6. % S Seihoithe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur S ——— — — von Gduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seiß- und eſebedingungen 1. Offensein der Bibliothek. Die ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. P Lesepreis. Vei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ijedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 13 Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und . t hena 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat! M.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mt.— f. 3— 5. ausuurtige honnenten haben für Hin⸗ und Zuracſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und vefecte Bücher(namentlich bei'ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſ der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7 Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8 S humoriſtiſche Romane, Paul de Kock's deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Siebenundſiebenzigſter Theil. Stuttgart: Scheibbe, Rieger« Sattler. 1845. Die Familie Gogo. Paul de Kock. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Vierter Theil. Stuttgart: Scheible, Bieger a Sattler. 1845. — 4 — Erſtes Kapitel. Die Freibillete vom Verfaſſer. Wir befinden uns in der Vendomeſtraße bei Herrn Mondigo, dem Schriftſteller, der nicht ſo weitläufig und prächtig logirt iſt wie ſein Bruder, der Ban⸗ quier, allein doch, wenn auch nur ein kleines Quartier im dritten Stockwerk, eine ſehr ſchön dekorirte, mit einer gewiſſen Eleganz möblirte Wohnung inne hat. Die ſchöne Clementine ſitzt auf einem Lehnſeſſel und betrachtet ſich in einem Spiegel, während ſie von Zeit zu Zeit eine Locke ihrer blonden Haare ordnet, die ſich nicht an ein kleines, kokettes, höchſt anmuthiges Häubchen ſchmiegen wollte, welches ihr vorzüglich ſteht; dann wirft ſie einen Blick auf ihr Kleid und ihre Fußbekleidung, gleichſam um ſich zu überzeugen, daß ihrer Toilette nichts fehle. Herr Mondigo geht von einem Zimmer in das andere, läuft in ſein Cabinet, ſieht auf ſeinem Schreibtiſch nach, kommt in den Salon zurück, über⸗ liest ſeine Schreibtafel und ruft dabei aus:„Habe ich Niemand vergeſſen?.. Ich weiß nicht, wo mir der Kopf ſteht. dieſen Abend. dieſen Abend iſt meine erſte Vorſtellung!... Mein Gott, mir ſcheint, ich habe noch Einiges wegzuſtreichen.,, meinem erſten Liebhaber einige Bemerkungen mitzutheilen... aber wenn ich dieſen Morgen in's Theater geh', ſo habe ich nimmermehr die Zeit, meine Billete zu verſchen⸗ ken!... Grauſame Lage! Ich muß zwanzig Perſonen beſuchen und weiß nicht, wo anfangen. Ha! welcher gräßliche Tag, der Tag einer erſten Vorſtellung!... Dabei iſt es von höchſter Wichtigkeit, eine gute Aus⸗ wahl unter den Perſonen zu treffen, welchen man ſeine Billete gibt...“ Die ſchöne Blondine lächelte, indem ſie mit be⸗ dauerlicher Miene ſagte:„Mein Gott, lieber Freund⸗ mache Dir doch nicht ſo viel böſes Blut, es könnte Deine Geſundheit angreifen! Du biſt doch gar zu gutmüthig, daß Du Dir mit der Wegſchenkung Deiner Billete ſo viel Mühe gibſt. Warum machſt Du es nicht wie alle Deine Collegen, welche ſich einen Erwerbszweig daraus machen und dann nicht die Mühe haben⸗ ſich damit veſchäftigen zu müſſen?“ „Ich meine Billete verkaufen? Ei, warum nicht gar! Nie, Madame, nie!.. Ich ziehe es vor, Freunde in meinem Stück zu haben... gute Freunde, welche meinem Werk Beifall klatſchen werden, welche, geſchmeichelt durch ihre Verbindung mit dem Ver⸗ faſſer, mein Stück überall anpreiſes, citiren und bei ihren Bekannten en vogue werden; ich glaube, theure Freundin, das iſt mehr werth, es trägt noch mehr ein, als ſeine Billete zu verſchließen.“ Madame Mondigo antwortet Nichts! ſie hat ſo eben eine kleine Unordnung an ihrem Kopfputz ent⸗ deckt und hört nicht mehr auf ihren Gemahl. 1. E5 — Man hat viel geſchricen, man hat die Verfaſſer von Theaterſtücken beſchimpfen und in dem Koth herumziehen wollen, weil ſie ſeit ungefähr 20 Jahren⸗ um ſich des Aergers, der Sorgen, der Gänge, der Ungewißheit und des Zeitverluſtes, welche ſie durch Anbringung oder vielmehr durch Wegſchenkung ihrer Billete hatten, zu entſchlagen, den ihnen in ihrem Intereſſe gemachten Anträgen nachgaben und dieſen Theil ihrer Autorenrechte an Leute verpachteten, welche einen öffentlichen Handel treiben, d. h. den Theaterfreunden die Billete des Verfaſſers um einen etwas geringeren Preis, als man an der Kaſſe zahlen muß, verkaufen.* Erſtens ſiud dieſe Billete, deren Ausgebung die Theaterverwaltungen rechtlich und contraktlich ein⸗„ räumen, wenn man neue Stücke von dramatiſchen Dichtern ſpielt, das vollkommene Eigenthum dieſer letztern, welche nach ihrem Gutdünken darüber ver⸗ fügen können; das iſt gar keine Frage mehr. Es iſt bekannt, daß mehrere Theaterdirektionen den Verfaſſern ihre Billete abkauften; es gibt auch Theater, wo die Verfaſſer keine Billete auszugeben haben: aber dann wurde ihnen dieſes Recht abgekauft. Die Sache unter⸗ liegt einem von Briden Seiten freiwilligen Vertrage und hat niemals Veranlaſſung zu Streitigkeiten gegeben. Kommen wir nun zu den Vorwürfen, welche man den dramatiſchen Dichtern macht, daß ſie intereſſirt, habſüchtig, jüdiſch geworden, daß ſie von einem hungrigen Handelsgeiſt angeſteckt ſeien und mit einem Wort aus Allem Geld machen wollen. Zuerſt könnten * 8 wir ankworten, daß wir in einem Jahrhundert leben, wo dieſe Gelvliebe, dieſer Gelddurſt ein allgemeiner geworden iſt⸗ daß ſomit die dramatiſchen Autoren nicht mehr zu tadeln ſind als andere Menſchenkinder, wenn ſie von ihrer Arbeit ſo viel wie möglich Nutzen ziehen wollen; ja am allerwenigſten ſie, die ſo vielen Unfällen ausgeſetzt ſind und oft an einem Abend, in ein paar Stunden und bisweilen in noch kürzerer Zeit die Frucht von zweimonatlicher Arbeit und einſamer Nachtwachen dahinſchwinden ſehen müſſen. Aber ihr habt keine Waare, keine Capitalien in die Schanze geſchlagen! werden gewiſſe Leute rufen. Was verlieret ihr alſo? Höchſtens gewinnet ihr Nichts. Was ich verliere, ich, ein dramatiſcher Schrift⸗ ſteller, wenn mein Stück durchfällt? Ei, ich verliere die ganze Zeit, die ich auf dieſe Arbeit verwendet, und dieſe Arbeit, die euch ein Spiel, eine Kleinig⸗ keit, ein Spaß ſcheint, weil ſie zur Erheiterung eurer müßigen Augenblicke beſtimmt iſt, dieſe Arbeit ſtrengt mehr an als die des Taglöhners, des Handwerkers, denn ſie ſpannt ohne Unterlaß die Fiebern an, welche mit dem Gehirn im Zuſammenhang ſtehen; ſie er⸗ hitzt das Blut, reizt die Nerven auf und hält unſern Geiſt unaufhörlich in Bewegung. vorausgeſetzt⸗ daß wir einen haben und muß aus demſelben Grunde diejenigen noch viel mehr abmatten, welche wenig haben(ſchier hätte ich geſagt: keinen) und ſich dann unerhörte Mühe geben, Etwas aus ihrem Kopfe herauszubringen, in welchem ſie Nichts finden⸗ 9 Ferner: Iſt denn die Zeit, welche auf ein Stück verwendet oder dadurch verloren wird, gar Nichts? Die Zeit iſt doch wahrlich der einzige reelle Werth, alle anderen ſind nur relative, durch eine Ueberein⸗ kunft beſtimmte Werthe. Mit Gold, Silber, Dia⸗ manten, kurz allen unter den Menſchen werthhabenden Gegenſtänden könnet ihr kein Jahr, keinen Monat, keinen Tag weniger auf euren Geburtsſchein machen; ihr könnet nie umkehren und euch die Zeit zurück⸗ geben laſſen, die ihr gut oder ſchlecht verwendet habt. Kehren wir zu unſern Autorenbilleten zurück. In Paris gibt es einige Kaffeehäuſer, einige Schnit⸗ waaren⸗ oder Haarkünſtlersbuden, wo ſolche Billete ausgegeben werden. Das thut dem gewöhnlichen Verkehr des Etabliſſements keinen Abbruch, im Ge⸗ gentheil zieht es manche Leute an; denn es iſt nichts Unrechtes, ein Theaterbillet zu kaufen und man macht kein Geheimniß daraus, wenn man einen Balkon im Vaudeville, eine Loge im Gymnaſe, einen Platz auf der erſten Galerie im Variététheater kauft. Wollt ihr jetzt wiſſen, warum die Verfaſſer darauf verfielen, ſich ihrer Billete zu entledigen? Ihr ſollt einige der Plackereien erfahren und zwar der reinen Wahrheit gemäß, wozu dieſe Billete Veranlaſſung wurden. Mondigo, der dieſen Abend ein neues Stück von mehreren Akten ſpielen läßt, kann über dreißig Plätze für die erſte Vorſtellung und die beiden nächſten verfügen. Aber von Freunden und Bekannten iſt er wenigſtens um Hundert gebeten worden. Er hat ſeine Gratisliſte für die erſte Vorſtellung gemacht; er hat es verſucht, eine Einrichtung zu treffen, wo⸗ durch Jedermann vefriedigt werden könnte: er hat die beſten Plätze für die Perſonen, die er hochachtet, oder die Freunde, auf welche er beſonders rechnet, vorbehalten. Es iſt ihm ſogar manchmal begegnet, daß er ſeinem Bruder oder ſeinem Neffen ein weiteres Freibillet verweigerte, um eine Perſon, welche in journaliſtiſchen Verzweigungen ſteht⸗ nicht vor den Kopf zu ſtoßen. 2 „Ich muß doch in meine letzte Probe gehen!“ ruft Mondigo, nachdem er zum zwanzigſten Mal ſeine Billete gezählt hat.„Clementine, ſieh hier die Billete, welche ich verſprochen: ich habe auf jedes den Namen der Perſon geſchrieben, für die es beſtimmt iſt; verwechsle doch ja keines mit dem andern, theure Freundin.“ 3 „Ich hoffe, daß ich eine Loge für mich habe,“ ſagte die ſchöne Blondine, ohne ein Auge von dem Spiegel zu verwenden. „Ja, ja, ganz gewiß.“ „Der Bühne gegenüber.“ „Ja, Madame, der Bühne gegenüber.“ „Und auf der erſten Galerie.“ „Das verſteht ſich von ſelbſt.“ „Haſt Du Deinem Bruder und ſeiner Frau eine Loge gegeben?“ „Allerdings; geſtern ſchon.“ „Auf der gleichen Galerie wie mir?“ 11 „Ich glaube, ja.“ „Dann, mein Herr, gehe ich heute Abend nicht in Ihr Stück.“ „Wie, Clementine, was ſagen Sie da? Sie wollten dem Triumphe Ihres Gemahls nicht bei⸗ wohnen? Denn ich hege die ſüße Hoffnung, daß es ein Triumph ſein wird! Aber was müßte man über eine ſolche Gleichgültigkeit von Ihnen denken?“ „Mir liegt wenig daran, was man denken wird, mein Herr; aber da ihre Schwägerin, die Frau St. Godibert, mich fortwährend mit ihrem Reich⸗ thum, ihrem Luxus, ihrer Kleiderpracht, ihren Dia⸗ manten niederdrückt, ſo iſt es recht und billig, daß ich bisweilen eine kleine Genugthuung nehme und als die Gemahlin des Verfaſſers der neuen Vor⸗ ſtellung einen vornehmeren Platz habe denn ſie. Es iſt dieß eine Ehre, mein Herr, die ich Ihnen erzeigt wiſſen will; man muß dieſen Leuten, welche nur den Werth des Geldes anerkennen, von Zeit zu Zeit beweiſen, daß der Geiſt bisweilen den Vorzug hat.“ „Ruhig, Clementine, ruhig! Ich erinnere mich jetzt, daß die Loge meiner Schwägerin auf der zwei⸗ ten Galerie und nicht auf der erſten iſt.“ „Wiſſen Sie Das gewiß?“ „Ganz gewiß.“ „Wohlan denn, ſo gehe ich. Ach! hier iſt ein Billet für Derneſty.. ich denke, er wird es abzu⸗ holen kommen.“ „Wozu ihm einen beſondern Flatz geben? Er 12 wird in unſere Loge kommen, das iſt bei Weitem natürlicher.“— „In unſere Loge? Aber es iſt nur für Viere Platz.“ „Nun?“ „Nun, ich glaubte, Sie werden Herrn und Frau Marmodin mit ſich nehmen?“ „Nein; Herr Marmodin würde aus Veranlaſſung Ihres Stückes immer von ſeinen Römern ſprechen. Und ſeine Frau, die ſchwatzt immer, bewegt ſich immer hin und her, ſpricht oder lacht ſo laut, daß der ganze Saal nach ihr ſchaut. Ich zog es vor⸗ Herrn und Fräulein Soufflat mit mir zu nehmen.“ „O, ganz nach Ihrem Belieben, theure Freun⸗ din. Aber was machen wir mit Marmodin und ſeiner Frau?“ „Ich habe ihnen die Billete der Soufflats ge⸗ geben.“ „Ganz recht. Ich eile in meine Probe, verwech⸗ ſeln Sie nur die Billete nicht.“ Mondigo begibt ſich in das Theater, wo die Probe ſeines Stückes ſtattfindet. Kaum iſt er über die Schwelle getreten, ſo ſieht er ſich von Schau⸗ ſpielern, Schauſpielerinnen, Autoren, Angeſtellten des Theaters und Stammgäſten des nächſten Kaffee⸗ hauſes umringt. Alles verlangt Billete von ihm; zehn Plätze hat er noch zurückbehalten, aber wie ſoll er damit alle ſeine Belagerer vefriedigen? Er will Billete zu Gunſten der Künſtler, welche in ſeinem Stücke ſpielen, behalten; aber es gibt ſo rückſichts⸗ 13 loſe, ſo zeckenartige Menſchen, wenn ſie einmal Etwas haben wollen!... Von allen Seiten poſaunt man ihm in die Ohren: 6 „Ah, Mondigo, zwei Plätze auf dieſen Abend.“ „Sie können mir Das nicht abſchlagen.“ „Sie ſind noch ein Mann, der ſeine Billete herſchenkt! Sie ſind nicht wie die andern Autoren... Sie ſind artig, Sie ſind nobel.“* „Herr Mondigo, Sie haben mir geſtern Abend zwei Plätze verſprochen.“ „Lieber Freund, ich muß nothwendig welche ha⸗ ben für meine Mutter und meine Frau: ſie zählen darauf.“ „Geben Sie mir welche, ich will den Leuten die Köpfe warm klatſchen.“ Der unglückſelige Autor iſt auf die Bühne hin⸗ aufgegangen; er ſucht dieſer Menge von Bewerbern, welche ihn umlagert, zu entrinnen; aber er wird von Couliſſe zu Couliſſe verfolgt, umringt, umgarnt, belagert; unfähig, ſich länger zu vertheidigen, gibt er ſeine vorbehaltenen Billete Leuten, die er kaum kennt und kann Perſonen, denen er welche verſpro⸗ chen hat, keine mehr geben. Dieſe ſind ſehr miß⸗ vergnügt über den Autor und beklagen ſich über ſeine Wortloſigkeit, die Künſtler, welche in ſeinem Stück ſpielen, ſchneiden ihm ein ſaures Geſicht und der arme Mondigo, der nicht mehr weiß, was er den Billetforderern antworten ſoll, ergreift den Ausweg, vom Theater durchzugehen und kommt heim, indem er bei ſich ſagt:„Alle dieſe Leute 14 werden mich mit meinen Billeten zum Teufel fahren laſſen.“ Bei ſeinem Eintritt fragt Mondigo, ob man die hinterlaſſenen Billete abgeholt habe. Seine Frau deutet mit dem Finger auf alle die kleinen Pakete hin, indem ſie antwortet:„Nein... nur Ihr Zuckerbäcker erſchien, um zwei abzuholen. Sie Mben alſo Ihrem Zuckerbäcker Billete, mein Herr?“ „Aber warum nicht, wenn er gut applaudirt? Ich weiß, daß er in das Schauſpiel ganz vernarrt iſt: er ſagte mir neulich, als ich Nelſontörtchen in ſeiner Bude aß, er und ſeine Frau haben wie Käl⸗ ber geweint in meinem letzten Drama. Jetzt können Sie ſich denken, daß ich ihm zwei Plätze auf dieſen Abend verſprach. Ah⸗ ich wußte wohl, daß er nicht vergeſſen würde, darum bitten zu laſſen, er.. aber alle dieſe Andern da, die ihre Billete nicht ab⸗ holen... unbegreiflich!“ Mondigo ſitzt nieder, wartet⸗ wird ungeduldig. Er möchte ſeine Billete nicht verloren ſein laſſen, zumal, nachdem er ſo vielen Perſonen, die ſo be⸗ gierig darnach ſchienen, welche abgeſchlagen hatte. So oft man an der Thüre läutet, läuft der Autor hinaus, um zu erfahren, ob man Billete abholen laſſe. Endlich eilte Herr Doguin, für welchen er eine ſehr gute Loge aufbewahrt hatte, mit haſtigem, hoch⸗ vergnügtem Weſen herbei. „Guten Morgen, Herr Mondigo; Madame, ich — 15 lege mich zu Füßen,“ ſagt Herr Doguin, in die Stube des Schriftſtellers tretend. „Ah, da ſind Sie endlich... Herr Doguin? So kommen Sie doch!“ ſagte Mondigo, indem er nach ſeinen Paketchen eilte.„Sie kommen, Ihre Loge abzuholen... da, hier iſt ſie.. eine offene Loge, vier Plätze, Sie werden herrlich aufgehoben ſein.“ „Ei, du lieber Gott! mein lieber Herr Men⸗ digo, wir können ja Ihre Gefälligkeit nicht mehr benützen. Der Pathe meiner Kleinen, ein alter Papa, der das Schauſpiel nicht leiden kann, weil er es für ungeſund erklärt, iſt auf Beſuch bei uns eingetroffen und wir müſſen ihm Geſellſchaft leiſten. Sie werden uns ein anderes Mal eine Loge geben... ei, da fällt mir ein, z. B. nächſten Samſtag: an dieſem Wochentage habe ich keine Abendgeſellſchaften und weiß nie, was ich mit mir anfangen ſoll.“ „Aber Das hätten Sie mich doch wenigſtens dieſen Morgen wiſſen laſſen ſollen!“ „Ich hatte daran gedacht.. da wurde ich geſtört und erſt jetzt fiel mir Ihre Loge ein. Sie kön⸗ nen ſich denken, daß ich andere Dinge im Kopfe habe!.. Der Pathe meiner Kleinen iſt ganz ver⸗ ſeſſen auf Gansleberpaſtete und da zerbreche ich mir den Kopf, in welchem Hauſe dieſes Stadtviertels ich gute antreffen könnte.“ „Verzeihung, Herr Doguin, aber heute ſtecke ich voller Geſchäfte; wenn man ein neues Stück auf⸗ führen läßt und gar ein dreiaktiges.. „Meiner Treu', auf dem Boulevard hier in der Nähe, glaube ich, gibt es einen Eßwaarenladen; dahin will ich mich begeben. Wenn ich nun aber ſtatt einer Paſtete eine Flatte Nerak nähme: was denken Sie davon? Ziehen Sie die Platte vor?“ „Ei,mein Gott! nehmen Sie eine Platte, nehmen Sie einen Topf! Ich verſtehe mich nicht darauf!“ „Nun, ich will ſehen. Adieu, Herr Mondigo... Madame, meine achtungsvollſte Empfehlung. Alſo nächſten Samſtag geben Sie mir eine Loge; wenn es meiner Frau nicht recht ſein ſollte, würde ich Ihnen das Billet wieder zurückſchicken.“ „Ja, ja, rechne nur darauf, Schwachkopf!“ ruft der Autor aus, nachdem ſich Herr Doguin entfernt hat.„Ach⸗ wie ſehr bedaure ich, ihm wieſe Loge aufgehoben zu haben! Das iſt doch höchſt wider⸗ wärtig.“ Noch ſind keine fünf Minuten verfloſſen, ſeit Herr Doguin weggegangen, ſo bringt der Portier zwei Briefe an Herrn Mondigo herauf, welcher ſie ſchleu⸗ nigſt erbricht. In dem einen ſchreibt man ihm:„Mein Junge iſt heute aus ſeiner Schule in die Vakanz gekom⸗ men; ſtatt ihn in das Theater zu führen, wo man Ihr Stück ſpielt, wollen wir lieber mit ihm in die chineſiſchen Schatten gehen, das wird ihn mehr er⸗ götzen.“* In dem andern ſteht:„Verfügen Sie für heute über Ihre Billete; aber ein anderes Mal rechnen wir auf Ihre Gefälligkeit.“ Der Verfaſſer zerreibt dieſe Briefe in ſeiner 17 Hand und wünſcht die Schreiber derſelben zum Henker. Er nimmt ſeinen Hut, ſeine Billete und ſchickt ſich zum Ausgehen an. „Sie gehen nochmals aus?“ fragte Clementine; vaber es iſt ja ſchon ſpät und Sie haben geſagt, daß Sie heute frühzeitig zu Mittag zu eſſen wünſchen.“ „Ei, du mein Gott! ich muß doch wohl gehen, meine Billete an den Mann zu bringen. Sie ſehen ja, daß mir mehr als zwölf Plätze übrig bleiben!“ .„Aber, mein Freund, Sie ſind bereits durch Ihre Proben und durch die vielen Gänge ermüdet, welche Sie noch geſtern machten, um Billete zu verſprechen; denn die guten Freunde nehmen ſich nicht einmal die Mühe, daß ſie kommen und darum bitten: man muß ihnen in's Haus nachlaufen und welche anbie⸗ ten. Wenn man es aber natürlicher findet, ihren Beſuch abzuwarten, ſo ſagen ſie nach einiger Zeit: „Sie ſind ſehr liebenswürdig, man hat ein neues Stück von Ihnen geſpielt und Sie haben mir nicht einmal ein Billet gegeben.““ „Das weiß ich Alles, liebe Freundin, aber es iſt nahe an vier Uhr und ich möchte dieſe Plätze doch nicht verloren ſein laſſen ich werde mich be⸗ eilen.“ Der Autor geht hinaus und begibt ſich ſchleunigſt zu einem alten, ihm befreundeten Sachwalter, der 15,000 Franken Rente bezieht, aber ſeine Frau nie⸗ mals in's Theater führt, außer man ſchenkt ihm die Billete dazu. Paul de Kock. LXRvI. 2 18 „Es iſt Niemand oben,“ ſagte der Beſchließer zu Mondigo.„Herr und Frau ſpeiſen auswärts.“ „Das iſt mir ein ſauberes Vergnügen,“ ſeufzte der Autor.„Je nun, ſehen wir anderwärts. Ah, da hab' ich's! Bei Badoureau: er und ſeine Frau ge⸗ hen oft in's Schauſpiel... es wird ihnen großes Vergnügen machen, bei meinem Erſtling gegenwär⸗ tig zu ſein... wenn ſie nur nicht auch auswärts ſpeiſen.“ Damit machte ſich Mondigo wieder auf die Soh⸗ len. Er kommt im Hauſe ſeines Freundes Badou⸗ reau an: hier trifft er die Leute daheim. Er tritt mit der Miene eines Mannes ein, der Freude zu machen überzeugt iſt und bietet eine Loge für den Abend an. „Was gibt man noch außer Deinem Stück?“ fragt der Herr. „Ach, meiner Treu'.. ich befinne mich nicht mehr darauf, ich habe wenig Achtung gegeben.“ „Julie! Suche mir doch die Zeitung, damit ich ſehe, was man dieſen Abend mit Mondigo's Stück ſpielt.“ Die Dame bringt ihrem Mann die Zeitung; vieſer ſieht hinein, ſchüttelt den Kopf und murmelt: „Juſt zwei Stücke, die wir ſchon kennen; nicht wahr, Julie?“ „Ach ja: zwei ſterbenslangweilige Stücke!“ „Mein theurer Mondigo, behalten Sie Ihre Loge; wir warten lieber, bis man neben Ihrem Stück Werke ſpielt, die wir noch nicht kennen; ich werd' — 8 19 Ihnen zu wiſſen thun, welche es ſind, die wir zu ſehen Luſt haben.“ Der Autor geht mit einer weit weniger freund⸗ lichen Miene weg, als er hineinkam, und nimmt ſich feſt vor, Herrn und Frau Badoureau keine Bil⸗ lete mehr anzubieten. Unten auf der Stiege fragt er ſich, wohin er jetzt ſeine Billete ſchleppen ſoll; zwar hat er viele Bekanntſchaften, aber ein Theil wohnt ſehr weit weg, Andere können abweſend ſein und es iſt höchſt unangenehm, überflüſſige Gänge zu machen, wenn man ohnehin ſchon ermüdet iſt. Die Stunde rückt vor. Mondigo entſchließt ſich, ein Cabriolet zu nehmen und läßt ſich zu einem jungen Kaufmann führen, der ihn ſchon hundert Mal um Theaterbillete angegangen hat. Er findet den jungen Mann und beeilt ſich, ihm eine Loge für dieſen Abend anzubieten. Der Kaufmann macht einen Freudenſprung in die Höhe, indem er ausruft:„Ah, wie liebenswür⸗ dig, ah, wie artig ſind Sie!... Vier Plätze.. hätten Sie nicht noch zwei?“ „Doch, da find ſie.“ „O, das iſt entzückend!... Ich ſpeiſe mit Freun⸗ den zu Mittag.. ach! aber wir ſind unſerer Acht... hätten Sie nicht noch zwei Plätze?“ „Doch, doch, ich kann Ihnen noch zwei geben... hier!“ „Sie ſind ein Muſter von einem Autor das laß ich mir gefallen! Sie verſchenken Billete, 20 Sie!... Natürlich werde ich Alle, mit denen ich ſpeiſe, mitbringen.“ „Ah, Sie ſpeiſen in der Stadt?“ „Nein, im Palais Royal. Wir haben uns auf ſechs Uhr, halb ſieben Uhr in die Rotunde beſtellt.“ „Der Teufel, aber mein Stück fängt präcis acht Uhr an!“ „O, ſeien Sie ruhig, wir erſcheinen gewiß! Wir eſſen ſchnell und eilen ſofort, Ihnen Beifall zu klat⸗ ſchen, Ihnen gefällig zu ſein!... Der liebe Mon⸗ digo. o, Sie ſollen ſehen: wir ſind Freunde! Es wird gut gehen! Man hüte ſich ja vor dem Un⸗ glück, zu pfeifen: wir würden den Auspfeifern Arm und Beine entzweiſchlagen!.. Wir werden deßhalb Stöcke mitbringen.“ Der Autor iſt genöthigt, den Feuereifer ſeines jungen Freundes zu ſänftigen; dießmal jedoch geht er befriedigt weg mit der Ueberzeugung, daß ſeine acht Plätze von gutgeſinnten Leuten werden ein⸗ genommen werden.