S* Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cdnard Ottmaun in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothet ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stur den angenommen. 3. Caution. Unßekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: ₰ für wöchentlich 2 Büchen: 4 Bücher: 6 Bücher: —— —— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Ve50 Pf 2 M— Pf. 3 „ 5 3 Auswärtige Abonnenten haben für Gin- und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und 6 hr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Fur beſchmutzte, zerr ene, verlbrene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern zc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtét. e Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen auch dafür zu ſtehen haben. Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, S—. veutſch bearbeitet von 8 Dr. Heinrich Elsner. 2 Dreiundachtzigſter Theil. Stuttgart: Scheible, Vieger s Sattler. 1843. Anbreas, der Savoyardr. — Von Paul de Roc. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Erſter Theil. — Stuttgart: Scheible, vieger a Sattler. 1845. Erſtes Kapitel. Ein Schneegemälde.— Die Savoharbenfamilie. Der Schnee ſiel in großen Flocken; er bedeckte die Straßen und machte die Bergpfade und die an Abgründen hinführenden Wege des Dorfel Höpit al in der Nähe des Montblanc noch ſchlüpfriger. Unfere Hütte ſtand an einem Wege, welcher des ſchlechten Wetters wegen ſeit einigen Tagen nicht be⸗ ſucht wurde. Ein mehr als ein Fuß hoher Schnee bedeckte den Boden, und doch dachten weder ich noch meine Brüder daran, nach Hauſe zu gehen, um vor dem Geſtöber Schutz zu ſuchen. Ich lehnte mich an einen Felſenblock und es war mir hier ſo wohl als auf dem dichteſten Raſen; ich machte mit meinen kleinen Händen Schneeballen und warf meine Brüder damit, die mich gleichfalls mit ſolchen gefrornen Kugeln belagerten. Peter, der in einer Vertiefung des Weges ſtand, zeigte ſich nur, um geſchickter zu zielen und verbarg ſich dann ſchnell wieder; Jakob lief, ohne einen beſtimmten Platz zu behaupten, hin und her, bückte ſich bisweilen, um Schneeballen zu machen, und eilte dann, wenn er uns dieſe zugeſchlendert haite, wieder davon. ————l 6 Welches Vergnügen empfanden wir, wenn es uns gelang, uns gegenſeitig zu treffen! Welcher Jubel, wenn eine Balle auf Jakobs Rücken zerplatzte, wäh⸗ rend er zu fliehen ſuchte, oder eine Peter in's Geſicht traf, während er ſeinen kleinen blonden Kopf aus ſeinem Verſteck hervorſtreckte! Der Beſiegte jubelte mit dem Sieger: der Sieg koſtete nie eine Thräne. Konnten wir die Kälte fühlen? Wir waren ſo glück⸗ lich und in einem Alter, wo das Glück ſo rein iſt, da es weder durch die Erinnerungen der Vergangen⸗ heit, noch 3 die Furcht für die Zukunft—. wird. Schon einigemal hatte uns unſere Mutter ge⸗ rufen, heimzukommen. „Gleich,“ hatten wir alle Drei geantwortet. Aber im Augenblick, wo wir in's Haus zurückkehren woll⸗ ten, fachte eine von Einem von uns dem Andern zugeſchleuderte Schneeballe den Krieg wieder friſch an: man bekämpfte ſich abermals, das Freudenge⸗ ſchrei und die tolle Heiterkeit widerhallte auf's Neue in unſern Bergen. Unſere Füße waren halberſtarrt vor Kälte; unſere kleinen, rothen, aufgeſchwollenen Hände waren kaum im Stande, den Schnee aufzu⸗ leſen und zu ballen, der uns einen ſo angenehmen Zeitvertreib gewährte, und doch konnten wir uns nicht entſchließen, in die warme Stube hineinzugehen. Aber die einbrechende Nacht zwingt uns endlich, unſer Spiel aufzugeben. Wir kehren alle Drei, außer Athem, keuchend und noch vor Vergnügen ßrahlend⸗ nach Hauſe zurück; wir kauern uns um den unge⸗ heuren Ofen herum, neben dem unſer Vater auf einem großen Stuhle ſitzt, während unſere Mutter in der geräumigen Stube, der einzigen des Hauſes, hin und her geht und, indem ſie zankt, daß wir ſo lange draußen geblieben ſind, die Suppe zu unſerm Nachteſſen zubereitet. „Schau,“ ſagte ſie,„wie ſie mit Schnee bedeckt ſind! Wer wird bei ſolchem Wetter ſo lange auf der Straße bleiben! Hm, die unartigen Jungen, wenn ſie ſpielen, hören ſie nicht mehr auf mich.“ „Schilt ſie nicht, Marie,“ ſagte unſer Vater, uns zu ſich herziehend;„ſchilt ſie nicht: ſie unterhalten ſich, ſie ſind glücklich! Warum ſo frühzeitig ſchon ihr Glück ſtören? Die lieben Kinder, ihre Jugend vergeht ſo ſchnell und die reifern Jahre bringen Kummet und Sorgen mit ſich! Wird der Erwerb des heutigen Tages für den morgenden zureichen? Darf man hoffen, daß man heut das Leid von geſtern vergißt? Immer Qualen, ſelten eine Freude und nie wieder ſo glück⸗ liche Stunden, als ſie ſie eben genoſſen haben. Ich habe auch einſt Schneeballen gemacht; vor vierzig Jahren ſpielte ich wie ſie. Jene Zeit iſt fern, ſie hat zu kurz gedauert; ich erinnere mich nicht, ſeit damals ein ſo lauteres Vergnügen genoſſen zu haben.“ „Wie, ſelbſt bei unſerer Verheirathung nicht, Jörgel?“ verſetzt unſere Mutter in vorwurfsvollem Tone. Mein Vater blickt ſie lächelnd an und erwie⸗ dert bloß:„O, das iſt eiwas Anderes! Jch konnte Dir nur eine Hütte anbieten!“ „Hatte ich mehr? Sind wir deßhalb weniger glücklich geweſen? Nein, gewiß nicht. Unſer Haus und unſere Arbeit genügen uns; wir ſind arm, aber es iſt uns noch Nichts abgegangen und unſere Kin⸗ der gedeihen: ſie werden heranwachſen und ihr Brod ſelbſt verdienen lernen.“ „Ja, aber bis ſie ſo weit ſind! Ach, Maria, ſeit jenem verwünſchten Fall, wo ich den dicken Englän⸗ der, der mir nicht einmal beim Auffſtehen half, auf den Gletſcher führte, fühle ich meine Kräfte abneh⸗ men, meine Geſundheit ſtellt ſich nicht wieder her. Ach, wenn ich Dich mit den Kindern, wovon das älteſte erſt ſieben Jahr alt iſt, zurücklaſſen müßte, was würde aus euch?“ Bei dieſen Worten ſchloß unſer Vater ſeine bei⸗ den Arme um uns und drückte ung inniger an ſich. Ich war auf ſeinen Schooß hinaufgeklettert, Jakob ſaß auf ſeinen Füßen, und Peter, der neben ihm ſtand, lehnte ſeinen Kopf auf ſeine Schulter. Unſere Mutter war in der Mitte der Stube ſtehen geblie⸗ ben; die letzten Worte ihres Gatten hatten ihr Herz mit Wehmuth erfüllt. Sie wendete ſich ab, um eine Thräne zu verbergen, die über ihre Wangen herab⸗ floß und wir bemühten uns, ohne recht zu verſtehen, wovon es ſich handelte, die Traurigkeit, die wir in den Blicken unſeres Vaters laſen, durch unſere ver⸗ doppelte Zärtlichleit zu verſcheuchen. „Guter Gott, kann man ſolche Gedanken haben!“ ſagte endlich die treue Marie, einen Seufzer ausſto⸗ ßend, den ſie nicht mehr unterdrücken kann.„Ach, Jörgel, arbeite nicht mehr, ſtrenge Dich nicht mehr 8 an; bleib' daheim bei unſerm Ofen. Unſer Getreide Liſt eingeheimst, wir haben noch länger als ſechs Wochen Brod; ich gebe es nicht zu, daß Du Dich ausſetzeſt, um ein Paar Batzen zu verdienen.“ „Mein Vater,“ ſagte ich hierauf mit entſchloſſener Miene, den Kopf in die Höhe hebend,„wenn Reiſende kommen, kann ja ich ihr Führer ſein, ſie auf die Gletſcher hinaufführen, ihnen die ſchönen, ſo entſetz⸗ lichen Abgründe zeigen! Sie werden mich dafür be⸗ zahlen und ich Euch das Geld heimbringen, dann braucht Ihr Euch nicht mehr ſo anzuſtrengen. Nicht wahr, Ihr erlaubet es mir, Vater?“ „Du biſt noch zu jung, mein kleiner Andreas,“ erwiedert mein Vater, mir die Wangen ſtreichelnd und mich auf ſeinen Knieen wiegend. „Zu jung? Ich bin der älteſte von meinen Brü⸗ dern: ſieben Jahr vorbei. Unſers Nachbars Michael Sohn war noch nicht ſo alt, als er fort in die große Stadt ging.“ „Meine lieben Kinder, ich wünſche, daß ihr nie genöthigt ſein werdet, auch hinzugehen! Ich möchte euch immer bei mir behalten.“ „In der großen Stadt muß es recht ſchön ſein,“ verſetzt Peter, ſeine kleinen Augen aufreißend.„Sie ſagen, dort könne man alle Tage die Zauberlaterne ſehen, die einmal bei uns durchgekommen iſt.“ „Möchteſt Du hin, Peter?“ „O, meiner Treu, ich hätte den Muth nicht, allein zu gehen wie Michaels Sohn!“ Paul de Koff. TLXXXIII. 2 „Und Du, Jaköbchen?“ fragte mein Vater den jüngſten meiner Brüder, der erſt fünf Jahre alt war und ſich zu ſeinen Füßen wälzte und ausſtreckte, um ſich an dem großen Ofen zu wärmen.„Sag', Ja⸗ köbchen, was würdeſt Du dort treiben?“ „Ich würde alle Tage Käſe zu meinem Brod eſſen,“ antwortet Jaköbchen lächelnd und ſich nach der Mutter umſchauend, um zu ſehen, ob die Suppe bald fertig ſei. „Was mich betrifft,“ verſetzte ich,„ſo würde ich arbeiten, um viel Geld zu verdienen, damit wir einen Garten kaufen könnten. Ich würde euch Alles heimbringen, dann wären wir recht glücklich; Ihr, mein Vater und Ihr, Mutter, könntet euch dann des Winters den ganzen Tag an den warmen Ofen ſetzen und ich und meine Brüder Schneeballen machen.“ „Du biſt ein braver Junge, Andreas; Du denkſt an Deine Eltern. Aber, ach! in der großen Stadt, meine lieben Kinder, macht man nicht immer ſein Glück; ich bin in meiner Jugend auch hingegangen, aber es gelang mir nur wenig zu erwerben, und unterwegs beſtahlen mich Schurken um meine ganzen Erſparniſſe, um die Frucht zehnjähriger Arbeit, die ich meiner Mutter heimbringen wollte. Ich mußte mit leeren Händen zurückkehren.“ „Was ſind Schurken?“ fragte Peter. 6 „Mein Kind, das ſind Elende, Faullenzer, Diebe, die nicht arbeiten mögen und von Raub gn Andern leben,⸗ 7 11 „Man darf ſie ſchlagen, nicht wahr, Vater?“ rufe ich lebhaft aus. „Nicht immer, mein lieber Andreas: wenn man ſie erwiſcht, beſtraft ſie die Behörde; aber es iſt verboten, ſie ſelbſt zu züchtigen!“ „Gibt man den böſen Leuten auch zu eſſen?“ fragt der kleine Jakob, bald das Feuer, bald die kochende Suppe betrachtend. „Meine Kinder, alle Menſchen müſſen leben... „Aber die Böſen bekommen keine ſo gute Suppe wie wir, nicht wahr, Vater?“ 2 Unſer Vater lächelte, hob den kleinen Jakob in die Höhe und küßte ihn zärtlich.. Peter und ich beugten uns vor, um dieſelbe Liebkoſung zu erhalten, welche er uns auch ertheilte, denn er liebte uns alle Drei gleich. Jene ungerechte Vorliebe, die oft Neid, Eiferſucht und Kummer zwiſchen Geſchwiſtern er⸗ wecken, war ſeinem Herzen fremd; er forſchte in unſern Zügen nicht, welchen von uns die Natur wohl am meiſten begünſtigen werde: in den Augen eines guten Vaters ſind alle ſeine Kinder gleich ſchön. Die von der Mutter zubereitete Suppe wird auf einen hölzernen Liſch geſtellt; der Dampf, der aus einer großen Schüſſel emporſtieg, ergötzte unſer Auge und lockte dem kleinen Jakob, der mit Entzücken den erquickenden Geruch des Abendeſſens einathmete, ein Lächeln ab. Zum Eſſen! zum Eſſen!“ ruft unſere Mutter. Jakob glitſchte ſchnell von dem Schooße meines Vaters herunter und ſtellte ſich auf einen kleinen — 12 Schemel; Peter rückte den Stuhl, von dem mein Vater eben aufgeſtanden war, zum Tiſche her, und ich blieb bei Dem, deſſen ſchwankenden Gang ich hätte ſchon unterftützen mögen: denn mein Vater hatte ſich bei ſeinem letzten Sturze ziemlich gefährlich am Knie verwundet und war noch nicht recht geheilt. Mein Vater that, als ob er ſich auf mich lehnte, weil er ſah, daß ich ſtolz darauf war, bereits ſeine Stütze zu ſein; aber ſeine Hand ruhte nur leicht auf meiner Schulter. Wir ſaßen bald um den Tiſch herum. Es Ichnie auf's Neue heftig; der Wind tobte gewaltig; er erſchütterte oft die Thüre unſerer arm⸗ ſeligen Wohnung, und ſein dumpfes, eintöniges Ge⸗ töſe erſchreckte Peter, der ſich jedesmal, ſo oft die Thüre bebte, an mich ſchmiegte. Aber die luſtige Flamme, die auf dem Kamin flackerte, erheiterte unſere Hütte, die nur von einer einzigen Lampe erhellt ward, und der Dampf der Suppe machte den kleinen Jakob frohmüthig, der immer ſang, wenn er bei Liſche war. „Welch' abſcheuliches Wetter!“ ſagte die gute Marie, uns Suppe herausſchöpfend.„Ich bin über⸗ zeugt, man kann nicht mehr gehen, ohne in zwei Fuß hohen Schnee zu verſinken.“ „Ich bedaure die Reiſenden in unſern Bergen,“ verſetzte mein Vater. „Wir ſind glücklich, daß wir ein Obdach, ein gutes Feuer und zu Nacht zu eſſen haben.. glaub' mir, Jörgel, es wären Viele froh, wenn ſie jetzt in unſerer Hütte ſein könnten.“ 1³ Als meine Mutter dieſe Worte vollendete, hörien wir von der Ferne her Geſchrei, Peitſchengeknalle und das Fluchen eines Poſtillons. Wir lauſchten aufmerkſam, Jakob ausgenommen, der eben einen großen Löffel voll Suppe zum Munde führte. „Was gibt es?“ fragte Peter zitternd. Ich lauſchte immer gleichwie meine Eltern; die Stimmen wurden deutlicher. Man rief um Hülfe, um Beiſtand; aher ſelbſt das nächſtgelegene Dorf war ſehr von der Straße entfernt, an die bloß unſere Hütte ſtieß. „Kein Zweifel,“ ſagte mein Vater, ſich vom Tiſche erhebend,„es ſind Reiſende in Gefahr; man muß ihnen beiſpringen.“ Seine Kräfte zuſammenraffend, nimmt er eilig ſeinen Hut, ſeinen Stock und verläßt unſere Hütte, ohne auf die Bitten ſeines Weibes zu achten, die ihn beſchwört, ſich nicht auf's Neue anzuſtrengen. Aber mein Vater iſt ſchon weit und lenkt ſeine Schritte dem Orte zu, wo das Geſchrei herkam; ich hatte mich ebenfalls erhoben und war im Begriff, ihm zu folgen, aber meine Mutter hielt mich mit den Worten zurück:„Nun, Andreas, willſt Du Dich auch auf dieſen ſchlechten Wegen Gefahren ausſetzen? Du biſt zu jung, mein Freund; bleib' bei uns und laß uns den Himmel anflehen, daß Deinem Vater Nichts geſchieht.“ Ich kniee neben meiner Mutter auf den Boden nieder. Peter, dem bereits Thränen in den Augen 3 14 ſtehen, thut ein Gleiches; Jakob bleibt allein vei Tiſche und ißt ruhig fort. Zweites Kapitel. Die Reiſenden. Die kleine Schläferin. Nach Verfluß einer Viertelſtunde, die uns ſehr lange ſchien, hörten wir die Stimme unſeres Vaters, der uns von draußen hereinrief, wir ſollen ihm auf⸗ machen. Ich eile plötzlich zur Thüre; meine Mutter folgt mit dem Lichte: wir können übrigens Nichts als weiße, beſchneete Maſſen unterſcheiden. Endlich er⸗ kennen wir unſern Vater; er iſt aber nicht allein: ein Herr, deſſen Geſicht man nicht ſehen kann, weil er bis über die Ohren in einen Mantel gehüllt iſt, ſtützt ſich auf den Arm meines Vaters und brummt alle Augenblicke mit einer widerwärtigen, heiſern Stimme: „Wo führt Ihr mich denn hin?... Wo bin ich denn? Ich verſinke ja der Schnee geht mir bis an die Hüften.. welch' abſcheuliches Land... nehmt Euch in Acht, Freund.. wir fallen irgendwo hinein!“ Auf all' dieſe Worte erwiederte mein Vater bloß: „Fürchten Sie Nichts, mein Herr, ich kenne den Weg; ich ſtehe jetzt für Sie.. das iſt nur Schnee; hier iſt keine Gefahr mehr.“ „Das iſt nur Schnee? Potz Henker, das iſt, 15 ℳ meine ich, genug! Meine Füße ſind erſtarrt... meine Waden ſind ſo kalt, daß ich kein Gefühl mehr darin habe. Ach, welches abſcheuliche Land!... Champagne, gib auf das Kind Acht und gehe dicht hinter uns drein.“ Herr Champagne war wahrſcheinlich der andere Herr, der meinem Vater folgte und ebenfalls in einen weiten Mantel eingehüllt war, unter dem er jedoch mit Vorſicht Etwas zu tragen ſchien. „Nun ſind wir an Ort und Stelle,“ ſagte mein Vater in dem Augenblick, als ſie auf die Schwelle traten. „Das iſt ein Glück!“ ruft der Reiſende aus. Während er ſeinen Mantel ablegt, eilen wir, ohne uns um die eben angekommenen Perſonen zu be⸗ kümmern, in die Arme unſeres Vaters, deſſen Ab⸗ weſenheit uns ſo ſehr in Sorgen geſetzt hat. Kann es auch für einfache Savoyarden Jemand geben, der mehr Aufmerkſamkeit verdient als der Urheber ihrer Tage? Er ſelbſt muß uns zuerſt an die Fremden erinnern. „Vorwärts, meine Kinder,“ ſagt er,„legt Holz in den Ofen; Marie, ſieh', was Du den Herren auf⸗ zuwarten haſt.. und dieſes Kind. warten Sie, Sie können es auf unſer Bett legen. dort ruht es gut.“ Der, den man Champagne nannte und welcher einen mit einer breiten Treſſe beſetzten Hut auf hatte, ſchlug jetzt ſeinen Mantel auseinander und wir er⸗ blickten ein ſchlafendes Kind in ſeinen Armen. Es 16 war ein kleines Mädchen: ſie ſchien höchſtens vier Jahre alt zu ſein. Aber wie hühſch war ſie! Nie hatten unſere Augen etwas ſo Reizendes geſehen. Ein Ausruf der Bewunderung entfuhr uns Allen bei ihrem Anblick; wir umringten den Mann, deſſen Frack ebenfalls bordirt war wie ſein Hut, um die Kleine näher zu betrachten. Ein mit Pelz gefüttertes und verbrämtes Mäntel⸗ chen bedeckte ihren kleinen Körper. Auf ihrem lieb⸗ lichen Köpfchen hatte ſie ein ſchwarzes, gleichfalls mit Pelz garnirtes Sammthäubchen, das mit präch⸗ tigen Goldſchnüren und Eicheln unter ihrem Kinn zuſammengebunden war. Aſchblonde Locken hatten ſich unter dem Mützchen hervorgeſpielt und beſchat⸗ teten die Stirne des ſchönen Mädchens. Ihr kleiner Mund war halb geöffnet und ein leichtes Roſenroth färbte ihre Wangen. Lange, glänzendſchwarze Wim⸗ per begränzten ihre Augenlider; ſie ſchlief ſo ruhig, als ob ſie auf dem Schvoße ihrer Mutter eingewiegt worden wäre. Ihre Schönheit, ihr prachtvoller Anzug, ihr ruhiger Schlaf nach der eben ausgeſtandenen Gefahr, Alles trug dazu bei, unſer Staunen zu vermehren. Wir hatten uns Alle Herrn Champagne genähert, ſelbſt Jakob war vom Nachteſſen weggegangen und hatte ſich, mit dem Löffel in der Hand, unter den ſchönen Mantel geſchlichen, in den das ſchlafende Kind gewickelt war. W „O, mein Gott! was für ein hübſches, kleines Mädchen,“ ſagte meine Mutter,„das iſt ein Engel!“ 17 „Iſt das ein kleines Schweſterchen?“ fragte Jakob, während Peter mit der Hand über die breite Gold⸗ borde an des Herrn Kleid ſtrich. Was mich betrifft, ſo war ich unfähig, ein Wort zu ſprechen; ich war dergeſtalt von Bewunderung hingeriſſen, daß ich meine Blicke nicht von der Kleinen abwenden konnte. Aber während wir das Kind betrachteten, hatte der andere Herr ſeinen Mantel abgelegt und ſich dem Ofen genähert. Ohne Zweifel durch unſere Ausru⸗ fungen gelangweilt, machte er denſelben ein Ende, indem er ſeinem Begleiter zuherrſchte: „Nun, Champagne, wollen Sie das Kind eine Stunde ſo hinhalten? Legen Sie es auf ein Bett, wenn es hier eines gibt, und ſehen Sie dann nach unſerm Poſtillon.