—= —— ———— ihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Cdnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cleih- und Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ledem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1F W 2 3 „ 6 77„ ð.„—„ 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erfatz des Ganzen verpflichtet. . Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen II der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. ——— Sechsundſechszigſter Theil. Stuttgart: Scheible, Bieger a Sattler. D Wilchmädchen von Montfermeil. Aus dem Franzöſiſchen des Paul de Bock. Treibe mit Spießen hinaus die Natur, Doch kehrt ſie zurück! Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. 5 Erſter Theil. ₰ So Stuttgart: Scheible, üieger Sattler. 1843. ——— Erſtes Kapitel. Unterhaltung im Cabriolet. „Denn, mein Lieutenant, es kann nicht immer ſo fortgehen, Sie werden das ſelbſt erkennen. Der große Turenne ſtand nicht zu gleicher Zeit an der Spitze von vier Armeen und lieferte nicht ſechs Schlachten an einem Tage.“ „Nein, mein lieber Bertrand, aber Cäſar diktirte zu gleicher Zeit vier Briefe in verſchiedenen Spra⸗ chen und Pico von Mirandola rühmte ſich, de omni re scibili Erörterungen halten zu können.“ „Verzeihung, mein. Lienlenant, ich kann nicht lateiniſch“——— „Das will ſo viel heißen, als er behauptete, alle Sprachen zu kennen, alle Wiſſenſchaften ergründet zu haben, alle Sekten widerlegen und alle Theo⸗ logen vereinigen zu können.“ 6. „Da ich nicht glaube, mein Lieutenant, daß Sie ſo viel Eigenliebe beſitzen, ſo werde ich Sie nicht mit dieſem Herrn von Mirandola vergleichen, der Alles wiſſen wollte. Was Cäfar betrifft, ſo habe ich von ihm als einem großen Manne reden hören; aber ich vin feſt überzeugt, er hatte nicht ſo viele Vite Sie.“ ů itreſt, Bertrand, die großen Männer des hatten eine Menge von Sklavinnen und Kebsweibern; oft verſtießen ſie ihre Frauen, um neue zu nehmen. In Griechenland waren für Amor und Venus Tempel erbaut, und jene ſtolzen Römer, deren Sittenſtrenge man uns anpreist, errötheten nicht, ſich den tollſten Ausſchweifungen zu überlaſſen, ihre Stir⸗ nen mit Myrthen und Roſen zu bekränzen und bei ihren Feſtgelagen bisweilen das Coſtüm unſerer erſten Eltern vor dem Sündenfall anzunehmen.“ „Um Gottes Willen, mein Lieutenant, brechen wir ab von den Griechen und Römern, mit denen ich nie einen Schuß gewechſelt und kommen wir auf gedachten Hammel zurück.“ „Ich will Dir nur beweiſen, mein guter Bertrand, daß wir, weit entfernt, die früheren Generationen an Thorheiten zu übertreffen, im Gegentheil viel ſolider ſind, als jene waren.“ „Aha! darum haben Sie vier Maitreſſen!“ „Ich liebe die Weiberz däs geſtehe ich nicht nur, ich rühme mich deſſen: dieſer Trieb liegt in der Na⸗ tur. Ich kann kein anmuthiges Geſicht, keine ſchönen Augen ſehen, ohne ein ſanftes Beben, eine Bewe⸗ gung, ein unnennbares Etwas, das meine außer⸗ ordentliche Empfindſamkeit beweist, zu verſpüren. Iſt es denn ein Verbrechen, in unſerm egviſtiſchen Jahrhundert rührungsfähig zu ſein? in einem Jahr⸗ hundert, wo das der Hebel faſt aller Hand⸗* „ — lungen der Menſchen iſt; wo wir ſehen müſſen, wie Schriftſteller das Geld dem Ruhme vorziehenz Män⸗ ner im Amt um nichts Weiteres ſich kümmern, als daſſelbe zu behaupten, ſtatt nach einem ihren Mit⸗ bürgern erſprießlichen Wirken zu trachten; wie Künſt⸗ ler um das Lob von Leuten betteln, welche ſie ver⸗ achten, und ihre Hand der Dummheit reichen, weil ſie in Gunſt ſteht; wie Gelehrte ihren Kollegen ſorg⸗ ſamlich die Laufbahn verſchließen, ſobald ſie an den⸗ ſelben ein Talent erblicken, vor welchem das ihrige könnte erbleichen müſſen; mit einem Wort, wo dem ſtillen Verdienſte Thür und Thor verſchloſſen iſt, während es ſich weit aufthut vor der Anmaßung, der Geckenhaftigkeit und dem Reichthum! Hätte ſich die Selbſtſucht nicht in allen Ständen eingeſchlichen, wäre die Geldliebe nicht an die Stelle der Rächſten⸗ liebe getreten, ich frage, könnte es denn ſo ſein? Und Du machſt mir noch ein Verbrechen aus meiner Em⸗ pfindſamkeit! und Du tadelſt mich, daß ich die Er⸗ zählung von einer ſchönen That oder einem herz⸗ ergreifenden Unglück nicht hören kann, ohne gerührt zu werden; daß ich mein Geld an Leute hinwerfe, die mich anführen; daß ich mich wie ein Tölpel durch die Rede eines Kindes fangen laſſe, das für ſeine Mutter zu betteln vorgibt, oder eines armen Tag⸗ löhners, der mich verſichert, er habe keine Arbeit und kein Brod. Wahrlich! und ſollte ich noch hundert Mal öfter betrogen werden, ich wiederhole Dir's, mein theurer Bertrand, meine Rührſamkeit iſt mir lieber als ihr kalter Egoismus, und ich finde in meinem Herzen Genüſſe, welche gleichgültigen Seelen ewig fremd bleiben werden.“ Dieſes Geſpräch wurde in einem hübſchen Cabrio⸗ let geführt, das, von einem rüſtigen Pferde gezogen, auf der ſchönen Straße von Raincy nach Montfer⸗ meil hinrollte; ein kleiner Grvom von zwölf bis vier⸗ zehn Jahren ſaß hinten auf dem Wagen, in welchem ſich Bertrand an der Seite eines elegant gekleideten jungen Mannes befand, der neben ſeinen Antwor⸗ ten zugleich das raſche Pferd leitete und antrieb. Bertrand hatte gegen den Schluß der Rede ſei⸗ nes Herrn das Geſicht halb abgewendet und, um die ihn erfaſſende Bewegung zu verbergen, ſich ge⸗ ſchneuzt und eine Priſe Tabak genommen; dadurch wieder in's Gleichgewicht gebracht, entgegnete er mit etwas angegriffener Stimme:„Gott behüte mich, mein Lieutenant, daß ich Ihre Empfindſamkeit als Verbrechen anrechne; ich kenne Ihr gutes Herz, ich weiß, wie verbindlich, wie dienſtfertig Sie ſind! Auch könnte ich hundert Züge von Ihnen anführen, deren manche Leute ſich gerühmt hätten, während Sie die⸗ ſelben ſorgfältig verbergen.“ „Wer ſich des Guten, das er gethan, rühmt, hat gar große Aehnlichkeit mit guten Freunden, die einem Etwas auf eine Art anbieten, daß man es ausſchla⸗ gen ſoll; beiderlei Leute geben nur mit Widerwillen.“ „Ich brauche nicht weit zu gehen, mein Lieute⸗ nant bin ich denn nicht ſelbſt ein Beweis Ihrer Groß⸗ muth? Sie haben mich aufgeleſen, in's Haus 92 nommen und ernährt!“ 11 ſchrieben ſich die Leichtfertigkeiten Auguſts, der ſich von einem ſehr natürlichen Schmerz hatte zerſtreuen wollen und am Ende ganz in die Feſſeln eines Ge⸗ ſchlechts gerieth, bei welchem er nur Zerſtreuung ge⸗ ſucht hatte. Indeß hatte der Wunſch, eine ſchöne Uniform zu tragen und vielleicht die Epauletten zu verdienen, Auguſt bewogen, in den Kriegsdienſt zu treten. Man hatte zwar Frieden; aber ein junger Mann von Er⸗ ziehung und Bildung bleibt nicht gemeiner Soldat. Auguſt, den man zum Unterlieutenant befördert hatte, hörte gar gerne Bertrand erzählen, welcher als Kor⸗ poral unter den Voltigeurs gedient und in den Schlachten von Aufterlitz, Eylau und Friedland mit⸗ gefochten hatte. Bertrand zählte erſt ſeine vierund⸗ vierzig Jahre und gerieth bei dem Berichte ſeiner Schlachten eben ſo ſehr in Feuereifer, wie zuvor in der Schlacht ſelbſt, und Auguſt wurde nicht müde, auf ihn zu lauſchen. Die Reden des Korporals ent⸗ ftammten ſeinen Muth; er bedauerte, daß er nicht einige Jahre früher geboren worden, weil er dann, gleih Bertrand⸗ in jenen ſchönen Schlachten, welche der unvergängliche Ruhm Frankreichs ſein werden, ſich hätte auszeichnen können Bald darauf wurde Auguſt mit ſeinem Regiment vor Pampeluna geſchickt, das die Franzoſen eben be⸗ lagerten; Bertrand ſtand unter dem Befehl des jun⸗ gen Offiziers, der zum Lieutenant avancirte. Kaum aber war der Krieg beendigt, als Auguft den Mili⸗ tärſtand verließ und nach Paris zurücktehrte, um ſich 6 12 von Neuent ſeinem Hang zum Vergnügen zu über⸗ geben. Er machte Bertrand den Vorſchlag, ihm zu folgen; dieſer erhielt leicht ſeinen Abſchied und be⸗ gleitete Dalville, dem er von ganzem Herzen zuge⸗ than war und aus Gewohnheit und Geſchmack an ſoldatiſchen Ausdrücken immer noch den Titel ſeines Lieutenants gab. Bertrand hatte in Paris eine ſehr alte und kranke Mutter; das Erſte, was Auguſt that, war, daß er dieſer armen Frau eine Penſion aus⸗ ſetzte, welche nicht nur für ihre Bedürfniſſe genügte, ſondern auch noch hinreichte, um ihren alten Tagen tauſend Bequemlichkeiten zu gewähren, die ſie in ei⸗ ner arbeitvollen und unglücklichen Lebensbahn noch niemals gekoſtet hatte. Jetzt war Auguſt für Bertrand kein Herr mehr: er betrachtete ihn als ſeinen Wohlthäter, ſeine Freund⸗ ſchaft, ſeine Hingebung waren unbegrenzt, und nach dem Tode ſeiner Mutter, welcher drei Jahre ſpäter erfolgte, ſchloß er ſich gänzlich an Dalville an, dem er ſeine Erkenntlichkeit durch die Widmung ſeines ganzen Lebens beweiſen wollte. Bertrand hatte keine Erziehung genoſſen; er benahm ſich oft linkiſch bei Botſchaften, die ihm ſein Herr übertrug; aber Augnſt verzieh es ihm, weil er das gute Herz und die An⸗ hänglichkeit des alten Korporals kannte. Dieſer nahm es ſich, wie eben geſchehen, bisweilen heraus, ſeinem Vorgeſetzten Vorſtellungen zu machen, weil er, dem die Lebensweiſe der großen Welt noch ganz fremd war, ſich über Augufts Leichtfertigkeiten entſetzte und jeden Augenblick fürchtete, die Liebesintriguen deſſelben 13 könnten eine gefährliche Wendung nehmen; Auguſt aber wußte ſtets Bertrands Beſorgniſſe zu heben, und Letzterer ſchloß ſeine Unterredung gewöhnlich mit den Worten:„Ich habe Unrecht.“ Eigentlich ſollte ich noch Allerlei über die beiden Perſonen, deren Geſpräch wir angehört, berichten. Ich ſollte ihr Porträt malen und auf's Genaueſte Auguſt Dalville's Geſicht beſchreiben aber wozu das? Sicher wird noch eine oder die andere ſeiner zahlreichen Eroberungen von ihm ſprechen. Nur das will ich vorausſchicken, daß er nicht uneben iſt, weil er das Glück hat, den Damen zu gefallen. Man wird mir einwerfen: dieſer Grund iſt nicht ſtichhaltig, und zudem; zwanzigtauſend Livres Ren⸗ ten vertreten die Stelle der Anmuth und übertünchen die Häßlichkeit. Ei, meine lieben Leſer, welcher Einfall! Gewiß, von meinen Leſerinnen würde mir keine einzige das antworten, und ich hege eine zu gute Meinung von dem ſchönen Geſchlecht, um nicht vorauszuſetzen, daß man etwas Anderes als zwanzigtauſend Livres Ren⸗ ten nöthig habe, um ſeinen Beifall zu gewinnen. Doch— das Cabriolet rollt dahin; wir wollen unſere Betrachtungen auf ein ander Mal erſparen. „Bäbel lauft trefflich. Ihnen iſt heiß, mein Lieutenant; erlauben Sie mir die Zügel!“ „Nein, es macht mir Freude, zu kutſchiren.“ S Um elf Uhr werden wir auf Herrn Hia Landgut ſein.“ „Das iſt bald genug; und erſt um fünf Uhr! niw — geſpeist!.. Aber ich habe es ſchon lange verſpro⸗ chen. Zudem iſt Frau von Deſtival ziemlich bewan⸗ dert in der Muſik; wir müſſen uns eben bis zum Mittageſſen irgend eine Unterhaltung zu machen ſuchen.“ „Und ich, mein Lieutenant, wozu bin ich da?.. Ich werde keine Muſik machen, da mein Platz nicht im Salon iſtz wo ſoll ich Schildwache ſtehen?“ „Sei ruhig: Herr Deſtival hatte mir ausdrücklich anbefohlen, Dich mitzubringen. Er hat ſich neuer⸗ dings in die Jagd verliebt und möchte gerne vbn Dir die Handhabung der Waffen lernen.“ „Sehr gut, mein Lieutenant; was ich weiß, will ich ihn Alles lehren.. kurze Haare ſind bald gebürſtet.“ „Die arme Virginie!... Sie wird raſend ſein heute Abend ich hatte ihr verſprochen, ſie in's Theater zu führen.“ „Sie hat Ihnen oft viele andere Sachen ver⸗ ſprochen und das Wort nicht gehalten.“ „Wvher weißt Du das, Bertrand?“ Von Ihnen ſelbſt, mein Lieutenant, habe ich ge⸗ hört, daß Mamſell Virginie außexordentlich lügen⸗ haft ſei.“ „So iſt es; in der That, ich habe mehr als einen Beweis davon.“ „Nach Allem, was Sie an ihr gethan haben, iſt das recht ſchlecht von ihr!... Aber Sie ſind ſo gut, Sie laſſen ſich immer wieder erweichen!... Ach, Kanonenſakerment! wenn die Jungfer ſich jedes Mal getövtet hätte, ſo vft ſie ſagte, daß ſie ſich„ein 6 lernten, als Sie ihr durch mich den kleinen Schvoß⸗ 15 des anthun⸗ werde, weil ſie ihren Hauszins nicht bezahlen konnte...“ 3 „Pfui, Herr Vertrand, ſchweigen Sie, Sie ſind eine böſe Zunge!... Fort, Bäbel. ich glaube, du willſt einſchlafen.“ „Und eines Abends, da Sie ausgegangen waren und ſie mir ihren Kummer anvertraute!... Da ſagte ſie, wenn ſie eine Schwäche für Sie gehabt hätte, ſo ſei das aus lauter Liebesdrang geſchehen, aber ſie wolle ſich beſſern, niemals wieder mit Ihnen zu⸗ ſammenkommen und ſich mit ihrer Tante verſöhnen. Ich glaubte daran wie an's Evangelium: ſie ſchnitt ein ſo zerknirſchtes Geſicht, daß mir beinahe das Waſſer in die Augen gekommen wäre!.. Aber, Schock Schwerenoth, kaum erfährt ſie, daß Sie auf dem Maskenball ſeien, als ſie ausruft:„Da will ich auch hin; Bertrand, leihe mir Deine Hoſen, ich will mich als Mann anziehen.— Wie, Mamſell, ſage ich zu ihr,„Sie ſagten ja eben, Sie wollen ge⸗ ſcheidt werden und Herrn Auguſt nie wieder ſehen!“ Da lacht ſie mir wie närriſch unter die Naſe und ſchimpft mich einen alten Truthahn!. WMeiner Treu', Lieutenant, ſo eine Perſon kann ich nicht be⸗ greifen.“ Das glaube ich, mein guter Bertrand; ich, der ſie doch beſſer kennt als Du, begreife ſie ſelbſt nicht.“ 8 „Ich halte mehr auf jene blonde Dame Sie wiſſen, mein Lieutenant, auf ſelbige, die Sie kennen % * 16 hund ſchickten, den ſie verloren hatte und den ich vor unſerer Thüre liegend fand.“ „Du meinſt die Leonie?“ „Nein, die Frau St. Edmond.“ „Leonie St. Edmond, iſt eins und daſſelb 4 „Ah ſo, mein Lieutenant.“ „Beiläufig geſagt, Bertrand, daß ich dieſe Be kanntſchaft machte, daran biſt Du ſchuld.“ „Oder vielmehr der Spitzer, mein Lieutenant.“ „Leonie wohnte in dem gleichen Hauſe mit mir und ich kannte ſie nicht.“ „Zum Henker, mein Lieutenant, kennt man denn in Paris ſeine Nachbarn? Darum bekümmern ſich nur Portiers und Köchinnen.“ „Kurz, Du findeſt dieſen Spitzer, ich heiße Dich den Portier fragen, ob Jemand vom Hauſe ihn ſucht...“ „Und man antwortet mir, daß im dritten Stock eine junge Dame wohnt, die aus Kummer über den Verluſt ihres Hundes die ganze Nacht kein Auge zu⸗ gethan hat, und daß ihre Kammerjungfer, nachdem ſie das Haus von der Bühne bis zum Keller durch⸗ ſucht, in einem öffentlichen Anſchlag dreißig Franken für den redlichen Finder des kleinen Thieres aus⸗ ſetzte. Ich geſtehe, mir fiel es nicht ein, daß der Spitzer, der nichts als beißen und knurren konnte, vier Monate Sold eines Soldaten werth wäre, den⸗ noch ſtieg ich eiligſt die Treppe zum dritten Stock hinauf, ließ die Anſchläge abnehmen und gab das kleine Thier zurück, welches, kaum bei ſeiner Herr⸗ ſchaft wieder eingeſtellt, ſogleich einen blauſammtnen 3 3 17 Lehnſtuhl zerkratzte und ſeine Tatze in die Chokolade⸗ Taſſe der Madame ſtellte, was dieſe jedoch nicht verhinderte, ihn ihr Kleinod zu nennen und mir die allergrößten Dankſagungen zu ſpenden!... Sie wer⸗ den doch nicht behaupten, mein Lieutenant, daß in alle dem eine Urſache lag, warum Sie ſich in Frau Leonie St. Edmond verliebten!“ „Du hältſt mit Etwas hinter dem Berge, Ber⸗ trand, oder vergißt Du, daß Du mir beim Herunter⸗ kommen ein ſehr anziehendes Bild von dieſer Dame entwarfſt!... Du ſagteſt mir, ſie habe Augen, Au⸗ gen und eine Stimme... und einen Wuchs.. „Zum Henker, mein Lieutenant, ich ſollte doch meinen, alle Weiber haben Augen, einen Wuchs und eine Stimme!“ „Freilich wohl, aber ich mußte doch begierig wer⸗ den, dieſe junge Nachbarin kennen zu lernen, welche ſo viel Gefühl zeigte.“ „Und mir will es vorkommen, mein Lieutenant, als hätten Sie den Spitzer ausgeſtochen, denn ſeit⸗ dem lauft Ihnen Frau St. Edmond auf Tritt und Schritt nach, und mich ſucht ſie auszuforſchen und auszuholen... man holt mich herauf, während Ma⸗ dame frühſtückt, bietet mir ein Gläschen Malaga mit Biscuit an.. aber jederzeit ſoll ich ſagen, wo der Herr den geſtrigen Abend zugebracht hat.“ „Und Herr Bertrand, von dem Malaga gerührt, ſtattet meiner Nachbarin über mein Thun und Laſſen Bericht ab.“ „Ah! pfui doch, für was halten Sie mich!„ 18 Ich meines Herrn Geheimniſſe verrathen?... Und wenn man mir ſechs Flaſchen Malaga hinſtellte, ſo brächte man doch nichts heraus!.. Freilich liebe ich auch den Malaga nicht.“ „Ich will Dir auch gar keinen Vorwurf machen, mein guter Bertrand!... Du weißt wohl, daß ich aus meinen Streichen kein Geheimniß mache, ſelbſt vor denen nicht, die ſich darüber zu beklagen Grund hätten!... Das ſind bloße Liebeleien, Un⸗ beſonnenheiten.“ „Einerlei, mein Lieutenant, ich befinde mich doch in ernſtlicher Verlegenheit. Da fragt mich in Einem fort bald Die, bald Jene aus die Eine heißt mich ihren kleinen Bertrand, die Andere ihren wahrhaften Freund.. und alle dieſe Damen ſind gar niedlich.“ „Ei! der Herr Korporal haben das wahrgenom⸗ men?“ „Alle Wetter, mein Lieutenant, man hat Augen wie ein Anderer, und wenn mein Herz nicht ſo leicht in Brand geräth wie das Ihrige, ſo iſt es darum doch nicht unverwundbar, und wenn ich eine dieſer Damen ihr Taſchentuch an die Augen bringen ſehe, wenn ich Ihre Nachbarin ſich in einen Lehnſtuhl werfen höre, weil ſie in Ohnmacht zu fallen behaup⸗ tet, wenn endlich Jungfer Virginie ſchreit, ſie wolle ſich ein Leides anthun“, dann weiß ich nicht mehr, wo mir der Kopf ſteht!... Ich laufe von einer zur andern, biete ihnen Eſſig und Schnaps an, werde untröſtlich, weine ſogar bisweilen mit ihnen!.. Auf Ehre, mein Lieutenant, lieber wollte ich ſechs Mal eine Batterie ſtürmen, als ſolcherlei Scenen mit⸗ machen.“ 1 „Ah, ah, ah! der arme bedauernswürdige Ver⸗ trand!“ „Ja, ja, Sie können lachen! Ihnen iſt es einer⸗ lei, wenn man Sie: Verräther, Treuloſer, Barbar, ungeheuer und Thrann nennt!