„ Mondigo macht noch einige vergebliche Kreuz⸗ und OQuerfahrten mit ſeinem Cabriolet und vertheilt dann endlich die ihm übrigen Billete an Leute, welche er kaum kennt; er gibt ſogar ſeinem Thür⸗ ſteher eines. Endlich kehrt er nach Hauſe zurück⸗ gerädert, geärgert, und findet auf ſeinem Schreibtiſch zwei geſchloſſene Balkonlogen, welche ihm ein Freund mit der Bemerkung zurückgeſchickt hat⸗ daß er für dieſen Abend in ein Concert gehe. e Valkonlogen! Süperhe, nume⸗ A rirte Plätze!... Und ſie ſollen jetzt verloren ſein?“ ſagt der Schriftſteller bei ſich und überlegt, was er damit machen ſolle. „Mein Freund, das Mittageſſen ſteht ſchon lange bereit; es iſt halb ſechs Uhr,“ ſagt Madame Mondigv. „Ah, Madame, einen Augenblick noch und ich ſtehe zu Dienſten!“ „Wir ſpeiſen nie ſo ſpät zu Mittag.. ich habe ſehr Hunger.“ „Und vollends ich, Madame, ich ſterbe Hun⸗ gers!. Aber dieſe Balkonplätze...“ „Die Köchin ſagt, es werde Alles verdorben ſein.“ „Wem Teufels ſie ſchicken 2... Ah! welcher Ge⸗ danke!„ Herr und Frau von Meſange, ſehr aus⸗ gezeichnete Perſonen, die mir ſchon oft wiederholt haben, ſie lieben die erſten Vorſtellungen ſehr, wenn ſie einen guten Platz haben, für ſie paſſen dieſe Bil⸗ lete: Sie werde entzückt ſein.“ „Wie, mein Ferr Sie wollen noch einmal aus⸗ gehen?“ „Nein, nein; aber ich laſſe einen Commiſſionär holen, während ich hier ihnen ein paar Worte ſchreibe...“ „Aber das Mittageſſen!“ „Es iſt gleich geſchehen.“ Mondigo läuft an ſeinen Schreibtiſch: er verfaßt ein gar liebenswürdiges Briefchen, legt die beiden Billete hinein und gibt es dem Commiſſionär, wel⸗ cher eben anlangt. 2 Der arme Autor ſetzt ſich endlich zu Tiſche. Wäh⸗ rend er ſeinen Braten anſchneidet, kommt der Com⸗ miſſionär zurück und Mondigo läßt ihn eintreten. „Nun, habt Ihr ſie angetroffen?“ fragt der Autor. „Ja, mein Herrz o⸗ ich habe gleich gefunden.“ „Ihr habt meinen Brief abgegeben?“ „Ja, mein Herr.“ „Was hat man Euch an mich ausrichten heißen?“ „Schon recht, ſagte man mir, weiter Nichts.“ „Wie! ſonſt hat man nichts geſagt?“ „Das heißt, ja! die Dame hat ſo zum Herrn geſagt:„Das wird vielleicht eine rechte Dummheit ſein, ſein Stück... Und der Herr hat geantwortet: „Ah bah! man muß es riskiren. Es gibt Auto⸗ ren, die nicht lauter ſchlechte Sachen machen.. und. „Schon gut.. genug⸗ genug!... Nun, auf was wartet Ihr?“ „Ich warte auf meine Bezahlung.“ „Was? man hat Euch nicht bezahlt in dem Hauſe, wohin Ihr meinen Brief getragen?“ „Man hat mir gar Nichts gegeben; der Herr kann ſich erkundigen.“ „Ha, alle Wetter! das iſt zu ſtark. Ich ſchicke den Leuten Billete und muß noch den Commiſſionär bezahlen!“ Der Autor gibt dem Brieſträger fünfzehn Sous und Clementine kann ſich des Lachens nicht enthal⸗ ten, wie ſie das Geſicht, das ihr Mann ſchneidet, anſieht; dann ſagt ſie halblaut:„O, wie angenehm 23 iſt es doch, Billete zum Verſchenken zu haben und Glückliche machen zu können!“ Was Mondigo betrifft, ſo iſt er über das ihm Begegnete dergeſtalt mißvergnügt, daß er nichts mehr eſſen kann und ſogar genöthigt iſt, mehrere Gläſer Zuckerwaſſer zu trinken, damit der bereits genoſſene Theil ſeines Mittageſſens ihm im Magen bleibt. Aber die Stunde des Schauſpiels hat geſchlagen und der Autor vergißt alle ſeine Widerwärtigkeiten, um nur noch an ſein Stück zu denken. Er überzählt die Billete, die er ausgetheilt hat, und ſagt bei ſich: „So wird es gehen.. wenn einige ſchwache Stellen darin find, ſo habe ich meine Freunde da, um das Stück zu halten, um Beifall zu klatſchen 1... Ich rechne ſehr auf meinen iungen Kaufmann, dem ich acht Billete eingehändigt: er ſprach von Stöcken, die man mitnehmen wolle, um den Auspfeifern Arm und Bein entzwei zu ſchlagen.. das nenne ich Freundeseifer!.. Wir müſſen uns auf den Weg machen,“ ſagte Mondigo jetzt zu ſeiner Frau;„man gibt nur einen kleinen Akt vor meinem Stück und ich denke, meine Theure, Sie wollen den Anfang ſehen.“ „O, gewiß; aber Fräulein Soufflat und ihr Va⸗ ter ſind noch nicht dat ich erwarte dieſelben, um mich abzuholen.“ „Das iſt wieder ſchön! Ich wette, ſie laſſen lange auf ſich warten!.. Und Derneſty?“ „O, was Den betrifft, ſo wird er unſere Loge erfragen und im Theater zu uns kommen.“ 24 „Ganz recht! Aber ebenſo hätte man es mit den Soufflat machen ſollen, ſtatt ſie abzuwarten.“ „Mein Freund, ſie haben mir geſagt:„Wir werden Sie abholen.. warten Sie auf uns. Konnte ich ihnen dann antworten: Nein, ich will nicht war⸗ ten?.. Das wäre unanſtändig geweſen.“ „So ſollten ſie doch auch präcis ſein. es iſt bereits halb acht Uhr.“ „Ich hatte ihnen geſagt, ſie ſollen ſich um ſieben Uhr einfinden.“ „Nun, da ſehen Sie, wie die Leute ein Ver⸗ ſprechen halten. Es iſt weit von da bis ins Theater.“ „Was liegt daran? Wir nehmen doch einen Wagen.“ „Ja, allein auch mit einem Wagen braucht man Zeit. Ich meinerſeits muß dort ſein, ehe der Vor⸗ hang aufgezogen wird, um zu ſehen, wie meine Schauſpieler coſtümirt find. Das iſt hochwichtig!... In meinem letzten Stück hatte ſich mein edler Alter in eine Nankinghoſe und blauen Rock geſteckt: er ſah auf und nieder aus wie ein Steinhauermeiſter. Glücklicher Weiſe kam ich noch zu rechter Zeit, um ihn die Hoſen wechſeln zu laſſen und mein Stück machte Glück.“ „Und ohne das, denken Sie, daß es durchgefal⸗ len wäre?“ „Meine Theure, ein falſches Coſtüm verwirrt alle Vorſtellungen der Zuſchauer: ſie nehmen eine Perſon für Etwas, das ſie nicht iſt, und das kann dem Werke ſehr viel ſchaden. Gott, wie ſchlecht mir zu „ 25 Muthe wird 1.. Schon drei Viertel auf acht Uhr!... Da führe Einer Freunde in's Theater!... Sollten ſie denn nicht denken, daß ich dort ſein müſſe?“ „Aber, mein Freund, ſo gehen Sie doch allein.. brechen Sie auf.“ „Wenn dann aber die Leute gar nicht kommen, wie ſollen Sie allein in's Theater und in Ihre Loge gelangen?. Das ginge nicht, das wäre unſchicklich.“ „Alſo haben Sie ein wenig Geduld.“ „Sie werden mich aber nicht hindern, zu erklä⸗ ren, daß es abſcheulich iſt, einen Autor, von dem man ein Stück ſpielen wird, warten zu laſſen!... Ach, wie dumm, Leute mit ſich zu nehmen!... Wenn ich in dieſem Augenblick neben Suufflat ſtände, ſo gäbe ich ihm mit Vergnügen einen Hundstritt, um ihn anzutreiben. Madame, wenn ſie in drei Mi⸗ nuten nicht da ſind, ſo gehen wir.“ „Wie Sie wollen, mein Lieber.“ Die drei Minuten ſind abgelaufen, Herr Souff⸗ lat und ſein Töchterlein noch nicht angelangt. Mon⸗ digo heißt ſeine Frau ihren Hut aufſetzen und eilt, einen Fiaker zu holen. Eben verläßt unſer Paar das Zimmer, als man läuten hört. Es ſind die nicht mehr Erwarteten. „Ei, ſo kominen Sie doch,“ ruft der Autor aus, „Sie haben ſich ſehr verſpätet.“ „Guten Abend, mein lieber Mondigo... Ma⸗ dame, ich küſſe die Hand... ſtellen Sie ſich nur vor, es iſt nicht unſer Fehler: im Augenblick, da wir weggehen wollten, langt Bouchon an, um mit 26 meiner Tochter ein Muſikſtück, das ſie morgen ſpie⸗ len ſollen, zu wiederholen. Bouchon hatte ſein In⸗ ſtrument mitgebracht und Sie begreifen, daß es ſehr unangenehm für ihn geweſen wäre, umſonſt da ge⸗ weſen zu ſein! Uebrigens haben ſie ihre Sache nur drei Mal geſpielt. Nicht wahr, meine Tochter?“ „Vier Mal, Papa.“ „Ich glaube, Du irrſt Dich. Nur drei Mal.“ „Doch, Papa, vier Mal.“ Mondigo treibt Herrn Soufflat und ſeine Tochter der Thüre zu, indem er ausruft:„Drei oder vier Mal mein Gott, was liegt mir daran! Aber ich bitte flehentlich: fort, fort!“ Die Geſellſchaft ſteigt in den Fiaker. Auf der ganzen Fahrt in's Theater fände es der Autor, der nur an ſein Drama denkt, ganz natürlich, daß man darüber ſpräche, aber Herr Soufflat ſchwatzt nur von dem Stückchen, das ſeine Tochter ſo eben mit Herrn Bouchon durchgenommen hat, und Mondigo ruft aus:„Heute Abend iſt der entſcheidende Augen⸗ blick!“ Herr Soufflat antwortet:„Nein, erſt morgen. Aber ich glaube, es wird gut gehen; übrigens wird Bouchon noch morgen früh einige Repetitionen machen.“ Mondigo ſagt nichts mehr; er begnügt ſich, mit ſeiner Frau einen Blick zu wechſeln, welcher bedeu⸗ tet:„Wie liebenswürdig doch die Leute da ſind und welches Intereſſe ſie an meiner erſten Vorſtellung nehmen!“ Man iſt im Theater angekommen: das neut 27 Stück hat noch nicht begonnen; der Zwiſchenakt dauert noch fort. Der Autor läuft auf die Bühne. Ma⸗ dame Mondigo nimmt mit ihren Begleitern in ihrer Loge Platz. Im Augenblick, wo ſich Fräulein Souff⸗ lat auf den Vorderplatz der Loge neben Clementine ſetzt, vernimmt man ein Gemurmel im Saal: die Naſe dieſes Fräuleins hat dieſe Wirkung hervor⸗ gebracht. Herr Suufflat Vater ſtellt ſich mehr als je auf die Zehen und freckt ſeinen Kopf aus der Loge hervor, indem er ſagt:„Was gibt's, was iſt das? Ein Wortwechſel? eine Schlacht?“ „O, gar nichts,“ antwortete die ſchöne Blondine lachend. Madame Mondigo iſt keineswegs ärgerlich über den von ihrer Nachbarin gemachten Effekt und es läßt ſich mit Wahrſcheinlichkeit annehmen, daß ſie ihr nur darum den Vorzug vor Madame Marmodin gegeben hat, weil ſie zum Voraus den unermeßlichen Vortheil berechnete, der für ſie aus der Naſe des Fräuleins Soufflat an ihrer Seite erwuchs, während das liebliche Geſicht Fränzchens ihrer eigenen Schön⸗ heit Eintrag gemacht hätte. Die Weiber denken an alle ſolche Kleinigkeiten. Herr und Frau St. Godibert ſchmähen von ihrer Loge, die ſich im zweiten Seitenrang befindet, über ihre Schwägerin, welche ſich auf ihrem weit vorzüglichern Platz breit macht. Die ſtämmige Angelika ſagt zu ihrem Mann: „Ihr Bruder hätte uns doch wohl auch einen Platz 28 auf der erſten Galerie geben können, uns! Er hätte uns doch wenigſtens auf denſelben Rang ſetzen können wie ſich.“ „Offenbar wird er es nicht gekonnt haben.“ „Ich ſage Ihnen, ich, er hat es mit Fleiß gethan: dieſe Schriftſteller ſind voller Eitelkeit.. trotz dem läßt er es ſich recht ſehr bei uns ſchmecken.“ „Du weißt nicht, liebe Frau, daß die Autoren oft weniger Billete erhalten, als ſie haben möchten, ich weiß das von meinem Bruder; ich bin ſehr ge⸗ ſpannt auf das Stück meines Bruders.“ Herr St. Godibert legt einen beſondern Nach⸗ druck auf die beiden letzten Worte, indem er umher⸗ blickt, um die Leute därguf aufmerkſam zu machen, daß er der Bruder des Autors iſt. Seine Frau ſchnei⸗ det ein Geſicht und murmelt vor ſich hin:„Sie ſoll⸗ ten noch beiſetzen:„Ihr Bruder, ein Mann von Geiſt!“ das wäre hübſcher. Aber bei alle dem ſehe ich un⸗ ſern Sohn Julian nicht; wo hat man ihn denn ein⸗ gepfercht? Man wird ihm doch kein Billet auf das Paradies gegeben haben? Nur das fehlte noch.“ „Nein halt. halt, Angelika: unſer Sohn iſt hinter jener ſchönen Brünette auf dem Balkon. ach ja, es iſt Fräulein Soufflat, die mit ihrem Va⸗ ter in der Loge meiner Schwägerin ſitzt; ich will ſogleich hingehen, ſie zu grüßen.“ „Nein, mein Herr, ich verbiete es Ihnen! Es hätte das Anſehen, als ob Sie bei Frau Mondigo den Unterthänigen ſpielten, weil ſie auf der erſten Galerie iſt, und das leide ich nicht.“ 29 „Indeſſen, Madame... „Ich ſage Ihnen, daß ich es nicht leide.“ Während dieß Geſpräch in dieſer Loge vorfiel, hat ſich Friedrich hinter Madame Marmodin geſtellt, welche mit ihrem Gemahl auf der erſten Galerie ſitzt. Der Gelehrte macht ſeine Frau auf eine ſehr elegante Dame mit einem äußerſt geſchmackvollen Armband aufmerkſam und ſagt zu ihr:„Ich wette, daß Du nicht erräthſt, ob das eine Pſellion oder ein Brachioniſtes, ein Aydone oder ein Dextrocherium iſt?“ Das muthwillige Fränzchen wendet lachend den Kopf, indem ſie Friedrich ſehr weiße und ſchön ge⸗ reihte Zähne zeigt, ohne auch nur an eine Antwort für ihren Gemahl zu denken. Aber zu dem großen jungen Mann ſagte ſie:„Sie kommen, das Stück Ihres Oheims zu ſehen? Das iſt ſehr ſchön.“ „Ach, ich wünſchte, es hätte zwölf Akte und dau⸗ erte zehn Stunden!“ „Ei, wirklich? Sie lieben alſo das Schauſpiel ſehr?“ „Ja, wenn ich in Ihrer Nähe bin.⸗ „So reden Sie doch nicht ſo viel mit mir... Hampelmann würde ſich erboſen! Schon macht er gräuliche Augen, weil Sie da ſind.“ „Was iſt denn das: Hampelmann?“ „Wie, Sie errathen nicht.„ Damit wirft das ſchelmiſche Fränzchen einen Sei⸗ tenblick auf ihren Mann. Friedrich bricht jetzt in ein Lachen aus, das er in ſeinem Schnupftuch zu erſticken ſucht. 30 8 In dem Gang der zweiten Galerie läuft der eben angekommene Vetter Brouillard auf und ab und ſieht durch die Logengitter hinein, indem er ſagt: „Seht einmal, da gibt's Leute!... Es iſt erſtaun⸗ lich! Man weiß alſo nicht, daß das neue Stück von Mondigo iſt!... Ah, dort ſitzen St. Godiberts! Sie ſehen aus, als zankten ſie ſich!... Wo iſt doch die zärtliche Clementine? Halt, da ſeh' ich ſie auf der erſten Galerie, gerade vor der Bühne!... Was iſt denn das für eine Naſe neben ihr? Ach Fräulein Soufflat! Und dahinter? O, beim Blitz! Derneſty immer Derneſty hinter meiner Baſe!. Armer Mondigo, der Comödien macht, worin er der geprellten Ehemänner ſpottet!„ Und das hält ſich für einen Mann von Geiſt!... Auf der Galerie bemerke ich Friedrich neben Frau Marmodin.. ſchaut einmal, das geht gut, das macht Fortſchritte!.. Zum Glück weiß der Gelehrte, was Horn auf latei⸗ niſch heißt.. und Herr Roquet. ich werde ihn nicht gewahr.. Schließerin! he da, Schließerin! auf⸗ gemacht, wenn's gefällig.. manwird gleich anfangen.“ Die Schließerin ſieht das Billet des Herrn Brouil⸗ lard an und antwortet:„Mein Herr, Sie gehören nicht hieher, einen Stock höher.“ „Was, höher? Mein Billet lautet auf Ddas Amphitheater!“. „Ja, mein Herr, das iſt hier oben.“ „Alſo hat mir mein Vetter einen Platz im Tau⸗ benſchlag gegeben. einen jener Plätze, den man ſeiner Haushälterin, ſeinem Thürſchließer gibt?“ „„ 2— „ ℳ„„* — 31 4 „Mein Herr, Sie werden nicht gar zu ſchlimm aufgehoben ſein.“ „Nein, nicht zu ſehr, aber hinlänglich. Ah! man ſchickt mich da hinauf, ganz gut! Schon recht; dann habe ich die Freiheit, meine Meinung verlauten zu laſſen.“ Herr Brouillard ſteigt in's Amphitheater hinauf,* wo er nur noch einen Platz in der letzten Reihe fin⸗ det, weil viele Leute da ſind. Er ſetzt ſich mit wü⸗ thender Miene darauf und ſchneuzt ſich im Augen⸗ blick, wo das Stück beginnen ſoll, vier Mal hinter⸗ einander, als ob er das Poſthorn nachahmen wollte. Der erſte Akt des Mondigo'ſchen Stücks verläuft ohne Gefahr, aber kalt. Mitten in einer Scene, welche Eindruck machen ſollte, zwingt ein Streit am Eingang zum Orcheſter die Spielenden einen Augen⸗ blick zum Stillſchweigen. Es iſt Herr Roquet, der nach dem Aufzug des Vorhangs wieder hineingetreten war und ſeinen Platz beſetzt fand: das Individuum, welches ſich deſſelben bemächtigt hat, verweigert ihm die Zurückgabe. Herr Roquet läuft zu einem Inſpektor, dann zu dem Commiſſär.. das Alles macht einen „Lärm, der am Zuhören hindert und der Wirkung des erſten Aktes bedeutend ſchadet. 56 Nachdem der Vorhang gefallen, eilt Mondigo auf die Bühne und ſchaut durch das Guckloch des Vorhangs in dem Saal umher nach allen Denjeni⸗ gen, welchen er Billete geſchenkt hat; denn er be⸗ greift nicht, warum ſein erſter Akt nicht beklatſcht wurde. Inzwiſchen ſieht er einige bekannte Geſichter. 32 Aber Herr Roquet iſt noch in ſeinem Wortwechſel begriffen; Herr Marmodin rollt ſeine Augen im Kreiſe wie eine Eule; ſein Bruder und deſſen Frau ſchmollen mit einander; ſein Neffe Julian ſcheint ſehr mit einer hübſchen Brünette, die vor ihm ſitzt, beſchäftigt; ſein anderer Neffe neigt ſich, um Fränz⸗ chen in's Ohr zu flüſtern, und Derneſty ſcheint Cle⸗ mentine mit vielem Feuer zu unterhalten. „Sie ſind Alle mit meinem Stück beſchäftigt!“ ſagt der Autor bei ſich, gutmüthig glaubend, daß man an ihn denke. Dann ſchaut er in eine Loge, die er Zweien ſeiner Freunde gegeben, um ihre Frauen dahin zu führen: eine Kinpsmagd mit vier Kindern findet ſich darin. Die Plätze, die er ſeinem jungen Kaufmann nachgetragen hat, ſind noch un⸗ beſetzt. In der Ecke einer Galerie endlich, wo er den Paſtetenbäcker mit ſeiner Frau zu finden hofft, bemerkt er zwei Lehrjungen in ihrem weißen Wamms. WMondigo geht unbefriedigt hinter die Couliſſen zutüc. Sein zweiter Akt beginnt. Während eines ſehr langen Monologs vergißt ſich Herr Marmodin mit ſo ſtarkem Gähnen, daß der ganze Saal zuſam⸗ menlacht. Bald ertönt ein ſcharfes Pfeifen von dem Amphitheater aus, wo der Vetter Brouillard ſitzt. Statt daſſelbe mit Bravos zu erſticken, laſſen die Freunde die Ohren hängen oder ſehen ſich lächelnd mit einer Miene an, welche ſagen will:„Es iſt nicht viel Rares! Ich begreife ſehr wohl, daß man pfeift.“ Der zweite Akt wird zwiſchen Lachen und Pfeifen 33 hin und her gezerrt. Aber Friedrich wäre ſehr in Verlegenheit, wenn man ihn Etwas aus dem Stück fragte, weil er gar nicht darauf gehört hat; Julian und Herr Derneſty befinden ſich in dem gleichen Fall. Herr St. Godibert, dem es ſehr leid thut, daß er laut geäußert hat, das Stück ſei von ſeinem Bruder, iſt mäuschenſtill, während ſeine Frau ihre Schwägerin höhnend anſieht. Eines der vier Kinder weint überlaut; einer der Lehrjungen läßt ſeine Mütze in das Parterre hinabfallen. Was Herrn Soufflat betrifft, ſo ſagt er ganz leiſe zu ſeiner Tochter:„Ich meine, Du hätteſt eben ſo gut gethan, daheim zu bleiben und Dein Muſik⸗ ſtück mit Herrn Bouchon zu wiederholen.“ Der dritte Akt wird mitten in einem Stimmen⸗ gebrauſe, welchem Niemand Einhalt zu thun ſucht, ausgeſpielt; man läßt den Vorhang fallen und nennt den Namen des Verfaſſers nicht. In dem Augenblick, wo er ſich durch den Gang ſchleicht, um ſeine Frau abzuholen, begegnet Mol⸗ digo dem jungen Kaufmann, der eben jetzt mit ſieben Perſonen ankommt und ihm entgegenſchreit:„Da ſind wir, da ſind wir!... Wie weit iſt man?... Jetzt wollen wir Zunder an das Pulver legen!“„ „Es iſt gerade aus,“ antwortet MWondigo, ſich raſch entfernend; doch nicht raſch genug, um dem Vetter Brouillard zu entrinnen, der ihm zuraunt; „Was Das für ein Ziſchen war!... Die Leute ya⸗ ben einmal gepfiffen.. mir thun die Ohren davon Paul de Kock. LRXRvI. 3 34 weh!. Indeß vielleicht erhalten Sie ein ander Mal Genugthuung. es kann auch wieder beſſer gehen. Aber wenn Sie meinem Rathe folgen wollen, ſo machen Sie ſich nicht mehr an ſpaniſche Stoffe.. das bringt Ihnen Unglück... ſchon mehrere Stücke dieſer Art waren nicht glücklich.“ Bald darauf wird der arme Autor von einem der Lehrjungen angehalten, der ihm ſagt:„Herr, mein Meiſter hat nicht kommen können⸗ aber wir haben uns ſehr verluſtirt, es war recht heiter; wir haben den Schauſpieler erkannt, der den Don Per⸗ dreau macht... „Don Pedro, Dummkopf.“ „Ja, Herr, Don Perdreauz es iſt einer von un⸗ ſern Abnehmern und er hatte uns geſtern voraus⸗ geſagt: Das Stück wird aufgeheitert ſein.“ Mondigo entledigt ſich aller dieſer Leute, welche mit ſeiner Ungeduld zu ſpielen ſcheinen und gelangt endlich an die Loge ſeiner Frau. Er findet dort nur noch Herrn Soufflat und ſeine Tochter. „Wo iſt denn Elementine?“ fragt der Autor. „Das Geräuſch, das man machte, hat ihr wehe gethan: ſie fühlte ſich unwohl und iſt kurz vor dem Ende mit Herrn Derneſty weggegangen,“ antwortete Herr Soufflat. „Ach, die arme Clementine!... Ich kann es mir denken, ſie iſt ſo reizbar, ſo empfindſam, ſo eindrucks⸗ fähig! Ach, was mußte ſie nicht leiden!... Welche Cabale, welche hölliſche Cabale!... He! was ſagen Sie dazu?“ 3 ib 35 Herr Soufflat drückt ſeine Lippen zuſammen, macht ein ſehr zweifelhaftes Geſicht und ſtammelt: „Hm!.. hm!.. wer mich je wieder in einer erſten Vorſtellung trifft...“ Wenig erbaut von dieſer Antwort grüßt der Autor und geht, indem er bei ſich ſagt:„So ſind die Leute! Drei Viertheile davon haben keine andere Meinung, als die man ihnen auf dem LTeller prãä⸗ ſentirt: unfähig, ſelbſt zu urtheilen, warten ſie mit ihrem Ansſpruch, bis ein Kühnerer anfangt. Sei ſein Ausſpruch günſtig für uns: ſie theilen ihn; ſei er ungünſtig: ſie theilen ihn gleichfalls.“ Mondigo fährt nach Hauſe und geſteht ſich: „Meine Frau hatte recht: ich war ein Eſel mit meinen Billeten.. fortan werde ich es machen wie die Andern. Welch' peinlicher Tag! Seine Zeit mit Warten zubringen, bis Eingeladene kommen, zwei unnöthige Gänge machen, Cabriolete nehmen, Commiſſionäre zahlen, Plätze an Leute verſchenken, die ſie Andern geben, oder erſt kommen, wenn Alles vorbei iſt, oder ſie gar zurückſchicken, dabei ſich ſchlechte Complimente machen laſſen... danke ſchön, habe genug daran.“ Begreifet ihr jetzt, warum die Autoren keine Freibillete mehr geben? Ausnehmen muß ich indeß die erſten drei Vorſtellungen ihrer Werke, wo ſie dieſelben den Römern des Parterres überlaſſen oder ſolchen Freunden ſchenken, welche ſich die Mühe neh⸗ men, ſie abzuholen vder abholen zu laſſen. 36 S FP E Zweites Kapitel. In einem jener hübſchen Häuſer, welche man in neueſter Zeit in der Straße Notre⸗Dame de Lorette gebaut hat, befindet ſich im oberſten Stock, der nicht ſehr hoch iſt, ein ſehr ſchönes Maleratelier. Dieſes Atelier, das geräumig genug iſt, um Landſchaften von bedeutender Größe zu faſſen, iſt mit jenem Ge⸗ ſchmack und jener Originalität verziert, welche die Künſtler und beſonders die Maler in Alles zu bringen wiſſen. Es iſt indeſſen gänzlich ohne Pracht und kündigt keineswegs den Mann an, deſſen Pinſelſtriche mit Gold bezahlt werden; dagegen ſieht man zahlreiche Studien, Skizzen⸗ flüchtige Entwürfe und in alle dem Talent, Glut und Erfindung. Hier arbeitet Leopold Bercourt, der junge Mann, den wir im Wald von Fontainebleau geſehen, wo er, während er ſtets maleriſche Gegenden abzeichnete, auch Roſa⸗Maria's Bildniß machte. Aber bei ihrer letzten Sitzung hatte der junge Künſtler ſeinem hüb⸗ ſchen Modell geſagt, daß kein Monat verfließen werde, ohne daß er in das Dorf Avon komme, um ſie daſelbſt wiederzuſehen und mit ihrem Vater Be⸗ kanntſchaft zu machen. Indeß waren ſchon zwei Mo⸗ nate nach dieſer Unterredung verfloſſen, ſeit das junge Mädchen ihr Dorf verlaſſen hatte und Der den ſie ſtets wiederzuſehen hoffte, war nicht wieder gekommen, wie er verſprochen hatte. Hatte Leopold wie die meiſten jungen Leute ſein 37 Verſprechen vergeſſen, als er von dem lieblichen Kinde entfernt war, welches ihn ſo gerne ſein rei⸗ zendes Geſicht hatte abzeichnen laſſen? Nein, es war dem nicht ſo. Aber die Dinge gehen nicht im⸗ mer, wie wir es hoffen, und die einfachſte Sache genügt oft, um eine ganze Folge von Plänen und Entwürfen für die Zukunft zu ſtören. Ungefähr vier Wochen nach ſeiner Rückkehr nach Paris, eben als der junge Maler Anſtalten traf, nach Fontainebleau abzureiſen, hatte er, als er auf der Straße ging, einen Schlag am Fuße geſpürt, dann einen ſehr lebhaften Schmerz und endlich wurde es ihm unmöglich, die Ferſe ſeines Fußes auf den Voden zu ſtellen und weiter zu gehen. Leopold hatte ſich umgekehrt und ſchaute rings⸗ umher, indem er zu errathen ſuchte, woher ihm der vermeintliche Schlag kommen könne, aber es ging eben jetzt Niemand in ſeiner Nähe vorüber und er konnte nicht angeſtoßen worden ſein. Er hatte kei⸗ nen Schlag erhalten, keinen Sturz und keinen fal⸗ ſchen Tritt gethan und dennoch war er auf ein Mal hinkend geworden. Das iſt einer der tauſend Unfälle, welchen unſere gebrechliche Natur unterworfen iſt und wogegen keine Vorſichtsmaßregel Etwas hilft. Leopold hatte, was man im gemeinen Leben heißt: einen Gangadern⸗ krampf bekommen. Das iſt einer der Zufälle, die euch in einem Augenblick, wo ihr euch am wenigſten darauf verſehet, überfallen; bisweilen, wenn ihr zum Eſſen ausgehet, oder euch auf den Ball begebt. 