“ Herr Champagne beeilt ſich, dem Befehl ſeines Herrn gehorſam, Folge zu leiſten; er folgt meiner Mut⸗ ter, die ihn zu ihrem in dem Hintergrunde der Stube ſtehenden Bette führt. Meine und meiner Brüder Schlafſtelle befand ſich am entgegengeſetzten Ende des Gemaches hinter einem Vorhang von grüner Lein⸗ wand, der an einer langen eiſernen Stange hing. Die Vertiefung, worin unſere Bettſtatt angebracht, beſtand, wenn der Vorhang zugezogen war, aus einem Raum von vier Quadratfußen. Dieß war freilich ein beſcheidenes Plätzchen, aber wir ſchliefen friedlich dort, und obwohl der Wind bisweilen in unſere ſchlecht verwahrte Schlafkammer drang, ſchlichen ſich doch nie Sorgen und Schlafloſigkeit ein: der Arme muß doch auch durch Etwas entſchädigt werden. 18 Als ich meine Blicke von der Kleinen abwen⸗ dete, die man auf meiner Mutter Bett gelegt hatte, drehte ich mich um und betrachtete den andern Herrn. Er mochte etwa fünfzig Jahre alt ſein und war von kleiner Statur, mager und ſchwächlich. Obgleich auf der Reiſe, hatte er doch keine Stiefel an, und die Kälte hatte in der That einen ſolchen Einfluß auf ſeine Waden ausgeübt, daß man nicht eine Spur davon ſah. Sein Geſicht war lang, ebenſo ſeine Naſe, die von der Seite im Stande geweſen wäre, Jemand, den er am Arm geführt hätte, vor dem Winde zu ſchützen; ſeine Hautfarbe war gelblich und eines ſeiner Augen mit ſchwarzem Taffet bedeckt, der vermittelſt eines Bandes um ſeinen Kopf gebunden war, ohne ihm übrigens das Ausſehen eines Liebesgottes zu verleihen. Das unbedeckte Auge war ſchwarz und ziemlich lebhaft; da es den Dienſt für zwei verſehen mußte, heftete es der Herr keinen Augenblick ruhig auf einen Gegenſtand, ſondern rollte es unaufhörlich links und rechts. Endlich ſchien ein übermüthiger, höhniſcher Ausdruck der Phyſiognomie dieſes Herrn, welcher gepudert war und einen Zopf trug, der auf ſeinem Rücken allen Bewegungen ſeines Auges folgte, eigenthümlich zu ſein. Beim Anblick dieſes Reiſenden entfuhr uns ein Ausruf der Bewunderung. Der Fremde betrachtete mit mißvergnügter Miene das Innere unſerer Hütte. „Habt Ihr nicht noch ein anderes Gemach als dieſes, wo ich, entfernt von dieſen Fratzen, ausruhen 19 könnie?“ fragte er meinen Vater mit einem ärger⸗ lichen Blick auf mich und meine Brüder. „Nein, mein Herr, wir haben nur dieſe einzige Stube; aus dieſer beſteht unſere ganze Wohnung.“ „Stube, Ihr nennt das eine Stube!“ brummt der Herr, ſeinen Diener anblickend, der den Mantel ſeines Gebieters aufhängt und zu Allem, was dieſer ſpricht, mit reſpectvoller Miene lächelt.„Wohlan, ich muß irgendwohin, denn ich muß doch wo ſein. Nicht wahr, Champagne?“ „Der Ort iſt allerdings Ihrer nicht würdig, Herr Graf, aber daran find dieſe armen Leute nicht ſchuld.“ „Du haſt recht, Champagne: der Ort iſt meiner nicht würdig! Da es aber keinen andern gibt...⸗ „Wenn der Herr durchaus allein zu ſein wünſcht, ſo haben wir oben noch eine Kammer, wo wir un⸗ ſere Wintervorräthe aufbewahrenz es iſt friſches Stroh oben.“ „Für mich eine Kammer... Stroh? Sag', Cham⸗ pagne, haſt Du gehört, was dieſe Savopardin ſprach? Das iſt doch zu ſtark!“ Bei dieſen Worten wälzte der Herr ſein kleines Auge im Kopf herum, um ihm einen durchdringen⸗ den Ausdruck zu geben. Obwohl ich hinter ihm ſtand, bemerkte ich dieſes doch an den Bewegungen ſeines Zopfes. „Dieſe Landleute wiſſen nicht, mit wem ſie die Ehre haben, zu ſprechen, Herr Graſ.“ „Freilich wiſſen ſie es nicht. ſchaff' mir einen Stuhl an, damit ich mich ſetzen kann.“ 20 „Ich habe nur dieſen großen Seſſel, mein Herr,“ ſagt mein Vater, den Stuhl herbeirückend, auf dem er gewöhnlich ausruhte, während ihn meine Mutter an der Jacke zupfte und ihm in's Ohr raunte:„Das iſt aber Dein Stuhl, Jörgel, wo willſt Du jetzt hin⸗ ſitzen?“ Mein Vater drehte ſich um und winkte ihr zu ſchweigen; ſie gehorchte nur ungern, denn der Ton und das Weſen des Reiſenden ſtimmten ſie nicht, ſei⸗ netwegen Etwas zu entbehren. „Keinen Lehnſtuhl!“ ſagt dieſer, ſich niederlaſſend, ſeine kleinen, ſchmächtigen Beine und ſeine Hände, deren Finger voll Ringe waren, an dem Ofen wär⸗ mend.„Wie ſchlecht doch dieſe Wege unterhalten ſind! Ich muß an den Präfekten dieſes Departe⸗ ments ſchreiben. Ei, ſagt mir, guter Mann, warum habt Ihr, als Ihr auf meinen Wagen zukamt, der in dieſem heilloſen Schnee verſank, meinem Kutſcher zugerufen: er ſoll halten? Weßhalb?“ „Weil er auf einen Abgrund zufuhr, den er des Schnees wegen nicht bemerkte ein Paar Schritte wei⸗ ter und Sie wären Alle des Todes geweſen!“ „Wirklich? Wie, ich, der Graf von Franconard, wäre durch den Sturz in ein Loch um mein Leben gekommen! Das iſt außerordentlich. Höre, Cham⸗ pagne, begreifſt Du, welcher Gefahr ich ausgeſetzt war? Und ich ſchlief ruhig in meinem Wagen, während mich der Tod angähnte; potz Henker, wenn das kei⸗ nen Muth beweist, will ich der größte Dummkopf ſein.“ 24 „Der Herr Graf zeigt ſich immer ſo!“ „Du haſt recht, Champagne, immer. Aber dieſer letzte Zug wird hoffentlich in meiner Lebensgeſchichte erwähnt werden. Es iſt dieß wenigſtens das zehnte Mal, daß ich in gefährlichen Augenblicken ſchlafe. Erinnerſt Du Dich, als es vor einem Jahr in unſe⸗ rem Hötel brannte?... Es war während der Nacht, meiner Treu, ich ſchlief, während die Flamme einen ganzen Kamin verzehrte, und wenn man mich nicht geweckt hätte, ſo würde ich, während ſich die Andern davon machten, bis zum Morgen geſchlafen haben. Sag' Champagne, beweist dieß nicht Kaltblütigkeit?“ „Dieſe bewundert Jedermann an Ihnen, Herr Graf.“ Während dieſes Geſprächs zwiſchen dem Herrn und dem Diener hatte ſich meine Mutter dem Bette ge⸗ nähert, auf dem das kleine Mädchen ruhig fortſchlief. „Armes Kind,“ rief ſie aus,„ohne meinen Mann wäreſt du umgekommen! Ach, Jörgel, welches Glück⸗ daß Du dieſes reizende Geſchöpf gerettet haſt; ich bin überzeugt, daß ihre Augen ſo ſanft als ihr übriges Geſichtchen ſind„o, welcher Unterſchied gegenüber von dieſem häßlichen...“ Mein Vater ließ ſie nicht vollenden und gebot ihr eilends Stillſchweigen. „Ei, ſchläft meine Tochter immer noch?“ fragt jetzt der einäugige Herr, ſich gegen meine Muiter kehrend. „Ihre Tochter?“ entgegnet die gute Marie, erſtaunte Blicke auf den Fremden werfend.„Wie, mein Herr, dieſes hübſche Kind iſt Ihre Tochterz⸗ 22 „Nun, was iſt denn da Erſtaunliches daran,“ er⸗ wiedert der kleine Herr, den Kopf erhebend.„Wenn es heller in Eurer rauchigen Hütte wäre, würdet Ihr ſehen, gute Frau, daß die Kleine ganz mein Eben⸗ bild iß.“ Herr Champagne tritt an's Bett und ſagt zu ſeinem Herrn:„Das Fräulein ſchläft immer noch.“ „Die Kleine ſchlägt mir in Allem nach: dieſelbe Kaltblütigkeit, dieſelbe Ruhe in Gefahr! das liegt im Blute.. die Familie Franconard iſt der Eigen⸗ ſchaft wegen ſeit drei Jahrhunderten bekanni. Einer unſerer Vorfahren ſchlief bei der Belagerung von Jeruſalem auf einem Sturmbock ein.“ „Am Abend vor der Schlacht, Herr Graf?“ „Nein, am Morgen darauf. Meinem Großvater ſanken zwei Pferde unter dem Leibe zuſammen.“ „In der Schlacht, Herr Graf?“ „Nein, in der Reitbahn. Und mein Vater hatte bei ſeinem Tode mehr als zweihundert Wunden an ſich. Höre, Champagne, zweihundert Wunden! ſo viel werden nur Wenige aufweiſen können.“ „Potz Kuckuk, das will ich wohl glauben, das waren ohne Zweifel Degenſtiche?“ „Nein, Blutegelbiſſe; er war außerordentlich voll⸗ blütig. Was mich betrift, ſo iſt der Beweis meiner Tapferkeit in meinem Geſicht zu ſehen.“ „Es möchten gewiß Viele dem Herrn Grafen gleichen.“ „Allerdings, Champagne; das fehlende Auge hat mir manche Eroberung etworben.“ 23 „Ich glaube, der gnädige Herr haben mir geſagt, daß Sie es im Streite mit einem Engländer einge⸗ büßt haben.“ „Ja, Champagne, potz Henker! dieſe Geſchichte hat gehöriges Aufſehen gemacht. Wir ſtritten uns, wer am ſchnellſten eſſen könne.. ich war Sieger, Champagne, und der Engländer warf mir in ſeiner Entrüſtung ein hart geſottenes Ei an den Kopf, ſo daß mein Auge zehn Schritte weit davonflog.“ „Ach, mein Gott!“ „Denke Dir meine Wuth. wenn man mich nicht gehalten hätte, wäre ich unter den Tiſch gefallen.. aber ich bin zur Genüge gerächt.“ „Sie haben Ihren Gegner getödtet?“ „Ja, Champagne, einen Monat darauf haben wir noch einmal gewettet und mein Engländer ſtarb an einer Magenüberladung.“ Das Geſpräch des Herrn und des Dieners hatte mich und meine Brüder nicht gehindert, unſer Nacht⸗ eſſen zu beendigen. Meine Mutter lief alle Augen⸗ blicke zu dem Bette hin, um die Kleine zu betrachten, dann kehrte ſie wieder zu meinem Vater zurück, der, ſeinen Hut und ſeinen Sack in der Hand haltend, mitten in der Stube ſtand und wartete, bis es dem Reiſenden gefallen möge, in Betreff ſeines Poſtillons, der auf der Straße erſtarren mußte, während ſich der Herr Graf an unſerm warmen Ofen wärmte, Befehl zu ertheilen. „Seine Tochter!“ ſagte meine Mutter jedesmal wieder meinem Vater in's Ohr, wenn ſie die kleine 3 1 3 24 Schläferin betrachtet hatte;„begreifſt Du das, Jör⸗ gel?“ „Ja, Marie, man ſagt: bei vornehmen Leuten ſei ſo Etwas oft der Fall.“ „Mein Herr,“ beginnt endlich mein Vater, ſich dem Fremden nähernd,„Ihr Poſtillon iſt immer noch auf der Straße und.„ „Wohlan! deßhalb iſt er Poſtillon. Der Schurke, der mich beinahe in einen Abgrund geworfen hätte, verdiente, daß ich ihn ſtreng beſtrafen ließe.“ „Er hätte ſich wahrſcheinlich eben ſo geſchadet wie Ihnen.“ „Ah! glaubt Ihr das, mein Lieber? Höre, Cham⸗ pagne, dieſer Savoyarde erlaubt ſich, mein Leben mit dem eines Poſtillons zu vergleichen.“ „Herr Graf, dieſe Leute ſind nicht im Stande, Sie zu würdigen.“ „Du haſt recht: ſie leben und ſterben wie Mur⸗ melthiere, ohne je einen ausgezeichneten Gedanken zu haben. Ich muß übrigens ſo bald als möglich wie⸗ der weiter reiſen; ich kann nicht lange hier bleiben: es iſt ein Geruch hier, der Einen faſt erſtickt. Cham⸗ pagne, geh' mit dieſem Savoyarden zu unſerm Wa⸗ gen hin; man ſoll genau nachſehen, ob Nichts zer⸗ brochen iſt, ihn wieder auf den guten Weg führen, und ſobald es Tag iſt, reiſen wir abz ich will mich nicht mehr bei Nacht auf dieſe ſchneebedeckten Stra⸗ ßen wagen.“ „Vertrauen Sie meiner Vorſicht, Herr Graf.“ Serr Champagne entfernt ſich mit meinem Vater⸗ 25 Der Herr Graf rückt noch näher zum Ofen und ſcheint ſich weder um ſeine Tochter noch um uns mehr zu bekümmern. Nach einer Weile deutete uns ein langer Ton an, daß unſer Gaſt, wie ſein Ahn⸗ vater nach der Einnahme von Jeruſalem, ſchnarchte. „Ihr müßt euch ſchlafen legen, meine Kinder,“ ſagt unſere Mutter zu uns.„Euer Anblick ſcheint dieſem Herrn, der ohne Zweifel keine Freude an den Kindern hat, nicht angenehmz ſeit er da iſt, hat er noch nicht ein einziges Mal nach ſeiner Tochter ge⸗ ſehen. Ein ſolches Kleinod zu beſitzen und es nicht anzubeten... ach! das begreife ich nicht. Die vor⸗ nehmen Leute müſſen den Kopf recht voll haben, daß ſie ihre Kinder ſo vergeſſen können.“ „Ach, Mutter, laß uns das kleine Mädchen noch einmal ſehen,“ ſagte ich, an's Bett gehend. Peter that ein Gleiches, und unſere Mutter nahm den klei⸗ nen Jakob auf den Arm, damit er ſie auch recht be⸗ trachten könne. „Welche ſchöne Haube! welche ſchöne Kleider!“ ruft Peter aus. „Wie ſanft ſie ſchläft,“ ſagte ich.„Ach! wenn ſie nur die Augen aufſchlüge; ich möchte ſie ſo gern ſprechen hören, Mutter.“ „Hat ſie denn ſchon zu Nacht gegeſſen?“fragi Jakob. „Wahrſcheinlich, mein Kind; die reichen Leute haben alles Mögliche in ihren Gefährten.“ „Bleibt ſie bei uns?“ fragt Peter. „Nein, meine Lieben, ſie reist morgen mit Tages⸗ anbruch mit ihrem Vater wieder ab. Was würde Paul de Kock. LXXRII. 3 dieſes an Wohlſtand und die Bequemlichkeiten des Lebens gewöhnte Kind in unſerer Hütte machen? Und doch würde man es recht lieb haben, vielleicht ger⸗ ner als dieſer Herr, der ſcch für ſeinen Vater ausgibt.“ In dieſem Angenblick machte das kleine Mädchen eine leichte Bewegung, weil Jakob mit ſeiner Hand den Pelz berührt hatte, mit dem ihr Häubchen gar⸗ nirt warz ſie kehrte ſich um, ihr Pelzmäntelchen ging auseinander und wir ſahen ein Medaillon an einer goldenen Kette an ihrem Halſe hängen. „O, was für ein ſchönes Spielzeug!“ ruft Jakob aus, und wir beugen Alle den Kopf vor, um das Geſchmeide näher zu betrachten. „Das iſt das Bildniß eines Frauenzimmers!“ ſagt meine Mutter.„Welch' hübſche Züge! welch' ſchöne Augen!.. das muß die Mutter dieſes kleinen Mädchens ſein; ja, ich wette darauf, ſie ſicht ibr ſchon ähnlich. Wie konnte aber der Mann, der nur ein Auge hat, der eines ſo ſchönen Frauen⸗ zimmers werden?... Jörgel hat recht: in der gro⸗ ßen Welt ſieht man erſaunliche Dinge, die den rei⸗ chen Leuten ganz einfach vorkommen. Vorwärts, meine Kinder, ihr müßt in's Bett; ihr könntet die Kleine aufwecken, dann würde euch dieſer Herr zan⸗ ken, denn er benimmt ſich nicht, wie wenn mein Mann ihm und ſeiner Lochter das Leben gerettet hätte; er hat ſich nicht einmal bei eurem Vater bedankt. Ach, wenn Jörgel das für einen armen Savoparden gethan hätte. doch, wollte man nur gegen dankbare Leute gefällig ſein, ſo würde nicht viel Gutes geſchehen.“ 27 Wir entfernten uns nur ungern von dem Beite, worauf das kleine Mädchen ruhte, das ich nicht müde wurde zu betrachten; aber wir mußten unſerer Mut⸗ ter gehorchen und lenkten unſere Schritte nach un⸗ ſerm kleinen Winkelchen. Indem Jakob unſerer La⸗ gerſtätte zueilte, ſtolperte er ungeſchickte Weiſe über die Beine des ſchlafenden Herrn. Dieſer fährt plotzlich auf ſeinem Stuhle in die Höhe und ſchreit wie beſeſſen: „Hierher, Champagne, hierher! man überfällt Deinen Herrn!“ Das Geſicht des Reiſenden ſah in dieſem Augen⸗ blick ſo komiſch aus, daß ich und meine Brüder hell⸗ auf zu lachen anſingen. „Es hat Richts zu bedeuten, mein Herr, es iſt in m.„mein Jaköbchen Füße geſtolpert, das iſt bloß bein „2 es hat zu bedenten?“ ſagt der Fremde, indem er ſich die Augen reibt und vollends erwacht;„ich finde Euch luſtig mit Eurem„das iſt Alles!. WMich ſo aufzuwecken, wenn ich ſchlafe! Peitſchet die ungezogenen Jungen in's Bett, damit ich ſie nicht mehr höre.„Es hat Nichts zu bedeuten!e Ich träumte, ich ſei auf der Jagd, und ich wollte eben den Hirſch verfolgen, als mich der kleine Schelm von der Fährte abbrachte.“ Meine Mutter treibt uns eilig in unſer Kämmer⸗ lein; ſie zieht den Vorhang hinter uns zu und be⸗ fiehlt uns ßill zu ſein. Meine Brüder zichen ſich aus und ſchlafen bald ein. Was mich betrifft, ſo habe ich keine Luſt zu ſchlafen; ich weiß nicht, welche Neugierde mich bewegt, aber ich denke an das hübſche kleine Mädchen; ich möchte es noch einmal, beſonders erwacht, ſehen. Ich behalte alſo meine Kleider an; der Vorhang, der unſere Schlafſtätte verbirgt, ſchließt nicht ſo genau, daß man nicht hätte ſehen können, was in der Stube vorgeht; ich lege mich auf's Bett, beuge den Kopf gegen den Vorhang vor und richte meine ganze Aufmerkſamkeit auf das, was draußen geſchieht. Kaum hatten wir uns niedergelegt, als mein Vater mit dem Diener des Reiſenden zurückkehrt. „Nun, Champagne, wie ſteht's mit meinem Wa⸗ gen?“ fragt der Graf, ohne einen Blick auf mei⸗ nen Vater zu werfen. „O, es iſt nur wenig daran machen zu laſſen... es hat ſich bloß eine Schraubenmutter abgelöst; der Poſtillon ſagt, das ſchade Richts.“ „Ich ſteige ſicher in keinen Wagen, an dem cine Schraubenmutter fehlt, damit das Rad herausgeht und wir umwerfen. Dem Poſtillon iſt das gleich⸗ gültig, er ſitzt zu Pferde. Das Zerbrochene muß augenblicklich hergeſtellt werden!... Gibt es keinen Wagner in dieſer heilloſen Gegend?“ „Mein Herr,“ antwortet mein Vater,„es iſt wohl ein Hufſchmied da, der auch Wagenarbeit be⸗ ſorgt, aber er wohnt auf der entgegengeſetzten Seite des Dorfes.“. „Er mag beim Teufel wohnen, wenn Ihr wollt, aber ich muß ihn haben.“ „ „Es iſt ſo weit und die Wege ſind ſo ſchlimm heute Nacht.“ „Ihr müßt an das Laufen im Schnee ſo gewöhnt ſein wie ich an das Tragen eines Degens. Mit einem ftarken Stock wie der, den Ihr in der Hand habt, könnt Ihr Euch überall ſtützen. Fürchtet Ihr S iellei ct2 „Nein, mein Herr, nein, das habe ich bewieſen, * Fi Gefahr meines Lebens Ihren zwei Pfer⸗ den, Sie in einen Abgrund hinunter geriſſen i n die Zügel fiel.“ „Das iſt richtig, und ich werde Euch gewiß auch belohnen, mein Lieber, aber ich muß durchaus einen Wagner haben.“ Mein Vater ſchickt ſich zum Fortgehen an, meine Wtet eilt ihm nach und wirft ſich in ſeine Arme. ein lieber Jörgel,“ ſagt ſie zu ihm,„geh' nicht während der Nachtz Du biſt ohnehin ſchon krank und der Weg iſt gefährlich; morgen mit Tagesanbruch iſt es auch noch Zeit, Leute zu holen.“ „Morgen?“ verſotzt bi üde„Ihr wißt nicht, was Ihr redet, gute Fra Morgen? Dann müßte ich noch einen Theil des T Tages hier zubringen. Nein⸗ ich muß mit Tagesanbruch weiter reiſen. Haltet Euern Mann nicht zurück, fürchtet Nichts: ich ſtehe für ihn. Potz Tauſend! Ich bin ſchon Stunden lang auf drei Fuß hohen Seen Schlittſchuh gelaufen.“ „Laß mich, meine liebe Marie,“ ſagt mein Vater, ſich aus den Armen ſeiner Frau losmachend;„unſerer Kinder und Deinetwegen gehe ich, um Etwas zu ver⸗ dienen. Die Vorſehung wird mich auf meinem Weg leiten: ſie muß über einen Familienvater wachen.“ Mit dieſen Worten verläßt mein Vater unſere Wohnung und meine Mutter, deren Augen voll Thränen ßtehen, ſetzt ſich an's Bett und legt ihren Kopf darauf. Der alte Herr hat nur Eines geſehen: nämlich, daß mein Vater fort iſt, um ſeinen Befehl auszu⸗ führen. In dieſer Hinſicht beruhigt, nähert er ſich wieder dem Ofen und wirſt einige Scheiter die daneben liegen. Der Bediente iſt zu dem Tiſch hingegangen, auf dem wir zu Nacht gegeſſen hatten, und ich ſehe ihn das Geſicht verziehen, als er die Suppe verſucht, die für meinen Vater übrig gelaſſen worden war. „Eine traurige Küche,“ ſagt er, die Blicke rings um ſich herwerfend.