Leihbibliothek„ deutſcher, engliſcher und franßſiſcher Literatur 3 Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit A. Nr. 256. 3 geih- und Zeſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens * —— ühr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen, 2 ſ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet — wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 M. 50 Pf. 2 Mk.— f. 3* 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Die Franzoſen und hauptſächlich die Pariſer, welche im Allgemeinen keine große Touriſten ſind(vielleicht, weil ſie mit Recht nirgends anderswo ſo viel Ver⸗ gnügen erwarten als daheim), die Pariſer, ſage ich, reiſen wenig; ſie fühlen nicht, gleich den Briten und Deutſchen, das Bedürfniß, die Reiſe um die Welt zu machen, um Geiſt und Sitten der civiliſirten Natio⸗ nen zu ſtudiren; ſie ſuchen nicht gleich den Spaniern neue Länder und Völker zu entvecken und haben nicht gleich den Ruſſen die Gewohnheit, ſich Jahre lang in der Fremde aufzuhalten; kurz, ſie finden ihr Land ſchön genug, ihren Boden fruchtbar genug, ihre Frauen reizend genug, ihre Küche gut genug, um damit zu⸗ frieden ſein zu können. Es iſt auch erwieſen, daß ſie recht haben, da man weit öfter zu ihnen kommt, als ſie zu Andern gehen. Indeſſen gibt es zwei Dinge, welche geſehen zu haben dem Pariſer von großer Wichtigkeit ſind, da er ſonſt für zu unwiſſend gehalten wird. Dieſe beiden ſind; das Meer und der Forſt von Fontainebleau. Paul de Kock. LXRIV. 1 6 Das Meer haupiſächlich; man muß dieſen prachi⸗ vollen Anblick genoſſen haben, denn man muß Abends in einer Geſellſchaft von Freunden, von Nachbarn, in ſeinem Ladenſtübchen oder beim Kamine, während man ſich die Waden wärmt(wenn man welche hat), im Stande ſein, von dem Eindruck ſprechen zu kön⸗ nen, den der Anblick des Oceans auf Einen gemacht hat, muß die Wogen, die Ebbe und die Fluth geſe⸗ hen haben, an der Küſte hin und her auf dem Ufer⸗ kieſel ſpazieren gegangen ſein(welches, wenn man nicht daran gewöhnt iſt, den Füßen ſehr wehe thut) und da und dort einige oft ſehr häßliche Muſcheln aufgeleſen haben, die man mitgebracht hat und voll Stolz zeigt mit den Worten;„Ich habe ſie ſelbſt an der Meeresküſte aufgeleſen.“ Wenn man dann gar einen Sturm geſehen hat und Zeuge dieſes entſetz⸗ lichen und zugleich ſchönen Schauſpieles war, welches die empörten Wogen darbieten, ſo hat man noch weit mehr zu erzählen, und wenn man endlich den Vorzug hat, bei ſo gefährlicher Witterung auf der See geweſen, während einer kleinen Spazierfahrt längs der Küſte hin von den Wellen gewiegt, ge⸗ ſchaukelt und gepeitſcht worden zu ſein o, dann wird man eine wichtige Perſon! die Nachbarn und Bekannten hören mit achtungsvoller Miene auf die Erzählung eures Uebelbefindens und deſſen Folgen. Ihr ſeid für ſie ein Cvok, ein Laperouſe, ein Chri⸗ ſtoph Columbus. Es gibt ſogar darunter, die keine Auſtern mehr eſſen wollen, ohne euch um Rath zu fragen. Bedenkt, welches Glück!... Dann muß man einen Wald kennen; einen wirk⸗ lichen, großen, tiefen⸗ dichten, finſtern Wald; einen jener Wälder, worin man ſich zu verirren fürchtet. Wenn man ſich nicht darin zu verirren fürchtet, ſo hat man keinen rechten Wald geſehen. Da nun der Fantainebleauer Wald einer der ſchönſten iſt, die ſich in der Nähe von Paris befinden, ſo geht die Abſicht der Bewohner der Hauptſtadt dahin. Das iſt die kleine Reiſe, die man machen oder gemacht haben will... Havre und der Forſt von Fontainebleau! Wenn die Pariſer ſo weit gekommen ſind, glauben ſie, daß ſie ihre Reiſen weit genug ausgedehnt haben und fragen ſich, was es wohl Schöneres und Merkwür⸗ digeres zu ſehen geben möge, als das Meer und einen finſtern Wald mit hundertjährigen Bäumen; einen Wald endlich, worin es wirkliche, ſchwarze, ſchroffe, drohende Felſen, ſeltene, wilde, buſchige, mediciniſche und tödtliche Pflanzen und ſogar ziem⸗ lich große Schlangen gibt, deren Biß zuweilen ge⸗ fährlich iſt. Ihr ſehet, vaß der Forſt von Fontaine⸗ bleau mit all' jenen kleinen Annehmlichkeiten verſehen iſt, die ein Reiſender wünſchen kann. Ich ſpreche Nichts von Räubern, denn ſolche gibt es überall und in dieſer Hinſicht braucht Paris das Ausland nicht zu beneiden. Wenn nun die Reiſe nach Havre und Fontaine⸗ bleau früher ſchon der entfernte Ausflug war, den ſich die Pariſer, welche für Touriſten gelten wollten, erlaubten, ſo kann man ſich denken, wie ſehr es ihnen nun um die Erreichung dieſes Wunſches— das Meer und einen Wald zu ſehen— zu thun iſt, wo ſie Eiſenbahnen haben; jetzt, wo man in wenigen Stun⸗ den von einem Orte zu dem andern gebracht werden kann; wo man, nachdem man daheim an ſeinem häuslichen Herde gefrühſtückt hat, in vier Stunden in Rouen iſt, von wo aus man vermittelſt des Dampfes alsbald nach Havre gelangt und ſich, wenn man auf dieſelbe Weiſe zurückkehrt, Abends wieder daheim in Paris an demſelben Herde vefindet, den man Mor⸗ gens verlaſſen hat. Und nach Fontainebleau braucht man noch kürzere Zeit, obgleich die Eiſenbahn noch nicht bis zum Walde führt. Das alles iſt bewunderungswürdig, beinahe zau⸗ berhaft, und Derjenige, welcher vor einem oder zwei Jahrhunderten dieſe Reiſe in wenigen Stunden zurück⸗ gelegt hätte, würde beſtimmt für einen Zauberer er⸗ ſter Klaſſe gehalten worden ſein; man hätte ihn vielleicht angeklagt, feſtgenvmmen, abgeurtheilt und verbrannt wie die Mo hallin von Ancre, den Pre⸗ diger Gaufridi zu M ſeille, Johanna von Arc und viele Andere, welch einfach das Unglück hatten, zu früh gekommen und dem Geiſt und den Fähigkeiten ihrer Zeitgenoſſen voran zu ſein. Der Erſte, der es begriff, wie viel ſich mit dem Dampf bewirken laſſe, der unglückliche Fulton, ward auch ſehr ſchlecht für ſeine Entdeckung belohnt. Wir ſehen in allen Dingen, daß die Erfinder keinen Vor⸗ theil aus ihren Wohlthaten ziehen: sic vos non obis... Virgil hat immer recht. Alſo kennt ihr den Forſt vyn Fontaineblau? Daran 9 iſt gar nicht zu zweifeln. Aber habt ihr euch ſchon im Monat Juli, mitten im glühend heißen Sommer während der langen ſchwülen Tage darin ergangen? Die Einen ziehen den Frühling mit ſeinem friſchen Grün und ſeiner Kühle vor, Andere, beſonders die Maler, bewundern einen Wald nur im Herbſte, weil dann das Laubwerk mannigfaltiger iſt und die gelb⸗ und röthlichen Farben ſich mit dem Dunkelgrün der Eichen und dem düſtern Schwarz der Tannen ver⸗ miſchen. Jedes folge ſeinem Geſchmack! Ich bewun⸗ dere die Natur in ihrer ganzen Kraft, ich liebe beim Laubwerk weder die Kargheit des Frühlings noch das allmälige Welken des Herbſtes; mir gefällt das ſaf⸗ tige Grün der breiten ſchönen Blätter, die buſchigen Aeſte und das Moos, wenn es nicht mehr unter den Füßen kracht. Ei, was liegt mir an der Sonne Gluthl. im Walde iſt es nie zu heiß. Ach, wie ſchön ſind dann dieſe unüberſehbaren Alleen, die man in dieſem herrlichen Walde für die Spaziergänger, welche ſich nicht in das Dickicht wa⸗ gen, eröffnet hat! Mit welchem Vergnügen ruht das Auge auf jenen majeſtätiſchen Bäumen, deren Stamm mit dichtem Moos bewachſen iſtz der Raſen ladet euch zum ſitzen ein und grüne, kunſtloſe Lauben ver⸗ ſprechen euch heimliche, ſtille Orte. Der Anblick die⸗ ſer kräftigen Natur muß nothwendig eure Einbil⸗ dungskraft ſteigern. Den Pariſern, welche unter dieſem dichten Laub⸗ werk ſpazieren gehen, bietet der Wald tauſend Reize dar: der Eine ſieht ihn für einen entzückenden Ort „ 10 zum Leſen, Nachdenken, Arbeiten an; Dieſer findet hübſche Plätzchen darin, um ungeſtört zu eſſen und zu trinken; Jener denkt, dort laſſe es ſich köſtlich ſchlafen; Viele finden, es ſei ein zur Liebe ladender Aufenthalt!.. Jeder richtet ſich mit Gedanken und Anſchauung nach ſeinen Empfindungen; ſo geht es immer im Leben. Die Dinge werden nicht nach Dem, was ſie wirklich find, von uns beurtheilt, ſondern nach der Art, wie wir ſie vermöge unſeres Alters, unſerer Leidenſchaften und unſerer Stellung anſehen, begreifen und empfinden. Eine Geſellſchaft kam aus einem Wege, der nach Moret führt, heraus und lenkte in den Weg nach Fontainebleau ein. Dieſe Geſellſchaft beſtand aus fünf Perſonen, aus zwei Damen und drei Herren. Die Damen ſitzen beide auf Eſeln und die Herren gehen zu Fuße. Ein etwas geübtes Auge erkennt ſogleich Einwohner von Paris in ihnen, welche den Wald von Fontainebleau beſuchen. Die eine dieſer Damen, welche ſieben⸗ bis acht⸗ undzwanzig Jahre alt zu ſein ſcheint, iſt groß und gut gewachſen. Ihrer Haltung, der man vielleicht etwas zu viel Nachläßigkeit und Ungeziertheit vor⸗ werfen könnte, fehlte es deßhalb doch nicht an Reiz und Anmuth; überdieß iſt dieſe Dame ſchön; ſie iſt eine echte Blondine oder, wenn es euch lieber iſt, ein Frauenzimmer von entſchiedener Haarfarbe; denn ihr ſehet viele Leute, die man blond heißt, deren Haare aber in's Rothe oder Röthliche ſtechen oder einen braunen oder gelben Schein haben;z dann gibt es auch 4¹ hellbraune, aſchfarbige Schattirungen, die man noch unter die blonden technet; aber die Perſon, deren Bild wir entwerfen, hat jene ſchönen Haare, deren reine, ausgeſprochene Farbe ſie durchaus von den eben ge⸗ nannten unterſcheidet. Gewöhnlich hat ein eigentlich blondes Frauen⸗ zimmer eine ſehr weiße Haut, hellblaue Augen, einen blaſſen oder roſigen Teint, ſchwache Augbrauen und ihr Lächeln ſowohl als ihr Blick ſind ſanft und mild. Madame Mondigo hatte alles Dieſes und dazu noch wunderſchöne Zähne, die ihres etwas großen Mundes wegen häufig ſichtbar waren. Sie war alſo eine recht ſchöne Frau und deßhalb fand man auch noch Reiz in ihrem nachläßigen Gange, während, wenn ſie häßlich geweſen wäre, man ſicher geſagt hätte, ſie halte ſich entſetzlich ſchlecht und könne nicht einmal ordentlich gehen. Die andere Dame war ungefähr von demſelben Alter wie die Blondine; aber es war eine ganz an⸗ dere Art von Frauenzimmer, obwohl hübſch oder vielmehr angenehm. Es war eine kleine, mit mäßi⸗ ger Beleibtheit verſehene Perſon, wodurch ihre Ge⸗ ſtalt, die ſich nicht gerade mit zwei Händen umſpan⸗ nen ließ(ein Vorzug, worauf die Männer weniger halten als die Damen glauben), nur noch mehr ge⸗ hoben wurde; übrigens war ihre Taille hinlänglich ausgezeichnet, um alle benachbarten Formen hervor⸗ treten zu laſſen. Beim Walzen hätte zum Beiſpiel ein Herr nicht zu fürchten gehabt, daß ſie ihm unter den Händen zuſammenbreche, er hätte nicht heimlich 3 12 geſeufzt über die Qual, welche ihr das Athemholen verurſachen müſſe, was Einem leicht begegnet, wenn man mit einer jener Damen oder Fräulein tanzen und galopiren muß, deren Taille manchmal dünner iſt als die einer Puppe. Statt ihre Körperſchönheit zu bewundern, hat man Mitleid mit der Pein, welche ſie in ihren Schnürleibern ausſtehen müſſen; und ein altes Lied ſagt: „Das Mitleid iſt noch keine Liebe.“ Dieſe Dame ſchien alſo nicht in ihr Corſet ein⸗ gezwängt, man ſah es ihrer Haltung an. Sie war beweglich, lebhaft, ungezwungen heiter und entſprach dem ſchelmiſchen, lächelnden Ausdruck ihrer Geſichts⸗ züge— einer etwas gewölbten Stirne, braunen, nicht ſehr großen Augen, einem kleinen Näschen, einem friſchen, ſtets lieblichen Munde und dunkelbraunen Haaren— vollkommen; kurz, in ihrer Miene drückte ſich eine Freundlichkeit und Lebhaftigkeit aus, die ihrem ganzen Weſen Reiz verliehen. Dieß war das Aeußere der Madame Marmodin, welche keinen Augenblick ruhig auf ihrem Eſel blei⸗ ben konnte und ihn an Einem fort ſchlug, ſpornte und neckte, welches das arme Thier oft ſehr mißlaunig machte; dann erlaubte es ſich hinten auszuſchlagen, machte Sprünge, that als ob es ſich auf den Boden legen wollte, und das kleine Frauchen ſtieß oft mitten unter ihrem Gelächter einen gellenden Schrei aus, wodurch der Eſel vollends betäubt und die Geſell⸗ ſchaft in Schrecken geſetzt wurde. — „ —. 13 Herr Marmodin, der Gemahl der kleinen Dame, war ein Mann, welcher ſeine fünfundvierzig Jahre auf dem Rücken hatte. Er war groß, gelb und ſehr mager, ſein Geſicht eckig und ſeine Naſe dreifach ge⸗ bogen, weßhalb natürlich die Spitze unterhalb ein⸗ wärts ging und wodurch die Perſon eine außer⸗ ordentliche Aehnlichkeit mit einem Raubvogel oder wenigſtens mit einem Kernbeißer(die man in der Gegend von Paris häufig ſieht) hatte. Runde, grün⸗ liche, von dicken Augbrauen beſchattete Augen, dünne Lippen, ein eingekniffener Mund und ſehr hervor⸗ ragende Backenknochen machten zuſammengenommen aus Herr Marmodin einen völlig häßlichen Menſchen. Man konnte ihm allerdings etwas Ausgezeichnetes nicht abſprechen, denn ſeine Häßlichkeit war ſo arg, daß ſie nicht gewöhnlich war. Herr Mondigo, der Gatte der hübſchen Blondine, war einer von den Menſchen, über welche man Richts ſagt. Er war neununddreißig Jahre alt und bekam bereits einen Bauch, was ihn höchlich ärgerte. Er war in ſeinem zwanzigſten Jahre ziemlich hübſch ge⸗ weſen und noch nicht übel, ſoweit man ſein in einem Backen⸗, Schnurr⸗ und Knebelbart ſteckendes Geſicht beurtheilen konnte, ſein Haupt war überdieß mit fürchterlichen Kopfhaaren bedeckt, die einer Locken⸗ perrücke glichen. Wer kann da von einer Phoſiognomie ſprechen?. man ſah überall nur drohende Haare und flatternde Locke. Zum Glück war dieſer behaarte, bärtige Mann blond, wodurch das Düſtere ſeines Ausſehens gemildert wurde. Paul de Kock. LFRW. 2 14 Ein dritter Herr gehörte noch zu der Geſellſchaft von fünf Perſonen, welche im Forſt von Fontaine⸗ bleau ſpazieren gingen. Es war einer von jenen Männern, von welchen man gewöhnlich ſagt, ſie ſeien im mittlern Alter, das heißt eher alt als jung. Er war klein und ſein Lammgeſicht hätte angenehm ſchei⸗ nen können, wenn ſeine Augen unter ſich einig ge⸗ weſen wären, dieß war jedoch nie der Fall; wenn das eine rechts ſah, beharrte das andere darauf, links zu blicken; wenn er auf der einen Seite nach dem Himmel zu ſchauen ſchien, meinte man, er ſuche mit der andern Etwas auf dem Boden. Kurz, Herr Roquet ſchielte ſo ſtark, als dieß überhaupt Jemand erlaubt ſein kann; vergeblich trug dieſer Herr, um die Abſchweifungen ſeines Blickes zu verbergen, un⸗ aufhörlich Augengläſer: ſeine Augen überließen ſich aber auch unter der Brille den gleichen Abirrungen. All' Das hinderte indeß Herrn Roquet nicht, große Freude an ſeiner erſon zu erleben und ſich zur Ein⸗ flößung von Leidenſchaften fähig zu halten; an ſeiner langſamen und ſüßlichen Sprache, an der Art, wie er ſich ſelbſt Redensarten drechſeln hörte, erkannte man leicht, daß bei dieſem Subjekte ein großes Ca⸗ pital von Anſprüchen und eine lebhafte Eroberungs⸗ begierde zu Grunde liege. Sein Anzug war ſtets geſucht; er bemühte ſich, immer die neueſten Moden nicht nur nachzuahmen, ſondern ſogar zu übertreiben, vielleicht aus Furcht, man könnte dieſelben an ihm überſehen; allein trotz ſeiner neumodiſchen Toilette, ſeiner lackirten Stiefeln und ſeiner allzeitfriſchen Glacé⸗ 15 Handſchuhen ſah Herr Roquet doch gar ſchwerfällig und linkiſch aus, ſo zwar, daß man ſich oft in Ge⸗ ſellſchaft über dieſen Herrn luſtig machte, ſowohl be⸗ züglich ſeines Augengebreſtes, als auch ſeines Anzugs und ſeiner Anſprüche. Machen wir jetzt mit dieſer Geſellſchaft einen Spaziergang, um die fünf Perſonen, aus welchen ſie veſteht, vollends kennen zu lernen. Man hat einen Schrei ertönen hören; Herr Ro⸗ quet, der etwas voraus war, fuhr zuſammen und wendete ſich dann um, indem er ſtammelte:„Was gibt es?“ Ein ſchallendes Gelächter, das ſogleich auf dieſen Schrei erfolgte, beweist ihm, daß ſeine Angſt unnö⸗ thig ſei. In der That iſt es der Eſel der Frau Marmodin, welcher ſich abermals niederzulaſſen Miene machte, und das Frauchen hat ihrer Gewohnheit gemäß erſt ſich entſetzt und dann gelacht. „Mein Gott, Fränzchen, wie peinigend biſt Du mit Deinem Schreien!“ ſagt zu ſeiner Frau tretend der Herr, welcher einem Nußpicker gleichſieht.„Ich hielt Dich für muthiger als ſo! Du verlangſt immer von mir, ich ſoll Dich zu Pferd ausreiten laſſen und kannſt Dich nicht einmal auf einem Eſel halten.“ „Ei, wie artig! ich mich nicht halten können! Ich möchte Sie einmal auf dieſem abſcheulichen Starr⸗ kopf ſehen, mein Hert, der mir nicht folgen will, der ſich überpurzelt, der hält, wenn ich vorwärts will, rechts geht, wenn ich ihn links hinleite. Und ſchen 16 Sie, was er jetzt macht und auf dem Boden ſucht; könnte man nicht glauben, er wolle eine Stecknadel vom Boden aufleſen? Ja, ich wiederhole es, ein Pferd iſt viel leichter zu lenken.“ „Betrachten Sie Madame Mondigo! wie gut Dieſe ihren Eſel regiert, wie ſanft er ſich leiten läßt.“ „Es iſt wahr!“ verſetzt der Herr mit den langen Haaren,„meine Frau ſieht auf ihrem Eſel beinahe wie eine Reitkünſtlerin Franconi's aus! ſie beugt ſich hin und her, legt ſich darauf, als ob ſie in einem Lehnſtuhl ſäße. Höre, Clementine, Du befindeſt Dich, wie es ſcheint, gut auf Deinem Eſel?“ Die blonde Dame kehrt ſich zur Hälfte um und erwiedert lächelnd:„Ja, nicht übel; das Thier iſt ſo ſanft.. es ſcheint recht gutmüthig.“ „O, Madame Mondigo iſt glücklich!“ verſetzt die kleine Frau wieder in ſpöttiſchem Tone.„Man könnte glauben, die Thiere werden eigens für ſie geſchaffen. Wie letzthin, als wir nach Montmorench gingen, ſtürzte mein Pferd im Galopiren zwei Mal unter mir, während das ihrige nicht einmal ſtraucheltez ſie ritt allerdings nur im Schritt und ich habe es gerne, wenn es ſchnell geht. Vorwärts, Eſelchen, vorwärts, mein Freund, etwas eifriger; der Weg iſt doch hübſch genug, daß man ein bischen traben oder galopiren könnte!... D, das Ausſchlagen hilft Dich Nichts; ich ſtehe Dir dafür, ich werde Stecknadeln in Anwendung bringen und Dich an einem empfindlichen Orte angreifen!... ha, ha, hal.. Gut, jetzt wirft er mich in den Graben!“ 17 „Ein ſchöner Wald! ein herrlicher Wald!“ ruft Herr Mondigo um ſich her blickend aus.„Wenn ich in Fontainebleau wohnte, würde ich oft hier ar⸗ beiten!“ „Ach, ihr Dichter und Romanſchreiber, ihr könnt überall arbeiten!“ ſagt Herr Marmodin;„mit einem Buch Papier und einem Schreibzeug in der Taſche laßt ihr euch nieder, wo es euch gefällt; der Raſen, das Moos, die Ufer eines Baches dienen euch als Schreibtiſch, das iſt ſehr bequem. Ich, der ich mich mit wiſſenſchaftlichen Werken beſchäftige und oft in einer Maſſe Bücher nachſchlagen muß, kann, da ich nicht im Stande bin, meine ganze Bibliothek nach⸗ zuſchleppen, nur in meinem Studierzimmer arbeiten.“ Der Herr mit dem ſtarken Haarwuchſe entgegnet — nachdem er bei Herrn Marmodins Behauptung: er veſchäftige ſich mit wiſſenſchaftlichen Werken, ein zweideutiges Lächeln unterdrückt hat— mit ſelbſtge⸗ fälligem Tone:„Ja, ich habe zwei meiner Dramen auf dem Graſe im Park zu St. Cloud geſchrieben; wir hatten damals ein kleines Abſteigequartier in Bellevue gemiethet.“ „Wie 2 Sie ſetzen ſich zum Schreiben auf den Bo⸗ den?“ fragte Herr Roquet, der ſich dem Schriftſteller genähert hat.„Mir ſcheint das unbequem.“ „O nein, ich lege mich der Länge nach auf den Bauch, ſtütze mich, mein Papier vor mir, auf die Ell⸗ bogen und kann Sie verſichern, daß das zum Schrei⸗ ben und Dichten eine ſehr geeignete Lage iſt.“ „Ah bah! auf dem Bauch das iſt komiſch. 18 Und Sie haben mehrere Stücke auf dem Bauche lie⸗ gend geſchrieben? Begeiſtert Sie das?“ „Ich ſage nicht gerade, dieſe Lage begeiſtere mich, ich ſage nur: es ſei auf dieſe Weiſe angenehm im Freien zu ſchreiben.“ „Der Teufel! und Sie breiten Nichts über das Gras aus, ehe Sie ſich darauf legen?“ „Weiß Gott, nein!“ Hierauf verſetzt Herr Marmodin, nachdem er ſich geſchneuzt und eine Priſe Tabak genommen hat, in dem Tone eines Profeſſoren, der eine Vorleſung hält: „Die Römer hatten, glaube ich, nicht die Gewohn⸗ heit, auf dem Bauche ausgeſtreckt zu ſchreiben, ob⸗ gleich ſie ihre Mahlzeiten beinahe liegend einnahmen; wenn ſie dieſe gehabt hätten, würden ſie meiner An⸗ ſicht nach ihren Pallium, einen langen, dem der Griechen ähnlichen Mantel, den hauptſächlich die Philoſophen trugen, auf dem Boden ausgebreitet ha⸗ ben... Der Palliolum, der viel kleiner war, glich denen, welche unſere Damen jetzt Crispinchen nennen. Die Römerinnen trugen einen Palla, einen, dem der Gallier nachgeahmten ganz kurzen Mantel; außerdem auch eine Tarentina, die...“ „Ach, um Gotteswillen, mein lieber Freund, hö⸗ ren Sie auf!“ unterbricht ihn Madame Marmodin, ihren Eſel antreibend.„Wenn Sie in Ihre Römer hineinkommen, kommen Sie nicht mehr heraus. ich kenne Sie! Wir haben ausgemacht, uns zu unter⸗ halten.. und Ihre Wiſſenſchaft erſchreckt mich; das iſt viel zu ernſt für mich.“ 19 „Aber, Fränzchen, ich ſprach ja von den Koſtümen der Römer und glaubte, daß Alles, was die Toilette betreffe, den Damen intereſſant ſei.“ „Was die moderne Toilette und die neue Mode anbetrifft, das laſſe ich mir gefallen; aber was liegt mir daran, ob Ihre Römer lange oder kurze Mäntel getragen haben?... Es iſt doch ſonderbar, daß Herr Friedrich noch nicht nachgekommen iſt, wie er es ver⸗ ſprochen hat; allein er ſucht uns vielleicht in einem andern Theile des Waldes, während wir hier ſind.“ Madame Mondigv, welche ihren Eſel angehalten hat, ſagt ebenfalls:„Es iſt wahr, Friedrich hatte verſprochen, heute Morgen früh in Fontainebleau zu ſein; er ſollte ſich mit Herrn Derneſty einfinden, ſo war es ausgemacht.“ „Ach, der Kuckuk, Madame!“ entgegnet der Schrift⸗ ſteller,„wenn Sie ſich auf das Gerede dieſer Herren verlaſſen, ſind Sie ſehr gutmüthig. Mein Neffe er⸗ ſtens hat immer ſo Vielerlei zu thun, ſeine Theil⸗ nahme bei ſo vielen Luſtparthien verſprochen, daß er eigentlich Abends nie wiſſen kann, was er am ſolgenden Tag beginnen wird. Friedrich iſt der leicht⸗ ſinnigſte Menſch von der Welt! Er verſpricht Ihnen Etwas, wenn Sie ihn aber einen Augenblick darauf fragen, was er geſagt habe, ſo wird er mit der Ant⸗ wort ſehr in Verlegenheit ſein.“ „Wenn er in Allem ſo iſt,“ ruft Madame Mar⸗ modin aus,„ſo iſt es kein Troſt für die Frauenzim⸗ mer, denen er Liebe ſchwört.“ Der Herr mit der hakigen Naſe verzieht bei die⸗ ſer Reflexion ſeiner Frau merklich das Geſicht. Der Schriftſteller fährt fort:„Und was Herrn Derneſty betrifft, ſo halte ich ihn, obgleich er älter iſt als mein Neffe, doch nicht für vernünftiger. Er iſt auch Richts als ein Müßiggänger, ein Spieler und ein Lebemann.“ „Ach, ach, Herr Mondigo! wie Sie dieſe jungen Herren hinſtellen!“ ſagte lachend die kleine Dame. „Halt, Eſelchen, ſei ruhig!... Jetzt will es vorwärts, weil ich einmal anhalten will. Clementine, wollen wir unſere Eſel vertauſchen?“ Die ſchöne Blondine kehrt ſich lachend gegen das kleine Frauchen und antwortet, nachdem ſie einen vielſagenden Blick um ſich geworfen hat:„O, es iſt nicht der Mühe werth! ich glaube, wir thun ebenſo gut daran, wenn wir bleiben wie wir ſind.“ „Bleiben wir alſo!“ erwiedert das lebhafte Fränz⸗ chen, einen komiſch ernſthaften Seufzer ausſtoßend. „Meine Damen!