“ „Das ſind lauter Leckerbiſſen im Munde einer jungen Frau; dieſe Worte beſagen nichts Anderes als: ich liebe Dich, ich bete Dich an, Du biſt ent⸗ zückend!“ „Ei ſo! Ungeheuer heißt alſo auf deutſch: Du biſt entzückend!.. Das iſt was anders, mein Lieu⸗ tenant; darauf wäre ich nicht verfallen. jetzt iſt mir Alles begreiflich. Aber die Thränen, welche ſie auspreſſen, ſollen die auch bedeuten, daß man Sie allerliebſt findet?“ „Bah! mein alter Freund.. glaubſt Du denn⸗ daß bei Liebeleien die Zähren immer aufrichtig ſind?“ „Unter einer großen Quantität, mein Lieutenant, können immer einige ſein, die im Ernſte fließen; und mir ſcheint, der Kummer, den man einem hübſchen Geſichichen macht, bleibe immerhin ein Vorwurf.“ „Bertrand, ich verſpreche Dir⸗ mich zu beſſern und in Zukunft vernünftiger zu ſein!... Wie? von mir, der dieſes reizende Geſchlecht anbetet und all' ſein Glück darein ſetzt, demſelben zu gefallen, könn⸗ teſt Du denken, daß ich ihm Kummer zu verurſachen ſuche?“ „Rein, mein Lieutenant, ich weiß im Gegentheil 20 wohl, daß Sie allen den jungen Schönheiten, denen Sie begegnen, Vergnügen machen möchten. aber aus dieſem Vergnügen juſt erzeugt ſich bei ihnen Reue, Sorgen und Sie ſelbſt.. denn, wie ich eben ſagte, der große Turenne...“ Schon hörte Auguſt nicht mehr auf Bertrand: er hatte den Kopf aus dem Cahriolet geſtreckt und be⸗ trachtete aufmerkſam ein junges Bauernmädchen, die aus dem Walde herauskam und auf dem gleichen Wege wie unſere Reiſenden einen Eſel vor ſich her trieb, welcher mit Körben beladen war, worin ſich mehrere blanke Blechkapſeln mit Milch zum Gebrauche der Pariſer befanden. Da der Eſel etwas langſamer ging als die Bäbel, ſo brachte Auguſt ſein Pferd in Schritt, um das junge Mädchen deſto länger zu ſehen. „Soll ich der Bäbel einen ſanften Hieb geben?“ fragte Bertrand, erſtaunt über den trägen Schritt. „Nein, nein ſie lauft ganz recht.“ „Ja, mein Lieutenant, Sie werden ſehr wohl thun, ſolid zu werden.. ich ſage ſolid, in Ihrem Intereſſe; denn Ihr Vermögen würde ohnehin nicht zu allen Ihren Ausgaben hinreichen! Sie haben mich zu Ihrem Rentmeiſter ernannt, ich darf alſo ſo frei ſein, mit Ihnen zu rechnen.. und es gehört in der That keine große Rechnungskunſt dazu, um heraus zu bringen, daß wenn man immer aus ſei⸗ ner Kaſſe herausnimmt, ſie in Bälde leer wird. Heuer ſind Sie in dem verdammten Spiel, das Sie ſo oft treiben, nicht glücklich.. wiſſen Sie, mein Lieutenant, in dem, wo man die Könige umſchlägt. 4„Friſche Farbe. ein bübſcher Wuchs. herr⸗ liche Augen traun, das iſt außerordentlich!“ „Und dann die Caſhemire, die Sie der Einen ſchicken.. der Conto der Putzhändlerin, den Sie für die Andere bezahlen..“ „Und das Alles an einem Milchmädchen!“ „Wie, ein Milchmädchen?.. Zahlen Sie deren Contis auch, mein Lieutenant?“ »Wer Teufels ſpricht Dir von einem Conto! Betrachte doch dieſes ſchöne Kind, das unſeres Weges geht.“. „He nun, ein Wilchmädchen, nichts weiter!“ „Bemerkſt Du nicht, wie ſchön ſie iſt.. und dieſes ſchelmiſche Lächeln, ſo oft ſie zu uns herüber ſieht.“ „Sie will uns vielleicht Rahmkäſe verkaufen.“ „Strohkopf, der dabei nur an Käſe denkt! 3 ſage Dir, unter dieſem groben Mieder, dieſem dicken Baumwolltuch, das bis unter's Kinn zugeknöpft iſt, liegen Schätze verborgen.“ „Schätze! Schätze!.. Ich meine doch zum Kukuk, es laſſe ſich leicht errathen, was da verborgen liege, obwohl man ſich öfters täuſcht; aber in jedem Fall — ſind ſolche Schätze nicht ſelten, und alſo wegen de Schätze vieſes kleinen Milchmädchens dort fahren wir wie ein Mühlekarren?“ icht doch ich fange an, lange genug ge⸗ fahren zu ſein. Das Wetter iſt ſo ſchön.. ich denke, das Gehen könnte mir nichts ſchaden. Wir ſind kaum noch eine Viertelſtunde von Deſtivals —— 22 Hauſe entfernt; da, Bertrand, nimm die Zügel, ich will den Weg vollends zu Fuße machen.“ „Wie, mein Lieutenant, Sie wollten..“ Schon hat Auguſt angehalten und ſpringt leicht auf die Straße trotz Bertrands Murren, indem er ihm zuruft:„Fahre nur weiter mit Toni.“ „Aber was ſoll ich bei Herrn Deſtival ſagen?“ „Daß ich Dir folge ich werde ungeſähr mit Dir ankommen.“ „Aber „Punktum, Bertrand!“ Bertrand erwiedert nichts; aber er wirft einen ärgerlichen Blick auf das Milchmädchen und gibt Bäbel einen Hieb, welche ihn im Nu aus Augufts Augen entführt. Zweites Kapitel. Der Sturz. Die Kleine zog ihres Weges fürbaß, indem ſie mit einem Haſelnußſtecken ihren Eſel vor ſich her⸗ trieb, ohne bemerken zu wollen, daß der junge Mann aus ſeinem Cabriolet geſtiegen ſei; ſie wandte den Kopf nicht um und begnügte ſich, von Zeit zu Zeit zu rufen:„Hü, hü, grauer Hans!“ und der graue Hans lief um keinen Schritt ſchneller. Auguſt hat das Milchmädchen bald erreicht. Er geht einige Augenblicke prüfend hinter ihr: ſie iſt wohlgebildet, ſo weit man aus ihrem überladeyen 33 3. Anzug urtheilen kann; ſie muß, trotz ihrer plumpen Schuhe, einen kleinen Fuß haben und ihre Woll⸗ ſtrümpfe bedecken ein ſchön geformtes Bein, das man leicht ſehen kann, weil ein Milchmädchen ſehr kurze Röcke trägt. + Auguſt geht vorüber; das junge Mädchen ſieht ihn an und ſcheint erſtaunt, den jungen Mann aus dem Cabriolet neben ſich zu finden; aber gleichbald wendet ſie den Kopf weg und begnügt ſich mit einem wiederholten:„Hü doch!“ was gar nicht romantiſch klingt. Unſer Stutzer betrachtet das Mädchen aufmerk⸗ ſam: es trägt eine kleine Haube auf dem Scheitel, wodurch keiner ihrer Züge verdeckt wird, und Auguſt ſagt bei ſich ſelber:„Sie iſt recht niedlich. ſchöne Augen, ein hübſcher Mund, ein roſiges Colorit; im Ganzen indeß— nichts Außerordentliches. Das iſt die Friſche einer Dörflerin; es iſt eine bäuriſche Schön⸗ heit und ich hätte eben ſo gut im Wagen ſitzen blei⸗ ben können. Da ich nun aber doch einmal aus⸗ geſtiegen bin, ſo wollen wir verſuchen, uns den Um⸗ ſtand zu Nutze zu machen.“ Und immerfort betrachtete der junge Mann das Milchmädchen und lächelte ihr zu bei der Betrach⸗ tung, als dieſes, beläſtigt durch die prüfenden Blicke des ſchönen Herrn, ihn barſch anredete:„Habt Ihr mich bald genug angeſchaut?“ „Iſt es verboten, Dich zu bewundern?“ „Ja, denn ich mag es nicht abes daß man ſui —o auf's Korn nimmt!“ 24 „Wäreſt Du nicht ſo hübſch, ſo würde man Dich weniger anſehen.“ „Wenn Ihr das allen Pariſer Damen ſagt, ſo ſo müſſet Ihr viel Geſichter im Kopfe haben!... Wenn man die Leute ſo genau anſieht, erkennt man ſie immer wieder; aber bei uns hält man das gar nicht für anſtändig!... und hätteſt's bleiben laſſen können, auf die Weiſe Euren Servus zu ſchnei⸗ den!“ „Ich hätte im Wagen bleiben ſollen,“ dachte Au⸗ guſt; doch ging er immer noch neben der Kleinen einher und ſagte nach einer Weile zu ihr:„Du biſt eine Milcherin?“ „Ei! das ſieht ein Blinder. Es wird Euch Mühe gekoſtet haben, es zu errathen?“ „Willſt Du mir Milch verkaufen?“ „Ich habe keine mehr.“ „Bringſt Du welche nach Paris?“ „Ich gehe nicht ſo weit.“ „Woher kommſt Du denn?“ „Ihr ſeid ſehr neugierig.“ Der Ton des jungen Mädchens war nicht ſehr aufmunternd und Auguſt blickte hin und her, ob er ſein Cabriolet nicht wahrnehme; aber der leichte Wagen war längſt verſchwunden, denn der graue Hans hielt oft an, um Laub oder Gras zu freſſen, trotz der Gertenhiebe, womit ihn ſeine Gebieterin regalirte. „Weißt Du,“ fuhr Auguſt fort,„daß Du nicht ſehr liebenswürdig biſt, mein ſchönes Kind! Da Du⸗ — „ ſo niedlich ausſiehſt, ſo hätte ich Dich ſanfter, min⸗ der ſpröde geglaubt.“ 6 „Hei, ſeht doch! der Herr hoffte mir mit ſeinen Complimenten den Kopf zu verdrehen!.. Aber s'iſt nichts Seltenes, daß mir Pariſer Herren partomn. s'iſt alleweil das alte Lied! Sie meinen gut anzukommen, wenn ſie mir ſagen, ich ſei hübſch! Ach, ihr ſeid Schmeichelkatzen!... Aber geb' Euch kein Gehör, s'wird nichts daraus!“ „Da läugne mir Einer noch, daß die Tugend auf dem Lande zu Hauſe iſt,“ dachte Auguſt;„ja, ich ſehe es nun, daß man in den Dörfern jene reinen Sitten der alten Patriarchen wiederfindet, jene von den Poeten beſungenen Roſenmädchen, jene.. Der Teufels⸗Bertrand hatte auch nöthig, mit der Bäbel im Galopp davon zu fahren er that es gewiß aus Bosheit!... Und wenn ich ſagte, wir ſeien bei⸗ nahe an Ort und Stelle, ſo log ich es iſt wenig⸗ ſtens noch drei Viertelſtunden hin.“ Um den jungen Mann vollends zur Verzweiflung zu bringen, lenkt das Milchmädchen von der Straße ab und ſchlägt einen Querweg im Walde ein; Auguſt bleibt einen Augenblick unſchlüſſig an der Ecke des Fußpfades ſtehen. Soll er ſeinem Cabriolet oder ſoll er dem jungen Mädchen nachgehen? Erſteres wäre das Vernünftigſte, und ohne Zweifel entſchei⸗ det er ſich eben deßhalb für das Zweite. Während Auguſt über ſeinen Entſchluß brütete, hatte ſich das Milchmädchen von ihm n Ws Paul de Kock. LXVI. 26 ging auf dem ſchmalen Fußpfade weiter und in der Ueberzeugung, daß der junge Mann die Hauptſtraße eingeſchlagen habe, ſang es, den grauen Hans vor ſich hertreibend, wie folgt: „Wenn Du ſagſt, Du liebſt mich ſehr, „Bring' mir gleich Beweiſe her; „Aber gelt, ihr ſchönen Herrn, „Habt uns nur zum S gern.“ Aertiebſr 2 obgleich der Reim nicht ſehr reich iſt, ſagte Auguſt, indem er ſeine Schritte verdop⸗ pelte, um die Kleine wieder einzuholen; dieſe wen⸗ det ſich um und ſcheint überraſcht, wie ſie den jun⸗ geu Mann in dem von ihr eingeſchlagenen Fußpfabe erblickt. „Wie2 Ihr kommt hieher?“ ſagte das Milchmäd⸗ chen mit halb ängſtlicher Stimme. „Ja wohl dieſer Weg iſt herrlich.“ „Ihr wollt alſo nicht mehr in Euer Cabriolet ſteigen?“ „Ich kann mich nicht von Dir trennen.“ „Das iſt verlorene Mühe, mein Herr, und ich verſichere Euch, Ihr thätet beßer daran, Eurem Ge⸗ 5 fährt nachzulaufen.“ „Ich aber bin der Meinung, ich thue beſſer da⸗ ran, Dir nachzulaufen, obwohl Du mich hart hältſtz aber ich ſtelle mir vor, Du ſeieſt nicht ſo ſpröde, als Du ſcheinen willſt.“ „Wohlan, Ihr täuſchet Euch, ich bin durchaus nicht gutmüthig; fraget nur die jungen Burſchen von Montfermeil, wie ich ihre Späſſe aufnehme man —,— 6. W kennt, will ich meinen, Deniſe Fourch in der Ge⸗ gend.“ „Deniſe Fourch... gut, ich weiß jetzt Deinen Namen.“ „Recht, und weiter? Was hilft Euch das?“ „Daß ich mich leicht nach Dir erkundigen und Dich wieder finden kann, wenn ich will.“ „Beim Kukuk! ich bin ja nicht verloren, man hat mich leicht finden.“ „Wie, Deniſe, in Deinem Alter und bei Deiner Liebenswürdigkeit iſt's möglich, daß Du keinen Schatz „Geht Euch das was an?“ „Ei, ſehr viel!“ Auf dem Dorfe preſſirt es uns damit nicht ſo, wie Euern Stadtfräulein.“ „Hat man auf dem Dorfe kein Herz 8* anders⸗ wo?“ „Freilich wohl, aber es fangt nicht Feuer wie das Eurige, das mir ein Zunderherzchen zu ſein ſcheint.“ „Sie iſt wahrhaftig ſehr drollig!“ ſagte Auguſt lachend. „Sie?“ ſagte das Milchmädchen beleidigt;„da ſehe mir einer die Höflichkeit des Herrn!.. ſie!.. ich bin nicht Eure ſie, kenne Euch noch nicht ſo lange!“ „Es hängt nur von Dir ab, daß wir die beſten Freunde von der Welt werden. und zum muß ich Dich küſſen.“ — ———— 28 „Nein, nicht doch,mein Herr, keine ſolche Ge⸗ ſchichten. bitte recht ſehr.. oho! aufgepaßt!.. ich kratze Euch die Augen aus!“ Auguſt, der ſolchen Verboten zu trotzen gewohnt iſt, faßt das Milchmädchen um die Hüften und ver⸗ ſucht es, ſeine Lippen auf die friſchen und rothen Wangen der Dörflerin zu drücken; doch dieſe ver⸗ theidigt ſich anders als die Stadtdamen. Freilich iſt eine Bäuerin weniger durch ihre Kleidung genirt, ſie fürchtet weniger, ſich zu zerzauſen, auch hin⸗ dert ſie die Schnürbruſt nicht an der Bewegung der Arme. Dieß ſind ohne Zweifel die Gründe, warum ein Kuß von einem Bauernmädchen ſchwerer zu nehmen iſt. Uebrigens iſt der Kuß inzwiſchen genommen; aber er kam Auguſt ſchwer zu ſtehen, denn unter ſeinem linken Auge haben ſich zwei Nägel in das Geſicht des ſchönen Pariſer Herrn eingekrallt. Beide Käm⸗ pfenden ſind alſo beſiegt, denn jedes trägt die Be⸗ weiſe ſeiner Niederlage, übrigens ſcheint der Kriegs⸗ ſtand noch immer fortzudauern. Deniſe, doppelt ſo roth als vor dem Kampf, macht ihr Buſentuch zu⸗ recht, indem ſie zornige Blicke auf den jungen Mann wirft; dieſer greift ſich in das Geſicht und da er be⸗ merkt, daß es blutet, trocknet er es mit ſeinem Ta⸗ ſchentuch ab, indem er das Milchmädchen weniger zärtlich anblickt, denn die nähere Bekanntſchaft mit den Nägeln deſſelben haben ſeine Brunſt auffallend abgekühlt.* „Recht ſo!“ ſagte nach einer Pauſe die Kleine; . „das wird Sie lehren, mein Herr, inskünftige nicht wieder die Mädchen wider ihren Willen zu küſſen.“ „Freilich erwartete ich nicht, ſo behandelt zu wer⸗ den für einen Kuß mich zu entſtellen!“ „Wenn es alle Frauenzimmer ſo machten, ſo würden Sie ſich nicht ſo viel erlauben.“ „Gott ſei Dank! alle denken nicht wie Ihr Ihr habt mir abſcheulich wehe gethan!“ „Bah! was Sie am meiſten ärgert, iſt, daß man das Ding ſehen wirdz Sie fürchten weniger hübſch zu erſcheinen.“ „Nein, ich verſichere Euch, daß ich daran gar nicht denke ich bin unzufrieden, Euch ernſtlich erzürnt zu haben„ ich fühle mein Unrecht.. wohlan, Deniſe, machen wir Frieden!“ „Nein, mein Herr, nein, ich höre Sie nicht mehr an.“ Und das Milchmädchen, in der Meinung, der junge Mann wolle ſie wieder küſſen, läuft ſchnell zu ihrem Eſel und ſpringt, um ſchneller fortzukommen, auf Grauhanſens Rücken, den es mit verdoppelten Schlägen peitſcht. Der Eſel aber war gewohnt, in friedlicher Ruhe heimzukehren, wobei er da und dort im Grünen naſchte, und ohne jemals ſeine Gebie⸗ terin auf dem Rücken zu tragen. In ſeinem täglichen Schlendrian durch dieſe unerwartete Laſt geſtört, ſchlägt Grauhans einen ſchnellen Trab an und bricht in das Gehölze aus, trotz der Anſtrengungen ſeiner Gebieterin, ihn auf dem gebahnten Wege zu erhal⸗ ten. Auguſt hört das Geſchrei der Kleinen, die um⸗ ſonſt ihren Eſel anhalten will und ſich nur mit Mühe der Zweige erwehren kann, welche ihr jeden Augen⸗ blick in's Geſicht zu ſchlagen drohen. Alsbald die Malzeichen, welche Deniſe ſeiner Wange eingedrückt, vergeſſend, eilt Dalville den Spuren des Milch⸗ mädchens nach, um ihren Eſel auf den rechten Weg zurückzuführen; aber wie das verdammte Thier hin⸗ ter ſich her laufen hört, ſo verdoppelt es ſeine Ge⸗ ſchwindigkeit; es wirft ſich gleichgültig in die am dich⸗ teſten bewachſenen Plätze des Waldes. Bald ver⸗ ſchließt ein ſtarkes Gebüſch dem Milchmädchen den Weg. Während ihre Roſinante darüber hinwegſetzt, ſtürzt ſie zu Boden und im Herabfallen bleibt ihr Rock an einem zweiten Zweige hängen, was zur Folge hat, daß die arme Deniſe mit dem Geſicht auf den Boden ſtürzt, indeß ihr Unierrock über den Kopf geſchürzt und folglich nicht mehr an der iſt, wo er ordnungsgemäß ſein ſollte. 2 In dieſem Augenblick langt Auguſt bei ihr an. Man erräth, was ihm in die Augen ſpringt, und zwar war das, was der Unterrock nicht mehr bedeckte, weiß, friſch und wohlgerundet; aber man muß dem jungen Mann Gerechtigkeit wiederfähren laſſen:—un⸗ 8 er zu Deniſe hin; ſie ſchrie, weinte, tobte. Bald gelang es ihm, ihren Kopf unter dem Unterrocke her⸗ vorzuziehen, und ſie bedeckt dann eiligſt.. was ihr ſchon wißt. Beniſe ſteht auf, aber ſie iſt ganz ſchamroth; ſie wagt nicht mehr, die Blicke auf den jungen Mann etzt thut es mir leid, daß ich Sie gekratzt habe 8 31 zu richten, welcher, weit entfernt, ihre Verlegenheit zu benützen, voll Theilnahme ſich erkundigt, ob ſie Schaden genommen habe. „O nein! es hat nichts zu bedeuten,“ antwor⸗ lete Deniſe, noch röther werdend.„ Ich dächte ſchon nicht mehr daran. wenn. der verdammte Zweig.. du lieber Gott, ich bin doch recht unglück⸗ lich!“ „Wie? weil Du gefallen viſt? Aber, mein liebes Kind, das kann ja Jedermann begegnen.“ „Ja, aber.. man kann fallen, ohne daß man eigt.. aufdect. es iſt nur gut, daß Sie der Erſte ſind, der es jemals geſehen hat.“ L „Ach, ich möchte wohl aüch der Letzte ſein!. Friſchauf, warum die ſchmollende Miene?.. Si getroſt, ich habe gewiß nichts geſehen; ich dachte nur daran, Dir beizuſpringen.. ich fürchtete ſo ſehr, Du könnteſt verwundet ſein! und daran wäre ich ſchuldig, denn ohne meine Dummheiten hätteſt Du ruhig Deinen Weg fortgeſetzt und nichts wäre Dir zugeſtoßen.“ Deniſe hört Auguſt zu, ihr Zorn iſt vorüber und ſie ſagt freundlich lächelnd zu ihm:„Ich bin nicht mehr erzürnt über Sie, Sie waren bräver, als ich dachte; wäre ich ſo vor den Buben im Dorfe ge⸗ fallen, ſo häiten ſie gleich gelacht und mir dann un⸗ ſinniges Zeug vorgeſchwatzt und gar kein Ende fin⸗ den können, ſtatt daß Sie mich ſchnell aufgehoben haben.. und mit ſo erſchrockenem Angeſicht!.. Da, küſſen Sie mich.. Sie mir verzeihen.“ Auguſt benützt die Erlaubniß; Deniſe war ſo hübſch, als ſie lächelte, und ein Mädchen, das ſich ſo mannhaft vertheidigt, erhöht dadurch ihre Gunſt⸗ bezeugungen im Preiſe. Der Friede zwiſchen dem Milchmädchen und dem jungen Mann iſt alſo gemacht. Aber Grauhans fehlt; vergnügt, ſich ſeiner Bürde entledigt zu haben, iſt er durch das Gehölze fortgetrabt. „O,“ ſagte Deniſe,„um den bekümmere ich mich nicht, er iſt gewiß heimgelaufen. Nehmen wir dieſen Fuhrweg, ſo ſind wir bald im Dorfe.“ WMan ſetzt ſich wieder in Marſch. Die Kleine geht neben Auguſt her, der ſie wieder niedlich zu finden anfängt, ſeitdem ſie ihm zulächelt und einen Kuß erlaubt hat. In der That war Deniſens Phyſiog⸗ um mir zu beweiſen, daß nomie gar nicht mehr dieſelbe; eine ſchnöde Miene ieht einem niedlichen Geſichtichen gar nicht an, und was zur Erweckung der Liebe gemacht iſt, ſollte nie⸗ mals Haß ausdrücken. Bald hat man den Fußpfad verlaſſen und geht einen Hügel heräb, der nach Mont⸗ fermeil führt. „Dort iſt mein Dorf,“ ſagte Deniſe,„und ſehen Sie da unten auch meinen Eſel traben? Ich wußte wohl, daß er unſerm Hauſe zulaufen würde. Haben Sie hier auf dem Lande Geſchäfte?