Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet von VDr. Heinrich Elsner. Achtundſechszigſter Theil. G Stuttgart: Scheible, Biegera Sattler. 1845. Das—½ Milchmädchen von Montfermeil. Aus dem Franzöſiſchen des Paul de Boch. Treibe mit Spießen hinaus die Natur, Doch kehrt ſie zurück! Deutſch bearbeitet von** Dr. Heinrich Elsner. Dritter Theil. — S Stuttgart: Scheible, Bieger* Sattler. 1845. — Erſtes Kapitel. Das Gaſthaus zum Kehr⸗Um. GFortſetzung.) Der Kutſcher fuhr ab. Virginie war in der heiter⸗ ſten Stimmung; bei ihr verſchwanden die Wider⸗ wärtigkeiten des vorigen Tages und die Sorgen des kommenden vor den Freuden, die der Augenblick dar⸗ bot. Auguſt ſeinerſeits war es nicht unlieb, ſich von den ihm über Madame St. Edmond gekommenen Gedanken zu zerſtreuen; dieſer hatte er geſagt, er werde den Abend im Hauſe des Herrn von Thomaſ⸗ ſiniere zubringen. Man gelangte an die Barriére von Bellsville; der Kutſcher brauchte eine halbe Stunde, um ſeine Pferde den Berg hinauf zu bringen, die, bei der Liebesinſel angekommen, nicht mehr weiter wollten; doch war es Virginien ganz angenehm, ſich im Freien zu ergehen. Man ſtieg aus, ſchickte den Fiaker nach Hauſe und ſchlug einen ſchmalen Fußweg zur Linken ein, der in die Wieſen St. Gervais' führte. Der Anblick des Grünen machte Virginie ſenti⸗ mental; ſie ſeufzte, als ſie unter den Springen⸗ Alleen dahinging, in welchen man mehrere kleine Häuſer erbaut hatte.„Wie lächerlich das iſt,“ rief ſie aus, . „daß man überall baut, ſogar in den Feldern; man wird alſo nirgends mehr ſpazieren gehen können als in ſeinem Zimmer. Sonſt war es ſo hübſch hier, erinnerſt Du Dich? Dort unten aßen wir friſche Eier dort untet jener Laube tranken wir Bier.. und — der Traiteur im Gehölze unter dem Hauſe des Wald⸗ ſchützen, wo wir mehrmals waren und wo es Cabinete gibt. 6 „Ach ja! im Kehr⸗Um?“ „Richtig, im Kehr⸗Um. Undankbarer, erinnert Sie das an Nichts?“ „Doch, es erinnert mich an ein gewiſſes Hähnchen, das wir durchaus nicht zerlegen konnten.“ „Ah, es erinnert Sie an Nichts als an ein Hähn⸗ chen. Sie ſind heute gar nicht romantiſch!“ „Willſt Du dort ſpeiſen?“ „Ich will es nicht bloß, ſondern ich verlange es. Zwar iſt's ein wenig weit, aber das macht uns Ap⸗ petit.“ „Ueberdieß können wir unterwegs ausruhen.“ „Ach, ſeit man überall baut, gibt es keine ſchönen Stellen mehr zum Ausruhen.“ Hüpfend und ſpringend machte man ſich auf den Weg, warf einander mit Blättern und Gras und pflückte einige Feldblumen. Endlich kam man auf den Moosboden des Gehölzes und Virginie ſeufzte aber⸗ mals, als ſie ſah, wie ungeheuer viele Bäume man ausgehauen hatte und daß man auch hier Häuſer baute.„Dieſe Leute da haben den Ruin des Ge⸗ hölzes von Romainville beſchloſſen,“ ſagte ſie. — 5 „Das wächst wieder nach, meine liebe Freundin.“ „Ach ja! aber während dieſer Zeit wachſen wir nicht wieder nach. Wie gleichgültig die Männer ſindk Sie ſind an gar Nichts anhänglich... und die ver⸗ liebten Chiffern, welche wir mit einem Meſſer in die Rinde einer Eiche ſchnitts und die ich jedes Mal mit Vergnügen wiederſah: das iſ einem Herzen ver⸗ ſchlungene A und B... „Sie werden dazu gedient haben, die Füße eines alten Rentiers zu erwärmen oder unter dem Fleiſch⸗ topfe einer ehrenwerthen Familie zu brennen.“ „Richtig, mankochte mit meinem Herzen; wie ange⸗ nehm das! Da ſchneide man Chiffern in die Bäume...“ „Ah! glücklicher Weiſe iſt hier der Kehr⸗Um; ich fürchtete, man möchte ihn ebenfalls umgehauen haben.“ Der Kehr⸗Um iſt die ausgezeichnetſte Wirthſchaft des Gehölzes von Romainville, gleichwohl dürfte man hier keine Charlotte russe oder ein Karik à l'Indienne verlangen, weil der Wirth glauben würde, man ſpreche tartariſch mit ihm oder man wolle ihn zum Beſten haben, und er würde antworten, man ſolle ſich ſein Eſſen in Noisy-le-Sec ſuchen. Wenn man ſich jedoch mit einem gewöhnlichen, für Bürger der Straße St. Denis ſehr eleganten und für die Näh⸗ mädchen, welche en partie ſine nach Romainville kommen, ſehr ausgeſuchten Mahle begnügt, dann iſt man ſicherlich im Kehr⸗Um am rechten Orte, der über⸗ dieß nur drei Büchſenſchüſſe von der Wohnung des Waldſchützen entfernt liegt, an der Straße nach dem Dorfe Romginville. in den Landſpeiſewirthſchaften der Brauch iſt: man begab ſich durch die Küche in den Saal oder die Cabinete. Bei dieſen Reſtaurateurs gibt es keine kommt, ſo entdeckt man alle Kaſſerolen und athmet zu gleicher Zeit die Gerüche von fünf oder ſechs Ra⸗ gouts ein, was ſchon für die Suppe gelten kann, nach dem Eſſen jedoch nicht mehr ſo angenehm er⸗ ſcheint. auf den Lippen und der baumwollenen Zipfelmütze auf dem Ohrz er beantwortet die an ihn gerichteten Fragen, läuft dabei von einer Kaſſerole zu der andern und ſteckt ſeine Tauben an den Bratſpieß, während er auf ſein Beefſteak eine Lobrede hält.„Wir wollen ſogleich ſehen, was wir nehmen werden,“ ſagte die mit den ländlichen Garküchen gut bekannte Virginie. „Iſt das Beefſteak weich?“ Herr Wirth?“ 5 der Traiteur, indem er Auguſt eine Kaſſerole unter in Paris ſagen, ſie ſeien mit Champagner gemacht;z Auguſt trat mit Virginie ein und zwar, wie es Speiſekarten; die Küche gilt dafür: wenn man durch⸗ Der Wirth empfängt ſeine Gäſte mit einem Lächeln „O, vortrefflich! Madame.“ „Niernchen, nicht wahr, mein Freund?“ „Ja, das iſt nothwendig. Haben Sie Niernchen, „Da, mein Herr, riechen Sie einmal,“ entgegnete die Naſe hielt.„Ich will nicht wie meine Mitbrüder allein ich kann Sie verſichern, daß die Brühe von gutem weißem Wein iſt ſie ſind vortrefflich.“ „Sehr gut.„ und gefüllte Tauben?“ . „Ebenfalls vortreffliche, wenn's beliebt.“ „Spargel und Salat?“ „Wenn der Herr auch einen feinen wollen? 2 „Ach! ich erinnere mich in der That, daß Sie denſelben auch bereiten.“ 6 „Ja, mein Herr, und aufgehen muß er wie meine Baumwollmütze.“ „Alſo Eierauflauf!... Ein Cabinet, wenn's ge⸗ fällig iſt.“ „Führen Sie den Herrn und Madame in den erſten Stock, wo Niemand iſt.“ Ein Kellner, der nicht mehr jung iſt, aber be⸗ ſtändig lächelt, führte die Neuangekommenen und öffnete ihnen ein nach dem Wald gehendes Cabinet. „Warum geben Sie uns nicht das gegenüberliegende Cabinet?“ fragt Virginie;„die Ausſicht iſt ſchöner, man ſieht auf die Straße.“ „Madame, es ſind Leute dort.. eine Geſellſchaft.“ „Dann bleiben wir hier,“ ſagte Auguſt. Der Kellner deckte und ging mit den Worten weg: „Man wird das Mittageſſen bereiten; wenn der Herr vorher Etwas bedarf, ſo beliebe er zu rufen.“ Das will ſagen, daß man nicht ungerufen kommt. Man wird auf dem Lande beinahe eben ſo liſtig wie in Paris. Auguſt rief einige Zeit nicht, weil man doch ein wenig ausruhen muß, ehe man ißt, und überdieß die Cabinete des Kehr⸗Um Virginien ſehr romantiſch ſtimmen; ſo ſagte ſie wenigſtens zu Auguſt, wobei ſie wie närriſch lachte, was aber durchaus nicht ro⸗ mantiſch iſt; allein Virginie hat eine ganz eigene Art, romantiſch zu ſein. Endlich ließ ſich auch der Magen vernehmen, und vor dieſem ungeſtümen Mahner ſchweigen alle Täuſchungen; das am meiſten romantiſche Weſen, das vor einem Gießbach oder einem Waſſerfall bewundernd ſteht, iſt wohl genöthigt, hier ſein Ziel zu ſtecken, wenn die Stunde des Eſſens gekommen iſt. Virginie und Auguſt aber betrachteten weder einen Gießbach noch einen Waſſerfall; ob ſie in Bewunderung verſunken waren, weiß ich nicht, ſondern nur ſo viel, daß ſie aufſtanden, um ihre Thüre zu öffnen, auf welche ſie mit den Heften ihrer Meſſer trommelten, eine Art, ſich vernehmbar zu machen, welche die Klingel erſetzt. Der Kellner brachte das Eſſen herauf, dem man wacker zuſprach: das Beefſteak und die Niernchen waren in der That vortrefflich, und man hatte keine Ur⸗ ſache, ſich zu beklagen. So lange der Kellner noch da war, wunderte ſich die ziemlich neugierige Vir⸗ ginie darüber, daß die Geſellſchaft gegenüber ſo ſchweigſam ſei, daß man gar Niemand ſprechen höre, während gewöhnlich in Landwirthſchaften verſammelte Geſellſchaften ſehr viel Lärm machen, und Virginie ſchloß ihre Bemerkung an den Kellner mit den Wor⸗ ten:„Es ſind demnach nicht ihrer Viele.“ Lächelnd, ſo daß man ſeine reſtirenden drei Zähne ihrer ganzen Länge nach ſehen konnte, antwortete der alte Kellner:„Es ſind nicht mehr als Sie Beide„ ——,—— 1¹ „Ah! eine Geſellſchaft von zwei „Ja, Madame.“ „Mann und Frau?“ „Ja, Madame.“ „Es ſcheint, ſie ſind noch romantiſcher als wir; ſie denken nicht an's Eſſen.“ „O! das iſt ſchon beſtellt; in Kurzem wird man es ihnen hinaufbringen. Ich kenne ihre Gewohnheit: es ſind keine ſeltenen Gäſte.“ Damit ging der Kellner und ſchloß zu gleicher Zeit Mund und Thüre, welche er beide offen gehalten hatte. „Du biſt ſehr neugierig,“ ſagte Auguſt zu Vir⸗ ginie;„mußt Du denn wiſſen, wie viele Perſonen uns gegenüber ſich befinden? Was geht es uns an, was Andere ſprechen und treiben?“ „O nichts; aber ſieh', wiſſen möchte ich es gerne, das unterhält mich.“ „Wir wollen eſſen und uns um die Nachbarn nichts bekümmern; das wird geſcheidter ſein.“ „O, das hindert mich nicht am Eſſen! Ah, warte, man öffnet die Thüre.“ In der That rief eine Männerſtimme im Gang: „Kellner, bringen Sie das Eſſen herauf.“ „Der Rufende iſt ein Herr,“ ſagte Virginie;„er hat ein feines Stimmchen... doch ſolche Stimmen beweiſen noch gar nichts.“ „Willſt Du eine Taube?“ „So warte doch einen Augenblick! Du treibſt mich.“ In dieſem Augenblicke ſagte eine weibliche Stimme: „Mein Freund, wir haben vergeſſen, Hühnchen zu beſtellen.“ Auguſt fuhr in die Höhe, als er dieſe Stimme hörte, und Virginie, durch ſeine raſche Bewegung erſchreckt, ſagte zu ihm:„Ei, was iſt Dir denn? Haſt Du vielleicht ein Stück von Deiner Taube ver⸗ kehrt geſchluckt?“ „Nein, ich habe nichts.. die Stimme iſt mir aufgefallen. ich glaubte, ſie zu kennen.“ „O! das iſt es, ich begreife.. wahrſcheinlich eine alte Liebſchaft.. nun gut, was weiter? Wagen Sie, wenn ich bei Ihnen bin, an eine Andere zu denken? Sehr artig! iſt es Ihnen nicht gleichgültig, mit wem die Perſon da drüben beiſammen iſt? Sind Sie noch in ſie verliebt? Wenn ich das wüßte, ginge ich hin⸗ über und würde eine Scene machen!“ „Nein doch, von Liebe iſt hier keine Rede, aber weit „Weil. weil.. Du weißt ja nicht einmal mehr, was Du ſprichſt. Willſt Du ſchnell eſſen? Warum ißt Du nicht?“ „Ich habe keinen Hunger mehr.“ „Ah! ſeit der Herr die Dame gehört hat, hat er keinen Hunger mehr. wie rührend! Warum ſtehen Sie auf? wohin wollen Sie gehen?“ „Ich will einen Augenblick hinunter.“ „Sie wollen hinausgehen? Nein, das dürfen Sie nicht! Sie haben da unten Nichts zu thunz Sie möchten dieſe Dame ſehen, das iſt Alles; aber Sie dürfen ſie nicht ſehen.“ — — 13 Mit dieſen Worten ſtand Virginie auch auf und ſtellte ſich vor die Thüre. „Meine liebe Freundin, ich verſichere Sie, ich muß hinab,“ ſagte Auguſt, indem er Virginiens Arm er⸗ griff, um ſie von der Thüre wegzubringen. „Mein guter Freund, Sie kommen nicht hinaus und mag auch daraus werden, was da will.“ Trotz ihres Schreiens gelang es Auguſt, ſie von dem Poſten, den ſie vertheidigen wollte, zu entfernen⸗ Virginie wurde wüthend; ſchon ſtand die Thüre halb offen, Auguſt wollte hinaus, doch ſie hielt ihn an ſeinem Fracke feſt; der Kampf begann auf's Neue. Endlich verließen Virginien ihre Kräfte, ſie ließ plötz⸗ lich den Fracflügel los, Anguſt ſtürzte eilig in den Gang und warf ſich gerade auf den Kellner, der ſeinen Nachbarn die Suppe brachte; er ſchleuderte die Kräuterſuppe an die Wand, die Suppenſchüſſel flog auf die andere Seite und der Träger derſelben purzelte über den Haufen. Auf des Kellners Geſchrei und das Klirren der zerſchellenden Schüſſel öffneten die Perſonen im Ca⸗ binet, welche erriethen, daß ihr Mittageſſen auf den Boden geworfen ſei, alsbald ihre Thürez Auguſt war ſtehen geblieben und ſah Madame St. Edmond er⸗ ſcheinen und den kleinen Herrn, den ſie verabſcheute. Im erſten Augenblick fielen Leoniens Augen nicht auf Auguſt, ſie ſah nur den Kellner, welcher die Scherben der Schüſſel zuſammenlas mit den Worten: „Ein kleiner Unfall! ein Glück, daß Niemand verletzt iſt,“ plötzlich aber zeigte ſich Auguſt vor dem Ein⸗ Paul ve Kock. LRXVIII. 2 14 gange des Cabinets, verbeugte ſich vor Leonie und ſagte zu ihr:„Madame, es thut mir ſehr leid, daß ich Ihre Suppe zu Boden geworfen habe.“ Leonie erhob die Augen, ſtieß einen Schrei aus und fiel in Ohnmacht. Dieß war das Beſte, was ſie unter ſolchen Umſtänden thun konnte; das kleine Herrchen, das Dalville ebenfalls wieder erkannte und fürchtete, auf's Duell gefordert zu werden, ſprang über den noch zur Erde gebeugten Kellner hinüber, verließ, in großen Sätzen die Treppe hinabeilend, den Kehr⸗ um und lief in bas Gehölze, ohne einen Blick hinter ſich zu werfen. Virginie war inzwiſchen auf den Gang n als ſie in der ohnmächtig gewordenen Dame Auguſts Nachbarin erkannte, ſtieß ſie einen Schrei der Ueberraſchung aus, und der Kellner, in der Meinung, Alles ſchreie nur wegen der auf den Boden gefallenen Suppe, wiederholteunaufhörlich:„Hat nichts zu ſagen, meine Herren und Damen, beruhigen Sie ſich, unten gibt es noch andere; wir haben immer⸗ während Kräuterſuppe.“ Virginiens Zorn war vergangen, ſie lachte hell auf; Auguſt blickte Lebnien an, welche, auf ihren Seſſel zurückgeſunken, die Augen nicht wieder auf⸗ ſchlug, während der Kellner, der nicht ſah, was im Innern des Cabinets vorging, hinabging und noch zurückrief:„Ich werde Ihnen eine andere Suppe bringen. im Augenblick.“ Inzwiſchen näherte ſich Virginie der Madame St. Edmond, ergriff den auf dem Liſche ſiehenden Senf und hielt ihn der ſchönen Blondine unter die 8 15 Naſe, wodurch dieſe ſogleich wieder zu ſich kam, einen erſterbenden Blick auf die Perſon warf, die ihr Hülfe leiſtete, und als ſie Virginien erkannte, ſich verfärbte und das Senfgefäß, das dieſe ihr immer noch unter die Naſe hielt, barſch von ſich ſtieß. „Befindet ſich Madame beſſer?“ fragte Virginie, indem ſie Leonierks ſüßliche Stimme nachahmte. Dieſe erſtickte faſt vor Zorn und ſtand auf, indem ſie ſtammelte:„Ich brauche nichts.