Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Fünfundſiebenzigſter Theil. Stuttgart: Scheible, Bieger s Sattler. 1845. Die Familie Gogo. Paul de Roch. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Zweiter Theil. Stuttgart: Scheible, Bieger a Sattler. 1845* Erſtes Kapitel. Veränderte Lage. Ein Monat verſtrich ſeit dem Beſuche des Vetters Brouillard bei Roſa⸗Marig's Vater. In dem Hauſe des Landmannes war die Ankunft eines Pariſers ein Ereigniß, welches die gewöhnliche Einförmigkeit des Lebens unterbrach. Der Ackersmann verrichtet wie vorher ſeine Arbeit, die alte Manon ihre Geſchäfte in der Haushaltuug. Roſa⸗Maria näht und pflegt die Blumen des Gartens; ein Tag vergeht wie der andere, der kommende wie der verfloſſene. Dieſe für Manche einförmige Exiſtenz ſcheint Andern angenehm. Alles im Leben iſt Gewohnheit, es handelt ſich nur darum, ſich durch das, was man treibt, glücklich zu machen; wenn dieſes nur der Fall iſt, und man immer daſſelbe thut, ſo iſt man, wie leicht zu be⸗ greifen, ſehr glücklich. Roſa⸗Maria geht bisweilen nach Fontainebleau, um Stickereien zu holen oder hinzutragen; ſie bleibt aber immer ſo kurz als möglich in der Stadt, ſie hält ſich auch nicht mehr unterwegs auf, geht nicht Paul de Kock. LXXV. 1 6 mehr durch den Wald, ſondern kehrt jedes Mal ſchnell wieder zu ihrem Vater zurück. Die Jungfrau hat indeſſen die Singung mit den beiden Räubern faſt ganz vergeſſen und fühlt durchaus keine Angſt mehr, wenn ſie am Walde vor⸗ bei geht. Schleicht die Liebe ſich in unſer Herz, ſo hat ſie bald die Furcht verdrängt. Die Liebe iſt von allen Gefühlen das kühnſte; bieten wir ihretwegen nicht jeden Tag mit heiterer Miene den größten Ge⸗ fahren Trotz, ſetzen wir ihretwegen nicht unſern Ruf, unſer Vermögen, unſere Geſundheit und unſer Leben auf's Spiel? Wie viel Thorheiten, verwegene Unter⸗ nehmungen und kühne Handlungen hättet ihr nicht begangen, wenn euer Herz frei geweſen wäre; aber für ein Paar ſchöne Augen, einen ſüßen Kuß und die Ausſicht auf ein zärtliches Stelldichein, habt ihr ſie ohne Bedenken gewagt. Beſonders den Frauen verleiht ie Liebe einen Muth, eine Kühnheit und Verwegenheit, die unſerer alten Ritter würdig wären! Wie viele Bände könnte man damit anfüllen, wenn man alle Umſtände an⸗ zugeben vermöchte, wo die Damen eine Tapferkeit, eine Kaltblütigkeit und eine Geiſtesgegenwart an den Tag gelegt haben, die bei den Männern nie in ſo hohem Grade zu finden iſt! Drei Viertheile ihrer Zeit ſetzen ſie, ohne daran zu denken, ihren Ruf, ihre Ruhe, ihre Zukunft, oft ſogar ihr Daſein für einen Augenblick des Glücks, um die Gegenwart ihres Geliebten zu genießen, auf's Spiel. Da ſie faſt immer unbeſonnen und unklug ſind, muß der Mann⸗ 7 welchen ſie lieben, ſie zurückhalten, indem er ſie auf die ihnen drohende Gefahr aufmerkſam macht. Aber weit entfernt ihm für ſeine Beſorgniß um ſie dank⸗ bar zu ſein, werfen ihm dieſe Damen Mangel an Liebe vor, weil er der Vernunft Gehör gibt. All' dieſer ſchönen Eigenſchaften rühmen ſich die Damen nicht, ſie machen im Gegentheil ein Geheim⸗ niß daraus, denn gerade einer im Verborgenen ge⸗ pflogenen Neigung wegen zeigt ſich dieſes irrthümlich als das ſchwache bezeichnete Geſchlecht oſt ſo ſtark und ſo verwegen. So hätte auch Roſa⸗Maria, die dem Anſcheine nach ſo beſcheidene und in ihrem Weſen ſo ſchüchterne, ſanfte Jungfrau, wahrſcheinlich den Räubern Trotz geboten und würde ſich ohne Furcht auf die dunkel⸗ ſten Pfade des Waldes gewagt haben, wenn ſie hätte hoffen können, dort den jungen Maler zu treffen, welcher ihr Bildniß gemacht hatte. Allein ſie weiß, daß er nicht dort iſt; Leopold hat ihr mehrmals wiederholt, es werde, wenn er in dieſe Gegend zu⸗ rückkomme, ſein Erſtes ſein, ſich in das Dorf Avon zu begeben und ſich ihrem Vater vorzuſtellen. Außerdem hatte übrigens Roſa⸗Maria ihrem Va⸗ ter auch verſprochen, nicht mehr allein in den Forſt zu gehen, und wir müſſen vorausſetzen, daß ſie ihr Verſprechen gehalten hätte, ſelbſt wenn der junge Leopold wieder am Fuße der Felſen gemalt haben würde. Doch die Zeit verſtreicht, ohne den von Roſa⸗ Maria in der Tiefe ihres Herzens gewünſchten Be⸗ 8 ſuch herbeizuführen. Mehr als ein Mal hatte die Jungfrau im Sinne gehabt, mit Hieronymus von der Bekanntſchaft zu ſprechen, die ſie im Walde ge⸗ macht hatte; ſie dachte, ein Kind dürfe gegenüber von ſeinem Vater keine Geheimniſſe haben, beſon⸗ ders nicht, wenn dieſer ſo gütig und nachſichtig iſt. Aber ſo oft ſie von dem jungen Maler anfangen wollte, hielten ihr eine ihr unbegreifliche Empfindung und eine Verlegenheit die Worte auf der Zunge zu⸗ rück und Roſa verſchob dieſes Bekenntniß, das ſie zwar zu machen wünſchte, wovor ſie ſich aber zugleich fürchtete, immer wieder. Leopold hatte zu Roſa⸗Maria geſagt, es werde nicht mehr als ein Monat bis zu ſeiner Rückkehr nach Fontainebleau vergehen; dieſer Zeitraum war jedoch verfloſſen, ohne daß der Künſtler ſich im Dorfe ge⸗ zeigt hätte. Die Jungfrau, deren Bildniß er gemalt hatte, brachte einen großen Theil ihrer Zeit am Fenſter ſitzend zu, denn das Fenſter ging auf die Chauſſée nach Fontainebleau hinaus und gewährte eine weite Ausſicht, ſo daß man die auf Avon zuwandelnden Reiſenden lange vorher bemerken konnte, ehe ſie die erſten Häuſer des Dorfes erreicht hatten. Roſa⸗Maria arbeitete, aber ſie erhob die Augen oft von ihrem Geſchäfte, um nach der Chauſſée zu ſchauen, dann ſenkte ſie die Blicke wieder traurig auf die Nadel hinab; ſchwere Seufzer entrangen ſich ihrer Bruſt und ſie ſprach bei ſich:„Er komnit nicht! Vielleicht hat er mich ſchon vergeſſen, vielleicht ſieht er mein * * — 5 Bild nicht mehr an.. ach, ich will ihn auch vergeſſen es iſt aus.. ich will nicht mehr an ihn denken.“ Und in derſelben Minute ſchaute das junge Mädchen wieder auf die Chauſſée hinaus und ſpähte ſo weit in die Ferne, als es ihr möglich war. Hieronymus ſah, daß ſeine Tochter nicht mehr ſo heiter und nicht mehr ſo fröhlich und weit öfter in Gedanken verſunken war wie früher; aber er mochte ſich nicht mehr hierüber äußern, weil er bemerkt hatte, daß ſie ſeine Fragen verlegen gemacht und ihr wehe gethan hatten. Außerdem hatte der Landmann immer denſelben Gedanken: er war überzeugt, daß ſich ſeine Tochter auf dem Dorfe langweile und ihn zu ſehr liebe, um ihm dieſes zu geſtehen. Roſa langweilte ſich aber nicht, denn man kennt dieſe Empfindung gar nicht, wenn das Herz von Liebe erfüllt iſt, und das iſt ſogar die zuverläßigſte Entſchädigung, welche uns dieſe Leidenſchaft zum Er⸗ ſatze für die vielen Qualen, die ſie uns verurſacht, gewährt; aber Roſa⸗Maria fühlte mit jedem Tage die Hoffnung auf ein Wiederſehen des jungen Mannes, deſſen Blicke und Worte ihr Herz gerührt hatten, mehr und mehr ſchwinden. Die hoffnungsloſe Liebe iſt ein langſam zerſtörendes und verzehrendes Gift. Die Jungfrau beſaß nicht einmal das gewöhnliche Zufluchtsmittel der Verliebten zur Erleichterung ihrer Seele; ſie konnte nicht von ihrem Grame ſprechen, weil Niemand ihr Vertrauen beſaß. Im fiebenzehn⸗ ten Jahre ſeine Liebe und ſein Geheimniß für ſich behalten, iſt eine ſchwere Laſt! Eine Freundin wäre 10 für Roſa ein gar koſtbares Gut geweſen! Sie hätie den Kummer derſelben getheilt, ihre Hoffnungen be⸗ lebt; ſie hätte begriffen, warum das arme Kind ſeufzte, ohne daſſelbe lange darum zu befragen; denn beſonders zur Linderung der Liebesleiden hat die Vorſehung die Freundſchaft gegründet! Aber Hieronymus' Tochter hatte keine Freundin⸗ nen im Dorfe. Die jungen Mädchen ihres Alters, welche unwiſſend und roh geblieben waren, hatten mit neidiſchem Blicke ihre Anmuth, ihre artigen Ma⸗ nieren und die Fähigkeiten ihres Geiſtes ſich entwickeln ſehen. Statt ihr nachzuahmen, ſtatt ſie als Beiſpiel vor Augen zu haben, hatten ſie es für einfacher ge⸗ halten, ſich von der, welche ſie mit Mißgunſt be⸗ trachteten, zurückzuziehen.. man iſt auf dem Lande nicht beſſer als in der Stadt: die Bösartigkeit iſt im Gegentheil, da man weniger aufgeklärt iſt, um ſo gefährlicher; ſo daß die ſchöne Roſa⸗Maria immer träumeriſcher wurde, die Roſen ihrer Wangen erblaßten und kein Lächeln mehr auf ihre Lippen trat, es ſei denn, wenn ſie ihren Vater gewahrte, vor welchem ſie ihre Traurigkeit zu verbergen ſuchte. Dieſes war die Lage der Tochter des guten Landmannes, als eines Nachts, während die Bewoh⸗ ner Avons noch in tiefem Schlafe lagen, eine auf⸗ fallend flackernde Helle plötzlich einen Theil des Dorfes erleuchtete. Bald darauf läßt ſich Geſchrei hören, der Lärm nimmt zu, Stimmen rufen um Hilfe, die Landleute erwachen, die Fenſter werden geöffnet und man ſieht 11 mitten in der Nacht voll Entſetzen einen ſtrahlend hellen Himmel und die vom Widerſchein der Flammen erleuchteten Häuſer. „Es brennt! es brennt!“ ſchreit man von allen Seiten; und bei dieſem unheilvollen Rufe ſteigt Je⸗ des von ſeinem Lager auf; der Schrecken hat die Ruhe verſcheucht. Hieronymus iſt einer der Erſten, die erwacht ſind, er geht hinunter und erkundigt ſich. „Wo brennt es?“ fragt er. „Man glaubt bei Vater Thomaſſin in dem ſchönen Meierhofe, den er voriges Jahr hat bauen laſſen.. er hat vor wenigen Tagen erſt ſein Heu und ſein Getreide eingeheimst.“ Hieronymus will weiter Nichts hören: er zieht ſchnell ſeine Jacke und ſeine Blouſe an. Roſa und die alte Manon eilen erſchrocken herbei. „Was gibt es denn, Vater?“ „Was iſt denn geſchehen, Herr?“ „Was es gibt?. in Thomaſſins, meines alten Freundes Meierhof brennt es!“ „O Gott!“ „Und Ihr geht hin, Vater?“ „Glaubſt Du denn, Kind, ich bleibe ruhig in meinem Bette, während das Haus meines Freun⸗ des verbrennt?... da wäre ich ja ein feiger Tropf oder ein Unmenſch. Ich gehe, um Hilfe zu leiſten; ihr bleibt hier, man braucht euch nicht: Du, Roſa, biſt zu jung, Du, Manon, biſt zu alt; außer⸗ dem wird es an thätigen Armen nicht fehlen!“ „Begebet Euch nicht in Gefahr, Vater.“ 12 „Sei unbeſorgt.“ Hieronymus hat bereits ſein Haus verlaſſen und eilt dem Schauplatze des Brandes zu, wohin ihm übrigens faſt alle männlichen Einwohner des Dorfes folgen. In einem ſolchen Falle ſind die Nachbarn ſtets zum Beiſtand bereit. Geſchieht es wohl aus Menſchlichkeit oder aus Furcht, daß wenn die Feuers⸗ brunſt um ſich greife, dieſe auch ihr Haus verzehren möchte? Beſſer, man glaubt das Erſtere. Roſa und Manon bleiben unter der Hausthüre zurück; ſie beobachten angſtvoll das Umſichgreifen der Flammen, die bisweilen mit ſchauerlicher Haſt in die Höhe fahren und dem Himmel eine röthliche Helle verleihen; ſie flehen zu Gott, er möchte dem Brande Einhalt thun und verhindern, daß Hieronymus, deſſen Unerſchrockenheit ſie kennen, das Opfer ſeines Eifers und ſeiner Aufopferung für den Pächter Thomaffin werde. Zwei Stunden lang ſcheint der Brand, weit ent⸗ fernt abzunehmen, immer noch heftiger zu werden. Einige Kinder und Bäuerinnen, welche in der Nähe der Brandſtätte geweſen, kamen mit dem Geſchrei zurück:„Die ganze Scheune iſt verbrannt! Ach Gott, welches Unglück!“ „Und ein großer Theil des Wohnhauſes!“ „Vater Thomaſſin iſt zu Grunde gerichtet. Der hat Mißgeſchick!„ „Iſt Jemand dabei umgekommen?“ „Zwei Kühe und die Dienſtmagd Maria⸗Jo⸗ hanna!“ 13 „Zu mir hat man geſagt, bloß drei Kälber.“ „Bah! man weiß es noch nicht... außerdem brennt es ja noch immer! Die Spritzenmänner von Fontainebleau ſind gekommen, aber ſie haben geſagt, der Meierhof könne nicht mehr gerettet werden.“ „Mir hat man geſagt, das ganze Dorf werde verbrennen es wird gut ſein, wenn wir unſere Habſeligkeiten zuſammenpacken.“ Roſa⸗Maria hört bebend zu; aber die alte Ma⸗ non ſagt leiſe zu ihr:„Glaubt nicht an dieſes Ge⸗ ſchwätz, Mamſell, ich wette, ſie wiſſen nicht mehr als wir, allein die Menſchen haben eine fürchterliche Vorliebe, die Schilderung eines Unglücks zu ver⸗ größern!“ Endlich fängt der Tag an zu grauen, und zu gleicher Zeit ſcheint die Gewalt des Feuers abzu⸗ nehmen. „Der Brand thut Einhalt!“ ruft Roſa freu⸗ dig aus. „Nein,“ verſetzt eine Bäuerin,„man ſieht nur das Feuer nicht mehr ſo grell, weil es Tag iſt!“ Roſa hatte ſich indeſſen nicht getäuſcht, der Brand ließ allmälig nach, ein dicker Rauch folgte ihm bald, und als dieſer ſich zertheilt hatte, ward der Himmel klar. Dann erſt kehrte Hieronymus ſchweiß⸗ triefend mit da und dort verbrannten Kleidern und einer ziemlich großen Wunde an der Stirne zu ſeiner Tochter zurück. Sein Erſtes iſt, auf ſein Kind zuzu⸗ eilen und es zu küſſen. „Mein guter Vater!.. ach, da ſeid Ihr endlich,“ 7 ruft Roſa, ihren Vater in die Arme ſchließend, aus. „Ach, ich war in Angſt um Euch.. aber Ihr ſeid ja an der Stirne verwundet!“ „Es iſt Nichts, Kleine, ein Ritz, kaum der Mühe werth, daß man davon ſpricht!“ „Und wie geht's bei Thomaſſin?“ „Es iſt glücklicher Weiſe Niemand umgekommen. Ich habe Maria⸗Johanna noch bei Zeit herausgezogen; ſie iſt mit ein paar Brandmalen davongekommen!“ „Ach, welches Glück!“ „Das Mißgeſchick iſt alſo nicht ſo groß, wie man anfangs glaubte, Herr?“ „Das Mißgeſchick,“ ſagt Hieronymus mit einem tiefen Seufzer,„das iſt ſo ſchon groß genug. Doch ich muß ein wenig ausruhen ich will mich auf mein Bett legen, und bei meinem Erwachen habe ich Dir ein Wörtchen zu ſagen, Röschen, hörſt Du? denn dieſes Ereigniß.. Allein ich will ſuchen, ein bischen einzuſchlummern, der Schlaf gibt oft gute Rathſchläge, ſo viel man ſagt. gehe, ruhe auch noch ein paar Stunden aus, mein Kind, Du bedarfſt es.“ Roſa gehorcht, aber in ihr Zimmer zurückgekehrt, fühlt ſie, daß es ihr unmöglich iſt, Ruhe zu finden; der Ausdruck von Wehmuth, welcher die Stirne ihres Vaters verdüſterte, während er die Worte ſprach: bei meinem Erwachen habe ich Dir ein Wörtchen zu ſagen?, hatte ſie mit Schrecken erfüllt. Sie be⸗ greift, daß man Antheil an dem Unglück ſeines alten Freundes nimmt, wenn man aber durch ſeinen Muth einem Unglück Einhalt gethan, durch Ausſetzung des eigenen Lebens das eines Nebenmenſchen gerettet hat, ſollte man mit ſich zufrieden ſein und ſich keine Trau⸗ rigkeit in unſern Zügen malen. Dieſen Betrachtungen gibt ſich das junge Mädchen hin, indem ſie ungeduldig auf das Erwachen ihr 3 Vaters wartet. Endlich erſcheint Hieronymus, er denkt nicht mehr an die Anſtrengungen der Nacht, aber es ſtrahlt nicht die gewöhnliche Heiterkeit aus ſeinen Blicken, und ohne ein Wort zu ſagen, ſetzt er ſich neben ſeine Tochter und ſieht ſie ſeufzend an. „Mein Gott, was iſt Euch denn, Vater?“ ruft Roſa beunruhigt aus;„ich habe Euch nie mit ſo betrübter Miene geſehen.. iſt Euch denn ein unglück begegnet?“ „Ja, mir.. und hauptſächlich Dir, Kleine!“ „Mir? das verſtehe ich nicht.“ „Ich will Dir Alles erzählen, mein Kind, denn Du mußt es doch früher oder ſpäter erfahren, da⸗ mit. denn.. ſchau'.. Ich verwirre mich!... ich will Dir die Sache alſo ohne Umſchweife mit⸗ theilen: durch Thätigkeit und Sparſamkeit war es mir gelungen, ein hübſches Sümmchen von zehn⸗ tauſend Franken zuſammenzubringen.. ja, meine Tochter, zehntauſend Franken freies Geld. ah, der Tauſend! ſie waren die Frucht fünfzehniähriger Ar⸗ beit.. und dieſes Geld hatte ich für Dich zuſammen⸗ geſpart.... „Für mich, mein Vater?“ „Ja, mein Kind, das war Dein Heirathsgut.. es war zwar kein Vermögen, aber es wäre doch bei 16 einem geordneten fleißigen Gatten genug zur erſten Einrichtung geweſen. Wohlan, meine arme Tochter, dieſe Summe ach, ich hatte nicht daran gedacht, ſie auf Intereſſen anzulegen. ich verſtehe Nichts von Geldgeſchäften. dieſe Summe alſo bewahrte ich in einer Ecke auf, ſo wuchs ſie anz denn weit entfernt, ſie zu berühren, ſagte ich immer bei mir: „Das iſt meiner Tochter Heirathsgut, es muß ſich vermehren und nie vermindern.... „Mein gutes Väterchen!“ „Laß mich vollenden, mein Kind. Vor einem Jahre, Du wirſt Dich deſſen erinnern, ſtieß Thomaſſin ein großes Unglück zu; eine noch ärgere Feuersbrunſt als die in der letzten Nacht verzehrte ſeinen ganzen Meierhof und machte ihn und ſeine Kinder obdach⸗ los; die armen Leute mußten Geld haben, um ihre Wohnung wieder aufbauen zu laſſen und ihre Ge⸗ ſchäfte wieder beginnen zu können, und Niemand lieh ihnen welches, weil man ſie für zu unglücklich hielt! Meiner Treu'! da kam mir der Gedanke, ſie zu unterſtützen... und ich brachte ihnen das zu Dei⸗ ner Mitgift beſtimmte Geld, um ihr Haus wieder aufbauen zu laſſen.“ „O, Ihr habt Recht gehabt, mein Vater.“ „Du billigſt es? um ſo beſſer. o, ich weiß es wohl, daß Du es ebenſo gemacht hätteſt wie ich! Ich wußte, daß Thomaſſin ein rechtſchaffener Mann iſt und es ſich es angelegen ſein ließe, mir das Geld wieder heimzuzahlen, ſobald ſeine Geſchäfte wieder im Gang ſein würden.. und ſchau', gerade heuer ——,— —,— 17 war der Sommer gut und die Getreideernte vor⸗ trefflich!... Erſt vor wenigen Tagen ſagte Thomaſſin zu mir:„Nachbar, in einigen Wochen kann ich Dir ſchon tauſend Thaler heimgeben“... Der arme gute Mann.. er konnte die Ereigniſſe nicht vorausſehen! Du weißt, was ihm dieſe Nacht geſchehen iſt... Thomaſſin iſt auf's Neue in Armuth geſtürzt, und Du wirſt begreifen, daß ich nicht an die Summe denken darf, die er mir ſchuldig iſt! Kann ich Etwas von Leuten verlangen, welche das Unglück verfolgt? O, weit entfernt davon, glaube ich, daß wenn ich noch über weiteres Geld zu verfügen hätte, ich es ihm wieder bringen würde, um ihm damit aufzuhel⸗ fen. Aber das mag ſein, wie es will, Du haſt kein Heirathsgut mehr, mein armes Kind, und das macht mir ſo viel Kummer!“ „Wie, mein Vater, deßhalb ſeid Ihr ſo traurig 2. ſagt Roſa, indem ſie Hieronymus bei der Hand nimmt. „Mein Gott, Kleine, es iſt wohl der Mühe werth!“ „Sich des Geldes wegen zu betrüben?.. O, ich verſichere Euch, mein Vater, daß das nicht der Mühe werth iſt. Mir iſt es ſehr gleichgültig, ob ich Ver⸗ mögen habe oder nicht. Glaubt Ihr, daß wenn mich Jemand lieb genug hat, mich zur Ehe zu wünſchen, er ſich erkundigen werde, ob ich Geld habe? O, ich bin überzeugt, er wird nicht darnach fragen„ Hieronymus bemerkt nicht, mit welcher innigen Ueberzeugung ſeine Tochter von dieſem Er ſpricht, den ſie, ſeiner Meinung nach, noch nicht kenntz aber 18 er lächelt, indem er entgegnet:„Meine Kleine, Du ſprichſt wie ein ſiebenzehnjähriges junges Mädchen, welches noch keinen Begriff von der Welt hat! Ich⸗ ſiehſt Du, habe, obgleich ich meinen Pflug und mein Dorf kaum verlaſſen, doch genug Lebenserfahrung geſammelt, um zu wiſſen, daß das Geld die noth⸗ wendigſte Sache iſt, wonach die Menſchen am meiſten trachten, da es faſt durchgängig viel zum Glück bei⸗ trägt. Es iſt daher ſehr ärgerlich, daß Dein Geld in den Flammen aufgegangen iſt, denn ich habe fünf⸗ zehn Jahre an dieſer Summe geſpart, und Du kannſt nicht noch ein Mal fünfzehn Jahre warten, bis Du Dich verheiratheſt. Deßhalb habe ich bei mir gedacht: da ich Nichts mehr zur Verſorgung meiner Tochter thun kann und dieſe, wenn ich ſie bei mir behalte (ohne daß ich im Stande bin, ihr eine Mitgift mit⸗ zugeben), nur eine ſchlechte Parthie treffen und einen rohen, ihrer unwürdigen Menſchen heirathen kann, ſo muß ich den Muth haben, mich von ihr zu trennen und ſie zu ihren Onkeln nach Paris ſchicken. Dieſe ſind im Stande ſich ihrer anzunehmen, einen paſſenden Mann für ſie zu finden, und ſie werden, wenn ſie ihre ſo artige, ſo hübſche Nichte ſehen, welche ſich ſo gut zu benehmen weiß, ſtolz auf ſie ſein, mir nicht genug danken können, daß ich ſie ihnen zuge⸗ ſchickt habe, und mit Freuden für Dein Glück Sorge tragen.“ Roſa⸗Maria iſt ganz ſtarr vor Staunen über ihres Vaters Worte; als er zu ſprechen aufgehört hat, blickt ſie ihn bekümmert an und ſtammelt: 19 „Wie? Ihr wollt mich von Euch entfernen?... Ihr wünſcht, daß ich Euch verlaſſe?“ „Um Deines Glückes willen, mein Kind. O, ich brauche Dir nicht zu ſagen, wie ſchwer es mich an⸗ kommt... Du weißt es ſo gut als ich. allein man muß Muth haben. Dieſer Gedanke beſchäftigt mich ſeit ich von Thomaſſin zurück bin, denn ich habe nicht geſchlafen und wohl eingeſehen, daß nicht zu zauder iſt. 3 „Aber, Vater, ich langweile mich ohne Euch.“ „Potz Kuckuk! ich langweile mich noch viel mehr! Es handelt ſich aber darum, vernünftig zu ſein; außer⸗ dem iſt die Trennung ja nicht auf ewig! Wir ſind auch keine zweihundert Stunden von einander ent⸗ fernt.. und ich komme manchmal nach Paris, um Dich zu beſuchen, dann...“ „Wenn mich aber meine Oheime nicht gut auf⸗ nehmen. mich nicht bei ſich zu behalten wünſchen?“ „Das iſt nicht möglich!.. allein es mag gehen wie es will, ſo bleibt Dir Deines Vaters Haus immer noch übrig und Du kannſt ſtets wieder hierher zu⸗ rückkehren!“ „Und Ihr begleitet mich nicht zu Euren Brüdern?“ „Nein! Erſtens, liebes Kind, iſt meine Gegenwart hier ſehr nothwendig... ich verdiene nur ſo viel, daß ich mich ehrlich durchbringen kann.. es iſt jetzt nicht davon die Rede, müßig herumzuſtreichen; dann iſt es vielleicht auch der arme Thomaſſin bedürftig, daß man ihm thätig unter die Arme greift und ein bischen für ihn arbeitet.. Soll man ihm den Rücken 20 zukehren, weil er zu Grunde gerichtet iſt? Auch denke ich, daß Dich Deine Onkel, wenn Du allein zu ihnen kommſt, weit weniger fortſchicken können... O, ſie würden es nicht über's Herz bringen.. und wenn ſie Dich erſt kennen, haben ſie Dich bald lieb. Wer könnte auch anders? Es vleibt alſo dabei, es iſt eine ausgemachte Sache, und da wir Entſchloſſenheit zeigen müſſen, triffſt Du heute Deine Vorbereitungen, packſt Deine Effekten in einen Koffer und gehſt mor⸗ gen nach Paris.“ „Morgen?“ „Ja! ich gebe Dir das Geleite bis Fontainebleau, dort ſteigſt Du in einen Wagen, der Dich bis Cor⸗ beil führt, wo Du Dich auf die Eiſenbahn ſetzeſt und in einer Stunde darauf biſt Du in Paris. Wir haben zum Glück die genauen Adreſſen meiner beiden Brüder, die uns Vetter Brouillard gegeben hat. Du nimmſt das Papier mit, auf welches Du ſie aufge⸗ ſchrieben haſt, gibſt fein recht Acht, daß Du es nicht verlierſt; im Uebrigen biſt Du nicht ungeſchickt, weißt Dich gut auszudrücken und es wird Dir Jedermann in Paris Deinen Weg zeigen können.“ Hieronymus küßt ſeine Tochter, indem er ſie noch⸗ mals verſichert, daß ſein Entſchluß unwiderruflich ſei, dann begibt er ſich heitern Muthes an ſeine Arbeit, denn er iſt überzeugt, daß der von ihm gefaßte Plan das Glück ſeiner Tochter ſicherſtellen und der an⸗ genehme Aufenthalt in Paris Roſa's früheren Froh⸗ ſinn wieder erwecken und die friſche Farbe ihrer Wangen zuxückrufen werde. 21 Was die Jungfrau betrifft, ſo weiß dieſe vielleicht ſelbſt nicht recht, was in ihrem Innern vorgeht; ſie empfindet einen lebhaften Schmerz, ihren Vater ver⸗ laſſen zu müſſen, aber mitten in ihrem Kummer tritt bisweilen ein Gedanke vor ihren Geiſt: der junge Mann, welcher ihr Bild gemacht hat, lebt in Paris, und ſie hofft, wenn ſie in derſelben Stadt mit ihm wohnt, ihm begegnen zu können. Es iſt unſtreitig einigermaßen Unrecht, in dem Augenblicke, wo ſie ihren Vater verlaſſen ſoll, an den jungen Maler zu denken; aber was wollt Ihr machen? die Menſchheit iſt einmal ſo, und ohne Zweifel würde Roſa⸗Maria ohne die Erinnerung an Leopold noch ungerner nach Paris gereist ſein. Am folgenden Morgen war das junge Mädchen mit ihren Vorbereitungen zur Reiſe fertig; ſie hatte ein kleines Strohhülchen aufgeſetzt, welches etwas tief in ihre Stirne hereinging und theilweiſe ihr hübſches Geſichtchen verbarg; ihr Anzug war einfach, aber paſſend und züchtig. Hieronymus hatte ſeine neue Blouſe angezogen und ſeinen breit geränderten Hut aufgeſetzt. Er blickte ſtolz auf ſeine Tochter und rief aus:„O, meine Brüder werden mir danken, daß ich Dich ihnen zugeſchickt habe.“ 2 In einer Ecke der untern Stube weinte die alte Manon und ſprach kein Wort. „Ei, Manon,“ ſagt der Landmann, auf die alte Magd zutretend,„ich weine nicht, und Du kannſt Dir wohl denken, daß es mir wehe thut, mich von meiner Tochter zu trennen.“ Paul de Kock. LXRv. 2 22 „O, Ihr.. Ihr ſeid ein Mann!“ entgegnei Manon; „außerdem ſpielt Ihr jetzt den Muthigen, aber wenn Ihr wieder zurückkommt, weint Ihr ſo gewiß als ich.“ „Das iſt nicht wahr! Der Gedanke, es ſei das Glück meiner Tochter, wird mein Herz ſtärken.“ „Wohlan, ich bin ſelbſtſüchtiger, denn ich möchte mich nicht von Denen trennen, bei denen ich gerne bin! Alſo adieu, Mamſelle, kommt bald wieder, falls es Euch in Paris nicht gefällt... Wenn übri⸗ gens alle Eure Verwandten ſind wie Vetter Brouil⸗ lard, der vergangenen Monat hier war, ſo mag es nicht die angenehmſte Geſellſchaft ſein.“ „Potz Sapperment, Manon, ſchweig doch! Sag', meine Tochter, haſt Du Alles bei Dir, was Du brauchſt?“ „Ja, Vater... Ach, mein Gott, jetzt fällt mir's erſt ein... es wird aber nicht der Mühe werth ſein! „Was denn, mein Kind?