“ „Nein, nicht gerade ich gehe auf den Landſitz des Herrn Deſtival; kennſt Du ihn?“ „Ei freilich, ich bringe ihnen die Milch, und wenn 33 den Sommer über dort bleibt, ſo be⸗ r immer ihre Rahmkäſe.. ich mache ſie aber auch recht gut. Heute Morgen habe ich eine größere Partie hingebracht, weil Fräulein Julie, die Kammerjungfer der Madame, mir ſagte, daß man Beſuch von Paris erwarte.“ „Alſo werde ich wahrſcheinlich das Vergnügen haben, von Deinem Käſe zu koſten.“ „Aber wenn Sie zu Herrn Deſtival gehen, ſo hätt's nicht den Weg in's Dorf gebraucht. Ich will Ihnen den nächſten zeigen.“ „Es wäre ſehr liebenswürdig von Dir, mich zu geleiten; da Du wegen Deines Eſels außer Sorgen viſt, ſo hat es ja keine Eile.“ 2 „Ach nein, mein Herr, ich ſehe zwar wohl, daß Sie ordentlich ſindz aber doch küſſen Sie die Mäd⸗ chen allzugern.. und zudem erwartet mich meine Tante. Es iſt zwölf Ubr vorbei, unſere Eſſens⸗ ſtunde. ſchauen Sie, Herr, ſchlagen Sie den Weg ein, der dort hinauf führt⸗ dann den erſten Fußpfad links, dann den Hohlweg und dann ſteht Ihnen das Haus, wohin Sie wollen, vor der Naſe.“ „Das kann ich mein Lebiag nicht behalten.. und Du biſt ſchuldig, wenn ich mich verirre.“ „Wären Sie in Ihrem Wagen geblieben.“ „Deine lieblichen Augen haben mir den Kopf verdreht.“ „Fangen Sie ſchon wieder an? Schnell auf⸗ gebrochen oder man ißt die Rahmkäſe ohne Sie!“ „Das thäte mir leid⸗ weil Du ſie gemacht haſt.“ Frau Deſtival ſtellt ſie bei mi „Bergauf, dann links, dann den Hohlweg. Adieu, mein Herr.“ „Noch einen Kuß, Deniſe.“ „Nein, nein o! damit muß man nicht ſo ver⸗ ſchwenderiſch umgehen.. Sie würden keine Freude mehr daran finden.“ Damit läuft Deniſe den Hügel hinab und wen⸗ det ſich dem Dorfe zu. Auguſt folgt ihr lange mit den Augen und denkt bei ſich:„Sie iſt ſehr niedlich und ſie hat Verſtand. Wie Schade, daß ſie nicht in Paris wohnt!... Was ſchwatze ich doch da? Wäre ſie in Paris, ſo gliche ſie tauſend Andern; juſt weil ſie Milcherin iſt, macht ihr Geſicht und Verſtand Eindruck auf mich. Ich will ſchnell den Weg einſchla⸗ gen, den ſie mir gezeigt, und, um an Ort und Stelle zu kommen, mich beeilen.. ſicherlich erwartet man mich mit Ungeduld. Mein armer Bertrand wird nicht wiſſen, was er ſagen ſoll, und Frau Deſtival mir ein Schnippchen ſchlagen... und was für eines!.. Alle Wetter! und die Nägelmale da! was Teufels ſoll ich darüber ſagen?... Ah! meiner Treu', ich will mich beim Abbrechen von Haſelnüſſen geritzt haben * freilich haben die Haſelſtauden keine Dornen.. übrigens mögen ſie glauben, was ſie wollen.“ Auguſt entſchließt ſich aufzubrechen; aber er wirft noch einen Blick auf Deniſens Dorf und ſagt unter dem Weggehen bei ſich:„Ich werde Bekanntſchaſt mit Montfermeil anknüpfen!“ Drittes Kapitel. Das Kind und der Speiſetopf. Auguſt verfolgte den ihm von Deniſe gezeigten Weg; immer noch dachte er an das Milchmädchen. Der flatterhafteſte Mann behält das letzte weibliche Weſen, das ihm zu gefallen wußte, im Andenken, bis ein neuer anmuthiger Gegenſtand, der ihm an⸗ derweitige Begierden einflößt, in ſeinen Gedanken die Reize auslöſcht, mit denen er ſich zuvor beſchäf⸗ tigte. Plötzlich reißt Heulen und Schreien den jungen Mann aus ſeinen Betrachtungen; er blickt um ſich und nimmt zehn Schritte weit von ſich neben einem dicken Baumſtamm einen kleinen, etwa ſechsiährigen Knaben wahr, der nicht einmal den erträglichen An⸗ zug von Bauernkindern trug. Alles, was er auf dem Leibe hatte, war ein Jäckchen, eine an mehreren Stellen zerriſſene Hoſe, ſchlechte Holzſchuhe, ſonſt war er barfußig und barhaupt, aber eine Fülle blonder Locken diente ihm ſtatt der Mütze. Auguſt naht ſich dem Kleinen⸗ welcher ſehr heftig weinte, indem er mit erſtarrter Miene auf die Scher⸗ ven eines irdenen Napfes blickt, deſſen Inhalt auf dem Wege lag. Das Kind dreht ſich nicht um, um die ihm zurufende Perſon anzuſehen; alle ſeine Ge⸗ danken ſcheinen ſich auf dem zerbrochenen Topf zu concentriren, es kann nur weinen, indem es von Zeit zu Zeit kleine, ſehr ſchwarze Hände an Stirne und Augen reibt, deren mit Thränen vermiſchter Schmutz ihm das runde Geſicht verwüſtet. „Warum weinſt Du ſo, mein Junge?“ fragte Auguſt, indem er ſich zu dem Kinde herabbückte. Der Kleine erhebt einen Augenblick zu dem jungen Mann hellblaue Augen, um welche ſeine Händchen ſchmutzige Kreiſe gebildet hatten, dann wendet er ſie wieder auf die Scherben des zerbrochenen Topfes, indem er vor ſich hin wimmert:„Ich habe den Hafen zerbro⸗ chen, hi, hi, hi! und Vaters Suppe war varin, hi, hi, hi!.. werde Schläge kriegen... wie ſchon ein⸗ mal hi, hi, hi!“ „Potz Kukuk! das iſt mir auch ein großes Un⸗ glück. ſei ruhig, mein Junge, wir können vielleicht den Schaden gut machen. Alſo Suppe trugſt Du für Deinen Vater?“ „Ja, und hab' den Hafen zerbrochen.“ „Das ſehe ich wohl!... Aber warum läßt man Dich auch ein ſo großes Gefäß tragen?.. Du biſt noch zu klein. wie alt biſt Du denn, mein Junge?“ „Siebthalb Jahre... und habe den Hafen zer⸗ brochen. und Vaters Suppe...“ „Ja, ja, die liegt auf dem Boden; mit der iſt's alle.“ „Es war eine Kohlſuppe hi, hi, hi!“ „Ei, das riech' ich wohl!... Aber weine doch nicht mehr, wenn ich Dir ſage, daß Du keine Schläge bekommen ſollſt.“ „Ja, ich kriege hab' den Hafen zerbrochen. 37 und die gute Mamme hatte mir befohlen, Achtung zu geben.“ 2 „Nun, ſo hör' mich doch an! Wie heißt Du?“ „Coco.. und hab' den Hafen zerbrochen.“ „Nun, mein kleiner Coco, ich will Dir Etwas geben, wofür Du einen andern Topf kaufen und drei Mal ſo viel Kohlſuppe machen laſſen kannſt, dann, hoffe ich, wirſt Du nicht mehr weinen.“ Damit zieht Auguſt ein Fünffrankenſtück aus ſei⸗ ner Taſche und drückt es dem Kind in die Hand; Coco aber ſieht die Münze an, indem er ſeine großen blauen Augen noch weiter öffnet; deſſenungeachtet fährt er fort, tief auf zu ſchluchzen und zu wiederholen: „Papa wird mich ſchlagen und die gute Mamme auch.“ „Wie? wenn Du ihnen dieſes Geld zeigſt?“ „Papa erwartet die Suppe zum Mittageſſen„. und wenn er den Hafen nicht ſieht...“ „Wohlan,“ denkt Auguſt,„ich ſehe wohl, daß ich mich mit Beilegung der Sache befaſſen muß„das wird mich zwar wieder aufhalten, aber der arme Kleine iſt ſo niedlich.. und die Leute wären im Stande, ihn trotz des Fünffrankenſtücks zu ſchlagen. Ich habe eine Stunde verloren, um der Milcherin ſchön zu thun, und kann wohl eine zweite opfern, um dieſem Kinde Schläge zu erſparen. Komm'⸗ Coco, vorwärts, mein Junge... führe mich zu Dei⸗ nem Vater; ich will ſagen, daß ich es bin, der, an Dir vorübergehend, fallen machte, was Du trugſt, und ich ſtehe Dir gut dafür, daß Du keine Schläge bekommen wirſt.“ 41 38 Coco ſieht Auguſt an, vann wenbet er die Au⸗ gen noch einmal auf die Scherben des Topfes, von vem er ſich kaum zu trennen vermag; aber Dalville nimmt ihn an der Hand, und endlich entſchließt ſich das Kind, aufzubrechen. 3 Unterwegs ſucht Auguſt den Kleinen ſchwaßen zu machen, damit er ſich von ſeiner Angſt zerſtreue. „Was thut Dein Vater, mein Junge?“ „Er arbeitet auf dem Felde.“ „Und er heißt?“ „Papa Lallaux.“ „Mir ſcheint, Papa Lallaux iſt nicht ſehr gut, weil Du ihn ſo fürchteſt,.. und Deine Mutter?“ „Die iſt geſtorben.“ „Alſo Deine Großmutter hat die Kohlſuppe ge⸗ macht?“ „Ja, und ſie hatte mir befohlen, wohl Achtung zu geben und den Hafen nicht zu zerbrechen, wie ſchon einmal.“ „Ah! Du haſt ſchon einmal einen zerbrochen?“ „Ja aber es war nichts darin, und hab' doch Schläge gekriegt.“ „Du biſt, glaube ich, nicht glücklich mit den Töpfen. Aber ein ſo kleines Kind ſchlagen... dieſe Bauern müſſen ein ſehr hartes Herz haben!.. Das arme Kind, es ſeufzt ſchon und iſt noch nicht ſieben Jahre alt!.. So hat denn jedes Lebensalter ſeinen Kummer.“ Der Kleine führt Auguſt durch mehrere durch⸗ furchte Felder. Auguſt entfernt ſich dadurch von ſei⸗ ———— 39 ner Richtung nach Deſtivals Hauſe; aber er will das Kind nicht verlaſſen, ohne daß er es beruhigt ſieht. Endlich gelangt man zu einem Kartoffelacker, Coco hält an und prefßt ſich zitternd an den Arm ſeines Gefährten, indem er ſagte:„Dort iſt Papa.“ Auguſt bemerkt, etwa vierzig Schritte entfernt, einen mit Hacken beſchäftigten Bauersmann; er macht ſich von dem Kind los und geht auf den Bauern zu, der, halb zur Erde gebeugt, immer fortarbeitet. „Vater Lallaux, ich komme, einen kleinen Un⸗ fall wieder gut zu machen,“ ſagt Auguſt mit lauter Stimme. Der Bauer erhebt den Kopf und zeigt ein finniges Geſicht, dicke Naſe, breite Glotzaugen, einen halboffenen Mund und Eberzähne. In dieſer ſeltſamen Phyſiognomie malt ſich das Erſtaunen da⸗ rüber, daß er einen eleganten Herrn ſeinen Namen nennen hört. „Ich glaube, Vater Lallaux liebt den Wein eben ſo ſehr als die Kohlſuppe,“ denkt Auguſt, wie er den Bauern ſieht. „Was ſteht zu Euern Dienſten, Herr?“ fragte dieſer. „Unterwegs begegnete ich Eurem Sohn Coco.“ „Ah, wo iſt er denn? Hätt' mir zu eſſen bringen ſollen... Coco, was machſt Du denn da drüben?“ „Wartet, bis ich ausgeredet habe. Während ich eine ſchöne Ausſicht betrachtete, ſtieß ich an das Kind und habe meiner Treu' den Topf, den es trug, zu Boden geworfen. er iſt zerbrochen und...“ „Ihr müßt ihn bezahlen, dann iſt's fertig; denn 40 Ihr ſeyd daran ſchuld, daß ich kein Eſſen be⸗ komme.“ „Ei, nicht mehr als billig. deßhalb habe ich Euch aufgeſucht!... Was bin ich ſchuldig? Macht Ihr mir ſelbſt die Rechnung.“ „Wahrlich, Herr, der Topf war gut, wenigſtens dreißig Sous werth, und wenigſtens war für zwölf Sous Suppe darin, weil der Speck hier theuer iſt.“ „Da, nehmt, hier ſind hundert Sous; ſeid Ihr zufrieden?“ „O ja, Herr, billig bezahlt... kann mich nicht beklagen.“ „Jetzt hoffe ich aber auch, daß Ihr Euern Sohn nicht auszanken werdet. und ſehd ſo gut und laßt ein Kind von dieſem Alter keine ſo ſchwere Laſt mehr tragen.“ „Ei, Herr, das macht ſtark.. unſereines kann ſeine Kinder nicht mit Zuckerbrod aufziehen!.. He da, Coco, da komm' her.“ Das Kind kommt ängſtlich herbei und wie es ſei⸗ nem Vater naht, ſchickt es ſich zum Weinen an, in⸗ dem es wiederholt:„Ich habe den Hafen zerbrochen.“ „Ja, ja, ich weiß ſchon, was geſchehen iſt, der Herr hat mir Alles erzählt. Jetzt gehe heim und ſag' der Mutter Magdalena, ſie ſolle mir zu eſſen machen und den Wein nicht vergeſſen. doch nein, ich gehe lieber in's Wirthshaus zu Claude. geh' nur, Coco, und ſage, man brauche mit dem Nachteſſen nicht auf mich zu warten, ich habe in der Stadt zu thun.“ Auguſt erräth, daß das Geſchäft des Vaters Lal⸗ 41 laux iſt, das Fünffrankenſtück bis auf den letzten Sou zu vertrinken; aber zufrieden, ſeinen kleinen Schützling ganz freudig zu ſehen, ſagte er dem Bauern Adieu und folgt dem Kind, welches wieder den Weg einſchlägt, den ſie eben gekommen waren, aber dieß⸗ mal um ſeinen Gefährten herum hüpfend und ſprin⸗ gend. Der große Kummer iſt bereits vergeſſen.. man ſagt noch, wir ſeien große Kinder: ja, in Be⸗ treff der Schwachheiten, aber nicht in der Kunſt, glücklich zu ſein. Auguſt, glücklich über die Freude des kleinen Kna⸗ ben, welcher ſchon nicht mehr an die Geſchichte mit dem Topfe denkt, ergötzt ſich an ſeinem Anblick; das Lachen ſteht dieſen kleinen ſechsjährigen Geſichtchen ſo gut. Eine Perſon, welche die Kinder liebt, be⸗ greift nicht, wie man ihre Thränen mit Gleichgültig⸗ keit ſehen kann. Und dennoch gibt es Leute, für welche das Klaffen eines Hundes mehr Reize hat als das Lachen eines Kindes!... Dieß macht ihrer Empfindſamkeit ſehr viel Ehre. Wäbrend des Gehens ſingt, ſpringt, hüpft Coco um Auguſt her, welchem er Poſſen ſpielt; denn er iſt ſchon ein großer Freund von ihm: mit ſiebent⸗ halb Jahren ſchenkt man ſeine Freundſchaft eben ſo ſchnell her als mit zwanzig Jahren ſein Herz. Auguſt ſpielt und läuft mit dem Kleinen um die Wette; er verfolgt, erwiſcht ihn, wälzt ſich mit ihm auf dem Raſen, ohne zu bemerken, daß dieß ſeine Toilette verdirbt, weil das ſchallende Gelächter des Knaben Paul de Kock. LRXVI. 4 42 ſo aufrichtig, ſo frei iſt, daß der ſchöne Herr innigen Antheil daran nimmt. Doch wie? wird man ſagen, ein Dandy, ein Verführer, ein Mann der ſchönen Welt amüſirt ſich, mit einem kleinen Bauernknaben auf dem Felde zu ſpielen! Und warum denn nicht? Glücklich der, der, älter werdend, den Geſchmack an den einfachen Freu⸗ den ſeiner Jugend beibehält. Heinrich der Vierte lief auf allen Vieren, mit ſeinen Kindern auf dem Rücken, im Zimmer umher. In dieſer Haltung von dem ſpaniſchen Geſandten überraſcht, fragte er den⸗ ſelben, ohne aufzuſtehen, ob er Familienvater ſei? und fuhr, auf die bejahende Antwort, fort:„Dann will ich noch einmal im Zimmer umhertraben.“ An den Ort, wo Auguſt das Kind getroffen hat, zurückgekehrt, will er Abſchied nehmen und weiter gehen; aber Coco hält ihn an der Hand, die er nicht loslaſſen will und ſagt:„Komm' mit mir nach Hauſe.. komm' doch... Mutter Magdalena wird Dir gute Butter geben... komm', Du ſollſt Jako⸗ binchen ſehen ſie iſt ſehr ſchön, gelt...“ „Wer iſt denn Jakobinchen, mein Junge?“ „Das iſt unſere Geiſ“ ſie ſchläft neben mir.“ „Aber Dein Haus iſt weit von da?“ „Nein, nein, gleich da unten.“ Auguſt läßt ſich bewegen. Coco, der immer ruft: „Es iſt gleich da unten!“ ſchleppt ſeinen Gefährten noch eine halbe Stuude weiter. Endlich bemerkt man am Rande eines Seitenweges eine elende Hütte, deren Dach an mehreren Stellen eingeſunken iſt, und — — — — Coco ruft:„Jetzt ſind wir daheim.. ſiehſt Du unſer Haus?“ dann zieht er ſeinen Begleiter ſchnell mit heran. Ein altes Weib ſitzt vor dem Gehöfte; ſie iſt mager und gebeugt, und ihre Farbe könnte eine Vor⸗ ſtellung von den egyptiſchen Mumien geben. Uebri⸗ gens ſchallt eine ſtarke und ſaure Stimme aus dem preſthaften Körper hervor. „Biſt Du envlich da, Faullenzer?“ ſagt ſie zu dem Kind,„warum biſt Du ſo lange ausgeblieben? wo iſt denn der Topf?“ Coco ſieht Auguſt an, den er ſchon als ſeinen Beſchützer betrachtet, und dieſer macht der Mutter Magdalena die gleiche Lüge vor wie dem Vater Lallaux, indem er gleichfalls den unwiderſtehlichen Beweis des Fünffrankenſtückes damit verbindet. Nunmehr verſucht die Alte einen ſanfteren Ton anzunehmen und fordert Auguſt zum Hereinkommen auf, um Ziegenmilch zu trinken und friſche Butter zu eſſen; weiter kann ſie nichts anbieten. Der junge Modeherr läßt ſich in die Hütte hineinführen; ſein Herz wird beklemmt bei dem Anblick dieſes elenden Aufenthaltes. Ein einziges Gemach bildet die ganze Wohnung der Familie Lallaux. Dieſes Gemach iſt groß, aber der Tag erhellt nur einen Theil; der Erdboden dient als Eſtrich, die ſchlecht verworfenen Mauren bieten ſich in roher Nacktheit dem Blicke dar;z die Hütte droht den Einſturz, und zwei Lotter⸗ better, die in der dunkelſten Ecke ſtehen, haben nicht einmal Umhänge, die den zu allen Luftlöchern ein⸗ 44 dringenden Wind abhalten; das ganze Hausgeräthe beſteht in einem alten Speiſeſchrank, einem Kaſten, einem Tiſch und einigen Stühlen. „Wo ſchläfſt denn Du?“ fragt Auguſt das Kind. Dieſes führt ihn in einen Winkel, wo es kaum däm⸗ mert und zeigt ihm am Boden einen kleinen Stroh⸗ ſack, worauf ein abſcheulicher Wollteppich liegt. Ganz daneben ruht eine Ziege auf Stroh. „Das iſt mein Bett,“ ſagt Coco.„O! da iſts gut, ſag' ich Dir!... Jakobinchen gibt mir im Win⸗ ter warm ſie liebt mich ſehr.. Jakobinchen!“ Und das Kind faßt die Ziege um den Hals und liebkost ſie, indem es mit ihr ſich auf dem Stroh wälzt, aber bald muß es ſeine treue Geſpielin ver⸗ laſſen, denn die Ahne ruft ihm ſtrenge:„Herbei, Taugenichts, Du kannſt ſpäter ſpielen: trag' das Brod auf den Tiſch gib' mir eine Taſſe. der kleine Spitzbube iſt zu nichts nütze!“ „Ihr behandelt Euren Enkel ſehr hart,“ ſagt Auguſt, indem er ſich an den Tiſch ſetzt und die Milch mit Schwarzbrod verſucht. Wenn ich ihn machen ließe, Herr, ſo ſpielte er den ganzen Tag.“ „Uebrigens müßt Ihr dieſes Kind ſehr lieben, weil es das einzige iſt, das Euch Eure Tochter hin⸗ terlaſſen hat.“ „O ja, ich liebe es recht; aber wenn man arm iſt, wäre es beſſer, man hätte keines.“ Auguſt ſieht die alte Bäuerin von Neuem an und die Häßlichkeit ihres Geſichtes wundert ihn nicht 45 8 mehr ſo ſehr. Er nimmt Coco auf ſeine Kniee, läßt ihn Milch trinken, Brod und Butter eſſen und er⸗ götzt ſich an der Betrachtung ſeiner hübſchen Ge⸗ ſtalt und ſeiner ſchönen blonden Haare. Die Alte ſcheint ganz erſtaunt über die Liebkoſungen, welche . der ſchöne Herr an das Kind verſchwendet und mur⸗ melt zwiſchen deu Zähnen:„O, Ihr verderbt ihn! das taugt nichts!“ „Lernt er leſen, ſchreiben?“ „Ach freilich, was noch! und woher das Geld nehmen; überdieß habe ich nicht Luſt, einen Gelehrten aus ihm zu machen braucht man denn das, um einen Karren zu führen?“ „Aber Ihr könntet ihm wenigſtens eine beſſere Liegerſtatt geben als dieſe da!“ „Wir haben hier nur Teppiche zum Bett, und bei meinem Alter iſt es billig, daß ich ſie habe; ſein Vater ſchläft wie er auf einem Strohſack ich verſichere Euch, daß er eben ſo gut darauf liegt.“ „Hier, Mutter Magdalena, da, nehmt dieſes, kaufet das Nöthige, um dieſem Kind ein Bett zu machen, und behandelt es nicht mehr ſo hart.“ 4 Mit dieſen Worten iſt Auguſt aufgeſtanden und hat noch ſechs Fünffrankenſtücke in der Alten Hand gelegt: dieſſe, welche noch niemals ſo vieles Geld auf einmal geſehen hatte, macht Verbeugungen über Verbeugungei, während ſie den Fremden mit Dank⸗ ſagungen übeyhäuft und zu dem Kinde ſagt:„Mach' doch, Coco, Lanke dem Herrn, welcher alles dieſes für Dich gibt. Willſt Du ſogleich Dich bedanken?