“ „Komm, meine liebe Freundin,“ ſagte Auguſt, „wir dürfen Madame nicht länger beläſtigen, es iſt mir äußerſt leid, daß ich... Ihre Geſellſchaft verjagt habe; doch wartet der Herr ohne Zweifel nur auf unſer Weggehen, um wiederzukommen; wir wollen ihn alſo nicht zwingen, ſo lange in der Küche zu ver⸗ weilen. Laß uns unſer Mahl beendigen.“ „Ja, wir wollen unſern Eierauflauf eſſen,“ ver⸗ ſetzte Virginie mit einer tiefen Verbeugung vor Leonien und ſetzte ſich wieder zu Liſche. Auguſt wollte ein Gleiches thun, als Leonie auf ihn zueilte, die Augen zum Himmel erhob und ihm halblaut zuflüſterte:„Sie beurtheilen mich nach dem Scheine; doch ich ſchwöre Ihnen...“ „O, das iſt doch gar zu ſtark!“ rief Auguſt und ſchlug der Madame St. Edmond die Thüre vor der Naſe zu;„man könnte eine Frau auf der That er⸗ tappen,“ ſagte er,„ſie würde doch noch ſagen:„man urtheile nach dem Scheine.““ Virginie war entzückt über das Abenteuer; ſie be⸗ ſpöttelte Auguſt wegen der Treue ſeiner Nachbarinz 16 dieſer bemühte ſich gleichfalls zu lachen, wiewohl es ihn im Grunde nicht erfreute, daß er ſich hatte hinter⸗ gehen laſſen. Endlich war man mit dem Eſſen fertig und im Begriff, den Kehr⸗Um zu verlaſſen, als die jungen Leute, aus dem Cabinet heraustretend, ſehr laut ſprechen hörten; ſie erkannten die Stimme des Wirthes und die der Madame St. Edmond. „Madame,“ ſagte der Wirth,„ſo dürfen Sie nicht fort, mein Eſſen muß mir bezahlt werden.“ „Mein Herr,“ antwortete Madame St. Edmond, ihrer Stimme einen rührenden Ausdruck gebend,„ich bin untröſtlich, allein Sie können ſich leicht denken, daß ich nicht die Abſicht hatte...“ „Madame, ich ſehe, daß Sie die Abſicht haben, fortzugehen; Ihre Geſellſchaft ſchoß ſo eben wie ein Pfeil davon; wer bezahlt mir alſo mein Mittageſſen?“ „Nun, mein Herr,“ entgegnete Leonie, deren Stimme etwas weniger ſanft wurde,„wir haben über⸗ haupt nichts gegeſſen, demnach ſind wir Ihnen nichts ſchuldig.“ „Wie, Madame, Sie ſind nichts ſchuldig? Wenn ein Eſſen beſtellt und zubereitet iſt wie dieſes, dann glauben Sie, es dürfe nicht bezahlt werden? Sollen mir Ihr Rehziemer und Ihre Ohren liegen bleiben? Iſt es meine Schuld, wenn Sie nicht mehr eſſen wollen?“ „Setzen Sie die Gerichte Andern vor, mein Herr.“ „Man brachte Ihnen gleich bei Ihrer Ankunft eine Flaſche alten Macon... und dann die verſchüttete Suppe und die zerbrochene Schüſſel.... „Das geht mich nichts an, mein Herr.“ „Aber Ihr Eſſen geht Sie an, Madame, eſſen und bezahlen Sie es.“ „Ich will nicht eſſen, ich ſage Ihnen ja, daß ich mich unwohl fühle.“ „Alsdann bezahlen Sie.“ „Wenn ich aber kein Geld bei mir habe... „So hätten Sie Ihren Geſellſchafter nicht durch⸗ gehen laſſen ſollen, als wäre der Teufel auf ſeinen Ferſen! Iſt denn das ein Mann, der ein Frauenzimmer in ſolch einer fatalen Lage zurückläßt! Pfui, das iſt keine Art! Ein ſauberer Partikulier, der mit dem Gelde verſchwindet! Wenn man nicht eſſen will, ſo geht man zu keinem Reſtaurateur.“ „Mein Herr,“ erwiedert Madame St. Edmond, deren Stimme jetzt Zorn ausdrückte,„es iſt nicht das erſte Mal, daß wir bei Ihnen ſpeiſen; halten Sie uns für Lumpengeſindel?“ „Nein, Madame, gewiß, ich ſehe wohl, mit wem ich es zu thun habe; allein borgen kann ich nichtz ein ſo vortreffliches Eſſen wie dieſes darf nicht abgewieſen werden, wenn es einmal fertig iſt.“ Während dieſes Zwiegeſprächs koſtete es Auguſt alle mögliche Mühe, Virginie von lautem Gelächter abzuhalten; da er endlich Mitleid mit der Lage der ſentimentalen Leonie fühlte, ſo ging er, von Virginien begleitet, hinab und ſagte zu dem Reſtaurateur, der Madame St. Edmond nicht aus den Augen ließ: „Weil ich ſo glücklich bin, mein Herr, Madame hier zu kennen, ſo bitte ich Sie, ihre Karte zu der meinigen zu ſchreiben; ich bezahle beide.“ Der Wirth, der nur ſeine Bezahlung im Auge hatte, nahm ſeine freundliche Miene wieder an und beeilte ſich, die beiderſeitige Zeche zuſammenzurechnen. Unterdeß ſank die hübſche Blondine auf einen Stuhl und verhüllte ihr Geſicht mit dem Taſchentuche. Auguſt zahlte. Virginie, deren Triumph vollſtändig war, ergriff Dalville's Arm und verließ mit ihm den Kehr⸗Um.„Wenn wir den Herrn im Gehölze treffen ſollten,“ ſagte ſie noch in ſpöttiſchem Tone,„ſo werden wir ihn der Madame ſogleich zuſchicken.“ Dieſes Wort war der Gnadenſtoß und Auguſt fand ſich hinlänglich gerächt. Zweites Kapitel. Beſuch in Montfermeil. Auguſt, der keine Geheimniſſe vor ſeinem treuen Bertrand hatte, erzählte dieſem das Zuſammentreffen im Gehölze von Romainville. „Nun denn, mein Lieutenant,“ ſagte Bertrand, „Mavame Strack hatte nicht Unrecht, als ſie von dem kleinen Herren ſagte, daß er ſich, ſobald Sie aus⸗ gegangen wären, zu der Nachbarin hinaufſtehle.“ „Ich glaubte, Leonie bete mich an.“ „Das wundert mich, mein Lieutenant. Sie be⸗ trügen ſelbſt die Damen ſo häuſig, daß Sie in ihre Liebesſchwüre einiges Mißtrauen ſetzen ſollten.“ „Ich verſichere Dich im Gegentheil, mein armer Bertrand, daß die feinſten Verführer ſich mit erſtaun⸗ licher Leichtigkeit hintergehen laſſen.“ „Alsdann iſt es nicht der Mühe werth⸗ fein zu ſein.“ „Daß man eine Sache ſehr liebt, iſt noch kein Beweis, daß man ſie gründlich kennt.“ „Gewiß, wenn man ſie vollkommen kennte, würde man ſie vielleicht weniger lieben; ich, zum Beiſpiel⸗ liebe den Wein, das geſtehe ich; ich kenne es wohl⸗ wenn er gut iſt, doch kann ich nicht immer ſagen, aus welchem Lande er kommt.“ „Ich liebe die Weiber, ich weiß ihre Reize zu ſchätzen, ich bewundere ihre Anmuth; aber ihr Herz ach! wenn dieſes ſich eben ſo offen zeigte, ſo würde nicht gerade immer die Schönſte den Vorzug erhalten.“ „Abgeſehen davon, mein Lieutenant, würde ich an Ihrer Stelle jenen vornehmthuenden Mienen und jenen falſchen Stimmchen, die nie aus freier Bruſt kommen, mißtrauen; es ſcheint mir, daß man nicht oſſen ſpricht, wenn man immer thut, als ſinge man. Auch würde ich mich vor den Ohnmachten⸗ Thränen und erſtickten Seufzern hüten.“ „Ei! mein lieber Bertrand, wenn dieſe Thränen von ſchönen Augen vergoſſen werden, wenn dieſe Stimme aus einem hübſchen Munde kommt, wenn die, welche das Bewußtſein zu verlieren ſcheint, einen reizenden Körver entwickelt, einen wohlgeformten⸗ ſchlanken Wuchs zeigt, iſt es dann ſo leicht, zu wider⸗ ſtehen? Nein, man muß unterliegen und wenn dann auch die Reue dgrauf folgte.“ und ein alter Soldat kennt die dem andern Geſchlecht nicht zu ſprechen und doch ſeinen Zorn auszulaſſen. 20 „Nichtig! gerade wie bei mir: um zu wiſſen, ob ein Wein gut iſt, muß man ihn verſuchen und nur F mit dem ſchlechten macht man ſich übel. Schade, daß Sie dieſes Zuſammentreffen nicht geſtern hatten, ehe das Billet von zweitauſend Franken bezahlt wurde!“ „Denken wir nicht mehr daran.“ 5 „Nein, es ſoll eine Lektion für die Zukunft ſein.“ „Wenn Du Madame St. Edmond triffſt, Ber⸗ trand, ſo empfehle ich Dir die gleiche Artigkeit wie früher.“ „O! ſeien Sie ruhig, mein Herr, man iſt Franzoſe, ſchuldige Achtung. Wahrhaftig, wenn man Alle, die eine Untreue begehen, ſchief anſehen müßte, ſo wäre man gar zu oft zu blinzeln genöthigt. Es macht wenigſtens doch Eine weniger und wir werden jetzt einmal einige Ordnung in unſere Kaſſe bringen können und„ „Jaz o, ich bin feſt entſchloſſen, ordentlich zu werden. Deſtival hat mir wieder von einer vortheil⸗ haften Anlegung meiner Gelder geſprochen; morgen werde ich zu meinem Notar gehen und ſie erheben. Ach! da fällt mir eben ein, Du mußt einem Möbel⸗ händler eine kleine Rechnung bezahlen, die man dieſer— Tage bringen wird.“ „Haben Sie welche gekauft, mein Lieutenant?“ „Nicht für mich für Virginie.“ Bertrand dreht ſich um, beißt ſich in die Lippen und ſchlägt ſich mit der Fauſt vor die Stirne, um ——— Auguſt, der die üble Laune ſeines Kaſſiers bemerkt, fährt lächelnd fort:„Nun, Bertrand, beruhige Dich, Du wirſt wahrlich gar zu ſtreng!“ „Ich ſage nichts, mein Herr.“ „Was Teufels! ich bin reich, willſt Du va daß ich mir jedes Vergnügen verſage?“ „Ich will gar nichts, mein Herr.“ „Soll ein Mann in meiner Stellung denn das Leben eines Commis mit zwölfhundert Franken kommen führen?“ „Voriges Jahr brauchten wir vierzigtauſend Fun⸗ ken und Ihre Einkünfte belaufen ſich nur noch auf fünfzehntauſend; wenn wir ſo fortmachen, ſo werden“ wir bald auf dem Trockenen und ſo arm wie Hiob ſein.“ „Nein, in dieſem Jahr werde ich meine Ausgaben nach meinen Einkünften richten; doch dieß iſt ja nur eine Kleinigkeit; die arme Virginie! ſie iſt ſo drollig... „O ja, drollig iſt ſie, aber ſie könnte eine ganze Schwadron Lieferanten zu Grunde richten.“ „Du wirſt nicht ſagen wollen, daß dieſe eine Fiſtel⸗ ſtimme hat.“ „Nein, wahrhaftig! o, man hört wohl⸗ daß es bei ihr aus der Bruſt kommt und ſie muß eine gute haben, denn ſie gebraucht ſie teuſelmäßig häufig Tauſend Schwadronen! welches Maul!“ „Sie hat weder eine vornehme Miene noch ein affektirtes Weſen.“ „O, was das betrifft, ſo gebe ich zu, daß bei ihr Alles gerade und offen iſt; ſie ſpielt wenigſtens kein . verſtecktes Spiel. Doch einerlei, mein Lieutenank, zanken Sie mich, wie ſie wollen, ich ſage Ihnen doch noch einmal, daß ſolche Frauenzimmer nicht Ihre ganze Zeit in Anſpruch nehmen ſollten und es mir Kummer macht, wenn ich ſehen muß, daß Sie nicht geliebt werden, wie Sie es verdienen, weil Sie im Grund gute Eigenſchaften und wahres Gefühl be⸗ ſitzen. Aus ſolchen Geſchichten ſollten Sie lernen, daß nicht durch immerwährendes Herumſchwärmen das iſt Alles, mein Lieutenant.“ Auguſt ſchwieg eine Weile und Bertrand, ver⸗ wundert, ihn nachdenklich zu ſehen, fürchtete, er habe ihn beleidigt und wagte keine Silbe mehr zu ſprechen, als Auguſt endlich ſagte:„Bertrand, ich glaube, Du haſt recht.“ 8 „„Iſt's wahr, mein Lieutenant! Sind Sie meiner Anſicht?“ „Ja, ich fühle es, eine wahre Liebe, eine auf⸗ richtige Neigung muß glücklicher machen als alle dieſe Launen eines Augenblickes. Iſt es jedoch meine Schuld, wenn es ſo ſchwer iſt, in der Welt ein aufrichtiges Herz zu finden?“ „Nein, gewiß, Ihre Schuld iſt es nicht.“ „Wenn Koketterie und Falſchheit jetzt an die Stelle der Freundſchaft und Liebe getreten ſind?“ „Solche Stellvertreter hätte man nicht zulaſſen ſollen.“ „Ach, mein armer Bertrand, wir würden gar zu glücklich ſein, wenn alle Frauenzimmer treu wären.“ „Das iſt richtig, wir würden gar zu glücklich ſein.“ „Und doch wäre alsdann im Lebensverkehr Alles von tödtlicher Einförmigkeit.“ „Ah, Sie glauben, dieß könnte dem Verkehr ſchaden?“ „Sieh', Bertrand, man muß die Welt nehmen, wie ſie nun einmal iſt.“ „Wir ſind wohl dazu gezwungen.“ „Wenn ich aber eine Frau gefunden habe, die mich um meiner ſelbſt willen liebt, die unfähig iſt⸗ mich zu betrügen, vie nur mir gefallen will, dann..“ „Dann, mein Lieutenant?“ „Ach, Bertrand, welchrinnerung.. und ich konnte ſie ſo lange vergeſſen!“ „Wen denn, mein Lieutenant?“ „Die reizende Deniſe, das hübſche kleine Milch⸗ mädchen von Montfermeil... ach, dieſe iſt recht⸗ ſchaffen, darauf wollte ich ſchwören.“ „Das hieße viel gewagt... Sie kennen Sie kaum und haben ſie ſeit zwei Monaten nicht geſehen.“ „Weißt Du, Bertrand, warum ich ſie nicht be⸗ ſucht habe?“ „Weil Sie ſie vergeſſen hatten.“ „O, nicht allein darum, ich hatte einen andern Grund... Du wirſt lachen.. nun denn. es muß heraus.. ich fürchtete, ich möchte das Mädchen zu ſehr lieben.“ „Dann iſt es ſehr zartfühlend von Ihrer Seite.“ „Ja, gewiß, denn warum ſollte ich das züchtige, unſchuldige Kind zu verführen das mhig in ſeinem Dorfe lebt... 24 „Das wäre ſehr ſchlecht, mein Herr! Es gibt in Paris Mädchen genug, die ſich verführen laſſen, daß man nicht noch nöthig hat, W in der Um⸗ gegend zu ſuchen.“ „Bertrand, ſattle mein Pferd und nimm für Dich das des Cabriolets; beeile Dich.“ „Wohin gehen wir denn, mein Herr?“ „Nach Montfermeil, Deniſe zu beſuchen.“ „Wie? So eben ſagten Sie ja...“ „So eben bedenke ich, daß nicht die mindeſte Ge⸗ fahr für ſie vorhanden iſt, denn ſie liebt mich nicht.“ „Glauben Sie, mein Herr?“ „Sie ſelbſt ſagte es mir mehrmals... doch ich will Coco ſehen, meinen kleinen Schützling.. das arme Kind; ich freue mich, ihn zu küſſen; Du wirſt ſehen, Bertrand, wie hübſch er iſt und er hat ſo elende Eltern!.. Bertrand, ſchieb Geld ein!“ „O, ſo viel Sie wollen, mein Lieutenantz zur Unterſtützung von Unglücklichen, zur Hülfe für eine Waiſe, da hat man es nie zu bedauern, und es macht hundert Mal mehr Vergnügen, als die Möbel der Braunen und die Caſhemire der Blonden zu be⸗ zahlen.“ Die Pferde ſtanden beieit Auguſt und Bertrand ſtiegen auf und machten ſich um zehn Uhr nach Mont⸗ fermeil auf den Weg. Um elf Uhr war man ſchon über Rainch hinaus; bald war man in Livry, dann ſchwenkte man rechts ein, und nicht lange, ſo er⸗ blickte man Deniſens Dorf. Bertrand triefte von Schweiß; er war nicht ge⸗ . 8 — 25 wohnt, zu galoppiren wie Dalville, und obgleich man ſich bereits im Monat September befand, war die Hitze doch noch ſehr drückend. Bertrand hielt ſein Pferd ein wenig an und bemerkte Auguſt, daß ihre Renner doch wieder einige Augenblicke verſchnaufen müßten; da dieſer indeß den Weg zu erkennen glaubte, auf welchem er mit dem kleinen Coco zu der Hütte gegangen war, ſo ſpornte er ſein Pferd wieder an und rief Bertrand zu:„Reite immerhin voraus in's Dorf, dort finde ich Dich wieder.“ „Alſo in's Dorf,“ ſagte Bertrand bei ſich, indem er ſein Pferd im Schritte gehen ließ;„ſoll ich in die Herberge?.. ſoll ich nach dem kleinen Milchmädchen fragen?.. Nein, ich kann meinem Pferde keine Milch geben, und das junge Mädchen hätte ohne Zweifel keine Lebensmittel für uns Beide.. das Dorf iſt hübſch, aber ich ſehe dort ebel ſo wenig eine Her⸗ berge als auf meiner Hand.