“ „Ich erinnere mich des kleinen Piſtoles, welches ich gefunden habe.. Ihr wißt es ſchon, Vater...“ „Ja haſt Du es nicht bei Dir?“ „Nein.. ich meine, es ſei mir in Paris über⸗ flüſſig.“ „Im Gegentheil, mein Kind, im Gegentheil, nach Allem, was Du mir erzählt haſt, kannſt Du eher in Paris als irgend ſonſt wo den Eigenthümer ent⸗ decken.“* „Glaubet Ihr? Aber wenn ich ihn in der Lhat entdeckte, was müßte ich thun?“ 23 „Klug zu Werke gehen und vorher Deine Onkel oder irgend Jemand, der Deine Handlungen leiten könnte, um Rath fragen. Jedenfalls nimm die Waffe mit und verwahre ſie ſorgfältig in Deinem Koffer. Vergiß aber beſonders nicht, was ich Dir anempfoh⸗ len habe. Sage Niemand Etwas von Deinem Aben⸗ teuer im Walde, damit, wenn Dich der Zufall mit einem der Räuber zuſammenführt, dieſer nicht weiß, daß Du Zeugin ſeines Verbrechens geweſen biſt! Das iſt von großer Wichtigkeit, mein Kind!“ „Ich werde zu ſchweigen wiſſen, Vater, ich ver⸗ ſpreche es Euch.“ Die Jungfrau holt das Piſtol an dem Orte, wo ſie es verborgen hat und legt es zu unterſt in ihren Koffer, den ihr Vater einem kleinen Bauernjungen aufladet, der ſie nach Fontainebleau begleitet. Dann gibt Roſa⸗Maria der alten Magd einen Kuß, wirft noch einen Blick nach ihrem Fenſter, ih⸗ rem Garten, ihren Blumen und hängt ſich an den Arm ihres Vaters, der mit ergriffener Stimme ſagt: „Es iſt Zeit fortzugehen, mein Kind.“ Vater und Tochter machen ſich auf den Weg und der Knabe mit dem Koffer folgt ihnen. Unterwegs drückt Hieronymus den Arm ſeiner Tochter oft zärt⸗ lich und Roſa thut ein Gleiches, ohne im Stande zu ſein, ihre Gefühle auszuſprechen; ſie verſtehen ſich aber deſſenungeachtet Beide. Der Weg kommt ihnen kurz vor, obgleich ſie ihn faſt wortlos zurücklegen. In Fontainebleau ange⸗ langt, begeben ſie ſich unverzüglich an den Ort, wo 24 ſich der nach Corbeil abgehende Wagen befindet. Hieronymus erblickt mit Vergnügen in dem Conduc⸗ teur einen alten Bekannten. Während er bei Auf⸗ packung des Koffers hilft, empfiehlt er ihm ſeine Tochter; hierauf kehrt er zu Roſa⸗Maria zurück. „Bertrand fährt Dich nach Corbeil,“ ſagt erz „ich kenne ihn, es iſt ein braver Mann, er wird Dich überwachen und Sorge tragen, daß Dein Koffer auf die Eiſenbahn kommt. Ich bin jetzt weit ruhiger, mein Kind, denn nun bin ich überzeugt, daß Du ohne Widerwärtigkeiten nach Paris gelangſt, und biſt Du einmal dort, ſo wirſt Du die Wohnung Deiner beiden Onkel ſchon finden können... Geh' zuerſt zu Nicolaus, er iſt der Aeltere, ihm biſt Du den erſten Beſuch ſchuldig, und wenn es Dir bei ihm gefällt, ſo bleibe. Hier haſt Du Geld.. es ſind fünfundzwanzig Franken ſtecke ſie in Deine Taſche.“ „Wozu mein Vater?“ „Man muß immer Geld bei ſich haben, meine Kleine; man weiß nicht, was Einem begegnen kann. Außerdem mußt Du Deinen FPlatz auf der Eiſenbahn bezahlen und Du nimmſt einen von den erſten, hörſt Du? Ich gebe nicht zu, daß Du in einem der Waggon? ſitzeſt: Du mußt Deinen Platz in einem gepolſterten Wagen nehmen; und wenn Du etwa in Paris fahren willſt...“ „O, ich kann wohl gehen, Vater!“ *Unter Waggons verſteht man gewöhnlich die offenen, un⸗ bedeckten, nicht gepolſterten Wagen. 25 „Ach, der Kuckuk! den Brief, den ich an meinen Bruder geſchrieben habe, hätte ich beinahe vergeſſen, Dir zu geben.“ Hieronymus zieht einen Brief aus der Taſche und überreicht ihn ſeiner Tochter mit den Worten: „Schau', mein Kind, den überbringſt Du ihnen.. Ja, ich ſchreibe freilich nicht wie Du, aber meine Brüder kennen meine Handſchrift ſchon und wiſſen wohl, daß ich kein Gelehrter bin. Die Hauptſache iſt, daß ich ihnen darin ſage, ich ſchicke ihnen meine rechtſchaffene, tugendhafte, arbeitſame Tochter.. kurz, einen wahrhaften Schatz, den ich ihrer Obhut anempfehle. Was Dich anbetrifft, Roſa, ſo habe ich Dir keinen Rath zu geben, denn ich kenne Dein Herz, Deinen Verſtand, Deine Grundſätze ich weiß, daß Du nie von dem Pfade der Tugend weichen wirſt und deßhalb laſſe ich Dich beruhigt nach Paris gehen.“ Statt aller Antwort umarmt Roſa⸗Maria ihren Vater und ſagt mit jenem Ausdruck, der von Her⸗ zen kommt, zu ihm:„Ich will Eurer immer würdig ſein und nie vor meinem Vater erröthen müſſen.“ „Schnell in den Wagen, Mamſelle, wir fahren ſogleich ab.“ Die Stimme des Kutſchers durchbebte den guten Landmann, denn ſie verkündete, daß der Augenblick der Trennung gekommen war. „Schon?“ murmelt das junge Mädchen, ihren Vater anblickend. Und zwei große Thränen floßen aus ihren Au⸗ 26 gen. Aber Hieronhmus will ſich nicht weich machen laſſen; er führt Roſa⸗Maria zu dem Wagen, hilft ihr ſelbſt einſteigen und entfernt ſich, während er ihr noch zuruft:„Du ſchreibſt mir, mein Kind, Du ſchreibſt mir und beſuchſt mich, wenn Dir die Zeit zu lang wird!... Sei vernünftig, dann wirſt Du glücklich werden!...“ Bald darauf hört man die Peitſche knallen, die Pferde traben davon und der Wagen fährt mit Der, welche das ganze Glück und den ganzen Stolz Hie⸗ ronymus' ausmacht, Corbeil zu. Jetzt erſt fährt Roſa's Vater mit der Hand über ſeine Augen und ſtößt einen tiefen Seufzer aus, in⸗ dem er bei ſich ſelbſt ſpricht:„Nun werde ich ſehr einſam ſein.. aber es geſchieht zu ihrem Glücke... denn ſie fing an traurig zu werden. ihre Geſund⸗ heit und ihre Heiterkeit gingen verloren... ſie muß ſich im Dorfe gelangweilt haben.. ich that wohl daran, ſie nach Paris zu ſchicken, ſie wird dort glück⸗ licher ſein... dieſer Gedanke ſoll mich tröſten.“ Damit tritt Hieronymus wehmüthig den Rückweg in ſein Dorf an. Zweites Kapitel. Eine Reiſe auf der Eiſenbahn. Verſetzen wir uns auf den Eiſenbahnweg, der von Orleans nach Paris führt, in einen dieſer Wa⸗ 27 gen vder Diligencen, wie ſie genannt werden, wo die Reiſenden auf ziemlich weichen Polſtern ſitzen und vor dem Einfluſſe der Witterung geſchützt ſind. Der Wagen, welcher zehn Plätze in ſich faßt, iſt mit neun Perſonen angefüllt. In einer Ecke fällt zuerſt eine große ſtarke Frau von fünfundvierzig Jahren in die Augen, welche den Vorzug hat, fünfzigjährig zu ſcheinen. Ihr etwas kupferfarbiger Teint und ihre große platte Naſe ver⸗ leihen ihr eine bedeutende Aehnlichkeit mit einer Be⸗ duinin; ſie hat dabei übrigens noch ziemlich lebhafte ſchwarze Augen, auch noch ordentliche Zähne, und ihre Häßlichkeit würde nicht auffallen, wenn ſie ſich nicht ſo eitel friſirte und kleidete und durch ihre Manieren und ihr Geſpräch die Blicke und Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich zu ziehen ſuchte. Neben dieſer Dame ſitzt ein fünfzigjähriger, klei⸗ ner aber vreitſchultriger, vierſchrötiger Mann mit einem großen Kopfe, aber einer niedern ſchmalen Stirne: die Haare fallen ihm faſt über die Augen herein, ſeine Augen ſind ſtechend und ausdruckslos, ſeine Naſe ſehr kurz, die Backenknochen treten ſicht⸗ lich hervor, der Mund iſt einfältig, kurz, die ganze Phyſiognomie gemein, aber trotzdem iſt die Miene deſſelben ſehr zuverſichtlich, beinahe unverſchämt, wenn er glaubt, man ſehe ihn an; dieſes iſt das Aeußere der Perſon, welche die Dame, ſeine Nach⸗ barin, bald Herr St. Godibert.. bald mein liebes Herz bald mein Männchen oder mein Gemahl nennt. je nachdem ſie bei Laune iſt; unterwegs 28 bieß die große Frau ihren Mann beinahe immer Herr St. Godibert. Neben dieſem Herrn ſitzt ein etwa zwanzigjähri⸗ ger Jüngling, der wie alle jungen Leute von Paris, die ſich gut anzuziehen wiſſen und Vermögen haben, gekleidet iſt. Er iſt nicht hübſch, obwohl in ſeinen Zü⸗ gen nichts Unangenehmes liegt; allein ſeine Adler⸗ naſe, ſein eingekniffener Mund, ſeine blaßblauen Augen und ſeine hellbraunen Haare, die jedes ein⸗ zeln betrachtet, tadellos ſind, machen ein nichtsſagen⸗ des Ganzes aus, dem jeder Reiz abgeht; endlich fehlt es dem jungen Mann an einer freien, offenen Miene und ſeine einſchmeichelnden Augen blicken im⸗ mer ſeitwärts; vielleicht muß man das Zurückhal⸗ tende ſeines Weſens der Schüchternheit zuſchreiben, die er ſtets in Gegenwart ſeines Vaters, Herrn St. Godiberts, und beſonders ſeiner Mutter empfindet⸗ welche viel Unterwürfigkeit und Reſpekt von ihrem Sohne verlangt. Die daneben befindliche Perſon, welche, weil ein Platz unbeſetzt iſt, die andere Ecke einnimmt, iſt ein bejahrter Mann; dieſer iſt dergeſtalt in ſeinen Pa⸗ letot eingewickelt, mit einer ſchwarzſeidenen Mütze, einer ungeheuren Perrücke und einer mit Pelz ver⸗ brämten Reiſekappe bedeckt, daß man kaum ſein Ge⸗ ſicht ſieht, denn trotzdem, daß es erſt Ende Auguſt iſt, iſt der Herr doch eingehüllt, als ob er erfrieren müßte. Beim Einſteigen in den Wagen hatte er mehrere runde grünlederne Kiſſen unter dem Arme, wie man ſolche gewöhnlich auf ſeinen Lehnſtuhl oder — —,——— ——— 6 — Seſſel legt, wenn man mit einer gewiſſen Krank⸗ heit behaftet iſt, die Einem das Sitzen ſchwer macht. Der Herr hat zuerſt zwei ſeiner Luftkiſſen über ein⸗ ander auf ſeinen Platz gelegt und ſich, um zu pro⸗ biren, ob dieß hinreichend ſei, unter fürchterlichem Stöhnen, Fluchen und den kläglichſten Grimaſſen dar⸗ auf geſetzt; ſeine Miene behielt auch während der ganzen Reiſe den griesgrämigen, beinahe zornigen Ausdruck bei, den ſie bei ſeinem Niederſitzen ange⸗ nommen hatte. Ein ſolcher Reiſegefährte gehört nicht zu den beliebteſten; da man aber unter dem Pelzwerk und den doppelten Weſten des alten Herrn eine pracht⸗ volle Diamanten⸗Stecknadel und an den Fingern zwei Edelſteine von ſeltener Schönheit glänzen ſah, ſo betrachtete ihn das Ehepaar St. Godibert mit einer Art Hochachtung, und der Gatte hatte mehr⸗ mals die Aufmerkſamkeit ſo weit ausgedehnt, daß er zu ſeinem Sohn geſagt hatte:„Julian, nimm Dich in Acht, daß Du den Herrn nicht genirſt laß ihm gehörig Platz.. er ſcheint unwohl... ſetze Dich nicht zu dicht neben ihn!“ Dem jungen Mann war durchaus Nichts daran gelegen, ſich dem Herrn mit den Luftkiſſen zu nähern und dieſer erwiederte Herrn St. Godiberts Höflich⸗ keit mit einer Art Gegrunze, aus dem man folgende Worte unterſchied:„Ach, der Kuckuk!.. ja. ja Jlatz! ich habe genug!... Ach, Sapperment! wenn ſie wüßten, was mir wäre, würden ſie nicht ſo unruhig ſein.“ 30 Auf der andern Bank ſaß Frau St. Godibert, gegenüber ein ſchön frifirter Herr, der über ſich ſelbſt, über die Fahrt auf der Eiſenbahn, über die Reiſe⸗ geſellſchaft, kurz, über Alles entzückt ſchien; keine zwei Minuten vergingen, ohne daß dieſer Herr mit ſeinem friſchen Teint und ſeinen rothen Lippen(der jenen Wachspuppen glich, die man ſo prächtig friſirt in den Läden der Haarkünſtler ſieht), ſeine Cravattenzipfel betrachtete und ſeinen Backenbart ſtrich. Er war mit allen möglichen Wohlgerüchen einbalſamirt, es war eine Miſchung von Jasmin⸗, Roſen⸗ und Patchouli⸗ Duft, daß man nicht wußte, welcher der ſtärkſte war, der Einem aber ſo ſtark in die Raſe ſtieg, daß es die Kopfnerven angriff. Neben dieſem Herrn ſaß ein junges hübſches Frauenzimmer mit einem pikanten, heitern, ſogar lo⸗ ckenden Geſichte, ſchönen dunkelblauen Augen, die ſie ſelten zu Boden ſchlug, roſigen Lippen, ſchnee⸗ weißen Zähnen, einem ſchelmiſchen Lächeln, braunen Haaren, kurz, einem höchſt angenehmen Körper, dem ein mäßiges Embonpoint, das die Formen hob, und eine entzückende Taille noch mehr Reiz verlieh. Der Anzug dieſes jungen Frauenzimmers war kokett und ganz geeignet, ihre Vorzüge geltend zu machen und deutete eher ein vergnügungsſüchtiges Weib als eine Dame von Stand an. Ihr kleines Hütchen ſaß tief in der Stirne und geſtattete den Anblick ihres boshaften Geſichtchens nur, wenn ſie es gern wollte; aber dieß wat gleichfalls wieder eine Manier, die Neugierde und das Verlangen zu 31 „ erwecken; die Männer ſind immer weit verliebter, wenn es ſie Schwierigkeiten koſtet, als wenn ſich ihnen der Sieg ſo leicht darbietet. Tief in's Geſicht gehende Hüte werden immer von Frauenzimmern getragen werden, welche ihre . Intereſſen verſtehen. Wollet ihr einen Beweis davon haben, ſo gehet einmal mit mehreren Damen an einen öffentlichen Ort, wovon eine einzige einen Hut auf hat, der es kaum geſtattet, ihre Züge zu be⸗ trachten, während die andern eine Kopfbedeckung auf haben, welche ihr hübſches Geſicht nicht verbirgt, ſo werdet ihr ſehen, daß die Männer der Schönheit, die ſich offen zeigt, weit weniger Aufmerkſamkeit wid⸗ men als der Dame, welche die Blicke zu meiden ſcheint, und auf dieſe werden unaufhörlich ihre Au⸗ gen und ihre Lorgnetten gerichtet ſein. Der wohlriechende Herr mußte nicht der Gatte des hübſchen Frauenzimmers ſein, das ſah man an der Art, wie er mit ihr ſprach und der Aengſtlich⸗ keit, womit er befürchtete, Etwas an ihr zu zerknit⸗ tern oder ſie an den Hut zu ſtoßen. Die Dame ihrerſeits ſchien, während ſie ſich mit * ihrem Reiſegefährten unterhielt, weit mehr damit be⸗ ſchäftigt, zu kokettiren und beſonders die ſehr aus⸗ drucksvollen Liebesblicke ihres Nachbars zur Rechten zu erwiedern. Dieſer Nachbar war ein höchſt eleganter, ziemlich hübſcher junger Mann, der beſonders jene völlig leichtſinnige Miene beſaß, die oft zur Verführung eines Frauenzimmers hinreicht. Er hatte eine etwas 32 dunkle Haut, ein kühnes Auge und einen ſpöttiſchen Anflug in ſeinen Zügen. Seine breite, ein wenig gewölbte Stirne war von einem Wald pechſchwar⸗ zer Haare umſchattet; ſein Schnurr⸗ und Backenbart waren von derſelben Farbe. Der junge Mann war groß, ſchlank⸗ ſchön gebaut und ſchien ſeine Vorzüge ſehr gut zu kennen. Nächſt dieſem ſaß noch ein junger Mann, der etwas älter ſchien als ſein Nachbar und außerdem nicht ſowohl durch ſeinen Anzug, denn beide Herren waren ſehr gut und äußerſt elegant gekleidet, als durch ſeine Geſtalt und ſein Geſicht einen auffallen⸗ den Contraſt mit ihm bildete. Derſelbe war von mittlerer Größe und verhält⸗ nißmäßigen Formen, aber ſein von Blatternarben entſtelltes Geſicht war entſetzlich häßlich. Seine tief in Fleiſchwulſten liegenden Augen glichen zwei von ei⸗ ner ſchwachen Nachtlampe erhellten Löchern; öffnete ſich ſein Mund, ſo ſah man eine Reihe Zahnlücken, und an ſeiner Naſe, auch ein Opfer der Maſern, war ein Nasloch weit größer als das andere. Das Ganze war für die Gegenüberſitzenden kein angenehmer Anblick, und der Ausdruck der Züge des jungen Mannes, worin Neid, Bosheit und Aerger über ſeine Häßlichkeit ausgeſprochen lagen, war nicht von der Art, den unangenehmen Eindruck zu mildern. Den fünften Platz endlich in der entgegengeſetz⸗ ten Ecke nahm ein ſehr magerer, etwa vierzigjähriger Mann ein, der von dem Kopf bis zu den Füßen höchſt ſchmutzig war. Er hatte einen alten, abge⸗ 33 ſchabten, ſchwarzen, fleckigten und an mehreren Or⸗ ten geflickten Ueberrock an, der ihm kaum die Hälfte der Schenkel bedeckte, außer dieſem trug er ein Paar vlivenfarbige oder gelbe Beinkleider(die Farbe der⸗ ſelben war ſchwer zu unterſcheiden). Dieſe Bein⸗ kleider waren gleichfalls an verſchiedenen Orten be⸗ ſchmutzt und überdieß war in jedes Knie ein vier⸗ eckiges Stück hineingeflickt, welches, weit neuer als der übrige Stoff, noch eine gewiſſe Friſche hatte, die merklich mit der ganzen übrigen Kleidung abſtach. Obgleich dieſe Hoſe nur bis an den Knöchel reichte, war doch an dem linken Beine ein Steg daran, an dem rechten fehlte er, wahrſcheinlich in Folge eines unvorhergeſehenen Ereigniſſes; große plumpe Stie⸗ feln, welche dem Anſcheine nach ſchon viel Wege ge⸗ macht hatten, ohne je geſäubert worden zu ſein, voll⸗ endeten unterhalb das Koſtüm dieſer Perſon. Die Bekleidung des Oberkörpers entſprach dem Uebrigen. Ein ausgefaſerter, zerrunzelter, ſchwarzer Stoff ſtellte die Weſte vor, ein buntfarbiges, ſtrick⸗ artiges Nastuch diente ihm als Halsbinde; es war ſo feſt umgebunden, daß man hätte glauben können, der Reiſende habe es verſucht, ſich unterwegs zu er⸗ würgen. Aber das Eigenthümlichſte des ganzen An⸗ zugs war ein kleiner ſchwarzer Tuchkragen, der den Ueberrock bedeckte und, je nachdem es der Eigenthü⸗ mer wünſchte, als Crispin, Mantel oder Schutzkleid diente, in der That aber weder vor der Kälte noch dem Regen ſchützte, weil er kaum bis über den Ober⸗ arm herabging. 34 Zur ganzen Toilette dieſes Mannes gehörte auch„ noch ein runder Hut. Dieſer in ſeiner Art einzige, weder Caſtor⸗ noch Seidehut, welcher gewiß der Mühe werth war, geſehen zu werden, ſchien aus einem Stück Merino verfertigt worden zu ſein. Er war ſehr niedrig, ſchmalrändrig und der Stoff bil⸗„ dete um die ganze Form herum zwar nicht reichliche, aber ſehr ungleiche Falten. Denket euch unter dieſem ſonderbaren Hute einen Koſakenkopf, eine faſt gänzliche Abweſenheit der Naſe, denn was ſie vorſtellen ſollte, war in der Mitte ſo eingefallen, daß man Nichts als zwei gen Himmel ſtehende Löcher ſah. Sowie ich ſie geſchildert, iſt die Perſon, die ſich gegenüber von dem Herrn mit den ledernen Kiſſen in einer Ecke befindet und nicht daran gewöhnt ſcheint, in ſo ſchöner Geſellſchaft ſo weich zu ſitzen; er betaſtet von Zeit zu Zeit mit blo⸗ ßen Händen(denn er hat keine Handſchuhe an) den Stoff, womit die Polſter überzogen ſind und murmelt dann vor ſich hin;„Das iſt ſchön... das iſt gut... das muß theuer ſein... das ſind herrliche Wagen, man ſitzt köſtlich darin; allein, wenn ich keine Eile hätte, wäre ich doch nicht hereingegangen! Sie ſa⸗ gen zu Einem, die Waggons ſeien voll, es gebe keine Plätze mehr darin, um Einen zu nöthigen mehr zu bezahlen; glücklicher Weiſe muß Bichat die Reiſekoſten tragen!“ Dieſer Monolog hatte in dem Augenblicke be⸗ gonnen, wo der Herr mit dem Merinohut in den Wagen geſtiegen war, und er war zuerſt eingeſtie⸗ 3 * — — 35 gen, deßhalb hatte er ſeinen Platz in einer Ecke ge⸗ nommen. So oft Jemand nach dem ſchmutzigen Herrn in den Wagen ſtieg, zog er ſeinen Hut ab und mur⸗ melte:„Gott grüß Sie, mein Herr, Madame und die ganze Geſellſchaft.“ Dieſe Höflichkeit wurde von den Reiſenden wenig beachtet, die meiſten erwiederten ſie nicht; gewöhnlich wendeten ſie, wenn ſie Den, der ſie begrüßte, angeſehen hatten, verächtlich den Kopf ab, gleichſam als wenn ſie es nicht der Mühe werth hielten, das Wort an ihn zu richten. Die Familie St. Godibert hatte zuerſt gegen⸗ über von dem Manne mit dem Merinohute Platz genommen, aber da dieſer nicht aufgehört, ſie zu grüßen und ihnen zuzulächeln, hatte die Dame ſchnell ihren Sitz verändert, ihr Gatte und ihr Sohn wa⸗ ren ihr nachgerückt und alle Drei richteten ihre Blicke nach dem entgegengeſetzten Kutſchenfenſter in der Hoff⸗ nung, daß dadurch die Freundlichkeit des Reiſenden, der ſich bemühte, ein Geſpräch mit ihnen anzuknü⸗ pfen, abgeſchnitten werde; ein Beſtreben, welches ſie von einem ſo ſchlecht gekleideten Menſchen für ſehr unpaſſend hielten. Der ſchön friſirte Herr und die ihn begleitende Dame wurde mit denſelben Grüßen empfangen. Die pikante Brünette hatte zuerſt den Platz in der Ecke eingenommen, als aber der ſchöne Schwarzhaarige eingeſtiegen war, trat die Dame ihren Sitz, unter dem Vorwand, die Augen thäten ihr wehe, wenn ſie 7 36 die Landſchaft ſo ſchnell an ſich vorheiliesen ſehen müßte, an ihren Herrn ab. Was den alten, auf den Lederkiſſen ſitzenden Herrn betrifft, ſo hatte dieſer die Artigkeiten ſeines vis-à-vis nur mit einem dumpfen Gebrumme und deutlichem Fluchen beantwortet und den Mann mit dem Merino⸗ hute ſo bösartig angeſehen, daß dieſer es nicht mehr gewagt hatte, ihm zuzulächeln noch ihn zu grüßen. Der große ſchwarzhaarige junge Mann ſtieß einen Schrei der Verwunderung aus, als er die Familie St. Godibert im Wagen erblickte. „Wie?“ rief er aus,„meine Tante, mein Onkel und Julian auf der Eiſenbahn?.. Ach, welches Zu⸗ ſammentreffen! Welcher Zufall!.. Meine Tante fürchtete ſich ſonſt vor dieſer Art zu reiſen.“ „Das heißt,“ entgegnete die große Dame,„Ihr Onkel hatte Angſt vor den Eiſenbahnen, nicht ich! Ich hatte hundert Mal den Wunſch ausgeſprochen, auf dieſe Weiſe nach Rouen zu gehen.. Ja, Fried⸗ rich lachen Sie nur... Ach, Herr Richard iſt, glaub' ich, bei Ihnen!“ Dieſe Worte wurden an Herrn Friedrichs Nach⸗ bar, den jungen Mann mit den ungleichen Naslöchern, gerichtet. Er beeilte ſich, eine tiefe Verbeugung vor Frau St. Godibert und ihrem Manne zu machen, dann reicht er ihrem Sohn die Hand und ſagt: „Guten Tag, Julian, wie geht es?“ „Sehr gut, ich danke Ihnen,“ erwiedert der junge St. Godibert, der ſeinem Vetter Friedrich bereits die Hand gedrückt hat. 37 Herr St. Godibert, der ſich gerade ſchneuzte und ſeiner Frau noch nicht geantwortet hatte, ver⸗ ſetzte nun mit wichtiger Miene:„Ich habe nie die mindeſte Furcht vor den Eiſenbahnen gehabt, meine Vorzügliche; aber ich wollte Ihnen nicht zuwider ſein und Sie nicht veranlaſſen, aus Gefälligkeit für mich zu thun, was Ihnen unangenehm geweſen wäre.“ „So viel ich weiß, iſt das nicht meine Gewohn⸗ heit.. Warum wollten Sie durchaus nach Orleans, als ich Rouen zu ſehen wünſchte?“ „Wegen der Tonnelles, meine Vortreffliche.“ „Tunnels, ſagt man, Onkel!“ ruft der große junge Mann lachend aus, indem er der hübſchen Brü⸗ nette, ſeiner Nachbarin, einen Blick zuwirft, welche ihn alsbald mit einem ſehr ermuthigenden Lächeln erwiedert. „Tunnels alſo!.. ich wußte wohl, daß ich mich falſch ausdrückte. jedenfalls ſind es unterir⸗ diſche Gänge.. Du kannft ſie nicht leiden, Angelika; Du haſſeſt die Dunkelheit, da Du ſogar zum Schla⸗ fen Licht brennſt.“ „Das iſt richtig, ich geſtehe, unter dem Boden zu reiſen, ſcheint mir ſehr gewagt, da ich aber einmal entſchloſſen war. „Wozu ſollteſt Du unangenehme Empfindungen in Dir erregen! Ich habe Dich zuerſt nach Orleans geführt, weil da keine langen unterirdiſchen Gänge zu paſſiren ſind; wir gehen ſpäter nach Rouen.“ „Sie fürchten ſich ſicher alle Beide,“ flüſterte der blatternarbige junge Mann ſeinem Nachbar in's Paul de Kock. LXRXv. 3 38 Ohr und dieſer, den man Friedrich heißt, fährt, die verführeriſche Brünette ſanft an's Knie ſtoßend, fort: „Ich liebe die Tunnels leidenſchaftlich, denn ich weiß nichts Unterhaltenderes, als mit unbekannten Perſonen in der Dunkelheit zu reiſen!...“ „Es ſind Lampen da. Man hat mir geſagt, es ſeien Laternen in den Wagen angezündet, ſonſt würde man, meiner Treu!... Geſchichten machen.“„ Dieſe Worte kamen aus dem Munde des Koſaken⸗ kopfes mit dem faltigen Hute. Niemand gibt ihm eine Antwort. Die St. Godiberis thun, als hören ſie Nichts, die hübſche Brünette ordnet ihre Haare, ihr Begleiter ſtreicht ſeinen Backenbart und der Alte mit dem Diamanten ſtöhnt und flucht vor ſich hin: „Ach, der Teufel!.. ach, in ſolchem Zuſtande rei⸗ ſen müſſen!... Was liegt mir daran, ob es hell oder oder dunkel iſt! O weh!“ „Sie haben alſo,“ fragt der junge ſchwarzhaarige Mann,„ohne Weiteres eine Luſtparthie gemacht, lieber Onkel, nicht wahr? und bloß zu Drei?“ „Wir haben meinem Bruder, dem Schriftſteller, den Vorſchlag gemacht, auch daran Theil zu neh⸗ men, aber er hat es ausgeſchlagen, indem er dieſen Sommer ſchon in Fontainebleau geweſen iſt.“ „Ach, in der That, ich erinnere mich, daß mich vor ungefähr ſechs Wochen mein Onkel Mondigo aufforderte, ihn auf einer Landparthie zu begleiten ich hatte ſogar meiner hübſchen Tante verſpro⸗ chen, mit Derneſty nachzukommen, aber es war mir unmöglich. Ich entſinne mich ebenfalls, daß die 39 Marmodin und Herr Roguet von der Parihie ſein ſollten, und offen geſtanden, das munterte mich nicht recht zur Theilnahme auf... o, wenn nur Madame Marmodin dabei geweſen wäre, dann hätte ich mir es gefallen laſſen; ſie iſt liebenswürdig, unterhal⸗ tend, ſogar ſehr heiter; aber ihr Mann! ach. großer Gott! der iſt wahrhaft unaushaltbar mit ſeiner Manie, von den Römern zu erzählen... ihre Fuß⸗ bekleidung, ihren Mantel und ihre Tunika zu ſchil⸗ dern. Ich bitte Sie, was liegt mir daran, ob die Patrizier andere Schuhe hatten als die Plebejer!. Ich bin durchaus kein Liebhaber des Alterthümlichen ich betrachte tauſend Mal lieber ein nettes Häub⸗ chen oder ein reizendes Capothütchen auf dem Kopfe eines hübſchen Frauenzimmers, als daß ich mich um die Moden der früheren Zeiten bekümmere.“ „Und außerdem,“ verſetzte Herr Richard, Fried⸗ rich am Ellbogen ſtoßend, und auf den rechts ſitzen⸗ den Koſakenkopf deutend,„haben wir in gegenwär⸗ tiger Zeit auch ſehr intereſſante Kopfbedeckungen!“ Der große junge Mann, der bisher ausſchließlich mit ſeiner Nachbarin beſchäftigt geweſen, haite den Herrn mit dem einzigen Stege nicht beachtet, als er aber den Merinohut mit den Falten in's Auge faßte und das darunter befindliche Geſicht ſah, prach er in ein lange anhaltendes ſchallendes Gelächter aus, von dem auch Herr Richard und ſeine Nachba⸗ rin angeſteckt wurden; der Begleiter der hübſchen Brünette glaubt ebenfalls lachen zu müſſen, obgleich er nicht weiß warum. 