Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Zweiundſechszigſter Theil. Go Stuttgart: 8 Scheible, Rieger aSattler. 1845. Schuaunzer. Von Paul de Boch. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Vierter Theil.— DG Stuttgart: Scheible, Bieger a Sattler. 1845. Erſtes Kapitel. Bouchenot in guter Geſellſchaft. Timotheus kehrt mit den beiden Mädchen, welche ſehr traurig ſind, nach Paris zurück; die Eine iſt über das Verſchwinden ihres Liebhabers betrübt, die Andere, weil man ihr ihren Hund nicht zurückgege⸗ ben hat. Timotheus thut ſein Möglichſtes, Cölina und Prudentia zu tröſten; zu der Einen ſagt er, man werde ihren Geliebten wiederfinden, zu der Andern, es ſei nicht der Mühe werth, daß ſie ſich um ihren Hund gräme. Bisweilen irrt er ſich und richtet die Troſtworte, die er an die Eine richten will, an die Andere: er behauptet, Bouchenot ſei keine ſechs Franken werth, und Schnauzer werde das Bauchgrimmen be⸗ kommen haben; allein die jungen Mädchen ſind zu ſehr mit ihren Gedanken beſchäftigt, als daß ihnen dieſe Verſtöße aufgefallen wären, und man langt, das Mißgeſchick des Tages verwünſchend, in der Ca⸗ lander⸗Straße an. Bouchenot war bereits nach Hauſe zurückgekehrt und hatte ſich, ſeiner Gewohnheit gemäß, wenn ihn ein heftiger Schrecken befiel, niedergelegt und unter die Decke geſteckt. Der Anblick Schnauzers hatte ihn entſetzt; er befürchtete, der Hund werde ihm auf's Neue folgen, und der Mann, den er im Theater erkannt hatte, ſeine Schritte beobachten; daher hatte 6 er ſich auch eilends von Montmartre entfernt und war athemlos, ohne ſich umzuſehen, nach Paris ge⸗ rannt. „Wollen Sie uns ſagen, mein Herr, warum Sie uns mir nichts dir nichts in Montmartre davon ge⸗ laufen ſind?“ ſchreit Cölina, ſobald ſie Bouchenots anſichtig wird;„wiſſen Sie, daß das ſehr ungebil⸗ det iſt?“ „Es iſt allerdings richtig,“ verſetzt Timotheus, „daß man ſich nicht auf dieſe Weiſe von einer Geſell⸗ ſchaft trennt. Du haſt nicht einmal unſer Spiel aus⸗ gemacht, und da es gerade beim Zuſammenlaſſen war, hätteſt Du ſicher unſer Abendeſſen bezahlen müſſen. Darüber will ich mich zwar nicht einmal beklagen; aber fortzugehen, ohne uns ein Wort zu ſagen, iſt recht unartig.“ „Sie ſind Schuld, daß wir nicht in der Eremi⸗ tage getanzt haben,“ ſagt Prudentia.„Und wenn Sie da geblieben wären, hätten Sie mir vielleicht zur Zurückgabe meines Hundes verhelfen können, oder wäre er Ihnen wieder nachgelaufen, der arme Schnau⸗ zer.. ich hatte ihn wieder gefunden⸗ aber der häßliche Mann wollte ihn mir unter dem Vorwand, er habe ſechs Franken für denſelben bezahlt, er ſei ſein recht⸗ mäßiges Eigenthum, nicht mehr zurückſtellen.“ „Sprechen Sie, mein Herr, warum haben Sie uns verlaſſen?“ ſchreit Cölina mit entrüſteter Miene. „Ich fühlte mich unwohl,“ erwiedert Bouchenot, indem er ſich bemüht, ſich eine intereſſante Miene zut geben. „Abermals... der Teufel... das paſſirt Ihnen oft! Aber Montmartre iſt groß, Sie brauchten deß⸗ halb nicht ohne uns nach Paris zurückzugehen. Hören Sie, Herr Bouchenot, Ihr Betragen iſt nicht natür⸗ lich; Sie haben Geheimniſſe, Myſterien... ich weiß nicht was, nur ſo viel iſt gewiß, daß Sie Etwas haben.“ „Ich habe zuweilen Bauchgrimmen, Fräulein, und ſonſt nichts,“ entgegnele Bouchenot übellaunig. „Sonderbar,“ verſetzt Timotheus,„Du warſt doch ſonſt nicht damit behaftet.“ „Die Naturen können ſich ändern; darin liegt nichts Außerordentliches.“ „Dieſe Luſtparthie war nicht ſehr angenehm,“ nimmt Cölina wieder das Wort;„im Theater, auf dem Lande, überall ſpielen Sie uns denſelben Streich. Das iſt recht langweilig, einen Liebhaber zu haben, der wie toll davon rast, wenn man es am wenig⸗ ſten erwartet.“ Prudentia verabſchiedet ſich von ihrer Freundin und Timotheus bietet wie gewöhnlich dem Mädchen ſeine Begleitung an. Als ſich Bouchenot allein mit Cölina ſieht, ſucht er das Geſpräch wieder anzu⸗ knüpfen. „Ihr kommt alſo gerade von Montmartre her?“ „Hätten wir tanzen ſollen, ohne zu wiſſen, was aus Dir geworden iſt?“ „Und Prudentia hatte alſo ihren Hund wieder gefunden?“ „Ja.“ „Habt ihr den Hund mitgebracht?“ „Haben Sie denn nicht gehört, was ſie geſagt hat? Der Mann, dem er jetzt gehört, gab ihn nicht zurück: er behauptet, er habe ihn für ſechs Franken gekauft.“ „Ah, er hat ihn gekauft! Was war es denn für ein Mann?“ „Ein recht grober, wie es ſchien. Er gab ſich für einen Weinhändler aus.“ „Weinhändler! in welcher Straße? hat er ſeine Adreſſe genannt?“ „Ach, mein Gott! nein.“ „Und hat er den Hund wieder mit ſich genommen 24 „Verſteht ſich. Wahrhaftig, ich bin viel zu gut, Ihnen auf alle dieſe erbärmlichen Fragen zu ant⸗ worten; was iſt denn Beſonderes daran? Statt ſich um mich zu bekümmern und mich wegen Ihres un⸗ höflichen Betragens um Verzeihung zu bitten, denken Sie nur an Prudentia's Hund. Ei, mein Gott, Sie hätten ihm nachlaufen ſollen, wenn er Ihnen ſo wich⸗ tig iſt.“ Bouchenot ſchweigt; er denkt über die Sache nach und es wird ihm allmälig klar, daß er abermals wieder eine unnöthige Furcht gehabt habe und thö⸗ richter Weiſe vor Schnauzer geſlohen ſei. Er nimmt ſich vor, daß er ſich nicht mehr ſo benehmen wolle und ſchläft mit dem Entſchluſſe ein, künftig nicht mehr ſo einfältig feig zu ſein. Tags darauf ſagt Bouchenot, nachdem er ſich mit Cölina ausgeſöhnt hat, in tragiſchem Tone zu dieſer: ——— ——— „Theure Freundin, unſere ſchönen Tage find vor⸗ über: wir haben die Schale der Wolluſt ausgetrun⸗ ken und unſere guten Biſſen verzehrt, jetzt müſſen wir den Kelch der Bitterkeit leeren.“ „Was ſoll das heißen?“ fragt die kleine Colori⸗ ſtin, ihren Geliebten erſtaunt anblickend. „Das ſoll heißen, daß ich keinen Heller mehr habe und demzufolge bei meinem Freunde Heinrich Jumieres eintreten muß; jetzt muß ich arbeiten wie ein Beſeſſener, um ein Paar elende Thaler zu ver⸗ dienen, und kann meine Zeit nicht mehr damit zu⸗ bringen, Dir die Cour zu machen und Dich ſpazieren zu führen.“ „Wenn Dich das betrübt,“ verſetzt Cölina,„ſo haſt Du ſehr unrecht: das Arbeiten iſt nicht lang⸗ weilig, im Gegentheil, ich war früher, als ich nichts Anderes wie ſpazieren gehen, mich unterhalten, kurz nutzlos leben wollte, auch Deiner Anſicht, ſeit ich mich aber der Arbeit hingegeben, habe ich die Ueber⸗ zeugung gewonnen, daß das Vergnügen weit größer iſt, wenn man es nicht immer hat. Ich habe Dich, ſeit Du bei mir biſt, mehrmals gähnend, gelang⸗ weilt, ſchläfrig geſehen, weil Du nicht wußteſt, wie Du Deine Zeit todtſchlagen ſollteſt. Wenn Du arbei⸗ teſt, wird dieß nicht der Fall ſein; dann werden Deine Stunden ſchnell vergehen und Du Dich weit beſſer unterhalten, wenn Du Muße dazu haſt. Auch iſt Dein Freund Heinrich kein Tyrann, Du wirſt mich alle Tage oder wenigſtens häufig beſuchen können, und vielleicht wird Deine Liebe, die nach und nach eiwas erkaltet, wenn Du nicht mehr immer bei mir biſt, einen neuen Aufſchwung bekommen.“ „Meine liebe Cölina, Du ſprichſt wie Boſſuet, und obgleich ich mich nie in Deiner Nähe gelang⸗ weilt, wie Du zu meinen ſcheinſt, will ich mich be⸗ ſtreben, mir noch mehr darin zu gefallen, weil es weniger vorkommen wird. Ich gehe von hier aus direkt zu Heinrich und kündige ihm an, daß ich nun zu ſeiner Verfügung ſtehe. Wenn er mir übrigens noch einige Tage freiläßt, ſo nehme ich ſie an, da man das Vernünftigwerden ſo lange als möglich verſchieben muß; das iſt mein Grundſatz. Ach, Cö⸗ lina, ſag' was Du willſt, ich bin der Anſicht, ein bereits erworbenes Vermögen ſei mehr werth als ein noch zu erwerbendes.“ „Wenn man aber noch keines erworben hat, ſo muß man ſich Mühe geben, es dahin zu bringen.“ „Wie ſoll ich es angreifen? Ich habe mir ſagen laſſen, das Glück komme im Schlafe über uns, und ſo hätte ich es gerne erwartet; aber es ſcheint mir, daß ich am Ende zu lange ſchlafen müßte, und deß⸗ halb will ich meinen kaufmänniſchen Freund ſuchen.“ Bouchenot begibt ſich in der That zu Seinich, den er am Geſchäft trifft; der junge Handelsmann ſtößt bei ſeinem Anblick einen Schrei der Verwun⸗ derung aus. „Ach, kommſt Du endlich, Bouchenot?“ „Ja, mein Lieber, hier bin ich.“ „Beim Kukuk, das iſt mir recht!“ 4* „Ich habe allerdings ein wenig gezögert; aber, lieber Gott, es ging mir eine kleine Summe ein, worauf ich nicht mehr zählte, und ehe ich mein Be⸗ tragen änderte und mich ganz der Arbeit hingab, dachte ich, wolle ich mich noch ein Bischen amüſiren.“ „Du heißt das ein Bischen? Ich erwarte Dich ſchon ſeit beinahe zwei Monaten.“ „Glaubſt Du, daß es ſchon ſo lange iſt?“ „Wie wäre es, wenn ich die für Dich beſtimmte Stelle, weil Du nicht kamſt, einem Andern über⸗ tragen hätte?“ „Dann.. warte ich eben, bis eine andere auf⸗ geht.“ „Sei beruhigt, dieß iſt nicht geſchehen. Ich habe immer gehofft, Du werdeſt endlich kommen, und deßhalb keinen andern Commis angeſtellt, obwohl mich die Laſt der Geſchäfte zuweilen faſt erdrückte. Doch, wenn man Tag und Nacht unermüdlich ar⸗ beitet, kann man ſchon Etwas leiſten.“ „Ja, wahrhaftig, wenn man unermüdlich arbeitet, aber das muß das Blut erhitzen!“ „Sei ganz getroſt, wenn wir unſer Zwei ſind, iſt es nicht ſo arg. Es bleibt Dir noch Zeit übrig, Deine Geliebte zu beſuchen.“ „Ach, das iſt mir ſehr lieb, denn ich habe ein recht hübſches Mädchen, und ich geſtehe Dir, ich bin eiferſüchtig wie ein Tiger; es iſt mir daher ange⸗ nehm, wenn ich ſie ein wenig überwachen kann.“ „Ich bin nicht eiferſüchtig, ich bin der Liebe mei⸗ ner Pauline gewiß, und doch iſt ſie auch ſehr ver⸗ 12 führeriſch!.. Sage mir, Bouchenot, kennſt Du ſie, haſt Du ſie geſehen?“ „Deine Geliebte? iſt es nicht das junge Frauen⸗ zimmer, welches im Vaudeville⸗Theater am Abend der erſten Vorſtellung von Georgs Stück vor Dir ſaß?“ „Dieſelbe. Nun?“ „Sie ſchien mir reizend, aber Du weißt wohl, daß man im Theater von der S nicht ge⸗ nügend urtheilen kann.“ „O, Du ſollſt ſie kennen lernen: Du wirſt Dich überzeugen, daß ſie eben ſo liebenswürdig als brav und hübſch iſt. Schau', heute noch kann ich Dich Paulinen vorſtellen.“ „Heute noch?“ „Ja. Biſt Du heute Abend nicht verſagt?“ „Nein, da ich mich ja zu Deiner Verfügung ſtellte.“ „Heute iſt es zu ſpät, in's Geſchäft einzutreten; Du kannſt Morgen den Anfang machen.“ „Das iſt mir um ſo lieber, beſonders da ich ein wenig Kopfſchmerz habe.“ „Aber heute Abend führe ich Dich, wenn es Dir recht iſt, in ein Haus, wo wir Pauline und ihren Vater treffen: zu Madame Merlier, einer ſehr ge⸗ bildeten Dame, derſelben, die mit uns im Theater war.“ „Ach, ganz gut! ich kenne Madame Merlier nicht.“ „Sie iſt mir ſehr gewogen, und wenn ich Dich einführe, wirſt Du ſicher gut aufgenommen. Ich brauche Dir hoffentlich nicht zu ſagen, daß es ein Haus iſt, wo man ſich anſtändig betragen muß.“ 13 „Sei doch beruhigt! Glaubſt Du, ich werde bei meiner Ankunft einen Nachttopf verlangen?“ „Dieſe Antwort lautet nicht ſehr befriedigend.“ „Geh', geh'! ich will Dir nur beweiſen, daß ich mich ſehr gut in gebildeter Geſellſchaft zu benehmen weiß. Wenn man Dich hörte, könnte man glauben, ich ſei nie in andern als in ſchlechten Häuſern ge⸗ weſen!“ „Das will ich eben nicht ſagen, aber Du wirſt doch unter uns zugeben, daß Du ſeit einiger Zeit bloß mit Griſetten verkehrſt.“ „Ich konnte, beim Kukuk, wenn ich während einer ganzen Woche nicht mehr als ſechs Sous in der Taſche hatte, nicht oft auf den Balcon des italieni⸗ ſchen Theaters oder des Opernhauſes gehen. Aber ich wiederhole es Dir, Du wirſt zufrieden mit mir ſein. Was treibt man bei dieſer Madame Merlier?“ „Man unterhält ſich, muſicirt, ſpielt Bouillotte oder Ecarté.“ „Ganz gut... Du mußt mir einiges Geld zum Spiel vorſtrecken, denn ich habe keines mehr.“ „Mit Vergnügen. Ich ſage Dir aber, man ſpielt nicht hoch.“ „Nimmt man in der Geſellſchaft Etwas zu ſich?“ „Ja, man ſervirt Mandelmilch und Zuckerwaſſer.“ „Ah, der Teufel! das ſteigt Einem nicht in den Kopf. Doch, einerlei, ich nehme, was man mir gibt.“ „Du mußt Dich ſorgfältig ankleiden.“ „Ja, ja, das heißt, ich bleibe, wie ich bin, weil ich nichts Anderes habe. Ich wette, ich mache eine Paul de Kock. LXII. 2 Eroberung bei Deiner Madame Merlier. Sag' kom⸗ men auch genießbare Damen hin?“ „Ach, Bouchenot, ich wiederhole es Dir, ich führe Dich in gute Geſellſchaft, und wenn Du bereits ſolche Gedanken haſt...“ „Ich meine, daß gerade in guter Geſellſchaft die Männer galant ſein müſſen. Gehörten die Richelieu's und die Grammonts nicht zur guten Geſellſchaft? Dieß hinderte ſie keineswegs, den Damen die Cour zu machen. Uebrigens verlaſſe Dich darauf, Du wirſt zufrieden mit mir ſein. Ich will mich ſo tugend⸗ haft ſtellen wie ein Puritaner.“ „Hole mich um ſechs Uhr ab; wir wollen mit⸗ einander zu Mittag eſſen und uns dann in das Haus begeben, wo ich Dich vorſtellen will.“ „Ganz gut, ich werde mich pünktlich einfinden.“ Bouchenot kehrt zu Cölina zurück, betrachtet ſich im Spiegel, bindet ein anderes Halstuch um, reißt fünfmal den Knoten auf, bis er recht iſt, worüber ſich die kleine Coloriſtin ärgert, welche behanptet, ihr Geliebter brauche nicht ſo ſchön zu ſein, wenn er ohne ſie in Geſellſchaft gehe. Endlich verläßt er ſie und geht bis zu dem Augenblicke, wo es Zeit iſt, ſich vei Heinrich einzufinden, mit dem Gedanken ſpazie⸗ ren:„Ich darf wohl heute noch ein Bischen herum⸗ ſchlendern, denn es wird mir lange nicht mehr ver⸗ gönnt ſein.“ Heinrich führt ſeinen Freund zum Mittageſſen in ein Gaſthaus, und nach einer Mahlzeit, wobei ſie, wie Bouchenot behauptet, zu mäßig getrunken haben, lenken ſie ihre Schritte nach dem Marais und machen in der Bretagne⸗Straße Halt, wo Madame Merlier wohnt. Sie treten durch ein großes Hofthor ein und gehen eine hohe Treppe mit vielen ſteinernen Stufen hin⸗ auf, deren eiſernes Geländer auf dicken hölzernen Säulen ruht. „Wenn die Geſellſchaft, in welche Du mich ein⸗ führſt, eben ſo alt iſt als das Haus,“ ſagt Bouche⸗ not zu Heinrich,„ſo werde ich mit dem Adel aus König Pepins Zeiten zuſammentreffen.“ „Bouchenot, Du weißt, was Du mir verſprochen haſt!“ „Sei unbeſorgt: dieſes alterthümliche Haus flößt mir eine ſolche Ehrfurcht ein, daß ich mich bereits von Kopf bis zu Fuß gealtert fühle; ich werde nur von der Geſchichte der alten Zeit ſprechen.“ „Es wird gut ſein, wenn Du Dich Etwas zu⸗ ſammennimmſt. Da ſind wir ſchon.“ Ein Diener macht den Herren die Vorthüre auf und Bouchenot murmelt, während er durch das Vor⸗ zimmer geht:„Ein männlicher Bedienter potz Kukuk! ſehr nobel; aber zwei Köchinnen wären mir lieber.“ „Der Diener öffnet die Salonthüre und meldet, nach dem, was ihm Heinrich geſagt Ki„Die Herren Jumiéères und Bouchenot.“ Heinrich geht voran und Bouchenot folgt ihm in einen ungeheuren Salon, worin ſich bereits viele Menſchen befinden. Madame Merlier, eine etwa 16 fünfzigjährige Frau mit anmuthigen, gebildeten Ma⸗ nieren, tritt den Herren entgegen. Heinrich nimmt Bouchenot bei der Hand und ſtellt ihn der Herrin des Hauſes als einen ſeiner beſten Freunde vor. Madame Merlier richtet einige liebenswürdige Worte an Bouchenot, und da dieſer keine paſſende Antwort finden kann, läßt er es dabei bewenden, ſich ſteif und tief vor ihr zu verbeugen. Heinrich hat ſeine Pauline bemerkt und verläßt den Freund ſchnell, um zu ſeiner Geliebten zu eilen. Madame Merlier empfängt andere ankommende Per⸗ ſonen und Bouchenot ſieht ſich inmitten eines unge⸗ heuren Kreiſes von Damen jeden Alters, hinter wel⸗ chen ſich die Männer mit einander unterhalten und auf und ab gehen, allein in dem Salon. Er fühlt ſich außerordentlich unheimlich. Wenn Feuer im Ka⸗ min geweſen wäre, hätte er ſich auf die Gefahr hin⸗ ſeine Waden zu verbrennen, davor geſtellt, um eine Haltung anzunehmen. Aber ein Ofenſchirm bedeckt den Kamin; vor dieſen kann er ſich nicht wohl ſtel⸗ len, ohne ſich lächerlich zu machen. Er würde ſich gerne geſetzt haben und hat deßhalb ſehnliche Blicke um ſich geworfen, allein alle Stühle ſind beſetzt und das Schlimmſte iſt, daß zwei eben eingetretene Da⸗ men ſich ſo vor den Kreis geſtellt haben, worin ſich Bouchenot befindet, daß ihm kein Ausgang mehr übrig bleibt. Er ſieht ſich alſo in der Mitte des Saales umringt und fällt der ganzen Geſellſchaft in's Auge. * „Sapperlot, ich muß ausſehen wie ein Obelisk!“ P S — 17 denkt er, ſeinen Hut hin und her drehend und bald von dem rechten unter den linken, bald von dem linken unter den rechten Arm nehmend, als ob er hätte Künſte damit machen wollen.„Wenn Jemand ſich einbildet, ich amüſire mich inmitten dieſes Zirkels, der täuſcht ſich gewaltig! Und dieſer Heinrich, der mich da ſtehen läßt, während mich alle dieſe Weibsbilder anſtarren. So geht es Einem, wenn man nicht mehr an den Umgang mit guter Geſellſchaft gewöhnt iſt; man iſt ganz dumm, ganz blödſinnig. Es iſt mir, als ob meine Naſe um ein Drittheil aufgeſchwollen wäre. Allein Muth gefaßt, keck, ſicher, ungenirt!“ Und um ungenirt auszuſehen, ſetzt Bouchenot ſei⸗ nen Hut auf und trällert ein Liedchen vor ſich hin; doch bald bemerkt er, daß ihn einige Damen erſtaunt anblicken und mehrere Herren, die nicht wußten, was das bedeuten ſollte, ihn höhniſch betrachteten; er wird purpurroth und ſteckt ſeine beiden Pände in die Hoſentaſchen, um ſich eine akademiſche Stellung zu geben. Glücklicher Weiſe wirft Heinrich einen Blick auf ſeinen Freund, nähert ſich ihm haſtig, den Kreis durchdringend, und raunt ihm in's Ohr:„Unglück⸗ licher, was fällt Dir ein? Willſt Du Deinen Hut vom Kopfe herunter thun! Wie, in einem Salon, in Gegenwart dieſer Damen wagſt Du es, Dich zu bedecken?“* 3 „Ach, mein Gott, es iſt richtig,“ erwiedert Bou⸗ chenot, lebhaft ſeinen Hut herunternehmend,„ich dachte nicht mehr daran, ich glaubte mich in der Tabalſtube.“ 18 „Willſt Du ſchweigen!“ „Ja, ich wollte ſagen, ich glaubte mich im Kaffee⸗ hauſe. Warum läßt Du mich auch in dieſem Saale, wo ich Niemand kenne, allein? Was ſoll ich denn für ein Geſicht machen? Alle dieſe Damen gaffen mich an, das bringt mich außer Faſſungz ich weiß auf Ehre nicht mehr, wie ich den Mund zuſammen⸗ klemmen ſoll.“ „Klemme ihn gar nicht zuſammen, das iſt weit beſſer.“ „Du haſt gut reden.. ich muß doch eine Miene annehmen, ein Lächeln ausdrücken, denn ich ſehe, daß die Geſellſchaft nicht aus lauter alten Leuten beſteht, es ſind auch junge daz es iſt gemiſcht, ſehr gemiſcht hier.“ „Still, ſprech' doch nicht ſo laut.“ „Ich ſage ja nichts Dummes; bleib' bei mir, ich bitte Dich.“ „Ich werde Dich gleich nachher meiner Pauline vorſtellen.“ „Ach ja, befreie mich aus dieſem Kreiſe; Du wirſt mich ſehr dadurch verbinden.“ „Siehſt Du den alten Herrn, der in jener Ecke 5 dort mit Jemand ſpricht?“ „Den kleinen, häßlichen, dürren, runzligen?“ „Still! das iſt Herr Giraumont, Paulinens Vater.“ „Ah, das iſt Herr Giraumont... der Teufel! der iſt ſehr häßlich, und ſeine Frau muß, da ſie ihn mit einer ſo hübſchen Tochter beſchenkt hat, irgend⸗ wo ein Abſehen genommen haben oder ſonſt..“ —,— — 19 „Bouchenot, ich bitte Dich, erlaube Dir keine ſolche Scherze über Perſonen, die mir achtungswerth ſind.“ „Mein Gott, ich ſoll nicht ſcherzen, nicht ſingen, den Mund nicht einklemmen, ich muß alſo wie eine Siatue hinſtehen, wenn ich der gebildeten Geſellſchaft gleichen will!“ Heinrich wollte eben ſeinem Freunde antworten, als ihm eine Dame rief: er eilt zu ihr hin, und Bouchenot ſieht ſich abermals allein in dem Kreiſe und weiß nicht, wie er ſich aus demſelben ent⸗ fernen ſoll. Endlich entſchließt er ſich doch, ſich an den Kamin anzulehnen, indem er ſeine Frackflügel auseinanderbreitet, als ob er ſich wärmen wollte, und um vor langer Weile nicht zu verzweifeln, horcht er auf das Geſpräch der vor ihm ſitzenden Dame. „Madame, ich habe ſeit einiger Zeit Unglück,“ ſagt eine kleine bejahrte Dame zu ihrer Nachbarin, „es iſt erſtaunlich, wie es mich verfolgt.“ „Sind Sie geſtern wieder ſchlecht weggekommen, Madame Gimblanc?“ „Sehr ſchlecht! Wenn es ſo fortgeht, muß ich das Spielen aufgeben.“ „Haben Sie im Buouillotteſpiel verloren?“ „O nein, pfui! dieſes Spiel iſt mir zuwider, es iſt zu treulos und geht zu hoch. Ich habe geſtern Boſton geſpielt und wieder neunzehn Sous achtund⸗ dreißig Marken verloren.“ „Ah, Sie ſpielen die Marke zu zwei Liards! das iſt hoch;“ N 20 „Mein Gott, das gefährliche Spielen iſt jetzt Mode; es iſt freilich langweilig.“ „Hoffentlich werde ich keine Partie mit dieſen Damen machen müſſen,“ ſpricht Bouchenot bei ſich. „Das müßte unterhaltend ſein, den Abend mit die⸗ ſen alten Köpfen zuzubringen und ihnen ſechs Pfen⸗ nige abzugewinnen, nein, das iſt mir zu vornehm. Ich will Andern zuhören.“ „Sie müſſen meine Tochter größer finden,“ ſagt eine Dame zu der neben ihr ſitzenden,„denn Sie haben ſie ſchon lange nicht mehr geſehen.“ „Ja, ich glaube, daß ſie ein wenig gewachſen iſt.“ „Ein wenig? Um acht Linien in ſieben Monaten! das iſt ungeheuer, und ich bin meiner Sache gewiß, denn ich habe ſie gemeſſen, als ſie in ihre Penſion ging, und geſtern wieder, wie ſie zurückkam.“ „Die kleine Durieux iſt auch gewachſen... ich glaube, ſie iſt jetzt ſo groß wie Ihre Tochter.“ „O nein, ſie iſt um einen halben Zoll kleiner, ich weiß es beſtimmt, ich habe geſtern Beide gemeſſen. Meine Tochter wird ſehr groß werdenz ſie hat ſich ſeit einem Jahre erſtaunlich entwickelt, ich ſehe es an ihren Kleidern.“ „Die kleine Durieur bekommt,. ich, eine recht hübſche Geſtalt!“ „Meine Tochter iſt ſchlanker; ich hupe ſie vorge⸗ ſtern gemeſſen.“ „Die Kinder verändern ſich übrigens ofſt; es gibt, die erſt ſpät zu wachſen anfangen; man kann nicht zum Voraus beſtimmen, wie ſie werden.“ —— — 24 „O, entſchuldigen Sie, man ſieht es an der Länge ihrer Finger, ob ſie eine lange Taille bekommen. Die Finger meiner Tochter ſind länger als die aller Penſionäre ihres Alters.“ „Es ſcheint, dieſe Dame mißt Alles,“ denkt Bou⸗ chenot, ſich abwendend.„Wenn ſie mich gemeſſen hätte, ſeit ich in dem Salon ſtehe, ſo bin ich über⸗ zeugt, würde ſie mich um Vieles kleiner finden, denn es ermüdet mich bedeutend, immer auf einem Fleck zu ſtehen. Ah, dort iſt ein Stuhl leer; Gott ſei Dank, den nehme ich ein.“ Bouchenot ſetzt ſich mitten in den Kreis. Links neben ihm ſitzt eine kleine, außerordentlich geputzte, überladene bejahrte Dame, deren Hals, Ohren und Finger mit Diamanten bedeckt ſind und die immer mit dem Kopfe ſchüttelt; zu ſeiner Rechten ein gro⸗ ßes Frauenzimmer in mittlerem Alter, die häufig mit einem gewiſſen Stolze ihre Zungenſpitze herg ſtreckt. Bouchenot richtet einige Worte an die kleine Alte, um ein Geſpräch anzuknüpfen; aber man antwortet ihm nur durch Lächeln und Kopſfſchütteln. „Iſt dieſe Dame vielleicht ſtumm oder taub?“ denkt Bouchenot;„das würde mich wundern! Ich muß es noch einmal verſuchen; ſie ſcheint mich doch zu verſtehen.“ Und ſich gegen das Ohr der Dame vorbeugend, ſagt er mit lauterer Stimme zu derſelben:„Madame werden wahrſcheinlich Ihr Spielchen machen; in Ihrem Alter hat man ſeine Freude daran. Was 22 ſoll man ſonſt in Geſellſchaft thun; Madame tanzen ſicher nicht mehr.“ Die kleine Alte lächelt, wackelt mit dem Kopfe und erwiedert mit einem hellen, zitternden Stimm⸗ chen:„Ich habe heute zwei Mal Kaffee getrunken, und wenn ich recht brav bin, bekomme ich morgen wieder.“ Bouchenot rückt mit ſeinem Stuhle zurück und macht große Augen, während er ſich veſinnt, ob dieſe Dame wohl taub ſei oder ihn verhöhne. Aber ein hinter ihm ſitzender junger Mann, der ſein Erſtau⸗ nen bemerkt, ſagt lächelnd zu ihm:„Sie werden ſich Mühe geben müſſen, mit Madame Courtivaud ſich zu unterhalten, denn ſie iſt kindiſch.“ „Ei, das iſt herrlich!“ ruft Bouchenot aus,„ich wollte gerne mit Jemand ſprechen: ich habe mich gleich an die rechte Perſon gewendet! Was thut man aber in ſolchem Zuſtande in Geſellſchaft?“ „Man ſetzt Madame Courtivaud bisweilen an's Boſton. Sie iſt ſo ſehr an dieſes Spiel gewöhnt, daß ihr trotz ihres mangelnden Gedächtniſſes ihre Augen genügen, eine Partie mitzumachen; übrigens iſt ſie oft zerſtreut.“ „Es muß ſehr unterhaltend ſein, mit ihrzu ſpielen.