Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet von* —— Pr. Heinrich Glsner⸗ 8 5 3** Siebenundſechszigſer Theil. 18⁴5. „BS Stuttgart: Scheible, RiegeraSattler. „ Das Milchmädchen von Montfermeil. Aus dem Franzöſiſchen des* Paul de Boch. Treibe mit Spießen hinaus die Natur, Doch kehrt ſie zurück! Deutſch bearbeitet von pr. Heinrich Elsner. —— Zweiter Theil. 2 So Stuttgart: Scheible, Rieger s Sattler. 1845. Erſtes Kapitel Die Geſellſchaft kehrt nach Paris zurück. Die Nacht iſt vorüber; hat ihr kühler Schatten die vöſe Laune der Frau Deſtival beruhigt und die Müdigkeit ihres Gatten hinweggenommen? Hat Dal⸗ ville den Vorſatz der Solidität gefaßt und Bertrand den der Rüchternheit? Hat ſich die lebhafte Athalie darüber getröſtet, daß ſie das Lager ihres Mannes theilen mußte, und hat Herr von Thomaſſinière gut bei ſeiner Frau geſchlafen? Davon ſchweigt die Ge⸗ ſchichte. Nur ſo viel konnte ich erfahren, daß Frau Deſtival immer noch über dem Gedanken an das liebenswürdige Vertrauen⸗ das ihre Freundin geſtern vor dem Schlafengehen ihr geſchenkt hat⸗ brütete, und beim Ankleiden zu ſich ſelbſt ſagte:„Die Ko⸗ kette hat ſich alle erdenkliche Mühe gegeben, Auguſt in ihr Netz zu fangen. Während ſie ſangen⸗ mußte ich ihr Zärtlichthun, ihr zuvorkommendes Lächeln mit anſehen; ſie hofft ohne Zweifel, dieſen Morgen eine förmliche Liebeserklärung zu erhalten, aber es thut mir ſehr leid, Madame, ich werde hier ſein, Sie nicht aus dem Geſicht verlieren und nicht dulden, daß ſolche Intriguen in meinem Hauſe ſich entſpinnen. — N 6 Ach, welche Koketten ſind doch die Frauen heutzutage ich will dieſe Roſe in meine Haare ſtecken, ſie ſteht mir beſſer als dieſes Band; mein Gott, wie ſchlecht heute meine Locken halten... und da beklagt man ſich noch, daß die Männer ſchlechte Begriffe von unſerm Geſchlecht haben, aber berechtigt man ſie nicht dazu durch ſolche Aufführung? Schon bei der erſten Begeg⸗ nung einem Manne zeigen, daß er gefällt.. ſchauer⸗ lich! und vollends eine zwanzigjährige Frau, höch⸗ ſtens ſeit zwei Jahren verheirathet! Herr Auguſt! Herr Auguſt! Sie verdienen nicht, daß man einige Freundſchaft für Sie hegt!“ Herr Deſtival ſtellt ſich, indem er ein indiſches Schnupftuch, das ihm zur Nachtmütze gedient hatte, ablegte, vor einen Spiegel und präſentirt vor ſich ſelber mit einem Nachttopf, den er in den Nachttiſch zurückzuſtellen vergeſſen. Ohne daran zu denken, daß er im Hemde iſt, durchmißt Deſtival, dem es träumte, daß er alle wilden Thiere des Bezirks vertilge, im Doppelſchritt ſein Zimmer und zielt mit ſeiner Zange auf ſein Kiſſen, aber in dieſer edlen Stellung trit die Erinnerung an die geſtern verlorenen vierzig Franken vor ſeinen Geiſt, und da er nicht mit Exer⸗ zieren ſeine Verhältniſſe rangiren kann, ſo kehrt unſer Mann zu friedfertigen Geſinnungen zurück und klei⸗ det ſich an, indem er auf nichts als die Mittel ſinnt, eben ſo reich wie Thomaſſinière zu werden, da⸗ mit er nicht mehr durch den Verluſt einiger Thaler im Spiel ſeine gute Laune verlieren müſſe. Dalville hat ein wenig an die Modedame, ein 7 wenig an das Milchmädchen, ein wenig an Frak Deſtival und außerdem noch an einige Andere ge⸗* dacht, als ein Mann, deſſen Herz nicht von einem ausſchließlichen Gefühl beherrſcht iſt und der ſich allen Empfindungen, allen Täuſchungen, allen Launen ſeiner Einbildungskraft hingibt. Er ſteht auf, ohne irgend einen Plan ſeines Betragens beſchloſſen⸗ ohne ſich verſprochen zu haben, ſolider und nicht ſo wei⸗ berſüchtig zu ſein, jedoch auch ohne die Abſicht, einen neuen Liebeshandel anzufangen. Der Zufall, die umſtände, ſie ſollen über ihn gebieten; ſeinem Herzen oder vielmehr ſeiner Luſt wird er gehorchen. Für einen Leichtſinnigen war dieſe Lebensweiſe noch die klügſte: denn wenn ſich den Umſtänden überlaſſen⸗ * nichts voraus berechnen, aber jede Gelegenheit zum Genuß, die ſich darbietet, ergreifen, Leichtſinn heißen ſoll, ſo hat ſie Manches mit der praktiſchen Philo⸗ ſophie gemein, worüber man ſich nicht wundern varf, weil die Extreme ſich berühren. Bertrand war mit der Morgenröthe aufgeſtanden⸗ ſtets bereit, die Befehle ſeines Herrn zu vollziehen, ſelbſt, wenn er deſſen Betragen ſchalt. Der alte Kor⸗ poral hatte an dem geſtrigen Schmauſe nichts aus⸗ zuſetzen gehabt, weil der Burgunder nicht geſpart worden war und die großen Lakaien, ſo wie auch Baptiſt und Toni, während ſie mit ihm anſtießen⸗ mit Reſpekt die Erzählung ſeiner Feldzüge angehört hattenz er ging auf der LTerraſſe hin und her, ganz geneigt, Herrn Deſtival eine Exerzierſtunde zu ge⸗ ₰ ben und mit dem Landleben vollkommen zufrieden. ————,— hatte ſich ſchon frühe, noch vor dem Erwachen ihres Mannes, erhoben; ihr Schlaf war ſchlecht geweſen, tauſend Gedanken jagten ihr durch das Hirn; der vornehmlichſte war aber immer das Verlangen, zu Die Modedame, ſo leicht an Kopf als an Herz. gefallen, zu glänzen; um dieſe Angel drehten ſich alle ihre andern Gefühle, wie Planeten um ihren Fixſtern. Was Herrn von Thomaſſiniére betrifft, ſo hatte er nur einen Traum gehabt und in den Gebilden deſſelben ſich als Grundherrn eines Departements geſehen mit drei Kreuzen, mit Band und Stern ge⸗ ſchmückt, und war nur noch reicher, noch eigenliebiger, noch übermüthiger als je zuvor geworden. Dann aber hatte er ſich plötzlich wieder in der Kneipe zum gelehrten Eſel als Kellner für die Bauern ge⸗ funden, die ihn gar kavaliermäßig behandelten. So ein Teufelstraum bekümmert ſich doch um gar nichts! Er ſetzt euch die mächtigſten Männer ab und be⸗ wirkt ſeltſame Umwälzungen; aus einem König macht er einen Hirten und erhebt zuweilen den Taglöhner auf den Thron; er vermengt den hochgeborenen Herrn „mit den gemeinſten Bürgern; einen Miniſter ver⸗ wandelt er in einen armen Wicht ohne Brod, ohne Arbeit, ohne Mittel, der in einer Dachkammer Hun⸗ gers ſtirbt; den Banquier geſtaltet er zum Laden⸗ diener um, welcher für einen Thaler täglich vierzehn Stunden arbeitet; den Poeten, der ſeine Feder ver⸗ kauft, in einen Taſchenſpieler, der ſeinen Hokus Po⸗ kus vor einer ihn mit Verachtung bezahlenden Ge⸗ ——— 9 ſellſchaft macht. Er weist der unterhaltenen Schön⸗ heit das Spital, der öffentlichen Dirne das Zucht⸗ haus, den jungen Leuten, vie an die Spielbank gehen⸗ die Galeeren oder den Hungertod; er gemahnt den Emporkömmling an ſeine Geburt, den Beamten an ſeine Willkürlichkeiten, den Ehrloſen an die Belei⸗ digungen, die er erfahren, und alle dieſe Leute machen es wie Herr von Thomaſſiniére: ſie wachen auf mit dem Geſchrei über das Alpdrücken und ſchreiben dieſe verdammten Traumbilder einer ſchlechten Verdauung zu. Sie würden ſich wohl hüten, eine Erinnerung an die Vergangenheit darin zu ſuchen und eine War⸗ nung für die Zukunft. Von dem geſtrigen Gewitter iſt keine Spur mehr vorhanden; der Himmel iſt klar, die Landſchaft ſcheint ſchöner, die Bäume glänzen mit einem Grün, das der Staub nicht mehr verdirbt, die Blumen ſind friſcher, die Gießbäche rauſchender, Alles ladet zum Genuß der Naturſchönheiten ein, und darum ohne Zweifel befindet ſich Auguſt bereits im Garten und hält vor der Hofthorſchwelle, unentſchloſſen, ob er auf das Feld ſpazieren oder daheim bleiben ſoll. Während deſſen ſitzt Athalie im Gartengrunde unter einem Bosket; ſie ſammelt einige Blumen und ſieht ſich dabei rechts und links um, ob Niemand ihr Geſellſchaft zu leiſten komme, Madame Deſtival geht in einer nahe gelegenen Allee auf und ab, in der Vorausſetzung, daß Perſonen kommen werden, die ſich mit ihr vereinigen. Mit einem Male hört Auguſt eine ihm nicht un⸗ Paul de Kock. LXVII. 2 bekannte Stimme rufen:„Hollah, grauer Hans! He, he! weißt du denn nicht mehr, daß wir hier anhal⸗ ten?“ Und in demſelben Augenblick kommt ein Milch⸗ mädchen mit ihren hellverzinnten Gefäßen in den Hof des Deſtival'ſchen Hauſes herein. Auguſt bricht, wie er Deniſe erkannt, in einen Freudenruf aus und eilt in den Hof, dem ſchönen Milchmädchen entgegen. „Du biſt's, reizende Deniſe.“ „Ja, mein Herr, ich bin's; habe ich Ihnen denn nicht geſtern geſagt, daß ich alle Morgen Milch hie⸗ her bringe? Ah, es freut mich ſehr, Sie wieder zu finden, mein Herr.“ „Ernſtlich, Deniſe, es verlangte Dich, mich wieder zu ſehen?“ „Ja, Herr; o, es verlangte mich ſehr; ach! das iſt recht ſchön, was Sie gethan haben, recht edel⸗ müthig, und wenn Sie gleich zu viel mit den Mäd⸗ chen ſcharmeriren, ſo thut das nichts und ich laſſe es Ihnen wegen Selbigem hingehen.“ „Du mein Gott! was habe ich denn gethan⸗ Deniſe, um alle dieſe Complimente zu verdienen?“ „Und Coco und ſein Topf, und ſeine alte Mutter, denken Sie denn daran nicht mehr?“ „Woher weißt Du denn das Alles, Deniſe?“ „Ei, der Kukuk! erfährt man denn auf dem Lande nicht gleich Alles? Die alte Ahne hat in dem Dorf Allerlei gekauft; Coco war bei ihr und erzählte Jedermann, daß ein ſchöner Herr ihr viel Geld ge⸗ geben habe, um einen andern Hafen zu kaufen. Die Ahne konterfeite Sie ab; o! ich erkannte Sie gleich iee 11 wieder. Es iſt nur Schade, daß Vater Lallaur ein Trunkenbold iſt; er blieb die ganze Nacht im Wirths⸗ hauſe und verſoff den Thaler, den Sie ihm gegeben⸗ bald wird er es mit dem des Coco ebenſo machenz aber in allwege ſind Sie daran nicht ſchuldig und haben eine Gutthat an Beiden verrichtet.“ „Ich habe damit nur Etwas gethan, was ſich von ſelber verſteht, und bin dafür in dieſem Augen⸗ blick reichlich belohnt.“ Die Farbe Deniſens hatte ſich erhöht, als ſie Auguſt erzählte, was ſie erfahren; die Blicke des jungen Mannes trieben ihr das Blut noch mehr in's Geſicht. Sie ſchlug lächelnd die Augen nieder und blieb einige Augenblicke vor ihrem Beſchauer mit halbgehobenen Armen ſtehen, und ihre Verlegenheit, ihr linkiſches Weſen, ihr väuriſcher Anzug hoben die Reize ihres ſchönen Geſichtes um ſo mehr. Endlich nimmt das Milchmädchen ihre Flaſchen wieder, die ſie auf den Boden geſtellt hatte, und ſagt:„Ich muß dieſe Milch der Jungfer Julie bringen, die gewöhnlich um dieſe Stunde ſchon auf iſt.“ ² „Noch einen Augenblick, gute Deniſe, ich bitte Dich.“ „Haben Sie mir Etwas zu ſagen, Herr?“ „Ach, ja! Erſtlich, daß Du mir dieſen Morgen noch ſchöner vorkommſt als geſtern.“ „O, wenn's nur darum iſt, ſo kann ich mich trollen.“ „So warte doch einen Augenblick, Deniſe, je län⸗ . 12 ger ich Dich anſehe, um ſo mehr fühle ich, daß ich Dich liebe!“ „Je nun, Sie müſſen mich eben. mehr an⸗ ſehen, Herr.“ „Alſo biſt Du böſe, daß ich Dich tiebek⸗ „O, nicht doch; denn ich glaube wohl, daß es keine Gefahr damit hat.“ „Ach, wenn Du mich nur erhören wollteſt!“ „Adieu, Herr. 7. Damit ſchickte ſich Deniſe zum Weggehen anz aber Auguſt nimmt ſie an der Hand, hält ſie zurück und ſieht ſie gar zärtlich an, zu zärtlich für einen Schmetterling, der alle hübſchen Frauenzimmer ſo an⸗ zieht. Die Augen eines Verführers ſollten nur den Ausdruck der Unbeſtändigkeit haben; aber unglück⸗ licher Weiſe kann man mit den Augen machen, was man will! Vielleicht auch, daß Dalville in dieſem Augenblick wahre Zärtlichkeit fühlte; wer kann das wiſſen, wer kann in dem menſchlichen Herzen leſen? In dieſem Augenblick tritt Bertrand in den Hofz er geht auf ſeinen Herrn, der ihn nicht kommen ſieht, zu, und fragt:„Hat mich der Herr gerufen?“ „Nein doch! ich rufe Dir nicht,“ antwortet Auguſt ärgerlich, indem er Deniſens Hand fahren läßt.„Du kommſt immer ungeſchickt; ſtört man denn die Leute in der Unterhaltung?“ „Verzeihung, mein Lieutenant, ich hörte kein Wort und wußte nicht, daß man ſich, ohne zu reden, unter⸗ halte.“ „Laß uns, Bertrand.“ * Bertrand ſchwenkt links ab, dem Garten zu, aber im Vorbeigehen an Deniſe, welche vor lauter Ver⸗ ſichern, daß ſie gehen wolle, nicht ging und mit ihren Käschen ſehr beſchäftigt ſchien⸗ ſagte der Korporal halb⸗ laut zu dem jungen Mädchen:„Sei auf Deiner Hut!“ Auguſt nähert ſich Deniſen, welche eine Bewegung des Erſtaunens machte.„Was haſt Du denn?“ fragte er ſie.— „Nichts, Herr, ich muß gehen.“ „Deniſe, willſt Du mir einen Dienſt erweiſen?“ „Recht gerne, Herr, wenn's in meiner Kraft ſteht.“ „Ich liebe das Kind, dem ich geſtern auf der Straße begegnete; ſein hübſches Geſicht, ſeine offene Miene, kurz, Alles ſpricht zu ſeinen Gunſten.“ „Sie meinen Coco Lallaux?“ „Ja.“ „Ei, ich liebe ihn auch ſehr, aber der arme Kleine⸗ ſeit er ſeine Mutter verloren hat⸗ iſt er gar nicht glücklich! Seine Ahne iſt hart und ſchnöd, ſein Vater ein Trunkenbold; man will das arme Kind, das noch nicht zehn Krautherbſte zählt, ſchon arbeiten laſſen. Iſt das möglich? Und oft hat er nichts zu eſſen als trockenes Brod; er darf noch von Glück ſagen, wenn er ſtatt des Eſſens nicht geſchlagen wird! Darum haben wir auch dieſen verſoffenen Lal⸗ laur nicht gerne, und wäre Coco's Hütte nicht ziem⸗ lich vom Dorfe entfernt, o! dann kann ich Ihnen ſagen, daß er öſters in unſerm Haus als in dem ſeinigen wäre.“ „Wohlan, Deniſe, ſei ſo gut und wache über „ 14 dieſes Kind, kaufe ihm, was es braucht; kurz, ver⸗ ſieh meine Stelle bei ihm. Willſt Du das?“ „O, mit Vergnügen, Herr.“ „Da, nimm dieſe Börſe und verfüge über den Inhalt zu Gunſten meines kleinen Schützlings; iſt ſie leer, ſo gebe ich Dir eine andere und was Du damit anfängſt, wird mir immer recht ſein.“ „Ach, Herr, Sie haben ein gutes Herz! Wie freut mich das; aber ſo viel Geld! das wird ſehr lange ausreichen.“ „Nicht wahr, Du thuſt mir dieſen Gefallen?“ „Ei freilich, weiß der Herr! Glaub's wohl, iſt's denn keine Freude, wenn man Gutes zu thun be⸗ auftragt iſt? Wer könnte eine ſolche Commiſſion ab⸗ lehnen? Sehen Sie, Herr, ich muß Sie küſſen. Wollen Sie?“ Eben umfaßt Auguſt das junge Mädchen mit ſeinen Armen und drückt mehr als einen Kuß auf die Wangen, die man ihm mit Vergnügen hinreicht, als ein Schrei und ein Gelächter zugleich erſchallen. Dalville dreht ſich um: Madame Deſtival und Frau von Thomaſfiniére ſtehen hinter ihm. „Ha, bei meiner Seele, das iſt zu tarkl⸗ ruft Madame Deſtival, mit grimmiger Miene auf De⸗ niſen zutretend, während Athalie etwas gezwungen fortlacht und dabei ſagt:„Das iſt köſtlich! Wie, bis zu den Milchmädchen verſteigen Sie ſich? Ah, ah! daran werde ich gedenken. Das war wirklich eine ländliche Scene.“ — 5 — 1⁵ Deniſe iſt nicht in Verwirrung, denn ſie denkt nicht daran, daß man ſie ſchuldig finden könne, und ſieht die beiden Damen erſtaunt an, indem ſie zu errathen ſucht, woher die Heiterkeit der einen und der Zorn, der in den Augen der andern funkelt, rühre; dabei hält ſie die Börſe des jungen Mannes fortwährend in den Händen. „Was macht Ihr hier?“ fragte Madame Deſtival das Milchmädchen mit verächtlichen Blicken. „Madame, was Sie ſehen: ich brachte Käſe und Milch wie gewöhnlich.“ „Ich habe keine Käſe von Euch verlangk; zudem ſind die Eurigen ſauer, ich will keine mehr davon. Und was Eure Milch betrifft, ſo ſchüttet Ihr die Hälfte Waſſer darein; ich werde ſie bei einer Andern nehmen.“ „Waſſer in meine Milch!“ ruft Deniſe, welcher die Thränen in die Augen kommen⸗ da ſie ihre Waare ſo behandeln hört.„O⸗ Madame, was meinen Sie? Sie ſind die Erſte, die das ſagt; aber ich ſchwöre Ihnen.. „Schon gut, Jungfer, fertig! Ihr ſollt keinen Fuß mehr in mein Haus ſetzen; ich hielt Euch für anſtändig und ordentlich, aber die ſchamloſen Weibs⸗ leute liebe ich nicht.“ „Schamlos! Du mein Gott! was habe ich denn gethan, Madame?“ „Wir haben's geſehen, Jungfer, und die Börſe in Eurer Hand beweist hinlänglich. 4 „Dieſe Börſe, Madame,“ ſagte Auguſt, an De⸗ niſens Seite tretend,„iſt zu einem Akt der Wohl⸗ thätigkeit beſtimmt: zur Unterſtützung eines Unglück⸗ lichen. Doch ich ſehe, man ſetzt immer das Schlech⸗ teſte voraus. Arme Deniſe, ich bin ſchuldig, daß man Dir wehe thut, und wenn ich zufällig eine gute Hand⸗ lung verrichte, ſo denkt man, ich ſuche Dich zu ver⸗ führen. Ei, meine Damen, erkauft man denn die Liebe eines Milchmädchens mit Geld? Bedenken Sie doch, daß wir nicht in Paris ſind!“ Während Auguſt ſpricht, hat ſich Deniſe gefaßt; ſie wiſcht die Augen mit einem Zipfel ihrer Schürze und gewinnt ſo viel Zuverſicht, um der Frau Deſti⸗ val zu antworten:„Ich brauche über Ihre Schelt⸗ worte nicht zu weinenz denn ich habe mir nichts vorzuwerfen. Adieu, mein Herr, ich nehme Ihr Geld mit und werde Ihre Zwecke wohl zu erfüllen ſuchen.“ Damit macht Deniſe der Geſellſchaft einen Knir und kehrt mit noch überquellendem Herzen zu Grau⸗ hans zurück, mit dem ſie ſich von dem Hauſe des Geſchäftsmanns entfernt. Frau Deſtival kehrt verlegen in den Garten zu⸗ rück; Athalie tritt zu Auguſt und ſagt lachend:„Sie werden geſtehen, mein Herr, daß Sie ihr wenigſtens ſechs Küſſe hinter einander gegeben haben.“ 8„Ich zählte nicht, Madame.“ „Es ſchmeckte Ihnen, ſcheint's2“ 3 „Sehr, Madame.“ „Der Herr iſt wenigſtens offenherzig.