſchrickt. „Sei ohne Furcht, Peter,“ ſage ich zum Bruder, obgleich mir der Spaß nachgerade etwas zu lang währte. Doch jetzt zurückzutreten wäre ſchimpflich gewe⸗ ſen; man hätte uns ausgelacht. Durch mein Zure⸗ den ermuthigt, gibt Peter auch dießmal nach, und in Zeit von drei Minuten hat ihn der Neger pudel⸗ glatt à la Titus geſchoren, während ein Herr aus der Geſellſchaft die ſchönen, langen, blonden Haare Peters emſig auflieſt und ſchnell in die Taſche ſteckt. Während Peter geſchoren wird, geht Signor Fugacini ſtolz und vornehm auf und ab, ſchüttelt ſich den Vauch, knirſcht mit den Zähnen, probirt ſein Gebiß und macht tauſend Grimaſſen, als wolle er ſich auf das große Werk gehörig vorbereiten. Meine Ungeduld ſteigt jetzt auf's Höchſte, denn ich ſehe, wie Peter mit jeder Sekunde mehr er⸗ ſchrickt. Endlich, als der Reger ſich entfernt hat, ſtürzt Signor Fugacini mit wüthender Miene und grimmigen Augen auf den armen Peter los, packt ihn am Arm und beißt ihn leicht in die rechte Schul⸗ ter. Kaum hat Peter den Schmerz gefühlt, ſo fängt er gräulich an zu brüllen und reißt ſich in ſeiner Verzweiflung vom ſchönen Herrn los, was ihm nicht ſchwer fällt; denn der Herr denkt nicht daran, ihn zurückzuhalten, vielmehr hat er Alles auf die Flucht Peters berechnet. Laut ſchreiend, mit Hand und Fuß arbeitend, zwängt ſich Peter durch die Menge und läuft Hals über Kopf davon, glattgeſchoren, im bloßen Hemde, ſein Bündel Kleider unter'm Arm, während die Umſtehenden ihm nachrufen: „Der Schelm ſteckt mit Signor Fugacini unter einer Decke!“ Auf den erſten Angftſchrei des Bruders wollte ich ihm zu Hülfe eilen; aber ich kann nicht durchkom⸗ men. Als ich endlich durch bin und mich nach Peter umſehe, finde ich ihn nicht. Ich rufe laut: „Peter! Peter! wo biſt Du?“ Keine Antwort. Einige Leute zeigen mir, wohin er gelaufen iſt; ich wie der Blitz ihm nach, und im⸗ mer: „Peter! Peter! wo biſt Du?“ 47 Alles umſonſt; er hört und antwortet nicht. Meine Qual ſteigt mit jeder Sekunde. Ich laufe und laufe, aus einer Straße in die andere, ohne zu wiſſen wohin? Zum Unglück bricht der Abend an. Wohl hundert Mal frag' ich: „Haben Sie nicht meinen Bruder geſehen?“ „Deinen Bruder? Wer iſt das?“ „Er heißt Peter und iſt im Hemde davon ge⸗ ſprungen, weil ein Herr in rothem Rock ihn auf⸗ eſſen wollte.“ Alle lachen mich aus. Die Einen gehen, ohne zu antworten, weiter, die Andern ſagen trocken: „Geh' nur heim, da find'ſt Du ihn.“ Geh' nur heim! Ja, könnt' ich nur. Wie weit, ach! ſind wir von der Heimath, und yier haben wir keine Seele, die uns kennt, uns aufnimmt. Wo ſoll ich dich ſuchen, in dieſer ungeheuren Stadt, ar⸗ mer Peter? Wie wird's dir gehen ohne mich? Gott, wenn die Mutter wüßte, daß du nicht bei mir biſt! Sagte ſie nicht, ich ſolle dich keinen Au⸗ genblick verlaſſen, und ich, ich konnte dich ermun⸗ tern, auf den ſchönen Herrn zu hören, der gewiß ein Dieb und Räuber iſt! Ach, lieber, lieber Gott, gib mir meinen Bruder wieder! Ich weine bitterlich, und je mehr ich weine, um ſo muthloſer werde ich. Es iſt Nacht, und kein Peter zeigt ſich. Vor Müdigkeit ſetz' ich mich auf einen Eckſtein. Seit Morgens habe ich Nichts ge⸗ geſſen, keinen Biſſen, und doch hungert mich nicht, denn ich bin ſo betrübt, ſo tief betrübt. Ich weine 48 mich recht aus; aber Niemand fragt mich, warum ich weine, oder tröſtet mich. Da ſage ich mir: Suche nochmals, vielleicht fin⸗ deſt du ihn doch. Ich ſpringe auf und geh' davon. Aber, o Gott, wie groß die Stadt iſt! Wie ſoll ich da Peter finden? Sind wir darum außer uns geweſen vor Freude, als wir Paris ſahen? Wer hätte das gedacht! Ich weiß nicht aus und nicht ein. Noch immer ruf' ich: „Peter! Peter! wo biſt Du?“ ſo gut ich rufen kann; denn ich bin ganz heiſer vom Weinen⸗ Es muß ſchon recht ſpät ſein, weil ich wenig Leute mehr auf den Straßen ſehe. So, jetzt kann ich vor Mattigkeit nicht weiter. Ich werfe mich der Länge nach in die erſte beſte Ecke nieder, vor einer kleinen Thüre. Da will ich heute Nacht ſchlafen. Morgen, mit Tagesanbruch, will ich auf's Neue ſuchen, vielleicht bin ich dann glücklicher und finde den armen Bruder. Kaum liege ich da, ſo fallen mir die Augen zu⸗ Ich rufe noch einmal Peters Namen und ſchlafe dann ein. Viertes Kapitel. Der Waſſerträger.— Die guten Leute. Den andern Morgen weckt mich eine Stimme, die ruft: . 49 „He, Kleiner, ſteh' auf! Du verſperrſt den Weg zu unſerer Wohnung, er iſt ohnehin ſchon ſo ſchmal⸗ Was, Du ſchläfſt noch? Wie kömmſt Du dahin, ſprich?“ Zugleich fühle ich mich am Arme gerüttelt. Ich öffne die Augen: es war ſchon ganz hell; ich ſehe einen Mann vor mir, faſt wie mein Vater ſelig ge⸗ kleidet, in braunwollener Jacke und Hoſe, mit aufge⸗ kremptem Hute. Er trägt einen Reif, von dem an ledernen Riemen zwei Eimer herabhängen. Das Geſicht dieſes Mannes zeugt von Offenheit und Herzensgüte. Er bleibt vor mir ſtehen und ſieht mich wohlwollend an. Mein erſter Gedanke beim Erwachen iſt mein Bruder. Ich ſuche ihn links und rechts neben mir und ſchon wieder muß ich weinen⸗ „Nun, Kleiner, willſt Du antworten?“ „Ach, Herr, haben Sie meinen Bruder nicht ge⸗ ſehen?“ „Deinen Bruder? Wen meinſt Du? Wie alt iſt er? Wohnt er in dieſem Quartier? Iſt er ein Kunde von mir?“ „Mein Bruder iſt ſieben Jahre alt und heißt Peter. Wir Beide ſind Savoharden und erſt geſtern von Vérin, neben dem Hoſpital— da wohnen wir — in Paris angekommen. Unſer Vater ſtarb vor wenig Monaten und unſere Mutter iſt ſo arm, daß ſie uns kein Brod geben kann. Der kleine Jakob, mein anderer Bruder, blieb bei ihrz wir aber, Peter und ich, zogen in die Fremde. Ehe wir aus⸗ Paul de Kock⸗ TRRRIv. 4 zogen, ſagte mir die Mutter, ich ſolle Peter keine Minute allein laſſen, denn er iſt jünger und nicht ſo kühn als ich. Ich verſprach es ihr; geſtern aber, als wir ankommen in Paris, bleiben wir vor einem Herrn in ſchönen Kleidern ſtehen, der zwei Bedien⸗ ten hinter ſich hatte, und der ſagte, er wolle dem„ Kinde zwölf Sous geben, das ſich von ihm eſſen laſſe. Ich glaubte, es ſei bloß Spaß.“ „Und Du hatteſt recht, Kleiner: es war ein Poſ⸗ ſenreißer, Kunſtſtückmacher oder ſo was Aehnliches.“ „Der ſchöne Herr wählte ſich Peter aus. Peter wollte aber nicht. Da ſagte ich leiſe zu ihm:„Thu's doch,'s iſt ja nur Scherz.“ Und Peter that es. Dann zog er Peter die Kleider aus und ſchnitt ihm die Haare ab und als er das gethan, ſprang er auf Peter zu und machte dabei ein ſo fürchterliches Geſicht, daß Peter erſchrickt und ohne mich davon⸗ lief. Ich wollte ihm nachlaufen, aber er war ſchon weit, weit weg. Ich ſuchte ihn überall, die ganze Nacht lang, aber konnte ihn nicht finden. Endlich fiel ich ganz ermattet vor dieſer Thüre nieder und ſchlief ein.“ Je weiter ich kam in meiner Erzählung, um ſo aufmerkſamer und theilnehmender hörte er zu. Als ich fertig vin, wiſcht er ſich mit der Hand die Augen und ſieht mich einige Sekunden ſchweigend an. „Und Du lügſt nicht, Kleiner?“ „Nein, Herr, gewiß nicht. Ich lüge nie; ich hab's der Mutter verſprochen und halte mein Wort.“ „Was willſt Du heute Morgen thun?“ 51 „Peter ſuchen. Ich muß ihn finden.“ „Das hält nicht ſo leicht, wie Du wohl glaubſt. Paris iſt groß, ſehr groß! In welchem Quartier verlorſt Du Deinen Bruder?“ „Mein Gott, ich weiß Nichts, Herr, gar Nichts! Es war ein großer Platz, ringsum Häuſer.“ „Solcher gibt's viele hier in Paris. Aber Du haſt recht: wenn ihr erſt geſtern angekommen ſeid, könnt ihr die Namen der Quartiere noch nicht wiſſen.“ „So ſoll ich ihn nie wiederſehen, Herr?“ „Das verhüte Gott! Aber wenn Du ſuchſt, kannſt Du nicht arbeiten; haſt Du Geld?“ „Mein Gptt, nein! Aber das macht Nichts!“ „Das macht Nichts?“ „Nein, Herr, denn Peter hat was, wenigſtens ſieben Sous.“ Der Waſſerträger fährt nochmals mil der Hand über's Auge, dann gibt er mir einen Patſch und ſagt: „Du biſt ein braver Burſch, Du haſt Deinen Bruder lieb, recht lieb! Aber tröſte Dich, Kleiner, Du mußt nicht ewig weinen; das hilft Nichts. Haſt Du Hunger?“ „Ja, Herr, ich habe ſeit geſtern Nachmittag drei Uhr Nichts gegeſſen, aber wenn ich in der Straße rufe, krieg' ich ſicher was zu fegen, und dann will ich mir Brod kaufen.“ „Du irrſt Dich, Kleiner; man findet nicht ſo⸗ gleich ein Kamin zum Frühſtück. Es ſind verteufelt viel Kaminfeger hier in Paris, und Du kannſt nicht 52 mal laut rufen, weil Du hungrig biſt. Komm' mit mir herauf! Es iſt erſt halb ſechs Uhr, und was ſchadet's, wenn die Kunden ein Paar Minuten warten.“ Mit dieſen Worten ſtellt der gute Mann ſeine beiden Eimer in die Ecke des Ganges, ſteigt eine Treppe hinauf und winkt mir, ihm zu folgen. Ich klettere ihm nach; die Stiege iſt ſehr ſchmal und dunkel, doch halte ich mich am Geländer feſt. Wir ſteigen immer höher hinauf, bis in den Giebel des Hauſes, und als die Stufen alle ſind, klopft er an eine niedere Thür und ruft: „Nanette, Nanette, mach' ſchnell!“ Ein kleines Mädchen, wie mir ſcheint von mei⸗ nem Alter, öffnet die Thüre. Sie iſt nicht ganz ſo nett wie die, welche in unſerer Hütte ſchlief, ihre Züge ſind nicht ſo fein, auch trägt ſie grobe Kleider, aber ſie hat ein Paar lebhafte Augen und ein ſo rundes Geſichtchen, ſo friſche Backen, und ſieht ſo heiter aus, daß es eine wahre Freude iſt. „Schon wieder da, Papa!“ ruft Nanette, wäh⸗ rend ſie die Thüre öffnet; dann blickt ſie mich er⸗ ſtaunt an. „Geſchwind, Töchterchen,“ lagt der Waſſerträger und winkt mir in's Zimmer,„geſchwind Etwas zu eſſen und zu trinken für den Kleinen da! Wir haben noch ein Paar Brocken übrig von geſtern. Gib, was Du haſt. Der Kleine dauert mich.“ Während Nanette thut, wie der Vater ihr gehei⸗ ßen, ſeh' ich mich im Zimmer um. Es erinnert mich 53 Etwas an unſere kleine Hütte; Betten, Liſche und Stühle ſind nicht viel eleganter. Das Zimmer iſt groß, aber zur Hälfte eine Manſarde; hinten ſtehen ein großes Bett und einige Haushaltſtücke. Links davon befindet ſich ein kleines Cabinet mit einem runden Fenſter und einem zweiten Bette. Das iſt ſo ziemlich die ganze Herrlichkeit. Nanette ſtellt Brod, Käſe und Rindfleiſch auf den Liſch. Ich laſſe mich nicht lange nöthigen; denn mit acht Jahren kann ſelbſt Herzenskummer den Appetit nicht ganz vergeſſen machen. „Schau', Papa, wie hungrig er iſt!“ ſagt die Kleine, als ſie mich eſſen ſieht. „Der arme Schelm!“ lächelte der Vater. Aber plötzlich halt' ich an mit Eſſen; denn der arme Peter fällt mir ein. Wo mag er jetzt ſein? Mein Gokt, wenn er Nichts zu beißen hätte! Und unwillkürlich blick' ich gen Himmel. „Sei ruhig, Kleiner,“ tröſtete mich der Waſſer⸗ träger,„man wird ihn nicht verhungern laſſen! Und hat er nicht ſieben Sous im Sack?“ Das hatte ich vergeſſen, und gleich kam der Appetit wieder. „Höre, Burſch,“ ſagte Nanettens Vater, als ich mich ſatt gegeſſen,„Du gefällſt mir: Dein offenes, ehrliches Geſicht, Deine Liebe zu Deinen Eltern und Deinem Bruder, das Alles thut mir wohl. Ich will Dir helfen, wenn ich kann. Zwar bin ich kein Sa⸗ voyarde, ſondern ein Auvergnat; aber auch in Au⸗ vergne leben brave Leute, und Vater Bernhard iſt 54 als ſolcher im ganzen Quartier bekannt. Mein Name iſt ſo fleckenlos wie dieß Glas. Gold und Silber hab' ich nicht, die Krankheit meiner lieben Frau ſelig hat viel Geld gekoſtet; aber ein Zimmer hab' ich für Dich, das magſt Du mit mir theilen, unentgeld⸗ lich. Auf dem Gurtbett da, das meinem Bruder gehört, der vor ſechs Monaten wieder abgereist iſt nach Auvergne, da kannſt Du ſchlafen; dazu geb' ich Dir eine Matraze und friſches Stroh, und Du ſollſt ſchnarchen wie ein Prinz. Wenn Du dann ge⸗ arbeitet haſt, ißt Du bei mir. Nanette und ich ſind ganz allein; ſie iſt erſt acht Jahr alt, aber ſie kocht ſchon perfect; eine Nachbarin hilft ihr in der Küche. Haſt Du erſt Deinen Bruder wiedergefunden, ſo bringſt Du ihn mit zu unsz er ſoll bei mir bleiben ſo gut wie Du. Nun, was meinſt Du dazu?“ „Ja, Herr, jal ich danke Ihnen!“ ſage ich zum Vater Bernhard.„Wenn ich nur erſt Peter wieder hätte.“ „Du ſuchſt und arbeiteſt zugleich. Auch ich will thun, was ich kann, um ihn aufzuſuchen; ich will mich in jedem Quartier erkundigen.“ „O, bitte, thun Sie's ja!“ „Sei nur ruhig, Kleiner, ich verſpreche Dir's. Aber da ſchlägt es ſechs; ich muß gehen. Komm' mit, ich will Dir zeiged, wie Du die Thüre aufmachſt, und wenn Du verirrt biſt, frägſt Du nach der alten Rue du Temple, bei der Rue St. Antvine, nach Vater Bernhard. Auch merkſt Du Dir unſer Haus, verſtanden?“ — 55 Ich nehme Sack und Kratzeiſen unter den Arm, nicke Nanette zu, welche lächelnd den Gruß erwiedert, als wären wir alte Bekannte, und ſteige hinter dem guten Waſſerträger die Treppe hinab, mit trauriger Miene und beklommenem Herzen. Aber der brave Mann wird nicht müde, mich zu tröſten. „Nur Muth, Kleiner,“ ſpricht er,„Du wirſt Dei⸗ nen Bruder wiederfinden. Der da oben wird über ihn wachen, wie er über Dich wachte.“ „Ach ja,“ antwortete ich leiſe,„und er hat ja ſieben Sous, und mit ſieben Sous kömmt man weit.“ „Aber halt, Kleiner,“ ſagte Vater Bernhard auf dem Gange zu mir,„wie heißt Du? Ich weiß Dei⸗ nen Namen noch nicht.“ „Ich heiße Andreas und mein Bruder heißt Peter.“ „Peter, das weiß ich. Alſo merke Dir unſere Thüre, Andreas, und unſere Straße, alte Rue du Temple, verſtanden? Immer gerade aus geht's auf die Boulevards. Verlier' Dich nicht zu weit und komm' nicht zu ſpät zurück. Gegen Dunkelwerden eſſen wir unſere Suppe, hörſt Du? Zetzt geh' mit Gott, arbeite fleißig und bring' mir Deinen Bruder mit.“ Da ſtehe ich nun allein und verlaſſen auf der Straße in dem ungeheuren Paris. Ehe ich weiter gehe, betrachte ich mir nochmals genau das Haus und die Thüre, wo ich ſo liebreiche Aufnahme gefun⸗ den.„Mein armer Bruder,“ ſage ich unterwegs zu mir,„wenn ich Dich wieder habe, o, wie glücklich wollen wir ſein bei dem guten Waſſerträger, der uns umſonſt Wohnung gibt. Nur Muth, Andreas! Höre auf zu weinen und zu trauern, du findeſt Pe⸗ ter wohl recht bald. Und er hat ja ſieben Sous, davon kann er eine Weile leben, und gewiß hat auch er eine mikleidige Seele gefunden, die ihn aufnimmt. Er iſt ja ſo nett und ſo gut.“ In ſolchen Gedanken gehe ich weiter durch die große Stadt, wo ich kaum vierundzwanzig Stunden bin. Ach, wie anders erſchien ſie mir heute! Wie viel hatte ſie an Zauber für mich verloren. Kalt und gleichgültig gehe ich an all' den herrlichen Läden, ſchönen Häuſern und den tauſend Sehenswür⸗ digkeiten vorüber, die mich geſtern noch enizückten und alle Müdigkeit verſcheuchten. Aber natürlich, Peter iſt ja nicht bei mir; ich kann einmal Nichts ohne ihn genießen! Ueberall ſuche ich ihn, wo nur ein Haufe Menſchen ſteht. Ich habe kaum den Muth, von Zeit zu Zeit mein„Schornſteinfeger! Schorn⸗ ſteinfeger!“ zu rufen; ich habe noch Nichts verdient, und ſchon iſt es ſpät am Tage. Ich ſehe viele Kna⸗ ben und Mädchen aus unſern Bergen, die mit ein⸗ ander ſpielen oder für Geld tanzen, aber ich wäre nicht dazu im Stande; wie könnte ich jetzt ſingen, ſpielen und tanzen, da ich meinen Peter nicht bei mir habel Auch will ich nie auf ſolche Weiſe mein Brod erbetteln, obgleich ſie ſagen, daß es viel Geld einbringt. Mitten auf einem Boulevard höre ich den Klang eines Waldhorns, einer Klarinette und mehrerer Trommeln. Es war faſt dieſelbe Muſik wie die — 57 von geſtern, ich meine die der beiden Neger und des ſchönen Herrn im rothen Rock, der meinen Peter verſpeiſen wollte. Ich laufe hinzu und ſehe einen Türken, der ein ungeheures großes Stück Holz auf der Naſenſpitze trägt. Ja, man yhat recht, es gibt in Paris ſeltſame Dinge zu ſchauen! Aber was küm⸗ mert mich dieß Schauſpiel heute? Ich ſuche unter der Menge nach Peter, doch kein Peter iſt zu finden, und als der Türke laut ankündigt, er werde jetzt ein Kind an den Haaren im Kreiſe herumſchwingen, renne ich Hals über Kopf davon, aus Furcht, er wolle die Geſellſchaft auf meine Koſten amüſiren. Der Abend bricht herein und es iſt Zeit, zum guten Vater Bernhard zurückzukehren. Ich erfrage endlich die alte Rue du Temple und finde nun leicht das Haus. Aber auf dem ſchmalen Gange vor der Stiege fällt mir ein, daß ich den ganzen langen Tag keinen Sou verdient. Schon will ich umkeh⸗ ren, doch der Hunger treibt mich die Treppe hinauf. Auch ſaze ich mir, Vater Bernhard und Ranette warten auf dich und Beide ſind ja ſo gut und du brauchſt ja kein Schlafgeld zu zahlen. Ich gehe alſo hinauf und ſehe durch die Spalte der Thüre Vater Bernhard und Nanette ſchon am Tiſche ſitzen bei ihrer Mittagsmahlzeit, vie zugleich ihre Abendmahl⸗ zeit iſt, denn ſie gehen früh zu Bette, um früh auf⸗ zuſtehen. „Komm' doch herein, Andreas; wir warten auf Dich!