Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, veutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Eilsner. Achtundſiebenzigſter Theil. Stuttgart: Scheible, Riegers Sattler. 1845. Die Familie Gogo. Paul de RBock. Deutſch bearbeitet von Pr. Heinrich Elsner. Fünfter Theil. G Stuttgart: Scheible, Bieger a Sattler. 1845. Erſtes Kapitel. Roſa⸗Maria im Hauſe ihres Oheims. Nach Entfernung ihres Mannes und des alten Savenay läutet Madame St. Godibert ihrer Kammer⸗ jungfer; Mamſelle Fifine erſcheint. Von unten her⸗ auf wirft ſie einen Blick auf das neuangelangte Mädchen, dann beißt ſie ſich ärgerlich in die Lippen⸗ weil ſie nichts Häßliches an Roſa⸗Maria entdecken konnte. „Fifine, Du wirſt dieſe Kleine in die Stube dro⸗ ven, die, glaube ich, neben der Deinigen iſt, führen,“ ſagte Madame St. Godibert. „Ja, Madame,“ antwortet die Kammerjungfer, „üeben der meinigen... das heißt gegenüber, weil väneben die Stube des Franz iſt.“ „Gegenüber... daneben! was liegt daran? Iſt eine Lagerſtelle darin? Stühle, Möbel?“ „Ja, Madame, weil der Herr anfänglich die Ab⸗ ſicht hatte, Herrn Julian dort zu logiren; aber Herr Julian wollte Nichts von dieſem Zimmer, weil eine Manſarde darin iſt; er hat weiter unten eingemiethet und ſich altmodiſche Möbel gekauft, daß man in ſei⸗ nem Zimmer glauben ſollte, man ſei in Verſailles.“ „Mein Sohn hat viel Geſchmack; ſein Vater fin⸗ det, er brauche zu viel.. ich aber begreife nicht, wie er ſich mit Dem, was man ihm gibt, ſo viel Sachen kaufen kann. Du wirſt alſo dieſe Kleine in jenes Zimmer führen, weil es das ihrige ſein wird. Wozu kann man Sie brauchen, Mademoiſelle?“ „Madame, ich kann gut nähen, Kleider machen, in Leinwand arbeiten und ein wenig ſticken.“ „Gut! wir wollen das Alles ſehen. Jetzt gehen Sie, es iſt eilf Uhr; um zwei Uhr erlaube ich Ihnen herabzukommen und mit mir zu ſprechen, nicht früher gehen Sie!“ Roſa⸗Maria verneigt ſich hochachtungsvoll vor ihrer Tante und folgt Mamſelle Fifine. Auf der Hausflur angelangt, bemerkt dieſe einen großen Kof⸗ fer, den man bereits dort abgeſtellt hat. „Was iſt das?“ fragt die Kammerjungfer. „Er gehört mein, Mamſellez in dieſem Koffer ſind meine Effekten.“ „Ei! Sie haben ſo viel, um das voll zu machen? Dann muß man es hinaufbringen.. aber ich gewiß nicht, ich habe keine Luſt, mir einen Bruch zu heben, und nun habe ich ſo viel im Hauſe zu thun.“ „Mamſelle, ich würde auch nicht zugeben, daß Sie dieſe Mühe übernähmen; ich aber wäre nicht ſtark genug.. wenn ich den Thürſteher erſuchte?“ „Ei, warum nicht gar? bei dem würden Sie ſchön ankommen! Warten Sie, ich rufe Franz. Hol⸗ lah, Franz! Herr Franz!“ Der normänniſche Bediente kommt mit vollem Munde und hat in der Hand noch ein gewaltiges 7 Stück Paſtetenrinde. Beim Anblick Roſa⸗Maria's ſtößt er einen Schrei der Bewunderung aus und läßt in ſeiner Begeiſterung ſeine Rinde fallen. „Ah, das laß' ich gelten: das iſt einmal eine Kernjungfer!“ ſagte Franz, Roſa betrachtend. „Franz, Sie werden dieſen Koffer hinauftragen in Mademoiſelle's Zimmer, welche gegenüber von mir wohnen wird.“ „Mit Vergnügen! Tritt Mamſellchen bei uns in Condition? Das würde mich ſehr freuen, das brächte mich bedeutend auf den Strumpf.“ „Es handelt ſich nicht um das, was Sie auf den Strumpf brächte! Erfahren Sie, daß das Fräulein eine Verwandte unſerer Herrſchaft iſt.“ „Ah, um Vergebung, um Entſchuldigung! Das hätte mir nicht geſchwant, weil Mamſellchen ſehr hübſch und unſere Herrſchaft ſehr häßlich iſt.“ „Behalten Sie Ihre Betrachtungen für ſich und tragen Sie dieſen Koffer.“ Franz nimmt den Koffer auf ſeinen Rücken. Man ſteigt in den letzten Stock des Hauſes hinauf; Mam⸗ ſelle Fifine öffnet eine Thüre und ſagt zu Roſa⸗ Maria:„Das iſt Ihr Zimmer, Fräulein.“ Hieronymus' Tochter tritt mit gepreßtem Herzen in ihre neue Wohnung und wirft furchtſame Blicke um ſich. Sie befindet ſich in einem Manſardenzim⸗ mer und wird vom Fenſter aus nur die Dächer der Nachbarhäuſer gewahr. Uebrigens befindet ſich darin eine Bettſtelle, eine Kommode, ein Tiſch, Stühle und Alles, was eine einzelne Perſon braucht. Die Tape⸗ 8 ten ſind friſch und nett, das Zimmer iſt reinlich und wäre für einen Studenten oder eine Griſette ein ſehr bequemes Quartier. Aber Roſa⸗Maria gedenkt ihres hübſchen kleinen Zimmers in Avon. Dort waren die Möbel nicht ſchöner, die Tapeten nicht geſchmackvoller, aber ſie genoß dort einer ſo ſüßen Freiheit, ihr Kamin war mit Blumen geſchmückt, die ſie jeden Tag im Garten pflückte, ihr Fenſter ging auf das Feld hin⸗ aus, ſie hatte grünen Raſen, Strauch- und Blätter⸗ werk unter den Augen und war endlich im Hauſe ihres ſo guten, ſo liebreichen Vaters. Bei einem Vater aber iſt man ſo gut aufgehoben, wenn er Einem in allen Stücken den Willen thut. Franz hat den Koffer in das Zimmer geſtellt; er blickt um ſich und ſagt:„Das iſt ſehr proper möblirt, ſchade, daß die Manſarde ſo weit hereinläuft, Fräu⸗ leinz wenn Sie nicht daran gewöhnt ſind, ſo bitte ich Sie, Acht zu haben. Als ich nach Paris kam⸗ habe ich oft den Kopf zerſtoßen; man läuft, man glaubt ganz gerade gehen zu können und dann: paffl eine Beule am Kopf! Was habe ich mir nicht Beulen gemacht!“ „Ich danke Ihnen, Herr Franz, und werde Ach⸗ tung geben. Uebrigens war es in der Wohnung des Herrn Savenah ebenſt.“ P „Und das Fräulein hat bei Herrn Savenay ge⸗ wohnt?“ fragte Fifine Keugierig.„ „Ja, Mamſelle.“„. „Sie ſind alſo ſchon eine Zeit lang in Paris?“ — 9 „Nun ja, Mamſelle.“ „Warum ſind Sie denn nicht gleich zu Ihrem Onkel, dem Herrn St. Godibert, gekommen?“ Roſa⸗Maria zögert, erröthet und antwortet end⸗ lich:„Mein Oheim weiß wohl warum, Mamſelle.“ Die Kammerjungfer, gereizt darüber, daß ſie nur dieſe ausweichende Antwort erhielt, treibt Franz vor ſich her, indem ſie ausruft:„Geſchwind, auf und da⸗ von! man kann unſerer unten bedürfen.“ Franz verneigt ſich artig vor dem jungen Mäd⸗ chen, zu dem er ſagt:„Es wäre netter hier, wenn der Boden gewichst würde; Sie dürfen nur wün⸗ ſchen, Mamſelle, ſo komme ich und thue es.“ 2. „Sie ſind ſehr gut, Herr Franz, aber es hat keine Noth. es iſt ganz gut ſo.“ „Je nun, wenn Sie einmal anderer Meinung werden, ſo bin ich ja immer da.. gegenüber, die Thüre rechts; Sie brauchen nur zu klopfen oder Franz!“ zu rufen und ich komme auf der Stelle.“ Mamſelle Fifine ſtößt Franz abermals auf den Gang hinaus und ſchlägt Roſa⸗Maria's Thüre heftig zu, indem ſie murmelt:„Ich ſoll Dich nur einmal das Zimmer dieſes Zieräffchens wichſen ſehen, dann haſt Du's mit mir zu thun und ich gebe Dir dann nicht mehr jeden nach dem Eſſen eine beliebige Anzahl klei Sörgläschen. „Waru ſol ich denn dieſem jungen Mädchen nicht„antwortet Franz, der ein feines Ge⸗ hör hatte,„wenn es doch Nichte unſerer Herr⸗ ſchaft iſt?“ Paul de Kod. nxxvm. 2 . 10 „Ei, ja doch! eine jener ſehr entfernten Nichten, die man aus Barmherzigkeit aufnimmt und bei ſich wohnen läßt. Madame hat es mir bereits geſteckt, daß ſie das Ding nicht ausſtehen kann und dafür ſorgen will“ daß es nicht zu lange da bleibt.“ „Da ſeht mir einmal die alte Beduinin! Hm! das iſt mir einerlei; hm! dieſes junge Mädchen da, man muß geſtehen, iſt ein ſchönes Mädchen.. ei, der Kuckuk! ein bildſchönes Mädchen, was man ſchön heißt, und hat eine ſo rechtſchaffene, ſo anſtändige Miene!“ „Schon recht, ſchon recht! Mit ihrer großartigen Miene iſt ſie vielleicht nicht beſſer als eine Andere! Gut, gut! ich werde erfahren, ich, was ſie ſeit ihrer Ankunft in Paris gethan hat.“ Während dieß im obern Stock geſchieht, hat Herr St. Godibert den Vater Savenay auf ſein Bureau geführt, welches aus zwei Zimmern und ſeinem Ca⸗ binet beſteht. Daſelbſt befinden ſich bereits drei An⸗ geſtellte. Er geht zu dem erſten Commis und ſagt ihm:„Herr Boudin, da iſt ein neuer Angeſtellter, den ich genommen habe.“ Herr Boudin und die beiden Commis runzeln die Stirne, da der neue Angeſtellte nicht ausſieht wie ein überzähliger Aſpirant. Herr St. Godibert fährt ſort:„Haltet einmal.. bei welcher Rubrik wollen wir ihn verwenden?... Herr Savenay, ſchreiben Sie ein wenig in meiner Gegenwart, daß ich Ihre Handſchrift ſehe.“ Der Greis nimmt eine 4 und ½ einige 6 11 Linien mit feſter Hand und großer Nettheit. Herr Boudin und die beiden andern Commis verziehen abermals das Geſicht. „Nicht übel, gar nicht übel!“ ruft St. Godibert. „Das iſt erſtaunlich für Ihr Alter, Sie zittern nicht! Und die Ziffern, ſehen wir die Ziffern!“ Der Greis malt mehrere Columnen Zahlen und addirt ſie ſehr ſchnell. Die Naſen der Commis wach⸗ ſen ellenlang. „Wahrhaftig und gewiß, Sie haben Talent!“ fährt der Banquier fort.„Was werden Sie hier thun können? Alle dieſe Herren haben ihre Aufgabe.. meiner Treu': Sie werden die Ausgänge machenz es kommen oft welche vor.. nicht wahr, Herr Bou⸗ din?“ „Ja, mein Herr, und es fehlte uns Jemand dazu.“ „Nun, da iſt's ja eben recht und wenn es teine Ausgänge zu machen gibt, dann copiren Sie Briefe; kurz, dieſe Herren werden Ihnen jede Arbeit, von der ſie Nichts wollen, überlaſſen.“ Auf den Geſichtern der Commis blitt freudige Genugthuung auf. Herr Boudin ſagt mit boshafter Miene:„Der Herr wird die gleichen Funktionen übernehmen, wie die Schreibersjungen bei einem Anwalt.“ Lächelnd gibt der„Wohlan, es ſei: ich werde ein Schreibersju nge, ein Bachſprin⸗ ger werden F n Goit, ich werde, was man wilh“ 4 10 „Sie werden präcis Morgens acht Uhr kommen und erſt nach halb ſechs Uhr gehen,“ nimmt Herr St. Godibert wieder das Wort, indem er ſich in ſei⸗ nem Gilet aufbläst,„und dafür bewillige ich Ihnen ſechshundert Franken Salair.“ Vater Savenay verneigt ſich; die andern Com⸗ mis, welche wahrſcheinlich gering bezahlt ſind, ſchei⸗ nen dieſe Summe für einen Bachſpringer ſehr be⸗ trächtlich zu finden und überſehen, daß der ſo Ange⸗ ſtellte ein ſilberhaariger Greis iſt. Was Herrn St. Godibert betrifft, ſo ſagt er bei ſich:„Meiner Treu'! wenn jetzt mein Freund Can⸗ drillon nicht zufrieden iſt mit dem, was ich für ſei⸗ nen Schützling thue, ſo iſt es ſchwer, ihm Etwas recht zu machen.“ Während einer der Commis dem Greis vor einem ſchwarzen Tiſchchen in der Nähe der Thüre und weit vom Ofen entfernt ſeinen Platz anweist und ihm ein Dintenfaß nebſt Federn und Federmeſſer zu ſeinem Gebrauch zeigt, geht Herr St. Godibert in ſein Cabinet, wo zwei Arbeitspulte ſtehen, hinein, ſieht ſich um und runzelt die Stirne mit den Wor⸗ ten:„Mein Herr Sohn iſt alſo noch nicht herabge⸗ kommen?“ „Wir haben heute noch nicht das habt, ihn zu ſehen,“ antwortet ert Bondin. „Schön das! un i eithr vorüber! Sicher⸗ lich treibt mein hn ſeinen gnädigen Spaß mit ver Welt! Seit einiger Zeit arheitet er nicht mehrz er kommt nur vin ugenbi hieher, wenn —————— 13 er überhaupt kommt. Er derangirt ſich, v, er deran⸗ girt ſich ſehr und ich muß Ordnung hineinbringen. Ich gebe zu, er kleidet ſich mit viel Eleganz, nimmt eine ſehr ausgezeichnete Haltung an; aber ich will, daß er arbeite, daß er Geld verdienen lerne.“ Herr St. Godibert hat den Mund noch nicht ge⸗ ſchloſſen, als die Thüre aufgeht und der junge Ju⸗ lian erſcheint. Da durch die aufgehende Thüre das kleine Bü⸗ reau, an welches man den Greis geſetzt hatte, mas⸗ kirt wurde, ſo tritt Julian ein, ohne zu bemerken, daß ein Commis weiter da iſt. „Ah⸗ ſind Sie da, mein Herr Sohn?“ ſagte der Banquier.„Nicht wahr, eine ſchöne Stunde, um ſein Bureau zu kommen? Sie werden furchtbar träge, mein Herr Sohn; Sie werden... Herr St. Godibert hält inne, denn er hat ſo eben ſeinen Sohn betrachtet und fährt betroffen von deſſen außerordentlicher Bläſſe und nievergeſchlagener Miene mit liebreichem Tone fort:„Aber biſt Du denn krank geweſen? Wie angegriffen Du ausſiehſtz Du hätteſt das ſagen ſollen: wenn man krank iſt, dann iſt es etwas Anderes.. die Commis gehen niemals auf ihr Bureau, wenn ſie nur den kleinſten Fieberanfall Paben: ſie wären viel zu ſehr in Sor⸗ gen, ihren Chef. vämit— man muß den Arzt holen.