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, wenn man Ihnen eine Boſtonpartie mit Perſonen, die Sie nicht kennen, vorſchlägt. Letzthin befand ich mich in Geſellſchaft dreier Damen, wovon eine Madame Courtivaud, die kindiſch iſt und häufig Schippen ſtatt Herz ausſpielt, die andere taub war, und die dritte jedesmal, wäh⸗ rend man die Karten gab, einſchlief; wir brauchten vierthalb Stunden, um zwei Spiele zu machen.“ „Sie ſind geduldig; beim zweiten Verſtoße hätte ich, ich ſtehe Ihnen dafür, die Karten ſammt den Kerzen und dem Tiſche zuſammengeworfen.“ Bouchenot hat ſich dem jungen Manne zugewen⸗ det, mit dem er gerne noch länger geſprochen hätte, aber dieſer ſteht auf, um ſich mit Damen zu unter⸗ halten, und Bouchenot ſieht ſich gezwungen, ſeiner großen Nachbarin zur Rechten zuzuhören, welche gerade zu einer andern Dame ſagt:„Ich liebe nur, was ſchön und gut iſt. Sehen Sie, Jedes hat ſeinen eigenen Geſchmack.. mein Mann verdient viel Geld⸗ er kann verdienen, ſo viel er nur will, er hat große Geſchäfte und ſpekulirt; meiner Treu', denke ich dann bei mir, warum entbehren, was Vergnügen macht? Wenn ich Etwas kaufe, ſo kaufe ich immer das Beſte, etwas Schlechtes verachte ich.. wir leben gut, ſehr gut; es wäre meinem Manne unmöglich, bloß mit zwei Gerichten zu Mittag zu eſſen, er muß immer wenigſtens vier und einen Rachtiſch haben; er wäre ganz unglücklich und es fehlte ihm Etwas, wenn er ohne Nachtiſch eſſen müßte. Aber wozu entbehren, wenn man viel Geld verdient?“ „Dieſe Dame wird es noch dahin bringen, daß man ſie beſtiehlt,“ denkt Bouchenot.„Ei, wird mich Heinrich wohl den ganzen Abend mir ſelbſt überlaſ⸗ ſen? Aha, der Kreis öffnet ſich endlich; jetzt will ich es verſuchen, meine Beine in Bewegung zu ſetzen.“ Bouchent ſteht auf und lenkt ſeine Schritte ſeinem — 24 Freunde zu, der hinter Paulinen ſitzt und derſelben bisweilen ein verliebtes Wörtchen zuflüſtert. „Höre, Heinrich, Du läßt mich dort drüben ganz allein, wenn Du vielleicht glaubſt, ich unterhalte mich...“ Heinrich unterbricht Bouchenot eilends und ſtellt ihn Fräulein Giraumont mit den Worten vor:„Er⸗ lauben Sie mir, Fräulein, Ihnen einen meiner Freunde vorzuſtellen, der Theilhaber meines Geſchäf⸗ tes ſein wird. Morgen tritt er bei mir ein, und ich hoffe dann etwas mehr freie Zeit zu haben, um meine Bekannten zu beſuchen.“ Pauline lächelt freundlich, indem ſie zu Bouchenot ſagt:„Herr Heinrich hat mir ſchon oft von Ihnen erzählt, Herr Bouchenot. Er war ſogar in Sorgen um Sie, weil er ſo lange keine Nachricht von Ihnen erhielt.“ „Der gute Heinrich,“ erwiedert Bouchenot;„o, er iſt ein wahrer Freund, wir lieben uns auch Beide ſehr... er hat mir ſchon oft Geld geliehen... ich wollte ſagen, wir haben uns ſchon oft bei Gelegen⸗ heit Dienſte geleiſtet, und wenn er Hochzeit hat, will ich ſicher meine Beine rühren.“ Das junge Mädchen ſchlägt erröthend die Augen nieder, und Heinrich gibt Bouchenot einen Stoß und ſagt leiſe zu ihm:„Spricht man auch von ſolchen Dingen; Du biſt recht rückſichtslos.“ „Ach, ich glaubte, die Sache ſei unter euch abge⸗ macht; man weiß doch nie, was man hier ſagen ſoll.“ 25 „Ich habe alle Hoffnung.. Pauline liebt nur mich, ihr Herz gehört mein.“ „Nun, dann iſt es ja im Reinen.“ „Aber ihr Vater beſteht darauf, daß man reich ſein oder ein glänzendes Geſchäft haben müſſe.“ .„Man ladet ihn deßhalb zu einem Frühſtück ein und macht ihn betrunken, dann gibt er ſeine Ein⸗ willigung.“ „O nein, ſo darf man mit Herrn Giraumont nicht verfahren, um zu ſeinem Zwecke zu gelalgen. Nur durch Fleiß und ein tadelloſes Betragen kann ich mir die Hand ſeiner Tochter erwerben.“ „Ich werde beſtimmt nie ſein Eidam.“ 3 „Spielen Sie vielleicht Bouillotte, mein Herr?“ fragt Madame Merlier Bouchenot. „Ja, Madame. O, mit dem Bouillotteſpiel habe ich manche Nacht zugebracht.“* „Hier iſt ein Platz frei; nehmen Sie eine Karte, wenn Sie anfangen wollen.“ „Recht gerne, Madame.“ Madame Merlier entfernt ſich und Bouchenot nähert ſich Heinrich, indem er leiſe zu ihm in's Ohr ſagt:„Ich will ſpielen, ſchiebe mir heimlich Geld zu, ohne daß man es bemerkt; wir haben vergeſſen, es vorher zu thun.“ „Ach, es iſt richtig.. hier.“ „Du gibſt mir bloß zwanzig Franken?“ „Das iſt mehr als Du brauchſt, da ich Dir ja ſage, daß man nicht hoch ſpielt. Man ſetzt bloß dreißig Sous.“ 26 „Nun, es iſt einerlei, wenn ich kein Geld mehr habe, gebe ich Dir ein Zeichen.“ Damit geht Bouchenot auf den Bouillottetiſch zu und denkt:„Wenn ich nur nicht mit Madame Courtivaud, der Dame, die einſchläft, und der Tau⸗ ven ſpielen muß. Zwar wenn die kleine Courtivaud wollte, ſo würde ich ihre Diamanten mit ihr her⸗ ausſpielen.“ Bouchenot ſpielt ſchon einige Zeit Bouillotte. Er wagt das Geld ſeines Freundes, gewinnt und findet allmälig, daß man ſich bei Madame Merlier unter⸗ halten könne, als die Salonthüre aufgeht und der Diener Herrn Mortandal meldet. Ein ſchöner, elegant gekleideter Herr tritt ein und begrüßt die Gebieterin des Hauſes, welche ihn beſonders höflich empfängt. Bouchenot, der den Kopf erhoben und zufällig einen Blick auf die eintretende Perſon geworfen hat, ſühlt einen Schauer durch ſeinen Körper rieſeln, als er den Herrn erkennt, den er ſchon im Vaudeville⸗ Theater geſehen hat. „Was machen Sie denn?“ fragt einer der Bouil⸗ lotteſpieler Bouchenot;„Sie geben ja Jedem von uns vier Karten...“ „Ach, entſchuldigen Sie, mein Herr, ich glaubte Billard zu ſpielen.“ „Billard!“ ruft der Spieler lachend aus. Nein, Piquet, oder kurz, ich wußte nicht mehr, was ich ſpielte.“ 6 Bouchenot hat den Kopf verloren; der Anblick 27 des eben angekommenen Herrn hat ihn in Schrecken verſetzt; er macht zwei Mal eine Bewegung, als ob er aufſtehen wollte, denn er hat große Luſt, ſich zu entfernen, allein er thut ſich Gewalt an und be⸗ ſchwichtigt ſeine Angſt. „Nun,“ denkt er,„was ſoll das heißen, weßhalb fürchte ich dieſen Mann; er wird mich nicht freſſen. Außerdem muß er ſich fürchten und nicht ich; ich bin ein Dummkopf. Was würde man von mir halten, wenn ich durchginge? was dächte Heinrich? Ich muß mich faſſen, eine Miene annehmen, wie wenn er mir unbekannt wäre, denn ich bin gewiß, er wird es auch ſo machen... ich will beim Spiele bleiben und mich bloß mit meinen Karten beſchäftigen.“ Trotz aller Anſtrengungen Bouchenots, ruhig zu ſcheinen, war er doch nicht mehr bei ſeinem Spiele. Er hebt die Karten ab, ehe man ihn dazu auffor⸗ dert, hält, wenn er paſſen will, und paßt mit drei gleichen Karten. Bald nimmt ſeine Zerſtreuung noch zu, denn er lauſcht aufmerkſam einem neben ihm gehaltenen Geſpräche zu. „Wer iſt denn dieſer Herr Mortandal? Madame Merlier ſcheint ihn ſehr zu ſchätzen?“ fragt ein jun⸗ ger Mann ſeinen Nachbar.. „Ach, mein Lieber, es iſt ein ſehr reicher Herr. Er iſt aus Marſeille gebürtig, von wo er vor etwa zehn Jahren nach Paris kam, um eine Stelle als Commis in einem Handlungshauſe anzutreten, und jetzt hat er ein Haus in Paris, ein Landhaus, hält Eaquipage, kurz, er iſt unermeßlich reich.“ „Wie iſt er denn zu dieſem Vermögen gekommen?“ „Durch den Handel; er macht großartige Unter⸗ nehmungen und es gelingt ihm, wie es ſcheint, Alles; er verdient viel Geld. Dieſem verdankt er auch, daß man ihn überall empfängt.“ „Sie ſpielen aus, mein Herr!“ ſagt einer der Mitſpielenden vereits zum dritten Mal zu Bouchenot, und dieſer erwacht endlich, ganz mit dem beſchäftigt, was er über den Marſeiller hört, aus ſeiner Lethar⸗ gie, und bemüht ſich auf ſein Spiel zu achten. „Er verdient viel Geld,“ ſpricht er während deſſen bei ſich,„er hält Equipage, er iſt unendlich reich! Ich glaube es wohl, beim Kukuk! Wenn man aber wüßte, wie er zu ſeinem Vermögen kommt!... ich weiß es, darf es aber nicht ſagen. Ich bin doch ein komiſcher Kauz! ich möchte mich gerne ungeſehen davon machen. Ach⸗ mein Gott! ich glaube⸗ der Mann hat mich geſehen und erkannt; vielleicht ent⸗ fernt er ſich, das wäre mir recht.“ Aber ſtatt daß ſich Herr Mortandal, der Bouche⸗ not aufmerkſam vetrachtet hat, entfernt, neigt er ſich gegen Madame Merlier hin und ſcheint einige Fra⸗ gen an dieſe zu richten. Nach einer Weile nähert er ſich dem Bouillottetiſche und ſtellt ſich gerade dem gegenüber, den er ebenfalls erkannt hat. „Welche Frechheit,“ denkt Bouchenot in ſeinem Sinn,„er ſtellt ſich vor mich, vor meine Augen hin und trotzt mir... ich ſtrenge mich umſonſt an⸗ ruhig zu ſcheinen.. es iſt mir ſehr unbehaglich.. ich muß in dieſem Augenblick verdammt dumm ausſehen.“ 29 In kurzer Zeit wird einer der Plätze am Bouil⸗ lottetiſche frei: Herr Mortandal nimmt ihn ein und ſitzt ſomit als Mitſpielender neben Bouchenot. Dieſer kann ſeine Beſtürzung nicht mehr bemeiſtern, obgleich ihn der Marſeiller anzulächeln ſcheint und in einem ſehr höflichen Tone mit ihm ſpricht. „Mein ganzes Spielgeld, mein ganzes Spielgeld!“ ſchreit Bouchenot, wirre Blicke um ſich werfend. Dieſe Manier zu ſpielen erſchreckt anfangs die Perſonen, welche die Partie mit ihm machen, bald aber gehen ſie darauf ein: ſie halten auf den Einſatz und Bou⸗ chenot verliert all ſein Geld. „Wie, mein Herr, Sie ſetzen auf zwei Achter und eine Dame!“ ſagt der Marſeiller, Bouchenot ſonderbar anblickend. „Ja, mein Herr,“ entgegnet dieſer aufſtehend und den Tiſch verlaſſend,„ſo ſpiele ich Bouillotte.. ein Jeder hat ſeine eigene Manier.“ „Ich bezweifle, daß dieſer Herr oft gewinnt,“ ſagt einer der Spieler, als Bouchenot ſich entfernt hat. „Ich glaube, es war dem Herrn unwohl und er wollte austreten,“ ſagt ein Anderer,„denn ſeit län⸗ gerer Zeit war er durchaus nicht mehr bei dem Spiele.“ Der Marſeiller ſpricht nichts, aber er dreht lang⸗ ſam den Kopf, um nach der Thüre zu ſehen, die hinter Bouchenot zugefallen, welcher, nachdem er den erſten beſten Hut ergriffen, der ihm unter die Hände gekommen, ſich ſachte hinausgeſchlichen hatte und fort⸗ gegangen war. Paul de Ko. LRI. 3 Zweites Kapitel. Ein unerwartetes Einkommen. „Nun,“ beginnt Cölina, als Bouchenot in ihr Zimmer tritt und ſie ſeine Bläſſe, ſeine Verſtörtheit, überhaupt ſeine Aufregung gewahr wird,„nun, lieber Freund, was iſt Dir denn heute Abend begegnet? Warum ſiehſt Du ſo niedergeſchlagen, ſo verſtört aus? Haſt Du in der ſchönen Geſellſchaft, für welche Du Dich ſo geputzt haſt, Dein Bauchgrimmen wie⸗ der bekommen?“ Ja. erwiedert Bouchenot, auf einen Stuhl nie⸗ derſinkend,„ich habe mich plötzlich ſehr unwohl ge⸗ fühlt und mich haſtig entfernt.“ „Aber weißt Du, daß ein ſo oft wiederkehrendes Uebel beunruhigend wird 2Soll ich einen Arzt holen?“ „Nein, es iſt überflüſſig, ich befinde mich vereits wieder beſſer.“ „Willſt Du Etwas zu Dir nehmen?“ „Nein.“ „O, dann biſt Du gewiß krank, lieber Freund; das iſt nicht Dein natürlicher Zuſtand.“ „Cölina, ſeien Sie ſo gut und laſſen Sie mich mit Frieden.“ „Schau', dieſer Hut hat ein weißes Futter und der Deinige ein ſchwarzes; das iſt nicht Dein Hut.“ „Sehr möglich, es kam mir auch unterwegs vor⸗ als ob er mir etwas zu weit wäre.“ „Wie, Du haſt nicht vemerkt, daß Du einen an⸗ 31 dern Hut nahmſt? Ich meine doch, ein weißes Futter ſei gut von einem ſchwarzen zu unterſcheiden.“ „Wenn man Eile hat, ſieht man nicht auf ſolche Dinge.“ „Was trieb Dich denn zur Eile an?“ „Ich ſage Dir ja, daß ich meine Bauchſchmerzen wieder bekam.“ Cölina ſchüttelt ungläubig den Kopf und mur⸗ melt:„Das iſt Alles nicht natürlich; es ſteckt gewiß ein Geheimniß dahinter, welches man mir nicht an⸗ vertrauen will, und das iſt ſehr unrecht. Wem will man Zutrauen ſchenken, wenn man ſeiner beſten Freundin keines ſchenkt, die Einem Beweiſe der auf⸗ richtigſten Anhänglichkeit gegeben, Einen im Unglück geliebt hat, und ſich bloß Reichthum wünſchte, um ihn mit Einem zu theilen!“ Mit dieſen Worten hat ſich das junge Mädchen Bouchenot genähert, legt eine ihrer Hände auf ſeine Schulter und ſtreicht mit der andern ſanft ſein Kinn, dann fährt ſie mit flehender Stimme fort:„Mein kleiner Bouchenot, ich ſchwöre Dir, ich will ſehr ver⸗ ſchwiegen ſein, aber ſage mir, was Dich ſeit einiger Zeit quält, Deine Heiterkeit oft plötzlich in Traurig⸗ keit verwandelt, Dich ſchweigen macht, wenn Du mitten im Reden biſt, kurz Deine ganze Stimmung mit einem Male ändert; nicht wahr, Du ſagſt es mir, ja, Du ſagſt es mir gewiß?“ „Cölina, thue mir den Gefallen und laß mich mit Frieden,“ entgegnet Bouchenot, ſeine Geliebte zurückſtoßend. * Die kleine Coloriſtin entfernt ſich verdrießlich und Bouchenot ſucht im Schlummer die Schrecken dieſes Abends zu vergeſſen. Tags darauf ſchmollte Cölina noch und Bouche⸗ not mächte ſeine Habſeligkeiten in ein kleines Päck⸗ chen zuſammen, um ſie in Heinrichs Wohnung zu tragen, die nun auch die ſeinige werden ſollte. Er ging langſam an's Werk, wie gewöhnlich, wenn es ſich darum handelte, einen vernünftigen Entſchluß zu faſſen; aber ſeine Börſe war leer, Cölina's Ar⸗ beit reichte bloß zur Beſtreitung ihrer eigenen Be⸗ dürfniſſe hin, und er mußte ſich ſomit entſchließen, auch Etwas zu verdienen. „So geht es!“ ruft er aus, als er mit ſeinen Vorbereitungen fertig iſt,„nun muß ich die Laſt des Elends tragen. Das Arbeiten erſchreckt mich zwar nicht, aber das thut mir weh⸗ Cölina, daß ich Dich verlaſſen muß, ich war ſo glücklich bei Dir. Nun, Du antworteſt mir nicht, Du grollſt mir, Cölina?“ „Laſſen Sie mich in Ruhe, mein Herr,“ erwie⸗ dert die kleine Coloriſten.„Geſtern Abend haben Sie nicht mit mir ſprechen wollen, jetzt will ich Ihnen kein Gehör geben. Wie Du mir, ſo ich Dir.“ „Geſtern war ich krank.“ „Ja, wie ich, wenn ich tanze.“ „Heute verlaſſe ich Dich, wollen wir uns in Hän⸗ deln trennen?“ „Sie verdienen meine Liebe nicht.“ „Doch, Du ſollſt es ſehen. Sobald ich mir durch den Handel Etwas erworben habe, und ich —— —— —— 33 werde mir Mühe geben, daß es bald geſchehe, lege ich die Früchte meiner Nachtwachen zu Deinen Füßen nieder.“ „Wir wollen ſehen. Nun, da Sie bei Herrn Hein⸗ rich wohnen, wird er Sie alle Abend in Geſellſchaf⸗ ten und glänzende Reunions führen wie die geſtrige.“ „O, ich gehe nicht mehr mit, ich verſichere Dich, ich will nicht mehr in jene ſchönen Geſellſchaften, wo man Gott weiß welche Leute trifft. Ich ſage es Dir wiederholt, bei Dir werde ich all' meine freien Augenblicke zubringen, und ich werde ſchon ſuchen, öfters ſolche zu haben; aber es iſt ſchon ſpät, es hat bereits zwölf Uhr geſchlagen und ich hätte mich bald bei Heinrich einfinden ſollen. Adieu, liebe Cö⸗ lina, ich will unten einen Commiſſionär nehmen, der mit dem Päckchen hinter mir hergeht, dann glaubt man, ich wolle auf einen Eilwagen ſitzen.“ „Soll ich Dein Päckchen tragen?“ „Nein, theure Freundin, nein, man muß die Schönheit nie zum Laſtträger herabwürdigen. Ich habe noch fünfzehn Sous, dieſe reichen ſchon zur Bezahlung der Commiſſion.“ „Und Du willſt Dich bei Deinen Freunden Georg und Timotheus nicht verabſchieden?“ „Sie werden wahrſcheinlich nicht auf mich ge⸗ wartet haben; jedenfalls würden ſie zanken, daß ich nicht früher fort ſei, und das brauche ich nicht zu hören. Sie kommen ja zu mir, auf mein Bureau.“ Bouchenot küßt Cölina und ſchickt ſich eben zum Weggehen an, als eine Stimme auf der Treppe 34 ruft:„Herr Bouchenot, drei Sous, wenn es Ihnen gefällig iſt.“ „Man fragt nach mir,“ ruſt Bouchenot zitternd aus.„Sag', ich ſei nicht zu Hauſe, ſag', ich ſei nicht zu Hauſe!“ Mit dieſen Worten flüchtet ſich Bouchenot in das kleine Gemach, welches als Küche dient, und will ſich in ſeinem Schrecken unter das Küchenfaß ver⸗ bergen, als ihm ſeine Geliebte nacheilt und ſchreit: „Aber was haſt Du denn ſchon wieder? was iſt Dir denn? Der Briefträger ruft Dir ja; haſt Du ihn nicht klopfen und drei Sous begehren hören?“ „Der Briefträger? Du glaubſt, daß es der Brief⸗ träger ſei?“ entgegnet Bouchenot mit ängſtlicher Miene. „Freilich, er hat einen Brief für Dich, ich will ihn holen.“ „Einen Brief... von hier... an mich? Wenn es aber etwas Anderes wäre! Man ſollte ſich vorher überzeugen.“ Aber Cölina hört nicht mehr auf Bouchenot: ſie iſt ſchon in dem Hausgang und kommt bald mit einem Briefe in der Hand zurück. „Siehſt Du, daß ich mich nicht getäuſcht habe, es iſt ein Schreiben an Dich.. hier.“ „Sonderbar!“ ſagt Bouchenot, den Brief zur Hand nehmend;„ich erwarte von Niemand Nach⸗ richt, wer mag mir wohl ſchreiben?“ „O, ohne Zweifel ein Frauenzimmer, das iſt leicht zu errathen.“ „Nein, es iſt nicht die Schrift eines Frauenzimmers.“ 35 „Warum denn nicht? Es gibt heutzutage, die ſo ſchön ſchreiben können wie gemalt. Es wird von irgend einer Schönen ſein, deren Eroberung Sie in der geſtrigen Geſellſchaft gemacht haben und die Ihnen ein Rendezvous gibt!“ „In der geſtrigen Geſellſchaft? O nein, ich glaube nicht, daß ich geſtern Eroberungen gemacht habe.“ „Uebrigens hoffe ich, daß ich erfahren werde, was man Ihnen ſchreibt. Nun, ſchnell, machen Sie doch den Brief auf... ach, wie lange hätte ich das Siegel ſchon aufgeriſſen.“ Bouchenot betrachtet und betaſtet den Brief: er ſcheint eine Exploſion beim Eröffnen zu befürchten. Er kannte die Handſchrift, welche, obgleich verſtellt, doch ſchön geſchrieben war, nicht. Endlich entſchließt er ſich, das Siegel zu erbrechen, entfernt ſich aber vorher aus Cölina's Nähe mit den Worten:„Erlau⸗ ben Sie, theure Freundin, der Inhalt kann von Etwas handeln, was die Frauenzimmer nichts an⸗ geht.“ „Schon gut, leſen Sie, aber ich muß ihn auch leſen, oder ich kratze Ihnen die Augen aus.“ Bouchenot zieht ſich in eine Fenſtervertiefung zu⸗ rück, macht das Schreiben auf und der erſte Gegen⸗ ſtand, der ihm in's Auge fällt, iſt ein vierfach zu⸗ ſammengelegter Kaſſenſchein, der darin liegt. WMit einer gedankenſchnellen Bewegung ergreift Bouchenot das Billet, rollt es in ſeiner Hand zuſam⸗ men und ſteckt es, Cölina den Rücken zukehrend, ohne daß dieſe es bemerkt, in die Taſche. Dann 36 liest er haſtig den Brief, der keine Unterſchrift hat und folgende Worte enthält: „Ich glaubte Sie nie wieder zu ſehen, denn in dem Zuſtand, worin ich Sie das erſte Mal ſah, konnte ich keinen Mann in Ihnen vermuthen, der Zutritt in Geſellſchaften hat; da wir uns abe wie⸗ der begegneten, hoffe ich, daß Sie dem uns gelei⸗ ſteten Eide immer gleich treu bleiben werden. Ich habe Erkundigungen über Sie eingezogen und er⸗ fahren, daß Ihnen das Glück nie günſtig iſt, ich Sie daher, inliegende tauſend Franken anzunehmen. Sie werden nun künftig jeden Monat durch die Poſt fünfhundert Franken zum Lohn ſ ihre Verſchwie⸗ genheit erhalten.“ Bouchenot hat den Brief zeleſen aber er heftet ſeine Blicke immer noch auf denſelben; er ſcheint in Betrachtungen vertieft zu ſein. Staunen, Freude und Furcht wechſeln in ihm; er weiß nicht, ob er dem Geſchehenen Glauben beimeſſen ſoll, und liest das anonyme Schreiben, deſſen Verfaſſer er leicht erra⸗ thet, noch einmal durch. Cölina tritt ungeduldig, daß er ſo lange an ſeinem Briefe liest, hinter ihren Geliebten, neigt ſich ſachte über deſſen Schulter und ruft aus:„Das Schreiben ſcheint groß zu ſein, ich muß einmal ſehen.“ Allein Bouchenot ballt den Brief in ſeinen Hän⸗ den zuſammen und verbirgt ihn haſtig in ſeiner Taſche. „Der Inhalt iſt beſonderer Art,“ Föi er,„er handelt von Familien-Angelegenheiten, die keinen 37 Bezug auf mich haben... Sie können den Brief nicht leſen.“ „Ich darf dieſen Brief nicht leſen!“ entgegnet die kleine Colvriſtin, vor Eiferſucht und Zorn erblaſſend. „Ha, warum nicht gar, das wäre zu arg! Sie wer⸗ den doch nicht glauben, ich begnüge mich mit dieſer Antwort?“ „Sie werden wohl müſſen. Ich wiederhole Ihnen, Cölina, der Brief handelt von Familien⸗ Angelegen⸗ † h. „Sie lügen, Sie haben keine Familie mehr, alle Ihre Verwandten ſind geſtorben; Sie haben es ſelbſt hundert Mal geſagt.“ „Ich habe mich geirrt; es lebt noch ein Vetter, ein entfernter Vetter, und dieſer ſchrieb mir.“ „Und wie heißt dieſer Vetter? wie heißt die Per⸗ ſon, die Ihnen ſchrieb? Nun, können Sie mir nicht antworten, wiſſen Sie nicht einmal den Namen der Perſon, die Ihnen ſchreibt?“ „Doch, Fräulein, ich weiß ihn, aber ich will ihn nicht ſagen.“ „Herr Bouchenot, zeigen Sie mir dieſen Brief gleich, ich will ihn ſehen.“ „Fräulein Cölina, ich wiederhole Ihnen, daß Sie ihn nicht leſen können, weil er von Dingen handelt, die Sie nichts angehen.“ „Gut, mein Herr, gut, Sie brauchen ſich keine Mühe zu geben, mich zu täuſchen, ich vin, Goit ſei Dank, noch nicht ſo dumm wie Prudentia, und weiß, was ich davon zu halten habe. Dieſer Brief iſt von 38 einem Frauenzimmer: Sie haben, wie ich ſchon längſt vermuthete, eine neue Liebſchaft; Ihre Zerſtreutheit, Ihr angebliches Bauchgrimmen haben mir Verdacht eingeflößt.. jetzt iſt es mir klar, Sie lieben eine Andere. ich bin verlaſſen, verrathen!“ „Cölina, ich verſichere Dich, Du biſt im Irrthum, der Brief enthält kein Wort von Liebe.“ „Dann zeigen Sie mir ihn, laſſen Sie mich ihn leſen. Bouchenot, liebſter Bouchenot, ich bitte Dich⸗ laß mich den Brief leſen oder ich knirſche mit den Zähnen und raufe mir die Haare aus.“ „Du wirſt Dir nichts ausraufen und ich Dir den Brief nicht zeigen; ich bedaure unendlich, Deinem Wunſche nicht entſprechen zu können, aber es iſt mir unmöglich.“ „Aha, Sie ſtimmen dieſen Ton an, Herr Bou⸗ chenot!“ ruft Cölina zurücktretend aus;„nun, dann iſt Alles zwiſchen uns aus; ich will Sie nicht mehr ſehen, nicht mehr von Ihnen ſprechen hören.“ „Wie Sie befehlen, Fräulein.“ „Hier ſind Ihre Effekten, mein Herr, nehmen Sie Ihr Gepäck mit, es iſt nicht zu ſchwer.“ „Das werde ich thun, Fräulein.“ „Und geben Sie ſich ferner keine Mühe, S. zu veſuchen, denn ich bin für Sie nie mehr zu treffen.“ „Dieß genügt, Fräulein, ich werde mich darnach richten; ich habe die Ehre, Ihnen einen guten Tag zu wünſchen.“ Bouchenot nimmt ſein Päckchen und geht ruhig die Treppe hinab; als er im unterſten Stock ange⸗ 39 kommen iſt, wirft ihm Cölina eine Zahnbürſte und einen Kamm nach. 5 „Hier, mein Herr,“ ſchreit ſie hinunter,„das ge⸗ hört auch Ihnen, ich will nichts von Ihnen behalten geben Sie das Ihrer neuen Geliebten, damit ſie ſich einrichtet.“ Bouchenot ſtößt den Kamm und die Zahnbürſte verächtlich mit dem Fuße zurück und verläßt das Haus, indem er bei ſich ſelbſt ſpricht:„Nein, ich will mich einrichten und dießmal ſoll es elegant bei mir werden.“ „Fünfhundert Franken!“ fährt er, am Kai hin⸗ ſchlendernd, fort, während er ſein Päckchen unter dem linken Arm trägt und mit der rechten Hand den Kaſſenſchein in der Hoſentaſche befühlt,„fünfhundert Franken monatlich machen ſechstauſend Franken jähr⸗ licher Renten! ſo viel, als ob ich ein Capital von hundert und zwanzigtauſend Franken und ſogar noch mehr hätte, da man gegenwärtig nun vier Procente bezahlt. Ich habe alſo von nun an ſechstauſend Fran⸗ ken Renten, das iſt ein recht hübſches Einkommen für einen Junggeſellen, der vorher nichts hatte... überdieß beſitze ich tauſend Franken baares Geld, die ich feſt in meiner Hand halte und womit ich jeden Augenblick thun kann, was ich will. Ach, das iſt ja herrlich! nun bin ich in einer prächtigen Lage! Herz, freue dich! Ich, der nur Ausſicht auf eine mittelmäßige Stelle hatte, wo ich hätte arbeiten müſſen wie ein Sklave, bin jetzt reich.. Rentier... Herr meiner Zeit, brauche nichts mehr zu thun, als mich von Morgens bis Abends zu amuſiren!... O⸗ das iſt herrlich... ich bin der glücklichſte der Sterb⸗ lichen!“ Während Bouchenot ſo bei ſich denkt, lächelt er vor ſich hin, wie ſolches häufig Perſonen begegnet, die ſehr mit ihren Gedanken beſchäftigt ſind; er iſt ſogar eben im Begriffe, auf dem Kai ſeine Sprünge zu machen, als ſich plötzlich ſeine Stirne verdüſtert, in Falten zieht, ſeine Heiterkeit verſchwindet und ſeine Miene ſorgenvoll wird. Bouchenot ſtellt näm⸗ lich andere Betrachtungen an und denkt:„Wenn man aber entdeckte, woher ich dieſes Einkommen habe, welches mir nicht vom Himmel fällt, ſondern aus einer ſehr verbrecheriſchen Quelle fließt, würde man mich nicht als einen Mitſchuldigen dieſes Menſchen anſehen, der mein Schweigen bezahlt?... Ach, mein Gott! dieſer Gedanke macht mich ſchaudern!... Was ſoll ich thun, was beginnen?“ Nun geht Bouchenot langſamen, ſchweren Schrit⸗ tes einher, hat keine Luſt mehr, zu ſingen und zu tanzen, doch zieht er ſeine rechte Hand nicht aus der Taſche und hält den Wechſel immer feſt. Nachdem er lange unentſchieden geblieben, welchen Entſchluß er faſſen ſoll, kehrt der Muth in ihn zu⸗ rück.