40 „Ja, wahrhaftig, das iſt köſtlich, das iſt un⸗ bezahlbar!“ ſchreit Friedrich, bis zu Thränen lachend, „das iſt eine Reiſe nach Orleans werth... ſo Etwas ſieht man ſelbſt in der Kunſtausſtellung nicht!“ „Man ſollte es übrigens mit einem Erfindungs⸗ patent belohnen,“ ſagt der Blatternarbige. „Um ſo mehr, als der Gegenſtand unzerftörlich iſt. Ha, ha, ich hätte große Luſt, einen Verſuch damit zu machen!... Ein ſtrenger Blick ſeiner Tante hält Friedrich von dieſem tollen Vorhaben ab, zu deſſen Ausführung er ſonſt gleich bereit geweſen wäre. Die hübſche Nach⸗ barin ſtimmt mit in ſeine Heiterkeit ein und ſchielt ihn, während ſie ihr Geſicht mit dem Taſchentuch bedeckt, um ungeſtörter zu lachen, von der Seite an. Das Ehepaar St. Godibert hält es unter ſeiner Würde zu lachen; aber ihr Sohn macht es wie ſein Vetter, und der parfümirte Herr beugt ſich zu ſeiner Dame hinüber und fragt mit erzwungenem Lachen: „Was gibt es denn ſo Komiſches, meine liebe Irma? ich habe es nicht recht verſtanden.“ Das junge Frauenzimmer zuckt flüchtig die Ach⸗ ſeln und antwortet:„Ach, mein Gott, was ſoll ich Ihnen ſagen, wenn ſie nicht ſehen, was Jedem in* die Augen ſpringt?“ „Ach gut!.. ach ja.. Ach⸗ jetzt weiß ich es!“ ruft der junge Mann aus, der ebenſo klug ſcheinen will als die Andern, aber ſo wenig verſteht wie vorher.“ Der alte Herr mit dem Diamanten ift der Ein⸗„ 41 zige, der während dieſer allgemeinen Heiterkeit flucht, ſtöhnt und Grimaſſen ſchneidet. Was Den betrifft, welcher die Veranlaſſung dazu gegeben, ſo iſt er weit entfernt, ſich für den Gegenſtand des Geläch⸗ ters zu halten, er ſieht durch beide Kutſchenſchläge durch und fragt:„Was hat man geſehen?... Ich habe Nichts geſehen.. es geht ſo ſchnell... Bichat hat mir geſchrieben:„Du mußt mir erzählen, was Du unterwegs geſehen haſt... Aber der Teufel! was kann man ſehen, wenn man fliegt wie ein Vogel.“ Friedrich, der den Mann mit dem Merinohute von Oben bis Unten gemuſtert hatte, ſagte halblaut: „Es paßt Alles mit der Kopfbedeckung zuſammen: der kleine Kragen, die Beinkleider, kurz, der ganze Aufzug!. O, ich muß durchaus erfahren, wer dieſer Menſch iſt!“ In einer Weile beugt ſich Herr Friedrich zu dem Nachbar ſeines Freundes Richard herüber und ſpricht: „Sie haben vielleicht nicht bemerkt, mein Herr, daß Ihnen unterwegs ein Unfall begegnet iſt und Sie Etwas verloren haben?“ „Ich?“ entgegnet der Reiſende,„ich ſoll Etwas verloren haben?.. Jedenfalls weder meine Uhr noch mein Nastuch, dennich trage keines von beiden beimir!“ Man ſieht ſich gegenſeitig an und Herr Richard rückt von ſeinem Nachbar weg, indem er vor ſich hin murmelt:„Er trägt kein Nastuch bei ſich. wie macht er es denn, wenn er nieſen muß?. Das iſt ja entſetzlich!“ 42 „Mein Herr,“ verſetzt Friedrich mit großer Kalt⸗ vlütigkeit,„ich wollte von keinem dieſer beiden Ge⸗ genſtände ſprechen. Ihre entſchiedene Verachtung der Uhren und Taſchentücher war mir überdieß unbe⸗ kannt.“ „Es fällt mir nicht ein, ſie zu verachten,“ entgeg⸗ net der Reiſende lächelnd;„aber die Uhren find für meinen Beutel zu theuer und was die Nastücher an⸗ betrifft, ſo bediene ich mich derſelben ſo ſelten.. und dann kann man ſich ja mit Vater Adams Gabel helfen. ha, ha!“ Herr Richard rückt noch dichter zu Friedrich hin. Madame St. Godibert ſpricht bei ſich ſelbſt:„Wie kommt es, daß ein ſolcher Menſch nicht in den Wag⸗ gons ſitzt?“ „Der wohlduftende Herr langt ſein mit Patchouli parfümirtes Taſchentuch heraus und ſchneuzt ſich mehrere Male, wahrſcheinlich um zu beweiſen, daß er nicht denſelben Grundſätzen huldige wie der ſchlecht gekleidete Mann. Herr St. Godibert ſagt, den Kopf ſchüttelnd, mit anmaßender Miene:„Ich bedaure, daß mein Bru⸗ der, der Schriftſteller, nicht bei uns iſt!... Er legt ſich auf das Beobachten und hat eine Freude an Dingen, die... Mondigo iſt verteufelt geſcheidt!...“ „Ohne daß es den mindeſten Anſchein hat,“ mur⸗ melt Richard. Friedrich wendet ſich auf's Neue an den Mann in der Ecke:„Mein Herr, den Verluſt, den Sie er⸗ litten haben, iſt nicht ſehr beträchtlich, doch kann es 43 Sie geniren.. es fehlt Ihnen am rechten Bein eine Strippe.“ Der Mann mit dem Koſakengeſicht ſchlägt auf ſcinen rechten Schenkel und erwiedert lachend: Aha, mein Steg!.. der fehlt mir auf dieſer Seite ſchon ſechs Monate. ich wollte immer wieder einen an⸗ nähen laſſen, aber ſie verlangen ſo viel für das Stückchen Leder, deßhalb dachte ich: bah, Du trägſt die Hoſe vollends ſo ab.“ „Ich meine,“ murmelt Richard ſehr ernſthaft, „die Beinkleider ſeien dieſer Ausgabe ſchon noch werth.“ „Glauben Sie? Hm! ſie find doch allmälig mürbe.. indeſſen müſſen ſie es noch thun, denn ich habe keine anderen!“ „Jetzt liefert uns doch die Garderobe dieſes Her⸗ ren einen Unterhaltungsſtoff,“ ſagt Friedrich leiſe. „Ich fürchte, er verabſcheut die Hemden eben ſo ſehr als die Nastücher!“ entgegnet Richard ſeinem Freunde. „O weh o weh!.. Ach, ſder Kuckuk, ach, der Schuft!“ „Was gibt es?“ fragt Madame St. Godibert, „iſt Etwas an der Maſchine geſchehen?“ „Nein, Tante, beruhigen Sie ſich; Sie ſehen wohl, daß wir immer zu fahren, der Herr.. der alte Herr in jener Ecke dort ſcheint Sonie auszu⸗ ſtehen.“ „Es iſt wahr,“ ſagt Herr St. Godibert achtungs⸗ voll nach dem Herrn mit dem Diamanten hinbli⸗ 44 ckend;„der Herr ſcheint zu leiden und auf der Reiſe iſt das Krankſein eine doppelte Laſt.“ „Unſer Wagen ſtößt übrigens nicht,“ flüſtert der parfümirte Herr,„man könnte Domino darin ſpielen.“ Und da der Herr über ſeine eben geäußerten Worte entzückt iſt, ſieht er Jedermann lächelnd an und bemerkt nicht, daß die rechte Hand ſeiner Reiſe⸗ gefährtin und die linke des großen jungen ſchwarz⸗ haarigen Mannes verſchwunden ſind, wahrſcheinlich um ſich irgendwo von neugierigen Blicken unbeachtet zu begegnen. „Zum Glück,“ ſagt Herr St. Godibert,„ſind wir auf dieſer Seite nur zu Vier, weßhalb uns mehr Raum vergönnt iſt... Es freut mich für den alten vornehmen Herrn, der ſehr nobel ausſieht.“ „Woran ſehen Sie dieſes, Onkel?“ entgegnet Friedrich leiſe;„an den Lederkiſſen, die der Herr un⸗ ter ſeinem Hintertheile hat?“ Herr St. Godibert runzelt die Stirne und brummt: „Sie ſind immer Derſelbe, Neffe!... immer ſpöt⸗ tiſch, leichtſinnig und unbeſonnen in Ihren Worten.“ „Ja,“ verſetzt die Dame mit zorniger Miene, „und Sie vergeſſen die Achtung, welche Sie Ver⸗ wandten ſchuldig ſind, die Sie auf ihre Koſten ha⸗ ben erziehen laſſen wie einen eigenen Sohn!... ſo wird man meiſtens für ſeine Wohlthaten belohnt!“ Ach wie, meine theure Tante, Sie ärgern ſich eines Scherzes wegen?... Mach', Julian, leg' ein gutes Wort für mich ein. ſag' Deiner Mutter, daß ich nicht unvankbar bin, denn ich lobe überall 45 die Freigebigkeit, die Wohlthätigkeit und Seelengröße meiner werthen Verwandten.“ „Meine Mutter iſt nicht ernſtlich ungehalten über Dich,“ entgegnet der junge Julian, indem er ſich be⸗ eilt, ſeinen Vetter zu unterbrechen, der, während er die preiswürdigen Eigenſchaften ſeines Onkels und ſeiner Tante aufzählte, ſie dennoch zu verhöhnen ſchien. Der Weg wird eine Zeit lang ſchweigend fort⸗ geſetzt, allein Herr Friedrich und ſeine Nachbarin verſtanden ſich, ohne mit einander zu ſprechen, ſehr gut. In einer Weile wendet ſich aber der große junge Mann, der kein Freund von der Stille iſt, wieder an den Koſakenkopf mit den Worten:„Mein Herr, Sie werden mich für ſehr neugierig halten, und meine Frage wird Ihnen vielleicht unbeſcheiden vor⸗ kommen, aber ich kann nicht umhin, dieſe an Sie zu ſtellen: Sie haben einen Hut auf, der meine Bewunderung erweckt, ich habe noch nirgends einen ähnlichen geſehen; würden Sie mir vielleicht gefälligſt ſagen, wo man ſolche Hüte bekommen kann?“ „Meinen Hut?... Meiner Treu', den habe ich ſelbſt gemacht aus einem Stück Merino, welches mir von einem Kleide meiner Seligen übrig geblie⸗ ben iſt, woraus ich bereits zwei Weſten gemacht habe.“ „Sie haben zwei Weſten aus ihrer Seligen ge⸗ macht?“ „Ja, mein Herr, aus ihrem Fleide. Ich habe ſelbſt meinen alten Filzhut überzogen,“ 46 „Ach, er iſt ſehr hübſch.. ich gäbe Etwas, wenn ich einen ähnlichen hätte!“ „Sie ſind beſtimmt ein Huimacher, mein Herr, ſonſt wäre Ihnen die Arbeit nicht ſo gut gelungen.“ „Ich? Durchaus nicht, ich bin ein Knopfmacher.“ „Knopfmacher. in welcher Art?“ „Ich mache Hornknöpfe.“ „Ach ſo, ganz gut... Es ſcheint übrigens, daß Sie nicht für ſich ſelbſt arbeiten, denn es fehlen meh⸗ rere an Ihrem Ueberrock.“ „Hm! Sie kennen ja das Sprüchwort:, Die Schuh⸗ macher haben die ſchlechteſten Stiefeln. Mein Ge⸗ werbe iſt aber auch ein uneinträgliches. es ginge noch an, wenn ich zugleich die Oehren machen dürfte, dann würde ich mehr verdienen.“ „Ach, Sie machen Knöpfe ohne Oehren?“ „Ich habe ſchon Allerlei verſucht.. Ich war lange Zeit Hoſenſtricker, Zollſchreiber, Umgelder⸗.. und manches Andere!.. Ich habe es mit Vielem probirt.“ „Sie haben eben Ihre rechte Beſtimmung nicht gefunden. Ich verſichere Sie, mein Herr, Sie hät⸗ ten Hutmacher werden ſollen.“ „Meinen Sie? Meiner Treu', ich gehe nach Paris/ ohne recht zu wiſſen warum; allein Bichat hat mir geſchrieben:„Komm ſchnell, ich habe Dir ein vor⸗ theilhaftes Anerbieten zu machen... ſetze Dich auf die Eiſenbahn, ich bezahle Deine Reiſe... dann können Sie ſich denken, daß ich unberzüglich fort bin.“ „Bichat iſt ein Anverwandter von Ihnen?“ 47 „Er iſt mein Freund, mein Gevatier.. Als meine Selige geſtorben war, fand ich ſechs Paar Strümpfe in ihrem Kaſten, die ich Bichat zum Prä⸗ ſent machte.“ „Ihre ſelige Frau Gemahlin war Ihnen doch von mancherlei Nutzen... ihre Strümpfe ſind ohne Zweifel nicht groß genug für Sie geweſen und Ihr Freund Bichat hat einen kleinen Fuß?“ „O warum nicht gar! Meine Selige war zwei Mal ſo dick wie jene Dame dort.. denken Sie ſich den Umfang!“ Damit deutete der ſchmutzige Reiſende auf Ma⸗ dame St. Godibert, welche mit zorniger Miene das Geſicht abwendet und vor ſich hin murmelt:„Ich be⸗ greife nicht, was mein Neffe für ein Vergnügen dar⸗ an findet, mit dieſem Menſchen zu ſprechen!“ Aber während der vorangegangenen Unterhaltung hatten die hübſche Brünette und Friedrichs junge Nach⸗ barin bisweilen gelacht, ein Beweis, daß ſie die An⸗ ſicht der Frau St. Godibert nicht theilen. Und der große junge ſchwarzhaarige Mann, welcher ſich ſehr wenig um den Aerger ſeines Oheims und ſeiner Tante zu bekümmern ſcheint, ſetzt ſein Geſpräch mit dem Knopfmacher fort. 5 „Nachdem, was Sie geſagt haben, vermuthe ich, daß Ihre Frau Gemahlin ſehr ſchön war.“ „O, eine Tonne ein Thurm!... Ich habe die⸗ ſen kleinen Kragen aus einem ihrer Spencer gemacht, die Strümpfe habe ich Bichat geſchenkt, weil ich nie welche trage.“ 48 Herr Richard macht abermals eine Bewegung, ſich von dem Knopfmacher zu entfernen, die hübſche Brünette lacht laut in ihr Nastuch hinein und Fried⸗ rich verſetzt wieder:„Ach, Sie tragen keine Strümpfe Sie ſind vielleicht an Socken gewöhnt?“ „Nein, mein Herr, ich trage gar Nichts!.. Wozu braucht man dieſe Geſchichten alle in ſeinen Stiefeln?“ „Sie machen es wie die Schotten, die mit nack⸗ ten Beinen gehen.“ „Und außerdem koſtet alles Das Geld. Ach, wenn man nicht zu mir geſagt hatte, es gebe keinen Platz mehr in den Waggons, ſo können Sie ſich denken, wäre ich nicht hier herein geſeſſen es iſt aber vielleicht nur ein Betrug des Beamten, damit man mehr bezahlen muß.“ „Das iſt ſehr ſtrafbar von der Verwaltung!“ ſagt Herr St. Godibert, ſeine kleine Naſe hinauf⸗ ziehend;„ſie ſetzt reiche Leute der Gefahr aus, mit kurz, ich werde mich beklagen!“ „Ei, mein Gott, lieber Onkel, was wollen Sie machen?. in den Omnibus geht es ebenſo!“ In dieſem Augenblick wird das Geſpräch durch einen ziemlich ſtarken Stoß des Wagens unterbrochen und gleich darauf hält der Zug. Schrecken malt ſich auf allen Geſichtern. Frau St. Godibert und ihr Gatte ſtoßen ein fürchterliches Geſchrei aus; das hübſche Frauenzimmer erblaßt und fängt an zu zittern und ihr Begleiter ruft aus:„Der Zug iſt auf Etwas geſtoßen, wir ſind Alle des Todes!“ ——— — 49 Der alte Herr ſtöhnt und bewegi ſich auf ſeinen Luftkiſſen, als ob er ſich erheben wollte. Friedrich bemüht ſich, ſeine Nachbarin zu ermuthigen und ver⸗ gißt ſich ſo weit, daß er ſeinen Arm hintenher um ihre Taille ſchlingt; aber der Reiſegefährte dieſer Dame iſt zu ſehr vom Schrecken ergriffen, als daß er es bemerkte. Der Knopfmacher ſieht indeß zum Kutſchenſchlage hinaus, zieht dann den Kopf wieder zurück und ſagt:„Es hat Nichts zu bedeuten!.. es hatte ſich eine kleine Erdſchichte aufgehäuft, die man vorher zu bezeichnen vergaß. jetzt iſt aber der Weg gereinigt und wir fahren wieder ſo gut als je vorher weiter.“ In der That ſetzte der Zug nach wenigen Minu⸗ ten ſeinen Weg wieder fort; dann kehrte die Heiter⸗ keit wieder auf die Geſichter zurück. „Einerlei,“ ſagt Herr St. Godibert,„wenn das in einem Tonnelle... Turnell... kurz, in einem un⸗ terirdiſchen Gange vorgefallen wäre, ſo würde es ſehr ſchrecklich und vielleicht höchſt gefährlich ge⸗ weſen ſein.“ „Es bleibt dabei, ich gehe nicht nach Rouen,“ ruft Madame St. Godibert aus. „Aber, Tante, es kann Nichts geſchehen und Sie werden leicht einſehen, daß in einem Tunnel auch keine Anhäufungen von Erdſchichten zu befürchten ſind, da rings herum Alles gemauert iſt.“ „Das iſt mir gleich, mein Reffe, ich gehe nicht bälder nach Rouen, als bis die Tunnels unter freiem Himmel ſind.“ In einer Weile ließ ſich ein höchſt unausſtehlicher Geruch im Wagen verſpüren, der Jedem der Reiſen⸗ den in die Naſe ſtieg; in der Nähe des alten Herrn mit dem Lederkiſſen ſchien er aber am durchdrin⸗ gendſten. „Ach, mein Gott! was iſt das?“ ruft die große Dame aus;„Friedrich, machen Sie die Fenſter auf! Ach, wie abſcheulichl... Himmliſcher Vater, was geht in dieſem Wagen vor?“ „Das iſt wahrſcheinlich eine Folge des Schreckens,“ entgegnet Friedrich lachend. „Thatſache iſt, daß es ſchändlich ſtinkt!“ ſagt der Knopfmacher. „Ich gäbe hundert Sous für eine Priſe Tabak!“ verſetzt Herr St. Godibert. Der alte Herr ſagt allein Nichts und ſcheint ge⸗ gen den übeln Geruch ſehr gleichgültig; er ſieht ſo⸗ gar beruhigter aus und ſtöhnt weit nicht mehr ſo arg als vorher. Der friſirte Herr zieht eine Tabaksdoſe aus ſeiner Taſche, macht ſie eiligſt auf und präſentirt ſie der Ge⸗ ſellſchaft mit den Worten:„Hier iſt Tabak! Ich ſchnupfe wenig, aber auf der Reiſe kommt es Einem oft ſehr zu Statten, wie im gegenwärtigen Augen⸗ blicke.“ Herr St. Godibert, ſeine Frau und die drei jun⸗ gen Leute nehmen haſtig eine Priſe aus der ange⸗ botenen Doſe. Der Knopfmacher will daſſelbe thun; er veugt bereits ſeinen Körper vor und ſtreckt die Hand aus, um Tabak zu nehmen, als ihn der junge 51 pockennarbige Herr durch einen heftigen Stoß zurück⸗ hält:„O nein, mein Herr, nein!“ ſchreit er,„Sie dürfen nicht ſchnupfen.. Ihnen iſt es, wenn Sie erlauben, verboten!“ „Und warum denn?“ fragt der Mann mit dem faltigen Hute, ſeinen Nachbar erſtaunt anblickend. „Da dieſer Herr Jedermann ſeine Doſe anbietet, werde auch ich eine Priſe bekommen!“ „Wie? warum? Weil Sie kein Nastuch führen, mein Herr. Sie haben ſelbſt zu uns geſagt, Sie bedienen ſich nie eines ſolchen, und wenn man kein Nastuch trägt, ſchnupft man auch nicht, weil Einen das zum Nieſen und zu einer Maſſe Dinge nöthigt, die ſehr unangenehm für Ihre Nachbarn wären.“ „Was leiern Sie mir da vor?.. Ich nieſe, wenn ich mag.. das geht Sie Nichts an!“ „Im Gegentheil, in Anbetracht meiner Nachbar⸗ ſchaft ſehr viel.“ „Ich ſage Ihnen, ich nehme eine Priſe und Sie ſollen mich nicht daran hindern... „Und ich ſage Ihnen, Sie nehmen keine!“ Der Streit ſcheint ſich anzufachen. Der friſirte Herr hat immer ſeine offene Doſe in der Hand und ſcheint nicht recht zu wiſſen, was er thun ſoll; ſeine Begleiterin aber erſinnt plötzlich ein Mittel, dem Wortwechſel ein Ende zu machen: mit einer Bewe⸗ gung ihrer Hand wirft ſie die Doſe ſammt deren Inhalt auf den Boden. „Jetzt iſt die Frage entſchieden!“ ruft Friedrich aus. 52 „Ach, Irma!“ klagt der parfümirte Herr, indem er ſich bückt, um ſeine Doſe aufzuheben,„Sie brin⸗ gen mich da um einen köſtlichen Tabak; es iſt echter Robillard.“ „Ich that es abſichtlich,“ ſagt die hübſche Brü⸗ nette leiſe, gegen Friedrich gekehrt, und dieſer benützt die Stellung ihres Herrn, um zu erwiedern:„Man kann unmöglich geiſtreicher und verführeriſcher ſein... erlauben Sie mir nicht, Sie wiederzuſehen? Sie gehören zu den Perſonen, deren Begegnung ein Glück iſt wenn ich Sie aber nicht wiederſehen dürfte, würde ich ewig unglücklich ſein!“ „Wirklich?“ „Sonderbar, ich finde ſie nicht!“ murmelt der friſirte Herr, der beinahe auf allen Vieren in dem Wagen herumkriecht.„Entſchuldigen Sie, meine Herren, wollen Sie nicht Ihre Füße ein wenig zu⸗ rückziehen?“ „Er wird ſie nicht bälder finden als ich will!“ ſagt Fräulein Irma, indem ſie Friedrich zulächelt; ich habe meinen Fuß darauf geſtellt.“ „O, antworten Sie mir, um Gottes willen.. wo kann ich Sie in Paris wiederſehen... darf ich Sie beſuchen?“ „Das iſt unmöglich ich wohne mit ihm zu⸗ ſammen!“ „Irma, liebe Irma, tbue ein bischen Deinen Fuß weg, damit ich unter Deinem Rocke ſuche.“ 3 „Es iſt überflüſſig, mein Herr, ſie iſt nicht da hinunter gekommen.“ 53 „So geben Sie mir ein Stelldichein. Ach, ich bitte Sie, ſchlagen Sie mir es nicht ab.“ „Nun denn ſo kommen Sie morgen Mittag um zwölf Uhr in die Cité Bergere!“ „Morgen Mittag um zwölf Uhr!... O, wie rei⸗ zend Sie ſind!“ „Ah, da iſt ſie, da iſt ſie! ich habe ſie ge⸗ funden!“ Damit hebt der Herr ſeinen Kopf wieder in die Höhe, ſetzt ſich wieder auf ſeinen Platz und ruft aus: „Ich habe meine Doſe wieder! Der Kuckuk auch. es iſt nicht eine einzige Priſe mehr darin.“ „Nun, mein Freund, ſeien Sie jetzt ein wenig ruhig!“ „Ja, theure Irma!“ Und während alles Dieß vorging, hat ſich der Knopfmacher mit ſehr mißmuthiger Miene in ſeine Ecke zurückgezogen und brummt:„Ach, das iſt ſehr ärgerlich, daß der Tabak hinuntergefallen iſt! Denn ſonſt hätte man geſehen.. Mich zu hindern, eine Priſe zu nehmen.. das iſt unverſchämt!... Was geht es ihn an, ob ich ein Nastuch habe oder nicht? Schreibt die Verfaſſung vor, daß jeder Franzoſe ein Nastuch in der Taſche haben müſſe? Das genirt Einen nur!... Der Herr hat die ſeinigen vielleicht noch nicht einmal bezahlt.“ Der Zug hält; man iſt auf der Station Corbeil angekommen. In einer Weile wird der Schlag auf⸗ gemacht und ein junges Mädchen erſcheint auf dem Paul de Kock. ILXXV. 4 54 Kutſchentritt; ſie blickt ſchüchtern rechts und links in„ den Wagen hinein und ſagt:„Ich ſehe aber hier kei⸗ nen Platz!“ Einer der Beamten kommt und drängt die Jung⸗ frau in das Innere des Gefährtes mit den Worten: 1„Entſchuldigen Sie, Fräulein! Sehen Sie, auf die⸗ ſer Seite ſitzen nur Vier; es iſt ein Platz frei, denn es gehören Fünf dorthin. Sie werden ſich ſelbſt über⸗ zeugen.“ P Der junge Julian iſt zu ſeinem Vater hingerückt, aber der alte Herr bleibt unbeweglich auf ſeinem Le⸗ derkiſſen ſitzen und ſchaut Einen ſo feindſelig an, daß man es nicht wagt, ihn um einigen Platz zu bitten. Roſa⸗Maria muß ſich alſo mit dem ſchmalen Raume begnügen, den ihr der junge Mann einräumt, denn die Neuangekommene iſt Hieronymus' Tochter, welche eben mit dem Fontainebleauer Wagen angelangt war und ſich eilig auf die Eiſenbahn begeben hatte, um mit dem erſten Zuge nach Paris zu fahren. Die Ankunft einer neuen Perſon verurſacht in einem öffentlichen Wagen immer eine Bewegung der Neugierde. Iſt die Perſon, die mit uns fährt, ein junges hübſches Frauenzimmer, dann dauert die Neu⸗ gierde noch länger; vei den Einen verwandelt ſie ſich in Intereſſe, bei den Andern in Wohlwollen oder Neid. Die Erſcheinung Roſa⸗Maria's mußte noth⸗ wendig in einem engen Raume, wo die Anzahl der Männer vorherrſchend war, Senſation erregen. Das junge Mädchen iſt zu hübſch, um unbeachtet zu blei⸗ pen, und dann nimmt ihre beſcheidene, züchtige, an⸗ 55 ſändige Miene vollends zu ihren Gunſten ein; denn eine ſolche Miene gefällt immer, und ſelbſt Diejeni⸗ gen, die ſie nicht mehr haben, können nicht umhin, ihr Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen. Der junge St. Godibert hat, obgleich er immer nur ſeitwärts ſchielt, doch mit einem Blick geſehen, welche reizende Nachbarin ihm der Zufall an die Seite gab, und während er dichter zu ſeinem Vater rückt, ihr mehr Platz zu vergönnen, iſt es ihm von ihr gedrückt und berührt 30* Herr Richard wirft glühende Blicke auf das junge Mädchen; er möchte es ohne Zweifel blenden, er be⸗ zweckt jedoch nur, daß es die Augen zu Boden ſchlägt. Friedrich kann, obgleich er ſehr mit ſeiner Nach⸗ barin beſchäftigt iſt, ſeine Bewunderung für Roſa⸗ Maria nicht bergen und er blickt weit nicht mehr ſo oft links; der parfümirte Herr murmelt vor ſich hin: „Das iſt ein ſehr hübſches Frauenzimmer!“ Herr St. Godibert nickt übereinſtimmend mit dem Kopfe; ſelbſt der Herr ohne Strümpfe und ohne Nas⸗ tuch rollt, wenn er die Jungfrau anblickt, ſeine Au⸗ gen, als ob er ihnen Glanz verleihen wollte, und bemüht ſich, ſeinen kleinen Kragen auf ſeinen Schul⸗ tern in Ordnung zu bringen. Was die Frauenzimmer betrifft, ſo ſehen ſie nicht gern eine Perſon ankommen, die ihnen die Palme der Schönheit ſtreitig machen oder entreißen kann. Die dicke Dame mit dem Beduinengeſichte hätte keine Anſprüche mehr machen ſollen, aber man urtheilt ſo 56 ſelten unparteiiſch über ſich. Frau St. Godibert, welche ſich für eine ſehr ſchöne Frau hält, mißt die Jungfrau von Kopf bis zu Fuße und brüſtet ſich mit einer Miene, welche ſagen ſollte:„Das iſt kein Ver⸗ gleich zu mir!“. Es beſtand auch in der That nicht die mindeſte Aehnlichkeit zwiſchen Beiden. Die reizende Irma gab zuerſt ihrem Begleiter einen tüchtigen Tritt, um ihm die Luſt zu benehmen, ſich laut über die mitreiſenden Damen zu äußern; dann warf ſie einen ärgerlichen Blick auf das junge Mädchen und zuletzt einen auf Friedrich, und ſo oft der junge Mann nach Roſa⸗Maria hinſah, ſtieß ſie ihn mit dem Ellbogen. Diejenige, welche dieſe Bewegung veranlaßte und der Gegenſtand der allgemeinen Aufmerkſamkeit war, hatte keine Ahnung davon. Der Aufenthalt an einem ſo engen Orte mit Leuten, welche ihrer Anſicht nach dem vornehmen Stande anzugehören ſchienen, ſchüch⸗ terte ſie ein; ſie wagte es nicht, ihre Blicke zu erhe⸗ ben, ſondern ſaß regungslos auf ihrem Platze und hütete ſich ſo viel als möglich, ihre Nachbarn zu ge⸗ niren, ſo oft auch Julian mit einer honigſüßen Stimme zu ihr ſagte:„Rücken Sie doch näher, Fräu⸗ lein, fürchten Sie ſich nicht.. ich habe noch Platz genug.“ Endlich wendet der alte Herr, als er bemerkt, mit welcher Rückſicht die Jungfrau ſich von ihm ent⸗ fernt zu halten ſucht, den Kopf nach ihr um und murmelt, ohne ein Geſicht zu ſchneiden, zwiſchen den 57 Zähnen:„Ach, der Teufel!... ach, wenn es mir nicht ſo ſchlecht wäre, würde ich Ihnen Platz machen. Ach, potz Sapperment! in früheren Jahren hätte ich Sie auf den Schooß genommen!“ „Die Kleine, die eben eingeſtiegen, iſt ein köſt⸗ liches Weſen!“ flüſtert Herr Rich ard in das Ohr ſeines Freundes Friedrich;„das iſt etwas Anderes als die zu Deiner Linken.“ „Ja!“ erwiedert der große junge Mann leiſe, „das Mädchen iſt zum Entzücken; meine Nachbarin zur Linken iſt aber deßhalb doch ſehr artig und an⸗ lockend.“ „Anlockend 2.. das mag ſein; aber es gibt Hun⸗ derte von ihrer Art, bis man eine einzige Solche findet. Deinem Vetter Julian iſt es nicht leid, ſie neben ſich zu haben.“ „Julian?... O, was wird der an Frauenzimmer denken!.. er fürchtet ſich vor ſeinem Vater und ſei⸗ ner Mutter!“ „Das glaubſt Du, weil er eine ſo unterwürfige Miene annimmt; aber das iſt ein Duckmäuſer, der ſeine Streiche im Verſtohlenen ausführt.“ „O, meiner Treu'! wenn der Streiche macht, muß ich mich doch wundern.“ „Du haſt mit Deiner Nachbarin zur Linken zu thun; Julian darf nicht von ſeinen Eltern weg, aber ich, der ich ſo frei bin wie die Luft, werde mich be⸗ ſtreben, die Bekanntſchaft dieſes kleinen Schatzes zu machen.“ „Wirklich?. Ach, Richard, Ihr ſeid ein Böſe⸗ 58 wicht! Wahr iſt es, das junge Mädchen iſt ſehr ſchön welche Augen.. welche reizenden Augbrauen.. und die Umriſſe ihres Geſichtes ſind wund. Ein kräftiger Stoß mit dem Ellbogen unterbrach Friedrich in der Schilderung von Roſa⸗Maria's Rei⸗ zen; er beißt ſich lächelnd in die Lippen und wendet ſeine Blicke anderswo hin. Mit einem Mal beugt ſich der Mann im Merino⸗ hut gegen Roſa⸗Maria herüber und ruft ihr zu: „Mamſelle, ich meine, Sie ſitzen dort nicht gutz es ſind ſo viele dicke Perſonen auf Ihrer Bank. Neh⸗ men Sie meinen Platz hier in der Ecke, dann wer⸗ den Sie beſſer daran ſein; mir iſt es gleichgültig, wo ich ſitze. mir iſt es überall recht.