“ „Ich danke en mein Pr⸗ ſagte Julian, „ich war— Wuct mohl⸗ aber es iß vorüber.“ S * 3 „ 14 „Schon gut! Du wirſt geſtern Abend in meinem Eirkel zu viel Punſch getrunken haben und man thut trotz meinem Verbot immer zu viel Zucker varan.. das iſt blödſinnig. Ah! hätte ich nur Zeit, mich mit Allem zu befaſſen, dann wäre es beſſer beſtellt. Wir haben neue Leute im Hauſe: erſtlich einen weitern Angeſtellten für die Ausgänge, die ſpeziellen Sachen, kurz, für alles Mögliche; er iſt nicht mehr jung, aber noch ſehr brauchbar.“ Julian wendet ſich, um dieſen Commis, auf wel⸗ chen ſein Vater mit der Hand deutet, in Augenſchein zu nehmen. Da er den Greis von geſtern Abend erkennt, wird ſein Geſicht bleifarbig; er wankt und ſinkt auf einen glücklicher Weiſe neben ihm befindli⸗ chen Stuhl. „Wie? was hat mein Sohn denn?“ ruft St. Godibert, auf Julian zueilend. „Man ſollte glauben, Herr St. Godiberts Sohn vefinde ſich übel,“ ſagt Herr Boudin. Aber der Jüngling, welcher ſich umgewendet hat, damit er dem Greiſe nicht mehr gegenüber ſei, fährt mit der Hand über die Stirne und ſtottert:„Es hat Nichts zu bedeuten.. eine Anwandlung.. jedoch bin ich nicht im Stande, hier zu bleiben; ich gehe wie⸗ der in mein Zimmer hinauf, ich werfe mich auf mein Bett.“. „Ja, in der That, Du wirſt wohl daran thunz ich zweifle gar nicht, daß Du zu viel Punſch getrun⸗ ken haſt. Komm, komm, gib mir den Arm, denn mir ſcheint, Du könneſt Dich kaum auf den Beinen halten.“ 15 Julian ſteht auf und ſtützt ſich auf den Arm ſei⸗ nes Vaters. Aber um hinauszugehen muß er an dem Greiſen vorbeikommen; dieſer ſteht auf und ver⸗ beugt ſich achtungsvoll vor dem Sohne ſeines neuen Brodherrn. Der Jüngling empfindet jetzt eine Art Nervenzittern.„Du haſt das Fieber!“ ſagte Herr St. Godibert. „Wenn es der Herr wünſcht, ſo hole ich einen Arzt,“ ſagte der Vater Savenay. „Nein, nein, es iſt unnöthig,“ antwortet Julian mit ſchwacher Stimme. Dann verdoppelt er ſeinen Schritt und eilt aus dem Bureau hinweg. „Sie haben dieſen Greis in Ihr Geſchäft genom⸗ men?“ fragte Julian, die Treppe hinaufgehend. „Ganz gewiß; ich mußte es wohl dem Herrn Can⸗ drillon zu Gefallen thun, mit welchem ich viele Ge⸗ ſchäfte mache. Sodann, und deßhalb habe ich mich dazu entſchieden, iſt ja Dein unartiger Vetter, wel⸗ cher hörte, was Vater Savenay geſtern Abend von dem ihre Oheime Gogo ſuchenden jungen Mädchen ſagte, gar vollends dieſen Morgen zu dem alten Mann, bei dem ſie war, gegangen und hat Beiden vertraut, ich ſei dieſer Oheim, dieſer Go..! hal der Name bleibt mir in der Gurgel ſtecken, ich kann ihn nicht herausbringen. Welch' ein Schnapphahn iſt doch dieſer Friedrich. Alſo denn, da die Kleine und der Alte das wußten, ſo mußte ich Conceſſionen ma⸗ chen: ich nahm den Vater Savenay zum Ausgangs⸗ commis und das junge Mädchen iſt in meinem Hauſe.“ 4 16 „Roſa⸗Maria iſt in Ihrem Hauſe?“ „Ei! Du weißt ſchon, daß ſie Roſa⸗Maria heißt?“ „Ja doch: geſtern hat dieſer Greis ihren m genannt.“% „Möglich, ich habe nicht darauf Achtung gegeben. Mit einem Wort, ich entſchloß mich zu dem Allem nur unter der Bedingung, daß niemals der Name f Go go aus dem Munde des Einen oder Andern gehe. bei der erſten Indiscretion jage ich Beide weg.“ „Aber dieſer alte Mann... ſind Sie geſonnen ihn zuweilen bei ſich in Ihrer Gefetſca zu empfan⸗ gen?“ „Warum nicht gar! Für wen halten Sie mich, Herr Sohn? Führe ich meine Commis in meinen Salon ein?... Und dieſer Alte da mit dem bäueri⸗ ſchen Ausſehen machte geſtern Abend einen ſaubern 1 Effekt in meinem Cirkel; ich bekam das Bauchgrim⸗ 4 men davon.“ 1„Und meine Baſe wohnt in Ihrem Hauſe?“ „Erſtlich will ich nicht, daß Du ſie Deine Baſe nennſt, wie dieſes große Kieſelherz von Friedrich; Du ſagſt ſchlechtweg„Mademoiſelle“ zu ihr. Sie logirt oben, in dem Zimmer, das für Dich beſtimmt war. Aber was wollen wir hier mit ihr anfangen den ganzen Tag? Ach, wie langweilig, wie ſtörend! Und das Alles, weil man das Unglück hat, mit einer Familie behaftet zu ſein! Wer Teufels mochte auch die Familien erfinden!“ „Aber, mein Vater...“ 17 „Gehen Sie zu Bette, Herr Sohn, und laſſen Sie mich über Alles das ſpintiſiren.“ Herr St. Godibert geht ſich in ſein Zimmer ein⸗ ſchließen. Nachdem er hier lange den Kopf ſich ganz vergeblich zerbrochen, entſchließt er ſich, ſeine Frau aufzuſuchen. f Roſa⸗Maria war zu der ihr beſtimmten Stunde hinabgegangen, ihrer Tante aufzuwarten. Madame St. Godibert hatte das junge Mädchen in ein Cabi⸗ net neben ihrem Boudvir geführt, wo man niemals einfeuerte, da es weder Kamin noch Ofen hatte, und ihr verſchiedene Sachen zu nähen gegeben, mit dem Gebot:„Hier werden Sie arbeiten! und daß Sie ſich ja niemals einfallen laſſen, bei der Arbeit zu ſin⸗ gen: das iſt mir verwünſcht. es gibt nichts ſo Gemeines.“ Das junge Mädchen hatte ſich verbeugt, ohne 3 Etwas zu ſagenz aber im Innern dachte ſie wohl, daß ſie hier niemals zu ſingen Luſt haben würde⸗ eSie wagte überhaupt kein Wort und ſetzte ſich zur Arbeit nieder. „Nun,“ ſagte Herr St. Godibert, bei ſeiner Frau eintretend,„was machen Sie mit dieſer Kleinen?“ 3„Sie iſt hier,“ antwortet Madame, auf das kleine 3 Cabinet deutend,„ſie arbeitet und ich muß ſagen, ſie näht ſehr gut! Ich war ſehr überraſcht dadurch.“ „Gut; ſo wird ſie Ihnen doch zu Etwas die⸗ nen.“ „Wo ſollen wir ſie eſſen laſſen?“ „Nun, wenn wir unter uns allein ſind, ſo denke 18 ich, kann ſie an unſerm Tiſche eſſen; wenn wir Ge⸗ ſellſchaft haben, bleibt ſie auf ihrem Zimmer.“ „Abgemacht. Aber haben Sie auch an das Wich⸗ tigſte gedacht? Wenn der Vater Ihrer Nichte ſich einfallen laſſen ſollte, hieher zum Beſuch zu ihr zu kommen.. begreifen Sie, mein Herr, wie ekelhaft das für uns wäre?“ „Sie haben Recht, aber ich werde ſie ihrem Vater ſchreiben heißen: daß ſie hier iſt, daß er ſich nicht die Mühe zu nehmen braucht, ſie hier zu beſuchen und daß vielmehr ſie ſich von Zeit zu Zeit nach ſeinem Wohnort begeben wird.“ „Wohl ausgeſonnen! Ich werde ſie rufen, und Sie heißen ſie ſogleich ſchreiben.“ Madame St. Godibert ruft Roſa⸗Maria. Das junge Mädchen kommt mit niedergeſchlagenen Augen und furchtſamer Miene. „Sie können ſchreiben, denke ich,“ ſagte St. Go⸗ dibert, ſeine Nichte anſehend. Dieſe ſchämt ſich beinahe der Frage und antwor⸗ tet ſchüchtern:„Ja, mein Herr.“ „So ſetzen Sie ſich an dieſen Tiſch. Sie ſollen an Ihren Vater ſchreiben.“ „An meinen Vater? Ach, welches Glück! O ja, mein Herr, Sie haben Recht, er muß erfahren, daß ich in Ihrem Hauſe bin... dann wird er beruhigt ſein.“ „Zum Henker, ich hoffe es wohl! Nehmen Sie eine Feder... ah ſo! es ſind nur Stahlfedern da und Sie können ohne Zweifel damit nicht ſchreiben.“ 19 „Um Vergebung, mein Herr!“ aniwortet Roſa lächelnd. „So! man kann das auf den Dörfern?.. Was doch die Civiliſation Fortſchritte macht! Schreiben Sie, was ich Ihnen diktire.“ Roſa⸗Maria nimmt die Feder und wartet. St. Godibert kratzt ſich lange hinter den Ohren und dik⸗ tirt endlich:„Mein Vater!“ oder: Mein theurer Vater!“ es iſt Ihnen geſtattet, mein theurer Vater zu ſetzen.“ „Ich habe es auch ſo gennne 2 „Endlich bin ich bei meinem, bei meinem älte⸗ ren Oheim, welcher Herr St. Godibert geworden iſt, ſo wie auch mein Oheim Euſtachius Herr Mondigo geworden iſt. Schreiben Sie St. Godibert Frak⸗ tur, damit es ihm auffalle. Unterſtreichen Sie St. Godibert.“ „Es iſt geſchehen.“ „Sie haben St. Godibert unterſtrichen?“ „Ja, mein Herr.“ „Ganz gut! Ich bin in ſeinem Hauſe mit der größten Güte aufgenommen worden.““ Roſa⸗Maria entfährt ein leiſer Seufzer, aber ſie ſchreibt und wartet. „ größten Güte aufgenommen worden!.. iſt prachtvoll bei ihm: in ſeinem Salon ſind Tapeten, wovon die Rolle 36 Franken koſtet; er hat vier Com⸗ mis und drei Bedienten...“ unterſtreichen Sie auch dieſes Alles... zer empfängt die ſchönſte Geſellſchaft von Paris.. von Paris er veauftragt mich⸗ W Ihnen mitzutheilen, daß Sie ſich wegen eines Beſu⸗ ches bei mir nicht bemühen ſollen. „Warum denn das, mein Herr?“ ruft Roſa aus, indem ſie zu ſchreiben aufhört. „Weil mir das ſo gefällt, Mademoiſelle; ſchreiben Sie nur fort: ,wegen eines Beſuches bei mir nicht bemühen ſollen. die Reiſen koſten Geld und Sie haben deſſen nicht zu viel; aber ich werde zu Ihnen auf Beſuch kommen: mein Oheim wird es ziem⸗ lich oft erlauben.““ „Ach ja, mein Herr! Nicht wahr⸗ Sie werden es mir erlauben?“ fragte Roſa. „Gewiß, wenn meine Gemahlin nichts preſuntes für Sie zu thun hat.. oft erlauben. Inzwiſchen küſſe ich Sie und bin lebenslänglich Ihre zärtliche Tochter.. Jetzt unterzeichnet! Ah, ich glaube, das iſt ein ziemlich rein diktirter Brief.“ Roſa⸗Maria hat den Brief, worin ſie noch gar Vieles ihrem Vater hätte mittheilen mögen, geſchloſ⸗ ſen; aber ihr Oheim bemächtigt ſich des Blattes, un⸗ terſucht es und ruft ganz erſtaunt:„Das iſt wahr⸗ haft ſehr gut geſchrieben! eine prächtige Fraktur.. es iſt unbegreiflich, daß man überall ſchreiben lernt. Wenn ich jemals preſſante Geſchäfte auf dem Bureau habe, ſo müſſen Sie mir Briefe copiren.“ „Mit Vergnügen, mein Herr.“ „Ja,“ ſagte Angelika,„aber ich werde ihr immer Arbeit zu geben haben.. es ſcheint, ſie kann Kleider machen, Schnürleiber. und ich muß immer meine Schnürleiber ändern laſſen.“ & —— 21 „Sein Sie unbeſorgt: die Kleine ſteht ganz zu Ihrem Befehl; ſie muß entzückt ſein, ſich nützlich ma⸗ chen zu können.“ „Ganz gewiß, mein derr.. „Ich will jetzt dieſen Brief abſchicken. Kleine, da wir heute keinen Fremden bei Tiſche haben, ſo haben Sie die Ehre, mit uns zu ſpeiſen.“ Bis zur Stunde des Mittageſſens verläßt das Mädchen ihren Stuhl nicht und arbeitet unaufhörlich. Von Zeit zu Zeit kommt Madame St. Godibert und betrachtet die Arbeit ihrer Nichte; dann kehrt ſie in ihr Zimmer zurück, um ein Kleid zu probiren, oder in ihr Boudoir, um ſich Schminke aufzulegen: mit derlei Beſchäftigungen bringt die ſtolze Angelika ge⸗ wöhnlich ihre Tage hin. Mamſell Fifine geht mehrmals bei ihrer Gebie⸗ terin aus und ein; ſie findet Vorwände, um auch dann zu kommen, wenn man ihr nicht läutet. Sie wirft neugierige Blicke in das Cabinet, wo Roſa⸗ Maria arbeitet, dann ſagt ſie ſpöttiſch zu ihrer Ge⸗ bieterin:„Es muß etwas Drolliges ſein um die Ar⸗ beit, welche ein Landmädchen macht.“ Aber Madame St. Godibert antwortet:„Vor⸗ trefflich gemacht.. mit Perlſtichen. ich muß ihr das bezeugen da biſt— ſchön ausgeſtochen, Fi⸗ fine.“ Fifine geht, ſich vor Zrn die Lippen beißend und vegegnet im Vorzimmer dem Franz, welcher fragt: „Wo hat man denn das ſo hübſche Mädchen eingethan? „„Schließt man ſie denn in einen Wandſchrapk?“ Mamſelle Fifine verſetzt Franz einen Fußtritt in die Gangadern und ſchreit:„Komm Du mir noch ein Mal und verlange Anislikör! Dich will ich ab⸗ fahren laſſen.“ So kommt endlich die Stunde des Mittageſſens. Madame St. Godibert ſagt zu Roſa⸗Marien nur die Worte:„Kommen Sie, Mademviſelle.“ Das junge Mädchen folgt ihrer Tante. Auf dem Tiſche ſtehen vier Couverte. Madame St. Godibert ſetzt ſich zu ihrem Mann⸗ dann zeigt man Roſa ein Couvert und ſagt:„Setzen Sie ſich dort.“ Die arme Kleine nimmt verlegen, genirt und mit überquellendem Herzen Platz. Franz, der an der Tafel ſervirt, wenn keine Gäſte da ſind, lächelt ſehr anmuthig, wie er Roſa⸗Maria gewahr wird, und zeigt ſich ſehr emſig in ihrer Be⸗ dienung. 1 „Es war unnöthig, für meinen Sohn ein Cou⸗ vert zu legen,“ ſagte St. Godibert,„ohne Zweifel kommt er nicht zu Tiſch.“ „Und warum das, lieber Mann?“ „Weil er krank iſt; ich weiß gewiß, er hat geſtern zu viel Punſch getrunken.“ Aber kaum iſt die Suppe abgetragen⸗ als Julian erſcheint. Das Uebelbefinden, das ihn plagte, hatte vor dem Wunſche, ſein Bäschen zu ſehen, um ſo weniger Stich gehalten, als er von Friedrich mit einem Billet beſchickt wurde, worin dieſer ihm be⸗ richtete:„Unſere Baſe Roſa⸗Maria iſt anſtändig ————, ——, 23 und tugendhaft; Richard jein Verläumder, den ich züchtigen werde; einſtweilen empfehle ich Dir dieſes reizende Kind, das ich ſelbſt Deinen Eltern zuge⸗ führt habe.