ihbiblivth ek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und Geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliotbek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. S 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für tentiich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 6 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Wer.— Pf. ,„„ 3 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersätz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ orene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt Leſer zun Erſatz des Ganzen verpflichtet. eei Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders parauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher cht ſtattfinden varf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Neunundſechszigſter Theil. „ G Stuttgart: Scheible, Bieger& Sattler — 1845. Das Rilchmädchen von Montfermeil. Aus dem Franzöſiſchen des Paul de Bock. Treibe mit Spieſen hinaus die Natur, Doch kehrt ſie zurück! Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Vierter Theil. 5 Go Stuttgart: Scheible, Bieger a Sattler. 1845. Erſtes Kapitel. Deniſe und Coco in Paris. Kaum waren zehn Tage ſeit Dalville's Beſuch in Montfermeil verfloſſen, als Vater Lallaux eines Abends dem Heimweg von der Schenke ohne Zweifel döppelt oder gar nicht ſah und in einen erſt neulich an der Straße angelegten Graben fiel, in welchem ſich einige zur Ausbeſſerung des Weges be⸗ ſtimmte Steine befanden, an denen der Bauer den Kopf einſchlug. Den andern Tag war der kleine Coco eine Waiſe. Indeß blieben ihm ja Deniſe⸗ welche ihn zärtlich pflegte, Mutter Fourch, die das Kind liebgewonnen hatte, und dann noch die Wohl⸗ thaten Auguſts; von Freunden umgeben, die Einen mit ihrer Zärtlichkeit überhäufen, fühlt man ſich nicht allein auf Erden. Wie viele Unglückliche, deren El⸗ tern noch leben, könnten ſich gleichwohl verwaist denken! Deniſe bezahlte eznige kleine, von Vater Lallaur hinterlaſſene Schuldeß, die ſich im Ganzen nicht auf hundert Franken beliéfen; denn einem armen Mann gibt man wenig Fredit. Die Hütte blieb dem Kinde als einziges Erbtheil, allein ſie hefand ſich in ſo WPaul de Kock. LXIX. 4 6 ſchlechtem Zuſtande, daß es gefährlich wäre, ſie zu bewohnen: das Dach war halb verfallen, die aus ihrer geraden Richtung gewichenen Mauern drohten den Einſturz, und die Baumaterialien waren ſo ſchlecht, daß man ſie nicht weiter benützen konnte; es blieb ſomit nichts übrig als der Platz. Mit Dal⸗ ville's Geld läßt ſich jedoch hier ein hübſches Häus⸗ chen aufbauen und ein Garten ringsum anlegen. Dieß ſtellte Deniſe ihrer Tante vor.“„Beeile Dich nicht, mein Kind,“ antwortete dieſe,„man muß war⸗ ten, bis der Herr wieder kommt, und ihn um ſeine Anſicht fragen.“ Im Alter von ſechszehn Jahren wartet man je⸗ doch nicht gerne. Deniſe dachte, der vornehme Herr könne recht wohl lange nicht mehr in's Dorf kom⸗ men, und eines Morgens, als ihre Blicke, wie häufig geſchah, auf die von Auguſt zurückgelaſſene Adreſſe fielen, rief ſie:„Wie wäre es, liebe Tante, wenn wir dem Herrn ſchrieben? Er gab uns ja ſeine Adreſſe, damit wir ihn, falls wir ſeiner bedürfen, davon in Kenntniß ſetzen.“ „Haſt recht, mein Kind,“ ſagte Mutter Fourcy, „Du haſt immer gute Einfälle! Du kannſt mit dem Schreiben umgehen, Fleine, ſchreibe ihm alſo.“ Deniſe blieb in Gedanken verſunken und antwor⸗ tete nicht. „Kannſt Du nicht mehr ſchreiben?“ fragte Mutter Fourch nach einer Weile wieder. „O doch, liebe Tante, aber nicht gut genug, um an einen Pariſer Herrn zu ſchreiben.“ 7 „Dann laß ihm vurch den Alten ſchreiben, der ſich hieher zurückgezogen hat und allen Säugammen ihre Briefe ſchreibt; er führt eine gute Feder und macht zwei Seiten lange Sätze, um Jemand zu ſa⸗ gen, daß ſein Kind die Kolik hatte und eines Häub⸗ chens bedarf. Oder bitte den Nachbar Manflard, er ſoll Dir dieſen Dienſt erweiſen; er iſt ein che⸗ maliger Schulgeiſter und muß das am beſten ver⸗ ſtehen.“* Deniſe ſchwieg noch immer; nach einer Weile aber ſagte ſie mit niedergeſchlagenen Augen:„Wäre es nicht noch beſſer, liebe Tante, nach Paris zu gehen und mit dem Herrn zu ſprechen. wäre das nicht artiger als ſchreiben 2 „Haſt wieder recht, meine Kleine; wahrlich, es gibt len die um acht Uhr Morgens nach Paris abfahren und Abends wieder zurücktommen.“ „„Und nicht wahr, Tante, ich bin ja ſchon zwei Mal in Paris und nie iſt mir Etwas zuge⸗ ſtoßen.“ ſ4 „Ja, mein Kind, geh'; es begegnet nur Denen Etwas, die es darauf abſehen.“ Und ich will dann Coco mitnehmen, nicht wahr, Tante?“. „Ja, meine Kleine, das wird ihm Vergnügen machen, und wäre ich hier nicht ſo beſchäftigt, ſo ginge ich mit Dir und lüde mich bei dem Herrn zum MWittageſſen ein, denn ich beſitze Lebensart, ich.“ Deniſen war es nicht unlieb, daß ihre Tante nicht abkommen konnte; in ihrer Freude, daß ſie 8 nach Paris durfte, eilte ſie ſogleich fort und beſtellte einen Platz für ſich und Coco auf den folgenden Mor⸗ gen; den ganzen übrigen Theil des Tages aber be⸗ ſchäftigte ſie ſich mit den Vorbereitungen zu ihrer Toilette. Coco ſprang vor Freuden in die Höhe bei dem Gedanken, daß er fahren und ſeinen guten Freund beſuchen dürfe, und Mutter Fvurchy packte zwei Paar junge Hühner, ein Viertelhundert Eier, Birnen und einen Kuchen in einen Korb für den jungen Pariſer Herrn. Deniſe erwachte, ehe der Tag graute. Man be⸗ fand ſich im⸗ Anfang des Monats Oktober, allein der Tag war ſchön und erinnerte die Kleine an jenen, wo ſig Auguſt zum erſten Mal geſehen. Ihre Toi⸗ lette war vald beendigt; ſie zog ein ganz neues Haus⸗ kleid an, ſetzte ihr eleganteſtes Häubchen auf, das, womit ſie Sonntags die Eroberung aller Burſche machte und die Mädchen des Dorfes zur Verzweif⸗ lung brachte. Wird jedoch dieſes ſchöne Häubchen in Paris die gleiche Macht ausüben? Deniſe ſehnt ſich nicht nach mehreren Eroberungen, nur eine ein⸗ zige Perſon gibt es, der ſie gefallen möchte, obgleich ſie ſich hundert Mal den Tag über wiederholt:„Nein, ich liebe den Herrn nicht.“ Coco ward ſauber gekleidet; Mutter Fourch gab ihm den Korb nebſt vielen Complimenten an den jun⸗ gen Pariſer, und ſo machte man ſich denn auf den Weg. Deniſen erſchien die kurze Strecke wie eine Ewig⸗ keit, während Coco, dem das Fahren unendliche Freude machte, gar nie anzukommen wünſchte, nur um recht lange im Wagen bleiben zu dürfen. Man langte indeß an der Station in der Rue St. Martin an, von wo aus Deniſe das Körbchen am Arm und Coco an der Hand führend der Rue St. Georges in der Chauſſée d'Antin zuſchritt. Unterwegs erhielt Deniſe mehr als ein Compli⸗ ment über ihr hübſches Geſichten und ihre ländliche Tracht, ohne daß ſie jedoch Etwas darauf erwiedert hätte; ſie beſchleunigte ihre Schritte, obgleich der Korb ziemlich ſchwer war und Coco des Gehens auf dem Pariſer Pflaſter müde zu werden anfing. Nach mehreren vergeblichen Kreuz⸗ und Quergängen in dem ihnen unbekannten Straßenlabyrinth gelangten ſie endlich ſchweißtriefend in die Rue St. Georges. „Hier wären neno ſagte Deniſe freu⸗ dig,„hier iſt Herrn Augußts Haus; küſſe Deinen guten Freund recht.. es wird ihn freuen, Dich zu ſehen. ol ich bin überzeugt, er wird uns gut em⸗ pfangen.“ Das Kind vergaß ſeine Müdigkeit und ſo traten ſie in das Hofthor. Verlegen blickte Deniſe umher⸗ ſie konnte ihre Gemüthsbewegung nicht überwältigen und blieb mit dem Kinde und dem Korbe zwiſchen zwei ſchönen Treppen ſtehen⸗ ohne zu wiſſen, wohin ſie ihre Schritte lenken ſollte; Coco fing indeß an⸗ aus Leibeskräften zu ſchreien:„Mein guter Freund! wir ſind da und bringen Dir Kuchen und Birnen.“ „Was ſoll der Lärm da?“ rief Strack, die Thüre ſeiner Loge halb öffnend, mit einem Blick auf das 10 Landmädchen und den Knaben, die mitten im Hofe ſtanden;„hör', Kleine, rufſt Du hier Gänſe aus?“ Deniſe erröthete und wollte fragen, wohin ſie gehen müſſe; Strack fiel ihr barſch in die Rede und ſagte:„Hier iſt kein Geflügelmarkt, ſchrei' Du an⸗ derswo mit Deinem Brüderchen.“ Schon wollte Strack Deniſe und das Kind zur Thüre hinaus weiſen, als Bertrand die Treppe her⸗ abkam und beim Anblick des jungeß Mäbchens ganz betroffen ſchien. „Ach! wie froh bin ich, daß ich Sie ſehe, Herr Bertrand; man wollte uns eben aus dem Hauſe wei⸗ ſen... können wir Herrn Auguſt nicht ſprechen?“ „Doch, doch,“ entgegnete Bertrand etwas ver⸗ legen;„o, Sie werden ihn ſehen!.. kommen Sie, Mamſell Deniſe, kommen Sie mit mir herauf.“ Bertrand führt Beide in aller Stille in ein Ge⸗ mach, von wo er ſie in einen kleinen Salon treten ließ.„Hier Bleibet,“ ſprach er,„ruhet aus und wartet ein wenig.“ „Iſt denn Herr Auguſt ausgegangen?“ „Nein, aber er hat Beſuch. er iſt in dieſem Augenblick beſchäftigt.“ „Herr Bertrand, ſagen Sie ihm, daß wir da ſeien: ich wette, er kommt dann ſogleich; wir halten ihn nicht lange auf.“ „Ja, ich werde es ihm ſagen.. doch warten Sie, ich bin bald wieder hier.“ Bertrand entfernte ſich und machte die Thüre wie⸗ der ſorgfältig hinter ſich zu. Während ſeiner lan⸗ 1¹ gen Abweſenheit beſchlichen Deniſen allerlei trübe Gedanken, da ſie eine ſolche Aufnahme nicht erwartet hatte; Coco war auf einem Canapé eingeſchlafen. Envlich erſchien Bertrand mit unzufriedener Miene wieder und flüſterte ihr halbleiſe zu:„Sie haben Langeweile.. tauſend Bajonette! ich glaube es wohl⸗ aber meine Schuld iſt es nicht, denn Conſigne geht vor Allem.“ „Iſt Herr Auguſt nicht zu Hauſe?“ „Doch, er iſt zu Hauſez er kann Sie jedoch nicht empfangen, denn die Conſigne geht vor Allem.“ „Aber, Herr Bertrand, es iſt nicht artig, wenn man mit den Leuten nicht ſpricht; läßt man bei uns ſeine Freunde ſo allein?“ „Ach, Mamſell, in Paris iſt es etwas Anderes. Ich weiß, was mein Lieutenant mir verheißen hat, wenn ich ihn ſtöre, ſo lange er an der Arbeit iſt⸗ und kann dem Befehl nicht zuwider handeln.“ „Nun, ſo gehen wir fort.“% „Warten Sie noch ein wenig, vielleicht dauert es nicht lange.“ In dieſem Augenblick hörte man Geräuſch im Vorzimmer und bald trat Mademoiſelle Virginie mit dem Ausruf in den Salon:„Hier bin ich! ich bin doch hereingekommen... der alte Sündenbock Strack wollte mich nicht herauf laſſen; er ſagte zu mir: der Herr iſt nicht da!“ ich lief jedoch herein. Ei ſchaut, wer iſt denn das kleine Bauernmädchen? und.ſie iſt hübſch! Ließ ſich Herr Auguſt wegen ihr verläugnen?“ 58 12 Deniſe blickte erſtaunt auf Virginie, während Ber⸗ trand der letzteren durch Zeichen bedeutete, ſie ſolle ſchweigen, und ärgerlich zu ihr ſagte:„Es ſcheint mir indeß, Mademoiſelle, daß, wenn ein Portier ſagt, man dürfe nicht herauf, ſo müſſe man den Be⸗ fehl reſpektiren.“ „Laß mich doch gehen mit Deinem Befehl! Er ſagte mir, es ſei Niemand zu Hauſe; Du ſiehſt wohl, daß er mich belog. Was iſt denn das für eine länd⸗ liche Schönheit, Bertrand?“ „Ein junges Mädchen vom Lande.“ „Wahrlich, daß ſie nicht in der Rue Vivienne wohnt, ſehe ich!... Und was macht ſie hier? Iſt das ihr Pflegkind dort auf dem Canapé? Teufel! das Kind iſt ſchon groß.“ „Dieſes junge Landmädchen iſt ſehr ehrbar, Ma⸗ demoiſelle; ſie will Herrn Dalville einen guten Mor⸗ gen ſagen und bringt das Kind mit, das er ſehr liebt; daran liegt durchaus nichts Unrechtes.“ „Deſto beſſer. Wie drollig der Bertrand iſt, wenn er eine ernſthafte Miene annimmt!... In der That, ſie iſt hübſch.. ich wette, ihr Häubchen ſtünde mir zum Entzücken.“ Während dieſes halb leiſe geführten Geſprächs ſtand Deniſe mit niedergeſchlagenen Augen; ſie bemerkte, daß Virginie ſie häufig anſah und das vermehrte ihre Verlegenheit. „Und warum läßt Herr Dalville das liebens⸗ würdige Kind warten?“ fuhr Virginie laut und mit freundlicher Miene, auf Deniſe zugehend, fort. — — 1³ „Weil er beſchäftigt iſt und mir verboten hat, ihn zu ſtören.“ „Aha, ich verſtehe... ich verſtehe!... Fraget nicht weiter!“ Bertrand gab Virginien ein Zeichen, ſie ſolle ſchweigen; dieſe ſetzte ſich jedoch zu Deniſe, ohne ſich um den alten Corporal zu kümmern. „Kommen Sie weit her, Mamſell?“ „Von Montfermeil, Madame,“ antwortete Deniſe ſchüchtern. Das Wort„Madame“ ſchien Virginie zu ſchmei⸗ cheln; ſie bildete ſich Etwas darauf ein und ſuchte ſich eine ehrenwerthe Miene zu geben.„Montfermeil,“ fragte ſie weiter,„iſt, glaube ich, bei Sceaur?“ „Nein, Madame, bei Raincy.“ „Ah! richtig. Der Kleine, der dort ſchiäft, iſt Ihr Bruder?“ „Nein, Madame, es iſt eine arme Waiſe, für die Herr Dalvllle ſorgt.“ „Pah! wie? Auguſt macht auch ſolche Dingel... Nun, das freut mich, das gibt ihm neue An⸗ ſprüche auf meine Achtung. Und Sie wollten Auguſt ſprechen?“ „Ja, Madame; Coco's Vater iß geſtorben und ich wollte Herrn Dalville um Rath fragen.“ „Was haben Sie in dem Körbchen da?“ „Kleinigkeiten von uns... Eier, Hühner, Kuchen, den meine Tante ſelbſt inochte. „Ach, ich liebe den Kuchen vom Lande ſehr!.. Wollen Sie mir erlauben, ein wenig davon zu koſten?“ — 14 Deniſe hätte ihren Kuchen Auguſt ganz bringen mögen, und doch wagte ſie nicht, Virginien eine abſchlägige Antwort zu geben; auch wartete dieſe nicht lange, ſondern öffnete den Korb und riß ſich ein großes Stück Kuchen ab, das ſie, das Geſpräch in derſelben Weiſe fortſetzend, verzehrte. Nach einer guten Weile erwachte Coco, ſah ver⸗ wundert umher und in dieſem Augenblick hörte man im Nebenzimmer klingeln. „Der Herr ruft,“ ſagte Bertrand und verließ ſchnell den Salon. Tony kam eilends die Treppe herab und ſpannte das Pferd an das Cabriolet. Deniſe machte ſich gefaßt, jede Minute Auguſt eintreten zu ſehen; Virginie ſpielte mit Coco; end⸗ lich erkannte ſie Dalville's Stimme, der lebhaft mit Bertrand ſprach, und bald trat der junge Maun in den Salon, allein er hatte ſeinen Hut anf dem Kopf⸗, die Handſchuhe an und ſchien große Eile zu haben. Das junge Mädchen eilte ihm mit dem Kind an der Hand und dem Körbchen am Arm entgegen. „Guten Tag, Deniſe, guten Tag, mein Freund,“ begann Auguſt und küßte das Kind, ohne Virginie zu beachten;„Sie warten auf mich.. es thut mir leid, daß ich jetzt nicht bei Ihnen bleiben kann.“ „Meine Tante läßt ſich Ihnen auf's Beſte em⸗ pfehlen,“ ſagte Deniſe,„ſie ſchickt Ihnen hier Hüh⸗ ner, Eier, Birnen.. und...“ „Ich danke, Deniſe.. ich danke.“ „Kommen Sie doch, mein Herr, ich warte auf Sie!“ ruft eine weibliche Stimme, die viele Aehn⸗ 15⁵ lichkeit mit der der Frau von Thomaſſiniére hatte⸗ aus dem Vorzimmer. „Adieu, adieu, ich werde Sie wieder ſehen,“ ſagte Auguſt zu Deniſen, und, ohne ihr Zeit zum Antworten zu geben, verließ er haſtig den Salon, deſſen Thüre er hinter ſich zuwarf, und fuhr mit einer in einen großen Shawl gehüllten und dicht verſchleier⸗ ten Dame, die ſich tief in ſein Cabriolet drückte, weg. Deniſe blieb unbeweglich und hatte noch immer ihr Körbchen am Arm, aber dicke Tropfen rollten ihr aus den Augen, und der Korb wäre ihrem Arm ent⸗ gleitet, wenn Virginie, die inzwiſchen näher getreten war, ihn nicht gehalten und dab junge Mädchen in ihren Armen aufgefangen hätte. „Nun, nun, meine Kleine, was haben Sie denn? Ei, ſie weint gar... ach, mein Gott! es wird ihr übel!.„. Bertrand, bringen Sie doch Etwas!... Branct mün ſi ch eines Mannes wegen ſo zu grämen, liebe Freundin?... Ach Gott! die Männer ſind es gar nicht werth.“ Endlich ſchlug Deniſe die Augen wieder auf, zog ihr Tuch heraus, wiſchte ſich die Thränen ab und rief Coco:„Komm', lieber Kleiner, wir wollen wie⸗ der in unſer Dorf zurückkehren. 43 „Und wird melh guter Freund mit uns gehen?“ „O nein! er hat nicht einmal Zeit, mit uns zu ſprechen... komm', Coco, wir wollen gehen: um vier Uhr fährt der Wagen ab.“ „ Alußerſt trübſelig verließ Deniſe mit Coco das Haus, das ſie ſo freudigen Herzens betreten. Ber⸗ 16 trands Begleitung lehnte ſie ab. Nur Virginie, die ſich eines Theils der für Auguſt beſtimmten Geſchenke bemächtigt hatte, führte ſie bis zum Wagen, mit dem ſie bald darauf den Rückweg nach Montfermeil an⸗ traten, jedoch bei weitem nicht ſo heiter, als ſie es verlaſſen hatten. So werden wir häufig in unſern Hoffnungen getäuſcht und finden da Leid, wo wir nur Freude zu finden hofften., Zweites Kapitel. Die Schule der Emporkömmlinge. „Die arme Deniſe ging recht traurig weg,“ ſagte Bertrand den andern Morgen zu Auguft. „Es iſt mir ſehr ärgerlich, daß ich nicht länger mit ihr ſprechen konnte,“ verſetzte Dalville,„allein an mir lag die Schuld nicht; jene Dame wartete auf mich.