“ ——— Das Kind blickt ſeine Großmutter verlegen an. „Laßt ihn,“ ſagte Auguſt, indem er ihn küßte; „er kennt den Werth des Geldes noch nicht. der Kuß, den er mir gibt, wird um ſo aufrichtiger ſein. Adieu, mein kleiner Coco... Ah! der Weg nach Livrp, ſeid ſo gut?“, „Geht auf dieſem Fußweg, Herr, er wird Euch auf die Landſtraße führen.. Ihr werdet in einer halben Stunde dort ſein. Soll Euch Coco ge⸗ leiten?“ „Siiſt nicht nöthig.“ Auguſt verläßt die Hütte; das Kind ſagt ihm Lebewohl und ruft ihm noch von Weitem nach:„Gelt, Du kommſt wieder und ſpielſt mit mir?“ „Ja,“ fagt Auguſt,„ich verſpreche es Dir.“ Viertes Kapitel. Einige Portraits nach der Nätur. 7 Seit elf Uhr Vormittags erwartete man Dalville auf Herrn Deſtivals Landgut. Deſſen/Frau, eine ½ dreißigiährige Brünette, mit lebhaftem Auge, viel⸗ ſagendem Blicke, welche durch einen eleganten An⸗ zug die Vortheile eines ſchlanken Wußhſes und ver⸗ führeriſcher Formen hervorzuheben verſtand, Madame Deſtival, ſage ich, hatte ihre Toilette beendigt. Dieſe ſoll auf dem Lande einfach ſein: es gibt jedoch ge⸗ wiſſe Negligs's, welche Vorbereitungen 47 gens Madame hübſch, da ſie noch jung iſt, ſo bedurfte ſie nur einer halben Stunde, um ein weißes Mouſſelinekleid anzuziehen⸗ einen orangegelben Gürtel umzulegen und mit Grazie ihren Haarputz zu ordnen, zu welchem ein mit dem Gür⸗ 5 tel gleichfarbiges Band die Schleife bildet; endlich hat ſie nur ſechs Mal Julien gefragt, ob ihr die Citro⸗ nenfarbe ſtehe. Julie hat ihrer Gebieterin geantwortet, ſie nehme ſich höchſt liebenswürdig aus, das Gelbe laſſe den Brünetten ſehr gut, zudem dürfte Madame unbeſorgt alle Farben tragen. Madame hat Julien, die nur vierundzwanzig Jahre alt, aber äußerſt häßlich iſt (ein Vorzug bei Kammerjungfern)⸗ gnädig zuge⸗ lächelt. Herr Deſtival zählt zehn Jahre mehr als ſeine Frau: er iſt lang und hager nicht ſchön⸗ aber von charakteriſtiſcher Phyſiognomie; unglücklicher Weiſe freilich deuten ſeine Züge nicht auf einen liebenswür⸗ digen Mann⸗ über deſſen Verſtand man die Häßlich⸗ teit vergeſſen könnte, vielmehr ſpricht ſich in ihnen 5 Anmaßung⸗ übertriebene Selbſtzufriedenheit undwider⸗ vedürfen. Da' übri wärtiger Anſpruch auf den Ruhm eines durchtriebenen 6 Weltmannes aus; ſeine auf den Stülp vorgelegte Feldmütze ſcheint dem Ganzen das Siegel aufzu⸗ 36 drücken. Er war bei der Verwaltung angeſtellt geweſe mit dem Beibringen ſeiner Frau hatte er die St eines Schatzungscommiſſärs gekauft und mit Nutzen wieder verkauft; er ſprach nie von Po 48 aus Furcht, ſich Ungelegenheiten zuzuziehen, zugleich auch deßhalb, weil er ſelbſt nicht wußte, welcher Meinung er angehöre; dennoch beſaß er Geſchicklich⸗ keit genug, ein Geſchäftscabinet einzurichten, zahlreiche Clienten zu erhalten und ſeine Capitalien zu ver⸗ dreifachen. Freilich verſäumt er kein Mittel, ſich in Schwung zu bringen: er gibt Abendgeſellſchaften, Bälle, kleine Punſchreunionen, und Madame mit den feurigen Blicken und der reizenden Haltung macht mit unendlicher Grazie die Honneurs des Hauſes. Der Landſitz, den man im Sommer nicht ſelten bezieht, iſt groß genug, um eine zahlreiche Geſell⸗ ſchaft zu empfangen und ſieben bis acht Freunde über Nacht zu behalten. Da der Herr, der ein Ca⸗ briolet hält, jeden Tag in Geſchäften nach Paris fährt und bisweilen über Nacht ausbleibt, ſo hält die Frau(welche ſehr furchtſam iſt, obgleich ſie nicht ſo ausſieht) viel darauf, einen Freund des Mannes als Schutzwache bei ſich zu behalten. Ein junger Mann von zwanzigtauſend Livres Renten mußte hei Herrn Deſtival ſehr gut aufge⸗* nommen ſein; Auguſt hatte daher kaum drei Monate ſeine Bekanntſchaft gemacht, ſo behandelte man ihn ſchon als einen intimen Freund: der Hausherr lud ihn ohne Unterlaß zu ſich ein, ſei's in Paris, ſei⸗s auf dem Lande, und Madame lud ihn außerordent⸗ lich gerne ein, mit ihr zu ſingen. Aber es iſt zwölf Uhr vorüber und Herr Dalville kommt nicht. Madame iſt übler Laune, Julie hat ſich an ein Fenſter im zweiten Stock geſtellt, um 49 nach ihm zu ſpekuliren, und der Hausherr läuft von Zimmer zu Zimmer mit dem Ausruf:„Teufel, mein Freund Dalville bleibt ſehr lange aus und haite doch verſprochen, frühzeitig zu kommen, zum Dejeuner hier zu ſein.“ „Erinnert ſich denn Herr Auguſt jemals an ei Verſprechen?“ fragte Madame ärgerlich. „O, daran biſt Du wieder ſchuldig, Du, die ihm immer Etwas anzuhaben ſucht, ihn angreift, ver⸗ höhnt.... „Ich, mein Herr?.. Was liegt denn mir an den Liebhabereien, den Fehlern des Herrn Dalville? wo aben Sie jemals geſehen, daß ich Zank mit ihm ſuchte?“ „Ich weiß wohl, daß es nur zum Scherze ge⸗ ſchah aber Du biſt etwas kauſtiſch, meine theure Emilie.. Du wirſt anzüglich! Freilich auch ich, ich ß es geſtehen, wäre ſehr beißend, wenn ich mir nih Gewalt anthäte, oft bin ich es ſogar unwill⸗ i Uebrigens iſt Dalville ein herrlicher Junge, von guter Geburt reich talentvoll. „O, was ſeine Talente anbelangt.. federleicht!“ „Ich hielt ihn doch für ſehr ſtark auf der Geige!“ „Ach nein, er ſpielt häufig falſch.. nun, Julie, haſt Du Jemand kommen ſehen?“ Ach, mein Gott, nein, Madame, ich mag mich umſehen, ſo viel ich will... Schade für alle die Käſe, die ich der Deniſe abnahm! Das iſt doch ſehr widerwärtig!“ Bitte, Mamſell, laſſen St ns och mit —. Käſen in Frieden; ſteigen Sie auf's Belvedere.. von dort werden Sie weiter ſehen.“ „Wie Sie befehlen, Madame.“ Julie entfernt ſich und der Hausherr fährt fort: „Du wirſt mir doch nicht widerſprechen, hoffe ich, daß Herr Dalville eine ſchöne Stimme hat?“ „Schön? je nun, eine Stimme, wie man ſie überall findet!“ „Mir ſcheint doch, er ſingt ausgezeichnet Duette mit Dir beſonders das aus dem Maulthier⸗ treiber, Du weißt ſelbiges, in welchem vorkommt: Welche Luſt! welche Luſt!“ und das ausgeht mit: ukuk! Kukuk!““ „Sie ſind unausſtehlich, mein Herr, mit Ihrem Kukuk!“ „Er ſpielt Contretänze auf dem Piano Wer ſpielt heutzutage nicht welche?“ „Meiner Treu', ich. allerdings war ich immer ſo ſehr mit Geſchäften überhäuft, daß ich nothge⸗ drungen meine Neigung für die Mufik vernachläßigen mußte. mit einem Wort, Dalville iſt heiter, liebens⸗ würdig, vergnüglichen Humors..“ „Es gibt Tage, wo er keine drei Worte zuſam menbringt!“ 7 „So höre doch, ich ſelbſt, wenn ich tief über ein 1 bedeutendes Grſchäft nachſinne, bin auch nicht ſo liebenswürdig wie gewöhnlich.. das kann Jedem paſſiren. Um auf Dalville zurückzukommen, ſo iſt er jung, reich ah, welcher Einfall... welcher tsſtliche Einfall“ B „Heraus damit, mein Herr!“ „Ich muß ihn verheirathen.“ „Herrn Auguſt verheirathen?.. Aber was geht das Sie an!... Sind das Ihre Geſchäfte?“ „Ei, beſorge ich denn nicht die der Andern? Dieſes da kann ſehr gut ſein und...“ „Um's Himmels Willen, mein Herr, machen Sie nur keine Heirathen. ich bitte Sie. Verſtehen Sie ſich denn darauf?“ „Ich ſchmeichle mir, ja, Madame.“ „Ein Mann vom Bureau kuppeln, pfui doch! das wäre widerſinnig.. und Ihr Gewehr, mein Herr, haben Sie auch daran gedacht?“ „Ja, Madame, ich habe Baptiſt befohlen, es zu putzen, und Dalville muß mir ſeinen Bertrand, die⸗ ſen alten Soldaten, mitbringen; er wird mich da⸗ rauf einüben denn, wie Sie wiſſen, Madame, hat man einen Wolf in der Gegend bemerkt, was ſehr unangenehm iſt, da man in Unruhe ſchwebt.“ „Ich dächte, dieſer Umſtand ſollte nicht davon äb⸗ halten, in dem Walde eine Streife zu machen.“ „Im Gegentheil, Madame, juſt deßhalb habe ich dieſe Sicherheitsmaßregel veranlaßt. ich will den Wolf ſehen, Madame.“ „Daran werden Sie ſehr wohl thun, mein Herr.“ Die Unterredung wird durch ein Geräuſch im nächſten Zimmer unterbrochen. „Ah, da kommt er ohne Zweifel⸗ unſer lieber Dalville,“ ſagte Herr Deſtival. Madame gibt keine Antwort, aber ſie leg 52 ſchmollende Miene zurecht, womit ſie dem Ankom⸗ menden ihre Stimmung ausdrücken will. Die Perſon indeß, welche man hört, tritt noch nicht ein, ſie fährt fort, ihre Füße auf dem Strohteppich abzureiben. Herr Deſtival öffnet die Saalthüre und bemerkt ſtatt Augufts einen kleinen Mann von fünfundfünzig Jah⸗ ren, mit blonder Perücke, breitgerändertem Stroh⸗ deckel, halbcarrirtem Rock, kurzen Hoſen und ſchil⸗ lernden Strümpfen, der auf dem Strohteppich des Vorzimmers die Schuhe putzt und wieder putzt. „Ei, das iſt ja Herr Monin, unſer Nachbar!“ ſagt Herr Deſtival, als er den kleinen Herrn wahr⸗ nimmt. Bei Monins Namen macht Madame Deſti⸗ val eine Geberde der Ungeduld, indem ſie vor ſich hinmurmelt:„Welche Langweilerei! was brauchen wir ſeinen Beſuch!“ „Scht, ſcht!.. ruhig doch, Frau, er hat noch eine Apotheke zu verkaufen und ein Haus zu kaufen. Ich will, daß er mit uns ſpeist.“ Damit kehrt Herr Deſtival in das Vorzimmer zurück, wo Herr Monin noch immer ſeine Füße auf dem Strohboden abreibt. „Nun, mein lieber Herr Monin, warum treten Sie nicht ein? Was Teufels machen Sie denn da ſo layge?.. MWir ſcheint doch, es ſei herrlich Wetter; Sie konnten ſich nicht beſchmutzen.“ „Ach, das will ich Ihnen erzählen. Als ich durch den Hof ging, ſchaute ich den Himmel an, um zu ſehen, ob es ein Gewitter gibt, und da lief ich auf einen Düngerhaufen, den ich nicht bemerkt hätte 53 „„Baptiſts Fehler! Dieſer Dünger ſollte unterge⸗ bracht ſein.“ „Jetzt bin ich fertig.“ Endlich verläßt Herr Monin den Strohboden, hebt zu Herrn Deſtival runde Haſenaugen empor, worin man vergeblich einen Gedanken ſuchen würde, ſchnei⸗ dei ein Lächeln, das ſein Geſicht in zwei Hälften theilt, worin indeß eine Naſe von enormem Umfang ſich erhebt, welche continuirlich mit Tabak geſtopft iſt, wie eine Pfeife, die man noch nicht angezündet hat. „Wie befindet ſich der Stand Ihrer Geſundheit, mein Nachbar?“ „Sehr gut, Herr Monin. Kommen Sie doch herein, meine Frau iſt da; ſie wird erfreut ſein, Sie zu ſehen.“ Herr Monin tritt in den Saal und zieht ſeinen Strohhut ab, indem er eine tiefe Verbeugung vor Frau Deſtival macht, welche dieſe Höflichkeit mit einem Lächeln erwiedert, das für eine Grimaſſe gelten könnte; aber Herr Monin nimmt die Sache von der guten Seite und bringt ſeine unvermeidliche Phraſe her⸗ vor:„Wie befindet ſich der Stand Ihrer Geſundheit?“ „So ſo, mein Herr, im Augenblick nicht zum Beſten; ich habe Nervenleiden, Herzklopfen.“ „Kommt vom Wetter, Madäme; die Hitze iſt heute ſehr ſtark, wir haben ſechsundzwanzig ℳ% Grad.“ „Siebenundzwanzig, mein Nachbar,“ ſagt Deſli⸗ val, ſeinen Thermometer betrachtend. „Sonderbar! ſo viel hat es bei mir nicht und iſt doch ganz die gleiche Lagez meine Frau ſagt auch, ich ſeige ſeit einiger Zeit nicht mehr hinlänglich.“ „Und Madame Mollin, warum hat ſie Sie nicht begleitet?“ „Sie macht Gurken ein und das wird ſie den ganzen Tag in Anſpruch nehmen, denn ſie reibt eine um die andere ſorgfältig ab.. heute wird ſie nicht ausgehen.“ „Ich ſtatte den Gurken meinen Dank ab,“ ſagt Frau Deſtival ganz leiſe, indeß Herr Monin, mit äußerſter Mühe noch eine Priſe in ſeine Naſe zwän⸗ gend, fortfährt:„Meine Frau hat mir geſagt: Ich brauche Dich nicht, Monin, gehe ſpazieren, dann bin ich gekommen, Sie zu beſuchen.“ „Sehr liebenswürdig von Ihnen, mein Nach⸗ bar. Hoffentlich bleiben Sie den ganzen Tag bei uns?“ „Ja, wenn Ihnen das keine Ungelegenheit macht, ſo will ich gerne, weil ich Ihnen anvertrauen muß: wenn meine Frau Gurken einmacht, ſo beſchäftigt ſie ſich nicht gern mit der Küche.“ „Wir ſind alſo einig: Sie bleiben bei uns und werden Herrn Dalville kennen lernen, einen ange⸗ nehmen, ſehr heitern jungen Mann. Sein Bedienter, ein alter Militär, ſoll mir eine Ererzierſtunde geben, denn ich bin zum General ernannt.“ „Wie ſo?“ „Ei nun, für die Streife, die man machen wird.“ „Ah ſo!“ „Werden Sie nicht dabei ſein, Herr Monin?“ „Ach, ich muß Ihnen ſagen: als ich noch mein 55 „Madame, Madame! eine füperbe Kaleſche fährt in den Hof,“ ſagte Julie, in den i herein eilend. „Eine Kaleſche!“ „Mit Herrn und Frau von Lhenaſfniere 5 „Wie, ſie ſind gekommen? Ah, wie liebenswürdig von ihnen!“ ruft Herr Deſtival, an's Fenſter laufend. Frau Deſtival theilt die Freude ihres Mannes nicht ganz, indeſſen ſteht ſie auf, um ſich von der Ankunft ihrer neuen Gäſte zu überzeugen, und geht hinab, ſie zu empfangen, weil Leute, welche eine Kaleſche und Livrée haben, alle mögliche Rückſicht verdienen. Darum fliegt Herr Deſtival ſeiner Frau nach und läßt Herrn Monin ſtehen, der ihm eben ſagen wollte, wie oft er auf der Jagd geweſen ſei, und der, wie er ſich im Saale verlaſſen ſieht, zu ſeinem gewöhnlichen Mittel Zuflucht nimmt und, Dank einer übermenſchlichen Beharrlichkeit, es zu Stande bringt, einige Finger voll Tabak noch in ſeine Naſen⸗ löcher einzuführen. Herr von Thomaſſiniere, dem zu Ehre man ſo ſchnell hinabeilt, iſt ein Mann von ungefähr vierzig Jahren. Als er in einem Alter von noch nicht ganz achtzehn Jahren nach Paris kam, hieß er noch ganz einfach Thomas und ſchämte ſich damals noch nicht ſeiner Mutter, welche in ſeinem Heimathdorfe eine kleine Schenke hielt. Aber der Aufenthalt in der Hauptſtadt hat aus Herrn Thomas einen ganz andern Menſchen gemacht: erſt Krämercommis, dann Buch⸗ führer, dann Pfandwucherer, endlich großer Ge⸗ ſchäftsunternehmer, war Herr Thomas vom Glück G begünſtigt; er hat mit Renten ſpekulirt, hat anſehn⸗ liche Gewinnſte gemacht und von nun an ſein Dorf vergeſſen und den Ton, die Manieren eines Mannes von der großen Welt angenommen. Von niedrigem Urſprung aus weit hinaufzuſteigen iſt kein Unrecht, im Gegentheil, wenn Jemand durch ſeine Arbeit emporkommt, der eigene Schmied ſeines Glückes iſt, ſo darf man bei ihm mehr Verdienſt volausſetzen, als bei einem, der, von den Schultern Anderer ge⸗ tragen, auf den Gipfel der Ehrenſtellen gelangt. Was man aber den Emporkömmlingen niemals ver⸗ zeihen kann, iſt Affektation von Stolz, Uebermuth und der Wahn, als können ſie Namen und Rock, den ſie vorher trugen, dadurch in Vergeſſenheit brin⸗ gen, daß ſie die Miene großer Herren annehmen. Herr Thomas gehörte zu dieſen Thoren. Er hatte den Anfang damit gemacht, daß er ſeinen allzu bür⸗ gerlich klingenden Namen in: de la Thomaſfiniére verwandelte; dann, ſtatt ſeine Mutter von ihrem Dorfe hinweg zum Mitgenuß ſeines Glückes zu be⸗ rufen, hatte er ihr bloß ein Geldfümmchen ausge⸗ ſetzt, damit ſie den Schild zum gelehrten Eſel ab⸗ nehme und keinen Wein mehr verkaufe, dabei ihr aber ausdrücklich verboten, nach Paris zu kommen, weil dort die Luft, wie er ſagte, für alte Weiber höchſt ungeſund ſei. Sofort hatte Herr Thomaſſiniére ein großes Haus eingerichtet, Wagen, Lakaien, Liv⸗ rée ſich beigelegt, ein ſtolzes Landgut und eine ſehr ſchöne achtzehnjährige Frau gekauft, die ihm nebſt einer Mitgift von hunderttauſend Franken abgeliefert 57 worden war und nicht einmal gefragt hatte, ob ihr Mann hübſch oder häßlich ſei, weil ſie, vermöge einer vollkommenen Erziehung, wußte, daß ein Zu⸗ künftiger, welcher Chaiſen und Pferde beſitzt, immer ein hübſches Geſicht hat, und daß zudem eine Frau nicht gehalten iſt, bloß ihren Mann anzuſehen. Herr von Thomaſſiniöre, als Dandy gekleidet und die Manieren der großen Welt nachäffend, wo⸗ bei ihm jedoch der gelehrte Eſel ſtets irgendwo grau durchſchimmerte, ſagte alle Augenblicke:„Mein Land⸗ gut, niine Ländereien, meine Leute, meine Pferde,“ nur in Betreff ſeiner Frau machte er eine Ausnahme mit dem Beſitzbeiwort. Was Madame betrifft, ſo vergönnte dieſes lebhafte, warmblütige, leichtſinnige, nur auf ihre Toilette und Lebensluſt bedachte Weib⸗ chen dem Herrn Gemahl nur die Rede, um Geld von ihm zu verlangen oder um ſich über die Vor⸗ bereitungen zu einem Feſte zu beſprechen. „Ei, da ſind ſie ja, die theuern Freunde!“ rief Herr Deſtival, indem er zu Frau vou Thomuſſiniére hinſprang, um ihr vom Wagen zu helfen, während deren Gemahl ſeine Pferde und den Glanz ſeiner Livrée ſelbſt bewundert. „Guten Tag, Deſtival!... Lapierre, beſorge meine Pferde gut.. Madame, ich lege mich zu Ih⸗ ren Füßen. Lakaien, bedecket meine Kaleſche wie⸗ der, es könnte hineinregnen.. wir kommen ohne viele Umſtände... es genirt Sie doch nicht, daß ich einige meiner Leute mitgebracht habe?“ Paul de Kock. LRvI. 5 N 58 „Nicht im Mindeſten; ich habe ja die Mitiel, um ſie zu logiren und zu ſpeiſen,“ antwortet Herr De⸗ ſtival, indem er ſich in die Lippen beißt, weil ſein beſcheidenes Cabriolet vor der glänzenden Kaleſche gänzlich verſchwinden muß, und Baptiſt und Julie, aus welchen ſeine ganze Dienerſchaft beſteht, ſich hinter einem einzigen von den Rieſen, die Herr von Thomaſſiniére nachſchleppt, hätten verſtecken können. Deßhalb ergießt er ſich aber doch in einen Strom von Höflichkeiten, nur daß der Wunſch, gleich falls ſein Haus zu vergrößern, in ihm lebendig wird. Darum denkt auch unſer Geſchäftsmann, während er der Frau von Thomaſſiniére die Hand reicht:„Ich muß Dalville verheirathen, muß Monins Apotheke verkaufen und ihm ein Haus kaufen: dann nehme ich mir einen kleinen Jokep, ein Neger ſoll es ſeyn, den ich roth anziehe, damit man ihn von ferne ſieht. 4 Inzwiſchen haben ſich die beiden Frauen ge⸗ küßt. „Guten Tag, meine Freundin.“„ „Guten Tag, meine Gute.“ „Wie artig, daß Sie uns beſuchen!“ „Wir werden bis morgen bleiben.“ „Welch' geſchmackvoller Kopfputz!“ „Finden Sie das?“ „Zum Entzücken. auch liebe ich dieſen Schnitt des Kleides ausnehmend.“ „Es iſt die allerneueſte Mode, nicht aus⸗ geſchnitten genug.“ 59 Wenn aber ich muß auch einen ſolchen Stoff haben. er iſt äußerſt geſchmackvoll.