“ Julian ſieht ganz niedergeſchlagen aus; beim An⸗ blick Roſa's jedoch färben ſich ſeine Wangen mit ei⸗ ner lebhaften Röthe und er kann ihres Anblicks nicht ſatt werden. Er macht ihr eine tiefe Verbeugung und das junge Mädchen ſteht auf, ſie ihm zurückzu⸗ geben.„Larivari! wozu die Ceremonien?“ ſagte St. Godibert mit ſchlechter Launez„ſetze Dich, Ju⸗ lian. Du biſt alſo nicht mehr krank?“ „Es geht beſſer, mein Vater. Dieſes Fräulein alſo iſt.. iſt.„ „J, ja: dieſe Kleine iſt eine Verwandte von Dir. He, Franz, was machſt Du denn? Du wechſelſt den Teller von Mademviſelle vor dem Biſt Du toll, Franz?“ „Nein, Herr, aber ich glaubte, Sie hätten auf dem ihrigen noch ein Bein abzunagen.“ „Ein Bein abzunagen!1... Iſt es möglich, ſich auf ſolche Weiſe auszudrücken, wenn man mit ſeinem Gebieter redet?“ Man mag Franz ausſchimpfen wie man will: er iſt doch ſehr lebhaft in Roſa's Bedienung und ſehr langſam für die Anderen. Der Sohn des Hauſes benimmt ſich ſeinerſeits äußerſt artig gegen ſeine hübſche Baſe und ſcheint dieſe durch ſeine Aufmerk⸗ ſamkeiten für das barſche Betragen entſchädigen zu wollen, welches ſeine Eltern gegen ſie erkünſteln, 24 Das Eſſen iſt ſehr langweilig: die beiden Gatten öffnen den Mund nur, um zu eſſen oder Franz zu ſchelten; Julian iſt verlegen und wagt kaum, ſeine Richte anzuſehen; dieſe iſt traurig und ſpricht keine Silbe. Indeß hat Herr St. Godibert bemerkt, daß ſeine Nichte ſehr wenig aß, und flüſtert ſeiner Frau ins Ohr:„Sie führt ſich bei Tiſche ziemlich gut auf.“ Das junge Mädchen fühlt ſich glücklich⸗ wie man vom Tiſche aufſteht; ſie kehrt ſchnell in ihr Cabinet zurück, wo man ein Licht aufgeſtellt hat. Julian ſieht ſie weggehen, wagt aber nicht ſie aufzuhalten und mit ihr zu reden⸗ obgleich er große Luſt dazu hätte. Aber zu ſeinem Vater tritt er und ſagt ihm: „Wenn Sie es erlauben, ſo werde ich künftig, ſtatt auf's Bureau hinabzugehen, in meinem Zimmer ar⸗ beiten: es iſt mir bequemer, ich brauche dann mei⸗ nen Schlafrock nicht auszuziehen.“ „Ei, ſeht doch, wieder ein anderer Gedankel Uebrigens iſt es allerdings nicht der Mühe werth⸗ daß Du wegen deſſen, was Du ſeit einiger Zeit ar⸗ beiteſt, auf das Bureau hinabgehſt.“ „Derneſty hat mir geſagt, es ſei weit nobler, vei ſich zu arbeiten, als ſich unter ſeine Commis zu miſchen.“ „Ah! dann iſt es etwas Anderes. Gehe nicht mehr hinab.“ Der junge Mann enifernt ſich, nachdem er noch einen Blick auf das Cabinet ſeiner Baſe geworfen. Roſa⸗Maria arheitet his neun Uhr Abends. Dann — ——— 25 ſagt ihre Tante zu ihr:„Sie können in Ihr Zimmer hinaufgehen und ſich zu Bett legen.“ Die arme Kleine ſteht auf, grüßt Tante und On⸗ kel demüthig und verläßt die Gemächer. Am Ein⸗ gang der Treppe findet ſie Franz, der ihr ein Licht anbietet mit den Worten:„Hier, Frölein, wenigſtens ſollen Sie nicht, ohne hell zu ſehen, hinaufgehen; wenn man ein Haus noch nicht kennt, ſo iſt das un⸗ bequem.“ Roſa⸗Maria dankt Franzen mit ſo ſanfter Stimme, daß der Bediente tief ergriffen wird; dann nimmt ſie das Licht und ſteigt in ihr Manſardenzimmer hinauf. Als ſie ſich endlich allein und von jedem Zwange befreit findet, ſinkt das junge Mädchen auf einen Stuhl; dann weint ſie lange; hierauf kniet fie nieder und betet. Nach dem Wiederaufſtehen fühlt ſie ſich erleichtert und ruft aus:„Mein Gott, du wirſt mir Muth verleihen, das traurige Leben hier zu ertragen. Mein Vater hat mich hiehergeſchickt, in der Hoffnung, daß ich glücklich ſein werde, ich will warten, hoffen ſpäter wird man mir erlau⸗ ben, ihn zu beſuchen, und ich werde ihm meine Lage hier ſchildern; wir wollen dann ſehen, ob er mich fortwährend hier laſſen will. O, es thut mir ſehr leid, daß ich nach Paris gekommen bin!“ Im Herzensgrund des jungen Mädchens lag noch ein anderer Kummer, welchem ſie in dieſem Augen⸗ blick eine Erinnernng weihte. Paul de Kock. LXRXVII. 3 26 Zweites Kapitel. Spaziergang.— Vegegnung.— Herzenserguſ. Friedrichs erſte Sorge, als er aus dem Hauſe ſeines Oheims St. Godibert ging, war, Richard in ſeiner Wohnung aufzuſuchen. Er hat Eile, dieſen Herrnwegen ſeiner Verläumdungen zuzüchtigen; er will ihn zwingen, ſie zurückzunehmen und einzugeſtehen, daß er ſeine Baſe grundlos beſchimpft hat, aber er ver⸗ ſpricht ſich dabei, trotz Widerruf demſelben ein An⸗ denken zu geben, das ihm für alle Zeiten die Luſt benehmen ſolle, ſich für einen Verführer auszugeben. Der große junge Mann iſt lebhaft in das Haus getreten; er will die Stiege hinaufrennen, als ihm der Thürſteher nachläuft und zuruft:„Eilen Sie doch nicht ſo ſehr, mein Herr! Sie würden nur vier Stock⸗ werke umſonſt hinaufſteigen.“ „Wie, iſt er ausgegangen?“ „Wollen Sie nicht zu Herrn Richard?“ „Gewiß! iſt er nicht oben?“ „Er iſt nicht nur nicht oben, ſondern er wird iſt.“ „Ausgezogen! Und ſeit wann denn?“ „Seit dieſem Morgen. meiner Treu', noch nicht gar lange. Erftlich hat Richard heute mit Ta⸗ gesanbruch das Bett verlaſſen; dann iſt er über eine Stunde fortgeweſen; endlich kam er mit einem gar nicht mehr zurückkehren, weil er ausgezogen — —— 27 Wagen zum Ausziehen. keinem ſehr großen, in Anbetracht, daß er nicht zu viele Möbel hat. Er hat den noch nicht verfallenen Hauszins bezahlt, indem er zu mir ſagte:„Ich ziehe weg, ich gehe; höhere Rückſichten nöthigen mich, in der Nähe der Feſtungs⸗ werke zu wohnen. Ich erwiederte ihm:„Aber wo das, mein Herr— denn es gibt viele Orte in ſelbiger Nähe— ziehen Sie außerhalb der Ringmauer?“ Er hat mir geantwortet;„Wenn man Euch fragt, ſo ſaget nur, Ihr wiſſet es nicht. Dann betrieb er ſeinen Auszug mit Eilfertigkeit; der Teufel, das mußte man ſehen! Man hat ihm ſogar den Nacht⸗ tiſch zerbrochen und er ſagte nur:„Deſto beſſer, er war ſchon alt; zudem iſt es ein Lurusmöbel.“ End⸗ lich iſt er mit ſeinen Möbeln weggefahren, indem er mir ſagte, er werde in einigen Tagen zurückkommen, um zu erfahren, vb Briefe für ihn da ſeyen.“ „Der Feigling, er iſt geflohen!“ ruft Friedrich; „er hat ſich aus dem Staube gemacht, weil er geſtern Abend, als er von dem jungen Mädchen, das ſeine Oheime ſuchte, reden hörte, wohl vermuthet hat, ich könnte ihre Spur finden und erfahren, wie ſehr er gelogen. Portier; eine Feder, Papier und Tinte, ich muß ihm ein Wort ſchreiben.“ Der Portier beeilt ſich, Friedrich das Verlangte zu geben und dieſer wirft in einem Zuge folgendes Billet hin: »Richard, Sie ſind ein Bube und ein Tropfz Sie haben ein unſchuldiges Mädchen, das meine nahe Verwandte iſt, verläumdet; meine Pflicht er⸗ 28 fordert, daß ich ſie räche. Wenn Sie nicht eben ſo muthlos als lügenhaft ſind, ſo ſchreiben Sie mir, wo ich Sie treffen ſoll; ich werde einen Sekundan⸗ ten mitbringen. Wenn Sie mir keine Genugthuung geben, ſo erkläre ich zum Voraus, daß ich, ſo oft ich Ihnen begegne, Ihren Hut zu Boden ſchlagen werde.“ Friedrich unterzeichnet dieſen Brief, gibt ihn nebſt fünf Franken dem Portier und bindet ihm ſehr auf's Herz, daß er denſelben Richard doch ja einhändige, ſobald er ihm wieder begegne. Nach Beendigung dieſes Geſchäfts ging Roſa⸗ Maria's Vetter ganz ſachte nach Haus, indem er von ſeiner hübſchen Baſe träumte, über deren einfacher und naiver Grazie er bereits die ſchnippiſche Kokette Marmodin vergaß, als er ſich auf dem Boulevard leicht auf die Schulter klopfen fühlte. Er dreht ſi ſich um und bemerkt Derneſty. „An was Teufel denkſt Du, Friedrich? Du läufſt, ohne vor Dich zu ſehen; wäreſt Du Dichter wie Dein Oheim Mondigo, ſo glaubte ich Dich im Zuge zur Planung eines ſehr düſtern Drama's.“ „Nein, ich mache keine Stücke,“ entgegnet Fried⸗ rich lächelnd,„ich bin nicht in den leeren Raum ge⸗ ſchleudert; ich denke an das Reelle, Poſitive. Du erinnerſt Dich an jene hübſche Perſon, deren Por⸗ trät im Zimmer des Malers, zu dem Du uns ge⸗ führt haſt, hinter einem Vorhang verborgen wa Ja, nun weiter?“ „Ich habe ſie wiedergefunden.“ 6 29 „Haft Du geſtern ſelbigen Greis, der zu meinem Oheim kam, ein Freund des Herrn Candrillon iſt und um 60,000 Franken in dem Walde von Fon⸗ tainebleau beſtohlen wurde, erzählen gehört?“ „„Ja ja ſo halb und. aber wie hängt das zuſammen?“ „Dieſer gute Mann, der Vater Savenay, ſo heißt er, hat weiter geſagt, er komme, um bei Herrn St. Godibert nachzufragen, ob er nicht zufällig einen Herrn Gogo kenne, der in ſeinem Hauſe hätte woh⸗ nen ſollen, weil ein junges Mädchen, für welches er ſich ſehr intereſſire, ihre dieſen Namen führenden Oheime nicht zu finden im Stande wäre.“ „Ei! in der That, ich erinnere mich jetzt, daß Richard zu meinem jungen Maler ſagte, das Mäd⸗ chen von der Eiſenbahn ſuche gleichfalls Verwandte dieſes Namens.“ „Ja, aber was Du nicht weißt, was ich Dir in⸗ deß wohl unter uns ſagen kann, iſt, daß dieſe Her⸗ ren Gogo ganz einfach meine beiden Oheime ſind.“ „Unmöglich!“ „Ja, mein Theurer: Herr St. Godibert und Herr Mondigo haben für zweckdienlich gefunden, ihre Namen zu ändern. Es iſt dies eine kleine Phantaſie, welche Niemand ſchadet. Eitelkeit, Eigenliebe veranlaſſen die Menſchen zu ſo vielen Thorheiten. Dieſe beiden Herren jedoch ſind nichts deſto weniger die Gogo, welche das junge Mädchen ſuchte, kurz, ihre Oheime, woraus ſich denn klar ergibt, daß ſie meine Baſe iſt.“ 30 „Jetzt wundert es mich nicht mehr, daß Du ſie bei Leopold Bercourt ſo feurig vertheidigteſt.“ „Du begreifſt auch, daß ich mich dieſen Morgen zu guter Stunde in die Wohnung des wackern Alten begab, deſſen Adreſſe ich behalten hatte.“ „So, Du biſt in ſeinem Haus geweſen?“ „Zuerſt ſprach ich ihn allein; er wußte nicht, daß ich der Vetter ſeiner Schutzbefohlenen war. Ich ließ mir genau auseinanderſetzen, wie er ſie kennen ge⸗ lernt, aufgefunden hatte, und ich bekam Beweiſe in die Hände.ja Beweiſe, daß Richard nur ein Elender, ein ſchändlicher Lügner iſt, denn auf der Flucht vor ihm, als ſie allein des Nachts in Paris umhereilte, um ſich vor ſeiner Verfolgung zu retten, wurde die arme Kleine von dem guten Mann auf⸗ gefunden, der mit uns auf der Eiſenbahn gereist iſt und ſie in das Haus des Vaters Savenah führte, welchen ſie ſeither nicht verlaſſen hatte.“ „Und was haſt Du dann begonnen?“ „Donnerwetter! das Natürlichſte: ich habe meine Baſe in das Haus ihres Oheims Godibert geführt! Anfangs ſchnitt man einige Geſichter, aber am Ende behielt man ſie. Jetzt wohnt ſie bei dem Paar.. o, Freundchen, ich werde meine Tante Angelika oft beſuchen, denn mein Bäschen iſt ſehr hübſch! Ich verſichere Dich, das Porträt war nicht geſchmei⸗ chelt.“ „Wirklich? Du ſtachelſt meine Neugierde! Ich will dieſes Meerwunder von Anmuth und auch ſehen.“ 31 „Willſt Du gleich jetzt kommen? Ich mache nicht viel Umſtände, um in das Haus meines Oheims zu gehen. Komm! Du ſagſt, Du kommſt wegen eines Bankgeſchäfts.“ „Ei, warum denn nicht!“ 3 Derneſty nimmt Friedrich am Arm und geht mit ihm weiter; doch unterwegs ſagt er zu ihm:„Und der. der gute alte Mann, der Deine Baſe aufge⸗ leſen hatte, was iſt aus dem geworden?“ „O, Du kannſt Dir wohl denken, daß ich ſeiner nicht vergaß: es war zu billig, daß dieſem Greiſen ſein Edelmuth vergolten werde... ihm, der ſchon das Unglück eines Raubes ausgehalten hatte; auch ihn habe ich zu meinem Oheim, dem Banquier, ge⸗ führt und auf ſeinem Bureau anſtellen laſſen.“ „Auf dem Bureau Deines Oheims St. Godibert?“ „Ja, er hat nur ein kleines Plätzchen; doch iſt er nicht ehrgeizig, der arme Vater Savenay, er be⸗ gnügt ſich mit Wenigem.“ „Alſo iſt er jetzt bei Herrn St. Godibert ange⸗ ſtellt?“ „Ohne Zweifel. Ich habe ihn dieſen Morgen dort gelaſſen; er wird ſogleich in das Geſchäft ein⸗ getreten ſein.