“ „Jene Dame. nun, die hätte auch einige Augen⸗ blicke länger warten können.“ „Bertrand!“ „Verzeihung, mein Lieutenant! Wahrhaftig⸗ es that mir recht in der Seele weh, wie ich ſah, daß Sie kaum mit dem jungen Mädchen ſprachen, bei dem wir ſo gut bewirthet worden ſind; erinnern Sie ſich noch, wie man uns aufnahm, der Freude, die man bei unſerm Anblick an den Tag legte...“ — 17 „Ach! ich habe es nicht vergeſſen.“ „Sie dankten ihr nicht einmal für ihr Geſchenk.“ „Ich habe es nicht geſehen... doch in Kurzem gehen wir wieder nach dem Dorfe und ich werde meinen Fehler wieder gut machen. Heute, Bertrand, ſpeiſe ich bei Frau von Thomaſſiniere, es wird dort große Geſellſchaft geben.. ohne Zweifel komme ich erſt morgen früh zurück!... Ah, notire, daß ich dem Herrn Marquis von Cligneval, der neulich in einem Hauſe, wo ich mich gerade befand, ſehr unglücklich im Spiele war, hundert Louis geliehen habe; er will ſie mir dieſer Tage wieder heimgeben.“ Bertrand entgegnete nichts, allein er brummte vor ſich hin:„Wiederum verlorenes Geld; er leiht beſtändig her und erhält nie Etwas zurück.“ Thomaſſiniere, der ſein Vermögen fortwährend ſich mehren ſah, wollte den Namenstag ſeiner Gattin durch ein großes Feſt begehen. Schon acht Tage zuvor wurden Einladungen nach allen Seiten hin er⸗ laſſen und Alles deutete auf eines der glänzendſten Feſtmahle hin, die der Spekulant je gegeben hatte. Er erwartete Ritter und Marquis bei Tiſche, welche ſo gütig find, ihn ihren Freund zu nennen, Dichter, die ihm verſprachen, in ihren Werken ſeiner zu er⸗ wähnen, und endlich einige alte Bekannte, die man durch den Lurus des Feſtes recht zu demüthigen hoffte. Zu der Zahl der letzteren gehörte Herr und Madame Deſtival. In dem prachtvollen Hotel des Herrn von Tho⸗ maffiniere herrſchte große Bewegung. Tapezierer — 18 dekorirten die Salons, rüſteten die Kronleuchter zu; Diener gingen ab und zu, um Befehle zu holen und zu bringen; Küchenjungen vollzogen, was ihnen ge⸗ boten ward. Drei Kammerfrauen ſind um Madame beſchäftigt, die erſt ſeit drei Uhr an ihrer Loilette iſt, und noch iſt es nicht weiter als fünf Uhr. Allein Athalie, unbeſtändig in ihrem Geſchmacke, findet heute nicht mehr ſchön, was ſie geſtern entzückte: ſchon waren zwei hübſche Häubchen bei Seite gewor⸗ fenz ſie wurde ungeduldig, ärgerlich, ſtampfte mit den Füßen, ſchmälte ihre Frauen und drohte mit einer Ohnmacht, wenn nicht Alles nach ihrem Wunſche war, ließ ſich aber am Ende doch beſänftigen, als ſie ſich in ihrer Pſyche betrachtete, und lächelnd lis⸗ pelte ſie:„Es iſt wahr, ich bin nicht übel.“ Von halb ſechs Uhr an erſchienen die Geladenen nach und nach. Thomaſſiniére, der in ſeinem Hauſe etwas weniger übermüthig iſt als bei Andern, ging den Leuten mit Liteln, die ihn mit ihrer Gegen⸗ wart beehrten, entgegen, und würdigte die Andern, die er mit einer Einladung beehrte, eines Lächelns. Herr und Madame Deſtival fehlten nicht. Seit der Geſchäftsmann einen Neger hatte, blin⸗ zelte er mit den Augen und behauptete, er habe ein ſehr kurzes Geſicht. Seine Frau konnte an Eleganz mit Athalien wetteifern, und ihre geiſtreichen Augen ſchienen noch etwas boshafter, wenn ſie auf den Ge⸗ bieter und die Gebieterin des Hauſes fielen. Die Geſellſchaft, bei der ſich auch Auguſt einge⸗ funden hatte, war ſehr glänzend: Movedamen, Ele⸗ d — „ 19* gants, Dekorirte füllten den Salon, deſſen Honneurs Athalie machte, wobei ſie übrigens ihre Höflichkeit nach dem Range oder dem Vermögen der betreffen⸗ deu Perſonen abmaß. Stolz und aufgeblaſen ging Thomaſſiniére durch die Salons. um halb ſieben Uhr begab ſich die Geſellſchaft in den Speiſeſaal, wo eine Tafel zu vierzig Gedecken bereit ſtand. Deſtival war ſein Platz ganz unten zwiſchen einem ſechsjährigen Kinde und einem alten tauben Herrn angewieſen. Er verſchluckte dieſe Beleidi⸗ gung mit einem Blick auf ſeine Frau und die Augen Beider ſchienen ſich eine ſüße Rache zu verſprechen. Kaum war die Suppe gegeſſen, als ſich ein Lärm wie von Streitenden aus dem Vorzimmer her ver⸗ nehmen ließ. „Was gibt's denn, Lafleur, Jasmin?“ rief Tho⸗ maſſiniöre ſeinen Leuten zu;„man erlaubt ſich, in meinem Hauſe Lärm zu machen?.. Schict die Leute fort, ich bin für Niemand ſi ichtbarz man dürfte mir Goldbarren bringen, ich würde fie jetzt nicht an⸗ nehmen.“ Die Diener ſchienen verlegen und wagten nicht 1 zu antworten. Der Lärm dauerte indeß fort; man 3 unterſchied eine Weiberſtimme:„Ich werde eintreten ich ſage euch, ich trete ein. „Jagt doch die Kgnaille fort, Lafleur!“ fuhr Tho⸗ maſſiniére zornig au z doch in dieſem Augenblick ward die Thüre des Speiſeſanls haſtig aufgeriſſen und eine kurze, dicke Frau von etwa ſechszig Jahren, mit wohl⸗ genährtem Geſicht, einer runden Haube auf dem Kopf und wie ein Fiſchweib gekleidet, trat ein und ſchrie:„Nun, das wäre doch ſtark, wenn ich nicht bei meinem Sohne eintreten dürfte... dieſe Lakaien ſind ſo dumm wie mein Entſchuldigen Sie, meine Herren und Damen!.. Wo biſt Du denn, Thomas? Komm' doch und küſſe mich, mein Alter! Kennſt Du Deine Mutter nicht mehr?“ Die Couliſſenveränderungen in der großen Oper gehen nicht ſchneller von Statten als die Verände⸗ rung im Speiſeſaale beim Anblick der Mutter Tho⸗ mas: Thomaſſiniere war ganz beftürzt; es ſchien, als habe ihn der Blitz getroffen und er ſei unfähig, ſich zu bewegen oder ein Wort zu ſprechen; die glänzende Athalie erblaßte, gerieth in Verwirrung und warf zweifelhafte Blicke auf Mutter Thomas, als traue ſie ihren Ohren nicht; auf dem Geſichte jedes Gaſtes war Staunen über dieſen unerwarteten Auftritt, ſo wie ein Gefühl von Ironie, Boshaftig⸗ keit und Schadenfreude zu leſen; doch offenbarte ſich bei Deſtival und ſeiner Frau die Freude in dieſem Augenblick am deutlichſten. Mutter Thomas kümmerte ſich keineswegs um die Miene der Gäſte, ſondern lief ohne Umſtände auf ihren Sohn zu, den ſie ſogleich aus allen Anweſen⸗ den heraus erkannte.„Hier iſt er!“ rief ſie,„ich kenne ihn, er iſt's.. mein Thomas. o! er iſt's wirklich. mit ſeiner kleinen Linſe unter dem Auge! Biſt nicht zu ſehr verändert, mein Jungel. Nun, ſo küſſe mich doch; kannſt Du denn weder Hand noch Fuß mehr rühren?“ 21 * Mit dieſen Worten nahm die gute Frau ihren Sohn beim Kopf und küßte ihn mehrmals; Thomaſ⸗ ſiniere ließ ſie gewähren wie Jemand, der nicht mehr weiß, wo ihm der Kopf ſteht, und Athalie rief: „Ach, mein Gott! iſt es möglich. ſpielt man uns keine Komödie?“ „Du erwarteſt mich nicht, mein Junge, nicht wahr? Das glaub' ich wohl; ſieh', es iſt eine Ueberraſchung; einer Deiner guten Freunde ſchrieb mir, es werde Dir viel Freude machen, Deine Mutter zu ſehen, und ich ſolle gerade heute anzukommen mich bemühen⸗ weil Deiner Frau Geburtstagsfeſt iſt. Hier ſehen ſich die Gäſte gegenſeitig an, um zu errathen, wer dem Herrn von Thomaſſinière dieſe Ueberraſchung bereitet hatte, und mehr als Einer bedauerte, daß der Einfall nicht von ihm ſtammte. Der Herr des Hauſes iſt noch immer zu ſehr gebengt von dem Schlag, der ihn betroffen, als daß er auf die Worte ſeiner Mutter achten könnte, und Athalie ſchien einer Ohnmacht nahe. „Da,“ fuhr Mutter Thomas fort,„ſagte ich mir: vorwärts marſch, auf den Weg! Ich hatte noch einen kleinen Sparpfennig auf der Seite, bezahlte damit meinen Platz auf dem Eilwagen, wo wir nicht mehr und nicht weniger zuſammengepreßt waren wie Häringe, mit Reſpekt zu melden, meine Herren und Damen, und ſo bin ich nun denn hier in dieſem Paris, wo Du ſo großes Glück gemacht haſt.“ Der Marquis von Cligneval, der dem Hausherrn FPaul de Kock. LXIX. 2 gegenüber ſaß, wollte der Verlegenheit ſeines Wirthes, aus deſſen Börſe er zu leicht ſchöpfte, um nicht über die größere oder geringere Vornehmheit ſeiner Eltern ein Auge zuzudrücken, ein Ende machen. Er nahm daher das Wort eilfertig und rief mit freundlicher Miene:„Es iſt wahrhaft liebenswürdig von Ihrer Frau Mutter, daß ſie Sie auf ſolche Weiſe über⸗ raſchte; ſie beeilte ſich ſo ſehr, daß ſie noch in ihrem Reiſenegligé iſt... doch, was liegt daran?... man iſt unter Freunden... Madame wird neben mir Platz nehmen. es ſoll mich freuen, ihre Bekanntſchaft zu machen... ſie ſieht ſo ehrwürdig aus, ein griechiſches Profil! Ich liebe die Landbewohner ſehr: ſie haben eine ſo reizende Natürlichkeit.“ Thomaſſiniere ſah den Marquis mit einer Miene an, welche ſagen wollte: Sie retten mir das Leben, während Mutter Thomas rief:„Was ſagt der da? ich ſei im Negligé gekommen? Da biſt Du im Irr⸗ thum, mein Schatz/ ich habe mein Sonntagskleid an.“ „Stille, ſtille, Mutter, ich bitte Sie!“ murmelte Thomaſſiniere;„nehmen Sie ſich doch in Acht! Sie ſprechen mit einem Marquis.“ „Mit einem.. 2 Wie ſagteſt Du, Thomas? Nun⸗ aber wo iſt denn meine Schwiegertochter?.. ſtell ſie mir einmal vor, mein Junge. Wird es ihr keine Freude machen, die Mutter ihres Mannes zu küſ⸗ ſen?“ „Frau von Thomaſfiniére! küſſen Sie doch Ihre Schwiegermutter,“ ſagte Madams Deſtival mit ſpöt⸗ tiſchem Blick auf Athalien. 23 „Ich kann nicht mehr.. ich ſterbe!“ liſpelte Athalie mit erlöſchender Stimme und ſank auf den neben ihr ſitzenden Auguſt zurück. „Meine Frau fällt in Ohnmacht!“ ſchreit Tho⸗ maſſiniére, erfreut über einen Vorfall, der die Auf⸗ merkſamkeit der Geſellſchaft ablenkte; er erhob ſich ſchnell und eilte auf ſeine bereits von mehreren Per⸗ ſonen umgebene Frau zu, während Mutter Thomas ausrief:„Schau! das iſt Deine Frau? das kleine Ding, das ſich ſo geberdet!.. Sie wird ſchon zu viel gegeſſen haben, mein Kleiner, es iſt ſicher ſo Etwas! Gib ihr ein Glas voll Schnaps, das macht ihr wie⸗ der gut.“ Man hielt Athalien ſtarke Eſſenzen unter die Naſe, brachte ſie an den Luftzug, allein ſie hütete ſich wohl, wieder zu ſich zu kommen. Mutter Thomas ſchob zwei feine Damen, welche ihrer Schwiegertochter bei⸗ ſtanden, etwas unſanft auf die Seite.„Gebt Acht, meine Kätzchen,“ ſagte ſie zu ihnen,„ihr erſtickt das Kind!... Ach, mein Gott! ich weiß ein gutes Mittel, wie man ſie ſchnell wieder zu ſich bringen könnte: zwei oder drei Klapſe auf den Hintern bringen eine Frau auge fehlbarſ“ Die eleganten Damen ſahen einander an und ent⸗ fernten ſich von Frau Thomas, indem ſie unterein⸗ ander flüſterten:„Aber das iſt abſcheulich!. es wird unerträglich!“ „Mich beluſtigt ſie ſehr, meine Liebe,“ ſagte die Eine. — ——— cklich wieder zum Leben; das iſt un⸗ „O! mich macht ſie erröthen,“ enigegnet eine Andere,„ſo wie ſie den Mund aufthut, zittere ich, es möchte ihr irgend ein häßliches Wort entfah⸗ ren.“ „Ja, es beginnt gar nicht übel.“ „Es iſt ein Nervenanfall,“ bemerkt Thomaſſiniére, „man muß Madame in ihr Gemach bringen es dauert immer wenigſtens zwei oder drei Stunden.“ „Nun, deßhalb iſt ſie doch hübſch!“ ſagte Mutter Thomas. Man brachte die Herrin des Hauſes in ihr Zim⸗ mer, wohin ſie mit dem feſten Vorſatz kam, daſſelbe nicht mehr zu verlaſſen, ſo lange Madame Thomas in der Geſellſchaft ſei. Für die Mehrzahl der Eingeladenen war indeß das Diner das Wichtigſte, und kaum war Frau von Thomaſſinisre aus dem Speiſeſaal weggebracht, als ſich Jedes wieder zu Tiſche ſetzte und ruhig fortaß. Gerne wäre Thomaſſiniére gleichfalls ſeiner Frau gefolgt, allein er fühlte, daß es unhöflich wäre, die Geſellſchaft, gegen die er bereits einen ganz andern Ton angenommen hat, auf ſolche Weiſe zu verlaſſen. Er ſetzte ſich daher wieder an ſeinen Platz unter ſte⸗ tem Nachſinnen, wie er ſeiner lieben Mutter Schwei⸗ gen auferlegen könnte, und Deſtival, aus Furcht, man möchte Madame Thomas wegſchaffen, reichte ihr die Hand und führte ſie zu dem Marquis. Mutter Thomas ließ ſich das gefallen und dankte, neben Herrn von Cligneval Platz nehmend, ihrem Füh⸗ rer mit den Worten;„Jetzt, mein galanter Freund, 25* brauche ich Ihre Hand nicht mehr; mit Gabel und Kinnbacken weiß ich ſchon allein umzuſpringen.“ „Sie iſt voll Geiſt!“ rief der Marquis,„ſie hat wahrhaftig köſtliche Antworten in petto.“ „Herr von Thomaſſinière wagte nicht mehr die Augen aufzuſchlagen und möchte gerne das Mahl möglichſt ſchnell zu Ende bringen. Seine Gäſte un⸗ terſtützten ihn jedoch hierin nicht und ließen es ſich in aller Gemächlichkeit ſchmecken. Der Marquis über⸗ häufte Mutter Thomas mit Leckerbiſſen und glaubte, ihr dadurch Schweigen aufzuerlegen. Madame Tho⸗ mas iſt jedoch eine rüſtige Frau, die zwei Dinge auf einmal thun kann: während ſie aß, rief ſie jeden Augenblick:„Ach, welch hübſches Fricot! von dieſem Geſchmack habe ich nie Etwas gegeſſen!... Ach, Tho⸗ mas, mein Junge, ſolche Fricaſſé's machte man in unſerer kleinen Schenke zum gelehrten Eſel“ nicht! Erinnerſt Du Dich noch derſelben, Neſtkegelchen?“ „Wer will Trüffeln? wer hat keine Trüffeln?“ rief Thomaſſiniére, indem er ſeine Mutter zu über⸗ ſchreien ſuchte. Allein Madame Deſtival, welche es ſehr gut ver⸗ ſtand, ſagte zu derſelben:„Wie, Madame, hat Herr von Thomaſſiniere je eine Schenke gehalten?“ „Herr von Thomaſſiniere!“ verſetzte Mutter Tho⸗ mas;„wer iſt das, mein Herzchen?“ „Ihr Herr Sohn, Madame.“ „Wie! heißſt Du nicht mehr Thomas, mein Junge? Deßhalb alſo ſagten die grünen goldbordirten Affen⸗ geſichter in Deinem Vorzimmer, Du wohneſt nicht * hier!.. Und warum haſt Du den Namen Deines Vaters abgelegt, Thomas? War er Dir nicht ſchön genug? Weißt Du wohl, daß Dein Vater ein Ehren⸗ mann war, der das Litre Wein zu ſechs Sous aus⸗ ſchenkte, ohne ihn durch Beimiſchung zu verfälſchen, wie es eure Pariſer Spitzbuben alle thun.„ich bitte die Geſellſchaft um Esküſe!“ „Ihr Herr Sohn,“ nahm der Marquis das Wort, „nennt ſich jetzt von Thomaſſiniere von einem Gute, das er gekauft hat.. überdieß iſt das ſo gebräuchlich in Paris; man ändert ſeinen Namen nicht, ſondern verlängert ihn nur ein wenig, es klingt angenehmer.“ „Ja, gewiß,“ ſagte Thomaſſiniere, indem er ei⸗ nige Feſtigkeit zu erlangen ſuchte;„wenn man ein ſo conſequentes Vermögen erlangt hat wie ich, ſo iſt es wohl erlaubt, zu vergeſſen... zudem, wie der Herr Marquis ſagt, das geſchieht täglich.“ „Ah, das iſt was Anderes,“ fuhr Mutter Thomas fort,„wenn Du Güter gekauft haſt.. das geht noch über den Marquis von Carabes!... Gleichwohl aber, mein Junge, hätteſt Du mich können bälder zu Dir kommen laſſen, denn ich langweilte mich ein wenig in unſerm Ort, der ein wahres Loch iſt, und mit den zweihundert Franken, die Du mir alle Jahre ſchickkeſt, konnte ich keine großen Sprünge machen.“ „Ach Gott, welche Schändlichkeit!“ rief eine Dame, die einen Turban mit einem Paradiesvogel trug, und rückte vom Tiſche weg, während die Männer einander lachend anſahen und Thomaſſiniére ſeine Füße unter den Tiſch ausſtreckte, um ſeine Frau Mutter, die — —— — ihm gerade gegenüberſitzt, zu ſtoßen, welcher er um⸗ ſonſt durch Zeichen bedeutete, ſie ſolle ſchweigen. „Was hat ſie denn, dieſe Dame da?“ ſagte Mut⸗ ter Thomas, indem ſie die Dame im Turban anſah; „wird ihr auch übel? Was ſie für Augen macht... mit ihrem Eichhornſchwanz auf dem Kopf!“ „Meine Mutter... ich beſchwöre Sie!“ ſtammelte Thomaſſiniére und ſtieß ſie mit den Füßen⸗ „Da unten.. da unten, nun!.. untgr dem Tiſch ſind ja Hunde, Kleiner; ſchon zwei oder drei Mal ſind ſie mir über die Füße geſprungen; laß ſie doch hinausjagen, damit ſie uns in Ruhe laſſen... Trin⸗ ken her! wer ſchenkt ein?... Du, mein Alter?“ Der Marquis, an den dieſe Worte gewendet wa⸗ ren, ergriff eine Flaſche Madera, die vor ihm ſtand, und füllte das Glas ſeiner Nachbarin, welche nie⸗ mals trinken wollte, ohne anzuſtoßen. „Was iſt denn das da für ein gelber Wein, mein Kleiner?“ fragte ſie. „Es iſt Madera, Madame,“ antwortete der Nar⸗ quis. „Schmeckt er Dir, Schlingel?“ „Volikommen! Dieſer hier iſt der den ich jemals getrunken habe.“ „Nun, alsdann, auf Deine&eſunen alter Fuchs!“* Dieſe letztern Worte wandte Frau Thomas an ihren Nachbar zur Linken. Dieſer war ein alter be⸗ zopfter und gepuderter Cavalier, der ſehr mißlaunig war, ſo nahe bei der Mutter Thomaſſiniére's zu ſitzen, jedes Mal den Kopf umwendete, wenn ſie ihn anſah, und nicht antwortete, wenn ſie mit ihm ſprach. Dießmal hält Frau Thomas dem alten Cavalier das Glas beinahe unter die Naſe; er mußte noth⸗ gedrungen eine Antwort geben und brummte mit verächtlicher Miene:„Ich ſtoße nicht an, Madame.