Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Sechsundſiebenzigſter Theil B So Stuttgart: Scheible, Rieger« Sattler. 1845.„ Die Familie Gogv. Paul de Rock. Deutſch bearbeitet von Pr. Heinrich Elsner. Dritter Theil. Stuttgart: Scheible, Bieger a Sattler. 1845. Erſtes Kapitel. Die Familie Gogv. Alles war in einer ſchönen Wohnung auf der St. Lazarusſtraße, in demſelben Hauſe wo Roſa⸗ Maria vergebens nach ihrem Onkel Nicolaus Gogo gefragt hatte, in Bewegung. Und doch wohnt ihr Onkel wirklich in dem Hauſe, wo ſich die Jungfrau nach ihm erkundigt hatte. Warum hat ſie denn der Portier fortgeſchickt und behauptet, er kenne die Perſon nicht, nach der man frage? Ihr habt es ohne Zweifel ſchon errathen, weil Herr Nicolaus Gogo ſeinen Namen verändert hat und ſich jetzt Herr St. Godibert und ſogar von St. Godibert heißen läßt, wenn es ſein kann. Und weßhalb hat Herr Nicolaus Gogo ſeinen Namen verändert?.. warum?... Iſt es nothwendig, es euch zu erklären? Begegnet ihr nicht alle Tage im Leben und in der Geſellſchaft Leuten, die einen Na⸗ men führen, der nie der ihrige war? Denn der, den ſie von ihrem Vater ererbt haben, iſt gemein, lächer⸗ lich, häßlich; und weit öfter noch verändern ſie ihren Namen, weil ſie ihren Urſprung vergeſſen machen wollen. Ihre Eltern waren Krämersleute oder Bauern, oft ſogar Handwerker oder Taglöhner. Ihr werdet begreifen, daß ein ſolcher Urſprung nicht mehr für 6 Menſchen taugt, die Thaler aufgehäuft haben und ſich Zutritt in der großen Welt verſchaffen wollen. Der Sohn eines Landmanns oder eines Krämers zu ſein, pfui!. ſo Etwas paßt nur für Bürgersleute von geringem Geiſt und geringen Fähigkeiten; man verleugnet ſeinen Vater, ſeine Familie, ſeine Heimath ſogar, wenn es ſein muß, nimmt einen vornehmen, auffallenden, wohlklingenden Namen an, macht ſich wichtig, ſpreizt ſich, verabſcheut das Volk und den Pöbelpack, bewohnt bloß ein Logis in dem ſchönen Quartier, beſucht die kleinen Theater auf den Boule⸗ vards nie und begreift nicht was das Land iſt, wo man Griſetten und Leuten begegnet, die Melonen tragen. So wird in der Geſellſchaft aus Herrn Benvit Herr von St. Amerante, aus Herrn Baldaquin der Chevalier Beaugaillard, Rouſſeau verwandelt ſich in einen Herrn von Grandpre u. ſ. w. Armſelige Dummköpfe, die ſich ein großes Ver⸗ dienſt zu verleihen glauben, wenn ſie einen klang⸗ vollen Namen annehmen und nicht einſehen, daß Nicolaus, Nicodemus und Euſtachius ſehr ſchöne Na⸗ men ſind, wenn große Künſtler und geniale Männer ſo heißen. Es iſt ſomit nichts Auffallendes, daß Herr Nico⸗ laus Gogo, nachdem er ſich in Paris ein Vermögen geſammelt, daran gedacht hat, einen Namen aufzu⸗ geben, den erſtens ſein Bruder, der Landmann, führte, und der überdieß nichts Ausgezeichnetes hatte, ſondern im Gegentheil etwas lächerlich war⸗ „Ein Mann, der jährlich zwanzigtauſend Franken Renten hat, kann und darf nicht Gogo heißen,“ ſagt Herr Nicolaus eines Tags zu ſeiner Frau. „Nein, beſtimmt nicht, mein Herr!“ entgegnet die große Frau, die ebenſo anſpruchsvoll war als ihr Mann.„Es iſt mir ſo oft ich in Geſellſchaſt gehe peinlich, wenn man Herr und Madame Gogo meldet. Der Name iſt ſo dumm, um ſo mehr als er, wie es ſcheint, in einem auf dem Boulevard mit vielem Glücke geſpielten Stücke vorkommt; es war, ſo viel ich gehört habe, ein Gogo in dem Luſſtſpiel, von dem man unaufhörlich ſagte:„Was dieſer Herr Gogo doch für ein gemeiner Kerl iſt!““ „Dann, meine Theuerſte, wundere ich mich nicht, oft Perſonen ſich lachend abwenden zu ſehen, wenn man meinen Namen ausſpricht; ſie erinnern ſich ohne Zweifel des Stückes, welches Du eben erwähnt haſt, ein Grund mehr, meinen Namen abzulegen es iſt entſchieden, ich behalte ihn nicht mehr beil.. Wie ſoll ich mich heißen?“ Ueber dieſe große Frage war mehrere Tage lang debattirt worden; endlich war der kleine Herr mit der kleinen Naſe, den ihr ſowohl als ſeine Gattin bereits kennet, da ihr ſie auf der Eiſenbahn geſehen habt, eines Morgens vor ſeine Frau getreten und hatte ſich, vergnügt die Hände reibend, zu ihr geſagt: „Ich hab's. ich hab's! Ich heiße mich St. Go⸗ dibert! hm, wie gefällt Dir das?“ „Sehr gut;. das iſt ein ſehr paſſender Name, wir müſſen ihn uns merken.“ „Ich will ihn in meinem Zimmer auf meinem Schreibtiſch auf mehrere Karten niederſchreiben, ſo wird er mir im Gedächtniß bleiben; dann müſſen wir ausziehen, damit man uns in unſerem neuen Lokal nur unter dem Titel, das heißt dem Namen St. Godibert, kennt.“ Als nun Herr Euſtachius Gogo, der Schriftſteller, die Nachricht von dem Namenswechſel ſeines Bru⸗ ders, des Reichgewordenen, erfuhr, dachte er ſeiner⸗ ſeits ebenfalls:„Ah! Nicolaus legt ſeinen Namen ab, warum ſoll ich das nicht auch thun? Ich, der ich Theaterflücke ſchreiben und mich mit der Literatur be⸗ ſchäftigen will, habe weit mehr Gründe den Namen unſeres Vaters, der ſo ſchlecht klingt und den Buch⸗ händlern und Direktoren durchaus kein Vertrauen einflöst, aufzugeben. Wenn ich Etwas zu leſen ver⸗ lange und man fragt mich: Wie heißen Sie?“ ſo bin ich immer zum Voraus überzeugt, daß man lacht, wenn ich meinen Namen nenne; denn kaum habe ich geſagt Gogo, ſo beißen ſie ſich in die Lippen, blicken ſich gegenſeitig an und lachen mit einander: das iſt ſehr unangenehm. Ach, wenn ich bereits einen gro⸗ ßen Ruf erlangt hätte, wäre mir das gleichgültig!... dann wären ſie überglücklich, ſich dem Gogo zu Fü⸗ ßen zu legen; aber es dauert lang, bis man einen Ruf hat. Ich will mir lieber gleich einen Namen verſchaffen, einen Namen, über den man mir nicht in's Geſicht lacht, wenn ich mich nenne, oder man mich als den Verfaſſer eines neuen Stückes bezeichnet.“ Auch Euſtachius Gogo hatte es einige Mühe ge⸗ koſtet, ſich zur Wahl eines Namens zu entſchließen; ſeinen Namen zu verändern, iſt keine ſo leichte Sache, als ihr euch vielleicht vorſtellet; nach einigen der Be⸗ trachtung, der Erwägung und dem Studium des Dictionnairs der ausgezeichneten Männer gewidmeten Wochen war der Schriftſteller bei dem Namen Mon⸗ digo als ſehr auserwählt, ſehr anmuthig und 6 originell ſtehen geblieben. Und als der Vetter Brouillard von dieſem N⸗ menswechſel ſeiner beiden Verwandten unterrichtet worden war, hatte er nicht umhin können, mit ſpöt⸗ tiſcher Miene auszurufen:„Ah, der Eine heißt Go⸗ dibert und der Andere Mondigo!... Nun, ich ſehe doch mit Vergnügen, daß ſie wenigſtens eine Solbe von dem Namen ihres Vaters beibehalten habenz der Eine hat ſie vorn hingeſtellt, der Andere hinten; einerlei, das iſt ein Zeichen der Erinnerung, woran man immer die Gogo erkennen kann.“ Dieſe Veränderung des Namens hatte ſchon meh⸗ rere Jahre ſtattgefunden, ſo daß Hieronymus' beide Brüder im Allgemeinen und in der neuen Geſell⸗ ſchaft, mit der ſie im Verkehr ſtanden, nur noch unter dem Namen St. Godibert und Mondigo bekannt waren. Der junge Julian, welcher nach den lächer⸗ lichen Grundſätzen ſeiner Eltern aufgezogen wurde, hütete ſich wohl, zu ſagen, ſein Vater heiße Gogo. Was Friedrich, den großen hübſchen ſchwarzhaarigen jungen Mann anbetrifft, den wir gleichfalls auf der Eiſenbahn geſehen haben und welcher vernünftiger zu ſein ſchien als die übrige Familie, ſo kannte er 10 den wahren Namen ſeiner Onkel ſehr genau, aber er mied es ſorgfältig, ihn, wenn er mit denſelben ſprach, in Anwendung zu bringen, weil dieſes das ſicherſte Mittel geweſen wäre, ſich ihren unerbittlich⸗ ſten Haß zuzuzichen. Und da ſeine Tante Mondigo jung und hübſch war, ſich auch oft heitere Künſtler⸗ geſellſchaften bei ihr verſammelten und ſein Oheim Nicolaus, der die vornehmen Leute nachäffen wollte, häufig ſehr ſchöne Diners und Bälle gab, wobei geſpielt wurde, ſo wollte ſich Friedrich weder das Haus des einen noch des andern ſeiner Onkel verſchließen, ob⸗ gleich er nicht der Letzte war, der über ihre Anma⸗ kung und ihre Wunderlichkeiten lachte. Warum, wird man jetzt fragen, hat Vetter Brouil⸗ lard Hieronymus nicht von der Namensveränderung ſeiner Brüder in Kenntniß geſetzt? Geſchah es viel⸗ leicht aus Furcht, dem guten Landmann weh zu thun? Das läßt ſich nicht wohl annehmen; der Herr mit der Fuchsſchnauze ſcheint viel zu viel Wohlgefallen daran zu finden, ſpitzige Worte fallen zu laſſen und unangenehme Mittheilungen zu machen, als daß man hätte vorausſetzen können, die Befürchtung Hierony⸗ mus Zartgefühl zu verletzen, habe ihn veranlaßt, über dieſes Kapitel zu ſchweigen. Darf man nicht im Gegentheil weit eher glauben, daß, indem er dem Landmann die wirkliche Adreſſe ſeiner beiden Brüder gab, ohne ihn von ihrem Namenswechſel zu benach⸗ richtigen, er gehofft habe, dieß werde Verlegen⸗ heiten, Mißhelligkeiten und Streitigkeiten herbeifüh⸗ ren, welches für ihn eine neue Veranlaſſung ge⸗ — ———— 11 weſen wäre, ſich auf Koſten ſeiner Vetter luſtig zu machen? Welches auch Herr Brouillards Gedanke geweſen ſein mag, wir haben geſehen, was für Ereigniſſe aus ſeinem Schweigen über einen ſo wichtigen Ge⸗ genſtand erfolgten. Nun wollen wir zu Herrn St. Godibert zurückkehren, der in ſeiner ſchönen Wohnung auf der St. Lazarusſtraße ein Diner gibt. Zweites Kapitel. Eine Tafel zu decken. Man iſt beſchäftigt, im Speiſeſaal eine Tafel für zwanzig Perſonen zu decken; in dem Empfangſaal richtet man die Candelabres, Kerzen und Spieltiſche. In einem Nebenzimmer legt man Albums, Broſchü⸗ ren und Caricaturen auf einen Tiſch. Eine etwa zwanzigjährige Kammerzofe mit ſchwar⸗ zen Augen, einem aufgeſtülpten Näschen, einem fri⸗ ſchen Teint, kurz, einem höchſt niedlichen Geſichtchen und ſchwellenden Hüften, welche bei jeder ihrer Be⸗ wegungen den Takt zu ſchlagen ſcheinen, kommt und geht und macht ſich bald da, bald dort in den Zim⸗ mern zu ſchaffen. Ein Bediente hilft ihr die Zu⸗ rüſtungen treffen, der noch nicht ſehr gewandt im Dienſte zu ſein ſcheint. Es iſt ein fünfundzwanzig⸗ jähriger Burſche mit hochrothem Geſichte, einer plum⸗ pen Geſtalt und einem normänniſchen Kopfe, deſſen 12 Haare ſo rund geſchoren ſind, wie die eines Salat⸗ händlers. Mamſelle Fifine, das iſt der Name der Kammer⸗ zofe, hat zehn Mal den Kreis in dem Zimmer herum gemacht, bis Franz, ſo heißt der Bediente, nur einen Teller auf den Tiſch geſtellt hat. Da rennt, läuft, ſtürzt Herr St. Godibert halb angekleidet unter ſeinen Leuten herum, ſieht was ge⸗ ſchieht, ertheilt ſeine Befehle, gibt den Nebenplatten, Flaſchen und Salzbüchſen einen andern Platz und findet bei all' dem noch häufig Zeit, ſich Mamſelle Fifine zu nähern, ſie zu kneifen und die hübſchen Formen, die unter ihrem Röckchen den Takt ſchlagen, zu betaſten. Außer ihm zeigt ſich auch Madame St. Godibert, die dicke Frau, die einer Beduinin gleicht, bisweilen, ſchreitet bloß mit einem Schnürleib und einer Maſſe Unterröcke bekleidet durch die Zimmer und ſchreit während ſie ihre beiden Arme über die nackte Bruſt kreuzt:„Seht nicht nach mir!.. Was für ein Kleid ſoll ich anziehen, Herzchen?. was für ein Kleid? Lch, großer Gott, welche Verlegenheit! Ach, Sie können mir nie einen Rath geben... Sie laſſen mich eine Stunde in der Ungewißheit zubringen, ohne Mit⸗ leid mit meiner Lage zu haben. Sprechen Sie, Herr St. Godibert... was rathen Sie mir? Mein Atlaß⸗ kleid macht ſo dick, das Pou⸗de⸗ſoin ſieht ſo eitel aus, mein mit Gold durchwirktes ach, das wäre ſchön!“ „Meiner Treu', Angelikg, wie wäre es, wenn Du 13 „Fiſine, Sardellen hierher v, Sardellen, das macht ſich beſſer wie Butter!“ „Aber, mein Herr, das derangirt Alles die Sardellen ſtehen wohl dort unten.“ „Glauben Sie?“ „Auf dieſe Weiſe rathen Sie mir alſo, St. Go⸗ dibert?“ „Mein Gott, Theuerſte, ich weiß nicht, was ich ſagen ſoll, Du haſt ſo viel Geſchmack... Du ziehſt Dich immer ſo vortheilhaft an!“ „Das golddurchwirkte Kleid ſteht der Madame vorzüglich,“ ſagt die Kammerjungfer. „Ja, Fifine hat Recht; Dein golddurchwirktes Kleid ſitzt vortrefflich; es macht Dich ſo ſchlank wie eine Bajadere.“ „Nun denn, weil Sie es wünſchen, ſo will ich es thun! ich meine übrigens mein aprikoſenfarbiges Pou⸗de⸗ſoin⸗Kleid hebe meine Taille noch beſſer her⸗ vor und mache mich dünner; ich ſehe viel hochge⸗ wachſener und langleibiger darin aus.“ „Das iſt wahr, Du haſt Recht; Du mußt Dein aprikoſenfarbiges Kleid anziehen. außerdem ſteht die Aprikoſenfarbe den Damen immer gut... Hier⸗ her Oliven und dort den Thunfiſch.. Franz, wo iſt der Thun?“ Der Bediente ſieht ſeinen Herrn mit verwunderter Miene an und entgegnet:„Der Thun.. der Ton was? was iſt das? was befehlen der Herr?“ „Mein Gott, wie einfältig iſt dieſer Bediente 1... er weiß gar Nichts; kann man begreifen, daß Einen 14 der Diener eines vornehmen Hauſes fragt, was Thon ſei. Geht in die Küche und ſagt zu Babette, ſie möchte Euch den Thon geben. Während Franz ſtehenden Fußes in die Küche geht, kommt Madame St. Godibert, welche bereits drei Schritte gegen ihr Schlafzimmer hin gemacht hat, wieder zurück und ſagt:„Da Sie es wünſchen, mein Freund, ziehe ich mein aprikoſenfarbiges Kleid an; aber trotzdem erinnere ich mich nach längerem Nachdenken, daß ich bei Frauen von Notaren, Wech⸗ ſelagenten und Andern in Soiréen Atlaßkleider ge⸗ ſehen habe; ſie werden ſehr häufig getragen, ſehen nobel und majeſtätiſch aus; ich hätte eigentlich mein Atlaßkleid gerner angezogen: ich verſichere Sie, daß es ſehr vornehm iſt!“ „Mein Gott, Theuerſte, ſo ziehe es an: ich wi⸗ derſetze mich ja nicht. Warum fragſt Du mich über⸗ haupt um meinen Rath?“ „Ach, wie widerwärtig Sie ſind, St. Godibert! wie ſardoniſch! Nun, es bleibt dabei, ich ziehe nein golddurchwirktes Kleid an... Haben Sie den Namen eines jeden Gaſtes auf das Couvert ge⸗ ſchrieben?“ „Rein, noch nicht; ich will es thun. Iſt das aber auch ſchicklich, die Namen der Gäſte vorher auf die ihnen beſtimmten Plätze zu ſchreiben?“ „Ich meine, es ſei gewöhnlich ſo.“ „Es ſei gewöhnlich ſo, das heißt, es war gewöhn⸗ lich ſo, ich weiß nicht, ob es immer noch gebräuch⸗ lich iſt.“ 15 „Warum denn nicht? es iſt weit bequemer.“ „Ich glaube nicht, daß dieſes bei den Miniſtern und dem Präfekten der Fall iſt.“ „Dann müſſen Sie ſich erkundigen.“ „Wen ſoll ich geſchwind fragen? Wo iſt denn unſer Sohn Julian?“ „Er zieht ſich ohne Zweifel an.“ „O, er denkt an Nichts als an ſeine Toilette! Wie viel Geld dieſer Junge für ſeine Toilette ver⸗ ſchwendet! Glauben Sie, Madame, daß er bloß für Glacéhandſchuhe eine Rechnung von zweihundertund⸗ fünfzig Franken von einem Handſchuhmacher erhalten hat? Ich habe ſie letzthin in ſeinem Zimmer ge⸗ funden; zweihundertundfünfzig Franken für Hand⸗ ſchuhe, das iſt abſcheulich, er allein konnte unmöglich ſo viel brauchen!“ „Ei, was mein Herr, unſer Sohn muß ſich doch nach der Mode kleiden! Franz, Franz! geht hinauf in das Zimmer meines Sohnes und ſagt ihm, er möchte herunterkommen, wir müßten ihn Etwas fragen.“ Franz, der mit dem Thunſiſch in einer Muſchel⸗ ſchale zurückkommt, geht mit der Schale fort, um ſich des eben erhaltenen Auftrages zu entledigen. Herr St. Godibert ſchreit ihm nach:„Franz, Franz! „Vieh! wo geht Ihr denn hin?“ „Wo mich die Madame hinſchickt: ich will den Herrn Julian holen.“ „Müßt Ihr denn den Thunfiſch in das Zimmer meines Sohnes hinauftragen? Begreift Ihr nicht, daß 16 derſelbe zum Mittageſſen hier auf die Tafel ge⸗ hört?“ Nein, mein Herr, ich wußte nicht Ach, das iſt alſo Thun?“ „Macht, ſtellt die Taſſe auf den Tiſch und geht zu meinem Sohn hinauf, ſputet Euch aber ein we⸗ nig! Der Burſche macht mich raſend, er iſt ſo langſam.“ „Er wird ſchon flinker werden,“ ſagt Mamſelle Fifine, die Gedecke aus einander ſtellend. „Glaubſt Du, Fifine? glaubſt Du, Schätzchen?“ „Nun, mein Herr, wollen Sie aufhören!... Wenn es Madame bemerkte 4 „Sie iſt mit der Wahl ihres Kleides beſchäftigt⸗ das dauert noch lange.. Nicht wahr, Kleine, das Brod iſt ſchon zugeſchnitten?“ „Ja, mein Herr, es liegt hier in dieſem Korbe.“ Herr St. Godibert rührt das Brod an, um ſich zu überzeugen, ob es auch altgebacken iſt, wie er be⸗ fohlen hat; denn dieß gehört zu der Sparſamkeit, oder dem Geize vielmehr, wodurch ſich die Empor⸗ gekommenen, welche die Vornehmen ſpielen wollen und doch nie wahre Größe genug beſitzen, die Sache vollkommen gut zu machen, ſtets errathen werden. So geben ſie euch bei einem Diner, wo ſie die aus⸗ geſuchteſten Gerichte und Frühgemüſe auftragen laſſen⸗ altgebackenes Brod zu eſſen und ſuchen durch die Er⸗ ſparniß von einigen Kreuzern die Ausgaben zu er⸗ mäßigen, die ſie zu machen genöthigt ſind, damit man ihre Aufwartung preiſe. Herr Nicolaus Gogo gehörte nothwendig zu der 17 Klaſſe von Leuten, die ſchöne Kleider tragen, vor⸗ nehme Manieren an ſich haben, kurz, Perſonen von Stand vorſtellen wollen, ſich aber nie ſo vollſtändig reinigen, daß man nicht noch einige Ueberbleibſel ihres urſprünglichen Kothes an ihnen bemerken könnte. „Fifine, Fifine! kommen Sie doch, um mir mein Kleid zuzumachen.“ „Sogleich, Madame!“ „Ich muß einmal ſehen, ob bei jedem Gedeck eine Salzbüchſe ſteht... welch' ſondervare Mode! Jedes ſoll heutzutage eine eigene Salzbüchſe haben; man wird doch immer verſchwenderiſcher. Da es aber einmal zum guten Ton gehört... Und dieſe Gläſer⸗ zahl. dieſer Wald von Gläſern vor jedem Gaſte! es iſt erſchrecklich. Ich finde, daß der Tafelluxus in gegenwärtiger Zeit zu weit getrieben wird.“ „Ihr Sohn wird ſogleich herunter kommen, Herr.“ „Gut, Franz. ah! Franz, gib wohl Acht auf was ich Dir jetzt ſagen werde: nach der Suppe ſchenkſt Du Jedermann... das heißt, bieteſt Du jedem Anweſenden Madera an; Du ſiehſt, von jener kurzen, oberhalb viereckigen Flaſche dort.“ „Ja, mein Herr, jaz o, ich kenne den Madera ſchon, ich weiß was das iſt!... das iſt famos gut!“ „Ah, Ihr wißt, daß das gut iſt, und wo habt Ihr denn welchen getrunken, da Ihr doch eben erſt aus Eurer Normandie kommt und in Paris noch nirgends als bei mir gedient habt?“ Herr Franz wird purpurroth, er ſchaut auf ſeine Schuhe nieder und antwortet nach einer Weile:„Ich Paul de Kock. LXRXVI. 8 18 habe bloß geſagt, es ſei gut, um zu thun, als ob ich es kenne und wiſſe was es ſei. Da mich der Herr vorhin ſo geſcholten haben, weil ich nicht wußte, was Thunfiſch iſt, ſo befürchtete ich, ich würde wieder ge⸗ zankt, wenn ich den Madera nicht kenne.“ „Hm! dieſe Antwort ſcheint mir ſehr normänniſch; einerlei, ich werde die Sache ſpäter unterſuchen. Kom⸗ men wir auf das zurück, was ich eben ſagen wollte: Ihr tretet alſo zu jedem Gaſte mit dieſer Flaſche hin und fragt: Befehlen Sie Madera?““ „Ja, Herr, ich verſtehe.“ „Wartet doch! Wenn man ſagt: nein, dann dringt Ihr nicht weiter in die Perſon, ſondern wendet Euch ſchnell an eine andere.“ „Ja, Herr, ich wende mich ſchnell an eine andere.“ „Wenn man aber welchen wünſcht, ſo ſchenkt Ihr vavon ein, doch hütet Ihr Euch vorſichtig, mehr als zwei Drittheile des Glaſes zu füllen.“ „Zwei Dritiheile nur?“ „Schaut, nehmet eine Flaſche, ſchenkt mir Ma⸗ dera in dieſes Glas ein... gut, ſchon gut.. nie mehr! es ſind ſchon zwei Drittheile.“ „Aha, recht, Herr! jetzt kenne ich das Maß.“ „Wenn aber, wohl verſtanden, eine Perſon das Glas in die Höhe hebt, ehe Ihr ſo weit eingeſchenkt habt, ſo hört Ihr plötzlich auf.“ „So; ſie ſind alſo nicht gezwungen, zwei Drit⸗ theile anzunehmen?“ „Ei, nein, Dummkopf; es handelt ſich ja darum⸗ meinen Wein zu ſparen und ſo wenig als möglich 19 b davon herzugeben! Potz Kuckuk, es wird doch noch genug davon getrunken!“ „Ich weiß es jetzt, Herr, ich verſtehe es ganz gut.⸗ „Das iſt ein Glück.“ Mamſelle Fifine kommt zurück, betrachtet ihren Daumen und ſagt:„Endlich iſt das Kleid der Ma⸗ dame zu! Ach Gott! wenn ich gewußt hätte, daß Franz wieder unten wäre, hätte ich ihm gerufenz ich habe faſt die Daumen abgebrochen.“ Der junge Julian erſcheint im höchſten Staate wie ein Dandy gekleidet, hat aber in Gegenwart ſei⸗ nes Vaters immer ein gezwungenes, ängſtliches Weſen. „Kommen Sie doch, Herr Sohn, wie lange brau⸗ chen Sie auch zu Ihrer Toilette! In Ihrem Alter habe ich mich in zwei Minuten angezogen und ohne recht hell dabei zu ſehen.“ „Warum ohne recht hell dabei zu ſehen, Vater? Sind Sie denn ſo früh aufgeſtanden?“ Herr St. Godibert, der einſieht, daß er eine Dummheit geſagt hat, verſetzt ſchnell:„Sage mir, Julian, Du mußt es wiſſen, Du ißt häufig außer⸗ halb, ſchreibt man die Namen der Gäſte zum Vor⸗ aus auf den Tiſch?“ „Die Namen, Vater?“ „Ja, die Namen, zur Bezeichnung der Plätze.“ „Meiner Treu', ich habe nicht Achtung gegeben!“ „Woran denken Sie denn dann, mein Herr? Wozu habe ich Ihnen eine Erziehung geben laſſen und das Geld für Sie verſchwendet, wenn Sie nicht einmal auf Dinge achten, die für Jemand, der 20 in Geſellſchaft geht, ſo nothwendig und ſo wichtig ſind?“ „Was gibt es denn, mein Freund?“ fragt Ma⸗ dame St. Godibert, in ihrem goldvurchwirkten Kleide eintretend, in welchem ſie einer heidniſchen Götzin gleicht. „Unſer Sohn weiß nicht einmal, ob man die Namen der Gäſte auf den Tiſch ſchreibt oder nicht! in ſeinem Alter ſo Etwas nicht wiſſen! und doch ſpeist er in den vornehmſten Häuſern, ſo viel er wenigſtens ſagt, wenn er auswärts ißt, was häufig vorkommt. Ach, wenn unſer Neffe Friedrich da wäre, der wüßte es uns gleich zu ſagen. er würde keine Minute gezögert haben. Er iſt zwar ein Verſchwen⸗ der, ein ziemlich leichtſinniger Junge, das iſt wahr; aber man muß es zugeben, er hat einen vortreff⸗ lichen Ton, Manieren wie ein Prinz, ſogar eine adelige Mienel. er weiß Alles was in der hohen Geſellſchaft vorgeht; ich habe ihn deßhalb auch ein⸗ geladen. Er entlehnt freilich oft Geld zum Spielen von mir, das iſt unangenehm; aber er iſt ſehr nütz⸗ lich, um Erkundigungen von ihm einzuziehen. Er kommt mit Geſandtſchaftsſekretären, engliſchen Lords zuſammen! O/ er hat in den höchſten Cirkeln Zu⸗ tritt. Aber mein Herr Sohn läuft den ganzen Tag und den ganzen Abend ich weiß nicht wo herum.. bei Griſetten vielleicht. Wenn ich wüßte, daß Du im Stande wäreſt, Dich mit Griſetten herum zu trei⸗ bven, ſo würde ich Dich verleugnen. Nicht einmal wiſſen, ob man den Namen auf den Tiſch ſchreibt! und er hat dazu noch lateiniſch gelernt!“ * „Mein Gott, Vater, erzürnen Sie ſich nicht; ich erinnere mich jetzt, daß man ſie darauf ſchreibt... ja, ja, man ſchreibt ſie darauf.“ „Biſt Du Deiner Sache gewiß?“ „Ja, mein Vater, ich entſinne mich, daß es das 1 letzte Mal, als ich bei dem Grafen Cornihoff zu Mittag ſpeiste, auch der Fall war.“ „Der Graf Cornihoff!.. der Teufel, das muß eine vornehme Perſon ſein!“ ſagt Herr St. Godibert, ſeinen Sohn freundlicher betrachtend.„Du kommſt zu Grafen Cornihoff und ſagſt es uns nicht?“ „Ach, durch Zufall, Vater! Derneſty kennt dieſen ruſſiſchen Edelmann und hat mich bei ihm einge⸗ führt.“ „Du hätteſt uns dieſen Herrn auch bringen ſollenz ich würde ihn zum Diner eingeladen und mir ge⸗ ſchmeichelt haben, wenn mir ein ruſſiſcher Graf die Ehre erzeigt hätte, bei mir zu ſpeiſen.“ „Er hätte nicht kommen können, Vater; er iſt bereits wieder nach St. Petersburg abgereist.“ „Das thut mir leid; aber Herr Derneſty wird hoffentlich kommen; er iſt von ſeiner Reiſe nach 3 England zurückgekehrt, nicht wahr?“ —„Ja o, er kommt ſicher.“ „Das iſt ebenfalls ein junger Mann von ausge⸗ zeichneten noblen Manieren und einer hinreißenden Beredtſamkeit.“ „Ja,“ ſagt Madame St. Godibert, ſich in einem Spiegel betrachend,„ja, Herr Derneſty iſt ein ſehr gebildeter Mann. iſt er nicht Marquis?“ 22 „Ich glaube nicht, Mutter.“ „O, er muß von Rang, er muß wenigſtens Che⸗ valier ſein. Es gibt Leute, die ein Incognito über ihren Adel beobachten, um nicht genöthigt zu ſein, ein Haus zu machen. Ach, wenn ich eine Tochter hätte, ſo wünſchte ich ihr einen ſolchen Gatten, nicht wahr, Bibi?“ Bibi, der ſich gerade im Speiſeſaal und zunächſt vei Mamſelle Fifine zu ſchaffen machte, eilt ſchnell von dieſer weg und antwortet:„Ich bin ganz dieſer Anſicht, Angelika; wenn nur die Gluthpfannen nicht wieder auf der Tafel ausgehen wie das letzte Mal. Man glaubt das Eſſen warm zu bekommen und die Speiſen ſind kalt; das iſt ſehr unangenehm. Franz, was machet Ihr dort unten?“ „Ich mache die Flaſchen auf.“ „Entpfropfet doch nicht ſo viel zum Voraus, wozu denn? Ihr habt eine wahre Wuth, die Flaſchen zu entſtöpſeln... was ſoll das heißen? Wartet doch, vis ich es Euch befehle.“ „Mein Herr, es fehlt noch eine auf den Tiſch, Mamſelle Fifine hat es eben geſagt.“ „Das ſei aber die letzte.“ „Ja, mein Sohn,“ fährt die dicke Dame ſich immer noch beſpiegelnd fort,„Herr Derneſty iſt ein junger Mann, der Ihnen als Muſter dienen ſollte. Ich meine, Sie kommen nicht mehr ſo viel mit ihm zu⸗ ſammen wie früher, warum das?“ „Entſchuldigen Sie, Mutter, ich konnte bloß Der⸗ neſty nicht beſuchen während er in England war.“ 23 „Vorwärts, Julian, nehmen Sie Karten und ſchreiben Sie ſchnell den Namen eines jeden Gaſtes darauf; denn die Zeit vergeht und es iſt noch Nichts geſchehen, wenn die Geſellſchaft kommt.“ Der Sohn des Hauſes holt Karten, ein Schreib⸗ zeug, eine Feder und trägt Alles auf den Ofen des Speiſezimmers. Während ſeines Hin⸗ und Hergehens iſt er auch der hübſchen Fifine begegnet, welche be⸗ ſtändig in Bewegung iſt, und mit ſeiner Hand an ihren Reizen vorbeigeſtreift; die Kammerzofe nimmt alle dieſe Huldigungen wie Dinge hin, an die ſie längſt gewöhnt iſt. „Ich vin bereit, Vater, nennen Sie mir gefälligſt die Namen Ihrer Gäſte.“ „Wir ſind alſo unſer Zwanzig. Erſtens wir Drei⸗ dann mein Bruder, der Schriftſteller, und ſeine Frau, dann der Vetter Brouillard, das find ſchon ſechs.“ „Ah! Sie haben Ihren Vetter Brouillard einge⸗ laden?“ ruft Madame die Achſeln zuckend aus.„Sie ſind ſehr gutmüthig, einen Mann, der immer Sti⸗ chelreden gegen Sie im Munde führt... Ihr Vetter Brouillard iſt ſo bösartig wie ein Eſel.“ „Aber, Angelika, Du irrſt Dich; Du weißt übri⸗ gens, daß ich ihn gewöhnlich einlade, und wenn er erführe, daß ich ein großes Diner gegeben habe, ohne ihn dazu zu bitten, ſo würde er wüthend und ver⸗ zieh' es mir nie.“ „Und Sie fürchten ſich vor ihm und laden ihn bloß ein, weil Sie Angſt vor ſeiner Bösartigkeit und 24 ſeiner giftigen Zunge haben!... geben Sie es nur zu, geſtehen Sie es doch!