38 Er iſt nicht gefährlich, aber ſehr ſchmerzhaft. So⸗ dann feſſelt er euch bald vierzehn Tage, bald vier Wochen an euren Stuhl. Leopold, der zu bald wieder hatte laufen wollen, in der Hoffnung ſeine Heilung zu beſchleunigen, hatte dieſe im Gegentheil hintertrieben und darum war er vor der Abreiſe der Roſa⸗Maria in die Hauptſtadt nicht in dem Dorſe Avon erſchienen. Kaum endlich hatte er den Gebrauch ſeines Beins wiedergewonnen, als er mit der Eiſenbahn nach Corbeil, dann mit dem Poſtwagen nach Fontaine⸗ bleau gefahren war und von da ſich zu Fuß bis in's Dorf begeben hatte, indem er bereits ſein Herz mächtig ſchlagen fühlte bei dem Gedanken, bald ſein hinreißendes Modell wieder zu ſehen. „Sie denkt vielleicht, ich habe ſie vergeſſen!“ ſagte der junge Maler unterwegs bei ſich.„Die Zeit, wo ich zurückzukehren verſprach, iſt ſeit mehr als einem Monat vorüber... aber ich werde ihr den Unfall, der mir begegnete, erzählen und ſie wird mir glauben, denn ſie muß in meinen Augen leſen, daß ich ſie fortwährend liebe und mein ein⸗ ziger Wunſch iſt, meine Tage mit ihr zu verleben.“ Bald war Leopold an den erſten Häuſern des Dorfes angekommen, dann hatte er ſeinen ſchnellen Gang gemäßigt, dann, ſich ganz bewegt und ver⸗ wirrt fühlend, einen Augenblick unter einem Baum ausgeruht und folgende Erwägung gepflogen:„Wenn ihr Vater mich nicht gut anfnähme... wenn er böſe würde, daß ich ohne ſeine Erlaubniß mit Roſa Be⸗ 39 kanntſchaft angeknüpft habe!... Doch nein, Muth! Sie hat mir geſagt, ihr Vater ſei gut, er liebe ſie zärtlich. Ich werde zu Herrn Hieronymus ſagen, daß meine Abſichten anſtändig ſind, daß mein Vater, der Vertrauen in mich ſetzt, mir hundert Mal ver⸗ ſichert hat, er werde mir niemals in der Wahl einer Gattin zuwider ſein, ſelbſt wenn ſie kein Vermögen habe. und zudem wird ſie ja da ſein... und ihren Vater zu meinen Gunſten ſtimmen... es müßte denn ſein, daß ich mich getäuſcht habe... daß ſie mich nicht liebt... daß ſie mit einem andern Mann, der ihr gefallen, bekannt geworden wäre!... Doch nein, ich habe Unrecht mit meiner Beſorgniß... aufl ſtellen wir uns vor; aber fragen wir erſt, wo Herrn Hieronymus Gogo's Wohnung iſt.“ Ein junges Bauernmädchen ging vorüber.“ „Jungfer, kennen Sie in dieſem Dorf den Hie⸗ ronymus Landwirth?“ „Ja, Herr, kenn' ihn recht gut.. potz Kuckuk! er iſt erſt noch geſtern Abend bei uns geweſen.“ „Könnten Sie mir ſeine Wohnung weiſen?“ „Ja, Herr, ganz leicht; Sie ſind gar nicht weit davon. Schauen Sie, da die erſte Gaſſe links, die müſſen Sie hinauf, dann werden Sie am Ende, wo es in die Haupiſtraße hineingeht, ein ſchönes Haus mit grün angeſtrichenen Läden ſehen.. es iſt leicht zu kennen.'s gibt keine andern grünen Läden in der Straße.“ „Schönen Dank, Jungfer.“ Leopold geht wieder weiter. Bald bemerkt er das 40 Haus mit den grünen Läden und während er ſich demſelben nähert, nehmen ſeine Blicke die Fenſter dieſes Hauſes zum Ziel. Er hofft Roſa⸗Maria's hübſches Geſichtchen hinter den Scheiben eines der Kreuzſtöcke zu entdecken; aber er bemerkt Niemanden. Bald ſteht er an der Hausthüre: ſie iſt halb offen und eine betagte Frau erſcheint bald auf der Thür⸗ ſchwelle. Es iſt Manon, welche ein wenig Luft ſchöpfen und mit einigen Nachbarinnen vor der Thüre plaudern will. „Iſt hier... das Haus des Herrn Hieronymus Gogo?“ fragte Leopold mit angegriffener Stimme. „Ja, mein Herr,“ antwortet Manon, indem ſie den jungen Mann neugierig von oben bis unten prüft. „Iſt Euer Herr zu Hauſe?“ „Nein, mein Herr: unſer Herr iſt mit Miſt auf ſeinen großen Acker gefahren, wo er Kartoffeln an⸗ geſteckt hat. Er wird erſt ſpät am Abend zurück⸗ kommen.“ „Wollen Sie mich dann bei Fräulein Roſa⸗Maria einführen?... Sagen Sie ihr nur, Jemand aus Paris wünſche ſie zu ſprechen... ſie weiß dann ſchon wer.“ Die Magd betrachtete unſern Mann mit noch mehr Neugierde und antwortete:„Mamſell Rös.. die Tochter unſeres Meiſters?“ „Ei freilich.. iſt ſie auch abweſend?“ „O, glaub's wohl!.. Aber ſie wird nicht ſobald zurückkehren.“ „Wie! was ſoll das heißen?“ 41 „Daß Mamſell Rös nicht mehr hier iſt, daß ihr Vater ſie nach Paris zu ihren Oheimen geſchickt hat.. „Sie iſt nicht mehr im Hauſe ihres Vaters! Wär' es möglich!“ „Ja, mein Herr: es ſind vier Tage, daß Mamſell abgereist iſt.“ „Vier Tage... wie, ſie iſt fort... nach Paris?“ „Ja, mein Herr, zu ihren Oheimen Gogo.“ „Und ſie iſt allein abgereist, das Fräulein Roſa?“ „O! ihr Vater hat ſie bis Fontainebleau begleitet und in den Poſtwagen nach Corbeil gebracht; her⸗ nach wird Mamſell auf die Eiſenbahn geſeſſen ſein, es geht jetzt ſo ſchnell!“— Leopold iſt von dem Gehörten niedergeſchmeitert. Schon glaubte er den Augenblick gekommen, wo er Roſa⸗Maria wieder ſähe, ſchon war er glücklich in der Hoffnung, und was man ihm eben ſagte, hat ihm das Glück, das er zu koſten hoffte, verſcheucht. Er bleibt unbeweglich vor Manon ſtehen, ſein Kopf iſt auf ſeine Bruſt herabgeſunken und er weiß weder was er ſagen, noch was er thun ſoll. Wie Manon ſieht, daß der junge Mann ſtumm vor ihr ſtehen bleibt, ſo ruft ſie in einer Weile aus: „Aber, mein Herr, darum können Sie dennoch in unſer Haus treten, ausruhen und die Rückkehr un⸗ ſers Meiſters, mit dem Sie ſprechen wollten, ab⸗ warten.“ „Nein, das iſt jetzt unnöthig,“ antwortete Leopold 42 traurig.„Ich brauche Herrn Hieronymus nicht mehr zu ſehen.“ „Ah, das iſt etwas Anderes! Der Herr kannte alſo nur die Mamſell?“ „Ja, das heißt.. ich wollte, ſie ſollte mich ihrem Vater vorſtellen, aber da ſie nach Paris abgereist iſt, ſo wird ſie doch nicht ſobold wieder heimkom⸗ men.“ „Glaube nicht, Herr; da Mamſell Rös in's Haus ihrer Oheime gegangen iſt, ſo wird ſie dort bleiben, dort ſich einrichten ſollen.“ „Sich einrichten, wie? Soll ſie denn einen Mann nehmen?“ „Meiner Treu', Herr, ich weiß das nicht, aber wenn man dort eine gute Partie für ſie fände, warum ſollte man ſie nicht verheirathen, das junge Blut? Sie iſt ſchön genug dazu.“ „Hat ihr Vater ſie in dieſer Abſicht nach Paris geſchickt?“ „Wohl möglich; indeß kann ich es Ihnen nicht ſagen, aber ich glaube, Mamſell langweilte ſich auf dem Dorf und ihr Vater, der ſie ſehr liebt, hat ge⸗ dacht, ſie würde ſich in Paris mehr verluſtiren.“ „Ah! ſie langweilte ſich? Dann wird ſe nicht zurückkommen.“ „Im e Herr Hieronymus ſagte noch dieſen Morgen:„O! ſobald ich Nachrichten von meiner Tochter habe und weiß, bei welchem meiner* ſie wohnt, werde ich nach Paris abreiſen, um ſie zu umarmen.“ 43 „Er hat alſo noch Nichts von ihr erfahen, ſeitdem ſie weg iſt?“ „Noch Nichts, mein Herr.“ „Und hat beim Abreiſen Fräulein Roſa Nichts geſagt, was man... Nichts hinterlaſſen für den Fall, daß. „Was man.. für den Fall, daß!... kann nit verſtan, was der Herr meint. Aber, ohne Neugierde gefragt, woher kennt denn der Herr Mamſell Rös? Er iſt nie in unſer Haus gekommen, alſo müſſen Sie in Fontainebleau bei Frau Dumon ihre Bekanntſchaft gemacht haben.“ „Ja, ja, nämlich.. ich empfehle mich, Madame; wenn ſie zurückkehrte, ſollten Sie ihr ſagen.. doch das iſt überflüſſig, weil ſie nicht zurückkehren wird.“ Und ſchon war der junge Maler mit eilenden Schritten weit hinweg, die alte Manon in äußerſter Neugierde über ſich, ſeinen Stand und die Art und Weiſe, wie er mit ihres Meiſters Tochter Bekannt⸗ ſchaft gemacht hätte, zurücklaſſend. Leopold hatte ſogleich den Weg nach Paris wieder eingeſchlagen, aber in einer ganz verſchiedenen Ge⸗ müthsſtimmung von der, in welcher er dieſe Reiſe angetreten. Er kehrte zurück, ohne Roſa⸗Maria ge⸗ ſehen zu haben und was ihn beſonders in Verzweif⸗ lung ſetzte, war, daß er nicht wußte, wo er ſie wieder ſehen könnte. Und da die Verliebten ſich alsbald tauſend Qualen in den Kopf ſetzen, beſonders wenn der Gegenſtand ihrer Leidenſchaft nicht in der Nähe iſt, um ſie mit einem Lächeln oder einem Worte . 44 zu beruhigen, ſo dachte er: Sie liebt mich nicht mehr ſie denkt nicht mehr an mich... dar⸗ um machte ſie eine Reiſe nach Paris. Sie wußte, daß ich auf Beſuch zu ihr kommen würde; ſie mußte doch wohl denken, daß nur ein unvorhergeſehenes Hinderniß mich zurückhalten könnte, daß ich aber dennoch mein Verſprechen halten würde.. ſich entfernen aber, heißt das nicht erklären, daß ſie mich nicht wiederſehen will? Hätte ſie doch wenigſtens mit dieſer Magd von mir geſprochen, aber Nichts, keine Silbe! Man ſieht ganz erſtaunt aus über meinen Beſuch, man betrachtet mich mit Mißtrauen! Ha! ſie hat niemals von mir geredet. Mit Unrecht hoffte ich, dieſes junge Mädchen habe Anhänglichkeit an mich! Sie zog es vor, zu ihrer Beluſtigung nach Paris zu reiſen! Wenn ich ihr dort nur wenig⸗ ſtens begegnen könnte, aber wo? bei wem?... Ol ich bin ein Thor, daß ich ſie liebe, ich muß dieſes Mädchen vergeſſen. Aber ſobald er nach Paris kam, war Leopolds erſte Sorge geweſen, in Theatern, auf Spazier⸗ plätzen und öffentlichen Orten umherzulaufen, in der Hoffnung, Roſa⸗Maria zu begegnen. Bei allen ſeinen Bekannten fragte er, ob man die Herren Gogo kenne? und da das junge Mädchen ihm geſagt hatte, einer ihrer Oheime mache Schauſpiele, ſo las er alle Tage, die Gott gab, die Theaterankündigun⸗ gen durch und ſuchte unter jedem Stück den Namen Gogo, was ihn auf die Fährte des Verfaſſers ge⸗ pracht hätte. Aber Richts, gar Nichts war ihm ge⸗ 2 1 45 lungen: er hatte Nichts von dem ſchönen Mädchen des Forſtes erfahren und darum war er ſo traurig, ſo nachdenkend in ſeinem Atelier. In einer Art Niſche dieſes Gemachs bemerkt man einen großen grünen Vorhang, der oben an eine Art Triangel geheftet und unten mit Bändern an Ringe geknüpft war. Dieſer Vorhang verbarg Roſa⸗ Maria's Porträt. Obgleich das junge Mädchen nur in halber Lebensgröße ſich darſtellte, ſo war doch ihr Geſicht ſo ſprechend ähnlich, daß Jeder, der ſie zuvor geſehen hatte, ſie wiedererkennen mußte. Nach ſeiner Rückkehr von Fontainebleau hat Leopold dieſes Ge⸗ mälde ſeinem Vater gezeigt und war von dieſem wegen ſeiner richtigen Wahl und treffender Ausfüh⸗ rung des Modells gelobt worden. Der junge Maler hatte eine Geſchichte erſonnen und ausgeſagt: er habe das Porträt eines jungen Mädchens, das er oft auf dem Felde ſehe, gemacht, ohne daß ſie es auch nur ahnte. Hernach aber hatte er den Beſuchern ſeines Ateliers den Anblick der reizenden Züge Roſa⸗ Maria's mißgönnt und das Gemälde unter einem dichten, an beiden untern Ecken zugezogenen Vor⸗ hang verborgen. Wenn ihn Kameraden, Freunde oder Dilettanten fragten, was hinter dem Vorhang ſei, ſo antwortete er kurzweg: es ſei die erſte Skizze eines Gemäldes, das er auszuführen gedenke, das er aber nicht ſehen laſſen wolle, aus Furcht, man möchte ihm ſeine Idee entwenden. Dieſe Antwort hielt in der Regel Jeden ab, weiter in ihn zu dringen. 46 Wenn er aber allein war, wenn er Niemand mehr erwartete, mit welchem Vergnügen zog dann der junge Maler den Vorhang weg, der ihm Roſa⸗ Maria's Züge verbarg, und ſtellte er ſich vor dieſes geliebte Bild, das er lange traurig, doch voll Liebe betrachtete! Dann glaubte er noch in dem Forſte, noch bei dem jungen Mädchen zu ſein: er bildete ſich ein, ihre ſanfte Stimme ſäusle an ſeinem Ohr; er redete zu ihr, als ob ſie ihn hören könnte! Dieſes Glück war nur eine Täuſchung, eine Chimäre, aber einige Augenblicke vergaß er darob ſeinen Kummer. Levpold hatte eben den grünen Vorhang wegge⸗ zogen; er ſtand in Betrachtung vor dem Bilde Roſa⸗ Maria's und ſeufzte, bei ſich ſagend:„Werde ich ihr alſo niemals begegnen können? Sie iſt in Paris; aber was thut ſie? Wenn ich nur wenigſtens hoffen dürfte, daß ſie an mich denkt.“ Ein leiſes Anklopfen an die Thüre des Ateliers reißt den jungen Maler aus ſeinen Träumen. Er beeilt ſich„den Vorhang zu ſchließen, ihn ſorgfältig anzubinden; dann geht er, die Thüre nach dem Eſtricht hinaus zu öffnen, deren Schlüſſel er immer vorſichtig abzieht, wn er das Porträt ſeiner Ge⸗ liebten anſehen will. „Al * ſet Veſier ſieht. Der Zierbengel, der jetzt im Morgennegligé, aper immer mit Geſchmack, mit Sorgfalt gekleidet iſt und im Nothfall zu einem Modebild ſitzen könnte, tritt in das Atelier mit dem Ausruf:„Wie, mein err Derneſty!“ ruft Leopold, 47 theurer Herr Leopold, Sie laſſen nicht einmal den Schlüſſel in der Thüre ihres Ateliers, damit man, ohne Sie zu ſtören, eintreten könne? Schon dachte ich, Sie ſeien nicht zu Hauſe oder haben ein Modell bei ſich, das Sie nicht ſehen laſſen wollen; man behauptet, die Herren Maler haben bisweilen ſo hübſche Modelle, daß ſie ſolche den Augen ihrer Kunſtgenoſſen möglichſt zu entziehen ſuchen.“ So ſprechend hat ſich Herr Derneſty auf einen Divan geworfen, wo er es ſich auf gut türkiſch be⸗ quem macht. „Sie ſehen, daß ich mit keinem Modell allein war,“ ſagte Leopold niederſitzend,„aber ich las und wenn ich an einer intereſſanten Lektüre bin, ſo mag ich es nicht gern leiden, daß man hier ohne meinen beſondern Willen eintrete.“ „Alſo habe ich Sie geſtört?“ „Nein; ich hätte ſonſt nicht geöffnet.“ „Sie haben hier ſehr hübſche Sachen.“ Derneſiy zieht ſeine Lorgnette heraus und muftert das Atelier. Als er den gutre bemerkt, ruft er aus:„Was iſt denn hinter dieſem Vorhang verborgen?“ »Ol nichts Intereſſantes,“ antwortet Leopold mit gleichgültiger Miene.„Ein leichter, noch nicht einmal vollendeter Umriß... ich mag es nicht ſehen laſſen, bis ich meine Idee ganz ausgeführt habe.“ „Ah ſol mein theurer Maler, ich muß Ihnen den Beweggrund, der mich zu Ihnen führt, mit theilen; erſtens das Vergnügen, Sie zu ſehen, das 48 verſteht ſich von ſelbſt; Sie ſind ein Talent, ein großes Talent! Und ſo beſcheiden, zu beſcheiden! O! Sie ſollten dieſen Fehler ablegen, ich verſichere Sie, er ſchadet Jedermann, aber am meiſten den Künſtlern.“ 4 „Meinen Sie?“ Ohne Scherz! Wie Leufels ſoll man denn in dieſem Zeitalter des Auspoſaunens, der Puffe, der Anzeigen, der Anſchläge aller Art, kurz, um eigent⸗ lich zu reden, in einem Zeitalter, wo Jeder ſich wie Champagner in die Höhe treiben will, auf Sie aufmerkſam werden, Sie kennen lernen, wenn Sie ruhig in ihrer Ecke ſitzen bleiben?“ „Ich dachte, das Haupterforderniß, um bekannt zu werden, ſei die Verfertigung guter Werke.“ „Wie unſchuldig Sie ſind! Bei einem Maler ſetzt mich das in Erſtaunen! Alle Wetter! wenn Ihr Ruf gemacht iſt, wenn Sie einen berühmten Namen haben, dann ſeien Sie beſcheiden, ſo lang Sie wollen, das wird Ihnen weitere Complimente eintragen; aber bis val lagen Sie Lärm, Crawall! Stellen Sie ſich aus, d ri zum Zweck. Alles Das ſagte ich neulich in Betreff er zu Frau von Armenville, bei der ich das Vergni n hatte, Ihre Bekanntſchaft zu machen; allein ſchon lange hat man Sie dort geſehen.“ hatte ein Fußleiden, eine lahme Gangader, und dann gehe ich auch wenig in Geſellſchaft.“ „Abermals mit Unrecht: ein Künſtler muß ſich in der Welt zeigen. Gott's Blitz! wenn wir uns einmal 49 beſſer kennen, will ich Sie aufmarſchiren laſſen, in Schwung bringenz ich gehe in die glänzendſten Ge⸗ ſellſchaften, ich habe die ſchönſten Bekanntſchaften, ich werde Sie überall vorſtellen.“ Leopold begnügt ſich mit einer Verbeugung: die Anträge des Herrn Derneſty ſcheinen ihn nicht in Verſuchung zu führen. Dieſer indeß, der ganz die Miene und den Ton eines mächtigen Beſchützers annimmt, legt ſich halb auf den Divan zurück und fährt fort:„Alſo denn, mein junger Freund, ich nenne Sie ſo, weil ich wenigſtens fünf bis ſechs Jahre älter bin und beſonders eine große Welter⸗ fahrung beſitze: ich will ihr Mäcenas ſein und um den Anfang zu machen... a propos vor Allem, man kann hier rauchen, nicht wahr?“„ „Ei, gewiß! wünſchen Sie ECigarren?“ „Danke, habe Cigaretten, liebe das mehr, laſſen Sie mich nur anzünden.“ „Hier ſind Zündhölzer.“ „Sehr verbunden.“ Derneſty hat aus ſeinem Etui eine duftende Ci⸗ garette gezogen, die er anzündet und fährt ſchmau⸗ chend fort:„Wir ſagten alſo, um einen Maler in's Renommeée zu bringen, müßte man Porträts oder Gemälde bei ihm beſtellen„ nun ſah ich bei Frau von Armenville jene hübſche Landſchaft, worin Sie dieſe Dame und ihre Schweſter in halber Lebens⸗ größe darſtellten; ich fand das reizend, entzückend: die Geſichter ſind vollkommen getroffen, was ſehr ſchwer iſt, wenn man nur halbe Lebensgröße nimmt. Paul de Kock. LXRXvII. 4 50 Ferner ſind die Perſonen am rechten Platze ange⸗ bracht: ſie vermählen ſich ſchön mit der Landſchaft, ſo daß es nicht mehr bloß zwei Porträts ſind, ſon⸗ dern eine koſtbare Naturſcene, was ich beſonders liebe. Ich wünſchte nun alſo das Porträt einer Dame, einer mir ſehr lieben Dame, in einem hübſchen Feldgrunde, vom Kopf bis zum Fuß, aber in's Kleine gezogen, wie. wie ei, meiner Treu'!, ungefähr wie dieſer Jüngling dort, hm! es iſt doch ein wenig zu klein.“ „Wir können etwas Größeres machen,“ ſagte Leopold,„ich verſtehe ſchon, was Sie wollen.“ „Ich muß Ihnen geſtehen, daß ich einen meiner Freunde, deſſen Meinung ich vernehmen wollte, auf dieſen Morgen in Ihr Atelier beſtellt habe; es kommt Ihnen doch nicht ungelegen?“ „Keineswegs; iſt dieſer Freund ein Maler?“ „Nein, aber er hat viel Geſchmack.. er kennt unendlich viele Damen, Modeſchönheiten; er könnte Ihnen auch viel Beſtellungen verſchaffen. Sie ken⸗ nen ihn vielleicht dem nach: es iſt Friedrich Reyval.“ „Friedrich Reyvalz w ich glaube nicht, ihm je begegnet zu ſein.“ „Der Neffe des Hertt St. Godibert, eines reichen Banquiers, der ſchöne Abendgeſellſchaften gibt und ſehr gut auftiſcht, meiner Treu'!“ „Ich kenne ihn eben ſo wenig.“ „Ei, Sie kennen ja gar Niemand! Das heiße ich leben wie ein Bär, wenn man nicht unter die 51 Leute geht! Aber ich will Sie von dieſem Holzweg zurückbringen. Mein lieber Freund, die Dame, welche Sie malen werden, iſt reizend: eine Blondine... o, aber von reinem Blond, einem Blond, das weder gelb noch roth iſt! Eine Haut hat ſie von blendender Weiße, ſehr ſchmachtende, ſehr ver⸗ ſchwimmende blaue Augen. Ueber den Preis Ihres Gemäldes rede ich nicht mit Ihnen; ich bin nicht der Mann, welcher mit den Künſtlern marktet. Pfui! Sie ſagen mir, was Sie verlangen, und dabei hat es ſein Bewenden.“ „O, mein Herr, ich werde Ihre Großmuth nicht mißbrauchen.“ „Mein Theurer, das Talent iſt unbezahlbar.“ „Muß ich in's Haus dieſer Dame gehen?“ „Richt doch, Leufel! das fann nicht ſein!... Hie⸗ her wird ſie kommen.. ſogar geheimnißvoll wird ſie kommen!... Unter uns: es iſt eine Leidenſchaft, die geheim bleiben muß.. Sie verſtehen!... Uebri⸗ gens werde ich Ihnen nächſter Tage die ganze Ge⸗ ſchichte erzählen.“ „Ich verlange kein Vertrauen von Ihnen, mein Herr, und verſichere Sie zum Voraus, daß ich fremde Geheimniſſe zu achten weiß.“ „Ja, aber unter Junggeſellen erzählt man einander ſolche Dinge wenn nur die Ehemänner Nichts erfahren!... Ach, ach, die armen Ehemänner! Ich kenne eine Dame, welche den ihrigen Hampel⸗ mann nennt: dieſe Dame iſt gleichfalls ſehr nied⸗ lich, und wenn ich nicht mehr in meine Blondine 52 verliebt bin, werde ich mein Augenmerk auf ſie richten.“ Ein leiſes Klopfen an der Thüre des Ateliers 6 unterbricht den Schwätzer. „Herein!“ ruft Leopold,„der Schlüſſel egkt., „Ohne Zweifel iſt es Friedrich,“ antwortei Der⸗ — lier. Bei ihrem Anblick ſteht der junge Maler ſchnell auf und ſagt:„Ihr ſeid es, Cathrine? Sollte mein Vater unwohl ſein?“ „Nein, Herr, aber ein alter Freund Ihres Herrn Vaters iſt bei uns, der Sie gerne ſprechen möchte und nicht ſo weit hinaufſteigen kann, weil er die Gicht hat. Der Herr läßt fragen, ob Sie nicht ei⸗ nen Augenblick kommen könnten?“ „Mein Vater wohnt hier in der Nähe, in der Straße Saint⸗George. Erlauben Sie mir, dorthin zu gehen?... Ich werde nicht lange wegbleiben,“ ſagte Leopold, zu Derneſty gewendet. ſ „Gehen Sie, mein junger Künſtler, gehen Sie, geniren Sie ſich nicht.., ich habe keine Eile; meine Taſche iſt voll von Cigaretten!... Aber Sie erlau⸗, ben mir, hier meinen Freund zu erwarten, dem ich ein Stelldichein gegeben.“ „Gewiß, mein Herr... ich wiederhole, daß ich mich beeilen werde.“ „Noch ein Mal, laſſen Sie ſich Zeit!... Ich be⸗ finde mich ſehr gut auf dieſem Divan. Ich bitte Sie, Ihre Geſchäfte abzumachen, als ob ich nicht hier wäre. neſth. Anſtatt Friedrichs tritteine Haushälterin in das Ate⸗ 53 Leopold nimmt ſeinen Hut, zieht einen Rock ſtatt ſeiner Atelierblouſe an und geht dann, nachdem er Derneſty gegrüßt, mit der Haushälterin weg. Der Zierbengel nimmt eine neue Cigarette aus ſeinem Etui, die er anzündet und in den Mund ſteckt. Er legt ſich beinahe in ganzer Länge auf den Divan, läßt dann ſeine Augen in dem Atelier umherlaufen und murmelt:„Es iſt ſehr gemein hier keine Eleganz, keine Comforts! Talent haben und doch nicht reich zu werden verſtehen, welche Dummheit! Der arme Junge hat, glaube ich, all ſeinen Geiſt in ſeinem Pinſel.. aber er wird mir ein köſtliches Porträt von Clementinen machen... hi, hi! ich muß lachen! Wenn Friedrich wüßte, daß ich ſeine Tante malen laſſen will, wiewohl ich glaube, daß ihm wenig daran liegt, ob ſein Oheim Hörner trägt... und er ſeinerſeits hat Madame Marmodin ſtark auf dem Korn. ſie iſt niedlich.. hm! man kann ſich mit ſo Etwas ſchon amuſiren, in Erwartung, bis Beſſeres kommt. Aber auf andere Eroberungen muß man ſein Abſehen nehmen!“ Laute Stimmen, ſchallendes Gelächter von der Treppe her ziehen die Aufmerkſamkeit Derneſty's auf ſich, welcher lauſcht und dann fortfährt:„Wer kommt denn mit Friedrich? Ich höre ſeine Stimme und noch andere, die mir nicht fremd ſind!... Holla, he, ihr Herren: hieher, die mittlere Thüre aufgemacht und herein!