“ „Ah. Du ſtößt nicht an, Du dürrer Häring! Nun, hat nichts zu ſagen, macht durchaus nichts; Du haſt ein liebenswürdiges Geſicht... wie eine Gewürznelke! „Auf Deine Geſundheit, mein Alter! auf die ihrige, meine Herren, meine Damen und die ganze Geſell⸗ ſchaft.., auch auf Deine, Du grüner Affe, der Du mich nicht hereinlaſſen wollteſt.“ Dieſes letztere Compliment war en Lafleur ge⸗ richtet und Thomaſſiniére ſchlug ſich verzweiflungs⸗ voll vor die Stirne, während der Marquis unaufhör⸗ lich wiederholt:„Herrlich! das ſind alte patriarchaliſche Gebräuche.. man trinkt auf Jedermanns Geſund⸗ heit.. die Kinder Noah's ſtießen immer miteinan⸗ der an.“ Frau Thomas hatte das Glas Madera auf einen Zug verſchluckt; als es aber getrunken war, ſchnitt ſie ein ſaures Geſicht und blickte den Marquis finſter an, indem ſie ausrief:„Ach Gott! wie ſchlecht iſt Dein Nadera!. ach, meine Kinder, das ſchmeckt, wie wenn man das Maul voll Eſelspiß hätte.“ Alle Damen ſtoßen einen Schrei aus und verber⸗ gen das Geſicht unter ihrer Serviette; die Männer lachen. Frau Thomas, welche nur etwas ganz Natür⸗ —— 29 liches in dem, was ſie geſagt hat, ſieht, und glaubt, man theile ihre Fröhlichkeit, läßt ſich einen andern Wein einſchenken, während ihr Herr Sohn auf ſei⸗ nen Stuhl zurückſinkt, indem er murmelt:„Ich bin ein verlorener Mann!“ Je mehr Frau Thomas trinkt, um ſo geſchwätzi⸗ ger wird ſie; vergebens füllt der Marquis ihren Tel⸗ ler, vergebens ſchreit Herr von Thomaſſiniören ſeinen Bedienten zu:„Tragt doch dem Herrn äuf, tragt doch bei Madame ab!“ die Stimme des dicken Müt⸗ terleins übertönt alle der vornehmen Leute, weil die vornehmen Leute die Gewohnheit nicht haben, laut zu ſprechen. Der alte Herr mit Taubenflügeln, welche die Mutter Thomas Gewürznelke genannt hat, hat dieſen Schimpf nicht vergeſſen: er macht eine erſchreckliche Miene, bietet ſeiner Nachbarin immer den Rücken und murmelt zwiſchen ſeinen Zähnen:„Es iſt un⸗ verſchämt, Leute wie mich einzuladen, um ſie mit ſolchen Perſonen zu compromittiren... ha! nie wird man mich wieder hier erblicken. ich bin untröſt⸗ lich, da zu ſein.“ Trotz dem geht der alte Ritter nicht und ißt und trinkt für Viere, weil man ſich doch für den Aerger, den man empfindet, entſchädigen muß. Mutter Thomas will von Allem: ſie läßt ſich von allen Platten, die ſie bemerkt, auftragen, indem ſie zu dem Marquis ſagt:„Was iſt denn das da, mein ſchöner Kleiner?“ „Ein Hühnchen à la Marengo, Madame.“ „Ach Gott! wie verſteckt es iſt; einerlei, gib mir davon ein Flügelchen... und dieſes ſchwarze Ragout da unten?“ „Ein Salmis von Rebhühnern mit Trüffeln.“ „Das muß erwärmend ſeinz gib mir ein wenig von Deinem Salmigondis mit Trüffeln; ich will es wagen.. und dieſe große Schüſſel, welche ganz mit Brühe bedeckt iſt?“ „Das iſt eine Sultane à a Chantilly.“ „Eine Sultane!... Ah, lieber Freund, er hält uns alſo für Lürfent. Du wirſt mich ſie auch ver⸗ ſuchen laſſen, damit ich die Küche dieſer ſchlechten Hunde kennen lerne.“ „Madame Thomas, es wird Ihnen übel werden,“ ſagte leiſe Thomaſſiniére, welcher mit Schrecken ſah, daß die Augen der Frau Mama ſich immer mehr be⸗ leben und daß ſie von allen Weinen wie von allen Schüſſeln koſten will. „Laß doch, Kleiner, ich habe eine öſterreichiſche Kuttel!... Denkſt Du denn nicht mehr an jene Wette, welche ich eines Tages mit unſerm Vetter, dem Gar⸗ koch, machte ein braver Mann.. er iſt ſeit drei Jahren todt, der arme Chahu!“ „Lafleur! Jasmin! Comtois! traget auf.. nehmet das weg.. ſchnell den Nachtiſch!“ Herr von Thomaſſiniére mag ſchreien wie er will, ſeine Mutter ſetzt nichtsdeſtoweniger ihre Erzählung fort.„Ihr müßt nämlich wiſſen, meine Kinder, daß Chahu einer der größten Freſſer in der Landſchaft Brie n en köſtlicher Dickkopf, welcher euch, mit 3 31 Reſpekt zu melden, ein welſches Huhn hinabdrückte, wie wir eine Lerche verzehren; läßt ſich der Kerl eines Tages beigehen, mit mir zu wetten, wer am meiſten von eingemachten Hennen, welche ich zu einer Maurer⸗ hochzeit bereitet hatte, freſſen könne. Ich, die ihren Mann beim Wickeln ſtellt, ſchlage einz als wir aber an der Hälfte der Schüſſel arbeiten,geſtehe ich ihm im Vertrauen, daß es Katzen ſind, die ich fricaſſirt habe; auf das hin verdreht mir der Hundsfutt die Augen und macht einen Fuchsſchwanz von zwei Ellen lang in die Stube.“— Die Damen wollen nicht weiter hörenz ſie ſtehen vom Tiſche auf und flüchten ſich in den Salon. Herr von Thomaſſinisre weiß nicht mehr, wo er daran iſt: er wird nacheinander roth, gelb und blaß; der Schweiß rinnt von ſeiner Stirne herab; er gießt ſich Wein in ſeinen Teller und fährt mit ſeiner Gabel in ſein Glas. Die jungen Leute lachen aus vollem Halſe und Auguſt macht es ebenſo, denn er findet, daß ſein Wirth dieſe kleine Lection wohl verdient. Deſti⸗ val ſtrahlt vor Bosheit; ſeine Augen glänzen vor Vergnügen, er blickt Jedermann an und dann wie⸗ der Herrn von Thomaſſiniere. Was den Märquis von Cligneval betrifft, ſo ſieht er ſeinen Wirth mit einer Miene an, welche ſagen will:„Meiner⸗ Treu', ich habe gethan, was ich konnte, aber Sie ſehen, es iſt nicht möglich, ſie im Zaume zu halten.“ „Nun, warum gehen denn alle dieſe hübſchen Weibchen zu gleicher Zeit fort?“ ſagte die Muiter Thomas;„gehen ſie denn Alle miteinander in's eng⸗ liſche Cabinet zum Rockauſheben. Ei, ſeht doch! die machen's wie die Hennen bei uns: wenn die eine geht, ſo laufen ihr ſtets die andern nach.“ Ein junger Poet, welcher für Frau von Thomaſ⸗ ſinire Verſe gemacht hatte und ſehr ärgerlich war über die Ankunft der Mutter Thomas, welche die Urſache war, daß Athalie in Ohnmacht fiel und die Damen flohen, was ihn hinderte, ſeinen vierzeiligen Vers, welcher Furore machen ſollte, vorzuleſen, ſagte zu dem dicken Mütterlein, indem er ſtotterte und ſeine Halsbinde ordnete:„Madame, wenn uns die Grazien entfliehen, ſo iſt dieß ein wenig Ihre Schuld.“ *„Was ſagſt Du da, meine kleine Katze?“ ant⸗ wortete die Mutter Thomas, indem ſie ihre beiden Ellbogen auf den Tiſch ſtellte, um den jungen Mann beſſer zu betrachten. „Ich ſage, Madame,“ erwiederte der Poet,„daß die Grazien ſo leicht verſcheucht werden und daß...“ „Was ſingſt Du mir denn von Deinen Grazien da; ſind es Vögel, welche Du zähmen willſt?“ „Madame, die Grazien ſind die Frauen... die Zophyre und Amor fliegen ihnen nach; Vergnügen und Lachen bildet ihr Geleite, das Roſen auf ihre Pfade ſtreut... „Aber. aber.. was für ein Fricaſſé machſt Du uns denn da, mein Knabe, mit Deinen Roſen, welche Du in Lachen ſetzeſt?“ „Madame, ich ſage das, um Ihnen begreiflich zu machen, daß es Worte gibt, welche die Scham⸗ haftigkeit beleidigen, und daß man, wenn man er⸗ 33 zähli, geſchickt gewiſſe Gegenſtände verſchleiern muß; denn: „Der Anſtand wird in Worten oft verletzt; N Das mag wo anders hingehn: der Franzoſe ₰ Verlangt, daß man ſein Ohr mit Zoten ſchont; Iſt eine Sache an ſich ſelbſt nicht rein, So muß euphemiſch doch der Wortlaut ſein.“ Mutter Thomas brach in lautes Lachen aus und wandte ſich an ihren Nachbar mit den Taubenflügeln, welcher eine Makarone in Champagner tauchte und dabei noch immer ein ſaures Geſicht ſchnitt.„Ver⸗ ſtehſt Du das, Du alter Duckmäuſer?“ ſagte ſie zu ihm,„dieſer Herr da, der uns ſagt, daß er eine unreine Sache hat, iſt das nicht artig, beim Rach⸗ tiſch uns ein ſolches Geſtändniß zu machen?“ „Ha, Madame!“ ſchrie der Pvet, indem er feuer⸗ roth vor Zorn wurde,„man hat ſich noch nie er⸗ laubt.. „Was denn, Biribi? geh', Du wirſt böſe, mein Junge, Du biſt zornig wie ein Truthahn, das ſehe ich, aber ich bin ein gutes Kind und habe nicht mehr Galle als ein Floh. Wir wollen miteinander an⸗ ſoßen, das wird geſcheidter ſein als uns von Dei⸗ nem Larifari vorzuſchwatzen, das ich nicht verſtehe. Wein her, Marquis.. von jenem ſchönen Weinchen, welcher mouſſirt; ah! den kenne ich, es iſt Cham⸗ pagner; den laſſe ich mir gefallen, das iſt kein Verir⸗ wein wie Dein Nadera! Auf eure Geſundheit, meine kleinen Oelſchädel; auf die Deinige, Thomas!. Was haſt Du denn, mein Schatz? Du ſprichſt nichts, machſt ein Geſicht, ich weiß nicht wie; wird es Dir „ * 34 auch übel werden wie Deiner Frau?... Man muß ſingen, meine Kinder; beim Nachtiſch thut man das immer. Nun, wer fängt an? Du, Thomas? Du wußteſt ja früher eine Menge Schelmliedchen; nun, ich will euch das ſingen, was Chahu's Frau an mei⸗ ner Hochzeit geſungen hat: Ich komme in Zug, wenn er kommt in Zug, Ich komme in Zug, wenn er kommt'nein. Ihr werdet den Chor ſingen, meine Kinder.“ „Einen Augenblick, einen Augenblick, Madame!“ ſagte der Marquis,„warten Sie doch auf den Likör und den Kaffee.“ „Ah, das iſt wahr, mein Freund, das wird mir die Stimme hell machen.“ Mit dieſen Worten ſtand der Marquis auf und ging zu Thomaſſiniére, welcher eben auch mit einer troſtloſen Miene den Tiſch verließ. „Es wird immer ſtärker,“ ſagte der Marquis ganz leiſe zu ſeinem Wirth. „Ach, Herr Marquis, Sie ſehen mich in Ver⸗ zweiflung... ich bin beſchämt.. ich wage nicht mehr, mich umzuwenden!“ „Ei, mein Lieber, ich bin Ihnen darum keines⸗ wegs gram; es kommt täglich vor, daß man eine Mutter hat, die nicht gerade adelig iſt, deßhalb ſind Sie doch ein Mann, den ich unendlich werthſchätze und der uns ein köſtliches Diner gab; aber in der Geſellſchaft gibt es Leute, die nicht meine Einſicht haben und bei denen es Ihnen ſchaden kann. Zu⸗ dem wird die liebe Mama immer trunkener und 35 ich weiß nicht, was ſie uns am Ende noch ſingen wird.“ „Und ich erwarte dieſen Abend mehr als achtzig Perſonen auf den Ball.. die eleganteſte, ausgezeich⸗ neiſte Geſellſchaft von Paris! Retten Sie mich, Herr Marquis; ich lege meine Kaſſe, meine Börſe, meinen Eredit zu Ihren Füßen!“ „Mein lieber Thomaſſiniére, die Freundſchaft, welche ich für Sie hege, reicht hin.. gleichwohl habe ich, wie ich glaube, morgen einen Wechſel von zweitauſend Thalern einzulöſen...“ „Das geht mich allein an, Herr Marquis.“ „Man muß ein Mittel finden, Jedermann fort⸗ zubringen.“ „Ja, und ſo bald als möglich.“ „Warten Sie. mir fällt ein.. ja, meiner Treu', der Einfall iſt gut.“ „Ach, Herr Marquis, meine Dankbarkeit... „Es wird Sie vielleicht ein wenig theuer zu ſtehen kommen, allein ich ſehe keinen andern Ausweg.“ „Ich bringe alle möglichen Opfer.“ „Recht.. laſſen Sie mich machen.. ſetzen Sie ſich wieder zu Liſch, als wäre nichts vorgefallen. Sagen Sie Ihren Bedienten, ſie ſollen meine Be⸗ fehle vollziehen, und warten Sie die Wirkung ab.“ „Lafleur! Jasmin! Comtois! gehorcht dem Herrn Marquis mehr als mir ſelbſt.“ Der Marquis verläßt, von den Bedienten gefolgt, den Speiſeſaal und Thomaſſiniére ſetzt ſich wieder an den Tiſch. Man bringt Kaffee, Likör. Bald kommt 2 der Marquis zurück und nimmt ſeinen Platz bei Frau Thomas wieder ein, indem er ſeinem Wirth einen beruhigenden Blick zuwarf. Mutter Thomas trillerte bereits, während ſie ihren Kaffee trank.„Meine Kinder,“ ſagte ſie,„wir müſſen dieſen Abend tanzen; ich fühle mich um zwan⸗ zig Jahre verjüngt.. Thomas⸗ Du haſt gewiß einen guten Schnaps, hoffe ich... gib mir doch ein Gläs⸗ chen, Marquis, aber nicht von jenen verzuckerten Süßigkeiten, welche Einem in der Gurgel ſtecken blei⸗ ben, gib mir ſcharfen, mein Freund, harten, nur ſolcher thut Einem gut.“ Frau Thomas hatte ſchon zwei Gläschen Brannt⸗ wein, eines mit Rum und eines mit Kirſchengeiſt, getrunken; ſie verſicherte, dieß thue ihr gut, und ſchien nicht aufgelegt, einzuhalten, als ein dichter Rauch vom Hofe aus auſſteigt und in die Zimmer dringt. Jeder ſah den Andern unruhig an⸗ „Mir ſcheint, es falle ein Bischen Nebel,“ ſagte Mutter Thomas;„das riecht nach Juchten, meine Kinder; habt ihr einen Lumpen unter euch?“ Die Diener treten mit erſchrockener Miene ein und rufen:„Im Hauſe iſt Feuer ausgebrochen!“ „Feuer!“ wiederholten alle Gäſte, indem ſie vom Tiſch aufſtanden. Mutter Thomas allein blieb an ihrem Platze ſitzen und ſagte:„Gut, man braucht nur Waſſer darauf zu ſchütten, dann iſt's aus.“ „Feuer in meinem Hauſe!“ rief Thomaſſiniére mit einem Blick auf den Marquis;„aber wie kommt es denn?. wo iſt es ausgebrochen?“ 37 ² „Im Hofe. unter der Remiſe.. es lag Stroh dort und wahrſcheinlich wird Jemand da mit Licht hingekommen ſein... da, Herr, ſehen Sie.. ſehen Sie, welcher Rauch im Hofe.“ Da es faſt neun Uhr Abends war, ſo erhellten die Flammen einiger Strohbüſchel, welche der Mar⸗ quis hatte anzünden laſſen, bereits den ganzen Hof. Der Ruf: Feuer!“ hatie ſich bereits allenthalben ver⸗ breitet; er war in den Salon gedrungen und die Damen, welche ſich dahin geflüchtet hatten, um der Geſellſchaft der Frau Thomas zu entfliehen, verließen ihn, indem ſie laut ſchrieen und ihrem Vater oder ihrem Gemahl riefen. Dieſe Herren ſuchten die Damen zu beruhigen, indem ſie ſagten:„Es iſt nichts es wird nichts ſein, aber dennoch müſſen wir ſo ſchnell als möglich fortgehen.. nehmt eure Shawls, eure Hüte.. eilet, niemals dürfen Damen mitten in der Verwirrung bleiben.. wir werden euch begleiten.“ Indeß theilte ſich das Feuer, das der Marquis hatte anzünden laſſen, um die Geſellſchaft zu ver⸗ treiben, und das die Leute des Hauſes, wiſſend, daß es eine Liſt ihres Herrn war, nicht auszulöſchen dach⸗ ten, in der That der Remiſe und von da dem Stalle mit. Während die Damen nach ihren Shawls, die Herren nach ihren Hüten ſuchten und die Bedienten in den Zimmern umherrannten und Feuer⸗ ſchrieen, war die Gefahr eine wirkliche geworden und man bemerkte dieß erſt, nachdem ein Theil des Hofes ſchon eine Beute der Flammen war. Paul de Kock. LxIx. 3 Jetzt herrſchte Verwirrung und Tumult überall; die Damen reiteten ſich in die Straße: die Eine ver⸗ lor ihren Turban, die Andere ihr Halsgehängez mehrere wurden ohnmächtig. Auguſt trug Athalie in ſeinen Armen fort und legte ſie auf eine Stein⸗ bank in einer benachbarten Straße nieder. Mitten in dieſer Zerſtörung entſchloß ſich Frau Thomas end⸗ lich, vom Tiſche aufzuſtehen, und indem ſie ihre Unterröcke bis zu den Knieen aufſchürzte, lief ſie fort und rief:„Seht da alle die Freunde von Thomas: ſtatt löſchen zu helfen, gehen die Schurken alle durch, und ſie würden mich hier Jicht mehr und nicht weni⸗ ger als eine Kaſtanie braten laſſen. Das Reſultat der kleinen Liſt des Marquis war: ein Flügel des Hotels war abgebrannt, vier Pferde ge⸗ praten, drei Spritzenmänner verwundet, zehn Shawls abhanden gekommen, fünfzehn Hüte geſtohlen, ſechs Haarlocken verbrannt, drei Bracelets verloren und zwei Kämme zerbrochen; mit zwanzigtauſend Franken erſetzte Thomaſſiniere Alles und ſeine Frau Mutter blieb doch wenigſtens der zahlreichen Geſellſchaft, die er dieſen Abend erwartete, unbekannt. Drittes Kapitel. Was man vorhergeſehen hatte. Den Tag nach dieſem Auftritt reiste Herr von Thomaſſiniere mit Athalien nach England, wo ſie zu bleiben beſchloßen, bis man in Paris den von 39 der plumpen Mama erregten Scandal vergeſſen hätie. Die Letztere ſchickte man auf der Stelle wieder nach ihrem Dorfe zurück, mit dem ausdrücklichen Gebot, es nie wieder zu verlaſſen, unter Androhung des Verluſtes der Penſion von zweihundert Franken, welche ſie von ihrem großmüthigen Sohne bezog. Thomaſſiniére's Dummheit, der, ſeit er reich ge⸗ worden, ſich ſeiner Mutter ſchämte, Athaliens Klein⸗ lichkeit, die, um Mutter Thomas nicht küſſen zu dür⸗ fen, ſich ohnmächtig ſtellte, machten Auguſt ihre Entfernung wenig fühlbar; allein nur bei ihnen ſah er den Marquis von Cligneval, und Bertrand ſagte: „Es ſcheint mir, mein Lieutenant, wir hören nichts mehr von dem Marguis, der Ihnen hundert Louis⸗ d'or ſchuldet.“ „Vielleicht erfahre ich heute Etwas von ihm.“ „Und wann beſuchen wir das kleine Milchmädchen? wann danken wir ihr für das Ueberbrachte? Die Hüh⸗ ner waren vortrefflich! Ich mußte ſie eſſen, während Sie in Geſellſchaft ſpeisten.“ „Ich glaube nicht, daß Deniſe viel an uns denkt hat ſie nicht einen Liebhaber?.. wird ſie ſich nicht verheirathen?“ „Mein Lieutenant, iſt das ein Grund, ihr nicht für ihre Hühner zu danken?“ „Sie kam vielleicht nach Paris, um mich zu ihrer Hochzeit einzuladen.“ „Ich weiß nicht, weßhalb ſie kam, aber ſie ſchien mir ſehr betrübt, als ſie ſich entfernte. Sie hat ge⸗ ſagt, ſie wolle Sie nicht mehr beläſtigen, und ich ſah Thränen in ihren Augen; das hat mich gerührt, mich, ich geſtehe es. die Kleine iſt ſo lieblich und man ſieht wohl, daß ihre Thränen keine Krokodils⸗ thränen ſind.