„Wahrhaftig,“ ſagt er,„ich bin recht einfältig, mich lange zu beſinnen, ob ich das Geld annehme oder nicht! Ich muß es wohl annehmen, ich bin ge⸗ zwungen, denn wem ſollte ich es zurückſenden?... Der Brief iſt anonym.. ich vermuthe zwar, von wem er kommt, aber ich habe keine Beweiſe die 41 Perſon kann es läugnen. Würde ich den Kaſſenſchein an Herrn Mortandal zurückſchicken, an den Mar⸗ ſeiller, der kein Wort darüber mit mir ſprach, ſo könnte er mir antworten, er wiſſe nicht, was ich wolle, er habe mich nie geſehen und kenne mich nicht.. und ſicher würde er mir dieſe Antwort ge⸗ ben; was ſollte ich dann ſagen? ich würde daſtehen wie ein Dummkopf! Alſo, kurz gefaßt, ich muß mich darein finden, von nun an ſechstauſend Livres Renten zu erhalten und über tauſend Franken zu verfügen, die ich baar in meiner Taſche habe.. meiner Treu', es ſoll geſchehen.“ Jetzt nimmt Bouchenot wieder eine lachende Miene an, denn er hat ſich zu überzeugen geſucht, daß er ſich keinen Vorwurf zu machen habe, und es iſt ihm leicht gelungen. Sobald man mit ſeinem Gewiſſen capitulirt, hat man bereits die Abſicht, der Stimme deſſelben kein Gehör mehr zu geben. Wer hinſichtlich der Rechtſchaffenheit und des Zartgefühls ſchwanken kann, iſt ſchon ſtrafbar; einer rechtlichen Seele wider⸗ ſtrebt jede Handlung, die Einen erröthen machen könnte. „Was ſoll ich jetzt beginnen?“ fragt ſich Bouche⸗ not.„Mit Cölina bin ich entzweit, und das iſt mir nicht unlieb, denn ein Mann, der ſechstauſend Fran⸗ ken Renten hat, kann nicht mit einer Coloriſtin leben und in der Calander⸗Straße wohnen!... Pfui! wie gering! Ich muß jetzt ein Logis in dem ſchönen Quartier, in der Chauſſee d'Antin, nehmen, mich modiſch kleiden, mit Handſchuhen ſchlafen, eine Lorg⸗ 42 nette, ja ſogar zwei tragen, wenn es Mode iſt. O! wie will ich meine ſechstauſend Franken Renten gut anwenden!... Und um den Anfang zu machen, will ich nicht mehr zu Fuß gehen und gar noch mit einem Päckchen unter dem Arm... mein Gott! ich muß ausſehen wie ein Schneider! Wie wäre es, wenn ich mein Päckchen in die Seine würfe? Rein, es ſind Gegenſtände darin, die mir noch dienen kön⸗ nen, aber ich will in ein Cabriolet ſitzen, um ein Logis zu ſuchen. He, Kutſcher, haltet!“ „Steigen Sie ein, mein Herr!“ „Ich bezahle Euch nach der Stunde; aber es muß ſchnell gehen, Ihr bekommt ein Trinkgeld.“ „Gut, mein Herr, ſehen Sie einmal auf Ihre Uhr.“ „Auf meine Uhr!“ ſagt Bouchenot, ſcheinbar an die Taſche greifend;„ha, der Teufel! ich habe ſie verloren.. „Sie haben ſie verloren?.. man hat ſie Ihnen vielleicht geſtohlen!“ „Das iſt ſehr möglich... man wird ſie mir ge⸗ ſtohlen haben.“ „Haben Sie ſchon Anzeige davon gemacht?“ „Das fehlte noch! Ich habe keine Zeit, mich um ſolche Kleinigkeiten zu bekümmern, ich kaufe lieber wieder eine andere. Vorwärts, Kutſcher, peitſcht Euer Pferd.“ „Wo wollen wir hin, mein Herr?“ „Ein Logis ſuchen.“ „Ein Logis ſuchen? In welcher Gegend?“ —— * 43 „Potz Kukuk! im ſchönen Quartier, in der Chauſſee d'Antin, und dort halten wir vor den Aushäng⸗ zetteln.“ Der Kutſcher treibt ſein Pferd an und führt Bouchenot in die Mont⸗Blanc⸗Straße. Unterwegs beugt ſich der junge Mann über den Kutſchenſchlag heraus, um ſich den Vorübergehenden bemerklich zu machen; es gefällt ihm ſo gut in dem Gefährt, daß er gar nicht mehr an das Ausſteigen denkt, als ſein Kutſcher zu ihm ſagt:„Hier iſt ein Aushängzettel, mein Herr.“ „Gut, fraget den Portier, was zu vermiethen ſei und was die Wohnung koſte?“ Der Kutſcher geht in das Haus hinein und kommt mit der Antwort zurück:„Ein vollſtändiges, neu tapeziertes Logis, mit Keller, für zweitauſend fünf⸗ hundert Franken.“ „Das iſt zu groß,“ antwortet Bouchenot,„wir wollen weiter ſehen.“ Man fährt zehn Schritte weiter und ſieht wieder einen Zettel. Bouchenot läßt halten und den Kut⸗ ſcher abſteigen, der ſofort wieder anfragt und mel⸗ det:„Ein kleines Logis mit Zimmer und Cabinet, hinten hinaus, für einen ledigen Herrn, um den Preis von zweihundert Franken.“ „Das iſt zu klein!“ Kaum iſt der Kutſcher wieder aufgeſtiegen, ſo be⸗ merkt man auch auf der entgegengeſetzten Seite der Straße einen Zettel und hält abermals; der Kutſcher geht, ſich zu erkundigen, und ſagt:„Mein Herr, ich denke, es ſei nicht der Mühe werth, aufzuſitzen, um vor jeder Hausthür wieder abzuſteigen.“ „Das iſt ganz richtig,“ verſetzt Vouchenot,„daß das Fahren nicht bequem zum Logisſuchen iſt. Ihr könnt laufen und ich folge Euch im Cabriolet, um vloß vor ſolchen Wohnungen abzuſteigen, die mir paſſend ſcheinen.“ Der Herr und der Kutſcher bringen auf dieſe Weiſe zwei Stunden allein in der Mont⸗Blane⸗ Straße zu. Bald geht der Kutſcher in die Häuſer und erkundigt ſich, bald ſteigt Bouchenot aus und beſieht die Wohnungen. Endlich entſchließt ſich Bou⸗ chenot, ein kleines Logis in der Sanct⸗Lazarus⸗ Straße zu nehmen, welches man ſogleich beziehen kann. Der Hausverwalter ſtreckt Bouchenot die Hand hin, um das Aufgeld in Empfang zu nehmen. Bou⸗ chenot greift in ſeine Taſche: er hat nur fünfzehn Sous und ſeinen Kaſſenſchein bei ſich. Er überreicht das Papiergeld dem Hausverwalter mit den Worten: „Ich habe nur Kaſſenſcheine bei mir, können Sie mir dieſen wechſeln laſſen?“ „Im Augenblick, es wohnt ein Bankier im Hauſe.“ „Gut, bringen Sie mir Geld dafür.“ Der Hausverwalter nimmt den Kaſſenſchein, ver⸗ veugt ſich bis auf den Boden, weil ein Mann, der nur Kaſſenſcheine von tauſend Franken in der Taſche hat, in den Augen geringer Leute ein erhabenes Weſen iſt, welches gleich einem Fürſten behandelt zu werden verdient. Während man das Geld für Bou⸗ 45⁵ chenot holt, denkt dieſer:„Ich habe nun zwar ein Logis, aber es iſt nichts darin, und ich habe keine Luſt, auf dem Boden zu ſchlafen; glücklicher Weiſe kann man ſich in Paris, wenn man Geld hat, in einem Tage eine vollſtändige Haushaltung anſchaffen; ich glaube, man fände ſogar ein Weib und Kinder.“ Der Hausverwalter kommt mit einem Sack voll Geld zurück, den er Bouchenot demüthig überliefert. Dieſer ſagt, nachdem er ihn großmüthig für ſeine Mühe belohnt hat, zu ihm:„Mein lieber Freund, ich ſollte auch Möbeln in mein Logis haben, ich habe meine früheren meiner letzten Geliebten geſchenkt. Kennen Sie einen Möbelhändler in der Nähe? ich bezahle baar.“ „Ich kann Ihnen noch einen weit beſſern Vor⸗ ſchlag machen. Es wohnt ein Engländer im Hauſe, der nach London zurückgeht und ſein Mobiliar ver⸗ kaufen will; es iſt ſehr ſchön, ganz neu, und da er ſich nicht mehr länger hier aufhalten kann, wird er es Ihnen faſt um Nichts überlaſſen.“ „Faſt um Nichts! ſo nehme ich es. Kann man das Mobiliar ſogleich anſehen?“ „Ja, mein Herr, gehen Sie nur hinauf.“ „Zeigen Sie mir den Weg, Hausverwalter. Kut⸗ ſcher, willſt Du mit hinaufgehen und die Möbeln betrachten?“ „Ich denke, mein Herr, ich muß bei meinem Ge⸗ fährt bleiben.“ „Du haſt recht, bleib' bei unſerem Gefährt... Paul ve Kock. LRII. gib Deinem Pferd zu freſſen, eine doppelte Ration ich bezahle es.“ Der Hausverwalter führt Bouchenvt zu dem Eng⸗ länder, der ſich ſeiner Möbeln entäußern will. Der Kauf iſt bald abgeſchloſſen: um den Preis von ſechs⸗ hundert Franken gelangt Bouchenot in den Beſitz eines wunderhübſchen Mobiliars, welches ihn bei einem Händler das Dreifache gekoſtet haben würde. Sogar Bettwäſche und Foulardtücher zum Umbinden um den Kopf erhält er. Er ſchwimmt in Entzücken und vezahlt Alles baar. Er iſt auf dem Punkte, den Hausverwalter zu umarmen und zu küſſen, und beauftragt denſelben, ſeine Möbeln in ſein Logis ſchaffen zu laſſen. Dieſer verlangt bloß zwei Stun⸗ den Zeit dazu. Bouchenot ſteigt wieder in das Cabriolet und läßt ſich in ſeine frühere Wohnung in die Calander⸗ Straße führen. Er veabſichtigt, weder in ſein Zim⸗ mer hinaufzugehen, noch zu Cölina zurückzukehren; aber es iſt ihm von Wichtigkeit, ſeine neue Adreſſe vekannt zu machen, damit man ſie dem Brieſträger ſagen kann, wenn er Etwas an ihn abgeben will. Da Bouchenot ſeine Renten durch die Poſt zu em⸗ pfangen hat, liegt ihm Alles daran, daß dieſe ſeine Briefe bald überliefert. Er gibt der Obſthändlerin⸗ dem Gewürzkrämer und allen Handelsleuten in der umgegend ſeine Adreſſe an⸗ theilt zum Voraus Trink⸗ gelder aus, greift veſtändig in die Taſche, und man verſpricht ihm, dem Briefträger getreulich ſeine neue Abreſſe mitzutheilen. „——— 47 Bouchenot verläßt ſodann ſein altes Quartier und murmelt:„Lebe wohl, Rom, ich ſcheide.. ich bin von heute an ein glücklicher Bewohner der Antin⸗Straße, werde bei Tortoni frühſtücken und im Café de Paris zu Mittag eſſen!.. andere Zeiten, andere Sitten!... und von Morgens bis Abends thun, was mir Vergnügen macht. Ach, mein Gott, was fällt mir da ein! Heinrich erwartet mich den ganzen Tag, da ich heute bei ihm eintreten ſollte!. Ich will aber ſeine Stelle nicht mehr, ich brauche ſie nicht mehr. Allein ich kann ihn doch nicht immer auf mich warten laſſen, das wäre unhöflich, und ich will nicht, daß man von mir ſage, das Glück habe mich übermüthig gemacht. Ich ſollte hingehen und Heinrich ſagen, er könne über ſeine Stelle verfügen. Wenn ich aber hingehe, fragt er mich, forſcht, wo⸗ her ich mein Geld habe.. nein, ich begebe mich nicht ſelbſt zu ihm. Potz Kukuk! ich kann ihm ſchrei⸗ benz ein Brief iſt etwas weit Bequemeres. Man ſchreibt nur, was man will, und braucht Nichts zu beantworten. Kutſcher, haltet an jenem Kaffeehaus dort.“ „Ja, mein Herr.“ Bouchenot tritt in's Kaffeehaus, läßt ſich ein Glas Malaga geben, verlangt Papier und Feder, und ſchreibt folgenden Brief an Heinrich: „Mein lieber Heinrich, erwarte mich heute nicht zum Arbeiten; unvorhergeſehene Geſchäfte hindern mich, zu Dir zu kommen. Ich theile Dir zugleich mit, daß Du über die mir angebotene Stelle ver⸗ —— 48 fügen kannſt; ich werde ſie entſchieden nicht anneh⸗ men. Eingegangene Gelder, auf deren Heimbezah⸗ lung ich bereits nicht mehr zählte, geſtatten mir ein unabhängigeres Leben. Ich habe meinen Entſchluß geändert und renoncire auf das Handelsweſen. Ich bin aber deßhalb nicht minder erkenntlich für Dein Anerbieten, und bitte Dich, mich ſtets als Deinen Freund zu betrachten.“ Nachdem Bouchenot dieſen Brief unterzeichnet hat, ſpricht er bei ſich:„Ich hätte vielleicht Etwas von dem Gelde erwähnen ſollen, welches ich ihm ſchuldig bin! Ah bah! er braucht es jetzt nicht, ich kann es ihm ſpäter zurückgeben. Beſorgen wir den Brief an ſeine Adreſſe.“ Bouchenot ſteigt wieder ein, läßt ſich vor Hein⸗ richs Wohnung führen, ſchickt den eben geſchriebenen Brief durch den Kutſcher an ſeinen Freund, und fährt dann wieder in ſein neues Logis in der Sanct⸗La⸗ zarus⸗Straße, wo er ſein Cabriolet, nachdem er den Kutſcher ſplendid bezahlt hat, entläßt. „Ihr Logis iſt gerichtet, die Möbeln ſtehen an Ort und Stelle, und ich hoffe, daß der Herr zufrieden ſein werden,“ ſagt der Hausverwalter, dem neuen Miethsmann einen Schlüſſel überreichend, wie man einem Eroberer die Schlüſſel einer Stadt überreicht. „Gut, Hausverwalter,“ erwiedert Bouchenot, ihm den Schlüſſel abnehmendz„Sie ſind ein pünktlicher Mann; ſo gefällt es mir. Ihnen trage ich von nun an die Beſorgung meines Logis auf: Sie ſorgen für die Reinigung meiner Zimmer, meiner Stiefel und —— 49 Kleider, und veſtimmen ſelbſt den Preis Ihrer Be⸗ mühung; iſt es Ihnen ſo recht?“ „O gewiß, mein Herr, ich werde ſtets zu Ihren Befehlen ſtehen.“ „Ei, ich habe noch nicht daran gedacht, Ihnen meine frühere Adreſſe anzugeben; wenn Sie ſich viel⸗ leicht nach mir erkundigen wollen...“ „O pfui, mein Herr, das iſt eine Beleidigung, man ſieht wohl, wen man vor ſich hat, es iſt über⸗ flüſſig, ſich nach einem ſolchen Herrn zu erkundigen.“ „Nun,“ denkt Bouchenot,„ich muß ſehr anſtändig ausſehen! Welchen Einfluß doch das Geld ausübt.“ Drittes Kapitel. Die Liebe iſt aus, die Freundſchaft zieht ſich zuruck. „Herrlich! köſtlich! himmliſch!“ ruft Bouchenot, ſich auf ein kleines Sopha werfend, aus, welches ſeinem Bette gegenüberſtand.„Ich habe ein ſehr be⸗ quemes Logis, ein hübſches Mobiliar, bin in dem eleganteſten Quartier der Hauptſtadt und habe einen Sack voll Geld. Voll iſt er zwar nicht mehr, denn ich habe heute ordentlich depenſirt. Wir wollen ein⸗ mal nachſehen, was mir noch übrig bleibt. drei⸗ hundert fünfundſechszig Franken. das iſt immer⸗ hin noch ein artiges Sümmchen; ich muß aber doch eintheilen, daß ich bis Ausgang des Monats reiche. Einerlei, ich befinde mich in einer ſehr angenehmen Lage, es war mir nie ſo wohl; nun will ich mein ——FÜHÜ⅛ÜYG“ 50 Glück genießen, vergnügt ſein⸗ mich amuſiren, aber Alles mit Anſtand, wie es ſich für einen Mann meiner Art ſchickt. Und wer weiß, warum ſollte ich nicht, wenn ſich irgend eine große Dame in mich verliebte, eine reiche Erbin meine Huldigungen annähme, durch eine günſtige, vortheilhafte Heirath mein Vermögen verdoppeln oder verdreifachen?.. Nein, wenn ſich eine Gelegenheit bietet, werde ich ſie nicht entwiſchen laſſen.“ Bouchenot ſteht auf und ſpaziert mit Stolz in ſeinem Logis auf und ab, welches zwar nur aus zwei größern und einem kleinen Vorzimmer beſteht, da man in der Chauſſee d'Antin für fünfhundert Fran⸗ ken nicht viel Platz bekommt, aber neu und geſchmack⸗ voll angeſtrichen und tapezirt iſt. „Dieſes Lokal iſt recht artig,“ ſpricht Bouchenot vor ſich hin,„aber ſpäter nehme ich ein größeres. In dieſem Augenblick genügt es für die Möbeln, welche ich mir angeſchafft habe; wenn ich eine reiche Heirath mache, will ich erſt ein elegantes, modernes, gothiſches, kurz prachtvolles Mobiliar, und wer weiß⸗ ob ich mir nicht auch eine Equipage anſchaffe! Jetzt ſcheint mir nichts mehr unmöglich. Vor der Hand will ich einmal meine Effekten einräumen.“ Bouchenot macht das kleine Päckchen, welches er gebracht hat, auseinander: es befinden ſich vier Hem⸗ den, ſechs Nastücher, zwölf Vatermörder, ein Paar Beinkleider, eine Weſte und ein Paar Strümpfe darin. Er macht eine hübſche Commode von Mahagoniholz auf, die im Schlafzimmer ſteht, breitet in einer Lade — ——— 8— — — 51 ſeine Hemden, in der andern ſeine Halskragen, in der dritten ſeine Taſchentücher aus, und denkt dabei: „Ich bin zwar noch nicht recht mit Wäſche verſehen, aber ſpäter werden dieſe Schubladen gefüllt ſein, ich ſpare lieber in andern Sachen. Ol ich will Ordnung halten, ausgezeichnete Ordnung; man ſoll mich nicht mehr erkennen. Ah! ich habe einen Waſchtiſch und einen Spiegel. Ach nein, der Spiegel gehört in's Haus; aber ich habe zwei Lehnſtühle und ſechs mit Seide überzogene Seſſel, ein Sopha, einen Sekre⸗ tair, eine Commode, einen runden Tiſch. Ich bin ſehr gut möblirt; ich kann vornehme Beſuche bei mir empfangen: ich werde Thee und Punſchgeſellſchaften einladen und Soireen geben. Ach Gott! wie ver⸗ gnügt will ich ſein!“ Damit hüpft Bouchenot im Zimmer herum, wirft ſich in einen Lehnſtuhl, ſteht auf, ſetzt ſich auf einen Seſſel, legt ſich dann auf ſein Sopha und von die⸗ ſem auf's Bett, um zu ſehen, ob es recht weich iſt. Nachdem er eine gute Weile auf dieſe Weiſe zu⸗ gebracht hat, fühlt er ſich von lauter Hin⸗ und Her⸗ ſitzen ermüdet und ſieht zum Fenſter hinaus, um mit ſeinen Nachbarinnen bekannt zu werden und zu ſehen, ob ſie hübſch ſeien. Aber die Fenſter gegenüber von ihm bleiben zu; endlich wird eines geöffnet und eine etwa ſechszig⸗ jährige Dame, mit einem Turban auf dem Kopf, thranigten Wangen und einer Warze auf der Naſe zeigt ſich. Sie wirft einen Blick auf ihren Nachbar und dieſer macht eilends ſein Fenſter wieder zu. 52 „Wenn alle meine Nachbarinnen ſo find,“ denkt er,„dann ſehe ich nicht oft zum Fenſter hinaus. Man muß zugeben, daß Cölina etwas Anderes war. Sie war wirklich hübſch, ſie iſt es ſogar noch; aber eine Griſette, eine Coloriſtin paßt nicht mehr für mich. Ich werde ſie bald vergeſſen haben.. man ver⸗ gißt Alles in der Welt⸗ beſonders wenn man in den Stand geſetzt iſt, ſich Zerſtreuungen zu verſchaffen. Ich will mich auch zerſtreuen, zuerſt aber einen hüb⸗ ſchen Rock beſtellen, denn ein Mann, der ein Logis wie dieſes bewohnt, kann nicht immer in demſelben Anzug ausgehen.“ Bouchenot begibt ſich zu einem Schneider und be⸗ ſtellt ſich einen Rock. Er verlangt ihn auf den fol⸗ genden Tag und wird ihn baar bezahlen: dieſe ma⸗ giſchen Worte heben alle Hinderniſſe. Er hinterläßt ſeine Adreſſe und ſchreit laut:„Herr Bouchenot in der Sanct⸗Lazarus⸗Straße, in der Chauſſee d'Antin!“ Es iſt ihm bereits, als ob man nirgends ſonſt woh⸗ nen könnte, und was nicht in dieſem Viertel wohnt, ſcheint ihm nicht der Mühe werth, gekannt zu ſein; Perſonen, die in andern Quartieren wohnen, ſind Unglückliche, Paria's, die man nicht beſuchen kann, ohne ſich zu compromittiren. Das Glück hat Bouche⸗ not den Kopf verdreht, der eigentlich nie recht feſt ſtand; es hat ſchon vernünftigen Leuten den Kopf verdreht, warum ſollte es keinen Einfluß auf Jemand haben, dem es hieran bedeutend fehlte? Es gehört oft mehr Charakterſtärke dazu, das Glück zu ertra⸗ gen und ſich nicht zu verändern, wenn es Einen mit 53 ſeinen Gaben überſchüttet, als um den widerlichen Stößen des Schickſals Trotz zu bieten. Das Unglück nimmt man wie eine natürliche Sache, wie eine alte Bekanntſchaft auf, deren Beſuch man ſtets erwartetz das Glück dagegen blendet uns und ſetzt uns in Er⸗ ſtaunen: es erſcheint wie ein Fremder bei uns, zu deſſen Empfang wir nicht ſo wohl vorbereitet ſind. Der neue Reiche geht bis zur Eſſenszeit auf dem Boulevard des Italiens ſpazieren. Dort ſtudirt er das Aeußere, die Manieren und ſogar den Gang der jungen Leute, die gerade den Ton angeben, um ſie nachzuahmen; er will ein Dandy werden und geht deßhalb gravitätiſch und ſteif einher, thut, wie wenn ihn ſeine Stiefeln drückten und ſchneidet fortwährend eine Grimaſſe, als ob ihm ein unangenehmer Gexuch in die Raſe ſtiege. Nach einem ziemlich langen Spaziergang, auf welchem Bouchenot nicht ein einziges Mal zu lächeln gewagt hat, weil er befürchtete, es ſei unſchicklich, begibt er ſich zum Mittageſſen in das Café de Paris; dort achtet er vorläufig hauptſächlich darauf, wie ſich die Stutzer beim Eſſen benehmen. Er läßt ſich, ob⸗ gleich er es nicht liebt, Selterſerwaſſer geben, weil die Fafhionables trinken, und wagt nicht, eine Ome⸗ lette, die er gern ißt, zu beſtellen, weil es nicht no⸗ bel iſt. Abends geht er, um den Vornehmen ganz ähn⸗ lich zu ſein, in die italieniſche Oper, obwohl er die Sprache nicht verſteht und der Muſik nie einen Geſchmack abgewinnen konnte. In der Mitte des 54 Stückes wandelt ihn eine große Luſt zu ſchlafen an, aber er überwindet ſie, zwingt ſich zu einer begei⸗ ſterten Miene und ſchreit alle Augenblicke:„Bravi! brava! bravo! braviſſimo!“ Von der Oper will Bouchenot nach Hauſe gehen, aber ziemlich unbekannt mit dem Quartier der Chauſſee d'Antin verirrt er ſich in den Straßen, die in die ſeinigen führen, und erſt, nachdem er einen dreifachen Umweg gemacht hat, langt er vor ſeiner Wohnung an, die er bereits nicht mehr zu finden fürchtete. Das Hofthor, welches bei Tag offen iſt, iſt na⸗ türlich Abends geſchloſſen. Bouchenot will klopfen und ſucht den Klopfer: es iſt keiner daz er ſucht eine Glocke und findet auch keine. „Ei, der Teufel!“ denkt Bouchenot,„wie macht man es denn, wenn man in meinem neuen Hauſe in ſein Logis will? Ich bin allerdings ſehr vergnügt, ein hübſches Appartement in der Chauſſee d'Antin zu bewohnen, wenn ich aber die ganze Nacht vor der Thüre zubringen muß, bin ich im Ausgehen ſehr ge⸗ nirt. He, Pförtner! Portier! oder wer es ſein mag!“ Niemand antwortet, und da es ſchon ſpät iſt, bietet die in der Gegend der Chiehy⸗Straße ziemlich unbelebte Sanct Lazarus⸗Straße einen Anblick der Verlaſſenheit dar, der Bouchenot nicht ſehr behagt. Er tritt mit dem Fuße an das Hofthor ſeines neuen Hauſes, ſchlägt mit der Fauſt daran, aber Niemand macht auf, Niemand läßt ſich hören. „Sapperlot! muß ich wohl auf der Straße ſchla⸗ fen? das ärgert mich!“ ſchreit Bouchenot, ſeine Rolle — 55 als Faſhionable jetzt vergeſſend.„Ich habe kein Logis für fünfhundert Franken gemiethet, um die ganze Nacht davor Schildwache zu ſtehen. He, Pförtner! ziehen Sie den Thürſtrick an, wenn es gefällig iſt; laſſen Sie mich doch in's Henkers Namen hinein oder ich werde böſel. Ach, man will mich auf der Straße übernachten laſſen.. das wollen wir doch ſehen... Diebe! Wache! Mörder! zu Hülfe!“ Niemand gibt Antwort, kein Fenſter wird geöff⸗ net, kein Licht gemacht. Nur einige Perſonen, welche durch die Straße gehen wollen, fliehen wieder um⸗ lenkend eilends davon. „Ich glaube, in dieſem Quartier läßt man die Leute umbringen, ohne ihnen nur ein Glas Waſſer zu rei⸗ chen,“ ſpricht Bouchenot, des vergeblichen Schreiens müde, bei ſich.„Niemand rührt ſich, zwei Vorüber⸗ gehende haben ſich aus dem Staube gemacht.. das iſt hübſch; wenn Einer hier angefallen wird, können die Diebe keck ihr Weſen treiben; das iſt eben nicht gar beruhigend. Und dieſer elende Hausverwalter, dem ich heute ſchon fünfzehn Franken geſchenkt habe, läßt mich auch auf der Straße. Ach! jetzt kommt mir ein anderer Gedanke, mir das Haus zu öffnen ja, das wird beſſer ſein. Feuer! Feuer! Feuer!“ Sein Geſchrei blieb lange ohne Erfolg; endlich wird im dritten Stocke von Bouchenots Haus ein Fenſter aufgemacht. Ein alter Herr im Schlafrock und drei Foulards um den Kopf ſteckt den Kopf heraus; er ſchaut auf die Straße hinab und fragt mit heiſerer Stimme;„Wo brennt es?“ 56 „Bei Ihrer Frau!“ entgegnet Bouchenot, weil ihm gerade keine andere Antwort einfällt. „Schau'⸗ Flegel⸗ das gehört Dirz ich will Dich lehren, die Leute zu verſpotten und bei Nacht aus dem Schlafe zu ſtören!“ ſchreit der Alte, den Inhalt eines Nachttopfes herunterſchüttend, und ſchlägt dann haſtig das Fenſter wieder zu. „Ach, das iſt denn doch zu arg!“ ruft Bouchenot, über die ſeinen Rock befeuchtende Flüſſigkeit verzwei⸗ felnd, aus.„Wird man ſo behandelt, wenn man in der Chauſſee d'Antin wohnt, ſo ziehe ich morgen aus. Aber jetzt will ich hinein, man ſoll mir aufmachen oder ich breche das Haus ab.“ Damit hebt Bouchenot Steine auf und ſchleudert ſie gegen die Fenſterläden; er iſt eben im Begriff⸗ auch das Hofthor zu ſteinigen⸗ als ihn plötzlich ein kräftiger Arm zurückhält: er kehrt ſich erſchrocken um und ſieht eine Patrouille hinter ſich ſtehen. Corporal, Bouchenot feſt packend.„Das iſt ein ar⸗ tiger Zeitvertreib, wir wollen aber ſchon Ordnung machen. Vorwärts, folgen Sie uns, mein Herrchen.“ „Herr Corporal,“ erwiedert Bouchenot,„es freut mich außerordentlich, daß Sie mit Ihrer Patrouille gekommen ſind. Ich ſtehe ſchon ſeit einer Stunde auf der Straße und kann nicht in mein Haus hinein⸗ weil man mir nicht aufmacht. Ich ergreife alle mög⸗ tchen Mittel, den Pförtner aufzuwecken, und deß⸗ halb habe ich Steine an die Läden geworfen.“ „Ah! um in Ihr Haus hinein zu können, ſchleudern „So, Sie wollen das Haus abbrechen!“ ſagt der 57 Sie Steine daran? Machen Sie das Andern weiß, mein Herr; halten Sie uns vielleicht für Rekruten? Es mag ſein, wie es will, Sie ſchlafen heute auf der Hauptwache.“ „Auf der Hauptwache!... Warum denn, Cor⸗ poral? Ich ſage Ihnen ja, daß ich hier in dieſem Hauſe wohne. Sorgen Sie dafür, daß man mir die Thüre aufmacht, das wird weit beſſer ſein.“ „Vorwärts, machen Sie nicht ſo viel Worte, ſon⸗ dern folgen Sie uns.“ „Aber, Corporal, ich bezahle keine fünfhundert Franken für eine Wohnung in der Chauſſee d'Antin, um auf der Hauptwache zu ſchlafen.“ „Vorwärts jetzt! Ich habe Sie angetroffen, wie Sie Steine an die Läden warfen; ſo ſucht ſich Nie⸗ mand Eingang in ſein Haus zu verſchaffen.“ „Wenn man aber keinen Klopfer und keine Glocke findet.„ „Schlechte Ausflucht! als ob nicht jedes Haus mit dem Nöthigen verſehen wäre, wodurch die Mieths⸗ leute das Oeffnen der Thüre verlangen können!“ „Ich verſichere Sie, Corporal! Helfen Sie mir lieber ſuchen.“. „Marſch, vorwärts! Machen Sie Ihre Anzeige auf der Wache.