Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet von PDr. Heinrich Elsner. Einundſiebenzigſter Theil. 0 Go Stuttgart: Scheibie, Rieger s Sattler. 1845. Das Milchmädchen von Montfermeil. Aus dem Franzöſiſchen des Paul de Rock. Treibe mit Spießen hinaus die Natur, Doch kehrt ſie zurück! Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Einundſiebenzigſter Theil. X — — So Stuttgart: Scheible, Bieger a Sattler. 1845. — Erſtes Kapitel. Skizze aus Italien. Ohne weitere Reiſeabenteuer trafen Auguſt und Bertrand in Turin ein, wo ſie ein beſcheidenes Hotel bezogen. Ehe ſie ihre Reiſe weiter fortſetzten, wünſchte Auguſt mit dieſer ſchönen Stadt Italiens, wo man ſich noch in Frankreich glauben kann und wo eine liebliche Miſchung des franzöſiſchen Weſens mit den italieniſchen Sitten herrſcht, nähere Bekanntſchaft zu machen. Die Turiner Frauenzimmer ſind ſchön, liebens⸗ würdig, reizendz ſie verbinden mit der Anmuth der Franzöſinnen mehr Feuer in den Blicken, mehr Wol⸗ luſt in der Stime, mht Hingebung iũS Bai⸗ ſng Berkränd bemerkte wohl, daß ſein Herr viel nach den Italienerinnen ſchaute, daher er ihm unab⸗ läßig wiederholte:„Nehmen Sie ſich in Acht, mein Lieutenant, wir reiſen, um Glück zu machen und nicht um neue Eroberungen zu ſuchen; nicht um ſchwarze Augen und griechiſche Naſen zu bewundern, kamen wir nach Italien.“ „Nein, Bertrand, da wir ſie aber einmal hier fin⸗ den, ſo hindert uns nichts daran, ſie zu bewundern.“ Paul de Kock. LXRlI. 45 „Bedenken Sie, mein Herr, daß die ſchönen Künſte allein Sie beſchäftigen ſollen.“ „Der Anblick einer ſchönen Frau entflammt das Genie. Raphael war in das Modell ſeiner Madonna verliebt.“ „Das war vielleicht nicht das Beſte, was er that, mein Lieutenant.“ „Bertrand, Du verſtehſt nichts von den ſchönen Künſten.“ „Wohl möglich, aber ich kann ziemlich gut rech⸗ nen.“ „Ich will einen jener ſchönen Köpfe malen, die mein Auge verführen; ich will eines jener reizenden Geſichter zum Modell nehmen, welche mir die jun⸗ gen Mädchen dieſes Landes bieten.“ „Dann machen Sie es wie Raphael: Sie werden verliebt in Ihr Modell.“ „Deſto beſſer, wenn mich das zu Meiſerwerten begeiſtert!“ „Ich fürchte, es möchte Sie zu etwas Anderem begeiſtern.“ „Haſt Du ſie ſi ſingen hören, Bertrand?“ „Wen, mein Herr?“ „Die jungen Mädchen der Umgegend, die Land⸗ mädchen, gewöhnliche Arbeiterinnen; alle ſingen mit vielem Geſchmack, mit Harmonie! Auf dem Spazier⸗ gang höre ich jeden Abend die herrlichſten Conzerte. Wir ſind in dem Lande der Muſik, mein Freund.“ „Ich wäre lieber in dem der Goldminen.“ „Hier ſind Landleute und Handwerker geborene 2— — . Muſiker: die Krämerin erholt ſich Abends von ihren Arbeiten mit ihrer Guitarre; der Schiffer wie der Vornehme, die Bäuerin wie die Stadtdame vereini⸗ gen ihre Stimme mit den dieſem Inſtrumente ent⸗ lockten Lauten.“ „Sonach ſcheint es,daß Jedermann Guitarre ſpielt.“ „Und die Italienerinnen ſingen mit einer Ruhe, welche einen reizenden Contraſt zu dem Feuer ihrer Augen bildet.“ „Gewiß, mein Herr, ich kehre heim und mache wieder Hoſen.“ Auguſt verließ Bertrand und ging in der Um⸗ gebung der Stadt ſpazieren. Unter dieſem ſchönen Himmelsſtrich bot die Jahreszeit bereits ihr ſaftiges Grün; Geſträuche, lieblich duftende Gehölze, welche der Italiener mit gleichgültiger Gewohnheit betrach⸗ tet, die aber die Bewunderung des Fremden erregen⸗ der zum erſten Mal dieſen ſchönen Himmel, dieſe berr⸗ liche Landſchaft und die köſtliche Wohlgerüche ver⸗ breitenden Orangenhaine ſieht, prangten überall. An einem heitern Orte muß Alles Luſt und Freude einflößen; Italiens Klima ſcheint das der Liebe zu ſein. Der Anblick einer verwilderten Landſchaft, einer vürftigen und unfruchtbaren Natur flimmt das Ge⸗ müth zur Traurigkeit, zum Trübſinn; der eines fri⸗ ſchen Gehölzes, eines von Blumenſträuchen durch⸗ wundenen Thales macht unſer Herz mit ſüßeren Ge⸗ fühlen ſchlagen und erzeugt nur Gedanken der Luſt und Liebe. Auguſt, der zur Steigerung ſeiner Einbildungs⸗ 8 kraft Italiens nicht bedurfte, empfand gleichwohl den ſüßen Einfluß des Klima's; er ſeufzte, wenn er die reizenden Frauengeſtalten ſah, die flüchtig an ihm vorüberglitten, und da der junge Franzoſe ein ſchö⸗ ner Mann war, ſo antwortete man auf ſeine Seufzer durch ein ſehr ausdrucksvolles Augenſpiel. Unter den ſchönen Geſichtern, die an ihm vor⸗ überkamen, bemerkte Auguſt ein junges Frauenzim⸗ mer von anſtändiger, aber beſcheidener Kleidung am Arm einer ältlichen Frau. Das Geſicht der jungen Dame war von entzücken⸗ der Schönheit, aber die ſchüchternen Blicke, weit ent⸗ fernt, die des jungen Fremdlings herauszufordern, ſenkten ſich beſchämt, wenn ſie denſelben begegneten. Auguſt folgte indeß den beiden Damen; die Alte ſah zuweilen zurück und trieb, wenn ſie den jungen Mann gewahrte, ihre Begleiterin zu ſchnelleren Schritten an. So gelangte man in eine entfernte Vorſtadt, wo die Damen in ein kleines, einſam gelegenes Haus traten. Die junge Perſon ließ noch einmal ihre rei⸗ zenden Züge ſchauen, ihre Augen blickten noch flüchtig auf Auguſt, aber die Alte ſchloß die Thüre und das Zauberbild war verſchwunden. Eine Weile blieb Auguſt vor dem Hauſe, in wil. ches die ſchöne Italienerin getreten war, ſtehen, doch müde, Thüre und Fenſter zu betrachten, die ſich nicht öffneten, kehrte er nach Hauſe zurück.„Es iſt ein Gogel, das Ideal des Schönen, das Modell einer medickiſchen Venus, eine Galatea, Pfoche, Dido.. und ich muß mit ihr Bekanntſchaft machen.“ 9 Den andern Tag kam er wieder auf den Spazier⸗ gang und ſah die beiden Damen vom vorigen Abend wieder. Kühner dießmal, näherte er ſich der älte⸗ ren und bat, als Fremder, um Auskunft über Alles, was ihm auffiel. Man antwortete ihm mit Artigkeit, und die junge Dame erhob zuweilen, ohne ſich in's Geſpräch zu miſchen, ihre ſchönen Augen auf den Franzoſen. Die ältere Dame war ſehr geſprächig, und bald erfuhr unſer junger Mann, daß ſie Sig⸗ nora Falenza heiße, daß die junge Perſon ihre Richte ſei, ſich Cäcilia nenne, daß ſie wenig Vermögen beſitzen, deßhalb in einem abgelegenen Stadtviertel ihre Wohnung aufgeſchlagen haben und einen Theil derſelben vermiethen, wenn ſich ruhige Leute zeigen, weil das ihr geringes Einkommen etwas mehrt. Noch hatte die Alte nicht ausgeſprochen, als Auguſt die kleine Wohnung zu miethen begehrte. „Ich kam nach Italien,“ ſagte er,„um mich dem Studium der Malerei, die ich ein wenig vernach⸗ läßigt habe, hinzugeben; ich habe nur einen alten Militär bei mir, doch wir ſind geſetzt wie junge Frauenzimmer. Ich ſchmeichle mir, daß Sie es nicht zu bereuen haben werden, uns als Miethsleute ge⸗ nommen zu haben.“ Signora Falenza machte einige Umſtände, Anguſt wurde jedoch ſo dringend, daß ſie einwilligte, ihm die Wohnung zu zeigen. Man gelangte in daß Häus⸗ chen und ließ den jungen Franzoſen die Wöhnn ſehen, die man ihm abtreten kann: ſie beſtand aus* zwei ziemlich ſchlecht möblirten Gemächernz freilich 10 iſt auch der Preis, den man verlangt, ſehr mittel⸗ mäßig. Auguſt fand es herrlich, man ward über Alles einig, und nachdem er noch einen leidenſchaft⸗ lichen Blick auf die ſchöne Cäcilia geworfen, traf er eiligſt ſeine Anſtalten, noch denſelben Abend in der Nähe der Damen zu wohnen. „Packe unſern Koffer und zahle unſern Wirth⸗ Bertrand, wir ziehen aus.“ „Verlaſſen wir Turin, mein Herr?“ „O nein, mein Freund, ich gefalle mir hier mehr als je!“ „Und warum dann dieſes Hotel verlaſſen, wo wir uns gut befinden und nicht theuer ſitzen?“ „Aus Erſparniß, Bertrand; ich habe eine weit angenehmere Wohnung gefunden, die uns die Hälfte weniger koſtet; hoffentlich wirſt Du mich dießmal nicht tadeln.“ Bertrand runzelte die Stirne, denn er dachte: „Dahinter ſteckt Etwas, ich wollte wetten!“ Gleich⸗ wohl packte er ein, zahlte den Wirth und folgte ſei⸗ nem Herrn, der ihn nach der Vorſtadt führte. „Es ſcheint mir, mein Herr, daß wir nicht nach dem ſchönen Stadttheile gehen?“ „Was liegt daran, wenn nur die Wohnung uns anſteht.“ „Ganz richtig.“ „Schau', hier iſt das Haus.“ „Es iſt ſehr abgelegen von allen andern. Beden⸗ ken Sie, mein Herr, daß wir in Italien ſind das kommt mir wie eine Mördergrube vor!“ 11 „Jürchteſt Du Dich, Bertrand?“ „Ach, mein Lieutenant.“ „Du wirſt lächerlich mit Deinem Argwohn. Die⸗ ſes Haus iſt ſehr angenehm, die Ausſicht geht in's Freie, in Gärten: man iſt hier ſehr ruhig, was mir ausnehmend gefällt.“ „Ach! Sie lieben jetzt die Ruhe?“ „Sehr.“ Auguſt klopfte. Signora Falenza öffnet ihnen; bei ihrem Anblick ſagte Bertrand bei ſich:„Wenn ſonſt keine Geſichter hier ſind, gewiß, dann ſind wir ruhig.“ Die Alte führte die Fremdlinge unter vielen Artig⸗ keiten in ihre Wohnung. Im Hausgang traf man die ſchöne Cäcilia, welche vor dem jungen Franzoſen eine reizende Verbeugung machte. „Das iſt die Erſparniß, von der mein Lieutenant ſprach!“ brummte jetzt Bertrand. Die Reiſenden nahmen von ihrer neuen Wohnung Beſitz und Signora Falenza ſagte ihnen beim Weg⸗ gehen:„Wenn die Herren Etwas bedürfen, ſo dürfen Sie ſich nur zu uns bemühen: ich und meine Nichte werden ſteis zu Ihren Dienſten bereit ſein.“ „Dann hoffe ich ſehr,“ ſagte Auguſt,„daß wir dieſelbe öfters in Anſpruch nehmen müſſen.“ Bertrand unterſuchte nun die beiden Gemächer genauer und bei jedem Gegenſtande, den er betrach⸗ tete, runzelte er die Stirne und brummte:„Ganz ſauber.“ „Nicht wahr, Bertrand?“ 12 „Ja. ein abſcheuliches Bett kein Kopfkiſſen.“ „Deſto beſſer! dann gehen wir hinüber und ver⸗ langen eines.“ „Zerbrochene Stühle.“ „Deſto beſſer! ſo laſſe ich mir andere dafür geben.“ „Komoden, die nicht ſchließen.“ „O, gut genug für das, was wir darinnen zuf⸗ zubewahren haben.“ „Ein Sekretair, woran ich keinen Schlüſſel ſehe.“ „Ich hole ihn bei den Damen.“ „Nicht eine Kerze auf dem Kamin.“ „Die Damen werden uns welche geben.“ „Nicht einmal einen Waſſerkrug.“ „Vielleicht iſt es ſo Landesbrauch.“— „Nun, der Landesbrauch iſt hübſch, wenn er nicht geſtattet, ſich die Hand zu waſchen! Fne mein Herr, es fehlt uns hier an Allem.“ „Es wird uns an Nichts fehlen, wenn wir uns an die Damen wenden.“ „Die Damen! die Damen!“ „Uh die Wohlfeilheit, Bertrand, rechneſt Du die für nichts?“ „Wäre die alte Wirthin allein im Hauſe geweſen, ſo wären Sie nicht verſucht worden, darin zu woh⸗ nen!“ „Wohl möglich, wenn ich jedoch die Geſellſchaft eines ſchönen Frauenzimmers genießen und dabei ſparen kann, ſo wirſt Du⸗ Bertrand, wie mir ſhez Nichts dagegen einzuwenden haben.“ Vertrand ſagte nichts weiter, ſtopfte ſeine ſei 13 in einer Ecke und da der Tag ſich neigte, begab ſich Auguſt zu ſeiner Wirthin, um Licht zu verlangen. Die Alte war abweſend, die Nichte aber befand ſich zu Hauſe, und unſer Franzoſe, erfreut über ein Zu⸗ ſammentreffen mit der ſchönen Cäeilia unter vier Au⸗ gen ſetzte ſich zu ihrz in ihrem Hauſe ſchien ſie min⸗ der ſchüchtern als auf dem Spaziergange und beant⸗ wortete die ſüßen ihr gemachten Geſtändniſſe durch ein Lächeln. Die Unterhaltung währte ſehr lange. Auguſt vergaß Bertrand, der ſich ohne Licht befand; er wäre geneigt, noch vieles Andere zu vergeſſen, wenn die Signöka Falenza nicht durch ihre Rück⸗ kunft ihm das Gedächtniß geſtärkt hätte. Bertrand hatte ſich inzwiſchen auf ſein Bett geworfen und war eingeſchlafen. Auguſt hielt es nicht für paſſend, ihn aufzuwecken, und von dem Bilde der ſchönen Cäcilia erfüllt, ſchlief er gleichfalls ein, ſich über⸗ redend, er habe nie ein beſſeres Lager gehabt. Drei Tage verſtrichen in der neuen Wohnung, während welcher Auguſt faſt gar nicht ausging: er lauerte auf Gelegenheit zu einem Alleinſein Kit Cä⸗ cilia, allein die Tante iſt weniger abweſend und wacht mehr über ihre Nichte. Auguſt verlangte gleich⸗ wohl ein ſüßes Geſtändniß: er weiß, daß er geliecbt wird, allein das genügte ihm nicht, und Cäcilia's Augen ſchienen ihm mehr zu verſprechen. Bertrand gewöhnte ſich an ſeine neue Wohnung, aber täglich ſagte er zu ſeinem Herrn:„Sie ſind nach Italien gekommen, um zu ſtudiren und zu ar⸗ Paul de Kock. LXXl. 14. beiten, mein Herr; ſtatt deſſen ſind Sie fortwährend hinter unſerer jungen Hauswirthin her!“ „Cäcilia lehrt mich beſſer italieniſch ſprechen und ich lehre ſie das Franzöſiſche.“ „Ich ſehe nicht ein, was Ihnen dieſer gegenſei⸗ tige Unterricht einbringen wird.“ „Und das Vergnügen, Bertrand, iſt das nichts?“ „Alſo um Vergnügen zu haben, reiſen wir?“ „Das nicht gerade, wenn es ſich jedoch bietet, warum es nicht benützen?“ „Bedenken Sie, mein Herr, daß Ihre Vergnü⸗ gungen Sie ſtets theuer zu ſtehen kommen.“ „Du kannſt nicht ſagen, daß ich hier mein Geld vergeude; ich war nie ſo geſetzt, ſo ruhig; ich komme nicht aus dem Hauſe. Meinen Antrag, ſie in's Schau⸗ ſpiel zu führen, nahmen die Damen nicht an.“ „Ich gebe zu, daß ſie häuslich ſind und Sie nicht zu Partieen veranlaſſen; aber ich traue der alten Fa⸗ lenza nicht mit ihren Reverenzen, ihren Höflichkeiten.“ „Ach, gewiß, Bertrand, Du wirſt gar zu kitzlich. Auf Reiſen, mein Freund, muß man ſich gewöhnen⸗ andere Sitten und Gebräuche anzutreffen.“ „Ja, mein Herr, aber ich fürchte ſehr, der Grund möchte überall derſelbe ſein! Selbſtſüchtige Männer, kokette Frauen, Ränkeſchmiede, die eine große Pracht zur Schau tragen, um Andere deſto leichter zu prel⸗ len, Schurken, die nichts als Lug und Trug ſind, und ſo hie und da einige gute Leute, die indeß vor Allem ihren Vortheil in's Auge faſſen: dieß iſt's, glaube ich, was wir allenthalben finden werden.“ 15⁵ „Bertrand, die Reiſen machen Dich bereits ſehr beredt. Schreibe Deine Betrachtungen nieder, dann leſe ich ſie bei unſerer Zurückkunft nach Frankreich.“ „Da wird es wohl Zeit ſein, mein Herr.“ Auguſt hörte nicht mehr auf ſeinen Gefährten: er vernahm die Stimme der ſchönen Cäcilia und verfügte ſich zu ihr. Allein die junge Italienerin hatte nur einen Augenblick für ihn, denn ihre Tante wird ſogleich wieder kommen; ſie ergibt ſich indeß den dringenden Bitten des jungen Mannes und ge⸗ währt ihm für den andern Tag ein Stelldichein. Ein hübſches, eine Viertelſtunde von der Stadt gelegenes Wäldchen iſt der Ort, wohin ſich Cäcilia insgeheim begeben ſoll. Die Stunde ward beſtimmt, und man ſchied, um den Verdacht der Tante nicht zu erregen. Auguſt kehrte mit jener innern Befriedigung in ſein Gemach zurück, welche man ſtets bei Annähe⸗ rung eines erſehnten Augenblickes empfindet. Nie kam ihm ein Abend länger vor, und um bälder am andern Tag zu ſein, ging er ſehr frühzeitig zu Bette. Endlich erſchien der Tag; Auguſt ſtand auf, klei⸗ dele ſich ſorgfältig an und ging, während Bertrand noch ſchlief, hinweg. Der Ort, den man ihm als Stelldichein beſtimmt hatte, war von der Wohnung der Signora Falenza ſehr entfernt; Auguſt dachte jedoch, Cäcilia habe dieſen Ort aus Vorſicht gewählt. Er durchſchritt einen Theil der Stadt, folgte den Ufern des Po und gelangte endlich in das Wäldchen, wo er ſeine junge Wirthin bald zu treffen hoffte. Ziemlich lange wartete Auguſt geduldig, die Hoff⸗ 16 nung hielt ihn aufrecht; irgend ein Hinderniß hat Cäcilia in ihrer Wohnung zurückhalten können. Aber mehrere Stunden verſtrichen und die ſchöne Italie⸗ nerin kam nicht. Auguſt, müde, unaufhörlich an demſelben Orte hin und her zu gehen, entſchloß ſich endlich zur Rückkehr nach ſeiner Wohnung unter Ver⸗ wünſchung des Hinderniſſes, das ſich dem Kommen Cäcilia's entgegenſtellte. In der Nähe der Vorſtadt, die ſie bewohnten, er⸗ blickte er Bertrand, der vor ihm herging; er ſchien gleichfalls ihrer Wohnung zuzueilen. Auguſt ver⸗ doppelte ſeine Schritte, um Bertrand einzuholen; der alte Corporal ſtieß einen Freüdenſchrei aus, als er ſeinen Herrn ſah. „Ach, Donnerwetter!“ rief er,„Sie ſind nicht verwundet?“ „Warum ſollte ich denn verwundet ſein?“ „Was wäre denn dabei wohl zu verwundern, mein Herr, da Sie ſich ſo eben geſchlagen haben?“ „Ich mich geſchlagen?“ „Wenigſtens verſicherte mich dieſen Morgen un⸗ ſere Wirthin ſo: es habe Sie ein junger Mann bei Anbruch des Tages abgeholt und ſie habe aus eini⸗ gen Ihnen entſchlüpften Worten errathen, daß 1 ſich um ein Duell handle.“ „Beim Teufel! das iſt ſonderbar.“ „Sie bezeichnete mir ſogar mehrere Orte, wo ſie vermuthe, daß Sie Ihren Streit ausfechten werden, ſo daß ich ſeit dieſen Morgen nach allen Richtungen umher renne und mir Jedermann in s Geſi cht lacht, 17 den ich frage, ob ſie zwei Männer ſich haben ſchla⸗ gen ſehen.“ „Davon verſtehe ich nichts, Bertrand!“ „Das Alles iſt alſo nicht wahr?“ „Kein Wort davon.“ „Ha! ich will die alte Signora lehren, ſo ihr Geſpötte mit mir zu treiben.“ „Bertrand, laß uns ſchneller gehen.“ „Was haben Sie denn, mein Lieutenant, Sie ſcheinen unruhig?“ „Ja ich fürchte, die Nichte möchte mich zum Beſten haben... ſeit mehr als drei Stunden er⸗ warte ich ſie vergebens am andern Ende der Stadt.