“ Auguſt ſchien über des alten Corporals Worte nachzudenken, als man heftig ſchellte. Bertrand mel⸗ dete einen alten Herrn, der eine ſehr verſtörte Miene habe, nach Herrn Dalville frage, und Auguſt erkannte mit Erſtaunen Herrn Monin, deſſen mehr als ge⸗ wöhnlich herumrollende Augen einen außerordent⸗ lichen Vorfall zu verkünden ſchienen. „Sie ſind's, Herr Monin,“ ſagte Dalville, dem Exapotheker einen Stuhl bietend, während Letzterer, ſeiner Verwirrung ungeachtet, fragte, indem er ſich niederſetzte:„Wie befindet ſich der Stand Ihrer Ge⸗ ſundheit, Herr Dalville?“ „Ich ſollte das Sie fragen, Herr Monin: Sie ſcheinen Etwas zu haben.. darf ich wiſſen?“ „Ja, mein Herr, ich habe etwas weniger.. deß⸗ halb bin ich gekommen...“ „Wie ſo, etwas weniger, Herr Monin?... Ich verſtehe Sie nicht.“ „Wiſſen Sie es nicht?“ „Was, Herr Monin?“ „Was ich Ihnen ſo eben ſagte?“ „Noch nicht; wenn Sie ſich aber erklären woll⸗ ten** 2 „Mein Herr, das hat mir einen Schlag gegeben.“ „Es ſcheint mir in der That, daß Sie etwas ver⸗ wirrt ſind.“ 41 „Hat es auf Sie nicht die nämliche Wirkung her⸗ vorgebracht?“ „Ich weiß noch nicht, was für eine Wirkung es auf mich hervorbringen wird, Herr Monin, und in was es mich betrifft, wie Sie eben ſagten.“ „Ach, Herr Dalville, wenn wir hätten ahnen, wenn wir hätten vorherſehen können aber, Leufel! man iſt kein Hexenmeiſter, das habe ich dieſen Mor⸗ gen zu Bichette geſagt, weil ſie mir meine Tabaks⸗ doſe entziehen wollte.“ „Ich habe nie vermuthet, daß Sie ein Hexen⸗ meiſter ſeien, Herr Monin, allein ich geſtehe Ihnen, daß ich Sie in dieſem Augenblick unbegreiflich finde.“ „Mein Herr, das iſt, weil ich noch gar nicht zu mir ſelber gekommen bin.“. „Von was?“ „Und Bichette verſichert, daß er Sie auch mit hineingezogen habe.“ Dalville verliert die Geduld nno ſieht Bertrand an, der im Zimmer herumläuft, indem er murmelt: „Wenn ich eine Compagnie Männer wie dieſer pier zu exerzieren hätte, ſo würde ich damit beginnen, ſie an den Schwanz eines Pferdes zu binden, das ich in Galopp jagen würde.“ Monin zog ſeine Tabaksdoſe heraus, ſtopfte ſich die Naſenlöcher voll und fuhr fort:„Ich bin zu Ih⸗ nen gekommen, Herr Dalville, um zu erfahren, wo⸗ hin er gegangen iß.“. „Aber wer denn, Herr Monin? erflären Sie ſich v voch um Golteswillen deutlicher: ſeit einer Viertel⸗ ſtunde ſprechen Sie mit mir, ohne daß ich ein Wort von allen Ihren Reden verſtehe. Was hat man Ih⸗ nen gethan?“ „Man hat mich beſtohlen, mein Herr.“ „Beſtohlen?“ „Das heißt, man iſt mir mit fünfundzwanzigtau⸗ ſend Franken durchgegangen?“ „Und wer denn?“ „Herr Deſtival.“ „Deſtival?“ „Ja, mein Herr, er iſt fort, fort aus Frankreich, wie man verſichert.. dieſes wollte ich die Ehre ha⸗ ben, Ihnen zu ſagen.“ Auguſt hat nur zu gut verſtanden; er iſt vernichtet, und Bertrand ſchreit, indem er Monin näher tritt: „Was ſagen Sie da?.. Zum Henker!... dieſer Herr Deſtival wäre im Stande?. „Ah! das iſt Herr Bertrand!... Wie befindet ſich ver Stand Ihrer Geſundheit 7u Er wäre fork.. mit unſern zweimalhundert und fünfzigtauſend Franken?“ „Gewiß!... Sie wiſſen wohl... Sie lehrten ihn exerzieren!“ „Ah! der infame Schurke!... Wir ſind ruinirt, mein Lieutenant!“ „Beruhige Dich, Bertrand! Dieſe Nachricht iſt viel⸗ leicht falſch.. ich kann nicht glauben, daß Deſtival. „Das ſagte ich auch zu Bichette; ich konnte eben ſo wenig glauben. S 43 „Aber wie wiſſen Sie es? wer ſagte Ihnen, daß Deſtival fort ſei?“ „Ich will Ihnen ſagen, mein Herr, er hatte mir vor kurzer Zeit meine Apotheke verkauft und die Gel⸗ der behalten, um ſie umzutreiben, und vor acht Ta⸗ gen gab ich ihm noch zehntauſend Franken dazu, weil er ſagte, je mehr er habe, um ſo beſſer könne er es verwenden.. zwar Bichette war nicht recht der Mei⸗ nung, daß wir ihm unſer Geld laſſen ſollten, allein Herr Bisbis rieth ihr dazu.. alsdann... ſchnupfen Sie?“ „Ich eile zu Deſtival,“ ſagte Auguſt und ließ Monin mitten in ſeiner Rede ſtehen. „Ja, mein Lieutenant,“ ſagte Bertrand,„es wird beſſer ſein, als den Herrn da anzuhören; gehen Sie, verlieren Sie keine Zeit.. ich, ich werde gleichfalls ſuchen, einige Aufſchlüſſe über den Weg, den der Schurke eingeſchlagen hat, zu erhalten; vielleicht iſt unſer Dieb noch nicht weit: einholen müſſen wir ihn und ſollten wir zehn Pferde zuſammenreiten.“ „Wenn Sie ihn einholen, Herr Bertrand, ſo wiſſen Sie, daß ich für fünfundzwanzigtauſend Franken da⸗ bei betheiligt bin,“ ſagte Monin. Allein man hörte ihn ſchon nicht mehr. Schon war Auguſt auf der Treppe, der Corporal hinter ihm her, und als ſich Monin mit dem kleinen Jokey allein ſah, entſchloß er ſich, nach Hauſe zurückzukehren und Bichette zu beruhigen, da er dachte, daß es den Beiden bei ihrer Eilfertigkeit gelingen müſſe, Deſtival einzuholen. Auguſt begibt ſich in die Wohnung des Geſchäfts⸗ 44 mannes. Er fragt den Portier nach Herrn Deſtival. „Seit drei Tagen hat man Herrn Deſtival nicht ge⸗ ſehen,“ antwortete dieſer,„man weiß nicht, was aus ihm geworden iſt, er hat nichts geſagt; der Neger und Baptiſt ſind ebenfalls fort. Madame aber blieb mit ihrem Dienſtmädchen zurück: ſie iſt zu Hauſe.“ Auguſt geht hinauf: Julie öffnet ihm. Der junge Mann bemerkt keine Veränderung in den Gemächern;z nur etwas mehr Ruhe als ſonſt herrſchte darin. Man führt ihn in das Zimmer von Madame, die ein wenig in Verwirrung zu gerathen ſcheint, als ſie Dalville bemerkt. „Sollte das Gerücht, das man verbreitet, wahr ſein, Madame?“ ſagte Auguſt;„man verſichert, Ihr Mann ſei durchgegangen, er habe Frankreich ver⸗ laſſen?“ „Ach, mein Herr, es iſt nur zu wahr,“ antwortet Emilie, indem ſie in einen Lehnſtuhl ſank. „Wie, Madame, er iſt fort und wird nicht wie⸗ derkommen?“ „Ich denke nicht, mein Herr; er hat mich ver⸗ laſſen: er iſt ein abſcheulicher Mann.“ „Und wiſſen Sie, was er mir mitnimmt, Ma⸗ dame?“ „Nein, mein Herr, ich kannte den Stand ſeiner Angelegenheiten keineswegs.“ „Zweimalhundert und fünfzigtauſend Franken, bei⸗ nahe Alles, was ich beſaß!“ „Ah! das iſt ſchrecklich von ihm.“ ⸗ „Sagen Sie lieber, es iſt ein Diebſtahl, eine 45 ſchändliche Schurkerei!“ rief Auguſt, entrüſtet über Frau Deſtivals Kaltblütigkeit,„und wiſſen Sie nicht, Madame, wohin er ſeinen Weg genommen hat?“ „Ich weiß gar nichts, mein Herr, ich bin nieder⸗ gebengt, vernichtet wie Sie!“ „Madame, Ihr Mann richtet mich zu Grunde.“ „Sie ſehen mich troſtlos darüber, mein Herr, allein was kann ich machen?“ „Madame, ich glaube, daß dieſer Vorfall Ihnen ſelbſt große Unannehmlichkeiten zuziehen kann.“ „Mein Herr, ich habe nichts mit Herrn Deſtivals Gläubigern zu ſchaffen: unſere Güter waren ausge⸗ ſchieden. Dieſe Wohnung iſt unter meinem Namen gemiethet worden, Alles, was darin iſt, gehört mir. Iſt es meine Schuld, wenn Herr Deſtival ſchlechte Spekulationen gemacht hat? Iſt es das erſte Mal, daß ſo Etwas vorkommt? Bin ich nicht am meiſten zu beklagen? Er nahm mein Heirathsgut mit, mein Herr, und gewiß iſt das Mobiliar, das mir bleibt, nicht ſo viel werth. Uebrigens thun Sie, was Sie wollen, mein Herr, verfolgen Sie mich, betten Sie mich auf Stroh, wenn es Sie darnach verlangt.“ Auguſt antwortet nichts, ſondern geht ſchnell fort, die Schurkerei des Geſchäftsmanns verfluchend. Bertrand kommt zurück, ohne die Spuren des Flüchtigen enideckt zu habenz drei Tage hintereinan⸗ der zog er deßhalb aus, während Auguſt ebenfalls alle möglichen Nachforſchungen anſtellt: es ſchien jedoch gewiß, daß ſich Deſtival bereits außerhalb Frankreich befinde; mehr war nicht über ihn zu erfahren. 46 Auguſt ſuchte ſeine Heiterkeit zurückzurufen, um dieſen Streich des Schickſals mit Gleichmuth zu er⸗ tragen. Bertrand hütete ſich in dieſem Angenblicke wohl, ſeinem Herrn Vorſtellungen zu machen; er fühlte, daß die Zeit ſchlecht gewählt wäre. Als je⸗ doch jede Hoffnung verſchwunden war, die Spuren des Schurken zu entdecken, der mit Dalville's Ver⸗ mögen durchgegangen war, dachte Bertrand an die kleine Schuld des Marquis von Cligneval und er⸗ langte von Auguſt die Erlaubniß, ſie einzuziehen. Bertrand ging in deſſen Wohnung und fragte nach dem Marquis. „Er wohnt nicht mehr hier,“ ſagte der Portier. „Und wo wohnt er jetzt?“ „Er iſt in's Bad gereist.“ „Und in welches Bad, Donnerwetter!“ „Meiner Treu', das hat er nicht geſagt.“ Bertrand iſt wüthend; fluchend kommt er zurück und bringt Auguſt dieſe Nachricht, der ſie ziemlich ruhig aufnahm. „Wie, mein Lieutenant, man bringt Sie wieder um hundert Louisd'or und Sie werden nicht zorni⸗ ger?“ „Meiner Treu', mein Freund, wenn man zu Grunde gerichtet iſt, ſo braucht man ſich wegen hun⸗ dert Louisd'or mehr oder weniger keinen Kummer zu machen.“ „Es reichte doch einige Zeit.. dieſer verdammte Marquis.. ich dachte es gleich.“ „Ich werde ihn wiederfinden.“ 47 „Er wird Sie nicht bezahlen.“ „Bertrand, Du mußt meine Kaſſe nachzählen, damit ich weiß, wie viel mir übrig bleibt.“ „Das wird bald geſchehen ſein, mein Lieute⸗ nant.“ Traurig ging Bertrand zu dem Sekretär und brachte ſeufzend eine Ueberſicht des Zuſtandes ihrer Finanzen. „Achtzehntauſend ſechshundert und vierzig Fran⸗ ken,“ ſagte Auguſt, die Hauptſumme ableſend,„wahr⸗ haftig, ich dachte nicht, daß ich noch ſo reich ſei.“ Die hundert Louisd'vr vom Marquis, nebſt dem, was Ihnen noch mehrere andere Ihrer Freunde ſchul⸗ den, habe ich nicht mitgerechnet.“ „Ich glaube, Du thateſt wohl daran. Aber ich muß auch wiſſen, was ich ſchuldig bin: laß meinen Schneider, Schuſter und Sattler rufen und bezahle ſodann ihre Rechnungen; als ich reich war, durfte ich Schulden haben, wenn man jedoch kein Vermögen mehr hat, darf man ich nicht erlauben, Schulden zu machen.“ „Sie ſprechen wie der große Türenne, mein Lieutenant! Morgen ſollen alle Schulden bezahlt werden.“ Nachdem dieß geſchehen war, blieben Auguſt noch ſechstauſend vierhundert Franken.„Rechnen wir hiezu ein ſchönes Mobiliar, Wein im Keller, ſo kann man mit Ordnung und Sparſamkeit ſchon die Schlappe aushalten,“ meinte Bertrand. „Von dieſer Summe, Bertrand, mußt Du jetzt 48 noch hundert Thaler abziehen, die ich für eine hüb⸗ ſche Weißnätherin zu zahlen verſprach, welcher ein barbariſcher Gerichtsdiener die Möbeln mit Beſchlag belegen wollte; zweihundert Franken leihe ich Vir⸗ ginien und zehn Louisd'or brauche ich zu Bracelets, die ich dieſen Abend kaufe.“ Beinahe hätte Bertrand die Feder verſchluckt, die er im Munde hielt.„Mein Lieutenant!“ rief er aus, „Sie bedenken nicht, bald wird Ihnen nichts mehr bleiben.“ „Höre, mein Freund, ich haite das Alles zu ge⸗ ben verſprochen, als ich noch reich war; ſoll ich nun meine Verſprechungen nicht halten, weil ein Schurke mich zu Grunde richtet? Du wirſt das ſelbſt nicht wollen, doch ich ſchwöre Dir, es ſind dieß meine letz⸗ ten Thorheiten. In Zukunft will ich die Geſetztheit ſelbſt ſein. Und dann bedenke doch überdieß, daß wir noch den Erlös vom Verkauf meiner beiden Pferde und meines Cabriolets haben werden, denn ich darf nun keinen Wagen mehr halten; ich muß mein Hausweſen vermindern, Tony verabſchieden und zu Fuß gehen. Das bekümmert Dich, Bertrand?“ „Für Sie, mein Lieutenant.“ „Ei, mein Freund, ich befinde mich vielleicht um ſo beſſer. Bewegung iſt zur Geſundheit nothwendig, ich hörte Dich das ſchon hundert Mal ſagen. Glaubſt Du, die Leute, die zu Fuß gehen, ſeien nicht eben ſo viel werth, als die in prächtigen Wägen einherfahren?“ „Ach, mein Lieutenant, Sie werden mich nicht 3 für ſo einfältig halten.“ 49 „Nun denn, mein Freund, warum alſo bedauern, was man ſo gut entbehren kann. Hat man mit Geld nicht immer Wagen oder Cabriolet zu ſeinen Befeh⸗ len, ohne daß man Pferde und einen Jokey zu er⸗ halten braucht? Wahrhaftig! ich begreife gar nicht, warum ich ein Cabriolet hatte.“ „Aber glauben Sie nicht, daß Ihr Cabriolet viel zu der Zärtlichkeit beitrug, welche die Griſetten, die zu Ihnen kamen, damit Sie dieſelben in ihren klei⸗ nen Betrübniſſen tröſteten, die großen Damen, deren Eroberung Sie machten, für Sie an den Tag legten?“ „Das wäre ein Grund weiter, es nicht zu be⸗ dauern. Ich werde jetzt das Herz dieſer Damen kennen lernen, ich werde nun ſicher ſein, nur um meiner ſelbſt willen geliebt zu werden, und ich fürchte dann wenigſtens nicht, wenn ich über eine junge Schönheit triumphire, wenn ich über einen Neben⸗ buhler den Sieg davon trage, den mir gewordenen Vorzug meinem Reichthum verdanken zu müſſen.“ „Sie find auf dem beſten Wege, einzuſehen, daß Ihnen der Schurke Ihr Vermögen zu Ihrem Beſten geſtohlen hat, mein Lieutenant.“ „Wahrhaftig! wer weiß? Habe ich denn im Gan⸗ zen ſo unrecht, die Sache von der guten Seite zu nehmen?“ „Nein, gewiß nicht; es gibt viele Leute, die einem ſolchen Fall keine gute Seite abgewinnen könnten, doch kurz, verzeihen Sie mir meine Beſorgniſſe... was Sie noch beſitzen, wird nicht ewig währen, trotz aller Oekonomie, mit der wir bei unſern Ausgaben zu Werke gehen mögen, und alsdann, mein Lieute⸗ nant, was machen Sie alsdann? Denn von ſeinem guten Humor allein kann man nicht leben.“ „Nun, in Gottes Namen! alsdann werden wir ja ſehen, mein lieber Bertrand. Ich habe einige Ta⸗ lente: wohlan, ich werde ſie anwenden und arbeiten.“ „Sie arbeiten, mein Herr?“ rief Bertrand und wandte ſich ab, um eine Thräne zu trocknen. „Warum nicht, mein Freund?“ „Weil Sie es nicht gewohnt ſind, weil es Ihnen zu hart erſcheinen würde, kurz, weil ich es nicht litte und. doch ſprechen wir nicht mehr davon⸗ Sie haben recht, es iſt beſſer, man macht ſich luſtig. Wer weiß, ob wir unſern Dieb nicht vielleicht wiederfinden.“ „Recht ſo, mein lieber Bertrand, geh', man muß immer hoffen; man iſt deßhalb nicht ärmer und be⸗ findet ſich beſſer dabei.“ Damit ging Auguſt fort, um ſich bei einer klei⸗ nen Weißnätherin zu zerſtreuen, und Bertrand ſteigt hinab, um Strack das Leben des großen Türenne vorzuleſen. Viertes Kapitel. Geſellſchafts⸗ Seenen. Das Cabriolet war verkauft, der kleine Jokey hatte eine andere Stelle gefunden. Seit Madame St. Edmond ſah, daß ihr Nachbar ſeinen Haushalt einſchränkte, würdigte ſie ihn keines Blickes mehr u d ging an ihm vorüber, ſogar ohne ihn zu grüßen. Ber⸗ 4 51 trand war entrüſtet über die Unhöflichkeit der Nach⸗ barin. Auguſt lachte darüber und ſagte:„Jetzt bin ich gewiß, daß mich dieſes Weib nie geliebt hat und es iſt immer gut, wenn man ſeine Leute kennt.“ Bertrand brummte jedoch leiſe:„Mag ſie noch einmal ihren Pudel verlieren: wenn ich ihn finde, ſo werde ich ihm einen Poſten geben, von dem er nicht wiederkehrt.“ Auguſt fuhr fort, ſeine Zerſtreuungen in der Ge⸗ ſellſchaft zu ſuchen und da dieſe Zerſtreuungen ge⸗ wöhnlich theuer zu ſtehen kommen, ſo gab er unter dem ſteten Vorſatze, ſolid zu ſein, weit mehr aus, als er ſollte; er hält ſich für geſetzt, weil er, ſtatt in einem Abend fünfzig Louisd'or zu verlieren, nur fünfzig Thaler verliert; weil er, ſtatt zwei Logen im Theater zu miethen, ſich mit Billeten an der Kaſſe begnügt, und, ſtatt ſein Cabriolet zu halten, in Mieth⸗ kuiſchen fährt. Allein dieſe Ausgaben ſind noch viel zu bedeutend für den, der nur ein ſchwaches Kapital und keine Einkünfte beſitzt. Bertrand ſah mit Schre⸗ cken, daß ihre Fonds nicht ſo lange dauern werden, als er hoffte; er wagte es nicht, Auguſt darüber Vor⸗ ſtellungen zu machen, allein er ſagte oft zu ihm: „Laſſen Sie uns doch das ſchöne Milchmädchen be⸗ ſuchen, mein Herr, und den kleinen Coco, den Sie ſo ſehr lieben, das wird Sie zerſtreuen; wir bringen einige Tage in dem Dorfe zu, wo die Zerſtreuungen weniger koſiſpielig ſind als in Paris.“ Auguſt zögerte ſtets; er verſchwieg Bertrand den Beweggrund, der ihn vom Beſuche in Montfetmeil 52 abhielt; allein er fühlte ſich beklommen bei dem Ge⸗ danken, daß er für das Kind nicht mehr ſo viel thun könne, als er gehofft hatte; er glaubte, das von ihm Zurückgelaſſene ſei bereits verwendet, und gewohnt, den Bewegungen ſeines Herzens zu folgen und reich⸗ lich zu geben, ſeufzte er bei dem Gedanken, daß er genöthigt ſei, ſeine Wohlthaten zu berechnen. Dieſer Kummer iſt der lebhafteſte, den er bisher über den Verluſt ſeines Vermögens empfunden hat. Nach ſechswöchentlicher Abweſenheit kamen Herr und Frau von Thomaſſiniére wieder nach Paris zu⸗ rück. Ihr Hotel war auf's Neue ein Stelldichein für Leute, die gute Diners, Abendgeſellſchaften und Bälle lieben, und Marquis, Stutzer, Elegants, Dich⸗ ter und Finanzmänner hüteten ſich wohl, mit Tho⸗ maſſiniére von der Mutter Thomas zu ſprechen, und dieſer ſagte, ſich die Hände reibend:„Das iſt vergeſſen, man denkt nicht mehr daran, es hat mir nicht den ge⸗ ringſten Schaden gebracht; gleichwohl that ich ganz wohl daran, ſechs Wochen in England zu verweilen, dadurch kam die Sache aus dem Gedächtniſſe.