“ Frau St. Godibert hatte vollkommen Recht. Ihr Mann war bloß deßhalb gegen den Vetter Brouillard artig, weil er ihn fürchtete und wußte, daß er im Stande ſein würde, ihn vor aller Welt Gogo zu heißen. Wäre Herr Brouillard einer jener guten, wohlwollenden Menſchen geweſen, wie man ſie zu⸗ weilen trifft, ſo hätte man ohne Zweifel weit weni⸗ ger Rückſicht gegen ihn beobachtet. In Folge deſſen wäre es ſomit ein Vortheil bös⸗ artig zu ſein, da in der Welt Gunſtbezeugungen, Belohnungen, Stellen, Ehren und Huldigungen weit öfter Denen gezollt werden, die man fürchtet, als Denen, die man ſchätzt. Wir wollen hoffen, daß die Letzteren in ihrem Herzen und ihrem Gewiſſen eine Entſchädigung für die Gleichgültigkeit der Menge und die Ungerechtigkeit Derer, welche mit Austheilung der Belohnungen beauftragt ſind, finden werden. „Jedenfalls,“ fährt Madame St. Godibert fort, „hoffe ich, daß Sie Herrn Brouillard nicht neben mich ſetzen; ich will ihn nicht.“ „Sei beruhigt, Angelika, Du ſollſt ihn nicht haben. Julian, haben Sie die ſechs Namen auf⸗ geſchrieben?“ „Ja, Vater.“ „Ah! jetzt Ihren Vetter Friedrich, Herr Derneſty, Herr und Madame Marmodin, Herr Roquet, das macht bereits elf.“ „Und wo ſind die Gurken, Herr St. Godibert? Ich ſehe keine Gurken!“ ſchreit Franz, überall auf dem Tiſch umherſehend. „Worein miſcht Ihr Euch, Ihr Einfaltspinſel? wenn keine da ſind, ſo ſind ſie natürlich abſichtlich weggelaſſen worden. Es ſtehen ſechs Taſſen mit Zu⸗ gemüſe auf der Tafel, das iſt genug.. Oliven, Rettige, Sardellen, Thunſfiſch und Butter... Nicht wahr, Fifine, man ſtellt keine Gurken mehr auf?“ „Nein, Herr, denn ich habe mich bei der Diener⸗ ſchaft des reichen Deputirten erkundigt, der ſo glän⸗ zende Diners gibt.“ „Nun denn,“ ſagt Franz, eine Champagnerflaſche zur Hand nehmend, die mit andern feinen Weinen in einem beſondern Korbe ſtand und nach welcher er ſchon lange ſchielte;„bei uns aß man ohne Gurken nicht gut zu Mittag: Gurken und Häringſalat dürfen bei uns nicht fehlen.“ „Schweigt, Franz, man will nicht wiſſen, was bei Euch Gebrauch iſt; Ihr ſprecht viel zu viel für einen Dienſtboten. Haben Sie die elf Namen auf⸗ geſchrieben, Julian?“ „Ja, Vater.“ „Mein Lieber, ſetzen Sie Herrn Derneſty neben mich, das macht mir Vergnügen.“ „Aber, Angelika, der Platz neben der Herrin des Hauſes iſt immer ein Ehrenplatz, eine Gunſtbezeugung, und es ſind wichtigere Perſonen bei Tiſche, denen wir vielleicht den Vorrang ſchuldig ſind.“ „Und wer denn, mein Herr, wer denn? Herr Marmodin doch hoffentlich nicht, der nur von den ²⁸ Römern und Römerinnen ſpricht... Glauben Sie viel⸗ leicht, das unterhalte mich?“ „Das iſt ein Gelehrter, meine Theure, man ſagt, er werde demnächſt Mitglied des Inſtituts.“ „Wenn er es iſt, dann willige ich darein, ihn neben mich zu ſetzen, vorher aber nicht. Ach, warten Sie, ſetzen Sie Herrn Roquet neben mich; dieſer iſt ſehr liebenswürdig und galant gegen die Damen.“ „Unmöglich, Angelika! Roquet iſt zwar in Ge⸗ ſellſchaft ein ſehr angenehmer Mann, wir machen aber keine Umſtände mit ihm. Die Ehrenplätze müſſen Perſonen zugetheilt werden, die Einem von Nutzen ſein können. Derneſiy ſoll meinetwegen zu Deiner Linken ſitzen, aber Deinen Nachbar zur Rech⸗ ten müſſen wir mit großer Vorſicht wählen. Ah! da wäre Herr Candrillon.. ein Capitaliſt, der die Ab⸗ ſicht hat, ſich von ſeinem Haus in ſeinem Departe⸗ ment eine eigene Eiſenbahn bis Paris bauen zu laſſen; der Mann iſt unmenſchlich reich; einem ſol⸗ chen Gaſte iſt man Aufmerkſamkeit ſchuldig.“ „Möglich, aber ich will ihn nicht neben mir beim Eſſen; dieſer Mann benimmt ſich ſo ungezwungen und ſpricht ſo laut; ſeine Stimme betäubt Einen ganz.. auch gebraucht er ſo häßliche Ausdrücke.. Ja, Herr Candrillon iſt oft ſehr ungenirt in ſeinen Wor⸗ ten, das gefällt mir nicht.“ „Madame, ein Mann, der für ſich allein eine Eiſenbahn bauen laſſen kann, hat wohl das Recht ungenirt zu ſprechen; das iſt reichen Leuten erlaubt.“ „Kurz, ich will einen andern Nachbgr.“ „Herr Doguin und ſeine Frau, ſchreiben Sie nur weiter, Julian, ſind vierzehn. Herr Doguin iſt Ober⸗ beamter in den Privatbureaux des Miniſters des In⸗ nern; das iſt ein Mann, der Einem von ausgezeich⸗ netem Nutzen ſein könnte, wenn man ein Geſuch anzu⸗ bringen hätte, zum Beiſpiel um eine Deputirtenſtelle.“ „In der That, mein Freund, in der That, ich ſehe nicht ein, warum Sie nicht Deputirter werden ſollten und in der Zukunft auch noch mehr. Sie müſſen ſich zu Allem emporſchwingen, Herr St. Go⸗ dibert, zu Allem.. aber ich will Herrn Doguin nicht neben mir.“ „Und warum nicht, Angelika?“ „Weil er eine entſetzliche Unannehmlichkeit an den Füßen hat. O, das iſt etwas Unerträgliches für mich!“ „Was? tritt er vielleicht auf die Füße ſeiner Nachbarn?“ „Ei nein, mein Herr! Begreifen Sie denn nicht, daß ich den übeln, unaushaltbaren Geruch ſeiner Füße meine?“ „Wie, Herr Doguin wäre mit dieſer Unannehm⸗ lichkeit behaftet?“ „Setzen Sie ihn einmal neben ſich, dann will ich Sie wieder hören.“ „Weiter, Julian, Herr Soufflat und ſeine Toch⸗ ter.. ſechszehn... Willſt Du Soufflat neben Dir, Angelika? Du kannſt nicht leugnen, daß er liebens⸗ würdig iſt.. welch' heiterer Charakter! Er lacht un⸗ aufhörlich über Alles, Alles!.. Ich glaube, wenn man zu ihm Fst:„Soufflat, Ihr Vater iſt geſtor⸗ 28 ben oder ihre Tochter iſt todtkrank, ſo würde er la⸗ ₰ chen; ach, das iſt ein köſtliches Temperament! und 7 abgeſehen davon, iſt er wahlfähiger Wähler in ſei⸗ nem Orte.“ „Wo iſt ſein Ort?“ „Ich weiß es nicht, meine Theure, aber kurz, es. gibt einen Ort, wo eine Anzahl Stimmen auf ihn gefallen ſind, um ihn zum Deputirten zu wählen und die Sache hing nur noch an einem Faden. Wenn Herr Soufflat nur noch zehn Stimmen mehr gehabt hätte, würde er ernannt worden ſein; aber es ſcheint, daß nicht mehr als ſechs Wähler im Bezirk waren Herr Doguin hat mich von dieſer Angelegenheit in Kenntniß geſetzt.“ „Ganz gut, aber ſetzen Sie Herrn Soufflat nicht an meine Seite, er iſt zu lebhaft, zu unruhig, er ſpielt mit ſeinem Meſſer, ſeiner Gabel; thut, als ob er den Teller fallen laſſe, wenn man ihm dieſen hin⸗ reicht... alles Das langweilt mich. kurz, dieſer Herr iſt mir zu ſpaßhaft.“ „So will ich Herrn Villarſec neben Dich ſetzen, das iſt ein gebildeter Mann.. ein Mann, der ſich «ausgezeichnet zu benehmen weiß und außerdem ein ₰ ehemaliger Attaché bei einer Geſandtſchaft in China, glaub' ich. der die ganze Welt durchreist, Neger und rohe Diamanten mit ſich gebracht hat et hat Minen entdeckt und iſt ungeheuer reich.“ „Ich widerſpreche durchaus nicht, aber er iſt zu ernſthaft! Dieſer Herr lacht nie, er ſieht immer ſo düſter aus, daß mir das Eſſen vergeht.“ 29 „Jetzt bleiben mir nur das junge Ehepaar Brouſ⸗ ſaillon... und der Major Krauteberg übrig.“ „Ach, ſetzen Sie den Major neben mich den Major laſſe ich mir gefallen, er iſt immer ſo lie⸗ venswürdig, ſo galant.. ein wahrer Ritter gegen⸗ über von den Damen.“ „Aber. der Major.. er kommt freilich viel in Geſellſchaft, ſonſt wüßte ich aber nicht, welchen Nu⸗ tzen wir uns von ihm verſprechen könnte, und.. „Ich will den Major oder Herrn Roguet, richten Sie es ein wie Sie wollen, ich nehme jedoch nur den Einen oder den Andern zum Nachbarn meiner Rechten an.“ Herr St. Godibert iſt ſehr in Verlegenheit, er weiß nicht, welcher von den K* Perſonen er die Ehre erweiſen ſoll, ſie ne ſeine Gemahlin zu ſetzen. Die Tafel iſt jetzt vollſtändig gedeckt; man hat nur noch die Karten auf die Plätze zu legen, und man muß ſich entſcheiden, denn die Stunde naht, wo die Geſellſchaft ankommen wird. Um ein Ende zu machen und ſich dann vollends anziehen zu kön⸗ nen, will der Hausherr eben den Namen des Ma⸗ jors auf die rechte Seite von ſeiner Frau legen, als ein unerwarteter Knall, dem alsbald eine ſchäumende Beſprengung folgt, die im Nu einen Theil des Ti⸗ ſches und der davorſtehenden Perſonen anfeuchtet, die ganze Scene verändert. Seit mehreren Minuten hatte Franz eine jener Flaſchen zur Hand genommen, deren mit Blei über⸗ zogener Kork und Hals ſeine Neugierde beſonders * rege gemacht hatten. Zuerſt hatte er es für leicht gehalten, die Flaſche mit einem einfachen Pfropfen⸗ zieher zu entſtöpſeln; aber nach vergeblichen Anſtren⸗ gungen hatte er doch bemerkt, daß der Kork mit Draht an die Bouteille befeſtigt war; dann hatte der normänniſche Bediente ein Meſſer ergriffen und ver⸗ mittelſt deſſelben den Pfropf, die Schnüre und den Draht loszuarbeiten geſucht, und nach langer Mühe war der letztere, in dem Augenblick, wo der Unge⸗ ſchickte ſeine Abſicht zu erreichen gehofft hatte, in die Höhe gefahren und der ſchäumende Inhalt um ſo ſtärker hervorgeſprudelt, als Herr Franz ihn einfäl⸗ tiger Weiſe bald mit einem Finger, bald durch ſonſt eine Bedeckung des Halſes zurück zu halten verſucht hatte. Madame St. Godibert hat einen Schrei des Schreckens ausgeſtoßen, ihr Gatte macht einen Sprung, ihr Sohn läßt alle Karten, die er in Händen hat, auf den Boden fallen und Mamſelle Fifine ſinkt mit verzweifelter Miene auf einen Stuhl nieder. Dann hört man von allen Seiten die jammernden Worte: „Ach, der Unglückliche! das ganze Gedeck iſt ver⸗ dorben.“ „Und mein golddurchwirktes Kleid iſt hin.. „Es iſt Wein in den Sardellen!“ „Ich weiß nicht, wo mir der Kopf fteht!“ „Ach, das Vieh!. „Dieſer Eſel!“ „Man muß den ganzen Tiſch wieder friſch de⸗ cken„ ⸗— 4 ₰ —— — 31 „Ich war ſo hübſch friſirt!“ „Es iſt entſetzlich!„ Und inmitten dieſes wüthenden Geſchreies über Franz hinein, ſchreit dieſer auch wie beſeſſen zu ſeiner Vertheidigung:„Bin ich ſchuld? habe ich das ah⸗ nen können? habe ich zum Voraus gewußt, daß Sie ein Feuerwerk in Ihren Flaſchen haben... daß Ra⸗ keten und Springbrunnen darin ſind, die knallen wie Kanonen?... Man hätte mich wenigſtens vorher dar⸗ auf aufmerkſam machen ſollen!“ Herr St. Godibert kann ſich nicht mehr bemei⸗ ſtern. Da er in ſeiner Wuth keinen Stock bei der Hand hat, nimmt er die Schale mit den Oliven, um ſie auf Franzens Kopf zuſammen zu ſchlagen und weit entfernt, ihren Mann zurüczuhalten, ſchreit An⸗ gelika:„Das iſt ein Flegel!.. man ſollte ihn peit⸗ ſchen bis auf's Blut! St. Godibert ziehe ihm Alles herunter bis auf die Haut und ſtäupe ihn von Unten bis Oben.“ Aber Julian fällt ſeinem Vater, der alle Oliven auf den Boden geworfen hat, in den Arm und Fifine gibt Franz einen Wink, ſich davon zu machen, was dieſer auch augenblicklich befolgt, zugleich aber noch die Flaſche mitnimmt, welche Veranlaſſung zu dieſem Sturme gegeben hat. „Er ſoll ſich nur nie mehr vor mir ſehen laſſen!“ ſagt Herr St. Godibert, indem er ſich bückt, um die Oliven aufzuleſen.„O, wenn er mir unter die Au⸗ käme, könnte ich mich auf's Aeußerſte vergeſ⸗ en! „Und mir könnte es einfallen, den Schurken zu caſtriren, wenn er ſich vor mir zeigte,“ ſagt Madame. Fifine macht darauf aufmerkſam, daß man keine Zeit zu verlieren habe, und es beſſer wäre, die Ta⸗ fel friſch zu decken, ſtatt ſich um Franz zu beküm⸗ mern; Madame könne während deſſen ein anderes Kleid anziehen und ihre Haare wieder in Ordnung bringen. Da dieſe Bemerkung der Zofe ſehr richtig gefunden wird, macht ſich Jedes an's Werk, Vater und Sohn unterſtützen Mamſelle Fifine, in kurzer Zeit iſt der Tiſch abgedeckt, man legt ein anderes Tiſchtuch darauf, und bald iſt wieder Alles in der alten Ordnung. Der Hausherr denkt jetzt an die Austheilung der Karten, wodurch Jedem ſein Platz angewieſen wird. Das nimmt ihm wieder viel Zeit weg, er läuft ein Mäl um das andere um den Tiſch herum und murmelt:„Meine Frau zwiſchen Roquet nein, den Major Krauteberg und Derneſty.. ich zwiſchen Madame Doguin und Mamſelle Souff⸗ lat.. nein, es iſt beſſer, ich ſetze Fräulein Soufflat neben meinen Sohn. dieſe Dame iſt eine ſehr reiche Parthie und bei Ueberreichung eines Tellers oder beim Präſentiren eines Glaſes kann man eine Galanterie anbringen.. Julian, Sie müſſen ſehr galant gegen Fräulein Soufflat ſein, die ich neben Sie ſetze.“ 3 „Ach, Vater, Fräulein Suufflat iſt ſo häßlich! ſie hat eine entſetzlich lange Naſe, die unten aus⸗ läuft wie eine Trompete... Madame Brouſſaillon und Madame Marmodin gefallen mir weit beſſer.“ 33 „Herr Sohn, es handelt ſich nicht darum, wer Ihnen gefällt. Sie können keine dieſer beiden Da⸗ men heirathen, die ſchon verheirathet ſind, während Fräulein Soufflat eine Parthie von wenigſtens zwei⸗ malhunderttauſend Franken iſt und ich glaube, daß eine ſolche Mitgift die Länge der Naſe dieſes Fräu⸗ leins verkürzen wird.“ „Aber, Vater! „Noch einmal, ſtill, mein Herr! Glauben Sie, daß ich ein ſo großartiges Mittageſſen gebe und ein wahn⸗ ſinniges Geld verſchwende, ohne Vortheil daraus zu ziehen?.. Wiſſen Sie, mein Herr, daß ein Diner immer zu Etwas dienen muß; ich habe Herrn Can⸗ drillon oft ſagen hören:„ein Diner iſt ein ſehr ge⸗ wandter diplomatiſcher Agent, beſonders wenn es mit Trüffeln zubereitet iſt und das meinige iſt durch und durch voll Trüffeln. Sie werden ſomit zwiſchen Fräulein Soufflat und Herrn Doguin ſitzen, Madame Marmodin neben Friedrich, mein Bruder, der Gelehrte, neben dem geiſtreichen Herrn Marmo⸗ din, Herr Candrillon!.. wo Teufel werde ich Herrn Candrillon hinſetzen? Ein Mann, der für ſich allein eine Eiſenbahn bauen laſſen kann, muß einen ſehr ſchönen Platz erhalten!.. Und meine Frau wollte ihn nicht einmal neben ſich. die Frauenzimmer ſind doch oft recht ärgerlich. Meiner Treu'! ich ſetze ihn neben Madame Brouſſaillon und meine Schwägerin Ach, meinen Vetter Brouillard jetzt!.. dem iſt ſchwierig ein Platz anzuweiſen, er hat eine böſe Paul de Kock. LXRVI. 3 34 Zunge. Wenn ich ihn nur zwiſchen zwei Taube ſetzen könnte l... Ach, der Herr Brouſſaillon hört nie zu, wenn man mit ihm ſpricht und Soufflat lacht un⸗ aufhörlich, ich glaube übrigens nicht, daß er weiß, warum er lacht... Welche kopfzerbrecheriſche Arbeit! ich möchte nicht immer zwanzig Perſonen bei Tiſche haben. Vor allen Dingen würde mich das ruiniren.“ Madame kommt zurück; ſie hat ihr Atlaskleid angezogen und ihre durch den Champagner verdor⸗ bene Friſur wieder in Ordnung gebracht. Sie wirft einen Blick auf die Anordnung der Plätze und will ſie verändern; aber jetzt ſchreit ihr Gemahl, indem er ſich ſchneuzt, wie wüthend:„Meiner Treu', An⸗ gelika, wenn Sie Etwas an meinen Beſtimmungen ändern, ſo ſage ich zum Voraus, kümmere ich mich Nichts mehr um das ganze Mittageſſen; es mag dann gehen wie es will.. ich will mich nicht ge⸗ quält haben wie ein Galeerenſelave, damit ein Anderes herkommt und meine Arbeit über den Haufen wirft!“ „Beruhigen Sie ſich, mein Kleiner,“ entgegnet Angelika,„und geben Sie mir Antwort. Wen haben Sie auf heute Abend eingeladen?“ „O, etwa zwölf Perſonen!.. Julian, haben Sie Ihren Freund Richard aufgefordert, heute Abend zu kommen?“ „Ja, mein Vater, er wird kommen. 3ch habe ihm Ihre neue Adreſſe gegeben; denn er war der Meinung, wir wohnen noch in der Mathurinſtraße.“ „Kommen einige Künſtler, Muſiker, die kleine luſtige Lieder zu Klavierbegleitung ſingen?“ 35 „Ich hatte zwei oder drei erſucht, aber ſie haben es ſich erlaubt, meine Einladung auszuſchlagen.. ſei übrigens ruhig: Herr Dixcors, der Herr, welcher eine Maſſe kleiner Späße zu machen weiß, alle Thiere nachahmen kann und ſogar ein Bauchredner iſt, hat mir verſprochen, einen ſeiner Freunde mitzubringen, der Alles fingt, was man nur will, auch Melodien von Chou.. Chou.. meiner Treu', ich weiß nicht, von welchem Chou...“ „Von Schubert, Vater.“ „Ja, ich glaube ſo.. Choubert... Ich wußte nur, daß ein Chou dabei iſt.“ „Haben Sie Herrn Ramonot eingeladen?“ „Ramonot? Wahrhaftig, nein... ich habe ihn nicht eingeladen! ich habe mich wohl gehütet. Letzt⸗ hin iſt er mir in einem ſo elenden, abgeſchabten Rock auf dem Boulevard begegnet.. kurz, er war ſo ſchlecht angezogen, daß ich, weiß Gott, ſchnell das Geſicht abwandte, um ihn nicht grüßen zu müſſen, denn Nichts würdigt Einen mehr herunter, als einen ſchlecht gekleideten Menſchen zu grüßen.“ „Aber Sie ſetzen mich in Erſtaunen; denn Herr Ramonot wird, ſo viel man mir geſagt hat, durch die Verwendung ſeiner Tochter eine ſehr gute Stelle bei der Polizei⸗Präfektur erhalten.“ „Wirklich?. ach der Teufel! dann grüße ich ihn, ſobald er mir wieder begegnet, von Weitem ſchon.“ „Herr Ramonot hat in der That dieſe Stelle er⸗ halten ſollen,“ verſetzt Julian,„aber es iſt Nichts daraus geworden, ein Anderer hat ſie.“ 36 „Was ſagte ich!. Einen Menſchen mit ſo ei⸗ nem abgeſchabten Rocke grüße ich nicht!.. von nun an bin ich feſt entſchloſſen, ihn nicht mehr zu kennen.“ „Sie wiſſen alſo nicht, daß ſeiner Tochter, die ſehr hübſch iſt, von dem Reffen eines franzöſiſchen Pairs der Hof gemacht wird, welcher geſchworen hat, er werde ſie wahrſcheinlich heirathen?“ „Der Neffe eines airs? Potz Sapperment!... dann weiß man freilich nicht mehr, was man thun ſoll. Es bleibt dabei, ich grüße ihn. ich grüße ihn! Ich ſehe wohl ein, daß ich einen Fehler gemacht habe, aber ich kann Nichts dafür. ſchlecht geklei⸗ dete Leute ſind mir zuwider... ſo oft ſie mir zu nahe kommen, meine ich immer, ſie wollen Geld von mir entlehnen.“ Dieſes Geſpräch wird durch Fifine unterbrochen, welche herbeieilt und ſagt:„Herr Brouillard iſt da, er hat zwar noch nicht geläutet, aber ich höre ihn ſchon fünf Minuten ſeine Füße auf der Strohmatte vor der Oehrthüre abreiben. Ich habe ihn durch ein Fenſter hindurch erkannt, er bleibt immer eine Viertelſtunde auf der Strohmatte ſtehen; ich glaube, er horcht, ehe er hereingeht, um zu erfahren, was bei den Leuten, die er beſuchen will, geſprochen Wit 2 „Er wäre es wohl im Stande.“ „Der Vetter Brouillard ſchon? Der unausſteh⸗ liche Kerl!... „Ach, Angelila, nimm Dich in Acht.. ſpreche in Gegenwart von Leuten keine ſolchen Worte aus oder ich verberge mich vor Schande unter dem Liſch!“ „—— 37 „Gut, mein Herr, gut! ich meine, ich könne ſpre⸗ chen; Sie ſind nicht der Mann, der ſich erlauben darf, mir Vorwürfe zu machen, Sie, der Tonnelles ſagt ſtatt Turnel, wenn man von den Eiſenbah⸗ nen ſpricht, und letzthin im vollen Saale behauptet hat, die Straßen zu Paris ſeien von Dieben infi⸗ cirt.“ „Wohlan, Madame, ſagt man nicht ſo? Ich habe oft ſagen hören, die Straßen ſind von Dieben infi⸗ cirt.. ein Wald iſt von Räubern inficirt(ange⸗ ſteckt).“ „Nein, mein Herr, man muß ſagen infeſtirt (beunruhigt), ich weiß es gewiß, ich habe Herrn Marmodin darum befragt.“ „Und ich habe meinen Bruder, den Gelehrten, oft ſo ſagen hören, wie ich ſagte.“ „Wenn ſolche Phraſen in ſeinen Stücken vorkom⸗ men, müſſen ſie intereſſant ſein!... Sie bilden ſich aber Etwas ein, wenn Sie von ihrem Bruder ſpre⸗ chen! „Madame, ich ſage doch nicht Kerl! ein Wort, das nur gemeine Leute in den Mund nehmen.“ „Schweigen Sie, mein Herr, es wird mir übel.“ Der Streit war im beſten Auflodern und Julian ſchien ſich eher an dem Zwiſte ſeiner Eltern zu be⸗ luſtigen, als daran zu denken, ihn zu ſchlichten. Doch Fifine ſtellte die Ruhe wieder her, indem ſie ſagte: „Ach, wenn der Vetter Brouillard hört, daß man ſich zankt, wird er ſich höchlich darüber freuen!“ „Fifine hat Recht,“ ſagt Madame St. Godibert, vraucht, falls Etwas zu helfen iſt, bin ich doch dann da.“ 38 ihrem Manne die Wange darbietend; ich bin zu hitzig.. küſſe mich, Kleiner!“ „Mit Vergnügen, Angelika.“ „Ihr Vetter iſt ſchuld, daß ich mich ereifere.. Er kommt immer vor allen andern Gäſten und oft ehe noch der Tiſch gedeckt iſt. Das geſchieht jedoch nur, um herumzuſpähen, zu ſehen, was man macht, und ſeine Naſe in Alles hineinzuſtecken: unter dem Vorwand, er wolle helfen, ſchnüffelt er in allen Zim⸗ mern herum... Denken Sie ſich, mein Herr, letzt⸗ hin überraſchte ich ihn, wie er vor meinem großen Kleiderkaſten ſtand und hineinſah; er hatte ihn auf⸗ gemacht und betrachtete und betaſtete ein Stück nach dem andern. als ich ihn fragte, was er da treibe, hatte er gar die Unverſchämtheit, mir zu antworten: „Werthe Baſe, ich ſuchte das heimliche Gemach und glaubte hier am rechten Orte zu ſein.“ In dieſem Augenblick ſtreckt Herr Brouillard ſeine Naſe in's Speiſezimmer herein; Nicolaus Gogo und ſeine Frau eilen ihm entgegen mit dem Ausruf: „Ei, das iſt Brouillard, der liebe Vetter Brouillard!“ „Guten Tag, Vetter! guten Tag, Coufine!“ „Wie artig von Ihnen, zeitlich zu kommen!.. Viele Leute laſſen ſo lange auf ſich warten, bei Jh⸗ nen kann man das nie klagen... ich ſprach eben mit St. Godibert davon.“ „Beſte Baſe, ich beeile mich ſtets zu Ihnen zu kommen. es iſt immer ein ſo großes Vergnügen für mich und ich denke zugleich, falls man Jemand — 39 „O, wir danken, Vetter, wir haben ja unſere Leute, unſere Dienerſchaft!... mehr braucht es nicht.“ „Da liegt eine Olive auf dem Boden,“ ſagt Herr Brouillard, ſich bückend, um ſie aufzuheben. „Es ſcheint, daß Ihre Leute nicht genau Achtung ge⸗ ben auf das, was ſie tragen. Das iſt ein präch⸗ tiges Gedeck! Sie haben, ſo wie ich ſehe, viele Gäſte?“ „Wir werden unſer Zwanzig ſein,“ antwortet Herr St. Godibert, mit ſeinem Taſchentuch an der Naſe ziehend, um ſie zu verkängern.“ „Zwanzig, Sie mit eingerechnet?“ „Wie, uns mit eingerechnet?“ ſchreit die dicke Dame mit geärgerter Miene;„dürfen wir uns nicht auch für Etwas rechnen?. ſind wir Nullen in unſerm Hauſe?“ „Entſchuldigen Sie, Couſine, das wollte ich nicht damit ſagen.. ich habe mich ungeſchickt ausgedrückt wenn ich ſage zwanzig, Sie mit eingerechnet, ſo heißt das nur:„Haben Sie zwanzig Perſonen ein⸗ geladen und weiter Nichts Sie haben ein wun⸗ verſchönes Kleid an, Couſine ach, welch' präch⸗ tiger Stoff!“ „Nicht wahr? o, es iſt vom koſtbarſten Atlas.“ „Aber Ihr Unterrock ſieht vor, Couſine, geſchieht dies abſichtlich?“ „Ach, mein Gott! mein Unterrock ſieht vor. und ich hatte es nicht bemerkt! So geht es, wenn man ſich ſo beeilen und ſo ſchnell machen muß⸗ Fifine, ſtecken Sie mir ihn hinauf. Vetter Brouil⸗ . 40 lard, begeben Sie ſich gefälligſt mit unſerm Sohn in den Salon.“ „Mit großem Vergnügen.. geniren Sie ſich meinetwegen nicht, ich bitte Sie, wenn man viele Leute empfängt, hat man ſo Mancherlei zu überwa⸗ chen und zu beſorgen; ich weiß, was das iſt.. ich will in den Salon hinübergehen.. Ei, Sie bekommen ja einen Weinſchenk in Ihr Haus?“ „Einen Weinſchenk. wo?“ „Hier in den untern Stock, wo gegenwärtig ein⸗ gezogen wird.“ „Einen Weinſchenk. es käme ein Weinſchenk in's Haus? Ach, wie entſetzlich! wenn ich Das wüßte, würde ich augenblicklich mein Logis verlaſſen!“ „Nein, nein, das iſt nicht möglich! Wer hat es Ihnen geſagt, Vetter?“ „Meiner Treu', ein Commiſſionär unten; ich ſah, daß in's Parterre eingezogen wird und fragte ihn:„Wer kommt hier herein?“ hierauf antwortete er mir:„Mein Herr, ich glaube ein Weinſchenk.““ „Fifine, Fifine! gehen Sie ſchnell hinunter und erkundigen Sie ſich bei dem Portier, wer in den Unterſtock und den Laden einzieht; wenn es ein Wein⸗ ſchenk oder ein Fleiſcher iſt, ſo ſagen Sie, daß wir heute Abend aufkündigen werden.“ „Aber, Madame, in teſein Augenblick habe ich entſetzlich viel zu thun.. „Gehen Sie en hinunter, Fifine... ich kann nicht in dieſer Ungewißheit verharren.“ Die Kammerzofe geht hinunter und wünſcht den 4¹ Herrn mit der Fuchsſchnauze, der, kaum zur Thüre hereingetreten, ſchon Gelegenheit gefunden hat, ihre Herrſchaft in Unruhe zu verſetzen, zu allen Teufeln. Herr St. Godibert hat ſich entfernt, um einen Frack anzuziehen, Madame hat ſich auf einen Stuhl ge⸗ worfen, Julian iſt in den Salon hinein gegangen, 6 um ſeine Halsbinde zu ordnen, und der Vetter Brouil⸗ lard ſieht unter den Tiſch, ob keine Oliven mehr darunter ſind und ſagt:„Meiner Treu'! Thatſache iſt, daß es mir ginge wie Ihnen: ein Weinſchenk würde mich ſicher aus meinem Hauſe vertreiben. Das ſetzt Einen der Unannehmlichkeit aus, Betrunkenen zu begegnen, Geſchrei und Streitigkeiten mit anzu⸗ hören oft bekommt man ſogar beim Nachhauſe⸗ gehen einige Fauſtſchläge, die einem Andern zuge⸗ dacht waren; das iſt ſehr widerwärtig.“ Endlich kehrt Fifine ganz außer Athem wieder zurück. Herr St. Godibert eilt mit ſeinem Frack herbei, um zu hören, was ſie ſagt. „Es hat nie Jemand an einen Weinſchenk ge⸗ dacht,“ ſchreit die junge Zofe mit einem zornglühen⸗ den Blick auf Herrn Brouillard;„ein Buntpapier⸗ händler zieht in den Laden ein. und er wird ſehr ſchön und prächtig herausgemacht. er verkauft Pa⸗ pier, von dem das Buch zwanzig Franken koſtet.“ „Ach, ich lebe wieder auf!“ ſagt Madame St. Godibert. „Ich wußte wohl, daß das nicht ſein kann,“ ver⸗ ſetzt der Hausherr,„und Du hatteſt Unrecht, gleich ſo außer Faſſung zu gerathen.“ 42 „Warum erzählt uns Herr Brouillard unwahre Geſchichten! Man ſollte ſeiner Sache vorher gewiß ſein, ehe man ſpricht.“ „Entſchuldigen Sie, Couſine, ich habe gleich ge⸗ ſagt, ich wiſſe es nur von einem Commiſſionär, beſſer konnte ich die Nachricht nicht verbürgen. Der Commiſſionär wird ſich geirrt haben, das iſt das Ganze. Dieſe Leute haben eine Vorliebe für die Weinſchenken, es geht ihnen nicht wie Ihnen, Cvu⸗ ſine, und ſie glauben deßhalb, es müſſen ſich überall ſolche niederlaſſen.“ „Gehen Sie doch in den Salon, Vetter.“ „Ich gehe ſchon, Couſine.. Sie wollen Ihren Unterrock hinaufheften laſſen.. Ihr Kleid bildet auch Falten auf dem Rücken, ſie ſind vielleicht abſichtlich da, aber ſie ſtehen nicht ſchön. Ich gehe in den Sa⸗ lon falls Sie meiner bedürftig ſind, ſo geniren Sie ſich nicht.“ Endlich hat ſich Herr Brouillard in den Salon begeben. „Welch' unaushaltbarer Menſch!“ ruft Frau St. Godibert aus,„uns zu ſagen, es ziehe ein Wein⸗ ſchenk unten ein, um uns in Verzweiflung zu jagen.“ „Auch ſind Sie ſehr gutmüthig, Madame, den Worten Ihres Vetters, der unaufhörlich Geſchichten erfindet, um überall Unfrieden zu ſtiften, Glauben zu ſchenken.“ „Fifine hat Recht, Angelika, Du ſollteſt ihm nie Etwas glauben.“ „Fifine, ſtecken Sie mir meinen Unterrock hinauf 43 die Geſellſchaft wird kommen: ich will keine Fal⸗ ten auf dem Rücken haben, machen Sie ſie weg!... Es iſt doch hoffentlich Alles gerichtet?“ „Aber a propos!“ ruft die Kammerfrau aus, nachdem ſie mit dem Kleide ihrer Gebieterin fertig iſt,„es muß mir doch Jemand beim Serviren helfen. Es iſt rein unmöglich, daß ich allein zwanzig Perſo⸗ nen bei Tiſch bedienen kann.“ „Das iſt wahr, es iſt phyſiſch unmöglich,“ ſagt Herr Godibert, ſich in ſeinem Frack bewundernd,„Fi⸗ fine kann ſich nicht verzwanzigfachen.“ „Sie wollen Franz nicht mehr vor Augen ſehen und es muß doch Jemand ein männlicher Be⸗ diente iſt das Schicklichſte beim Aufwarten helfen.“ „Allerdings... wie wäre es, wenn Du den Por⸗ tier fragteſt, ob er nicht heraufkommen wolle?“ „Ach ja, der Portier.. einmal habe ich ihn erſucht, mir ein Bischen an die Hand zu gehen ich weiß nicht mehr, bei welcher Gelegenheit, dann hat er mir in unverſchämtem Tone geantwortet:„Für was hal⸗ ten Sie mich? Glauben Sie, ich ſei ein Bedienter?