Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, * deutſch bearbeitet von Dr. Heinriſh Elsner. . Vierundſechszigſter Theil. — Stuttgart: Scheible, Bieger a Sattler. 1845. Chipolata. Von 2 Paul de Rock. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Erſter Theil. B Go Stuttgart: Scheible, Bieger* Sattier. 7 1845. 44 Paris vor und nach dem Mittageſſen. Wir wählen einen hübſchen Tag: ein ſolcher iſt angenehmer zum Spazierengehen, Betrachten, Be⸗ obachten, Herumſchlendern, ſich in den Buden um⸗ zuſehen, vor den ausgelegten Waaren der Kaufleute ſtehen zu bleiben, die Putzmacherinnen und die Lein⸗ wandhändlerinnen zu belorgnettiren, wenn ſie hübſch ſind, langſam zu gehen, wenn der Zufall uns neben eine Dame führt, deren Geſtalt elegant und reizend iſt, ſtehen zu bleiben und mit einem Freunde zu plaudern, dem man begegnet, und endlich auch we⸗ gen ſeiner Fußbekleidung, wenn man ſie nicht gern beſchmutzen will. Betrachten wir Paris durch eine beliebige Barrière. Es iſt gleichgültig, wenn wir nur in der großen Stadt voll Lärmen, Schmutz und Rauch ſind, wie Jean⸗Jacques ſie genannt hat. Allein die große Stadt bietet nun einen ganz an⸗ dern Anblick dar, als zu der Zeit, wo der Verfaſſer „Emils“ das geſagt hat: die engen Straßen ſind breiter gewordenz die alten Häuſer machen regel⸗ 6 mäßig und geſchmackvoll gebauten Platz; die Fenſter mit den kleinen, runden Scheiben verſchwinden von Tag zu Tag mehr und werden durch ſchöne Kreuz⸗ ſtöcke erſetzt, die das Licht in die Häuſer einlaſſen; die Treppen von neuer Bauart ſind helle und leicht zu beſteigen: man läuft keine Gefahr mehr, den Hals zu brechen, wenn man einen Bekannten be⸗ ſucht, der im vierten Stocke wohnt. Kurz, ſtatt jener langen Hausgänge mit ihren ſchlechten Staffeln, die in die Keller und Gewölbe führten und die man allzuhäufig zu verſchließen vergaß⸗ ſo daß Diejeni⸗ gen, welche ſich unglücklicher Weiſe in's Innere ver⸗ irrten, auf die Naſe fielen, haben wir jetzt Hofthore oder wenigſtens hübſche Flügelthüren mit Gittern und kupfernen Klopfern. Unſere Straßen find mit Hel oder Gas beleuchtet und unſere Kaffeehäuſer ſtrahlen von Licht und Gold. Sicherlich iſt all' das nicht zu häßlich für eine Stadt voll Lärmen, Koth und Rauch, und ich ſehe nicht ein, inwiefern man jene gute alte Zeit be⸗ dauern ſollte, von der ſo viele Leute mit Liebe ſpre⸗ chen, wahrſcheinlich nur deßwegen⸗ weil ſie ſie nicht gekannt haben. Wir könnten Paris durch die Barrière de lEtvile, unzweifelhaft der ſchönſten, betretenz allein wenn man durch die Barriére du Tröne kommt, iſt man alsbald in der Vorſtadt St. Antoine und bekommt folglich viel ſchneller eigentliche Volksſcenen zu ſehen. Treten wir durch die Barriöre du Trone ein. 7 Vor dem Eſſen. Gegenwärtig ſpeist in Paris Jedermann ſpät und die Kaufleute noch ſpäter als die Beamten⸗ Commis, Capitaliſten und Diejenigen, die nicht wiſ⸗ ſen, was ſie mit ihrer Zeit anfangen ſollen. Vor dem Mittageſſen treibt Jeder ſeine Berufs⸗ geſchäfte: der Kaufmann handelt; der Großhändler ſpekulirt; der Handwerksmann arbeitet auf dem Handwerk; der Commis iſt auf dem Comptoir; der Notar in ſeinem Studirzimmer; der Advokat auf dem Gerichte oder auf ſeinem Zimmer und hört un⸗ glückliche Prozeßkrämer an; der Geſchäftsmann rennt umher; der Capitaliſt ſucht aus den politiſchen Neuigkeiten den Cours der Renten zu erforſchen; die Bürgersfrauen ſind in der Küche und mit ihren Kindern beſchäftigt; die großen Damen mit ihrer Toilette und mit dem Gedanken, wie ſie ihren Abend zubringen ſollen; die jungen Mädchen ſtudiren am Piano, zeichnen oder lernen irgend eine fremde Sprache; die Dichter ſuchen einen ſchönen Gedanken in ſchöne Verſe zu bringen; die Schriftſteller zerbrechen ſich den Kopf um ein neues Sujetz die Künſtler denken an den Ruhm, den ſie erringen werden: einige ar⸗ beiten oder ſtudiren, um ihn zu erwerben, andere thun nichts und meinen, er könne ihnen nicht fehlen, ſelbſt wenn ſie bloß herumſchlendern und rauchen, was immerhin auch eine Beſchäftigung iſt; die Stu⸗ denten endlich beſuchen die Collegien ihrer Profeſ⸗ ſoren; und die Griſetten beeilen ſich, damit ihr Tagewerk bald vollendet iſt. * 8 So hat hienieden ein Jedes ſeine Beſchäftigung, ſelbſt die, die Nichts zu thun haben, denn ich glaube, vaß dieſe ſich in Erwartung der Dinge, die da kom⸗ men werden, ihren Gedanken hingeben. Alle dieſe Menſchen, die ihr auf den Straßen hin„ und her gehen ſehet, haben gewöhnlich vor dem Eſſen weit mehr Eile als nach demſelben; die Vor⸗ ſtadt St. Antonius iſt ein Quartier, wo man eher Geſchäfte halber, als um einen Spaziergang zu machen, hingeht. Ihr werdet bemerken, daß die Leute, welche euch begegnen, ſich nicht lange unterwegs aufhalten, ſon⸗ dern raſch vorwärts gehen; mit Ausnahme einiger Damen, einiger Frauen vom Lande oder einiger Mägde, welche, um die ausgehängten Stoffe zu be⸗ trachten, vor den Ellenwaaren⸗Lagern ſtehen bleiben, eilt Alles, ohne auf die Vorübergehenden, manch⸗ mal auch ohne auf die Gefährte zu achten, ſeinem Berufe nach. Keine zwei Minuten vergehen, ohne daß Jemand in den Gewürzkrämersladen tritt; oft füllt ſich die⸗ ſer ſo mit Käufern an, daß die ganze Faſſung des Prinzipgls und alle Gewandtheit der Ladendiener da⸗ zu gepört, keinen Verſtoß zu machen und die vielen 3 Kunden, die immer behaupten, ſie preſſiren, zu ihrer Befriedigung zu bedienen. Von allen Seiten hört man Weiberſtimmen(denn gewöhnlich machen unter den vielen, in dem Spe⸗ zereiladen befindlichen Perſonen die Frauenzimmer die Mehrzahl aus), welche in den verſchiedenſten 4„ *— 9 Tonarten ihr Verlangen ausdrücken:„Ach, ich bitte, geben Sie mir doch ſchnell, was ich brauche, ich bin heute ſo entſetzlich ſpät daran.“ „Und ich! ich werde heute gar nicht mehr fertig; wir haben aber auch fünf Gäſte, das iſt eine Teu⸗ felskocherei!“ „Ich glaube, Ihre Herrſchaft hat oft Fremde bei Liſche?“ „Ach, ſchweigen Sie mir nur davon; überdieß iſt meine Madame ſo wunderlich: ich muß ſogar Sardellen⸗Butter zu den Beefſteaks nehmen das iſt ein Luxus, daß der Schweiß an Einem hinunter trieft.“ „Sind ſie gut mit Sardellen⸗Butter?“ „O pfui! mir ſchmecken ſie mit Schalottenzwie⸗ beln viel beſſer; das iſt nur ſo ein Einfall von meiner Frau.“ „Herr Toulard, geben Sie mir doch für drei Kreuzer Gurken, ich habe ſolches Magenweh, daß mir mein Leben um weiß was feil wäre.“ „Sie verderben ſich aber den Magen mit den Gurken, Nachbarin.“ „Gleichviel, ſie werden mich ein Bischen aus⸗ putzen. Man hat mir zwar Senfmehl aufzulegen gerathen, aber ich will lieger einen Topf Senf eſſen.“ „Ach, lieber kleiner Hzr, ich bitte, machen Sie ſchnell, geben Sie mir Fſchwind meinen Kräuter⸗ käſe, ich habe meine Sußße und mein Fleiſch auf dem Feuer gelaſſen!.. i Kinder zu beſorgen, Arbeit, paß ſie Einem iin m Kopf zuſammenfällt, 10 einen faulen, liederlichen Trunkenbold zum Mann, der mich Alles thun läßt, das iſt eine Freude, hm!... Ach Gott! die Mädchen ſollten ſich wohl beſinnen, ehe ſie heiratheten!.. Aber, werdet ihr mir entgegen⸗ halten, es muß einmal ausgehen, wir ſind Alle ſterblich! Geben Sie mir alten, feuchten, abge⸗ lagerten. „Bei uns iſt es anders,“ verſetzte eine junge, höchſt armſelig gekleidete Frau, die ein dreijähriges Kind an der Hand führt und ein noch jüngeres auf dem Arme hat. Wir haben keinen Heller im Ver⸗ mögen, verdienen kaum, was wir brauchen, aber wir lieben uns recht herzlich. Kommen Sie zu uns, dann können Sie ſich an dieſem Gemälde des Glückes weiden.“ „Dafür würde ich mich bedanken, das muß ein ſchönes Glück ſein!“ murmelt eine dicke Magd, in⸗ dem ſie den Ladendiener, der ſie bedient und nach der gewöhnlichen Manier frägt:„Brauchen Sie ſonſt noch Etwas?“ mit feurigen Augen anblickt. Wir wollen übrigens den Gewürzkrämer bei ſei⸗ nem Geſchäfte laſſen, er ſoll ſeine Commis ſchelten⸗ weil ſie nicht flink genug bedienen, und mit ſeiner Frau hadern, weil ſie fünf Minuten braucht, um auf einen Fünffrankenthaler herauszugeben. Wir gehen in einiger Entfernung in einen Kram⸗ laden hinein. Dort finden wir zwei ſteife Ladenjung⸗ fern mit ernſter Miene und geſenkten Blicken; ihr 1¹ Anzug iſt eben ſo beſcheiven als ihr Venehmen;z ſie tragen zwar nur einfach geſcheitelte Haare, aber dieſe find ſo pünkklich und ſorgfältig glatt gekämmt, daß man glauben könnte, ſie ſeien mit Gummi an⸗ geklebt. Sie haben kein Geſchmeide und keine Halskette, ſondern nur ſehr hoch heraufgehende Kleider und über's Kreuz gelegte Halstücher an; dieſes beweist euch auf den erſten Blick, daß ein ſtrenger Ton in dem Hauſe herrſcht, die Ladenjungfern nie einen Blick auf die Straße werfen, weder miteinander lachen, noch miteinander plaudern, am allerwenigſten aber unter die Thüre ſtehen und den Vorübergehen⸗ den zulächeln dürfen. Die Krämerin iſt eine Frau in mittleren Jahren, das heißt, eher alt als jung; ſie war früher hübſch, bildet ſich ein, ſie ſei es noch, und glaubt wahrſchein⸗ lich, ſie werde es immer bleiben. Sie kleidet ſich außerordentlich eitel; ſich ſelbſt erlaubt ſie Blumen, Bänder, Juwelen, kurz Alles, was ſie ihren Ladenjungfern ausdrücklich verbietet; ſie trägt auch falſche Haare, obgleich ſie es nicht geſteht. Es iſt Etwas in ihrem Weſen und Benehmen, welches man entſchuldigen könnte, wenn ſie in dem Alter ihrer Ladenjungfern wäre. Dieſe Dame gibt ſich für eine Wittwe aus; ſie behauptet, ſie ſei mit ihrem erſten Manne ſehr un⸗ glücklich geweſen; dieß hindert ſie aber nicht, ihr Möglichſtes zu thun, einen zweiten zu finden. 12 Sie hat ihre Augen auf einen alten Militär ge⸗ worfen, der einer Tages in den Laden kam, um ſich Nadeln zu kaufen, denn da die alten Kriegsleute nicht immer hinreichend bemittelt find, einen Dienſt⸗ boten zu halten, ſehen ſie ſich häufig genöthigt, die Knöpfe an ihren Kleidern ſelbſt anzunähen, und ſie veſorgen dieſes Geſchäft gewöhnlich beſſer als un⸗ ſere Schneider. Die Krämerin knüpfte die Bekanntſchaft damit an, daß ſie dem Kriegsmann vorſchlug, ſie wolle ihm den fehlenden Knopf ſelbſt annähen. Der alte Militär war nicht unempfindlich gegen dieſe Höflichkeit; man warf ihm Liebesblicke zu, die er zwar durchaus nicht erwiederte, aber man be⸗ merkte auch, daß er nicht im Geringſten auf die bei⸗ den im Comptvir ſitzenden Ladenjungfern achtete und war ihm unendlich dankbar dafür; man lud ihn ein, ſich nicht zu geniren und wieder zu kommen, wenn ihm einer ſeiner Knöpfe wegbreche. Und merkt euch wohl, es war nur von den Rod⸗ knöpfen die Rede; weiter verſtieg ſich die Höflic⸗ keit nicht. Der Kriegsmann kam nach einigen Wochen wie⸗ der, dann nach einigen Tagen abermals, und end⸗ lich ſehr oft. Die beiden Ladenmädchen flüſterten einander zu⸗ daß die Krämerin wahrſcheinlich die Knöpfe ſo an⸗ nähe, daß ſie bald wieder losgehen müßten. Damit war die Bekanntſchaft gemacht und die Wittwe hoffte, daß ſich der Veteran bald erklären ₰— 1³ werde; aber in Erwartung deſſen richtete ſich ihr Humor ſtets nach den Hoffnungen in ihrer Liebe, und wenn der Kriegsmann einige Tage nicht zu ihr kam, wurde ſie ftreitſüchtig, zänkiſch und zeigte ſich noch ſtrenger als gewöhnlich gegen ihre Laden⸗ jungfern. Wenn eine der letzteren zufällig die letzte Strophe einer alten Romanze trällerte, ſo ſchrie ſie:„Was ſoll das heißen, Mamſelle Erneſtine? Ich glaube, Sie ſingen!“ „O nein, Madame.“ „Doch, Sie haben geſungen.“ „Ach, es iſt mir, weiß Gott, nicht zum Sin⸗ gen!“ „Das wäre hübſch, wenn man ſich in meinem Laden zu fingen erlaubte; was würden die Leute denken, die mich mit ihrem Zutrauen beehren?“ „Sie wiſſen aber doch, Madame, daß wir gar nicht an das Singen gewöhnt ſind.“ „Ich weiß, daß wenn ich nicht ſehr auf Sie Ach⸗ tung geben würde, Sie ſich am Ende noch ſaubere Manieren aneigneten, meine Damen. Letzthin Abends habe ich es gehört, wie Mamſelle Honorine, während ſie zu der Rahmhändlerin gegenüber ging, überlaut auf der Straße ſang: Fünf Sous! Fünf Sous!“ Ihr Geſang war übrigens ſo falſch wie der Ton einer abgenützten Drehorgel!“ „Ach, Madame, ich habe nicht geſungen, ich habe nur mein Geld gezählt. Sie gaben mir fünf Sous mit, um Rahm zu kaufen; ich zählte das Geld in 14 meiner Hand, und veßhalb wiederholie ich,fünf Sous, für fünf Sous Rahm“.“ „Sie haben nicht nöthig, den Rahm nach der Me⸗ lodie des Liedes:„Nun danket Alle Gott!“ zu ver⸗ langen, Mamſelle! Das wäre ſauber, was würden Sie denken, wenn eine Dame ein Paar Handſchuhe nach der Melodie der Apotheker⸗Familie, oder einen Strang Faden nach der Melodie eines Polka verlan⸗ gen würde?“ „Hm! das wäre vielleicht luſtiger.“ „Gut jetzt, es iſt ſchon recht, ſchweigen Sie; die erſte, die ich ſingen höre, verurtheile ich auf acht Tage zu trockenem Brode.“ „Wie böſe ſie iſt!“ ſagten die jungen Mädchen leiſe zu einander. „Man merkt wohl, daß ihr Invalide ſchon ein Paar Tage nicht mehr da geweſen iſt.“ „O, wenn man nur ſagen dürfte, was man in ſeinem Innern denkt!“* In dieſem Augenblick treten Leute in den Laden. Die Jungfern ſchweigen beſcheiden; die Krämerin nimmt wieder ihre liebenswürdige, heitere Miene an⸗ um die Kunden zu beſtechen; ſie macht alle Schach⸗ teln auf, um einer Dame Handſchuhe zu ſuchen, die⸗ nachdem ſie vierzig Paar geſehen hat, endlich geht und ſagt, es ſeien ihr alle zu groß. Ein Schreinergeſelle geht mit ſeinen Werkzeugen unter dem Arme durch die Vorſtadt; ein Mann in 1⁵ einer Blouſe und einer etwas ſchief ſitzenden Wütze von Otternhaaren, welcher ein ziemlich händelſüch⸗ tiges Aeußere hat, hält den Arbeiter mit den Wor⸗ ten an:„Wo gehſt Du hin, Peter?“ „Schau', Du biſt es, Gravvuillet; arbeiteſt denn Du heute nicht! Machſt Du einen Blauen? Du lebſt auch recht in den Tag hinein...“ „Davon iſit jetzt nicht die Rede; geht es Dich Etwas an, wenn ich die ganze Woche ausruhe und am Sonntage erſt Nichts thue?“ „Ganz und gar nicht, thue, was Dir beliebt... aber ich habe Geſchäfte, ich bin in ein Haus be⸗ ſtellt. Adieu!“ „Einen Augenblick Geduld. Da ich Dich gerade unter vier Augen habe, mußt Du mir Rede ſtehen!“ „Ich habe keine Zeit, ſag' mir ſpäter, was Du von mir willſt, wir können ja nachher dort im Wirthshaus an der Ecke zuſammenkommen; ich ver⸗ ſichere Dich, ich habe Eile.“ Der Mann mit der Blouſe ſtellt ſich vor den Schreiner, vertritt ihm den Weg, ſetzt ſeine Mütze noch ſchiefer auf's Ohr, ſo daß ſie faſt vom Kopfe herunterfällt, und ſchreit, die Stirne runzelnd, mit einer faſt wilden Stimme:„Und wenn Du ſo Eile haſt, warum hältſt Du Dich denn alle Tage ſtun⸗ denlang in dem Gewölbe der Gemüſehändlerin, der Frau Cornvuillet, auf, deren Lochter, wie Du wohl weißt, ich die Cour mache? Warum äußerſt Du Dich dort ſo gallicht über mich, ſagſt, ich ſei ein Müßig⸗ gänger, ein Schlemmer und ſo weiter?“ 16 Der Arbeiter wird über und über roth, rollt aber ſeine Augen fürchterlich und macht allerlei Geſten, während er ſeinem Kameraden entgegnet: „Ha! warum nicht gar; wer behauptet das? Wenn ich die, die das ſagen⸗ in meinen Händen hätte, ich würde ſie behandeln, wie ſie es verdienen. Ich über einen Freund ſchimpfen? Nie... pfui! das bin ich außer Stande.“ „Warſt Du geſtern nicht bei Mutter Cornouillet?“ „Ich war vielleicht dort, das iſt ſehr möglich; ich leugne gar nicht, daß ich dort war, aber nur, um Kartoffeln zu meinem Frühſtück zu kaufen. Man hat vielleicht von Dir geſprochen, das iſt auch mög⸗ lich; man hat mich über Dich ausholen wollen, weil man weiß, daß Du mit mir umgehſt; ich habe Dieſes und Jenes erwiedert, das iſt Alles. Ich gebe Dir mein Wort, ſonſt iſt nichts geſprochen worden.