“ Bertrand ließ ſeinem Pferde die Zügel. Er kam vor mehreren Hütten vorüber, die nicht einmal ein erſtes Stockwerk hatten, und es gelüſtete ihn nicht, vor ſo armſeligen Wohnungen anzuhalten; bald be⸗ fand er ſich jedoch vor einem kleinem, mit Weiden bekränzten Bache und ein hübſches Häuschen ſtand ihm gegenüber. Bertrand ſetzte über den Bach und hielt vor Lem Hofe. Hier ſpielte ein kleiner Knabe mit einer Ziege; etwas weiter weg rührte ein junges Mädchen Butter, und im Hintergrunde legte gin⸗ bejahrte Frau Obſt in einen Korb. Bertrand überblickte von ſeinem vfee herab den ler Höflichkeiten nicht errathen konnte. ganzen Hof und betrachtete das ländliche Gemälde. Plötzlich erhob das junge Mädchen die Augen, ſah den Reiter, verließ ihre Arbeit und ſtürzte auf ihn zu mit dem Ausrufe:„Ich irre mich nicht, es iſt Herr Bertrand,“ und zugleich ſchweiften ihre Augen ab nach der Straße, um hier einen andern Reiter zu ſuchen. Bertrand erkannte Deniſe; er verbeugte ſich höf⸗ lich vor ihr und ſagte:„Beim großen Turenne! ge⸗ ſchickter konnte ich nicht Halt machen... Bäbel hat eine erſtaunlich gute Naſe.“ „So kommen Sie doch herein, Herr Bertrand,“ ſagte Deniſe, deren Blicke fortwährend über die Straße ſchweiften. „Sie ſind ſehr gütig, Fräulein, allein ich ſuche eine Herberge zur Erfriſchung für mich und mein Pferd.“ „Sie werden bei uns alles Nöthige finden.. wir leiden nicht, daß Sie anderswohin gehen, nicht wahr, Tante?. Kommen Sie herein, Herr Bertrand.“ Bertrand widerſtand den Artigkeiten des jungen Mädchens nicht; er war erſtaunt, ſich bei ſeinem Namen nennen zu hören, da er nicht vermuthete, daß Dalville ſich mit Deniſe über ihn unterhalten habe. Während er abſtieg, lief die Kleine zu ihrer Tante und ſagte derſelben in aller Eile, Bertrand ſei der Begleiter des Herrn, der gegen Coco ſo groß⸗ müthig geweſen. Mutter Fvurcy ſtand auf und ver⸗ beugte ſich tief vor Bertrand, der die Urſache ſo vie⸗ —8 daher ſich Deniſe entſchloß, ihn zu fragen:„Er hat 27 Das Pferd wurde in den Stall geführt; das Kind verließ ſeine Ziege, um Bäbel zu betrachten, und Deniſe begleitete Bertrand in die untere Stube und ſetzte ihm Wein vor; Mutter Fourch machte indeſſen einen Eierkuchen, weil Bertrand geſtand, daß er gerne Etwas eſſen würde. Deniſe brannte vor Begierde, Nachrichten über den jungen Mann zu erhalten, der ihr Coco's Pflege anempfohlen hatte, aber ſie wartete, bis ihre Tante nicht mehr zugegen war; ſie wußte nicht, wie ſie ihre 3 Frage an Beriränd einrichten ſollte: ſie dachte, er ſei von dem vornehmen Herrn abgeſchickt, um Nach⸗ richten über das Kind einzuziehen, und hielt zurück, in der Hoffnung, Bertrand werde zuerſt davon ſpre⸗ chen, doch dieſer dachte nur an's Eſſen und Trinken⸗ Sie hergeſchickt, um zu erfahren, ob es Coco an Nichts fehle? ob ich einen guten Gebrauch von dem Gelde, das er mir zurückgelaſſen hatte, gemacht hätte, nicht wahr, mein Herr?“ Bertrand leerte ſein Glas auf einen Zug und ſtellte es wieder kräftig auf den Liſch, indem er ſagte:„Für ein Dorfweinchen iſt er gerade nicht ſo 6 ſchlecht.“ 8 „Haben Sie mich nicht gehört, mein Herr?“ abt Deniſe ſchüchtern wieder. 8 „Verzeihen Sie. allein es wäre ſehr uchens⸗ wenn Sie thäten, als hätte ich nichts gehört denn ich habe es nicht verſtanden.“ „Ich fragte Sie, ob der der junge Mann, 28 den ich bei Ihnen geſehen habe, zuerſt im Cabriolet, dann auf dem Landgute der Madame Deſtival...“ „Sie meinen Herrn Auguſt Dalville?“ „Ah, Auguſt Dalville iſt ſein Names“ „Wie, Sie wußten ſeinen Namen nicht und wiſſen den meinigen?“ „Weil er Sie zwei Mal in meiner Gegenwart bei Ihrem Namen nannte im Hof.. und ich habe den⸗ ſelben nicht vergeſſen.“ „Sie ſind ſehr artig, mein Fräulein.“ „Und iſt H uguſt Dalville heute nicht mit Ihnen gekommen?“ „O ja, er iſt hier ganz in der Nähe und wird bald kommen.“ „Er iſt hier... er wird kommen!“ rief Deniſe aus und hüpfte vor Freude, fuhr aber, um ihre Ge⸗ müthsbewegung zu verbergen, fort:„Ach, als ich Sie allein ſah, glaubte ich, Sie ſeien nicht mehr bei ihm.“. „Werde ich je meinen Herrn. meinen Wohl⸗ thäter verlaſſen.. einen Mann, der Alles für mich that und noch dazu mich ſeinen Freund nennt!.. Tauſend Bajonete!... nein, mein ſchönes Kind, das kann nicht ſein, ich bin an Herrn Auguſt gebunden, wie der Griff meines Säbels an ſeine Klinge; nichts vermöchte mich mehr von ihm zu trennen, außer daß er ſelbſt.. doch da bin ich ganz ruhig, obgleich er mir erlaubt, ihn ein wenig auszuzanken; er kennt Bertrands Herz.“ Deniſe wiſchte einige Thränen der Rührung ab, * S 29 welche ſie vergoß über die Ergebenheit des alten Sol⸗ daten, dann ergriff ſie Bertrands Hand, drückt ſie in der ihrigen und rief:„Ach, wie ſchön iſt, was Sie da ſagen, Herr Bertrand, wie brav iſt es, wenn man Jemanden auf dieſe Weiſe liebt!“ „Wundert Sie das? Glauben Sie, Herr Auguſt verdiene nicht, ſo geliebt zu werden?“ „Das ſage ich nicht, mein Herr, im Gegentheile noch ein Glas, Herr Bertrand.“ „Gerne, Mamſell.“ Dieſe war entzückt, von Auguſt ſprechen zu hören⸗ und da der Wein Bertrand ſehr geſprächig machte, ſo fuhr er fort; denn wenn er von ſeinen Wohltha⸗ ten ſprach, war es wie mit dem Kapitel von ſeinen Feldzügen: dann war es nicht mehr möglich, ihn aufzuhalten. „Ja, ſchönes Kind, Herr Auguſt iſt ein braver Junge ausſchweifend, umherſchwärmend, flatter⸗ haft und unordentlich, das iſt wahr.. aber das hat keinen Bezug auf das Innere.“ „Wie, mein Herr, er iſt das Alles? Aber es iſt recht ſchlimm, ausſchweifend, flatterhaft zu ſein.. ſo eben ſagten Sie noch ſo viel Gutes von ihm.“ „Habe ich denn Schlechtes von ihm geſagt, meine Kleine? Müſſen die jungen Leute nicht Thorheiten begehen? Doch ich hoffe, bei meinen Rathſchlägen.. Donnerwetter! wenn Strack dieſes Weinchen da kennte und wenn man warm hat, erhitzt es teufelmäßig.“ „Es ſchien mir indeß, mein Herr, als ob Sie mir im Hofe der Madame Deſtival, während Herr Paul de Kock. PXVIII. 3 . 30 Auguſt mit mir ſprach, in's Ohr geſagt hätten: „Sei auf Deiner Hut!““ „Wohl möglich, mein Kind, ſehr leicht möglich „Hören Sie einmal, Mamſell Deniſe, Sie ſind hübſch.“ „Sie ſind ſehr artig, Herr Bertrand.“ „Nein, nein, ich ſage es aufrichtig; Sie ſehen ehrbar aus, und es wäre ſchade, wenn Sie ſich herum⸗ bringen ließen. Mein Herr iſt ein braver Junge, ſobald er aber ein hübſches Geſichtchen ſieht, fängt er Feuer wie ein Pulverfaß; das iſt ſtärker als er. Er wird Ihnen ſchwören, das werde ewig dauern, aber im erſten Dorfe, wo er ein anderes hübſches Mädchen ſieht, geräth er eben ſo in Flamme und ſchwört das Nämliche.“ „Ach, das iſt recht garſtig, das.“ „Nein, es iſt nur eine Jugendkrankheit und wird vorübergehen! Sie können wohl denken, daß ich in Paris nicht immer hinter ihm her bin, um die hüb⸗ ſchen Geſichtchen, denen er Etwas vorſchwatzt, zu warnen; überdieß verſtehen ſich die Mädchen in gro⸗ ßen Städten ſchon ſo auf die Sache, um keiner War⸗ nung zu bedürfen. Sehe ich jedoch zufällig, daß ſich mein Lieutenant an ein Kind wendet, das mir ehr⸗ bar und züchtig erſcheint wie Sie, dann flüſtere ich ihm ein leiſes„ſei auf Deiner Hut!“ in's Ohr, und wenn das nichts hilft, ſo iſt es wenigſtens nicht meine Schuld.“ Deniſe antwortete nichts; ſie ſann über Bertrands Worte nach. Dieſer trocknete ſich mit ſeinem Schnupf⸗ 31 kuch den Schweiß von der Stirne, nahm einen Schluck und ſprach weiter:„Ein Beweis übrigens, daß Herr Auguſt ein braver junger Mann iſt, möchte wohl das ſein, daß er bei beſſerem Nachdenken keine Thor⸗ heiten begeht. So fand er z. B. Sie nach ſeinem Geſchmack; wohlan! er hat Sie nicht wieder beſucht, wie er mir ſagte, aus Furcht, er möchte Sie zu ſehr lieben.“ „Mich zu ſehr lieben?“ rief Deniſe.„Wie, mein Herr, er ſagte das?.. er liebt mich alſo?“ „Durchaus nicht, mein ſchönes Kind, d. h. nicht mehr als die Andern; aber aus Gewohnheit hätte er Sie zu verführen geſucht, und vielleicht hätten Sie ihn angehört, denn er iſt ein hübſcher Junge und hat eine Art, ſeine Liebe zu erklären, daß er eine Frau von ſechszig Jahren bethören würde.“ „Und deßhalb kam er nicht?“ entgegnete Deniſe ſeufzend. „Ja; heute aber fiel ihm ein, daß Sie ihm ſag⸗ ten, Sie lieben ihn nicht. da kam er...“ „Das ſagte ich ihm nicht, Herr Bertrand.“ „Nicht?.. da hatte er Unrecht, zu kommen.“ „Ich ſage Ihnen eben ſo wenig, daß ich ihn liebe.“ „Deſto beſſer für Sie, Mamſell Deniſe, denn das würde Ihnen viel Kummer bereiten.“ „Kann überdieß ein Landmädchen einen vorneh⸗ men Herrn aus der Stadt lieben?“ „Ob es ſein kann, weiß ich nicht, aber ich weiß, daß man es zuweilen ſieht.“ „Beruhigen Sie ſich, Herr Vertrand, ich werde 32 ſtets nur Freundſchaft für Herrn Auguſt fühlen, und wenn ihn die Furcht, ich möchte ihn lieben, vom Beſuch des Dorfes abhält, ach! dann ſagen Sie ihm doch, daß er kommen könne, ſo oft er wolle. Deniſe weiß zu gut, daß ſie nicht im Stande iſt, einen Herrn aus der Stadt an ſich zu feſſeln, ſie wird das nie vergeſſen.“ „Bravo, mein liebes Kind, wohlgeſprochen.. ich trinke auf Ihre Sittſamkeit... und Sie ſehen, ich ſchlucke das mit einem Zuge hinab... aber was ha⸗ ben Sie denn?.. weinen Sie?“ „Nein, Herr Bertrand, nein. Es wäre mir leid geweſen, wenn... doch jetzt iſt es aus: Herr Auguſt darf ſich nicht mehr ſcheuen, ſeinen kleinen Schütz⸗ ling zu beſuchen; er darf keine zwei Monate mehr vorübergehen laſſen, ohne daß er hieher kommt.“ „O, je nachdem!... In Paris, Sie verſtehen wohl, Mamſell Deniſe, hat mein Herr keinen Augen⸗ blick für ſich: immer in Feſten und Luſtbarkeiten! Ha, Jeder will ihn haben! An einem Tage erhält, er zehn Einladungen.“ „Ja freilich, er hat keine Zeit, an das Dorf zu denken!.. Herr Auguſt iſt alſo ſehr reich?“ „Reich? ja gewiß iſt er es noch; wenn er aber ſeine Lebensweiſe fortſetzt, wird es nicht mehr lange ſein!.. Auf Ihre Geſundheit, Mamſell Deniſe!“ „Was wollen Sie damit ſagen, Herr Bertrand?“ „Nichts, o, nichts!. Ueberdieß darf ich mir kei⸗ nen Tadel erlauben; Herr Dalville iſt Herr über ſein 6 Geld: mag er es an Weiber verſchenken, die in 33 betrügen, an Griſetten, die ihn zu Grunde richtenz mag er ihnen ihre Möbel, Teppiche, Kleider von indiſchen Stoffen bezahlen, das geht mich nichts an⸗ ich muß ausbezahlen und gehorchen, aber es thut mir weh, weil... Millionen Citadellen!... die Weiber auf der einen Seite, das Ecarté auf der andern.“ „Was iſt das, Ecarté, Herr Bertrand?“ „Ach, das iſt ſo ein Spielchen, bei dem man ſich zur Unterhaltung zu Grunde richtet. Man ſagt, es ſei herrlich, weil es ſchnell geht; ich, ich finde es etwas gar zur haſtig; allein Herr Augaſt ſpielt, um zu thun wie Andere.. das iſt ſeine Sache. Wenn er ſich übrigens zu Grunde richten will... Sie be⸗ greifen wohl, daß.. die Subordination vor Allem auf Ihre Geſundheit, Mamſel Deniſe!“ Deniſe war über das Gehörte ſehr verwundert; ſie ſchwankte, ob ſie Bertrand glauben ſollte oder nicht; dieſer trank und ſprach noch, als Coco hüpfend in die Stube kam. „Wer iſt der Kleine?“ fragte Bertrand. „Das Kind, welchem Herr Auguſt ſo viele Be⸗ weiſe ſeiner Großmuth gab.“ „Er iſt hübſch, der Kleine.. Komm' her, mein Junge, reite auf meinen Knieen; ſo, Du haſt weder Vater noch Mutter, mein kleiner Blondkopf?“ „Doch, mein Herr, ich habe Papa Lallaux,“ ant⸗ wortete Coco, Bertrand anblickend. „Was treibt Vater Lallaur?“ „Er arbeitet auf dem Feld.“ ₰ 34 „Er iſt ein Säufer,“ flüſterte Deniſe Bertrand in's Ohr. „Um ſo ſchlimmer.. das iſt ein häßlicher Fehler,“ antwortete dieſer, ſein Glas zum Munde führend. „Trinken muß man, das iſt eine nothwendige Sache, aber man muß ſich zu mäßigen wiſſen und beſonders nie den Verſtand verlieren. Ei! aber wenn ich den Fleinen ſehe, ſo fällt mir ein, daß mein Herr dar⸗5 auf aus iſt, um ihn zu beſuchen. Er verließ mich mit den Worten:„Ich will zu der Hütte des Kindes.““ „Ach, moin Gott! er wird Niemand dort finden,“ rief Deniſe,„und Sie ſagen uns das nicht.. man muß ihm entgegengehen... ich glaubte ihn bei Ma⸗ dame Deſtival. komm', Coco, komm', wir ſuchen Deinen guten Freund, den Du ſo gerne haſt.“ „Der, von dem Du mir alle Tage ſprichſ⸗ De⸗ niſe?“ fragte das Kind. „Ja, Dein Wohlthäter. Gehen Sie mit uns, Herr Bertrand?“ „Meiner Treu', Mamſell Deniſe, ich befinde mich hier ſehr gut, und wenn Sie mich nicht brauchen „Nein, nein, meine Tante wird Ihnen Geſell⸗ ſchaft leiſten. Komm', Coco, laß uns ſchnell Deinen( guten Freund aufſuchen.“ Das Kind hatte eine große Freude, mit Deniſen zu gehen. Beide verließen Bertrand, der die eben eintretende Mutter Fourch auf militäriſche Weiſe grüßte, und ſchlugen den Weg nach der Hütte ein. Aber Deniſe war von verſchiedenen Gefühlen geregt, ſie wußte ſelbſt nicht, 4 ine Geni * 35 bewegung kam: ſie war vergnügt, und doch zitterte ſie; nur mühſam konnte ſie athmen, und da man vicht lange ſchnell läuft, wenn man ſchwer athmet, ſo ging Deniſe bald langſamer. Coco aber eilte fort⸗ während weiter, weil man im Alter von ſieben Jah⸗ ren ſolche Gemüthsbewegungen nicht kennt. Deniſe war ſo mit Bertrands Worten beſchäftigt, daß ſie anfangs die Abweſenheit des Kindes nicht bemerkte; Coco kannte jedoch die Wege ſehr gut, da⸗ her das junge Mädchen unbeſorgt war, und ſie hielt einen Augenblick unter einem großen Baume ſtill, um ſich auf das Wiederſehen des jungen Mannes aus Paris vorzubereiten. Tauſend Gedanken durchkreuz⸗ ten ihren Kopf; was jedoch ihre Einbildungskraft meiſten beſchäftigt, war der Umſtand, daß Auguſt nur deßhalb wieder in's Dorf kam, weil er dachte, ſie liebe ihn nicht.— „Iſt es wohl richtig, daß er das denkt?“ fragte ſich Deniſe;„der Herr Bertrand hat ihn vielleicht falſch verſtanden. Iſt es wirklich wahr, daß Herr Auguſt ſo wetterwendiſch iſt, als er ſagt?.. Ein alter Soldat kann ſich auf das Alles nicht ſo genau verſtehen. was macht das übrigens auch, da ich den jungen Mann nicht liebe!... und wie Herr Ber⸗ trand ſagt, was würde es mir helfen, wenn ich ihn liebie2. er würde ſch hernach nur über mich luſtig machen! O es iſt keine Gefahr, daß ich auf den einen Verführer., einen Schmeiterling...“ Und während dieſes Selbſigeſprächs brachte die jangen Pariſer höre.. auf einen Leichtſinnigen. 3 — Fleine ihr Buſentuch in Ordnung, rückte ihr Häub⸗ chen zurecht, band ihre Schürze ſtrammer und be⸗ trachtete ſich genau, wobei ſie murmelte:„Mein Gott, wie ſehe ich doch aus! Wenn ich dieſen Mor⸗ gen gewußt hätte... wenn ich hätte ahnen können.. der Herr wird mich nicht mehr hübſch finden.. o, das iſt mir gleichgültig, allein man will doch nicht nachläßig, nicht geſchmacklos erſcheinen.