“ Bouchenot ſieht ſich genöthigt, der Patrouille gut⸗ willig zu folgen, wenn er nicht mit Kolbenſtößen da⸗ zu gezwungen werden will; er gibt der Gewalt nach, während er ſein Schickſal und die Wohnungen der Chauſſee d'Antin verwünſcht. Man kommt zur Wache. Bouchenot verlangt den Commandanten zu ſprechen, allein da dieſer gerade eingeſchlafen war, hält es der Corporal nicht für nö⸗ thig, ihn aufzuwecken, und läßt Bouchenot in's Loch ſpazieren, wo dieſer die Nacht in Geſellſchaft eines Betrunkenen und eines Diebes zubringen muß, was eben nicht angenehm für Jemand iſt, der ein hüb⸗ ſches Logis gemiethet und ein neues Mobiliar ange⸗ ſchafft hat. Am ſolgenden Morgen läßt ſich der Wach⸗Com⸗ mandant ſeine Gefangenen vorführen. Bouchenot be⸗ klagt ſich, erklärt den Vorfall und gibt einem Tam⸗ bour hundert Sous, damit er in ſein Haus geht und den Pförtner zur Beflätigung der Wahrheit ſeiner Ausſagen herbeiholt. Der Tambour geht und bringt den Hausver⸗ walter, der nicht begreift, warum ſein neuer Mieths⸗ mann auf der Hauptwache geſchlafen hat, während er nur an einem hübſchen Bronze⸗Knopfe auf der linken Seite des Hofthores hätte ziehen dürfen, da⸗ mit man ihm das Haus geöffnet hätte. „Sie hätten mir den unglücklichen Knopf zeigen ſollen!“ ſchreit Bouchenot, die Wache verlaſſend, „dann würde ich nicht ſo gelärmt und Steine an die Läden geworfen haben, wäre auch nicht mit.. kurz⸗ das war eine ſehr unangenehme Nacht für Jemand, der entzückt iſt, ein Logis in der Chauſſee d'Antin zu haben.“ Vor dem Hauſe läßt ſich Bouchenot den Bronze⸗ Knopf zeigen, der ganz künſtlich in einer Verzierung — — 59 verſteckt iſt; er zieht fünf bis ſechs Mal daran und ruft aus:„Wer Teufels hätte auch vermuthet, daß dieſer Knopf zum Klingeln beſtimmt ſei?“ „Mein Herr,“ entgegnet der Hausverwalter,„ſo iſt es jetzt an allen anſtändigen Häuſern; ich dachte, Sie wüßten das ſchon, ſonſt hätte ich es Ihnen gezeigt.“ „Es iſt wahr, es iſt richtig!“ ſagt Bouchenot, „ich wußte es, aber bei Nacht habe ich für keine zwei Heller Gedächtniß; künftig, ich ſtehe Ihnen dafür, werde ich nicht mehr auf der Wache ſchlafen. Ei, wer wohnt denn im dritten Stocke unter mir?“ „Ein alter Junggeſelle, ein ehemaliger Offizier.“ „Ah ſo! deßhalb hat er heute Nacht geglaubt, ich verſpotte ihn.“ „War er grob gegen Sie? Das würde mich nicht wundern, denn er iſt ſehr ſtreitſüchtig.“ „Nein, nein, durchaus nicht; ſagen Sie ihm übri⸗ gens nicht, daß ich es war, der heute Nacht Feuer ſchrie, man würde mich auslachen und das iſt über⸗ flüſſi g.“ „Seien Sie ganz beruhigt, mein Herr, ich werde ſchweigen.“ „Gut! Jetzt will ich mich zu Bette legen, denn man ſchläft ſehr ſchlecht in der Geige.“ Bouchenot begibt ſich in ſein Zimmer, legt ſich in's Bett, ſchläft den ganzen Tag, geht erſt zum Mittageſſen aus und kommt bald wieder heim, aus Furcht, er finde den Glockenzug wieder nicht; dieß⸗ mal ſtößt er jedoch auf keine Hinderniſſe und lockt guch durch ſein Geſchrei die Patrouille nicht herbei. 60 Vierzehn Tage ſind verfloſſen, ſeit Bouchenot in der Sanct⸗Lazarus⸗Straße wohnt und die Manieren vornehmer Leute anzunehmen ſucht: er ſteht ſpät auf⸗ bringt ganze Stunden mit ſeiner Toilette zu, geht ſpazieren, liest Journale, ſpeist zu Mittag, geht in's Theater oder Concert, und begibt ſich dann wieder nach Hauſe, um parfümirte Cigarren zu rauchen. Dieſe neue Lebensart behagt ihm zwar nicht außer⸗ ordentlich, aber ſie ſchmeichelt ſeiner Eigenliebe und er hofft, er werde ſich daran gewöhnen. Eines wun⸗ dert ihn nur, daß er noch keine Eroberung gemacht habe und noch kein Liebesbriefchen erhalten hat, und doch gibt er ſich, wenn er in dem Theater oder auf dem Spaziergange eine elegante, hübſche Dame ſieht, alle mögliche Mühe, ſich bemerklich zu machen. Er hat ſogar ſchon mehrmals der einen oder der andern eine Liebeserklärung zugeſteckt, aber ſie bleiben ohne Erfolg. Woher kommt es, daß er mehr Glück bei den Weibern machte, als er nur einen und zwar nicht immer ganz ſaubern Rock auf dem Leibe hatte? Dieſe Frage ſtellt Bouchenot oft an ſich und weiß ſie nicht zu beantworten. Er begreift nicht, wie man mit ſeinen natürlichen Fehlern beſſer gefallen kann, als wenn man Bildung anzunehmen ſucht. Bouche⸗ not hatte, wenn er den Griſetten ngchlief, ſeinen Hut ſchief aufſetzte und nicht ſo ſteif einherſchritt, einen lebhaften, muntern Gang⸗ der manchmal ge⸗ fiel; während er aber die Stutzer nachahmte, ſich zierte und nicht zu lächeln wagte, machte er ſich lächer⸗ lich und man ſpottete ihn aus, wenn man ihn ſah 61 Es läßt die Muſe ſich nicht zwingen, Der Zwang verzerrt ihr Angeſicht. Eines Abends jedoch, als Bouchenot nach Hauſe kam, rief ihm der Pförtner und ſagte mit pfiffiger Miene zu ihm:„Es hat eine Dame nach Ihnen ge⸗ fragt, Herr Bouchenot.“ „Eine Dame!“ entgegnet dieſer, ſich ſtolz auf⸗ blähend. „Ja, oder ein Fräulein, ich weiß nicht recht, wie ich ſagen ſoll.“ „War ſie elegant gekleidet?“ „Nicht ſo ſehr: ſie hatte ein einfaches Kleid und ein Häubchen auf.“ „Alſo war es eine Kammerzofe?“ „Das könnte ſein; ja, eine Kammerjungfer, wahr⸗ ſcheinlich.“ „Was wollte ſie?“ „Sie fragte, ob Sie hier wohnen.. und wann Sie zu treffen ſeien.“ „Ihre Herrſchaft wird Sie hergeſchickt haben! Hat ſie geſagt, in weſſen Auftrag ſie da ſei?“ „Nein, mein Herr.“ „Ach, wie einfältig, eine große Dame nennt ihren Namen nicht ſo leicht! Hat ſie Etwas zurückgelaſſen?“ „Nein, Herr Bouchenot, aber ſie hat geſagt, ſie komme morgen früh vor eilf Uhr wieder her.“ „Gut, heißen Sie das Mädchen hinaufgehen, ſie hat wahrſcheinlich ein Liebesbriefchen, welches ſie mir nur eigenhändig übergeben will.“ Bouchenot geht freudetrunken in ſein wsi hin⸗ Paul de Kock. LRXlI. 62 auf; er iſt überzeugt, daß er die Eroberung einer vor⸗ nehmen Dame gemacht habe und ſieht bereits den Helden eines glänzenden Abenteuers in ſich: er er⸗ hält Geſchenke, wird überall gefeiert, geſchätzt und geſucht und fährt in dem Wagen ſeiner Schönen ſpazieren; ſie leiht ihm ihre Equipage, bis ſie ihm ihr Vermögen und ihre Hand anträgt. Endlich legt er ſich nieder und wiegt ſich in köſtlichen Träu⸗ mereien. Am folgenden Tage eilt er, ſobald er wach iſt, an ſeine Toilette, denn er wünſcht, daß die Kammerjungfer einen günſtigen Bericht von ſeiner Eleganz abſtatten ſolle. Er ſchickt ſeinen Portier fort, ihm einen ſchönen Schlafrock zu holen, weil er glaubt, daß ein junger vornehmer Mann Morgens einen Schlafrock anhaben muß. Dieß genirt ihn zwar, mit ſeinem Geld noch bis an das Ende des Monats zu reichen, aber er will lieber weniger in's Theater gehen und in einem unbedeutenderen Gaſthauſe eſſen. Man bringt den Schlafrock. Bouchenot hüllt ſich darein, friſirt, parfümirt und pomadiſirt ſich. Er ſteckt den Schlüſſel außen an die Thüre, damit man ungeſtört eintreten kann, dann legt er ſich auf das Sopha, ſtudirt, welche Situation am günſtigſten für ihn ſei, und erwartet ſo ungeduldig die Kammer⸗ jungfer mit ihrer Botſchaft. Um halb elf Uhr klopft man zwei Mal an die Thüre des Vorzimmerchens. „Herein!“ ruft Bouchenot, ohne ſich zu erheben. Die Thüre geht auf und alsbald tritt Cölina in's Zimmer. 63 Bouchenots Geſicht beim Anblick Cölina's wäre nicht leicht zu beſchreiben; alle ſeine Illuſionen ſchwan⸗ den. Nachdem er einen Schrei der Verwunderung ausgeſtoßen hat, finkt er nachläßig auf ſein Canapé zurück und murmelt:„Ach, mein Gott! das war ſchon der Mühe werth, mir einen Schlafrock zu kau⸗ fen!“ „Ich bin es,“ ſagt das junge Mädchen zu ihrem ehemaligen Liebhaber.„Ei, Sie machen eine ſonder⸗ vare Miene; man könnte glauben, mein Beſuch ſei Ihnen nicht angenehm!“ „Ihr Beſuch!“ entgegnet Bouchenot;„meiner Treu', ich muß geſtehen, daß ich nicht darauf gefaßt war!“ „Sie waren nicht darauf gefaßt? Ich bin doch geſtern Abend da geweſen und man muß es Ihnen ausgerichtet haben; ich hatte Ihren Portier erſucht...“ „Es gibt hier keinen Portier, ſondern einen Haus⸗ verwalter.“ 3 „Portier, Hausverwalter, Thürſteher, mir iſt einer ſo viel als der andere; kurz, ich ſagte ihm⸗ daß ich heute Morgen wieder kommen wollte.“ „Aber Sie haben ihm Ihren Namen nicht ange⸗ geben.“ „Ich dachte, das ſei nicht nöthig, Sie würden mich gleich an der Beſchreibung, die er Ihnen von mir machen werde, erkennen.“ „Ich kann nicht verhehlen, daß Sie die letzte Per⸗ ſon ſind, an die ich gedacht hätte.“ „Sie ſind ſehr liebenswürdig.“ „Ach, entſchuldigen Sie, ich wollte ſagen, ich er⸗ 64 wartete nicht, daß Sie mir das Vergnügen Ihres Beſuches machen würden.“ „Ich hätte es allerdings auch nicht thun und mehr Charakter zeigen ſollen, aber dann habe ich gedacht, daß Sie es vielleicht, obgleich Sie Luſt dazu hätten, ſich mit mir auszuſöhnen, nicht wagten⸗ mich zu beſuchen, weil ich wegen des Briefes mit Ihnen gegrollt habe, und in dieſem Gedanken bin ich be⸗ ſonders dadurch beſtärkt worden, daß Sie allen unſern Nachbarn, der Obſthändlerin, dem Gewürzkrämer und Andern Ihre neue Adreſſe geſagt haben, und durch dieſe habe ich ſie auch erfahren. Ich dachte weiter: da er wünſcht, daß ich wiſſen ſolle, wo er wohnt, ſo hofft er mich wahrſcheinlich auch zu ſehen und erwartet meinen Beſuch. Sollte ich mich viel⸗ leicht getäuſcht haben? und theilten Sie Ihre neue Adreſſe nicht zu dem Zwecke unſern Nachbarn mit, daß ich davon unterrichtet werden ſollte“ Cölina macht bei dieſen Worten ein ſo liebliches Geſichtchen, daß ihr die meiſten Männer mit einem Kuß geantwortet hätten; aber das Bewußtſein des Reichthums erſtickt oft jene ſüßen Gefühle des Her⸗ zens, denen ſich ein freimüthiges, einfaches Gemüth ohne Scheu hingibt. Man behauptet daher mit Recht, das Geld mache nicht immer glücklich. Bouchenot, der nicht weiß, was er erwiedern ſoll, bietet in ſeiner Verlegenheit Cölina einen Stuhl an und ſagt:„Setzen Sie ſich doch, Fräulein.“ „Fräulein, ſetzen Sie ſich! O, mein Gott, wie ceremoniell ſprechen Sie mit mir!“ entgegnet die 65 kleine Griſette, ſich immer mehr dem Sopha nähernd. „Da Sie aber auf dem Canapé ſitzen, ſo denke ich, ich könne auch darauf Platz nehmen. Oder iſt es Ihnen nicht recht?“ „So meinte ich es nicht, aber dieſes Sopha iſt ſo ſchmal, man muß ſo dicht nebeneinander ſitzen!“ „Wir waren manchmal noch dichter beiſammen und Sie haben ſich damals nicht darüber beklagt!“ Da Bouchenot nichts hiegegen einwenden kann, läßt er es dabei bewenden, ein wenig zu rücken, um Cölina Platz zu machen⸗ und dieſe ſetzt ſich mit halb wehmüthiger, halb heiterer Miene neben ihn. „Sie haben eine recht hübſche Wohnung,“ beginnt Cölina nach einigem Schweigen wieder;„es iſt präch⸗ tig hier, eine gewichste Treppe. ach! das iſt freilich etwas Anderes als in der Calander⸗Straße. Und wie geſchmackvoll dieſe Möbeln! Sie ſind alſo reich geworden“ „Nein, Fräulein, ich bin nicht reich geworden⸗ das heißt ja, ich habe einen entfernten Verwandten geerbt, wie mir jener Brief verkündete, den ich bei Ihnen erhielt, aber Sie wollten mir es ja nicht glau⸗ ben, Sie überzeugen ſich jedoch jetzt, daß es Wahr⸗ heit war.“ „Damals hatten Sie mir durchaus nichts von einer Erbſchaft geſagt, und ich begreife nicht⸗ warum man, wenn man gute Nachrichten erhält, ſie ſeine Freundin nicht leſen laſſen will.“ „Wollen Sie wieder mit Fragen anfangen, Fräu⸗ lein? Wenn Sie ſich deßhalb herbemüht haben.. 66 „Nein, mein Herr, nein! O, ich habe mir feſt vorgenommen, Sie nichts mehr zu fragen; behalten Sie Ihre Geheimniſſe, ich will nicht mehr darnach forſchen, wenn Sie mich nur verſichern, daß Sie mich immer noch lieben, daß Sie von keinem Frauenzim⸗ mer Geld erhalten, kurz daß Sie keine andere Ge⸗ liebte haben. Geben Sie mir dieſe Verſicherung, dann will ich nicht mehr böſe, nicht mehr eiferſüchtig und erzürnt ſein, keine Frage mehr machen, mich wieder ausſöhnen und wie früher mit Ihnen leben; denn obgleich Sie mich plötzlich und barſch verlaſſen haben, liebe ich Sie doch immer, und ſeit unſerer Trennung iſt nicht ein Tag vergangen, an dem ich nicht geweint hätte; alle Morgen ſagte ich: er kommt vielleicht heute, dann horchte ich, zitterte, wenn man die Treppe heraufkam, aber Sie waren es nie. Ach, ich war ſo glücklich, als ich Ihre Adreſſe erfuhr, denn ich dachte: er erwartet mich, er wünſcht mich zu ſehen. Nun, geſtehen Sie mir, daß dieſes der Fall war?“ Bouchenot kratzt ſich hinter dem Ohre, wickelt ſich in ſeinen Schlafrock, betrachtet ſich und entgegnet: „Wie gefällt Ihnen dieſer Schlafrock? iſt er nicht„ wunderſchön, kleidet er mich nicht ſehr gut? Er iſt nach der neueſten Fagon gemacht.“ „Ei, mein Gott, ja! Ihr Schlafrock iſt wunder⸗ ſchön, aber Sie antworten mir nicht auf meine Frage.“ „Es iſt ein indiſcher Stoff dabei, hm, ganz nobel. So Etwas trug man in der Calander⸗Straße nicht!“ * 67 „Nein, denn manchmal hatte man kaum das Nö⸗ thige zu ſeiner Bedeckung; aber man gab den Leuten doch Antwort, ſprach nicht in ſo übermüthigem Tone mit ihnen und that ſogar, als ob man ſie anbete. Ach! damals gefielen Sie mir beſſer als mit Ihrem ſchönen Schlafrock.“ „Fräulein, ich weiß nicht, warum Sie mir dieß Alles ſagen; ich bin hoffentlich der Herr, mich nach meiner Laune zu kleiden, und man wohnt nicht in der Chauſſee d'Antin, um ſich altväteriſch anzu⸗ ziehen.“ „Fräulein und immer Fräulein! Ach, ich ſehe, es iſt aus und vorbei. Sie lieben mich nicht mehr.“ Bouchenot ſchweigt; Cölina wendet den Kopf ab und fängt bitterlich zu weinen an. Obgleich ſie ihre Thränen verbergen will, bemerkt ihr ehemaliger Lieb⸗ haber doch ihre feuchten Wangen; er fühlt ſich er⸗ griffen, nimmt das Mädchen bei der Hand und frägt:„Warum weinen Sie denn?“ „Ach! Sie wiſſen es wohl.“ „Ich will Ihnen aber gewiß keinen Kummer machen! Sehen Sie, Cölina, weinen Sie nicht mehr, ſeien Sie vernünftig und hören Sie mich an.“ „Ich höre.“ „Sie ſind hübſch, Sie ſind in der That ſehr hübſch, und ich liebe Sie noch, weil Sie ſo hübſch ſind.“ „Weiter, weiter doch!“ „Ach, immer ſprudelnd wie die brauſende Jugend! Wohlan, meine theure Freundin, wir können uns noch bisweilen ſehen. Es würde mir Vergnügen machen.. Sie kommen, wenn ich Sie einlade. Sie werden einſehen, daß wir nicht mehr wie früher zu⸗ ſammenleben können, meine neue Stellung geſtattet das nicht, ſie beraubt mich auch des Glückes, mit Ihnen auszugehen. Dieß ſind die Opfer, die man der Geſellſchaft, unter welcher man lebt, ſchuldig iſt. Aber ich wiederhole Ihnen, das hindert uns nicht, uns noch zu lieben und auch fernerhin gute Freunde zu bleiben, und wenn ich Ihren Beſuch empfangen kann, ſchreibe ich Ihnen.“ Cölina gibt keine Antwort, aber ſie wiſcht ſich die Augen ab, ſteckt ihr Nastuch in ihre Schürze, ſteht auf und entzieht Bouchenot haſtig ihre Hand, die er noch in der ſeinigen hält. „Nun, was machen Sie denn?“ fragt der junge Mann. „Ich gehe. Adieu, Herr Bouchenot.“ „Wie! Sie gehen, ohne mir zu antworten; was ſoll das heißen?“ „Das heißt, mein Herr, daß ich Nichts von der Zärtlichkeit eines Mannes will, der ſich an mir ſchämt, der mich nur insgeheim lieben will und zu vornehm iſt, ſich öffentlich mit mir zu zeigen. Das heißt, daß ich Ihren Uebermuth und Ihre Vornehmthuerei be⸗ mitleide und, obgleich ich nur eine Griſette, doch zu ſtolz bin, einen Geliebten zu haben, der mich, wenn Leute kämen, verſtecken oder davon jagen würde.“ „Aber, Cölina, ich. „O! Sie dachten nicht ſo, als Sie ſich ganz nackt unter den Hahn meines Küchenfaſſes legten, um den 69 ſchönen Leander mit mir zu ſpielen, mich für ſich zu gewinnen und zu verführen!“ „Fräulein, damals...4 „Damals, Herr Bouchenot, waren Sie nicht ſo dumm wie heute, denn Sie wußten zu ſprechen und ſich angenehm zu machen; jetzt haben Sie nicht ein⸗ mal den Muth, mir frei heraus zu geſtehen, daß Sie mich nicht mehr lieben. Aber ſeien Sie beruhigt, ich werde Sie nicht mehr mit meinen Beſuchen be⸗ läſtigen. Ich bin keine vornehme Dame, die in die Chauſſee d'Antin paßt, und komme auch nicht mehr, ich verſichere Sie. Was Sie betrifft, mein Herr, ſo denke ich nicht, daß Sie ſich durch einen Gang in die Calander⸗Straße compromittiren werden; wenn aber Ihr Schickſal zufällig eine andere Wendung nehmen, Ihr Reichthum eben ſo ſchnell verſchwinden würde, als er gekommen iſt, dann, mein Herr, wer⸗ den Sie mich jederzeit bereit finden, Ihnen, wenn es meine Kräfte erlauben, zu Dienſt zu ſtehen, und ich werde Sie beſſer bei mir aufnehmen, als Sie mich heute. Damit empfehle ich mich Ihnen, Herr Bou⸗ chenot.“ Als das junge Mädchen dieſe Worte geſprochen hat, verläßt ſie das Zimmer, und ſie hat bereits das Haus hinter ſich, ehe ihr ehemaliger Liebhaber ſich von ſeinem Staunen erholt.. „Meiner Treu', was kann ich machen! ich laufe ihr nicht nach,“ ſagt Bouchenot dann vor ſich hin. „Ich hätte ſie gerne manchmal noch zum Zeitvertreib geliebt, weil ſie aber die Sache ernſthaft nimmt, iſt 70 es beſſer, wenn ich ſie gar nicht mehr ſehe. Außer⸗ dem hätte man erfahren können, daß ich mit einer Griſette im Verhältniß ſtehe und das hätte mir ge⸗ ſchadet; ſie hat wohl daran gethan⸗ ſich zu entfernen. Es iſt ſchade, daß ſie nicht von Stande iſt, denn ſie iſt wirklich hübſch; doch ich werde ſchon Andere fin⸗ den, die mir beſſer gefallen, das kann mir gar nicht fehlen. Ich will mich mit meinem Schlafrock unter das Fenſter legen.“ Den Tag nach dieſem Beſuche hört Bouchenot, wie er eben im Begriff iſt, ſeinen Schlafrock ab⸗ zuziehen, um auszugehen, an der Thüre anklopfen. Er runzelt die Stirne und murmelt:„Ach, ich wette, Fräulein Cölina beläſtigt mich wieder! Dieſe kleine Griſette läßt mir keine leibliche Ruhe, das fängt an unerträglich zu werden. Wenn es ſo fort geht, werde ich mich genöthigt ſehen, ſie durch den Portier zu⸗ rückweiſen zu laſſen. Nun, herein, der Schlüſſel ſteckt.“ Man hat unterdeſſen die Thüre aufgemacht und ſtatt der kleinen Coloriſtin treten Georg und Timo⸗ theus in's Gemach. theuren, lieben Freunde ſind es! Ach, welch' freudige Ueberraſchung!“ „Ja, wir ſfind es; wir müſſen Dich aufſuchen, da wir nichts mehr von Dir ſehen und hören,“ erwie⸗ vert Georg, Bouchenot die Hand reichend. „Wen ſehe ich!“ ruft Bouchenot aus;„meine „Der Teufel, welches Logis, welcher Lurus!“ ſchreit Timotheus.„Als Cölina uns ſagte, Du ſeieſt —— 7¹ reich geworden, wollten wir es nicht glauben, aber jetzt ſehen wir, daß ſie nicht gelogen hat.“ „Ach! wie ſchön er iſt in ſeinem Schlafrock!“ „Er ſieht aus wie ein Paſcha.“ „Nicht wahr, meine Herren, er kleidet mich recht gut? Ach⸗ mein Goit! es iſt nicht ſo ſchwer⸗ den Fa⸗ ſhionable zu ſpielen, ich habe mich gleich daran ge⸗ wöhnt, ſo leicht als an dieſes Quartier. Ich kann jetzt gar nicht mehr begreifen⸗ wie man anderswo als in der Chauſſee d'Antin wohnen kann.“ „Ach, der Teufels⸗Bouchenot, er iſt immer luſtig, immer zum Spaßen aufgelegt!“ „Zum Spaßen 2 O nein, pfui⸗ das iſt ungebildet. Ich ſpaße und lache nicht mehr, ich betrage mich jetzt ganz vornehm. Aber nehmet doch Platz, meine Herren, es wird euch bequemer ſein.“ Georg und Timotheus laſſen ſich auf das Sopha nieder und Bouchenot ſetzt ſich ihnen gegenüber⸗ während er ſich ſorgfältig in ſeinen Schlafrock hüllt. „Ei! mein lieber Bouchenot,“ nimmt Georg das Wort,„Du mußt uns auch ſagen, durch welche Gunſt des Schickſals Du in Deine neue Lage gekommen viſt. Timotheus und ich glaubten, Du habeſt Hein⸗ richs Stelle angenommen und wohneſt bei ihm; vor einigen Tagen vegegneten wir dieſem aber und er⸗ kundigten uns nach Dir⸗ ſtatt aller Antwort ließ er uns dann Deinen Brief leſen⸗ worin Du ihm an⸗ zeigſt, daß er über die Dir angebotene Stelle ver⸗ fügen könne. Heinrich war eben ſo neugierig wie wir, die Urſache Deiner veränderten Verhältniſſe zu erfahren, aber wir wußten nicht mehr als er. Geſtern hat Timotheus bei unſerer kleinen Nachbarin nach Dir gefragt. Sie hat ihm ſeufzend Deine Adreſſe gegeben, denn ſie behauptet, das Glück habe Dein Herz verhärtet. Wir wollten es ihr nicht glauben und ſind deßhalb ſelbſt zu Dir gekommen.“ „Und ihr habt wohl daran gethan, meine lieben Freunde; ihr werdet mich ſtets bereit finden, euch nützlich oder dienſtbar zu ſein. Was die kleine Nach⸗ barin betrifft, ach! meiner Treu', ſo werdet ihr wohl begreifen, daß Verbindungen dieſer Art nicht immer dauern können. Fräulein Cölina's Manieren und Geſpräch gefallen mir nicht mehr, man merkt ihr zu ſehr die Griſette an.“ „Sage lieber, Du mögeſt ſie nicht mehr, das finde ich natürlich, aber Du die Griſette verachten und vergeſſen, was das junge Mädchen für uns ge⸗ than hat. ach! das wäre ſehr unrecht, Bouchenot, und ich könnte es nicht billigen! Wenn Dich das Glück undankbar macht, ſo beweist Du bloß, daß Du es nicht verdieneſt.“ „Nein, nein, ich bin nicht undankbar, aber man muß ſeinen Rang in der Geſellſchaft beobachten. Auf dem Boulevard des Italiens, meine Herren, geht man nicht mit einer Griſette am Arm ſpazieren!“ „Aber oft mit Frauenzimmern, die weniger werth ſind als eine Griſette! Damit haſt Du uns aber noch nicht auf unſere Frage geantwortet. Sag', woher bringſt Du Dein vieles Geld? welche Stelle ver⸗ ſiehſt Du, die Dich ſo ſtolz macht?“ 73 „Stelle? Ich brauche, Gott ſei Dank, gar nichts zu thun, ich lebe von meinen Renten.“ „Ah! Du haſt Renten?“ ſagt Timotheus, die Augen aufreißend;„und ſeit wann? Du hatteſt keine, als wir zu Drei nur einen Rock beſaßen.“ Bouchenot iſt verlegen; er ſchlägt mehrere Male ſeinen Schlafrock auseinander und wieder zuſammen, betrachtet ſeine Pantoffeln und murmelt:„Andere Zeiten, andere Sitten.. das Schickſal iſt uns nicht immer feindſelig.. der Teufel ſteht nicht immer bei armen Leuten Schildwache.. der Krug geht ſo lange zum Brunnen...“ „Ei, Bouchenot, willſt Du den„Sancho Panſa“ ſpielen?“ unterbricht ihn Georg lachend;„bleib' mit Deinen Sprüchwörtern zu Hauſe und gib uns Ant⸗ wort. Woher haſt Du Deinen neuen Reichthum?“ Meiner Treun, liebe Freunde,“ entgegnet Bou⸗ chenot,„wenn ich euch die Wayrheit geſtehen muß: ich habe in der Lotterie gewonnen.“ „In der Lotterie!“ ruft Georg, Bouchenot feſt an⸗ vlickend, aus;„die Lotterien ſind ja ſeit einem Jahre verboten!“ „Ach nein, nicht in der Lotterie, beim Rovlette wollte ich ſagen.“ „Beim Roulette!“ verſetzt Timotheus;„die Spiel⸗ häuſer ſind doch ſeit ſechs Monaten geſchloſſen!“ „Nein, nein, nicht beim Roulette,“ entgegnet Bou⸗ . chenot, mit ſeinem Schlafrock veſchäftigt,„ich ſcherzte nur, ich weiß, daß, Gott ſei Dank, die Spielhäuſer seſchloſſen ſind, denn das Spielen iſt eine ſehr un⸗ 74 moraliſche, ſcandalöſe Sache! Wie viele Familien⸗ väter und junge Leute haben ſich an dieſen fluchwür⸗ digen Orten ruinirt! Ich weiß ein Lied davon zu ſingen; ich ſelbſt habe mich oft in Verlegenheiten ge⸗ ſtürzt, eines Abends beſonders, als ich nur noch vierzig Sous in meiner Taſche hatte und es heftig regnete...“ „Davon iſt jetzt nicht die Rede,“ fällt Georg dem Erzähler in's Wort;„wir brauchen dieſe Geſchichte nicht zu hören; den Urſprung Deines neuen Ver⸗ mögens wünſchen wir kennen zu lernen.“ „Habe ich es euch nicht geſagt, das iſt komiſch, ich glaubte es euch ſchon geſagt zu haben. Wohlan, meine Freunde, ich hatte in eine fremde Lotterie ge⸗ ſetzt, ein Lvos, ihr wißt eines dieſer Serien⸗Billete gekauft, die Einem die Bankiers oft ſogar in un⸗ frankirten Briefen zuſchicken! Das Schloß Tranf... Trans... Trackenſtemberg oder wie es heißt, wurde herausgeſpielt. Kurz, ich habe es gewonnen, ich hätte mein Schloß beziehen können, aber ihr werdet wohl begreifen, daß ich lieber in Frankreich, in Paris bei meinen Freunden blieb. Ein Bankier machte mir das Anerbieten, mir mein Schloß für hundert und zwan⸗ zigtauſend Franken abzukaufen; ich willigte ein, und habe auf dieſe Weiſe ſechstauſend Franken Renten, das iſt die Geſchichte!“ Während Bouchenot erzählt, runzelt Georg die Stirne und ſeine Züge nehmen einen kalten, gleichgül⸗ tigen Ausdruck anz Timotheus ſieht dagegen Georg mit einer Miene an, die ſagen wollte: glaubſt Du das? Bouchenot hat aufgehört zu ſprechen und ſeine 75 beiden Freunde ſchweigen. Nach einer Weile ſagt aber Timotheus:„Cölina haſt Du übrigens keine Lotteriegeſchichte erzählt, ſondern Du haſt geſagt, Du habeſt einen entfernten Verwandten geerbt.“ „Ach ja, es iſt wahr, das habe ich zu ihr geſagt, allein ihr werdet einſehen, daß es nicht nothwendig iſt, Jedermann auf die Naſe zu binden, wie man zu ſeinem Gelde gekommen iſt.“ „Wenn man ſein Vermögen auf rechtliche Weiſe erworben hat, braucht man ſich nicht zu ſcheuen, es offen zu geſtehen,“ verſetzt Georg,„aber oft verdankt man ſeine Wohlhabenheit einer unlautern Quelle, dann erfindet man tauſend Geſchichten, eine dummer als die andere, um zu verbergen, was man frei zu bekennen ſich ſchämt.