“ ſagt der Waſſerträger liebreich.„Ich fürch⸗ tete ſchon, Du habeſt den Namen der Straße ver⸗ 58 geſſen oder ſeieſt verirrt, denn Paris iſt ſo groß! Man findet ſich erſt allmälig zurecht und gewöhnt ſich ſchwer an das Gedränge von Menſchen und Wagen.“ Beſchämt trete ich ein und will mich in eine Ecke der Stube ſetzen, obgleich der Geruch des Eſſens mir duftend in die Naſe ſteigt und mich noch ein⸗ mal ſo hungrig macht. „Iſt das Dein Platz, Andreas?“ fragt Vater Bernhard.„Siehſt Du denn nicht, daß wir eſſen?“ „Ja, Herr, aber „Warum ſetzeſt Du Dich nicht zu uns an den Tiſch?“ „Weil. weil ich nicht hungrig bin, Herr Bern⸗ hard.“ „Nicht hungrig, Andreas? Haſt Du denn un⸗ terwegs gegeſſen?“ „Nein, keinen Biſſen.“ „Und doch nicht hungrig, das iſt närriſch.“ Der Waſſerträger ſah mich prüfend an und merkte, daß meine Augen, die oft auf die Suppenſchüſſel fielen, meinen Mund Lügen ſtraften. „So befehl ich Dir zu eſſen, Andreas, magſt Du hungrig ſein oder nicht.“ „ „Aber. aber. Herr Bernhard,“ ſtotterte ich, langſam dem Tiſche mich nähernd,„ich habe heut' Nichts verdient.“ Bei dieſen Worten nimmt mich Vater Bernhard, drückt mich auf einen Stuhl nieder und ſetzt mich neben ſich. 59 „Deßhalb willſt Du nicht eſſen, Du kleiner Narr! Iſt es Deine Schuld, wenn Du keine Arbeit fandſt? Kannſt Du ohne zu eſſen leben? Geh' nur, Andreas, ſo lange ich und Naneitte zu beißen haben, ſoll es auch Dir an Nichts fehlen. Drum iß getroſt und komm mir nicht wieder mit ſolchen Albernheiten oder * ich prügle Dich hungrig.“ Und dabei ſtopft mich der gute Mann ſo voll mit Suppe und Brod, daß ich mit Hand und Fuß mich wehren mußte, um nicht zu erſticken. „Mein Sohn,“ hub er nach einer Weile an, „jeder Stand hat ſeine guten und ſeine böſen Tage. Leider kommſt Du ſehr zur Unzeit nach Paris: der Herbſtanfang iſt keineswegs die goldene Zeit der Schornfteinfeger; aber doch gedulde Dich, wenn Du erſt beſſer in Paris Beſcheid weißt, ſoll es an Auf⸗ trägen nicht fehlen. Mit Briefaustragen kann ſich jeder verſtändige und ehrliche Knabe eine hübſche Summe verdienen. Aber nur keine Umſtände mehr wie heute. Bringſt Du Geld heim, um ſo beſſer; kömmſt Du mit leerem Beutel zurück, ſo bleiben wir doch gute Freunde. Hab' ich Dich nicht auf Dein ehrlich Geſicht und Deine Liebe zu Mutter „ und Bruder in meine Wohnung aufgenommen, ohne nach der Beſchaffenheit Deines Beutels zu fragen?“ Ich umarmte den guten Auvergnaten für ſo viel Güte und Freundſchaft; von da an fühlte ich mich nicht mehr allein in Paris. Auch Nanette kommt herbei und herzt ihren guten Vater, während ſie mir 60 freundlich zulächelt. Ich leſe in ihren Augen, wie auch ſie mich lieben will, und ſehe ſie faſt ſchon als eine Schweſter an. Die guten Leute! Welch' Glück für mich, in ſolche Hände gerathen zu ſein. O, du lieber, lieber eter, wäreſt du doch wie ich vor der Thüre eines Arbeitsmannes eingeſchlafen! Wahr⸗ lich, da ſchläft ſich's ſanſter als unter dem Säulen⸗ portal eines Palaſtes, wo eine freche Dienerſchaft uns Morgens mit Fußtritten wegjagt. Abends ſagt mir Vater Bernhard das Röthigſte über Paris und die verſchiedenen Stadtquartiere. Ich höre aufmerkſam zu, denn ich will von ihm ler⸗ nen, damit ich recht bald als Briefträger viel Geld verdienen kann. Er hat ſich in allen Sträßen, die auf ſeinem Wege lagen, näch Peter erkundigt; aber Niemand hat ihm Aufſchluß geben können. Mein Gott, wo mag der Peter ſtecken! Wer den ganzen Tag Waſſer trägt, der will Nachts gehörig ausſchlafen. Auf einen Wink des Vaters begibt ſich Nanette in ihr Cabinet und ich krieche in mein Gurtbett, das man fauber hergerich⸗ tet hat. O, wie anders ſchläft ſich's in ſolchem Bette als auf dem harten Steinpflaſter! Am folgenden Morgen beim Ankleiden entdeckt Vater Bernhard zufällig das Medaillon, das ich ſtets auf der Bruſt trage. Er runzelt die Brauen und winkt mir zu ſich, während Nanette das Häls⸗ chen reckt und die Augen aufſperrt, um beſſer ſchauen zu können. „Was iſt das da, Kleiner? Woher kommt das » 61¹ Kleinod? Seit wann haſt Du's? Warum ſagieſt Du mir Nichts davon?“ Ich erzähle nun kurz dem Waſſerträger die Ge⸗ ſchichte des Porträts. Je weiter ich komme in mei⸗ ner Erzählung, um ſo mehr hellt ſein Geſicht ſich auf und nimmt wieder ſeinen gewöhnlich freund⸗ lichen Ausdruck an. Als ich fertig bin, herzt er mich und ſagt: „Nichts für ungut, Kleiner, ich dachte mir... doch nein, Du biſt ein braver Burſch.“ Nanette kann ſich nicht ſatt ſehen. „Vie hübſch die Dame iſt!“ ruft ſie.„Und ihr Kleid, wie ſchön! Nicht wahr, Papa?“ „Gewiß, mein Kind,“ antwortet er,„iſt ſie recht ſchön, aber es gibt viele ſchöne Damen in Paris, und auch viele, die ganz ſo gekleidet ſind. Das Porträt bringſt Du nicht an, Andreas; Du kannſt zwanzig Jahre in Paris wohnen, ohne die Eigen⸗ thümerin zu treffen.“ Dennoch kommt es mir ſo vor, als würde ich den einäugigen Herrn wiederfinden, und behutſam ſtecke ich das Medaillon unter die Weſte zurück. Dann gehen wir, Vater Bernhard und ich, an unſere Arbeit. All mein Suchen nach Peter iſt umſonſt. Da⸗ gegen habe ich Glück in meinem Geſchäft, denn ich habe zwei Kamine gefegt. Stolz kehre ich nach Hauſe zurück und lege mit triumphirender Miene meinen Verdienſt auf den Tiſch hin. Der Waſſer⸗ träger lächelt und ſagt: 62 „Nur Geduld, Andreas, es wird ſchon gehen. Ich will das Geld aufheben und am Ende des Jahres ſchicken wir's Deiner Mutler.“ Die Ausſicht belebt meinen Muth auf's Neue. Es dauert nicht lange, ſo kenne ich ſchon mehrere Quartiere von Paris. Mein Gedächtniß iſt gut und an Verſtand ſoll mir's auch nicht fehlen, ſo habe ich denn bald zu thun. Mehr als ein ſchöner Herr ſteckt mir ein zierliches Billet in die Hand, das nach Moſchus oder Roſen duftet.„Geh',“ ſpricht er,„und bring' das der oder der Dame. Heffnet Dir ein Herr die Thüre, ſo fragſt Du, ob's was zu fegen gebe, und behältſt das Billet bei Dir; hüte Dich vor Dummheiten!“ Ich thue genau, was man mir ſagt. Bringe ich eine Antwort zurück, ſo finde ich die Herren recht freigebig; bringe ich keine, ſo gibt's nur wenig Geld; bringe ich gar den Brief zurück, ſo gibt's häufig nichts als Scheltworte. Die jungen Damen ſind gerechter: ſie bezahlen immer, ſelbſt wenn die Antwort ſie zu betrüben ſcheint. Aber ſie überſchütten mich mit Fragen, ſo daß ich Mühe habe, ſie zu behalten, z. B.:„War er da? Gabſt Du eigenhändig ihm den Brief? Was machte er? Was ſagte er? War er allein? Wie ſah er aus, als er den Brief las?“ So fragen ſie, die Fräulein oder Damen, wenn ſie mir einen Brief zu beſorgen geben. Die Zeit verſtreicht ſchnell. Wie glücklich könnte ich bei Nanette und ihrem Vater ſein, wenn ich nicht immer an den armen Peter denken müßte. All' unſer Suchen nach ihm hat Nichts geßolfen; überall in 63 ganz Paris haben wir nach ihm geforſcht und ge⸗ fragt. Bisher habe ich das traurige Ereigniß der Mutter verſchwiegen, denn ich kann ihr erſt gegen Frühling ſchreiben, und der gute Waſſerträger meint, ich ſolle ſie nicht unnöthig betrüben: Peter könne ja „ alle Augenblicke gefunden werden; vielleicht auch wiſſe es die Mutter ſchon durch ihn. Ich folge Vater Bernhards Rath, denn ich bin wie ein Sohn im Hauſe. Wir Gebirgskinder pflegen nur mit beſonderer Gelegenheit zu ſchreiben. Leiver kann ich nicht ſchreiben, und das thut mir leid; aber Vater Bernhard, der eben ſo wenig ſchreiben kann als ich, ſagt, man könne auch, ohne die Feder zu recht, d. h. wenn man ſein Leben lang Schornſtein⸗ feger oder Briefträger bleiben will. Wer aber ſein Glück in der Welt machen will, der, glaub' ich, muß doch ſchreiben können, wenn auch nur ein Bischen.. „Wie mir ſcheint, Andreas, haſt Du hohe Dinge im Kopf,⸗ ſagt mitunter der gute Mann.„Dut möch⸗ teſt gern ein vornehmer Herr werden, uicht wahr?“ „Ich möchte weiter Nichts,⸗ antwortete ich ihm, „als reich ſein, um Mutter, Peter, Jakob, Vater Bernhard und Nanette glücklich zu machen.“ „Quäl Dich nicht um uns, guter Andreas. Wir Beide, Nanette und ich, ſind mit dem Wenigen, das wir haben, zufrieden, und der Reichthum macht nicht mmer glücklich.“ Der brae Waſſerträger iſt Philoſoph, denn er iſt kein Trunkenbold und begnügt ſich mit Wenigem. Aber Nanette möchte gern ein hübſches Kleid und einen hübſchen Hut und hübſche Schuhe haben, und das Alles habe ich ihr verſprochen, wenn ich erſt ein reicher Mann bin. Die gute Mutter ſagte einſt, das Medaillon werde mir Glück bringen. Drum hebe ich's ſo ſorgfältig auf, um es dem Herrn und der Dame wiederzuge⸗ ben. Wenn ich oft des Sonntags früher heimkehre, ſo ziehe ich das Porträt hervor und betrachte es mit wahrer Luſt. Gleich kommt Naneite und ſtellt ſich hinter mich, um es mit mir zu betrachten. Dann ſagt Vater Bernhard lächelnd: „Ja, Andreas, ſieh' es nur recht freißig an, Du haſt ſonſt keinen Nutzen davon.“ Nun iſt der Sommer da. Vater Bernhard kennt einen wackern Mann, der nach Savoyen reist und meiner Mutter Nachricht von mir geben will. Durch dieſen Mann will ich ihr das erſparte Geld ſchicken. Den Tag zuvor kommt Vater Bernhard in's Zimmer und ſtellt einen kleinen ledernen Sack auf den Tiſch⸗ In dieſem Sacke ſind— hundertundzehn Franken! Welche Summe! So hoch find die täglichen Erſparniſſe angewachſen. Ich bin außer mir vor Freude und kann mich nicht ſatt ſehen an dieſem Haufen Geld. Ja, ich hoffe, das wird die gute Mutter etwas trö⸗ ſten in ihrem Schmerze über eine Trennung von Peter Ich will Nichts davon für mich behalten, obgleich Nanette ſagt, ich brauche Sonntagshoſe und einen Sonntagsrock. — 65 „Nein,“ ſage ich,„ich bleibe ſo, wie ich bin. Die Freude, der Mutter ſo viel Geld ſchicken zu können, iſt gar zu groß, und ich kann ja noch genug Geld verdienen. Der Anblick dieſer erſparten Summe verdoppelt meine Luſt zur Arbeit. Von heut' an will ich noch früher aufſtehen und noch ſpäter zu Bette gehen.“ „Und krank werden!“ fährt Nanette fort. Denn Nanette iſt ein liebes, gutes Mädchen, die mich recht gern hat. Dabei iſt ſie die Heiterkeit ſelbſt: ſie lacht den ganzen Tag und ſingt, wo ſie geht und ſteht. Auch iſt ſie fleißig, flink und gewandt. Wie ein Reh hüpft ſie die ſechs Stiegen im Hauſe hinunter, wenn ſie dem Vater was an den Augen abſehen kann. Nie habe ich ſie mürriſch oder verſtimmt geſehen, oder je einen Klagelaut von ihr gehört. Wenn wir Abends heimkommen, ſpringt Nanette von ihrer Arbeit auf und hüpft in die Küche, das Abendeſſen zu holen, das ſie ſelbſt anrichtet: denn, wie geſagt, Nanette kocht ſchon perfekt, obgleich ſie erſt neun Jahre alt iſt. Zum Dank dafür küßt Vater Bern⸗ hard ſie auf den Mund und erzählt ihr viel Schö⸗ nes und Neues, um ſie zu entſchädigen für die Lan⸗ geweile des Tages, denn Nanette iſt den ganzen Tag allein zu Hauſe, und das muß ſie natürlich etwas langweilen. Nanette ſäße lieber bei ihren Ge⸗ ſpielinnen in der Nachbarſchaft, aber ihr Vater wünſcht das nicht, und Nanette iſt gehorſam. Man kann ſich leicht denken, daß Nanette und ich ſchon lange Paul de Kock. LRRRIV. 5 ſich dutzen: in unſerem Alter ſcheint es mir, als ver⸗ ſtünde das Dutzen ſich von ſelbſt. Nach dem Abendeſſen bittet ſie mich, ihr ein Lied aus unſern Bergen vorzuſingen; dafür tanzt ſie mir einen Tanz aus Auvergne, das ſieht gar hübſch aus! Während ſie tanzt, lacht ſie, trippelt mit den Füß⸗ chen und ſchlägt mit den Händen den Takt. Sie iſt vabei eben ſo luſtig und zufrieden, als tanzte ſie in der Schenke. Wenn ich ſie ſo tanzen ſehe, iſt mir, als wäre ich in unſern Bergen unter dem Dache unſerer Hütte. So verſtreicht unter Arbeit und reinen, unſchul⸗ digen Genüſſen noch ein Jahr. Ich habe inzwiſchen Nachrichten von der Mutter erhalten: die Gute fürchtet, ich entziehe mir das Nöthigſte ihretwegen, und verbietet mir auf lange Zeit, ihr wieder Geld zu ſchicken. Von dem armen⸗ unglücklichen Peter weiß ſie Nichts, und ſchärft mir wiederholt ein, den Bruder aus allen Kräften zu ſuchen. Endlich bittet ſie mich, dem edelmüthigen Manne, der mich wie ſein leiblich Kind aufgenommen hat, ihren innigſten Dank zu ſagen. Auch ohne die Ermahnung der Mutter, Peters wegen Nichts unverſucht zu laſſen, hätte ich ihn fort und fort geſucht. Kein Tas vergeht, wo ich nicht nach ihm frage. Aber die Zeit, die jeden Kummer hebt, hat auch meine Traurigkeit gehoben. Ich bin wieder ſo hei⸗ ter und froh wie zuvor. Warum ſollte ich nicht? Vie könnte ich an Nanettens Seite länger traurig 67 ſein, die ſchon mit zehn Jahren ſo neckiſch und muth⸗ willig iſt, aber dabei mich liebt wie ihren Bruder. Die gute Nanette! Bin ich traurig, ſo hüpft ſie ſin⸗ gend im Zimmer herum, zupft mich am Arm und läßt mir keine Ruhe, bis ich mit ihr tanze. „Sei doch luſtig, Andreas,“ ruft ſie.„Dieß Seufzen hilft zu Nichts! Komm' und tanz' mit mir, das iſt geſcheidter, als ſo zu träumen und heulen. Geſchwind, Andreas, oder ich habe Dich nicht mehr lieb.“ Ich gebe ihr nach, anfangs ihr zu lieb, dann aber, weil dieß Mittel mir behagt. Mit zehn Jah⸗ ren vergißt man den Kummer gar ſo ſchnell! Jeden Tag wird Nanette hübſcher und ihre blauen Augen lächeln ſo heiter in die Welt, ihr. Mund, etwas groß, iſt mit ſchönen weißen Zähnen beſetzt, ihre kaſtanienbraunen Haare hängen in na⸗ türlichen Locken über ihre weiße Stirne, und die ſchöne Röthe ihrer Wangen deutet auf Geſundheit und Zufriedenheit.. Auch ich muß mich zu meinem Vortheil verän⸗ dert haben, denn ich höre die Bonnen, die mich auf meinem Platz aufſuchen, oft ſagen:„Wie hübſch und nett er wird, der Andreas, wie er wächst! Er wird mal recht hübſch werden!“ u. ſ. w. Die Worte machen mich roth, aber ich vergeſſe ſie gleich wieder. Ich will drum nicht eitel werden auf mich, denn ich weiß noch recht gut, wie man bei uns die jungen Leute auslacht, die ſich zieren und ſchnüren. Der gute Vater ſelig ſagte oft, es iſt mir, als hörte ich ihn noch:„Der Bub', Andreas, der ſich ſo ſtutzt und putzt wie ein Weib, der verdient Haube und Unterrock zu tragen.“ Abends zu guter Letzt tanzen wir⸗ Nanette und ich, einen Tanz aus unſern Bergen⸗ Drob lächelt der gute Vater Bernhard ſelbſtgefällig und mehr als einmal habe ich ihn flüſtern hören: „Meiner Seel“ das gibt ein hübſches Paar!“ Fünftes Kapitel. Begegnung.— unfall.— Neuer Beſchützer. den alt. Zwei Geldſendungen, beide viel größer als gangen. Sie ſchreibt mir, daß, Dank meiner Für⸗ ſorge, ſie an Nichts Mangel leidet, daß Jakob gut einſchlägt, nur zu viel ißt und ſchläft, und daß ſie recht, recht glücklich wäre, wenn ich ihr Etwas über Peter imittheilen könnte. Aber, liebe Mutter, ich weiß ja ſelbſt Nichts von ihm, kein Bischen mehr⸗ wußte! Ich fürchte, ich fürchte, Peter lebt nicht von ſich haben hören laſſen. Ich bin jetzt ſchon zwölf Jahre und einige Mon⸗ die erſte, ſind inzwiſchen an die gute Mutter abge⸗ als ich am erſten Tage meiner Ankunft in Paris mehr, denn wenn er noch lebte, würde er gewiß Ich komme eben von meinem Geſchäft in einen entlegenen Quartiere und eile nach Hauſe zurück, „ 7 69 denn es iſt nahebei fünf Uhr Abends und Nanelte zankt, wenn ich nicht zu rechter Zeit da bin.