“ „Was verſtehſt Du unter Dieſes und Jenes?... Verläumdungen, Schwätzereien?“ „Kein Gedanke, Gravouillet; man hat mir in Deinen Augen zu ſchaden geſucht. Ich bin unfähig⸗ von meinem Freunde ſchlecht zu ſprechen, ſelbſt wenn. „Von einem Freunde. einem Freunde.. das iſt gleich geſagt! Kurz⸗ es wird bald im Reinen ſein, ob Du mich bei meiner Geliebten anzuſchwär⸗ zen gewagt haſt, und wenn dieß der Fall war, ſo nimm Dich in Acht, weiter ſage ich Dir nichts!“ Der Mann in der Blouſe entfernte ſich hierauf mit einer drohenden Geberde, und der Schreiner⸗ 17 geſelle geht mit raſcherem Schritte vorwärts, indem er laut vor ſich hin ſpricht, als ob er ſich noch vor Gravouillet entſchuldigen wollte. Wir kommen auf die Boulevards: dort hat Alles einen heiterern Anblick. Hier geht man zugleich ſpa⸗ zieren, während man ſeine Geſchäfte beſorgt. Auf den Boulevards bei den Marais ſieht man zwar keine elegante, faſhionable Geſellſchaft, wie auf denen in der Nähe der Chauſſee d'Antin. Denn die Mitglieder des Jokey⸗Clubbs und des Cirkels zeigen den beſcheidenen Bewohnern der Pont⸗aux⸗ Choux⸗Straße ſelten den eleganten Schnitt ihrer Kleider oder das prächtige, neumodiſche Geſpann ihrer Tilbury's; indeſſen hat das Boulevard Beau⸗ marchais auch ſeine Stutzer und ſeine Modedamen. Jedes Quartier hat ſeine Beluſtigungen, ſeinen Ton und ſeine Sitten. Vor dem Eſſen iſt dieſer Theil der Hauptſtadt beſonders von Kindsmägden, welche ihre Kinder ſpa⸗ zieren führen, Rekruten, die der Kindsmägde halber hingehen, und von alten Leuten beſucht, welche dort in der Gegend wohnen und denen der Arzt gerathen hat, ſich zur Stärkung ihres Appetits in die freie Luft zu begeben; ſie wechſeln dann ab und gehen bald bis zu dem Schloßplatze, bald bis zu dem Platze, wo die Juliusſäule ſteht. Außer dieſen begegnet man Damen, die auf dem Wege ſind, Beſuche zu machenz Herren, die raſchen Paul de Kock. LRw. 2 18 Schrittes vorwärts gehen; Griſeiten, die ſich nicht lange umwenden, um ſich zu überzeugen, ob man ihnen nachſieht; und ſchnell und luſtig einherrollende, volle Omnibus. In jener beinahe einſamen Seitenallee bemerke ich übrigens eine junge⸗ hübſche, ziemlich geſchmack⸗ voll gekleidete Dame, die ſchon lange in einem Raume von etwa dreißig Quadratſchuhen kreuz und queer auf und ab geht, bisweilen eine Bewegung der Un⸗ geduld macht und ſich ſchnell umkehrt, wenn ſich ein Vorübergehender bemüht, ihr in's Angeſicht zu ſehen. Die Dame ſieht beinahe aus, als ob ſie Jemand ein Stelldichein gegeben hätte. Glaubt ihr, daß ſie auf ihren Mann, ihren Bru⸗ der, ihre Mutter oder ihre Schweſter wartet? — 8. Rein!... Nicht wahr, ſie ſcheint Jemand anders zu erwarten? Und ſie befürchtet, von Jemand er⸗ kannt zu werden, deßhalb hat ſie einen Hut aufge⸗ ſetzt, der ihr tief in's Geſicht hereingeht, und ſich ſo dicht verſchleiert; trotzdem wendet ſie ſich aber ſeit⸗ wärts, wenn die Perſonen nahe an ihr vorbeigehen. Endlich kommt ein Herr, der gerade auf die Dame zugeht, und dieſe kehrt ſich dieſes Mal nicht um. Der junge Mann(denn ſie erwartete einen iun⸗ gen Mann) ſcheint ganz außer Athem; er iſt eilends hergerannt oder wenigſtens ſehr ſchnell gelaufen; er bietet der jungen Dame den Arm an, dieſe verwei⸗ gert ihm jedoch den, ihrigen und folgendes Geſpräch wird zwiſchen Beiden gehalten:„Ich warte ſchon länger als eine Stunde auf Sie; das iſt abſcheu⸗ „ „ 19 lich. ich wußte gar nicht mehr, was ich anfangen ſollte! Was wird man wohl von mir gehalten haben? Eine Stunde lang auf demſelben Boule⸗ vard ſpazieren gehen!... Man muß ſehr wenig Liebe für eine Frau empfinden, daß man ſie den Widerwär⸗ tigkeiten einer ſolchen Lage ausſetzen kann!“ „Ach! ſo empfangen Sie mich, während ich mich beinahe lahm oder bruſtkrank lief, um ſchneller hier zu ſein!“ „In der That, Sie ſind ſchnell hergelaufen!... Warum ſind Sie nicht in einen Omnibus geſeſſen?“ „Ach ja, wenn man immer von einem in den andern muß! Von der Ring⸗Straße bis hierher muß man, glaube ich, drei Mal ausſteigen, dann wäre ich noch viel ſpäter gekommen.“ „Sie ſind irgendwo geweſen, wo Sie ſich zu lange aufhalten ließen, das iſt Schuld.“ „Wollen Sie denn immer ungerecht und eifer⸗ ſüchtig ſein? Da war es ſchon der Mühe werth, daß ich mich von meinen Freunden trennte, die mich mit zum Mittageſſen nehmen wollten.. es hat einer derſelben von zu Hauſe eine Truthenne mit Trüffeln geſchickt bekommen.“ „Es ſcheint, daß Sie es ſehr bedauern, nicht bei dieſer Parthie ſein zu können, und Ihnen eine Trut⸗ henne mit Trüffeln lieber iſt als ich.“ „Das habe ich nicht geſagt.“ „Aber Sie denken es.“ „Der beſte Beweis dagegen iſt, daß ich gekom⸗ men bin.“ 20 „Es iſt Ihnen übrigens leid um die Truthenne.“ „Ach, wie unerträglich ſind Sie!“ „Gehen Sie, mein Herr, ich halte Sie nicht zu⸗ rück, ſuchen Sie nur ihre guten Freunde auf.“ „Ach, ſo behandeln Sie mich! Nun, es ſei, ich gehe. Adieu, Madame!“ 1 „Leben Sie wohl, mein Herr.“ Und der junge Mann wendet ſich um und kehrt eben ſo ſchnell, als er gekommen iſt, auf demſelben Wege wieder zurück. Die Dame macht ihrerſeits auch einige Schritte, bleibt aber dann plötzlich, wie wenn ſie ſich an den Fuß geſtoßen hätte, ſiehen, dreht ein wenig den Kopf um und läßt, als ſie bemerkt, daß ſich der junge Mann in der That wieder entfernt hat, einen Schrei der Verzweiflung oder der Wuth hören, ſchwankt einen Augenblick, ob ſie dem jungen Manne nach⸗ eilen ſoll oder nicht, und entſchließt ſich endlich, ihren Weg fortzuſetzen. Was den Herrn betrifft, ſo läuft er davon, ohne ſich auch nur ein einziges Mal um⸗ zuſehen, was auf die Vermuthung ſchließen ließe, daß er eine leidenſchaftliche Vorliebe für die Truthennen mit Trüffeln habe. Setzen wir unſere Muſterung fort. Wir nähern uns den bevölkerten Quartiers. Das St. Martin⸗ und das St. Denis⸗Thor wer⸗ den in der Entfernung ſichtbar. Man ſieht mehr Fuß⸗ gänger, und die Chaiſen, Wagen, Karren und Ca⸗* — „ 24 briolets kreuzen ſich oft mit einer faſt beängſtigenden Schnelligkeit. Welche unaufhörliche Bewegung, wohin man ſein Auge wenden mag! Welches endloſe Geräuſch dringt zu unſern Ohren! Wagengeraſſel, Pferdegetrabe, Geſchrei der Kauf⸗ leute, der Händler, der Bänkelſänger, der Vorüber⸗ gehenden, der Kinder, der Hunde, der Zecher, der alten Weiber, der Leute, die ſich mit einander ſtrei⸗ ten, ſich rufen, die huſten, ausſpucken und mit ihrem Stock oder ihrem Regenſchirm auf den Asphalt klopfen. Ihr ſeid nun in dem Herzen der großen Stadt und es iſt gerade die Tageszeit, wo die meiſten ihrer Bewohner ihrer Geſchäfte, ihres Handels, ihrer In⸗ tereſſen oder Vergnügungen wegen in Bewegung ſind. Eine Maſſe Leidenſchaften ſetzen alle dieſe Ma⸗ rionetten, welche wir Menſchen nennen, in Trieb und Bewegung; aber ein noch viel mächtigeres Organ, das vor allen andern den größten Einfluß ausübt, zwingt das Menſchengeſchlecht zum Gehorſam: wenn der Magen ſeine Rechte fühlbar macht, wenn er ſich deutlich ausſpricht, werdet ihr alle dieſe Marionet⸗ ten ihre Arbeit, ihre Geſchäfte, ſogar ihre Vergnü⸗ gungen verlaſſen ſehen, um ihm Genüge zu leiſten. Wenn ihr Pariſer ſeid, ſo haben dieſes ewige Geräuſch und Gelärme, dieſe Menſchenmenge, dieſe zahlloſen Gefährte und alle die verſchiedenen Auf⸗ tritte auf der Straße nichts Auffallendes für euch; ihr ſeid dergeſtalt daran gewöhnt, daß ihr trotz des 22 Gedränges ruhig euern Weg fortſetzt⸗ ohne euch⸗ ſelbſt wenn ihr, um trockenen Weg zu haben, auf dem Pflaſter geht, an ein Vorübergehendes zu ſtoßen. Wenn ihr aber vom Lande oder aus einer klei⸗ nen Stadt ſeid, ſo werdet ihr euch vorkommen⸗ wie wenn ihr beim Frühſtück zu viel getrunken hättet, oder beſſer noch wie Jemand, der zum erſten Mal gewalzt hat: es wird euch ſchwindlig im Kopfe, der Lärm betäubt euch, und die ſich hin und her bewe⸗ gende Menſchenmaſſe macht, daß ſich Alles vor euern Augen im Kreiſe herumdreht. Das Geraſſel der Wa⸗ gen raubt euch das Gehör, ihr fallt beinahe auf die Vorübergehenden, werft die kleinen, wandernden Bu⸗ den um, tretet den Damen auf die Füße und den Hun⸗ den die Pfoten auseinander; ein Glück noch, wenn ihr nicht mit größerem Mißgeſchick den Ort eurer Beſtimmung erreicht. Wie wäre es erſt, wenn ihr euch(verſteht ſich, immer vor dem Eſſen) mit Mühe einen Weg durch die Halle— den ungeheuren Vorrath an Nahrungs⸗ mitteln, der von überall her der Hauptſtadt zu⸗ ſtrömt, um jenen Tyrannen, den Magen, zu befrie⸗ digen, den ich eben vorhin nannte— einen Weg zu bahnen ſuchtet? Dann würdet ihr die Fiſchweiber in ihrer eigen⸗ thümlichen Sprache das ganze Fiſcher⸗Wörterbuch in Anwendung bringen hören, um die Käufer zu ſchmä⸗ hen, die ihre Waare zu verachten wagen; außerdem würde das Geſchrei der ſtreitenden Mägde, der Herrſchaften, die mit ihren Dienſileuten zanken, und» m n 23 der Aufſeher, die Alles überſchreien, um den Frie⸗ den herzuſtelleu, eure Ohren betäuben. Ja, dann würdet ihr mit Virgil ausrufen: „Fuge littus avarum, fuge crudeles terrau!“ Und ihr hättet recht. Wenn ihr aber auf die Altſtadt zugeht, ſo wer⸗ det ihr die Straßen des alten Paris, das heißt enge⸗ dunkle, kothige Gaſſen finden; überall ſtoßt ihr auf Gefährte, und außer einigen hübſchen Griſetten, die ſich in die ſchwarzen, von den Studenten bewohnten Häuſer ſchleichen, ſeht ihr nichts, was euren Blicken angenehm ſein könnte. Wollt ihr in den Juſtizpalaſt eintreten? Dort werdet ihr plaidiren hören, denn man plai⸗ dirt immer, unaufhörlich; je civiliſirter die Menſchen werden, deſto mehr ſtreiten ſie ſich; dieß iſt zwar ſehr traurig, aber es iſt wahr. In den alten Zei⸗ ten glich man die Zwiſtigkeiten mit Fauſiſchlägen aus oder überließ das Urtheil der Fügung Gottes, das war weit einfacher, als die Procedur der Ad⸗ vokaten. Wenn ihr plaidiren hört, ſeid ihr ganz erſtaunt, daß die Männer, welche berufen ſind, die Richter aufzuklären, ſich durch Leidenſchaft, Zorn und Ent⸗ rüſtung leiten laſſen. Wenn ihr zwei Advokaten ſich gegenſeitig be⸗ kämpfen hört, Zeuge ſeid, wie immer einer be⸗ müht iſt, die Falſchheit des andern zu beweiſen, und es oft ſpitzige Ausfälle dabei gibt, ſo glaubt ihr, dieſe beiden Herren werden ſich nach beendigter 2 Sitzung mit einander ſchlagen. Aber keineswegs, ſie ſpeiſen vielleicht an einem Tiſche mit einander und ſind ganz gute Freunde; es iſt ſogar möglich, daß ſie ſich dutzen. Man disputirt bloß im Juſtizpalaſte und unter der Halle. Geht ihr vor dem Eſſen in ein Kaffeehaus, ſo werdet ihr wenig Menſchen treffen: einige Pflaſter⸗ treter, alte Stammgäſte, leidenſchaftliche Liebhaber des Domino, die, ſobald ſie Morgens angekleidet ſind, in ihr gewöhnliches Kaffeehaus eilen; dieſe kom⸗ men oft vor den Journalen und beinahe immer, ehe die Kellner Alles in Ordnung gebracht haben; ſie werfen einen unruhigen Blick um ſich, ſehen nach allen Liſchen und gehen durch alle Zimmer des Kaffeehauſes. Ihr glaubt vielleicht, ſie ſuchen die Zeituugen, ſie ſeien ungeduldig, die neuen politiſchen Begeben⸗ heiten, den Geldcours oder die Critik über die am Vorabend neu aufgeführte Oper zu leſen? O nein, das beſchäftigt ſie nicht!. Sie nehmen, wenn ihnen nichts Anderes übrig bleibt, eine Zeitung in die Hand, ſtarren ſie an, ohne darin zu leſen, oder leſen, ohne zu wiſſen, was ſie leſen, denn ihr Auge iſt unaufhörlich auf die Thüre geheftet. Endlich kommt ein anderer Müßiggänger; jetzt beleben ſich ihre Züge, eine gewiſſe höhniſche Freude malt ſich darin: ſie ſehen aus, als ob ſie in ihrem Innern dächten:„Das iſt mein Mann!“ oder:„Da kommt ein Opfer!“ ——, — 25 Und in der That, ſie treten der Perſon entgegen und rufen ſchon von Weitem:„Wir wollen eine Par⸗ thie mit einander ſpielen; ich habe zwar nur eine halbe Stunde Zeit, wenn es Ihnen aber kecht iſt..“ Der Neuangekommene zögert, möchte wenigſtens vorher die des Charivari anſehen und das Räthſel im Corſaren zu löſen ſuchen. Aber der Dominoſpieler läßt ihm keine Zeit: er drängt ihn zu einem Tiſch und nöthigt ihn mit der⸗ ſelben Schnelligkeit zum Sitzen, wie der Omnibus⸗ kutſcher ſeinen Paſſagier„des letzten Platzes“. Dann verlangt er ein Dominoſpiel, miſcht die Steine und ſpricht mit einſchmeichelnder Stimme:„Wir ſpielen die Parthie zu zwanzig Sous; es iſt bloß zur Unter⸗ baltung. Ich darf anfangen, zu ſetzen.“ Und das Alles, ehe ſein Gegner Zeit hatte, zu ſich ſelber zu kommen. Endlich entſchließt ſich derſelbe mit den Worten: „Aber nur eine halbe Stunde!“ „O, nicht länger! Es iſt jetzt neun Uhr, um zehn Uhr habe ich ein Rendezvous.“ „Und ich habe meiner Frau verſprochen, zum Frühſtücke nach Hauſe zu kommen; ſie hat friſche Eier zum Weichſieden gekauft.“ So ſetzen ſich die Herren Morgens um neun Uhr an's Spiel, und Abends um fünf Uhr ſitzen ſie noch an dem nämlichen Tiſche, von dem ſie ſich den gan⸗ zen Tag nicht entfernt haben. Nach jeder Parthie wiederholen ſie:„Nur noch ein halbes Stündchen.“ Die Augen des Gewinnenden treten ganz aus 26 ihren Höhlen hervor, ſo eifrig betreibt er ſein Spiel⸗ der Verlierende ſieht bemitleidenswerth aus und murmelt bisweilen:„Ach, mein Gott, meine Frau wartet... mit den weichgeſottenen Eierk auf mich; ich paſſe abermals!“ „Machen Sie ſich keine Sorgen, Sie können Ihre Eier hart ſieden laſſen und zum Salat eſſen. Einen Fünfer.“ „Ich habe keinen.“ „Einen Sechſer.“ „Ich paſſe.“ „Domino.“ „Ach, es wäre viel vernünftiger geweſen, wenn ich meine Eier gegeſſen hätte.“ um die Mitte des Tages erſcheinen die Schrift⸗ ſteller, die Künſtler, die Novelliſten und Zeitungs⸗ ſchreiber in den Kaffeehäuſern; man ſpricht von dem geſtrigen Stücke, dem erſten Auftreten einer Schau⸗ ſpielerin, dem Frieden, dem Krieg, den Eiſenbahnen oder ſonſt einem Gegenſtand. Ein junger Mann mit einer wunderhübſchen Halsbinde, lakirten Stiefeln und einem werthvollen Stocke äußert ſich ſehr leidenſchaftlich über eine Tän⸗ zerin, die geſtern debütirt hat, und ruft mit Begei⸗ ſterung aus:„Welches Talent! welche Kraft! welche Geſchmeidigkeit und Anmuth!“ „Sie hat mir nicht gefallen,“ entgegnet kalt ein Herr, der Waſſer in ſeinen Wermuth⸗Extrakt gießt und ſehr ſorgfältig darauf achtet, daß das Waſſer in gleicher, regelmäßiger QOuantität aus der Flaſche fließt, wodurch er ein grünliches Getränke bekommt, welches einen ſehr günſtigen Einfluß auf den Appetit ausübt. Ihr ſeid vielleicht der Anſicht, daß, wenn man ſein Gläschen Abſynthe in ein Glas Waſſer ſchütte und dann untereinander rühre, man denſelben Zweck erreiche; ihr ſeid aber ſehr im Irrthum, ihr trinkt nichts Genießbares, wenn ihr nicht ganz langſam Tropfen für Tropfen das Waſſer in den Abſynthe träufeln laßt. Ich ſage euch das nur, damit ihr, wenn ihr Eile habt, euch etwas Anderes beſtellt. Der junge Mann mit der ſchönen Halsbinde hat ſich aber ſeinem Gegner genähert und verſetzt:„Wie, mein lieber G**, Sie ſagen, Fräulein A. habe Ihnen nicht gefallen? Gehen Sie, das iſt nicht mög⸗ lich! Sie hat etwas Weiches, Aetheriſches, Entzücken⸗ des in ihren Stellungen, ihren Bewegungen...“ „Etwas zu Weiches ſogar.. das heißt, etwas Kraftloſes, Schlaffes!“ „Kraftlos!. ſie verweilt, ohne ſich anzuſtren⸗ gen, zwei Minuten auf den großen Zehen, und Sie finden das nicht entzückend?“ „Nein, weiß Gott nicht! Mir gefällt etwas An⸗ deres beſſer!“ „Gehen Sie, Sie haben ſicher geſtern ſchlecht zu Mittag geſpeist; Sie hatten nicht recht verdaut und deßhalb mißfiel Ihnen, was Bewunderung verdient.