“ Die Thüre des Ateliers geht auf und Friedrich mit ſeinem Vetter Julian und ſeinem Freund Richard 54 tritt ein. Aus dem lärmenden Betragen dieſer Her⸗ ren iſt leicht zu errathen, daß ſie ſich beim Gabel⸗ frühſtück den Durſt hinlänglich gelöſcht haben. Wie Friedrich des auf dem Divan ausgeftreckten Derneſty's gewahr wird, fängt er zu lachen an, Der⸗ neſty thut ein Gleiches und ſagt endlich:„Ich erwar⸗ tete nur Einen, und ſie kommen zu Dreien! Nicht übel das.“ „Mir däucht, es iſt beſſer als gar nicht kommen.“ „Peſtl meine Jungen, ihr habt gelebt, ſo viel ich ſehe... aus welcher Reſtauration kommt ihr her?“ „Café de Paris.“ „Nicht übel! Wer zahlte?“ „Meiner Treu'! ich glaubte einen Augenblick: Niemand. Ich hatte Julian und Richard eingeladen⸗ aber im Augenblick, wo ich die Rechnung zahlen wollte, bemerke ich, daß meine Börſe leer iſt: ich hatte geſtern Abend Alles im Whiſt verloren.. wir ſpielten ziemlich theuer. Da ſagte ich bei mir ſelber: Ich bin ein ſauberer Kerl!“ Denn im Ver⸗ trauen auf mich konnten dieſe Herren gleichfalls in meiner Lage ſein. Doch durch eine Fügung der Vor⸗ ſehung fand es ſich, daß Julian Geld hatte!... Das nenne ich einen köſtlichen Vetter! Aber er iſt ſtark im Zuge, dieſer Schelm von Julian!... Vor ſeinen Eltern ſpielt er den Heiligen, doch fange ich zu be⸗ merken an, daß er nicht mehr werth iſt als wir.“ „Wo Teufels haſt Du uns denn da hingeführt, Friedrich?“ fragte Richard, in einen alten Lehnſtuhl fallend. — * 55 „Auf Ehre, meine Herren, ich weiß es ſelbſt nicht; Derneſty hatte mich hieher beſtellt und ich ſagte nur: „Gehen wir Alle zuſammen, das wird heiterer ſein.“ „Ah, welche hübſche Gruppe!“ ruft der junge Julian aus, indem er von einem kleinen Bild: die badenden Mädchen, ſtehen bleibt. Das iſt entzückend! Welches Fleiſch, welches Colorit!“ „Schön, ſchön! Julian hält ſich vor Nacktheiten v auf,“ ſagte Friedrich, Derneſty's Beine herunter⸗ ſchiebend, um gleichfalls auf den Divan ſich ſetzen zu können.„Kleiner Vetter, ſehen Sie ſolche Dinge nicht an, ſchlagen Sie die Augen nieder: Sie könn⸗ ten auf ſündhafte Gedanken gerathen.“ „Wir ſind alſo in dem Atelier eines Malers?“ fiel Richard ein, indem er umherblickte. „Ah! ihr Herren, Richard fängt zu merken an, daß er im Zimmer eines Malers iſt: viel von ihm! Bis jetzt hatte er ohne Zweifel geglaubt, bei einem Weinzäpfer zu ſein!“ „Meiner Treu', das wäre mir lieber genlen „Und wo iſt denn der Hausherr?“ „Er wird gleich kommen. Da er einen Augen⸗ blick ausgehen mußte, hat er mir ſein Atelier über⸗ laſſen. ſehet, dort in dem Kiſtchen.. neben der Büſte Sn gibt es Cigarren.“ „Ei, wenn es hier nur auch Movelle gäbe!“ murmelte der junge Julian,„zum Beiſpiel die, welche zu dieſen badenden Mädchen geſeſſen.“ „Und in dieſem Coſtüm, gelt? Wahrhaftig, mein Vetter iſt ein kleiner Rous.. 56 „und dieſe Venus.. ſehen Sie doch⸗ Richard!“ Richard ſteht auf und prüft mit dem jungen St. Govibert alle Bilder im Atelier. Derneſiy und Friedrich dehnen ſich rauchend auf dem Divan. Bei dem grünen Vorhang angelangt, ruft Richard aus:„Was iſt denn dahinter?“ „Ein unvollendeter Entwurf, ſo viel mir der Ma⸗ ler ſagte.“ „Gut! Aber warum hat er ihn denn ſo ſorg⸗ fältig verborgen?“ „Künſtlereitelkeit! Er will das nicht ſehen laſſen, bevor es vollendet iſt.“ „Hm!... das ſcheint mir ſeltſam.“ „Ich,“ verſetzte der junge Julian, vich denke mir, dahinter ſteckt ein Gemälde... etwas ſehr Kühnes... von der Art, die er nicht allen Blicken ausſetzen will, um keuſche Augen nicht zu verletzen; er hat den Vorhang unten ſogar mit Bändern angeknüpft, damit ihn ja der Wind nicht lüfte.“ „Jedenfalls,“ ſagte Friedrich aufſtebend,„muß etwas Intereſſantes dahinterſtecken. Dieſer Vorhang da hat Gleichartigkeit mit einem Behältniß Blau⸗ barts.“ „Donnerwetter! wir wollen doch ſehen, was daran iſt!“ rief Richard, indem er den Knoten zu löſen begann. „Sei's drum, meine Herren, thut, was ihr wollt,“ ſagte Derneſty,„mir iſi's einerlei... aber wenn der Maler ſich darob ärgert?“ „Man ſcheert ſich auch um den Maler nichts,“ 57 — antwortete Richard,„und um dieß zu beweiſen.. iſt der Vorhang offen.“ Mit dieſen Worten riß der junge Mann heftig am Vorhang und das hinter demſelben befindliche Gemälde hing offen da. Beim Anblick dieſer auf einem Baumſtamme in einem düſtern Walde ſitzenden Jungfrau bleiben die jungen Männer, welche alle Viere vor das Gemälde getreten waren, in ſtummer Bewunderung ſtehen. „Welche reizende Creatur!“ ruft Derneſth,„wahr⸗ lich, Richard, Sie hatten recht, den Vorhang weg⸗ zuziehen... ſchwerlich kann man einen ſchöneren Kovf finden: wenn das Natur iſt, ſo muß ich das Ori⸗ ginal entdecken.“ „Ob es exiſtirt!“ ſagte Richard, das Porträt immer noch betrachtend;„ja, gewiß, dieſes junge Mädchen exiſtirt o, ich kenne ſie jetzt ſie iſt ſogar ſehr gut getroffen.“ „Auch ich kenne ſie, dieſe reizende perſon,“ ſagte Friedrich;„ſicherlich habe ich dieſes Geſicht ſchon ge⸗ ſehen.“ „Ich gleichfalls,“ ſagte Julian;„es fiel mir ſo⸗ gleich auf.. aber wo habe ich es denn geſehen?“ „Auf der Eiſenbahn, als wir von Orleans zurück⸗ kamen,“ ſagte Richard;„es iſt die junge Perfon, welche neben Ihnen ſaß, Julian.“ „Ach ja, ja, ſo iſt es!“ „Dieſelbe, welcher ich nachgegangen wäre ohne meine empfindſame Irma,“ ſagte Friedrich. 58 „Wie, meine Herren, Ihr kennet alle Drei dieſes hübſche Mädchen?“ ruft Derneſty.„Ei! ich will aber gleichfalls ihre Bekanntſchaft machen, ich.. nach ihrem Porträt zu urtheilen, muß es wenigſtens ein Roſenmädchen ſein.“ „O ja! Nach Richards Anſicht gibt das ein hüb⸗ ſches Roſenmädchen ab,“ ſagte Friedrich. In dieſem Augenblick geht die Thüre des Ateliers raſch auf und der junge Maler ſteht bald ſeinen Be⸗ ſuchern gegenüber. Bei Leopolds Anblick ſind die jungen Männer einen Augenblick verdutzt; Derneſty hat ſich inzwiſchen wieder auf den Divan ausgeſtreckt und die drei An⸗ dern begrüßen den Künſtler, der dieß erwiedert und die Augen noch nicht auf den grünen Vorhang ge⸗ worfen hat. „Ich hatte Ihnen einen Dilettanten angekündigt und da ſind ihrer Viere,“ ſagte Derneſty.„Sie ſehen, Herr Leopold, daß ich mehr halte als ich verſpreche.“ „Ueberfluß ſchadet nicht,“ murmelte Richard vor ſich hin. Leopold will eben einige höfliche Worte erwie⸗ dern, als er den Kopf wendet und das enthüllte Porträt Roſa⸗Mariens bemerkt. Alsbald erblaßt ſein Angeſicht, ſeine Wimpern ziehen ſich zuſammen; von der Artigkeit ſpringt ſeine Phyſiognomie in Ernſt und Strenge um, er ſieht nacheinander Alle an, die ihn umſtehen und grollt die Worte heraus:„Warum hat man dieſen Vorhang weggezogen?... Ich hatte ihn doch zu ſorgfältig verſchloſſen, als daß mein 59 Wunſch, das Gemälde nicht ſehen zu laſſen, hätte zweifelhaft bleiben können.“ „Verzeihen Sie dieſen jungen Thoren,“ ſagte Derneſty,„ſie ſind es, die den Schleier lüfteten: der Teufel der Neugierde trieb ſie. Ach! mein lieber Freund, wenn die Männer einmal neugierig werden, ſo ſind ſie es ſo arg als die Weiber. Aber im Ganzen genommen dürfen Sie nicht bedauern⸗ daß man dieſes geheimnißvolle Gemälde geſehen hat, denn es iſt entzückend und es möchte ſchwer ſein, ein lieblicheres, reizenderes Mädchenbild als dieſes da aufzufinden.“ Leopolds Geſicht klärte ſich ein wenig aufz er antwortete:„Dieß junge Mädchen ſcheint Ihnen hübſch, nicht wahr?“ „Nur hübſch? O, ſagen Sie: anbetungswürdig, entzückend!“ „Und das Beſte daran iſt die vollkommene Aehn⸗ lichkeit des Bildes,“ ſagte Richard. Leopold ſieht Richard mit erſtauntem Blicke an. Friedrich fällt ein:„Ja, dieß Porträt iſt nicht ge⸗ ſchmeichelt: das Original iſt eben ſo herrlich.“ „Ach! das Original iſt eines der reizendſten Weſen, die exiſtiren!“ ruft Julian, indem er das Bildniß des jungen Mädchens mit den Augen verſchlingt. Leopold wird über das, was er hört, mehr und mehr erſtaunt; er läßt ſeine Blicke von dem einen zum andern der drei jungen Männer laufen, als wollte er in ihren Gedanken leſen, dann ſtammelt er mit einer durch ſeine Gemüthsbewegung angegriffenen 60 Stimme:„Wie, meine Herren, ſollten Sie zufällig das Original dieſes Porträts kennen?“ „Ja, wir kennen es,“ antwortet Richard mit einem ſuffiſanten Lächeln. „Ich habe allen Grund, zu glauben, daß Sie im Irrthum ſind, meine Herren,“ entgegnet Leopold. „Das junge Mädchen, deſſen Züge ich auf dieſem Gemälde dargeſtellt habe, iſt nicht von Paris, ſie kommt nicht in die große Welt: ſie wohnte mit ihrem Vater auf einem Dorf. Unmöglich können Sie ſie ge⸗ kannt haben.“ „Verzeihung, Herr Künſtler,“ ſagte Richard ſpöt⸗ tiſch;„Alles, was Sie da geſagt haben, verhindert nicht, daß dieſes hübſche Töchterlein zu unſerer Be⸗ kanntſchaft gehöre und beſonders zu der meinigen, denn, was dieſe beiden Herren betrifft, ſo fuhren ſie zwar ein Mal mit ihr zuſammen, aber weiter Nichts; bei mir, o, da iſt der Fall ganz anders.“ Der junge Maler wirft auf Richard einen Blick voll Eiferſucht und Zorn; da er jedoch die Häßlichkeit dieſes Herrn und den widerwärtigen Ausdruck ſeiner Phyſiognomie gewahr wird, ſo ſchämt er ſich beinahe, denſelben nur einen Augenblick für ſeinen Neben⸗ buhler gehalten zu haben, zwingt ſich zur Kaltblü⸗ tigkeit und erwiedert:„Und doch, meine Herren, bin ich immer noch überzeugt, daß ein Mißverſtändniß obwaltet: oft gleichen viele Geſichter einem Por⸗ trät.“ „Ja,“ ruft der junge Julian,„aber nicht oft be⸗ gegnet man einer Schönheit wie dieſe da. Ah! 61 finde ich ſie jemals wieder, ſo ſoll ſie mir nicht mehr entgehen.“ Leopold beißt ſich in die Lippen und ſchleudert einen Glutblick auf den Jüngling, der eben ge⸗ ſprochen; da er jedoch deſſen weintrübe Augen, pur⸗ purrothe Wangen und völlig diſolutes Weſen be⸗ merkt, ſucht er zu lächeln und ſagt:„Ich glaube, dieſe Herren haben gut gefrühſtückt; im gegenwärtigen Augenblick haben ſie ihre Vernunft nicht ganz bei einander und ſehen ohne Zweifel Aehnlichkeiten, welche nur in ihrer Einbildungskraft beſtehen.“ „Was ſoll das heißen, mein Herr?“ ruft Fried⸗ rich;„behaupten Sie, wir ſeien betrunken? Noch einmal, wir kennen dieſes junge Mädchen, wir wiſſen das gewiß.“ „Ei! meine Herren,“ ſagte Derneſty, der ſich wieder auf den Divan gelehnt hat,„ihr werdet euch doch E ereifern, nicht zanken wollen, warum denn?.. Aber zum Teufel! ſo ſuchet euch doch zu⸗ vor S einander zu erklären! Ich meinerſeits ver⸗ ſichere, daß ich der auf dieſem Gemälde dargeſtellten Perſon niemals begegnet bin. Meine drei Freunde behaupten, ſie zu kennenz Sie, mein theurer Leopold, verſichern, daß ſich dieſelben täuſchen. Meines Er⸗ achtens iſt leicht herauszubringen, wer recht hat. Sagen Sie uns, wer das junge Mädchen iſt, das Sie gemalt haben, dieſe Herren werden dann ſagen, wo ſie ihm begegnet ſind, und wir entſcheiden, ob das paßt.“ Leopold ſchwankt einen Augenblic, dann antwortet 62 er:„Wenn ich dieſen Herren ſagte, wer das junge Mädchen iſt, ſo würde ich ihnen vielleicht erſt offen⸗ paren, was ſie nicht wiſſen, was ſie zu wiſſen wün⸗ ſchen; ſie können ſofort von Neuem verſichern, daß ſie daſſelbe kennen und ich werde doch nicht davon überzeugt werden. Alles, was ich ſagen kann, iſt, daß die Perſon, deren Züge ich auf dieſem Tuche wiederzugeben ſuchte⸗ in einem Dorf nicht weit von Fontainebleau wohnt oder gewohnt hat... in dem Walde, der die Stadt umgibt, hatte ich das Glück, ihr zu begegnen und, meine Herren, wenn ihr nur einigermaßen den Wald von Fontainebleau kennt, ſo müſſet ihr auch dieſe wild romantiſche Gegend⸗ dieſe Felſen, dieſe halbtauſendjährige Eichen wieder kennen. Das Alles habe ich nach der Natur an Ort und Stelle gezeichnet, ich habe dieſes junge Mädchen in dem Walde gemalt und.. Das Geräuſch einer umfallenden Staffelei unter⸗ pricht Leopold; er wendet ſich um und ſieht den jungen Julian, deſſen Geſicht todienblaß geworden iſt, wie er ſich plötzlich an der Staffelei hält, welche dadurch umſtürzte. „Der Herr ſcheint unwohl!“ ruft Leopold. Als⸗ bald eilen Friedrich, Richard und Derneſty auf den ſichtlich wankenden Julian zu und führen ihn auf den Divan. Leopold öffnet ſchnell ein Fenſter und bringt ein Glas Waſſer. „Was Teufels haſt Du denn?“ ſagt Derneſiy. ſagt Friedrich,„er hat ſich zu viel zugemuthet; er wollte es mit uns aufnehmen.“ . „Offenbar iſt ihm das Frühſtück übel bekommen,“ 63 „Ja,“ ſpöttelt Richard,„wenn man es doch gar nicht gewohnt iſt! O, welche Weibernatur! Ich, wenn ich den ganzen Tag frühſtückte, würde nie unwohl.“ „Hier, mein Herr,“ ſagte Leopold,„wollen Sie ein Glas Waſſer trinken? Wünſchen Sie Zucker darein?“ Julian wirft unſichere, bekümmerte Blicke um ſich, dann ringt ſich ein tiefer Seufzer aus ſeiner Bruſt los; er weist das ihm von Leopold angebo⸗ tene Glas zurück und ſtammelt:„Danke Ihnen... ich will Richts. ich brauche Richts... es iſt ein Schwindel, der mich anwandelte.., wird bald vor⸗ über ſein. iſt ſchon vorbei.“ „Sie ſind aber doch ſehr blaß!“ „Macht Nichts, ich fühle mich beſſer, es kommt vielleicht von meinem Frühſtück her, doch iſt es ſchon vorüber.“ „Alſo abgemacht mit dieſem armen Gaſt,“ nimmt Richard wieder das Wort.„Kehren wir zu dem Gegenſtand unſerer Unterhaltung zurück! Hätte ich je an der Identität unſerer Perſon mit der des Herrn Leopold zweifeln können, ſo wäre ich jetzt nach ſeinen Aufſchlüſſen jedenfalls meiner Sache gewiß. Ihr junges Mädchen wohnt in der Gegend von Fontaine⸗ bleauz gerade dieſe, die wir kennen, iſt mit uns in Corbeil auf die Eiſenbahn geſeſſen und bei Fon⸗ tainebleau abgeſtiegen.“ „Das iſt wahr,“ ſagte Friedrich. Julian blieb ſtummz er ſcheint noch nicht ganz hergeſtellt. 64 Der junge Maler ruft mit lebhafter Bewegung aus:„Und wann das, meine Herren? Wie lange iſt es, daß Sie ihr auf der Eiſenbahn begegneten?“ „Etwa drei Wochen,“ antwortet Friedrich. „Ja,“ ſagt Richard⸗„es war geſtern juſt drei Wochen.“ Leopold weiß nichts mehr zu erwiedern; er denkt nach, er zögert, zu glauben, daß dieſe Herren Roſa⸗ Maria kennen. Gleich darauf dreht ſich Richard auf der Ferſe um und fährt fort:„Ei, mein Gott! der Herr ſcheint vem Allem eine Wichtigkeit, die ich gar nicht verſtehe, beizulegen, um ſo weniger verſtehe, da es ſich um eine kleine Landläuferin wie dieſes Mädchen da handelt.“ Leopold tritt auf Richard zu, indem er ausruft: „Mein Herr! ziehen Sie dieſes Wort, das Sie eben in den Mund genommen, zurück, ziehen Sie es auf der Stelle zurück oder Sie zahlen es mit Ihrem Leben, denn Sie haben die reinſte Tugend beſchimpft 16 „Ich werde gar Nichts zurückziehen!“ antwortei Richard.„Ich weiß, was ich ſage: ich kenne Ihre reinſte Tugend, Ihr Modell.“ „Sie hat die Nacht nach ihrer Ankunft in ſeinem Zimmer zugebracht,“ fiel Friedrich ein,„ſie iſt meh⸗ rere Tage bei ihm geblieben, nicht wahr, Richard“ Wenigſtens haſt Du Dich deſſen gerühmt.“ „Ja, ja, ja!“ ſtimmt Richard bei, den Kopf zurückwerfend.„Es thut mir leid, junger Künſtler⸗ wenn Sie das quält.. aber beſeſſen habe ich Ihre Maitreſſe: es iſt eine reizende Perſon.“ 65 „Sie lügen, mein Herr, Sie lügen!“ ſchreit Leopold, indem er die Hand gegen Richard aufhebt. Aber Derneſty hält ihm den Arm und ſagt:„Pfui! meine Herren, keine Thätlichkeiten! Ich bitte, iſt Jemand beleidigt, eine Dame mit Unrecht angeklagt, wohlan, ſo ſchlägt man ſich, man zieht den Degen, oder ladet das Piſtol; aber auf Boxen und Holzen halte ich meinerſeits nichts. Uebrigens nochmals: bevor man ſich umbringt, verlange ich, daß man ſich genau verſtändige. Herr Leopold behauptet, ſein hübſches Modell ſei auch ein Tugendmuſter; Richard verſichert, es ſei eines jener Dämchen, wie man ſo viele ſieht; vorerſt alſo ſollte man gewiß wiſſen, daß Beide von einer und derſelben reden.“ „Da ich kein Geheimniß aus meiner Eroberung mache,“ ſagte Richard,„ſo erzähle ich recht gern Alles, was ich über die Kleine weiß: der Herr Künſtler mag dann urtheilen, ob ich gut unterrichtet bin und ob es ſein Modell iſt. Das junge Mädchen, dem wir, Friedrich, Julian und ich, auf der Eiſenbahn begegnet ſind, war allein, hatte keinen Begleiter. Als ſie aus dem Bahnhof ging, folgte ich ihr und knüpfte ſchnell ein Geſpräch an. Anfäng⸗ lich zierte ſie ſich ein wenig, doch man kennt das ſchon: Niemand läßt ſich dadurch abſchrecken. Dieſe Kleine ſagte mir, ſie komme nach Paris, um ihre Oheime zu beſuchen, welche... kann ich mich doch auf den drolligen Namen kaum beſinnen... Gogo, ja wahrhaftig, ſo iſt's, Gogv, Nicolaus und Euſtachius Gogo heißen.“ Paul de Kock. LXRRvII. 5 66 „Sie hat Ihnen das geſagt?“ ſtottert Leopold, indem er ſeinerſeits todtesblaß wird.„Ach, mein Gott, es wäre alſo wahr?“ „Gogo!“ ſagte Friedrich leiſe, indem er zu ſeinem Vetter trat;„hörſt Du, Julian?“ Julian, der ſeit ſeinem Uebelbefinden noch immer düſter und niedergeſchlagen ausſieht, nickt mit dem Kopf und ſtammelt:„Ja, ich hörte wohl.“ Richard fährt fort:„Dieſes junge Mädchen ſagte mir alſo, ſie ſei aus einem Dorfe in der Gegend von Fontainebleau, aus Avon, glaube ich, ja, Avon, jetzt erinnere ich mich deutlich, ſie heiße Roſa. und Etwas dazu.“ „Fahren Sie fort, mein Herr, ich bitte Sie dar⸗ um,“ ſagt Leopold athemlos. „Sie erzählte mir alſo, daß ihr Vater ſie nach Paris zu ihren Oheimen ſchicke, die ſie nicht kenne, deren Adreſſe ſie jedoch habe. Ich begleite ſie, ſie läßt mich weit gehen: vom Jardin des Plantes in die Straße St. Lazare. Du weißt, Frievrich, daß ich Dir vorigen Abend im Hauſe Deines Onkels St. Go⸗ dibert ſagte, daß meine Eroberung mich zuerſt in das Haus, wo er jetzt wohnt, geführt habe. Hier fragt ſie nach ihrem Oheim Gogo: der Thürhüter ſchickt ſie weg, indem er ihr antwortet, von dieſem Namen wiſſe er Nichts. Mein Jüngferchen kommt mit troſt⸗ loſer Miene zu mir zurück; dann macht ſie ſich auf den Weg, den andern Onkel aufzuſuchen; dieſer ſollte in der Straße Vendéme au marais wohnen, aber⸗ mals eine ſchöne Strecke! Hier gibt es n 67 einen Gogo als in der Straße St. Lazare. Die Kleine wird abermals troſtlos oder ſtellt ſie ſich ſo, denn die Herren begreifen, daß ich die Geſchichte mit den Oheimen unwahrſcheinlich zu finden anfing.“ „So kommen Sie doch zu Ende, mein Herr.“ „Ei, mein Gott, nur eine Minute, junger Künſt⸗ ler. Sie ſind auch gar zu unartig. Ich, der die Frauen kennt, denke bei mir: die Kleine hat mich an⸗ laufen laſſen, nie hatte ſie einen Oheim in Paris.“ „Sie log nicht, mein Herr, ſie hatte Ihnen die Wahrheit geſagt: ſie hat zwei Oheime und dieſe ſind hier in der Stadt.“ „Ah, ah,“ nimmt Richard, indem er Leopold ſcharf anſieht, wieder das Wort:„Sie ſehen alſo jetzt ein, daß ich mich nicht täuſchte und das Original zu dieſem Porträt kenne?“ „In der That, mein Herr, das junge Mädchen, welches ich malte, iſt aus dem Dorfe Avon; ihr Vater, ein Landwirth, heißt Hieronymus Gogo und hat vor Kurzem ſeine Tochter nach Paris geſchickt, wo er zwei reiche Brüder hat und wo er hoffte, daß ſeine Tochter glücklich ſein würde.“ „Alle Wetter, ich denke, jetzt klappt Alles.“ „Die arme Kleine, es iſt unſere Baſe,“ ſagt Friedrich bei ſich. Dann ſieht er Julian nochmals an und dieſer bedeutet ihm, daß er ihn verſtanden habe. ⸗ „Nun denn, mein Herr, was that Roſa⸗Maria, als ſie die Wohnung keines ihrer Oheime fand?“ ſragt Leopold ungeduldig. 68 „Roſa⸗Maria, richtig, ja, das iſt der Name oder vielmehr die Namen der Brünette.. was ſie that, mein Herr? Sie begreifen, daß ſie ſehr in Ver⸗ legenheit war: es war Nacht geworden, ſie kannte Paris nicht und wußte nicht wohin; aber ich war da, ich„ „Sie hätten dieſes junge Mädchen beſchützen ſollen, Sie hätten es vor Rohheit und Schmach ſicher ſtellen ſollen: das war ihre Pflicht.“ „Ha, ha, ha! Sie ſind in der That entzückend mit Ihren Pflichten. Meine Fflicht war, eine Ge⸗ legenheit, die mir eine reizende Eroberung darbot, zu benützen, und ich habe meine Pflicht erfüllt. Zu⸗ erſt habe ich meiner Heldin ein Nachteſſen angeboten und ſie nahm es an...5 „Sie hat eingewilligt, mit Ihnen zu Nacht zu ſpeiſen? mit Ihnen allein?“ „Ja, mein Herr, ja, mit mir allein; wir ſaßen lange beiſammen. Sie können ſich denken, daß ich bei einer Flaſche Champagner meine Liebe erklärte. Als wir aus dem Gaſthauſe traten, war es ſehr ſpät; ich ſagte zu der Kleinen: ich werde Sie in das Haus meiner Tante führen. ich führte ſie in meine Woh⸗ nung und ein Mal bei mir. heiliger Antonius! da hat ſie es gemacht wie die Andern: ſie hat ſich be⸗ richten laſſen.“ Der junge Maler verbirgt ſein Geſicht mit beiden Händen und bleibt voll Schaam über das Gehörte einige Augenblicke regungslos wie niedergeſchmettert. Doch plötzlich hebt er ſtolz die Stirne, geht gerade * 5 69 auf Richard zu, faßt ihn am Arm, den er kräftig ſchüttelt, und raunt ihm zu:„Alſo iſt ſie bei Ihnen? iſt jetzt Ihre Maitreſſe?“ „Nein, mein Herr, ſie iſt nicht mehr in meinem Hauſe: drei Tage hat ſie bei mir gewohnt, aber ich habe ein unbeſtändiges Temperament und ſie ihrer⸗ ſeits liebt ohne Zweifel die Veränderung gleichfalls. Meiner Treu', am dritten Tage, als ich in meine Wohnung zurückkehrte, fand ich die hübſche Reiſende nicht mehr; ſeitdem iſt ſie nicht mehr zurückgekehrt und ich geſtehe, daß ich ſie nicht geſucht habe.“ „Mein Herr, was Sie ſo eben von dieſem jungen Mädchen geſagt haben, iſt abſcheulich; wenn es ſich ſo verhält, ſo verdient ſie nur noch meine Verachtung; aber wenn es ſich nicht ſo verhielte, wenn Sie eine ſchändliche Verläumdung begangen hätten! ha, ſo ſchwöre ich, mein Herr, alle Tropfen Ihres Blutes reichten kaum hin, um ſie zu rächen! Ich bin es, der das auf ſich nehmen würde.. doch, mein Herr, wenn Sie mich nur quälen, ſich nur einen Spaß mit meiner Herzensqual machen wollten, ſo geſtehen Sie es jetzt, erklären Sie, daß Roſa ſtets rechtſchaffen, geſittet war und ich verzeihe Ihnen jetzt noch, was Sie geredet.“ „Ah, ah, wie drollig doch der Herr iſt.. er kann es nicht verwinden, daß ſeine Maitreſſe ihn angeführt hat; als ob das etwas ſo Seltenes wäre.“ „Roſa⸗Maria war nicht meine Maitreſſe, mein Herr; nur der Zufall führte mich mit ihr zuſammen, als ich Anſichten im Wald von Fontainebleau auf⸗ 70 nahm. Ihre anſtändige Miene, ihre Herzensreinheit, ihr rechtſchaffenes Weſen, ihre Art, ſich auszudrücken, kurz, Alles hatte mich zu ihren Gunſten eingenommen und nachdem ich einige Mal mit ihr geredet, war meine gute Meinung von ihr nur noch beſtärkt wor⸗ den.