„Wer die Arbeit nicht vergißt,⸗ ſagt ſie,„darf auch das Eſſen nicht vergeſſen!“ Die gute Nanette, das liebe Kind, wie beſorgt iſt ſie um mich! Ich gehe über die Boulevards. Als ich in die Straße Richelien einbiegen will, hält eben ein ele⸗ gantes Cabriolet ſtill, aus dem ein Herr ſteigt und in ein großes Haus geht. Ich ſehe ihn an und es ſcheint mir, als kenne ich ihn. Ich ſehe ihn nochmals an: ja, ja, er iſt's, derſelbe Herr, der die Nacht in unſerer Hütte ſchlief. Obgleich vier Jahre ſeit⸗ dem verfloſſen ſind, iſt der Herr heute noch eben ſo häßlich wie damals. Die ſchwarze Taffetbinde vor dem Auge, der kleine Zopf, der hagere Leib, der gebückte Gang, Alles, Alles iſt daſſelbe geblieben. O⸗ welch ein Glück für mich, daß ich ihm begegnet bin! Aber was fang' ich an, um mit ihm zu ſprechen. Ich will hier warten; er kommt gewiß bald heraus, denn ſein Cabriolet hält noch da. Ja, ich will warten und wäre es bis morgen früh. O, wie freue ich mich, ihm das Kleinod zurückzugeben und wie wird er jubeln, wenn er das verloren Geglaubte wieder ſieht! Ich pflanze mich vor dem Hauſe auf, wohinein der Herr Graf gegangen iſt, denn mir fällt jetzt ein, daß er ſo genannt wurde. Ich ſehe unverwandt das Cabriolet an, worin ein Bedienter ſitzt, aber nicht der, welcher mit ſeinem Herrn in unſere Hütte kam. Nach einer halben Stunde, die mir eine Ewig⸗ keit ſchien, höre ich hinter mir gehen:*s iſt der Herr, ————— der Länge nach auf's Pflaſter nieder. Mein Kopf 70 welcher aus dem Hauſe kommt. Das Herz pocht mir laut und ich zittere am ganzen Leibe, und doch iſt mir der Herr zu Dank verpflichtet, nicht ich ihm. Aber das macht, weil er ſo wenig einnehmend aus⸗ ſieht. Endlich faß' ich mir ein Herz und ſage: „Herr, Herr!“ „Geh' Deiner Wege!“ „Herr, bei uns vor vier Jahren. „Marſch fort, Savoyarde!“ ruft der Herr un⸗ willig und geht auf ſein Cabriolet zu. „Mein Gott, ſchon ſteigt er ein, ohne mich zu hören. Da zupfe ich ihn ſanft am Rocke. „Herr! nur Ein Wort, ich bitte!“ „Was, Schlingel, Du packſt mich am Rocke!“ ruft er und kehrt ſich zornig um.„Ich gebe keinem Bettler was, geh' hin und arbeite, aber ihr ſeid Faullenzer und Leckermäuler. Ihr bettelt um Al⸗ moſen für eine kranke Mutter und lauft dann zum Paſtetenbäcker.“ „Herr, ich bettle nicht, ich will auch Nichts haben, vielmehr ſollen Sie von mir haben.“ Umſonſt: er hört nicht. Er ſitzt ſchon im Cabrio⸗ let und heißt den Kutſcher fortfahren. O Himmel, vielleicht ſeh' ich ihn nie wieder! Ich will mich an den Wagen hängen und ihm von hinten aus zurufen. „Aus dem Wege! weggefahren!“ ſchrie der Die⸗ ner; aber ich habe keine Ohren für ihn. Die Pferde gehen zu, während ich mich an der Wagendeichſel halte. Ich fühle einen furchtbaren Stoß und falle b 71 blutet und ich kann vor Schmerz und Schwäche nicht aufſtehen. In einem Nu bin ich dicht von Menſchen um⸗ ringt. Man ſieht mich an, befühlt mich, ruft hinter dem Herrn des Cabriolets, hinter den Pferden, hinter dem Bedienten her, beklagt mich, deklamirt über die Gefahren, welche dem Fußgänger in Paris drohen, aber mir zu helfen fällt Keinem ein. Da drängt ſich ein junger Mann durch die Menge und ruft: „Der da hat's gethan, kein Anderer, und ſtatt dem Verwundeten zu Hülfe zu eilen, jagt er davon, der Elende!“ Dann kommi er auf mich zu, ſieht mich wohlwollend an und ſagt: „Du armer kleiner Savoyarde, vielleicht biſt Du die einzige Stütze Deiner Mutter. Ohne euch Sa⸗ voharden lebte Adolphine nicht mehr, ohne euch wäre ſie zerſchmettert den Abgrund hinabgeſtürzt, und das iſt ſein Dank dafür! Wart', Kleiner, ich will gut machen, wgs er Dir Böſes gethan hat.“ Hierauf läßt er einen Wagen holen, unterſucht meine Kopfwunde, trägt mich in den Wagen und befiehlt dem Kutſcher, langſam zu fahren. Dennoch macht die Erſchütterung mir viel Schmerz und ich verliere die Beſfinnung. Meine Augen ſchließen ſich, ich ſehe und höre Richts mehr. Als ich wieder zu mir gekommen, liege ich in einem ſchönen Bette, eingewickelt in weiche Decken und rings umgeben von blauen und weißen Vor⸗ hängen, die ſich kreuzen und oben in Troddeln herab⸗ hängen. Ich glaube zu träumen, kehre mich um 72 und ſehe an der Bettwand einen Spiegel, der mein Bild wiedergibt. Ich lächle, mache allerhand Ge⸗ ſichter und— richtig, das Bild im Spiegel macht mir Alles nach. So bin ich's denn wirklich, der da im weichen Bette liegt! Zugleich bemerk' ich, daß ich eine Binde um den Kopf habe und ich will mit der Hand darnach greifen, aber ich kann die Hand kaum in die Höhe bringen. Als ich endlich die Stelle, wo die Binde liegt, anfühle, thut ſie mir weh.. da erſt fallen mir die Ereigniſſe des geſtrigen Tages wieder ein: der Herr Graf, ſein Cabriolet, mein Fall und meine Kopfwunde. Aber wo bin ich denn? Wer ſind die guten. Leute, die mich pflegen? Es müſſen Fürſten ſein, denn Alles, was mich umgibt, iſt gar ſo prachtvoll: das Bett, der Spiegel... und doch ſind die Vor⸗ hänge zugezogen, ſo daß ich nur wenig ſehen kann. Ich will ſie auseinander thun und mich ein wenig umſchauen im Zimmer. O, wie ſchön! Gemälde, Porträts, Männer und Frauen in Lebensgröße.. auch Landſchaften, hübſche Dörfer, und das Alles in herrlichen goldenen Rahmen. So können nur Fürſten wohnen und der hier iſt vielleicht eben ſo gut als Vater Bernhard. Aber Vater Bernhard und Na⸗ nette. o Himmel! wie werden ſie in Angſt ſein um mich! Arme Nanette, gewiß glaubt ſie mich todt oder verunglückt und gewiß ſucht ihr Vater nach mir! Da muß ich laut aufſeufzen. Gleich kommt eine alte Frau in's Zimmer, wo ich bin, und ſieht vor⸗ ſichtig nach der Seite des Bettes hin. — — 73 „Endlich!“ ſagte ſie leiſe.„Er iſt wieder bei ſich, der arme Kleine. Wie wird der Herr ſich freuen, wenn er zurückkehrt und das hört.“ „Madame, Madame!“ rufe ich mit ſchwacher Stimme. Schnell kommt ſie heran, ſetzt ſich an mein Bett und winkt mir zu ſchweigen. „Still, Kind, ſtill! Du darſſt nicht reden; der Arzt hat es befohlen, denn deine Wunde kann ge⸗ fährlich werden, wenn Du Dich nicht in Acht nimmſt. Aber ich ſehe Deine Neugierde Dir in den Augen an. Ich will Dir Alles ſagen: mein Herr, Herr Dermilly, war's, der Dich aufhob und hierher in ſeine Wohnung brachte, als das Cabriolet des Herrn Grafen von Franconard Dich umgeworfen hatte. Er macht es immer ſo, auch geſtern warf er den Karren einer Frau um, die Gerſtenzucker verkaufte. Dafür ließ ſie ſich die ganze Waare bezahlen, er aber hat den Gerſtenzucker durch ſeinen Bedienten aufleſen laſſen und acht Tage lang haben ſeine Hunde nichts als Gerſtenzucker zu freſſen bekommen. So geht's, wenn ein Einäugiger fahren will! Ich frage Dich, Kleiner, kann er links und rechts zugleich ſehen mit ſeinem Einauge? Du haſt vielleicht auch etwas Schuld. Ihr kleinen Knaben hört nie auf die Kutſcher und lauft ihnen juſt quer über die Straße, wenn ſie ihres Weges fahren.“ „Aber nein, Madame.“ „Still, Kind, fill; ſag' ja nicht, daß Du's ſo gemacht haſt. Alſo Herr Dermilly hebt Dich auf und läßt Dich hierher fahren. Er iſt ein weltbe⸗ 74 rühmter Maler, der Herr Dermilly, und dabei ſo gut, nur zu gut für dieſe Welt, denn... „Aber ſeit wann, Madame... „Still, Freundchen, ſtill: der Doktor hat Dir ſtreng verboten zu ſprechen. Ich kann ja für Dich und mich zugleich reden. Der Herr wollte anfangs bloß die Dir für den Augenblick nöthigſte Pflege geben und Dich dann zu Deinen Eltern und Geſchwiſtern zurückbringen, weil er ſie leicht aufzufinden hoffte, denn Du biſt erſt ſeit geſtern hier, mein Schätzchen.“ „Seit geſtern, mein Gott! Und Vater Bernhard? Und Nanette?“ „O über den kleinen Schwätzer! WVill er gleich ſchweigen! Ich ſage alſo, ſchon dachte der Herr daran, ſich nach den Deinigen zu erkundigen, als wir beim Ausziehen der Weſte, die über und über blutig war, ein Porträt finden, das an einem Bande auf Deiner Bruſt hing. Kaum ſieht Herr Dermilly dieß Porträt, ſo jauchzt er laut auf und reißt es mir aus der Hand. Das Porträt muß viel werth ſein, denn er geräth nicht leicht ſo in Epxtaſe. er konnte ſich nicht genug wundern, dieß Gemälde bei Dir gefunden zu haben.„Wie kommt das in ſeine Hände? rief er unaufhörlich. Warum trägt er das bei ſich? und Aehnliches. Er hätte Dich gar zu gerne gleich ausgefragt, aber Du warſt dazumal in jämmerlichem Zuſtande, armer Schelm. Dann befahl der Herr, Dich in ſein Bett zu tragen und ſagte, er wolle Dich nicht eher fortlaſſen, als bis Du vollkommen geheilt ſeieſt; er hat letzte 75 Nacht nebenan in der kleinen Kammer geſchlafen und jede Viertelſtunde kam er herein, um nach Dir zu ſehen. Eben jetzt hat er ausgehen müſſen und mir ſtreng anbefohlen, Dich keine Minute allein zu laſſen. So iſt Dir's gegangen, mein Freund, und das Klügſte, was Du thun kannſt, iſt, daß Du Dich ſchonſt und ja nicht ſprichſt.“ Als die alte Bonne auserzählt hat, fühle ich zu⸗ fällig an die Bruſt und merke, daß das Medaillon fehlt, das ſeit meiner Abreiſe von Haus mir nicht von der Bruſt gekommen iſt. Ich fange an zu weinen und bitte ſie inſtändigſt, das Medaillon mir zurückzugeben. „Du weißt, Kind, ich habe es nicht. Herr Der⸗ milly hat es und der wird es Dir gewiß wieder geben. Sei darum ohne Furcht. Wie die Kleinen ſo mißtrauiſch ſind!“ „Ach, Madame, die Mutter empfahl mir ſo dringend, das Medaillon ja nicht zu verlieren.“ „Es iſt nicht verloren, ſage ich Dir: Herr Der⸗ milly hat es. Iſt es denn ein Bild von Deinem Vater oder Deiner Mutter oder Deiner Schweſter? Ich glaube aber, es iſt das Bild einer Frau; ich hatte meine Brille nicht auf.“ Ich wollte eben der alten Bonne antworten, als ein Geräuſch im Nebenzimmer entſteht. „Da iſt der Herr,“ ruft ſie mir zu. In dem⸗ ſelbven Augenblick tritt ein Herr von etwa achtund⸗ zwanzig bis dreißig Jahren und ſanftem gutem Geſicht in's Zimmer, in dem ich ſogleich meinen Wohlthäter von geſtern wieder erkenne. 76 „Nun, wie geht's?“ fragte er die Bonne. „Gut, Herr, er iſt ganz bei Sinnen. Der kleine Schelm würde darauf losſprechen wie eine Elſter, wenn ich's duldete. Aber ich gebot ihm Schweigen im Namen des Arztes. Der arme Kleine, welcher Ausdruck in ſeinem Auge und welche Feinheit in den ⸗ Zügen! Es wär' ein hübſcher Amor für Sie, Herr. Der Herr ſuchten geſtern nach einem Modell für den Sohn der Madame Andromache bei Ihren Gemälden aus der alten Geſchichte; wie wär's, wenn wir den Kleinen da.. „Laßt uns allein, Thereſe; ich will Euch rufen, wenn's nöthig iſt.“ „Wie Sie befehlen, Herr.“ Beim Herausgehen wiederholt ſie für ſich, ich eignete mich trefflich zum Sohne von Madame Andromache. „Nun, Freundchen, wie geht's?“ fragt der Herr und ſetzt ſich neben mich. „Gut, Herr, bloß der Kopf thut noch weh. O, wie danke ich Ihnen für die viele Güte.⸗ „Du brauchſt nicht zu danken, denn es iſt mir, als trüge ich eine alte Schuld ab. Kannſt Du mir auf meine Fragen antworten, ohne daß es Dich an⸗ greift?“ „Recht gut, Herr.“ „So ſag' mir denn, woher Du biſt und ſeit wann Du in Paris wohnſt?“ Ich erzähle nun meine ganze Geſchichte. Er hört mit größter Aufmerkſamkeit und innigſter Theilnahme zu. Namentlich rührt ihn mein Schmerz über den 77 Verluſt des Bruders. Als ich auf Vater Bernhard und Nanette zu ſprechen komme, ruft er lebhaft aus: „Die guten Leute! Aber ſag', woher haſt Du das Porträt, das Du auf der Bruſt trägſt. Sag' die reine Wahrheit, denn Du weißt nicht, wie un⸗ endlich viel an dieſem Umſtand mir liegt.“ Ich erzähle ihm nun Alles, was ich weiß: von der Ankunft der Reiſenden in unſerer Hütte, von dem Herrn, ſeinem Diener und dem kleinen hübſchen Mädchen. Je länger ich rede, um ſo freundlicher wird er, um ſo deutlicher ſpiegelt ſich ſeine herz⸗ liche Theilnahme in ſeinen Augen ab. Als er hört, wie der Vater ſelig in jener Nacht zu Schaden ge⸗ kommen und wie er für die Rettung der im Wagen Sitzenden mit einem kleinen Thaler vom alten Herrn beſchenkt ſei, da kann der junge Maler nicht länger an ſich halten: er ſpringt vom Stuhle auf, lauft wie wahnſinnig im Zimmer auf und ab und ruft: „Der Unmenſch der. der gefühlloſe Kerl!... Theure Caroline, ſolchen Mann haſt Du zum Gatten nehmen müſſen! Ohne den Vater dieſes Kindes hätteſt Du Deine Tochter verloren, Deine Adolphine! Der arme Mann iſt geſtorben, vielleicht an den Folgen ſeines Eifers, ſeiner Menſchenliebe. Aber das kann ich wenigſtens: dem Sohne den Dank abtragen, den ich dem Vater ſchuldig bin, und das will ich. Ja, ich nehme den würdigen Alten, der jetzt im Himmel iſt, zum Zeugen, daß ſeine edle That ſeinem Waiſen zu gut kommen ſoll. Du bleibſt von nun an bei mir, lieber Kleiner!“ Darauf will er mich umarmen, vrückt 78 aber meinen Kopf ſo feſt an ſich, daß ich laut auf⸗ ſchrie. „Gott, was habe ich gethan!“ ruft er in Ver⸗ zweiflung.„Ich will ſein Vater ſein und erſticke ihn mit meinen Liebkoſungen. O verzeihe mir.“ „Thut Nichts, Herr, der Schmerz iſt ſchon vorüber. Aber das Porträt.“ „Was für ein Porträt?“ „Das ich auf der Bruſt trug, das möchte ich wieder haben. Ich mußte der Mutter ſchwören, es keinem Andern als dem rechtmäßigen Eigenthümer zu geben. Erſt geſtern traf ich den kleinen, ein⸗ äugigen Herrn zufällig auf der Straße: ich erkannte ihn gleich und rufe ihn an. Er aber hört mich nicht und ſteigt in ſeinen Wagen. Ich will ihm nachlaufen und ſo bin ich umgeworfen und am Kopfe beſchä⸗ digt worden.“ „Armer Knabe, Du ſollſt es wieder haben, Dein Porträt, und es dem Eigenthümer zurückgeben, aber nicht dem Herrn Grafen, der verdient dieß liebe Bild nicht, ſondern... doch Du wirſt ſie bald ſehen. Sie kommt hoffentlich recht bald nach Paris zurück, bis dahin nimm das Porträt, das Du ſo treu bewahrt haft.“ Der Herr zieht das Bild aus der Bruſttaſche, betrachtet es lange und hängt es mir wieder um den Hals. Plötzlich fühle ich mich ruhiger; nur der Gedanke, wie Vater Bernhard und Nanette meinetwegen in Unruhe ſein werden, will mir nicht aus dem Sinne.„Und Vater Bernhard, Herr?“ frage ich.„Und Nanette?“ 79 „Du haſt recht: ſie ſollen gleich Nachricht haben, damit ihre Unruhe aufhöre. Thereſe! Geſchwind einen Boten,“ ruft Herr Dermilly der alten Bonne zu, als ſie in's Zimmer trüt.„Er ſoll den Pflege⸗ eltern dieſes Kindes Nachricht geben.“ Ich nenne ihm die Adreſſe von Vater Bernhard. Während Herr Dermilly mit dem Boten ſpricht, kommt die alte Thereſe wieder in das Zimmer. „Herr, Sie vergeſſen, daß Ihr Modell wartet. Schon eine ganze Stunde ſpaziert er im Hemde auf und ab im Atelier. Jetzt läuft mir der Kerl, der Roſſignol, gar in die Küche, faſt ſplitternackt, und bettelt um ein Stück Brod. Er ſagt, er ſei heute als Römer da und mache den Mutius-Cervelas dei. Mag er Mutius-Cervelas oder ein Anderer ſein, das iſt kein Grund, aus den Töpfen zu ſchlecken und in ſolchem Aufzuge zu erſcheinen, pfui! Jagen Sie ihn doch in's Atelier zurück und verbieten Sie ihm, ſich je wieder als Römer in meiner Küche zu zeigen!“ „Nur Geduld, Thereſe,⸗ ſagt Herr Dermilly lächelnd.„Ich will an die Arbeit gehen, bleibt Ihr inzwiſchen bei meinem kleinen Andreas und ſorgt recht für ihn. Kommen die guten Leute, ſo ruft mich.“ „Soll geſchehen, Herr bei mir ſoll er nicht ſo viel ſprechen,„ ſagt Thereſe und fühlt mir den Puls.„Da haben wir's, wie er ſchlägt, ein ſtarkes Fieber im Anzug. Aber ſie wollen nie hören. Trink' das, Kleiner, und dann ſchlaf'z das wird Dir gut thun.