“ Sehen Sie, Herr, es iſt beſſer, Sie verzeihen Franz auch würde dr, wenn er gewußt hätte, daß es Champagner wäre, die Flaſche nicht angerührt ha⸗ ben: er hat dieſe Ungeſchicklichkeit nur aus Unwiſ⸗ ſenheit begangen.“ „Fifine hat Recht.. man muß ſich des Franz noch einmal bedienen.. außerdem würden wir nicht gleich Jemand an ſeiner Stelle finden.“ „Aber, Fifine, prägen Sie ihm doch wenigſtens 4⁵ kungen der Madame Marmodin lacht: das iſt Herr von Brouſſaillon, deſſen ebenfalls junge und hübſche Gattin etwas entfernter ſitzt; ſie iſt von Herrn Ju⸗ lian, der ihr höchſt zärtliche Liebesblicke zuwirft, die ſie aber nicht zu bemerken ſcheint, von Herrn Candrillon, dem dicken großen Mann mit dem gutmüthigen Geſichte, welcher laut ſpricht, ſchallend lacht und ſich ſo behaglich fühlt wie in ſeinem ei⸗ genen Hauſe, und endlich von Herrn Doguin um⸗ geben, deſſen Nachbarſchaft allgemein gefürchtet wird. In einem andern Theile des Saales ſitzt eine Blondine mit weißen Schultern auf einem Canapé und ſcheint gleichgültig den Fadheiten des Herrn Soufflat, eines kleinen, zwei Zoll weniger als fünf Fuß hohen Mannes zuzuhören, der, um ſich zu ver⸗ größern, meiſt auf den Zehenſpitzen ſteht und in einem Salon immer ausſieht, wie wenn er ſich in die Höhe ſchwingen wollte, um ein Entrechat zu machen. In der Blondine habt ihr Herrn Mondigo's Ge⸗ mahlin erkannt. Was dieſen Herrn ſelbſt betrifft, ſo hat er ſich des Majors Krauteberg bemächtigt, um ihm den Plan eines Stückes zu erzählen, welches er eben in Arbeit hat, und das wenigſtens ſachshundert Mal hintereinander aufgeführt werden ſoll. Der Major Krauteberg iſt ein vortrefflicher Mann, der alle Eigenſchaften beſitzt, die Einen in Geſellſchaft beliebt machen: er hört Geſpräche, ſo viel man willl, an, billigt Alles, was man ſagt, macht allen Damen Complimente und ſpielt alle Spiele. Mit ſolchen 44 ja recht ein, daß er Achtung gibt und ſich genau er⸗ innert, was man ihm befohlen hat.“ „O, ſeien Sie beruhigt, Madame, ich will ihn ſchon unterweiſen!“ In dieſem Augenblick hört man die Klingel. Das Ehepaar St. Godibert eilt haſtig in den Salon mit dem Ausruf:„Da kommt die Geſellſchaft.. ſie darf uns nicht im Speiſeſaal finden.ſie könnte uns ſonſt für unſere Dienerſchaft halten!“ Drittes Kapitel. Die Geſellſchaft im Empfangſaal.— Vor dem Eſſen. Noch keine Viertelſtunde war verſtrichen, ſo hat⸗ ten ſich beinahe alle von Herrn und Madame St. Godibert eingeladenen Perſonen im Salon verſam⸗ melt. In dem großen dürren gelben Herrn mit der ernſten nachdenklichen Miene, der fragt: Wie ſteht es mit der Geſundheit?“ habt ihr den Herrn mit der Vorliebe für die Römer erkannt. Seine Frau ſitzt in einer Ecke des Saales und lacht ſchon und ver⸗ breitet rings um ſich her Heiterkeit. Neben Madame Marmodin ſchäkert Herr Roquet, der das löwiſchſte Koſtüm anhat, das man tragen kann. Dann ein junger Mann mit einem ziemlich hübſchen Geſichte und grtigen Manieren, welcher oft über die Bemer⸗ 46 koſtbaren Vorzügen iſt es unmöglich, in der Welt nicht ſehr geſchätzt zu ſein. Der Major, deſſen viereckiges, etwas geröthetes Geſicht das Gepräge der deutſchen Gutmüthigkeit aus⸗ drückt, hört wenigſtens zum ſechsten Male die De⸗ tails einer Entwicklung an, welche das ganze Au⸗ ditorium in Thränen zerfließen machen und dem Stücke den Erfolg ſichern ſoll; er nickt bloß biswei⸗ len zum Zeichen ſeines Beifalls mit dem Kopfe, wel⸗ ches heißt:„ganz gut;“ und wiederholt unaufhörlich die Phraſe: das wird außerordentlich hübſch.“ Mondigo begnügt ſich mit dieſen Antworten, wovon die eine eine Pantomime iſt, die andere aber deutlich, ſogar mit Nachdruck ausgeſprochen wird, und fährt in der Erzählung ſeines Planes fort; bloß wenn der Major ein wenig zerſtreut ſcheint oder zu lange geſchwiegen hat, hält er inne, ſieht ihm in's Geſicht und ſchreit:„Nun! erfreut ſich dieſe Scene Ihres Beifalls nicht?“ Dann beeilt ſich der Major, welcher gleichſam aus dem Schlafe zu erwachen ſcheint, auf beiderlei Weiſe, mit der Pantomime und ſeiner Stimme, zu antworten und ruft, während er wie eine Porzellan⸗ figur auf dem Kamine mit dem Kopfe wackelt, laut aus:„O, das wird ſchön! außerordentlich ſchön!“ Madame Doguin, eine große, hochgewachſene Frau, welche hübſch war und es in einiger Entfer⸗ nung noch zu ſein ſcheint, hat ſich in einen Lehnſtuhl geſetzt, auf dem ſie ſich ausnimmt wie auf einem Throne; erſtens, weil man vermöge ihrer außeror⸗ 47 dentlich hohen Geſtalt meinen könnte, ſie ſitze auf mehreren Kiſſen, und zweitens, weil ſie unaufhörlich ihre Blicke umherſchweifen läßt und rechts und links hin lächelt, wie eine Perſon, die Gunſtbezeugungen zu vertheilen hat. Herr Villarſec ſteht ſo ſteif und ernſt in einer Ecke wie ein preußiſcher Soldat beim Excercitium. Nicht weit von ihm weg ſitzt Fräulein Soufflat(die junge Dame, deren Naſe einige Aehnlichkeit mit ei⸗ nem Elephantenrüſſel hat) auf einem Stuhle, ohne daß ſich Jemand mit ihr unterhalten hätte, wodurch ſich ihre Naſe noch zu verlängern ſchien. Der Vetter Brouillard endlich rennt hin und her, windet ſich überall durch und ſchleicht ſich überall hin, wo ge⸗ ſprochen wird, beſonders wo man, wie es ſcheint, nicht gerne gehört werden möchte. Die St. Godiberts bemühen ſich indeſſen auf's Aeußerſte, ihre zahlreiche Geſellſchaft gut aufzuneh⸗ men und beſonders inmitten ihrer Gäſte nicht linkiſch zu erſcheinen. Allein ſo ſehr ſich ein Emporkömm⸗ ling auch anſtrengen mag, den großen Herrn zu ſpie⸗ len, er wird immer einem Hanswurſt in einem Mar⸗ quiskleide gleichen. Hätten ſich Nicolaus Gogo und ſeine Frau damit begnügt, gute Leute zu ſein, die ihre Gäſte auf eine natürliche, ungezwungene Weiſe aufnehmen, ſo wären ſie Einem nicht lächer⸗ lich in ihrem Salon vorgekommen. Madame St. Godibert läuft von Einem zum Andern und ſucht ſich ein Weſen zu geben, das nicht zu ihrem Beduinenkopfe paßt. Herr Roquet hat ihr ſchon drei Mal wiederholt, ſie ſei zum Enizücken an⸗ gezogen. Sie dreht und wendet ſich unaufhörlich um den Major Krauteberg herum, daß er ihr das Näm⸗. liche ſagen ſoll; aber der unglückliche Major iſt der⸗ maßen von dem Schriftſteller in Anſpruch genom⸗ men, daß es ihm unmöglich iſt, der Herrin des Hau⸗ ſes ein Compliment zu machen. Madame St. Godibert nähert ſich ihrem Manne und flüſtert ihm in's Ohr:„Ihr Bruder iſt recht unerträglich, wenn er ſich einmal einer Perſon be⸗ mächtigt hat, läßt er ſie nicht mehr los! Jetzt ſpricht er ſchon eine Viertelſtunde mit dem Major Krauteberg. ich bin überzeugt, er erzählt ihm eines ſeiner Stücke, und der arme Major darf⸗ nicht ein⸗ mal zu mir herkommen, um mir ein Wörtchen zu ſagen! er ſitzt gewiß auf Nadeln... rufen Sie doch Ihrem Bruder.“ Statt ſeiner Frau zu antworten, ſtößt Herr St. Godibert einen Schrei aus und ſagt:„Ach, mein Gott, Fräulein Soufflat ſitzt ganz allein in einer Ecke! Niemand widmet ihr ſeine Aufmerkſamkeit!.. das iſt unſchicklich. woran denkt denn mein Schlin⸗ gel von Sohn?. er veſchäftigt ſich mit der kleinen eiteln Madame Marmodin!.. Julian, mein Sohn Julian!“ Herr Julian ſtellt ſich, als ob er ſeinen Vater nicht höre, weil er zum Voraus vermuthet, was er ihm ſagen wird, und wenn er ihn auf einer Seite des Saales auf ſich zukommen ſieht, ſchleicht er ſich ſo ſchnell als möglich auf eine andere. 49 Herr St. Godibert ſtrengt ſich ſchon eine Weile vergeblich an, ſeinen Sohn zu erwiſchen, der Ver⸗ ſtecken mit ihm zu ſpielen ſcheint; aber dem Vetter Brouillard, der Alles ſieht und Alles hört, gelingt es, Julian beim Arme zu erfaſſen, wo er eben ſei⸗ nem Vater wieder entwiſchen will, und er hält ihn mit den Worten zurück:„Vetterchen, hören Sie denn Ihren ſchätzbaren Vater nicht, der Ihnen ſchon lange ruft und Sie in allen Ecken des Saales ſucht? Er muß Ihnen beſtimmt etwas ſehr Intereſſantes zu ſa⸗ gen haben. nach der Beharrlichkeit zu urtheilen, mit der er Sie verfolgt.. ach, da kommt er.. Vetter, hier iſt Ihr Sohn, der Sie, ſo viel ich glaube, nicht geſucht hat.“ Herr St. Godibert tritt mit wüthender Miene auf ſeinen Sohn zu:„Fräulein Soufflat ſitzt ganz allein in einer Ecke dort,“ ſchnaubt er,„wollen Sie augenblicklich zu ihr gehen und den Galanten ma⸗ chen oder Sie erhalten vom nächſten Monat an kein Taſchengeld mehr dann wollen wir ſehen, womit Sie butterweiße Handſchuhe kaufen können!“ Herr Julian geht auf Fräulein Soufflat zu und murmelt:„Ein ſchönes Taſchengeld, es iſt der Mühe werth, daß man davon ſpricht!“ „Was hat er geſagt?“ fragte Herr St. Godibert, ſeinen Vetter Brouillard anblickend, der unverweilt erwiedert:„Er hat geſagt: Ein ſchönes es iſt der Mühe werth, daß man davon ſpricht! Meinte er das Taſchengeld oder das Fräulein das müſſen Paul de Kock. LXRVI. 4 Sie zu beurtheilen wiſſen, Vetter; es ſcheint, wie wenn Ihr Sohn mit dem, was Sie ihm für ſeine Toilette ausſetzen, nicht recht zufrieden wäre; er iſt übrigens ſehr gut und ſehr elegant gekleidet, das muß ich bekennen.“ „Nicht zufrieden? ich möchte wiſſen, ob er es wagt, ſich zu beklagen!... Nicht zufrieden, und ich gebe ihm vierzig Franken monatlich, Vetter, vierzig Fran⸗ ken bloß zu ſeinen Kleidern! denn er hat freie Woh⸗ nung, Koſt, Heizung und Licht bei mir!.. Nun, fin⸗ den Sie nicht, daß das eine ungeheure Summe iſt? Wenn meine Frau nicht wäre, würde ich nur die Hälfte geben!“ „Vierzig Franken ſind freilich Etwas, Vetter!... zu unſerer Zeit wäre es viel geweſen ich glaube nicht, daß Sie in dem Alter Ihres Sohnes monat⸗ lich vierzig Franken für Ihren Anzug aufzuwenden hatten. Sie waren allerdings auch nicht gekleidet wie er.. aber heutzutage braucht man ſo Vielerlei man iſt ſo hoffärtig! Ich wundere mich beinahe über die Eleganz ihres Sohnes, wenn Sie ihm nicht mehr geben als das.“ „Ach, potz Kuckuk! er läßt auf Rechnung arbeiten er macht Schulden!“ „Teufel! das iſt unangenehm.“ „Aber ich bezahle ſie nicht.“ „Dann iſt es gerade, wie wenn er keine machte.“ Dieſe Unterredung wird durch Herrn Candrillon unterbrochen, der ſich dem Hausherrn nähert, ihMm auf den Bauch klopft und ausruft;„Potz Sapper⸗ 5¹ ment! ich habe einen guten Appetit, und Sie, mein lieber St. Godibert?“ „Ich, Herr Candrillon, bin ebenfalls Ihrer Mei⸗ nung, das Eſſen wird am FPlatze ſein.“ „Sind Sie auch dazu aufgelegt?“ fragt Herr Doguin näher tretend. Dieſe Worte waren an Herrn Brouillard gerich⸗ tet, welcher bei Annäherung des Herrn Doguin ſchnell ſeine Tabaksdoſe herauslangt und ſich die Naſe voll⸗ ſtopft. Er erwiedert jedoch, um zwei Schritte zurück⸗ weichend:„O, ich habe auch Hunger, aber ich kann warten. Ich weiß, daß man bei meinem Vetter immer ſehr ſpät ißt, wenn Gäſte bei Tiſche ſind.“ „Zu der gewöhnlichen Stunde, wo alle Perſonen eſſen, die auf der Börſe zu thun haben,“ verſetzt Herr St. Godibert, in dem Tone eines Capitaliſten: „um ſechs oder halb ſieben Uhr.“ „Das iſt ſehr ſpät,“ ſagt Herr Candrillon;„übri⸗ gens iſt es bereits ein Viertel auf ſieben Uhr vorbei. Erwarten Sie noch Jemand?“ „Noch Herrn Derneſty und meinen Vetter Fried⸗ rich„ „Ah, die beiden Unzertrennlichen.“ „Sobald aber aufgetragen iſt, eſſen wir; o, wir warten nicht auf dieſe Herren!. mein Neffe kommt immer abſichtlich zu ſpät, und Herr Derneſty läßt ſich auch entſetzlich lang erſehnen.“ „Das ſind Leute!“ ſagt Herr Brouillard, ſich von Herrn Doguin entfernend. Madame St. Godibert kann nicht mehr länger an ſich halten: da ſie vemerkt, daß ihr Schwager den Major nicht losläßt, entſchließt ſie ſich, das Ge⸗ ſpräch dieſer beiden Herren ohne Weiteres zu unter⸗ brechen. „Ei, meine Herren,“ ruft ſie aus,„Sie ſind recht liebenswürdig! Sie unterhalten ſich mit einander, ſtatt den Damen den Hof zu machen!... Ach, Herr Major, ich erkenne Sie gar nicht mehr.“ Der arme Major macht, entzückt, daß man ihn befreit, ſchnell gegen Mondigo ſeine Bewegung mit dem Kopfe und will auf die prächtige Angelika zu⸗ gehen, aber der Schriftſteller hält ihn an ſeinem Frackſchoße zurück und ſagt:„Es find nur noch drei Scenen übrig und ich möchte Ihre Meinung über meinen letzten Akt hören, den ich ſchon zum vierten Male angefangen habe, der aber, glaube ich, ſo wie ich Ihnen eben erzählte, ſehr gut werden wird.“ „O, hübſch, ausgezeichnet hübſch!“ „Das Mädchen wird durch einen Verſchwörer verführt, der zwei Weiber hat.“ „O, das wird ſehr ſchön!“ „Sie vergiftet den Verführer in einer Pomeranze das iſt eine Entwicklung, von der ich mir eine große Wirkung verſpreche.“ „O, ausgezeichnet!“ „Uebrigens hat man mir geſagt, daß man ſich in einem deutſchen Stücke auch in einer Scene von Be⸗ deutung einer Pomeranze bediene, und das hat mich auf den Gedanken gebracht, die Sache mit einer Ci⸗ trone vorgehen zu laſſen. Was halten Sie davon?“ 53 „O, hübſch, ſehr hübſch!“ „Die Eitrone iſt neuer als die Pomeranze.. aber eine weitere Schwierigkeit iſt, einen Franzoſen eine Citrone eſſen zu laſſen!... O, jetzt fällt mir Etwas ein: ich verſetze meine Scene nach Italien, wo die Citronen ſüß ſind, dann iſt meine Entwicklung ganz natürlich.“ Der Major nickt ſein Beifallszeichen mit dem Kopfe und entſchließt ſich, den Schriftſteller zu ver⸗ laſſen, welcher, Herrn Villarſec bemerkend, ſich vor denſelben hinſtellt und zu ihm ſagt:„Ja, ich bin entzückt, auf dieſe Eitrone verfallen zu ſein die Scene muß in Italien oder der Provence ſpielen... es iſt ein hiſtoriſches Drama; ich muß das arran⸗ giren!. Soll ich aber Citrone oder Limonie ſagen? Das iſt eine Sache, an die ich nicht gedacht habe. Was rathen Sie mir?“ Herr Villarſec, der immer ſteife und ernſte Mann, betrachtet Herrn Mondigo mit einer faſt unverſchäm⸗ ten Miene und erwiedert:„Mein Herr, wenn es ſich um eine Limonade handelt, ſo muß ich Ihnen be⸗ kennen, daß ich Nichts davon verſtehe, und erſuche Sie, ſich an Jemand zu wenden, der Kenntniß von der Sache hat.“ „Von einer Limonade!“ ſchreit Mondigo, während ſeine Naſenſpitze erblaßt, was ſtets der Fall war, wenn ſeine Eigenliebe verletzt wurde.„Ich habe von meinem Stück mit Ihnen geſprochen, Herr.. aber, entſchuldigen Sie, Sie haben die Erzählung meines Planes nicht mit angehört und konnten mich 54 alſo nicht verſtehen... ich hielt Sie für den Major Krauteberg.“ Ehe Herr Villarſec geantwortet hat, kommt Herr Marmodin zu dem Schriftſteller her, nimmt ihn beim Arme und ruft aus:„O, ich bin überzeugt, Sie ſind meiner Anſicht, Mondigo: dieſe Damen lachen und wollen mir nicht glauben.. ich habe mich an Herrn Candrillon gewendet, der gibt mir aber ausweichende Antworten.“ „Wovon handelt es ſich, Marmodin?“ „Fräulein Soufflat iſt mit einer Art Caputzman⸗ tel in den Saal getreten, der mich an den Cucullus erinnerte, den die Römer trugen, und der Hut, den ſie abgenommen und auf den Divan gelegt hat, muß nach der Form des Petaſus oder der Cauſia gemacht ſein. Außer dieſen bedienten ſich die Römer und Römerinnen auch des Galerus und des Aper zu ihrer LToilette... aber ich rede eigentlich bloß von dem Petaſus und dem ECucullus... Herr Candrillon ſagt, es ſei ein Gibus... aber das meine ich nicht.“ „Aber, lieber Gott,“ verſetzt Herr Candrillon lachend,„was verſtehe ich von Ihren lateiniſchen Al⸗ terthümlichkeiten!... Sprechen Sie von Handel, Spe⸗ kulationen, Unternehmungen, Eiſenbahnen und ſolchen Dingen mit mir, das laſſe ich mir gefallen, und dann will ich auch antworten.“ „Dann ſind Sie auf dem Geleiſe!“ ruft Hert Soufflat aus, indem er ſich bemüht, ſich auf ſeinen Zehenſpitzen zu halten. „Ah, bravo! auf dem Geleiſe!.. nicht übel.. 55 das iſt ein Wortſpiel.. das gefällt mir.. die Wort⸗ ſpiele machen mir immer Spaß, ich könnte mich da⸗ mit nähren!... Ei, aber eſſen wir nicht bald? es iſt drei Viertel auf ſieben Uhr!... Sapperment, mein Magen und mein Bauch ſchlagen einen tüchtigen Ge⸗ neralmarſch.“ „Herr Derneſiy kommt alſo nicht?“ fragte die blonde Clementine Madame St. Godibert, welche gerade neben ihr ſtand. „O, er kommt, wir haben ihn eingeladen der junge Mann iſt aber ſo beliebt in der Welt, er hat täglich zweihundert Beſuche zu machen.“ „Dann muß er Abends ſehr müde ſein!“ verſetzt Vetter Brouillard, mit ſeiner Schnauze zwiſchen beide Schwägerinnen tretend. „Glauben Sie, er gehe zu Fuße? Warum nicht gar!.. Der junge Mann hat ein Cabriolet.“ „Das wußte ich nicht, ich kenne den Vermögens⸗ ſtand dieſes Herrn nicht. Was treibt er?“ „Ja. Nichts!. Das heißt.. doch, er ſpielt auf der Börſe.“ „Ah, er ſpielt! Iſt das eine Beſchäftigung?“ „Ach, Sie wiſſen das nicht, Vetter? Heutzutage treiben doch alle jungen Leute, die Vermögen haben, nichts Anderes... das iſt wenigſtens Herrn Der⸗ neſty's Meinung.“ Der Vetter verzieht ſtatt aller Antwort das Ge⸗ ſicht und nähert ſich der Frau Marmodin, welche ausruft:„Ich ſehe Herrn Friedrich nicht wie, ſollte Herrn St. Godiberts Reffe nicht an dieſer Ge⸗ ſellſchaft Theil nehmen?“ „Er wird kommen,“ antwortet Herr Brouillard, „man erwartet ihn.“ „Ach, ich dachte doch: es iſt nicht wohl möglich, daß unſer Wirth ein Mitglied ſeiner Familie vergißt.“ „Seiner Familie 2... Ah, Sie glauben alſo, mein Vetter habe außer ſeinem Neffen keine Verwandten?“ „Da ich nie andere geſehen habe, ſiellte ich es mir vor.“ Herr Brouillard beugt ſich zu der jungen Dame herab und flüſtert ihr in's Ohr:„Sie wiſſen alſo nicht, daß er noch einen Bruder und dieſer eine, meiner Seel', ſehr hübſche Tochter hat?“ „Ach, wirklich!.. warum ſieht man ſie denn nie weder hier noch bei Mondigo?... Haben ſie denn Verdruß mit einander?“ „O, das nicht... es ſind andere Gründe vor⸗ handen. jener Bruder iſt nicht reich, er treibt ſo⸗ gar ein ſehr einfaches Gewerbe.. er iſt Landmann, man könnte ſagen Bauer... aber ich begreife nicht, weßhalb man dieſe Leute verachtet! Waren unſere Ahnväter nicht Alle Landleute? Bebauten Sie nicht ihre Felder mit ihren Kindern?.. zum Beiſpiel Abra⸗ ham, Jakob, Laban. Auch ſchäme ich, der ich nicht der Meinung meiner Vettern bin, mich durchaus nicht, Ihren Bruder zu beſuchen ich habe dem guten Hieronymus erſt kürzlich einen kleinen Beſuch gemacht.“ „Sie haben Recht, Herr Brouillard, und ich lobe 57 Sie darum. O, Sie ſetzen mich durch Ihre Mitthei⸗ lung in Staunen! Ich wundere mich, daß mir Cle⸗ mentine, mit der ich doch genau bekannt bin, noch nie ein Wort von dieſem andern Bruder ihres Mannes geſagt hat.“ „O, die liebe Dame iſt nicht beſſer als die Uebrigen und bekennen zu müſſen, man habe einen Bauern zum Schwager, wenn man ſich die Manieren einer Herzogin zu geben ſucht, wäre gar zu peinlich!“ „Mein Gott, wie iſt die Welt ſo ſonderbar!“ „O, mehr noch als ſonderbar: ſie hat eine Maſſe häßlicher Seiten! Was ich Ihnen aber geſagt habe, geſchah ohne Arg, denn ich bin mit der ganzen Welt befreundet; o, wenn ich bösartig ſein wollte, könnte ich mehr ſagen!“ Herr Brouillard hätte vielleicht ſeine Behauptung bewieſen, aber in dieſem Augenblick ging die Saal⸗ thüre auf und Franz meldete mit heiſerer Stimme: „Herr Derneſty und mein Neffe Friedrich.“ Die ganze Geſellſchaft bricht bei dieſer abermali⸗ gen Dummheit Franzens in ein Gelächter aus, und Friedrich, der in den Saal tritt, theilt die allgemeine Heiterkeit und begrüßt die Geſellſchaft mit den Wor⸗ ten:„Meine Herren und meine Damen, Sie haben vielleicht noch nicht gewußt, daß ich Franzens Neffe bin? Das war eine kleine Ueberraſchung, die ich Ihnen auf heute aufſparte.“ Franz, welcher indeß bemerkt, daß er eine Dumm⸗ heit gemacht hat, öffnet die Saalthüre wieder, ſtreckt den Kopf herein und ſchreit:„Nein, ich habe mich 58 geirrt.. es iſt nicht mein Neffe, es iſt der Neffe meines Patrons... meines Onkels ach nein.. ſo wollte ich auch nicht ſagen.“ „Schon gut, ſchon gut, Franz,“ ſagt Friedrich, den Bedienten hinausſtoßend,„Du findeſt heute doch das rechte Wort nicht; es iſt beſſer, Du gehſt.“ „Wird der Dummkopf wohl wieder anfangen, Eſeleien zu machen?“ ſchreit Herr St. Godibert, von Einem zum Andern rennend.„Ich weiß nicht, was er heute hat, aber es iſt noch weit ſchlimmer mit ihm wie ſonſt.“ Herr Derneſiy, der mit Friedrich gekommen, iſt ein junger Mann von achtundzwanzig Jahren, mitt⸗ lerer Größe und ſchönem Körperbau, welcher mit vieler Ungezwungenheit und mit Anſtand eine aus⸗ gewählte geſchmackvolle Toilette trägt. Das Geſicht dieſer neuangekommenen Perſon iſt eher hübſch als häßlich; einzeln betrachtet ſind ſeine Züge jedoch nicht ſchön: ſein Teint iſt gelblich und ſeine hellbraunen Haare gehen zu tief auf die Stirne herein; ſeine grauen Augen ſind klein, aber ſie drücken eine außer⸗ ordentliche Lebhaftigkeit aus, er bewegt ſie unaufhör⸗ lich und heftet ſie von einem Orte auf den andern, ſie ruhen ſelten lange auf dem nämlichen Punkte; ſeine Naſe iſt ſchmal, ſein Mund eingekniffen, indeß bildet alles Dieſes zuſammen doch ein vornehmes Ganze. Fügt dazu noch die Suada eines Stutzers, jene blendende Zuverſicht, die Wahl pikanter Worte, jene Sarkasmen, die in einem Saale immer Furore machen, die Kunſt, den Damen gegenüber ſeinen 59 Blicken den Ausdruck von Zärklichkeit, Schwermuth oder Leidenſchaft zu verleihen, je nachdem es die Um⸗ ſtände erheiſchen, und dann habt ihr Herrn Derneſty. Die Ankunft der beiden jungen Leute hat eine allgemeine Bewegung im Saale hervorgebracht. Die Damen erwiedern ihren Gruß mit einem holden Lächeln, die Männer drückten ihnen die Hand. Nachdem Herr Derneſty der Herrin des Hauſes eines jener alltäglichen Complimente gemacht hat, die man hundert Mal ſagt, Frau Godibert aber zum Entzücken findet, weil ſie glaubte, ſie ſeien eigens für ſie erfunden, nähert er ſich, nachdem er da⸗ und dort⸗ hin einige Worte ſpricht, allmälig der Madame Mondigv. Die ſchöne Blondine erwiedert die Be⸗ grüßung des jungen Mannes mit einem ſehr beſchei⸗ denen Kopfnicken. Dieſer bleibt aber bei Clemen⸗ tine ſtehen und trotz des zurückhaltenden, beinahe kalten Weſens, womit ſich dieſe beiden Perſonen be⸗ grüßt haben, hätte ein ſcharfer Beobachter doch be⸗ merken können, daß eine leichte Röthe dabei über Madame Mondigo's Geſicht hinflog, daß jetzt ein ganz anderer Ausdruck in ihren Zügen herrſcht und ſie mit ganz beſonderer Sorgfalt ihre hübſchen Hände zeigt und ihre Finger in Bewegung ſetzt, wäh⸗ rend Herr Derneſty, der dem Anſchein nach dieſer Dame durchaus nicht mehr Aufmerkſamkeit widmet als den andern, die Bewegung ihrer Finger ſo genau beobachtet, als ob er der Thätigkeit eines Telegraphen zugeſehen hätte. Während dieſes auf einer Seite vorgeht, iſt Friedrich auf der andern zu dem lebhaf⸗ ten und heitern Fränzchen getreten und unterhält ſich mit ihr über Alles, was ihm gerade in den Kopf kommt. Madame Marmodin lacht über Alles, was der junge Mann ſagt, und dieſer findet zuweilen, daß ſie zu viel lache und ſeinem Geſpräche nicht die gehörige Aufmerkſamkeit widme. Herr Brouillard beobachtet dieſe Dinge von ſeinem Platze aus mit einem boshaften Lächeln und betrach⸗ tet dann abwechſelnd den Schriftſteller und ſeinen Freund Marmodin, welcher in dieſem Augenblicke ausruft:„Ei, mein lieber Mondigo, Sie haben mir noch nicht auf meine Frage in Betreff des Petaſus und der Cauſia geantwortet, vor allen Dingen aber will ich Ihre Anſicht über den Cucullus erfahren. Was verſtanden, Ihrer Meinung nach, die Römer unter dieſem Worte?“ Herr Mondigo kratzt ſich nach einander an der Naſe und an den Ohren, denn man kann Theater⸗ ſtücke ſchreiben und ſogar Schriftſteller ſein, ohne das Studium des Lateiniſchen weit getrieben zu haben. Er iſt daher in ziemlicher Verlegenheit und brummt zwiſchen den Zähnen:„Was ich von dem Cucullus denke ach, meiner Treu', entſchuldigen Sie, ich dachte ſeither an etwas Anderes... Cueullus ja, ich erinnere mich, das heißt. ich beſinne mich...“ „Ich bin ſehr neugierig,“ ſagt Herr St. Godibert, ſich das Kinn ftreichelnd,„was mein Bruder, der Gelehrte, antworten wird.“ In dieſem Augenblick ſtoßt ihn Herr Brouillard an den Ellbogen und raunt ihm in's Ohr:„Vetter⸗ 61 ich meine, es ſchicke ſich nicht, wenn ſie von Mondigo ſprechen, zu ſagen:„mein Bruder, der Gelehrte,“ denn aus dieſem ließe ſich, wie mir ſcheint, ſchließen, als ob Sie ſich und die übrigen Mitglieder der Fa⸗ milie für Dummköpfe hielten.“ Herr St. Godibert drückt Brouillards Hand und erwiedert:„Das iſt richtig! o, beim Kuckuk! Sie haben Recht, Ihre Bemerkung iſt ſehr paſſend. wo Teufel hatte ich den Kopf?.. Ich werde nicht mehr ſagen:„mein Bruder, der Gelehrte, ſondern:„mein Bruder, das Genie. hm2““ „Das käme auf das Nämliche heraus und wäre nicht wahr. Denn ich glaube nicht, daß Mondigo ein Genie iſt, obgleich er ein Stück über eine Citrone geſchrieben hat, ſo viel ich gehört habe.. heißen Sie ihn„den Schriftſteller“, das iſt das Geeignetſte.“ „Ganz gut! ich werde nicht mehr anders ſagen, als: ,mein Bruder, der Schrifſteller“ oder ,der Li⸗ terat.“ Während dieſes Geſpräches ſetzte Herr Marmodin ſeinem Freunde Mondigo zu, deſſen Verlegenheit er zu bemerken anfing und den er wahrſcheinlich mit Vergnügen durch das Gewicht ſeiner Kenntniſſe de⸗ müthigte. Herr Mondigo kratzt vergeblich an ſeinem Ohre und murmelt:„Cucullus. cucu... O, ich weiß, was das iſt... „Potz Kuckuk! ich weiß auch was cucu(cul Hin⸗ tertheil) iſt,“ ſagt Herr Candrillon, hellauf lachend, „das Lateiniſch kennt Jedermann.“ 62 „O, Herr Candrillon geht zu weit, er ſagt zu ſchlüpfrige Dinge!“ flüſtert Madame Godibert dem Major Krauteberg zu.„Wenn er jetzt ſchon ſo rückſichtslos iſt, wie wird er erſt ſein, wenn er Cham⸗ pagner getrunken hat?.„Dieſer Mann bringt mich in der Unterhaltung zum Zittern.“ „Wie?“ entgegnet der Major, ſeine großen Augen im Kopfe rollend,„er hat von ſeinem.. ach, ich wage das Wort nicht zu wiederholen!“ „Daran erkenne ich Sie, Herr Major, daran er⸗ kenne ich Sie! Sie hätten dieſes Wort eher ver⸗ ſchluckt als ausgeſprochen.“ Herr Derneſty, welcher der Verlegenheit von Clementinens Gatte ein Ende machen will, tritt plötz⸗ lich auf Marmodin zu und ſagt:„Ei, mein Gott, mein Herr, Ihre Frage iſt ein Scherz und Jeder⸗ mann weiß, daß Cucullus Kuckuk heißt.“ „So iſt es,“ ſagt Mondigo,„Kuckuk! das Wort fiel mir nicht ein.“ „Und doch hätte es ihm eher ſollen als jedem Andern,“ murmelt Brouillard;„es iſt aber ſehr klug von Herrn Derneſiy, daß er ihm gehol⸗ fen hat.“ „Wohlan, meine Herren, Sie irren ſich!“ ruft Marmodin mit triumphirender Miene aus.„Ah, ich dachte es mir doch: Sie verwechſeln Cucullus mit zwei l mit Cuculus, das nur eines hat; das letztere Wort heißt in der That Kuckuk, aber das, deſſen ich mich bediente, geite oder Mönchskappe und nicht Kuckuk!“ „Mein Gott, wie gelehrt iſt dieſer Herr!