“ Damit erhob ſich der Knopfmacher bereits, um den Platz zu wechſeln; aber die Jungfrau entgegnet ihm mit einem ſanften Lächeln:„Ich danke Ihnen, mein Herr, ich will Niemand ſtören; außerdem ſitze ich ganz gut.“ „Es ſtört mich aber nicht.. nehmen Sie doch meinen Platz. machen Sie keine Umſtände.“ „Sie ſind zu gütig, mein Herr, ich bin wirklich ganz zufrieden.. ich danke Ihnen.“ Der Knopfmacher läßt ſich wieder in ſeine Ecke nieder und ſagt:„Wie Sie wünſchen!... Ich habe Ihnen aber das Anerbieten mit dem beſten Willen gemacht; denn um höflich zu ſein, braucht man kein Nastuch in der Taſche zu haben!“ Dieſe Worte waren mit einem zornigen Blicke auf Richard vegleitet, der bloß darüber lachte und 59 ganz leiſe erwiederte:„Wo mag ſich die Galanterie noch hin verirren!“ Von nun an wurde die Reiſe ziemlich ſchweigſam zurückgelegt. Seit der Ankunft der zehnten Perſon hatte ſich das innere Anſehen des Wagens verändert. Die Frauenzimmer waren mißlaunig geworden, die Männer ſchienen nachdenklich; ſelbſt Friedrichs Be⸗ redtſamkeit war verſtummt, ſeit er ſich mit der Be⸗ wunderung ſeines vis-à-vis beſchäftigte und doch zu⸗ gleich liebenswürdig gegen ſeine Nachbarin ſein mußte. Und da man auf der Eiſenbahn, ſelbſt wenn man Nichts ſpricht, ſehr ſchnell weiter kommt, ſo gewahr⸗ ten die Reiſenden bald mit Erſtaunen, daß der Wa⸗ gen ſtille ſtand; ſie waren am Ziele angekommen und befanden ſich in dem Bahnhof auf den neuen Boulevards beim Jardin des Plantes. „Schau', ſchau'!“ ruft der Knopfmacher, ſich aus dem Schlage ſchwingend, aus;„ei, das geht ſchnell! Dieſe Gerechtigkeit muß man den Eiſenbahnen wi⸗ derfahren laſſen.. und man wird gar nicht gerüttelt Sieh, da iſt der naturgeſchichtliche Garten.. ehe ich mich zu Bichat begebe, will ich ein bischen hinein⸗ gehen und die Bären betrachten.“ Die Familie St. Godibert iſt in einen Fiaker ge⸗ ſtiegen. Der junge Julian kehrte ſich noch ein paar Mal um, um nach dem hübſchen Mädchen zu ſehen, welches neben ihm geſeſſen iſt, aber Vater und Mutter rufen ihm und er ſteigt höchſt ärgerlich, nicht ſein eigener Herr zu ſein, in den Wagen. Was Friedrich anbetrifft, ſo hat ſich dieſer bereits von ſeinem Onkel und ſeiner Tante verabſchiedet und folgt, nachdem er Roſa⸗Maria lächelnd ange⸗ blickt und ſeinem Freunde zum Zeichen des Einver⸗ ſtändniſſes zugewinkt hat, den Schritten des friſirten Herrn, welcher ſich, der reizenden Irma den Arm reichend, über die Außterlitzer Brücke entſernt, und dieſe wendet, während ſie ihren Rock etwas in die Höhe hebt, um ein ſchön gedrehtes Bein zu zeigen, oft ihren Kopf um, um ſich zu überzeugen, daß ihr Friedrich folgt, und wirft ihm dann Blicke zu, worin klar zu leſen iſt:„Wenn Sie nicht mir nachgehen und bei dem jungen Mädchen bleiben, welches mit uns auf der Eiſenbahn war, ſo werden Sie mich morgen vergeblich in der Cité Bergére erwarten!“ Hieraus erſehet ihr, daß die Damen mit ihren Augen noch ſchneller ſind als die Geſchwindſchreiber mit ihren Zeichen. So gewandt und erfahren die Letzteren auch ſein mögen, glaube ich doch nicht, daß ſie im Stande wären, der Sprache gewiſſer Augen in gewiſſen Momenten zu folgen. Drittes Kapitel. Roſa⸗Maria in Paris. Alle Reiſenden waren aus den Wagen, Diligen⸗ cen und Waggons ausgeſtiegen, außer dem alten Herrn mit dem runden Lederkiſſen, welcher ſich nicht leicht von einem Orte zum andern. bewegen konnte, und gußerdem auf ſeinen Bedienten wartete, der in 61 einem Waggon geſeſſen haite, um ſich an dem Arme deſſelben fortzuhelfen. Roſa⸗Maria befand ſich in dem ungeheuer großen Bahnhofe, wo ſowohl die Ankunft als die Abfahrt eines Zuges ſtets eine Bewegung und Aufregung verurſachen, daß Perſonen, welche nicht gewohnt ſind, mit der Eiſenbahn zu reiſen, jederzeit in Staunen und Verwunderung geſetzt werden. Ueberall ſieht man Reiſende mit einander ſprechen, ſtill ſtehen und Commiſſionären rufen; dort treffen ſich alte Freunde, die ſich lange nicht geſehen hatten, obgleich ſie Beide in Paris, aber in verſchiedenen Quartiers wohnen. Sie finden ſich im Bahnhofe, weil ſich dort alle Quartiers vereinigen; der Marais, die Vorſtadt St. Hermann und die Chauſſée d'Antin, Alles ſtrömt dort zuſammen und man begegnet oft Perſonen, die man vergeblich Jahre lang auf den Straßen und den Spaziergängen der Stadt geſucht hätte. Roſa⸗Maria erkundigt ſich zuerſt nach ihrem Koffer. Man ſagt ihr, er ſtehe zu ihrer Verfügung; aber das junge Mädchen denkt, es ſei nicht ſehr bequem, mit einem Koffer und einem Commiſſionär in Paris herumzulaufen, um die Wohnung ihrer Oheime zu ſuchen; dann ſcheint es ihr auch, wenn ſie ſich ſo ohne Weiteres mit ihrem Gepäck bei den Verwandten einfinde, die ſie nicht kenne, dieſes heiße einigermaßen: Ich komme zu euch und ihr müßt mich behalten, ſelbſt wenn ihr keine Luſt habt.“ Roſa⸗Maria, welche die Meinung ihres Vaters — 62 nicht ganz theilt und auch nicht in der Hoffnung mit ihm übereinſtimmt, daß ſie von ihren Onkeln ſo gut aufgenommen werde, hat einen zu ſtolzen Charakter, um bei Leuten zu vleiben, die ſie nicht mit Freuden vehalten würden. Das junge Mädchen nimmt ſich bereits vor, lieber in einem Laden zu arbeiten und aus ihrer Geſchicklichkeit im Nähen und Sticken Vor⸗ theil zu ziehen, als bei Verwandten zu leben, denen ſie zur Laſt fiele. Das Ergebniß dieſer Betrachtun⸗ gen veranlaßt ſie nachzufragen, ob ſie ihren Koffer nicht auf dem Eiſenbahnbureau zurücklaſſen könne. Nachdem man ihr eine bejahende Antwort ertheilt hat, gibt ſie ihren Namen an, damit der Koffer nur abgegeben werde, wenn Jemand in ihrem Auftrage komme, dann macht ſie ſich auf den Weg, um das Haus zu ſuchen, wo ihr Oheim Nicolaus Gogo wohnt. „Wenn ich zufällig Herrn Leopold begegnete,“ ſpricht ſie vei ſich,„würde er ſich ſehr wundern, mich in Paris zu ſehen; es wäre ihm ohne Zweifel höchſt gleichgültig.. ich würde auch nicht mit ihm ſpre⸗ chen, ſondern ihn nur bitten, mir zu ſagen, was er mit meinem Bildniß angefangen hat... denn wenn man nicht mehr an die Leute denkt, iſt es auch wahr⸗ ſcheinlich, daß man ihr Bild nicht mehr aufbewahrt!“ Während die ſchöne Reiſende durch den Bahnhof geht, immer den falſchen Weg einſchlägt, ſich in den Sälen und geräumigen Gängen verirrt, läßt ſie ein Mann nicht aus den Augen, folgt ihr unvermerkt und beobachtet alle ihre Bewegungen. Ihr wißt bereits, daß dieß der junge häßliche 63 Mann mit Namen Richard iſt. Obgleich dieſer Herr auf den erſten Anblick nie verführt und auf den zwei⸗ ten oft mißfällt, maßt er ſich doch an, über die Frauenzimmer, welche er hübſch findet, zu triumphi⸗ ren. Wenn er geiſtreich und liebenswürdig wäre, könnte man es noch begreifen, aber Herr Richard hat, ohne gerade dumm zu ſein, doch keinen Geiſt, denn ſo kann man doch die Gewohnheit, zu ſpotten und Alles, was Andere thun, in's Lächerliche zu zie⸗ hen, nicht nennen; ſein einziger Vortheil iſt ein gu⸗ tes Gedächtniß, und da er viel geleſen hat, kommt ihm dieſes in der Unterhaltung, wo er ſich das An⸗ ſehen eines äußerſt wiſſenſchaftlichen Mannes zu ge⸗ ben ſucht, ſehr zu Statten; er iſt aber nicht liebens⸗ würdig, weil er neidiſch iſt und der Aerger über ſeine Häßlichkeit und ſeine Unbemitteltheit durch alle ſeine Worte durchdringt. Welches ſind alſo ſeine Verführungs⸗ mittel? Eigenfinn, Beharrlichkeit und Verleumdung. Er verfolgt und ermüdet ein Frauenzimmer mit ſeinen Huldigungen und Erklärungen; er läßt ihr keine Ruhe, begleitet ſie auf allen Schritten und thut ſein Möglichſtes, ihren guten Ruf zu untergraben; es ge⸗ lingt ihm bisweilen und er gibt ſeine Verfolgungen nicht eher auf, als bis ſeine Flamme gekrönt iſt. Und es gibt manche Frauen, die ſchwach genug ſind, ſolchen Männern nachzugeben! Aber fügen wir ſchnell hinzu, daß es noch eine weit größere Anzahl gibt, die dieſelben für ihre Unverſchämtheit ſtrafen, und daß Verführer von Herrn Richards Sorte oft ſehr ſchlecht wegkommen und dazu ſchweigen müſſen. 64 Roſa⸗Maria ſteht in dem großen Hofe am Ufer des Waſſers ſtill; ſie zieht das Papier aus der Taſche, auf welches ſie die Adreſſen von ihres Vaters beiden Brüdern aufgeſchrieben hat. Nicolaus Gogo wohnt in der St. Lazarusſtraße. Dort muß ſie alſo zu⸗ erſt hingehen; ſie tritt auf einen Kutſcher zu und fragt ihn, welchen Weg ſie in die St. Lazarusſtraße einſchlagen ſolle. „Gehen Sie über die Auſterlitzer Brücke dort, gerade auf den Boulevards fort, durch das St. Mar⸗ tin⸗ und das St. Denisthor die Montblaneſtraße entlang, dann werden Sie in die St. Lazarusſtraße einmünden;z es iſt aber ſehr weit, Mamſelle, und Sie würden beſſer daran thun, ſich in einem Wagen pinführen zu laſſen, beſonders wenn Sie in Paris nicht bekannt ſind.“ Aber das junge Mädchen iſt nicht müde und will den Weg lieber zu Fuß zurücklegen. Es iſt noch früh, ſie iſt um vier Uhr in Paris angekommen. Das Wetter iſt herrlich und es iſt ihr nicht unan⸗ genehm, die Stadt ein wenig zu betrachten, von der man ſo viel ſpricht und ſagt, es gebe ihres Gleichen nicht in der Welt. Vielleicht herrſcht noch ein anderer Grund vor, der Roſa⸗Maria bewegt, zu Fuß zu gehen. Brauche ich ihn euch zu ſagen? Nein, ihr errathet was in dem Herzen der Jungfrau vorgeht, die noch nicht weiß, daß Paris eine ungeheure, äußerſt bevölkerte Stadt iſt, wo die Menge unaufhörlich hin und her rennt⸗ ſich drängt, bewegt und umtreibt, und man vft 65 lange gehen kann, ehe man einem Bekannten be⸗ gegnet. Herr Richard hat das junge Mädchen ein Papier aus der Taſche ziehen, Etwas leſen und dann einen Kutſcher fragen ſehen; er hat gleich errathen, daß ſie ſich nach einer Adreſſe erkundige; wenn er näher bei ihr geweſen wäre, hätte er eilig ſeine Dienſte angeboten; aber es war zu ſpät. Nachdem die junge Reiſende ſich bei dem Kutſcher bedankt hat, tritt ſie ihren Weg an. Herr Richard folgt ihr mit dem Gedanken:„Ich will warten bis ſich eine Ge⸗ legenheit darbietet, ſie anzureden; dieſe kann nicht fehlen.“ Noſa⸗Maria geht über die Außterlitzer Brücke, dann über die Boulevards längs des Kanals hin; von Zeit zu Zeit ſieht ſie ſich neugierig um, aber es iſt ihr noch Nichts aufgefallen, was ihre Aufmerk⸗ ſamkeit erregt hätte. Der Boulevard Bourdon ift wenig beſucht: auf der einen Seite ſind die Korn⸗ häuſer, das alte Quartier des Arſenals, die alte Bibliothek; und auf der andern Seite ein großer Waſſergraben, das iſt Alles was dieſer Spaziergang dem Anblick gewährt, deßhalb ſieht man auch ohne Zweifel wenig Leute dort. Und das ſchöne Mädchen von Avon, welches Paris nach dem beurtheilte, was ſie von demſelben gewahrt, ſpricht unterwegs vor ſich hin:„Das iſt aber nicht ſchön ich begegne wenig Leuten es ſind, wie es ſcheint, faſt keine Läden da, und man hat mir geſagt, Paris ſei ſo heiter, ſo lärmiſch, ſo bevölkert!... ich finde das 66 nicht.. und ich meine, man könne ſich auf den Straßen ſehr gut treffen und ſehen.. Wenn Herr Leopold vorbeiginge, ſo würde ich ihn ſicherlich augen⸗ blicklich ſehen.“ Aber Roſa⸗Maria bemerkt den Herrn nicht, der in der Entfernung von einigen Schritten hinter ihr ging und ſeinen Gang ganz nach dem ihrigen rich⸗ tete; Herr Richard blieb allerdings in gehöriger Ent⸗ fernung, oft ſogar weit hinter ihr zurück, denn dann konnte er die Taille, den Fuß, das Bein und die Geſtalt des jungen Mädchens beſſer betrachten. Dieſe Beobachtungen fielen ganz zu Gunſten der reizenden Roſa aus und befeſtigten den häßlichen jungen Mann nur noch mehr in ſeinen Abſichten. Auf dem Baſtilleplatz angelangt, fand Hierony⸗ mus' Tochter Paris ſchon heiterer. Jetzt tritt erſt die große Stadt mit ihren Bewohnern, ihren Kauf⸗ leuten, ihren Spaziergängern, ihren Wagen, ihren Buden, ihrem Geräuſch, ihrer Bewegung, kurz⸗ ihrer Lebendigkeit vor ihre Augen. Jetzt bleibt ſie unent⸗ ſchloſſen ſtehen, bewundert die ſchöne Säule und die lange Allee vor ſich; aber bald erinnert ſie ſich, was man ihr von dieſer ſchönen Promenade in Paris, die Boulevards genannt, erzählt hat und ſie denkt: „O, da ſind ſie!... das iſt recht.. ſo hat man mir ſie geſchildert.., der Kutſcher ſagte mir, dieß ſei mein Weg.. vorwärts... Ach, wie viele Leute!.. wenn er jetzt vorbeiginge, würde er mich vielleicht nicht beachten.“ Roſa⸗Maria geht über den Platz und ſchreitet 67 auf dem Boulevard Beaumarchais zu, aber nicht mehr mit der früheren Sicherheit. Die vielen Vorüber⸗ gehenden machen ſie ängßtlich, das Wagengeraſſel be⸗ täubt ſie, ſie wundert ſich über die herumwandelnden Krämer, und die Blicke, die man auf ſie wirft, trei⸗ ben ihr oft das Blut in die Wangen. Denn es gibt in Paris Männer, welche ein hübſches Mädchen gar ſonderbar betrachten und ihr nur durch unſchickliche Geberden und unzüchtige Worte begreiflich zu machen wiſſen, daß ſie ſie nach ihrem Geſchmack finden. Es wurden Roſa bereits mehrere plumpe Com⸗ plimente von Vorübergehenden geſagt. Weit entfernt, davon geſchmeichelt zu ſein, geräth ſie in Verlegen⸗ heit und bedauert, daß ſie ihr Hut den Blicken nicht mehr entzieht. Sie wäre gern ſchneller gegangen, aber einer Perſon, die nicht an den Aufenthalt in Paris gewöhnt iſt, wird es ſchwer, ſich durch dieſe hin und her wogende Menſchenmenge hindurchzuar⸗ beiten. Je weiter die Jungfrau kam, deſto mehr Menſchen begegneten ihr; auf dem Boulevard du Temple, wo die Bewegung immer größer wurde, bleibt Roſa⸗Maria endlich erſchrocken ſtehen und denkt: „Mein Gott! wenn das ſo fortgeht, ſo kann ich mich nicht mehr bindurchwinden., und ich war der Mei⸗ nung, es werde mir ein Leichtes ſein, ihm zu begeg⸗ nen!.. Ach, wie ſehr habe ich mich getäuſcht!.. Es iſt etwas Entſetzliches um eine ſolche Menſchen⸗ maſſe!“ Allein trotz ihres Schreckens bleibt die reizende Roſa vor einem kleinen, noch nicht fünfjährigen Mäd⸗ 68 chen ſtehen, welches ihr ein mit einem Bande um ihren Körper herum vefeſtigtes Körbchen präſentirt und ſagt:„Kaufen Sie mir chemiſche Zündhölzer ab, Mamſelle.. thun Sie es meiner Mutter zu liebe.. wir ſind ſechs Kinder... die Mutter iſt krank... ſie hat ſchon ſo lange keine Arbeit mehr und es iſt kein Brod im Hauſe.“ „Armes Kind!“ ruft Roſa aus, indem ſie ſchnell nach ihrer Börſe greift;„noch ſo jung und ſchon mit dem Unglück.. mit dem Elend bekannt! O⸗ wie froh bin ich, daß mir mein Vater Geld gegeben hat!“ Damit nimmt die Jungfrau ſchnell zwei Fünf⸗ frankenſtücke aus dem Beutel und legt ſie der kleinen Zündhölzerhändlerin in die Hand. „Hier, meine arme Kleine,“ ſagt ſie zu dieſer⸗ „bring' das Deiner Mutter, dann werdet ihr doch wenigſtens ein paar Tage außer Sorge ſein.“ Das Kind betrachtet mit Staunen die beiden Hundertſousſtücke in ſeiner Hand; dann eilt es haſtig, ohne ſich nur bei der Geberin zu bedanken, mit einem Freudengeſchrei davon und läßt in der Eile einen Theil ſeiner Zündhölzer auf den Boulevard fallen. Aber Roſa freut ſich über das Glück der Kleinen; ſie glaubt, dieſe habe ſich bloß ſo ſchnell davon ge⸗ macht, um das Geld ihrer Mutter zu bringen. Sie hat zwar nur noch zwölf Franken in ihrem Beutel, aber ſie hofft in Paris kein Geld nöthig zu haben. Roſa möchte wiſſen, ob ſie bald in der Nähe von ihres Onkels Wohnung iſt, denn ſie meint ſchon eine 69 große Strecke zurückgelegt zu haben. In dieſem Augen⸗ blick tritt Herr Richard, welcher die Gelegenheit für günſtig hält, auf die Jungfrau zu und beginnt:„Sie ſcheinen den Weg zu ſuchen, Fräulein, vielleicht ſind Sie in Paris nicht bekannt, wenn ich nicht irre, ſind wir zuſammen auf der Eiſenbahn hergereist; ſind Sie nicht mit dem Wagen von Corbeil angekommen?“ Roſa⸗Maria ſieht den Herrn an, der mit ihr ſpricht, und erkennt ihn, denn Herrn Richards Geſicht war leicht zu erkennen; ſie erwiedert mit einem Kopf⸗ nicken:„Es iſt ſo, mein Herr! ich bin mit der Eiſen⸗ bahn angekommen; ich komme von Fontainebleau... weiter her ſogar, denn ich bin aus dem Dorfe Avon und will Oheime aufſuchen, die ich in Paris habe. Ich habe zwar ihre Adreſſen, aber ich kann die Stra⸗ ßen nicht recht finden... Ich gehe zuerſt in die St. Lazarusſtraße.. iſt es noch weit?“ „Ja, Fräulein; aber ich gehe gerade auch nach derſelben Richtung hin und wenn Sie es erlauben, mache ich mir ein Vergnügen daraus, Ihnen als Führer zu dienen.“ Roſa⸗Maria fühlt kein großes Vertrauen zu dem Herrn, der ihr dieſes Anerbieten macht, nicht ſowohl wegen ſeiner Häßlichkeit, als wegen ſeiner frechen Blicke. Aber bei hellem Tage inmitten ſo vieler Wenſchen befürchtet ſie keine Gefahr; daher erwiedert ſie mit zu Boden geſenkten Augen:„Sie ſind ſehr gütig, mein Herr.“ Herr Richard, den dieſe Erlaubniß außerordent⸗ Paul de Kock. LXRv. 5 lich erfreut, geht neben der jungen Reiſenden her und denkt in ſeinem Sinne:„Sachte... langſam. ich darf nicht mit der Thüre in's Haus fallen; vor allen Dingen iſt es keine Pariſer Griſette... Ich werde ihr nachher den Arm anbieten und ſie wird ſehr ge⸗ ſchmeichelt ſein.“ Dann nimmt Herr Richard das Geſpräch wieder auf und hofft die Bewohnerin der Provinz durch ſeine Kenntniſſe und ſein Wiſſen hinzureißen. „Waren Sie früher ſchon in Paris, Fräulein?“ „Nein, mein Herr, nie!“ „Um ſo mehr bin ich entzückt, Ihr Cicerone zu ſein... Wir befinden uns auf den Boulevards; das iſt ein Spaziergang in Paris, wie keine andere Stadt in Europa einen ähnlichen aufzuweiſen hat. Er fängt bei der Säule an, die Sie vorhin geſehen haben⸗ und dehnt ſich bis zu dem Magdalenenplatz aus, auf welchen wir ſpäter kommen werden. Dieſe lange Reihe Boulevards, die einen Theil von Paris durch⸗ ſchneidet, iſt der Gegenſtand der Bewunderung der Fremden und der Erholungsort der Bewohner dieſer Stadt. Es gibt außer dieſen auch neue Boulevards, die ſich außen um die Stadt herumziehen, aber ſie ſind noch öde und wenn man von dem Spaziergang der Boulevards in Paris ſpricht, ſo meint man ſtets dieſe damit. Dieſen ganzen, heutzutage ſo bevölker⸗ ten, ſo glänzenden, ſo bewegten Raum nahmen übri⸗ gens urſprünglich ausgehöhlte Gräben ein, wodurch ſich die Stadt Paris gegen die Angriffe der Englän⸗ der zu vertheidigen ſuchte. Im Jahre 1536 machte 71 man Laufgräben und höhlte vom St. Honoré⸗ bis zum St. Antvinethore den Boden aus. Zum Glück waren dieſe Befeſtigungswerke überflüſſig; nach und nach wurden die Gräben wieder aufgefüllt und im Jahre 1671 legte man dieſen Spaziergang an, indem man Bäume darauf pflanzte. Gegenwärtig erinnert Einen beim Anblick der Pariſer Boulevards Nichts mehr an die Gräben, nicht wahr, Fräulein?“ Roſa⸗Maria ſchenkte Herrn Richard kein Gehör; ſie hatte einen jungen Mann von Leopolds Geſtalt vorbeigehen ſehen, ihr Herz hatte gewaltig gepocht und obgleich ſie ſich genau überzeugt, daß es nicht Der war, an den ihr Herz gedacht hatte, war ſie ihm doch lange mit den Blicken nachgefolgt. Da Herr Richard keine Antwort auf ſeine Frage erhielt, dachte er:„Ich ſpreche zu gelehrt für das junge Mädchen.. ich ſpreche von Dingen, die ſie nicht verſteht. Ich muß von etwas Anderem reden.“ Der junge häßliche Mann huſtet, beugt den Kopf vor, um Roſa⸗Maria in's Geſicht zu ſehen und fährt fort:„Ich will Ihnen Nichts von dem Boulevard Bourdon erzählen, über den Sie von der Auſterlitzer Brücke hergekommen ſind; er iſt ſo traurig, ſo ver⸗ laſſen, daß ich ihn gar nicht zähle. Der Bouvelard Beaumarchais, über den Sie nach jenem zuerſt ge⸗ kommen ſind, iſt auch noch nicht recht lebendig: auf der einen Seite laufen die Holzhöfe hin und auf der andern ſind noch ſehr wenig Läden. Sein einziger Vorzug beſteht für den Augenblick in den alten bu⸗ ſchigen Bäumen, welche die Steinbänke in den Neben⸗ 72 alleen beſchatten. Dorthin begeben ſich Abends die Einſamkeit ſuchenden Pärchen, und es iſt nicht zu be⸗ ſtreiten, daß, wenn man mit einem ſchönen Frauen⸗ zimmer ſpazieren geht, die Einſamkeit ihren Werth hat. ha, ha, ha!“ Herr Richard lacht allein, denn Roſa⸗Maria wen⸗ det den Kopf ab, um einem Orgelſpieler und einer Frau zuzuſehen, die ſingt und ſich mit der Violine accompagnirt. Als der Herr bemerkt, daß ſein Einfall keine Wirkung hervorbringt und auch ſein Lachen Niemand anlockt, ſieht er ſich genöthigt, in ſeiner Schilderung fortzufahren:„Dann haben Sie den Boulevard des Filles du Calvaire im Marais⸗Quartier geſehen, einem ſehr ruhigen Quartier, wo man unangefochten und ohne Toilette ſpazieren gehen kann. Der Be⸗ wohner des Marais geht aus, um friſche Luft zu ſchöpfen; der alte Rentier ſtützt ſich auf den Arm ſeiner Haushälterin; die ehrenwerthe Bürgerin der Pas⸗de⸗la⸗Muheſtraße kommt mit ihren Kindern auf den Boulevard, damit ſie dort ſpielen können... O⸗ es iſt ganz rococo!... begegnete man nicht zuweilen einer hübſchen Griſette, ſo könnte man es nicht aus⸗ halten... Uebrigens glaube ich nicht, daß man ein ſchöneres Geſichtchen ſehen kann als das Ihrige!... O, wenn es eines gäbe, ſo wüßte ich es.. denn ich darf mir ſchmeicheln.. ich kenne alle ſchöne Mäd⸗ chen in Paris!“ Roſa⸗Maria bleibt vor einem kleinen Knaben ſte⸗ hen, der kaum bekleidet iſt und ihr eine Schachtel 73 mit Zahnſtochern hinhält, indem er leiſe ſagt:„Kau⸗ fen Sie mir Zahnſtocher ab, Fräulein, ich habe ſchon zwei Tage Nichts gegeſſen. Mein Vater liegt im Spital; er iſt von einem Bau heruntergefallen und hat ſich beſchädigt.. ich muß allein für meiner klei⸗ nen Schweſter Unterhalt ſorgen.“ Die Jungfrau reicht dem Jungen ein Hundert⸗ ſousſtück und denkt:„Ach, ich habe wohl daran ge⸗ than, dem kleinen Mädchen nicht Alles zu geben, jetzt kann ich doch dieſem auch helfen.“ Der kleine Zahnſtocherhändler dankt Roſa, ent⸗ fernt ſich und Herr Richard nähert ſich ihr mit den Worten:„Fräulein, ich bemerke, daß Sie ſehr mit⸗ leidig ſind und lobe Sie darum; aber glauben Sie mir, mißtrauen Sie dieſen kleinen Schelmen, die unter dem Vorwande, unbedeutende Gegenſtände an Sie zu verkaufen, Ihr Herz durch erdichtete Leiden und erlogenes Unglück zu rühren ſuchen. Sehen Sie, der kleine Schurke zum Beiſpiel, dem Sie eben fünf Franken gegeben haben, iſt augenblicklich zu dem näch⸗ ſten Zuckerbäcker gegangen; dort ſtopft er ſich mit Kuchen und Confect voll, dann ſpielt er das ihm übrig gebliebene Geld mit andern Gaſſenjungen her⸗ aus und dazu hat ihm Ihre Barmherzigkeit Veran⸗ laſſung gegeben.“ Roſa wirft ungläubige Blicke auf Herrn Richard und murmelt:„Ach, mein Herr, welcher Gedanke! Man müßte alſo alle Unglücklichen zurückſtoßen.. ſich weder von ihrem Flehen noch ihren Thränen zum Mitleid bewegen laſſen...“ „Das wäre das beſte Mittel, nicht betrogen zu„ werden.“ 1 „Ich will lieber bisweilen betrogen werden, als gegen das Flehen eines wirklich Leidenden gefühllos ſein.“ „Das bleibt Ihnen überlaſſen, Fräulein... Auch„ wäre es mit Augen, wie die Ihrigen ſind, ſehr un⸗ recht, gefühllos zu ſein und...“ „Und wie heißt der Boulevard, auf dem wir uns jetzt befinden, mein Herr?“ „Das iſt der Boulevard du Temple, Fräulein; o, dieſer verdient Ihre Aufmerkſamkeit, beſonders wenn Sie Gefallen an Volksbeluſtigungen und öffent⸗ lichen Schauſpielen finden. Dieſer Boulevard hält täglich ſeinen Markt, es iſt keiner der übrigen mit ihm zu vergleichen. Er hat ſeine eigene Paſſage, ſeinen öffentlichen Garten.., ach, den einzigen, der von dieſer Art noch in Paris iſt, wo die Gärten immer mehr verſchwinden, um den Steinbrüchen Platz zu machen... Wollen Sie einen Augenblick halten, Fräulein, und hier gegenüber auf die Sonnenſeite ſehen, ich verſichere Sie, es iſt der Mühe werth... Betrachten Sie zuerſt jenes ungeheure Kaffeehaus 5 mit Billards in allen Stockwerken; man wird bald auf den Dächern anbringen, ſo daß, wenn man zu ſtark an eine Kugel ſtößt, dieſe in eine Kaminröhre fahren und auf das Billard in der erſten Etage her⸗ unterfallen wird, daß es eine Carambolage gibt. Neben dem Kaffeehaus ſteht ein Gaſthaus, wo eine Maſſe Hochzeiten gefeiert werden; Sie können keinen 75 Samſtag Abend daran vorbeigehen, ohne die Säle beleuchtet und durch die Fenſterſcheiben hindurch beim Klang der Muſik eine mehr oder minder elegante Geſellſchaft hüpfen und ſpringen und ſich den Freu⸗ den des Contre⸗ und Polka⸗Tanzes hingeben zu ſehen: dann findet eine Hochzeit ſtatt; es gibt Sonnabende, wo vier auf ein Mal in dieſen Sälen gefeiert wer⸗ den, und es kommt dann nicht ſelten vor, daß die zum Balle eingeladenen Gäſte ſich in der Hochzeit irren; man glaubt ſich gegenüber von der Perſon zu befinden, mit welcher ſich ein Advokat, ein Bekann⸗ ter ſo eben verbunden hat und begrüßt die Neuver⸗ mählte eines Gewürzkrämers mit den Worten:„Ma⸗ dame, ich bezweifle nicht, daß Ihr Herr Gemahl von nun an all' ſeine Angelegenheiten gewinnen wird.“ „Und die Braut erwiedert Einem mit einer Ver⸗ beugung:„Mein Herr, wir werden uns bemühen, alle unſere Kunden zufrieden zu ſtellen!