“ „Ha, tauſend Bomben! hinter dem Spaziergange, den ſie uns Beide machen laſſen, ſteckt Etwas. Ich ſagte Ihnen ja, mein Lieutenant, die Alte mache zu viel Reverenzen.“ „Vielleicht ſind unſere Beſorgniſſe ungegründet... doch hier ſind wir... klopfe, Bertrand.“ Bertrand klopfte an, aber Niemand kam, um zu öffnen. Er klopfte auf's Neue, daß alle Fenſter klirr⸗ ten; keine Antwort.„Was ſoll das heißen, mein Lieutenant?“ „Ohne Zweifel, daß Niemand zu Hauſe iſt. Wir müſſen indeſſen hinein.“ Bei dieſen Worten ſtieß Bertrand mit eiſtm kräf⸗ tigen Fußtritte die Thüre ein und trat⸗ gefolgt von ſeinem Herrn, in's Haus; es ſtand öde und leer. Außer einigen ſchlechten Möbeln war Alles wege⸗ ſchafft und das Gemach der beiden Reiſenden geleert. „Wir ſind beſtohlen, mein Herr!“ rief Bertrand. „So kommt es mir auch vor, mein Freund.“ „Sie hatten all' unſer Geld hier gelaſſen?“ „Leider ja! im Sekretair; mit Ausnahme von zehn Goldſtücken, die ich bei mir habe, war Alles da!“ „Ha, die ſchurkiſchen Weiber! zum Teufel mit den Signora's, den ſchönen Augen, den Reverenzen! Warum haben wir unſer Hotel verlaſſen!“ „Das iſt meine Schuld, Bertrand, ich fühle es wohl; an dieſem Unglück iſt wieder meine Unbeſon⸗ nenheit ſchuld!... Aber was K Du? das Uebel iſt geſchehen.“ „Wir müſſen Klage führen, mein Herr... man muß uns Recht ſchaffen.“ „Uns beklagen, mein Freund, in einem Lande, wo wir fremd ſind, und wenn wir kein Geld zur Be⸗ zahlung des Rechts haben, das überall ſehr theuer iſt?“ „Demnach, mein Herr, muß man ſich beſtehlen laſſen und darf nichts ſagen!“ „Das iſt das Klügſte hier, Bertrand.“ „Sehr beluſtigend.“ „Wir müſſen uns ſogar eeilen, dieſes Haus zu verlaſſen, deſſen Thüre wir eingetreten haben und 6 das man ohne Zweifel an dieſe verſchmitzten Dirnen vermiethet hatte, denn man könnte uns noch fragen, mit welchem Rechte wir hier ſind.“ „Das fehlte noch ach, mein armer Strack! es wäre beſſer geweſen, unter Wi Obhut zu bleiben.“ —, — 2 2 19 „Muth, Bertrand, laß' uns über das Unglück er⸗ haben ſein. Wir haben nichts mehr.. gut denn, das zwingt mich jetzt zum Arbeiten!... Wir reiſen zu Fuße dadurch vermeiden wir ſchlechte Bekannt⸗ ſchaften wie in der Diligence. Unſer Gepäcke end⸗ lich iſt leichter, allein Jeder von uns kann jetzt ſagen wie jener Weltweiſe Griechenlands: Omnia mecum porto.“ 5 „Es ſcheint, das ſoll heißen, daß er keinen Sou mehr hatte; nicht wahr, mein Lieutenant?“ „So Etwas, Bertrand.“ „Dann werden wir ſchrecklich philoſophiſch.“ „So verlaſſen wir Turin und ſuchen anderswo die Weisheit.“ „Ach, mein Herr! wo werden wir Ruhe finden?“ Zweites Kapitel, das drei Jahre währt. Wir wollen nun Auguſt und Bertrand in der Welt herumſtreichen laſſen, den Einen mit dem Vor⸗ ſatze, ſich nicht mehr durch die Blicke des nächſten veſten ſchönen Geſichtchens verführen zu laſſen; den Andern ſtuchend und ſcheltend, daß man nicht auf ſeine Rathſchläge hört, und ein Geſchlecht verwün⸗ ſchend, das ſeinen Herrn zu ſo vielen Thorheiten verführt. Sie müſſen Bertrand entſchuldigen⸗ meine Damen, undeihm ſeine üble Laune verzeihen; er hatte „. „ ————— wohl einigen Grund zum Mißtrauen gegen die Schön⸗ heit. Wäre er jedoch zwanzig Jahre jünger geweſen und hätten hübſche Geſichtchen ſeine Eroberung unter⸗ nommen, wer weiß, ob er nicht wie ſein Herr unter⸗ legen wäre? Jetzt wollen wir in's Dorf zu dem Milchmädchen zurückkehren, von dem uns Auguſts tolle Streiche nur zu oft entfernt haben; wir wollen uns vor dem Bilde der wahren Liebe und Unſchuld von dem der Leidenſchaften, den Intriguen der Städte, der Falſchheit und Selbſtſucht der Welt erholen. Es heißt dieß zu einer ſchönen Landſchaft Regniers über⸗ gehen, nachdem man bei einem Sturme Guldins ver⸗ weilte; wenn der Anblick des Kampfes der Elemente lebhafte Gemüthsbewegungen in uns erregt, ver⸗ ſenkt ſich dagegen unſer Gemüth bei der Betrachtung eines klaren Himmels, einer lachenden Wieſe in ſanfte Ruhe und ſchwelgt in angenehmen. Gefühlen. Deniſe brachte ihrer Tante die tauſend Thaler, die ſie Auguſt zurückſtellen wollte, zurückz tief ſeufzend händigte ſie ihr den Geldſack ein. „Er hat es alſo nicht gewollt?“ fragte Mutter Fvurch. „Ach, meine Tante, es war nicht mehr Zeit, er war fort: er macht eine Reiſe um die Welt und Gott weiß, wenn er wieder kommen wird.“ „Unſere Schuld iſt es nicht, meine Kleine; wir eilten uns, ſo viel wir konnten, das Geld zuſam⸗ menzubringen; aber wahrlich, tauſend Thaler das geht nicht ſo geſchwind wie ein Käſe.. da er auf Reiſen gegangen iſt, braucht er ohne Zweifel kein Geld, wenigſtens haben wir uns nichts vorzuwerfen, und wenn er wiederkommt und uns beſucht, ſo wird er ſehen, daß ich für Coco ein ſchönes Häuschen habe bauen laſſen.“ Deniſe ſchmeichelte ſich, Virginie werde ihr Ver⸗ ſprechen halten und es ihr gelingen, zu erfahren, wohin Auguſt ſich gewendet, und ſie werde ihr Nach⸗ richt von ihm geben; dieſe Hoffnung machte den ein⸗ zigen Reiz ihres Lebens aus. Die Hoffnung iſt das Gefühl, das wohl am meiſten zu der Freude beiträgt, die uns auf Erden beſchieden iſt. Wie viele Leute kennen keine andere Freude, als welche die Hoffnung ihnen gewährt. Um Deniſe zu tröſten, hatte Virginie zu ihr ge⸗ ſagt:„Sie werden Auguſt wiederſehen und wenn er erfährt, wie ſehr Sie ihn lieben, ſo muß er Ihre Liebe erwiedern.“ Dieſe Worte blieben dem jungen Mädchen in's Herz gegraben.„Dieſe Dame,“ ſprach 3 ſie täglich bei ſich ſelbſt,„wird ihn überzeugen, daß ich ihn liebe; wie werde ich erröthen, wenn er wie⸗ der hierher kommt! Ich werde ihn nicht mehr an⸗ zublicken wagen; vielleicht macht ihn das böſe, aber es iſt ſeine Schuld; warum ſagte er mir, er liebe 4 mich? Sollte man etwas Derartiges ſagen, wenn man es nicht denkt? Ich that, als lache ich, wie ich 4 — ihn anhörte, aber im Grunde meines Herzens fühlte ich, wie viel Vergnügen es mir machte. Ohne Zwei⸗ fel dachte er nur mit mir zu ſcherzen, er ſprach zu mir wie zu Allen, die er hübſch fand; er weiß nicht, 1 welches Uebel er dadurch bei mir anrichtete.“ 22 An der Stelle, wo die elende Hütte der Familie Lallaux geſtanden hatte, wurde ein ſchönes, nur aus einem Stockwerk zu ebener Erde und Speicher beſtehendes Häuschen gebaut; hinter der kleinen Woh⸗ nung befindet ſich ein ziemlich geräumiger, mit ei⸗ nem hölzernen Zaun umgebener Garten. Mit den tauſend Thalern Dalville's wurde dieſes Häuschen gebaut, welches Coco gehört, obgleich derſelbe zu deſſen Bewohnung noch viel zu jung iſt. Deniſe ge⸗ fiel ſich jedoch in der Verſchönerung dieſes Zufluchts⸗ ortes, den das Kind ſeinem Wohlthäter verdankte; hier brachte ſie täglich, nach Vollendung ihrer Mor⸗ genarbeiten, einen Theil ihrer freien Zeit zu, von Demjenigen träumend, deſſen Wiederkunft ſie fort⸗ während mit ſo großer Sehnſucht erwartete. Hier, mit dem Kinde allein, ſprach ſie demſelben von Au⸗ guſt, pflanzte ihm Liebe für ihn ein, ſtete Erinne⸗ rung an all' das Gute, das es ihm verdankt, und lehrt es, nie unter das Dach des Häuschens zu tre⸗ ten, ohne der Dankbarkeit ſeine erſten Gefühle zu weihen. Der Garten wurde mit großer Sorgfalt unter⸗ halten. Deniſe zog Blumen darin: ſie exinnerte ſich deſſen, was ſie in ſchönen bürgerlichen Häuſern ihrer Kundſchaft ſah und wollte den Garten nach dieſem Muſter anlegen. Auguſt ſollte, wenn er hier eintrete, angenehm überraſcht werden und ihren guten Ge⸗ ſchmack rühmen.„Er wird dieſes Bosket ſehen, dieſe Raſenſtücke,“ ſagte ſie bei ſich,„und wird erſtaunt ſein, daß Bauern das Alles ſo gut anlegten wie w . 23 Leute von Paris.“ Doch bald ſeufzte das junge Mäd⸗ chen wieder und ſank in Trauer zurück:„Wenn er eine Reiſe um die Welt macht,“ fuhr ſie in ihrem Selbſtgeſpräche fort,„dann wird er ſehr lange brau⸗ chen, ehe er kommen und meinen Garten ſehen kann.“ Der Winter machte der ſchönen Jahreszeit Platz und Deniſe hörte noch immer nichts von Virginien. „Sie hat noch nichts über ſein Schickſal erfahren,“ dachte die Kleine,„ſonſt wäre ſie gekommen und hätte es mir mitgetheilt.“ Die Hoffnung, Nachricht über Auguſt zu erhalten⸗ ließ Deniſe eine neue Reiſe nach Paris unternehmen. Die Erlaubniß dazu von Seiten ihrer Tante ward ihr leicht und eines Morgens langte ſie in der ehe⸗ mgligen Wohnung Auguſts an. Strack rauchte, wie er zu thun pflegte, auf einer Bank vor ſeiner Loge. Er erkannte das junge Mäd⸗ chen und obgleich es beinahe vier Monate her war, ſeit die Kleine ohnmächtig in ſeine Arme fiel, glaubte er doch, ſie komme in Reklamationen wegen ihres auf dem Boden umhergerollten Geldes und wollte böſe werden. Natürlich beſänftigte er ſich bei De⸗ niſens Gegenverſicherungen bald. Dieſe jedoch konnte zu ihrem Bedauern weder über Auguſt, noch über Virginien Etwas aus ihm herausbringen. Mehrere Monate verfloßen, ohne daß irgend eine Nachricht von Auguſt angelangt oder Virginie in's Dorf gekommen wäre; die Hoffnung ward ſchwächer in Deniſens Herzen, doch die Liebe erliſcht nicht. Dieſes Gefühl, wenn es wahr und ächt iſt, trotzt — 24 den Hinderniſſen, der Zeit, der Abweſenheit, und Liebe allein vergeht nicht, wenn auch Alles rings umher ſich verwandelt. So vollendete Deniſe ihr ſiebenzehntes Jahr. Sie wuchs nicht mehr, aber ihre Züge ſchienen noch rei⸗ zender, ihre Phyſiognomie ausdrucksvoller zu werden; das geheime, ſie belebende Gefühl verlieh ihren Blicken eine ſanfte Melancholie, die ihrem ſchönen Geſichtchen herrlich ſtand; bei Landmädchen findet ſich dieß ſo ſelten! Und gerade deßhalb vielleicht fanden die jungen Burſche von Montfermeil und der Um⸗ gegend an Deniſen Etwas, das ſie verführte und ihnen den Kopf verrückte. Sie ſprach indeß wenig, lachte und ſcherzte nicht mehr mit ihnen, floh ihre Tänze, ihre Spiele, und die übrigen jungen Mädchen ſpot⸗ teten über die kleine Milcherin und ſagten:„Sie macht die Stolze. ſie gibt ſich das Anſehen einer Dame ſie will den Stadtleuten nachäffen!.. Aber mit ihrer ſauertöpfiſchen Miene wird ſie keine Lieb⸗ haber finden.“ Dem Prognoſtikon der Bauernmädchen zum Trotz machte Deniſe, ohne es zu wollen, täglich neue Er⸗ oberungen, und die Landmädchen ſahen ihres lauten Gelächters, ihrer Luſtigkeit und der derben Püffe, die ſie an die ſchönſten Burſche austheilten, unge⸗ achtet, wie dieſe für Deniſe ſeufzten, welche nichts that, um einen Liebhaber anzuziehen. Da Deniſe außer ihrem hübſchen Geſichtchen auch eine gute Partie war, ſo hielten bald mehrere Bauernbürſche bei Mut⸗ ter Fourch um ihre Hand an. 25 Die gute Tante bemerkte wohl, daß ihre Nichte etwas Außergewöhnliches hatte; allein ſie war über⸗ zeugt, daß die Ehe ihr dieſes Etwas, nach welchem ſie Tag und Nacht ſeufzte, benehmen werde. Mutter Fourcy that ſich viel auf ihre große Erfahrung zu gut und erinnerte ſich, daß ſehr viele junge Mäd⸗ chen, als ſie einen Mann nahmen, ihre gute Geſichts⸗ farbe, die bereits zu ſchwinden begann, wieder er⸗ hielten. Eines ſchönen Morgens ſuchte ſie daher ihre Nichte auf, die ihrer Gewohnheit gemäß allein in dem Garten von Cocos Häuschen ſaß.„Meine Kleine,“ begann Mutter Fourcy und nahm neben Deniſen⸗Platz,„ich komme, um Etwas mit Dir zu reden.“ „Was Ihnen beliebt, meine Tante,“ verſetzte das junge Mädchen, fortwährend auf ein eben gepflücktes Gänſeblümchen blickend, das ihr ſagte, daß der junge Wanderer um die Welt ſie liebe. „Meine Kleine, an Peter und Paul warſt Du ſiebenzehn Jahre alt. Ein Mädchen von ſiebenzehn Jahren iſt kein Kind mehr; verſtehſt Du das, De⸗ niſe?“ „O ja, meine Tante.“ „Ueberdieß kannſt Du ſchon lange eine Haushal⸗ tung verſehen, Du arbeiteſt mit der Nadel, daß es eine wahre Luſt iſt, und machſt Käſe, daß man den ganzen Tag davon forteſſen könnte⸗ ohne genug zu bekommen: kurz, Du verſtehſt ein Hausweſen, biſt thätig und arbeitſam, haſt drei Mal mehr Verſtand, als dazu gehört, um einen Mann, der nebenhinaus „— 26 wollte, zu leiten... und potz Velten, der, welcher Dich bekommt, wird es nicht bereuen!“ Deniſe ſah verwundert zu Mutter Fourch auf und ſtotterte:„Ich verſtehe Sie nicht mehr, meine Tante.“ „So dann, meine Kleine, will ich's kurz ma⸗ chen: Du biſt in dem Alter, Dich zu verheirathen und es zeigen ſich mehrere Anſtände für Dich. Erſt⸗ lich der dicke Fanfan Jolivet, ferner der Neffe des Nachbar Manflard und dann der lange Elaudius Hans Peter Niklas Lathuille, der eben erſt ſeinen Vater beerbte... es ſind wohl noch Andere da, die Dich gerne möchten, dieſe Drei ſind aber die Soli⸗ deſten brave Burſche, gute Arbeiter, gerade wie es für Dich paßt; wähle, welchen Du zum Manne willſt.“ Während dieſer Rede ihrer Tante war Deniſe blaß und verlegen geworden; ſie warf indeß einen neuen Blick auf die Ueberbleibſel ihres Gänſeblüm⸗ chens und flüſterte leiſe:„Ich will keinen, meine Tante.“ „Wie ſagteſt Du, meine Kleine?“ „Ich ſage, daß ich mich nicht verheirathen will.“ „Du Dich nicht verheirathen? Geh' doch! Du ſagſt das nicht im Ernſt! Müſſen die Mädchen ſich nicht verheirathen? Ich ſage Dir im Gegentheil, die Heirath wird Dir gut thun. Seit lange biſt Du nicht mehr dieſelbe: Du lachſt nicht mehr, Du ſingſt nicht mehr. Ein Mann wird Dich ſingen machen, mein Kind, das heitert auf und... ach, mein Gott! —— —— 7 Du weinſt, meine Deniſe, glaubſt Du, ich wolle Dir Kummer machen? O nein! eher ſchicke ich alle Hei⸗ rathsluſtige zum Teufel... mein armes Kind weint das wollie ich nicht!... Nun, ſo ſag' mir ſo⸗ gleich, weßhalb Du weinſt.“ „Daß ich Ihnen eine abſchlägige Antwort geben muß, meine Tante.“ „Mußt Du darum weinen? Werde ich Dich je zu Etwas zwingen, das Du nicht willſt?“ „O nein, meine Tante, Sie ſind zu gut.“ „Wenn Du aber weinſt, ſo zanke ich mit Dir! Du willſt dieſe Männer nicht, nun, ſo ſprechen wir nicht mehr davon, mein Kind; aber wahrhaftig, Du haſt doch irgend Etwas... ein Mädchen ſeufzt nicht den ganzen Tag und denkt dabei an Fliegen.“ „Ach, meine Tante!“ „Sag' mir, was Du haſt, meine Kleine?“ „Ich wage nicht.“ „Ich will, daß Du wagſt. Du haſt Kummer im Herzen, das iſt gewiß.“ „Ach! ich bin recht dumm, ich weiß es wohl.“ „Du dumm? Du, das verſtändigſte, feinſte, ge⸗ ſchickteſte Mädchen! Ueberdieß, meine liebe Deniſe, weint man nicht, weil man dumm iſt!.. Biſt Du vielleicht verliebt?“ Deniſe ſtieß einen tiefen Seufzer aus und ant⸗ wortete endlich mit geſenkten Augen:„Ja, meine Tante.“ „Nun gut, meine Kleine, das iſt nicht verboten! Und wenn es keiner von Denen iſt, die Dich heira⸗ then wollen, ſo gilt es gleich, wenn es nur ein ehr⸗ licher Burſche iſt und er Dich glücklich macht; denn er liebt Dich ohne Zweifel auch?“ „Nein, meine Tante, er liebt mich gar nicht; er denkt nicht mehr an mich!“ „Wahrlich, dann kratze ich ihm die Augen aus! Er ſollte von meiner Deniſe geliebt werden und ſich nicht überglücklich ſchätzen, ſie heirathen zu dürfen?“ „Aber, meine Tante, er hat mir nie von Heirath geſprochen.“ „Es iſt alſo ein ſchmeichleriſcher Betrüger, ein liederlicher Geſelle...“ „Nein, meine Tante, aber es iſt.. es iſt der Herr aus Paris.“ „Herr Dalvtlle?“ „Ja, meine Tante.“ „Ach, mein Gott!„an was denkſt Du, Deniſe? Du liebſt einen vornehmen Pariſer Herrn, einen Mann aus der großen Welt, einen Mann, der ein Bauernmädchen gar nicht anſehen wird!“ „O! doch, meine Tante, ich verſichere Sie, er ſah mich viel an.“ „Aber Du überlegſt gar nicht, mein Kind!.. Herrn Dalville zu lieben!“ „Ach! ich kann nichts dafür, es geſchiept ganz wider meinen Willen.“ „Und wie kam Dir denn dieſe Liebe, meine Kleine?“ „Als ich von meinem Eſel ſiel, meine Tante.“ „Mein Gott, ja! Ich traf Herrn Auguſt auf dem — „ . 29 Wege; er ſaß in ſeinem Cabriolet und ich ging zu Fuß hinter Grauhans.“ „Das ſagteſt Du mir, mein Kind.“ „Er ſah mich häufig an und ich that, als merke ich nicht darauf. Da ſtieg er aus und folgte mir in den kleinen Fußpfad des Gehölzes; er ſagte mir, ich ſei ſchön und ich lachte über ſeine Complimente.“ „Das ſagteſt Du mir auch.“ „Er wollte mich küſſen und, mich vertheidigend⸗ zerkratzte ich ihm das Geſicht.“ „Das ſagteſt Du mir nicht, meine Kleine.“ „O! damals war ich recht zornig; ich verabſcheute den Herrn. Ich ſtieg auf meinen Eſel, um ſchneller fortzukommen, aber Grauhans ſchlug den Galopp an und warf mich zu Boden ich fiel wie, weiß ich nicht.“ „Ach, mein Gott! mein Kind, und weiter?“ „Der Herr ſprang herbei, aber er hob mich ſo ordentlich auf, mein Fall ſchien ihm ſo leid zu thun, er war bläſſer und zitterte mehr als ich. Jetzt weiß ich nicht, was in mir vorging; all' mein Zorn war augenblicklich vorüber und ich glaube, ich liebte ihn bereits.“„ „Weiter.“ „Wahrlich! Sie wiſſen wohl, meine Tante, daß wir nachher erfahren haben, was er Coco und ſei⸗ ner Großmuiter geſchenkt hatte und ich fühlte, daß ich ihn darum noch mehr lieben mußte. Bei Madame Deſtival ſah ich ihn wieder: er beauftragte Fic Paut de Kock. LXRI. 3 für Coco Sorge zu tragen, und ſeit dieſer Zeit be⸗ ſuchte er uns, wie Sie wiſſen, nur ein einziges Mal.