“ nimmt Herr Mondigo wieder das Wort;„ich verſichere Sie, daß ich durchaus nicht die Abſicht habe, das Betragen meines Neffen und ſeines Freundes zu rügen. Ei, mein Gott! ſie ma⸗ chen ſich luſtig, das liegt in ihrem Alter, das liegt eigentlich in jedem Alter; und ich bin der Ueberzeu⸗ gung, daß, man es nicht mehr thut, es weit weniger aus Tugendhaftigkeit, denn aus Rückſicht für die Geſundheit geſchieht... Hier ſind Felſen, meine Damen, ſehr ſchöne Felſen! von dieſen erhält Paris einen Theil ſeiner Pflaſterſteine; man verſichert, die⸗ ſer Wald liefere jährlich ungefähr achtmalhundert⸗ tauſend.. 24 „Wie wäre es, wenn wir hier hinauf auf dieſe ſchroffen Felſen kletterten?“ ſagt die muntere Fran⸗ ziska, ihren Eſel am Ohre haltend.„Hören Sie, Herr Roquet, was halten Sie von meinem Vorſchlag? Wollen Sie mit hinauf?“ Herr Roquet blickt die Felſen und Madame Mar⸗ modin zugleich an, indem er entgegnet:„Wir ſind heute Morgen, während wir nach Moret gingen, ſchon da und dort hinaufgeklettert; ich ſehe keine Nothwendigkeit ein, uns weiter zu ermüden; außer⸗ dem verſpäten wir uns dadurch und wir wollen vor⸗ her in Fontainebleau zu Mittag eſſen, ehe wir in einen der nach Corbeil zurückführenden Omnibus ſteigen.“ „Ach, das iſt es! Sie denken an das Eſſen. Die Männer denken doch nur an die Tafelfreuden.“ „Ich verſichere Sie, in Ihrer Nähe, ſchöne Dame, denke ich auch noch an etwas Anderes!“ Herr Roquet hat dieſe letzten Worte halbleiſe ausgeſprochen, damit ſie Herr Marmodin nicht höre, denn Fränzchens Gatte war für außerordentlich eifer⸗ ſüchtig bekannt. Das kleine Frauchen ſtellt ſich, wie wenn ſie Herrn Roquets Worte nicht gehört hätte und fährt fort: „Ach, wenn Herr Friedrich bei uns wäre, ſo würde er ſicher ſchon auf der Höhe dieſer Felſen ſein. Ich hätte nur ſagen dürfen: ich möchte gerne eine dieſer kleinen gelben Blüthen, die ich dort oben an jenen Geſträuchen ſehe... dann wäre er geflogen, ſie mir zu holen;z aber Sie, meine Herren, ach, Sie ſind gar nicht galant!“ 22 „Meine liebe Freundin!“ ſpricht Herr Marmodin, „um vort hinaufzuſteigen, müßte man eine ganz eigene Fußbekleidung haben. Die Römer hatten beſondere Fußvekleidungen, wodurch ſie ihren Rang, ihren Stand und ihre Stellung in der Welt auszeichneten; wir Franzoſen kennen nur die Schuhe und die Stiefeln; wir vedienen uns weder des Caliga, noch des Crepida, noch des Gallica, noch des Baxea; wir ziehen bis⸗ weilen den Calceus und manchmal den Soccus an, aber „O, genug, genug, mein Herr, ich bitte Sie.. ich will gerne nicht auf dieſe Felſen klettern. das iſt aber kein Grund, mich eine Stunde mit Ihren Römern zu peinigen.. Ach, es wäre doch hübſch geweſen, wenn mein Eſel da hinaufgeſtiegen wäre!“ Damit ſucht das Frauchen ihren Eſel in die Nähe der ſchönen Blondine zu bringen und fährt aber ſo, daß ſie nur von Dieſer gehört werden kann, fort: „Sagen Sie, Clementine, heißen Sie das eine Luſt⸗ parthie? wenn man immer durch gerade Alleen ge⸗ hen ſoll, damit man ſich nicht verliere.. nur halten darf, wenn es dieſen Herren gefällig iſt; nicht ſprin⸗ gen, nicht hüpfen und keine Tollheiten machen darf? Ich dachte mir doch gleich, ſo werde es ſein, wenn man auf's Land gehe! Unſere Männer ſind ſonder⸗ var: weil ſie lieber langſam gehen, ſollen wir es auch ſo machen und uns das ebenfalls recht ſein! Ach, wie deſpotiſch ſind die Männer! Wenn übrigens Ihr Neffe und ſein Freund mitgegangen wären, wie 23 ſie es verſprochen hatten, ſo wäre es viel heiterer geweſen. Sind Sie nicht auch meiner Anſicht?“ „Ohne Zweifel! Mein Mann iſt daran ſchuld. Er hat es ſeinem Neffen erſt geſtern Abend geſagt, daß wir mit der Eiſenbahn nach Corbeil und von da nach Fontainebleau gehen wollen.“ „Ach, wie geſcheidt! es Einem erſt an dem Tage ſagen, wo die Parthie gemacht werden ſoll.“ „Friedrich erwiederte: Ich kann Sie nicht im Augenblick begleiten, aber morgen reiſe ich in aller Frühe mit Derneſty ab. Hinterlaſſen Sie nur, wenn Sie im Walde ſind, an dem Orte, wo man aus dem Wagen ſteigt, welchen Weg Sie einſchlagen, und dann kommen wir nach.““ „Wenn man eine Parthie macht und nicht mit⸗ einander geht, kommt man nie wieder zuſammen. Die Herren ſind vielleicht abgehalten worden und es bleibt uns nur Herr Roquet, der langweiligſte Menſch von Paris, der ſich ſchielend neben mir her zu ſchmach⸗ ten beliebt, zur Unterhaltung übrig.“ „Vielleicht ſchmachtet er nach Ihrem Eſel.“ „O, wenn ich das wüßte, ließe ich ihn augen⸗ blicklich aufſteigen, denn dann hätte ich das Vergnü⸗ gen, ihn in wenigen Minuten auf dem Boden zu ſehen.“ „Sie ſind recht ſchlimm!“ Der Mann iſt auch ſo dumm und ſieht immer auf zwei Seiten zumal, das iſt unſchicklich!... Ach, wenn unſere jungen Herren gekommen wären, hätte ich mit ihnen gelacht und wäre mit ihnen herum⸗ 24 gerannt, ohne auf meinen Mann zu hören, ich ver⸗ ſichere Sie.“ „Herr Marmodin ſoll aber, ſo viel man ſagt, ſehr eiferſüchtig ſein.“ „Das iſt mir höchſt gleichgültig; es iſt im Gegen⸗ theil ein Grund mehr, ihn zu ärgern... Sie ſind glücklich, Herr Mondigo iſt nicht eiferſüchtig.“ „O, er denkt nicht daran! Es iſt wahr, daß ich ihm auch nie Veranlaſſung dazu gegeben habe.“ „Wirklich, Ihre Reflexion iſt köſtlich! Sie meinen alſo, ich betrage mich in der Art, daß mein Mann Grund zur Eiferſucht habe?“ „Mein Gott! dieß wollte ich nicht damit ſagen. Nur könnten, da Sie ſehr heiter ſind, manche Leute meinen, es gefalle Ihnen, wenn.. wenn man Ihnen die Cour mache.“ „Dieſe Leute hätten recht, ich laſſe mir außer⸗ ordentlich gern den Hof machen und wünſchte, daß alle Männer in mich verliebt wären! O, das würde mir unendlich viel Spaß machen! um ſo mehr, als alle Frauenzimmer raſend darüber würden... Nun⸗ Eſelchen, willſt Du den Kopf in die Höhe halten? Suchſt Du Etwas?“ „Das iſt ein ungeheurer Wald!“ ſagt Herr Ro⸗ quet, mit banger Niene um ſich blickend;„wiſſen Sie, daß man ſich darin verirren könnte?“ „Das darf man nach Belieben!“ erwiedert lachend Madame Marmodin. „Das war früher der Wald von Bieére,“ verſetzt der Herr mit der hakenförmigen Naſez„er iſt un⸗ 25 gefähr dreiunddreißigtauſend Morgen groß. Wenn die Römer in geheiligte Wälder kamen, ſo. ℳ „Ach, mein lieber Freund! Sie hatten es ſo be⸗ ſtimmt verſprochen, auf dieſer Landparthie Nichts von den Römern zu erwähnen... bemühen Sie ſich doch einmal, ordentlich zu ſein! Wiſſet ihr, meine Her⸗ ren, an wen mich dieſer Wald erinnert? An Robin vom Walde. Ach, ich meine, hier miüſſe er ſich zeigen.“ „Wie, der große Jäger?“ ſagt Roquet, faſt weh⸗ müthig lächelnd, indem er mit gekreuzten Blicken in den tiefen Wald hineinſtarrt.„Ach, welcher Ge⸗ danke! Der Weg ſcheint mir ſehr lange zu dauern; ich fürchte, daß wir uns verfehlt haben. Wir haben am Ende keine Zeit mehr zum Mittageſſen.“ „Ach, Madame Marmodin, Sie möchten den wilden Jäger ſehen!“ ruft Herr Mondigo, ſich der kleinen Dame nähernd, aus.„Ei! Sie glauben zu ſcherzen, und ich verſichere Sie, daß es noch nicht ſo lange her iſt, wo die Bewohner von Fontainebleau noch an die Jagd des wilden Jägers glaubten, der, ſo viel man ſich erzählt, ein großes ſchwarzes Ge⸗ ſpenſt war. Wenn er im Walde jagte, machte er einen abſcheulichen Lärm; man hörte ihn oft, aber man ſah ihn nie. Wollen Sie übrigens, daß ich Ihnen erzähle, was ein alter Geſchichtſchreiber, Pierre Mathieu, hierüber mittheilt?“ „Ja, ja, erzählen Sie!“ antwortet Fränzchen, ihren Eſel anhaltend;„Geſchichten, die Einen fürchten ma⸗ chen, ſind ſo unterhaltend; und in einem Walde ge⸗ räth man gar leicht in Angſt.“ 26 Herr Roquet murmelt vor ſich hin:„Statt lächer⸗ liche Geſchichten zu erzählen, ſollten wir uns nach dem rechten Wege umſehen; es wäre gar nicht unter⸗ haltend, ſich von dem Orte des Mittageſſens zu ent⸗ fernen, ſtatt ſich ihm zu nähern.“ Der Schriftſteller ſtützt ſeine Hand auf den Rücken des widerſpenſtigen Eſels und beginnt ſeine Erzäh⸗ lung:„So vernehmen Sie denn⸗ ſchöne Dame, daß der König Heinrich IV., als er eines Tages in dem Forſt von Fontainebleau jagte, Hörnerklang, Jagd⸗ geſchrei und Rüdengebell vernahm. Der Lärm, der anfangs ziemlich entfernt war, kam allmälig näher und wurde deutlicher. Da der König den Grund deſſelben zu erfahren wünſchte, bat er den Grafen von Soiſſons, welcher in ſeiner Begleitung war, nachzuſehen, woher dieſer komme. Der Graf durch⸗ ſtreifte einige Zeit den Wald und da er Nichts ſah⸗ war er eben im Begriff, zum König zurückzukehren, als ihm ein großer ſchwarzer Mann— der ſich plötz⸗ lich in dichtem Gebüſche zeigte— laut zurief: Hört ihr mich? und eben ſo ſchnell wieder verſchwand. Von Schrecken ergriffen entfloh der Graf, und die Hirten in der Umgegend behaupteten, daß dieſes die Jagd des heiligen Hubertus oder des Königs Arthur geweſen ſei, welche mit ihrem Gefolge den Wald durchzogen habe.“ „O, Ihre Erzählung iſt ſehr unterhaltend, denn ſie flößt Furcht ein. Vorwärts, Eſelchen⸗ vorwärts! O ich will Dich ordentlich ſpornen, denn ich meine, der große ſchwarze Mann ſei mir auf der Ferſe.“ 27 Madame Marmodin treibt ihr Thier an und dieſes Mal zwar mit ſolcher Heſtigkeit, daß es ſich entſchließt, Galop anzuſchlagen und ſeine Reiterin im Nu davonträgt; Dieſe ſtößt anfangs ein Freuden⸗ geſchrei aus, bald aber erſchreckt ſie über die Schnel⸗ ligkeit, womit ſie vorwärts gelangt, und fürchtet ſich da ſie ihren Eſel nicht mehr bändigen kann, herunter⸗ zufallen, und während ſie ſich mit der einen Hand an der Mähne des Thieres und mit der andern an dem Schweife hält, ruft ſie den hinter ihr zurückgebliebe⸗ nen Perſonen um Hilfe. Madame Mondigo treibt ihren Eſel gleichfalls an, um ihre Freundin einzuholen. Die beiden Gatten laufen ihren Frauen nach, und Herr Roquet, der ge⸗ rade einer ſehr natürlichen Urſache wegen bei einem Baume ſtehen geblieben war, iſt ganz ſtarr vor Staunen, als er, wie er ſich umkehrt, Niemand mehr auf dem Pfade bemerkt, der nahe dabei in eine Kreuzſtraße einmündet, wo mehrere Straßen zuſam⸗ menſtoßen. Zweites Kapitel. Ein Unfall.— Eine Begegnung. „Wie, ich bin allein?... Sie haben mich im Walde verlaſſen?... ſpricht Herr Roquet bei ſich, indem er mit haſtigen Schritten vorwärts eilt und nach mehreren Seiten zumal hinblickt, ein Vorzug, der ihm vor Vielen zu Theil ward und den er in dieſem Augenblicke ſehr zu ſchätzen wußte. 28 „Ich mag hinſchauen wo ich will.. ich ſehe ſie nicht. He! hört!. Mondigo! Herr Mar⸗ modin!. Wenn es ein Scherz ſein ſoll, ſo finde ich ihn ſehr unpaſſend nicht etwa weil ich mich fürchtete, allein in dieſem Walde zu ſein es iſt ja nicht Nacht und ich begegne Leuten, welche mir den Weg zeigen werden. Aber einerlei, es iſt ſehr dumm! Man geht nicht mit einander, um ſich zu verlieren. Die ſollen mir wieder kommen und mich zu Landparthien einladen! Hel. WMondigo!. Es iſt ohnehin nichts Unterhaltendes daran! Der Eine hält ſich für einen Schriftſteller, einen berühm⸗ ten Dichter, weil er einige Stücke geſchrieben hat, die unter. der Menge Beifall fanden. Ich ſage unter der Menge, es iſt aber nie eine Seele im Theater, wenn man ſie ſpielt. Der Andere hält ſich für einen Gelehrten, weil er in Rom war und ſpricht bei jeder Gelegenheit von den Römern. Der arme Marmodin, ſtatt ſich darum zu bekümmern, was jene ſtolzen Republikaner gethan haben, würde weit beſſer daran thun, Sorge zu tragen, daß ihm ſeine Frau keine Hörner aufſetzt. Das kleine Weib chen iſt ſehr aufgeweckt, ſehr heiter... Mein Gott, wie ein⸗ fältig, mich zu verlieren wie den kleinen Däumling! Da ſtehe ich vor mehreren Wegen, welchen ſoll ich einſchlagen? Hel... hört... Ei der Kuckuk, jetzt ſchrei' ich mich gar noch heiſer! Wenn mich die Nacht hier überfiele!„Ich muß einmal ſehen, welche Zeit es iſt. Noch nicht einmal zwei Uhr und wir find im Monat Juli, wo es lange hell bleibt, ich haße glück⸗ 29 licher Weiſe Zeit vor mir! Ich bin recht müde und habe Hunger! Welche vermaledeite Luſtparthie! Ich wage es nicht, mich zu ſetzen: es gibt Schlangen hier und ich verabſcheue dieſe Thiere. Das ſoll mir eine Warnung ſein, wieder in die Wälder zu gehen! Ich kenne den Wald von Romainville, das iſt genug; Bäume ſind überall Bäume. Ich würde gerne zwan⸗ zig Franken geben, wenn ich jetzt im Palais Royal bei Vöéfour wäre!“ Herr Roquet ſteht ſtille, der Schweiß rinnt an ihm herunterz er ſieht ſich wiederholt nach allen Sei⸗ ten um, erblickt aber Niemand; nur ſcheint ihm der Wald noch düſterer und dicker; er gewährt ihm einen ſo finſtern Anblick, daß es ihm das Herz zuſammen⸗ zieht und tiefe Traurigkeit ſich in ſeinen Zügen malt. Er nähert ſich einem hohen Baume, unmſchlingt ihn mit ſeinen Armen und verſucht es, binauf zu klettern, weil er denkt, er könne von dem Gipfel eines Bau⸗ mes aus Fontainebleau ſehen, um dann ſicher, ohne ſich zu verirren, darauf zuzugehen. Da Herr Roquet aber nie gymnaſtiſche Uebungen mitgemacht, ſondern ſeine Jugend friedlich, beſonnen und mit den Belu⸗ ſtigungen des Klettermaſtes unbekannt zugebracht hat, gelang es ihm nicht, ſich weiter als einen Fuß vom Boden weg zu bringen, und ſeine unſeligen Anſtren⸗ gungen brachten es nur dahin, daß ſeine Hoſe vor⸗ nen zwiſchen den Beinen an derſelben Stelle auf⸗ ſprang, wo man ſie den kleinen Knaben offen läßt, damit man ihnen auf dem Spaziergang die Bein⸗ Paul de Kock. LXRIv. 3 30 kleider nicht abziehen muß, wenn ſie etwa das Be⸗ dürfniß haben, unterwegs anzuhalten. „Ach, der Teufel! da habe ich einen ſchönen Streich gemacht!“ ruft Herr Roquet aus, indem er ſeine Hoſe betrachtet.„Jetzt ſehe ich gut aus!... Aufgeſprungen, geſpalten wie eine Unterhoſe! Der Henker ſoll dieſe Bäume und dieſe Wälder holen! Hier kann ich doch keine anderen Hoſen anziehen, nicht einmal in Fontainebleau, dort habe ich auch keine; ich habe meine Garderobe nicht mit mir geſchleppt; ich muß alſo in dieſem Zuſtand vor den Damen er⸗ ſcheinen... das iſt ſehr kitzelig.. Die Ehemänner werden ein ellenlanges Geſicht machen. ällein was liegt mir daran, ich ſchere mich Nichts darum! Es iſt ihre Schuld, daß ich meine Beinkleider zerriſſen habe; ſie hätten mich nur nicht verlieren ſollen. Es iſt zwar immerhin ſehr ärgerlich, eine ganz neue Hoſe. heute habe ich ſie zum zweiten Male an! Doch dieſer Schurke von Schneider hat immer die Wuth⸗ mir ſie zu eng zu machen; umſonſt ſagte ich zu ihm: wenn ich mich ſetzen will, ſpannt es und genirt es mich. Er antwortete bloß: das wird ſich ſchon ge⸗ ben. es iſt croiſirter Wollzeug, der dehnt ſich, er iſt ſehr elaſtiſch. Es iſt zum Erſtaunen, wie ſich das gedehnt hat.. In Fontainebleau muß ich es zuflicken laſſen; denn ich habe keine Luſt, hier Stecknadeln hinzußtecken. Der Teufel, die könnten mich verwun⸗ den.. das iſt zu gefährlich. Wohlan, ich will meinen Weg wieder fortſetzen! O, jetzt kann ich ungenirt laufen!“ 31. Herr Roquet geht weiter, er rennt nun mit gro⸗ ßen Schritten beinghe wie wüthend vorwärts und betrachtet wechſelweiſe bald den Pfad, bald ſeine Hoſe. Plötzlich ſteht er ſtille. In einer Entfernung von etwa hundert Schritten ſieht er im Dickicht ſich Etwas bewegen und zwar nahe am Wege, den er vor ſich hat. Er kann nicht genau unterſcheiden was es iſt, nur ſo viel, daß der Gegenſtand, der ſich rührt, ungefähr zwei Schuh hoch, braun und von ziemlichem Umfange iſt. Herr Roquet, dem der kalte Schweiß auf die Stirne tritt, bleibt unbeweglich zitternd ſtehen und wagt es weder vor⸗ noch rückwärts zu gehen; es ſchwindelt ihm vor den Augen und er denkt:„Was iſt das dort? Ein Dieb, der auf mich lauert? Eine Rieſenſchlange? Ich habe nicht mehr den Muth hin⸗ zublicken; ich fürchte zu ſehr, es möchte eine Schlange ſein Ich glaube, ein Dieb wäre mir noch lieber. Was iſt zu thun?.. Ach, was iſt doch das Reiſen für eine entſetzliche Sache!“ Herr Roquet verharrt ziemlich lange unentſchloſſen mit zu Boden gehefteten Augen und wagt es nicht einmal, die Flucht zu ergreifen, weil er fühlt, daß ihm ſeine Beine den Dienſt verſagen würden. End⸗ lich in einem Anfall von Verzweiflung riskirt er es noch ein Mal, einen Blick auf den Gegenſtand zu werfen, der ihn ſo in Schrecken verſetzt hat. Stellt euch aber, wenn ihr könnt, ſein Erſtau⸗ nen und ſein Entzücken vor: der braune Gegenſtand, den er nur durch das Gebüſch hin gewahrt hatte, war 6 32 der Rücken eines jungen Mädchens, welches ſich zum Blumenpflücken auf den Boden hinab gebückt hatte; jetzt erhob ſie ſich eben und ging wieder ihres We⸗ ges, und ſtatt einer Schlange erblickte Herr Roquet das reizendſte Geſicht, welches ſich die Einbildungs⸗ kraft mälen kann. Es iſt ein junges, kaum ſiebzehnjähriges Mäd⸗ chen, deſſen Kleidung weder die einer Bäuerin, noch die einer Bewohnerin der Stadt iſt; ein köſtliches rundes, von Friſche, Anmuth und Schönheit ſtrahlen⸗ des Antlitz; eine Brunette mit ſanften, milden Au⸗ gen und einem kleinen, edelgeformten Munde; in den Zügen dieſer Jungfrau drücken ſich Schamhaftigkeit und Feinheit, blendende Schönheit und Demuth aus. Sie erinnert auch an jene reizenden Köpfe, welchen die Maler ihren Gemälden verleihen und die man mit Bedauern nirgends auf der Welt ſo vollkommen findet als auf der Leinwand. Das Weſen, welches ſich Herrn Roquets Blicken darbietet, trägt ein einfaches, beſcheidenes, braunes Kleid; ſie hat ein buntes Tuch um den Hals ge⸗ ſchlungen, eine ſchwarzſeidene Schürze umgebunden⸗ und ihre ſchönen Haare ſfind mit einem kleinen Häubchen bedeckt, das nicht ſo plump ausſieht wie die der Bäuerinnen und ſich gefällig an ihre runden roſigen Wangen anſchließt. Herr Roquet empfindet ein Wohlbehagen, das vald in Bewunderung übergeht, denn er iſt ſtets ein großer Liebhaber des ſchönen Geſchlechts geweſen. Er nähert ſich dem Mädchen, indem er eine tiefe 33 Verbeugung vor ihr macht, welche er mit einem Mienenſpiel begleitet, das er ſich bemüht, angenehm zu machen, und ſtellt ſich mit den Worten vor ſie hin:„Ach, meiner Treu', Fräulein, ich war auf keine ſo liebliche Begegnung gefaßt! Ich hatte Etwas im Geſträuche bemerkt und dachte: was mag das ſein? Allein ich ſtellte mir etwas ganz Anderes vor als ein junges Frauenzimmer; allerdings hatte ich vor⸗ her Ihren Kopf nicht geſehen.“ Die Jungfrau lächelt, während ſie in beſcheidenem Tone erwiedert:„Ich pflückte einen Blumenſtrauß es gibt Veilchen, Maaslieben und Hyacinthen hier!“ „Ach, ſolche Dinge gibt es hier? das habe ich nicht beachtet; ich war freilich damit beſchäftigt, den Weg zu ſuchen, konnte mich alſo nicht um Veilchen bekümmern. Es muß ſehr angenehm ſein, in Ihrer Geſellſchaft welche zu pflücken, Fräulein, denn dann... denn dann.. „Sie ſuchen den Weg, mein Herr! wo wollen Sie denn hin?“ „Ja! Nach Fontainebleau, Fräulein, ich ſuchte mich zu vrientiren; das iſt ſehr ſchwierig, wenn man in der Gegend nicht bekannt iſt, außerdem kam ich über eine Kreuzſtraße, wo wenigſtens ſechs Wege zuſam⸗ menlaufen. Welchen ſollte ich einſchlagen, ich bitte Sie, welchen?... Das iſt ſehr ärgerlich!“ „Nein, nein, Herr, denn neben jedem befindet ſich ein Wegzeiger, auf welchem entweder ſteht: Straße nach Moret, oder Straße nach Fontainebleau, oder Straße 34 nach Avon. kurz, es iſt jedes Mal bezeichnet, wo der Weg hinführt.“ „Wie, es ſind Wegzeiger da und ich habe ſie nicht einmal geſehen? Dann muß ich ſelber einer ſein! Uebrigens iſt es mir minder leid, weil mir hiedurch das Glück zu Theil geworden... das Glück...“ „Mein Herr, wenn Sie nach Fontainebleau wol⸗ len, ſo müſſen Sie den Pfad, den Sie dort links ſehen, einſchlagen, und wenn Sie auf die Chauſſée kommen wieder links gehen, dann ſind Sie in einer halben Stunde dort.“ „Ich danke Ihnen unendlich... O, ich war nicht veſorgt!.. ich dachte: jedenfalls mußt du irgend⸗ wohin kommen. Ich war nämlich in Geſellſchaft mit zwei Damen und zwei Herren, welche auf Eſeln ritten.. nicht die Herren, ſondern die Damen, und die nicht vorwärts wollten nicht die Damen, ſon⸗ dern die Eſel, und ich habe ſie verloren, ohne zu wiſſen wie.“ „Ich bin ihnen begegnet, mein Herr; zwei hüb⸗ ſche Damen auf Eſeln: eine davon lachte immer, und zwei viel ältere Herren liefen hintendrein. „So iſt es, dieſe ſind es; das letztere waren die Ehemänner; Sie haben ſie häßlich gefunden, hicht wahr? Der eine hat in der That viel Aehnlichkeit mit einer Nachteule und der andere mit ſeiner lan⸗ gen Perrücke gleicht einem Löwen.“ „Das alles habe ich nicht bemerkt, mein Herr; aber ich bin der Geſellſchaft auf dem Ihnen be⸗ zeichneten Wege begegnet; ſie müſſen jetzt nahe bei 35 Fontainebleau ſein und wenn Sie dieſelben noch einholen wollen, ſo rathe ich Ihnen ſchnell zu lauſen.“ „Ach Gott! nein, ſie können auf mich warten. es geſchieht ihnen recht! Ich habe keine Luſt, mich aber⸗ mals in Schweiß zu rennen?... Sind ſie aus Fon⸗ taineblau, hübſches Kind?“ „Nein, mein Herr, ich bin aus dem Dorfe Avon, wo mein Vater Landwirth iſt; aber wie ich noch klein war, mußte ich nach Fontainebleau in die Schule gehen.“ „Ach, Sie ſind in die Schule gegangen!. das macht Ihrer Erziehung Ehre, und jetzt gehen Sie allein im Walde ſpazieren und vefürchten keinerlei Abenteuer... ha, ha, ha!“ Herr Roquet, der, ſeit er mit dem Wege bekannt und bei einem jungen Mädchen iſt, ſeine ganze Hei⸗ terkeit wieder gewonnen hat, will daſſelbe bei der Hand nehmen, aber die Jungfran zieht dieſe raſch zu⸗ rück und entgegnet:„Nein, mein Herr, ich befürchte Nichts; erſtens wage ich mich nie ſehr weit in den Wald hinein und dann bin ich ſtark, und wenn Je⸗ mand die Abſicht hätte, mich zu beleidigen, ſo wüßte ich mich wohl zu vertheidigen... glauben Sie mir!“ „Fräulein, ich habe gewiß Richts ſagen wollen was aber wenn man ſo hübſch iſt wie Sie...“ „Ich empfehle mich Ihnen, mein Hett „Wie, Sie wollen ſo ſchnell fortgehen?“ Damit ſieht Herr Roquet vor das junge Mädchen hin, als ob er ihr den Weg vertreten wollte; aber während dieſer Bewegung bemerkt er, daß ſein Hemd 36 in Folge des ſeinen Beinkleidern zugeſtoßenen Un⸗ falls, den er ſeit dem Begegnen mit der Jungfrau vergeſſen hatte, zwiſchen den Beinen vorſieht. Herr Roguet bedeckt ſein Hemd augenblicklich mit der Hand und ſucht es in die Hoſe hineinzuſtopfen, indem er aus⸗ ruft:„Ach, Fräulein, ich bitte tauſend Mal um Ent⸗ ſchuldigung; glauben Sie mir, es geſchah unfreiwillig und es liegt durchaus keine unanſtändige Abſicht von mir zu Grunde ich ſchwöre Ihnen, es geſchah nicht mit Willen!“ Die hübſche Brunette blickt den Herrn mit er⸗ ſtaunter Miene an und ſagt:„Was denn, mein Herr? und warum ſoll ich Sie entſchuldigen?... „Ein Unfall iſt ſchuld daran, Fräulein: als ich vorhin auf einen Baum zu klettern verſuchte— ich war nämlich der Meinung, ein Vogelneſt geſehen zu haben und es wandelte mich die Luſt an, es herunterzu⸗ holen— zerriß ich meine Beinkleider und ſo geſchah es, daß Sie Etwas von meinem Hemde anſichtig wurden.“ Das junge Mädchen erröthete bis in das Weiße der Augen und ſtammelte:„Ich hatte es nicht be⸗ merkt, mein Herr.“ Da übrigens das Beſtreben Roquets, das Hemd in die Hoſe zu ſtopfen, etwas Anſtößiges hatte, wel⸗ ches den keuſchen Blicken des reizenden Kindes zuwi⸗ der war, beeilte ſich daſſelbe, ſich zu entfernen und trennte ſich mit den Worten:„Ich habe Ihnen den Weg gezeigt, mein Herr: der erſte Pfad auf der linken Seite, dann wieder links und die Stadt liegt vor Ihnen.