“ Hierin irrte ſich Thomaſſiniere: der Beſuch der Madame Thomas war nicht vergeſſen, allein ſo lange er reich iſt, ſo lange er ſchöne Feſte und große Gaſt⸗ mahle gibt, wird man fortfahren, ſein Haus zu be⸗ ſuchen und ihn zu empfangen; hört er aber auf, reich n ſein, ſo wird ihn Jeder ſo finden, wie er iſt: als einen großen Dummkopf, als eine ſehr gemeine Per⸗ ſon. Demnach hatte er ſeine Reiſe nach England gar nicht nöthig. Freilich ſah er das Alles nicht ein. 53 Deſtivals Flucht erregte Aufſehen. Man ſprach bei Thomaſſiniere davon.„Ich war gewiß,“ rief die⸗ ſer,„daß es mit dieſem Menſchen ein ſchlechtes Ende nehmen würde. Er hielt ſich für eben ſo talentvoll als ich bin, er wollte eben ſo reich werden als ich.. als wenn meine Fähigkeiten Jedem zu Theil gewor⸗ den wären. Man ſpeiste ſehr ſchlecht bei ihm: ſchlechte Speiſen, ſchlechte Weine, und er bildete ſich ein, er gebe Diners wie die meinigen. Ich ſagte hundert Mal: dieſer Menſch wird ſich zu Grunde richten, und in der That, es fehlte nicht.“ „Seine Frau war zu kokett,“ ſagte Athalie,„ſie wollte jede Mode mitmachen.. Caſhemirs tragen.. ſie hatte meine Nätherin genommen!“ „Ihre Nätherin hat ſie genommen, Madame?“ ſchrie Thomaſſiniere.„Sie werden zugeben, daß das ein Unſinn war. Dieſe Leute hatten den Kopf ver⸗ loren, Ihre Nätherin zu nehmen. die Frau eines kleinen Geſchäftsmannes!“ „Sie iſt jedoch fortwährend in Paris,“ fiel der Marquis von Cligneval ein, der bei dieſem Geſpräch gegenwärtig war;„ich ſah ſie vor einigen Tagen in einem Bogheh und eleganter als je.“ „Bah! wahrhaftig?“ ſagte der Spekulant;„ſie war ſehr elegant? In der That, ſie hatte mehr Ver⸗ ſtand als ihr Mann. Es ſcheint, die Geſchäfte deſ⸗ ſelben ſind ihr fremd.. ſie wird im Voraus ihre Maß⸗ regeln genommen haben. ſie that wohl daran, ge⸗ wiß, man kann ſie nicht tadeln.“ Paul de Kock. LXIX. 4 54 Dieſe Unterhaltung wurde durch die Ankunft Dal⸗ ville's unterbrochen, der ſeit der Rückkehr von Eng⸗ land noch nicht bei Thomaſſiniére war. „Ah, Herr Dalville iſt es!“ rief der Spekulant, dem jungen Mann freundlich entgegengehend, wäh⸗ rend der Marquis Auguſts Hand ergriff und aus⸗ rief:„Vie ſehr freut es mich, daß ich Sie ſehe, mein liebenswürdiger Freund! Bei Gott, ich nahm mir vor, Sie dieſer Tage zu beſuchen. ich ſagte mir: man ſieht ihn nicht mehr, was Teufels treibt er?“ „In der That,“ ſagte Athalie, indem ſie Auguſt lieblich zulächelte,„Sie eilten nicht ſehr, uns in den zehn Tagen, die wir aus England zurück ſind, zu beſuchen. Das iſt ſehr bös; Sie wiſſen doch, wie freundſchaftlich wir Ihnen zugethan ſind.“ „Sie ſind zu gütig, Madame,“ verſetzte Auguſt und nahm neben der Modedame FPlatz,„allein ich hatte Geſchäfte. Sie vernahmen ohne Zweifel, daß Deſtival.. „So eben ſprachen wir davon,“ fiel Thomaſſiniére ein,„und ich ſagte zu meinem Freund, dem Herrn Marquis, daß ſein Durchgehen mich durchaus nicht gewundert habe. Ich glaube ſogar, daß ich es vor⸗ hergeſagt hatte.“ „Es iſt wahr, Sie ſagten mir das,“ verſetzte der Marquis,„ich aber geſtehe, daß mir ſolche Dinge immer nahe gehen Bankerott machen, das Geld Anderer münehmen, das iſt abſcheulich! Mag man mit dem Seinigen durchgehen, ſo lang man will, bei Gott, das macht nichts; aber Perſonen betrügen, 55 die ihr Vertrauen in uns geſetzt haben, die uns ihre Geſchäfte zu führen übertragen. o, das werde ich nie verzeihen.“ „Ich ebenfalls nicht!“ rief Thomaſſiniere aus; „ich werde nie Jemand verzeihen, daß er ſchlechte Geſchäfte macht. Ich gehe noch weiter, ich werde ihn nicht in meinem Hauſe empfangen! O, von dem Augenblick an, wo euer Credit ſinkt, ſchönen guten Abend, bleibet zu Hauſe.. das iſt mein Grundſatz, weil man überhaupt rechtſchaffen ſein muß, wie der Marquis ſagt, und mit reichen Leuten iſt man nie compromittirt.“ Dalville lächelte über die Wärme, mit der dieſe Herren ihre Liebe zur Rechtſchaffenheit vertheidigten und nahm nach einer Weile wieder das Wort:„Wiſſen Sie, was Deſtival mir mitgenommen hat?“ „Nein,“ ſagte Thomaſſiniérez„ſollte er Sie auch d'ran gekriegt haben? Ich hielt Sie für zu fein, um ſich hintergehen zu laſſen, Herr Dalville.“ „Ei, mein Herr, in Geſchäftsſachen ſind die Fein⸗ ſten gewöhnlich die Dümmſten! Es gehört kein gro⸗ ßer Verſtand dazu, um ſich zu bereichern, wahrhaf⸗ tig, davon liefert die Welt uns täglich den Beweis.“ „Herr Dalville ſcherzt immer,“ bemerkte Athalie lächelnd, während Thomaſſinière leiſe zum Marquis ſagte:„Der junge Mann da verſteht nichts von den Geſchäften. Es thut mir leid um ihn.“ „Und wie viel hat Ihnen der Schurke mitge⸗ nommen?“ fragte der Marquis. „Zweimalhundert fünfzigtauſend Franken.“ 56 „Peſt!“ rief Thomaſſinière;„das iſt ja eine ganz runde Summe. Zweimalhundert fünfzigtauſend Fran⸗ ken! Man muß auf ſtarken Füßen ſtehen, um einen ſolchen Verluſt zu ertragen.“ „Meiner Treu, ich ertrage ihn ſo gut ich kann. Jetzt gilt es, ſeine Philoſophie zu Hülfe zu rufen.“ „Ich verſtehe, das heißt, Sie ſind noch ſehr reich.“ „Durchaus nicht, im Gegentheil, es bleibt mir nichts übrig: Deſtival nahm mein ganzes Capital mit, und in einigen Monaten werde ich mich auch mit Gewinnung eines Vermögens beſchäftigen müſ⸗ ſen.“ Das Geſicht Thomaſſiniéres zog ſich in die Länge, das des Marquis ward unruhig; Athalie allein ſchien an Auguſts Lage Antheil zu nehmen. „Wie, in der That, Herr Dalville,“ ſagte ſie, „der abſcheuliche Menſch hat Sie zu Grunde ge⸗ richtet?“ „Ja, Madame, die Sache iſt nur zu gewiß.“ „Und Sie nehmen das ſo ruhig hin?“ „Würde ich mein Geld wieder erhalten, wenn i verzweifelte?“ „Gewiß,“ ſagte der Marquis,„die Philoſophie iſt eine ſchöne Sache: ſie yilft die Unfälle ertra⸗ gen, ſie ſtellt uns über das Mißgeſchick, und.. aber, mir fällt ſo eben ein, daß man mich irgendwo zu einem welſchen Huhn mit Trüffeln erwartet; ich habe verſprochen, mich beim Anfang dabei einzufin⸗ den und ein Ehrenmänn kennt ſein Wort. Auf Wie⸗ derſehen, meine lieben Freunde.“ N 57 Der Marquis ſtand auf und wollte den Salon verlaſſen, als Dalville auf ihn zuging und ihm in's Ohr ſagte:„Verzeihung, mein lieber Herr von Cligne⸗ val, allein Sie haben meine kleine Forderung von hundert Louisd'or vergeſſen: wenn ich mir erlaube, Sie daran zu erinnern, ſo werden Sie überzeugt ſein, daß ich es nur thue, weil ich genöthigt bin, meine Gelder zu ordnen.“ „Ach, mein lieber Freund, was ſagen Sie mir da? Bei Gott, das war mir ganz aus dem Sinn gekommen.“ „Sie wollten es mir in derſelben Woche wieder zurückgeben, und da es ſchon über zwei Monate iſt, ſo dachte ich, Sie werden wahrſcheinlich dieſe Klei⸗ nigkeit vergeſſeit haben.“ „Gänzlich vergeſſen, mein Freund, gänzlich; ich habe nur für wichtige Dinge ein Gedächtniß, und hundert Louisd'vr, fühlen Sie wohl, ſind eine Lum⸗ perei; ſchicken Sie zu mir.“ „Man hat mir in Ihrer vorigen Wohnung Ihes Adreſſe nicht gegeben.“ „Ach! es iſt wahr, ich bin wirklich ein Zugvogel. Ich werde es Ihnen ſchicken, das wird das Beſte ſein. Allein man erwartet mich, das welſche Huhn muß aufgetragen ſein..es iſt ein Männerfrühſtück und ich verſprach, pünktlich zu ſein ich halte viel auf mein Wort.“ „Ich kann alſo darauf rechnen, daß Sie bald„ „Ja, ſpäteſtens Morgen werden Sie von mir hören. Adieu. Verzeihung, wenn ich Sie ſo ſchnell 58 verlaſſe; allein ein welſches Huhn mit Trüffeln er⸗ laubt nicht den geringſten Verzug.“ Damit entledigte ſich Herr von Cligneval, der viel auf ſein Wort hält, wenn es ſich um ein Früh⸗ ſtück oder ein Mittageſſen handelt, ſeines Gläubigers, und entrinnt aus dem Salon; da es jedoch nicht zu ſeinen Wünſchen gehört, Dalville öfters bei ſeinem Freund Thomaſſiniere zu treffen, ſo läßt er vom Vorzimmer aus Letzterem durch einen Bedienten leiſe ſagen, der Marquis von Cligneval habe ihm Etwas im Geheimen mitzutheilen. Der Diener beſorgt den Auftrag. Thomaſfiniére beeilt ſich, mit dem Herrn Marquis zuſammenzu⸗ treffen, deſſen ſehr unterthäniger Diener zu ſein er ſich überglücklich ſchätzt. „Was wollen Sie von mir, mein lieber Marquis? Ich ſtehe zu Befehl!“ rief der Emporkömmling. „Pſt, wir wollen in Ihr Cabinet gehen, mein Freund; Dalville glaubt, ich ſei fort.. ich möchte nicht, daß er mich im Weggehen hier träfe.“ Man ging in Thomaſſinière's Arbeitszimmer und hier ſchien der Marquis zu zaudern und ungewiß, ob er ſprechen ſolle. „Sie ſehen mich in einer großen Verlegenheit,“ ſagte er endlich zu Thomaſſiniere, der in unterwür⸗ figer Haltung der Mittheilung wartete. „In Verlegenheit, Sie? Kann denn ein Margquis je in Verlegenheit ſein? Gehen Sie, Sie ſcherzen.“ Nein, mein Freund, nein! Ei, mein Gott⸗ weil man in hohem Range geboren iſt, weil man in ei⸗ 59 nigem Anſehen ſteht und weil man Einfluß hat... glauben Sie, daß man darum weniger Menſch und nicht ebenſo allen von der Natur uns zugetheilten Schwächen unterworfen iſt?“ „Gewiß, Herr Marquis, ich... „Ei, mein Gott! es iſt Keiner beſſer als der An⸗ dere. Was iſt in den Augen Verſtändiger eine et⸗ was mehr oder minder edle Herkunft? Was mich betrifft, ſo erkläre ich Ihnen, daß ich Sie nicht höher ſchätzen würde, ſelbſt wenn Sie ein Herzog wären.“ „Sie ſind zu artig, Herr Marquis.“ „Nein, ich bin offenherzig, das iſt Alles.“ Thomaſſiniére ſann nach, wie dieſe Unterredung den Marquis zu dem welſchen Huhn mit Trüffeln führen könne, das ſeiner wartete, als Herr von Clig⸗ neval fortfuhr:„In Betreff Dalville's wollte ich im Geheimen mit Ihnen reden. Der junge Mann ließ ſich anführen wie ein wahrer Dummkopf.“ „Wie ein wahrer Dummkopf, Herr Marquis.“ „Er hatte eine Sicherheit, eine Süffiſance! Er wollte von Niemand einen Rath annehmen, er glaubte, ſeine Angelegenheiten leiten zu können; das erregt Mitleiden.“ „All' ſein Geld dieſem Deſtival anzuvertrauen! da mußte man den Kopf verloren haben.“ „Ueberdieß, Herr Marquis, komme ich auf meine Grundſätze zurück: ich werde nie einem Manne ver⸗ zeihen, daß er ſich beſtehlen läßt.“* „Und Sie haben recht; mag er Andere beſtehlen, das heißt, ſich über Andere luſtig machen, o, meinet⸗ wegen, das iſt Feinheit, Takt! Doch kurz, Dalville iſt nun ſo in einer häßlichen Lage „Das habe ich mir gedacht, als er mir ſagte, er beſitze nichts mehr.“ „Wenn er wenigſtens einen gewiſſen Rang, Titel hätte, womit man zu Allem gelangt „Ja, kurz, wenn er adelig wäre.“ „O! alsdann könnte er ſich aus der Sache zie⸗ hen, ſo wie man aber nicht von Adel iſt, muß man reich ſein.“ „Gewiß, das find ganz meine Grundſätze.“ „Und das paßt in das Spſtem der Gleichheit und Philoſophie, das ich Ihnen ſo eben auseinander ſetzte. Ich intereſſirte mich für dieſen Dalville, allein meine Freundſchaft für Sie geht vor Allem, deßhalb glaube ich Ihnen nichts verbergen zu dürfen.“ „Verbergen Sie mir nichts, Herr Marquis.“ „Wiſſen Sie, was er mir ſo eben ganz leiſe ſagte, als ich aus dem Salon gehen wollte?“ „Nein, ich weiß nichts davon.“ „Sie haben kein Wort gehört?“ „Kein Wort.“ „Nun gut, mein Lieber, er wollte Geld von mir entlehnen.“ „Geld von Ihnen entlehnen?“ „Ja, mein Lieber: wahrlich, ich geſtehe Ihnen, daß mir das ein wenig leichtſinnig von ihm ſchien.“ „Wie, leichtſinnig? Sie ſind ſehr gütig, Herr Marquis, es iſt mehr als leichtſinnig.“ „Erſtens kenne ich ihn nicht genug, um. 61 „Und wenn Sie ihn ſogar ſebr gut kennen würden! Leiht man denn Jemanden Geld, der zu Grunde ge⸗ richtet iſt und es uns in's Geſicht ſagt? Ich, der ich ihn beſſer kenne als Sie, ich würde ihm keines leihen.“ „Sodann gehört es zum ſchlechteſten Ton, bei Jemand im Hauſe eines Dritten Geld entlehnen zu wollen.“ „Das iſt ein entſetzlicher Ton.“ „Konnte er nicht ganz einfach zu mir kommen, einen andern Augenblick abwarten? Aber nein, er packte mich in Ihrem Salon. Ich mußte ihm ver⸗ ſprechen, ihm Etwas zu borgen, ſonſt hätte er mich gar nicht fortgelaſſen.“ „Das iſt wahr, ich habe es bemerkt, und Sie hatten ihm doch deutlich geſagt, daß Sie bei einem welſchen Huhn mit Trüffeln erwartet werden, und es ſcheint mir, eine ſolche Betrachtung hätte ihm Stillſchweigen auferlegen ſollen.“ „Sie können ſich denken, wenn er auf dieſe Art von Jedem, den er in Ihrem Salon trifft, Geld entlehnen will, daß das Sie in eine falſche Stellung bringen und einen großen Theil Ihrer Bekannten aus Ihrem Hauſe vertreiben wird, weil ich weiß, daß man in der Welt nichts mehr ſcheut, als ſich um Gelddarlehen anſprechen zu hören.“ „Ach, mein Gott!“ rief Thomaſſiniére, mit gro⸗ ßen Schritten in ſeinem Cabinet auf und ab gehend, vein ſolcher Menſch wäre ja eine wahre Peſt, eine Geißel. Ich glaube, lieber würde ich noch Madame Thomas kommen ſehen.“ 62 „Ich verſichere Sie, mein Freund, es würde Ihnen weniger nachtheilig ſein.“ „Seien Sie ruhig, ich werde dafür ſorgen. O! ich ſchlage einen Umweg ein; gleich morgen erhält mein Schweizer meine Befehle: für Herrn Dalbille werden wir nie zu Hauſe ſein. Sie verſtehen wohl, nie „Thun Sie, was Sie für paſſend erachten, mein Freund! Es thut mir recht leid für den jungen Mann, den ich ſehr liebte allein ich mußte Sie doch da⸗ von in Kenntniß ſetzen.“ „Ach! Herr Marquis, Sie haben mir da einen wichtigen Dienſt geleiſtet.. einen Dienſt, den ich in meinem Leben nicht vergeſſen werde. Wenn ich Je⸗ mand bei mir empfinge, der Geld von meinen Be⸗ kannten borgen wollte! Bedenken Sie, daß er erſt ſeit einigen Tagen zu Grunde gerichtet iſt, und was wird er dann in einiger Zeit machen, wenn er jetzt ſchon enklehnt? Man kann nicht wiſſen, wohin das noch führen wird.“ „Ich ſetzte Sie in Kenntniß.. ich that, was die Ehre mir gebot, jetzt will ich ein Wort mit dem fraglichen welſchen Huhn ſprechen. Adieu, mein Freund.“ „Ich hoffe, Herr Marquis, daß Sie morgen mit uns ſpeiſen werden. Ich verſichere Sie, Sie werden Dalville nicht bei mir treffen.“ „In dieſem Fall bin ich dabei, denn Sie fühlen wohl, daß es peinlich iſt, dem Unglück ſeine Börſe verſchließen zu müſſen; aber mit dem beſten Willen 63 von der Welt kann man doch nicht Alles hergeben, was man hat. Auf morgen denn, mein lieber Tho⸗ maſſinière.“ „Ihr ganz gehorſamer Diener, Herr Marquis.“ Als der Marquis fort war, ging Thomaſſiniére mit ſich zu Rathe, ob er wieder in den Salon zu⸗ rückkehren ſolle. Er entſchloß ſich endlich dazu und dachte ſogar, es ſei ſeine Pflicht, daß er damit be⸗ ginne, Dalville ein unfreundliches Geſicht zu machen, damit denſelben nicht die Luſt anwandle, die Wei⸗ ſung, die er ſeinem Schweizer zu geben dachte, zu übertreten. Dalville war mit Athalien allein geblieben. Wäh⸗ rend jedoch die Modedame den jungen Mann be⸗ klagte und ihn verſicherte, daß ſie Theil an ſeinem Unglück nehme, fiel ihr ein, daß man dieſen Abend ein neues Stück im Theater Frangais gebe und ſie rief:„Ich kann nicht umhin, es heute zu ſehen. Haben Sie eine Loge gemiethet, Herr Auguſt?“ „Ich miethe keine Logen mehr, Madame,“ ver⸗ ſetzte Dalville;„ich nehme mein Billet beſcheiden an der Kaſſe. Oft gehe ich ſogar auf den letzten Platz, ohne je mehr an einen Sitz auf dem prächtigen Pro⸗ ſcenium zu denken.“ „Sie gehen auf den letzten Platz!“ ruft Athalie aus, indem ſich ihre Züge verdüſtern.„Pfui, welche Schande!“ Einige Augenblicke nachher bemerkte die junge Kokette, daß Dalville's Stiefel einige leichte Koth⸗ flecken hatten.„Wie, mein Herr,“ rief ſie,„Sie, den ich immer in ſo vollkommener Fußbekleidung ſehe, Sie haben heute Flecken erhalten. Wahrhaftig, da⸗ ran erkenne ich Sie nicht.“ „Madame, auch das iſt eine Folge meines Miß⸗ geſchicks. Als ich noch ein Cabriolet hatte, war es mir leicht, immer vollkommen glänzende Stiefel zu haben; wenn man jedoch zu Fuße geht, muß man darauf gefaßt ſein, etwas weniger untadelhaft in ſeiner Tilette zu erſcheinen.“ „Wie! Sie haben Ihr Cabriolet nicht mehr?“ „Nein, Madame, ich habe es abgeſchafft, wie auch meinen kleinen Jokey; ich behielt nur meinen treuen Bertrand, der mir mehr Freund als Diener iſt, und von einem Freund trennt man ſich nicht, weil man Unglück hatte.