“ Als Deniſe endlich die Unterſuchung ihrer Toilette beendigt hatte, wollte ſie den großen Baum verlaſſen, da ließ ſich eine Stimme hören: es iſt die Auguſts. Die Kleine hat ſie erkannt.. ſie bedarf noch einiger Ruhe, um wieder Athem zu holen. Doch Auguſt war nicht allein: er. ſchwatzte und lachte mit einem jungen, friſchen und niedlichen Land⸗ mädchen, neben welchem er, ſein Pferd am Zügel führend, einherging. Deniſe, hinter dem dicken Baum verſteckt, konnte von Dalbille nicht geſehen werden. Etwa hundert Schritte von dem Baum, der Deniſen barg, blieb die Bäuerin ſtehen und ſagte:„Adieu, mein Herr, ich gehe dahin, und da Sie nach Mont⸗ fermeil wollen, führt Sie Ihr Weg ganz gerade fort.“ „Auf dieſe Art ſcheiden wir nicht, mein ſchönes Kind,“ erwiederte Auguſt, den Zügel ſeines Pferdes loslaſſend, um das Landmädchen um den Leib zu faſſen,„wir müſſen Abſchied von einander nehmen.“ „Laſſen Sie mich doch.. laſſen Sie mich doch... Sie halten mich zu feſt.“ „Nicht ſo ſehr, als Du mir gefällſt.⸗ wie Sie vom Pferde ſtiegen?“ „Ei ſchaut! das iſt Sie ſo plötzlich angekommen, „So kommt es mich immer an.“ „Das iſt ja ärger als ein Donnerſchlag!... He, wollen Sie mich jetzt einmal gehen laſſen!“ „Wenn ich Dich geküßt habe.“ „Nein, das nicht... geben Sie Acht: während Sie in Eifer gerathen, wird ihr Pferd davonlaufen.“ „Ich werde es ſchon wieder finden.“ „Da ſehen Sie, es läuft ſchon ſtolz in das Boh⸗ nenfeld des Nikolas... „Laſſen wir es hineinlaufen.“ 6— „Ich ſage Ihnen, mein Herr, ich ſchreie, wenn Ein zweiter Kuß unterbrach hier die Bäuerin und tönte bis in Deniſens Herzen wieder, die Alles mit anhörte und ſich nicht vom Flatze rührte. Dieſem erſten Triumph wäre vielleicht ein zweiter gefolgt, wenn ſich nicht Coco's Stimme hätte vernehmen laſſen; er kam auf Auguſt, den er ſo eben erſt erblickte, zu⸗ gelaufen und ſchrie aus vollem Halſe:„Da iſt mein guter Freund! Guten Tag, mein guter Freund, kommſt Du, um mit mir zu ſpielen?“ Auf den Anruf des Kindes verließ Auguſt das Landmädchen, um Coco entgegenzugehen, und die Bäuerin ſchlug einen Seitenweg ein.„Es iſt noch ein Glück,“ ſagte ſie vor ſich hin,„daß der Kleine kam, ſonſt.. denn ich mochte mich vertheidigen wie ich wollte, da ging's immer drauf los.. Teufel! das iſt ein rechter Jäger, der!“ 3. Auguſt ſchloß das Kind in ſeine Arme, tüßte es ————— 38 und nahm mit herzlicher Freude ſeine unſchuldigen Liebkoſungen an.„Du warſt nicht in Deiner Hütte, Coco,“ ſagte er zu ihm,„ich traf Niemand darinz wohnſt Du nicht mehr dort?“ „Nein, ich bin jetzt immer bei meinem Denischenz ſeit Großmama Magdalene geſtorben iſt, wohne ich bei Deniſe. O, ich bin recht glücklich! ſie hat mich recht herzlich lieb, Denischen; ſie hat mich ſo lieb wie Jakobinchen.“ Das junge Mädchen trocknete ſich erſt einige herab⸗ rollende Thränen, dann trat ſie hinter dem Baume hervor und näherte ſich Auguſt, wobei ſie ſich zu einer lächeinden Miene zwang. „Ei, da iſt Deniſe,“ ſagte das Kind beim An⸗ blick des auf ſie zukommenden Milchmädchens. Auguſt lief ihr ſogleich entgegen und rief:„Nun, da ſind Sie*) ja, meine liebe Deniſe; wie freut es mich, daß ich Sie wiederſehe! Es iſt ſchon ſo lange.. wahrhaftig, Sie ſind noch hübſcher.“ Deniſe verbeugte ſich kalt vor Auguſt und ant⸗ wortete mit erzwungener Miene:„Sie ſind ſehr gütig, mein Herr.“ „Ohne die vielen Geſchäfte, die mich in Paris zurückhielten, hätte ich Sie ſchon lange wieder beſucht⸗ Ich wünſchte es mehr als ein Mal, denn ich dachte oft an das kleine Milchmädchen von Montfermeil und Sie. dachten Sie auch zuweilen an mich?“ „Von jetzt an finde ich es angemeſſen, daß Dalville mehr, nach der Etikette, alſo per Sie mit der im Roman bedeutender werdenden Deniſe ſpricht. Der Ueberſetzer. — 39 „O, nicht oft, mein Herr,“ verſetzte Deniſe, das Ende ihrer Schürze zwiſchen den Fingern quirlend. „Nun, das heiße ich wenigſtens Offenherzigkeit,“ rief Auguſt etwas mißſtimmt; bald gewann er jedoch ſeine gewohnte Heiterkeit wieder und ſagte:„In der That, Deniſe, Sie thäten ſehr Unrecht, wenn Sie ſich mit mir beſchäftigten! Verdiene ich denn die Theil⸗ nahme eines ſo jungfräulichen, reinen Herzens? Nein, ich laſſe mir Gerechtigkeit wiederfahren! Gewiß, De⸗ niſe, es freut mich ſehr für Sie, daß Sie keine Liebe für mich fühlen, allein ich hoffe, Ihre Freundſchaft zu beſitzen, und ich werde derſelben trotz meiner Dumms heiten würdig bleiben. Nicht wahr, Deniſe, Sie wer⸗ den meine Freundin, Sie, und wenn einige der Stadtdamen neue Treuloſigkeiten an mir begehen, dann will ich dieſelben an Ihrer Seite vergeſſen. Ihr Anblick wird mich mit Ihrem Geſchlechte wieder ausſöhnen, Sie werden mich auf's Neue an Tugend, Treue an alle die guten Eigenſchaften, die wir bei den Frauen ſuchen, glauben lehren, und. ach⸗ Deniſe, ich habe Sie noch nicht geküßt und ein Freund hat dieſes Recht.“ Erröthend bot Deniſe ihre Wange dar und Auguſt drückte nur einen einzigen Kuß darauf, weil die kalte Miene und das zurückhaltende Weſen des Milchmäd⸗ chens ihn glauben machten, ſie gewähre ihm dieſe Gunſt nur aus Höflichkeit. „Es iſt alſo Manches hier vorgekommen?“ fuhr Auguſt fort.„Cocv ſagte mir, er wohne bei Ihnenz 1 ſeine alte Großmutter ſei geſtorben.“ 40 „Ja, mein Herr, ich bat den Vater Lallaux, ſei⸗ nen Sohn bei uns behalten zu dürfen; er willigte ein. Ich dachte, bei uns würde Coco glücklicher ſein. That ich Unrecht, mein Herr?“ „Können Sie je Unrecht thun?“ „Und dann ſorgt mein Denischen recht für Jako⸗ binchen,“ fiel Coco ein,„und ſie läßt mich ſpielen, ſo viel ich will, unter der Bedingung, daß ich jeden Morgen und Abend zu dem lieben Gott für meinen guten Freund bete.“ Deniſe erröthete und ſchlug die Augen nieder. „Iſt es nicht ganz natürlich,“ ſagte ſie,„daß man für ſeinen Wohlthäter bete?“ Auguſt fühlte ſich tief bewegt; er betrachtete das junge Mädchen und das Kind einige Augenblicke. Er war ganz erſtaunt, daß ein wenig Gold, gegeben, um Gutes zu thun, ihm ein größeres Glück ver⸗ ſchaffte, als das, welches er handvollweiſe zur Be⸗ zahlung von Luſtbarkeiten ſpendete. Hierauf, als ſchäme er ſich ſeiner Rührung, rief er aus:„Mir danken wegen einer Kleinigkeit! Aber jetzt, wo mein kleiner Junge ganz bei Ihnen iſt, gebe ich nicht zu, daß er Ihnen zur Laſt fällt. Es darf nichts von dem Elend, deſſen Linderung ich Ihnen übergab, auf Sie fallen; heute wollen wir unſere Vergeßlich⸗ keit wieder gutmachen. Coco ſoll Etwas treiben, er ſoll lernen. „O, Deniſe lehrt mich ſchon die Buchſtaben!“ rief das Kind. „WVie, Deniſe, Sie können leſen?“ fragie Auguſt. 4¹ „Und auch ſchreiben, mein Herr, ja,“ erwiederte die Kleine mit wichtiger Miene. Lächelnd ſagte Auguſt:„Aber, wahrhaftig! das iſt ſehr ſchön für ein Milchmädchen, und ich bin ge⸗ wiß, daß Sie gelehrter ſind als alle Ihre Gefähr⸗ tinnen. Deßhalb überlaſſe ich Ihnen auf einige Jahre Coco's Erziehung; ſpäter wollen wir weiter ſehen. Ich werde ihn nach Paris kommen laſſen.“ „Mit Jakobinchen, nicht wahr, mein guter Freund?“ ſagte der kleine Knabe, Auguſts Hand ergreifend. „Ja, mein Junge; doch ich vergeſſe den armen Bertrand, der mich in irgend einer Schenke des Dorfes erwartet.“ „Er iſt bei uns, mein Herr; ich ließ ihn bei mei⸗ ner Tante zurück.“ „So wollen wir gleichfalls dorthin, denn ich muß Ihnen geſtehen, meine liebe Deniſe, daß ich faſt ſterbe vor Hunger und Durſt.“ „Ach, mein Gott! mein Herr, und ich dachte nicht daran, Sie einzuladen. Kommen Sie ſchnell; o! wir werden bald an Ort und Stelle ſein.“ Man ſetzte ſich in Marſch. Auguſt bot der Kleinen ſeinen Arm; erröthend nahm ſie ihn an und wagte kaum, ſich auf ihren Begleiter zu ſtützen, aus Furcht, das leichteſte Drücken ſeines Armes möchte den vor⸗ nehmen Herrn errathen laſſen, was ſie ſich ſelbſt verbergen wollte; ja ſogar ihren Athem pielt ſie an ſich, weil ſie glaubte, Alles müſſe ſie verrathen. Glückliches Alter! glückliche Unſchuld! wo die Liebe noch ihre ganze Schamhaftigkeit beſitzt, wo man, ſie 42 zu verbergen Frebend, ſie in Auge, Stimme, in der unbedeutendſten Handlung und Bewegung erſcheinen läßt. Gewiß, es wäre jetzt ſehr leicht geweſen, in dem Herzen des jungen Mädchens zu leſen; kann ſich aber der an die Kunſtgriffe der Stadtkoketten gewöhnte Mann auf wahre Liebe verſtehen? Zu Hauſe fand man Mutter Fourcy neben Ber⸗ trand ſitzen; ſie ſperrte Mund und Augen auf ob der Beſchreibung von ſeinen Schlachten, welche der alte Corporal mit dem Landweine würzte. Deniſens Tante machte tiefe Knixe vor dem Pariſer Herrnz Deniſe eilte geſchäftig hin und her und ſetzte Alles in Bewegung, um Auguſt ſo ſchnell als möglich ein hübſches Frühmahl anbieten zu können, und während dieſer Zurüſtungen führte Coco ſeinen guten Freund zu Jakobinchen und Mutter Fourch folgte dem Herrn, um ihn die Schönheit ihrer Hühner, die Größe ihrer Eier und die drolligen Sprünge ihrer Kühe bewun⸗ dern zu laſſen. Nachdem das Häuschen beſichtigt worden war, begab ſich Auguſt in den Garten, be⸗ ſtändig geführt von Mutter Fourch und Coco zman gab ihm Obſt und Trauben zu koſten, man über⸗ reichte ihm ſchöne Blumen. Auguſt fand Alles be⸗ wunderungswürdig und jede Beifallsbezeugung ver⸗ ſchaffte ihm einen neuen Knix von Mutter Fourcy. Endlich war die Mahlzeit bereitet. Es war ein Uhr Nachmittags, die Zeit, wo man gewöhnlich auf dem Dorfe zu Mittag ißt. Deniſe war inzwiſchen ſo fleißig geweſen, daß ſie Auguſt ein vollſtändiges Mahl anbieten konnte: Hühner, Enten, Ferkeln wur⸗ 43 den aufgeiragen. Da Auguſt eine ſo reichlich be⸗ ſetzte Tafel ſah, verlangte er, ſeine Wirthe ſollten an ſeiner Seite Platz nehmen. Die Landleute mach⸗ ten einige Umſtände, aber der junge Mann erklärte, er werde Nichts anrühren, wenn man ihm nicht Ge⸗ ſellſchaft leiſte. Unter neuen Knixen gab man nach;z Auguſt ſetzte ſich zwiſchen Deniſe und ſeinen kleinen Schützling, Mutter Fourch gegenüber und auf die Einladung ſeines Lieutenants nahm Bertrand ſeinen Platz neben der Tante. Dieſes Mahl, erheitert durch Auguſts luſtige Ein⸗ fälle, Bertrands tüchtige Züge aus ſeinem Glaſe, des Kindes unſchuldige Freude, erweckte in jedem Gaſte ein neues Gefühl. Mutter Fourey, ganz ſtolz, mit einem ſo vornehmen Herrn zu ſpeiſen, hielt ſich wenigſtens eine Fußlänge vom Tiſch entfernt und würde um alle Schätze der Welt das Glas nicht er⸗ greifen, ohne ſich erſt vor der Geſellſchaft zu ver⸗ neigen; Bertrand empfand eine lebhafte Freude, ne⸗ ben ſeinem Lieutenant zu ſitzen, und zum Beweis, daß er den ihm ſchuldigen Reſpekt nicht vergeſſe, behielt er, übrigens wacker einhauend, die gleiche Haltung, als präſentire er das Gewehr, und ſchlug die Augen nicht von ſeinem Teller auf, nicht einmal, wenn er ſeiner Nachbarin einſchenkte, weßhalb er zu⸗ weilen neben das Glas goß. Das Kind lachte, plau⸗ derte, ſchäkerte mit Auguſt und gab ſeiner Ziege zu eſſen. Deniſe ſprach wenig, ſie war verlegen, aß nicht, und doch fühlte ſie ſich recht glücklich, neben dem jungen Leichtfinn zu ſitzen, der alle Mädchen 4 44 üßt und dabei das Geheimniß beſitzt, auch denen Liebe einzuflößen, denen er nicht den Hof macht. Auguſt war nie ſo heiter als bei dieſem Mahle; er liebkoste das Kind, brachte bei Mutter Fourcy einige Scherze an, um ſie zum Lachen zu bringen und nö⸗ thigte Bertrand, mit ihm anzuſtoßen; ihm iſt, als ſchüttle die reine und friſche Landluft alle Feſſeln der großen Welt von ihm ab, und glücklich, für einen Augenblick der Etikette und Galanterie los zu ſein, athmet er freier. „Bertrand,“ ſagte der junge Mann, während er ſich einſchenkte,„wahrhaftig, ich glaube, ich bin hier vergnügter als an einer koſtbaren Tafel, umgeben von ſchönen, mit Flitter und Edelſteinen überlade⸗ nen Frauen und bedient von einem Heer von La⸗ kaien!“ 5 S. „Hier, mein Herr, ſehen Sie nur Leute, die gie Keben und Sie nicht unter Complimenten und Höf⸗ lichkeiten zu Grunde richten.“ „Wohlan denn, Bertrand! wenn Andere mich zu Grunde gerichtet haben, dann komme ich hierher und ſuche Troſt gegen die Undankbarkeit der Män⸗ ner und die Treuloſigkeit der Weiber. Doch Sie ſagen mir ja gar nichts, Deniſe; biligen Sie mein Vorhaben nicht?“ 4 „Doch, mein Herr,“ antwortete die Kleine halb⸗ laut, und die Tante rief:„Aber ſo ſprich doch, mein Kind, Du ißt nicht mehr und redeſt nicht. Geriſe Du haſt Etwas.“ 4 „In der That,“ ſtimmte Auguſt bei,„Sie ſchei⸗ nen unſere Heiterkeit nicht zu theilen. Was haben Sie denn, Deniſe?“ „Ich, mein Herr, gar Nichts, ich ſchwöre Ihnen.“ „Und ich verſichere Sie, daß ſie Etwas hat,“ rief Mutter Fourey.„Wahrlich! ſeit einiger Zeit iſt ſie ganz wie umgewandelt, ſie liebt den Tanz und die kleinen Spiele nicht mehr; ſie weiß nicht, was ſie will. O! doch ich kenne das, ſehen Sie! wenn ein junges Mädchen ſo wird, ſo iſt das ein Zeichen, daß ſie an Etwas denkt. Nun, nun, Du brauchſt deß⸗ halb nicht roth zu werden, mein Kind, Du biſt ehr⸗ bar und züchtig, das weiß man wohl, doch hindert das nicht, an's Heirathen zu denken, und hoffentlich wird der Herr uns die Ehre erzeigen, zu Deiner Hochzeit zu kommen.“ „Ja enſß⸗ ſagte Auguſt, das Geſiht verzie⸗ hend,„ja, Deniſe, es würde mir ungemeine Freude machen, ein Zeuge ihres Glückes zu ſein, und da Sie lieben ach! Sie haben mir nicht geſagt, daß Sie eine Wahl getroffen haben.“ Deniſe antwortete nicht, ſie hielt ihre Blicke zu Voden geſenkt und ſuchte, durch Liebkoſungen an Coco's treue Begleiterin, ihre Verwirrung zu verbergen. Plötzlich ſtand Auguſt vom Liſche auf und ging⸗ ohne den Mitgäſten ein Wort zu ſagen, in offenbar übler Laune, aus dem Zimmer, im Garten ſpazieren. Er wollte ſich ſelbſt ſeine Gefühle nicht geſtehen, doch that ihm das ſo eben von Mutter Fourch Geſagte weh: während er ſich wiederholte, er denke nicht mehr an Deniſeß fühlte er im Grunde ſeines Herzens, daß Pauf de Kock. XLvMr. 4. 46 ihm das Bild des jungen Landmäbchens eine ſüßere emüthsbewegung verurſache als das der Pariſer Koketten. Auguſt ſtreifte ohne Ziel in den Gartengängen umher; er bemühte ſich, ſeine Heiterkeit wieder zu gewinnen.