„Haben der Herr Graf keinen Hunger?“ „Nein, Champagne; glaubſt Du außerdem, vaß ich Etwas von den Speiſen dieſer Bauern eſſen würde?“ „Sie ſcheinen mir allerdings nicht ſehr gut zube⸗ reitet.“ „Dieſe Leute leben wie das liebe Vieh: ſie haben keinen Gaumen.“ „Ach, wenn ich an des Perrn Grafen Koch denke: das iſt ein verdienſtvoller Mann „Ja, Champagne, das iſt ein talenkvoller Junge. Ich will Etwas aus ihm machen und er ſoll einen Ruf erlangen.“ hinein, 31 „Ich ſehe, daß man hier nicht an das Nachteſſen denken darf. Glücklicher Weiſe haben wir gut zu Mittag geſpeist und werden wir morgen einen ordent⸗ lichen Gaſthof finden.“ „Haſt Du die Flaſche mit dem Alicantewein im Sack?“ „Ja, Herr Graf.“ „Gib ſie mir, damit ich einen Schluck daraus trinfen kann, das wird mir gut thun, denn das Nacht⸗ eſſen des Savoparden verbreitet einen peſtartigen Geruch.“ Der Diener langt eine ziemlich große, mit Stroh umflochtene Flaſche aus ſeiner Taſche, auf die er einen gierigen Blick wirft, und reicht ſie ſeinem Herrn hin. Dieſer trinkt daraus, verſtöpſelt ſie wie⸗ der ſorgfältig und gibt ſie ſeinem Bedienten zurück, welcher ſeufzt, während er ſie wieder in den Sack ſteckt. „Setze Dich, Champagne, ich erlaube es Dir; der Bauer wird wohl lang wegbleiben, da er über⸗ dieß den Wagner zum Gefaͤhrt hinführen muß. Wärme Dich und ſchüre das Feuer nach, denn es iſt ſchändlich kalt: der Wind bläst überall herein. Wie man auch in einem ſo baufälligen Hauſe wohnen kann?“ Herr Champagne läßt ſich dieſes nicht wieder⸗ holen: er nimmt einen Stuhl und nähert ſich dem Ofen, indem er ſich gegenüber von ſeinem Herrn niederläßt. Er ſcheint mit Entzücken das Vergnügen, ſich zu wärmen und auszuruhen, zu genießen. Meine cn 32 Mutter ſitzt immer noch am Bett und ich vermuthe, daß ſie eingeſchlafen iſt. Meine Brüder ſchlummern ſchon lange friedlich. Ich bleibe alſo allein mit dem Herrn Grafen und ſeinem Diener wach und es macht mir Spaß, ihrer Unterredung zuzuhören, während ich ſie bequem durch ein Loch unſeres Vorhangs be⸗ trachte. „Weißt Du, Champagne, daß ich einen vorzüg⸗ lichen Einfall gehabt habe und entzückt bin, einen ſo entſcheidenden Entſchluß ausgeführt zu haben?“ „Gewiß, Hert Graf; von welchem Entſchluß wollen Sie ſprechen?“ „Ei, potz Kuckuk, von dem Einfall, meine Toch⸗ ter zu entführen und ſie mit nach Paris zu nehmen. Wie wird die Frau Gräfin ſtaunen, wenn ſie morgen frühe bei ihrem Erwachen ihre theure Adolphine nicht mehr findet.“ „Das Erſtaunen wird für die gnädige Frau nicht angenehm ſein: ſie betet ihre Tochter an.“* „Ja, Champagne, aber ich will ſie zwingen, mich auch anzubeten, denn ich bin endlich voch ihr Mann.“ „Kein Zweifel hierüber, Herr Graf.“ „Es hat freilich nicht wenig Mühe gekoſtet, es zu werden: Fräulein von Blemont wollte ſich gar nicht verheirathen. O, ſie hat den wunderlichſten Charak⸗ ter, aber Geiſt, Geiſt bis in die. Fingerſpitzen.“ „Sie wollte Sie nicht, Herr Graf?“„ „Das habe ich nicht geſagt; ſie wollte überhaupt nicht heirathen. Es war rein die Caprice eines jungen Mädchens, romanhafte, melancholiſche Ideen.“ 33 „Iſt die Frau Gräfin von trauriger Gemüthsbe⸗ ſchaffenheit?“ „Im Gegentheil: ſie iſt ſehr heiter, ſehr lebhaft, faſt übertrieben vergnügt. Seit unſerer Verheirathung iſt ſie übrigens etwas ernſter geworden.“ „Da ich erſt ſeit einem Jahre die Ehre habe, der Kammerdiener des Herrn Grafen zu ſein, kenne ich die gnädige Frau kaum, denn im Laufe dieſer Zeit hat ſie, glaube ich, keine zehn Tage mit dem gnädi⸗ gen Herrn zugebracht.“ „Nein, Champagne, nicht ſo viel, und in den fünf Jahren, die wir mit einander verheirathet ſind, waren wir höchſtens zwei Monate beiſammen.“ „Sie müſſen einen vortrefflichen Eheſtand führen.“ „O, ſicherlich, und wenn ich der Frau Gräfin die Freiheit laſſe, unaufhörlich zu reiſen, wenn ich zugebe, das ſie auf dem Lande iſt, während ich in Paris bin, oder nach Paris zurückkehrt, wenn ich mich auf das Land vegebe, ſo kann es noch lange auf dieſe Weiſe dauern. Aber Du wirſt begreifen, Champagne, daß es Augenblicke gibt, wo es mir großes Vergnügen macht, meine Frau in ihrem Zimmer zu finden.“ „Verſteht ſich, Herr Graf.“ „Ich weiß wohl, daß unſere Lebensweiſe außer⸗ ordentlich vornehm iſt. Es gibt nichts Nobleres als Eheleute, die ſich des Jahres nur fünf⸗ oder ſechs⸗ mal ſehen; aber man muß ſich doch zuweilen treffen, und um mit meiner Frau zuſammenzukommen, muß ich ihr immer nachreiſen. Wenn ich ſie dann noch kriegte. aber im Gegentheil.“ 34 „Wie? kriegt die gnädige Frau den Hertn Gra⸗ fen d'ran?“ „Nein, Champagne, aber ſie iſt wie das Queck⸗ ſilber: ſie kann nicht auf einer Stelle bleiben. Zum Beiſpiel: ſie iſt auf meinem Landgut in Burgund; ich mache mich auf den Weg, komme an, glaube ſie zu finden und angenehm zu überraſchen kein Ge⸗ danke: Madame iſt vor zwei Stunden auf das Schloß einer ihrer Freundinnen abgereist. Ich eile dorthin: ſie hat es kaum wieder verlaſſen, um nach Paris zu gehen. Ich begebe mich in die Hauptftadt zurück: ſie iſt Abends vorher in's Bad gereist. So geht es an Einem fort; ſo oft ich ſie ſuche, verfehle ich ſie.“ „Das muß Sie ſehr ermüden, Herr Graf.“ „Sie hatte mir es bei unſerer Verheirathung zum Voraus geſagt. O, ſie hat eine ſeltene Frei⸗ müthigkeit an den Tag gelegt und hat nir keinen ihrer Fehler verborgen. Sie hat mir geſagt: ſie ſei eitel, eigenſinnig, herſchfüchtig, rapriziös. Du wirft einſehen, daß mich dieſe Freimüthigkeit eutzückte.“ „Potz Kuckuk, das will ich glauben, gnädiger Herr; eine ſo offenherzige Frau iſt ein Schatz.“ „Und wie ich Dir ſagte: ſie wollte nicht hei⸗ rathen.“ „Aber als ſie den Herrn Grafen ſaß, hat ſie ihren Eniſchluß geändert?“⸗ „Im Gegentbeil: ſie ſträubte ſich beharrlich. O, ſie iſt eine Frau von Charakter; ſie hat mir ſogar gedroht, mir„ „Ihnen?“ „Mir.. Du weißt, wie es die Bürgersleute heißen.“ „Ah, ich verſtehe, und das hat Ihnen keine Angſt gemacht, Herr Graf?“ „Pfui, Champagnez kann ein ſo ausgezeichnetes Frauenzimmer einen Fehltritt begehen? Waren mir die Tugenden der Fräulein Caroline von Blemont und die Grundſätze, worin ſie erzogen worden, nicht bekannt? Ihr Vater, der mein Freund und ein Mann von meiner Art war, denn es beſtand viel Aehnlich⸗ keit zwiſchen uns... „Hatte er auch nur ein Auge, wie der Herr Fraf?“ „Ich ſpreche von dem Moraliſchen und den Ge⸗ fühlen. Ihr Vater, Champagne, ſagte zu mir:„Hei⸗ rathen Sie meine Tochter, es iſt mir recht und ſie wird es am Ende auch zufrieden ſein. Sie liebt Sie zwar nicht, aber wenn Sie es geſchickt anzugreifen wiſſen, ſo werden Sie, ebe fünſzehn Jahre vergehen, von ihr angebetet.““ „Das iſt ein Vater, der ſprach wie Matbias Laensberg.“ „Er hat ſich nicht geirrt, Champagne. O, ich be⸗ merke es, oft es mir meine Frau zu er⸗ wiſchen. Die Frau Gräfin hat allmälig ſehr viel Neigung für mich, und wenn ſie nicht dieſe verfluchte Manie kätte, in der Welt herumzt ſen. doch das wird ſich mit der Zeit geben.“ Der Herr Graf tritt gähnend dicht zum Oſen hin und da ſich Herr hinter ſeinem Gebieter befand, ſo zog er raſch die Flaſche aus ſei⸗ ner Taſche, that einen langen Zug daraus und ſteckte ſie unvermerkt wieder an ihren Platz. „Erinnerſt Du Dich, Champagne, als wir vor etwa drei Monaten in der Landſchaft Berry auf dem Gute der Frau von Roſange waren, wo mir das ſeltene Glück zu Theil ward, meine Frau zu troffen?“ „Ja, gnädiger Herr, ſo wie einen jungen Künſt⸗ ler mit Namen Dermilly, glaub' ich?“ „Dermilly, richtig, das iſt ein Maler.“ „Ich glaube ihn auch in der Umgegend des Schloſſes geſehen zu haben, von dem wir eben herkommen.“ „Du haſt Dich nicht getäuſcht. Denke Dir, Cham⸗ pagne, daß dieſer Teufels⸗Dermilly, der ſicherlich meine Frau nicht ſucht, immer mit ihr zuſammentrifft, während ich, der ich ihr unaufhörlich nachjage, Mühe habe, ſie zu finden.“ „Das iſt in der That ſehr ſonderbar.“ „Es läßt ſich übrigens begreifen: Dermilly reist als Maler gern, um ſchöne Gegenden zu ſehen, die Natur zn bewundern. was weiß ich; dieſe Künſtler ſind enthuſiaſtiſch, romanhaft. Meine Frau ihrerſeits geräth bei dem Anblick eines Waſſerfalls, eines Ber⸗ ges, eines Grabens, in Eptaſe. Auf dieſe Weiſe konn⸗ ten ſie nicht verfehlen, ſich zu begegnen.“ „Allerdings; Herr Dermilly bewundert mit der Frau Gräfin die Natur.“ „So iſt es, Champagne; o, ſie paſſen in dieſer Art herrlich zuſammen.“ „Dieſer Herr Dermilly iſt ſehr hübſch.“ 37 „Ja, für einen Maler iſt er nicht übel; er hat freilich keine ſo edlen wie ich.“ „O, er hat nicht die mindeſte Aehnlichkeit mit dem Herrn Grafen. Er i jung?“ „Ja, er iſt ungefähr achtundzwanzig bis dreißig Jahre alt.“ „Er hat alſo die Ehre, die Frau Gräfin zu kennen?“ „Potz Kuckuk, das glauke ich wohl; er kennt. ſogar länger, als ich ſie kenne: Dermilly war ihr Zeich nenlehrer.“ ich verſtehe.“ „Meine Frau hatte viel Luſt zur Malerei, Der⸗ milih unterrichtete ſie in Allem, was ſie nur wollte, beſonders aber in der Hiſtorienmalerei.“ „Ah, er iſt auch ein Hiſtorienmaler?“ „Er malt in jedem Genre: Portraits, Landſchaf⸗ ten, hiſtoriſche Gegenſtände... was weiß ich. Er trifft ausgezeichnet und hat auch das B Bildniß der Frau Gräfin gemalt; meine Tochter trägt es an ihrem Halſe. Er hat ſogar mich nach einem Gypsabguß gemacht, und bat mich recht gut getroffen; das mit dem ſchwarzen Taffet bedeckte Auge iſt beſonders i zuiet Meine Frau hat mich gleich an die Wand hängen laſſen.“ „In ihrem BVoudoir?“ „Nein, in der Geräthekammer, neben meine Vor⸗ fahren.“ „So viel mir ſcheint, hat dieſer Herr Dermilly Talent.“ ei —— 38 „Viel Talent, Champagne, merkwürdiges Talent. Ich erzeige ihm bisweilen die Ehre, ihn zu Tiſch zu laden, wenn ich ſonſt Niemand erwarte, denn Du begreifſt wohl, daß ich meinen Rang. aber er ſchlägt es immer aus; man kann ihn nur auf dem Lande beſitzen. Er hat auch das Bildniß meiner Tochter gemalt. Er iſt außerordentlich gefällig: ich glaube, der Junge würde mein Pferd malen, wenn ich ihn darum erſuchte, denn er ſagte zu mir, als ich ihm ſaß, daß er auch Thiere mache, wenn es verlangt werde. Ich muß Dein Bild bei ihm beſtellen, Cham⸗ pagne.“ „Ach, der Herr Graf ſind gar zu gütig.“ „Nein, ich hänge es dann in meinen Speiſeſaal gegenüber von dem armen Pudel auf, der ſo gut apportirte.“ Champagne gibt keine Antwort, aber ich ſehe, daß er ſich rückwärts kehrt und die Flaſche an den Mund nimmt, während ſich der Herr Graf die Schen⸗ kel ſtreicht. „Wenn ich aber an das Erſtaunen denke, welches ich der Frau Gräfin verurſachen werte.. übrigens iſt es ihre Schuld: ich wollte ſie mit nach Paris nehmen, wo ich wegen einiger wichtigen Ferſonen, die mir von Nutzen ſein fönnen, einen Ball, ein Feſt gebe; ich habe einen feinen Takt, Champagne, und ſehe in die Zukunft. Niemand ahnt ſo leicht wie ich eine Abſetzung, eine Veränderung, eine Be⸗ förderung, eine Erhebung.“ „Es iſt keine Kunſt, zu merken, daß der Herr — 39 Graf nicht zu den Leuten gehört, denen man Etwas wriß machen kann,“entgegnet Champagne, die Flaſche wicder in den Sack ſteckend, aus der er abermals einen Schluck genommen hatte. „Deßhalb iſt die Gegenwart der Frau Gräfin un⸗ umgänglich nothwendig in Paris. Sie iſt nach Sa⸗ voyen gegangen, um einige Zeit auf dem Gute einer Freundin zuzubringen, die ſie ſehr gerne haben ſoll, von welcher ich aber noch nie ein Wort gehört hatte. MWitten im Winter nach Savohen zu gehen! Daran erkenne ich den tollen Kopf der Frau von Franco⸗ nard. Einerlei, ich laſſe mich in Nichts ſtören. Ich beſtelle meinen Wagen, wir reiſen ab, beeilen uns unterwegs nicht ſo ſehr, weil ich meine armen Thiere nicht zu ſtark anſtrengen will, und kommen bei Frau von Melval an, wo man uns ſiher nicht erwartete, denn haſt Du das Erſtaunen meiner Fräu geſehen?“ „Ja, gnädiger Herr: o, ſie hat das Geſicht ſchänd⸗ lich verzogen.“ „Wie! das Geſicht verzogen?“ „Ich will ſagen, daß das Erſtaunen, welches Ihr Anblick in ihr bewirkte, einen ſolchen Einfluß auf ihre Nerven ausübte, daß ihre Phyſiognomie.. denn die Frau Gräfin hat viel Phyſiognomie.. „Außerordentlich, Champagne. Ach, wenn Du zu⸗ gegen geweſen wäreſt, als ich ihr ankündigte, ich ſei gekommen, um ſie mit nach Paris zu nehmen, o, dann hätteſt Du gelacht über den Zorn, welchen ſie heuchelte: ſie bebte vor Wuth und ſtampfte mit den züßen; ſie iß wirklich wunderpübſch.“ 8 — „O, der Herr Graf beſitzen eine reizende Frau in ihr.“ „Ja, Champagne, das ſagen alle meine Freunde zu mir. Endlich hat ſich meine Frau beruhigt und in außerordentlich ſanftem Tone erwiedert:„Sie können nach Paris zurücktehren, wenn Sie Luſt haben, aber ich gehe nicht mit.““ „Ah, das hat die gnädige Frau geſagt?“ „Ja, Champagne, aber mit unvergleichlicher An⸗ muth, man konnte unmöglich böſe werden. Da die⸗ ſes übrigens meinen Zwecken nicht diente, ſo war ich ziemlich mißvergnügt, umſonſt nach Savohen gekommen zu ſein, als ich in der Umgegend des Schloſſes Der⸗ milly, dem jungen Künßtler, von dem wir eben ge⸗ ſprochen haben, begegnete; er ging mit meiner Doch⸗ ter ſpazieren, für welche er die zärtlichſte Anhänglich⸗ keit zu empfinden ſcheint. Ich wollte mich einen Au⸗ genblick mit ihm unterhalten, aber er verließ mich ſchnell mit den Worten: Ich muß Fräulein Adolphine zu ihrer Mutter zurückführen, denn die Frau Gräfin liebt ihre Tochter ſo innig, daß ſie keine Stunde ohne dieſelbe zubringen kann; ſie würde mich zanken, wenn ich ſo lange wegbliebe.“ Potz Kuckuk, denke ich, wenn die Frau Gräfin keine Stunde ohne ihre Tochter ſein kann, ſo wird es wohl das beſte Mittel ſein, wenn 5 die Kleine nach Paris nehme, dann wird ihr die utter folgen. Hm, Champagne, was hältſt Du 3 dieſem Einfall?“ „Er iſt göttlich, Herr Graf.“ „Solche kommen mir des Tages drei bis vier. ⸗ 41 Ich ließ mir zwei Tage lang nicht das mindeſte anmerken: ich mußte einen günſtigen Augenblick ab⸗ warten und das war keine Kleinigkeit. Man hatte mich zwar in einen prächtigen Pavillon einlogirt, der aber eine Stunde von dem Zimmer meiner Frau entfernt war. Erſt heute Nacht gelang es mir, in⸗ dem ich mich in einem Cabinet verbarg, mich in das Zimmer dieſer Dame einzuſchleichen. Die Kleine ſchlief, ich bedeckte ſie eilig mit dieſem Pelz und die⸗ ſer Haube; Dir hatte ich befohlen, Dich bereit zu halten und wir reisten ab, während man mich tief eingeſchlafen glaubte. Der Streich iſt köſtlich. Wir haben Nebenwege eingeſchlagen, weil ich mich nicht von der Frau Gräfin, die mir beſtimmt nachſetzen wird, einholen laſſen will, ehe wir in Paris ſind. Das einzige Uebel iß, daß wir in dieſem verfluchten Schnee ſtecken geblieben ſind und mit der Weiterreiſe warten müſſen, bis der Wagen fertig iſt.“ „Der iſt mit Tagesanbruch wieder hergeſtellt und die Frau Gräfin holt uns nicht ein, weil ſie glauben wird, wir haben den geraden Weg eingeſchlagen.“ „Nun, es wird, Dank meinem vortrefflichen Ein⸗ fall, Alles gut gehen.“ „Welches Glück, Herr Graf, daß Sie ein Kind haben.“ „Das iſt richtig, Champagne, denn jetzt vin ich gewiß, meine Frau hinzubringen, wo ich nur will!.1. Schüre doch das Feuer nach, Champagnez was machſt Du denn hinter meinem Rücken?“ Paul de Kock. LRRRIII. 4 42 „Nichts, Herr Graf, ich ſuche nur Reiſer.“ „Da liegen ja vor Dir.“ Durch das häufige Verkoſten aus der Flaſche fin⸗ gen Herrn Champagne's Beine zu ſchwanken an und ſeine Zunge wurde ſchwer. Der Herr Graf ſeinerſeits gähnte einmal über das andere und ſeine Augenli⸗ der fielen öfters zu. „Champagne, weißt Du, daß meine Tochter ſehr ſchön iſt?“ „Prächtig, Herr Graf.“ „Sie ſcheint auch eine hübſche Geſtalt zu be⸗ kommen.“ „Es wird ein Staatsfrauenzimmer, wenn ſie Ihnen gleicht.“ „Wie, wenn ſie mir gleicht? Dummkopf! Sie iſt mir ja von der Seite auffallend ähnlich.“ „Ich will ſagen, ſie iſt beinahe ſchon ſo groß wie Sie.“ „O, ſo groß wie ich! Du gehſt zu weit: ich bin ein Mann wie ein Fels, ich bin dauerhaft.“ „Fertig, es iſt Nichts mehr darin,“ murmelt Champagne, der den Reſt des Alicanteweines in der Flaſche ausgetrunken hatte. „Was ſagſt Du, Champagne?“ „Ich, Herr Graf, ich habe Etwas geſagt?“ „Ich glaube, der Schurke ſchläft ein, während ich mit ihm ſpreche?“ „Ich, gnädiger Herr? Ich bin ſo munter wie eine Maus.“ „Meine Tochter hat wunderſchöne Angen.. 43 „Wie Perlen.“ „Und Zähne... „Pechſchwarz.“ „Eine Naſe 4 „Sehr hübſch.“ „Mit einem kleinen Grübchen in der Mitte.“ „Römiſch geformt, nicht wahr, Herr Graf?“ „Ach, Champagne, wie ſchade, daß meine Toch⸗ ter kein Knabe iſt.“ „Ja, das iſt richtig, wie ſchade, daß die Flaſche ſo klein iſt.“ „Sie würde, wie Du ſagſt, ſich hübſch als Knabe ausnehmen. Das wäre endlich ein Franconard, und ich muß einen haben, damit mein Name nicht aus⸗ ſtirbt.“ „Ja, gnädiger Herr, Sie müſſen.„ „Ich will mich auch ernſthaft damit beſchäftigen, Champagne, und ich werde einen Sohn bekommen, es ſei denn, daß meine Frau wie gewöhnlich.... „Ja, gnädiger Herr.. ſorgen Sie aber für viel und alten, wie der, den ich eben getrunken habe.“ Der Herr Graf ſchloß die Augen, Herr Cham⸗ pagne ſtotterte und ſchlief neben ſeinem Gebieter ein. Des Horchens und Beobachtens müde, ſtreckte ich mich neben meinen Brüdern aus und machte es bald den Reiſenden nach. Drittes Kapitel. Sie erwacht.— Abreiſe der Fremden. Ich weiß nicht, wie viel Uhr es war, als mich ein Klopfen an unſerer Hausthüre plötzlich erweckte; zu⸗ gleich hörte ich den alten Herrn ausrufen: „Hierher, Champagne! Wer iſt der Unverſchämte, der es wagt, mich zu ſtören? Ich habe vierzigtauſend Franken Renten und den erſten Koch in Paris.