Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet Dr⸗ Heinrich Elsner. Siobenzigfter Theil. D So Stuttgart: Scheible, Rieger Sattler. 1845. Das Milchmädchen von Montfermeil. Aus dem Franzöſiſchen des Paul de Rock. Treibe mit Spießen hinaus die Natur, Doch kehrt ſie zurück! Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Fünfter Theil. 4 „ S Stuttgart: Scheible, Rieger x Sattler. 1843. N 2 Erſtes Kapitel. Die Griſetten im Dorfe; die Abendgeſellſchaft und das Geſpenſt. Gortſetzung.) Virginie ſetzte ſich zu Tiſche; Cäſarine that ein Gleiches, die ihrem Kleid zugeſtoßenen Unglücksfälle vergeſſend; Mutter Fourch blieb ehrfurchtsvoll vor den Damen ſtehen und die arme Deniſe, die Augen auf Virginie gerichtet, harrte geduldig, bis dieſe ihr mitzutheilen für gut finde, was Auguſt widerfahren. „Setzen Sie ſich doch, ehrwürdige Tante,“ ſagte Virginie zu der Mutter Fourch, welche Hofdamen bei ſich auf Beſuch glaubte. „Ich werde gewiß nicht ſo frei ſein, Madame.“ „Und ich werde nicht eſſen, wenn Sie ſtehen blei⸗ ben,“ ſagte Cäſarine, während ſie ihr drittes friſches Ei verſchluckte. „Ich weiß wohl, was mir zuſteht, Madame.“ „Sie wiſſen durchaus nichts, Madame Fourcy... im Gegentheil, wir wären ſchuldig, Sie zu bedienen.“ 6 „Ah, Madame, wie20* Achtu em Alter, das iſt mein Grundſatz. Sttzen Sik ſich voch) „Wie Coriolans ſpielen wlrbe „Meinè Ve wandteg n wir Coriolan und geben wir nchnnt einen Stuhl.“, Mit dieſen Worten iüs Virginie auf nahm die Mutter Fourch beim Arm und Wlleſe zuinem Stuhl; da ſich die Bauernfrau immer wehrte, nahm ſie Virginie von hinten bei den Schultern und ſetzte ſie neben den Stuhl; die gute Frau fiel beinahe un⸗ ter den Tiſch, und Virginie, die ihren Platz wieder einnehmen wollte und glaubte, die Bauernfrau habe ſich geſetzt, ſagte, als ſie dieſelbe nicht mehr ſah: „Ich glaube, ich habe Ihnen einen etwas niedern Stuhl gegeben; allein Sie werden ſich jedenfalls beſſer befinden als ſtehend.“ „Er iſt hübs, Dein Stuhl,“ ſagte Cäſarine, in⸗ dem ſie der Mülter Fourey aufzuſtehen half. „Wie! Sie ſind gefallen? Das hat man davon, wenn man ſich ſträubt. Sie haben ſich wehe gethan?“ „Sie ſind ſehr gütig, Madame.. ein wenig, an der Hüfte.“ „Das kann Ihnen bloß vort ft ſein; das bringt das Blut in Bewegung. Setzen Sie ſich doch.“ Mutter Fourch ließ ſich nicht mehr bitten, und als die Ruhe wiederhergeſtellt war, ſagte Deniſe von Neuem:„Und Herr Auguſt, Madame?“ 3 „Ach ja, ich habe Ihnen noch nicht erzählt, wa⸗ —— W — 7 rum er zu Grunde gerichtet iſt. Wahr iſt, daß ich es ſelbſt nicht weiß; aber, mein Gott, es iſt leicht zu errathen, der junge Mann handelte wie ein Un⸗ beſonnener: er ſpielte, machte großen Aufwand, be⸗ zahlte Maitreſſen! Ich habe ihm zwanzig Mal ge⸗ ſagt:„Auguſt, Du machſt es zu arg!“ das habe ich ihm oft geſagt; ich dutzte ihn, weil ich ihn ſchon ſeit ſeiner Kindheit kenne.“ „Ich glaubte, der Herr ſei von Ihrem Alter?“ ſagte Madame Fourch. „Ja, ungefähr, wir ſind zuſammen auferzogen worden, wir hatten dieſelbe Amme.. auch habe ich ihn ſehr gerne, und obgleich er jetzt im fünften Stock wohnt, wird mich das nicht verhindern, mit ihm zu frühſtücken; das ſagte ich geſiern zu Bertrand, der mir mittheilte, daß es mit den Finanzen ſchlecht ſtände.“ „Aber Herr Auguſt muß vielen Kummer haben; er muß recht traurig ſein, daß er zu Grunde ge⸗ richtet iſt,“ ſagte Deniſe ſeufzend. „Er, meine liebe Freundin? Durchaus nicht; v⸗ Sie kennen ihn nicht! Er iſt immer eben ſo leicht, eben ſo ſorglos. Bertrand ſagte mir das geſtern, der arme Bertrand! ich habe eine Thräne in ſeinen Au⸗ gen geſehen, während erbmir von den Thorheiten ſeines Herrn Mach. Es iſt ein treuer Diener, ein wahrhafter Freund gib mir zu trinken, Semi⸗ ramis, denn während ich ſpreche, ſehe ich, daß Du nichts thuſt als Dir einſchenken... Semiramis iſt der Name eines Landgutes, das meiner Verwandten gehört; ſie hat deren rings um Paris herum.“ „Sage doch, Deniſe,“ rief Mutter Fourch aus, „wenn dieſer Herr jetzt arm iſt, ſollten wir ihm nicht zurückgeben, was er für Coco dagelaſſen hat? Wie ſchade, daß das Häuschen jetzt gebaut iſt.“ „Madame Fvourey, was geſchenkt iſt, iſt geſchenkt,“ ſagte Virginie,„von dieſem Grundſatz bin ich noch nie abgewichen. Man muß nie anfangen, was man geſchenkt bekommen hat, zurückzugeben.“ „Ach! wenn ich Alles hätte, was ich Theodor eſenkt habe!“ „Es iſt dieß der Mann meiner Verwandten... ſie hat ihn zwei Mal mit den Maſern angeſteckt und Sie begreifen, daß ſie nicht erfreut ſein würde, ſie wieder von ihm zu bekommen gib mir zu trin⸗ ken, Semiramis.“ Deniſe miſchte ſich nicht mehr in das Geſpräch: ſie träumte und war ganz mit dem beſchäftigt, was ſie über den jungen Mann von Paris gehört; die beiden Damen, welche ſich gut an der Tafel befan⸗ den, plauderten um die Wette; Mutter Fourcy ſperrte Augen und Ohren auf, da ſie nicht immer die ſchö⸗ nen Dinge verſtand, die dieſe Damen ihr erzählten; da man ihr aber keine Zeit ließ, ein Wort anzu⸗ bringen, ſo konnte ſie nichts Anderes thun als ſtau⸗ nen. Die Damen ſaßen ſchon ziemlich lang bei Tiſche und Mutter Fourch, die ſich zwiſchen ihnen befand, drehte voll Verwunderung den Kopf bald rechts, bald links; Deniſe hatte das Zimmer unbe⸗ merkt verlaſſen: der armen Kleinen war es ſchwer um's Herz, ſie glaubte Auguſt unglücklich, deßhalb — 9 mußte ſie ihren Thränen freien Lauf laſſen und dieſe wollte ſie vor den Damen verbergen; Coco, der im Hofe ſpielte, ſah ſie bei ſich vorübergehen. Das Kind gewahrte den Kummer des jungen Mädchens: es verließ ſein Jakobinchen, um zu De⸗ niſe zu ſpringen.„Was haſt Du denn, Denischen?“ „Du weißt nicht, Coco, daß Dein guter Freund⸗ der, welcher Dir ſo Vieles gab, jetzt arm, unglück⸗ lich iſt vielleicht. „Mein Denischen, man muß ihm wieder Eier und Kuchen bringen; das wird ihn freuen, wenn er arm iſt. Als ich noch mit Großmama in unſerer Hütte war, war ich ſo vergnügt, wenn Du mir Weißbrod brachteſt. ich aß damals nicht oft Weiß⸗ brod.“ Deniſe küßte Coco: die Worte des Kindes erreg⸗ ten eine geheime Hoffnung in ihr. Sie wiſchte ihre Thränen ab und kehrte in die Stube zurück, wo ſich die Geſellſchaft eben durch die Ankunft eines Dorf⸗ bewohners, des alten Schulmeiſters, vermehrt hatte, welcher Mutter Fourcy zu beſuchen kam, und beim Anblick der beiden Pariſer Damen faſt eine Com⸗ mode umwarf, um eine ſchönere Verbeugung zu machen, während Virginie Cäſarinen anſah, welche ihren Kopf in ihrer Serviette verbarg, um dem Neu⸗ angekommenen, deſſen Geſicht genau an die komi⸗ ſchen Masken, die man im Carneval verkauft, er⸗ innerte, nicht in's Geſicht zu lachen. „Guten Tag, Nachbar Manflard,“ ſagte Mutter Fourch zu dem alten Schulmeiſter. 10 „Guten Tag, Nachbarin Fourch.“ „Wie geht's, Nachbar Manflard?“ „Sehr gut, Nachbarin Fourch. Meiner Treu', ich hatte nichts zu thun, da ſagte ich bei mir: ich muß die Nachbarin Fourch beſuchen.“ „Das iſt ſehr ſchön von Ihnen, Nachbar.“ „Aber wenn Sie Feſ eth ſo will ich nicht ſtören.“ „Bleiben Sie 0 S Manftard,“ ſagte Vir⸗ ginie;„wir wären untröſtlich, wenn wir Sie ver⸗ trieben.“ „Ich denke nicht, daß das ſöne Geſlecht den Herrn erſreckt!“ Stalt aller Antwort machte der Nachbar eine neue Verbeugung, wobei er ganz leicht ein Sechs⸗ pfennigſtück mit den Zähnen hätte auffangen können, dann nahm er einen Stuhl und ſetzte ſich. „Sie trinken doch ein S Nachbar Man⸗ flard?“ „Gerne, Nachbarin Fourcy.“ „O, das iſt ein recht braver Mann! Er hat frü⸗ her eine Schule im Dorfe gehalten; aber da er in der letzten Zeit nur zwei Schüler hatte, hat er ſich zurückgezogen.“ „Ich bin ſehr ärgerlich darüber; ich ihm Hekuba geſickt.“ „Wer iſt bas, Hekuba?“ „Es iſt die Tochter meiner Verwandten, ein rei⸗ zendes Kind, noch nicht drei Jahre alt, das ſchon Alles anbeißt.“ 11 „O ja, gewiß! ſie würde Marmor verſlu⸗ ckep. 6„Der Nachbar Manflard iſt einer der geſcheidteſten Köpfe im ganzen Orte.“ „Das bemerkt man, wenn man ihn anſieht; aber er ſpricht nichts mehr. Noch ein Gläschen, Herr Manflard?“ Der Nachbar antwortet nur durch langes Schnar⸗ chen; ſeiner Gewohnheit gemäß war er ſchon einge⸗ ſchlafen. „Wie! er ſchläft?“ ſagte Virginie. „O ja! das iſt ſeine Gewohnheit; kaum einge⸗ treten, ſetzt er ſich und ſchläft ein.“ „Deßhalb iſt er dennoch eine ganz häbſche Ge⸗ ſellſchaft!“* „Es geht ihm wie dem ungezogenen Theodor, welcher ſogleich einſlief, nachdem er mir eine Dumm⸗ heit geſagt hatte.“ „Es iſt dieß der Mann meiner Verwandten, wel⸗ cher Sieſta machen wollte. Er hatte das von Spa⸗ nien mitgebracht.“ „Ah, Deniſe,“ rief Mutter Fourch,„mir fällt ein, warum der Nachbar Manflard heute zu uns ge⸗ kommen iſt: hat man nicht geſtern in der Abendge⸗ ſellſchaft bei Claudine geſagt, man werde heute Abend bei uns wachen?“. „Ach, mein Gott, das iſt wahr,“ antwortete De⸗ niſe traurig,„das war kein guter Gedanke.“ „Eine ländliche Abendgeſellſaft!“ ſagte Cäſa⸗ rine, vom Liſch auſſtehend,„o! wie hübs muß das 12 ſein! oft ſon habe ich davon reden hören, aber nie einer beigewohnt.“ „Ich auch nicht,“ ſagte Virginie,„und ich habe doch viele Sachen geſehen. Ei! wenn wir hier ſchla⸗ fen könnten, ſo würden wir bei der Abendgeſellſchaft ſein. Was ſagſt Du dazu, meine Verwandte?“ „Ich ſage, daß in der That morgen frühe die Wagen nicht theurer ſein werden als dieſen Abeud.“ „Es iſt jetzt nicht die Rede von den Wagen. Ich weiß wohl, daß wir den unfrigen nicht mitbrachten, um unſere Pferde nicht zu ermüden. Aber wir müſſen wiſſen, ob es die ehrenwerthe Tante nicht beläſtigt, wenn wir dieſe Nacht hier ſchlafen würden?“ „O, ich Fgnn Sie ſchon unterbringen, meine Damen.“ „Es wäre ſehr ſchön von Ihnen, wenn Sie blie⸗ ben,“ ſagte Deniſe, in der Hoffnung, mit Virginie noch von Auguſt ſprechen zu können.„Aber die Da⸗ men werden ſich eben mit einem etwas harten Bett begnügen müſſen.“ „Wir werden hier immer ſehr gut aufgehoben ſein.“ „Ich, ich nehme es nicht ſo genau, ich habe ſon mehr als einmal auf Stroh geſlafen.“ Lirginie ſtieß Cäſarine ünb fügle ſchnell hinzu: „Ach ja, auf Deinem Landgut... aus Scherz und Spaß.“ „Ja, und dann liebe ich das; es iſt unterhaltend, es ſtachelt Einen.“ „O, ich will nicht, daß Sie geſiochen werden,“ ——— ——— 13 ſagte Mutter Fourch,„ich richte Ihnen in dem klei⸗ nen hintern Zimmer ein Beit.“ „Durchaus keine Umſtände, gute Tante, ich bitte Sie; das Vergnügen, bei Ihnen zu bleiben, das Ge⸗ mälde einer Abendgeſellſchaft zu ſehen, iſt Alles, was wir wollen,“ ſagte Virginie. Aber die Bauernfrau hörte ſie nicht und ging, um für die Damen ein Zimmer zu bereiten, während Deniſe eine große Lampe anzündete, die das Zimmer erhellen ſollte; denn die Nacht brach allmälig herein und die Abendgeſellſchaft wurde bald erwartet. Während dieſen Zurüſtungen ſagte Virginie ganz leiſe zu ihrer Freundin:„Dieſe guten Leute halten uns für Prinzeſſinnen.“„ „Aber ich glaube auch, daß ich eine ſehr ſöne. Haltung habe.“ „Ja, aber ſage nicht ſo viele Dummheiten in der Abendgeſellſchaft; mir gefällt es hier ſehr, ich würde gerne vierzehn Tage hier bleiben.“ „In der That, es wäre ſehr billig zu leben!“ ſagte Cäſarine. „Wenn aber alle Männer ſo ticbenswürdig ſind wie der Nachbar Manflard, ſo wird es ſehr luſtig werden.“ Die Nacht war hereingebrochen und die Liebha⸗ ber der Abendgeſellſchaften, welche bei Mutter Fourch zuſammenkommen wollten, ſtellten ſich nach und nach ein. Die alte Frau brachte ihr Spinnrad, eine an⸗ dere ihr Geſtrick, viele brachten nichts, weil ſie Ge⸗ ſchichten erzählen ſollten und dieß von nicht gerin⸗ 14 ger Wichtigkeit bei Abendgeſellſchaften iſt; die Män⸗ ner haben Flaſchen oder Krüge und ein Jeder hat ſein Nachteſſen bei ſich. Virginie und Cäſarine, die in einer Ecke der großen Stube ſtanden, wo es trotz der Lampe nicht ſehr hell war, betrachteten die Bauern und machten ihre Commentare, welche jene aber glücklicher Weiſe nicht hörten. „Ach, die drolligen Figuren!“ ſagte Virginie, „welche ungeſchliffene Geſichter ſie haben! Ich möchte alle dieſe Leute da auf Leinwand an einem Plafond gemalt ſehen.“ „Meinſt Du? allein die Bauern ſind boshaftiger als ſie ſeinen.“ „Ol ich Welte, ich ſpiele ihnen einen Streich und erwiſche ſie Alle.“ „Virginie, Du weißt wohl, man muß geſeidt ſein.“ „Gut, Semiramis, ich weiß, was ich zu thun habe.“ „Da, ſieh: hier iſt ein großer junger Bauer, wel⸗ cher ein ſönex. Mann iſt. Er hat Senkel wie Theodor!“— „Er hat ein ſchauderhaft dummes Geſicht!“ „Das iſt gleich; er iſt durchaus nicht übel.“ Als die Bauern eintraten, bemerkiten ſie die bei⸗ den Pariſer Damen nicht augenblicklich, wie ſie dieſe aber anſichtig wurden, verſammelten ſie ſich und fingen an, unter einander zu flüſtern. Cäſarine nä⸗ herte ſich der Gruppe, indem ſie mit einer graziöſen — 15 Wiene ſagte:„Wir wollen Sie nicht ſtören, gute Landleute; wir wollen uns bloß in Ihre Spiele miſſen!“ „Wir lieben das Landleben außerordentlich,“ ſagte Virginie,„und ehe wir ein Landgut kaufen, wollen wir erfahren, was man darin treibt.“ Die Ankunft der Mutter Fourch brachte die Bauern vollends in's Klare. „Dieß ſind vornehme Damen von Paris,“ ſagte ſie zu den Bauern.„Sie haben Hotels, find aber durchaus nicht ſtolz; ſie haben hier ſchlafen wollen, um bei der Abendgeſellſchaft zu ſein. Ihr werdet ſehen, wie artig ſie ſind.“ Die Bauern machen den beiden Damen große Complimente; einige junge Schlingel des Ortes fin⸗ gen, um vor den Fremden ſogleich die Artigen zu machen, an, ſich zu ſtoßen und einige Fauſtſchläge zu geben, und ſtießen dann ein großes Freuden⸗ geſchrei aus, wenn ihr Kamerad zu Boden ſiel. Die alten Bauern ſagten hierauf:„Da ſieht man wieder unſere jungen Schlingel, wie ſie anfangen, zu lachen!“ und Virginie flüſterte ihrer Freundin zu:„Wenn ſie ſo anfangen, wie werden ſie dann endigen?“ Mitten unter dieſem Lärm fuhr Herr Manflard fort, auf ſeinem Stuhl zu ſchnarchen, und einer der Schelme des Orts ſchrie:„Der Vater Manflard ſchläft! Ah, dem Vater Manflard muß man einen Schabernack ſpielen. Nicht wahr?“ „Ich habe die Sabernacke gern,“ ſagte Cäſa⸗ 16 rine, indem ſie ſich neben den großen Schöps ſtellte, den ſie für einen ſchönen Mann hält und der die Augen ſenkte und bis hinter die Ohren roth wurde, wenn die Pariſer Dame ihn anſah. „Was wollen wir dem Vater Manflard thun?“ fragte einer der Bauern. „Man muß ihm ſeinen Hut nehmen.“ „Ah! das iſt nicht drollig genug.“ „Man muß ihm ſein Sacktuch nehmen.“ „Seine Tabacksdoſe.“ „O! er wird bald errathen, daß wir ſie ihm genommen haben. Das iſt noch kein paſſender Streich.“ „Wollt ihr ihm einen tüchtigen Sabernack an⸗ thun,“ ſagte Cäſarine,„ſo dürfet ißt ii müt ganz ſachte ſeine Hoſen ausziehen.“ Die Bauern ſahen einander erſtaunt an, da ſie den Streich, welchen die vornehme Dame aus der Stadt vorſchlug, ein wenig ſtark fanden, und Vir⸗ ginie ſtieß ihre Freundin mit den Füßen und ſagte ganz leiſe zu ihr:„Villſt Du ſchweigen.. an was denkſt Du macht man denn ſolche Dummheiten hier?“ „Meine Freunde,“ nahm Virginie das Wort, in⸗ dem ſie ſich an die Bauern wandte,„meine Ver⸗ wandte hat das geſagt, weil ſie annimmt, daß Vater Manflard Unterhoſen trägt.“ „O ja! aber er trägt keine,“ ſagte lachend eine dicke Frau Baſe. Sogleich ſchrieen alle Bauern: „Da, Fanchon weiß das!.. Ah! woher weißt Du — * lage hatte bloß zweiundſiebenzig Stan en. 17 denn das, Fanchon?2... Aha, ſo! es ſcheint, Fanchon, daß Du das weißt, ſo, Fanchon, ſo!“ Fanchon lachte immer fort und dieſes Geſchrei erweckte endlich den Vater Manflard, welcher ſich die Augen rieb und fragte, was es gebe. Aber Deniſens Tante ſtellte die Ordnung wieder her und hieß die ganze Geſellſchaft ſich ſetzen. Die Ehrenplätze an dem Herd wurden den beiden Damen angeboten, aber Cäſarine, die ſich neben den großen Schöps geſetzt hatte, ſagte, ſie befinde ſich gut hier und die Hitze ſei ihr nicht zuträglich; Virginie ſaß hinter zwei Greiſen; Deniſe hatte Coco auf ihren Schvoß genommen: ſie allein nahm keinen Antheil an den Freuden der Abendgeſellſchaft und ihr Herz wie ihre Gedanken verſetzten ſie weit von dem Dorfe weg. Eine alte Frau begann mit einer Räubergeſchichte, eine andere erzählte eine Geſpenſtergeſchichte und da dieſes Alles Cäſarine nicht beluſtigte, während die guten Leute ſich zitternd aneinander preßten, ſpielte ſie Taube flieg auf“ mit dem großen Schöps und gab ihm kleine Schläge auf das Kinn, wobei ſie ſagte:„Was er eine falſe Theodors⸗Miene hat!