“ „O, ſehr einfach. Das Kleid koſtet nur zwei⸗ hundert Franken. aber auf dem Land und bei guten Freunden geht es ſchon. Ich werde Ihnen die Adreſſe meines Kaufmanns geben.“ Und Frau Deſtival begleitet die Frau von Tho⸗ maſſiniere die Treppe hinauf, indem ſie ſie mit Complimenten überſchüttet und die lebhafteſte Freude heuchelt, um ihren geheimen Aerger deſto beſſer zu verbergen, denn die Neuangekommene iſt in der That hübſch, ſehr jung und von einnehmender Lebhaftigkeit, und zudem hat ſich Dalville, den man immer erwartet, noch nie in ihrer Geſellſchaft befunden. Dalville, der ſo leicht Feuer fängt, könnte gar wohl der Frau von Thomaſſiniere den Hof machen und dieſe ihm Gehör ſchenken. Alles dieß verſetzt Madame Deſtival ins⸗ geheim in ſehr üble Laune; ſie affektirt jedoch nur um ſo größere Liebenswürdigkeit, weil man in der großen Welt ſich verlarven und andere Dinge ſagen muß, als man denkt; darin beſteht das große Geheim⸗ niß des geſelligen Lebens. Frau von Thomaſſinière iſt in den Salon getre⸗ ten, wo Herr Monin zurückgeblieben war, der eben wieder auf dem Punkt ſteht, eine neue Priſe Tabak einzuführen, aber beim Anblick der Modedame ſtehen bleibt, zurückweicht, ſeine Zipfelmütze abzieht und, obgleich ihm die junge Dame noch unbekannt iſt, ſeine unausbleibliche Phraſe:„Wie befindet ſich der Stand Ihrer Geſundheit?“ wieder beginnen will. Aber die Modedame läßt dem Erapotheket keine Zeit, zum Worte zu kommen; ſie unterdrückt mit vem Schnupftuch ein Lachen, das ihr Monins originelles Geſicht entlockte, und wendet ſich an Frau Deſtival mit der Frage:„Was iſt denn das da?⸗ „Ein Nachbar... außerorbentlich reich, aber eben ſo einfältig als langweilig.“ Ei, deſto beſſer; wir werden uns über ihn luſtig machen. man muß ohnehin ein wenig lachen. Er⸗ warten Sie noch weitere Geſellſchaft?“ „Doch. ja.. wir erwarteten einen jungen Mann einen großen Freund von Herrn Deſtival.. Herrn Auguſt Dalville. kennen Sie ihn?“ „Nein, aber ich habe viel von ihm reden hören... er macht Aufſehen mit ſeinem Glück bei Frauenzim⸗ mern, ſeinen Eroberungen... es wäre mir ſehr an⸗ genehm, ſeine Bekanntſchaft zu machen. Im Allge⸗ meinen ſind dieſe Leichtfüße immer liebenswürdig, nicht wahr, meine Theure?“ „Ja doch.. bisweilen.. nicht immer; übrigens werden Sie ſelbſt urtheilen.“* „Man ſagt, er ſei ein ſehr hübſcher Junge?“ „Wie man das nehmen will: ein erträgliches Ge⸗ ſicht, nichts weiter, ziemlich ſchöne Augen, dagegen ein etwas großer Mund, ſehr dicke Lippen. ich liebe dieſe Geſichtsform nicht im Mindeſten.“ „Und ich liebe die zuſammengekniffenen Munde nicht. Iſt er blond oder braun?“ „Eher, wenn ich mich recht erinnere, iſt er braun, glaube ich.“ 5 61 „Ich glaube gehört zu haben, Herr Dalville be⸗ ſuche Ihr Haus ſehr fleißig.“ „Nicht doch. meinen Mann, Geſchäfts halber.“ „Iſt er nicht muſikaliſch?“ „Ein wenig.“ „Ich habe eine Nokturne mitgebracht, in die ich verliebt bin, er wird ſie mit mir ſingen.“ „Herr Dalville wird gewiß entzückt ſein, Ihr Partner zu werden-... Verzeihung, meine ſchöne Freundin, ich habe zitise Befehle zu geben auf dem Land macht man keine Umſtände.“ „Das will ich hoffen; ich will einſtweilen Ihren Garten betrachten.“ „Gehen Sie; ich will das Frühftück beſtellen Sie dann rufen laſſen.“ Die Modedame hüpft die Gartentreppe hinab und Frau Deſtival geht in ihr Schlafzimmer, wo ſie ſich in einen Lehnſtuhl wirft und zu ihrer eben eintreten⸗ den Kammerjungfer ſagt:„Ach, Julie, welche Wider⸗ wärtigkeit! Ich kann nicht mehr, ich erſtickel“ „Das glaube ich wohl, Madame, es iſt kein Wunder: erwartete Gäſte nicht kommen ſehen und ein ganzes Schock Perſonen empfangen müſſen, die man nicht erwartet!“ „Herr Deſtival iſt grauſam mit ſeiner Wuth, Jedermann, der ihm begegnet, einzuladen! Er könnte es nicht ärger machen, wenn er ein Schloß hätte.“ „Dieſer alte Eſel von Monin, der als und ninken kann„ eben nicht auf ihn.“ „Wird ſeine Frau auch kommen?“ „Nein, Gott ſei Dank, ſie macht Gurken ein.“ „Das iſt ein Glücksfall, denn ſie hat eine ſehr böſe Zunge, die Frau Monin, und eine Neugierde.. denken Sie, ſie läuft immer in die Küche, um Alles auszuſpioniren.“ „Und trotz dem wäre ſie mir noch lieber geweſen als dieſe Thomaſſiniéres, die einen Ton annehmen, ſich ein Anſehen geben, unausſtehliche Anſprüche machen.“ „Außerdem, hat man jemals drei Donmeſtiken, die man äzen ſoll, mithringen ſehen?.. Die Kerls werden hier Alles auffreſſen.“ „Julie, wie viel Uhr iſt es?“ Zwölf Uhr vorüber, Madame.“ Er wird nicht kommen es iſt mir jetzt recht lieb laſſe das Frühſtück auftragen.. man wird erſt um halb ſieben Uhr zu Mittag ſpeiſen.“ „Ganz gut, ſo erſparen wir an ihnen das Nacht⸗ eſſen.“ Julie entfernt ſich. Madame ſeellt ſich vor ihren Spiegel, beäugelt ſich einige Minuten darin, legt einige Locken zurecht und geht dann mit den Worten: „Für dieſe Leute da bin ich ſchön genug!“ Jetzt ſucht ſie Frau von Thomaſſiniere im Garten auf, deren Mann, kaum angelangt, von Herrn Deſtival Feder und Tinte gefordert hat, um augenblicklich in Betreff einer wichtigen Sache eine Note zu ſchreiben. Herr Deftival hat den Spekulanten in ſein Cabinet ver⸗ „Wäre er wenigſtens nur allein da; man achtet 63 pflanzt, indem er ihm ſagte:„Geniren Sie ſich nicht, thun Sie als wie zu Hauſe, ich laſſe Sie allein, und Herr von Thomaſſiniére, der allein in dem Bureau geblieben, hat ſich am Kopf gekratzt, die Federn betrachtet und nichts geſchrieben⸗ aus dem einfachen Grund, weil er nichts zu ſchreiben und keine Note zu geben hatte; aber ein Mann, der große Spekulationen macht, muß immer viel beſchäftigt aus⸗ ſehen und ein Tintenfaß brauchen: das imponirt den Dummköpfen, den Leichtgläubigen und bisweilen ſo⸗ gar den Geſcheidten; nur die Intriganten laſſen ſich mit dergleichen kleinen Piiffen nicht fangen⸗ weil ſie ſelbſt häufig damit umgehen. Von Thomaſſiniére hinweg geht Deſtival zu Mo⸗ nin zurück, der die Vernachläßigung gar nicht übel nimmt, weil er das von ſeiner Frau gewohnt iſt. „Nun, Nachbar, haben wir unſere Apotheke ver⸗ kauft?“ fragt der Geſchäftsmann, Herrn Monin auf die Achſel klopfend. „Noch nicht, mein Nachbar, und das iſt mir gar 8 nicht lieb, weil ich Ihnen ſagen will, daß die, die proviſoriſch das Geſchäft verſehen, nicht meine Uebung haben, und.. „Ich werde die Geſchichte für Sie verkaufen und hoffe, Sie dieſen Winter in Paris zu ſehen⸗ Herr Monin, wo wir näher miteinander bekannt werden wollen.“ „Gewiß, mein Herr.“ Sie werden Ihr Spielchen in meinem Hauſe 64 „Spielt man Muſch bei Ihnen?“ „Nein, aber Ecarté, Boſton. Ich habe Ihnen ein ſehr ſchönes Saus anzubieten.“ „Wirklich?“ „Ja, mit guter Gelegenheit, faſt geſchenkt.“ „Iſt es verſichert?“ „„Ich weiß es nicht.. wir unterhalten uns noch eiter darüber. Machen Sie einen Gang durch den Garten; ich ſehe einſtweilen nach, ob wir etwas zu 6 frühſtücken bekommen.⸗ 5 Monin geht weg und beim Umdrehen ſteht Deſti⸗ 3 Lal vor ſeiner Frau, welche ausruft:„Wie, mein Herr, Sie laden Herrn Wonin zu uns in Paris ein?“ 3„Ganz gewis, Madame,“ Auf dem Lande mag das in die Nachbarſchaft 2 gehen, aber in der Stadt. ein Menſch, der nichts zu ſagen, nichts zu thun weiß und nur Muſch ſpielt!“ „Er iſt reich, Madame.“ „Ei, mein Herr, deßhalb iſt er doch ſo dumm wie eine Gans.“ „Madame, er wird nicht der erſte Ochſe ſein, den man bei mir geſehen hat. wenn man mit vielen Leuten zu thun hat, kann es nicht anders ſein. Und 3 zudem, an Ihren Witzköpfen, Ihren Schriftſtellern,. Ihren Poeten läßt ſich kein Heller verdienen.“ „Wenn Sie das Geld ſo ſehr lieben, mein Herr, warum denn alle Welt auf Ihr Landhaus einladen? Das ruinirt, mein Herr.“ „Tröſten Sie ſich, Madame, ich lade nur Leute ein, die mir nützlich ſein können!.. O, ich bin ſehr h 65 fein, ich rieche von Weitem.. Herr Thomaſſiniére iſt eine ausgezeichnete Bekanntſchaft; es liegt mir viel daran, mich eng mit ihm zu verbinden. Ich weiß wohl, daß er oft ſehr lächerlich iſt; daß er den großen Herrn ſpielen will und ihm das nicht anſteht; daß er mitunter Redensarten und Ausdrücke preis⸗ gibt, die entſetzlich nach der Miſte riechen; daß er tödtlich abgeſchmackt iſt mit ſeinen Wagen, ſeinen Ländereien, ſeinen Gütern und ſeinen Leuten, die er uns immer an den Kopf wirft; übrigens iſt er doch ein Mann, den ich ganz beſonders hochachte, weil ich, wie ich bereits Dir zu bemerken die Ehre hatte, ſehr weit ſehe, ich, Madame!... Aber das Frühſtück?“ „Reden Sie mit Baptiſt, mein Herr; ich habe meine Befehle Julien gegeben.“ Madame Deſtival geht in den Garten. Die Mode⸗ dame flatterte darin umher, indem ſie ſich einen Strauß pflückte. „Sie ſehen,“ ſagte ſie,„daß ich Ihre Blumen abbreche.“ „Sehr wohl gethan, meine theure Freundin⸗ neh⸗ men Sie, was Ihnen gefällt.“* „Ihr Garten iſt lieblich.“ „O, er iſt nicht groß, aber er hat Lauben und das liebe ich.“ „Ich auch. Auf unſerm Landgut Fleury habe ich einen Wald pflanzen laſſen,. Sie ſollten ſehen, das wird charmant werden.“ „Aber ehe er aufgeſchoſſen iſt?“ S 66 „Ei, man hat lauter ſchon große Bäume genom⸗ men; ich werde Ihnen dort nächſten Monat ein Feſt geben und warte nur noch, bis die Malereien und Verſchönerungen, die ich dort anbringen laſſe, fertig ſind; dann ziehe ich einen Monat hin. Aber ich werde viele Leute mitbringen, denn ich liebe das Land nur mit großer Geſellſchaft.“ „Ich liebe die Einſamkeit.“ „Ach Gott! ich würde ſterben, wenn ich einen Tag allein ſein müßte.“ „Sie lieben alſo die Lectüre nicht?“ „Ja doch, eine Weile, in meinem Bett, aber nicht lange, es ermüdet mich.“ „Die Muſik?“ „Ich treibe ſie bloß, wenn man mir zuhört.“ „Zeichnen?“ „Ach, das war eine Beſchäftigung in der Penſion. Auf meinem Landgute will ich ein kleines Theater haben; wir werden Comödie ſpielen, das iſt unter⸗ haltend. Ich ſpielte häufig in der Penſion, beſon⸗ ders liebte ich die Rollen, wo man das Cvſtüm wechſelte.“ „Sie ſind ein Kind!“ „Mein Gott! man muß ſich doch die Zeit ver⸗ treiben.. wenn nur mein Mann da wäre, um mich zu unterhalten. ach Bott! du lieber Himmel, wie würde es mit uns ſtehen? Ein Mann, der mit 6 als Berechnungen, Wechſeln und was weiß ich wat noch beſchäftigt iſt!... Dieſe Buregumenſchen ſind nicht ſehr icberswittig 5 67 Inzwiſchen waren dieſe Damen in eine andere Allee getreten und ſtanden mit einem Male neben Monin, der in tiefer Betrachtung eines Zwetſchgen⸗ vaumes mit ſehr großen Früchten zu weilen ſchien; beim Anblick der Nahenden zieht er ſeine Zipfelmütze ab und litaneit:„Wie befindet ſich der Stand Jh.. Doch plötzlich bricht er mitten in der Phraſe ab, weil er ſich erinnert, daß er die Damen ſchon im Saale gegrüßt hat; jetzt wendet er ſich um und deutet auf den Baum, indem er ſagt:„Der gibt ſehr ſchönes Obſt.“ „Wie, meine Theure, Sie haben Fruchtbäume in Ihrem Garten!“ ruft die Modedame;„das iſt der ſchlechteſte Ton; man muß Alles das herausreißen und Ebenbäume, Akazien, Maulbeerbäume auf den Platz ſetzen.“ „O, unſer Garten iſt ganz anſpruchslos,“ ant⸗ wortet Frau Deſtival, ſich ärgerlich in die Lippen veißend,„es iſt kein Park wie auf Ihrem Landgut, und Herr Deſtival liebt das Obſt über die Maßen.“ „Er hat recht,“ antwortet Monin, der ſich näher an den Zwetſchgenbaum gemacht hatte, als Frau von Thomaſſiniere vom Ausroden deſſelben ſprach;„das Obſt iſt des Körpers Freund, wenn man es recht reif ißt. Zudem will ich Ihnen ſagen...“ „Und vollends Zwetſchgen!“ fiel ihm die Zier⸗ puppe ein;„pfui, das iſt gemein, man überläßt das den Domeſtiken.“ „Ja, wenn Herr Deſivat einmal ſein Glück ge⸗ macht hat, dann werden wir einen beſondern Obſt⸗ * 68 Se garten anlegen; einſtweilen aber müſſen wir uns mit einem kleinen Gütchen begnügen. Je nun, wir ſind eben nicht auf den Höhen der Geſellſchaft, in Paläſten geboren.“ Madame Deſtival legte boshafter Weiſe einen be⸗ ſondern Nachdruck auf die letzten Worte, aber Frau von Thomaffinière ſcheint nicht darauf zu achten; un⸗ beſonnen und bedachtlos ſagt ſie verletzende Dinge, ohne daran zu denken, und wenn ſie immer von ihrer Toilette, ihren Diamanten und ihrem Landgut ſpricht, ſo geſchieht es mehr aus Gewohnheit als Eitelkeit, während der Wunſch, mit ſeinem Vermögen Parade zu machen, der Hebel aller Handlungen ihres Mannes ißt. „Das Frühſtück wartet, meine Damen,“ ſagte Herr Deſtival, indem er auf galante Weiſe der Zier⸗ puppe ſeinen Arm zu reichen eilte;„kommen Sie, es iſt ſpät, Sie müſſen Appetit haben, und meiner Treu', wenn Dalville kommt, ſo ſoll er eben allein frühſtücken.“ Der Hausherr entfernt ſich mit der jungen Dame. Herr Monin hat bereits ſeine Zipfelkappe abgezogen und trifft Anftalt, ſeine Hand der Frau Deſtival an⸗ zubieten; dieſe, ſeine Abſicht ahnend, verſchwindet durch eine andere Allee, und der kleine Mann, wie er die Dame nicht mehr bemerkt, faßt den Entſchluß, allein in den Speiſeſaal zu gehen; zuvor aber wirft er noch einen zärtlichen Blick auf den Zwetſchgenbaum. Man ſitzt zu Tiſch. Herr von Thomaſſinière hat das Cabinet noch nicht verlaſſen. — — „Man ſage ihm doch, daß wir frühſtücken wollen,“ rief Herr Deſtival,„und nur noch auf ihn warten.“ Baptiſt geht hinauf und ruft durch die Thüre des Cabinets:„Mein Herr, das Frühſtück iſt aufgetragen.“ „Gut, ſehr gut, ich komme gleich hinab,“ ant⸗ wortet Thomaſſiniére, indem er fortfährt, kleine Pa⸗ pierkügelchen in den Fingern zu rollen;„ich habe nur noch eine Note zu machen.“ Der Diener richtet ſeinen Auftrag aus. „Welch' entſetzlicher Mann mit ſeinen Noten,“ ſagt Frau Deſtival;„er hat alſo keinen Augenblick frei, nicht einmal auf dem Lande!“ „Mein Mann!“ antwortet die Modedame,„ach, meine liebe Freundin, er iſt das unausſtehlichſte Weſen mit ſeinen Schreibereien! Nie iſt er zur Eßſtunde fertig, nicht einmal, wenn wir fünfzig Perſonen zum Diner haben, was ſehr oft geſchieht; man muß ihn immer drei bis vier Mal rufen laſſen.“* Herr von Thomaſſiniere macht inzwiſchen noch fünf Minuten lang Papierkügelchen, bevor er ſich entſchließt, in den Speiſeſaal hinab zu gehen. „Um Verzeihung, hier bin ich. ich kann nichts dafür,“ ſagte er, ſich zu Liſche ſetzend,„man hätte nicht auf mich warten ſollen; es kam mir da wieder eine gewiſſe Spekulation in den Kopf.. ich bitte um ein Stückchen Geflügel und ein Glas Bordeauxz ich eſſe ſonſt nichts des Morgens. Nun, Athelia, haben Sie den Garten der Deſtival ordentlich ge⸗ plündert?“ Athelie, welche für eine Zierdame ſehr viel ſpeist, 70 antwortet ihrem Manne lachend:„Ich that, was ich wollte, mein Herrz Sie wiſſen wohl, daß Sie das nichts angeht.“ „Recht, Madame, ganz recht; ich gebe das Geld, zahle die Rechnungen. zwölfhundert Franken für eine Putzmacherin. iſt etwas theuer. aber Madame hat allerdings Anſpruch auf das Beſte...“ „Wenn Sie ſich ärgerten, mein Herr, ſo würde die nächſte Rechnung doppelt ſo viel betragen.“ „Madame, Sie wiſſen wohl, daß ich mich nie lange um Geld bitten laſſe; es verſteht ſich ja doch von ſelbſt. Wenn man reich iſt, muß man den Kauf⸗ leuten etwas zu löſen geben, nicht wahr, Deſtival?“ „Ganz gewiß,“ antwortet dieſer;„ich bin gerade wie Sie. Nun, wie finden Sie meinen Bordeaur? Sie ſagen mir nichts darüber.“ „Er iſt ziemlich gut, doch ich habe beſſern o, ein weit beſſeres Gewächs; Sie ſollen das ſehen, wenn Sie bei mir trinken.“ „Und dieſe Créme, ſcheint ſie Ihnen gut, Ma⸗ dame?“ „Ja doch,“ antwortet die Modedame, während Herr von Thomaſſinière ſich den Teller damit über⸗ füllt, indem er ſagt:„Das iſt alſo Créme!“ dann mit einer kleinen Grimaſſe beifügt:„Ah, auf meinem Landgut haben wir eine vortreffliche Milcherei! dort macht man Sachen, mit denen ſich dieß hier nicht vergleichen läßt!... Dort iſt es etwas Anderes.. und Geflügel.. ah, koſtbares!.. Freilich wird es auch mit aller Sorgfalt gefüttert!... Ihr Andern ein Huhn, wie dieſes da, eſſet; kenntet ihr aber meinen Hühnerhof in Fleury, ſo würdet ihr dieſes da für Pafel halten.“ „Es iſt alſo ſehr glücklich, daß wir ihn nicht ken⸗ nen,“ antwortet Frau Deſtival mit einem ausdrucks⸗ vollen Blick auf ihren Mann. Dieſer, um dieſem liebenswürdigen Geſpräch ein Ende zu machen, wen⸗ del ſich an Monin, der, ſeitdem er bei Tiſche ſitzt, kein Wort geſprochen hat, ſondern emſig an einem Geflügelfuß nagt, den er manchmal mit Tabak beizt, und als Liebhaber eine ſchöne Paſtete beängelt, die vor ihm ſteht und zu der er zu ſagen ſcheint: Pb befindet ſich der Stand ihrer Geſundheit? 2“ Vie ſteht's mit dem Appetit, mein Nachbar? Ich dächte, gut.“ „Ja.. ja... das macht das Wetter.. ſchnupfen Sie?“ Und Monin bietet Deſtival ſeine Doſe an, dann dem Herrn von Thomaſſiniére, der ein wenig nimmt, dann aus ſeiner Taſche eine goldene Tabaksdoſe zieht, die er eine Zeit lang wohlgefällig betrachtet, bis er in die Worte ausbricht:„Hier iſt Virginier, das iſt der beſte Tabak; er iſt ſehr theuer, aber ich liebe nur ſolchen. Verſuchen Sie, mein Herr!“ Monin, der noch nie eine Priſe ausgeſchlagen hat, iſt eben im Begriff, eine virginiſche zu nehmen, als man Rädergeraſſel im Hofe hört und Julie mit den Worten herbei eilt:„Herr Dalville kommt ſein Cabriolet iſt eben eingefahren.“ glaubt vielleicht etwas Gutes zu ſpeiſen, wenn ihr * 5 72 Frau Deſtival lächelt zufrieden; die Modedame wechſelt ſchnell den Teller, damit man die Gebeine ihres Frühſtücks nicht vor ihr ſehe; Herr Deſtival eilt, ſeinen theuern Freund zu empfangen, und Herr von Thomaſſiniére ſagt zu ſich ſelbſt:„Dieſer Dal⸗ ville muß ein Millionär ſein, daß ſeine Ankunft ſo viel Senſation erregt.