“ Ich und ſchlafen, jetzt, nach dieſer Ueberraſchung und in dieſem Bette, wo ſich' ſo weich liegt! Hat 80⁰ nicht der Herr geſagt, er wolle für mich ſorgen, mir Gutes thun, mich bei ſich behalten? Und das Alles iſt die Folge vom Porträt, das ich auf der Bruſt trage. Wie recht hatte die gute Mutter, als ſie ſagte, das Medaillon werde mir Glück bringen! Aber Bernhard und Nanette, darf ich die verlaſſen, ſie, die mir ſo viel Liebes und Gutes erwieſen haben? O gewiß, ich will ſie recht, recht oft beſuchen; der Waſſerträger iſt ja auch mein Wohlthäter und nie, nie will ich ſeine Wohlthaten vergeſſen. Horch! welch ſchwere Tritte auf dem Boden? Das Herz hüpft mir im Leibe. Ja gewiß, das ſind ſie. Die Thüre wird aufgemacht; vergebens ruft Thereſe: „Warten Sie, bis ich ſehe, ob er ſchläft. Sie dürfen nicht mit ihm ſprechen, der Arzt hat es verboten!“ Sie hören nicht, ſie treten ein, ſie eilen auf das Bett zu, ſie herzen und küſſen mich und netzen mich mit heißen Thränen. O über die Wonne, ſo geliebt zu ſein! „Mein Vaiter! meine Nanette!“ das iſt Alles, was ich über die Lippen bringe. Vor Rührung kann ich nicht ſprechen, dafür drücke ich Vater Bernhard die Hand, während Nanette ihr lieb Geſichtchen dicht über mich hinbückt. „Mein armer Knabe,“ ſagte envlich der Waſſer⸗ träger,„wüßteſt Du, welche Sorge Du uns machteſt. Ich habe die ganze Nacht durch geſucht und Nanette um Dich als wie um ihren Bruder geweint! „So iſt er denn Ihr Sohn?“ 81 „Nein, Madame, er iſt nicht mein Sohn, aber ich liebe ihn wie meinen Sohn.“ „Sieh' nur, Vater, er hat eine Wunde am Kopfe!“ ſagt Nanette.„Haſt Du noch Schmerz, lieber Andreas 2. „Jetzt nicht mehr.“ „Man ſagte uns, Du ſeieſt übergefahren worden,“ ſagte Bernhard.„Du haſt doch die Wagennummer gemerkt? Ich hoffe nicht, Du läſſeſt Dich erſt über⸗ fahren und ſchweigſt dann ſtille. und traun, der Kerl hat Dich übel zugerichtet.“ „O gewiß,“ ſeufzte die alte Bonne.„Der Herr Doktor hält die Bleſſur für ſehr conſequenzreich.“ In dem Augenblick tritt Herr Dermilly in's Zimmer. Vater Bernhard weiß nicht, ob er auf⸗ ſtehen oder ſitzen bleiben ſoll; aber Nanette bleibt wie feſigenagelt auf meinem Bette ſitzen, bewundert die Vorhänge, die Franzen, den Spiegel, und flüftert mir in's Ohr:„Andreas, da muß ſich's gut ſchlafen.“ Als Bernhard meinen Unfall von Herrn Der⸗ Waſſerträger. „Ihn fortbringen? Nein, er bleibt bei mir, bis er vollkommen hergeſtellt iſt,“ antwortet der junge Maler,„und dann ſoll, hoffe ich„ „Aber, Herr, er genirt Sie, und ich fürchte„ „Seien Sie ohne Furcht: das Schickſaldes Knaben liegt mir ſehr am Herzen. Sein Vater rettete einer Perſon, die mir ſehr theuer iſt, das Leben. Daß Paul de Kock. LXRRw. 6 82 dem ſo iſt, beweist mir unwiderleglich ein von mir ſelbſt gemaltes Porträt, das ich auf ſeiner Bruſt fand.“ „Selbſt gemalt? Sie, Herr?“ „Ja, ich ich ſelbſt habe die junge Dame gemalt, deren Bild er auf der Bruſt trägt.“ „So müſſen Sie die junge Dame kennen, Herr?“ „Ohne Zweifel!... Und, gleich mir, wird ſie wünſchen, zum künftigen Glück des Kindes mit bei⸗ zutragen.“ Der gute Waſſerträger ſieht Herrn Dermilly groß an und traut ſeinen Ohren nicht. „Ja, Du hatteſt recht, Andreas,“ ruft er trium⸗ phirend aus,„dieß ſchöne Bild wird Dein Glück machen, aber ich bitte mir aus, daß ich Dich oft ſehen darf, mein guter Knabe.“ „So oft Sie wollen, braver Mann: Sie ſind zu jeder Stunde mir und Ihrem Pflegeſohn will⸗ kommen. Glauben Sie nicht, daß ich den Knaben Ihnen abwendig machen will. Möge er ſelbſt ſich entſcheiden; ich habe in ſeinem Herzen geleſen und bin gewiß, wie er auch wählen mag, er wird nie undankbar ſein.“ „O gewiß nicht! Wenn die Wahl auf Sie fällt, bin ich zu gerecht, um Sie an der Fürſorge für ſein künftiges Glück zu hindern.“ Dermilly lächelt und reicht dem wndern Auverg⸗ naten die Hand, der ganz erſtaunt ſcheint über dieß Freundſchaftszeichen von Seiten eines eleganten Herrn⸗ Dennoch ſchüttelt er dem Maler biderb die Hand und ſagt dann zu Nanette: 83 „Jetzt komme, meine Lochter, ich muß an die Arbeit zurück. Morgen beſuchen wir Andreas wieder.“ Nanette hat von dem Geſpräch zwiſchen Herrn Dermilly und ihrem Vater Nichts gehört, denn ſie hat Aug' und Ohr nur für mich und die ſchönen Sachen im Zimmer. „Kommſt Du bald, meine Tochter?“ wiederholte Bernhard.„Wir müſſen jetzt gehen.“ „Und Andreas, lieber Vater?“ „Der bleibt bei dem Herrn hier, bis er wieder aufſtehen darf.“ „Was, Andreas geht nicht mit uns?“ „Wir kommen morgen, übermorgen, überüber⸗ morgen wieder, ſo oft wir wollen, hat der gute Herr erlaubt.“ „So will ich auch hier bleiben, Vater.“ „Wie, Nanette, Du willſt mich verlaſſen, Deinen alten Vater? Iſt es nicht genug, daß ich meinen Andreas verliere? Soll ich kein's meiner Kinder um mich haben?“ Nanette ſchweigt. Sie ſteht auf und führt das Ende ihrer Schürze vor das Geſicht. Schluchzend nimmt ſie von mir Abſchied und ſchickt ſich an, dem Vater zu folgen, der ſie vergebens zu tröſten ſucht. Beide umarmen mich nochmuls und gehen dann fort, Bernhard lächelnd, Nanette bitter weinend. Wie ich die gute Schweſter ſo weinen ſehe, muß ich auch weinen. Herr Dermilly hat nicht wenig Mühe, mich zu tröſten. Erſt als ich dem Einſchlafen nahe bin, verläßt er mich. / 8⁴ „Gottlob,“ ruft die alte Thereſe, als Herr Der⸗ milly fort iſt,„endlich laſſen ſie das Kind in Ruhe. Wie kann es geſund werden, wenn es ewig fort⸗ ſchwatzt!“ Die ängſtlich beſorgte Alte zieht die Vorhänge zu und ſagt bei ſich ſelbſt, während ſie das Zimmer 3 verläßt:„Ich will jetzt in die Küche zurück und ſehen, 18 ob nicht der Schurke von Römer an meinem Ragout . herumgeſchmeckt hat, während der Herr hier im Zim⸗ mer war. So geht es, wenn das Atelier im näm⸗ lichen Hauſe iſt. Der Herr findet das bequem. Mag ſein, aber Gott weiß es, die letzte Griechenſchlacht hat eine Unzahl von Töpfen das Leben gekoſtet. Sechstes Kapitel. Das Atelier des Malers.— Herr Roſſignol. . Herr Dermilly ſchenkt mir die liebreichſte Pflege, und bald fühle ich mich innigſt zu ihm hingezogen. Auch die alte Thereſe, obgleich ſie mich dann und wann zankt, hat mich von Herzen gern. Gott weiß, wodurch ich nur ſolche Behandlung verdient habe! Doch behalt' ich meinen alten Freund und Wohl⸗ thäter in dankbarem Gedächtniß und erwarte täglich mit Ungeduld die Stunde, wo Vater Bernhard und Nanette zu kommen pflegen. Die in ihrer Geſell⸗ ſchaft verbrachte Zeit iſt mir die ſchönſte vom ganzen Tage; nur mit tiefer Betrübniß kann ich mich von den guten Leuten trennen. 6 85⁵ „Mach' nur, daß Du geſund wirſt, Andreas,“ ſagt Nanette,„damit Du wieder zu uns kommſt. Wie fröhlich wollen wir zuſammen tanzen und ſingen. Es iſt hier ſchön, recht ſchön, aber zu Hauſe gefällt mir es doch beſſer, wenn Du da biſt.“ Ich fürchte mich ordentlich, Nanette zu ſagen, daß Herr Dermilly mich leſen, ſchreiben und zeichnen lernen laſſen will. So oft er mich fragt, ſcheint er mit meinen Antworten zufrieden und verſichert mir: ich dürfe kein Briefträger bleiben, ich könne mit meinen Talenten mein Glück machen in der Welt und das Glück meiner Familie und Freunde. Die Reden hör' ich von Herzen gern. Iſt das Eitelkeit oder der Wunſch, mir um Andere Verdienſt zu er⸗ werben Wenn es Eitelkteit iſt, ſo iſt dieß eine ſehr verzeihliche, denn wenn ich von ſchönen Häuſern und Gemächern träume, ſo genieß' ich dieſe Herr⸗ lichkeit nie für mich allein, ſondern mit meiner Muiter und meinen Freunden. Es ſind jetzt acht Tage, daß ich bei Herrn Der⸗ milly wohne; ich bin ſchon etwas auf, doch fühle ich mich noch ſehr ſchwach und darf nicht zum Zim⸗ mer hinaus. Nanette wäre gerne den ganzen Tag bei mir, aber ſie muß für die Küche ſorgen, und Vater Bernhard fürchtet läſtig zu fallen, wenn er zu oft kommt. Zu meinem Zeitvertreib hat mir Herr Dermilly Kreide, Bleiſtift, Papier und Vorzeichnungen gegeben, und Abends erzählt mir die alte Thereſe hübſche Geſchichten und ſteckt mir allerhand Backwerk und Confekt zu, aber die in Aſche gebratenen Kar⸗ 5 86 toffeln, die ich mit Nanette aß, ſchmeckten mir viel beſſer. Eines Morgens— die alte Bonne iſt ausgegangen und an den Gemälden im Zimmer habe ich mich längſt ſatt geſehen— fühle ich gewaltige Lange⸗ weile, da kommt mir der Gedanke, Herrn Dermilly in ſeinem Atelier zu beſuchen. Ich gehe hinaus in das nächſte Zimmer, dann in ein zweites, bis ich auf einen Korridor komme. Am Ende deſſelben ſteige ich einige Stufen hinauf, öffne eine kleine Thüre und trete in eine ungeheuer große Stube, die von oben erhellt ward. Mein Gott, was ſehe ich da für ſelt⸗ ſame Dinge, ſo ſeltſam, daß ich wie verſteinert ſtehen blieb. Vor mir ein großes Knochengerippe, hoch auf⸗ recht; daran lehnt eine ſchöne Venus von Gyps; hier große Stücke Leinwand, worauf allerhand Men⸗ ſchenleiber gezeichnet ſindz weiter davon ein Gemälde mit Teufeln, die einen armen jungen Mann plagen und ihn mit Schlangen geißeln; zu meinen Füßen einen Armz links davon ein Bein und eine Schulter; auf einem Tiſche eine Menge Farben, ein großes Buch mit Goldrand, auf eine Oelflaſche geſtützt; Fingerknöchelchen über einem kleinen Kaffeebrode; einen griechiſchen Helm auf einem Frauenkopfe; eine Tunika, Käſe, einen ſchmierigen Hut über einem Amorz eine Schachtel mit Zinnober über einem Todtenkopfe. Das muß nothwendig ſein Atelier ſein/ ſage ich. Als ich mich von meinem Staunen etwas erholt habe, wage 87 ich einige Schritte vorwärts. Da ſeh' ich, zum Theil verſteckt durch ein großes Gemälde, eine Perſon, die unbeweglich daſteht vor der Leinwand. Ich kann nicht weiter: die Nähe dieſer Perſon ſchüchtert mich ein, ihr ſeltſames Koſtüm macht mich mißtrauiſch gegen ſie. Ihr Geſicht hab' ich vor der Leinwand noch nicht ſehen können; doch bemerke ich, daß der Menſch einen langen Säbel in der Hand hält. Er iſt faſt bis an die Ohren in einen weiten carmviſinfarbigen Man⸗ tel gewickelt, an den Füßen trägt er Schnürſchuhe und auf dem Kopfe einen Helm mit einem großen Schweife von rother Wolle. Er iſt in drohender Stellung; ſein Arm ſcheint erhaben wie zum Schlage. Offenbar iſt er im Zorn, und doch ſchlägt er nicht zu, ſondern bleibt in derſelben Lage, ohne ein Glied zu rühren. 8 Vergebens ſehe ich mich nach Herrn Dermilly um. Ich weiß nicht, ob ich weiter vorwärts darf, denn der Herr da mit Schwert und Mantel thut immer, als wär' ich nicht im Atelier. Ich huſte und räuſpere mich: auch das hilft Nichts. Endlich fällt mir ein, mich wenigſtens zu entſchuldigen bei ihm, daß ich ſo ohne Erlaubniß hereingekommen bin. „Entſchuldigen Sie gütigt, mein Herr,“ ſag' ich, von hinten mich dem Mann im Mantel nähernd, „ich glaubte, Herrn Dermilly hier zu treffen. Wenn ich genire, will ich wieder fortgehen.“ Keine Antwort, immer dieſelbe Unbeweglichkeit. Das begreif' ich nicht. Sollte er ſchlafen? Aber 88 wer ſchläft mit ausgeſtrecktem Arm und mit einem Säbel in der Hand. Oder iſt er taub? Ich muß ihm doch mal in's Geſicht ſehen. Ich ſtecke ſachte den Kopf um die Leinwand. O Himmel! welche Bläſſe im Geſicht, welche Mattigkeit im Blick! Ja, der iſt noch viel, viel kränker als ich. Aber woher nimmt er die Kraft, ſo lange in dieſer Stellung zu bleiben? Schon will ich fort, da öffnet ſich plötzlich eine Thüre, gerade der gegenüber, durch welche ich ein⸗ getreten bin, und herein ſpringt ein Mann, ſplitter⸗ nackend vom Kopf bis an den Gürtel, von da an in Hoſen und Schuhen. Er hüpft wie wahnfinnig herum, trillert und nagt dabei an einer Rebhuhn⸗ keule. „Alle Hagel,“ ruft er laut lachend, ohne mich zu bemerken,„auch die iſt nicht übel. Was wird die alte Hexe ſagen, wenn ſie ihre Keulen nicht findet! Und nir geſtanden, Alles abgeleugnet. O der Jux! Warum laßt Ihr Euer Geflügel und an⸗ dere Koſibarkeiten in der Küche herumtreiben!... Hör' ich das Pförtchen nicht gehen, hat nicht der Riegel geklirrt? Ha, ha, ha! wenn ſie gewußt hätte, daß Herr Dermilly mich allein läßt, hol' mich der und jener, ſie hätt' alle Suppen⸗ und Gemüſeſchüſſeln doppelt verſchloſſen. Bringt Ihr Euer Frühſtück mit?“ fragt' ſie, wenn ſie mich kauen ſieht.„Ja, Gnaden! Darf ich aufwarten mit einem delikaten Stück Zwiebelkuchen. Ein Schelm, der was Beſſeres gibt, als er hat. Kommen, Ze⸗ 89 tulbe, Dich ruft meine Stimme! Tralalala! Tralalala! Schade, daß der Suppentopf nicht ſchon auf'm Feuer ſtand. Das Bad wär' meinem Athenienſerbart gut bekommen. So Du mir, ſo ich Dir. Warum läßt mich Herr Dermilly Stunden lang allein! Gottlob bin ich präeis auf den Glocken⸗ ſchlag wie die Fiaker und ich danke der Natur dafür!“ In dem Augenblick macht der Herr im bloßen Hemde einen Luftſprung auf die linke Seite, wo ich ſtehe, und ſieht mich.„Was für'n Gewächs iſt das?“ ruft er.„Biſt Du gedungen für den unſchuldi⸗ gen Kindermord, Herrchen? Erſt geh' nach Paris und laß Dich neun Monden lang mit Kin⸗ derpappe füttern, ſiehſt ja aus wie'n friſchgeſotten Ei, und ſtopf'Dir mit Werg die Backen aus. Sage mir, wie nennſt Du Dich, daß ich Deinen Namen wiſſe.“ „Herr, ich heiße Andreas,“ antwökle ich dem Herrn, der inzwiſchen wie toll herumſpringt, walzt und allerhand Geſichter ſchneidet.„Ich bin vor Kur⸗ zem übergefahren worden, und da hat der gute Herr Dermilly mich zu ſich genommen.“ „Reſpekt vor dem Unglück, intereſſantes Schlacht⸗ opfer. Ich bin drei oder vier Mal umgeworfen worden, aber Niemand hat mich aufgehoben. Glaub's wohl, Gott Bacchos hatte mir ein Veinchen geſtellt. Aber was ſagſt Du zu dem Entrechat, Kleiner?“ Ich begriff nicht, wie der Mann im bloßen Hemde ſo ganz in der Nähe des andern Mannes —— 90 mit der drohenden Geberde und dem geſchwungenen Säbel ſo luſtig ſein und ſo viel Lärm machen könne. Ich zeigte ihn dem Tänzer mit dem Finger und ſagte leiſe:„Geben Sie Acht, Sie kommen dem Herrn da zu nah'.“ Kaum hab' ich das geſagt, ſo wirft ſich der Herr im bloßen Hemde auf einen Stuhl und will ſich ausſchütten vor Lachen.„Seht den Spaß! hält der Bube die Gliederpuppe da für'nen Sappirer. Ha, ha, ha! Fürcht' Dich nicht, Kleiner; der Herr beißt Dich nicht. Wiſſe,'s iſt eine lebloſe Creatur, die kein vitales Fluidum und ſportuoſes Gehör im Leibe hat, wie wir Beede. Ja, es giltz ich heirathe nich, wenn Sie gütigſt erlauben.“ Aber vielleicht hat der Mann im Hemde mich zum Beſten. Ich will die Gliederpuppe doch'mal anfühlen. „Weg mit der Hand, Fontus!“ uuft der ſchöne Tänzer und hält mich zurück.„Darſſt nicht ankommen, das brennt. Sapperlot, der Künſtler crepirt vor Aerger, wenn Du dem da eine Falte anders legſt, und zahlt Dir mit'ner Münze, die Du nicht in den Sack ſchiebſt.“ „Verzeihung, Herr, ich wußte nicht.“ „Jetzt, weil Du's weißt, hüte Dich. Doch wart', ich muß mich auf heut' Abend üben: ich ſoll in der Chamiade tanzen.“ „Aber friert Sie nicht, Herr, ſo im bloßen Hemde?“ „Bah, Alles Gewöhnung. Seit fünfzehn Jahren 94 ſchon bin ich Modell für die Torſos. Weißt Du nicht, unſchuldiges Geſchöpf, daß Du vor Roſſignol ſtehſt, dem ſchönſten Modell in ganz Paris für die Torſos? Wäre der Untertheil ſo wie der Obertheil, meiner Seel', ich wäre meine zwölf Franken per Tag werth. Leider bläh'n die Keulen nicht auf und die Weichen ſind und blieben dünn, ob ich gleich mit Bohnen mich vollſtopfe, damit ſie wachſen. Aber ſchad't Nichts, ich bin ohnehin noch paſſabel beſchla⸗ gen. Dazu kömmt eine intereſſante Phyſiognomie, Witz, Anmuth, ein leichter, lebhafter Tanz, was will ich mehr? Ganz natürlich, daß ich den Damen gefährlich werde. Ein, zwei. chassez. assem- blez... Pirouetto de Rigneur! Schade, daß mein Rock dreckig und mein Hut etwas ſtark durchſichtig iſt! Herrn Dermilly darf ich nicht ſchon wieder an⸗ pumpen: erſt vorgeſtern hat er mir zwanzig Franken im Voraus gegeben und die ſind bereits aufgeputzt. Das Unglück macht kühn und unerſchrocken ſag' Kleiner, könnteſt Du mir wohl vierund⸗ zwanzig Sous auf acht Tage, wie man zu ſagen pflegt, pumpen? Ich pumpe Dir fünfundzwanzig Sous zurück.