“ „Meine einzige Tugend vielleicht.“ ———— 17 „Und warum haben Sie ſie geküßt?“ „Iſt ſie denn nicht ſehr hübſch, Madame?“ „Hübſch? Nun, meinetwegen⸗ eine jener plumpen Landſchönheiten.“ „Nicht doch, ſie hat im Gegentheil ſehr feine Züge.“ „Iſt aber ein Milchmädchen.“ „Sagen Sie mir doch den Unterſchied zwiſchen einem hübſchen Mädchen vom Land und einem aus der Stadt?“ „Der iſt ungeheuer, mein Herr. Rechnen Sie denn Erziehung, Manieren und guten Ton für gar nichts? Würden Sie in Paris, ja ſelbſt auf dem Lande mit einem Milchmädchen am Arm ausgehen 2 „Nein, Madame, ich geſtehe, noch nicht ſo ganz Philoſoph zu ſein; aber ziehen Sie Deniſen..“ „Was das: Deniſe?“ „Juſt das Milchmädchen, Madame.“ „Ah! der Herr weiß ihren Namen!“ „Ja, Madame.“ „Alſo, mein Herr, was wollen Sie Fräulein Deniſe anziehen laſſen?“ „Ein gutgemachtes Kleid, einen hübſchen Hut, einen ſchönen Shawl.“ „Nun, da würde ſie ſich mit vorzüglichem An⸗ ſtand geberden!“ „Du mein Gott, Madame, es tommt Alles nur auf die Gewohnheit an. Sie ſelbſt trotz allen Ihren Grazien würden ſich vielleicht linkiſch unter dem Mieder eines Milchmädchens ausnehmen. Was man 18 ankünſteln kann, Madame, iſt nur ein geringer Vor⸗ zug; aber nicht ankünſteln kann man ſich: Schönheit, Anmuth, Verſtand, Holdſeligkeit in Stimme, Blick, Lächeln; mit einem Wort jenen Zauber, der uns Männer in Feſſeln ſchlägt und der Ihnen, Madame, ſo ſehr zu Gebot ſteht.“ „Ah! Sie haben wohl daran gethan, ſo zu ſchlie⸗ ßen, ſonſt wäre ich ernſtlich böſe geworden. Madame Deſtival hat recht: Sie ſind ein Bruder Leichtſinn, ein gefährlicher Menſch! A propos, ich hoffe das Ver⸗ gnügen zu haben, Sie in Paris wieder zu ſehen: ich gebe öfters Bälle und im Winter alle Donners⸗ tag Abendgeſellſchaft.“ „Madame ſind zu gütig; aber Ihr Herr Gemahl hat mich nicht eingeladen.“ „Ei, mein Gott! hat er denn Zeit, Jemand ein⸗ zuladen? Er iſt ſo zerſtreut, ſo ſehr in ſeine Speku⸗ lationen vertieft.. das Einladen iſt nur meine Sache. Sie kommen?“ „Drängt es Einen denn nicht, Sie wieder zu ſehen? Folgte man ſeiner Sehnſucht, ſo würde man Sie nie verlaſſen.“ „Ach und o! ich glaube, wir werden ſentimental. Sind Sie im Zuge, mir eine Sewon zu machen?“ „Iſt es denn möglich, Sie zu ſehen un nicht zu lieben?“ „Nehmen Sie ſich in Acht! Sie werden ernſthaſt und ich liebe nur luſtige Leute. Dieſe Miene ſteht Ihnen gar nicht.“ 42 19 „Sie haben alſo kein Erbarmen mit den Wun⸗ den, die Sie ſchlagen?“. „Behüte Gott, nicht das geringſte! Seufzer rüh⸗ ren mich nicht; wer mir gefallen will, muß mich bei lachendem Munde erhalten.“ Inmittelſt hatten ſich Auguſt und Athalie in den Garten vertieft. Auguſt drückte den Arm der jun⸗ gen Dame, den er genommen hatte, zärtlich. Athalie lachte immer, ließ jedoch Dalville's Hand gewähren, als beim Umbeugen in einer Allee Bertrand vor ihnen ſtand. „Man erwartet Sie, ſo wie auch Madame, beim Frühſtück, mein Lieutenant,“ ſagte der Korporal, mit umgekehrter Hand an die Stirne langend. Auguſt macht eine ärgerliche Geberde; aber ſchon hat die lebhafte Athalie ſeinen Arm losgelaſſen und geht hüpfend ab. „Zum Henker, Bertrand, Du biſt ſehr unge⸗ ſchickt,“ ſagte Auguſt, den vor ihm ſtehen gebliebenen Korporal ſixirend. „Was habe ich denn gethan, mein Lieutenant?“ „Es ſcheint, Du macheſt Dir's zur Aufgabe, mich bei jeder Unterhaltung mit einer hübſchen Frau zu ſtören.“ „Um Verzeihung, mein Lieutenant; aber ich kann ja nicht ahnen, was Sie ſagen.“ „Ein gewandter Mann hat das auf den erſten Blick los. Ich verbiete Dir ein für alle Mal, mich zu unterbrechen, wenn ich allein mit einem Frauen⸗ zimmer bin.“ 20 „Iſt abgemacht, mein Lieutenant, und wenn das Haus in Flammen ſtünde, würde ich Sie nicht ſtören.“ Alles iſt im Speiſeſaal verſammelt. Da Tho⸗ maſſiniere beim Erwachen einen ſtarken Appetit fühlte, ſo hat ihn ſeine Einbildungskraft mit keinem Ge⸗ ſchäft, das ſeinem Magen in die Quere käme, be⸗ logen, und er grüßt Dalville ſogar auf ſehr liebens⸗ würdige Weiſe, was nichts anders beſagt, als daß ſeine Frau ihm erklärt hat, ſie werde den jungen Mann einladen. Auch Madame Deſtival ſcheint ſich mit Auguſt verſöhnen zu wollen, welcher ſeit der Scene im Hofe mit ihr ſchmollt. „Ich muß noch Vormittag in Paris ſein,“ ſagte Thomaſſiniére, einen ungeheuren PackPapier aus dem Sack ziehend;z„ich habe zehn Beſtellungen auf heute, gewiß haben ſchon zwanzig Perſonen in meinem Hotel nach mir gefragt; bitte noch um ein wenig Kaffee. Das iſt kein Mokka.“ „Erlauben Sie, daß ich widerſpreche,“ ſagte De⸗ ſtival, ihm wieder einſchenkend. „Ich verſichere Sie, es iſt keiner; ich verſtehe mich darauf! Erſt kürzlich habe ich eine konſequente Beſtellung darauf gemacht; aber ſelbiger iſt etwas ganz anderes als dieſer.“ „Auch ich muß noch dieſen Morgen in Paris ſein,“ ſagte Deſtival, den Hals in der Kravatte aufblaſend; „ich habe viele Geſchäfte im Gang, bedeutende ſogar! Monin will ein Haus kaufen, ich kann ihm dienen.“ „Wer? der kleine Menſch, welcher 1 Sous im Ecartè hielt?“ 21 „Derſelbe.“ „Was? der kauft Häuſer! So was hätte ich mir nicht von ihm vorgeſtellt; er hatte beſchmutzte und verflickte Kleider an.“ „Das nimmt man auf dem Lande nicht ſo genau.“ „Mag ſein, doch werden Sie zugeben, daß man von einem Mann in armſeliger Kleidung nicht viel vorausſetzt; das läßt auf keinen großen Verſtand ſchließen. O! mich täuſcht mein Scharfblick nie. Frei⸗ lich komme ich auch gewöhnlich nur mit reichen und elegant gekleideten Leuten zuſammen. He da⸗ La⸗ kaien, ſagt meinen Leuten, ſie ſollen anſpannen, die Pferde an die Kaleſche führen.“ „Ich erwarte dieſen Morgen meine Modehänd⸗ lerin,“ ſagte Athalie,„ſie muß mir eine köſtliche Haube bringen. Laſſen Sie geſtreckten Gallop fah⸗ ren, mein Herr, denn ich bin neugierig, wie mir dieſe Haube ſteht.“ „Sie wiſſen ja wohl, Madame, daß meine Ren⸗ ner nicht wie Fiakergäule laufen, ich füttere ſie ſehr gut, auch koſten ſie mich genug, daß ich ſie auftreten laſſen darf.“ „Baptiſt!“ ruft Herr Deſtival ſeinem abgehenden Diener zu,„Du wirſt auch einſpannen, verſtanden?“ „So, ſo!“ murrte Baptiſt,„noch bin ich nicht ganz zur Küche heraus und muß gleich wieder in den Stall gehen!“ „Ei, Baptiſt, ſaget gelegentlich meinem kleinen Toni, er ſolle mein Pferd an's Cabriolet ſpannen,“ ſagte Dalville, über Thomaſſiniere's profitable Miene 22 lachend, welcher die Hände rieb und bemerkie:„Mei⸗ ner Treu', das iſt ſehr angenehm, daß Jeder ſeinen Wagen hat, es iſt gentlemaniſch und man weiß zum Mindeſten gewiß, daß man ſich nur in Geſellſchaft von rechten Leuten befindet. Allerdings habt Ihr nur Cabriolete, aber es iſt nicht Jedermanns Sache, Kaleſche, Coupé und Landau zu haben wie ich.“ „Wie, Herr Dalville, Sie reiſen auch ab?“ ſagte Frau Deſtival, indem ſie auf den jungen Mann einen ſehr ausdrucksvollen Blick richtete;„das iſt ſehr lie⸗ benswürdig, Jedermann verläßt mich.“ „Ach ja, mein Freund,“ ſagte Deſtival;„meine Frau hat auf Ihre Geſellſchaft gezählt und. „Ich habe nie geſagt, daß ich auf den Herrn zählte, davor hätte ich mich gewiß ſehr gehütet,“ unterbrach Emilie ihren Mann;„da aber Alles nach Paris zurückkehrt, ſo ſehe ich nicht ein, warum ich allein hier bleiben ſollte. Und, Herr Gemahl, müſſen Sie nicht ohnehin in dieſer Woche ein Diner geben?“ „Ja, Madame, ein großes Diner; ich werde mächtige Perſonen, hochgeſtellte Männer, ausgezeich⸗ nete Künſtler empfangen. Ich rechne auf Herrn und Frau von Thomaſſiniére, ſo wie auf unſern Freund Dalville.“ Dalville verneigt ſich einfach, während Thomaſ⸗ ſiniere antwortet:„Wir werden das ſehen, ich kann nichts zum Voraus verſprechen, weil mir andere Diners bei Leuten von der höchſten Geſellſchaft da⸗ zwiſchen kommen könnten, und dann fühlen Sie wohl„ —,———— 23 „Alſo reiſen wir Alle nach Paris ab,“ ſagie Madame Deſtival;„mein Mann wird Baptiſt und Julien aufladen. Dürfte ich Herrn Dalville um einen Platz in ſeinem Cabriolete anſprechen?“ „Warum wollen Sie denn nicht mit uns in der Kaleſche fahren?“ fragte die Modedame lebhaft. „Ol ich müßte fürchten, Sie warten zu laſſen; ich habe noch mehrere Anordnungen zu treffen und Sie ſind preſſirt, Ihre Modehändlerin bei ſich zu ſehen. Herr Dalville, hoffe ich, wird wohl eine halbe Stunde weiter für mich übrig haben.“ Auguſt fühlt, daß eine Weigerung unhöflich wäre, und obwohl dieſe Anordnung ſeinen Planen zuwider⸗ läuft, obwohl ihm die verführeriſche Athalie auf eine ſehr ſpitzige Weiſe ihr Mißfallen zu erkennen gibt und Madame Deſtival viel Schlimmes über ihn geſagt hat, ſo bleibt Emilie nichts deſto weniger eine ſehr hübſche Frau und einer hübſchen Frau ver⸗ zeiht man Manches, ſelbſt dann, wenn man nicht mehr in ſie verliebt iſt. Man ſteht vom Tiſche auf. Die Gefährte ſind angeſpannt. Frau von Thomaſſiniere ſteigt in die Kaleſche, indem ſie einen boshaften Blick auf Auguſt und Madame Deſtival fallen läßt; der Spekulant ruft ſeinen beiden Lakaien, läßt ſich hinein heben, wirft ſich dann in den Grund des Wagens und ruft: „In mein Hotel, Chauſſee vAntin; man laſſe ſcharf auftreten. Man fahre, rabiat fahren, verſtanden, Lafleur? Uebrigens nehme man ſich wohl in Acht, uns in irgend einen Graben zu werfen.“ Die Kaleſche fährt pfeilgeſchwind ab. Frau De⸗ ſtival hat ihre Bedienung ſo ſtark preſſirt, daß Julie und Baptiſt gleich gerüſtet ſind, mit ihrem Herrn abzureiſen; was Madame betrifft, ſo hat ſie noch verſchiedene Einrichtungen zu beendigen, wobei ſie Juliens Hülfe entbehren kann. Herr Deſtival drückt ſeines Freundes Hand ſehr ſtark, empfiehlt ihm, mit ſeiner Frau gemach zu thun, weil ihr die Geſchwin⸗ digkeit Nervenzufälle verurſacht, und nimmt dann im Cabriolet neben Julien Platz, indem er Baptiſt befiehlt, hinten aufzuſteigen, was dieſer zwar befolgt, aber nicht ohne darüber zu murren, daß man ihn in jeden Brei rühre. Bertrand und der kleine Töni ſtehen neben Dal⸗ ville's Cabriolet und warten mit der Abreiſe nur noch auf ihn und Madame Deſtival. Aber die klei⸗ nen Einrichtungen, welche die Frau des Hauſes noch zu vollenden hatte, dauerten gegen zwei Stunden. Bertrand wird ungeduldig neben dem Cabriolet; da ihm aber ſein Herr befohlen hat, hier zu warten, ſo verließ er ſeinen Poſten nicht. „Unſer Herr glaubt vielleicht, wir ſeien abgereist?“ „Nein, nein, er weiß, daß wir hier ſind.“ „Aber vielleicht will er heute nicht mehr nach Paris zurückkehren.“ „Dann wird er es uns ſagen.“ „Wenn er es aber vergißt?“ „So bleiben wir an unſerm Poſten, bis man uns ablöst. Ich weiß von nichts, als daß ich hie⸗ her konſignirt bin.“ Endlich gegen Mittag erſcheint Auguſt mit Ma⸗ dame Deſtival am Arme, welche ſich zärtlich auf ihn ſtützt, und in deren Zügen Befriedigung und liebenswürdige Hingebung deutlich zu leſen iſt. „Das iſt doch ſonderbar,“ denkt Bertrand,„die Dame hier wechſelt zwei⸗ bis dreimal täglich ihr Ge⸗ ſicht. Uebrigens ſollte ich daran gewöhnt ſein, ich habe dieſe Erfahrung ja ſchon ſo oft gemacht; alle Frauenzimmer, welche zu meinem Herrn mit zorniger Miene, rollenden Augen und rauher Stimme kom⸗ men, ſind, wenn ſie ihn verlaſſen, lämmchenfromm; es iſt dann gar nicht mehr das gleiche Geſicht, das gleiche Auge, die gleiche Stimme.“ „Geſchwind, Bertrand, eingeſtiegen!“ ruft Auguſt, welcher bereits neben Madame Deſtival im Cabriv⸗ et ſitzt.„Sie werden ein wenig genirt ſein, Ma⸗ „ dame, aber mein treuer Bertrand iſt nicht zum Hin⸗ tenaufſtehen geſchaffen.“ „Ol ich werde immer köſtlich ſitzen,“ ſagte Emilie, einen zärtlichen Blick auf Auguſt werfend und ein anmuthiges Lächeln an Bertrand richtend;„denn es gibt nichts ſo Liebenswürdiges als die Damen, wenn ihnen die Dinge nach Wunſch gehen! Aber dagegen auch, wenn umgekehrt, nichts Teufelhaftigeres.“ Man reist ab, und Auguft, wie er an dem klei⸗ nen Fußpfad, der nach Montfermeil führt, vorüber⸗ fährt, beugt ſich vor, ſieht hinaus und tröſtet ſich mit dem Gedanken, daß er nicht immer eine Dame nach Paris heimzuführen haben werde. Paul de Kock. LXVII. 26 Zweites Kapitel. Das Dorf. Deniſe hatte den Weg nach ihrem Dorfe wieder eingeſchlagen; aber ſie ſang nicht, wie es ihre Ge⸗ wohnheit war, wenn ſie hinter Grauhans einherging; es war ihr noch ſchwer um's Herz von dem eben ſtattgehabten Auftritt im Hofe bei Frau Deſtival; und obgleich ſie ſich bemühte, nicht betrübt darüber zu erſcheinen, ſo erinnerte ſie ſich doch noch des Wor⸗ tes„Schamloſe“, wie ſie benannt worden war. Sich ſo nennen zu hören, wenn man ſich ehrbar aufführt und ſich nichts vorzuwerfen hat, ſchien dem kleinen Milchmädchen ſehr hart. Es heißt: unverdiente Be⸗ leidigungen thun nicht wehe; wie ſollte ſich aber ein redliches und offenes Herz nicht beleidigt fühlen, wenn es die nur für das Laſter beſtimmten Schmähworte hinnehmen muß! Letzteres erröthet weit weniger und ſpottet über Alles, was man ihm auch ſagen mag, — weil es kein Schamgefühl mehr hat. Demnach iſt, nach meiner Anſicht, das Sprüchwort:„Nur die Wahr⸗ heit kann beleidigen,“ grundfalſch. „Wie bösartig doch dieſe Stadtleute ſind,“ ſprach das junge Mädchen bei ſich,„mich„Schamloſes zu ſchelten! Das ſteht ihnen an! Was hatte ich denn gethan, jch küßte den Herrn, weil er ein gutes Herz hat und für Coco ſorgen will; das ſcheint mir ganz natürlich, und ich machte tein Geheimniß daraus. Dieſe Madame Deſtival lief auf mich zu und machte 7 Augen. ich habe geglaubt, ſie wolle mich ſchlagen. Nir ſagen, meine Käſe ſeien bitter; ich ſchütte Waſ⸗ ſer in meine Milch. Hal ich war nahe daran zu weinen; doch, ich that wohl, daß ich meine Thränen zurückhielt, das hätte ſie gar zu ſehr gefreut. Und die Andere, die nur lachte, und dem jungen Mann Geſichter und Poſſen ſchnitt. Mein Gott! wozu ſo viel Federleſens? Sollte ich das Geld zurückweiſen⸗ wenn es zu Wohlthaten für den armen Kleinen be⸗ ſtimmt iſt? O nein! und dann hätte das den Herrn böſe gemacht und.. da erzürnte ich noch viel lieber die Dame. Er iſt nicht bösartig, er iſt nur ein Schmeichler. Wahrlich, das iſt kein Verbrechen, man braucht ihn nur nicht anzuhören, dann iſt's fertig. vebrigens iſt er recht hübſch, recht artig; ich zer⸗ kratzte ihm das Geſicht und er ward nicht einmal böſe. Ei, er ſagte mir ſeinen Namen nicht. Wozu auch? ich brauche ihn nicht zu wiſſen. Vielleicht ſagte er Coco, wie er heißt, den muß ich fragen. Hü doch, Grauhans. Soll ich meiner Tante die Börſe zeigen? Ja, ja, ich muß ihr Alles erzählen. Wiewohl ich ihr geſtern nicht ſagte, daß ich einen Purzelvaum machte und was der Herr geſehen hat. Wenn ich daran denke, ſo ärgert's mich und ich kriege wieder große Luſt zu weinen. Und der andere Herr, der ihn„meinLieutenant“ nannte, und mir ganz leiſe zuraunteß Sei auf Deiner Hut!“ ah! der heißt Bertrand, dys erinnere ich mich noch. Er ſieht gut⸗ müthig aus/ der Bertrand; was wollte er aber denn ſagen mit ſeinem:„Sei auf Deiner Hut!““ 28 Unter dieſen Gedanken kam Deniſe nach Mont⸗ fermeil, einem hübſchen Dorfe, deſſen Bewohner nicht zu den ſchlimmen gehören, wo man einige ſtädtiſche Häuſer und wenige Spuren von Armuth ſieht, weil der Bewohner der beſcheidenſten Hütte arbeitet, ſtatt zu betteln. Deniſens Häuschen ſteht am Ende des Dorfes am Ufer eines zwiſchen Weiden ſich hinſchlängelnden Baches. Es beſteht aus einem Gelaß zu ebener Erde und einem erſten Stocke; aber das Mauerwerk iſt gut und das Dach mit Ziegeln gedeckt, was dem Hauſe das Anſehen einer gewiſſen Eleganz gibt. Vor dem Hauſe befindet ſich ein nur mit Holz vergitter⸗ ter Hofraumz rechts iſt der Kuhſtall; Hühner, Küch⸗ lein, Enten und Gänſe laufen da und dort im Hofe umher, den ſie als ihr Eigenthum zu betrachten ſcheinen, da ſie ein anhaltendes, verworrenes Ge⸗ ſchrei ausſtoßen, ſobald ſich eine andere Perſon als Deniſe oder deren Tante den Eintritt erlaubt. Der Garten liegt hinter dem Hauſe: er iſt ungefähr zwei Morgen groß, aber nach keiner beſondern künßtleri⸗ ſchen Ordnung angelegt; Obſt und Gemüſe wachſen hier untereinander, nach dem Bralch der Lundleute, die zuerſt an das Nützliche demen. Blumen ſind nur wenige vorhanden; da aber Deniſe ſie liebt, ſo findet man einige Roſenſtöcke zwiſchen Kartoffelpflan⸗ zen, und Jasmin⸗Sträuche umrankeh den Stamm eines Pflaumen⸗ oder Mandelbaumes⸗ Man ſieht aus die ſer Einzelnheit, daß das Häus⸗ chen keinen armen Leuten gehört. Alles deutet da⸗ 29 ſelbſt auf Wohlſtand; wirklich iſt auch Mutter Fourch⸗ Deniſens Tante, eine der reichſten Bäuerinnen des Ortes: ſie beſitzt zwei ſchöne Stücke Landes, wovon eines jenſeits von dem an das Haus ſtoßenden Bache liegt; und Deniſe, ihre einzige Erbin, weiß durch ihre Thätigkeit und ihren kleinen Handel mit Milch und Butter das Einkommen ihrer Tante noch zu ver⸗ mehren, die, obgleich eine gute Frau, doch etwas geizig iſt; man ſagt, dieſes ſei ſo ziemlich ein allge⸗ meiner Fehler bei reichen Landleuten, wie ſollen aber vauch Die, die nichts haben, dieſen Fehler durchblicken ſſen.