“ 37 „Ich danke, Fräulein.. Wie, Sie eilen ſo haſtig davon, anbetungswürdige Brunette?... Das will ja nicht mehr hinein. der Teufel wie ärgerlich iſt das doch!... Fräulein, ich würde mich übrigens ſehr glücklich geſchätzt haben, Ihre Bekanntſchaft zu ma⸗ chen Ihre.. Gut! ich glaube gar, jetzt zerreißt das auch.. Wenn der Shirting einmal alt iſt, pricht er wie Zunder. Fräulein, ich hätte Ihnen noch Vieles zu ſagen gehabt, wäre ſogar bis in Ihr Dorf mitgegangen... Ach was! ſie hört nicht auf mich⸗ ſie iſt ſchon weit.. Ha, der Kuckuk! endlich iſt Alles darin das iſt ein Glück! Ja, aber wäh⸗ rend des Gehens kommt es vielleicht wieder heraus und Madame Marmodin iſt ſo ſpöttiſch... Je nun⸗ was liegt mir daran, ich ſchere mich Nichts darum! Außerdem werde ich immer ſorgfältig meine Hand darauf decken... Das junge Mädchen war zum Ent⸗ zücken, und wenn ich nicht ſo hungrig wäre, würde ich ihr, glaub' ich, nachgegangen ſein; ſie erweckte ländliche Ideen in mir. der Wald ſchien mir viel heiterer!“ Herr Roquet wirft noch einige Blicke nach dem Wege, den die hübſche Brunette eingeſchlagen hat, aber vald entſchließt er ſich, mit verdoppelten Schrit⸗ ten auf dem ihm angegebenen Pfade vorwärts zu eilen, da er befürchtet, man möchte ſich ohne ihn zu Tiſche ſetzen, und ſo langt er, alle Augenblicke nach ſeinem Hemde ſehend, ob es ſich nicht wieder aus der Hoſe herausgemacht hat, in Fontainebleau an. 38 Drittes Kapitel. Der Sohn des Malers. Wir wollen Herr Roquet ſeiner Geſellſchaft nach⸗ laufen laſſen und zu Roſa⸗Maria, ſo heißt das rei⸗ zende Kind, welchem wir im Walde begegnet ſind, zurückkehren. Nachdem das junge Mädchen den Herrn mit der Brille, deſſen Manieren ihr ſehr unſchicklich zu ſcheinen anfingen, verlaſſen hat, ſchlägt ſie, allem Anſcheine nach mit den Waldwegen ſehr bekannt, einen ſchmalen kaum in dem Dickicht des Gehölzes bemerkbaren Pfad ein, ſie ſchreitet ſo ungehindert fort, ſelbſt ohne vor ſich hin zu blicken, wie Jemand, der ſeines Weges ganz ſicher iſt. Nach fünf Minuten, während welchen ſie ſich übri⸗ gens bisweilen bückte, um den Strauß zu vergrößern, den ſie in der Hand hatte, befand ſich das junge Mädchen auch in der That außerhalb des Gehölzes in einer großen Lichtung; vor ihr ragen ſchwarze ſteile Felſen empor und zu ihren Füßen liegen zu⸗ fällig aufeinander gehäufte Sandblöcke, die zum Theil ſchon zu Pflaſterſteinen bearbeitet und behauen waren; auf der einen Seite erheben ſich ſtolze Buchenbäume, die bis zum Himmel hinan zu ragen ſcheinen, wäh⸗ rend gegenüber andere vom Blitze getroffene auf dem Boden liegen. Dieſer Theil des Waldes gewährt einen wilden, majeſtätiſchen Anblick, der Perſonen, welche nicht daran gewöhnt ſind, ein gewiſſes Ent⸗ ſetzen einflößen muß. 39 Allein Roſa⸗Maria ſetzte ihren heitern Gang fort; ſie läßt ihre Blicke um ſich her ſchweifen und ſie blei⸗ ben bald auf einem jungen Manne in einer kleinen Künſtlerblouſe und im Winde flatternden Haaren haften, welcher am Fuße einer alten Eiche ſitzt, eine kleine auf einem Pulte liegende viereckige Leinwand vor ſich und eine Farbenſchachtel neben ſich hat. Der junge Mann malt oder macht vielmehr ſeine Stu⸗ dien, wie die Maler ſagen. In dieſem Augenblick zeichnet er den maleriſchen Anblick der vor ihm be⸗ findlichen Felſen ab, und ganz in ſeine Arbeit ver⸗ tieft, hat er das junge Mädchen nicht kommen hören, welches ſeit einer Weile hinter ihm ſteht und ihm, ohne ſich zu rühren, faſt ohne zu athmen, damit er ihre Anweſenheit nicht ahne, zuſieht. Plötzlich reißt ſie aber das Gefühl der Bewunde⸗ rung hin und ſie ruft aus:„O, wie ſchön das iſt!“ Der Maler kehrt ſich augenblicklich um und ent⸗ gegnet, mit einem zärtlichen Blicke auf die Jungfrau: „Wie, Sie waren da, ohne daß ich es wußte? Ach, das iſt recht böſe von Ihnen!“ „Warum?.. was that ich denn Böſes hinter Ihnen?“ „Sie beraubten mich des Glückes, Sie zu ſehen und Ihre Gegenwart zu genießen, und dieſes Glück iſt von ſo kurzer Dauer, es verſchwindet ſo ſchnell, daß ich geizig damit ſein muß.“ Roſa⸗Maria erröthet, ſchlägt die Augen nieder und ſtammelt:„Herr Leopold, Sie vergeſſen immer unſer Uebereinkommen und Ihr Verſprechen„„ Ich thue vielleicht was ich nicht thun ſollte, indem ich alle Tage komme, um Sie in dieſem Walde malen zu ſehen, denn es ſind erſt d i Wochen, daß ich Sie kenne.. ich bin Ihnen zufällig hier begegnet.. Sie waren gerade wie gegenwärtig mit Zeichnen beſchäf⸗ tigt, ich näherte mich Ihnen, um zu ſehen, weil ich ein wenig neugierig bin. Sie ſagten aber, es genire Sie keineswegs und ich fand Ihre Arbeit ſo hübſch, ſo gut gemacht, daß Sie die Gefälligkeit hatten, mir zu ſagen, Sie werden einige Zeit hier malen und ich könne, wenn es mir Vergnügen mache, ſo oft ich wolle, kommen und Ihnen zuſehen. Somit bin ich wieder gekommen... Ach, es iſt ein ſo ſchönes Talent, die Schöpfungen der Natur auf der Leinwand wie⸗ derzugeben!“ „Ja, reizende Roſa, ſo haben wir Bekanntſchaft gemacht, und ich preiſe den Zufall, der Ihre Schritte, während ich arbeitete, hierher führte. In allem Die⸗ ſem liegt aber ſo viel mir ſcheint kein Unrecht, und ich ſehe nicht ein, welchen Vorwurf Sie ſich machen könnten.“ „O, entſchuldigen Sie, weil ich vielleicht immer hätte hinter Ihnen bleiben ſollen wie jetzt! Aber eines Tages baten Sie mich, mich Ihrer Leinwand gegenüber zu ſetzen. Ich glaubte zuerſt, die Sonne genire Sie und es geſchehe, um Sie davor zu ſchü⸗ tzen; ich ſetzte mich auf einen Baumſtamm und rührte mich nicht, dann nahmen Sie aber eine andere Lein⸗ wand hervor, und als ich ſehen wollte, was Sie machten, verbargen Sie dieſelbe ſchnell. Am folgen⸗ 4¹ den Tage erſuchten Sie mich wieder, mich vor Sie hinzuſetzen; ich willigte ein, obgleich keine Sonne ſchien, jedoch nur unter der Bedingung, daß Sie mir zeigen werden, was Sie machen.“ „Nun, ich habe es Ihnen gezeigt, Roſa!“ „Ja, und ich war ganz erſtaunt, denn ich war es ſelbſt, das heißt mein Bild.. in dieſem einfachen An⸗ zuge auf einem Baumſtamme ſitzend und bereits ſo ähnlich.. das heißt.. nein, ich bin nicht ſo hübſch als Sie mich gemacht haben!“ „Sie ſind noch hundert Mal hübſcher, liebens⸗ würdige Roſa, denn das Bild kann nie alle die Em⸗ pfindungen, alle die anmuthigen Gefühle ausdrücken, die mit jedem Augenblick Ihre Züge beleben. Ich kann wohl ein Lächeln anbringen, einen Blick... aber ich kann nicht alle die reizenden Nuancen dar⸗ ſtellen, die über ihr bewegliches Antlitz hingleiten und zugleich aus ihren ſowohl milden als freundlichen Augen ſtrahlen, kurz, die ſchuld ſind, daß man Sie nicht ſehen kann, ohne„ „Ach, Herr Leopold, Sie vergeſſen abermals Ihre Verſprechungen! Als Sie letzthin ſchon ein Mal Worte zu mir ſprachen, die ein junges Mädchen nicht an⸗ hören ſoll, wollte ich gehen und ich wäre nicht wie⸗ der gekommen, wenn Sie mir nicht verſprochen, ſo⸗ gar geſchworen hätten. ja ich glaube, Sie haben mir geſchworen... daß Sie keine ſolche Dinge mehr reden wollen, allein von Zeit zu Zeit kommen Sie wieder darauf zurück und ich finde mich immer wieder ein. Sie ſehen alſo, daß ich Grund habe, Ihnen 42 Vorwürfe zu machen, und was würde mein Vater ſagen, mein Vater, der ſo gut iſt und ſo viel Ver⸗ trauen in mich ſetzt, wenn er wüßte, daß ich mich von einem Herrn, den ich beinahe nicht kenne, ma⸗ len laſſe 2“ Der junge Maler legt ſeinen Pinſel und ſein Farbenbrett auf den Raſen nieder, kehrt ſich dann gegen Roſa⸗Maria und erwiedert in ernſtem, bei⸗ nahe gemeſſenem Tone:„Ich habe Ihnen meinen Namen geſagt, Fräulein, und Sie kennen meine Be⸗ ſchäftigung; ich wollte, Sie wären im Stande, ſich zu überzeugen, daß ich Sie nie auf irgend eine Weiſe täuſchen will. Ich will Ihnen in wenigen Worten die Geſchichte meiner Familie mittheilen, denn es iſt mir von Wichtigkeit, nicht als ein Fremder oder Un⸗ bekannter von Ihnen angeſehen zu werden. Ich heiße Leopold Bercourt; mein Vater war Genremaler und beſaß hinlänglich Talent, um in einer gewiſſen Behaglichkeit zu leben; er hatte ſich ſehr jung mit einem Frauenzimmer verheirathet, das er anbetete, ihm jedoch kein Vermögen zubrachte; er gehörte in⸗ deß zu der geringen Anzahl Derjenigen, die glau⸗ ben, die Liebe und ein rechtſchaffenes Betragen ſeien hinreichend, um glücklich zu machen, und er war es auch in der That in dem Schooße ſeines häuslichen Lebens. Meine Mutter liebte ihn ſo innig; ſie hatte dieſelben Neigungen, dieſelben Gefühle wie erz es ſchien, als ob ein Geiſt, ein Herz die beiden Gatten beſeele, denn oft geſchah es, daß Beide denſelben Gedanken, denſelben Wunſch ausſprachen und dieſelben 1 — 43 Betrachtungen über Etwas anſtellten. Und während zwanzig Jahren hatten ſie ſich nie getrennt, war kein ganzer Tag vergangen, ohne daß ſie beiſammenwaren. Ach, Fräulein, es iſt eine ſchöne Sache um einen glücklichen Eheſtand! Es iſt das wahrhaftigſte Glück, welches den Menſchen hienieden gewährt iſt, und daß es ſo viele Leute gibt, welche dieſes Verhältniß in's Lächerliche ziehen oder ſich ſtellen, wie wenn ſie glaubten, es bringe nur Langweile und Verdrießlich⸗ keiten mit ſich, kommt nur daher, weil ſie, gleich dem Fuchſe in der Fabel, nie dazu gelangten, dieſe Glückſeligkeit kennen zu lernen oder ſie zu verdienen, ſonſt würden ſie ſich nicht ſo leicht erlauben, ſie zu verkleinern und herabzuſchätzen.“ Roſa⸗Maria, welche ſich auf den Raſen nieder⸗ gelaſſen hatte, um dem jungen Künſtler zuzuhören, rückte näher zu ihm und rief aus:„Sie ſprechen wie mein Vater, auch er war glücklich in ſeinem Ehe⸗ ſtand; nur war er es nicht lange!.. Fahren Sie fort, Herr Leopold!“ „Ein Sohn und eine Tochter erhöhten das Glück meiner Eltern noch, denn ſie liebten ſich Beide zu ſehr, um nicht auch ein Pfand ihrer Zärtlichkeit zu wünſchen. Wer hat überhaupt keine Freude an Kin⸗ dern? Koketten und Egoiſten. Meine Eltern waren weder das Eine noch das Andere. Ich wurde acht Jahre vor meiner Schweſter geboren; es ſind nun zwei Jahre her, zählte ich einundzwanzig und meine Schweſter dreizehn Jahre und wir waren damals vollkommen glücklich. Meine Mutter ſchien mit ihrer * 44 Lebhaftigkeit, Heiterkeit und Liebenswürvigkeit immer jung; ſie war ihrem Gatten eine Geliebte, ihren Kindern eine Schweſter. Obgleich ſie empfindſam und feinfühlend war, wußte ſie doch durch ein geiſtreiches Wort oder einen pikanten Einfall alle Geſellſchaften zu beleben und aufzuheitern. Meine zarte niedliche Schweſter wuchs unter den Augen der Mutter auf, die auch zu Denen gehörte, welche nicht begreifen, wie man Fremde mit der Bildung des Herzens, Cha⸗ rakters und Geiſtes ſeiner Töchter beauſtragen kann, als ob eine Mutter nicht von Natur die geeignetſte Erzieherin wäre. Ein junges Mädchen mag aller⸗ dings hinſichtlich der Wiſſenſchaft Etwas verlieren, 1 ſie gewinnt dagegen aber gewiß an Tugenden. Und wenn man ſich erſt die Mühe geben möchte, nachzu⸗ forſchen, was die zu Damen herangewachſenen Fräu⸗ lein ſpäter noch von der um theures Geld in ihren Penſionen erlernten Wiſſenſchaft im Kopfe behalten haben? Einige derſelben fünf bis ſechs italieniſche oder engliſche Worte, die ſie ſchlecht ausſprechen und womit ich ihnen nicht rathe, ſich im Auslande hören zu laſſen; Andere einige Begriffe von Geographie, alter und neuer Geſchichte, die ſie durcheinanderbrin⸗ gen und falſch citiren; das Talent, ein Profil, einen Kopf, eine Skizze zu zeichnen, welches ſie aber im Leben gänzlich vernachläßigen. Ich frage Sie noch einmal, lohnte es ſich deßhalb der Mühe, ſich der Liebkoſungen und Küſſe ſeiner Tochter zu berauben? Ach, entſchuldigen Sie, Fräulein Roſa, ich laſſe meinem Geplauder den Lauf; ich bin ein Schwätzer, nicht wahr?“ 45 „Erzählen Sie nur, Herr Leopold. O, es lang⸗ weilt mich gar nicht, Ihnen zuzuhören, im Gegentheil.“ „Ich wollte auch Maler werden und beſuchte da⸗ her die Schule eines berühmten Meiſters. Ich ging in die Akademie und um ungeftörter zu arbeiten und ohne meine Eltern zu ſtören, ungehindert auszugehen, vielleicht auch um jene Freiheit zu genießen, wonach die jungen Leute ſo eifrig trachten und ſich einen Gott daraus machen... hatte ich eine beſondere, kleine Wohnung gemiethet; aber ich ſpeiste faſt alle Tage bei meinen Eltern, die es übrigens ganz natürlich gefunden hatten, daß ich im einundzwanzigſten Jahre und mit den Neigungen eines Künſtlers mein eigener Herr ſein wollte. Verzeihen Sie, daß ich mich über dieſe häuslichen Details und jenen Zeitraum meines Lebens ausbreite, aber es war für mich der ſchönſte, und ich glaubte nicht, daß irgend Etwas mein Glück und die Familienfreuden ſtören könnte, die ich ſtets im Kreiſe der Meinigen empfunden habe. Ich wußte nicht, daß man dann am glücklichſten iſt.. und vor den Schlägen des Schickſals zittern und ſich fürchten ſolle. Allein Niemand denkt daran... dieß war der Wille der Vorſehung.. denn wenn wir die Macht hätten, in die Zukunft zu blicken, ſo würden wir die Gegen⸗ wart niemals genießen. „Meine Eltern liebten das Land. Die reine Luft der freien Natur that meiner Mutter gut, welche ohne gerade leidend oder kränklich zu ſein, doch oft über Beengung und kurzen Athem klagte, was aber bei Paul de Kock. LXRlv. 4 46 einer ſo ſchlanken und heitern Feau, deren Lebhaftig⸗ keit beinahe in Ruheloſigkeit überging, keine ernſtli⸗ chen Beſorgniſſe erregte; außerdem hatte meine Mutter ein Unwohlſein oder ein Leiden ebenſo ſchnell wie⸗ der vergeſſen, als ſie ſich davon in Schrecken ſetzen ließ. Die Aerzte gaben bei allen ihren Empfindun⸗ gen den Nerven die Schuld. Ihre Beklemmungen waren nervösz fühlte ſie Anwandlungen von Schwäche, daß ſie beinahe zu Boden ſank, waren ſie nervös; bekam ſie manchmal ſtechende Kopfſchmerzen, waren ſie nervös. Und zum Unglück gehören die Nerven⸗ leiden unter die Zahl derer, die man am wenigſten verſteht und deren Heilung man beinahe immer von der Zeit erwartet. Auch ſagte man zu meiner Mut⸗ ter: es iſt nicht gefährlich; es wird vorübergehen. „Mein Vater hatte ein kleines Landhaus in St. Mandé gemiethet. Ich ging vft hin, blieb aber nicht jede Nacht dort. Was meinen Vater be⸗ trifft, ſo ſchlief Dieſer ſelten ohne ſeine Frau in Pa⸗ ris, nur bisweilen, wann ihn ein neues Stück oder Geſchäfte lange in der Stadt zurückhielten, war meine Mutter die Erſte, welche ihm rieth, über Nacht zu bleiben, weil ſie vefürchtete, es möchte ihm Etwas zuſtoßen, wenn er ſo ſpät nach St. Mandeé zurück⸗ kehre, und mein Vater ließ dann beruhigt ſeine Frau und ſeine Tochter mit ihrem Dienſtmädchen zu Hauſe, weil ſeine Wohnung von Häuſern und vielen Nach⸗ barn umgeben iſt. „Vor etwa zwei Jahren nun, im Monat Sep⸗ tember, gegen das Ende der ſchönen Jahreszeit, be⸗ * 47 fand ich mich in Paris und hatte meine Eltern ſeit zwei Tagen nicht geſehen. Nachdem mein Vater mit ſeiner Frau und ſeiner Tochter zu Mittag geſpeist hatte, erinnerte er ſich, daß er auf den Abend in Paris eingeladen war; er fühlte ſich übrigens an dieſem Tage nicht aufgelegt, von ſeiner Ordnung abzuweichen und ſeine Familie zu verlaſſen; allein meine Mutter, welche vorausſetzte, er werde ſich in der Geſellſchaft, zu der er gebeten war, gut unter⸗ halten, und ſtets befürchtete, er verſage ſich ihretwillen ein Vergnügen, drang in ihn, doch hinzugehen. Mein Vater entſchloß ſich alſo, ſich nach Paris aufzumachen, wo er natürlich über Nacht bleiben mußte, weil die Geſellſchaft, wohin er ſich begab, ohne Zweifel etwas lange dauerte. Er küßte ſeine Frau und ſeine Toch⸗ ter und verließ ſie heiter, ein Liedchen vor ſich hin⸗ trällernd, wie dieſes ſeine Gewohnheit war und kehrte nach einem mit Künſtlern und Freunden angenehm verlebten Abend um halb ein Uhr nach ſeiner Woh⸗. nung in Paris zurück, wo er alsbald zu Bette ging und ruhig einſchlief... Ach, Fräulein! man darf deßhalb nicht immer behaupten, man habe eine Ahnung. „Gegen zwei Uhr Morgens wurde mein Vater durch ein heftiges Läuten aufgeweckt; er ſteht haſtig auf, beſinnt ſich, ob er nicht träume. Allein es iſt ihm bereits bange, er empfindet eine tödtliche Unruhe, denn er iſt entfernt von ſeiner Frau und ſeinen Kin⸗ dern und um ihn mitten in der Racht aufzuwecken, muß einem derſelben ein Unfall zugeſtoßen ſein. Er 48 macht auf und der Portier fagt zu ihm:„Es iſt Je⸗ mand da von St. Mandé, der Sie holen will... ein Nachbar.. Soviel es ſcheint, muß Ihre Frau Ge⸗ mahlin krank ſein.“ „Mein Vater geht kaum bedeckt hinunter, ſieht einen Nachbar aus dem Dorfe, einen braven Land⸗ mann, deſſen Haus an das unſrige ſtößt, und Dieſer ſagt zu ihm:„Ihre Jungfer Tochter hat an meine Thüre geklopft, mir geſagt: ihre Mutter ſei ſehr krank und mich gebeten, Sie unverzüglich zu holen. Dann habe ich mich ſchnell angezogen und bin ſo geſchwind ich konnte von St. Mandé hierher gerannt.“ „Mein Vater nimmt ſich nicht die Zeit, dem Nach⸗ bar zu danken; in wenigen Minuten hat er ſich an⸗ gekleidet und geht mit ihm fort. Vor dem Hauſe fällt ihm ein, daß ſein Arzt nur ein paar Schritte davon weg wohne und er hält es für gerathen, ihn auf der Stelle mitzunehmen. Er läuft zu dem Dok⸗ tor, weckt ihn auf und ſagt ihm, daß er mitgehen müſſe. Dieſer ſteht ſogleich auf, iſt in wenigen Augen⸗ blicken fertig, kommt zu meinem Vater herunter und alle Drei machen ſich auf den Weg. Durch Zufall ſtoßen ſie auf ein leeres Cabriolet, ſteigen ein, der Kutſcher ſetzt ſich auf das Spritzleder und ſo fährt man fort. „„Dem Himmel ſei Dank! wir werden bald an⸗ kommen!“ rief mein Vater aus, und der Doktor, wel⸗ cher ſeine Befürchtungen nicht theilte, antwortete: „Es iſt ohne Zweifel irgend ein nervöſes Uebelbefin⸗ den, wie es Ihre Frau Gemahlin öfters anwandelt, 49 Ihre Fräulein Tochter wird bloß, weil ſie mit der Magd allein die Mutter zu unterſtützen hatte, er⸗ ſchrocken ſein und gedacht haben, man müſſe Sie holen; Das alles darf Sie aber nicht beunruhigen. War ſie geſtern ſchon krank?⸗ „Durchaus nicht, Herr Doktor, ich habe geſtern mit ihr zu Mittag gegeſſen und bin erſt um ſieben Uhr nach Paris gegangen, wo ich ſie heiter und ge⸗ ſund verließ; ſie klagte durchaus Nichts.⸗ „Ich wiederhole es Ihnen, es kann nicht gefähr⸗ lich ſein; aber nervöſe Perſonen ſcheinen im Augen⸗ blick todeskrank; wenn wir ankommen, iſt es vielleicht vorbei und Ihre Frau Gemahlin wird dann bedau⸗ ern, daß man Sie in Angſt verſetzt hat.“ „Endlich langten ſie vor unſerm Hauſe an, wel⸗ ches an der Chauſſöe ſtand. Mein Vater läutet; bald daräuf öffnet ihm ſeine Tochter in Begleitung der Magd.- „Nun! wie geht es Deiner Mutter?⸗ fragt mein Vater. Ich glaube, ſie fühlt ſich etwas beſſerz ſie ſchläft ietzt, antwortet meine Schweſter, noch ganz blaß und zitternd in Folge der erlittenen Angſt. „Mein Vater athmet wieder auf. Er geht mit großen Schritten durch den Hausgang die Treppe hinauf und der Arzt folgt ihm wiederholend: Ich ſagte es Ihnen ja, es war nur ein nervöſer Anfall und Sie hätten nicht ſo zu erſchrecken gebraucht.“ „Endlich kommen ſie oben an und nähern ſich dem Zimmer meiner Mutter. Sie lag auf dem Rücken 50 ausgeſtreckt mit halbgeſchloſſenen Augen auf dem Bette. Mein Vater iſt beſtürzt über die leichenfar⸗ bige Bläſſe ihres Angeſichts und der Doktor murmelt die ſchrecklichen Worte:„O, mein Gott! das iſt kein Schlaf!“ „Mein Vater glaubt ihn zu verſtehen, will aber weder an die Wahrheit noch an die Möglichkeit des Todes glauben. Der Arzt will ihn entfernen, ihn aus dem Zimmer wegführen. „Nein, nein, ich entferne mich nicht!“ ruft er, ſeine Frau in die Arme ſchließend, aus, drückt ihren Kopf an ſeine Bruſt und ruft die Theure laut bei ihrem Namen.„Nein! ich verlaſſe ſie nicht O⸗ ſie kann nicht todt ſein!... Sehen Sie, mein Herr, ihre Arme, ihre Hände ſind noch warm, ihre Augen glänzen noch; es iſt wahrſcheinlich nur eine Ohnmacht. O, Herr Doktor, ſie lebt... man kann nicht ſo ſter⸗ ben! Helfen Sie ihr, helfen Sie ihr ſchnell!... es muß noch Zeit ſein!“ „Der Arzt wußte den Tod zu genau zu unter⸗ ſcheiden, als daß er ſich hätte täuſchen können. In⸗ deß beeilte er ſich, Alles zu thun, was die Wiſſen⸗ ſchaft kennt, um Diejenigen wieder in's Leben zu rufen⸗ bei denen es noch nicht ganz erloſchen iſt. Während er verſchiedene Mittel anwendete, hielt mein Vater den Kopf ſeiner Frau in den Händen, betaſtete ihre Wan⸗ gen und ihre Stirne; er bat ſie flehentlich, noch ein Mal mit ihm zu ſprechen.. und in dem Nebenzim⸗ mer ſaß meine arme Schweſter, von dem Dienſtmäd⸗ chen unterſtützt⸗ auf ihrem Bette, weinte und flehte X 51 zum Himmel, er möchte ihr ihre Mutter erhalten; denn ſie konnte gleichfalls nicht an den Tod derſel⸗ ben glauben! „Sie weinen, Fräulein... Ach, entſchuldigen Sie, ich halte inne, denn auch ich muß weinen!“ Einige Augenblicke darauf fuhr der junge Maler in ſeiner Erzählung wieder fort:„Meine Mutter war geſtorben, Fräulein, und zwar in wenigen Stun⸗ den; ſie war nach Mitternacht mit entſetzlichen Kopf⸗ ſchmerzen erwacht und ihre arme Tochter hatte auf jede Weiſe verſucht, ihr Linderung zu verſchaffen, indem ſie ihr Alles reichte, was ſie ſonſt in ähnlichen Fällen zu ſich genommen hatte; ſie war fern von ihrem Gatten und ihrem Sohne geſtorben!... ohne dieſe zu küſſen und ihnen Lebewohl ſagen zu können! Ach, Fräulein, man ſagt: ein plötzlicher Tod ſei ſüß für Diejenigen, welche er treffe, weil ſie keine Zeit haben, ihn vorauszuſehen oder zu fürchten. Aber wie grauſam iſt er für die Zurückbleibenden, die uns lieben; für Die, welche im ſichern Bewußtſein ihres Glückes daſſelbe genoſſen, ohne es gehörig zu ſchätzen. Ein ſolcher Schlag iſt fürchterlich, denn Nichts hat uns darauf vorbereitet, Nichts uns eine Ahnung von der Vergänglichkeit unſeres Glücks eingeflößt! Wenn Einen der Blitz trifft, ſo hat man doch wenigſtens das Gewölk ſich verdunkeln ſehen, den Donner rollen hören und ein Vorgefühl der drohenden Gefahr ge⸗ habt. Aber ſeine Frau oder ſeine Mutter geſund verlaſſen und einige Stunden darauf todt finden.. ihren letzten Seufzer, ihre letzten Worte nicht hören, 52 O, ſehen Sie, das iſt ſchrecklich und dieſes ſind Schmer⸗ zen, die man nie vergißt! Ich weiß wohl, daß die Zeit alle Leiden mildert, denn wenn dieſes nicht der Fall wäre, würden wir jedes Mal mit Denen, welche wir lieben, unterliegen. Aber ich ſage es noch ein Mal, ſelbſt die Zeit iſt nicht im Stande, das Bittere unſeres Kummers zu vertilgen, wenn wir uns an den Verluſt eines theuern Gegenſtandes erinnern, der unter grauſamen Umſtänden ſtattgefunden hat. „Welche Nacht, mein Gott! welche Nacht für mei⸗ nen Vater und meine arme zärtliche Schweſter, die ein noch ſo junges Kind war, deren Herz aber ſchon die ganze Größe des erlittenen Verluſtes begriff! Und doch war dieſes junge, troſtloſe Geſchöpf ſtark genug, ſeinen Schmerz zu bemeiſtern, um den ſeines Vaters zu tröſten. Wenn ſie ihn ſchluchzen hörte, eilte ſie in ſeine Arme und ſagte:„Unſere Mutter ſieht immer auf uns herab; ſie verlangt: Du ſollſt Muth haben und für Deine Kinder leben.