“ Champagne ſeinerſeits murmelt halbſchlafend, in⸗ dem er ſich die Augen ausreibt: „Was will man von mir? Wer ruft mich? Der alte Narr, der ſeiner Frau nachläuft, die ihn zum Beſten hat?.. Ich habe Alles ausgetrunken, wie ſchade.“ Zum Glück für Champagne hört ſein ſchlaftrun⸗ kener Herr dieſe Worte nicht. Meine Mutter beeilte ſich aufzumachen: es war mein Vater, der dem Rei⸗ ſenden ankündigte, daß ſein Wagen hergeſtellt ſei. Die Lampe, die noch brennt, verbreitet ein mattes Licht in unſerer Hütte; kaum iſt mein Vater einge⸗ treten, ſo höre ich meine Mutter einen lauten Schrei ausſtoßen. Der alte Herr macht einen Satz auf ſeinem Stuhle; Champagne ſtürzt vorwärts, um ſchneller aufzuſtehen, aber bei dieſer Bewegung rutſcht ſein Stuhl zurück: er verliert, da er den Dunſt des Ali⸗ canteweines noch nicht ganz ausgeſchlafen hat, das 45 Gleichgewicht und fällt auf den Schooß ſeines Ge⸗ bieters, der ein fürchterliches Geſchrei ausſtößt, weil er glaubt, es ſei eine Räuberbande in die Hütte ein⸗ gedrungen. Ein ziemlich tiefer Ritz über dem linken Auge meines Vaters, aus welchem dicke Blutstropfen her⸗ abfloßen, hatte meine Mutter zu dem Schreckensruf veranlaßt und dieſe Befürzung in unſerer Wohnung verbreitet. „O, mein Gott! Du viſt verwundet, armer Jör⸗ gel!“ klagt ſie.„Ach, ich hatte doch eine Ahnung, daß Dir irgend ein Unglück begegnen werde. Aber Du wollteſt nicht auf mich hören.“ „Es iſt Nichts, es hat Nichts zu ſagen, gute Marie,“ entgegnet mein Vater, ſeine Wunde mit dem Nastuch bedeckend.„Als ich den Hügel hinauf⸗ kletterte, um ſchneller die entgegengeſetzte Seite des Dorfes zu erreichen, glitſchte mein Fuß auf dem Schnee aus: ich fiel nieder und ein Stein ritzte mich leicht am Kopfe.“ „Aber es fließt ja Blut heraus, es muß Dir wehe thun?“ „Nein, ſage ich Dir, es hat Nichts zu bedeuten. Kümmern wir uns jetzt nicht um das.“ Bei dem Schrei meiner Mutter war ich auch von unſerem Lager aufgeſtanden. Ich nähere mich unſe⸗ rem Vater: der Anblick des aus ſeiner Wunde träu⸗ felnden Blutes ergreift mich und ich fange an zu wei⸗ nen. In meinem Alter iſt das verzeihlich; außerdem beſaß ich nie jenen Muth, der darin beſteht, die Lei⸗ 46 den Anderer ohne Rührung mitanzuſehen. In der Welt heißt man das Feſtigkeit, in unſern Bergen wäre es Egoismus geweſen. Während mich mein Vater tröſtet und meiner Mutter Faſſung einredet, erwacht der Herr Graf vollends und ſieht endlich, daß er Herrn Champagne auf dem Schooße hat. Dieſer war auf ſeinem Ge⸗ bieter wieder eingeſchlafen, welcher, weil er ſich überfallen glaubte, mehrere Minuten regungslos ſitzen geblieben war. „Wie, Schurke, Du ſitzeſt auf meinem Schooße?“ ruft der Graf, ſich von ſeinem Diener befreiend, aus. „Was, gnädiger Herr, ich ſaß auf Ihnen? Was Einem doch im Schlafe begegnen kann! Der Alp muß mich gequält haben. Man macht auch einen Lärm in dieſem Neſt, man kann nicht ruhig ſchlafen, man ſchreit, man weint, man verſteht ſein eigenes Wort nicht.“ „Entſchuldigen Sie, daß ich Sie aufgeweckt habe,“ ſagt mein Vater,„aber ich glaubte, es würde Ihnen ein großes Vergnügen machen, zu erfahren, daß Ihr Gefährt hergerichtet ſei.“ „Ah, ah, Ihr ſeid es, guter Mannf Der Teufel, ſchon zurück?“ „Es ſind ſchon mehr als fünf Stunden, daß ich fort bin. Ich habe Zeit gebraucht, um zu dem Wag⸗ ner zu gehen, ihn aufzuwecken und zu beſtimmen, bei dem abſcheulichen Wetter mitzukommen. Dann habe ich ihn zu Ihrem Gefährt geführt: es war aber 47 faſt Nichts zu machen; indeſſen iſt er noch draußen: er wartet ohne Zweifel auf Bezahlung.“ „Fünf Stunden? Wie doch die Zeit vergeht, wenn man plaudert.. nicht wahr, Champagne? Denn ich habe keine Minute geſchlafen.“ „Ich auch nicht, gnädiger Herr, ich hatte die Au⸗ gen ſo offen wie Sie.“ „Wie viel Uhr iſt es?“ „Es wird bald tagen: beinahe ſechs Uhr.“ „Champagne, geh' und bezahle den Handwerks⸗ mann; er muß Dir aber dafür ſtehen, daß ich ohne Gefahr weiter fahren kann.“ „Ja, gnädiger Herr.“ „Ach, gib mir vorher die Alicante⸗Flaſche, ich bin ganz ſtarr vor Kälte und muß mich ein wenig er⸗ wärmen.“ Nachdem Herr Champagne einen Augenblick ge⸗ zögert hat, ſtürt er envlich in der Taſche und zieht die Flaſche heraus, die er ſeinem Gebieter reſpektvoll überreicht. Dieſer pfropft ſie auf, nimmt ſie an den Mund, ruft aber vald aus: „Was ſoll das heißen, Champagne?“ „Was, Herr Graf?“ „Die Flaſche iſt leer!“ „Glauben Sie, gnädiger Herr?“ „Wie, glauben Sie? Ich weiß es, beim Kuckuk, gewiß.“ „Sonderbar! Es war nur ein Viertheil da⸗ von getrunken, als Sie mir ſie heute Abend zurück⸗ gaben.“ 53 48 „Ich weiß es wohl, Schuft! Wie willſt Du mir das erklären?“ „Ach, jetzt weiß ich, wie es kommt, gnädiger Herr: als ich mich vorhin plötzlich auf Sie warf, weil ich glaubte, man greife Sie an, werde ich die Flaſche irgendwo angeſtoßen haben und der Inhalt iſt her⸗ ausgelaufen, meine Taſche iſt noch ganz naß.“ „Wie, Schurke, Du wagſt es.. „Sie wiſſen wohl, Herr Graf, daß Sie die ganze Nacht kein Auge geſchloſſen haben und ich immer neben Ihnen ſaß: es wäre mir ſomit unmöglich ge⸗ weſen, den gnädigen Herrn zu hintergehen, ſelbſt wenn ich die Abſicht gehabt hätte.“ „Deine Bemerkung iſt in der That richtig.“ Herr Champagne macht ſich, entzückt, ſo leicht da⸗ von gekommen zu ſein, aus dem Staube. Meine Mutter wuſch die Wunde meines Vaters, dem ich Hut und Stock abgenommen hatte, mit friſchem Waſſer aus, meine Brüder ſchliefen noch und unſer Gaſt ſchlüpfte faſt in den Ofen hinein, indem er ſich an Einem fort über Kälte beklagte. Er hatte den Schaden nicht geſehen, den ſich der gute Jörgel an⸗ gethan, während er mitten in der Nacht über unſere Berge hingeeilt war: dieſer Mann ſah nur, was ihn ſelbſt betraf; für die Mühe, die man ſich ſeinet⸗ wegen gab, für die Leiden der Unglücklichen, die Thränen des Kummers, den Schmerz der Waiſen war ſein noch übriges Auge ebenfalls mit einer dichten Binde bedeckt. Eine feine, äußerſt ſanfte Stimme erregte unſer 49 Aufmerkſamkeit: das kleine Mädchen war erwacht Ueber die Wunde meines Vaters hatten wir die ſchöne Schläferin vergeſſen. „Mama, Mama!“ ſagt die hübſche Kleine; dann hebt ſie den Kopf in die Höhe und wirft erſtaunte Blicke um ſich. Wir ſehen nun ihre Augen: ſie ſind ſchwarz, aber ſo ſanft, ſo mild! Bei ihrem erſten Ton war ich an's Bett geeilt und dort blieb ich und betrachtete ſie. „Mama!“ ruft ſie auf's Neue, aber ihre Stimme iſt ſchon nicht mehr ſo ruhig: der Schmerz gibt ſich darin kund. Sie ſieht nirgends ihre Mutter.. ihre ſchöne Augen füllen ſich mit Thränen. Meine Mutter hatte ſich der Kleinen ebenfalls genähert; ſie bewunderte abermals das ſchöne Kind, indem ſie einmal über das andere ausrief: „Guter Gott, was für ein hübſches kleines Mäd⸗ chen!“ Wir lächelten ſie Alle an, aber das arme Kind blickte uns mit Staunen und Furcht an und wieder⸗ holte: „Ich will zur Mama!“ „Mein Herr,“ ſagt meine Mutter zu dem Frem⸗ den,„Ihr Fräulein iſt aufgewacht und will zu ihrer Mutter.“ „Nun, ſo geben Sie ihr zu trinken, das beruhigt außer dem Wiegen die Kinder immer.“ Meine Mutter reicht der Kleinen ein Glas, aber dieſe ſtößt es zurück und ruft immer nach ihrer Mama; ſie weint, ſie ſchluchzt, ihre ſchönen Haare 50 hängen über ihre Augen herab, in denen ſie mit ihren kleinen Händchen reibt, indem ſie an Einem fort wiederholt: „Ich will zu meiner Mama.“ Wir waren Alle von dem Schmerze des kleinen Mädchens gerührt, der alte Herr allein ſchien nicht darauf zu achten und murmelte, ſich an Einem fort die Beine reibend: „Meine armen Pferde wird es recht gefroren haben. Ich wollte, ich wäre ſchon wieder in Paris. Ich wette, Cäſar hat Heimweh nach ſeinem Herrn; was wird er für einen Kreisſprung machen, wenn er mich wiederſieht. Dieſes Thier iſt ſehr geſcheidt: ich muß ihn Domino ſpielen lehren wie den famoſen Munito.“ „Mein Herr,“ unterbricht ihn meine Mutter, „Ihre Kleine weint immer, das arme Kind iſt un⸗ troͤſtlich.“ „Saget ihr, daß ich ihr die Ruthe geben werde.“ „Ach, mein Herr, ein ſo kleines Kind, ein ſo hübſches Mädchen ſchlagen? Ach, das ſagen Sie nur im Scherze. Wir ſchlagen die unſtigen nicht einmal und ſie ſind weit nicht ſo zart wie dieſer Engel.“ Der alte Herr wendet ſich mit einer Grimaſſe ab und ſagt, indem er ſein kleines graues Auge auf meine Mutter heftet: „Will mich die Savoyardin vielleicht unterrichten, wie ich meine Lochter erziehen ſoll? Bringt mir Fräulein Adolphine her.“ Meine Mutter nimmt die Kleine auf den Arm 51 und ſchickt ſich an, ſie ihrem Vater auf den Schooß zu ſetzen, aber dieſer winkt ihr, das Kind vor ihn auf den Boden zu ſtellen und die Kleine macht, nach⸗ dem ſie den Herrn Grafen betrachtet hat, ein Schnipp⸗ chen, welches ihrem Geſichtchen einen noch lieblicheren Ausdruck verleiht. „Fräulein Tochter,“ ſagt der alte Herr ſtreng zu ihr, indem er eine Priſe aus einer koſtbaren goldenen Doſe nimmt,„Dein Betragen iſt ſehr unpaſſend, um mich nicht ſchärfer auszudrücken. Du willſt zur Frau Gräfin? Das iſt ganz recht, weil Du dieſe aber nicht ſiehſt, fängſt Du zu weinen an. Ein ſo rück⸗ ſichtsloſes Benehmen geſtatte ich nicht. Du biſt bei mir und ich habe Dir ſchon geſagt, daß ich Dein Vater ſei.. außerdem mußt Du mich kennen. Vater oder Mutter iſt durchaus daſſelbe, es ſei denn, daß Dich die Eine verdirbt und verzieht, während Dich der Andere abſtraft, wenn Du nicht artig biſt.“ Statt aller Antwort auf dieſe Straſpredigt, von der das kleine Mädchen nicht ein Wort verſtanden hat, ſtampft ſie heftig mit dem Fuß auf den Boden und wiederholt: „Ich will zur Mama!“ „Schaut einmal, welcher Charakter!“ ruft der Herr Graf aus;„ſie gibt nicht nach, ſie wird einmal eigen⸗ ſinnig. Es iſt aber nicht zum Verwundern; ſie iſt eine Franconard und am Eigenſinn ſind wir Alle zu erkennen.“ In dieſem Augenblick kommt Champagne zurück. „Es iſt Tag, Herr Graf,“ ſagt er eintretend;„wann wollen Sie ſich wieder auf den Weg machen?“ 52 „Augenblicklich! Der Wagen iſt alſo vollftändig reparirt?“ „Ja, gnädiger Herr, es ift Nichts mehr zu befürchten.“ „Vorwärts! gib' mir meinen Mantel, daß ich mich recht einmache.“ Während der Diener ſeinen Herrn ſo feſt ein⸗ wickelt wie eine Branntweinflaſche, nähere ich mich dem kleinen Mädchen; ſie weint nicht mehr, ſie ſteht unbeweglich an dem Ofen, aber ihre ſchönen Augen ſind ſo traurig, ſchwere Seufzer entringen ſich ihrer Bruſt; man ſieht, daß ſie mit Mühe ihre Thränen zurückhält. Ich umſchlinge ſie mit meinen Armen und hebe ſie in die Höhe. „Was machſt Du denn, Andreas?“ fragt mein Vater. „Ich will ſie tragen, Vater. O, ich habe ſchon ſo viel Kraft! Ihr ſeid verwundet, Ihr könntet wie⸗ der fallen.“ Ich ſchickte mich an, die Kleine bis zum Gefährt zu tragen(denn ich war in der That ſchon ſtark für mein Alter); aber Herr Champagne hält mich zurück und bemächtigt ſich des Kindes. O! wenn ich hätte Widerſtand leiſten können, welches Vergnügen würde es mir gemacht haben, dieſen Mann zu ſchlagen, welcher mich des Glückes beraubte, das kleine Fräu⸗ lein zu tragen, das bereits ſeine ſchneeweißen Hände auf meinen Kopf gelegt und mit ſeinen Fingerchen meine wollene Mütze weggeſchleudert hatte, da es dieſelbe wahrſcheinlich für eine häßliche Bedeckung hielt. 53 Die Reiſenden ſind im Begriff, ſich zu entfernen; Herr Champagne hat die hübſche Schläferin auf dem Arme, die mir zulächelt, obwohl man ihr anſieht, daß ſie betrübt iſt; aber es gibt ein Alter, wo Kummer und Freude ſchnell auf einander folgen; die Freude ſtrahlt unter Thränen hervor, welche eben ſo ſchnell trocknen, als ſie gefloſſen ſind. Man ſieht bereits nichts mehr als die Naſenſpitze des Herrn Grafen, der ſich in ſeinen Mantel ſo vorſichtig einpackt, als ob er den Montblanc zu Fuß hätte beſteigen wollen. Mein Vater ſteht immer in einer Ecke der Stube, zu ſtolz, eine Belohnung zu verlangen, die er übrigens redlich verdient hat. Herr Champagne bleibt jedoch im Vorbeigehen vor ihm ſtehen und ſagt:„Ol Ihr ſeid verwundet?“ „Ja,“ erwiedert meine Mutter,„bei dem Laufen heute Nacht für Ihren Herrn hat er ſich ſo zugerichtet.“ „Wie, er iſt verwundet!“ ruft der Herr Graf aus, deſſen durch den Mantel erſtickte Stimme in dieſem Augenblick dem Tone eines Tuthorns gleicht. Er ſteht vor meinem Vater ſtill, entſchließt ſich, zwar mit ſicht⸗ lichem Bedauern, eine ſeiner Hände unter dem Mantel zu bewegen und ſucht lange in ſeiner Taſche, indem er vor ſich hin murmelt: „Ach, der Teufel! in der That, ich hätte es bei⸗ nahe vergeſſen, ich muß ihm Etwas geben. Nicht wahr, Champagne?2“ „Er verdient es ſehr, Herr Graf.“ „Ja, ja, allerdings! Es iſt übrigens unangenehm, auf der Reiſe immer die Hand in dem Beutel haben zu müſſen; es nimmt gar kein Ende! Hier nehmet, mein Lieber, Ihr ſollt Euch daran erinnern, daß Ihr den Grafen Neſtor von Franconard in Eurer Hütte beherbergt habt.“ Mit dieſen Worten drückt der Graf meinem Vater einen kleinen Thaler in die Hand und verläßt, ſich auf's Neue in ſeinen Mantel einhüllend, in Beglei⸗ tung ſeines Dieners, der das kleine Mädchen auf dem Arme hat, unſere Wohnung. Sie haben bald die ihrer harrende Chaiſe erreicht und entfernen ſich aus unſerer Gegend. „Einen kleinen Thaler!“ ſagt meine Mutter, als die Reiſenden fort ſind;„es iſt ſchon der Mühe werth, ſich um einer ſolchen Belohnung willen den Schlaf zu brechen und ſein Leben auszuſetzen.“ „Marie,“ entgegnet mein Vater,„man muß immer gefällig ſein, ob man dafür belohnt wird oder nicht. Iſt man es nicht jedenfalls durch das Vergnügen, ſeine Pflicht gethan zu haben? Allerdings hätte ſich dieſer Fremde freigebiger zeigen könnenz um ſo ſchlim⸗ mer für ihn, wenn er ungern hergibt: er beraubt ſich dadurch eines Genuſſes. Unſere Hütte iſt für Jeder⸗ mann offen, die Wichem finden Eintritt wie die Un⸗ glücklichen.“ „Aber dieſe Wunde? Seinetwegen haſt Du ſie erhalten.“ „Das hat Nichts zu bedeuten! Glaub' mir, Deine Pflege und die Liebkoſungen unſerer Kinder werden ſie ſchneller heilen als alles Gold dieſes Reiſenden.“ Meine Mutter ſagt Nichts mehr zu ihrem Manne, 55 aber beim Ab⸗ und Zugehen höre ich ſie noch mur⸗ meln:„Einen kleinen Thaler und es hätte ihm bei⸗ nahe das Leben gekoſtet!“ Der Herr Graf hatte in der That für einen Edel⸗ mann nicht nobel gehandelt; es gibt aber viele Bür⸗ gerliche, die eine edle Seele haben, und das gleicht die Sache wieder aus. Viertes Kapitel. Der Tod eines guten Vaters.— Nothwendige Trennung. 2 Seit mehr als einer Stunde waren die Fremden abgereist. Mein Vater ſaß am Ofen und aß die Suppe, welche ihm die Ankunft des Herrn Grafen nicht geſtattet hatte, am Vorabend zu eſſen; meine Mutter beſchäftigte ſich mit ihrer Haushaltung; meine Brüder ſtanden bereits vor der Hausthüre und ver⸗ zehrten ihr Stück ſchwarzes Brod; ich war ihnen nicht gefolgt, ſondern blieb in der Stube und ſuchte das hübſche kleine Mädchen noch und war betrübt, es nicht zu finden., Indem ich meine Blicke nach dem Bette hinwende, auf dem ſie ausgeruht hatte, ſah ich Etwas glänzen; ich eile darauf zu und hebe neben der Bettſtatt das Medaillon auf, welches wir geſtern Nacht bewundert hatten. Ich ſtoße einen Freudenſchrei aus. „Was haſt Du, Andreas?“ fragt mich mein Vater. 56 „O ich habe ein Geſchmeide gefunden! Schaut, ſchaut!“ Ich gehe zu ihm hin und zeige ihm das Bildniß. „Das iſt das, welches das kleine Mädchen am Halſe trug,“ ſagt meine Mutter;„es wird ſich von der Kette abgelöst haben. Sieh' doch, Jörgel, was für ein hübſches Frauenzimmer! O, das iſt die Mutter des kleinen Engels, der auf unſerem Bette ſchlief.“ „Ja, ſehr ſchön; aber der Kuckuk, wie greifen wir es an, um das Bild dem Herrn zurückzugeben? Potz Teufel, wenn man es nur früher geſehen hätte! Marie, glaubſt Du, man könne den Wagen noch ein⸗ holen?“ „Nein, gewiß nicht: ſie ſind ſchon mehr als zwei Stunden voraus. Wiſſen wir überdieß, wo ſie hin⸗ gehen? Du willſt am Ende gar wieder fortlaufen und Dich des alten, häßlichen Herrn wegen ver⸗ wunden, der Einem nicht einmal dafür dankt?“ „Ach, Marie, iſt der Eigennutz erlaubt? Es han⸗ delt ſich darum, ehrlich zu ſein und ſeine Pflicht zu thun.“ 4 „Potz Tauſend! ich glaube, wir find ehrlich; ob⸗ wohl arm, ſind wir, Gott ſei Dank, doch geſchätzt in der Gegend. Aber Du ſiehſt, Jörgel, das Portrait iſt nicht mit koſtbaren Steinen eingefaßt; o! wenn es mit Diamanten oder Juwelen beſetzt wäre, ſo würde ich ſelbſt, und wenn ich zehn Stunden machen müßte, der Chaiſe nachlaufen, um den etwaigen Verdacht, als hätten wir es abſichtlich behalten, von uns ab⸗ zuwälzenz es iſt jedoch nur mit einem einfachen Gold⸗ 57 reif umgeben; wir ſind unſchuldig, daß es die Kleine verloren hat. Außerdem wird der Herr, wenn er bemerkt, daß es ſeiner Tochter fehlt, gleich vermuthen, ſie werde es bei uns gelaſſen haben und einen ſeiner Diener ſchicken, um es zu holen. Sei überzeugt, daß es der Fremde, wenn ihm viel daran liegt, ſicher zurückverlangen wird. Unterdeſſen wollen wir das Bild, da wir durch Zufall in ſeinen Beſitz gekommen ſind, behalten. Mach' Dir deßhalb keine Sorgen!“ „Wohlan, ich glaube, Du haſt recht, Marie; jedenfalls iſt das Gefährt ſchon zu weit entfernt. Man wird das Medaillon übrigens allem Vermuthen nach bald zurück begehren.“ Mein Vater täuſchte ſich in ſeinen Vermuthungen; ein Tag verſtrich um den andern und Niemand holte das Bildniß. Die Geſundheit meines Vaters beſſerte ſich indeß nicht, ſie nahm im Gegentheil täglich mehr ab. Seine Kopfwunde war zwar vernarbt, aber er fühlte im ganzen Leibe Schmerzen, die er ſich vergebens an⸗ ſrengte, vor uns zu verbergen. Unſere Armuth ver⸗ mehrte ſein Leiden noch, da ſich ernſtliche Sorgen für die Zukunft in ihm erweckten; meine Mutter bemühte ſich umſonſt, ihn zu beruhigen. Er war ſchon lange nicht mehr im Stande, zu arbeiten. Als Führer der Reiſenden und Neugierigen, die häufig unſere Berge und unſere rauhe Gegend bewunderten, hatte mein Vater bisher den Unterhalt für ſeine Familie ver⸗ dient; dieſe Hilfsquelle verſiegte nun. Paul de Kock. LxRRIII. 