“ „Derneſiy macht noch einige Schritte mit Fried⸗ rich; dann hält er ein, indem er ausruft:„Wie un⸗ beſonnen ich doch bin! Ich kann nicht mit Dir gehen: ich habe heute ein Stelldichein, juſt bei dieſem jun⸗ gen Maler, eine Sitzung. ich muß Dich verlaſſen. Deine reizende Cvuſine werde ich ein ander Mal ſehen.“ —— 32 „Wie Du willſt; aber da Du zu Herrn Leopold gehſt, welcher Roſa⸗Maria ſo ſchön gegen Richard vertheidigt hat, ſo thue mir den Gefallen, dem jun⸗ gen Mann zu ſagen, daß er mit ihrer Vertheidigung Recht hatte, daß Richard ein Schuft iſt und daß das Driginal zu ſeinem Bild fortwährend ſeine Hochach⸗ tung verdient. Sage ihm Alles das!“ „Recht, recht, ich werde.“ „Aber verſäume es nicht; denn die ſchändlichen Aeußerungen Richards dürfen meiner Couſine nicht weiter ſchaden.“ „Sei ruhig, ich werde Deinen Auftrag ausrich⸗ ten.“ „Alſo auf Wiederſehen, und ſiehſt Du ein Mal Roſa⸗Maria, ſo magſt Du ſelber urtheilen, ob ſie verdient, daß man Intereſſe an ihr nimmt.“ Damit trennten ſich die jungen Männer. Statt ſeiner Behauptung gemäß ſich zu Leopold zu begeben, geht Derneſty in einer einſamen Allee der elyſäiſchen Felder ſpazieren und ſcheint ernſten Betrachtungen nachzuhängen. Was Friedrich betrifft, ſo bedenkt er nach einigen hundert Schritten, daß es vielleicht ein Fehler wäre, Roſa⸗Maria ſchon am gleichen Tage wieder zu beſuchen, und daß ihr eine ſo große Auf⸗ merkſamkeit von ſeiner Seite bei Oheim und Tante ſchaden könnte; er entſchließt ſich daher, zu ihren Gunſten vernünftig zu ſein und ſeinen Beſuch auf den nächſten Tag zu verſchieben. Aber am folgenden Mittag ermangelt Friedrich nicht, in Herrn St. Godiberts Wohnung zu gehen. 33 Er verweilt nicht unten auf dem Bureau, ſondern geht auf der Stelle zu ſeiner Tante hinauf. Mamſell Fifine lächelt ſpöttiſch, wie ſie den ſchö⸗ nen Neffen anlangen ſieht; dieſer hatte gleichfalls die Gewohnheit, demjenigen Theil ihrer Reize, welcher einen hervorſpringenden Anlaß dazu gab, ſeine Hul⸗ digung wiederfahren zu laſſen, indem er eine vertrau⸗ liche Hand darauf drückte. Dieß Mal jedoch fällt es dem jungen Mann nicht ein, ſich bei der Kammer⸗ jungfer aufzuhalten; er tritt alsbald in den Salon, ſeine Baſe zu finden hoffend. Mit Mißvergnügen bemerkt er nur ſeine Tante. Nach einigen unbedeutenden Redensarten hält es Friedrich nicht länger aus und ruft:„Wo iſt denn meine Cvufine?“ „Es verſteht ſich, an dem Ort, wo ſie arbeitet,“ antwortet Madame St. Godibert trocken.„Wahr⸗ ſcheinlich, Herr Neffe, dachten Sie nicht, daß ich dieſe Kleine in meinem Salon aufpflanzen werde.“ „Warum denn nicht, Tante?“ „Weil es nicht der Platz für ein junges Mädchen iſt, weil, wenn wir dieſe.. Verwandte in unſerm Hauſe zu behalten die Güte hatten, dieß nicht ge⸗ ſchah, damit die jungen Leute, die Courmacher, die Liebesritter um ſie herumſchleichen ſollten; das wäre mir ſchön!.. Wenn ſo was geſchähe, ſo hätten wir ſie ſtracks wieder in ihr Dorf zurückgeſchickt.“ Friedrich zerreißt ſeine Handſchuhe vor Zornz dann rennt er nach einer Minute weg und ſieht, durch's Vorzimmer gehend, Fifine nicht einmal an, 34 welche ausruft:„Ei, wie kummervoll er ausſfieht! Es ſcheint, er war nicht zur Tante auf Beſuch ge⸗ kommen; aber was haben denn dieſe Herren alle mit dem kleinen Dorfmädchen? Sie hat nicht mehr Hüften als meine Fauſt! Gott, was doch die Männer geſchmacklos ſind!“ Friedrich iſt nicht der Eingige, auf welchen Roſa⸗ Maria's Reize Eindruck gemacht: der junge Julian, der ſehr häufig auswärts ſpeiste, bevor ſeine Cou⸗ ſine zu ſeinen Eltern gezogen war, ſtellt ſich jetzt ſehr pünktlich zur Stunde der Mahlzeit ein. Er ſpricht wenig mit Roſa⸗Maria, weil man ihn nie⸗ mals allein mit ihr läßt; aber er bezeugt ihr tau⸗ ſend Zuvorkommenheiten, tauſend Aufmerkſamkeiten, und heftet, wenn ſeine Eltern es nicht bemerken kön⸗ nen, weit weniger ſchüchterne Blicke auf ſie. Aber Roſa⸗Maria, obwohl nicht unerkenntlich ge⸗ gen die Artigkeiten Julians, hegt für ihn nicht jene Sympathie, nicht jene Freundſchaft, welche ſie auf der Stelle für Friedrich gefühlt; im Gegentheil ſcheint ſie, wenn Julian in ihrer Nähe iſt, eine Art geheimer Abſtoßung, Angſt, Schrecken zu empfinden, wovon ſie ſich keine Rechenſchaft geben kann. Vierzehn Tage ſind ſeit Roſa⸗Maria's Eintritt in ihres Oheims Haus verfloſſen und die Zeit iſt ihr ſehr lang geworden. Da ſie alle Tage in dem Cabinet neben Madame St. Godiberts Boudoir mit Arbeiten zubringt und nach dem Eſſen wieder ſo lange dahin zurückkehrt, bis man ihr geſtattet, in ihre Schlafkammer zu gehen, ſo ſieht das arme Kind 35 nur ſeine Tante und Mamſell Fifine: die erſtere re⸗ det mit ihr ſtets in trockenem und verächtlichem Ton; die andere ſcheint ſtets die Zunge gegen ſie heraus⸗ zuſtrecken und ſie ſpöttiſch zu belächeln. Oheim und Vetter heitern ſie während des Eſſens nicht auf; denn erſterer beſchäftigt ſich niemals mit ihr und die ge⸗ heimen Aufmerkſamkeiten des Letztern ſind ihr eher eine Verlegenheit als ein Vergnügen. Ohne je aus⸗ zugehen oder ſich zu zerſtreuen, bringt daher Hiero⸗ nymus' Tochter gar traurige Tage in Paris zu, wo⸗ hin ihr Vater ſie in der Hoffnung geſchickt hatte, daß ſie dort glücklicher ſein werde als in ihrem Dorf. Daher iſt Roſa⸗Maria's einziger Wunſch, ihr einziges Sehnen die Rückkehr zu ihrem Vater; ſie nimmt ſich vor, ihn dann anzuflehen, daß er ſie bei ſich behalte und nicht wieder in ihres Oheims Haus zurückſchicke. Schon ein Mal hat das junge Mädchen ſchüchtern den Namen ihres Vaters ausgeſprochen und zu ver⸗ ſtehen gegeben, wie glücklich ſie ſein Wiederſehen machen würde; aber ihre Tante hatte ihr ſtreng ge⸗ antwortet:„Es preſſirt nicht, Mademoiſelle, Sie haben immer noch Zeit offenbar möchten ſie un⸗ ausgeſetzt auf den Landſtraßen umherrollen, aber das ſchickt ſich nicht. Ihr Vater weiß, daß Sie in un⸗ ſerm Hauſe ſind; er muß alſo ſehr ruhig und ſehr zufrieden ſein, und Sie brauchen ihn durch Ihre Rückkehr nicht ſchon wieder zu ſtören.“ Roſa⸗Maria wagte keine Gegenvorſtellung; ſie bat nur den Himmel, ihr Geduld und Ergebung zu ſchenken. 36 Dieſe Sinnesänderung der Madame St. Godi⸗ bert, welche anfänglich ihre Nichte gar nicht anneh⸗ men wollte und jetzt ſich ihrem Beſuch im väterli⸗ chen Hauſe widerſetzt, erklärt ſich dadurch, daß Roſa⸗ Maria ſehr geſchickt und mit vielem Geſchmack ar⸗ beitete, daß ihre Tante eingeſehen hat, das junge Mädchen erſetze ihr die Stelle von zwei guten Ar⸗ beiterinnen und daß ſie folglich, ſtatt läſtig zu fallen, Erſparniſſe in der Haushaltung bewirke. Herr St. Godibert haätte gleichfalls bemerkt, wie wenig ſeine Nichte eſſe; man wußte von Mamſell Fifine, daß ſie einen Koffer von Effekten mitgebracht hatte und brauchte alſo auf längere Zeit keinen Einkauf für ſie zu machen. Da ſomit das junge Mädchen faſt Nichts koſtete und mit ihrem Fleiß viel eintrug, ſo gedachten ihre reichen Verwandten, denen das Raub⸗ ſyſtem faſt aller Emporkömmlinge anklebte, ſie ſo lange als möglich in ihrem Hauſe zu behalten. Juſt auf dieſe Weiſe betreiben dermalen viele Leute Wohlthätigkeit und Edelmuth. Indeß Roſa⸗Maria ſo traurige Tage im erſten Stock zubrachte, hatte im Parterre die Anweſenheit des neuen Schreibers im Gegentheil viel Heiterkeit eingeführt. Immer zufrieden mit ſeinem Looſe, ge⸗ wohnt, mit ſeinem geringen Verdienſte auszureichen, war Vater Savenah ſchnell mit ſeinen Obliegenhei⸗ ten auf's Laufende gekommen. Mußte er mehrere Male des Tags ausgehen, ſo nahm er vergnügt ſei⸗ nen breitkrämpigen Hut und begab ſich ohne Murren auf den Marſch;z noch behende und gelenkig wie ein 37 Jüngling, bedurfte er zu ſeinen Ausgängen eine kür⸗ zere Zeit als Andere, weil er unterwegs nicht flan⸗ kirte. Endlich bewieſen ſich auch Herr Boudin und ſeine beiden Commis, welche anfangs den Eintritt eines neuen Arbeiters nur ungern geſehen hatten, jetzt mit ſeiner Geſellſchaft ſehr zufrieden und behan⸗ delten ihn mit einem Wohlwollen, das in ſolchen Verhältniſſen äußerſt ſetten iſt. Papa Savenay hatte ſeine Vorliebe für das Lied und beſonders für ſeinen geliebten Liederdichter nicht verloren. Wenn die Arbeit nicht preſſirte und beim Federſchneiden ſummte der Greis einen Refrain von Beranger; darüber lachten die andern Buchführer, erſtaunt zugleich, daß der gute Mann in ſeinem Al⸗ ter noch eine ſo klare und richtige Stimme habe. Eines Tags aber war Herr St. Godibert, wel⸗ chen in ſeinem Cabinet über einer Zeitung der Schlaf überraſcht hatte, durch Vater Savenay aufgeweckt worden, welcher heiter ſang: „Zon, Zon, Baß und Flöte Zon, Zon! Geigerei, Zon, Zon! Baß und Flöte Zon, Zon! Geigerei!“ Der Bangquier war aus ſeinem Cabinet wie ein Raſender herausgefahren und ſchrie:„Wer erlaubt ſich ſo auf meinem Bureau zu ſingen?“ Und der alte Savenay hatte ganz ruhig geant⸗ wortet:„Ich mein Herr. beläſtigt Sie das?“ „Ob mich das beläſtigt? Sicherlich, mein Herr, es hat mich. in einer wichtigen Arbeit geſört! Schon 38 zwei Stunden ſurrt mir das„Zon, zon, Geigerei in den Ohrenz ich konnte nicht glauben, daß es aus meinem Buregau komme: ich glaubte, meine Commis ſeien zu gut erzogen, um zu ſingen. fi, welche Lebensart! Und vollends Sie, Vater Savenay, ein Mann von Ihrem Alter erlaubt ſich zu ſingen: on, Zon, Baß und Flöte!““ „Aber, mein Herr, es iſt ein Lied von Beranger.“ „Was liegt mir daran, mein Herr? Kenne ich denn den Herrn Beranger?“ „Ei, mein Herr, ganz Frankreich, ganz Europa kennt ihn„ſingt ihn ſogar.“ „Mein Herr, Europa mag thun, was es will... ſei Ihr Lied von Beranger oder von Corneille, ich bin Herr in meinem Bureau: ich will nicht, daß man darin ſinge! und beim erſten„Zon, Zon, das aus Ihrem Munde geht, ſetze ich Sie vor die Thüre.“ Der gute Greis hatte ſich ſtumm verneigt. Seit dieſer Zeit ſang er nicht mehr auf dem Bureau; aber ex entſchädigte ſich Morgens und Abends da⸗ heim. Uebrigens erſtaunt der gute Savenay, daß er Roſa⸗Maria niemals zur Thüre aus⸗ oder eingehen ſah. Da er ſie bei ihrem Oheim wußte und ſelber im Parterre arbeitete, ſo hat er visweilen auf eine Begegnung mit dieſem jungen Mädchen gehofft, dem er die reinſte Neigung widmete; beſonders wünſchte er zu erfahren; ob ſie glücklich ſei, ob ihre Verwand⸗ ten ſie nach Verdienſt behandeln. Alle dieſe Gedan⸗ ken fuhren ihm durch den Kopf, als er eines Mor⸗ — 39 gens, wie er gewohnter Weiſe zuerſt auf dem Bureau eintraf(denn die am ſchlechteſten bezahlten Commis ſind immer die pünktlichſten), dem Franz an der Stiege begegnete, welcher einen kleinen Milchtopf in der Hand hatte. Der Bediente lächelt dem Greiſen zu und zeigt ihm den Milchtopf, indem er ſagt:„Es iſt für das hübſche kleine Fräulein, welches Sie eines Tages mitbrachten: die Nichte der Leute hierz ſie wollen ſie nämlich nicht ihre Nichte heißen, aber ich weiß wohl, daß es ihre Nichte iſt ach Gott, welch' nette Per⸗ ſon, wie liebenswürdig, wie freundlich ſie ausſieht!“ „Sie kennen Roſa⸗Maria?“ antwortete Vater Savenah,„ah, deſto beſſer. Reden Sie mir von dieſem lieben Kinde, ich bin glücklich, Etwas von ihr zu erfahren; denn ſeit ſie bei ihrem Oheim iſt, habe ich ſie nicht ein einziges Mal bemerkt.“ „Zum Henker! ich glaube es wohl: das arme junge Mädchen ſitzt den ganzen Tag ſchweigend in einem Nebencabinet, wo man ſie ununterbrochen zur Arbeit anſpannt. Nach dem Eſſen arbeitet ſie wieder, bis ſie zu Bette geht; ſehen Sie, guter alter Herr, mir kommt es vor, ſie habe ſo viel Spaß als ein Vogel, den man rupft.“ „Wie, Sie denken?.. Ha, das wäre ſehr übel, wenn man ſie nicht gut behandelte; ſie iſt ſo ſanft, ſo intereſſant.“ „Ich meinerſeits thue, was ich kann, um ihr kleine Gefälligkeiten zu erweiſen; zum Beiſpiel: ich bringe ihr dieſen kleinen Rahmnapf hinauf, den ich vor ihre 40 Thüre ſtelle, und ſie glaubt, die Milcherin ſtelle ihn hin; ſie würde ſonſt nicht erlauben, daß ich mir die Mühe nähme. Aber wenn ich ihr ihren Rahm nicht brächte, ſo kenne ich Mamſelle Fifine, die Kammer⸗ jungfer, ſchon: ſie tränke ihr die Hälfte des Napfes aus.