“ „Sagteſt Du ihm, daß Du ihn liebeſt?“ „Nein, im Gegentheil: da Herr Bertrand mir geſagt hatte, das werde ihn abhalten, uns zu be⸗ ſuchen, ſo verſicherte ich ihn, ich würde nie Liebe für ihn hegen.“ „Das haſt Du wohl gemacht, meine Kleine.“ „O nein, meine Tante, ich glaube eher, ich that übel und das machte ihn böſe, denn ſeit dieſer Zeit kam er nicht wieder und reiste ab, ohne uns Lebe⸗ wohl zu ſagen.“ „Nun, da weint ſie ſchon wieder aber wozu dient Dir dieſe Liebe?“ „Zu nichts, meine Tante.“ „Herr Auguſt hätte ein unbedeutendes Landmäd⸗ chen nicht geheirathet. Jetzt iſt er fort und wir wer⸗ den ihn ohne Zweifel nie wiederſehen.“ „Kann er nicht wiederkommen und... Coco wie⸗ derſehen wollen?.. Ja, er wird wiederkommen, liebe Tante, ich hoffe es fortwährend.“ „Selbſt wenn er wiederkäme, ſo bedenke nur, daß er ein Stadtherr iſt, und ein vornehmer Herr, ſiehſt Du, iſt an die ſchönen Damen gewöhnt, während Du nun, was ſiehſt Du denn auf dieſe Blume?“ „Sie ſagte mir, Herr Auguſt liebe mich ſehr.“ „Wer ſagte Dir das?“ „Dieſes Gaͤnſeblümchen, meine Tante.“ „Entblättere ein anderes, meine Fleine, es wird Dir das Gegentheil ſagen.“ ——— 31 „O! ich blättere jeden Morgen welche ab, Tante.“ „Und ſagt Dir die Blume immer, er liebe Dich?“ „Wenn eine es nicht ſagt, dann befrage ich eine andere und bleibe bei der ſtehen, die nach meinem Wunſch antwortet.“ (Auf dieſe Weiſe alſo wahrſagen ſich die jungen Mädchen.) „Doch ſchau', mein Kind, es wäre weit klüger, Du vergäßeſt einen Menſchen, der nicht an Dich denkt.“ „Ich kann nicht, meine Tante.“ „Wenn Du einen Mann nähmeſt, ſtatt Gänſe⸗ blümchen zu entblättern, ſo ſtehe ich Dir dafür, würde Deine Liebe vergehen.“ „Nein, meine Tante, ich will mich nicht vonhel⸗ rathen. Laſſen Sie mich ungehindert an ihn den⸗ ken, die Blumen um Rath fragen und ich verſpreche Ihnen, daß ich nicht mehr weine.“ „Wie Du willſt, meine liebe Deniſez; nun, da es Dein Geſchmack iſt, ſo bleibe ledig. wenn man aber ſo ſchön, ſo hübſch gewachſen iſt... ach! es wäre ſchade, wenn Du Deine Jugend mit Blumen⸗ zerblättern hinbrächteſt.“ Die gute Tante ſprach mit Deniſe nun nicht mehr vom Heirathen und die Bewerber wurden verab⸗ ſchiedet. Die Leute im Dorfe ſtellten allerlei Ver⸗ muthungen über das Benehmen des jungen Mäd⸗ chens anz die Bauernmädchen ſpotteten über die abgewieſenen Liebhaber und dieſe hofften, Deniſe werde mit der Zeit weniger hartherzig werden; aber die Zeit verſtrich und Deniſe wurde nicht andern Sinnes. Mutter Fourch ward gebrechlich; ihre Nichte ſorgte indeß auf's Zärtlichſte für ſie und Coco, der, größer werdend, ſeine Wohlthäterin lieben lernte, wie er ſeine Ziege liebte. Er ſuchte ſich bereits nützlich zu ma⸗ chen und häufig verſcheuchte er durch ſein kindliches Geplauder Deniſens Trübſinn. Gerne betrachtete und liebkoste dieſe das Kind, das Auguſt liebte; ſie lehrte es Alles, was man im Dorfe lernen konnte, bildete ſein Herz zur Tugend und wollte, daß es ſeinem Wohlthäter Ehre mache. Zwei Jahre waren inzwiſchen ſeit Auguſis und Bertrands Abreiſe verfloſſen. Deniſe war während dieſer Zeit ſechs Mal in Paris geweſen, um Nach⸗ richt über die Reiſenden einzuziehen, nie aber hatte ſie von Strack Etwas erfahren können und von Vir⸗ ginien hörte ſie nichts mehr. Jetzt wurde Mutter Fourch ernſtlich krank und der ſorgfältigſten Pflege ihrer Nichte ungeachtet ſtarb ſie bald in ihren Armen. Der Verluſt ihrer Tante betrübte Deniſe auf's Tiefſte; man muß um diejenigen gewiß trauern, die ihr ganzes Leben hindurch uns glücklich zu machen ſtrebten, ohne uns je das Gute vorzuhalten, das ſie uns gethan haben: keine Art von Anmahnung an Verbindlichkeiten, welche die Dankbarkeit erſtickt; denn es gibt viele Leute, die Gutes thun, aber ſehr wenig gute Leute. So ſtand denn Deniſe mit dem erſt achtjährigen Coco allein auf Erden. Sie vermiethete ihr Haus, 33 das ihr zu groß wurde, und bezog Coco'⸗ Häuschen, an das ſie noch einen Pavillon anbauen ließ. Hier fühlte ſich Deniſe behaglicher und dachte ſich Auguſt näher gerückt. Sie hatte nun nicht mehr nöthig⸗ Milcherin zu ſein, und nahm eine alte Bäuerin zu ſich, die das Hausweſen verſah. Deniſe beſchäftigte ſich im Garten und ſuchte ſich aus Büchern neue Kennt⸗ niſſe zu erwerben. So lange ihre Tante lebte, hatte ſie nur ſelten ihrer Leſeluſt genügen können, weil Multer Fourch der Meinung war, ihre Nichte ſei für ein Landmädchen bereits zu gelehrt; allein jetzt ſtand dem Hange des jungen Mädchens, ihren Geiſt auszubilden, nichts mehr entgegen. Nach und nach legte Deniſe den plumpen Wollen⸗ rock, die Schürze und das grobe Mieder ab; ſie nahm dafür einfache Kleidung, die ſich jedoch der ſtädtiſ hen Tracht mehr näherte. Jetzt ſagten die Dorf⸗ ſchönen untereinander:„Seht, Deniſe Fourch will die Dame ſpielen; ſeit dem Tode ihrer Tante trägt ſie ſich nicht mehr wie wir, gibt ſich ein Anſehen und macht abſonderliche Redensarten, wenn ſie ſpricht.“ Deniſe kümmerte ſich wenig um die Reden und Gedanken der Dorfbewohner; ihr einziges Verlangen beſtand darin, Demjenigen zu gefallen, den ſie noch immer erwartete.„Vielleicht,“ ſagte ſie bei ſich, wenn ſie in ihren Spiegel blickte,„wird er mich ſo mehr lieben. Er wird mich nicht mehr ſo linkiſch, ſo ver⸗ legen finden; doch das wird ihm ganz gleichgültig ſein, denn er liebt mich nicht und glaubt, ich liebe ihn gleichfalls nicht!... Mein Gott, warum habe ich 34 ihm das geſagt? Herr Bertrand iſt Schuld daran⸗ er betrog mich mit dem Vorgeben, Auguſt werde nicht mehr in's Dorf kommen, wenn ich ihn liebte; ach ja, ſicherlich hat er mich hintergangen, denn ſeit dieſer Zeit empfing er mich ſehr ſchlecht in Paris und kam nicht mehr hierher. Wenn ich ihn jedoch wieder ſehe, ach! dann ſage ich ihm die Wahrheit; das Lü⸗ gen iſt immer ein Unrecht und ich werde ihn bitten, mich gleichfalls nicht zu belügen.“ Ein weiteres Jahr verſtrich; Deniſe zählte zwan⸗ zig und Coco neun Jahre. Das Kind war glück⸗ lich; Heiterkeit und Geſundheit ſtrahlten aus ſeinem hübſchen Geſichte. Deniſe war immer düſter und ſuchte umſonſt die Erinnerung an Auguſt, den ſie wiederzuſehen nicht mehr hoffte, von ſich zu entfer⸗ nen.„Vielleicht hat er ſich in einem fremden Lande niedergelaſſen,“ dachte ſie,„vielleicht iſt er verhei⸗ rathet und wird nie wiederkehren.“ Dann benetzten Thränen ihre Augenlider und die Liebkoſungen des Kindes vermehrten ihren Kummer nur, denn es ſagte unaufhörlich zu ihr:„Werde ich meinen guten Freund bald wieder ſehen?“ Oft nahm ſich Deniſe vor, vernünftig zu werden, eine thoͤrichte Leidenſchaft aus ihrem Herzen zu ent⸗ fernen und nicht mehr an Auguſt zu denken. Dann ging ſie aus, um im Freien Zerſtreuung zu ſuchen, aber ſei es Zufall, ſei es Liebhaberei: ſie kam bei⸗ nahe immer auf den kleinen Fußpfad des Gehölzes, wo ſie vom Eſel fiel. —— 35 Drittes Kapitel. Die Wiederkehr. An einem ſchonen Frühlingsabend ſaß Deniſe in einer Gartenlaube und las; Coco ſpielte vor dem Häuschen an der Seite der alten Bäuerin, die auf einer Bank eingeſchlafen war. Coco, der gerade auf die vorüberführende Straße hinausſah, bemerkte einen Mann, welcher das Haus zu betrachten ſchien und ſo ſehr in ſeine Gedanken vertieft war, daß er das unfern von ihm ſpielende Kind nicht bemerkte. Dieſer Mann trug keine bäueriſche Kleidung: eine Jacke von grauer Leinwand, Hoſen mit Kamaſchen und ein kleiner Torniſter auf dem Rücken bezeichneten einen Wanderer; auf ſeinem Kopf ſaß ein ſchlechter runder Hut und in der Hand hielt er einen Knoten⸗ ſtock, auf welchen ſich zu ſtützen Bedürfniß für ihn ſchien; denn ſein bleiches und mattes Geſicht, ſein langer Bart und der Ausdruck ſeiner Augen verriethen Dürftigkeit und Kummer. Coco näherte ſich ſachte dem Unbekannten, blickte ihn mit kindlicher Neugierde an und ſah zu ſeiner Ueberraſchung, daß bei Betrachtung des Hauſes Thrä⸗ nen aus ſeinen Augen rannen. 3 Das Kind hatte von Deniſe Mitgefühl für frem⸗ des Unglück gelernt; es ſtellte ſich vor den Unbekann⸗ ten und ſagte zu ihm mit naiver Stimme und ſicht⸗ licher Gutmüthigkeit:„Haben Sie Kummer, mein 36 Herr? Wenn Sie bei uns ausruhen wollen, ſo kom⸗ men Sie, wir geben Ihnen ein Nachteſſen.“ Die Stimme des Kindes machte den Fremden be⸗ troffen; mit einer Bewegung des Erſtaunens faßte er Coco ſchärfer in's Auge, ergriff ihn ſodann bei der Hand, die er zärtlich drückte, und rief mit einer von Gemüthsbewegung angegriffenen Stimme aus: „Wie, Du biſt's, mein Freund?“ „Kennen Sie mich, mein Herr?“ entgegnete das Kind, lächelnd und verwundert über dieſe Anrede. Der Wanderer ſtieß einen Seufzer aus und ant⸗ wortete nach einer Weile:„Ja, ich ſah Dich früher hier an dieſer Stelle; aber damals war ſtatt dieſes ſchönen Häuschens nur eine alte verfallene Hütte da welche Veränderung ging hier vor!“ „Ach! mein guter Freund hat mir ſo viel geſchenkt, daß ich das Alles erhalten konnte, denn das iſt mein Haus, mein Herr; wenn er aber wiederkommt, werde ich ihm recht ſehr danken.“ Hier drückte der Fremde dem Kind auf's Neue die Hand; dieſes fuhr fort:„Wollen Sie eintreten... kommen Sie, ich will's Deniſe ſagen, daß Sie mit uns zu Nacht eſſen.“ „Deniſe?... wie, Deniſe iſt hier?“ fragte der Unbekannte und hielt das Kind zurück. „Ja, mein Herr; ſeit ihre gute Tante geſtorben iſt, wohnen wir beiſammen.“ „Und iſt Deniſe verheirathet?“ „Nein, mein Herr... ſo kommen Sie doch.. kommen Sie!“ 37 Nach kurzem Zögern entſchloß ſich der Fremde, dem Kinde zu folgen, das ihn bei der Hand ergriff und in's Haus zog. „Deniſe, Deniſe!“ ſchrie Coco,„da iſt Jemand da iſt ein Herr, der Hunger hat... nicht wahr, Sie haben Hunger?... Deniſe, herbei!“ Allein das junge Mädchen ſaß am hinterſten Ende des Gartens und hörte des Kindes Stimme nicht; der Knabe ſprang nun in die Boskete und der Un⸗ bekannte folgte ihm langſamen Schrittes. „Lieb' Denischen,“ ſagte Coco,„ich habe ſo eben am Wege einen Herrn geſehen, der mir ſehr traurig ſchien: ich lud ihn ein, bei uns auszuruhen; wir geben ihm zu Nacht zu eſſen, nicht wahr?“ „Ja, mein Freund.“ „Ich habe wohl gethan, daß ich ihn herführte, denn er ſchien arm und doch verlangte er nichts.“ „Ja, Du haſt wohl gethan... wir wollen zu ihm gehen.“ „Sieh', er folgt mir.. hier iſt er.“ Der Fremde war in einiger Entfernung ſtehen geblieben und betrachtete Deniſen; die letzten Strah⸗ len der untergehenden Sonne fielen gerade auf ſein Geſicht und das junge Mädchen ſah ihn theilnahms⸗ voll an und trat näher. Doch kaum hatte ſie einige Schritte gemacht, als ihr ein Schrei entfuhr; ſie eilte, flog dem Fremden entgegen.„Auguſt!.. mein Herr!... Sie ſind's!“ war Alles, was ſie hervor⸗ bringen konnte, und Auguſt, denn er war es, fing ſie in ſeinen Armen auf. 38 „Deniſe! gute Deniſe!“ ſagte Auguſt, die Jung⸗ frau an ſein Herz drückend, welche Freude und Ueber⸗ raſchung beinahe der Beſinnung beraubt haben; end⸗ lich faßte ſich Deniſe wieder und rief:„Coco, es iſt Dein guter Freund, Dein Wohlthäter! komm' und küſſe ihn!“ Verwundert blickte das Kind auf Auguſt: nur ſchwer konnte es ſich an den Gedanken gewöhnen, daß Derjenige ſein Wohlthäter ſei, den es mit einem langen Bart und in armſeliger Kleidung wiederſah. Wenn jedoch ſeine Augen ſeinen guten Freund nicht wieder erkannten, ſo redete dagegen ſein Herz, das es zu dem Fremden trieb; deßhalb lief es in freu⸗ diger Haſt zu Auguſt hin und küßte ihn. Mehrere Minuten ſchwelgte dieſer in dem Vergnügen, das Kind und das junge Mädchen in ſei Arme ju drücken. „Sie haben mich alſo wieder erkannt, Deniſe,“ ſagte Auguſt endlich. „O, immer werde ich Sie kennenz ſelbſt wenn Ihr Geſicht nicht mehr daſſelbe wäre, ſo würde mein Herz mir doch ſogleich ſagen, daß Sie es ſind.“ „Theure Deniſe!“ „Ich, mein guter Freund, habe Dich nicht wieder erkannt,“ ſagte Coco,„weil Du einen Bart haſt und weil Du weinteſt.“ „Ach! in dieſem traurigen Aufzuge erwartetet ihr mich nicht, nicht wahr?“ „O, wir erwarteten Sie, gleichviel wie! Sind Sie uns nicht immer willkommeu? Aber wenn ich 39 Sie ſo ſehe, fürchte ich, Sie möchten unglücklich ge⸗ weſen ſein, und dieß macht mir Kummer.“ „Ja, Deniſe, ja, ich bin unglücklich geweſen, doch ich habe es verdient. meine Thorheiten haben mich dahin gebracht! Da ich aber Ihre Freundſchaft und die des Kindes beſitze, ſo fühle ich, daß ich noch nicht Alles verloren habe!“ „Ach, mein Herr, konnten Sie an unſern Herzen zweifeln?“ „Mein Gott! das Unglück macht oft ungerecht; ich ſehe wohl, daß ich Unrecht hatte. Ich werde Ihnen Alles erzählen, was mir widerfahren iſt, offenherzig ſagen, Deniſe, was ich gethan... Ihnen möchte ich meine Fehler nicht verbergen, denn ich bin zum Voraus gewiß, daß Sie mir verzeihen werden.“ „Ach, mein Herr, ich bin ſo vergnügt, Sie wie⸗ derzuſehen... aber ſo kommen Sie doch, ruhen Sie aus im Hauſe.. Sie müſſen einer Erquickung bedürfen.“ „Allerdings habe ich ſeit geſtern nichts zu mir genommen.“ „Seit geſtern?“ rief Deniſe, und Todesbläſſe überzog ihr Geſicht, in ihrem Auge perlten Thränen, ſie konnte nicht mehr ſprechen, lehnte ihren Kopf auf Auguſts Schulter und ließ den ſie beinahe erſticken⸗ den Thränen freien Lauf. „Deniſe, theure Deniſe, beruhigen Sie ſich. ich bin bei Ihnen.. ich habe bereits einen Theil meiner Leiden vergeſſen. beruhigen Sie ſich; über⸗ — — —— — dieß war ich nicht ganz von jeder Hülfsquelle ent⸗ blöst. Wenn ich ſeit geſtern nichts genoſſen habe, ſo geſchah dieß, weil traurige Betrachtungen mir den 40 Appetit raubten. Noch blieb mir einiges Geld, aber ich ſparte es für meinen Aufenthalt in Paris, denn nichts macht ſparſamer als das Unglück. Ach! der Verluſt meiner Reichthümer betrübte mich nicht am meiſten; Sie wiſſen es. Da ich ein glückliches Tem⸗ perament beſitze, ſo waren Hoffnung und Heiterkeit noch immer meine Begleiter, ſelbſt als meine Börſe etwas leicht geworden war; allein die Undankbarkeit der Menſchen, das Verlaſſenwerden von Demjenigen, den ich wie einen Bruder liebte, das that mir am Wehſten, das benahm mir alle Kraft. Ich fühlte, daß man die Schläge des Schickſals mit philoſophi⸗ ſchem Gleichmuth ertragen könnez für den Verluſt eines Freundes aber, für die Leiden des Herzens fand ich keine Philoſophie.“ „O, mein Gott!“ ſagte Deniſe,„wäre es mög⸗ lich. ja, in der That, Sie ſind allein.., was iſt denn aus Bertrand geworden?“ „Er hat mich verlaſſen! er iſt meiner tollen Streiche müde geworden... und doch iſt er Derjenige, den ich im Glück wie einen Freund und nicht wie einen Die⸗ ner behandelte.“ „Bertrand hat Sie verlaſſen, er iſt von Ihnen gegangen, als Sie unglücklich und fern von Ihrer Heimath waren?... O nein, mein Herr, nein, das iſt unmöglich.. er liebte, er ehrte Sie! Bertrand iſt ein alter Soldat, der nicht vergeſſen kann, was 4¹ er Ihnen verdankt; ich möchte für ſein Herz ſtehen wie für das meinige.“ „Gleichwohl, Deniſe, ſagte ich Ihnen die Wahr⸗ heit. Doch treten wir in Ihr Haus, ſpäter enähle ich Ihnen von meinen Reiſen.“ „Ach, Verzeihung, mein Herr, ich vergaß mich ganz. treten wir ſchnell ein, ach, tomx Sie, ruhen Sie aus.“ Deniſe geleitete Auguſt in's Haus. Coco kige ihnen hüpfend und jubelnd.„Da iſt mein guter Freund wieder; jetzt wird Deniſe nicht mehr traurig ſein!“ Das junge Mädchen weckte ſchnell die alte Dienerin und ſetzte Alles in Bewegung, dem Wan⸗ derer ihr Beſtes anzubieten, und im Ab⸗ und Zu⸗ gehen blieb ſie noch mehrmals ſtehen, um ihn zu betrachten und ſich zu überzeugen, daß es keine Täu⸗ ſchung ſei; dann rief ſie aus:„Ja, hier iſt er... endlich iſt er wieder da.. er hatte uns nicht ver⸗ geſſen!“ Dabei wiſchte ſie eine Thräne ab, welche die Gemüthsbewegung ihr auspreßte und die im Augenblick durch ein Lächeln verwiſcht wurde. Auguſt war tief ergriffen von der Freude, die ſeine Ankunft im Häuschen erregte; er konnte an Deniſens Anblick nicht müde werden und bemzrkte die Veränderungen bald, die in ihrer Sprache, ihren Manieren, ihrem Anzuge vorgegangen waren; dann warf er wieder einen Blick auf ſich ſelbſt, ſeufzte und ſagte;„Die drei letzten Jahre haben große Verändexungen her⸗ vorgebracht: ſtatt einem etwas linkiſchen Milchmäd⸗ chen, einer Bäuerin, ßinde ich in Ihnen ein junges 42 Frauenzimmer voll Anmuth wieder, und ich, den Sie ſo glänzend, ſo elegant verließen, ich ſtehe hier als ein armer Leufel, der zu Fuße wandert und nicht immer ſo viel hat, um ſein Nachtlager zu bezahlen!“ „Was macht das? ſind Sie darum weniger Coco's Wohlthäter... und derjenige, der das kleine Milch⸗ mädchen ſo beſchwatzte?“ „Sie werden zugeben, Deniſe, daß ich in dieſem Aufzuge weder einem Wohlthäter, noch einem Ver⸗ führer viel gleichſehe.“ „Was mich betrifft, ſo nehme ich, wenn ich Ihnen auf dieſe Weiſe nicht gefalle, ſchnell wieder mein woollenes Mieder und das kleine Häubchen zur Hand.