5 58 Jeden Tag bot ich mich an, die Stelle meines Vaters zu vertreten: ich brannte vor Begierde, meinen Eltern nützlich zu ſein und ihr Elend zu erleichtern; allein ſie hielten mich noch für zu jung, um die Glet⸗ ſcher zu erſteigen und mein Leben auf den an Ab⸗ gründen hinführenden Wegen auszuſetzen; ſie zitterten für meine Tage. Wenn ich aus dem Dorfe ſpät nach Hauſe kam, ſo waren ſie in fürchterlicher Unruhez ſie glaubten mich verwundet und überſchütteten mich, nachdem ſie mich gezankt hatten, in ihrer Freude mit Zärtlichkeiten. Die Armen geben oft den Reichen ein Beiſpiel, wie man ſeine Kinder lieben ſoll. Eines Tages übrigens, als ich allein aus dem Dorfe zurückkehre, begegne ich einem Reiſenden, der mich erſucht, ihm einen Weg zu zeigen, der auf eine gewiſſe Höhe führt, von der aus man eine weite Fernſicht hat. Der Weg war zwar ſchwierig und führte an Abgründen hin, aber ich hatte ihn ſchon mehrmals mit Wiſſen meiner Eltern gemacht. Ich biete mich dem Reiſenden als Führer an: er willigt ein; wir klettern die Felſen hinan. Nachdem der Fremde einige Zeit das prächtige Gemälde, welches ſich ſeinen Blicken darbietet, bewundert hat, ſteigt er wieder herunter und ſetzt ſeine Reiſe fort; ehe er ſich aber von mir trennt, drückt er mir eine kleine Silbermünze in die Hand mit den Worten: „Hier, mein Junge, nimm' das für Deine Be⸗ mühung.“ Nie hatte ich ein ſo großes Vergnügen empfun⸗ den. Ich eile, fliege unſerer Wohnung zu: man 59 ſieht keine Spur meiner Schritte auf dem Schnee, denn ich berühre kaum den Boden; ich komme endlich außer Athem zu Hauſe an und gebe meiner Mutter die von dem Reiſenden erhaltene Münze. „Woher haſt Du das?“ fragt mich mein Vater. Ich erzähle, was ich gethan habe; ohne Zweifel muß ich ſehr ſtolz und ſelbſtzufrieden ausgeſehen haben, denn mein Vater lächelte, obgleich er mich anfangs ſchelten wollte. Peter und Jakob reißen große Augen auf und ſagen, ſie wollen auch Geld verdienen, aber Jakob iſt noch ſo klein und Peter ſo ängſtlich. Leider bieten ſich ſolche Gelegenheiten ſelten dar: man wacht über mich, daß ich mich nicht entferne. Wir bleiben bei meinem Vater. Seine Schmerzen ſcheinen zuzunehmen; nur in der Mitte ſeiner Kin⸗ der fühlt er ſich etwas beſſer. Wir bringen die langen Winterabende an ſeiner Seite zu. ach! er hat nicht mehr die Kraft, uns auf den Schooß zu nehmen. Meine Mutter arbeitet unaufhörlich.„Mein Spinn⸗ rad reicht hin, uns zu ernähren,“ ſagt ſie. Die arme Mutter! ſie verſchweigt, daß ſie bei Nacht weint, während mein Vater ſchlummert; ich allein habe es bemerkt, da ich auch oft nicht ſchlafen kann. Um unſern Kummer zu vergeſſen, bitten wir häufig unſern Vater, uns das Bild der ſchönen Dame zu zeigen. Wir ſehen es gern an; mich erinnert es immer an das hübſche kleine Mädchen, das in unſerer Hütte geſchlafen hat. „Es iſt doch ſonderbar, daß man das Bildniß 60 nicht hat holen laſſen,“ ſagt mein Vater;„der Mann dieſer Dame muß ſie doch lieb haben.“ „Der Mann!“ verſetzt meine Mutter;„ach! wenn es der häßliche, einäugige mit dem kleinen Thaler iſt, wie ſoll der ſie lieb haben! Als ich von ſeiner Tochter mit ihm ſprach, dachte er nur an einen Hund, auf den er ſich ſeiner Sprünge wegen freute. Der kleine Engel weinte und verlangte nach ſeiner Mut⸗ ter, das war ſehr natürlich: ſtatt ſie nun zu küſſen, zu tröſten, wollte er ſie ſchlagen; endlich hat er ihr eine ewig lange, verſchrobene Predigt gehalten, von der die arme Kleine Richts verſtand. Geh', der Menſch kann Niemand wahrhaft lieben. Hätte er das Bild ſeines Hundes da gelaſſen, ſo wette ich, würde er alle Champagne ausgeſendet haben, um es wieder herbeizuſchaffen.“ Einige Freunde unſeres Vaters, die in unſere Hütte kamen, hatten das Bild, wenn wir es betrach⸗ teten, geſehen und erfahren, durch welchen Umſtand es in unſere Hände gekommen war. Ein alter Ita⸗ liener, der ſich ſeit einigen Tagen in Savoyen be⸗ fand, machte meinem Vater eines Tages den Vor⸗ ſchlag, das Portrait in der nächſten Stadt für ihn zu verkaufen, indem er ihn verſicherte, man könne we⸗ nigſtens dreißig Franken für die goldene Einfaſſung bekommen. Dreißig Franken, das war für uns eine beträchtliche Summe; aber weit entfernt, hiermit ein⸗ verſtanden zu ſein, wies mein Vater den Vorſchlag mit Verachtung zurück. 4 „Das Portrait gehört nicht uns,“ ſagte erz„der 61 Eigenthümer deſſelben kann früher oder ſpäter kommen und es zurückverlangen, und Sie machen mir den Vorſchlag, es zu verkaufen! Nein, Jörgel ſtürbe lieber vor Elend, ehe er das Gut eines Andern berührte.“ Ich ſtand neben meinem Vater, als er dieſe Worte beendigte. Er nimmt mich bei der Hand, zieht mich zu ſich hin und ſagt zu mir: „Mein lieber Andreas, vergiß nie, was Du eben gehört haſt; ſpäter wirſt Du vielleicht einſt reiſen, dann gehſt Du nach Paris. Wer weiß, ob Du Dir nicht dort, glücklicher als ich, ein Vermögen erwerben kannſt, aber nur jeder Zeit auf eine rechtliche Weiſe, deren Du Dich nicht zu ſchämen brauchſt. In den großen Städten nimmt man es zwar mit der Recht⸗ ſchaffenheit nicht ſo genau wie in unſern Bergen, be⸗ halte aber die Grundſätze Deines Vaters und die in Deiner Heimath hierüber geltende Anſicht bei: ſie iſt die richtige, mein Junge. Wer wahrhaft redlich iſt, kann ſich mit aufrechtem Haupte überall ſehen laſſen; dem Himmel ſei Dank, der, welcher mir gerathen hat, dieſes Geſchmeide zu verkaufen, iſt nicht in unſerer Gegend geboren.“ „Ich will Euch folgen, Vater,“ erwiederte ich, ihn küſſend.„Und wenn ich nach Paris gehe, nehme ich das Portrait mit mir, denn ich werde ohne Zweifel den Herrn, welcher bei uns war, wieder erkennen. Ich erkenne ihn ſicher, er iſt ſo häßlich; ich erkenne auch das kleine Mädchen, es iſt ſo hübſchz dann gebe ich ihnen das Geſchmeide zurück.“ „Wenn Du nach Paris gehſt, Andreas, ſo vergiß „ 62 Deine Mutter nicht, die Du in ihrer Hütte zurück⸗ gelaſſen haſt.“ „O nein, mein Vater; ich ſchicke ihr all' mein erſpartes Geld und Euch auch.“ „Mir?“ Mein Vater lächelt wehmüthig: er fühlt wohl, daß er nicht mehr lange bei uns weilen wird; aber er thut ſein Möglichſtes, uns dieß zu verbergen. Die Heiterkeit iſt aus unſerer Hütte geflohen, wo ſie frü⸗ her beſtändig ihren Sitz hatte. Der Anblick unſe⸗ res kranken Vaters raubt uns ſogar die Luſt, uns unſern Spielen hinzugeben; wir klettern nicht mehr auf den Berg hinauf, wir ſchleifen nicht mehr, wir machen keine Schneeballen mehr; wir bleiben immer bei ihm, denn wir ſehen, daß ihm dieſes Freude macht. Wir ſetzen uns ſtill zu ſeinen Füßen nieder. So ruhen wenigſtens ſeine Augen, wenn er ein Bis⸗ chen einſchlummert, auf ſeinen Kindern, und ſein erſter Blick bei ſeinem Erwachen fällt auf uns. Aber ach! ſchon lange genießt er jene Augenblicke der Ruhe, während welcher wir, zu ſeinen Füßen ſitzend, um ihn nicht zu erwecken, das tiefſte Schweigen beobachteten, nicht mehr. Kaum hat er noch die Kraft, aufzuſtehen und ſeinen großen Stuhl zu erreichen. „Wie iſt es Dir?“ fragt meine Mutter oft. „Gut.. gut,“ antwortet er immer noch lächelnd. Aber dieſes Lächeln beruhigt ſie nicht mehr, während ich und meine Brüder, da wir den Zuſtand meines Vaters nicht begriffen, ihn jeden Morgen bald her⸗ geſtellt hofften. 63 Eines Tages weinte meine Mutter bei ihrem Spinnrad; unſer Vater hatte ſchon lange nicht mehr mit uns geſprochen. Plötzlich ruft er uns, breitet ſeine Arme gegen uns aus und umſchließt uns innig; ich höre ihn von meiner Mutter, die herbeigeeilt war, Abſchied nehmen, er nennt uns ſeine lieben Kinder, dann ſchließt er die Augen und ſtößt einen tiefen Seufzer aus. Meine Mutter ſinkt bitterlich weinend auf einen Stuhl nieder; ſie kann ihr Schluchzen nicht mehr zurückhalten.—„Still,“ ſagen wir, meine Brüder und ich, zu ihr;z„mache keinen Lärm: der Vater iſt eingeſchlafen, Du weckſt ihn auf.“ Damit haben wir bereits unſern gewöhnlichen Platz eingenommen: uns zu ſeinen Füßen niedergeſetzt. Wir ſchweigen mäuschenſtill, aber unſere Mutter weint an Einem fort. Endlich ruft ſie aus: „Ach, meine Kinder, euer Vater iſt geſtorben! ihr habt ihn verloren. Mein guter Jörgel iſt todt!“ Todt!... Dieſes Wort ergreift uns, wir können es aber noch nicht recht verſtehen.„Todt!“ wieder⸗ holen wir,„das heißt ſo viel, als er wird nicht mehr erwachen?“ Wir können es nicht glauben und ſtehen leiſe auf, um unſern Vater zu betrachten. Er ſcheint zu ſchlafen und ſeine ſo gutmüthigen, ſo ſanften Züge ſind ganz unverändert. Jaköbchen ruft ihm. „Nein, meine Kinder, er hört euch nicht mehr,“ ſagt meine Mutter. Sie nähert ſich uns und heißt uns mit ihr vor unſerm Vater niederknieen.„Bittet 64 den lieben Gott,“ ſagt ſie,„damit euer Vater immer vom Himmel herab über euch wache.“ Wir beten lange, und je mehr Zeit vergeht, deſto lebhafter wird unſer Schmerz: denn unſer Vater er⸗ wacht nicht und wir fangen an zu begreifen, was der Tod iſt. Leute aus dem Dorfe treten in unſere Hütte; ſie ſuchen unſere Mutter zu tröſten, aber ſie laſſen ſie in ihrer Wohnungz denn bei uns flieht man Die, die man liebt, nicht, ſobald ſie aufgehört haben zu leben, und fürchtet ſich auch nicht, an einem Orte zu blei⸗ ben, der uns an ſie erinnert. Welch' trauriger Tag verſtreicht! Meine Mutter weint immer; ſie gibt denen, die ſie tröſten wollen, keine Antwort: ſie ſcheint ſie nicht zu hören. Ich und meine Brüder ſagen Nichts zu ihr; aber wir ſetzen uns dicht neben ſie, wir umſchlingen ſie mit unſern Armen, legen unſern Kopf auf ihre Bruſt, und dann weint ſie minder heftig. Tags darauf tragen Männer meinen Vater fort; man winkt mir und meinen Brüdern, ihm zu folgen, während meine Mutter ſich ihrem Schmerz hingibt. Wir begleiteten die Leiche nicht allein: faſt alle Män⸗ ner des Dorfes gingen mit hinter uns drein. Man ſchritt ganz langſam einher, ſprach beinahe Nichts, und Alles ſah traurig aus. Ich hörte bloß bisweilen ſagen:„Er war ſo ſanft, er hatte keinen Fehler, der arme Jörgel!“ Niemand ſagte: Er war ein rechtſchaffener Mann! denn in unſeren Bergen findet man das bloß natürlich. ——— 65 Man pflanzt ein Kreuz auf das Grab meines Vaters und ſchreibt ſeinen Namen und ſein Alter darauf; man hält ſeiner Aſche keine Leichenrede, aber Alles vergißt Thränen und ich habe mich ſeither überzeugt, daß dieſes mehr werth iſt als eine Predigt. Meine arme Mutter! wie ſie weint, als ſie uns wieder erblickt, wie ſie uns küßt, während ſie aus⸗ ruft:„Ihr ſeid mein einziger Troſt!“ Wir theilen ihren Schmerz, und hundertmal des Tages ſuchen unſere Blicke unſern Vater noch auf der Stelle, wo er gewöhnlich ſaß. Aber die Zeit lindert den Kummer der Kinder bald. Nach Verfluß einiger Wochen geben wir uns auf's Neue unſern Spielen hin. Meine Mutter allein iſt immer noch traurig, obgleich ſie nicht mehr ſo viel weint. Dieſe gute Mutter arbeitet unabläßig; kaum genießt ſie einige Stunden der Ruhe. um uns zu ernähren, quält ſie ſich ſo ab. Ich höre oft die Bewohner des Dorfes zu ihr ſagen:„Ihr müßt Eure beiden Aelteſten nach Paris ſchicken: ſie ſind groß genug, dieſe Reiſe zu machen. Sie machen es dann wie die Anderen; ſie verdienen Geld und ſchi⸗ cken es Euch. Später können ſie ja wieder zurück⸗ kommen. Glaubt uns, Mutter Jörgel, folgt unſerem Rathe: Ihr könnt die drei Jungen nicht ernähren, und wenn Ihr Euch krank ſchaffet, ſo reicht es nicht hin.“ „Ja. ja,“ antwortet meine Mutter,„ich weiß wohl, daß es ſein muß, aber mich von meinen Kin⸗ dern zu trennen... dazu habe ich den Muth nicht!“ — 66 „Ihr könnt ja den kleinen Jakob bei Euch be⸗ halten.“ „Aber dann ſehe ich Andreas und Peter nicht mehr.“ Dabei blickte meine Mutter uns ſeufzend an und arbeitet noch eifriger. Aber ich ſah ein, daß unſere Nachbarn recht hatten, denn es that mir wehe, daß ſie ſich ſo abquälen mußte, ohne daß ich ihr oder meine Brüder hätte helfen können. Bisweilen diente ich einem Reiſenden als Führer, aber das kam ſo ſelten vor!„Laſſet Peter und mich in die große Stadt gehen,“ ſagte ich oft.„Dort werden wir viel Geld für Euch verdienen.“ „Du willſt mich alſo verlaſſen, Andreas?“ „Um Euch eine beſſere Zukunft zu bereiten.“ Meine Mutter küßt uns, aber ſie zögert immer. Die Zeit verſtreicht indeſſen; es ſind ſchon ſechs Mo⸗ nate ſeit dem Tode meines guten Vaters verfloſſen. Ich ſehe, daß ſich meine Mutter Alles entzieht, um uns zu erhalten, und ich bin entſchloſſen, mich nach Paris aufzumachen. Ich bin einige Monate über acht Jahre alt, kräftig und habe Muth, außerdem den ſehnlichen Wunſch, zu arbeiten und mein Brod zu ver⸗ dienen, der unſeren phyſiſchen Kräften zu Hülfe kommt und vermöge deſſen der Schwächſte mehr leiſtet als ein Feiger, Träger, den die Natur oft unnützer Weiſe begünſtigt hat. Peter iſt beinahe ſieben Jahre alt. Ich rede ins⸗ geheim von dem Paris mit ihm, wohin wir uns be⸗ geben müſſen. Es drängt ihn nicht ſo ſehr wie mich 67 in die Fremde; indeſſen will er unſerer Mutter auch an die Hand gehen; nur vor dem Gedanken der Reiſe hat er Angſt. Peter ſcheint nicht ſehr unter⸗ nehmend zu werden; er lebt für den Augenblick und denkt nicht an den morgigen Tag. Er verſpricht mir jedoch, unter der Bedingung, nicht bei Nacht zu rei⸗ ſen, ſich mit mir auf den Weg zu machen. Einer unſerer Nachbarn hat Petern und mir ein kleines eiſernes Werkzeug zum Kaminfegen geſchenkt; ich übe mich den ganzen Tag darin ein, indem ich unſern Schornſtein hinaufklettere und oft Stunden lang auf den Dächern ſitze. Aber es koſtet mich nicht wenig Mühe, Peter in den Kamin hinaufzubringen; ich muß ihn hinaufnöthigen oder über ſeine Aengſt⸗ lichkeit ſpotten. Das letztere Mittel erreicht oft den Zweck: die Kinder ſind faſt ſo ehrgeizig als die Er⸗ wachſenen. Stolz darauf, ein Kratzeiſen zu beſitzen, kratze ich an Allem, was ich ſehe: ich kratze unſere Wände, unſere Möbeln, nnſern Boden ab; ich würde, um mein Talent zu beweiſen, meine und meiner Brüder Beinkleider abgekratzt haben, wenn es meine Mutter zugegeben hätte. Eine beträchtliche Anzahl Kinder aus unſern Ber⸗ gen ſind im Begriff, nach Paris zu gehen.„Laſſet uns auch mit,“ ſage ich zu meiner Mutter. Sie ſchwankt, ſie kann ſich nicht entſchließen. Der Tag der Abreiſe kommt; ſie behält uns in ihrer Hütte. Die fleißigen Savoyardenkinder haben ſich ohne uns auf den Weg nach Frankreich gemacht. 68 Am folgenden Tage ſieht meine Mutter ein, daß ſie Unrecht gehabt hat, uns dieſe Gelegenheit nicht benützen zu laſſen. Man iſt im Monat September; das Wetter iſt wunderſchön und Alles ſcheint Einen zum Reiſen einzuladen. „Wir können ſie leicht einholen,“ ſage ich zu mei⸗ ner Mutter;„ſie ſind noch nicht weit entfernt. Wir erkundigen uns nach dem Wege, den ſie eingeſchlagen haben, und morgen ſind wir bei ihnen.“ „Nun, ſo geht, meine Kinder, weil ich mich denn durchaus von euch trennen muß,“ erwiedert ſie, in Thränen zerfließend;„geht, aber kehrt eines Tages in eure Heimath zurück. Vergeſſet eure Mutter nicht, die alle Morgen für euer Glück zum Himmel beten wird.“ Da meine Mutter ſich endlich entſchloſſen hatte, war unſer Bündel bald gemacht. Sie packt uns un⸗ ſere Kleider, auf einige Tage Brod und ein Paar Batzen Geld zuſammen. Peter iſt ganz beſtürzt, er hatte nicht geglaubt, ſobald abreiſen zu müſſen; allein wir müſſen uns beeilen, damit wir die Vorangegan⸗ genen noch einholen können. Ich ſuche ihm Muth einzuflößen. Unſere Vorbereitungen ſind getroffen. Meine Mutter gibt mir das Bildniß, welches man bei uns vergeſſen hat: es iſt an ein Band befeſtigt, welches ſie mir um den Hals hängt.„Hier,“ ſagt ſie zu mir,„Du, Andreas, haſt das Portrait zuerſt gefunden; Du biſt ohne Zweifel auch berufen, es dem Eigenthümer zurückzuſtellen. Aber täuſche Dich nicht in der Perſon!“ 1p 69 „O, fürchtet Nichts, ich erkenne den häßlichen Herrn beſtimmt wieder.“ „Verbirg dieſes Geſchmeide immer ſorgfältig; man könnte Dir es ſtehlen, mein Kind, und das thäte mir leid, denn es iſt mir immer, als ob Dir dieſes Medaillon Glück bringen, Dein Wohlergehen befördern, kurz, Dir von Nutzen ſein könnte!“ „O⸗ ich will gewiß darauf Acht geben, Mutter, und nicht damit ſpielen.“ „Wenn der Herr in Paris freigebiger iſt, belohnt er Dich vielleicht, weil Du dieſes Geſchmeide aufbe⸗ wahrt haſt. Aber fordere Nichts, mein Sohn, und erinnere Dich, daß man die Rechtſchaffenheit nicht bezahlen muß.“ Ich habe das Portrait vorſichtig in meine Jacke geſteckt; wir haben unſer Bündel auf dem Rücken, unſere Mutter begleitet uns mit Jakob zu dem Berg, den wir hinunter müſſen, um unſern Weg anzutre⸗ ten. Dort drückt ſie uns zärtlich an's Herz. „Andreas,“ ſagt ſie zu mir,„Du biſt der Aelteſte, Du biſt geſcheidter als Peter, wache über ihn, mein Junge, tröſte ihn, hilf ihm, wenn es ihm herb geht. Verlaßt euch nicht, meine Kinder, ſeid beſonders im⸗ mer tugendhaft und rechtlich und erinnert euch der Lehren eures Vaters.“ Wir verſprachen unſerer Mutter, ihren Rath nicht zu vergeſſen und weder unchrlich noch faul zu ſein. Dann, nachdem wir ſie und unſern kleinen Bruder noch einmal geküßt haben, reißen wir uns aus ihren Armen.. 70 Wie peinlich ſind die erſten Schritte, die uns von Denen entfernen, die wir lieben! Bis hierher hatte ich Muth gehabt; aver indem ich den Weg antrete, fühle ich, daß er mich verläßt, und ich bin nahe daran, wieder in die Arme meiner Mutter zurückzu⸗ kehren. Ich zwinge mich, meine Thränen zu unterdrücken, während Peter die ſeinen fließen läßt. Wir machen keine ſechs Schritte, ohne uns umzudrehen, um meine Mutter und meinen Bruder noch einmal zu ſehen und ihnen ein Lebewohl zuzuwinken; man glaubt immer, es ſei das letzte, aber man verzichtet nicht eher auf das Zurückblicken, als bis man die, welche man liebt, nicht mehr ſehen kann. Wir ſind unten am Berge angekommen. Schon verliert ſich das Dach unſerer Hütte in der Ferne. Jakob, Marie, ihr breitet noch die Arme nach uns aus! Aber es iſt vorbei, wir können eure Abſchieds⸗ winke nicht mehr unterſcheiden. Ach, jetzt kann ich meinen Thränen den Lauf laſſen: meine Mutter ſieht ſie nicht mehr. Fünftes Kapitel. Die kleinen Savoharden.