“ Ich habe geſtern wie gewöhnlich ſehr gut ge⸗ ſpeist, ich bleibe aber dabei, Ihre Tänzerin hat kein Talent.“ 28 „Mein Freund, Sie wiſſen nicht, was Sie reden.“ „Mit Unverſchämtheiten können Sie mir Ihr Recht nicht beweiſen.“ „Sie ſind ein eigenſinniger Menſch.“ „Kommen Sie mir nicht ſo, oder ich werde Sie lehren, einen andern Ton anzunehmen!“ Man ereifert ſich, die Herren werden lebhaft; die Kreiswendungen der Tänzerin können Veranlaſſung zu einer blutigen Scene geben. Es haben ſchon oft unbedeutende Gegenſtände traurige Ereigniſſe zur Folge gehabt. Glücklicher Weiſe vermittelt ein dritter eben ein⸗ tretender Herr den Streit der beiden erſteren; der⸗ ſelbe weiß den ganzen Wortwechſel in's Scherzhafte zu ziehen, und nach einigen mit Witz improviſirten iſt nicht mehr von der Tänzerin die ede. Wenn ihr im Laufe des Tages in ein Mode⸗ waarenlager eintretet, ſo iſt es gerade die Zeit, wo verkauft wird, und die Commis werden, indem ſie die Stoffe ausbreiten, alle ihre Beredtſamkeit auf⸗ bieten, um euch zu beweiſen, daß ihr ſonſt nirgends etwas Beſſeres finden werdet. Umſonſt ſagt ihr:„Aber das will ich nicht!“ „Da haben Sie ſehr unrecht, Madame; glauben Sie mir, nehmen Sie das, Sie werden gewiß zu⸗ frieden damit ſein und uns dafür danken; es iſt außerordentlich vortheilhaft.“ Und der Herr des Lagers geht im Laden auf b 29 und ab, überwacht ſeine Commis, ſieht nach Allem, feuert den Eifer ſeiner jungen Leute an, die dann nicht mit einander plaudern und ſich ihre Bemer⸗ kungen über die Damen, die den Laden beſuchen⸗ nicht mittheilen können. Vor dem Mittageſſen bilden die Geſchäfte, der Handel, das Geld, auf deſſen Erwerb man denken muß, faſt die allgemeine Lebensregel; deßwegen arbeitet man auch auf den Comptviren der Bankiers, in den Stu⸗ dirzimmern der Advokaten, Notare, in den Ateliers, Läden, Gewölben, Buden und manchmal ſelbſt unter freiem Himmel. Die Säle, der Ort für das Spiel, der Tanz, das Vergnügen... Alles iſt kalt, trübſelig und ge⸗ räuſchlos vor dem Mittageſſen. Der Geſchäftsmann läuft mit haſtigen Schritten in ſeinem Zimmer auf und ab, verfolgt von ſeiner Frau, die einen Caſchemirſhawl von ihm verlangt, nach dem ſie lange ein ſehnſüchtiges Verlangen trägt. Allein der Gemahl findet, daß dieſer zu viel koſtet, er antwortet einmal über das andere:„Spä⸗ ter, liebes Kind, wollen wir ſehen; ich habe ein Ge⸗ ſchäft im Sinne, wenn es gut ausfällt, ſollſt Du Deinen Caſchemir haben.“ „Ach, mein Herr, Sie wiederholen mir das un⸗ aufhörlich! Sie ſind ſo filzig gegen mich, ich könnte ſogar ſagen, abſcheulich knauſerig, und doch haben Sie alle Tage acht bis zehn Gäſte bei Tiſche! Es wäre beſſer, Sie kauften mir einen Caſchemir.“ „Liebe Freundin, ich muß wiſſen, was ich zu 30 thun habe, Du verſtehſt nichts von Geſchäfts⸗ ſachen.“ Und glaubt ihr, die Commis, dieſe tugendhaften und pünktlichen Gehülfen, die zur beſtimmten Sekunde gehen und in allen Straßen, durch die ſie kommen, ſtatt der Uhren gelten, ſeien glücklich vor dem Mittag⸗ eſſen? Sie, die vor ihrem Pulte ſitzen, die Feder ſchnei⸗ den oder ſich am Ofen wärmen, und weder über ihre Zeit, noch ihren Geiſt— wenn ſie anders welchen haben—nach Belieben verfügen können! Ach, ge⸗ wiß nicht! Aber würdet ihr ſie des Abends ſehen⸗ o, ihr würdet Sie nicht wieder erkennen: es ſind ganz andere Menſchen! Und in den Theatern!... ach, da namentlich wer⸗ det ihr Alles anders finden. Geht ja nicht vor dem Mittageſſen in ein Thea⸗ ter, denn ihr bringt euch um alle Illuſion. Ihr ſehet einen dunkeln Saal, in dem eure Augen mit Mühe die Gegenſtände von einander unterſcheiden. Auf der Bühne, wo es noch viel dunkler iſt, ſeht ihr anſtatt jener glänzenden Dekorativnen, die euch nach Italien, der Schweiz, in das Innere eines prächtigen Palaſtes verſetzen, hölzerne Geſtelle, Cou⸗ liſſen, die, in der Nähe betrachtet, ſchmutzig und grob gemalt ausſehen, aufgepappte Fetzen und bretterne Berge, auf denen es nicht immer rathſam iſt, ſich zu ergehen. Statt der Sänger und Ritter werdet ihr Herren im Rock, im Paletot, mit dem Hute auf dem Kopfe, die mit einander plaudern und Späße machen und ihr Schlagwort erwarten, Damen, die — ——— 34 ihr vielleicht den Abend zuvor als Roſenmädchen und Veſtalinnen geſehen habt und die von allem Dem nun nichts mehr ſind, in reiche Mäntel gehüllt, die Hände in den Müffen und über die Späße der Herren lachend, begegnen. Das iſt ein ſchwacher Abriß von dem, was ihr Morgens in den Theatern finden werdet. „ Ich könnte euch noch in jene Orte einfühsen, wo ſo viele Leute ihr Geld ſitzen laſſen, andere, Gewand⸗ tere, ſpielen, ohne welches zu beſitzen, den Gewinn einziehen, wenn einer auf ſie kommt, und Richts be⸗ zahlen, wenn ſie verlieren: eine feine Art, reich zu werden und ſicher zu ſpielen. Ich könnte euch in die Antonius⸗Straße, das Vier⸗ tel der Bankiers, der Wechſelagenten, der Loretten und der Opernchoriſtinnen führen; in das Faubourg St. Germain, wo die alten Hotels und die glänzen⸗ den Equipagen zu Hauſe ſind; in das Palais⸗Royal, dieſen zauberiſchen Ort, von dem man in allen fünf Welttheilen ſpricht, weil auf der ganzen übrigen Welt Seinesgleichen nicht gefunden wird. Aber vor dem Nittageſſen ſcheint das Palais⸗ Royal der Lobeserhebungen, die man ihm macht, nicht würdig. Um zu glänzen, müſſen alle die Läden bveleuchtet ſein; zur Tageszeit erhalten ſie vom Himmel nur eine zweifelhafte Helle, die manchmal nicht bis in den Grund des Magazins dringt. Um dieſe Zeit ſind die Gallionen wenig beſucht, die Gaſtwirthſchaften und Cafö's faſt verlaſſen; ihr ſehet wenige Leute vor den zur Schau ausgehäng⸗ ten Waaren der Läden ſtehen; ja ſelbſt die Modiſtin⸗ nen arbeiten, ohne aufzuſehen. Die Zeit des Mittageſſens muß nahe ſein; be⸗ gnügen wir uns damit, daß wir in den prächtigen Saal eines reichen Capitaliſten treten, wo bereits eine zahlreiche Geſellſchaft verſammelt iſt, welche der Amphytrion heute bewirthet. Da gibt es hübſche Frauen, ſtolze Toiletten, man weiß nicht, welcher von dieſen Damen man in Be⸗ ziehung auf den Reichthum des Stoffs und des Ge⸗ ſchmeides den Vorzug geben ſoll; auch Männer, deren Anzug faſt ohne Unterſchied gleich iſt, wollen ſich bemerklich machen; die Einen vergeſſen nicht, einige Worte von ihrem Reichthum, von dem glän⸗ zenden Amte, das ſie bekleiden⸗ fallen zu laſſen; die Worte:„mein Schloß, mein Gut, mein Einfluß, mein Credit“ werden geſchickt in der Unterhaltung ange⸗ bracht. Andere, die weniger vom Schickſal begünſtigt ſind, ſchmeicheln ſich, es durch ihr Verdienſt, ihren Geiſt zu gewinnen und ſie quälen ſich manchmal ſehr ab, welchen zu zeigen, während diejenigen, die wirk⸗ „ lich ſolchen haben, ſich oft nicht die Mühe geben, ihre Waare auszukramen. Vor dem Mittageſſen herrſcht in dieſer Geſell⸗ ſchaft ein kalter, ceremonieller, faſt ernſter Ton. Die Damen muſtern ſich und becritiſiren die Toilette einer jeden nach allen Theilen der Reihe . . 33 nach; wenn ſie einige Worte wechſeln, ſo geſchieht es mit ſo geſuchter, gezierter Höflichkeit, daß man ſie für Diplomatie halten könnte, und man weiß doch, wie dieſe Complimente, dieſe banalen Höflich⸗ keiten, die man ſich in der Welt gegenſeitig macht, zu überſetzen ſind.„ So, wenn z. B. eine Dame zur andern ſagt: „Mein Gott, Madame, was Sie für einen köſtlichen Hut haben und wie er Sie zum Entzücken kleidet!“ heißt es ſo viel als:„Sie ſind ſo häßlich, daß man ſich vor Ihnen fürchtet, und ſetzen einen Hut auf, der Ihr Geſicht ſehen läßt, ſtatt es zu verdecken! Sie ſind ganz lächerlich ſo!“ Oder ferner:„Wie, Madame, Sie waren trank, ſo viel man mir geſagt hat! Aber wahrlich, man ſieht es Ihnen gar nicht an: Sie ſind friſch und roſig, Sie haben eine herrliche Geſichtsfarbe!“ Ueberſetzt:„Sie ſind ſchrecklich verändert, Sie ſehen wenigſtens um zehn Jahre älter aus; was Ihre Geſichtsfarbe betrifft, meine liebe Dame, ſo weiß man, was man von deren Ratürlichkeit zu hal⸗ ten hat! Sie tragen zu viel auf, das ſieht man deutlich.“ Oder ferner auch:„Ich habe das Unglück erfah⸗ ren, Madame, das Ihnen zugeſtoßen iſt: der Ver⸗ luſt Ihres Herrn Oheims... hat mich ſehr ange⸗ griffen! Ein ſo tiebenswürdiger Mann, der ſo viel Verdienſt hatte! Ich bitte Sie, zu glauben, daß ich ſehr vielen Antheil an Ihrem Kummer nahm.“ de Kock. LXIV.*— 34 Ueberſetzt:„Es iſt mir vollkommen gleichgültig, ob Ihr Oheim geſtorben iſt oder nicht, und Ihnen vielleicht auch, denn er war ein alter Schwachkopf, der immer brummte und unaufhörlich auf die Tep⸗ piche ſpuckte; er war wirklich unausſtehlich in Ge⸗ ſellſchaft.“ Das ſind einige der gebräuchlichſten Ueber⸗ ſetzungen. Wir könnten ein ganzes Geſpräch überſetzen, denn unter Leuten von Welt, die in Geſellſchaft zuſam⸗ menkommen und ſich nicht leiden können, iſt in einem ganzen Geſpräche oft kein einziges wahres Wortz wir wollen es aber bei dem Gegebenen bewenden laſſen. Bei den Männern findet man genöhnlich mehr Wahrheit, ſie drücken ſich aber auch— einige aus⸗ genommen, deren Studium die geſellſchaftliche Unterhaltung iſt— weit nicht ſo gewählt und zart aus. In einem Salon, wo häufig Perſonen zuſam⸗ mentreffen, die wenig mit einander bekannt ſind, werden ſelten Privatgeſpräche gehalten, und bei all⸗ gemeinen Geſprächen iſt gewöhnlich die ewige Po⸗ litik Gegenſtand der Unterhaltung⸗ welche dadurch auch meiſt lebhaft wird, da ſelbſt in der kleinſten Geſellſchaft nie alle Männer derſelben Meinung find, oder Jeder die ſeinige geltend machen will. Wir finden einen alten Marquis, der Alles tadelt, was man jetzt thut, und nur lobt, was frü⸗ * her geſchah. 4 35 Einen alten Offizier, der den Krieg unter Napo⸗ leon mitgemacht hat, und für Alles, was zur Zeit des Kaiſerreichs geſchah, begeiſtert iſt; er begreift gar nicht, wie man von einer andern Epoche als der des Kaiſerreichs ſprechen kann. Dann einen abgeſetzten Präfekten, der ein wüthen⸗ der Feind der Regierung geworden iſt, ſeit man ihm ſeine Präfektur genommen hat. Dann einen Advokaten, der bloß für die Republik eingenommen iſt, die Tugenden des guten Herrn Robespierre preist, verſichert, Frankreich ſei unter dem Schreckensſyſtem vollkommen glücklich geweſen, nur von Freiheit ſpricht, Freiheit verlangt, wüthend wird und Jedermann zermalmen möchte, der nicht ſeiner Anſicht iſt, Alles jedoch aus glühender Liebe zur Freiheit; ein Gefühl, welches ſich bei den meiſten unſerer ungeſtümen Reformatoren in folgende Worte übertragen ließe:„Die Welt ſoll die Freiheit haben⸗ Alles zu thun, was ich will.“ Dann einen Gewerbsmann, der Alles billigt, was geſchehen iſt und alle Miniſterien lobt. Dann einen Künſtler, der behauptet, wir ſollten uns kleiden wie zur Zeit Franz l., nicht begreift, warum die Männer keinen Bart und die Frauen keine Halskrauſen tragen, die Freiheit anbetet, aber zur Zeit Ludwig XIV. gelebt haben möchte. Und jeder dieſer Herren vertheidigt ſeine Anſicht mit Eifer und Hartnäckigkeit; keiner will dem andern einen Zoll breit weichen. Wenn ihr dieſer Erörte⸗ rung zuhört, die mit jedem Augenblicke lebhafter 4 36 „ wird, denkt ihr bei euch:„Man hat ſehr Unrecht ge⸗ habt, dieſe Männer hier zu vereinigen; ſie ſind durch⸗ aus verſchiedener Meinung und gerathen beſtimmt in Händel.“ Und wenn ihr eure Blicke auf die Seite der Da⸗ men richtet, um welche einige junge Herren, die ſich um etwas Anderes als Politik bekümmern, herum⸗ ſtreichen, indem ſie ihren Schnurrbart dreſſiren und einen Blick auf ihren Anzug werfen, denkt ihr eben⸗ falls:„Dieſe Herren verlieren ihre Zeit umſonſt, die Damen zu verführen, denn nicht eine ſchenkt ihnen Aufmerkſamkeit.“ Vergebens bemüht ſich dieſer hübſche Blonde mit ſeinen künſtlich friſirten Haaren, welcher ſich hinter den Stuhl der reizenden kleinen Frau geſtellt hat, deren feine Geſtalt ſich unter Federn, Gaze und Spitzen verliert: ſie achtet nicht im Mindeſten auf ihn, kehrt ſich nicht einmal nach ihm um, obgleich ſie in dem ihr gegenüberhängenden Spiegel den Herrn ſehen kann, der ſich hinter ihr befindet. Und mit welcher Zurückhaltung, mit welch ſtolzer Miene antwortet jene große, ſchwarzgekleidete, von Diamanten ſtrahlende Dame dem hübſchen Jungen mit dem Schnurrbarte, der ebenfalls nur mit der größten Achtung mit ihr zu ſprechen ſcheint. Gewiß, die Läſterzungen fänden keinen Grund, ſich an ſie zu wagen. Das müßtet ihr in dieſem Augenblick bei euch denken. Aber plötzlich erſcheint ein Diener auf der Thür⸗ ſchwelle des Saales und ſpricht die von einem Theil —„ — — + der Geſellſchaft oft mit ungeduld erwarteten Worte: „Gnädiger Herr, es iſt aufgetragen!“ Nach dem Eſſen. Die Stunde des Mittageſſens iſt, ſogar bei Leuten, die ſpät zu Tiſche gehen, herangerückt. Die Nacht iſt an die Stelle des Tages getreten und ſchon lange eilen Männer mit großen Stöcken, auf denen ſich oberhalb ein kleines Lichtchen befindet, durch die mit Gas beleuchteten Quartiers; vermittelſt ihrer Stöcke zünden ſie die Laternen an, die dann eine ſo ſchim⸗ mernde, blendende Helle verbreiten. Jetzt hat Alles in dieſer Stadt, durch die man vor einigen Stunden die Runde gemacht hat, ein anderes Anſehen gewonnen. Die Magazine, Läden, Kaffeehäuſer, Theater, Straßen, Gaſthöfe, Säle, Alles wird belebter und ſcheint ein neues Daſein zu beginnen. Die Menſchen glänzen bei dem ſelbſt erfundenen Lichte mehr als bei dem vom Himmel ſtrahlenden; das erſtere ver⸗ ſchafft oft eine trügeriſche Helle, die vortheilhaft für uns iſt, da wir nicht alle ſchön genug ſind, um beim Tageslichte betrachtet werden zu dürfen. Nun könnt ihr, wenn ihr in dieſer langen Reihe gasbeleuchteter Boulevards und eleganter, lebhafter, bevölkerter Straßen ſpazieren geht, keine zehn Schritte machen, ohne daß euch die ſtrahlende Beleuchtung eines Ladens, eines Waarenlagers oder eines hauſes in's Auge fällt. 38 Verführen euch die Vergoldungen, die Malereien, die Verzierungen dieſes Reſtaurationsſaales, dieſe anmuthig und kunſtvoll zuſammengelegte Shawls und die Stoffe aller Art in dieſer Ellenwaarenhandlung, dieſe Halsbänder, Ketten und Stecknadeln in den Schaufenſtern dieſes Bijoutiers, die geſchmackvollen Hauben und Hüte und endlich dieſe hübſchen Geſichter in jenen Läden nicht? Denn jetzt, wo Alles von Glanz und Licht ſtrahlt, könnt ihr dieſe Frauenzimmer prächtig beobachten; ſie heften nicht mehr, wie im Laufe des Tages, ihre Augen auf die Arbeit, ſondern ſie blicken oft durch die Fenſter und lächeln ſich dann bedeutungsvoll zu, wenn ein ſchöner Herr vor denſelben ſtehen bleibt. Jetzt könnt ihr, ohne von den Vorübergehenden geſtoßen, gepufft und gedrängt zu werden, in der Stadt umher ſpazieren. Nach dem Eſſen läuft man ſeinen Geſchäften nicht mehr nach; man hat weniger Eile, läßt ſich Zeit, ſchlendert einher, bleibt vor den Läden ſtehen, kurz, man verfolgt ſeinen Weg nach Belieben. Der Fuhrwerke begegnet man nun auch nicht mehr ſo viele; wir ſprechen zwar nicht von den Herrſchaftskutſchen, Omnibus und Fiakern, ſondern von den Leiterwägen, Bauernwägen und Karren. Man ſieht zwar hie und da noch Frauenzimmer ſchnell laufen und ſich, weil ſie allein ſind, beeilen; auch einige Griſetten, die thun, als ob ſie ſich fürch⸗ teten, weil ihnen ein Herr folgt; aber das find Aus⸗ nahmen, Schatten, welche das Gemälde nur noch mehr hervorheben. 