“ S„Sie werden immer hübſch ſein; zudem habe ich kein Recht.. ich darf nicht vergeſſen...“ Auguſt hielt inne; Deniſe ſah ihn, unruhig wer⸗ dend, an, doch er ſchien eine peinliche Erinnerung von ſich entfernen zu wollen; er ſetzte ſich daher an den Tiſch mit den Worten:„Denken wir jetzt nur noch an das Vergnügen, das ich jetzt hier genieße! Deniſe, Coco, ach! kommt zu mir her.. ein Abend des Glücks wird mich mondenlange Leiden vergeſſen machen.“ WMan ſaß zu Liſche: Auguſt war der Gegenſtand der ſorgfältigſten Aufmerkſamkeit der Bewohner des Häuschens; die Gegenwart eines hohen Monarchen würde ſie nicht ſo glücklich machen wie die des ar⸗ men Wanderers. Als Auguſt ſich ein wenig von den winſengtrirn —— —— 43 der Reiſe erholt hatte, ſetzte er Coco auf ſeinen Schooß, nahm bei Deniſen Platz und behann ſeine Erzählung:„Ich wollte reiſen, in der Hoffnung, es werde dieß meinen Kopf reifen; überdieß mußte ich wohl ſuchen, aus meinen Talenten Nutzen zu ziehen. Ich kann malen, bin kein ſchlechter Muſiker, allein es fiel mir ſchwer, in Paris Zöglinge zu ſuchen, auf dem Schauplatz meines Glanzes, wo ich keinen Schritt thun konnte, ohne auf alte Bekannte zu ſtoßen, welche, ſeit Sie mich zu Grunde gerichtet wußten, die Augen abwandten, um mich nicht grüßen zu müſſen; ich reiste alſo mit Bertrand ab.“ „Ja, und ohne daß Sie mir Lebewohl ſagten,“ bemerkte Deniſe mit einem ſchweren Seufzer. „Ich fürchtete mich, Sie wiederzuſehen ich dachte, Sie wären verheirathet. Ich habe nicht ver⸗ geſſen, was Sie mir in Ihrem Garten ſagten, als ich Sie das letzte Mal beſuchte!“ Hier erröthete Deniſe und Auguſt fuhr fort:„Ich reiste alſo ab. Wir hatten noch etwa zweitauſend Thaler übrig; bei rechter Sparſamkeit konnten wir damit weit kommen, allein es iſt mir ſo keine Unbeſonnenheiten zu begehen.“ „Und geſetzt zu ſein,“ ſagte Deniſe dalblaut. Auguſt lächelte und fuhr fort:„In Turin ſtahlen uns Abenteuerinnen unſer ganzes Vermögen bis auf einige Goldftücke, mit denen wir nach Rom gelang⸗ ten. Hier arbeitete ich: mit meiner Violine verdiente ich einiges Geld und Bertrand ertheilte Fechtunter⸗ richt, Von Rom begaben wir uns nach Reapel, wo 44 mich der Zufall mit einer Dame zuſammenführte, die ich in Paris gekannt hatte; ſie wollte mir wohl und verſchaffte mir reiche Zöglinge. Seit einem Jahre lebten wir ziemlich glücklich, als ich wegen der ſchö⸗ nen Augen einer Italienerin einige Dolchſiiche erhielt.“ „Ach, mein Gott!“ rief Deniſe,„was hatten Sie auch nöthig, eine Italienerin zu lieben?“ „Ich mußte wohl einige Zerſtreuungen ſuchen. Dieſes Abenteuer entleidete mir den Aufenthalt in Italien, wo ich überdieß kein glänzendes Glück vor mir ſah. Ich beſchloß, nach England zu gehen, wo häufig mittelmäßige Talente ſehr gut belohnt wer⸗ den. Bertrand war fortwährend geneigt, mir zu fol⸗ gen; wir verließen Italien und gelangten ohne Un⸗ fall nach England. Hier erwarb ich mir in ſehr kurzer Zeit die Freundſchaft eines Mannes aus der großen Welt; er brachte mich in die Mode und ich erhielt mehr Unterrichtsſtunden, als ich geben konnte. Ich ließ mich ſehr theuer bezahlen und ſah bald mit Freuden, daß ich eines Tages mit einem hübſchen Sümmchen werde in mein Vaterland zurückkehren können; aber ach! ich hatte das Unglück, mit einer jungen Engländerin Bekanntſchaft zu machen.“ „Gehen Sie„wieder ein Frauenzimmer!“ rief Birniſe ärgerlich. „Sie war hei ihren Eltern, die, wie ſie ſagte, ſie ſehr ſchlecht behandelten; ſie machte mir den Vor⸗ ſchlag, ich ſolle ſie entführen; ich wagte keine ab⸗ ſchlägige Antwort. Der Rathſchläge Bertrands un⸗ geachtet beging ich auch dieſe Tollheit. e die 45 Entführung machte Aufſehen, man hing mir einen Prozeß an den Hals: ich ſollte das Mädchen heira⸗ then oder eine bedeutende Summe Geldes zahlen⸗ denn in England muß man immer Entſchädigung geben. Verheirathen wollte ich mich nicht, daher zahlte ich.“ „Ach, das war weit beſſer, als ſich gezwungener Weiſe heirathen,“ ſagte Deniſe. „Dieſes Abenteuer brachte mich jedoch um meine Zöglinge und um die Frucht meiner Arbeit. In Ver⸗ zweiflung über dieſe Unfälle, deren ich nur mich ſelbſt anklagen konnte, ſchlug ich Bertrand eine Reiſe nach Schottland vor, ehe wir in unſere Heimath zurück⸗ kehrten. Einer meiner Schüler hatte mir ein Pferd zum Geſchenk gemacht; ich kaufte ein zweites für Bertrand und ſo verließen wir London. In einem ſchönen Dorfe, ich glaube, es heißt Newington, mach⸗ ten wir Halt. Nachdem wir im Gaſthauſe gefrüh⸗ ſtückt hatten, blieb ich allein bei Tiſche, der Rück⸗ kunft meines Begleiters harrend, der zur Bezahlung der Zeche weggegangen war. Erſtaunt, ihn nicht wie⸗ der kommen zu ſehen, gehe ich hinab und erkundige mich. Ihr Begleiter iſt abgereist, ſagte man mir⸗ er ſtieg zu Pferde und ſprengte im größten Galopp davon. Da ich ſeine Abweſenheit nicht begrei konnte, ſo blieb ich in der Herberge und wartete den ganzen Tag auf ihn. Ich konnte nicht glauben, daß Bertrand mich verlaſſen hätte; aber auch den andern Tag wartete ich vergebens. Ich fragte die Leute des Lir de Kock. LKRI. 8 4 46 Gaſthauſes aus; ſie konnten mir nichts ſagen, als daß er nach Berichtigung unſerer Zeche durch den Hof geeilt ſei und man ihn einen Augenblick darauf mit verhängtem Zügel habe davon reiten ſehen. End⸗ lich mußte ich wohl zur Einſicht gelangen, daß er ſich freiwillig von mir entfernt habe. Ach, Deniſe! ich kann Ihnen nicht ſagen, wie vielen Kummer mir dieſes Verlaſſenſein machte. Gewohnt, an der Seite meines alten Freundes zu leben, hatte ich oft nur zu wenig auf ſeine Rathſchläge gehört, aber ſeine Freundſchaft galt mir viel. Ohne Zweifel hat er die Geduld verloren, und, die Hoffnung aufgebend, mich vernünftig zu machen, wollte er mein Mißge⸗ ſchick nicht länger theilen, und doch hatte er mir ge⸗ ſchworen, mich nur mit dem Tode zu verlaſſen und ich traute ſeinem Schwur, denn der eines Freundes iſt heiliger als der einer Geliebten!“ „Bertrand ſollte Sie verlaſſen haben? Ich kann es gar nicht faſſen!“ ſagte Deniſe. „Ich änderte jetzt mein Vorhaben: es gelüſtete mich nicht mehr nach Schottland, und ich beſchloß, nach Frankreich zurützukehren. Ach! ich hatte nöthig, den Boden meines Heimathlandes zu betreten; ich empfand ein inniges Verlangen, Sie wiederzuſehen und dieſes Kind zu küſſen. Ich verkaufte mein Pferd und bezahlte mit dem Erlös die Ueberfahrtskoſten. In Calais angelangt, ging ich mit meiner Börſe zu Rath und entſchloß mich zu einer Fußreiſe, aber ich geſtehe es, meine Kräfte ließen häufig meinen Muth im Stich. An Wohllehen gewöhnt, habe ich noch ——— 47 die Bedürfniſſe eines verweichlichten Stutzers, wäh⸗ rend mein Anzug jetzt einen beſcheidenen Wanderer verkündet, und mehr als einmal mußte ich unter⸗ wegs Halt machen; endlich bin ich bis hierher ge⸗ langt. Ehe ich wieder nach Paris gehe, trieb es mich, dieſen Ort wiederzuſehen, zu vernehmen⸗ was Sie machten, Deniſe! Hier wäre ich nun an Ihrer Seite; Kummer und Mühſeligkeiten ſind ver⸗ geſſen, und morgen werden Sie mit Hülfe eines Raſirmeſſers, weißer Wäſche und einigen Aenderun⸗ gen in meiner Toilette zwar nicht den glänzenden Dalville, doch wenigſtens den armen Auguſt wieder⸗ ſehen, dem Sie Ihre Freundſchaft bewahrten.“ Auguſt küßte das Kind. Deniſe, welche an der Erzählung ſeiner Reiſen lebhaften Antheil genommen hatte, fragte jetzt:„Hoffentlich reiſen Sie nun nicht mehr in der Welt herum?“ „Du bleibſt bei uns, mein Freund,“ ſagte Coco. „Jo, ich ſehe, daß ich auf die Hoffnung verzichten muß, mit meinen Talenten reich zu werden. An's Reiſen denke ich nicht mehr. Was ich treiben werde, weiß ich nicht recht, doch unter meinen Pariſer guten Freunden, die mich keines Blickes mehr würdigen, ſind viele, gegen die ich gefällig war und die noch meine Schuldner ſind. Man ſchuldet mir wohl an die zwölftauſend Frankenz ich ſuchen, wenigſtens die Hälfte einzutreiben, dann.. „Kommen Sie zu uns und— ſich bei uns nicht wahr, mein Herr?“ „Wenigſtens werde ich Sie häufig nuen Deriſe.⸗ „ „Aber Sie gehen nicht ſo bald nach Paris.„ Sie verlaſſen uns lange nicht...“ „Nein, ich verſpreche es Ihnen.“ „Bedenken Sie, daß Sie hier zu Hauſe ſind. Von dem, was Sie Coco ſchenkten, bauten wir die⸗ ſes Häuschen; Sie ſehen wohl, daß es Ihnen ge⸗ hört.“ „Nein, Deniſe, dieſe Wohnung iſt das Vermögen dieſes Kindes; ich fühle mich überglücklich, daß ich Etwas zu ſeinem Glück beitragen konnte und beklage nur, daß ich nicht Alles auf dieſe Waiſe verwendete, was ich für meine Vergnügungen ausgab. Von mei⸗ nen Thorheiten iſt mir nichts geblieben; von dem Guten, das man thut, aber bleibt immer Etwas.“ „Auch ſind Sie jetzt völlig anders... Sie lieben nicht mehr alle Frauen, nicht wahr?“ „Meiner Treu', Deniſe, darauf möchte ich nicht ſchwören. In meinem fünften Stock hatte ich eine große Lehre erhalten und doch auf meinen Reiſen keinen Nutzen daraus gezogen. Ach! wäre ich von einem aufrichtigen, guten, geſetzten Mädchen, wie Sie, Deniſe, wahrhaft geliebt worden, vielleicht wäre ich bereits beſſer geworden!“ „Wie, mein Herr,“ ſagte Deniſe erröthend,„liebe ich Sie denn nicht?“ „Doch. wie einen Bruder, ich weiß es, und Ihr rührender Empfang, die Freude, die Ihnen meine Rückkunft verurſachte, beweiſen mir, welche innige Freundſchaft Sie für mich hegen. Aber, liebe Deniſe, e Bit ein ſüßeres, zärtlicheres Gefühl, das . „— 49 ich Ihnen einzuflößen hoffte, ehe Sie mir beſtimmt geſagt hatten, daß Sie mich nie lieben würden.. ſchlagen Sie nicht die Augen nieder, Deniſe, ich mache Ihnen damit keinen Vorwurf: über ſein Herz kann man nicht gebieten, und ich geſtehe, ich war des Ihrigen nicht würdig. Ich will mich daran zu gewöhnen ſuchen, daß ich Sie wie eine Schweſter betrachte; ſeit unſerm Geſpräch in dem Garten Ihrer Tante ließ ich mir dieſes angelegen ſein. Es wird mir ſchwer werden, doch mit der Zeit gelingen. Laſſen wir das; jetzt bin ich ſo glücklich, daß ich mich bei Ihnen befinde!... Nun, wie? Sie ſprechen nicht mehr, Deniſe?“ „Doch, mein Herr, doch... aber Sie müſſen der Ruhe bedürfen.“ „In der That: die Reiſe hat mich müde ge⸗ macht und meine Erzählung Sie lange hingehalten.“ „Kommen Sie, mein Herr, ich will Sie in den kleinen Pavillon führen, den ich nach dem Garten zu bauen ließ: dort iſt das ſchönſte Zimmer des Hauſes; ich wünſchte Ihnen eine noch beſſere Woh⸗ nung anweiſen zu können.“ „Sie vergeſſen, Deniſe, daß ich nicht mehr der Stutzer der Chauſſée d'Antin bin! Werfen Sie doch einen Blick auf meinen Anzug.“ „Ach, mein Herr, für mich ſind Sie immer der⸗ ſelbe.“ Das junge Mädchen führte Auguſt in den Pavillon und ließ ihn dann allein.„Auf morgen!“ rief ſie ihm noch zärtlich zu und ging hierauf in ihr Ge⸗ — mach zurück.„Er glaubt, ich habe nur Freundſchaft für ihn,“ ſagte ſie bei ſich,„er irrt; was ich für ihn fühle, iſt wahre, innige Liebe. Mein Gott! warum folgte ich früher dem Herrn Bertrand? War⸗ um ſagte ich ihm, daß ich ihn nicht liebe?.. So geht's, wenn man lügt; doch ich werde ihm die Wahrheit ſagen, weil ich nicht will, daß er mich wie ſeine Schweſter zu betrachten ſich bemüht.“ Viertes Kapitel. Die Geſtändniſſe.— Der Antrag. Wie ſüß iſt es, nachdem man drei Jahre die Welt umwandert hat, um ſein Glück zu ſuchen, nach⸗ dem man in allen Ländern dieſelben Laſter, dieſelben Leidenſchaften, dieſelben Thorheiten gefunden, nach⸗ dem man endlich noch ärmer zurückgekehrt iſt, als man ausgegangen wie ſüß iſt es da, am Morgen unter einem gaſffreundlichen Dache zu erwachen, bei treuen Freunden, die unſer Mißgeſchick nicht verän⸗ derte und die unſere Rückkunft glücklich macht! Es iſt dieß der Hafen nach dem Sturme, ein heiterer Himmel nach dem Ungewitter, ein Lichtſtrahl nach langer Finſterniß. So war Auguſts Erwachen; für ihn iſt das Häus⸗ chen ein Palaſt, ja noch mehr, denn es umſchließt Deniſe und Coco. Er ſtand auf, und nachdem er ſich eine Weile an der reinen Gartenluft gelabt hatte⸗ dachte er an ſeine Loilette. Nicht ungeſtraft wohnt .— 5¹ man mit einem reizenden jungen Mädchen, das man noch liebt, obgleich man nur ihr Freund ſein will⸗ unter einem Dache. Der große Bart war mit Hülfe des Raſirmeſſers bald entfernt, allein Auguſts beſcheidenes Felleiſen enthielt nur einen Frack, eine Weſte, ein Paar Bein⸗ kleider und beinahe keine Wäſche. Seufzend durch⸗ ſuchte er ſeine geringe Habe, als man leicht an der Thüre pochte und Coco's Stimme ſich vernebmen ließ.„Ich bin's, mein guter Freund!“ Auguſt öffnete dem Kinde, das ein ziemlich ſtar⸗ kes Päckchen trug und auf ſein Bett niederlegte. „Was iſt das, mein Freund?“ fragte Auguſt, nachdem er ihn geküßt hatte. „Ich weiß nicht, mein guter Freund; Deniſe ſagte mir, ich ſoll Dir's bringen... adieu, ich will meiner Ziege zu frühſtücken geben... Du haſt ſie geſtern nicht geſehen: kleide Dich recht ſchnell an und ſage ihr dann guten Morgen.“ Als das Kind wieder fort war, öffnete Auguſt das Paket, welches feine Männerwäſche enthielt, nebſt einem Zettelchen mit den Worten:„Coco bietet Ihnen das an; bedenken Sie, daß er Ihre Wohl⸗ thaten einſt nicht von ſich wies.“ „Gute Deniſe!“ ſagte Auguſt,„welche Aufmerk⸗ ſamkeit!... Und wie ſie ſich das verſchaffen konnte! Sie kann nicht geſchlafen haben und muß bereits im Dorfe umhergerannt ſein! Wenn ihre Freundſchaft ſo zu Werke geht, wie wäre es erſt, wenn man— Liebe beſäße!“ 52 Indeß fiel es Auguſt ſehr ſchwer, die Geſchenke des jungen Mäbchens anzunehmen. Wenn man zu Geben gewohnt iſt, ſo fällt das Nehmen etwas hart. Endlich kämpfte er ſeinen Stolz nieder, der ihn noch ſchwanken machte; er fühlte, daß eine Weigerung Deniſen wehe thun mußte, und dieß bewog ihn zur Annahme. Nach Beendigung ſeiner Toilette begab er ſich in den Garten, wo er Deniſe fand, die ihm mit dem holdſeligſten Lächeln und einem Blick, in dem nicht der bloße Ausvruck der Freundſchaft lag, entgegen kam. Coco ſprang auf ihn zu und rief:„Ah! jetzt kenne ich Dich ganz wieder, jetzt biſt Du wie früher.“ „Das danke ich Ihnen, Deniſe,“ flüſterte Dal⸗ ville dem Mädchen zu; doch die Kleine legte ihm die Hand auf den Mund er ergriff ſie und drückte ſie lautlos an ſein Herz. WMan beſichtigte nun das Häuschen, den Garten, jeden Pfad rings um die Wohnung, und ſtets wie⸗ derholte der Kleine:„Finden Sie es gut? ſind Sie zufrieden mit der Verwendung Ihres Geldes?“ „Was mich überraſcht,“ ſagte Auguſt,„iſt, daß man mit tauſend Thalern ein Haus bauen kann.“ „Erſtlich, mein Herr, hatten wir den Grund und Boden, und dann bemerken Sie, daß das Häuschen nur vier Gemächer und die Speicherböden hat.“ „Aber der hübſche Pavillon, wo ich dieſe Nacht wohnte!“ „Ah, den ließ ich nach dem Tode meiner armen Tante aufführen. Ich wollte lieber hier als in un⸗ — — — 53 ſerm Hauſe bauen; ich glaubte mich hier weniger fern von Ihnen.“ Dieſe Worte waren wieder von einem holden Lächeln begleitet und nicht ſehr geeignet⸗ Auguſt zu beſtimmen, daß er das junge Mädchen nur als ſeine Schweſter betrachte. Nach dem Frühſtück ſetzte man ſich in den Schat⸗ ten einer Sirengenlaube. Man plauderte; nach einer langen Abweſenheit hat man ſich ſo Vieles zu ſagen. Die Kleine ward nicht müde, Auguſt von ſeinen Rei⸗ ſen erzählen zu hören. Bei dem Namen Bertrand entrang ſich jedesmal ein Seufzer ſeiner Bruſt; De⸗ niſe ergriff dann ſeine Hand und drückte ſie zärtlich, zum Zeichen, daß er noch Freunde habez er fuhr in ſeiner Erzählung fort, aber die Hand der Kleinen war in der ſeinigen geblieben, und ſie dachte nicht daran, dieſelbe zurückzuziehen. Ganz dem Glücke lebend, in Deniſens Nähe zu ſein und zärtliche Blicke mit ihr zu tauſchen, ſchien Auguſt nicht daran zu denken, daß er das Mädchen nur mit den Augen eines Freundes betrachten ſolle. Deniſe ſtrebte keineswegs nach Verhüllung ihrer Ge⸗ fühle; ſie wünſchte im Gegentheil, er möchte im Grunde ihres Herzens leſen. So verſtrichen mehrere Tage mit unerwarteter Schnelligkeit. Morgens er⸗ gingen ſich Beide im Freien; Coco begleitete ſie be⸗ ſtändig: ſeine Gegenwart beläſtigte ſie nicht, denn ihre Augen allein verriethen ihre Gefühle und eine unſchuldige Liebe ſcheut die Zeugen nicht. Abends im Häuschen wieder beiſammen, ſahen ſie die Stun⸗ 54 den raſch dahin fliehen, und bei der Trennung ſpra⸗ chen ſie ein zärtliches„morgen!“ Doch Auguſt konnte ſich nicht verhehlen, daß er Deniſe anbete. In der Ueberzeugung, ſie fühle nur Freundſchaft für ihn, ſagte er bei ſich:„Dieſe Kleine wird mir den Kopf verrücken. Gleichwohl liebt ſie mich nur wie ihren Bruder; ſie weiß nicht, wie ge⸗ fährlich ihre zärtlichen Blicke, ihre Liebkoſungen für meine Ruhe ſind. ich muß ſie verlaſſen und nach Paris zurückkehren: noch einige Tage, und ich habe die Kraft nicht mehr.