— Schrecken und Freude. Peter und ich laufen ſchon ſeit einer Stunde und haben noch kein Wort miteinander gewechſelt. Ich höre ihn nicht mehr weinen; aber er ſtößt von Zeit zu 71 Zeit einen Seufzer aus, den er mit den Worten endigt:„Jakob iſt glücklich, er darf daheim bleiben!“ Ich habe auch aufgehört zu weinen und fange an mich umzuſehen: überall Berge und eine Land⸗ ſchaft, wie ſie unſere Hütte umgibt, und doch ſcheint mir Alles ſchon ganz anders; es iſt mir, wie wenn ich ſchon weit, weit von meiner Heimath entfernt wäre. Ich erblicke ein Dorf: dort wollen wir fragen, ob man unſere Landsleute nicht geſehen hat; außerdem erinnere ich mich, wie die erſte Stadt heißt, in die wir uns begeben müſſen: zuerſt nach Pont⸗de⸗Beau⸗ voiſin und dann nach Lpon. O, ich habe ein gutes Gedächtniß, ich finde den Weg ſchon. „Ich bin müde, Andreas,“ ſagt Peter, ſtill⸗ ſtehend. „Wir wollen uns dort an den Weg ſetzen,“ erwie⸗ dere ich, ihn zärtlich anblickend, denn ich erinnere mich der letzten Worte meiner Mutter: ſie hat mir befohlen, über meinen Bruder zu wachen, ihn zu be⸗ ſchützen und nicht zu verlaſſen. Ich bin ſtolz auf das Vertrauen, welches ſie in mich geſetzt und die Ueberlegenheit, die ſie mir insgeheim über ihn zuer⸗ kannt hat. Wir laſſen uns an dem Fuße eines Hügels nieder. „Gehen wir noch lange?“ fragt Peter, der immer noch ſehr betrübt ausſieht. „Ah, potz Tauſend, wir ſind nicht ſo bald an Ort und Stelle.“ „Jakob iſt glücklich: er darf daheim bleiben.“ 72 „Wir werden Geld verdienen, um unſere Mutter zu unterſtützen; iſt Dir das nicht recht?“ „Wie wollen wir Geld verdienen?“ „Wir fegen die Schornſteine, wir machen Com⸗ miſſionen, wir tanzen die Savoyarde, wir ſingen das Lied, welches uns unſer Vater gelehrt hat.“ Peter, der das Geſicht verzog, als ich vom Schorn⸗ ſteinfegen geſprochen hatte, ſagt dann zu mir: „Wenn Dir's recht iſt, Andreas, ſo fege Du die Schornſteine und ich tanze.“ Ich betrachte meinen Bruder: ſeine blauen Augen waren vom Weinen aufgeſchwollen, ſein ſonſt ſo lachendes, rundes, kirſchrothes Geſicht, welches mit ſeinen blonden, auf die Stirne hereinhängenden Locken immer ſo hübſch war, ſah jetzt wie ſeine Augen vom Kummer ganz verändert aus. Ich falle ihm um den Hals und küſſe ihn zärtlich; dieſes beruhigt uns eini⸗ germaßen und Peter bekommt wieder Eßluſt. „Ich habe Hunger,“ ſagt er zu mir. „Wir wollen eſſen, wir haben ja das Nöthige in unſern Säcken.“ Peter ſtürt in dem ſeinigen und ſtößt einen Freu⸗ denſchrei aus: unſere gute Mutter hatte uns nebſt unſerm Brode auch Nüſſe und Aepfel eingepackt. „Andreas, Andreas, Aepfel!“ jubelt er. Damit fängt er an zu eſſen und zu ſingen; die Aepfel haben meinen Bruder wieder aufgeheitert. „Sag', Andreas, was werden wir denn in Paris ſehen?“ fragt er, ſich mit Aepfeln und Nüſſen voll⸗ ſtopfend. 73 „O, viele Sachen. Du weißt wohl, was der Vater erzählt, daß er dort Alles geſehen habe.“ „Ach ja, Hanswurſte, nicht wahr? und Männer, die Kunſtſtücke machen, die Faden und Nadeln eſſen, auf dem Kopfe laufen und ſich auf einem Beine drehen.“. „O, noch viele andere Sachen prächtige Straßen, weit größere Häuſer als das unſrige, immerwährend rollende Chaiſen, Buden, wie wenn in Höpital Markt iſt, Zauberlaternen, Kunſtftücke, Sonne und Mond, die Einer auf dem Rücken trägt, den tanzenden Teu⸗ fel, eine Katze, die ihn am Schwanze zieht, eine Schlacht mit Pferden in einem bretternen Haus.„ „Wie, das Alles ſehen wir?“ ſagt Peter, indem er ſich erhebt und Freudenſprünge macht.„Ach, wie werden wir uns beluſtigen! Sieh', ich werde ein Rad ſchlagen. nicht wahr, ich kann es gut, Anvreas?“ Mit dieſen Worten macht mein Bruder Räder auf dem Rande des Weges; er denkt bereits nicht mehr an unſere Hütte. Ach, Peter wird glücklich ſein in Paris. Aber die Zeit vergeht, wir müſſen unſern Weg wieder weiter fortſetzen. Peter verzieht das Geſicht; zum Radſchlagen war er nicht müde, aber zum Gehen. Er folgt mir, übrigens immer ſchmollend. WMein Bruder,“ ſage ich zu ihm,„Dü weißt wohl, daß uns unſere Mutter befohlen hat, nicht träge zu ſein, und wenn wir uns oft ſo lange auf⸗ halten, holen wir die Andern nicht mehr ein.“ Paul de Kock. LRXXRII. 6 7⁴ „Ich bin müde.“ „Vorhin haſt Du ja getanzt.“ „Ich habe einen Schmerz an der Ferſe.“ „Das hat Dich nicht am Radſchlagen verhindert; wir müſſen heute Abend wenigſtens eine Stadt er⸗ reichen, damit wir über Nacht bleiben können, ſonſt müßten wir unter freiem Himmel ſchlafen.“ „Ach ja, ja!“ erwiedert Peter. Und dieſes ſetzt ſeine Beine wieder in Bewe⸗ gung, denn er fürchtet ſich vor dem Uebernachten im Freien. Jetzt weiß ich ein Mittel, ihn vorwärts zu treiben. „Sag', Andreas, wie wäre es, wenn wir vom rechten Wege abkämen?“ „O, das kann nicht ſein: wir fragen immer, wo es nach Paris gehe.“ „Wenn wir Dieben begegneten?“ „Du weißt wohl, daß unſere Mutter geſagt hat, man beſtehle die Kinder nicht.“ „Haben die Diebe denn die Kinder gern?“ „Nein, aber wenn man klein iſt, hat man kein Geld.“ „Ach, wenn ich groß bin, will ich nie Geld haben, dann darf ich mich nicht vor dugehe fürchten.“ „Womit wollen wir dann Aepfel und Brod kaufen?“ eſſen.“ g „Und was ſchickſt Du dann unſerer Mutter?“ Peter macht große Augen und gibt keine Ant⸗ — „Ich ſchlage ein Rad, dann gibt man mir zu 75 wort: die Aepfel, das Rad und die Diebe beſchäf⸗ tigen ihn vollſtändig. Wir ſind in dem Dorfe angelangt, welches ich von ferne erblickte. Ich frage, ob man eine Bande nach Paris und Lyon gehender Savoyarden hat durch⸗ kommen ſehen. „Ja, meine Kinder,“ antwortet uns eine gute Alte,„aber ſie ſind euch weit voraus, denn ſie ſind ſchon mit Tagesanbruch durch und jetzt geht die Sonne bald unter.“ „Vorwärts!“ ſage ich zu meinem Bruder, der ſich bereits vor einem Haus auf eine Bank geſetzt hat und den Reſt ſeiner Nüſſe und Aepfel verzehrt. „Eſſen wir nicht zu Mittag?“ „Wir können unterwegs eſſen: wir müſſen unſere Freunde einholen.“ Es kommt Peter ſchwer an, ſich zum Aufſtehen zu entſchließen, aber als er mich fortgehen ſieht, folgt er mir. Ich habe mir den Weg, den wir neh⸗ men ſollen, genau angeben laſſen, denn der Tag fängt an ſich zu neigen und wir könnten, wenn wir in den Bergen verirren, in einen Abgrund ſtürzen oder in eine Schlucht hinabglitſchen. „Geh' doch Wht ſo ſchnell,“ ruft Peter aus. „Warten die Andern nicht auf uns?“ „Nein, denn ſie wiſſen nicht, daß wir nachkommen.“ „Ich bin ſchon recht müde.“ „Wenn wir aber daheim den ganzen Tag herum⸗ ſprangen und den Mont du Corbeau auf den Hän⸗ den herunterliefen, warſt Du nie müde.“ „Ach, ich klettere lieber auf allen Vieren herum, als daß ich ſo laufe.“ „Du ſehnſt Dich alſo nicht, nach Paris zu kommen?“ „O, doch, aber Jakob iſt daheim, er iſt nicht müde und bekommt heute Abend Suppe zu eſſen.“ Peter ſtößt bei dem Gedanken an die Suppe einen tiefen Seufzer aus. Wir ſchreiten immer vorwärts, aber der Tag geht unter und ich ſehe das Dorf nicht, wohin wir müſſen, um ein Nachtquartier zu finden. Mein Bruder, der immer hinter mir drein lief, nähert ſich mir, ſobald es Nacht wird. „Höre, Andreas, es iſt dunkel.“ „Nun, das hindert Einem nicht am Laufen, es iſt ja Mondſchein, wir ſehen den Weg ſchon.“ „Sind wir nicht bald an Ort und Stelle“ „Ich weiß nicht.“ „Wollen wir ſpringen, Bruder?“ „Nein, nein, die Mutter hat uns verboten, zu ſpringen: das wäre uns ſchävlich. Außerdem viſt Du müde.“ „Nein, ich bin nicht mehr müde.“ „So komm', wir wollen ſchneller gehen.“ Peter verdoppelt ſeine SchritteGlücklicher Weiſe beleuchtet der aufgehende Mond unſere Berge und geſtattet uns, ohne Gefahr unſern Weg zu verfolgen. Indeſſen hat dieſe Helle etwas zur Traurigkeit Stim⸗ mendes. Die Gegenſtände, welche wir erblicken, ſcheinen nicht mehr dieſelben? ſie verändern im Schat⸗ ten ihre Geſtalt. Oft ſieht ein Felſenblock, ein ein⸗ 77 facher Siein von ferne abſchreckend aus. Mein Bru⸗ der blickt nur noch mit Furcht um ſich; er ſchmiegt ſich dicht an mich, nimmt mich feſt beim Arme und führt mich: ſo gehen wir ziemlich lange ſchweigend vorwärts; das Geräuſch unſerer mit Eiſen beſchlage⸗ genen Schuhe ſtört allein die Stille und Ruhe unſe⸗ rer Berge, deren Bewohner bereits im Schlafe liegen. Peters Eifer läßt nach, er fängt an den Muth zu verlieren und wir gehen nicht mehr ſo ſchnell. „Sind wir noch nicht bald an Ort und Stelle, Andreas?“ fragt er mich halblaut, als ob er ſich fürchtete, rechts oder links gehört zu werden. Ich be⸗ merke an dem Ton ſeiner Stimme, daß er nahe daran iſt, zu weinen, und bemühe mich, ihn zu tröſten. „Ei, Peter, mache Dir keine Sorgen; wir eſſen recht gut zu Nacht, wenn wir angekommen ſind.“ „Ach, ich habe keine Aepfel und keine Nüſſe mehr!“ „Man ſchenkt uns Etwas: Du weißt, daß unſere Mutter geſagt hat, die Kinder, welche nach Paris gehen, bekommen unterwegs oft Etwas.“ „Man gibt uns vielleicht Speck?“ „Wenn man uns gibt, dann tanzen wir.“ „Ach ja! Speck iſt gut. Ißt man welchen in Paris?“ „Sicher, da man dort viel Geld verdient. Es gibt dort Leute, die Einem für ein Lied einen Sou geben!“ „Einen Sou? Das iſt viel Geld.“ 78 „Komm', wir wollen ſingen wie ſpäter in Paris.“ „Nein, ich will nicht ſingen, ich möchte ſchlafen.“ „Wir ſchlafen, wenn wir angekommen find.“ „Ich ſehe keine Häuſer!“ „Mach' doch, Peter, ich muß Dich wahrhaftig ſchleppen.. lauf!“ „Wenn uns Diebe überfielen?“ „Du biſt ein Feigling: Du zitterſt immer; wenn Du in Paris biſt, lacht Dich Jedermann aus!“ „Andreas, gibt's nicht Leute, die Kinder freſſen?“ „Nein doch das ſagt man nur— im Spaße; Du weißt wohl, daß der Vater den Jakob auslachte, wenn er das ſagte. Außerdem würde ich Dich ſchon vertheidigen, wenn man Dir Etwas zu leid thun wollte: ich würde ordentlich um mich hauen, glaub' es mir!“ Mit vieler Mühe beruhigt ſich Peter ein wenig; wir ſetzen unſern Weg ſort, aber mit einemmal bleibt er ſtehen, nimmt mich am Arme und ſagt mit zitternder Stimme:„Ach, Bruder! ſiehſt Du dort.. Er deutete rechts vom Wege in einer Entfernung von etwa dreißig Schritten von uns auf Etwas, und ich ſehe einen Schatten in der Größe eines Menſchen an dem Wege, wo wir vorüber müſſen, ſich hin und her bewegen; zu gleicher Zeit vernehme ich ein dumpfes, eintöniges Geräuſch, welches ſich jedesmal wiederbolt, ſo oft ſich der Schatten ver⸗ längert und ausdehnt. Obgleich ich nicht ängftlich bin, wurde mir's doch bang um's Herz und mein Athem ſtockte; ich mache es wie Peter: ich ſtehe ſtill 79 und hefte meine Blicke unverwandt auf den Gegen⸗ ſtand, dem ich mich zu nähern fürchte. „Ach, Bruder, was iſt das?“ fragt Peter, der beinahe nicht mehr die Kraft hat, ein Wort hervor⸗ zubringen. „Meiner Treu! ich weiß nicht.“ „Siehſt Du, wie es ſich bewegt, wie groß es iſt; hörſt Du den Lärm, den es macht?“ „Ja; aber wir müſſen doch daran vorbeigehen.“ „O nein, Andreas, nein, ich vitte Dich, ich fürchte mich zu ſehr, laß uns fliehen.“ „Was fällt Dir ein, Peter! Zittere nicht ſo. Fliehen? Nein, der Vater hat geſagt, das ſei eine Schande. Der Mann dort will uns erſchrecken, aber ich fürchte mich nicht.. komm'!“ „Nein, nein, Andreas, ich wage es nicht!“ Peter fällt auf die Kniee nieder; er will mich zurück⸗ halten und zieht mich an der Jacke. Ich reiße mich los und er bedeckt das Geſicht mit ſeinen Händen; ich nähere mich ſtolz dem Gegenſtand, der uns eine ſolche Furcht einjagt, und ſchreie laut, um meinen Muth anzufeuern:„Nein, nein, ich fürchte mich nicht!“ Ich trete endlich auf den Gegenſtand zu, und in dieſem Augenblicke näherte ſich der bewegliche Schat⸗ ten auch mir und ſchien mir den Weg vertreten zu wollen. Ich hatte noch nicht gewagt, ihn genau anzuſehen, um mich zu überzeugen, was es ſei; aber wie groß iſt mein Erſtaunen, als ich mich bei genauer Betrachtung vor einer an einen Balken be⸗ 80 feſtigten Barrriére befinde, die hier angebracht iſt, um die Reiſenden vor dem Fall in ein tiefes Loch zu ſchützen, welches beinahe am Wege iſt! Dieſe Barriére, die ſich in der Mitte öffnete, ſollte mit einer Kette oder einem Hängſchloß verſchloſſen ſeinz aber ſeit langer Zeit war eine Hälfte derſelben zer⸗ brochen und man hatte es vernachläßigt, ſie wieder herrichten zu laſſen, und das, was noch mit eiſernen Angeln an dem Pfoſten hing, drehte ſich, vom Winde getrieben, hin und her, und verurſachte den einför⸗ migen Ton, den das immerwährende Reiben der Schrauben, die in den Angeln krachten⸗ hervor⸗ brachte. Sobald ich mich überzeugt habe, was es iſt, lache ich über meine Furcht, klettere, entzückt, dieſelbe überwunden zu haben, auf die Barriére hinauf, ſetze mich rittlings darauf und laſſe mich von ihr im Winde hin und her ſchaukeln. Peter, der, das Geſicht mit den Händen bedeckend, auf dem Boden liegen geblieben war, hört mich ein Freudengeſchrei ausſtoßen und einmal über das andere rufen:„He, zu Pferd! Ach, wie hübſch! Komm' doch, Peter! Ach, wie herrlich: es bewegt ſich von ſelber!“ Peter weiß weder, was das heißen, noch ob er es wagen ſoll, mir nachzugehen. Indeſſen rufe ich ihm öfters; er hört mich lachen, das verſcheucht ſeine Furcht. Endlich nähert er ſich mir, und ſobald er mich hat auf der Barriere ſchaukeln ſehen, ſteigt er ohne Weiteres auch hinauf und ſetzt ſich hinter mich. Dann bringen wir dieſelbe wieder in Bewegung und —„—— * — 8¹ laſſen uns nach Herzensluſt an dem Pfoſten hin und her wiegen. Wir achten nicht darauf, daß der Bal⸗ ken dicht an einem Abgrunde ſteht, daß wir durch ein allzu ſtarkes Schaukeln das Gleichgewicht ver⸗ lieren, und, wenn die Barriere an den Rand zurück⸗ kommt, mehr als dreißig Fuß hinabſtürzen und uns Arme und Beine an den Felſen zerſchellen könnten; wir ſehen keine Gefahr mehr vor Augen; und was uns wenige Augenblicke zuvor ſo ſehr in Schrecken geſetzt hatte, iſt jetzt eine Quelle des Vergnügens für uns geworden. Da Alles ein Ende haben muß, ſteige ich, nach⸗ dem ich drei Viertelſtunden auf dieſer neumodiſchen Schaukel zugebracht hatte, herunter, und ſage zu Peter:„Wir müſſen uns wieder auf den Weg machen, Bruder.“ „Ach, noch ein Bischen, das iſt ſo unterhaltend!“ „Und wo ſchlafen? wo zu Nacht eſſen?“ „O, ich habe keinen Hunger und keinen Schlaf mehr! Ich bitte, ſchaukle mich noch mehr, Andreas!“ „Nein, es iſt genug, wir müſſen in's Dorf!“ Es koſtet mich Mühe, Peter von der Barriére herunter zu bringen; er gibt endlich nach mit den Worten:„Ach, wie ſchade, es war ſo luſtig!“ Wir ſetzen unſern Weg wieder ſort, dießmal aber mit Lachen und Singen: der Schrecken iſt gewichen. Das Spiel hat uns alle durch den Mondſchein er⸗ zeugten Viſionen aus dem Kopfe gejagt, und wenn wir jetzt Eiwas in der Entfernung ſehen, welches ſich zu vewegen ſcheint, ruft Peter mit einem Freuden⸗ 82 ſprung aus:„Ach, wenn es wieder eine Schaukel wäre!“ Wie wenig braucht es doch, um uns die Gegenſtände in einem andern Lichte zu zeigen! Wir kommen in dem Flecken an, den man uns bezeichnet hat, und dießmal hat uns der Weg nicht lange geſchienen. Aber es iſt ohne Zweifel ſpät, denn ich ſehe kein Licht mehr in den Häuſern.„Siehſt Du,“ ſage ich zu Peter,„wir ſind zu lange auf der Barriére geritten. Ich weiß nicht, wo ich anklopfen ſoll, um Herberge und ein Nachteſſen zu begehren.“ „Man klopft an irgend ein Haus.“ „Ja, aber man beherbergt nicht in allen Häuſern.“ „Bah, wir ſingen Etwas, oder Du fegſt einen Kamin!“ „Fegt man Nachts auch die Kamine? Die gute Frau von heute Morgen hat geſagt, wir ſollen in das Gaſthaus gehen, dort behalte man die Savoyar⸗ den für zwei Sous in einer ſchönen Scheune über Nacht, und gebe noch ein Stück Käſe dazu.“ „So wollen wir hingehen.“ „Bei wem ſoll ich mich aber erkundigen, wo es iſt? Doch komm', Peter, man ſagt, es ſei ein großes Haus; laß uns ein ſolches und zwar ein ſchönes ſuchen.“ Nun gehen wir durch den Flecken, der ziemlich groß iſt, und betrachten alle Häuſer im Mondſchein. Ich ſehe eines, welches mir ſchöner vorkommt als alle übrigen, und ich ſage zu Peter:„Das iſt ohne Zweifel der Gaſthof; wir wollen anklopfen.“ Wir klopfen mit unſern Füßen und unſern Fäu⸗ 83 ſien an die Hausthüre. Alsbald hören wir das Gebell eines Hundes, welcher zu der Thüre herrennt, an die wir geklopft haben und einen furchtbaren Lärm macht. Der erſchrockene Peter entfernt ſich von dem Hauſe, dem er ſich nicht mehr nahen will; ich eile ihm nach, um ihn zu beruhigen, aber das Bellen des Hundes hat die andern aufgeweckt, und alle Hunde im ganzen Flecken ſcheinen ſich zuzurufen: wo wir uns hinwenden, hören wir ein wüchendes Geſchrei. Peter zittert, weil er glaubt, er habe alle Doggen des Weilers auf ſeinen Ferſen; er will mit Gewalt den Ort verlaſſen. „Komm', Andreas,“ ſagt er zu mir,„laß uns gehen, in dieſem Orte gibt es nichts als Hunde; ich will lieber auf der Straße über Nacht bleiben.“ „Fürchte Dich doch nicht: dieſe Hunde ſind bloß da, um die Häuſer zu bewachen; ſie thun uns Nichts, wir ſind ja keine Diebe! Wozu denn das Zittern? Warte, da iſt noch ein ſchönes Haus, hier will ich auch anklopfen, aber etwas leiſer, damit mich die Hunde nicht hören.“ Ich poche leiſe an die Thüre; man gibt keine Antwort. Ich poche an Einem fort, aber das Bellen der Hunde iſt Schuld, daß man mich nicht hört. Man macht übrigens in einem Nebenhauſe ein Fenſter auf; dann gegenüber ein anderes; ich höre Stimmen und bald darauf wird folgendes Geſpräch von einem Fenſter zum andern angeknüpft: „Mein Gott, welchen Lärm machen die Hunde! Was — haben ſie denn heute Nacht, daß ſie ſo unruhig ſind?