„Ich begreife mich gar nicht,“ ſprach er bei ſich,„daß ich ärgerlich werde, weil das junge Mädchen mich nicht liebt. mich aber, wa⸗ rum ſollte ſie hich denn auch lieben? Mich, den ſie nur drei Mal geſehen hat, den ſie nicht kennt? Ich beſitze viele Eitelkeit, daß ich denke, ſie könne mich lieben. nein. ich fühle hier, daß es nicht Eitel⸗ keit iſt, was mir ihre Liebe wünſchenswerth macht. Wohlan, kehren wir nach Paris zurück und vergeſſen wir das kleine Milchmädchen. Das wird nicht ſchwer ſein, was hat ſie denn ſo Beſonderes? In Paris gibt es viel tauſend ſchönere Frauen, viel reizendere, viel Hier hielt Auguſt in ſeinem Selbſtgeſpräch inne, denn, als er den Kopf wendete, erblickte er Deniſe nur wenige Schritte von ihm entfernt; ſeine Augen betrachteten wohlgefällig das junge Mädchen, das, wie es ſchien, ſich ſcheute, näher zu treten und, un⸗ beweglich an einen Baum gelehnt, ſtehen blieb; ihre Verlegenheit, ihr Erröthen, die flüchtigen Blicke, die ſie auf den jungen Mann warf, verliehen ihrer gan⸗ zen Perſon eine Anmuth, einen Zauber, den die Kunſt nicht nachzuahmen vermag und Auguſt ſagte bei ſich ſelbſt:„Nein, es gibt keine in Paris, die mit ihr verglichen werden kann.“ 47 Erſtaunt, ihren Gaſt ſo plötzlich den Liſch ver⸗ laſſen zu ſehen, war Deniſe ihm von Ferne in den Garten gefolgt. Sie erinnerte ſich der Worte Ber⸗ trands, und da ihr größtes Verlangen war, daß Au⸗ guſt recht oft in's Dorf komme, ſo nahm ſie ſich vor, ihre geheimen Empfindungen wohl zu verbergen. Auguſt trat Deniſen näher; eine geraume Zeit ſtanden ſie einander ſchweigend gegenüber; endlich ſuchte der junge Mann eine gleichgültige Miene an⸗ zunehmen und ſagte zu ihr:„Sie lieben alſo Jemand, Deniſe?“ „Ja, mein Herr,“ verſetzte Deniſe erröthend, die Augen zu Boden geſchlagen. „Ich glaube, daß Sie mir, wo ich Sie das erſte Mal in dem Fußſteig im Walde traf, ſagten, Sie hätten keinen Geliebten.“ „Das iſt wahr, mein Herr.“ „Sie haben alſo in dieſer Zwiſchenzeit Ihr Herz verſchenkt?“ Deniſe ſeufzte und ſchwieg. „Ich habe kein Recht, Sie auszufragen,“ ſuhr Auguſt unmuthig fort;„allein Sie flößen mir Theil⸗ nahme ein, und, ſehen Sie, Deniſe, ich täuſchte mich ſehr, ich glaubte, Sie liebten mich ein wenig!“ „O nein, mein Herr, Liebe habe ich keine für Sie! Ich muß Ihnen das ſagen, weil Sie im an⸗ dern Fall nicht mehr in's Dorf kommen würden. Doch kommen Sie nur, mein Herrz o, kommen Sie recht oft und beſuchen Sie Ihr angenommenes Kind! Ich werde nicht vergeſſen, daß ich nur ein Bauern⸗ mädchen bin und Sie ein Herr aus der Stabt, und ich verſichere Sie beſtimmt, ich werde nie Liebe für Sie empfinden.“ Mit dieſen Worten drehte ſich das junge Mäd⸗ en um, damit Auguſt die ihren Augen entquellen⸗ den Thränen nicht ſähe; doch dieſer war ſchon ferne: mit großen Schritten ging er auf das Haus zu und trat in die untere Stube mit den Worten:„Vor⸗ wärts, Bertrand, wir müſſen nach Paris zurück.“ „Nach Paris zurück? Güt, mein Lieutenant, jetzt bin ich bereit, in einer Stunde vier Meilen zu ma⸗ chen. Adieu, Mütterchen, Ihr Wein iſt muſtbar; wenn Strack einmal Zeit hat, nehme ich ihn zu einer Re⸗ cognoscirung hier heraus.“ Jetzt kam auch die Kleine wieder; ſie möchte gerne in Auguſts Augen leſen, aber ohne ihn anzublicken. „Adieu, Deniſe,“ ſagte der junge Mann zu ihr,„wir reiſen ab.“ „Schon!“ rief Deniſe.„Sie ſchienen ſich doch hier o gut zu befinden?“ „Ja, ich befinde mich auch in der That gut hier; doch Geſchäfte rufen mich. Ich werde Sie wieder ſehen, Deniſe; ich beſuche Sie wieder.“ „Sie laſſen's nicht mehr ſo lange anſtehen, bis Sie wieder kommen und Coco küſſen?“ „Nein, ich verſpreche es Ihnen, nehmen Sie die⸗ ſes hier für ihn. Ich brauche Ihnen denſelben nicht zu empfehlen, Sie ſind ſo gut!“ „Aber wozu das viele Geld, mein Herr?“ „Seine Hütte fällt zuſammen, Sie laſſen ſie f 49 ausbeſſern; den kleinen Garten hinter derſelben kau⸗ fen Sie für meinen lieben Knaben und laſſen ihn umzäumen,“ „Aber, mein Herr, was Sie mir da geben, macht tauſend Thaler, und ſo viel Geld brauche ich nicht für Alles das zuſammen.“ „Nehmen Sie es, ich will es und wenn es nicht reicht, dann ſchreiben Sie mir, Deniſe, und Sie ſol⸗ len auf ber Stelle Rachricht von mir erhalten.“ Damit warf Auguſts Feine Adreſſe auf den Tiſch und küßte das Kind. „Adieu, mein guter Freund,“ ſagte der Kleine, ſeine Arme um Auguſts Hals ſchlingend. Mutter Fourch machte dem jungen Mann einen Knix, der gerade ſo lange dauerte, als man zum Zählen der tauſend Thaler brauchen würde. Deniſe blickte ihn verlegen an, in Erwartung, daß er ſie küſſen werde, allein er that es nicht. Nachdem er von dem Kind Abſchied genommen, grüßte er Jedermann, ſpr behende auf's Pferd, entfernte ſich mit Bertrand ließ die Kleine traurig über den kalten Abſchied zu⸗ rück.„Was hat er denn?“ ſagte ſie bei ſich;„er kam nicht, weil er fürchtete, mich zu lieben; er ſcheint böſe, weil er weiß, daß ich ihn nicht liebe. Wie ſoll man es denn machen, damit man ihn häufig ſieht?“ Während Bertrand neben ſeinem Lieutenant her⸗ ritt, erlaubte er ſich, ſeiner Gewohnheit gemäß, einige Betrachtungen.„Gewiß,“ ſagte er,„es iſt ſehr ſchön, wenn man großmüthig iſt, und man darf das zum 50 Wohlthun verwendete Geld nicht bedauern. Aber, mein Herr, tauſend Thaler ſcheinen mir wirklich, wo unſere Kaſſe nicht ſehr voll iſt, etwas viel; Sie hät⸗ ten ſich weniger angegriffen, wenn Sie es auf meh⸗ rere Male gegeben hätten, und es wäre auf das Gleiche herausgekommen.“ „Ich komme wahrſcheinlich nicht ſo bald wieder in das Dorf,“ entgegnete Auguſt nachdenklich. „Ah! dann iſt's etwas Anderes, und ich habe Unrecht.“ —,— Zweites Kapitel. Anlegung der Gelder, Pfänderſpiele, Punſch und die Sicherheitslampe.. Bei ſeiner Rückkunft nach Paris fand Auguſt De⸗ ſtival ſeiner harrend; dieſer eilte ihm entgegen und drückte die Hand ſeines theuren Freundes. „Der liebe Dalville! wo Teufels gerathen Sie denn hin?“ ſagte der Geſchäftsmann, von Zeit zu Zeit einen Blick durch das Fenſter werfend. „Sie mußten auf mich warten? das bedaure ich.“ „O, es macht nichts!.. Zwar habe ich tauſend Gänge in Paris, allein mein neues Pferd iſt herr⸗ lich. Peſt, ein koſtbares Thier! Haben Sie es an der Thüre bemerkt?“ „Nein, ich gab nicht Acht darauf.“ „Ich ließ mein Cabriolet neu lakirkn und nan einen Neger als Jokey; man muß doch ſein Haus etwas beſſer einrichten, wenn die Geſchäfte zunehmen⸗ * 51 Meiner Frau gab ich eine Köchin bei, eine geſchickte; Sie ſollen darüber urtheilen: morgen ſpeiſen Sie bei uns, ich habe einige Perſonen bei Tiſche, lauter reiche Leute; nicht, daß ich gerade darauf hielte, ich bin nicht wie Thomaſſiniére, der uns beſtändig von ſeinem Vermögen, ſeinen Häuſern vorſchwatzt! Es iſt dieß um ſo lächerlicher, wenn man, wie ich, die Herkunft dieſes guten Spekulanten kennt. Sie wer⸗ den zugeben, ſeine Anſprüche machen ſich lächerlich. Haben Sie meinen Mohren unten bemerkt?“ „Nein, ich gab nicht Acht darauf.“ „Ein ſchön gewachſener Kerl! vom prächtigſten Schwarz. Ich will lieber einen einzigen Mohren als alle die großen Lakaien, die einen Wagen zufam⸗ mentreten. Ah! meine Frau iſt böſe auf Sie, mein Freund; ſie ſagt, Sie vernachläßigen ſie.“ „Aber ich verſichere Sie...“ „O, Sie kommen faſt gar nicht mehr! das iſt nicht ſchön. Jetzt iſt es aus mit Muſik⸗ Geſang und Theaterparthie; Sie vergeſſen uns, Dalville, und doch wiſſen Sie, daß wir Ihre wahren Freunde find! Aber laſſen Sie uns ein wenig von Geſchäften reden⸗ Ich dachte ein wenig an Ihren Vortheil, denn, ob⸗ gleich man Sie nicht ſieht, denkt man dennoch an Si „Zu gütig.“ „Sie ſind ein Leichtfuß, Sie, und denken nicht an's Geldverdienen; ich aber bin nicht wie Tho⸗ maſſiniere, wie jene Egoiſten, die nur an ſich den⸗ ken: ich fand eine Gelegenheit, großen Gewinn aus „ 52 meinen Capitalien zu ziehen, da ſagte ich bei mir: warum ſollte ich den lieben Dalville nicht an dem Geſchäfte Theil nehmen laſſen? das Glück eines Freun⸗ des verdoppelt das unſrige, und dann bin ich nicht ehrgeizig, ich will Niemanden Sand in die Augen ſtreuen und großthun wie gewiſſe Leute unſerer Be⸗ kanntſchaft; ich will meine Geſchäfte mehr erwei⸗ tern; damit bin ich zufrieden. Kurz, die Spekulation, von der ich Ihnen vor einiger Zeit geſprochen, kann gemacht werden; ich verbürge einen ſichern Gewinn, aber wir brauchen Geld.“ „Ich kann zweimalhundert und fünfzigtauſend Franken erheben.“ „Das iſt genug; mit dem, was ich habe, werden wir ausreichen; in weniger als einem Jahre ſollen Ihnen dieſe Gelder fünfundzwanzigtauſend Thaler einbringen. Das iſt artig, nicht wahr?... O, ſeien Sie ruhig, mein Freund, was die Vorſicht betrifft, ſo bin ich eine wahre Schlange! Glauben Sie überdieß, daß ich ſelbſt meine eigenen Fonds auf's Spiel ſetzen werde? Und wenn können Sie die Gelder erhe⸗ ben 2 „Gleich morgen.“ „Sie bringen ſie mir, wenn Sie zum Eſſen kom⸗ men.“ „Gerne.“ „Alſo abgemacht! der Empfangſchein wird be⸗ reit liegen; denn es muß Alles in der gehörigen Ordnung geſchehen. Der liebe Dalville! Sie wer⸗ den ſtärker, mein Freund, Sie ſehen prächtig aus.“ ———— 3 53 „Glauben Sie? Heute finde ich mich indeß ein wenig ermüdet.“ „Meiner Treu', es ſcheint nicht! Sie ſind ein Schelm; bei Ihren vielen Eroberungen immer eine eiſerne Geſundheit.“ „Ol eiſern iſt ſie gerade nicht.“ „Aber Sie ſind noch ſo jung mir gegenüber.. ich könnte Ihr Vater ſein!... Wie alt ſind Sie? Höchſtens zweiundzwanzig Jahre.“ „Bald ſiebenundzwanzig.“ „O, das iſt außerordentlich! Doch, ich verlaſſe Sie: ich habe ſo viele Geſchäfte, ich muß zu Monin; ich verkaufte ihm ſeine Apotheke. Ich will ihn nebſt ſeiner Frau zum Eſſen einladen; das Pulver haben dieſe Leute nicht erfunden, beſonders der arme Monin, der ſich von ſeiner Frau wie eine Puppe am Gängelband herumführen läßt; doch ſind ſie rechtſchaffen o! die Rechtſchaffenheit ſelbſt, und darauf halte ich Etwas, darauf halte ich vor Allem. Auf morgen alſo, mein lieber Freund.. und vergeſſen Sie die Gelder nicht.“ „Die Sache iſt im Reinen.“ Deſtival drückte Auguſt auf's Neue die Hand, als habe er eine Convulſion, und verließ ihn. Im Vor⸗ zimmer ſtieß der Geſchäftsmann auf Bertrand; neue Complimente von ſeiner Seite für den alten Corpo⸗ ral, dem er gleichfalls die Hand drückte.„Der liebe und brave Bertrand!“ redete er denſelben an,„wie freut es mich, ihn zu treffen. Und wie ſteht's mit der Geſundheit, mein Alter, immer vortrefflich, im⸗ mer eine prächtige Haltung. Wie gut es thut, wenn 54 man Militär geweſen iſt; doch ich verſichere Sie, die Lektion, die Sie mir gegeben haben, wirkt vor⸗ trefflich! Ich hoffe, Sie werden die Güte haben, mir dieſer Tage eine zweite zu ertheilen, mein Tapferer, und ich werde immer ſtolz darauf ſein, Sie zu em⸗ pfangen. Auf Wiederſehen, achtungswürdiger Ber⸗ trand!“ Ohne Bertrand Zeit zur Antwort zu laſſen, lief Deſtival der Thüre zu, eilte die Stiege hinab, und noch ehe er die letzte Treppe hinter ſich hatte, ſchrie er aus vollem Halſe:„Domingo, holla, Domingo, mein Neger; mach' mir doch mein Cabrivlet auf!“ Ein ſtarker, unterſetzter Neger mit rother Jacke und einem kleinen, breitkrämpigen Jokeyhnte kam mühſam daher gehüpft, denn er ſtack in Lederhoſen, die Deſtival zehn Jahre getragen und die er jetzt als Geſchenk für ſeinen Jokey paſſend erachtet hatte, obgleich ſie demſelben viel zu eng waren, allein er verſicherte ihn, ehe er zwei Jahre in ſeinem Dienſte ſtehe, werden ihm die Hoſen zu weit geworden ſein. Bei ſeinem Neger angelangt, blickte Deſtival links und rechts umher, um zu ſehen, ob man ihn bemerke, da aber Niemand ſtehen blieb und Domingo betrach⸗ tete, ſo entſchloß ſich der Geſchäftsmann, in ſein Cabriolet zu ſteigen, verſicherte ſich noch mit einem Blick durch das Fenſterchen, daß ſein Neger hinten hinaufſtehe, trieb hierauf ſein Pferd an und ſchrie: „Gebt Achtl“ ſelbſt wenn Niemand auf dem Wege war. „Mein lieber Bertrand, Du wirſt mich jetzt niht 55 mehr zanken,“ ſagte Auguſt zu dem alten Corporal nach Deſtival's Weggehen. „Warum, mein Herr?“ Weil ich jetzt meine Angelegenheiten ordne. Ich vertraue Deſtival meine Capitalien an, der ſie auf eine Art anlegen wird, daß ich in einiger Zeit eben ſo reich ſein werde als früher.“ „Sie vertrauen Ihr Vermögen dem höflichen Herrn an?“ „Ja, mein Freund.“ „Alles?“ „Ja, ſo ziemlich alles; ich übergebe ihm zwei⸗ malhundert und fünfzigtauſend Franken; es bleiben mir dann noch etwa zwanzigtauſend zum Leben und zu meinen Vergnügungen übrig, bis ich mit Deſtival rechne, was ich vor einiger Zeit nicht thun will.“ „Sehr gut, Herr; haben Sie aber Bürgſchaften? denn, mit einem Wort: zweimalhundert und fünf⸗ zigtauſend Franken ſind eine Summe, und wenn man ſonſt Nichts beſitzt...“ „Sei ruhig, ich werde jede mögliche Sicherheit erhalten; zudem iſt Deſtival klug, vorſichtig. O, ich ſetze mehr Vertrauen in ihn als in Thomaſſinière, der indeß viel reicher iſt, und dann, wenn ich meine Gelder will, brauche ich es ihn nur drei Monate vorher wiſſen zu laſſen.“ „Wenn er ſie aber behalten will, läßt er es Si dann auch vorher wiſſen, mein Lieutenant?“ 2 „Pfui, Bertrand, muß man überall nur Intri⸗ ganten und Spitzbuben ſehen?“* 56 „Gott bewahre mich davor, mein Lieutenant, denn in dieſem Fall müßte man gegen alle Menſchen be⸗ ſtändig auf der Hut ſein.“ „Ich habe mich in der That nicht über das Schick⸗ ſal zu beklagen: ich genieße das Leben und mein Vermögen wird ſich vermehren. Wenn einige Koket⸗ ten mich betrügen, ſo gebe ich ihnen das Doppelte wieder heim. Auf die kleine Deniſe bin ich indeß böſe; ich fühle, daß ich ſie ſo ſehr liebte.. ihr Herz zu verſchenken, ohne es mir zu ſagen. „Bedurfte ſie dazu Ihre Erlaubniß, mein Lieute⸗ nant?“ „Nein! Wenn ich aber in ſie verliebt wäre, wenn ich mich der Hoffnung hingegeben hätte, ihre Liebe zu gewinnen? Du wirſt zugeben, Bertrand, daß es für einen Mann von einigem Verdienſte ſehr unan⸗ genehm iſt, wenn er denken muß, ein hübſches Mäd⸗ chen ziehe ihm irgend einen Bauernburſch, einen un⸗ geſchlachten Bauernlümmel vor.“ „Dieſer Bauernlümmel, mein Herr, dieſer un⸗ geſchlachte Burſche wird ihr ſeine Hand reichen, er wird ſie zu ſeiner Frau machen, ſie als die Mutter ſeiner Kinder lieben und ſie nie verlaſſen. Glauben Sie, das überwiege nicht die Liebesblicke, Seufzer und feinen Redensarten eines jungen Pariſers?