“ „Wie doch! Allein es iſt ganz richtig, was Sie da ſagen,“ antwortete Athalie und trat vor einen Spiegel, um ihre Haarlocken zu ordnen.„Ach, mein Gott! wie blaß bin ich heute; man fürchtet ſich ja vor mir ich werde wieder meine Nervenübel bekom⸗ men, ich fühle es.“ In dieſem Augenblick trat Thomaſſiniere wieder in den Salon, wobei er ſich eine wichtigere Miene gab, bedeutender auftrat und bereits die Stirne run⸗ zelte, aus Furcht, man möchte Geld von ihm ent⸗ lehnen wollen. „Wer ließ Sie denn hinausrufen, mein Herr?“ fragte Athalie, indem ſie fortwährend in den Spie⸗ gel ſah. „Madame, es war eine Perſon, die mir eine ſehr „ 65 wichtige Nachricht mitzutheilen hatte und nicht ein⸗ treten wollte, weil ſie wußte, daß ich Beſuch habez denn es iſt gewiß, wenn man immer Beſuch hat, das genirt und ich will es ſo einrichten, daß ich Rie⸗ mand empfange, wenn ich in meinem Zimmer bin.“ „Wahrlich, Herr von Thomaſſiniére,“ ſagte Au⸗ guſt lachend,„ich würde es noch beſſer machen: ich würde einer Dame meiner Bekanntſchaft nachahmen, die, wenn ſie ſich noch nicht ihr Roth, Weiß und Blau aufgelegt und ihre Verſchönerungsverſuche noch nicht beendigt hatte, ſelbſt zur Thüre hinausrief: Ich bin nicht zu Hauſe.““ „Ach, das iſt ſehr komiſch,“ ſagte Athalie,„aber ich fühle mich unwohl.. ich will mich auf mein Ca⸗ napé werfen.“ Damit entfernte ſich die Modedame, Auguſt leicht mit dem Kopfe zunickend, und Thomaſſiniére fuhr fort, mit Berunzelter Stirne im Salon auf und ab zu gehen. „Nun, wie ſtehen die Geſchäfte, Herr von Tho⸗ maſſiniére?“ fragte Auguſt, ſich auf ſeinem Stuhle ſchaukelnd, während der Emporkömmling ſich nicht zu benehmen wußie. „Die Geſchäfte, mein Herr?. Aha, Sie wollen ſagen, die Spekulationen!“ „Sie verdienen immer viel Geld?“ „Ja, mein Herr, gewiß, man muß Geld verdienen, das iſt eine Pflicht, dazu iſt man geſchaffen.“ „Bei Gott, Sie müſſen mich Ihr Geheimniß auch lehren, denn ich habe nur verſtanden, Geld aus⸗ 66 zugeben und ich muß mich jetzt doch ändern: ich muß mich ebenfalls mit Reichwerden beſchäftigen.ich glaube, in dieſer Hinſicht kann ich mich an Niemand beſſer wenden als an Sie.“ In der Ueberzeugung, daß dieß nur eine Einlei⸗ tung von Auguſt iſt, um Geld von ihm zu entlehnen, ſtellte ſich Thomaſſiniere, als habe er ihn nicht ver⸗ ſtanden, ſah in ſeine Brieftaſche und ſagte:„Es feh⸗ len mir noch dreißigtauſend Franken zum Ankauf von Zielern, die man mir angetragen hat. dieß iſt ein prächtiges Geſchäft. Ich weiß zwar wohl, daß ich dieſe Summe leicht fände und ich dürfte nur den Mund öffnen, nur meinen Namen ſagen⸗ allein es iſt mir widerlich, weil ich es nicht leiden kann, zu Jemanden meine Zuflucht nehmen zu müſſen, und wäre es nur auf eine Stunde!... Ahl ich habe eine außerordentliche Delikateſſe in dieſem Artikel.“ Eine Zeit lang beluſtigte dieſe Komödie Auguſt⸗ endlich ſagte er:„A propos, Herr von Thomaſſiniére, wie befindet ſich Ihre Frau Mutter? die liebe Ma⸗ dame Thomas, deren Ankunft Ihnen das letzte Mal, wo ich bei Ihnen ſpeiste, ſo viel Vergnügen machte?“ Der Emporkömmling erröthete, biß ſich in die Lippen und ſtammelte;„Mein Herr, ſie befindet ſich ſehr wohl; ſie muß ſich wohl befinden; aber ſeit ich in England geweſen bin, gewiß, da hat man an Anderes zu denken. Und, ach Gott! es fällt mir ein, ich habe drei Briefe nach London zu ſchreiben: drei Mylords erwarten Nachrichten von mir wie leichtſinnig ich bin! Herr Dalville, ich kann nicht 4 67 länger bleiben; meine Geſchäfte rufen mich und die Geſchäfte gehen vor Allem.“ Mit dieſen Worten ging Thomaſſiniére ſchnell hinweg, ohne Auguſt zu grüßen, und ließ dieſen allein im Salon. „Der Dummkopf!“ fagte Dalville, nach ſeinem Hute greifend,„glaubt er denn, ich hätte die Ver⸗ änderung in ſeinem Weſen nicht bemerkt, ſeit er weiß, daß ich zu Grunde gerichiet bin.. und Athalie, ſie hatte ich für gefühlvoller gehalten. Doch, was läßt ſich von einer Frau erwarten, welcher Putz und Vergnügen Alles ſind! Und das iſt die Welt, worin Jeder glänzen will, deren Beifall man zu erringen ſtrebt und mit welcher man einen Theil ſeines Lebens zubringt! Sind denn alle dieſe Leute da wohl des Bedauerns werth, wenn man ſich von ihnen ausſchei⸗ det?“ Dalville verließ das Hotel Thomaſſiniére's mit dem Vorſatz, daſſelbe nicht wieder zu betreten. Fünftes Kapitel. Der fünfte Stock.* „Mein Lieutenant,“ ſagte Bertrand eines Mor⸗ gens zu Dalville,„wir haben Etwas in unſern Re⸗ formen vergeſſen, aber die Zeit des Quartals erin⸗ nert mich daran: ich meine die Wohnung. Sie wer⸗ den zugeben, mein Lieutenant, daß eine Wohnung für fünfzehnhundert Franken für unſer Budget zu 68 ſtark iſt, wo das Soll immer fortläuft, während das Haben noch ganz jungfräulich iſt.“ „Du haſt recht, Bertrand, wir müſſen auftün⸗ digen.“ „Als ich geſtern mit Strack davon ſprach, ſagte er mir, ein Engländer würde unſere Wohnung auf der Stelle nehmen, wenn wir dieſelbe verlaſſen woll⸗ ten; ich glaube daher, mein Lieutenant, es wäre das Klügſte, ſogleich auszuziehen..“ „Thue, was Du willſt, Bertrand.“ „Um ſo mehr, da gerade im fünften Stock eine Junggeſellenwohnung frei iſt, die uns anſtehen könnte: zwei Zimmer und ein großes Cabinet, wenn es Ihnen nicht entgegen iſt, in dieſem Hauſe zu bleiben.“ „Und warum? Muß ich denn über meinen Ver⸗ mögenswechſel erröthen? Ich bin von Schurken be⸗ trogen worden, habe aber Niemand betrogen. wir gehen vier Stockwerke höher hinauf; miethe die Jung⸗ geſellenwohnung.“ „Gut, mein Lieutenant! morgen ziehen wir ein; ich beſorge Alles. Man braucht keine Wagen zu be⸗ zahlen, das iſt wieder eine Erſparniß.“ Bertrand war es ſehr lieb, daß man im Hauſe ſeines Freundes Strack blieb, und am nächſten Mor⸗ gen, ſobald Dalville ausgegangen war, brachte er mit dem Portier die Möbel vom erſten in den fünf⸗ ten Stock. Da man jedoch den Inhalt von ſechs gro⸗ ßen Zimmern nicht in zwei kleine bringen kann, ſo ließ man Alles, was man für Luxus hielt, in der alten Wohnung zurück, und der neue Viethenann 69 kaufte es, wodurch Bertrands Kaſſe zu rechter Zeit eine anſehnliche Verſtärkung erhielt. Als Auguſt nach Hauſe kam, blieb er aus Ge⸗ wohnheit im erſten Stock ſtehen und klingelte, war⸗ tete aber vergebens auf Einlaß. Jetzt fiel ihm ein, daß er nicht mehr hier wohne und ſtieg die Treppen hinauf; aber unwillkürlich entfuhr ihm ein Seufzer und bei ſeinem Eintritt in die neue Wohnung preßte ihm der enge Raum derſelben, die Dächer, die ihm an jedem Fenſter in's Auge fielen, einen neuen Seuf⸗ zer aus. Man iſt Menſch, ehe man Philoſoph wird, und was man durch Nachdenken ſich aneignet, das beſiegt nicht ſo leicht die Stimme der Natur. Auguſt bemühte ſich indeß, zu lächeln, als Ber⸗ trand zu ihm ſagte:„Nicht wahr, mein Lieutenant, wir ſind recht gut hier? Es iſt klein, aber man hat Alles bei der Hand, und dann, wozu ſo viele un⸗ nütze Gemächer? Denn ſeit wir nicht mehr reich ſind, kommt beinahe Niemand mehr zu uns. Will man einen Spaziergang machen, ſo geht man fort. Doch hier iſt die Luft beſſer als im erſten Stock. und dann die Ausſicht vollends, wir ſehen über alle Häu⸗ ſer weg.“ „Ja, wir brauchen nicht mehr,“ ſagte Dalville. Bertrand, der gewahrte, daß das Lächeln ſeines Herrn etwas erzwungen war, ſetzte ſchnell hinzu: „Ich habe ſchon dort drüben an jenem Dachfenſter einen ſchönen jungen Mädchenkopf erblickt.“ „Wo denn?“ fragte Auguſt, an's Fenſter eilend. Paul de Kock, LXIX. 5 * 70 „Sehen Sie, dort, gerade gegenüber, wo das Fenſter offen ſteht. wir können bis in den Hinter⸗ grund des Zimmers ſehen, was ganz bequem iſt... dort iſt die Perſon, die ich eben geſehen hatte; ſie wird bemerkt haben, daß ſie ein neues Gegenüber hat, und läßt ſich, ſcheint es, gerne begaffen.“„ „Sie iſt wirklich hübſch, gutgewachſen, eine heraus⸗ Pfordernde Miene, nicht wahr, Bertrand?“ „So kommt es mir gerade auch vor, mein Lieute⸗ nant.“ „Sie arbeitet an einer Scheibe... eine Spitzen⸗ macherin?“ „Ah! Sie können ſich wohl denken, daß wir ge⸗ rade keine Herzoginnen in den Dachſtübchen ſehen werden.“ 3 „Man öffnet noch ein Fenſter, nebenan, ſiehſt Du, wo Wäſche aufgehängt iſt?“ „Ja, mein Lieutenant.“ .„Ah, Bertrand! ſiehſt Du die hübſche Blondine?“ „Ich ſehe nicht ſo gut als Sie, aber ich glaube, ſie iſt noch ein ſehr junges Mädchen.“ „Ich verſichere Dich, ſie iſt reizend, noch viel ſchöner als die Erſte, die uns immer anſieht. Gewiß, Bertrand, wir befinden uns vollkommen gut hier und dieſe Wohnung gefällt mir ſehr.“ 8 „Nicht wahr, mein Lieutenant, ſie iſt hübſch?2“ „Die Ausſicht allein entzückt mich.. konnte ich unten alle dieſe hübſchen ſehen?“ „Nicht leicht.“ „Ich bin entzückt, im jünſten Stock zu wohnen.“ 7 „Und ich bin enizückt, daß Sie zufrieden ſind, mein Lieutenant.“ Bertrand reibt ſich die Hände, weil er, Auguſts Schwäche ſchmeichelnd, dieſem ſeine Heiterkeit wie⸗ dergegeben hat, und Auguſt, zuerſt durch den An⸗ blick der Dächer traurig geſtimmt, konnte nicht mehr von ſeinem Fenßter abkommen, weil ihn die Woh⸗ nung der beiden hübſchen Frauenzimmer beſchäftigte. Die Nachbarin mit dem herausfordernden Blicke und der ungenirten Miene hatte die Augen nicht immer auf⸗ihrer Scheibe; ſie blickte nach dem jun⸗ gen Elegant, der ſich in einem Dachſtübchen einmie⸗ thete. Obgleich nicht mehr reich, hatte Auguſt doch nichts an ſeiner Toileite geändert; denn die eines gebildeten Mannes iſt immer dieſelbe, habe er nun etwas mehr oder weniger Einkommen. Allein Auguſt hatte eine ſehr gute Haltung und ausgezeichnete Ma⸗ nieren, und das ſchien die Neugierde der jungen Arbeiterin, die nicht immer ſo gute Geſellſchaft ſich gegenüber ſah, zu reizen. Bald legte ſie ihre Arbeit bei Seite, ging im Zimmer hin und her, ordnete in ihren Schubladen, zündete Feuer an, ſah in den Spiegel, rückte ihr Buſentuch zurecht und kochte ihr MWittageſſen: jede ihrer Handlungen war von einem Blick auf das Ge⸗ genüber begleitet. Auguſt, der Alles ſah, was in ihrem Zimmer vorging, blieb an ſeinem Fgenſter und wiederholte von Zeit zu Zeit:„Wahrhaftig, Vertrand, es iſt recht unterhaltend im fünften Stock.⸗ Auch nach dem Fenſter der hübſchen Blondine 7 * ſah er wieder; aber hier beſchränkte man ſich auf das Abnehmen der trockenen Wäſche und ſchloß ſo⸗ dann das Fenſter wieder, ohne auf den Nachbar einen Blick zu werfen. Indeſſen brach der Abend an und mit ihm die Stunde des Mittageſſens: Auguſt verließ das Fenſter und ging heiter ſeine fünf Trep⸗„ pen hinab. Abends jedoch kam er bälder nach Hauſe und öffnete ſein Fenſter, obgleich man mitten im Winter war. Er ſah Licht bei ſeinen Nachbarinnen; 4 die Arbeiterin hatte kleine Vorhänge, die nur bis zur zweiten Fenſterſcheibe hinaufreichten, und da ihr Fenſter niedriger lag als das Dalville's, ſo reichte deſſen Blick über die kleinen Vorhänge bis in das Innere des wohlbeleuchteten Zimmers: er ſah das junge Mädchen von ihrem Spiegel zum Kamin ge⸗ hen und von ihrem Kamin wieder zu dem Spiegel; ſie ſchien ganz mit ihrem Häubchen und einer Kaſſe⸗ role beſchäftigt, die ſie über dem Feuer hatte. „Denkt denn das junge Mädchen nur an ihre Küche?“ ſagte Auguſt zu ſich ſelbſt;„vorhin machte ſie ihr Mittageſſen, jetzt wahrſcheinlich ihr Nachteſſen: es ſcheint, daß es unter den Dächern nicht an Appetit fehlt; ja, Bertrand ſagte mir, die Luft ſei friſcher. Ah! da kehrt ſie wieder an ihren Spiegel zurück. Sie iſt kokett, wie ich merke; doch ihr Kopſputz iſt ſorgfältiger als dieſen Morgen. erwartet ſie viel⸗ leicht Geſellſchaft? Warum nicht? Darf man ſich in den Manſarden nicht eben ſo gut beluſtigen als an derswo? und ſollten die Reichen allein das Vergni gen haben, ihre Freunde bei ſich zu empfangen? Ihr — Freunde! was ſage ich da? Gerade im fünften Stock empfängt man ſolche; hieher kommen keine Schmeich⸗ ler, Schmarotzer und Ränkeſchmiede. Wahrhaftig, es iſt ſehr vortheilhaft, im fünften Stock zu wohnen. Ah, was ſehe ich?“ Auguſt ſah die junge Arbeiterin nach Zurecht⸗ ſetzung ihres Häubchens ihren Schnürleib, dann ihren Unterrock ausziehen und das Hemd wechſeln. Det junge Mann, die Augen unverwandt auf das Stüb⸗ chen gerichtet, wiederholte mit Feuer:„Sehr hübſch, ſehr hübſch! nie habe ich im erſten Stock etwas Schöneres geſehen. Ach! meine Wohnung iſt unbe⸗ zahlbar.“ Nach beendigter Toilette trug das Mädchen ihr Nachteſſen auf ein Tiſchchen und legte zwei Couverte zurecht.„Teufel!“ ſagte ſich Auguſt,„die Geſellſchaft, die ſie erwartet, beſteht nur aus einer Perſon und wird nicht zahlreicher ſein als in den Cabineten des Kehr⸗Um. Einerleiz ſehen wir dennoch, was geſchehen wird.“ Ein junger Mann in einer Jacke und mit einer Mütze von Luchspelz erſchien, der mit einem Freuden⸗ ſprunge empfangen wurde, was der junge Mann mit einem ſo derben Kuſſe beantwortete, daß Dalville ihn zu hören glaubte; er kratzte ſich hinter den Ohren. „Teufel, Teufel!“ ſagte er ſich,„ſoll ich fortwährend hinüberſehen? Warum nicht; man weiß dann wenig⸗ ſtens, woran man iſt.“ Das Nachteſſen ſtand auf dem Liſch, allein der Cavalier mit der Luchsmütze hatte mehr Liebe als Appetit: er fuhr fort, Küſſe zu rauben und, mit dem jungen Mädchen ſchäkernd, führte er es nicht gerade zum Tiſche.„Teufel!“ dachte Auguſt,„ich ſehe, man verſteht unter den Manſarden eben ſo gut zu lieben wie im erſten Stocke. Der Schlingel da in ſeiner Jacke weiß nicht ſchlechter damit umzugehen als der feinſte Verführer in einem Boudvir. Teufel, Teufel!“ Damit entfernte ſich Auguſt etwas ärgerlich vom Fenſter und brummte:„Es iſt nicht nöthig, daß ich noch mehr ſehe; dieſe Frauenzimmer, die ihre guten Freunde zum Nachteſſen einladen, ſollten ſich wenig⸗ ſtens Vorhänge anſchaffen, die bis oben an das Fen⸗ ſter hinaufreichen.“ Auguſt ging einige Zeit in ſeinem Zimmer hin und her, deſſen Runde bald gemacht iſt; Bertrand lag im Bette und ſchlief bereits. Auguſt betrachtete auf's Neue ſeine Wohnung und vermißte mehrere Mö⸗ beln, die ihm ſonſt in die Augen fielen, aber nicht in den fünften Stock heraufgebracht worden waren, wo nur das durchaus Nothwendige beibehalten wurde. Er fühlte wohl, daß dieſe Reform unumgänglich ge⸗ weſen, dennoch umwölkte ſich ſeine Stirne; er warf ſich auf einen Stuhl und peinliche Gedanken ſtürmten auf ihn ein. Es war ſchon ſehr ſpät, als er, um den düſtern Gedanken zu entgehen, wieder zum Fen⸗ ſter trat. Bei der jungen Arbeiterin brannte kein Licht mehr; es war ihm nicht unlieb, er hatte hier genug geſehen. Seine Augen ſielen auf das Fenſter, wo er die hübſche Blondine bemerkt hatte; aber ob⸗ gleich man dort einige Helle gewahrte, ſo hinderte — Uw 75 doch ein häßlicher und, wie es ſchien, an einigen Orten zerriſſener Vorhang, in das Zimmer zu ſehen. Nachdem er noch, an den hinkenden Teufel ſich erinnernd, auf einige Nachbarhäuſer geblickt hatte, wollte Auguſt, der keinen Asmodi zu ſeinem Befehl hatte, das Fenſter verlaſſen. Mitternacht war länsſt vorüber, tiefe Stille herrſchte in der Straße, hnd was, um neun Uhr Abends geſehen, heiter erſcheint, wird einige Stunden ſpäter zuweilen höchſt traurig. Doch noch einen Blick auf das gegenüberliegende Haus werfend, ſah Auguſt das Fenſter mit dem ſchlechten Vorhange ſich öffnen; eine Bewegung ziem⸗ lich natürlicher Neugierde hielt den jungen Mann noch zurück, und obgleich eben ſein Licht erloſchen war, wollte er dennoch ſeinen Platz nicht verlaſſen. Das Zimmer, das er jetzt ganz überſah, bot den traurigſten Anblick dar: nackte Wände, ein ſchlechter, in einen Winkel geworfener Strohſack, ein Tiſch, ein Paar Stühle waren Alles, was man an dieſem Orte fand, wo Jammer und Elend ihren Wohnſitz aufgeſchlagen zu baben ſchienen und wo das glim⸗ mende Licht einer Lampe nur ſchwache Helle verbreitete. Ein ſehr bejahrter Mann war allein im Zimmer: ſeine Kleidung, obgleich armſelig, war doch nicht die des gemeinen Arbeiters, ſeine Haare waren weiß, ſeine Züge ſchienen angegriffen und Alles an ihm, ſein ganzes Weſen deutete auf Verzweiflung und eine düſtere Hemüthsaufregung. Beim Anblick dieſes Greiſes fühlte Auguſt ſein Herz beengt; ſchon war es nicht mehr bloße Neu⸗ 76 gierde, die ihn leitete: Theilnahme, eine geheime Un⸗ ruhe geboten ihm, jeder Bewegung des Alten zu folgen. Nachdem der Greis das Fenſter geöffnet, ging er vorſichtig in den Hintergrund des Zimmers; er ſchien zu lauſchen. Sachte öffnete er die Thüre ei⸗ nes kleinen Cabinets, in dem Auguſt ein Bett er⸗ blickte. Ohne Zweifel lag hier Jemand und ſchliefz denn der Greis blieb einige Augenblicke unbeweglich in Betrachtung der ſchlafenden Perſon verſunken, dann wiſchte er mit der Hand die Thränen ab, die ihm aus den Augen rannen. Nach einer Weile trat er, ſorgfältig jedes Geräuſch vermeidend, näher und drückte einen Kuß auf die Stirne der ſchlafenden Perſon; er ſchien ſich nicht von ihr losreißen zu können und in ihrem Anſchauen nicht müde zu wer⸗ den. Jetzt fiel er auf die Kniee nieder, ſeine Hände erhoben ſich gefaltet gen Himmel: er ſchien ihn für das Weſen anzuflehen, von dem ſich zu trennen ihn ſo viele Ueberwindung koſtete; endlich ſtand er auf, entfernte ſich ſchnell aus dem Cabinet und ſank wie vom Schmerze niedergedrückt auf einen Stuhl. In dieſem Augenblick vermochte Auguſt nicht mehr recht zu unterſcheiden; ſeine Augen füllten ſich mit Thränen und, ohne daß er es gewahrte, floßen ihm die Zähren über die Wangen herab. Plötzlich aber ſtand der Greis, nur noch ſeiner Verzweiflung Raum gebend, auf, ſchritt dem Fen⸗ ſter zu, warf einen letzten Blick hinter ſich und nahm einen Anlauf. Schon war ſein Fuß auf dem Dache, 4 3 da ertönte ein Angſiſchrei:„Halt, halt!