“ Ein alter Bauer nahm das Wort und kündigte an, daß er die Klage über den außerordentlichen Tod von Etienne de Garlande, einſtigem Herrn von Livry, der die Partei von Amaury de Monfort gegen Ludwig den Dicken ergriffen hatte, ſingen werde. Die Paul de Kock. LX 18 Da jede Stanze, nach einer lamentabeln Melodie und der Weiſe Marlborough's geſungen, faſt fünf Minuten dauerte, ſo ſtand Virginie bei der zweiten auf, nahm ein Licht, ſagte der Mutter Fourch ganz leiſe, ſie wolle ſchlafen gehen, und entfernte ſich, ohne daß dieß die Bauern von der Aufmerkſamkeit, die ſie auf die Klage richteten, abgewendet hätte. Aber Cäſarine, welche ſich nicht darum beküm⸗ merte, die zweiundſiebenzig Strophen zu hören, unter⸗ brach den Bauern mitten in der vierten und ſagte: „Meine lieben Freunde, euer Lied iſt ſehr ſönz aber es wird endlich Jedermann dabei einſlä eñ⸗ wie der Nachbar Manflard, welcher ſeit einer Stunde ſnarcht. Wenn ihr es wänſet⸗ ſo will ich euch, ñ vich ein wenig aufzuwecken, eine Scene aus ei⸗ ner Tragödie ſpielen. Wiſſet ihr, was Tragödie iſt, meine Freunde?“ „Nein, Madame,“ ſagten die Bauern. „Und die Komödie, ſeid ihr ſchon darin geweſen?“ „Nein, Madame.“ „O! ich weiß, was das iſt,“ ſagte einer der Schlingel;„ich bin in Paris darin geweſen: da ſieht man Männer und Weiber hinter einem Vorhang, der in die Höhe geht, und dann ſind Lampen darin“ und dann ſagen ſie darin Dummheiten und machen Geſtus, und man verſteht gar nichts davon, aber es iſt prächtig ſchön.“ 1„So iſt es, mein lieber Freund, Sie wiſſen es, und hernach erklären Sie der Geſellſaft, was ſe nicht ſogleich begreifen wird. Ich will euch eine Scens“ 19 aus„Andromache“ ſpielen. Kommen Sie mit mir, ſöner Mann, Sie ſollen Phrrhus machen.“ äſarine nahm den großen Schöps am Arm, ſtellte eine hölzerne Bank in den Hintergrund des Saales, legte ihren Shawl ab und wickelte ihn ganz um ſich herum, nahm eines ihrer Strumpfbänder, welches ſie als Band um den Kopf des jungen Bauern wickelte, der ſich friſiren ließ und ſich nicht zu rühren wagte. Die Bauern erwarteten, die Augen auf Cäſarine gerichtet, ungeduldig, was ſie thun werde. Nachdem ſie ihren Hut abgelegt und ihre Haare auf dem Wirbel zuſammengebunden hatte, ließ ſie den großen Schöps auf eine Ecke der Bank ſteigen und ſtellte ſich auf die andere, indem ſie ſagte:„Wir wollen anfangen. Aber zuvor glaube ich, daß ich euch ein wenig den Gegenſtand des Stückes erklären muß. Hört: Andromache iſt eine Königin, deren Mann getödtet worden iſt; Pyrrhus, der da ſteht, will ſie heirathen und ſie will nicht, das iſt die ganze Geſichte, verſteht ihr wohl?“ „Ja, ja,“ ſagten die Vauern,„überdieß wird uns Hans Franzel das Uebrige erklären.“ „Allerdings; ich fange an und Sie, Pyrrhus, machen Sie mir das Vergnügen, Ihre Augen nicht immer auf Ihre Fußzehen zu heften, weil Pyrrhus nicht die Miene eines Frömmlers haben darf.“ Der große Schöps hebt die Augen in die Luft, um der vornehmen Dame zu gehorchen, die er nicht anzublicken wagte und wendete ſie nicht mehr von dem Plafond weg. — 20 Cäſarine nahm eine ſchöne Stellung an und be⸗ gann: „Was werd' ich ſagen müſſen? Die Qualen, die er ſtift' ſollt' er ſie ſelbſt nicht wiſſen? Sieh, Herr, was Du gethan, und wie mein Zuſtand iſt! Ich ſah den Vater todt, wie Feuer Troja frißt, 3 Ich ſah mein ganz S. durch Deine Hände ſterben, Den Hektor, den man ſleppt, den Staub mit Blute färben.“ — „Die arme Frau, das Alles hat ſie geſehen!“ ſag⸗ ten die Bäuerinnen,„iſt es wahr, Hans Franzel?“ „Ja, ja, es iſt wahr!. Sie ſagt euch ja, ſie habe es geſehen.“ „Meine Kinder,“ verſetzte Cäſarine,„wenn ihr mich unterbrechet, ſo werde ich nicht mehr ſo begei⸗ ſtert ſein; ſweigt, ich bitte euch.“ „Sein Sohn, der nur mit mir zum Dienen übrig iſt, Macht es, daß meine Bruſt ſo Dienſt als nerz vergißt. Ich habe mehr gethan, oft hielt ich mich begkücket, Daß mich das Glück hieher, nicht ſonſt wohin geſicket, Sein Sickſal dünkte mich annoch des Lebens werth, Weil, Sä er dienen muß, er Dich als Herren ehrt. Die Kette, glaubt' ich gar, ſollt' ihm die Zuflucht zeigen, Es ließ ſich ja Achill durch Priams Thränen beugen; Von ſeinem Sohn verhieß ich mir noch größere Huld, Hektor, verzeih' die Suld.“ — „Mein Freund Pyrrhus, benehmen Sie ſich doch im Beiſte Ihrer Rolle; ſuchen Sie denn Spinnen am Plafond?“ Der große Kerl blickt auf die Eintrittsthüre und Cäſarine fängt wieder an: „Hektor, verzeih' die Suld. „Stille doch, meine Kinder,“ ſagte ſie, noch ein⸗ 21 mal in ihrer Deklamation inne haltend,„der, welcher ſo ſrecklich ſnarcht, ſoll ſo gut ſein und gehen.“ Eben wollte Eäſarine ihre Liraden wieder an⸗ fangen, als ſich auf's Neue ein verlängertes Seufzen hören ließ; alle Bauern ſahen einander an und ſagten:„Wer macht denn ſo?“ „Ich nicht.“ „Ich auch nicht.“ „Der Vater Manflard iſt es auch nicht.“ Ein neuer dumpfer Seufzer ertönte in der Stube, Schrecken malte ſich auf allen Geſichtern, die Bauern⸗ preſſen ſich aneinander und wiederholen:„Mein Gott, was iſt denn das?“ „Ihr erſreckt euch wegen Nichts,“ ſagte Cäſa⸗ rine,„das iff Irgend ein Thier, welches im Hofe he⸗ rumlauft.“ „Ol das iſt keine Thierſtimme; das iſt eher die Seele irgend eines Verſtorbenen.“ „Ja, das iſt vielleicht Jakob Ledru, ver vor acht Tagen geſtorben iſt!“ „Iſt das nicht eher der Geiſt der Mutter Lukas, die bei ihren Lebzeiten ſo böſe war und uns jetzt noch quälen will?“ Cäſarine fing, um die Bauern zu 7 eben ihre Tirade wieder an, als der große Schöps, der die Augen auf die Thüre geheftet hatte, einen ſchreck⸗ lichen Schrei ausſtieß und von der Bank herunter⸗ fiel; Andromache fiel hierauf ebenfalls herab und rollt auf ihn hin. „Was gibt's? was iſt denn das?“ fragten alle 22 Bauern erſchrocken. Der große Schöps, welcher nicht die Kraft hatte, zu ſprechen, zeigte auf die Thüre und verbarg dann ſein Geſicht in den Händen. Alle Bauern ſahen nach dem bezeichneten Ort hin: die Thüre öffnete ſich ſo eben und ließ auf der Schwelle ein weißes Geſpenſt von furchtbarer Größe, deſſen Augen von Feuer ſtrahlten, gewahr werden. Bei dieſem ſchrecklichen Anblick ſtießen alle Wei⸗ ber ein fürchterliches Geſchrei aus und warfen einan⸗ der um, indem ſie ſich von der Thüre entfernten; die meiſten Männer machten es ebenſo, indem ſie ſchrieen:„Retten wir uns!“ Da man ſich aber nicht durch die Thüre retten konnte, wo das Geſpenſt Schild⸗ wache zu ſtehen ſchien, ſtießen ſich Alle gegen den Hintergrund der Stube zurück, und in dieſem Tu⸗ mult wurden Stühle, Bänke, wie auch der Tiſch, auf dem die Lampe ſtand, umgeworfen, und dieſe ver⸗ löſchte, indem ſie auf den Boden ſiel. Dieſe plötz⸗ liche Dunkelheit vergrößerte noch den allgemeinen Schrecken; diejenigen, welche die Lampe nicht fallen geſehen hatten, glaubten, das Geſpenſt bringe durch ſeine Gegenwart dieſe ſchreckliche Dunkelheit hervor; das Geſchrei verdoppelte ſich, man ſah einander nicht mehr, die Einen ſfielen auf die Andern, und Jeder glaubte, daß das, was auf ſeinen Körper falle, der Teufel ſei. Um den Schreck der Bauern noch zu vermehren, ſtieß das Geſpenſt unheimliche hu! hu! und ſchmerzhafte Seufzer aus. Dieſe Unordnung dauerte mehrere Minutenz die Bauern ſtießen von Zeit zu Zeit ein Schreckensge⸗ — * ———— W ſe ——— 23 ſchrei aus und ſandten Gebete gen Himmel; nur Mademoiſelle Cäſarine hörte man nicht klagen⸗ ob⸗ gleich ſie doch mit dem großen Schöps gefallen war. Hatte Einer den Muth, den Kopf nach der Stuben⸗ thüre zu richten, ſo erblickte er das Geſpenſt mit ſei⸗ nen funkenſprühenden Augen und ſagte ganz leiſe zu den Andern:„Es iſt immer noch da, es geht nicht fort!“ und dann hörte man Mademoiſelle Cäſarine, die mit erſtickter Stimme ſagte:„Es weiche nur Nie⸗ mand von ſeiner Stelle, meine Kinder, und man zünde ja keine Lichter an, ſonſt wird uns der Teufel mitnehmen!“ Plötzlich aber hörte man im Hofe das Gebell des Hundes; bald war es aber vermiſcht mit dem Geſchrei des Geſpenſtes, welches ſich mit dem Hühner⸗ hund valgte und die Bauern zu Hülfe rief.„Mutter Fourch,“ ſchrie es,„laßt Euern Hund doch aufhören iſt der bös.. er beißt mich in die Wade... Cäſa⸗ rine, komm' doch und jage ihn fort.“ Dieſe Stimme, die man für die Virginiens er⸗ kannte, machte dem Schrecken der Bausrn ein Ende. Sie fingen an, zu errathen, daß ſie von einer der Pa⸗ riſer Damen gefoppt worden ſeienz um ſie vollends zu beruhigen, fiel das Tuch, mit dem ſich Virginie bedeckt hatte, herab, und der Hund packte eine La⸗ terne, welche ſie auf ihren Kopf geſtellt und mit dem Tuch umwickelt hatte: durch kleine Löcher in demſelben war die Helle hindurchgedrungen. Der Hund ſprang mit ſeiner Laterne in die Stube und das Licht erhellte ein burleskes Gemälde: die Män⸗ ner waren untereinander mit den Frauen, und ohne an etwas Böſes zu denken, war die Convenienz nicht durchgängig beobachtet worden, weil, wenn man Angſt hat, man ſich vgybirgt, wo man kann. Die Lage Cäſarinens und des großen Schöpſen war die zweideutigſte, aber da das Licht der Laterne die große Stube nur ſchwach erleuchtete, ſo gab es viele Dinge, die man nicht Zeit hatte zu ſehen. Man begann, den Vater Manflard zu befteien, auf dem ein Liſch, zwei Bänke und drei Ammen lagen, dann zündete man die Lampe wieder an und erkannte einander wieder. Mitten unter dieſem Lärm hatte Deniſe ſich in einer Ecke mit Coco zuſammen⸗ geſchmiegt; auf das Geſchrei Virginiens ſprang ſie ihr zu Hülfe und half ihr die Tücher, in die ſie ein⸗ gewickelt war, vollends ablegen. „Wie, Sie machten das Geſpenſt?“ fragte ſie das junge Mädchen. „Ja, meine Kleine, ich habe auch wollen eine phantasmagoriſche Scene ſpielen, und ohne Ihren verfluchten Hund hätte ich euch noch manche Furcht eingejagt.. aber er iſt mir an die 7 unter den Rücken zeßrunges während ich ein hu, hu ausſtieß.“ „Ach⸗ wie ſade!“ ſagte Cäſarine, indem ſie den großen Schöps anſah;„es war ſo hübſ'.. ich liebe Scenen ſehr.“ „ iſt ſchuldig, daß ich ganz zer⸗ quetſcht bin,“ ſagte der Vater Manflard; die Bauern, zornig, daß man ſich über ſie luſtig gemacht hatte, wollten die Abendgeſellſchaft nicht verlängern und „— 25 gingen von Mutter Fourch's Hauſe fort, indem ſie ſich untereinander fragten:„Was ſind denn das für vornehme Damen?... Die Eine will Vater Man⸗ flards Unterhoſen ſehen, die Andere verkleidet ſich als Geſpenſt„ſie haben eine verflucht kecke Miene.“ Nachdem die Nachbarn fort waren, dachte man nur noch an's Schlafen. Virginie und ihre Freun⸗ din legten ſich zu Bette und ſchliefen ſogleich ein; die Eine, indem ſie ihren Biß betaſtete, die Andere, indem ſie ſtammelte, daß der große Schöps viele Dinge mit Theodor gemein habe. Mutter Fourch und Coco ſchliefen auch, nur Deniſe konnte keine Ruhe finden: unaufhörlich dachte ſie an Auguſt, an ſeinen Glückswechſel und was ſie für ihn thun könnte, um ihm ihre Freundſchaft zu beweiſen. Aber ſie hatte keine Luſt, die beiden Pariſer Damen um Rath zu fragen, denn die Thorheiten, die ſie dieſelben hatte machen ſehen, hatten die Achtung, die ſie für ſie ge⸗ hegt, vermindert. Deniſe fühlte, daß ihr Herz allein ſie leiten ſollte; ſie wußte wohl, daß dieſes ihr nie Etwas rathen würde, worüber ſie zu erröthen hätte⸗ Am andern Morgen nahmen die Damen, welche ſich ſchon auf dem Lande langweilten, wo ſie hatten vierzehn Tage zubringen wollen, nach dem Frühſtück Abſchied von Mutter Fourch und von Deniſe, und ſtiegen in den Wagen, der nach Paris ging, indem ſie zu einander ſagten:„Ach, m ebe, wie treibt es mich, heimzukommen!... Ich e ſeit ſechs Mo⸗ naten die Rue Montmartre und das Ambigu⸗Comique nicht geſehen zu haben!“ 26 „Und ich, ich habe Theodor ſeit vierundzwanzig Stunden nicht geſehen!“ „Man mag ſagen, was man will: es gibt nur ein Paris in Beziehung auf Vergnügen, Toilette, Schauſpiel, Punſch!“ „Ach! wenn ich auf dem Land leben müßte, würde ich aus Smerz ſterben.“ Zweites Kapitel. Ein Mann unter Tauſend. Nach ſeinem Beſuch bei dem Greiſe im fünften Stock hatte ſich Auguſt vorgenommen, vernünftig zu werden und aus der Lehre Nutzen zu ziehen, welche der unglückliche Dorfeuil, ohne es zu wiſſen, ihm ge⸗ geben hatte; allein ein altes Sprichwort ſagt: Ver⸗ jagſt Du auch den angebornen Trieb, ſo kommt er doch in ſchnellem Laufe wieder, und Auguſts an⸗ geborner Trieb war, Tollheiten zu machen. Da er ſich überdieß, aus einem Zartgefühl, worüber man ihm keinen Vorwurf machen konnte, am Fenſter keine Zerſtreuung mehr verſchaffen wollte, ſo mußte er dieſe wohl anderswo ſuchen. Von ſeinem frühern Reichthum her war ihm die Gewohnheit geblieben⸗ in Allem großartig zu Werke zu gehen, nicht zu be⸗ rechnen, nur ſe ſten Eingebung zu folgen; ge⸗ gen Unglücklich gegen ſeine Maitreſſen zeigte er ſich großmüt ndern Vergnügen zu machen iſt eine ſüße Gewohnheit, daß es ſehr ſchwer iſt⸗ 1 27 ihr zu entſagen. Es gibt indeß Leute, welche dieſen Genuß nie gekannt haben. Bei Unterſuchung ſeiner Kaſſe gewahrte Bertrand das ungeheure, durch Auguſts Beſuch bei dem Greiſe entſtandene Defizit. Da er nicht anuehmen konnte, daß ſein Herr in ſo kurzer Zeit ſo viel Geld verbraucht hätte, ſo glaubte Bertrand, ſie ſeien beſtohlen wor⸗ den und ſchlug einen hölliſchen Lärm auf: er wollte ſogleich hinabeilen und Strack und ſeine Frau prü⸗ geln, damit ſie ein ander Mal keine Spitzbuben in das Haus hereinſchleichen laſſen; Auguſt hielt ihn jedoch zurück. „Wie, mein Herr,“ ſagte der Wüthende,„vor drei Tagen waren uns noch etwa zehntauſend Franken übrig, ich finde nur noch ſiebentauſend, und wir ſind nicht beſtohlen?“ „Nein, Bertrand, ich habe das Geld genommen.“ „Ach, Verzeihung, mein Lieutenant, wenn Sie es haben, dann iſt es etwas Anderes.“ „Ich ſage Dir nicht, daß ich es habe, ich ſage Diß⸗ ich, ich habe es.. verwendet.“ „Tanſend Thaler in drei Tagen!.. Das geht hübſch, mein Lieutenant; in dieſem Falle ſehe ich nicht ein, warum wir in den fünften Stock herauf⸗ gezogen ſind, denn im erſten verbrauchten Sie nicht mehr.“ „Bertrand! ich traf einen alten Freund, der im Elend war.“ „Vir können am Ende wohl auch ſo weit kom⸗ men, und wenn wir ſo fortfahren, wird es nicht mehr 28 lange anſtehen. Entſchuldigen Sie, mein Lieutenant, ich weiß, wie großmüthig Sie ſind, ich kenne Ihr gutes Herz. allein Sie ſollten doch bedenken, daß Slie keine zwanzigtauſend Franken jährliche Einkünfte mehr haben, und wenn man zum Mittageſſen nur noch ein Stück Rindfleiſch hat, ſo iſt man, ſcheint es„ mir, nicht veranlaßt, Andern Rebhühner zu ſchenken.“ 6 „Werde nicht böſe, Bertrand, ich will geſetzt, ſo⸗ 3 gar geizig werden.“ „Geizig? O pfui, mein Lieutenant, dieſen Fehler 63 werden Sie nie haben; zudem glaube ich, daß es uns jetzt wenig mehr helfen würde.“ „Ich bin nicht ohne Hoffnungen: man will mir 4 eine Stelle bei der Verwaltung verſchaffen.“ „Wahrhaftig?“ „Mit ſechstauſend Franken Gehalt.“ „Nicht möglich!“ „Sehr möglich, im Gegentheil. allein Du ſiehſt Alles ſchwarz an, Du!“ „Weil Sie Alles roſenfarben anſehen, Sie, mein Herr.“ „Wenn die Stelle in der Verwaltung mir ent⸗ gehen ſollte, ſo werde ich wahrſcheinlich in ein Ban⸗ quiergeſchäft treten als Buchhalter.“ „Haben Sie ſchon Bücher geführt, mein Herr?“ „Nein, doch was macht das? Glaubſt Du, man müſſe eine Stelle ſtudiren wie ein mechaniſches Ge⸗ ſchäft? Mit einer ſchönen Handſchrift, Kenntniß der Wechſelkunde, der Mathematik und einiger Auffaſ⸗ ſungsgabe kann man jede Stelle ausfüllen. Ich weiß 29 wohl, daß es Leute gibt, welche mehrere Jahre ſtu⸗ diren, wie ſie einen Brief copiren müſſen, und wie⸗ der Andere, die ſich für einen Archimedes, Rewton oder Galilei halten, weil ſie ihr Leben mit Addiren zubringen.. Wenn man ein Amt hat, mein Herr, muß man,. glaube ich, arbeiten.