“ „Sie lieben Roſa⸗Maria? Das iſt recht, mein Freund, Sie ſind ein guter Junge.“ „Ja doch, ich bin ein ſehr guter Junge. Hören Sie, alter Mann, Sie müſſen mir nicht böſe ſein, daß ich Sie neulich Abends ein Mal vor die Thüre werfen wollte: der Herr hatte es befohlen.“ „O, ich bin Ihnen keineswegs böſe, mein Junge, aber wenn Sie mich zwei freundſchaftliche Worte mit meiner jungen Freundin reden laſſen könnten, ſo würden Sie mir viel Vergnügen machen, denn ich weiß gewiß, daß es auch ihr lieb wäre, mich zu ſehen.“ „Das iſt ſehr leicht: ſteigen Sie dieſe drei kleinen Treppen hinauf, ganz hinauf.. oder kurz und gut, kommen Sie mit mir, ich will Ihnen die Zimmer⸗ thüre zeigen.“ „Glauben Sie wirklich, daß ich darf? Wird man Sie nicht auszanken, wenn man erfährt, daß... „Warum denn? das wäre eine Dummheit. Mei⸗ nen Sie denn, man könnte Sie für einen Liebhaber halten?“ Lächelnd antwortete der Greis:„O nein, nein; in dieſer Beziehung werde ich ihr keinen böſen Leu⸗ mund machen.“ — 6—— —— ————— 41 „Ohnehin ſchläft um dieſe Stunde die Herrſchaft noch wie Maulwürfe mit Renten. Ich weiß gewiß, daß Fräulein Roſa⸗Maria ſchon frühe wach und auf⸗ geſtanden iſt. Kommen Sie, Alter, Niemand wird von dem Beſuch Etwas erfahren.“ Der Vater Savenay folgt Franz. Bald kommen ſie an die Thüre des Zimmers, wo Roſa⸗Maria ſchläft. Der Greis klopft ſachte an. „Wer iſt da?“ fragt das junge Mädchen. „Ich, mein Kind, Ihr alter Freund: der Vater Savenay.“ Ein Freudenſchrei ertönt und die Thüre geht als⸗ bald auf. Der Greis tritt bei Roſa⸗Maria ein und Franz tanzt in ſeine Kammer zurück, indem er ſagt: „Hei da! Niemand ſieht und hört Etwas. Die Fi⸗ fine iſt überliſtet, die ſich die Ohren abſchneiden würde, wenn ſie erführe, daß ein Anderer mehr weiß, was im Hauſe vorgeht, als ſie.“ Roſa⸗Maria fühlt beim Anblick ihres alten Freun⸗ des eine lebhafte Freude, dieſer aber kann eine trau⸗ rige Empfindung nicht zurückhalten, wie er bemerkt, daß das junge Mädchen bereits einen Theil ihrer Farbe und den Glanz der Geſundheit auf ihrem Ge⸗ ſichte, den ſie hieher mitgebracht, verloren hat. Er drückt ihre Hände und bittet ſie, ihm zu ſagen, wie es ihr bei ihren Verwandten geht, was ſie bekümmert. Roſa⸗Maria vertraut dem guten Greiſe die Be⸗ handlung, die ihr widerfährt, die unerquickliche An⸗ wendung ihrer Zeit, und verbirgt ihm die Qual ihrer neuen Exiſtenz nicht. 2 Paul de Kock. LXXvM. 4 42 „Wie,“ ruft Vater Savenay aus,„und keine Zerſtreuung, kein Vergnügen! Kann man in Ihrem Alter ſo exiſtiren? Niemals ausgehen iſt der Geſund⸗ heit ſchädlich. Eine Blume ohne friſche Luft welkt und verliert ſchnell ihren Reiz. Ein junges Mädchen iſt auch eine Blume und ich ſehe auf Ihrem Antlitz wohl, daß Sie, an das freie Landleben gewöhnt, durch einen fortwährenden Zimmeraufenthalt ſehr lei⸗ den. Sie müſſen ausgehen, mein Kind, und da Ihre Verwandten ſich mit Ihnen nicht zeigen wollen, was denſelben, unter uns geſagt, nicht zur Ehre gereicht, ſo müſſen Sie allein ausgehen: zum Beiſpiel Mor⸗ gens, in der Frühe; wer hindert Sie da, wo dieſel⸗ ben noch ſchlafen, an einem kleinen Spaziergang auf den Boulevards?“ „O, mein Freund, allein auszugehen hätte ich nie gewagt; ich kenne Paris nicht, ich könnte mich wieder verirren.“ „Nun ja, allein, mag es allerdings nicht paſſen, mit mir, da kann es nichts ſchaden. Alſo von morgen an hole ich Sie ab. Um welche Stunde gehen Sie gewöhnlich hinab?“ „Vor halb zehn Uhr werde ich nie gerufen.“ „Alſo denn: um ſieben Uhr werde ich an Ihre Thüre klopfen und wir gehen ſpazieren. Wenn ich nur um halb neun Uhr auf dem Bureau bin, ſo geht das ſchon; die Andern kommen immer ſpäter. Morgen früh denn, das iſt ausgemacht.“ „Wie, mein Beſchützer, Sie wollten?... Aber wenn man es erfährt, wenn man mich ſchilt?“ 43 „Wir begehen ja kein Unrecht, mein Kind; ich nehme Alles auf mich. Ich betrachte mich als Ihren Vater und will hauptſächlich nicht, daß Sie wieder krank werden.“ Roſa⸗Maria hat eingewilligt, denn im Grunde wünſchte ſie es recht von Herzen; ſie verſpricht, am nächſten Tage Schlag ſieben Uhr zum Ausgang ge⸗ rüſtet zu ſein und der Vater Savenay geht ganz ver⸗ gnügt weg, ja erlaubt ſich ſogar auf der Treppe, trotz dem ſtrengen Verbot, zwiſchen den Zähnen zu ſummen: „Sterblicher, den ſchönen Tagen Füge frohe Tage bei!“ Am andern Morgen iſt der Greis ſo pünktlich wie ein junger Liebhaber. Um fieben Uhr klopft er ſachte an Roſa⸗Maria's Thüre: dieſe kommt mit einem Häubchen auf dem Kopf, das ſie noch hübſcher machen würde, wenn es möglich wäre. Beide gehen vorſich⸗ tig und geräuſchlos die Stiege hinab. Bald haben ſie das Haus hinter ſich, jetzt athmet das junge Mäd⸗ chen freier aufz ſie hängt ſich an den Arm ihres Führers und Beide begeben ſich nach den Boulevards. Das Wetter iſt kalt, aber ſchön. Sie fühlen ſich glücklich, beiſammen zu ſein, die beiden verwandten Seelen, und ihre Gefühle einander eröffnen zu kön⸗ nen ohne die ſtörende Gegenwart Dritter Roſa⸗ Maria verbirgt dem guten Savenay nicht, daß ſie einen Plan entworfen habe, um zu ihrem Vater zu⸗ rückzukehren und nicht wieder nach Paris zu kommen. Der Greis, obwohl ihr Mißvergnügen billigend, ſor⸗ 44 dert ſie dennoch zur Geduld auf, überzeugt, daß Oheim und Tante ſie am Ende mit mehr Freund⸗ ſchaft behandeln werden. Bei dem Vergnügen, das ihnen der Morgen⸗ ſpaziergang gewährt, finden der Greis und das junge Mädchen, daß die Zeit allzuſchnell herumgeht. Es ſchlägt acht Uhr und ſie ſind am Eingang der ely⸗ ſäiſchen Felder. „Wir müſſen heimkehren,“ ſagt Roſa⸗Maria aus Furcht, ſich zu verſpäten. „Sie haben Recht,“ antwortet Savenay,„denn wir können ja, hoffe ich, noch oft dieſe kleinen Spa⸗ ziergänge machen, die uns wohl thun werden.“ Beide kehren um. In dieſem Augenblick kommt ihnen ein junger Mann entgegnen. Er nähert ſich und Roſa⸗Maria, welche aufgeſchaut hat, fühlte ihr Herz bei ſeinem Anblick mächtig ſchlagen. Bald ſteht dieſer Mann vor ihnen: er heftet ſeine Blicke auf das junge Mädchen, ſieht blaß und verwirrt aus, aber plötzlich, als hätte ihn eine augenblickliche Schwäche gereut, eilt er weg, auf Roſa⸗Marig einen kalten und beinahe verächtlichen Blick werfend. „Mein Gott, mein Gott! er iſt es... es iſt Herr Leopold!“ ruft das junge Mädchen aus. Dann ſchaut ſie zurück, in der Hoffnung, daß der Vorüber⸗ gehende ſich noch nicht entfernt habe, aber Leopold, denn er iſt es allerdings, hat ſeine Schritte verdop⸗ pelt und iſt ſchon weit von derjenigen, welche durch ſein Wiederſehen ſo ſehr erfreut wurde. Doch bald verwandelt ſich dieſe Freude in Schmerz, was oft bei „——————— 45 der Liebe vorkommt. Roſa⸗Maria, die das Betragen Leopolds nicht enträthſeln kann, ſtämmelt mit zittern⸗ der Stimme:„Wie, er iſt es und er redet mich nicht an? Gewiß hat er mich gut gekannt. o ja, er ſah mich ſtark an und plötzlich iſt dieſer Blick kalt, feind⸗ ſelig geworden. Mein Gott, was ſoll das bedeuten? Was habe ich denn gethan, um ihn gegen mich auf⸗ zubringen?“. „Was haben Sie, mein Kind? Sie kennen dieſen jungen Mann, der eben an uns vorüberging?“ „Ach ja, lieber Freund.“ „Iſt es auch einer Ihrer Vettern 2“ „Nein, lieber Freund; doch einerlei. Es war mir ſo lieb, ihn wiederzuſehen, und er hat ein feindſeliges Betragen gegen mich angenommen.“ „Sie hatten mir niemals von dieſem jungen Manne geſagt, meine Tochter; in Paris konnten Sie ihn nicht kennen lernen.“ „Nein, lieber Freund, es iſt nämlich... v, warten Sie, ich konnte Ihnen das noch nicht erzählen, aber heute ſollen Sie Alles erfahren, wie ich es auch hätte meinem Vater ſagen ſollen; denn ich ſehe wohl, man ſollte kein Geheimniß vor ſeinem Vater haben.“ „In der That, mein Kind, wäre das beſſer, aber Jedes hat ſeine Schwachheit, und da die Väter auch einmal jung geweſen ſind, ſo dürfen ſie nicht gar zu ſtrenge ſein. Reden Sie, mein Kind.“ Roſa⸗Maria erzählt ihrem alten Freund, wie ſie den jungen Maler kennen gelernt: die Begegnung im Wald von Fontainebleau, die Porträtirung, ihre 1 . 46 gegenſeitige Vertraulichkeit, das Geſtändniß ſeiner Liebe und ſein Verſprechen, ſie daheim zu beſuchen. Der Greis hat Roſa zugehört, ohne ſie zu unter⸗ brechen; dann betrachtet er ſie genau und liest in ihren ſchönen Augen, daß ſie ihm Nichts verborgen hat, daß dieſe Liebe edel und rein iſt. Er antwortet ihr lächelnd:„Nu, nu, mein Kind, das Uebel iſt nicht ſo arg; freilich hätten Sie das Alles Ihrem Vater erzählen ſollen, aber wahrſcheinlich haben Sie damit auf die Rückkehr des jungen Mannes ge⸗ wartet?“ „Ja, lieber Freund; er iſt aber nicht zurück⸗ gekehrt.“ „Da ſehen Sie, daß man den Worten junger Männer nicht ſo leicht glauben darf; vielleicht hat er Sie vergeſſen.“ „Aber ich, lieber Freund, ich habe ihn nicht ver⸗ geſſen, denn ſeitdem habe ich immer an ihn gedacht.“ „Daraus ſolgt noch nicht, daß auch er es thue: des Mannes Herz iſt nicht ganz ſo wie dab des Weibes, obwohl ſie einander in manchen Stücken gleichen.“ „Aber, lieber Freund, Herr Leopold iſt vielleicht ſeit meiner Anweſenheit in Paris in Avon geweſen.“ „Das wäre möglich.“ „Warum hat er mir aber denn, wie er mir ſo eben jetzt begegnete, keinen Gruß gegeben? warum dieſer gleichgültige Blick? Was ſage ich? Mehr noch: beinahe Verachtung lag in ſeinen Augen. Verdiene ich das? ich, die ſich bei ſeinem Wiederſehen ſo glück⸗ — 47 lich fühlte? O, das iſt recht ſchnöde von ihm, daß er mich ſo anſah und vorüberging, ohne mich an⸗ zureden.“ Roſa⸗Maria hält ihr Schnupftuch vor die Augen, um die hervorſtrömenden Thränen zu verbergen; der Vater Savenay drückt ihr den Arm und ſagt:„Ei, ei, mein Kind, was ſoll das bedeuten? Kummer, Thränen für einen jungen Menſchen, den Sie ver⸗ geſſen haben ſollten, weil er nicht, ſeinem Schwure getreu, zu Ihrem Vater gekommen iſt! Auf, Muth gefaßt, das Herz mit Stolz bewaffnet! Bedenken Sie, daß Sie geliebt zu werden verdienen, bevor Sie ihre Liebe hingeben.“ „Aber, lieber Freund, da ich ſie einmal hingege⸗ ben habe, ſo kann ich ſie nicht wieder zurücknehmen.“ „Doch, mein Kind, dergleichen läßt ſich zurück⸗ nehmen!.. Aber da ſind wir an Ihres Oheims Hauſe verſchlucken Sie Ihre Thränen... Geduld, Unter⸗ werfung. und ſollten Sie es aber dennoch in Pa⸗ ris Jar zu unausſtehlich finden, wollten Sie durchaus zu Ihrem Vater zurückkehren...“ „O nein, nein, lieber Freund; ich glaube, daß ich mich an das Leben im Hauſe meines Onkels ge⸗ wöhnen, daß ich am Ende damit zufrieden werde. Aber nicht wahr, lieber Freund, wir gehen noch oft des Morgens ſpazieren?“ „Ja, mein Kind, ja, ich werde Ihnen immer zu Dienſten ſtehen.“ „O, wie gut Sie ſind, Sie.