39 Die Augen gewinnen nicht allein bei dieſer mit Paris hervorgegangenen Veränderung. Nachdem wir die Galerien des Palais⸗Rohal bewundert haben, die man Abends wirklich für einen bezaubernden Auf⸗ enthalt erklären muß, raſch über die gasbeleuchteten Boulevards hingeeilt ſind, eine reizende Promenade, die ihresgleichen in der Welt ſucht, wollen wir nun zu den Perſonen zurückkehren, die wir vor dem Eſſen beobachtet haben, und ſehen, was dieſer einfache, gewöhnliche, im menſchlichen Leben ſo unentbehrliche Akt für eine Veränderung ihrer Stimmung und oft auch ihrer Lage hervorbringt. Wir wollen zuerſt einen Blick in den Laden des Gewürzträmers werfen, wo es Morgens ſo voll war. Jetzt drängen ſich die Käufer nicht mehr ſo an den Laventiſch; es kommt zwar hie und da noch Je⸗ mand, aber nicht mehr mit der Eile wie vor dem Eſſen; man plaudert ſogar gerne ein wenig mit dem Gewürzkrämer und ſeinen Commis. Dieſe finden nun auch Zeit, den Mägden des Quartiers, während ſie ihnen Zucker oder Pfeffer wägen, einige Schönheiten zu ſagen. Der Commis des Gewürzkrämers iſt, ohne daß es den Anſchein hätte, außerordentlich verführeriſch. Sein Prinzipal gibt ihm übrigens das Beiſpiel. Welcher Schelm, welcher Rous, welcher Poſſenreißer iſt der Gewürzkrämer! Er weiß immer mit einem Witze zu erwiedern, und dieſer Witz iſt oft ſo kitzelig, daß die Mägde in ein gellendes Gelächter darüber ausbrechen. Sie lachen dann zum Zerplatzen, ſind genöthigt, ſich auf ein Zibebenfaß oder eine Seifen⸗ kiſte zu ſtützen und rufen aus:„Ah, iſt es bald ge⸗ nug?.. Wollen Sie endlich ſtill ſein!... Madame, bringen Sie doch Ihren Mann zum Schweigen, er ſagt gar zu arge Sachen. wer würde auch glauben, daß er mit ſeiner frommen Miene ein ſolcher Schelm wäre?“ Die Gewürzkrämerin, welche ſich jetzt breit in ihr Comptoir hineinſetzen kann, weil man ihr Zeit zum Geldherausgeben läßt, erwiedert bloß nachläßig: „O, das geht mich nichts an; ſucht ſelbſt mit ihm fertig zu werden, ihr habt ja auch das Maul nicht im Sacke!.. Hört, wißt ihr eine Magd, die einen Platz ſucht? Die Frau im dritten Stocke hat die ihrige unter dem Vorwand, ſie brauche zu viel Butter zu den Saucen, fortgeſchickt.“ „Da müßte ich mich zwingen, wenn ich in ſolche Küche ein Mädchen ſchickte!“ entgegnet eine dicke Schwatzbaſe in einer Haube und einem Madrastuch um den Hals;„ich kenne die Dame im dritten Stocke: die frißt der Geiz!... Es ſind Leute, die Aufwand machen und Mittel haben, ſo viel man ſagt, denn es iſt noch nicht bewieſen, und dabei ihre Diener⸗ ſchaft Hungers ſterben laſſen 1... Ein eitles Chor, das Alles an den Luxus und den Staat rückt; immer einen prachtvoll gedeckten Tiſch, vergoldete Teller, ditto Schüſſeln und nichts darin hat; denen man bei jedem Gang die Beſtecke wechſeln muß, damit ſie zu * 41 vier an einem Hahnenflügel eſſen können; die einen Apfel in acht Theile ſchneiden und vinbn Tage das nämliche Backwerk oder Bisquit zum Nachtiſch auf⸗ tragen laſſen; ihre Dienſtboten mit Knochen und Schalen nähren und ſich dann noch beklagen, ſie eſſen zu viel! Pfui, das ſind Filze! Nein, es würde mir beſtimmt nicht einfallen, ihnen eine ordentliche Perſon zu ſchicken, wenn ich auch eine wüßte!“ Ein kleines, altes, mageres, elend gekleidetes Weib, welches eine Taſche am Arme hat, die man ihrer Größe wegen zum Ausziehen brauchen könute, und wie gewöhnlich ihr Gläschen Branntwein trinkt, läßt jetzt einen Ausruf hören, der einem Entenſchrei gleicht, und präſentirt dann der Geſellſchaft ihre Doſe mit den Worten:„Ja, Sie haben vollkommen recht, Madame. Mein Jeſus und Heiland! es gibt Herrſchaften, die ſich ſehr inconſequent betragen und ihre Dienerſchaft behandeln, wie wenn ſie aus lauter tintenſchwarzen Negern beſtünde! Hat nicht kürzlich meine Nichte erſt ihre Stelle verloren?... Sie ken⸗ nen meine Nichte.. ein hübſches Geſchöpf.. ein Kind, welches ich mit einer Ziege aufgezogen habe, an der ſie den ganzen Tag ſaugte, ſo daß es rührend zum Anſehen war... gerade wie die Marie Alda in dem berühmten Roman der Hauptkirche von Paris.“ „Ach, ich kenne Ihre Nichte,“ erwiedert der Ge⸗ würzkrämer,„eine hübſche Brünette mit etwas lan⸗ gen Armen; das iſt aber bequem, dann kann man ſeine Strumpfbänder leichter umbinden.“ „Sie ſind im Verhältniß kürzer als Ihre Naſe!“ 42 verſetzt die Alte, welche die Bemerkung des Gewürz⸗ krämers zu ärgern ſcheint. Dieſer beeilt ſich aber, um das Verwundliche ſeines Scherzes wieder gut zu machen, der Alten einige Feigen anzubieten; dieſe nimmt eine Hand voll, ſteckt ſie in ihre Rieſentaſche und fährt fort:„Ich zog ſie alſo auf... ſie wird am St. Nicaſius⸗Tage acht⸗ zehn Jahre alt... und ließ ſie in einen Dienſt treten: die Haushaltung beſtand aus einem Herrn, einer Frau, zwei Kindern, einem Hunde, einer Katze und drei Vö⸗ geln; da fehlte es nicht an Arbeit, denn ſie mußte jeden Morgen Alles putzen und rein machen.“ „Wie, den Mann auch?“ frägt der Gewürzkrämer, die Alte um das Kinn ſtreichend. „Wollen Sie ſtill ſein, Sie Unartiger!“ „Ha, warum nicht gar... was fällt Ihnen ein; glauben Sie, ich hätte meine Nichte in ein Haus ge⸗ than, wo man Dinge verlangt haben würde? Großer Gott! ein Mädchen, das ſo unſchuldig iſt wie Ihre dürren Zwetſchgen!... Ich ſagte das nur, um Ihnen begreiflich zu machen, wie viel zu ſchaffen war. Wohlan! ſchickt ſie ihre Frau nicht gar vollends aus dem Grunde fort, weil ich zu oft in die Küche komme und dann das Geflügel immer nur einen Schlägel habe!... Welche Verleumdung!.. ich der Herrſchaft meiner Nichte Etwas nehmen, pfui! Und außerdem eſſe ich je Etwas? Ich lebe ja faſt von der Luft, das weiß Jedermann! Mein armer Magen verabſcheut die Nahrung... Morgens trinke ich mein Gläschen Anislikör und Abends meinen Johannisbeer⸗ — 43 geiſt, damit erhalte ich mich ſchon ſeit zwanzig Jah⸗ ren, ſo wahr ich ein ehrliches Weib bin!“ So dauert das Geſchwätz bei dem Gewürzkrämer, der nach Tiſche ſehr liebenswürdig iſt, weil er viel Geld eingenommen hat, fort; er heißt ſeine Frau einmal über das andere„mein Liebchen und„mein Herzchen“, und ſie läßt ſich geduldig auf die Wangen klopfen; die Commis ſchmeicheln den Mägden, die über ihre Herrſchaſten e und Alles iſt ver⸗ gnügt. Nun ſtehen wir vor dem Laden der Krämerin in der St. Antonius⸗Vorſtadt, wo wir heute Morgen die Jungfern Erneſtine und Honorine mit auf die Arbeit geſenkten Blicken, nicht wagend, den Kopf nach den Fenſtern zu drehen, zurückließen, während ſie die Krämerin ſchalt, weil ſie die Strophe eines Liedes trällerten. Es iſt ſeit heute Morgen eine große Veränderung vorgegangen. Fräulein Erneſtine ſitzt noch im Comptoir, aber ſtatt zu arbeiten liest ſie einen Roman. Honorine ſitzt bei der Thüre und ſingt, indem ſie ſich mit einer Stickerei zu beſchäftigen ſcheint, halb⸗ laut die Romanze aus Guido: „Ach! ſie entſchwand wie ein Schatten!“ und heftete ihre Blicke häufig auf einen gegenüber befindlichen Leinwandladen, wo ſich ein kleiner Com⸗ mis aufhält, der, weit entfernt, zu entſchwinden, wie ein Schatten ihr zuwinkt, und während er ſeine 44 Waaren aufhebt, ſehr deutliche Pantomimen herüber macht. Wie kommt es, daß dieſe Jungfern heute Abend ſo viel Freiheit genießen? Wo iſt die ſtrenge Krämerin⸗ deren trockene, barſche Worte Furcht einflößten und die Heiterkeit verſcheuchten? Wir wollen in den Hintergrund des Ladens tre⸗ ten: dort finden wir dieſe Dame in Geſellſchaft eines alten Militärs, deſſelben, von dem wir vor dem Eſſen geſprochen haben. Mehrere Tage waren verſtrichen, ohne daß ſich der alte Krieger bei der Krämerin gezeigt hatte, und ſie empfand bereits alle Aengſten eines hoffnungslos liebenden Herzens. Wenn man den Frühling und ſogar den Sommer des Lebens hinter ſich hat, müſſen dieſe Angſtgefühle weit lebhafter ſein als in früheren Jahren, da das Kapitel des Troſtes Einem nichts mehr zur Beruhi⸗ gung bietet. Gegen Abend war jedoch der alte Soldat gekom⸗ men, der Kaufmannsfrau ſeine Huldigungen darzu⸗ bringen. Man hatte ihn aufgenommen wie den ver⸗ lorenen Sohn; zwar hatte man kein gemäſtetes Kalb geſchlachtet, aber ihn zu einem Hühnchen mit Oliven eingeladen, welches die Köchin der Madame ſo vor⸗ trefflich zuzubereiten wußte, daß man im ganzen Quartier davon ſprach. Nachdem der Kriegsmann ſich eine Weile geſträubt, hatte er endlich die Einladung zum Mittageſſen an⸗ genommen, und die Köchin, als ob ſie die Gefühle ——— 45 ihrer Herrin errathen hätte, ſich an dieſem Tage ſelbſt übertroffen. Ein Dichter, der das menſchliche Herz oder viel⸗ mehr den menſchlichen Magen ſehr gut kannte, hat geſagt: „Mit Gaſtmahlen regiekt man die Menſchheit!“ Und in der That, wie viel Pläne, Abſichten und Intriguen ſind nicht von jenem römiſchen Kaiſer, der ſeinen Koch zum Senator erhob, weil er eine vor⸗ treffliche Sauce erfunden hatte, von Heliogabal und Lucullus an, welche man mit Recht die Reſtoratoren des Reichs hätte nennen können, durch die Macht der Mahlzeiten durchgeführt worden! Sie ſind ein bedeutendes Hülfsmittel, deſſen man ſich mit gleicher Wirkung immer wieder bedient. Daraus könnte man ſchließen, daß die Menſchen viel auf das Eſſen halten. Warum ſollte man dieſes bezweifeln, da wir doch alle Tage vor und ſogar nach dem Eſſen ſo viele Leute, gleichſam in Bewunderung verſunken, vor Cherets Laden, vor dem Hotel der Amerikaner, kurz vor allen bedeutenden Victualien⸗Niederlagen ſtehen ſehen? Ich ſah eines Tages einen ſehr gut gekleideten, voll und wohlgenährt ausſehenden Herrn fünf Mi⸗ nuten lang, ohne die Augen abzuwenden, auf einen prächtigen Seekrebs hinſtarren; da es mir aber zu langweilig wurde, dieſen Herrn weiter zu beobachten, entfernte ich mich; ich kann ſomit nicht ſagen, wie lange er noch in dieſem Zuſtand der Bewunderung vor den Conſumtibilien verharrte. 46 Dieſer Herr kam mir vor wie die Palamiten. Ihr wißt vielleicht nicht, was die Palamiten ſind, deßhalb erkläre ich es euch: dieß waren griechiſche Mönche, die ſich im vierzehnten Jahrhundert dem beſchaulichen Leben widmeten und es durch unab⸗ läßiges Betrachten ihres Nabels dahin brachten, ſich 1 in Extaſen zu verſetzen und das reine Licht des Him⸗ mels zu erblicken. Conſtantinopel war voll von die⸗ ſen, vom Kaiſer Johann Paleologius begünſtigten Frommen, die Tage lang unbeweglich auf einem Stuhle ſaßen und in Erwartung der himmliſchen Er⸗ ſcheinung auf ihren Nabel hinſtarrten. Man nannte ſie daher auch Palamiten oder Nabelgucker. So gierig mir auch dieſer Herr vorkommen mochte, den ich vor Chevet ſtehen ſah, ſo muß ich doch be⸗ kennen, daß ich die Betrachtung eines Seekrebſes oder einer Gänſeleberpaſtete noch weit eher begreife, als die ſeines Nabels. Aber über alle dieſe Dinge haben wir die Krä⸗ merin und ihren Gaſt, den alten Kriegsmann, ver⸗ geſſen, der, nachdem er das Eſſen vortrefflich ge⸗ funden hatte, einzuſehen begann, daß ſein Ruhe⸗ ſtand ſehr angenehm ſein müßte, wenn er mit ſolchen Hühnchen und ſo edeln Weinen verſüßt wäre; beim„ Braten wurde er daher ſehr galant, beim Zwiſchen⸗ eſſen wagte er eine Erklärung und beim Nachtiſch ſetzte man die Heirath feſt. und die Krämerin ſagte in ihrem Entzücken zu den beiden Ladenjungfern:„Hören Sie auf⸗ Sie haben genug gearbeitet.“ 2 — 47 Die Jungfern machten von dieſer Erlaubniß Ge⸗ brauch und prieſen die Köchin, deren Talent dieſe glückliche Veränderung herbeigeführt hatte. Indem wir weiter in der St. Antonius⸗Vor⸗ ſtadt vorwärts gehen, begegnen wir zwei Arbeitern, die Arm in Arm einherkommen und die beſten Freunde von der Welt zu ſein ſcheinen. Peter und Gravouillet ſind es, die ſich Morgens im Streite getrennt hatten; als ſie aber Abends in der Schenke zuſammentrafen, hatte Peter zu Gra⸗ vouillet geſagt:„Du biſt böſe, aber ich bin es nicht; Du kannſt nicht allein Händel haben. Ich bezahle eine Flaſche, wenn Du mir glaubſt, daß man Dich bei der Obſthändlerin falſch berichtet hat.“ Gravouillet ging darauf ein; in einiger Entfer⸗ nung von der erſten Schenke will er auch eine Flaſche bezahlen; etwas ſpäter regalirt ihn Peter wieder. Wenn ſie ſo fortmachen, erreichen ſie ihre Schlafſtelle nie mehr; indeß iſt doch die lebhaſteſte Freundſchaft an die Stelle der Feindſeligkeit getreten und man hört ſie auf dem ganzen Wege wiederholen:„Du biſt mein Freund!“ „Ewig! bis in den Tod!“ „Und die Freunde bleiben Freunde!“ „Gut geſprochen!“ „O Freund, komm', gib mir einen Kuß.“ Und die beiden Männer ſtehen mitten auf der Straße ſtill, um ſich zu küſſen. Das iſt ſehr rührend! — 48 Nun kommen wir auf die Boulevards. Alles iſt beleuchtet, die großen und die kleinen Kaffeehäuſer, die Theater, die Gerüſte, die Marionet⸗ ten, die Wachsfiguren⸗Cabinete, die Schauſpiele und Curioſitäten, die Gaukelei⸗ und Bänkelſänger⸗Buden. Alles iſt in Bewegung und die Menge drängt ſich um die Marktſchreier, die Hanswurſte und die gro⸗ ßen Zelte, auf die man, um Einem einen Begriff von dem, was innen gezeigt wird, beizubringen, Frauen hingemalt hat, die Bärte haben wie die wahrhaftigen Bären; Männer, die das Mannesalter erreicht haben, ohne ein Härchen am Leibe zu haben, wovon man nach Wunſch ſich überzeugen kann; Löwen, die ſich ohne Widerſtand prügeln laſſen, und Ziger, die Einem wie der beſte unſerer Freunde einen Patſch geben. Die Menge bewundert das Alles, aber ſie geht nicht hinein; ſie weiß, daß das Aeußere weit unter⸗ haltender iſt als das, was ſich hinter dem Vor⸗ hange befindet. Dort gehen Mägde mit Rekruten ſpazieren und geben willig den verführeriſchen Reden derſelben Ge⸗ hör, denn Abends haben ſie ihre Breimarder nicht bei ſich. Die Herrſchaft iſt ausgegangen und hat ihnen befohlen, auf die Kinder Acht zu geben, aber kaum iſt dieſelbe zur Thüre hinaus, ſo legen die Mägde die Kinder zu Bette, machen von der Ruthe Ge⸗ brauch, wenn die Kleinen behaupten, ſie hätten kei⸗ nen Schlaf, und eilen auf das Boulevard, um den Freund mit der rothen Hoſe aufzuſuchen. 