“ „Nun gut, ich werde arbeiten, Bertrand.. o, das kommt mich nicht ſchwer an: ich that nichts, weil ich nichts zu thun hatte, ſo wie ich jetzt aber eine Stele habe, ſo wirſt Du ſehen, mit welchem Eifer ich an die Arbeit gehe!.. Ach, ich möchte mich bereits deran ſehen.“ „Und ich auch, mein Herr: erſtlich, weil Sie dabei Geld verdienen, ſodann, weil ein Menſch, welcher beſchäftigt iſt, weit weniger Thorheiten begeht. Und wer verſchafft Ihnen denn dieſe Stellen?“ „Die erſte eine reizende Frau, die einen Vetter hat, welcher ſehr gut mit dem Sekretär des Miniſters ſteht.. ach, mein lieber Vertrand, die Weiber, ſiehſt Du, die können Alles erlangen, und was Du auch darüber ſagen magſt, ihre Bekanntſchaft iſt nicht im⸗ mer ein Verluſt; wenn ſie Jemand unter ihren Schutz nehmen, ſo geſchieht es mit ſo viel Eifer, mit ſo viel Nachdruck, daß ſie zum Ziele gelangen müſſen.“ „Und wird die andere Stelle Ihnen Fleichfalts durch ein Frauenzimmer zukommen, mein Lientenant?“ „Nein, durch einen jungen Mann, mit dem ich öſters ſpeiste, ein guter Kerl, ſehr verbindlich. ſein DOheim iſt bei einem Banquierhaus betheiligt, er will 30 mit ihm zu meinen Gunſten reden, und die erſte er⸗ ledigte Stelle ſoll ich erhalten.“ „Das wird ſehr zur gelegenen Zeit kommen, mein Herr.“ „Doch Du ſiehſt ein, daß, um ſich bei Leuten⸗ die man braucht, wohl geſehen zu machen, immerhin einige Ausgaben nöthig ſind: mit der ſchönen Dame iſt es eine Parthie in's Theater, einige kleine Ge⸗ ſchenke; dem jungen Mann muß man Dejeuners and Diners zum Beſten geben, denn man verbindet veLeute nur, ſo lang man ſie für wohlhabend hält.“ „Ich verſtehe: man muß ſich vorher völlig zu Grinde richten, ehe ſich eine Hülfsquelle eröffnet.“ „Das Alles nennt man ſäen, um zu ernten.“ „Da ſäen Sie ſchon ſeit langer Zeit, mein Herr.“ „Ich ſage Dir, ehe vierzehn Tage vergangen ſind⸗ habe ich eine Stelle.“ „An dieſem Tage mache ich einen Ausflug mit Strack.“ „Gib mir Geld, Bertrand.“ „Geld, mein Herr?“ „Ja, ich gebe Eugen heute ein Eſſen: dem jungen Mann, deſſen Oheim Bureauchef iſt... und dieſen Abend gehe ich zu der ſchönen Dame, deren Couſin für mich reden ſoll. Ohne Zweifel wird man ſpielen⸗ und wenn ich mir den Anſchein eines Unglücklichen gäbe, der einige Thaler zu verlieren ſich ſcheuen muß, würde man ſich nicht um mich kümmern.⸗ „Aha, ich verſtehe: Sie wollen Geld, um zu ſäen“ „Ja, mein Freund.“ 8 — 31 Nachdem er ſeine Börſe gefüllt, traf Auguſt mit ſeinem Freunde an dem verabredeten Orte zuſam⸗ men und bewirthete ihn nebſt einigen Andern, die ihm etwa nützlich ſein konnten. Dalville führte ſeine Gäſte zu einem der erſten Traiteure; man würde erröthen, wenn man an einem Ort ſpeiste, wo man bei gleich guter Bewirthung weniger theuer ſäße, der aber bei der ſchönen Welt nicht im Rufe ſtände. Während des Mahles dachte man nur an Lachen, Scherzen, Beluſtigung, und Auguſt hütete ſich wohl, von ſeinem Wunſche in Betreff einer Anſtellihig zu ſprechen; das hieße bedeuten, daß man ſchlecht ſtehe und würde einen übeln Eindruck machen. Erſt beim Nachtiſch und Champagner ſagte Eugen zu Auguſt: „Haſt Du fortwährend Luſt, Etwas zu treiben?“ „Ja freilich; meine Geſchäftsloſigkeit langweilt mich ich bin der Zerſtreuungen müde!“ „In der That, Arbeit bringt etwas Abwechslung und macht die Jugend ordentlich. Mein Oheim wird Dir Etwas finden; ich ſpreche mit ihm, wenn ich ihn beſuche.“ Auguſt wagte nicht, zu ſagen, er ſolle deßhalb be⸗ ſonders zu ſeinem Oheim gehen. Die jungen Leute, die vortrefflich geſpeist hatten, verließen Auguſt mit tauſend Dienſtanerbietungen und mit erneuerten Er⸗ gebenheitsverſicherungen, und dieſer begab ſich zu der ſchönen Dame, die ihn protegiren will und mit ihrem Vetter zu ſeinen Gunſten geſprochen haben ſollte. Wirklich ſind die Damen beſſere Beſchützer als die Männer, denn gewiß, vus Gelingen wird ihnen viel leichter: mit einem Lächeln erlangen ſie, was man häufig dem niedrig ſtehenden Verdienſte, dem verſchämten Armen abſchlägt. Wenn das auch unſerer Gerechtigkeit keine Ehre macht, ſo ſpricht es wenig⸗ ſtens für unſere Artigkeit, und es liegt ja in der Natur, ſich von der Schönheit beſtechen zu laſſen. Madame Valmont intereſſirt ſich ſehr für Auguſt, der ſie beſtens am Piano begleitet und mit ausge⸗ ſuchtem Geſchmack Nokturnen in ihrem Hauſe ſingt. Sie hatte Wort gehalten und dieſen Abend ihren Couſin eingeladen, deſſen Bekanntſchaft ſie Auguſt verſchaffen wollte. Der Couſin war ein Mann nach der Mode, ein eifriger Beſucher der Geſellſchaften der großen Welt; er verſprach viel und vergaß am andern Morgen, was er verſprochen hatte; er wollte jedoch den Protektor ſpielen, ſelbſt da, wo er nicht protegirte, und hielt ſich für ein höheres Weſen, vor dem Jeder ſich verneigen müſſe. Nachdem er indeß⸗ Auguſt eine Nokturne hatte ſingen hören, erklärte er ſeiner Couſine, daß es ihn freuen würde, Etwas für Auguſt thun zu können, und daß derſelbe göttlich geſungen habe. Nun erwartete der Couſin ſehr unter⸗ thänige Dankſagungen von Seiten Auguſts; dieſer war jedoch nicht der Mann, der gerne Bücklinge machte, um irgend Jemands Gunſt zu erlangen. Der Mann, der ſich ſeines Werths bewußt iſt, eniſchließt ſich nie zu Erniedrigungen vor Andern und zum niedrigen Schmeichler vor Leuten, deren ganzes Ver⸗ dienſt häufig nur auf ihrem Stand und Vermögen beruht: in den Augen von geſinnungsvollen Männern 33 freilich ein ſehr geringes Verdienſt, ein ſehr großes dagegen für die Menge, die vor Kleidern, Ordens⸗ bändern und Thalern auf die Kniee fällt und ſelbſt vor einem Affen im Koth tanzen würde, wenn dieſer Affe ihr Geld zuwürfe. Numerus stultorum est in- ſinitus. Auguſt, der ſich nicht aufgelegt fühlte, vor einem Affen zu tanzen, unterließ es, dem Couſin einige Complimente zu machen, um ſich nicht den Schein zu geben, als bitte er um ſeine Protektion, und dieſer, an Lobhudelei und Fuchsſchwänzerei der armen Teu⸗ fel gewöhnt, die ſeiner bedurften, war ganz erſtaunt, daß der ihm Empfohlene, ſeine Pflicht vergeſſend, ihm den Hof nicht machte. Jetzt fand er plötzlich, daß Auguſt nicht mehr ſo göttlich ſinge; um ihn vol⸗ lends zu ärgern, erlaubte ſich Auguſt, der beim Ecarté für ihn parirte, ſeine Spielweiſe zu kritiſiren und wollte ihm beweiſen, daß er einmal durch ſeine Schuld verloren habe. Das war zu viel für den Couſin, und als er von ſeiner Couſine wegging, er⸗ klärte er ihr, daß der junge Mann, den ſie in ihren Schutz nehme, ſelbſt für die unhedeutendſte Stelle in einer Verwaltung nicht tauglich ſei. „Nun,“ ſagte Auguſt zu Madame Valmont am Ende der Soirée,„wann kann ich dem Sekretär des Miniſters meine Aufwartung machen?“ „Wahrhaftig, ich weiß nicht: mein Couſin ſchien beim Weggehen nicht ſehr zu Ihren Gunſten geſtimmt; aber Sie find auch ein ſonderbarer Menſch! Statt Paul de Kock. LRX. S. 6 34 daß Sie ihm zu gefallen ſuchten, waren Sie mehr⸗ mals anderer Meinung als er, Sie ſagten ihm nichts Angenehmes, Sie ärgerten ihn beim Spiele.. „Aha! ich verſtehe, Madame: ich bin keiner Stelle mehr würdig, weil ich keine Bücklinge machte und mir erlaubte, dem Herrn zu beweiſen, daß er das zweite Mal die Dame nicht hätte ſpielen ſollen.“ „Das ſage ich nicht, mein lieber Anguſt; übrigens war es nur eine Aufwallung, ich werde meinen Vet⸗ ter wiederſehen, mit ihm ſprechen und ich hoffe... „Nein, Madame, geben Sie ſich keine Mühe mehr; ich erkenne recht ſehr Ihre Theilnahme für mich, doch will ich lieber ohne Stelle bleiben, als mich zum un⸗ terthänigen Diener der Dummheit und der Geckerei hergeben.“ 2 Aufgebracht über den Dünkel, die Eitelkeit und Kleinlichkeit der Menſchen kehrte Auguſt nach Hauſe zurück Bertrand erwartete ihn mit Ungeduld, und ſo⸗ bald er ihn erblickte, rief er ihm entgegen:„Nun, mein Herr, wie ſteht's mit der Stelle bei der Verwaltung?“ „Mein Freund,“ ſagte Auguſt, indem er Ber⸗ trand innig die Hand drückte,„wir wollen ſchwarzes Brod eſſen und Waſſer trinken, aber ich mache mich nicht zum Knecht von Leuten, die ich verachte: ich mag der Dummheit und Unverſchämtheit keinen Weih⸗ rauch ſtreuen; ich mag mich vor keinem Menſchen erniedrigen!“ „Nein, tauſend Schwadronen, das ſollen Sie nicht, mein Lieutenant... und ich ſehe, die Stelle iſt zum Teufel!“ n 35 „Ich hätte einem Herrn den Hof machen müſſen, der einen gar zu vornehm gnädigen Ton annahm; ich hätte Allem beiſtimmen müſſen, was er ſagte, ſelbſt wenn es der größte Unſinn war; endlich hätte ich der Meinung ſein ſollen, er habe gut geſpielt, wenn ich durch ſeine Schuld dreißig Franken, die ich parirte, verlor.“ „Dreißig Franken auf einen Satz! das war ſehr hoch geſpielt, mein Lieutenant.“ „Was läßt ſich machen... ich wollte das Glück verſuchen.“ „Aber ſchwarzes Brod und Waſſer ſind ein trau⸗ riges Mahl.“ „Noch habe ich einige Hoffnungen: Eugen wird mit ſeinem Oheim reden, vielleicht bin ich darin glücklicher.“ Einige Wochen verſtrichen; endlich ſah Anguſt ſeinen Freund wieder, der zu ihm ſagte:„Ich ſprach mit meinem Oheim: Du kannſt ihn beſuchen; ich glaube, er hat gerade eine Stelle zu vergeben.“ Des andern Morgens ſchon begab ſich Auguſt zu der ihm bezeichneten Perſon. Er drang durch die Bureaux und gelangte bis zu Eugens Oheim, der, mit Schreiben beſchäftigt, ohne aufzuſtehen, Auguſt durch Zeichen bedeutete, er ſolle warten. Auguſt, den man nicht ſitzen hieß, nahm ohne weitere Umſtände einen Stuhl, machte ſich's darauf bequem, wobei er den Herrn, der nicht ſo artig war, ihm einen anzubieten, mit ſcheelem Blick betrachtete. Fünf Minuten verſtrichen und der Herr ſchrieb 36 fortwährend; endlich ſagte Auguſt, ungeduldig wer⸗ dend, zu ihm:„Mein Herr, ich komme einer Stelle wegen, und Eugen wird Ihnen geſagt haben...“ „Einen Augenblick., ich ſtehe ſogleich zu Dienſten, mein Herr, ich habe große Eile.“ Noch einmal verſtrichen fünf Minuten und Auguſt ſagte bei ſich:„Teufel! ich habe meine Zeit ſchlecht gewählt.. wird der Herr eine Stunde lang ſo fort⸗ ſchreiben?.., das muß ſehr wichtig ſein.“ Nach Verlauf von fünf weiteren Minuten irat jedoch eine zweite Perſon in das Bureau und näherte ſich dem ſchreibenden Herrn mit den Worten:„Guten Tag, mein Lieber.. ach, Sie haben zu thun... nun gut, ſo komme ich wieder.“ Der Herr legte alsbald ſeine Feder bei Seite, ſtand auf und hielt den Neuangekommenen zurück. „Ei, Sie ſind es, mein Freund,“ rief er;„was Teufel! man ſieht ſie nicht mehr!... Ei, haben Sie die Parthie Martinique⸗Kaffee verkauft, deſſen Sinken ich vorausgeſehen hatte?“ Der Neuangekommene wollte eben antworten, als Auguſt aufſtand, ſich zwiſchen ihn und den Bureau⸗ Chef ſtellte, und, nachdem er den Hut aufgeſetzt hatte, den Letztern folgendermaßen anredete:„Mein Herr! ſeit einer halben Stunde laſſen Sie mich warten, ohne daß Sie eine Minute fanden, mir zu antwor⸗ ten, und Sie wollten die Unverſchämtheit haben, ſich in meiner Gegenwart mit dem eben erſt gekommenen Herrn in ein Geſpräch einzulaſſen. Ich habe Ihnen nichts zu ſagen, als daß Sie ein Vengel und ein 37 Tropf find. Finden Sie jetzt Zeit, mir hierauf Etwas zu antworten, ſo iſt hier meine Adreſſe; ich erwarte Ihre Nachrichten.“ Mit dieſen Worten ging Auguſt weg und verließ den Eile habenden Herrn, ganz verblüfft über das erhaltene Compliment, und unfähig, ein Wort der Erwiederung zu finden. Bertrand harrte wieder der Rückkehr ſeines Herrn; gleich auf den erſten Anblick errieth er jedoch den Er⸗ folg des gethanen Schrittes. Auguſts Augen funkel⸗ ten noch vor Zorn. „Nicht wahr, mein Herr, ſchwarzes Brod und Waſſer?“ „Ja, mein Freund, ja... ach! die Menſchen!... Wahrhaftig, man könnte darüber Miſanthrop wer⸗ den. Nie lernte ich die Welt ſo gut kennen, als ſeit ich zu Grunde gerichtet bin! Da gibt es Emporkömm⸗ linge, welche ſich Alles erlauben zu dürfen glauben, weil ſie Millionäre ſind; witzige Leute, die, nur mit ſich ſelbſt beſchäftigt, für alles Uebrige die vollſte Gleichgültigkeit an den Tag legen; ſehr artige Männ⸗ chen, die uns um unſer Geld betrügen; Gecken, welche geſchmeichelt, Dummköpfe, welche gelobhudelt ſein wollen; Schmarotzer, die uns zum Hauſe hinausfreſſen, und Menſchen, die uns den Rücken kehren, wenn wir im Unglück ſind! Dieß ſind die Menſchen, die ich jetzt ſehe.. und, wie man behauptet, ſie zu allen Zeiten ſah! Der Menſch iſt überall gleich: er war vor der Sündfluth nicht beſſer als heutzutage, und das Stu⸗ dium der Geſchichte iſt nur das der Leidenſchaften, 38 die ſeit Jahrhunderten die Triebfedern des menſch⸗ lichen Geſchlechtes waren.“ „Bei dem Allen, mein Lieutenant, haben Sie die Weiber vergeſſen, die. „Halt! von denen wollen wir nichts Böſes reden, mein Freund, ſie ſind hundert Mal beſſer als wir!... Haben wir nicht ſelbſt bei denen, die uns betrügen, Vergnügen gefunden? Das iſt wenigſtens eine ſüße Erinnerung, die uns das Unglück nicht rauben kann.“ „Das gemahnt mich an Mamſell Virginie, die Sie heute beſuchen wollte, mein Herr.“ „Die arme Virginie! ſie kannte meinen Glücks⸗ wechſel noch nicht. Nun, was ſagte ſie, Bertrand?“ „Zuerſt ſagte ſie, man dürfe, um bis hier her⸗ auf zu kommen, nicht engbrüſtig ſein; dann fragte ſie mich, ob wir den Experimenten mit dem Fall⸗ ſchirme zu lieb ſo hoch heraufgezogen ſeien; als ich ihr jedoch mittheilte, welcher Schurkerei Sie zum Opfer wurden, o.. ich muß ihr die Gerechtigkeit wiederfahren laſſen, da ſchien ſie ſehr bewegt, ver⸗ goß einige Thränen und bat mich um ein Gläschen Kirſchenwaſſer zu ihrer Erholung; doch will ſie näch⸗ ſtens zu uns kommen und mit uns frühſtücken.“ „Ich würde ſie mit Vergnügen ſehen; dieſe wenig⸗ ſtens wird mir nicht ausweichen, wenn ſie mir be⸗ gegnet.“ „Und glauben Sie nicht, mein Herr, daß die guten Leute von Montfermeil, die niedliche Deniſe, Sie nicht ebenfalls mit Vergnügen wieder ſehen wür⸗ den?“ 39 „Ich fürchte, die Klte⸗ mit der ich Deniſe be ihrem Hierſein empfing. „Sie wird ſich derſelben nicht erinnern, mein Herr, wenn ſie eifährt, daß Sie unglücklich ſind.. und das Kind, das Sie liebten, das Sie ſo hübſch fanden warum wollen Sie es nicht beſuchen?“ „Warum?... Du bedenkſt nicht, Bertrand, daß ich nichts mehr daſſelbe thun kann!... Ich hatte verſprochen, es zu erziehen, für ſeine Zukunft zu ſorgen, und alle meine Pläne ſind zu nichte.“ „Ei, mein Herr, es ſcheint mir, daß Sie bereits nicht wenig für den kleinen Knirps gethan haben; ſtatt nach Paris zu kommen, bleibt er nun im Dorfe und wird darum nicht unglücklicher ſein.“ Auguſt konnte ſich nicht entſchließen, arm vor den Leuten zu erſcheinen, die ihn kannten, als er noch Geld im Ueberfluß um ſich her ſpendete; eine falſche Scham hielt ihn von der Rückkehr in's Dorf ab, und der Mann, welcher einen Augenblick wider die Lei⸗ denſchaften der Menſchen eiferte, war ſelbſt von Stolz und Eitelkeit nicht frei. Auguſt verließ Bertrand, um Zerſtreuungen zu ſuchen und die düſtere Stimmung zu verſcheuchen, die ſeine Betrachtungen in ihm erregten. Als Bertrand allein war, dachte er über die verſchwundene Hoff⸗ nung auf Stellen nach und ſagte bei ſich:„Wie machen wir es, wenn wir nichts mehr haben, was nicht mehr lange anſtehen kann? Soll ich ihn ſchwar⸗— zes Vrod eſſen und Waſſer trinken laſſen?. Nein⸗ Donnerwetter! das darf nicht geſchehen ich tauge 40 nicht zu einer Stelle... überdieß möchte er mich nicht von ſich laſſen. Kann ich aber nicht arbeiten, ohne daß er es weiß?“ Bertrand ſann eine Weile nach, ſchlug ſich dann vor die Stirne, machte eine freudige Bewegung und rief:„Teufel! warum habe ich nicht früher daran gedacht?“ Flugs ſprang er hinab zu ſeinem Freunde Strack. „Mein Alter,“ redete Bertrand den Portier an, Du machſt Hoſen... kurz, Du biſt Schneider?“ „Ja.“ „Haſt Du immer Arbeit?“ „Ja, mehr als ich machen kann.“ „Weil Du nicht oft arbeiteſt. Willſt Du mir welche geben?“ „Hoſen?“ „Was Du willſt, wenn ich nur Arbeit habe. An⸗ fangs wird es ſchlecht gehen, doch Du zeigſt mir's und dann werde ich es beſſer machen; überdieß habe ich den Wunſch, zu arbeiten, und vin nicht dummer als Du, daher ich glaube, was Du machſt, werde ich ebenfalls machen können. Laß ſehen, was wirſt Du mir zu thun geben?