“ „Die Aermel meines Schlafrocks ſind zu weit,“ ſagt Bouchenot,„aber ſie werden ſich ſchon legen, es iſt ein indiſcher Stoff dabei. A propos, meine Freunde, wir werden hoffenklich mit einander früh⸗ ſtücken? So werden wir uns doch nicht trennen, wir wollen in's Café Anglais gehen;z ich mache mir das Vergnügen, euch zum Frühſtück einzuladen.“ „Ich danke,“ erwiedert Georg, ſich erhebend,„ich kann Deine Einladung nicht annehmen, ich habe die⸗ ſen Morgen zu thun.“ „Ach der Teufel, das iſt ärgerlich. Jedenfalls wird dann aber Timotheus... „Ich bedaure,“ entgegnet dieſer, ebenfalls auf⸗ ſtehend,„ich habe auch Geſchäfte und werde mich mit Georg entfernen.“ „Wie, meine Herren, ihr ſchlagt es Beide aus? Von alten Freunden iſt das ſehr unrecht, ihr könnt eure Geſchäfte ſpäter beſorgen, wir wollen wieder einmal lachen, Champagner trinken! Nun, ſeid ihr dabei?“ „Lebwohl, Bouchenot!... Gehſt Du mit, Timo⸗ theus?“ ſagt Georg trocken. „Ich bin bereit,“ erwiedert Timotheus, ſeinen Hut nehmend. „Ei, ihr entfernt euch ſo ſchnell. warum Teu⸗ fels preſſirt ihr denn ſo?“ ſchreit Bouchenot ſeinen beiden Freunden nach. Dieſe waren aber bereits an der Thüre des Hausganges und gingen, ohne zu antworten und ohne dem neuen Reichen die Hand zu reichen, die Treppe hinab. Der Letztere kehrt dann ganz verblüfft in ſein Zimmer zurück, wirft ſich auf ſein Sopha und ſpricht bei ſich:„Wie barſch ſie mich verlaſſen! Schenken ſie wohl der Lotteriegeſchichte keinen Glauben? Kann man denn aber nicht auch Geheimniſſe, Privat⸗Angelegenheiten haben? Dieſe Herren ſind doch gar zu neugierig. Da ſehe Einer her, man kann nicht einmal reich ſein, ohne auszu⸗ ſchellen, wie man zu ſeinem Vermögen gekommen iſt. Sie ſollen auch ſolche Fragen in Geſellſchaft bei gebildeten Leuten machen⸗ dann werden ſie ſchön an⸗ kommen!“ Viertes Kapitel. Bouchenot will ſich verheirathen. Am letzten Tag des Monats erhält Bouchenot einen Brief durch die Poſt; er iſt an ſeine neue Woh⸗ nung in der Chauſſee d'Antin adreſſirt, zum Beweiſe, daß man ſich vorher in der Calander⸗Straße erkun⸗ digt hat. Bouchenot macht eilends den Brief auf: es ſtand kein Wort darin, ſondern er enthielt bloß einen Kaſſen⸗ ſchein von fünfhundert Franken, den der Adreſſat mit dem freudigen Ausruf begrüßt:„Gut, ganz gut: man ſchickt mir mein Einkommen, man könnte nicht exacter ſein. Mein Geld iſt allem Anſchein nach ſicher placirt und ich kann wegen meiner Renten ruhig ſchlafen. Ich bin reich und darf müßig gehen; welches Glück! Man hat das Gewerbe, woran ich Freude finde, richtig errathen!“ Bouchenot ſetzt ſeine Lebensweiſe, wie er ſie, ſeit er in der Chauſſee d'Antin wohnt, angenommen hat, fort: er ſteht ſpät auf, bringt einen großen Theil des Tages mit ſeiner Toilette zu, geht in's Kaffee⸗ haus, liest die Journale, die Revuen, hört, was es Neues gibt, geht ſpazieren, ißt zu Mittag und be⸗ trinkt ſich nicht mehr, weil das ungebildet iſt; dann geht er in's Theater oder luſtwandelt in einem Gar⸗ ten, wo Muſik zu hören iſt, begibt ſich hierauf nach Hauſe und legt ſich mit dem Bewußtſein: heute Paul de Kock. LXII. 6 ¹ 78 habe ich mich den ganzen Tag höchſt anſtändig be⸗ tragen, ich bin zufrieden mit mir, zu Bette. Mehrere Monate verſtreichen auf dieſe Weiſe, ohne eine Veränderung in Bouchenots Epiſtenz her⸗ beizuführen. An dem Ende jeden Monats erhält er regelmäßig durch die Poſt einen Kaſſenſchein von fünfhundert Franken. Er hat ſich bereits ſo an den Empfang deſſelben gewöhnt, daß er die Adreſſe gleich⸗ gültig erbricht, das Bankbillet ohne Lächeln betrach⸗ tet und ziemlich kühl in einem hübſchen Sekretär aufhebt, den er ſich angeſchafft hat. Seit einiger Zeit ſtrahlt nicht mehr jene Zufriedenheit aus den Zügen des jungen Mannes, wie im Anfange ſeines Glückes: er ſieht etwas gelangweilt, kalt und ernſt aus, man würde vergeblich die Heiterkeit auf ſeinem Geſichte ſuchen, die es ſonſt verklärte. Der Bouche⸗ not in der Chauſſee d'Antin gleicht dem in der Calan⸗ der⸗Straße nicht mehr. Wenn ſein ganzes Weſen auch etwas an Anſtand gewonnen hat, ſo hat dage⸗ gen ſein Antlitz viel von dem verloren, was es charak⸗ teriſirte und reizend machte. Kurz, inmitten ſeiner Größe, ſeines hübſchen Logis in der Chauſſee d'Antin und ſeines prächtigen Schlaf⸗ rocks von perſiſchem Stoffe überraſcht ſich Bouchenot häufig beim Gähnen. Umſonſt gibt er ſich alle Mühe, der ihn beſchleichenden Langeweile zu entgehen, um⸗ ſonſt ſtreckte er ſich auf ſeinem Sopha aus, betrachtet ſich im Spiegel und ſpricht bei ſich:„Ich bin ſehr glücklich, ſehr nobel; es gibt keinen glücklichern Men⸗ ſchen als ich bin!“ 79 Die Langeweile, die ſich gern unter einen ſchönen Schlafrock und in ein hübſches Logis einſchleicht, hat ſich auch bei Bouchenot Zutritt verſchafft und ſcheint ſich bei ihm einbürgen zu wollen; die modernen Klei⸗ der, die Wohlgerüche, die Spaziergänge und die Abende im italieniſchen Op ernhauſe ſcheinen ſie nicht verdrängen zu könnenz ſie macht im Gegentheil merk⸗ liche Fortſchritte und leiſtet dem neuen Reichen Tag für Tag treuliche Geſellſchaft. Die kleine Cölina hat ſich nicht mehr bei dem jungen Manne, ihrem früheren Liebhaber, ſehen laſſen, und dieſer auch nicht nöthig gehabt, ſie von ſeinem Portier abweiſen zu laſſen; Timotheus und Georg haben ihren ehemaligen Stubengenoſſen nicht mehr beſucht. Bouchenot hat ſie bisweilen unter⸗ wegs begegnet, allein ſo oft er im Begriff ſtand, ſie anzureden, gingen ſie haſtig an ihm vorüber und ſtellten ſich, als ob ſie ihn nicht kennten. Heinrich machte es ihm ebenſo, wenn er ihn irgendwo traf, und Bouchenot lächelt umſonſt und ſtreckt vergebens ſeinen alten Freunden die Hand entgegen. „Wahrſcheinlich,“ denkt er bei ſich,„beneiden mich die Herren um mein Geld und meine neue Stellung, deßhalb wollen ſie auch nicht mehr mit mir ſprechen und thun fremd, wenn ich ihnen begegne. O! das muß es ſein, ich darf nicht daran zweifeln, ſie ſind ärgerlich, daß ich mich jetzt in einer ſo glücklichen Lage befinde. O, die Menſchen! der Neid frißt ſie alle; aber doch wundert mich dieſes an meinen alten Freunden, mich nicht mehr anzuſehen, weil ich reich, 80 gut gekleidet und vornehm bin! Pfui, wie gering, auf mein Glück eiferſüchtig zu ſein!“ Bouchenots Glück beſtand übrigens in immer häu⸗ figerem, längerem Gähnen, welches am Ende ſo über⸗ hand nahm, daß er ſich ſeine immer wachſende Lange⸗ weile nicht mehr verbergen konnte, und an einem ſchönen Morgen hält er beim Aufſtehen folgenden Monolog:„Sapperlot! ein Glück wie das meinige iſt ſehr langweilig, es iſt mir klar, ich langweile mich zum Verzweifeln. Sonderbar! ich habe Geld, mich zu unterhalten und amüſire mich nicht mehr. Was ſoll das heißen, woran liegt das? Ich habe nichts zu thun und weiß nicht, was ich mit mir anfangen ſoll! Es iſt wirklich unbegreiflich. Der Teufel! ich muß ein Mittel finden, mich glücklich zu fühlen, ohne zu gähnen und ſchläfrig zu ſein. Ich will nicht, daß ich durch das Uebermaß meines Glückes den Spleen bekomme! Ich will mir nicht wie die Engländer, um der Langeweile ein Ende zu machen, eine Kugel vor den Kopf ſchießen; ich will lachen und fröhlich ſein wie ehedem, als ich über keinen Sous zu gebieten hatte. Damals verſchönerten die Liebe und die Wei⸗ ber mein Daſein, damals hatte ich immer drei oder vier Liebſchaften zugleich, jetzt bin ich verlaſſen. Es iſt unfaßlich! Die Griſetten lächeln mir in's Geſicht; die vornehmen Damen laſſen mich umſonſt lieb⸗ äugeln? Ha, der Kukuk! mir kommt ein Gedanke: wenn ich heirathen würde! Heirathen, um ſich nicht mehr zu langweilen, ſcheint auf den erſten Blick ſon⸗ derbar, aber ich habe die Hoffnung, daß mir dieſe 81 Veränderung meiner Lage vortheilhaft ſein wird. Ich habe wenigſtens, wenn ich verheirathet bin, Jemand um mich, mit dem ich ſprechen kann; ich beſchäftige mich dann mit meinem Haushalt und das wird mir Zerſtreuung verſchaffen; ich bitte meine Frau, ſie ſoll mir Früchte einmachen und eſſe den Schaum davon weg. O, das muß ſehr unterhaltend ſein! Ich be⸗ komme Kinder, ſehr viele Kinder, ſpiele mit meiner Tochter mit der Puppe und mit meinem Sohne mit dem Kreiſel. O! wie köſtlich muß das ſein, dann habe ich gewiß keine Zeit mehr, mich zu langweilen. Wie ſchade, daß mir dieſes nicht ſchon lange einfiel! Ich muß geſchwind heirathen, aber eine reiche Frau ſuchen, denn da ich meine ſechstauſend Franken Ren⸗ ten allein aufzehre, hätte ich nicht genug für Frau und Kinder.“ Es handelte ſich bloß noch darum, eine reiche, hübſche Frau zu ſuchen, denn dieſes letztere ſchien Bouchenot ebenfalls nothwendig. Da er häufig in daſſelbe Kaffeehaus ging, hatte er die Bekanntſchaft eines alten Junggeſellen gemacht, der in allen Ge⸗ ſellſchaften Zutritt und ihm ſchon oft angeboten hatte, ihn auf einen Ball oder in eine Soiree einzuführen. Herr Feuillard, ſo hieß der alte Hageſtolz, war einer jener Männer, die ihr Leben in dem Schooße des Vergnügens zugebracht haben und die man ſicher iſt, bei jedem Feſte, jeder Feierlichkeit und in jeder neuen Aufführung zu treffen. Da er trotz ſeiner Jahre die Neigungen und den Anzug eines Dandy beibehalten, hatte er eine beſondere Vorliebe für die 8² Geſellſchaft junger Leute und deßhalb hatte er auch Bouchenot ſeine Freundſchaft zugewendet. Eines Morgens, als Bouchenot eine Taſſe Choko⸗ lade neben ſeinem neuen Bekannten trank, ſagte er zu dieſem:„Herr Feuillard, Sie würden mir doch Et⸗ was nicht glauben?“ „Was denn, mein lieber Freund?“ „Daß ich, der ich ſechstauſend Franken Renten und nichts zu thun habe, in der Chauſſee d'Antin wohne und in den erſten Gaſthäuſern der Stadt eſſe, mich langweile, ja ſeit einiger Zeit peinlich lang⸗ weile.“ „Darin ſehe ich nichts Außerordentliches, mein lieber Freund, denn ich, der ich mein Leben im Schooße des Vergnügens, der Feſtlichkeiten, der glän⸗ zendſten Reunions zugebracht, nie ein großes Concert, ein Pferderennen, eine Fahrt nach Longchamp, eine erſte Vorſtellung verſäumt habe, nun, ich ſelbſt habe mich gar oſt gelangweilt. Was iſt zu machen? Die ewigen Vergnügungen führen manchmal Monotonie herbei; dann, werden Sie leicht begreifen, darf ein gebildeter Mann nicht lachen und ſich beluſtigen wie ein Kunſtjünger, ein armer Student, der ſich über Alles wegſetzt, wenn es ihm nur Spaß macht. Wir müſſen eine feine, noble, auserwählte Unterhaltung haben, und dieſe findet man nicht ſo leicht; deßhalb gähnt man auch ſo häufig in guter Geſellſchaft. Aber tröſten Sie ſich: die Langeweile iſt etwas ſehr Anſtän⸗ diges Sie werden ſich nie dadurch lächerlich machen, wenn Sie ſich nur auf gebildete Weiſe langweilen. 83 Sie können dieſes Gefühl dann ein Nervenleiden, ein Mißbehagen oder ſonſt eine Beſchwerde nennen, man wird Mitleid mit Ihnen haben und Ihnen auf tauſenderlei Weiſe ſeine Theilnahme an den Tag legen.“ „Das iſt Alles ganz gut, Herr Feuillard, aber ich möchte mich lieber nicht langweilen und mich deß⸗ halb verheirathen.“ „Ha, ha, ein ſonderbarer Einfall! dieſer Gedanke iſt mir nie gekommen. Aber wer weiß, vielleicht kann er jetzt, wo Alles homöopathiſch behandelt wird, reuiſ⸗ ſiten. Heirathen wir alſo, mein Lieber, das iſt jetzt etwas ſehr Leichtes.“ „Wirklich! wüßten Sie mir eine Frau?“ „Frauen, Wittwen, Mädchen ach, mein Gott! gibt es denn nicht immer genug? Sehen Sie auf Vermögen?“ „Ja, ich habe ſechstauſend Franken Renten, meine Frau ſoll alſo wenigſtens eben ſo viel beſitzen.“ „Das it in Ordnungz; ſie muß ſogar haben.“ „Das näre mir noch lieber.“ „Reiche Fräulein hängen oft an kleinen geſell⸗ ſchaftlichen Verzügen, die in der Welt Beifall finden. Sagen Sie mr, welche Vorzüge haben Sie“ „Vorzüge?“ 5 „Oder Talenx, wenn Sie lieber wollen; ſind Sie Maler?“„ „Nein.“ „Dichter?“ 84 „Muſiker?“ „Nein.“ „Durchaus nicht?“ „Ganz und gar nicht.“ „Können Sie denn nicht einmal eine Romanze, eine kleine Nocturne ſingen?“ „Nichts als Berangers Lieder.“ „Teufel! ich möchte Etwas an Ihnen entdecken, wodurch Sie ſich empfehlen könnten.“ „Ich tanze und walze vorzüglich.“ „Pfui, man tanzt nicht mehr, man geht nur noch“ „Ich trinke ein Glas Champagner auf einen Zug aus.“ „Ach, Sie Trunkenbold! das iſt nicht übef, ſo Etwas gefällt bei Tiſche, aber den Damen nicht, Was würden Sie thun, wenn man Ihnen ein Stanmbuch überreichte und Sie bäte, Etwas darein zu mchen?“ „Ich kann mit drei Federzügen eine Katze eichnen.“ „Wirklich? O, das iſt köſtlich! Zeigen Sie mir Ihr Talent gleich. Kellner: Papier und heder!“ Der Kellner des Kaffeehauſes bring das Ver⸗ langte. Bouchenot macht Katzen über Katzen. Der alte Feuillard iſt entzückt und ſchreit:„Vortrefflich, originell; damit können Sie ein Fragenzimmer mit zwölf⸗ bis fünfzehntauſend Franken erbern. Begleiten Sie mich heute Abend, ich will ſie in einer Geſell⸗ ſchaft vorſtellen, wo Sie Fräulein Mirevalle treffen werden. Das iſt eine junge, reiche Dame, die ſtamm⸗ buchwüthend iſt. Ich werde von Ihrem außerordent⸗ lichen Talent, Katzen mit der Feder zu hichnen, zu 85⁵ ſprechen ſuchen; man wird Ihnen das Stammbuch zuſenden, Sie bringen es hierauf ſelbſt zurück und dieß gibt Veranlaſſung, in's Haus zu gelangen. Sie machen alsdann die Cour; das Uebrige fügt ſich von ſelbſt.“ Bouchenot iſt ſelig; er begibt ſich nach Hauſe und übt ſich den ganzen Tag im Katzenmachen ein. Er nützt zwei Büſchel Federn ab und beſudelt ein Rieß Papier; er wird aber auch ſo geſchickt darin, daß er ſich fähig fühlt, ſein Talent in dem Stammbuch einer Modedame zu produziren. Abends ſucht er Herrn Feuillard auf und dieſer führt ihn zu einem Gelegenheitsmacher in der Provencer⸗Straße, wo große Geſellſchaft iſt. Fräulein Mirevalle erſcheint bald in Begleitung ihres Vaters. Seit Bouchenot jährlich ſechstauſend Franken zu verzehren hat, hat er eine Zuverſicht im Betragen Lebensart hält. Er fühlt ſich nicht mehr verlegen in einem Salon und bietet dem Blicke der Anwe⸗ ſenden keck Trotz. Er ſucht ſich in die Nähe des Fräu⸗ lein Mirevalle zu ſchleichen; dieſes iſt ein ziemlich hübſches, an den geſellſchaftlichen Ton gewöhntes Frauenzimmer, die man eher für eine verheirathete Dame als ein Fräulein hätte halten können. Der alte Feuillard weiß das Geſpräch geſchickt auf die Stammbücher zu lenken und Bouchenots Ta⸗ lent, ſo wie ſeine Gefälligkeit zu preiſen; auch war der Abend noch nicht zur Hälfte verſtrichen, als Fräu⸗ lein Vireht Ue Vouchenot bereits um die Erlaubniß i die man in der Geſellſchaft oft für 86 gebeten, ihm ihr Album zu ſchicken, und dieſer ihr verſprochen hatte, ihr eine Katze zu zeichnen. Tags darauf erhält Bouchenot das Stammbuch, und nachdem er ſeine ganze Kunſt in demſelben ent⸗ wickelt hat, bringt er es dem Fräulein ſelbſt zurück, denn der alte Feuillard hat ihm gerathen, durchaus nicht ſchüchtern zu ſein und ſich kühn zu erklären. Der junge Mann wird ſehr gut aufgenommen; die Katze wird zum Entzücken ſchön gefunden. Bou⸗ chenot verſpricht mehreren Freundinnen des Fräuleins Mirevalle auch welche zu machen und hat auf dieſe Weiſe Zutritt zu der Dame gefunden, der er die Cour machen will. Fräulein Mirevalle hatte einen originellen Cha⸗ rakter und die Eigenheit, den übrigen Perſonen ihres Geſchlechtes nicht gleichen zu wollen. Sie bemerkte bald, daß ſich Bouchenot um ihre Gunſt bemühte. Sie fand, daß er mehr Affektation als Lebensart, mehr Anmaßung als Geiſt hatte, und in ſeinen Ma⸗ nieren oft ſo linkiſch war, daß es an's Komiſche ſtreifte; dieß Alles hätte einer Andern mißfallen können, aber aus demſelben Grunde nahm Fräulein Mirevalle Bouchenots Erklärung gnädig auf; außerdem hielt ſie es für ſehr intereſſant, ſich durch Veranlaſſung einer Katze zu heirathen. Nach ſehr kurzer Zeit dachte Bouchenot, der Ein⸗ willigung des Fräuleins, die er zu heirathen wünſchte, gewiß, auch daran, die Zuſtimmung des Vaters zu erhalten. Der Papa ließ ſich nicht durch Federzeich⸗ nungen verführen, aber er liebte ſeine Tochter herz⸗ 87 lich, und man haite allen Grund, zu hoffen, daß er die von ihr gemachte Wahl billigen werde. Bouchenot trug alſo ſein Geſuch dem Vater des Fräuleins vor, und Herr Mirevalle erkundigte ſich bei dem, der ſich ihm als künftiger Eidam vorſtellte, zunächſt nach ſeinen Familien⸗Verhältniſſen und ſei⸗ nem Vermögen. Bouchenot gab ſich für den Sohn eines Großhändlers aus, der ihm ſechstauſend Fran⸗ ken Renten hinterlaſſen habe. „Meine Tochter erhält zwar noch einmal ſo viel,“ ſagt Herr Mirevalle,„wenn Sie ihr aber gefallen, ſo ſoll das kein Hinderniß ſein. Wo haben Sie Ihre Gelder placirt? In einem Geſchäſte, auf Häuſern, Ländereien oder beim Staate?“ Bouchenot war nicht auf dieſe Frage gefaßt; ſie brachte ihn in Verwirrung und Verlegenheit. Er ſuchte eine Ausflucht und ſtammelte endlich:„Meine Capitalien... meine Capitalien ſtehen ſehr gut; man bezahlt mich alle Monate regelmäßig.“ „Man vezahlt die Zinſe monatlich! Alſo ſtehen ſie nicht beim Staate?“ „Nein, ſie ſtehen bei einem meiner Freunde.“ „Bei einem Ihrer Freunde? Iſt dieſer Notar, Wechſelagent, Bankier? Kurz, iſt ſeine Zahlungsfähig⸗ keit anerkannt?“ Bouchenot zieht ſein Nastuch heraus, ſteckt es wieder in die Taſche, zieht es noch einmal heraus und beſinnt ſich, was er antworten ſoll; ſein Zögern entgeht Herrn Mirevalle nicht, er ſcheint dem Ver⸗ mögen des jungen Mannes nicht recht zu trauen, und 88 fährt in trockenem Tone fort:„Nun, mein Herr, Sie wiſſen, glaube ich, nicht einmal, wo Ihre Capitalien ſtehen?“ „Entſchuldigen Sie,“ entgegnet Bouchenot, indem er einen zuverſichtlichen Ton anzunehmen ſucht,„ent⸗ ſchuldigen Sie, Herr Mirevalle, meine Capitalien ſtehen bei einem Gewürzkrämer.“ „Bei einem Gewürzkrämer!“ ruft Herr Mirevalle mit einem höhniſchen Lächeln aus;„ſonderbar! in dieſem Falle, mein Herr, fordere ich Sie auf, dieſelben aufzukündigen und beim Staate anzulegen; und wenn Sie mir Ihren Einſchreibungsſchein vom Staats⸗ kaſſenbuch bringen, wollen wir wieder von Ihrem Antrage ſprechen; bis dahin iſt es aber überflüſſig, daß Sie meiner Tochter die Cour machen und unſer Haus beſuchen.“ Damit kehrt Herr Mirevalle Bouchenot den Rücken zu; dieſer entfernt ſich beſchämt und denkt:„Da war es ſchon der Mühe werth, daß ich mich im Katzen⸗ zeichnen übte. Welch' lächerlicher Vater! Ich ſage ihm, ich habe ſechstauſend Franken Renten und er will meinem Worte nicht glauben ich kann ihm aber doch keinen andern Beweis geben. Ich glaube, vaß er dieß nur als Vorwand gebraucht hat und ich ihm nicht reich genug bin. Ich ſcheere mich übri⸗ gens um all' dieſe Leute nichts; jetzt heirathe ich ein Frauenzimmer ohne Vermögen, und wenn wir ſpar⸗ ſam ſind, reicht mein Einkommen doch hin. In der Geſellſchaft, in welche mich der alte Feuillard einge⸗ führt hat, ſah ich ein reizendes Mädchen, Fräulein 89 Desbruyer. Ich habe mich erkundigt, warum ſie nicht heirathet? Weil ſie Nichts hat, antwortete man mir. Wohlan! ich will mich edler, großmüthiger zeigen als andere Männer; ich will Fräulein Desbruyer heirathen.“ Bouchenot macht ſeinen alten Freund damit be⸗ kannt, daß er ſeinen Entſchluß geändert habe: Fräu⸗ lein Mirevalle gefalle ihm nicht mehr, er habe ſein Auge auf Fräulein Desbruyer geworfen. „Die Letztere,“ erwiedert Herr Feuillard,„iſt aller⸗ dings ſehr ſchön, aber ſie hat kein Vermögen.“ „Das iſt mir gleichgültig, ich habe für uns Beide genug.“ „Sie treten allerdings auch in eine in jeder Be⸗ ziehung ſehr ehrenwerthe Familie ein.“ „Das genügt mir; kennen Sie Herrn Desbruyer?“ „Genau.“ „Stellen Sie mich als Freier vor und laſſen Sie uns die Sache ſchnell abmachen; ich bin ungeduldig, mich zu verheirathen, um mich nicht mehr zu lang⸗ weilen. Muß man auch Katzen zeichnen, um dieſem Fräulein zu gefallen?“ „Nein; ſie iſt ſehr beſcheiden, ſie hat kein Album.“ „Das iſt mir lieber. Mit einer Frau, die allen Künſtlern und allen geſchickten Männern nachläuft und ſie billel Ihr Etwas zu machen, ſehe ich wohl ein, hätte ich nicht ruhig leben können. Wenn man einen Mann heirathet, weil er eine Katze machen kann, iſt es ſehr wahrſcheinlich, daß man ihn mit einem, der ein Pferd oder ſonſt Etwas machen kann, hinter⸗ 90 geht. Die Stammbuch⸗Leidenſchaft kann ſehr weit führen.“ Herr Feuillard hat ſeinen Schützling bei den Eltern des hübſchen Mädchens als einen jungen Mann ein⸗ geführt, der ſich durch die Reize des Fräuleins De⸗ bruyer gefeſſelt fühle und ihr ſein Vermögen und ſeine Hand anzutragen wünſche. Bouchenot wird ausgezeichnet empfangen. Er hat Zutritt bei einer liebenswürdigen Familie und kann einem reizenden Mädchen, welches ſeine Huldigungen zwar ſchüchtern, aber erkenntlich für ſeine uneigen⸗ nützige Liebe aufnimmt, die Cvur machen. Er be⸗ müht ſich leidenſchaftlich um ſie, denn er ſehnt ſich, der Gatte eines jungen, ſchönen Frauenzimmers zu ſein, das eben ſo viel Tugenden als Reize beſitzt. Die Eltern ſind ihrerſeits hocherfreut, eine gute Parthie für ihre Tochter gefunden zu haben, und nichts ſcheint ſich Bouchenots Hymen zu widerſetzen. Schon iſt der frohe Tag beſtimmt; man beſchäftigt ſich mit den Vorbereitungen zur Hochzeit, der zu ma⸗ chenden Einladungen, dem Anzuge der Braut, als der Vater der Verlobten, wie er ſich eines Tages mit Bouchenot allein befand, zu dieſem ſagte:„In der That, mein Herr, ich weiß nicht, wie ich Ihnen meine Erkenntlichkeit ausdrücken ſoll: Sie ſind reich und heirathen ein Mädchen ohne Vermögen! Wenige Männer würden handeln wie Sie.“ Bouchenot verbeugt ſich, ſein künftiger Schwieger⸗ vater fährt fort:„Sie werden es wahrſcheinlich nicht unpaſſend finden, daß ich mich nach einigen Details 91 über Ihr Vermögen erkundige. Ein Vater muß vor allen Dingen wiſſen, welchen Händen er ſein Kind anvertraut, und meine Fragen können Sie nicht be⸗ leidigen. Es iſt bei folchen Verhältniſſen gebräuchlich, ſeiner neuen Familie ſeinen Stand und ſeine Lage zu eröffnen. Ein einziger Blick in Ihre Angelegen⸗ heiten wird mir genügen. Seien Sie überzeugt, Herr Bouchenot, daß ich dieſe Frage nur aus Pflicht und nicht etwa aus einem Gefühle des Mißtrauens an Sie ſtelle.“ „Der Teufel ſoll Dich holen mit Deiner Pflicht!“ denkt Bouchenot.„Der wird mich gerade ſo fragen wie der Andere! Wenn ich ihm ſage, ich habe Renten, ſo wird er wiſſen wollen, woher ich ſie beziehe. Raſch, einen kühnen Entſchluß gefaßt, ich will ein anderes Mittel verſuchen!“ Herr Desbruyer ſcheint über das Schweigen ſei⸗ nes künftigen Schwiegerſohnes erſtaunt; dieſer wen⸗ det ſich endlich nach ihm um und antwortet in ſehr überzeugendem Tone:„Herr Debruyer, man hat Ihnen vielleicht geſagt, ich habe Vermögen, Renten? Nun denn, man hat Sie falſch berichtet.“ „Wie ſo, mein Herr?“ „O, ſeien Sie beruhigt, ich bin deßhalb nicht minder geborgen. Ich nehme monatlich fünfhundert Franken ein, die mir regelmäßig bezahlt werden. Das iſt hinreichend.“ „Sie haben alſo eine Stelle?“ „Eine Stelle?.. Ja, ſo iſt es, ich habe eine Stelle.“ 4 92 „Und in welchem Fache, wenn es Ihnen gefäl⸗ lig iſt?“ „In welchem Fache? Ach, mein lieber Herr, Sie ſind ſehr⸗neugierig.“ „Neugierig, wenn es ſich um das Schickſal mei⸗ ner Tochter handelt? Meine Frage muß Ihnen im Gegentheil ſehr natürlich erſcheinen, Herr Bouchenot. Wollen Sie mir gefälligſt ſagen, welche Stelle Sie bekleiden.“ „Wenn ich es Ihnen aber nicht ſagen mag?“ „Dann, mein Herr, heirathen Sie meine Tochter nicht.“ „Wie! Sie verweigern mir Ihre Tochter, die nichts hat, während ich ihr ein behagliches Leben ver⸗ ſpreche und fünfhundert Franken monatlich beziehe?“ „Und wenn Sie eine zehn Mal größere Einnahme hätten, würde ich Ihnen die Hand meiner Tochter verweigern, wenn ich nicht wüßte, auf welche Weiſe Sie Ihr Geld verdienen.“ „Herr Desbruyer, Sie find lächerlich.“ „Nein, mein Herr, ich bin ein rechtlicher Mann und will nur Leute zu meiner Familie zählen, die eine ehrenvolle Stellung einnehmen. Wenn Sie meine Fragen nicht beantworten wollen oder können, ſo iſt es überflüſſig, daß Sie weiter an meine Toch⸗ ter denken.“ „Wenn es mir aber unmöglich iſt, Ihre Fragen zu beantworten?“ „Dann, Herr Bouchenot, habe ich die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.