— * Grauhans kam ganz allein in den Hof getrabt und hatte den Weg bach dem Stalle genommen⸗ Dentſe war noch zurück, aufgehalten von einigen Nachbarinnen, die dem Dorfgebrauche gemäß, mit allen Vorübergehenden ſchwatzten, denn auf dem Dorfe kennt ſich Jedermann. Das Milchmädchen je⸗ doch, das nicht ſehr aufgelegt zum Schwatzen war⸗ eilte Grauhans nach, um ihm ſeine Körbe abzuneh⸗ men, worin ſich die Käſe und die Milch befinden, welche ſie wieder zurückbringt. „Was wird meine Tante ſagen, wenn ſie mich & ni Nilch und Käſe wiederkammen ſiehts“ dachte Deniſe und konnte einen Seufzer nicht unterdrücken. nebrigens fürchtet ſie ihre Tante nicht, denn Mutter Fourch kannte die Sittſamkeit ihrer Nichte und fand an ihr mehr Verſtand als an den anderen Bewoh⸗ ern des Dorfes, ſtimmte Allem bei, was Deniſe — ſagte und that; ausgenommen⸗ wenn es ſich darum handelte, Geld auszuleihen; aus dieſem Grunde hatte auch Deniſe, ungeachtet ihrer Freundſchaft für Coco, noch nicht viel für denſelben thun können.„Sein Vater iſt ein Säufer,“ ſagte Mutter Fourch,„dem Kinde Etwas ſchenken, heißt dem liederlichen Lallaur zum Saufen Vorſchub leiſten.“ Mutter Fourch war eine dicke, fünfundzwanzig⸗ jährige, trotz ihres Körperumfanges thätige und flinke Frau. Als ſie ihre Nichte nach Hauſe kommen hörte, lief ſie herbei, ihr den Eſel abladen zu helfen.“ „Was haſt Du denn da, mein Kind?“ fragte. Deniſe. „Die Käſe, die ich für Madame Deſtival nachtl⸗ „Und warum hat ſie's nicht genommen?“ „Weil weil ſie keine gewollt hat.“ „Ah⸗ vas etwas Anderes. Aber wie? 6 die Milch auch?.. „Ach, mein iichn ja, Tante.“ „Und dieſen habe ich Herrn Orichard keine gegeben!.. „O, wir iſen 3 ſelbſt, Tante.“ „Hat Madame Deſtival Dir. Kundſchaft ent⸗ zogen?“ „Ja, meine Tante.“ „So, deßhalb machſt Du ein ſo Geſicht. Woher will ſie denn beſſere Milch bekom⸗ men?“ „Ach, es iſt nicht der Milch wegen, Tante.“ „Alſo wegen etwas Anderem?“ „Ja, Tante.“ 2——— 31 „Ah! das iſt etwas Anderes. Nun, ſo erzähle mir doch dieſes Andere, mein Kind.“ Deniſe ſammelte ſich einen Augenblick, dann ant⸗ wortet ſie:„Ihr wißt wohl, meine Tante, ich er⸗ zählte Euch geſtern, daß ich einen vornehmen Herrn getroffen habe, der mich nach dem Wege zu Herrn Deſtival fragte.“ „Ja, meine Kleine.“ „Und daß dieſer der Großmutter Coco's, welcher ſeinen Topf zerbrochen hatte⸗ viel Geld gab.“ „Ja, ja, ich weiß, der Trunkenbold Lallaur wird es verſaufen.“ „Nun denn, Tante, heute Morgen fand ich den jungen Mann bei Herrn Deſtival.“ „Iſt es denn ein junger Mann? Du hatteſt mir geſtern geſagt: ein Herr.“ „Freilich ja, ein Herr, welcher jung iſt.“ „Ah, das iſt ein Unterſchied.“ „Er war ſehr freundſchaftlich gegen mich, und als er durch mich erfuhr, daß Vater Lallaux Alles durchbringe⸗ gab er mir dieſen Beutel voll Geld⸗ vamit ich für den armen Coco ſorge und es ihm an Nichts fehle. Ich nahm es an,/ Tante; that ich Unrecht?“ „Nein, gewiß nicht, meine Kleine; thuſt Du denn nicht immer recht, liebe Deniſe? biſt auch ſo ſittſam und läßt Dich nicht verführen?...“ „O nein, meine Tante, aber ich ließ mich von dem Herrn küſſen.“ „Ah, das iſt was Anderes; aber warum hat er Dich denn geküßt?“ 32 „Um mir dafür zu danken, daß ich für Coco, den er ſo gern hat, ſorgen wolle.“ „Nun, daran ſehe ich nichts Unrechtes, mein Kind.“ „Und dennoch hat Frau Deſtival es ſo angeſehen; denn ſie kam im höchſten Zorn auf mich zu und nannte mich „Sie nannte Dich?„ „Ach, ich kann das abſcheuliche Wort nicht wie⸗ derholen... Nun denn.. ſie nannte mich: Scham⸗ loſe.“ „Herr Gott im Himmel! meine Nichte, meine Deniſe eine Schamloſe! das ehrbarſte Mädchen auf zehn Stunden in die Runde! Und Du ſprangſt ihr nicht an die Gurgel?“ „Nein, meine Tante, ich habe bloß geſagt, es ſei abſcheulich, zu glauben... zu denken und dann nahm ich meine Milch und Käſe wieder mit fort.“ „Haſt recht gehabt, meine Kleine, haſt recht ge⸗ habt; ſolche Leute ſind gar nicht werth, ſo gute Sachen zu eſſen.“ Deniſe erzählte ihrer Tante aber nicht, was Frau Deſtival von ihrer Milch und ihrer Käſe geſagt hatte, denn Mutter Fourch wäre im Stande geweſen, in des Geſchäftsmannes Haus zu gehen und für eine ſolche Beleidigung Genugthuung zu verlangen. Das Mädchen liebte Streit und Zank nicht und wünſchte, gar nichts mehr von Frau Deſtival zu hören. Mutter Fourcp ging in's Dorf, um für Milch und Käſe einen Käufer zu finden. Als Deniſe allein „ 33 war, zog ſie den Beutel aus ihrer Taſche und zählte den Inhalt in ihre Schürze. Es waren darin zwölf Zwanzig⸗ und ſechs Fünf⸗ frankenſtücke.„Zweihundert und ſiebenzig Franken,“ ſagte Deniſe verwundert,„das iſt aber eine bedeu⸗ tende Summe: dieſer Herr muß ſehr reich ſein, daß er ſo viel Geld auf einmal herſchenken kann. Ich hätte vielleicht nicht Alles annehmen ſollen. Doch, da es ja für Coco iſt„dafür kann man ihn er⸗ ziehen, in die Schule ſchicken und leſen lernen laſſen. Ja, aber ſein Vater will nicht, daß er leſen lernt. Schade, ich hätte eine große Freude, wenn Coco recht artig und geſchickt würde; den Herrn freute es gewiß auch⸗ wenn er wiederkommt; denn er wird wiederkommen und ſeinen kleinen Knaben beſuchen⸗ er ſagte es wenigſtens. Gleichviel; ich will dieſes Geld gehörig ſparen und ſo lange ich noch Zeit habe, inzwiſchen zur Hütte eilen und ſehen, ob man des Herrn Willen befolgt hat.“ Auf Querwegen kann man in einer Viertelſtunde leicht von Montfermeil zu der Hütte der Familie Lal⸗ laux gelangen. Deniſe läuft ſchnell auf den ihr wohlbekannten Fußpfaden. Sie tritt in eine ärm⸗ liche Hütte. Coco ſaß mit der alten Magdalene bei Tiſche. Sie ſpeisten ohne Vater Lallaux, der⸗ wenn er Geld hatte, die Schenke ſeinem Hauſe vor⸗ zog. Als das Kind Deniſe eintreten ſah, ſtieß es ein Freudengeſchrei aus und eilte ihr entgegen. Deniſe war ſo gut gegen daſſelbe. Stets brachte ſie ihm et⸗ was Gutes; hinderte oft, daß er geſchlagen wurde; kurz, ſie bezeugte ihm viele Freundſchaft, und die Kinder vergelten Liebe mit Liebe; bei Erwachſenen iſt dieß nicht immer der Fall. „Guten Tag, meine kleine Deniſe,“ ſagte Coco, die Arme vor dem jungen Mädchen ausbreitend. „Gib doch Acht, Taugenichts,“ ſagte die alte Magdalene;„beinahe hätteſt Du den Tiſch umge⸗ worfen, daß meine Suppe auf den Boden gefallen wäre, da hätte ich Dich ordentlich gepeitſcht.“ Deniſe ſchaute bereits in der ganzen Hütte um⸗ her und bemerkte, daß die einzige, durch Dalville's Geld bewerkſtelligte Veränderung in einer großen am Feuer ſtehenden Schüſſel beſtand. Das Bett des Kindes iſt indeſſen nicht weicher als es vorher war. „Siehſt Du, Deniſe, wie ſchön ich bin,“ rief das Kind, dem jungen Mädchen die Hoſen und das hraune Jäckchen zeigend, welche ſeine Lumpen von geſtern erſetzten. „Ja, ich ſehe es,“ ſagte Deniſe, während ſie Coco's Kleider näher betrachtete;„das Alles iſt aber nicht neu.“ „Potz Teufel!“ kreiſchte die alte Magdalene,„hätte ich es ihm nicht beſonders machen laſſen ſollen? Für einen Jodel, wie er, iſt das ſauber genug; in eini⸗ gen Tagen wird man ſehen... da wird Alles durch⸗ löchert ſein. Ah! er würde Eiſen zerreißen.“ „Und warum habt Ihr ihm denn keine Matraze ge⸗ kauft, Mutter Magdalene, ich glaubte, der Herr habe Euch das anempfohlen, als er Euch das Geld gab.“ 35 „Ah! ſein Vater wollte das nicht; er ſagt: Bu⸗ ben ſollen nicht ſo weichlich gebettet ſein das hin⸗ dere ſie, ſtark zu werden.“ „Der Herr hat es aber doch für Coco hergege⸗ ben.“ „Für Coco; ja aber auch für uns, meine Kleine: ſollen die Eltern nicht vor den Kindern kommen?“ „Iſt Vater Lallaur auf dem Felde?“ „Auf dem Felde! warum nicht gar auf dem Felde, in Claude's Schenke iſt er, er nahm Alles mit, was von dem geſchenkten Gelde des Herrn übrig geblie⸗ ben war und ſagte: er gehe, um eine Unternehmung damit zu machen. Ja, ich weiß wohl, er wird un⸗ ternehmen, Alles an einem Tage zu verſaufen, wenn es möglich iſt.“ „Mutter Magdalene, ſoll ich Coco bis heute Abend mit mir nehmen?“ „Nein, meine Tochter, nein; ich bin alt und mag nicht allein ſein, Coco muß bei mir bleiben.“ Deniſe küßte das Kind⸗ welches ſpielte und ſich mit ſeiner Ziege auf dem Stroh wälzte; dann ging ſie nach ihrem Dorfe zurück.„Wie ſoll ich's denn machen,“ ſprach ſie bei ſich ſelbſt,„die Abſichten des Herrn zu erfüllen?“ Der folgende Tag iſt ein Sonntag, alſo keine Arbeit im Dorfe. Man verwendet größere Sorg⸗ falt auf ſein Aeußeres⸗ zieht ein einfach ſauberes Kleid an und Abends verſammelt man ſich auf ei⸗ nem von Eichen und Nußbäumen beſchatteten Gras⸗ platze. Hier laden eine ſchlechte Geige und ein Tam⸗ bourin die jungen Wädchen und Burſche zum Tanze; man findet das Orcheſter herrlich, weil es das Sig⸗ nal zur Freude iſt. Hier wird Deniſe der Gegen⸗ ſtand vorzüglicher Aufmerkſamkeit, von Seiten der männlichen Dorfjugend, und bringt einige Wallungen der Eiferſucht in den Herzen ihrer Gefährtinnen her⸗ vor. Leidenſchaften ſchleichen ſich allenthalben ein: man iſt neidiſch und läſtert im Dorfe wie in der Stadt, nur weiß man hier ſeine Geſinnungen weni⸗ ger zu verſtellen. Deniſe iſt das ſchönſte Mädchen des Dorfes und der Umgegend; dieß behaupten alle Männer des Ortes, obgleich die Weiber es nicht zugeben wollen. Deniſe iſt nicht kokett, aber ſie iſt Weib; und wel⸗ ches Weib empfindet nicht ein geheimes Vergnügen bei der Gewißheit, daß ſie gefällt und über Ihres⸗ gleichen den Sieg davon trägt. Gegen die jungen Burſche ſpielt übrigens Deniſe keineswegs die Ge⸗ fallſüchtige; ſie lächelte nicht dem Einen zu, warf nicht auf den Andern einen bedeutungsvollen Blick, ſagte nicht einem Dritten ein Wort der Hoffnung;z aber ſie lachte, ſcherzte und war freundlich mit Allen, denn ſie liebte den Tanz ſehr und es war ihr an⸗ genehm, wenn Jedermann kam und ſie zum Tanz aufzog. Doch an dieſem Sonntage, wo Deniſe, wie ge⸗ wöhnlich, mit ihrer Tante auf den Grasplatz gegan⸗ gen iſt, ſcheint ſie ſich nicht wie ſonſt zu beluſtigen: ſie lacht weniger mit den jungen Burſchen und ſcheint keine Freude am Tanze zu haben. Kurz, was man — — 37 noch nie geſehen hatte, nach vier Contretänzen fühlt ſich Deniſe müde und verlangt, eine Weile auszuruhen. „Biſt Du krank, meine Kleine?“ fragte Mutter Fourcy ihre Nichte, als ſie Letztere zurückkommen und an ihrer Seite niederſetzen ſah. „Nein, meine Tante⸗ krank bin ich nicht, aber müde.“ „Müde? Du, die unermüblichſte Tänzerin des Ortes?“ „Wahrlich, meine Tante! ich glaube, man kriegt endlich an Allem genug. Heute bin ich nicht aufge⸗ legt.“ „Dann iſt's was Anderes.“ „Kommen Sie, Jungfer Deniſe⸗ kommen Sie doch zum Tanze,“ ſagen mehrere derbe Bauersburſche zu dem Milchmädchen. Darauf zog ſie einer beim Arme, daß er denſelben hätte ausreißen können, der andere ſchlug ihr mit ſeiner ganzen Kraft in die Hand, ein dritter trat ihr beim Gruß auf die Füße; mit dergleichen hübſchen Artigkeiten macht man einem jungen Mädchen auf dem Dorfe den Hofz dieſes replicirt zuweilen mit einem derben Schlag auf die Backen des Galanten, was ſo ziemlich bedeutet, daß er bei der Jungfer in Gunſt ſteht. Deniſe aber theilte keine Schläge unter die ſie umgebenden Burſche aus, ſondern ſchickte ſie einfach mit den Worten weg:„Laßt mich doch in Ruhe, ich ſage euch ja, ich will nicht tanzen.“ „O, doch! o doch! ſie will freilich tanzen: ſie wird tanzen, ſie weigert ſich nur zum Spaß.“ Doch Deniſe blieb ſtandhaft und, als die ſchönen Tänzer ſich entfernt haben, ſagt ſie zu ihrer Tante: „Mein Gott! wie ſcheinen ſie doch ſo dumm!“ „Wer denn, meine Kleine?“ „Nun! Großhans, Lucas, Baſtian.“ „Das find die durchtriebenſten Burſche im Dorf! an was denkſt Du denn? Großhans iſt ſo drollig beim Tanze, er verwirrt immer abſichtlich die Figu⸗ ren; Lucas erhielt drei Jahre nach einander den Preis im Gänſeſpiel! Baſtian war zweimal in Paris, wo er das Stockfechten gelernt pat! Dieſe Burſche ſeien dumm, ſagſt Du?“ „Wahrlich, Tante, fie ſagten mir Dinge, die mich nicht beluſtigten.“ „Sonſt lachteſt Du aus vollem Herzen mit ihnen. Ich ſage Dir, Du biſt krank, meine Kleine; ehe Du in's Bett gehſt, mußt Du einen guten Teller voll Erbſen mit Speck eſſen, das wird Dir gut thun.“ Deniſe fühlte ſich nicht krank; ſie wußte ſelbſt nicht, warum ſie ſich nicht beluſtigte. Endlich iſt die Zeit zum Heimgehen gekommen und die Kleine em⸗ pfindet ein geheimes Vergnügen, als ſie bei ihrem Häuschen ankam und die Gefährtinnen verließ, die ſie ſpöttiſch lachend betrachteten und unter einander ſagten:„Deniſe hat gewiß etwas! Jedenfalls wer⸗ den die Burſche, wenn ſie immer ſo iſt wie heute, ſchnell aufhören, ſie liebenswürdig zu finden und ihr den Hof zu machen.“ Trotz des Tellers voll Erbſen, oder vielleicht eben deßhalb, ſchlief Deniſe wenig; ſie denkt nicht gerade . + und pan Lallaux.“ an den ſchönen Herrn, der mit ihr koste, ſie küßte und ſie aufhob, aber an den, der für den armen Coco ſorgen will, an das Geld, deſſen Verwalterin ſie iſt und an die Mittel, das Kind glücklicher zu machen. Mit Tagesanbruch ſtand das Mädchen auf und eilte, nach Beendigung ihrer Morgengeſchfte, zu der Hütte. Sie ſah das Kind vor dem Hauſe ſpielen und war ſehr erfreut, daß ſie es ohne Zeugen ſpre⸗ chen konnte.* „Wo iſt Magdalene?“ fragte ſie es. „Sie ſchläft, meine kleine Deniſe,“ antwortet vas Kind, das junge Mädchen mit ſeinen Aermchen umſchlingend. „Und Dein Vater?“ „Papa Lallaur kam geſtern nicht nach Hauſe; Großmutter ſagt, er habe im Wirthshaus geſchlafen.“ „Coco, haſt Du den Herrn recht gern, der hieher kam, Dir Geld ſchenkte und Dir Schläge wegen der zerbrochenen Schüſſel erſparte?“ „O ja, ich liebe ihn ſehr! Er hat eine ſchöne Weſte und ein ſchönes Band hängt darüber her. Er wird wiederkommen und mit mir ſpielen, nicht wahr?“ „Ja, er ſagte er werde kommen. Weißt Du ſeinen Namen?“ „Er iſt mein guter Freund.“ „Aber ſeinen Namen, hat er Dir ihn nicht ge⸗ ſagt?“ „Neii, er weiß aber wohl, daß ich Coco heiße — 40 „Du mußt dieſen Herrn recht lieben, denn er will Dir viel Gutes thun! Würde es Dir Freude machen, wenn Du ſchreiben und leſen lernteſt?“ „O ja, um ſchöne Geſchichten zu leſen in den Büchern mit Bildern. Aber Papa will mich nicht in die Schule gehen laſſen.“ „Ich werde mit ihm reden und ſeine Einwilligung zu erlangen ſuchen.“ In dieſem Augenblick ließ ſich die kreiſchende Stimme der alten Magdalene vernehmen; ſie rief dem Kinde; dieſes küßte Deniſe, lief dann in die Hütte, und das junge Mädchen flog nach dem Dorfe zurück. Nachdem Vater Lallaur drei Tage in der Schenke zugebracht hatte, griff er wieder zum Spaten und zur Gießkanne; wollte jedoch nicht zugeben, daß Coco in die Schule gehe, obgleich ihn Deniſe verſicherte, daß es ihn Nichts koſten werde, und die alte Magda⸗ lene erlaubte dem Kinde nicht, ſich weiter zu entfer⸗ nen als bis an den Acker, wo ſein Vater arbeitete. Deniſe geht alle Morgen in die Hütte; ſie bringt dem Kinde insgeheim immer Etwas mit, hatte aber bis jetzt Dalville's Geld noch nicht angegriffen. „Der Herr wird nicht wiederkommen,“ ſprach ſie bei ſich ſelbſt,„ſchon ſind acht Tage vorüber. Bah! er denkt nicht mehr an.. Coco. Es iſt dieß ein Grund mehr, das Geld zu ſparen. Der arme Kleine wird eines Tages glücklich ſein, wenn er Etwgs findet. Aber der Herr ſchien doch ernſtliche Abſicht zun Wie⸗ 41 dame Deſtival und kam nicht durch unſer Dorfl Wie doch dieſe jungen Leuke von Paris lügen können! Dieſer hat übrigens gute Eigenſchaften.. warum blickte mich der Herr Bertrand denn ſo an, als er mir ſagte: Sei auf Deiner Hut!“ Die Tage des Tanzens kehren wieder, ohne daß Deniſens Heiterkeit wiederkehrte, obgleich ſie ſich alle Mühe gab, ſo wie früher zu erſcheinen, obgleich ſie öfters tanzte, ohne daß ſie Luſt dazu fühlte und wie⸗ der lachen wollte mit den jungen Burſchen; jetzt aber beſtand ihr größtes Vergnügen darin, daß ſie ſich allein unter eine große Eiche hinter ihrem Hauſe ſetzte oder zu Coco ging, ihn herzte und küßte und beſtändig von dem vornehmen Herrn mit ihm ſprach⸗ der ihm Gutes thun wollte. Ein Monat war ſeit ihrem Zuſammentreffen mit Auguſt verfloſſen, als ihr eines Morgens, wie ſie gerade zur Hütte gehen wollte, ein Bauer die Nach⸗ richt brachte, daß die alte Magdalene in der Nacht geſtorben ſei. Das kleine Milchmädchen flog bei dieſer Kunde in aller Eile zu dem Kinde. Noch hatte man die ſterbliche Hülle der alten Mutter nicht weg⸗ genommen und da Lallaur arm und im Dorfe nicht beliebt war, wachte das Kind sllein bei der Verſtor⸗ benen, während ſein Vater das zum Begräbniß Nö⸗ thige einleitete. Deniſe ſtand ſtill vor der einſamen Hütte, deren Anblick ihr noch ärmlicher ſchien, weil der Tod über Alles einen düſtern Schleier wirft. Die Kleine wundert ſich, daß ſie Niemand in der Nähe Paul de Kock. LXVII. 