“ „Man findet die Antwort hübſch und entfernt ſich mit der Ueberzeugung, die Dame ſei ſehr geiſtreich, bis Einen der Anblick des jungen Gemahls aus dem Irrthum reißt. Nach dieſem Gaſthaus kommt wieder ein anderes, hauptſächlich von geringern Leuten be⸗ ſuchtes Kaffeehaus; dann wieder eines für den Bür⸗ gerſtand; dann ein Schauplatz von Merkwürdigkeiten, wo ein Zwerg, eine Rieſin, ein gleich einem Bären mit Pelz überzogenes Frauenzimmer, abſcheuliche Thiere, kurz, merkwürdige Dinge zu ſehen ſind. Dann beim Thore die Poſſenreißer, die köſtlichen Hans⸗ wurſte, welche das Glück unſerer Väter ausgemacht 76 haben, unſer Glück und das Glück unſerer Nachkom⸗ men ausmachen werden. Der berühmte Bobéche und der drollige Galimafrée leben nicht mehr, aber an⸗ dere Künſtler ſind an ihre Stellen getreten; in Paris fehlt es nicht an Gauklern, und das Poſſenſpiel wird nie aufhören. Nächſt dieſem Schauplatz unter freiem 5 Himmel noch ein Kaffeehaus, dann ein Theater, der olympiſche Circus; dann ein weiteres Kaffeehaus und ein anderes Theater, das der Jolies-Pramatiques; dann zur Abwechslung abermals ein Kaffeehaus und daneben das Caité-Theater; nächſt dieſem das Seil⸗ tänzer⸗Theater, das Thédtre des Delassements und das kleine Lazary und überall rings herum noch an⸗ dere Kaffeehäuſer und eine Maſſe Paſtetenbäcker. Sie ſehen daher, Fräulein, daß meine Behauptung, dieſes Boulevard habe ſeines Gleichen nicht, richtig war.“ Roſa⸗Maria, die gern eine Weile ſtill geſtanden war, um zu betrachten, was ihr der Herr zeigte, ſetzt ihren Weg wieder fort und fragt:„Wie kommt es aber, mein Herr, daß, je weiter ich auf den Bou⸗ levards vorwärts gehe, mir immer mehr Leute be⸗ gegnen?“. „Weil Sie ſich immer mehr dem Mittelpunkt der Hauptſtadt, dem handeltreibenden, eleganten Quar⸗ tier nähern, Fräulein. Jetzt find wir auf dem Boule⸗ vard St. Martin.. Dort iſt das Waſſerſchloß, wo ſich beinahe immer Rekruten, Kindsmägde, Stra⸗ ßenjungen und Leute aufhalten, die allein ſpazieren gehen und auf Jemand warten. Hier ſind die Dan⸗ 77 dy's und Stutzer noch etwas Seltenes; hier begegnen Sie wenig lackirten Stiefeln und gelben Handſchuhen, dagegen aber vielen Schauſpielerinnen der Boulevards⸗ Theater; auch keinen Equipagen und Cavalieren auf ſtolzen Roſſen, aber vielen Mylords⸗Cabriolets und Citadinen mit verhängten Fenſtern.. ha, ha!“ „Sind wir noch weit von der St. Lazarusſtraße entfernt, mein Herr?“ „O gewiß, Fräulein! Sie können, ehe Sie dort⸗ hin gelangen, beinahe alle Boulevards ſehen. Aber wenn Sie ermüdet ſind, biete ich Ihnen einen Wagen an. iſt es Ihnen recht?“ „Ich danke Ihnen, mein Herr, ich will zu Fuß gehen.“ Damit verdoppelt die Jungfrau ihre Schritte, denn das Geſpräch des Herrn Richard intereſſirt ſie nicht; ſie wünſcht Paris nicht durch dieſen Unbekannten ken⸗ nen zu lernen; ſie hatte in ihrem Innern die Hoff⸗ nung gehegt, daß ſich der junge Maler ein Vergnü⸗ gen daraus machen werde, ihr die Merkwürdigkeiten der Hauptſtadt zu zeigen. Je mehr ſie aber in der ungeheuren Stadt vordringt, je mehr ſchwindet dieſe Ausſicht. Herr Richard ſieht ſich beinahe genöthigt, zu ren⸗ nen, um dem jungen Mädchen nachzukommen; end⸗ lich hat er ſie wieder eingeholt. „Dieſes iſt das St. Martinthor,“ ſagt er dann, „und dort iſt das St. Denisthor.. ein ſehr bevöl⸗ kertes Quartier, wo eine Maſſe Kaufleute wohnen... Sie gehen aber fürchterlich ſchnell, Fräulein!“ „Ach, weil ich an Ort und Stelle ſein möchte, mein Herr!“ „Das iſt das Boulevard Bonne⸗Nouvelle. Hier fangen die Kindsmägde, Taglöhner und ſchlecht ge⸗ kleideten Leute an weniger geſehen zu werden. Ele⸗ gante Damen erſcheinen; bald erblickt man dieſe in vorherrſchender Zahl, wir nähern uns dem ſchönen Quartier. Auf dem Boulevard Poiſſoniére, wohin wir jetzt kommen werden, iſt es ſchon ganz vornehm. Die Leinwandhändlerinnen haben prächtige Läden; die Modehändler, die Putzmacherinnen und Chokolade⸗ fabriken gehören zu den vorzüglichſten... Ei, dürfte ich es vielleicht wagen, Ihnen ein Stückchen Kuchen oder ſonſt Etwas anzubieten?“ „Ich danke Ihnen, mein Herr, es hungert mich nicht. ich nehme Nichts an.“ „Sie nimmt RNichts an!“ denkt Richard.„Ich wußte es wohl, daß es keine Pariſer Griſette iſt; es iſt aber jedenfalls eine angenehme Bekanntſchaft!“ Roſa⸗Maria läuft immer ſehr ſchnell. Herr Ri⸗ chard iſt ganz erſchöpft, wagt jedoch nicht, es merken zu laſſen. Sie ſind auf dem Boulevard Montmartre und er ruft aus:„Ha, Fräulein! jetzt befinden Sie ſich in dem Centrum.. in dem ſchönen Quar⸗ tier! Sehen Sie jene breite, gerade, geräumige Straße, wo ein Theil der Häuſer vergoldete Gitter hat, das iſt die Neuve⸗Vivienneſtraße.. Schauen Sie, bewundern Sie dieſe Tilbury's, dieſe Landauer, dieſe muthigen Pferde... und dieſe Kaffeehäuſer!... Ach, jetzt haben wir den Marais weit hinter uns!.. 79 Betrachten Sie die zierlichen Geſtalten dieſer Damen, ihre Anzüge... Ich bin überzeugt, Sie erregen Ihre Bewunderung!“ „Iſt denn die St. Lazarusſtraße am entgegen⸗ geſetzten Ende von Paris, mein Herr?“ „Wir nähern uns derſelben bald... haben Sie nur ein wenig Geduld. Jetzt ſind wir auf dem Bou- levard des Italiens. Das iſt die Chauſſée d'Antin, der Sitz der Handels⸗Agenten, der Opernſängerinnen, junger reicher Leute, die Geld zu verſchwenden ha⸗ ben, excentriſcher Künſtler, der Loretten, der Ban⸗ kiers, der Wagenfabrikanten und der Moſchus⸗Pa⸗ ſtillenhändler... Ach! riechen Sie ein wenig, Fräu⸗ lein, finden Sie nicht, daß die Luft von Wohlgeruch erfüllt iſt?... denn alle vorübergehenden Damen ſind von Kopf bis zu Fuß parfümirt... Ja, wir befinden uns im Schooße der Ueppigkeit und Größe.“ Statt zu antworten, bleibt Roſa⸗Maria vor einem blinden Greiſe ſtehen, der am Fuße eines Baumes ſitzt und einen Hund bei ſich hat, der ein Trögchen in der Schnauze trägt. Der Blinde ſpielt ein Oer⸗ gelchen, um die Blicke der Vorübergehenden auf ſich zu ziehen. Die Jungfrau nähert ſich dem Greiſe; ſeine wei⸗ ßen Haare, ſeine von Runzeln durchfurchte Stirne, ſeine Gebrechlichkeit und die ihn bedeckenden Lumpen preſſen der ſchönen Roſa einen Seufzer aus und ſchnell in ihre Taſche greifend langt ſie den letzten Fünffrankenthaler heraus und legt ihn in das Trög⸗ chen. 8⁰ „Armer Mann!“ ruft ſie aus,„ſo alt, blind.. und vielleicht brodlos!“ Dann geht Roſa⸗Maria wieder weiter, ohne auf die Segnungen des Greiſes zu hören und ſagt zu dem ſie begleitenden Herrn:„So viel es ſcheint, mein Herr, ſind in dem Quartier der Ueppigkeit und Größe auch Unglückliche zu finden?“ „Ach, Sie meinen den Blinden!“ erwiedert Ri⸗ chard höhniſch;„Sie wiſſen aber nicht, daß dieſer Mann Tage hat, wo er ſeine hundert Sous bis ſechs Franken und bisweilen auch noch mehr zuſam⸗ menbettelt!“ Hieronymus' Tochter empfindet ein Gefühl des Widerwillens gegen dieſen Menſchen, der keim Almo⸗ ſen geben will und aus Furcht, betrogen zu werden, es für einfacher hält, das Unglück ganz zu leugnen. „Aber, mein Herr,“ entgegnet Roſa,„dieſer Mann iſt ſehr alt und des Augenlichts beraubt; ich glaube, daß in dieſem Falle an ſeinem Unglück nicht zu zwei⸗ feln iſt!“ „Er iſt alt.. ja. ein Beweis, daß es ihm bis jetzt nicht an Lebensmitteln gefehlt hat; blind, das iſt möglich, aber noch nicht erwieſen... es gibt ſo viele Gusmans, Alfaraches in Paris!... Hier ſind die chinefiſchen Bäder, Fräulein! Wir lenken jetzt in die Chauſſée⸗d'Antinſtraße ein, die uns in die St. Lazarusſtraße führen wird. Außer dem Boulevard de la Madelaine haben Sie nun dieſe ganze Pro⸗ menade geſehen und Paris unter verſchiedenen Ge⸗ ſtalten, elegant, handeltreibend und bevölkert, kennen 81 gelernt. Seit man die Boulevards gepflaſtert und mit Erdharz beſtrichen hat und beſonders ſeit ſie, vermöge ſeiner Candelabres, die Sie in ſehr gerin⸗ ger Entfernung von einander auf beiden Seiten der Chauſſée bemerken, prachtvoll mit Gas beleuchtet ſind, iſt der Spaziergang bei Nacht ebenſo angenehm und ſo ſicher als bei Tag. Es gibt übrigens Leute, denen die Dunkelheit und der Schmutz lieber waren... Ei, wo iſt denn die Kleine hingekommen 2... Herr Richard ſteht ſtill und kehrt ſich um... Er ſieht, wie die Jungfrau den Reſt ihrer Börſe in die Hand einer armen Frau leert, welche ein Kind ſäugt, noch ein anderes auf dem Arme hat und ein drittes bei der Hand führt. Das Weib hat nicht gebettelt, aber ſie ſieht ſo blaß, ſo armſelig aus und wirft ſo traurige Blicke auf ihre Kleinen, daß man ſich bei ihrem Anblick kaum der Rührung erwehren kann. Roſa⸗Maria kommt auch mit thränenfeuchten Augen zu Herrn Richard zurück und ſetzt ihren Weg wieder fort, indem ſie murmelt;„Ach! und ſollte mich der Schein auch immer trügen, ich wäre nie im Stande, ein ſo trauriges, rührendes Gemälde zu ſehen, ohne davon ergriffen zu werden.“ „Das junge Mädchen,“ denkt Herr Richard in ſeinem Sinne,„behält Nichts für ſich; ſie iſt bis zum Uebermaß empſindlich! Ihre Eroberung wird leicht zu machen ſein.“ Viertes Kapitel. Die beiden Adreſſen. Beim Einlenken in die Chauſſée⸗d'Antinſtraße nähert ſich Herr Richard Roſa und ſagt mit dem Tone eines Mannes, der überzeugt iſt, Beifall zu finden, zu ihr:„Sie müſſen müde ſein, ſchöne Rei⸗ ſende l.. es iſt von dem Jardin des Plantes bis hier⸗ her ſehr weit; hier nehmen Sie ohne Umſtände mei⸗ nen Arm, dann gehen wir mit einander und machen nähere Bekanntſchaft.“ Damit präſentirte ihr der junge Mann ſeinen Armz ſtatt aber ſchnell den ihrigen einzuhängen, wie er es vorausſetzte, weicht das junge Mädchen zurück und entgegnet:„Ich danke Ihnen, mein Herr, ich bin nicht müde und ich gehe lieber allein.“ Herr Richard runzelt die Stirne und denkt:„Hm! ſie macht mehr Umſtände als ich geglaubt hätte; ich will aber nicht umſonſt ſo weit gelaufen ſein!“ Hierauf nähert er ſich Roſa wieder und verſetzt: „Wie es Ihnen Vergnügen macht, Fräulein; aber Sie dürfen glauben, daß ich meinen Arm nicht Jeder⸗ mann anbiete!... Ich nehme in Paris eine ſehr ſchöne Stellung ein, bin ſehr reich, in der Welt ge⸗ achteb und veſonders ſehr freigebig gegen Damen!.. Sie haben einen wunderhübſchen Fuß... Sie werden zahlreiche Eroberungen in Paris machen... die mei⸗ nige iſt Ihnen bereits gewiß!“ Roſa⸗Maria gibt kein Gehör mehr; ſie rennt —.————— 83 immer ſchneller voraus. Herr Richard eilt ihr nach, indem er vor ſich hin brummt:„Dieſe Kleine iſt ein durchtriebenes Ding.. es kann nicht anders ſein.“ Man war am Ende der Chauſſée⸗d'Antinſtraße; das junge Mädchen hält:„Und wo iſt die St. La⸗ zarusſtraße, mein Herr?“ „Gerade vor Ihnen, Fräulein, rechts und links.“ „Ach, welches Glück!“ „Das iſt aber noch nicht Alles, Fräulein, man muß wiſſen, welche Nummer Sie ſuchen... Rennen Sie doch nicht ſo.. nehmen Sie ſich vor den Ge⸗ fährten in Acht!“ Roſa⸗Maria achtet nicht mehr auf Herrn Richard; ſie wußte, daß ſie ihren Onkel Nicolaus Nr. 62 zu finden hatte. Sie hat bereits nach den Hausnummern geſehen und mit Freuden bemerkt, daß die geſuchte nicht mehr ferne iſtz ſie läuft, kommt an, tritt in ein ſchönes Haus, wendet ſich ganz außer Athem an den Portier und fragt:„Mein Herr, ſagen Sie mir ge⸗ fälligſt, in welchem Stockwerk wohnt mein Onkel Nicolaus.. Nicolaus Gogo?“ Der Portier, an welchen ſich die Jungfrau ge⸗ wendet hat, war ehemals Schweizer in einem großen Hauſe geweſen und hatte alle Manieren eines ſolchen beibehalten. In einen Oberrock eingehüllt, den er beinahe auf dem Boden ſchleppt, eine Mütze mih über die Ohren heruntergeſchlagenen Lappen auf dem Kopfe, thront er zwiſchen ſeinem Hund und ſeiner Katze in ſeiner Loge und ſcheint es für eine Gnade zu halten, wenn er Einem Antwort gibt. Er mißt daher das 84 junge Mädchen mit unverſchämter Miene von Oben bis Unten, ſchneuzt ſich, ſtreicht mit der Hand den Rücken ſeiner Katze und brummt:„Hm? wie? was fragen Sie?“ „Ich frage, in welches Stockwerk ich gehen muß⸗ um meinen Onkel Nicolaus Gogo zu finden?“ „Gogo!.. kenne ich ſo Jemand?.. haben wir Jemand der Art im Hauſe?“ „Wie, mein Herr, Sie kennen meinen Onkel Gogv nicht? Ich bin aber doch im rechten Hauſe, St. La⸗ zarusſtraße Nr. 62.“ „Hier, Mouton, nimm das... zank' Dich aber nicht mit dem Türk., mach', gib die Pfote, ſchnell die Pfote!“ Roſa⸗Maria wartete ängſtlich auf die Antwort des Portiers; aber dieſer ſcheint, ganz mit ſeinen Thieren veſchäftigt, nicht mehr zu bemerken, daß das junge Mädchen mit ihm ſpricht. Roſa ſagt daher ungeduldig:„Geben Sie mir doch Antwort, mein Herr, Sie ſehen ja, daß ich warte.“ „Wie? was gibt es?.. Ach, Sie ſind noch da! Was wollen Sie denn noch?“ „Wo logirt mein Onkel, mein Herr?“ „Was? Ihr Onkel? Kenne ich Ihren Onkel? Bin ich genöthigt zu wiſſen, wo Ihre Verwandten ſind?.. Hierher, Türk, hierher... Du frißt von Moutons Paſtete, Du Lecker; aber ich ſehe Dich und wenn ich aufſtehe, kriegſt Du Peitſchenhiebe.“ Hieronymus' Tochter ſteht noch immer vor dem Eingang in des Portiers Loge; ſie hat das Papier 85⁵ in der Hand, auf dem die Adreſſe ihres Onkels ſteht; ſie reicht es dem unfreundlichen Portier und ſagt: „Sehen Sie, mein Herr, man hat mir doch geſagt, hier wohne mein Onkel Gogo... ich bin doch am rechten Orte.“ Der ehemalige Schweizer erhebt ſich mit zorniger Miene und ſtößt das junge Mädchen zurück. „Wiſſen Sie!“ ſchreit er, als ob er ein Paar Ochſen vor ſich gehabt hätte,„wiſſen Sie, daß Sie mich mit Ihrem Onkel Gogo zu langweilen anfan⸗ gen? Wollen Sie mich nicht bald in Ruhe laſſen, Mamſelle?... Herunter, Türk, herunter!... Wie viel Mal muß ich Ihnen ſagen, daß ich ihn nicht kenne, daß kein Gogo im Hauſe wohne.. ich meine doch, ich ſpreche verſtändlich.“ Roſa⸗Maria zieht ſich beinahe entſetzt über den unverſchämten Ton des Portters zurück und murmelt: „Verzeihen Sie, mein Herr, dann muß ſich unſer Vetter geirrt haben.“ Damit kehrt die Jungfrau traurig und betrübt auf die Straße zurück und Herr Richard, der an der Thüre des Hauſes ſtehen geblieben war, wo er die von ihm Verfolgte hatte hineingehen ſehen, eilt ſchnell auf ſie zu und fragt:„Ei, was haben Sie denn, Fräulein!... Sie ſcheinen ganz betrübt. iſt Ihr Verwandter krank... haben Sie eine unangenehme Nachricht erfahren?“ „Nein, mein Herr, das nicht. aber ich begreiſe nicht. mein Onkel Gogo wohnt nicht in dieſem Paul de Kock LXRV. 6 6 86 Hauſe... und doch hat mir vor ganz kurzer Zeit erſt mein Vetter ſeine Adreſſe gegeben... Was bedeutet das wie kommt es, daß er ſich geirrt hat?... es iſt mir unfaßlich!“ Herr Richard iſt entzückt über dieſen Vorfall, weil er denkt, die Verlegenheit des jungen Mädchens ſlelle ſie ſeiner Macht anheim, und er reibt ſich vergnügt die Hände, indem er erwiedert:„Ach⸗Fräulein, wenn Sie geglaubt haben, in Paris könne ein junges Mädchen einen Führer und Beſchützer entbehren, ſo waren Sie ſehr im Irrthum.. ſelbſt Perſonen, welche ſchon lange in der Stadt wohnen, iſt es manchmal ſchwierig, Die zu entdecken, welche ſie auf⸗ ſuchen. Wie können Sie alſo meinen, ein junges Mädchen, welche zum erſten Mal nach Paris kommt, könne gleich Alles finden? Sie ſehen hieraus, daß Sie ohne Stütze, ohne Freund nie Ihren Onkel Gogo ſinden werden... Aber obgleich Sie vorhin meinen Arm ausgeſchlagen und mir nicht auf meine Erklä⸗ rungen geantwortet haben, will ich es doch auf mich nehmen, Ihre Familie zu entdecken. Nun, kleine Böſe, nehmen Sie meinen Arm an, ich trage Ihnen Nichts nach und finde Sie immer anbetungswürdig.“ Roſa⸗Maria weicht abermals zurück und antwortet bloß mit einer Verbeugung:„Ich danke Ihnen, mein Herr, aber ich brauche keinen Führer. Dem Himmel ſei Dank, ich habe noch einen andern Onkel in Pa⸗ ris.. Ich hoffe, daß man ſich in deſſen Adreſſe nicht geirrt hat und ich werde ihn augenblicklich auf⸗ ſuchen.“ 87 „Ah! Sie haben noch einen andern Onkel in Pa⸗ ris?“ entgegnet Richard, yöchſt ärgerlich über die fortwährende Weigerung des jungen Mädchens, ſei⸗ nen Arm anzunehmen.„Teufel! Sie haben ja eine Maſſe Onkel.. das ſcheint mir ein bischen unglaub⸗ würdig!“ „Ja, mein Herr, ich habe zwei Onkel und ſogar mehrere Vetter hier und da ich groß genug bin, ſelbſt nach dem Weg zu fragen, ſo geben Sie ſich keine Mühe mehr, mich zu begleiten.“ „Ah, der Tauſend! ſo nehmen Sie es auf, Kleine? Allein Sie mögen machen, was Sie wollen, ich gehe, wenn mir's gefällt, auf demſelben Wege fort wie Sie, denn in Paris kann Jeder hingehen, wo er will, und vielleicht ſind Sie in kurzer Zeit überglück⸗ lich, wenn Sie mich in der Nähe haben, um Sie zu beſchützen.“ Hieronymus' Tochter achtet nicht mehr auf dieſe Worte Richards. Sie ſieht das Stückchen Papier in ihrer Hand an, geht in den erſten beſten Laden hin⸗ ein und fragt nach der Vendömeſtraße; nach dem ihr angewieſenen Wege geht ſie die Antinſtraße yin⸗ ab, um wieder auf die Boulevards zu gelangen und den Weg wieder zurückzugehen, auf dem ſie her⸗ gekommen iſt. Herr Richard folgt dann der Jungfran wieder und ſpricht bei ſich:„Man merkt wohl, daß ſie aus einem Dorfe kommt... meinen Arm auszuſchlagen die kleine Gans!.. Ich ſollte ſie verachten.. aber ſie iſt zu hübſch!. Teufel! wenn ſie ihren — 88 andern Onkel fände, dann wäre ich vergeblich mit⸗ gelaufen, und die Kleine läßt mich gehörig traben... Ich habe noch nicht zu Mittag gegeſſen... ich ſterbe faſt vor Hunger... aber einerlei, ich laſſe mich nicht vertreiben, ich muß wiſſen, wo ſie hingeht, erfahren, was der Oheim treibt; es iſt ohne Zweifel ein Krä⸗ mer... dann gehe ich alle Tage hin und handle mit ihm oder kaufe Etwas bei ihm.“ Der Tag fing an ſich zu neigen und das junge Mädchen konnte nicht mehr ſo ſchnell gehen, denn ſie war todtmüde. Erſt jetzt fällt es ihr ein, daß ſie all ihr Geld hergeſchenkt und Nichts für ſich behalten hat; aber ſie bereut es nicht, mitleidig geweſen zu ſein, und tröſtet ſich, ihre Kräfte zuſammennehmend⸗ mit dem Gedanken:„Gott wird meinen Muth ſtär⸗ ten, er kann mich nicht für meinen guten Willen ſtra⸗ fen wollen.“ „Am Ende läßt mich die Kleine wieder die gan⸗ zen Boulevards ausmeſſen,“ ſpricht Richard bei ſich⸗ während er Roſa⸗Maria folgt.„Das Mädchen hat die Schnelligkeit eines Hirſches... wenn ich nicht be⸗ fürchtete, ſie aus den Augen zu verlieren, hätte ich mir ſchon längſt bei einem Paſtetenbäcker etwas Ku⸗ chen gekauft.. Ach, dem Himmel ſei Dank, ſie verläßt den Boulevard, hoffentlich ſind wir bald am Ziele.“ In der That wendet ſich Roſa, welche ſich den ihr angegebenen Namen genau gemerkt hat, ſeitwärts und mündet in die Tempelſtraße ein; die erſte links iſt dann die Vendomeſtraße und ſie findet die Nr. 14 pald. Hier wendet ſie ſich wieder an den Portier, —,— —,————————— —,———— —,——————— 89 welcher dieß Mal durch ein altes Weib mit einer Brille auf der Naſe und einem alten ſchmutzigen Buche in der Hand vorgeſtellt wird. „Madame, wollen Sie mir gefälligſt ſagen, in welchem Stockwerk der Herr Enſtachius Gogo wohnt?“ fragt Roſa in ſanftem Tone, denn ſie befürchtet, die Portière ebenfalls zu erzürnen. Die Alte iſt etwas taub, doch ſieht ſie Jemand auf ihre Loge zutreten, legt ihr Buch auf den Schvoß und ſchreit:„Hm? was? was wünſchen Sie, meine Kleine?... Ich war gerade an einer ſehr intereſſan⸗ ten Stelle. wo der Räuber, der Roger, ſeinen Sohn Victor, das Waldkind, vom rechten Weg ab⸗ bringen will... Ach, das iſt ein ſchaudererregendes Werk!... Ich habe bei meiner Ehre wegen dieſer Geſchichte nicht eſſen können... Victor und ſeine Cle⸗ mentine intereſſiren mich gar zu ſehr!“ „Ich bedauere außerordentlich, Sie unterbrochen zu haben, Madame,“ verſetzt Roſa,„aber ich wollte nur fragen, in welchem Stock mein Onkel Gogo wohnt?“ „Sie haben das Werk geleſen 2... nicht wahr, es. iſt prächtig! Und wie geht es denn am Ende der armen Clementine? Sagen Sie mir, was Sie da⸗ von halten, damit ich Ihre Meinung mit der meini⸗ gen vergleiche.“ Die Jungfrau nähert ſich der Alten und ſagt mit lauterer Stimme:„Madame, ich frage nach Herrn Euſtachius Gogo!“ „Ach ja, es iſt ſchön!.. Sie ſind auch meiner Anſicht aber dieſer Lump von Roger! welcher — 90 Schurke! Kann es wirklich ſolche Schufte geben... als ich eine rechtſchaffene Frau bin?“ „Roſa iſt in Verzweiflung, zum Glück gewahrt ſie ein blechernes Sprachrohr, welches auf dem Ofen liegt, ſie nimmt es eilig, legt es an das Ohr der Portiére und wiederholt ihre Frage. Die Alte thut ihre Brille herunter, betrachtet das junge Mädchen und antwortet:„Nach Herrn Gogo Herrn Euſtachius Gogo fragen Sie, mein Kind? .. Entſchuldigen Sie, der Roman fährt mir noch im Kopfe herum; habe ich doch vergangene Nacht meinen Nachttopf in's Bett geſchüttet, weil ich ihn für den ſchuftigen Roger hielt und glaubte, er wolle mich ſchänden.“ „Wie viel Stiegen muß ich hinauf zu meinem Onkel, Madame?“ „Zu Ihrem Onkel.. ach! der Herr Gogo iſt alſo Ihr Onkel?.. ich kenne ihn nicht, meine Liebe.. Gogo, das iſt ein komiſcher Name! Wenn ein Gogo im Hauſe wohnte, hätte ich mich ſeiner gewiß erin⸗ nert, aber wir haben keinen Miethsmann, der ſo heißt.“ Roſa⸗Maria bleibt wie vernichtet ſtehen, als ſie dieſe letzte ſie aufrecht haltende Hoffnung ſchwinden ſieht, ſie begreift das Schreckliche ihrer Lage. Sie blickt die Portiere mit thränenden Augen an, aber die Alte hat bereits ihre Brille wieder aufgeſetzt und murmelt, während ſie nach ihrem Buche langt:„Ich muß weiter leſen.. ich kann Victor nicht mit ſeiner Clementine im Freien laſſen!... Soll ich Ihnen ein paar Seiten vorleſen, mein Kind?“ —,,— 91 „Alſo ſind Sie überzeugt, Madame, daß mein Onkel Euſtachius Gogo nicht hier wohnt?“ „Er hat nie hier gewohnt, meine Theuerſte.. Potz Kuckuk! ich müßte es wiſſen, ſeit vierunddreißig Jahren ſitze ich an dieſer Thür und man behält mich doch trotz meiner Taubheit.. aber Abends, wenn ich mich zu Bette lege, befeſtige ich mein Sprach⸗ rohr an mein Ohr und ſchlafe auf dem andern... Ach, der Schurke, der Roger.. wart'Kerl, ich gehe nicht bälder zur Ruhe, als bis Du Deinen Theil haſt!...“ Roſa⸗Maria verläßt die Loge, denn ſie ſieht wohl, daß von der Portiére Nichts weiter zu erfahren iſt; ſie kehrt auf die Straße zurück; die Nacht iſt unterdeſ⸗ ſen hereingebrochen; die Jungfrau weiß nicht, wo ſie ihre Schritte hinwenden ſoll. Sie weint, bedeckt ihre Augen mit dem Taſchentuch und jammert:„Mein Gott, mein Gott! was ſoll aus mir werden?“ Ein junger Mann nähert ſich ihr, faßt ſie beim Arme und ſagt:„Ei, kleine Grauſame, Sie wei⸗ nen jetzt; der Onkel im Marais iſt, wie es ſcheint, ſo wenig zu finden wie der in der Chauſſée d'Antin.“ Roſa hat den häßlichen Herrn, der ſie ſeit ihrer Ankunft in Paris verfolgt, erkannt, aber ſie fühlt ſich in dieſem Augenblick ſo niedergeſchlagen, daß ſie nicht die Kraft hat, den jungen Mann zurückzuſtoßen; ſie antwortet nur in Thränen zerfließend:„Was ſoll das heißen?... Wie kommt es, daß uns unſer Vet⸗ ter falſche Adreſſen gegeben hat? Warum wollte er ſich über uns luſtig machen? O, mein armer — 92 Vater, der Du mich mit der Hoffnung nach Paris geſchickt haſt, ich werde von meinen Onkeln gut auf⸗ genommen werden und glücklich hier ſein..« ach, wenn Du wüßteſt, daß Deine Tochter nicht mehr weiß, wo ſie ſich hinwenden und was in dieſem Pa⸗ ris, wo ſie Niemand kennt, aus ihr werden ſoll, ſo wäreft Du ſehr unglücklich!... O, ich gehe nach Avon zu meinem Vater zurück. morgen gleich. heute noch, wenn es möglich iß. Sagen Sie mir gefälligſt, wie muß ich es machen, um heute Abend noch nach Fontainebleau zurückzukommen... von dort kann ich zu Fuß nach Hauſe gehen. Ach, ich wäre ſo glücklich, wenn ich mich nur in Fontainebleau be⸗ fände.“ Herr Richard fängt an zu lachen und erwiedert: „Heute Abend noch nach Fontainebleau zurückkehren? Daran dürfen Sie nicht denken, ſchöne LTigerin; das iſt rein unmöglich; es iſt Nacht und ſchon ſpät!“ „Geht die Eiſenbahn bei Nacht nicht, mein Herr?“ „Nein! Außerdem ſind wir entſetzlich weit vom Bahn⸗ hofe entfernt. Ich wiederhole Ihnen, es iſt an eine Rück⸗ kehr in Ihre Heimath heute Abend nicht zu denken.“ „Aber es muß ſein, mein Herr!... Was ſoll in Paris aus mir werden?... Wo ſoll ich die Nacht zubringen?. und ich habe kein Geld mehr, um in ein Wirthshaus zu gehen. O, man wird mir aber hoffentlich bis morgen borgen, dann hole ich meinen Koffer und biete ein Stück meiner Effekten zur Be⸗ zahlung an, nicht wahr, mein Herr?... Ach, haben Sie die Güte, mir ein Gaſthaus zu zeigen!“ — 93 „Meine Kleine, Sie ſprechen wie ein Kind.. Erſtens gibt es keine Gaſthäuſer in Paris, ſondern bloß Hotels und möblirte Wohnungen; die erſtern ſind ſehr theuer und die letztern ſehr verdächtig... dann creditirt man Einem keine Logis, beſonders ei⸗ nem jungen Mädchen nicht, das ganz allein ankommt man wird eine ſehr ſchlechte Meinung von Ihnen haben und offen geſagt, wenn ich nicht die Reiſe auf der Eiſenbahn mit Ihnen gemacht hätte, ſo würde ich der Geſchichte mit Ihren Onkeln und dem Vetter, der falſche Adreſſen gibt, gar keinen Glauben ſchen⸗ ken„ „Was würden Sie denn von mir denken, mein Herr?