“ mur⸗ melt Herr Soufflat, ſich an den Kamin lehnend, da⸗ mit er ſich beſſer ſtrecken kann. „Potz Tauſend! mein Freund, hört Ihre Diſſer⸗ tation über die Kuckuke noch nicht auf?“ ruft das heitere Fränzchen mit einem ſpöttiſchen Lächeln aus. „Wiſſen Sie, daß Sie mit Ihrer Gelehrſamkeit für Jedermann ein Schrecken ſind?“ „Er hat ohne Zweifel ſeine Gründe, dieſen Gegen⸗ ſtand abzuhandeln,“ ſagt Herr Brouillard, die Naſe des Fräuleins Soufflat betrachtend, welche den jungen Julian anſieht, der ſeine Blicke anderswo hat. „Ach, meiner Seel', ich würde gerne Etwas eſſen,“ ruft Herr Candrillon aus, indem er ſich auf den Bauch klopft. Jedermann ſchien Herrn Candrillons Meinung zu ſein, als endlich die Thüre aufgeht, Franz mit einer Serviette unter dem Arm auf der Schwelle erſcheint und mit ſelbſtzufriedener Miene hereinruft:„Es iſt aufgetragen: zu Tiſche, wenn es der Geſellſchaft ge⸗ fällig iſt!“ „Franz muß heute Abend offenbar Etwas haben,“ ſagt Friedrich, der Madame Marmodin die Hand reichte, in demſelben Augenblick, als ſich auch Herr Roquet nähert, um ſich als Cavalier anzubieten; aber die junge Frau hatte bereits Friedrichs Hand ergriffen und ſagte:„Mein Gott, Sie ſind heute Abend eine Galanterie gegen mich!“ „Wundert Sie das?.„wiſſen Sie nicht ſchon lange, daß ich Ihr Sclave bin und es nur von 64 Ihnen abhängt, mich beſtändig zu Ihren Füßen zu ſehen?“ „Wirklich? O, das wäre zu ermüdend für Sie! Ich möchte Ihnen keine ſo üble Lage zumuthen!“ „Wann darf ich Sie endlich ungeſtört ſehen?“ flüſtert Herr Derneſty leiſe, während er Madame Mondigo ſeine Hand anbietet, welche, beinahe ohne die Lippen zu bewegen, antwortet:„Still!. nehmen Sie ſich in Acht! man könnte uns hören.“ „Ahnt Jemand Etwas?“ „Haben Sie nicht an meinen Fingerbewegungen geſehen, daß ich am Dienſtag Mittag ausgehe?“ „Ja, in der That!. am Dienſtag das iſt noch ſehr lang. wenn ich nur bei Tiſche ſben Sie zu ſitzen komme.“ „O, es hat keine Gefahr! meine Schwägerin reißt Sie ſtets an ſich.“ „Das iſt ein Vergnügen für mich!“ In dieſem Augenblick erſchien Herr Roquet, um der ſchönen Blondine den Arm anzubieten, aber er ſieht, daß ſie Derneſty bereits davon führt; er ſchaut ſich um, ob vielleicht noch eine Dame zu geleiten ſei, da er aber ſchielt, fallen ihm Madame Doguin und Fräulein Soufflat zugleich in die Augen: während er nun ſchwankt, welcher er den Vorzug geben ſoll, werden Beide von andern Cavalieren in den Speiſe⸗ ſaal geführt. Nun war Niemagd mehr im Salon übrig als der Vetter Brouillard, der Alle nach einander weg⸗ gehen ſah und ſeine Betrachtungen und Bemerlungen 65 über das, was er ſah und im Vorbeigehen zu hören ſuchte, anftellte. „Meiner Treu', es entwiſchen mir alle Damen!“ ruft Herr Roquet, den Vetter Brouillard betrachtend, aus, welcher, während er ſeine Schritte dem Speiſe⸗ zimmer zulenkt, antwortet:„Ich ſtehe Ihnen dafür, ſie entwiſchen nicht Jedem!..„Aber wir wollen uns zu Tiſche ſetzen, ich ſterbe faſt vor Hunger; es iſt ſieben Uhr vorbei.. es iſt zum Verzweifeln, ſo ſpät zu eſſen. Ich glaube, das geſchieht aus Berechnung, damit der Appetit der Gäſte vorher vergeht.“ Herr Roquet will antworten, aber ſeine Brille fällt ihm herunter, und während er ſie aufhebt, iſt Herr Brouillard bereits in den Speiſeſaal getreten. Viertes Kapitel. Ein Gaſtmahl.— Herr Franz. „Sehen Sie nach Ihren Namen. ſuchen Sie Ihre Plätze!“ ſagt Herr St. Godibert, Madame Doguin und Frau von Brouſaillon neben ſich ſetzend, „die Namen liegen bei den Gedecken, es iſt beque⸗ mer; dann weiß man doch gleich, wo man ſich nieder⸗ taſen ſoll.“ „Ich glaube nicht, daß das gebildet iſt,“ ſagt Herr Brouillard, auf jedem Couvert ſeinen Namen ſuchend, halblaut.„Wo ſitz ch denn, Ich Paul de Kock. L.XXVI. daß ich auch irgendwo meinen Platz habe..“ kann mich nirgends finden und darf doch annehmen, „Hier, Vetter, zwiſchen Herrn Brouſſaillon und Herrn Suufflat.“ Herr Brouillard zieht ſeine Schnauze in die Länge und vegibt ſich mit übellauniger Miene an ſeinen Platz, indem er vor ſich hin brummt:„So iſt's recht Zzwiſchen zwei Dummköpfe, die nie anhören, was man ihnen ſagt.. und am Ende des Tiſches. den ſchlechteſten Platz! Das ſollen ſie mir bezahlen.“ Friedrich iſt ſehr vergnügt, weil man ihn zwiſchen Madame Marmodin und ſeine hübſche Tante placirt hat. Dieſe ſcheint nicht ſo zufrieden und ein gewiſſer Blick, der auf Herrn Derneſty fällt, ſcheint anzudeu⸗ ten, daß ſie ſich andere Nachbarn gewünſcht hätte als ihren Vetter und Herrn Candrillon. Der Stutzer hat den Blick der ſchönen Blondine mit einem der vielſagendſten beantwortet. Herr Marmodin ſeinerſeits, der troßz ſeiner Vor⸗ liebe für die Römer außerordentlich eiferſüchtig auf ſeine Frau iſt, ſcheint höchſt geärgert, daß dieſe neben dem verführeriſchen Friedrich ſitzt; da er ſich Beiden gegenüber befindet, ſo wirft er ſeiner Frau bisweilen ſehr ausdrucksvolle Blicke zu, aber dieſe ſcheint nicht im Mindeſten darauf zu achten. Kaum hat Jedes ſeinen Platz eingenommen, ſo bricht Friedrich in ein ſchallendes Gelächter aus und ſeine Nachbarinnen fragen ihn, was ihn hierzu ver⸗ anlaſſe. Er deutet auf Franz, welcher gerade gegen⸗ über von ihnen ſteht, ſich auf ſeines Herrn Stuhl⸗ 67 lehne ſtützt und ſich bemüht, ſich anſtändig aufrecht zu halten, deſſen veilchenblaues Kupfergeſicht aber auf einen in dieſem Augenblick ſehr unpaſſenden Zu⸗ ſtand ſchließen läßt, der die verſchiedenen Dumm⸗ heiten erklärt, die er ſchon gemacht hat. Man wird ſich erinnern, daß ſich Franz, nachdem er ſeine Gebieterin und das Tiſchgedeck mit Cham⸗ pagner begoſſen, unter allgemeinen Verwünſchungen aus dem Staube gemacht hat; aber der normänniſche Bediente hatte die Flaſche, die Urſache ſeines Miß⸗ geſchickes, auf die Flucht mitgenommen. Kaum iſt er in ſeinem Zimmer angekommen, ſo will er den Wein verſuchen, der ein Feuerwerk nachahmt. Durch den herausſprudelnden Schaum war nur ein Drittheil des Inhalts der Bouteille verloren gegangen. Franz ſetzt den Hals der Flaſche an den Mund: er findet das Getränk ſonderbar; er nimmt zwei weitere Schlücke und findet es ſehr gut, dann trinkt er noch ein Mal davon und es ſchmeckt ihm ſo gut, daß er erſt auf⸗ hört, wie er die Bouteille geleert hat. Dieß war das erſte Mal, daß Franz Champagner trank: er wird bald ganz heiter und aufgeräumt da⸗ von, es wandelt ihn die Luſt zu tanzen und zu ſin⸗ gen an, und als Mamſelle Fifine in ſeine Stube kommt,Sum ihn zu holen, findet ſie ihn, wie er ſich eben einübt, mit beiden Füßen über ſeinen Nachttopf zu ſpringen und hellauf lacht, weil er den Henkel deſſelben zerbrochen hat. „Was treiben Sie da, Franz?“ fragt die reizende Fifine, erſtaunt den Bedienten anſehend. „Meiner Treu', Mamſell, ich mache mich luſtig ich bin zum Lachen aufgelegt...“ „Es ſcheint, daß Sie die Dummheiten, die Sie anſtellten, nicht ſehr bereuen... Ihre Herrſchaft iſt ſehr aufgebracht über Sie!“ „Ach, es iſt ſchon der Mühe werth, weil ich den Kopfputz der dicken Araberin ein Bischen eingenetzt habe. es iſt kein Schaden, wenn ihre Haare davon wachſen. ſie ſind ohnehin ſo ſchön... drei armſelige Schlickchen hat ſie, wie Cadet⸗Rouſſel!“ „Wollen Sie ſchweigen, Franz. wenn man Sie hören würde!.. Kurz, ich habe Ihre Verzeihung bei der Herrſchaft ausgewirkt und Sie dürfen bei ic aufwarten.“ „Ach, daran liegt mir Richts. ich thue es, damit ich bei Ihnen ſein darf, Mamſelle Fifine!“ Bei dieſen Worten hatte Herr Franz Fifinen mit ſeinen beiden dicken Händen um die Hüften gefaßt und dieſe ſchrie:„Ei, Herr Franz, was fällt Ihnen ein?. was heißt das?“ „Das iſt eine Freude.. davon wollen wir jetzt ſprechen!“ „Wollen Sie ein Ende machen. iſt es auch er⸗ laubt, Einen ſo anzurühren?.. das iſt verboten!“ „Bah, verboten.. warum darf denn der alte Geck, unſer Patron, immer ſeine Hände darauf haben?“ „Wie? Herr Franz, Sie wagen zu behaupten.. „Potz Kuckuk! ich werde es wohl nicht geſehen haben. und ſein Sohn auch„und ſein Reffe auch⸗ 69 wenn er kommt.. und deſſen Freund auch„ich mache es eben wie die!“ Es war Mamſelle Fifine endlich gelungen, ſich aus Franzens Armen zu befreien und ſie ſchrie, während ſie davon lief:„Es iſt fürchterlich, Franz, Sie ſind betrunken, Sie ſind betrunken!.. das iſt ſchön, wenn man bei Tiſch ſerviren ſoll.. und doch muß es ſein⸗ weil wir Niemand ſonſt haben... gehen Sie in die Küche und trinken Sie Kaffee. ſuchen Sie ſich ein Bischen nüchtern zu machen und beſtreben Sie ſich, bei Tiſch ordentlich aufzuwarten.“ Herr Franz hatte der Anweiſung der Kammerzofe Folge leiſten wollen. Er war in die Küche herunter gegangen; aber dort hatte er ſtatt des Kaffee's Rum gefunden, der zu einer Gelée verwendet werden ſollte; von dieſem hatte er die Hälfte deſſen, was in dem Geſchirr war, ausgetrunken, dann hatte er ſich um⸗ geſehen, um Etwas zu finden, womit er daſſelbe wie⸗ der auffüllen könne. Er bemerkte eine Taſſe Bouillon, die vor ihm ſtand. Die Abweſenheit der Köchin be⸗ nützend, hatte er die Bouillon zu dem übrigen Rum hineingeſchüttet und für ſich hin geſagt:„Ich weiß zwar nicht, was das iſt, aber es hat die nämliche Farbe, das iſt die Hauptſache.“ Als er die Köchin hatte herbeieilen ſehen, hatte er geſchwind einige Ragouts, wie es ihm in die Hände kam, geſalzen, gepfeffert und gezuckert, und dann zu derſelben geſagt:„Ich habe Ihnen ein Bis⸗ chen geholfen.“ Die Köchin hatte den neuen Gehülfen, der Un⸗ 70 ordnung in ihre Caſſerolen hineinbrachte, augenblick⸗ lich aus der Küche hinausgejagt, und nun hatte ſich Franz erſt im Vorzimmer aufgeſtellt, wo wir ge⸗ ſehen haben, wie er Friedrich und ſeinen Freund an⸗ gemeldet hat. „Ich glaube, dieſer Bediente iſt betrunken,“ ſagt Madame Marmodin leiſe zu Friedrich. „Ich glaube es auch, aber man muß Nichts ſagen das wird luſtig.. er wird gewiß ein paar köſt⸗ liche Scenen herbeiführen.“ „Fränzchen, Fränzchen!... ich rufe Dir ſchon lange, Du ſollſt mir die Oliven herübergeben,“ ſchreit Herr Marmodin mit ärgerlichem Tone, weil er geſehen hat, daß Friedrich leiſe mit ſeiner Frau ſprach. Aber Fränzchen, die wenig auf die Worte ihres Mannes achtet, ſchickt ihm die Rettige und ſagt:„3ß nicht zu viel davon, ſie ſind ſchädlich!“ „Sie hört nicht mehr, was ich ſage,“ murmelt der Gelehrte, ſich gegen den Schriftſteller kehrend.„O⸗ die Weiber, die Weiber!.. Erinnern Sie ſich, was Tertul⸗ lius über dieſes leichtſinnige Geſchlecht ſagt, Mondigo?“ Mondigo, der ſeine Suppe abgegeſſen hat, kehrt ſich gegen Marmodin und ſagt:„Sie wiſſen, daß ich meine Entwicklung abgeändert habe: ich endige mit einer Citrone ſtatt mit einer Pomeranze... Sie 6 werden mir entgegen halten, das ſei auch eine ſüd⸗ liche Frucht!.. aber Sie ſollen hören, wie ich dieſe Veränderung benützt habe!..Ach, ich glaube, Sie kennen mein Stück noch nicht...“ „Doch, doch!“ 71 „Ich will es Ihnen heute Abend erzählen.“ „Fränzchen! hm!.. die Oliven.. ſie hört mich wahrhaftig nicht.“ „Franz, habt Ihr meinen Stuht bald genug hin und hergeſchoben?“ fragt Herr St. Godibert, ſich nach ſeinem Bedienten kehrend.„Was macht Ihr da? Servirt doch den Madeira und erinnert Euch meiner Befehle!“ „O ja, Herr, ich kenne meine Inſtruktion.“ Franz nähert ſich jedem Gaſte mit der Madeira⸗ Flaſche unter dem Arme. Er hat ſchon zwei Per⸗ ſonen eingeſchenkt, die wenig genommen haben; Herr Candrillon ſagt aber, ſtatt ſein Glas zu erheben, als der Bediente einzuſchenken aufhört, zu demſelben: „Nun, mach' doch.. warum hältſt Du inne, mein Junge? fülle doch mein Glas, ich trinke dieſen Wein gerne!“ „Nein,“ entgegnet Franz ſich entfernend;„Sie bekommen bloß zwei Drittheile, mehr nicht, es iſt vorgeſchrieben!“ „Was ſchwatzt der Pinſel da?“ ruft Herr Can⸗ drillon lachend ans.„St. Godibert, Ihr Bediente weigert ſich, mir Madeira einzuſchenken. Er behaup⸗ tet, ich habe genug an dieſem. er fürchtet wahr⸗ ſcheinlich, er bekomme mir ſchlecht. „„Wie? was iſt das?“ ſchreit Herr St. Godibert, indem er ſich ſeinem Diener durch Blicke und Zeichen verſtändlich zu machen ſucht.„Franz, ſchenkt doch Herrn Candrillon Madeira ein!“ „Durchaus nicht,“ entgegnet Franz, weiter gehendz 72 „der Herr hat ſchon ſeinen Theil.. ich erinnere mich Ihrer Befehle. Sie haben mir aufgetragen, ſo we⸗ nig als möglich von Ihrem Madeira herzugeben und nie mehr als zwei Drittheile des Glaſes zu füllen das iſt ganz beſtimmt wahr.“ Die Geſellſchaft machte ſonderbare Geſichter; man hörte ſogar Einige in's Nastuch lachen, während Herr St. Godibert, der purpurroth geworden iſt, ausruft:„Welches Vich, welcher Eſel iſt dieſer Be⸗ diente!... er verſteht Alles falſch!... Ich habe ihm im Gegentheil genau befohlen, ſo viel als möglich einzuſchenken. Glücklicher Weiſe kennt man meine Manier, zu bewirthen!“ „Ja, ja,“ ſagt der Vetter Brouillard, Franz ſein Glas hinhaltend,„o, wir wiſſen, was wir davon zu halten haben!... Vorwärts, Franz, Euer Herr hat geſagt, Ihr ſollt ſo viel als möglich ein⸗ ſchenken.“ „Ach was!“ brummt Franz,„jetzt ſagt er ſo, vorher hat er aber nicht ſo geſagt.“ Fifine geht hinter Franz hin, zieht ihn an ſeiner Jacke und ſagt ganz leiſe zu ihm:„Still, Franz⸗ Sie ſind betrunken! Sie werden ſich um den Dienſt bringen!“ Allein Franz zuckt die Achſeln und geht immer mit ſeiner Madeiraflaſche auf und ab. „Ich weiß, was ich thue... man hat mir Inſtruk⸗ tionen gegeben... wenn man jetzt das gestie ſagt, ſo werde ich confus!“ „Serviret Fräulein Soufflat! ſerviret Frulein 5 73 Soufflat!“ ſchreit Herr St. Godibert, der gern hätte, daß man nicht mehr auf ſeinen Bedienten hörte. „Ich habe die Ehre, auf Ihre Geſundheit zu trin⸗ ken!“ ſagt der Major Krauteberg, ſich gegen die Herrin des Hauſes kehrend. „Ach, Herr Major, ich danke Ihnen!... Aber Herr Roquet ſpricht Nichts. wünſchen Sie Etwas, Herr Roquet?“ Herr Roquet, der auch ein wenig beleidigt iſt, weil man ihn nicht neben die Herrin des Hauſes ge⸗ ſetzt hat, antwortet, indem er zu gleicher Zeit auf eine Platte mit Fiſchen und eine mit Geflügel hin⸗ blickt:„Madame, Sie ſind ſehr gütig.. ich bin ſo frei und nehme von dieſem... Und Madame St. Godibert ſchickte Herrn Roquet, der Geflügel gewollt hat, augenblicklich die Platte mit den Fiſchen hinunter. Nachdem Franz mit ſeiner Madeirarunde fertig iſt, ſtellt er ſich wieder hinter ſeines Herrn Stuhl und balancirt an demſelben hin und her, aber Herr St. Godibert wagt es nicht, Etwas zu ſagen, aus Furcht, der Betrunkene begehe wieder irgend eine Dumm⸗ heit. Der Vetter Brouillard jedoch, der entzückt iſt, Franz benützen zu können, winkt ihm von fern, er wolle mit ihm ſprechen, und als der Bediente neben ihm ſteht, ſagt er ſehr laut zu ihm:„Franz, gebet mir doch friſches Brod.. das iſt hölliſch altgebacken und ich mag das altgebackene Brod nicht.“ „Friſches Brod,“ erwiedert Franz lachend,„ah, wir ſind nicht ſo dumm!... Sie würden zu viel 8 eſſen. wir haben keines.. der Herr hat es ver⸗ boten!“ „Mein Gott, welche Geduld muß man mit dieſem Dummkopf haben!“ ſchreit Herr St. Godibert;„er hat heute Alles, abſolut Alles verkehrt verſtanden! Ich wollte ihn vor dem Eſſen aus dem Dienſte jagen, ich hätte beſſer daran gethan... ich habe ſo⸗ gar gezankt, daß man kein neugebackenes Brod ge⸗ holt hat!“ „Beruhigen Sie ſich, mein lieber Herr St. Go⸗ dibert,“ ſagt Derneſiy,„man merkt wohl⸗ daß Ihr Bediente nicht recht bei Vernunft iſt!... Das Beſte iſt, man lacht über ſeine Einfaltspinſeleien.“ „Ja,“ ſagt Angelika, ihrem Nachbar zulächelnd, „Herr Derneſty hat vollkommen Recht: man muß dar⸗ über lachen und weiter Nichts!“ „Für Fräulein Soufflat!“ ſchreit der Amphytryon, ſervirend.„Mein Sohn, ich hoffe, daß Du dafür ſorgſt, daß Fräulein Soufflat Nichts abgeht?“ Julian erwiedert einige Worte, die man nicht verſteht. „O, Ihr Onkel hat beſtimmt Abſichten mit ſeinem Sohne und Fräulein Soufflat,“ ſagt Madame Mar⸗ modin zu Friedrich. „Ich fürchte es für meinen armen Vetter!“ „Fürchten? das Fräulein iſt ja ſehr reich.“ „Ja. aber betrachten Sie doch ihre Naſe.. man würde darauf ſchwören, ſie ſei falſch!“ „Ha, ha! wie unartig Sie ſind!“ „Ich glaube, es würde ihr recht ſein, wenn ſie 75 falſch wäre; unglücklicher Weiſe iſt es aber eine höchſt lebendige Erſcheinung.“ „Fränzchen, Fränzchen! gib mir das Salz her⸗ über,“ ſagt Herr Marmodin mit einer vor Eiferſucht faſt erſtickten Stimme. „Ei, lieber Gott, mein Freund, Sie haben ja eine Salzbüchſe vor ſich; iſt's an der nicht genug? Haben die Römer ſo wahnſinnig geſalzen?“ „Ich weiß nicht, ob Franz betrunken iſt,“ ſagt Brouillard, ſich an einen ſeiner Nachbarn wendend, „aber Thatſache iſt, daß es abſcheulich iſt, uns drei⸗ tägiges Brod aufzutiſchen. Schau'! dieſe Hahnen⸗ fricaſſee iſt gezuckert... ſie iſt bei Gott gezuckert... es ſchmeckt gar nicht gut.“ „Ich nehme mir die Freiheit, auf Ihre Geſund⸗ heit zu trinken,“ ſagt der Major Krauteberg mit einer Verveugung gegen ſeine Nachbarin. „Meinen tauſendfachen Dank, Major!... Herr Derneſty, Sie trinken nicht?“ „Entſchuldigen Sie, meine ſchöne Nachbarin, aber man muß ſich zuſammennehmen. Alle Ihre Weine ſind ſo vortrefflich, Sie bewirthen uns ſo ausgezeich⸗ net, man könnte glauben, man befinde ſich an der Tafel eines Miniſters.“ „Ach, Herr Derneſty!“ Herr St. Godibert, der dieſe Worte gehört hat, kennt ſich nicht mehr vor Freude; er ſchickt Derneſty ſogleich eine Platte mit Trüffeln zu und ruft:„Für Fräulein Soufflat!“ „Ach, Sie wünſchen, daß ich dieſes dem Fräulein 76 Soufflat hinuntergebe?“ ſagt Derneſty;„augenblick⸗ lich. „Nein, nein, mein lieber Derneſty, ich habe mich geirrt... Ihnen, Ihnen ſelbſt war es zugedacht.. Fräulein Soufflat iſt ſchon bedient; ich kann ihr aber noch mehr anbieten. Mein Sohn, ſorgſt Du auch für Fräulein Soufflat?“ „Ja, Vater.“ „Potz Kuckuk,“ ſagt Herr Candrillon,„wenn das Fräulein Alles ißt, was man ihr hinunter gibt, ſo muß ſie allmälig den Bauch voll haben.“ „Ach, mein Gott! was hat Candrillon eben wie⸗ der geſagt?“ murmelt die dickleibige Angelika, den Major anblickend. „Ich habe es nicht recht gehört!“ erwiedert der Major;„hat er nicht von einer kleinen Hündin ge⸗ ſprochen, die den Bauch voll haben ſoll?“ „Still, ſtill, Herr von Krauteberg, kein Wort mehr über dieſen Gegenſtand, oder es wird mir ohnmäch⸗ tig!“ „Potz Tauſend! das iſt eine Gelée, die merkwür⸗ dig ſchmeckt,“ ſagt Herr Brouillard mit einer Gri⸗ maſſe;„Vetter, ſagen Sie mir gefälligſt, was iſt denn das für eine Gelée?“ „Eine Rum⸗Gelée ohne Zweifel; ich habe eine Köchin, die eine wahre Künſtlerin iſt... ſie war in den Küchen des Lord Wellington... ſie bereitet die ſüßen Seiſen auf's Vortrefflichſte zu; ſie macht die Puddings wie an der Themſe.“ „Dann glaube ich nicht, daß ſie dieſe gemacht „ ——————— 77 hat,“ ſagt Brouillard zu ſeinen Nachbarn.„Verſu⸗ chen Sie ſie doch, meine Herren: das iſt eine Gelée von Ueberbleibſeln!“ „Dem Fräulein Soufflat!“ ſchreit Herr St. Go⸗ dibert, zum zweiten Mal von der Rum⸗Gelée ſer⸗ virend; aber Fräulein Soufflat ſchlägt ſie aus: ſie hat wie Jedermann die Gelée auf dem Leller liegen laſſen. Selbſt Madame Godibert ruft aus:„Das iſt ſonderbar, es iſt nicht ſo gut wie ſonſt!“ „Richt ſo gut? Sie ſind artig, Cuuſine; das heißt, dieſe Gelée hätte eher zu einem Schinken getaugt als zu einer ſüßen Speiſe.“ „Ich denke, Franz werde ſich in der Küche zu ſchaffen gemacht haben,“ ſagt Friedrich zu ſeinen Nachbarinnen.„Schauen Sie, ſehen Sie ihn einmal an: der Schelm berſtet faſt vor Lachen, während wir die Gelée verſuchen!“ Herr Franz, der jeden Gaſt beim Verkoſten der Gelée eine Grimaſſe machen ſah, erinnerte ſich, was er in der Küche mit dem Rum angeſtellt hatte und rüttelte den Stuhl ſeines Herrn wie beſeſſen, indem er ſich ſeiner Heiterkeit überließ. Herr St. Godibert hatte große Luſt aufzuſtehen und ſeinen Bedienten aus dem Saale hinauszujagen, aber das würde einen Auftritt gegeben haben, und da Franz in einem Zuſtande war, wo er Alles geſagt bütte, was ihm in den Kopf gekommen wäre, ſo hielt er es für klüger, nicht auf ihn zu achten; deßhalb üeß der Herr des Hauſes ſeinen Bedienten während des ganzen Eſſens hinter ſeinem Stuhle herumgau⸗ — 78 keln und ſchentte ihm ſcheinbar gar keine Aufmerk⸗ ſamkeit. „Da die Gelée mißrathen iſt, wollen wir die ruſſiſche Scharlotte verſuchen,“ ſagt Herr St, Godi⸗ pert, auf's Neue herausſchöpfend.„Hier,⸗ Candrillon, nehmen Sie dieſen Teller.“ „Teufel, Teufel! Sie haben mich ſchon dermaßen vollgeſtopft... ich weiß nicht, ob ich es im Stande ſein werde...“ „Wie, mein lieber Candrillon, Sie halten ſonſt Stand vei Tiſche... ſollte es wirklich nicht mehr gehen?“ „Hm! hören Sie, es geht wohl hinein, aber wie wieder heraus 2.. Ha, ha, ha!“ Dieſer Scherz des Herrn Candrillon ſcheint einen ſonderbaren Eindruck auf die Geſellſchaft zu machen. Die Damen beißen ſich in die Lippen und verziehen das Geſicht; die Männer wagen einige o, o! Herr Mondigo betrachtet ſeinen Nachbar, den Gelehrten, und ſagt zu ihm:„Wenn ich ſolche Worte in meinen Stücken brächte, würde ſie, glaub' ich, die Cenſur ſtreichen.“ Friedrich lacht allein überlaut und Madame Mar⸗ modin hat große Luſt, es ihm nachzumachen. Was Madame St. Godibert anbetrifft, ſo erhebt ſie die Augen gen Himmel, als ob ſie in Thränen zerfließen wollte und ruft aus:„Waſſer, Major; ic pitte, ſchenken Sie mir ein Glas Waſſer ein.“ Fünftes Kapitel. Vater Savenay.— Die Soirée. Nach einer Weile ſagt der Eiſenbahn⸗Unterneh⸗ mer, wie er Mamſelle Fifine um den Tiſch herum beſchäftigt ſieht, zu ſeinem Wirthe:„Wenn Sie auch einen Eſel von Bedienten haben, lieber St. Godibert, ſo haben Sie dagegen eine ſehr artige Kammerzofe, die ihr Geſchäft recht gut zu verſtehen ſcheint ſo muß ich mir auch eine einthun, die wäre recht für einen Junggeſellen.“ „Ja, ja,“ antwortet der Amphitryon, fügt aber, da er nicht wünſcht, daß Herr Candrillon über Mam⸗ ſelle Fifine ſcherze, raſch hinzu:„Ei, Capitaliſt, wie ſteht es mit den Geſchäften.. was gibt es Neues? Sie, der Mann der Unternehmungen, haben ſicher eine im Gang.“ „Meiner Seel'! in dieſem Augenblicke nicht.. ich ruhe aus ich warte eine gute Gelegenheit ab! Da Sie aber von Geſchäften ſprechen, ſo will ich Sie auch an den wackern Mann aus meinem De⸗ partement erinnern, den ich vor einiger Zeit an Sie gewieſen habe, Sie ſagen mir gar Nichts von ihm; was macht der Vater Savenay?“ „Der Vater Savenay? wer iſt das?“ „Ein braver Mann vom Lande, der lange Zeit die Bücher und Schreibereien eines Hammerſchmiede⸗ Beſitzers in der Gegend von Nemours beſorgte, wo ich mich Sommers aufhalte, da ich dort viele Güter 80 habe. Vor einigen Monaten fiel ihm ganz unerwar⸗ tet eine recht hübſche Erbſchaft zu: er wurde mit einem Male Herr von ſechszigtauſend Franken!... Für Jemand, der weiter keinen Ehrgeiz hat und bloß ſeine Laufbahn ruhig beſchließen will, iſt das ein Vermögen. Vater Savenay iſt mehr als ſechszig Jahre alt, er hat genug gearbeitet, um auszuruhen, daher kündigte er dem Hammerſchmiedmeiſter ſeine Stelle auf und kam mit ſeinen ſechszigtauſend Fran⸗ ken zu mir.“ „Herr Candrillon,“ ſagte er, Sie verſtehen die Geldgeſchäfte und das Anlegen der Capitalien.. hier ſind die meinigen, übernehmen Sie dieſelben und zahlen Sie mir den Zins daraus, oder wenn nicht, ſo rathen Sie mir wenigſtens, wie ich mein Geld mit Nutzen unterbringen ſoll.“ „Ich, der in dieſem Augenblicke ſelbſt nicht weiß, was ich mit meinen Capitalien anfangen ſoll, ant⸗ wortete dem Vater Savenay:„Mein Freund, ich kann Ihr Geld nicht nehmen, weil ich ſelbſt ſchon genug da liegen habe, welches ſich nicht verzinst; aber wenn Sie nach Paris gehen wollen, ſo will ich Sie an einen meiner Freunde, Herrn St. Godibert, adreſſiren: er iſt Bankier und ein ſolider, vorſichtiger Mannz er wird Ihr Geld annehmen und Ihnen die Prozente daraus bezahlen. Sie könnten ſogar in Paris bleiben, wo Sie mit Ihrem kleinen Vermögen recht glücklich leben und ſich tauſenderlei Annehmlich⸗ keiten verſchaffen könnten.“ „Der gute Mann dankte mir viel Mal und ver⸗ 81 ſicherte mich, ich hätte ihn auf einen guten Gedanken gebracht, er werde wenigſtens den Winter über in Paris bleiben. Ich gab ihm alſo Ihre Adreſſe mit einem Empfehlungsſchreiben an Sie und einige Tage darauf nahm er Abſchied von mir. Er hatte ein eigenes Reitpferdchen, lud ſein Gepäck darauf, trug ſein Vermögen in einer Brieftaſche mit und machte ſich ſo in kleinen Tagreiſen nach Paris auf.“ „Wohlan, mein lieber Candrillon, ich kann Sie verſichern, daß ich von dieſem Herrn Savenay weder Etwas gehört noch geſehen habe... von Ihnen re⸗ kommandirt hätte ich ihm ſicher Aufmerkſamkeit ge⸗ widmet, ihn ſogar mit Auszeichnung behandelt!... Haben Sie ihm auch wirklich meine Adreſſe hier ge⸗ geben?“ „O, ganz genau!... Potz Teufel! Sie verſetzen mich in Staunen... in Sorgen ſogar. Einige Zeit darauf mußte ich in Geſchäften nach Lyon reiſen, kam über Paris aber meiner Treu'! man hat ſo viel im Kopfe, wenn man große Capitalien anzulegen hat, Sie werden das begreifen... ich vergaß meinen alten Vater Savenay ganz.“ „Das begreife ich vollkommen!... Und Sie ſagen, der brave Mann habe den Weg nach Paris einge⸗ ſchlagen?“ „Vor zwei Monaton ungefähr... vielleicht auch einige Tage mehr. habe ich ihn in Nemours ab⸗ reiſen ſehen.“ Dann müßte er ſeinen Weg in ſehr kleinen Tag⸗ Paul de Kock. LXXVI. 8 6 82 reiſen zurückgelegt haben, wenn er in zwei Monaten nicht neunzehn Stunden gemacht hätte, denn mehr ſind es von Nemours nicht.“ „Nicht einmal ganz neunzehn Stunden. O, es muß dem armen Vater Savenay unterwegs irgend ein Unfall begegnet ſein!“ „Er iſt vielleicht beſtohlen oder ermordet worden! WMan hat wahrſcheinlich erfahren, daß er eine beträchtliche Summe Geldes bei ſich hatte es iſt ſehr unklug von einem Greis, mit ſechszigtauſend Franken in der Taſche zu Pferd zu reiſen.“ „Das habe ich auch zu dem Vater Savenay ge⸗ ſagt. Aber er, der Alles im roſigen Lichte betrachtet, hat mir lachend erwiedert:„Sche ich in meinem ländlichen Anzuge einem reichen Manne gleich? Es wird mir Nichts geſchehen, es hat keine Gefahr und außerdem werde ich bloß bei Tag reiſen; ſobald es dunkel wird, kehre ich in einem Gaſthof oder bei Bauersleuten ein.“ Damit reiste er ſeelenvergnügt fort.. der arme Mann!... Sapperment, ich würde untröſtlich ſein, wenn ihm ein Unglück begegnet wäre, denn ich habe ihm den Rath gegeben, nach Paris zu gehen!. Gleich morgen fahre ich nach Nemvurs, um mich nach ihm zu erkundigen, und auch hier muß ich mich auf Kundſchaft legen, wenn ich gleich nicht weiß wo einerlei, ich werde Schritte thun!... Was Teufels! ein Menſch kann nicht nur ſo ver⸗ ſchwinden, ohne daß man weiß, wo er hinkommt.