“ Dieß wa⸗ ren die einzigen Worte, die Auguſt ausſprechen konnte; er ſelbſt bengte den Körper halb zum Fenſter hinaus und wagte nicht, vom Platze zu weichen, aus Furcht, während er hinabeile, möchte der Greis ſeinen un⸗ heilvollen Entſchluß ausführen. Auguſts Schrei traf das Ohr des Unglücklichen; er hielt inne, wendete den Kopf nach dem Cabinet: er glaubte, von hier ſeien die Töne hervorgegangen, die bis zu ſeinem Herzen drangen. Seine Kraft ver⸗ ließ ihn, die düſtere Wuth, die in ihm tobte, machte der Schwäche der Erſchöpfung Platz, die ſtets auf nneröſe Bewegungen folgt. Er ſank auf einen Stuhl, der Name einer Frau entfuhr ſeinem Munde, ſeine Thränen floßen auf's Neue.„Ich kann hinabgehen,“ ſagte ſich Anguſt,„ich habe Zeit, mich zu ihm zu begeben.“ Dann eilte er zu ſeinem Sekretair, nahm ſeine Brieftaſche heraus und eilte, immer mehrere Stufen überſpringend, die Treppe hinab. Er weckte Strack, ließ ſich öffnen und klopfte an der Hausthüre des Greiſen. Bei ſeinen wiederholten Schlägen glaubte der Portier, es ſei Feuer im Hauſe ausgebrochen und ein dienſifertiger Vorübergehender komme, ihn davon zu unterrichten; ſchnell ſtand er auf, öffnete im Hemd die Thüre und ſtotterte noch halb im Schlafe: „In welchem Kamin?. wo ging es aus? iſt es ſchon heftig?... Frau! Frau!.. die Pompiers!“ „Beruhigen Sie ſich, es iſt nichts,“ ſagte Auguſt, „allein ich muß durchaus den Greis im fünften Stock ſprechen hier„ Damit drückte Auguſt dem Portier ein Fünffran⸗ kenſtück in die Hand und ſtieg eilends die Treppen hinan, während er den Portier augenreibend und das erhaltene Geldſtück betrachtend zurückließ, wo⸗ rauf dieſer noch auf die Straße hinausging, um ſich zu überzeugen, daß nirgends Rauch aufſteige. Oben angekommen nahm Auguſt das durch eine ſchlechtſchließende Thüre durchſchimmernde Licht zum Führer.„Wer iſt da?“ fragte der Alte, verwundert, daß ſo ſpät noch Jemand komme. „Oeffnen Sie, ich bitte Sie,“ entgegnete Auguſt; „es iſt ein Freund, Jemand, der Ihre Thränen trock⸗ nen will.“ Das Wort:„ein Freund“ ſchien den Unglücklichen in Verwunderung zu ſetzen. Er entſchloß ſich indeß, zu öffnen, und blickte erſtaunt den jungen Mann an, der ihm um ein Uhr nach Mitternacht ſeine Dienſte anbot und deſſen Züge ihm völlig unbekannt waren. Doch aus Auguſts Geſicht leuchtete Sanftmuth, ſeine Züge drückten eine zarte Theilnahme für den Greiſen aus, und dieſer ließ ihn in ſeinen armſeligen Aufent⸗ halt dringen, während er ſtotterte:„Was wollen Sie, mein Herr?“ „Sie tröſten, Sie von der Verzweiflung retten.“ „Mein Herr, wer ſagte es Ihnen?“ „Ich ſah Sie ſo eben: Sie waren im Begriff, ein ſchreckliches Vorhaben auszuführen.“ „Ach, mein Herr! Ihre Stimme alſo arme Anna! ich glaubte, es ſei die Deinige doch ſie ſchlief. ſie ruht noch. Ach, mein Herr, ich beſchwöre S2 — † Sie nie möge ſie erfahren.. und doch was ſoll ich noch auf der Welt thun, ohne Brod, ohne Hülfsquelle? Sie arbeitet ſich zu Tode, um mich zu erhalten! Um meinetwillen legt ſie ſich jede Entbeh⸗ rung auf!“ Hier überließ ſich der Unglückliche auf's Neue ſeinem Schmerz; er gewahrte nicht, daß er dabei ſeine Stimme ßteigerte. „Stille!“ ſagte Auguſt zu ihm,„Sie werden ſie aufwecken. Sprechen wir leiſe.. erzählen Sie mir Ihren Kummerz ich wiederhole Ihnen, ich will dem⸗ ſelben ein Ziel ſetzen.“ Der Ton Auguſits, die Rührung in ſeiner Stimme flößten dem unglücklichen Vater Vertrauen ein;z er ſetzte ſich zu dem jungen Mann, ſo entfernt als mög⸗ lich von dem kleinen Cabinet, und begann mit halb⸗ lauter Stimme ſeine Erzählung:„Ich bin nicht in Armuth geboren, mein Herr, und gerade das iſt viel⸗ leicht mein Unglück! Meine Familie war angeſehen und ihr Name... „Den verlange ich nicht, Herr, ich brauche Ihren Namen nicht zu wiſſen, um Ihnen nützlich ſein zu wollen; nur Ihr Unglück will ich erfahren.“ Das Staunen des Alten ward hier größer und mit einem neuen Blick auf Auguſt fuhr er in ſeiner Erzählung fort:„Ich erhielt eine oberflächliche Er⸗ ziehung, allein ich ſollte eines Tags zwanzigtauſend Franken Renten erben und man verſicherte mich, dazu wiſſe ich immerhin genug. Schon frühe wurde ich mein eigener Herrz eifrig jagte ich den Vergnügungen nach; beſonders liebte ich das verführeriſche Geſchlecht, von dem ich uſchts Böſes ſagen därf, weil meine Anna ihm angehört. Doch blindlings überließ ich mich meinen Leidenſchaften und verſchwendete mein Vermögen mit Maitreſſen, die mich betrogen, und falſchen Freunben, die mir zu meinem Ruine halfen.“„ Hier konnte ſich Auguſt eines Seufzers nicht er⸗ wehren, doch gab er dem Greis ein Zeichen, fort⸗ zufahren. „Zuweilen nahm ich mir vor, ordentlich zu wer⸗ denz allein ich hatte nicht die Kraft, den Rathſchlä⸗ gen der Vernunft Gehör zu ſchenken. In meinem neununddreißigſten Jahr war mein ganzes Vermögen durchgebracht und ich jeder Arbeit völlig ungewohnt. Damals wollte ein liebenswürdiges Weib, das mich um meiner ſelbſt willen liebte, ihr Schickſal an das meinige ketten: ſie war etwas wohlhabend, nahm mich zum Gatten und ſchenkte mir meine Anna. Ich hätte glücklich ſein können; allein die Gewohnheit⸗ eitlen Vergnügungen nachzujagen, große Geſellſchaf⸗ ten zu beſuchen, hatte mir übertriebene Ausgaben zum Bedürfniß gemacht. Ich wollte meiner Gattin denſelben glänzenden Putz verſchaffen, den ich bei Andern geſehen hatte; es brachte mich auf, wenn ich Caſhemirs an Frauen ſah, die derſelben nicht wür⸗ dig waren. Umſonſt ſagte ſie mir, daß ihr meine Liebe allein genüge: ich überredete mich, ſie ver⸗ berge mir ihre geheimen Wünſche und leide tauſend Entbehrungen. In der Abſicht, unſer Vermögen zu vermehren, beging ich allerlei Thorheiten: ich ſpielte, 8¹ verſetzte unſer Gut und brachte die in's Elend, die ihr Geſchick in meine Hände gelegt hatte. Jetzt meine Irrthümer erkennend, wollte ich eine Anſtellung ſu⸗ chen, allein ich war nicht mehr jung und konnte nicht dazu gelangen. Gewiſſensbiſſe nagten an meinem Herzen, bleichten frühzeitig meine Haare: ich ſcheine Ihnen ſehr alt und noch zähle ich nicht ſechszig Jahre. Meine Gattin machte mir nie einen Vorwurfz ſter⸗ bend empfahl ſie mir unſere damals acht Jahre alte Tochter. Ich bemühte mich, aus einigen Talenten Nutzen zu ziehen; allein ſie waren nur gering.. ich wurde alt und fand nur ſelten Beſchäftigung. Indeß wuchs meine Anna heran und ſchon arbeitete ſie für den Unterhalt ihres unglücklichen Vaters. Wenn Sie wüßten, mein Herr, wie Vieles ich ihr ſchuldig bin. wie manche Nacht ſie gewacht hat, um ihren Erwerb zu vergrößern! Für ſie gibt es keine Ruhe, kein Ver⸗ gnügen! Und doch kommt nie eine Klage aus ihrem Mundt ſie iſt es, die mich tröſtet, wenn ſie mich nie⸗ dergeſchlagen ſieht, wenn ich mir Vorwürfe mache über mein vergangenes, regelloſes Leben. Ach, mein Herr, ich ſuche mein Unrecht nicht zu verbergen... meine Thorheiten ſind es, die mein und meiner Frau Vermögen ruinirten. Meine Tochter könnte glücklich ſein und ſeit zehn Jahren ſind Arbeit und Thränen ihr einziger Theil; ich allein bin Schuld daran. Denken Sie jetzt noch, daß ich Ihres Mitleids würdig ſei?“ „Ja, mein Herr,“ ſagte Auguſt und brückte dem Unbekannten die Hand.„Was trieb Sie aber dieſe Nacht zu einem ſo unſeligen Entſchluſſe?“ „Meiner Fehler ungeachtet hielt ich ſteis auf Ehre; ich verſchwendete mein Vermögen, aber ich habe mir wenigſtens nicht vorzuwerfen, je meinen Verpflichtungen nicht nachgekommen zu ſein. Vor zwei Jahren traf ich einen Mann, den ich zur Zeit meines Reichthums gekannt hatte; er kam mir ent⸗ gegen und nannte mich noch ſeinen Freund. Ich er⸗ zählte ihm meine Noth; da bot er mir ſeine Börſe an und lieh mir zwölfhundert Franken.„Sie können mich nach Ihrem Belieben wieder bezahlen, ſagte er zu mir. Ach! eine langwierige Krankheit verhinderte mich, Etwas zu erwerben; dennoch verlangte mein Gläubiger nichts von mir... aber der brave Mann, der jetzt einen Handel betreibt, hat ſelbſt ſchlechte Geſchäfte gemacht und mehrfache Verluſte durch Fal⸗ limente Anderer erlitten. Vor zwei Monaten fragte er bei mir an, ob ich ihn befriedigen könnez es war mir unmöglich. Er machte mir nicht den geringſten Vorwurf und kam nicht wieder; geſtern aber erfuhr ich, daß ihn ein barbariſcher Gläubiger wegen einer Summe von tauſend Franken in's Gefängniß werfen ließ. Dieſe Nachricht brachte mich zur Verzweiflung! Hätte ich meine Schuld bezahlt, ſo würde der ehren⸗ werthe Mann ſich ſeiner Freiheit noch freuen. Ach! ich zog alle Diejenigen mit in mein Unglück, die Theil an mir nahmen; meine Anng entbehrt Alles für ihren Vater. Ha, mein Herr, ſoll ich noch län⸗ ger ein Leben erhalten, das eine Laſt für mich iſt?“ Auguſt zog hier ſeine Brieftaſche heraus, nahm drei Bankbillete von je tauſend Franken aus derſel⸗ 83³ ben und ſchob ſie dem Alten in die Hand mit den Worten:„Bezahlen Sie die zwölfhundert Franken, die Sie ſchuldig ſind, und mit dem Uebrigen kaufen Sie Ihrer Tochter ein kleines Etabliſſement. Ich bin überzeugt, jetzt werden Ihnen glücklichere Tage aufgehen.“ Der Greis wußte nicht, ob er das Spielzeug ei⸗ nes Traumes ſei; dieſe Wirklichkeit ſchien ihm ſo außerordentlich, daß er noch nicht wagte, ſich ſeiner Freude zu überlaſſen. Bald ſah er Dalville, bald die Bankbillete in ſeiner Hand an.„Mein Gott!“ ſtotterte er hervor,„iſt's möglich? dieſes unverhoffte Glück!.. Guter junger Mann!... Verzeihung, mein Derr!... Doch Sie ſind ein Engel, den der Himmel zu uns ſendet.“ „Nein, ich bin kein Engel,“ ſagte Auguſt lächelnd, „ich habe im Gegentheil alle Schwachheiten der Sterh⸗ lichen, fühle mich aber glücklich, zwei Unglücklichen mit ſo Wenigem nützlich ſein zu können.“ „Aber, mein Herr, dieſe Summe iſt beträchtlich!“ „Doch viel zu gering für die Lehre, die Sie mir gegeben haben.“ „Wie?“ 3 „Adieu, mein Herr. Es iſt ſehr ſpät, überlaſſen Sie ſich der Ruhe, Sie bedürfen ihrer und ich hoffe, Sie werden nun einer ſüßeren genießen.“ „Wie, Sie wollen uns ſchon verlaſſen! Ach, laſſen Sie mich meiner Tochter mittheilen, was ich Ihnen verdanke; erlauben Sie ihr, daß auch Sie unſerm Wohlthäter ihren Dank darbringt. Ha, Sie kennen 84 meine Anna nicht! Sie iſt eben ſo ſchön als gut! Ihr Anblick wird Ihnen erſt die Größe deſſen fühlbar machen, was Sie für mich gethan haben, indem Sie mir die Mittel geben, das theure Kind glücklich zu machen!“ Bei dieſen Worten ſchritt der Alte dem Cabinete zu, doch Auguſt hielt ihn zurück und flüſterte ihm zu:„Ich bitte, wecken Sie ſie nicht; ein ander Mal werde ich ſie ſehen; ſtören Sie ihren Schlaf nicht.“ „Sie wollen es, mein Herr, ich gehorche Ihnen;z doch bitte ich um Ihren Namen, damit ich weiß, weſſen Schuldner ich bin.“ „Morgen werde ich ihn Ihnen ſagen.“ „Der meinige, mein Herr, iſt Dorfeuil; Sie ſol⸗ len denjenigen kennen, den Sie dem Leben, der Ehre wieder geben.“ Auguſt entzog ſich den weiteren Dankesäußerungen des Greiſen und verließ endlich die Stätte, in die er Freude und Ruhe gebracht hatte. Heiter eilte er die fünf Stockwerke hinab und zufriedener als je ſagte er zu ſich:„Dieſe zwei Perſonen habe ich vor der Verzweiflung gerettet, und dafür brauche ich mir nur vorzuſtellen, Deſtival habe mir tauſend Thaler mehr geſtohlen.“ Als er in ſeine Wohnung zurückkam, legte er ſich ebenfalls zu Bette und erwachte erſt am hellen Mor⸗ gen wieder. „Es ſcheint mir, mein Lieutenant, Sie haben nicht übel in Ihrer neuen Wohnung geſchlafen?“ ſagte Bertrand, in Auguſts Zimmer tretend⸗ 85 „In der That, ich glaube, ich habe nie ſo gut in meinem erſten Stock geruht.“ Indeß ſah der alte Corporal mit Erſtaunen, daß ſein Herr nicht ein einziges Mal an das Fenſter trat. Gegen Ende des Tages drückte er ihm ſeine Ver⸗ wunderung darüber aus:„Gefällt Ihnen unſere Aus⸗ ſicht nicht mehr, mein Lieutenant?“ „Nein, mein Freund, ich habe überlegt und dachte, es ſei gefährlich, in Anderer Wohnungen zu ſehen.“ „Es ſcheint mir indeß, Sie hatten ganz hübſche Sachen erblickt, mein Lieutenant?“ „Aber auch ſehr traurige; Alles wohl erwogen, halte ich es für beſſer, ſich nicht um das zu kümmern, was bei den Nachbarn vorgeht.“ Auguſt hatte einen andern Grund, daß er nicht mehr an das Fenſter trat: er mochte von dem Greiſe, der ihn erkannt hätte und zu dem er nicht mehr zurückkehren wollte, nicht geſehen werden. Auguſt wußte, daß die Tochter des armen Dorfeuil reizend war; er fürchtete ſeine eigene Schwäche und wollte ſich nicht der Gefahr ausſetzen, ſeine gute Handlung zu beflecken. Sechstes Kapitel. Die Griſetten im Dorfe; die Abenngeſeltſchaft und das Geſpenſt. 6 „Wir gehen nicht mehr zu Herrn Auguſt!“ hatte Deniſe geſagt, als ſie in ihr Dorf heimkehrte, und Paul de Kock. LXIx, 6 86 als die Tante ſie fragte, ob der vornehme Pariſer Herr ſie nicht gut empfangen habe, konnte die Kleine bloß weinen und murmelte:„Wir ſind mehr als drei Stunden bei ihm geblieben und nur eine Minute hat er mit uns geſprochen!“ „Wie, meine liebe Freundin, er hat Dir nicht für Deine Hühner gedankt; er hat Dir kein Compliment für meinen Kuchen gemacht?“ „O doch, meine Lante.“ 1 „Was wollteſt Du denn weiter, mein Kind? In Paris, ſiehſt Du, hat man immer ſo viel zu thun, daß Einem nicht viel Zeit zum Sprechen übrig bleibt; es iſt nicht wie bei uns.“ Deniſe ſagte ihrer Tante nicht, daß Dalville ihr nicht einmal für ihr Geſchenk gedankt hat, denn das hätte Mutter Fourch böſe gemacht, und die Kleine hoffte immer noch, der junge Mann werde ſie be⸗ ſuchen, und im Dorfe iſt er ja ſo liebenswürdig, daß ſie alsdann ſeine Kälte in der Stadt vergeſſen will. „Und,“ fragte Mutter Fourey,„was ſagte er Dir über die Verwendung des Geldes, mein Kind?“ „Nichts, meine Tante.. das heißt, wir ſollen damit machen, was wir wollen.“ „Dann muß man das Häuschen bauen, den Gar⸗ ten anlegen.. das iſt dann Coco's Eigenthum.“ „Ja, meine Tante.“ Das junge Mädchen ließ ihre Tante in Allem gewähren; es lag ihr nichts mehr am Herzen. Ihre Traurigkeit ſchien mit jedem Tag zuzunehmen; ſelbſt des Kindes Liebkoſungen vermochten nicht, ſie zu zer⸗ 87 ſtreuen. Sie ſuchte in der Arbeit Vergeſſenheit ihres Grams, aber mitten unter den ländlichen Beſchäfti⸗ gungen, die ſonſt ihr Glück ausmachten, hielt Deniſe häufig inne, ſeufzte und blieb öfters mehrere Minu⸗ ten unbeweglich und, nachdenkend. Wenn ſie Mutter Fourep in ſolchen Anfällen von Traurigkeit überraſchte, ſo eilte dieſe auf ſie zu und rief aus:„Aber was haſt Du denn, meine Kleine?“ „Nichts, meine Tante,“ antwortete alsdann De⸗ niſe, indem ſie ſich zu einem Lächeln zwang. „Aber Du ſtandeſt da, ohne Dich zu rühren, und Du ſprachſt kein Wort!“ „Weil ich nachdachte, meine Tante.“ „Ueber was denn, mein Kind?“ „Ich erinnere mich nicht mehr daran.“ „Du biſt krank.“ „Ich weiß nicht.“ „Wahrlich, ich ſehe es wohl! Du magerſt ab, Du wirſt blaß, Du iſſeſt nicht mehr. man muß Dich verheirathen, mein Kind.“ „O nein, meine Tante, ich will nicht. 