4 —— der Hütte erblickt, ſie tritt herzu.. lautes Lachen ſchlägt an ihr Ohr. Deniſe dachte, man habe ſie mit der Erzählung von dem Tode der Großmutter getäuſcht; ſie ſtreckte den Kopf durch die Thüre: ihr Blick ent⸗ deckt das Sterbebette, um welches eine Lampe nur ſchwache Helle verbreitet; etwas entfernter ſah ſie das Kind ſich mit ſeiner Ziege auf dem Stroh wäl⸗ zen und jeden Sprung und Liebkoſung Jakobinchens mit herzlichem Lachen aufnehmen. Dieſe Scene erregte in Deniſen ein ſeltſames Gefühl. Sie drang in die Hütte und trat vor den Kleinen mit den Worten: „Wie, mein Freund! Du ſpielſt neben der Deiner Großmutter?“ 1 „Wird ſie das zornig machen?“ fragte das Kind mit unſchuldig offenem Blick auf Deniſe. „Nein, denn ſie kann Dich nicht mehr hören, Du ſollteſt aber doch über ihren Tod betrübt ſein.“ „Man ſagte mir, ſie werde mich nicht mehr ſchla⸗ gen.“ „Haſt Du nicht geweint, als ſie ſtarb?“ „Nein, Deniſe.“ „Du liebteſt ſie alſo nicht?“ „O, ich fürchtete ſie ſehr!“ „Es iſt nicht ſchön, mein Freund, wenn man ge⸗ fühllos iſt.“ „Ach, Deniſe, wenn meine Gaiſ' ſtürbe, wollte ich techt weinen; Jakobinchen iſt ſo gut, ſie liebt 6 mich ſo ſehr!“ eniſe wußte dem Kinde hierauf nichts mehr zu entgegnen; ſie begnügte ſich, es mit ſeiner Ziege 43 hinauszuſchicken. Bei der Rückkehr des Vaters Lal⸗ laux erlangte ſie von dieſem leicht die Erlaubniß, Coco für einige Tage mit ſich zu nehmen; und Cocv nahm ſeine geliebte Ziege mit fort, von der er ſich nicht mehr trennen wollte.. Deniſens größte Freude war, das Kind bei ſich zu behalten; Mutter Fourch iſt gutherzig und Deniſe gab ihr zu verſtehen, daß Coco ihnen nützlich wer⸗ den könne, wenn er größer ſei und das Geld des Pariſer Herrn zu ſeiner Erziehung weit ausreiche. Vater Lallaux ſah ein, daß ſein Sohn ihm keine Suppe kochen könne, daher er gerne einwilligte, ihn bis auf Weiteres bei Deniſen zu laſſen, und das junge Mädchen war außer ſich vor Freude. So wäre jetzt denn Coco im Hauſe des kleinen Milchmädchens und im Genuſſe eines ſüßen friedlichen Daſeins. Deniſe konnte leſen, was gegenwärtig in den Dörfern nichts Seltenes mehr iſt; ſie wollte ihren Schützling ſelbſt erziehen und ermangelte dabei nicht, täglich mit ihm von dem vornehmen Herrn zu ſpre⸗ chen, der ihm ſeine Schüſſel ſo gut bezahlte. Aber ein weiterer Monat verſtrich und der Herr von Paris kam nicht wieder. Deniſe, die immer noch gerne unter der großen Eiche ſinnirte, ſprach häuſig bei ſich:„ich hatte wohl Recht, zu glauben, daß er kein Wort von allen den ſchönen Sachen denke, die er zu mir ſagte. Da er jedoch nicht wiederkommen ſollte, ſo war es wohl unnöthig, daß der Herr Ber⸗ trand mir zuraunte: Sei auf Deiner Hut!“ 44 Drittes Kapitel. Ein Morgen bei einem jungen Manne. „Herr Bertrand, iſt Auguſt zu Hauſe?“ fragte ein junges vierundzwanzigjähriges Frauenzimmer von ſchlankem Wuchſe, gerundeten Formen⸗ ſchönen braunen Augen und rabenſchwarzen Haaren, bleicher Geſichtsfarbe, weißen, gut aneinander gereihten Zahnen, zwar Liwns matten Bli, den ſe aber durch ein ſchelmiſches Lächeln zu beleben und angenehm zu machen wußte. Dieſes Frauenzimmer iſt eine ge⸗ wiſſe Virginie, von der im Cabriolet auf dem Wege zu Deſtivals Landhaus die Rede warz ſie klingelt eben an Auguſts Wohnung, und noch iſt es nicht acht Uhr Morgens. „Herr Dalville iſt ausgegangen,“ verſetzte Ber⸗ trand, Mademviſelle Virginie nur ein wenig mit dem Kopfe zunickend; dieſe ließ ſich aber dadurch nicht abweiſen, ſie trat ein mit den Worten:„Nicht möglich, Bertrand, Sie ſagen das, weil ohne Zwei⸗ fel Beſuch da iſt, und Sie den Befehl haben. Wir kennen das, allein ich will ihn ſehen; ich habe ſehr Wichtiges mit ihm zu ſprechen⸗ Wahrhaftig, mein* Bertrandchen, es iſt kein Scherz.“ „Ich verſichere Sie, mein Fräulein, Herr Dal⸗ ville iſt ausgegangen⸗ oder beſſer geſagt, er kam nicht nach Hauſe. Geſtern Abend ging er zu einem großen Ball und es ſcheint, daß derſelbe lange dauert.“ „Ach Gott, welche Aufführung, das iſt ja abſcheu 45 lich! der junge Mann richtet ſich zu Grundez.. Ber⸗ trand, Sie wachen nicht genug über ihn, das iſt nicht recht; Sie ſollten ihm Straf⸗ und Moralpredigten halten.“ „Erſtlich mein Fräulein, iſt Herr Dalville der Herr und dann, wenn ich auch vernünftig mit ihm ſprechen will, ſo hört er mich nicht an oder heißt mich gehen.“ „Das iſt ſehr unrecht. Ach, wenn ich nur ſeine Mutter oder Schweſter wäre, dann ſollten Sie ſehen, wie ich ihn zurecht vringen würde. Ich warte auf ihn, Bertrand, denn er muß doch wohl nach Hauſe kommen. Um acht Uhr Morgens noch auf dem Ball! Ach, ſo arg machen wir's nicht!“ Mademoiſelle Virginie, die alle Gänge und Schliche der Wohnung genau kennt, öffnet die Thüre zu einem kleinen Salon, wo ſie ihren Aufenthalt nimmt, Halstuch und Hut ablegt und ſich auf ein Canapé wirft. Bertrand folgt ihr ruhig⸗ und an dieſe Verfahrungsweiſe gewöhnt⸗ fährt er fort Brod und Käſe zu eſſen, woran das Klingeln ihn geſtört atte. „Wahrhaftig ich liebe Auguſt gar nicht mehr,“ begann Virginie nach einer Weile wieder;„ich müßte ſehr thöricht ſein, einen Menſchen zu lieben⸗ der ſechs⸗ unddreißig Maitreſſen hat.. nicht wahr, Bertrand?“ —, Fräukein! ich kann nicht behaupten.“ „Ja, ſechsunddreißig hat erz ich ſage aber nicht, daß er ſie zu gleicher Zeit habe, dazu müßte er ein Herkulest vom Norden ſein, aber wenn er fönnte 46 Ich kehre nicht die Hand um um die Wahl: von den Männern iſt einer wie der andere... Ich kenne ſie ſo gut. Nicht wahr, Bertrand, ich habe recht?“ „O, was das betrifft, wir haben Männer gehabt, welche zum Beiſpiel der große Türennel“ „Ach, wie abgeſchmackt iſt Er doch mit Seinem großen Türenne! hält Er mich denn für ein Schilder⸗ häuschen? Ich, Bertrand, ich kenne die alte Ge⸗ ſchichte nicht, ich liebe nur, was in meine Zeit ge⸗ hört, und ſage Ihnen, Auguſt iſt ein Wüſtling. Vor drei Wochen ſpielte er mir einen ſchändlichen Streich. Ha! er gab mir ein Rendezvous, wir ſoll⸗ ten den Tag zuſammen zubringen und Abends in's Feydeau gehen; der Herr aber ließ mich Maulaffen feil haben und reiste ab auf's Land zu Herrn De⸗ ſtival, einem Geſchäftsmann. Der iſt auch ein Pfif⸗ fitus; der dürfte ſich zuerſt um das kümmern, was in ſeinem Hauſe vorgeht; nicht wahr, Bertrand?“ „In ſeinem Hauſe, Fräulein? Glauben Sie? „Ja, Sie verſtehen mich wohl, es wäre denn, daß er Gefallen daran findet! Wahrlich, es gibt Ehemänner, denen das bequem iſt.. Und ihr bliebet auf dieſem Landhauſe über Nacht?“ „Ja, Fräulein!“ „Gott, wie ländlich! verweiltet ihr ſnehrere Tage dort? Nun, Bertrand, ſo reden Sie doch, Sie haben immer noch Zeit zum Eſſenz Sie wiſſen wohl, ich bin ſeit einem Jahrhundert nicht mehr hier geweſen, und Herr Auguſt ſeinerſeits war nicht einmal ſo artig, zu mir zu kommen, um ſich nach meinem Befinden und doch bin ich ſehr krank geweſen⸗ zu erkundigen⸗ ch bin recht verändert, beinahe wäre ich geſtorben; i nicht wahr, Bertrand?“ „O nein, Fräulein, ich ſehe nicht, daß „O, doch, meine Augen ſind noch gelb. Aller⸗ 4+ dings ſiteht mir vieſes Kleid auch nicht gut. Es reicht zu weit herauf, es verunſtaltet mich. Nun, Bertrand, was habt ihr denn auf dieſem Landgute gemacht?“ „Ich, Fräulein, lehrte Herrn Deſtival exerzieren.“ „So! will er ſich unter die Voltigeurs einreihen laſſen? Und ſeine Frau exerzierte die auch? ſie ſollte die Pauke ſchlagen lernen, um vor ihrem Manne herzugehen, wenn er zum Schießen geht.“ „Ich weiß nicht, was Madame that⸗ Fräulein.“ „Ohne Zweifel waren Sie beauftragt, den Ge⸗ mahl zu beſchäftigen⸗ und Herr Auguſt ſchäkerte mit Madame in dichten Lauben. Ich ſehe ſchon, der Herr ſchoß Sperlinge⸗ während ſeine Ehehälfte Erd⸗ beeren ſuchte!.. Ha, ha, ha.“ e ſo ſtark, daß ſie —— ——— Mademoiſelle Virginie lacht einige Zeit prauchte, bis ſie wieder ſprechen konnte. Inzwiſchen ging Bertrand nach allen Richtungen im 6. Saale umher, wobei er zu frühſtücken fortfuhr. „Ach, Gott! es thut weh, wenn man ſo lacht. Sagen Sie mir einmal, wann ſeid ihr zurückgekom⸗ men, Bertrand?“ „Am andern Tage⸗ Fräulein.“ „Und war Auguſt ſeither nicht mehr dort?“ .„Nein, Fräulein! er hatte öfters Luſt, findet aber W nie Zeit.“ O⸗ es iſt richtig; man hat ſo viele Geſchäfte und ſeit vierzehn Tagen kommt man nicht ein ein⸗ ziges Mal zu mir; man läßt mich krank, beinahe ſterbend liegen und noch bin ich nicht ganz wohl. O nein, ich leide immer noch ſehr! Was eſſen Sie denn da, Bertrand?“ „Ol es iſt nur Käſe von Roquefort, Fräulein.“ „Närriſch, wenn ich eſſen ſehe, ſo macht mir das auch Luſt, zu eſſen; ich muß nämlich immer thun, was ich Andere thun ſehe. Mein Bertrandchen, Sie geben mir zu frühſtücken; denn, in der That, wenn ich bis morgen jammerte, ſo wären das Dummhei⸗ ten und meine Waden würden darum nicht dicker, nicht wahr, Bertrand?“ „Fräulein, wenn Sie„ „Er iſt ein guter Kerl, der Bertrand; ich liebe ihn ſehr, ich hege viele Freundſchaft für ihn, obgleich er etwas heimtückiſch iſt wie ſein Herr.“ „Ah! Fräulein, was das betrifft, ſo ſchmeichle ich mir in Beziehung auf Offenherzigkeit.“ „Schon recht, Bertrand; ich ſagte das nur im Scherz; allein mit Ihrer Offenherzigkeit kann ich nicht frühſtücken. Was wollen Sie mir geben?“ „Wenn Fräulein Kaffee wollen, ſo beſtelle ich unten.“ „Kaffee? ha, das macht mir ganz hohl im Ma⸗ gen, das taugt mir nicht. Haben Sie Nichts hier?“ „Wir haben eine Paſtete übrig, ein Stückchen Ge⸗ flügel, Lyoner Wurſt.“ „Ach! das iſt mir lieber als Kaffee; bringen Sie 51 „Ja, Fräulein, doch glaube ich nicht, daß es der Herr iſt; er klingelt auf eine andere Manier.“ Nachdem Bertrand die Salonthüre ſorgfältig zu⸗ gemacht hatte, öffnete er im Vorzimmer die Thüre auf den Flurgang und ſtatt Auguſt ſah er die hüb⸗ ſche Nachbarin des dritten Stockes eintreten, welcher er den kleinen Spitzer zurückgebracht hatte. Die Nachbarin iſt eine junge Blondine mit blauen Au⸗ gen, roſiger Geſichtsfarbe; ihre Stimme iſt ſanft und honigſüß, ihre Manieren und ihr Weſen haben etwas Affektirtes; allein ſie iſt hübſch und ihre na⸗ türliche Anmuth macht, daß man die erkünſtelte ver⸗ zeiht. „Herr Bertrand, iſt mein kleiner Zoper nicht bei Ihnen?“ liſpelte ſie mit einem flüchtigen Blicke durch das Gemach. „Ich hatte nicht die Ehre, ihn zu ſehen, Madame,“ antwortete Bertrand, die Thüre fortwährend halb offen haltend, was die Nachbarin übrigens nicht hindert, einen Schritt weiter vorwärts zu gehen. „Sonderbar, er ging dieſen Morgen aus; mein Mädchen iſt auf dem Markt und ich hoffte ihn hier zu finden.“ „Wenn ſich der Deſerteur zeigt, Madame, werde ich das Vergnügen haben, Ihnen denſelben auf der Stelle zurückzubringen.“ „Der arme Zoper! ich bin wahrhaftig beſorgt um ihn.“ Die Nachbarin, die inzwiſchen nicht ſtehen geblie⸗ ben war, befand ſich jetzt mitten im Vorzimmer und Bertrand hielt fortwährend die äußere Thüre offen, in der Hoffnung, dadurch die Nachbarin zum Fort⸗ gehen aufzumuntern. „Herr Dalville ging geſtern Abend in großer Toilette aus, nicht wahr, Herr Bertrand?“ „Ja, Madame.“ „Ich ſtand zufällig an meinem Fenſter und ſah ihn. Ich hätte ihm ein Wort ſagen, ihn für heute um ein Buch bitten mögen, das er mir verſprochen hatte. Allein er ging ſo ſchnell weg! Wenn es nicht ſo früh wäre, würde ich ihn um die Gefälligkeit bitten, es mir zu geben. Vielleicht wäre es ihm aber unbequem?“ Die Nachbarin ſchien auf eine Antwort zu war⸗ ten, Bertrand ſchwieg jedoch und bewegte bloß die Vorthüre hin und her. „Liegt Herr Dalville noch im Bette?“ fragte endlich die ſchöne Blondine und warf dabei einen Blick auf den alten Korporal, der eben ſo ſanft als ihre Stimme ſüß war. Dieſer wollte eben antwor⸗ ten, als die Thüre des Salons aufging und Vir⸗ ginie mit entſchloſſener Miene erſchien:„Nun!“ rief ſie,„kommen Sie heute noch, Bertrand! ſpielen wir Verſteckens!?“ Als Bertrand Virginien ſah, ſchloß er die Vor⸗ thüre, ſetzte ſich gemüthlich nieder und brummte zwi⸗ ſchen den Zähnen:„Macht das ſelbſt aus, mich geht es nichts an.“ Beim Anblick Virginiens ward die Nachbarin noch etwas roſiger als vorher und ihre Augen ver⸗ 53 loren von ihrer gewohnten Sanftmuth; Virginie ihrer⸗ ſeits betrachtete die Nachbarin vom Kopf bis zu den Füßen, zuckte mit ihren braunen Wimpern und ließ ein verächtliches Lächeln über ihre Lippen gleiten; Bertrand allein blieb gleichgültig, und während die Damen ſich mit Blicken maßen, trank er ruhig ein Glas Wein, um ſeine Roqueforter Käſe hinabzu⸗ ſchwemmen. „Sie hatten mir nicht geſagt⸗ Herr Bertrand⸗ daß Herr Dalville Beſuch habe,“ ſagte endlich die Nachbarin mit einer Stimme, die ſie ſo ſanft als möglich zu machen ſich bemühte⸗ durch die jedoch etwas Zorn durchſchimmerte.„Hätte ich das gewußt, ſo würde ich ihn ſicherlich nicht haben ſtören wollen.“ „Bertrand! fragt Madame nach Auguſt?“ ſagte Virginie in leichtfertigem Ton und boshaftem Lächeln. Die vertraute Art, mit welcher die hübſche Brü⸗ nette von ihrem Nachbar ſprach, ſchien Madame Saint⸗Edmond ſehr zu ärgernz ſie that ihr Möglich⸗ ſtes, um ihre Aufregung gut zu verbergen.„Ja, Madame,“ antwortete ſie,„ich frage nach Herrn Dalville.“ „Wenn man Auguſt Etwas ausrichten kann, ſo will ich es über mich nehmen, Madame.“ „Sie ſind gar zu gütig⸗ Madame, aber ich wünſche Herrn Dalville ſelbſt zu ſprechen.“ „Ahal ich verſtehe.. ohne Zweifel kennt Auguſt Madame bereits!“ „Ja, Madame, ich habe das Vergnügen, Herrn Dalville zu kennen.“ 54 „Da mir Auguſt alle ſeine Angelegenheiten mit⸗ theilt, ſo würde ich Madame Auskunft geben können, wenn Sie mir gütigſt den Beweggrund Ihres Be⸗ ſuches erklären wollten.“ „Madame ſind ſonach jetzt beauftragt, die zu Herrn Dalville kommenden Perſonen zu empfangen?“ „Wohl möglich, Madame.“ „Herr Bertrand, Sie hätten mir wohl ſagen dür⸗ fen. mir erſparen... doch ich will durchaus Herrn Dalville ſprechen.. melden Sie ihm, daß ich ihm nur ein Wort zu ſagen habe... alsdann laſſe ich ihn mit Madame allein.“ „Wenn ich hätte bälder zum Wort kommen und Ihnen antworten können, Madame,“ ſagte Bertrand, „ſo würde ich Ihnen bereits geſagt haben, daß mein Lieutenant noch nicht vom Balle zurückgekommen iſt; deßhalb erwartet ihn Madame in dem kleinen Salon.“ „Gut, ich werde auch auf ihn warten,“ ſagt die Nachbarin, deren Stimme durchaus nichts Süßes mehr hat, und bei Bertrand vorüberkommend, flüſtert ſie demſelben zu:„Ich weiß nicht, wer dieſes Frauen⸗ zimmer iſt, aber ſie hat jedenfalls einen ſehr ſchlech⸗ ten Ton.“ Virginie blieb einen Augenblick im Vorzimmer und ſagte zu Bertrand:„Wer iſt denn dieſe Duck⸗ mäuſerin? Belüge mich nicht, mein Bertrandchen, oder ich mache eine Scene!...“„ „Es iſt eine Dame, welche in dem Hauſe wohnt.“ „Ach, ſie wohnt im Hauſe?.. ganz bequem!.. 55 Sie ſieht aus wie eine rechte Fegerin.. Kennt Auguſt ſie ſchon lange7“— ¹ „O nein, ſeit ſechs Wochen ungefähr.“ „Und er liebt ſie?“ „Wie ſoll ich das wiſſen? Kann ich meinen Lieu⸗ tenant fragen:„Lieben Sie Dieſe? Lieben Sie Jene?““ „Schon gut, Du biſt ein Böſewicht. Jedenfalls hätte Auguſt einen ſehr ſchlechten Geſchmack! Dieß Weib iſt häßlich, ſie hat rothe Ringe um die Augen wie die Kaninchen und einen abſcheulichen Mund.. nicht wahr, Bertrand?“ „Aber.. ich finde nicht...“ „Verſtehſt denn Du Dich darauf? Ich ſage Dir, ſie iſt abſcheulich, mit ihrer Prinzeſſinmiene!... Ah! wenn ſie glaubt, mir zu imponiren, ſo irrt ſie ſich gewaltig. Dieſe naſeweiſe Perſon, die mit Auguſt allein ſprechen will!... Um ſie zu ärgern, ſetze ich mich wieder und eſſe an meiner Paſtete fort, und ſollte ich auch eine Indigeſtion bekommen.“ Virginie kehrt in den kleinen Salon zurück, nimmt ihren Platz auf dem Canapé wieder ein und fährt zu Frühſtücken fort. Die Nachbarin hat ſich auf einen Seſſel am entgegengeſetzten Ende des Zimmers ge⸗ ſetzt und ſieht, während ſie auf die Straße zu ſchauen ſcheint, mit einem Seitenblicke jede Bewegung Vir⸗ giniens. Bertrand iſt im Vorzimmer geblieben und läßt die Damen miteinander zurecht kommen wie ſie wollen. Während des Eſſens trällert Virginie einige Vaudevilleſtrophen, Madame Saint⸗Edmond gibt keinen Laut von ſich. Dieß dauerte einige Zeit; Vir⸗ ginie, der dieß langweilig zu werden beginnt, ruft Bertrand und ſagt zu ihm:„Ihre Paſtete iſt nicht beſonders gut; das letzte Mal, als ich mit Auguſt frühſtückte, hatten wir eine viel beſſere.“ Bertrand begnügt ſich, die ſchwachen Ueberreſte der Paſtete wegzutragen, indem er zu ſich ſelbſt ſagte: „Ich hätte geſchworen, daß ſie ſie gut fände.“ „Bertrand!“ ſagt Virginie nach einer Weile, „wollen Sie mir gefälligſt Waſſer und Zucker geben, das wird mir wohl thun.