“ Dieſe Geſchichte hatte alle Nebengeſpräche unter⸗ brochen; Jedermann hatte ihr Aufmerkſamkeit ge⸗ — — — 83³ ſchenkt, und als Herr Candrillon zu ſprechen aufge⸗ hört hat, herrſcht eine lange Stille unter der Geſell⸗ ſchaft; es ſcheint, als ob die Heiterkeit und die gute Laune von den Anweſenden gewichen wäre, ſeit von dem Vater Savenah die Rede war. Herr St. Godibert thut ſein Möglichſtes, um die Unterhaltung wieder zu beleben. Man trägt den Nachtiſch auf, Franz bringt den Champagner und bietet ſich an, die Flaſchen zu öffnen, aber man un⸗ terſagt ihm ſtreng, eine derſelben anzurühren. End⸗ lich bringt der ſprudelnde Schaum die Munterkeit und den Frohſinn wieder zurück. Der Major Kraute⸗ berg hebt ſein Glas in die Höhe und bringt die Ge⸗ ſundheit der Gebieterin des Hauſes aus; ein ſolcher Vorſchlag muß immer Anklang finden. Herr St. Godibert beeilt ſich, einen Toaſt auf Fräulein Soufflat auszubringen; und Herr Brouillard murmelt dann ſo laut, daß es von Jedermann gehört werden kann: „Warum müſſen wir denn Fräulein Suufflat leben laſſen? Was ſind wir dieſem Frauenzimmer ſchul⸗ dig? Müſſen wir ihrer Naſe wegen dieſe Höflichkeit gegen ſie an den Tag legen?... Ich werde jetzt einen Toaſt auf meine Portiére ausbringen.“ Herr Candrillon, der nicht zurückbleiben will, trinkt auf die weitere Ausdehnung der Eiſenbahnen, das Gelingen ſeiner Unternehmungen, die Ergiebigkeit eines Steinbruches, den er ausgraben laßt, und auf einen arteſiſchen Brunnen, den er irgendwo bohren laſſen will. Und der Vetter Brouillard ſan zu ſeinen Nach⸗ 84 varn:„Der genirt ſich auch wenig„„er trinkt auf ſeine Angelegenheiten und heißt das einen Toaſt aus⸗ bringen!... Was geht uns ſein Steinbruch und ſein Springbrunnen an? Das iſt wahrhaftig komiſch!... Meine Herren, ich habe Hühneraugen an den Füßen, die mir bedeutende Schmerzen verurſachen... ich ſchlage vor, auf ihre gänzliche Ausrottung zu trinken!“ Aber ehe die neben Herrn Brouillard ſitzenden Perſonen auf dieſen Vorſchlag geantwortet haben, hat Madame Godibert durch das Aufſtehen vom Liſche das Zeichen zur Rückkehr in den Saal ge⸗ geben. Dort bilden ſich die Gruppen von Neuem: Der⸗ neſty ſucht die ſchmachtende Clementine wieder auf; Mondigv bemächtigt ſich Doguins, mit welchem ſich aus bekannten Gründen Niemand unterhalten will; aber ein Schriftſteller, dem Etwas daran liegt, den Plan ſeines Stückes zu erzählen, iſt im Stande, über manche kleine Unannehmlichkeit wegzuſehen und die⸗ ſes iſt bei Herrn Godiberts Bruder der Fall⸗ welcher ſich an Herrn Doguin wendet. Der junge Julian fühlt ſich aufleben, ſeit er ſich nicht mehr an der Seite des Fräuleins Soufflat weiß, die ihn während des ganzen Eſſens nicht aus den Augen gelaſſen hat. Herr Marmodin, welcher ſich mit Herrn Villarſec in eine weitläufige Erörterung über den Kaffee einge⸗ laſſen hat, der ſeiner Behauptung nach bei den Rö⸗ mern unter dem Namen Hypocras bekannt war, be⸗ merkt nicht, daß der verführeriſche Friedrich bei ſeiner ——— ——— 8 Frau ſitzt und ſogar ſehr lebhaft und aufgeregt mit dieſer zu ſprechen ſcheint. Es iſt in der That ſelten der Fall, daß nach einem großen Eſſen alle Köpfe ihre gewöhnliche Ruhe und Kaltblütigkeit beibehalten haben: die durch feine Weine erhitzten Geiſter nehmen ihren Aufſchwung und beobachten die Schranken weniger. Der Neffe des Herrn St. Godibert brauchte keinen Champagner ge⸗ trunken zu haben, um gegenüber von den Schönen kühn zu ſein; in dieſem Augenblick ſcheint er aber noch unternehmender als gewöhnlich. Er blickt das hübſche Fränzchen zärtlich an, indem ex ſagt: Wie⸗ Madame, Sie wollen mich alſo nicht lieben?“ „Ha, ha! das iſt eine ſonderbare Frage.“ „Im Gegentheil, eine ſehr natürliche. Ich habe Ihnen geſagt, ich bete Sie an.. es iſt alſo ſehr ein⸗ fach, daß ich Gegenliebe verlange!“ „Aber ich habe Sie gar nicht erſucht, mich anzu⸗ beten und bin deßhalb gar keine Erwiederung ſchuldig.“ „Wie grauſam ſind Sie!... Mich ſo zu behan⸗ deln.. während ich ſchon ſo lange nach Ihnen ſchmachte!“ „Ach was! Sie ſchmachten immer.. das iſt Ihre Beſchäftigung... Sie haben es ſelbſt einmal geſagt. Auch denke ich deßhalb, ich ſei nur im Allgemeinen mit inbegriffen.“ „Wie bösartig ſind Sie!... Eine ſo wahre und ſo zärtliche Liebe zu verhöhnen!“ „O, ich bitte, ſchweigen Sie! Was würde man von mir denken, wenn man Sie hörte?“ — 86 „Dieſe Leute kümmern ſich Alle um ſich ſelbſt und nicht um uns.“ „Und mein Mann dort, der mich ſammt Ihnen umbrächte, wenn er wüßte, welcher Gegenſtand uns zum Geſpräch diente?“ „Ihr Mann.. o, zu dem ſage ich- Kuckuk heiße cuculus auf lateiniſch, werde aber nur mit einem 1 geſchrieben, dann iſt er entzückt über mich und wird mich einladen, ihn zu beſuchen, und ich ſtehe Ihnen dafür, ich mache von der Einladung Gebrauch.“ „Nein, nein!... o, ich rathe Ihnen nicht, mit meinem Mann von Kuckuk zu ſprechen. Ich glaube nicht, daß das ein Mittel wäre, wodurch Sie ſich Zutritt in unſer Haus verſchafften.“ „Sie wollen mir alſo nicht einige Hoffnung ma⸗ chen?“ „Wozu denn?“ „Sie wollen Ihrem Manne treu bleiben?“ „O, welche Frage!... Woran denken Sie, Herr Friedrich?“ „An Sie.“ „Ja, in dieſem Augenblick vielleicht; aber morgen oder in einer Stunde...“ „An Sie, immer an Sie.“ Madame Marmodin ſcheint ergriffen und trotz ihres leichtſinnigen Weſens mit der Antwort verlegen. Aber Herr Brouillard, der Alles beobachtet, was vorgeht und die lebhafte Unterredung zwiſchen Fränz⸗ chen und Friedrich bemerkt hat, nähert ſich ſachte dem Gemahl der jungen Dame und ſagt, ihn beim Arme — —— 87 nehmend, zu ihm:„Herr Marmodin, hatte Ihre Frau Gemahlin nicht eine Blume in den Haaren?.. Ich habe geglaubt, eine Roſe an ihr geſchen zu haben, und jetzt ſehe ich dieſe nicht mehr... hat ſie vielleicht ihre Blume verloren?“ Herr Marmodin, welcher, als er ſich umwendet, den ſchönen Friedrich eifrig mit ſeiner Frau ſprechen und dieſe mit bewegter Miene zuhören ſieht, ſtürzt ſich augenblicklich zwiſchen Beide, indem er Herrn Brouillard antwortet:„Ja, ja, Sie haben Recht... ſie iſt im Begriff, Etwas zu verlieren... es iſt pe- riculum in mora... ich glaube, ich habe Zeit, da⸗ zwiſchen zu treten.“ Die Gegenwart des Gatten macht natürlich dem Geſpräche Fränzchens mit Friedrich ein Ende. Nach einigen mit Herrn Marmodin gewechſelten Worten die gar keinen Bezug auf das haben, was Friedrich mit der Frau dveſſelben geſprochen hat, begibt ſich Friedrich in einen andern Theil des Saales, wo ſich ſein Vetter Julian und Herr Richard befinden, der eben angekommen iſt und gerade zu dem Sohn des Hauſes ſagt:„Potz Teufel! ſo viel es ſcheint, haben Sie heute viel Leute bei Tiſche?“ „Ja!“ „Und mich ladet man auf den Abend ein das iſt angenehm.. man kann doch ſehen, wie andere Leute verdauen.“ „Hören Sie, mein Lieber, wenn man bei einem Eſſen alle ſeine Bekannten und außer dieſen noch die Freunde und Bekannte ſeines Sohnes einladen wollte, 88 ſo müßte man, ſtatt die Gäſte bei ſich zu bewirthen, eine Tafel auf dem Marsfelde oder auf dem Ca⸗ rouſſelplatz decken laſſen.“ „Wahrhaftig, Sie werden luſtig.“ „Ah, da iſt ja der liebe Richard!“ ruft Friedrich, dem Neuangekommenen die Hand ſchüttelnd, aus. „Wie gefällt Dir dieſer Salon? nicht wahr, er iſt recht hübſch? Biſt Du ſchon bei meinem Onkel geweſen, ſeit er in dieſem Hauſe wohnt? Nicht wahr, ihr noch keine drei Monate da, Julian?“ „Nein, noch nicht ganz.“ „Ich bin noch nie hier geweſen,“ antwortet Herr Richard.„Ja, es iſt prächtig.. ſehr elegant deko⸗ rirt!... So viel es ſcheint, macht Dein Onkel immer gute Geſchäfte.. und gibt ſehr ſchöne Gaſtmahle.“ „Ja, er verdient viel; ich habe ihn aufgefordert, jetzt Geſellſchaften und Gäſte einzuladen, da dieſes ſehr vornehm ſei... Du biſt doch nicht böſe darüber, Julian?“ „Nein, wenn man mich bei Tiſche nicht neben Fräulein Soufflat ſetzt.“ „Ach, mein Lieber, Dein Vater hat Abſichten, das merkt man! Bedenke doch, zweimalhunderttauſend Franken Mitgift ſind in Erwägung zu ziehen!“ „Würdeſt Du dieſe Naſe für zweimalhunderttau⸗ ſend Franken nehmen?“ „Hm! ich weiß nicht, vielleicht wohl; denn im Ganzen genommen iſt man nicht genöthigt, die Naſe ſeiner Frau oft zu betrachten; man kann ſich ſchief oder neben ſie ſetzen!“ 89 „Ich will ſie nicht, auch von der Seite nicht!“ „Vetter, zweimalhunderttauſend Franken ſind doch ſehr hübſch; ich würde doch Manches thun, um dieſe zu erlangen.“ „Wohlan, bewirb Dich darum, heirathe Fräulein Soufflat!“ O, ich will keine Händel mit meinem Onkel... und man wollte mich auch nicht: ich bin kein reicher Erbe!“ „Nun, meine Herren, wovon iſt die Rede?“ fragt Derneſty, welcher ſich auch von Clementinen entfernt hat, weil ihr Mann zu ihr her kam, und ſich jetzt zu den drei jungen Leuten geſellt.„Ah, guten Abend, Richard, geht's gut?“ „Ja, ganz gut... Sie ſind alſo wieder von Eng⸗ land zurück?“ „Ja, ſeit ungefähr vierzehn Tagen.“ „Sie ſind nicht lange dort geblieben?“ „Einige Monate... ungefähr fünf Wochen.. Wovon haben Sie denn geſprochen, meine Herren?“ „Von der Naſe.“ „Wie, von der Naſe?“ „Von Fräulein Soufflats Naſe. Wie findeſt Du ſie 2. „Wunderſchön! ich habe nie eine ähnliche geſehen! es wäre der Mühe werth, ſie im Naturalienkabinet aufzubewahren, wenn die Eigenthümerin damit ein⸗ verſtanden wäre, ſich von derſelben zu trennen.“ „Ei, meine Herren, die hübſchen Frauenzimmer ſind keine ſo gewöhnlichen Dinge, als man glaubt!“ 290 „Auch ſind ſie ſehr geſucht auf der Börſe.“ „Sie tragen übrigens nicht viel ein.“ „Hml es gibt auch ſolche, die viel eintrag en, ich verſichere euch.“ „Hören Sie, meine Herren,“ ſagt Richard,„Scherz bei Seite, es find viele Damen in dieſem Saale, können Sie mir aber eine vollkommene Schönheit darunter zeigen.. ich bezweifle es.“ „Potz Teufel! Richard, Sie ſind ſchwer zu befrie⸗ digen,“ entgegnet Derneſty;„es ſind ſehr hübſche Damen hier. erſtens Madame Mondigo.“ „Ja, das iſt im Ganzen genommen eine recht hübſche Frau, aber ſie iſt zu blaß, zu blond... be⸗ trachten Sie ihre Züge einen nach dem andern, ſo werden Sie keinen tadellos finden.“ „Ich wollte, das Ganze wäre mein.“ „Madame Marmodin iſt auch recht artig,“ ſagt Friedrich;„ich wette, es gibt keinen einzigen Mann, dem ſie nicht gefällt.“ „Artig, ſo lang Sie wollen.. artig ihrer Phyſio⸗ nomie, ihrer feinen Geſichtszüge wegen, aber ſie iſt keine Schönheit.“ „O! aber bei Gelegenheit der Schönheit,“ ruft Friedrich aus,„ſag' mir einmal, Richard, was Du mit dem jungen Mädchen angefangen haſt, mit der wir von Orleans her auf der Eiſenbahn gefahren ſind 2... Ach, meine Herren, ich bekenne, dieſe über⸗ traf Alles, was wir hier ſehen... Du haft ſie auch geſehen, Julian: ich meine das junge Mädchen, wel⸗ ches nehen Dir ſaß, Du mußt Dich daran erinnern.“ 91 „Freilich erinnere ich mich an ſie!“ antwortet Ju⸗ lian mit einem Seufzer.„O, ich habe ſie nicht ver⸗ geſſen... ihr reizendes Geſicht ſchwebt mir immer im Geiſte vor. Welche entzückenden Züge welche veſcheidene, tugendhafte Mienel.. Ich hätte Alles in der Welt gegeben, um ſie wiederzuſehen.“ „Ja,“ ſagt Herr Richard, ſich um's Kinn ſtrei⸗ chelnd,„das kann man ein hübſches Frauenzimmer⸗ eine Schönheit nennen!... Tadelloſe Züge, Jugend⸗ Friſche, feiner Wuchs, elegente Bewegungen... Alles war vereint.“ „Potz Tauſend, meine Herren,“ ſagt Derneſty, „Sie entwerfen da ein Bild, welches meine Neugierde bedeutend reizt! Das junge Mädchen war alſo ein Phönix, eine Perle?“ „Ja, eine echte Perle o eine ſeltene, echte Perle!“ „Und was habt ihr mit dieſem Schatze angefan⸗ gen, meine Herren? Es iſt nicht wohl anzunehmen, daß ihr ihn zu Drei habt entwiſchen laſſen.“ „Ich war in der Gewalt meines Vaters und mei⸗ ner Mutter, folglich nicht Herr meiner Handlungen,“ erwiedert Julian ſeufzend.„Ach, wenn ich das ge⸗ weſen wäre!“ „Ich,“ ſagt Friedrich,„hatte die Dummheit be⸗ gangen, eine Liebſchaft mit einem ziemlich poſſierlichen Frauenzimmer zu meiner Linken anzufangen; ich war bereits gebunden und konnte nicht mehr zurücktreten ich erfuhr bald, mit wem ich es zu thun hatte: meine Eroberung war ganz einfach die Geliebte eines 92 Haarkünſtlers. Ihr werdet begreifen, daß ich ſie nicht viel länger als eine Papillote behielt!... Die arme Irma, die ſich unterſteht, bis zum Wahnſinn in mich verliebt zu ſein und mich überall verfolgt, wohin ich meine Schritte wende! Ich weiß gar nicht, wie ich ſie wieder los werden ſoll.“ „Alſo konnte ſich bloß Richard mit der köſtlichen Begegnung beſchäftigen,“ verſetzt Derneſty. „Ja, meine Herren!“ erwiedert Herr Richard mit zuverſichtlicher Miene.„Ich war mein eigener Herr, Nichts ſtörte mich. Ich nahm mir vor: das junge Mädchen muß mein ſein... und ich habe es dahin gebracht.“ „Wirklich, Richard?... O, erzählen Sie uns das doch; das junge Mädchen ſah recht anſtändig aus... wie Teufel haſt Du es angegriffen?“ „Der Schein trügt mich nicht, und wenn ich die Abſicht habe, ein Weib zu beſitzen, ſo gelange ich immer zum Ziele.“ „Der Teufel! das klingt mir fabelhaft.. „Wohlan, Richard, erzähle uns Dein Abenteuer mit der Kleinen von der Eiſenbahn.“ „Mein Gott, meine Herren, das iſt ſehr einfach: beim Weggehen aus dem Bahnhofe bin ich der Klei⸗ nen nachgefolgt und unterwegs knüpfte ich ein Ge⸗ ſpräch mit ihr an. Sie war zum erſten Mal in Paris, ich bot mich als ihren Führer an. Nach eini⸗ gem Sträuben nahm ſie ſogar meinen Arm an; ſie hat mich übrigens ordentlich herumtraben laſſen; ſie ſuchte Onkel, Tanten oder weiß was, deren Adreſſen 93 man ihr gegeben hatte. Sonderbar iſt, daß ſie mich in dieſes Haus herein geführt hat... beim Herauf⸗ gehen habe ich das Haus wieder erkannt. Kurz, ich weiß nicht, ob das nur eine erfundene Geſchichte war, oder ob man ihr wirklich Adreſſen gegeben hattez ſie hat die Verwandten, die ſie hier ſuchte, nicht gefun⸗ den. Dann gab es Thränen und Angſt!... Man wußte nicht, was man in dieſer Stadt, wo man Niemand kannte, anfangen und wohin man gehen ſollte; überdieß war auch die Nacht allmälig herein⸗ gebrochen, was noch zur weitern Schwierigkeit der Lage beitrug. Sie werden einſehen, daß mein Be⸗ tragen ſehr einfach vorgezeichnet war; ich tröſtete und beruhigte die Jungfrau, indem ich zu ihr ſagte: Vertrauen Sie mirz ich habe eine Tante, zu der ich Sie führen will; ſie wird Sie gafffreundlich aufneh⸗ men und behandeln wie ihr Kind.“ Sie willigte ein, —— um ſo mehr, als ſie nicht einen Liard Geld hatte, denn ſie hatte ihre ganze Baarſchaft unterwegs an Bettler und Blinde verſchenkt. Ich hatte ſie jedoch gewarnt und geſagt:„Sie haben Unrecht, Sie han⸗ deln unklug!... Bah! wenn ſie hundert Thaler gehabt hätte, würde ſie dieſelben, glaub' ich, weg⸗ geſchenkt haben; ſie beſaß übrigens nur Etwas über zwanzig Franken.“ —— „Die arme Kleine!... vollende doch.“ „Nachdem ich ihr Muth eingeſprochen hatte, führte ich ſie zum Nachteſſen in eine Reſtauration.., zu Def⸗ ſieur auf dem Boulevard du Temple, wo wir's uns recht ſchmecken ließen.“ 94 „Sie nahm ein Nachteſſen von Dir an?“ „Das will ich meinen! mit Freuden, mit großem Vergnügen! Wir haben gegeſſen wie Vier und eben⸗ ſo getrunken! O, ich habe mich freigebig gezeigt; das Nachteſſen koſtet mich mehr als fünfundzwanzig Franken. Als wir den Traiteur verließen, waren wir Beide ſehr heiter. Dann führte ich die Kleine zu mir, während ich immer ſagte, ich führe ſie zu mei⸗ ner Tante. Aber zu Hauſe angekommen, hat ſie bald die Wahrheit errathen... nun gab es Vorwürfe... Redensarten... man hieß mich ein Ungeheuer, einen Böſewicht, einen Betrüger... aber man beruhigte ſich bald und am andern Morgen nannte ſie mich ihr Herzchen und ihren Engel!.. Ich wußte wohl, daß die Sache ſo ausgehen würde.“ Beim Anhören dieſer Erzählung runzelt der junge Julian die Stirne und ſcheint ſehr geärgert, zu ver⸗ nehmen, daß Herr Richard über die ſchöne Reiſende triumphirt hat. Friedrich ſchüttelt mit zweifelhafter Miene den Kopf und murmelt:„Ah, ſo iſt es gegangen? Das wundert mich... ich hatte eine beſſere Vorausſetzung von dieſer Kleinen.“ „Nach dem, was ich gehört habe, war Ihre Perle kein ſo koſtbares Juwel, als Sie behaupten wollen.“ „Doch,“ ſchreit Richard,„es war eine Roſe, eine wahrhafte Roſe!“ „Die gleich einwilligte, mit Ihnen zu Nacht zu eſſen und nach Hauſe zu gehen?“ 95 „Was hätte ſie in ihrer Lage Anderes thun ſollen? Außerdem wußte ich der Kleinen zu gefallen.. Ihr glaubt, es könne außer euch Niemand Eroberun⸗ gen machen... man macht übrigens mitunter auch Glück! man trifft ſogar eine Auswahl...“ Derneſty wendet ſich lächelnd ab. Friedrich ver⸗ ſetzt:„Wohlan, was haſt Du mit Deiner Eroberung gemacht?... Iſt ſie noch immer bei Dir?“ Herr Richard beſinnt ſich einen Augenblick, was er ſagen wolle, endlich entſchließt er ſich zu antwor⸗ ten:„Meiner Treu', meine Herren, ich muß Ihnen geſtehen.. da ich keine Luſt hatte, das junge Mäd⸗ chen bei mir zu behalten... der Schicklichkeit wegen ſchon... und es hätte mich auch ſonſt genirt... ich liebe vor allen Dingen meine Freiheit... ſo ging ich am dritten Tage früh Morgens aus und kam erſt Abends ſpät wieder nach Hauſe. Dann fand ich Niemand mehr; mein junges Mädchen war fort... Gott weiß wohin! ſie hatte ſich ohne Zweifel gelang⸗ weilt und deßhalb ihre Flucht ergriffen und ſeither habe ich ſie mit keinem Auge wieder geſehen.“ Friedrich ſcheint der Erzählung des häßlichen jun⸗ gen Mannes nicht viel Glauben beizumeſſenz Julian iſt über das eben Gehörte ſchlecht gelaunt und Der⸗ neſty ruft lachend aus: „Auch das Schöne muß vergehen, Unterliegen dem Geſchick: Roſe lebte ſie mit Roſen, Einen kurzen Augenblick.“ „O, warum nicht gar! ich glaube nicht, daß ſie 96 geſtorben iſt! Ich ſinde ſie gewiß einmal in irgend einem Modewaaren⸗ oder Putzladen wieder.“ Das Geſpräch der jungen Leute geht bald auf einen andern Gegenſtand über. Man hatte im Sa⸗ lon vom Muſiciren geredet und Fräulein Soufflat war an's Klavier geeilt; dann ſucht ein Herr, der Abends gekommen iſt und viel Geräuſch bei ſeinem Eintritt durch ſein Begrüßen, Schneuzen und Nieder⸗ ſitzen gemacht und ſich vor einen Spiegel geſetzt hat, in dem Speiſeſaal, wo er es niedergelegt, ſein Inſtru⸗ ment, welches in einen ledernen Sack eingepackt iſt. Dieſer Herr ſpielt Hoboe oder glaubt wenigſtens, er könne es, und Herr St. Godibert geht mit ſtrah⸗ lender Miene in ſeinem Saale auf und ab und ruft aus:„Meine Herren und meine Damen: Fräulein Soufflat wird ein Stück auf dem Fortepiano mit Begleitung der Hobve ſpielen; Herr Stöpſel accom⸗ pagnirt ſie.. er accompagnirt ſie in allen Soirsen.“ Dann fügt er halblaut hinzu:„Deßhalb habe ich ihn eingeladen, Fräulein Suufflat hat mich darum gebeten.“ „Das iſt ſehr ſchmeichelhaft für Herrn Stöpſel,“ ſagt Herr Brouillard,„man ladet ſeine Hobve ein und nicht ihn.“ Herr Soufflat, der Vater, hüpft auch immer auf den Zehenſpitzen im Saale herumz er rennt von Einem zum Andern und ſagt:„Sie werden meine Tochter mit Herrn Stöpſel hören: es iſt zum Entzücken! ſie paſſen prächtig zuſammen; es ſpielt nie Eines ohne das Andere.“. „Dann,“ verſetzt Herr Brouillard,„iſt dieſer junge Mann der Stöpſel der Mamſelle Soufflat.. ich be⸗ neide ſeine Beſtimmung keineswegs.“ Fräulein Soufflat präludirte auf dem Klavier, Herr Stöpſel hatte ſein Inſtrument an den Mund geſetzt, aber es ging nicht; er ſchrie an Einem fort: „Geben Sie mir den Ton an.. ich habe ihn nicht; ich muß den Ton haben und denſelben anſtimmen, ſonſt geht es nicht.“ Plötzlich eilt Franz, der eben Zuckerwaſſer im Saale ſervirt hat, mit einer Schale auf Herrn Stöp⸗ ſel zu und präſentirt ſie ihm mit den Worten:„Hier iſt der Thon, mein Herr!... Sie ſchreien an Einem fort nach dem Thon: nehmen Sie, wenn es Ihnen beliebt.“ Der Hobvebläſer iſt ganz erſtarrt vor Verwunde⸗ rung, als er die Schale und den Thonfiſch erblickt. Die ganze Geſellſchaft fängt über die neue Dumm⸗ heit des Bedienten zu lachen an und Herr St. Go⸗ dibert iſt genöthigt, böſe zu werden, um den Diener zum Saale hinauszujagen, denn er will den Herrn Stöpſel durchaus zur Annahme des Thonſiſches zwingen. „Der Herr hat mehrmals den Thon begehrt,“ ſagt Franz unter der Thüre,„warum will er jetzt keinen mehr? Es ſcheint, der Herr weiß nicht, was er will.“ Endlich iſt die Ruhe wieder hergeſtellt: Fräulein Soufflat ſpielt ihr Duett mit dem Hoboiſten. Das Paul de Kock. LXXvVI. 98 Stück wird von dem Vater des Fräuleins und von Herrn und Madame St. Godibert wüthend applau⸗ dirt; die andern Perſonen haben ſich mit ganz an⸗ dern Dingen beſchäftigt und Herr Brouillard brummt vor ſich hin:„Ich habe in dem Café des Aveugles Duette gehört, die viel Aehnlichkeit mit dieſem haben.“ Dann nähert ſich der Vetter dem Schriftſteller und ſagt zu demſelben:„Ei, Vetter, Sie laſſen ja ein neues Stück aufführen, ſo viel man hört 2* Ja, mein lieber Brouillard, ein großes, ſehr be⸗ deutendes Werk in drei langen Akten.“ „Glauben Sie, daß es gefallen wird?“ „Ich habe allen Grund dazu... es iſt die einſtim⸗ mige Meinung Aller, die das Stück kennen.“ „Das ſoll mich freuen; dann wird es alſo beſſer gehen wie das letzte Mal!“ „Wie? was wollen Sie damit ſagen 2* „Nun, ich meine, Ihr letztes Stück ſei grauſam ausgepfiffen worden; man hat ſogar nicht einmal das Ende angehört; ich erinnere mich, ich war im Theater. Es that mir herzlich leid, Sie ſo auspfei⸗ fen hören zu müſſen. Ich ſagte auch bei mir: Ich gehe nicht mehr in ſeine Stücke, denn er hat kein Glück.“ Herr Mondigo, der purpurroth geworden iſt, antwortet, mit Gewalt ſeinen Aerger unterdrückend: „Mein Vetter, wenn Sie bei der zweiten Aufführung deſſelven Stückes zugegen geweſen wären, würden Sie ſehr entſchädigt worden ſein, denn es ging über 99 die Bretter wie ein Engel und wurde bis in die Wolken erhoben. Man hat dann wohl eingeſehen⸗ daß die Cabale allein an dem Auspfeifen der erſten Aufführung ſchuld war.“ „Ach, wirklich. bei der zweiten ging es gut?... Jetzt gehe ich nur in's Theater, wenn Ihre Stücke zum zweiten Mal aufgeführt werden.“ Herr Roquet, welcher bisher ſehr wenig geſpro⸗ chen hat, weil er merkt, daß man ſich nicht um ihn bekümmert und ihn dieſes verdrießt, tritt jetzt hinzu und ſagt:„Aber ich habe ſchon häuſig die Bemer⸗ kung gemacht, mein lieber Mondigo, daß die Thea⸗ terſtücke im Allgemeinen immer bei der zweiten Auf⸗ führung ſehr gut gingen. Wenn ich ein Schriftſteller wäre, würde ich ein Mittel ausfindig zu machen ſu⸗ chen, wodurch der Tumult bei der erſten Aufführung vermieden werden könnte.“ „Ja, Sie würden mit der zweiten den Anfang machen,“ verſetzt Herr Brouillard höhniſch;„das wäre ſehr geſchickt.“ „Still, meine Herren, ſtill!“ ruft Herr St. Godi⸗ bert aus,„Fräulein Soufflat wird ſingen.“ „Wird ſie Herr Stöpſel auch dabei accompagni⸗ ren?“ fragt Herr Brouillard. „Nein, ſie ſingt ein Solo.“ Fräulein Soufflat fingt eine Arie, dann eine Ro⸗ manze, dann ein Liedchen; ſie ſcheint entſchloſſen, den ganzen Abend zu ſingen, und ihr Vater klettert an einem Jeden hinauf und ſagt mit entzückter Miene: „Hm! nicht wahr, ſie gibt ſich Mühe? Wenn ſie ein⸗ 100 mal an dem Klavier ſitzt, bringt man ſie nicht mehr davon weg; ſie iſt unermüdlich!“ „Aber wir ſind es nicht!“ murmelt Herr Brouil⸗ lard.„Das iſt eine Freude! Dann will ich meinen Hut holen.“ Die Geſellſchaft hatte indeſſen den Entſchluß ge⸗ faßt, nicht mehr dem Fräuſein zuzuhören, welches darauf beſtand, immer ſingen zu wollen. Jedes plau⸗ derte mit ſeinem Nachbar. Die vier jungen Leute, welche beiſammen geblieben waren, genirten ſich nicht, über das Conzert, das man ihnen gab, und die An⸗ ſtrengungen, die Herr Soufflat machte, um ſeiner Tochter einen Applaus zu bewirken, zu lachen; der Punſch, der herumgereicht wurde und wovon ein Jeder ein paar Gläſer getrunken hatte, vermehrte ihre Heiterkeit und Friedrich ſagte zu ſeinem jungen Vetter:„Sieh', Julian, wie glücklich Du ſein wirſt! eine Frau, die den ganzen Tag ſingt, die Du von Morgens bis Abends hören wirſt.“ „Und einen Schwiegervater, der immer ausſieht, wie wenn er tanzen wollte.“ „Es iſt unmöglich, eine vergnügtere Familie zu haben.“ Und es wurde ein Mal über das andere gelacht, als Herr Candrillon ſich den vier jungen Leuten mit dem Ausruf näherte:„Ha der Teufel! es ſcheint, man iſt fidel hier! Ihr macht euch luſtig, ihr lachet! ich wollte, ich könnte es auch; aber es iſt mir nicht möglich, ich bin nicht aufgelegt!.. Wider meinen Villen ſteckt mir unaufhörlich der bravr Mann im —.— 101 Kopfe, von dem ich euch vei Liſche erzählt habe.. der Mann mit den ſechszigtauſend Franken der wackere Savenay! Seit ich weiß, daß ihn Herr St. Godibert nicht geſehen hat, quält und verfolgt es mich ohne Unterlaß. Es muß ihm ſicher Etwas zu⸗ geſtoßen ſein.. aber ich werde mich auf die Kund⸗ ſchaft legen.. Schritte thun!... Ich muß durch⸗ aus wiſſen, was aus dem armen guten Mann ge⸗ worden iſt.“ Und um ſich zu tröſten, ſucht es Herr Candrillon dem Major Krauteberg nachzuthun, der hinter den Punſchtellern auf und ab geht und ſo oft er daran vorbeikommt, ein Glas ausleert. Der Capitaliſt ſtürzt auch ein paar Gläſer hinunter und kommt dann wie⸗ der zu den jungen Leuten her; er hofft, ihre Heiter⸗ keit werde einen günſtigen Einfluß auf ihn ausüben. Aber dieſe haben plötzlich zu lachen aufgehört; ſeit Herr Candrillon von Vater Savenay mit ihnen ge⸗ ſprochen hat, ſchweigen ſie und iſt ihre Unterhaltung unterbrochen. Man könnte faſt meinen, der dicke Capitaliſt habe ſie mit ſeiner Traurigkeit angeſteckt. Nach einer Weile nehmen die Damen ihre Shawls, ihre Pelze, ihre Hüte; die Herren holen ihre Mäntel oder ihre Paletots und Eines nach dem Andern ver⸗ ſchwindet ſo heimlich als möglich. Als Fräulein Suufflat bemerkt, daß faſt Niemand mehr im Saale iſt, um ihr zuzuhören, entſchließt ſie ſich, vom Klavier aufzuſtehen und ſich ebenfalls zu⸗ rückzuziehen; das Ehepaar St. Godibert begleitet ſie bis zur Treppe, indem es ſie mit Complimenten und 102 Dankſagungen überſchüttet, und Herr Stöpſel, der ſein Inſtrument wieder in ſeinen Behälter gethan hat, wird von Herrn St. Godibert mit einem Hände⸗ druck und von ſeiner Frau mit einem anmuthigen Lächeln belohnt, das die Letztere mit den Worten be⸗ gleitet:„Mein Herr! Sie werden uns ein großes Vergnügen machen, wenn Sie Fräulein Soufflat, ſo oft ſie Luſt hat, bei uns zu muſiciren, accompagniren wollen.