“ „Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, wie groß meine Verzweiflung war, als ich von einem Freunde benachrichtet, ich ſolle nach St. Mandé kommen, dort die unheilvolle Nachricht erfuhr. Gleich meinem Vater wollte ich nicht daran glauben. Ich küßte mit ihm die theure Verblichene. Ihr liebenswürdiges, ſchönes Geſicht war noch unverändert; nur bläſſer war ſie. Mein Vater, der ſich erinnerte, daß ſchon oft eine tiefe Ohnmacht für Tod gehalten wurde, verſuchte ein Mal um das andere, Diejenige zu be⸗ leben, die er anbetete und von der er ſich zu trennen 53 nicht entſchließen konnte, ſelbſt als ſie bereits auf⸗ gehört hatte zu ſein! Und es gibt Leute, welche ſich ſchnell von dem Gegenſtand ihrer Neigung ent⸗ fernen, wenn ihn der Tod getroffen hat! Dieſe müſ⸗ ſen ſehr wenig Muth oder vielmehr ſehr wenig Liebe für ihn empfunden haben! „Ich will Ihnen den Schmerz meines Vaters, welcher in wenigen Stunden ſeine Lebensgefährtin verloren hatte, nicht ſchildern. Er hatte zwanzig Jahre, zwanzig der ſchönſten Jahre voll Herzensge⸗ nüſſen und all' den Wechſelfällen, die uns treffen, ehe wir zu Glück und Ruhm gelangen, mit ihr zu⸗ gebracht. Ach, das iſt ein ganzer Lebenslauf, den man nicht von Neuem anfangen kann! Aber es blie⸗ ben ihm zwei Kinder und beſonders eine ſo junge intereſſante Tochter übrig, die ihre Mutter ſo innig geliebt hatte! „Jetzt, wo mehr als zwei Jahre ſeit dieſem Er⸗ eigniß verfloſſen ſind, hat ſich unſer Gram in Be⸗ dauern verwandelt. Wir ſprechen oft von meiner Mutter, denn ſtatt daß wir unſern Schmerz dadurch erneuen, ſcheint dieſes ihn im Gegentheil zu lindern. Und mein Vater wiederholt dann vſft eine ſehr wahre Behauptung: Wenn wir einen unſerer Bekannten durch den Tod verlieren, ſo nehmen wir die Nach⸗ richt davon vielleicht mit Betrübniß auf, betrachten es aber als eines derjenigen Ereigniſſe, die kom⸗ men müſſen und in der Ordnung der Natur liegen;z verlieren wir aber einen angebeteten Gegenſtand, ſo iſt es uns unmöglich, an unſer Unglück zu glauben⸗ 54 und es ſcheint uns, als ob ein ſolcher Fall nie ein⸗ treten dürfte. „Das iſt die Geſchichte meiner Familie, liebens⸗ würdige Roſa; meine Erzählung hat Sie Thränen gekoſtet, aber ich kann mich nicht kurz faſſen, wenn ich von Der ſpreche, die ich ſo ſehr liebte. Nun muß ich Ihnen auch bekennen, daß der Tod meiner Mutter meinen Charakter plötzlich verändert hat. Die Tollheiten und Luſtparthien junger Leute, die früher mein Glück ausmachten, freuen mich nicht mehr. Ich habe mich mit größerem Eifer dem Studium hingegeben; der Wunſch, Talent zu erwerben, iſt in mir rege geworden. Es iſt mir, als ob die Theure, die nicht mehr unter uns weilt, von oben herab mei⸗ nem Treiben zuſähe, mich aufmuntere und meinen Er⸗ folgen Beifall zulächle. Und außerdem muß ich mei⸗ nen Vater tröſten, meine Schweſter beſchützen. Zu dieſem Zwecke muß ich mir einen Namen machen und durch mein Talent eine edle Unabhängigkeit ver⸗ ſchaffen. O, es wird mir gelingen, ich hoffe es, ich fühle es an der Gluth, die mich beſeelt!“ Die Augen des jungen Künſtlers glänzten, ſeine Stirne ſchien zu ſtrahlen und eines Kranzes zu har⸗ ren. In dieſem Augenblick ſah er das hübſche, un⸗ beweglich vor ihm ſitzende Mädchen nicht mehr, die Liebe zu ſeiner Kunſt beſchäftigte ihn ausſchließlich. Doch bald kehrten andere Gefühle in ihm zurück; er lächelte Roſa⸗Maria zu und ſprach:„Nun bin ich kein Fremdling mehr für Sie. Sind Sie böſe, daß Sie mich Ihr Bild malen ließen?“ 55 „Nein! Aber was wollen Sie damit machen?“ „Ich behalte es für mich und bewahre es auf. Es iſt mir doppelt theuer; erſtens: weil es ein Ver⸗ ſuch iſt, der mir weit beſſer gelang als ich voraus⸗ ſetzte, und dann, weil es Ihre Züge ſind; es wird mich ſehr glücklich machen, das Bild zu betrachten, wenn ich Sie nicht mehr ſehen kann.“ „Gehen Sie bald nach Paris zurück?“ „Heute Abend, Fräulein, heute Abend noch.“ Roſa⸗Maria erbleicht, wendet ſich ab und ſtam⸗ melt:„Warum denn ſo ſchnell? Geſtern gedachten Sie doch erſt in fünf bis ſechs Tagen zurückzukehren.“ „Weil ich heute Morgen einen Brief von meinem Vater erhalten habe. Er verlangt mich wiederzu⸗ ſehen, er iſt etwas unpäßlich.“ „O, Sie haben recht, Herr Leopold, Sie müſſen bald gehen. Somit ſehen wir uns heute zum letzten Mal!“ „Wenn ich das denken müßte, wäre ich zu un⸗ glücklich, Fräulein. O, ich komme bald, ſo bald als möglich wieder. Jetzt, wo es die Gelegenheit mit der Eiſenbahn gibt, iſt es eine Kleinigkeit.“ „Ja, aber... ich werde nicht immer im Walde ſein. Ich bin ſeit einigen Tagen bloß deßhalb her⸗ gekommen, weil ich bei einer Dame unſerer Bekannt⸗ ſchaft, welche in Fontainebleau wohnt, arbeitete. Sie hatte Hemden zu machen und da ich gut weiß und fein nähen kann, hat ſie meinen Vater gebeten, mich helfen zu laſſen. Weil ich nun gern ſpazieren gehe, eine Freude daran habe, Blumen zu pflücken 56 und mit den Waldwegen genau bekannt bin, ſchweifte ich bisweilen etwas umher. ſo ſah ich Sie malen; es würde aber, glaube ich, beſſer geweſen ſein, wenn ich geraden Weges gegangen wäre.“ Die Stimme des jungen Mädchens hat ſich ver⸗ ändert; ſie ſchlägt die Augen nieder, zerkrimpelt ihre Schürze, beißt ſich in die Lippen und thut ihr Mög⸗ lichſtes, damit der junge Maler nicht bemerken ſolle, daß es ihr weinerlich zu Muthe ſei. Viele jungen Leute hätten die Bewegung des hübſchen Kindes benützt, um ihr einige Gunſtbezeu⸗ gungen zu rauben; denn wenn ein junges Mädchen lebhaft gerührt iſt, hat ſie wenig Kraft, ſich zu ver⸗ theidigen. Zum Glück für Roſa⸗Maria empfand der junge Maler aber eben ſo viel Achtung als Liebe für ſie; er begriff dieſe unſchuldige und naive Seele, welche ſeinen Verſprechen Glauben ſchenkte; er hätte ſich geſchämt, einen Gedanken zu haben, den er nicht laut hätte ausſprechen können. Auch war Leopold nicht mehr wie die meiſten jungen Leute, welche nur an das Vergnügen denken und überall darnach jagen, wo ſich eine Gelegenheit darbietet. Die Liebe zu ſei⸗ ner Kunſt hatte ſeinen Gedanken und ſeinen Neigun⸗ gen einen höhern Schwung gegeben. Jene vorüber⸗ gänglichen Liebſchaften, die ihm im zwanzigſten Jahre ſo entzückend geſchienen, waren jetzt ohne Reize mehr für ihn. In der Liebe gleich wie in der Malerei ſuchte er das Schöne, Wahre, Natürliche, und beim Zuſammentreffen mit Roſa⸗Maria hatte ihm eine innere Stimme geſagt, daß ſie alles Dieſes vereine. „Fräulein!“ ſagte Leopold, indem er ſich der Jungfrau nähert, ſie bei der Hand nimmt und dieſe herzlich drückt:„Sie haben mir geſagt, Sie wohnen in dem Dorfe Avon; wären Sie vielleicht ſo gütig, mir die Adreſſe Ihres Herrn Vaters zu geben? Wenn ich zurückkehre, würde ich mir die Freiheit nehmen, Sie zu beſuchen... Sie erlauben mir es doch, nicht wahr? Und da Sie Ihr Vater ſo lieb hat, bin ich gewiß, daß er mich gut aufnehmen wird. Sie ſagen ihm zum Voraus, daß ich mich immer achtungsvoll und ganz wie es ſein ſoll gegen Sie betragen habe.“ „Ach, wenn Sie nach Paris zurückkommen, den⸗ ken Sie nicht mehr an das junge Mädchen vom Fon⸗ tainebleauer Wald!... Man ſagt, die jungen Leute hätten gar vielerlei Unterhaltung in Paris.“ „Haben Sie die traurige Geſchichte ſchon vergeſ⸗ ſen, die ich Ihnen erzählte? Ich verſichere Sie, ſeit ich das Unglück hatte, meine Mutter zu verlieren, bin ich nicht mehr ſo leichtfinnig, ſo gleichgültig und flatterhaft wie früher! Vorher glich ich all' den jun⸗ gen Leuten, die nur an ihr Vergnügen denken. Jetzt bin ich beſonnen und vernünftig. oft zankt mich ſogar mein Vater, weil er meint, ich ſei es zu ſehr. Ich werde Sie nicht vergeſſen, reizende Roſa, ſelbſt wenn ich nicht das Glück pätte, Ihr Portrait zu be⸗ ſitzen. O, aber weil Sie jetzt gerade da ſind, wür⸗ den Sie mir den Gefallen thun, noch ein letztes Mal zu ſitzen?. nur noch ein halbes Stündchen. wegen eines Theiles, mit dem ich nicht ganz zufrieden bin!“ Roſa⸗Maria verzieht ihr holdes Geſichtchen ein 58 vischen, ſetzt ſich wie gewöhnlich auf den Baumſtamm und murmelt:„Da es Ihnen Vergnügen macht und es das letzte Mal iſt, will ich es nicht verweigern. Wenn Sie übrigens Etwas an meinem Geſichte ver⸗ veſſern wollen, ſo iſt der Augenblick nicht gut ge⸗ wählt. ich habe rothe Augen und bin ſchlechter Laune.“ „Nein, nein, nicht wegen des Geſichtes.. So, jetzt ſitzen Sie recht. o⸗ es wird bald geſchehen ſein.“ Der junge Maler ſtellt das Bild des jungen Mädchens auf ſeine Staffelei, nimmt ſeine Pinſel zur Hand und macht ſich gleich an's Geſchäft. Anfangs behält das reizende Original ſeine ernſte Miene, nach einer Weile verklärt aber ein liebliches Lächeln Roſa's Züge, und ſie fragt:„Erlauben Sie, daß ich ſprechen darf?“ „O, ſo viel Sie wollen! es wird mir um ſo lie⸗ ver ſein, denn Sie ſehen und zu hören iſt ein doppel⸗ tes Vergnügen für mich.“ „Und es hindert Sie nicht am Malen?“ „Durchaus nicht, und ſelbſt wenn ich in dieſem Augenblick Ihr Geſicht malte, würde es mich keines⸗ wegs geniren. Ich habe bisweilen den Sitzungen von berühmten Künſtlern beigewohnt und ich ver⸗ ſichere Sie, dieſe ſind nicht der Anſicht ſolcher, welche ihren Originalen eine völlige Unbeweglichkeit anem⸗ pfehlen: weit entfernt! Sie unterhalten ſich während der ganzen Sitzung mit ihnen und auf dieſe Weiſe faſſen ſie den Geiſt der Phoſiognomie auf, den ſie 8 59 durch einen Blick, ein Lächeln oder den Ausdruck einer Empfindung beurtheilen und begreifen lernen. Was erhält man dagegen, wenn man einer Perſon, welche man malt, vollkommene Regungsloſigkeit anempfiehlt? Ein kaltes, gelangweiltes, ausdrucksloſes Geſicht, deßhalb hat auch das Bild nie den Reiz, das Leben und den Charakter, den man ihm gerade zu geben ſuchen ſollte. Sprechen Sie nur, Fräulein Roſa, ich höre Ihnen zu.“ „Sie haben mir die Geſchichte Ihrer Anverwand⸗ ten erzählt, ich will Ihnen die der meinigen erzählen. O⸗ ſie wird kurz ſein! Vor allen Dingen heißt mein Vater Hieronymus Gogo; er hat zwei Brüder, welche natürlicher Weiſe meine Oheime ſind, aber ich kenne ſie nicht; allem Anſcheine nach haben ſie frühzeitig ihre Heimath verlaſſen; ſie ſind aus der Gegend von Orleans gebürtig, wo ihr Vater ein einfacher Land⸗ mann war, wie der meinige. Er hatte auch eine Schweſter, aber dieſe iſt ſchon lange todt. Sie hat,⸗ glaube ich, einen Sohn hinterlaſſen, der alſo mein Vetter iſt; aber ich kenne Niemand von der ganzen Familie. Sie werden bald begreifen, warum: mein Vater iſt Landmann geblieben.. Bauer, wie man in der Stadt ſagt, während ſeine Brüder ſo viel es ſcheint Glück gemacht haben oder wenigſtens eine große Rolle in der Welt ſpielen, deßhalb kommen wir nicht mit ihnen zuſammen“ „Wie? ſind Ihre Onkel ſtolz.. wären ſie einfäl⸗ tig genug, ſich ihres Urſprungs zu ſchämen?“ „Ich weiß nicht. ich kann es nicht beſtätigen... 60 es iſt möglich, daß ſie meinen Vater immer noch lieben und bloß durch ihre Geſchäfte und Angelegen⸗ heiten in Paris zurückgehalten und verhindert werden⸗ uns zu beſuchen. Alles, was ich weiß, iſt, daß mein Vater ſehr an ihnen hängt. Er ſpricht oft von ſei⸗ nen beiden Brüdern Euſtachius und Nikolaus, und ruft dann immer aus:„Ach! wenn ich Zeit hätte, würde ich ſie beſuchen, ſie in meine Arme ſchließen und Dich ihnen vorſtellen.“ „Und was machen Ihre Oheime in Paris?“ „Was ſie machen? Je nun! Glück wie es ſcheint.“ „Das iſt aber kein Geſchäft; ich wollte wiſſen, was fie treiben.“ „Was ſie treiben?.. warten Sie.. Der Aelteſte, Nikolaus Gogo, iſt Handelsmann oder Bankier, ich weiß es ſo genau nicht. Dieſer iſt aber, ſo viel es ſcheint, der Reichere; der Andere, Euſtachius Gogo, beſchäftigt ſich. mein Gott! wie ſoll ich Ihnen das erklären.. mit.. Geiſt; er muß viel beſitzen, weil er damit handelt.“ „Mit Geiſt handeln... das verſtehe ich nicht recht, außer wenn Sie ſagen wollen: er handle mit Liqueurs.“ „Nein, das meine ich nicht; er ſchreibt Sachen, die geleſen werden und macht Werke, die man in den Schauſpielhäuſern aufführt.“ „Ach! jetzt verſtehe ich Sie; Dieſer iſt Dichter oder Schriftſteller.“ „So iſt es, Herr Leopold, Schriftſteller.. ja.. Nicht wahr, man muß ſehr genial ſein, um Siriſt ſteller zu werden?“ 61 „Das ſollte der Fall ſein, Fräulein; leider iſt es aber nicht mehr ſo. Man hat dieſen Titel gleich vielen andern entheiligt und entwürdigt! Ein Menſch, der in ſeinem Leben zwei Drittel eines Vaudeville's gemacht, ein paar Artikel in die Zeitungen gerückt hat und bisweilen ein ſchlechtes Feuilleton zuſammen⸗ flickt, deſſen Süjet er aus andern Büchern entlehnt, heißt ſich auch Schriftſteller, wie der Sudler, der einen Schild malt, ſich ebenfalls den Titel eines Malers anmaßt; aber am Ende übt das Publikum immer Gerechtigkeit aus und beurtheilt einen Jeden nach ſeinen Werken. Ihr Herr Onkel mag übrigens aller⸗ dings ein verdienſtvoller Mann ſein.. Wie ſagen Sie daß er heißt?“ „Wie mein Vater natürlich, da ſie ja Brüder und Söhne eines Vaters ſind. Euſtachius Gogo heißt er.“ „Euſtachius Gogo. das iſt ſonderbar!... Ich kenne eine Maſſe Schriftſteller, leſe viel, gehe häufig in's Theater und doch habe ich dieſen Namen noch nie gehört und geſehen.“ „Er iſt übrigens ziemlich auffallend. Kurz, meine Onkel ſind glücklich in Paris und mein Vater, der nicht vom Ehrgeiz beſeelt wurde, iſt Landmann ge⸗ blieben. Er verheirathete ſich und ließ ſich mit ſei⸗ ner Frau in Avon, dem Geburtsorte meiner Mutter, nieder. Meine Eltern liebten ſich ebenſo zärtlich wie die Ihrigen. Aber meine Mutter ſtarb, ehe ich fünf Jahre alt war; ich kann mir ſie nicht mehr vorſtellen wie Sie ſich die Ihrige; indeß iſt mir doch ein un⸗ Paul de Kock. LXRIv. 5 62 beſtimmtes, undeutliches Bild in Erinnerung geblie⸗ ben, welches ich mir oft in meinen Gedanken klarer zu vergegenwärtigen ſuche. Es iſt mir noch im Ge⸗ dächtniß, daß ſie mir zulächelte, daß ſie ſchön, ihre Stimme ſanft und ſie immer liebevoll gegen mich war. Aus allem Dieſem zuſammen bilde ich mir meinen guten Engel, der über mich wacht, wenn ich ſchlafe und mich ſchützt, wenn ich wach bin... Ach, nicht wahr, ſo muß man ſich ſeine Mutter ſtets vor⸗ ſtellen?“ Leopold malte nicht mehrz er blickte Roſa⸗Maria an und hörte ihr andächtig zu. Nach einigen Minuten des Schweigens fährt die Jungfrau fort:„Jetzt kennen Sie uns auch. Mein Vater heißt Hieronymus Gogo und ein Jedes aus dem Dorfe kann Ihnen unſere Wohnung zeigen. Mein Vater iſt ganz einfach, ganz ſchlicht, denn er hat keine Erziehung genoſſen, aber er iſt ein recht⸗ ſchaffener Mann. O, in dieſem Punkte kann ihn Keiner übertreffen! Außerdem iſt er gutmüthig und hat ein weiches Herz; bisweilen iſt er zwar auch ein wenig hitzig, ein wenig ungeſtüm, aber nie bös⸗ artig und gehäſſig. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu ſagen, daß er mich zärtlich liebt; ich bin ſein ein⸗ ziges Kind, Alles was ihm von der theuern Gattin übrig blieb; deßhalb hat mir auch mein Vater, der mein Glück will und eine Zukunft für mich träumte, die ſich wahrſcheinlich nie verwirklichen wird.. eine ſorgfältige Erziehung geben laſſen und mich in die Schule nach Fontainebleau geſchickt. Ich bin zwar 63 nicht ſehr gelehrt, aber ich kann doch ziemlich gut ſchreiben und rechnen, und man ſagt auch, ich ſpreche ordentlich. Ich denke nun, das ſei hinreichend für ein Frauenzimmer, welches allem Anſcheine nach be⸗ ſtimmt iſt, in einem Dorfe zu leben und zu ſterben. Mein Vater hat freilich andere Gedanken; er hat ſchon oft zu mir geſagt:„Ich habe Unrecht gehabt, es nicht meinen Brüdern nachzuthun, nicht wie ſie den Pflug zu verlaſſen und mich in der Stadt zu etabli⸗ ren, ich wäre vielleicht auch reich geworden und Du hätteſt eine gute Heirath machen und glücklicher ſein können.““ „Ah, ſo ſpricht Ihr Herr Vater?“ „Ja; aber ich antworte immer, daß ich durchaus ohne Ehrgeiz ſei, mich recht glücklich in meiner ge⸗ genwärtigen Lage befinde und nicht für's Stadtleben tauge.“ „Wie, Fräulein Roſa, würde es Ihnen unange⸗ nehm ſein, in Paris zu leben?“ „Ja. das heißt. vor kurzer Zeit noch yätte es mich entſetzt. aber jetzt, meine ich, könnte ich mich vielleicht eher daran gewöhnen. in Geſellſchaft von Leuten.. kurz... Doch ich werde genug ge⸗ ſeſſen haben, nicht wahr?“ „Wenn Sie ermüdet ſind...“ „O, nicht deßhalb, aber ich muß nach Hauſe ge⸗ hen, denn ich befürchte, mein Vater könnte in Unruhe ſein.“ „In dieſem Falle wage ich es nicht, Sie länger aufzuhalten und doch werde ich Sie morgen und 64 in den nächſten Tagen nicht ſehen, wie es mir zur ſüßen Gewohnheit geworden war.“ „Sie haben geſagt, daß Sie wiederkommen wer⸗ den. Iſt es wahr?“ Der junge Maler tritt auf Roſa⸗Maria zu und läßt ſeine Augen auf ihr ruhen, die vielleicht beredter ſprechen, als er es mit Worten im Stande geweſen wäre, denn das junge Mädchen reicht ihm die Hand und ſpricht:„Dann wird mir die Zeit weniger lang ich denke an Ihre Wiederkehr und harre der⸗ ſelben.“ „Sie werden alſo an mich denken?“ Roſa⸗Maria vermag es nicht, zu antworten, aber ihre Blicke reden ſo ausdrucksvoll wie Leopolds.. und ohne ſich gegenſeitig ihre Liebe geſtanden zu haben, war es den beiden jungen Leuten doch klar, daß es für ſie auf Erden kein Glück mehr geben könne, ſo lange ſie von einander entfernt ſeien. „Wohlan, ich gehe!“ ſagt Roſa⸗Maria.„Ach⸗ wollen Sie mich vorher mein Bild ſehen laſſen?“ „Gewiß, Fräulein!“ Der Maler reicht der Jungfrau die Leinwand, worauf ſie abgebildet war. Roſa⸗Maria erröthet, als ſie ſich ſo hübſch ſieht, und ſtammelt:„Finden Sie es denn ähnlich?“ „O freilich, Fräulein! Nie iſt mir meine Arbeit ſo gut gelungen... Ich bin ſtolz darauf, Ihre Züge und Ihre Phyſiognomie ſo getreulich wiedergegeben zu haben. Ich ſchwöre Ihnen ſogar, daß es nicht geſchmeichelt iſt.. Sie ſind es auf und nieder.“ 65 „Meiner Treu', es iſt möglich!... Sie wiſſen daß man ſich ſelbſt nicht kennt... Und Sie nehmen das Bild mit nach Paris?“ „Das verſteht ſich!“ „Und wo thun Sie es dort hin?“ „In meine. in mein Arbeitszimmer.“ „Und ſehen Sie es alle Tage an?“ Leopold nimmt die Jungfrau bei der Hand und drückt dieſe an ſein Herz. „Nun, ſo will ich gehen... Leben Sie wohl, Herr Leopold.“ „Leben Sie wohl, Fräulein Roſa.“ „Und wann gedenken Sie zurückzukehren?“ „In drei Wochen oder ſpäteſtens in einem Monat.“ „Verſchieben Sie es nicht, bis der Sommer vor⸗ über iſt und die Witterung trüb und unfreundlich wird.“ „Wenn ſich auch die Witterung ändert. ich bleibe derſelbe.“ „Auf Wiederſehen alſo!“ „Soll ich Sie nicht bis an das Ende des Waldes begleiten?“ „Nein. es könnte uns Jemand begegnen.. Es iſt noch nicht ſpät; außerdem kenne ich die Wege gut und werde das Dorf bald erreicht haben. Ich gehe... Adieu! Leben Sie wohl, Herr Leopold!“ „Nein, nicht Adieu, theure Roſa. ſondern auf Wiederſehen!“ „Ach ja, auf Wiederſehen! das klingt weniger traurig... Nun denn, ich gehe!.. Ach, dieſes Mal bleibt es dabei!“ 66 Mit dieſen Worten überwindet ſich das hübſche Mädchen gewaltſam, winkt mit der Hand dem jun⸗ gen Maler ein Lebewohl zu und eilt auf einem der Waldwege davon.“ Viertes Kapitel. Die Räuber. Roſa⸗Maria ging mit ſchnellen Schritten vorwärts und achtete nicht auf den Weg; aber ganz mit der Perſon beſchäftigt, welche ſie eben verlaſſen hatte, das Herz von Leopolds Bild erfüllt, ſeine Worte noch im Kopfe, ja in der Meinung, ſie ſehe und höre ihn noch, ihm im Geiſte ſogar Antwort gebend, ging ſie weiter, ohne ihre Blicke auf den Pfad, die Bäume und den Wald zu richten; wenn aber unſer Geiſt und unſere Seele ſich anderswo befinden als unſer Kör⸗ per, ſo wird dieſer ſelten dem richtigen Ziele folgen. Nachdem Roſa⸗Maria ziemlich lange gelaufen war, ſchaute ſie erſtaunt, ſich noch nicht außerhalb des Waldes zu befinden, um ſich her und bemerkte an den ſie umgebenden Gegenſtänden, daß ſie von dem rechten Wege abgekommen und ſtatt auf das Dorf zuzugehen, tiefer in den Wald eingedrungen war. Das junge Mädchen iſt ärgerlich über dieſe Ver⸗ ſpätung, da ſie aber zum Glück faſt mit allen Wald⸗ wegen bekannt iſt, weiß ſie bald, wo ſie ſich befin⸗ 67 det und wie ſie in der kürzeſten Zeit nach Hauſe gelangen kann. Roſa⸗Maria haite ſich in einem ziemlich wilden Theil des Waldes und auf einen Pfad verirrt, der ſie von Tomery nach Fontainebleau führte. Die Jungfrau weiß, daß ſie auf dieſem Wege den ihrigen finden wird, ſie beeilt ſich alſo ihn zurückzu⸗ legen und hat beinahe ſein Ende erreicht, als das Geräuſch von haſtigen Fußtritten zu ihren Ohren dringt. Roſa⸗Maria ſteht ſtille und horcht: die Tritte kommen näher. Zum erſten Mal vielleicht empfindes das junge Mädchen ein Gefühl des Schreckens, denn niemals war ſie allein ſo tief im Walde geweſen. Sie beugt den Kopf vor, blickt durch das Laubwerk hindurch und ſieht zwei in blaue Blouſen gekleidete Männer— welche Kappen auf dem Kopfe haben, deren Schild ihnen faſt die Augen bedeckt, und wie Köhler im Geſicht ſchwarz angeſtrichen ſind— auf ſich zu kommen. Der Anblick dieſer Männer, welche mit einer den Reiſenden ungewöhnlichen Schnelligkeit ihres Weges einherrennen, vermehrt noch Roſa⸗Maria's Schrecken; mit einer faſt maſchinenmäßigen Bewegung bückt ſie ſich und verbirgt ſich in einem daneben befindlichen dichten Gebüſch. Dort ſucht ſie, ohne ſich zu rühren, kaum Athem holend, die beiden Männer zu beobach⸗ ten und zu ſehen, ob ſie vorüber und weiter gehen. Kaum iſt das junge Mädchen eine Minute ver⸗ ſteckt, ſo lenken die beiden Individuen, welche ſie von 68 Weitem bemerkt hat, in den Pfad ein. Statt auf dem Wege fortzulaufen, gehen ſie in's Dickicht hin⸗ ein, dort bleiben ſie höchſtens zwanzig Schritte von Roſa⸗Maria entfernt ſtehen und Dieſe ſinkt faſt in Ohnmacht, weil ſie glaubt, die beiden Männer werden ſie entdecken. Allein ſie haben keine Ahnung, daß Je⸗ mand in ihrer Nähe iſt, und die Jungfrau, welche mit Staunen gewahrt, daß dieſelben unter ihren ge⸗ wöhnlichen Blouſen Beinkleider mit modernen Strüp⸗ pen und lackirte Stiefeln anhaben, kann nun ihr Geſpräch vernehmen. „Es wird nicht mehr lange anſtehen bis er kommt „ Biſt Du vorbereitet?“ „Ja; aber ich zittere. es iſt mir unmöglich. ich habe den Muth nicht...“ „Ei was! Du haſt jetzt keine Wahl mehr. vor einer Stunde biſt Du in meinen Vorſchlag eingegan⸗ gen und nun muß gehandelt werden. Ich ſehe auch nicht ein, welcher Muth dazu gehört, zu Zwei einen alten ſchwachen Mann anzufallen, der nicht den min⸗ deſten Verſuch machen wird, ſich in Wehr zu ſetzen..“ „O, wenn er es aber thut, ſo wollen wir ihn ge⸗ hen laſſen, ihm wenigſtens nichts zu Leide thun!“ „Beim Kuckuk! wie ſollten wir das auch beginnen wir haben zwar Jeder ein Paar Piſtolen bei uns, aber ſie ſind nicht geladen. Es handelt ſich nur dar⸗ um, dem Reiſenden einen Schrecken einzujagen.“ „Ach, einerlei.. unſere Abſicht iſt ſehr unrecht!