“ Deniſe ihrerſeits dachte:„Mein Gott! ſieht er denn nicht, daß ich ihn liebe? Ich thue doch mein Möglichſtes dafür!... Will er mich nicht verſtehen? So werde ich es ihm wohl ſagen müſſen, und jetzt, wo er kein Vermögen beſitzt und ich Etwas habe, wird ihm vielleicht das kleine Landmädchen ſchon ge⸗ nügen.“ Obgleich Auguſt öfters wiederholte, daß er ſich von Deniſen entfernen müſſe, verließ er doch das Häuschen nicht, wo er ſich ſo wohl befand. Eines Abends jedoch war er allein mit dem jungen Mäd⸗ chen.„Wie kommt es, Deniſe,“ ſagte er zu ihr, „daß Sie nicht verheirathet ſind?“ „Weil ich nicht wollte, mein Herr,“ antwortete Deniſe und heftete ihre ſchönen Augen auf Auguſt. „Und doch liebten Sie... Sie ſagten es mir! Hat ſich Ihrer Heirath mit dem, welchem Sie den Vorzug gaben, irgend ein Hinderniß entgegenge⸗ ſtellt?“ —————————— Deniſe erröthete und wagte nicht mehr, Auguſt anzuſehen; endlich ſtotterte ſie mit zitternder Stimme die Worte hervor:„Mein Herr, ich belog Sie früher.“ „Wie ſo, Deniſe?“ „Sie wiſſen wohl noch.. im Garten meiner Tante... als ich Ihnen ſagte, ich hätte einen Lieb⸗ haber. Herr Bertrand hatte mich nämlich verſichert⸗ Sie kämen nicht in's Dorf, aus Furcht, mich zu lie⸗ ben... und ich, ich wünſchte ſo ſehr, Sie zu ſehen, daß ich Ihnen ſagte, ich liebe Sie nicht.“ „Theure Deniſe, wäre es möglich?“ rief Auguſt und drückte die Kleine an ſein Herz. „Ja, dieß iſt die Wahrheit, und ſeither machten mir dieſe Worte vielen Kummer, denn Sie kamen darum nicht öfter und dachten, ich liebe einen Andern als Sie.“ Auguſt blickte das junge Mädchen zärtlich an; bald aber umzog ſich ſeine Stirne mit düſtern Wolken, er ſchlug die Augen zur Erde und ſchien in tiefe Ge⸗ danken verſunken. Verwundert über ſeine Stille und ſeine Riedergeſchlagenheit näherte ſich ihm die Kleine und ſagte ſchüchtern:„Sind Sie böſe, daß ich Sie liebe?“ „Ach, Deniſe, das hätte mein Glück machen kön⸗ nen. jetzt aber...“ „Nun jetzt?“ Auguſt antwortete nicht und das junge Mädchen ſagte nach einer Weile zu ihm:„Mein Herr, wollen Sie mich heirathen?“ „Sie heirathen, Deniſe?“ „Ja, früher hätte ich das nie zu hoffen gewagt, denn Sie waren ſehr reich und konnten kein Land⸗ mädchen zur Frau nehmen; aber Sie haben jenes Vermögen verloren, das Sie in der großen Welt feſthielt; Sie wiederholen täglich, daß Sie jene Ko⸗ ketten, jene vornehmen Damen, die Sie betrogen, nicht mehr lieben werden. Ach, wenn Sie mich jetzt wollten. ich gehöre Ihnen. Ich habe kein großes Vermögen, aber ich habe genug für uns Beide und werde Sie nicht betrügen!“ Auguſt war tief ergriffen von Deniſens rühren⸗ dem Antrag; doch er beſchränkte ſich auf einen Hände⸗ druck und ſeufzte dabei tief. Ungeduldig harrte die Kleine ſeiner Antwort; ſein Schweigen machte ſie glauben, ihr Antrag habe ihm mißfallen: ſie entfernte ſich einige Schritte und konnte ihre Thränen nicht zu⸗ rückhalten.„Ich machte Sie böſe durch meinen Hei⸗ rathsantrag,“ ſtotterte ſie;„Verzeihung, mein Herr, ich vergaß, daß ich nur eine Bäuerin bin ich glaubte, Sie liebten mich!“ „Ach, Deniſe, ich liebe Sie mehr, als ich jemals ein Frauenzimmer geliebt habe! Das Gefühl, das ich für Sie empfinde, iſt hundert Mal ſüßer, zärt⸗ licher, als die Gefühle, die mich zu ſo vielen Thor⸗ heiten trieben. Sie ſagen, Sie ſeien nur eine Bäue⸗ rin? Aber durch Ihre Tugenden, Ihre Vorzüge ſtehen Sie höher als eine große Dame, ſelbſt wenn Sie nicht dieſe bezaubernden Züge, dieſe Anmuth, dieſe rührende Stimme, die bis in's Innerſte der Seele dringt, als Erbtheil hätten.“ 57 „Sie lieben mich?.. Ach, wie glücklich bin ich!.. Sie wollten mich alſo wirklich zur Frau?“ Auguſt warf einen langen zärtlichen Blick auf Deniſe und ſagte dann endlich:„Morgen, Deniſe, morgen ſollen Sie meine Antwort erhalten.“ „Morgen? und warum nicht ſogleich? Sie müſſen ſich alſo ſehr darüber beſinnen?“ „Morgen, liebe Deniſe.“ Die Kleine ſchwieg. Den übrigen Theil des Abends zeigte ſich Auguſt zärtlicher und verliebterz ſeine unabläßig auf Deniſe gehefteten Augen drückten die wahrſte Liebe aus, und als er ſpät Abends von ihr ſchied, um in ſeinen Pavillon zurückzukehren, drückte er ſie mit Inbrunſt an ſein Herz und ſchien ſich nicht mehr von ihr losreißen zu können. Als er ſie endlich verließ, ſagte Deniſe bei ſich:„O, er wird mich wohl heirathen wollen, aber warum ſagt er mir's⸗nicht ſogleich?“ Das junge Mädchen ſchlief nicht; ſie war zu be⸗ wegt, als daß ſie Ruhe finden konnte. Statt der Träume ſchuf ihre Einbildungskraft tauſend reizende Gemälde: ſie ſah ſich als die Lebensgefährtin des Mannes ihrer Liebe und brachte den Reſt ihrer Tage an ſeiner Seite hin; eine ſo ſüße Zukunft wiegt wohl die angenehmſten Träume auf, und man ſucht nicht einzuſchlafen, wenn man das Glück in Wirk⸗ lichkeit beſitzt. Endlich erſchien der Tag; Deniſe ſtand auf und verweilte länger als gewöhnlich bei ihrer Toilette. Das iſt wohl verzeihlich, wenn man weiß, daß man vor Dem erſcheinen wird, den man ſeinen Gatten zu nennen wünſcht. Sie verließ ihr Zimmer und begab ſich in den Garten, wo ſie Auguſt jeden Mor⸗ gen fand, allein er war nicht da, und die Kleine wunderte ſich, daß er noch ſchlafe, denn ſie dachte, er müſſe dieſelbe Schlafloſigkeit empfunden haben und es werde ihn drängen, ſie wiederzuſehen. Sie ſetzte ſich unter die Laube, wo ſie geſtern geplaudert; von hier erblickte ſie den Pavillon. Un⸗ geduldig harrte ſie, bis Auguſt erſcheine, allein die Thüre that ſich nicht auf, und Coco, den Deniſe noch nicht geſehen hatte, kam, mit einem Brief in der Hand, auf ſie zugelaufen. „Hier, lieb' Denischen, das hat mir mein guter Freund für Dich gegeben,“ ſagte Coco, ihr den Brief überreichend. „Dein guter Freund? Du haſt alſo Hérrn Auguſt ſchon geſehen?“§ „Ja; o, er ſtand auf, ſchon ehe es Tag war!“ „Wo iſt er denn jetzt?“ „Er hat mich ſehr geküßt und ging dann aus; wohin, weiß ich nicht.“ Deniſe fühlte ſich bereits beengt; zitternd erbrach ſie das Schreiben und las:„Ich liebe Sie, theure Deniſe, an meiner Liebe dürfen Sie nicht zweifeln! Soll ich jedoch Ihr Geſchick an mein Elend ketten, nachdem ich durch eigene Schuld mein Vermögen ver⸗ loren habe? ſoll ich Ihnen die Hand eines Mannes bieten, der nicht einmal die ländlichen Arbeiten ver⸗ ſteht, mit deren Hülfe man allein Ihr Gut umtrei⸗ 59 ben kann? Nein, Deniſe, ich bin nicht würdig, Ihr Gatte zu ſein; ich kann mich nicht entſchließen, auf Koſten einer Frau zu leben, die mir eine glückliche Zukunft zum Opfer brächte. Ihr gutes Herz hat Sie ohne Zweifel getrieben, mir Ihre Hand anzubieten, vielleicht ſtellten Sie ſich ſogar nur, als liebten Sie mich, um mich zur Annahme Ihrer großmüthigen Anerbietungen zu veranlaſſen.. allein ich darf nicht. Leben Sie wohl, Deniſe; wenn ich wieder reich werde, fliege ich zu Ihnen; doch ich hoffe es kaum mehr. Leben Sie wohl, ich werde Sie wieder ſehen, wenn ich die Kraft habe, Sie nur noch wie meine Schwe⸗ ſter zu betrachten.“ Todesbläſſe überzog hier das Geſicht des jungen Mädchens, deſſen Händen der Brief mit dem Aus⸗ druck entſank:„Er glaubt nicht an meine Liebe!“ „Nun denn, und ſchreibt Dir mein guter Freund, wohin er gegangen iſt?“ fragte Coco. „Ach! er verläßt, er flieht uns; er denkt, wir lieben ihn nicht!“ Hier brach Deniſe in Thränen aus. Das Kind eilte in ihre Arme, ſie drückte es an ihr Herz und ſagte ſchluchzend zu ihm:„Ach, ich ſterbe darüber vor Kummer!.. Du ſagſt ihm dann, er ſei Schuld daran dann glaubt er vielleicht, daß ich ihn liebte.“ 7 — Fünftes Kapitel. Wieder Virginie. Am frühen Morgen ſchied Auguſt von dem Häus⸗ chen, worin er vierzehn Tage zugebracht hatte, die er als die ſchönſten ſeines Lebens betrachtete. Nicht ohne Selbſtüberwindung riß er ſich von Deniſen los; es gehört viel Muth dazu, eine Frau zu verlaſſen, die man liebt, wenn dieſe uns ſo eben ſelbſt ihr Herz anbot. Doch man muß ſich erinnern, daß Auguſt reich war und noch iſt nicht jede Regung des Stolzes in ihm erloſchen; dieſer Stolz konnte ſich nicht an den Gedanken gewöhnen, Deniſen nur die Hand ei⸗ nes jeder Hülfsquelle beraubten Unglücklichen zu bie⸗ ten; kurz, er fürchtete, das junge Landmädchen möchte nur aus Erkenntlichkeit für die Coco erzeugten Wohl⸗ thaten, aus Güte oder gar aus Menſchlichkeit ihm ihre Hand bieten. Ein vom Unglück getroffenes Herz iſt leicht verletzt; die Furcht vor einer Erniedrigung macht ungerecht; eine Wohlthat ſcheint ein Almoſen;z Tröſtungen ſind nur Mitleid. Mit ſeinem kleinen, an den Stock gehängten Bün⸗ vel machte ſich Auguſt auf den Weg nach Paris. Als er die große Stadt wiederſah, konnte er einen Seuf⸗ zer nicht zurückhalten, drückte ſodann ſeinen Hut tiefer in's Geſicht und ging geſenkten Hauptes daher, aus Furcht, er möchte irgend einem alten Bekannten be⸗ gegnen. Armuth iſt doch kein Verbrechen! Warum alſo ſcheint ein Unglücklicher den Blicken ausweichen zu wollen, während ſo viele Schurken den Kopf hoch⸗ 6¹ tragen? Warum ſchämt man ſich der Worte:„3ch habe keinen Sou!“ mehr als der Erflärung: Ich habe hunderttauſend Franken Schulden?“ Weil man in der Welt nur Leute, die Geld haben, beſucht und ihnen anhängt; weil man nur zu häufig die Augen zudrückt über die Quellen der Reichthümer einer Menge von Ränkeſchmieden, die auf Koſten von zwan⸗ zig durch ſie zu Grunde gerichteten Familien prun⸗ ken und aus ihrer Kaleſche und glänzenden Equipage hochmüthig auf Diejenigen herabſehen, die ſie an den Bettelſtab gebracht haben; weil man bei Dem jedes Laſter entſchuldigt, der es mit Gold zu bedecken ver⸗ ſteht, einem armen Teufel aber nie einen Irrthum verzeiht; weil man vor einer mit Diamanten und Caſhmiren geſchmückten Meſſaline Complimente macht, einem jungen Mädchen aber, das ſich aus Liebe einem Manne hingab, der ſie nicht unterhalten kann, die Thüre verſchließt. Das Alles iſt zwar traurig, aber es iſt wahr. Auguſt hütete ſich wohl, durch die Rue St. Geor⸗ ges zu gehen; er ſchlug den Weg nach dem Marais ein. Er muß mit großer Sparſamkeit zu Werke ge⸗ hen, deßhalb miethet er ſich in einem alten Hauſe der Rue de Berry ein, wo er ein ſogenanntes möblir⸗ tes Cabinet im ſechsten Stocke fand, das ihn monat⸗ lich fünfzehn Franken koſtete, wovon er die Hälfte vorausbezahlte. Derſelbe glänzende Dalville, der ſeine Tage in Vergnügungen hinbrachte, der in Manieren und Ele⸗ Paul de Kock. LRXl. 5 ganz den Ton angab, der geſucht, der feſtlich em⸗ pfangen wurde, um den man ſich in den Cirkeln ſtritt, den zu feſſeln die Frauen ſtolz waren, eben⸗ derſelbe Dalville ſah ſich jetzt einen Dachboden zur Wohnung, ein ſchlechtes Lager zum Bett angewieſen. Bei ſeinem Eintritt in dieſen armſeligen Aufenthalt konnte er ein ſchmerzliches Gefühl nicht überwältigen; er ſank auf einen Stuhl, der unter ihm ächzte. Als er die Augen auf die kaum mit einigen Fetzen be⸗ klebten Wände warf, die halb in Trümmern liegen⸗ den Manſarden und Mobilien ſeines Cabinets be⸗ trachtete, da gedachte Auguſt des alten Dorfeuil und beſonders erinnerte er ſich ſeiner Erzählung; dann ließ er ſeinen Kopf auf die Bruſt herabſinken und ſeufzte:„Es hat mich nicht gebeſſert!“ Nach einer Weile ſeinen Muth zuſammenraffend, ſah er eine aus ſeiner Brieftaſche genommene Liſte all' der Perſonen, die ihm ſchuldeten, durch, mit dem Vorſatz, den kommenden Tag zum Beſuche ſei⸗ ner Schuldner zu verwenden. In dieſem Augenblick wäre ihm der Eingang einer einzigen Schuld von großem Nutzen: aller Sparſamkeit auf ſeiner Reiſe ungeachtet blieben ihm nach Bezahlung der erſten Monatshälfte ſeiner Miethe nur eilf Franken übrig. Er empfahl ſich der Herrin des Hauſes für Muſik⸗ und Zeichenunterricht, allein wird er Schüler finden, und womit ſoll er, ehe er die erſte Bezahlung er⸗ hält, leben? Solche Betrachtungen waren nicht ge⸗ eignet, ſeiner ohnehin traurigen Wohnung ein lachen⸗ deres Anſehen zu geben. Wäre mindeſtens ſein ehe⸗ — — 63 maliger Gefährte noch dageweſen, um ihn zu tröſten und ſeinen Muth aufzurichten! Oefters wandte ſich Auguſt, von der Gewohnheit getrieben, um, und ſuchte Bertrand in ſeiner Nähe, aber im Begriff, ihn zu rufen, erinnerte er ſich ſeines Verlaſſenſeins und ſein Herz blutete auf's Neue. Einen Augenblick kam ihm der Gedanke, nach ſeiner frühern Wohnung zu gehen und ſich zu erkun⸗ digen, ob Strack etwa Bertrand geſehen habe und dieſer in Paris iſt; allein er verzichtete auf dieſen Schritt, wenn er bedachte, daß er Bertrand bei dem alten Portier treffen könnte und einem Menſchen nicht nachlaufen dürfe, der ſich durch ſeine Undankbarkeit der Sehnſucht nach ihm unwürdig zeißte. In Gedanken an Deniſe, in der Erinnerung an die ſüßen mit ihr verlebten Augenblicke ſuchte Auguſt ſeine traurige Lage zu vergeſſen. Er weiß wohl, daß er bei Deniſen ſtetseine Zufluchtsſtätte finden wird, allein er kann ſich nicht entſchließen, auf Koſten des jungen Mädchens zu leben.„Vielleicht,“ ſagte er immer wieder bei ſich,„bot ſie mir ihre Hand aus Mitleid.“ Nachdem Auguſt den andern Tag ſeinen alten Frack ſorgfältig ausgebürſtet und ſein Elend möglichſt verbergen geſtrebt hatte, machte er ſich auf den eg, um ſeine Schuldner aufzuſuchen. Die beiden erſten Gänge waren nicht glücklich: der Eine iſt todt, der Andere nach Vordeaux abgereist, wo Auguſt ihn nicht aufſuchen kann. Bei einem Dritten war er glücklicher: es iſt dieß ein junger Mann, der gleich 64 Auguſt ſteits dem Vergnügen lebte; er war gerade bei ſeiner zweiten Toilette, als ſein Gläubiger zu ihm gelangte. Eines armſelig gekleideten Menſchen willen macht man nicht viele Umſtände, und der junge Mann, der Dalville nicht erkannte, fuhr in Anlegung ſeiner Hals⸗ binde fort.„Was wollen Sie?“ fragte er barſch. „Zuerſt Sie beſuchen.. erkenut Leo mich nicht?“ Verwundert, ſich bei ſeinem Taufnamen nennen zu hören, warf der junge Mann einen verächtlichen Blick auf Auguſt.„Der Teufel ſoll mich holen,“ ſagte er,„wenn ich Sie kenne; ſollten je Beziehnn⸗ gen zwiſchen uns haben ſtattfinden können?“ „Ja, mein Herr, denn Auguſt Dalville hatte mehrmals Gelegenheit, Ihnen Dienſte zu leiſten.“ „Auguſt Dalville!“ rief der junge Mann, ſich auf's Neue umdrehend,„wie, mein Lieber, Du biſt's?“ „Ich ſelbſt.“ „O, nicht möglich!... Du ſiehſt aus wie ein Räu⸗ ber! Kommſt Du aus dem Gefängniß?“ „Nein, Gott ſei Dankz obgleich ſehr unglücklich, kam ich doch nie in den Fall, eingeſtect zu wer⸗ den.“ „Hör' einmal, mein Lieber, man kann deßhalb doch ganz ehrlich ſein; ich war mehr als einmal in St. Pelagie, und wahrſcheinlich komme ich wieder hin. der arme Auguſt... die verdammte Binde, ich komme nie damit zu Stande!... Ei! welcher Zu⸗ fall führt Dich her, mein Freund, ſeit einem halben Jahrhundert ſieht man Dich ja nirgends mehr.“ 5 65 „Es ſind jetzt drei Jahre, daß ich Paris ver⸗ laſſen habe; ich bin in Italien und in England ge⸗ weſen.“ „O Teufel! ſage mir, iſt es wahr, daß die Eng⸗ länder ihre Halsbinden en groom anlegen?“ „Darnach fragte ich auf meinen Reiſen nicht. Ich ſagte Dir, Leo, ich bin nicht glücklich; doch als ich reich war, nahmſt Du mehr als einmal Zuflucht zu meinem Geldbeutel: ich lieh Dir über tauſend Fran⸗ ken; die Hälfte dieſer Summe wäre mir jetzt ſehr nothwendig, und ich komme, Dich um dieſe Abſchlags⸗ zahlung an meinem Guthaben zu bitten.“ „Wahrlich, mein lieber Auguſt, Du wählſt Deine Zeit ſehr ſchlecht: geſtern verlor ich Alles, was ich noch hatte, auf der Roulette... ich wollte das Glück verſuchen!... Ich habe nichts mehr, und wenn ich nicht mindeſtens zehn Louisd'or auftreibe, um eine reizende Dame in's Boulogner Wäldchen zu führen, bin ich ein verlorener Mann... wahrſcheinlich geht dann meine Schöne mit einem Andern in's Gehölz und Du ſiehſt wohl ein. findeſt Du, daß meine Binde gut ſitzt?“ „Leo, ich glaubte, Du habeſt ein beſſeres Herz... Du willſt zehn Louisd'or auftreiben, um Deine Schöne ſpazieren zu führen, und für mich, dem Du ſchuldig biſt, der ſich in einer drückenden Lage befindet, treibſt Du ſie nicht auf!“ „Ich ſage Dir nicht, mein Lieber, daß ich ſie nicht auftreiben wolle. Komm' in einigen Tagen wieder, ich verſpreche Dir, Alles, was ich im Spiel 66 gewinne, für Dich auf die Seite zu legen. Mein armer Dalville, auf Ehre, es thut mir herzlich leid nun, dieſe Schleife hält einmal ſchlecht, es iſt etwas Schreckliches.. das ftört die ganze Harmonie einer Toilette.“ Auguſt verließ den jungen Gecken und wunderte ſich, wie er früher die Geſellſchaft eines Menſchen habe ſuchen können, deſſen Kopf eben ſo leer iſt wie ſein Herz. Er begab ſich nach den Wohnungen an⸗ derer Schuldner: die Einen waren abweſend, die Andern ausgezogen. Von Müdigkeit erſchöpft und mit geringen Hoff⸗ nungen auf glücklichern Erfolg für den andern Tag kam Auguſt nach Hauſe zurück. Mehrere Tage lief er unabläßig ſeinen Schuldnern nach, allein die Mehr⸗ zahl iſt unauffindbar oder unſichtbar. Diejenigen, die er trifft, haben nie Geld, und es iſt ihm unmöglich, des jungen Leo wieder habhaft zu werden. Eben ſo vergeblich ſuchte er die Wohnung des Marquis von Cligneval. Als er jedoch eines Tages nach Hauſe zurückkehrte, erblickte er den Herrn Marquis: Auguſt eilte auf ihn zu und hielt ihn an. „Was wollen Sie von mir?