“ „Du haſt recht, Bertrand, ich bin zuweilen nicht recht klug; wir wollen nicht mehr von Deniſe ſpre⸗ chen. Wenn ſie einmal verheirathet iſt, dann beſuche ich ſie wieder, bis dahin mag ich nicht mehr nach Montfermeil gehen, die Kleine iſt zu verführeriſch.“ 3 57% „Bravo, mein Lieutenant! das heiße ich als Ehrenmann gehandelt.“ Auguſt begab ſich zu ſeinem Notar; als er die Treppe hinabſtieg, begegnete er Madame St. Ed⸗ mond; es war dieß das erſte Wiederſehen ſeit dem Abentheuer im Gaſthaus zum Kehr⸗Um. Beim Anblick Auguſts blieb Leonie ſtehen, lehnte ſich an die Wand, verdrehte die Augen, zog ihr Sack⸗ tuch und vergaß Nichts, was auf den Gedanken füh⸗ ren konnte, ſie werde in Ohnmacht fallen; doch, ohne auf das ausdrucksvolle Pantominenſpiel ſeiner Nach⸗ barin zu achten, verbeugte ſich Auguſt kalt und ging, ohne anzuhalten, vorüber. Der Notar händigte Dalville die bei ihm hinter⸗ legten Capitalien ein; dieſer ſteckte zweimalhundert und fünfzigtauſend Franken in ſeine Brieftaſche und überließ das Uebrige an Bertrand, mit der Auffor⸗ derung, in ſeinen Ausgaben weniger ökonomiſch zu ſein, da er nicht einſehe, warum ſie ſich irgend Et⸗ was verſagen ſollten, da ſich ihr Vermögen verdop⸗ peln müſſe. Am andern Tage um fünf Uhr begab ſich Auguſt mit der Brieftaſche zu Deſtival und em⸗ pfahl Bertrand auf's Neue, er ſolle ſich beluſtigen. Um ſeinem Herrn zu gehorchen, ſuchte Bertrand ſei⸗ nen Freund Strack auf und ſchlug ihm einen iein 3 Spaziergang vor. Der Geſchäftsmann hatte eine größere Wohnung inne, als ſeine bisherige geweſen. Sein Hausweſen war mit größerem Luxus eingerichtet, und obgleich er an Eleganz auch jetzt noch nicht mit Thomaſſiniére 58 wetteifern kann, ſo ſieht man doch, daß er ſein Mög⸗ lichſtes thut, ihn zu erreichen; im Allgemeinen bringt übrigens die auffallende Mühe, den Leuten die Augen zu blenden, ſelten die gehoffte Wirkung hervor und dient nur dazu, daß man ſich lächerlich macht. In den Künſten bringt man es ſelten zu Etwas, wenn man aus ſeinem Genre heraustritt, und in der Welt macht man ſich lächerlich, wenn man mehr ſein will als man iſt. Vergeblich wird die Griſette unter ihrem neumodiſchen Hut die feinen Manieren der Frau der großen Welt nachäffen; umſonſt wird der vom Kopf bis zu Fuß neugekleidete Schneidergeſelle glauben, er habe, weil er die neueſten Moden trage, das Aus⸗ ſehen eines Wechſelagenten; die Natur dringt ſtets durch: man kann der Menge imponiren und für Das gelten, was man nicht iſt, aber bei der erſten ge⸗ nauen Unterſuchung 3 fällt die Maske, hleibt der Menſch nur, und der Halbgott ſchwindet ganz. Solcher Leute bietet uns die Geſellſchaft eine Menge, die, wenn ſie nicht mehr thun wollten als ſie könnten, ſehr achtungswerth wären und der Kri⸗ tik keine Blöße gäben. Bei einem Subalternbeam⸗ ten mit hundert Louisd'or Gehalt will man Soiréen und Bälle geben: man kehrt das ganze Haus um, Betten werden abgeſchlagen, damit man mehr Platz gewinnt, man läßt ein Piano kommen, bereitet viele Karaffen voll Zuckerwaſſer, borgt Kronleuchter und Lampen, gibt Punſch und trägt ein Nachteſſen auf. ——————— . 59 Aber aller Mühe unerachtet weiß die für das kleine Gemach viel zu zahlreiche Geſellſchaft nicht, wo ſie Platz finden ſoll; es fehlt an Stühlen, an der Stelle, wo das Bett ſtand, haben die Tapeten noch eine lebhaftere Farbe und laſſen auf den Auszug von heute Morgen ſchließen; das Piano iſt nicht geſtimmt; die bereiteten Erfriſchungen enthalten zu wenig Zucker, weil man ſparte, um eine Karaffe mehr aufſtellen zu können; die Lampen brennen nicht hell, weil man nicht mit ihnen umzugehen gewohnt iſt; zum Punſche nahm man ſchlechten Branntwein, weil man nach dem wohlfeilſten griff, und beim Nachteſſen findet man altgebackenes Brod zu dem aufgetragenen Ge⸗ flügel. Die Leute kritiſiren gerne: man lacht unter ſich über Alles, was ſchlecht geweſen, ohne daß man das Gute in Anſchlag brächte. Wäre es ſtatt deſſen nicht beſſer geweſen, man hätte eine anſpruchsloſe Abendgeſellſchaft eingeladen, das Bett an ſeinem Platz gelaſſen, ein Gericht weniger aufgeträgen, aber friſches Brod gegeben, kurz, nicht die Abſicht hervortreten laſſen, daß man eine große Soirse ge⸗ ben wolle, ſondern nur die Gelegenheit geſucht, ei⸗ nige Freunde um ſich zu verſammeln? Bei dem Geſchäftsmann hat man zwar keine Betten abgeſchlagen, weil der Salon für eine zahl⸗ reiche Geſellſchaft Raum genug enthält; die Lampen brennen hell, weil man ſich derſelben häufig bedient und der Punſch iſt gut, weil Madame Deſtival jene übel angebrachte Sparſamkeit nicht kennt, mit wel⸗ cher Richts ganz geſchieht; aber der zum Anmelden ——̃— 60 in's Vorzimmer poſtirte Domingo und Bapliſt, wel⸗ cher beſtändig von einem Zimmer in's andere läuft, um die Befehle ſeines Herrn zu vollziehen und über Alles, was man ihn zu thun heißt, brummt, haben etwas auffallend Komiſches, weil Deſtival unaufhör⸗ lich bald ſeinem Neger, bald ſeinem Kammerdiener ruft und ihnen die Beinamen Schlingel und Schuft gibt. Bei Dalville's Ankunft waren bereits mehrere Perſonen im Saale verſammelt; unſer Leichtſinn er⸗ kannte Monin und deſſen Ehehälfte, welch letztere dießmal keinen Schäferhut trägt, ſondern einen un⸗ gehelren Turban, unter welchem ihr dickes Geſicht völlig dem eines Türken gleicht. Auguſt war noch nicht bis in die Mitte des Salons gelangt, als Monin ihn bereits fragt, wie ſich der Stand ſeiner Geſundheit befinde. Madame Deſtival empfängt Au⸗ guſt auf die anmuthigſte Weiſe und ihre Vorwürfe über die Seltenheit ſeiner Beſuche werden mit ſo vieler Liebenswürdigkeit gemacht, daß ſie nur das Bedauern in ihm erregten, ſie verdient zu haben. Ehe Auguſt noch den übrigen Theil der Geſellſchaft genauer betrachtet hatte, tritt Deſtival in den Salon, und beim Anblick Dalville's ſtößt er ein Freuden⸗ geſchrei aus, als glaube er ihn von den Todten auf⸗ erſtanden, hierauf ergreift er ſeine beiden Hände und ſagt:„Da iſt er, der liebe Freundz er iſts, er blieb nicht aus, wie liebenswürdig von ihm! O, es iſt eine Begünſtigung, wenn man ihn hat... er be⸗ kommt ſo viele Einladungen, er hat ſo viele Be⸗ kanntſchaften, daß er kaum allen folgen kann.“ * 61 Leiſer ſetzte der Geſchäftsmann hinzu:„Haben Sie an unſer Geldgeſchäft gedacht?“ „Ich habe Alles bei mir,“ verſetzte Auguſt. „So wollen wir in mein Cabinet und die Sache noch vor dem Eſſen abmachen, um nachher nur noch an's Vergnügen zu denken.“ „Gerne.“ „Meine Damen, ich bitte Millionen Mal um Ver⸗ gebung, daß ich Ihnen den lieben Dalville entführe; doch ich verſpreche Ihnen, in fünf Minuten ſoll er wieder hier ſein, ſonſt, ich begreife das wohl, wür⸗ den Sie mir todtfeind.“ Mit dieſen Worten zog Deſtival Auguſt fort in ſein Cabinet. Hier übergab ihm Letzterer die Brief⸗ taſche. Nachdem der Geſchäftsmann die Billets ge⸗ zählt, verſchloß er ſie ſorgfältig in ſeinen Schreib⸗ tiſch und ſtellte hierauf Auguſt eine Quittung für die Summe zu; Auguſt ſchob ſie in die Taſche und ſagte:„Sehr gut, zu Hauſe will ich es genauer an⸗ ſehen.“ Hierauf kehrten die Herren in den Salon Szurück, Dalville bewies ſich geſchäftig, die Vekannt⸗ ſchaft einiger hübſchen Damen zu machen, die er be⸗ merkt hatte, und Deſtival war ſo freudeſtrahlend, als habe er eine Diamantgrube entdeckt. Die Geſellſchaft war inzwiſchen um mehrere Per⸗ ſonen ſtärker geworden, unter welchen Auguſt drei junge und hübſche Schweſtern bemerkte, welche je⸗ doch in Gang, Sprache und Lächeln alle das gleiche affektirte Weſen zeigten; eine junge, ſehr heitere und geſprächige Frau, welche beveutend aufgelegt ſchien, Paul de Kock. LRvII. 5 . 5 — 62 mit Jedermann zu ſcherzen, vorzüglich aber mit den Herren; ein ſechszehnjähriges, ſehr ſchüchternes und linkiſches Gänschen, das weder von ſeiner Mutter zu weichen, noch die Leute anzublicken wagte, mit welchen es ſprach. Ein langer Herr mit einer Brille, der ſeine Naſe auf alle Gemälde, Kupferſtiche, Ofen⸗, Kamin⸗, Lichtſchirme und Flacons ſteckt, Alles betaſtet, betrachtet, dabei den Kopf ſchüttelt und zwei oder drei: hum, hum! entſchlüpfen läßt, wollte ohne Zweifel damit Etwas ſagen. Während deſſen war ein kleines Männchen ſehr in Verlegenheit mit ſeinem dicken Bauch, ſeinen kurzen Armen, ſeinem kleinen Kopfe, kurz, es wußte nicht, was es mit ſeiner gan⸗ zen Perſon anfangen ſollte: bald ſchaukelte es ſich fortwährend auf dem linken, bald auf dem rechten Beine, ſpielte mit ſeiner Uhrkette, ſtreckte die Zunge heraus, wenn man es anblickte und kratzte ſich die Naſe, wenn man es nicht anblickte. Im Allgemeinen ſchien die Geſellſchaft hinſicht⸗ lich der Frauenzimmer gewählter als hinſichtlich der Herren; wenn man jedoch Geſchäfte macht und Com⸗ miſſionen übernimmt, kommt man mit Leuten aus allen Klaſſen in Verbindung, und häufig ſind es nicht gerade die eleganteſten, bei welchen man am meiſten verdient. Monin blieb verlegen unter ſo vielen Leuten be⸗ ſtändig hinter dem Seſſel ſeiner Frau und hing nur hervor, um ſich nach dem Zuſtand der Geſundheit eines Jeden zu erkundigen; hatte er einen Neuan⸗ gekommenen mit ſeiner gewöhnlichen Phraſe ange⸗ 63 redet, dann zog er ſich lächelnd wieder hinter ſeine Ehehälfte zurück, öffnete ſeine Tabaksdoſe und bot ſie Bichette, die, ihres Turbans unerachtet, mit ihm wetteiferte, wer die größte Priſe nehmen könne. Es ſchlug ſechs Uhr; Domingo trollte herbei und ſagte in ſeinem Kauderwelſch, einem Gemengſel aus allen Sprachen:„Herr, Supp' au auf. di.. Tiſch und Monin, welcher den Neger im Vor⸗ zimmer nicht bemerkt hatte und glaubte, es ſei ein Negoziant von der Goldküſte von Guinea, den man zum Eſſen geladen, wollte hinter dem Seſſel ſeiner Frau hervorgehen und Domingo fragen, wie ſich der Stand ſeiner Geſundheit befinde, als Bichette, die Abſicht ihres Mannes errathend, ihn am Fracke zu⸗ rückhielt mit den Worten:„Bleiben Sie da, wo wollen Sie denn hin, Herr Monin? ſehen Sie nicht, daß es der Neger des Herrn Deſtival iſt?“ „Ah! das iſt ein Neger, Bichette?“ „Wie, mein Herr, das merken Sie nicht?“ „Doch, aber ich will Dir ſagen, ich glaubte, er ſpreche deutſch, er ſagte:„Supp' auf'n Tiſch.“ „Nun, mein Herr, iſt denn das deutſch? Wenn man übrigens einmal einen Neger annimmt, ſollte man ihn auch gehen lehren; ich möchte keinen Jokey, der Blei in den Hoſen zu haben ſcheint. Er iſt hübſch, der Domingo: es iſt irgend ein Wilder, aus welchem man mit Hülfe von Süßholzſaft einen Neger machte.“ „Das Eſſen iſt aufgetragen und Herr und Frau Thomaſſiniere kommen nicht!“ ſagte Madame Deſti⸗ val voll Aerger.„Wir warten nur auf ſie; das 8 3 — ——— find ſchreckliche Leute, niemals pünkllich; es iſt be⸗ reits ſechs Uhr vorbei.“ „Sechs Uhr zehn Minuten!“ bemerkte der Lange mit der Brille.„Ich gehe ſtets nach der Sonne, hum, hum!“ „Sechs Uhr ſieben Minuten,“ ſagte Monin, ſeine Uhr herausziehend. „Ihre Uhr geht nach, mein Herr! hum, hum.“ „Mein Mann richtet ſie immer nach der Kanone des Palais⸗Royal,“ ſagte Madame Monin mit ei⸗ nem ſtolzen Blick auf den Brillenmann, während der kleine Herr mit den kurzen Armen ſich zwei Mal auf das linke und ein Mal auf das rechte Bein ſtellte, um ſeine filberne Uhr aus der Taſche zu bringen, und als ihm dieß endlich gelungen war, ſah er lange auf das Zifferblatt und ſagte:„Ja, ſo muß es un⸗ gefähr ſein.“ „Meiner Treu',“ ſagte Deſtival,„wenn Herr Thomaſſiniere ſeine Frau nicht mitbrächte, wären wir bereits bei Tiſche, weil es lächerlich iſt, eine ganze Geſellſchaft warten zu laſſen; allein eine ſchöne Frau findet ſtets Etwas an ihrer Toilette zu ändern: den Grazien muß man ſchon Etwas vergeben. Do⸗ mingo, man ſoll die Gerichte des erſten Ganges warm halten. Baptiſt, daß die Roſte glühend blei⸗ ben. Rührt euch, Schlingel, etwas flink, wenn i befehle.“ Domingo geht darum nicht ſchneller, weil v Lederhoſen ihn daran hindern. Baptiſt, beſtändig übler Laune, ßößt den Reger vorwärts, wobei 65 brummt:„Vorwärts doch, Faullenzer! Ein ſauberer Gehülfe, den man mir da gegeben hat: er kann Nichts als Leller zerbrechen und Likör ſtehlen. Ich wollte, er tränke ſo viel, daß er die ganze Porzellan⸗ kammer zuſammenſchlüge; das würde ſie lehren, die⸗ ſem häßlichen Schwarzen eine neue rothe Jacke zu geben, während ich ſeit drei Jahren mit einem ab⸗ geſchabten Frack vorlieb nehmen muß.“ Es ſchlägt halb; die Geſichter ziehen ſich in die Länge. Auguſt plaudert mit einem ſeiner Nachbarn, der zu ihm ſagt:„Finden Sie es nicht lächerlich, mein Herr, daß man wegen einer oder zwei Perſo⸗ nen eine ganze Geſellſchaft warten läßt und daß ſehr ehrenwerthe Leute oft nach der Pfeife eines Narren tanzen müſſen, dem es beliebt, unpünktlich zu ſein? Bei mir, mein Herr, ſpeist man zur feſtgeſetzten Stunde, nie warte ich zwei Minuten auf die Einge⸗ ladenen, und ich verſichere Sie, ſie ſind pünktlich, weil ſie wiſſen, daß man ohne ſie zu Liſche ſitzen würde.“ Auguſt findet, daß ſein Nachbar recht hat; Ma⸗ dame Deſtival verliert die Geduld; der Herr des Hauſes geht jeden Augenblick in den Speiſeſaal und kommt wieder zurück mit dem Ausrufe:„Alles wird kalt werden! Die kleinen Paſteten werden nicht mehr zum Eſſen ſein; wie unangenehm.“ „Ja,“ ſagte der Herr mit der Brille,„aufge⸗ wärmte Paſteten taugen gar nichts, weil ſie nur friſch gut find; hum.