“ „Ja, aber ſechszigtauſend Franken in Kaſſenſchei⸗ nen könnten unſere heillos verwickelten Angelegenhei⸗ 69 ten bedeutend in Ordnung bringen... und ſo viel hat der liebe Mann in ſeiner Brieftaſche, er war einfältig genug, es zu dem Gaſtwirth zu ſagen. Sie ſprachen mit einander im Hofe und ich hörte hinter den Läden unſerer Fenſter im Erdgeſchoße ihre Unter⸗ redung mit an.“ „Wenn uns dieſer Mann aber einſt erkennen würde?“ „Kommen wir denn je mit ihm zuſammen? Sehr ſchwerlich! Der gute Alte ſteht in keinem Verkehr mit der Geſellſchaft, die wir beſuchen. dieſer Menſch hat keinen Zutritt in die Salons es iſt vielleicht ein reich gewordener Handwerker ein Krämer, der ſein Erbtheil eingezogen hat. Und abgeſehen da⸗ von, bedenke doch, daß wir vollkommen verkleidet ſind; dieſe Blouſen, dieſe Mützen und die mit Koh⸗ len geſchwärzten Geſichter machen uns unkenntlich. Ich ſtehe Dir dafür, dieſes Ausſehen läßt unſere wahre Perſon nicht vermuthen.“ „Das iſt ein Glück!“ „Ich höre ein Pferd traben... das iſt unſer Mann.“ „Ach, mein Gott!“ „Nun, mach'keine Dummheiten... haſt Du Deine Piſtolen in Hand?“ „Ja. ich habe ſie.“ „Ich vil auf die entgegengeſetzte Seite des Weges ſtellen, Du bleibſt hier. Sobald er vorbei kommt, ſtürze ich ſeinem Pferde in die Zügel; Du thuſt ein Gleiches. Du ſprichſt kein Wort, hältſt ihm bloß die Mündung Deiner Piſtole vor die Augen ich beſorge das Weitere. Du ſollſt ſehen, es wird bald geſchehen ſein. Sind wir im Beſitze der Brieftaſche, ſo gebe ich dem Pferde ſelbſt einen tüch⸗ tigen Hieb, da wird es ſich mit dem Reiter auf und davon machen, und dieſer, das bin ich überzeugt, nicht mehr lange hinter ſich blicken.“ „Ach! ich zittere „Du dauerſt mich wahrhaftig.. Der Reiſende nähert ſich.„ich ſtelle mich auf meinen Poſten.“ Mit dieſen Worten verläßt Der, welcher zuletzt geſprochen hat, und den meiſten Muth zeigt, das Dickicht, eilt mit Blitzesſchnelle über den Weg hinüber und ſtellt ſich hinter einen Baum. Sein Begleiter bleibt in dem Gebüſche zurück, macht übrigens einige Schritte gegen den Weg hin, wobei er alle Augen⸗ blicke von Angſt und Entſetzen ergriffen den Kopf umwendet und ſich umſieht. Roſa⸗Maria hat Alles gehört und ihr Schrecken nimmt immer zu, denn ſie begreift wohl, daß die beiden nur wenige Schritte von ihr entfernten Män⸗ ner die Abſicht haben, eine ſchlechte Handlung zu be⸗ gehen, Jemand zu beſtehlen.. und wenn ſie wüßten⸗ daß ſich ganz in der Nähe ein Augenzeuge ihres Verbrechens befindet, wer weiß, ob ſie nicht die Furcht, erkannt zu werden, zu einem noch entſetzlicheren Fre⸗ vel verleiten würde? Auch wagt das arme junge Mädchen kaum Athem zu ſchöpfen, allein die Neugierde, die bei den Frauen von jeher größer war als die Furcht, wie dieſes we⸗ 74 nigſtens in den älteſten Berichten von Loths Frau an bis auf Blaubarts Gattin hin bewieſen iſt, die Neugierde hält Roſa⸗Maria aufrecht— und ſie zer⸗ theilt ſachte das Geſträuch, um das Vorgehende beſ⸗ ſer beobachten zu können. Während deſſen ſchickt ſie inbrünſtiges Gebet und Flehen zum Himmel hin⸗ auf, er möchte doch Leute, Bauern oder Spaziergän⸗ ger in dieſe Gegend ſchicken, damit die beiden Räu⸗ ver genöthigt ſeien, ihren ehrloſen Plan aufzugeben. Man hört Pferdegetrab auf dem Wege von To⸗ mery. Nach einer Weile erblickt man einen Reiſen⸗ den auf einem beſcheidenen Roſſe, welches demüthig den Kopf gen Boden hängt. Der Reiter iſt ein Mann von etwa ſechszig Jahren, aber noch friſch, kräftig und geſund, und ſein volles, fröhliches und heiteres Ausſehen zeugen von Wohlbefinden und guter Laune. Sein Anzug iſt der eines wohlhabenden Bürgers oder eines reichen Landmanns. Er hat eine Art Jagdrock von grünem Tuche mit glänzenden, weißen Metallknöpfen und Zwillichbeinkleider ohne Stege an, die ſich durch die Bewegung des Pferdes ſo weit hin⸗ aufgeſchoben haben, daß man das Obertheil der Stiefeln ſieht; um den Hals hat er ein buntfarbiges ſeidenes Tuch und ſeine Kopfbedeckung bildet ein run⸗ der, breitgeränderter, niederer Hut, der ſein Geſicht vollſtändig vor der Sonne ſchützt. So wie wir ſie eben beſchrieben, ſieht die näher kommende Perſon aus; ein Felleiſen und ein Reiſeſack ſind dem Pferd auf den Rücken gepackt und der Reiter hat einen dün⸗ nen Eichenzweig in der Hand, deſſen er ſich als Reit⸗ gerte bedient, und welcher im Walde friſch geſchnit⸗ ten worden zu ſein ſcheint. „Vorwärts, Hammel, vorwärts, wir ſind nicht mehr weit von Fontainebleau entfernt und dort darfſt Du ausruhen und kriegſt Heu.. Du ſcheinſt keinen Hunger zu haben, alter Hammel!“ Bei dieſen Worten ſchlug der Reiſende das Pferd mit ſeiner Gerte, aber ſo unbedeutend, daß man eher glauben konnte, er habe die Abſicht, ſeinem Roß zu ſchmeicheln und ihm die Fliegen abzuwehren, als es zu ſchnellerem Schritte anzufeuern. Kaum hat das alte Thier in den Pfad eingelenkt, ſo ſtößt Der, welcher darauf ſitzt, einen Schrei des Schreckens aus. die beiden Mäuner, die auf ihn gelauert hatten, traten aus dem Dickicht hervor und ſtürzen ſich mit Gedankenſchnelle dem Pferde in die Zügel ſie brauchen es nicht zu halten, denn das arme Thier, welches ſich eben ſo ſehr zu fürchten ſcheint wie ſein Herr, iſt von ſelbſt ſtehen geblieben. Der Reiſende will einige Worte ſtammeln, um Gnade bitten, aber einer der beiden Männer läßt ihm keine Zeit; er ſetzt die Mündung ſeiner Piſtole auf des Greiſen Bruſt und ſagt zu ihm;:„Schnell Deine Brieftaſche oder Du biſt des Todes!“ Der Reiſende denkt nicht im Mindeſten an einen Widerſtand, er ſucht haſtig ſeine Seitentaſche durch⸗ zieht eine Brieftaſche heraus und reicht ſie mit zit⸗ ternder Hand einem der Räuber, indem er ſtammelt: „Thut mir wenigſtens nichts zu Leide.. ihr ſehet, daß ich nicht widerſpenſtig bin.“ 73 Der, an den dieſe Worte gerichtet ſind, macht haſtig die Brieftaſche auf, um ſich zu überzeugen, ob ſie die Summe enthält, die, wie er weiß, der Alte bei ſich trägt. Mit einem einzigen Blicke ſieht er, daß ein Päckchen Kaſſenſcheine darin vorhanden iſt. Er tritt ſomit zwei Schritte zurück, verſetzt dem Pferde einen tüchtigen Hieb auf das Hintertheil, und dieſes trabt fort und trägt ſeinen Herrn davon, der bereits noch weiter in ſeiner Taſche ſuchte und ſich anſchickte, auch ſeine Börſe den Räubern zu geben. „Es iſt geſchehen.. die Geſchichte iſt vorüber,“ beginnt Derjenige, welcher den Reiſenden bedroht hat.„Der arme gute Kerl würde uns ſogar ſeinen Reiſeſack gegeben haben, wenn wir ihn begehrt hät⸗ ten. aber was wir hier haben iſt von größerem Nutzen Komm, wir wollen ſchnell unſere Kleider wieder anziehen und uns ſäubern. Komm doch... wie Du ſo blaß ausſiehſt!. „Ach, mir iſt, als ob mich meine Beine nicht mehr trügen! „Komm, Komm! wir haben jetzt keine Zeit uns aufzuhalten: wir müſſen fort von hier.“ Mit dieſen Worten hat der Räuber ſeinen Ge⸗ fährten beim Arme genommen und führt ihn oder ſchleppt ihn vielmehr weg. Sie lenken in einen ſchma⸗ — len Pfad ein und gehen auf einem, dem des Rei⸗ ſenden, welchen ſie beraubt haben, gerade entgegen⸗ geſetzten Wege fort, bald verſchwinden ſie im Gehölze und ihre Schritte verhallen in der Ferne. Dann erſt ſteht Roſa⸗Maria, welche immer 74 regungslos und aufmerkſamen Ohres geharrt, leiſe auf und wagt aus dem dichten Geſträuche, worein ſie ſich verborgen hatte, hervorzutreten. Blaß und zitternd iſt das Mädchen eine Zeit lang von ſolcher Furcht ergriffen, daß ſie nicht die Kraft fühlt, den Wald zu verlaſſen; ihre Beine ſchwanken und ſie iſt genöthigt, ſich auf die nahen Zweige zu ſtützen, um ſich aufrecht zu erhalten. Die That, welche ſie mit angeſehen, ſcheint ihre Sinne gelähmt zu habenz beim geringſten Geräuſche des Laubwerks bildet ſie ſich ein, es rühre von den zwei in Blouſen gekleide⸗ ten Männern her, die wieder zurückkommen, und hält ſich dann für verloren. Endlich, nachdem die arme Kleine mehrmals mit der Hand über ihre Stirne gefahren, ſucht ſie ihren Muth mit dem Gedanken zu beleben:„O, dieſe Männer kommen nicht mehr, es iſt von zu großer Wichtigkeit für ſie, ſich zu ent⸗ fernen. Der arme Alte!.. ihn vielleicht ſeines ganzen Vermögens zu berauben... und er ſprach kein Wort, er vertheidigte ſich nicht einmal.. Ach! das iſt ein Glück⸗ denn dieſe Räuber hätten ihn ge⸗ tödtet, obgleich ſie ſagten, ihre Piſtolen ſeien nicht geladen. Und ich konnte dem armen Manne nicht einmal beiſtehen. Ach, ich kann mich jetzt ſelbſt noch kaum aufrecht halten!... O, ich will ſchnell fortgehen und mich niemals wieder allein in dieſen Wald wa⸗ gen! Wenn Herr Leopold wieder kommt, um in die⸗ ſer Gegend zu malen, werde ich ihm es ſtreng ver⸗ bieten, hierher zu gehen. Vorwärts!... mein Gott,. mein Weg iſt derſelbe, den die beiden Männer ein⸗ 75 geſchlagen haben. wenn ich ihnen begegnete.. doch nein, ſie werden entflohen ſein. O, das waren keine gewöhnlichen Räuber, das habe ich wohl geſehen, und ſie halten ſich auch nicht gewöhnlich im Walde auf.“ Roſa⸗Maria verläßt das Gebüſch, kehrt auf den vor ihr liegenden Weg zurück, ſpäht in die Ferne, ob ſie Nichts mehr von den beiden Räubern erblicke, macht einige Schritte, ſtrauchelt aber bald an einem zu ihren Füßen liegenden Gegenſtand. Das junge Mädchen ſchaut auf den Boden und ſieht ein hübſches, kleines, höchſt elegant und ausge⸗ zeichnet eingelegtes Piſtol, deſſen Kolben auf eine ganz beſondere Weiſe geſchnitzelt iſt, auf dem Graſe liegen. „O, das gehört ohne Zweifel einem dieſer ab⸗ ſcheulichen Menſchen,“ denkt Roſa⸗Maria, das Piſtol zu ihren Füßen genauer betrachtend. Dann zögert ſie einige Augenblicke, unentſchloſſen, ob ſie die Waffe aufheben und mitnehmen ſoll. Aber plötzlich, wie von einer innern Eingebung beſeelt, bückte ſie ſich, nimmt das Piſtol, ſteckt es in die Taſche ihrer Schürze und ſpricht bei ſich:„O ja .ja, da es der Zufall fügte, daß ich dieſe Waffe fand, bin ich vielleicht ſpäter einmal dadurch in den Stand geſetzt, Diejenigen zu erkennen, welche den armen Greiſen beraubt haben, der ſo gut⸗ müthig und ſo heiter ausſah, ehe ſie ihn anhiel⸗ ten. Ach⸗ ich wäre ſehr glücklich, wenn ich ihm ei⸗ enes Tages dazu verhelfen könnte, das Geſtohlene zurück zu erhalten. Ich will das Piſtol mitnehmen 76 und ſchnell laufen, bis ich bei meinem Vater vin. Und die Jungfrau eilte nun ebenſo flink und ſo leicht wie eine vom Jäger verfolgte Hirſchkuh vorwärts und mäßigte erſt ihre Schritte, als ſie den Wald hinter ſich hatte. Fünftes Kapitel. Hieronymus Gogo. Hieronymus Gogo iſt ein Mann von ſechsundvier⸗ zig Jahren, ſeine Geſichtszüge ſind frei und offen, er richtet ſeine blauen Augen keck auf Diejenigen, mit denen er ſpricht.. es ſehen Einen aber nicht alle Leute ſo an; ſein oft halbgeöffneter Mund und ſeine dicken Lippen laſſen zwar auf keine Schlauheit ſchließen, ſind aber auch keine Zeichen von Falſchheit; und wenn gleich ſein Geſicht nicht vornehm ausſieht, ſo liegt doch ein Gepräge von Güte und Wohlwollen darin, welches zu ſeinen Gunſten einnimmt. Er iſt nur von mittlerer Größe, aber ſeine kräftigen und muskulöſen Formen verrathen einen Mann, der Einem die Fauſt tüchtig zu drücken weiß. Hieronymus Gogo iſt in, der That mit außerordentlicher Körperſtärke begabt, er ſucht aber dieſen Vorzug nicht zu benützen, denn ſeine Herzensgüte und ſein friedliebender Charakter vewahren ihn davor, dieſelbe häufig an den Tag zu legen. Wenn es übrigens eine Veranlaſſung gibt, wo ſich Hieronymus entſchließt, Gebrauch von ſeiner Körperſtärke zu machen, ſo gnade Gott Dem, der ſich 77 der Gefahr ausgeſetzt hat, die Macht derſelben füh⸗ len zu müſſen; es wird ihn zu der Einſicht bringen, daß die Männer, die im Leben am umgänglichſten und ſanfteſten, auch am meiſten zu fürchten ſind, wenn man ſie außer ſich bringt. Hieronymus hat keine Erziehung erhalten, doch hat er leſen, ſchreiben und rechnen gelernt, da er aber Landmann geblieben iſt, hat er nicht vft Gele⸗ genheit zum Schreiben gehabt; er liest nicht mehr, weil es ihn einſchläfert, und es iſt ihm zur Gewohn⸗ heit geworden, nie anders als mit den Fingern zu zählen. Hieraus ergibt ſich, daß Roſa⸗Maria's Vater beinahe nicht mehr ſchreiben kann, ſtatt des Leſens buchſtabirt und ſeine Sprache ſchlecht ſpricht; da ihn dieſes aber nicht am Arbeiten, Säen, Land bauen und Pflanzen hindert, iſt er zu ſeinem Geſchäfte ge⸗ ſchickt genug. Wenn Hieronymus für ſeine Perſon auch ohne Ehrgeiz war und ſich als Landmann für geſcheidt genug hält, ſo denkt er doch in Betreff ſeiner Toch⸗ ter anders. Roſa⸗Maria iſt der Abgott ihres Va⸗ ters, ſein Glück, ſeine Freude, ſein Ruhm, ſeine Hoff⸗ nung, und er würde ſich für ſtrafbar gehalten haben, wenn er ſeiner Tochter nicht hätte die Erziehung er⸗ theilen laſſen, die ihm fehlte. Er hatte gedacht, daß vielleicht der Zufall oder Umſtände ſeine Tochter un⸗ ter dieſe Leute bringen könnte, mit welchen er nicht in Verkehr gekommen, und er wünſchte, daß wenn ieſes der Fall ſein würde, ſeine Roſa⸗Maria ſich zeigen könne, ohne lächerlich zu erſcheinen oder un⸗ Paul de Kock. LXRIvV. 6 78 wiſſend und verlegen zu ſein. Deßhalb hat er ſeine Tochter in die Schule nach Fontainebleau geſchickt und ſie dann bei achtungswerthen Frauenzimmern, welche die weitere Sorge für ihre Erziehung über⸗ nahmen, in allen feinen weiblichen Handarbeiten unter⸗ richten laſſen, die ſie Niemand in ihrem Dorfe hätte lehren können. Roſa⸗Maria erlernte Alles mit Leichtigkeit. Sie ſchrieb eine hübſche Handſchrift, ſprach beſſer und ge⸗ wählter als die andern Landmädchen, ſtickte und fe⸗ ſtonnirte geſchmackvoll; daher hing ihr Vater auch mit eben ſo viel Liebe als Bewunderung an ihr. In ſeinen Augen war ſeine Tochter eher geſchaffen, um in der Stadt zu glänzen, als im Dorfe zu blei⸗ ben, und er ſagte, ſie in ſeine Arme ſchließend, oft zu ihr:„Mein liebes Kind, ich bedaure es, Dich hier in unſerm Häuschen behalten zu müſſen, wo Du nur den Hühnerhof und unſere Nachbarn zur Geſellſchaft haſt, die um Weniges geſcheidter ſind als unſere Hühner. Ich bin ein Egoiſt, daß ich Dich hier behalte, denn Du biſt klüger als wir Alle; Du biſt gelehrt, ſprichſt gut, verfertigſt gleich einer wahren Fee die niedlichſten Arbeiten, Du biſt in der That zum Leben in der großen Welt mit den Vor⸗ nehmen geboren und würdeſt in ihrer Geſellſchaft eine gute Parthie treffen, weil Du außer Deinen Talenten auch ſehr hübſch biſt. und das Allerbeſte iſt, daß Du gutmüthig und gefühlvoll biſt, kurz, daß Du Eigenſchaften haſt, die man gewöhnlich im Ver⸗ eine mit der Schönheit nicht findet.“ — — 79 Dann küßte Roſa⸗Maria ihren Vater zärilich und erwiederte:„Ihr ſeid allzu gütig gegen mich, mein Vater, und betrachtet mich mit viel zu großer Nach⸗ ſicht. Ihr haltet mich für gelehrt, für talentvoll... aber wenn ich in der Stadt wäre, würde das gegen⸗ über von den Kenntniſſen der ſchönen Fräulein dort, welche faſt alle in Anſtalten erzogen werden, wo man ſie unterrichtet wie Prinzeſſinnen, von ſehr geringer Bedeutung ſein. Laßt mich bei Euch in dieſem Dorfe wohnen; hier bin ich glücklich, erſtens weil ich in Eurer Nähe bin und dann weil ich nie den Wunſch empfunden habe, die Freuden der Stadt kennen zu lernen. Ich bin jetzt eben ſo wenig ehrgeizig als Ihr es geweſen ſeid, aber in Paris würde ich es vielleicht werden; ich würde die Damen um ihre ſchönen Kleider und ihren Putz beneiden und dann nicht mehr ſo zufrieden und vergnügt ſein wie hier, wo ich Allen gefalle.“ Hieronymus Gogo wußte Nichts hiegegen einzu⸗ wenden und wäre überdieß ſehr unglücklich geweſen, wenn er ſich von ſeiner Tochter hätte trennen müſſen; allein er würde ſich ohne Murren darein gefunden haben, wenn er gedacht hätte, ſie ſei entfernt von ihm glücklicher. Das kleine Haus, welches Roſa⸗Maria's Vater gehört, iſt das eines wohlhabenden Landmanns und dazu, was ſeltener iſt, eines ſolchen, bei dem es ſo reinlich und geordnet ausſieht wie bei einem Bürgers⸗ mann. Dieß war Roſa⸗Maria's Werk, welche, da ſie Gelegenheit gehabt hatte, den Unterſchied zwiſchen 80 einer Stube in der Stadt und einer auf dem Dorfe zu beobachten— ſelbſt wenn die Bewohner gleich vermögend find— es dahin zu bringen gewußt hatte, die Wohnung ihres Vaters ſo hübſch einzurichten, als die einer Familie in Fontainebleau. Es hatte das junge Mädchen viele Mühe gekoſtet, weil die Landleute im Allgemeinen in einer Unordnung und Unreinlichkeit leben, die der Natur keine Ehre ma⸗ chen und ganz zu Gunſten der civiliſirten Menſchen ſprechen. In einem Bauernhauſe weiß man ſelten, was Wachs, Reibebürſten, Staubbeſen und Kehrwiſche ſind; und wenn je ein Staubbeſen vorhanden iſt, ſo muß er mehrere Jahre dauern, oft ſogar mehreren Geſchlechtern dienen; Plattenböden ſind Gegenſtände des Luxus, die man nicht in allen Gemächern des Hauſes trifft, auch Tapeten trifft man ſelten, jeden⸗ falls iſt kein Verſchlag damit überklebt. Aber Roſa⸗Maria's Beſtreben war es zu verdan⸗ ken, daß die Haushaltung ihres Vaters ſo reinlich und geordnet beſorgt war; dieſe galt in den Augen der Landleute ſogar für prachtvoll. Trat man in eine Stube, ſo wußte man doch, wo man den Fuß hinſetzen konnte, und brauchte keine Sorge zu tragen, man beſchmutze ſich, wenn man ſich auf einen Stuhl niederlaſſe. Der alten Magd, aus welcher die ganze Dienerſchaft beſtand, war es ſchwer angekommen, ſich an das Reinigen und Abreiben der Möbeln zu gewöhnen; ſie hatte ſogar anfangs über die Capri⸗ cen des jungen Mädchens gemurrt, welches verlangte, 81¹ daß man die mit Staub vedeckten Gegenſtände ab⸗ wiſche, da ſie es für ſehr überflüſſig hielt; denn, ſagte ſie, wozu nützt das Abſtauben heute? morgen iſt es doch wieder ſo. Aber Roſa⸗Maria war ihr mit gutem Beiſpiele vorangegangen und die Bäuerin hatte ſich nach und nach daran gewöhnt und einge⸗ ſehen, daß das tägliche Reinmachen nicht überflüſ⸗ ſig iſt. Fünf Uhr ſchlug es eben auf der großen Wand⸗ uhr in der untern Stube, wo in Hieronymus Gogo's Haus gewöhnlich die Mahlzeit gehalten wird. Fünf Uhr Nachmittags.. und Roſa⸗Maria war um acht Uhr Morgens ſogleich nach dem Frühſtück fortgegangen, um ſich nach Fontainebleau zu begeben, und gewöhnlich kehrt ſie zum Mittageſſen nach Hauſe zurück, welches um drei Uhr aufgetragen wird: die Stunde, wo ihr Vater vom Felde heimkommt. Hieronymus hat nirgends Ruhe; alle Augenblicke geht er aus der untern Stube hinaus und ßellt ſich unter die Hausthüre; dort blickt er nach der Chauſſée hin, kehrt wieder in das Haus zurück, geht dann abermals hinaus und ruft:„Wo mag Roſa ſo lange bleiben?. ſie weiß, daß das Mittageſſen im⸗ mer um drei Uhr fertig iſt, weil ich da von der Ar⸗ beit heimkomme und gern meinen Appetit ſtille, wäh⸗ rend ich mit ihr plaudere.“ „Vill der Herr nicht vielleicht, bis ſie kommt, Etwas eſſen?“ „Eſſen. ohne meine Tochter?.„O, ich habe kei⸗ nen Hunger mehr. Das iſt ſehr ſonderbar, es iſt 8² das erſte Mal, daß ſie nicht vor mir heimgekom⸗ men iſt.“ Die alte Magd ſucht die Beſorgniſſe ihres Herrn zu beſchwichtigen, indem ſie ſagt:„Unſere Jungfer iſt vielleicht von der Frau in Fontainebleau, bei der ſie das Nähen und Kleidermachen gelernt hat, auf⸗ gehalten worden es kann leicht eine Arbeit da geweſen ſein, die hat heute noch fertig werden müſ⸗ ſen. Mamſell Roſa iſt ſo gefällig, daß ſie ihr die⸗ ſen Dienſt wird nicht haben abſchlagen können.“ „Ja, ja, ich weiß wohl, daß dieſes der Fall ſein kann, aber meine Tochter weiß auch, daß ich ſie gerne vaheim finde, wenn ich vom Geſchäfte komme; daß ich glücklich bin, wenn ich ihr dann einen Kuß geben und ſie in die Wange zwicken kann; ſie weiß, daß ich mir Sorgen mache und mich quäle, wenn ich ſie nicht gleich ſehe, und da ſie ſonſt ſo gut und ſo zuvorkom⸗ es kommen mag, daß ſie mich zwei Stunden warten und in Unruhe läßt, es möchte ihr denn Etwas zu⸗ geſtoßen ſein?. Ei, der Kuckuk! ſeit einiger Zeit geht ſie alle Tage in die Stadtl... ich fürchte, daß ſie am Ende eine gefährliche Bekanntſchaft macht, Kerle abgepaßt und ſie verfolgt hätten!.. „Ei, mein Gott, Herr, ſetzt Euch doch keine ſolche Gedanken in den Kopf; glaubt ihr denn, die Mam⸗ ſell höre den nächſten Beſten an? Sie, die ſo tu⸗ gendhaft und ſo beſcheiden iſt?“ mend gegen ihren Vater iſt, begreife ich nicht, wie denn mein Röschen iſt gar hübſch. Wenn ihr ſchlechte „O, ich weiß, daß meine Tochter tugendhaft iſt⸗ 83 Manon, aber die Tugend ſchützt nicht vor den An⸗ griffen eines Unverſchämten.“ „Ich ſage es Euch noch ein Mal, Herr, es iſt von hier nach Fontainebleau Nichts zu fürchten, man begegnet immer Leuten und es ſtehen überall Häuſer an der Straße.“ „Ja, wenn man nicht durch den Wald geht. Ich habe Roſa oft gerathen, dieſen Weg zu meiden, aber die jungen Mädchen laufen gern herum, ſuchen gerne Blumen und wenn es ſo heiß iſt wie heute, iſt Einem der Schatten lieber als die breite Chauſſée. Mein Gott, wenn Roſa durch den Wald gegangen und auf Jemand Gefährliches geſtoßen wäre „Warum ſtellt Ihr Euch denn aber ſolche Dinge vor, Herr?“ „Warum? Siehſt Du denn nicht, daß es immer ſpäter wird und meine Tochter nicht kommt? O, ich halte es nicht mehr aus, ich muß nach Fontaine⸗ bleau zu Frau Durand laufen mich erkundigen, ob Roſa noch da iſt, fragen, um welche Zeit ſie dort fort ging und dann.„ O, ich muß mein Kind wiederfinden, wiſſen, was aus ihm geworden iſt!“ Und ohne weiter auf die Magd zu hören, nimmt Hieronymus ſeinen Hut und ſeinen Stock und verläßt ſein Haus; er iſt bereits im Begriffe, Fontainebleau zuzugehen, hat aber noch keine zwanzig Schritte ge⸗ macht, als er ein junges Mädchen auf ſich zueilen ſieht. Er ſtößt einen Freudenſchrei aus, denn er hat Roſa⸗Maria erkannt. Die Jungfrau fliegt in die Arme ihres Vaters 84 und ruft aus:„Ach, nicht wahr⸗ Ihr waret in Sor⸗ gen um mich?“ „Ja, ja, mein Kind... Du böſes Mädchen, ſo ſpät heim zu kommen! Doch jetzt biſt Du da, ich will Dich nicht lange zanken.“ „Mein guter Vater!“ „Aber, ſag', Du biſt ganz blaß, Deine Züge ſehen angegriffen aus es iſt Dir alſo Etwas begegnet? Ich war nicht mit Unrecht in Sor⸗ gen?“ „Ja, mein Vater, ja. O, ich habe eine große Jurcht ausgeſtanden!“ „Furcht?.. Armes Kind komm, komm, ruhe aus und erzähle mir Alles.“ Hieronymus kehrt mit ſeiner Tochter in's Haus zurück. Dort heißt er ſie niederſitzen, nöthigt ſie, ein wenig Wein zu trinken, ſtellt ſich dann vor ſie hin, ergreift ihre beiden Hände und wartet bangen Her⸗ zens bis ſie ihm mittheile, was ihr begegnet iſt. Dann erzählt Roſa⸗Maria ihrem Vater den frevel⸗ haften Angriff, den ſie mit angeſehen und theilt ihm genau das Geſpräch der beiden Männer mit, welche den Reiſenden beſtoh len haben. Hieronymus athmete kaum, ſo lange ſeine Toch⸗ ter ſprach; ſobald aber Roſa⸗Maria ihre Erzählung beendigt hat, nimmt er ſie beim Kopfe, küßt ſie mehr⸗ mals auf die Stirne und ruft aus:„Arme Kleine! wenn Dich aber dieſe beiden Elenden geſehen hätten?„ O, mein Gott! ich danke Dir, daß Du meine ochter überwacht haſt!„ Jetzt ſiehſt 85 Du ein, Roſa, welchen Gefahren Du Dich ausſetzteſt, indem Du durch den Wald gingſt!“ „Ach ja, mein Vater, ich habe Unrecht gehabt, aber ich verſpreche es Dir, ich gehe nie wieder hin, denn die Erinnerung an dieſes Abenteuer wird nicht ſo leicht aus meinem Gedächtniſſe ſchwinden.