“ „Und ſie hat Ihnen ſtets mit Unſchuld als Modell gedient?“ „Ja, mein Herr: ſie hat geſtattet, daß ich ihr reizendes Geſicht auf der Leinwand wiedergebe; was ſollte Schlimmes daran ſein?“ „Und ihr waret Beide allein in dem Walde?“ „Allein, und niemals hatte ich den Gedanken, mein Glück zu mißbrauchen, niemals hat mein Mund ein Wort ansgeſprochen, das eine Röthe auf Roſa⸗ Maria's Stirne hätte treiben können.“ „Dann ſind Sie ein junger Mann, wie man wenige ſieht.“ „Nein, mein Herr; aber ich liebte dieſes junge Mädchen und achtete ſie wegen ihrer Reinheit, denn für mich war ſie ein Engel von Unſchuld, von Tu⸗ gend, und jetzt noch, ja, mein Herr, jetzt noch kann ich nicht glauben, daß ſie ſo tief gefallen, wie Sie be⸗ haupten: ein anſtändiges, tugendhaftes und verſtän⸗ diges Kind wird nicht in einem Tage ein Freuden⸗ mädchen. O, aber ich werde Roſa wiederfinden, ich werde die Wahrheit erfahren und dann werde ich auch Sie wiederfinden;z dieſe Herren mögen unſere Zeugen ſein.“„ „Ganz recht, mein Herr, Sie können mich finden, * 71 wann Sie wollen: Richard, Straße Montholon, 26 ich verſtecke mich nicht. Was Ihr Jüngferchen anbe⸗ trifft, ſo behaupteten Sie ſo eben noch, es ſei un⸗ möglich, daß wir ſie kennen und doch habe ich Ihnen das Gegentheil bewieſen. Donner und Hagel! wenn Sie ſie wiederfinden, wird ſie läuguen, daß ich ihr Geliebter geweſen; die Weiber läugnen dergleichen Späſſe immer.“ „Sie ſoll mir ihre Unſchuld beweiſen, mein Herr, und dann werde ich Sie aufſuchen.“ „Mein Herr,“ ſagt Friedrich, zu Leopold tretend und ihm die Hand reichend,„ich kannte Sie nicht, aber was Sie in dieſem Augenblicke thun, genügt, um bei mir das Verlangen nach Ihrer Freundſchaft zu erwecken. Ich bin ein leichtſinniger, toller Menſch, aber nie würde ich es mir beigehen laſſen, ein Frauen⸗ zimmer zu läſtern, mich des Genuſſes ihrer Gunſt, die ich nicht erhalten hätte, zu rühmen; ſo beträgt ſich nur ein Elender, ein Niederträchtiger. Ich klage Richard nicht an, ich ſage nicht, daß er das gethan hat, aber eben ſo glühend wie Sie wünſche ich dieſes junge Mädchen aufzufinden; ich habe Gründe dazu, welche ich Ihnen in dieſem Augenblick nicht anvertrauen kann, die Sie aber ſpäter billigen wer⸗ den. Rechnen Sie alſo auf meine Unterſtützung in Ihren etwaigen Nachforſchungen und ſeien Sie über⸗ zeugt, daß ich Alles, was ich über Roſa⸗Maria's Schickſal erfahre, Ihnen mittheilen werde.“ Leopold ſieht Friedrich mit Erſtaunen an, aber beſtochen durch den aufrichtigen Ausdruck ſeiner Phy⸗ 72 ſiognomie ſo wie durch ſeine ehrenhaften Worte nimmt er die ihm dargebotene Hand, drückt ſie und ſpricht: „Danke, mein Herr, wenn Alles ſich zur Unterdrückung eines armen Mädchens zu verſchwören ſcheint, ſo iſt es nicht mehr als billig, daß ſie an uns Vertheidiger finde.“ Herr Richard, ganz überraſcht über Friedrichs Handlung und Rede, macht ein ziemlich einfältiges Geſicht und ſcheint viel von ſeiner Zuverſicht verlo⸗ ren zu haben. Derneſiy ſteht mit dem Ausruf aus: „Die Sache ſcheint ſich zu verwickeln und da ſie mir jetzt ganz unbegreiflich wird, ſo verlange ich Ver⸗ tagung bis auf weitere Anzeigen. Und jetzt, meine Herren, brechen wir auf, denn lange ſchon belagern wir das Atelier dieſes Herrn.“ Leopold grüßt auf eine Weiſe, welche Niemand zum Dableiben auffordert. Richard, dem Richts mehr am Herzen liegt, als wegzukommen, iſt der Erſte vor der Thüre; Julian folgt ihm und Friedrich thut deß⸗ gleichen, nachdem er dem jungen Maler noch ein Mal die Hand gedrückt; Derneſty endlich geht gleich⸗ falls auf die Thüre zu, jedoch nicht, ohne Roſa⸗ Maria's Porträt noch ein Mal zu betrachten und beizufügen:„Ich weiß nicht, was ſie gethan hat, aber das ſteht feſt, daß ſie reizend iſt.“ Als die vier jungen Männer ſich auf der Straße befinden, ſagt Richard zu Friedrich:„Könnte ich er⸗ fahren, welcher Gedanke Dir durch den Kopf ſchoß und warum Du gleichfalls Dich zum Ritter dieſes jungen Mädchens aufwarfſt, das der Maler da ſeinem Modell gehraucht hat?“ 73 „Nein, Du kannſt es jetzt nicht erfahren,“ ant⸗ wortet Friedrich.„Es iſt ein Geheimniß, das ich Dir nicht anvertrauen mag, aber ich wiederhole Dir, Richard, wenn Du gelogen, wenn Du dieſe arme Kleine verläumdet haſt, o, dann nimm Deine Ohren in Acht. Adieu, ihr Herren, ich habe Julian einige Worte zu ſagen und entferne mich mit ihm.“ Damit ſteckt Friedrich ſeinen Arm unter den ſeines Vetters und zieht ihn fort; Richard und Derneſty bleiben, ganz erſtarrt über ſein Betragen, zurück. Als er nicht mehr von ſeinen Freunden gehört werden konnte, ſagt Friedrich zu Julian:„Allem nach, was wir eben von dieſem jungen Mädchen von der Eiſenbahn erfuhren, iſt ſie ganz unzweifelhaft unſere Baſe. Richard und Derneſty können es nicht vermuthen; ſie wiſſen nicht, daß Dein Vater und ſein Bruder, der Mann von Geiſt, wie man ihn zu ſchelten beliebt, Gogo hießen, ehe ſie ſich St. Godibert und Mondigo nannten. Wir aber, die wir es wiſſen und noch nicht vergeſſen haben, wir wiſſen gleichfalls, daß wir einen Oheim haben: Hieronymus, den Land⸗ wirth, der im Dorfe Avon wohnt; wir haben ihn noch nie beſucht, was durchaus nicht recht von uns iſt, denn man verſichert, er ſei ein ſehr wackerer Mann; übrigens, da wir den Oheim vernachläßigt haben, folgt daraus nicht, daß wir kein Intereſſe an ſeiner Tochter nehmen, die er nach Paris in der Hoffnung geſchickt hatte, daß ſie von ihren Anver⸗ wandten gut aufgenommen werden würde. Aber welcher Eſel hat denn unſerer Baſe die ganz richtigen 74 Adreſſen der beiden Onkel gegeben, ohne ihr zu ſagen, daß ſie ſich jetzt St. Godibert und Mondigo heißen? Doch einerlei, davon handelt es ſich jetzt nicht: wir müſſen unſere Baſe wiederzufinden und zu erfahren ſuchen, was ſie macht, was aus ihr gewor⸗ den iſt.“ „Ganz gewiß; aber wie?“ „Wie? ei, meiner Treu', das weiß ich juſt nicht. Aber das Sprichwort ſagt: Ein feſter Wille führt zum Ziel. Wir wollen unſere Baſe wiederfinden, wir werden ſie wiederfinden. Ah! ſie iſt ſehr hübſch, dieſe Roſa⸗Maria. Richard iſt entſetzlich häß⸗ lich; er iſt ein Geck, ein Lügner, ein Unverſchämter; ich fange ſtark zu zweifeln an, daß er Roſa⸗Maria's Eroberung gemacht hat.“ „Ja, unſere Baſe iſt reizend. Wie Schade, daß ſie dieſen Maler liebt.“ „Wer beweist das? Er verſichert, daß er in ſie verliebt ſei, weiter Richts. Laß uns erſt das ſchöne Kind auffinden, hernach wollen wir ſehen, wer ihr am beſten zu gefallen verſteht. Ich werde mich nun meinerſeits auf Nachforſchungen legen, Du, Julian⸗ thue Deinerſeits das Gleiche und kein Wort davon zu Deinen Eltern, bevor wir Nachricht von der Baſe haben.“ „Es bleibt dabei.“ „Auf Wiederſehen.“ Und die beiden Vettern verließen einander: Fried⸗ rich, um der Frau Marmodin einen Beſuch zu machen⸗ und Julian, um ſich in ſein Zimmer einzuſchließen⸗ Drittes Kapitel. Ein unerwarteter Beſuch. Es war eine Abendgeſellſchaft im Hauſe des Herrn St. Godibert. Die meiſten Perſonen, welche bei ſeinem großen Mittageſſen geweſen waren, befanden ſich wieder dort: viele waren gekommen, um, was man die Verdauungsviſite nennt, zu machen; wieder Andere, die getreuen, die nie fehlenden Mitglieder der Reunionen, welche faſt jede Woche bei dem reichen Banquier ſtattfanden. Mondigo, welchen ſein Bruder ſeit dem Durch⸗ fallen ſeines letzten Werks nicht mehr den Mann von Geiſt nannte, perorirte in einer Ecke des Saales mit dem Major Krauteberg, deſſen er ſich bemächtigt hatte und den er während ſeiner Rede an einem Rockknopfe feſthielt, als fürchtete er, derſelbe möchte ihm bei der Auseinanderſetzung des Plans zu einem neuen Drama zu entfliehen ſuchen. Der prächtige Derneſty hatte ſich, nachdem er lange an dem Rücken eines Lehnſtuhls geſchwelgt, in welchem die ſchmachtende Clementine lag, an einen Spieltiſch geſetzt. Herr Marmodin machte ein Whiſt mit Madame Doguin und zwei jungen Vurſchen, welche vor jedem Auswurf ein paar Minuten die Hand an die Stirne legten und ſich ſo tief beſannen, als vb die auszuſpielende Karte das Schickſal eines Reiches entſcheiden ſollte. Man iſt nömlich überein⸗ 76 gekommen, zu behaupten, das Whiſt ſei ein ſchweres Spiel, und Manche, die das wiſſen, ſuchen dieſe Mei⸗ nung noch durch eine äußerſt ausdrucksvolle Panto⸗ mime zu ſteigern, welche auf die Perſonen⸗ die die⸗ ſes Spiel nicht kennen, große Wirkung macht. Das liebliche Fränzchen ſchwatzte mit Damen, und der junge Julian, der aufrecht hinter ihnen ſtand, beobachtete in einem großen Spiegel die Wirkung ſeiner ſehr ausgeſuchten Toilette, und von Zeit zu Zeit flogen ſeine Blicke auf einen Bouillotte⸗Tiſch hinüber, an welchem Candrillon, Richard, Derneſty und ein vierter Herr ein ziemlich hohes Spiel ſpielten⸗ Der angenehme Herr Roguet endlich ſpazierte mitten in der Geſellſchaft umher, ſprach eine Dame um die andere an, indem er den Liebenswürdigen mit jeder machte, jedoch am häufigſten zu der Haus⸗ herrin zurückkam, welche, wenn ſie den Major Kraute⸗ berg nicht an der Seite hatte, mit Vergnügen des Herrn Roquets Complimente über die Farbe ihres Kleides und den guten Geſchmack ihrer Tunika an⸗ hörte, welch' letztere ihr ſehr viel Aehnlichkeit mit einem Offizier der Spahis verlieh. Stolz überſchaute Herr St. Godibert die in ſei⸗ nem prachtvollen Salon verſammelte Welt und ſagte bei ſich:„Wie angenehm iſt es, reich zu ſein; wie ſtellt ſich da ſogleich gute Geſellſchaft bei Einem ein. Wäre ich Präfekt, ich könnte keinen größern Kreis um mich ſehen, vielleicht gar einen kleinern. Gewiß iſt, daß die Geſellſchaft nicht prachtvoller ſein könnte; wie herrlich gekleidet ſind glle dieſe Damen; man 77 macht Toileite, man ſchmückt ſich, um in meine Abendgeſellſchaften zu gehen; das bedeutet Achtung und macht Ehre. Ach Gott! wie wohl habe ich da⸗ ran gethan, meinen Namen Gogo in St. Govibert zu verändern; wenn ich mich noch Gogo nennte, ſo wette ich, nicht die Hälfte der Leute erſchiene in meinem Abendeirkel und man würde ſich nicht mit ſo viel Geſchmack dazu ankleiden. O, ich habe Takt, ich weiß wohl, was ich thue. Und dann die Männer! welche ſchöne Haltung, faſt alle mit lakirten Stie⸗ feln: das iſt zum Entzücken. Ich muß Journaliſten in meine Reunionen zu bekommen ſuchen; alsbald werden ſie in ihre Pariſer Neuigkeiten ſchreiben: „In dem letzten Abendeirkel des Herrn St. Godibert trugen alle Männer Glanzſtiefeln und alle Damen Diamanten.. Wenn ich das in einem Journal läſe, ſo möchte ich mein Loos nicht gegen das des Herrn Moliére vertauſchen, deſſen Statue man vor Kurzem aufgerichtet hat.“ Hierauf nähert ſich St. Godibert ſeiner Fi welche ihm ein Zeichen gemacht hat. „Was willſt Du, Angelika?“ „Ich glaube, lieber Mann, es wäre jetzt Zeit, den Punſch umherzureichen.“ „Ich gehe, es Fifine zu ſagen. Liebe Frau, biſt Du zufrieden? Unſere Abendgeſellſchaft iſt grandios.“ „Das ſagte mir eben Herr Roquet; ich finde ſie um ſo ſchöner, weil der Vetter Broulliard ausgeblie⸗ ben iſt.“ „In der That, auch ich bin vergnügt darüber, 78 denn er erlaubt ſich zuweilen mit ſchlecht gewichsten Stieſeln vor der Geſellſchaft zu erſcheinen.“ „Schlecht gewichsten? Sie könnten ſagen: ſogar ſchmutzigen.“ „Dagegen vermiſſe ich Soufflat und ſeine Toch⸗ ter; ſchon zwei Mal fehlen ſie uns und ich hatte ſie doch ermächtigt, Herrn Bouchon mitzubringen.“ „Unſer Sohn iſt nicht galant, nicht liebenswürdig genug bei Fräulein Soufflat. Ich weiß nicht, was er im Kopf hat: ſeit einiger Zeit kommt er ſehr ſpät heim; der Thürſteher hat mir das gemeldet. Ich fürchte, er möchte in einen unordentlichen Lebens⸗ wandel gerathen.“ „Meine liebe Frau, ſpät heimzukehren gehört zum guten Ton; in dieſer Beziehung würden wir ihn mit Unrecht tadeln. Was ſeinen Anzug betrifft⸗ ſo läßt ſich, ich muß es geſtehen, Nichts daran aus⸗ ſetzen: ich bemerke, daß er ſich ſeit einiger Zeit mit höchſter Eleganz trägt. Ich muß ihm nachſagen, daß er mit den vierzig Franken, die ich ihm mo⸗ natlich gebe, Großes thut!.. Ach, mein Gott, man hat die Vorzimmerthüre geöffnet, wenn es Brouillard wäre?“ „Ja, ja, ſeine Manier iſt es allerdings: er kommt in dem Augenbkick, wo man den Punſch ſervirt und verſchlingt unanſtändig viel davon.“ „Nein, dem Himmel ſei Dank, er iſt es nicht, es iſt unſer Neffe Friedrich.“ Der hochgewachſene junge Mann iſt wirklich in den Salon getreten. Im Vorübergehen bleibt er bei . 79 einem Vetter Julian ſtehen und flüſtert ihm zu: „Nun, immer noch Nichts? ſind unſere Rachfor⸗ ſchungen fruchtlos?“ „Mein Gott, ja: ich konnte keinen Aufſchluß er⸗ halten.. und Du?“ „Ebenſowenig. Armes Bäschen! Ein ſo hübſches Geſicht! Aber wenn ich von heute an in zwei Tagen Nichts erfahre, ſo iſt es entſchieden, ich gehe in das Dorf Avon und zu Onkel Hieronymus ſchnurſtracks in's Haus, und erkundige mich, ob ſeine Tochter wie⸗ der zu ihm zurückgekehrt iſt.“ „Wahrhaſtig? Du willſt dieſe Reiſe machen?“ „Warum nicht? die Baſe iſt wohl dieſer Mühe werth und auch mir liegt daran, zu erfahren, ob Richard uns nicht angelogen hat.“ „Das wird ſchwerer herauszubringen ſeinz denn wenn die Kleine in der That bei ihm wohnte, ſo wird ſie es gewiß nicht geſtehen.“ „Ja, wenn es aber nicht der Fall wäre, ſo könnte ſie es vielleicht beweiſen: kurz, man weiß nicht, was Alles möglich iſt; aber vorerſt ſollte man ſie auf⸗ finden. Ich geſtehe Dir, daß mich dieß für den Au⸗ genblick um ſo glücklicher machen würde, als es mich zerſtreute und meiner Leidenſchaft für Frau Marmo⸗ din weniger Spielraum gönnte. Kann man eine nied⸗ liche, geiſtreiche Frau wie dieſes Fränzchen begreifen, die ſich nicht im Geringſten genirt, ihren Mann zu verhöhnen, die ihn Hampelmann nennt und doch nicht zum Hörnerträger macht?“ „In der That iſt das erſtaunlich! Wie, Friedrich, 80⁰ Du biſt bei dieſer Dame nicht glücklich? Ich hielt Dich für ihren Cicisbev.“ „Ach, mein Gott, nein! Hundert Mal glaubte ich mich nahe daran, bin es aber immer noch nicht, und doch mache ich ihr emſig den Hof: ich gehe hin, wo ſie hingeht, beſchäftige mich ausſchließlich mit ihr, ſpreche mit keiner andern Frau und bin doch nicht weiter. Man lacht, man plaudert, man iſt ſehr lie⸗ benswürdig mit mir, aber man gewährt mir Nichts. Ich habe es demnächſt ſatt; die platoniſche Liebe ſchmeckt mir nicht. Das kommt mir gerade vor wie jene hübſchen Hahnen von Pappdeckel, welche man den Schauſpielern auf der Bühne ſervirt: es macht Eßluſt, die Scheineſſenden ſtellen ſich, als ſchmecke es ihnen und es ſchmeckt ihnen doch gewiß nicht. Aber ſie iſt hier, meine Unmenſchliche! ſiehſt Du? Ob man nicht ſchwören ſollte, daß ich glücklich ſei? Sie ſieht mich an, ſie lächelt mir zu, ſie winkt mich in ihre Nähe.“ „Und Du gehſt hin?“ „Ach, mein Gott, ja: noch ein kleiner Sturm auf ihr Herz; aber ich ſchwöre Dir, Vetter, es wird der letzte ſein.“ 4 Damit iſt Friedrich zu Frau Marmodin hinge⸗ gangen, welche ihn mit einem ſehr gnädigen Lächeln empfängt. Einſtweilen iſt Herr St. Godibert einen Augen⸗ blick in ſeinem Vorzimmer geweſen, hat ſich der Jungfer Fifine genähert, dieſelbe in einen ſehr fleiſchi⸗ gen Ort gekneipt und zu ihr geſagt:„Fifine, man 81¹ muß Punſch herumreichen, keinen ſo ſtarken und halbe Gläſer, nämlich halb volle Gläſer: das iſt genug über ein Mal.“ „Ja, Herr, ich weiß, wie gewöhnlich.“ „Beſorge Du das ſelbſt; ich mag es Franz nicht auftragen.“ Der Herr kehrt in den Salon zurück; Jungfer Fifine ruft Franzen, den man immer behält, weil ſie ihn in Schutz nimmt. Franz kommt herbei, kneipt die Kammerjungfer in das gleiche Glied wie ſein Herr, nur mit dem Unterſchied, daß dieſer den linken und er den rechten Backen zwickte. Fifine, die ſich niemals um das, was hinter ihr vorgeht, zu bekümmern ſcheint, ſagt zu Franz:„Nimm die große Platte und trage Punſchgläſer hinein; trinke aber nicht vorher drei bis vier davon wie. ge⸗ wöhnlich.“ „Ei, Mamſell, das letzte Mal ſind Sie mir mit gutem Beiſpiel vorangegegangen.“ „Schweig', Eſel; Du nimmſt doch gar keine Bil⸗ dung an.“ „Und ich thue doch, was ich Andere thun ſehe: kaum erſt hat unſer alter Herr... „So ſchweig' doch. Daheim darf man Nichts ſehen; verſtanden?“ „Nichts ſehen? Ei, ich hätte wohl müſſen: vori⸗ gen Tag ging ich in's Zimmer unſerer Madame, weil ich glaubte, ſie rufe mich, da wechſelte ſie ge⸗ rade das Hemd.“ Paul de Kock. LXRVII. 6 82 „Aber ſtill doch, Franz;z wenn Madame Dich hörte, ſo würdeſt Du augenblicklich fortgejagt.. halt, man ſchellt, ſieh' nach, es kommen noch mehr Leute.“ Franz geht, die Hausthüre zu öffnen, aber ſtatt jener eleganten Perſonen, welche in die Cirkel ſeines Herrn zu kommen pflegen, bemerkt er einen bäuerlich gekleideten Greis mit groben Schuhen, der eine Art Stecken in der Hand trägt. Der gute Mann hat bereits ſeinen Dreiſpitz ab⸗ gezogen und grüßt ſehr höflich den Bedienten, welcher ihn ziemlich oben herab fragt, was er wolle. „Iſt das hier nicht Herrn St. Godiberts Haus?“ ſagt der Greis, deſſen friſches und lebhaftes Geſicht keinen Mann bedeutet, der ſich mit Furcht und Beitel⸗ haftigkeit darſtellt. „Ja, hier iſt es; ſeid Ihr in die Abendgeſellſchaft, die er heute gibt, eingeladen?“ Bei dieſen Worten maß Herr Franz den Greis mit zugleich unverſchämter und ſpöttiſcher Miene; die⸗ ſer aber ſcheint deſſen nicht zu achten und entgegnet: „Ich komme nicht wegen der Abendgeſellſchaft; ich komme mit Ihrem Herrn zu reden: ich möchte ihn ſehen, auf einige Augenblicke ſprechen.“ ſun „Man ſpricht nicht nur ſo mit meinem Herrn: es ſind Leute da, vornehme Abendgeſellſchaft; kommt ein anderes Mal, mein guter Mann.“ „Ich habe nicht immer Zeit, lange Wege zu machen, und da ich hier bin, ſo ſagen Sie gefälligſt Ihrem Herrn, daß Jemand ihn begehrt.“ „Was Ihr doch eigenfinnig ſeid! Ich wiederhole 83 Euch, daß Herr St. Godibert jetzt keine Zeit hat; ſpäter iſt es mir einerlei, dann will ich Euch gerne melden. Wie heißet Ihr? „Wie ich heiße 2.. Herr St. Godibert kennt mich nicht, wenn ich alſo meinen Namen ſagte, ſo würde das zu Nichts führen. Sagen Sie; ein Herr wünſche ihn einen Augenblick zu ſprechen; da Leute in dem Saal ſind, ſo gehe ich ni cht gerne hinein und ſpreche ihn hier.“ „Ei, nicht gerne hinein! Der alte Papa iſt ja allerliebſt, daß er glaubt, mit ſeinem Jagdkamiſol und ſeinen Bauernſchuͤhen werde ich ihn in einen Salon eintreten laſſen, wo Alles fürſtlich gekleidet iſt; da würde mich mein Herr im Galopp zum Teu⸗ fel jagen. Ei, und Euren Namen wollt Ihr auch nicht ſagen und meinet, man werde ſich gleich aus der Ordnung bringen, um heraus zu kommen und die Plaudertaſche mit Euch zu machen? Ihr ſeid noch ſehr ländlich⸗ſittlich, mein alter Knaſterbart. Indeß iſt es mir einerlei: ich richte meinem Herrn Euren Auftrag aus und wette, daß wir Etwas zum Lachen bekommen werden.“ Herr Franz geht in den Salon und ſieht ſich nach ſeinem Herrn um; da er ihn im Geſpräch mit Damen erblickt, wagt er es nicht, ihm zu nahen und macht ihm bloß Zeichen mit der Hand, welche bedeutende Aehnlichkeit mit denjenigen haben, die gewiſſe junge Leute beim Cancantanzen angenommen haben. Madame Marmodin, welche eben mit Herrn St. Godibert ſpricht, bemerkt Franzens Geberden und „8 ſagt lachend:„Hat Ihr Bedienter vor, im Saale ein Grotesk⸗Solo aufzuführen? Sehen Sie doch hin, Herr St. Godibert: er macht allerlei zweideutige Geberden mit den Händen.“ „Sollte der Hallunke ſchon wieder beſoffen ſein? Wahrhaftig, ich weiß nicht, warum ich ihn behalte, das heißt, ja, ich weiß es wohl, nämlich weil unſere Kammerjungfer viel auf ihn hält, aber, Gott ver⸗ zeih' mir, ich glaube, er winkt mir?“ Und Herr St. Godibert läuft zu ſeinem Diener. „Was gibt es denn, Dummkopf? Was bedeutet dieſes Geberdenſpiel?“ „Es ſollte Ihnen zeigen, Herr, daß ich Sie ſpre⸗ chen wollte; ich wagte es nicht, zu Ihnen in die Da⸗ men hineinzuſchlendern.“ „Nun, was willſt Du von mir?“ „Ich? gar Nichts; aber ein alter guter Junge, der eben ankam und mit Ihnen zu reden begehrt.“ „Ein alter guter Junge? Iſt er gut angezogen?“ „Ha, er iſt ziemlich warm angezogen: er hat TMyoßn an, eine große Weſte... „Dummkopf, ich frage Dich, ob er elegant, ob er mit einem Orden geziert iſt?“ „O nein, er ſieht mir aus wie ein alter Bauer und hat ein Wamms mit großen Schößen.“ „Er hat ein Wamms an und erfrecht ſich, in meinem Hauſe zu erſcheinen, wenn ich Geſellſchaft habe? wenn ich die ſchönſte Geſellſchaft habe, in Glanzſtiefeln? Wirf den Kerl vor die Thüre.“ „Er wollte Ihnen nur draußen ein Wort ſagen.“ — 85* „So meinſt Du, ich werde Capitaliſten, Damen in Tuniken, mit Federn und Blumen, verlaſſen, um dieſem Menſchen, der ein Wamms anhat, Gehör zu ſchenken? Franz, entlaß' den Mann auf der Stelle. Für Seinesgleichen bin ich nur Morgens von zehn bis zwölf Uhr ſichtbar. Geh', wenn er weiter in Dich dringt, ſo wirf ihn kopfüber hinaus!“ Franz verläßt den Saal und kehrt zu dem Greiſen zurück, der ihn im Vorzimmer ſtehend er⸗ wartete. „Ich wußte es ja wohl, guter Alter,“ ſagte der Bediente,„mein Herr will Euch weder drinnen em⸗ pfangen, noch Euretwegen Moleſt haben. Gehet; wenn Ihr morgen gegen Mittag wieder kommt, wird man Euch vielleicht annehmen; das iſt Alles, was man für Euch thun kann.“ „Aber, Herr, wenn ich um dieſe Stunde nicht zurückkommen kann? Sie haben alſo dem Herrn St. Godibert nicht vorgeßtellt, daß ich ja nur einen Aug „Genug, genug, mein Alter! Ihr werdet mir end⸗ lich langweilig.. ich muß JPunſch hingintrehen! Drückt Euch ſchnell, wo nicht, ſo bin ich ermächtigt, Euch vor die Thüre zu werfen.“ Der Greis will ſich eben, jedoch nur ungern, zum Weggehen entſcheiden, als Herr Candrillon, der eben den Bouillotte⸗Tiſch verlaſſen hat, in das Vorzimmer kommt, um ein wenig Luft zu ſchöpfen, da er die Hitze im Saal unerträglich fand. Der dicke Capitaliſt bemerkt den alten Mann, welcher der Thüre zuging; er ſtößt einen Schrei der Ueberraſchung aus und eilt, ihn am Arme zurückzu⸗ halten mit den Worten:„Ei ja, zum Kuckuk. er iſt es. es iſt mein alter' Savenay. Sie ſind alſo nicht geſtorben? Auf Ehre, es macht mir ein großes Vergnügen, Sie wiederzufinden.“ „Wie, es iſt Herr Candrillon!“ antwortet der Greis, ſeine Freude bezeugend. „Ja. ja. ich bin's!.. Ach, ich war wetter⸗ lich beſorgt um Sie, ſo wahr ich lebe; doch kommen Sie. ſo kommen Sie doch, daß ich Sie St. Go⸗ dibert vorftelle.