“ Man war vor dem Hauſe des Banquiers; das 48 junge Mädchen geht ſchnell in ihr Zimmer hinauf und der Greis in das Bureau hinein. Drittes Kapitel. Ein Veilchenin einem Parterre. Kehren wir in das Dorf Avon zurück und erfah⸗ ren wir, warum Hieronymus, der gute Landwirth, welcher ſeine Tochter ſo ſehr liebt, dieſer keine Nach⸗ richt von ſich gegeben hat, da ſie ihm doch bei ihrer Wiedergeneſung geſchrieben hatte. Einen zärtlichen Vater darf man nicht wegen Gleichgültigkeit bearg⸗ wohnen, daher müſſen wir den Grund ſeines Be⸗ tragens aufſuchen. Roſa⸗Maria's Abreiſe hatte Hieronymus ſchmerz⸗ lich bewegt; ein großer Aufwand von Muth war bei ihm nöthig geweſen, um ſich von ſeinem Kinde zu trennen, und wenn er in ihrer Gegenwart nicht ge⸗ weint hatte, ſo geſchah es nur, weil ſeine Tochter beim Anblick ſeiner Thränen nicht eingewilligt hätte, ihn zu verlaſſen. Weil er jedoch das Glück ſeiner Roſa durch ihren Aufenthalt in der Nähe ihrer Oheime feſtzuſtellen hoffte, ſo yatte er die Größe ſeines Schmerzes vor ihr verborgen. Traurig ſchlichen die erſten Tage in dem kleinen Hauſe des Landmannes nach der Abreiſe des jungen Mädchens hin; doch unverdroſſene Arbeit gewährt Zerſtreuung von jedem Kummer. Hieronymus han⸗ delte nach dieſem Grundſatze; hernach, wenn er von 49 dem Felde heimkehrte und an ſeinem Herde aus⸗ ruhte, unterhielt er ſich von ſeiner Tochter mit Ma⸗ non, er ſprach ohne Unterlaß von ihr und in ſeinem Herzen dachte er: ſie muß auch dort geliebt werden, hier liebte ſie ja Jedermann. Und Manon redete wie ihr Herr und ſtimmte Allem bei, was ihn tröſten konnte. Eines Tages jedoch war Hieronymus, da er vom Felde heimkehrte, ganz überraſcht, von ſeiner Magd zu erfahren, daß ein ſchöner, junger, vornehm⸗ſtäd⸗ tiſch gekleideter Mann gekommen ſei, nach ſeiner Tochter zu fragen und bei der Nachricht von ihrer Abreiſe nach Paris ſich ſehr erſtaunt, ſehr traurig geberdet und ſofort ſich wieder entfernt habe, ohne Weiteres zu ſagen und ſogar ohne mit dem Vater des Mädchens, das er zu kennen ſchien, ſprechen zu wollen. n Der gute Dorfbewohner hatte eine Menge Ver⸗ muthungen über dieſen Beſuch angeſtellt und war am Ende dabei ſtehen geblieben, daß dieſer junge Mann ſeine Tochter zu Fontainebleau im Hauſe der Damen, wo ſie zuweilen arbeitete, geſehen haben konnte; daß er vielleicht im Auftrag derſelben gekommen ſei, um nach ihr zu fragen und den Zweck ſeines Be⸗ ſuches für erreicht gehalten habe, als er ihre Abreiſe nach Paris erfuhr. Damit ſchlug ſich Hieronymus dieſen Beſuch aus dem Sinne; er hegte zu viel Ver⸗ trauen zu ſeiner Tochter, um etwas Strafbares in der Bekanntſchaft derſelben mit dem Fremden zu argwohnen. 50 Aber Tage, Wochen vergingen und Hieronymus erhielt keine Nachricht von Paris, keinen Brief von Roſa⸗Maria. Er beruhigte ſich damit:„Wenn ſie die Oheime nicht gut aufgenommen hätten, ſo wäre ſie zu mir zurückgekehrt.“ Das längere Stillſchweigen ſeiner Tochter jedoch verſetzte ihn allmälig in Erſtaunen und Beſorgniß. Um dieſe Zeit hätte Hieronymus den Brief ſeiner Tochter, welchen ſie ihm nach ihrer Wiederherſtellung ſchrieb und worin ſie ihm ihre Adreſſe bei Vater Savenah angab, empfangen haben ſollen. Dem war aber nicht ſo und zwar aus folgendem Grund: Man wird ſich erinnern, daß Deſid. Glureau, der Stra⸗ ßenkehrungsinſpector, ſich in dem Augenblick bei Sa⸗ venay befunden hatte, wo Roſa⸗Maria den Brief an ihren Vater ſchloß; ſie hatte ihm denſelben anver⸗ traut und auf die Poſt zu geben erſucht und er haite die Commiſſion mit Vergnügen augengmnsm mit den Worten:„Nichts Leichteres! In Paris gibt es in jeder Ecke eine kleine Poſt.“ Aber die leichteſten Sachen ſind oft gerade die⸗ jenigen, womit es Einem ſchief geht, weil man die nöthige Vorſorge dabei vernachläßigt. Als Glureau aus der Wohnung des Vaters Sa⸗ venay ging, war ihm ſein junger Freund, Herr Fe⸗ roce, begegnet. Dieſer, welcher Abends zuvor ein Profitchen mit Contremarken an einem Theater ge⸗ macht hatte, war ihm mit dem Antrag entgegenge⸗ kommen, daß er ein paar Stiefel Wein aufwichſen wolle. Glureau war ein braver Kerl, aber einem 51¹ guten Schluck konnte er nicht widerſtehen. Auf den erſten Stiefel folgte der zweite und dann noch andere. Dieſen Herren war beinahe ein Imi durch die Gur⸗ gel gerollt; dann hatte man den Beſeninſpector ge⸗ holt, weil er ſeit dem lieben Morgen Nichts in⸗ ſpicirte. Im Augenblick, wo er an ſein Geſchäft ging, hatte Glureau den Brief aus der Taſche gezogen und gerufen:„Ei, ſo ſoll doch das Donnerwetter!.. da habe ich vergeſſen, das Ding da in eine Brieflade zu werfen.“ „Geh' an Dein Geſchäft und gebe es mir,“ hatte Feroce geſagt;„ich kann es eben ſo gut in die Poſt hineinſchmeißen als Du.“ Der Mann mit dem gerunzelten Hute hatte ſei⸗ nem jungen Freunde den Brief übergeben. Dieſer war in das Wirthshaus zurückgegangen und hatte ſich vollends toll und voll geſoffen. Als er in dieſem Zuſtand ſeine Pfeife anzünden wollte, war ihm dann dieſer Brief, von dem er Nichts mehr wußte, als Fidibus in die Hände gekommen. Darum hatte Hieronymus Nichts von ſeiner Toch⸗ ter erfahren. Allgemeine Regel: Wenn du einen Brief von Wichtigkeit haſt, ſo gebe dir die Mühe und trage ihn ſelbſt zur Poſt; denn wenn Andere eine Nachläßigkeit oder Vergeßlichkeit in dieſer Be⸗ ziehung an dir begangen haben, ſo geſtehen ſie es nicht ein. k Hieronymus' Beſorgniß war auf den höchſten Grad geſtiegen; er wollte bereits ſelbſt auf Erkundi⸗ 52 gung nach Paris reiſen, als ihm endlich ein Brief zuging. Es war derjenige, welchen Roſa⸗Maria unter dem Diktat ihres Oheims St. Godibert ge⸗ ſchrieben hatte. Hieronymus hatte den Styl dieſes Briefes ſehr ſeltſam gefunden. Ihm war es unbegreiflich geweſen, wie ſeine Brüder Niclas und Euſtach ſich hatten in St. Godibert und Mondigo umgeſtalten können. Aber ſeine Tochter ſagte ja auch, daß ſie von ihrem Oheim auf's Beſte aufgenommen worden ſei und für ihn war das die Hauptſache. Fortan unbeſorgt um Roſa⸗ Maria's Loos hatte er den guten Rath, ſich mit kei⸗ nem Beſuche bei ſeiner Tochter zu bemühen, auf freundſchaftliche Weiſe ausgelegt und gedacht:„Es wird ſelber kommen, das theure Kind; es wird meiner Roſa Freude machen, wieder auf dem Felde umherzuſchweifen, ihre Blumen, ihren Garten wieder⸗ zuſehen. Uebrigens befindet ſie ſich ja auf's Beſte bei ihrem Oheim, der ſie gut aufgenommen hat. Man liebt ſie ſchon, darauf wette ich. Ich brauche alſo künftig keine Sorge zu haben.“ Natürlich war Hieronymus' Plan, nach Paris zu reiſen, gleich nach Empfang dieſes Briefes von ihm aufgegeben worden. Während dieß im Dorfe vorging, verurſachte Roſa⸗Maria's Anweſenheit im Hauſe des Herrn St. Godibert eine halbe Revolution. Erſtens ſpeiste der Sohn des Hauſes nicht mehr auswärts, um jedes Mal in Geſellſchaft ſeiner Baſe zu ſpeiſen; Abends wäre er auch noch gerne zu ihrer Unterhal⸗ 53 tung dageblieben, wenn ſeine Eltern es geſtattet hätten; aber Madame St. Godibert duldete nicht, daß irgend ein Mann, ihr Gemahl ausgenommen, in Roſa⸗Maria's Arbeitsſtübchen eindrang. Der ſchöne Neffe machte gleichfalls häufige Be⸗ ſuche bei ſeinem Oheime: er kam den Tag über, er kam des Abends; aber das Zimmer, worin die hübſche Arbeiterein ſich befand, war ein verbotener Baum für ihn. Friedrich rächte ſich dafür dadurch, daß er unaufhörlich von ſeiner Couſine redete, ſtets nach ihrem Befinden fragte und ſich durch die trockenen Antworten ſeiner Tante den Mund nicht ſchließen ließ. Franz endlich fand, trotz Mamſell Fifine's Argus⸗ augen und den Befehlen ſeiner Herrſchaft, Mittel und Wege, dem jungen Mädchen tauſend Aufmerk⸗ ſamkeiten, tauſend Gefälligkeiten zu erweiſen, wofür dieſe ihn mit einem anmuthigen Lächeln belohnte, für welches der normänniſche Bediente Herrn und Frau St. Godibekt durchgewalkt hätte, wäre ein ſolcher Wunſch in Roſa⸗Maria's Augen zu leſen geweſen. Dieſe Letzteren bemerkten wohl, was vorging. Der Herr ſagte bisweilen:„Die ſchönen Augen die⸗ ſer Kleinen verrücken Jedermann den Kopf. Ich glaube wahrhaftig, wenn man unſern Sohn machen ließe, er würde mir Nichts dir Nichts in Roſa⸗Maria ver⸗ liebt! Aber wir ſind da, ihn zu überwachenz mag er ſie von ferne, ſo lange er will, beglasaugen: nie ſoll er eine andere als eine reiche Frau heirathen ich baue ſehr auf Fräulein Soufflat.“ „An eine Heirath mit der Tochter dieſes Bauern 54 denken?“ ſchrie die dicke Angelika achſelzuckend;„da müßte Julian ſehr zur Canaille gehören!. Und die⸗ ſer Friedrich, der unaufhörlich von ſeiner Couſine ſchwatzt, der alle Augenblicke hieherkommt, in der Hoffnung, ſie zu ſehen! Hui und pfui! die jungen Burſchen ſind in der That närriſch.“ Man könnte die Sache ſchnell in's Reine bringen, liebe Frau: man brauchte nur die Kleine heimzu⸗ ſchicken.“ „Allerdings; aber die Roſa⸗Maria iſt mir ſehr nützlich; ſie arbeitet wie ein Engel: ſie richtet meine Schnürleibchen zu, daß ich eine Weſpentaille habe. Warum ſie entlaſſen? Genug, daß wir über ſie wachen.“ „Schon recht, liebe Frau; aber ſeit ſie hier iſt, haben wir keine große Geſellſchaft gegeben und ich will mich durch ihre Anweſenheit an einem nobeln Auftreten nicht hindern laſſen.“ „Deßhalb brauchen wir uns keinen Zwang anzu⸗ thun, mein Herr; laden Sie immer Ihre Leute ein: ſelbigen ganzen Abend bringt Roſa⸗Maria dann auf ihrem Zimmer zu.“ Einige Tage nach dieſem Zwiegeſpräch iſt große Abendgeſellſchaft bei Herrn St. Godibert, der noch mehr Gäſte eingeladen hatte, weil eine ſolche Ein⸗ ladung lange verſchoben geblieben war. Friedrich hatte mit Entzücken von der Sache ge⸗ hört, weil er endlich ſeine Couſine bei dieſer Gele⸗ genheit wiederzuſehen hoffte. Julian ſchmeichelt ſich nicht viel mit dieſer Hoff⸗ — 55 nung, weil er jeden Tag ſieht, wie ſorgfältig man die Baſe hinter Schloß und Riegel thut; indeß hofft er, man werde Roſa⸗Maria in ihrem gewöhnlichen Arbeitsſtübchen laſſen und da werde er ſich, während ſeine Eltern für Anderes zu ſorgen hätten, einen Augenblick bei ſeinem Bäschen einſchleichen können. Herr Derneſty, der wie gewöhnlich zu den Ein⸗ geladenen gehört und ſeit der letzten Abendgeſellſchaft nicht mehr bei dem Banquier erſchienen iſt, hat ſich gleichfalls entſchloſſen, hinzugehen; das Verlangen, dieſes von Friedrich ſo vielgeprieſene junge Mädchen zu ſehen, trug bedeutend zu ſeinem Entſchluſſe bei. Was den Oheim Mondigo betrifft, der ſeine Nichte ſeit dem Tage, wo ſie in ſeines Bruders Haus ge⸗ bracht worden war, nicht mehr geſehen hat, ſo kennt er dieſen zu gut, als daß er nicht wüßte, Roſa⸗ Maria werde in der Abendgeſellſchaft nicht ſeinz dieß verſichert er auch zuverſichtlich ſeiner Frau, welche zu ihm ſagte:„Wenn ich mich auf den Anblick Ihrer Nichte im Hauſe Ihres Bruders gefaßt machen müßte, ſo erkläre ich, mein Herr, daß ich nicht hinginge. Denn in meinem Alter will ich mich nicht ausſetzen, von einem großen ſiebenzehnjährigen Mädchen Tante geheißen zu werden; das wäre ſcheußlich.“ Während des ganzen der Reunivn vorangehe⸗ den Tages hat Roſa⸗Maria der Mamſell Fifine zu den Vorbereitungen geholfen. Die Kammer⸗ jungfer wiederholt unapfhörlich mit ſpöttiſcher Miene: „Ah, das wird einen ſchönen Abend hier geben: wie viel elegante Welt, wie viel geſchmückte Frauen wer⸗ 1 den da ſein, wie viele gute Sachen wird man auf⸗ tiſchen aber es wird auch eine auserleſene Geſell⸗ ſchaft ſein; nicht Jedermann wird dazu dürfen.“ Roſa⸗Maria iſt jedoch gegen alle dieſe Redens⸗ arten gleichgültig. Ihre Tante hat ihr ſchon bedeutet, daß ſie ſogleich nach dem Mittageſſen in ihr Zimmer hinaufgehen müſſe, und weit entfernt, niedergeſchla⸗ gen darob zu ſein, hat das junge Mädchen dieſen Befehl mit Freude vernommen. Sie bedauert es keines⸗ wegs, daß ſie mit all' den erwarteten Gäſten nicht zuſammentrifft; ſie denkt, mitten unter dieſer ſchönen Geſellſchaft müßte ſie ſehr verlegen ſein, und zudem freut es ſie mehr, in der Einſamkeit ungeſtört an Leopold denken zu können, an deſſen Wiederbegeg⸗ nung ihre ganze Hoffnung hängt; denn ſie kann ſich nicht denken, daß er ſtets ſtumm an ihr vorüber⸗ gehen werde. Uum neun Uhr Abends find die Säle erleuchtet, das hausherrliche Paar im höchſten Staat und die Do⸗ meſtiken auf ihrem Poſten. Bald langt die Geſell⸗ ſchaft an. Sie beſteht faſt ganz aus unſern alten Bekannten vom früheren Diner und einigen neuen Geſichtern. Herr Soufflat mit ſeiner Tochter, deren Ruſe unglücklicher Weiſe nicht abgenommen hat, befindet ſich hier; Frau Doguin mit ihrem Gemahl, deſſen Füße fortwährend daſſelbe Leiden haben; das ſchel⸗ miſche Fränzchen kommt mit ihrem Manne, der an Nichts denkt, als was die Römer trugen; der Major Krauteberg gibt ſich mit jener Gutmüthigkeit, welche 57 ihn bei Jedermann empfiehlt, Herr Candrillon mit ſeinem unbeſonnenen Weſen, das man ſchon gewöhnt iſt, und Herr Roquet, der mit den Jahren noch immer mehr Eroberungen zu machen ſucht, zeigt ſich in einem eines Löwen von Neu⸗Athen würdigen Aufzug. Endlich bringt auch der Mann von Geiſt ſeine blonde Frau mit den ſchmachtenden Augen: Elementine hat mit einem Blick den Saal durchlaufen, um ſich zu vergewiſſern, ob ſie keine Nichte fürchten müſſe, wäh⸗ rend ihr Gemahl Herrn Doguin gepackt hat, um ihm den Stoff eines neuprojektirten Stückes auseinander zu ſetzen. Julian iſt gar nicht erſtaunt, ſeine hübſche Cou⸗ ſine vicht in dem Saal zu finden; wie er jedoch das Boudvir ſeiner Mutter, ſo wie das Cabinet, worin gewöhnlich Roſa⸗Maria arbeitet, gleichfalls erleuch⸗ tet ſieht, ſo kann er ſich wohl denken, daß Roſa⸗ Maria nicht unten ſei, und nachdem er ſich davon überzeugt hat, kehrt er mit ganz ſchlechter Laune in den Salon zurück. Derneſiy bleibt nicht lange aus; ſeine beim Ein⸗ tritt etwas unſichern Augen haben bald ihre gewöhn⸗ liche Sicherheit wieder erhalten und nachdem er alle Damen des Cirkels gemuſtert, geht er auf Julian zu und flüſtert ihm in's Ohr:„Wo iſt denn dieſe rei⸗ zende Baſe, von der mir Friedrich geredet hat?