“ „Ich glaube es; Du mußt eine entſetzliche Furcht ausgeſtanden haben.. Ach ſieh', Nichts als der Ge⸗ danke an Deine Lage, in der Nähe dieſer Diebe, wo Du es nicht wagen durfteſt, Dich zu rühren, weil ſie Dich, wenn ſie Dich erblickt hätten, aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach getödtet haben würden„iſt mir pein⸗ lich und erſtickt mich faſt.“ „Beruhiget Euch, mein Vater, jetzt bin ich ja wieder bei Euch. „Und gehſt nicht mehr in den Wald?“ „O nein, ich ſchwöre es.“ „Das läßt ſich hören„ Ach, wie hätte ich den beraubten Reiſenden vertheidigt, wenn ich in jenem Augenblicke dort geweſen wäre; wie hätte ich mit einem Fauſtſchlage die Schurken zu Boden ge⸗ ſtreckt!“ „O ja, das hättet Ihr; aber ich, mein Vater, war nicht ſtark genug zu ſeiner Vertheidigung und die Furcht geſtattete mir nicht, um Hülfe zu rufen.“ „Du haſt wohl daran gethan zu ſchweigen, arme Kleine, denn ich ſage Dir, ſie hätten Dich umge⸗ bracht! Auf ſolche Weiſe wird man aus einem Räuber ein Mörder. die Furcht, von einem uner⸗ warteten Zeugen verrathen zu werden, veranlaßt 86 Einen dazu, und Du glaubſt, daß dieſe Männer keine Landſtreicher, keine Diebe von Profeſſion ſind?“ „O nein, mein Vater! vor allen Dingen ſpra⸗ chen ſie ſehr gut. ihre Manier zu reden, hatte ſo⸗ gar etwas Ausgezeichnetes, kurz, man konnte glau⸗ ben, es ſeien junge Leute aus der Stadt.. dann trugen ſie unter ihren Blouſen ſchöne Beinkleider mit Strüppen und feine lackirte Stiefeln.“ „Wirklich?“ „Sie ſelbſt ſagten ja: Wir ſind verkleidet und mit Kohlen angeſchwärzt, man könnte unſere wahre Perſon nicht in uns vermuthen.“ „Es ſind wahrſcheinlich Spitzbuben von vorneh⸗ mem Stande, die ſich im Straßenraub verſuchen woll⸗ ten, und Du ſagſt, einer derſelben habe weniger Muth dazu gehabt als der andere?“ „O, viel weniger! da er es nur ungern thal, und nachdem der Frevel verübt war, beinahe in Ohnmacht ſank.“ „Es waren junge Leute?“ „Ja, Beide.“ „Würdeſt Du ſie, wenn Du ihnen eines Loges begegneteſt, wieder erkennen?“ „Das wäre unmöglich!. ich habe ihre Geſichter nicht geſehen. Anfangs, als ich ſie ſo ſchnell auf dem Wege einherkommen und auf mich zugehen ſah, fürch⸗ tete ich mich, bückte mich und verſteckte mich hinter einem Gebüſche. Wie ſie dann im Dickicht ſtillſtan⸗ den, ſah allerdings durch's Laubwerk hindurch 87 ihre Blouſen, ihre Mützen und bisweilen ihr ge⸗ ſchwärztes Kinn, aber ſonſt Nichts. „Und ihre Stimme?.. würdeſt Du dieſe nicht erkennen, wenn Du ſie einmal hörteſt?“ „O, das weiß ich nicht, Vater, ich war zu ſehr erſchrocken.. ihre Worte drangen ſo dumpf, ſo un⸗ heilvoll an mein Ohr.. ich hörte und hätte lieber nicht gehört. Aber ich vergaß Etwas! ich habe Euch nicht Alles erzählt.. Dieſes hat ohne Zweifel einer der beiden Männer fallen laſſen und ich habe es, als ich über den Weg kam, den ſie eingeſchlagen hatten, auf dem Boden gefunden.“ Roſa⸗Maria zieht ein kleines Piſtol aus ihrer Taſche und überreicht es ihrem Vater. Hieronymus betrachtet die Waffe und ruft dabei aus:„Ach, das iſt prächtig! das ſind wunderſchöne Verzierungen und Schnitzeleien.. O, Du haſt Recht, Kleine, eine ſolche Waffe kann nur einer vornehmen Perſon gehören, denn dieſes Piſtol iſt ein Juwel. das iſt koſtbar!“ „Habe ich wohl daran gethan, dieſe Waffe auf⸗ zuheben, Vater?“ „Ganz gewiß, meine Kleine; denn ſieh', alle Er⸗ eigniſſe im Leben hängen zuſammen und find mit einander verkettet: es wohnt Einer über uns, der immer recht wohl weiß, wie er die Dinge in einan⸗ der fügt!.. und indem er Dich, junges Mädchen, welches durch Zufall bei dieſer Frevelthat Zeugin war, dieſe Waffe finden ließ, hat er vielleicht gewollt, daß Du vermöge derſelben die Strafbaren einſt er⸗ kennen ſollſt!“ 88 „Das habe ich auch gedacht, Vater. Und was glaubt Ihr, was nun zu thun iſt? muß man jetzt zum Herrn Maire gehen und ihm erzählen, was ich im Walde mit angeſehen habe?“ Hieronymus fährt mit der Hand über ſeine Stirne, ſinnt eine Zeit lang nach und antwortet alsdann ſeiner Tochter:„Schau', Kind, Alles wohl überlegt, halte ich es für beſſer, wenn wir Nichts ſagen. Ja, wenn Deine Angabe von der Art wäre, daß ſie zur Verhaftung der Diebe beitrüge, würde ich es thun; aber ich glaube nicht, daß dieſelbe hinreichend iſt, auf ihre Spur zu führen; denn Du könnteſt doch das Aeußere dieſer beiden Männer nicht beſchreiben?“ „Mein Gott, nein, Vater, das wäre mir unmög⸗ lich. ich wüßte nicht einmal die Farbe ihrer Blou⸗ ſen anzugeben ich war ſo beftürzt!. es war gleichſam ein Schleier vor meinen Augen.“ „Ich habe alſo Recht, wenn ich behaupte, Deine Angabe würde zu Nichts führen.. Das heißt doch: ſie könnte Dich Gefahren ausſetzen, denn wenn die, welche dieſe Miſſethat begangen haben, erfahren wür⸗ den, daß ein junges Mädchen Zeugin ihres Verbre⸗ chens geweſen, dieſes junge Mädchen mein Kind ſei und in dieſem Dorfe wohne, wer weiß, ob ſie dann nicht, um ſich dieſer gefährlichen Zeugin zu entledi⸗ gen in der Furcht, ſie möchten eines Tages von ihr erkannt werden, Dir eine Schlinge zu legen ſuch⸗ ten und eine zweite Schlechtigkeit begingen!.. O nein, das darf nicht ſein!. meine Tochter ſoll nicht in Gefahr leben. Ich ließe Dich vor Angſt nicht 89 mehr allein ausgehen, ich würde unaufhörlich zittern, wenn Du nicht in meiner Nähe wäreſt. Es bleibt alſo dabei, die Sache wird verſchwiegen, Kleine! Du darſt Niemand ein Wort von dieſem Abenteuer erzählen.“ „Nein, Vater, Niemand! O, Ihr habt Recht, ich ſchweige davon.“ „Und außerdem habe ich erſt noch meine Abſicht dabei, denn ich glaube, daß Du die Diebe weit eher entdecken kannſt, wenn Du den Vorfall nicht Jeder⸗ mann mittheilſt. Alſo mutus, wie der Schulmeiſter in der Stadt zu ſeinen Schülern ſagt, welches ohne Zweifel heißen ſoll: machet keinen Lärm. Aber ich bitte Dich noch einmal, Röschen, gehe nicht mehr allein in den Wald. Erſtens iſt das nicht der Ort für ein junges Mädchen; denn außer Räubern könn⸗ teſt Du dort Leuten begegnen, welche.. Leuten, die.. kurz, Leuten, welche Dir, unter dem Vorwande, Dir Artigkeiten zu ſagen, Dummheiten vorſchwatzten und das wäre beim Kuckuk ebenſo gefährlich für Dich wie Räuber... Doch Du haſt mir geſchworen, Du werdeſt nicht mehr allein in den Wald gehen und Du wirſt Deinem Verſprechen nicht ungetreu ſein wollen?“ „Nein, Vater, ich ſchwöre es Dir noch ein ich halte es.“ „Dann iſt es gut, ich bin jetzt beruhigt. Bewahre das hübſche kleine Piſtol wohl auf, zeige es Niemand und überlaſſe es Gott, die Dinge ſo zu fügen, daß die Schurken beſtraft werden und der arme Reiſende wieder zu ſeinem Gelde kommt.“ 90 Roſa⸗Maria gehorcht ihrem Vaterz ſie ſchließt, die gefundene Waffe ſorgfältig ein und denkt in ih⸗ rem Sinne:„O nein, ich gehe nicht mehr allein in den Wald!. wenn mein Vater wüßte, daß ich dort die Bekanntſchaft eines jungen Malers gemacht habe, wäre er vielleicht noch viel unwilliger. Ich habe es bisher nie gewagt, von Herrn Leopold mit ihm zu ſprechen und jetzt habe ich noch viel weniger Muth dazu; er iſt ohnehin ſchon ſo beunruhigt.. dieß würde ihn nur noch mehr quälen. es iſt noch Zeit genug, ihm zu erzählen, wie ich mit dem jungen Mann bekannt geworden bin, wenn uns dieſer einmal beſucht. Aber ich halte meinen Schwur und ich werde beſtimmt nicht mehr in den Wald gehen.“ Indem ſich das junge Mädchen ſelbſt dieſes Ver⸗ ſprechen gab, geſtand ſie ſich nicht, daß es ſie nun wenig koſte daſſelbe zu halten, da ſie wußte, daß der jungt Maler nach Paris zurückgekehrt war. Sechstes Kapitel. Der Vetter Brouillard. Acht Tage ſind verfloſſen ſeit Roſa⸗Maria nicht mehr in den Forſt geht, und während dieſer Zeit iſt das junge Mädchen beinahe ohne das Haus ihres Vaters zu verlaſſen im Dorfe geblieben. Ein ein⸗ ziges Mal hat ſie ſich nach Fontainebleau begeben⸗ ——— 9¹ um Stickereien hinzutragen und andere Arbeit zu holen, aber ſie gönnte ſich kaum Zeit, ein wenig in der Stadt auszuruhen; ſie kehrte ſchnell wieder in ihr kleines Zimmerchen zurück, deſſen Fenſter nach der Chauſſée hinausſieht, und ihr Vater war erſtaunt über ihre Pünktlichkeit. Indeſſen glaubt Hieronymus Gogo zu bemerken, daß ſeine Tochter nicht mehr ſo viel ſingt wie früher, daß ſie ohne gerade traurig zu ſein oft nachdenklich und träumeriſch ſcheint und ihn häufig nicht hört, wenn er mit ihr ſpricht, oder ihm verkehrte Antwort ten gibt. Den armen Landmann beunruhigt dieſe Wahrnehmung, und nachdem er eines Morgens mehrmals um ſeine Tochter herumgelaufen iſt, ohne daß dieſe das Hin⸗ und Hergehen ihres Vaters be⸗ achtet hat, ſagt Hieronymus zu ſeinem Kind:„Ei, höre, meine Tochter, ich habe zwar zu Dir geſagt, es freue mich ſehr, wenn Du bei mir ſeieſt. enn es iſt wahr, ich habe Dich gerne um mich und ſehe es mit Vergnügen, wenn ich Dich bei meiner Heim⸗ kehr zu Hauſe antreffe, damit ich Dir gleich einen Kuß geben kann aber Das alles iſt kein Grund, daß Du an Einem fort daheim bleibſt, Deine Freun⸗ dinnen und Bekannten in der Stadt nicht mehr be⸗ ſuchſt oder, wenn Du nach Fontainebleau gehſt, ſo mit der Rückkehr eilſt wie das Poſtwägelchen und zwar auf die Gefahr hin, Dir eine Bruſt⸗ oder Lungenentzündung zuzuziehen ſo habe ich es auch nicht gemeint!“ Roſa⸗Maria blickt ihren Vater mit erſtaunter Miene an und antwortet:„Warum ſagt Ihr das zu mir, Vater?.. Mißfällt es Euch, mich hier ar⸗ beiten zu ſehen?“ „Nein, nein!. Ei, Sapperment! Du weißt wohl, daß ich Dich nicht genug ſehen kann. aber ich bin kein Egoiſt die Hauptſache iſt mir, daß Du wieder glücklich, heiter und zufrieden ſein ſollſt wie früher.. ſeit einiger Zeit bemerke ich, daß Du nicht mehr dieſelbe biſt, mein Kind!“ Die Jungfrau wird verlegen, ſchlägt die Augen nieder und ſtammelt:„Ich, Vater?... O, warum nicht gar, Ihr täuſchet Euch!. Was iſt denn ver⸗ ändert an mir?... „Verändert?... Mein Gott, Dein Geſicht iſt im⸗ mer daſſelbe, das weiß ich wohl; Du biſt immer gleich ſanft und zuvorkommend gegen mich aber, einerlei... Du haſt Etwas. Sieh, in Deinen. Augen, in Deinem Blicke liegt Etwas was kann ich ſelbſt nicht ſagen.. Aber ich wieder⸗ hole Dir, Du haſt nicht mehr jene heitere Miene, die mich ſo glücklich machte, weil ich glaubte, Du ſeieſt dieſes. Kurz⸗ ich fürchte, Du habeſt Langweile ſeit Du faſt nicht mehr in die Stadt gehſt. Ich habe, Dich erſucht, nicht mehr allein in den Wald zu ſpa⸗ zieren, das iſt aber kein Grund, das Haus nicht mehr zu verlaſſen.“ „Aber⸗ Vater, ich verſichere Euch, Ihr irrt, wenn Ihr glaubt, ich langweile mich.. Wenn ich Luſt hätte, öfter in die Stadt zu gehen, würde ich es Euch ſagen, denn ich weiß wohl, daß Ihr nicht böſe dar⸗ 93 über wäret. Es gefällt mir daheim. Ich gehe jetzt allerdings weniger nach Fontainebleau, weil die Damen, für welche ich arbeite, nicht mehr ſo preſ⸗ ſant haben; aber ich verſichere Euch, ich entbehre Nichts dadurch... Ich bin gerne hier.. es gefällt mir ich bin glücklich, Vater... ich bin ſehr glücklich daheim.“ Hieronymus ſcheint mit dieſer Antwort zufrieden; es liegt übrigens in der Art, womit ihn ſeine Toch⸗ ter verſicherte, ſie ſei glücklich, Etwas, welches ihn nicht von der Wahrheit ihrer Worte überzeugt, und der Landmann beharrt auf dem Gedanken, ſeine Tochter langweile ſich auf dem Lande und ſie ſei zu geſcheidt und zu unterrichtet, um ihr Leben unter Bauern zuzubringen. Am folgenden Tage, nachdem Abends vorher die voranſtehende Unterredung ſtattgefunden hatte, bleibt um die Mittagszeit ein etwa fünfundfünfzigjähriger Herr, der aber noch ſehr aufrecht und mit der Schnel⸗ ligkeit eines Jünglings einhergeht, vor Hieronymus Gogo's Haus ſtehen. Dieſer Neuangekommene iſt ziemlich hoch ge⸗ wachſen und ſehr beleibt; in ſeinen Zügen liegt, obwohl ſie nicht der Feinheit ermangeln, Etwas von einem Fuchſen; ſeine Augen ſind rothbraun, klein und ſtehend; ſeine lange, ſpitzauslaufende Naſe bil⸗ det mit ſeinem eingekniffenen Munde und ſeinem vorn ſtehenden Kinn eine Art Schnauze, die überall herum zu ſchnüffeln ſcheint. Sein in der Mütte faſt kahler Kopf iſt oberhalb den Ohren noch dicht mit Paul de Kock. LXRv. 7 Haaren bewachſen, welche in einen Backenbart aus⸗ laufen, der zu beiden Seiten des Mundes einen rechten Winkel bildet. Das Geſicht dieſes Herrn iſt auf den erſten Anblick ziemlich angenehm, denn er. hat beinahe immer ein halbes Lächeln auf den Lippen und ſpricht in ſo freundlichem Tone. Es iſt ein Fuchs, der ſich als Lamm zu geberden ſucht. Sein Anzug war der eines vermöglichen Städters, der ſich übrigens nicht durch ſeine Toilette auszu⸗ zeichnen ſucht. „Hier iſt es.. ja, hier muß es ſein,“ ſpricht der Herr ſtillſtehend und Hieronymus' Haus betrachtend. „Es iſt mir übrigens, als ob das Gebäude außer⸗ halb nicht ſo reinlich geweſen wäre... aber ſeit den fünf Jahren, die ich nicht da geweſen bin, wird man es geputzt haben.. es iſt möglich, daß es inner⸗ halb um ſo ſchmutziger iſt. Aber früher waren am erſten Stock keine Läden, das erinnere ich mich genau. Grün angeſtrichene Läden an einem Bauern⸗ hauſe!... Welcher Luxus!... Iſt Hieronymus viel⸗ leicht auch reich geworden? Hm! das bezweifle ich! Denn wäre er reich geworden, ſo würden ſich ſeine Brüder mehr um ihn bekümmern... ihn zu ſich laden und wieder beſuchen.. Ich will einmal ſehen, ob eine Klingel an der Thüre iſt... Nein, ein Hammer!... der paßt nicht zu den grünen Lä⸗ den.. Ich will anklopfen, denn ich hoffe, daß Jemand zu Hauſe iſt und ich nicht umſonſt hierher⸗ gekommen bin.“ Der Herr hat geklopft. Manon, die alte Magd, 95 macht auf und ſtarrt mit erſtaunter Miene den Herrn an, welchen ſie noch nie geſehen hat. Der Herr betrachtet ſeinerſeits die Bäuerin und macht eine Bewegung mit den Lippen, welche ausdrückt: dieſe Magd iſt ſehr häßlich. „Was wünſcht der Herr?“ „Ich bin, glaub' ich, recht. Das iſt Hieronymus Gogo's Haus?“ „Ja, mein Herr, Ihr ſeid recht!“ „Iſt er zu Hauſe?“ „Der Herr iſt auf dem Felde, er wird übri⸗ gens bald zum Mittageſſen heimkommen aber die Mamſell iſt da... Wenn der Herr dem Vater Etwas zu ſagen hat, ſo ſpreche er nur mit der Mamſell.. es iſt daſſelbe,. „Ach, das Fräulein iſt im Stande, Beſuche zu empfangen? In der That, ſeit ich nicht hier ge⸗ weſen bin, hat ſie wachſen können... Es ſind mehr als fünf Jahre her, beinahe ſechsthalb Jahre... Hieronymus Gogo's Töchterchen war damals elf bis zwölf Jahre alt.“ „Potz tauſend, mein Herr, es wäre ein Un⸗ glück, wenn unſere Mamſell ſeither nicht gewachſen wäre!“ „Ja, ſie muß jetzt ungefähr ſiebenzehn Jahre alt ſein „Die Mamſell iſt im vorigen Monat ſiebenzehn Jahre alt geweſen und ſie iſt eine ſchöne Jungfer, Ihr dürft mir es glauben!“ „Wirklich iſt ſie hübſch?. Sie muß ſich 96 alſo ſehr verändert haben, denn als Kind hatte ſie ſo ein verzerrtes Geſichtchen, welches nicht viel Or⸗ dentliches verſprach.“ „Nun, mein Herr, ich kann Euch verſichern, daß unſere Mamſell eines der ſchönſten Mädchen in der Umgegend und ſogar von Fontainebleau iſt.“ „Ei, der Teufel! dann muß ſie ihrem Vater nicht ähnlich ſehen, denn an Hieronymus war nie etwas Schönes..4 „Ich bin der Anſicht, unſer Herr habe auch ein angenehmes Geſicht!“ „Angenehm?. hm!. ja, es iſt möglich!... Und auf dem Lande macht man nicht ſo viel An⸗ ſprüche... Ihr behauptet alſo, Roſa... denn Roſa heißt ſie, glaub ich.. „Roſa⸗Maria, mein Herr.“ „Ja, das iſt auch ſo eine bäueriſche Gewohnheit, die Leute mit zwei Namen hintereinander zu rufen... va heißt es immer Johann⸗Ludwig! Johann⸗Peter! Maria⸗Johanna!... wie wenn man an einem Na⸗ men nicht genug hätte.. „Ei, was hat denn der Herr?“ denkt die alte Manon, den Fremden von der Seite anſchielend: „Er tadelt Alles. findet Alles ſchlecht... Iſt er etwa hergekommen, um uns zu verhöhnen?“ Dann verſetzt die Bäuerin mit lauter Stimme:„Sagt, Herr, wie würdet Ihr es machen, wenn Ihr in ei⸗ nem Dorfe wohntet, wo fünf bis ſechs Peter, ein Dutzend Johann und eben ſo viele Paul wären, um zu wiſſen von welchem die Rede iſt, wenn man „ 97 ihnen nicht zwei Namen zugleich gäbe, damit ſie von einander zu unterſcheiden ſind?“ Der Herr ſcheint betroffen über die Bemerkung der Bäuerin; aber wie alle Leute, die nie zugeſtehen wollen, daß ſie eine Dummheit geſagt haben, gibt er der Alten keine Antwort auf ihre Frage, ſondern fährt fort:„Alſo Roſa⸗Maria iſt hübſch? Hat ſie denn keine Sommerſproſſen mehr? Ich kann mich erinnern, daß ſie in ihrer Kindheit ganz damit über⸗ ſät war!“ „Die vergehen mit den Jahren, mein Herr... es iſt nicht wie mit den Blatternarben.“ „Hm! ſie vergehen nicht immer! Ich kenne Da⸗ men, welche wer weiß wie viel Waſchwaſſer ange⸗ — wendet haben, um dieſe Flecken aus ihrem Geſichte wegzubringen und denen es doch nicht gelungen iſt. Uebrigens freut es mich, wenn meine Baſe ſo hübſch iſt als Ihr ſagt...“ „Ach, der Herr iſt ein Vetter?“ „Ja, ich bin der Vetter Brouillard, ein Schweſter⸗ ſohn deßhalb heiße ich nicht Gogo. Es gibt Leute genug, welche ſich über den Namen Gogo ärgern!... Ha, hal. o, ich kenne mehr als Einen, der. doch davon iſt jetzt nicht die Rede... Wo iſt mein Bäschen?“ „Oben in ihrem Zimmer. Will der Herr ein⸗ treten, dann hole ich die Mamſell.“ „Ja, verſteht ſich, zeigt mir nur den Weg.. Ihr ſeid die Magd?“ „Ja, mein Herr,“ 98 „Ihr ſeid aber noch nicht lange in Herrn Gogo's„ Dienſten.“ „Doch, mein Herr, es ſind jetzt vierthalb Jahre.“ „Ich meine bei meinem letzten Beſuche vor fünf Jahren.. ſei eine junge nette Magd da ge⸗ weſen.. iſt dieſe nicht mehr im Hauſe?“ „Da ich jetzt da bin, wüßte ich nicht wozu man die andere brauchte?“ „Ach, das beweist Nichts! Warum hat Hiero⸗ nymus ſeine junge Magd fortgeſchickt?.. Wißt Ihr's?. Sind vielleicht Schwätzereien vorgekom⸗ men.. hat man ſich da und dort über ſie geäu⸗ ßert. hm?“ „Was für Schwätzereien, mein Herr? Weßhalb denn?“ „O, Ihr wißt es ja.. wenn ein Wittwer noch rüſtig iſt und eine hübſche Magd hat, ſo.. die Welt iſt gar bösartig.“ „Ich verſtehe Euch nicht, mein Herr. Alles, was ich weiß, iſt, daß die Magd, welche vor mir da war, aus dem Hauſe kam, weil ſie ſich verheirathet hat; das iſt ſehr natürlich.“ Ach, ſie iſt verheirathet?... O, das Dienen hindert Einen nie am Heirathen!.. Die alte Manon hat den Vetter Brouillard in das Speiſezimmer geführt, welches bei Hieronymus zugleich das Wohnzimmer iſt. Der Herr mit der Fuchsſchnauze, ſchaut oder ſchnüffelt vielmehr um ſich her und murmelt:„Ei, aber hier iſt es ſauber.. veinahe ſo reinlich wie bei mir in Paris. Ich — — 99 meine vor ſünf Jahren ſei keine ſo hübſche Tapete in dieſer Stube geweſen.. auch der Fußboden war nicht ſo hübſch gewichst und gebohnt.“ „Ach, die Mamſell hat Alles ſo herrichten laſſen. Sie hat zu ihrem Vater geſagt, man könne es auf dem Lande ebenſo ſchön machen wie in der Stadt. Anfangs haben wir uns freilich dawider aufgehalten, als ſie ſagte, man müſſe den Boden alle Tage friſch reiben aber ich habe mich daran gewöhnt... und jetzt finde ich, daß die Mamſelle recht hat, denn es iſt ſchöner bei uns als bei all' unſern Nachbarn.“ „Eitelkeit!... und nichts als Eitelkeit! So viel mir ſcheint hält mein Bäschen viel auf Prunk und Glanz und iſt die Herrſchaft hier im Hauſe... Führt ſie ihren Vater an der Naſe herum? „Wie meinet Ihr das, Herr?“ „Hat das junge Mädchen einen guten Charakter? Aergert ſie Euch alle Tage?... Es muß Euch in Eurem Alter widerwärtig ſein, den Befehlen eines ſiebenzehnjährigen Kindes gehorchen zu müſſen.“ „Und warum ſollte mir es widerwärtig ſein, mein Herr? Müſſen die Dienſtleute nicht überall der Herrſchaft gehorchen? ſind wir auf der verkehrten Welt? Ich will die Mamſell holen.“ „Geht, ſagt ihr: Veiter Brouillard, vormaliger Beamter beim Finanzminiſterium, der frühern Schatz⸗ kammer, jetzt zur Ruhe geſetzt und Rentier in Paris, ſei da und wolle ihr einen Beſuch machen.“ „Ah gut, mein Herr, ich will es ausrichten.“ Und während Herr Brouillard ſich mit der In⸗ 100 & ſpektion des Zimmers beſchäftigt, in dem er ſich be⸗ findet, jedes Möbel betrachtet, jeden Gegenſtand be⸗ rührt, ſogar die Schränke und Schubladen aufmacht, um zu ſehen was darin iſt, geht die alte Manon zu ihrer jungen Gebieterin hinauf und meldet dieſer den Beſuch ihres Vetters Brouillard mit den Worten; „Dieſer Herr ſcheint mir ein komiſcher Heiliger!... der iſt verdammt neugierig und geſchwätzig. er erkundigt ſich nach Allem und findet an Allem Et⸗ was auszuſetzen... und zwar mit einer Miene, als ob er eine Höflichkeit ſagte! Ich wette aber, er iſt nicht gutmüthig!“ Roſa⸗Maria erinnert ſich dieſes Herrn, welchen ſie in ihrer Kindheit nur ſelten geſehen, und der ſie nie geliebkost hat— was ſich ſelbſt in unſerer zarte⸗ ſten Jugend unſerem Gedächtniſſe eingräbt— bloß undeutlich. Die alte Manon hatte mit ihrem ſchlich⸗ ten Verſtande den Neuangekommenen richtig beur⸗ theilt. Herr Brouillard hatte etwas Beißendes, Bös⸗ artiges, welches er ſich bemühte unter einem Anſchein von Verbindlichkeit und Freimüthigkeit zu verbergen; gleich der Katze krätzte er Einen, während er that, als wie wenn er Einem ſchmeicheln wollte. Sein Glück beſtand darin, Einem unangenehme Dinge zu ſagen und ſchlechte Neuigkeiten mitzutheilen. Es gibt Leute, die eine Stunde weit liefen und ihre eigene Angelegenheiten vernachläßigten, um einem Freunde eine gute Nachricht zu verkünden; der Vetter Brouil⸗ lard gab ſich aber eben ſo viel Mühe Euch von einem mißlichen Ereigniß in Kenntniß zu ſetzen, und dieß 101 zwar mit einem Anſtrich von Gutmüthigkeit, und wie wenn es nur geſchähe, um Euch einen Gefallen zu erweiſen. Es gibt viele ſolche Menſchen wie Herr Brouil⸗ lard: ſie kommen, Euch auf tauſenderlei Weiſe mit tauſenderlei Freundſchaftsdienſten entgegen, ſuchen Euer Vertrauen zu erlangen, Euere innerſten Geheim⸗ niſſe zu erſchleichen, bloß um alle Gelegenheiten in Händen zu haben, Euch in Euern theuerſten Neigun⸗ gen zu verw unden; während ſie ſich für Eure Freunde ausgeben, haben ſie nie Anderes als Uebles von Euch gehört, und beeilen ſich, dieſes Euch zuzutragen; was hingegen das Gute, das Lob anbetrifft, welches man Eurem Talent, Eurer Perſon oder Eurem Charakter angedeihen ließ, ſo hören ſie nie etwas Solches; ihre Ohren ſind für angenehme Dinge taub, während ihnen nicht das mindeſte Bösartige entgeht. Und dieſelben Leute nehmen eine Miene an, wie wenn ſie das lebhafteſte Intereſſe für Alles hegten, was in Beziehung zu Euch ſteht, aus Freundſchaft kommen ſie, um Euch zu ſagen, daß Eure Frau ſchon ſehr lange in einer Ecke des Saales mit einem jungen Manne ſpreche, welcher ſie drei Mal hinter⸗ einander zum Tanze aufgefordert habe, während Ihr an einem Spieltiſche ſaßet; aus Freundſchaft theilen ſie Euch mit, daß irgend eine Zeitung, welche Ihr nie leſet, entſetzlich über Euer Talent, wenn Ihr Künſtler, über Eure Werke, wenn Ihr Schriftſteller, über Eure Gemälde, wenn Ihr Maler ſeid— ge⸗ ſchimpft habe; aus Freundſchaft rufen ſie, wenn ſie 02 Euch in eine Geſellſchaft treten ſehen, aus:„Sind Sie krank?.. ich finde Sie verändert!.. nehmen Sie ſich in Acht, mein Lieber, Sie haben kein gutes Ausſehen, ich bin ganz erſchrocken bei Ihrem Eintritt.