“ 3 Herr Stöpſel, welchem man weder ein Glas Punſch noch ein Stückchen Kuchen aufgewartet und der etwas Beſſeres erwartet haty macht einen ſehr ſteifen Knix und nimmt ſich vor, nicht wieder zu kommen. Der Vetter Brouillard, welcher immer Gelegen⸗ heit findet, zwei Stunden im Vorzimmer zu verwei⸗ len, um den alten Wintermantel zu ſuchen, der ihm ſeit zehn Jahren als Ueberkleid dient, geht zuletzt und ſagt:„Gute Nacht, Vetter, gute Nacht, Couſine! Sorgt dafür, daß Franz ein anderes Mal nicht ſo viele Dummheiten macht. Ich würde lieber einem Bedienten etwas mehr bezahlen, damit ich keinen ſo einfältigen Kerl in meinen Dienſten haben müßte.“ Sechstes Kapitel. Der Töpferladen. Wir haben Roſa⸗Maria verlaſſen, wie ſie ſich am Arme des Deſiderius Glureau beim anbrechenden — 103 Tage von dem Café zu den feuchten Füßen und ſeinen Stammgäſten entfernte. Der neue Aufſeher der Gaſſenkehrer reichte der Jungfrau, während er ſie unterſtützte, den Arm mit einer gewiſſen Achtung. Dieſer Mann war ſtolz darauf, der Beſchützer eines ſo hübſchen Mädchens geworden zu ſein, und das Zutrauen deſſelben ſchmei⸗ chelte ihm; trotz ſeines ſchofeln Anzugs, obgleich er weder Strümpfe noch Nastuch trug, wäre ihm doch kein Augenblick der Gedanke gekommen, das arme Kind zu mißbrauchen. Aber während Roſa⸗Maria mit ihrem Beſchützer vorwärts ging, ſchien ſie zu zittern, ihre Zähne klap⸗ perten, Schauer durchrieſelten ihre Glieder und es war ihr bisweilen, als ob ſie ihre Kräfte verlaſſen wollten. Und doch war es erſt um das Ende Sep⸗ tembers und das Wetter noch nicht kalt. „Stützen Sie ſich auf mich,“ ſagte der Koſaken⸗ kopf zu der Jungfrau;„ich meine, Sie frieren⸗ Sie ſchaudern.“ „Ich habe in der That ſehr kalt, mein Herr, ohne zu wiſſen warum.“ „O, ich weiß es wohl: weil Sie unter freiem Himmel, auf der Straße, auf einer ſteinernen Bank geſchlafen haben... das iſt ſehr ungeſund, beſonders wenn man nicht daran gewöhnt iſt, und man ſieht es Ihrem Weſen wohl an, daß Ihnen das etwas Neues iſt.“ „O freilich, mein Herr! bei meinem Vater hatte ich es ſo gut in meinem kleinen Stübchen.“ 10¹ „Warum haben Sie denn Ihren Vater verlaſſen?“ „Weil er wollte, daß ich nach Paris zu meinen reichen Onkeln gehen ſoll: er glaubte, ich werde glücklicher bei ihnen ſein als in unſerm Dorfe; aber geſtern habe ich die Wohnung meiner beiden Onkel nicht finden können, obwohl man mir ihre Adreſſen gegeben hatte. Dann war ich ſehr in Verlegenheit, die Nacht brach herein und ich bin in Paris unbe⸗ kannt; es iſt das erſte Mal, daß ich hier bin. Ein Herr folgte mir lange er war auch mit uns in dem Wagen auf der Eiſenbahn.“ „Ach, welcher?“ „Ich glaube Der, welcher neben Ihnen ſaß.“ „Alſo Der, der mich verhinderte, eine Priſe zu nehmen!... O, ich hatte große Luſt, ihm im Wagen den Kopf zurechtzuſetzen. Wenn wir Zwei allein ge⸗ weſen wären, hätte er ſicher ſeine Tracht bekommen, ich ſchwöre es Ihnen! Nun, und dieſer Herr?“ „Er bot mir ſeinen Arm an, ſagte mir, er werde mich zu einer ſeiner Tanten führen, die mich bis zum folgenden Tage beherbergen werde. Anfangs wollte ich nicht, denn der junge Mann flößte mir gar kein Zutrauen ein; aber ich wußte nicht, was ich anfangen ſollte: es war ſchon ſpät und ich todt⸗ müde, ich war ſchon ſo lange in Paris herumge⸗ laufen.“ „O, das will ich glauben, Paris iſt groß, ſehr groß, und wenn man nicht bekannt iſt, macht man oft weit mehr Wege, als nöthig iſt. Fahren Sie fort, Mamſelle.“ 105 „Sind wir bald an Ort und Stelle?.. Meine Beine brechen faſt unter mir zuſammen.“ „Ja, Mamſelle, ja. ſtützen Sie ſich nur kecklich auf mich; fürchten Sie ſich nicht, ich ſehe vielleicht nicht ſo aus, aber ich bin ſtark.“ „Wohlan, ich nahm alſo das Anerbieten dieſes Herrn an. Dann führte er mich zuerſt in ein Wirths⸗ haus, indem er ſagte, er habe noch nicht zu Mittag gegeſſen.“ „O, das war nichts Unrechtes; man kann Hun⸗ ger haben, das iſt nicht verboten.“ „Ich wollte Nichts zu mir nehmen. Der Herr ſpeiste lange und als er mit dem Eſſen fertig war, merkte ich an ſeinen Augen und ſeinem Gange, daß er betrunken fei.“ „Ah, ſich zu betrinken war unrecht; unter Män⸗ nern iſt es zwar erlaubt, da kommt es vor.. aber wenn man bei Frauenzimmern iſt, iſt es unſchicklich. Obgleich ich mich keines Nastuches bediene, hätte ich das doch nicht gethan.“ „Als wir uns aus dem Gaſthauſe entfernt hatten, ſagte der Herr unpaſſende Worte zu mir und wollte mich küſſen; ich ſah ein, daß er mein Zutrauen miß⸗ brauchen wollte, ſtieß ihn zurück, brachte es dahin, mich aus ſeinen Armen zu befreien und ergriff die Flucht. Ich lief planlos umher, ohne zu wiſſen wo⸗ hin.. ſo irrte ich lange in den Straßen herum!. Endlich warf ich mich, von Müvigkeit erſchöpft, auf die Bank, wo Sie mich gefunden haben. Ich hörte viele Stimmen in meiner Nähe, ſah auch ein Licht, 106 aver ich hatte nicht die Kraft, mich weiter zu ſchlep⸗ pen und war auf dem Stein, wo Sie mich getroffen, eingeſchlafen.“ „Armes Fräulein! Schau' mir Eines den ſchufti⸗ gen Zierbengel an, der mich hinderte, eine Priſe zu nehmen und eine Miene machte, als ob er mich verachtete. der wollte Sie verführen?. ſo ein ganz häßlicher Burſche?... Ich bin nicht ſchön, ge⸗ wiß nicht ſchön.. ich ſehe einem Koſaken gleich, es iſt bei Gott wahr.. aber dieſer Hundsfott hat gar keine Aehnlichkeit mit einem Menſchen: er ſieht aus wie eine Kröte, eine abſcheuliche Kröte!... Allein beruhigen Sie ſich, Mamſelle, ich führe Sie zu mei⸗ nem Gevatter Bichat, der mit ſeinem Weibe Töpfe, Kacheln und alte Fayence verkauft. Es ſind brave Leute... o, Jedermann weiß das; ſie könnten keiner Fliege Etwas zu Leid thun. Sie ſind freilich auch nicht reich, aber ſie können Ihnen immerhin ein paar Stunden Obdach anbieten und ich hielt es jedenfalls nicht für gerathen, Sie bei dieſen Burſchen dort, den Stammgäſten des Cafs's zu den feuchten Füßen, zu laſſen. Der Wilde ſagte ſchon, Sie müßten mit ihm gehen, weil er Sie zuerſt gefunden habe, und die An⸗ dern machten Augen wie eine Katze, wenn ſie auf einen Vogel lauert!... Ich glaube, ich habe wohl daran gethan, Sie fortzuführen.“ „O ja, mein Herr, ja, ich danke Ihnen; aber ſind wir bald angekommen? Ich fürchte, ich komme nicht mehr weiter.“ „Gleich vollends.. der dunkle Laden dort in der 107 Huchetteſtraße, in die wir eben einbiegen, dicht neben der Vielle⸗Bouclerieſtraße iſt es; wenn Sie nicht mehr gehen können, will ich Sie tragen.“ „O, ich kann ſchon gehen, mein Herr, ſo weit ver⸗ mag ich's noch.“ Roſa's Führer hält; man war vor dem kleinen Töpſferladen angelangt: dieſer glich faſt einem Keller, in welchem man, trotz dem, daß das Fenſter und die Thüre beſtändig offen ſtanden, kaum recht hell ſah. In einem Raum von etwa zehn Quadratfuß befand ſich ein Schreibtiſch, eine Art Geſchirrſtänder und eine beträchtliche Maſſe Kacheln, Töpfen, Schüſſeln, Caſſerolen, Platten, Oefen und Gefäße von allen Größen; man konnte kaum den Fuß in dieſes gleich einer mit Blumen umrankten Laube mit Töpferwaa⸗ ren angefüllte Gewölbe ſetzen. Mitten darin hielt ſich jedoch faſt den ganzen Tag ein kleiner, etwa vierzigjähriger, etwas höckeriger Mann auf, deſſen Geſicht nach einer Harlekinslarve gemodelt zu ſein ſchien, denn die Naſe und das Kinn ſtießen beinahe zuſammen und ſeine Pausbacken mit den hervorragenden Knochen waren blauroth; er hatte aber dabei doch eine heitere aufgeräumte Miene, war ein guter Kerl und legte gegen das ſchöne Geſchlecht eine Galanterie an den Tag, die ſich nie verminderte. Und neben ihm ſtand gewöhnlich eine etwa fünfzig⸗ jährige häßliche magere Frau mit einer zärklichen, ſentimentalen Miene und langen, hinter das Ohr ge⸗ ſtrichenen Locken, die meiſt bis auf den Hals herab⸗ fielen. Dieſes iſt das Ehepaar Bichat. 108 Hinier dem von Töpfergeſchirr angefüllten Laden war ein niedriges Gemach, welches dem Ehepaar Bichat als Schlafſtube, Küche und Magazin diente, denn auch in dieſem war außer einem mit Vorhän⸗ gen umgebenen Bette und einer ziemlich hübſchen Commode aller übrige Platz mit Geſchirr beſetzt; hier diente daſſelbe aber zugleich anſtatt der Möbeln: einige Kacheln mit Deckeln vertraten die Stelle von Stühlen, einige umgekehrte Töpfe ſtellten Bänkchen vor, in großen irdenen Oefen hatte man Wäſche und verſchiedene Kleidungsſtücke aufbewahrt und Taſſen wurden ſtatt der Flaſchen, Gläſer, Krüge, Schreib⸗ zeuge, Eſſiggeſtelle und Tabaksdoſen benützt. Herr Bichat hatte eben den Laden aufgemacht; er hatte noch ſeine baumwollene Mütze mit dem Ma⸗ drastuche darüber auf dem Kopfe und war noch in eine Art Hausmantel eingehüllt, der zu kurz zu einem Schlafrock und zu lang zu einer Jacke war; er iſt mit dem Aufhängen der Töpfe, Kacheln und Nacht⸗ töpfe an ſeiner Thüre beſchäftigt, als der Knopf⸗ macher vor ihn tritt und ausruft:„He, Bichat, ich bin's!. ich bringe Dir Jemand, Gevatter, ich bin froh, daß Du auf biſt.“ „Schau“ Glureau!.. Ah⸗ mein Alter, Du kommſt, haſt Du Deine Funktionen noch nicht angetreten? Schau', mit einer Jungfrau am Arme! Ah, der Spitzbube, der Glureau! kaum in Paris angekom⸗ men, haben wir ſchon eine Bekanntſchaft gemacht!“ „Nein, nein, warum nicht gar! Denke ich an ſolche Geſchichten? Es handelt ſich um etwas Anderes, 109 Bichat: das Fräulein muß ausruhen; ſie zittert, ſie friert, ich fürchte, ſie iſt krank!.. Iſt Deine Frau ſchon auf?“ „Noch nicht, ich bin immer der Erſte, der her⸗ ausgeht und den Laden aufmacht. Mein Gott! wo thun wir denn aber Deine Bekanntſchaft hin? Einerlei, treten Sie nur herein, Mamſelle; Bichat iſt kein Mann, der das ſchöne Geſchlecht vor der Thüre ſtehen läßt.“ Der Knopfmacher unterſtützt Roſa⸗Maria und trägt ſie beinahe mit Hülfe ſeines Gevatters in die Stube, denn er begreift wohl, daß die Jungfrau auf einem Topfe nicht gut genug ſitzen würde. Die arme Roſa läßt ſich führen, tragen, ſchleppen; ſie zittert und bebt und hat nicht mehr die Kraft, aufrecht zu ſtehen. Madame Bichat, die aufgewacht und im Begriff war, ihre falſchen Locken umzubinden, welche den Schmuck ihres Kopfputzes ausmachten, richtet ſich in die Höhe, als ſie bemerkt, daß man ein junges Mäd⸗ chen in ihre Stube bringt, und ſetzt in ihrer Beſtür⸗ zung die Perrücke verkehrt auf, ſo daß die Locken auf die Naſe herabfallen.— „Was bedeutet das?“ ſchreit ſie,„man bringt ein Frauenzimmer zu mir! Was ſoll das heißen, Herr Bi⸗ chat? Hättet Ihr die Frechheit, während Ihr mich ſchlafend glaubtet, eine Eurer Concubinen zu mir zu bringen?“ „Ach nein, Clara, nein, mein Hühnchen, keine Rede davon. Gevatter Glureau bittet uns, dieſer 11⁰ Jungfrau ein Obdach zu gewähren... mache Dir keine unnöthigen Sorgen, ſondern arrangire Deine Locken, ſie hängen Dir über die Naſe herunter.“ „Ganz gut! es iſt gleichgültig, wie meine Locken hängen, aber ich kenne Dich, Bichat: Du haſt eine Galanterie am Leibe, die mich oft zur Verzweiflung bringt.“ k „Sie iſt immer ſo eiferſüchtig wie eine Windhün⸗ din,“ murmelt Bichat, gegen ſeinen Freund gekehrt. „Wenn ich gegen eine Dame, die einkauft, artig bin, fängt ſie Händel mit mir an; aber das hilft Nichts, ich kann Nichts vafür: es liegt in meiner Natur, ga⸗ lant gegen das zarte Geſchlecht zu ſein.“ „Mein Gott, Madame,“ ſagt Roſa kaum ver⸗ nehmbar, indem ſie ſich aufzurichten bemüht,„wenn ich Sie genire und Ihnen meine Gegenwart unan⸗ genehm iſt, ſo will ich wieder gehen... ob ich mich gleich kaum auf den Füßen halten kann!... Ach, ich möchte ſo gerne wieder in unſer Dorf zu meinem Vater zurückkehren.“ Der Knopfmacher beeilt ſich, ſeine Schützlingin wieder zum Sitzen zu bewegen⸗ dann erzählt er dem Ehepaar Bichat die ganze Geſchichte des jungen Mäd⸗ chens und die Art und Weiſe, wie ſie der Wilde bei dem Café zu den feuchten Füßen eingeſchlafen ge⸗ funden hat. Trotz ſeines Koſakengeſichts zeigte Deſiderius Glu⸗ reau Eifer und Wärme, wenn er ſich für Jemand intereſſirte; er hat ſeine Erzählung mit Flüchen und Kernworten vermiſcht, welche die Wirkung noch er⸗ 11¹ höht haben, und als er zu ſprechen aufgehört hat, ſpringt Frau Bichat, auf die Gefahr hin, nicht ihre Formen, ſondern ihre Knochen ſehen zu laſſen, aus dem Bette, eilt auf Roſa zu, nimmt ſie bei den Hän⸗ den und ruft aus:„Armes junges Mädchen, arme Kleine!... Nachts auf der Straße, ohne zu wiſſen, wo ein Obdach zu finden... und der abſcheuliche, gottloſe Bandit, der ſie mit ſich ſchleppen wollte, um ihre unglückliche Lage zu ihrem Verderben zu be⸗ nützen! O, dieſe Scheuſale, die Männer!... was ſind das für Rhinoceroſſe!... Seht, Bichat, auf welche Abwege die ſündhafte Leidenſchaft zu dem ſchönen Geſchlechte führt... man denkt an Nichts als an Verführung und Ueberliſtung dieſer armen Weiber!“ Herr Bichat bedeckt ſich das Geſicht mit einer Schüſſel, deren er ſich wie eines Fächers bedient, und entgegnet:„Ach, abermals Sticheleien auf mich! Steine in meinen Garten, weil ich den Fehler habe, liebenswürdig gegen die Frauenzimmer zu ſein! Als ob ſich ein Handelsmann nicht ſtets bemühen müßte, ſeine Kunden für ſich einzunehmen.“ „Meine Kinder, ſeid ruhig,“ ſagt Deſiderius Glureau,„es handelt ſich nicht von euren ehelichen Zwiſten; ich habe meine Schützlingin zu euch gebracht, weil man kein rechtſchaffenes Mädchen auf der Straße laſſen muß; es iſt ſo bald ein Unglück geſchehen!. Sorget für die Mamſelle, ich muß jetzt gehen, es iſt Tag, der Augenblick, wo ich mein neues Amt antre⸗ ten muß; wenn ich gleich das erſte Mal fehlte, könnte es mich um meine Stelle bringen und dadurch würde 11¹2 mir keine Gelegenheit an die Hand gegeben, mir Nastücher anzuſchaffen. Adieu, ich muß meine Funk⸗ tionen beginnen, ich komme bald wieder. Auf Wie⸗ derſehen, Mamſelle, ich laſſe Sie bei braven Leuten, die Sie nicht verſtoßen werden; ich bin beruhigt über Sie!... Schon gut! ſchon gut! ich ſehe wohl, daß Sie ſich bedanken wollen; es iſt nicht der Mühe werth.“ Nach dieſen Worten ſchüttelt Deſiderius Glureau ſeinem Gevatter die Hand und verläßt, einen Topf und eine Schüſſel zuſammentretend, raſch den Laden. „Er hat einen Topf und eine Schüſſel zerbrochen!“ ruft Bichat mit beſtürzter Miene aus,„und dieſer Napf iſt auch beſchädigt.“ „Seit geſtern hat er uns ſchon vier Stücke Ge⸗ ſchirr zuſammengetreten,“ antwortet die Töpferin, mit ihrem Anzug beſchäftigt;„er iſt ein guter Junge, wenn er es uns aber oft ſo macht, ruinirt er uns und bringt er uns um unſer Bischen.“ „Aber wo wollen wir die Mamſelle hinthun?“ fragt Bichat;„ſieh doch, wie die arme Jugend ſo blaß ausſieht.“ „Ja, ja, daran denke ich eben,“ erwiedert Clara Bichat,„geh' vor allen Dingen zur Milcherin an der Ecke und hole außer unſerer gewöhnlichen Portion Rahm für das Fräulein, dann hole ich für zwei Kreuzer Farinzucker, mach' ihn damit ſiedend und gebe ihr dieſes recht warm zu krinken, das wird gut ſein für ihren Magen.“ ch gehe, Weib.“ 113 „Schwatze aber nicht zwei Stunden mit der Mil⸗ cherin und den Mägden des Viertels, wie Du es in der abſcheulichen Gewohnheit haſt, oder ich laſſe alle dieſe Plaudertaſchen vor den Friedensrichter rufen, da ſie einem Ehemann Anlaß geben, von dem rech⸗ ten Wege abzuweichen.“ „Ach, wie böſe! ach, wie böſe biſt Du!“ Und Herr Bichat langt nach einem Napfe und einem kleinen Töpfchen, und nachdem er ſeiner Gattin zugelächelt, eilt er, als wollte er mit ſeinem Napf und ſeinem Töpfchen Caſtagnetten ſpielen, auf die Straße hinaus. Als Frau Bichat mit dem Anziehen fertig war, pomadiſirte ſie ihre langen engliſchen Locken und be⸗ trachtete, während ſie ihr Haar machte, aufmerkſam das junge Mädchen, welches nachdenklich im Lehn⸗ ſtuhl ſaß. Die zärtliche Clara war keine böſe Frau, ſie war gefällig und hatte ein gutes Herz; aber ihre Liebe zu ihrem Gatten machte ſie übermäßig eifer⸗ ſüchtig und Roſa⸗Maria's Schönheit verſetzte ſie in Beſorgniß; der Gedanke, das junge Mädchen fort⸗ zuſchicken, welches nicht wußte, wo es ſich hinwenden ſollte, wäre ihr nicht gekommen, aber es würde ihr ſehr lieb geweſen ſein, wenn ſie für daſſelbe ein paſſendes Unterkommen außer ihrem Hauſe gefunden hätte. Bn dieſem Augenblick tritt Jemand in den Töpfer⸗ laden: es iſt ein etlich und ſechszigjähriger Mann von mittlerer Größe und ziemlich wohlbeleibt; ſein Paul de Kock. LXXVI.. 3 „ N 114 rundes rothwangiges Geſicht, ſein friſcher Teint, ſeine lebhaften Augen und ſeine gutmüthige Miene verlei⸗ hen ſeinem Weſen Etwas, was augenblicklich zu ſei⸗ nen Gunſten einnimmt. Es iſt ein ſchönes Greiſen⸗ geſicht, auf dem noch die Geſundheit und Heiterkeit eines jungen fünfundzwanzigjährigen Mannes ſtrahlen, der nicht betrübt und kränklich, ſondern geſund und heiter iſt. Der Neuangekommene hat eine lange grüntuchene Jacke mit Metallknöpfen und langen Schößen, daß ſie beinahe ausſieht wie ein Rock, graue weite Bein⸗ kleider und dicke genagelte Schuhe an und einen nie⸗ drigen, breitgeränderten Hut auf dem Kopfe. Der Mann tritt in den Laden, indem er mit rei⸗ ner heller Stimme ſingt: „Ei, nein, nein, nein! Das iſt nicht Liſette, Ei, nein, nein, nein! Das iſt Lieschen nicht!“ Er unterbricht ſeinen Geſang aber und ruft: „He, Frau Bichat, ich muß ein kleines Milchtöpf⸗ chen haben, ich habe das meinige geſtern zerbrochen, mein kleines Krügchen iſt hin, ich muß wieder ein anderes anſchaffen; glücklicher Weiſe iſt das Unglück nicht groß, es hat mich eben fünf Sous gekoſtet.“ „Ei, das iſt der Miethsmann aus dem fünſten Stockwerk, der brave Herr Savenay!“ ſagt Frau finden, Herr Savenay?“ Bichat, ſich in den Laden begebend.„Wie ſieht's Be⸗ — 1¹1⁵ „Ganz gut, Frau Bichat. O, ich bin Goit ſei Dank nie krank.“ „Sie ſind auch immer heiter, Nachbar, und roſen⸗ farbener Laune. Sie ſind noch keine zwei Monate im Hauſe, aber Sie haben es bei Tage und bei Nacht aufgeheitert. Wenn alle Miethsleute ſo wären wie Sie, würde es noch einmal ſo angenehm ſein! So oft ich im Hofe ſingen höre, ſage ich: Herr Sa⸗ venay kommt heim, oder: Herr Savenah geht aus ich weiß immer, daß Sie es ſind! Ich kenne Ihre Fiſtelſtimme, um ſo mehr, als Sie immer ein Liedchen von Beranger ſingen. Bichat ſagt oft:„Es ſcheint, daß der Hausherr eine Freude an dieſem Liederdichter hat.““ „Ja, Frau Bichat, und ich glaube, ich habe das mit vielen Leuten gemein. Ich wollte, ich könnte alle ſeine Lieder auswendig; aber, meiner Treu', in meinem Alter lernt man nicht mehr ſo leicht! Einer⸗ lei, wenn man einer guten Geſundheit genießt, iſt es die Hauptſache, dann kann man die ganze Welt aus⸗ lachen: ſo iſt mein Charakter, Frau Bichat, und es iſt ein Glück, daß das der Fall iſt, denn wenn ich der Mann wäre, der ſich über die Schickſale, die Einen treffen, hätte ärgern wollen, ſo hätte ich die ſchönſte Gelegenheit gehabt, mißmuthig zu ſein. Aber ich habe immer gedacht: Wozu nützt die Traurigkeit? verbeſſert ſie unſere Lage? bringt ſie uns das Ver⸗ lorene ein?.. Nein. Nun denn, ſo nehmen wir die Dinge an, wie ſie uns der gute Gott zuſchickt. Er weiß beſſer, was er thut, als wir, und was uns an⸗ 116 fangs oft ein Unglück geſchienen hat, wird in der Folge oſt unſer Glück. Mit dieſen Grundſätzen und einer guten Geſundheit iſt man immer wohlgemuth⸗ Frau Bichat... und ich will mir jetzt ein kleines Töpfchen herausleſen.“ „Suchen Sie, Hausherr, was Ihnen am beſten gefällt.“ „Ach, ich will etwas Hübſches, im Preiſe von vier bis ſechs Sous.“ Während der Vater Savenay verſchiedene kleine Töpfe betrachtet und die Händlerin einen jeden an⸗ preist, läßt ſich von dem Lehnſtuhl her, in dem Roſa⸗Maria ſitzt und ſich bewegt⸗ ein Stöhnen ver⸗ nehmen, „Schau', Ihr Mann iſt da? der Faullenzer liegt vielleicht noch im Bette?“ ſagt der Greis, der das aus dem Hintergrund dringende Geräuſch gehört hat. „Nein, das iſt nicht mein Mann, Nachbar, das iſt ein junges Mädchen, die man uns gebracht hat, um ſie unſerm Mitleid anzuempfehlen: ein armes, erſt ſeit geſtern nach Paris gekommenes Kind, wo es Verwandte zu finden hoffte; man hat ihr, ſo viel es ſcheint, falſche Adreſſen gegeben, ſie hat Niemand gefunden, die Nacht auf der Straße zugebracht und jetzt zittert ſie und iſt ganz krank. Ein Freund von Bichat hat ſie gefunden und hierher gebracht... die arme Kleine, ſie wünſcht wieder von Paris fortzu⸗ gehen und zu ihrem Vater zurückzukehren, aber ich fürchte, ſie wird nicht die Kraft haben. Auf der an⸗ dern Seite iſt, ſie bei uns hier zu vehalten, auch eine —— 7—— 117 große Verlegenheit. Wir ſind ſo eng logirt, die Jungfrau kann nicht in demſelben Zimmer mit Bi⸗ chat ſchlafen, das wäre gegen die Schicklichkeit und die guten Sitten... mein Gott, was ſoll ich an⸗ fangen? Ich will ein junges Mädchen, das ſo recht⸗ ſchaffen ausſieht, nicht fortſchicken, aber ich dulde auch nicht, daß mein Mann ſich vor ihr auskleidet und zu Bette legt. Ich bin in einer ſehr perplexen Lage, Nachbar. Und der Schlingel, dieſer Bichat, kommt nicht zurück; er iſt ſchon länger als eine Viertelſtunde fortgegangen, um Milch bei der Milcherin an der Straßenecke zwei Schritte von hier zu holen. Aber ich bin überzeugt, er ſpielt den Galanten gegen alle Mägde im Revier. Ach, welche Qual, einen liebens⸗ würdigen Mann zum Gatten zu haben! Nachbar,⸗ wenn ich wieder heirathen müßte, würde ich einen Klotz zum Mann nehmen, dann wäre ich doch wenig⸗ ſtens beruhigt.“ „Aergern Sie ſich nicht, Hausfrau, die Milcherin hat Morgens viel Leute zu bedienen und Ihr Mann muß warten, bis die Reihe an ihn kommt. Aber was Sie mir von dieſem jungen Mädchen ſagen, intereſſirt mich. Wollen Ste mir erlauben, Sie zu ſehen? Ich verſtehe ein Bischen von der Medicin, denn auf dem Lande muß man von Allem Etwas wiſſen, und als ich bei meinem Hüttenmeiſter in der Gegend von Nemours angeſtellt war⸗ verordnete ich ſtets den Thee und Hausmittel, wenn ein Arbei⸗ ter krank war, denn wir hatten keinen Doktor zum Rathen in der Nähe. Ich will einmal ſehen, ob 118 das arme Kind im Stande iſt, ſeine Rückreiſe heute anzutreten.“ ⸗ „Kommen Sie, Hausherr, kommen Sie, Sie werden ein hübſches Mädchen ſehen! Ich war zwar ſchön in meinem zwanzigſten Jahre, aber ich muß geſtehen, dieſe Jungfrau hätte ſich mit mir meſſen können.“ Siebentes Kapitel. Der Greis und die Jungfrau. Der Greis, den ſchon Jedermann im Quartier den guten Vater Savenay heißt, folgt der Frau Bi⸗ chat und ſteht bald vor Roſa⸗Maria, die auf dem Lehnſtuhl ſitzend mit auf die Bruſt geſenktem Kopfe. nachzudenken oder eingeſchlafen zu ſein ſchien, deren nervöſes Zittern aber nicht bloß ſondern Krankheit andeutete. Der Greis betrachtet die Jungfrau; er nimmt ſie bei der Hand und fühlt ihren Puls: Roſa ließ es geſchehen und ſchien nicht zu ſehen, was in ihrer Umgebung vorging. „Das junge Fräulein iſt in einem beängſtigenden Zuſtand,“ ſagte der Vater Savenay.„Das Fieber rast mächtig in ihr... O, der Teufel! Sie ſollten ſie augenblicklich zu Bette legen.. das arme Mäd⸗ chenl. ſie kann unmöglich ihre Reiſe antreten, vor mehreren Tagen nicht; ſie wäre außer Stande, ſich gegenwärtig auf den Beinen zu halten.“ 119 „Ach, mein Gott, ſo kam es mir auch vor! Was iſt zu machen?. ſie in unſer Bett legen?.. Wenn ich allein wäre, würde es mir gleichgültig ſein: ich könnte in einer großen Kachel ſchlafen; wo ſoll ich aber Bichat hinſtecken?... Und die Jungfrau in einen Spital zu ſchicken, wäre doch auch mißlich. Und der abſcheuliche Bichat bleibt ewig aus!... Ach, da kommt er endlich!“ Der Töpfer kehrte mit ſeinem Napf voll Milch zurück; ſeine Frau geht auf ihn zu, ſchüttelt ihn am Arm und ſagt:„Fünfundzwanzig Minuten auszu⸗ bleiben, um zehn Schritte weit an die Straßenecke zu gehen?... Ich habe auf der Sonnenuhr geſehen, wann Du fort biſt: fünfundzwanzig Minuten ſind es; iſt das nicht eine Schande?“ „Nimm Dich in Acht, Clara, Du biſt ſchuld⸗ daß ich den Rahm verſchütte.“ „Ach was, Rahm! ich will Nichts hören, Aus⸗ ſchweifling... fünfundzwanzig Minuten!. „Kann man auf der Sonnenuhr auch die Mi⸗ nuten zählen?“ „Ja, ich kann ſie überall zählen; wie viel Poſſen habt Ihr gemacht, ſeit Ihr weg ſeid?. hm?“ „Ich habe gewartet; die Milcherin bediente die neue Magd des Gewürzkrämers, eine Picardierin, die noch nicht an's Dienen gewöhnt ſcheint.“ „Ah, Ihr habt des Gewürzkrämers Picardierin geſehen!“ „Ach, guten Tag, Nachbar Savenay! Wie ſteht's mit der Geſundheit... immer blühend 2“ 120 „Ich danke, Herr Bichat, ganz gut; aber hier iſt ein junges Mädchen, von dem man das nicht ſagen kann... das arme Kind, es iſt ſo intereſſant.. ihre Kleidung deutet Jemand Wohlhabendes vom Lande an. Sie kennen keinen Ihrer Verwandten hier?“ „Da wir ſie ſelbſt nicht einmal kennen! nicht wahr, Clara?“ „Schweigt, Schmetterling! Ah! man wird Dir für die Picardierinnen thun... Da haſt Du Picar⸗ dierinnen!“ Mit dieſen Worten ging Frau Bichat an ihrem Mann vorbei und kniff ihn in den Arm. Dieſer verſchüttet die Hälfte der Milch, die er trägt, und ſchreit:„Immer zwickt ſie mich grün und blau; Clara, Ihr mißbraucht meine Güte: nehmt Euch in Acht, es könnte Euch eines Tages reuen!... Sie betrachten das junge Mädchen, Hausherr: mein Gevatter Glu⸗ reau hat ſie auf einer Steinbank ſchlafend gefunden. Nicht wahr, ſie ſieht aus wie eine knieende Venus?“ „Wo habt Ihr eine knieende Venus geſehen, Herr Bichat?“ fragt die Töpferin, ihrem Mann die bei⸗ deh Milchgeſchirre abnehmend.„In der Cité oder wenn Ihr auf dem Blumenkai herumſtreicht unter dem Vorwande, mir ein Tag⸗ und Nachtblümchen⸗ Stöckchen zu kaufen? Das iſt etwas Sauberes, wenn man die Weibsbilder anſieht, wenn ſie zuſammenge⸗ kauert ſind... pfui! dann ſoll man die Blicke ab⸗ wenden und raſch weiter gehen.“ „Clara, ich ſpreche von einer Statue, einer an⸗ tiken Büſte.“ — — —— 121 „Schweigt, Ihr ſeid ein Hirſchpark!“ „Was, Weib! was verſtehſt Du darunter?“ ſchreit der Töpfer, den das Wort Hirſch in eine ärgerliche Laune verſetzt hat. „Ich verſtehe darunter, daß Ihr Euch auch ein Serail von Weibern angeſchafft hättet, wenn Ihr die Mittel dazu gehabt haben würdet. Aber ſagt jetzt, was wollen wir mit der Jungfrau anfangen, die uns der Gevatter gebracht hat? Unſer Hausherr ſagt, ſie ſei ſehr krank und er verſteht's; er war in ſeiner Heimath der Doktor in einem Hüttenwerk. Sie in den Spital zu ſchicken, würde mir das Herz zerreißen; ſie krank bei uns zu behalten, ſcheint mir nicht wohl möglich.“ „Lege ſie in unſer Bett; Du kannſt neben ihr ſchlafen, ich lege mich unter die Bettſtatt.“ „Nein, mein Herr, nein, Du darfſt nicht unter die Jungfrau liegen... hm! Du würdeſt bei Nacht ſchlafwandeln... Sybarit!