4 „Dann mußt Du Arznei nehmen, mein Kind, denn Etwas mußt Du doch wohl gebrauchen.“ Mutter Fourch war der Anſicht, daß nur ein Mann oder eine Arznei Deniſen ihre Farbe wieder geben könne; allein die Kleine verſicherte, daß dieſe mit der ſchönen Jahreszeit wiederkommen werde, weil ſie hoffte, daß der Frühling Auguſt wieder in's Dorf führen würde. Im Winter ſind die Lage ſehr lang, beſonders 88 für ein junges Landmädchen, das kein Vergnügen an den Abendzuſammenkünften findet, das nur mit Wi⸗ derwillen die Reden der jungen Burſchen anhört, und Niemand hat, für den es ſich zu ſchmücken wünſcht. Wenn man auch noch einigen Reiz darin findet, unter dem Schatten einer Eiche zu träumen, wenn auch der Anblick der grünen Triften und Gehölze die Qualen der Liebe etwas mildert, ſo muß das Innere eines Bauernhofs, das Geſchnatter der Gänſe und Enten 15 für ein Herz, das Stille und Einſamkeit ſucht, un⸗ erträglich ſein. Gezwungen, ihre Traurigkeit ihrer Tante zu ver⸗ 16 bergen, blieb Deniſe in ihrem Zimmer und blickte auf die Straße nach Paris hinaus. Eines Tages, wo eine ſchöne Eisdecke den Boden geſäubert hatte und die Sonne den alten blätterloſen Bäumen noch einige Reize verlieh, hörte Deniſe vom Fenſter ihres Zimmers aus auf dem zum Hauſe füh⸗ renden Fußpfade ſprechen und lachen. Dieſe Stim⸗ men gehörten nicht dem Dorfe anz es waren in der That auch zwei ſtädtiſch gekleidete Damen, die den mit Weiden beſetzten Weg herabkamen, mitunter um ſich her blickten und nicht recht zů wiſſen ſchienen, wohin ſie wollten, bei jedem Schritte ſtehen blieben, lachten, und ſich, um auszuruhen, an die Hecke lehn⸗ ten, die den Weg begrenzte. Deniſe erkannte eine der Damen als diejenige, die ſie in Paris bei Auguſt getroffen und die ſie bis an den Wagen begleitet batte, indem ſie ihr die leb⸗ hafteſte Theilnahme bezeugte. Der Anblick einer Per⸗ 89 ſon, die Dalville kannte, die ihr vielleicht Mitthei⸗ lungen über ihn machen konnte, verurſachte dem jungen Mädchen großes Vergnügen; ſie ſprang daher aus ihrem Zimmer und lief den beiden weiblichen Reiſenden entgegen. Deniſe hatte ſich nicht geirrt. Virginie, die zu⸗ weilen an das ſchöne Landmädchen dachte, das ſie bei Auguſt getroffen, hatte mit einer ihrer Freundin⸗ nen von ihr geſprochen; dieſe Freundin war eine große, hübſch gewachſene Brünette von dreißig Jah⸗ ren, deren Blick aber einen Sapeur eingeſchüchtert hätte, eine Nätherin ihres Handwerks, die jedoch das Theater leidenſchaftlich liebte und Zwirn und Nadel vernachläßigte, um auf Geſellſchaftstheatern tragiſche Prinzeſſinnen und Heldinnen von Melodramen zu ſpielen. Ungeachtet ihrer entſchloſſenen Miene war die Liebe Cäſarinens ſchwache Seite, welche immer ein Liebesverhältniß im Flor hatte, und ſie wäre ge⸗ wiß ganz auf die Bühne gegangen, wenn ſie ein An⸗ ſtoßen mit der Zunge hätte überwinden können, wor⸗ nach ſie zu ihrem Geliebten ſagte: Ich liebe Sie innig und ich ſäze Sier⸗ Uebrigens war Mamſell Cäſarine ſehr gutmüthig und unfähig, den Geliebten einer Freundin verführen zu wollen. Ein ſchöner Wintertag brachte Virginie auf den Gedanken, nach Montfermeil zu gehen. Beim erſten Wort„auf's Land⸗ rief Cäſarine aus:„Ich gehe mit Dir, meine Shane ich bedarf gerade heute der Zerſtreuung... Theobor hat mir Streiche geſpielt.. ach, wir wollen Deih kleines Bauernmäd⸗ 90 chen beſuchen, wir wollen Milch trinken und das wird meine trüben Ideen ein wenig beſwichtigen.“ „Gehen wir dahin,“ antwortete Virginie,„ich kenne zwar die Adreſſe nicht zum Beſten, allein ich weiß, daß es in Montfermeil iſt.. und habe meine Zunge eben nicht in der Taſche.“ „Ach, wir werden es bald gefunden haben!.. Ich würde Theodor entdecken und wenn er am an⸗ dern Ende von Paris wäre... glaubſt Du, ich werde das Dorf nicht bald durchmuſtert haben?“ „Ich ſtelle Dich als meine Verwandte vor, weil man doch für Jemand gelten muß.“ „Sei ruhig!... Habe ich nicht Semiramis ge⸗ ſpielt?. trete ich nicht wie eine Königin auf?“ „Ich weiß wohl, daß Du Semiramis geſpielt haſt, aber manchmal würde man doch daran zweifeln.“ „Nun, nehmen wir Fiaker und reiſen wir ab.“ „Ja. o, ich weiß gewiß, daß die Kleine mich gut aufnehmen wird. Meine Liebe, es iſt eine wahr⸗ hafte Tugend, die wir da ſehen werden.“ „Deſio beſſer; ich liebe nur noch die Unſuld⸗ ſeit der Surke von Theodor mir untreu Feworden iſt.“ „Ach Gott! wirſt Du mir auf dem ganzen Weg von Deinem Theodor vorſchwatzen? das wäre unter⸗ haltend!.. Halt, es hat noch eine Schwierigkeit... ich habe keinen Sou.“ „O, ich habe Geld für uns Beide.. warte, bis ich zähle.. ich habe noch hundert und fünfzehn Sous.“ „Damit könnten wir bis an den Miſſiſſipi reiſen; 9¹ ziehe das Sonntagskleid an und lege den inländi⸗ ſchen Caſhemir um und jetzt auf den Weg.“ Fräulein Cäſarine hatte das varadiesvogelfarbige Kleid angezogen, das die Sonne in gelbe Farbe verwandelt hatte, und den ehemals ſcharlachrothen Shawl umgelegt, deſſen Palmen ſich ſo ſehr mit dem Grund verſchmolzen hatten, daß man ſie kaum unter⸗ ſcheiden konnte. Wenn man jedoch große Leivenſchaf⸗ ten hat, bringt man zuweilen Opfer, und Mamſell Cäſarine zog einen Blick von dem Manne ihrer Wahl den Diamanten eines ruſſiſchen Fürſten vor; in die⸗ ſem Punkte war ſie von Virginien völlig verſchie⸗ den. Dieſe Frauenzimmer hatten in dem Wagen Plätze erhaltenz es waren nür zwei alte Bauern darin, vor welchen ſie auf dem ganzen Weg die Zunge hergus⸗ ſtrcäten, weil ſie gefunden halten, daß ſie übl rochen. Endlich langten ſie in Montfermeil an und nachdem Virginie ſich nach der Wohnung Deniſens befragt, hatte man ſie auf den Fußſteig gewieſen, wo das! junge Mädchen ſie eben gewahrt hatte. „Meine liebe Freundin,“ ſagte Cäſarine,„ich ſehe vas länvliche Dach Deiner kleinen Belanntſaft nicht, fange aber an, einen ganz ſoliden Hunger zu bekommen.“ „Warte, es muß hier in der Nähe ſein.“ „Wie ſön der Morgen iſt.. wenn der undank⸗ bare Theobor bei uns wäre..“ „Ja, um Dir Deine hundert und zwanzig Sous in einer Mahlzeit durchzubringen! Gott, wie dumm 92 viſt Du voch, ſo in einen Menſchen vernarrt zu ſein, der Dich zu Grunde richtet. immer vorwärts!“ „Meine Theure, ſtärker als ich iſt meine Liebe; vergebens ſage ich mir:„Du mußt ihn vergeſſen!““ „Wenn Du willſt, ſo werde ich es Dir ſingen⸗ das wird vielleicht wirkſamer ſein.“ „Ach, er hat einen ſo ſönen Backenbart. die⸗ ſer hat mich zuerſt verführt!“ „Du hätteſt ihn nöthigen ſollen, ihn wegzura⸗ ſiren.“ „Du ſerzeſt immer.. wie glücklich Du biſt, Vir⸗ ginie! Di weißt nicht, was eine heftige Leidenſchaft iſt!“ „Bah! ich habe ſchon mehr gehabt als Du!.. Ah! ſiehſt Du dieſes hübſche Haus.. dieſen Meier⸗ hof. da iſt es ohne Zweifel.“ „Ich glaube nicht, daß Dein Landmädchen eine ſo ſöne Wohnung hat.“ „Warum denn nicht? Hätteſt Du die ſchönen Hüh⸗ ner geſehen, die ſie Auguſt brachte, ſo würdeſt Du Dich nicht mehr wundern.“ Deniſens Ankunft macht der Ungewißheit der bei⸗ den Damen ein Ende. Die Kleine kam Virginien entgegen, küßte ſie und verbeugte ſich achtungsvoll vor Cäſarinen, welche verwundert ausrief:„Wie? das iſt das junge Landmädchen?.. Ach! wie hübſ' ſie iſt! Gott, welches ſöne Geſicht! Ach, wie bin ich froh, daß Theodor nicht gekommen iſt!“ Virginie gab Cäſarinen einen Stoß mit dem Fuße, um ſie zum Schweigen zu bringen und ſagte zu De⸗ 393 niſe:„Sie ſehen, meine liebe Freundin, ich habe Sie nicht vergeſſen und bin ohne umſtände gekom⸗ men, Sie zu beſuchen. ich brachte eine Verwandte mit. es wird Sie nicht beläſtigen.“ .„O nein, Madame, im Gegentheil, es freut mich ſehr. es iſt ſehr liebenswürdig von Ihnen, daß Sie kommen... meine Tante wird erfreut ſein, Sie und Madame zu ſehen.“ „Wollen Sie mir erlauben, daß ich Sie eben⸗ falls küſſe, mein Kind?“ fragte Cäſarine. „Ja, Madame, mit Vergnügen.. doch kommen Sie. treten Sie bei uns ein.„ Sie haben viel⸗ leicht noch nicht zu Mittag geſpeist?“ „So iſt es, meine Liebe. ich aß nur ein Stück Wurſt beim Aufſtehen.“ „Ja,“ ſagte Virginie, Cäſarine abermals auf den Fuß tretend,„meine Verwandte und ich.. wir füh⸗ len, daß die friſche Luft Appetit macht. doch wir waren eben im Begriff, nach dem Gaſthaus zu gehen.“ „Ach, Madame, ich hoffe, Sie werden bei uns bleiben; es wäre gar nicht ſchön, uns zu verſchmähen.“ „Gott! wie hübſ' ſie iſt. ſie hat Theodors Naſe!“ „Wir nehmen es an, meine liebe Deniſe, weil es Sie nicht veläftigt. Zudem macht das Unbedeu⸗ tendſte. bei Perſonen, die man gerne hat„mehr Vergnügen als die ausgeſuchteſten Gerichte, die man anderswo finden würde.“ Stait aller Antwort eilte Deniſe voraus, um ihre Tante zu benachrichtigen, und Virginie ſagte zu ihrer 94 Freundin:„Gib doch Acht auf Deine Reden und nimm eine gebildetere Haltung an... mit Deinem Theodor, den Du überall anbringſt!“ „Und Du, Du verwickelſt Dich immer in Phra⸗ ſen, aus denen Du nicht mehr herauskommſt!“ „Einerlei.. das gefällt den Bauern; ſie ver⸗, ſtehen es nicht, finden es aber prächtig.“ „Gut, ich werde ſagen, Theodor ſei mein Mann, der ſich bei der Armee befindet.“ Unter dieſem Geſpräch gelangten die Damen in den Hof des Hanſes, und die Gänſe, die Enten, der Hund und die Ziege überraſchten ſie durch ein uner⸗ wartetes Concert. „Ach, wie ſehr liebe ich das Land!“ rief Virginie aus und eilte auf Coco zu, um ihn zu küſſen, wäh⸗ rend Cäfarine ihr Möglichſtes that, um ihren Shawl aus den Zähnen des Hundes loszumachen. Inzwiſchen kam Mutter Fourch, die Reiſenden zu empfangen, welche ihre Nichte ihr als vornehme Damen aus Paris von der Bekanntſchaft des Herrn Auguſt, denen die gute Frau viele Achtung ſchuldig zu ſein glaubt, angemeldet hatte.* „Meine Tante, Madame,“ ſagte Deniſe zu Vir⸗ ginie. Dieſe verbeugte ſich vor der Bäuerin wie vor einer Frau von der beſten Geſellſchaft und ſagte: „Es freut mich ſehr, die Bekanntſchaft der achtungs⸗ werthen Tante zu machen... Gott! welches herrliche Geſicht. ich liebe bejahrte Perſonen ſehr.. mit welcher Freude ich Sie küſſe, Madame!“ Nachdem Virginie die Mutter Fourch geküßt hatte, 95 ruft ſie Cäſarinen:„Meine Verwandte, wollen Sie kommen, damit ich Sie unſerer guten Tante vor⸗ ſtelle.“ „Einen Augenblick noch,“ ſagte Cäſarine, bis ich mich von dieſem verw ünſten Hunde losgemacht habe, der meinen Shawl im Rachen hat. ah! ich weiß wohl warum: ich hatte nämlich vorgeſtern ein Stück Hammelfleil varein eingewickelt.“ Virginie huſtete, um Cäſarinens Worte zu über⸗ tönen, welche ſich endlich von dem Hunde losmacht und vor der Mutter Fourch eine Verbeugung wie vor einer Königin machte. „Es iſt meine Verwandte,“ ſagte Virginie, als ſie ihre Freundin Deniſens Tante vorſtelltez„ich habe mit ihr von Ihrer liebenswürdigen Nichte geſprochen und ſie hat dem Verlangen nicht widerſtehen können, ihre Bekanntſchaft zu machen, wie auch die Ihrige, ehrenwerthe Tante. Wir haben unſere Hotels ver⸗ laſſen und ſind in den Karren geſtiegen, wo wir zu aller Geſellſchaft nur zwei alte ungeſtalte Perſonen hatten, welche ranzig rochen; wenn man aber Leute beſuchen will, die men achtet und liebt, ſo hüpft man leicht über ſolche kleine Widerwärtigkeiten hin⸗ weg. nicht wahr, meine Verwandte?“ „Ja, meine Freundin,“ antwortete Cäſarine, in⸗ dem ſie ſtolz umherging wie Semiramis. „Dieß iſt ſehr freundlich von Ihnen, Madame,“ ſagte Mutter Fourch,„und wir ſind ſehr erfreut über Ihre Artigkeit. aber Sie müſſen Etwas zu ſich nehmen.“ 96 „Wir haben ſchon ein Gabelfrühſtück eingenom⸗ men. wollen es aber nicht abſchlagen.“ „Wenn ich auf dem Lande bin, könnte ich den ganzen Tag fort eſſen,“ ſagte Cäſarine. Die Damen traten in das Haus, und während man den Tiſch deckt, liebkoste Cäſarine Coco, in⸗ dem ſie ausruft:„Das ſöne Kind.. welches pübſe Geſicht er wird einmal Theodor ähnlich ſehen gehört er Ihnen⸗ meine Söne“ Dieſe Frage richtete Cäſarine an Deniſez die Kleine erröthete und ſagte:„Wie, Madame?“ „Meine Verwandte, Sie ſind raſend dumm,“ rief Virginie aus,„dieſes Kind ſo Etwas zu fragen; als ob ſie ſchon das Alter hätte, um... überdieß denkt ſie an die Kleinigkeit!“ S „Höre doch, meine Liebe, ich weiß ihr Alter nicht genau übrigens habe ich eine Sweſter gehabt⸗ welche im dreizehnten Jahre Lon Rüſter war“ „Das war alſo eine Ereolin?“ „Ja, eine Creolin vom Pont-aux-Zoux.“ Glücklicher Weiſe war Mutter Fourch gerade im Keller, wo ſie alſo das Geſprelch dieſer Damen nicht hörte. Deniſe möchte gerne Nachrichten von Auguſt erfahren, aber ſie wagt nicht, Virginien darum zu fragen: ſie fürchtete, den Antheil, den ſie an ihm nimmt, errathen zu laſſen, und die arme Kleine würde ſich ſehr ſchämen, wenn die Damen von Paris, welche ſie Beide von Dalville's Bekanntſchaft glaubt, das Geheimniß ihres Herzens wüßten. Für das lie⸗ benswürdige Kind iſt die Liebe Alles; ſie iſt weit ent⸗ 3 97 ferni, zu vermuthen, daß ſie für dieſe Damen nur wenig iſt. Indeß Deniſe die Zurüſtungen zur Mahlzeit machte, wollte Virginie durchaus der Mutter Fourcy helfen⸗ die Teller herumzuſtellen,/ was dieſe nicht leiden wollte, und während dieſes Streites mit der Bäuerin und dem Fräulein von Paris entgliſchte eine volle Flaſche unter dem Arm der Tante und zerbrach zu den Füßen Cäſarinens, deren Kleid mehrere Kothſpritzer erhielt. „Ach Gott! mein Merinoskleid iſt ganz beſmutzt!“ rief Cäſarine aus,„was ſoll ich nun thun? ich habe kein anderes...“ „Dann ziehſt Du ein Sammtkleid an,“ ſagte Vir⸗ ginie, indem ſie ihrer Freundin ein Zeichen machte, beſſer auf ihre Reden Acht zu geben, aber Cäſarine hörte ſie nicht, da ſie ganz mit ihrem Kleid beſchäf⸗ tigt war, und fuhr fort zu klagen:„Dieſes ſtand mir jedenfalls am beſten und ich habe Theodors Erobe⸗ rung darin gemacht.“ „Es iſt dieß ihr Mann, der gegenwärtig bei der Armee iſt.. er iſt General. Komm', meine Ver⸗ wandte, wir haben uns jetzt genug mit Deinem Kleide beſchäftigt.. es fehlt Dir nicht daran, ſo viel mir ſcheint.“ „Es iſt gewiß, daß, wenn ich alle diejenigen hätte, die ich im Plan gehabt habe... „Im Flan, Madame Fourch, das heißt, man zerſchneidet ſie, um Handtücher daraus zu machen. Ach, in Paris ſind wir ſo veränderlich: jede Woche brauchen wir ein neues Kleid!.. Wir werfen unſer 98 Geld zum Fenſter hinaus!.. Es iſt ein häßlicher Aufenthalt, dieſes Paris!... Glücklich ſind die Be⸗ wohner der Dörfer!.. Ach, das Land, Bäume, Vieh, ſchwarzes Brod, das iſt das Glück. Ich hoffe, daß ich mir noch ein kleines Schloß oder eine Hütte kaufe, es iſt mir einerlei, wenn es nur auf dem Lande iſt. Was Deniſe betrifft, die ich liebe, wie wenn ich ihre Mutter wäre, ſo möchte ich ihr einen Rath geben: nämlich hier zu bleiben und nicht mehr nach Paris zu gehen. Nebrigens glaube ich, daß ſie keine große Luſt dazu hat, und die Art, wie Herr Dalville ſie das letzte Mal empfangen hat, ah! es hatte mich em⸗ pört!.. Die arme Kleine, die ihm Eier und einen ſo guten Kuchen gebracht hatte!“ Deniſe, welche eben mit einer vollen Suppen⸗ ſchüſſel zurückgekommen war, hörte die letzten Worte Virginiens und blieb hinter Cäſarinen ſtehen, indem ſie erſterer ein Zeichen machte, ihrer Tante nichts zu ſagen. Gewohnt, ſich zu verſtellen, verſtand Virginie die Zeichen der Kleinen, und da ſie das Geſagte ver⸗ beſſern wollte, fuhr ſie fort:„Uebrigens iſt der junge Mann zu entſchuldigen, weil, ſehen Sie, Madame Fourch, es in Paris Leute gibt, welche den Kuchen nicht lieben; es iſt nicht wie auf dem Dorfe, wo er für den Salat gilt. Auguſt iſt zwar ein wenig leicht⸗ ſinnig, aber das Herz iſt gut; ich kenne ihn beſſer als irgend Jemand!... Ich will jedoch in dieſem Augenblck nicht übel von ihm reden, obgleich er zu Grunde gerichtet iſt.⸗ 3u Grunde gerichtet?“ rief Deniſe aus und ließ 99 in ihrem Schrecken die Suppenſchüſſel fallen, deren Inhalt Cäſarinens Kleid vollends ganz beſchmutzte. „Gott, wie unglücklich bin ich heute!“ ruft Cäſa⸗ rine aus, als ſie ihr Merinoskleid betrachtete;„wie ſoll ich mit dieſem Kleid nach Paris zurückkommen und nächſten Montag Andromache ſpielen?“ Mutter Fourch erſchöpfte ſich in Entſchuldigungen, aber Deniſe kümmerte ſich nicht um den Unfall, der ihr begegnet war; ſie eilte auf Virginie zu und wie⸗ derholte:„Zu Grunde gerichtet!... Herr Auguſt zu Grunde gerichtet!... Ach, mein Gott, Madame, wie iſt denn das geſchehen?“ „Ich werde es Ihnen ſogleich erzählen, meine liebe Freundin.“ O Go ſ ſſſnſſſ 7 8 9 10 11 15 16 12 13 14