“ ruft Roſa aus, indem ſie ihre Hand zurück⸗ zieht, die Herr Richard ergriffen hat. „Lauter Liebenswürdiges, ich ſchwöre es Ihnen! Wohlan, werden wir nicht böſe; nehmen Sie meinen Arm an, ich will Sie an einen Ort führen, wo Sie außer aller Gefahr die Nacht zubringen können.“ „Wo, mein Herr?“ „Vertrauen Sie mir; was Teufel! Sie können nicht unter freiem Himmel übernachten und ſich der Verlegenheit ausſetzen, von der grauen Patrouille er⸗ griffen zu werden.“ „Was iſt das für eine.. die graue Patrouille?“ „O, das iſt etwas Erſchreckliches für die jungen Mädchen, die Nachts allein in Paris herumlaufen. Sie würde Sie in den St. Martinsſaal führen...“ „Was iſt das für ein Saal, mein Herr?“ „Ein Ort, wo man alle Diebe und liederliche 94 Dirnen, die man Nachts in Paris auffängt, vorläu⸗ fig einſperrt.“ Roſa⸗Maria ſtößt einen Schrei des Schreckens aus; Herr Richard benützt dieſen Augenblick, wo das junge Mädchen zittert, um ihren Arm in den ſeinen zu legen und ſagt:„Beruhigen Sie ſich! zittern Sie nicht ſo; bei mir laufen Sie keine Gefahr ich will Sie zu meiner.. Tante führen. Das iſt eine achtungswerthe Frau, die ſich ein Vergnügen daraus machen wird, Sie wie ihre Tochter zu behandeln.“ Roſa erhebt flehend die Augen zu dem jungen Mann und ſtammelt:„Sie werden mich nicht täu⸗ ſchen, mein Herr, das Vertrauen eines armen jun⸗ gen Mädchens, das ſeine Familie nicht finden kann, und jetzt ſo ſehr bereut, nach Paris gekommen zu ſein, nicht mißbrauchen wollen. Ich lüge Sie nicht an, mein Herr, das wiſſen Sie. aber Sie?... „Ich Sie anlügen? Mein Gott, wie mißtrauiſch ſind Sie!.. Kommen Sie, ftützen Sie ſich doch auf mich, Fräulein... Ach, entſchuldigen Sie, ich weiß Ihren Namen nicht.“ „Roſa⸗Maria, mein Herr.“ „Nun, Fräulein Roſa.. Roſa⸗Flora.. er Name iſt ganz für Sie geſchaffen.. führen Sie mich doch am Arme.“ Die Jungfrau weiß nicht mehr, was ſie thun ſoll, denn wenn ſie an das denkt, was der Herr, welcher ihr ſeine Unterſtützung anbietet, zu ihr ge⸗ ſagt hat, fürchtet ſie ſich, ſich ihm anzuvertrauen; aber ſie iſt vor Mattigkeit erſchöpft, ſie läßt ſich alſo — 95 führen und ſtützt ſich ſogar feſt auf Herrn Richard, der in ſeinem Innern denkt:„Endlich iſt ſie mein! ich wußte wohl, daß ich zum Zwecke kommen würde: Beharrlichkeit führt in allen Dingen zum Ziele.“ Richard geht mit dem jungen Mädchen wieder auf die Boulevards zurück; da er aber ebenſo er⸗ müdet war wie die Kleine und vor Hunger faſt nicht mehr vorwärts konnte, lenkt er ſeine Schritte nach einer Reſtauration hin. Der junge Mann iſt gerade bei Kaſſe, was nicht oft bei ihm der Fall war und ſagt zu Roſa:„Ich meine, wir thäten nicht Unrecht daran, ſchönes Kind, wenn wir, ehe wir uns zu meiner Tante begeben, Etwas zu Mittag oder vielmehr zu Nacht eſſen würden, denn es iſt ſpät ge⸗ nug, daß man ſo ſagen kann.“ „O, ich danke Ihnen, mein Herr, ich habe keinen Hunger.“ „Aber ich, Fräulein, ich, der ich ſeit heute Mor⸗ gen Nichts mehr gegeſſen habe, der Magen ſchmerzt mich und auch die Müdigkeit erfordert es, daß ich mich ein wenig ſtärke.“ „Könnten Sie nicht vielleicht bei ihrer Tante eſſen, mein Herr?“ „Ich fürchte, ſie möchte Nichts vorräthig haben, um ſo mehr, als ſie uns nicht erwartet. Hier iſt ein ſehr guter Gaſtwirth, Fräulein, wo nur noble Leute hingehen.. wenn Sie nicht eſſen, ſo können Sie mir zuſehen; Sie können aber während dieſer Zeit wenigſtens ausruhen, und Sie werden mir ge⸗ wiß nicht leugnen, daß Sie müde ſind.“ 96 „In der That, mein Herr, ich bin ſehr müde.“ „So kommen Sie doch und zittern Sie nicht ſ. Die Damen und Fräulein von Paris ſpeiſen oft bei den Traiteurs und fürchten ſich gar nicht davor; ſie thun es im Gegentheil ſehr gerne.“ Richard tritt mit Roſa in eine Reſtauration auf dem Boulevard. Es befindet ſich Niemand mehr in den Sälen, deſſenungeachtet verlangt der junge Mann ein eigenes Cabinet, und ein Kellner ſchickt ſich bereits an, ihnen eines anzuweiſen, als Roſa, die einen Blick in den noch beleuchteten Salon geworfen hat, deſſen Glasthüren auf den Vorplatz führen, in denſelben hineingeht und ſagt:„Warum wollen Sie nicht hier zu Nacht eſſen, mein Herr? hier ſind ja ſchon gedeckte Tiſche.“ „Weil es in einem Cabinet angenehmer iſt, Fräu⸗ lein. Kommen Sie nur, zu Zwei iſt es nicht gebräuch⸗ lich, ſich in einen Salon zu ſetzen... und außerdem werden hier jetzt die Lampen abgelöſcht. Nicht wahr, Kellner?“ Der Kellner zögert mit der Antwort, denn die beſcheidene, ängſtliche Miene der Jungfrau verleiht ihren Zügen in dieſem Augenblick einen Ausdruck, dem ſchwer zu widerſtehen iſt; und außerdem iſt der ſie begleitende Herr ſo häßlich, daß der Kellner, der natürlich an ſolche Zuſammenkünfte gewöhnt iſt, gleich bemerkt, daß hier keine Uebereinſtimmung herrſcht. Aber Roſa⸗Maria hat im Saale Platz genommen und ſagt in einem ſehr entſchiedenen Tone zu ihrem — 97 Führer:„Gehen Sie hin, wo Sie wollen, mein Herr, ich warte hier, bis Sie gegeſſen haben.“ „Schau' mir Eines dieſen kleinen Starrkopf da,“ ſpricht Richard bei ſich ſelbſt.„Ha! Das ſollſt Du mir ſpäter bezahlen, Trotzige; ich will Dich dreſſiren, wenn ich Dich erſt unterworfen habe. Jetzt will ich's gelten laſſen, und da Sie bei mir über Nacht bleibt, brauche ich für den Augenblick kein Cabinet. Im Ganzen iſt es auch beſſer; ich hätte nur an Dumm⸗ heiten gedacht, während ich ſo ordentlich zu Nacht eſſe.“ Herr Richard entſchließt ſich ſomit auch, in den Salon zu treten, er heißt den Kellner zwei Gedecke legen, geht dann auf Roſa zu und will ſie zum Tiſch führen, aber das junge Mädchen ſträubt ſich, bleibt auf ihrem Stuhle ſitzen und ſagt:„Ich habe Ihnen ſchon erklärt, mein Herr, daß ich keinen Hunger habe, es iſt überflüſſig an den Tiſch zu ſitzen, ich eſſe Nichts.“ „Ei, Sie leben alſo von der leeren Luft, meine Theure? Entſchuldigen Sie, Fräulein, aber ſo viel ich weiß, haben Sie ſchon lange Nichts mehr zu ſich genommen.“ „Ich bin zu bekümmert und zu unruhig, um an's Eſſen zu denken, mein Herr.“ „Sie dürfen ſich keine Sorgen mehr machen, da ich Sie beſchütze, Ihren Ritter mache.. und meine Tante Ihnen Gaftfreundſchaft anbielet, können Sie beruhigt ſein. Kommen Sie, ſetzen Sie ſich in ge⸗ höriger Entfernung mir gegenüber; dann kann man uns für ein Ehepaar aus dem Marais halten.“ 98 „Es iſt überflüſſig, ich will Richts zu mir neh⸗ mien „Wie Sie alſo wünſchen, aber ich habe einen tüchtigen Appetit, und ich ſage Ihnen zum Voraus, ich beeile mich nicht ſehr bei Tiſche.“ „Ich werde warten, mein Herr.“ Herr Richard ſetzt ſich vor das für ihn beſtimmte Couvert; er verlangt Pomard⸗Wein und läßt ſich dann Cotelettes, einen Hahnen und Fiſche auftragen. Der Weg, den er zurückgelegt, ſeit er den Bahnhof verlaſſen, hat einen raſenden Hunger in ihm erweckt und er feuchtet ſeine Biſſen tüchtig an. Er iſt auch ſehr vergnügt über ſeinen Abend und verſpricht ſich eine köſtliche Nacht. Alles Dies verſetzt ihn in eine roſige Laune; ſeine Flaſche Pomard iſt bald geleert und er beſtellt Champagner, mit dem Ausruf:„Ha, meiner Treu'! ich will mir dieſen Abend Nichts ver⸗ ſagen!. ich bin zu vergnügt über meinen heutigen Tag!.. Ein Gläschen Champagner, meine hübſche Brünette.. Röschen, das werden Sie mir nicht verſagen?“ Roſa ſchlägt es jedoch abermals aus; ſie fühlt ſich durchaus nicht geneigt, Etwas anzunehmen, denn ſeit der häßliche junge Mann ſeine Flaſche Pomard ausgetrunken hat, leuchten ſeine Augen wie glühende Kohlen, und er läßt ſie alle Augenblicke mit einem Ausdruck auf dem jungen Mädchen haften, der die⸗ ſer unerträglich iſt. Auch bebt ſie zuſammen, wie ſie Herrn Richard eine zweite Flaſche entpfropfen, ſein Glas füllen und wieder füllen ſieht. „Mein Gott, mein Herr, wollen Sie denn auch noch dieſe Flaſche leeren?“ fragt Roſa beſorgt. „Und warum nicht, mein Kleinod? ich muß ſie wohl allein austrinken, da Sie mir nicht Geſellſchaft. leiſten wollen; das macht mir aber keine Furcht! ich leere vier ſolcher Flaſchen, ohne ſie nur zu ſpüren.“ Herr Richard lügt, denn er kann im Gegentheil nicht viel Wein ertragen; aber gleich jenen verſtellten Tapfern, die nie ärger ſchreien, als wenn ſie Angſt haben, glaubt der häßliche junge Mann ſich durch das Champagnertrinken zu ermuthigen; je aufgereg⸗ ter er iſt, je mehr trinkt und ſchwatzt er und wie⸗ derholt in Einem fort, der Wein habe keine Gewalt über ihn. Es hat elf Uhr geſchlagen. Das junge Mädchen hat ſchon mehrmals ſchüchtern gemurmelt:„Ihre Tante wird ſich aber vereits zu Bett gelegt haben.⸗ „Meine Tante. meine Tante.. ſeien Sie un⸗ bekümmert,“ entgegnet Richard, deſſen Zunge anfing ſchwer zu werden,„verlaſſen Sie ſich auf mich ich ſtehe für Alles.. das iſt meine Sache.“ Indeſſen erhebt ſich Roſa doch von ihrem Sitze und Herr Richard entſchließt ſich, daſſelbe zu thun. Seine Augen ſcheinen aus dem Kopfe treten zu wollen; er gibt ſich, während er den Kellner bezahlt, Mühe, eine würdige Miene anzunehmen, aber er ſteht nicht feſt auf ſeinen Füßen. Er nähert ſich der Jungfrau, präſentirt ihr ſeinen Arm und ſtammelt:„Vor⸗ wärts jetzt!“ Dann tritt der Kellner auf Roſa zu und flüſtert 100 ihr in's Ohr:„Nehmen Sie ſich in Acht, Fräulein⸗ trauen Sie dieſem Herrn nicht.“ Roſa⸗Maria blickt entſetzt den Kellner an, ſie weiß nicht, was ſie thun ſoll; aber Herr Richard zieht ſie mit ſich, und ſie befindet ſich ſchon mit ihm auf dem Boulevard. Es iſt ſpät und es gehen nur wenig Leute vorbei. Der junge Mann, welcher ſpürt, daß er nicht recht vorwärts kommt, packt Roſa feſt am Arme und will ſchnell gehen; er ſucht ſeine Schritte zu verlängern, indem er trällert: „Vorwärts ſtürmt auf ihren Kanonenlauf!“ „Ha, meiner Treu', ich habe gut zu Nacht geſpeist „ſehr gut zu Nacht geſpeist!“ „Wohnt Ihre Tante weit weg, mein Herr?“ „Meine Tante?... Potz Henker, wie ſchlüpfrig iſt es auf dem Boulevard. ich meine, die Gasbe⸗ leuchtung ſei heute nicht ſo gut wie ſonſt... Stützen Sie ſich feſt auf mich, fürchten Sie ſich nicht, ich bin zuverläßig!“ Weit entfernt, zuverläßig zu ſein, ſchwankt Herr Richard alle Augenblicke hin und her. Bei dem Gaſt⸗ wirth war er nur betäubt, ſeit er ſich aber in der friſchen Luft befindet, iſt er völlig betrunken, er weiß bereits nicht mehr, was er ſpricht, oder vergißt we⸗ nigſtens, daß er, um das junge Frauenzimmer zu täuſchen, welches er am Arme führt, ſeine Plane verbergen muß. Sie haben noch nicht fünf Minuten die Reſtau⸗ ration verlaſſen, verſucht Herr Richärd ſchon ſeinen 101 Arm um Roſa's Taille zu ſchlingen und ſagt:„Wohl⸗ an denn, meine Theure, wir werden uns jetzt zärt⸗ lich lieben!. wir geben ein herrliches Pärchen! —— Zuerſt möchte ich aber einen Kuß. ein ganz kleines Küßchen„ Roſa⸗Maria ſtößt den Herrn zurück und ſucht ſich aus ſeinem Arme zu befreien. „Hören Sie auf, mein Herr, machen Sie ein Ende!“ entgegnet ſie,„was ſollen dieſe Worte bedeuten?“ „Wie? Sie machen noch Umſtände, Sie ſträuben ſich noch? Schau', mein Engel, das ſind Dummheiten und weiter Nichts!“ „O, mein Gott, Sie ſollten mich ja beſchützen! Ich hatte alſo Unrecht, Ihnen zu glauben!“ „Im Gegentheil, Sie müſſen mir immer glauben potz, da war wieder ein Kieſelſtein, an dem mein Fuß ſtrauchelte.. Stützen Sie ſich doch auf mich, meine Holde!“ „Nein, mein Herr, nein, ich gehe nicht weiter mit Ihnen, ehe Sie mir geſagt haben, wo Ihre Tante wohnt, und ich ſage Ihnen zum Voraus, daß ich nicht in das Haus hineingehe, wo Sie mich hin⸗ führen, ehe ich überzeugt bin, daß ich zu einer ach⸗ tungswerthen Perſon komme.“ „Ha, ha, ha! eine achtungswerthe Perſon!.. das iſt köſtlich. davon iſt jetzt nicht die Rede! Sie gefallen mir, ich gefalle Ihnen Du kommſt zu mir!. die Tanten leben nur in der Einbildung! Komm, Kleine, laß uns nach einem Wagen ſpähen, 7 Paul de Kock. LRRV. 1 102 damit wir einſteigen, um ſchneller nach Hauſe zu ge⸗ langen, wir müſſen in die Jeuneursſtraße, Nr... potz Tauſend, ich weiß die Nummer nicht mehr... was habe ich denn heute Abend?“ „Wie ſchändlich!. ſo ein armes junges Mädchen zu täuſchen, das Niemand zu ſeiner Vertheidigung und Unterſtützung hat! Laſſen Sie mich, mein Herr, laſſen Sie mich!“ Roſa hat ihren Arm zurückgezogen, Richard ftürzt ſich auf ſie, packt ſie mit beiden Armen und ſchreit: „Wir wollen uns davonmachen, wie es ſcheint?... Warum nicht gar! Ich ſage Dir, ich mache Dich glücklich; ich habe noch Geld bei mir, wir wollen einen Wagen nehmen, dann kommen wir ſchneller an, und ich bin ungeduldig, Dir meine Zärtlichkeit an den Tag zu legen. Der Champagner macht mich ſehr verliebt.“ Und der junge Mann, der ſeinen Arm um den Leib der armen Kleinen geſchlungen hat, nähert ſein häßliches Geſicht ihrem friſchen jungfräulichen Antlitz, er iſt eben im Begriff die Reizende durch einen Kuß zu ſchänden, als es Roſa, welcher der Zorn und Un⸗ muth neue Kräfte verleihen, gelingt, ſich aus ſeinen Armen zu befreien, und während er auf's Neue ver⸗ ſucht, ſie zu erfaſſen, gibt ſie ihm einen heſtigen Stoß, daß er zurücktaumelt und auf die Platten des Boule⸗ vards niederſinkt. Richard flucht wie ein Galeeren⸗ ſclave, indem er ſich zu erheben ſucht, was eben keine Kleinigkeit iſt, da er immer wieder das Gleich⸗ gewicht verliert; während er ſich aber anſtrengt und 103 jedes Mal wieder auf die Hände niederfällt, hat Die, welche er den ganzen Tag verfolgt hat, die Flucht ergriffen, und wie er ſich endlich auf die Beine ge⸗ bracht hat, ſchaut er ſich vergebens nach allen Seiten Roſa⸗Maria iſt verſchwunden! Fünftes Kapitel. Die graue Patrouille. Roſa läuft, nachdem ſie ſich von Richard entfernt hat, lange fort, ohne anzuhalten; ſie weiß weder wo ſie hin will noch in welchem Quartier ſie ſich befindet, aber das iſt ihr gleichgültig, die Haupt⸗ ſache iſt, daß ſie dieſer Menſch nicht mehr ſoll ein⸗ holen können, deſſen ehrloſe Abſichten ihr klar gewor⸗ den ſind. Endlich ſteht ſie ſtill, denn der Athem geht ihr aus, ſie iſt in einer ſchmalen vunkeln Straße, ſie erblickt einen Eckſtein und ſetzt ſich darauf, ſchaudernd ſieht ſie ſich um, das mindeſte Geräuſch machte ſie erbeben, der Muth verläßt ſie, große Thränen fließen aus ihren Augen und ſie fortwährend an ihren Vater. „Mein Gott,“ ſeufzt ſe, ihre Blicke gen Himmel erhebend,„was ſoll aus mir werden, wenn Du mich verläßt? mitten in der Nacht, in einer unbekann⸗ ten Stadt, die ſo gefährlich ſei!.. Ach, ich hätte nicht einwilligen ſollen, meinen Vater zu verlaſſen. Wenn ich geſagt hätte: Ich bin glücklich bei Dir, 104 ich will mein Leben in unſerm Dorfe zubringen“, dann würde er nicht daran gedacht haben, mich nach Paris zu ſchicken! Aber ich war ſchon lange nicht mehr heiter daheim. weil ich an Jemand dachte WMein guter Vater hat geglaubt, ich langweile mich bei ihm und deßhalb hat er mich zu meinen Onkeln geſchickt.. Ach, der Himmel beſtraft mich; wenn ich mehr Vertrauen zu meinem Vater gehabt und von Herrn Leopold mit ihm geſprochen hätte, ſäße ich jetzt nicht mitten in der Nacht obdachlos auf dieſem Steine.“ Es ſchlug auf einer nahen Kirchenuhr Mitternacht. In einer Weile laſſen ſich Tritte vernehmen. Die Jungfrau erhebt ſich haſtig, mit dem Gedanken: „Wenn das die graue Patrouille wäre, von welcher der abſcheuliche Herr mir erzählt hat, und mich ver⸗ haften würde. Es iſt beſſer, wenn ich laufe, als wenn ich hier ſitzen bleibe, man glaubt dann doch wenigſtens, ich gehe wohin; fragt man mich, ſo ſage ich: Ich gehe nach Hauſe.““ Die von Roſa⸗Maria gehörten Tritte waren wirk⸗ lich die jener geheimnißvollen Patrouille, welche um Mitternacht auszieht und die Runde in Paris bis zu dem Augenblicke macht, wo die Landleute in die Stadt kommen, um die Märkte mit Lebensmitteln zu verſehen, und der Tag zu grauen anfängt, denn dann ſind die Diebe genöthigt, ſich zurückzuziehen, und die Gefahr hat ein Ende. Das, was man die graue Patrouille heißt, iſt eine Abtheilung von Polizeidienern und Stadtſer⸗ 105 geanten, die meiſt in Civil gekleidet ſind; manchmal ſind auch einige in Uniform dabei. Dieſe, an die Liſt der Diebe gewöhnten Männer ſind gewandter im Ueberfallen der Letzteren als die gewöhnlichen aus den Linien⸗ oder Nationalgarden⸗Truppen be⸗ ſtehenden Patrouillen. Die graue Patrouille ſchreitet ſchweigend einher; es wird NRichts geſprochen in ihren Reihen; alle Mit⸗ glieder ſcheinen das Talent zu beſitzen, ſich geräuſch⸗ los fortzubewegen. Oſft trennt ſich die Patrouille beim Einbiegen in eine Straße in zwei Theile, die Einen gehen rechts, die Andern links; dann ſchleichen dieſe Männer auf fünfzehn bis zwanzig Schritte Ent⸗ fernung Einer nach dem Andern an den Häuſern hin, deren Farbe ihre Mäntel tragen; ſie gleichen Schat⸗ tengeſtalten, deren Daſein zweifelhaft iſt, und die oft den Blicken eines etwas nachdenklichen Vorüber⸗ gehenden entgehen. Auch iſt es, wenn man um zwei oder drei Uhr Nachts Paris durchſtreift, oft der Fall, daß man mehreren grauen Patrouillen begeg⸗ net iſt, ohne ſie nur geſehen zu haben, von ihnen iſt man aber ſicher bemerkt worden. Dieſe Patrouille kennt ihre Leute: ſie wird den Jüngling, der vom Balle heimkehrt, den Lebemann, der ſich zu lange in der Geſellſchaft ſeiner Freunde aufgehalten, den Liebhaber, der ſich bei ſeiner Ge⸗ liebten verſpätet hat, nie arretiren. Sie kennt dieſe Leute an ihrem ganzen Weſen und täuſcht ſich darin nicht; aber ſie macht die Bewohner eines Erdgeſchoſſes oder eines niedern Entreſols darauf aufmerkſam, 106 wenn ſie ein auf die Straße gehendes Fenfter offen gelaſſen haben; ſie überraſcht die Diebe, welche im Begriffe ſind, eine Thüre aufzubrechen, die Läden einer Bude durchzuſägen oder abzulöſen. Sie weckt den Betrunkenen auf, der an einem Eckſtein einge⸗ ſchlafen iſt und führt ihn nach Hauſe, wenn ſeine Trunkenheit nicht Verſtellung war; kurz, ſie ſäubert die Straßen von all' den obdachloſen Menſchen und Vagabunden, die ſie unterwegs trifft, und welche meiſt auch nur Diebe ſind oder mit der Zeit werden. Früher waren die Vorhallen der Buden, die Säu⸗ lengänge vor den Kaffeehäuſern der Verſteck jener Unglücklichen, die keine eigene Wohnung haben und nicht einmal ſo viel beſitzen, daß ſie in dem elendeſten möblirten Logis ihre Miethe bezahlen können, oder aus Liebhaberei die Nacht unter freiem Himmel zu⸗ bringen. Da die Behörden für Zerſtörung dieſer Verſtecke geſorgt haben, müſſen dieſe Obdachloſen ſich jetzt an andern Orten ein Aſyl ſuchen; die Zugänge der Theater und die Brückenpfeiler dienen ihnen nun als Nachtquartier; auf den Stufen des Odeon⸗Theaters und unter der Säulenhalle des Ambigu-Comique trifft man oft ſolche an. Eines Nachts fand die graue Patrouille einen kleinen zwölf⸗ bis dreizehn⸗ jährigen Vagabunden in einer gußeiſernen Röhre, die neben einem Orte, wo ein Kloak reparirt wurde, auf der Straße liegen geblieben war. Die als Vagabunden in Paris lebenden Leute wenden alle nur erdenkliche Liſt an, um die Patrouille 107 zu hintergehen, wenn ſie von ihr erwiſcht werden. Eine der gewöhnlichſten iſt, ſich betrunken zu ftellen, zu thun, als ob man von Dieben geſchlagen worden wäre oder an Entkräftung litte.. Aber die graue Patrouille iſt ſehr ungläubig; ſie führt Alle, die ſich nicht gehörig auszuweiſen wiſſen, auf die Präfektur. Sie iſt auch den Miethsleuten, die während der Racht ausziehen wollen und ihre Effekten zum Fen⸗ ſter hinauswerfen, wo ſie einige Freunde aufheben und weiterſchaffen, damit die Erſtern vor Tag fort können, ohne den Hauszins bezahlt zu haben, ſehr widerwärtig. Es iſt beinahe zwei Uhr Morgens; die Straßen von Paris ſind verlaſſen; die graue Patrouille macht ihre Runde. Ein ſchlecht gekleideter Mann ſchleicht ſich im Schatten durch die Tempelſtraße hin; der Mann hat einen ziemlich großen Sack auf dem Rücken, der ſehr ſchwer ſcheint, denn er iſt von Zeit zu Zeit genöthigt, ſtill zu ſtehen, um ihn von einer Achſel auf die andere zu nehmen; indeſſen ſtrengt er ſich an, ſeine Schritte zu beſchleunigen, und will eben in die Gravilliardſtraße einbiegen, als er ſich plötzlich von Männern umringt ſieht. er hofft, es werden Kameraden ſein.. aber er bebt zuſammen, denn er erkennt die graue Patrouille. Der Commandant hält ihn an. „Halt' einen Augenblick, Freund, Du läufſt ſehr ſchnell und doch ſcheint Deine Laſt ſchwer zu ſein.“ „Ach, mein Herr.. man iſt in ſo ſpäter Stunde froh, wenn man nach Hauſe kommt. Ich habe mich 108 bei einem Glaſe Wein mit Bekannten verſpätet und fürchte, von meinem Weibe geſcholten zu werden. Gute Nacht, meine Herren.“ „Du haſt große Eile, was trägſt Du in Deinem Sack?“ „Kartoffeln, mein Herren, Nahrung für meine Familie.“ „Du kaufſt Deine Kartoffeln ſpät ein.“ „Ich habe ſie ſchon geſtern Abend gekauft, aber ich hatte meinen Sack im Wirthshaus vergeſſen.“ „Zeig' einmal Deine Erdbirnen!“ Der Mann ſträubt ſich vergebens, ſeinen Sack unterſuchen zu laſſen; da er merkt, daß er dieſer Inſpektion nicht entgehen kann, läßt er den Sack fallen und verſucht es, zu entfliehen; aber man hat ſeine Abſicht vorausgeſehen und verhindert ihn daran. Man öffnet den Sack. Statt der Kartoffeln fi⸗ den ſich Bleiſtücke von Rinnen darin. „Wo haſt Du das geſtohlen?“ fragt der Anfüh⸗ rer der Patrouille. Da nun der Mann einſieht, daß er mit ſeinem Plane durchgefallen iſt, antwortet er verlegen:„Ich habe Nichts geſtohlen, ſondern den Sack auf der Straße gefunden und aufgehoben.“ „Wo haſt Du ihn gefunden?“ „Dort. an der Ecke des Boulevards.“ „Du lügſt! Du haſt ihn in der Corderieſtraße geſtohlen, wo man Deinen Kameraden aufgefangen hat, der eben damit beſchäftigt war, das Blei von den Rinnen abzulöſen.“ S — — 109 „So, er hai ſich ertappen laſſen?.. Ach, das alte Vieh!“ „Das iſt nicht Dein erſter Verſuch. Vor acht Ta⸗ gen hat man allen Zink von einem Hauſe in der Blancs⸗Manteauxſtraße entwendet. Warſt Du der Dieb?⸗ „Ja.“ „Was haſt Du mit dem Zink gemacht?“ „Ich habe ihn verkauft.“ „Und was thateſt Du mit dem Geld.“ „Ich habe davon gelebt.“ „In den Steinbrüchen, unter den Hügeln von St. Chaumont.“ „Und was triebſt Du bei Tage?“ „Hm! ich ging in den Aſſiſenhof, um den Ver⸗ handlungen zuzuhören; man muß doch auch ſein Recht kennen lernen.“ Die Patrouille nimmt dieſen Beſucher des Juſtiz⸗ palaſtes mit ſich. In einer Seitenſtraße ſieht ſie auf einem Eckſtein Etwas vor einem Hauſe liegen. Es ſcheint von fern ein Kothhaufen zu ſein, aber die Wache läßt ſich nicht täuſchen. Einer der Offizianten nähert ſich und ſtößt die Maſſe mit dem Fuße; dieſe ſtöhnt und richtet ſich auf: es iſt ein Mann. „He! was macht Ihr da?“ „Hm! was gibts? „Was macht Ihr da?.. antwortet doch!“ „Iyr ſeht es ja, ich ſchlafe.“ „Man darf bei Racht nicht auf der Straße ſchlafen.“ 11⁰ „So, warum denn nicht? iſt das Pflaſter nicht zum allgemeinen Beſten da?“ „Warum geht Ihr nicht nach Hauſe?“ „Ich befand mich ſo gut hier!“ „Vorwärts, ſtellt Euch nicht betrunken, es nützt Euch Nichts. Habt Ihr ein Logis?“ „Bin nicht ſo dumm!... wozu ſollte ich Miethe bezahlen?. der Eckſtein iſt mir lieber!“ „Dann wollen wir Euch für eines ſorgen.“ „Wo quartirt ihr mich ein?“ „Auf der St. Deniswache.“ „Ich werde nicht lange auf eurer Wache bleiben.“ „Vorwärts, marſch!“ „Sogleich!“ Der Vagabund bückt ſich, hebt einen todten Hund auf und ſagt dabei:„Wartet, ich muß auch mein Kopfkiſſen mitnehmen.“ In einiger Entfernung ſieht die Patrouille einen Bürger vor dem Laden eines Fayencehändlers ſtehen, der das Haus aufzumachen ſucht. Der Mann hat aber die Nationalgarde⸗Uniform an und ſingt, weit entfernt, ſich verbergen zu wollen, während er ſich mit dem Aufſchließen beſchäftigt:„Wer hat es beſſer als der Soldat!.. Sapperment, ich bin froh, daß ich mich in's Bett legen darf, obwohl... Ich habe dem Lieutenant weiß gemacht, ich hätte fürchterliche Kolikſchmerzen und er hat ſich rühren laſſen.. Wer hat es beſſer als der Soldat!.. Warum macht denn mein Hauptſchlüſſel heute Abend nicht auf? es muß Etwas in meinem Schloß ſtecken. Er dient 1¹¹ dem Fürſten und dem Staat... Wie wird ſich meine Egerie freuen, wenn ſie ſieht, daß ihr Männchen kommt, um bei ihr zu ſchlafen!... wie wird ſie ihr Liebchen... Aber Sakerment, man hat mein Schloß verdorben.. es geht ja nicht mehr herum... doch, es geht... Und muthig, muthig ſchwingt er ſich. Gut, der Schlüſſel geht herum, aber er macht nicht auf.. Mein Gott, wie ärgere ich mich!. ich werde am Ende Egerie rufen müſſen und ich wollte ſie doch im Bettchen überraſchen.