“ „Sie muß es nöthig haben,“ ſagt die Nachbarin mit ironiſchem Lächeln vor ſich hin. „Ach, mein Bertrandchen, Sie haben Orangen⸗ blüthgeiſt, nicht wahr? das wird meine Nervenauf⸗ regung beſchwichtigen.“ Virginie lacht bei dieſen Worten und ſcheint ſich über Madame Saint⸗Edmond luſtig zu machen; dieſe ſtellt ſich, als ob ſie nicht darauf achte. „Ach, mein Gott, es thut mir ſehr leid, daß ich Ihnen Mühe gemacht habe, Bertrand,“ ſagt Vir⸗ ginie, indem ſie ihr Zuckerwaſſer umrührte,„ich hätte das wohl ſelbſt holen können, denn ich kenne hier den Platz von jeder Sache.. ich bin hier wie zu Hauſe.. doch Sie ſind ſo gefällig!“ „Schuldigkeit, Fräulein,“ verſetzte Ven mit militäriſchem Gruße. „Man weiß, Bertrand, wie anhänglich eie an Auguſt ſind,“ fuhr Virginie, einen ſentimentalen Ton annehmend, fort;„auch macht es mir Freude,% 57 ſo oft ich mit ihm von Ihnen ſpreche, Sie zu loben. Gewiß, das iſt nichts weiter als Gerechtigkeit. Auguſt⸗ der großes Zutrauen in mich ſetzt, wird hoffentlich die Rathſchläge, die ich ihm ertheile, befolgen, und Sie werden ſehen, Bertrand⸗ daß ich nicht fähig bin⸗ jemals Virginie bleibt jedesmal ſtecken, ſo oft ſie ver⸗ nünftig ſprechen oder ſentimental werden will. Ber⸗ trand erſchöpft ſich in Verbeugungen⸗ während er auf das Ende einer Rede wartet, von der er nicht viel verſtanden hat, aber zum Glück für Virginie läßt ſich jetzt die Klingel hören. „Das iſt Auguſt!“ ruft ſie, während Bertrand öffnete. Jetzt entſteht eine große Bewegung im Salon. Virginie ſteht auf, bereit, nach der Thüre zu eilen, und wirft einen Blick auf die blonde Dame, als wollte ſie dieſelbe herausfordern. Die Nachbarin ſteht auch auf, blickt aber Virginie nicht an und thut ihr Möglichſtes, ſich ein ruhiges und gleichgültiges An⸗ ſehen zu geben. Die Hoffnung der Damen ward indeß abermals getäuſcht. Es war nicht Dalville, der klingelte, ſon⸗ dern ſein kleiner Jokey Tony, welcher Bertrand die Nachricht brachte, daß in Folge des bei Madame de la Thomaſſiniére ſtattgehabten Balles die glän⸗ zende Athalie einen Theil der Geſellſchaft zum Früh⸗ ſtücke auf ihr Landgut geführt habe, Auguſt ſei von dieſer Zahl; die Modedame habe ihm nicht einmal erlauben wollen, einen Augenblick nach Hauſe zurück⸗ Paul de Kock. LXVIMI. 5 58 „ zukehren und den Anzug zu wechſeln. Da aber Auguſts Börſe Abends beim Spiele geleert worden war, ſo ſchicke er ſeinen kleinen Jockey mit dem Cabriolet, um Geld zu holen, das ihm derſelbe auf Frau von Thomaſſiniére's Landgut bringen ſoll. Da Virginie die Thüre des Salons halb offen hielt, ſo verſtanden die Damen, was der kleine Jokey zu Bertrand ſagte. „Sie ſehen, meine Damen, daß Sie vergeblich länger warten würden,“ ſagte Bertrand, in den Salon zurückkommend;„jetzt iſt der Herr auf dem Lande; er ſchickt her und läßt Etwas holen, ein Zei⸗ chen, daß er nicht ſo bald nach Hauſe kommen will.“ „Ja, er läßt Geld verlangen,“ ſagte Virginie mit einem Seufzer;„ach Gott, wie viel verſchwendet der junge Mann! es iſt ſchrecklich! Wenn er mir nur den vierten Theil gäbe von dem was er...“ Fräulein Virginie hält inne; ſie fühlt, daß ſie eine Dummheit geſagt hat; Madame Saint⸗Edmond wirft ihr einen verächtlichen Blick zu und ſagt im Weggehen zu Bertrand:„Ich bitte Sie nur, mein Herr, mich wiſſen zu laſſen, wenn Herr Dalville hier iſt.“ „Es wird nicht fehlen, Madame,“ ſagt der Cor⸗ poral, die Nachbarin hinausbegleitend; im Vorzim⸗ mer fährt dieſe fort:„Ich weiß nicht, wer das Mäd⸗ chen iſt, die ich da im Zimmer des Herrn Dalville gefunden habe, aber ſie ſpricht wie ein Fiſchweib und hat eine ſo freche Miene, daß ich ſie nicht ein⸗ mal zur Küchenmagd möchte.“ 59 Als die Nachbarin fort war, entſchloß ſich Vir⸗ ginie, Hut und Halstuch wieder anzulegen.„Nun,“ murmelte ſie,„nun muß ich wohl fortgehen, da der Leichtfuß nicht heimkommt; aber widerwärtig iſt es; ich hätte ihn nothwendig ſehen... ihn um was bitten ſollen... der Dummkopf von Hausbeſitzer, der immer bei mir ſteckt! Ach, wie mich das langweilt! Er iſt raſend, weil er mir den Hof machen wollte und ich ihm kein Gehör ſchenkte.. Ha ja, das wäre was.. der kleine fünfundfünfzigjährige Verführer!... Sie wiſſen nicht, was er that⸗ Bertrand: er beſuchte mich Morgens im Schlafrock; eines Tages aber ging ein ziemlich ſtarker Wind, da gewahrte ich, daß der Hert unter dem Schlafrocke ganz... wie ein Schotte war! Ach, ſagte ich zu mir ſelbſt, das iſt doch gar zu ungenirt; wenn er ſo zu mir kommt, um mich zu verführen... nur Geduld.. er wollte nicht mehr fort⸗ gehen; ich rief den Portier und ließ den Hauseigen⸗ thümer zu meiner Thüre hinausführen. Seit dieſer Zeit iſt er wie ein harter Pfefferkuchen!... Nun, ich werde bald wieder kommen... ach, ich weiß wohl, wohin ich gehe.. Ja, der dicke Engländer, der mich durchaus etabliren wollie, unter der Bedingung, daß ich. genug. Ich will ihm ſagen, ich habe einen Kramladen gefunden... Ich bin es in der That über⸗ vrüſſig, ſo zu leben... in einem Comptoir wäre ich nicht ſo übel, nicht wahr, Bertrand 2.. Je nun, einerlei! Die Nachbarin hat ſich doch weidlich geär⸗ gert; ſie ging vor mir weg; man hätte mich weg⸗ tragen müſſen, um mich zuerſt fortzubringen, weil⸗ wenn ich etwas im Kopf habe, ich es nicht im„ habe. Adieu, Bertrandchen!“ Mademoiſelle Virginie ſchlüpfte flüchtig durch die Thüre und ging trällernd die Stiege hinab. „Meiner Treu',“ dachte Bertrand, ihr nachſehend, „wenn mein Lieutenant zurückgekommen wäre, ſo weiß ich nicht gerade, was das für eine Wendung genommen hätte. Dieſe da iſt ein Teufel und die Andere, mit ihrer ſchmachtenden Stimme, fing auch an, Augen zu machen, als wolle ſie Einen erſchießen. Gleichviel, ich habe mich ziemlich gut aus der Schlinge gezogen; dießmal fiel wenigſtens Niemand in Ohn⸗ macht und das fürchte ich immer am meiſten! Tau⸗ ſend Carabinen! Lieber wollte ich zehn Rekruten exer⸗ zieren lehren als eine in Ohnmacht gefallene Frau wieder zu ſich bringen; zudem gibt es ſolche, welche eine Bosheit damit treiben.“ „Herr Bertrand, wie's Ihnen gefällig iſt,“ ſagte der kleine Tony, dem alten Corporal in den Salon folgend. „Ah, richtig, mein Junge, ich dachte nicht mehr daran! Geld mußt Du holen.. immer Geld!... Nun, ſo komm' und folge mir.. laß uns zur Geld⸗ kaſſe gehen... Donnerwetter! es thut mir weh, im⸗ mer herauslangen zu müſſen, ohne daß je wieder Etwas hineinkommt; auch ſind wir häufig auf dem Trockenen. Sage ich dieß dem Herrn, dann ant⸗ wortet er mir:„Geh' zu meinem Notar!“ Das iſt richtig, ich weiß wohl, daß der Notar hergibt, aber durch vieles Geben Uebrigens, mein Lieutenant 61 iſt der Herr und ich muß gehorchen. Wie viel ver⸗ langie er von Dir, Tony?“ „Fünfzig Louis, Herr Bertrand.“ „Jünfzig Louis!... So viel hatte er geſtern in ſeinem Beutel, als er auf dieſen Ball ging. was Teufels machen ſie denn in allen dieſen vornehmen Geſellſchaften, daß ſie an einem Abend eine ſolche Menge Geld durchbringen?... Es ſcheint, er iſt bei dieſen Thomaſſinet... Thomaſſiniére.. nicht glück⸗ licher als anderswo.“ „Ah, Herr Bertrand, es war ſehr hübſch!“ „Ah, Du haſt's geſehen, Du?“ „Ja, ich ging in die Speiſekammer hinauf. man gab mir Gefrorenes⸗ Punſch, Kuchen!“ „O, ich ſehe wohl ein, daß Du das hübſch fan⸗ deſt! Weißt Du aber auch, daß wir für die zwölf⸗ hundert Franken, die der Herr im Spiele verlor, hier famoſe Kuchen hätten erhalten können!.. Da⸗ mein Junge, haſt Du die Goldvögel; gib Acht, daß Du ſie nicht verlierſt.“ „O, ſeien Sie ruhig, Herr Bertrand... das Ca⸗ briolet wartet unten auf mich.“ F „Und laß Bäbel nicht zu ſchnell laufen, hörſt Du?“ Der kleine Jokey war bereits fort. Bertrand 6 ſtand noch vor der offenen Gelvkaſſe; er zählte das übrig Gebliebene. Der alte Corporal runzelte die Stirne und ſchien erſchrocken über die Eilfertigkeit, mit der Dalville ſein Vermögen verſchwendet. End⸗ lich ſchloß Bertrand nach langem Kopfſchütteln den Geldkaſten wieder zu und ſagte zu ſich:„Es gehört —— ihm, er iſt Herr darüber.“ Und um düſtere Gedan⸗ ken zu verſcheuchen, ging er in den Keller hinab und holte eine Flaſche glten Burgunder herauf, weil er, mit der Inſpektion des Weines beauftragt, ſich über⸗ zeugen wollte, ob der Burgunder nicht zähe geworden. Viertes Kapitel. Jungfer Tapotte und der Herr Marquis. Wir hörten den kleinen Tony ſagen, ſein Herr ſei auf dem Balle bei Frau von Thomaſſiniére, wor⸗ aus wir den Schluß ziehen müſſen, daß die Bekannt⸗ ſchaft zwiſchen Dalville und dem reichen Spekulanten ſeit dem Zuſammentreffen auf dem Lanphauſe der Madame Deſtival inniger geworden iſt. Von der muntern Athalie eingeladen, ermangelte Auguſt nicht, Folge zu leiſten, und Herr von Thomaſſiniére, wel⸗ cher Dalville bei jeder Luſtparthie ſah, ohne daß er je die Koſten berechnete, welcher hoch ſpielte und mit der beſten Laune von der Welt verlor, fand, wie Madame, daß der junge Mann geſchafen ſei, es weit zu bringen. Madame Deſtival verging insgeheim vor Reid, daß ſie Dalville unter der Zahl der Anbeter der Frau von Thomaſſiniére ſah; das hinderte ſi ſie edoch nicht, dieſe beſtändig meine gute und meine n Freundin zu nennen, weil es ihr gar leid thäte, wenn ſie nicht mehr zu den glänzenden Feſten des Capitaliſten eingeladen würde; und obwohl ſie nur 63 zum Kritiſiren dorthin geht⸗ und Herr Deſtival vor Aerger nicht eſſen kann, wenn er eine weit beſſer veſetzte Tafel dork ſieht als die ſeinige iſt, ſo machen ſich doch Beide dieſen Kummer gern. Iſt es ein Wunder, wenn Dalville in dieſem Strudel von Vergnügungen, wo er beſtändig an der Seite reizender Frauen, die ihn zu ihrem Cavalier wählen, ſich befindet, das kleine Milchmädchen von Montfermeil vergaß! Doch war die Erinnerung an Deniſe nicht ganz aus ſeinem Gedächtniß verwiſcht und mehrmals hatte ſich Anguſt vorgenommen, nach dem Dorfe zu gehen, um das Kind und das junge Mävchen wieder zu ſehen; ſo oft er ſich jedoch an⸗ ſchickt, ſein Vorhaben in Ausführung zu bringen⸗ immer hält ihn dann eine neue Einladung, eine Parthie, bei der er nicht fehlen darf, in Paris zu⸗ rück, wo für Glückliche die Zeit ſo ſchnell hinfliegt. Auf ihr Landgut alſo entführte die glänzende Athalie Auguſt und drei andere auf ihrem Balle ge⸗ weſene Cavaliere. Madame veranſtaltete dieſe Land⸗ parthie, während man die engliſche Chaine tanzte⸗ und beſchloß, daß man friſche Eier im Grünen eſſe während der Vollendung des„Katzenſchwanzes; Auguſt und drei andere junge Leute waren eingeladen wor⸗ den und hatten ſogleich eingewilligt Frau von Tho⸗ maſſiniere, die eben ſo viele Lebhaftigkeit in ihre Vergnügungen als Abwechslung in ihre Toilette brachte, gab augenblicklich ihre Befehle Ihr Mann allein wußte nichts von dieſer Landparthie, und um acht Uhr Morgens, als man endlich die Herren hatte bewegen können, das Ecarts zu verlaſſen, hieß Ma⸗ dame ſie mit ſich in die Kaleſche ſteigen, wobei ſie wie toll lachte, daß ſie auf dieſe Weiſe vier Cava⸗ liere im Ballanzuge entführte. Herr von Thomaſſi⸗ nière lag noch im Bette; doch ſollte ihm der Kammer⸗ diener bei ſeinem Erwachen mittheilen, wo er Madame finden werde, falls er die Abſicht habe, nachzukommen. Einige Worte, die Madame Deſtival in der Nacht aufſchnappte, machten ſie dem allerliebſten, für den Morgen gefaßten Plan bekannt. Da der Geſchäfts⸗ mann und ſeine Frau nicht zu der Parthie eingela⸗ den waren, kamen ſie ſehr übler Laune nach Hauſe zurück. „Unaufhörlich neue Vergnügungen,“ ſagte Ma⸗ dame Deſtival mit bitterm Lächeln;„dieſe Frau von Thomaſſiniére verſteht ſich nur auf Einladungen, um ihren Mann zu Grunde zu richten!“ „Ja, wenn ſie ihn nur wenigſtens zu Grunde richtete,“ verſetzt Deſtival,„aber nein!... Dieſer Menſch hat ungeheures Glück; Alles gelingt ihm! So viel iſt indeß ſicher, daß er durch ſeinen Ver⸗ ſtand nicht glänzt... und dennoch gewann er ſo eben ſechszigtaufend Franken in einem Geſchäft, das ich mir vorgenommen hatte.“ „Ei, mein Herr, warum machten Sie dieſes Ge⸗ ſchäft nicht?“ „Weil ich nicht Geld genug hatte, um die Schuld⸗ forderung zu kaufen, Madame.“ „Man entlehnt welches, oder ſucht es ſich zu ver⸗ ſchaffen. Wahrhaftig, mein Herr, Sie ſollten, wenn 65 Sie den Luxus ſehen, den dieſer Thomaſſiniére ent⸗ faltet, ſich ſchämen, daß Sie ihn nicht überbieten önnen! Dieſe Leute da haben acht Domeſtiken, und wir haben nur ein armſeliges Dienſtmädchen und einen abſcheulichen Bedienten, der Alles thun muß!... Ich will eine Kammerfrau, mein Herr, ich will eine „Madame, in Kurzem hoffe ich...“ „Sie haben Kaleſche, Landau, Coupé!... wir nur ein unanſehnliches Cabriolet!... Aber der Herr lernt Exerzieren, anſtatt an's Geldverdienen zu denken!“— „Madame, ich habe mehrere Geſchäfte im Gange wenn ich Monin's Haus verkaufe!“ „Aber ſo machen Sie doch ein Ende damit, mein Herrz ich erkläre Ihnen, daß ich auf dieſe Weiſe nicht mehr keben kannz ich brauche zwei neue Kaſchemirs, eine Kammerfrau, eine Kaleſche.. und ein Landgut, wo ich Feſte geben kann, nicht wie das elende Neſt in Liory, das ich nicht mehr ausſtehen mag.“ „Seien Sie ruhig, Madame, ich muß einen Com⸗ mis haben, einen Koch und einen Mohren. Ich will neue Unternehmungen wagen und Sie ſollen ſehen, daß wir den erbärmlichen Emporkömmling bald hinter uns laſſen, der den Cröſus ſpielt mit einer Unver⸗ ſchämtheit, die mich zur Wuth bringt.“ Die von zwei ſchäumenden Pferden gezogene Ka⸗ roſſe rollte mit Athalien und den vier jungen Stutzern vahin. Jeder machte der feinen Dame den Hof, dieſe ſpendete der Reihe nach bald ein Wort, ein Lächeln oder einen Blic und berauſchte ſich mit größter Wonne —— in den ihr dargebrachten Huldigungen. Für eine Ko⸗ kette gibt es kein größeres Glück als von Männern umgeben zu ſein, die in ihren Ketten ſchmachten. Athalie iſt lebhaft, aufgeräumt; Jeder weiß, daß man heiter ſein muß, um ihr zu gefallen; auch wett⸗ eiferten die Herren, wer ſich am tollſten geberden und das überſpannteſte Zeug ſchwatzen könnte. Unter den vielen Witzen, die vorgebracht werden, gibt es immer viele ſchlechte; denn je mehr man dem Witze nachjagt, um ſo weniger erhaſcht man ihn; doch, er⸗ kenntlich für die ſichtbare Mühe, ihr zu gefallen, nimmt Athalie Alles mit beifälligem Lachen auf, in welches die Herren eifrigſt einſtimmen, obwohl ſie manchmal ſehr in Verlegenheit wären, wenn ſie den Gegenſtand ihrer Heiterkeit bezeichnen müßten. Unter dieſem Sturme der Tollheiten traf man auf dem Landhauſe ein. Das Beſitzthum der Frau von Fichin in Fleury iſt ein köſtlicher Aufenthalt, der in der That das kleine Landhaus zu Livry weit hinter ſich läßt. Hier athmet Alles Luxus und Eleganz; große Hof⸗ räume umgeben Spiel⸗, Tanz⸗ und Feſtſäle, Säu⸗ lengänge vom reinſten Styl führen zu herrlichen Gemächern; nichts iſt vergeſſen, was den Bewohnern dieſes reizenden Ortes bequem ſein kann. In den ungeheuren Gartenanlagen findet man Pavillons zum Leſen, zur Arbeit, zur Ruhe; kühle Grotten, durch künſtliche Waldbäume gebildete Alleen, buſchige Vos⸗ kete, Labyrinthe, in denen man ſich verirren kann, herrliche Schlupfwinkel, wo das Murmeln eines 67 Baches zum Träumen oder irgend etwas Anderem einladet, und in dieſem bezaubernden Aufenthalt herrſcht eine ſchöne Frau von zwanzig Jahren als oberſte Gottheit, nur damit beſchäftigt, ſich ſtets neue . Luſt und neue Freude zu ſchaffen. Während die Gebieterin des Hauſes ihre Befehle 6 zur Bereitung eines ländlichen Frühſtücks gibt, zer⸗ ſtreuen ſich die Herren in den Gartenanlagen und bewundern ihre Reize. Auguſt lenkt ſeine Schritte allein nach einer Hecke, welche den Zugang zu einem Obſigarten verſchließt. Dieſer Ort iſt von dem übri⸗ gen, zum Spazierengehen beſtimmten Theile der An⸗ lagen getrennt. Warum geht jetzt Auguſt dorthin? Jenſeits der Hecke erblickte er einen kurzen Rock und ein Häubchen, und ein unwiderſtehlicher Zauber treibt den jungen Mann jeder weiblichen Spur nach. Auguſt geht alſo in den Obſtgarten und ſieht ein Mädchen, die Aprikoſen bricht. Sie hat weder De⸗ niſens feine Züge noch ihre Anmuth; ſie iſt weiter nichts als eine gewöhnliche runde, rothe und friſche Dirne. Es gibt jedoch Leute, welche das immer noch den mit großen Koſten erbauten Cascaden, Grotten und Labyrinthen vorziehenz Auguſt gehört zu dieſer ₰ Zahl. Wer ſollte glauben⸗ daß ein gewöhnlicher Weiberrock den Vorzug erhält vor den Wunderwerken der Kunſt, daß er den Frieden eines Reiches ſtören, eine Republik umſtürzen, ein Volk unterdrücken⸗ die ganze Welt in Erſtaunen ſetzen, Geſetze geben und die Hälfte des menſchlichen Geſchlechtes des Verſtan⸗ des berauben kann! O⸗ Cleopatra, Eliſabeth, Delila, ——— 68 Judith, Ninon, eure Unterröcke haben alle dieſe Wun⸗ der bewirkt. Allerdings ſind es nicht gerade eure Unterröcke, denen ihr das Alles zu verdanken habt! Das junge Mädchen ſteht an einer, an einen Baum gelehnten Leiter und ſucht die reifſten Früchte aus. Auguſt nähert ſich der Leiter und ſieht in die Höhe Ich vermuthe, er betrachtete die Apri⸗ koſen. „Ei, was machen Sie denn da, mein Herr?