“ „Ich habe kein Geld bei mir, Herr. Vater Bern⸗ hard bewahrt meine Geldbörſe.“ „So muß ich anderweitig mir helfen. Ich will die Tanzſchuhe mit Oel ſchmieren, das gibt ein vornehm Ausſeh'n. Nichts ſticht mehr in die Augen als ſpiegelblankes Fußwert./ Herr Roſſignol nimmt die Oelflaſche und pinſelt 92 das Hel über die dreckigen Schuhe; vann gießt er davon in die Hände und fährt ſich damit durch's Hadr. Während er ſo ſeine Loilette macht, ſehe ich ihn nun genau an. Das Modell iſt ein Mann von un⸗ gefähr ſechsunddreißig Jahren, ziemlich hohem Wuchſe, ſchwarzen, ſchlecht gekämmten Haaren, grauen Au⸗ gen, aus denen der Schelm hervorguckt, einer Stülp⸗ naſe, die voll Tabak hängt, und einem ungeheuern Munde, der ewig hin und her rollt und ſich ſperr⸗ weit öffnet. Dieß Alles gibt ihm ein durchaus ori⸗ ginelles Ausſehen. „Schade,“ ſagt er, ſich die Haare lockend, „daß ich die Kleider nicht auch ſo ſchmieren kann. Der Hut ſoll wenigſtens eine Tunke haben:'s wird ein Biſſel ranzig riechen, aber meine Prinzeſſin hat ſo Gott will den Schnupfen. Doch die Luſt nach 'nem Kapaunen in Reis muß ſie ſich vergeh'n laſſen mit meinen dreizehn Sous in der Taſche, wenn wir nicht eiwa chriſtliche Freunde antreffen. Wüßt' ich nur, ob Hannchen heut' geſeſſen hat, ich wollt' meiner Frau die Ohren ſo voll ſummen, bis ſie mit dem Goldfüchſen herausrückt!“ Da ich den Herrn mit Stiefeln und Haaren be⸗ ſchäftigt ſehe, ſo vermuth' ich, er wolle ſich ganz ankleiden und reiche ihm Hemd und Rock hin, die in einer Ecke des Ateliers auf der Erde liegen. „Dank, Kleiner,“ ſagt er,„ich will warten, bis der Herr Patron zurücktömmt und mich wegſchickt. Man ſitzt für einen Torſo nicht im Hemde; das iſt griechiſch das, merk' Dir's. Und unter uns, wenn 93 die Natur Dich gut herausdrechſelt, ſo wähl' Dir ja keinen andern Stand: werde Modell, das lernt ſich leicht. brauchſt nur ſtill zu halten. Traun, ich weiß nichts Beſſeres in der Welt, als Maler und Modell, keiner ohne den andern: kein Ma⸗ ler ohne Modell, und kein Modell ohne Maler, verftanden? Alle Teufel, wenn mein Weib mich nicht ſo hinter's Licht geführt hätt', wir könnten jetzt im Gold wühlen. Ich nahm ſie um ihrer Formen wegen, Formen, ſag' ich Dir, ſo ſchön wie die einer Venus Kalligige. Die nimmſt Du, ſagt' ich mir, als ich ſie ſah, die muß ſitzen, und deine Kinder auch, wenn Gott Dir welche ſchenkt. Bas Sitzen iſt erblich in unſerer Familie: mein Vater ſaß für ſeine Arme, meine Mutter für ihre Hüften, mein Onkel für ſeine Füße, meine Tante für ihren Rü⸗ cken, mein Bruder für ſeine Hände und meine Schweſter für ihre Ohren. Als ich meiner Frau den Hof machte, ſagt' ich ihr: ehe wir uns für Zeit und Ewigkeit binden, mußt Du wiſſen, ich will, daß meine Frau ſitzt, gleichviel wofür? und meine Kinder auch, ſo Gott uns welche ſchenkt. Mein Freund, antwortete ſie, ich will zeigen, was Du willſt. O, die Treuloſe! O dieß trü⸗ geriſche Corſett! Ich kann nicht ſagen, wie ſchänd⸗ lich Madame Roſſignol mich anführte! Unmöglich, ſie auch nur für das Geringſte ſitzen zu laſſen: nichts als Watte, von der Sohle bis zum Schei⸗ tel!.. Ich hätt' ihr wegen Formmängel den Laufpaß gegeben, aber leider! war ſie ſchwanger. 94 So mußt' ich mich an ihr Kind halten. Und wirklich hab ich'nen Jungen, gebaut wie ein Apollo, in meinem Genre. Der wird mal eines der ſchönſten MWodelle in ganz Europa. Als er drei Jahre alt iſt, will ich ihm die Poſition einexerciren, aber ich kann ihn nicht ruhig kriegen. Ich greife alſo zum Och⸗* ſenziemer, um ſein heiß Blut zu kühlen; meine Frau greift zum Beſen, ihn zu vertheidigen, denn ſie gibt mir die Schuld, daß er ſo ſchreit. Dieſe Eheſtandsſcenen wiederholten ſich täglich, und weil die Nachbarn ſich darüber beſchwerten, erklärte der Viertelscommiſſarius, er finde dieſen Poſitionsunter⸗ richt für unzweckmäßig, ich möge das Kind ſich frei⸗ willig entwickeln laſſen. Von der Zeit an leb' ich als Junggeſell und will auch mein Eheweib nicht eh'r wieder ſehen, als bis ſie einen Ableiter braucht für den Ueberfluß an überflüſſigem Geld. Und veßhalb heiß' ich die kleine Aſchenbrödel Tralalala... Tralalala!“ Eben hat Roſſignol ausgeſungen, als von der Seite der Küche ein lauter Lärm entſteht.„Das hat Keiner gethan als der Schurke von Roſſignol,“ ruft draußen die alte Thereſe.„Ich wette, er iſt unter irgend einem Vorwand aus der Sitzung in die Küche geſchlichen. Aber wart', der Herr ſoll's wiſſen. Einem Alles wegzuſtehlen und ſo was auf die Schöpſenkäule zu ſtecken!“ „Still, ſtill!“ ruft Roſſignol, durch's Schlüſſelloch guckend,„die Alte iſt's. ſie kömmt herein Sapperlot, ein guter Einfall, eine melodramatiſche 95 Scene! Die Alte iſt ſchreckhaft, ſie wird weich geben. Göttlich, göttlich! Geſchwind, Junge, auf's Knie vor der Gliederpuppe,'nen Helm auf den Kopf, das Viſier herunter, eine Tunika um die Schulter und kein Glied gerührt.“ „Aber, Herr„ „Kein Aber.“ „Warum?“ „Kein Warum.. thu', wie ich ſage. Du machſt die Gliederpuppe, nur auf ein Paar Minuten, damit ſie Dich nicht erkennt. Ein Wort, ein einzig Wort, und ich ſchlag' Dir mit Hannibals Degen die Rippen entzwei. verſtanden2“ Ich gehorche, nicht aus Furcht vor Herrn Roſſig⸗ nol, ſondern aus Neugier, was er vorhat. Auch iſt mir ein Augenblick Kurzweil wohl zu gönnen nach der langen Langeweil, und Herr Dermilly wird's nicht übel nehmen. Ich knie alſo nieder bei der Gliederpuppe, Roſſignol drückt mir den Helm auf den Kopf, das Viſter fällt von ſelbſt herab, dann wirft er mir einen weiten Mantel von gelber Seide über die Schultern. Als er mit meiner Verkleidung fertig iſt, läuft er auf das Gerippe zu, nimmt es unter den Arm, ſtellt es vor eine große Kiſte in der Mitte des Ateliers, deckt einen weiten braunen Mantel darüber, ſo daß von dem gräulichen Mann nichts zu ſehen iſt, kriecht in die Kiſte hinter dem Skelett und macht den Deckel über ſich zu, doch ſo, daß er darin athmen und zugleich den Zipfel des Mantels faſſen kann. Das Alles war das Werk 96 eines Augenblickes. Kaum ſind wir auf unſeren Poſten, ſo öffnet Thereſe die Thüre des Ateliers. „Herr!“ ruft ſie, langſam vortretend, wo ſie Herrn Dermilly vermuthet.„Das kann nicht ſo fortgeh'n, das muß aufhören. Tag aus Tag ein macht Herr Roſſignol ſolche Streiche. Heute ſtiehlt er mir'ne ganze Rebhuhnkeule, und dann heißt's, die Katze hat's gethan. Verbieten Sie ihm doch, je wieder in meine Küche zu kommen, oder laſſen Sie die Nebenthüre zumauern. Uebrigens iſt es recht fatal, daß die Nachbarn Männer ohne Hemd bei mir ſehen. Vergebens ſag' ich, es ſei das Modell; ſie lachen mir gerad' in's Geſicht. und denken aller⸗ hand von mir, was meinem guten Ruf nachtheilig iſt.“ Während deſſen iſt Thereſe bis dicht vor das große Gemälde neben der Kiſte und dem braunen Mantel gekommen. Sie ſieht ſich nach allen Sei⸗ ten um. „Was, ſchon fort? So früh ſchon? Huh, huh.. zwiſchen dieſen Geſchichten hier im Atelier wird Einem ganz unheimlich. Herr, wo ſind Sie? Niemand da! Ich will fort, all' die häßlichen Fratzen und Geſtalten widern mich an. Der arme junge Mann, der mit Schlangen geprügelt wurde, wie dauert er mich! Schade d'rum, er iſt ſo ſchmuck und nett. Sie nennen ihn Herrn Jxivn. und das geſchieht, weil er mit Madame Jupiter geliebäugelt hat. Mein Gott, wenn alle Männer ſo gepeitſcht würnh die mit fremden Weibern liebäugeln!“ S In dem Augenblick wird drinnen in der Kiſe 97 rumort. Thereſe fährt zuſammen, erblaßt und ſieht furchtſam um ſich. „Was war das? Herr, Herr, ſind Sie hier?“ Keine Antwort. Es rumort nochmals; ein lang⸗ gezogenes„Wuh. Wuh tönt aus der Kiſte. Thereſe zittert wie Eſpenlaub und bleibt wie feſt⸗ gewurzelt ſtehen, die Hand vor dem Auge. „Gott, mein Gott, was iſt das?“ ruft die Alte mit bebender Stimme.„Ich kann nicht von der Stelle. Hülfe! Hülfe!“ „Thereſe! Thereſe! Thereſe!“ ruft es dreimal aus der Kiſte in hohlem, kläglichem Tone, „Wer. wer ruft mich?“ fragt die Alte zitternd und bebend. „Dein Großvater!“ „Großvater, Du?. Aus dem Grabe. erſtanden. nach fünfzig Jahren?“ „Ja, ich bin's! Wirſt Du mich hören und thun, was ich Dir befehle?“ „Ja, Großvater, ja!“ „So gib Acht, Thereſe! Roſſignol iſt ein wacke⸗ rer Burſch, ich liebe und beſchütze ihn, den ſchönſten Torſo auf der weiten Gotteswelt. Wir befehlen Dir ſomit, ihn in die Küche zu laſſen, ſo oft er es für gut befindet; den Schlüſſel der Speiſekammer immer ſiecken zu laſſen; ihn die Suppe koſten, auch eine Brodrinde eintauchen zu laſſen, ſo oft er Luſt hat; ihm von allem Backwerk und Confekt Etwas auf die Seite zu legen; von dem Allem gegen den Paul de Kock. LRXRv.§ Herrn zu ſchweigen; endlich überall und zu jeder Zeit ihn mit der Aufmerkſamkeit zu behandeln, wie ſie dem ſchönſten Modell der Hauptſtadt der Welt ge⸗ bührt. Läßt Du es in einem dieſer Stücke fehlen, dann zittere. Sieh' uns an und wünſch' uns guten Tag!“ Thereſe entſchließt ſich mit größter Mühe, die Hände von den Augen zu nehmen. Nach wenigen Minuten Beſinnung erhebt ſie endlich ſanft den Kopf. In dem nämlichen Augenblick zieht Roſſignol ſchnell den braunen Mantel weg, und vor ihr ſteht— das Skelett. Laut ſchreiend wirft ſie ſich auf die Kiſte und fleht alle Heiligen des Paradieſes um Hülſe an. Plötzlich fängt Roſſignol drin zu brüllen an und ſchlägt, wie wahnſinnig, mit Händen und Füßen gegen die andern Wände der Kiſte. Die Alte, die auf einem Neſt mit Teufeln zu ſitzen glaubt, fliegt leichenblaß in die Höhe und kommt auf mich zu, eben als ich mich erhebe, um die Alte, die halbtodt iſt vor Schreck, zu tröſten. Als ſie mich mit dem Helm auf dem Kopfe und geſchloſſenem Viſier heran⸗ wanken ſieht, glaubt ſie nicht anders, als daß das ganze Atelier behext und Leben in die Todten gefah⸗ ren ſei. Sie bebt entſetzt zurück und fällt mit vollem Gewicht auf Roſſignol, der gerade den Kopf heraus⸗ ſteckt, um friſche Luft zu ſchöpfen, und Beide ver⸗ ſanken in die Kiſte, ſo daß Thereſe oben und Roſ⸗ ſignol unten zu liegen kommt. Erſtere, die ſich vom Teufel gepackt glaubt, ergibt ſich ruhig in ihr Schickſal und bleibt liegen, wie ſie liegt, während Letzterer, der erſticken will, ſchimpft, brüllt und 89 flucht, und als das nichts hilft, ſie ſtößt, ſchlägt, kneipt, zwickt und beißt. „Aufgeſtanden! Schockſchwernoth! Aufgeſtanden, ſag' ich!“ ſchreit das ſchöne Modell.„Ihr drückt mich zu Tode, meiner Seel! Ich krepir' faſt, alte Here. Oder wollt Ihr bis Morgen früh ſo liegen?“ „Belzebub! Aſtaroth! Asmodi! Euer Wille ge⸗ ſchehe, ich geholche Euch.“ „So macht, daß Ihr fortkommt, Sapperlot. Weg mit dem Unterrock, oder ich beiß'.“ „Mein ſeliger Großvater, Euer Wille geſchehe.“ „Zum Teufel mit Großvater und Großmama. Ich hab da'ne hübſche Venus auf'm Buckel.“ Ich mußte laut lachen über den komiſchen An⸗ blick. Plötzlich öffnet ſich die Thüre, und herein tritt Herr Dermillpy. Man denke ſich ſein Staunen, als er mich in Helm und Mantel und die alte Bonne und ſein ſchönes Modell in der Kiſte findet. „Was heißt das2“ fragt der Maler, auf die Kiſte zueilend. Während er Thereſe heraushebt, warf ich Helm und Mantel von mir. „Sie da, Herr Dermilly]“ ruft Thereſe, ihre Haube zurechtſchiebend, die während des Scharmützels bedeutend gelitten;„Gott ſei gedankt.“ „Was habt Ihr mit Herrn Roſſignol in der Kiſte zu thun? Und Du, Andreas in Helm und Tunika?“ „Du biſt's, Andreas?⸗ ruft die Alte.„Iſt's mög⸗ iie Und ver Schelm von Roſſgnot wars, der mich ſo gezwickt und gebiſſen?“ „Morbleu, wer ſonſt?“ ruft das Modell, aus 100 der Kiſte ſich emporarbeitend.„Zwei Stunden lang ruf' ich Euch, aufzuſtehen. Wollt Ihr Euch rächen an mir und mich erſticken?“ „Ich begreife nichts von dem Allen,“ ſagt Herr Dermilly, der Reihe nach uns anſehend. Während Roſſignol ſeine Haare in Ordnung bringt und Thereſe Luft ſchöpft nach dem harten Kampfe, geh' ich auf Herrn Dermilly zu, erzähle ihm vffen den ganzen Hergang der Sache und bitte ihn um Entſchuldigung, daß ich ohne ſeine Erlaubniß in's Atelier gekommen bin. Inzwiſchen ruft Thereſe unaufhörlich:„So ſo, der Schelm von Roſſignol war's hätte mir's denken können. Es ſtank ſo ranzig d'rin im Koffer, und nach Knoblauch, zum Eckel. pfui!“ Ich ſah, wie Herr Dermilly kaum das Lachen laſſen kann. Als ich aufhöre, nimmt er einen ern⸗ ſten Ton an und ſagt zum Modell:„Sie können gehen, Herr Roſſignol, ich bedarf Ihrer nicht mehr. Sie wollen keine Vernunft annehmen. Ich habe Ihnen oft gedroht: ich will kein Modell, das mir das Haus von unterſt zu oberſt kehrt.“ „Vie, Herr,“ ruft Roſſignol, einen grimmigen Blick auf Thereſe ſchleudernd,„weil die alte När⸗ rin ſich auf mich wirft und mich für'nen Aſtaroth hält, wollen Sie Ernſt machen? Für den unſchul⸗ digen Spaß eines müßigen Augenblicks?“ „Nicht bloß deßhalb haben Sie gehört?“ „Herr, Sie haben mir zwanzig Franken vorge⸗ ſtreckt. Ich bin Ihnen ſomit noch vier Sitzungen ſchuldig.“ h 101 „Nicht nöthig.. ich ſchenke ſie Ihnen.“ „Schenken, mein Herr? Ich will nichts geſchenkt,“ ſagt Roſſignol und holt ſeine Kleider, um ſich an⸗ zukleiden.„Ich ſchulde Ihnen zwanzig Franken und zahle ſie Ihnen zurück, ſobald ich kann. Roſſignol nimmt keine Geſchenke an. Uebrigens werden Sie lange ſuchen, ehe Sie einen Torſo wiederfinden wie ich bin. So ein antiker Leib, ſo eine Schule. Malen Sie einen Herkules, einen Mars, einen Apollo ohne mich wenn Sie's können! Für hun⸗ dert Sous eine ſolche Bruſt wie die hier! Und das um einen lumpigen Löffel Suppe und eine Rebhuhn⸗ keule! Deßhalb überwerfen ſich Künſtler!... Auf Wiederſeh'n, Herr Dermilly!“ Mit dieſen Worken grüßt er Herrn Dermilly, drückt ſtolz den Hut auf's linke Ohr, wiegt ſich hin und her wie ein Tambour Maior, ſchwingt ſein großes Rohr im Kreiſe herum und murmelt zwiſchen den Zähnen:„Jetzt hinunter zu Madame Roſſignol. Woll'n den Fanfan auf das Opfer Abrahams einſtudiren.“ Auf ſeinem Wege durch's Atelier hin⸗ terläßt er einen weiten Dunſtkreis von Knoblauch und ranzigem Oel. „Gott ſei Dank, daß er fort iſt,“ ruft Thereſe, „der Taugenichts der! Welchen Schrecken hat er mir eingejagt. Und doch wollt' ich, Herr, wenn er mor⸗ gen kommt, Sie bittet und Beſſerung verſpricht, Sie nehmen ihn wieder zu Gnaden auf.“ So lange Roſſignol da war, hielt ich mich in einer Ecke des Ateliers, aus Furcht, gezankt zu 102 werden. Kaum aber iſt er weg, ſo geh' ich ſchüch⸗ tern auf Herrn Dermilly zu. „Und muß ich auch fort wie Herr Roſſignol?“ frage ich ihn. „Du, mein lieber Andreas? Im Gegentheil. morgen kommt ſie an, da ſollſt Du ſie ſehen. Aber geh' jetzt in's Zimmer zurück, Freundchen, Du haſt Ruhe nöthig nach dieſem Lärmen. Thereſe, bringt ihn in ſeine Kammer.“ Ich ſoll ſie morgen ſehen? Wen2 Und warum freut ſich Herr Dermilly ſo darauf? Ich begreife nichts davon, aber ich mag ihn nicht fragen. Während ich Thereſe folge, murmelt ſie unaufhörlich zwiſchen den Zähnen:„Der Schurke, Einen ſo zu kneipen und zu ſtoßen; ich bin wie zerſchlagen an allen Glie⸗ dern! Gottlob, endlich hab' ich Ruhe in der Küche. Hätt' ich nur geahnt, daß er's wäre; meiner Seel', ich hätt' ihm die Viehſaſche zerkratzt ſechs Monate hätt' er keinen Römer machen können.