“ Was Monin betrifft, der in einer Hand die Priſe Vipginier und in der andern ſeine Gabel hält, ſo verwirrt ihn die durch Dalville's Ankunft eingetretene Bewegung ſo ſehr, daß er ein hübſches Stück Schin⸗ ken zur Naſe und den ſuperfeinen Tabak zum Munhe führt. Sobald er jedoch ſeinen Irrthum gewahr wird⸗ begnügt er ſich, jedes an ſeinen rechten Platz zu bringen. Funftes Kapitel. Das Crereitium. die Schaukel, i vat Orwittot unb die Muſik. Deſtival, welcher Dalville entgegen gegangen iſt, ſucht ihn vergeblich mit den Augen und ſieht neben dem Cabriolet nur den kleinen Toni und Bertrand, welcher ihm eine militäriſche Begrüßung macht. „Nun, wo iſt er denn? wo kam er herg?“ fragte Herr Deſtival. Bertrand fährt mit der i über die Lippen und kratzt ſich hinter den Ohren, um eine Antwort zu finden. Endlich erklärt er zuverſichtlich: „Herr Dalville wird gleich hinter mir d'rein kommen.“ . „Mir ſcheint doch, Sie kamen ohne ihn anz er hat Sie alſo unterwegs verlaſſen?“ „Ja, mein Herr.“ „Kennt er Jemand in der Umgegend?“ „Es ſcheint, ja, mein Herr.“ „Nun, er kommt alſo? Das iſt die Hauptſache.“ Deſtival eilt zu den Damen zurück, die er be⸗ nachrichtigt, daß ſein Freund Dalville bald eintreffen wird, daß er ſich nur bei einer Bekanntſchaft auf⸗ hielt, aber nicht mehr lange ausbleiben kann. „Meines Wiſſens kennt er doch Niemand in der Stgend,“ ſaßzte Frau Deſtival verblüfft. „Du lieber Himmel! dieſer Herr läßt ſehr auf ſich warten,“ antwortet die lebhafte Athalie, vom Tiſche aufſtehend, indeß Thomaſſinière, mißvergnügt, daß man ſich mit einem Andern als mit ihm beſchäf⸗ tigt, einige Mal im Zimmer auf und ab geht, dann heftig mit dem Fuße ſtampft und ſich vor die Stirne ſchlägt mit dem Augruf:„Ach, mein Gott! ſchier hätte ich vergeſſen.. wie viel Uhr?... noch nicht ein Uhr? . Iſ eine Poſt in der Nähe?“ „Eine Eſelspoſt?“ fragte Monin. „Nein doch, eine Briefpoſt.“ „O ja, da drüben in der zweiten Straße. Ich ber öchte Ihnen ſagen... „Ich fliehe dahin... werde noch zu rechter Zeit kommen.“ Und Herr von Thomaſſiniére ſtürzt aus dem Saal, Paul de Kock. LXVI. glaube, ₰ indeß will ich nicht anf ſchwören als wollte er alle Welt niederrennen, und hört nicht auf Deſtival, der ihm zuruft:„So bleiben Sie doch, man kann ihn ja hintragen zudem ſind Ihre Leute da.“ Der Spekulant läuft eiligſt dem Felde zu, und unter einem dichten Buſchwerk angelangt, ſtreckt er ſich auf den Raſen nieder und ſchläft ein, indem er vor ſich hinmurmelt:„Ein Mann wie ich darf kei⸗ nen Augenblick für ſich haben.“ Die Damen ſind in den Saal zurückgekehrt; Herr Deſtival geht wieder zu Bertrand hinab, und Monin, wie er Jedermann die Tafel verlaſſen ſieht, entſchließt ſich, ein Gleiches zu thun, und folgt dem Hausherrn. Sobald ſich Bertrand erfriſcht hat, geht ihn De⸗ ſtival mit der Bitte an, ihm eine Lection im Exer⸗ zieren und Commandiren zu geben. Dem alten Kor⸗ poral macht es Freude, zu üben, was glorreiche Erinnerungen in ihm erweckt. Er begibt ſich auf die Gartenterraſſe mit Deſtival, der ſich ein Gewehr bringen läßt, nebſt einem Stoßrappier, das ihm als Säbel dient, und ſich kerzengrade aufpflanzt, indem er Bertrands Commandoworten folgt. Monin, der ihnen nachgelaufen iſt, glaubt, Schicklichkeits halber es ſeinem Gaftfreunde gleichthun zu müſſen; in Er⸗ manglung eines Gewehrs faßt er eine Miſtgabel und führt, hinter ſeinem Nachbar ſtehend, gleichfalls die Bewegungen:„Rechts! Links! Präſentirt das Ge⸗ wehr!“ in ſo weit aus, als er nicht durch das Zur⸗ handnehmen der Tabaksdoſe daran gehindert wird. ⸗ Schon länger als eine Stunde ſind dieſe Herren 75 auf der Lerraſſe mit Bertrand, der den ganzen Tag gerne mit ſo angenehmen Beſchäftigungen zu⸗ bringen würde. Herr Deſtival, welcher die Feld⸗ hüter verdunkeln wollte, fängt an, die Haltung eines preußiſchen Grenadiers anzunehmen, und Monin, der aus Begierde, es ſeinem Gaſtfreund gleich zu thun⸗ von Schweiß trieft, bemerkt nicht, daß er vor lauter Exerzieren mit der Miſtgabel ſeine Zipfelmütze und Perrücke nach hinten geſtreift hat, was ihm ein außer⸗ ordentlich händelſüchtiges Anſehen gibt. Die Uebung wird durch Ausbrüche des Lachens von der ſpöttiſchen Athalie, welche mit Frau Deivh herbeikommt, unterbrochen. Herr Monin hält auf das Commanvo: Präſen⸗ tirt das Gewehr!“ inne. Es war hohe Zeit;z noch einige Augenblicke und die Perrücke glitſchte den Rücken hinab, wodurch der Exapotheker ſich als Jeſuskindlein präſentirt hätie. Was Deſtival anbelangt, ſo ſiellt er ſich ſtolz den Damen vor, mit dem Gewehr im Arm, und ruft ſie an:„Nun, was denkt ihr von der Haltung?“ „Prächtig! abeß der Herr mit ſeiner Miſtgabei gefällt mir doch beſſer; er iſt drolliger.“ „Wie, Nachbar, nehmen Sie auch eine Lection im Exerzieren?“ „Ja,“ antwortet Monin, ſich die Stirne wiſchend und ſeine Perrücke vorwärts ſchiebend,„ich war Ih⸗ nen von ferne gofolgt, und dann möchte ich Ihnen ſagen... Aber was iſt denn aus Herrn Dalville gewor⸗ 76 den?“ fragte Frau Deſtival, ohne auf Monin weiter zu hören;„er verläßt Sie unterwegs, Bertrand, er ſoll gleich nach Ihnen ankommen und jetzt ſind Sie ſchon zwei Stunden hier. Bei wem haben Sie ihn denn gelaſſen?“ „Bei wem, Madame? Ich habe nicht geſagt, daß ich ihn bei Jemand ließ.“ „Sie haben ihn ſicherlich in ein Haus eintreten ſehen!.. Mit einem Wort, Sie Jaben ihn nicht auf der Straße verlaſſen.“ „Um Verzeihung, Madame, ich habe meinen Lieutenant eine halbe Stunde von hier juſt mitten auf der Straße verlaſſen.“ „Bertrand, Sie verſchweigen Etwas... und Herr Auguſt war wahrſcheinlich nicht allein auf der Straße?“ „Ich habe mich nicht umgeſehen, Madame, ob Jemand komme.“ „O, es muß da irgend ein Landmädchen, eine bäueriſche Schönheit in der Nähe geweſen ſein, welche Herr Dalville verführt haben wird.“ Wie, meine Theure, macht er in dieſem Artikel Geſchſte⸗ fragte die Modedame mit verächtlicher Miene. „Er macht in allen Artikeln, meine Theure. Ach, mein Gott.. nicht einmal eine Dirne aus dem Ge⸗ flügelhof mit einer Stülpnaſe. ein...“ „O pfui! das gibt meiner guten Meinung über dieſen Herrn einen großen Stoß.“ „Ich wiederhole Ihnen,“ ziſchelte Madame Deſti⸗ val reundin in's Ohr,„er iſt ein Wüſtling 1 ——— 77 im höchſten Grad! Ohne den erklärten Willen mei⸗ nes Mannes empfinge ich ihn nicht.. er iſt ein Menſch, deſſen Bekanntſchaft den Ruf einer Frau compromittiren kann. Aber Deſtival iſt verrückt mit ihm. er will ihn durchaus bei ſich haben und ladet ihn ohne Unterlaß ein. Ich liebe den Frieden und laſſe meinen Mann machen, was er will.“ „So gefällig bin ich nicht; ich thue bloß, was mir gefällt: ich empfange nur Leute, die mir ange⸗ nehm ſind. Ha! wenn Herr von Thomaffiniére mir entgegen zu ſein wagte, ſo verfiele ich augenblicklich in Nervenkrämpfe.“ Die Damen wollen in den Garten und Bertrand zur Exerzierlection zurückkehren, als man lautes Lachen im Hofe vernimmt. Gleich darauf ſteht Dal⸗ ville vor der Geſellſchaft. „Ei, guten Tag, mein Lieber,“ ſagt Herr De⸗ ſtival, indem er, ſein Gewehr in der Hand, zu Auguſt hingeht;„man verzweifelte ſchon an Ihrem Beſuch Gewehr in Arm.. nun? iſt's recht ſo?“ „Ich ſehe, Bertrand wird Etwas aus Ihnen machen?“ 4 „Da iſt meine Frau, die entſetzlich übler Laune wegen Ihres Ausbleibens war.“ „Gott! was ich mit dem Mann ausſtehen muß,“ flüſterte Frau Deſtival ihrer Nachbarin zu, indem ſie eine kalte Miene annimmt, um Auguſts Gruß zu er⸗ wiedern, der zu ihr ſagter„Wie, Madame, Sie waren ſo gütig, ſich um meine Abweſenheit zu küm⸗ „Ich, mein Herr, habe kein ſolches Wort über die Lippen gebracht; ich weiß nicht, welchen Spaß es Herrn Deſtival macht, mich Dinge ſagen zu laſſen, woran ich nicht denke. Ich fand es nur etwas lächer⸗ lich, am Abend anzukommen, wenn man ſich zum Frühſtück verſprochen hat; übrigens hat es mich nicht im Geringſten überraſcht; denn... Aber, mein Gott, was iſt Ihnen denn begegnet, mein Herr?.. Wie Sie ausſehen.. eine Wunde im Geſicht... der ganze Anzug in Unordnungz es ſcheinen Ihnen große Aben⸗ teuer zugeſtoßen zu ſein.“ „In der That, Madame,“ ſagte Auguſt, indem er Athalie grüßte und einen kokettirenden Gruß zu⸗ rückerhielt,„es iſt mir Etwas begegnet.“ Vielleicht der Wolf,“ ſagte Monin, ſich Deſtival nähernd,„welcher in dem Walde haust, wie die Bäuerin, welche meiner Frau Gurken verkauft, uns geſtern erzählt hat.“ „Sie hätten ſich mit einem Wolfe geſchlagen, mein tapferer Dalville?“ ruft Deſtival, das Bajonett gegen die Geſellſchaft vorßtreckend, als wollte er ein Carrée ſprengen. „Nicht doch, mein Herr,“ ſagte Madame Deſtival mit boshaftem Lächeln;„dieſe Schmarre im Geſicht des Herrn kommt von keinem Wolf her; ſie ſieht etwas ganz Anderem gleich; nicht wahr, theure Freundin?“ „Das?“ ſagte die lebhafte Athalie, Auguſt aus nächſter Nähe in's Geſicht blickend,„aber.. das ſieht ia einem Nagelkniff ganz gleich.. nicht wahr, mein Herr?“ „ 3 —2— — 79 „Sie täuſchen ſich nicht, Madame.“ „Sie haben ſich alſo geſchlagen, mein Herr!“ ſagte Madame Deſtival.— „Nein, Madame, ich bin bloß einem ſehr nied⸗ lichen Kind begegnet... es hatte den Topf mit der Suppe ſeines Vaters zerbrochen; ich tröſtete es mit einem Goldſtück, dann... hat es mich in ſeiner Freude geküßt, fuhr ſchmeichelnd mit ſeinen Händchen über meine Wangen und muß mich unwillkürlich ein wenig gekratzt haben; das, meine Damen, iſt der treue Be⸗ richt meines Abenteuers.“ Frau Deſtival beißt ſich in die Lippen und ſieht ihre Gefährtin an, welche ironiſch lächelte; Beide ſchienen an der Wahrhaftigkeit der Dalville'ſchen Er⸗ zählung zu zweifeln, worüber ſich indeß dieſer keine Grillen macht. Das kurze Stillſchweigen, welches dadurch entſteht, benützend, ſchleicht Monin zu Auguſt hin, den er ſchon zwei Mal bei ſeinem Nachbar ge⸗ ſehen hat, und ſagt zu ihm mit der liebenswürdig⸗ ſten Miene:„Wie befindet ſich der Stand Ihrer Ge⸗ — Portrefflich, Herr Monin, ausgenommen dieſe Schmarre, die nicht gefährlich iſt.“ „Und Sie lachen noch, mein Herr O, man muß mit Nägelwunden nicht ſcherzen...(ihm die Doß anbietend) iſt's gefällig?“* „Danke.“ 1 „Ich weiß, was es heißt, weil ich Ihnen ſagen möchte, meine Frau hat eine Katze — 5 Gar nicht neugierig auf Monins Geſchichte forgt 80 Dalville den Damen, welche in den Garten zurück⸗ gekehrt ſind. Athaliens Gegenwart treibt den jungen Mann zu dem Wunſche, liebenswürdig zu ſein. Auguſt hatte nämlich nur die Dame des Hauſes zu finden erwartet, welche zwar gar nicht übel iſt, aber bei welcher er die liebenswürdige Seite herauszukehren nicht mehr ſo eifrig ſich bemüht. Warum? weil er nicht in ſie verliebt, oder weil er ſeiner Sache ſchon 5 gewiß iſt, vder.,“ Meiner Treu', da bin ich überfragt. Das ungebundene, lebhafte Weſen der Frau von enaſ paßt vollkommen zu der Luſtigkeit und %den Manieren Auguſts, und da man auf dem Lande 6 viel freier ſich benehmen darf, ſo lachen und ſcherzen in ganz kurzer Zeit Auguſt und die Modedame mit 5 einander wie alte Bekanntſchaften. S Frau Deſtival theilt ihren Frohſinn nicht; ſie ſchmollt, ſpricht wenig und begnügt ſich, dem jungen WMann von Zeit zu Zeit Blicke zuzuſchleudern, aus welchen ſich Allerlei herausleſen läßt; je vertrauter 5„Auguſt und Athalie werden, um ſo meyr ſcheint ihre ℳ üble Laune zuzunehmen. Indeſſen durchläuft man 5„den Garten, ſetzt ſich, dann geht Frau von Thomaſ⸗ ℳ finiere wieder zu einer ſchönen Ausſicht, die ſie be⸗ dert, oder pflückt eine Blume, oder haſcht nach . m Schmetterling und zeigt, zurücktehrend, Auguſt ℳ ne doppelte Reihe glänzender Zähne und ſcheint ihm zu ſagen:„Komm' doch mit mir.“ Aber Frau Deſti⸗ val verläßt ſie nicht, und obwohl ſie ein auffallend widerwärtiges Geſicht dazu ſchneidet, läuft ſie doch gleichfalls den Schmetterlingen ngch. wie toll in das Schaukeln verliebt, 81 „Aber was haben Sie denn, meine Freundin?“ fragt Athalie ſcheinbar gutmüthig,„Sie ſcheinen mir nicht vergnügt.“ „Verzeihen Sie, ich bin ſehr zufrieden, aber ein heftiges Kopfweh hat mich überfallen.“ „Gehen Sie in's Haus und legen Sie ſich einen Augenblick auf Ihr Kiſſen.“ „Nein, liebes Kind! o, ich will bei Ihnen bleiben.“ „Soll man ſich denn auf dem Lande Zwang an⸗ thun?.. Zudem wird mir Herr Dalville Geſellſchaft leiſten.. wir haſchen Schmetterlinge miteinander.“ „Ich haſche Alles, was Ihnen Vergnügen macht⸗ Madame,“ antwortet Auguſt mit einem Lächeln, wel⸗ chem ſogleich eine kleine Verziehung des Mundes folgt, weil ihn Frau Deſtival heimlich in den Arm gekniffen hat, während ſie laut ſagte:„Nein, die Luſt wird mir gut thun.. ich glaubte aber, Sie wollten Muſik machen?“ „Ja doch, den Abend, wir haben Zeit dazu, da ich bei Ihnen übernachte, und der Herr bleibt auch hier?“ „Wenn Madame es gütigſt erlauben will,“ er⸗ wiederte Auguſt, ſeine Gaſtfreundin anblickend, welche mißmuthig antwortet:„Wie Ihnen beliebt, mein Herr,“ Nachdem man ſich noch eine Weile ergangen, kommt man bei einer Schaukel an, und die lebhafte Athalie ſetzt ſich ſchnell auf die enge, nur durch zwei Stricke gehaltene Planke, indem ſie zu Auguſt ſagt:„Ah⸗ bringen Sie mich in Schwung, ich bitte Sie; ich bin bwohl ich ſchon zehn Mal bei dieſem Spiel in Lebensgefahr gerieth; doch einerlei, ich kehre doch wieder dazu zurück. Aber das iſt zu ſtark, mein Herr, hören Sie!“ „Ich thu' es ganz, wie Ihnen beliebt, Madame.“ Auguſt ſteht neben der Schaukel, die er leicht an⸗ ſtößt, während Frau Deſtival ſich in einiger Entfer⸗ nung niederſetzt und das Schnupftuch vor die Augen hält. Der junge Mann iſt nachdenklich; bald blickt er Athalie, bald Frau Deſtival an; der Muthwille Jener reißt ihn hin, der Kummer Dieſer ſcheint ihm Schmerz zu machen. Da ruft die Modedame aus: „Ach, wie amüſant... ach, wie angenehm!. So machen Sie doch, mein Herr, ſärker... Achtung ge⸗ geben, Ihre Stöße ſind zu heftig!... Ach, meine Theure, Sie können ſich das Vergnügen, welches ich dabei empfinde, nicht vorſtellen.“ Frau von Thomaſſiniére wird nicht müde, ſich ſchaukeln zu laſſen; Frau Deſtival aber, nicht im Ge⸗ ringſten daran erbaut, entſchließt ſich, ohnmächtig zu werden und mit einem Seufzer auf einen Stuhl zu finken. Jetzt verläßt Auguſt die Schaukel, um Emilien beizuſpringen, der er zuruft:„Was haben denn, was fehlt Ihnen denn, Madame2“ „Hinweg, Sie ſind ein Ungeheuer!“ antwortet Madame Deſtival, ohne die Angen aufzuſchlagen. „Was that ich denn?“ „Sie wähnen, ich bemerke Ihr Betragen nicht?“ „Mein Betragen ſcheint mir doch ganz natürlich.“ „Nicht zufrieden, ich weiß nicht woher zu kom⸗ men, erlaubt ſich der Herr, vor meinen Augen einer Kokette den Hof zu machen, die ſich auf die unan⸗ ſtändigſte Weiſe aufführt. Ich hoffte doch wenigſtens, mein Herr, daß Sie mein Haus reſpektiren würden.“ „Wahrhaftig, Madame, Ihre Laune befremdet mich; ich bin anſtändig, artig, weiter nichts.“ „Halten Sie mich denn für blind?... Es ſpringt zu ſehr in die Augen.. man ſollte ſich doch minde⸗ ſtens einigen Zwang anthun.“ „Aber. „Schweigen Sie!“ „Nun,“ ruft Athalie, welche die langſamere Be⸗ wegung der Schaukel fühlt,„was machen Sie denn, mein Herr, Sie thun nichts mehr und laſſen mich da ſitzen ich will aber noch nicht aufhören! Sind Sie denn ſchon müde? Ei, das iſt eine Schande für einen ſo jungen Mann!“ In dieſem Augenblick kommt Herr Monin, der, da ſein Gaſtfreund beharrlich bis zum Mittageſſen exerzieren will, nicht im Stande iſt die Anſtrengung auszuhalten, die Miſtgabel abgelegt und ſeine Schritte in den Garten gewendet hat, wo er, ſich die Stirne wiſchend, in ſeiner Tabaksdoſe die Herſtellung ſeiner, Lebensgeiſter ſucht. „Sie kommen ganz geſchickt, Herr Monin,“ ſagt Frau Deſtival,„Madame braucht nothwendig einen Schaukler; thun Sie ihr doch ſchnell dieſen Dienſt, ſie wird entzückt ſein.“ WMit dieſen Worten ſteht Emilie auf, nimmt Auguſts Arm und zieht ihn nach einer andern Seite des Gartens fort, indem ſie Monin ganz verblüfft nicht heimbrächte, ſo würde mir meine Frau ü 84 über das ihm angewieſene Geſchäft ſtehen und Athalie auf der Schaukel ſitzen läßt. Dieſe, die den übrigen Perſonen den Rücken bietet, hat weder den Abgang der Beiden noch den Wechſel ihres Schauklers bemerkt. „Je nun, ſtoßen Sie mich doch, mein Herr,“ rief die Modedame, indem ſie ſich auf der Schaukel hin und her ſchob, um ſie ſelbſt in Gang zu bringen. Monin erquickt ſich mit einer neuen Priſe und geht zur Schaukel hin; da er aber die Richtung, welche die Schaukel rückwärts nimmt, nicht berechnet hat, ſo fährt in dem Augenblick, wo er die Aermel zurück⸗ ſchlägt, um einen deſto kräftigern Stoß zu geben, das Brett ihm über den Kopf hin und die rundlichen Formen der jungen Frau ſchlagen ihn mitten in's Geſicht. Der von dem Schlag betäubte Monin fliegt einige Schritte weit auf den Raſen; Frau von Thomaſſiniére ſtoßt einen Schrei aus, weil Monins Raſe ſie bei⸗ nahe über das Brett herabgeſtürzt hätte. „Welche Ungeſchicklichkeit!“ ruft ſie aus,„wenn ich mich nicht ganz feſtgehalten hätte, ſo hätte ich fallen müſſen; geſchwind, geſchwind, halten Sie mich an und helfen Sie mir herunter... nun, mein Herr, wollen Sie mich da ſitzen laſſen?“ Monin bedurfte einige Zeit, um wieder aufzu⸗ ſtehen, und ſuchte ſeinen Hut, welche ihm die Schaukel abgeſtreift hatte, indem er murmelte:„Ich komme augenblicklich, Madame.. aber wenn ich meinen Hut mitſpielen,“ 2 doch wiſſen, ob Herr Dalville bei Frau Deſtival iſtz 85⁵ In ihrer Ungeduld wendet Athalie den Kopf und wird Monins gewahr, der an einem Baum hinauf⸗ zuklettern verſucht, um ſein durch die Schaukel auf einen ziemlich hochſtehenden Aſt hinaufgeſchleudertes Kaskett zu holen. Die junge Frau bricht in ein helles Lachen aus, wirft ſich von der Schaukel herunter und geht weg, indem ſie Auguſt und Madame S jedem Gebüſche ſucht. Nachdem ſie vergeblich den Garten durchlaufen hatte, kehrt ſie auf den Platz zurück, wo Monin noch immer unten an dem Baume ſteht, den er zu erklet⸗ tern umſonſt verſucht hat, und mit troſtloſer Miene ſeinen Hut auf dem unerreichbaren Zweig betrachtet, indem er in ſeiner Doſe das Mittel zur Wiederer⸗ langung ſeiner Kopfbedeckung zu finden hofft. „Wohin ſind ſie denn gegangen, mein Herr?