49 Jene Pärchen aber, die ihr im Schatten hin⸗ ſchleichen und hauptſächlich die am wenigſten beſuchten Alleen einſchlagen ſeht, beſtehen nicht ausſchließend aus Kindsmädchen und ihren Liebhabern. Nach dem Mittageſſen ſind die Griſetten nicht mehr ſo ſcheu, die kleinen Nätherinnen nicht mehr ſo ſpröde, ſelbſt die Loretten werden etwas humaner; Abends geht man nicht aus, um Arbeit zu ſuchen oder auszutragen, man geht vielmehr ſpazieren, und es iſt ſehr trübſelig, allein ſpazieren zu gehen; der Arm eines Herrn iſt da eben ſo angenehm als noth⸗ wendig. Die Frau muß ſich auf den Mann ſtützen, wie der Greis auf das Rohr, gleichwie ſich der Epheu um die Ulme ſchlingt, kurz, wie eine Menge Dinge, die ich nicht alle anführen kann. Wenn wir uns Etwas auf den Boulevards um⸗ ſehen, ſo werden wir, ich bin es überzeugt, jenem jungen Manne und jener jungen Dame begegnen, welche ſich vor dem Eſſen ſo barſch, ja faſt im Ver⸗ druſſe verlaſſen haben. Da ſind ſie Beide: ſie gehen verliebt in der düſterſten Seitenallee ſpazieren; ſie wechſeln zärtliche, leiſe Worte. Nun ſind ſie einig. Nachdem der junge Mann ſeinen Antheil an der Truthenne mit Trüffeln verſpeist hatte, fühlte er die Liebe noch heftiger in ſeinem Herzen erwachen. Dann kehrte er reuevoll an den Ort zurück, wo ſie ſich Morgens Stelldichein gegeben hatten, indem er hoffte, die Sympathie werde auch ſeine Geliebte her⸗ beiführen; dieſe war zufällig vorbeigekommen und Paul de Kock. LRIv. 4 50 hatte dem Geliebten, überglücklich, nur eine Trut⸗ henne mit Trüffeln zur Nebenbuhlerin zu haben, ver⸗ ziehen. Verlaſſen wir die Boulevards. Ich will euch nicht den Vorſchlag machen, in das Quartier der Hallen zurückzukehren, obgleich es jetzt ſo ſtill dort iſt, als es Morgens lärmiſch war. Ruhe iſt nun an die Stelle des Geſchreis, des Schimpfens und der Streitigkeiten getreten; die Hallen ſind jetzt verlaſſen, Käufer und Verkäuferinnen haben ſich entfernt. Wir gelangen raſch in die Altſtadt, deren Be⸗ wohner einen Spaziergang außerhalb ihres Quartiers aufſuchen. Was den Juſtizpalaſt betrifft, ſo wird Abends nicht plaidirt, und der Frieden iſt ebenfalls herge⸗ ſtellt, weil Niemand mehr darin iſt. Zieht übrigens hieraus nicht den betrübten Schluß, daß die Menſchen nicht ohne Streit beiſammen ſein könnten! Nein, wahrhaftig nicht! Werft zum Beweiſe des Gegentheils einen Blick in den Saal dieſes Gaſt⸗ hauſes. Dort ſitzen Advokaten, welche dieſen Mor⸗ gen gegen einander plaidirten, ſich ſpitze Worte und heftige Sarkasmen erwiederten! Seht ſie miteinander anſtoßen und Champagner ſchlürfen; ſie ſcherzen ſelbſt über das, was ſie heute früh im Gerichtsſaal zu ein⸗ ander geſagt haben. Glaubt daher nicht an die Ueberzeugung dieſer Advokaten, die behaupten, ſie vertheidigen bloß ge⸗ rechte Sachen. Dieſe Herren betreiben ihr Gewerbe † 51 und weiter nicht, und der welcher bei Vertheidigung einer ſchlechten Sache am meiſten Ueberzeugung heu⸗ chelt, zeigt am meiſten Talent. Dieſes Alles beweist, daß die Prozeßführer den Champagner bezahlen müſſen, welchen dieſe Herren trinken. Gehen wir in ein Kaffeehaus. Nach dem Eſſen ſtrahlen dieſe in ihrem ganzen Glanze, erſtens weil ſie beleuchtet und zweitens weil ſie voll Menſchen ſind. Faſt alle Tiſche ſind beſetzt und jetzt hat es ein anderes Anſehen als vor dem Eſſen: ſtatt der kalten, trocke⸗ nen, ernſten Geſichter, die, ohne Etwas zu verzehren, die Journale laſen, ſeht ihr jetzt lauter heitere, fröh⸗ liche Geſichter. Der alte Herr lächelt ſein Täßchen Kaffee an;z die jungen Leute bei der Punſchbowle müſſen ſich ganz fidel unterhalten, denn ſie brechen oft in ein ſchallendes Gelächter aus; dort ſitzt ein altes Pär⸗ chen, welches ſich mit Gloria“ bedienen läßt; dort verzehrt ein Herr ein Glas Eis. Die Herren, welche heute Morgen auf dem Punkte waren, ſich wegen den Rundbewegungen einer Tän⸗ zerin zu ſchlagen, ſpielen ihren Kirſchengeiſt und ihten Rum miteinander auf dem Billard heraus: die Un⸗ einigkeit vom Morgen iſt ganz vergeſſen; ſelbſt der Anblick der Dominoſpieler iſt heiterer und luſtiger geworden; die oft ſchleppende Unterhaltung vom Worgen iſt jetzt lebhaft, ſprudelnd, aufgeregt. Es gibt Leute, die nach einer guten Mahlzeit *Faffee mit Zucker und Branntwein. 52 beinahe geiſtreich ſind. Welches Leben⸗ welches Trei⸗„ ben in dieſem Kaffeehaus! Man kommt, geht, ſetzt ſich, ſteht auf. Die Kell⸗ ner rennen von der Küche zur Tafel, von der Tafel in's Comptvir, und alle Augenblicke befiehlt man etwas Anderes. 2 „Hierher, Kellner!“ „Punſch!“ „Eine Taſſe Kaffee!“ „Hier, mein Herr.“ „Bringen Sie Bier!“ „Ein Domino!“ „Geben Sie mir die Audience.“ „Sie wird gerade geleſen, mein Herr.“ „Reisſuppe.“ „Ich hätte gerne die Debats.“ „Acht auf hundert?“ „Wer hat den Meſſager verlangt?“ „Wir wollen uns hierher ſetzen.“ „Hier?“ „Nein, dort, jener Platz iſt beſſer.“ Thee mit Syrup und Milch für dieſen Herrn!“ U. ſ. w. u. ſ. w. u. ſ. w. ſ ſ. ſ.* Im Vorbeigehen betrachtet ihr die ſchönen Ellen⸗ waarenlager. Die Commis genießen die Süßigkei⸗ ten des Abends; jetzt finden ſich nur noch wenige Käufer ein. Der Chef des Hauſes iſt in das Theater gegangen und die jungen Leute können mit einander plaudern und lachen. Hier wird nicht wie bei dem Gewürzkrämer von 53 den alten Baſen des Quartiers geſchwatzt und ge⸗ trätſcht, hier machen ſich die Handlungscommis, wo⸗ von die meiſten achtzehn bis fünfundzwanzig Jahre alt, alſo mehr oder minder verliebt find, Se ver⸗ traulichen Mittheilungen. Wer iſt in dieſem Alter nicht verliebt? Wer hat in dieſer Periode ſeines Lebens nicht eine, zwei oder drei Leidenſchaften in ſeinem Herzen? Und wenn das Herz ſo voll iſt, ſo iſt es natür⸗ lich, daß man ſich gerne gegen ſeine Kameraden äußert, und abgeſehen davon behauptet jeder dieſer Herren, eine ſehr hübſche Geliebte zu haben, ja, ſie überbieten ſich gegenſeitig im Lobe derſelben. „Meine Leinwandhändlerin hat wunderhübſche ruſ⸗ ſiſch⸗blaue Augen!“ „Die meinige hat ſchwarze, dieſe gefallen mir beſſer.“ „Der Fuß meiner Geliebten iſt nicht größer als ein Brödchen!“ „Wenn Sie ein Kümmelbrödchen meinen, iſt er lang genug.“ „Ach nein, ein Kreuzerbrödchen!“ „Mein Schatz hat Zähne wie Perlen, es fehlt ihr nicht ein einziger, ſie alle zweiunddreißig gleich ſchön.“ „Meine Duleinea hat vierunddreißig!⸗ „Vierunddreißig! das iſt nicht möglich, viel hat Niemand.“ Ach, wie dumm! ich habe Frauenzimmer eunn die vierzig hatten.“ „Das müſſen Löwinnen geweſen ſein.“ „Ah, bravo! das iſt ein herrliches Wortſpiel.“ Muth, meine Herren, rühmt immerhin die Reize eurer Schönen; das iſt galanter, als wenn ihr übel von ihnen ſprechen würdet. Der Tag gehört der Arbeit, der Abend dem Ge⸗ plauder, und was die Nacht anbetrifft, ſo geht uns dieſe nichts an. Wer iſt aber jenes Individuum, welches ſo ſtolz und geſpreizt auf dem Trottoir einhergeht, weder links noch rechts ausweicht, Jedermann mit Lächeln und einer Miene der Selbſtzufriedenheit anblickt, in der ſich ausdrückt:„Ich bin ſehr glücklich, ſehr vergnügt; der Abend gehört mir, jetzt bin ich mein Herr! Sobald es fünf Uhr geſchlagen hat, bin ich ſo frei wie der Vogel in der Luft! Ich genieße meine Freiheit aber auch, ich benütze ſie, denn ich bleibe Abends nie zu Hauſe.“ Dieſer Herr iſt ein Beamter, einer pon denen⸗ die wir alle Morgen zur ſelben Stunde— ſo regel⸗ mäßig wie die Linien eines Notenblattes— vorbei⸗ gehen ſehen. Vor dem Eſſen ſind die Beamten nicht Herren ihrer ſelbſt: ihre Zeit, ihre Arbeit, ihr Talent, ihre Buchſtaben, ſelbſt ihre Feder, mit einem Wort Alles gehört der Regierung, die ſie bezahltz bis fünf Uhr müſſen ſie ſich einer vollkommenen Selbſtverleugnung unterwerfen. 55 Aber wie freudig machen ſie Gebrauch von ihrer Freiheit, wenn ſie ihre Bureaur verlaſſen haben! Könnt ihr euch nun noch wundern über die merk⸗ liche Veränderung, die jetzt mit dieſer zahlreichen Klaſſe von Individuen vorgeht? Und wenn ihr ſie Morgens ſteif, barſch, unangenehm, manchmal ſogar unhöflich gegen die, welche mit ihnen zu thun haben, gefunden habt, ſo verzeiht ihnen, denn dieſes muß bloß eine Folge der langweiligen bureaukratiſchen Geſchäfte ſein. Sehet ihr ſie nach dem Eſſen, ſo werdet ihr ganz erſtaunt ſein, in denſelben Weſen, die ihr Morgens ſo gelangweilt und langweilig gefunden habt, heitere, liebenswürdige, geiſtreiche Menſchen zu finden. Jetzt könnt ihr auch in's Theater gehen, denn dieſes exiſtirt eigentlich bloß Abends. Jenen ver⸗ alteten Koketten gleich, welche ſich bei Tage nicht ſehen laſſen, weil ſie da die Reize vorbereiten, wo⸗ mit ſie euch zu verführen gedenken, empfangen die Theater ihre Beſuche erſt nach dem Eſſen, aber dann entfalten ſie alle ihre Pracht und allen ihren Pomp⸗ um eure Augen und Ohren zu verführen, euern Geiſt zu bezaubern und euer Herz zu umſtricken; und es gelingt ihnen häufig, denn nach dem Eſſen, wo unſer Kopf noch voll von den Dünſten eines edeln Weines iſt, ſind wir weit mehr geneigt, uns verführen zu laſſen. Wir wollen unſern Abendſpaziergang mit der Rückkehr in den Saal des Capitaliſten beſchließen⸗ 56 wo wir Männer von allen Parteien und Farben verſammelt geſehen haben, die anfangs ernſte Un⸗ terhaltung lebhaft, beißend, ſtürmiſch geworden war und zur Befürchtung ernſtlicher Streitigkeiten zwi⸗ ſchen dieſen Herren, die ſo verſchiedene Meinungen hatten und von denen keiner dem andern Etwas einräumen wollte, Veranlaſſung gegeben hatte. Sehet ſie jetzt wieder an, wo alle ihre Geſpräche mit Champagner angefeuchtet wurden: die Herren ſind nachgiebig, verſöhnlich, ſogar optimiſtiſch ge⸗ worden. Der alte Marquis leugnet nicht mehr, daß Na⸗ poleon ein großer Feldherr war. Der ehemalige Offizier des Kaiſerreichs gibt zu, daß ſich die Franzoſen in Algier vortrefflich geſchla⸗ gen haben. Der Advokat gelangt allmälig zu der Ueberzeu⸗ gung, daß die Republiken Rom und Athen mit dem Oſtracismus und der Arena Mißbrauch getrieben haben. Der Künſtler entſchuldigt die Mode der Fräcke und runden Hüte; ſelbſt der Expräfekt zeigt ſich ge⸗ neigt, der Regierung zu vergeben, wenn man ihn wieder in ſein Amt einſetzt. Und Sie, meine Damen, ahmen Sie dieſe Herren nicht auch nach? Ich meine, Ihre Worte ſeien ſanf⸗ ter und Ihre Blicke nicht mehr ſo ſtrenge. Ich bemerke ſehr lebhafte Unterhaltungen zwi⸗ ſchen den jungen Leuten und einigen dieſer ſtolzen Schönen, welche ſich vor dem Eſſen ſtellten, als ob 57 ſie jene nicht kennten und ſich jetzt ſehr herablaſſend zeigen. „Was ſoll das Alles beweiſen?“ werdet ihr euch vielleicht fragen. Das ſoll beweiſen, daß die Menſchen im Allge⸗ meinen nach dem Eſſen beſſer ſind als vor demſel⸗ ben; ſie fühlen, wenn die Bedürfniſſe des Magens befriedigt ſind, eine Behaglichkeit, die ſie mehr zur Nachſicht ſtimmt. Beobachtet dieſe pathognomiſchen Zeichen und ſucht ſie zum Vortheil der Moral zu benützen. „Aber,“ werdet ihr mir enigegenhalten,„wie iſt es mit ſolchen, die nichts zu eſſen haben?“ Ha, wahrhaftig! dieſen bleibt das Recht, ſchlech⸗ ter Laune zu ſein. Deßhalb muß man aber auch die Dinge ſo ordnen, daß Alle zu eſſen bekommen. 0 G Die Mägde der Frau Bonracand. Pomestica facta! Wenn Sie nicht alt werden wollen, ſo wechſeln Sie weder Ihre Wohnung, noch Ihre Bedienung. Dieſer Rath könnte Ihnen vielleicht unrichtig ſcheinen und Sie werden mir ſagen:„Die Zeit geht ihren Gang, mag ich nun im Marais oder in der Chauſſee d'Antin wohnen, mich von einer Picardierin oder einer Normännin bedienen laſſen.“ Ich antworte Ihnen, daß nicht alt werden ſo viel iſt, als alt werden, ohne es zu bemerken. Aber Sie werden mir vielleicht wiederum ent⸗ gegnen, daß andere Leute dieſes an ihrer Stelle be⸗ merken werden! Was liegt Ihnen daran? Sie lachen die andern Leute aus. Herr Bouracand war ein kleiner Mann von etwa fünfzig Jahren; in ſeiner Jugend hatte er mit Gemäl⸗ den gehandelt und im reiferen Alter einen ſehr aus⸗ geſprochenen Geſchmack für die Künſte behalten. Herr Bouracand war nie hübſch geweſen: er hatte kleine Augen, eine ſehr lange Naſe, einen ſehr großen Mund und ein Kinn, das nie in eine Cra⸗ vatte ſich geſchmiegt hatte. Er war nicht gut ge⸗ wachſen, denn er rieb die Kniee aneinander, wenn er — 59 ging, und beſaß nicht einmal einen Anſchein von Waden; trotzdem betete ihn ſeine Gemahlin an, die auf der ganzen Welt ſich nichts Schöneres denken konnte als ihren Gatten. Weil die Liebe uns blind macht, ſo darf man ſich nicht wundern, daß man die Leute ſchön findet, die man liebt. Madame Bouracand war merkwür⸗ dig blind und ihre Leidenſchaft ging bis zur Eifer⸗ ſucht, und dieſe lächerliche Eiferſucht machte ihren Ge⸗ mahl oft unglücklich. Es iſt manchmal ein Unglück, von ſeiner Frau angebetet zu werden. Madame Bouracand war eine große Frau, die früher ſehr ſchön geweſen ſein mußte; ſie hätte eine Kokette ſein, Liebhaber haben und ihren Mann hin⸗ tergehen können, ſo viel iſt gewiß. Sie zog es vor, ihren Gemahl anzubeten, der ſehr häßlich war und wenig Geiſt hatte. Es gibt ſchöne und geiſtreiche Leute, denen dieſes Glück nie begegnen wird. Aus der Vereinigung der beiden Eheleute waren zwei Mädchen entſproſſen, welche zum Glück nicht das Ebenbild ihres Vaters waren, was zudem noch beweist, daß man ſeinem Manne ſehr treu ſein und ihm Kinder ſchenken kann, die manchmal Nachbarn over vertrauten Freunden gleich ſehen. Die Ratur iſt entſetzlich bizarr in ihren Launen. Die kleinen Bouracand hießen: die eine Adele, die andere Eugenie. Sie waren ganz und gar wie alle kleinen Mäd⸗ 60 chen ihres Alters, lernten wenig, ſpielten meiſt und hatten keinen ausgeſprochenen Beruf für irgend ein Talent, was ihre Eltern ſehr tröſtete, denn ſie hat⸗ ten gehört, daß Wunderkinder nicht lange leben. Die Familie Bouracand bewohnte eine hübſche Wohnung auf einem Kai. Der ehemalige Gemäldehändler hing an ſeinen Gewohnheiten; ſtatt Geiſtes hatte er geſunden Men⸗ ſchenverſtand, was manchmal mehr werth iſt; und auch er fand, daß nichts ſo ſehr alt macht, als die Veränderung der Wohnung und der Umgebung. Er behielt ſeine Wohnung, die heiter war, und ſeine Magd, die ſeit zehn Jahren bei ihm diente, und er ſchmeichelte ſi ſich, immer ſeine Wohnung und ſeine Magd zu behalten und das angenehme Leben, das er führte, fortzuſetzen, ohne je Etwas an ſeinen Gewohnheiten zu ändern. Allein ihr wiſſet, daß die kleinſten Urſachen oft die größten Veränderungen herbeiführen. Eines Tages blieb Herr Bouracand ſehr lange am offenen Fenſter ſtehen, um dem Laufe des Waſſers zuzuſehen. Das iſt ein ſehr unſchuldiges und nicht ganz unpoetiſches Vergnügen. Herr Bouracand hatte keine Abſicht dabei; er machte keine Verſe auf die Wellen des Fluſſes, die ſchon ſo viele Poeten begeiſtert haben, aber er zog ſich einen Schnupfen zu. Es gibt tauſenderlei Mittel gegen den Schuupfen 61 und Herr Bouracand hatte gehört, das beſte ſei, wenn man ſich die Naſe mit Unſchlitt reibe. Madame Bouracand hatte ſich ſchon lange zur Ruhe gelegt, als ſie die Stimme ihres Mannes in der Küche zu vernehmen glaubte; ſie ſtand auf, ging hinaus und fand Herrn Bouracand, der ſich im Nachtgewande von ſeiner Magd die Naſe mit einem Lichte ſchmieren ließ. Eine eiferſüchtige Frau ſieht in den unſchuldigſten Handlungen etwas Unrechtes; die Gattin des Ge⸗ mäldehändlers wird purpurroth und ſchreit, wüthende Blicke auf die Magd werfend:„Was machen Sie da?“ „Sie ſehen es ja: ich laſſe mir von Dorothea die Raſe mit Talg einſchmieren.“ „Was ſoll das heißen, mein Herr?“ „Das ſoll heißen, daß ich einen Schnupfen habe, und man hat mich verſichert, dieß heile ihn am beſten.“ „Und Sie konnten ſich die Naſe nicht ſelbſt ein⸗ ſchmieren?“ „Ich rühre nicht gern unſcli an.“ „Ei, mein Herr!“ Damit ſtößt Madame Bouracand ihren Mann vor ſich her, und ruft, im Zimmer angekommen, aus:„Sie ſind ein ſchändliches Ungeheuer!“ „Warum? weil ich Unſchlitt auf der Naſe habe?“ „O, das ſind leere Ausflüchte. Und wenn Sie der Meinung ſind, ich laſſe mir ſo Etwas weiß machen.. „Ja, Ihr Schnupfen iſt ein Vorwand; Sie waren mit Jungfer Dorothea in der Küche!... O, ich habe ſchon längſt Etwas geahnt! Ich ſah es ſchon, wie Sie ihr Blicke zuwarfen!“ „Blicke zuwarfen! wem?“ Sie verſtehen mich ganz gut. Sie haben ein Verhältniß mit der Magd.“ „Ich ein Verhältniß mit der Magd? Sage mir⸗ liebe Freundin, träumſt Du noch?“ „Nein, ich träume nicht! Jetzt wundert es mich nicht mehr, warum Sie dieſelbe ſo nachſichtig be⸗ handeln.. Sie zanken ſie nie.“ „Du zankſt genug für uns Beide.“ „Man könnte glauben, Sie fürchten ſich, ein Wort an ſie zu richten... Sie haben bei Tiſche nicht ein⸗ mal den Muth, einen Teller von ihr zu verlangen.“ „Ach, was fällt Dir ein, Frau!“ „Nein, Sie wagen es nicht! Aber ich dulde dieſe Schlechtigkeit nicht länger. Ich jage die Jungfer Dorothea fort.“ „Das heißt, Du jagein Mädchen fort, welches ſchon zehn Jahre bei uhs wient und an das wir ge⸗ wöhnt ſind!“ „Ja, ja, ich glaube, daß Sie nur zu ſehr an ſie gewöhnt ſind!