“ 84 „Ach, Du biſt es, Claudine; biſt Du auch auf⸗ gewacht?“ „Kann man bei ſolchem Teufelslärm ſchlafen? Und Du? Hat Dich Dein Mann oder haben Dich die Hunde aufgeweckt?“ „Mein Mann!.. Warum nicht gar! Dem könnte man eine Kanone in's Ohr ſchießen, er würde ſich nicht rühren! Der iſt bei Nacht nie munter. Glaub' mir, Hanne, wenn Du je heiratheſt, nimm keinen Gipſer zum Mann: es gibt nichts Schändlicheres. Siebſt Du, das iſt ein zu anſtrengendes Geſchäft. Michel iſt ein guter Mann, aber er lacht nur des Sonntags!“ „Ach, das iſt recht langweilig! Ich will mir einen Dachdecker ſuchen, die ſind liebenswürdiger.“ Während des Geſpräches dieſer beiden Frauen⸗ zimmer hat der Lärm aufgehört. Ich will mich ihnen nähern, um ſie anzureden, aber ſie haben ihre Fen⸗ ſter ſchon wieder zugemacht. Ich kehre zu dem gro⸗ ßen Hauſe zurück und klopfe auf's Neue. Endlich öffnet man ein Fenſter; ein gltes, tief in einer wot⸗ lenen Mütze ſteckendes Geſicht zeigt ſich und fragt zornig: „Wer klopft ſo ſpät bei dem Herrn Schultheißen an?“ „Wir, Madame.“ „Wer ihr?“ „Andreas und Peter.“ „Was wollen Andreas und Peter?“ „Wir ſind kleine Savoyarden: habt Ihr einen 85⁵ Kamin zu fegen? Wollt Ihr aufmachen, dann ſingen wir Euch um ein Stückchen Brod und Käſe ein Lied⸗ chen und tanzen dazu.“ „Ha, die kleinen Schelmen, die ungezogenen Jun⸗ gen, welche Leute unſerer Art aufwecken, um ihnen Etwas vorzutanzen! Wenn ich euch morgen erwiſche, will ich euch tanzen laſſen! Ich euch Käſe geben? Ha, die Schlingel! Geſchwind, packt euch fort, daß ich Nichts mehr von euch höre. Während der Nacht zu kommen, um bveim Herrn Schultheißen den Kamin zu fegen!“ Die Alte wirft, Drohungen gegen uns ausſtoßend, das Fenſter zu. Ich kehre traurig zu meinem Bru⸗ der zurück. „Andreas,“ ſagt er zu mir,„dieſe Leute ſind recht böſe, ſie wollen uns nicht aufmachen. Warum aber nicht? Wenn man Nachts an unſerer Hütte klopfte, machte unſer Vater immer auf; er theilte ſogar ſein Nachteſſen mit, ohne daß man ihm den Kamin fegte oder ihm Etwas dafür ſang. Warum ſind denn dieſe Leute nicht wie unſer Vater?“ „Ach Gott! ich weiß es nicht.“ „Sind ſie in Paris auch ſo?“ „O nein, in Paris hat man die kleinen Schorn⸗ ſteinfeger gern, weil ſie dort viele Kamine zu fegen haben.“ Während ich mit meinem Bruder rede, ſehe ich neben einem kleinen Häuschen von armſeligem Aeu⸗ ßern eine Art Stall, worin mehre Bündel Stroh und Gartengeräthe liegen. Der Schoppen iſt nicht 86 verſchloſſen und ich winke Peter, mir zu folgen. Er wagt es nicht.„Es ſind vielleicht wieder Hunde darin,“ ſagt er, an der Thüre ßtehen bleibend. Ich gehe allein hinein, ſetze mich auf's Stroh und als Peter ſich überzeugt, daß keine Gefahr vorhanden iſt, entſchließt er ſich endlich, auch hereinzukommen und läßt ſich neben mir nieder. „O, da iſt es gut, Andreas.“ „Hier wollen wir die Nacht zubringen.“ „Wenn man uns aber morgen früh zankt?“ „Man zankt nicht; da die Thüre offen ſteht, iſt es erlaubt, hineinzugehen. Fürchte Dich nicht, Peter; hier ruhen wir ſo gut als in ihren Häuſern und man hat Nichts dagegen.“ Peter fatt Muth; überdieß iſt er müde und ſchläfrig. Wie könnte er dieſes Stroh verlaſſen, auf dem wir ſo weich ruhen! Mein Bruder legt ſich neben mich hin, ich ſchlinge meinen Arm um ihn⸗ um ſeine Nähe zu fühlen, mit der andern Hand be⸗ decke ich das Medaillon, welches ich unter meiner Jacke habe, damit man mir es nicht nehmen kann⸗ denn ich bin ſtolz darauf, einen ſo koſtbaren Gegen⸗ ſtand an mir zu tragen. Auf dieſe Weiſe beruhigter, mache ich es bald Peter nach und wir ſchlafen tief ein. 0 87 Sechstes Kapitel. Unſer erſter Verſuch.— Peters erſte Heldenthat. Als wir erwachten, ſtand die Sonne ſchon hoch. Ich reibe mir die Augen aus und ſtoße meinen Bru⸗ der.„Mein Gott,“ ſagte ich, um mich herſchauend, bei mir ſelbſt,„es iſt vielleicht ſchon ſpät.“ Gleich darauf ſehe ich unter der Thüre des Schoppens, der uns als Schlafgemach gedient hatte, einen kleinen Greis ſtehen, der uns lächelnd anblickt. „Nehmt es nicht übel, Herr, das Stroh, worauf wir geſchlafen haben, gehört vielleicht Euch, aber wir waren ſo müde. Peter, Peter! wach⸗ doch auf. Wir gehen auf der Stelle wieder weiter, Herr.“ „Warum denn, meine Kinder,“ entgegnet der Greis,„ruht aus, ſo lange es euch gefällt, ihr genirt mich nicht. Ihr hättet aber an eine Hütte klopfen ſollen, dort würdet ihr wärmer und beſſer geſchlafen haben.“ „Ach, mein Herr, wir haben es nicht gewagt. Wir hatten ſchon irgendwo angeklopft, ww man uns zurückgewieſen und ungezogene Jungen geſchimpft hat, weil wir um eine Nachtherberge und etwas Käſe zu unſerm Brod gebeten hatten, und doch hat⸗ ten mein Bruder und ich uns angeboten, dafür zu tanzen und zu ſingen.“ „Ihr armen Kleinen! Wo habt ihr denn ange⸗ klopft 2“ „An dem ſchönſten Hauſe im Orte.“ 88 „Liebe Kinder, ihr hättet euch an die Bewohner des kleinſten, beſcheidenſtes Hauſes wenden ſollen, dort würdet ihr Aufnahme gefunden haben. Merkt euch meinen Rath: wenn ihr ein anderes Mal um Gafffreundſchaft anſprecht, ſo klopft an die Hütten, nicht an die großen Häuſer.“ Peter ſchlägt endlich die Augen auf. Es koſtet mich Mühe, ihn von unſerm Nachtlager aufzubrin⸗ gen. Er ruft Jakob und unſere Mutter, er glaubt ſich noch daheim und verlangt zu frühſtücken; ich rüttle und ſchüttle ihn.„Peter, wach' doch ganz aufz wir ſind nicht mehr zu Hauſe, wir gehen nach Paris.“ Er ſieht mich, die Augen ausreibend, an und ſtößt einen tiefen Seufzer aus.„Bekommen wir denn Nichts zu frühſtücken, Andreas?“ fragt er. Doch, meine Kinder,“ antwortet der gute Greis; „ihr dürft mit mir frühſtücken und euch nicht eher auf den Weg machen, als bis ihr euch auf längere Zeit geſtärkt habt.“ Dieſe Worte erwecken Peter vollends; wir folgen wobhlgemuth dem guten Manne, der uns in ſein klei⸗ nes Häuschen hineinführt. Dort ſehen wir Milch, Eier, Käſe und Weißbrod auf einem Tiſche ſtehen. Peter und ich blicken uns gegenſeitig lachend an. Welch' füßes Erwachen! Wie wollen wir es uns ſchmecken laſſen!“ Der Greis heißt uns an den Liſch ſitzen.„Eſſet,“ ſagt er zu uns,„färkt euch, meine Kinder. Es iſt noch weit von hier nach Paris; aber in eurem Alter legt man den Weg ſpielend und ſingend zurück.“ 89 Wir laſſen uns die Einladung unſeres Wirthes nicht wiederholen, machen uns gierig über das vor uns aufgeſtellte Frühſtück her, und hören erſt zu eſſen auf, als wir uns den Magen vollgefüllt haben. „Ach, wie gut ſchmeckt Brod und Milch zuſam⸗ men,“ ſagt Peter, der es bedauert, daß er nicht noch mehr eſſen kann. Ich bedanke mich bei dem Grei⸗ ſen, welcher uns den Reſt des Frühſtückes in unſere Säcke packt und ſelbſt bis zu dem Wege geleitet, den wir einſchlagen ſollen, und uns, ehe wir uns von ihm trennen, zärtlich küßt. So treten wir alſo auf's Neue unſern Weg an, aber das Frühſtück, welches wir eingenommen haben, hat unſere Phantaſie aufgeheitert; wir ſehen Alles in roſigem Lichte. Welchen Einfluß hat der Magen auf das Gemüth! Wie viel liebenswürdiger, menſch⸗ licher, freigebiger, geſellſchaftlicher iſt man nach Tiſch, und wie wohlwollend, dienfffertig und freundſchaft⸗ kön igliche Ko ch ſeine vierzehnte Auflage erlebt hat. Wir halten ung bloß auf, um unſere Vorräthe zu verzehren und langen gegen Abend ohne Unfall in einem Dorfe an, welches uns der gute Greis Mor⸗ gens bezeichnete, indem er ſagte, wir ſollen dort nur nach Joſeph fragen, der uns über Nacht behalten werde. Wir werden in der That auf ſeine Empfeh⸗ lung hin freundlich aufgenommen und in einer Scheune Paul de Kock. LXRRIII. 7 beherbergt; aber ich erfahre, daß die Geſellſchaft kleiner Savoyarden ſchon am Vorabend durch das Dorf gekommen iſt und ſich daſelbſt nicht aufgehal⸗ ten hat. Jeder Augenblick entfernt uns mehr von Denen, welche wir einbolen wollen. Was beginnen? Peter will nicht ſchneller gehen, vor Tagesanbruch läßt er ſich nicht erwecken und die Andern warten nicht auf uns.„Meiner Treu, wir müſſen den Weg allein machen,“ denke ich, indem ich mich neben mei⸗ nen Bruder niederlege;„wir ſind groß genug, allein zu reiſen, und wenn wir häufig nach dem Wege fra⸗ gen, ſo werden wir wohl dieſes Paris finden, das Jedermann kennt.“ Am folgenden Tage braucht es dieſelben Förm⸗ lichkeiten, um Peter zum Weitergehen zu bewegen. Wenn ich den Jungen machen ließe, würde er den ganzen Tag ſchlafen. Wir bekommen kein ſo gutes Frühſtück wie Tags zuvor, aber man gibt uns noch Brod auf den Weg und ich muß Peter ſtoßen, daß er ſich bei unſeren Wirthen bedankt, welches er ziem⸗ lich mißmuthig thut, indem er nach einem auf einem Brette ſtehenden Käſe ſchielt, von dem man uns Nichts gegeben hatte. „Peter,“ ſage ich unterwegs zu ihm,„wenn Du nicht höflicher biſt, ſo gibt man uns ein anderes Mal gar Nichts mehr.“ „Warum haben ſie uns Nichts von dem reen gelben Käſe gegeben, der ſo gut roch?“ „Es war noch gefällig genug, uns Brod zu ge⸗ ben, denn wir haben Nichts bei dieſen Leuten ge⸗ 91 than, weder den Kamin gefegt noch geſungen; Du willſt Alles, ohne Etwas dafür zu leiſten!“ Herr Peter gibt keine Antwort, er ſchmollt und iſt auf dem ganzen Wege übler Laune. Alle Augen⸗ blicke ſteht er ſtill und klagt über ſeine Ferſe; dieß Alles jedoch nur, weil er nicht mit ſeinem Früh⸗ ſtück zufrieden iſt. Gegen Abend ſehen wir die Stadt Pont⸗de⸗Beau⸗ voiſin vor Augen.„Sieh',“ ſage ich zu Peter,„wir haben ſchon viel Weg gemacht!. Das iſt eine große Stadt.“ „Sind wir in Paris?2“ „O nein, aber wir nähern uns allmälig!... O, hier gibt es ſchöne Häuſer und große Kamine. Vor⸗ wärts, mein Bruder, hier müſſen wir unſer erſtes Geld verdienen, mach' nur den Faullenzer nicht.“ Peter rollt die Augen umher mit einer Miene, die mir andeutet, daß er keine große Luſt hat, mir zu ge⸗ horchen, und während ich beim Eintritt in die Stadt vor Freuden in die Höhe ſpringe und aus Leibes⸗ kräften ſchreie:„Schornſteinfeger! braucht man Schornſteinfeger!“ ſehe ich, daß mein Bruder die Zunge herausſtreckt und gegen die Leute, die an ihr Fenſter treten, Geſichter ſchneidet. „Peter, willſt Du aufhören!“ „Wos denn, ich thue ja Nichts.“ „Ich ſehe wohl, daß Du die Leute ausſpotteſt und Fratzen ſchneideſt; es iſt ſchon gut, man wird uns weder Herberge noch zu Nacht zu eſſen geben, und uns als Taugenichtſe zur Stadt hinausjagen.“ Peter wird ruhiger, ich fange wieder an zu ſchreien:„Schornſteinfeger!“ In dieſem Augenblicke beſinden wir uns vor dem Laden eines Paſteten⸗ bäckers und Speiſewirths. Der Eigenthümer athmete, ſein Pfeifchen rau⸗ chend, vor der Hausthüre die friſche Abendluft ein. Er blickt uns lächelnd an.„Ach, ach, das ſind Kin⸗ der, die wahrſcheinlich nach Paris gehen!“ „Ja, mein Herr, habt Ihr Schornſteine zu rei⸗ nigen?“ „Wohlan, ich will eure Kunſt erproben. Tretet ein, meine Kinder. Margarethe, Margarethe! führe ſie in die Küche und in die Stube im erſten Stock; dann kann Jeder einen Schornſtein fegen.“ Der Paſtetenbäcker hat uns in ſein Haus geführt. Peter ſchielt nach den Paſtetchen, die er in der Wirths⸗ ſtube ſieht. Ein junges Mädchen kommt und fragt den Herrn Boulette, ſo heißt der Paſtetenbäcker, was ſie mit uns anfangen ſoll. Er wiederholt ſeinen Be⸗ fehl, uns die Kamine zu zeigen und geht wieder un⸗ ter die Hausthüre, um ſein Pfeifchen zu rauchen. „So kommt, ihr Kleinen,“ ſagt die junge Magd zu uns;„folget mir und macht keinen ſo argen Staub.“ Es koſtet mich Mühe, Peter vom Platze zu brin⸗ gen, der inmitten der Paſtetchen wie angenagelt ſcheint. Ich nöthige ihn, vorauszugehen; wir kom⸗ men in die Küche.„Hier fege Du dieſen,“ ſagt die Magd zu mir,„Du biſt größer und hier iſt auch „ — 93 mehr zu thun. Du, Kleiner, kannſt den andern fe⸗ en.“ Das junge Mädchen winkt Peter, der nicht von der Stelle geht und in allen Ecken der Küche herum⸗ ſieht, ob ihm nicht noch ein Leckerbiſſen in's Auge falle. „Geh' doch mit der Jungfer,“ ſage ich zu Peter, ihn vorwärts ſtoßend. „Kannſt Du nicht fegen?“ fragt die Magd. „Doch, doch, Jungfer, da er aber ein wenig klein iſt, will ich mit Euch gehen, um ihm hinaufklettern zu helfen.“ „O, der Kindskopf! ich habe ſchon viel kleinere, wie er iſt, klettern ſehen wie Katzen!“ „Ich nehme meinen Bruder beim Arme: er folgt mir, ohne den Mund zu öffnen. Wir langen in Herrn Boulette's Zimmer an und die Magd zeigt ihm den Kamin. Peter wird bis über die Ohren roth; ich ſehe, daß er nahe daran iſt, zu weinen. „Vorwärts, Peter, zieh' Deine Schuhe aus, lege dort Deinen Sack hin, ſtecke Dein Kratzeiſen in den Gürtel und ſteige da hin auf: der Kamin iſt nicht ſehr hoch.“ „Ich mag nicht!“ entgegnet mir Peter, das Geſicht mit den Händen bedeckend. „Wie, Du magſt nicht? Was willſt Du dann in Paris machen? Auf welche Weiſe willſt Du Geld verdienen? Wie abſcheulich, ſo faul zu ſein! Denkſt Du nicht an unſere arme Mutter? Mach', Peter, wenn Du hinaufkletterſt, bekommſt Du eines von den * 94 kleinen Paſtetchen, die Du vorhin geſehen haſt, zum Nachteſſen.“ Dieſes letzte Verf ſprechen ſcheint am meiſten auf ihn einzuwirken. Peter geht etwas ſchwankend vor⸗ wärts; ich knie nieder, um ihm beim Hinaufſteigen zu helfen. Er zögert.. er ſieht ſtill. Ich rufe ihm noch Etwas von Paſteten und Kuchen in die Ohren: er entſchließt ſich: klettert auf mich und in den Ka⸗ min hinauf.„Fege tüchtig,“ ſage ich zu ihm,„fürchte Dich nicht und ſteige fein bis oben hinauf und ſinge das Liedchen dazu.“ Nachdem ich ihm Muth eingeſprochen habe, folge ich der Magd, welche über die Aengſtlichkeit meines Bruders lacht; ich gehe wieder in die Küche hinab, und fege, hocherfreut, endlich Peters Widerwillen be⸗ ſiegt zu haben, den Kamin. Während ich aber nach beſten Kräften arbeite, bin ich weit entfernt, die Fol⸗ gen zu vermuthen, welche die erſte Leiſtung meines Bruders nach ſich ziehen wird. Peter iſt, lange unentſchieden, ob er vor⸗oder rück⸗ wärts ſoll, auf derſelben Stelle ſtehen geblieben. Furcht und Hunger ſtreiten ſich in ihm; endlich trägt der Hunger den Sieg davon und Peter ſteigt, ſich mit allen Vieren auf die Vorwand des Kamins ſtü⸗ zend, hinauf. In einer gewiſſen Höhe angekommen, fühlt er eine große Spalte und vermuthet, es ſei ein Kamin⸗ fenſter; er ſchlüpft mit dem Kopf und dann mit den Beinen hindurch, ſucht Helle und ſieht ſie bloß in weiter Entfernung unter ſich; er verſucht es, ſein 95 Liedchen zu ſingen, aber der Ruß, den er ſchluckt und einathmet, macht ſeine Stimme ſo heiſer, daß man ihn faſt nicht hört. Er zieht ſein Kratzeiſen heraus und merkt nicht, daß er in einen andern Schornſtein hineingekommen iſt und ſtatt den des Herrn Byulette einen im Nachbarhauſe fegt. Peter fühlt ſich bald ermüdet. Er ruft mir; da er keine Antwort erhält, befürchtet er, ich eſſe ohne ihn zu Nacht und will ſchnell herunter ſteigen. Aber etwa ſechs Fuß von der Eſſe entfernt, glitſcht er mit dem Fuße aus und fällt mit einem fürchterlichen Ge⸗ ſchrei auf den Kamin hinab. Der Kamin, in den ſich mein Bruder aus Ver⸗ ſehen verirrt hatte, war der des Schlafzimmers der Fräulein Cäſarine Ducroſuet, einer volljährigen Jung⸗ frau, die bis in iyr zweiundvierzigſtes Jahr eine Tugend aufrecht erhalken, welche ſelbſt die Huldi⸗ gungen der verführeriſchſten Männer des Departe⸗ ments der Iſeère nicht zu erſchüttern vermocht hatten; dagegen machte ſich Fräulein Dueroquet ein Ver⸗ gnügen daraus, andere Frauenzimmer, deren Sitten ihr nicht rein genug ſchienen, zu bekritleln. Aus Hochmuth ſpröde, aus Reigung bösartig, aus Inſtinkt eitel, aus Schwachheit kleinlich, von Charakter ſchwatz⸗ haft, brachte Fräulein Cäſarine ihr Leben mit Kartenſchlagen, Boſtonſpielen, Hadern, Raiſon⸗ niren und Hin⸗ und Herklatſchen zu. Zweitauſend Franken Renten baares Geld geſtatteten der alten Jungfer den Zutritt in die bedeutendſten Häuſer des Ortes. 