“ Siebentes Kapitel. Das Original des Porträts. In meinem Alter erholt man ſich ſchnell. Als ich den Morgen nach dem eben erzählten Auftritt im Atelier erwache, trau' ich mir Kraft genug zu, wie⸗ der in Paris herumzulaufen, und nehme mir vor, mit Nanette auszugehen. Ich will aufſtehen ich ſuche meine Kleider. Welche Ueberraſchung! Statt 103 der groben Jacke und geflickten Hoſen finde ich eine hübſche Jacke von ſchönem blauem Tuch mit gol⸗ denen Knöpfen, eine Hoſe vom nämlichen Zeuge und eine herrliche Weſte von gelbem Caſimir! Ich kann mich nicht ſatt daran ſehen, doch wag' ich nicht, ſie gnzurühren. Soll ich die haben2 Unmöglich!..„Aber die alten Kleider fehlen. Ich rufe:„Thereſe! Thereſe!“ „Was willſt Du, Schatz?“ „Meine Kleider möcht' ich, liebe Thereſe.“ „Deine Kleider? Sind die da ſchlechter als die alten?“ „Soll ich die haben? Die ſchöne Jacke mit gol⸗ denen Knoöpfen und die ſchöne Weſte von gelbem Tuch?“ „Wer ſonſt? Und gleich kömmt der Friſeur, der ſoll Dir die Haare ſchneiden. Gib Acht, wie ſchön Du wirſt. Oder glaubſt Du, Herr Dermilly wolle Dich als Schornſteinfeger hier im Hauſe herumlaufen laſſen? Er behält Dich bei ſich.“ „Er behält mich? Und darf ich nie mehr zu Vater Bernhard? und nie mehr mit Nanette tanzen?“ „Du kannſt, wohin Du willſt, aber Du wohnſt bei uns. In den neuen Kleidern tanzt ſich's ſo gut wie in den alten. Wer ein gut Gewiſſen und fröh⸗ lich Herz hat, der hüpft und ſpringt, was er auch anhaben mag. Das Kleid macht den Mann nicht, lieber Andreas, das wirſt Du ſpäter lernen, aber es verſchönert ihn. Die Toilette kann viel thun. Wenn mein Ehemann ſelig ſeinen kaſtanienfarbigen 104 Sonntagsrock anhatte, ſeine ſchlichten Hoſen und geſtreifte Halsbinde, da war er nicht wieder zu kennen. Und ſieh mich nur ſelbſt an. In einer ge⸗ ftickten Haube und geblümtem Nachtleibchen bin ich zehn Jahre jünger.“ Ich betrachte die ſchönen Kleider und— ſtutze. Was wird der gute Vater Bernhard ſagen, wenn er mich darin ſieht? Vielleicht betrübt es ihn. Doch brenne ich vor Ungeduld, ſie anzupaſſen; Thereſe meint, ſie werden mir gut ſitzen. Ach, ich kann der Luſt unmöglich widerſtehen mit elf Jahren fehlt der Muth dazu, und überhaupt, wer nennt mir eine Zeit im Leben, wo die Gefallſucht keine Macht hätte über den Menſchen? Ich erliege der Verſuchung, und gleich darauf ſtecke ich in den neuen Kleidern, von Kopf bis zu Fuß wie umgewandelt. Thereſe iſt außer ſich vor Entzücken, auch ich bin nicht unzufrieden mit mir. Ich ſeh' mich im Spiegel, dreh' mich nach allen Seiten um und betrachte mich ſelbſigefällig. Jetzt kommt auch der Friſeur. Er ſchneidet mir die lan⸗ gen Haare äb, friſirt und pomadiſirt mich. Schon wieder bin ich vor dem Spiegel. Aber pfui! wie häßlich dünk' ich mir. Erſt nach und nach gewöhne ich mich an die kurzen Haare. Doch wo bleibt Na⸗ nette und ihr Vater? Ha, ich weite, ſie kennen mich nicht. Ach, und die arme Mutter, wenn ſie mich ſähe, wie glücklich wäre ſie! Ich will die Kleider recht ſchonen, bis ich ſie mal beſuche. Herr Dermilly tritt herein. Er ſieht mich an 105 und umarmt mich; er gibt nicht einmal zu, daß ich ihm danke. Ich wünſche auszugehen, Vater Bern⸗ hard zu beſuchen, vielleicht auch um mich auf der Straße zu zeigen. Solche leiſe Regungen von Ei⸗ telkeit ſind gar zu natürlich!* „Heute noch nicht, lieber Andreas,“ antwortet Herr Dermilly,„Du biſt noch zu ſchwach.“ „Nein, nein! ich bin ſtark genug.“ „Und dann kommen ja Deine Freunde zu Dir, und eine andere Perſon.“ „Dieſelbe, von der Sie geſtern ſagten?“ „Dieſelbe, Freundchen.“ „Kennt ſie mich 2“ „Ja, ich habe ihr Alles geſchrieben; Du glaubſt nicht, wie ſie ſich freut. Nur Geduld, lieber An⸗ dreas, und vor allen Dingen keine Unbeſonnen⸗ heit!“ Herr Dermilly geht fori, während ich die Zeit nicht erwarten kann, vie Perſon zu ſehen. Wie ſchade iſt's doch, wenn man mit ſo neuen und ſchö⸗ nen Kleidern im Zimmer bleiben muß. Endlich geht die Glocke. Meine Freunde ſind's, ich kenne ſie ſchon am Gange. O, v, was werden ſie ſagen. Ich be⸗ ſinne mich, ob ich mich verſtecken oder ihnen entge⸗ gen ſpringen ſoll. Da ſind ſie ſie kommen herein.. ſie ſehen mich und— kennen mich nicht. „He, ich bin's,“ ruf' ich ihnen zu;„Vater Bern⸗ hard, Nanette, ſeht mich an!“ „Iſt's möglich? Du, Andreas?“ 106 „Der kleine Geck da in gelber Weſte iſt mein Andreas?“ ruft Vater Bernhard erſtaunt. „Ja, er iſt's in neuen Kleidern.“ „Und Ihr küßt mich nicht? Weil ich anders ge⸗ kleidet bin?“ „Erſt laß ſeh'n, ob Du's wirklich biſt. Ja, ja, er iſt's,“ ſagt Vater Bernhard und küßt mich.„Reich oder arm, ich will Dich immer lieben.“ Nanette weiß nicht echt, ob ſie ſich freuen ſoll oder nicht. Sie befühlt Jacke, Weſte und Knöpfe, und ſagt dann leiſe: „Du biſt recht ſchön, ja, aber Du wirſt bald ſchmutzig werden auf der Straße, und die langen Haare ſtanden Dir ſo gut„ich glaube, ich mag gar nicht mehr mit Dir tanzen in der ſchönen Jacke. Trägt er ſie nur Sonntags, Vater, oder auch an Werktagen?“ „Das hängt nicht mehr von uns ab, liebe Toch⸗ ter. Andreas iſt auf dem Wege, ſein Glück zu ma⸗ chen, vielleicht gar ein vornehmer Herr zu werden mit Wagen, Pferden und Bedienten. Er wär' nicht der Erſte, der im Stall anfängt und im Polaſte aufhört. Hauptſache iſt, daß er gut und ehrlich bleibt und uns lich pehält, und dafür ſteh' ich b ein! Die Pariſer Luft wird ſein geſundes Herz nicht vergiften.“. Nanette hört erſtaunt ihrem Vater zu, dann nimmt ſie mich beim Arm und ſagt mit vewegter Stimme: „Iſt das wahr, Andreas? Du willſt ein vor⸗ — 107 nehmer Mann werden mit Wagen, Pferden und Dienern? Nicht mehr in Paris herumgehen und Be⸗ ſtellungen machen? Willſt uns nicht mehr ſeh'n? uns nicht mehr lieben? Und das Alles, weil Du ſchöne Kleider anhaſt? Nein, Andreas, nein! Zieh' ſie wieder aus. Du warſt viel netter als Savoyarde. Komm' mit uns, komm', ich bitte Dich. Du biſt nicht mehr krank, laß uns geh'n, ehe der Herr zu⸗ rückkehrt. Ach, wie traurig werd' ich ſein, wenn ich Dich nicht mehr ſehe, und der Vater auch. Ohne Dich fühlen wir uns verlaſſen. Es wäre recht ſchlecht von Dir, wenn Du hier bliebſt.“ Länger hält ſie's nicht aus; die hellen Thränen laufen ihr über die Wangen und ſie ſchluchzt laut. Vergebens ſuch' ich ſie zu tröſten, nenne ſie meine Schweſter, meine liebe Schweſter: Nichts hilft. Sie wiederholt immer:„Komm! mit uns zurück in unſer. Haus.“ O⸗ wie mich das rührt! Schon will ich ihr nach⸗ geben und mit ihr gehen, aber der gute Vater Bern⸗ hard hält mich zurück. „Andreas,“ ſpricht er,„ſei nicht undankbar und unvernünftig! Herr Dermilly kann Dir nützlicher werden in der Welt, als ich es es kann. Wie ſchwer mir die Trennung von Dir fällt, ich vergeſſe das, um Deines eigenen Beſten willen. Wenn je Dein Beſchützer andern Sinnes werden ſollte, o dann kehre zu uns zurück; unſere Arme ſtehen Dir immer offen. Auch Nanette wird ſich tröſten, wie Alles in der Welt ſich mit der Zeit tröſtet.“ mit den Worten:„Kommen Sie, liebe Carvline. 108 Ich füge mich in den Willen Vater und ſage ganz leiſe zu Nanette: „Nanette, bin ich erſt ein reicher Mann, ſo kauf' ich Dir ſchöne Kleider, ſchöne Hüte und Hauben.“ „Nein, nein, ich will keine,“ ruft Nanette.„Ich will lieber bleiben, wie ich bin.“ 1 und damit kehrt ſie ſich ab und will mich nicht mehr anſehen, denn ich ſei abſcheulich in den neuen Kleidern, ſagt ſie. Zum Abſchied will ich Naneite küſſen, aber ſie duldet es erſt auf Befehl des Vaters. Dann hält ſie mir das thränenfeuchte Bäckchen hin und macht ein Geſichtchen, o ſo rührend..und flü⸗ ſtert mir nochmals ins Ohr: „Komm', Andreas, komm' zu uns zurück!“ Wenn nur Vater Bernhard es zugäbe, ich wäre gleich bereit.. aber ſchon ſind ſie zum Zimmer hin⸗ aus. Noch auf der Treppe höre ich das arme Ding ſchluchzen. Das geht mir durch Mark und Bein. Faſt möchte ich die neuen Kleider ahsziehen und weg⸗ werfen, ſo böſe bin ich, denn ſie haben Naneiten mißfallen und ich fühle mich nicht mehr wohl in ihnen es wird mir ſo traurig zu Muthe. Iſt das die Wirkung des Reichthums? Wenn der Reiche aufhört, froh und glücklich zu ſein, ſo will ich Briefträger bleiben mein Leben lang. Ungefähr eine Stunde ſpäter höre ich ein on räuſch im Nebenzimmer. Gleich darauf öffnet Herr Dermilly die Thüre und nöthigt eine Dame herein — Wie er ſtaunen wird!“ —— . 109 Die Dame iſt jung, ſchön und ſehr elegant ge⸗ kleidet. An der Hand führt ſie ein etwa achtjähriges Mädchen, die ich nicht gleich bemerkte, weil die äl⸗ tere Dame meine ganze Aufmerkſamkeit feſſelt. Es war mir, als habe ich ſie ſchon wo geſehen. In⸗ zwiſchen ſagt ſie zu Herrn Dermilly:„Er iſt aller⸗ liebſt. Welch' ein Glück, daß wir ihn gefunden ha⸗ bem; mehr noch, daß er ſich nicht an den Herrn Grafen gewandt hat, der mir den Umſtand früher verſchwiegen hatte.“ Während ich nachſann, wo ich der Dame begeg⸗ net ſein kann, fällt mir das Porträt ein, das ich auf der Bruſt trage. Ich ziehe es heraus und ver⸗ gleiche es mit der Dame, die vor mir ſteht. Kein Zweifel, ſie iſts. ich habe ſie gefunden— das Hriginal, die Eigenthümerin des Bildes. Schnell binde ich es los und überreiche es der Dame mit den Worten:„Hier iſt Ihr Porträt, Madame. Ja, ich erkenne Sie wieder. Gottlob, daß ich Sie endlich gefunden habe.“ „Du haſt recht, mein Freund,“ antwortet ſie und umarmt mich zärtlich.„Es iſt mein Bild oder vielmehr das Bild meiner Tochter, meiner Adol⸗ phine, die Deinem edlen Vater die Rettung ihres Lebens verdankt und eine Nacht in Eurer Hütte zubrachte. Ich will das Unrecht des Herrn Grafen wieder gut machen. O, wie freu' ich mich, für den Sohn des edlen Mannes Etwas thun zu können, dem ich die Rettung meiner Adolphine zu danken habe.“ Dabei drückt ſie ihre Tochter an's Mutterherz. 110 „Und das wäre die kleine Schlafmütze, die ich! einſt ſo fröhlich auf dem Arme trug?“ denk' ich bei mir. Ich ſehe ſie genau an und wirklich kenne ich ihre Züge wieder, doch wie hat ſie ſich verändert in dieſen vier Jahren! Sie iſt groß und hat ſchon recht viel Anſtand im Benehmen; ihre Augen ſind noch gleich ſchön, gleich ſanft, aber ſie fieht nicht mehr ſo keck, ſo kindlich dreiſt um ſich wie damals; ſie blickt ſchüchtern nieder und erröthet, wenn man ſie anſieht; ihre Haare ſind dunkler geworden, ihre Züge mar⸗ kirter, ihre Manieren ruhiger und geſetzter. Die Vernunft dämmert ſchon und drängt ſich ein in die Empfindungswelt des Kindes. Ich bleibe unbeweglich ſtehen vor dem kleinen Mädchen, das mir zulächelt, weil die Mutter ein Gleiches thut. ² „Gib ihr doch einen Kuß, Andreas,“ ſagt die junge Dame.„Kennſt Du ſie nicht mehr? Sie if noch gleich gut und gleich ſanft, und wird Dich recht lieb haben, denn meine Adolphine hat ein dankbarts Herz. Ich trete auf ſie zu und bleibe dann etwas lin⸗ kiſch ſtehen. Mir ſcheint, ich habe nicht den Muth⸗ ihr einen Kuß zu geben. Gegen Nanette war ich viel ungenirter, die wollt' ich zwanzig Mal des Ta⸗ ges küſſen, ohne verlegen zu werden. Endlich hält mir die kleine Adolphine die Wange hin und ich berühre ſie leicht mit meinen Lippen Schnell ziehe ich mich in die Ecke zurück, als ich was Unrechtes gethan. 114 „Was gedenken Sie mit dem Kinde anzufangen?“ fragt die Dame Herrn Dermilly. „Ich will ihn behalten, für ihn ſorgen, ihn un⸗ terrichten laſſen und in meine Geheimniſſe einweihen⸗ wenn er Luſt zeigt und Talent zur Malerei. Ich bedarf um ſo mehr eines treuen, erheiternden Ge⸗ fährten, da ich ledig zu bleiben gedenke. Mit ihm kann ich von Ihnen reden, denn er kennt Sie und wird Sie recht lieb gewinnen. Wenn er gleich meinen Schmerz nicht begreift, kann er ihn doch verſüßen.“ „Erlauben Sie mir einige Einwendungen dagegen, mein Freund. Ich fürchte, er wird in Ihrem Haus⸗ weſen Manches vermiſſen. Sie ſind und bleiben le⸗ dig, haben den größten Theil des Tages vollauf zu thun und machen häufige Reiſen. Andreas iſt noch zu jung, Sie begleiten zu können, oder nehmen Sie ihn mit, ſo hat er keine Zeit zum Lernen. Bleibt er aber bei der alten Thereſe allein zurück, ſo wird er ſich höchſt verlaſſen fühlen. Außerdem bevarf ein Kind tauſend kleiner Aufmerkſamkeiten, die wir bei einem ledigen Manne nie finden können. Aus allen dieſen Gründen möchte ich Sie bitten, ven kleinen Andreas mir zu überlaſſen. Er ſoll bei mir wohnen, in meimem Hotel, von Adolphinens Lehrern Unter⸗ richt haben, und von mir wie von ſeiner rechten Mutter behandelt werden. Mein Haus ſteht Ihnen zu jeder Stunde offen. Was meinen Sie dazu, Herr Dermilly. Und liegt es nicht mir zunächſt ob, für die Zukunft dieſes Knaben zu ſorgen? Hab' ich nicht 142 die Anſprüche darauf? Sagen Sie ja, Herr Dermilly!“ 6 „Ach, Caroli.., Madame! Ihre Wünſche waren mir von jeher Befehle. Ihr Vater konnte uns tren⸗ nen, indem er, taub gegen unſere Bitten, Ihre Hand einem Andern gab, aber die Gefühle meines Herzens für Sie ertödten konnte er nicht, die hören erſt mit meinem Leben auf!“ Die junge Dame ſchweigt, aber ſie ſeufzt tief und ſieht Herrn Dermilly ſo zärtlich, ſo vielſagend an, daß dieß Schweigen beredter ſein muß als die bered⸗ teſte Sprache. „Vergeſſen wir das,“ ſagt ſie endlich,„und den⸗ ken wir nur an Andreas. Willſt Du bei mir wohnen, Kleiner?“ fragt ſie mich. Ich ſehe ſie erſtaunt an, aber ſchon jetzt fühle ich mich zu ihr hingezogen. Der Ausdruck ihres Geſich⸗ tes iſt ſo ſanft, ſo liebevoll. Und nun erſt die kleine Adolphine. Sollt' ich wohl mit ihr ſpielen dürfen? Ich mag nicht darnach fragen. Etwas unſchlüſſig antworte ich und ſehe Herrn Dermilly dabei an: „Wie Herr Dermilly will; doch müßt' ich Vater Bernhard recht oft beſuchen dürfen.“ „Er meint ſeinen frühern Pflegevater,“ ſagt Herr Dermilly,„einen ehrlichen Auvergnaten, der ihn wie ſeinen Sohn liebt.“ „Das gefällt mir, lieber Andreas. Du wateſ ſehr Unrecht, den würdigen Mann zu vergeſſen. Ich bin weit, weit entfernt, Dich zum Undank ermuntern zu wollen. Nimm die Börſe und bringe ſie Deinem“ 113 Wohlthäter. Er ſoll ſie Deiner Mutter ſchicken und ihr ſagen, daß ich für Deine und ihre Zukunft ſorgen will. In zwei Tagen komme ich wieder und hole Dich ab.“ Die junge Dame umarmt mich, drückt mir die Börſe in die Hand und entfernt ſich mit ihrer Toch⸗ ter, gefolgt von Herrn Dermilly. Ich bin wie ver⸗ ſteinert. So viel Gold, einen ganzen Beutel voll, und das für meine Mutter! Wache oder träume ich? Ich ziehe die Glocke, klappere mit dem Golde, zähle es auf den Tiſch hint zwanzig Goldſtücke, ſage zwan⸗ zig, ein ganzes Vermögen! Von heut' an ſoll die gute Mutter nicht mehr den ganzen Tag ſich abpla⸗ gen von Morgens früh bis Abends ſpät. Von heut' an ſoll Jakob ſo viel eſſen und ſo lange ſchlafen, als er mag, und Peter, ach, der arme Peter! daß er auch an unſerm Glücke Theil haben könnte! Wie wollten wir uns freuen! Ich will gleich fort, Vater Bernhard das Geld zu bringen, aber man ſagt, ich dürfe heute noch nicht aus. So muß ich bis morgen warten. Dann ſoll Nanette erfahren, daß ſchöne Kleider nicht im⸗ mer Unglück und Kummer bringen, wie ſie meint. Den andern MWorgen in aller Frühe bin ich ſchon auf, um zum Waſſerträger zu gehen. Aber Thereſe will mich nicht allein fort laſſen und weckt zu meinem Aerger Herrn Dermilly, der gleich därauf in's Zimmer tritt. Er ſagt, er wolle mit mir zum Vater Bern⸗ hard. So ſehr ich mich darüber freue, fürchte ich Paul de Kock. LXXRIv. 8 114 doch, er werde mir zu langſam gehen. Aber unten vor der Thüre finden wir ein Cabriviet und ſteigen ein. Ueber die Börſe, die ich in der Taſche habe, vergeſſe ich ganz, wie angenehm es iſt, ſo im Ca⸗ briolet zu fahren. Endlich ſind wir vor der Wohnung des Waſſer⸗ trägers. Ich fliege die ſechs Treppen hinauf, ohne mich nach Herrn Dermilly umzuſehen. Schnell ſtoße ich die Thüre auf und ſtürze in's Zimmer. Nanette ſieht mich, ſchreit laut auf, läßt den Milchtvpf aus der Hand fallen und fliegt mir um den Hals. „Andreas iſt da! Andreas iſt da!