“ „Wie, Sapperment!... Herr Bertrand... Sie wollen...“ „Ei freilich! ich will Etwas treiben, es langweilt mich, immer mit gekreuzten Armen dazuſtehen; jetzt kreuze ich zur Abwechslung die Beine... gilt's?“ „Ja, Herr Bertrand.“ „Gut; aber kein Wort davon meinem Herrn, oder 41 ich fange meine Lehre damit an, daß ich Dir die Zunge feſtnähe.“ „Ich werde nichts ſagen.“ Schon am Abend, ſobald Dalville ausgegangen war, ging Bertrand zum Portier hinab, und, ſich in ein kleines Gemach hinter der Loge ſetzend, be⸗ gann er eifrig die Arbeit. Anfangs koſtete dem ehe⸗ maligen Corporal die Handhabung der Nadel viele Mühe, und oft ſtach er ſich in die Finger. Wenn dann Strack ſagte:„Sie ſind verwundet, Kamerad,“ dann antwortete Bertrand:„Glaubſt Du, ein Bajo⸗ net thue nicht weher als das?“ So brachte Bertrand einen großen Theil des Ta⸗ ges über der Arbeit zu, und öfters wachte er ſehr ſpät in die Nacht hinein. Durch emſiges Bemühen fing er an, ſich nützlich zu machen; zwar erwarb er noch wenig, doch hoffte er, mit der Zeit geſchickter zu werden. Auguſt ahnte nicht das Geringſte; er war ſelten zu Hauſe und erkundigte ſich nie nach Bertrands Thun und Treiben. Indeß bemerkte er ſeit einiger Zeit, wenn er auf ſeinen treuen Gefährten blickte, daß deſſen Augen röther und etwas matter waren als gewöhnlich. „Sollteſt Du krank ſein, mein Freund?“ ſagte er zu Bertrand. „Ich, mein Herr, ich war nie ſo wohl.“ „Du ſiehſt abgemattet aus, Deine Augen— angegriffen.“ 4 „Ach, weil ich öfters noch ſpät leſe.“ 42 „Ich hielt Dich nie für einen großen Liebhaber der Lektüre.“ „Je nachdem, mein Herr!... Ich leſe das Leben des großen Türenne.“ „Du mußt es auswendig wiſſen.“ „Ich werde deſſelben nie überdrüſſig, mein Herr.“ Auguſt fragte nicht weiter. Als er kurz darauf einmal bei Nacht keine Ruhe finden konnte, weil, all ſeiner Philoſophie zum Trotz, ſeine Betrachtungen minder heiter zu werden begannen, ſtand Auguſt auf und wollte gleichfalls zu leſen verſuchen. Er ging in Bertrands Zimmer, um Licht zu holen, fand aber zu ſeinem Erſtaunen ſeinen Gefährten nicht hier. Bertrands Bett war noch unberührt, er hatte ſich alſo nicht niedergelegt, und doch ſchien Bertrand, als Auguſt ſpät nach Hauſe kam, nur deſſen Rück⸗ kunft abzuwarten, um ſich der Ruhe zu überlaſſen. Die Abweſenheit Bertrands mitten in der Nacht beunruhigte Auguſt. In ihrer dermaligen Lage durfte er nicht annehmen, daß ſein treuer Diener mit Strack in der Schenke ſei. Um zu erfahren, um welche Zeit Bertrand noch ausgegangen, ging er nach der Loge, entſchloſſen, wenn es nöthig wäre, Strack aufzu⸗ wecken: er wollte wiſſen, was aus Bertrand gewor⸗ den ſei. Es war drei Uhr Morgens. Jedermann im Hauſe ſchlief und doch gewahrte Auguſt noch Licht bei dem Portier; die Logenthüre ſtand halb offen und die Helle kam aus dem inneren Gemach. Auguſt trat ein und erblickte Bertrand auf einem 6 43 Liſch neben dem eingeſchlafenen Strack ſitzend und emſig an einem Stoffe arbeitend, deſſen Zuſchnitt ſeine ermatteten Augen kaum mehr zu ſehen ver⸗ mochten. Beim Anblick ſeines Herrn hielt Bertrand betrof⸗ fen inne; Auguſt ſelbſt war ſo bewegt, daß er ge⸗ raume Zeit kein Wort hervorbringen konnte.„Wie, Bertrand!“ rief er endlich,„Du arbeiteſt? Du biſt Schneider geworden?“ „Und warum nicht, mein Herr? Lange Zeit habe ich eine Flinte gehandhabt, jetzt bediene ich mich einer Nadel; man ſagt, ein ehrlicher Mann ehre Alles, was er berührt.“ „Und Du bringſt die Nacht dabei zu?... Du rich⸗ teſt Dein Geſicht zu Grunde, um deſto mehr zu ar⸗ beiten!“ „Ein Zufall, mein Herr; dieſen Abend war preſ⸗ ſante Arbeit da und ich wollte... doch es iſt das erſte Mal, ich ſchwöre Ihnen...“ „Ach! ſuche nicht länger mich zu täuſchen!... Meinetwegen wachſt Du und beraubſt Dich der Ruhe um unſere Hülfsquellen noch etwas länger zu erhalten, büßeſt Du Deine Geſundheit ein... und ich, ich bringe meine Tage im Müßiggang zu.. ich verſchwende in einigen Stunden, was Du in mehre⸗ ren Nächten zu erarbeiten Dich bemühſt!“ „Nein, mein Herr, nein, ich arbeite, weil es mir gefällt, weil es mich unterhält, und geſetzt, ich ſuchte Ihnen weniger zur Laſt zu fallen, wäre denn das ein Uebel? Thun Sie nicht ſeit langer Zeit Alles 44 für mich 2.. und wollten Sie Ihrem alten Gefähr⸗ ten verbieten, Etwas für Sie zu thun?“ Auguſt vermochte nicht zu antworten, allein er ſchloß Bertrand in ſeine Arme und drückte ihn mit Innigkeit an ſein Herz; hierauf zwang er ſeinen treuen Diener, mit ihm heraufzukommen und ſich der Ruhe zu überlaſſen. Des andern Morgens berief Auguſt in aller Frühe einen Tapezier. „Was beabſichtigen Sie damit, mein Herr?“ fragte Bertrand. „Ich will unſere Möbeln verkaufen, Alles zu Geld machen, was wir beſitzen; mit dem Reſt unſerer Habe verlaſſen wir Paris und ſuchen unter einem andern Himmel einige Hülfsquellen in meinen Talenten. Du folgſt mir, nicht wahr, Bertrand?“ „Achl überall, mein Herr, überall, wohin Sie wollen; aber warum dieſer eilige Entſchluß? Könnten Sie nicht, ohne Paris zu verlaſſen... „Nein, mein Freund, in dieſer Stadt, wo ich den Reichthum kannte, würde es mich, ich fühle es, viele Ueberwindung koſten, aus meinen ſchwachen Talenten Nutzen zu ziehen. verzeihe mir dieſe letzte Schwachheit!“ „Iſt, ehe wir dahin kommen, keine Hoffnung mehr vorhanden, daß Sie irgend eine Stelle erhalten?“ „Mit Hoffnungen verſchwende ich das Wenige vollends, das ich noch habe; überdieß bin ich hier nicht Herr, meinem Hange zum Vergnügen zu wider⸗ ſtehen. In einem andern Lande werde ich vielleicht 45 geſetzter. Wenn dieſer Verſuch mir nicht gelingt, ſo iſt es wenigſtens recht, ihn zu machen.“ „Aber, mein Lieutenant...“ „Keine Einrede, Bertrand: Dein Benehmen hat mir das meinige vorgezeichnet; mein Entſchluß iſt, gefaßt. Morgen verlaſſen wir Paris.“ Bertrand ſah wohl, daß er vergebens gegen das Vorhaben ſeines Herrn ankämpfen würde; zudem fühlte er, daß dieß in der That das Einzige iſt, was ſie thun können, denn mit den zwanzig Sous, die er als Schneider verdient, könnte er das Leben ſeines Herrn nicht lange friſten. Er traf daher ſeine Vorbereitungen zur Abreiſe. Auguſt, der ſeine Entſchlüſſe gern ſchnell zur Aus⸗ führung brachte, verkaufte dieſen Tag ſein geſamm⸗ tes Mobiliar, deſſen Ertrag nebſt dem Reſt ſeiner Kaſſe eine Summe von zweitauſend Thalern bildete. „Können wir,“ ſagte er zu Bertrand,„damit unſer Glück nicht am Ende der Welt ſuchen?“ „Gewiß, mein Lieutenantz viele Leute haben das ihrige mit viel weniger begonnen.“ Nachdem Alles beendigt war, miethete Auguſt, der zuerſt nach Italien wollte, zwei Plätze auf der Diligence nach Lpon. Bertrand nahm von Strack Abſchied mit den Worten:„Adien, mein Alter, wir machen eine Reiſe um die Welt; wenn ich davon zurückkomme, trinke ich wieder Eins mit Dir.“ „Sakertie!.. Adieu, Herr Bertrand.“ 46 Drittes Kapitel. Arme Deniſe. Auguſt und Bertrand waren bereits ſeit einigen Stunden fort und Strack ſtand noch immer unter dem Hofthor und ſah ihnen nach, als ein junges Land⸗ mädchen, mit einem ſchweren Geldſack in der Hand, eilfertig in den Hof trat und nach Herrn Dalville fragte. „Herr Dalville,“ ſagte Strack, die Pfeife aus dem Mund nehmend,„iſt nicht mehr hier, Mamſell.“ „Nicht mehr hier?... Wie, mein Herr, er wohnte doch hier.. ich kam hierher:. erinnern Sie ſich noch⸗ als Sie mich nicht hinauflaſſen wollten?“ „Ach ja! Sie hatten damals einen kleinen Kna⸗ ben bei ſich?“ „Ja, mein Herr, aber wo wohnt denn Herr Dal⸗ ville jetzt? Wiſſen Sie es, mein Herr? Ich muß ihn durchaus ſehen und ſprechen.. ach! wenn ich das Geld, das ich ihm ſchuldig bin, bälder hätte erheben können.. aber ſagen Sie mir, mein Herr, muß icch noch weit gehen?“ „Ich glaube nicht, Mamſellchen, daß Sie Herrn Dalville ſo leicht treffen werden.“ f „Warum das, mein Herr?.. Ach! ich gehe überall hin.. „Ich ſage Ihnen, es iſt zu ſpät!... Wie wollen Sie die Adreſſe eines Menſchen finden, der eine Reiſe um die Welt macht?“* „Was ſagen Sie da? Wie? Herr Auguft 2. ———— „Gerade heute früh reiste er mit meinem Freunde Bertrand ab.“ „Er reiste ab?“ „Ei freilich!... Er war hier zu Grunde gerichtet und wollte anderswo ſein Glück zu machen ſuchen.“ „Er iſt abgereist und Sie wiſſen nicht wohin?“ „Doch, ich ſage Ihnen ja, er macht eine Reiſe um die Welt.“ „Ach, ich Unglückliche, ich kam zu ſpät!“ Bei dieſen Worten fiel Deniſe bewußtlos nieder, doch Strack fing ſie in ſeinen Armen auf, und nach⸗ dem er zuerſt ſeine Pfeife auf einen Eckſtein gelegt, trug er das junge Mädchen in's Haus. Deniſe befand ſich in der Loge; als die Kleine das Bewußtſein verlor, ließ ſie den Geldſack fallen und die Fünffrankenſtücke rollten im Hofe umher. Strack gerieth dadurch ſehr in Verlegenheit, denn er befand ſich in dieſem Augenblicke allein; er lief von Deniſe zu den Thalern, von den Thalern zu ſeiner Pfeife und rief dabei:„Sakerment! der Kleinen muß es gerade übel werden, während meine Frau nicht zu Hauſe iſt.. ſo, jetzt löſcht meine Pfeife aus... die Thaler rollen umher... Sakerment!“ Zum Glück für den alten Deutſchen und für De⸗ niſe trat in dieſem Augenblick eine Dame in das Haus. Es war Mamſell Virginie, die mit Auguſt frühſtücken wollte und beim Anblick der im Hof zer⸗ ſtreut liegenden Thaler in die Worte ausbrach:„Ach, mein Gott, welcher Luxus! Hier wirft man das Geld zum Fenſter hinaus. da komme ich gerade recht.“ 1 „Rühren Sie nichts an, rühren Sie nichts an!“ ſchrie Strack aus ſeiner Loge,„es gehört der Klei⸗ nen, welche die Augen nicht aufſchlagen will.“ „Nun, alter Deutſcher, rühr' ich denn Deine Thaler an?.. Wie grob der abſcheuliche Schweizer iſt! Für wen halten Sie mich, Herr Helvetier? Von welcher Kleinen ſpricht er denn?“ Damit trat Virginie der Portierloge näher und ſtieß beim Anblick des jungen Mädchens aus Mont⸗ fermeil, welches Strack mit Eſſig beſprengte, einen Schrei der Verwunderung aus.„Deniſe iſt's. meine arme Deniſe!“ ſagte ſie, drängte Strack haſtig zurück und widmete der Kleinen ihre Sorgfalt.„Arme Deniſe!“ „Sie iſt nicht arm, wenn ich Ihnen ſage, daß der Sack mit den Thalern ihr gehört,“ bemerkte Strack und kehrte in den Hof zurück, um ſeine Pfeife wie⸗ der zu nehmen und das Geld aufzuleſen. Virginiens Bemühungen riefen Deniſe bald wie⸗ der in's Leben zurück; ſie ſchlug die Augen auf, ihr Blick fiel auf Virginien, und ſchluchzend rief ſie aus: „Ach, Madame, er iſt fort!“ „Wer denn, meine liebe Freundin?“ „Herr Auguſt.“ „Auguſt iſt abgereist?.. Bah⸗ gewiß wird er aber wieder kommen.“ „O nein, Madame, ich werde zn nicht wieder ſehen, er iſt ſehr weit!“„ „Sagen Sie einmal, Deuiſcher, iſt's wahr, daß Auguſt von Paris fort iſt?“ ee— — —— 149 — „Ja, ja, er macht die Reiſe um die Welt mit Bertrand.“ „Die Reiſe um die Welt?... Ach, mein Goitt! und ich wollte mit ihm frühſtücken!... Nun, meine kleine Deniſe, weinen Sie doch nicht ſo.. armes Kind! Sie dauert mich... Sie liebten Auguſt, meine liebe Freundin?“ „Ach ja, Madame!“ „Da ſchen Sie. ſie liebt ihn... ich dachte es doch!. Und ohne Zweifel ſchwur er Ihnen, er liebe Sie wieder, denn dieſe Schurken von Männer ſchwö⸗ ren das, als ob ſie guten Morgen“ ſagten.“ „Nein, Madame, Herr Auguſt liebte mich nicht, das weiß ich ganz gewiß.“ „Dann ſind Sie ſehr gut, daß Sie um ihn weinen.“ „Ach! ich kann nicht anders.“ „Ach ja, es iſt ſtärker als wir! Ich kenne das... es iſt mir auch ſo gegangen.. es gibt Leute, die man mit Gewalt liebt! Und Sie kamen nach Paris, um ihn zu ſehen?“ „Ja, Madame... um ihm dieſes Geld einzuhän⸗ digen. Als Sie uns vor drei Wochen beſuchten, theilten Sie uns mit, daß Herr Auguſt zu Grunde gerichtet ſei, denn ich wußte es nicht...“ „Ja, ja, ich erinnere mich. und ich machte das Geſpenſt.“ „Letzten Sommer übergab mir Herr Anguſt tau⸗ ſend Thaler für den kleinen Coco, allein damals war Paul de Kock LRx. 4 50 er reich, jetzt iſt er es nicht mehr; ich dachte daher, ich müßte ihm dieſe Summe zurückgeben. Wir hatten ſie zum Bau eines Häuschens und zur Anlegung eines Gartens verwenvet; ich machte meiner Tante jedoch begreiflicht wir brauchen Auguſt nicht zu ſagen, daß wir das Geld ſchon verwendet hatten; meine Tante iſt gleichfalls gut... überdieß thaten wir da⸗ mit nur unſere Pflicht. Geſtern erſt konnte ich die Summe vollſtändig machen; ich reiste daher ſogleich hieher. Ich kam allein, damit nichts meiner Eile Hinderniſſe in den Weg lege, und doch kam ich ſchon zu ſpät!... Er iſt fort., und um nicht wieder zu kommen!“ Deniſe fing auf's Neue zu weinen an, während Strack mit dem Sack zurückkam, den er ihr mit den Worten anbot:„Es wird kein einziger daran fehlen, zählen Sie, Mamſell.“ „Ach, was werde ich jetzt beginnen? Ihm gehörte dieſes Geld,“ ſagte Deniſe ſeufzend. „Sie nehmen es wieder mit, meine Kleine, man hat deſſen nie zu viel,“ entgegnete Virginie, während Strack beſtändig den Sack in der Hand hielt und wiederholte:„Zählen Sie gefälligſt, Mamſell.“ „Ei, Du ſiehſt ja, daß man nicht zählen will⸗ alter Eigenſinn,“ verſetzte Virginie;„überdieß weiß man, daß der Deutſche ehrlich iſ. „Gleichviel, zählen Sie nur immerhin gefälligſt, Mamſell.“ Virginie entſchloß ſich, das Geld zu zählen, ſonſt hätte ſie Strack nicht in Ruhe gelaſſen. Inzwiſchen — 5¹ ſagte Deniſe zu dem Portier:„Sah Herr Auguſt bei ſeiner Abreiſe recht traurig aus?“ A „Traurig? Nein, Mamſell; er war, vie ke ſagie⸗ ſehr froh, fortzukommen. „Ich wette, er erhebt irgend eine Erbſchaft,“ rief Virginie,„und deßhalb reiste er ſo ſchnell ab!.. Sagte er das nicht, Deutſcher?“ „Nein, er ſprach nichts von Erbſchaft. aber er hatte alle ſeine Möbeln verkauft.“ „Sie ſehen wohl,“ ſagte Deniſe,„er war un⸗ glücklich, da er Alles verkaufte.“ „Das iſt noch kein Beweis, meine liebe Freundin: erſtlich brauchte er, weil er Paris verließ, keine Möbeln mehr; dann gibt es Leute, die aus Geſchmack in möblirte Wohnungen ziehen.. ich, zum Beiſpiel, verkaufte meine Möbeln vier oder fünf Mal und blieb doch in Paris, das ſieht man alle Tage; doch kurz, wohin iſt der junge Mann gegangen? Sagte er es Ihnen nicht, Herr Schweizer?“ „Freilich: er macht die Reiſe um die Welt.“ „Nun, das iſt eine hübſche Adreſſe; ſchreiben Sie alſo:„An den und den, der die Reiſe um die Welt macht' und er nahm Bertrand mit?“ „Ja, und es that mir recht leid, weil Bertrand anfing, recht gut zu arbeiten.“ „Bertrand arbeitete? und was denn?“ „Er machte Hoſen.. ich hatte es ihm gezeigt.“ „Mein lieber Freund, ich glaube, Sie träumen in dieſem Augenblick... Bertrand, der alte Augufts treuer Diener, machte Hoſen?“ „Wie ein Pferd.“ „Sie ſind ein Narr.“ „Ei nein, nein; Bertrand arbeitete, er brachte jede Nacht bei der Arbeit zu, und meine Frau ſagte mir, es geſchehe, um ſeinem Herrn beizuſtehen, der Alles durchbringe.“ Virginie fragte nicht weiter und Deniſe rief:„Ich verſtehe Sie nur zu gut, ich!... Der gute Bertrand! ich wußte wohl, daß es ein braver Menſch war; er arbeitete, um Herrn Auguſt zu helfen, der wahr⸗ ſcheinlich nichts davon wußte.“ „Ja, ja, er wollte mir die Zunge feſtnähen, wenn ihm ein Wort davon ſagte.“ „Nun, ſehen Sie, Madame, würde, wenn Herr Augüuſt nicht ohne Hülfsquellen geweſen wäre, Ber⸗ trand ſeine Nächte mit Arbeiten zugebracht haben?“ „Meiner Treu', liebe Freundin, ich verſtehe nichts mehr von der ganzen Sache.. das letzte Mal, wo ich Auguſt traf, tranken wir zuſammen Punſch, und doch mußte er bereits in ſeinem fünften Stocke woh⸗ nen; freilich hatte er ein ſo gutes Herz, er war ſo großmüthig!... Nun, da weint ſie wieder!... Mein liebes Kind, und wenn Sie ſich die Augen auswei⸗ nen, ſo bringt das den Herrn Auguſt nicht zurück... das arme Kind, wie ſie ihn liebt! Beruhigen Sie ſich, Deniſe, er wird wieder kommen, er iſt nicht für immer fort, Sie werden ſehen.. ich bin deſſen gewiß, und wenn er weiß, wie ſehr Sie ihn lieben, ſo wird und muß er Sie wieder lieben: ich will ihm ſagen, welchen Kummer, welche Leiden er Ihnen — ₰ —— 7— 53 bereitete, ich will ihm ſagen, wie gut, ſanft und niedlich Sie ſind. Nun, weinen Sie nicht mehr... küſſen Sie mich, Deniſe, Auguſt wird Sie lieben, denn Sie verdienen es ſehr!