“ So ſprechend ſchiebt Herr Candrillon ſeinen Arm unter den des Greiſen und zieht ihn nach der Saal⸗ thüre. Der alte Savenay widerſetzt ſich, indem er ſagt:„O nein, nein.. ich kann nicht hineingehen; es geht nicht... drinnen iſt große Geſellſchaft.“ „Je nun, was macht denn das der Geſellſchaft? Sind Sie nicht ein wackerer Mann? Sie brauchen ſich vor Niemand zu bücken. Ich verſichere Sie, daß Alle, die drinnen ſind, nicht ſo viel Werth haben als Sie.“ „Aber mein Anzug... ich kann nicht; man iſt hier elegant und dieſe ländliche Kleidung...“ „Bah, bah!.. was ſoll das heißen? In Ihrem Alter iſt man nicht gehalten, ſich nach der Mode zu richten. Mit Silberhaaren und einem guten Antlitz wie das Ihrige muß man ſogar bei dem König ein⸗ trittsfähig ſein. Vorwärts marſch!... ich werde Sie vorſtellen.“ Der Greis läßt ſich hineinführen. Mit ſtarren * Augen und offenem Munde glotzt Franz Herrn Can⸗ drillon an, welcher eine Jerſon am Arme geleitet und in den Saal führt, welche er vor die Thüre zu werfen Befehl hattez aber er wagt kein Wort mehr zu ſtammeln und bald tritt der alte Savenay in den glänzenden Saal des Herrn St. Godibert. Herr Candrillon ſagt mit ſeiner volltönigen und ſchnarchenden Stimme, welche alle Welt zum Zuhören nöthigt:„Mein theurer Herr St. Godibert, erlauben Sie mir, Ihnen einen meiner guten Freunde vorzu⸗ ſtellen.“ Herr St. Godibert reißt die Augen ſo weit auf als möglich, indem er das ihm vorgeſtellte Indivi⸗ duum betrachtet. Alles, was ſich im Salon befindet, hat ſich umgedreht und prüft den Vater Savenay, deſſen Coſtüm ihnen für den Beſuch einer Abendge⸗ ſellſchaft ſeltſam erſcheint, deſſen ehrwürdiges und offenes Geſicht jedoch jede Lächerlichkeit ferne von ihm hält. Madame St. Godibert allein verzieht das Geſicht und ſagt leiſe zu ihrem Mann:„Herr Candrillon ſtellt uns einen Mann im Wammſe vor... eine Art Bauern! Ei, das iſt doch gar zu viel Ungezwungenheit!“ „Still, Angelika, ſchweige doch! Du vergißt im⸗ mer, daß Herr Candrillon ein Millivnär iſt.“ Und Herr St. Godibert zwingt ſich zu einer lie⸗ benswürdigen Miene, geht auf Herrn Candrillon zu und ſagt:„Ah⸗ der Herr iſt einer Ihrer Freunde?“ „Ja, mein theurer St. Godibert: dieſer gute Papa hier iſt die Perſon, von der ich mit Ihnen bei Ihrem letzten Diner redete; ich hatte ihm einen Em⸗ pfehlungsbrief an Sie gegeben, kurz, der wackere Papa Savenay hatte ſechszigtauſend Franken geerbt und ich rieth ihm, das Geld bei Ihnen anzulegen.“ Beim Namen Savenay betrachtet die Mehrzahl der anweſenden Perſonen, welche ſich bei dem gro⸗ ßen Diner des Herrn St. Godibert befunden hatten, den Greis mit größerem Intereſſe. Man iſt neu⸗ gierig, zu erfahren, was ihm begegnete; überall im Salon hören die Geſpräche auf, ſogar die Spielpar⸗ thieen werden unterbrochen. Mit einem Wort: an die Stelle lauter Unterhaltungen und Heiterkeitsausbrü⸗ chen iſt Stillſchweigen getreten. Der Greis, deſſen Gegenwart dieſe Veränderung verurſacht, zieht einen Brief aus ſeiner Taſche und reicht ihn Herrn St. Godibert, indem er ſagt:„Hier der Brief, welchen Herr Candrillon mir an Sie mit⸗ zugeben die Güte hatte. O, den habe ich nicht ver⸗ loren, und ich hoffte, daß er mir dieſen Abend Ein⸗ tritt bei Ihnen verſchaffen und dem Träger einiges Wohlwollen von Ihrer Seite erwirken ſollte.“ Herr St. Godibert nimmt den Brief mit verle⸗ gener Miene und antwortet:„Mein Herr.. ei frei⸗ lich. wären Sie es. der.. eben jetzt?.. Mein Gott, wenn ich gewußt, wenn Sie geſagt hätten, Sie kommen auf die Empfehlung des Herrn Can⸗ drillon, ſo würde ich mich beeilt haben. da ich aber nicht wußte... indeß hatte ich wirklich die Ab⸗ ſicht, mich nach Ihrem Begehren zu tvigen und wollte eben hinausgehen.“ — — 89 In dieſem Augenblick erſcheint Franz an der Sa⸗ lonthüre und ſchreit ſeinem Herrn zu:„Herr! ich habe den alten Burſchen nicht vor die Thüre werfen können, weil Herr Candrillon ihn am Arm nahm und hineinführte.“ Herr St. Godibert wird ziegelroth und Madame jagt den Bedienten in's Vorzimmer, während ihr Gemahl antwortet:„Mein Gott, welches Hornvieh von Bedienten habe ich; welch' ein Ochs iſt dieſer Franz! Alles, was man ihm ſagt, verſteht er umge⸗ kehrt. Ich vitte Sie, zu glauben, daß er ſich irrt.“ „Von allem Dem iſt nicht mehr die Rede,“ ruft der dicke Capitaliſt aus,„was ſcheren wir uns um Formen, um Ceremonien! Vater Savenay lacht dar⸗ über wie ich; nicht wahr, mein Alter? Aber er⸗ fahren möchte man gerne, was aus Ihnen geworden iſt, mein Ehrenmann, ſeit den drei Monaten, daß Sie Nemours auf Ihrem kleinen Pferde verlaſſen haben, auf jenem armen Hammel, welcher niemals Galopp anſchlägt., wie, Sie reiſen mit einer ſtar⸗ ken Summe ab und während ſo langer Zeit hört man nicht mehr von Ihnen reden, erfährt man keine Neuigkeit mehr von Ihnen? Wiſſen Sie wohl, daß ich ſehr unruhig war ich beſonders, der Ihnen zu dieſer Reiſe gerathen haite? Was Leufels haben Sie denn in dieſer langen Zeit gemacht, Vater Savenay? Wir haben uns alſo gut amüſirt in Paris, haben den Jüngling geſpielt, den Schönen nachgejagt hi, hi! ein wenig bamboſchirt.. hi, hi!“ Madame St. Godibert ſchneuzt ſich, huſtet und „„ rückt ihren Stuhl, indem ſie zu Herrn Roquet ſagt: „Ach, mein Gott, wie unanſtändig dieſer Millionär iſt! Ich muß purpurroth ausſehen, Herr Roquet.“ „In der That, beſonders Ihre Naſe.“ „Das iſt die Schuld des Herrn Candrillon.“ „Indeß,“ fährt der Capitaliſt fort,„wäre es im⸗ merhin klüger geweſen, mein alter Freund, Ihr Geld hier zuvor in Sicherheit zu bringen. Ei, Sie haben Capitalien anzulegen und laſſen ſie über drei Mo⸗ nate in Ihrem Portefeuille ſchlafen? Vater Savenah, Sie ſind kein Rechner.“ Der Greis ſchüttelt lächelnd den Kopf und ant⸗ wortet:„Wenn ich nicht bälder zu dem Herrn kam, ſo geſchah es, weil mein Beſuch jetzt nicht mehr den gleichen Zweck hatte. Du lieber Gott! mein lieber Herr Candrillon: dieſe ſechszigtauſend Franken, die ich geerbt hatte, konnte ich dem Herrn nicht mehr anvertrauen, weil man mir ſie unterwegs geraubt hat!“ „Geraubt!“ ruft Herr Candrillon theilnehmend⸗ „Geraubt, geraubt!“ wiederholt man in allen Enden des Saals und ſogar einige dumpfe Seufzer ſcheinen ſich unter dieſe dem allgemeinen Intereſſe entſtammenden Ausrufungen zu miſchen; aber mitten unter dem durch die Worte des Greiſen verurſachten Lärm kann man auf die Vewegungen einzelner Per⸗ ſonen nicht Acht geben. „Ja,“ wiederholt Vater Savenay,„ja, ich bin be⸗ raubt worden, als ich durch den Forſt von Fontaine⸗ bleau am hellen Mittag beim ſchönſten Wetter ritt. — — — Freilich begegnete ich auf dem Fußpfade, den ich eingeſchlagen, Niemand, und ließ mein Pferd nach ſeiner Laune, das heißt in gemachem Trabe, gehen. Gewiß fiel mir nicht entfernt ein, daß es in dieſem Walde Räuber gebe. Plötzlich ſtürzen zwei Männer aus dem Gebüſch und fallen meinem Pferde in die Zügel. Der arme Hammel, der, wie ich glaube, eben ſo große Furcht hatte als ich, war ſchon von ſelbſt ſtehen geblieben; ich meinerſeits geſtehe, daß ich an allen Gliedern zitterte.“ „Dazu hatten Sie auch allen Grund,“ ruft Ma⸗ dame St. Godibert,„ſie mußten ſchauerlich ausſehen, dieſe Räuber.“ „Meiner Treu', Madame, ich könnte Ihnen nicht beſchreiben, wie ſie ausſahen, ich war ſo ſehr ange⸗ griffen; ich ſah nur zwei Männer in Blouſen; jeder von ihnen hatte eine Mütze auf dem Kopf, deren Schild ihm die Augen deckte; ich meine, ihre Geſichter waren ſchwarz angeſtrichen.“ „Es waren Köhler,“ ſagte der Major Krauteberg. „O, das glaube ich nicht, mein Herr! Die Stimme, die mir zurief:„Schnell, Dein Portefeuille, oder Du biſt des Todes, o! dieſe Stimme klingt mir noch in den Ohren, und es war keines Köhlers Stimme. Kurz, ich ſah rechts und links einen Pi⸗ ſtolenlauf auf mich gerichtet und Sie können ſich wohl denken, daß ich mir das Vergnügen des Wi⸗ derſtandes verſagte. Ich gab mein Portefeuille mit meinen ſechszigtauſend Franken hin und wollte eben auch meine Börſe und mein Felleiſen hingeben, aber — 92 die Räuber waren befriedigt. Offenbar wollten ſie nur mein Portefeuille, denn ſie gaben Hammel einen Streich und dieſer lief in raſchem Trabe weg; es verſteht ſich, daß ich ihn nicht anhielt.“ „Mein armer Freund! wie, Sie wurden auf ſolche Weiſe geplündert?“ ſagte Herr Candrillon, den Greis auf die Achſeln tätſchelnd;„ha, die Schufte! da hätte ich vorüberkommen ſollen, ich wollte ihnen die Köpfe gewaſchen haben.“ „Das iſt ein ſehr dramatiſches Ereigniß,“ ſagte Herr Mondigo;„in die Scene geſetzt würde es viel Intereſſe erregen.“ „Jedenfalls,“ ſagte Friedrich,„wußten die Räu⸗ ber, daß der Herr eine ſtarke Summe in ſeiner Brief⸗ taſche hatte, weil ſie dieſe augenblicklich forderten⸗ Ohne Zweifel werden Sie die Unklugheit gehabt haben, in irgend einer Herberge Etwas zu äußern.“ „Wohl möglich,“ mein Herr,„ich ſchwatze gern⸗ das iſt mir angeboren und ich glaube mich zu erin⸗ nern, daß ich in einem Dorfe nahe bei dem Wald anhielt, um meinem Pferde Ruhe zu gönnen. Hier habe ich in der That mit dem Gaſtwirth geredet: ich erinnere mich nicht mehr, was ich ihm ſagte; ich beobachtete auch keine Gäſte in der Stube, kurz, was praucht's da Weiteres? Wenn ich beraubt wurde, ſo iſt es jedenfalls immer die Schuld meines Eigenſinns, denn Herr Candrillon und andere Perſonen hatten mir gerathen, dieſe Reiſe nicht zu Pferde zu machen; ich wollte auf die guten Rathſchläge nicht hören.„ ich hielt mich für klüger als andere Menſchenkinder: der liebe Gott hat mich dafür geſtraft! Aber ich ergab mich darein und tröſtete mich mit dem Gedanken: nun denn, jetzt iſt es eben, als ob ich nicht geerbt hätte.“ „Armer Mann! Welche Philoſophie! welcher Muth! In ſeinem Alter ein ſolches Unglück ſo zu ertragen!“ Madame Marmodin richtete dieſe Worte an den jungen Julian, der ſich hinter ihr niedergelaſſen hattez als ſie aber die außerordentliche Bläſſe des Sohnes vom Hauſe und den ſonderbaren Ausdruck ſeines Ge⸗ ſichtes bemerkte, fuhr ſie fort:„Aber was haben Sie dann, Herr Julian? Wie blaß Sie ſind!. Ihre Züge ſind ganz entſtellt.“ „Glauben Sie, Madame?... O, das kommt von dem, was ich eben hörte, her!“ „Es hat Sie geſchmerzt, nicht wahr? Einen armen Greis anfallen, das iſt abſcheulich.. aber die Räuber achten Niemand. Ich glaube, Herr Julian, daß wenn Ihnen ein ſolches Ereigniß zugeſtoßen wäre, Sie ſich nicht ſo ſchnell getröſtet hätten als dieſer gute Mann.“ Julian murmelt einige ſchwer vernehmbare Worte und verſucht zu lächeln, aber ſein Geſicht bietet jetzt einen ſchreckenerregenden Anblick dar, ſo zerſtört ſieht es aus; um ſich eine Haltung zu geben, fteckt er einen Griffel, den er in ſeiner Taſche fand, zwiſchen die Zähne und beißt darauf, als ob er ihn zerbrechen wollte. Herr Candrillon, der die Hand des Vaters Sa⸗ venay geſchüttelt hat, ruft aus:„Sich tröſten!.. ei, Hagel, das iſt leicht geſagt; aber dadurch be⸗ kommt man kein Geld wiederz es wäre beſſer, wenn man es wieder fände. Haben Sie Ihre Anzeige ge⸗ macht?“ „Ja, an demſelbigen Tage den Behörden von Fontainebleau. Man hat Gendarmen den Wald durchſtreifen laſſen, aber die Räuber waren nicht mehr darin.“ „Dann iſt das ein verlorenes Geld, mein armer Alter! Wohlan aber, was haben Sie dann gethan 2 Warum ſind Sie nicht zurückgekommen, um Ihren Platz bei dem Schmiedmeiſter einzunehmen?“ „Weil man denſelben einem armen Familienvater gegeben hat, den dieß ſehr glücklich macht, und weil ich ſein Wohlergehen, ſein Glück nicht zerſtören wollte.“ „Hml was für ein braver Mann Sie ſind!.. Das nenne ich einen guten Greis! Welche redliche Seele!... Donnerwetter! zu Seinesgleichen wird der Taig nicht mehr angemacht.“ „Wird man ſich mit dieſem alten guten Jungen noch lange beſchäftigen?“ murrt Madame St. Go⸗ vibert, den Mund verziehend, vor ſich hinz„mir ſcheint doch, wir geben für ihn keine Abendunterhaltung! Das wird ſehr moneton! Und Herr Candrillon, der von Taig redet. „Aber Papa Savenay, was haben Sie denn ſeit⸗ her gemacht? Warum haben Sie mir nicht geſchrie⸗ ben? Warum haben Sie Herrn St. Godibert nicht veſucht, an den ich Sie empfohlen hatte?“ „Meiner Treu', Herr Candrillon, ich wagte nicht⸗ * 95 Sie zu beläſtigen; ferner hatte ich keinen Grund mehr, dieſen Herrn zu überlaufen. Als ich in Paris ankam, fand ich eine kleine Anſtellung bei einem Kaufmann und griff mit beiden Händen zu; unglück⸗ licher Weiſe war die Arbeit nur vorübergehend und geſtern ging das Geſchäft, das ich bei ihm beſorgte, zu Ende.“ „O, ſeien Sie ruhig, Papa, wir werden uns Ihre Lage angelegen ſein laſſen, wir werden Ihnen einen Platz findenz nämlich der Vater Savenay ſchreibt und rechnet ſehr gut und arbeitet mit eben ſo großem Eifer als ein junger Mann.“ „Ei, natürlich! Ich bin nicht träge und da ich mich gut befinde, ſo geht es noch.“ „St. Godibert, Sie müſſen mir eine Stelle für meinen Schützling finden, verſtanden? und zwar nicht als Supernumerarius.., er iſt zu alt dazu.“ Herr St. Godibert zieht ſich an der Naſe und murmelt:„Ach, ja freilich, wenn ich Gelegenheit finde; die Plätze ſind nur ſo rar.“ „Bah, bah! das ſagt man immer und doch bringt ſich Jeder unter.“„ „Wenn das noch lange ſo fortgeht, ſo wird es mir übel,“ ſagte Madame St. Godibert zu dem Major. Dann läuft ſie plötzlich auf Herrn Candrillon zu, reißt ihn nach dem Bouillotte⸗Tiſch hin und ſagt:„So ſpielen Sie doch, Herr Candrillon, da ſehen Sie, es iſt ein Platz offen, und Sie lieben das Bouillotte ſo ſehr.“ „Ja, in der That,“ ſagte der große Herr;„ich 96 habe zudem Revanche zu verlangen, denn eben hat mir Herr Derneßty all mein Geld abgenommen. Sie geben mir es einſtweilen zuräck, nicht wahr?“ Herr Derneſth antwortet nur durch ein Kopfnicken. Die Bouillotte⸗Parthie fängt wieder an. Wie Herr St. Godibert den Herrn Candrillon beſchäftigt ſieht, benützt er dieſe Augenblicke, um ſich von Vater Sa⸗ venay zu entfernen. Friedrich dagegen, welcher den Greis ziemlich verlegen in der Mitte des Salons ſtehen ſieht, eilt zu ihm hin und bietet ihm einen Stuhl an; aber Vater Savenah dankt dem großen jungen Mann, indem er ſagt:„Ich bin Ihnen ſehr verbunden, mein Herr, aber ich entferne mich; ich vin nicht an die Geſellſchaft gewöhnt und fühle wohl, daß ich nicht hieher tauge.“ „Warum das? Sie ſind ein Freund des Herrn Candrillon: deßhalb ſi 6 eht Sie mein Onkel mit Ver⸗ gnügen.“ „Sie ſind ſehr gütig; aber ehe ich mich entferne, muß ich dennoch Herrn St. Godibert Etwas fragen ich kam ſogar deßhalb; ſonſt hätte ich mir nicht erlaubt, ihm einen Beſuch zu machen.“ „Mein Oheim,“ ruft Friedrich, indem er Herrn St. Godibert wieder zu dem Greiſe herbeiholt,„der Herr hat Sie Etwas zu fragen?“ „O⸗ ich werde mir Mühe geben.. ich werde an den Herrn denken, wenn es mir möglich iſt,“ antwortete St. Godibert, indem er bereits ſeine wichtige Miene wieder annimmt,„aber ich kann nicht ſagen, van ich gefunden haben werde.“ 97 „Es handelt ſich nicht um mich, mein Herr,“ ant⸗ wortet der Greis,„ſondern um eine Perſon, für die ich mich ſehr intereſſire, weil ſie es verdient.“ „Zur Sache, mein Herr; ich habe viele Leute und bin mich meiner Geſellſchaft ſchuldig.“ „Ich bin gleich fertig, mein Herr: ein junges Mädchen, deren Bekanntſchaft ich gemacht habe. auf ſonderbare Weiſe... doch das iſt eine andere Geſchichte, welche Ihnen zu viele Zeit wegnähme „Ja, ſie nähme mir zu viele Zeit weg.“ „Dieſes junge Mädchen aus dem Dorfe Avon bei Fontainebleau war zum erſten Mal nach Paris ge⸗ kommen, um zwei Oheime aufzuſuchen, welchen ihr Vater ſie zuſchickte; ſie hatte deren Adreſſe und den⸗ noch kannte man weder den Einen noch den Andern da, wohin ſie gewieſen war.“. Friedrich bebt vor Erwartung, wie er den Greis hört, während Herr St. Godibert ſein Kinn in ſeine Cravatte tiefer hineinſteckt und Richard nach einander gelb, roth und blau wird. Herr Candrillon, welcher trotz ſeines Spielens immer auf das hört, was ſein alter Freund ſagt, ruft aus:„Ei, ei, Vater Save⸗ nay, Sie haben die Bekanntſchaft eines jungen Mäd⸗ chens gemacht? Ich ſagte es ja ſo eben!. Herr Der⸗ neſty, da liegt mein Geld, halten Sie?“ Derneſty ſchüttelt den Kopf. „So, ſo! es ſcheint, Sie ſpielen jetzt den Stum⸗ men,“ entgegnet der Capitalit.„Fahren Sie doch fort, Vater Savenay, Ihr junges Mädchen intereſſirt Paul de Kock. LXRVII. 7 98 „Sie berdient es, mein werther Hekr. Alſo, die⸗ ſes arme Kind hat ihre Dheime in Paris nicht ent⸗ decken können. Aber und darum bin ich gekommen, einer der Beiden wohnte, wie man ſie verſichert hatte, in dieſem Häuſe; ſie kam hiether und hat umſonſt dem Herrn Nicvlaus Gogo, denn Gogo heißen ihre Oheime, nachgefragt.“ „Gogo? Ei, welch' ein drolliger Name!“ vuft Herr Candrillon, aus vollem Halſe lachend. Aber während der vicke Herr lacht, iſt Madame St. Godibert in einen Lehnſtuhl geſunken und hält ſich ein Riechfläſchchen unter die Naſe, indem ſie ſöhnt:„Ach, das Gas macht mir unwbhl]“ „Das Gas?“ ſagt Herr Roquet, indem er ſich überall im Salon ümſieht.„Das iſt ſonderbar. ich ſehe keines; ah, es kommt offenbar von Außen.“ Herr Mondigo ünd ſein Bruder haben einander gegenſeitig einen Blick zugeworfen, worin ſich beinahe Entſetzen malt, und Friedrich nimuit eben einen An⸗ lauf zuni Sptechen; äber wie er den Mund aufthun will, hält ihn ſein Oheim St. Gobibert zurick nimnt ihn am Arme und raunt ihm ſchnell ins Ohr: „Schweig“ ich bitte Dich, ich werbe Dit vieſen Abend die fünfhundert Franken, die ich Dir abgeſchlagen, leihen.“ Was Julian betrifft, ſo malle ſich in ſeinen Zü⸗ gen wohl ein Anflug von Erſtaunen, als er den wahren Namen ſeines Vaters nennen hörte; aber er fällt gleich wieder in ſein Lumpfes Hinbrüten zurück, indem er fortfährt, den Kopf auf die Bruß herat⸗ * 99 zuteigen unv ſich hinter Madame Marmvdin zu pül⸗ ten, als hätte er den Blicken des Greiſes, der millen im Saal war, ausweichen wollen.“ „Ja die Oheime dieſes jungen Mädchens heißen Gogo,“ fährt der alle Savenah fort,„und da Herr St. Godibert in dieſem Hauſe wohnt, das man die⸗ ſem armen Kind als vie Wohnung des einen derſel⸗ ben bezeichnet hatte, ſo verfiel ich dadurch auf den Gebanken, bei ihm anzüfragen, ob er vielleicht einen dieſer Herren Gozo, welche wir nirgends entbecken, gekannt habe. Dabei erinnette ich mich an den Brief, welchen Herr Cändrillon mit an Herrn St. Godibert zu geben die Güte gehabt hatte, und ich hoffte mich deſſelben als einer Empfehlung zu behienen; deßyalb war ich ſo frei, heute Abend den Herrt zu beläſtigen. Ich wäre ſehr glücklich, weün er uns irgend einen Aufſchluß ertheilen könnte, der uns auf die Spur eines der Herren Gogo führte, welche wir vergeblich in ganz Päris ſuchen.“ e eh ch kente vieſelben ſicht, nelü terther Herr,⸗ ſagte Heir St. Godibert) indein et ſich ſchneuzt, uit ſeine Schattöthe zu verbetgeß; nie habe ich von ihnen reden gehört. Ich bebüure ſehr, Ihnon in dieſer Hinſicht nicht nützlich fein zu können, aber ich werde an Sie denken, Hert Süvtnah. o ich erſpreche Ihnen mein Möglichſtes zu thün, um Ihnen einen Platz. eine Anſtellüng, etwas Eiträgliches zt finden „ Sehr verbünben, meiß Herr. Wohlan denn, da Sie mir ſicht zut Auffinbing der Oheime meines jungen Wäbchens helfen Könten, ſo hleißt iir Richts 100 mehr übrig, als zu gehen und Sie für meine Stö⸗ rung um Verzeihung zu bitten.“ „Wie, Sie wollen ſchon fort, Vater Savenay?“ ruft Herr Candrillon, während St. Godibert, ent⸗ zückt, den alten Mann ſich entfernen zu ſehen, ihn bis an die Thüre begleitet. „Ja, Herr Candrillon, ich kehre in meine Wohnung zurück.“ „Gut, doch bevor Sie gehen, geben Sie uns Ihre Adreſſe, damit ich jetzt weiß, wo ich Sie finden ſoll, mein alter Freund, denn ich werde Sie beſuchen, ſo wahr ich lebe. O, ich mag Sie nicht noch einmal verlieren.“ „Sie ſind ſehr gütig, mein lieber Herr: ich wohne Straße Huchette, ganz nahe an der Straße Vieille⸗ Bouclerie, im Hauſe des Töpferwaarenhändlers.“ „Schön, Vater Savenay, ich werd' es nicht ver⸗ geſſen.“ „Und ich eben ſo wenig,“ dachte Friedrich. „Sie ſollen von mir hören,“ fügt Herr Candril⸗ lon bei,„weil ich nicht will, daß Sie in Ihrem Al⸗ ter blaue Gedärme bekommen und ohne eine gute und ſichere Ration bleiben.“ „In der Straße Huchette wohnen!“ murmelt Ro⸗ guet, indem er der Madame St. Godibert zulächelt, „dort gibt es Peſtſtoffe.“ 3 Aber gegen ſeine Erwartung antwortet ihm die Hausherrin Nichts. Beharrlich folgt ſie dem alten Mann mit den Augen und wartet, bis er aus ihrem Hauſe hinaus iſt, um wieder frei aufzuathmen. 101 „Meine Herren, meine Damen und Geſellſchaft, ich habe die Ehre, Ihnen guten Abend zu wünſchen,“ ſagte der Vater Savenay, ſich dem ganzen Cirkel empfehlend. Julian hält ſich immer hinter Madame Marmo⸗ din und bückt den Kopf, als der Greis an ihm vor⸗ übergeht. Auch der Schriftſteller wendet ſich weg, wie wenn er ſich ſeines Betragens ſchämte. Herr St. Godibert drängt den guten Mann fortwährend der Thüre zu und Friedrich folgt ihm theilnehmend mit den Augen. Endlich iſt der Vater Savenay aus dem Saal hinaus, aber Herr St. Godibert begleitet ihn bis zur Thüre auf dem Hausgang, um gewiß zu ſein, daß er nicht mehr in der Nähe iſt. Während deſſen hat ſich Friedrich an ſeinen Vet⸗ ter gemacht; er flüſtert ihm zu:„Das junge Mäd⸗ chen, von welchem dieſer Greis redete, iſt die ſo hübſche Roſa⸗Maria, deren Geliebter Richard gewe⸗ ſen ſein will; ſie iſt unſer Bäschen.“ „Ja, ja, ich weiß es wohl.“ „Dein Vater weiß gleichfalls gut, daß es ſeine Nichte iſt.. Mondigo weiß es nicht minder, und dennoch haben ſie es nicht geſagt. Lieber verlaſſen ſie dieſes arme Mädchen, als daß ſie ſich für die Gogo, die man ſucht, zu erkennen geben. Weißt Du, daß das geringfügig iſt?... Wie! Du antworteſt nicht? Guter Gott! wie blaß, wie niedergeſchlagen Du biſt. fürchteſt auch Du Dich, zu geſtehen, daß Du ein Gogo biſt, Du?⸗ 102 Nein, nicht das⸗ aber ich war ſo erſchüttert.. ich fühlte mich verlegen.“ 2 „Nun, ſei nur ruhig! Ich weiß, was mir zu thun obliegt.“ Im Was iſt denn Dein Plan?6 1 „Erſt genau zu erfahren, was Alles meiner Baſe ſeit ihrer Anweſenheit in Paris begegnet iſt; mich zu vergewiſſern, ob Richard ſie nicht verleumdet hatz und im Fall, daß Roſa⸗Maria eine anſtändige und⸗ was ſie zu ſein ſchien, tugendhaſte Jungfrau iſt, o dann, meine Herren Gogo, thut es mir unendlich leid, aber dieſe kleine hübſche Nichte muß aufgenvm⸗ men und nicht bei dem armen Greiſe gelaſſen wer⸗ „Wie, Du wollteſt, z n nen na Friedrich antwortet ſeinem Vetter nicht mehr; er iſt aufgeſtanden und zu dem Spieltiſch getreten, um ſeinen Freund Richard zu betrachten, der eine ſonder⸗ bare Figur macht; in dieſem Augenblick ſetzt Can⸗ drillon all ſein Geld⸗ 25 kio) n „Ich halte!