“ ruft ſie, außer ſich vor Freude. Die gute Nanette, wie gern ſie mich hat! Auch Bernhard umarmt mich zärtlich. Dann ziehe ich die Börſe aus der Taſche und halte ſie ihm hin mit den Worten: „Gold! Gold! Für die Mutter von der Dame, Ihr wiſſet, deren Porträt ich habe. O wie gut ſie iſt! Schreibt das gleich meiner Mutter und ſagt ihr, ſie brauche jetzt nicht mehr zu arbeiten.“ Bernhard ſieht bald mich, bald die Börſe an. Er weiß nicht, welche Dame ich meine und was das zu bedeuten hat. Während deſſen ſpringt Nanette noch* immer um den zerbrochenen Milchtopf herum und ruft: „Der Andreag iſt wieder da! Erbleibt jetzt bei uns!“ Plötzlich tritt Herr Dermilly in's Zimmer und Nanettens Freude hat ſchnell ein Ende, denn ſie be⸗ greift gleich, daß ich nicht gekommen ſei, um ganz da zu bleiben. 11⁵ Als ſie hört, daß ich beim Herrn Grafen von Franconard wohnen ſoll, ruft ſie⸗ „Mein Gott, ſie wollen ihn noch zum Fürſten machen.“ „Nein, liebes Kind,“ antwortet Herr Dermilly⸗ „ſondern zu einem Menſchen, der die Pflicht der Dankbarkeit gegen alle ſeine Wohlthäter nach wie vor gewiſſenhaft erfüllt und des Glückes ſich würdig zeigt, das ihn anlächelt.“ Vater Bernhard verſpricht mir, noch denſelben Tag der Mutter das Geld zu ſchicken. Gerührt um⸗ arme ich den guten Waſſerträger und ſeine Tochter und gelobe feierlich, ſie recht oft zu beſuchen. Herr Dermilly verſichert wiederholt, auf's Treueſte für mich ſorgen zu wollen. Dann gehen wir fort aus dem Hauſe und von den lieben Leuten, wo die erſten Jahre meines Aufenthaltes in Paris ſo raſch und auch ſo glücklich dahinfloßen. Der Tag iſt da, an dem ich das Hotel beziehen ſoll. Wie wird mir dieſe Veränderung in Wohnung, Sitten und Lebensweiſe behagen? Geduld, man ge⸗ wöhnt ſich ja an Alles. Trag' ich doch die neuen Kleider erſt zwei Tage, und ſchon fühle ich mich in ihnen ganz heimiſch: 1 Die Dame kommt mit ihrer Tochter; ſie zeigen mir eben ſo viel Freundſchaft als Initereſſe. „Es iſt Alles fertig für ihn,“ ſagt ſie zu Herrn Dermilly.„Seine Kammer iſt gerade über meinem Gemach, ganz in meiner Nähe, daß ich ihn immer um mich haben kann.“ z . 116 „Und was ſagt der Herr Graf?“ „Das iſt mir Nebenſache, wie Sie wiſſen. Er hat ſeinen Willen, und ich den meinigen. Er wird froh ſein, daß ich einen Theil des Jahres bei ihm wohne. Die Sorge für die Erziehung meiner Toch⸗ ter erſchwert mir das Reiſen. Liebe Adolphine, für Dich ſcheue ich kein Opfer! Der Herr Graf weiß noch nichts von meinen Abſichten mit Andreas. Heute Morgen will ich ihn ihm vorführen: er wird ihn einen Augenblick anſehen und dann vergeſſen; ſein Koch und ſein Hund nehmen ihn ganz in Anſpruch. Jetzt ſage Herrn Dermilly und Thereſen Adieu, An⸗ dreas; wir wollen fort. Wir nehmen Andreas mit uns, Adolphine. Iſt Dir's recht?“ „Ja, ja, liebe Mutter,“ ſagt das kleine Mädchen. „Wenn Du ihn magſt, mag ich ihn auch.“ Meine Sachen ſind bald in Ordnung. Ich will meine alten Kleider mitnehmen, aber Thereſe ver⸗ ſpricht, ſie zu Vater Bernhard bringen zu laſſen. Dann ſetze ich den hübſchen Hut auf, den Herr Der⸗ milly mir geſchenkt hat, aber ich fühle mich nicht behaglich darunter: er drückt mich ſo; meine kleine Mütze war viel leichter. Doch was muß man ſich Alles gefallen laſſen, wenn man nach der Mode ge⸗ kleidet ſein will. Ich umarme Herrn Dermilly und gehe dann mit der Frau Gräfin und ihrer Tochter die Treppe hin⸗ unter. Vor der Thüre hält ein ſchöner, ſchöner Wa⸗ gen, und Livreebediente warten auf meine Beſchütze⸗ rin. Mit vielem Geräuſch öffnen ſie die Wagenthüre, 1¹7 heben erſt die kleine Adolphine hinein und geben dann der gnädigen Frau die Hand, um ihr zu helfen. „Komm', Andreas,“ ſagt mir die junge Gräfin und nimmt mich am Arm. Ich wußte nicht, ob ich vorn hinein oder hintenauf ſteigen ſolle, bis ich mich vorwärts geſchoben fühle. Jetzt bin ich im Wagen⸗ der wie der Wind davonbraust. Die ſchöne Dame überhäuft mich mit Güte, und lächelnd ſagt die kleine Adolphine zu mir?„Nicht wahr, Andreas, das Fah⸗ ren iſt eine hübſche Sache?“ Ich weiß nicht, was ich autworten ſoll; denn es iſt mir, als träume ich das Alles. Das Geraſſel des Wagens, die Häuſer, die an uns vorüber zu ſtiegen ſcheinen, das und vieles Andere macht, daß ich nicht zu Wort kommen kann. Meine Wohlthäterin lächelt über mein Staunen, das noch größer wird, als der Wagen in ein prächtiges Haus einfährt und auf einem weiten Hofe ſtille hält. Ein Diener öffnet die Thüre und gibt mir die Hand die Hand mir! Zum Dank dafür nehme ich den Hut ab. Ich blicke um mich. Alſo das iſt das Hotel, wo ich wohnen ſoll? Welch ein Unterſchied zwiſchen dieſem Hauſe und dem Hauſe des guten Vaters Bernhard! Ach, werde ich hier auch ſo glücklich ſein wie dort? 13 118 Achtes Kapitel. Der zweite Gang.— Das Kammermädchen. Meine Beſchützerin ſteigt eine große Treppe hin⸗ auf und winkt mir zu folgen, was ich thue, mit dem Hut in der Hand. Wir treten im erſten Stock in ein herrliches Zimmer ein und gehen durch mehrere andere, die eben ſo köſtlich möblirt und eingerichtet ſind. Ich wage kaum aufzutreten, aus Furcht, die ſchönen Teppiche zu beſchmutzen, die auf dem Fuß⸗ boden liegen, während die kleine Adolphine leicht darüber hinhüpft. Es war gewiß recht hübſch bei Herrn Dermilly, aber hier iſt's noch viel, viel hüb⸗ ſcher: überall Spiegel, Pendeluhren, Candelaber, Blumenvaſen, Kronleuchter, Luſtres am Getäfel, ala⸗ baſterne Kugeln am Plafond und viele andere Herr⸗ lichkeiten. Mein Gott, wenn Ranette das Alles ſähe! Ich wette, ſie glaubte, man wolle aus mir auch einen Grafen machen! 1 In einem allerliebſten Cabinetchen nimmt eine junge Frau der Frau Gräfin Shawl und Hut ab. Wie artig man iſt in dieſen vornehmen Häuſern; bei ijedem Worte bückt man ſich. „Lucilie,“ ſagt Adolphinens Mutter zu der jun⸗ gen Frau, die vor ihr ſteht und auf ihre Befehle zu warten ſcheint,„geh' und ſage dem Herrn Grafen, ich wünſche ihn auf einen Augenblick zu ſprechen.“ Manmſell Lucilie, das Kammermädchen der Frau Gräfin, geht fort; die kleine Adolphine ſpielt ſchon — 1¹9 mit einer herrlichen Puppe, während ich mitten im Zimmer ſtehen bleibe, den Hut in der Hand drehe und den Teppich anſehe. „Gefällt Dirls pier, Andreas?“ fragt die junge Dame lächelnd, winkt mir zum Sitzen und nimmt mir den Hut aus der Hand, womit ich nichts anzu⸗ fangen weiß. „O gewiß, Madame. Aber ich darf recht oft zu Vater Bernhard, nicht wahr?“ „Ja, mein Lieber, Du biſt hier in meinem Hauſe eben ſo frei wie zuvor. Der Umgang mit Freunden iſt mehr werth als alles Geld und alle Ehren dieſer Welt. Ach, hätte ich die Wahl gehabt, ich hätte nim⸗ mer in dieſem glänzenden Hauſe mein Glück geſucht!“ Bei dieſen Worten ſeufzt ſie tief und ein weh⸗ müthiges Lächeln ſchwebt über ihre ſchönen Züge. Gleich varauf umarmt ſie ihre Tochter und ſagt dann ſo freundlich und liebevoll zu mir: p „Ehe ich Dich in Deine Kammer führe, Andreas, will ich Dich dem Herrn Grafen vorßtellen. Wenn das vorbei iſt, wirſt Du ihn wahrſcheinlich ſehr ſel⸗ ten zu Geſicht bekommen. So oft Du was wünſcheſt, haſt Du Dich an mich oder an Lucilie zu wenden.“ Ich verſpreche ihr Alles, wollte aber, die Vor⸗ ſtellung wäre erſt vorüber, denn ich fürchte, der Herr Graf nimmt mich nicht ſo gut auf wie ſeine Frau. Herr von Franconard befand ſich unterveß in ſeinem Cabinet und hielt Rath mit ſeinem Koche und Champagne, der vermöge ſeiner Talente ſich zum Haushofmeiſter emporgeſchwungen hatte. Der Graf 120 erwartete mehrere angeſeyene Leute zum Diner: ſo hatte er denn die wichtige Sorge für den Küchen⸗ zettel in höchſteigener Perſon übernommen. Er ſaß mit ſchwarzſammtner Mütze auf dem Kopfe in einem großen Fauteuil, die Füße ruhten weit aus⸗ geſtreckt auf einem Schemelſtuhl, die eine Hand lieb⸗ koste einen dicken engliſchen Hund zu ſeinen Füßen, die andere hielt einen langen Küchenzettel, über den er in tiefes Nachdenken verſunken ſchien. Vor ihm ſtand der knochenfeſte, rothnaſige, kupfer⸗ farbige, dickleibige Koch, die Mütze in der Hand; etwas weiter davon Herr Champagne, der, ungleich weniger ehrerbietig, ſich von Zeit zu Zeit auf den Lehnſtuhl ſeines Herrn ſtützt. „Alſo, Herr Oberkoch: Steinbutte mit Außtern, Hors d'oeuvres, ſechs Entrées. Damit wären wir fertig, nicht wahr?“ „Ja, Herr Graf.“. „Kommen wir auf den zweiten Gang.*s iſt keine Kleinigkeit, Leute zu traktiren, die man brau⸗ chen kann.“ „Namentlich, wenn es mit ſo viel Takt geſchieht wie beim Herrn Grafen,“ bemerkt Shsasi und ſtreichelt Cäſar, der beißen will. „Du haſt recht, Champagne. Gib mir'ne Priſe Tabak, das thut gut, wenn man den Kopf ſo voll hat. Alles bei Liſch, jede Schüſſel, muß am Flas ſein.“ „Darauf ſieht ver Herr Graf immer.“ „Heute zum Exempel dinirt bei mir ein deutſcer 124 Baron, ein Präfekt, ein Banquier, ein ungeheuer reicher Gentleman, ein ſehr beliebter Dichter und ein hochgeſtellter Offizier im Activdienſt. Jedes Gericht muß meinen Gäſten analog ſein, Herr Oberkoch⸗ Nur ja keine Nachläßigkeit, ich wäre unerbittlich!“ „Der Herr Graf ſollen zufrieden ſein.“ „Denken wir nach. Was ſtellen wir in die Wi Still, Cäſar, ſtill.“ „Sultanin à la Chantilly, Herr Graf? 2. „Iſt das fein Was meinſt Du, Wan⸗ pagne?“ „Sollte denken, es wäre präſentabel, Herr Gra. Peſt! eine Sultanin. Kann man dem Großiürken was Beſſeres ſerviren?“ „Gutl Alſo die Sultanin in die Mitte. Weiter: junge Hühner in Trüffelſauce? Gerade vor den Serrn Präfekten, nicht wahr, Champagne?“ „Trefflich, Herr Graf. Der Duft der Trüffeln ſtimmt zur Großmuth.“ Ich habe eine Bitte an ihn, ſo wart' ich pn bis die großmüthigen Trüffeln kommen. Weiter: zwei wilde Enten Das iſt was für einen Waid⸗ mann, alſo für mich. Du weißt, Champagne, ich habe dreimal ein Reh angeſchoſſen.“ „Ja, Herr Graf, und Sie hätten es endlich er⸗ legt, wenn es nicht vor Alter verreckt wäre.“ „Weiter: glagirte Steckrüben. Das kommt vor den Poeten. Glagirte Steckrüben erhitzen die Phan⸗ taſie; ſie haben ſo was Unausſprechliches, Myſte⸗ riöſes, Geheimnißreiches, wie mir däucht, und man ————— 12² ſagt, der Dichter gehöre zur romantiſchen Schule. Was meinſt Du, Champagne?“ „Ein göttlicher Gedanke, Herr Graf, Ihrer wür⸗ dig. Wäre ich Dichter, ich machte gleich ein Epos auf die glagirten Steckrüben.“ „Alſo, glagirte Steckrüben, Herr Opertoch⸗ und vor den Romantiker. A propos, haben Sie einen Küchenjungen, der ſich auf romantiſche Steckrüben⸗ Zlacirung verſteht?“ Ich habe zwei, Herr Graf: einen aus Paris und den andern aus Nogent, aber keinen, der ſich auf romantiſche Steckrübenglagirung verſteht.“ „So müſſen Sie's ſelbſt thun, Herr Oberkoch. Still, Cäſar; der Schlingel fällt mir immer in die Rede und erwürgt mir die Geiſteskinder in den Win⸗ deln! Ein Plumpudding. Ohne alle Controverſe vor den Gentleman. Nur machen Sie ihn recht groß⸗ Beim letzten Diner hat der Mylord, ſtatt den Plum⸗ pudding zu zerlegen und den andern Gäſten anzu⸗ vieten, ihn ganz allein verzehrt. Das darf nicht wieder vorkommen.“ „Ich mache ihn doppelt ſo groß, Herr Graf.“ „Dreifach, Herr Oberkoch, damit ich ruhig bin⸗ Weiter: Blumenkohl in Sauce. Hm, ich denke, der gehört vor einen Baron. Blumenkohl iſt mit Sauer⸗ kraut verwandt, wenn auch weitläufig, und ohne Sauerkraut exiſtirt kein Deutſcher. Alſo Blumenkohl vor den Herrn Baron. Was ſagſt Du dazu⸗ Champagne?“ „Ich bewundere Ihren Scharfſinn, Herr Graf⸗ Ihr logiſches Talent, Ihre tiefe Diplomatik.“ „ 123 „Und mit Recht, Champagne. Du glaubſt nicht, wie ſchwer es hält, einen Küchenzettel zu eniwerfen⸗ Notabene mit Menſchenkenntniß und ſtaatsmänni⸗ ſcher Klugheit!... Es fehlen noch zwei Schüſſeln«.. Artiſchocken mit Mark mit Mark. Mark be⸗ veutet Kraft, Energie, Muth, die braucht der Kriegs⸗ mann. Alſo Artiſchocken mit Mark vor den Offſizier im Activdienſt. Auch damit zufrieden, Champagne?“ „Auch damit, Herr Graf. Wer ſich ſchlagen will, muß Mark in den Knochen haben. Das Gericht kann nicht paſſender placirt werden.“ 5 „Bleibt noch mein Banquier, ein junger— etwas ſtutzerhaft, ſpielt viel Ecarté. Geben wir ihm Stinte und legen immer drei bei drei: das erinnert ihn an die Vole und an den König.“ „O, o, die geniale Idee, die, Herr Graf. Meiner Seel', auf ſo was wäre ich nie gekommen.“ In dem Augenblick tritt Mamſell Lueilie mit dem Auftrage ihrer Herrin in's Zimmer. „Wer ſtört uns?“ ruft der Herr Graf zornig, während Cäſar zu vellen anfängt.„Habe ich nicht verboten, wen einzulaſſen? Wo iſt Lafleur?“ „Herr Graf,'s iſt Mamſell Lucilie,“ ſchmunzelt Champagne und liebäugelt mit dem Kammermädchen, die den Zorn des Grafen nicht zu beachten ſcheint. „Mamſell Lucilie?“ wiederholt der Graf ſanfter und verzieht das Geſicht zu grinſendem Lächeln. „Still, Cäſar, ſtill. Komm' und mache der Mamſell gleich Dein Sompliment— ſag' ich noch hoͤher!“ nn 124 Nach vielen Umſtänden ſpringt endlich Cäſar über den ihm vorgehaltenen Stock und dem Koch gerade auf den Bauch. Faſt hätte er zum großen Ergötzen des Herrn Grafen den Herrn Oberkoch bei der ſpitzi⸗ gen Raſe gepackt. Mamſell Lucilie, die wenig Sinn hat für dieſe gräflichen Aufmerkſamkeiten, bedeutet Champagne, daß ſie nicht bloß gekommen ſei⸗ die Kunſiſtücke Cäſars zu bewundern. „Erſt muß ich mit dem Deſſert fertig ſein,“ ruft Herr von Franconard ängſtlich.„Was wünſchen Sie, Lucilie. Faſſen Sie ſich kurz, ich habe keinen Augen⸗ blick für mich.“ „Die Frau Gräfin wünſcht den Herrn Grafen zu ſprechen.“ „Die Frau Gräfin mich ſprechen?“ wiederholt Herr von Franconard erſtarrt.„Ich komme gleich im Augenblick, Mamſell.“ Der Graf beſiehlt dem Oberkoch zu warten und ſchellt dem Kammerdiener zum Ankleiden. Während der Graf ſeine Doilette beſorgt, unterhält er ſich mit Champagne, ſeinem gewöhnlichen Vertrauten. „Was ſagſt Du vazu, Champagne? Die Frau Gräfin läßt mich zu ſich einladen.“ „Vermuthlich hat ſie dem Herrn Grafen was zu ſagen.“ „Scheint ſo. Aber däs iſt das erſte Mal in den neun Jahren, die wir verheirathet ſind, daß meine Frau mir was zu ſagen hat.“ „Alles hat ſeinen Anfang, Herr Graf.“ „Aber der Anfang kommt ſpät, Champagne. Du 125 weißt, wie ich wünſchte, einen Erben meiges Wmens zu haben.“ „Iſt Ihnen der Wunſch vergangen, Herr Graf?“ „O gewiß nicht, ich habe ihn noch und werde ihn immer haben. In den erſten Jahren unſerer Ehe, weißt Du, war die Frau Gräfin ewig auf Reiſen und wir trafen uns nur ſelten.“ „Ich erinnere mich deſſen recht gut, Herr Graf, ſowie auch unſerer Reiſe nach Savoyen, auf der wir beinahe den Hals gebrochen hätten, und Ihr Fräu⸗ lein Tochter daneben. Morbleu! die Haare ſtanden mir zu Berge!“ „Und als wir zurückkamen, poſaunteſt Du die ganze Geſchichte aus, daß die Frau Gräfin Wind davon bekam, die ohnehin mir zürnte, daß ich ihre Tochter ihr entführt. Von da an ward ſie noch böſer auf mich.“ „Aber ſeitdem reist Madame viel weniger.“ „Mag ſein, auch wohnen wir oft in demſelben Hotel. Aber glaubſt Du, ich könne ſie je unter vier Augen ſehen? Nicht möglich! Rede ich ihr von einem Erben meines Namens vor oder bitte ich ſie um ein kurzes Geſpräch, weißt Du, was ſie mir antwortet. „Nun, Herr?“ „Sie antwortet, das ſei nicht möglich!“ „Wirklich, Herr Graf?“ „Wirklich, Champagne, ſo antwortet ſie mir, wenn auch auf die anmuthigſte, freundlichſte Art. O ſie hat einen eiſenfeſten Charakter, der ungeheuer pikant iſt für einen Mann. Wie ſelten ſie die Honneurs bei meinen Diners!“ 126 „Der Herr Graf verſieht ſelbſt die Honneurs auf's Beſte.“ „Gewiß, Champagne, aber eine Frau an wohl⸗ beſetzter Tafel, und wenn ſie ſo hübſch iſt wie die Frau Gräfin, wirkt Wunder. und meine Frau iſt hübſch, ſehr hübſch.“ „Reizend, Herr Graf.“ „Und wenn man allerlei Anliegen hat, wenn man reiche, einflußreiche Leute bewirthet, wenn man dieſe oder jene Finanzſpekulation im Kopfe trägt ich ſage Dir, dann hat man eine Frau bei Tiſch ſo nöthig wie das liebe Brod.