“ Virginie war lebhaft bewegt; Deniſens Schmerz hatte ſie gerührt. Zum erſten Male ſeit lange ent⸗ quollen wahre, ungeheuchelte Thränen ihren Augen, während ſie das junge Mädchen in die Arme ſchloß. Was Unglückliche am ſchnellſten tröſtet, iſt, wenn ſie ihren Kummer getheilt ſehen. Deniſe hörte auf Virginiens Bitten; ſie bemühte ſich, all' ihren Muth zuſammenzuraffen, trocknete ihre Augen, erhob ſi und ſagte mit einem tiefen Seufzer:„Ich will a in mein Dorf zurückkehren.“ „Ja, meine liebe Freundin, das iſt das Klüßſte.“ „Wenn er aber wieder käme, Madame?“ „Gut, dann ſetze ich Sie davon in Kenntn, dann komme ich und ſage es Ihnen; ich verſpreche Ihnen, mein Möglichſtes zu thun, um Nachricht von ihm zu erhalten.“ „Ach, Madame, wie gütig ſind Sie!“ „Ei nein! Sie ſind ein wundergutes Mädchen, wie es wenige gibt.“ „Herr Portier,“ wandte ſich Deniſe an Strack, „wenn Sie Etwas von Herrn Auguſt hören, ſo ver⸗ geſſen Sie nicht, zu fragen, wo er iſt.. erkundigen Sie ſich, wohin man ihm ſchreiben könnte.“ „Ja, Mamſell.“ „Seien Sie ruhig, meine kleine Deniſe, ich werde oͤfters mich bei dem Deutſchen erkundigen, ob er — Etwas weiß. Er iſt ein guter Kerl, obgleich er be⸗ ſtändig raucht. Wie heißt man Sie, Herr?“ „Strack.“ „Strack! Ach, welch' ein Name! Gleichviel, auf Wiederſehen, Herr Strack!.. Kommen Sie, meine Kleine, ich will Sie bis zum Wagen begleiten.“ Deniſe verließ Auguſts Wohnung, und, auf Vir⸗ giniens Arm geſtützt, erreichte ſie den Wagen, den Geldſack mit ſich tragend, den ſie wieder nach Hauſe nehmen mußte. Virginie erbot ſich, mitzufahren, doch das junge Mädchen dankte, und nach Wiederholung der Bitte, Erkundigung über den einzuziehen, wel⸗ chen ſie in Paris zu finden hoffte, ſtieg ſie ein und fuhr traurig nach Montfermeil zurück.„Ach!“ ſagte ſie,„ich bin nicht glücklich mit meinen Reiſen nach Paris.“ Viertes Kapitel. Erſtes Reiſeabenteuer. Auguſt und Bertrand hatten die Diligence nach Lyon genommen. Der junge Mann ſaß im Interieur des Wagens, und ſein Begleiter, um mehr Luft zu haben, wie er Auguſt verſicherte, in der That aber nur aus Erſparniß, ſaß auf der Imperiale. Es war dieß das erſte Mal, daß ſich Auguſt in einem öffentlichen Wagen befand; gewohnt, in ſeinem leichten Cabriolet zu reiſen, raſche Pferde zu lenken⸗ nur ſeinem eigenen Willen zu folgen, anzuhalten, 55 wo es ihm gut dünkte, ſah er ſich nicht ohne ein peinliches Gefühl in die Lage verſetzt, mit unbe⸗ kannten Leuten gemeinſchaftlich den Weg machen zu müſſen, von dem Einen auf dieſer, von dem Andern auf jener Seite gedrückt und geſtoßen und nebenbei genöthigt, Geſpräche anzuhören, die für ihn ohne alles Intereſſe waren. Zu ſeiner Linken ſaß ein dicker Papa von etwa fünfzig Jahren, deſſen Kopf in Tücher und Mützen eingehüllt war; zu ſeiner Rechten eine alte Frau, die ihr Geſicht glücklicher Weiſe unter einem abſcheu⸗ lichen Hute verbarg, und Niemand war verſucht, den darüber hingeworfenen Schleier zu lüften. Kaum fing der Wagen zu rollen an, als der Herr links ſchnarchte, wie Nachbar Manflard in Möntfer⸗ meil, und die Dame rechts ihm nachahmte. Während des Schlafens ſtieß jedoch der dicke Papa Auguſt mit dem Ellbogen in die Seite und die alte Dame lehnte ihren Kopf auf die Schulter des jungen Mannes, ſo daß er ſtets genug zu thun hatte, wenn er ſich des Armes des Einen und des Kopfes der Andern er⸗ wehren wollte.„Das Reiſen in der Diligence iſt recht luſtig,“ ſagte er bei ſich.„O, mein ſchönes Cabriolet,“ fuhr er in ſeinem Selbſtgeſpräch fort, „mit welchem Bäbel ſo leicht über den Sand flog, wo biſt du?... Ach! wäre ich geſetzter geweſen, ſo veſäße ich vich noch; denn hätte ich nicht angefangen⸗ meine Einkünfte zum Voraus zu erheben, ſo dachte ich nie daran, meine ſolid angelegten Fonds zurück⸗ zunehmen, und hätte gefunden, daß zwanzigtauſend Franken Einkünfte mehr werth ſind als dreißigtauſend, die man erſt durch Agiotage erhalten ſoll... Ma⸗ dame, halten Sie doch Ihren Kopf gefälligſt.. dann hätte ich mein Geld nicht in die Hände des Schurken von Deſtival niedergelegt, der mir dann auch nicht durchgegangen wäre, und dann wäre ich noch eben ſo reich als zuvor; ich könnte Gutes thun, wäre wie⸗ der nach Montfermeil gefahren, hätte die dem nied⸗ lichen Kinde ertheilten Verſprechungen gehalten... zwar Deniſen nicht den Hof gemacht, weil ſie Einen aus dem Dorfe liebt, den ſie ohne Zweifel jetzt ge⸗ heirathet hat, ſie aber als verheirathet wieder ge⸗ ſehen und unter Lachen und Scherzen mich an den Sturz vom Eſel mitten im Gehölze wieder erinnert vielleicht. ach, mein Herr, bei Gott! bleiben Sie doch mit Ihren Armen ruhig, Sie ſtoßen mir ja die Rippen ein!“ Auguſts Gegenüber beſtand aus zwei Herren und einer Dame. Die in der Mitte ſitzende Dame befand ſich ihm gerade gegenüber: da ſie indeß eine ſehr große Regenkappe trug und den Kopf beſtändig ſenkte, ſo konnte man ihr Geſicht nicht ſehen und unſer Rei⸗ ſender ſagte bei ſich:„Ohne Zweifel iſt ſie nicht pübſch, ſonſt würde ſie ſchon den Kopf erhoben pa⸗ ben.“ Uebrigens war der Anzug der Dame Fhr ein⸗ fach: eine Eilwagentoilette. Die beiden Männer an ihrer Seite waren reiſende Kaufleute; der Eine in Wein, der Andere in Leinwand. Sie waren in einem S begriffen, das erſt in Lpon endigen zu ſollen chien. „— 57 Von dem Geſchwätz der beiden aus ihrem Fache nicht herauskommenden Kaufleute ganz betäubt und der läſtigen Nachbarſchaft der Schläfer müde, be⸗ dauerte Auguſt, daß er nicht neben Bertrand Platz genommen hatte; er ſeufzte nach der erſten Station, als die Dame mit der Regenkappe ihren Fuß an den Auguſts ſtieß, wobei ſich mit angenehmer Stimme ein:„Verzeihung, mein Herr“ vernehmen ließ. Dieß entriß Auguſt ſeiner Niedergeſchlagenheit, indem es in ihm den Wunſch erregte, das Geſicht ſeines Ge⸗ genübers zu ſehen, und da ſeine Beine ſich mit de⸗ nen der Dame kreuzen, dehnt er ſie ſachte aus, mit Beifügung einiger Worte über das unbequeme Sitzen in den Wägen auch eine Manier, ein Geſpräch anzuknüpfen. Die Dame antwortete durch ein:„ja, mein Herr“, jedoch ohne den Kopf aufzurichten, wo⸗ durch die Neugierde unſers jungen Mannes noch mehr rege wurde. Man ſchien nicht geneigt, zu ſchwatzen, zog aber auch nicht die Kniee zurück, welche die des Gegenüber berührten. Auguſt empfand das Verlan⸗ gen, eines dieſer Kniee leicht zwiſchen den ſeinigen zu drücken, doch hielt ihn der Gedanke zurück: wenn ſie häßlich wäre... wenn es mir leid ſein müßte, daß ich Bekanntſchaft zu machen ſuchte! Gleichwohl wagte der junge Mann ein leichtes Kniedrücken: man zog das Knie nicht zurück, erhob auch den Kopf nicht, und Auguſt, der an dem Knie⸗ drücken ein geheimes Vergnügen fand, dachte:„Viel⸗ leicht iſt es beſſer, wenn ich ihre Züge nicht ſehe... wenigſtens kann ich mir ſie reizend, anbetungswürdig vorſtellen!... Bei dieſen Gedanken erregt einfaches Berühren ihres Kleides in mir ein angenehmes Ge⸗ fühl und das Alles bringt mir die Langweile der Fahrt in Vergeſſenheit! Ach, Madame, wenn Sie häßlich ſind, ſo bitte ich Sie, erheben Sie den Kopf nicht: Sie würden zu ſüße Illuſionen verſchwinden machen!“ Als man eine ſteile Steige hinabfuhr, hätte ein tüchtiger Ruck die Diligence beinahe umgeworfen. Der dicke Papa und die alte Dame fuhren erſchreckt aus dem Schlafe aufz jetzt ſtieß auch die Dame in det Regenkappe einen Angſtſchrei aus und erhob den Kopf: Auguſt erblickte ein hübſches Geſicht von zwan⸗ zig bis fünfundzwanzig Jahren, friſche, regelmäßige Züge, ausdrucksvolle Augen, kurz⸗ ein reizendes Ganze, das ihn entzückte und zu noch zärtlicherem Kniedrücken veranlaßte. S Man ſenkte jedoch den Kopf gleich wieder; der Schrecken legte ſich, die Handelsreiſenden nahmen ihr Geſpräch wieder auf, Auguſts Nachbarn ſchloßen die Augen wieder, und er, entzückt über das Geſehene, rückte ſeinem Gegenüber, welches den jungen Mann gewähren ließ, immer näher. „Sie iſt reizend,“ ſagte Auguſt bei ſich,„allein ihr Benehmen iſt ſehr ſonderbar!... Um ſich ſo die Kniee drücken zu laſſen, muß man entweder Gefallen daran finden, oder man wagt nicht, böſe darüber zu wer⸗ den im erſten Fall iſt es ein Frauenzimmer, das die Abenteuer nicht flieht, im andern eine junge Unſchuld, die zum erſten Mal in der Diligence ſitzt. über⸗ „ + 59 reden wir uns, daß die zweite Angabe die richtige iſt.. man muß die Dinge ſtets von der guten Seite betrachten.“ In Corbeil hielt die Diligence. Die beiden Com⸗ mis ſtiegen aus dem Wagen und Auguſt bot, als er nach den beiden Schläfern ausgeſtiegen war, der jungen Dame die Hand; doch dieſe entgegnete mit einem leichten Seufzer:„Ich danke, mein Herr, ich ſteige nicht aus.“ „Sie ſteigt nicht aus!“ wiederholte Auguſt, am Kutſchenſchlag ſtehen bleibend;„die arme Dame!... Sie ſpeist nicht im Gaſthauſe, das beweist gewöhn⸗ lich eine erzwungene Sparſamkeit!“ „Kommen Sie doch zum Eſſen, mein Lieutenant,“ ſagte Bertrand, der von ſeiner Imperiale herunter⸗ geklettert war und Auguſt an der Thüre des Gaſt⸗ hauſes erwartete.* „Ja, ja, hier bin ich.“ „Haben Sie Etwas im Wagen vergeſſen?“ „Nein ich ich wollte...“ „Hören Sie? Man ermahnt die Reiſenden zur Eile.“ Bertrand trat näher, um zu ſehen, was ſeinen Herrn an der Diligence zurückhält; jetzt erblickte er die junge Dame und murmelte:„Nun, Donnerwetter! wieder etwas Neues! Ich hätte es mir denken kön⸗ nen, daß irgend ein Unterrock, eine Haube da ſeil Erinnern Sie ſich, mein Lieutenant, daß wir Paris verließen, um geſetzt, um ordentlich zu werden?“ „Haſt recht, mein Freund,“ verſetzte Auguſt, und entfernte ſich mit Bedauern vom Wagen, um Ber⸗ trand zum Gaſthauſe zu folgen. Das Diner der Reiſenden war bald beendigt; vom Conducteur angetrieben, ſuchte Jeder wieder ſeinen Platz im Wagen zu gewinnen. Auguſt blickte mit mehr Theilnahme auf das junge Frauenzimmer, das ſich wahrſcheinlich mit einer beſcheidenen Semmel begnügt hatte, und er brachte mit mehr Achtung ſeine Kniee zwiſchen den ihrigen zurecht, weil die Vor⸗ ſtellung des Unglücks den Gedanken an Vergnügen Stillſchweigen gebietet. Die übrigen Reiſegeſellſchafter tichteten nun gleich⸗ falls einige Worte an Auguſt; Jeder ſuchte mit dem Andern nähere Bekanntſchaft zu machen, nur die junge Dame beobachtete tiefes Schweigen. Doch die Nacht kam; Auguſt ſehnte ſie herbei. Die Nachbarn ſchliefen wieder, die Commis thaten ein Gleiches und Auguſt ſchob ein Knie vor, um zu verſuchen, ſich durch dieſes Mittel mit ſeinem Gegenüber zu ver⸗ ſtändigen.„Wenn ſie unglücklich iſt,“ ſagte er zu ſich,„ſo muß ich ſie zu tröſten ſuchen zudem drückte ich ihr dieſen Morgen das Knie; ſoll ich mir jetzt das Anſehen geben, als finde ich ſie minder hübſch, weil ſie nicht im Gaſthauſe ihr Mahl halten kann? So etwas wäre Thomaſſiniére's würdiger als meiner.“ Da er dieſen Gedanken über ſich nicht aufkommen laſſen wollte, rückte der junge Mann ſeinem Gegen⸗ über näher, drückte zärtlich, was man ihm überließ, und wagte ſogar, eine Hand zu faſſen, die man nicht zurückzog. Die Nacht erzeugt nicht immer düſtere 61 Vorſtellungen und Auguſt gedachte einen Kuß von der jungen Dame zu erlangen, die ſo fügſamen Ge⸗ müthes ſchien, allein ſeine beiden Nachbarn beläſtig⸗ ten ihn: bei der leichteſten Bewegung vorwärts fielen die alte Dame und der dicke Papa auf ſeinen Rücken und er konnte alsdann nicht eher wieder an ſeinen Platz gelangen, als bis er den Herrn und die alte Dame in ihre Ecke zurückgeſchoben hatte; auch die beiden ſchlafenden Commis wankten und nickten nach der ſie trennenden Dame herüber und ihr Kopf be⸗ rührte häufig die Regenkappe. „Das Reiſen in der Diligence iſt nicht lauter Vergnügen,“ ſagte Auguſt halblaut, und die junge Dame wiederholte:„O nein, mein Leti es iſt nicht lauter Vergnügen.“ Um jedoch mehr Vergnügen zu haben, rückte der junge Mann noch näher und küßte— einen der bei⸗ den Handelsreiſenden, deſſen Geſicht gerade an die Regenkappe herabgebeugt war, zärtlich. Dieſer er⸗ wachte, indem er zu errathen ſuchte, woher ihm die⸗ ſes Liebeszeichen kommen könne, und Anguſt wun⸗ derte ſich, daß er das Kinn der jungen Frau nicht eben ſo zart als ihre Hand fand. Der Commis ſah nur ſeine Nachbarin, die ihn während ſeines Schlafes geküßt haben konnte, und, obgleich wenig daran gewöhnt, Leidenſchaften einzu⸗ flößen, überredete er ſich, bei dem jungen Frauen⸗ zimmer an ſeiner Seite eine ſolche erregt zu haben; da er gegen ſie nicht zurückbleiben wollte, ſo fiel es dem Herrn, der bisher nur an ſeine Muſter und Zoll⸗ * 62 gebühren gedacht hatte, ein, auch an etwas Anderes zu denken und mit der Hand des Frauenzimmerchens zu ſpielen; dieſe ließ es geſchehen und die beiden Herren drückten ſich gegenſeitig die Hand mit einer Kraft, die ſie Beide in Erſtaunen ſetzte. Die erſien Strahlen der Sonne überraſchten die Reiſenden in dieſer Situation. Auguſt brach in lau⸗ tes Lachen aus, der Commis zog ſeine Hand ärger⸗ lich zurück, die junge Frau ihr Knie, doch warf ſie einen verſtohlenen Blick auf Auguſt und dieſer ver⸗ ſprach ſich eine Entſchädigung für das Quid pro quo der Nacht. Man frühſtückte in Auxerre; das junge Frauen⸗ zimmer blieb wieder im Wagen. Am Abend hielt man in Avallon, wo Mittag gemacht werden ſollte; die junge Dame ſtieg ab, trat aber nicht in den Gaſthof, und ſetzte ſich, nachdem ſie eine Semmel gekauft, einige Schritte von demſelben nieder. Auguſt folgte ihr mit den Augen; er ließ Bertrand eintreten, indem er ihm bemerklich machte, daß er noch keinen Appetit habe, ging zu der Reiſenden und knüpfte ein Geſpräch mit ihr an. „Sie verließen Paris, Madame?“ „Ja, mein Herr!“ dabei ſeufzte man). „Wohnten Sie dort?“ „Ich bin dort geboren, mein Herr.“ „Und Sie verlaſſen ihre Vaterſtadt?“ 5 „Ich muß wohl, mein Herr!“(neuer Seuf er). 2 „Sie werden ſich in Lyon niederläſſen, Wnet⸗ „Ich weiß nicht, mein Herr.“ 6 63 „Ah! Sie haben noch keinen feſten Plan gefaßt?“ „Ich bin ſo unglücklich, mein Herr!“ „Sie intereſſiren mich ſehr, Madame, doch ließe es ſich anderswo beſſer reden als hier auf der Straße: wenn Sie meinen Arm annehmen wollten, Madame, ſo würden wir einen Gang durch den Ort machen, bis man abreist.“ „Gerne, mein Herr.“ Die Dame faßte Auguſts Arm und plaudernd ent⸗ fernten ſie ſich von der Herberge.„Wenn ich nicht fürchtete, für unbeſcheiden zu gelten, Madame, ſo würde ich Sie fragen, was Sie von Paris vertrieb?“ „Ol gerne, mein Herr. Ich bin die Tochter eines ehrbaren Kleinhändlers, wurde ſehr frühe an einen Mann verheirathet, den ichnicht liebte; um jedoch meinen Eltern Freude zu machen, mußte ich gehorchen...“ „Sehr ſchön von Ihnen, Madame.“ „Ein ſehr liebenswürdiger Herr hatte mir vor meiner Verheirathung den Hof gemacht. Ich liebte ihn gleichfalls nicht, aber ich hörte auf ihn, um ihm Vergnügen zu machen.“ „Ich verſtehe, Madame.“ „Mein Mann machte mich nicht glücklich; er wollte mich nie ausgehen laſſen, und ich blieb zu Hauſe, um ihm Vergnügen zu machen, gllein ich erhielt zuwei⸗ len. Beſuche, unter anderen von dem Herrn, der mir ehemals den Hof gemacht hatte.“ Und das machte Ihrem Gemahl kein Vergnügen?“ Allem Anſcheine nach, mein Hertz denn als er 64 ihn neulich bei mir traf, warf er ihn zur Thüre hin⸗ aus; ich wollte böſe werden, da ſchlug er mich, mein Herr, mit der Bemerkung, daß er es wiederholen werde, ſo oft es ihm Vergnügen mache!“ „Dieſer Mann hatte eine abſcheuliche Manier, ſich Vergnügen zu verſchaffen.“ „Da ich nicht mehr geſchlagen werden mochte, ver⸗ ließ ich meinen Gatten und machte mich auf den Weg nach Lyon, hatte aber kaum ſo viel, um meinen Platz im Eilwagen zu bezahlen.“ „Sie kennen alſo Jemand in Lyon, Madame?“ „Ach! der Herr, der mich beſuchte, ſagte mir, er gehe dorthin... übrigens iſt es mir ganz Kleich⸗ gültig, ob ich nach Lyon komme oder anderswohin... ich wollte mich nur von meinem Mann entfernen, der mich ſo unglücklich machte.