“ 93 Bouchenot iſt ſomit höflich die Thüre gewieſen 4 worden. Er kehrt nach Hauſe zurück und ſpricht un⸗ terwegs vor ſich hin:„Alle dieſe Leute ſind entſetzlich lächerlich.. darauf beſtehen, wiſſen zu wollen, wie ich mein Geld verdiene! Wenn das ſo iſt, heirathe ich lieber nicht. Dann macht man wenigſtens keine ſo dummen Fragen an mich, die ich nicht beantworten kann.“ Fünftes Kapitel. Drei junge Leute auf anderem Wege. Wir wollen Bouchenot eine Zeit lang in ſeiner ⸗ Chauſſee d'Antin laſſen, wo er ſein Möglichſtes thut, die Langeweile zu beſiegen, die ihn verzehrt, und zu ſeinen drei Freunden zurückkehren, welche einen an⸗ dern Weg eingeſchlagen haben, zu Glück und Reich⸗ thum zu gelangen. Timotheus, der nun das Geld, das ihm ſein Va⸗ ter gab, für ſich allein hatte, reichte damit vollkom⸗ men aus, da der Geſchmack, den er an der Arbeit findet, die Gedanken an Zerſtreuung bei ihm nicht aufkommen läßt. Er konnte ſich jetzt anſtändig klei⸗ den, verfolgte ſeine Laufbahn, ſeine Studien, hat— ſein Examen gemacht und iſt eben Adv okat ge⸗ worden. Stolz auf dieſen neuen Titel nimmt ſein Eifer für die Arbeit noch zu und die über ſein gutes Verhalten erfreuten Eltern verdoppeln die Summe, die ſie ihm ausgeſetzt haben, um ihn in den Stand zu ſetzen, in der Welt zu erſcheinen, wo das Ver⸗ Paul de Kod. rRt. 94 dienſt nicht immer ausreicht zum Emporkommen, wo es aber dennoch ſelten vorkommt, daß fortgeſetzte Arbeit und gutes Verhalten nicht belohnt werden. Georg hat die ſchriftſtelleriſche Laufbahn verfolgt, eine undankbare Laufbahn, wo die Erfolge Feinde machen, wo die Lorbeeren Dornen ſind, wo man nur über tauſend Hinderniſſe hinweg ankommt, weil Verdienſt viel mehr Reider hat als Arbeit und Wohl⸗ verhalten. Man verzeiht es einem Menſchen, daß er ſich durch ſeine Arbeit ein Vermögen zuſammen⸗ gerafft hat, aber man verzeiht ihm nicht, ein wenig Ruhm erworben zu haben, und man ſucht unauf⸗ hörlich denſelben ihm ſtreitig zu machen. Was den Mann von Talent tröſtet und ihn feſt den betretenen Weg fortwandeln macht, ohne die Weſpen zu fürch⸗ ten, die unaufhörlich um ſeine Ohren ſumſen, iſt, daß mitten unter dieſer Menge Neider und Kritiker, Thoren, Pedanten und Uebelwollender eine allen Parteien fremde Macht auftaucht, eine Macht, die ſeine Werke ohne Leidenſchaft, ohne Parteilichkeit be⸗ urtheilt, die ſich an den anſchmiegt, der ihr gefällt, und den zurückſtößt, der ihr Langeweile macht oder ſie ermüdet: dieſe Macht iſt die wahre öffentliche Meinung; ſie kauft die Bücher und geht zahlend in's Schauſpiel, ſie macht den Erfolg trotz öffentlicher Bläker und Intriguen, und man mag ſagen, was man will, nur durch ſie erwirbt man einen dauern⸗ den Ruf. Die erſten Stücke Georgs waren von Erfolg ge⸗ krönt; allein er fühlte ein Bedürfniß, weitläufiger „ 95 zu beſchreiben, was er dachte, beobachtete; er ver⸗ ſpürte den Wunſch in ſich, ſeine Feder ſeinen Ge⸗ danken zu überlaſſen, Charaktere zu ſtudiren, ſie bis in ihr tiefſtes Innere zu verfolgen; er wollte Sitten⸗ ſchilderungen, Volksſcenen, Originalporträts, bürger⸗ liche Geſellſchaften, die Fähigkeiten aller Stände und namentlich die Scenen aus dem Privatleben, die Ge⸗ fühle der Jugend, des verſtändigen Alters, die Lieb⸗ ſchaften der Griſette und der Frau von Welt, kurz die Zeitgenoſſen, ſo wie man ſie bei jedem Schritte im Leben begegnet, ſchildern können, und nicht mit jenen gezwungenen Leidenſchaften, jenen idealen Schön⸗ heiten, die man nur in der Einbildung eines Schrift⸗ ſtellers findet. Er hatte zu ſich ſelbſt geſagt:„Vergebens ſucht man auf dem Lande die Schäferinnen Florians, weil ſie nie ſo gelebt haben, wie er ſie malte. Ich will die Bäuerinnen zeigen, wie ſie ſind, mit ihren rothen und plumpen Händen, ihrer ſchwerfälligen und linkiſchen Haltung, ihrer groben und manchmal unverſchämten Sprache. Dieß werde ich vei jeder Perſon beobachten, die ich zeichne. Ich werde mei⸗ nen Helden weder Gefühle beilegen, die ich nir⸗ gends gefunden habe, noch Tugenden, die nirgends eriſtiren; ich werde die Menſchen mit ihren Eigen⸗ ſchaften, ihren Fehlern und Schwächen ſchildern, wie ſie ſind, aber ich werde hauptſächlich gutmü⸗ thige, drollige Perſonen, komiſche, freimüthige Cha⸗ raktere, zärtliche, ſanfte Gefühle wählen, weil die Schilderung der Verbrecher, der Schändlichkeiten und Laſter die Einbildungskraft trübt, peinlich für's Herz iſt und zuweilen ſchwarze Gedanken hervorruft, die man nicht zu erwecken braucht, da die Menſchheit ſchon an und für ſich ſchlimm genug iſt, weil es überhaupt nicht mein Geſchmack iſt, Entſetzliches zu beſchreiben, und man eine Sache, wenn man keine Luſt dazu hat, ſchlecht macht.“ Da es aber unmöglich iſt, ſich in Theaterſtücken auszubreiten, in's Einzelne einzugehen, ſich nach Laune über die Fehler und Lächerlichkeiten ſeiner Perſonen auszulaſſen, ſo ſchrieb Georg Romane, nicht um Schilderungen von Ereigniſſen auf einander zu häu⸗ fen, ſondern um ſich das, was er oft beobachtet und gehört hatte, in's Gedächtniß zu rufen. Georgs Romane machten ein weit größeres Glück, als er ſelbſt je gehofft hatte. Ihr höchſtes Verdienſt beſtand darin, wahr zu ſein; jede Kunſt hat ihre Grundlage auf der Wahrheit und Treue. Dann wurde Georg in den Journalen und Re⸗ vuen unbarmherzig bekritiſirt; ja er echielt ſogar anonyme und pſeudonyme Briefe, worin man ihn zur Rede ſtellte, wie er dazu komme, Glück zu ma⸗ chen und mehr geleſen zu werden als Andere, er, ein obſcurer Schriftſteller, ohne Styl, ohne Farbe, ohne Kraft, ohne Erhabenheit, ohne Beruf und beſonders ohne Genoſſenſchaft. Dann belehrte man ihn, daß er Schriftſteller der Köchinnen und Fiſchweiber ſei, welches ihn auf den Gedanken brachte, daß die Anzahl dieſer Damen ſehr beträchtlich geworden ſein müſſe. 97 Da er einen Arbeiter, eine Bäuerin, eine Griſette ſprechen ließ, wie ſie in der That ſprechen, machte man ihm den Vorwurf, er könne nicht ſchreiben. Da er heiter war und oft lachen machte, ſagte man ihm, er ſei unanſtändig. Da in ſeinen Werken weder von Vatermord, noch von Kindsmord, noch von Brudermord, noch von Vergiftung und Blutſchande die Rede war, warf man ihm vor, er ſei immoraliſch. Einige ließen ſich in ihrer geringſchätzenden Kritik herbei, von ihm zu ſagen: man liest ihn, aber man recenſirt ihn nicht. Er hätte ihnen zwar mit mehr Wahrheit entge⸗ genhalten können: Man recenſirt euch, aber man liest euch nicht. Anfangs betrübte es Georg einigermaßen, ſo vie Neid und Haß gegen ſich auftreten zu ſehen, bald aber würdigte er alle dieſe Kritiken nach ihrem wah⸗ ren Werthe: er ſah ein, daß man nur Leute, die Glück machen, angreift, und daß der Ruhm allein Eiferſüchtige macht; aus der Zahl der Schmähungen ſeiner Gegner vermochte er den Erfolg ſeiner Werke zu ermeſſen. Dann pries er die Verfaſſer der anony⸗ men Schreiben, daß ſie ſich gefälligſt die Mühe ga⸗ ben, ihn von ſeinem ſich täglich mehr verbreitenden Ruhme zu unterrichten, und ſchritt fort auf dem Wege, den er ſich vorgezeichnet hatte und den er, in An⸗ betracht der vielen Anſtrengungen, womit man ihn davon zurückzuhalten ſuchte, für den guten hielt. Heinrich Jumieres, der in Fräulein Giraumont 98 immer gleich verliebt war, arbeitete raſtlos, um ſich ihre Hand zu erwerben. Er ſah bereits ſein Beſtreben gekrönt: ſein kleines Vermögen wuchs, ſein Credit und ſein Ruf waren ſchon vollkommen ge⸗ ſichert, und wenn er auch Paulinen noch kein glän⸗ zendes Loos anbieten konnte, ſo war er doch über⸗ zeugt, ihr eine anſtändige Lage bereiten zu können. Alles ließ ihn alſo eine endliche Erhörung ſeines Geſuches hoffen; nur noch wenige Wochen, und Hein⸗ rich gedachte Paulinens Vater zur Einwilligung in ihre Verbindung zu bewegen. Aber eines Abends überraſcht ihn in einer Ge⸗ ſellſchaft, wo er gewöhnlich mit ſeiner Geliebten zu⸗ ſammenkam, die Bläſſe und Traurigkeit derſelben, ſowie die kalte gezwungene Begrüßung Herrn Gi⸗ raumonts. „Was iſt geſchehen? wodurch habe ich mir denn das Mißfallen Ihres Herrn Vaters zugezogen?“ fragt Heinrich, ſobald er ſich Paulinen nahen kann,„und warum ſind Sie ſo traurig und ſo blaß? Um Gottes Willen, ſagen Sie mir, was vorgefallen iſt.“ „Kommen Sie morgen früh zu uns,“ erwiedert Pauline;„mein Vater iſt nicht zu Hauſe, dann kann ich Ihnen Alles ſagen. Ach, mein Freund! ich habe viel geweint, wir ſind ſehr unglücklich!“ Man kann ſich denken, mit welcher Ungeduld Heinrich den Augenblick erwartet, wo er mit ſeiner Freundin allein ſein kann. Der Abend ſchien ihm unaushaltbar lang, denn Herr Giraumont weicht faſt nicht von ſeiner Tochter und ſcheint es ſo einzurich⸗ ten, daß dieſe nicht in Heinrichs Nähe gelangen„ kann. Die Nacht bringt unglücklich Liebenden keinen Schlummer zur Beruhigung ihrer Qualen, ſie ver⸗ mehrt ſie im Gegentheil und verſetzt den Geiſt in die wehmüthigſte Stimmung. Endlich graut der Tag, Heinrich ſteht auf, zählt die Stunden und Minuten und lebt kaum bis zu dem Augenblick, wo er ſich zu Paulinen begeben kann, allein er findet ſie in Thrä⸗ nen, welche ſie nicht die Kraft beſitzt, vor ihm zu verbergen. „Sprechen Sie, um Gottes Willen! was iſt ge⸗ ſchehen, welches Unglück bedroht uns?“ beginnt Hein⸗ rich, ſeine Freundin bei der Hand nehmend. „Das größte von allen: mein Vater willigt nicht in unſere Heirath ein. Er will mir zwar allerdings einen Gatten geben... aber ſeine Wahl fällt nicht auf Sie.“ „Er will Sie an einen Andern verheirathen? O, das iſt unmöglich! Weiß er nicht, daß Sie mich lieben und ich Sie anbete? daß ich, um Ihre Hand zu erwerben, von der Carriére zurückgetreten bin, die ich eingeſchlagen hatte? daß ich mich, um Ihr Gatte zu werden, auf den Handel legte und uner⸗ müdlich arbeite, um mein Glück zu machen? daß meine Anſtrengungen mit Erfolg gekrönt werden und mein kleines Vermögen anwächst? Hat er mir einen Vorwurf zu machen; findet er mich zu ver⸗ ſchwenderiſch, zu leichtſinnig? Ich verlaſſe doch mein Bureau bloß, um zu Ihnen fliegen; hat er vielleicht 100 nachtheilig üher mich ſprechen hören? O! ich will meine Feinde und Verläumder zu Schanden machen, Ihr Vater wird mir Gerechtigkeit wiederfahren laſſen müſſen!... O, er ſoll ſich überzeugen, daß ich ſeiner Tochter ſtets würdig bin.“ „Mein Vater macht Ihnen keinen Vorwurf,“ ent⸗ gegnet Pauline, gewaltſam ihre Thränen zurückhal⸗ tend;„er läßt Ihnen Gerechtigkeit wiederfahren und gibt zu, daß Ihr Betragen nur Lob verdient.“ „Nun, und dann?“ „Aber er behauptet, man müſſe es ſich jedetzeit angelegen ſein laſſen, die Wohlfahrt ſeiner Tochter zu befördern; er behauptet, er habe Ihnen keine be⸗ ſtimmte Zuſage gegeben; kurz, er will mich an einen Andern verheirathen, weil der Andere wenigſtens dreißigtauſfend Franken Renten hat und Sie weit entfernt ſind, ein ſolches Vermögen zu beſitzen. Ich habe mich ihm zu Füßen geworfen und hundert Mal wiederholt, daß mich Ihre Liebe weit glücklicher mache als ein großes Vermögen: mein Vater iſt unerbitt⸗ lich und behauptet, es wäre ein Unſinn, eine ſo gute Parthie auszuſchlagen; wir Beide werden uns ſchon tröſten. Ach nein, nein.. nicht wahr, mein Freund, wir können uns nie tröſten und Sie werden mich immer lieben?“ „Sie, Pauline! Sie.. die Gattin eines Andern! Und wer iſt der Andere, der mir mein Theuerſtes entreißen, meine ganze Zukunft rauben will? wo hat er Sie geſehen? ſeit wann liebt er Sie? Antworten Sie doch!“ 101 „Erinnern Sie ſich, mein Freund, eines Mär⸗ ſeillers, eines gewiſſen Herrn Mortandal, der in die Soireen der Madame Merlier kam? Er war ihr durch einen Negocianten vorgeſtellt worden und ſie zeigte ſehr viel Aufmerkſamkeit für ihn, denn Sie wiſſen, daß man reiche Leute in der Welt immer gut aufnimmt.“ „Herr Mortandal!... Ja, ich weiß, wen Sie meinen: einen großen Mann, deſſen außerordentliche Höflichkeit eher abſtoßt als anzieht, denn es liegt etwas Falſches in ſeinem Blicke und ſeinem Lächeln. Aber er iſt mehr als vierzig Jahre alt, er könnte Ihr Vater ſein! Und an dieſen will man ſie ver⸗ heirathen?“ „Er hat mich mehrere Mal in Geſelſchaft geſe⸗ hen und ich hatte das Unglück, ihm zu gefallen. Er ließ ſich bei meinem Vater vorſtellen und hob ſeine dreißigtauſend Livres Renten bedeutend hervor!... Mein Vater erkundigte ſich nach dieſem Herrn: er erfuhr, daß er ein ungeheuer großes Handelsgeſchäft und beträchtliche Niederlagen in mehren Städten Frankreichs habe; kurz, das glänzende Vermögen Herrn Mortandals verblendete und verführte meinen Vater, und als dieſer ihn um meine Hand bat, ver⸗ ſprach er ſie ihm, da er das Geld für die Hauptſache hält und nicht glaubt, daß die Liebe zum Glück noth⸗ wendig iſt.“ „Gut,“ ſagt Heinrich, ſich zum Weggehen an⸗ ſchickend,„ich weiß, was ich jetzt zu thun habe.“ „Wo gehen Sie hin?“ ſchreit die Jungfrau, Hein⸗ 102 rich beim Arme zurückhaltend;„was wollen Sie be⸗ ginnen?“ „Ich will dieſen Herrn Mortandal aufſuchen und wenn er ſeine Abſichten auf Sie nicht aufgibt, ſo fordere ich ſein Leben oder er ſoll das meinige ha⸗ ben. Ach! das wäre kein großes Opfer, denn wenn ich Sie verliere, Pauline, fühle ich wohl, iſt es nur noch eine Qual für mich.“ „Nein, Heinrich, Sie dürfen dieſen Mann nicht fordern; wenn Sie mich lieben, ſchlagen Sie ſich nicht und ſetzen Ihr Leben keiner Gefahr aus; da⸗ durch würden Sie mich nur unglücklich machen, ohne irgend eine günſtige Veränderung in unſerer Lage herbeizuführen. Ich kenne meines Vaters Grundſätze: er verabſcheut das Duell; ein Mann, der einen andern gefordert hat, der findet keinen Zutritt in ſein Haus mehr. Ich wiederhole es Ihnen, ein Duell könnte Ihnen nur in ſeiner Meinung ſchaden. Sie⸗ gen Sie, ſo nimmt er Ihre Beſuche nicht mehr an, fallen Sie, ſo wäre ich die Urſache Ihres Todes, und ach! mein Freund, Sie werden mich nicht zu ewigen Gewiſſensbiſſen verdammen wollen!“ „Ich muß es alſo mit anſehen, wenn Sie die Gattin eines Andern werden, ohne eine Anſtrengung zu machen, Sie ſeinen Armen zu entreißen?“ „Wir wollen noch hoffen... vielleicht vermögen meine Thränen meinen Vater zu erweichen. Sie können ihn aufſuchen und ihm ſagen, daß Sie allein mein Herz beſitzen; vielleicht will er doch nicht ge⸗ rade unſer Unglück.“ —.————— 103 Heinrich verläßt Pauline verzweiflungsvoll und erſcheint an demſelben Tage bei Herrn Giraumont. Der kleine Greis empfing ihn mit jener kalten Höf⸗ lichkeit, die zum Voraus jede Hoffnung erſtickt. „Iſt es wahr, mein Herr,“ beginnt Heinrich,„daß Sie die Abſicht haben, Ihr Fräulein Tochter an Herrn Mortandal zu verheirathen?“ „Es iſt mehr als meine Abſicht,“ entgegnet der Handelsmann,„es iſt eine ausgemachte Sache.“ „Aber es war Ihnen bekannt, Herr Giraumont, daß ich Ihr Fräulein Tochter liebe, da ich Sie um die Hand derſelben gebeten habe. Meine frühere Stellung war der einzige Grund Ihrer Weigerung; Ihnen zu gefallen legte ich mich auf das Handels⸗ geſchäft. Jetzt ſtehen meine Angelegenheiten gut, mein Credit iſt etablirt, welcher Grund bliebe Ihnen noch, mir Ihre Tochter nicht zu geben?“ „Mein Herr, ich laſſe Ihren Vorzügen und Ihrem Betragen Gerechtigkeit wiederfahren; ich zweifle nicht daran, daß Sie in zehn bis fünfzehn Jahren ein hübſches Vermögen erworben haben. Aber das des Herrn Mortandal iſt es ſchon und es iſt groß. Er iſt ein Ehrenmann; ich durfte die Verbindung mit ihm nicht ausſchlagen. Es thut mir leid, junger Mann, aber dieſe Rückſichten müſſen den Sieg über die Liebe davon tragen, die nur ein vorübergehen⸗ des Gefühl iſt. Meine Tochter wird Frau Mor⸗ tandal.“ Heinrich wollte erwiedern, Herr Giraumont ver⸗ veugte ſich und kehrte ihm den Rücken zu. Am fol⸗ genden Morgen erſchien der junge Mann auf's Neue bei Paulinens Vater; aber dieſer hatte den Befehl gegeben, ihn an der Thüre abzuweiſen und er mußte ſich entfernen, ohne ſeine Geliebte geſehen zu haben. Mit der Verzweiflung im Herzen gab ſich Hein⸗ rich Mühe, ſeine Leiden zu verbergen, und begab ſich in alle Geſellſchaften, wo er gewöhnt war, Pauline zu treffen; allein ſie fand ſich nicht ein. Herr Gi⸗ raumont ſorgte dafür, daß ſeine Tochter nicht mehr mit ihrem Geliebten zuſammentraf. Als der arme Heinrich dann alle Hoffnung ver⸗ loren hatte und die, welche ihm ſo theuer war, nicht einmal mehr ſehen konnte, überließ er ſich ſeiner ganzen Troſtloſigkeit und nahm ſich vor, ſich an dem Tage, wo Pauline Mortandals Gattin werde, das Leben zu nehmen. Sechstes Kapitel. Die Vergeltung. Es war an einem ſchönen Herbſtabend; das Wetter war mild, die Luft lau, der Himmel ſter⸗ nenhell. Nachdem Bouchenot ſeine Langeweile und ſeine ſchöne Toilette lange auf dem Boulevard des Italiens zur Schau getragen hatte, lenkt er ſeine Schritte unwillkürlich einem andern Quartier zu. Er gelangte allmälig zum Saint⸗Denis⸗Thor, dann auf das Boulevard du Temple mit ſeinen tauſend Sehenswürdigkeiten, und blieb endlich maſchinenmäßig 105 vor den Wachsſiguren, den Gauklern und Debureau's Theater ſtehen, und ſonderbar: Bouchenot fühlte ſich bereits ein anderer Menſch, er gähnte nicht mehr, ſein Geſicht hatte jene frühere Heiterkeit und ſein Gang jene Ungezwungenheit angenommen, die er ſich in der Chauſſee d'Antin nicht erlaubte. Plötzlich macht er eine Bewegung wie ein Menſch, der mit einem Male einen Entſchluß faßt, und ſpricht bei ſich:„Ach, der Teufel! ich bin recht dumm, mich zu langweilen und nicht zu wiſſen, was ich beginnen ſoll, bloß um vornehm und anſtändig auszuſehen! Es iſt entſchieden, ich bin nicht dazu geboren; die Natur hat mich mit andern Neigungen geſchaffen, ich war an ein anderes Leben gewöhnt; um dieſem zu entſagen, thue ich mir Gewalt an ich werde am Ende noch ganz blödſinnig; nein, es muß ein Ende nehmen. Ich weiß nicht, wie ich mich in der Chauſſee d'Antin geberden ſoll, um das Weſen eines Faſhio⸗ nables zu haben, hier iſt es mir wohler, ich athme freier, ich hätte beinahe Luſt zu tanzen. Ich muß wieder in dieſe Gegend kommen, hingehen, wo es mir gefällt, zu meinen Freuden, zu meinen Toll⸗ heiten und meinen Griſetten zurücktehren der alte Bouchenot werden. Und um den Anfang zu machen, will ich meinen Hut ſchief aufſetzen, es ſteht mir auch beſſer. Seit ich Dandy bin, achten die Frauenzim⸗ mer nicht mehr auf mich. Ich will meine früheren Manieren, meinen legeren leichtſinnigen Ton wieder annehmen, dann werde ich wieder Eroberungen ma⸗ chen. Von heute Abend an will ich Unterhaltung * 106 ſuchen, hingehen, wo ich ehemals hinging. Wie! es iſt heute Donnerſtag, man tanzt auf den Rutſchber⸗ gen von Belleville; man tanzt ſogar einen recht hübſchen Cancan, ich will auf die Rutſchberge ge⸗ hen, es müßte doch merkwürdig zugehen, wenn ich nicht eine Griſette fände, die meine Huldigung nebſt einem Glaſe Limonade annehme. Ach! ich will wal⸗ zen, lachen, purzeln, denn das Lied hat doch recht: Stets kehrt ſich des Menſchen Sinn Zur erſten Liebe wieder hin.“ Damit eilt Bouchenot, welcher nicht mehr ſteif und geziert einhergeht, an die Ecke der Tempel⸗ Straße, ſteigt in einen Omnibus, der in die Vor⸗ ſtadt fährt, verzieht ſein Geſicht nicht mehr, weil er zwiſchen zwei Arbeitern in Jacken ſitzt, reicht ſogar deren ſechs Sous dem Conducteur hin und fährt in die Courtille hinauf, wo vom erſten Tage des Jahres bis zum Sylveſter⸗Abend gelacht, getrunken, geſun⸗ gen und getanzt wird. Wenn man die Barriére paſſirt hat und rechts auf den äußern Boulevards hinfährt, ſo kommt man bald zu den Rutſchbergen von Belleville. Dieſe letz⸗ teren ſind die einzigen, welche der Mode und der den Pariſern eigenthümlichen Unabhängigkeit Trotz geboten haben. Vielleicht hat ihre Beſcheidenheit zu dieſem Glücke beigetragen, denn während ihre präch⸗ tigen Rivalen, die ruſſiſchen Rutſchberge, Beaujon, Delta, Niagara und Tivoli nach und nach aufhören, der Schauplatz unſerer Vergnügungen zu ſein, fah⸗ ren die Handwerker und die Griſetten, denen das 107. Rutſchen und Purzeln jederzeit Spaß macht, immer von den Belleville⸗Bergen herunter. Der Garten bei den Bergen iſt groß genug, einen Spaziergang darin zu machen, und ſogar auf Irr⸗ wege zu gerathen, wenn man Luſt dazu hat. Es ſind ſchöne ſchattige Alleen, dunkle Lauben und ein Tanz⸗ ſaal darin, welcher der Verſammlungsort der Menge und der Griſetten iſt, denn hier werden alle Intri⸗ guen angeſponnen und aufgelöst, die Liebe gar hei⸗ ter behandelt, man macht während einer chaine- anglaise ſeine Erklärung und verſchenkt ſein Herz bei einer Galopade. Bouchenot athmet die Luft des Gartens, obgleich ſie nicht wohlduftend iſt, mit Entzücken ein. Er erin⸗ nert ſich an ſeine Tage der Luſt und der Tollheit; er fühlt ſich neu aufleben; frühere Empfindungen er⸗ wachen wieder in ihm. Er eilt nach den Rutſchbergen und fährt fünf bis ſechs Mal herunter, um ſich wie⸗ der an dieſe Luſtbarkeit zu gewöhnen, dann begibt er ſich wieder auf den Tanzplatz, belorgnettirt die Griſetten, welche ſtets die Mehrzahl ausmachen, und entſchließt ſich endlich, eine kleine Brünette zu en⸗ gagiren. Das Orcheſter hat das Ritornell geſpielt, zum Zeichen, daß ſich die Tanzenden an Ort und Stelle begeben ſollen. Bouchenot holt ſeine Tänzerin, es fehlt nur noch ein Paar gegenüber; er ruft auf. Als⸗ bald ſtellen ſich ein junger Herr und ein Frauenzim⸗ mer Bouchenot vis-à vis. Das Orcheſter ſtimmt an, die Quadrille beginnt, aber Bouchenot iſt ganz 108 erſtarrt, ein Bein in die Höhe haltend, ſtehen geblie⸗ ben, als er in ſeinem Gegenüber ſeine ehemalige Nachbarin Cölina erkannte. Seine frühere Geliebte iſt vor ſeinen Augen und tanzt mit einem jungen Mann. Es gibt Dinge, die Einem immer wehe thun, ſo ſehr man auch Philo⸗ ſoph ſein mag. Verlaßt eine Frau und begegnet ſie vann mit einem andern Mann, ſo werdet ihr augen⸗ blicklich, ſelbſt wenn ihr ſie nicht mehr liebet, ein ärgerliches, widerwärtiges, eiferſüchtiges Gefühl em⸗ pfinden; weit ſchlimmer iſt es aber, wenn ihr ſie noch liebet, und ſo ging es Bouchenot, der Cölina, trotz aller Mühe, die er ſich gegeben, nie hatte ganz vergeſſen können. „Nun, mein Herr, fangen Sie an,“ ſagt das Fräu⸗ lein⸗ welches mit Bouchenot tanzt,„es iſt an uns.“ „Ach, entſchuldigen Sie, Fräulein, Sie haben recht; an welcher Tour ſind wir?“ „Oueue du chat... kommen Sie doch.“ „Oueue du chat?... Ja, Fräulein; iſt es an uns?“ „Freilich. Können Sie denn nicht tanzen, mein Herr?“ „Ob ich nicht tanzen könne? Ach! warüm n gar.. das iſt eine ſonderbare Frage.“ „Sie rühren ſich aber nicht!“ Um zu beweiſen, daß er tanzen kann, macht Bou⸗ chenot Sprünge, Entrechats und Jatas; er denkt, er dürfe Cölina die Aufregung, die er nicht merken laſſen, denn dieſe blieb ganz ruhig, als ſie ihn erblickte, und tanzte vor ihm, wie wenn ſie ihn W 109 nicht kennte. Aber Bouchenot beſtrebt ſich umſonſt, gleichgültig zu erſcheinen, er ſieht unaufhörlich nach Cölina und ſchenkt den hübſchen Catchutcha⸗Bewegun⸗ gen ſeiner Tänzerin keine Aufmerkſamkeit. Es kommt eine Tour, wo ſich Gelegenheit bietet, ſein vis-à-vis bei der Hand zu nehmen. Bouchenot drückt Cölina's Hand ſanft in der ſeinigen, aber dieſe zieht ſie heftig zurück und erwiedert Bouchenots Druck nicht. Dieß ſchmerzt ihn, er beißt ſich zornig in die Lippen, weiß nicht mehr, was er thut, hält keinen Takt mehr ein, bringt Alles in Verwirrung, und ſeine Tänzerin ſagt zu ihm:„Sie tanzen, ſo viel es ſcheint, nicht oft!“ 3 Endlich hört der Contretanz auf. Bouchenot führt ſeine Tänzerin an ihren Platz zurück; er denkt nicht mehr daran, ihr die Cour zu machen, denn er iſt ganz von Cölina eingenommen. Er ſucht die kleine Coloriſtin, macht einen Gang durch den Saal und ſieht ſeine ehemalige Geliebte bald neben Fräulein Prſbentia und einem großen blonden Herrn ſitzen, der einen Halskragen anhat, deſſen Enden ihm bis in den Mund gehen, und Ohrringe, die ausſehen wie Vorhangringe. Dieſer Herr wälzt ſeine Augen ſo erſtaunt umher, als ob er aus dem Monde käme, und zieht unaufhörlich ſeine zu kurzen Hoſen auf die Knöchel herab. Bouchenot geht mehrere Male an den beiden Freundinnen vorbei und denkt:„Wo Teufels haben ſie dieſen großen Gimpel hergenommen? Es iſt nicht Paul de Kock. LXII. 5 5 11¹0 der, mit dem Cölina vorhin tanzie. Iſt es vielleicht der neue Liebhaber meiner Ungetreuen?