“ fragte die hitzige Athalie, vor Monin ſtehen bleibend. Dieſer rollt ſeine breiten Augen ringsumher und ſagt: „Wer das, Madame?“ „Nun, Herr Dalville und Frau Deſtival!“ „Ich kann's Ihnen nicht ſagen.. ſie müßten nur gleichfalls zum Exerzieren gegangen ſein.“ Athalie eilt dem Hauſe zu. Herr Deſtival iſt noch auf der Terraſſe mit Bertrand; die junge Frau be⸗ gibt ſich in den Saal; dort befindet ſich Niemand. „Das iſt ſehr liebenswürdig,“ denkt Athalie,„die⸗ ſer Herr iſt gewaltig galant; es ſcheint, man thut ſich hier keinerlei Zwang an. Ich möchte übrigens 86 ſie hatte Migräne.. ich bin neugierig, zu erfahren, wie ſie ſich dieſelbe vertreibt.“ Die Modedame verläßt den Saal, läuft durch mehrere Gemächer und begegnet keiner Seele, denn Julie und Baptiſt ſind in der Küche beſchäftigt und die drei Lakaien des Herrn von Thomaſſinière ſpielen Gans in dem Dorfe. Athalie geht die Treppe hin⸗ auf in den erſten Stock, wo ſich das Schlafzimmer der Frau Deftival befindet, findet aber die Thüre geſchloſſen und den Schlüſſel abgezogen. „Sie iſt drinnen,“ ſagt Athalie bei ſich und klopft leicht an die Thüre; keine Antwort. Sie klopft ſtärker; endlich läßt ſich die Stimme der Frau Deſti⸗ val hören, welche fragt, wer da ſei? „Ich bin's, meine Gute,“ antwortet Athalie,„ich möchte mich mit Ihnen unterhalten.“ „Ach, verzeihen Sie, ich ſchlafe einen Augenblick meine Migräne hat ſo ſehr zugenommen.“ „Ich habe auch eine und will einen Augenblick neben Ihnel ruhen, das wird mir ſehr wohl thun.“ „Hat Ihnen denn Julie Ihr Zimmer nicht ge⸗ zeigt?“ „Nein, Liebchen, öffnen Sie mir doch.“ Frau von Thomaſſiniére will ſich nicht entfernen; es vergeht aber noch einige Zeit, bevor man ihr auf⸗ macht. Frau Deſtival erſcheint in einer Unordnung des Anzugs, welche die natürliche Folge des Liegens auf dem Bette iſt. Eintretend, wirft Athalie einen raſchen Blick im Zimmer umher, und ihre Augen möchten gerne in ein kleines Cabinet mit Glasſchei⸗ 6„ trennt; er wird in's Dorf ſpaziert ſein.“ 87 ben eindringen, das an dem Fuß des Bettes ſteht und feſt verſchloſſen iſt. „Gott! der Kopf zerſpringt mir!“ ſeufzt Frau Deſtival, indem ſie die Hand an die Stirne drückt. „Es geht alſo nicht beſſer?“ fragt Athalie, ſich auf eine Ottomane ſetzend. „Ach nein, im Gegentheil.“ „Legen Sie ſich wieder zu Bette, meine Theure, ich ſtrecke mich auf dieſe Ottomane hin und mag gerne gleichfalls ausruhen... die Sonnenhitze hat mir die Nerven angegriffen.“ Frau Deſtival ſcheint ſich nicht mehr auf das Bett legen zu wollen; ſie durchſchreitet ungeduldig das Zimmer, indem ſie antwortet:„O nein, ich will nicht mehr ſchlafen; es iſt bald Zeit zum Mittag⸗ eſſen.“ „Ach, wie konnten Sie denn hier ausruhen bei dem Lärm, den ihr Gemahl mit ſeinem:„Vorwärts! Angelegt!“macht?“ „Das ſtörte mich nicht im Geringſten.“ „Und wo haben Sie Herrn Dalville hingebracht?“ „Ich, nirgends wohin.“ „Ich glaubte ihn in Ihrer Geſellſchaft.“ „In meiner?“ „Als Sie mich auf der Schaukel verließen, haben Sie ihn mir denn da nicht entführt, indem Sie mich in dieſes liebenswürdigen Herrn Monin amüſanter Geſellſchaft zurückließen?“ „Herr Auguſt hat ſich augenblicklich von mir ge⸗ „Wiſſen Sie, meine Gute, daß ich Herrn Dalville nach der Schilderung, die Sie mir von ihm entwor⸗ fen haben, gar nicht erkennen konnte?... Erſtens ſagten Sie, er ſei unſchön, er habe ein gemeines Geſicht...“ „Ei, 36 habe nicht geſagt gemein.. ich ſchwöre Ihnen.. „Er ſei von ſchlechtem Ton.. ein Wüſtling, ein Bruder Liederlich, ein Menſch, doffen Beſuche den guten Ruf einer Frau compromitiren Knn i, meine Theüre, Sie übertreiben. „Um Verzeihung, Sie haben beſtimmt das alles geſagt! Sie hatten mir ein abſcheuliches Portrait von ihm gemacht. Was mich betrifft, ſo finde ich ihn im Gegentheil ſehr ausgezeichnet; er hat Ma⸗ nieren, die mir wohlgefallen!“ „Ein großes Glück für ihn, Madame.“ Lieber Himmel, was machen Sie denn da, Sie legen Ihren Gürtel verkehrt an!“ „Ach ja, ich leide an Zerſtreuung.“ „Soll ich Ihnen Ihr Kleid zuknüpfen, meine Gute?“ „Danke, ich kleide mich ſelbſt an.“ In dieſem Augenblick erbebt Emilie bei dem Ge⸗ räuſch eines Dinges, das man an das Fenſter lehnt. „Was iſt denn das?“ ſagt ſie. „In dieſem Cabinet iſt, glaube ich, etwas ge⸗ fallen.“ „Nein, Madame, das Geräuſch kam nicht aus dem Cabinet, es iſt am Fenſter.“ Die Damen treten an's Fenſter und ſehen Herrn 89 Deſtival, der eine Leiter an den Kreuzſtock des Zim⸗ mers ſeiner Frau angelegt hat. „Was machen Sie denn, mein Herr?“ ſagte Frau Deſtival entſetzt,„was ſoll dieſe Leiter, dieſe Unord⸗ nung bedeuten?“ „Meine theure Freundin, ich kann alle möglichen Evolutionen, mit Ausnahme des Stürmens, der Krone des Ganzen, wie Bertrand behauptet, und das wird er mir jetzt zeigen. Sie, meine Damen, ſind in der Feſtung und ſiellen die Feinde vor. Sie werden uns zurückſchlagen, wir werden aber dennoch in den Platz eindringen.“ Was ſoll dieſe Uebertriebenheit bedeuten, mein Herr?“ „Ich ſage Ihnen ja, es iſt die Krone, Madame wohlauf, Bertrand eins, zwei, drei im Sturmſchritt, nicht wahr?“ „Ich will nicht, daß Sie Sturm laufen, mein Herr; Bertrand, ich bitte Sie, nehmen Sie die Leiter weg.. Sie ſind ein Narr, mein Herr! Stürmt man denn, um einen Wolf zu jagen?“ „Man weiß nicht, was ſich ereignen kann, Ma⸗ dame.“ „Ich weiß, daß Sie nicht in mein Zimmer ge⸗ langen werden, mein Herr.“ 5 Nit dieſen Worten ſchlägt Frau Deſtival ihr Fen⸗ ſter zu und zieht die Frau von Thomaſſitert au dem Zimmer hinaus, indem ſie zu ihr ſaht!„Gehen wir hinunter, meine Theure, ich bitte S hen Paul de Kock. LKVI. wir hinab, denn mit ihrem Exerzieren werden Sie mein ganzes Haus umkehren.“ Die Damen begeben ſich auf die Terraſſe, wo Herr Deſtival immer noch ſeine Leiter hält, welche ihm Bertrand umſonſt entreißen will. Der Geſchäfts⸗ mann iſt entſchloſſen, irgendwo aufzuſteigen. „Ei, mein Gott, Herr Gemahl, wenn Sie noth⸗ wendig Etwas belagern müſſen,“ ſagte Frau Deſti⸗ val,„ſo belagern Sie einen Baum im Garten und nicht mein Zimmer.“ Deſtival findet ſich in dieſen Gedanken, und Athalie fordert die Herren auf, den Baum anzugreifen, auf welchem Herrn Monins Strohdeckel nißtet. In der That begibt man ſich zu der Schaukel und findet den Exapotheker, wie er mit ſeinen dicken, kurzen Armen den Baum umklammert, den er beſteigen möchte, ohne ſich mehr als drei Zoll vom Boden erheben zu können. Der Anblick der Leiter entreißt Herrn Monin ein Freudengeſchrei: er bedankt ſich hundertfältig, wie Herr Deſtival im Sturmſchritt hinaufſteigt, indem er gar nicht zweifelt, daß dieſes Manöver den Zweck habe, ihm ſeinen Hut wieder zu verſchaffen; aber Herr Deſtival will die Trophäe mit dem Bajonet faſſen, und die Spitze ſeiner Waffe dringt durch den Boden ſeines aus dünner Sparterie gemachten Hutes. Bertrand ſchreit:„Bravo!“ Monin verzerrt das Ge⸗ ſicht, die Damen lachen und Auguſt kommt noch ge⸗ rade recht, die Scene mit anzuſehen. Der junge Mann richtet ein höchſt artiges Lächeln 91 an Frau von Thomaſſiniere und einen ziemlich kalten Gruß an Frau Deſtival: ob Jedermann ahnt, warum, weiß ich nicht; die beiden Damen aber begriffen ihn recht wohl.. „Sie kommen aus dem Dorfe, mein Herr?“ ſagte Athalie, ihre hübſchen Zähne zeigend. „Ja, Madame, ich habe einel unterrichtenden Spaziergang gemacht.. habe einige neue Erfahrun⸗ gen erworben und hoffe, Nutzen daraus zu ziehen.“ „Das Eſſen ſteht auf dem Tiſch,“ ſagte ein ma⸗ geres, gelbes Männlein, das, mit der Serviette unter dem Arm, daher lief. Es iſt Baptiſt, der Diener des Hauſes, welcher einſtweilen in einer Perſon als Kleiderreiniger, Koch, Lakai, Ausläufer und Haus⸗ hofmeiſter dient, bis Herr Deſtival ſich vollends auf nobelm Fuße eingerichtet hat. Darum hat auch der arme Baptiſt Haar auf den Zähnen und ſagt jeden Tag zu Julien, daß er in keiner Baracke bleiben wolle, wo er einen Pferdsdienſt verrichten müſſe⸗ „Sage doch, es iſt ſervirt, Baptiſt. dieſer Tölpel wird niemals Bildung annehmen!... Auf, meine Damen, zu Tiſche.„auf! ich habe mein Eſſen wohl verdient.. habe heute furchtbar manövrirt... hier⸗ Monin, iſt Ihr Hut. Haben Sie geſehen, wie ich denſelben Ihnen eroberte?“ ⸗ „Sie haben ein Loch hinein gemacht,“ ſagte Monin⸗ indem er mit erbarmungswürdiger Miene den Voden deſſelben Petrachtete. 92 trand?. Doch die Damen ſind bereits weggegan⸗ gen. eilen wir jetzt zum Angriff des Mittageſſens ich will eine furchtbare Breſche darein machen... Bertrand, ſuchen Sie Julien auf, ſie wird Sorge für Sie tragen.“ Bertrand begibt ſich in die Küche und Monin folgt ſeinem Wirth in den Speiſeſaal, nachdem er es ver⸗ ſucht hat, das Flechtwerk, welches das Bajonet durch⸗ löchert hat, wieder zuſammen zu bringen. Alles iſt bei Tiſch, als Herr Deſtival ausruft: „Wo bleibt denn Herr von Thomaſſiniére? er fehlt uns noch!“ „Ja, wahrhaftig, ich dachte nicht mehr an meinen Mann!“ ſagte Athalie, ihrem Nachbar zur Rechten zulächelnd, der kein Anderer iſt als Auguſt, welcher zwiſchen beiden Damen iſt;„o, man braucht nicht auf ihn zu warten!“ „Das iſt ſehr ärgerlich; wo Leufels ſteckt er denn? Sollte er ſich in dem Walde von Bondy verirrt haben?“ „Der iſt ſehr gefährlich!“ ſagte Monin, indem er ſeine Serviette an den Weſtenknopf feſtband,„man behauptet, es befinde ſich gerade jetzt eine Räuber⸗ bande darin, welche...“ „Wenn ich Ihren drei Lakaien beföhle, eine Streife in der Umgegend zu machen?.. Was denken Sie, Madame?“ „Nicht doch, mein Herr, ich bitte, vekümmern Sie ſich nicht um meinen Mann; ſicherlich wird er ſich wieder finden ich bin keineswegs um ihn in Unruhe.“.* 1 8 93 22 „Da Madame nicht in Unruhe iſt,“ ſagte Frau Deſtival, ſich in die Lippen beißend,„ſo hätten wir, meines Erachtens, Unrecht, es zu ſein; folglich kön⸗ nen wir anfangen.“ „Ganz recht, ſpeiſen wirz eins, zwei, auf die Suppe! links ſchwenkt euch, auf das Ochſenfleiſch!“ „Ach, mein Herr, werden Sie uns nie wieder anders anreden als mit eins, zwei?“ „Meiner Treu', Madame, der heutige Tag hat mir viel Geſchmack für den Militärſtand eingeflößt.. es iſt doch was Schönes um einen Mann, der ſich gut aufrecht hält.. Bruſt raus, Bauch'nein!. Geben Sie mir Gemüſe... Ihr Bertrand iſt ein furchtbarer Kerl; er verſteht ſeine Kunſt von Grund aus!.. Peſt, welcher Satan von Exerziermeiſter! wie der ein Gewehr handhabt!... Er hat mir geſagt: ,ich bin zufrieden mit Euch; noch drei bis vier Lectionen und ich hoffe...““ „Ich hoffte, mein Herr, Sie haben ſchon genug los.“ „Meine liebe Frau, ein Mann kann die Hand⸗ habung der Waffen nie zu gut kennen lernen.. jetzt wünſchte ich ſogar, daß uns Räuber anfielen!“ „Je nun? würden Sie dieſelben exerzieren laſſen?“ „Nein, Madame, ſondern ich würde mich meiner Voriheile bedienen; ich feuere jetzt in weniger als fünf Minuten mehr als vier Mal ab.“ „Davon wußte ich nichts, mein Herr.“ „O, es gibt noch überraſchendere Dinge; da, ſehen Sie nur Monin an, der uns nur eine Weile 94 zugehört hat, und doch hat er bereits eine beſſere Haltung als dieſen Morgen.“ „Gewiß,“ ſagte Monin, eine Rübe erhebend und ſie in den Mund ſteckend, als lüde er ſie in einen Gewehrlauf;„gewiß iſt, daß die Uebung den Meiſter macht, und dann will ich euch ſagen...“ Monin wird durch die Ankunft von Thomaſſinière, der ganz außer Athem iſt, unterbrochen; der Speku⸗ lant hat nämlich einen langen Schlaf unter ſeinem Baum gemacht und beim Erwachen gefürchtet, man möchte ohne ihn zu Mittag ſpeiſen. „Ah, da ſind Sie endlich, ſchrecklicher Menſch!“ ſagte Deſtival. „Um Verzeihung, ich komme zu ſpät, das iſt frei⸗ lich wahr, aber ſeit meinem Weggehen habe ich zum Mindeſten zehn Briefe geſchrieben.“ „Und warum thaten Sie das nicht hier?“ „Meiner Treu', ich war ſo preſſirt... da trat ich in das nächſte beſte Lokal ein.“ „Gut, ſo nehmen Sie jetzt Platz hier, neben Frau Deſtival.“ „O, ich werde euch bald eingeholt haben... zu⸗ demſſe ich kein Rindfleiſch; es hat einen ſchlechten enjen das Rindfleiſch, und iſt den Teufel nicht nutz.“ 2 Herr von Thomaſſinisre ſetzt ſich nieder, indem er mit Erſtaunen Auguſt anblickt, weil ihm dieſer nur leicht zunickt und zu eſſen fortfährt, ohne ſich um ihn zu bekümmern, was dem Emporkömmling, der ſiets Aufſehen erregen möchte, ſehr zuwider iſt. Aber Dalville hat auf der Sielle erkannt, zu welchem Schlage Herr von Thomaſſiniere gehört. Die Thoren ſind ſo glücklich, in gar kurzer Zeit er⸗ kannt und beurtheilt zu werden, während man oft lange bpaucht, Leute von Geiſt zu würdigen. Bei dem Mittageſſen herrſcht ziemlich viel Froh⸗ ſinn, was man hauptſächlich Auguſt und ſeiner Nach⸗ barin zur Linken verdankt, welche tauſend Späße ſagen und ziemlich aufgelegt ſcheinen, auch welche zu machen. Die Hausherrin ißt wenig, Monin dagegen viel; Herr Deſtival greift die Platten nur in zwölf Tempo's an und ſticht in ein Radischen, als wäre ſeine Gabel ein Bajonet. Wie Herr von Thomaſ⸗ ſinisre bemerkt, daß Dalville entſchieden ſich nicht mit ihm beſchäftigen mag, ſo verſucht er, ſich durch Peroriren über die Schüſſeln eine Wichtigkeit zu ge⸗ ben. Er findet das Geflügel zu weich, die kleinen Schoten zu dickhäutig, die Salate zu ſauer und den Burgunder zu jung. Er iſt ein verteufelt liebens⸗ würdiger Gaſt, der Herr von Thomaſſiniére, aber ein ſehr reicher Mann darf ja niemals mit dem, was man ihm vorſetzt, zufrieden ſcheinen.., pfui doch! man könnte ja denken, er hätte noch nie etwas G gegeſſen. Beim Nachtiſch wird es ſchon Nacht, weil man ſich ſpät zur Tafel ſetzte. Der Himmel iſt umwölkt, die Hitze wird drückender und die Blitze, welche hin und wieder die Wolken durchleuchten, ſind Vorboten eines ausbrechenden Gewitters. Herr Monin verſchlingt haſtig ſeine Käſe, weil 6 „„ 96 ſeine Ehehälfte den Donner fürchtet und er bei jedem Gewitter ſchleunigſt heimzukehren Befehl hat; Tho⸗ maſſiniére fragt, ob ein Blitzableiter auf dem Hauſe ſteht; Herr Deſtival hat beim erſten Donnerſchlag alle Fenſter verſchließen laſſen, und beim Anblick des Blitzes vergißt er, das Gewehr mit dem Glaſe zu präſentiren; die Modedame erklärt, ſie fürchte das Gewitter außerordentlich und drückt den Kopf auf Augufis Schulter, ſo oft es wetterleuchtet. „Teufel, Teufel! das Ding wird ernſthaft,“ ſagte Herr Deſtival;„geſchwind, meine Herren, ein Glas Champagner.. das zerſtreut... das macht kühn.. Baptiſt, haſt Du Alles wohl verſchloſſen?“ „Ja, Herr.“ AMumn „Hüte Dich wohl, daß nirgends ein Luftzug ein⸗ dringt.“ „Aber, mein Herr, Sie werden uns erſticken.“ „Madame, wenn es donnert, gebietet die Vor⸗ ſicht, daß man zuſchließe.“ „Warum haben Sie auch keinen Blitzableiter?“ ſagte Thomaſſiniére,„ich habe drei auf meinem Land⸗ gute, zwei auf meinem Hauſe zu Paris und einen auf meinem andern ſchönen Hauſe in der Straße Buffant.“ „Ja, ich werde unverweilt einen anbringen laſſen „wohlan, meine Herren, eure Gläſer, der Pfropfen knallt.“ „Ach, mein Gott!“ ſtöhnt Athalie, ſich an ihren Nachbar preſſend,„was haben Sie mir Angſt ge⸗ macht mit Ihrem Pfropf!“ — 97 „Das Gewitter ſcheint Ihnen ſehr bange zu machen, theure Freundin,“ ſagte Madame Deſtival ſpöttiſch. „O, entſetzlich. 4 „Meine Frau hat äußerſt empfiſdliche Nerven.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, Sie gießen daneben, 5 Deſtival.“ „Dieſer verdammte Blitz hat mich gibierhe beliebt es, reizende Dame?“ „Ja, ich liebe den Champagner ſehr... laſſen Sie ihn nur recht mouſſiren, mein Herr, ich bitte Sie.“ „Hier, ſchöne Dame.. nun, Dalville, ſtoßen Sie mit Madame an!“ „Das thut ja der Herr ſchon,“ ſagte Frau Deſti⸗ val ärgerlich. „Und Sie, Monin, halten Sie Ihr Glas er. 6 „Ach, ich will Ihnen ſagen.. ich muß gehen. meine Frau fürchtet den Donner.“ „Ei, Sie wiſſen ja wohl, daß Ihre Frau S V einmacht, alſo beſchäftigt iſt.“ „O, wenn es donnert, ſo läßt ſie Alles ſuhen und duckt ſich unter eine wollene Decke, und wenn ich nicht ginge, mich nach dem Stand ihrer Geſund⸗ heit zu erkundigen.. ach, ach⸗ welcher Schlag! er folgte dem Blitz auf dem Fuße nach.. das Gewitter ſteht ganz nahe.“ „Wenn man Muſik machte,“ ſagte Herr Drſival indem er ſich mit einem dritten Glas Champagner Muth einſchenkte, ſo würde das nicht übel gethan — ſein, däucht mir... was meinen Sie, Dalville?“ 98 Auguſt hatte ſich unter den Tiſch gebeugt, um zum zweiten Male ſein Meſſer aufzuheben. „Der Herr iſt heute nicht geſchickt,“ ſagte Ma⸗ dame Deſtival, mißvergnügt von der Tafel aufſtehend; „ich glaube in der That, daß wir wohl daran thun werden, in den Saal zu gehen.“ In dieſem Augenblick platzt die Wolke, der Regen fällt in Strömen und die ganze Natur gewinnt ein anderes Ausſehen. Jedermann erhebt ſich, die Mode⸗ dame lehnt auf Auguſts Arm, weil das Gewitter ihr alle Kraft genommen hat. Herr von Thomaſ⸗ ſiniere, der den Gelehrten ſpielen will, weil er die Geſellſchaft nicht für beſſer unterrichtet hält als er ſelbſt iſt, tritt an ein Fenſter und erklärt, daß das Gewitter nicht konſequent ſein werde, weil„das⸗ Atmosphäre gege Weſten ſehr ſchön ſei. Auguſt kann ein leichtes Lachen nicht zurückhalten und drückt deßhalb den Arm der zitternden Athalie um ſo ſtärker. Deſtival, der, ſeit es regnet, wieder etwas heiterer geworden iſt, weil es mit dem Ge⸗ witter jetzt weniger Gefahr hat, ſchwenkt links ab von der Geſellſchaft und eilt die Treppe im Geſchwind⸗ ſchritt hinauf. Monin bleibt allein im Speiſeſaal zurück, indem er, wie er es gewöhnt iſt, ſeine Ser⸗ viette zuſammenlegt und bei dem Rauſchen des Platz⸗ regens vor ſich hinmurmelt:„Das platzt ordentlich und ich habe keinen Regenſchirm, und meinen Hut haben ſie mir juſt oben durchſtochen, was ſoll ich nun anfangen?