“ In dieſem Augenblick kehrt ſich der Fayence⸗ händler um und ſieht die graue Patrouille, welche um ihn herum ſteht und ihn betrachtet. „Meine Herren!“ ruft er aus,„Sie ſehen ein Mitglied der öffentlichen Ordnung, welches mit Er⸗ laubniß ſeiner Vorgeſetzten nach Hauſe geht, um ſich ſchlafen zu legen. Ich bin der Eigenthümer dieſes Ladens und erſt ſeit einem Jahre mit einer ſehr hübſchen, ganz zum Geſchäfte tauglichen Frau ver⸗ heirathet. Seit ich mit ihr vereinigt bin, iſt mein Handel einer der beſten im Quartier; ich habe eine Maſſe Kunden: alle jungen Leute in der Straße kaufen bei mir ein... Einer kauft beſonders jeden Morgen eine Untertaſſe, er zerbricht, wie es ſcheint, viel.. Mein Schild heißt: Zur undurchdringlichen Fapence! das iſt ſo ein Einfall von mir.. Aber ich weiß nicht, was meinem Hauptſchlüſſel be⸗ gegnet iſt: ich kann meine Thüre nicht aufmachen.. ich fürchte genöthigt zu ſein, meine Frau, meine Egerie, aufzuwecken.“ 112 „Laſſen Sie mich es einmal verſuchen,“ ſagt der Anführer der Patrouille näher tretend,„ich bin viel⸗ leicht geſchickter als Sie und kann das Schloß auf⸗ machen.“ „Ach, meiner Treu', Sie würden mir einen gro⸗ ßen Dienſt leiſten, Herr Commandant!“ Der Polizeibeamte dreht den Schlüſſel herum und ſagt zu dem Fayencehändler:„Ihr Schlüſſel geht ganz gut, aber es nützt Sie Nichts; wie wollen Sie aufbringen, man hat innen den Riegel vorgeſchoben?“ „Glauben Sie, Herr Commandant?“ „Ich bin's überzeugt.“ „Das iſt ſonderbar, denn ich ſage immer zu meiner Frau, ehe ich auf die Wache gehe:„Schiebe den Rie⸗ gel an der Hausthüre nicht vor, denn wenn ich mög⸗ licher Weiſe nach Hauſe kommen kann, ſo komme ich. Sie hat ſich wahrſcheinlich gefürchtet und die Thüre verrammelt, damit man nicht zu ihr dringen kann das arme Kätzchen, ich muß ſie aufwecken.“ Der Fayencchändler tritt ein wenig zurück und ſchreit nach dem Entreſol hinauf blickend:„Egerie, ich bin's, Egerie! Dein Männchen... hm, hm!... Wer hat es beſſer als der Soldat!... Sie ſcheint ſehr feſt zu ſchlafen!... Ich will aber mit meiner Flinten⸗ ſpitze an den Laden klopfen.“ Der Fapencehändler pocht an die Läden des Entreſols und ſchreit wieder:„Ich bin es, Egerie, habe keine Furcht. Du haſt den Riegel vorge⸗ ſchoben, mein Schatz, das hindert mich, das Haus aufzumachen, thue mir den Gefallen und ſchiebe 113 ihn wieder zurück... Ah, ſie macht das Fenſter auf: ſie wacht.“ Man öffnet in der That ganz ſachte einen Laden des Entreſols und eine dem Anſchein nach ſehr er⸗ griffene weibliche Stimme ſtammelt:„Wer iſt da?“ „Ich, Egerie Joſeph, Dein Gatte Ich komme zu ſchlafen nach Hauſe; ſchiebe den Riegel zurück, liebes Herz, der mich hindert, aufzumachen.“ „Das iſt nicht wahr! Ihr ſeid nicht Joſeph, mein Mann iſt auf der Wache. Laßt mich ſchlafen, ich kann ſolche Späſſe nicht leiden.“ Damit wird der Laden wieder zugemacht. Der Nationalgardiſt dreht ſich nach der grauen Patrouille um und ruft aus:„Die iſt ſtreng, das gefällt mir! Ich bin nicht ihr Mann ſie kennt meine Stimme nicht. die Jurcht und der Schlaf ſind ſchuld daran. Aber ich will in's Bett gehen, ich habe keine Luſt auf den Poſten zurückzukehren, man würde mich ſchön auslachen!. Ha, Egerie! potz Sapperlot, wache doch vollends auf... Ich bin's, Dein Joſeph.. mein Hauptſchlüſſel macht zwar auf, aber die Thüre iſt innerhalb verriegelt.“ Der Laden des Entreſols wird von Neuem ge⸗ öffnet. „Wie, Du biſt es, mein Freund?“ „Freilich bin ich es. Ah! ſie kennt mich endlich „ich wußte wohl, daß es nur eine Wirkung des Schlafes war.“ „Ich glaubte zu träumen, mein Freund, und be⸗ griff Nichts von dieſem Lärm.“ 114 „Schiebe den Riegel zurück, Theuerſte, komm' herunter, mach' mir auf, daß ich hinein kann, nimm aber ein Licht, damit Du nicht fällſt oder Dich ſtößeſt.“ „O, ich brauche kein Licht, ich komme ſchon.“ Der Fayencehändler reibt ſich die Hände und ſagt:„Jetzt bin ich ſicher, daß ich meine Nacht nicht vor der Thüre zubringen muß; meine Herren, ich wünſche Ihnen gute Nacht... Wer hat es beſſer als der Soldat!. Da kommt ſchon mein Weibchen herunter... Und muthig, muthig ſchwingt er ſich!... Wer hat es beſſer! wer hat es beſſer! wer!. Die will ich aber wärmen. ah!“ Die Patrouille entfernt ſich; nachdem ſie jedoch ungefähr hundert Schritte gemacht hat, gibt der An⸗ führer ſeinen Leuten ein Zeichen, ſtill zu halten; dann bleiben Alle unbeweglich und ſchweigend, die Blicke auf das Entreſol des Fayencehändlers gerichtet, ſtehen; ſie erwarten die Entwicklung der vor ſich ge⸗ henden Scene. Dieſe findet auch bald, wie ſie die Patrouille vor⸗ ausgeſehen hat, ſtatt. Kaum iſt der Ehemann in ſein Haus getreten und mit dem Schließen und Rie⸗ geln deſſelben beſchäftigt, ſo werden die Läden des Entreſols weiter aufgemacht und ein junger Mann ſpringt auf die Gefahr hin, ſich die Füße abzubrechen, aus dem Fenſter auf die Straße hinab. Doch das Stockwerk iſt nieder, der junge Mann iſt auf alle Vier gefallen; er ſteht ſchnell wieder auf und fängt an aus Leibeskräften zu laufen. Er rennt an der Patrouille vorbei, welche ſieht, daß der Herr nur 1¹⁵ halb angekleidet iſt und ſeinen Ueberrock auf dem Arm hatz allein die graue Patrouille arretirt ihn nicht, ſondern ſie läßt ihn ſeines Weges gehen, denn ſie weiß wohl, daß es kein Dieb iſt. Nicht weit davon, begegnet die Schaarwache in einer andern Straße einem jungen Mädchen, welches ſehr ſchnell geht, aber zitternd ſtehen bleibt, als es ſich plötzich von Männern umgeben ſieht, die gleich⸗ ſam aus dem Pflaſter hervorzuſteigen ſcheinen und ſie umringt haben, ehe ſie recht ihre Gegenwart ahnt. „Wo gehen Sie noch ſo ſpät hin, Jungfrau?“ fragt einer der Männer, eine Blendlaterne vor Roſa's Geſicht haltend, denn Roſa iſt es, welche der grauen Patrouille begegnet iſt. „Meine Herren, ich gehe zu meinem Onkel Eu⸗ ſtachius Gogv.“ „Wo wohnt Ihr Onkel?“ „Er wohnt in der Vendömeſtraße Nr. 14.“ „Und wie kommt es, daß Sie ſo ſpät allein auf der Straße ſind?“ „Mein Herr, ich habe ein wenig mit Jemand ge⸗ plaudert.“ „Mit Ihrem Liebhaber, nicht wahr? er hätte Sie aber dann begleiten ſollen, man läßt ein junges Mädchen wie Sie ſind in Paris vei Nacht nicht allein nach Hauſe gehen.“ Roſa⸗Maria ſchlägt die Augen nieder und gibt keine Antwort. Die Polizeibeamten ſehen ſie an, be⸗ trachten ſie unter einander und der Anführer der Pa⸗ 116 trouille fragt ſie nach einer Weile:„Soll Ihnen Einer von uns das Geleite geben?“ „O, ich danke Ihnen, meine Herren, ich kann ſchon allein nach Hauſe gehen?“ Mit dieſen Worten ſetzt die Jungfrau ihren Weg fort und eilt raſch davon. Die graue Patrouille läßt die Kleine, nachdem ſie ſie betrachtet hat, gehen. Die Leute der Schaarwache hätten ſie begleitet, aber nicht verhaftet.“ Sechstes Kapitel. Das Kaffeehaus zu den feuchten Füßen Roſa⸗Maria iſt lange fortgelaufen und ſchätzt ſich glücklich, nicht von der Patrouille ergriffen worden zu ſein; die Furcht, welche ſie in Gegenwart derſel⸗ ben empfand, hat ihr neue Kräfte verliehen, ſie durch⸗ eilt noch mehrere Straßen mit dem Gedanken:„Wenn nur der Tag käme o, dann würde ich nach dem Weg zum Bahnhof fragen, mich hinbegeben und ſo⸗ bald die Beamten da wären, einen Platz nach Cor⸗ beil verlangen.“ Aber es war noch lange bis zu Anbruch des Ta⸗ ges; das junge Mädchen fand dieſe Nacht ewig. Die Nächte kommen moraliſch oder phhſiſch Leidenden immer lang vor. Indeſſen konnte die arme Roſa nicht immer auf den Beinen bleiben. Sie iſt bis zu einer Brücke gelangt; ſie fühlt die Friſche des Waſ⸗ ſers; ſie beſinnt ſich, ob ſie noch weiter gehen ſoll, ——— als ſie in einer Entfernung von etwa hundert Schrit⸗ ten, ungefähr in der Mitte der Brücke ein röthliches Licht gewahrt, deſſen undeutliche Helle ſich in einem ſehr engen Kreiſe verbreitet. Von Zeit zu Zeit ver⸗ ſchwindet das Licht, wie wenn es vedeckt worden wäre oder ſich Jemand davor geſtellt hätte. Das junge Mädchen vernimmt in einer Weile mehrere Stimmen, ſie glaubt ſogar Geſang und Gelächter zu unterſcheiden. Es iſt nicht zu bezwei⸗ feln, daß mehrere Perſonen um das in der Mitte der Brücke befindliche Licht verſammelt find; was thun ſie aber da? Roſa weiß nicht, ob ſie weiter vorwärts oder zurück gehen ſoll, denn Eines fällt ihr ſo ſchwer als das Andere: ſie iſt vor Müdigkeit gänzlich er⸗ ſchöpft; ſie erblickt eine ſteinerne Bank, ſetzt ſich var⸗ auf und murmelt:„Ich kann nicht weiter, es iſt mir rein unmöglich; doch die Leute dort müſſen keine Ver⸗ brecher ſein, da ſie Licht haben und ich ſie lachen und ſingen höre. Außerdem wird Der, welcher mich vor der grauen Patrouille beſchützt hat, auch ferner über mich wachen, und wenn dann der Tag kommt, dann Das junge Mädchen hat keine Kraft mehr, wei⸗ ter zu denken; ſie ſinkt auf die Steinbank nieder, ihre Augen ſchließen ſich, ſie ſchläft ein. Roſa⸗Maria befand ſich, ohne es zu wiſſen, bei der Einfahrt der Notre⸗Dame⸗Brücke und war nahe bei dem Kaffee zu den feuchten Füßen eingeſchlafen. Es iſt nicht überflüſſig, meine Leſer mit dieſem Kaffee bekannt zu machen; die Stammgäſte der Ro⸗ Paul de Kock. LXRv. 8 118 tonde, der Provenceaux und das Kaffee de Paris wiſſen wahrſcheinlich Nichts von dieſem Etabliſſement. Selbſt Perſonen, welche Kaffeehäuſer niedern Ranges und ſogar Tabakſtuben beſuchen, können ganz leicht nie von dem Faffee zu den feuchten Füßen ſprechen gehört haben, obwohl dieſes ſchon lange in Paris exiſtirt; denn obgleich man ſchon viel von den eigen⸗ thümlichen, ſonderbaren und geheimnißvollen Dingen dieſer großen Stadt erzählt hat, iſt doch noch Man⸗ ches vergeſſen geblieben und wird zum Theil vielleicht gar nicht enthüllt werden. Auf der Mitte der Notre⸗ DameBrüce eröffnet alle Nacht, wenn es auf der Hauptkirche zwölf Uhr geſchlagen hat, ein Weib, welches einen Tiſch und zwei oder drei elende Stühle unter dem Arm hat, ihr Etabliſſement und treibt ihr Gewerbe. Dieſes Weib zündet ein Licht an, das mit Papier umwickelt iſt, damit es der Wind nicht auslöſcht, ſtellt es auf den Tiſch, langt aus einem großen Armkorbe mehrere Fayencetaſſen mit oder ohne Henkel, kurz, Taſſen, die mehr oder weniger ruinirt ſind, und ſetzt ſie um das Licht herum auf den Tiſch. Dann zündet ſie in einem großen irdenen Herde Kohlen an und ſtellt einen ungeheuren eiſernen oder blechernen Kaffeekeſſel darauf. In dieſem befindet ſich ein aus einer Mi⸗ ſchung von vielem Waſſer, etwas Milch, Kaffeemehl und Cichorien gebrautes Getränke, worin man ein wenig gelben Farinzucker hat vergehen laſſen. Das heißt dann die Vorſteherin Rahm⸗Kaffee; bisweilen kocht ſie auch für die wahren Liebhaver Kaffee ohne „ 7 — 1¹9 Milch; dieſe Flüſſigkeit nun verkauft ſie in Taſſen für einen oder zwei Sous. Hierauf legt ſie mit Stolz zwei oder drei Tagsblätter auf den Tiſch, die ſie um geringen Preis Abends ehe geſchloſſen wurde in irgend einem Winkelkaffeehaus gekauft hat, ſo erwartet fie die Kunden, die auch alsbald kommen und ihren Kaffee ſtehend am Tiſche trinken; die Ver⸗ zehrenden allein haben das Recht, die Journale zu leſen. Das heißt man ſehr paſſender Weiſe das Kaffee zu den feuchten Füßen, denn die Gäſte müſſen ſich bei jeder Witterung auf dem FPflaſter aufhalten, welches auf der Notre⸗Dame⸗Brücke ſelten trocken iſt. Es wird um Mitternacht eröffnet oder fängt viel⸗ mehr um Mitternacht an, um zu dauern bis der Tag anbricht. Ihr könnt euch denken, welche Art von Geſellſchaft ſich gewöhnlich in dieſem Kaffee unter freiem Him⸗ mel verſammelt. Erſtens viele obdachloſe oder un⸗ ordentliche Leute, die auf der Straße ebenſo gut zu Hauſe ſind als wie daheim; dann Landleute, die ihre Erzeugniſſe zu Markt bringen oder in ihr Dorf. zurückkehren; dieſe ſetzen aber, wenn ſie ihre Schale Kaffee getrunken haben, ihren Weg wieder fort und halten ſich ſelten zum Plaudern auf. Dann die Kar⸗ renführer, die Lumpenſammler, die Straßenkehrer und andere während der Nacht beſchäftigte Leute; außer dieſen Trunkenbolde, die nicht mehr nach Hauſe können, Fflaſtertreter, Vagabunden, kurz all' die Weſen, welche nicht wiſſen, wo ſie ihre Nacht zu⸗ 120 bringen ſollen und oft der Patrouille entgehen, in⸗ dem ſie ſich in's Kaffee zu den feuchten Füßen flüchten, wo man die Zeitungen liest und politifirt. Die Gäſte dieſes Etabliſſements wechſeln häuſig während der Nacht; aber gleichwie in den wirklichen Faffechäuſern ſieht man auch Stammgäſte, die bald nachdem das Licht angezündet iſt kommen, der Wir⸗ thin Stuhl nehmen, wenn ſie ihn nicht braucht, vis zum Morgen bleiben, alle Journale, die auf dem Tiſche liegen, leſen und Beſchlag darauf legen, ſo⸗ bald ſie erſcheinen. In dieſem Augenblick iſt das Kaffee zu den feuch⸗ ten Füßen in ſeinem vollen Glanze: etwa zehn Män⸗ ner, die meiſten in Blouſen oder Staubhemden, ei⸗ nige in Jacken, die größte Anzahl aber mit durch⸗ löcherten, zerfetzten und zerflickten Kleidern, ſind darin verſammelt; man erblickt auch mehrere Lumpenſamm⸗ ler mit ihren Tragkörben auf dem Rücken. Die Wirthin theilt ihren gezuckerten Kaffee unter den Gäſten aus. Einige haben ein rieſenmäßiges Stück Brod mitgebracht und fangen an, es in ihre Taſſe einzutunken. Im gegenwärtigen Momente iſt übrigens die Auf⸗ merkſamkeit der ganzen Geſellſchaft auf einen kleinen dickkopfigen Mann gerichtet, der eine ſchlechte vliven⸗ farbige Sammethoſe und eine blaue Blouſe mit einem rothen um den Leib befeſtigten Gürtel an hat. Dieſer Menſch, der die Größe eines Zwergs und un⸗ geheuer plumpe Glieder hat, ſteht auf dem Tiſche und liest den ihn umgebenden Herren die Zeitung — 124 vor; er unterbricht ſich nur zuweilen, um mit der Hand unter ſeine Kappe zu fahren, um mit einer Art Wuth in ſeinen rothen krauſen Haaren zu kratzen. Der zwergartige Menſch hat eine unangenehme, gellende Stimme, die das Ohr eines Jeden durch⸗ dringt, deßhalb beauftragen ihn die Uebrigen auch mit der Vorleſung der Zeitungsblätter, die außerdem manche derſelben nicht einmal buchſtabiren könnten. „Eine Taſſe zu zwei Sous, Mutter Cichoria!“ ruft ein blaſſer, bleifarbiger Mann, der eben ange⸗ kommen, um durch ſeine Anweſenheit die Geſellſchaft zu vermehren und deſſen gräuliche Blouſe von Oben bis Unten mit Koth beſpritzt iſt. „Schaut, der Wilde! der Wilde!“ ſchrieen mehrere Stimmen auf ein Mal, dem Neuangekommenen die Hand reichend;„Du kommſt ſpät heute Nacht; haſt Du Hochzeit gemacht?“ „Ach, worin haſt Du Dich denn gebadet? Du ſiehſt ja aus wie ein Pudel, der im geſtreckten Galoppe die vier Enden von Paris durchraste. „Das o, das will Nichts heißen! Ich habe einige Zwiſtigkeiten mit meiner Geliebten gehabt und wir haben uns beiderſeitig ein wenig im Koth her⸗ umgewälzt!... Ich will nicht leiden, daß ſie Brannt⸗ wein trinkt, Wein dagegen ſo viel ſie mag; aber das verfluchte Schnappstrinken dulde ich nicht, weil ich ſie kenne: wenn ſie den Spiritus im Leib hat, wirft ſie ſich dem erſten Beſten an den Hals. gro⸗ ßen Dank dafür!.. wenn man das Weibsbild mit⸗ nimmt zu einem Eſſen bei guten Freunden, iſt man gekrönt, ehe der Nachtiſch aufgetragen iſt. Euer Trank. iſt nicht ſüß heute Abend, Mutter Cichoria.“ Wie gewöhnlich; ich nehme täglich daſſelbe Ge⸗ wicht Farinzucker, aber Ihr ſeid gar lecker; Euch ſollte man Kandelzucker hinein thun!“ „Schweigt jetzt! ſeht Ihr denn nicht, daß Rat⸗ mort die Zeitung vorliest?“ „Potz Tauſend, es iſt wahr! Ratmort iſt ſo groß, daß man ihn nicht ſieht, ſelbſt wenn er auf einem Tiſche ſteht.“ Dieſer Scherz veranlaßt die Geſellſchaft zu einem brüllenden Lachen, mit Ausnahme Deſſen, der das Stichblatt dazu iſt. Der dicke Zwerg richtet, nach⸗ dem er ſein borſtiges Haar mit den Fingern verar⸗ beitet hat, ſeine grünen funkelnden Augen auf den jungen Mann, den man den Wilden geheißen hat und ſchreit:„Höre, Du unverſchämter Naſeweiß, wenn ich auch gleich nicht die Größe eines Genadiers habe, ſo habe ich doch die Kraft und den Muth eines ſolchen; wenn es Dir darum zu thun iſt, ſo werde ich Dir es beweiſen, Du darfſt es nur ſagen.. ſo⸗ gleich, wenn es Dir recht iſt! Wer wettet einen Schoppen mit mir, daß ich ihn in's Waſſer ſchmeiße?“ „Was der Ratmort ſo wüthend iſt!.. er kriegt gleich einen Zorn!... mich in's Waſſer ſchmeißen!... Schönen Dank dafür; er kann ſchwimmen wie eine Karpfe, er iſt ja auch nicht weiter.“ „Aergere mich nicht, Wilder! ich zerſtampfe Dich, elendes Salzkorn!“ „Nun, meine Herren, ſeid ihr nicht hald fertig?“ 123 ſagt mit wichtigem Tone ein alter Lumpenſammler, der ſich ſtolz auf ſein Reff ſtützt.„Wir waren ge⸗ rade an einem ſehr intereſſanten Zeitungsartikel, es handelte ſich von den Intereſſen des Landes, der po⸗ litiſchen Sparſamkeit, die im Anſchlag iſt, und den verfälſchten Weinen! Wenn man ſein Vaterland liebt, ſo muß man ſich für dieſen Artikel intereſſiren. Ich verlange, daß Ratmort zu leſen fortfährt.“ „Ja, ja, er ſoll die Zeitung leſen!“ ſchreien meh⸗ rere Stimmen. „Ich fahre fort,“ erwiedert der Kleine auf dem Tiſche;„wenn es aber wieder Einem einfällt, mich wegen der paar Zoll, die mir mehr oder weniger von der Natur zugemeſſen ſind, zu vexiren, ſo for⸗ dere ich ihn augenblicklich, unverzüglich, ohne Ver⸗ ſchub zum Kampfe auf.“ Nach dieſen Worten ſetzt das kleine Geſchöpf mit Namen Ratmort ſein Zeitungsvorleſen fort. „Hm, hm!. wo war ich denn?.. Der Mi⸗ niſter des Innern wird heute nicht empfangen. er empfängt die „Was ſchert uns das?“ ſchreit ein großer Mann von entſetzlicher Magerkeit, der einen ungeheuren mit Leder gefütterten Hut auf dem Kopf und Stiefeln an hat, die bis um die Hälfte ſeiner Schenkel herauf gehen.„Glaubſt Du, wir wollen zu dem Minifter in Geſellſchaft gehen?“ „Still, Blairot! wenn man mich alle Augenblicke unterbricht, ſo verliere ich das Trumm und finde es nimmer.“ ⸗ 124 „Wie ſiehen wir mit den auswärtigen Mächten?“ fragt ein Individuum mit geröthetem Geſichte und einer Unmaſſe Finnen auf der Raſe. Dieſer Herr trägt einen Frack, an welchem nur noch ein Flügel iſt; ſeine Stiefeln ſind dergeſtalt hinuntergetreten, daß man immer glaubt, er ſei eben im Begriff, ſie aus⸗ zuziehen. Auf ſeinem Kopfe hat er einen alten ſchwar⸗ zen Strumpf, deſſen Socken gleich einer Quaſte über ſein linkes Ohr herunterhängt; von fern könnte man meinen, es ſei eine Polizeidienersmütze. „Aha, Laduille fängt zu politiſiren an,“ verſetzt der junge Wilde höhniſch. „Nun, und warum nicht?... man iſt ſeinem Lande und ſeiner Verfaſſung Aufmerkſamkeit ſchuldig. Mein Vaterland iſt mein Gott.. Wer leiht mir ein Maul voll Tabak?.. Schwatzt doch nicht Alle auf ein Mal!. ach, ſeid ihr Krabben!.. Gibt mir Niemand nur ein Mäulchen voll Kautabak aus Freund⸗ ſchaft?“ „Potz Halunkenſapperment!“ ſchreit Ratmort, ge⸗ waltig mit ſeinem Fuß auf den Liſch ſtampfend,„ſoll ich euch denn die Zeitung nicht vorleſen? ihr plappert ja wie die Elſtern, und man mag noch ſagen, die Weiber ſchwatzen gern ich laſſe dieſes Sprüchwort e nicht gelten; die Männer ſchwatzen mehr als die Weiber; ſie hören gar nicht mehr auf. Ich ſeige von der Tribüne herunter.“ „Nein, nein!“ „Bleib', Ratmort.“. „Lies, wir hören zu.“. —————— ———— — 1²5⁵ „Wir warten,“ ſagt der Lumpenſammler, ſich mit wichtiger Miene auf ſein Reff lehnend. „Der Marktplatz von Rouen war geſtern wieder der Haupt⸗Executionsort eines Weinſchmugglers; man hat hundertundachtundzwanzig Litres verfälſchten Wei⸗ nes in Gegenwart des Herrn Polizeicommiſſärs aus⸗ laufen laſſen. Der geſchmuggelte Wein floß in Strömen.“ „Herr Gott! da hätte ich mir's wohl ſein laſſen⸗ wie hätte ich mich in dem Getränke gebadet!“ ruft der Mann, mit dem ſchwarzen Strumpfe auf dem Kopfe, aus. „Du hyörſt aber doch, daß es verfälſchter Wein war, Ladvuille, der iſt ungeſund!“ „Falſch oder nicht, einerlei! wenn es nur Nichts koſtet! Und abgeſehen davon, kriegen wir denn etwas Anderes bei unſern Schenkwirthen, wo wir gewöhn⸗ lich hingehen? Um guten, echten, reinen Wein zu trinken, muß man ſich bekanntlich ſchon außerhalb der Barrieren begeben.“ „Ha, der weiß es! deßhalb hat man auch in den letzten Tagen in der Courtille und in Vaugirard eine Maſſe Fäſſer in die Goſſen laufen laſſen,“ ver⸗ ſetzt der Mann mit den großen Stiefeln. „Still, Bürger!“ ſchreit der alte Lumpenſammler, „laßt den Zeitungsleſer fortmachen.“ Ratmort kratzt ſich auf dem Kopfe, huſtet, ſpuckt über die Geſellſchaft hinaus und fährt fort:„Durch die königliche Genehmigung wurde beim Obertribunal zum Anwalt ernannt... 126 „Weiter, weiter.. Keiner von uns, das iſt uns nicht wichtig.“ „Der Zuſtand der Colonie Algier wieder immer befriedigender; es kommen Coloniſten in Maſſe an. Abd⸗el⸗Kader hat ſich in die Wüſte zurückgezogen. man hat ihm hundert Kameele abgenommen.“ „Weiter, weiter.. etwas Anderes!“ „Durchaus nicht!“ ſchreit der alte Lumpenſamm⸗ ler;„ich will die Fortſetzung dieſes Artikels hören; das intereſſirt mich.. ich habe die Abſicht, mich mit meiner Familie und meinen Reffen, die bereits ma⸗ rokkaniſch ſprechen, dort anzuſiedeln.“ „Wahrhaftig,“ ſagt Ladouille ſeinen Strumpfſocken gemächlich auf ſeinem Kopfe hin und her wiegend, „da wäre vielleicht eine gute Speculation zu machen. Ihr langt dort an, erhaltet Land, Lebensmittel, Geld und gezähmte Löwen; ihr laßt euch durch die Be⸗ duinen ein Haus bauen, bildet mit fünf oder ſechs Beduininnen und eben ſo viel Araberinnen ein Serail und habt nichts Anderes zu thun als zu rauchen und euch liebkoſen zu laſſen. Ich gehe mit Dir, altes Reff!“ „Du? Ich nehme Dich nicht mit, Du wäreſt im . Stande, unterwegs das Meer ſammt den Fiſchen auszuſaufen.“ „Nun, um ſo beſſer, dann könnte man trockenen Fußes nach Algier gehen.“ „Seid ſtill, ihr; Ratmort lies!“ „Souscription zur belgiſchen Eiſenbahn... Wer unterzeichnet ſich?.. He, bringt doch eure Gelder an!“ 17 „Ich verkaufe meine Unterhoſe, wer will ſie?“ „Ich habe zehn Sous und Luft ſie daran zu wagen.“ „Du haſt zehn Sous, altes Maulthier!.. wie, Du haſt ſo viel Baarſchaft? hoffentlich verzehrſt Du ſie dieſen Morgen mit den Kameraden.“ „Wenn ich aber nicht will?“ „Dann führe ich ſie Dir ab.“ „Das wird eine Kunſt ſein; ich habe ſie an einen Ort verſteckt, wo Du ſie nicht ſuchen wirſt.“ „Ich wette doch!“ „Aber ſtill, potz Sakerment! das iſt langweilig, wenn man die Zeitung vorleſen hören will und ſolche Pappler immer darein ſchreien. Mach', mein kleiner Ratmort!.. lies, mein Kerlchen!“ Allein ſtatt zu leſen, fängt der Zwerg in den ko⸗ miſchſten Stellungen zu tanzen an und ſingt dazu, den Takt auf ſeine Hinterbacken ſchlagend, wie beſeſſen: „Ah! zib'li, zib'li, zib'la! Tralla, zigla, trullala! Das ſind Kinder von Paris, Leben wie im Paradies! Wenn ſich Freunde ſehen müſſen, Wenn's Getränk ſoll ſtromweis fließen In's Kaffee zu'n feuchten Füßen.“ Alsbald brüllt die Geſellſchaft im Chor den Re⸗ frain dieſes Bacchantentanzes und mehrere dieſer Her⸗ ren hören mit einem Cancanſchritt auf, deſſen letzte Figur darin beſteht, ſich mit dem platten Leibe auf das Pflaſter zu legen, während man mit den Füßen und Beinen zappelt, als ob man ſchwämme. 1²8 Der alte Lumpenſammler hat allein nicht am Tanze Antheil genommen. Er iſt unbeweglich, auf ſein Reff gelehnt, ſtehen geblieben und ſchreit, als der Chor beendigt iſt, mit lauter Stimme:„Ich ver⸗ lange die Fortſetzung des Zeitungsartikels über Algier.“ „Ich verlange den zweiten Vers des Rundtanzes.“ „Die Zeitung!“ „Das Lied!. der Alte langweilt uns mit ſei⸗ nem Algier!“ Statt aller Antwort klopft ſich Ratmort wieder auf ſein Hintertheil und fängt, indem er, wie ein Hund an einem Eckſtein, ſein Bein in die Höhe hebt, auf's Neue zu ſingen an: „Tralla! zigla! trullala! Schaut, hier iſt ein groß Lokal Für Gelage, Schmaus und Ball. Frank und frei kann man genießen Halbe Taſſen von dem Süßen Im Faffee zu'n feuchten Füßen!“ Der Tanz hat wieder begonnen; Herr Ladouille holt die Kaffeewirthin von ihrem Stuhle weg und tanzt mit Madame Cichoria einen Walzer, der ſo⸗ wohl Aehnlichkeit mit der Savoyarde als mit der Cachucha hat, und während deſſen der junge Mann, mit dem Beinamen der Wilde, dem Tänzer den letz⸗ ten Flügel ſeines Frackes vom Leibe reißt und unter ſeine Blouſe ſteckt, wahrſcheinlich um einen Boden in ſeine Beinkleider davon machen zu laſſen. Der Mann mit ver ſchwarzen Strumpfmütze hat 129 ſeine Tänzerin ſchon ein paar Mal faſt auf den Boden geworfen und der Tanz würde auch wahr⸗ ſcheinlich ſo geendigt haben, wenn er nicht durch das Hinzutreten einer neuen Perſon unterbrochen worden wäre. Dieſe dringt durch den um die Tanzenden gebildeten Kreis, fängt hellauf an zu lachen, klatſcht in die Hände und ruſt dazu:„Bravo!. ſchau', da macht man ſich luſtig.. Guten Abend bei einander, meine Herren und meine Damen, könnte man nicht eine Taſſe heißen Kaffee mit Milch bekommen? Man hat mir geſagt, hier gebe es welchen.