“ fragt das dicke Mädchen, das, den Kopf umwendend, den jungen Mann erblickt. „Meine liebe Freundin, ich bewundere.. ich bin ein Liebhaber von Naturſchönheiten und weiß das Schöne zu Hi unter dem Zwilch wie unter der Seide.“ Das dicke Mäbchen, das dieſe Sprache nicht ver⸗ ſtand, ſchloß daraus, der Herr ſei ein Liebhaber von Aprikoſen, daher reichte ſie ihm eine mit den Wor⸗ ten:„Hier, mein Herr, dieſe iſt ganz reif.“ Auguſt nahm die Aprikoſe und trat noch näher zur Leiter, indem er ſagte:„Ich fürchte, Sie möch⸗ ten fallen, ich will deßhalb die Leiter halten.“ „O, ich danke, mein Herr, das iſt unnöthig... ich verſtehe das ſchon; zudem würde ich mich noch an den Aeſten halten.“ Auguſt blieb indeß am Fuße der Leiter, und da das dicke Mädchen auf der vierten Stufe ßand, fand ſich die Hand des jungen Mannes natürlicher Weiſe neben dem Beine der Jungfer, und eben ſo natürlich ſrient dieſe Hand einen wollenen Strumpf, der 3 69 eine Wade umſchloß, mit welcher ein Operntänzer zufrieden ſein könnte. Die Jungfer fuhr fort, Obſt zu brechen, während man ihre Wade ſtreichelte, und Auguſt dachte ſich; „Das iſt eine Bäuerin, die ſich zu benehmen weiß, die Lebensart beſitzt. eine Florian'ſche Schäferin iſt ſie freilich nicht... dieſes Bein erinnert mich vielmehr an die Flamländerinnen von Teniars, aber man wird wenigſtens nicht mit den Nägeln zerkratzt, und das iſt ein Glück, denn aus ſolchen Waden zu ſchließen, würden die Mahle nicht ſo bald vergehen.“ „Als ich Jemand hinter mir hörte,“ ſagte das Mädchen,„glaubte ich zuerſt, es ſei der Herr.“ „Der Herr?. und welcher Herr?“ fragte Auguſt. „Ei, Potztauſendl der Herr.. unſer Gebieter.“ „Aha, Herr von Thomaſſinière!“ „Ja doch!“ „Kommt der auch zuweilen in ſeinen Obſtgarten?“ „Ja freilich kommt er hieher.“ „Liebt er die Aprikoſen?“ „Ja freilich!. die Aprikoſen und dann noch was Anderes...“ „Nimmt er Sie auch bei der Wade, mein Kind?“ „Ei der Tauſend, eben ſo gut.. er ſollte ſich vielleicht gar geniren? Die dicke Dirne lachte und Auguſt ſagte ſich:„Es ſcheint, Herr von Thomaſſiniere, ber nur von Her⸗ zoginnen, Gräfinnen und Baroneſſen ſpricht, denen er den Hof macht, läßt ſich auch herab, mit ſeinem Gartenmädchen menſchenfreundlich zu thun; wie Viele blick vort ein, wo Madame an der Hecke anlangte. 30 möchten ſich gerne vor der Welt glänzende Eroberun⸗ gen beilegen und haben nur über ihre Küchenmagd triumphirt! Uebrigens gibt es viele Bäuerinnen, welche keine ſo feſten Waden haben als dieſes Gar⸗ tenmädchen hier.“ Und während dieſer Betrachtungen ſtreichelte der 6 junge Mann fortwährend, und das dicke Mädchen kachte. Als ihr Korb voll war, fing ſie an, eine Stufe herabzuſteigen, und da Auguſt mit ſeiner Hand in gleicher Höhe blieb, mußte ſich dieſe Hand ober⸗ halb der Wade befinden, wo noch viel zu ſtreicheli war, und das dicke Mädchen lachte noch ßärker. „Erlaubt ſich Herr von Thomaſſiniere auch, Sie um den Leib zu faſſen?“ fragte Anguſt mit einem Blick auf das Gartenmädchen. „Ach ſchaut.. ach der Tauſend. ach! was ma⸗ chen Sie mich lachen!“ In dieſem Augenblicke erblickte Auguſt über der Hecke Athaliens niedliches Häubchen, das dem Obſt⸗ garten näher kam. Er hörte ſogleich auf, das dicke Mädchen zum Lachen zu bringen und ſagte ſchnell zu ihr:„Dein Name?“ „Tapotte.“ „Du wohnſt?.. 2½ „Dort unten am Ende.. neben dem Heu⸗ ſchoppen.“ „Gut. Adieu⸗ ich werde Dich wieder ſehen.“ Damit eilte er ſo ſchnell als möglich nach dem Eingange des Baumgartens und traf in dem Augen⸗ 71¹ „Wo verbergen Sie ſich denn, mein Herr?“ fragte Athalie lächelnd. „Sie ſehen ja, Madame, ich war hier eingetre⸗ ten, ohne zu wiſſen, daß es ein Obſtgarten war, und meiner Treu', ich aß Ihr Obſt.“ „Vor dem Frühſtücke. das iſt recht unartig. Ich vin ein wenig egoiſtiſch und liebe es nicht, daß man irgend ein Vergnügen ohne mich genießt. Ich dachte, Sie hätten vielleicht auf meinem Landgut gleichfalls irgend ein Milchmädchen, eine Bäuerin, gefunden⸗ deren rothe Geſichtsfarbe Sie verführt hätte.“ „Ach, Madame.“ „Ich glaube indeß nicht, daß dieſer Ort eine länd⸗ liche Schönheit enthalte, die Ihren Huldigungen wür⸗ vig wäre, denn ich ſetze bei Ihnen noch einigen Ge⸗ ſchmack voraus und geſtehe, das kleine Milchmädchen war nicht übel.“ „Ja, ja, ſie iſt ſehr hübſch.. und Sie erinnern mich „Vorwärts, mein Herr, geben Sie mir den Arm und kommen Sie zum Frühftücke: Alles iſt bereit auf einem von Gaisblatt beſchatteten Raſenplatze. Die Herren erwarten uns und es iſt unerhört, daß ich genöthigt bin, Sie zu ſuchen.“ Wenn Sie ſich zuweilen von mir finden ließen, dürften Sie dieſe Mühe nicht mehr haben.“ „Ach, mein Herr, nichts Sentimentales, ich bitte Sie; erinnern Sie ſich, daß man nur hieher kommt, um Tollheiten zu machen.“ Man kam zu der Laube, wo eine elegant gedeckte 72 Tafel ſtand; eine Modedame zeigt ihre Koketterie in Allem, und das ländliche Frühſtück, obgleich nur aus Milchſpeiſen, Eiern, Butter, Obſt und vortrefflichen Weinen beſtehend, ſchien noch beſſer, weil gereicht von einer ſchönen Frau und auf herrlichem Porzellan, das die reizendſten Landſchaften darſtellte. Die Ele⸗ ganz verdirbt nie Etwas; ſir verleiht oft den einfach⸗ ſten Dingen Werth, und mancher Wein würde in einem Bierglas mittelmäßig gefunden werden, der in einem künſtlich geſchliffenen Kriſtallglas angenehm erſcheint. Seit einer Viertelſtunde ſaß man bei Tiſche, ſchwatzte, lachte und aß viel, weil der Tanz, die friſche Luft und das Vergnügen Appetit machen, als ſich die Stimme des Herrn von Thomaſſiniére in einem naheliegenden Laubengang vernehmen ließ. „Das iſt mein Mann,“ ſagte Athalie,„ich wußte gewiß, daß er kommen würde; er liebt dieſen Ort ſehr. aber er bringt Jemand mit.“ „Wenn es nur nicht irgend eine langweilige Per⸗ ſon iſt,“ bemerkt einer der jungen Männer. „O, was liegt daran? Iſt's Jemand, der mich langweilt, dann beſchäftige ich mich gar nicht mit ihm, und Sie machen es wie ich, meine Herren.“ Herr von Thomaſſiniére erſchien mit einem Herrn von reifem Alter, aber nach der neueſten Mode ge⸗ kleidet, deſſen Gang, Manieren und ſelbſt Stimme jedoch affektirt waren. Er hat ein vornehmes Ge⸗ ſicht; ſein Blick aber iſt etwas ſcheel; er lächelt faſt immer und hält häufig eine Lorgnette vor die Augen, 75 iſt ein ganz einfaches Frühſtück... wenn ich jedoch will, laſſe ich gut auftragen.“ Während Cligneval das Frühſtück pries, fand er zugleich noch Gelegenheit, Complimente an die Frau des Hauſes zu richten. Der Marquis hat guten Ton, nur treibt er vielleicht die Affektation, dieſen zu zeigen, etwas zu weit; allein er iſt liebenswürdig, hat Witz, und bald wurde die Heiterkeit allgemein; ſelbſt Thomaſſiniere, der nie lachte, weil er das für ſchlechten Ton hielt, lachte jetzt überlaut, um es dem Herrn Marquis gleichzuthun. Als Athalie Obſt herumbot, traf ſie einiges, das nicht ganz reif war.„Dieſe Aprikoſen taugen nichts,“ ſagte ſie zu einem Bedienten. „Wir müſſen weit beſſere haben,“ rief Thomaſſi⸗ niére,„ſage dem Gartenmädchen, ſie ſoll auf der Stelle andere bringen... die ſchönſten, die es gibt.“ Der Bediente entfernte ſich und bald kam Jungfer Tapotte mit einem Korbe voll der prächtigſten Früchte, welche ſie mit geſenkten Augen, und ohne einen Blick auf die Geſellſchaft zu wagen, Athalien anbot, wäh⸗ rend dagegen die jungen Männer die dralle Dirne genau betrachteten, einander ihre Bemerkungen mit⸗ theilten und Thomaſſiniore ihr verſtohlene Blicke zu⸗ warf. „Die laß ich gelten,“ ſagte Athalie, den Korb nehmend,„dieſe ſind ſchön.. hier, meine Herren, ſie ſind friſch gebrochen, das ſcheint etwas Beſſeres. Ein ander Mal, Tapotte, gib mir kein unreifes Obſt mehr.“ Ja, Madame,“ antwortete die Dirne mit einer recht kindiſchen Verbeugung; hierauf enkfernte ſie ſich noch röther als ſie gekommen war.. „Wie nannten Sie vas dicke Mädchen va, Ma⸗ dame?“ fragte einer der jungen Männer. „Tapotte, mein Herr.“ „Ah, der Name iſt ſehr drollig.“ „Er iſt ſpaßhaft,“ ſagte der Marquis. „Ja, er iſt ſehr ſpaßhaſt,“ verſetzte Thomaſſinière, und Auguſt dachte, er ſei verdient. „Das dicke Mädchen iſt nicht übel,“ begann ein junger Herr auf's Neue⸗ „Ach, mein Herr!%rief Athalie aus,„was ſehen Sie denn daran Schönes? Es iſt plump, kindiſch und gemein.“ „Ach, mein Gott! es iſt eine große Fleiſchmaſſe, die ſich bewegt, weiter nichts,“ bemerkt der Marquis. „Ja, ja,“ antwortete Thomaſſiniére, etwas roth werdend,„es bewegt ſich, und, wie der Herr Mar⸗ quis ſagt, das iſt Alles.“ „Was haben Sie denn zu lachen, Herr Dalville,“ ſagte Athalie zu Auguſt;„über Jungfer Tapotte? Sie ſprechen ja gar Nichts.“ „Ich wette, der Herr iſt meiner Anſicht,“ fiel der Marquis ein,„und ſieht nichts an ihr, das der Be⸗ achtung würdig wäre.“ 8 „Ei,“ rief Athalie,„o, da kennen Sie den Herrn nicht; er ſieht Reize unter dem Mieder einer Bäuerin wie unter Kleidern aus inviſchen Stoffen.“ „Das geſtehe ich, Madame, denn ich glaube 8 — — —— 77 nicht, daß man einen Kaſchemir zu haben braucht, um ſchön zu ſein. Was Ihr Gartenmädchen betrifft, ſo hat dieſe weder ſchöne Züge noch einen guten Wuchs; deſſen ungeachtet aber wird ihre Friſche„ ihre luſtige Miene. „Ah pfui, mein Herr, pfui! ſchweigen Sie, denn Sie wären im Stande, die Herren zu verführen. Doch wir haben uns genug mit Jungfer Tapotte be⸗ ſchäftigt, ich hoffe, der Herr Marquis wird mir das Vergnügen ſchenken, meinen Garten zu beſichtigen, und wenn er uns dieſen Tag opfern wollte...“ „Madame, ich befinde mich hier zu gut, als daß ich Ihnen zu widerſtehen vermöchte, und obgleich ich bei einem bairiſchen Prinzen erwartet werde, bleibe ich doch.“ „Auch auf Sie, meine Herren, zähle ich,“ ſagte Athalie, an ihre übrigen Gäſte gewendet;„Sie müſſen den ganzen Tag hier bleiben. nur keine Weigerung.. es muß ſein, oder ich werde böſe mit Ihnen. Für dieſe Nacht kann ich Ihnen Zimmer hier anweiſen laſſen, und morgen früh führe ich Sie in meiner Kaleſche nach Paris zurück.“ „Ja,“ ſtimmte Thomaſſinière ein,„da der Mar⸗ quis bleibt, müſſen die Herren auch bleiben; wir ſind dann unſerer Mehrere, das iſt um ſo unterhaltender. Ich ſollte noch Geſchäfte beendigen, aber, meiner Treu', wenn man die Ehre hat, einen Marquis zu bewirthen, ſchickt man alles Uebrige zum Teufel.“ Die jungen Herren wollten einige Einwendungen hinſichtlich ihrer Toilette machen, allein die verführe 78 riſche Athalie ſprach nochmals ein„Ich will es,“ zulächelt, die alle Schwierigkeiten ebnet. Auguſt hatte nichts eingewendet, da er nicht ungerne in Fleury über Nacht blieb und ſich bereits mit gewiſſen Ideen befreundete, die ihm durch den Kopf fuhren. Man verließ die Tafel. Thomaſſiniére ſchien ent⸗ ſchloſſen, keinen Augenblick von dem Marquis zu weichen; dieſer bot jedoch Athalien den Arm, um einen Gang durch den Garten zu machen, und da Thomaſſiniére den Marquis nicht gleichfalls am Arme führen konnte, ging er auf der andern Seite ganz dicht neben ihm, ſchwatzte unaufhörlich an ſeinen Gaſt hin, obgleich dieſer, lieber mit Madame plaudernd, ihm nur ſelten eine Antwort gab. Auguſt ſetzte ſich unter eine Grotte von Muſchelwerk, denn bei Tag wagte er es nicht, in den Obſtgarten zurückzukehren. Die übrigen jungen Männer nahmen das Billard in Beſchlag. Aber Athalie, welche jetzt Anordnungen für den Aufenthalt ihrer Gäſte zu treffen hat, und wünſcht, daß das Mittagsmahl ſie für die Frugalität des Früh⸗ ſtücks entſchädige, ließ Herrn von Cligneval bald mit ihrem Manne allein. Sogleich ergriff Thomaſſiniére den Arm des Mar⸗ quis und ſchickte ſich an, ihn auf's Neue ſpazieren zu führen.„Jetzt,“ begann er, jetzt wollen wir von Geſchäften ſprechen, Herr Marquis, denn in Geſchäf⸗ ten bin ich ſtark, beſonders in denen höherer Art, in Spekulationen, in... Wie finden Sie mein Labyrinth?“ wobei ſie den Herren auf jene unwiderſtehliche Weiſe ——— 79 „Herrlich.“ „Und meinen See?“ „Prächtig.“ „Die Cascade iſt von mir; ich erſann den Plan dazu. Früher ſiel das Waſſer ganz auf gewöhnliche Weiſe herab.. das war zu kleinbürgerlich! Ich ließ die Felſen in's Zickzack ſetzen.. es iſt ganz hübſch.“ „Ja, es macht Ihnen Ehre.“ „Sie ſind ſehr gütig... Ich will Sie in mein Gehölz führen, von da auf meine Wieſe, wo ich Merinoſchafe reinſter Race habe.. auch das iſt meine Erfindung; von da gehen wir in eine Einöde; dort werden Sie meine Dammhirſche ſehen... o, meine Dammhirſche ſind prächtig.. wie andere Hirſche...“ „Sie haben keine Hirſche?“ „Nein; ich wollte einen, Madame de la Thomaſ⸗ ſiniere behauptet, dieß ſei unnöthig, und wir hätten genug zahme Thiere. Ich führe Sie auch auf mein Belvedere; o, wir haben eines, wo man drei bis vier Stunden lang immer neue Schönheiten ſehen kann.“ Der Marquis, der dieſes Geſprächs überdrüſſig zu werden begann, erklärte, daß er müde ſei, und da man ſich gerade bei der Grotte befand, in wel⸗ cher Auguſt ruhte, ſo nahmen die Herren neben dieſem Platz; denn auch Thomaſſiniére ſagte, er ſei müde, als Herr von Cligneval vom Ausruhen ſprach. „Ich habe ein Gut in derſelben Art wie dieſes,“ nahm der Marquis, ſich auf die Raſenbank ſetzend, das Wort;„es iſt in Burgund, einem ſehr frucht⸗ 80 baren Lande.. ich habe ein anderes in Berri, wo mein Großvater ein ſehr ſchönes Schloß beſaß...“ „Ich habe drei Pachthöfe im Departement der Seine und Oiſe,“ ſagte alsbald Thomaſſiniére, ſein Kinn ſtreichelnd,„ferner zwei Häuſer in Paris, und bin auf dem Punkte, ein drittes zu kaufen.“ „Meine Vorfahren waren unermeßlich reich,“ fuhr der Marquis fort;„wie viel mir davon übrig iſt, weiß ich nicht genau; auch kümmere ich mich wenig darum; wenn man nur Credit hat und gut bei Hof angeſchrieben ſteht! Wollte ich Stellen, ſo hinge das nur von mir ab.“ „Ich, ich habe einen ungeheuern Credit! Meine Papiere ſind an der Börſe ſehr geſucht. Mit Ge⸗ ſchäften bin ich überladen. In meinem Hauſe em⸗ pfange ich die beſte Geſellſchaft. man ſpielt bei mir teufelmäßig hoch!“ „Wahrlich, das erinnert mich daran, daß ich vor⸗ geſtern dreitauſend Franken im Ecarté verlor,“ ſagte der Marquis mit gleichgültiger Miene. „Ich gewann vor einigen Tagen bei einem Van⸗ quier, einem meiner Freunde, viertauſend,“ ſogleich Thomaſſinière. „O, das iſt eine Kleinigkeit! Wenn man pielt, ſo geſchieht es nur, damit man Etwas treibt,“ ent⸗ gegnete der Marquis. „Gewiß,“ antwortet Thomaſſiniére,„und ich weiß nicht einmal, ob ich die viertauſend Franken vergeſſen und auf dem Tiſche liegen gelaſſen habe oder nichtz ich gebe ſo wenig Acht auf das Geld!“ —.——— ——— ——— —————— ——— ————— % 8¹ „Aber vor einem Monat,“ ſagte der Marquis, „v, da war ich bei einer ernſthaften Parthie; es handelte ſich um nicht weniger als vtzistauſend Franken.“ „Vergangenen Winter,“ erwiederte Lhomaſſ⸗ niere,„ſpielte ich um ein Haus; allerdings war daſ⸗ ſelbe noch nicht gebaut, und unglücklicher Weiſe machte der Unternehmer den andern Tag zum dritten Male bankerott.“ Auguſt hörte ſtillſchweigend ſeinen beiden Nach⸗ varn zu, die ſich gegenſeitig zu überbieten ſchienen, als Thomaſſiniere, der aus Furcht, er möchte nichts mehr finden, um mit dem Marquis den Kampf un⸗ terhalten zu können, dem Geſpräche eine andere Wen⸗ dung gab, und ſagte:„Wie ſinden Sie dieſen Punkt?“ „Ziemlich bübſch,“ erwiederte der Marquis,„aber warum haben Sie ihn nicht da und dort mit Fabri⸗ ken verſchönert?“ „Ah, ich mochte nie Fabriken um mich haben; pfui! die Arbeiter machen Geräuſch, ſie ſingen.. und ich will nicht mit all den Leuten da zu thun haben.“ Der Marguis ſah Auguſt lächelnd an und man verließ die Grotte, um ſich zum Billard zu begeben⸗ wo Thomaſſiniere jeden Ball fehlte und bei jedem verkehrt geſpielten Stoß ausrief:„Ich habe eine ſchlechte Queue.. ich ſehe heute nicht deutlich.. das Billard iſt ſchuld.., ich habe Kopfweh.. man hat mich geſtört.. ich bin nicht im Zuge.. ja, wenn ich im Zuge wäte, könnten Sie nicht mit mir ſpielen.