“ Aus Freundſchaft ſagen ſie:„Ihr Rock geht Ihnen ſchlecht, Ihr Schneider hat ihn ſchändlich verhunzt.“ Aus Freundſchaft reden ſie nachtheilig von dem Quartier wo Ihr wohnt, und der Gegend wo Ihr ein Land⸗ haus habt; aus Freundſchaft rennen ſie herbei und ſagen Euch, daß man an einem Tage, wo Ihr nicht im Theater geweſen ſeid, Euer Stück oder einen Schauſpieler, der in demſelben geſpielt, ausgepfiffen habe; aus Freundſchaft finden ſie Alles was Ihr ge⸗ kauft habt zu theuer; aus Freundſchaft erzählen ſie Euch, man habe ſich über Euern Ball, Euer Concert oder Eure Abendgeſellſchaft luſtig gemacht; aus Freund⸗ ſchaft bekritiſiren ſie endlich alle Eure Leiſtungen, ſu⸗ chen ſie Eure geringſten Handlungen in's Lächerliche zu ziehen und verkleinern Euch, ſobald Ihr abweſend ſeid. Der Himmel behüte Euch vor ſolchen Freunden⸗ und wenn Ihr je ſolche habt, ſo folget mir und ſcho⸗ net ſie nicht; erwidert die geringſte Unverſchämtheit, die ſie Euch ausrichten, mit etwas Kräftigem, wo⸗ durch ſie niedergeſchmettert und gedemüthigt werden und einſehen lernen, daß ſie an Euch ihren Mei⸗ ſter gefunden habenz dann werdet Ihr ſie bald in Lämmer und Tauben verwandelt und ebenſo ge⸗ ſchmeidig, als ſie vorher beißend. geweſen ſind, ſehen. Aber es iſt nicht Jedem gegeben, raſch in ſeinen Antworten, treffend in ſeinen Erwiderungen zu ſein 103 um eine Unverſchämtheit oder einen Spott auf der Stelle heimzugeben. Die Leute, welche das meiſte Verdienſt, Genie und Talent beſitzen, ſind im All⸗ gemeinen die wenigſt kauſtiſchen; es wird ihnen im Geſpräche weit leichter ſein, etwas Liebenswürdiges zu ſagen, als mit einer Unverſchämtheit zu antworten, weil das wirkliche Talent, da es auf Niemand eifer⸗ ſüchtig iſt, für Jedermann viel Nachſicht zeigt; wäh⸗ rend dagegen dieſe Klüglinge, welche es nicht dahin bringen, ſich einen Namen zu machen, ſich bemühen durch ihr Geſchrei wenigſtens die Blicke auf ſich zu ziehen, und ſich unaufhörlich in Erfindung von Un⸗ verſchämtheiten und pikanten Einfällen erſchöpfen, die ſie gegen Solche ſchleudern, welche ſie nicht erreichen können, wodurch ſie ſich in jenem Genre von Geiſt, den man mit dem Namen Aufſchneiderei beehrt hat, eine Art von Veberlegenheit erwerben. Zu dem Bilde, welches wir von Herrn Brouil⸗ lard geliefert haben, bleibt uns noch beizufügen übrig, daß er bis zur Schäberei geizig war, während er doch reich und freigebig ſcheinen wollte. Seine Ei⸗ telkeit trieb ihn fortwährend an, Einladungen und Anerbieten zu machen, welche zu halten ihn ſein Geiz verhinderte, wodurch er oft in große Verlegen⸗ heit kam. Roſa⸗Maria iſt ſchnell hinuntergeeilt, um den Vetter zu empfangen, welchen ſie ſchon ſo lange nicht mehr geſehen hat. Herr Brouillard bleibt beim Anblick der Jung⸗ frau, welche mit Beſcheidenheit und Anmuth eintritt, 104 von Staunen ergriffen ſtehen. Ihre Schönheit war zu augenſcheinlich, als daß er ſie hätte beſtreiten können, und es gibt Menſchen, vor denen ſich ſelbſt der Neid in den Staub werfen muß. „Wie, Fräulein, Sie ſind Hieronymus' Tochter... die ich ſo klein geſehen habe.. ſo kindiſch... ſo Herr Brouillard ſtockt, er wagt nicht zu ſagen ſo häßlich. „Ja, mein Herr, erwiedert Roſa lächelnd.„Sie ſind auch ſchon ſo lange nicht mehr bei uns geweſen und „Es iſt wahr; Sie waren damals noch ein Kind! jetzt ſind Sie eine Jungfrau.. ein recht hübſches Fräulein.. Doch trotzdem erinnere ich mich jetzt Ihrer Züge... Sie haben noch Sommerſproſſen, aber weit weniger. Und wie geht es Ihrem Vater, dem guten Hieronymus?“ „Mein Vater iſt recht wohl, mein Herr.“ „Um ſo beſſer! Ah, er war ein kräftiger Burſche... allein bisweilen rafft das geringſte Unwohlſein dieſe ſtarken Leute weg... Krach! ehe man nur Zeit hat, ſich zu beſinnen, ob ſie krank ſind. ſind ſie nicht mehr. Trinkt er Sonntags immer noch ſein Zöpf⸗ chen? „Wie? mein Herr, ich verſtehe Sie nicht.. „Ich will ſagen, ſpricht er immer noch dem Gläs⸗ chen zu. das war ſonſt ſeine Leidenſchaft, wenn ich mich nicht irre. Uebrigens muß man ſich ein bisch en zerſtreuen, und in dieſem Dorfe, wo ihr lebet wie das liebe Vieh, das heißt, wo ihr nicht 4 105⁵ wiſſet wie ihr euch Unterhaltung verſchaffen ſollet, iſt die Flaſche eine Zerſtreuung.“ Das junge Mädchen läßt ihre Blicke auf dem Vetter Brouillard haften und ſein Fuchsgeſicht wird durch den ſanften Ausdruck derſelben in Verlegenheit gebracht. Dann antwortet ſie ihm mit einer Sicherheit, die er nicht bei der Tochter eines Landmannes ge⸗ ſucht hätte:„Wir leben durchaus nicht ſo roh in die⸗ ſein Dorfe, als Sie zu glauben ſcheinen, Vetter. Was meinen Vater anbetrifft, ſo find Sie vollſtän⸗ dig im Irrthum, wenn Sie meinen, er habe früher gerne getrunken; ich kenne nur gute Eigenſchaften, Tugenden von ihm, und würde Niemand glauben, der mir etwas Anderes ſagte.“ „Es iſt hübſch bei Ihnen, ſchöner als früher!“ ſagt Herr Brouillard, der Luſt zu haben ſcheint, alle Zimmer des Hauſes zu beſichtigen;„Sie haben Man⸗ ches verbeſſern laſſen.. und Ihren Garten muß ich auch ſehen... Haben Sie Obſt?“ „Viel, mein Vetter.“ „Kommen Sie, führen Sie mich ein wenig im Garten herum. A propos! ich eſſe mit euch zu Mittag, falls ihr noch nicht gegeſſen habt, denn ihr Landleute habt andere Gebräuche als wir in der Stadt.“ „Wir haben noch nicht gegeſſen, und mein Vater wird durch die Ehre, die Sie ihm anthun, indem Sie an unſerer beſcheidenen Mahlzeit Theil nehmen, ſehr geſchmeichelt ſein.“ „O, ich bin ganz einfach, ganz anſpruchslos, ma⸗ chen Sie deßhalb auch keine Umſtände wegen meiner 106 Wenigkeit. ich bitte Sie 1... Was haben ſie zum Mittageſſen?“ „Rindfleiſch und grüne Erbſen,“ verſetzt Manon; „der Herr haben es eben gut getroffen; das Rind⸗ fleiſch iſt ganz friſch! und Ihr ſollt Euch wundern, was Ihr für eine gute Suppe bekommt!“ „Nun das iſt genug!... dreht dazu zwei Hüh⸗ nern den Hals um, holt einige friſch gelegte Eier zum Sieden⸗ macht ein wenig Salat dazu, dann bin ich zufrieden.. Ich verlange nichts Süßes zum Nachtiſch von Euch, weil Ihr es doch wayrſcheinlich nicht machen könnet.“ „Entſchuldigen Sie, Vetter, ich habe bei einer Frau in Fontainebleau Crèmes, Torten und Kuchen machen lernen... und habe es Manon gezeigt, die es jetzt auch recht gut kann.“ „Ah, Sie haben in Fontainebleau das Kochen gelernt? Wollte Sie Ihr Herr Vater zur Köchin er⸗ ziehen?“ Roſa⸗Maria erröthet, aber ſie erwiedert mit der⸗ ſelben Sanftmuth:„Nein, Vetter, aber mein Vater hat mich Etwas lernen laſſen, damit ich Etwas tauge; und wir Bäuerinnen ſind der Anſicht, die Beſorgung der Haushaltung dürfe einem jungen Mädchen nicht fremd ſein, ſondern einen Theil ihrer Erziehung ausmachen, damit ſie, wenn ſie ſich verheirathet, ihrer Wirthſchaft vorſtehen kann.“ „Wir wollen den Garten betrachten,“ rufi Herr Brouillard aus, indem er eine Glasthüre aufmacht, die hinten hinaus führt. . — 107 „Mamſell, ich habe keine Luſt, dieſem Mann ei⸗ nen Kuchen zu backen!“ ſagt die alte Manon leiſe, „denn der iſt ſo knitz wie ein rother Eſel!...“ „Das iſt gleichgültig, Manon, es iſt ein Ver⸗ wandter, welcher uns beſucht, und wir müſſen ihn im Gegentheil gut aufnehmen... mache einen Ku⸗ chen und gib Dir ſogar recht Mühe, daß er gut wird, um ihm zu beweiſen, daß Du einer Pariſer Köchin Nichts nachgibſt.“ „Ach was, und wenn ich ihn vortrefflich mache, ſo wette ich, hat er doch Etwas daran auszuſetzen!“ Der Garten hinter Hieronymus' Haus mag etwa einen halben Morgen groß ſein. Er iſt voll Bäu⸗ men, Blumen und Gemüſen; nicht ein Zoll breit Landes iſt unbenützt gelaſſen, Alles eingetheilt, und da er ſehr ſorgfältig angepflanzt wird, ſind die Blumen ſchön, das Obſt groß und die Gemüſe gut. Hinter einer Haſelnüß- oder Gaisblatt⸗Laube ſeht ihr ein Bohnen⸗ oder Erbſenländchen, und in der Mitte deſſelben einen ſchönen Kirſchbaum oder einen mit Früchten überladenen alten Zwetſchgenbaum. An den Mauern ziehen ſich ſchöne Pfirſich⸗Spaliere hin, und um dieſe herum und an großen Pfählen hinauf ſchlingen ſich köſtliche Rebſtöcke. Ueberall weidet ſich das Auge an einer kräftigen, üppigen Vegetation und all' den Gaben womit die Erde Biejenigen be⸗ lohnt, welche ſie zu bebauen wiſſen.* Roſa⸗Maria findet ihren Garten wunderhübſch, denn ſie ſieht Schatten, Blumen und Früchte darin; aber der Vetter Brouillard geht darin auf und ab 108 und ſagt:„Das iſt ein Weinberg, ein Gemüſe⸗ Acker.. ihr heißet das einen Garten er iſt ſchlecht angelegt... Ach, wenn Sie den Garten bei meinem Landhauſe in Auteuil ſehen würden... der iſt ſchön, der iſt mit Geſchmack angeordnet!“ „Aber, Vetter, betrachten Sie doch jene Syringen⸗ und Gaisblattlaube, wie vuſchig ſie iſt und wie es ſo herrlich darin duftet.“ „Ich habe eine Laube von wilden Roſen, das iſt etwas Anderes... Ah ſchon Birnen?... die laſſen ſich lange aufheben... ſie müſſen reif ſein.“ Herr Brouillard nimmt eine Birne und ißt ſie, um ſich zu überzeugen, ob ſie reif iſt. „Wie finden Sie die Frucht?“ fragt Roſa. „Hm! das iſt eine traurige Birne, ich muß ein⸗ mal nach den Pflaumen ſehen. Und Herr Brouillard langt eine Pflaume herunter, dann eine zweite und ißt auf dieſe Weiſe ein halbes Dutzend, endlich ſagt er:„Sie ſollten meine Monſieur⸗Pflaumen ſehen... die ſind zwei Mal ſo groß wie dieſe.. und meine Birnen. ich habe von dem allerſchönſten Obſte.. O, wenn Sie je nach Auteuil kommen, ſo müſſen Sie dieſelben verſuchen und dann können Sie erſt. ſagen: ich habe Birnen gegeſſen. Ihre Aprikoſen ſind noch nicht reifz das iſt ägerlich!“ Und um ſich zu entſchädigen⸗ pflückt Herr Brouillard die ſchönſten Herzkirſchen, die er verzehrt, während er unaufhör⸗ lich eine andere Art rühmt, welche er in ſeinem Garten hat. Das junge Mädchen wagt es nicht mehr, ihre ⸗ 109 ſchönen Blumen und ihre ſchönen Rebgelände zu zeigen, weil ſie befürchtet, der Herr möchte auch Etwas daran tädeln, und ſie denkt bei ſich:„Ich glaube, Manon hatte Recht!. und wenn der Ku⸗ chen vortrefflich iſt, wird unſer Vetter 5 Etwas daran auszuſetzen wiſſen.“ Hieronymus' Ankunft befreit Roſa⸗Maria von der Langweile, die man immer in der Nähe von Leuten empfindet, welche Alles, was uns lieb iſt, be⸗ kritteln und, während ſie uns beizubringen ſuchen, daß wir einen ſchlechten Geſchmack haben und Nichts verſtehen, nicht bemerken, daß ſie ſelbſt ſich gegen die erſten Regeln der Höflichkeit und der Lebensart verfehlen, ſich wie Dummköpfe betragen, und ihren Neid und ihre Eitelkeit auf den erſten Blick zur Schau bieten. „Was habe ich vernommen,“ ruft der Landmann mit freudiger Miene herbeieilend aus:„Wie, mein Vetter Brouillard iſt da?... Ah, Sapperment! das iſt eine angenehme Ueberraſchung. Guten Tag, Vet⸗ ter, wie geht es?. Sie haben ſich alſo meiner erinnert?... Das iſt ſchön, nur denken Sie nicht oft an uns!... Doch einerlei... geben Sie mir die Hand Sie ſind ſtets willkommen.“ Mit dieſen Worten hat Hieronymus Herrn Brouil⸗ lards Hand genommen und drückt ſie ſo heftig, daß Dieſer ſie lebhaft zurückzieht und erwiedert:„Hel mein lieber Gogo, nehmen Sie ſich in Acht, ich bin kein Ochſe, drücken Sie mich nicht ſo feſt, wenn's ge⸗ fälig iſt. Ei, ei, mein Lieber, Sie haben ein Paul de Kock. IRRIV⸗ 8 1¹⁰ wenig gealtert, ſeit ich Sie nicht mehr geſehen habe!“ „Potz Kuckuk! ich will es glauben, wir haben auch Beide etwa fünf Jahre mehr auf dem Rücken.“ „Ja, aber es gibt Leute, bei welchen die Zeit nicht ſo ſichtlich einwirkt.. „Sie haben meine Tochter Roſa geſehen?... Ah! das iſt eine... dieſe werden Sie verändert gefunden haben?“ „Das iſt richtig, denn ſie war als Kind nicht hübſch. „Nicht hübſch?. Meiner Treu', mir hat ſie im⸗ mer gefallen.“ „Die Augen eines Vaters ſind die blindeſten, mein armer Hieronymus!“ „Sie glauben?... Ich bin übrigens feſt über⸗ zeugt, daß ich mich nicht täuſche, wenn ich ſie jetzt für eine der Schönſten in der Umgegend halte.“ „Jetzt iſt ſie recht hübſch.. Sie ſieht Ihnen übri⸗ gens nicht ähnlich!“ „Sonderbar! es haben mir ſchon viele Lente das Gegentheil geſagt.“ „Aus Artigkeit, um Ihnen ein Vergnügen zu machen; ich bin aber immer aufrichtig. Ich bin der Anſicht, daß man es gegenüber von ſeinen Freunden ſtets ſein muß.“ „Der liebe Vetter Brouillard!.. ich dachte wahr⸗ haftig nach ſo langer Zeit nicht an Ihren Beſuch! A propos! Sie werden mir Nachricht über meine Brüder geben können, denn Sie kommen hoffentlich . 11¹ mit denſelben zuſammen, da Sie in Paris woh⸗ nen?“ „Ja allerdings, ich ſehe ſie zwar nicht oft, aber bisweilen doch. Verkehren Sie denn nicht mit ihnen?.. Machen ſie nicht manchmal einen Beſuch bei Ihnen?“ Hieronymus ſeufzt ein wenig und ſeine Züge werden ernſter, während er erwiedert:„Nein, meine Brüder haben mich ganz und gar vergeſſen, denn ſie laſſen nie Etwas von ſich hören... und doch habe ich ihnen mehrmals geſchrieben oder vielmehr durch meine Tochter ſchreiben laſſen.. meine Roſa ſchreibt nämlich prächtig... allein ich habe weder von Ni⸗ kolaus noch von Euſtachius Antwort erhalten!“ Der Vetter Brouillard macht ein langes Geſicht und ſagt:„Ah! das kommt daher, weil Ihre Brü⸗ der nun große Herren ſind der Eine iſt reich, der Andere iſt ein Schriftſteller... und Sie ſind Bauer geblieben... Die Herren meinen, es trenne ſie jetzt ein ungeheurer Zwiſchenraum von Ihnen!... „Glauben Sie?“ fragt Hieronymus naivz„ſind wir deßhalb weniger Brüder?... Was liegt mir daran, ov ſie reich oder hochgeſtellt ſind? Ich verlange nichts als ihre Freundſchaft.. und ein freundliches An⸗ denken... Iſt, daß ich im Dorfe geblieben bin, weil ich mich nur zum Bäumepflanzen und Gemüſe⸗ bauen fähig fühlte, während ſie Kenntniſſe ſammel⸗ ten und ſich in der Stadt niederließen, ein Grund fir ſie, mich nicht mehr zu lieben?“ Roſa⸗Maria, die einige Schritte davon entfer n * 11¹2 iſt und den Schluß des Geſpräches mit angehört hat, eilt auf ihren Vater zu und ſagt:„Aber, gutes Väterchen, warum wollt Ihr Euch einbilden, Eure Brüder lieben Euch nicht mehr? Warum Euch mit einem Gedanken quälen, der Euch Kummer macht? Meine Onkel werden nicht kommen, weil ſie wahr⸗„ ſcheinlich keine Zeit haben... Man ſagt, daß man in Paris nie Zeit habe, ſich um ſeine Verwandten zu kümmern... Sie werden unſere Briefe nicht be⸗ antwortet haben, weil ſie durch ihre Geſchäfte abge⸗ halten worden ſind; und wer weiß, ob ihnen über⸗ haupt unſere Briefe zugekommen ſind. ob die Adreſſen richtig geſchrieben waren?... es geht in einer ſo großen Stadt ſo viel verloren. O, ich bin ſicher, daß Euch Eure Brüder immer noch lieben, an Euch denken, ſich ſogar, wenn ſie Perſonen aus dieſer Gegend treffen, nach Euch erkundigen und eines Tages, wenn Ihr am wenigſten daran denket, wie unſer Herr Vetter heute hierherkommen.“ Hieronymus küßt ſeine Tochter, Heiterkeit ſtrahlt wieder auf ſeinem Geſichte und er ruft aus:„Du haſt Recht, Kleine; ja, es iſt beſſer, wenn man das Gute glaubt, als das Schlimme, wenigſtens macht 1 es Einen glücklicher, und ich will lieber annehme meine Brüder haben mich noch gerne, als ſie gleichgültig und hätten mich vergeſſen.“ Herr Brouillard, der ſeinen Mund, waͤhrenß Roſa ſprach, ſpöttiſch verzog, ſchien eben im Begriff irgend etwas Unangenehmes zu antworten, als ſich die alte Manon unter der Thür des Speiſezimmers „ — 1¹³ zeigte und herausrief:„He! die Suppe ſteht auf dem Tiſche!“ „Kommt zum Eſſen,“ ſagt Hieronymus.„Hören Sie, Vetter, gehen Sie mit meiner Tochter voran zu Tiſche; ich komme gleich nach; ich will nur zu unſerem Nachtiſche eine alte Flaſche holen, von de⸗ nen, wo der Staub darauf liegt, wie man ſagt!... Potz Kuckuk! ich erhalte nicht oft Beſuche von meinen Anverwandten, dann iſt es auch natürlich, daß ich ſie auf's Beſte bewirthen will.“ Herr Brouillard nimmt die Hand des jungen Mädchens, welche ihm dieſe anmuthig reicht, und begibt ſich mit ihr in das Speiſezimmer wo der Tiſch gedeckt iſt. Der Vetter betrachtet neugierig die Tel⸗ ler, das Tiſchzeug, die Meſſer und beſonders die Löffel und Gabeln(die er an einander ſchlägt, um ſich zu überzeugen, ob ſie Silber ſeien); dann ſetzt er ſich neben Roſa⸗Maria, welche ihm mit einem Anſtande ſervirt, den ein Anderer mit Wohlgefallen an einem Landmädchen wahrgenommen hätte; aber Herr Brouillard beſchäftigt ſich bloß mit dem Ge⸗ danken:„Wo Teufels hat dieſes Mädchen das ge⸗ ſellſchaftliche Betragen gelernt? ſie muß noch mit an⸗ dern Leuten als ihrem Vater umgehen!“ Hieronymus kommt mit einer dick beſtaubten Flaſche in der Hand zurück; er ſtellt ſie behutſam auf ein Möbel, während ihm Brouillard, liſtig lächend, mit den Blicken folgt. Der Landmann ſetzt ſich zu Liſche und beſchäftigt ſich hauptſächlich damit, ſeinem Gaſte aufzuwarten, welcher für vier ißt und trinkt, indeß 1¹4 doch ſagt:„Ihre Fleiſchbrühe iſt ſehr ſchwach!... Sie kaufen wahrſcheinlich geringes Fleiſch?“ „Nein, Veiter, das beſte, welches zu bekommen iſt.“ „Ach, ich dachte, das Maſtfleiſch ſei Ihnen zu theuer!“ „Trinken Sie doch, Vetter.“ „Iſt das ſelbſt gebauter Wein?“ „Nein, leichter Landwein aus der Umgegend.“ „Ach ja, neuer... der krätzt Einen ordenklich den Hals hinunter.“ „Ei was, ich bin nicht ſo lecker. er iſt gut, er erfriſcht!“ „Ja, ich fürchte, er möchte gar zu ſehr erfriſchen.“ „Bleiben Sie hier über Nacht, Vetter? Es ſteht Ihnen ein recht ordentliches Bett zu Dienſt!“ „Ich danke Ihnen, aber ich kann mich nicht auf⸗ halten; ich gehe nach dem Mittageſſen wieder nach Fontainebleau zurück. Dort logire ich bei einem Freunde, einem ſehr wohlhabenden Mannez er er⸗ wartet mich heute Abendz ich habe ihm verſprochen, wieder zurück zu kommen, und mworgen Frühe gehe ich heim nach Paris.“ Ein Ausdruck des Vergnügens malt ſich in den Zügen des jungen Mädchens, wie ſie Herrn Brouil⸗ lard ſagen hört, er bleibe nicht da, und die alte Magd murmelt vor ſich hin:„Ach, Gott ſei Dank! wir werden ſeiner bald wieder los! Wenn wir ihn hätten hier über Nacht behalten müſſen, hätte er ſich jedenfalls über das Bett beklagt!“ 3 „Eſſen Sie doch, Veiter,“ ſagt der Landmann, 1¹⁵ Brouillards Teller füllend, und Dieſer läßt ihn machen, während er ſich ſtellt, als ob er anderswo⸗ hin blicke;„das iſt ein Hahnen⸗Fricaſſee, welches Manon zubereitet hat... Ah⸗ ſie kann damit um⸗ gehen! Sehen Sie, dieſe Speiſe iſt ihr Meiſterſtück!“ * Herr Brouillard verſchlingt Alles, was man ihm herausgeſchöpft hat, ohne ein Wort zu ſprechen; erſt nachdem ſein Teller abgeleert iſt, entgegnet er:„Sie halten das für eine Hahnen⸗Fricaſſée?“ „Nun, der Tauſend, was ſoll es denn ſein?“ „Das iſt ſo wenig eine Hahnen⸗Fricaſſée, als ich ein Kalb bin. Ach, wenn Sie bei mir auf meinem Landgut in Auteuil ſpeiſen, will ich Ihnen eine wirk⸗ liche Hahnen⸗Fricaſſée vorſetzen... dann werden Sie den Unterſchied finden.“ „Glaubt der Herr vielleicht, ich habe eine Katze fricaſſirt,“ fragt Manon ärgerlich. „Nein! O, ich leugne nicht, daß ein Huhn in die⸗ ſer Sauce gekocht wurde.. freilich ein etwas mage⸗ res allein ich ſpreche von der Art wie es zube⸗ reitet iſt... Das iſt ein Ragout.. ein Wildpret... eher eine Matelote mit Hahnen als eine Fricaſſée.“ 3„Dieſer Menſch würde noch eine Eſelin aus mir machen,“ brummte die alte Magd. Roſa⸗Maria trägt ſchnell die Brockelerbſen auf, damit die Fricaſſée ver⸗ geſſen werden ſolle, die übrigens gut war, und Hie⸗ ronymus füllt Brouillards Glas mit den Worten: „Trinken Sie doch.. das heißt man nicht trinken.“ „Ach, ich fürchte Ihren Krätzer, er könnte mir Beſchwerden machen.“ 1¹6 „Das ſind Erbſen aus meinem Garten⸗ wie ſchme⸗ cken ſie Ihnen?“ Die Erbſen waren vortrefflich, aber Herr Brouil⸗ lard, der ſich nicht entſchließen konnte es zuzugeben, begnügt ſich mit der Antwort:„Ich eſſe lieber Boh⸗ nen.“ Deßhalb nimmt er aber doch zwei Mal Erb⸗ ſen heraus. „Ich glaube, es iſt Zeit ein Wörtchen mit der fei⸗ nen Flaſche zu ſprechen!“ ruft Hieronymus aus, in⸗ dem er den ſelbſt aus dem Keller herauf geholten Wein aufſtellt.„Ha, beim Kuckuk! das iſt ein köſt⸗ liches Getränke den muß ich mit Vorſicht auf⸗ machen. Ich muß Ihnen die Geſchichte dieſes Wei⸗ nes erzählen, Vetter, ein Freund hat eine Viertels⸗ Tonne Beaune vertheilt. dann.. „Es liegt mir Nichts an der Geſchichte, übrigens verſteht Niemand den Wein beſſer als ich; ich habe einen ausgeſuchten Keller. ich bin ein feiner Wein⸗ koſter.“ Während Hieronymus mit aller möglichen Vor⸗ ſicht die Flaſche aufpfropfte, ſtand Manon mit einem goldgelben prächtigen Kuchen, den ſie wohlgefällig betrachtete, auf der Schwelle ihrer Küchenthüre und murmelte:„Ich wette, der Kuchen wird auch geta⸗ delt... Hm, geſchähe es nicht aus Gehorſam gegen die Mamſell, ſo würde ich ihn jetzt nicht auftragen⸗ ſondern bis heute Abend zurückſtellen. Es lohnt ſich ſchon Leuten aufzuwarten, die Alles ſchlecht finden... ich wette, daheim ſtopft ſich der alte Lecker nicht ſo —— — 117 Endlich hat Hieronymus die Flaſche aufgemacht, er ſchenkt ſeinem Gaſte ein, dann ſich auch, trinkt und blickt Herrn Brouillard an, der, nachdem er ſein Glas geleert hat, daſſelbe ohne ein Wort zu ſagen, wieder auf den Tiſch ſtellt und aufmerkſam den Kuchen betrachtet, den Manon ſich doch bewogen gefunden hat, aufzutragen. Dieſe Gleichgültigkeit gegen einen Wein, über welchen er von ſeinem Gaſte Complimente erwartet hatte, ärgert den Landmann und er ruft aus:„Ei, aber.. Sie ſagen Nichts?..„Finden Sie ihn nicht gut?“ „Wen denn?“ fragte Herr Brouillard, den Kopf erhebend. „Wie, wen?.. den Wein, den Sie getrunken haben. meinen alten Beaune, der ſchon ſeit mehr als zwölf Jahren in Flaſchen gefüllt iſt „Ah, Ihren Wein.. den habe ich noch nicht recht verſucht.. ſchenken Sie noch ein Mal ein!“ Hieronymus füllt eiligſt das Glas ſeines Veiters wieder, Dieſer ſchnüffelt daran, trinkt, ſchüttelt ein wenig mit dem Kopfe und ſagt:„Das iſt kein Beaune...“ „Wie, was ſagen Sie?“ „Ich ſage, das ſei kein Beaune...“ „Sonderbar! Jedermann, der davon getrunken, hat mich verſichert, es ſei echter, ſogar unſer Maire, welcher ein vorzüglicher Weinkenner iſt.“ „Ihr Maire verſteht Nichts!“ „Was ſoll es denn ſein?“ 118 „Macon. es gibt ſehr viele Sorten Macon... was aber den Beaune anbetrifft, mein lieber Hierony⸗ mus, ſo müſſen Sie welchen bei mir trinken; ach, ich habe famoſen!“ „Bei Ihnen! bei Ihnen! ich war aber nie dort; Sie haben mich nie eingeladen.“ „Sie haben es wahrſcheinlich vergeſſen. Ach, ich ſage nicht, Sie ſollen zu mir nach Paris kommen, dort habe ich nur ein kleines Abſteigequartier; aber in meinem Landhauſe in Auteuil will ich Ihnen eine gute Koſt vorſetzen. Ich habe eine junge Köchin.. eine Heldin in ihrer Kunſt... Ei, was iſt das für ein Kuchen? Schneiden wir den nicht an?“ „Mein Gott, Vetter,“ entgegnet Roſa, mit einem ſpöttiſchen Lächeln,„ich fürchte, er möchte Ihnen nicht ſchmecken, wie das ganze bisherige Eſſen, und es thäte mir leid, wenn Sie wieder etwas Schlechtes bekämen.