“ „Hausleute,“ ſagt der Vater Savenay,„Ihr ſeid zu eng logirt, um die Jungfrau bei Euch behalten zu können, und ſie in den Hoſpital zu ſchicken, wäre euch unangenehm; man ſieht wohl, daß das nicht ihr Platz ſein würde. Aber es gibt ein Mittel, die Sache auszugleichen. Als ich im fünften Stockwerk des Hauſes einmiethete, mußte ich nehmen, was leer war; es war zwar Etwas groß, aber ich fand ge⸗ rade nichts Anderes und es war mir von Wichtig⸗ keit, in der Gegend zu wohnen, wo ich eine Stelle gefunden hatte. Ich habe alſo oben zwei Stuben 122 und ein kleines Vorgemach, ich brauche bloß die Stuben und kann ſomit das andere dem armen Mäd⸗ chen einräumen, oder ich gebe ihr meine Schlafſtube und mache mir ein Bett in die vordere. Jede meiner Stuben hat einen eigenen Ausgang auf das Vor⸗ zimmer, es kann ſich alſo Jedes beſonders einſchließen. Außerdem glaube ich, daß man bei meinem Alter keine böſen Gedanken von mir haben kann, wenn ich eine kranke Perſon zu mir aufnehme, nach der Frau Bichat die Gefälligkeit haben wird, öfters zu ſehenz denn ihr wißt, daß mich mein Geſchäft den ganzen Tag und einen Theil des Abends außer dem Hauſe hält.“ „Ob ich nach der Kleinen ſehen werde?“ ruft Frau Bichat aus.„O, mein guter Hausherr, das werde ich freilich thun... ach, wie brav ſind Sie, Vater Savenay! aber das wird Sie ſtören, belä⸗ ſtigen.“ „Durchaus nicht, es macht mir im Gegentheil Vergnügen; ein Mann, der ſein Leben auf dem Lande zugebracht hat, kann ſich in Alles ſchicken!“ „Man hat weiß Gott Recht, im ganzen Quartier zu ſagen, Sie ſeien der beſte Mann, den es gebe.“ „Jetzt müſſen wir uns aber des jungen Mädchens annehmen. Wir wollen Sie mit einander in dieſem Lehnſtuhl hinauftragen. Nachbar, hier kann man ſie ſo nicht mehr länger laſſen.“ „Und ich,“ ſagt Frau Bichat,„gehe auch hinauf, um das Bett zu richten und die Kleine zur Ruhe zu legen, denn das iſt kein Geſchäft für einen Mann. 123 Bichat, ſag' zum Fleiſcher neben, er ſoll ein Bischen auf unſern Laden Acht geben.“ Die Töpferin iſt hocherfreut, daß der Hausherr der hübſchen Unbekannten ſein Zimmer leihen will. Vater Savenay gibt ihr den Schlüſſel, ſie hüpft leicht die fünf Treppen hinauf, indeß ihr Mann und der wackere Hausherr, der trotz ſeiner ſechszig Jahre noch ſtark und kräftig iſt, den Lehnſtuhl nehmen, auf dem Roſa⸗Maria liegt, und ihn langſam in das oberſte Stockwerk des Hauſes tragen. Achtes Kapitel. Die Jungfrau bei'dem Greiſen. In kurzer Zeit befand ſich Roſa⸗Maria in einem kleinen, ſehr beſcheiden möblirten, aber reinlichen und geordneten Zimmerchen. Frau Bichat hatte einer Nachbarin gerufen und man hatte die beiden Männer fortgeſchickt, um das junge Mädchen zu Bett zu legen, welches Alles mit ſich geſchehen ließ, ohne die Kraft zu haben, ein Wort auszuſprechen. „Sie hat ein Fieber wie ein Roß,“ ſagt die Tö⸗ pferin, dem Vater Savenay rufend, der mit Bichat im Nebenzimmer wartete;„ſie hat ſich tragen, zu Bette legen und Alles mit ſich anfangen laſſen, ohne ein Wort zu ſagen; man könnte faſt meinen, ſie ſei beſinnungslos.“ Der Vater Savenay kehrt zu Roſa⸗Maria zurück: er verordnet einen Thee, den Frau Bichat ſich hereit 124 erklärt, zu kochen. Eine Frau, die gegenüber wohnt, verſpricht bei der Kranken zu bleiben, wenn die Tö⸗ pferin keine Zeit hiezu habe, und der Greis ſagt: „Jetzt, meine Kinder, haben wir gethan, was wir thun konnten; wir wollen hoffen, daß die Vorſehung uns zu Hülfe komme und das Ihrige thue; geht's mit dem jungen Mädchen ſchlimmer, nun, ſo habe ich noch einige Erſparniſſe in meiner Kaſſe und laſſe einen Doktor kommen; aber Ruhe, Sorgfalt und ein guter Thee, wie ich ihn verordnet, werden es über⸗ flüſſig machen.“ Damit vegibt ſich der Greis an ſein Geſchäft, der Töpfer geht in ſeinen Laden hinunter und Frau Bichat holt in der Apotheke den Thee für die Kranke; denn ſeit die eiferſüchtige Clara nicht mehr befürchten muß, daß ihr Mann in der Nähe des jungen Mädchens ſchlafen werde, fühlt ſie ein doppeltes Intereſſe für vieſelbe und zeigt den größten Eifer zu ihrer Ver⸗ pflegung. Herr Bichat hat ſeiner Frau mehrmals das An⸗ erbieten gemacht, in den fünften Stock hinaufzugehen und ihr bei der Pflege der Kranken zu helfen; aber Frau Bichat antwortet ihrem Mann:„Man braucht Dich nicht, Du mußt Deine Raſe nicht überall haben; bleib' bei Deinen Töpfen, es iſt eine Nachbarin da, die mir hilft, und wenn's nöthig iſt, ſind noch Andere da, die mir auch ihre⸗Dienſte angeboten haben. Ein Mann darf nicht den Krankenwärter einer Perſon vom andern Geſchlechte machen.“ Der Vater Savenay war in dem Magazine eines — 12⁵ Parfumeriehändlers en gros angeſtellt, wo er die Bücher führte und das Geſchäft erſt um vier Uhr verließ, um zu Mittag zu eſſen, und nach dem Eſſen wieder bis neun Uhr dorthin zurückkehrte. Das Haus, in welchem er ſeine Beſchäftigung hatte, war in der St. André⸗des⸗Arts⸗Straße, nicht weit von ſeiner Wohnung entfernt. Daher ging der gute Greis, ſtatt ſich wie gewöhnlich um vier Uhr in eine der billigen Reſtaurationen zu begeben, deren es in jenem Quartier viele hat, vorher nach Hauſe, um ſich nach der jun⸗ gen Kranken zu erkundigen. Roſa⸗Maria war in ein füchterliches Fieber ge⸗ fallen und ihre unzuſammenhängenden Reden bewie⸗ ſen, daß ſie nicht mehr bei ſich war. Sie nannte oft Hieronymus' Namen und rief ihrem Vater um Hülfe, da ſie ſich noch von dem jungen Mann ver⸗ folgt glaubte, der ſie mit ſich nehmen wollte. Frau Bichat ſaß mit zwei andern Nachbarinnen neben der Kranken und jammerte über den Zuſtand des jungen Mädchens mit den Worten:„Das arme Kind!... welches Unglück, wenn ſie ſterben würde, da wir nicht einmal wiſſen, wo ihre Eltern ſind, wo ſie her iſt.. Niemand Nachricht geben können! und in dieſem Augenblick weint man vielleicht um ſie, ſucht ſie oder glaubt ſie ganz glücklich in Paris. Es iſt recht unklug, ein ſo junges Geſchöpf allein reiſen zu laſſen.“ Zu Hauſe angekommen, begibt ſich Vater Savenay ſchnell zu der Kranken, nimmt ſie bei der Hand, ſchüt⸗ telt den Kopf und murmelt:„Ich dachte mir, daß es 126 ſo kommen würde, ein heftiges Fieber.. das Delirium! Das junge Mädchen hat zu ſtarke Gemüthsbewe⸗ gungen erlitten, ſich über die Maßen angeſtrengt, aber bei ihrer Jugend muß ſie geneſen und den Sieg über die Krankheit davon tragen; es kann vielleicht lange dauern, aber wir retten ſie.“ Und als der gute Mann in das Nebenzimmer ſeines Logis geht, ſieht er ein Bett darin aufgemacht und ruft aus:„Was iſt das? woher kommt das Bett? ich hätte es nicht gebraucht, ich hätte eben ſo gut auf einem Stuhl, auf einem Strohſack, auf dem Boden ſchlafen können.“ „Warum nicht gar!“ ſagt Frau Bichat,„Sie glauben, man hätte Sie ſo ſchlafen laſſen, damit Sie auch krank geworden wären?... O nein! Und abgeſehen davon, glauben Sie nicht, daß es Einem auch Vergnügen macht, Theil an der guten Hand⸗ lung zu nehmen, die Sie ausüben? daß man auch ein Herz hat?.. Ich habe eine Matratze und Lein⸗ tücher hergeliehen, die Nachbarin die Bettſtelle, die Hausfrau unten eine Decke und ein Kiſſen, und wir werden abwechslungsweiſe bei der Kranken wachen. Bichat wollte herauf mit ſeinem Gevatter, der zu⸗ rückgekommen iſt, aber ich habe zu ihnen geſagt:„Ihr ſeid zu jung, die Kleine im Bett beſuchen zu dürfen, ich will euch ſchon Rachricht bringen, wie ſie ſich be⸗ findet. So habe ich für Alles geſorgt, Vater Sa⸗ venay.“ „Gut, Frau Bichat,“ antwortet der brave Mann. „O, bei den Frauen ſetzt mich die Barmherzigkeit 127 nicht in Verwunderung: ich wußte wohl, daß Sie Mitleid mit dem armen Kinde haben würden. Potz Kuckuk! wenn man mich nicht beſtohlen hätte, wäre ich reich, wohlhabend wenigſtens, und könnte der Kleinen eine Wärterin bezahlen; aber was geſchehen iſt, iſt vorbei, darüber läßt ſich Nichts mehr ſagen. Jetzt wachen wir eben ſelbſt. Ich gehe zum Eſſen, denn die Geſunden müſſen zum Mindeſten ihre Kräfte erhalten, damit ſie den Leidenden beiſtehen können; dann gehe ich noch einmal an mein Geſchäft; ich komme aber ſo bald als möglich wieder.“ „Der Vater Savenay iſt alſo beſtohlen worden?“ fragt eine Nachbarin Frau Bichat, nachdem der gute Mann ſich wieder entfernt hat. „So viel er ſagt, iſt er in einem Walde ange⸗ fallen worden und man hat ihm eine bedeutende Summe, ſechszigtauſend Franken, geraubt, das geht ihm ſehr nach.“ „Dem Vater Savenay ſechszigtauſend Franken... ah bah! woher ſollte er ſie denn haben?“ „Ach, meiner Treu'! ich weiß es nicht; es iſt auch möglich, daß er die Summe ein Bischen vergrößert!“ „Es iſt alle Mal ſo: wenn man beſtohlen wird, ſagt man immer, es ſei mehr geweſen.“ „Um das Unglück intereſſanter zu machen.“ „Vielleicht hat man ihm ſechshundert Franken ge⸗ ſtohlen!“ 8 „Vielleicht nicht ſo viel! Aber einerlei, er iſt ein braver, gefälliger, dienſtfertiger Mann.“ „Und immer heiter und frohen Muthes!“ 128 „Darin liegt gerade der Beweis⸗ daß man ihm keine ſechszigtauſend Franken geſtohlen hat; denn wäre es dann glaubwürdig, daß er ſo heiter ſein könnte?“ „Nein, das wäre phyſiſch unmöglich; wenn man mir nur ſechszig Franken geſtohlen hätte, bekäme ich ſicher eine Gelbſucht, von der ich nicht mehr geheilt würde.“ Der Vater Savenay ſprach ſelten von dem Un⸗ fall, der ihn ſeines Vermögens beraubt hatte. Das Geſpräch der drei Klatſchbaſen, ſeiner Nachbarinnen, veweist, daß er Recht hatte: im Allgemeinen ſchenkt die Welt dem Unglück Anderer wenig Glaubenz ſie ſetzt voraus, daß Der, welcher das Opfer eines Dieb⸗ ſtahls oder deſſen Zutrauen mißbraucht wurde, den Werth ſeines Verluſtes vergrößere, um mehr Inter⸗ eſſe zu erregen. Und da dieſes in der That ſchon oft der Fall geweſen iſt, ſo folgt daraus wie immer, daß man Denen, welche die Wahrheit ſprechen, ſo wenig glaubt als Denen, die lügen. Mit der Nacht kehrt der Greis zu dem jungen Mädchen zurück, für welche er bereits eine lebhafte Theilnahme empfindet. Mit ihrem Zuſtand ſchien noch nicht die mindeſte Veränderung vorgegangen zu ſein; eine der Nachbarinnen bietet ſich an, die Nacht über zu wachen, aber Vater Savenay verſetzt: „Machen Sie ſich noch keine Mühe, ſo lange es nicht nöthig iſt; ich bin daran gewöhnt, wenig zu ſchlafen. In Nemours legte ich mich ſpät nieder, weil ich, nach⸗ dem ich mit meinen Bekannten geplaudert und ge⸗ —% 129 ſchwatzt, noch zu leſen und zu arbeiten hatte; und im Sommer war ich mit Tagesanbruch, im Winter um fünf Uhr ſchon wieder auf; dieſer Lebensweiſe verdanke ich vielleicht meine gute Geſundheit. Deß⸗ halb will ich bis Mitternacht wachen und um vier Uhr ſiehe ich ſchon wieder auf und ſetze mich an's Bett der Kranken. Um ſechs oder ſieben Uhr iſt es dann Zeit genug, mich abzulöſen.“ Die Nachbarinnen und Frau Bichat geben dem guten Mann nach; ſie gehen und verſprechen, am folgenden Morgen bald zu kommen, um zu hören, wie die Kleine ihre Nacht zugebracht hat. Als ſie ſich entfernt haben, ſpricht Vater Sa⸗ venay für ſich:„Ich lege mich gar nicht ſchlafen, ſondern wache die ganze Nacht bei dem armen Kind; wenn ich aber den Nachbarinnen geſagt hätte, daß dieſes meine Abſicht ſei, ſo würden ſie es nicht zu⸗ gegeben haben; ſie hätten heute, auch morgen noch gewacht, dann wäre aber vielleicht ihr Eifer erkaltet; es iſt daher beſſer, wenn ich ihn zu erhalten ſuche, denn ich fürchte, das junge Mädchen wird denſelben lange in Anſpruch nehmen müſſen. Es gibt ſo viele Leute, die für kurze Zeit einen Anfall von Gutmüthigkeit und Gefühl haben, deren edle Empfindungen aber eben ſo ſchnell erlöſchen, als ſie erweckt worden ſind. Der Greis nimmt auf einem Tiſchchen ein kleines dick eingebundenes Buch, welches er mit Liebe zu betrachten ſcheint, und murmelt vor ſich hin:„Glück⸗ licher Weiſe haben ſie mir das nicht geſtohlen, es hätte mir ſehr leid gethan! Ich weiß zwar, daß Paul de Kock. LXRvI, 9 130 man ſich ein ähnliches anſchaffen kann, aber einerlei, ich hänge an dieſem; der alte Vetter, den ich ge⸗ erbt habe, hat es mir zu meinem Namensfeſt zum Ge⸗ ſchenk gemacht, und da das Alles iſt, was ich jetzt noch von ſeiner Erbſchaft beſitze, ſo iſt ſehr natürlich, daß der kleine Band einen Werth für mich hat, und außerdem liebe ich den Inhält deſſelben üver alle Maßen.“ Damit rückt der Vater Savenay in der Nähe des Bettes einen hölzernen Lehnſtuhl zu einem Tiſche, auf dem eine Lampe brennt, und ſorgt dafür, daß das Licht der Kranken nicht in's Geſicht ſcheine. Und nachdem er das Feuer im Kamin angeſchürt und nachgeſehen hat⸗ ob der Thee heiß iſt, ſetzt er ſich in den Lehnſtuhl, macht ſein kleines Buch auf und trällert leiſe, ganz leiſe, ſo daß man nur ein dün⸗ nes Stimmchen vernehmen kann, das Lied der Sterne, die ſchießen, denn er hatte eine Sammlung von Berangers Liedern in der Hand. Die Werke des be⸗ rühmten Liederdichters waren ein Schatz für den Vater Savenay, der, mit einem glücklichen Charakter be⸗ gabt, immer gern geſungen und bei dem das Alter dieſe Neigung⸗ welche ſeinen frohen Sinn aufrecht erhielt, nur noch vermehrt hatte. Und es war ein originelles und zugleich rühren⸗ des Gemälde, dieſes junge Mädchen von einem Greiſen pewacht zu ſehen, deſſen graues, beinahe kahles Haupt von Geſundheit, Herzensgüte und Heiterkeit erglänzte und den Greiſen mit ſeiner feinen hellen Stimme ſummen zu hören: 131 „Mein Kind, ein Sterblicher verſcheidet: So fällt ſein Stern vom Himmel hoch. Mit Freunden, die ihm Luſt bereitet, Trank ſingend dieſer eben noch.“ Dann hält Vater Savenay inne, beugt ſich vor nach der Kranken, zu ſehen, ob ſie Nichts brauche und denkt dann in ſeinem Sinne:„Es gibt Leute, die es vielleicht unpaſſend fänden, daß ich neben einer Kranken Lieder ſinge, aber ich ſehe nichts Unrechtes darin. Ich glaube, daß wenn ich bettlägerig wäre, es mir lieber ſein würde, von einer heitern als von einer traurigen Perſon verpflegt zu werden; denn die Traurigkeit Derer, die uns abwarten, muß uns auf den Gedanken bringen, wir ſeien gefährlich krank, und ſolche Befürchtungen ſind nachtheilig für die Ge⸗ neſung. Wenn indeß dieſe Kleine wirklich in Gefahr wäre, fühle ich wohl, daß ich nicht ſingen könnte; aber dieſes Delirium wird von Fieber verurſacht und das Fieber iſt eine Folge der Ermüdung: durch Ruhe und Pflege wird es ſchon wieder vergehen.“ Damit ſchlägt der gute Mann ſein Buch wieder auf und ſingt wieder mit ſeiner hellen Fiſtelſtimme: „Schon wiederum ein Stern, der ſchießet, Der ſchießet, ſchießt und untergeht.“ Und nach dieſem Lied ſingt Vater Savenay ein anderes und ſo geht die Nacht herum; denn wenn der Greis zufällig vom Schlafe überwältigt wird und einen Augenblick die Augen ſchließt, ſo macht er ſie bald wieder auf, ſieht nach ſeiner Kranken, liest 132 wiever in ſeinem Liederdichter und fängt mit neuem— Vergnügen zu ſingen an. Mit dem Tage kehren die Nachbarinnen und Frau Bichat, welche nicht vermuthen, daß der gute Sa⸗ venay die ganze Nacht bei der Kranken gewacht hat, zurück, um ihn abzulöſen. Der zweite Tag verſtreicht wie der vorige, ohne irgend eine Beſſerung in dem Zuſtand des jungen Mädchens herbeizuführen. Der Vater Savenah wacht ihr wieder, indem er durch das Auswendiglernen von Berangers Liedern den Schlaf von ſeinen Au⸗ genlidern zu verſcheuchen ſucht und ſpricht bisweilen vor ſich hin:„Es iſt nicht möglich, daß der Himmel dieſem jungen artigen Kinde, welches ſo tugendhaft ſcheint und in ſeinem Delirium immer nach ſeinem Vater ruft, die Geſundheit nicht wieder verleihe. Der arme Vater dieſes Mädchens! Welches Unglück, gar keine Spur und keine Möglichkeit zu wiſſen, wo⸗ durch man ihn entdecken und zu ſeiner Tochter her beſcheiden könnte! Denn ich bin überzeugt, ſie würde ſeine Stimme erkennen und das Glück, welches ſie empfände, wenn ſie ihren Vater in ihrer Nähe wüßte, würde viel zur Wiederherſtellung ihrer Geſundheit 4 beitragen.“ Am folgenden Tag ſcheint Roſa⸗Maria ſehr krank; ihr Delirium hat ſich vermehrt, ihr Fieber iſt hefti⸗ ger, ihre Bruſt beklommener. Der Vater Savenay will ſich nicht mehr auf ſeine Wiſſenſchaft verlaſſen: er holt ſelbſt einen Arzt und führt ihn an das Beit ₰ der Kranken. — 133 Der Doktor betrachtet das junge Mädchen, billigt faſt Alles, was der Greis verordnet hat, und ver⸗ ſchreibt eine Arznei. „Man muß dem Fieber ſeinen Lauf laſſen,“ ſagt er hierauf;„bis zum neunten Tage kann ich für Nichts ſtehen; aber dann muß man hoffen, daß eine heilſame Criſis eintreten und die Jugend der Kran⸗ ken über das Uebel ſiegen wird.“ „Wenn ſie aber ſtürbe!“ ruft Frau Bichat aus, als ſich der Arzt entfernt hat;„nicht einmal zu wiſſen, wie ſie heißt... Gevatter Glureau weiß es vielleicht.“ „Sobald er wieder kommt, Nachbarin,“ ſagt Sa⸗ venay,„ſo heißt ihn heraufgehen, ich will ihn befra⸗ gen; wir geben uns dann Mühe, mit dem, was aus dem Manne herauszubringen iſt, Etwas über das junge Mädchen zu erfahren.“ Der Aufſeher der Gaſſenkehrer ermangelte nicht, ſich jeden Tag nach dem Befinden Der zu erkundigen, die er ſeine Schützlingin nannte, und der Töpfer konnte ihm bloß ſagen, was er von ſeiner Frau er⸗ fuhr, die noch nicht zugegeben, daß er die Jungfrau im Bette beſucht hatte. Aber der beängſtigende Zuſtand Roſa⸗Maria's geſtattete der Frau Bichat nicht mehr, an ihre Eifer⸗ ſucht zu denken, und ſie ſagte zu ihrem Mann, er möchte Glureau zu dem Hausherrn hinaufſchicken, ſobald er komme. X Der galante Töpfer ergreift dieſe Gelegenheit, ebenfalls die Kranke zu beſuchen, und er geht, ſo⸗ bald der Gevatter da iſt, mit ihm zu Savenay 134 hinauf, der gerade zu Hauſe iſt und alle Nachbarinnen bei ihm. Der Mann mit dem Koſakengeſicht ſieht nach der Kranken, ſtößt einen tiefen Seufzer aus und ſagt: „Mein Gott, wie hat ſie ſich ſchon verändert!.. ich habe ſie ſo hübſch und ſo friſch im Wagen geſehen, daß es ein allgemeiner Ausruf der Bewunderung war; die Männer konnten ſich nicht ſatt betrachten und jetzt iſt ihre blühende Farbe ſchon verſchwunden, ihre Augen liegen tief und haben Ringe und ihre Lippen ſind blaß.“ „Trotz dem ſieht man immer noch, daß ſie ſehr hübſch iſt!“ murmelt Bichat, ſeinen Kopf vorſtreckend. Aber ſeine Frau zieht ihn am Rockſchoß, reißt ihn in den Hintergrund der Stube und ſagt:„Eure Bemerkung iſt ſehr ſeltſam, Herr Bichat, kehrt zu Euren Töpfen zurück, das wird beſſer ſein als un⸗ ſchickliches Zeug zu reden.“ Der Vater Savenay tritt auf den ehemaligen Knopfmacher zu und beginnt:„Mein Herr, es wäre von großer Wichtigkeit, die Familie dieſes jungen Mädchens zu entdecken, welche jedenfalls des armen Findes wegen ſehr in Sorgen ſein muß, ſagen Sie uns um Gottes willen Alles, was Sie wiſſen, wenn uns das auf eine Spur führen könnte.“ „Was wollen Sie, daß ich Ihnen ſagen ſoll?“ ruft Glureau aus,„ich weiß gar Nichts; ſehen Sie, das iſt die ganze Geſchichte: Ich war auf dem Eiſen⸗ vahnzug, ich kam von Orleans her, auf einem der erſten Plätze, weil es keinen andern mehr gegeben —— 135 hatte. In Corbeil ſteigt dieſes junge Mädchen in unſern Wagen: ſie ſaß ſehr eng zwiſchen einem jun⸗ gen Mann und einem alten Keucher, der allein den Platz von Vieren einnahm; ich biete ihr meine Ecke an ich hatte nämlich eine Ecke; ſie ſchlägt es aus, dann war es fertig; man ſprach nicht mehr mit einander. Wir kommen an, ich gehe meinen Ge⸗ ſchäften nach und kümmere mich Nichts weiter um dieſe Jugend; aber am folgenden Morgen war ich bei Tagesanbruch auf der Hotel⸗Dieu⸗Brücke in einem Cafe unter freiem Himmel mit Burſchen, wovon der Eine, der Wilde, mich ſchon zwei Mal genöthigt hat, ihm im kleinen Very der Crouſſolſtraße in einer Portiersloge ein Mittageſſen zu bezahlen. Kurz, der⸗ ſelbe entdeckt ein auf einer ſteinernen Bank einge⸗ ſchlafenes Mädchen; wir nähern uns Alle, um ſie zu ſehen, und ich erkenne die Mamſelle von der Eiſen⸗ bahn. Die Schlingel, unter andern der junge Wilde, wollen ſie mit ſich nehmen; aber ich ſehe wohl, daß ſich das arme Kind fürchtet, ich biete ihr meinen Arm an und führe ſie zum Gevatter Bichat: das iſt Alles, was ich weiß.“ „Aber hat ſie unterwegs, während ihr hierher ginget, Nichts mit Ihnen geſprochen?“ „Ach ja! ſie hat mir geſagt:„Es friert mich ſehr!“ und ich habe geantwortet:„Das kommt davon her, weil Sie im drei im Zugwind über Nacht geweſen ſind!“ „Und dann?“ „Hat ſie wieder geſagt: Ich hatte es ſo gut daheim 136 bei meinem Vater, aber er wollte, daß ich nach Paris zu meinen Onkeln gehe; man hat mir ihre Adreſſen gegeben, aber ſie waren, ſo viel es ſcheint, unrichtig.“ „Und ſie hat den Namen ihrer Onkel nicht genannt?“ „Gar keinen; nur hat ſie dann ein kleines Pa⸗ pierchen zerriſſen und auf die Straße geworfen; ich vermuthe, daß das die Adreſſen geweſen ſind.“ „Ach, wie ärgerlich! das hätte uns vielleicht auf eine Spur geführt.“ „Ein junger Mann war ihr nachgegangen, hatte ſie mit ſich nehmen und beleidigen wollen. eine jener Geſchichten, wie ſie hübſchen Frauenzimmern be⸗ gegnen, die allein unterwegs ſind; ſie hatte ſich ge⸗ flüchtet, dann vor erſchöpft auf eine geſetzt und ſo. „Aber bei ihr in Taſchen haben Sie Nichts gefunden?“ „Nichts als eine filetgeſtrickte Geldbörſe, die leer iſt, ein Schlüſſelchen und ein weißes Nastuch mit R. M. und G. bezeichnet.“ „Wer kann auf ſolche Indicien hin eine Familie finden!“ „Wohlan,“ verſetzt der Vater Savenay,„wir müſſen auf die Hoffnung, zu erfahren, wer das junge Mädchen iſt, ehe ſie es uns ſelbſt ſagen kann, Ver⸗ zicht leiſten: ihr ſeht, liebe Freunde, daß ſie bloß noch uns als Stütze und Familie hat, das muß für uns ein Grund mehr ſein, unſere Sorgfalt für ſie zu verdoppeln und Allem aufzubieten, ihre Geſund⸗ heit 137 Alle ſind der Anſicht des Greiſen und Jedes ver⸗ ſpricht ihm auch fernerhin ſeine Unterſtützung bei dem guten Werke, das er unternommen. Dieſe Nacht bleibt eine Nachbarin da, um der Kranken zu wachen, und der gute Mann legt ſich zum erſten Mal, ohne ein Liedchen ſeines geliebten Dichters zu trällern, in's Bett. Der unſelige oder heilbringende Zeitraum, den der Arzt angekündigt hatte, wurde von Allen, die Roſa⸗Maria verpflegten, ungeduldig erwartet. Dieſer neunte Tag der Krankheit iſt erſchienen und die Kranke fällt in der That nach einem außerordentlich heftigen Anfall des Deliriums in eine tiefe Abmattung, dann ſcheint ſie ruhiger zu werden und ein feſter Schlaf folgt auf dieſe letzte Criſis. „Sie iſt gerettet!“ ſagt der Arzt, der ſich gerade bei der Kranken befindet,„jede Gefahr iſt vorüber; jetzt Ruhe, ſorgfältige Pflege, keine Unbeſonnenheiten und das arme Kind iſt in zwölf bis vierzehn Tagen wieder im Stande, auszugehen.“ Dieſe Worte des Doktors verurſachen eine auf⸗ richtige Freude unter allen Anweſenden, denn Jedes intereſſirte ſich lebhaft für die junge Unbekannte; je mehr man für ſie gethon hatte, je glücklicher machte Einen der Gedanke, daß es nicht umſonſt geweſen ſei. Der Arzt hatte ſich nicht geirrt: nach einem ſehr langen Schlaf ſchlägt Roſa⸗Maria die Augen auf; ſie iſt ruhig, ſie fühlt ſich beſſer; ſie blickt um ſich her und ſucht ſich zu beſinnen, wo ſie ſein könne, und in dieſem Augenblick hört ſie mit Staunen eine feine helle Stimme dicht neben ſich ſingen: 138 „Einſt wirſt Du alt, o meine ſchöne Herrin, Einſt wirſt Du alt und ich bin dann nicht mehr.“ Denn ſeit man für das Leben der Jungfrau zu zittern aufgehört, hatte Vater Savenay beim Nacht⸗ wachen wieder zu ſingen angefangen, und da es ge⸗ rade Morgens früh um ein Uhr war, ſo ſaß der brave Mann allein in dem großen ſtrohernen Lehn⸗ ſtuhl bei der Kranken und hatte ſein Lieblingsbuch in der Hand. Die Stimme des Greiſen war ſo ſanft, ſo klar, vaß Roſa wartet, bis er ſertig iſt, ehe ſie einige Worte ſtammelt. Sobald ſie der gute Savenay ſpre⸗ chen hört, ſteht er auf und tritt an ihr Bett. „Wo bin ich denn, mein Herr?“ murmelt Roſa. „Machen Sie ſich keinen Kummer, mein Kind, man ſorgt für Sie!... Wie fühlen Sie ſich aber vor allen Dingen?“ „Gut, mein Herr; nur iſt me in Kopf ſo ſchwach.“ „Ich glaube es, nach einer ſo heftigen Krankheit denn Sie waren ſehr übel auf, mein armes Kind. Aber dem Himmel ſei Dank, die Gefahr iſt vorüber, Sie bedürfen jetzt bloß noch der Pflege und Ruhe. Seien Sie ganz unbeſorgt, man läßt Ihnen Nichts abgehen... ein braver Mann hatte Sie zu Bichat, dem Töpfer, geführt, deſſen Laden unten im Hauſe iſt.“ „Ach ja!. ich glaube mich zu erinnern.“ „Still!.. ſprechen Sie nicht; das Ehepaar Bi⸗ chat ſind brave Leute, aber ihr Laden iſt ſo klein, daß ſie Sie nicht vei ſich behalten konnten. Da ich im obern Stocke des Hauſes wohne, habe ich ihnen 139 dieſes Zimmer angeboten; ich habe noch ein anderes, das mir hinreichend groß genug iſt. Man hat Sie mit Vertrauen zu mir gethan und ich hoffe, mein Kind, daß mein Alter und mein Charakter auch daſ⸗ ſelbe in Ihnen erwecken werden.“ „Ach, mein Herr!“ „Sprechen Sie nicht!... Uebrigens verpflege ich Sie nicht allein; Frau Bichat kommt des Tages über oft zu Ihnen heraufz auch die Nachbarinnen neben⸗ an und unten, kurz, faſt alle Bewohner des Hauſes wollten Theil an dieſem guten Werke nehmen. Die Menſchlichkeit iſt nichts ſo Seltenes, als viele Leute behaupten wollen.. ich gehöre auch nicht zu der Zahl Derer, die Alles tadeln und mit Nichts zufrie⸗ den ſind; damit wären Sie über Ihre Lage getröſtet. Sie ſind noch nicht im Stande, zu ſprechen, das ſtrengt Sie an, aber morgen, wenn's, wie ich hoffe, beſſer geht, plaudern wir ein wenig mit einander, unterdeſſen werden Sie eine gute Taſſe Thee trinken und noch ein Mal einſchlafen.“ Roſa⸗Maria iſt lebhaft gerührt von dem Inter⸗ eſſe, welches der gute Greis für ſie an den Tag legt, und daß er trotz ſeines Alters bei ihr wacht; ſie will einige Worte an ihn richten, um ihm ihre Erkennt⸗ lichkeit auszudrücken, aber er winkt ihr, ſie ſoll ſchwei⸗ gen, und nachdem er ihr eine Taſſe Thee gereicht und die ſtrengſte Gemüthsruhe anempfohlen hat, ſetzt er ſich wieder in ſeinen Lehnſtuhl. Und nach einigen Minuten ſchlummert die Kranke, von dem Verſe: 140 „Von lieber Heimath ſcheiden Iſt bitteres Gefühl. Laß Vaterlandesfreuden Uns hier bereiten Dem Armen im Exil.“ in Schlaf gewiegt, wieder ein. Neuntes Kapitel. Man kennt ſich. Am folgenden Morgen erzählte Roſa⸗Maria, da ſie ſich ſtärker fühlte, dem Vater Savenay, der Frau Bichat und den Nachbarinnen, die um ihr Bett ver⸗ ſammelt waren, um ihr zuzuhören, die Geſchichte ihrer Reiſe. Und als der Greis den Namen des Dorfes Avon hatte ausſprechen hören, welches dicht am Fontaine⸗ bleauer Wald liegt, hat er einen Schrei ausgeſtoßen, aber man hatte nicht darauf geachtet, weil man ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf das junge Mädchen ge⸗ richtet hatte. Nachdem Roſa⸗Maria zu ſprechen aufgehört hat, ruft Frau Bichat aus:„Was müſſen wir jetzt thun, da wir den Namen des Fräuleins und die Adreſſe ihres Vaters wiſſen, Vater Savenay?