“ Der kleine Tony iſt ſchon lange zurück; er hän⸗ digte ſeinem Herrn neue Gelder ein. Als der Mar⸗ quis ſah, daß Dalville Equipage hält, war er ſehr freundſchaftlich gegen ihn und ſagte, es herrſche Sym⸗ pathie zwiſchen ſeinen Neigungen und denen Auguſts, eine Sympathie, von der Auguſt bis dahin noch nichts bemerkt hatte, was ihn jedoch nicht abhielt, Cligne⸗ vals Artigkeiten zu erwiedern. Die Stunde der Mittagstafel war erſchienen; man ſetzte ſich zu Tiſche und Athalie machte die Honneurs mit vieler Anmuth. Um von ſeiner Gewohnheit nicht abzuweichen, kam Thomaſſiniére erſt in den Speiſe⸗ ſaal, als die Suppe abgetragen wurde; es that ihm jedoch wohl, in Gegenwart des Marquis ſagen zu können, er habe zehn wichtige Briefe zu ſchreiben gehabt. Das Mittageſſen war noch angenehmer als das Frühſtück, weil man ſich ſchon beſſer kannte, und köſt⸗ liche Weine die Köpfe zum Humor bewegen. Athalie wußte durch ihren ſprudelnden Witz die Heiterkeit zu unterhalten. Der Marquis fand ſie entzückend, gött⸗ lich, und verlor ſich in Complimenten. Die Mode⸗ dame hatte nicht die Abſicht, einen Mann von fünfzig Jahren zu verführen, aber es machte ihr Freude, die Huldigungen eines Marquis zu verdienen, und die jungen Leute waren über Herrn von Cligneval nicht eiferſüchtig, was Jedermann in die beſte Laune ver⸗ ſetzte. Man ließ Thomaſſiniére von ſeinen Pachthöfen, Gütern und Spekulationen ſprechen; doch ſtimmte man ihm bei, wenn er ſeine Weine und ſeinen Koch rühmte. 83 Beim Aufſtehen von der Tafel war man ſo heiter, als Leute von guter Geſellſchaft es nur ſein können. Jetzt ſah Athalie, ob ihre Harfe nicht verſtimmt ſei. Die Männer ſchöpften inzwiſchen friſche Luft im Gar⸗ ten; es war noch nicht Nacht, aber der Tag fing an, ſich zu neigen. Der Marquis entfernte ſich und Auguſt befand ſich mit Thomaſſiniére allein, der gleichfalls Sympathie für ihn zu haben behauptete. Einen düſter geworde⸗ nen Baumgang hinabgehend, welcher an den Obſt⸗ garten ſtieß, hörten ſie den Laut eines herzhaft auf⸗ gedrückten Kuſſes. Neugierig, zu wiſſen, was hier vorgehe, blieb Auguſt ſtehen; auch Thomaſſiniére ſtand erſtaunt ſtill.„Haben Sie gehört?“ ſagte er zu Auguſt. „Ja,“ antwortete dieſer,„recht gut.“ „Was iſt's?“ „Wenn Sie's nicht merkten, iſt es unnöthig, daß ich's Ihnen ſage.“ „Ah, es ſchien mir.. doch bei Nacht kann man ſich täuſchen.“ „Ah, Sie glauben, man höre bei Nacht nicht ſo gut als bei Tage!“ „Ich denke nicht, daß man ſich in meinem Hauſe ſo etwas erlauben könne...“ Der Schall eines zweiten Kuſſes unterbrach Herrn von Thomaſſinière. Die Herren traten zu einem nahe⸗ gelegenen Bosket und erblickten Jungfer Tapotte, die der Marquis in den Armen hielt, und die ſich, ihrer Gewohnheit gemäß, nur ziemlich ſchwach ver⸗ 84 theidigte, während der Marquis mit flammendem Geſichte, funkelndem Auge und gepreßter Stimme zu ihr ſagte:„Auf Ehre, Du biſt eine Roſenknoſpe und ich will eine Zuſammenkunft.“ Bei dem Rauſchen der Blätter ließ jedoch der Marquis ſeine Beute fahren; Tapotte entfloh und Herr von Cligneval eilte dem Hauſe zu, während Auguſt lachend zu Thomaſſiniére ſagt:„Es ſcheint, Ihr Champagner gibt den Gegenſtänden eine ganz andere Geſtalt; aus der Fleiſchmaſſe iſt eine Roſen⸗ knoſpe geworden.“ „Ah, das iſt ſo die Hofſprache. ohne Zweifel ſcherzte der Marquis. Uebrigens wäre es mir ſehr leid, wenn er uns geſehen hätte! Sie ſehen das wohl ein ein Marquis!... Ich darf nichts geſehen ha⸗ ben!.. Herr Dalville, ich empfehle Ihnen hierüber das tiefſte Geheimniſt. das iſt ſehr wichtig.“ „Seien Sie unbeſorgt!“ „Ich verlange Ihr Wort.“ Nachdem Auguſt ſeinen Wirth beruhigt hatte, ging er mit demſelben in das Haus zurück. Athalie ſetzte ſich an ihre Harfe, die Herren vor einen Spieltiſch, und während ſie auf die harmoniſchen Töne hörten, welche die hübſche Frau dem Inſtrument entlockte, thaten ſie ihr Möglichſtes, ihren Gegner zu beſiegen. Man brachte Thee, hierauf Punſch. Der Marquis gewann von Allen, allein er iſt ſo artig, er hat ein ſo liebenswürdiges Weſen, daß man faſt verſucht iſt, ihm für die Gefülligkeit zu danken, mit welcher er Jedem ſein Geld abnimmt. Noch müde vom geſtri⸗ 85⁵ gen Balle, zog ſich Athalie frühe zurück und bald begeben ſich Alle in die Ihnen angewieſenen Ge⸗ mächer. Das Wetter iſt herrlich; eine milde Klarheit ſcheint zum Genuſſe des Abends einzuladen. Auguſt ging leiſe aus ſeinem Zimmer, in einen dort vorgefunde⸗ nen Schlafrock gehüllt; er ſtieg hinab und lenkte ſeine Schritte nach dem Obſtgarten. Ich weiß nicht, ob er dort nur die erquickende Kühle ſuchte; doch in⸗ mitten der vielen Bäume, wo es ſehr finſter war, verlor er den Weg; nach einigem Umherirren zwi⸗ ſchen Zwetſchgen⸗ und Kirſchbäumen befand er ſich endlich vor der ihm von dem Gartenmädchen bezeich⸗ nelen Hütte. Er trat näher, hörte Stimmen und erkannte die Thomaſſiniere's. Der junge Mann dachte, er ſei zu ſpät gekommen, doch horchte er, was ſein Wirth zu Jungfer Tapotte ſagbe. „Der Herr Marquis hat Dich geküßt, meine liebe Freundin.“ „Mich, mein Herr? o nein! mich hat Niemand geküßt.“ „Tapotte, bedenke, daß ich Dein Herr bin und das Recht habe, Alles zu wiſſen.“ „Ich weiß nicht, was Sie wiſſen wollen.“ „Der Herr Marquis hat Dich geküßt.“ „Was iſt das, ein Marquis?“ „Ein prächtiger Herr! klein, etwas dick, faſt kahl, ungefähr fünfzig Jahre alt und einen Gucker an der Seite.“ „Ah, das iſt ein Marquis, das? Ob er einen 86 Gucker an der Seite hatte, weiß ich nicht, aber er ſchmeckte hölliſch nach Wein.“ „Fürchte nicht, daß ich mit Dir zanken will, Ta⸗ potte, ganz im Gegentheil; ich will nur wiſſen, was er zu Dir ſagte, damit ich mich wie ein Marquis benehmen kann, wenn ſich die Gelegenheit zeigt.“ „Ach, mein Gott! er benahm ſich wie die Andern auch. zuerſt kneipte er mich... „Gut.“ „Dann kneipte er mich wieder.. „Gut.“ „Ach ja, gut! gut! ich habe geſchrieen...“ „Da hatteſt Du Unrecht! es war ja ein Marquis.“ „Ei, da er mir wehe that! Hierauf.. wahrlich, da es Ihnen Freude macht. er hat mich geküßt.“ „Gut.“ „Er wollte mich nicht loslaſſen; ich ſollte ihm durchaus eine Zuſammenkunft gewähren.. ich wollte aber nicht.“ „Da hatteſt Du Unrecht! Du biſt ein Dummkopf, Tapotte! Einen Marquis durfteſt Du nicht abweiſen.“ „Pah, laſſen Sie mich doch; er iſt alt und häßlich.“ Dieſes Geſpräch brachte unſern Unbeſonnenen auf einen güten Einfall; er wickelte ſein Taſchentuch um den Kopf und fing an zu huſten und ſich zu räuſpern, wobet er das etwas näſelnde Organ des Marquis nachahmte. „Ach, mein Gott! es iſt Jemand da!“ rief Tho⸗ maſſinière. „Jo, irgend ein Alter, der huſtet,“ ſagte Tapotte. — 87 „Ei, aber.. er iſt's... es iſt der Marquis.. Wie dumm biſt Du doch; warum geſtandeſt Du mir nicht, daß Du ihm Deine Wohnung bezeichnet haſt?“ „Ich, mein Herr, ich ſchwöre Ihnen, daß..“ „Still, ſchweig.. er iſt da.. er wird ungeduldig.“ „Ei, der Tauſend! hat dieſer Mann einen Huſten.“ „Meiner Treu', hier bleibt keine Wahl.. der Herr Marquis!... welche Ehre!... Ich fliehe durch dieſes Fenſter auf die andere Seite.“ „Aber, mein Herr, wenn ich Ihnen ſage, daß ich ihn nicht beſtellt habe.“ Thomaſſinière hörte nicht mehr auf Tapotte; er öffnete ein Fenſter, ſtieg hinaus und befand ſich im Garten; in demſelben Augenblick machte Auguſt die Thüre auf, drang bei der Gartenmagd ein, und als dieſe erkannte, daß es der Marquis nicht ſei, ſtieß ſie einen Schrei der Verwunderung aus. Auguſt bedeutete ihr jedoch zu ſchweigen und Jungfer Tapotte that, was der junge Mann wollte, da ihr eine Unter⸗ haltung unter vier Augen mit demſelben lieber war als mit dem Herrn Marquis. Thomaſſiniere ging unter den Aprikoſenbäumen umher, in der Vorausſetzung, der Marquis werde nicht lange mit Tapotte plaudern; da er ihn jedoch nach Verlauf einer halben Stunde nicht aus dem Gartenhäuschen herauskommen ſah, ſo entſchloß er ſich, zu Bette zu gehen.„Teufel!“ ſagte er bei ſich, „es ſcheint, der Herr Marquis hatte ihr viel zu erzäh⸗ len... Ich muß mich bemühen, meine Geſpräche eben ſo lange dauern zu laſſen wie der Herr Marquis.“ Des andern Morgens verſammelte man ſich zur Abreiſe; Athalie war friſcher als am vorigen Abend, der Marquis weniger roth; Auguſt ſchien matt und Thomaſſiniére blickt den Marquis mit boshafter Miene an. Nur Jungfer Tapotte war wie gewöhnlich. Doch die Geſellſchaft ſtieg ein und verließ das hübſche Landhaus von Fleury. Wir wollen es eben ſo machen und nach Paris zurückkehren. „ . Fünftes Kapitel. Das Gaſthaus zum Kehr⸗um. Um ſich über die Abweſenheit ſeines Herrn zu tröſten, hatte Bertrand den Portier des Hauſes zu ſich heraufkommen laſſen. Das war ein alter Deutſcher, Namens Strack, der nach Frankreich gekommen war, um Hoſen zu machen, vachher eine Stelle als Por⸗ tier gefunden hatte, und ſeine Zeit damit zubrachte, daß er trank, rauchte und ſeine Frau prügelte. Strack war übrigens nicht der Mann, der ein ordentliches Geſpräch hätte führen können, und wäre es auch nur mit einer Köchin geweſen, allein er trank tüchtig und hörte mit unerſchütterlichem Phlegma die Erzählung von Bertrands Feldzügen an, und von den Hiſtörchen, welche der weiland Corporal oft zum zwanzigſten Male zu wiederholen ſich gefiel; Strack nahm anſcheinend ſtets das gleiche Intereſſe daranz —— er ſaß vann da, heftete die Augen auf den Erzähler, 89 „ ſchüttelte den Kopf oder runzelte die Stirne, wenn das Treſfen hitzig wurde, und blies endlich eine Rauchwolke von ſich oder ließ ein Sakerment los, wenn Bertrand inne hielt, um Athem zu ſchöpfen. Nachdem man zu der Ueberzeugung gelangt war⸗ daß der Burgunder nicht zähe geworden, unterwarf man den Bordeaux und den Madera der nämlichen Probe. Je mehr Bertrand ſprach, um ſo durſtiger ward erz er mußte ſonach ſehr angegriffen ſein, denn er ſprach ſeit dem vorigen Abend, weil ſie die Nacht mit einer Kellerinſpektion zubrachten. Während dieſer ganzen Zeit war Strack nür zwei Mal weggegangen⸗ um ſeiner Frau eine deutſche Züchtigung zu ertheilen, da ſie ſich erlaubt hatte, es unordentlich zu finden⸗ daß er nicht in ſeine Loge herabkomme. Zuweilen unterbrach Bertrand die Geſchichte ſeiner Feldzüge, um von dem ihm über Alles theuern Auguſt zu ſprechen und Strack ſeine Beſorgniſſe über deſſen työrichte Verſchwendungen v Hang für die Weiber mitzutheilen. Dieſer hörte das eben ſo an wie die Erzählung von der Schlacht bei Auſterlitz, indem er von Zeit zu Zeit ein Sakerment hören ließ⸗ ungeduldig, ſeit dem vorigen Abend nichts Ande⸗ res zu vernehmen, ſagt Bertrand am Ende noch zu Strack;„Aber kurz, mein Alter, was ſoll ich thun, um Herrn Dalville's Ruin zu verhindern?“ Strack, der ſich ſonſt nie von Bertrand hatte fra⸗ gen hören, ſann fünf Minuten lang nach und ant⸗ wortete endlich:„Sakerment! wir wollen trinken.“ Paul de Kock. LRvI. 3 Kopf 1. 90 „Ja, trinken wir, das iſt wohlgeſprochen,“ nahm Bertrand, mit dem Portier anſtoßend, wieder das Wort,„aber das beantwortet meine Frage nicht. Ich liebe, ich achte Herrn Dalville, ich ginge für ihn durch's Feuer, aber, tauſend Schwadronen! es zer⸗ reißt mir das Herz, wenn ich ſehe, wie er für die Eine bezahlt, der Andern leiht, ein Höllenſpiel ſpielt, ungeheure Ausgaben macht und am Ende ſeine Ge⸗ ſundheit ruinirt; denn welcher Menſch vermöchte ein ſolches Leben lange auszuhalten? Und die meiſten die⸗ ſer hübſchen Geſichtchen betrügen ihn, darauf wollte ich wetten. Allein er will mich nicht hören. Das Herz iſt gut. o, ſein Herz iſt vortrefflich.. aber der „Sakerment!“ rief Strack, ſein Glas leerend. „Für die kleine Dame, zum Beiſpiel, die im Hauſe wohnt, möchte ich, ungeachtet ihrer honig⸗ ſüßen Stimme und ihren geſenkten Augen, nicht ſchwören, obgleich ſie drei Mal in Ohnmacht fiel, als ſie die Untreue meines Herrn erfuhr. Es ſcheint mir, als ſehe ich zuweilen ein Herrchen hinaufgehen, das ſo eilig die Treppen hinanrennt, als habe es eine ganze Compagnie Gensdarmen auf den Ferſen. Weißt Du, was ich ſagen will, Strack?“ „Ja, ja.“ „Nun gut! was iſt das für ein Herrchen?“ „Ich weiß es nicht.“ „Als Portier ſollteſt Du das wiſſen.“ „Da muß man meine Frau fragen.“ Das Heranrollen von Dalville's Cabriolet machte 91 dem Geſpräche dieſer Herren ein Ende. Strack ging in ſeine Loge hinab und Bertrand ſucht ſich eine ernſte Miene zum Empfang ſeines Herrn zu geben. „Hier bin ich, mein lieber Bertrand,“ ſagte Auguſt im Hereintreten;„geſtern verlebie ich einen herrlichen Tag... o, zanke mich nicht, ich war geſetzt.. ſo weit es die Umſände erlaubten. Kamen Beſuche wäh⸗ rend meiner Abweſenheit?“ „Ja, mein Herr; erſtlich Fräulein Virginie.“ „Die arme Virginie.. ſie muß böſe auf mich ſein „ſeit mehr als drei Wochen vergaß ich ſie.“ „Sie ſagte, ſie werde vor Kummer ſterben..“ „O, das ſagte ſie mir ſchon ſo oft!“* „Sie frühſtückte hier: aß Geflügel, eine Paſtete.“ „Sehr gut; hieraus ſehe ich, vaß ihr Kummer nicht gefährlich iſt.“ „Während ſie frühſtückte, kam die Madame Saini⸗ Edmond und fragte mich, ob ich ihren Spitz nicht geſehen hätte; zugleich wollte ſie den Herrn ſprechen in einer angeblich wichtigen Angelegenheit; ſie trat ein und die Damen warteten lange auf Sie.“ „Wie, ſie befanden ſich zuſammen?“ „Ja, mein Herr.“ „O, das muß ſpaßhaft geweſen ſein.“ „Spaßhaft? Wenn man will! Ich fürchtete einen Angenblick, es möchte ernſthaft werden.“ „O, Du ſiehſt Alles ſchwarz!“ „Ich verſichere Sie, mein Herr, die Damen ſahen einander nicht roſenfarben an, weder die Eine noch die Andere; endlich gingen ſie: Mademviſelle Vir⸗ S ginie zu einem Engländer, der ihr einen Kramladen kaufen will...“ „Bertrand, Du biſt eine Läſterzunge...“ „Ich wiederhole Ihnen, was ſie ſelbſt ſagte, mein Herr.“ „Dieſen Abend gehe ich zu Leonien hinauf.. Ferner?“ „Ferner fragte Herr Deſtival nach Ihnen; er hatle eine ſehr geſchäftige Miene.“ „Ach ja! Seit einiger Zeit ſpricht er mir häufig von einem vortrefflichen Geſchäft, in welchem meine Capitalien zehn Procent abwerfen werden.“ „Ich rathe Ihnen, ſie viel abwerfen zu laſſen, mein Lieutenant, denn wir laſſen ſie ſchnell ſpringen.“ „In der That, ich muß einige Ordnung in meine Angelegenheiten bringen.“ „Ja, das wäre gar nicht übel.“ „Ich war bereits genöthigt, einen Pachthof zu verkaufen.“ „Der arme Pachthofl... Wenn ich daran denke, macht es mich ganz traurig.“ „Sei ruhig, Bertrand, ich will künftig meine Ausgaben beſchränken; ich ſpreche mit Deſtival, und kann er mir eine vortheilhafte Benützung meiner Gel⸗ der ausfindig machen, ſo bringt mir das bald wieder ein, was ich verſchwendet habe. Geh', mein alter Kamerad, laß das Traurigſein, es führt zu nichts! Ich bin jung, reich.. Du wirſt zugeben, ich habe noch keinen Grund, zu verzweifeln.“ 93 „Das iſt richtig, mein Lieutenant, dieß ſagie ich mir auch, als ich mit Strack unſern Keller inſpicirte, um mich zu überzeugen, ob Alles im guten Stande ſei.“ „Daran thateſt Du ſehr wohl, Bertrand, inſpi⸗ eire, beaufſichtige, arrangire Alles nach Deinem Gut⸗ dünken ich will mich indeſſen umkleiden, zu der Nachbarin hinaufgehen und mich morgen ernſtlichen Geſchäften widmen.“ „Vortrefflicher junger Mann!“ ſagte Bertrand, Auguſt nachblickend;„er läßt mich hier Meiſter ſein über Alles! Es iſt aber noch nicht genug, daß ich ſeine Weine koſte.. das reicht nicht hin: ich will ihm nützlich ſein wider ſeinen Willen und mit M dame Strack in Betreff des kleinen Herrchens das zur Nachbatin hinaufgeht, reden.“ WMadame St. Edmond empfing Auguſt mit velei⸗ digter Miene; ſie war düſter und ihre Augen trugen Thränenſpuren; immer noch hielt ſie ihr Taſchentuch in der Hand. Freilich hatte ſie Auguſts Rückkunft erfahren und war auf ſeinen Beſuch gefaßt. Dalville erkundigte ſich eifrigſt nach dem Grunde ihrer Nie⸗ dergeſchlagenheit; man wollte es ihm nicht geſtehen⸗ doch ließ man einige Worte über das in ſeiner Woh⸗ nung getroffene Frauenzimmer entſchlüpfen; dieſen Worten folgten erſtickte Seufzer, ironiſches Lachen und jeder ihrer Betrachtungen fügte Madame St. Edmond die Worte bei:„Es ſteht Ihnen allerdings ganz frei, mein Herr, zu empfangen, wer Ihnen beliebt.“ Auguſt ging der Kummer, den Leonie zu enin⸗ — 94 ven ſchien, nahe, doch gelang es ihm⸗ die ſchöne Blondine zu beſänftigen und ſie willigte endlich ein, mit ihrem Nachbar Frieden zu ſchließen⸗ unter der Bedingung, daß ſie das Frauenzimmer, das unartig gegen ſie geweſen war und deren Anblick allein ihr ſchon Krämpfe verurſachen würde, nicht mehr in ſei⸗ nem Zimmer finde. Auguſt verſprach es: in der Liebe verſpricht man ſtets wie in der Politik mehr, als man zu halten beabſichtigt. Leonie war indeß noch immer träumeriſch, nachdenklich. „Sie haben noch irgend einen Kummer,“ ſagte Auguſt zu ihr. „Nein, o nein! ich habe nichts, ich verſichere Sie,“ verſetzte die Blondine in einem Ton, der gerade das Gegentheil ausdrücken wollte. „Und ich, ich ſehe wohl, daß Sie mir Etwas ver⸗ hehlen.. „Ach nein, Sie irren ſich; überdieß betrifft es Sie keineswegs.“ Da wir das immer wiſſen wollen, was uns nichts angeht, ſo ward Auguſt dringender; er verlangte, man ſolle ihm Alles ſagen und jetzt geſtand Madame St. Edmond mit flötender Stimme, daß ein Mode⸗ ändler, dem ſie ſchon ſeit lange zweitauſend Fran⸗ ken ſchulde, ſie gezwungen habe, ein Billet auszu⸗ ſtellen, daß dieſes Billet in zwei Tagen verfallen ſ werde und ſie ſich wegen der Zahlung in größter Verlegenheit befinde. Nunmehr bereute vielleicht Auguſt ſeine Neugierde; 7 allein zurückgehen ließ ſich nicht mehr, und überdieß 95 war er zu gerne gefällig, um ſeiner Nachbarin nicht zu Hülfe zu kommen.