“ Nachdem er zwei bis drei Mal ge⸗ ſchnupft, entſchließt ſich unſer Mann, Julien, die in . — ₰ — den Saal getreten iſt, anzugehen. Er läuft ihr nach und ſchreit:„Fräulein, ich bitte Sie ſehr um Ver⸗ zeihung, könnten Sie nicht. Da Julie nicht antwortet, gelnnßt Monin mit ihr in die Küche, wo Vertrand dem Baptiſt und den drei großen Lakaien des Herrn von Thomaffinière die Stange hält, welche nicht, wie ihr Herr, den Burgunder zu jung finden. „Wenn Sie mir einen Schirm leihen könnten?“ ſagte Monin. „Wir haben keinen hier,“ antwortet Julie trocken. „Pfui! einen Regenſchirm,“ ſagte der bereits weingrüne Bertrand;„kann ein Mann ſich eines ſolchen Dings bedienen? Habe ich Sie dieſen Mor⸗ gen einen Regenſchirm zu tragen gelehrt?“ Die Gäſte beginnen zu lachen und Julie drängt Monin ſachte der Thüre zu mit den Worten:„Mein Herr, ich kann nicht ſo viele Leute in meiner Küche brauchen und zudem iſt Ihr Platz nicht hier.“ Julie ſchlägt die Thüre zu und da Monin ſich außerhalb der Küche befindet, ſo faßt er den Ent⸗ ſchluß, in den Saal hinaufzugehen und das Ende des Gewitters abzuwarten. Dalville und Athalie ſind am Clavier und ſingen ein Nocturno; Herr Deſtival ſpielt Ecarts mit Herrn Thomaſſiniére, und Frau Deſtival, welche ſich ſtellt, als ſchaue ſie dem Spiel zu, bewacht mit beiden Augen das Piano. „Ich habe die Ehre, Ihnen einen guten Abend. zu wünſchen,“ ſagt Monin, leiſe in den Sual tre⸗ 100 „Wie, Nachbar, Sie ſind nicht abgereist? Ich glaubte Sie ſchon zu Hauſe.“ „Nein, ich möchte Ihnen ſagen. der Regen.. „In dieſem Fall müſſen Sie ſpielen. Da, Sie auf mich, Sie werden gewinnen.“ „Kann man halten?“ „Ja, es iſt noch Zeit.“* „Meinetwegen.. ſo ſei's„ich ſetze zwei Sous.“ „Was ſoll das heißen. zwei Sous!“ ſagt Tho⸗ maſſinière mit verächtlicher Miene;„ſpiele denn ich ijemals um Kupfer? Es iſt ſchon ſpießbürgerlich genug, daß ich um einen Thaler ſpiele!... Gehen Sie doch weg damit, mein Herr das Ding iſt ja voll Grünſpan.“ WMein Herr, es ſind meine zwei Sous„ich halte ſie.“ „Man will nichts davon, mein Herr.“ „Wie, hätte ich denn ſchon gewonnen?“ „Ich will das ausgleichen,“ ſagte Deſtival, indem er ein Zehnſousſtück aus ſeiner Taſche zog,„ich ſetze acht Sous weiter, um Monins Satz zu vervollſtän⸗ digen ich habe dann drei Franken vierzig Cen⸗ times geſetzt und Sie, mein Lieber, drei Franken zehn Centimes.. ja, ja, mein Nachbar iſt ein vor⸗ ſichtiger Mann, obwohl ſehr reich. ſehr wohlha⸗ bend er ſitzt in der Wolle, der Kauz.“ „Wie kann er dann zwei Sous antragen?“ ſagte Thomaſſiniere,„das iſt unbegreiflich.. Trumph, Trumph und Trumph. Sie ſind geprellt.“ —— ₰ 10¹ „Wie! er gibt zu, daß er uns geprellt hat?“ ſagt Monin leiſe zu ſeinem Nachbar. „Das will nur heißen, wir haben verloren... je nun, wir nehmen Revanche. Ei, Madame Deſti⸗ val, Sie ſetzen nicht?“ „Nein, mein Herr, ich höre lieber dem Singen zu.“ „Während des Spielens geht mir doch keine Note verloren, Madame.“ „Mir auch nicht,“ verſetzt Thomaſſiniere.„O⸗ mir geht es wie Cato, ich könnte mit Leichtigkeit vier Dinge zugleich thun.“ „Meine liebe Freundin, haben Sie nicht irgend ein Duett von Roſſini hier,“ fragt Athalie, mit dem Finger über das Pianv ſtreifend. „Ich weiß nicht, ich glaube nicht.“ „Ich meine mich doch zu erinnern, Madame, vuß. ich einige mit Ihnen hier zu fingen das Vergnügen hatte.“ „Ah, Sie erinnern ſich, mein Herr!“ „Hier iſt ein Duo aus der Gazza,“ ſagt Athalie, welche alle Noten, die auf dem Clavier liegen, durch⸗ einander geworfen hat,„wir wollen es einmal biren, mein Herr.“— „Trumph und Carreau, Renonce,“ ſchreit Herr von Thomaſſiniere, mit triumphirender Miene das auf dem Tiſch liegende Geld einſtreichend. „Was ſoll das heißen: Carreau Renonce?“ flüſtert Monin Deſtival ins Ohr. „„Sie ſehen ja wohl, daß es heißt: wir we verloren.“ — 2 102 „Ich verſtehe eben die Kunſtausdrücke ves Spie⸗ les nicht. Jetzt verliere ich ſchon vier Sous.“ „Setzen Sie doch.“ „Erlauben Sie, daß ich zuvor nach dem Wetter ſehe o, es regnet noch zu ſtark. ich ſpiele wei⸗ „Sie haben Glück, mein Herr!“ „Und ich ſpiele dieſes Spiel mit einer Kunſt!“ erwiedert Thomaſſiniére, ſich auf ſeinem Stuhle ſchau⸗ kelnd. „Ich meine, daß ich auch gut genug ſpiele,“ ent⸗ gegnet Deſtival, ſich vor Grimm in die Lippe bei⸗ ßend.. „Friede doch, meine Herren, man hört ja ſein eigenes Wort nicht!“ ſagte die lebhafte Athalie, in⸗ deß Außuſt ſingt:„6 certo il mio periglio. Und Thomaſſiniöre ſchlägt mit dem Fuß einen falſchen Takt dazu, indem er, damit man glaube, daß er italieniſch verſteht, vor ſich hinmurmelt:„Sehr hübſch, ſehr hübſch! Bravo, bravo, braviſſimo!“ Jetzt neigt ſich Monin wieder zu Deſtival hin und fragt leiſe: „Soll das abermals heißen, daß wir verloren haben?“ „Nein, nein! das iſt italieniſch geſungen, merken Sie es denn nicht? Es iſt ein Duett von der die⸗ biſchen Elſter.“ „Ah, es iſt von der Elſter!“ wiederholt Monin, indem er die Augen blödſinnig rollt und ſeine Doſe zieht;„wie kann denn das ſein, Nachbar, daß eine Elſter ein Duett macht?“ „Lieber Monin,“ ſagt Deſtival mißlaunig,„reden 103 Sie doch nicht immerfort an mich hin, Sie ſehen ja, daß ich dadurch immer verliere!“ „Wie? Sie verlieren durch mich, ohne daß ich ſpiele?“ „Ja doch, ja, das ſtört, ſetzen Sie wieder! Ge⸗ wiß, ich bin kein ſchlechter Spieler; aber wenn man ſo an mich hinſchwatzt„ „Wir haben nämlich daheim eine Elſter, welche hübſch plaudert, und ich möchte wiſſen„das macht ſchon acht Sous, die ich verliere.“ „Und ich ſechszehn Franken!“ „Ei, was ſoll denn das bedeuten, meine Herren,“ ſagte Thomaſſiniére;„wenn Sie wie ich um Hände voll Gold ſpielten, dann wäre es der Rede werth! das heiße ich eine Partie. Es thut mir ½ leid,„ daß ich mein Glück um eine ſolche Bagate miß⸗* brauche. Bravi! pravissimo! Cérto pio, pio, piu! Atoussimo.“ Thomaſſinière will in Alles, was er ſagt, etwas Ftalieniſches hineinbringen, und Deſtival zwingt ſich zu einem Lächeln, indem er in ſeiner LTaſche ſuchtz aber ſeine Heiterkeit iſt erzwungen und ſein Lächeln eine Verzerrung. Die beiden Singenden wechſeln indeſſen zärtliche Blicke, indem ſie einander lange Orgeltöne zuflöten, während Frau Deſtival unge⸗ duldig huſtet, in der Hoffnung, die Harmonie der Muſicirenden zu ſtören. Plötzlich thut ſich die Saalthüre auf und eine dicke fünfzigjährige Frau mit einem Strohhut⸗ deſſen Ränder kaum über die Stirne hinausreichen und 104 worauf ein Strauß verwelkter Roſen baumelt, tritt mit wüthender Miene ein; in der einen Hand hält ſie einen Regenſchirm und in der andern einen Korb, welcher einen zehnpfündigen Zuckerhut faſſen könnte. Bei ihrem Anblick weicht Monin zurück, geräth in Verwirrung, wirft ſeine Tabaksdoſe um und ſieht aus, als ob er ſich unter dem Tiſch verbergen wollte. „Ha, ha! da ſind Sie alſo, mein Herr!“ ſchreit Madame Monin, denn ſie iſt es leibhaftig, die in den Saal getreten,„ich finde Sie beim Spiel, das konnte ich mir vorſtellen!.. meine Nachbarn, ich wün⸗ ſche guten Abend, während es donnert, während ein furchtbares Gewitter tobt, ſpielt der Mann, ſtatt daß er kommt, mir Muth einzuflößen, und er weiß doch, wie ſehr ich mich vor dem Gewitter fürchte!.. Verzeihung, Nachbarin, wenn ich mir in Ihrem Hauſe zu zunken erlaube; aber Sie werden zugeben, daß das Betragen dieſes Herrn unverzeihlich iſt!“ Während dieſer Strafpredigt hat der arme Monin, der nicht mehr weiß, was er thut, ſtatt eines Zwei⸗ ſousſtücks ein Zweifrankenſtück geſetzt und ſtopft ſeine Finger in die Doſe, worin ſich nichts mehr befindet, indem er mit zitternder Stimme ſtammelt:„Wie befindet. ſich der Stand Deiner Geſundheit, Bi chette?“ „Meine Geſundheit? O freilich, um die ſind Sie ſehr beſorgt!... Mich während des Gewitters ver⸗ laſſen!. Die Katharine mußte mir unter der Woll⸗ decke Geſellſchaft leiſten.“ „Der Regen hat mich abge.. — 105 „Soll ein Mann den Regen fürchten? Pfui doch, ich habe Mitleid mit Ihnen!“ 5 Frau Deſtival liebt die Madame Monin nicht; in dieſem Augenblick aber hat ſie, entzückt über ihre Ankunft, dieſelbe neben das Piano geſetzt und ſagt ihr tauſend Freundlichkeiten, welche Madame Monin mit gewaltigen Bücklingen erwiedert, indem ſie ihren Regenſchirm nach ihrem Mann ausſtreckt. Dieſer iſt im Begriff, ihn zu nehmen, vergißt, daß er im Spiel iſt und murmelt ſo leiſe, daß man ihn kaum vernehmen kann:„Wann Du willſt, Bichette.“ Bichette aber, die ſich geſetzt hat und ſchon an der Modedame kritiſirt, antwortet trocken:„Da ich einmal gekommen bin, glauben Sie denn, daß ich ſogleich wieder weggehen werde?.. Das wäre ſehr artig das wäre Ihrer würdig!.. Ich werde das Vergnügen haben, einen Augenblick mit meinen Nachbarn zu plaudern und Muſik zu hören, ich liebe die Muſik ſehr.“ „Sie ſingen, glaube ich, Madame Monin?“ fragte Frau Deſtival eifrig. „Ol ich ſang allerdings, ich hatte ſogar eine ziem⸗ lich ſchöne Stimme, aber jetzt habe ich beinahe Alles verlernt, ausgenommen das Duett aus Armida: „Lieben wir! lieben wir! Alles heißt uns lieben!“ „Ah! das iſt ſo ſchön, das wird niemals alt.“ „Ich beſitze die Partitur der Armida; wir müſſen das mit dem Herrn ſingen.“ 3 Paul de Kock. LXVI. 8 106 „Ach, liebe Nachbarin!“ „Hören Sie, was man uns da für ein Geſchenk macht?“ ſagte Athalie leiſe zu Auguſt. „Sehr verbunden,“ antwortet Dalville,„wahr⸗ haftig, ich weiß nicht, was ich Frau Deſtival gethan habe, daß ſie mir einen ſolchen Streich ſpielt!“ „Beruhigen Sie ſich: wenn man Sie zu dem Duett zwingt, ſo werde ich accompagniren und vor der zehnten Note verſpreche ich Ihnen, drei bis vier Saiten geſprengt zu haben.“ „O, wie liebenswürdig Sie ſind! wie viel Dank werde ich Ihnen ſchuldig ſein.“ Monin, der ſeine Frau etwas beſänftigt ſieht, wagt ihr zu ſagen:„Du ſangeſt auch ſehr hübſch jene Weiſung: Marg'rethlein ſpann gar ruhiglich Und dachte nur und träumte ſich Von ihrem Kleinen, Kleinen.“ „Schweigen Sie, mein Herr, bleiben Sie bei Ihrem Spiel, das Sie ſo gerne ſpielen. Macht man da ein Piquet?“ „Nein, Bichette, ein Ecarté.“ „Was? Ecarté! Und ſeit wann können Sie Ecarté, mein Herr.“ „Ich kann es nicht, aber i will Dir ſagen, ich halte nur.“ „So, Sie halten! Doch pofe ich wenigſtens, daß Sie beſcheiden ſind, daß Sie nicht hoch hineingehen?“ „O, meine Bichette, ſei ruhig!“ „Herr Monin, Sie haben Ihre zwei Franken ver⸗ 107 loren!“ ruft Deſtival in dieſem Augenblick mit einem tiefen Seufzer aus. „Zwei Franken!“ ſchreit Madame Monin auf⸗ indem ſie von ihrem Seſſel auffährt, daß alle Möbel im Zimmer zittern;„wie, Herr Monin ſpielt um zwei Franken? Das iſt ja entſetzlich! Ei, Nachbarin, Sie müſſen ihm beim Eſſen einen Rauſch angehängt haben!... Was bedeuten ſolche Ausſchweifungen, Herr Monin? Haben Sie den Kopf verloren?“ „Nein, Bichette, es iſt ein Irrthum, ich ſpielte nur um zwei Sous.“ „Sie haben vierzig Sous geſetzt, mein Herr,“ ſagte Thomaſſinière,„und verloren.“ „Ja, weil ich viel gewonnen hatte,“ ſagte Monin leiſe zu ſeiner Frau;„es war nur mein Gewinnſt.“ „Ich muß geſtehen, daß ich Unglück habe,“ ſagte Deſtival,„ſchon ſieben Mal laſſe ich dieſen armen Monin verlieren.“ „Sieben Mal, mein Herr! Sie haben ſieben Mal hintereinander geſetzt!“ ſchreit Madame Monin, die ihren Mann anblickt wie eine Katze, wenn ſie auf die Maus zufährt. „Ach, meine Bichette, Du weißt wohl, daß ich deſſen nicht fähig bin.“ Hier iſt das Dueit aus Armida,“ ſagte Frau Deſtival,„geſchwind, Herr Dalville, ſingen Sie es mit Madame.“ „Ich kann es nicht,“ ſagte Auguſt. „O, Sie ſind ein zu guter Muſiker und ſingen es vom Blatt weg.“ „ 108 „Ich werde Ihnen einblaſen, mein Herr,“ ſagte Madame Monin, den Hut ablegend, aus Furcht, er möchte ihre Stimme dämpfen. Madame Monin hat angefangen; man möchte vb ihren Tönen die Zähne knirſchen. Monin klatſcht alle Augenblicke Beifall. Plötzlich reißt eine Saite. Die lebhafte Athalie durchläuft mit ihren Fingern die Taſten und ſcheint von dem Feuer der Ausfüh⸗ rung beſeeltz bald aber iſt auch eine zweite, eine dritte Saite geſprengt, man kann unmöglich fort⸗ fahren und Athalie ſteht auf mit den Worten:„Wie Schade, es ging ſo gut.“ „Das iſt das Unangenehme eurer Pianos,“ ſagte Madame Monin, unwillig ihren idylliſchen Hut wie⸗ der aufſetzend;„da lobe ich mir die kleine Flöte des Herrn Monin, zum Mindeſten darf man nicht be⸗ fürchten, daß ſie jemals zerbricht.“ „Soll ich ſie holen, Bichette?“ „Wahrhaftig, das iſt die rechte Zeit, einen ſol⸗ chen Vorſchlag zu machen! Wir müſſen in's Bett gehen, mein Herr, das wird mehr am Platze ſein als Ihre kleine Flöte!“ Jetzt ſpringt Deſtival roth wie ein Hahn vom Spiel auf mit dem Ausruf:„Bas iſt nicht auszu⸗ halten, ſchon zwölf Mal ſpielt er, ohne andere Kar⸗ ten zu nehmen!„ Ich verliere mindeſtens vierzig Franken.“ „O, wie kann man um ſo viel Geld ſpielen!“ ſagte Madame Moninz„wenn Sie jemals vierzig Franken verlieren würden, Herr Monin, ſo ließe — 109 ich mich auf der Stelle von Tiſch und Bett ſchei⸗ den.“—— Das iſt mir eine rechte Bagatelle!“ ſagte Tho⸗ maſſiniere aufſtehend;„ich werde das morgen bei ei⸗ nem meiner Freunde, der Notar iſt, auf einmal ſetzen. Dort ſpielt man Ecarté! Der Tiſch ſtrotzt von Gold⸗ von Banknoten; freilich nur ſo iſt das Spiel unter⸗ haltend, ohne das muß man bei dem Ecarté gäh⸗ nen. Alſo abgemacht! Run, gehen wir zu Bette?“ „Gehen Sie immer, mein Herr! wer hindert Sie denn?“ ſagte die lebhaſte Athalie;„wir bedür⸗ fen Ihrer nicht.“ „Meiner Treu', ich habe große Luſt zu ſchlafen.“ „Baptiſt wird Sie in Ihr Zimmer gerade eine Treppe über uns hinaufführen.“ „Und das meinige, theure Freundin, darf ich bit⸗ ten, wo dieſes ſich beſindet?“ fragte die Modedame, während ihr Mann ſchlafen geht, ohne Jemanden gute Nacht zu ſagen, weil das nicht vornehm iſt. „Das Ihrige, meine Gute?“ antwortet Frau Deſti⸗ val,„je nun, Sie theilen das Ihres Mannes; wir haben auch nur eines anzubieten.“ „Wie! wollen Sie mich vielleicht gar in daſſelbe Bett mit ihm legen?“ „Ja doch, ohne Zweifel.“ „Ach, wie komiſch! aber das begegnet mir ſonſt nie. Ich ſchlafe nicht bei Herrn von Thomaſſiniére! Sie wiſſen wohl, daß ich mein beſonderes Zimmer habe.“ „Wegen eines einzigen Mals, ſchöne Dame,“ 11⁰ ſagte Deſtival neckend,„wird ſich der theure Ge⸗ mahl nicht zu beklagen haben.“ „Du lieber Gott, wie ergötzlich!“ verſetzte Athalie mit verzogenem Mund. Inzwiſchen hat Madame Monin endlich ihr Kleid aufgeſchürzt und ihren Shawl angelegt, und winkt jetzt der Frau Deſtival mit allen möglichen Geberden zu, indem ſie ſagt:„Was mich betrifft, ſo ſchlafe ich bei meinem Mann, und ich möchte einmal ſehen, daß er ſich unterſtände, von einem abgeſonderten Gemach zu ſprechen, ah! ah!“ „Du weißt wohl, Bichette, daß ich keine Luſt habe, zu„ „Schon gut, Herr Monin, ich weiß, was ich weiß! „„ Guten Abend, Nachbarin... Herr Nachbar, ich empfehle mich nun? Herr Gemahl, warum ſetzen Sie denn Ihren Hut nicht auf? was ſoll denn das bedeuten?“ Monin befürchtete, ſeine Frau möchte das Loch in demſelben bemerken und entſchließt ſich endlich, ihn auf das linke Ohr zu ſetzen, damit ſein Bo⸗ den ſeiner Ehehälfte weniger in die Augen falle. Und Madame Monin führt ihren Mann fort mit dem Verſprechen, daß ſie ihn ohne ihr Beiſein nie wieder in der Stadt ſpeiſen laſſen werde, weil er am Tiſche nicht Maß und Ziel halte und hernach tauſend übertriebene Streiche mache. Nach dem Abzug der Nachbarn geſteht Herr Deſti⸗ val, daß ihn das Exerzieren bedeutend angeſtrengt habe und verſchwindet unmittelbar darauf. Die Muſik hat Dalville und die glänzende Athalie 1¹4¹ einander bedeutend nahe gebracht. Wer die Reize der Harmonie zu genießen verſteht, der weiß, daß nichts zwei Herzen ſchneller vereint als ein zärtlicher oder anmuthiger Geſang, als eine recht leidenſchaft⸗ liche Stelle, welche zuweilen Eines an das Andere richtet; die Muſik iſt für die Liebe ein gar mächtiger Allürter: ſie erregt, ſie erweicht, ſie ſpricht zur Seele. Dem Himmel ſei Dank, faſt alle unſere Damen kön⸗ nen heutzutage Clavier ſpielen. Athalie ſteht auf und Frau Deſtival führt ſie bis zu ihrem Zimmer. Ehe ſie eintritt, ſagt die Modedame lachend zu ihrer Freundin:„Meine Theure, ich muß Ihnen ein Ge⸗ ſtändniß thun: ich glaube die Eroberung des Herrn Dalville gemacht zu haben.“ 5 „Glauben Sie?“ „Ei, ich bin deſſen beinahe gewiß, er hat mir ſo halbe Worte zugeflüſtert... Sie kennen das? dann drückte er mir zärtlich die Hand.“ „Ich wünſche Ihnen viel Glück dazu!“ „O, Sie können ſich wohl denken, daß ich mir nur einen Scherz damit machen will, weiter nichts!“ „Uebrigens muß ich Ihnen auch freimüthig ge⸗ ſtehen, daß Sie auf ſeine Eroberung wenig Werth zu legen haben, denn er iſt ein Menſch, der ſich in jede Schürze verliebt. Adieu, meine Schöne, gute Nacht!“ „Auf Wiederſehen, meine Gute! Ich werde mor⸗ gen früh aufſtehen, um im Freien zu ſpazieren.“ „Ich werde Sie begleiten, meine Then Damit gehen beide Damen auseinander; Frau —— 112 Deſtival begibt ſich wieder in den Saal hinab. Dal⸗ ville iſt nicht mehr da; auch er hat ſich zu Bette begeben. Frau Deſtival thut nun ein Gleiches und ruft Julien, um ſich entkleiden zu laſſen. —— ſſſſſſſinſnniſſſinſſſiſiſſſnimm ti 14 15 1 18 . 10 11 12 13 6 17