“ Monin ſchien es ſehr nahe zu gehen, wäs man von den kleinen Paſteten ſagte, und der ſich wiegende Herr kratzt ſich an der Naſe mit erbärmlicher Miene. Um ſieben Uhr endlich ward die Klingel heftig an⸗ gezogen und bald traten Herr und Frau von Tho⸗ maſfiniére in den Salon. Athalie ſtrahlt; ihre Toilette iſt prachtvoll, Hals und Arme mit Diamanten überladen, und der Glanz, den ſie verbreiten, paßt vollkommen zu dem pikanten Ausdruck ihrer Züge. Bei ihrem Anblick laſſen die Männer ein Ge⸗ murmel der Bewunderung hören; die Frauen ſagen nichts: ſie beſchauen, beurtheilen ihre Toilette bis zu den unbedeutendſten Einzelnheiten herab, und ihre Augen können eine leiſe Bewegung des Neides nicht verbergen, weil Alles gut und keine Möglichkeit zu kritiſiren vorhanden iſt, was ſonſt in der Geſellſchaft, wo man ſelbſt ſeine Freunde nicht verſchont, großes Vergnügen gewährt. Thomaffinière, der dieſen Morgen wieder zwan⸗ zig und etliche tauſend Franken an einem Bauplatz gewonnen und beinahe jeden Tag den Marquis von Cligneval zu Tiſche hat, ſpielt mehr als je den Ge⸗ wichtigen, bläht ſich auf in ſeinen Kleidern, geht nachläßig und wiegt ſeinen Körper wie ein Per⸗ pendikel einer Wanduhr. Beim Eintritt in den Salon wirft er unverſchämte Blicke auf Jedermann, begrüßt Niemanden, tritt den Andern auf Füße und Kleider, ohne um Entſchuldigung zu bitten, und gibt Monin keine Antwort, als dieſer hinter dem Seſſel ſeiner Frau hervorkommt, und, vor den Spekulanten tre⸗ 67 tend, ihn fragte:„Wie befindet ſich der Stand Ihrer Geſundheit?“——* Wie grauſam ſind Sie doch, mein lieber Tho⸗ maſſiniére, daß Sie ſo auf ſich warten laſſen!“ redete Deſtival den Emporkömmling an und ſtreckte ihm die Hand entgegen; dieſer gab ihm mit der Miene eines Gönners zwei Finger und erwiederte:„Ja, es iſt wahr, aber ſo geht es, wenn man keinen Augen⸗ blick für ſich hat. Beinahe wären wir gar nicht ge⸗ kommen. Mein Freund, der Marquis, wollte uns auf's Land führen; ich dachte jedoch, es würde Ihnen gefehlt ſein, wenn wir nicht kämen, und ich ſagte: wir wollen gehen; aber, wahrhaftig, es hing nur noch an einem dünnen Faden.“ Während dieſes Geſprächs war Monin hinter Thomaſſiniore ſiehen geblieben und da er keine Ant⸗ wort erhielt, beſchloß er, zu ſeiner Frau zurückzu⸗ kehren; aber Bichette, die Alles ſieht, was in den vier Ecken des Saales vorgeht, bemerkte, daß Tho⸗ maſſiniere die Verbeugung ihres Gatten nicht er⸗ wiedert hat, und warf wüthende Blicke auf den Em⸗ porkömmling, wobei ſie zu ihrem Manne ſagte: „Warum begrüßten Sie dieſe grobe Perſon?“ „Bichette, weil... „Was haben Sie nöthig, ſich nach der Geſund⸗ heit eines Jeden zu erkundigen?“ „Bichette, weil... „Sind Sie ein Freund dieſer Leute da?“ „Du weißt wohl, daß wir ſie bei Herrn Deſtival ſahen. Zankeſt Du, Bichette?“ „Haben Sie nicht bemerkt, daß dieſer unber⸗ ſchämte, dieſer ungezogene Menſch, der ſich auf ſo lächerliche Weiſe wichtig macht, Ihnen den Rücken kehrt, ohne auf Ihre Artigkeit Etwas zu erwiedern?“ „Vielleicht hat er mich nicht geſehen, Bichette.“ „Nicht geſehen? Sie ſtanden ihm ja vor der Naſe! Sie ſind ein verzagter Dummkopf, Herr Monin! Dieſe Thomaſſiniéres ſollen mir das bezahlen. Wenn Sie es ſich jedoch einfallen laſſen, mit dieſem Men⸗ ſchen oder ſeiner Frau ein Wort zu ſprechen, ſo ent⸗ ziehe ich Ihnen Ihre Doſe auf acht Tage.“ Erſchreckt durch dieſe Drohung zog ſich Monin wieder hinter den Stuhl ſeiner Ehehälfte zurück und nahm drei Priſen hintereinander. Domingo ſchrie jedoch auf's Neue, es ſei aufgetragen, und Alles begab ſich in den Speiſeſaal. Dalville bot der Herrin des Hauſes die Hand; ein Stutzer aus der Provinz war der Führer der glänzenden Athalie; der Herr mit der Brille trat zu den drei Schweſtern, mit der Bemerkung, er übernehme es, die drei Gra⸗ zien zu geleiten; Thomaſſiniere ging allein, ohne Zweifel, weil er die Vorſtellung ſeiner Perſon allein ſchon für hinreichend fand; Monin marſchirte mit einer alten Wittwe im Schritt, und Madame Monin war die letzte im Salon mit Herrn Bisbis(ſo hieß der kleine Herr, der ſich ſchaukelte); hüpfend erſchien er vor der Dame mit dem Turban, bot ihr ſeine rechte Hand, dann ſeine linke, hierauf wieder ſeine rechte, bis die ungeduldig gewordene Madame Mo⸗ nin am Ende ihren Cavalier um den Leib faßte, als 69 wollte ſie einen Hopswalzer mit ihm tanzen, und ihn ſo in den Speiſeſaal mit fortzog. Das Mahl war koſtbar: drei Gänge mit vieler⸗ lei Vorgerichten bei jedem. Monin fand keine Zeit,. ſeiner Doſe zuzuſprechen, Thomaſſiniöre dagegen ſuchte bemerklich zu machen, daß der Madera ſchlecht, die Oliven zu geſalzen, die Butter bei Weitem nicht ſo gut ſei als die von ſeinem Gute Fleury, und daß endlich zwei Diener zur Bedienung von zwan⸗ zig Perſonen nicht ausreichen. Allerdings ließ man Thomaſſinière öfters zwei Mal einen Leller fordern, weil Domingo nie ſchnell genug kam und Baptiſt den Kopf verlor, während er um den Tiſch herum rannte. Beim zweiten Gang ließ Baptiſt eine Schüſſel mit Maccaroni auf Madame Monin fallen, und Do⸗ mingo, der ſchnell zu gehen verſuchte, zerbrach einen Stoß Teller. Madame Monin erhob ein großes Zetergeſchrei, weil man ihr Gros⸗de⸗Naples⸗Kleid beſchmutzte, Madame Deſtival ſuchte ſie zu beſänf⸗ tigen, Deſtival zankte mit ſeinen Leuten, und Monin wagte nicht mehr, ſich einzuſchenken, weil Bichette übler Laune war. So gelangte man unter allerlei drolligen Zwi⸗ ſchenfällen und Ungeſchicklichkeiten von Seiten der beiden Bedienten zum Kaffee und Likör, worauf man die Tafel verließ, nicht heiterer, als man gekommen war, d. h. man hatte ſich gelangweilt, wie das ge⸗ wöhnlich bei einem Gaſtmahl der Fall iſt. Aber bereits erſchienen die für den Abend Ge⸗ — ladenen in Menge. Bald war der Salon zu klein für die ganze Geſellſchaft; Deſtival ſchwamm in ei⸗ nem Meer von Wonne, weil man kaum gehen konnte, und Jeder rief:„Ach Gott, wie viele Leute, wie warm iſt es hier!“ Die Partien bildeten ſich. Thomaſſiniere nahm an einem Spieltiſche Platz, warf ſeine Börſe darauf und ſagte;„Ich ſpiele nur um Gold.“ Der jüngere Theil der Geſellſchaft war jedoch ſo verſtändig, die Unterhaltung mit den Damen dem Kartenſpiele vor⸗ zuziehen und zog ſich in das Schlafzimmer der Ma⸗ dame Deſtival zurück. Athalie begab ſich ebenfalls dorthin, ſo wie Dalville und andere junge Leute. Man beſchloß, die Karten ſollen nicht zugelaſſen wer⸗ den und um Etwas zu treiben, ſchlug man Pfänder⸗ ſpiele vor. Der Vorſchlag wurde angenommen und die Geſellſchaft ſetzte ſich in einen Kreis. Madame Monin wollte an den Unſchuldsſpielen auch Theil nehmen und erklärte ein Langes und Breites, mit welchem auf dem Lande einheimiſchen Spiel der An⸗ fang gemacht werden müſſe; die Geſellſchaft war indeß anderer Anſicht, und nachdem man Mehreres vorgenommen und auch blinde Kuh geſpielt, wobei Madame Monin einen kleinen Herrn beinahe erdrückte, ging man zum Löſen der Pfänder über. Eine der drei Schweſtern hielt die Pfänder in ihrer Schürze; ein junger Offizier zog ſie und miſchte ſie ſehr lange untereinander, damit kein Betrug ſtattfinden könnte. Athalie ordnete die Löſungsarten an. Das erſte Pfand ſollte Etwas im Vertrauen . 6 —— 71 ſagen. Der Offizier, der das Pfand zu ziehen hat, hielt es aber immer noch zurück; denn es koſtete ihn viele Mühe, ſeine unter den Kleiderfalten des hüb⸗ ſchen Mädchens verſteckte Hand hervorzubringen. End⸗ lich war das Pfand da: es gehörte der kleinen Ein⸗ fältigen, die in ihrer Verlegenheit Monin zum Ver⸗ trauten wählte, ihn in eine Ecke des Salons führte und ihm zuflüſterte:„Mein Herr, es war heute recht ſchön.“ Mit blöder Miene ſah Monin das Frauenzimmer an und fragte ſie:„Nun, und was muß ich darauf antworten?“ „Nichts, mein Herr,“ ſagte die junge Perſon und kehrte an ihren Platz zurück, während ſich Monin zu den Umſtehenden wandte:„Ein hübſches Spiel! ich wußte nicht, daß ich es ſpielen kann.“ Das folgende Pfand gehörte Athalien. Sie ſoll ſchmollen, und Jeder war gerne bereit, mit ihr zu ſchmollen, und während des Schmollens mit Dal⸗ ville erlangte dieſer ein Rendezvous. Es iſt doch etwas recht Schönes um die Unſchulds⸗ und Pfän⸗ derſpiele. Man verbietet den Frauenzimmern von guter Erziehung den Walzer, erlaubt ihnen aber, Etwas im Vertrauen zu ſagen oder zu hören, ſich mit einem jungen Mann in einem kleinen, finſtern Cabinet zu verſtecken oder zu warten, bis man den Kloſterpfört⸗ ner ablöst, und dabei ſind immer Küſſe zu geben und zu empfangen in kleinen Winkeln, im Geheimen, hinter Vorhängen. Wenn ich je eine Tochter bekomme, 72 ſo laſſe ich ſie walzen unter meinen Augen, verbiete ihr aber die Unſchuldsſpiele. Das nächſte Pfand gehörte Madame Monin, welche die Reiſe nach Cythere machen ſoll. Eiligſt ſtand ſie auf und reichte Herrn Bisbis die Hand mit den Worten:„Machen Sie die Reiſe mit mir.“ Der dicle Herr ließ ſich in ein kleines Cabinet führen, deſſen Thüre Madame Monin hinter ſich zu⸗ ſchloß, und Monin, der das ſah, ſagte zu einem ſeiner Nachbarn:„Was machen ſie denn da drinnen?“ „Sie ſind in Cythere.“ „Ach, gut! ich ſehe, was es iſt: wieder eine ver⸗ trauliche Mittheilung; ſie wird ihm ſagen, es ſei heute ſchön Wetter geweſen. Ich kenne jetzt das Nach einer ziemlichen Weile kamen Bichette und ihr Begleiter von Cythere zurück, und einige Da⸗ men bemerkten, daß der Turban ein wenig in Un⸗ ordnung iſt und Bisbis nicht mehr weiß, auf wel⸗ chem Fuße er ſtehen ſoll, was Monin nicht abhielt, ſich ſeiner Frau zu nähern und ihr zu ſagen:„Iſts hübſch, Bichette?“ 6 „Was, mein Herr?“ „In Cythere?“ „Sehr hübſch, mein Herr.“ 4 Dieſe Antwort begleitete ein ſchelmiſcher Blic auf Bisbis, der ſich länger als gewöhnlich unter der Naſe kratzte, während Monin mit ſeiner Doſe auf ihn zuging und ihn fragte:„Schnupfen Sie auch 2“ — 73 Hier ward das Spiel durch den von Domingo, gebrachten Punſch unterbrochen. Der Neger reichte ihn den Damen, welche viele Umſtände machten, ein Glas Punſch anzunehmen, den ſie ſtets zu ſtark fin⸗ den, deßhalb aber doch öfters auf ihn zurückkommen. Die Männer umgaben Domingo und nahmen ihm ein Glas ab, nur Monin konnte keines erhaſchen, obgleich der Neger mehrmals an ihm vorübergekom⸗ men war; endlich lief er ihm nach, fand aber nur noch leere Gläſer, erhielt jedoch das Verſprechen, daß bald wieder eine neue Ladung eintreffe. Madame Monin, durch die Reiſe nach Cythere etwas erhitzt, ſagte zu ihrem zurückkommenden Manne: „Gehen Sie, Herr Monin, und holen Sie mir ein zweites Glas Punſch, das vorige war nur halb vollz das iſt gewiß ſo berechnet, damit man öſter anbieten kann, ohne darum mehr machen zu müſſen.“ „Der Neger hat keinen mehr, Bichette, er ſagte mir aber, er werde ſogleich mit ganz warmem Punſche zurückkommen, alsdann... „Schon gut, ſchon gut, gehen Sie, ich glaube, der Herr ſucht mich, um die Liebesbrücke mit mir zu machen.“ Die Hoffnung der Madame Monin ging jedoch in Rauch auf. Der junge Offizier ward verurtheilt, die Liebesbrücke zu machen; er wandte ſich nicht an ſie, ſondern an Athalie, die ſich lachend zu der Pö⸗ nitenz verſtand, und mit einigem Unwillen bemerkte Dalville, daß die Modedame die Liebesbrücke eben ſo gerne mit Anderen machte als mit ihm. Um ſich 74 darüber zu tröſten, gab er einer jungen Dame, deren Gatte den Ritter von der traurigen Geſtalt ſpielte, einen Kapuzinerkuß. Für die meiſten der Anweſenden iſt dieſes Spiel nur ein Vorwand, ſich Denjenigen zu nähern, die ihnen am beſten gefallen. Dieß ſehen aber die Mama's und Papa's nicht immer ein; dieß beunruhigt die Chemänner ſehr wenig; aber dem Beobachter entgeht es nicht, der in einem Salon etwas Anderes ſucht als einen Spieltiſch oder ein alltägliches Geſpräch mit Leuten, die man zum erſten Mal ſieht und die wiederzuſehen man häufig kein Verlangen fühlt. Eine neue Sendung Punſch lenkt die Aufmerk⸗ ſamkeit etwas von den da und dort geführten Ge⸗ ſprächen und den Spielen, die in's Stocken gerathen, ab. Domingo ward auf's Neue umringt und Mo⸗ nin verfolgte wiederum den Neger; aber von den jungen Leuten ſtets zurückgeſchoben, konnte der Ex⸗ apotheker erſt zu ihm gelangen, als alle Gläſer leer waren. Da ſeine Frau ſich nicht mehr um ihn kümmerte, ſo kam er auf den Gedanken, ſich an der Saalthüre auf die Lauer zu ſtellen; auf dieſe Weiſe hoffte er der Erſte zu ſein, der den Neger im Vorbeigehen abfange, und dann werde er den Punſch nicht mehr verfehlen. Entzückt über ſeinen Einfall, hielt er an der Saalthüre Wache und ſtopfte, zur Stärkung ſeiner Geduld, ſeine Naſe mit Tabak voll; allein er wartete ſchon eine halbe Stunde, Domingo brachte Nichts mehr. Jetzt wagte Monin einen Blick in den 75 Speiſeſaal. Der Geruch des Punſches kitzelte ſeine Naſe; dieſer wohlriechende Duft verkündete, daß noch nicht Alles verzehrt ſei; Monin ſchlich ſich in's Vor⸗ zimmer, gelangte von da, ſtets dem Geruche fol⸗ gend, an eine halbangelehnte Thüre und ſah Do⸗ mingo, wie er Punſch in ſich hinein goß, nicht aus einem kleinen Trinkglaſe, ſondern aus einem großen Fayancegeſchirr. Verwundert blieb Monin in einer Ecke ſtehen, als Baptiſt von einer andern Seite in der Schenkſtube mit einem Leller voll Biscuits er⸗ ſchien; dieſer ſtieß den Neger zur Seite, trank meh⸗ rere Gläſer nacheinander mit einem Zuge leer und tauchte ſeine Biscuits in den Punſch, aß ſie ſodann eilig, während Domingo, um ſih zu entſchädigen, Makaronen und Backwerk in die Taſchen ſchob. Monin wußte nicht, ſollte er fortgehen oder die Diener um die Erlaubniß bitten, auch Etwas zu ſich nehmen zu dürfen, als Deſtival, der im Salon ver⸗ geblich nach Baptiſt und Domingo gerufen hatte, in der Schenkſtube erſchien und ſeine Leute über⸗ raſchte. „Ha, Schlingel, Schufte, ich ertappe euch!“ ſchrie der Geſchäftsmann und lief auf ſeine Leute zu. Do⸗ mingo trippelte durch die andere Thüre davon und warf Monin über den Haufen; Baptiſt aber vlieb und antwortete, ohne in Verwirrung zu gerathen: „Schreien Sie nicht ſo laut... wegen eines Glaſes Punſch brauchen Sie keinen ſolchen Lärm zu machen! Es that mir wohl, daß ich endlich Etwas bekam; ich habe mich heute genug müde gerannt!“ „Was ſoll das heißen, Bengel? Du erlaubſt Dir zu räſonniren 2... Elender!... auch meine Biscuits aß er!. Schurke! Dieb!“ „Dieb!“ entgegnete Baptiſt mit einem wüthenden Blick auf Deſtival,„Sie erlauben ſich, mich zu ſchim⸗ pfen.. das würde Ihnen gut anſtehen!... Ich bin nur zu gut, daß ich in einer ſolchen Baracke noch bleibe, wo die Diener nichts zu eſſen und nichts zu trinken bekommen. und von meinem Lohn ſehe ich ſeit zwei Jahren keinen Sou, ungerechnet die Vor⸗ ſchüſſe, die ich gemacht habe!“ „Schon gut, Baptiſt, ſchweigen Sie!“ fiel ihHm Deſtival etwas gemäßigter in die Rede;„es iſt ge⸗ nug. ich will Ihnen nichts mehr ſagen.