“ „Madame Bouracand, Sie ſind eine Närrin⸗ Wenn Sie das Mädchen fortſchicken, machen Sie eine Dummheit. Sie hat zwar ihre Fehler, aber es iſt keine tadellos; man darf ſich noch glücklich ſchätzen⸗ wenn die Fehler nicht vorwiegen. Sie dürfen die 63 Dorothea nicht fortſchicken, weil ich es nicht zugebe; wir würden es bald bereuen und ich kann die neuen Geſichter nicht leiden.“ Herr Bouracand zeigte bisweilen Charakter; wenn er ſchrie, ſchrie er tüchtig; wenn er böſe wurde, kannte man ihn nicht mehr. Madame gab keine Antwort und ſprach am fol⸗ genden Morgen nicht mehr davon, die Magd fort⸗ zuſchicken, aber ſie hatte ſich in den Kopf geſetzt, nicht nachzugeben, und ſie wußte wohl, daß ſie ein Mittel finden würde, ihre Abßt zu erreichen. Nach Verlauf einiget Tage waren weder das Frühſtück noch das Mittageſſen zu rechter Zeit fertig, die Möbeln waren nicht gehörig abgeſtäubt, es ging Alles im Hauſe verkehrt, und man pörte von Mor⸗ gens bis Abends Madame Bouracand über ihre Magd klagen. 2 Eines Tages deutete Madqhe auf ein Möbel und ſagte zu ihrem Mann:„Szhen Sie, es iſt Alles voll Staub, aber Sie wolleg hre Magd behalten.“ Herr Bouracand näherſich dem bezeichneten Gegenſtand, ſah nichts und chwieg. Ein anderes Mal hielt ihm ſeine Frau einen ſilbernen Löffel unter die Naſe und ſagte;„Riechen Sie daran, Herr Ge⸗ mahl.“ Herr Bouracand beugte ſich auf den Löffel herab, roch aber nichts; allein Madame ſchrie:„Wir haben geſtern Fiſche gegeſſen und man riecht es heute noch „„das iſt ſauber!“ 64 Herr Bouracand dachte bei ſich:„Ich meine doch, man eſſe die Fiſche nicht mit dem Löffel!“ Aber er ſchwieg, um keine Händel anzufangen. Später brachte Madame ihrem Manne alle Tage eine Caſſerole, damit er ſie betrachte, und ſagte: „Sehen Sie, man ſorgt durchaus nicht für unſer Küchengeräthe, es wird nie gefegt; am Ende ver⸗ giſtet man uns noch! Aber Sie wollen Ihre Magd behalten.“ Da dieß Alles übrigens nichts nützte, trat Ma⸗ vame Bouracand eines Morgens, blaß, mit aufge⸗ lösten Haaren und beinahe entſtellten Zügen vor ihren Mann, ſank auf einen Stuhl nieder und rief aus: „Sie muß fort, oder ich verlaſſe das Haus, Sie haben die Wahl!“ „Was gibt es denn wieder, Frau?“ „Was es gibt?.. Das Mädchen hat mich belei⸗ digt.. ja, mein Herr, beſchimpft ſogar! Sie hat geſagt.. wie abſcheulich!.. ſie hat geſagt: ſie ſei, was ich ſei!“ 3 „O, der Teufel! das ſcheint mir wirklich ſonder⸗ var! So weit haben Sie ſie alſo gereizt?.. Sie behandeln ſie ſeit einiger Zeit wie eine Sklavin. Bedenken Sie, Madame, daß die Dienſtboten auch Menſchen ſind; dieſe Leute ſind an und für ſich ſchon unglücklich genug, daß ſie dienen müſſen, man braucht ſie nicht noch von Morgens bis Abends zu demüthi⸗ gen. Gegen mich waren die Dienſtboten immer lich; ich behandle ſie jedoch auch, wie es ſich 8 hört.“ 65 Aber die vernünftigſten Gründe eines Mannes helfen nichts gegen den Eigenſinn einer Frau. Da Herr Bouracand wieder Frieden in ſeiner Ehe haben wollte, ließ er Dorothea fortſchicken. Madame Bouracand wurde wieder ſanft, liebens⸗ würdig, reizend, und ſagte zu ihrem Manne:„Mor⸗ gen bekommen wir eine neue Magd; Du ſollſt ſehen, wie gut wir bedient werden! Sie iſt rechtſchaffen und die Tugend ſelbſt. es iſt eine Picardierin, ſehr reinlich, ſehr lebhaft, ſpricht recht ordentlich, und was das Kochen anbetrifft, ſo ſcheint ſie voll der beſten Anlagen dazu.“ „Um ſo beſſer, Madame; es wäre mir lieb, wenn wir ſie behalten könnten.“ Die Magd kamz ſie hieß Catharine. Herr Bouracand warf bloß einen Seitenblick auf die Neuangekommenez er war der Anſicht, daß man, ehe man ſein Urtheil über dieſe Magd ausſprechen könne, ſie wenigſtens vorher einen Monat oder ſechs Vochen kennen müſſe. Madame Bouracand, welche die Menſchen auf den erſten Blick beurtheilte und ſich nie zu täuſchen behauptete, war am erſten Tage entzückt über ihre neue Bedienung und wurde nicht müde, Catharine zu loben. Am zweiten Tage war ihr Entzücken weniger lebhaft. Am dritten Tage ließ Madame Bouracand, welche nicht die Abſicht hatte, ihr Eſſen immer ſelbſt zu be⸗ ſorgen, daſſelbe durch die Magd kochen. Paul de Kock, LRlv. Die Magd, die voll der beſten Anlagen zur Koch⸗ kunſt war, trug eine Suppe auf, in welcher der Löffel ſtecken blieb, die Cotelettes waren zu Kohlen verbrannt, das Huhn war ausgemergelt und der Salat weder geleſen noch gewaſchen. Herr Bouracand verzog das Geſicht, ſchwieg aber. Die beiden kleinen Mädchen ſchrieen an Einem fort: „Ach, wie das ſo verbrannt riecht!... Mein Gott, der Salat iſt ja ganz ſandig!“ Madame Bouracand brachte das Geſpräch auf die Politik, damit ihr Mann weniger auf das Eſſen achten ſollte. Nach Verlauf von acht Tagen überzeugte man ſich, daß die Picardierin, voll der beſten Anlagen zur Kochkunſt, nicht einmal Eier hart ſieden konnte. Man entließ ſie wieder. Drei Tage darauf trat Madame Bouracand mit ſtrahlender Miene in das Arbeitszimmer ihres Mannes und ſagte:„Morgen bekommen wir eine andere Magd und ich bin gewiß, daß Du mit dieſer zufrieden ſein wirſt.“ „So viel ich meine, handelt es ſich nicht darum, daß ich zufrieden ſei, das iſt nicht die Hauptſache.“ „Doch, doch, ſie muß Dir recht ſein!... O, es iſt ein Mädchen, das vorzüglich kochen kann; erſtens weiß ſie allerlei Leckerbiſſen zuzubereiten.. zum Bei⸗ ſpiel aufgezogene Pfannkuchen.. nicht w die ißt Du gern?“ „O, zuweilen.. bei Gelegenheit.“ „Du liebſt ſie ſehr, ich weiß es; künftig wolle . 5 67 wir oft welche eſſen. Es iſt eine Flamänderin, ein gutes, dickes Mädchen, mit einem heitern, lebens⸗ frohen Geſichte, flink, rechtſchaffen, die Tugend ſelbſt. Unſere Spezereihändlerin ſteht mir gut für ſie; ich bin überzengt, wir können ſie brauchen und be⸗ halten.“ „Gott gebe es!“ Tags darauf ſah Herr Bouracand ein großes, dickes Mädchen in ſeinen Dienſt treten, deren Aeuße⸗ res Geſundheit und Heiterkeit ausdrückte. Jungfer Deſiree(ſo heißt die neue Magd) iſt ſo luſtig und lebhaft, daß ſich ihre Herrin daran er⸗ götzt; ſie hat in einem Nu ihre Geſchäfte vollendet. Madame Bouracand ſuchte freudetrunken ihren Mann in ſeinem Cabinet auf. „Sehen Sie,“ begann ſie,„ſo iſt es, wenn man eine flinke Magd hat. Jetzt iſt die ganze Haushal⸗ tung um halb zwölf Uhr fertig, während bei Ihrer Dorothea die Zimmer oft um ein Uhr noch nicht aus⸗ gekehrt waren. Wir eſſen heute aufgezogene Pfann⸗ kuchen zu Mittag; Deſiree macht ſie.“ In dieſem Augenblick tritt eines der kleinen Mäd⸗ chen ein und ſagt zu ſeiner Mutter:„Mama! die neue Magd hat eben die große porzellanene Salat⸗ ſchüſſel zerbrochen.“ WMadame Bouracand hätte eher gewünſcht, daß ſich ihre Tochter die Zunge abgebiſſen, als daß ſie ihr dieſe Nachricht in Gegenwart ihres Mannes über⸗ bracht hätte. Sie fängt an zu ſingen, jagt das Kind zur Thüre hinaus und verläßt ſelbſt das Zim⸗ 68 mer, indem ſie ausruft:„Ich freue mich heute außer⸗ ordentlich auf die Pfannkuchen!“ Die Zeit des Mittageſſens kam herbei. Die Familie des ehemaligen Gemäldehändlers ſetzte ſich zu Tiſche. Alles war gut. Madame Bouracand war ſo er⸗* freut, daß ſie ſich beinahe krank aß. Die aufgezoge⸗ nen Pfannkuchen wurden ſervirt: ſie waren wunder⸗ ſchön, einen Fuß hoch und hatten eine prächtige Farbe. Man ſpeiste mit Entzücken und wagte nicht zu ſprechen, um das köſtliche Lieblingsgericht ungeſtört zu genießen, als plötzlich ein ungeheurer Lärm aus der Küche her ertönte. „Ach, mein Gott, was iſt das?“ ruft Herr Bou⸗ racand aus. Die kleine Adele geht in die Küche und kommt ganz beſtürzt mit der Nachricht zurück, daß die neue Magd eine ungeheure Schichte Teller habe fallen laſſen. Herr Bouracand ſchneidet eine Grimaſſe und ſeine Frau ſagt raſch:„Das iſt ein Unglück, aber ſo Etwas kann Jedermann begegnen!“ „Heute hat ſie ſchon zwei Mal Etwas zerbrochen,“ murmelt die kleine Eugenie,„dieſen Morgen die große Sala...“ Das Kind beendigt ſeinen Satz nicht, denn ſeine Mutter gibt ihm einen Tritt und ſchiebt ihm zu glei⸗ cher Zeit einen Löffel voll aufgezogenen Pfannen⸗ kuchen in den Mund. Bald darauf tritt Jungfer Deſiree mit ihrer ge wohnlichen heitern, leichtſinnigen NMiene ein und ſagt: * * „ W* 69 „O, es iſt nicht von Bedeutung, Madame! Ich habe die Teller hinunterfallen laſſen, aber es ſind nur elf zerbrochen; die übrigen ſind glücklicher Weiſe noch ganz.“ „Nur elf!“ brummt Herr Bouracand, vom Liſche aufſtehend;„das ſcheint mir für den Einſtand ge⸗ nug.“ Am folgenden Morgen wirft Jungfer Deſiree beim Reinigen der Zimmer, während ſie mit einer bewun⸗ vernswürdigen Lebhaftigkeit abſtäubt, zwei hübſche, mit Muſchelwerk verzierte Flacons hinunter, die in Stücke zerbrachen. „Das iſt auch nichts Dauerhaftes!“ ruft das dicke Mädchen mit lachender Miene aus,„denn ich bin kaum daran hingekommen.“ Herr Bouracand geht mit einem tiefen Seufzer in ſein Zimmer. Madame befiehlt ſchnell:„Deſiree, Du mußt uns heute Mittag wieder aufgezogene Pfannkuchen machen, Du kannſt es ſehr gut!“ Die Eſſenszeit rückt heran. Frau Bouracand iſt etwas mäßiger in Lobeserhebungen über ihre Küche, denn die neue Magd hat ihr im Laufe des Tages ihre Waſchgeſchirre zerbrochen, ein Vorfall, den ſie ſorgfältig vor ihrem Mann verborgen hält. Als jedoch die aufgezogene Omelette aufgetragen wurde, äußerte man ſeinen Beifall wieder laꝝt. Aber beim Abdecken zerbrach Deſiree ein vor Herrn Bouracand ſtehendes Kriſtallglas, woran ihm ſehr viel lag, da es ein Andenken ſeines Vaters war. 70 „Das iſt ein kleines Unglück,“ ſagt die Magd; „das Glas ſah übrigens recht altväteriſch aus.“ „Du mußt Dich beſſer in Acht nehmen, Deſiree,“ verſetzt Madame. „Das arme Glas, welches mir ſo lieb war,“ ruſt Herr Bouracand aus,„es ſtammt noch von meinem ₰ Vater her!“ „O, ſeien Sie beruhigt, Herr, es gibt noch mehr ſolche.“ „Mein Lieber, willſt Du noch Etwas von dem Pfann⸗ kuchen?“ fragt Madame Bouracand ihren Mann. „Nein, ich habe genug,“ erwiedert der arme Mann in faſt weinerlichem Tone, während er wehmüthig die Scherben ſeines Glaſes betrachtet. Am folgenden Morgen zerbricht Jungfer Deſiree den Rücken eines Stuhles und die Glasglocke über der Uhr. Madame Bouracand beſtellt wieder aufgezogene Pfannkuchen. Tags darauf zerbricht ſie eine Theekanne und eine Uhr. Herr Bouracand erklärt ſeiner Frau nun, daß er keine aufgezogene Pfannkuchen mehr wolle, da ſie ihm zu theuer kommen. Als Madame ihren Loiletteſpiegel ſtatt in einem in ſechs Stücke fand, entſchloß ſie ſich⸗ Jungfer De⸗ ſiree fortzuſchicken.. —,—— Man iſt acht Tage ohne Magd. Am neunten tritt Madame Bouracand mit be⸗ friedigter Miene auf ihren Mann zu und ſagt:„Mor⸗ † gen bekommen wir eine neue Magd. Ich glaube, daß ich endlich gefunden habe, was ich ſuchte; das Mäd⸗ chen hat mir auf den erſten Blick gefallen. Sie iſt eine Normännin, hat ein offenes, freimüthiges Ge⸗ ſicht und iſt erſt zwanzig Jahre alt; ſie mag viel⸗ leicht nicht gerade die Geſcheidteſte ſein, aber ſie kann kochen, was in einer gewöhnlichen Haushaltung vorkommt. Im Uebrigen iſt ſie die Rechtſchaffenheit und Tugend ſelbſt; mein Fleiſcher hat ſie mir re⸗ commandirt.“ Herr Bouracand hatte es ſich zur Gewohnheit gemacht, nichts auf das zu antworten, was ihm ſeine Frau ſagte, wenn ſie eine neue Magd dung. Die Normännin kommt: es iſt ein faſt häßliches Mädchen mit Blatternarben und ſchielt, aber Ma⸗ dame Bouracand ſagt:„Man darf nicht auf das Aeußere gehen, es betrügt Einen oft ſchändlich; ich laſſe mich nicht mehr daran kriegen!“ Trotzdem pries Madame Bouracand ihre Magd nach den erſten Tagen ihrer Ankunft unaufhörlich. „Endlich,“ ſagte ſie triumphirend zu ihrem Manne, „habe ich, was ich ſuchte. Das Mädchen taugt für uns: ſie iſt fleißig, thätig, zerbricht nichts und iſt höflich; ſie ſpricht ganz, wie es ſich ſchickt, und iſt nicht ſo unverſchämt wie Ihre Dorothea.“ Herr Bouracand ſchüttelt bloß den Kopf und er⸗ wiedert:„Wir wollen noch ein Bischen zuſehen.“ Aber bald bemerkte man, daß der Wein abnahm, der Likör verſchwand, Servietten und Tücher abhanden kamen und das Silberzeug nicht mehr vollſtändig war. Bei jeder Nachfrage antwortet die Normännin ſtets:„Madame, ich will hoffen, daß Sie keinen Verdacht auf mich haben, ſonſt würde ich augenblick⸗ lich Ihren Dienſt verlaſſen.“ „Nein, ich habe gewiß keinen Verdacht auf Dich, aber ich begreife nicht, wie es zugeht.“ „Ihre frühern Mägde müſſen Ihnen wahrſchein⸗ lich viel geſtohlen haben.“ „Ohne Zweifel!“ Allein Madame Bouracand hatte nicht den Muth⸗ die Normännin zu beaufſichtigen. Als Madame aber eines Abends unerwartet nach Hauſe kam, während die Magd glaubte, es ſey Alles im Theater, traf ſie das Mädchen, welches man ihr recommandirt hatte, wie ſie ihr eben Halstücher, Strümpfe und Hemden ſtehlen wollte. Am nächſten Morgen jagte man die Normännin zum Hauſe hinaus und blieb vierzehn Tage ohne Dienſtbote. Nach Verlauf dieſer Zeit nahm Madame Boura⸗ cand wieder ihre heitere Miene an und rief ihrem Manne entgegen:„Jetzt hat es ein Ende, lieber Freund.“ „Was hat ein Ende?“ „Alle unſere Plackereien mit den Mägden. Nun bekommen wir einen wahren Schatz.“ „Einen Schatz?“ „Ja. O, dießmal können wir uns darauf ver⸗ laſſen; es iſt eine Lothringerin.“ Eine Lothringerin? Das hat, meiner Anſicht — — —— 6 —— 73 nach, nichts Beruhigendes; es gibt ein häßliches Sprüchwort über die Lothringer!“ „Du weißt wohl, daß die Sprüchwörter ſich gar oft nicht bewähren. Es iſt ein vorzügliches Mädchen, welches eben aus ſeiner Provinz kommt, die Tugend und die Rechtſchaffenheit ſelbſt... „Ja, ja, wie gewöhnlich!.. Ei, mein Gott, wann wirſt Du denn die Wuth aufgeben, Perſonen zu loben, die Du nicht kennſt?“ „Meine Krämerin hat ſich für ſie verbürgt; das Mädchen heißt Gothon.“ „Das iſt nun in zwei Monaten, ſeit Du Dorothea fortgeſchickt haſt, die vierte!“ Jungfer Gothon tritt ihren Dienſt bei der Familie Bouracand an. Die Lothringerin iſt ein ziemlich hübſches Mäd⸗ chen, welches ſtets die Blicke zu Boden ſchlägt und ſo ſchüchtern ausſieht wie eine Novize. Madame Bouracand iſt abermals entzückt. Man kann in der That nichts gegen die Magd einwenden: ſie macht ihre Arbeit gut, kocht ordentlich und hält Alles reinlich. Man hat einen Schatz gefunden. Aber als Madame eines Abends bälder, als ſie geſagt hatte, vom Spaziergang zurückkehrte, fand ſie ihren Schatz im Geſpräche mit einem großen Burſchen in einer blauen Blouſe. Der große Burſche macht ſich eilends aus dem Staube und ruft der Lothringerin zu:„Adieu, Baſe.“ „Du haſt alſo Vetter?“ fragt Frau Bouracand ihre Magd. 74 „Ja, Madame,“ entgegnet Jungfer Gothon,„einen ganz kleinen, der erſt kürzlich hierher kam.“ „Er hat mir nicht ſo klein geſchienen!“ murmelt Herr Bouracand. „Einen Vetter kann man allerdings haben,“ ſagt Madame,„nur ſoll er nicht zu oft kommen.“* Kurze Zeit darauf überraſcht man den Schatz in traulicher Unterhaltung mit einem Rekruten. „Es iſt auch ein Vetter von mir,“ antwortet Jungfer Gothon. „Sie hat, wie es ſcheint, mehr als einen Vetter!“ denkt der Herr des Hauſes. 5 Als jedoch Madame Bouracand eines Morgens ihren Schatz früh wecken wollte und ſich zu dieſem Behufe leiſe in Gothons Kammer hinaufſchlich, fand ſie die Lothringerin bereits im Geſpräche mit einem dritten Vetter. Dießmal war der Gegenſtand der Unterhaltung ein verbrecheriſcher. Madame Bouracand ſieht ſich genöthigt, ihrem Schatze die Thüre zu weiſen. Und auf dieſe vier Mägde folgen im Verfluſſe von vier Monaten noch zwölfe, Man probirt es mit Burgunderinnen, Perigor⸗„ derinnen, Elſäßerinnen, Auvergnerinnen, kurz mit Mädchen aus allen Departements. Nach Verlauf vieſer Zeit beſtellte der Herr Bou⸗ racand, dem es in ſeinem Hauſe entleidet war, weil er ſich nicht an dieſen ewigen Wechſel der Geſichter gewöhnen konnte, eines Morgens einen Platz in dem 4 75 Poſtwagen und trat in das Zimmer ſeiner Frau, um Abſchied von ihr zu nehmen. „Ich verändere zwar meinen Wohnort ſehr un⸗ gern,“ ſagte er⸗„aber da Sie einen Taubenſchlag aus meinem Hauſe gemacht haben, will ich lieber reiſen.