“ „Sie erhielt keine Erlaubniß, herabzukommen,“ antwortet Julian. „Zum Teufel! das iſt ſehr widerwärtig; denn Paul de Fock. LXRvIMI. 5 58 hauptſächlich um ſie zu ſehen, bin ich gekommen.. denn aus begreiflichen Gründen liegt mir unter ge⸗ genwärtigen Verhältniſſen wenig daran, hieher zu kommen.“ „Stille, ſchweig'!“ antwortet Julian, unruhige Blicke um ſich werfend;„wenn man Dich hörte!“ „O, zum Henker! ich rathe Dir, zu reden; was ich da ſage, iſt unverfänglich, während Du mir an ſelbigem Abend Mitleiden einflößteſt! Wenn man ſich vor der Welt nicht faſſen kann, ſo muß man wegbleiben.“ „Ach, wenn Du wüßteſt, was ich an jenem Abend ausſtand, da ich ihn wieder erkannte...“ „Genug, genug;z hoffentlich kommt er nicht her⸗ auf?“* „Nein, niemals.“ „Zwar hätten wir durchaus Nichts zu aber doch iſt es immerhin widerwärtig, ſich zuſammen zu finden mit...“ „O, hätte ich vorausſehen können, daß eines Tages „Stille doch, da kommt Friedrich.“ Der große junge Mann tritt in den Salon. Zu⸗ erſt begrüßt er einige Damen und beſonders Frau Marmodin, die ihn mit gereizter Miene anſieht, weil er ſeit einiger Zeit weit weniger um ſie bemüht iſt; ſodann ſucht er mit den Augen in allen Enden und Ecken der Zimmer; bald beißt er die Zähne über⸗ einander und ſeine Augenbrauen ziehen ſich zuſam⸗ men. Doch jetzt gewahrt er ſeinen Vetter und Der⸗ 59 neſty und eilt mit ſeiner gewöhnlichen Heiterkeit auf ſie zu. „Je nun, ſie iſt nicht hier!“ ſagt Derneſty. „Man hat ihr befohlen, dieſen Abend in ihrer Stube droben zu bleiben,“ ſeufzt Julian vor ſich hin. „Und ich war doch nur gekommen, um ſie zu ſehen,“ fällt Derneſty ein. Friedrich neigt ſich zu ihnen hin und flüſtert:„Ge⸗ duld, ihr werdet ſie ſehen.“ „Wie, ſie wird dieſen Abend hieherkommen?“ „Ja.“ „Unmöglich.“ „Ich bin deſſen gewiß.“ „Du willſt ſie alſo in ihrer Stube holen?“ „Nein, nicht ich, aber Jemand, der es ſehr gut beſorgen wird.“ „Vielleicht dieſer Greis, der Vater Savenay?“ fragt Julian, die Farbe wechſelnd. „Ei warum nicht gar! ich weiß etwas Beſſeres. Es iſt Jemand, dem ich fürſichtiglich erzählt habe, daß die Tochter unſers Oheims Hieronymus hier im Hauſe ſei und daß dieſen Abend hier großer Empfang ſtattfinde, denn ich konnte mir ſchon denken, er ſei nicht eingeladen.“ „Dieſer Jemand... „Stille, da iſt er.“ Die Salonthüre iſt aufgegangen: es erſcheint der Vetter Brouillard. Statt ganz in Schwarz gekleidet zu ſein, wie gebräuchlich, wenn er zu St. Godiberts in große Geſellſchaft kommt, tritt der Vetter Brouil⸗ 60 lard dieß Mal im Werktagskleide auf: er trägt einen naturfarbenen ziemlich verbrauchten Rock, eine alt⸗ modiſche Weſte und bräunliche Beinkleider ohne Stege. Der Frau St. Godibert entfährt ein erſtickter Schrei, wie ſie ihren Vetter hereinkommen ſieht. Sie ſieht ihren Mann an, als wollte ſie ihn fragen: „Haben Sie die Dummheit begangen, ihn einzu⸗ laden?“ St. Godibert, der dieſe Pantomime vollkommen verſteht, antwortet halblaut:„Nein, wahrhaftig, ich hatte ihn nicht eingeladen. Der Teufel muß ihm zugeraunt haben, daß wir heute Abend empfangen.“ „In ſolchem Aufzug ſich zeigen, das iſt gemein.“ Herr Brouillard indeß, der Jedermann wohl zu finden wußte, weil Friedrich ihm das Röthige geſagt hatte, ſchreitet bis in die Mitte des Salons auf St. Godibert zu, indem er überlaut ausruft:„Ei, guten Abend, Vetter. Ah, Sapperment, ich wußte nicht, daß Sie dieſen Abend Geſellſchaft haben, da⸗ rum kam ich ungenirt... warum erfuhr ich es denn nicht wie gewöhnlich? Frau Baſe, ich habe die Ehre, Ihnen guten Abend zu wünſchen. Sind Sie krank geweſen?“ „Nun, warum ſoll ich denn krank geweſen ſein, mein Herr?“ antwortet Angelika mit ſaurem Geſicht. „Weil Sie mir dieſen Abend ſchlecht auszuſehen ſcheinen; übrigens wäre das kein Grund: man hat ſeine ſchönen und ſeine häßlichen Tage; man kann gelb ausſehen und doch ſehr geſund ſein.“ Madame St. Godjbert verfällt beinahe in einen 61 Nervenkrampf, aber ſie wagt keine vittere Antwortz im Gegentheil will ſie ein Lächeln erzwingen, doch das gelingt ihr durchaus nicht. „Ei, da iſt ja mein Vetter Mondigo und ſeine ſchätzbare Gattin!“ Herr Brouillard legt wie abſichtlich Nachdruck auf das Wort ſchätzbar. Dann, nachdem er ſeine Be⸗ kannten gegrüßt, kehrt er in die Mitte des Saales zurück, erfaßt geſchickt einen Augenblick des Still⸗ ſchweigens und ruft aus:„ Propos! wo iſt denn aber dieſe reizende Perſon, dieſes hübſche, kleine Cou⸗ ſinchen, die jetzt bei Ihnen wohnt, ſo viel ich ver⸗ nehme?“ St. Godibert und ſeine Frau werden dunkelblauz Mondigo ſchlägt die Augen nieder; Clementine hört mit Unruhe zu. Der Vetter fährt, immer ſehr laut redend, fort:„Ah, mein Vetter St. Godibert, das iſt ein ſehr ſchöner Zug von Ihnen, Ihre Beſcheiden⸗ heit macht Sie erröthen, aber die edlen Handlungen ſind zu ſelten, als daß man ſie nicht an das Licht ziehen ſollte!“ „Wie, Herr St. Godibert hat eine edle Hand⸗ lung verrichtet?“ fragte Herr Soufflat mit erſtaunter Miene und auf den Zehen ſtehend. „Ja, mein Herr, eine ſehr verdienſtliche Hand⸗ lung!“ „So ſchweigen Sie doch, Vetter Brouillard,“ ſagte St. Godibert;„reden Sie nicht davon.“ „Mit Erlaubniß: nein! Ich will davon ſprechen, ich will Jedermann ſagen, daß Sie eine junge un⸗ 62 bemittelte Nichte in Ihr Haus aufgenommen haben, daß Sie und Ihre theure Gattin dieſes junge Mäd⸗ chen wie Ihr Kind behandeln. Uebrigens verdient die Kleine Ihre ganze Theilnahme: zum Erſten iſt ſie ſo hübſch! Ach, welches reizende Geſchöpf, dieſe junge Roſa⸗Maria! Selten ſieht man ſo viele Reize beiſammen.“ Die Männer gehen auf Herrn Brouillard mit antheilnehmender Miene zu; Herr Candrillon klopft Herrn St. Godibert auf den Bauch und ſagt mit ſeiner Stentorſtimme:„Ah, wir machen ſolche Streiche im Verborgenen? Brav! Ich liebe edelmüthige Her⸗ zen aber wo iſt denn dieſes kleine Meerwunder, von welchem Ihr Vetter redet? Ich hoffe, man wird ſie zu Geſicht bekommen.“ Herr St. Godibert ſtammelt ſinnloſe Worte. An⸗ gelika beeilt ſich zu ſagen:„Unſere junge Verwandte befindet ſich in den Gemächern, welche wir ihr oben eingeräumt haben; ſie kann ſich noch nicht in Geſell⸗ ſchaft vorſtellen. Sie begreifen doch, daß ein junges Mädchen, welches auf dem Lande wohnte, allzu linkiſch, allzu verlegen in großer Geſellſchaft ſein müßte.“ „Ei, zum Henker, was thut das?“ entgegnet Herr Candrillonz„ich liebe die linkiſchen, die ſchüchternen Frauenzimmer ſehr; leider werden ſie von Tag zu Tag ſeltener. O, Sie müſſen uns die kleine Nichte ſehen laſſen.“ „Zudem werden wir Nachſicht mit ihr haben,“ ſagt Derneſty.„Aber wenn ſie ſo ſchön iſt, wie Herr 63 Brouillard verſichert, ſo wette ich zum Voraus, daß ſie derſelben nicht bedarf.“ „Das heißt,“ fällt Brouillard ein,„ich gerieth in ſtarre Bewunderung, als ich dieſen Sommer ſie zu ſehen das Vergnügen hatte.“ „Leufel!“ ſagt Herr Roquet, gleichfalls aufſtehend, „Sie verdoppeln unſern Wunſch, dieſe junge Perſon zu ſehen.“ Jetzt bemerkt tiemicittic⸗ welche das Wort noch nicht genommen hatte, mit ſchlecht verhehltem Aerger: „Dieſe Herren begreifen, ſcheint es, nicht, daß Herr Brouillard ſie zum Beſten hat, daß er Ihnen das Bild eines nicht exiſtirenden Originals vormalt!“ „Nicht exiſtirenden, Frau Baſe?“ antwortet Herr Brouillard.„Aber ich meine doch, Sie müſſen das Gegentheil wiſſen, Sie müſſen Ihre Nichte geſehen haben, denn Sie ſind die Tante dieſer reizenden Perſon.“ Clementine erblaßt, zuckt zuſammen, beißt ſich in die Lippen und antwortet mit verächtlicher Miene: „O, ihre Tante! welcher Spaß!... Mein Mann iſt ihr Oheim, aber ich bin ihr gar NRichts.“ „Verzeihen Sie, Cvuſine, man iſt immer die Tante von der Nichte ſeines Gemahls. Friedrich und Julian ſind demnach Ihre Neffen nicht?“ „O, das ſind junge Männer, mit ihnen hat es eine andere Bewandtniß.“ „Wenn Sie Roſa⸗Maria kennen würden,“ ſagte Friedrich,„ſo wären Sie ſicherlich die Erſte, ihr Ge⸗ rechtigkeit wiederfahren zu laſſen.“ ———— 64 „Roſa⸗Marig? O welch' ſchöner Name!“ ruft Herr Roquet. „Sehen, ſehen! Wir verlangen die kleine Schön⸗ heit zu ſehen,“ erklärt Herr Candrillon;„nicht wahr, meine Herren?“ „Ja, ja!“ „Wie liebenswürdig doch dieſe Herren ſind,“ ſagte Fränzchen lachend.„Sie ſehen aus, als ob ſie uns Alle ihrer Blicke für unwürdig hielten. ein hüb⸗ ſches Geſicht ſcheint Etwas zu ſein, das ihnen noch nie unter die Augen gekommen.“ „Das können Sie nicht glauben, meine Damen,“ antwortet Friedrich,„aber wenn man mitten in einem ſchönen Beete ſteht, iſt es dann verboten, eine Blume weiter darin haben zu wollen?“ Alle Damen laſſen ſich durch dieſes Compliment gewinnen; nur die beiden Tanten behalten ihr kalt⸗ widerwärtiges Ausſehen. Um die Sache in's Reine zu bringen, geht Herr Candrillon auf Madame St. Godibert zu und ſagt ihr:„Nun, Mütterchen, nicht wahr, Sie werden uns die kleine Jugend herunter⸗ rufen 2“ Die dicke Angelika wäre lieber unter die Dach⸗ traufe gegangen, als ſich Mütterchen heißen zu laſ⸗ ſen, indeß nimmt ſie ſich zuſammen und antwortet: „Es iſt unmöglich, Sie zu befriedigen, meine Herren, denn unſere Schutzbefohlene trägt noch ihre ländliche Kleidung und kann ſich damit nicht in meinem Salon zeigen; es würde zu ſehr gegen alle dieſe Damen abſtechen.“ 65 „Im Gegentheil, es wäre noch weit pikanier.. nicht wahr, meine Herren?“ „Ganz gewiß.“ „Sie trägt vielleicht die Spiſſa oder das Crinum „vielleicht hat ſie die Calantica oder die Calyptra auf,“ ruft Herr Marmodin,„was ich ſehr gerne unterſuchen möchte.“ „Wohlan denn,“ nimmt der Vetter Brouillard wieder das Wort,„ich ſehe, daß Jedermann meine junge Baſe kennen zu lernen wünſcht und daß ihre edelmüthigen Verwandten ſelbßt ſich geſchmeichelt füh⸗ len werden, ſie der Geſellſchaft vorzuſtellen; alſo gehe ich ſelbſt, ſie zu holen.“ „Vetter, das iſt überflüſſig, ſie wird nicht herab⸗ kommen wollen!“ ſchreit Angelika. „Sie wiſſen nicht, wo ſie wohnt!“ ruft St. Go⸗ dibert. Aber Brouillard hört Beide nicht.„Ich werde ſie wohl finden,“ antwortet er und iſt ſchon aus dem Salon geeilt. Im Vorzimmer aber läuft Franz, welcher wahr⸗ ſcheinlich das Talent hat, zu behorchen, was im Saale geſprochen wird, auf Herrn Brouillard mit den Wor⸗ ten zu:„Kommen Sie, mein Herr, ich werde Ihnen den Weg zeigen und Sie an das Zimmer des Frö⸗ leins Roſa⸗Maria führen.“ Die Tochter Hieronymus' war allein in ihrem Manſardenſtübchen; aber ſeit ihrer Begegnung mit dem jungen Maler langweilte ſie ſich weniger. Wa⸗ rum aber hat dieſes Zuſammentreffen mit Leopold, 66 der ſich doch nur kalt und gleichgültig gegen ſie be⸗ wies, deſſenungeachtet ihr Gefühl und ihren Muth neu belebt? Darum, weil ſie beim Wiederſehen des geliebten Mannes in Paris ſich nicht mehr ſo einſam fand; weil ſie insgeheim die Hoffnung, Leopold noch ein Mal zu begegnen, bewahrte; endlich, weil in der Liebe Das, was uns Thränen und Leiden verurſacht, dafür auch vor Langeweile ſchützt. Letzteres iſt nicht immer der Fall bei der glücklichen Liebe. Roſa⸗Maria arbeitete am Stickrahmen, von dem jungen Maler träumend und immer nachſinnend, warum er ihr nicht ein einziges artiges Wart geſagt, als ſie mehrmals an ihrer Thüre klopfen hörte, wor⸗ auf eine Stimme ſich hören ließ:„Ich bin es, mein Bäschen: Brouillard... öffnen Sie mir gefälligſt!