“ ſagte Cligneval hochmüthig. „Ich habe Etwas mit Ihnen zu ſprechen, mein S „Ich kenne Sie nicht.“ w „Sie kennen mich nicht?“ rief Nuguſt wüthend und vertrat dem Marquis, der ſich entfernen wollte, den Weg. Auguſts Ton, das Feuer ſeiner Augen 67 gaben ohne Zweifel dem Herrn von Cligneval das Gedächtniß wieder.„Ach, Verzeihung,“ verbeſſerte er ſich und erzwang ein Lächeln,„Millionen Mal Verzeihung!... Herr Dalville iſt's.. ich war ſo in Gedanken. ich war im Begriff, zum Eſſen zu gehen man erwartet mich und...“ „Mein Herr, ſeit langer Zeit ſind Sie mir Geld ſchuldig, das Sie nur für einige Tage von mir borgten.“ „Ich Ihnen Geld ſchuldig?... O, ich verſichere Sie, Sie ſind im Irrthum.“ „Wie, mein Herr?“ „O, erlauben Sie, ich habe Sie bezahlt. ich ſtehe Ihnen dafür, daß ich Sie bezahlt habe; es iſt ſchon lange her und deßhalb werden Sie es vergeſſeu haben.“ „Sie wagen es, zu behaupten... „Mein lieber Freund, Sie verwechſeln meine Schuld mit der eines Andernz wahrhaftig, ich habe Sie be⸗ zahlt!.. Beſinnen Sie ſich... Sie werden ſich erin⸗ nern. ſolche Dinge trügen, wenn man Vielen borgt, man vergißt es, gerade wie beim Boſton; es gibt Leute, die immer zwei Mal den Satz verlangen... leben Sie wohl.. auf Wiederſehen, ich gehe zum Eſſen.“ Herr von Cligneval war bereits weit. Auguſt ſtand verſteinert i Unverſchämtheit ſeines Schuldnersz was ſollte er Ber mit einem Menſchen machen, der ſeine Schuld ableugnet und gegen den er keine Ur⸗ kunden beſitzt? Ihn beohrfeigen wäre mindeſtens eine 68 Entſchädigung, und doch würde man von der Ge⸗ rechtigkeit Unrecht erhalten. Noch trauriger und niedergeſchlagener kehrte Au⸗ guſt nach Hauſe zurück, und um das Maß ſeines Unglücks voll zu machen, haben Mattigkeit und Un⸗ ruhe ſein Blut in Wallung gebracht. Ein Fieber ver⸗ zehrt ihn; er liegt allein auf einem elenden Lager, und bald wird es ihm unmöglich ſein, ſich das zu Wiedererlangung ſeiner Geſundheit Nothwendige zu verſchaffen. Auf ſeinem Bette ausgeſtreckt, wo er den ganzen Tag zubrachte, ſuchte Auguſt den Schlummer, der ſeine Augenlider floh. Er litt ſehr; nur mühſam vermochte er zu athmen, und fröhliche Töne ſtörten die Stille ſeines einſamen Aſyls. Die unter ihm wohnende Perſon ſchien während der Arbeit zu ſin⸗ gen, ihre Stimme drang durch den dünnen Bretter⸗ boden herauf, der ſie von dem armen Kranken trennte, und auf ſeinem Schmerzeuslager unterſchied dieſer von Zeit zu Zeit ein Lied oder eine Vaudeville⸗Arie. „Dieſe Leute,“ ſagte er bei ſich,„haben nicht das Fieber wie ich! Ach, darüber könnte man Philoſoph werden, allein die Natur i lauter als die Phi⸗ loſophie.“ Nach einer ruhelos vervi Nacht bemerkte der Unglückliche, den der Durſt quälte, daß er kein Waſſer mehr zu deſſen Löſchung habe. Er nahm alle ſeine Kräfte zuſammen, raffte ſich von ſeinem Bette auf und ſchleppte ſich bis zur Portiére, denn er wagte nicht, ſich an ſeine Zimmernachbarn zu wenden und 69 überdieß befand er ſich in ſeinem ſechsten Stocke zwi⸗ ſchen zwei Speicherkammern allein. Bei Auguſts An⸗ blick rief die Portiere:„Ach, Sie find krank, mein Herr!“ „Ja, ſeit geſtern leide ich ſehr.“ „Sie müſſen ſich pflegen, Sie dürfen nicht aus⸗ gehen.“ „Ja, das wäre mir auch voͤllig unmöglich.“ „Laſſen Sie den Schlüſſel an Ihrer Thüre ſtecken, mein Herrz dieſen Abend werde ich nachſehen, ob Sie Etwas bedürfen.“ Auguſt dankte der Pförtnerin, gewann mühſam ſeinen Speicher wieder und warf ſich erſchöpft auf ſein Lager.„ Die Pförtnerin ſchwatzte gerne wie alle ihres Gleichen, und bald wußten die Leute des Hauſes, die ſich in ihrer Loge zu ſchaffen machten, daß im ſechs⸗ ten Stock ein junger Mann von feinem Weſen wohne, der wahrſcheinlich eine Bruſtentzündung bekommen werde. Unter den Perſonen, die bei der Portière eintra⸗ ten, befand ſich auch die unterhalb des Kranken woh⸗ nende Sängerin; dieſe war keine andere als Vir⸗ ginie, welche bei n ihren Thorheiten und Erobe⸗ rungen ebenſos ng das Glück hatte erhaſchen können. Ein leichtſinniges Leben raubt ſchnell die Friſche der Haut, die Nachtwachen bilden Ringe Uin die Augen, Mühſeligkeiten keder Art ſchaden der Schönheit, und Schönheit war beinahe Virginiens einziger Reichthum; mit ihren drei Jahren, die ſie jebt mehr zahlte hatte 70 die Zahl ihrer Liebhaber abgenommen. Das Alles war Schuld, daß man in einem ſehr beſcheidenen Ge⸗ mache im fünften Stock des Marais wohnte, häufig ſeine Abende mit Arbeiten zubrachte, weil man nicht mehr für jeden Abend eine Luſtpartie fand, und end⸗ lich, daß man während der Arbeit ſang, weil man ſeine Heiterkeit und ſeine Stimme bewahrt hatte. Virginie hatte ein gutes Herz: alle ihre Sünden entſprangen nur aus einem Uebermaß von Gefühl; allein es gibt Weiber, die nur Gefühl für das Ver⸗ gnügen haben, Virginie aber fand auch noch welches für Unglückliche. Als ſie hörte, daß über ihr ein junger Mann wohne, der krank und allein ſei, ſagte Virginie zu der Portiére:„Haben Sie nach ihm ge⸗ ſehen, ob er nichts bedarf?“ „Noch bin ich nicht gegangen, weil ich meinen Topf am Feuer ſtehen habe, dieſen Abend aher ſehe ich nach.“ „Nun ja, Sie ſind auch ein braver Kauz, und wenn der arme Herr bis dahin ſchlimmer geworden iſt?.. Ich will zu ihm gehen; es thut mir nur leid, daß ich das nicht bälder wußte, denn ich ſang geſtern den ganzen Abend, und wenn man das Fieber hat, iſt man kein Freund von Rouladen, allein ich war bei Stimme, ich hätte Armida geſpielt... ich werde meinen Nachbar beſuchen... Sie ſagen, er ſei jung?“ „Ja, gewiß, ein Mann von etwa neunundzwanzig Jahren.“ „Der arme Junge! er iſt vielleicht liebeskrank! 71 Doch nein, darüber verlieren die Männer nie die Geſundheit... ich bin begierig, ihn zu ſehen.. wäre er auch alt, ich ginge gleichwohl; ein junger Mann iſt indeß verführeriſcher.“ Damit eilte Virginie flugs die Treppe hinan und gelangte unangehalten bis in den ſechsten Stock; der Schlüſſel ſtack in der Thüre von Auguſts Cabinet. „Wenn man hier wohnt,“ ſagte ſich Virginie,„ſo ißt man im Januar keine grüne Erbſen!“ Sachte klopfte ſie dabei an die Thüre und rief:„Mein Herr, Ihre Nachbarin von unten iſt da, um zu fragen, ob Sie Etwas bedürfen?“ Keine Antwort. Jetzt entſchloß ſie ſich, leiſe die Thüre zu öffnen, trat in die ſchlechte Dachwohnung, neben welcher ihr Zimmer ein Palaſt iſt, und nähert ſich dem Bette des Kranken, deſſen Fieber zugenom⸗ men hatte uſ nicht mehr im Stande war, die Augen aufzuſchlagen; ſie beugte ihren Kopf zu ihm herab und ſtieß einen Schrei aus, als ſie Auguſt er⸗ kannte. Auf dieſen Schrei öffnete der Kranke die Augen und verſuchte es, Virginien die Hand entgegenzu⸗ ſtrecken, während ſich dieſe auf ihn warf ihn zu wieverholten Malen küßte, den Schweiß von ſeiner Stirne trocknete und den Augenblick darauf ſein Ge⸗ ſicht mit ihren Thränen benetzte.„Du biſt's, Auguſt!“ rief ſie,„Du! ach, mein Gott! auf dieſem Dach⸗ boden auf dieſem elenden Lager!... Mein armer Freund.„allein und krank, und ich wußte es nicht! Armer Auguſt!. uld ich ſang geſtern, während er 72 ächzte! Ach, ich fühle, das erſtickt mich. ich kann nicht mehr ſprechen.“ Virginie ſah jedoch bald, daß ihre Thränen und Küſſe für den Kranken nicht ausreichten, der ihr durch Zeichen bedeutete, daß der Durſt ihn verzehre. „Warte, warte, mein Freund,“ ſagte ſie zu ihm, „ich will Dir geben ei, mein Gott, es iſt nichts hier als Waſſer, aber das taugt nicht für Dich, das vermehrt das Fieber... ich eile fort... der Arzt muß auf der Stelle kommen... ich hole ihn... ich... werde nicht ungeduldig, mein Freund; o, ich bleibe nicht lange aus und jetzt wirſt Du nicht mehr allein ſein, ich verlaſſe Dich nicht mehr.“ Damit eilte Virginie der Thüre zu, kam dann wieder zum Bett zurück, bedeckte den Kranken ſorg⸗ fältig, machte ihm das Kopfkiſſen zurecht, ſprang in größter Eilfertigkeit die Treppe hinab und kam bei⸗ nahe athemlos bei der Portiére an.„Ein Arzt, wo iſt ein Arzt?“ rief ſie dieſer zu. „Es gibt mehrere im Viertel... iſt der Herr kränker?“ „Seine Adreſſe, ſchnell.“ „Die Adreſſe eines Arztes 2.. Erſtlich haben wir einen in der Straße... dort unten neben der Obſt⸗ bänblerin; ferner einen, der mir zur Ader gelaſſen hat, allein...“ Virginie hörte nicht mehr auf die Portiore; ſie war bereits bei der angegebenen Adreſſe, ging zu dem Arzt hinauf und beſchwor ihn, auf der Stelle einen Kranken zu beſuchen, mit jenem Ausvruck der — 73 Stimme, den die Frauen allein anzunehmen wiſſen, wenn es ſich um den Gegenſtand ihrer Zärtlichkeit handelt. Der Arzt antwortete nicht, ſondern griff nach ſeinem Hut, was beſſer war, und folgte Vir⸗ ginien zu Auguſt; beinahe eben ſo ſchnell wie ſie war er die ſechs Stockwerke oben und trat in die armſelige Wohnung, ohne daß er etwas Anderes als den Kranken zu bemerken ſchien. Ehre den Män⸗ nern, die ihr Leben dem Heile der Menſchheit wei⸗ hen und denſelben Eifer für den Armen wie für den Reichen zeigen! Ihre Zahl iſt groß, und wenn Mo⸗ lière über die Aerzte ſcherzte, ſo würde er ohne Zweifel jetzt der Erſte ſein, der ihnen Gerechtigkeit widerfahren ließe. Voll Unruhe betrachtete Virginie das Geſicht des Doctors, während er den Puls des Kranken fühlte. Die Augen des Arztes verkündeten nichts Gutes; Au⸗ guſt dagegen, für Alles, was um ihn her vorging, gleichgültig, ſchien nichts zu ſehen und nichts zu hören. „Nun, mein Herr?“ fragte endlich Virginie. „Dieſer junge Mann befindet ſich ſchlimm: das Fieber iſt ſtark und Alles deutet noch auf Zunahme deſſelben; bei vieler Sorgfalt hoffe ich indeß, wir ihn retten.“ „Ach, mein Herr, ich bitte Sie, verſäumen Sie nichts.“ 6 „Allein hier iſt er nicht gut; der enge Raum die⸗ ſes Cabinets, die wenige Luft, die er hier einathmet, die Glut der auf die Dächer fallenden Sonne, welche „ 7 74 dieſe Manſarden ſchwül macht... dieſer Aufenthalt iſt ſehr ungeſund.“ „Ach, gleich heute ſoll er dieſen Speicher ver⸗ laſſen; er ſoll, ſo lange er krank iſt, mein Zimmer bewohnen: es iſt gerade hier unten... dort läge er weit beſſer, wenigſtens iſt es größer und man kann ſich darin umdrehen. Er wäre bereits dort, wenn ich allein ihn dahin bringen könnte... wollten Sie ſo gütig ſein und mir helfen, mein Herr, ſo wäre es bald geſchehen.“ „Nun, es ſei, Mamſell.“ Damit trat der Doctor dem Lager näher, faßte die einzige, auf dem Strohſack liegende Matratze, Virginie that auf der andern Seite ein Gleiches, und ſo trugen ſie zuſammen Auguſt in den untern Stock und legten ihn auf das einzige im Zimmer befindliche Bett nieder. „Wo werden aber Sie ſchlafen, Mamſell2“ fragte der Arzt Virginie. „O, mein Herr, das kümmert mich wenig... ich bole den Strohſack von oben herunter; überdieß habe ich, ſo lange er krank iſt, keine Luſt, zu ſchlafen.“ Der Arzt ſah ſie auf's Neue an, ſchrieb dann ein Recept und entfernte ſich mit dem Verſprechen, morgen mit dem Früheſten wieder zu kommen. Als Virginie allein war, ſuchte ſie das Recept zu entziffern.„Gott, wie ſchlecht ſchreiben unſere Aerzte.. wie Katzen! Sirup von... Anguß von... gleichviel, der Apotheker wird's verſtehen... ſo viel iſt klar, daß man Sirupstränke, demzufolge Geld ——8 75 braucht. Armer Auguſt! ich bin überzeugt daß er keines hat;z ich habe deſſen nicht viel, doch das macht nichts: ich muß welches auſtreiben. Als er reich war, hat er mir oft genug gegeben!... Holen wir das Nöthige ſchnell herbei.“ Virginie langte ihren Geldbeutel und kaufte, was zu dem vom Doctor verordneten Trank gehörte. Sie hielt ſich nicht mit Schwatzen bei der Portiére auf, ſondern eilte zurück, den Kranken zu pflegen. Auguſis Fieber hatte ſich inzwiſchen bis zum Delirium geſtei⸗ gert; er kannte ſie nicht mehr und ſchien viel ſchlim⸗ mer. Virginie verdoppelte ihren Eifer und ihre Sorg⸗ falt. Nicht ohne Mühe brachte ſie es dahin, ihm den verordneten Trank eingeben zu können; die ganze Nacht genoß ſie keinen Augenblick der Ruhe. Unab⸗ läßig vor dem Bette des Kranken, verließ ſie daſſelbe nur, um zu ihrer Arbeit zurückzukehren: ſie war Weißnätherin geworden, denn, ſeit die Luſtpartien weniger wurden, ſah ſie ein, daß zum Leben nicht bloß ſchöne Augen und ein holdes Lächeln gehören. Dieſe Arbeit brahte ihr wenig ein; ſeit ſie jedoch Auguſt zu pflegen hatte, machte ſie ſich mit verdop⸗ peltem Eifer daran. Während der Arbeit blickte Virginie öfters auf den Kranken und ſagte bei ſich:„Der arme Junge! es ſcheint, ſeine Reiſen waren nicht glücklich; doch wie kommt es, daß der brave Bertrand nicht bei ihm iſt? Bertrand muß todt ſein, ſonſt wäre er bei Au⸗ guſt.. das war ein Freund, nicht wie jene Laffen, welche ihn betrogen und Deniſe, die ihn ſo ſehr liebt.. wenn ſie wüßte, daß er in dieſem Zuſtand iſt! Wenn ich ihr ſchriebe... nein, Auguſt könnte böſe werden, vielleicht ſtehen ſie nicht gut zuſammen man kann nicht wiſſen... zuerſt muß er geſund ſein, nachher ſoll er mir ſeine Abenteuer erzählen.“ Der Doctor war pünktlich am nächſten Morgenz noch kann er ſich nicht beſtimmt über den Kranken ausdrücken, allein er verſpricht, am Abend wieder⸗ zukommen und empfiehlt Virginien dieſelbe Sorgfalt. Drei Tage lang ſchwebte Auguſt in größter Le⸗ bensgefahr. Der Doctor war nicht ſparſam mit ſei⸗ nen Beſuchen und Virginie handelte genau nach ſei⸗ nen Vorſchriften. Gegen Abend des dritten Tages fand ſich jedoch kein Geld mehr in ihrem Beutel und ſie hatte keine Arbeit vollendet, die ſie abgeben konnte. Sie brauchte indeß Geld zu tauſend dem Kranken nothwendigen Dingen! Doch Virginie war nie in Ver⸗ legenheit: ſie machte Bracelets und Ohrenringe los, das einzige Geſchmeide, das ihr von den Zeiten ih⸗ res frühern Glanzes geblieben war, und eilte zu einem Juwelier, dem ſie ſolche eben ſo heitern Sin⸗ nes verkaufte, als ginge es zu einem Schmauſe. Virginiens und des Arztes Sorgfalt waren nicht fruchtlos: am vierten Tage befand ſich Auguſt beſſer; das Delirium war vorüber und zu ſeiner Verwunde⸗ rung ſah er ſich in einem ihm unbekannten Zimmer. Er drückte Virginien die Hand und wollte ſprechen, allein der Doctor hat Ruhe empfohlen und Virginie ſagt zu Auguſt:„Sei ſtill, warte mit dem Reden, bis Du wieder hergeſtellt biſt; inzwiſchen kümmere 77 Dich um nichts: Du biſt bei mir und ich werde Dich eben ſo gut pflegen, als hätteſt Du ein ganzes Dutzend Sclaven zu Deinem Befehl; Alles, was ich von Dir verlange, iſt, daß Du Deinen Trank gehörig ſchluckſt und Dir nur heitere Gedanken machſt. Befindeſt Du Dich wieder beſſer, ſo ſinge ich Dir, was Du immer willſt, ich tanze ſogar, wenn es Dir Freude macht, um Dir Deine Heiterkeit wieder zu geben.“ Auguſt lächelte und ſchwieg. Die Beſſerung ging ihren geregelten Gang, allein die völlige Wiederge⸗ neſung wird ſich vorausſichtlich ſehr in die Länge zie⸗ hen, und da man ſich bei einem Kranken unabläßig tauſenderlei Dinge verſchaffen muß, ſo war das Geld für das Geſchmeide bald zu Ende. Jetzt unterſuchte Virginie, während Auguſt ſchlief, ihre Garderobe, um das Ueberflüſſige auszuſcheiden; im Nothfall würde ſie nur das durchaus Nothwendige behalten. Sie packte mehrere Gegenſtände zuſammen, indem ſie bei ſich ſagte:„Das ſchafft mir eine Menge altes Zeug vom Halſe, welches mich ſchon lange beläſtigte,“ und das Paket wanderte den Ohrenringen nach. Als Auguſt etwas mehr Kräfte erlangt hatte, konnte er Virginien ſeine Abenteuer erzählen. Bei der Nachricht, daß Bertrand ſeinen Herrn freiwillig verlaſſen habe, rief Virginie aus:„Ich hielt ſo viel auf dieſen Bertrand... ich glaubte ihn ſo treu und anhänglich wie einen Pudel! Man kann doch auf Niemanden bauen!... Mein Freund, das engliſche Bier muß alle ſeine Gefühle verändert haben!“ Paul de Kock. LXRl. 5 78 Als jedoch Auguſt von ſeinem Aufenthalt bei De⸗ niſen erzählte, unterbrach ihn Virginie, um ihm den Kummer der Kleinen und ihre Verzweiflung bei der Nachricht von ſeiner Abreiſe, kurz ihre ganze Liebe für Auguſt zu beſchreiben.„Wäre es möglich,“ ſagte dieſer,„ſie liebt mich wirklich., ſie betrog mich alſo nicht!... Alſo nicht aus bloßem Mitleid bot ſie mir ihre Hand?“ „Wie, ob ſie Dich liebt?... Sie belet Sie an, mein Herr; die arme Kleine dauert mich herzlich... ſie weinte ſo ſehr!... Aber die Herren ſind einzig: wenn man ſie liebt, ſo wundert ſie das; liebt man ſie nicht, ſo wundert ſie das wieder.“ „Ach, Virginie, welche Freude Du mir machſt!... dann werde ich recht ſchnell geſund und tröſte die arme Deniſe. o nein, ich gehe nicht zu ihr.“ „Warum gehen Sie nicht? Sie wiſſen, daß De⸗ niſe Sie liebt, daß ſie untröſtlich über Ihre Abweſen⸗ heit iſt, und gehen nicht zu ihr?“ „Ich bin im Elend und kann ihre Hand nicht an⸗ nehmen.