“ Mutter Cichoria läßt ihren Walzer los, der eine Figur zu den Füßen des Lumpenſammlers endigt, und während ſie ſich beeilt, ihren neuen Kunden zu bedienen, betrachten alle Gäſte des Kaffee's den Neu⸗ hinzugekommenen, den ſie zum erſten Mal in ihrer Geſellſchaft ſehen, mit mißtrauiſcher, beinahe beſorg⸗ ter Miene. Dieſe Menſchen haben beinahe alle Gründe, die Anweſenheit eines Spions zu befürchten. Aber der neuangekommene Mann kümmert ſich Nichts um die auf ihn gerichteten Blicke; ganz mit der ihm gereichten Taſſe beſchäftigt, ſcheint er die in derſelben dampfende Flüſſigkeit mit Entzücken zu ver⸗ ſchlucken und ruft nur zuweilen aus:„Schan', das iſt gut, das iſt echter Kaffee!.. Es iſt wenig Zucker darin, aber er iſt warm, das iſt die Hauptſache.“ Während dieſer Zeit machen die Stammgäſte halblaut ihre Bemerkungen:„Ach, was das für ein Kopf iſt!“ „Das iſt ein verkleideter Koſak!“ 130 „Man ſieht ihm nicht recht an, was er eigentlich iſt!“ „Er hat eine Harlekinshoſe an. und was bedeutet der Kragen auf dem Rock?“ „Das iſt eine komiſche Uniform!“ „Ach, und der Hut!.. ſchaut doch der faltige Hut!. das muß eine neue Mode ſein.“ „Ich muß mir auch einen“ ſolchen anſchaffen zum Longchampfeſte; dann hält man mich für einen Flo⸗ rentiner Löwen.“ „Meiner Treu', mir gefällt Ladouille's Polizeidie⸗ nersmütze noch beſſer, man weiß doch was es iſt.“ Nach dem Bild, welches die Herren von dem Neuangekommenen entwerfen, muß man vereits den Knopfmacher erkannt haben, der mit Roſa⸗Maria auf der Eiſenbahn gefahren iſt; er hat ſich auch in der That in dem Kaffee zu den feuchten Füßen ein⸗ gefunden. Er ſchlürft ſein Getränk hinunter. Der kleine Ratmort, welcher ſich auf den Tiſch geſetzt hat, von wo aus er den Mann mit dem fal⸗ tigen Merinohut ſpöttiſch betrachtet, ſagt in einer Weile zu ihm:„Es ſcheint, Ihr trinkt den Kaffee gern, hm?“ „Ja, ich mag ihn; übrigens mag ich Alles, was ſich trinken läßt.“ „Aha, nicht dumm! Hört, ich meine, man ſehe Euch heute zum erſten Mal dat⸗ „Wo kommt Ihr her, Koſak?“ fragt der Wilde. Dieſe Worte erwecken ein ſchallendes Gelächter; man ſtampft vor Jubel mit den Füßen. Der, an den ſie gerichtet ſind, nimmit ſie ganz heiter auf und —— 131 antwortet, nachdem er den Reſt ſeiner Taſſe geleert hat, mit freundlicher Miene:„Ich bin in der That zum erſten Mal hier, meine Herren, und das iſt gar nicht zu verwundern, denn ich bin erſt geſtern mit der Eiſenbahn in Paris angekommen; ich bin von Or⸗ leans; mein Gevatter Bichat hat mir geſchrieben: „Komm ſchnell, ich habe einen guten Platz für Dich.“ Ich bin daher augenblicklich abgereist, denn ich habe dort mit meinem Handwerk als Knopfmacher gar wenig verdient... meiner Treu', ich habe wohl daran gethan; ich bin froh, daß ich hergekommen bin. Es war nöthig, mich zu beeilen; es waren gar ſo viele Mitbewerber um dieſe Stelle da; wenn ich nur ei⸗ nen Tag ſpäter gekommen wäre, hätte ſie mir ein Anderer weggeſchnappt!.. zum Glück kam ich aber noch zu rechter Zeit. Bichat hat mich vorgeſtellt, ich bin angenommen worden und trete dieſen Morgen mein Amt an.“ „Was habt Ihr für eine Stelle?“ „Die des Aufſehers der Gaſſenkehrer.. eine kleine Mühe und monatlich dreißig Franken dafür. Das iſt nicht übel, und der Dienſt iſt beinahe immer um drei oder vier Uhr Mittags gethan, dann hat man den ganzen Abend für ſich; ich kann ſogar noch an meinen Knöpfen arbeiten, wenn ich will.“ „Potz Teufel!“ ſagt Ladouille, ſeinen Frackflügel ſuchend;„das iſt in der That eine hübſche Stelle.. Wer hat mir meinen Flügel geſtohlen? Iſt man denn hier nicht mehr in Sicherheit? Die Kameraden be⸗ ſtehlen ſich alſo unter ſich?“ 132 „Man muß allerdings früh aufſtehen... Winter wie Sommer Morgens um drei Uhr auf den Beinen ſein. und da ich befürchtete, nicht zeitlich genug zu erwachen, habe ich mich heute gar nicht ſchlafen gelegt. Dann hat Bichat zu mir geſagt:„Geh in's Kaffee zu den feuchten Füßen auf die Notre⸗Dame⸗ Brücke und warte dort bis es Zeit iſt, Deine Funk⸗ tionen anzutreten.. Ich machte mich alſo auf den Weg; aber ich konnte nicht vorausſetzen, daß das Kaffee unter freiem Himmel iſt. Der Schelm, dieſer Bichat, ſagte noch, es ſei die ganze Nacht offen!.. ich will's wohl glauben, wie wollte man es denn zumachen?“ „Man würde den Tiſch, die Taſſen, das Licht fortnehmen, dann wäre Alles aus und das Etabliſſe⸗ ment verſchwunden.“ „Das iſt allerdings richtig. Man ißt alſo hier nicht zu Mittag?“ „Nein, mein Söhnchen,“ entgegnet der junge Wilde, indem er dem Knopfmacher auf die Schulter klopft; „aber wenn Du die Kameraden mit einem Einſtand regaliren willſt, ſo führe ich Dich in eine anſtändige Reſtauration. Sie iſt an der Ecke der Cruſſolſtraße in einem Schoppen, wo fünf Perſonen zugleich Platz finden können,Zum kleinen Very“ heißt ſie! Potz Kuckuk, ſie iſt bekannt! Jedermann kann Dich hin⸗ weiſen, und für zehn Sous der Kopf ſpeiſen wir gleich den Deputirten des Centrums.“ „Gut, ich will ſchon.. Bichat hat mir drei Tage meines Gehaltes vorgeſtreckt und, meiner Treu', ich 133 hätte große Luſt, die guten Wirthshäuſer in Paris kennen zu lernen.“ „Nun, ſo komm', Du hätteſti in keine beſſeren Hände gerathen können, denn es gibt kein Nachteulenneſt, das der Wilde nicht weiß, frag' nur die Kameraden?“ „Der Wilde?“ „Das iſt mein Name, mein Spitzname eigent⸗ lich, weil ich etwas roh gegen das Weibergeſchlecht bin. das iſt meine Fagon, ſie zur Liebe zu zwingen.“ „Er iſt es dagegen gar nicht gegen die Männer!“ verſetzte Ratmort höhniſch. „Und wie heißt der Aufſeher ber Gaſſenkehrer?“ „Ich heiße Glureau.. Deſiderius Glureau.“ „Ach, was iſt das für ein Name!. Ich heiße Dich lieber Koſak; das iſt hübſcher beſſer zu Deiner Larve.“ „Koſak, ha, ha! mir iſt's einerlei, wenn ich nur Glureau bleibe.“ In dieſem Augenblick tritt der alte Lumpenſammler auf den Tiſch zu, klopft mehrere Male mit ſeinem Reff darauf und ſchreit:„Ich will die Fortſetzung der Zeitung hören. ich zahle Ratmort oft genug einen Schnapps, daß er mich auf dem Laufenden der Staatsangelegenheiten erhält. Die Ankunft des Auf⸗ ſehers der Gaſſenkehrer ſoll unſere Ergötzung nicht ſtören.“ „Ach, wie unausſtehlich der Lumpenſammler mit ſeiner Zeitung iſt!“ ruft der Wilde aus, indem er einen Kreis ſchlägt. „Ich ſtimme dem Antrage des alten Vater Reffs Paul de Kock. LXRV. 9 134 vei,“ ſagt der Mann mit den hohen Stiefeln.„Ich habe heute noch mehrere Kloake zu leeren und wünſche während ich mit meinen Gehülfen arbeite, genau von der politiſchen Lage unſerer Erdoberfläche un⸗ terrichtet zu ſein.“ „Warum leſet Ihr denn aber die Zeitungen nicht ſelbſt, wenn Euch ſo viel daran liegt, zu wiſſen, was ſie herunterleiern?“ „Weil ich nicht leſen kann, junger Gimpel.“ „Er kann nicht einmal leſen und will über Re⸗ gierungsangelegenheiten diſputiren.“ „Das hindert mich nicht im Mindeſten, mein Kleiner; im Gegentheil... ich will ſogar eine neue Zeitung gründen; ich will der Eigenthümer eines Blattes ſein, welches den Bedürfniſſen des Volkes abhilft; ich werde es die Zeitung der Lumpenſamm⸗ ler heißen.“ „Warum nicht der Abtrittputzer?“ „Warum nicht der Pflaſterer?“ „Warum nicht der Kärrner?“ „Warum nicht der Trödler?“ „Schau', im Ganzen genommen ſollte jede Pro⸗ feſſion ihre Zeitung haben.“ „Nun, nun, ſtreitet euch nicht, meine Kinder!“ ſchreit Mutter Cichoria;„Ihr müßt Euer Journal die Zeitung der Preller heißen; wenn Alle, die es ſind, ſich abonniren, ſo ſiehe ich Euch dafür, macht Ihr gute Geſchäfte!“ „Ha, ha! bravo, Mutter Cichoria! das iſt beſſer als Ihr Kaffee.“ ——— 135 „Vorwärts geleſen, Ratmort!. die Zeitung zur Hand! 1. Der Zwerg ſtellt ſich wieder auf den Tiſch und liest: „Mit dem Jahre achtzehnhundertundvierundvierzig werden ohne Zweifel alle Laternen aus Paris ver⸗ ſchwinden. Die Verwaltung wird die Lieferung von tauſend Gaslampen zur Erleuchtung der öffentlichen Straßen bewilligen.“ „Wie dumm ſie ſind mit ihrem Gas!“ ſagt ein kleiner in Lumpen gekleideter Mann, deſſen hetero⸗ klidiſches Geſicht etwas von einem Affen und einer Katze hat, jetzt wollen ſie Paris alle Nacht illumini⸗ ren.. Was wollen ſie denn dann an Feſttagen thun?“ „Und Du kannſt die Helle nicht leiden, Flairon,“ ſagt der Wilde lächelnd;„nicht wahr, Dir iſt die Dunkelheit lieber?“ „Meiner Treu', das iſt der einzige Augenblick des Tages, wo man ſich beluſtigen, ſeinen Spaß machen und ein bischen lachen kann. Ich ſchlage ihnen alle ihre Gaslampen zuſammen... ſie thun mir wehe in den Augen,“ „Findet keine Kammerſitzung ſtatt?“ fragt der alte Lumpenſammler, ſich auf ſeinen Hakenſtock ſtü⸗ tzend,„das iſt mir das Wichtigſte.“ „Nein, es iſt jetzt keine Kammerſitzung, Alter... Wie, Du weißt das nicht, großer Politiker, der ein Jvurnal gründen will?... Hier kommt der Prozeß von ſechsunddreißig Dieben, einer ganzen Bande, die man auf ein Mal gepackt hat; ſoll ich euch dieſen vorleſen?“ „Nein, nein, das iſt überflüſſig.“ „Wir kennen die Angelegenheit ſo genau als die Richter derſelben.“ „Vielleicht noch beſſer,“ fügt Flairon bei, indem er einen Mund voll Kautabak aus ſeinem Sack her⸗ auslangt und dieſen vorher lang in den Händen reibt, ehe er ihn in's Maul ſchiebt. „Soll ich euch die Anzeigen vorleſen?“ „Ja, ja, das iſt bisweilen von Nutzen.. man kann Vortheil daraus ziehen.“ „Und dann erfährt man auch, was für Häuſer dem Verkaufe ausgeſetzt ſind,“ ſagt der Lumpen⸗ ſammler,„und darf ſie einſehen.“ „Um ſie zu kaufen, altes Reff?“ „Nein, um die darin befindlichen Lumpen auf⸗ zuleſen.“ „Allgemeine Lebensverſicherungs⸗Geſellſchaft „Ha, das iſt nicht ganz dumm, Kameraden; ich mache den Vorſchlag, uns wechſelſeitig einzukaufen!“ ſchreit Ladouille;„was haltet ihr davon?“ „Ja,“ erwiedert der Wilde,„unter der Bedin⸗ gung, daß man erſt nach ſeinem Tode bezahlt.“ „Neinz wir legen ein Jeder gleich ein und bilden ein Ganzes.“ „Seht doch, ich, der ich jung und kräftig bin, ſoll eben ſo viel vezahlen als Vater Reff, mit dem es bald hinuntergeht.“ „Ich lebe länger als Du,“ entgegnet der Lum⸗ penſammler mit rauher Stimme;„Du biſt ein ſchmu⸗ cker Burſche ich begrabe zehn von Deiner Art!“ — 137 „Ehrenmedaille, ertheilt dem Erfinder von Kaffee⸗ maſchinen mit Waſſerwagen, Minutenzähler und be⸗ weglichen Seihern... Ach, Mutter Cichoria! das geht Euch an. Ihr könntet Euch wohl ſo eine Ka⸗ feemaſchine zum Präſent machen; dann thäten wir einen Guten kriegen!“ „Ja freilich; was ich euch gebe iſt vielleicht nicht gut?.. ihr ſeid niemals zufrieden!.. für den Sous, den ſie mir bezahlen, wären ſie anmaßend genug, reinen Moka mit doppeltem Rahm zu ver⸗ langen.“ „Zu verkaufen: eine Gerberwerkſtätte unter den billigſten Zahlungsbedingungen... Das wäre Et⸗ was für Dich, Vater Reff, Du kannſt es kaufen und bezahlſt wöchentlich fünfzehn Sous daran.“ „Pfui, eine Gerberei.. das ſtinkt ſo arg;.. wenn ich mir ein Etabliſſement anſchaffe, ſo muß es etwas Flotteres ſein als das.“ „Man ſucht Mäckler und Correſpondenten in der Provinz zu einem wunderſchönen vortheilhaften Ge⸗ ſchäfte; es wird den Unterhändlern ein bedeutender Rabatt zugeſichert...“ „Schau', das iſt Etwas für mich!“ ſchreit La⸗ douille,„das Mäckeln iſt mein Element. Wenn ich meinen Frackflügel nicht verloren hätte, ſo würde ich mich morgen vorgeſtellt haben.. Doch einerlei; ſag' mir die Adreſſe, Ratmort, ich gehe doch hin und gebe mich für einen Commiſſionär aus.“ „Zu erfragen in der Mauraiſe⸗Parolesſtraße, Nr. 13, bei Herrn P. T.“ 138 „Ach, was für ein lumpiger Anonymus!... ich gehe nicht hin.“ „Hygieniſches Toilettenwaſſer. Dieſes ausgezeich⸗ nete Waſſer iſt von zauberhafter Wirkung, es ver⸗ treibt in einem Augenblick alle Sommerſproſſen, Fin⸗ nen, Hautauswüchſe und Ausſchläge und verleiht der Haut ihre Friſche und Weiche.“ „Schau', ſchau', das wäre gut für mich!“ „Was koſtet die Flaſche?“ fragt der Mann mit den großen Stiefeln, die Naſe mit ſeinem Aermel putzend. „Ach, der Abtrittfeger will ausgezeichnetes Toi⸗ lettenwaſſer!“ „Nicht für mich; aber mein Weib hat ſeit drei Monaten zwei große Linſen auf der Naſe, die immer größer werden und ſich eben gar nicht ſchön aus⸗ nehmen; da dieſes Waſſer Alles vertilgt, ſo will ich ihr eine Flaſche zum Präſent machen.“ „Die Flaſche koſtet fünf Franken.“ „Schönen Dank; ich gebe meine Abſicht auf ich glaubte vielleicht ſechs Sous.. mein Weib behält ihre Linſen.“ „Bandoline zum Glätten und Verſchönern der Haare „O, Bandoline, was iſt das für eine Arznei?“ ſchreit der junge Wilde lachend. „Du hörſt ja, daß man es zu den Haaren ge⸗ braucht.“ „Ach, der Kuckuk! ich verſtehe.. wenn ich Geld hätte, würde ich mir eine Maſſe davon anſchaffen.“ — 139 „Cold... cold... cré... créam... Der Teufel! ich glaube, das iſt lateiniſch!“ „Nein,“ wendet Flairon ein,„das iſt engliſch und heißt Leim und Rahm.“ „O, meine Kinder, das muß gut ſein!“ ſchreit Ladouille, ſich mit der Zunge die Lippen ableckend; „wenn ich bei Kaſſe wäre, würde ich euch einen Topf davon bezahlen, den wir gemeinſchaftlich verzehren würden; das muß auf Butterbrod geſtrichen köſtlich ſein. Dieſe verfluchten Engländer ſind Feinſchmecker ich wette, das iſt eine Leckerei, die ſie zum Thee verſpeiſen.“ „He, Du Ding da droben!“ ſchreit ein großer dürrer, mit Ruß angeſchwärzter Mann, der bisher noch nicht geſprochen hat;„iſt kein Feuilleton bei Deinem Blatt?... Lies uns doch das Feuilleton vor, das iſt unterhaltender als die Ankündigungen.“ „Es hat ja kein Feuilleton, Schwarzangelaufener!“ „Ah bah! das iſt eine ſaubere Zeitung, kein Feuil⸗ leton!... die will ich nicht mehr. Mutter Cichoria Shr müßt eine andere anſchaffen.“ Herr Ratmort will mit der Vorleſung der An⸗ noncen fortfahren, als der junge Wilde, der ſich einen Augenblick von der Geſellſchaft entfernt hatte, haſtig herbeiſtürzt und mit leiſer Stimme ſagt: „He, Kameraden, weg mit der Zeitung, ich habe eine Entdeckung gemacht!... wir haben hier in der Nähe etwas Intereſſanteres als das Lumpenzeug, das man uns vorliest.“ „Was denn?“ „Ich habe dort auf jener ſteinernen Bank ein ſchlafendes Frauenzimmer liegen ſehen.“ „Ach, potz Kuckuk, das wird was Sauberes ſein!“ ſagt der Lumpenſammler;„eine liederliche Dirne, eine Diebin vielleicht, die dort ſchläft, weil ſie ſonſt nirgends hin weiß.“ „Nein, nein, ſo viel ich ſehen konnte, iſt es etwas weit Beſſeres.“ „Laßt uns einmal hingehen.“ „Kommt!“ „Mutter Cichoria leihet uns einen Augenblick Eure Ampel, damit wir wiſſen, mit wem wir es zu thun haben.“ „Ja, denn er hat vielleicht einen Sackträger oder einen Bauern für ein Weibsbild angeſehen.“ Herr Ladouille hat das Licht vom Tiſche genom⸗ men und ſchreitet, von allen Gäſten des Kaffee's zu den feuchten Füßen gefolgt, neben dem Wilden ein⸗ her. Die ganze Geſellſchaft begibt ſich zu der ſtei⸗ nernen Bank, worauf Roſa⸗Maria eingeſchlafen iſt. Sie ſtehen bald vor der Jungfrau. Laduille nähert ſich mit dem Licht ihrem Geſichte und die Männer ſto⸗ ßen alle beim Anblick des reizenden Antlitzes, welches ſie vor ſich ſehen, einen Ausruf des Staunens aus. „Nun,“ ſagt der Wilde,„habe ich keinen Fund gethan?. Iſt das nicht etwas Feines?“ „Ei, der Kuckuk, das iſt nichts Gewöhnliches!“ „Eine wahre Roſenknoſpe!“ ruft Ladouille noch ein Mal, das Licht näher haltend, aus. 141 „Und ſo hübſch gekleidet... ſchaut doch die ar⸗ tigen Fahnen an.“ „Sie iſt von Oben bis Unten ſäuberlich.“ „Ihr Anzug iſt durchaus nicht frech.“ „Das iſt kein Pariſer Mädchen.“ „Die iſt ſicher nicht aus der Stadt. Nimm Dich in Acht, Ladouille, Du hältſt ihr die Lampe in's Geſicht, Du weckſt ſie auf.“ „Wie feſt ſie ſchläft! ſie muß mächtig müde ſein, um auf dieſer Steinbank ſchlafen zu können, und doch ſieht ſie gar nicht aus, als ob ſie daran gewöhnt wäre, die Nacht unter freiem Himmel zuzubringen.“ „Meine Herren,“ beginnt der junge Wilde,„es mag ein Mädel oder ein Weib ſein, ich behalte ſie für mich, ich heirathe ſie.“ „Theilen wir ſie, Wilder!“ ſchreit der kleine Lum⸗ pige, auf die ſteinerne Bank zutretend. Aber Herr Deſiderius Glureau, der Knopfmacher, welcher bisher die eingeſchlafene Jungfrau ſchweigend vetrachtet hat, ſpricht jetzt:„Einen Augenblick, meine Herren, einen Augenblick! ich erkenne das junge Mäd⸗ chen. ja o, ich täuſche mich nicht, ſie war mit mir auf der Eiſenbahn!.. ſie iſt auf der Station in Corbeil eingeſtiegen, ſie kam allein nach Paris und wird verirrt ſein; ſie hat wahrſcheinlich die Wohnung der Leute nicht gefunden, zu denen ſie ſich begeben wollte.“ „Wohlan, Freund Gaſſenkehrer, was geht das uns an, ob Du mit dieſem kleinen Schatz auf der Eiſenbahn gefahren biſt? Was willſt Du damit ſagen?“ 142 „Ich will damit ſagen, daß dieſe junge Perſon ein rechtſchaffenes Frauenzimmer iſt, das habe ich gleich im Wagen geſehen, ſie war zu ſchüchtern, die Augen zu erheben und ein Wort zu ſprechen. Ich habe ihr meinen Platz angeboten, aber ſie nahm ihn nicht an, weil ſie befürchtete, mich zu ſtören. „Nun, um ſo beſſer, wenn es ein rechtſchaffenes Mädchen iſt.. das iſt mir nur deſto lieber, um ſo mehr, als es etwas Neues für mich ſein wird.“ „Aber ich ſage Euch, dieſe Jungfer darf nicht mit Euch gehen.“ „Du wirſt es gleich ſehen, Lump! Vater Ref, Du leihſt mir Deinen Tragkorb, ich thue meinen Fund hinein und trage ihn mir nichts dir nichts davon.“ Der alte Lumpenſammler ſcheint durchaus nicht geneigt, ſeinen Rückenkorb herzugeben und Deſiderius Glureau betrachtet den jungen Wilden gleichſam, wie wenn er ſehen wollte, was dieſer wagen würde, als Roſa⸗Maria von dem um ſie her verurſachten Lärm erweckt, die Augen aufſchlägt und ſie plötzlich mit einem Schrei des Entſetzens wieder ſchließt. „Aha, die kleine Maus iſt aufgewacht!“ ſagt Flairon. „Ihre Stimme klingt ſo hell wie eine Sackpfeife.“ „Warum ſchließt ſie denn ihre hübſchen Lämpchen? machen wir ihr Furcht?“ Die Geſichter, welche Roſa⸗Maria erblickt hatte, waren wohl geeignet, ihr Schrecken einzujagen, und ſie begreift, als ſie an ihre Lage denkt, was man 143 von ihr halten kann, da man ſie mitten in der Nacht in Paris auf einer Steinbank ſchlafend gefunden hat. „O, meine Herren!“ ſtammelt ſie mit einer vor Angſt bebenden Stimme,„ich bitte Sie, thun Sie mir Richts zu leid. ich bin ein armes, erſt geſtern in Paris angekommenes Mädchen ich habe mich verirrt in der Stadt, mich von Müdigkeit erſchöpft niedergeſetzt und bin, indem ich den Himmel um Schutz anflehte, eingeſchlafen.“ „Potz Henker! Sie müſſen viel Vertrauen zu ihm haben, daß Sie mit einem ſolchen Lärvchen ohne Weiteres auf der Straße übernachten!“ ruft Ladouille aus. „Fürchten Sie ſich nicht, ſchöner Engel! öffnen Sie die Augen, Sie ſind von lauter liebenswürdigen Leuten umgeben. Ich meines Theils biete Ihnen mein Logis an, ein prächtiges Cabinet in einem mö⸗ vlirten Hauſez es ſieht freilich etwas armſelig darin aus und mein Herz und meine Perſon obendrein.“ Roſa⸗Maria weicht raſch zurück, als ſie den Spre⸗ chenden auf ſich zukommen ſieht, wie wenn er ihre Hand ergreifen wollte. Aber beinahe zu gleicher Zeit tritt der Knopfmacher, welcher den Wilden mit einer Kraſt zurüctſtößt, die man von ihm nicht erwartet hätte⸗ vor die Jungfrau und ſagt:„Haben Sie keine Angſt, Mamſelle, Sie find bei Bekannten ich bin mit Ihnen auf der Eiſenbahn gefahren; ich war's, der in der Ecke ſaß und Ihnen ſeinen Platz anbot.. O, ich bin ein rechtſchaffener Mann, Sie dürfen mir vertrauen. Obgleich der junge Mann, der neben mir im Wagen ſaß, ſich luſtig über mich machen wollte, weil ich geſagt habe, ich trage kein Nastuch bei mir, bin ich vielleicht doch beſſer als er.“ Roſa ſieht den Koſakenkopf an und ſtammelt: „Ach ja, in der That, ich erinnere mich ich war mit Ihnen auf der Eiſenbahn!“ „Nun, ſo ſehen Sie ja, daß wir einander kennen! Glauben Sie, Mamſelle, Sie intereſſiren mich; wenn Sie gleich an einer Ecke auf der Straße geſchlafen haben, bin ich doch überzeugt, daß Sie unſchuldig daran und ein tugendhaftes Frauenzimmer ſind. Aber die Hauptſache iſt, Sie nicht länger hier zu laſſen. Sie zittern.. es friert Sie.. es iſt ſehr ſchädlich auf der Straße über Nacht zu bleiben. Kommen Sie mit mir, ich will Sie zu meinem Gevatter Bi⸗ chat in der Huchetteſtraße führen; das iſt ein verhei⸗ ratheter anſäßiger Mann, der hier in der Nähe wohnt; ſeine Frau wird ſich Ihrer annehmen und wenn es Tag iſt, wird man ſchon ſehen was zu machen.“ Die Jungfrau kennt den Mann bloß dadurch, daß ſie mit ihm auf der Eiſenbahn gefahren iſt; aber alle die um ſie herum gruppirten Menſchen haben einen ſo unheilvollen, Zutrauen erſtickenden Ausdruck in ihren Geſichtern, daß ſie nicht einen Augenblick zögert, ſich dem Knopfmacher anzuvertrauen, der trotz ſeiner Häßlichkeit weder bösartig noch treulos aus⸗ ſieht. Sie ſteht daher auf, nimmt Deſiderius Glu⸗ reau beim Arm, den er ihr anbietet und antwortet: „Es ſei, mein Herr, ich nehme Ihr Anerbieten an.. ich gehe mit Ihnen zu Ihren Bekannten.“ 14⁵ „Schau, ſchau', was der Aufſeher der Gaſſenkehrer Glück macht;“ ruft der kleine Lumpige;„er hat die Schöne erobert!“ „Höre Du, Freund!“ ſchreit der Wilde mit einer Miene, als ob er den Knopfmacher am Fortgehen verhindern wollte;„weißt Du, daß Du gar zu un⸗ genirt zu Werke gehſt? Der wüſte Koſak iſt eben nicht links! Mit welchem Recht führſt Du mir dieſe Kleine von der Naſe weg, da ich ſie gefunden habe? WMit mir muß ſie gehen und nicht mit Dir, ich widerſetze mich!“ Aber ohne dem Anſcheine nach auf die Worte des jungen Mannes in der Blouſe zu hören, ſchreitet der Knopfmacher mit dem jungen Mädchen am Arme vor⸗ wärts und ſagt:„Laßt Einen doch zufrieden, glaubt Ihr denn, dieſe Mamſelle tauge für Euch?“ „Warum denn nicht?“ „Ah, Wilder, er führt ſie fort, er ſchnappt Dir ſie weg!“ ſchreit Ladouille, der Wirthin ihre Lampe zurückbringend. Der junge Mann in der Blouſe verſucht es, den Neuangeſtellten mit dem faltigen Hute am Arme zu⸗ rückzuhalten; aber der Knopfmacher gibt dem Wilden mit dem Ellbogen einen Stoß auf den Magen, daß derſelbe zu Boden ſinkt; dann ſetzt er ruhig ſeinen Weg mit Roſa⸗Maria fort. Alle die übrigen Männer, welche Zeugen dieſer Scene waren, ſind wüthend über das Entrinnen des jungen Mädchens, und ſie würden ſich bereits über Glureau hergeſtürzt haben, um ihn an ſeinem 146 Vorhaben zu hindern, wenn nicht zu gleicher Zeit der Tag zu grauen angefangen hätte. Aber die Straßen waren bereits nicht mehr ſo verlaſſen; Landleute gingen vorbei, Gewürzkrämer und Bäcker machten ihre Läden auf, und alle dieſe bei Nacht ſo unternehmenden, kecken, lärmiſchen Men⸗ ſchen wurden mit Anbruch des Tages ſcheu und be⸗ hutſam. Einige Augenblicke darauf exiſtirte das Kaffee zu den feuchten Füßen nicht mehr. In demſelben Verlage erſchienen: Demokritos oder hinterlaſſene Papiere eines lachenden Philoſophen. Vom Verfaſſer der Briefe eines in Deutſchland reiſenden Deutſchen. Vollſtändig in zwölf Bänden. (Preis 12 fl. oder 7 Rthlr. 12 ggr.) Dieſe neue, durchaus verbeſſerte, ſehr elegante und villige Auflage iſt mit deutſchen Erläuterungen jener Stellen verſehen, welche Sprachen gegeben 8. Elegant broſchirt. Da vieſe Sammlung der witzigſten Bemerkungen über jeden, einen gebildeten Menſchen intereſſirenden Gegenſtand ſchon durch die erſte Auflage vielfach verbreitet iſt, ſo wollen wir das Werk nur mit ein paar Worten Denen anzudeuten uns erlauben, die dieß anziehende Geiſtesprodukt noch nicht kennen. Der verſtorbene Hofrath K. J. Weber einer der gebildetſten und geiſtreichſten Männer unſerer Zeit, ſchrieb an dieſem ſeinem Hauptwerk während ſeines Lebens, denn es ſollte die Quinteſſenz ſeiner durch Studium, Leſen, Reiſen und Erfahrungen mancher⸗ lei Art geſchöpften und durch ſeinen ſcharfen Geiſt geläuterten Beobachtungen über Alles abgeben, was nur immer den Leſer, der auf Bildung Anſpruch macht, intereſſiren kann und muß. Jede Seite, jede Stelle ſeines Demokritos gibt Zeugniß ſeiner meiſterhaften, keineswegs trocknen, ſondern immerfort zum Lachen anregenden Auffaſſungs⸗ und Darſtellungsgabe; kein Gebilbeter, der ſich auf angenehme Art(und faſt unerſchöpflich), auf heitere Weiſe unterhalten will, wird es bereuen, ſich dieſes werthvolle, im Gebiete unſerer witzigen und humoriſtiſchen Literatur kl aſ⸗ ſiſche Werk angeſchafft zu haben. Yoriks empfindſame Reiſe durch Frankreich und Italien. (Von Sterne.) Aus dem Engliſchen von A. Lewald. Mit einem Stahlſtiche. 36 kr. oder 9 ggr. W. Blumenhagens ſämmtliche Werke. Pracht⸗Ausgabe. 16 Bände mit 17 Stahlſtichen. 19 fl. 12 kr. oder 12 Rthlr. ——— Oliver Goldſmiths Landprediger von Wackefield. Aus dem Engliſchen. Mit 1 Stahlſtiche Preis 48 kr. oder 12 ggr. Scheible, Bieger& Hattler. 1 ſſ 6 2 8 9 10 11 12 13 14 1