“ Franzens Stimme fällt beinahe zugleich ein: „Fürchten Sie Nichts, Frölein Roſa⸗Maria: es iſt einer Ihrer Vettern, der auf Beſuch zu Ihnen kommt.“ Das junge Mädchen hat Franzens Stimme er⸗ kannt; ſie öffnet die Thüre und ſieht in der That neben dem Bedienten die Fuchsnaſe des Vetters, der eines Tages in's Haus ihres Vaters gekommen war. Brouillard tritt ein und begrüßt Roſa⸗Maria mit beſonders liebenswürdiger Miene. Franz geht die Stiege wieder hinab, indem er ſagt:„Hier iſt die Frölein Nichte.. wenn Sie einmal wieder kommen, ſo wiſſen Sie jetzt den Weg.“ „Guten Abend, mein reizendes Bäschen,“ ſagte 67 Herr Brouillard;„Sie erwarteten mich wohl heute Abend nicht?“ „In der That, mein Vetter... Sie haben alſo meinen Oheim beſucht?... Man wird Ihnen geſagt haben, daß ich hier ſei; es iſt ſehr ſchön von Ihnen, daß Sie ſich wegen meiner heraufbemühen.“ „Bemühen? O, ich kam mit Vergnügen, meine liebe kleine Baſe; ich komme Sie abzuholen.. man fragt, man ſehnt ſich nach Ihnen im Salon drunten, Sie müſſen mit mir hinabgehen.“ „Wie, mein Vetter, ich ſoll hinabgehen in den Salon des.. Herrn St. Godibert, wenn er große Abendgeſellſchaft hat? O, das iſt unmöglich! Ma⸗ dame hat mir im Gegentheil befohlen, daß ich dieſen Abend auf meinem Zimmer bleibe und im Ganzen iſt mir das eben ſo lieb.“ „Madame wer das?“ „Madame St. Godibert.“ „Warum ſagen Ste nicht„meine Tante?““ „Weik Rie lieber will, daß ich Madamer ſage.“ „Wahrhaftig, da möchte man vor Lachen platzen. Liebes Bäschen, Sie müſſen dennoch mit mir hinab.“ „Nein, ich wage es nicht, in dieſe zahlreiche glän⸗ zende Geſellſchaft zu gehen⸗ zumal da man es mir verboten hat.“ „Aber wenn ich Ihnen ſage, daß man nich ſchickt, Sie abzuholen!“ „Wie? Madame St. Godibert...“ „Ja, die St. Godiberts heißen Sie herabkommen dann iſt auch noch Ihre Tante, Mondigo's Frau, — 68 unien, welche vor Begierde, Sie zu ſehen, brennt und entzückt ſein wird, von Ihnen die Worte zu hö⸗ ren:„Meine Tante!« Alſo geſchwind, liebes Bäs⸗ chen.“ „Wenn meine Verwandten es befehlen, ſo muß ich gehorchen; aber dieſe Toilette..“ „Steht Ihnen ausgezeichnet gut; zudem ſind Sie zum Voraus entſchuldigt.“ Während Herr Brouillard oben war, herrſchte eine Art Aufregung in der großen Reunion. Die Damen ſteckten die Köpfe zuſammen und rüſteten ſich, das kleine Landmädchen, welches man ihnen unver⸗ ſchämter Weiſe als eine Schönheit angekündigt hatte, zu kritiſiren und lächerlich zu machen; die Männer dagegen ſahen einander heiter an und verſprachen ſich ein großes Vergnügen von dem Anblick des ſo geprieſenen Mädchens. Madame Mondigo ſchnitt Ge⸗ ſichter, wälzte die Augen umher und hatte gute Luſt, vor der Ankunft ihrer Nichte abzuſchweben; aber ſie fürchtete, es möchte dies auffallen undwaußerdem ſchmeichelte ſie ſich, das kleine Dorfmädchen werde ihr den Preis der Schönheit nicht ſtreitig machen können. Herr St. Godibert ging ab und zu, wußte nicht, was er ſagen ſollte und ging mit ſich zu Rath, wie er die Sache zu nehmen hätte; von Zeit zu Zeit tröſtete ihn ſeine Gemahlin:„Beruhigen Sie ſich, mein Herr, ſie wird nicht kommen. ſie wird ſich erinnern, daß ich ihr befohlen habe, auf ihrem Zim⸗ mer zu bleiben ſie wird keinen Ungehorſam wa⸗ gen.“ 69 Indeß geht die Salonthüre wieder auf: alle Blicke fliegen dorthin und Herr Brouillard tritt mit Roſa⸗ Maria an der Hand ein, indem er ſpricht:„Hier iſt meine junge Coufine, die ich die Ehre habe, Ihnen vorzuſtellen.“ Jetzt muß das junge Mädchen jenes Kreuzfeuer auf ſie gerichteter Blicke aushalten, welche ihre Züge, einen nach dem andern, prüfen zu wollen ſchienen, die ſodann die allergenaueſte Muſterung ihrer Perſon, ihrer Haltung, ihres Wuchſes vornehmen und theil⸗ weiſe ſogar durch ihr beſcheidenes Buſentuch hindurch⸗ dringen möchten. Aber die Schüchternheit und Gemüthsbewegung, welche Roſa⸗Maria in dieſem Augenblick empfindet, haben ihre Wangen mit einem lebhaften Incarnat bedeckt, und wie ſie in dieſen glänzenden Salon tritt mit ihrem einfachen Anzug und dem kleinen Häub⸗ chen auf dem Obertheil des Kopfes, iſt ihr Antlitz ſo hübſch, ihr Auge ſo ſanft, ihr Geberden ſo be⸗ ſcheiden, kurz ihre ganze Perſon ſo jungfräulich, daß vie Muſterung ganz zu ihrem Vortheil ausfällt. Den Männern entfährt ein Beifallsgemurmel; ſelbſt die Frauenzimmer find entwaffnet und zum Ge⸗ ſtändniß genöthigt, daß das junge Mädchen reizend ſei; die beiden Tanten allein ſind anderer Anſicht. „Entzückend. eine kleine Perle.. ein Engel!“ ruft Herr Candrillon aus.„Blitz und Hagel! der Vetter Brouillard hat nicht blau gefärbt er hat gewaltig Recht gethan, daß er die iunge Nichte holte,“ 70 „Das übertrifft, was Du mir verſprachſt,“ ſagte Derneſty zu Friedrich. Dieſer will zu ſeiner Baſe hincilen, aber bereits hat Herr Brouillard Roſa⸗Maria der Frau Mondigo zugeführt und ſie dem jungen Mädchen mit den Wor⸗ ten vorgeſtellt;„Kleine Couſine, ſehen Sie hier Ihre andere Tante, welche entzückt iſt, Ihre Bekanntſchaft zu machen.“ Roſa⸗Maria verneigt ſich tief vor Elementine, welche ſich beeilt, ihr den Rücken zu wenden. Plötzlich aber ſtürzt Herr Roquet, welcher Roſa⸗ Maria mit Blicken anſieht, als beſinne er ſich auf Etwas, zu ihr hin, ſchlägt ſich vor die Stirne und ſchreit:„Ah, jetzt hab' ich's!. ah, ich hab's!.. Ah, Fräulein, wie entzückt bin ich!... O gewiß, ich hab's!“ „Aber wir Andern haben's gar nicht,“ ſagte das lachluſtige Fränzchen, Herrn Roquet anſehend.„Könn⸗ ten Sie uns nicht ein wenig darauf führen, mein Herr, wenn Sie uns den Grund Ihrer Ausrufungen mittheilen?“ 6 „Sehen Sie, ſchöne Dame, ſehen Sie; als ich das Fräulein anſchaute, bewunderte, ſo ſchien es mir ſogleich, ich habe nicht das erſte Mal ſie zu ſe⸗ hen das Vergnügen, und in der That, nunmehr er⸗ innere ich mich ganz gut, wo ich ſie begegnet habe: es war in dem Wald von Fontainebleau, an dem Tage, wo wir jene reizende Landparthie machten.. Sie erinnern ſich, meine Damen, mit Eſeln?“ „Ja, mein Herr, Sie waren dabei, ich erinnere mich deſſen.“ „Alſo denn! Ich verlor Sie im Walde. Sie waren mit verhängtem Zügel auf Ihren Beſtien da⸗ vongerannt. Da ich Sie ſuchen wollte, verirrte ich mich, fand meinen Weg nicht mehr und es war mir ſogar etwas ziemlich Unangenehmes zugeſtoßen, als ich dem Fräulein begegnete.. denn nicht wahr, mein Fräulein, Sie ſind es?“ Roſa⸗Maria ſchlägt die Augen auf und antwortet mit anmuthigem Lächeln:„Ja, mein Herr, ich war es und ich erinnere mich wirklich, Ihnen den Weg gewieſen zu haben.“ „Sie erinnern ſich daran?... Ah, mein Fräulein, ich fühle mich ſehr geſchmeichelt ohne den wider⸗ wärtigen Zufall, der mich ſehr genirte, hätte ich, da⸗ mals gewiß geſucht, Ihnen aber ich war ſchreck⸗ lich in der Klemme.“ „Ei nun,“ ruft Herr Candrillon, auf Roquet zu⸗ gehend,„was iſt denn das für ein Zufall, den Sie uns verſchweigen und der Sie ſo in die Klemme brachte? Ich bin ſehr neugierig.“ Herr Roquet beißt ſich in die Lippen, erkünſtelt eine ſchalkhafte Miene und antwortet:„Ah, ich kann es Ihnen nicht ſagen... auf Ehre, ich kann es nicht, es wäre zu ſchwer, vor dieſen Damen zu erzählen fragen Sie lieber das Fräulein.“* „Wie?“ ſagte Herr Brouillard,„mein hüb⸗ ſches Bäschen weiß es und Sie können es uns nicht ſagen. das wird doch ſonderbar. dann wird das hübſche Sen es uns ſagen„ ich wette!“ S2 „Ich weiß nicht, was der Herr meint,“ antwortet das junge Mädchen erſtaunt. Roquet, der ſich nahe bei Friedrich befindet, flü⸗ ſtert ihm in's Ohr:„Es handelt ſich von meiner Hoſe, die ganz geſchlitzt war.. mein Hemd hing heraus!... Aber Ihr Bäschen hatte durchaus Nichts damit zu ſchaffen.“ Friedrich lacht Roquet in's Geſicht, führt ſeine Baſe auf einen Stuhl, ſetzt ſich dann ſelbſt neben ſie und ſucht durch ein Geſpräch ihre Verlegenheit bei dieſem erſten Auftreten in der Mitte eines ſo zahl⸗ reichen Cirkels zu vermindern. Da ſie die vielen auf ſie gerichteten Blicke ſieht, ſagt die erröthende und verwirrte Roſa halblaut zu Friedrich:„Nicht wahr, ich hatte Unrecht, hieher zu kommen, mein Vetter?“ „Wahrlich, nein! Sie haben im Gegentheil ſehr wohl daran gethan; überhaupt will ich Ihnen nur geſtehen, daß ich, aus Verzweiflung, Sie niemals im Hauſe zu treffen, die ganze Geſchichte eingefädelt habe.“ „Ach, Vetter, Madame St. Godibert macht mir zornglühende Augen.. ich werde ausgeſcholten wer⸗ den.“ „Aber ſie wird nicht länger im Stande ſein, Sie einzuſperren, denn jetzt, da man Sie geſehen hat, wird man voft nach Ihnen fragen... Sie ſind nicht dazu da, Ihr Leben einſam in einer Stube zu ver⸗ trauern; ja, wenn man auf ſolche Weiſe fortgefah⸗ ren hätte, ſo wäre ich zu Ihrem Vater gegangen und hätte es ihm geſagt. Sicherlich macht man Sie hier 73 unglücklich und wenn es der Fall iſt, ſo ſagen Sie es mir... verbergen Sie mir Nichts, ich bin Ihr Vetter, ich muß Sie beſchützen.“ Roſa⸗Maria wirft einen ſanften Blick auf Fried⸗ rich und drückt ihm zärtlich die Hand, indem ſie ſagt: „Danke... o, Sie ſind ſehr gut gegen mich; nicht wahr, ich darf Ihre Schweſter ſein?“ Friedrich iſt eben zu antworten im Begriff, als Madame Marmodin herbeikommt und ihm halb la⸗ chend, halb gereizt ſagt:„Sie ſollten heute Abend ein Duett mit mir ſingen; ſchon lange wartet das Piano auf uns., haben Sie keinen Augenblick mir zu opfern, mein Herr?“ Friedrich ſteht alsbald auf, nimmt Fränzchens Hand und begibt ſich mit ihr an das Pianv. Derneſty beeilt ſich, Friedrichs leergelaſſenen Platz bei Roſa⸗Maria einzunehmen. Er verſchwendet eine ganze Maſſe banaler Complimente an das junge Mädchen. Aber die ſchöne Clementine geht neben ihm vorüber, zwickt ihn gewandt, ohne daß man es bemerkt, in den Arm und flüſtert ihm in's Ohr: „Werden Sie nicht bald fertig ſein? Sie begeben ſich ſogleich an meine Seite vder ich ſehe Sie nie⸗ mals wieder an.“ Derneſty verläßt Roſa⸗Maria, indem er ihr einen ſehr zärtlichen Blick zuſchleudert. Kaum iſt er weg, als Julian ſeinen Flatz einzunehmen kommt. Aber der Sohn des Hauſes hat noch keine vier Worte mit ſeiner ſchönen Couſine reden können, als Paul de Kock. LRXVIII. gſunnid 6t 74 auch ſchon Herr St. Gobibert da iſt und ihm zu⸗ herrſcht:„Fräulein Soufflat iſt allein: gehen Sie, mein Herr, leiſten Sie ihr Geſellſchaft, das wird geſcheidter ſein.“ Julian ſteht mit ſichtbar ſchlechter Laune auf. Herr Candrillon iſt im Begriff, ſich mit Roſa⸗Maria zu unterhalten, aber Madame St. Godibert fordert ven Capitaliſten zu einer Spielparthie aufz kurz ſo oft ſich Jemand dem jungen Mädchen widmen will, ſo wirft ſich die Herrſchaft des Hauſes ftörend dazwiſchen. 17 Aber Herr Roquet ſetzt ſich nun ſeinerſeits zu Roſa und wie Madame St. Godibert ihn zu einer Parthie auffordert, antwortet er lächelnd:„Unendlich verbunden, ſchöne Dame, aber ich ziehe es vor, Ihrer reizenden Nichte Geſellſchaft zu leiſten.“ „Nach Belieben, mein Herr,“ ſagte die dicke An⸗ gelika gekränkt. Doch Herr Roquet bekümmert ſich wenig darum; Roſa⸗Maria's Reize haben ihn gänz⸗ lich unterjocht. Hieronymus' Tochter ergötzt ſich keineswegs in der großen Abendgeſellſchaft ihres Oheims und ſie hört nur halb, was ihr der beharrlich in ihrer Nähe bleibende Roquet ſagt. Erſt nach zwei langen Stunden ent⸗ ſchließt ſich der galante Mann endlich, einen Gang durch den Salon zu machen. Wie Madame St. Go⸗ dibert ihre Nichte allein in einer Ecke ſieht, nähert ſie ſich ihr und ſagt mit äußerſt trockenem Tone: „Ich hoſſe, Mademoiſelle, Sie werden jetzt in Ihr Zimmer hinaufgehen.“. t 75 Roſa⸗Maria läßt ſich das nicht zwei Mal ſagen; leicht entſchlüpft ſie aus dem Salon und geht in ihr Stübchen hinauf mit dem Gedanken:„Ich amüſire mich weit beſſer, wenn ich allein bin, denn da kann ich ſeiner gedenken.“ S— nnnnnſſſſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16