“ „Mein guter Freund, das iſt eine nicht ſehr ver⸗ nünftige Delikateſſe. Wenn uns die Leute recht innig lieben, ſo gehört das Ihrige auch uns, und wenn ſich heute ein Prinz in mich verliebte, würde ich, ob ich gleich auch nichts habe, doch nicht die mindeſte Schwierigkeit machen, ihn zu heirathen.“ Auguſt ſchwieg und Virginie ſprach nicht mehr mit ihm über eine Sache, die ihm Kummer zu ma⸗ chen ſchien. Damit der Kranke wieder zu Kräften 79 komme, bedarf es jetzt keiner Arznei mehr, ſondern alten Weines, guter Fleiſchbrühen, dazu aber gehört Geld, und Virginie ſuchte umſonſt welches in ihren Schubladen; ſie entſchloß ſich daher, einen Shawt zu verkaufen, der ihr ſchönſter Putz war und den ſie beinahe nie ablegte. Auguſt ſah indeß wohl, wie viel er Virginien koſte; ſein Kummer darüber war ſeiner Wiedergene⸗ ſung gleichfalls hinderlich. Er ſah, wie ſie uner⸗ müdlich arbeitete, ja einen Theil der Nächte darüber hinbrachte; ſeufzend ſprach er dann bei ſich ſelbſt: „Meinetwegen arbeitet ſie ſich beinahe zu Tode und ich werde ſo viele Plage und Sili nicht einmal vergelten können!“ Bei Virginiens Zurückkunft von dem Verkauf des Shawls, des letzten Mittels, ſich Geld zu verſchaffen, bemerkte Auguſt, daß ſie das gewohnte Tuch nicht mehr trug; mit ſchwacher Stimme redete er ſie an: „Woher kommen Sie, Virginie?“ „Ich bin ein wenig ſpazieren gegangen, im Freien geweſen ich ſah, daß Du ſchliefſt und mich nicht brauchteſt.“ „Warum haben Sie denn Ihren Shawl nicht mehr?“ „Meinen Shawl? Ich zog ihn nicht an, weil er mir zu warm macht.“ „Sie hatten ihn beim Ausgehen.“ „Ich hatte ihn ſchau' die Wahrheit iſt, ich lieh ihn meiner Freundin, die dieſen Abend in große Ge⸗ ſellſchaft geht... doch ſie wird mir ihn wiederbringen.“ „Virginie, Sie hintergehen mich.“ „Nein, mein Herr, ich hintergehe Sie nicht.“ „Ich koſte Sie viel... und mich zu pflegen, da⸗ mit es mir an Nichts fehle, entbehren Sie Alles; Sie verkaufen Ihre Habe mir zu liebe.“ „Was ſind das für Einfälle, Herr Auguſt: ich entbehre Alles! Ich entbehre Nichts, verſtehen Sie, mein Herrz wer ſagte Ihnen, daß ich nicht mein gutes Auskommen, daß ich nichts Erſpartes habe?“ „Und Du arbeiteſt einen Theil der Nacht!“ „Ich arbeite, weil es mir Vergnügen macht und ich nicht gerne ſchlafe. Uebrigens fehlt es mir an nichts; ich hatte Mego und es ſteht mir frei, es aus⸗ zugeben!... Mir ſagen: er genire mich; pfui! wie garſtig! Wie oft half er mir aus und will jetzt böſe ſein, weil ich ihn pflege!... Nein, mein Herr, das geht nicht; aha, vielleicht wäre es ihm lieber, wenn eine Andere dieß thäte. Wenn Sie nochmals ſolche Dummheiten ſagen, ſo werfe ich meinen Fleiſchtopf zum Fenſter hinaus. Was meinen Shawl betrifft, ſo iſt es wahr, daß ich ihn nicht mehr habe, aber, weil er mir mißfiel: erſtlich iſt die Farbe nicht mehr Mode, dann mag ich keine Roſen mehr, das gehört nicht zum guten Geſchmack.“ Auguſt ſagte nichts weiter, er ſeufzte nur, drückte Virginien die Hand und dieſe ſtellte ſich luſtiger als je und trällerte den ganzen Tag, um ihm zu bewei⸗ ſen, daß ſie ihren Shawl keineswegs vermiſſe. Der Arzt, der ſeine Beſuche fortſetzte, fand jetzt ſeinen Kranken weit beſſer, ſagte Virginie viel 81 Schmeichelhaftes über ihre gute Pflege und Wartung und dieſe bat ihn, obgleich ſie nicht wußte, wie ſie ihn bezahlen ſollte, um ihre Schuldigkeit. Doch der Doctor entgegnete ihr, daß er ſich höher hinauf als bis zum vierten Stock nie bezahlen laſſe und entzog ſich Auguſts und Virginiens Dankſagung dadurch, daß er dem Geneſenden auf's Neue Schonung em⸗ pfahl; beſonders aber ſolle er die Rückkehr ſeiner Kräfte abwarten, ehe er ausgehe. „Ein braver Mann, ein wahrer Ehrenmann,“ rief Virginie aus und ſah dem Doctor nach.„Schön iſt er nicht, gewiß, man kann nicht ſagen, daß er ſchön ſei.. ſein eines Auge iſt ſogar kleiner als das an⸗ dere, aber er erſchien mir wie ein Liebesengel, ſeit ich ſeinen Eifer in Deiner Behandlung ſah.“ Auguſt lächelte; Virginiens Reden brachten häufig wieder Heiterkeit in ſeine Blicke zurück. Wenn er je⸗ doch an ſeine Lage dachte, dann umwölkte ſich ſeine Stirne und er ſeufzte, aller Bemühungen ſeiner Wär⸗ terin zum Trotz, die ihm beſtändig wiederholte:„Als Du mir den Hof machteſt, ſeufzteſt Du nicht ſo viel.“ Auguſt möchte bereits aufſtehen und ausgehen, allein dazu gebricht ihm noch die Kraft und doch gab ihm Virginie Alles, was der Arzt verſchrieb. Die Geneſung zog ſich in die Länge und während Virginie ihren Patienten täglich verſicherte, ſie habe noch Geld auf lange hinaus, gewahrte ſie eines Mor⸗ gens, daß ihr nichts mehr von dem Erlös ihres Shawls übrig war. Indeß hatte der Doctor, ſi am vorigen Abend wieder gekommen war, geſagt, der Kranke dürfe ein Huhn eſſen, und Virginie, die weder in ihren Schubladen, noch in ihrem Beutel Etwas fand, ſagte bei ſich:„Gleichviel, der Doctor erklärte, er dürfe ein Huhn eſſen und ich will, daß er heute eines ißt. Ich ſuche umſonſt.. nichts da, um Geld zu er⸗ halten nicht um eine Lerche davon zu kaufen... und meine Arbeit wird nicht vor übermorgen fertig! Um ſo ſchlimmer... und wenn ich ſelbſt im Verſatze bleiben müßte, ſo ſoll er heute ein Huhn eſſen.“ Damit ſetzte Virginie ihren Hut auf, zog ihr kleines Halstuch an, das die Stelle des großen Shawls verſah und ging, den noch ſchlafenden Au⸗ guſt allein laſſend, ſachte aus ihrem Zimmer mit dem Vorſatz:„Ohne ein Huhn komme ich nicht nach Hauſe.“ Sechstes Kapitel. Der, den man erwarten durfte; Rücktehr in's Dorf. Virginie ging, ohne gerade zu wiſſen, wohin ſie gehen ſolle; ſie beſann ſich, wer ihr wohl gefällig ſein könnte, doch bleibt das Gedächtniß häufig ſtumm, wenn man den Namen eines wahren Freundes von ihm zu wiſſen begehrt. Wäre Cäſarine noch in Paris, ſo würde Virginie, die Güte ihres Herzens kennend, ſich ohne Anſtand zu ihr begeben haben; allein Cä⸗ ſarine reiste gerade hinter ihrem Theodor her, der die Hauptſtadt verlaſſen hatte, und ihr Theodor führte ſie ſehr weit. Virginiens übrige Bekanntſchaften boten ihr zu wenig Hoffnung auf Erfolg und an mehrere derſel⸗ ben hätte ſie ſich keinesfalls wenden mögen. Uebri⸗ gens war der Schluß jeder Betrachtung, die ſie an⸗ ſtellte:„Ich muß ein Huhn für Auguſt haben und ich werde eines erhalten; wie ich es anfange, weiß ich zwar noch nicht, aber ſo oft ich mir Etwas in den Kopf ſetzte, iſt es mir ſtets gelungen und es han⸗ delte ſich häufig um intereſſantere Dinge als ein Huhn; es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn ich um eines elenden Stück Geflügels willen nicht zum Ziele käme.“ Vor den Läden der Geflügelhändler und Gar⸗ köche blieb ſie ſtehen, ging hin und her, zerbrach ſich den Kopf, fand aber kein Geld darin und ſtieß tiefe Seufzer aus beim Anblick eines Huhns, womit ſie ihren Reconvalescenten gerne regalirt hätte. Die drollige Miene Virginiens, deren anſtändige Kleidung keine Noth andeutete, und die Augen, die ſie auf die gebratenen Hühner machte, zwang den Vorübergehenden, die in der Extaſe der Griſette nur ein leckeres Gelüſte ſahen, zuweilen ein Lächeln abz Virginie aber brummte, wenn ſie die Gaffer lächeln ſah, zwiſchen den Zähnen:„Die Dummköpfe was kümmert's mich, ob ſie lachen! Nicht Einer iſt fo ga⸗ lant, mir ein Huhn anzubieten... die Männer wer⸗ den täglich weniger liebenswürdig.“ 84 Seit zehn Minuten drehte und wendete ſich Vir⸗ ginie vor der Bude eines Garkochs hin und her; nebenan befand ſich der Laden einer Tabuletkrämerin. Virginie hatte die Beſitzerin des Ladens nicht be⸗ merkt, weil ſie nur nach Hühnchen ſchielte, aber die Tabuletkrämerin hatte durch ihren mit Handſchuhen, Schnüren und Bändern behängten Auslegkaſten hin⸗ durch Virginien wahrgenommen, deren ſonderbare Miene in der That die Neugier ſtacheln mußte. Die Frauen haben einen Gefühlsinſtinkt, der ſie augen⸗ blicklich auf Dinge führt, zu deren Errathen die Män⸗ ner eine Stunde brauchen würden und die ſie häufig gar nicht errathen. Die junge Tabuletkrämerin ſah in Virginiens Augen, daß es nicht ein Gelüſte der Leckerhaftigkeit war, was dieſe in Betrachtung vor den Waaren ihres Nachbars hielt; ſie ging daher durch die Hinterthüre ihres Ladens in den Hof, den ſie mit dem Garkoch gemeinſchaftlich hatte, trat bei dieſem ein, ließ ſich ein ſchönes, fettes Huhn geben, unwickelte es gut mit Papier und kehrte auf dem⸗ ſelben Wege in ihren Laden zurück. Hierauf ſtellte ſie ſich unter ihre Thüre und blickte Virginien an, ohne noch zu wiſſen, wie ſie dieſer ihr Geſchenk an⸗ bieten ſollte. Eine Zeitlang ſchenkte Virginie der jun⸗ gen Händlerin wenig Aufmerkſamkeit; dieſe blickte ſie indeß mit ſo ausdrucksvoller Miene an und ſchien ſo große Luſt zur Anknüpfung eines Geſprächs zu haben, daß Virginie ihr näher trat. Sogleich ſagte die junge Tabuletkrämerin ganz leiſe und über und über erröthend:„Sie haben ohne —— 85 Zweifel Ihre Börſe vergeſſen, Madame.“, wenn Sie mir erlauben wollen, Ihnen dieſes anzubieten.. Damit ſchob ſie Virginien das Huhn unter den Arm, zitternd, als begehe ſie eine Dummheit, allein man zittert viel häufiger, wenn man Gutes thut. Vir⸗ ginie vermochte der jungen Frau nur die Hand zu drücken.„Sie haben mich errathen,“ ſagte ſie zu ihr;„ach! wenn Sie wüßten, warum ich doch Sie werden mich wiederſehen... ich komme wieder, um Ihnen zu danken und mich meiner Schuld zu entledigen.“ „Ja, ja, Madame,“ ſagte die junge Frau und war bereits ganz verwirrt in ihren Laden zurückge⸗ treten, während Virginie, leicht wie ein Vogel, mit ihrem Huhn unter dem Arm heitern Sinnes den Rückweg nach ihrer Wohnung einſchlug.„Ich wußte wohl,“ dachte ſie,„ich werde eines erhalten, die Hoff⸗ nung verläßt mich nie.“ Das Huhn war indeß noch nicht bis zu Auguſt gelangt. Bei der Wendung einer Straße erhielt Virginie, die wahrſcheinlich jetzt nur noch auf den Boden ſah, von einem Manne plötzlich einen ſolchen Stoß, daß das Geflügel auf das Pflaſter rollte. „Verfluchter Dummkopf!“ rief Virginie und bückte ſich, um das Huhn wieder aufzuheben. Doch dieſe Stimme ſiel dem Mann, der ſie anſtieß und, eine leichte Entſchuldigung ſtotternd, ſeinen Weg fortſetzen wollte, auf. Er blieb ſtehen, kam wieder einige Schritte zurück und rief ſodann:„Ei, ei, tauſend Bajonete! Mamſelle Virginie!... Ha, Donnerwet⸗ 86 ter! ſie wird mir vielleicht Nachricht von ihm geben können.“ „Schau', da iſt ja Bertrand!“ rief nun Virginie ihrerſeits, den alten Corporal ebenfalls erkennend, aus,„der brave Ber.. ach! was ſage ich doch ein Abſcheulicher, ein Undankbarer, ein ſchlechtes Herz iſt er, ich mag ihn nicht mehr. Laſſen Sie mich mein Huhn heimtragen... halten Sie mich nicht auf, mein Herr.“ „Ob Sie mich mögen voder nicht, Mamſell, da⸗ rum handelt es ſich in dieſem Augenblick nicht. Ein Wort, wenn's beliebt: haben Sie ihn geſehen, wiſſen Sie, wo er iſt, was aus ihm geworden iſt?“ „Wer?“ „Ei! Donnerwetter, mein Lieutenant, Herr Au⸗ guſt!“ „Schaut! ob ich wiſſe, wo er iſt... die Frage. während er vierzehn Tage in meinem Zimmer wohnt.“ „Er iſt bei Ihnen? So habe ich ihn wieder ge⸗ funden.. ich werde ihn wiederſehen!“ In ſeiner Freude drückte Bertrand Virginie hef⸗ tig in ſeine Arme und warf das arme Huhn noch⸗ mals zu Boden, das dießmal bis in die Goſſe rollte. Virginie war nahe daran, zu weinen.„Wollen Sie mich ruhig laſſen,“ rief ſie,„das Huhn iſt für Au⸗ guſt, und während es mich ſo viele Mühe koſtete, bis ich es erhielt, ſind Sie Schuld, daß er es nicht mehr wird eſſen können.“ „Ha! weinen Sie nicht... ich kaufe Ihnen an⸗ dere, zehn, zwanzig Hühnchen. einen Ochſen, wenn Sie wollen. Aber um Gotteswillen, führen Sie mich recht ſchnell zu meinem Lieutenant.. es drängt mich, ihn zu umarmen.“ „Wie! Sie lieben ihn noch?“ „Ob ich ihn liebe!... Wer hat an meiner An⸗ hänglichkeit, an meiner Ergebenheit für ſeine Perſon zweifeln können?“ „Sie haben ihn alſo in England nicht abſichtlich verlaſſen?“ „Verlaſſen! Wenn es geſchah, um ihm zu dienen, ihm wieder Glück zu bringen?“ „Ach, der arme Bertrand.. ich war deſſen ge⸗ wiß, daß er ſtets ein guter Kerl geblieben!... Kom⸗ men Sie, mein Bertrandchen, kommen Sie ſchnell zu Auguſt; ach! er wird recht vergnügt ſein, wenn er erfährt, daß Sie ſortwährend ſeiner Freundſchaft wür⸗ dig ſind.“ Virginie und Bertrand ſchritten der Rue de Berry zu. Unterwegs theilte Erſtere dem alten Soldaten Auguſts Elend und ſeine eben erſt überſtandene Krank⸗ heit mit. Bei Anhörung der Einzelnheiten wiſchte ſich Bertrand zuweilen eine Thräne aus den Augen und rief:„Donnerwetter! warum habe ich ihn nicht bälder getroffen, allein ich bin erſt ſeit vorgeſtern in Paris zurück und ſchickte mich an, morgen nach Montfermeil zu gehen, in der Hoffnung, dort glück⸗ licher zu ſein als hier, wo wir, Strack und ich, ſeit zwei Tagen alle Stadtviertel durchſtreiften, ohne meinen Lieutenant entdecken zu können.“ Auf der Treppe in Virginiens Hauſe angelangt, 88 war Bertrand ſo bewegt, als ſollte er einen ver⸗ lorenen Sohn wieder ſehen und Virginie ſagte zu ihm:„Sie dürfen ſich nicht ſogleich vor Auguſt zeigen, er iſt noch ſehr ſchwach und Ihre Gegenwart könnte ihm eine zu ſtarke Gemüthsbewegung verurſachen.. Sie verſtehen, Bertrand?“ „Ja, Mamſelle.“ „Ich gehe zuerſt hinein und bereite Auguſt all⸗ mälig vor, hierauf gebe ich Ihnen ein Zeichen.“ „Ja, Mamſelle, ich warte in einem andern Zimmer.“ „Nein, da ich nur ein einziges habe, warten Sie auf dem Gange. ich laſſe die Thüre angelehnt.“ „Sehr gut, aber laſſen Sie mich nicht lange auf das Zeichen warten, denn ich brenne vor Verlangen, ihn in meine Arme zu ſchließen.“ Virginie ließ die Thüre halb offen und trat ein; Bertrand ſchmiegte ſich feſt an die Thüre an und wagte kaum zu athmen. Auguſt war aufgeſtanden und ſaß an einem Fenſter, ungeduldig der Rückkunft Pirginiens harrend, deren lange Abweſenheit ihn beunruhigte. „Hier bin ich, mein Freund,“ ſagte Virginie beim Eintritt in ihr Zimmer und ging eben ſo verlegen um Auguſt herum, als vorhin um die Bude des Garkochs.„Hier bin ich, ich war etwas lange aus, allein ich ich habe eine Begegnung gemacht, die weit beſſer iſt als ein Huhn.“ „Du haſt eine Begegnung gemacht?“ „Ja, ich habe Jemanden getroffen.. Jemand, der — 4 89 Ehe Virginie wußte, was ſie ſagen ſollte, ſtieß Bertrand, der ſich nicht länger zurückhalten konnte, die Thüre vollends auf, ſtürzte auf Auguſt zu und drückte ihn feſt in ſeine Arme.„Ich bin's, Donner⸗ weiter!“ rief er,„ich bin's.. ich konnte nicht län⸗ ger verſteckt bleiben, ich mußte ihn umarmen.“ Eine Weile hielten ſich Auguſt und Bertrand feſt umſchlungen. „Da ſehen Sie,“ rief Virginie dazwiſchen,„er konnte nicht einmal warten, bis ich ihm das Zeichen gab; er wird Auguſt ſchaden.“ „Nein,“ ſagte der Geneſende,„nein, das Glück ſchadet nicht.. mein armer Freund, Du biſt alſo wieder zurück!“ „Sie konnten glauben, ich hätte Sie verlaſſen?“ entgegnete Bertrand, Auguſts Hand ergreifend;„Sie zweifelten an dem Herzen Ihres alten Gefährten, Ihres treuen Dieners. ja, ich geſtehe, mein ſchleu⸗ niges Verſchwinden mußte Sie überraſchen, wenn Sie jedoch erfahren...“ „Du biſt da, Bertrand, Alles iſt vergeſſen.“ „O! yören Sie mich zuerſt und Sie werden dann ſehen, ob ich mich ſchlecht benommen habe. Sie erinnern ſich, daß ich Sie in einem Zimmer der Dorf⸗ ſchenke ließ, wo wir gefrühſtückt hatten. Ich bezahlte eben unſere Zeche, als ich, über den Hof gehend⸗ einen Menſchen erblickte, deſſen Geſicht mir auffiel und ich erkannte ihn auf der Stelle für unſern Be⸗ trüger Deſtival.“ „Deſtival!“ rief Auguſt. 90 „Dein Dieb!