“ „Verſuchen wir ihn immerhin,“ verſetzt Herr Brouillard, ſeinen Teller hinbietend. Dann nimmt die Jungfrau ein außerordentlich kleines Stückchen Kuchen für ihren Vetter heraus, indeß Hieronymus über die ungünſtige Aufnahme, die ſein Wein gefun⸗ den, geärgert, ſich ſein Glas wieder füllt, ohne ſei⸗ nem Gaſte nochmals einzuſchenken, und die Flaſche dann neben ſich, von Brouillard entfernt, niederſtellt. Der Herr mit der Fuchsſchnauze bemerkt dieſes und entſchließt ſich, indem er ſeine Portion Kuchen ſchnell verzehrt hat, Hieronymus ſein Glas zu reichen. „Schenken Sie doch ein, Vetter Gogo,“ ſagt er, 1¹⁰ „obgleich es kein Beaune iſt, läßt ſich dieſer Wei doch trinken.“ „Ah, das iſt etwas Anderes, Vetter! Ich glaubte, Sie wollen keinen mehr davon.“ Zum Nachtiſche ſervirte Manon die ſchönſten Früchte des Gartens; hierauf füllt Hieronymus Herrn Brouillards Glas abermals und ruft aus:„Potz Sapperment! Laſſen Sie uns ein wenig von meinen Brüdern ſprechen. Wenn ich ſie auch nicht ſehe, freut es mich doch, zum Mindeſten etwas von ihnen zu hören und zu vernehmen, daß ſie glücklich ſind. Wir ſind ſchon ſo lange von einander entfernt... bald vier⸗ undzwanzig Jahre nun. Nach dem Tode meines Va⸗ ters wurde die Hinterlaſſenſchaft getheilt, das heißt Nicolaus beſorgte Alles.. er war der Aelteſte... das war in Ordnung. Er gab Jedem ſeinen Theil; ich verließ mich vollkommen auf ihn. Unſere Schweſter war ſchon verheirathet und wohnte in Paris. „Ach ja, die Schweſter Thereſe! Ihr Mann war nicht glücklich in ſeinen Geſchäften.“ „Er ſtarb und hinterließ meiner Schweſter einen Sohn; meine arme Thereſe ſtarb vor etwa zwölf Jahren auch; aber ich muß meinen Brüdern Gerech⸗ tigkeit widerfahren laſſen, ſie nahmen ſich ihres Neffen an.. und Friedrich Reyval muß jetzt ein hübſcher Junge ſein.“ „Er beſucht Euch alſo auch nicht?“ „Nein, aber ich entſchuldige ihn: der Junge kennt mich nicht, er hat mich nie geſehen; man wird auch nicht voft von ſeinem Oheim Hieronymus mit ihm 120 geſprochen haben! Als jedoch meine Schweſter ge⸗ ſtorben war, ohne ihrem Sohne Vermögen zu hinter⸗ laſſen, konnte man mir ſchreiben. Nicolaus ſchickte mir einen Mann mit einem Brief, worin er mir mittheilte, daß unſer Reffe ihnen anheimfalle, es ſei aber nicht in Ordnung, daß ſie Alles thäten und ich Nichts. kurz, er ſchloß mit den Worten, ich möchte dem Ueberbringer eine Summe von ſechs⸗ bis acht⸗ hundert Franken zuſtellen. Der Teufel, es genirte mich ein bischen; aber einerlei, ich übergab ihm ſiebenhundertundfünfzig Franken.“ „Ah, Sie haben zu der Erziehung Ihres Neffen Geld hergegeben? Schau', ſchau'! davon haben mir Ihre Brüder nie Etwas geſagt.“ „Sie werden gedacht haben, das verſtehe ſich von ſelbſt.“ „Ich glaube aber nicht, daß ſie dieſer junge Mann viel gekoſtet hat. Ihr Bruder Nicolaus, welcher da⸗ mals ſchon ein großes Geſchäft hatte, nahm ihn ganz jung in ſeine Bureaux, wo er ihn verwendete; erſt ſeit etwa zwei Jahren iſt der junge Mann aus dem Hauſe ſeines Onkels ausgetreten, um ein Wechſel⸗ und Mäckel⸗Geſchäft auf eigene Rechnung zu gründen. Ich weiß nicht, ob er viel Geld verdient, aber ich weiß, daß er ſeine Thaler leicht rollen läßt. O, er iſt ein Stutzer, ein Löwe, wie man ſie jetzt heißt⸗ und überdieß ein Lebemann, ein Schwelger! Er iſt unaufhörlich bei Luſtparthien, Spielparthien und Mahlzeiten!.. ich kann mir nicht denken, zu welcher Zeit er ſeine Geſchäfte beſorgt. 121¹ „Bah, wirklich? Wie, der junge Mann ruinirt ſich?“ „Ich ſage nicht, er ruinire ſich, ich ſage nur, er beluſtige ſich in Einem fort; er iſt auch ſehr beliebt in den Geſellſchaften, beſonders bei den Damen!.. Man findet ihn ſehr liebenswürdig, weil er ein Prahl⸗ hans, das heißt ein ſpöttiſcher Menſch iſt... ich bin nicht der Anſicht, daß man dadurch Geiſt beweist.“ Ei, aber ich habe noch einen Neffen. Nicolaus hat ſich in Paris verheirathet, ich habe ſeine Frau ein einziges Mal geſehen, als ich ihn ganz im An⸗ fang ſeines Eheſtandes beſuchte; es ſind jetzt mehr als zwanzig Jahre her; ich habe ſie zwar nicht ſehr liebenswürdig gefunden.. wie ganz anders war meine gute Suzette, die ich ſo früh verloren habe! Ich habe Bruder und Schwägerin eingeladen, uns zu beſuchen, ſie ſind aber nicht gekommen. „Ach ja, und ich meine, ſie haben Euch ſogar nicht zu ihrer Hochzeit geladen.“ „Nein, Euſtachius auch nicht!“ „Ach, Euſtachius! der iſt erſt ſeit ungefähr ſieben Jahren verheirathet. Er hat eine hübſche Frau.. das heißt es gibt ſchönere!.. aber eine ſehr eitle Frau, eine Blondine, die etwas fade und viel jünger iſt als er, ſie muß verteufelt viel Geld zu ihrer Toilette verſchwenden!“ „Und Nikolaus Sohn. iſt das ein braver Junge?“ „Der Sohn des ältern Gogo? Ach.. Julian heißt er. der iſt ſehr von Friedrich verſchieden, er rennt dem Vergnügen nicht nach, ſondern iſt geſittet und 1 122 geordnet, wenigſtens ſagt man ſo; man darf ſich übri⸗ gens nicht auf den Schein verlaſſen, denn Sie kennen das Sprüchwort: Stille Waſſer ſind tief! Julian iſt aber nicht ſchön, ſogar häßlich, er hat eine platte Raſe, einen eingekniffenen Mund, kurz, er iſt der ähnliche Rikolaus, und Dieſer iſt häßlich, ſein Reichthum hat ihn nicht verſchönert... Schenken Sie doch ein, Vetter Hieronymus.“ Der Landmann füllt Brouillards Glas; Dieſer trinkt ordentlich von dem Wein, den er ſeines Lobes nicht für würdig erachtet hat, und ißt die ſchönſten Früchte, die auf dem Tiſche ſtehen, ruft aber dabei immer aus:„Ich habe Pflaumen und Kirſchen!.. ach, das iſt etwas Anderes! Aber wie ſteht es mit den Feldern, mit dem Landbau, Hieronymus? Er⸗ werben Sie ſich Etwas?“ „O, ich habe nicht viele Abwechslung in meinen Geſchäften, Vetter, ich treibe keinen Handel; übrigens beklage ich mich nicht; durch tägliche fleißige Arbeit iſt es mir gelungen, ein kleines Vermögen zu erwer⸗ ven, welches das Heirathsgut meiner Roſa gibt.“ „Ah, Sie haben eine Summe erworben iſt ſie beträchtlich?. kann man ſie ſchon eine Mitgift nennen?“ „Nicht ſo groß, als ich gewünſcht hätte; doch kann man ſich damit einrichten.“ „Und Sie haben das Geld auf Intereſſen ge⸗ liehen.. zu zehn, zwölf, fünfzehn Procent?...“ Hieronymus lächelt und verſetzt:„Wenn ich nur zufrieden bin, Vetter, und das Geld in guten Hän⸗ 123 den ruht, um das Weitere braucht ſich, glaube ich, Niemand zu bekümmern.“ Herr Brouillard zieht die Lippen bis zur Raſen⸗ ſpitze hinauf, indem er murmelt:„Ganz gewiß, ich ſagte das nur in Ihrem Intereſſe, weil ich Leute kenne, welche Geld zu ſehr hohen Zinſen aufnehmen.“ „Meiner Treu'!“ ruft Hieronymus aus, nachdem er mit ſeinem Vetter angeſtoßen hat,„es freut mich recht, zu vernehmen, daß meine Brüder in Paris ihr Glück gemacht haben. Nicolaus iſt alſo ſehr reich?“ Herr Brouillard ſchneidet verſchiedene Grimaſſen und ſucht ſich ein gutmüthiges Ausſehen zu geben, während er entgegnet:„O, ich weiß es ſo genau nicht. denn ich gehöre nicht zu den Leuten, die ſich um die Angelegenheiten Anderer bekümmern.. ich bin durchaus nicht neugierig... Was liegt mir daran, ob die Einen viel haben, die Andern, um zu glänzen, Schulden machen, und die Dritten, wenn Alles verthan iſt, die Zunge herausſtrecken? Mir iſt es gleichgültig; ich verlange von Niemanden Etwas, ich habe was ich brauche, lebe ſorgenlos, kann einem Freunde, der mich beſucht, ein Mittageſſen und eine Flaſche echten Beaune aufwarten, und nun, was will man weiter?“ Es wäre Hieronymus lieb geweſen, wenn Herr Brouillard nicht immer auf ſich ſelbſt zu ſprechen ge⸗ kommen wäre, wenn man von Andern redete, und er rief aus:„Ei, mein Gott! ich bin auch nicht neu⸗ gierig, aber wenn es ſich um ſeine Familie, ſeine Brüder handelt, ſo ſcheint es mir ſehr natürlich, daß 124 man die Lage derſelben kennen zu lernen wünſcht; das heißt keine Neugierde.“ „Ich tadle Sie nicht, mein lieber Gogo; o, ich bin weit entfernt, Sic zu tadeln. Uebrigens kann ich Ihnen die Lage Ihres Bruders Nicolaus ungefähr, ſchildern: Er hat Börſeſpeculationen und Wechſel⸗ geſchäfte mit dem Gelde gemacht, das ihm ſeine Frau als Heirathsgut mitbrachte. O, es war eben kein Peru!.. bloß zwölftauſend Franken, wovon er jedoch nur achttauſend in baarem Gelde empfing, as Uebrige wurde ihm in wollenen Strümpfen, Flanelljacken, Tricotunterhoſen und andern Strumpf⸗ ſtrickerwaaren(ſeine Frau war die Tochter eines Strumpfſtrickers) übergeben, die er indeß ſehr gut anbrachte. Ich weiß ſogar Jemand, welches ihm ſechs⸗ zehn Franken für eine Flanelljacke gab, die keine zehn werth war.. Ricolaus ſchenkt Nichts her, er iſt im Gegentheil ſehr jüdiſch in ſeinen Geſchäften.. wenigſtens ſteht er in dieſem Rufe.“ „Schau'! Vetter, wie wiſſen Siedas, da Sie ſich doch Nichts um anderer Leute Angelegenheiten be⸗ kümmern?“ „Vom Hörenſagen; ich kann es nicht verhindern⸗ vaß man mir die Ohren voll ſchwatzt. Gogo sen⸗ war glücklich mit ſeinen Speculationen, nun fing er andere Geſchäfte an; er discontirte, lieh Geld zu ſehr hohen Procenten aus. Ich glaube ſelbſt, daß er ſich Verſätze geben ließ und auf Effekten, Juwe⸗ len, kurz, auf Pfänder lieh. ich kann es zwar nicht beſtätigen, aber man hat es geſagt. Die Welt iſt 12⁵ übrigens ſolſchlimm!.. kurz, er hat viel Geld ver⸗ dient und jetzt muß er ungefähr zwanzigtauſend Franken Renten haben, vielleicht hat er auch mehr, vielleicht weniger, ich weiß es nicht und brauche mich auch nicht darnach zu erkundigen! Was liegt mir daran? Ich will Nichts von ihm!“ „Zwanzigtauſend Franken Renten!“ ſchreit Hiero⸗ nymus;„das iſt ein großes Vermögen!“ „Ein Vermögen!.. das kommt darauf an.. je nachdem man Geld ausgibt. Aber Nicolaus bil⸗ det ſich wunder was ein; er geberdet ſich, daß es zum Todtlachen iſt. Ach, ſo ſind die Emporkömm⸗ linge immer; ſie glauben ihren Urſprung unter einem unverſchämten Weſen zu verbergen! Ha, ha! das iſt zu luſtig! Allein man muß den Leuten ihre ein fältigen Eigenſchaften laſſen; es hat Jedermann ſeine Eigenthümlichkeit.“ „Und Euſtachius iſt alſo auch reich geworden?“ „Ach, Euſtachius, das iſt etwas Anderes, der iſt ein genialer Mann geworden! Wer hätte das ver⸗ muthet, hm? und doch iſt es ſo, mein armer Hiero⸗ nymus, Sie wußten nicht, daß Sie einen Adler in Ihrer Familie hatten!“ „Einen Adler?“ wiederholt Hieronymus, große Augen machend.„Ah bah! wie, es iſt ein Vogel unter unſerer Familie?⸗ „Ich will ſagen, eine Perſon, welche nach der Unſterblichkeit trachtet; damit iſt jedoch noch nicht ge⸗ ſagt, daß ihr dieſe zu Theil werden wird. Kurz, Sir Paul de Kock. LXRIV. 9 126 Bruder Euſtachius iſt Dichter oder Schriftſteller ge⸗ worden, wenn es Ihnen lieber iſt.“ „Dichter. ach, ja.. Schriftſteller, das habe ich ſchon gehört.. Was iſt denn das für ein Gewerbe?“ „Das iſt kein Gewerbe, das iſt. ich weiß nicht, wie ich es Ihnen erklären ſoll...“ „Iſt das nicht ein Mann, welcher Theaterſtücke ſchreibt?“ fragte Roſa⸗Maria mit geſenkten Blicken. „Getroffen, Bäschen, das iſt es. Der Teufel! Ihnen iſt ja Nichts unbekannt, wie ich merke! Vetter Gogo, Sie haben Ihrer Tochter alſo eine ſorgfältige Erzie⸗ hung geben laſſen, da ſie weiß was Theaterſtücke ſind?“ „Potz Kuckuk! haben Sie noch nicht gemerkt, daß meine Roſa gut ſpricht, Manieren und Fagon, kurz, nicht das Weſen einer Bäuerin hat?“ „Ich hätte es nicht beachtet; Sie wollen alſo auch eine Dame aus Ihrer Tochter machen? Sie haben große Plane mit ihr vor? Ach, ach, Hieronymus, ich ſehe die Eitelkeit kitzelt Sie auch wie die Andern.“ „Eitelkeit? Ehrgeiz? O, meiner Treu', nein! aber ich habe gedacht, es könne meinem Kinde Nichts ſchaden, wenn es beſſer unterrichtet ſei als ſein Va⸗ ter, es könne vielleicht einmal dazu beitragen, daß das Mädchen eine vortheilhaftere Parthie mache.“ „Hm! mein lieber Freund, ſo bereitet man ſich Kummer und Demüthigungen! Wenn unſere Kinder mehr wiſſen als wir und in der Welt eine etwas angeſehenere Stellung einnehmen, ſo haben ſie uns bald vergeſſen, ärgern ſich, wenn ſie uns ſehen, und ſchämen ſich, wenn man von uns ſpricht.“ 127 Roſa⸗Maria ſteht lebhaft von ihrem Sitze auf, eilt auf ihren Vater zu, umſchlingt ihn mit ihren Armen und ruft mit einer von der ſie durchdringen⸗ den Empfindung ergriffenen Stimme aus:„Was ſagen Sie da, mein Herr? ich ſollte mich je meines Vaters ſchämen, ihn vergeſſen, aufhören ihn zu lieben, weil er ſo gütig war mir Unterricht geben zu laſſen? „DO, das iſt abſcheulich!. das wäre ſchändlich.. Kann es Kinder geben, welche aufhören ihren Vater zu lieben, zu ſchätzen, ſich ſeiner mit Freuden und Dankbarkeit zu erinnern?... O nein, das iſt nicht möglich; nicht wahr, guter Vater, Du glaubſt nicht, daß ich undankbar ſein. und, ſelbſt wenn mir der Himmel ein großes Vermögen ſchicken würde, auf⸗ hören werde Dich zu lieben?“ „Nein, nein, mein Kind!... O, ich bin feſt vom Gegentheil überzeugt!“ erwiedert der Landmann, den die Zärtlichkeit ſeiner Tochter ſo ſehr gerührt hat, daß ihm Thränen in den Augen ſtehen.„Ich kenne Dich, Roſa, ich kann mich auf Dein Herz verlaſſen 3 der Vetter hat das nicht in Beziehung auf Dic geſagt.“ 6. Herr Brouillard, welcher ein ſolches Benehmen des jungen Mädchens nicht erwartet hatte, ſtammelt, mit ſeinem Meſſer ſpielend:„Nein, gewiß nicht.. ich bemgrte dieſes ohne Beziehung. außerdem gibt es keine Regel ohne Ausnahme. Schenken Sie noch ein Mal von Ihrem Alten ein, Vetter; er iſt ziemlich trinkbar. es könnte am Ende doch Beaune dritter Qualität ſein.“ handel 128 Roſa⸗Maria ſetzt ſich, nachdem ſie ihren Vater noch ein Mal geküßt hat, zum Nähen an ein Fenſter, die beiden Männer bleiben bei Tiſche und Hierony⸗ mus bringt das Geſpräch wieder auf ſeinen Bruder Euſtachius. „Sie ſagen alſo, Vetter, daß mein jüngſter Bru⸗ der ein Mann iſt, der Bücher, Werke und Sachen ſchreibt, die gedruckt werden?“ „Ja, ſo iſt es; er hat einige Stücke geſchrieben, die Beifall fanden, was eben kein Beweis iſt, daß ſie gut waren; er hat auch einige geſchrieben, die durchgefallen ſind. Bisweilen liefert er Artikel in Journale, ſchreibt Novellen und kleine Romane für die Feuilletons.. das nenüt man heutzutage Litera⸗ tur; ehemals mußte ein Schriftſteller andere Pro⸗ ducte aufweiſen. Andere Zeiten, andere Sitten.“ „Und verdient man viel Geld mit dieſem Geiſtes⸗ 25. Wenn man wirklich Geiſt verkaufte, ſo würde man viel vepßienen, da es aber immer eine gemiſchte Waare iſt, muß ſie bisweilen billiger gelaſſen wer⸗ den. Uebrigens hält ſi ich Euſtachius für einen Vol⸗ taire, einen Moliere ha, ha! es iſt zum Todt⸗ lachen!. macht er Glück, ſo bläht er ſich auf, brüſtet ſich, daß er kaum über die Boulevards hingehen kann.. es iſt nicht Platz genug für ihn da!“ „Der arme Euſtachius iſt alſo ſo dick geworden?“ „Keineswegs, damit will ich nur ſagen, daß die Eitelkeit den Poeten aufbläht; wenn es ihm nur nicht geht, wie dem Froſch in der Fabel!“ 129 „Iſt mein Bruder, der Schriftſteller, glücklich in ſeinem Eheſtand?“ „Ja, hm! hm! Sie wiſſen, daß es am klüg⸗ ſten iſt, über ſolche Dinge nicht zu ſprechen dem äußern Anſchein nach iſt Alles in gehöriger Ordnung, aber das innere Hausweſen ſollte man ſehen.. Ihr Bruder Euſtachius iſt ſchon ein ſtarker Vierziger ſeine Frau iſt noch nicht dreißig Jahre alt. hm! das iſt gefährlich!. Man ſagt, ſie ſei gefallſüchtig... aber ich ſage Nichts, ich kann das Klaiſchen nicht leiden, ſelbſt wenn ich tadelnswürdige Sachen geſehen hätte, würde ich fchweigen und ſie für mich behalten. Aber, beim Tauſend, mein lieber Hieronymus, war⸗ um beſuchen Sie Ihre Brüder nicht in Paris und überraſchen Sie eines ſchönen Morgens, da Sie ſo viel Freundſchaft für dieſelben empfinden?“ „Ach, ich hatte mehr als ein Mal Luſt dazu,“ ent⸗ gegnet der Ackersmann kopfſchüttelnd;„aber ich habe es nicht gewagt, denn ich dachte: da mir meine Brü⸗ der nie Nachricht von ſich geben, mir nicht einmal meine Briefe beantwortet haben, wollen ſie mich wahrſcheinlich nicht mehr ſehen, Nichts mehr von mir wiſſen, und wenn ich ſie aufſuchte, würde ich ihnen vielleicht zuwider ſein, ſtatt ihnen Freude machen: deßhalb bin ich nicht zu ihnen nach Paris gegangen.“ Herr Brouillard leert ſein Glas, ſucht ſeinen Zü⸗ gen einen ganz milden Ausdruck zu geben und ſagt dann mit einem Flötenſtimmchen:„O, das müſſen Sie nicht vorausſetzen; ich bin jetzt auch der Anſicht Ihrer Tochter, ohne Zweifel hahen Geſchäfte Ihre 130 Brüder abgehalten, Ihnen zu antworten; in Paris hat man immer ſo viel zu thun... Sie müſſen es ihnen nicht übelnehmen.“ „Ich nehme es ihnen auch nicht übel; aber kaum vorhin haben Sie ſelbſt zu mir geſagt, das Glück habe ſie ſtolz gemacht.“ „Hm! ſtolz iſt nicht der rechte Ausdruck!. Im Grunde des Herzens ſind Ihre Brüder gut. ich bin überzeugt, daß Ihre Anweſenheit ſie entzücken und eine erſtaunliche Wirkung hervorbringen wird.“ „Wirklich? O, gut, meiner Treu' ich will ſie die⸗ ſer Tage beſuchen und überraſchen.“ „Soll ich Ihnen ſagen, wo ſie wohnen?“ „Ach ja, denn ich weiß nicht, wo ſie gegenwärtig ſind, und wenn man das in Paris nicht genau weiß, ſo findet man Niemand.“ „Ihr älterer Bruder Nicolaus logirt in der St. La⸗ zarusſtraße Nr. 62.“ „Schreibe es auf, Röschen, damit wir die Adreſſen Deiner Onkel genau wiſſen.“ Das junge Mädchen ſchreibt, was der Vetter ge⸗ ſagt hat, auf. Brouillard ſtreichelt ſich das Kinn und fährt fort:„Haben Sie es aufgeſchrieben: Ni⸗ colaus Gogo, St. Lazarusſtraße Nr. 622“ „Jä, Vetier.“ „Gut. Was Euſtachius betrifft, ſo wohnt dieſer in einem andern Quartiere, in der Vendémeſtraße Nr. 14. Haben Sie es?“ „Ja, mein Vetter.“ „Jetzt, glaubet mir, beſuchet ſie, ladet euch ohne 131 alle Umftände, wie ich heute, als ich hierher kam, bei ihnen zum Eſſen ein, und ich ſtehe euch dafür, ſie werden euch vorzüglich aufnehmen.“ „Das wollen wir thun, Vetter, und da wir ein⸗ mal unterwegs ſind, wollen wir unſern Ausflug ſo⸗ gar bis Auteuil ausdehnen und einen Tag bei Ihnen zubringen; nur müſſen Sie uns auch die Adreſſe an⸗ geben.“ Herr Brouillard macht ein ſonderbares Geſicht und antwortet, während er aufſteht, um Stock und Hut zu nehmen:„Ach ja, ach ja. gewiß, das wird mich. Ei, aber ich habe doch einen Stock gehabt.. „Sie haben ihn in der Hand, Vetter.“ „O, es iſt beim Kuckuk wahr!.. und ich ſuche immer. Ich bin zu gewiſſen Zeiten ſehr zerſtreut.“ „Und Ihre Adreſſe in Auteuil?“ 4 „Jedermann kann Ihnen ſagen, wo ich wohne, ich bin ſehr bekannt. Sie fragen in dem erſten be⸗ ſten Hauſe nach Herrn Brouillard, dann wird man Ihnen ſagen:„dort iſt ſein Haus. Aber entſchul⸗ digen Sie, ich muß mich verabſchieden, ich will noch vor Einbruch der Nacht noch Fontainebleau kommen.“ „Potz Kuckuk, Vetter, Sie haben Zeit genug: es iſt noch nicht einmal ſechs Uhr.“ „Einerlei, ich gehe ganz langſam, ich bleibe oſt ſtehen, um die ſchöne Ausſicht zu betrachten.“ „Falls Ihnen der Weg nicht gut bekannt iſt, will ich Sie in die Stadt begleiten.“ „Sie brauchen ſich nicht zu bemühen, mein guter Hieronymus, es iſt überflüſſig; ich kenne den Weg 132 ganz genau, er iſt überdieß ſehr leicht zu finden. Adieu denn, mein lieber Freund; ich bin entzückt, Sie bei ſo herrlicher Geſundheit und in ſo angeneh⸗ mer Lage gefunden zu haben! Leben Sie wohl, mein liebenswürdiges Bäschen.. erlauben Sie mir..4 Damit nähert ſich Herr Brouillard der ſchönen Jungfrau, um ſie zu küſſen. Dieſelbe fühlt ſich durch dieſe Artigkeit nicht geſchmeichelt, aber ſie wagt es nicht, ſich zu ſträuben, und des Vetters Schnautze be⸗ rührt den Sammet ihrer friſchen roſigen Wange. Der Fuchs— wahrſcheinlich durch das eben Genoſſene ge⸗ reizt— ſchickt ſich an, einen zweiten Kuß auf die an⸗ dere Wange zu drücken; allein das junge Mädchen dreht ſich mit einem Kreiſe nach der Thüre um und ruft aus:„Beeilen Sie ſich, Vetter, es ſieht aus, wie wenn ſich das Wetter ändern wollte und wir ein Gewitter bekämen!“ „Wirklich? Dann gehe ich ſchnell! „Adieu, Vetter, wir beſuchen Sie bald in Auteuil.“ „Ja, meine Freunde.. und ich habe keinen Regen⸗ ſchirm bei mir. lebt wohl, bleibt geſund; beſucht die Gogo in Paris, beſucht ſie, es wird ſie ſicher freuen.“ Herr Brouillard hat das Haus verlaſſen und iſt bald den Blicken entſchwunden; Hieronymus kehrt wieder mit Roſa in die Stube zurück und ſagt zu ihr: „Wo Teufels, mein Kind, haſt Du geſehen, daß ſich das Wetter ändern wird und uns ein Gewitter be⸗ vorſteht? es gab nie einen ſchöneren Abend!“ Das junge Mädchen kann ſich des Lachens nicht 133 enthalten, während ſie erwiedert:„Seht, Vater, ich fürchtete mich bloß, noch einen Kuß von unſerm Vetter Brouillard zu bekommen, und ich muß Euch geſtehen, das war mir zuwider, denn ich kann dieſen Mann gar nicht leiden.“ „O, mir geht es wie der Mamſell!“ ſchreit die alte Magd, welche, ſobald der Pariſer Herr fort iſt, wieder ihre gewöhnliche gute Laune hat.„Wiſſet auch, Herr, daß er bei Euch Nichts ſchön, Nichts gut und Nichts recht gefunden hat; Eure Früchte, Eure Blu⸗ men, Euern Garten, Euer Mittageſſen, ſogar Euern alten Wein.. Alles hat er getadelt.“ „Das iſt wahr,“ ſagt Hieronymus lächelnd;„aber ich habe mit Vergnügen geſehen, daß ihn dieſes weder am Eſſen noch am Trinken gehindert hat!“ „Potz Kuckuk! meint Ihr, ich glaube an ſeine Prahlereien? Er hat daheim Alles ſchöner und beſſer, wenn man ihn hört. Man weiß aber, was man da⸗ von zu halten hat. Die Leute, welche bei Andern ſo wunderlich und anſpruchsvoll ſind, begnügen ſich mit altgebackenem Brode und ungeſchmälzten Bohnen da⸗ heim; ſie ſagen immer:„Ach, wenn Sie zu mir kom⸗ men, werden Sie ſehen, wie ich Ihnen auftiſchen und was ich Ihnen für gute Sachen vorſetzen werde;“ aber entweder wiſſen ſie es ſo einzurichten, daß ſie nie zu Hauſe ſind, wenn man ſie beſucht, oder bewirthen ſie, wenn ſie je zufällig gezwungen ſind, Einen auf⸗ zunehmen, ihre Gäſte ſo ſchlecht, daß man ſich heilig vornimmt, nie wieder zu ihnen zu gehen. Ja, Herr, ich habe es hundert Mal ſagen hören:„Leute, die bei 7 134 Andern ſo anmaßend thun und denen Nichts gut ge⸗ nug iſt, ſind daheim Geizhälſe und Hungerleider.“ Hieronymus kann ſich bei Manons Zorn über die Aeußerungen ſeines Vetters des Lachens nicht erweh⸗ ren und Roſa⸗Maria verſetzt:„Ich wollte dem Herrn ſeine mißfälligen Aeußerungen über unſern Garten und unſer Mittageſſen noch gerne hingehen laſſen, aber ich grolle ihm über das, was er geſagt hat, wie er erfuhr, daß mir mein Vater hat eine beſſere Erziehung geben laſſen, als ſolches gewöhn⸗ lich auf dem Lande der Fall iſt. Um bei Andern Undankbarkeit und ein ſchlechtes Herz vorauszuſetzen, muß man, meiner Anſicht nach, ſelbſt bösartig ſein.“ „Nun, ich ſehe deutlich, daß der Vetter Brouillard Eure Eroberung nicht gemacht hat. Ich geſtehe, ich finde ihn auch ein bischen ſpöttiſch und verdammt ſchwer zu befriedigen.. gerade, aufrichtige Leute find mir weit lieber. Aber abgeſehen davon, gehört er zur Familie und wir ſind ihm jedenfalls Dank ſchul⸗ dig, daß er uns beſucht und uns nicht ganz ver⸗ geſſen hat.“ „Ja,“ ſagt Manon, indem ſie in die Küche pin⸗ ausgeht,„aber ich bin feſt überzeugt, daß er nur gekommen iſt, um Widerwärtigkeiten zu ſagen und zu machen.“ 1 ſſ 6 2 8 9 10 11 12 13 14 1