“ Cölina hat Bouchenot ganz gut geſehen, aber ſie thut nicht dergleichen und ſtößt Prudentia mit dem Knie, während ſie ihr Etwas in's Ohr flüſtert; dann ſchlägt Prudentia, ſo oft Bouchenot nach ihnen hin⸗ blickt, die Augen nieder. „Man will mich nicht mehr anſehen,“ ſpricht Bou⸗ chenot vor ſich hin,„man würdigt mich nicht einmal eines Grußes, das iſt ſehr unverſchämt. Thut man es wohl aus Rücſicht für den großen Pinſel, der bei ihnen iſt? Die undankbare Cölina, ſie hat mich alſo ganz vergeſſen! Das thut mir weh. Sie ſcheint mir hundert Mal hübſcher, als wie ich ſie alle Tage ſah! WMich nicht anzuſehen, nicht einmal ein Bischen anzulächeln!“ Als Bouchenot merkt, daß er umſonſt auf und ab ſpaziert, denkt er:„Ha, jetzt weiß ich, was ich thue: ich engagire ſie zum Tanze, dann muß ſie mit mir ſprechen und mich anſehen.“ Und mit entſchloſſener Miene auf Cölina zutre⸗ tend, ſagt er, ſich verbeugend, zu ihr:„Werden Sie mir das Vergnügen ſchenken, mit mir zu tanzen⸗ Fräulein?“ „Ich bin ſchon engagirt, mein Herr,“ erwiedert Cölina trocken. „Auf den nächſten Tanz. Ich erbitte mir alſo den zweiten!“ „Auf den bin ich ebenfalls engagirt.“ „Alſo den dritten!“ —— — 1¹¹ „Ich bin auf den ganzen Abend engagirt.“ Bouchenot entfernt ſich wüthend; er wirft in ſei⸗ nem Zorn beinahe ein altes Pärchen um, welches Bier mit einander trinkt, beißt ſich in die Lippen, ballt die Fäuſte und ſtürzt in den öden Alleen des Gartens auf und ab. „Das iſt ſehr unhöflich,“ murmelt er vor ſich hin,„ſogar unverſchämt; ſie will nicht mehr mit mir tanzen. Ich weiß wohl, daß ich ſie nicht dazu zwin⸗ gen kann, aber wenn ich mich nicht bemeiſterte, ginge es ihr ſchlimm. Ich will ſehen, mit wem ſie tanzt, ihr Cavalier ſoll ſich in Acht nehmen; Sapperlot, ich bin nicht bei guter Laune.“ Bouchenot kehrt, als er die Muſik hört, in den Tanzſaal zurück und ſucht Cölina: ſie tanzte mit dem großen Blonden, der früher neben ihr ſaß, und bei jedem Schritt in die Höhe fuhr wie ein elaſtiſcher Ball. „Da hat ſie einen ſchönen Tänzer,“ denkt Bou⸗ chenot;„zu dieſem gratulire ich ihr, beſonders wenn der große Gimpel auch ihr Liebhaber iſt. Von einem ſolchen Menſchen erſetzt zu werden.. ich weiß zwar wohl, daß es meine Schuld iſt; ich habe Cölina verſchmäht und zu ihr geſagt: ich könne nicht mit ihr ausgehen!... Ach, es war ſehr unrecht von mir, das zu ſagen; mußte ſie aber deßhalb mit einem Andern ausgehen? Ich will mich nähern und ſehen, ob ich nicht hören kann, was ſie mit einander ſprechen.“ Bouchenot ſtellt ſich hinter Cölina und ihren Tän⸗ 112 zer; die kleine Coloriſtin thut, als ob ſie ihn nicht vemerkte. Nach einer Weile fängt ſie ein Geſpräch mit ihrem Cavalier an und Bouchenot hört folgende Worte:„Wie gefällt Ihnen dieſer Garten, Herr Mer⸗ landin?“ „Sehr gut, Fräulein, es iſt wunderhübſch hier; man kann durchaus Nichts ausſetzen.“ „Tanzen Sie auch gerne?“ „Ja, ich habe eine beſondere Vorliebe dafür, ich habe übrigens auch ein ſehr gutes Gehör.“ „Und lieben Sie das Walzen?“ e Fräulein, ich walze ſogar ſehr gut, aber es reizt mich zum Erbrechen, deßhalb unterlaſſe ich es.“ „Das iſt ganz vernünftig von Ihnen.“ „Er gefällt mir, dieſer Herr Merlandin,“ ſpricht Bouchenot, ſich entfernend, vor ſich hin;„wo Teu⸗ fels mag Cölina, welche Geſchmack und Geiſt hat, dieſen Mann aufgefiſcht haben? Es iſt vielleicht ein Heirather, er ſieht mir ganz ſo aus.“ Den folgenden Contretanz ſetzt Cölina aus; ſie bleibt bei Prudentia und dem großen blonden Herrn ſitzen. „Und ſie hat mir geſagt, ſie ſei engagirt!“ denkt Bouchenot, um den für die Tanzenden beſtimmten Kreis herumgehend;„hm, ich habe große Luſt, einen Auftritt herbeizuführen und mit Herrn Merlandin Händel anzufangen. Aber nein, das hieße mich com⸗ promittiren. Vergeſſen wir die Treuloſe, ich will nicht mehr an ſie denken, ſie ſogar fliehen, wenn ich ſie zufällig begegne.“ ₰ 1¹⁸ Und um den Anfang damit zu machen, ſie zu fliehen, ſetzt ſich Bouchenot einige Schritte von Cö⸗ lina entfernt nieder; er folgt ihr, wenn ſie aufſteht, um mit Herrn Merlandin zu tanzen; er folgt ihr ſogar, als ſie mit dem großen Blonden, der an einem Arm ſie, an dem andern Prudentia führt, den Garten der Belleville⸗Rutſchberge verläßt. Bouchenot geht immer, in einer Entfernung von dreißig Schritten, hinter Cölina, die Vorſtadt du Temple hinunter. „Ich folge ihnen nicht,“ denkt er dabei;„was kümmere ich mich um Fräulein Cölina und ihren großen Gimpel. Es iſt ihr Geliebter, denn er hat nur mit ihr getanzt; ſie haben die arme Prudentia rückſichtslos auf dem Stuhle ſitzen laſſen. Ach, Cö⸗ lina, ich kann Ihnen zu Ihrem neuen Anbeter nicht gratuliren.“ An der Ecke des Boulevards ſchlägt Bouchenot, ſtatt den drei Perſonen zu folgen, welche die Temple⸗ Straße hinaufgehen, ſeinen Weg rechts ein und eilt ſeinem Quartier zu. „Ich will nach Hauſe in mein ſchönes Quartier,“ ſpricht er;„ich weiß wohl, wo Fräulein Cölina wohnt; ich brauche mich nicht in der Altſtadt zu be⸗ ſchmutzen. O, es iſt aus, man wird mich dort nie mehr ſehen.“ Bouchenot legt ſich höchſt aufgeregt nieder; er kann die ganze Nacht nicht ſchlafen und wiederholt an Einem fort:„Ich will nicht mehr an Cölina den⸗ ken, ich liebe ſie nicht mehr, ſie gefällt mir nicht 1¹4 mehr, ich kann tauſend intereſſantere Liebſchaften ha⸗ ben; ſie ſoll mit ihrem Merlandin hin, wo ſie will, das iſt mir gleichgültig.“ Am andern Tage ſteht er früh auf, kleidet ſich ſorgfältig an und geht von Hauſe fort, ohne ſich zu geſtehen, wohin er will; er verläßt die Chauſſee d'Antin, geht durch das Palais⸗Royal, über die neue Brücke und gelangt endlich in die Calander⸗Straße vor ſeine ehemalige Wohnung; dort bleibt er einen Augenblick unentſchloſſen ſtehen, tritt aber doch in's Haus, indem er ausruft:„Ich muß ſie durchaus ſprechen und eine Erklärung von ihr haben, dann vergeſſe ich ſie viel leichter.“ Damit eilt Bouchenot ſchnell die ihm wohlbekannte Treppe hinauf und gelangt bis zur Thüre der kleinen Nachbarin; der Schlüſſel ſteckt außerhalb. Sein Herz pocht gewaltig; endlich entſchließt er ſich anzuklopfen. „Herein!“ ruft Cölina. Bouchenot drückt auf die Thürſchnalle und tritt zu ſeiner ehemaligen Geliebten faſt ſo bange und furchtſam ein, wie wenn er zu einem erſten verlieb⸗ ten Stelldichein käme. Als Cölina Bouchenot erblickt, erröthet und er⸗ blaßt ſie nacheinander, aber bald ihre Beſtürzung bemeiſternd, fragt ſie mit kaltem Tone:„Welche Veranlaſſung führt Sie zu mir, mein Herr?“ „Fräulein,“ entgegnet Bouchenot, indem er ſich bemüht, eine ungezwungene Miene anzunehmen,„ich bin gekommen, um das Vergnügen zu haben, Ihnen einen guten Tag zu wünſchen.“ ₰ 1¹⁵ „Ich glaubte, es wäre jede Verbindung zwiſchen uns abgeſchnitten und Sie würden mich nicht mehr beſuchen!“ „Ich wollte auch nach Georg und Timotheus ſehen.“. „Dieſe Herren wohnen nicht mehr im Hauſe.“ „Und dann, Fräulein, wollte ich Sie fragen, warum Sie ſich geſtern geweigert haben, mit mir zu tanzen.“ „Ich bin der Meinung, Herr Bouchenot, daß ich tanzen kann, mit wem ich will, und Sie das nichts angeht.“ „Ich weiß wohl, daß ich kein Recht mehr habe, Sie daran zu hindern, und ich habe wohl geſehen, daß Ihr Liebhaber bei Ihnen war. Mein Stellver⸗ treter ſieht doch komiſch aus! Wenn ich ſage, mein Stellvertreter, ſo irre ich mich vielleicht, denn ſeit wir nicht mehr zuſammenkommen, können Sie Man⸗ chen geliebt haben.“ „Ich that, was ich wollte, mein Herr, das wird Sie nicht intereſſiren und ich habe auch Ihnen keine Rechenſchaft abzulegen. Indeſſen will ich Ihnen doch ſagen, daß Herr Merlandin durchaus nicht mein Liebhaber iſt: er iſt Prudentia's Bräutigam und eigens von Poiſſy hergekommen, um ſie zu heira⸗ then. Und daß er geſtern mit mir und nicht mit ihr getanzt hat, rührt daher, weil Prudentia enge Schuhe anhatte und ihr ihre Hühneraugen wehe thaten⸗ So verhält es ſich mit Herrn Merlandin, und ich ſage Ihnen das nur, weil ich nicht will, daß man glaube, ich habe einen ſo häßlichen, ſo dumm aus⸗ 11¹6 ſehenden Mann zum Liebhaber. Wenn ich Liebhaber wollte, ſo könnte ich genug haben und brauchte mich nicht mit Merlandins zu begnügen; er iſt recht für Prudentia, da die Gatten zuſammen paſſen müſſen.“ Fräulein, ich brauche dieſe Erklärung nicht, um überzeugt zu ſein, daß.. daß... ach, Cölina, ich kann nicht mehr an mich halten: wenn man ſo gut Freund zuſammen war, genirt es Einen zu ſehr, auf dieſe Weiſe mit einander zu ſprechen; ach, ich bitte Dich, ſprich wieder mit mir wie chemals.“ Bei dieſen Worten hat Bouchenot ſeinen Stuhl neben den des jungen Mädchens geſtellt und will ſie bei der Hand nehmen, aber Cölina zieht ſie ha⸗ ſtig zurück und erwiedert trocken:„Aber ich will nicht mehr mit Ihnen ſprechen wie ehemals, mein Herr. Wenn Sie auch mein Liebhaber waren, ſo ſind Sie es jetzt nicht mehr, wir dürfen uns nicht mehr ſehen, und ich wiederhole es Ihnen, es beſteht keine Ge⸗ meinſchaft mehr unter uns.“ „Cölina, können Sie ſo unverſöhnlich ſein?... Wohlan, ich geſtehe, daß ich unrecht, ſehr unrecht hatte; ich habe Sie, als Sie mich beſuchten, nicht aufgenommen, wie es hätte ſein ſollen, habe Dumm⸗ heiten zu Ihnen geſagt, aber ich bitte Sie.., mein Schlafrock.. mein Glück verdrehten mir den Kopf, das iſt ſchon manch' Anderem paſſirt.. aber da ich mein Unrecht einſehe, Cölina, und Sie um Verzei⸗ hung bitte, wollen Sie mich jetzt nicht wieder lieben?“ „Sie lieben? O nein, mein Herr, das ißt jetzt unmöglich.“ 117 „Unmöglich? Ach, Cölina, meine kleine Eölina, Sie denken nicht ſo. Ich wiederhole Ihnen, ich habe mich gebeſſert, ich bin nicht mehr ſo einfältig ſtolz. Ich werde mit Dir ausgehen, Cölina, Dich am Arme führen, wohin Du nur willſt. O, ich fürchte nicht mehr, mich zu compromittiren.“ „Aber ich, mein Herr, gehe jetzt nicht mehr mit Ihnen aus,“ entgegnet Cölina, ſich von Bouchenot entfernend. „Warum denn?“ „Weil ich jetzt fürchte, mich mit Ihnen zu com⸗ promittiren.“ „Wie, was wollen Sie ſagen, Fräulein? ich ver⸗ ſtehe Sie nicht.“ „O, beſinnen Sie ſich, Herr Bouchenot, dann werden Sie mich gut verſtehen.“ „Ich bitte Sie um Gottes Willen, erklären Sie ſich, Cölina.“ „Wohlan, mein Herr, da Sie mich zwingen, will ich Ihnen geſtehen, daß, wenn Sie ſich fürchteten, ſich zu compromittiren, mit einer Griſette auszugehen, ich mich noch weit mehr fürchte, mich in Geſellſchaft eines Polizeiſpions zu zeigen.“ „Eines Polizeiſpions?“ ruft Bouchenot aus, den dieſes Wort faſt niedergeſchmettert hat;„ich ein Spion, ich. ach, wie entſetzlich; wer konnte Ihnen ſo etwas Abſcheuliches ſagen, wer mich in ſolchem Grade verleumden?“ „Ihre alten Freunde, die ſich jetzt gleich mir ſchä⸗ men, Sie jemals gekannt zu haben. Sie haben mir 118 zwar nicht gerade geſagt, Sie ſeien das, aber ich konnte es aus Ihren halben Worten, hingeworfenen Aeußerungen und ihrem Schweigen, wenn ich ſie um Etwas befragte, ſchließen.“ „Ach, Cölina, ich ſchwöre Ihnen bei meinem Leben, daß das nicht wahr iſt; ihr irrt euch Alle, ihr thut mir ſchmerzlich Unrecht!“ „O, mein Herr, es handelt ſich nicht darum, Phraſen zu machen, ſondern aufrichtig zu reden. Sie haben ein Einkommen, deſſen Quelle Sie nicht an⸗ geben können; Sie haben keine Stelle, kein Amt, Sie gehen von Morgens bis Abends müßig und leben luxuriös, ſogar üppig. Seit langer Zeit war Ihr Betragen unehrlich und geheimnißvoll: wenn man Sie verleumdet hat, ſo beweiſen Sie, wie Sie zu Ihrem Geld kommen, wie Sie es verdienen. Nun, Sie ſchweigen, Sie können nicht antworten. Ach, Sie würden reden, wenn Sie es ohne Schande könnten. Sie ſehen wohl, mein Herr, daß man Sie nicht verleumdet hat und ſich nicht täuſcht, wenn man Sie für einen Spion hält. Pfui, mein Herr, pfui! Ich hätte Ihnen alle Ihre Treuloſigkeiten, Ihren Hochmuth und Ihre Dummheiten verziehen, aber das verzeihe ich Ihnen nicht, daß Sie mich zwingen, Sie zu verachten und mich zu ſchämen, Sie gekannt zu haben. Kommen Sie nicht mehr zu mir, mein Herr, es iſt überflüſſig, ich will Sie nicht mehr ſehen und ich mache meine Thüre nicht mehr auf, wenn ich vermuthe, daß Sie davor ſtehen.“ Eine Weile vergeht, während welcher Bouchenot 1¹9 ſehr ergriffen von dem eben Gehörten ſitzen bleibt; dann ſcheint er mit ſich zu kämpfen und unentſchloſ⸗ ſen zu ſein, was er thun ſoll: er ſieht aus, wie wenn er ſprechen wollte; aber plötzlich ſteht er auf, nimmt ſeinen Hut und verläßt, ohne einen Blick auf Cölina geworfen zu haben, raſch das Zimmer. Dieſe eilt ihm bis zur Thüre nach und ſchlägt ſie heftig hinter ihm zu. Nachdem ſich Bouchenot von Cölina entfernt hat, geht er lange planlos umher. Das Wort Spion hallt noch in ſeinen Ohren. Er leidet, erſtickt faſt und kaut an ſeinen Nägeln; es iſt ihm, als ob ihn Jedermann mit verächtlicher, geringſchätzender Miene vetrachte und dieſelbe Meinung von ihm habe wie die kleine Coloriſtin. Die Zeit zum Mittageſſen kommt, aber Bouchenot hat keinen Appetit mehr. Er geht nach Hauſe und legt ſich zu Bette, er fühlt ſich krank, er hat das Fieber und beſchäftigt ſich fortwährend mit dem Gedanken:„Mich für einen Spion zu halten, ach! wie unglücklich bin ich, und meine alten Freunde denken daſſelbe von mir! Ach, jetzt wundert es mich nicht mehr, daß ſie an mir vorübergehen und thun, wie wenn ſie mich nicht kennten, ſich abwenden, um nicht mehr mit mir zu ſprechen; ſogar dieſe kleine Cölina verachtet mich und ſcheut ſich mit mir auszu⸗ gehen, aus Furcht, ſich zu compromittiren. Iſt das nicht Demüthigung genug; ich hätte mich übrigens rechtfertigen, ihr die Wahrheit ſagen können. Warum habe ich es nicht gethan? Ich weiß nicht, ich fürchte — 120 meine Penſion zu verlieren. War ich denn aber nicht hundert Mal glücklicher, als ich keinen Heller im Beſitz hatte? Mein Gott, wie konnte ich glau⸗ ben, man brauche nichts als Geld, um vergnügt zu ſein!“ Einige Tage verſtrichen; Bouchenot iſt immer trau⸗ rig und verdrießlich. Er wagt es nicht mehr, zu Cö⸗ linen zurückzukehren, und brennt doch vor Begierde, ſie zu ſehenz oft geht er bis in die Calander⸗Straße, aber vor ſeinem ehemaligen Logis bleibt er ſtehen, wagt nicht hinaufzugehen und kehrt langſam wieder um. Jetzt kümmert er ſich nichts mehr um ſeinen Gang und es liegt ihm auch nichts mehr daran, wie er ſeinen Hut auf hat. Eines Morgens, als Bouchenot unentſchloſſen, wo er ſich hinwenden will, auf den Boulevards ſpa⸗ zieren geht, ſieht er einen jungen, blaß und leidend ausſehenden Mann auf ſich zukommenz trotz der Ver⸗ änderung, die mit den Zügen deſſelben vorgegangen iſt, erkennt er Heinrich, eilt auf ihn zu und ruft: „Ich täuſche mich nicht: das iſt mein Freund Hein⸗ rich. Mein Gott! wie verändert Du ausſiehſt, biſt Du denn krank geweſen?“ Heinrich blickt in die Höhe und ſcheint, wie er Vouchenot erkennt, ausweichen zu wollen, aber es iſt zu ſpät: Bouchenot ſteht bereits vor ihm. Er be⸗ gnügt ſich daher, etwas gezwungen zu erwiedern: „Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen, ich bin nicht krank geweſen.. aber andere Gründe... entſchuldigen Sie, ich habe Eile, ich kann mich nicht aufhalten.“ — 12¹ „Wie, Du willſt mich ſo ſchnell verlaſſen und ohne mir zu ſagen, warum Du ſo verändert aus⸗ ſiehſt?“ „O, das wird Dich wenig intereſſiren!“ „Wie, glaubſt Du denn, ich liebe Dich nicht mehr, ich ſei nicht mehr Dein Freund? Was habe ich ver⸗ ſchuldet, daß ihr mich ſo behandelt? Komm', Hein⸗ rich, reich' mir Deine Hand und ſchenke mir Dein Zutrauen wieder.“ Heinrich zieht ſeine Hand, die Bouchenot ergrei⸗ fen will, zurück, und entgegnet froſtig:„Mein Herr, es gibt Dinge, die man, wie Sie ſelbſt am beſten wiſſen, nicht geſtehen kann; die, welche früher Ihre Freunde waren, können es jetzt nicht mehr ſein. Nö⸗ thigen Sie mich nicht, Ihnen mehr zu ſagen. Adieu.“ „Nein, nein, der Teufel weiß es, Du ſollſt Dich ſo nicht von mir trennen!“ ſchreit Bouchenot, Hein⸗ rich am Arme feſthaltend.„O, ich weiß wohl, was ihr Alle für ſchreckliche Dinge von mir glaubt, die doch nicht wahr ſind... Cölina hat mir's geſagt; mich für einen.. zu halten.. ich kann das Wort nicht ausſprechen. Wie könnt ihr ſo Etwas von mir denken? Ihr urtheilt recht ſchlecht von mir! Hein⸗ rich, gib mir Deine Hand, ich bin noch werth, ſie zu drücken; höre, ich bin kein Spion!.. hi, hi, hi... ich will immer der Freund meiner Freunde bleiben, hi, hi, hi! und man wird ſehen, daß man... kurz, das iſt ſchändlich, hi, hi, hi!“ 3 Bouchenot weint wie ein Kind. Heinrich fühlt ſich durch ſeinen Schmerz gerührt und überläßt ihm 122 ſeine Hand mit den Worten:„Nun, wenn man Sie falſch beurtheilt oder verleumdet hat, ſo können Sie ſich rechtfertigen, und unſere Achtung und Freund⸗ ſchaft iſt Ihnen dann wieder gewiß. Tröſten Sie ſich, Bouchenot, Ihr Leiden wird ein Ende nehmen, aber das meinige nie, o nie..ich bin zur Hoffnungs⸗ loſigkeit verdammt.“ „Wie, warum denn, was iſt denn geſchehen?“ „Das Mädchen, das ich anbetete, welches, wie ich mir wenigſtens ſchmeichelte, das Glück meines Lebens ausmachen ſollte, kurz, meine Pauline wird in acht Tagen die Gattin eines Andern.“ „Wäre es möglich? Aber ihr Vater... „Ihr Vater hatte mir einige Hoffnung gemacht, daß ich ſein Eidam werden könnte, und ich ſchmei⸗ chelte mir um ſo eher mit dieſer Ausſicht, als meine Handelsgeſchäfte gut gehen und mein Vermögen an⸗ wächst; aber es hat ſich eine glänzende Parthie für Pauline gezeigt: ein ſehr reicher Mann warb um ihre Hand. Sie drang umſonſt in ihren Vater, dieſer iſt unerbittlich und geſtattet mir nicht mehr, ſie zu beſuchen.“ „Mein armer Heinrich! Ach, jetzt wundert es mich nicht mehr, warum Du ſo blaß und abgema⸗ gert biſt. Gibt es denn gar kein Mittel, dieſen Vater zu erweichen oder Deinen Nebenbuhler aus dem Sattel zu heben?“ „Keines. Was ſoll ich machen? Herr Mortandal iſt ein allgemein geſchätzter Mann und hat wenig⸗ ſtens dreißigtauſend Franken Renten.“ 123 „Herr Mortandal!“ wiederholt Bouchenot, die Farbe wechſelnd;„welchen Namen ſprichſt Du da aus?“ „Den des Mannes, der Pauline heirathet und mir alle Hoffnung meines Glückes raubt.“ „Ach, mein Gott, iſt es möglich! O, welch' ſon⸗ derbarer Zufall!“ „Kennſt Du Herrn Mortandal vielleicht?“ „Wahrſcheinlich; iſt es nicht jener Marſeiller, den ich in der Abendgeſellſchaft der Madame Merlier geſehen habe?“ „Derſelbe; dort hat er auch ohne Zweifel Pau⸗ line geſehen und ſich zu meinem Unglück in dieſelbe verliebt.“ „Heinrich, mein armer Heinrich, höre, Du kannſt noch glücklich werden, Deine Geliebte heirathen!“ „O, was ſagſt Du? wie denn?“ „Weil ich die Heirath des Herrn Mortandal hin⸗ tertreibe und Dir... abſcheulicht Dinge von dieſem Manne ſagen kann.“ „O, mein lieber Bouchenot, wäre es wohl mög⸗ lich?“. „Ja, ja. Sieh', es iſt aus, ich bin entſchloſſen, ich will Dein Glück machen, Dich mit Paulinen verei⸗ nen, mir ſollt ihr es verdanken und dann zugeben, daß ich kein Spion ſei. Ich will Dir Alles ſagen, das Geheimniß, das ich ſo ſorgfältig verbarg, eröff⸗ nen. ich verliere zwar meine Renten, aber es iſt mir einerlei, was liegt mir daran, man heißt mich dann doch keinen Spion mehr.“ „O mein Freund, wenn Du dieſe Heirath hinter⸗ treibſt, die mich zur Verzweiflung bringt, ſo gehört Alles, was ich habe, Dein.“ „Ich will kein Geld mehr, der Reichthum lang⸗ weilt mich, ich will Dich mit dem Weibe Deiner Neigung glücklich wiſſen, Du ſollſt mir die Hand drücken und mich dutzen wie ehemals. Cölina ſoll nicht mehr befürchten, ſich zu compromittiren, wenn ſie mir den Arm reicht, um mit mir auszugehen, kurz, ich will nicht mehr verachtet werden, denn ich fühle hier in meines Herzens Grund, daß Einen kein Reichthum, kein Wohlſein, keine Pracht für den Verluſt der Achtung der rechtſchaffenen Leute entſchä⸗ digen kann.“ „Gut, Bouchenot, gut. Ach, gib mir Deine Hand zum Drucke; ich ſehe jetzt wohl ein, daß wir uns über den Urſprung Deines Einkommens getäuſcht haben.“ „Du ſollſt Alles wiſſen, Alles. Das Geſtändniß, welches ich Dir machen werde, kann mich zwar das Leben koſten, denn die Schufte haben mich mit An⸗ drohung der fürchterlichſten Strafe Verſchwiegenheit ſchwören laſſen, aber mir liegt nichts daran, ich biete Allem Trotz, meine Furcht iſt vorbei.. es han⸗ delt ſich darum, Dich glücklich zu machen und die allgemeine Achtung wieder zu gewinnen, da kann man ſchon Etwas wagen.“ „Ach, ſprich, Bouchenot, erkläre Dich, ich bitte Dich.“ „Komm', wir wollen in Dein Logis gehen; ſolche Mittheilungen laſſen ſich nicht im Freien machen, 125 denn es handelt ſich um keine Kleinigkeit, wir kön⸗ nen nicht vorſichtig genug ſein.“ „Nun, ſo komm' alſo zu mir, abersſchnell, denn ich brenne vor Begierde, Dein Bekenntniß zu hören.“ „Soll ich Dir den Arm geben?“ „Freilich ſollſt Du. Ach, wie kannſt Du noch fragen?“ Bouchenot nimmt ſtolz Heinrich beim Arme und Beide ſetzen ſo ſchnell als möglich ihren Weg ſort, denn ſie find zu ungeduldig, an Ort und Stelle zu gelangen und ſich ohne Zeugen unterreden zu können. Siebentes Kapitel. Worin Schnauzer noch einmalerſcheint. Als die beiden Freunde bei Heinrich angekommen ſind, ſchließt ſich dieſer mit Bouchenot in ſein Zim⸗ mer ein; der Letztere ſieht nach, ob alle Fenſter feſt zugemacht ſind, ob ſie von Niemand gehört werden können, und entſchließt ſich erſt, als er vollſtändig beruhigt iſt, ſeine Erzählung anzufangen. „Du weißt, lieber Heinrich, daß Du ziemlich lange von Paris abweſend warſt: damals wohnte ich mit Georg und Timotheus zuſammen und wir waren ſehr unglücklich. das heißt ſehr arm, denn im Ganzen ſtörte das unſere Heiterkeit nicht, wir hatten gleichwohl manchmal unſern Spaß und Paul de Kock. LRlIl. 9 126 machten gute Miene zum böſen Spiele; doch waren wir ſo weit heruntergekommen, daß wir zu Drei nur noch einen Rock hatten. Eines Abends, ich glaube es war am Vorabend Deiner Rückkehr, ging ich aus; die Reihe, den Rock anzuziehen, war an mir. Wir hatten einige Effekten verkauft; man gab mir fünf Franken in die Taſche, womit ich meinen Freunden eine Paſtete zum Nachteſſen nach Hauſe zu bringen verſprach. Ich gehe alſo aus, ſpiele den Dandy, blähe mich auf, zerbreche einen Stock, kaufe Wohl⸗ gerüche ſtatt einer Paſtete, kurz, als ich nur noch einige Sous übrig hatte, ſah ich mich genöthigt, ein trockenes Frühſtück einzunehmen. Ich ging zu einem Fleiſcher und ließ mir Etwas geben, als ich ein ziemlich hübſches Mädchen vorbeigehen ſah. Du weißt, daß ich immer eine ſehr entſchiedene Nei⸗ gung für das ſchöne Geſchlecht hatte, ich ſtecke alſo meinen Schinken in die Taſche und laufe dem Mäd⸗ chen nach.“ „Aber, Byouchenot, ich begreife nicht, welche Be⸗ ziehung das Alles auf meine Heirath haben kann!“ „Warte nur, es kommt ſchon; laß mich die Sache der Ordnung nach erzählen, ſonſt gerathe ich in Ver⸗ S. wirrung. Das Mädchen hatte einen Hund, einen großen pudelähnlichen Hund bei ſich. Der verfluchte Hund iſt an Allem Schuld! Das Mädchen war eine dicke Gans, die mir kein Gehör gab, aber der Hund machte ſich an mich und wollte mich nicht mehr verlaſſen. Ich bemerkte bald, daß ich Schnauzers Freundſchaft dem Schinken in meiner Taſche ver⸗ —— 127 dankte, und ich that mein Möglichſtes, den Hund von mir wegzujagen, aber es war vergebens; kurz, das junge Mädchen verſchwand und Schnauzer blieb bei mir. Ich will Dir nicht alle die Abenteuer erzählen, in welche mich der verdammte Hund hineingezogen hat, Du brauchſt nur zu wiſſen, daß ich mich, nach⸗ dem ich mich mit Gauklern herumgeſchlagen hatte, Abends in einem erbärmlichen Zuſtand auf dem Sanct⸗Antons⸗Boulevard befand. Mein oder viel⸗ mehr unſer Rock war in Fetzen geriſſen, ja ich ſchämte mich ſo ſehr, daß ich es nicht mehr wagte, meinen Kameraden unter die Augen zu treten, die auf den Rock warteten, um am andern Tage ausgehen zu können. Dann ging ich, den Leuten ausweichend, lange durch die einſamſten Straßen über den Kanal und ſetzte mich endlich, ſo viel ich mich erinnere, in einem kleinen Sträßchen auf eine ſteinerne Bank⸗ Der Hund, welcher mich einen Augenblick verlaſſen hatte, kam wieder zu mir zurück; er ſchien mich auf⸗ zufordern, ihm zu folgen. Ich dachte, wir befänden uns wahrſcheinlich in der Nähe ſeiner Herrin und ging Schnauzer nach, da es mir nicht unlieb geweſen wäre, das junge Mädchen wieder zu ſehen und ich ihr auch gerne den Hund wieder zurückgegeben hätte. „Schnauzer führte mich zu einem alten, baufälli⸗ gen Hauſe; man ſah nirgends ein Licht. Der Hund kratzte an einer Thüre; ich näherte mich, um zu klopfen, aber ich fand eine Klinke, die mir den Ein⸗ gang ohne Weiteres öffnete. Das Innere war ſtock⸗ finſter, aber der Hund ging durch einen Gang, und „ 128 ich entſchloß mich, ihm zu folgen, da ich immer noch der Meinung war, das junge Mädchen zu finden. Ich ſchreite alſo, mit Händen und Füßen ſuchend, vor⸗ wärts, komme in einen kleinen Hof und vor eine Kellertreppe; hier höre ich dumpfe, gleichmäßige Laute wie Hammerſchläge. Ich weiß nicht, welcher Dämon mich regierte, aber ſtatt mich davon zu ma⸗ chen, gehe ich in den Keller hinunter, komme wieder in einen Gang und ſehe Licht, welches aus einem Gewölbe drang, deſſen Thüre halb offen ſtand; von dort aus kam der Lärm. Ich vernehme mehrere Männerſtimmen... ich lauſche: ſie ſprechen von der Polizei, ſie fürchten ſich, überraſcht, verhaftet zu wer⸗ den und erwarten einen ihrer Kameraden, der fort⸗ gegangen iſt. Ich ſehe, daß ich in den Verſteck von Räubern gerathen bin und denke bloß noch an meine Rettung, aber ich trete zwiſchen ein Brett, falle in die Tiefe und drei Männer eilen, entſetzliche Ver⸗ wünſchungen ausſtoßend, auf mich zu. „Einer dieſer Männer, der die andern zu com⸗ mandiren ſchien, fragte mich mit einer betäubenden Stimme:„Was thun Sie da? wie kommen Sie hierher?