“ ſagte Virginie. „In dem Moment, wo ich ihn erblickte, ſtieg er in die Poſtchaiſe. Mich hatte er nicht ſehen können, allein der Wagen war abgefahren, ehe ich von mei⸗ nem Erſtaunen zurückkam. Jetzt lief ich, ohne mir Zeit zu nehmen, Sie von meinem Vorhaben in Kennt⸗ niß zu ſetzen, da ich aus Furcht, unſer Mann möchte uns entkommen, keine Minute verlieren wollte, nach dem Stall, ſattelte mein Pferd, ſtieg auf und ritt im Galopp davon, um die Spuren unſeres Schurken nicht zu verlieren. Ich holte die Poſtchaiſe bald ein, allein ich wußte, daß es im fremden Lande nicht leicht ſei, unſern Schuft zu einer Herausgabe zu bringen und daß ich nur durch mich ſelbſt Gerechtig⸗ keit erwarten durſte. Zwei Tage lang ſpannte der verfluchte Wagen nur um; am dritten endlich hielt man in einem kleinen Flecken im Poſthauſe an und mein Spitzbube, der ohne Zweifel der Ruhe bedurfte, ſtieg aus und trat in die Herberge, ich, unverweilt hintendrein, verlangte den eben angekommenen Frem⸗ den zu ſprechen. Man wies mir ſein Zimmer. Ich ging hinauf, trat ein und begann damit, daß ich mich mit unſerm Manne einſchloß, der, als er mich ſah, beinahe ohnmächtig in einen Lehnſtuhl ſank. Ich ging auf ihn zu, kriegte ihn beim Arm und ſagte: „Sie ſind ein Dieb, Sie haben meinen Herrn zu Grunde gerichtet, doch Sie ſollen Niemand mehr zu Grunde richten. Ich habe Sie früher den Gebrauch des Feuergewehrs gelehrt, jetzt wollen wir ſehen, ob Sie ſich meiner Lectionen noch entſinnen: hier find 91 zwei Piſtolen, nehmen Sie eine davon in bieſem Zimmer geht es recht gut... vier Schritte Entfer⸗ nung reichen hin, wenn man einander nicht fehlen will; vorwärts. Statt die dargebotene Piſtole zu fiel der Elende auf die Kniee nieder und bat um Gnade. Ich forderte Ihr Vermögen zurück. Da zog er eine Brieftaſche heraus, ließ mich für hundertundſechszigtauſend Franken franzöſiſche Bank⸗ billets ſehen und ſchwur mir, das ſei Alles, was ihm von ſeinem Raub in Paris noch übrig geblieben. Ich dachte, Etwos ſei beſſer als Nichts, auch hielt ich's für dringender, Ihnen das Geld zuzuſtellen, als unſern Spitzbuben umzubringen: ich nahm die Brieftaſche und ging, den Schurken mehr todt als lebendig zurücklaſſend, aus dem Zimmer, wo ich ihn einſchloß, ſtieg auf's Pferd und ſprengte im größten Galopp nach dem Orte zurück, wo ich Sie verlaſſen hatte. Als ich dort eintraf, ſtreckte mein Pferd alle Viere von ſich, Sie aber fand ich nicht mehr. Ich eilte nach allen Richtungen hin: nirgends konnte ich Rachricht über Sie erhalten; jetzt ſchlug ich den Weß nach Schottland ein, wohin wir zu reiſen vorhatten. Drei Wochen ſtreifte ich überall umher und beſuchte jeden, ſelbſt den unbedeutendſten Flecken, war indeß nicht glücklicher; endlich beſchloß ich nach Frankreich zurückzukehren und vorgeſtern kam ich in Paris an. Meine erſte Sorge war, daß ich Strack ausfragte: er hatte Sie nicht geſehen, wußte die Adreſſe von Mamſelle nicht und ſo ſuchten wir von Straße zu Straße nach, um Sie zu entdecken. doch hier find Sie„ich habe Sie wieder gefunden! Was ich von Ihrem Vermögen gerettet habe, kann ich Ihnen nun einhändigen. Dieß mein Benehmen, mein Lieutenant;z ſind Sie mir noch böſe?“ Statt aller Antwort drückte Auguſt den alten Freund in ſeine Armez dieſer bot ihm die Brieftaſche, während Virginie im Zimmer umherſprang, mit. Seſſeln und Stühlen tanzte, ihre Haube in die Höhe warf und ausrief:„Es lebe Bertrand!... Auguſt iſt nicht mehr arm.. jetzt wollen wir uns hübſch luſtig machen.“ Als der erſte Freudentaumel vorüber war, erzählte Auguſt Bertrand ſeine Begegniſſe ſeit ihrer Trennung und verbarg ihm nicht das Elend, in das er ge⸗ rathen war, als Virginie in ſeiner Dachkammer zu ihm kam. Er theilte ihm mit, was ſie für ihn ge⸗ than: ihre Arbeit, ihre Nachtwachen, alle die Opfer, 3 die ſie ihm täglich gebracht hatte, um ihn mit dem Nothwendigen zu verſehen. Während dieſer Erzählung wollte Virginie Auguſt Schweigen auferlegen.„Es iſt nicht wahr,“ ſagte ſie,„er ſagt viel zu viel, glauben Sie es nicht, Ber⸗ trand, und wenn ich auch das Alles that, ſo geſchah es wahrſcheinlich, weil es mir Vergnügen machte.“ 6 Doch Bertrand, der Auguſts Erzählung nicht ohne Rührung anhören konnte, eilte auf Virginie zu und riß ſie in ſeine Arme mit den Worten:„So iſt's recht, ſo iſt's recht!“ „Ja, aber Sie drücken mich zu ſtark, Bertrand.“ Die düſtern Gedanken machten denen der Freude 93 und des Glückes Platz; nicht mehr mit Seufzen dachte jetzt Auguſt an Deniſe. Schon möchte er bei ihr ſein; er brannte vor Verlangen, ſie wiederzuſehen, ihre Liebe zu belohnen, denn nach Allem, was ihm Virginie geſagt hatte, zweifelte er nicht mehr an dem für ihn in Liebe glühenden Herzen des jungen Landmädchens. Er konnte indeß nicht augenblicklich nach Montfermeil abreiſen; da aber das Glück ſchnell wieder zur Geſundheit verhilft, ſo ward Anguſt in zwei Tagen, die man in herrlichen Planen für die Zukunft und bedeutenden Einkäufen für die Gegen⸗ wart verbrachte, im Stande, wieder auszugehen. Ehe er in's Dorf ging, von wo er nicht ſobald wieder nach Paris zurückzukommen gedachte, wollte Auguſt ſeine Angelegenheiten ordnen: er ging wieder zu ſeinem frühern Notar und übertrug demſelben, ſeine Kapitalien, von denen er nur ſo viel behielt, als er zur Ausführung ſeiner Plane gerade bedurfte, auf paſſende Weiſe anzulegen. Auguſt wollte Virginiens Zukunft ſichernz ſeit ſie nicht mehr ſo jung iſt, wünſchte ſie ſich ein kleines Etabliſſement. Bertrand miethete ihr einen Laden; Auguſt ließ einen Vorrath von Stickereien und Modeartikeln hinbringen und ſo war ₰⸗ denn Virginie als Weißzeughändlerin etablirt; ſtolz ſetzte ſie ſich hinter ihren Ladentiſch und ließ über ihre Thüre ein Aushängeſchild malen, zur Jung⸗ frau“ betitelt, wobei ſie Auguſt ſchwur, ſie wolle ſich von nun an nur noch mit ihrem Handel beſchäftigen. Auguſt empfing Virginiens Dankſagungen und Paul de Kock. LRXRI. 2 7 94 ihre Complimente für Deniſe, die ſie nicht eher be⸗ ſuchen wollte, als bis ihre neue Lebensweiſe die frühere in Vergeſſenheit gebracht habe. Eben war er im Begriff, mit Bertrand in das Cabriolet zu ſteigen und nach Montfermeil abzufahren, als Vir⸗ ginie ausrief:„Ach, mein Gott! ich vergaß die kleine Tabuletkrämerin und ihr Huhn; ich wollte ſie Dir empfehlen, damit Du ihr mindeſtens Deine Kund⸗ ſchaft in Betreff der Handſchuhe zuezdeſt.“ „Welche Händlerin? welches Huhn?ragte Auguſt. Virginie erzählte, was ihr an dem Tage begeg⸗ net war, wo ſie mit Bertrand zuſammentraf. Nach⸗ dem er ihr nochmals ſeinen vollen Dank für Alles bezeugt, was ſie während ſeiner Krankheit für ihn gethan hatte, wollte er die junge Frau, die ſo viel Zartgefühl in der Art, Andere zu verbinden, an den Tag legte, kennen lernen und ihr danken. Er ließ Virginie mit in ſein Cabrivlet ſteigen und fuhr nach der Wohnung der jungen Krämerin. Beim Anblick des Cabriolets vor ihrem Laden und der drei Perſonen, die herausftiegen, war die Tabuletkrämerin nicht wenig erſtghnt; ſie ſah nie Leute in Equipagen bei ſich ankommen, um Nadeln 4 und Faden zu kaufen. Wie ſie jedoch Virginie er⸗ kannte, die zuerſt eintrat, erröthete ſie.„Das hier iſt Madame,“ ſagte Virginie zu Auguſt,„die ſich ſo gütig gegen mich bewies, während Sie in Ge⸗ neſung begriffen waren.“ Auguſt trat näher, um die junge Frau zu be⸗ grüßen, welche über die erhaltenen Dankſagungen ganz beſchämt wurde. Ehe er jedoch ſprechen konnte, eilte ein Greis, der ſich im Ladenſtübchen befand und den man noch nicht bemerkt hatte, auf Auguſt zu und rief:„Anna, meine Tochter, wir müſſen dieſem edelmüthigen MWanne danken: es iſt unſer Wohlthä⸗ ter, ihm ſchulde ich mein Leben und Dein Glück.“ Auguſt betrachtete den Greis genauer und er⸗ kannte in ihm den alten Dorfeuil; ehe er noch von ſeiner n zurückkam, lagen Vater und Tochter zu ſeinen Füßen und benetzten ſeine Hände mit Thränen der Dankbarkeit.. Jetzt war es an Bertrand und Virginien, um Aufklärungen zu bitten. Auguſt wollte ſich denſelben entziehen; doch der alte Dorfeuil hielt ihn zurück, erzählte, was er ihm verdankte und endigte ſeinen Bericht mit den Worten an Auguſt:„Sie ſehen, Ihre Wohlthaten haben uns Glück gebracht, ich bezahlte meine Schuld und ſeit drei Jahren konnte ſich end⸗ lich meine Anna, die in allen ihren Unternehmungen glücklich war, hier etabliren, wo ich an ihrer Seite meine alten Tage in Frieden dahinlebe.“ Bertrand küßte Auguſt auf's Neue; Virginie küßte Alle, worauf man ſich mit dem Verſprechen baldigen Wiederſehens trennte. Virginie kehrte in ihren Laden zurück, den ſie nicht mehr verlaſſen will, und Auguſt ſchlug mit ſeinem Cabtiolet den Weg nach Denis Dorf ein. Je näher man gegen Montfermeil kam, um ſo ſtärker fühlte Auguſt ſein Herz ſchlagen; er blickte Bertrand an und ſagte:„Bald werden wir ſehen„ ach! wenn Du wüßteſt, wie feſtlich ſie mich in mei⸗ nem Unglück empfingen!“ „Und Sie haben ſie verlaſſen?“ „Mein Freund, ich hatte Deniſen nichts mehr zu bieten.“ „Und wenn Deniſe jetzt, wo Sie viel reicher ſind als Sie, es ebenſo machte? da würde das kein Ende nehmen! Verliebte ſind doch recht unverſtändig.“ Statt der Landſtraße, die zum Dorf führen würde, zu folgen, konnte Auguſt dem Verlangen nicht wider⸗ ſtehen, den Nebenweg durch das Gehölz einzuſchla⸗ gen, wo er einſt das kleine Milchmädchen geküßt hatte. Bei dem Orte angelangt, wo Grauhans durchging, bemerkte Auguſt im Wald einen kleinen Knaben auf einem Eſel; in einiger Entfernung davon ſaß ein junges Mädchen unter einem Baume. „Hier ſind ſie!“ rief Auguſt und ſprang aus ſei⸗ nem Cabriolet, eilte in's Gehölz und ſtand an der Seite des jungen Mädchens. Er warf ſich vor ihr auf die Kniee, bedeckte ihre Hände mit ſeinen Küſſen und ſagte zu ihr:„Ich bin's, Deniſe, ich komme zu⸗ rück zu Dir, um Dich nicht mehr zu verlaſſen.“ Die Jungfrau vermeinte zu träumen: ſie betrach⸗ tete Auguſt, ſah ihn elegant wie ehemals und Coco ſprang herbei.„Das iſt ja mein guter Freund!“ rief er,„er iſt angezogen wie an dem Tage, wo ich die Suppenſchüſſel zerbrach.“ „Sie ſind's,“ ſagte Deniſe;„ach! wenn Sie wüß⸗ ten, welchen Kummer mir Ihr Schreiben gemacht hat. Böſer! mich verlaſſen, weil er arm iſt zu —. — — ſagen, ich liebe ihn nicht!... er werde mich erſt wieder beſuchen, wenn er mich nicht mehr liebe! Kommen Sie auf dieſe Art wieder? Ach! ſagen Sie es ſo⸗ gleich, laſſen Sie mich nicht ein trügeriſches Glück hoffen! Es thut zu wehe, in ſeinen Hoffnungen ge⸗ täuſcht zu werden.“ Statt aller Antwort drückte Auguſt ſie zärtlich an ſein Herz und ſeine Augen ſagten dem lieblichen Mädchen, daß nicht Freundſchaft allein ihn zu ihr zurückführe. Bertrand war inzwiſchen gleichfalls ausgeſtiegen und begrüßte jetzt Deniſe. „Bertrand auch,“ rief ſie verwundert,„auch er zurück!“ „Ja, und ihm, den ich beſchuldigt, mich verlaſſen zu haben, verdanke ich mein gegenwärtiges Glück.“ Einige Worte klärten Deniſe bald über Alles auf. „Ach, mein Herz zweifelte nie an dem ſeinigen,“ rief ſie und hielt ihm die Hand hin.„Kann man denn aufhören, die Leute zu lieben, weil ſie unglücklich ſind?“ Hierauf erinnerte ſie ſich, daß Auguſt einen Theil ſeines Vermögens wieder erlangt hat, daher ſetzte ſie hinzu:„O, mein Gott! ſo werde ich Ihre Frau nicht mehr werden können.“ „Doch, Deniſe, Sie ſollen meine Frau werden,“ entgegnete Auguſt und ergriff ſie bei der Hand,„denn Sie allein können mich glücklich machen und an der Aufrichtigkeit Ihrer Liebe darf ich nicht zweifeln.“ „Aber ich bin nur ein Landmädchen.“ „Das ich allen Stadtdamen vorziehe.“ . 98 1. „Ich werde mich linkiſch benehmen in der Geſell⸗ 3 ſchaft.“ 3 „Was dieſe werth iſt, habe ich erfahren und ich kümmere mich ſehr wenig um ihre Urtheile. Ueber⸗ dieß wird die Welt genöthigt ſein, Ihnen Gerechtig⸗ P keit widerfahren zu laſſen, meine liebe Deniſe, wenn% ſie Sie kennen wird.“ K „Ol ich will ſie nicht kennen lernen, ich; wenn Sie mich heirathen, mein Freund, dann ſei es ab⸗ gemacht, daß ich ſtets hier bleibe; wollen Sie nach Paris, dann gehen Sie allein und wenn Sie der Stadt überdrüſſig ſind, dann kommen Sie zurück zu ihrem kleinen Milchmädchen.“ Anguſt küßte Deniſe und man machte ſich nach dem Häuschen auf den Weg. Wenn man glücklich iſt, findet man Alles herr⸗ 3 lich. Für die beiden Liebenden war das Häuschen ein Palaſt geworden; Bertrand aber, der nicht verliebt war und beſtändig an die Zukunft dachte, ſagte zu Auguſt:„Dieſes Häuschen iſt nicht groß genug; zu⸗ 1. dem gehört es Coco, es iſt ſein Eigenthum.. Sie müſſen ſich ein anderes ſehr hübſches kaufen, das— 6 nicht zu theuer iſt und das Sie von hier aus er⸗ blicken, worin Sie anſtändig wohnen und zuweilen einige Freunde empfangen können, weil man ſich 7 doch nicht ganz von der Geſellſchaft abſondern darfz 3 damit ihre Liebe von Dauer ſei, dürfen Sie ſich nicht ſechs Monate lang mit Ihrer Frau einſchließen. Jetzt— tennen Sie die Welt und werden ſich nicht mehr 4 von ihr täuſchen laſſen; Sie werden die Menſchen für das nehmes, was ſie ſind, werden welche ſehen, deren Geſellſchaft Sie unterhält, und werden nicht mehr ſo hohes Spiel ſpielen, denn jetzt oder nie müſſen Sie geſetzt werden.“ Auguſt ſtimmte Bertrands Vorſchlag bei. Das hübſche Haus wurde gemiethet und nach Verlauf von acht Tagen ward De ſtrahlend von Liebe und Vergnügen, den beſcheidenen Putz, den ſie ge⸗ wählt, durch ihre Anmuth und ihre Reize noch ver⸗ ſchönernd, von dem Manne ihrer Liebe zum Altare geführt. Sämmtliche Dorfbewohner ſahen die Ein⸗ ſegnung des kleinen Milchmädchens.„Jetzt,“ ſagten⸗ die Bäuerinnen unter einander,„jetzt wird ſie erſt recht die große Dame ſpielen: ſie heirathet einen vornehmen Herrn. wie ſtolz ſie ſein wird!“ Allein die Bäuerinnen irrten ſich: Deniſe blieb, als ſie Madame Dalville wurde, eben ſo ſanft und gutmüthig, eben ſo beſcheiden, als wäre ſie ſelbſt noch ein gewöhnliches Landmädchen. Auguſt warf, als er ſeine junge Gattin heim⸗ führte, wohl noch hie und da einige Blicke auf ſchöne Frauen, die ihm begegneten, doch nur aus Gewohn⸗ heit; Deniſe allein beſaß ſein Herz. Ihrem Vorſatze getreu, mochte Deniſe ihr Dorf nicht verlaſſen und lange entfernte ſich Auguſt nicht von ſeiner Frau. Später machte er indeß einige Reiſen nach Paris. Bei einem ſeiner Beſuche in der Hauptſtadt erfuhr er, daß die lebhafte Athalie ſich von ihrem Gatten getrennt habe, weil Mutter Thomas eine zweite Reiſe nach Paris unternahm, 100 und Herr von Thomaſſiniére, der ſeinerſeits auch ſchlechte Spekulationen gemacht und ſich von Herrn von Cligneval hatte zu Grunde richten laſſen, ſah ſich genöthigt, ſeine ſämmtlichen Beſitzungen ſeinen Gläubigern abzutreten; er ſelbſt wurde Cabriolet⸗ kutſcher, ein Stand, in dem er weit beſſer an ſei⸗ nem Ylatze war als inmitten eines Salons. Der Marquis von Cligneval hatte ſich bei einer Partie Ecarté einige Taſchenſpielerſtückchen erlaubt, welche der Geſellſchaft keineswegs zuſagten; er mußte ſich duelliren und wurde von ſeinem Gegner getödtet. Was Deſtival betrifft, ſo wollte dieſer in Eng⸗ land Geſchäfte derſelben Art machen wie in Paris; einer ſeiner Clienten aber, mit deſſen Geld er durch⸗ ging, erreichte ihn und verſetzte ihm einen Boxerſtoß, von dem er nicht wieder aufſtand. Herr Monin war es, der Auguſt alle dieſe Nach⸗ richten mittheilte, nicht ohne vorher gefragt zu haben, wie ſich der Stand ſeiner Geſundheit befinde. Nach⸗ dem er ſeiner Doſe öfters zugeſprochen, kehrte er zu ſeiner Bichette zurück, die er in einer Gartenlaube des türkiſchen Kaffeehauſes mit Herrn Bisbis ver⸗ laſſen hatte. Auch Dorfeuil und ſeine Tochter ſah Auguſt wie⸗ der; doch ging er zu der jungen Tabuletkrämerin nur ſelten, weil ſie ſehr ſchön war. Dagegen be⸗ ſuchte er Virginie ſehr häufig, die zwar nicht mehr ſchön, aber völlig ſolid iſt und deren vortreffliches Herz ihre früheren Thorheiten in Vergeſſenheit bringt. Wenn Auguſt zuweilen einige Zeit in Paris zu⸗ 101 gebracht hatte, dann kghrte er nach Montfermeil zu⸗ rück; mit ſtets neuem Vergnügen fand er ſich dann wieder an der Seite ſeines kleinen Milchmädchens, ſeines treuen Bertrands und Coco's, der, als er größer wurde, ſich oftmals Glück wünſchte, ſeine Suppenſchüſſel in einem ſo günſtigen Augenblick zer⸗ brochen zu haben.. ℳ „ * Inhalt des erſten Theils. Erſtes Kapitel. Unterhaltung im Cabriolet. Zweites Kapitel. Der Sturz Drittes Kapitel. Das Kind und der Speiſelopf. Biertes Kapitel. Einige Portraits nach der Natur. Fünftes Kapitel. Das Exercitium, die Schautel, das Gewitter und die Myſit. Inhalt des zweiten Theils. Erſtes Kapitel. Die Geſellſchaft kehrt nach Paris zurück Zweites Kapitel. Das Dorf Drittes Kapitel. Ein Morgen bei einem Mann Viertes Kapitel. Jungfer Tapotte und der Herr Marquis Fünftes Kapitel. Das Gaſthaus zum Kehr⸗Um. Inhalt des dritten Theils. Erſtes Kapitel. Das Gaſthaus zum Kehr⸗Um(Fortſ.) Zweites Kapitel. Beſuch in Montfermeil. Drittes Kapitel. Anlegung der Gelder, Pfanderſpiele Punſch und die Sicherheitslampe Seite —. 35 46 72 26 44 62 88 18 50 Inhalt des vierten Theils. Erſtes Kapitel. Deniſe und Coco in Paris Zweites Kapitel. Die Schule der Emporkömmlinge Drittes Kapitel. Was man vorhergeſehen hatte.. Viertes Kapitel. Geſellſchafts⸗Scenen Fünftes Kapitel. Der fünfte Stock Sechstes Kapitel. Die Griſetten im Dorfe, die Abend⸗ geſellſchaft und das Geſpenſt 6 Inhalt des fünften Theils. Erſtes Kapitel. Die Griſetten im Dorfe; die Abend⸗ 38 geſellſchaft und das Geſpenſt(Fortſetzung) Zweites Kapitel. Ein Mann unter Tauſenb. Drittes Kapitel. Arme Deniſe* 22 Viertes Kapitel. Erſtes Reiſeabenteuer. Fünftes Kapitel. Eine Liſt Bertrands Sechstes Kapitel. Die Hochzeit Inhalt des ſechsten Theils. Erſtes Kapitel. Skizze aus Italien Zweites Kapitel. Das drei Jahre währt Drittes Kapitel. Die Wiederkehr Viertes Kapitel. Die Geſtändniſſe.— Der antrug Fünftes Kapitel. Wieder Virginie Sechstes Kapitel. Der, den man erwarten vurſte; Rücktehr in's Dorf... Steite 16 38 50 67 85 26 46 54 7⁵ 86 19 35 50 60 82 „ 1 —,—— — ſ ſſſnſſſ 7 8 9 10 11 15 16 12 13 14