“) „Aber ich, ich ſage Ihnen, daß ich das ſatt habe,⸗ fuhr Baptiſt, noch ſtärker ſchreiend, fort;„ha, Sie nehmen einen Neger und zahlen mich eben ſo wenig als den Bäcker, den Fleiſcher, die Gemüſehändlerin, den Spezereikrämer, die mir jeden Morgen neue Grobheiten machen!... Nun, ich will mein Geld, und wenn Sie nicht zufrieden ſind, ſo iſt es mir gleichgültig.. bei all' Ihrem Großthun weiß ich doch, wie ich d'ran bin.“ „Schweigen Sie doch, Baptiſt, wozu alle dieſe Thorheiten? Gehen Sie, mein Junge, eſſen Sie noch ein Biscuit und legen Sie ſich zu Bette.“ Baptiſts Geſchrei zog mehrere Perſonen vom Sa⸗ lon in das Vorzimmer herbei. „Was gibt's? Was hat er?“ fragte man ſich. Schnell entgegnete Deſtival:„Es iſt nichts, als daß mein Kammerdiener betrunken iſt und nicht mehr weiß, was er ſpricht.“ „Nein, ich bin nicht betrunken,“ ſchrie Baptiſt und machte Miene, die Schenkſtube zu verlaſſen; „zahlen Sie mir meinen Lohn, ſtatt daß Sie mich einen Dieb ſchimpfen.“ Deſtival ſtieß ſchnell die Thüre vor Baptiſt zu und drehte den Schlüſſel zwei Mal im Schloſſe.„Der arme Junge,“ ſagte er,„ſpricht, wenn er getrunken hat, tauſenderlei tolles Zeug; doch ich verzeihe ihm, weil er mir ſehr anhänglich iſt.“ Die Umſtehenden ſtellten ſich, als glaubten ſie Deſtivals Worten, weil das Gegentheil nicht artig wäre; allein man ſah ſich verſtohlen an, lachte, zi⸗ ſchelte, machte leiſe ſeine Bemerkungen, und Baptiſt, der nicht in's Vorzimmer heraus konnte, ſchlug und hämmerte mit voller Kraft an die Thüre, indem er mit heiſerer Stimme ſchrie:„Meinen Lohn!.. Zah⸗ len Sie mich und ſchicken Sie mich fort.. das wird mich freuen.. denn es langweilt mich, alle Tage die Auftritte mit Ihren Gläubigern anzuhören.“ Glücklicher Weiſe dämpfte die verſchloſſene Thüre Baptiſts Stimme ein wenig, und damit man ihn noch weniger höre, ſchrie der Geſchäftsmann noch lauter:„Schon gut, Baptiſt, ſchon gut! Sie werden es bereuen... ich verzeihe Ihnen ich weiß, daß Sie treu ſind und das iſt mir genug.“ Bei dem Allem ſah ſich Monin ſeiner letzten Hoff⸗ nung beraubt, denn es ließ ſich nicht vermuthen, daß die Diener noch einmal im Salon erſcheinen werden, Paul de Koc. LRXVII. 6 ——— um Funſch zu bringen; er kehrte daher zu ſeiner Frau zurück. Im Salon ſprach man von dem Auftritt im Vorzimmer, ſogar bei den Pfänderſpielen ſchwatzte man darüber, und Madame Monin rief:„Ach, hätte ich nicht gerade ein Pfand zu löſen gehabt, ſo würde ich keines von Baptiſts Worten verloren haben.. Sie aber, Herr Monin, Sie waren dabei und haben Alles gehört!... Was ging denn vor?“ „Ich lauerte auf den Neger, Bichette, um Punſch zu erhalten, und er.. er trank ihn.. „Wer, er?“ „Der Schwarze.“ „Was für ein Schwarzer?“ „Der Diener in der rothen Jacke...“ „Weiter!“ „Ferner hat er Makaronen genommen... das heißt, ich glaube, der Andere hat zuerſt Biseuits ge⸗ geſſen... das weiß ich ganz gewiß.“ „Ach, wie ſchlecht erzählen Sie, Herr Monin! Statt auf das zu horchen, was man ſprach, war es Ihnen nur um Biscuits und Makaronen zu thun! Pfui, was ſind Sie für ein Leckermaul!... Nur des Eſſens und Trinkens wegen gehen Sie in Geſellſchaft!“ „Aber, Bichette, das iſt nichts.“ „Pfui! ſchweigen Sie und holen Sie mir meinen Shawl; Sie ſehen ja, daß man geht.“ Wirklich war der Augenblick des Aufbrechens ge⸗ kommen. Die Mama's hatten bereits nach Hut und Shawl gegriffen; die jungen Mädchen brauchten länger, bis ſie das ihnen Fehlende fanden, und ſteis — erbietet ſich ein dienſteifriger junger Mann einem hübſchen Frauenzimmer, um mit ihr zu ſuchen. Vor dem Scheiden hat man ſich noch Etwas zu ſagen, und man will die in den Salons herrſchende Verwirrung benützen. Dalville hörte von dem Auftritt im Vorzimmer nichts; beſchäftigt, den Schatten unter einem Leuchter zu küſſen, den er ſo vorſichtig war, über ein recht ſchönes Mädchen zu halten, bekümmerte er ſich ſehr wenig um das, was um ihn her vorging, und Frau von Thomaſſiniére, die nur an neue Eroberungen dachte, hatte die boshaften Reden, die man von allen Seiten über den Herrn des Hauſes vorbrachte, nicht gehört. Doch der Salon hatte ſich bereits geleert, die Damen gingen; Auguſt machte es ebenſo, vergnügt, ſeinen Abend ohne Kartenſpiel zugebracht zu haben⸗ und zu der Einſicht gelangend, daß man vergnügt ſein könne, ohne ſein Geld zu verlieren. Zu Hauſe angekommen, ſtieg Auguſt die Treppe hinauf und klingelte; Niemand öffnete. Da Bertrand gewöhnlich auf ſeinen Herrn wartet, ſo nimmt der kleine Tony ſelten einen Schlüſſel mit. Nachdem Auguſt noch einmal ohne glücklichen Erfolg geklingelt hatte, dachte er, Bertrand, dem er geſagt hatte, er ſolle ſich luſtig machen, könne ſehr leicht noch nicht nach Hauſe gekommen ſein. Er ſchickte Tony auf Erkundigung zu der Pförtnerin und blieb auf der Flur, indem er nachdachte, wie er vor einigen Tagen noch leicht einen Platz für die Nacht hätte finden kön⸗ nen, ohne aus dem Hauſe zu gehen. 80 Die Nachbarin, welche wahrſcheinlich Dalville klingeln und nach Hauſe kommen hörte, ſchlüpfte in ein Nachtkleid und ging, mit einem Licht in der Hand, aus ihrem Zimmer; ſie ſtieg eine Treppe hinab und erblickte den Nachbar, der ruhig vor ſeiner Thüre auf und ab ging. Leonie ſtieg noch einige Stufen hinab, räuſperte ſich leicht und entſchloß ſich endlich, zu Auguſt herab zu kommen. Ein ſchönes Weib iſt im Nachtkleide ſehr verführeriſch; Leonie hat die Haare nachläßig mit einem ſeidenen Tuche umwun⸗ den, unter welchem dichte Locken auf einen weißen Buſen herabwallen, den das Nachtkleid nie völlig bedeckt, weil immer eine oder zwei Stecknadeln nicht feſthalten, oder vielleicht ihr als Hülfstruppe dienen. „Sie können nicht in Ihre Wohnung, Herr Dal⸗ ville?“ fragte Madame St. Edmond mit jener ſanf⸗ ten Stimme, welche ſie ſo gut anzunehmen wußte, wenn man ihr keine Karte zu bezahlen überließ. Auguſt ver⸗ beugte ſich tief vor der Nachbarin, antwortete jedoch kalt:„Wie Sie ſehen, Madame.“ „Herr Bertrand vergaß ſich wohl irgendwo... vielleicht iſt ihm Etwas zugeſtoßen. K „Ich hoffe nicht.“ „Das wäre ein großes Unglück! ein ſo braver Mann, der Sie ſo ſehr liebt!“ Hier ſtieß Leonie einen tiefen Seufzer aus und ſprach nichts weiter. Auguſt beugte ſich über das Treppengeländer, um zu hören, ob Tony wieder heraufkomme. Als Leonie ſah, daß Auguſt ſchwieg, entſchloß ſie ſich, das Geſpräch wieder anzuknüpfen. ——— — — — 81 5 „Wenn Sie bei mir ausruhen wollen, mein Herr, bis Sie Ihre Wohnung öffnen könnten.. Sie be⸗ finden ſich, glaube ich, bequemer als hier auf der Flur.“ „Ich danke, Madame, ich will Sie weder belä⸗ ſtigen noch Ihren Schlaf ſtören.“ „Es wird mich nicht ſtören, mein Herr, und was meinen Schlaf betrifft, ſo habe ich ſeit mehreren Tagen keinen mehr.“ „Haben Sie vielleicht wieder Ihr Spitzerchen ver⸗ loren, Madame?“ „Wie boshaft Sie ſind... wie Sie Ihr Spiel mit meinem Schmerze treiben!“ Levnie ſtieß einen noch tiefern Seufzer aus, und da ſie kein Sacktuch hatte, nahm ſie eine Ecke Nachtkleides und hielt ſie vor die Augen; die wegung entdeckte ſehr verführeriſche Dinge; n man jedoch weint, benkt man nicht an Alles, und wenn man ſeine Augen verbirgt, kann man nicht ſehen, was man aufdeckt. Aüguſt beugie ſich, ſeiner Schwäche mißtrauend, fortwährend über das Treppengeländer und ließ die Loge des Portiers nicht aus den Augen, wobei ek rief:„Nun, Tony, wirſt Du heute noch kom⸗ men?“ Leonie trat Auguſt näher und ſagte zu ihm mit herzzerſchneidender Stimme:„Mein Gott! was habe ich Ihnen denn gethan?“ „Was Sie mir gethan haben, Madame? Mir ſcheint, Sie wiſſen das ſo gut als ich.“ — dem Scheine trauen!“ „Madame, ich glaube nicht, daß viel Geiſt dazu gehört, um zu ſehen, was ich ſah.“ „Und was haben Sie denn geſehen, mein Herr? Kann man nicht mit einem Manne bei einem Trai⸗ teur ſpeiſen, ohne demſelben den geringſten Vorzug zu geben?.. Und Sie, mein Herr, was thaten Sie mit dem Frauenzimmer, das ſo unverſchämt war, mir den Senftopf unter die Naſe zu halten?“ „Ol ich, Madame, ich bin aufrichtiger als Sie: ich geſtehe, daß ich Sie betrog.“ „Ach, wie unglücklich bin ich!“ Leonie nahm zu ihrem gewöhnlichen Auskunfts⸗ mittel ihre Zuflucht: ſie fiel in Ohnmacht, doch ſorgte ſie dafür, daß ſie in Auguſts Arme fiel, und dieſer hatte nun die Nachbarin auf dem Halſe. In ſelbigem Augenblick kam der kleine Tony die Treppe herauf und ſagte zu ſeinem Herrn, es ſei ihm unmöglich, den betrunkenen Strack zu verſtehen. Auguſt ließ Leonie ſachte auf die Stufen der Treppe nieder, ſagte zu Tony, er ſolle Acht auf ſie haben, und ging dann ſchnell zu ſeinem Portier, der halb eingeſchlafen war und kaum ſprechen konnte. „Iſt Bertrand nach Hauſe gekommen?“ fragte Auguſt, indem er den alten Deutſchen am Arme ſchüttelte; dieſer erhob den Kopf, blies dem jungen Mann einen erſtickenden Weindunſt in's Geſicht und ſtotterte:„Bertrand.„ ha! Sakerment!.. Ber⸗ trand!“ „Ach, mein Herr, wie kann ein Mann von Geiß ——— 4 83 „Nun, Strack, ſprechen Sie doch.. Sie ſind mit ihm geweſen?“ „Ja.“ „Wo iſt er?“ „Haben Sie ihn nicht gefunden?“ „Würde ich Sie dann nach ihm fragen!... Wo iſt er? wo haben Sie ihn verlaſſen? warum kam er nicht nach Hauſe?“ „Sakertie! ich war nicht ſtark genug, um Ber⸗ trand zu tragen, gehen konnte er nicht mehr.. aber wir haben ganz ordentlich getrunken...“ „Das merke ich. doch, wo werde ich Bertrand finden?“ „O, Sie werden ihn wohl ſehen... es hat keine Gefahr. er iſt in Sicherheit... dort... oben in der Straße... gehen Sie hinauf, immer hinauf. bis zur Barrière Montmartre...“ „Alſo in der Schenke?“ „Nein, wie ich Ihnen ſage, Sie werden ihn gut ſehen.“ Da Auguſt aus Strack nichts weiter herausbrin⸗ gen konnte, ſo entſchloß er ſich, Bertrand aufzuſuchen; er ließ ſich das Thor öffnen und ging mitten in der Nacht hinaus, um ſeinen treuen Gefährten aufzufin⸗ den, ohne einen andern Leitfaden als die ſchwachen Nachweiſungen Stracks. Auguſt, der in der Rue Saint⸗Georges wohnte, ſchlug den Weg durch die Rue Lazare nach der Rue des Martyrs ein, weil er wußte, daß Bertrand gewöhnlich gegen Montmartre da zuging. 84 In der Abſicht, die von Auguſt erhaltene Erlaub⸗ niß zu benützen, hatte Bertrand in der That Strack zu einem Spaziergang aufgefordert. Der alte Deutſche hütete ſich wohl, es auszuſchlagen, und ſeiner Frau ſeinen Poſten überlaſſend, wichste er ſeine Stiefeln, nahm ſeinen Stock und folgte Freund Bertrand, der kaum zum Hofthore hinaus war, als er ſchon mit der Schlacht bei Wagram begann, was ihn noth⸗ wendig ſehr weit führen mußte. Wirklich dauerte dieſelbe fort und fort und man war zu den Buttes de Montmartre gekommen, ohne eine Erfriſchung zu ſich genommen zu haben. Strack hatte noch Nichts hören laſſen als einige Sakerment; jetzt ſchlug er aber vor, in eine Weinſchenke einzutreten, was auf der Stelle geſchah. Die Herren fanden den Wein ſchlecht, weil ſie an Dalville's Keller gewöhnt waren, und gingen weiter, um eine beſſere Wirthſchaft aufzu⸗ ſuchen; ſie treten in eine zweite, tranken eine weitere Flaſche, entſchieden abermals, daß der Wein nichts tauge, und ſuchten eine weitere Schenke. Nach vier⸗ ſtündigem Umhergehen hatten die Herren ſechs Flaſchen Wein getrunken und ſechs Kneipen beſucht; in der ſiebenten fanden ſie den Wein minder ſchlecht, oder vielmehr, ſie waren nicht mehr im Stande, ihn zu beurtheilen. Hier fing Bertrand ſeine Feldzüge wie⸗ der von vorne an, Strack rauchte vier Cigarren, und es war nahe an Mitternacht, als man den Herren bedeutete, daß das Haus geſchloſſen werde. Bertrand zahlte, ohne lange zu rechnen, und machte ſich wieder mit Strack auf den Weg; die 85 friſche Luft jedoch verdrehte den beiden Freunden vol⸗ lends den Kopf, beſonders fühlte Bertrand bald, da er an den ſchlechten Wein nicht mehr gewöhnt war, aß ſeine Beine ihm den Dienſt verſagten, und ſich mit dem Beinamen: Feiger, Fauler beſchenkend und bei ſich ſelbſt ſprechend:„Pfui über dich, elender Trinker!“ fiel er in der Ecke der Rue des Martyrs und des Faubourg Montmartre nieder. Strack, noch etwas mehr bei Sinnen, weil er den Wein der Schenken eher gewohnt war, ſtieß ein Sakerment aus, als er Bertrand fallen ſah, und ſuchte ihn aufzurichten. Es wollte ihm nicht gelingen. Nach einer Weile, während welcher Strack von Zeit zu Zeit ſchrie:„Nun, Kamerad Bertrand, auf, vor⸗ wärts!“ bemerkte der alte Deutſche, daß der Kamerad bereits ſchnarchte, als wäre er im Bett. „Schau, er ſchläft!“ dachte Strack,„man darf ihn nicht aufwecken, er liegt ſehr gut zum Schlafen wenn indeß ein Wagen käme, ohne den Kame⸗ raden zu ſehen.„ Dieſe Betrachtung beunruhigte Strack, der übri⸗ gens gleichfalls ſchlafen gehen möchte, als er, rings umh lickend, einen noch offenen Gewürzkrämer⸗ laden ſäh; unſer Deutſcher ging ſogleich darauf zu und hat um eine Lampe, die er ſogleich anzündete; ſeine Leuchte in der Hand, kam er zu Bertrand zu⸗ rück, der an der Mauer ausgeſtreckt noch ruhig fort⸗ ſchlief. Der alte Portier nahm den Hut des Schla⸗ ſende ftellte ihn neben ſeinen Kopf, die angezündete Lampe darauf, und ging ſeines Weges, indem er 5 6 vor ſich hinbrummte:„Jetzt hat's keine Gefahr, er kann ruhig fortſchlafen.“ Die Lampe war von Auguſt bemerkt worden⸗ welcher ohne dieſelbe bei Bertrand vorübergegangen wäre. Der junge Mann konnte nicht umhin, über dieſen Einfall Stracks zu lächeln; er rüttelte den ehe⸗ maligen Corporal beim Arm, worauf ſich dieſer ein wenig aufrichtete, die Lampe mit ſeinem Ellbogen zurückſtieß und nicht begriff, warum er in der Straße lag. Auguſt ſetzte Bertrand darüber in's Klare, und dieſer, vom Schlafe nüchtern geworden, war in Ver⸗ zweiflung darüber, daß er ſich ſo weit vergeſſen konnte und in der Straße liegen blieb; zur Strafe für ſein unmäßiges Weintrinken wollte er ſich in's Waſſer ſtürzen. Auguſt beruhigte ihn nach vieler Mühe und Beide ſchritten wieder ihrer Wohnung zu: der junge Mann unter Gedanken an Leoniens Falſch⸗ heit, Athaliens Koketterie und Deniſens Verſtellung, und mit dem Vorſatz, geſetzter zu werden; Bertrand, indem er ſich an den ſchlechten Kneipenwein erinnerte und ſich ſchwor, daß er keinen ſolchen mehr trinken werde. 5 ſſſſſſſinſnniſſſinſſſiſiſſſnimm ti 14 15 1 18 . 10 11 12 13 6 17