“ ruft Derneſty, ſein Spiel umſchla⸗ „Ei, ſieh' da!“ ſagt der dicke Capitaliſt, Derneſty ſcharf anſehend,„Sir ſpielen jetzt nicht mehr den Stummen; Sie ſind alſo wieder zu Stimme gekom⸗ Der junge Mann antwortet Nichts. Herr St. Godibert kehrt jetzt mit ganz vergnügter Mienc, ſich die Hände reibend, in den Salon zurück; er nickt ſeinem Bruder zu und ſetzt ſich neben ſeine Frau, der 103 er in's Ohr ſagt:„Fort! wir ſind ſiter los und es thut Nichts.“ „Ach Goit!“ Angelta,„die Geſchichte hat eine ganze Gährung in mir gemncht ich muß aſehen wie eine Quitte.“ Viertes Sritet Per V etter und! bie Baf⸗ Am nächſten Tage hatte es kaum früh acht Uhr geſchlagen, als Friedrich, der in einem Cabriolet ſich in die Straße Huchette hatte führen laſſen, rund um⸗ her einen Töpferwaarenſtand aufſuchte und endlich die Auslage des Ehepaars Bichat wahrnimmt. Augen⸗ blicklich läßt er ſeinen Mylord halten, ſteigt ab und tritt in die Boutike, wo ſich eben die eiferſüchtige Clara befindet, welche beim Anblick eines jungen, eleganten und hübſchen Junggeſellen die langen tud ten ihrer Perrücke hin und her zieht. n „Madame,“ ſagte Friedrich,„könnten Sie mir ſagen, ob in dieſem Hanſe ein guter, ehrlich ausſe⸗ hender alter Mann Namens Savenay wohnt 2 „Ja, mein Herr, allerdings wohnt er in dieſem Hauſet im fünften Stock. Sie winſcen ihn vielleicht zu ſprechen?“ „Ja, Madame, und ich wil%d „Sie finden ihn in dieſem Setnlis uitn er iſt bereits ausgegangen.“ zn „Bexeits 2“ 6h zind„0 n n 104 „O, aber er kommit bald zurück: er holt nur ſei⸗ nen kleinen Mundvorrath zum Frühſtück in der Rach⸗ barſchaft, denn ſeit zwei Tagen hat dieſer arme Herr Savenay kein Geſchäft mehr und vaher Zeit, ſich der kleinen Haushaltungsſorgen zu unterziehen; er be⸗ hauptet, das mache ihm Spaß. doch halt, ich glaube, er kommt zurück: man hört ihn immer, ehe man ihn ſieht.“ Wirklich ließ ſich eine klare helle Stimme in der Straße vernehmen, die ſang: „Die Lumpen ſind doch Am glücklichſten noch: Sie lieben ſich. Hoch! Das Lumpenpack, hoch!“ Bald geht der Vater Savenay an der Boutike vorüber; Madame Bichat ruft ihn. fragt.. hüten Sie doch einen Augenblick meinen La⸗ den, ich will nur ſehen, was der ungezogene Bichat macht, der eine Ewigkeit ausbleibt.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, rennt die un⸗ botmäßige Clara aus der Boutike fort. Als der alte Mann eintritt, ſieht er Friedrich an, der ihm die Hand entgegenſtreckt und zuruft:„Guten Morgen, Herr Savenay, erkennen Sie mich?“ „Meiner Treu', Herr, warten Sie... doch, ich glaube Sie geſtern im Hauſe des Herrn St. Godi⸗ bert geſehen zu haben; Sie waren ſo gütig, mir einen Stuhl anzubieten.“ „Ja, in der That, ich bin höflich gegen Sie ge⸗ „Papa Savenay, hier iſt ein Herr, der nach Ihnen 105 weſen und Sie mußten es bemerken, denn der Haus⸗ herr war es nicht.“ „O, ich will das nicht ſagen, mein Herr.“ „Ich heiße Friedrich Reyval, bin der Reffe des Herrn St. Godibert und komme, mit Ihnen in Be⸗ ziehung auf das junge Mädchen, das Sie aufgenom⸗ men haben, zu reden.“ „Roſa⸗Maria? Sie iſt oben, in meinem Hauſe, ar⸗ beitet und reinigt meine kleine Behauſung, das liebe Kind; morgen aber will ſie mich verlaſſen, in ihr Dorf zurückkehren... und in der That, da ihre Oheime unauffindbar ſind.. wenn Sie die Mühe nehmen wollen, hinaufzugehen, mein Herr... aber mein Gott! da läßt uns Madame Bichat ſtehen... läuft aus ihrer Boutike hinweg...“ „Wir können uns hier unterhalten, Herr Save⸗ nay, da wir allein ſind; es iſt mir ſogar lieber, die⸗ ſes junge Mädchen erſt nachher zu ſehen, denn Sie müſſen mir die Wahrheit ſagen über Alles, was ſich auf ſie bezieht und gewiß werden Sie mir dieſelbe ſagen; aber vielleicht wiſſen Sie ſelbſt nur, was ſie Ihnen gerne mittheilen mochte. Sehen Sie, guter Greis, Sie ſind ein rechtſchaffener Mann und ich kann mich Ihnen anvertrauen: ich kenne Roſa⸗ Maria's Verwandte und kann ihr ihre Oheime auf⸗ finden helfen, welche ſie ſo lange ſchon vergeblich ſucht.“ „Wäre es möglich, mein Herr?“ „Ja, ich kann und ich werde es thun, wenn dieſes junge Mädchen verdient, daß man ſich für ſie intereſſirt, und wenn ſie, ſeit ſie in Paris iſt, durch 106— ihr Betragen ihrer Familie keine Schande machte, was mir übrigens Jemand geſagt hat.“ 1104 „Ihren Verwandten Schande machen! ſie, die Sanfte, die Tugendhafte, die Anſtändige!. ſie, die ihren Vater ſo ſehr liebt und in ihrer Krankheit nur nach ihm riefe nur ihn verlangte?.. O, mein Herr, wer von Roſa⸗Maria Böſes geſagt hat, iſt ein Be⸗ trügerz ich ſchwöre, daß es nur Verläumdung ſein kanm„ H9 1330 „Das wünſche ich ſehr, Vater Savenap, aber ſeit wann iſt ſie bei Ihnen? Wie haben Sie ſie kennen gelernt? Erzählen Sie mir Alles, vergeſſen Sie kei⸗ nen Umſtand,“ n omqon Der Greis berichtet Friedrich, was er in Beziehung auf das junge Mädchen weiß und wie man ſie guf der Straße eingeſchlafen gefunden und bei Tages⸗ anbruch zu dem Hafner gebracht habe 7 n WDer junge Mann hört aufmerkſam zu, dann ruft er aus:„Wenn es wahr wäre.. die arme Kleine, wenn ſie in der That gleich am andern Tage nach ihrer Ankunft in Paris hierher kam, dann iſt die⸗ ſer Richard ein Elender, der uns belog. Aber wie wollen Sie deſſen gewiß ſein, daß ſie an demſelben Tage ankam, an welchem ſie Nachts auf der Straße gefunden wurde?“ n 2 deni Die Rückkunft der Frau Bichat unterbricht dieſe Unterredung; die Krämerin langt in Geſellſchaft ihres Mannes und ſeines Freundes Glurcau an. X „Da hahe ich ihn, den Wüſtlingl“ ruft Elara ſchon an der Thüre,„ich habe ihn gefunden: er war 7 107 in der Kneipe mit dem Gevatter Gluregu; doch ich verzeihe ihm; ein wenig Wein laſſe ich ihm von Zeit zu Zeit hingehen, wenn er mir nur in anderer Be⸗ ziehung unangetaſtet bleibt.“ Wie Friedrich den Mann mit dem Koſalenſchadel bemerkt, ſucht er ſich auf Etwas zu beſinnenz Vater Savenay hilft ihm auf den Sprung, indem er ſagt: „Sehen Sie, mein Herr, das iſt der brave Mann, welcher das arme Kind des Nachts auf einer Stein⸗ bank eingeſchlafen fand und hierher führte.“ „Ja, gewiß bin ich der,“ ſagte Glureau Sitre⸗ tendz„habe ich micht recht getham?“ „Kannten Sie dieſes junge Mädchen ſchyn?“ frate Friedrich. „Nein, außer daß ich mit ihr auf der einnn gefahren bin.“ „Auf der Eiſenbahn?. Ach ja, Sie jetzt! Sie waren in der Ecke des Wagens, nur ein junger Mann ſaß zwiſchen uns.“ „Wahr! ich ſaß in der Ecke. ei, ich beſinne eni jetzt wieder auf Sie, mein Herr: Sie waren in Ge⸗ ſellſchaft des häßlichen, widerwärtigen Jungen, der mich eine Priſe Tabak zu nehmen hinderte.“ „Richtig! Wohlan, ſagen Sie mir: wann haben Sie Roſa⸗Maria pegegnet?“ „Wann? zum Kuckuk, gleich in der Nact nach meiner Ankunft in Paris.“ „In derſelben achbna Sind F nſen ge⸗ wiß?“ Kann ich mich denn täuſchen 5 war noch 108 nicht in meine Stellung als Inſpektor der Straßen⸗ reinigung eingetreten... die arme Kleine, ſie hatte ſich vor Ihrem ſchnöden Freunde, der ſie mit Gewalt in ſein Logis ſchleppen wollte, gerettet; ſie war lange die Kreuz und Quere durch die Straßen gerannt, endlich hatte ſie ſich, von Ermüdung erſchöpft, auf die Steinbank gelegt, wo ich ſie in der Dämmerung ſchlafend fand.. aber freilich hatte ſie gleich darauf eine famoſe Krankheit durchzumachen, weil ſie dort in der Nachtluft eingeſchlafen war.“ „Ha, jetzt iſt kein Zweifel mehr: dieſer ſchänd⸗ liche Richard hat ſie unwürdig verleumdet! Nicht genug, daß er durch den Verſuch, Roſa in ſeine Wohnung zu ſchleppen, ihre Lage mißbrauchte, nein, da ihm das Bubenſtück nicht gelungen, ſo wollte er ſich rächen, indem er vorgab, ſie habe drei Tage bei ihm zugebracht!“ „Welche Abſcheulichkeit!“ ruft der Greis, die Hände zuſammenſchlagend.„Alſo glaubt ein leichtes Sub⸗ jekt, baß er ein junges Mädchen, welches bei Ehren bleiben will, ſtatt daſſelbe darum zu ehren, auch noch verläumden, noch ſeines guten Leumunds berauben müſſe!“. „Nicht alle leichten Subjekte führen ſich ſo auf, Vater Seſ ſagte Friedrich lächelnd;„es gibt welche, die bei allem Jagen nach Vergnügen und Weibergunſt dem wahren Werthe und der Tugend noch Gerechtigkeit angedeihen zu laſſen wiſſen.“ „Wie, wie!“ ſchreit Glureau, ſeine Aermel zurück⸗ ſtülpend,„der bösartige Zierbengel hat behauptet: „ 109 Mamſelle Roſa⸗Maria ſei ſeine Maitreſſe geweſen? Das iſt mir ein ſauberer Vogel! Ha, Du ſollſt mir einmal in den Weg kommen, guter Freund, ich will Dir eine ſchöne Suppe einbrocken! Jetzt freut es mich erſt recht, daß mein junger Freund Feroce mich das Pauken mit der Schlurre lehrte, das ich jetzt von Grund aus verſtehe.“ „Gehen wir in Ihre Wohnung hinauf, Vaier Savenay,“ ruft Friedrich,„und ſchnell, denn mich drängt es, Roſa⸗Maria zu beſuchen und ſie in das Haus ihrer Oheime zu führen.“ „Wie, mein Herr, Sie wiſſen, wo dieſelben woh⸗ nen?“ „Ja doch; aber kommen Sie, gehen wir in p. Wohnung hinauf.“ Roſa⸗Maria hatte eben die beiden Zimmer, wor⸗ aus die Wohnung ihres Beſchützers beſtand, in Ord⸗ nung gebracht; ſie ſaß jetzt am Fenſter und arbei⸗ tete. Das junge Mädchen war traurig und nach⸗ denklich. Beunruhigt über das Ausbleiben einer Ant⸗ wort von ihrem Vater ſtand ihr Entſchluß feſt, am folgenden Tage in ihr Dorf zurückzureiſen und ſie wollte den Vater Savenay um ſeine Begleitung bit⸗ ten, damit er ihrem Vater bezeugen könne, was ſie während ihres Aufenthalts in Paris gethan habe. Plötzlich kommt man in das Zimmerz es iſt Va⸗ ter Savenay und Friedrich. Letzterer eilt auf Roſa zu, betrachtet ſie mit Entzücken, nimmt und drückt ihre Hand und ruft aus:„Meine Baſe, wollen Sie mir erlauben, daß ich Sie küſſe?“ — 1¹⁰ Roſa⸗Maria iſt ganz erſtaunt, der Vater Sabenah ſelbſt ſieht den jungen Mann befremdet an und Frie⸗ drich hat, ohne auf eine Antwort zu warten, bereits einen Kuß auf die friſchen Roſenwangen ſeines Bäs⸗ chens gedrückt. „Wie, mein Herr?“ fragte der Greis,„Sie ſind alſo. „Ja, Papa Sabenah, ich bin ein Gogo, aber von weiblicher Seite. Sohn von Thereſe, der Schweſter Ihres Vaters, mein theures Bäschen, welche Hertn Reyval heirathete, weßhalb ich Friedrich Reyval heiße.“ Roſu ſchlägt ſchüchtern die Augen zu ihrem Vetter auf, indem ſie ſtammelt:„Ach, mein Herr Vetter, wie ſehr freue ich mich, meine Famtlie wiedergefun⸗ den zu haben, denn Sie müſſen wiſſen, wo mieine Oheime ſind.“ n „Ja, mein Bäschen, ja gewiß, bas weiß ich; aber ſagen Sie mir doch zuvor, wer Ihnen die Adreſſe verſelben in Paris gegeben hal.“ S Unſer Vetter Brouillard, der uns dieſen Som⸗ mer in Avon beſucht hat: er ſagte mit, meit Sulel ichlaus wohne in der St. Lazarusſtraße und mein Onkel Euſtachius in ver Venbomiſttaße⸗ Nun, er hatte Sie wirklich nicht belogen; aber ich begreife nur nicht, daß er mit der Adreſſe Ihrer Oheime Ihnen nicht auch den Ramen derſelben mit⸗ getheilt hat! S 3i hre Namen? Wie, mein Velter, nennen ſich denn meine Oheime nicht mehr Gogo?“ 4. „Nein, hübſches Bäschen, und darum half Sie 1¹¹ alles Suchen und Fragen nach denſelben in Paris Nichts. In Paris gibt es keiten Gogo mehr ver Name Gogo iſt verloren, geſtrichen, vergangen, kurz todt.“ e „Todt! O mein Golt, was ſoll vas bedeuken?⸗ „Das ſoll bedeukett, daß Euſtachius Gogo, ver Schriftfteller, ſich jetzt Mondigö nennt, und Nicolaus Gogo, der Finanzmann, jetzt Herr St. Godibert, Bankier geworden i.“ F „St. Godibert!“ wiedetholt der alte Sabenäh, „wie, dieſer Herr, in deſſen Haus ich geſtern Abend ging und an den ich einen Empfehlungsbrief hatte 2“ „Iſt Nicolaus Gogo mein Onkel unb der Ihrige, mein Bäschen.“ S „Aber als ich ihm geſtern von vieſent theüren Kinde, das ſeine Verwandten ſucht, ſprach, als ich ihn fragte, vb er Gogo's kenne, antwortete er mir: „Neinke“ R ani 4, Papa Savenah, ja! und ich muß Zeſtehen, däß auf den erſten Anblick das Ihnen eine ziemlich ſchlechte Meinung von ihm beibringen muß. Aber Sie haben ja Erfähtung, Sit kennen ſa vie Men⸗ ſchen und wiſſen ihte Schwächen zu entſchuldigen und mit Ihrer Eitelkeit Nachſicht zu haben. Däs Alles, mein kheures Bäbchen, will ſagen, daß unſere beiden Oheime fanden, der Name Gögo klinge nicht güt genug oder klinge zu ſtark; ich will nicht gerade glauben, daß ſie ſich ihres bäuerlichen Urſprungs ſchämen, aber du lieber Gott! es gibt Leute, die ſich einbilden, um in der Welt angeſehen zu werden, 112 müſſe man ſein Geſchlechtsregiſter auf den König Pipin oder Carl den Großen zurückführen. Darum iſt es eine gewöhnliche Erſcheinung, daß Leute ihren Namen ändern oder demſelben noch den eines Gutes, eines erkauften Schloſſes oder ihres Geburtsortes bei⸗ fügen. Das iſt eine Kleinlichkeit, aber kein Verbre⸗ chen. Sehr übel gethan wäre es freilich, wenn ſie dann deßhalb ihre Verwandten zurückſtießen oder nicht kengen wollten... ein ſolcher Gedanke ſtieg aber in meinem Oheim St. Godibert niemals auf. Nur begreifen Sie, daß er geſtern vor all' den Leuten, welche von ſeinem wahren Namen Gogo Nichts wiſ⸗ ſen, ſehr in Verlegenheit gerathen wäre, ſich auf einmal dazu zu bekennen, Erklärungen zu geben, ſich dem Spotte auszuſetzen, was die Menſchen am aller⸗ meiſten fürchten; deßhalb blieb Herr St. Godibert ſtumm. Aber wie mag man nur denken, daß er ſeine Nichte, die Tochter ſeines Bruders, zurückſtieße? ihr nicht geſtände, daß er ihr Oheim iſt? Beileibe! Nur wollte man wiſſen, was Sie ſeit Ihrem Aufent⸗ halt in Paris gethan, meine hübſche Baſe, und da⸗ rum bin ich dieſen Morgen als Plänkler gekommen. Jetzt, da ich erfahren habe, daß Sie eben ſo ſittſam als ſchön ſing kehre ich zu Herrn St. Godibert zu⸗ rück, ſage ihm, daß er eine reizende Nichte hat, auf welche er ſtolz ſein darf und er Lird Sie mit offenen Armen aufnehmen, oder aber. „Wie? alſo iſt es nicht mein Oheim, der Sie hieher ſchickt, mein Vetter?“ fragte Roſa, Friedrich ſcharf anſehend. Dieſer bemerkt, daß er eine Dumm⸗ 113 heit geſagt hat und fällt ſogleich ein:„Ich habe nicht gewartet, bis er mich ſchickte, aber ich weiß ſehr wohl, daß es ſeine Abſicht war. A propos! noch eine Frage: warum kam Ihr Vater auf den Gedanken, ſich von Ihnen zu trennen und zu welchem Zweck ſchickte er Sie nach Paris zu Ihren Oheimen?“ „Mein Vater hatte einen Unglücksfall gehabt... eine durch langjährigen Fleiß zuſammengeſparte Summe war ihm verloren gegangen. Da fürchtete er, meine Zukunft möchte, wenn ich im Dorfe bleibe, nicht glücklich ſein und wollte vurchaus, daß ich nach Paris reiſe. Er dachte, ſeine Brüder würden mich mit Vergnügen aufnehmen. Ich aber habe keinen Ehr⸗ geiz, mein Vetter, und würde gerne in mein Dorf zurücktehren.“ „In's Dorf zurückkehren, Sie!.. das wäre ein Mord und wir würden es nicht leiden. Nehmen Sie Ihre Siebenſachen, packen Sie ein; ich kehre zu mei⸗ nem Onkel St. Godibert zurück und ehe zwei Stun⸗ den vergehen, bin ich wieder da, Sie abzuholen. Auch Sie müſſen mitkommen, Papa Savenay: Sie haben meine Baſe aufgeleſen und Sie ſollen ſie auch zu ihrem Oheim hinführen.“ „Ich, mein Herr? aber nach dem, gs geſtern. „Ich ſage Ihnen, von geſtern iſt keine Rede mehr! Rüſten Sie ſich, ich komme gleich wieder, Sie ab⸗ zuholen.“ Und Friedrich eilt hinaus, ohne auf die Gegen⸗ vorſtellungen des jungen Mädchens und des alten Paul de Kock. LXKXvII. 10 Soi 1¹4 Mannes zu hören. Er fleigt wiever ein in ſein Ca⸗ briolet, läßt ſich in die Straße St. Lazare führen und denkt den ganzen Weg über nur an ſein Bäschen, indem er bei ſich ſagt:„Hübſch und tugendhaft. ha, Canaille von Richard, Du ſollſt es mit mir zu thun haben! Ei, und dieſer Leopold, dieſer junge Maler, der in Roſa⸗Maria verliebt iſt. ſoll ich ihm ſagen, daß ich ſie wiedergefunden habe, daß ich weiß, was man über ſie ſagte, ſei Verläumdung? Ja, das werde ich ihm ſagen. Aber wo meine Cvu⸗ ſine ſich befindet, das werde ich ihm verſchweigenz ich ſehe nicht ein, warum ich der Liebſchaft dieſes Herrn dienen ſollte. Roſa iſt ſo ſchön„ ſie ſoll nicht mehr an den jungen Mann denken, vorausge⸗ ſetzt, daß ſie jemals an ihn gedacht!.. Die Geſchichte ihres Porträts hat dunkle Stellen; wenn ſie aber einmal im Hauſe ihres Dheims iſt, wird ſie mir Aufklärung darüber geben, denn alsdann werde ich oft bei meinem Oheim einen Beſuch abſtatten“ Fünftes Kapitel. Die Vorſtellung. Während Friedrich ſich in die Wohnung des Va⸗ ter Savenah begeben hatte, empfing Herr St. Go⸗ dibert einen Beſuch vom Bruder, dem Schriftſteller. Herr Mondigo war kein bösartiger Mann; die Eitelkeit konnte ihn allerdings zu Thorheiten ver⸗ 115 leiten, aber ſie erſtickte nicht gänzlich alle guten Gefühle in ſeinem Herzen. Aus der Abendgeſell⸗ ſchaft ſeines Bruders nach Hauſe zurückgekehrt, war der Schriftſteller in einiger Erregung im Zimmer hin und her gegangen, indeß ſeine Frau, höchſt übel gelaunt, weil ſich Herr Derneſth bei St. Godi⸗ berts kaum ein wenig um ſie bekümmert hatte, ſich auskleidete, ohne auf die Gemüthsbewegung ihres Mannes die geringſte Rückſicht zu nehmen. „Die Sache hat doch eine Seite, die mir ſehr nahe geht,“ ſagte Mondigo, vor ſeiner Frau ſtehen bleibend,„und es darf dabei nicht ſein Bewenden haben.“ 1 „Nicht wahr, es war recht langweilig, recht ein⸗ ſilbig bei Deinem Bruder?“ ſagte Clementine, ihr Kleid aufſchnürend.. „Liebe Frau, Du haſt wie ich den Greis gehört.“ „Ich weiß nicht, was Herr Derneſty heute Abend hatte! Ich habe ihn nie ſo mißlaunig geſehen.“ „Er hat ſie aufgenommen, ſie iſt in ſeinem Hauſe.“ „Wer iſt in ſeinem Hauſe2“ „Das junge Mädchen.“ „Bei Herrn Derneſty iſt ein junges Mädchen?“ Mondigo ſieht ſeine Frau an und ruft aus: „Wer Teufel redet denn von Herrn Derneſty? Ich rede mit Dir von jenem Greiſen, der heute Abend meinem Bruder ſich vorſtellte.“ „Ei, was geht mich der alte Menſch an!“ „Du haſt alſo nicht gehört, was er zu meinem Bruder geſagt hat?“ „ 116 „Ich? warum nicht gar! Habe ich euch denn belauſcht?“ „Nun denn, ſo höre mir zu, liebe Frau. Als ich Dich vor ſieben Jahren zu heirathen das Glück hatte, ſo verbarg ich Dir nicht, daß ich eigentlich Gogo heiße und den Namen Mondigo angenommen habe, weil er ſanfter, wohlklingender, kurz, zu meinem Stand paſſender ſei.“ „Ja, ja, ich erinnere mich wieder; o, ganz gewiß, wenn man Sie Gogo genannt hätte, ſo hätte ich Sie nicht geheirathet. Madame Gogo zu ſein. o pfui! Sie geben zu, daß das häßlich geweſen wäre!“ „Ich läugne es nicht; darum bin ich nur noch Mondigo. Mein Bruder hat deßgleichen gethan, in⸗ dem er ſich St. Godibert nennen lãßt.“ „Daran hat er ſehr wohl gethan.“ „Ja; aber wir haben einen andern Bruder, der auf dem Lande wohnt und ſich fortwährend Gogo nennt.“ „Was geht das Sie an? Sie kommen nicht mit ihm zuſammen.“ „Aber dieſer Bruder hat eine Lochter von ſieb⸗ zehn bis achtzehn Jahren, welche zu ihren Oheimen auf Beſuch reiste und ſie nicht entdecken konnte, weil ſie deren Namensänderung nicht weiß, das ſagte ge⸗ ſtern Abend der gute Mann, den man Savenay heißt, und dem 60,000 Franken geſtohlen wurden.“ „Nun, mein Herr, was wollen Sie daraus ſchlie⸗ ßen?.. Wollten Sie zufällig dieſe Nichte in Ihr 1¹17 Haus aufnehmen? ein iunges Mädchen von achtzehn Jahren, die mich ihre Tante hieße.. ihre Tante Gogo!.. Ha, wie abſcheulich! Wenn Sie das thun, mein Herr, ſo gehe ich, ſo fliehe ich, ſo klage ich auf Scheidung.“ „Aber, EClementine.. „Nein, mein Herr, das iſt aus und vorbei; kein Wort mehr darüber! Von einem achtzehnjährigen Mädchen Tante genannt zu werden... ich, die nur funfundzwanzig Jahre alt iſt! O, lieber laß ich mich hundert Mal ſcheiden!“ „Aber man ſcheidet nicht mehr, Madame.“ „Mir einerlei!“ Und ohne weiter auf ihren Mann hören zu wol⸗ len, geht Madame Mondigo und ſchließt ſich in ihr Schlafzimmer ein, indem ſie den Schriftſteller ſtehen läßt.„Es iſt erſtaunlich, was für einen hartnäcki⸗ gen Charakter meine Frau hat, da ſie doch blond iſt und ich hielt die Blondinen für ſo ſanft! Da traue einer der Haarfarbe!“ t und am andern Morgen früh hatte ſich Mondigo zu ſeinem Bruder, dem Geldmann, begeben und fing an, mit ihm von ihrer Nichte zu reden, und Herr St. Godibert ſchnitt⸗ ſchon Geſichter und ſchüttelte den Kopf mit einer nichts Gutes verkündenden Mienc, als mit einem Mal Friedrich vor ihnen ſtand. „Ah, zum Henker, wie freut es mich, daß ich die beiden Herrn beiſammen treffe!“ ruft der große junge Mann mit heiterer Miene;„wie glücklich trifft ſich das für meine Nachrichten.“ S 8 118 „Was bringen Sie denn für Nachrichten, mein lieber Neffe?“ fragt Mondigo. „Ich komme, mit Ihnen von meiner Baſe zu ſprechen.“ 1 „Ihrer Baſe?“ „Was ſoll das bedeuten?“ ſchreit Herr St. Go⸗ dibert mit wüthender Miene. „Das o, das iſt ein reizendes junges Mäd⸗ chen, eines von jenen Geſichtern, wie man ſie ſehr ſelten trifft: eine Miſchung von Schönheit, Anmuth, Reinheit. Uebrigens, mein lieber Onkel, müſſen Sie ſich derſelben erinnern: ſie iſt mit uns auf der Ei⸗ ſenbahn gereist. Dieſes junge Mädchen iſt in Corbeil eingeſtiegen; ihr Anblick hat Aufſehen erregt„ „Weiter, mein Herr. Was liegt daran) ob ſie häßlich oder ſchön iſt!“ ſulhS „Man findet ſich immer geſchmeichelt, eine Nichte zu haben, die von Jedermann bewundert wird. So⸗ dann, mein theurer Onkel(und daran muß Ihnen am meiſten liegen), muß es Ihnen doch von Wichtig⸗ keit ſein, daß die Tochter Ihres Bruders nicht ohne Freunde, ohne Hülfsquelle allein in Paris daſtehe, ohne einen andern Beſchützer als einen Armen, während ſie doch reiche Verwandte hat, welche etwas Bedeutendes in der Welt vorſtellen.“ „Schweigen Sie, Friedrich, ſchweigen Sie. Wa⸗ rum hat dieſes junge Mädchen ihren Vater verlaſ⸗ ſen? Was brauchte ſie nach Paris zu kommen? Wahrſcheinlich aus Vergnügungsſucht!“ „O, Sie thun ihr Unrecht! Roſa⸗Maria hätte 119 ihren Vater niemals verlaſſen; aber dieſer hat Un⸗ glück erfahren müſſen und dann an die Zukunft ſei⸗ ner Tochter gedacht; er erinnerte ſich ſeiner Brüder und meinte:„Sie werden beſſer als ich die Verſor⸗ gung meines Kindes übernehmen können!““ „Ei, ja doch!.„Geſchichten, Fabeln!.. Fried⸗ rich, Sie wiſſen, was ich Ihnen geſtern Abend ge⸗ ſagt habe ich bin kein Gogo mehr wir ſind keine Gogo mehr! Seien auch Sie ſtumm, ich leihe Ihnen ja gleich die fünfhundert—— die Sie wünſchen.