96 Eine zweiundvierzigjährige Tugend wird übrigens bisweilen eine Laſt, deren Gewicht man ablegen möchte. Die Thorheit hat ihre Zeit, die Vernunft aber auch. Wenn man mit der Vernunft den An⸗ fang macht, ſo hört man gar häufig mit der Thor⸗ heit auf. Seit einiger Zeit war Fräulein Cäſarine Ducroquet nicht mehr dieſelbe: ſie hatte Nervenleiden, Ohnmachten, Herzklopfen; ihre Augen wurden thrä⸗ nenfeucht, wenn ſie die Liebſchaften„Huons von Bor⸗ deaux“ und der„Dame der ſchönen Couſinen las; ſie hatte in ihrem Innern mit Elodia“ geſeufzt und mit „Eleonore von Roſalba“ gebebt. Vergebens verſicherte ſie ihre alte Magd, ſie leſe Nachts zu lang, das ſei allein an ihren feuchten Augen ſchuld. Fräulein Du⸗ croquet wußte eine andere Urſache ihrer Aufregung. Seit mehreren Tagen ſah ſie in ihren Karten einen ſchönen Blondkopf ihr auf allen Schritten folgen, er lag immer neben ihr; ebenſo das Schippen⸗Aß. Wer war dieſer Blondkopf? Kündigte ihr das Schickſal in den Päckchen einen Gatten an? Fräulein Cäſarine konnte dieſe Gedanken nicht aus ihrer aufgereizten Phantaſie bringen; ſie ſuchte allenthalben den hüb⸗ ſchen Blondkopf. Sie ſeufzte, wurde ungeduldig; ihre Stunde war gekommen; mit zweiundvierzig Jahren hat der Herzſchlag nicht mehr jenen Wohlklang, jene Zartheit, die Einen ſanft von Wolluſt träumen läßt; er gleicht einer hell läutenden Glocke, die Einen be⸗ täubt und außer ſich bringt. Fräulein Cäſarine Ducroquet, welche die Verän⸗ derung, die mit ihr vorgegangen war, nicht in der ——————— — 97 Stadt bekannt machen wollte, ging weit weniger in Geſellſchaft und begrub ſich in ihre Karten und Rit⸗ ter⸗ oder Geſpenſter⸗Romane. Dieſe neue Lebens⸗ weiſe hatte ihre Geſundheit ſo ſehr angegriffen, daß ſie bald einen Arzt zu Rathe ziehen mußte. Ein neuer Schüler Aesculaps hatte ſich ſeit Kurzem in der Stadt niedergelaſſen; man pries ſeine Geſchicklichkeit ſehr. Fräulein Dueroquet kannte ihn bloß dem Rufe nach, ſie ließ ihn zu ſich bitten und Herr Sapiens folgte, erfreut, eine neue Kundſchaft zu erhalten, eiligſt ihrer Aufforderung. Beim Anblick des Doktors empfand Fräulein Du⸗ eroquet ein unwillkürliches Beben, denn ſie fand, daß derſelbe auf eine überraſchende Weiſe dem Carreau⸗ Buben gleiche, welcher ſie unaufhörlich in den Karten verfolgte. Herr Sapiens hatte in der That, ohne gerade blond zu ſein, Etwas von Hektors Farbe; ſeine Augen waren lebhaft und ſchelmiſch; er hinkte ein Wenig, was eben nicht ſehr ritterlich iſt, aber er ſchleppte das Bein auf ſo verführeriſche Weiſe hintendrein, daß es ihn noch intereſſanter machte; außerdem hatte er eine kräftige Wade: man konnte dieß genau unterſcheiden, denn er trug nie Stiefel; endlich ſchien der Doktor, obgleich er ſchon fünfzig Jahre alt war, erſt achtundvierzig zu ſein. Herr Sapiens hatte ſeine Jugend in der Haupt⸗ ſtadt verlebt; etwas ſpät bemerkend, daß es ihm trotz ſeiner Talente ſchwer gelingen würde, daſelbſt ſein Glück zu machen, entſchloß er ſich, ſich in der Provinz niederzulaſſen. Als gewandter Mann hatte er Er⸗ 98 kundigungen über Fräulein Dueroquet eingezogen, ehe er ſich zu ihr begab. Ein heirathsfähiges Fräu⸗ lein mit zweitauſend Franken Renten war für einen Doktor, welcher in ſeinem fünfzigſten Jahre noch Nichts als Verſchleimungs⸗ und Schnupfenkrankheiten geheilt hatte, keine zu verachtende Parthie. Herr Sapiens ſuchte deßhalb ſeiner Phyſiognomie den an⸗ genehmſten Ausdruck zu geben, als er ſich bei Fräu⸗ lein Dueroquet vorſtellte. Es koſtete ihm nicht viel, ihr zu gefallen; ſeine Aehnlichkeit mit dem Carreau⸗ Buben ſprach ſehr beredt zu ſeinen Gunſten. Die erſten Beſuche waren kurz, bald verlängerte ſie der Doktor aber: er ſuchte geſchickt die Moral der alten Jungfrau zu erforſchen, und als er ihren Geſchmack an dem Wunderbaren, ihren Glauben am Karten⸗ ſchlagen, ihr Wohlgefallen an den Ritterromanen be⸗ merkt hatte, ſchmeichelte er ihren Ideen auf's Lie⸗ benswürdigſte; er lieh ihr die„Liebſchaften Bayards⸗ und die„Haimonskinder«. Während er ein Rezept verſchrieb oder eine niederſchlagende Medizin verord⸗ nete, wagte er einen glühenden Blick, den man mit einem zärtlichen Seufzer beantwortete, welchen man den Herzklemmungen zuſchrieb. Nach Verlauf einiger Wochen war die intereſſante Kranke, Dank der Sorgfalt des lieben Doktors, wie⸗ der hergeſtellt. Sie klagte nur noch über Herzklopfen, das die Gegenwart des Herrn Sapiens bloß ver⸗ mehrte. Dieſer, welcher eine Eroberung, die ihm in jeder Hinſicht genehm war, nicht hinausſchieben wollte, hatte bereits einige Worte von Liebe und Eheſtand . —, 99 B fallen laſſen, er zögerte indeſſen noch mit einer ent⸗ ſchiedenen Erklärung, weil Fräulein Ducroquet in Erinnerung deſſen, was ſie Alles über die Männer und den Eheſtand geäußert hatte, nicht wußte, wie ſie ihren Entſchluß ändern ſollte, ohne ſich zum Stadt⸗ geſpräch zu machen. Indeſſen kam es ſie mit jedem Tage ſchwerer an, den Liebesblicken des Herrn Sa⸗ piens und dem Pochen ihres Herzens zu wiverſtehen. Am Morgen des Tages, wo mein Bruder und ich in Pont⸗de⸗Beauvoiſin anlangten, hatte der Dok⸗ tor ſeinen gewöhnlichen Beſuch bei Fräulein Duero⸗ quet gemacht. Immer liebenswürdig und gglant, hatte er der Geneſenden den„Rinaldo Rinaldini⸗ und den ,raſenden Roland“ mitgebracht. Zur Be⸗ lohnung hiefür hatte ihm Fräulein Cäſarine verſpro⸗ chen, ihm Karten zu ſchlagen und wahrzuſagen. Da der Doktor aber den ganzen Tag keinen Augenblick frei hatte, ſo war er eingeladen worden, ohne Um⸗ ſtände ein kleines Abendbrod mit zu verzehren und er hatte es unter der Bedingung angenommen, daß man ihm erlaube, eine Flaſche Parfait⸗Amour dazu mitzubringen. Fräulein Durroquet beſchäftigt ſich den ganzen Tag mit ihrem Anzug und ihrem Abendeſſen: die alten Jungfern ſind lecker und die Aerzte wiſſen, was gut iſt. Man läuft von ſeinem Spiegel in die Speiſekammer, friſirt ſeine Locken und macht das Eis auf die Crémeſchüſſeln, ſetzt eine Haube auf und peitſcht Käſe, bindet ein Halstuch um und ſieht nach den eingemachten Früchten. Die Zeit vergeht bei ſo 100 füßen Beſchäftigungen ſchnell; nur der alten Magd wird ſie lang, weil ihre Gebieterin noch nie ſo wun⸗ derlich beim Kochen und Anziehen geweſen. Um fünf Uhr iſt endlich Alles fertig. Ein Tiſch iſt mit Backwerk, Früchten, Confekt und feinen Wei⸗ nen überladen. Fräulein Cäſarine hat eine hellblau ausgeputzte Haube aufgeſetzt, deren Bänder vortreff⸗ lich zu dem ſchmachtenden Ausdruck ihrer Augen paſſen. Auf einem Sopha ſitzend, erwartet ſie, in dem raſenden Roland“ leſend, den Doktor; die Liebes⸗ geſchichte der ſchönen Angelika verſetzt ſie in zärtliche Träumereien. Man läutet; ſie bebt zuſammen. Iſt's Carls des Großen Neffe? Nein, Herr Sapiens, der beim Anblick des Abendeſſens und der Fräulein Cä⸗ ſarine ſtarr vor Bewunderung ſtehen bleibt und wech⸗ ſelweiſe bald die blaue Haube, bald die Makronen⸗ teller zärtlich anblickt. Nach den gewöhnlichen Höflichkeitsbezeugungen ſetzt man ſich zu Tiſche. Alles iſt meiſterhaft zube⸗ reitet und Fräulein Ducroquet ſpricht trotz ihres Herzklopfens den Leckerbiſſen und dem Muscatwein häufig zu. Allein der Doktor iſt zugegen und ver⸗ ſichert, es bringe ihr keinen Schaden. Wie ſoll man beſonnen bleiben, wenn Der, welcher unſere Geſund⸗ heit regiert, uns ſelbſt auffordert, ein Bischen über die Schnur zu hauen und uns das Beiſpiel dazu gibt! Fräulein Cäſarine legt ſich keinen Zwang aufz Herr Sapiens iſt ſo hinreißend, er ſagt, Parfait⸗ Amour einſchenkend, ſo ſchöne Dinge, daß die zwei⸗ 101 undvierzigjährige Tugend erſchüttert und ſchwankend zu werden anfängt. Man hat übrigens dem Doktor verſprochen, ihm Karten zu ſchlagen und darf dieſes nicht vergeſſen. Man nimmt ſein Kartenſpiel zur Hand, und während der Doktor Biscuit ißt, ſagt man ihm auf einer Ecke des Tiſches, obgleich es bereits dunkel wird und man nicht mehr recht hell ſieht, ſeine Zukunft voraus; allein zum Prophezeihen wird man kein Licht brauchen. „Ach, Doktor! jetzt werde ich erfahren, was Sie denken,“ ſagt Fräulein Cäſarine ihrem Gaſte, die Karten zum Abheben hinreichend. „Das iſt mein Wunſch, anbetungswürdiges Fräu⸗ lein!“ entgegnet Herr Sapiens, ein zweites Glas Parfait⸗Amour leerend. „Die Karten täuſchen mich nie.“ „Dann will ich ſein wie die Karten.“ „Heben Sie doch einmal ab.“ „So oft Sie befehlen.“ „Ach, Ihr Spiel iſt recht hübſch!“ „Ich zeige mich, wie ich bin, liebenswürdige Cäſa⸗ rine. Meine Gedanken liegen klar vor ihnen. Die Liebe für Sie beherrſcht mich ganz.“ „Laſſen Sie doch mein Kniee in Ruhe drei Neuner! das bedeutet ein großes Glück!“ „Ach, Fräulein Ducroquet, es hängt bloß von Ihnen ab!“ „Heben Sie zum drittenmale ab. Jetzt ſind Sie her⸗ ausgekommen, Doktor; ich nehme Sie für den Car⸗ reau⸗Buben.“ 102 „Nehmen Sie mich, wie es Ihnen beliebt; nur nehmen Sie mich, das iſt mein einziger Wunſch!“ „Sie liegen neben einer Brünette.“ „Das ſind Sie, Fräulein Ducroquet.“ „Sie fühlen Neigung.. Liebe für dieſelbe.“ „Leidenſchaftlich ach, wie gut Sie Karten ſchlagen können!“ „Da iſt aber ein Schippen⸗Bube, der mich in verſetzt; er tritt uns immer in den Weg.“ Wir geben ihm eine geſunde Arznei, daß es vergeht, ſüße Augen an Sie hin zu machen.“ „Der Kreuz⸗Zehner... es iſt ein Liebhaber im Hauſe. Doktor, warum drücken Sie mir die Hand ſo!“ „Gleichwie Gérard von Nevers der ſchönen Eu⸗ riante oder, wenn Sie lieber wollen, der auf dem Schvoße Omphalia's ſpinnende Herkules der Dame ſeines Herzens zu Füßen ſiel, alſo werfe auch ich mich vor Ihnen auf die Kniee nieder.“ „Doktor, was beginnen Sie.4. drei Zehner... eine Veränderung... aber wir ſehen nicht mehr hell genug; ich will läuten.“ „Es iſt überflüſſig, wir ſehen ſchon genug, um uns zu verſtehen. Ich warte nur auf Ihren Befehl, um meine Liebe öffentlich zu erklären.“ „Dieſer Schippen⸗Bube macht mir Sorgen.“ „Dieſer Schlingel verfolgt uns wie ein ſamen⸗Fußbad!“ „Für Sie für das Haus was geſchieht.. „Eine Heirath.. intereſſante Cäſarine, 6 ſchwör's bei dieſem Kuß!“ 103 „Ach, Doktor, was beginnen Sie2. das Schip⸗ pen⸗Aß für Ihre Gedanken... Doktor!“ „Ich bete Sie an.“ „Noch ein Päckchen... Doktor, hören Sie auf!“ Aber der Doktor, den der Muskatwein und der Parfait⸗Amour ſehr verliebt gemacht haben, wird mit jedem Augenblicke kühner. Man ſieht faſt nichts mehrz Fräulein Ducroquet, welche den Kopf verloren hat, blickt, ſich ziewlich ſchwach vertheidigend, immer noch auf ihre Karten und fährt mit bewegter Stimme fort:„Drei Achter und die Kreuz⸗Dame, die ver⸗ kehrt da liegt. Ach, mein Gott! Doktor, was ſoll das bedeuten? Ich weiß gar nicht mehr, wie mir geſchieht.“ Die Tugend der Fräulein Ducroquet läuft große Gefahr, als ſich plötzlich vom Kamin her ein dum⸗ pfes Geräuſch vernehmen läßtz es wird immer ſtär⸗ ker und näbert ſich immer mebr; endlich fällt etwas Schwarzes herunter und wälzt ſich mit einem furcht⸗ baren Geſchrei bis in die Nähe des verliebten Pär⸗ chens. Bei dieſer plötzlichen Erſcheinung bezweifelt Fräu⸗ lein Dueroquet nicht, daß es der Teufel ſei, welchen ſie unter der Geſtalt des Schippen⸗Buben geſehen habe, und der komme, um ſie für ihre Schwachheit zu beſtrafen. Sie bricht in ein lautes Geſchrei aus und ſtößt den Doktor weit von ſich; Herr Sapiens, der faſt eben ſo ſehr erſchrocken iſt als die alte Jungfer, will Leute herbeiholen; aber man ſieht nichts mehr und der Doktor ſtößt ſich an den Diſch, 104 auf dem die Reſte des Abendeſſens ſtehen. Indem er ſich raſch aus dem Staube machen will, wirft er Teller, Flaſchen, Schüſſeln um, und fällt, das Ge⸗ ſicht in Rahmkäſe und die Hände in Parfait⸗Amour tauchend, mitten auf den Boden nieder. Der Fall des Doktors hat Fräulein Ducroquet noch mehr erſchreckt, indeſſen hat ſie noch Kraft ge⸗ nug, ihr Zimmer zu verlaſſen und ganz außer Athem in das ihrer Magd zu eilen, welche eben Lichter an⸗ zündet und ſtarr vor Schrecken ſtehen bleibt, als ſie ihre Gebieterin in der größten Unordnung herein⸗ ſtürzen und auf einen Stuhl ſinken ſieht. „Ach, Gertrude,“ ruft das Fräulein aus,„der Teufel der Doktor der Schippen⸗Bube.. durch den Kamin herab! Ich hatte es in den Karten ge⸗ ſehen! Wir ſind verloren!“ Die alte Magd iſt wenigſtens eben ſo furchtſam wie ihre Gebieterin: bei dem erſten Wort derſelben fängt ſie an zu zittern wie ein Eſpenlaub und legt die Schaufel und die Feuerzange kreuzweis auf ihr Bett, damit ſich der Teufel nicht darin verſtecke, dann nimmt ſie ihre Gebieterin unter dem Arm und Beide gehen die Treppe hinab, um Leute zu holen. Auf ihrem ganzen Wege ruft Fräulein Duecroquet aus: „Der arme Doktor! ich fürchte ſehr, daß ihn der Teufel geholt hat! Wie ſchade, er kannte mein Tem⸗ perament ſo gut. Aber er iſt ſelbſt ſchuld, Gertrude, er hat ſich über den Schippen⸗Buben luſtig gemacht.“ „Ach, mein Gott! Fräulein, das iſt genug, um großes Unglück auf ſich zu laden.“ 105 Die Damen gehen zu ihrem Nachbar, Herrn Boulette, den ſie um Beiſtand bitten. Diecſer, der nicht an Kartenpäckchen glaubt, lacht über Fräulein Dueroquets Erzählung. Die junge Magd, die Mar⸗ garethe, lacht auch, indem ſie die alte Jungfer ſpöt⸗ tiſch fragt, wie es komme, daß ſie ohne Licht bei dem Doktor ſei; denn Fräulein Cäſarine hat geſagt, daß ſie in der Dunkelheit die Geſtalt des aus dem Kamin herabgefallenen Gegenſtandes nicht habe unter⸗ ſcheiden können. Dieſe hinterliſtige Frage der jungen Magd macht das alte Fräulein erröthen und ſie antwortet: der Doktor habe ihr den Puls gefühlt, ihr Schröpfköpfe auf die Schulter ſetzen wollen, und ſie habe aus Schicklichkeit gewünſcht, daß dieſe Operation in der Dunkelheit vorgenommen werden ſolle. Jungfer Margarethe beißt ſich in die Lippen und erzählt dieſen Vorfall ihren Nachbarn: in zehn Mi⸗ nuten verbreitet ſich dieſe Geſchichte von Haus zu Haus in der ganzen Stadt; man weiß überall, daß der Doktor Sapiens im Dunkeln mit Fräulein Duecro⸗ quet, der er angeblich Schröpfköpfe ſetzen wollie, allein war, als Etwas aus dem Kamin herabfiel, welches die Operation unterbrach. Jedes macht ſeinen Commentar hin uz man ſcherzt, man lacht, man erinnert ſich an die Sin der alten Jungfer, man beſpöttelt die zweiundvierzig⸗ jährige Tugend; denn es braucht nur einen Augen⸗ blick, um Das zu verlieren, was uns ſo viele Mühe Panl de Kock. LRRRm. 5 106 zu erlangen gekoſtet hat. Die Neugierigen begeben ſich in den Laden des Paſtetenbäckers, der bald voll von Leuten iſt. Man hört die Geſchichte an, welche Fräulein Ducroquet und ihre Magd Allen erzählen, die kommen; zuletzt entſchließt man ſich, den Ge⸗ genſtand, der ſo viel Furcht eingejagt hat, zu be⸗ trachten. i Während der Sturz meines Bruders die ganze Stadt in Aufruhr brachte, hatte ich den Küchenſchorn⸗ ſtein des Paſtetenbäckers gefegt. Ich ſteige wieder herunter, ſuche mit den Blicken die junge Magd, ſehe aber Niemand. Neugier'g, zu wiſſen, ob mein Bru⸗ der das ihm anvertraute Geſchäft gut beſorgt habe, gehe ich in das Zimmer hinauf, in das ich ihn ge⸗ führt hatte, und rufe mehrere Mal Peter!“ in den Kamin hinauf. Ich erhalte keine Antwort; ſeine Schuhe ſind indeß da: Alles beweist mir, daß er noch nicht aus dem Kamin herunter gekommen iſt; warum antwortet er mir denn nicht? Ich rufe auf's Nene und klettere bis in die Mitte hinauf: Peter be⸗ findet ſich nicht mehr in dem Hamin. Wie kommt es, daß ſeine Schuhe noch unten ſtehen? Ich gehe aus dem Zimmer hinaus und rufe, im Hauſe herumlau⸗ fend, meinen Bruderz ich begegne keinem Menſchen, ſelbſt der Laden iſt verlaſſen: denn Alles war ſo eben Herrn Boulette gefolgt, der mit ſeiner großen Tor⸗ tenſchaufel fortgegangen iſt, um die Geſtalt des Schippen⸗Buben zu beſichtigen. Fräulein Ducroquet und Gertrude gehen zitternd hinter dem Paſtetenbäcker her, Alles folgt ziſchelnd, — 107 mit dem Gedanken, was wohl aus dem Doktor ge⸗ worden ſein möge, aber kaum hat man die Hälfte des Weges zurückgelegt, ſo erſcheint derſelbe mit be⸗ ſürzter Miene und die ganze Geſellſchaft bricht in ein ſchallendes Gelächter aus, weil Herr Sapiens Käſe am Kinn und Backwerk auf der Naſe hat und ſich, Dank dem auf dem Boden vergoſſenen Parfait⸗ Amour, ein kleines Biscuitchen auf ſein linkes Auge geklebt hat, während der Schippen⸗Bube in ſeinen Haaren hängt. Herr Sapiens erſtaunt, daß man lacht, Fräulein Ducroquet erröthet, beißt ſich in die Lippen und Alles ſagt zu einander: „Eine ſonderbare Manier, ſich zum Schröpfen vorzubereiten!“ Der Doktor verſichert übrigens, daß ſich etwas Außerordentliches in dem Zimmer ſeiner Kranken zu⸗ trage, und bei dem Anblicke der auf des Doktors Kopf geklebten Karie ſtoßen die alte Gertrude und ihre Gebieterin einen Schrei des Schreckens aus. Die Letztere läßt Herrn Boulelte und die Unerſchro⸗ ckenſten, welche Fackeln in den Händen haben, vor? ausgehen; ſo dringt man in ihr Zimmer. Sie ſchließt die Angen, weil ſie vermuthet, der Teufel werde in Geſtalt einer Fledermaus davonfliegen. Aber ſtatt eines ſchrecklichen Lärms, wovor ſie ſich fürchtete, hört ſie lachen und ſcherzen, denn der Paftetenbäcker hatte den Gegenſtand, der ſeine Nachbarinnen in ſo peinlichen Schrecken verſetzt haite, erkannt. Beim Eintritt in Fräulein Ducroquets Zimmer hatte man 108 Peter inmitten der Reſte von dem Abendeſſen, auf dem Boden ſitzend, gefunden. Mein Bruder ſtopfte ſich, von der Betäubung erholt, welche im erſten Au⸗ genblick auf ſeinen Sturz gefolgt war, mit den um ihn herliegenden Biscuits und Kuchen voll und ſpeiste ruhig zu Nacht, während Alles im Hauſe außer ſich war. „Ei, das iſt einer meiner kleinen Schornſteinfeger,“ rief der Paſtetenbäcker aus. „Ja, wahrbaftig,“ ſagt Margarethe,„das iſt der Kleinere, ich erkenne ihn; er muß durch das Loch geſchlüpft ſein, das in Fräulein Ducroquets Kamin hinüberführt, und iſt dann hier heruntergeſtiegen.“ „Ja, ja, das iſt mein Bruder,“ ſage ich, auf Peter zueilend, denn ich war den Leuten nachgegan⸗ gen und hatte mich durch die Neugierigen hindurch⸗ gedrängt. Fräulein Ducroquet begreift nicht, wie der Schip⸗ pen⸗Bube bloß einen Schornſteinfeger andeuten ſoll. Herr Sapiens, welcher Alles lachen ſieht, bemüht ſich, indem er ſein Geſicht mit ſeinem Taſchentuch abwiſcht und ſeine Haare, die der Likör in einen Schlick zuſammengeklebt hat, auseinander zu machen ſucht, ein Gleiches zu thun. „Ei, warum iſt denn der kleine Schlingel hier heruntergekommen?“ fragt endlich Fräulein Cäſarine, ihren geſtrengen Ton annehmend. „Entſchuldigen Sie, Madame,“ erwiedert mein Bruder,„ich bin herunter gefallen, ich habe es nicht mit Abſicht gethan.“ 5 Fräulein Ducroquet bemerkt, daß man leiſe ziſchelt, während man ſie betrachtet. Sie bedankt ſich bei Herrn Boulette und entläßt Alles, indem ſie einen vielſagenden Blick auf Herrn Sapiens wirft. Am folgenden Tage ſprach man in der ganzen Stadt nur von der bei der alten Jungfer vorgefalle⸗ nen Begebenheit, welche ſich in der Dämmerung beim Parfait⸗Amour⸗Trinken Schröpftöpfe ſetzen ließ. Um dieſen Geſprächen ein Ende zu machen, wurde Fräu⸗ lein Cäſarine nach Verfluß von acht Tagen Herrn Sapiens' Gattin; dann ſchwiegen die böſen Zungen und die heirathsluſtigen Jungfrauen ließen ihre Schornſteine dreimal des Monats fegen, in der Hoff⸗ nung, es falle auch Etwas herunter, welches ihnen einen Mann verkünde. — Herausgegeben von der „Beſellſchaſtzur Perbreitung guteru. wohlfeiler Bücher“ erſcheint ſo eben im Verlage von Scheible, Rieger 8 Sattler in Stuttgart: Geſchichte des deutſchen Volkes und des dentſchen Tundes für Schule und Jaus und für Gebildete überhaupt. Von hr. K. W. Böttiger, Profeſſor der Geſchichte an der Univerſität zu Erlangen. S ſſerteundverm ehrte Aufta ge. Erſcheint in 8 Theilen à 15 kr. oder 5 ſgr. vollſtändig im Laufe des Jahres 1845. Alle Buchhandlungen Deutſchlands liefern dieſes Werk. 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