“ Indem unſere Reiſenden umherſchlenderten, ge⸗ langten ſie vor die Thüre eines Speiſewirths. Auguſt erinnerte ſich, daß ſeine Geſellſchafterin nicht geſpeist hahe, daher er ihr vorſchlug, einzutreten und Etwas zu genießen; um ihm Vergnügen zu machen, nahm Man trat ein. Auguſt verlangt ein Cabinet, weil man keines Zeugen bedarf, um eine junge Frau zu uöſten, die von ihrem Mann heſchlähen wurdè; er ieit eitwet ſs iFiich u ötih, walerſet⸗ vergißt, daß er nicht mehr reich iſt und ſich gerne von ſeinen früheren Gewohnheiten hinreißen läßt. Der Speiſewirth von Avallon ſetzt eine Ehre darein, die zu ihm kommenden Fremden mit einem 2 65 getragen. Auguſt dringt in die junge Dame, es koſten, und dieſe aß von Allem unter der Verſiche⸗ rung, daß ſie es nur, um ihm Vergnügen zu machen, annehme; auch ließ ſie ſich nicht ſehr bitten, von einem leichten Weine zu trinken, der, nach der Be⸗ hauptung des Traiteurs, aus dem Jahre des großen Kometen ſtammte. Während des Eſſens machte man genauere Be⸗ kanntſchaft. Anfangs ſetzte ſich Auguſt der jungen Dame gegenüber; er bedachte jedoch, daß er ihr in der Diligence viel näher war und es zum Mindeſten außergewöhnlich erſcheine, wenn man ſich in einem Cabinet und unter vier Angen in ehrfurchtsvoller Entfernung halte, während man ſich vor Zeugen die Kniee preßte. Er ſetzte ſich ſomit der jungen Dame zur Seite, die zwar von Zeit zu Zeit noch ſeufzte, den jungen Mann aber, welcher große Luſt zu haben guten Mahle zu bewirthen. Das Diner wird ſchien, ſie zu tröſten, nicht zurückſtieß. Auguſt drückte ihre weiche Hand zärtlich derte ſich, wie ein Mann ſo barbariſch ſeil könne, einem ſo niedlichen Weſen Kummer zu verurſachen. „Die Männer ſind Böſewichte!“ ſagte die junge Frau, beſtändig die Augen niederſchlagend. „Tyrannen ſind ſie,“ entgegnete Auguſt und be⸗ rührte ihre wohlgeformte Hand mit ſeinen Lippen. „Sie machen unſer Unglück!“ nahm die junge Frau auf's Neue das Wort und ließ ſich von ihrem Geſell⸗ ſchafter küſſen. Paul de Kock. LRR. * „Achl ſie machen noch ganz andert Dinge!“ rief Auguſt und umſchlang ſie mit ſeinen Armen. „Sie machen ſie machen..“ murmelte die junge Frau, die nicht mehr zu wiſſen ſchien, was ſie machte; doch war es nach ihrer letzten frugalen Mahl⸗ zeit kein Wunder, wenn ſie über dem Wein des Kometen den Kopf verlor. Als Auguſt den ſeinigen wieder fand, ſagte er endlich:„Nun, und die Diligence?“ „Ach! es iſt wahr, und die Diligence!“ antwortete die junge Frau mit einem neuen Seufzer, wahrſchein⸗ lich aus Gewohnheit. „Meine liebe Freundin, ich glaube, es iſt hohe Zeit, ſie wieder aufzuſuchen.“ „Gut! ſo ſuchen wir ſie wieder auf, mein Freund.“ Der Leſer ſieht, daß der junge Wein des Kome⸗ ten ein ſehr inniges Einvernehmen zwiſchen unſern beiden Reiſenden herbeigeführt hatte. Im Allgemei⸗ nen führt man indeß die Angelegenheiten, die man im Wagen behandelt, ſchnell zu Ende. Nachdem der Traiteur bezahlt war und die junge Dame ihre etwas in Verwirrung gerathene Loileite wieder geordnet hatte, machte man ſich Arm in Arm nach dem Gaſthauſe, wo man den Wagen verlaſſen hatte, auf den Weg. Unterwegs unterhielt ſich Auguſt mit ſeiner Be⸗ gleiterin, die einen ſehr ſanften Charakter zu haben ſchien, deren Geiſteskräfte jedoch der Vorſtellung nicht entſprachen, zu welcher ihr ziemlich ausdrucksvolles Geſicht berechtigte. Es gibt Frauen, die ihren ganzen 67 Verſtand in den Augen haben; bei dieſen muß man ſich mit dem Pantomimenſpiel begnügen. In der Nähe des Gaſthauſes erblickte Auguſt ſei⸗ nen Bertrand, der mit großen Schritten auf und ab ging, bald rechts, bald links ſchaute, Zeichen der Un⸗ geduld machte und ſich von Zeit zu Zeit durch einen derben Fluch Luft machte. Als er Auguſt gewahrte, lief er ihm entgegen und ſchnitt gegen die junge Frau, die am Arm ſeines Herrn hing, ein grimmiges Geſicht. „Da ſind Sie endlich, mein Herr!... Donner⸗ wetter! ich dachte bereits, Sie wollen mich hier laſſen, um Schwalben zu fangen.“ „Beruhige Dich, Bertrand, hier bin ich; Du ſiehſt wohl, daß ich nicht verloren war. Nun, reiſen wir?“ „Reiſen? und wohin, mein Herr?“ „Nun, nach Lyon.“ „Und deßhalb laſſen Sie die Diligence fortfahren,. die auf Sie wartete, deren Conducteur Sie rufen und überall ſuchen ließ?“ „Wie! die Diligence iſt fort?“ „Ei ja, zum Henker, und zwar ſeit mehr als einer Stunde, aber es ſcheint, Ihnen kam die Zeit nicht lang vor.“ „Die Diligence iſt fort!“ wiederholte Auguſt und ließ den Arm ſeiner Begleiterin los. Dieſer ſchien jedoch an ſeinem Arm viel gelegen; alsbald erfaßte ſie ihn wieder und ſagte:„Das iſt ſehr drollig, nicht wahr, mein guter Freund?“ „Ich finde das n mehr ſo drollig,“ verſetzie uguſt. ſchritt gegen den glten Corporal vor, der ihm 68 Bertrand entfernte ſich einige Schritte und fluchend und mit dem Fuße ſtampfend brummte er:„Ihr gu⸗ ter Freund!... Dauſend Millionen Bajonete! wie⸗ der eine ſaubere Geſchichte!“ „Aber, Bertrand,“ nahm Auguſt auf's Neue das Wort,„konnte man nicht ein wenig auf uns war⸗ ten?“ „Man wartete zwei Minuten auf Sie, und für eine Diligence iſt das viel.“ „Und Du reisteſt alſo nicht ab?“ „Sollte ich ohne Sie gehen? Hänge ich nicht an Ihnen allein! Was habe ich nöthig, in Vhon zu ſein, wenn Sie nicht dort ſind?“ „Daran haſt Du wohlgethan, Bertrand aber unſere Effekten?“ 1 „O! hier ſind ſie; ich dachte wohl, daß wieder etwas Neues im Spiele ſei, daher ließ ich ſie ohne uns nicht fort.“ „Wohlan denn, mein Freund, man muß ſich über dieſen Vorfall tröſten. Es liegt mir überhaupt wenig daran, ob ich nach Lyon oder anderswohin reiſe und ob ich morgen oder in acht Tagen dort eintreffe.“ „Ach, du lieber Gott, mein guter Freund, mir iſt es auch ganz gleichgültig,“ ſagte die jünge Frau. Bertrand runzelte die Stirne und gab ſeinem Herrn ein Zeichen, daß er ihn allein zu ſprechen wünſche.— Auguſt machte der jungen Frau begreiflich, daß ſie ſeinen Arm einen Augenblick loslaſſen müſſe, un 69 ernſthaft verweiſendem Tone ſagte:„Verzeihung, mein Lieutenant, wer iſt aber dieſe Frau, die ſich an Sie hängt, als hätten Sie Leim an den Klei⸗ dern?“ „Eine junge Frau, die mit uns in der Diligence war.“ „Und warum blieb ſie nicht darin?“ „Weil ich ſie zu einem Spaziergang mit mir nahm.“ „Was iſt es für eine Fraun?“ „Eine ſehr intereſſante Perſon.“ „Sie ſagte Ihnen nicht, was ſie treibe?“ „Doch: ſie geht nach Lyon, um nicht in Paris zu bleiben.“ „Ah, Teufel! wenn das ihr einziger Grund iſt, ſo begreife ich wohl, daß es ihr gleich gilt, wo ſie hinkommt. Aber warum verließ ſie Paris? Ein jun⸗ ges Frauenzimmer reist nicht auf dieſe Weiſe allein, bloß um das Vergnügen der Reiſe zu haben.“ „O! ſie hatte einen ſehr gewichtigen Grund: ihr Mann prügelte ſie!“ „Er hatte vielleicht recht, mein Herr.“ „Ach, Bertrand!“ „Warüm nennt ſie Sie bereits ihren gulen Freund?“ „Weil, weil „Ach ja, weil ich verſtehe wohl; doch kurz, mein Herr, was Sie mit dieſer Frau zu machen?“ „Ich weiß nicht; doch Du ſiehſt ein, daß ich ſie nicht geradezu verlaſſen kann, nachdem ſie meinet⸗ wegen die Diligence verfehlte.“ „Im Gegentheil, Sie haben ihretwegen den Wa⸗ gen verfehlt, dadurch, daß ſie Ihnen Geſchichtchen erzählte und Sie durch Abenteuer rührte, an denen, ich wette, kein wahres Wort iſt. Ueberdieß, mein Herr, kann ein Frauenzimmer, die ſo den erſten Beſten als Tröſter annimmt, nur eine Abenteurerin ſein! Ich wette, Sie wiſſen nicht einmal ihren Namen?“ „Meiner Treu! nein, doch was liegt am Namen? Kann man ſich denn nicht jeden beilegen, den man will? Mag mir die junge Frau die Wahrheit geſagt haben oder nicht, ſo werde ich ſie fern von ihrem Reiſeziel nicht ohne Geld laſſen.“ „Ah! Sie hat kein Geld?“ „Die arme Kleine begnügte ſich mit Sennt ſtatt des Mittageſſens.“ „Sie haben da einen recht hübſchen Fund ge⸗ macht; alſo, mein Herr, wenn wir Paris verlaſſen, um geſetzt zu ſein und zu ſparen, befinden wir uns nun kaum ſechszig Stunden von der Hauptſtadt mit einer Frau auf dem Hals!“ „Ei! was willſt Du? iſt das meine Schuld? Nun, Bertrand, zanke nicht, in Zukunft werde ich etwas mehr nachdenken; inzwiſchen wollen wir uns unſerm Schickſal überlaſſen.“ Auguſt kehrte wieder zu der jungen Frau zurück und Bertrand folgte ihm, in den Bart brummend; „Ich fürchte, er iſt unverbeſſerlich.“ Die junge Frau faßte Auguſts Arm ſogleich wieder. 7 „Meine liebe Freundin,“ ſagte dieſer zu ihr,„da die Diligence ohne uns abgefahren iſt, ſo treibt uns jetzt nichts zur Eile.“ „O! gar nichts.“ „Wir können ſogar einen oder zwei Tage hier zubringen.“ „Gerne, wenn es Ihnen Vergnügen macht.“ „Sodann wollen wir weiter ſehen, auf welche Weiſe wir unſern Weg fortſetzen: ob durch Gele⸗ genheit, kleine Wagen oder ſelbſt zu Fuß, um das Land zu beſchauen und zu bewundern, falls es be⸗ wundernswürdig ſein ſollte.“ „Ganz, wie es Ihnen Vergnügen macht, mein Freund.“ „Siehſt Du, Bertrand,“ raunte Auguſt dieſem zu,„dieſes Weibchen iſt die Gefälligkeit ſelbſt; ſie will mir nur Vergnügen machen.“ „Mir, mein Herr, mir macht ſie gar keins.“ „Weil Du eigenſinnig biſt!... Nun, weil wir hier bleiben,“ fuhr Auguſt laut fort,„ſo wohnen wir in dieſer Herberge. Bertrand, Du läßt uns eine Woh⸗ nung bereiten.“ „Ja, mein Lieutenant, und für Madame auch?“ „Das verſteht ſich von ſelbſt. Ach! da man ſparen muß, ſo reicht ein einziges Zimmer für uns Beide hin, nicht wahr, meine liebe Freundin?“ „O, mein Gott! ja, wenn es Ihnen Vergnügen macht.“ „A propos, meine liebe Freundin, Sie haben mir Ihren Namen noch nicht geſagt.“ 72 „Ich heiße Adele oder Madame Florimond, wie Sie wollen.“ „Oder vielmehr, wie Sie ſelbſt wollen... Adele, es gilt.“ „Madame Florimond?“ brummte Bertrand und zuckte die Achſel.„Das iſt ein Theatername, den hat ſie irgendwo aus den Couliſſen geholt.“ „Ich, meine liebe Freundin, heiße Auguſt, denn Sie müſſen gleichfalls wiſſen, wer ich bin.“ „O, mein Gott! das iſt gleich.“ „Ich ſehe, daß Sie mehr auf die Perſon als auf den Titel halten, und die Leute nach ihrer Phyſiog⸗ nomie beurtheilen; wenn dieſe Wiſſenſchaft Sie nie trügt, ſo wünſche ich Ihnen Glück. Doch es iſt noch hell und das Wetter ſchön; vor dem Nachteſſen wird ein Spaziergang, glaube ich, das Beſte ſein, was wir vornehmen können. Gehſt Du mit uns, Ber⸗ trand?“ „Nein, mein Lieutenant, ich habe keine Luſt, ſpa⸗ zieren zu gehen.“ Auguſt entfernte ſich mit der gefühlvollen Adele. Sie durchſtreiften das hübſche Städtchen Avallon nach allen Richtungen. Auguſt machte ſeine Bemer⸗ kungen über das, was er ſah, die junge Frau war ſtets ſeiner Anſicht, und unſer Held fand am Ende, daß ein Frauenzimmer, das nur Allem beizuſtimmen verſteht, ohne je ſelbſt Etwas zu beobachten, eine etwas einförmige Geſellſchaft iſt. Allein Madame Florimond hatte ſehr ſchöne Augen und es iſt noch nicht lange her, daß ſie dieſelben auf Auguſt heftete, 73 und wenn dieſer eine Zeit lang geſprochen hatte, ohne andere als nichtsſagende Antworten zu erhal⸗ ten, dann begann er die Augenſprache mit Adelen⸗ worin ſie ihm die ſchönſten Dinge von der Welt ſagte. Nur vor den Kaufläden fand die junge Fra ſelbſt Etwas zu beobachten. Sie blieb ſtehen, um einen Shawl zu bewundern und ſtieß dabei einen tiefen Seufzer aus. „Haſt Du Luſt darnach?“ fragte Auguſt. „Ach! er würde mir großes Vergnügen ma⸗ chen.“ 3 „Nun gut, ſo kaufen wir ihn.“ Der junge Mann ließ ſich von ſeinen früheren Gewohnheiten hinreißen, kaufte Madame Florimond den Shawl, den ſie augenblicklich um ihre Schultern legte und das kleine Tuch, das um ihren Hals hing⸗ eiligſt an den Arm nahm. Etwas weiterhin hielt und ſeufzte ſie vor einem hübſchen Häubchen: Auguſt ließ ſie daſſelbe aufſetzen, und da es zum Entzücken unter der Regenkappe ſaß, ward es gekauft. Hierauf ſeufzte die junge Frau vor einem Bijoutier: ſie wünſchte ein Ringchen, als Erinnerung an den Tag, wo ſie Auguſt zum erſten Mal kennen lernte; dieſer fand den Wunſch zu liebenswürdig, um ihm nicht zu ent⸗ ſprechen. Nun aber führte er ſeine Begleiterin zur Herberge zurück, ohne ſie irgendwo anhalten zu laſſen, aus Furcht, ſie möchte noch ferner ſeufzen. Die junge Frau war ſehr hübſch mit dem Shawl und der Haube. Als aber Bertrand ſie auf dieſe 74 Weiſe ſah, nahm er Auguſt wieder auf die Seite und ſagte zu ihm:„Mein Herr, dieſen Morgen hatte ſie dieſe Toilette nicht.“ „Du wirſt zugeben, Bertrand, daß ſie dieſen Abend viel beſſer ausſieht.“ „Aber, mein Herr, an was denken Sie?“ „Ich denke an's Nachteſſen, denn ich habe ſtarken Hunger, und Sie, meine liebe Freundin?“ „Ich werde ebenfalls mit Vergnügen zu Nacht ſpeiſen.“— Bertrand ſagte nichts weiter, ſondern ging in einen Winkel und rannte mit dem Kopf gegen die Wand. Man trug indeß das Nachteſſen auf. Auguſt ſetzte ſich mit Adelen zu Liſche und lud Bertrand ein, an ihrer Seite Platz zu nehmen, wobei er der jungen Frau bemerkte, Bertrand ſei ſein Faktotum, ſein Kaſſier und nicht ſein Diener. Bei dem Wort Kaſſier“ ſchnitt Vertrand ein grim⸗ miges Geſicht, entſchloß ſich aber endlich ehrfurchts⸗ voll am andern Ende des Tiſches Platz zu nehmen. Um ſeine gute Laune wieder herzuſtellen, ließ Auguſt einige Flaſchen guten Wein herbeibringen. Dieſes Mittel that ſeine Wirkung: beim Trinken fand Ber⸗ trand ſeine Heiterkeit wieder und ſah die junge Frau nicht mehr mit ſcheelen Blicken an. Als er indeß Auguſt nach dem Nachteſſen mit Madame Florimond in ein Zimmer ſich zurückziehen ſah, worin nur ein Beit ſtand, ſagte er zu ihm: „Gewiß, mein Herr, man wird Sie für den Mann dieſer Dame halten!“ —,— 5 „Meiner Trew, Bertrand, dieſe Nacht wird es auch ſicher ſo herauskommen.“ „Hernach aber?“ „O, mein Freund, das Eiligſte in dieſem Augen⸗ blick iſt, daß ich zu Bett gehe; thue ein Gleiches. Gute Nacht! Morgen iſt wieder ein Tag.“ „Ja,“ ſagte Bertrand bei ſich und nahm wieder an dem LTiſch Platz, um ſich einzuſchenken,„morgen iſt wieder ein Tag und wir werden dieſes Weibs⸗ bild noch immer auf dem Hals haben! Er hätte wohl ebenſo gut gethan, in Paris zu bleiben und mich mit Strack Hoſen machen zu laſſen.“ Seine Flaſche vollends austrinkend ſchlief Ber⸗ trand ein. hit. Fünftes Kapitel. Eine Liſt Bertrands. Eine Nacht Schlaf reicht hin, um die Dünſte des Weins zu verſcheuchen und unſerm Geiſt die nöthige Ruhe wieder zu geben; eine Nacht Liebe genügt häufig, um manche Illuſionen zu zerſtören und unſere Sinne zu beſchwichtigen. Auguſt und Bertrand dachten nach der in der Herberge mit Madame Florimond zuge⸗ brachten Nacht mit mehr Kaltblütigkeit über ihre Lage nach. Der Letztere hatte ſich nie verhehlt, in welch' neue Verlegenheit ſich Auguſt gebracht, und dieſer, vielleicht des Pantomimenſpiels mit der jungen Rei⸗ ſenden bereits müde, fühlte, daß er eine Dummheit 76 dige Weiſe die Dame vom Halſe ſchaffen, die jeden Augenblick ſagte:„Mein Freund, ich gehe, whin es Dir Vergnügen macht!“ Nach dem Frühſtück erkundigte ſich Auguſt wegen eines Wagens nach London, denn Extrapoſt würde bei Leuten, die ſparen wollen, was man freilich bei Au⸗ guſt nicht bemerkt, der ſich ſtets als großer Herr trakti⸗ ren läßt, zu koſtſpielig ſein. Ein Lederhändler, der ein großes vierſitziges Cabriolet hatte, machte unſern Rei⸗ ſenden den Antrag, ſie mitzunehmen. Zwar wird er dazu vier Tage brauchen, weil er ſeiner Geſchäfte wegen an verſchiedenen Orten halten muß, allein man hat keine Eile und trifft mit dem Lederhändler, der unſere drei Reiſenden in ſeinen Wagen packte, die nöthigen Verabredungen. Auguſt ſaß mit der gefühlvollen Adele auf dem hintern Sitz, Bertrand nahm ſeinen Platz an der Seite des Händlers auf der Vorderbank, und von einem einzigen Pferde gezogen, das in Hinſicht der Dicke zweien gleich kam, aber zu einem Wettlaufe nicht aufgelegt ſchien, machte man ſich auf den Weg. Bertrand unterhält ſich mit dem Händler, einer langen Figur von achtundzwanzig bis dreißig Jahren, der einen ziemlichen Theil ſeines Lebens in ſeinem Cabriolet zubringt und die Gaſthöfe beſſer kennt als ſein Haus, wo er nur den vierten Theil des Jahres iſt; er behauptet, kein Dienſtmädchen auf dreißig Meilen in der Runde ſei gleichgültig gegen ihn. begangen habe. Wie aber ſollte er ſich auf anſtän⸗ — 77 Auguſt betrachtete das Land umher und ſuchte Madame Florimond zum Sprechen zu bringen. „Wie finden Sie dieſe Landſchaft?