“ „Wie, mein Herr, Sie wollen ſich entfernen?“ „Ja, Madame.“ „Und auf wie lange?“ „Das weiß ich ſelbſt noch nicht. Wenn Sie mit einer und derſelben Magd länger als drei Monate auskommen, thun Sie mir es zu wiſſen, dann kehre ich zurück.“ Damit reiste Herr Bouracand ab. Zwei Jahre darauf war er noch nicht zurückge⸗ kehrt und doch hatte ſeine Frau ſchon mit ſieben⸗ undzwanzig Schätzen den Verſuch gemacht. S Go Die Walzenorgeln und die Zauberlaterne. Ihr ſeid in eurem Studirzimmer mit dem Nie⸗ verſchreiben einer Scene, der Entwicklung eines Dra⸗ ma's oder dem Dichten von Verſen beſchäftigt, als plötzlich die Töne einer Orgel an euer Ohr dringen⸗ welche die Ouverture aus der Caravane, dem jun⸗ gen Heinrich oder Demophon ſpielt. Nun werdet ihr euch vergeblich bemühen, nach der Melodie Demophons einen Reim zu finden! Ihr hattet gerade eure Melodie gefunden, trällert ſie, während ihr euer Vaudeville dichtet, vor euch hin, aber die verfluchte Orgel zerſtreut, betäubt euch und bringt euch um eure Faſſung. Ihr hoffet, ſie werde mit dem Schluſſe der Ouverture ſtille ſein, und da ihr dieſe genau kennt, ſagt ihr vor euch hin:„Ein wenig Geduld; man iſt bald an den letzten Takten.“ Aber wenn die Ouverture zu Ende iſt und ihr friſch aufathmend eure Feder wieder zur Hand ge⸗ nommen habt und abermals euer Liedchen trällert, fängt die Orgel auf das Neue an, ſpielt die Ro⸗ manze aus Guido und Ginevra, dann ein Muſik⸗ ſtück aus der Abreiſe des Savoyarden und endlich„ — 77 den Walzer aus Robin. Es iſt nicht zum Aushalten, um ſo mehr, als auf den Walzenorgeln die ſchönften Melodien abſcheulich verhunzt, verſtümmelt und ge⸗ ſchändet werden. Wenn die Walze des Inſtrumentes nicht genug Noten hat, eine Melodie nach der Vorſchrift des Tonſetzers zu ſpielen, ſo genirt ſich der Ordner oder vielmehr der Zerſtörer keineswegs, die Takte zu ver⸗ ändern; er verſetzt, vereinfacht und beſchnipfelt nach Gutdünken und Möglichkeit; dieſes iſt ein wahres Verbrechen, gegen welches man einſchreiten ſollte. Spielt immerhin die beliebten Melodien, ihr wan⸗ dernden Herren Muſikanten, richtet eure Orgeln dar⸗ nach ein, weil es einmal der Gebrauch iſt, ſpielt von Morgens bis Abends zur Freude der Portiers, Mägde und Köchinnen, ſpielt ſogar falſch, ihr habt das Recht dazu, das überſteigt eure Vollmachten nicht, aber ändert nichts an den Sätzen einer Me⸗ lodie, ſo daß etwas ganz Anderes herauskommt, als der Compoſiteur beabſichtigte; laßt kein ghören, wo dieſer ein es vorgeſchrieben hat, oder wenn ihr nichts von den Regeln der Harmonie verſteht, ſo miſcht euch nicht in das Geſchäft anderer Leute. Der dramatiſche Dichter iſt nicht der einzige, den die Orgeln zur Verzweiflung bringen, denn ſo oft eine ſolche Muſik in den Hof eines Hauſes kommt, kann man darauf wetten, daß ſich ein Theil der Be⸗ wohner deſſelben darüber ärgern wird; in Paris wohnen gar ſo viele Leute in einem Hauſe. Dier iſt ein Handelsmann, der ſich eben mit der 78 Durchſicht ſeiner Rechnungen beſchäftigt und ſeine Einnahmen und Ausgaben vergleicht. Sein Kaſſen⸗ beſtand iſt nicht ganz in Richtigkeit; er will ſehen⸗ worauf der Irrthum beruht... In dem Augenblick, wo ſich der Handelsmann hinter dem Ohre kratzt und ſeine Calculs macht,„ kommt eine Orgel; dieſe begnügt ſich erſt nicht ein⸗ mal mit dem Drehen ihrer Walze, ſondern es wird auch dazu geſungen, das heißt aus Leibeskräften geſchrieen: e „Fünf Sous! Fünf Sous! Uns häuslich einzurichten!“ Der Handelsmann weiß nicht mehr, wo ihm der Kopf ſteht; er addirt ſechsmal dieſelbe Rechnung und bringt ſeinen Thatbeſtand nicht heraus. er kommt nicht mehr in's Klare; der ewige Refrain: „Fünf Sous! Fünf Sous!“ ſaust ihm in den Ohren; der Schweiß rinnt ihm von der Stirne herab, er zerbeißt ſeine Feder, macht Tintenklekſe auf ſein Buch, kurz, er kann unmöglich richtig rechnen und daran iſt allein die Orgel ſchuld. In dem Nebengemache befindet ſich eine junge Dame, welche die ganze Nacht auf dem Ball zuge⸗ bracht hat; ſie iſt erſt mit Anbruch des Tages, vom Tanzen, den Huldigungen und Freuden ermüdet, nach Hauſe gekommen, dann mußte ſie ſich noch entkleiden, ihre Nachtfriſur machen laſſen, und ſagte dabei zu ihrer Kammerzofe:„Sorgen Sie doch dafür, daß 79 morgen früh Alles ruhig iſt, nähern Sie ſich ja nicht meinem Zimmer, denn ich will lange ſchlafen, um mich von den Anſtrengungen der Nacht zu le Sie dürfen nicht kommen, ehe ich läute.“ Die Kammerjungfer verſpricht getreulich, kein Geräuſch zu machen und Niemand zu ihrer Gebie⸗ terin zu laſſen. Dir junge Dame legt ſich, den Schlaf vom Him⸗ mel erflehend, zu Bette. Aber der Schlaf erfolgt nach einer Nacht, wo der Geiſt eben ſo ſehr aufge⸗ regt wurde als der Körper, nicht ſo leicht: unwill⸗ kürlich beſchäftigt man ſich noch mit der Erinnerung an die Complimente und Erklärungen, die man Einem auf dem Balle gemacht und den Artigkeiten, die man Einem hat; die Ruhe läßt ſich lange erwarten. Erſt gegen neun oder zehn Uhr Morgens genießt man einen erquicklichen Schlaf; jetzt kommt eine Orgel in euer Haus, die zuweilen noch von einer Clarinette und einem Eimbelnkaſten begleitet iſt, und die wandernden Muſikanten fangen an, den Tataren⸗ Marſch aus Lodorska zu ſpielen und prällen aus Leibeskräften: „Auf, meine Schönen, folget uns! Denn wiſſet, die Tataren, Sie handeln als Barbaren An ihren Feinden nur!“ Die junge Dame fährt aus dem Schlafe auf; anfangs glaubte ſie ſich noch auf dem Balle, bald erwacht ſie aber von ihrer Täuſchung und läutet hef⸗ tig ihrer Kammerjungfer mit dem.„Mein 80 Goit! was iſt denn das für ein Lärm? Das iſt a⸗ ſcheulich, ſchändlich! und ich bin der Ruhe ſo be⸗ dürftig.“ Die Kammerjungfer kommt nicht auf den erſten Schall der Glocke, denn da ſie auf den Schlaf ihrer Herrſchaft gerechnet, hatte ſie einen Tambour der„ Nationalgarde zum Frühſtück eingeladen, den ſie zu⸗ weilen auf der Treppe begegnete, weil der Feld⸗ webel der Compagnie im Hauſe wohnte. Aber Madame läutet, daß die Klingelſchnur faſt abreißt, und die Kammerjungfer verläßt erſchrocken ihre Eier, ihren Tambour, ihren Liebhaber und ihre Tunkſchnitten.“ „Wiel es iſt noch nicht einmal zehn Uhr,“ brummt ſie vor ſich hin,„und Madame läutetz ſie wollte doch den ganzen Tag ſchlafen.. das iſt wirklich lächer⸗ lich 1... Ich lade, in der Meinung⸗ ungeſtört zu ſein, Jemand zum Eſſen ein, und jetzt läßt ſie mir keine Ruhe! Ich bleibe nicht in dieſem Hauſe, wenn man mir keine Minute der Freude gönnt.“ Endlich entſchließt ſich die Kammerjungfer, ſich zu ihrer Herrin zu begeben, die ſie höchſt entrüſtet trifft. „Was ſoll das heißen, Mamſelle!“ ſchreit ſie, „leiſten Sie mir auf dieſe Weiſe Gehorſam?“ Die Zofe geräth in Beſtürzung; ſie glaubt, ihre Herrin wiſſe, daß ſie den Tambour zum Frühſtück eingeladen habe; ſie ſtammelt eine Entſchuldigung. Zum Glück läßt ihr Madame keine Zeit, zu vollenden, ſondern fährt fort:„Erſtens will ich wiſſen, warum * 81 Sie mich eine Stunde läuten laſſen und nicht ſogleich kommen?“ „Madame, ich habe gerade meinen Zeli mit Eigelb gefüttert.“ „Ihr Zeiſig iſt, glaube ich, alt genug⸗ um. zu freſſen; überdieß glaube ich vorzugehen, wenn ich läute, er hätte ſchon ſo lange warten können. Sagen Sie mir aber endlich, was dieſes Geräuſch⸗ dieſer Lärm bedeutet, der mich aufgeweckt hat, wäh⸗ rend ich ſo ſehr der Ruhe bedürftig bin?“ „Ein Lärm?“ „Wie, Mamſelle, hören Sie denn nichts In dieſem Augenblick ſchreit man ja wieder„Tataren! Barbgen! O, es ſind freilich Barbaren! Unge⸗ heuer ſind ſie!“ „Ach, Madame, es iſt eine Orgel im Hofe!“ „Nun, Mamſelle, konnten Sie die Orgel nicht fortſchicken, oder den Leuten einiges Geld geben, damit ſie mich in Ruhe ſchlafen laſſen?“ „Mein Gott, Madame, ich hatte ſi ſie nicht gehörtz ich war ganz mit meinem Zeiſig und meiner Tunk⸗ ſchnitte beſchäftigt.“ „Mamſelle, ich werde Ihnen Ihren Zeiſig abneh⸗ men, denn ich bin nicht geſonnen, eines Vogels we⸗ gen meinen Dienſt vernachläßigen zu laſſen. Schicken Sie dieſe barbariſche Muſik fort, bezahlen Sie die⸗ ſelbe, damit ſie ſtille iſt und i0 endlich ſchlafen kann.“ Die Kammetjungfer vollzieht i ihrer Paul de Kock. LXIv.. 6 * Herrin, wirft den Schauſpielern einiges Geld hin⸗ unter, bittet ſie, fortzugehen, und läßt ihren Zeiſig in Freiheit. In einiger Entfernung gibt die Orgel Veran⸗ laſſung zu einer Scene anderer Art. Eine Mutter hat erfahren, daß ihre Tochter heim⸗ lich die Briefe eines Handelscommis angenommen hat, der beſtändig an der Straßenecke auf dieſe wartet und ſie immer mit Blumenſträußen beſchenkt. Die Mutter, welche aus Erfahrung weiß, welcher Gefahr eine Jungfrau ausgeſetzt iſt, die Blumen⸗ ſträuße und Liebesbriefe annimmt, hat ſich feſt vor⸗ genommen, ihrer Tochter eine tüchtige Predigt zu halten. Sie läßt ſie auf ihr Zimmer kommen und ſagt dort in einem Tone, der die Kleine faſt vor Schrecken erſtarren macht, zu derſelben:„Wie, Fräu⸗ lein, Sie nehmen hinter meinem Rücken Briefe an! Wiſſen Sie, wohin das führt? Wiſſen Sie, was ein Mann von einem Frauenziwmer denkt, welches ſchwach genug iſt, Briefe anzunehmen?“ Eine Orgel kommt und ſpielt: „O! ihr habt ſtolze Rechte.“ Die Mutter macht eine Bewegung der Ungeduld, ſchweigt einige Augenblicke, und fährt dann fort: „Und was verlangt der Freche, der es wagt, an Sie zu ſchreiben, in ſeinem Briefe?“ Die Orgel ſpielt: „Entzückend Bildniß! Bildniß meiner Holben!“ Das junge Mädchen beißt ſich in die Lippen und wendet ſich ab⸗ 83 Die Mutter bewaffnet ſich mit ihrem ganzen Zorne und ſchreit:„Fräulein, Sie hätten dem Unverſchäm⸗ ten nie Gehör geben und ihm das erſte Mal, als er ſich erlaubte, mit Ihnen zu ſprechen, antworten ſollen...“. Die Orgel ſpielt: „Knabe ſprach ich vieche dich Röslein auf der Haiden! Röslein ſprach: ich ſteche dich Und ich will's nicht leiden.“ Jetzt kann es das junge Mädchen nicht mehr län⸗ ger aushalten; ſie bricht in ein ſchallendes Gelächter aus, die Mutter muß ebenfalls lachen, und auf dieſe Weiſe iſt eine Otgel an der Unterbrechung einer Sittenpredigt ſchuld. Und wie vielen andern Ereigniſſen, die uns nicht alle bekannt ſind, iſt ſie ſchon entgegengetreten; wie vielerlei umſtände hat dieſe unſelige Muſik, vie unſern Ohren nie gelegen kommt, ſchon herbeige⸗ führt. Ein kranker Greis iſt entſchloſſen, ſein Teſtament zu Gunſten eines Neffen zu machen, dem er viele Tollheiten verziehen hat. Die Orgel ſpielt einen Con⸗ tretanz von Muſard; das erinnert den Alten daran, daß ſein Neffe auf eine ſehr unſittliche Weiſe den Cancan tanzte; er beſinnt ſich eines Andern und ver⸗ macht ſein Vermögen einem Andern ſeiner Familie, der nie tanzt. Man ſetzt einer alten Dame dreißig Blutegel an einen Ort, den ich euch nicht nennen kann, welches eben keine angenehmen Empfindungen in ihr erweckt⸗ 84⁴ und ſie hört während der ganzen Zeit eine Orgel in ihrem Hof vie Melodie ſpielen: „Ergötzet euch und ſpringet hoch ihr Schönen!“ Während man einem Herrn einen Zahn iwi ſpielt die Orgel: „Wo kann man beſſer ſein, Als in dem Schooß der Seinen?“ Ein Mann ſchlägt ſeine Frau nach der Melodie: „Die Ehe iſt ein ſüßes Band.“ Doch es ſei genug, wir haben hinreichend be⸗ wieſen, daß die Walzenorgeln für die meiſten Be⸗ wohner nichts weniger als angenehm ſind⸗ In vielen Häuſern ſind die Portiers angewieſen⸗ ihnen den Eintritt in den Hof zu verweigernz aber dann pflanzt ſich dieſe granſame Muſik vor euren Fenſtern aufz ſie ſpielt auf der Straße, auf den Plätzen, auf dem Boulevard, und ihr habt kein Recht, ſie daran zu hindern; Alles, was ihr thun könnt und was gewöhnlich auch geſchieht, iſt, daß ihr ſie bezahlt, damit ſie ſich entfernt. Seit einigen Jahren hat die Zahl der wandern⸗ den Orgelſpieler in Paris ſehr abgenommen. Die Maſſe der öffentlichen Muſikſäle, in denen Concerte gehalten werden, mußte den Straßenmuſikanten noih⸗ wendig Eintrag thun. Man behauptet, daß die Walzenorgeln fortgehen werden. möchten ſie doch nie nietertihits un †— Es gibt jedoch eine Orgel, die wir nicht in die allgemeine Verbannung mit einſchließen, nämlich 85 die, welche die Zauberlaterne begleitet, wenn ihr an einem kglten Winterabend eine heiſere Stimme auf der Straße rufen hört:„Die Zauberlaterne! Das Wunderwerk!“! d Dann blicken die Kinder zu ihren Eltern hinauß⸗ falten ihre kleinen Händchen zuſammen und bitten: „O Vater, Mutter, laßt uns das Wnnderwerk ſehen.“ Gebt ihr den Wünſchen eurer Kinder nach, ſo laßt ihr durch eure Bedienung das vorbeiziehende Schauſpiel heraufrufen und ſeht nach einer Weile zwei Männer, gewöhnlich Auvergnaten, die wie Waſ⸗ ſerträger gekleidet ſind, in euer Zimmer treten. Der Eine trägt eine Orgel, der Andere eine Zauberlaterne auf dem Rücken. Eure Kinder ſtellen ſich in einen Halbkreis und ihr euch hinter ſie. Einer der Auvergnaten ſetzt ſeine Zauberlaterne auf einen Tiſch, richtet Alles zur Vorſtellung, man löſcht alle Lichter im Gemache aus und das Schau⸗ ſpiel nimmt ſeinen Anfang. Der Auvergnate ſchiebt der Reihe nach die Glä⸗ ſer in ſeine Laterne und erklärt die Bilder mit einer ſo eintönigen, gedehnten Stimme, daß euch gleich das Gähnen kommt; und die in den Zwiſchenakten ſpielende Orgel vermehrt eure angenehme Unterhaltung noch. Ihr bekommt außerdem immer dieſelben Gegen⸗ ſtände zu ſehen: die Frau Sonne, der Herr Mond und die Abenteuer des kleinen Däumlings werden euch ſtets gezeigt. Die Zauberlaterne erneuert ihr Repertorium nie. 86 Aber eure Kinder ſind glücklich; ihr ſeht, wie die kleinen Köpfchen ganz Auge, ganz Ohr ſind, nur zuweilen einen Ausruf der Freude und der Verwun⸗ derung ausſtoßen, und das Vergnügen, welches eure Kinder empfinden, verleiht euch den Muth, dei Schau⸗ ſpiel der Zauberlaterne mit anzuwohnen. OS 87 Die Rotonde des Tempels ober dir Kleiderhändler. An dieſen Ort ziehen ſich alle Größen, aller Klei⸗ derſtaat, aller Prunk und Flitter, alle Pracht, Ver⸗ zierungen, Herrlichkeiten und Gegenſtände jeder Art, die in der Welt geglänzt, das Glück und den Stolz derer ausgemacht, welche ſie getragen und den Neid ihrer ärmeren Nebenmenſchen erregt haben, zurück⸗ ohne zur Zeit ihres Ruhmes zu ahrew daß ſie einſt ſo tief ſinken würden. Hierher kommt auch all der Flitterkram, der Putz⸗ die Federn, Hüte, Mützen, Kleider und Shawls, die ihr, allerdings weit weniger friſch, wenn ſie den Weg über den Temple⸗Markt gemacht haben, als wenn ſie gerade aus den Händen der Fabrikanten hervorgehen, wieder an einer gewiſſen Klaſſe von Menſchen ſehet; ſie verbreiten aber immer noch eini⸗ gen Glanz um ſich, der manche Leute, die es nicht verſtehen, täuſchen kann. Die Rotonde des Tempels wurde im Jahre 1781 erbaut. Sie iſt jetzt hauptſächlich zum Handelsplatz für alte Kleider beſtimmt; in allen in den Galerien aufgeſchlagenen Buden ſind Gegenſtände des Anzugs 88 der beiden Geſchlechter ausgehängt, vorzugsweiſe aber Männerkleider. Da es erlaubt iſt, die Waaren auch in den Ga⸗ lerien aufzuhängen, ſo wandelt ihr durch lauter mit Kleidern jeden Alters, jeden Standes und faſt jeder Klaſſe der Geſellſchaft drapirte Gänge. Die Jacke des Arbeiters hängt neben dem Frack des Stutzers; der Rock eines Handwerkers neben dem Paletot des Künſtlers; ein Livreegnzug gegenüber von einem geſtickten Gallafrack. Die Nationalgarde⸗Uniform ſieht man am häu⸗ figſten. Selbſt franzöſiſche Leibröcke, die auf dem Ball des Herrn Präfekten figurirt, und mit Flitter geſtickte Anzüge des Herrn Marguis aus früherer Zeit, die ohne Zweifel manchen Feierlichkeiten beigewohnt, in manchen Hotels geglänzt, auf manchen Bällen ihre Sprünge gemacht und mancher aufge⸗ wartet haben, finden 69, hier. Um die dent des Tempels herum iſt die Börſe oder der Cours der alten Kleider: das iſt der Tor⸗ toni des Trödelmarktes, dort verſammeln ſich alle wandernden Kleiderhändler, denen ihr bei jedem Schritte in den Straßen und auf den Boulevards begegnet, und welche unter eure Fenſter hinſtehen, in den Hof eures Hauſes hineingehen und ſchreien:„Alte Kleider! Ein Kleiderhändler! Haben Sie alte der vver alte Borten zu verkaufen?