„Schicken Sie den Inhaber des Billets zu mir,“ ſagte er⸗„Bertrand wird zah⸗ len.“ Leonie weigert ſich, ſie fürchtet, Auguſt zu geniren; es wäre ihr unendlich leid, wenn er dächte, das Intereſſe ſei bei dem Gefühle, das er ihr ein⸗ flößt, mit im Spiel. Doch Auguſt drang in ſiez er wollte nicht zugeben, daß ſie zu einem Andern ihre Zuflucht nehme und endlich willigte Leonie unter der Bedingung ein, daß es nur ein Darlehen ſein ſolle, welches ſie ihrem Freunde wieder vergüten werde. Bertrand machte einen Satz rückwärts, als Auguſt am andern Tage zu ihm ſagte:„Du wirſt ein Bil⸗ let von Madame St. Edmond mit zweitauſend Fran⸗ ken bezahlen, welches man hier abholen wird.“ „Zweitauſend Franken für das vergilbte Geſicht⸗ chen!“ rief der alte Corporal, ſich verzweiflungsvoll vor die Stirne ſchlagend.„Ha! mein Lieutenant, wenn Sie auf dieſe Weiſe Ordnung in Ihre Ange⸗ legenheiten bringen wollen.. 3 „Keine Betrachtungen, Bertrand. Ich mache Leo⸗ nien nur ein Darlehen damit und wenn ich mich je in der Noth befände, ſo bin ich gewiß, daß dieſer Frau kein Opfer zu ſchwer wäre, mich zu verbin⸗ den.“ „Sie glauben das, mein Herrz aber ich „Bertrand, Du wirſt bezahlen.“ „Ich werde bezahlen, mein Lieutenant.“ Sin gend ging Auguſt weg⸗ und Bertrand begab ſich zu ſeinem Freunde Strack, um deſſen Frau aus⸗ zufragen. Vertrand bezahlte. Leonie war zärtlicher als je gegen Auguſt. Eines Morgens jedoch, da man ihn nicht erwartete, traf er bei ſeiner Nachbarin ein klei⸗ nes Herrchen, das ſich alsbald auf und davon machte, unter tiefen Verbeugungen, welche Madame St. Edmond kaum erwiederte und den Herrn mit trocke⸗ nem Tone verabſchiedete. „Wer iſt dieſer Herr?“ fragte Auguſt, als der Fremde fort war. „Ach, mein Gott! ein höchſt abgeſchmackter Menſchz eine meiner Tanten ſchickte ihn mir zu. Er kommt eben aus der Provinz und ſucht eine Stellez da er mich aber ſehr langweilt, empfange ich ihn auf eine Weiſe, daß er ſeine Beſuche ſehr abkürzt. Er iſt eben ſo dumm als häßlich. „Mir ſchien er jedoch nicht ſo häßlich!“ „Ah! wie haben Sie ihn denn angeſehen? Er iſt abſcheulich! eine garſtige Naſe, Eulenaugen und ein linkiſches, ſo lächerliches Benehmen. Ach, ich kann dieſen Menſchen nicht ausſtehen!“ Auguſt trieb ſeine Fragen nicht weiter und ſprach nicht mehr von dem kleinen Herrnz insgeheim ärgert es ihn jedoch, ſo viel Schlimmes über ihn ſagen zu hören, weil er die Taktik ſolcher Damen kennt, welche häufig dieſes Mittel anwenden, um ihre ver⸗ traute Verbindung mit Jemand zu verbergen. Wieder in ſein Zimmer zurückgekehrt, bemerkte Auguſt, wie Bertrand ihn mit ſpöttiſcher Miene an⸗ „. )——— 97 ſah und um ihn herum lief, als ſuche er mit ihm ein Geſpräch anzuknüpfen. „Du willſt mir Etwas ſagen oder mich um Etwas fragen, Bertrand,“ ſagte Dalville, vor dem Eorpo⸗ ral ſtehen bleibend.„Sprich doch, ſtatt ſo um mich herum zu ſchleichen. Mein alter Freund, Du ver⸗ ſtehſt Dich nicht auf die kleinen Künſte und Ränke der Frauen, die, wenn ſie Etwas auf dem Herzen haben, uns zum Fragen zu zwingen wiſſen.“ „Das iſt wahr, mein Lieutenant, Sie haben recht; es iſt beſſer, man geht geraden Weges ohne Umſchweife auf die Sache los. Sie müſſen bei der Nachbarin ein kleines Herrchen getroffen haben, denn ich ſah daſſelbe kurz, nachdem Sie hinaufgegangen waren, herabkommen.“ „Nun, ja denn! ich ſah einen Herrn, weiter?“ „Weiter! Trafen Sie ihn zum erſten Male?“ „Ja.“ „Er kommt indeß häufig...“ „Wer ſagte Dir das?“ „Madame Strack, die Pförtnerin.“ „Wie, Bertrand! Du plauderſt und machſt Schwä⸗ tzereien mit einer Pförtnerin?“ „Schwätzereien? Nein, mein Lieutenant; tauſend Patronen.. Schwätzereien!... Ich habe Ihnen Schritereen geſagt, mein Lieutenant?“ „Ja, ſo Etwas iſt's! Steht es Madame St. Edmond nicht frei, Beſuche zu empfangen? Muß ſie mir von allen, die ſie erhält, Rechenſchaft ablegen? Mit welchem Rechte ſollte ich ihre Handlungen aus⸗ 98 ſpioniren laſſen; und denkſt Du, daß ſie mir keinen Vorwurf zu machen hätte, wenn man ihr die mei⸗ nigen hinterbrächte?“ „Das iſt richtig, mein Lieutenant, und ich habe Unrecht; ich werde noch mit Strack trinken, aber nicht mehr mit ſeiner Frau reden, weil man nicht ſagen ſoll, daß ein alter Schnurrbart Schwätzereien mache.“ Uebrigens dachte Auguſt, obgleich er Bertrand zankte, doch an die Ausſagen der Frau Strack; da⸗ bei erinnerte er ſich an die Reden Leoniens über den kleinen Herrn, und er konnte einigen Argwohn nicht verwinden. Während wir uns auch geſtehen, daß wir eine treue Geliebte nicht verdienen, würden wir ihr eine Untreue doch nicht vergeſſen. Auguſt ſagte bei ſich:„Leonie müßte ſehr falſch, ſehr treulos ſein. Wer nöthigt ſie, mir Liebe zu bezeugen, wenn es nicht eine wirkliche Neigung iſt, oder liebt ſie Zwei zu gleicher Zeit? Man hat das auch ſchon geſehen!“ Auf ſeinem Wege über den Boulevard Mont⸗ martre fühlte ſich Auguſt leicht auf den Arm ge⸗ klopft. Er drehte ſich um und Virginie ſtand vor ihm. „Es iſt ein Glück, daß man Sie trifft, mein Herr,“ ſagte Virginie mit einem gewiſſen Blick auf Auguſt, in welchem ſehr viel Verführeriſches lag; auch machte Virginie immer noch manche Eroberungen, weil ſie ſich die Gewohnheit angeeignet hatte, ihren Augen einen ſehr pikanten Ausdruck zu geben, und obgleich Auguſt Virginiens Blicke auswendig kannte, betrach⸗ tete er ſie doch immer mit Vergnügen, beſonders wenn ihre ſchönen, ſchwarzen Augen lange nicht 99 mehr auf ihn geheftet geweſen waren.„O, wenn Sie mich auch freundlich anblicken,“ fuhr Virginie fort,„ſo bin ich deßhalb voch ſehr böſe auf Sie.“ „Biſt Du wirklich böſe?“— „Ich bitte Sie, mein Herr, mich nicht zu duzen! Haben wir mit einander Schweine gehütet?“ —— — Zugleich brach Virginie in kaules Lächen aus, worauf ſich zwei oder drei Vorübergehende umdreh⸗ ten; denn in Paris gehört ſehr wenig dazu, die Aufmerkſamkeit der Vorübergehenden zu erregen⸗ Einer blieb ſogar ſtehen, und da er wahrſcheinlich nie in ſeinem Leben hatte lachen hören⸗ wollte er Virginie fragen, was ſie habe? Ein Blick Auguſts bewirkte jedoch, daß er ſeinen Weg fortſetzte. „Wahrhaftig, Sie bringen mich zum Lachen und ich habe keine Luſt dazu,“ ſagte Virginie, ſogleich wieder eine ſehr ernſte Miene annehmend. „Was haſt Du denn? Nun, ſo erzähle mir doch Deinen Kummer; Du weißt wohl, ich bin Dein Freund.“ „O ja, mein Freund! Sie ſind gar nichts mehr. Ein ſauberer Freund, der zwei Monate lang nicht mehr nach Einem ſieht.“ „Es iſt nicht meine Schuld Geſchäfte „Ah, Geſchäfte! ich weiß wohl welcher Art. Die Blondine im dritten Stock und dann die Dame auf dem Land und Dieſe und Jene. Ach, wahrhaftig! Sie ſind ein großer Wüſtling, Sie ſind gar nicht mehr artig! Sonſt waren Sie zuweilen noch liebenswür⸗ dig gegen mich.“ „ 100 „Warum kamſt Du nicht mehr zu mir?“ „Ei, o! glauben Sie, ich hätte ſonſt Nichts zu thun? Muß ich denn nicht arbeiten?“ „Ah, Du arbeiteſt?“ „O ja, wirklich bin ich ganz geſetzt, ich gehe nie aus!“ „Wohnſt Du noch immer in dem gleichen Hauſe?“ „Nein, ich bin ausgezogen.“ „Du thuſt demnach nichts als ausziehen.“ „Meiner Treu', Schatz, habe meine Möbeln verkauft.—— „Du haſt Deine Möbeln uſ ſo ſchlimmer!“ „So höre doch, ich konnte nicht von nſheten leben.“ „Nein, das wäre n ſchlecht K den Magen; da Du aber arbeiteſt. „O ja, das iſt in um fünſſehn Sous zu 90 dienen... Ach Gott! ich möchte ein Mann ſein.. Wafun das?“ „Damit ich kein Weib wäre. Ich weiß wohl, es gibt auch welche, die glücklich ſind, die in lauter Vergnügen ſchwimmen, die Federn und Barett ha⸗ ben. Ach, ein Barett ſteht mir gut; wenn Du wüß⸗ teſt, wie hübſch ich darin bin.. bei einer Freundin habe ich eines aufprobirt; doch dieſen Winter will ich eines haben von Sammt mit Göldquaſten.“ „Bei einem Verdienſte von täglich fünfzehn Sous?“ „Ach, ſo laß mich doch! Nein, aber ich habe meine Möbeln verkauft, weil ich mußte; ich mußte „ 10⁴ doch zahlen und war mit vier Miethzinſen im Rück⸗ ſtande.“ „3, glaube indeß, daß 6 den vorletzten Mieth⸗ zins.. das diente zu etwas Anderem. Ich wohne bei einer Freundin, bis ich andere Möbeln habe. Ach! Du weißt nicht?“ „Was donn?“ „Ich werde mich verheirathen.“ „Pah! iſt's wahr?“ „Meiner Treu', jeh Es iſt ein Mann, der när⸗ riſch in mich verliebt iſtz er betet mich an und wird ganz gelb davon.“ „So mach', vaß Du ihn heiratheſt, ehe er zu ledern wird.“ „Nein, es iſt nur Scherz, aber wahrhaftig, Spaß bei Seite, es iſt eine ſehr gute Partie, ein prächtiger Mann!“ „Wie alt?“ „Vierzig Jahre.“ „Was treibt er?“ „Er iſt bei der Verwaltung angeſtelltz er hat eine ſehr hübſche Stelle.“ „Nun gut, meine liebe Freundin, ſo heirathe rocht ſchnell; das ſcheint mir das Beſte, was Du thun kannſt.“ „Ach, wie gllcklich mache ich dieſen Mann, wenn ich ihn heirathe.“ „Gutz dieſes Vorhaben macht Dir Ehre.“ „Aber nein, ſo iſt es nicht, Du verſtehſt mich nicht. Ich will ſagen, er wäre entzückt, wenn ich ſo gut wäre, ihn zum Manne nehmen zu wollen.“ „Ah, das iſt etwas Anderes! und wer hält Dich ab?“ „Ah ſieh', ich liebe ihn nicht!“ „Wie, einen prächtigen Mann?“ „Ja, aber ſeine Beine ſind etwas uurnig⸗. „„So laß ihn einen Ueberrock tragen.“ „Und dann iſt ſeine Naſe ſo lang. ach, mein Lieber! Du mächſt Dir gar keihen Begriff davon.. ſeine Naſe jagt mich in Angſt.“* „Ich kannte Dich nie als ſo furchtſam.“ „Ueberhaupt mag ich mich nicht verheirathen; ſpäter wollen wir ſehen. Du weißt nicht, ich habe große Luſt, auf's Theater zu gehen.“ „Ah! wieder etwas Neuch.“ „Ei, glaubſt Du, ich nehme nichlecht aus 2 Erſtlich habe ich eine Stimme, wenn ich will; weißt Du, daß ich auf dem Theater ſchön bin, wle ein Liebesgott.“ 6„„Hiezu bedürfen Sie des Theaters nicht, Madame.“ —„Ach Gott, wie zart das iſt! Aber wahrhaftig, ohne Spaß, die Schminke und dann die Kronleuch⸗ ter und die Helle geben mir einen blendenden Glanzz ich probirte das Coſtüm der Iphigenia: es iſt erſtaun⸗. lich, wie gut mir das ging. Man machte mir den Antrag, in den Chor des Vaudeville's einzutretenz. das verführt mich aber nicht zu ſehr.“ „Doch nicht, um Iphigenia zu ſpielen?“ „Nein, wie dumm Du biſt! um, wie man ſagt⸗ 5—— 103 Sicherheit auf den Brettern und vor dem Publikum zu erlangen; um mich daran zu gewöhnen, in den Saal zu blicken. Wozu ratheſt Du mir?“ „Ich? Zu Nichts; thue was Du willſt. Wenn Du indeß wirklich Gelegenheit haſt, Dich zu verheirathen, ſo wäre das beſſer, als auf's Theater zu gehen.“ „Ach Gott! Du ſprichſt wie meine Tante; übri⸗ gens könnte ich nie Schauſpielerin werden; wenn ich auftreten und alle die Geſichter ſehen würde, die auf mich blicken, ſo müßlt ich ganz gewiß wie närriſch lachen. Aber ſag' mir einmal, werden wir bis mor⸗ gen hier auf dem Platze ſtehen bleiben? man wird uns für Polizeiſpione halten. Wohin gehſt Du?“ „Ich, ich gehe in Geſchäften zu Herrn Deſti⸗ val?“. „Iſt das die große,Häßliche Stange, mit welcher ich Dich zutilen im Cabriolet gefehen habe?“ „Wohl möglich.“ 5 „Ach, welche drollige Miene! dieſer Menſch kommt mir vor wie eine ſeraphiniſche Marionette. Du weißt wohl, in dem Stück le Port eassé, wo er fingt: tire ton pha.“ „Du bleibſt doch immer die Nämliche.“ „Ei, man muß wohl ein wenig lachen! Hör' ein⸗ mal, Auguſt, Du gehſt ein andermal zu Deinem Herrn Deſtival, heute verlaſſe ich Dich nicht mehr.“ „Aber, wahrhaftig, ich habe Geſchäfte.“ „O, deſto ſchlimmer. Iſt es etwa ein großes unglück für Sie, einen Tag mit mir zuzubringen?“ „Nein, gewiß nicht; allein dieſen Abend macht 104 man Muſik bei Frau von Thomaſſiniére, und ich verſprach.. „Wenn es Dir Vergnügen macht, ſo muſicire morgen früh beim Aufſtehen; heute aber, mein Herr, werden Sie bei mir bleiben: wir ſpeiſen zuſammen auf dem Lande, und dieſen Abend führſt Du mich in's Theater; es iſt ohnedieß ſchon lange genug, daß Du mir dieſes verſprachſt.“ Es war unmöglich, Virginien zu widerſtehen, und Auguſt ergab ſich bereiiwillig. „Wir nehmen einen Fiaker,“ ſagte er,„und laſſen uns auf's Land führen, wohin es Dir veliebt.“ „Und warum denn Dein Cabriolet nicht nehmen2 warum langſam wie zu einer Leiche mit ſchlechten Gäulen fahren, wenn man ein Pferd hat, das wie der Wind geht?“ Auhuſt, der mit Virginien nur incognito ſein wollte, zog einen Fiaker, worin er nicht geſehen werden konnte, vor. Ein Fiakerplatz war in der Nähe, Dalville ließ ſeine Begleiterin einſteigen und ſagte zu ihr:„Wohin fahren wirs“ „Wohin Du willſt.“ „Mir iſt's gleich.“ „Mir auch.“ „Wir müſſen uns indeß entſchließen. In die ely⸗ ſäiſchen Felder?“ „O! dort iſt's zu voll.“ „Nach Vincennes?“ „Das iſt zu weit.“ „Nach Vaugirard?“ 105 „Eine ſaubere Landſchaft, wo kein Baum in der ganzen Gegend iſt.“ „Nach Sceaux?“ „Dort iſt's zu elegant und ich habe keine Toi⸗ lette gemacht.“ 4 „Nach Montmartre?“ „Um Steinbrüche und Eſel zu ſehen!“ „Nach St. Denis?“ „Dort gibt es nichts Ordentliches als Käſekuchen und da ſind mir die aus der Paſſage des Panorama's lieber.“ „Nach Belleville?“ „Dort iſt's etwas gemein, aber es iſt luſtig; übrigens habe ich eine entſchiedene Vorliebe für die Auen von St. Gervais und das Gehölz von Ro⸗ mainville.“ „Alſo nach Belleville. Vorwärts, Kutſcher, zuge⸗ fahren!“ G Go Paul de Kock. LXVII. 8 — In demſelben Verlage iſt erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Demokritos oder hinterlaſſene Papiere eines lachenden Philoſophen. Vom Verfaſſer der Briefe eines in Deutſchland reiſenden Deutſchen. Vollſtändig in zwölf Bänden. (Preis 12 fl. oder 7 Rthlr. 12 ggr.) Dieſe neue, durchaus verbeſſerte, ſehr elegante und billige Auflage iſt mit deutſchen Erläuterungen jener Stellen verſehen, welche S Sprachen gegeben 8. Elegant broſchirt. Da dieſe Sammlung der witzigſten Bemerkungen über jeden, einen gebildeten Menſchen intereſſtrenden Gegenſtand ſchon durch die erſte Auflage vielfach verbreitet iſt, ſo wollen wir das Werkt nur mit ein paar Worten Denen anzudeuten uns erlauben, die dieß anziehende Geiſtesprodukt noch nicht kennen. Der verſtorbene Hofrath K. J. Weber, einer der gebildetſten und geiſtreichſten Männer unſerer Zeit, ſchrieb an dieſem ſeinem Hauptwerk während ſeines Lebens, denn es ſollte die Quinteſſenz ſeiner durch Studium, Leſen, Reiſen und Erfahrungen mancher⸗ lei Art geſchöpften und durch ſeinen ſcharfen Geiſt geläuterten Beobachtungen über Alles abgeben, was nur immer den Leſer, der auf Bildung Anſpruch macht, intereſſiren kann und muß. Jede Seite, jede Stelle ſeines Demokritos gibt Zeugniß ſeiner meiſterhaften, keineswegs trocknen, ſondern immerfort zum Lachen anregenden Auffaſſungs⸗ und Darſtellungsgabe; kein Gebildeter, der ſich auf angenehme Art(und faſt unerſchöpflich), auf heitere Weiſe unterhalten will, wird es bereuen, ſich dieſes werthvolle, im Gebiete unſerer witzigen und humoriſtiſchen Literatur klaſ⸗ ſiſche Werk angeſchafft zu haben. . Lord Bpron. Neue Pracht⸗Ausgabe in zehn Bänden mit 10 herrlichen Stahlſtichen. Preis des Ganzen 3 fl. oder 1 Nthlr. 20 ſgr.!! Als wir im vorigen Jahre vie alte, viel theurer geweſene, Auflage dieſer nun ganz ausgezeichneten Uberſetzung der klaſ⸗ ſiſchen Erzeugniſſe Byrons, welche nicht mit Stahlſtichen ge⸗ ſchmückt war, zu einem wohlfeilen Preiſe offerirten, war der Abſatz ein ſo raſcher, daß binnen wenigen Monaten die ganze Auflage erſchöpft war und wir ſeit einigen Wochen den ſtar⸗ ken Nachfragen nimmer genügen können. Wir publiziren hiemit eine neue, illuſtrirte Luxus⸗Ausgabe (alle 14 Tage ein Band) welche in den nächſten Tagen zu erſcheinen beginnt. Trotz dem ohnehin ſchon ſo ungewöhnlich billigen Preiſe(der Band kommt auf 18 kr. oder 5 ſgr. zu ſtehen) geben wir diesmal überdieß zehn vorzügliche Stahlſtiche gratis (welche in dieſen Abodrücken einzeln ſchon 2 fl. 42 kr. oder 1 Rthlr. 15 ſgr. koſteten) bei. Nur die Hoffnung auf die größte Theilnahme des deut⸗ ſchen Publikums läßt uns vas wahrhaft Außerordentliche gewähren! Durch alle Buchhandlungen Deutſchlands und Oſterreichs kann Byron bezogen werden. Scheible, Rieger& Hattler. 6 Lord Bpron. Neue Pracht⸗Ausgabe in zehn Bänden mit 10 herrlichen Stahlſtichen. Preis des Ganzen 3 fl. oder 1 Rthlr. 20 ſgr.!1 Als wir im vorigen Jahre die alte, viel theurer geweſene, Auflage dieſer nun ganz ausgezeichneten Uberſetzung der klaſ⸗ ſiſchen Erzeugniſſe Bhrons, welche nicht mit Stahlſtichen ge⸗ ſchmückt war, zu einem wohlfeilen Preiſe offerirten, war der Abſatz ein ſo raſcher, daß binnen wenigen Monaten di Auflage erſchöpft war und wir ſeit einigen Wochen den ſtar⸗ ken Nachfragen nimmer genügen können. Wir publiziren hiemit eine neue, illuſtrirte Luxus⸗Ansgabe (alle 14 Tage ein Band) welche in den nächſten Tagen zu erſcheinen beginnt. 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