“ fragte er ſie. „Ach, ſie iſt abſcheulich!“ „Wie? dieſer mit Gehölz bewachſene Hügel, die⸗ ſes Thal links, der Fluß, der es beſpült, und das liebliche Dorf im Hintergrund; dieſe Landſchaft ſcheint Ihnen abſcheulich?“ „Ach nein, ſie iſt ſehr hübſch!“ „Würde Ihnen das Reiſen gefallen?“ „Ich weiß nicht, mein Freund.“ „Hatten Sie Paris nie verlaſſen?“ „Ol ich bin in St. Cloud und Paſſy geweſen.“ „Würden Sie gerne nach Italien gehen?“ „Wenn es Ihnen Vergnügen machte.“ „Aber der Herr, der Sie in Lyon erwartet?“ „Ach, ob er mich erwartet, weiß ich nicht.“ „Ich könnte durch Umſtände genöthigt werden, Sie zu verlaſſen.“ „O! ich, ich werde Sie nicht verlaſſen, mein Freund.“ „Wenn ich aber nach Paris zurückkehrte?“ „So würde ich auch dahin zurückkehren.“ „Und Ihr Mann, der Sie ſchlug?“* „O! dem würde ich nicht ſagen, daß ich zurück⸗ gekehrt bin.“ „Man wird ſehen,“ dachte Auguſt,„daß ich dieſe Frau gar nicht mehr losbringen kann! Verfluchte Diligence!.. die große Regenkappe!.. die Kniee in Berührung mit den meinigen!,.. die Nacht im Wa⸗ gen!... das Alles ſteigert die Einbildungskraft; man ſtellt ſich vor, man habe eine herrliche Begegnung gemacht, man glaubt ſich verliebt, man iſt es auch vierundzwanzig Stunden lang, aber nachher.. ach⸗ mein Gott! wie habe ich mich in die Patſche geſetzt!“ Bertrand, der einen Theil des Geſprächs Au⸗ guſts mit Adelen gehört hatte, beugte ſich jetzt zu dem Letzteren und ſagte ihm in's Ohr;„Verzeihung, mein Lieutenant, aber dieſe Frau da ſcheint mir dumm wie ein Stück Holz.“ „Es kommt mir auch ſo vor, Bertrand.“ „Werden wir eine Reiſe um die Welt machen mit dieſer Puppe?“ „Ich fürchte es, mein Freund; ſie iſt entſchloſſen, mich nicht mehr zu verlaſſen.“ „Ich ſtehe Ihnen dafür, daß ich ſie zu einem an⸗ dern Entſchluſſe bringen werde.“ Bertrand ſprach nichts weiter. Eine Weile reiste man ſtillſchweigend fort. Von Zeit zu Zeit warf der Lederhändler verſtohlene, lüſterne Blicke auf Madame Florimond, und in jedem Dorf, durch das man kam, ſagte er zu Bertrand:„Hier kannte ich eine ſchöne Frau da hatte ich ein Abenteuer dort ſprach man lange von mir.“ „Es ſcheint, Sie ſind ein luſtiger Patron?“ „Ja freilich, man kennt mich in der ganzen Ge⸗ gend.“ Abends hielt man in einem kleinen Flecken, wo man die ganze Nacht zubringen wollte. Man trat in eine ſchlechte Herberge; der Kaufmann ging in Geſchäften aus, und Auguſt, in dem Gedanken, das Beſte, was man mit der gefühlvollen Adele thun könne, ſei, in's Bett zu liegen, zog ſich nach dem Nachteſſen zurück und ließ Bertrand allein vor einem Liſch mit ſeiner Pfeife. Als der Kaufmann wieder zurückkam, machte ſich Bertrand an ihn und ſchlug ihm vor, ein Glas zuſam⸗ men zu trinken; einen ſolchen Antrag weist man nicht zurück. Der Kaufmann trank beinahe eben ſo gut als Strack; nach der zweiten Flaſche faßte man Ver⸗ trauen zu einander und Bertrand ſagte zu ſeinem Gefährten:„Sie ſcheinen mir ein guter Kerl.“ „Sie ſind ſehr gütig.“ „Sie könnten uns, meinem Lieutenant und mir, einen Dienſt leiſten.“ „Wenn es mich nichts koſtet, bin ich dabei.“ „Es wird Sie nicht nur nichts koſten, ſondern ich biete Ihnen noch fünfzig Thaler Trinkgeld.“ „So ſprechen Sie ſchnell.“ „Nach Allem, was Sie mir ſagten, ſind Sie kein Feind des ſchönen Geſchlechts?“ „Im Gegentheil, ich bin ein großer Freund deſ⸗ ſelben.“ „Wie finden Sie die junge Frau, die mit uns reist?“ „Ja „Nun, ſprechen Sie aufrichtig.“ „Meiner Treu', ich finde ſie ſehr hübſch; ſie hat Angen, denen ſie vielen Ausdruck zu geben weiß.“ „Kurz, ſie gefällt Ihnen?“ 80 „Ohne Zweifel würde ſie mir gefallen, wenn ſie frei wäre, doch ſehen wohl ein, daß ich nicht daran denken... „Gut! ſo re Sie: der größte Dienſt, den Sie uns leiſten könnten, wäre der, wenn Sie dieſe Schön⸗ heit entführten.“ „Sie ſcherzen.“ „Nein. Die Sache verhält ſich folgendermaßen: Mein Herr iſt ſehr leichtſinnig; er reist, um geſetzter zu werden, und Sie begreifen wohl, daß man mit einer Reiſegefährtin, die, wie Sie ſagen, ihren Au⸗ gen vielen Ausdruck zu geben weiß, keine Luſt dazu verſpürt. Ich aber muß für ihn den Verſtand haben; das Beſte nun, was ich thun kann, iſt, daß ich ihn von dieſer Landſtraßenheldin trenne, die, ich weiß es gewiß, nur darum Anhänglichkeit für ihn bezeugt, weil ſie ihn für reich hält.“ „Sie kommt alſo nicht mit Ihnen von Paris?“ „Ei nein; es iſt ein hübſcher Fund in der Dili⸗ gence von Lyon. Hundert Mal lieber wäre mir's, wenn ſie uns umgeworfen als dieſe Prinzeſſin ent⸗ halten hätte. Sie aber, der Sie beſtändig unter⸗ wegs ſind, wird es nicht beläſtigen dieſelbe in Ihrem Cabriolet zu behalten; zudem glaube ich zu bemer⸗ ken, daß Sie ſie als Liebhaber betrachteten.“ „Ich ſage nicht nein; wie aber ſoli ich. „Sie ſind ein ſchöner Mann, ein gut ausſehender Junge „Gewiß, ich bin nicht übel,“ ſagte der Kaufmann⸗ indem er ſich wohlgefällig in dem Fragment eines Spiegels, das auf dem Kamin aufgeſtellt war, be⸗ trachtete. „Morgen,“ fuhr Bertrand fort,„werde ich unter⸗ wegs Sorge tragen, ihr verſtehen zu geben, daß unſere Angelegenheiten ſchlecht ſtehen; Sie im Ge⸗ gentheil laſſen Ihre Thaler klingen. In unſerm Nacht⸗ quartier ſpielt mein Lieutenant den Kranken und er⸗ klärt, daß er nicht weiter reiſen kann. Den andern Tag legt er ſich wieder zu Bette; während dieſer Zeit ergreifen Sie die Gelegenheit zu einem Téte à Téte, bringen Ihre Erklärung an und machen der jungen Dame den Vorſchlag, ſie vor unſerm Er⸗ wachen mitzunehmen. Sie wird darauf eingehen; ich wollte meinen Schnurrbart wetten, wenn ich ihn noch hätte.“ „Abgemacht, mein Braver, und die fünfzig Thaler?“ „Zähle ich Ihnen auf, wenn ich Sie abreiſen ſehe. Sie können nach Lyon gehen; um nicht mit Ihnen zuſammenzutreffen, gehen wir nicht dorthin.“ „Topp! ich entführe Ihre Schöne; und, wie Sie ſagen, ſie wird mir nicht widerſtehen, weil Ihr Ge⸗ fährte, obgleich er nicht übel iſt, doch dieſen Wuchs nicht hat, dieſen Schnitt, kurz dieſes verführeriſche Weſen, geſtehen Sie es nur!“ „Ich glaube wohl; Sie kommen mir vor wie ein Regimentstambvur.“ Nachdem die Sache zwiſchen Bertrand und dem Händler verabredet und noch ein Glas auf das Ge⸗ lingen ihres Planes geleert worden war, zogen auch ſie ſich zurück, um der Ruhe zu genießen. Paul de Kock. LXR. 6 82² Den andern Morgen machte man ſich wieder auf den Weg. Auguſt ſchien durch die Geſellſchaft der Madame Florimond noch mehr gelangweilt: er wagte nicht, es Bertrand zu ſagen, dieſer aber bemerkte das ſchlechtverhehlte Gähnen, die erſtickten Seufzer des jungen Mannes wohl, während die gefühlvolle Adele ihm wiederholte, es werde ihr Vergnügen machen, beſtändig bei ihm zu ſein. Nach einiger Zeit überließ ſich der junge Mann dem ihn überwältigen⸗ den Schlaf und ſchlummerte in der Ecke des Cabrio⸗ lets an der Seite der jungen Frau ein, die kein Wort mehr ſprach. Bertrand that, als glaube er, ſie ſchlafe gleichfalls und ſagte halblaut zu dem Kaufmann: „Der arme junge Mann! wenn doch der Schlaf ſeine Unruhe beſchwichtigen und ſeine Schulden be⸗ zahlen könnte.“ „Er hat Schulden?“ fragte der Händler. „Deßhalb verlaſſen wir Paris, und ich fürchte ſehr, man möchte uns auch nach Lyon verfolgen.“ „Das iſt miſerabel! Da laſſe ich mir einen Han⸗ del gefallen, wie der meinige: der geht immer... das Leder kommt nie ab, es iſt wie das Brod, ganz das Gleiche.“ „Dazu ſind Sie reich.“ „Ja; es fehlt mir an nichts.“ Bertrand bemerkte, daß Madame Florimond ihre Regenkappe lüftete, um den Händler beſſer zu ſehen. Jener ſprach kein Wort mehr, ſondern ſchaute auf die Straße, um den Blicken, welche ſein Nachbar der jungen Frau zuwarf und die dieſe lächelnd aufnahm⸗ — 83 wahrſcheinlich, um ihm Vergnügen zu machen, keinen Zwang aufzuerlegen. Man gelangte an den Ort, wo man die Nacht über bleiben ſollte. Noch hat Bertrand nicht mit Auguſt über ſeinen Plan geſprochen, doch ſcheint ihm der Zufall zu Hülfe kommen zu wollen, denn dieſer fühlte beim Abſteigen aus dem Cabriolet ein heftiges Kopfweh, daher er ſich gleich bei ſeinem Eintritt in die Herberge in ſein Zimmer zurückzog, um der Ruhe zu genießen, und Madame Florimond auffesderte, ſich nach Wunſch bedienen zu laſſen. Bertrand fand einen Vorwand, um den Kauf⸗ mann mit ihrer Reiſegefährtin allein zu laſſenz er ſchlenderte umher und kam erſt ſpät zurück. Der Kaufmann war allein und betrachtete ſich in einem Spiegel. „Nun?“ begann Bertrand. „Sie können mir die fünfzig Thaler aufzählen.“ „Wahrhaftig?“ „Die Sache iſt abgemacht: morgen, ſobald der Tag graut, entführe ich Ihre Schöne; ſie will ihrem Geſellſchafter ſagen, daß er Zeit habe, zu ſchlafen⸗ da wir erſt um zehn Uhr abreiſen.“ „Donnerwetter! ein Sieg würde mir nicht mehr Vergnügen machen. Mein armer Herr! ich möchte ihn ſo gerne vernünftig, von ſeinen Thorheiten ge⸗ heilt ſehen. Ich zahle noch eine, noch zwei Flaſchen in den Kauf.“ „Ich nehme es an.“ „Sie hat alſo nicht zu viele Umſände gemacht?“ 8¹ „Gehen Sie doch! Ich machte ihre Eroberung; überdieß ſagte ſie zu mir, ihr Zartgefühl erlaube ihr nicht, mit Jemand zu reiſen, der Schulden habe.“ In ſeiner Freude ließ Bertrand noch einige Pfröpfe ſpringen und zahilte dem Kaufmann die fünfzig Thaler auf der Stelle. Er legte ſich nicht in's Bett, um insgeheim Zeuge der Abreiſe von Madame Flo⸗ rimond zu ſein, die mit Anbruch des Tages leiſe, und ohns Auguſt zu wecken, aufſtand, und ſich mit dem Cabriolet des Lederhändlers entfernte. „Glückliche Reiſe!“ rief Bertrand, dem Wagen nachſehend. Als er denſelben aus dem Geſicht ver⸗ loren hatte, eilte er in Auguſts Zimmer, den er mit dem Ruf aufweckte:„Viktoria, mein Lieutenant! ich habe den Feind vom Flatze verjagt.“ „Was gibt's denn?“ fragte Auguſt, ſich die Augen reibend. „Was es gibt? Ich habe Ihnen Ihre gefühlvolle Reiſende vom Halſe geſchafft: dieſen Morgen ging ſie mit unſerm Lederhändler durch.“ „Wäre es möglich, Bertrand?“ „Ei ja, mein Herr, ich ſage Ihnen, ſie iſt fort. Hoffentlich haben Sie keine Luſt, ihr nachzulaufen?“ „Gott bewahre mich davor!... Sie liebte mich alſo nicht mehr?“ „Hat dieſe Abenteurerin Sie jemal⸗ geliebt?.. Sie folgte dem erſten Beſten, der ihr reich ſcieni und doch, mein Herr, hätten Sie dieſes Weibsbild auf dem Halſe behalten!... Sie verlieben ſich in der Diligence. und Knall und Fall.. machen 85 Bekanntſchaft!... Sehen Sie, mein Lieutenant, ich verſtehe mich nicht auf dergleichen; aber es ſcheint mir, in einem öffentlichen Wagen muß man zwei Dinge in's Auge faſſen: iſt die Frau ehrbar, ſo hört ſie nicht auf mich, iſt ſie es nicht, dann iſt es nicht der Mühe werth, daß ich mit ihr ſpreche.“ „Du haſt recht, hundert Mal recht! Doch dieſe Thorheit ſoll die letzte ſein.“ „Wiſſen Sie, daß mit allen Ausgaben fl Fahren, Geſchenke und Reiſekoſten Ihr Abenteuer wenigſtens fünfhundert Franken koſtet? Ein hübſcher Anfang für Leute, welche reiſen, um ihre Vermögensverhältniſſe wiederherzuſtellen!“ „Ach, jetzt wirſt Du ſehen, Bertrand, daß ich ganz beſonders geſetzt ſein werde.“ „Amen. Um jedoch dieſer Dame nicht mehr zu begegnen, wird es meiner Anſicht nach beſſer ſein⸗ wenn wir nicht über Lyon reiſen.“ „Gehen wir ſogleich nach Italien: unter dem ſchönen Himmel, der Virgils und Tibulls Geburt ſah, in dem Vaterland der Künſte will ich, von edler Nacheiferung erfüllt, Nutzen aus meinen Talenten ziehen und neue zu erlangen ſtreben. Vielleicht lä⸗ chelt das Glück meinen Bemühungen. Die Muſik und die Malerei bieten mir Hülfsquellen dar, vor deren Benützung ich nicht erröthen darf. Wir geben wenig aus, ich ſuche viel zu verdienen; denn in je⸗ dem Land mißt man den Leuten, die ſich am Beſten bezahlen laſſen, das meiſte Verdienſt bei. Habe ich denn endlich ein hübſches Sümmchen zuſammenge⸗ 86 bracht, ſo kehren wir nach Frankreich zurück, um hier die Früchte meiner Arbeit zu genießen.“ „So ſei es, mein Lieutenant, und glücklicher als der große Türenne, der auf dem Schlachtfelde ge⸗ tödtet wurde, erfreuen wir uns nach beendigtem Kriege der Süßigkeiten des Friedens.“ Sechstes Kapitel. Die Hochzeit. Unſere Reiſenden ließen dem Lederhändler hin⸗ länglich Zeit, ſich zu entfernen, denn ein Wieder⸗ zuſammentreffen mit Madame Florimond lag durch⸗ aus nicht in ihrem Plan. Der Eigenthümer einer kleinen Carriole erbot ſich, ſie zu führen, wohin es ihnen beliebte, und obgleich die Carriole keineswegs einem guten Reiſewagen glich, ſo bequemten ſie ſich doch dazu. Vor ihrem Einſteigen überzeugte ſich Bertrand, daß ſie kein Frauenzimmer enthalte: jeder Unterrock jagte ihm Furcht ein; nicht einmal in der Geſellſchaft einer Säugamme möchte er ſeinen laſſen. Die Carriole enthielt nur einen Landmann von etwa fünfzig Jahren, den Bertrand zu ſeiner Beru⸗ higung lange und genau betrachtete; denn er könnte ein verkleidetes Frauenzimmer ſein. Auguſt ſtieg, über die Furcht ſeines Gefährten lächelnd, in den Wagen. „Gehen Sie auch nach Italien, braver Mann 2. fragte Auguſt den Bauer. . * „O nein, mein Herr,“ antwortete dieſer,„ſo weit gehe ich nicht; ich fahre nur zu meiner Schweſter, drei Meilen von Lyon; ſie verheirathet ihren Sohn, Cadet Euſtache, meinen Neffen.“— „Ach, Sie gehen zu einer Hochzeit!... Das iſt ja herrlich... man macht ſich luſtig, man lacht!“ „Ja freilich, mein Herr, denn bei uns ſind lau⸗ ter Luſtigmacher und WVitzbolbe.“ „Das ſieht man an Ihnen auf den erſten Blick.“ „Und ich trinke, daß es eine wahre Luſt iſt.“ „Sehr gut,“ bemerkte Bertrand. Sie haben alſo guten Wein?“ „O, famöſen!... Meine Schweſter hat eigene Weinberge; ſie iſt eine der reichſten Gruͤndbeſitzerinnen des Orts und wahrlich, wenn man ſeinen Aelteſten verheirathet, dann ſehen Sie wohl ein, läßt man Ewas ſpringen. Die Hochzeit währt mindeſtens acht Tage. Wenn es Ihnen angenehm wäre, meine Herren, ſollten Sie mit mir kommen: Sie werden gut auf⸗ genommen. Meine Schweſter wird erfreut ſein, Sie zu ſehen und Cadet auch, denn er liebt die Stadt⸗ leuie ſehr!... Sie ſind Pariſer, nicht wahr, meine Herren?“ 5 „Wie Sie ſagen, Herr...“ „Rondin, Ihnen zu dienen... Nun! Sie nehmen es an?“ B Auguſt ſah zu Bertrand hinüber. Der Gedanke, einer Vauernhochzeit beizuwohnen, lächelte ihn ziem⸗ lich an. Der alte Corporal empfand ſeinerſeits eine geheime Verſuchung, den Wein des Herrn Cadet Euſtache kennen zu lernen; allein die Beſorgniß, ſein Herr möchte wieder eine Bekanntſchaft mit Frauen⸗ zimmern auf der Hochzeit machen, veranlaßte ihn, die⸗ ſem Reiz zu widerſtehen; er ſagte daher ganz leiſe zu Auguſt:„Schlagen Sie es aus, mein Lieutenant; glauben Sie mir, das iſt das Klügſte. Wenn wir uns unaufhörlich unterwegs aufhalten, ſo wird un⸗ ſere Reiſe um die Welt ſich auf einen kleinen Aus⸗ flug in's Burgund beſchränken, welches Virgils und Tibulls Vaterland nicht iſt, und wir kommen nach Paris zurück, ohne uns ein Vermögen erworben zu haben.“ „Es thut mir leid, daß ich es nicht annehmen kann, Herr Rondin,“ ſagte Auguſt,„allein mein Ge⸗ fährte machte mir erinnerlich, daß unſere Geſchäfte uns ſo ſchnell als möglich nach Italien rufen. Aber ₰ mit dieſem Wagen kommen wir nicht ſobald dahip: ich glaube, der Schlingel fährt im Schritt. Auch Sie, Herr Rondin, der Sie zu einer Hochzeit reiſen, müſſen Eile haben?“ „O, man wartet auf mich!... Ueberdieß muß Cadet ausruhen, ehe er ſich verheirathet.“ „Hat der Bräutigam auch erſt eine Reiſe ge⸗ macht?“ „Ja, mein Herr, er kommt von Paris; von dort⸗ her bringt er ſeine Braut.“ „Ah! er hat ſich ſeine Frau in Paris geholt?“ „Ich will Ihnen ſagen, meine Herren: Cadet iſt ein Schlaukopf, der ſich nicht anführen läßt!... Die Mädchen ſeines Orts ſind zu ungenirt, und um ver⸗ 89 ſichert zu ſein, daß er etwas Gutes bekomme, holte er eine Frau in Paris.“ „Das muß ein recht geiſtreicher Junge ſein.