“ — 89 Der Kleiderhändler trägt ſeine Wgaxe guf dem Arme oder auf der Schulter. Man begegnet häuſig Männern, die mit einer ungeheuren Maſſe Kleider beladen ſind und über⸗ dieß noch mehrere Paare alte Stiefel unter dem Arme und einige alte Hüte in der Hand haben, denn Hüle und Fußbekleidungen ſi ſind auch mit in den Bz⸗ reich des Kleiderhändlers eingeſchloſſen, welcher im⸗ mer auf Erweiterung ſeines Handels hinſtrebt und euch ſogar einen Ofen oder ein Poſthorn gbraufen. würde, wenn ihr es ihm abließet. Der Kleiderhändler iſt die Vorſchung der Stu⸗ denten, Kammetjungfern, Künſtler, der von ihrem Jahrhundert mißperſtandenen Schriftſteller, Köchin⸗ nen, Jockey's und gewöhnlich aller Lebemänner⸗ Verſchwender und leichtſinnigen Leute, die Geld brauchen, um Theil an einer Luſtparthie, einem Wittageſſen oder einer Orgie zu nehmen, und weil ſie keine Baria in ihrer Börſe mehr haben, Zufſucht zu ihrer Garderobe nehmen, und was ſi ie theuer iir preis veräußern; aber ſie ſind immer vergnügt, wenn ihnen nur noch ein Rock zum Ausgehen bleibt und ſie einiges Geld in der Taſche haben. Der Fleiderhändler kennt ſeine Leute. Er iſt ein ſchlauer Fuchs; wenn er bis in das ſechste Stockwerk oder vielleicht in das Manſarden⸗ ſtübchen eines jungen Mannes hinaufklettert, ſo iſt er zum Voraus überzeugt, daß der Eigenthümer des Gegenſtandes, den man ihm anbietet, höchſt nöthig 90 Geld braucht und ihm denſelben um jeben beliebigen Preis überlaſſen wird. Wenn der wandernde Trödler dagegen von der Dienerſchaft eines vornehmen Hauſes gerufen wird, ſo muß er ſich etwas billiger zeigen; denn die Köchin, welche nicht gerade auf den Ertrag des alten Kleides angewieſen iſt, das ihr ihre Herrſchaft geſchenkt hat⸗ gibt es nur um einen anſtändigen Preis her, und wenn ſie zu dieſem Zwecke zwanzig Handelsleute hinaufkommen laſſen müßte: ſie will dafür, was es werth iſt. Der Student der Rechte oder der Medicin, oder der Vaudevilleſchreiber, der ſeine Geliebte in das Pantheon⸗Theater führen ſoll oder Luſt hat, dieſe zu einer Eſelsparthie einzuladen, wartet mit Schmer⸗ zen, bis ein Kleiderhändler an ſeinem Haus vorbei⸗ geht. Er ſteht an's Fenſter, von dem er zwar nicht immer auf die Straße hinabſehen kann, aber er lauſcht mit aufmerkſamem Ohre und weiß ſicher die Aufmerkſamkeit des Kleidermäklers auf ſich zu lenken. Der erſehnte Ausruf läßt ſic hören; der ſich zu ſeinem Dachfenſter herausbeugende junge Mann brüllt aus Leibeskräften:„Hier herauf! he! Kleiderhänd⸗ ler in das Bäckerhaus. den ſchmutzigen Eingang.. die Treppe iſt im Siit in das ſechste Stockwerk. ſchnell! ſchnell! Haltet Euch beim Heraufgehen am Treppengeländer“ Det Kleiderhändler hat die Stimme, die vom — ð — 9¹ Himmel herabzutönen ſcheint, vernommen, iht der junge Mann hört in kurzer Zeit ſchwere, langſame Tritte die Treppe heraufkommen; er eilt an die Thüre, öffnet ſie, um die Flur zu erhellen, und ruft dem Trödler von oben herab entgegen;„Hier herauf. man kann nicht irren. ich bin der Höchſie im Si über mir ſind nur noch Katzen!“ Und wenige Minuten darauf empfängt der junge Mann den Käufer in ſeinem Zimmer. Jetzt beginnt eine Stene, die manchmal Biards Pinſel würdig wäre. Der Verkäufer breitet die Gegenſtände, die er verhandeln will, ſo vortheilhaft als möglich auf einem Tiſche aus, allein das iſt eine nutzloſe Vor⸗ ſicht. Der Käufer nimmit den Gegenſtand zur Hand, be⸗ rührt, betaſtet ihn und betrachtet ihn genan am Fenſter. Der junge Mann ſucht ſeine Waare anzupreiſen. „Dieſen Ueberrock,“ ſagt er,„habe ich im höch⸗ ſten Fall zehn Mal angehabtz verkaufe ihn bloß, weil er mir zu eng iſt, ich bin einiger Zeit um Vieles dicker geworden!“ Der Trödler wirft einen Blick auf den zungen Mann, der ſo dürr iſt wie ein Gerippe, und enigeg⸗ net;„Wenn Sie ihn auch nur zehn Mal am Leibe gehabt haben, ſo iſt er doch an den Ellbogen ver⸗ teufelt abgetragen und die Aufſchläge ſind ſo mürb wie Zunder.“ „Das iſt eine gueinigtei, ſiiſce Aufi hläge Fuan zu machen. 92 „Und der Kragen iſt ganz ſchmutzig.“ „Mit Pfeifenerde gehen die Flecken augenblicklich heraus!. Hier habe ich auch eine anliegende Hoſe mit Stegen nach dem neueſten Schnitte es ſind zwar keine Knöpfe daran, aber das iſt nur eine Nebenſache. „Man trägt jetzt keine anliegenden Hoſen mehr.“ „Sie kommen aber demnächſt wieder in die Mode, weil ſie den Frauenzimmern ſo gut gefallen; ſie find auch eleganter als die andern.“ „Sie iſt an den Knieen zerriſſen.“ „Man ſtößt Stücke hinein, daß man es gar nicht ſieht.“ „Das Hintertheil iſt auch blöde.“ „Ach, der Kukuk! hört, wenn die Hoſe neu wäre, würde ich ſie nicht an Euch verkaufen!. Hier iſt auch noch eine apfelgrüne Weſte, die nanche Er⸗ oberung gemacht hat und von der ich mich nicht trennen würde, wenn nicht dicker geworden wäre.“ „Aber, ich gtaube, ſie würde ſich bon Ihnen tren⸗ nen, denn ſie iſt lauter Fetzen!“ „Sie hat einen oder zwei Riſſe, die kann man wieder flicken.“ „Man trägt keine apfelgrünen Weſten mehr.“ „Macht mir nichts weiß! Man trägt, was man will, und was die Weſten anbetrifft, ſo hält man die auffallendſten für die ſchönſten.“ „Haben Sie ſonſt nichts?“ Der junge Mann wirft einen Blick in ſeinem Zim⸗ — — 93 mer herüm, geht an ſeine Commode, mächt die Schub⸗ laden auf, ſieht eine alte Flanelljacke und bringt ſie mit den Worten:„Seht, da iſt noch ein warmer Gegenſtand, das iſt im Winter etwas Vorkreffliches; ich gebe die Jacke nur her, weil es jetzt dem Früh⸗ ling zugeht; nächſten Herbſt kaufe ich mir wieder eine neue.“ Der Kleiderhändler nimmt die Jacke, zuckt die Achſeln, wirft ſie zu den andern Sachen hin und frägt abermals:„Haben Sie ſonſt nichts? keine alten Stiefel. keinen Hut?“ Der junge Mann macht einen Gang vurch ſein Zimmer, fährt mit der Hand über die Stirne, eilt raſch, als ob ihm plötzlich ein Einfall gelommen wäre, auf einen Schrank zu, und nimmt einen ſorg⸗ fältig in Papier eingewickelten Gegenſtand hedaus. Er gibt ihn dem Trödter und ſagt:„Sehen Sie, das iſt ein Lurusgegenſtand, den mir eine meiner Tanten zum Geſchenk gemacht hat. Die gute Tante! ſie war ſo beſorgt für meine Geſundheit! Aber ich kann dieſe Maſchine durchaus nicht anwenden.“ Der Kleiderhändler macht vas Papier i⸗ der und erblickt einen großen Trichter aus Kaouiſchu, von welchem ein hölzernes Röhrchen ausläuft. Er betrachtet den Gegenſtand, deſſen Anwendung ihm un⸗ bekannt iſt, verächtlich und murmelt:„Was iſt dast ein Elarinett⸗Etui?“ Der junge Mann bricht in ein ſchallendes Ge⸗ lächter aus und antwortet endlich:„Nein, damit witd nicht Elarineite eſpiell.. man heißt dieſes 94 Ding einen Cliſtiertrichter. Es iſt eine neumodiſche, ſowohl bequeme als philanthropiſche Erfindung, wo⸗ durch die Cliſtierſpritze erſetzt wird, deren ſich in kurzer Zeit nur noch die Portiers, Haushälterinnen und Krankenwärterinnen bedienen werden. Der Cliſtiertrichter iſt bequemer und weniger genannt; man kann ihn prächtig in den Sack ſtecken, mit auf k . die Reiſe nehmen und ſogar im Wagen in Anwen⸗ dung bringen; wenn es ſein müßte, könnte man ſich ſeiner ſelbſt im Theater bedienen.. kurz, die Eli⸗ ſtierſpritze wird von nun an abgeſchafft!“ Der Kleiderhändler betrachtet das kleine Inſtru⸗ ment näher und fragt wiederholt;„Sonſt haben Sie nichts?“ „Ei, der Teufel! mein Freund, ich denke, das ſei genug, ich müßte denn meine Möbel an Euch verkau⸗ fen, was jedoch der Hausbeſitzer nicht geſtatten würde.“ „Und wie viel verlangen Sie für dieſe Geſchichten?“ Der junge Mann beſinnt ſich eine Weile, kratzt hinter dem Ohre und erwiedert;„Sehet, ich wili keine langen Umſchweife machen, gebet mir für Al⸗ les zuſammen fünfzig Franken, dann iſt der Handel im Reinen.“ Der Trödler langi nach ſeinem Kleherpade, den er auf einen Stuhl abgelegt hat, und macht Miene, ſi ich zu entfernen. Der junge Mann läuft ihm nach, hält ihn zurück und ſchreit:„Wie, Ihr bietet mir gar nichts auf dieſe Maſſe Effekten?2“ „Eine ſaubere Maſſe Effekten!. Die Stiefel und der Hut ſind keine ſechs Sous werch⸗ die apfelgrüne ð 95 Weſte und das Flanellleibchen auch nicht viel dar⸗ über. es bleiben ſomit nur der Ueberrock und die Hoſe übrig, die mit fünfzehn Franken gehörig bezahlt ſein werden.“ „Fünfzehn Franken! Welcher Barbare, weſcher Araber ſeid Ihr., bringt Ihr denn den Cliſtier⸗ trichter gar nicht in Anſchlag?“ „O, meiner Treu', ich verſtehe mich nicht auf dieſe Werkzeuge, es liegt mir nichts daran.“ „Gebt mir dreißig Franken.. und macht ein Ende.“ „Dazu kann ich mich nicht verſtehen.“ „Aber fünfundzwanzig wenigſtens.“ „Ich will Ihnen für Alles zuſammen zwanzig Sous mehr geben, als ich zuerſt anbot, weil mir eben einfällt, daß ich den Cliſtiertrichter meiner Frau zum Geburtstag ſchenken kannz ſie hat immer einen Hu⸗ ſten, das thut ihr viclleichk „Machet zwanzig Franken und nehmet Alles mit.“ „Nein, ſechszehn Franken iſt gut Sintte „Nie.“ Der junge Mann ſtellt ſich, als ob er nicht nach⸗ geben wolle, denkt aber bei ſich:„Wenn ich einen Andern rufe, ſo gibt er mir noch weniger als die⸗ ſer, ein Dritter weniger als der Zweite und ſo fortz denn ſie find Alle mit einander im Einverſtändniß, es würde mich nichts helfen.“ Der Handelsmann hat noch keine zehn Stufen der Treppe hinter ſich, ſo ruft man ihn wieder und willigt in die vorgeſchlagene Summe. 96 Der Ttöbler geht nochmals in die Manſarde hinauf, zählt ſechszehn Franken auf den Tiſch, legt vie eben gekauften Gegenſtände, mit Ausnahme des Cliſtiertrichters, den er ſorgfältig in die Taſche ſteckt, zu ſeinen andern Kleidern auf den Arm und verläßt den jungen Mann mit den Worten:„Auf ein ande⸗ res Mal, mein Hexr.“ Und der junge Mann überzählt, wenn der Alte fort iſt, ſeine ſechszehn Franken noch einmal, ſteckt ſie, nachdem er ſich vorher genau überzeugt hat, daß die Taſchen nicht zerriſſen ſind, in ſeine Weſte, klei⸗ det ſich haſtig an und und eilt fröhlichen Muthes zu ſeiner Geliebten. Es lebe die Freude, gutes Eſſen und Trinken, die Eſelsparthie und die Liebe!“ tuft er, die Treppe hinabhüpfend, aus. Was den Kteiderhändler anbetrifft, der nie ſchlechte Geſchäfte macht, ſo ſetzt dieſer ſeinen Weg und ſein Gewerbe fort, und in einigen Tagen wird der ſo wohlfeil gekaufte Rock geputzt, ausgebeſſert und mit neuen Aufſchlägen beſetzt ſein, die Beinkleider be⸗ kommen ein neues Hintertheil, die Stiefel neue Soh⸗ len und Alles wird ſich auf der Rotonde du Temple recht vortheilhaft ausnehmen und von einem Kauf⸗ luſtigen erhandelt werden, der genöthigt iſt, ſich um —, billiges Geld einen Anzug anzuſchaffen. Es iſt ſo⸗ gar ſchon manchmal vorgekommen, daß ein junger Mann einen Rock auf dem Tempelplatz kaufte, den er vorher an einen Trödler verſchachert hatte und nachher nicht mehr erkannte. —, 97 Der Tempelmarkt, den man früher die Halle des alten Weißzeugs hieß, wurde im Jahre 1809 erbaut; er liegt gegenüber von der Rotonde und bildet einen großen Raum, wo ehemals die Tempelmeſſe gehal⸗ ten wurde. Der Marktplatz iſt nicht ſchön, aber man kann ſeiner Größe wegen eine unermeßliche Menge Waaren darauf unterbringen. Er iſt in vier Theile eingetheilt, die abermals in kleine Gänge getheilt ſind, welche nur ſo viel Raum leer laſſen, daß eine einzelne Perſon durchgehen kann. Die Plätze, denn ſo heißt man die Buden eines jeden Handelsmannes auf dem Tempel, ſind ſehr theuer, woraus ſich ſchließen läßt, daß der Verkauf gut ſein muß. Ein Theil iſt zu dem Handel mit alten Kleidern beſtimmt, der andere zu altem Weiß⸗ zeug, der dritte zu altem Eiſen, der vierte zu Fuß⸗ bekleidungen, der fünfte zu Hauben, der ſechste zu Modewaaren oder Theaterkoſtümen u. ſ. f. Die ſchmalen Gänge dieſes Marktes bieten durch⸗ aus keine Annehmlichkeit zum Spazierengehen darz man geht gewöhnlich auch bloß hin, um Etwas zu kaufen. Ihr könnt daher keine vier Schritte machen, ohne daß man euch zuruſt:„Was ſuchen Sie, Ma⸗ dame?“ „Was wünſchen Sie, mein Herr?“ „Brauchen Sie einen Mantel, einen Schlafrock, ein Paar Stiefelchen?“ „Wünſchen Sie ein Kindszeug, liebes Frauchen? Ich habe, was Sie ſuchen.“ Paul de Kock. LRIv. 7 98 Der LTempelmarkt kommt den Schauſpielern und Schauſpielerinnen, welche hier oft noch ziemlich friſche Koſtüme finden, die ſich länger halten als das Stück, zu dem ſie gekauft werden, ſehr zu Statten. In dem Theater, wo überhaupt Alles Täuſchung iſt, können ſolche Sachen immer noch ſchön ſcheinen.. Aber mehr zum Verwundern iſt, daß es in Pa⸗ ris ſelbſt unter anſtändiger Geſellſchaft, bürgerlichen und wohlhabenden Frauen viele gibt, welche ihre Toilettenbedürfniſſe auf dem Tempelmarkt und ſomit Gegenſtände kaufen, die ſchon von Andern getragen worden ſind. Eine Dame holt, ehe ſie auf den Ball geht, die Garnirung zu ihrem Kleide, die Blumen in's Haar oder die Atlasſchuhe auf dem Tempelmarkt. Eine andere kauft ſich einen Hut oder eine Haube, und die Verkäuferin ſagt jedes Mal:„Es iſt ganz neu, man hat es nur einmal getragen.“ Wie ſehr ſich aber auch ſolche Damen bemühen mögen, ihrem Anzuge einen Anſtrich von Eleganz und Neuheit zu geben, ein geübtes Auge täuſcht ſi ch nie; es liegt überdieß in dem Weſen der Perſonen⸗ die ihre Toilette auf dem Tempel holen, Etwas⸗ welches immer den Urſprung des Putzes verräth, mit dem ſie ſich herauszuſtaffiren ſuchen. Bisweilen gibt der Markt, wo man getragene Kleider kauft, auch Veranlaſſung zu ſehr viin Abenteuern. Ein Herr bemerkt, während er ein ʒübſces. Frauenzimmer im Theater belorgnettirt, daß daſſelbe 99 ein Kleid anhat, welches wenige Tage zuvor ſeine Frau trug. Eine Dame bemerkt in einem Concert ihren Shawl an einer Nachbarin. Ein junger Mann fühlt ſich ſehr unbehaglich in einem Rock, den er Tags zuvor fertig gekauft hat und der für einen nicht ferne von ihm ſitzenden Stutzer beſtimmt war, der ſich Kleider auf Credit machen läßt und ſie dann wieder verkauft, um Geld zu bekommen. Und wie viel geputzten, parfümirten, mit Blu⸗ men geſchmückten Damen begegnet man auf den Pro⸗ menaden, welche dieſen Anzug, womit ſie euch ver⸗ führen wollen, nur auf einen Tag gemiethet haben! Beeilt euch alſo, ihr, die ihr von den Reizen und der Eleganz derſelben hingeriſſen würdet; morgen wür⸗ det ihr dieſe Damen nicht mehr erkennen, wenn ihr ſie wieder begegnetet. Denn auf dem Tempelmarkte vermiethet man die Kleider auch tagweiſe und ſogar auf halbe Tage: es gibt in Paris ſo viele Leute, die reich ſcheinen und glänzen wollen, wäre es ſelbſt nur auf wenige Augenblicke. O G 6 1 ſiiſſſſ 5 1 7 18 1 10 11 12 13 14 1