“ „Wird Madame heute die Honneurs machen?“ „Geſtern wollte ſie nicht, und doch brauche ich ſie nothwendig. Der Banquier ſoll mir Geld leihen, der Präfekt mich zur Wahl vorſchlagen, der Dichter mich beſingen, der Engländer mir Pferde abkaufen, kurz, Jeder meiner Gäſte iſt zu was gut oder kann es werden. Du weißt, ich lade Niemand ohne Gründe ein.“ „O, ich kenne die Feinheit des Herrn Grafen!“ „Und doch will Madame nicht erſcheinen beim Diner. Vielleicht hat ſie ſich anders beſonnen; wollen ſehen. Wie iſt meine Friſur, Champagne?“ „Muſterhaft, Herr Graf.“ „Und der Zopf? Etwas zu loſe, nicht wahr?“ „Um ſo anmuthiger, Herr Graf. Er tänzelt um ihre Schulter wie ein Klapperſchlänglein.“ „Und die Roſette?“ „Herrlich, Herr Graf. Wie ein Schmetterling.⸗ F 127 „So bin ich recht für die Frau Gräfin. Nehme ich Cäſar mit?“ „Madame mag die Hunde nicht, wie der Herr weiß.“— „Wohl wahr, aber Cäſar macht jetzt ſo hübſche Sachen: Madame wird ihre Freude haben. Komm', Cäſar, komm'.“ Unter dem Gebell Cäſars betritt der Herr Graf das Zimmer der Gräfin, wo Adolphine mir ihre Spielſachen zeigt. Gleich ſpringt Cäſar auf die Puppe zu, nimmt ſie in's Maul und läuft damit unter den Theetiſch. Eben als der Graf gegen die Gräfin ſich höflich verneigt, erhebt Adolphine ein lautes Geſchrei: „Mama meine Puppe. der böſe Hund beißt meine Puppe.“ „Wie, Herr Graf, Sie bringen Ihren Hund mit in's Zimmer und wiſſen, daß Adolphine ſich vor ihm. fürchtet?“ „Ich wollte, Madame her, Cäſar. ich dachte, Madame. Cäſar, laß los.. gib her. Schelm! Er tbut Deiner Puppe nichts, mein Kind.“ „Machen Sie, daß er die Puppe hergibt. hat man je ſo was geſehen?“ „Wart', Schurke, ich will dich!“ Aber Cäſar gehorcht nicht: er bleibt ruhig unter dem Tiſche, zaust die Puppe mit den Vordertatzen und knurrt, wenn wir uns ihm nähern. Muthig ſpringe ich unter den Tiſch, worüber der Hund ſo erſchrickt, daß er plötzlich auffährt und die Decke mit 128 ſammt einem allerliebſten Theeſervice herunterreißt, daß alle Taſſen auf dem Boden zerſchellen. Dafür habe ich die Puppe erobert und gebe ſie Adolphinen zurück, während Cäſar knurrend unter den Stuhl ſeines Herrn kriecht. „Ich weiß Ihnen keinen Dank für ſolche Anſtrüte, Herr Graf,“ ſagt die junge Gräfin und nimmt ihre Tochter auf den Schvoß, während Herr von Fran⸗ conard vor lauter Verlegenheit ſich das Bein reibt und die Schuld auf mich ſchieben will. „Laſſen wir das, Herr Graf!“ ſagt die Gräfin. „Ich habe Sie um die Ehre Ihres Beſuches gebeten, um Ihnen dieſen Knaben vorzuſtellen. Kennen Sie ihn nicht?“ „Ich, Madame? Ich gebe nicht viel mit Kin⸗ dern um.“ „Es iſt von keinem Umgang die Rede, Herr Graf, ſondern von Umwerfen. Es iſt derſelbe Knabe, den Sis mit dei Cabriolet umwarfen.“ „So viel ich mich erinnere, war der Knabe ein Savoyarde.“ „Gewiß, Herr Graf. Es iſt dieſer Knabe der nämliche Savoyarde. Er wollte Ihnen das Medaillon zurückgeben, das Adolphine in der Hütte des armen * Mannes liegen ließ, der Ihnen vor vier Jahren in Savoyen das Leben rettete, und das Adolphine jetzt am Halſe trägt.“ „Wie ſeltſam!. Schweig', Cäſar.“ „Das Suchen dieſes Knaben nach Ihnen war lange vergeblich, bis er Sie endlich jenen Morgen 129 auf dem Boulevard traf. Sie haben ihm ſeine Ehr⸗ lichkeit ſchön vergolten.“ „Wie konnte ich das denken, Madame? Er hätte mir das Porträt hinhalten ſollen! Aber um ſo dank⸗ barer will ich jetzt ſein. Sieh', Knabe, da ſind fünſ⸗ zehn Sous „Pfui, Herr Graf! Sie zahlen Sohn und Vater mit gleicher Münze. So will denn ich Ihre Schuld übernehmen: der Knabe ſoll bei mir wohnen, mich auf's Land begleiten.“ „Gut, Madame, ſehr gut. Er eignet ſich vorzüg⸗ lich zum Jokey.“ „Nicht doch, mein Herr. Andreas ſoll nicht als Knecht gehalten und erzogen werden.“ „Doch ſcheint mir, ein Savoyarde „Iſt ſo gut ein Menſch wie jeder andere und erhebt ſich oft durch Ehrlichkeit und Zartgefühl über Viele, die ſich höher dünken.“ „Gewiß, Madame. Ehrlichkeit und Zartgefühl vertragen ſich recht wohl mit dem BVerufe eines Schorn⸗ ſteinfegers; nur begreife ich nicht, was Sie hier..* machen wollen. mit„ſtill, Cäſar!“ „Ich mache mit ihm, was ich will, mein Herr, Andreas ſoll ſpäter mein Sekretär werden. Ich meiner⸗ ſeils begreife nicht, wie man den Sohn des Mannes der Adolphinens Leben rettete, als Jokey, als Knecht anſehen und behandeln kann! Dieß Ihnen zu er⸗ öffnen, ließ ich um die Ehre Ihres Beſuches bitten.“ „Aber, Madame Paul de Kock. LXXRIv. 9 130 „Kein Aber, mein Herr. Ich hoffe, meine Wünſche finden ein günſtiges Gehör. Aus Gegengefälligkeit willige ich ein, dann und wann Ihren Diners an⸗ zuwohnen.“ „Was? wie? Sie wollen.. und ſchon heute, Madame?“ „Schon heute, mein Herr.“ „O, ich bin entzückt. Cäſar, mach' der Frau Gräfin Dein Compliment.“ „Nicht nöthig, mein Herr. Laſſen Sie ihn ruhig, wo er iſt.“ „Soll er Andreas ſein Compliment machen, Madame?“ „Er ſoll Niemanden ſein Compliment machen. Ich liebe ſo koſtſpielige Complimente nicht.“ „O, er macht jetzt ſo hübſche Sachen.“ „Wie eben erſt!“ „Alſo heute?.. Doch halt, der dritte Gang fehlt noch. Madame, Sie werden mit meinem Küchen⸗ zettel zufrieden ſein.“ „Sie ſind wie geboren für die Küche, Herr Graf.“ Nie hatte der Herr Graf eine ſo ſchmeichelhafte Aeußerung aus dem Munde ſeiner Gemahlin ver⸗ nommen. Als er aufſtehen will, ihre Hand zu küſſen, tritt er Cäſars Schwanz unter die Füße, worüber dieſer laut bellt und Adolphine nochmals erſchreckt. Schon an der Thüre kehrt Herr von Franconard wieder um und wendet ſich mit zärtlicher Miene an die Gräfin, die plötzlich wieder ganz ernſt ausſieht. „Sie ſehen, Madame, wie bereit ich bin, Ihre —— w— 131 Wünſche zu erfüllen. Eine Gefälligkeit iſt der an⸗ dern werth.“ „Ich habe Ihnen gefagt. Herr Graf, daß ich heute bei Tiſch die Honneurs machen werde.“ „Und ich danke Ihnen dafür... aber, Madame, bei Tiſch können wir nicht wohl reden von dem Erben. „Von welchem Erben, Herr Graf?“ „Dem Erben meines Namens, den ich lange ſchon mir wünſche.“ „Schweigen Sie, ich bitte. in Gegenwart der Kinder!“ 6 „Ich rede in allen Ehren, Madame. nichts, was das Ohr der Unſchuld beleidigt!... Ach, und meine Liebe!... Still, Cäſär, kuſch!. meine Zärtlichkeit.. „Noch Herr Graf, und ich nehme mein Verſprechen zurück.“ „Ich darf alſo nicht hoffen, daß bald. „Und Ihr Küchenzettel, Herr Graf?“ „Sie haben recht, Madame, es iſt die yöchſte Zeit. Alſo, auf Wiederſehen, Madame. Komm', Cäſar!“ Mit höflichem Gruße empfiehlt ſich der Graf, während Cäſar mir nichts dir nichts über die Sammt⸗ ſtühle des Zimmers hinwegſpaziert. Kaum iſt Herr von Franconard fort, ſo winkt mir die junge Dame, ihr zu folgen. Wir ſteigen die Treppe hinauf, die mit dem Hofe und einem Theile der Gemächer der Gräfin in Verbindung ſteht, und treten in eine geſchmackvoll möblirte Kammer, die von nun an mir gehört. Da bin ich fern von allen Bedienten, bloß Mamſell Luciliens Kammer iſt in der Nähe, der meinigen gegenüber. Ich kann alſo ungeſtört arbeiten und ſchnell zur Frau Gräfin hinuntereilen, wenn ſie mich rufen läßt. Mamſell Lucilie verſpricht meiner Beſchützerin, angelegentlichſt für mich zu ſorgen. Das junge Kammermädchen thut Alles, was ſie nur den Augen der Gräfin ab⸗ ſehen kann. Ich werde nicht mit den Dienſtboten eſſen, Mamſell Lucilie bringt mir das Mittagsbrod auf mein Zimmer. Es iſt ein liebes, gutes Mädchen, die Lucilie. Sie gibt der gnädigen Frau das beſte Zeugniß von mir, und ſagt, es wäre Schade gewe⸗ ſen, wenn ich Schornſteinfeger geblieben wäre. Ma⸗ dame ſieht ſie lächelnd an und gibt ihr einen zärt⸗ lichen Patſch. Dann geht ſie fort. In der Thüre ruft ſie mir noch zu: „Von morgen an bekömmſt Du regelmäßig Un⸗ terricht, Andreas. Lerne fleißig, das iſt der beſte Dank.“ Als ich allein bin, muſtere ich der Reihe nach die Möbel im Zimmer. O, wie ſo hübſch Alles eingerichtet iſt. In den Schubladen der Commode finde ich ſchneeweiße Wäſche und Kleider, eigends für mich gemacht; ich probire ſie alle an, ein Stück nach dem andern. Auf einem kleineh Sekretär liegt eine hübſche ſeidene Börſe mit Geld und davor ein beſchriebenes Papier. Wenn ich doch leſen könnte! Das Geld rühr' ich nicht an, denn ich weiß nicht, 133 ob es mir gehört. Wozu brauche ich Geld bei dieſer guten Dame, die mir mehr gibt, als nöthig iſt? Und doch wünſchte ich faſt mir einiges, um Nanette Hut und Kleider kaufen zu können und ihr zu be⸗ weiſen, daß ich an ſie denke. Mein Fenſter geht auf den Hof des Hotels. Ich ſchaue eine Weile hinaus, ſehe aber nichts als Diener und Küchenleute. Die Ausſicht bei Vater Bernhard war viel ſchöner und belebter. Was jetzt thun? Ich weiß bereits, wie es im Zimmer ausſieht und wie draußen! Ach, die Langeweile kommt. Wie gerne ſpielte ich draußen, aber darf ich ohne Erlaubniß ausgehen? und wo iſt die gnädige Frau? Traurig ſetze ich mich nieder und denke an die gute Nanette. Es iſt ſo die Stunde, wo ich vom Schornſteinfegen und Brieftragen heimkehrte, wo Nanette und ich ſprangen, tanzten und ſangen, ſo laut, daß die Leute im erſten Stock uns hörten. Hier, welche Stille? Vielleicht wiſſen Sie nicht mal, was Tanzen und Singen iſt? Da öffnet ſich die Thüre und herein kommt Mam⸗ ſell Lucilie mit einem Brodkorb in der Hand. „Was machſt Du da, Andreas?“ „Nichts, Mamſell.“ „Wie traurig ſieht er aus, der Schelm. Ich glaube, er hat's Heimweh. Aber Geduld, man gewöhnt ſich an Alles. Das Hotel gefällt Dir nicht ſo gut wie Deine Hütte, wo Du mit Deinen Geſpielen lärmteſt und tobteſt, nicht wahr, Andreas?“ „Ich komme nicht aus einer Hütte, Mamſell; ich komme von Herrn Dermilly. Auch tobte und lärmte ich nicht, denn ich war krank.“ Beim Namen Dermilly ſehe ich, wie das junge Kammermädchen voshaft lächelt. Dann muß ich ihr meine Geſchichte erzählen, denn Mamſell Lucilie iſt etwas neugierig. Sie hört aufmerkſam zu, doch ruft ſie von Zeit zu Zeit:„Der arme Andreas!. der arme Peter!.. So weit zu gehen„. und gleich bei der Ankunft zu verirren!.. Der gute Waſſerträger, der!.. Den armen Andreas über⸗ zufahren, der ihm das Porträt von Madame geben will!“ u. ſ. w. u. ſ. w. Als ich fertig bin, frage ich, ob Herr Dermilly mich hier beſuchen wird, ob ich gehen und kommen kann, wenn ich will. „Gewiß, wenn Madame es erlaubt. Nur Abends nicht, da dürfen Kinder von Deinem Alter nicht allein ausgehen.“ „O, ich verirre mich nicht: ich kenne ganz Paris; auch will ich nur zu Vater Bernhard und Herrn Dermilly.“ „Herr Dermilly kommt faſt täglich in's Hotel und malt für Madame. Er hat ſie und ihre Tochter ſchon in jeder Größe gemalt. Aus Freundſchaft gibt er Fräulein Adolphinen Unterricht, die ihn ihren gu⸗ — ten Freund nennt. Früher kam er noch öfter⸗ aber vöſe Zungen„ und Madame hält was auf ihren guten Ruf hat ſie doch eine Tochter, die heran⸗ wächst. Trotzdem kommt Herr Dermilly noch ziem⸗ lich oft; zwar, glaube ich, ſteht er mit dem Herrn — 135 Grafen ſo ſo, denn er hat ihm ſeinen Hund nicht malen wollen... den Köter von Cäſar, den ich nicht leiden kann. Doch halt, Kleiner, über das Geplauder vergeſſe ich Dein Mittagbrod. Wir eſſen hier erſt um ſechs Uhr, aber Madame glaubt, Du ſeieſt hungrig und ich habe verſprochen, für Dich zu ſorgen. Komm' und iß!“ Unterdeß hat Mamſell Lucilie die Speiſen auf einen Tiſch ausgekramt. „Das Alles iſt für mich?“ frage ich. „Für wen ſonſt?“ „Davon können vier Andreas fatt werden.“ „Nicht doch, Schelm. Habe ich nicht verſprochen, für Dich zu ſorgen? Nach Madame bin ich die Herrin im Hauſe. Was ich will, geſchieht; Alle ge⸗ horchen ohne Widerrede. Der Koch geht durch's Feuer für mich, der Kellermeiſter ſieht mich ſchmach⸗ tend an, alle Lakaien ſind meine ergebenen Diener, Herr Champagne macht mit den Hof und der Herr Graf läßt mich durch ſeinen Cäſar becomplimentiren und zwickt ſo verliebt mit den Augen der alte Narr der!“ Ich laſſe Mamſell Lucilie ruhig fortſchwatzen und ſtopfe mich inzwiſchen mit den Leckerbiſſen voll, die ſie aufgetragen hat. Wie gut das Alles ſchmeckt! „Wäre nur Peter da,“ ſage ich wiederholt,„der würde zulangen!“ „Du gutes Herz,“ ſagt Mamſell Lucilie und ſtreichelt mich.„Aus dem iſt was zu machen. Aber, mein Gott, Madame wartet auf mich zum Ankleiden. 136 Wie ſie ſich langweilen wird bei Tiſch; ſie bliebe gern weg, aber ſie hat'mal zugeſagt. Komiſch!. wollt', ich wäre an ihrer Stelle.. s iſt doch hübſch, ſo vbenan zu ſitzen und die Königin zu ſein, der Alles huldigt. Wie anders denkt Madame„„ſie kann den Augenblick nicht erwarten, wo man auf⸗ ſteht und ſie wieder allein iſt mit ihrer Tochter. Ich aber, ich ſehe mir alle Welt bei Tiſche an, wohl⸗ verſtanden durch's Schlüſſelloch oder durch's Fenſter; ich muſtere ein Geſicht nach dem andern, lache über die alten Fratzen und freue mich über die jungen Leute. Wie luſtig iſt das!„Aber, mein Gott, Madame wartet längſt. Adien, Andreas.“ „Mamſell Lucilie, darf ich nicht mit Fräulein Adolphine ſpielen?“ „O, die ſpeist mit ihrer Mutter; die Beiden können ſich nie trennen. Geh' inzwiſchen an's Fen⸗ ſter und ſieh' die Herren ausſteigen; es ſind komiſche Käuze darunter, das wird Dich amüſiren. Schade, daß keine Damen dabei ſind, da könnteſt Du Toi⸗ letten ſehen, ei tauſend! Aber Madame geht nie in Geſellſchaft, ſo kommen auch zu ihr keine Damen⸗ Mit den Herren iſt's anders, die gehen und kommen ohne viele Umſtände. Aber, mein Gott, Madame wartet mit Ankleiden. Adieu, Andreas.“ Lucilie will fort, doch rufe ich ſie zurück, damit ſie mir vorliest, was auf dem Papier neben der hübſchen Börſe geſchrieben fteht. „Kannſt Du nicht leſen, Andreas?“ „Noch nicht, Mamſell.“ 137 „So mußt Du's ſchnell lernen. Nicht leſen kön⸗ nen, pfui! welche Schande! Und ſpäter ſeiner guten Freundin nicht ſchreiben können 2 „Meine gute Freundin kann auch nicht leſen „Wie, Andreas, haſt Du ſchon eine gute Freundin?“ „Iſt nicht unſere Mutter unſere gute Freundin?“ „Recht, Andreas. Ich Thörin, ihm von ſo was vorzuſchwatzen Gib her das Papier: Für Andreas zum Taſchengelde.. will heißen: die Börſe gehört Dir und Du kannſt mit dem Gelde darin machen, was Du willſt.“ „Ich? mit all' dem Gelde?“ „Ja Andreas. Madame iſt freigebig. Wollen doch zählen: zwanzig... dreißig... ſechsunddreißig Franken ſechsunddreißig Franken, das lobe ich mir, damit kann man viel Hübſches kaufen.“ „Aber ich brauche Richts, Mamſell.“ „So ſparſt Du. Es kommt eine Zeit, wo man's brauchen kann. Nimm ein Beiſpiel an mir. Ich könnte tauſend Dinge kaufen, aber ich bin nicht eitel. Zwar kriege ich Alles, was Madame ablegt: Hauben und Kleider ich bin lange nicht ſo vornehm wie Madame, aber ich verreiße mehr. Sieh, dieß Kleid hat ſie erſt dreimal getragen. Sie fand es abſcheu⸗ lich. Aus guten Gründen wollte ich nicht ſagen, daß es noch ſchön iſt und ſie gut kleidet. Du verſtehſt mich, Andreas? nicht? Aber, o Gott, da ſchlägt es ſechs und Madame wartet mit dem Ankleiden. O ich Plaudertaſche Adien, Andreas, ſpäter mehr! Adien!“ 5 138 Dießmal iſt Mamſell Lucilie wirklich fort. Nach dem Eſſen lockt das Geraſſel der Wagen mich an's Fenſter. Die Wagen ſind recht ſchön, aber die Herren, die ausſteigen, faſt alle ganz ſchwarz gekleidet und von„komiſchen Käuzen“, wie Lucilie ſagt, ſehe ich Nichts. Im Hotel geht's recht lebhaft zu: die Lam⸗ pen auf dem Hofe werden angezündet, die Diener gehen und kommen, der eine mit Schüſſeln, der an⸗ dere mit Flaſchen, dieſe ſchimpfen jene lachen. Als ich mich ſatt geſehen habe, trete ich vom Fenſter zurück. Von Jugend auf gewöhnt, frühe zu Bett zu gehen, lege ich mich zum Schlafen nieder, als eben die Bewohner des Hotels ſich an den Tiſch ſetzen. n 10 11 12 14 15 16