“ „Ol er iſt der feinſte Verführer auf ſechs Meilen in der Rundez ſeine Mutter läßt ihm in Allem ſei⸗ nen Willen: ſo reiste er denn nach Paris ab, wo er überdieß Geſchäfte hatte. Nach einiger Zeit ſchrieb er nach Hauſe, er habe eine Frau gefunden, die ihm anſtehe!... Wahrlich, Sie ſehen wohl ein, daß das eine Tugend und die Unſchuld ſelbſt ſein muß, denn Cadet iſt in Beziehung auf das ſchöne Geſchlecht ein guter Kenner.“ „Und in Paris hat er dieſen Schatz gefunden?“ „Nein, nicht gerade in Paris, ſondern in der umgegend. Da er ſeiner Schönen gefiel, nahm er ſie mit ſich und wird ſie nun heirathen. Deßhalb hätte ich gewünſcht, daß Sie auch bei der Hochzeit geweſen wären und mir Ihre Meinung über die Wahl meines Neffen geſagt hätten.“ Auguſt hätte gerne die Braut geſehen, die Herr Cadet Euſtache ſich in der Umgegend von Paris ge⸗ holt; er dachte an Deniſe und ſtellte ſich vor, Rondins Reffe habe ein eben ſo ſchönes, eben ſo friſches, eben ſo verführeriſches Landkind gefunden als das kleine Milchmädchen. Dieſer Gedanke macht ihn ſeuf⸗ zen.„Vielleicht iſt ſie auch verheirathet,“ ſagte er bei ſich,„denn ſie liebte einen Andern; ſie ſagte es mir, als ſie mir geſtand, daß ſie mich nie lieben werde.“ „ Seit ſeine Erinnerungen ihn wieder nach Mont⸗ fermeil führten, lachte Auguſt nicht mehr. Erſtaunt über die Traurigkeit ſeines Nachbars wagte der Bauer nicht mehr, von der Hochzeit zu reden, und Bertrand dachte:„Gewiß, es wäre etwas ſehr Un⸗ terhaltendes, acht Tage lang zu tafeln, allein bei einer Hochzeit gibt es ſtets ein oder das andere hüb⸗ ſche Geſichtchen und ich darf meinen Lieutenant die⸗ ſem nicht ausſetzen; er könnte wieder Eine entführen wollen und ich würde nicht immer auf bereitwillige Lederhändler ſtoßen.“ So fuhr man eine Zeit lang ſchweigend in ei⸗ nem Schritt fort, bei dem man vier Stunden zu einer Poſtmeile brauchte. Vater Rondin, der gerne ſchwatzte, begann endlich auf's Neue:„Gewiß, wenn Sie in Geſchäften nach Italien reiſen, werden Sie mit dieſem Wagen nicht zeitlich genug anfommen. Sie ſind Prokurator?“ „Nein, ich bin Muſiker und Maler.“ „Muſiker und Maler! Wahrlich, das wäre Etwas für uns! Sie würden unſern Mädchen zum Tanze aufſpielen und das Portrait der Braut malen. das wäre eine ſchöne Ueberraſchung für Euſtache!“ „Meiner Treu',“ dachte Auguſt,„es wäre in der That drollig, wenn ich hier den erſten Verſuch mit meinen Talenten bei dieſen guten Leuten machte. Was ſagſt Du dazu, Bertrand? das Portrait der Braut malen, das ſtände mir ziemlich an.“ „Cadet ſchrieb mir, ſie ſei ein prächtiges Mäd⸗ chen,“ bemerkte Vater Rondin weiter;„treffen Sie leicht?“ — — — 91 „Ja, ich habe erſt einen Verſuch gemacht; übri⸗ gens male ich Alles, was Sie wollen. Nun, Ber⸗ trand, das beſtimmt mich: wir gehen zur Hochzeit.“ „Alſo zur Hochzeit, mein Herr. Aber keine Thor⸗ heiten; denken Sie an Ihre Entſchlüſſe!“ „Sei ruhig, Du wirſt zufrieden mit mir ſein.“ Vater Rondin war ſehr erfreut, daß er die Rei⸗ ſenden zum Beſuche der Hochzeit bewogen hatte; er war ſogar nahe daran⸗ ſelbſt den Kutſcher einzula⸗ den, als der nur im Schritt fahrende Wagen in einen Graben fiel, den einzigen, der ſich am Wege befand. Unſere Reiſenden rollten über einander hin. Glücklicher Weiſe kam man mit einigen Quetſchun⸗ gen davon, und der Kutſcher richtete in aller Ruhe den Wagen wieder auf, während er den Reiſenden bemerklich machte, daß es ihm leid thue, es ihnen nicht vorher geſagt zu haben⸗ allein ſeit er dieſe Straße befahre, ſei es ſehr ſelten, daß er nicht an dieſer Stelle umwerfe, da ſeine Pferde es ganz ge⸗ wohnt ſeien. Dieſer Unfall entleidete den Reiſenden die gar⸗ ſtige Carriole vollends.„Von hier bis zu uns,“ ſagte Rondin,„iſt es nur ein Tagmarſch: wir wollen zu Fuße gehen! Wir kommen auf dieſe Weiſe ſchnel⸗ ler an, ſofern Sie es aushalten.“— Der Vorſchlag des Bauern ward angenommen. Man ließ die Carriole zurück; Bertrand lud ſich ei⸗ nen Mantelſack auf, Auguſt wollte durchaus den andern tragen, und ſo begab man ſich auf den Weg. Die Gegend iſt herrlich; man war froh, daß 92 man zu Fuß ging. Vater Rondin kannte die Wege genauz nur einmal hielt man an, um ſich wieder zu ſtärken, und den andern Morgen langte man auf dem Hofe Cadet Euſtache's an. Als man noch etwa hundert Schritte davon war, kam ihnen ein großer Bengel entgegen und ſprang dem Vater Rondin an den Hals mit dem Ruf:„Ach, mein Onkel! So kommen Sie doch, mein Onkel! Ich warte nur auf Sie, mich zu verheirathen, und wahrlich, ich habe hölliſch Luſt dazu.“ „Guten Tag, Cäbet; ſchau, ich bringe Dir hier zwei gute Kerls, mein Junge! Der Herr hier macht Malereien und Muſik, und dann Herr Bertrand, der trinkt ſeinen Schoppen, das ſag' ich Dir zum Voraus.“ Cadet Euſtache machte tiefe Bücklinge vor den Reiſenden, hierauf ſagte er zu ſeinem Oheim:„Wei⸗ ter bringen Sie Niemanden mit?“ „Wie ſo, mein Junge?“ „O wahrlich! hätten Sie noch mehr gehabt, ſo wäre das nur um ſo beſſer geweſen, weil wir uns beluſtigen wollen, ſehen Sie. Doch gleichviel, das macht immer Zwei weiter.“ „Haſt Du nicht viele Leute bei Deiner Hochzeit?“ „Ach, wir ſind erſt unſerer achtzig.“ „Ei, das iſt nicht übel.“ „Man muß doch luſtig ſein... ich will lachen... und dazu gehören ihrer viele; ich z. B. werde nie recht luſtig, wenn wir nicht wenigſtens ein Dutzend ſind.“ „Ich hatte es Ihnen ja geſagt, daß mein Neffe . — 93 ein Spaßvogel iſt,“ ſagte Vater Rondin, zu Auguſt gewendet, welcher lächelnd auf Bertrand ſah, wäh⸗ rend dieſer vor ſich hin brummte:„Der Bräutigam hier ſcheint mir ein rechter Einfaltspinſel.“ „Aber ſo führ uns doch in's Haus, Cadet; wir ſind müde und brauchen eine Erfriſchung.“ „Ach! um Verzeihung, Oheim, ſehen Sie, meine Zukünftige ſteckt mir immer im Kopfl O! Sie werden ſehen, meine Herren, mehr ſage ich Ihnen nicht, Sie werden ein Mädchen ſehen, das die Friſche ſelbſt iſt... ach! wie eine Zuckerrübe... und üppige Reize hat ſie! O, ich ſage Ihnen⸗ Reize aller Orten!“ „Ah, Schlingel! es ſcheint, daß Du auf dem Weg hierher von ihrer Heimath das Alles kennen lernteſt?“ „O nein, Onkel, was das betrifft, ſo hütete ich mich wohl: ſie iſt die Unſchuld ſelbſt, ſehen Sie, und hätte mir eine tüchtige Ohrfeige geſteckt; denn meine Zukünftige iſt handfeſt.. eine ziemlich runde Tugend... kurz, ſie iſt nach meiner Wahl, und da Sie hier ſind, werden wir gleich morgen Hochzeit machen.“ Unter dieſem Geſpräch gelangte man in das ſchöne, Wohlhabenheit verkündende Hofgut. Cadet rief einen ſeiner Knechte.„Hieronimus, geh' und verkündige in der ganzen Gegend, daß morgen Hoch⸗ zeit iſt und daß Alles zum Gaſtmahl und dem Tanze bereit ſteht; Du gehſt und zeigſt es den Spielleuten an, die ich beſtellt habe. Mein Oheim, ich hole meine Braut: ſie iſt mit meiner Mutter bei einer unſerer Nachbarinnen, allein Sie ſollen ſie gleich ſehen, und dieſe Herren auch.“ „Der Junge da iſt ſchrecklich verliebt,“ ſagte Vater Rondin und führte die Reiſenden in eine große Stube, wo er ſie Platz nehmen ließ. Bald traf Frau Euſtache ein; ſie küßte ihren Bruder, hernach auch die Neu⸗ angekommenen, weil man auf dem Lande ſtets auf dieſe Weiſe Bekanntſchaft zu machen beginnt. „Und wo iſt denn die Braut?“ fragte Vater Ron⸗ din,„werden wir ſie nicht ſehen?“ „Sogleich, Bruder, ſie macht nur ein wenig Toi⸗ lette für die Geſellſchaft.. ach! potz Tauſend, ſie iſt ein hübſches Mädchen und Cadet verſteht ſich varat. „Und hat ſie Thaler?“ „Sie hat ein kleines Sümmchen auf der Seite, welches ihr der Herr gab, bei dem ſie diente, der unſerm Alten ſagte, er gebe ihm da ein wahres Ro⸗ ſenmädchen, und Sie wiſſen, Cadet iſt ein liſtiger Fuchs, der ſich nicht prellen läßt.“ „Donnerwetter!“ meinte Bertrand gegen Auguſt, „wenn das Roſenmädchen dem Bräutigam gleicht, ſo werden wir irgend eine derbe Kuhmagd aus Pon⸗ toiſe zu ſehen bekommen.“ Endlich vernahm man Cadet Euſtache's Stimme, der ſeine Zukünftige der Geſellſchaft vorſtellte, und Auguſt war nicht wenig überraſcht, als er in der Braut des Hofbauern Mamſelle Tapotte, die Gärt⸗ nerin Thomaſſiniéres, erkannte. Mamſelle Tapotte iſt größer geworden ndi immer noch ſehr beleibt, was ſie in der That ziemlich ſau⸗ 95 ber macht; wie früher hält ſie die Augen geſenkt und verbeugt ſich, ohne Jemand anzuſehen. „Prächtig!“ rief Vater Rondin,„bravo, Cadet, mein Schlauer! Du haſt Dein Sächelchen hübſch gefunden; man ſieht noch auf ihren Wangen das Siegel der Schamhaftigkeit.“ Lächelnd nahm Cadet die Complimente an und erwiederte:„Ich habe die Ehre, Ihnen Mamſelle Suſanne Tapotte vorzuſtellen, die morgen Madame Euſtache werden wird, wenn Gott uns das Leben ſchenkt.“ Man küßte die Zukünftige; das war wieder ſo der Brauch. Und Bertrand, der Auguſts Abenteuer auf dem Landgute Fleury nicht kannte, beruhigte ſich beim Anblick der Braut, weil er der Hoffnung lebte, dieſe werde ſeinen Herrn nicht zu Thorheiten hin⸗ reißen. Als indeß an Auguſt die Reihe gekommen war, Mamſelle Suſanne Tapotte zu küſſen, erhob dieſe die Augen und ein leichter Schrei entfuhr ihr bei Wiedererkennung des jungen Mannes. „Ich bin recht ungeſchickt,“ ſagte Auguſt alsbald, „daß ich Ihnen auf den Fuß trete! Verzeihung, ſchöne Braut.“ „Ah, deßhalb hat ſie geſchrieen!“ lachte Cadetz „o! wenn man bei uns den Mädchen auf den Fuß tritt, ſchreien ſie nicht: ſie wiſſen, was das heißen ſoll; bei Suſanne aber iſt es nicht ſo. Eben recht, mein Herr, mein Oheim ſagte mir, Sie machen Por⸗ traits; machen Sie auch Geſichter?“ „ „Was ſollte ich ſonſt machen?“ „Ah! ich will ſagen: einen Kopf mit Augen, eine Naſe u. ſ. w.“ „Gewöhnlich finde ich nichts Anderes.“ „Der Tauſend, mein Herr, wenn Sie Zeit hätten, mir das Bild meiner Braut zu treffen... nur das Geſicht. ſo würde es mir viel Vergnügen machen.“ „Auf der Reiſe habe ich nichts als Bleiſtifte bei mir, doch ich kann verſuchen, ſie zu zeichnen.“ „Sie zeichnen? Iſt das aber daſſelbe?“ „Gewiß.“ „Mamſelle Suſanne Tapotte, der Herr wird Ihr Bild machen: er wird Sie treffen.“ Die Zukünftige machte Umſtände, ſich zeichnen zu laſſen, doch Cadet beſtand darauf, und ſo willigte ſie endlich ein, Auguſt ihr Geſicht zu zeigen; dieſer bat um ein Zimmer, wo er ruhig und ungeſtört ar⸗ beiten könne. Man führte ihn ſofort in ein kleines Gemach in im obern Stock des Hauſes, gab ihm alles Nothwendige, und Cadet führte ihm ſeine Braut zu, die ſich mit geſenkten Augen vor den Tiſch ſetzte, an welchem Auguſt arbeitet. Cadet ſchickte ſich an, zuzuſehen⸗ wie man ſeine Schöne trifft, als Auguſt zu ihm ſagte:„Es thut mir ſehr leid, daß ich Sie fort⸗ ſchicken muß, allein vor Andern kann ich nicht zeich⸗ nenz wenn Sie das Portrait Ihrer Frau haben wol⸗ len, müſſen Sie mich allein mit ihr laſſen. Das iſt überdieß ſo der Brauch: ein Maler läßt nicht gerne ſeine Arbeit betrachten, ehe ſie vollendet iſt.“ 97 „Ah! das iſt richtig,“ antwortete Cadet;„in der That, wenn ich zuſähe, wäre es keine Ueberraſchung mehr!“ „Ganz recht.“ „Nun, ich gehe... Mamſelle Tapotte, Sie dür⸗ fen keine Furcht haben, mit dem Herrn allein zu bleiben.. er iſt ein Künſtler: er wird Sie treffen und mich überraſchen. Ach, wie hübſch das ſein wird!“ Mamſelle Tapotte lächelte, ohne die Augen auf⸗ zuſchlagen, und Cadet ließ ſie mit Auguſt allein und traf alle Vorbereitungen zu ſeiner Hochzeit. Bertrand ſaß bereits mit Vater Rondin bei Tiſche; bald kamen einige Bauern der Umgegend dazu. So⸗ bald es Abend wurde, rückten Nachbarn, Nachbarin⸗ nen, Verwandte und Freunde in das Hofgut Euſta⸗ che's ein. Man ſtellte lange Tiſche zurecht und be⸗ deckte ſie mit Fleiſch und großen Weinkannen; man lachte, ſang, ſchrie, lärmte, denn die Heiterkeit der Bauern iſt geräuſchvoll. Es ſchien, als ſei man be⸗ reits bei der Hochzeit, und Bertrand, der den Wein gut fand und unter den Bäuerinnen keine Geſichter bemerkte, die ſeinen Herrn entflammen könnten, dachte, man werde ohne Gefahr acht Tage auf dem Hofe bleiben können. Indeß fragte Jedermann nach der Zukünftigen und Cadet ſagte:„Man trifft ſie in dieſem Augen⸗ blick, man macht mir eine Ueberraſchung, man ahmt ihr Geſicht nach. Jedenfalls will ich ſehen, wie weit es iſt.“ Cadet ging nach dem Zimmer hinauf, wo er Paul de Kock. LRRK. 7 Auguſt und Mamſelle Tapotte gelaſſen. Allein man hat ſich eingeſchloſſen, ohne Zweifel, um nicht ge⸗ ſtört zu werden. Der Bräutigam klopfte leicht an die Thüre und ſagte:„Ich bin's iſt's fertig?“ „Nein, noch nicht,“ erwiederte Auguſt. „Geht's ein wenig vorwärts?“ „Ja, es geht gut.“ „Was machen Sie jetzt gerade?“ „Ein Ohr.“ „Iſt es ähnlich?“ „Es wird ganz treffend werden.“ Damit verfügte ſich Cavet wieder zur Geſellſchaft zurück und rief:„Ich konnte nicht eintreten: er war gerade damit beſchäftigt, ein Ohr zu machen, das ſprechend ſein wird. O! es ſcheint, daß dieſer Maler kein Unrechter iſt. ich wollte durch das Schlüſſel⸗ loch ſehen, aber wahrſcheinlich machte er ſie von Vornen, denn ſtatt eines Ohrs ſchien mir's, als ſehe ich ein Auge. Ich hänge das Bild meiner Frau in unſerm großen Saale auf, dem des großen wilden Ebers gegenüber, den mein Großvater erlegt hat.“ Nach Verlauf von zwei Stunden endlich erſchien Auguſt, die Braut an der Hand führend: dieſe würde die Augen nicht aufſchlagen und wenn ſie einen Dia⸗ mant ſehen könnte; auch war ſie noch röther als gewöhnlich. Jedermann brach in Verwunderung über ihre Schönheit ihre Friſche und ihre Unſchuldsmiene aus; Cadei ſtimmte natürlich mit ein⸗ Der Bräutigam verlangte das Bild zu ſehen, „ worauf ihm Auguſt einen Kopf zeigt, über deſſen 5 99 Aehnlichkeit Jeder in Extaſe geräth, und der noch überdieß den Vortheil hatte, daß er ebenſo dem Bräutigam und dem Vater Rondin gleich ſah. Cadet war entzückt und Auguſt empfing die Glückwünſche der ganzen Geſellſchaft. Der übrige Theil des Tages verging mit Tanzen und Jubeln. Viele verließen den Tiſch nur, um ſich in's Bett zu legen; zu dieſer Zahl gehörte auch Ber⸗ trand. Endlich brach der Hochzeittag an. Mit dem frü⸗ heſten Morgen war im Hofgut Alles auf den Beinen⸗ Cadet hatte ſich einen nußbraunen Anzug in Paris machen laſſen; Mutter Euſtache kleidete die Braut an, und bald erſchien Mamſelle Suſanne Tapotte mit dem jungfräulichen Kranze, worauf man ſich⸗ die Spielleute an der Spitze, nach der Kirche in Marſch ſetzte. Bertrand beluſtigte ſich ſehr bei der Hochzeit, auch Auguſt ſchien ſich hier nicht zu mißfallen; er tanzte mit den Mädchen, während ſein Gefährte die Pfröpfe ſpringen ließ. Die ganze Nacht verging mit Spielen, Gelagen und Feſtlichkeiten. Um Mitternacht jedoch führte Cadet ſeine Frau in das Brautgemach hinweg, während man unten zu tanzen und zu trinken fortfuhr. Nach zwei Stunden war man ſehr erſtaunt, den Bräutigam im Nachtwamms mit der Zipfelmütze im Ballſaal erſcheinen und der Geſellſchaft aus vollem Halſe zu⸗ ſchreien zu hören:„Meine Freunde! ich bin der glück⸗ lichſte der Männer, weiter ſage ich euch nichts.“ 100 Damit kehrte Cadet zu ſeiner Ehehälfte zurück, begleitet von dem Geſchrei, den Glückwünſchen und verben Scherzen aller ſeiner Freunde; Vater Rondin aber ſagte zu Auguſt:„Sagte ich Ihnen nicht, mein Reffe ſei ein Feiner.. und er habe quasi ein Ro⸗ ſenmädchen aus Paris mitgebracht?“ Auguſt verband ſeine Glückwünſche mit denen der Geſellſchaft und legte ſich ſodann bei anbre⸗ chendem Tage, des Tanzens und Tafelns müde, zu Betie, während der unerſchütterliche Bertrand mit drei reichen Bauern, wovon zwei nahe daran waren⸗ unter den Tiſch zu fallen, fortzechte. Die acht Tage, ſo lange die Hochzeit währte, blieben Auguſt und ſein treuer Begleiter auf dem Hofgute Euſtache's, und während dieſer Zeit widmete unſer junger Mann der Neuvermählten, die ſtets etwas an ihrer Naſe, ihrem Auge oder ihrem Ohre zu ändern fand, noch einige Sitzungen. Nach dieſer Zeit begaben ſich unſere Wanderer auf's Neue auf den Weg⸗ nicht ohne dringende Ein⸗ ladungen Cadets, ihn doch auf dem Rückwege wie⸗ der zu beſuchen, und Auguſt ſagte, ſich vom Hofe entfernend:„Beali pauperes spiritu,“ worauf Ber⸗ trand antwortete:„Ja, mein Lieutenant, an dieſem Orte wenigſtens waren Sie ſolid.“ S So- ſ ſſſnſſſ 7 8 9 10 11 15 16 12 13 14