“ „Behalten Sie dieſelben, mein Oheim, ich will nichts mehr davon. Geſtern wollte ich ſchweigen, weil ich fühlte, daß man vor einer großen Geſell⸗ ſchaft Ihrer Eitelkeit ſchonen mußte, jetzt aber hoffe ich, daß Sie Ihre Pflicht thun werden.“ „Meine Pflicht? Was verſtehen Sie darunter, an⸗ maßender Menſch?“ „Ich verſtehe darunter, daß Sie ſofort Ihre Nichte in Ihrem Hauſe aufnehmen ſollen; ich gebe Ihnen den Vorrang vor dem Onkel Mondigo, weil Sie veich ſind, während er es nicht iſt.“ „O, ſonſt,“ rief Mondigo,„ſonſt hätte ich gewiß mit Vergnügen, nämlich unter der Vorausſetzung, daß meine Frau einwillige, was ich jedoch nicht glaube, mich dazu verſtanden. Obgleich ich mich aber nicht wie St. Godibert im Golde wälzen kann, ſo bin ich dennoch zu einigen Opfern, wenn ſie nöthig ſind, bereit.“ Richt varum hanvelt es ſiht⸗ ſwreit St Godi⸗ — 120 bert, ſich wiederholt die Naſe ſchneuzend, was ſteis Zorn bei ihm verräth.„Dieſes junge Mädchen wird nicht in mein Haus kommen; es iſt ihr unbekannt, daß ich ihr Oheim bin: ſie ſoll es niemals erfahren.“ „Verzeihung, mein Oheim, ſie weiß es.“ „Sie weiß, daß ich Gogo heiße?“ „Auswendig und der Vater Savenay auch.“ „Und wer hat ihnen das geſagt?“ „Ich, vor kaum einer halben Stunde; ſo eben habe ich mein Bäschen verlaſſen.“ Herr St. Godibert wirft ſich in einen Lehnſtuyl und drückt ſich den Kopf gegen die Lehne deſſelben; Mondigo, dem die Augen vor Entſetzen ſtarr krhen⸗ ſtammelt:„Und ich„weiß ſie's auch?“ „Ja, mein Oheim, ich wiederhole, daß ich den Beiden euren Namenswechſel mitgetheilt habe.“ „Scheußlich! entſetzlich!“ ruft St. Godibert, in⸗ dem er wie ein Karpfen auf ſeinem Lehnſtuhl jappt. „Min weiß, daß ich ein Gogo bin! man wird mich vor aller Welt Gogo ſchimpfen! Da war es wohl der Mühe werth, Glück zu machen.. Diners zu ge⸗ ben! Meine Frau wird krank darnieder liegen und ich nicht minder. Friedrich, das war kein Helden⸗ ſtück; keine hundert Kreuzer ſchieße ich Ihnen mehr vor!“ Und Mondigv ſchleicht in dem Salon hin 4 her, zur Decke hinaufblickend und in Begleitung von Seufzern murmelnd:„Meine Frau wird ſich von mir ſcheiden, wenn meine Nichte ſie Tante nennt! Clementine, die ihre neunundzwanzig Jahre ſchon 121 eine gute Weile auf dem Rücken hat, hat geſchwo⸗ ren, niemals weiter als fünfundzwanzig zu zählen! Da ſie ſehr blond iſt, ſo muß man ihr geſagt haben, ſie verliere ihr Leben lang ihre Kindermiene nicht.“ Friedrich läßt ſeinen beiden Oheimen Zeit zur Abkühlung. Nachdem der erſte Sturm verbraust iſt, fährt er mit ſehr ruhigem Tone fort:„Meine Her⸗ ren Oheime, wenn Sie ſich die Mühe nehmen wol⸗ len, mich anzuhören, ſo hoffe ich, Ihnen zu bewei⸗ ſen, daß das Uebel, wenn überhaupt eines epiſtirt, bei Weitem nicht ſo groß iſt, als Sie denken. Herr St. Godibert ſoll ſeine Nichte in ſeinem Hauſe auf⸗ nehmen, wo ſie durchaus nicht am unrechten Platze ſteht, denn mein Bäschen iſt keine dicke und unbe⸗ holfene Bäuerin: ſie iſt ein reizendes junges Mäd⸗ chen voll Anmuth und guter Lebensart und beſitzt wenigſtens eben ſo viel gute Erziehung als meine Tante Angelika. Mein Onkel Mondigo ſoll von Zeit zu Zeit ſeiner Nichte einige Geſchenke zu khrer Toilette machen, damit ſie ſeinem Bruder nicht ganz zur Laſt falle.“ „So oft ich einen großen Erfolg im Theater habe,“ ſagte Mondigo,„werde ich ihr hundert Fran⸗ ken geben.“. „Es wäre mir lieber, wenn eine beſtimmte Summe für ſie ausgeſetzt würde; doch einerlei, das iſt nicht von Wichtigkeit. Ich fahre fort: Mein Oheim St. Godibert ſoll Roſa⸗Maria, das iſt der Name meines Bäschens, und er ſteht ihr ſehr gut, ſoll Roſa⸗Maria zu ſich nehmenz ferner ſoll er dem guten Savenay 122 einen kleinen Platz auf ſeinem Bureau anweiſen: ein beſcheidenes Aemichen, zwölf⸗ bis fünfzehnhundert Franken, das wird den Greiſen ſehr glücklich ma⸗ chen und zudem haben Sie Herrn Candrillon ſagen hören, daß ſein alter Freund ſehr gut ſchreibe und rechne und ein guter Arbeiter ſei. Das Geld iſt alſo nicht hinausgeworfen. Thut das, ihr Herren und ich verſpreche euch, der Name Gogo ſoll niemals von meiner hübſchen Baſe ausgeſprochen werden: ich ſtehe Ihnen zum Voraus für die Verſchwiegen⸗ heit von ihr und dem alten Savenay. Fürchtet ihr, euer Bruder Hieronymus möchte euer Geheimniß verrathen, wenn er auf Beſuch zu ſeiner Tochter hie⸗ her kommt, je nun, ſo ſchickt man Roſa⸗Maria von Zeit zu Zeit auf Beſuch zu ihrem Vater, um dieſem die Reiſe nach Paris zu erſparen. Ich habe geſpro⸗ chen, meine Herren: ich biete euch die Gelegenheit, ein gutes Werk zu thun, euch als gute Verwandte zu zeigen, ohne daß eure Eitelkeit verletzt wird; mir ſcheint, ich verdiene ein Dank⸗Votum.“ Herr St. Godibert geht mit ſich zu Rath, Mon⸗ digo ruft aus:„So, glaube ich, iſt es gut einge⸗ leitet: Friedrichs Plan verläuft und rollt ſich deut⸗ lich ab. Friedrich, Du hätteſt Dein Stück richtig ge⸗ zimmert, Du verſtehſt die Handlung, wir wollen einmal Etwas mit einander machen.“ „Danke, mein Oheim, ich— lieber herum; 5 alſo billigen Sie.. „Meiner Treu', ja, wenn nur Roſa⸗Maria nir⸗ mals meine Frau ihre Tante oder mich Gogo nennt.“ 123 „Die Uebereinkunft gilt; und Sie, Herr St. Go⸗ dibert?“ Der Oheim mit der kleinen Raſe ſtreckt beide Lippen vor und murmelt:„Freilich, wenn dieſes junge Mädchen niemals ſagt, daß wir einſt Gogo hießen, wenn dieſer alte Mann gleichfalls diskret iſt, dann muß man wohl indeß will ich meine Gemah⸗ lin erſt fragen.“ „Das iſt überflüſſig, Herr Oheim; Sie brauchen die Erlaubniß Ihrer Gattin nicht, um Ihre Nichte bei ſich aufzunehmen. Zudem wird meine Tante beiſtimmen; ihr würde es noch weit widerwärtiger ſein als Ihnen, überall Frau Gogo genannt zu wer⸗ den! Und das, ich wiederhole es, geſchieht, wenn Sie ſich weigern, der Tochter Ihres Bruders ein Aſyl zu geben.“ „Nun, wohlan denn, weil es ſein n5 umd „Bravo! Abgemacht. Ich hole gleich meine Baſe: in einem Augenblick führe ich ſie her; benachrichti⸗ gen Sie meine Tante, daß ſie ein reizendes junges Mädchen um ſich haben wird.“ „Wie, nur ſo Knall und Fall? Aber. „Ei, auf was Teufel wollen Sie denn noch war⸗ ten? Auch den Papa Savenay bringe ich gleich mit, damit Sie ihn auf Ihrem Bureau verwenden.“ „Aber geſtern habe ich ihm geſagt, daß ich die Herren Gogo's, die er ſuchte, nicht kenne.“ „O ſeien Sie ruhig! ich habe das Alles zurecht gelegt: aus Gründen ſoll man in der Welt Ihren Namen nicht kennen, und nur darum haben Sie ihm 124⁴ geſtern ſo geantwortet. Du lieber Gott! dieſer brave Mann verlangt Nichts weiter und Roſa⸗Maria wird Alles thun, ſagen und glauben, was Ihnen Vergnügen macht, ſie iſt ſo n.ich eile, ſie zu holen.“ Friedrich nimmt dießmal einen Fiaker, heißt den Kutſcher ſeine Gäule antreiben und läßt ſich aber⸗ mals in die Straße Huchette führen. Er langt vor dem Laden des Paares Bichat an, hält ſich aber dießmal dort nicht auf und iſt ſchnell oben in der Wohnung des alten Savenay. Der Greis und das junge Mädchen redeten mit einander über den Beſuch, welchen ſie dieſen Morgen erhalten. Roſa⸗Maria glaubte, ihr Vetter würde nicht kommen, ſie abzuholen; der Vater Savenah dachte ganz das Gegentheil. Friedrichs Ankunft zer⸗ haut den Knoten; er tritt ein und ruft:„Da bin ich, ihr ſehet, ich halte auf Pünktlichkeit, denn ich hatte verſprochen, vor Abfluß von zwei Stunden zu⸗ rückzukehren. Wohlan, mein Bäschen, ſind Sie ge⸗ rüſtet? haben Sie ihr Päckchen gemacht?. Sie, Vater Savenah, nehmen Sie Stock und der Wagen wartet; auf und davon!“ „Wie, wäre es möglich?“ ſagt Roſa⸗Maria,„Sie wollen mich in's Haus meines Oheims Nicolaus Gogo führen?“ „Ja, mein hübſches Bäschen, aber erinnern Sie ſich doch ja genau: daß er den Namen verändert hat, daß er ſich jetzt Herr St. Godibert nenntz ver⸗ reden Sie ſich doch ja nicht, liebes Bäschen! Geben 125 Sie ihm niemals den Namen Gogo, denn ſonſt muß ich Ihnen ſagen, würden Sie ihm wehe thun, ihn ſehr unglücklich machen! Es iſt eine Schwäche, mei⸗ netwegen eine Kinderei, aber es iſt nun einmal ſo; die Welt kennt ihn ſeit wenigſtens zwölf Jahren nur unter dem Namen St. Godibert, und er will nicht mehr anders genannt ſein.“ „O, ſeien Sie ruhig, mein Vetter, ſobald es mei⸗ nem Oheim Unluſt verurſachen würde, will ich mich wohl davor hüten.“ „Was ich eben meiner Baſe anempfohlen, gilt auch Ihnen, Papa Savenay. Mein Oheim gibt Ihnen einen Platz auf ſeinem Bureau.. heute noch werden Sie eingeſetzt werden.“ „Wie? Ihr Herr Onkel hätte die Güte einen Platz auf ſeinem Bureau. „Ja freilich! nicht gerade einen länzenpenz fünf⸗ tauſend Franken verſpreche ich Ihnen nicht.“ „O, mein Herr, nur das beſcheidenſte Plätzchen! In meinem Alter bedarf man ſo wenig zum Leben.“ „Aber es iſt auch die kleine Bedingung dabei, Papa Savenay: vergeſſen Sie, daß Herr St. Godi⸗ bert einſt Gogo hieß! Weiter verlangt man Nichts von Ihnen.“ „Ich werde thun, was Ihrem Herrn Onkel an⸗ genehm iſt. Jeder hat die Freiheit, ſich nach ſeinem Belieben nennen zu laſſen, und ſobald Herr St. Godibert ſeine Nichte zu ſich nimmt und ſich als guter Verwandter gegen ſie beträgt, ſo, ſcheint mir, hat man ihm in keinerlei Weiſe Etwas vorzuwerfen.“ 126 „Sehr gut geſagt, gehen wir denn Ei, mein Gott, wem gehört denn dieſe große Kiſte?“ „Mir, mein Vetter; ſie enthält meine Effekten.“ „Alle Wetter! ſie iſt ſchwer. Ich ſehe, Bäschen⸗ daß Sie eine vollſtändige Garnerobe beſitzen.“ „Aber Sie werden das nicht tragen können, mein Vetter; ich hole gleich einen Commiſſionär.“ „Unnöthig! Ich kann Ihren Koffer ſehr wohl hin⸗ abtragen.“ „Das wird Sie müde machen 46 Ich bin ſehr ſtark, liebes c. „Sie beſchmutzen.“ „Ich laſſe mich wieder nspenßni Schon hat Friedrich den Koffer auf ſeine Schul⸗ tern geladen und ſteigt ſchnell die Treppe hinab; das Mädchen und der Greis folgen ihm nur mit Mühe. Endlich hat der Kutſcher den Koffer auf ſeinen Wa⸗ gen gepackt. Friedrich läßt ſeine Baſe und den Va⸗ ter Savenay in den Fiaker ſteigen und ſetzt ſich auf den Rückſitz. Man fährt in die Wohnung des Herrn St. Godibert. Roſa⸗Maria iſt ganz bewegt, ganz zitternd, wenn ſie bedenkt, daß ſie in's Haus dieſes Oheims geht, den ſie nicht kennt und bei dem ſie doch wohnen ſoll. Um ihr Muth einzuflößen, verſichert ſie Fried⸗ rich, daß ſie ſehr glücklich ſein werde, daß Herr St. Godibert ſehr reich iſt, ein ſtolzes Haus und eine ſehr zahlreiche Dienerſchaft hat, daß er viele Geſellſchaft empfängt und große Abendeirkel gibt. Alles das, weit entfernt, das junge Mädchen zu er⸗ 17 freuen, verſetzt ſie vielmehr in Furcht, ſie möchte im Hauſe ihres Oheims linkiſch und ſchlecht am FPlatze ſein; auch verbirgt ſie das ihrem Vetter nicht. „Wenn man ſo hübſch iſt wie Sie, mein Bäs⸗ chen,“ ſagt Friedrich,„ſo iſt man überall an ſeinem Platz. Ich werde Sie nun näher mit dem Hauſe bekannt machen. Mein Oheim iſt, was den Geiſt betrifft, kein Adler, wird jedoch durchaus befriedigt ſein, wenn Sie gegen ihn eine achtungsvolle, gehor⸗ ſame Miene annehmen. Meine Tänte iſt ungefähr von dem gleichen Schlag; nur müſſen Sie ihr, da ſie ein Weib iſt, bisweilen einige Complimente über ihren Putz und ihre Haltung machen; dann dürfen Sie ihrer Zuneigung gewiß ſein. Ah! es iſt auch ihr Sohn Julian da, mein Bäschen, Ihr Vetter wie ich: dieſer ſpricht wenig, langweilt ſich daheim und iſt daher ſo wenig als möglich zu Hauſe. Uebrigens iſt er, glaube ich, ein ſehr ſanftmüthiger Junge, der, deſſen bin ich gewiß, entzückt ſein wird, bei einem ſo reizenden Bäschen zu wohnen. Hoffentlich werden Sie vor ihm keine Angſt haben.“ „O nein, mein Vetter, wenn er Ihnen gleicht, ſo freue ich mich auf ſeine Bekanntſchaft,“ antwortet Roſa lächelnd. „Das iſt ſehr ſchmeichelhaft für mich, liebes Bäs⸗ chen! Ich flöße Ihnen alſo keine Furcht ein?“ Nein, mein Vetter, ich ſtehe bereits mit Ihnen auf einem Fuße, als ob ich Sie längſt kennte kurz, mir ſcheint. warten Sie mir ſcheint: Sie ſeien wie mein Bruder.“ 1²28 Friedrich ſchüttelt den Kopf und ſagt:„Der Teu⸗ fel! mir wäre etwas Anderes lieber geweſen.“ Indeß reicht er Roſa⸗Maria die Hand und fährt fort:„Ich danke, Bäschenz ſchenken Sie mir Ihre Freundſchaft, Ihr Vertrauen, ich will das Alles ver⸗ dienen. Aber da ſind wir bereits am Hauſe des Herrn St. Godibert angelangt. Sein Bureau be⸗ findet ſich unter ſeiner Wohnung und ſeine Commis gehen niemals hinauf, ohne gerufen zu werden. Jetzt kennen Sie das Haus, zittern Sie nicht und erlau⸗ ben Sie mir, Sie vorzuſtellen.“ Herr St. Godibert hatte ſeiner Frau die geich baldige Ankunft ihrer Nichte berichtet und derſelben die Nothwendigkeit, ſie in's Haus zu nehmen, bei Strafe, als Gogo bekannt zu werden, vorgeſtellt⸗ Die ſtolze Angelika war erröthet, vor Zorn aufge⸗ ſprungen und hatte geſchrieen:„Das hat man davon⸗ wenn man mit Bauern verbrüdert iſt! Arme Brüder „Verwandte von Habenichts!.. Es ärgert mich ſehr, daß ich Sie geheirathet habe, mein Herr!“ Darauf hatte ſich Herr St. Godibert in die Brut geworfen und mit ziemlicher Feſtigkeit erwiedert: „Madame, ſollte man, wenn man Sie hört, nicht, meinen, Sie wären von lehensherrlicher Sippſchaſt? Ihr Vater war Mützenmacher, Madame, kleiner Mützenmacher in der Vorſtadt St. Antoine! Sie haben mir 12,000 Franken Mitgift zugebracht, welche in Baumwollenmützen und Flanelljäckchen ausgezahlt wurden! Da ich nun jetzt 20,000 Franken jährlicher Rente geſammelt und Sie in eine Lage verſetzt habe⸗ 129 wo Sie wie eine Gräfin, wie eine reiche Gräfin, denn es gibt auch arme, leben: nun denn, Madame, ſo dünkt mir, daß Sie, ſtatt ſich zu beklagen, ſich ſehr glücklich fühlen ſollten, mich geheirathet zu haben.“ Auf dieſen Beweis ließ ſich Nichts antworten. Madame St. Godibert hatte geſchwiegen, aber bei ſich ſelbſt den Schwur gethan, dieſe NRichte, welche ſie unter ihr Dach aufnehmen mußte, wie eine Moh⸗ rin zu behandeln. Mondigo war bei ſeinem Bruder geblieben, ſo⸗ wohl aus Neugier, ſeine Nichte zu ſehen, als auch um ſpäter einer Vorſtellung auszuweichen. In ſolchen Gemüthsverfaſſungen befand man ſich im Hauſe des Herrn St. Godibert, als Friedrich, mit ſeiner Baſe an der Hand und von Vater Sa⸗ venay gefoͤlgt, hereintrat. Es war ſchwer, ein hübſcheres, jungfräuſcheres Geſicht und eine anmuthigere Haltung zu ſehen als die Roſa⸗Maria's, wie ſie ſich in dem reichen Salon ihres Oheims vorſtellte; ihr friſcher, reizender An⸗ zug, der jedoch ſichtlich keinem Stadtfräulein ange⸗ hörte, das mit Bandſchleifen verſchönerte Häubchen, welches gar niedlich und ein wenig rückwärts auf ihrem Kopfe ſaß, ihre hübſchen, auf beiden Seiten der Wange rund und platt geſcheitelten ſchwarzen Haare, ihr kleiner, zierlicher Schuh— Alles verei⸗ nigte ſich, um ihrer Perſon einen Reiz, eine Anzie⸗ hungskraft zu verleihen, denen man nicht leicht wi⸗ derſtehen konnte. Paul de Kock. LXRVII. 9 130 „Hier iſt meine Baſe Roſa⸗Maria, welche ich Ihnen vorzuſtellen die Ehre habe,“ ſagte Friedrich, ſeine Oheime mit halb ernſthafter Miene grüßend. Das junge Mädchen ſchlägt die Augen nieder, erröthet und macht eine tiefe Verbeugung. „Sie iſt außerordentlich hübſch,“ ſagte der hocher⸗ ſtaunte Mondigo, der nicht erwartet hatte, daß eine durch ihre Anmuth und Schönheit ſo ausgezeichnete Perſon vom Lande kommen würde. Herr St. Godibert mildert ſein ſtrenges Ausſe⸗ hen ein wenig, wie er Roſa⸗Maria betrachtet. Ma⸗ dame St. Godibert allein ſchneidet ein deutlich er⸗ kennbares hämiſches Geſicht; es ſcheint, die Schön⸗ heit des Mädchens ärgere ſie und es ſei ihr noch weit widerwärtiger, daß ſie daſſelbe nicht häßlich finden könne. Sie wirft einen verächtlichen Blick auf Roſa und murmelt halblaut:„Welche Koketterie für eine Bäuerin! Was ſoll's damit in Paris?“ „Das hier: Herr St. Godibert und das: Herr Mondigo,“ fährt Friedrich fort, ſeiner Baſe jeden ihrer Oheime bezeichnend. Dieſe machte ihnen neue Verbeugungen. Mondigo läßt den Zauber, den man in Roſa⸗ Maria's Nähe empfindet, gewähren, geht auf ſeine Nichte zu und küßt ſie auf die Stirne mit den Wor⸗ ten:„Mein theures Kind, ich bin ſehr erfreut, Sie zu ſehen Sie kennen zu lernen! Muß ich ein Mal ein hübſches Frauenzimmer in meinen Werken ſchil⸗ dern, gewiß, ſo werde ich Ihres Geſichtes mich erin⸗ nern. Ich bin Ihr Onkel Mondigo, hören Sie, Mon⸗ —„—— 13¹ digo, Schriftſteller... man kennt mich unter keinem andern Namen; nicht wahr, Sie werden mich immer Mondigo nennen?“ „Gewiß, mein Herr, ich werde es nicht vergeſſen.“ „Sehr gut. Sodann habe ich eine Frau.. ſie iſt noch ganz jung und würde ſich gekränkt fühlen, wenn eine große Perſon wie Sie„meine Tante“ zu ihr ſagte; ſie könnte gar glauben, das mache ſie alt! Es iſt eben die Schwachheit einer ſchönen Frau, die man entſchuldigen muß; wir werden nichts deſto⸗ weniger gute Verwandte für Sie ſein. Ich lade Sie im Augenblick nicht zu uns ein, weil wir in unſerm Hauſe Zimmer anmalen laſſen, aber ſpäter werden wir uns ſehen und ich habe St. Godibert ſchon ge⸗ ſagt, daß, wenn Sie eines Hutes, irgend einer Kleinigkeit zu Ihrer Toilette bedürfen, das mich an⸗ gehe. Uebrigens ſteht Ihnen dieſes Häubchen ſehr gut; im Theater müßte es ſehr reizend ſein. Adieu, liebe Freundin, bis auf Wiederſehen.“ Mondigo küßt ſeine Nichte abermals und geht weg, nachdem er den Vater Savenay gegrüßt hat. Herr St. Godibert, nachdem er gehuſtet und aus⸗ geſpuckt, ſo klangreich, wie dies bei reichen Männern Mode iſt, nimmt den Brief ſeines Bruders Hierony⸗ mus, den Roſa⸗Maria ihm reicht, überfliegt ihn mit geringſchätzender Miene und ſagt endlich zu dem jun⸗ gen Mädchen, das zitternd vor ihm ſteht:„Mademoi⸗ ſelle, ich bin Ihr Onkel, ich läugne es nicht, aber jetzt heiße ich Herr St. Godibert, Banquier. Ich will nichts Anderes mehr ſein„ Sie verſtehen mich! 132 Wenn ich Ihnen die Aufnahme in meinem Hauſe bewillige, ſo geſchieht es unter der Bedingung, daß Sie mich niemals anders nennen werden und be⸗ ſonders, daß Sie Niemand ſagen, ich hätte, da ich noch klein war, einen andern Namen getragen.“ „Nein, mein Herr.“ „Gut ſo:„mein Herr“ iſt auch paſſender als mein Oheim!. es iſt vornehmer. Ich weiß wohl, daß ich Ihr Oheim bin, aber ich ziehe es vor, daß Sie mich„mein Herr“ nennen.“ „Ich verſtehe, mein Herr.“ „Und ich fordere gleichfalls, daß Sie mich nur Madame nennen! Hören Sie, Kleine?“ rief die dicke Angelika, ihre großherrliche Miene annehmend. Roſa⸗Maria macht eine neue Verbeugung, indem ſie ſtammelt:„Ich werde nicht ermangeln, Madame.“ „Dann,“ nimmt Herr St. Godibert wieder das Wort,„können Sie bei uns wohnen, da Ihr Vater es für zweckdienlich gehalten hat, Sie nach Paris zu ſchicken, was ein wenig mit der Thür in's Haus fallen heißt.“ „O, mein Herr, wenn es Ihnen mißfällt, ſo kehre ich wieder in mein Dorf zurück!“ ruft das junge Mädchen, welchem die Aufnahme bei St. Godiberts das Herz zuſammenſchnürt. Aber bereits hat Friedrich ſeine üble Stimmung mit einem Stirnrunzeln gezeigt, und Herr St. Go⸗ dibert, welcher dieß bemerkt, antwortet ſchnell mit liebenswürdigerem Ton:„Nein, mein Kind, ich wei⸗ gere mich nicht, Sie zu behalten; es ſoll Ihnen in 133 meinem Hauſe Nichts abgehen, ich bin ſehr reich und wenn ich mit Ihrem Betragen hier zufrieden bin. je nun, ſo wollen wir ſpäter ſehen! Wir werden Ihnen eine kleine Ausſteuer machen. Angelika, wel⸗ ches Zimmer beſtimmen Sie für Roſa⸗Maria?“ „Es iſt eben ein Zimmer frei: neben dem Fifine's; ich denke, es werde für Mademoiſelle hinreichen.“ Roſa⸗Maria antwortet, ſich vberneigend:„Ich werde mich überall gut befinden, Madame.“ „Alſo, Angelika, heiße Fifine Roſa⸗Maria be⸗ gleiten, in ihrem Zimmer einrichten, ſodann thue... thue, was Du willſt, um.. dieſe Kleine zu beſchäf⸗ tigen.“ „Ja, ja, ſchon gut! Das iſt meine Sache.“ „Ich werde jetzt dieſen Herrn hier auf einem meiner Burecaux unterbringen. Herr Savenay, Sie ſehen, daß ich nicht gezögert habe, Ihnen eine Stelle zu finden ich hoffe, mein Freund Candrillon wird zufrieden mit mir ſeinz im Vorbeigehen geſagt, Sie wiſſen, Friedrich muß es Ihnen bemerkt haben, was ich eben dieſer Kleinen wiederholte: auf der Bank und im Finanzweſen bin ich nur noch unter dem Namen St. Godibert bekannt, folglich. wenn man mich anders nennen würde, wäre es gerade, als ob man mich gar nicht nennen würde.“ „Herr St. Godibert kann verſichert ſein, daß ich mich in allen Stücken ſeinen Wünſchen fügen werde.“ „Schön, Herr Savenay, Ihre Antwort iſt voll Solidität. Kommen Sie nun mit mir herab, ich werde Sie auf meinem Bureau inſtalliren,“ 434 „Und ich,“ ſagte Friedrich,„begebe mich zu mei⸗ nen Geſchäften. Adieu, Herr Oheim und Frau Tante auf Wiederſehen, mein hübſches Bäschen!“ Darauf geht der junge Mann auf das Mädchen zu und flüſtert ihr in's Ohr:„Nur Muth! man nimmt ſie hier ein wenig ſteif auf; aber wenn die Leutchen Sie einmal kennen, ſo können ſie nicht um⸗ hin, Sie zu lieben.“ Roſa⸗Maria grüßt ihren weggehenden Vetter traurig. Aber wie ſie an die Seite des guten Grei⸗ ſen, der ihr Beſchützer war, kommt, ſagt ſie ſeufzend zu ihm:„Ach, mein Freund, welcher Empfang hier! Man hat mich nicht ein Mal nach dem Befinden mei⸗ nes Vaters gefragt.“ —,— In demſelben Verlage erſchienen: Carl Hartmann, Die Sehöpfungswunder d. Unterwelt. Intereſſante Schilderungen der berühmteſten Quellen, Erdbeben, Vulkane, Bergwerke, Ver⸗ ſteinerungen und anderer Merkwürdigkeiten für Jung und Alt. 2 Bände, mit ſehr vielen Abbildungen⸗ 2 fl. 24 kr. oder 1 Rthlr. 12 ggr. A. F̃. E. Langbeins Gedichte. Uiedliche Miniatur-Ausgabe. Vier Bände mit 65 Stahlſtichen. 5 fl. 24 kr. oder 3 Rthlr. 6 ggr. Titus Livius römiſche Geſchichte. Ueberſetzt von Dr. Oertel. In acht Bänden mit 9 Stahlſtichen. Neueſte 1844r Auflage. 2 fl. 24 kr. oder 1 Rthlr. 12 ggr. Shakeſpeare's ſämmtliche Werke. Ueberſetzt von E. Ortlepp. Neueſte Auflage in ſechszehn Bänden mit 16 Stahlſtichen. 5 fl. 24 kr. oder 3 Rthlr. B. v. Spinoza's ſämmtliche Werke. Deutſch und mit Biographie von Berthold Auerbach. 5 Bände. 6 fl. oder 3 Thlr. 12 ggr. Hiſtoriſch biographiſches Univerſum. Eine Bilder⸗Chroniß von denkwürdigen Ereigniſſen und berühmten Menſchen. Von einer Geſellſchaft von Gelehrten und Künſtlern. Vollſtändig in 3 ſtarken Quartbänden mit 140 gelungenen Stahlſtichen und ausgezeichnetem Texte. 6 fl. oder 3 Rthlr. 18 ggr. Scheible, Bieger& Sattler. nnnnnſſſſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16