“ „Was wir thun müſſen?“ entgegnet der Greis; „erſtens ſie nicht zu ſehr ermüden, denn ſie hat für eine Geneſende ſehr viel geſprochen; dann will ich heute Abend dem Herrn Hieronymus Gogo ſchreiben, 141 ihm mittheilen, was ſeiner Tochter begegnei iſt, ſa⸗ gen, daß ſie hier in Sicherheit und außer Gefahr ſei, und ihm meine Adreſſe bemerken, damit er ſie beſuchen und abholen kann, wenn man je ihre Onkel nicht entdecken ſollte. Iſt das Ihnen recht, mein Kind?“ Roſa⸗Maria erwiedert mit ſchwacher Stimme: „Wenn mein Vater einen Brief von unbekannter Hand erhält, worin man ihm ſagt: ich ſei noch nicht im Stande, zu ſchreiben, ſo wird ihn das ſehr in Angſt verſetzen; er wird meinen, ich ſei todtkrank, man wage nur nicht, es ihm zu ſagen, und ſich deß⸗ halb viel Kummer machen. Ich will lieber warten, bis ich ihm ſelbſt ſchreiben kann. worgen iſt es vielleicht ſchon möglich, dann erſpare ich ihm doch überflüſſige Sorgen.“ „Sehr gut gedacht, mein Kind, wir wollen es anſtehen laſſen, bis Sie ſelbſt ſchreiben können. Au⸗ ßerdem iſt Ihr Vater jetzt gar nicht in Unruhe, weil er nicht ahnen kann, was Ihnen begegnet iſt, und Sie bei Ihren Onkeln glaubt. Was dieſe anbetrifft, ſo verſichere ich Sie, daß ich mein Möglichſtes thun werde, dieſelben ausfindig zu machen, und die Nach⸗ barinnen alle werden ein Gleiches thunz nicht wahr, Hausfrauen?“ „Ja, ja!“ ſchreien alle Nachbarinnen,„wir wer⸗ den überall, wo wir hinkommen und wenn wir Je⸗ mand ſehen, fragen, ob man den Herrn Nicolaus oder Euſtachius Gogo kenne.“ „Wenn Sie die Gefälligkeit haben wollten, wenn ich eine Bitte an Sie wagen dürfte!“ verſetzt Roſa. 142 „Reden Sie, reden Sie, mein Kind!“ rufen Alle. „Ich bin nicht bloß mit den Kleidungsſtücken, die ich am Leibe hatte, nach Paris gekommen, ich hatte auch einen Koffer mit meinen Effekten bei mir, denn mein guter Vater hatte mich nicht wie ein armes Mädchen ohne Alles zu meinen Onkeln geſchickt. Mein Koffer iſt groß und voll. Ich habe ihn auf dem Eiſenbahnbureau gelaſſen und meinen Namen angegeben, damit man ihn nur mir oder Jemand, der von mir geſchickt werde, abliefere.“ „Bichat muß ihn heute noch holen, ich will ihn augenblicklich fortſchicken,“ ſagt die Töpferin. „Wozu ſoll er ſich die Mühe machen? ich kann es veſorgen, wenn ich an mein Geſchäft gehe,“ ver⸗ ſetzt Vater Savenay. „Warum nicht gar! Damit Sie ſich unnöthiger Weiſe ermüden, als ob Sie ſich nicht Mühe genug gemacht hätten, Vater Savenay! Bichat kann ſchon laufen, er hat Beine wie ein Hirſch, er ſoll nur ge⸗ hen. er iſt ein etablirter Mann, der ſeine Steuern bezahlt, ihm wird der Gegenſtand ohne Schwierig⸗ keit ausgeliefert. Ach, ich dachte mir es doch, daß eine ſo gut gekleidete Jungfrau nicht mit einem ein⸗ zigen Anzug nach Paris gekommen fein könne.“ Im Laufe des Nachmittags trug Bichat mit Hülfe ſeines Freundes Glureau den Koffer in das Zimmer hinauf, wo Roſa⸗Maria lag. Sie dankt ihnen für alle die Gefälligkeiten, die ſie ihr erweiſen⸗ und der Aufſeher der Gaſſenkehrer legt die große Freude an den Tag, die er empfindet, weil er ſie wieder auf 143 dem Wege der Beſſerung ſieht. Was Bichat anbe⸗ trifft, ſo iſt er bereits im Begriff, der Jungfrau ein Compliment zu ſagen; er hat aber noch keine Zeit gehabt, es zu vollenden, ſo eilt ſchon ſeine Frau herbei und ſchickt ihn unter dem Vorwande, man verlange eine große Kachel, die ſie nicht ſtark genug ſei, her⸗ zugeben, in den Laden hinunter. Die Kräfte der Kranken kehren langſam zurück. Zwei weitere Tage vergehen, ehe ſie die Feder hal⸗ ten kann. Endlich, ſobald ſie im Stande iſt, zu ſchreiben, berichtet ſie ihrem Vater einen Theil ihrer Erlebniſſe in Paris, erzählt ihm am Schluſſe, wie viel Güte man für ſie in dem Hauſe gehabt, wo man ſie aufgenommen habe, und bezeichnet ihm ge⸗ nau die Wohnung des guten Greiſen, bei welchem ſie logirt und Nachrichten von Hauſe abwartet. Roſa⸗Maria bezweifelt nicht, daß ſich ihr Vater nach Empfang ihres Briefes nach Paris aufmachen werde. Deſiderius Glureau iſt im Augenblick, wo das junge Mädchen ihren Brief ſchließt, gekommen, ſich nach dem Befinden derſelben zu erkundigen. Roſa übergibt dem Manne, der ſich ihrer ſchützend angenommen, das Schreiben und fragt ihn:„Wol⸗ len Sie die Güte haben und dieſes auf die Poſt tragen? es iſt an meinen Vater und es liegt mir viel daran, daß er es bald erhält.“ „Seien Sie ganz ruhig, Mamſelle,“ antwortet Glureau,„es iſt in Paris Nichts leichter als einen Brief auf die Poſt zu geben: es ſind faſt an allen Straßenecken Brieftäſten, es wird in einem Augen⸗ plick beſorgt ſein. ich wünſchte, Ihnen größere Dienfte leiſten zu können⸗ allein hinſichtlich Ihrer Onkeln Gogo iſt es zum Erſtaunen! Niemand kann ſie ent⸗ vecken! Es gibt eine Maſſe Benvit⸗ Bertrand⸗ Bernard, aber nicht einen einzigen Gogo.“ Die Nachbarinnen alle ſagen das Nämliche, ſelbſt der Vater Savenay iſt nicht glücklicher in ſei⸗ nen Nachforſchungen, und Frau Bichat ſagt zuletzt zu ihren Gevatterinnen:„Das iſt doch ſonderbar⸗ daß ſich ihre Onkel nicht finden! Wahrhaftig, wenn das junge Mädchen nicht ſo tugendhaft und ſo recht⸗ ſchaffen ſchiene, könnte man glauben, die Geſchichte mit den Onkeln ſei nur ein Mährchen und ſie ſei aus andern Gründen nach Paris gekommen.“ Seitdem ſich Roſa⸗Maria's Geſundheit wieder herſtellt, widmen ſich die Nachbarinnen wieder ihrer Arbeit und ihren Geſchäften und veſuchen das junge Mädchen weit ſeltener. Frau Bichat läßt ihren Mann nicht mehr in's fünfte Stockwerk hinauf, denn mit der Rückkehr von Roſa's geſunder Farbe ſtellt ſich auch jene Schönheit wieder ein, die Alle, welche ſie ſehen⸗ frappirt und hinreißt, und die eiferſüchtige Clara will ihren Mann keiner ſo gefährlichen Ver⸗ ſuchung ausſetzen. Der gute Savenay iſt faſt die ganze Geſellſchaft, die der Geneſenden vleibt; aber dieſer hält getreulich 3 aus. Sobald er mit ſeinem Geſchäft fertig iſt, eilt der Greis ſchnell zu Der zurück, die er wie ſein Kind betrachtet und für die er die aufrichtigſte Theilnahme fühlt. 145 Roſa⸗Maria iſt ihrerſeits innig von der zärt⸗ lichen Sorgfalt gerührt, die ihr der Alte beweist, der ſie bei ſich aufgenommen hat, und ſie weiß nicht, wie ſie ihm ihre Erkenntlichkeit an den Tag legen ſoll. Eines Abends, während der gute Savenay das Feuer anbläst und, indem er den Thee kocht, den die Jungfrau noch trinken ſoll, den Refrain des Marquis von Carabas vor ſich hin ſummt, ſagt Roſa⸗ Maria, die ihm mit den Blicken folgt, zu ihm:„Wie gut ſind Sie, Herr Savenay, und wie viel Mühe mache ich Ihnen!“ „Mühe, mein Kind? Ihnen gefällig zu ſein, macht mir ein Vergnügen, denn Sie ſind ſo artig⸗ ſo intereſſant ich betrachte Sie wie meine Toch⸗ ter!“ „Und ich, mein theurer Beſchützer, liebe Sie wie meinen zweiten Vater!.. Es iſt aber recht ſonder⸗ bar, je länger ich Sie betrachte, je klarer wird es mir, daß mir Ihr Geſicht nicht unbekannt iſt und ich Ihnen, ehe ich Sie hier ſah, ſchon irgendwo begeg⸗ net habe.“ „Ich, mein liebes Kind, kann das nicht ſagen. Sie waren mir fremd, ehe man Sie zu dem Töpfer unten gebracht hatte; o, ſonſt hätte ich Ihr hübſches Geſichtchen gleich wieder erkannt!“ „Das iſt ſehr wunderbar, es iſt mir ſogar, als erinnere ich mich Ihres Anzugs als erkenne ich dieſe grüne Tuchjacke mit den weißen Knöpfen. Wo kann ich Sie denn geſehen haben? vielleicht in Paul de Kock. LXRXVI. 1⁰ unſerem Dorfe, in Avon oder in Fontainebleau, ich kam oft dort hin...“ „Das iſt eben nicht wahrſcheinlich, mein Kind, ich bin nie in dem Dorfe Avon geweſen, und obgleich ich in Nemours zu Hauſe bin, welches nicht ſehr weit von Fontainebleau entfernt iſt, auch nie in dieſe Stadt es ſei denn, daß Sie mir vor drei Monaten etwa dort begegnet ſind, wo ich nach dem unglücklichen Ereigniß, welches mir zugeſtoßen war, durchkam. ich habe mich aber nur kurz da⸗ ſelbſt aufgehalten.“ „Wie, Vater Savenay, es hat Sie ein Unglück betroffen, Sie, einen ſo guten, rechtſchaffenen Mann?“ „Meine liebe Kleine, wenn Güte und Rechtſchaf⸗ fenheit hinreichend wären, uns vor den Schlägen des Schickſals zu ſchützen, ſo würde ſich Jedermann gut betragen und es keine ſchlechten Menſchen mehr auf der Erde geben. Man muß daher aus Neigung, aus Charakter gut ſein und nicht in der Abſicht, daß es einen Vortheil gewähre!.. Um auf mein Ereig⸗ . niß zurückzukommen, ſo will ich es Ihnen erzählen, mein Kind, um ſo mehr, als Ihnen dieſe Geſchichte, welche Sie, wie ich nicht bezweifle, intereſſiren wird, da ſie mich betrifft, einigermaßen die Zeit verkürzen* kann.“ „O, ich bin ganz Ohr, Herr Savenay!“ Nachdem der Greis ſein Feuer angeſchürt hat, ſetzt er ſich in den Lehnſtuhl neben Roſa's Bett und beginnt wie folgt:„Zuerſt muß ich Ihnen ſagen, daß ich aus Nemours gebürtig und ein alter Jung⸗ . 13 147 geſelle bin, was ein Fehler iſt... denn wenn man älter iſt, bereut man es oft, ſich nicht für eine Fa⸗ milie geſorgt zu haben. Wenn es aber zu ſpät iſt⸗ einen Fehler wieder gut zu machen, muß man ſich eben tröſten! das habe ich auch gethan. Ich hatte, Gott ſei Dank, nie eine Natur, mich lange über Etwas zu grämen! Es hat mir allerdings anfangs ein wenig wehe gethan, mich Vater Savenay nen⸗ nen hören zu müſſen, während ich nie eigene Kinder gehabt habe, aber jetzt bin ich daran gewöhnt und es kommt mir ganz ſonderbar vor, wenn man mich kurzweg Savenay heißt. Ich hatte eine Stelle bei einem Hüttenmeiſter in der Gegend von Nemours gefunden: ich führte ihm ſeine Bücher und glaubte auch auf dieſe Weiſe meine Laufbahn zu beſchließen. Mein Platz war zwar nicht beſonders einträglich; aber bah, auf dem Lande braucht man wenig, um ſich's bequem zu machen. Bei meiner Geſundheit und Heiterkeit war ich der Vergnügteſte in der gan⸗ zen Eiſenſchmiede und in Nemours! Vor einigen Monaten fällt mir jedoch ein unerwartetes Vermö⸗ gen zu. ein alter Vetter. ich ſage alt, er war kaum älter als ich, ſtirbt und hinterläßt mir ſechszig⸗ tauſend Franken.“ „Sechszigtauſend Franken!..“ murmelt Roſa⸗ Maria, welche bei Nennung dieſer Summe abermals überraſcht iſt und ſich zu beſinnen ſcheint. „Ja, mein Kind, ſechszigtauſend Franken!.. für mich war das ein großes Vergnügen und ich dachte ſchon: was will ich mit all' dem Gelde anfangen!„ Die — 148 Verlegenheit des Reichthums ſtiellte ſich gleich bei mir ein. Ich glaube ſogar, daß ich damals ſeltener meine lieben Lieder ſang wie vorher. Nach Verlauf von ſechs Wochen wurde mir die Erbſchaft zugeſtellt: ich hatte die Summe bei einem Bankier in Nemours erhoben. Mit dieſer begab ich mich zu einem rei⸗ chen Capitaliſten in unſerer Gegend, zu Herrn Can⸗ drillon, das iſt ein komiſcher Name, nicht wahr? aber der Name thut Nichts zur Sache, es iſt ein braver Mann und ſehr leutſelig; ich fragte ihn um Rath, da ich nicht wußte, was ich mit meinem Gelde machen ſollte. Er konnte es nicht überneh⸗ men, aber er rieth mir, es nach Paris zu einem Bankier Ju thun, für den er mir ſtehe: zu Herrn St. Godibert, ja ſo heißt er, St. Godibert, dieſer werde mir die Procente daraus bezahlen. Meiner Treu', ich fand den Rath gut und dachte: Paris iſt eine ſehr angenehme Stadt, ich bleibe den Winter über dort und kehre im Sommer wieder nach Ne⸗ mours zurück!... Ach, beim Kuckuk! das wäre das Leben eines großen Herrn geweſen! aber wenn man in ſeinem ſechszigſten Jahre zufällig in den Beſitz ei⸗ nes Vermögens gelangt, allein iſt und keine Kinder hat, ſo glaube ich, hat man wohl das Recht, es zu genießen, nicht wahr?“ „Fahren Sie fort, Herr Savenay, fahren Sie fort; wenn Sie wüßten, wie ſehr mich Ihre Erzäh⸗ lung intereſſirt!“ „Ach, mein böſer Geiſt hat mir alle dieſe Plane eingegeben oder vielmehr, es hat ſo kommen ſol⸗ 149 len. Ich ſagte meine Stelle beim Hüttenmeiſter auf und trat ſie ſogar mit Freuden ab, denn ich wußte, daß ſie ein braver Mann, Vater einer zahlreichen Familie, erhalten werde, dem ſie zur Erziehung ſei⸗ ner Kinder ſehr nöthig war, und ohne dieſen Zufall würde er, da man mich nie fortgeſchickt hätte, noch lange haben auf meinen Platz warten können, denn ich bin dauerhaft! und mein Großvater iſt hundert und ein Jahr alt geworden. hm, das gibt mir Hoffnung ha, ha!“ „Ich bin nur ein alter ſchlichter Spielmann hier im Weilerlein, Doch man ehrt in mir den Dichter Und ich trinke lautern Wein.“ „Ihre Begebenheit, Herr Savenay, ihre Bege⸗ benheit fahren Sie fort!“ „Ganz recht, ſoll gleich geſchehen!... Nachdem ich meine Entlaſſung eingegeben hatte, verkaufte ich mein ganzes Mobiliar daheim, denn ich dachte, wenn ich wieder auf's Land zurückkomme, ſo miethe ich nur ein kleines Abſteigequartier, das genügt mir. Ich behtelt Nichts als mein Pferd, meinen Hammel. o, ein ſehr gutes Thier, das ich ſchon ſeit neun Jah⸗ ren hatte und deſſen ich mich bediente, um von Ne⸗ mours in die Eiſenſchmiede zu reiten. Aus Allem zuſammengenommen erlöste ich etwa ſechshundert Franken, die ich mir in Gold geben ließ, um nicht ſo ſchwer zu tragen. Dann hatte ich in einer Brief⸗ taſche ſechszigtauſend Franken in Kaſſenſcheinen, in meinem Sack den Empfehlungsbrief des Herrn Can⸗ 150 vrillon an ſeinen Freund St. Godibert, ſchnallte mei⸗ nen Reiſeſack auf meinen Hammel, gab meinem Pferd die Sporen und trabte Paris zu.“ „Zu Pferd... Sie waren zu Pferd?“ „Ja, mein Kind; mehrere Leute hätten zu mir geſagt:„Vater Savenay, es iſt unklug, mit einer ſo beträchtlichen Summe in der Taſche zu Pferd zu reiſen.“ Aber ich hatte ihnen geantwortet:„Was ſoll mir be⸗ gegnen, ich reiſe ja nur bei hellem Tage und in einer bevölkerten Gegend.“ Ach, ich vermuthete nicht, daß es ſelbſt am hellen Tage gefährlich iſt, durch einen Wald zu reiten, aber der Beweis hat es beſtätigt, denn während ich auf dem Pferdchen durch den Fon⸗ tainebleauer Wald ritt, wurde ich plötzlich von zwei Männern angefallen, die mit Piſtolen auf mich los⸗ ſtürzten.“ „O, mein Gott!... Sie waren es?.. Sie waren es?“ Bei dieſen von dem jungen Mädchen mit Heftig⸗ keit ausgeſprochenen Worten hebt der Vater Savenay den Kopf in die Höhe und murmelt:„Ich war es... wie, was wollen Sie damit ſagen, mein Kind?“ „O, ich wußte wohl, daß ich Sie ſchon geſehen hatte. Ihr ehrwürdiges, gutmüthiges Geſicht war mir aufgefallen und die grüne Jacke, den Hut mit der breiten Krämpe hatten Sie an, als man Sie im Walde überfiel.“ „In der That... wer konnte es Ihnen aber ſagen?“* „O, hören Sie, mein guter Herr Savenay: ich 15¹ hatte zwar meinem Vater verſprochen, nie von dieſer Sache zu reden; aber gegenüber von Ihnen iſt das etwas Anderes: erfahren Sie, daß ich mich im Walde befand, als zwei in Blouſen gekleidete Männer meines Weges herkamen.“ „Zwei Männer, meine beiden Diebe?“ „Dieſe waren es. Aus der Entfernung konnte ich ihre Geſichtszüge nicht ſehen, denn ſie hatten Kap⸗ pen mit langen Schilden auf, die ihnen oberhalb das Geſicht bedeckten, und das Untertheil deſſelben war ganz ſchwarz.“ „Ja. ja. o, mehr habe ich auch nicht geſehen!“ „Dann, ohne noch zu wiſſen, was dieſe Männer im Sinne hatten, fürchtete ich mich und verbarg mich hinter einem Geſträuche.“ „Arme Kleine!“ „Sie kamen dicht in meine Nähe. Ich hörte ſie ſagen: Er hat ſechszigtauſend Franken in einer Brief⸗ taſche: dieſe können wir ihm leicht abnehmen. Einer dieſer Männer zitterte, er hatte nicht den Muth, das Verbrechen zu begehen; aber der andere brachte es ſo weit, ihn dazu zu beſtimmen. Ich hätte gerne um Hülfe gerufen, um Sie zu retten, aber ich wagte es nicht. Ach, verzeihen Sie mir; ich glaube ſogar, daß ich nicht Kraft genug dazu gehabt haben würde.“ „O, theures Kind, wie wohl thaten Sie daran, zu ſchweigen!.. dieſe Elenden würden Sie getödtet haben, wenn ſie Etwas von Ihrer Anweſenheit ge⸗ wußt hätten.“* „Das hat auch mein Vater geſagt. Endlich ka⸗ 152 men Sie auf Ihrem Pferde. Die Räuber eilten auf Sie zu ach, wenn Sie wüßten, was ich da⸗ mals ausgeſtanden habe, wie ich für Ihr Leben zitterte und zum Himmel flehte, er möge es verhüten, daß Ihnen dieſe Menſchen Etwas zu leid thäten!“ „Armes Kind! armes Kind!“ „Glücklicher Weiſe ließen es die Verbrecher beim Diebſtahl bewenden. Ach, als ich Sie auf Ihrem Pferde weiter traben ſah, athmete ich freier.“ „Und ich, potz Kuckuk! ich muß geſtehen, daß ich keine geringe Angſt hatte. Was ward aber aus meinen Dieben?“ „Dieſe verſchwanden augenblicklich. Ich blieb noch lange Zeit, ohne es zu wagen, mich zu zeigen, in meinem Verſteck. Endlich, nachdem ich mich vorher genau umgeſehen und überzeugt hatte, daß die Män⸗ ner fort waren, machte ich mich wieder auf den Weg; aber ich hatte noch keine zweihundert Schritte zurück⸗ gelegt, als meine Füße an Etwas ſtießen: es war ein kleines, ſehr ſchönes, prachtvolles Piſtol.“ „Welches ohne Zweifel einer der Diebe hatte fallen laſſen!“ „Ich hob es auf und nahm es mit nach Hauſe. Mein Vater befahl mir, es ſorgfältig aufzubewahren, es könne vielleicht eines Tages zur Entdeckung der Diebe beitragen. Ich habe es hier, ſehen Sie, Herr Savenay, in meinem Koffer; wollen Sie gefälligſt aufmachen, unten auf der linken Seite werden Sie es finden.“ Der Vater Savenay folgt der ihm angegebenen 153 Weiſung und zieht vald ein Piſtol hervor; er be⸗ trachtet es neugierig und ruft aus:„Das iſt aber eine Luxuswaffe, die iſt ſehr ſchön für Straßenräuber!“ „O, die, welche über Sie hergefallen ſind, waren keine gewöhnlichen Räuber! Haben Sie denn nicht be⸗ merkt, daß ſie lakirte Stiefeln, ſchöne Beinkleider und Handſchuhe anhatten?“ „Ich habe Nichts bemerkt, mein Kind, ich war zu ſehr von Angſt und Furcht ergriffen; ich erinnere mich nur eines Piſtoles, welches meine Bruſt be⸗ drohte, während ein Köhlergeſicht zu mir ſagte: „Deine Brieftaſche, oder Du biſt des Todes!“ was aber die Phyſiognomie anbetrifft, ſo wäre ich ſehr in Verlegenheit, ſie zu ſchildern.“ „Ich verſichere Sie, Herr Savenay, daß es junge Leute waren, die wie Männer von Bildung ſprachen; außerdem ſagten ſie:„Wir ſind unkenntlich in dieſen Blouſen, dieſen Kappen und geſchwärzten Geſichtern, man wird nie vermuthen, wer wir ſind.“ „In der That, mein Kind, die Art des Beneh⸗ mens dieſer Räuber bringt mich ſo ziemlich auf die Anſicht, daß ſie im Stehlen noch nicht geübt waren. Nachdem ich ihnen meine Brieftaſche gegeben hatte, ſchickte ich mich an, ihnen meine Börſe und meinen Reiſeſack zu geben; aber keine Rede davon: ſtatt auf dieſe Dinge zu warten, gaben ſie meinem Pferde einen Hieb, Hammel ſchlägt den geſtreckten Trab an und in einer halben Stunde befand ich mich außer⸗ halb des Waldes.“ „Was haben Sie dann gethan, mein Herr?“ 154 „Was ich gethan habe? Kaum in Fontainebleau angelangt, begab ich mich zu dem Maire der Stadt und erzählte ihm, was mir begegnet war. Man ſchrieb meine Angabe nieder, aber als man ſah, daß ich noch mein Pferd, mein Gepäck und eine Börſe voll Gold hatte, bemerkte ich, daß ſich in allen Ge⸗ ſichtern ein Ausdruck des Zweifels malte; man war ſehr erſtaunt, daß ſich die Diebe mit meiner Brief⸗ taſche begnügt hatten, die übrigens allein weit mehr werth war als alles Uebrige. Ich erinnere mich ſo⸗ gar, daß einer der Anweſenden, der mir zugehört hatte, mit einer faſt ſpöttiſchen Miene kopfſchüttelnd zu mir ſagte:„Mein guter Mann, ſeid Ihr nicht viel⸗ leicht unterwegs auf Eurem Pferde eingeſchlafen und es hat Euch geträumt, Ihr ſeid angefallen worden?“ „Und meine ſechzigtauſend Franken,“ ſchrie ich,,glauben Sie, mein Herr, die Erbſchaft ſei auch ein Traum geweſen?“ Hierauf erwiederte man mir Nichts, ver⸗ ſprach mir aber, alle möglichen Schritte zu thun und ſogar Gendarmen auszuſchicken, um den Wald zu durchſtreifen und die beiden Verbrecher aufzuſuchen, die mich angefallen hatten. Man fragte mich nach ihrem Signalement und ich konnte weiter Nichts ſagen als: ſie hatten Blouſen an und Kappen auf, und man vermuthete, der Streich werde von zwei Vagabunden ausgeführt worden ſein. Ich blieb bis zum folgenden Tag in Fontainebleau, um auszu⸗ ruhen, mich von dem erlittenen Schrecken zu erholen und abzuwarten, ob man Richts von meinen Dieben höre. Aber am andern Tage erfuhr ich, daß das 155 Durchſtreiſen des Waldes von den Gendarmen durch⸗ aus keine Entdeckung herbeigeführt habe. Nun be⸗ ſann ich mich, was ich beginnen wolle: ich konnte wieder nach Nemours zurückkehren, mein Abenteuer erzählen und beim Hüttenmeiſter wieder um meine Stelle nachſuchen; man hätte ſie mir wieder über⸗ tragen, aber ich dachte: dem armen Mann, dem man ſie gegeben, der jetzt ſo glücklich iſt, weil er die Gewißheit hat, ſeine Kinder aufziehen zu können, werde ich alſo ſeine Verſorgung wieder rauben, ihn in Verlegenheit und Kummer verſetzen, die um ſo bitterer für ihn ſein werden, als er einige Tage der Freude und des Glückes gekannt hat? Meiner Treu', nein, das werde ich nicht thun. Ich habe ſechshun⸗ dert Franken bei mir, ich will nach Paris gehen, vielleicht finde ich dort ein kleines Aemtchen; wenn es noch ſo armſelig iſt, wird es mir genügen, dann verurſache ich doch Niemand Kummer!. Geſagt, ge⸗ than. Ich ſtieg auf meinen Hammel hinauf und kam nach Paris, und ſehen Sie, wie man ſtets für ſeine Wohlthat belohnt wird: gleich bei meiner Ankunft traf ich in dem Gaſthauſe, wo ich frühſtückte, den Commis eines Parfumeriehändlers en gros an, wel⸗ cher Schreibereien in Ordnung zu bringen hatte. Ich erzählte dem Commis meine Geſchichte: er intereſſirte ſich für mich, führte mich zu ſeinem Prinzipale, der mir die Stelle gab, mir jedoch gleich zum Voraus ſagte, daß die Beſchäftigung nur einige Monate dauere und ich mich dann anderwärts umſehen müſſe. Aber ich nahm ſie immerhin an und dachte: mit der 156 Zeit kommt Rath. Ich ſuchte ein Logis in der Nähe meines Handelsmannes, miethete dieſes, verkaufte meinen armen Hammel ach, um den that mir's leid, das muß ich geſtehen, aber ich beſaß nicht mehr Mittel genug, ein Pferd zu ernähren. Ich ſchaffte mir einige Möbeln an und war noch im Stande, einem armen jungen Mädchen ein Zimmer anzubie⸗ ten, welches man ſchwer krank zu dem Töpfer unten brachte, und dieſes junge Mädchen iſt zufällig Zeugin des Diebſtahls geweſen, der an mir verübt wurde; ſie hat unſern Herr Gott angerufen, daß mir die Räuber Nichts zu leid thun ſollen, und vielleicht hilft mir ihr Zeugniß und dieſe Waffe, die ſie gefunden hat, eines Tages noch zur Entdeckung meiner Diebe! Ach, Sie ſehen wohl, mein Kind, daß in dieſem Allem der Fingerzeig der Vorſehung zu bemerken iſt man hat daher Recht, nie zu verzweifeln!.. ha, ha, ha! „Schenkt einen Reiz meinem Philoſophiren, Daß ſchwinde trauriger Gedanken Noth, Das Glas zur Hand und Jeder laß regieren Der guten Leute Gott!“ Die Mittheilungen, die ſich der Greis und das junge Mädchen gegenſeitig gemacht hatten, befeſtigten die Freundſchaft, welche ſie bereits verband, noch inniger. Jetzt ſind ſie einander nicht mehr fremd, ſie kennen ſich und ein Geheimniß ſchließt ſie anein⸗ ander anz denn der gute Savenay iſt ganz der An⸗ ſicht von Roſa⸗Maria's Vater: auch er hält es für gerathen, mit Niemand von dem, was die Jungfrau 157 im Walde geſehen hat, zu ſprechen, da ſie dieſes tauſenderlei Gefahren ausſetzen könnte, wenn Dieje⸗ nigen, welche das Verbrechen begangen haben, er⸗ führen, daß ſie Zeuge deſſelben geweſen und eine Waffe beſitze, die ſie als Beweisſtück gegen ſie zu ge⸗ brauchen im Stande wäre. Man iſt alſo ſtreng übereingekommen, daß Roſa⸗ Maria weder der Frau Bichat noch ſonſt Jemand ſage, wo ſie den Greiſen ſchon geſehen habe, und dieſer legt das Piſtol wieder an ſeinen Ort in den Koffer und ſagt:„Man muß das auch nicht ſehen laſſen, muß es ſorgfältig vor Aller Augen verbergen und da Sie glauben, mein Kind, daß die, welche mich beraubt haben, Männer aus der vornehmen Geſellſchaft ſind, ſo kann der Zufall Sie zu ihrer Entdeckung führen. Sie können vielleicht eine ähn⸗ liche Waffe in ihren Händen ſehen, wenn Sie, was die Hauptſache iſt, vorſichtig ſind und ſich nicht dadurch dem Verrathen ihres Geheimniſſes ausſetzen. Uebrigens wird Ihr Vater ohne Zweifel bald nach Paris kom⸗ men und ich hoffe, er iſt derſelben Meinung wie ich.“ Allein mehrere Tage verſtreichen, Roſa⸗Maria kann ſchon wieder aufſtehen, im Zimmer auf und ab gehen, friſche Luft am Fenſter einathmen, und ihr Vater hat ihr noch nicht geſchrieben, iſt auch nicht, wie ſie vorausſetzte, nach Paris gekommen. Das junge Mädchen fängt an ſich zu beunruhi⸗ gen, weil Sie keine Nachricht von Hieronymus hat, und ſie iſt entſchloſſen, ſobald es ihre Kräfte erlau⸗ ben, in's Dorf zurückzukehren. ₰ 158 „Es wäre doch gut, wenn wir hier hätten Ihre Onkel finden können,“ ſagt Vater Savenay.„Da Ihr Vater nicht kommt, um Sie abzuholen, denkt er allem Vermuthen nach, es werde Ihnen noch gelun⸗ gen ſein, die Wohnung eines oder des andern ſeiner Brüder aufzufinden. Soll ich mich nicht noch einmal an den bezeichneten Orten erkundigen? Erinnern Sie ſich der Adreſſen noch?“ „Ich erinnere mich nur noch der erſten,“ antwor⸗ tet Roſa,„wo ich meinen Onkel Nicolaus Gogo finden ſollte: es war in der St. Lazarusſtraße Nr. 60, dort bin ich zuerſt geweſen.“ „St. Lazarusſtraße Nr. 602 Potz Kuckuk! das iſt ſonderbar,“ ruft der Greis aus,„ich meine, unter derſel⸗ ben Adreſſe ſollte ich den Herrn St. Godibert finden, bei dem ich meine Gelder anzulegen beabſichtigte.“ „Haben Sie ihn denn nicht beſucht, ſeit Sie in Paris ſind?“ „Wozu, mein Kind? was hätte ich dort machen ſollen? Zu ihm ſagen:„Mein Herr, man hat mir das Geld geſtohlen, das ich bei Ihnen anlegen wollte!“ das war überflüſſig. Aber ich habe den Empfehlungs⸗ brief aufbewahrt, den mir Herr Candrillon an ſeinen Freund mitgegeben hat; ich will ihn einmal holen und die Adreſſe nachſehen.“ Der gute Mann ſucht in der Taſche ſeiner Jacke, zieht einen noch verſiegelten Brief heraus und liest: „Herrn St. Godibert, St. Lazarusſtraße Nr. 60.“ „In dem nämlichen Hauſe ſollte mein Onkel Ni⸗ colaus wohnen,“ ſagt Roſa. 159 „O, dann, mein Kind, gehe ich; ja, ich will dieſen Herrn St. Godibert aufſuchen; Dank dieſem Schreiben wird er mich gut aufnehmen, ich bin es überzeugt, und durch ihn werden wir erfahren, ob Ihr Onkel Gogo früher in ſeinem Hauſe gewohnt 4 hat.“ Die Jungfrau dankt dem Vater Savenap für die Mühe, die er ſich abermals geben will, ihr nützlich zu ſein und dieſer verläßt Roſa⸗Maria mit den Worten:„Sie ſehen nun, daß unſer Zuſammen⸗ treffen keine Wirkung des Zufalls war!... die Vor⸗ ſehung weiß Alles anzuordnen. Laſſen Sie uns hoffen! Mir verdanken Sie vielleicht die Entdeckung Ihrer Onkel und ich Ihnen die Enideckung meiner Diebe.“ O Go 1 ſſ 6 2 8 9 10 11 12 13 14 1