“— Ich kam zufällig her, weder in der Abſicht, Ihnen zu ſchaden, noch Sie zu überraſchen, meine Herren,“ entgegnete ich zitternd, denn ich ge⸗ ſtehe, daß es mir nicht recht wohl zu Muthe war. —„Und wiſſen Sie, was wir hier treiben?“ fuhr er fort.—„Ich vermuthe, daß Sie falſches Geld ma⸗ chen, erwiederte ich, ,aber laſſen Sie mich meines Weges gehen, dann ſchwöre ich Ihnen, werde ich Sie ⁵ f — 1²9 nicht anzeigen. Außerdem weiß ich ja gar nicht, wo ich bin, in welcher Straße ich mich befinde. Der Zufall führte mich her, weil Sie Ihre Thüre zu ſchließen vergeſſen hatten. Laſſen Sie mich gehen und Sie ſollen nie wieder von mir ſprechen hören.“ Während ich dieſes ſagte, bemerkte ich, daß ſich die Männer gegenſeitig anblickten, ich ſah ſie ſogar la⸗ chen, welches mir von guter Bedeutung ſchien. Dann ſprach der Anführer ganz leiſe mit den Andern, kam hierauf wieder auf mich zu und ſagte:„Wir wollen Dich wieder in Freiheit ſetzen, jedoch unter der Be⸗ dingung, daß Du nie von dem ſprichſt, was Du in dieſer Nacht geſehen haſt; wenn Du dieſen Schwur nicht hältſt, ſo, nimm Dich in Acht, ſetzeſt Du Dich der fürchterlichſten Strafe aus!“ Ich verſprach, ge⸗ lobte und ſchwor, was man wollte. Dann verband man mir die Augen, nahm mich bei der Hand, führte mich aus dem Keller und aus dem Hauſe hinaus und eine Strecke Weges fort; als ich end⸗ lich meine Binde abnahm, befand ich mich in einer andern Straße nächſt des Kanals. Ich lief, was ich laufen konnte und kehrte ganz zitternd und krank zu meinen Freunden zurück, denen ich nicht zu erzählen wagte, was mir begegnet war.“ „Das iſt ein ſonderbares Abenteuer, aber ich ſehe noch nicht ein.„ „Warte doch! Tags darauf kamſt Du zu uns und lieheſt uns Geld; denke Dir aber mein Stau⸗ nen, als ich, während meine Freunde zum Frühſtück vorausgegangen waren, dreihundert Franken in gutem 130 Gold in der Taſche meines zerriſſenen Rockes fand; die Elenden hatten mir ein Geſchenk damit gemacht. Was war zu thun? Es wäre mir ſchwierig geweſen, ihnen ihr Geld zurückzuſchicken.. ich gab es aus, und nun wirſt Du begreifen, warum ich nicht ſehr eilte, die von Dir angebotene Stelle anzunehmen. Da ich aber Alles aufgezehrt hatte, war ich im Begriff, bei Dir einzutreten, als Du mich zu Madame Merlier führteſt. Wohlan, weißt Du, wen ich in dieſer glän⸗ zenden Geſellſchaft traf?.. Das Oberhaupt meiner Falſchmünzer!“ „Wäre es möglich? Nein, das kann nicht ſein; Du haſt es geglaubt, Du haſt Dich geirrt.“ „Ich habe mich ſo wenig geirrt, daß ich an dem auf dieſe Geſellſchaft folgenden Morgen ein Schrei⸗ ben erhielt, welches nebſt den Dankſagungen für meine Verſchwiegenheit einen Kaſſenſchein von tau⸗ ſend Franken und das Verſprechen enthielt, mir, ſo lange ich mein Wort halte, monatlich fünfhundert Franken zu ſchicken. Dieß iſt der geheimnißvolle Grund, welcher zu meiner veränderten Lage beitrug, und ſeit jener Zeit hat man pflichtgemäß das Ver⸗ ſprechen gehalten: es wurde mir jeden Monat in einem Schreiben der Schein von fünfhundert Franken zugeſchickt.“ „Aber der, welcher Dir das ſchickt, jener Elende, den Du bei Frau Merlier erkannt haſt, wer iſt er?“ „Du haſt es nicht errathen?.. Das iſt Dein Ne⸗ benbuhler, derjenige, der Deine Pauline heirathen will!“ — 5——— 131 „Herr Mortandal?“ „Derſelbe.“ Heinrich bleibt einige Augenblicke ſtumm vor Ueber⸗ raſchung; dann fällt er Bouchenot um den Hals, umarmt ihn mehrere Male und ruft aus:„Ach, mein Freund, welches Glückl.. wäre es möglich!.. Nein, er wird gewiß Pauline nicht heirathen, ſie wird nicht die Frau eines Elenden werden, und wenn Herr Giraumont das wüßte! Wer aber würde das geglaubt haben?.. Herr Mortandal, ein geachteter Kauf⸗ mann, ein Mann, mit deſſen Vermögen und Credit es ſo gut ſteht!“ „Zum Henker! es iſt nicht ſchwer, Geld zu haben, wenn man es ſich ſelbſt macht.“ „Herr Mortandal wäre ein Falſchmünzer? Bou⸗ chenot, weißt Du auch ganz gewiß, was Du da be⸗ haupteſt? weißt Du, daß auf einem ſolchen Verbre⸗ chen der Kopf ſteht und daß man, um Jemanden eines ſolchen zu bezüchtigen, Beweiſe haben muß?“ „Beweiſe! Beweiſe! Die ſich zu verſchaffen wäre vielleicht ſchwierig; aber gewiß iſt, daß das, was ich geſagt habe, mir Wort für Wort ſo begegnet iſt. Jetzt iſt es an Dir, Vortheil daraus zu ziehen; was mich anbelangt, ſo werde ich wahrſcheinlich an einem der nächſten Abende beim Nachhauſegehen wegen meiner Schwätzerei ermordet werden; aber ich bin darauf gefaßt. Mögeſt Du glücklich ſein und ich nicht mehr verachtet werden, mehr verlange ich nicht, und es wird mir auch nicht wehe thun, ein Geld zu ver⸗ lieren, das aus ſo ſchimpflicher Quelle kommt.“ 132 „Muth, mein lieber Bouchenot, ich werde über Dein Leben wachen. Von heute an wohnſt Du bei mir, verläßt mich nicht mehr.“ „Gerne, ich habe die Chauſſee d'Antin ſatt.“ „Aber zuerſt müſſen wir ſehen, wie wir an die⸗ ſen Mortandal kommen; Du mußt mich an das Haus führen, in dem Du ihn überraſcht haſt.“ „Dich dahin führen, das wird eine große Mühe machen; wie ſoll ich es wieder finden? Ich ſage Dir, daß es Nacht war und in einem ganz unbekann⸗ ten Viertel. Ich lief der Naſe nach und kam dahin, ohne zu wiſſen, wie! und beim Fortgehen hatte man mir die Augen verbunden.“ „Aber jener Hund, der Dich an das Haus führte?“ „Schnauzer! Ach ja, beim Kukuk, wenn man wüßte, wo der iſt, den ſoll man.. aber wo ihn finden? Das junge Mädchen, das ihn verloren hat, iſt eine Freundin Cölina's und heißt Prudentia; ich habe ſie ſeitdem mehrere Male wieder geſehen.“ „Nun, von dem jungen Mädchen könnte man er⸗ fahren.. „Nichts, ſie hat den Hund nicht wieder geſehen;— ſie wohnte in einem Viertel, das von dem, wo mir 3 das Abenteuer zuſtieß, ſehr entlegen iſt. Den Schnau⸗ zer hatte ſie von ihrem Pathen, einem Gärtner, er⸗ halten, der in ſeine Heimath zurück iſt. Von dieſer Seite iſt nichts zu hoffen; Alles, was ich weiß, iſt, daß wir den Hund einmal in Montmartre geſehen. haben: er war bei Männern, die ich nicht kannte 133 und die ihn ſeiner alten Herrin nicht zurückgeben wollten.“ „Was iſt da zu machen? Woher Beweiſe nehmen⸗ um dieſem Mortandal die Maske abzureißen oder ihn zu zwingen, der Hand Paulinens zu entſagen? ... Ach, die Briefe, die er Dir geſchrieben hat...“ „Er hat mir nur einen einzigen geſchrieben, aber der iſt nicht unterzeichnet und Du wirſt wohl auch einſehen, daß er nicht von ſeiner Hand geſchrieben iſte „Gleichviel; zunächſt will ich an Herrn Girau⸗ mont ſchreiben und ihn bitten, die Heirath ſeiner Tochter noch zu verſchieben, indem ich ihm wichtige Mittheilungen über Herrn Mortandal zu machen verſpräche; dann begeben wir uns auf den Weg, um das Haus zu ſuchen, wo Du in jener Nacht warſt, und wir werden es finden, es muß ſein.“ „Ja, wenn man es ſeither nicht niedergeriſſen hat, was wohl möglich wäre, denn es iſt faſt ein Jahr her.“ „Ach, Bouchenot, raube mir doch nicht ſogleich wieder alle Hoffnung, nachdem Du ſie kaum erſt in mir erweckt haſt.“ „Lieber Freund, ich will Dir nichts rauben, nur fürchte ich, möchte es etwas ſchwierig ſein; nun, wir wollen es verſuchen. Ich ſage Dir zwar zum Voraus, daß, wenn ich das Haus der Falſchmünzer wieder erkenne, ich nur mit bewaffneter Macht daſſelbe betrete, weil ich mich erſt ſo ſpät als möglich um⸗ bringen laſſen will. Schreibe immerhin dem Papa Giraumont; ich will während deſſen ſogleich einen 134 Hauderer nehmen, zu Georg, Cölina und Timotheus fahren und ihnen erzählen, woher ich mein Geld bekam. Ich habe einmal geſchwatzt, nun will ich es auch der ganzen Welt ſagen. Ach, man hielt mich für einen Polizeiſpion; ha, der Teufel! man ſoll er⸗ fahren, daß es nichts iſt, und wenn es nöthig ſein ſollte, will ich meine Geſchichte in allen Vierteln ausrufen laſſen.“ „Thue das ja nicht, Bouchenot, denn ſonſt wäre Herr Mortandel benachrichtigt und würde wohl auf der Hut ſein; wir könnten ihn nicht mehr überra⸗ ſchen. Du mußt unſern Freunden anempfehlen, daß ſie ſtille find und ſchweigen.“ „Gut, meinetwegen, aber das iſt einerlei, erzäh⸗ len muß ich ihnen Alles. Ich will vor Keinem mehr ein Geheimniß haben, ich will keinen Schritt mehr thun, ohne daß man weiß wohin, mein Betragen ſoll ſo klar ſein wie Felſenwaſſer und man ſoll nicht mehr von mir ſagen können, ich ſei ein Poli⸗ zeiſpion.“ Bouchenot läßt Heinrich einen Brief ſchreiben; er ſelbſt geht fort, nimmt einen Fiaker, läßt ſich zu Georg und Timotheus führen, deren Wohnungen ihm Heinrich mitgetheilt hat, und ſagt ihnen, ohne ſich durch den eiskalten Empfang aus der Faſſung bringen oder ihnen Zeit zu laſſen, ihn nach dem Grunde ſeines Beſuches zu fragen:„Meine Herren, Sie haben mich in falſchem Verdachte gehabt. Ich will Ihnen die Quelle meines Geldes entdecken und Ihnen alle meine Abenteuer erzählen, weil ich nicht dulde, daß Sie fürchten müſſen, ſich zu compromit⸗ tiren, wenn Sie mir die Hand geben.“ Und Bouchenot erzählt ſeinen Freunden Alles, wie er es Heinrich erzählt hat, und dieſe umarmen ihn, indem ſie ihm Glück wünſchen, daß er einem ſchlecht erworbenen Einkommen entſagt habe, um ihren Freund glücklich zu machen. Bouchenot verläßt ſeine alten Freunde und läßt ſich in die Calander⸗Straße führen; als er aber bei der kleinen Coloriſtin anklopft, will ihm dieſe, die ſeine Stimme erkannt hat, nicht aufmachen, ſondern ruft ihm durch die Thüre zu:„Laſſen Sie mich in Ruhe, mein Herr, ich will Sie nicht mehr ſehen: Sie wiſſen, warum. Es iſt unnöthig, daß Sie ſich zu mir herbemühen.“ „Fräulein,“ ſagt Bouchenot, ſeinen Mund an das Schlüſſelloch legend,„ich will mich rechtfertigen, will Ihnen beweiſen, daß ich kein Polizeiſpion bin. Meine Freunde haben mir bereits ihre Achtung wiederge⸗ ſchenkt; Sie werden mir auch die Ihrige nicht ver⸗ ſagen. Oeffnen Sie um Gottes Willen die Thüre.“ Cölina hat aufgemacht; Bouchenot tritt ein, ſetzt ſich, bittet um die ganze Aufmerkſamkeit des jungen Mädchens und wiederholt ihr Alles, was er bereits ſeinen alten Freunden geſagt hat. Cölina hört Bou⸗ chenot mit dem lebhafteſten Intereſſe an, ihr Geſicht drückt das Vergnügen aus, das ſie bei der Rechtfer⸗ tigung ihres Liebhabers empfindet. Ach, ſie läßt ihn nicht ausreden... ſchon liegt ſie ihm im Armez ſie nimmt ihn beim Kopfe, küßt ihn auf die Stirne und 136 ruft aus:„Mein armes Bouchenotchen, wie froh bin ich, ich kann Dich alſo noch lieben, immer lieben! Ach, ſiehſt Du, daß Dein Bauchgrimmen fingirt war; Du erſchrackſt nur, wenn Du dieſem abſcheulichen Mann begegneteſt, und hatteſt Furcht, in Unannehm⸗ lichkeiten zu gerathen.“ „Es iſt wahr, ich geſtehe: Alles, was mich an dieſes entſetzliche Abenteuer erinnerte, brachte mich in Beſtürzung und um meine Faſſung. Jetzt iſt es aus, ich bin entſchloſſen und auf Alles gefaßt.“ „Wie auf Alles gefaßt?“ „Natürlich, jetzt, da ich geſprochen und die Quelle von Herrn Mortandals Reichthum verrathen habe, muß ich mich gefaßt machen, an einem ſchönen Abend ermordet zu werden!“ „Warum nicht gar, das ſoll Niemand einfallen! Höre, bleib' bei mir, verlaſſe mich nicht; verſtecke Dich in meinem Bette und rühre Dich nicht.“ „Dein Vorſchlag, meine Liebe, hätte allerdings viel Angenehmes, aber ich habe Heinrich verſprochen, ihm bei der Nachforſchung nach dem Hauſe der Falſchmünzer behülflich zu ſein, und ich muß mein Wort halten.“ „Warum zeigt man Herrn Mortandal nicht gleich bei Gericht an?“ „Warum? Weil man vor allen Dingen Beweiſe und beſtimmte Anzeichen haben muß. Einen reichen Mann kann man nicht ſo ohne Weiteres denunciren; wenn er ein armer Teufel wäre, dann ginge es etwa; ein Mann, der dreißigtauſend Franken Renten hat, ſcheint immer unſchuldig.“ —— 137 Bouchenot verläßt Cölina, nachdem er ihr ver⸗ ſprochen hat, ſie bald wieder zu beſuchen. Er kehrt zu Heinrich zurück; dieſer hat ſeinen Brief fortgeſchickt und wartet ungeduldig auf Bouchenot, um mit ihm die Nachſuchungen zu beginnen, welche auf Entdeckung der Wahrheit führen könnten. Die beiden Freunde gehen aus und lenken ihre Schritte nach dem Quartier, wo Bouchenot ſich an dem Abend ſeines Unfalls bei den Gauklern hinbe⸗ geben hatte. Sie ziehen langſam fürbaß und ſuchen die ödeſten Straßen auf. Heinrich bleibt oft ſtehen und ſagt zu ſeinem Gefährten:„Beſinne Dich ein⸗ mal recht, iſt es nicht dieſes Haus?“ Bouchenot betrachtet es, ſchüttelt den Kopf und erwiedert:„Nein, das iſt es nicht, ich meine, es ſei eine große Mauer daran geweſen, aber ich weiß es nicht beſtimmt. Doch, ich erinnere mich jetzt, daß keine Häuſer in der Nähe ſtanden; es kann alſo nicht hier ſein.“ Man ſetzt ſeinen Weg wieder fort, ſteht abermals ſtille, geht manchmal wieder rückwärts, um ein Haus, welches Aehnlichkeit mit dem geſuchten hat, anzuſehen, aber Bouchenot entgegnet immer:„Es kann nicht das ſein. Ich entſinne mich jetzt ganz genau: es war in der Mitte eines Gäßchens, wo ſich ſonſt kein Haus befand; es war eine ganz vereinzelte Baracke und dieſe ſind es alle nicht.“ Der Weg verſtreicht unter vergeblichem Suchen. Am folgenden Morgen machen ſich Heinrich und Bou⸗ chenot wieder auf den Weg und durchſtreifen ohne 138 einen günſtigeren Erfolg das ganze Quartier, wo das geheimnißvolle Haus ſtehen muß. „Es iſt unbegreiflich,“ ſagt Bouchenot,„man muß das Haus abgebrochen haben, ſonſt würden wir es ſicher finden.“ Heinrich verzweifelte: er ſah die zu Paulinens Vermählung mit Herrn Mortandal feſtgeſetzte Zeit immer näher rücken, und da er das, was er an Herrn Giraumont geſchrieben, immer noch durch keinen Be⸗ weis unterſtützte, kün nerte ſich der alte Handelsmann nichts um die Warnung, weil er ſie für eine Ein⸗ gebung der Eiferſucht hielt, und wollte den Hochzeit⸗ tag ſeiner Tochter nicht weiter hinausſchieben. Heinrich, den die allem Anſcheine nach fruchtloſen Nachforſchungen endlich ermüdeten, war troſtlos und niedergedrückt zu Hauſe geblieben, denn übermorgen ſoll, ohne daß er es hindern kann, Pauline das Weib eines Andern werden. Georg und Timotheus leiſten ihm Geſellſchaft; ſie ſuchen ihn zu tröſten und ihm eine Hoffnung einzuflößen, die ſie ſelbſt nicht mehr hegen. Bouchenot iſt nicht bei ihnen, er iſt zu Cölina gegangen, um ſich im Vereine mit ihr zu befinnen, durch welches Mittel man dieſe Verbindung hinter⸗ treiben könnte, welche Heinrichs Unglück ausmacht. Plötzlich läutet man heftig. Die drei Freunde beben zuſammen, Heinrich ahnt eine gute Nachricht; Bouchenot tritt auch in der That gleich darauf mit einem großen Hunde an einem Tuche in's Zimmer. „Victoria, meine Freunde,“ ſchreit er,„Victoria! da iſt Schnauzer, den ich gefunden pabe, ich bringe „ 139 ihn, zwar ohne Erlaubniß ſeines Herrn, aber das iſt einerlei, ich bringe ihn doch.“ „Schnauzer!“ ruft Heinrich aus, deſſen Augen freudig und hoffnungsvoll ſtrahlen. „Was iſt das für ein Hund?“ fragen Georg und Timotheus. „Ei der Kukuk! das iſt der, der an all' meinen Abenteuern Schuld iſt, der mich Nachts in jenes kleine Haus führte, welches wir nicht wieder finden können. Aber er wird es finden, er. O! die Hunde ſind klüger als die Menſchen, ſie haben eine feinere Naſe.“ „Durch welches Glück haſt Du dieſen Hund ge⸗ funden.“ „Ach, meiner Treb'! der Zufall, die Vorſehung oder vielmehr der Bahonner⸗Schinken hat mir dazu verholfen. Hört mich an: ich war, den Kopf voll Gedanken über dieſe verfluchte Heirath, die unſern Freund zur Verzweiflung bringt, auf dem Wege, zu Cölina zu gehen, und beſann mich, wie man auch dieſen Mortandal veranlaſſen könnte, davon abzu⸗ ſtehen. Da ich weiß, daß Cölina eine lebhafte Ein⸗ bildungskraft hat, hatte ich ihr verſprochen, mit ihr zu frühſtücken, und während des Frühſtücks wollten wir uns über die Sache beſprechen. Plötzlich fällt mir ein, daß ich geſtern meiner Schönen auch ver⸗ ſprochen habe, ihr Etwas zum Frühſtück mitzubringen; ich ging gerade an Vero⸗Dodat vorbei, trete ein und laſſe mir ein prächtiges Stück Bayonner⸗Schinken geben, denn ich weiß, daß Cölina dieſen beſonders eine Maſſe hin und her fahrender Wagen, um aus⸗ zuweichen, einen Augenblick in das Haus eines Wein⸗ händlers zu treten; nach einer Weile ſetze ich meinen Weg wieder fort, aber ich habe noch keine zehn Schritte gemacht, als ich Etwas zwiſchen meinen Beinen ſpüre: dieß war ein großer Hund, der mir mit Gewalt nachlief. Ich will ihn eben wegjagen, als ich, denkt euch mein Erſtaunen, Schnauzer in ihm erkenne, der, ſeiner Neigung für den Schinken getreu, wahrſchein⸗ lich mein Frühſtück gerochen hatte, als ich vor der Hausthüre ſeines Herrn ſtand, mir deßhalb nachge⸗ laufen war, und fortwährend ſeine Schnauze in meine Taſche zu bohren ſuchte. Ol dann könnt ihr euch wohl denken, jagte ich ihn nicht mehr fort. Ich band ſogar im Gegentheil, damit er mir nicht entrinnen ſolle, woran das arme Thier übrigens gar nicht dachte, mein Nastuch an ſein Halsband und eilte ſo ſchnell als möglich, damit mir ſein Herr nicht nachſetze, hier⸗ her, um euch meinen glücklichen Fang zu zeigen.“ „Jetzt wollen wir mit dem Hunde in das Quar⸗ tier zurückkehren, welches wir ſchon einige Tage ver⸗ geblich durchſtreifen,“ ſagt Heinrich. „Halt!“ verſetzt Bouchenot,„ich meine, es wäre beſſer, wir warteten die Nacht ab, denn Schnauzer hat mich Nachts in das einſame Haus geführt. Wir wollen zu derſelben Zeit wieder hin.“ „Er hat recht,“ ſagt Georg,„wir wollen die Racht liebt. In der Sanct⸗Honorius⸗Straße nöthigte mich abwarten. Aber wir gehen mit euch, wir laſſen euch„ die Falſchmünzer nicht allein aufſuchen.“ 141 „Kommt nur mit,“ erwiedert Bouchenot,„mir iſt nichts lieber.“ „Und wir verſehen uns mit Waffen,“ verſetzt Timo⸗ theus;„Jeder muß ein Paar Piſtolen zu ſich nehmen.“ „Vortrefflich!“ ruft Bouchenot aus.„Bis dahin wollen wir gut eſſen und viel trinken, damit wir auch Muth zu dem Unternehmen haben.“ „Wir müſſen aber beſonders auf Schnauzer achten, daß er uns nicht durchgeht,“ ſagt Heinrich. „Ol! ſei ganz beruhigt, ſo lange ich noch Schin⸗ ken in der Taſche habe, entfernt er ſich nicht.“ Die vier jungen Leute eſſen mit einander zu Mittag und erwarten ungeduldig die Nacht. Timotheus hat ſeine und Georgs Piſtolen geholt; Heinrich verſieht ſich auch mit den ſeinigen; Bouchenot will keine an⸗ dere Waffe als ſein Ledermeſſer. Endlich wird es Abend und man macht ſich mit Schnauzer, der noch angebunden iſt, auf den Weg. In dem auf der entgegengeſetzten Seite des Kanals gelegenen Quartier in der Gegend der Barriere Ma⸗ nilmontant läßt man den Hund los, aber nicht aus den Augen. Bouchenot hat vorher ſeine Taſche geleert, damit ſich Schnauzer nicht zu ſehr an ihn halte. Längere Zeit folgt der Hund den jungen Leuten und ſcheint ſie nicht verlaſſen zu wollen. Aber plötzlich fängt Schnauzer an der Ecke einer wenig belebten Straße zu laufen an und ſchaut ſich nicht mehr um. „Jetzt weiß er, wo er iſt,“ ſagt Heinrich,„er wird uns führen, gebt genau auf ihn Acht.“ Paul de Kock LRII. 1⁰ 142 Die jungen Leute müſſen aus Leibeskräften laufen, um dem Hunde nachzukommen, der ſchnell voraustrabt und ſchon durch mehrere Gäßchen geſprungen iſt. „Hier iſt es,“ ſchreit Bouchenot,„ja, hier iſt es, ich erkenne das Haus ganz gut!“ „Und wir ſind wenigſtens zwanzig Mal an dieſem Haus vorbeigegangen,“ ſagt Heinrich,„ohne daß Du es erkannteſt.“ „Weil mir Etwas unbegreiflich iſt: früher ſtand das Haus allein in der Straße und jetzt ſind zwei weiter da, eines daneben und eines gegenüber.“ „Potz Kukuk! die hat man ſeither gebaut,“ ſagt Georg.„Man ſieht gut, daß ſie neu ſind.“ „Ach, der Teufel! das hat mich getäuſcht; aber es iſt das rechte Haus, meine Herren, ſeht, Schnau⸗ zer ſteht an der Thüre und möchte gern hinein. Ich will einmal ſehen, ob man, wenn man auf die Klinke drückte„ Heinrich eilt an die Thüre, aber die Klinke iſt weg⸗ geſchraubt und dießmal die Thüre feſt zu. „Was wollen wir jetzt machen?“ fragt Bouchenot. „Mit Gewalt in's Haus einzudringen wäre unklug; dann ſind wir auch nicht überzeugt, ob Herr Mor⸗ tandal und ſeine Genoſſen ſich gegenwärtig darin be⸗ finden, und wir ſollten ſie eigentlich auf der That 8 ertappen.“ Während ſich die jungen Leute berathen, was zu thun ſei, hält ein Cabriolet an dem Ende der Straße; ein Mann ſteigt aus und nähert ſich langſam dem Hanſe, vor welchem der Hund fteht; die jungen Leufe haben ſich zurückgezogen und hinter einer Mauerecke verborgen, um von dem Manne nicht geſehen zu werden, aber ſie haben vergeſſen, den Hund mitzu⸗ nehmen, der nicht von der Thüre weicht. Die aus dem Gefährt geſtiegene Perſon gelangt vor die Thüre des Hauſes; dort zieht ſie einen Schlüſſel aus der Taſche und iſt im Begriff, aufzuſchließen⸗ als Schnauzer zu bellen anfängt. „Der Teufel ſoll den Hund holen!“ ſagt eine Stimme, in welcher Heinrich ganz gut die des Herrn Mortandal erkenntz„ich hatte ihn nicht bemerkt. Was chut er da? Marſch, geh'!. Er rührt ſich nicht. Was kegt daran, ſchnell hinein!“ „ Herr Mortandal iſt hineingegangen⸗ hat aber hin⸗ te ſich und Schnauzern, der ſich mit eingeſchlichen ha, die Thüre zugeſchloſſen. „Wir ſind nun gewiß, daß Herr Mortandal da drimen iſt,“ ſagt Heinrich;„ietzt muß aber einer von euch, meine Freunde, ein Cabriolet nehmen, ſich zu Hrrn Giraumont führen laſſen und ihn hierher⸗ bringn, um ihm zu veweiſen, wie ſich ſein künftiger Eidan bereichert.“ „Ds will ich beſorgen!“ ruft Bouchenot aus, der ſich mi Vergnügen von dem Hauſe entfernt;„ich eile, de Schwiegervater zu holen. Aber ſeid unter⸗ deſſen vrſichtig und laßt unſern Mann nicht ent⸗ rinnen.“ Bouchnot läuft und fliegt dabon, er findet ein Cabriolet, nimmt es und läßt ſich zu Herrn Girau⸗ mont führe den er wichtiger Angelegenheiten halber N 144 zu ſprechen begehrt. Man führt ihn in das Arbeits⸗ zimmer des Greiſen, zu dem er ohne Umſchweife ſagt: „Herr Giraumont, ich habe die Ehre, Sie davon zu benachrichten, daß Sie im Begriffe ſtehen, Ihr Fräu⸗ lein Tochter mit einem Falſchmünzer zu verehelichen. Da Sie wahrſcheinlich einen Mann, der ein ſolches Gewerbe treibt, nicht zum Eidam erwählen wollen, mache ich Ihnen den Vorſchlag, ſich von der Wahr⸗ heit meiner Worte zu überzeugen, damit Ste ferner Ihre Handlungen darnach einrichten können.“ Herr Giraumont fährt beſtürzt zurück und ruft aus:„Ein Falſchmünzer! Herr Mortandal ein Falſch⸗ münzer! Ach, mein Herr, das iſt nicht möglich, dc5 iſt wieder eine erdichtete Verläumdung, damit ich ihn meine Tochter nicht geben ſoll.“ „Ich mache Ihnen aber ja den Vorſchlag, ſich nit eigenen Augen zu überzeugen! Ich glaube, daß vas Schickſal Ihrer Tochter wohl der Mühe werth mire, einen Gang zu machen, um gewiß zu erfahren ob Sie wahr berichtet würden.“„ „So wollen wir gehen, mein Herr, ich bin ſereit, Ihnen zu folgen.“ Der Greis ſteigt mit Bouchenot in das Capriolet; ſie laſſen ſich in das Sträßchen führen, wo e Hein⸗ rich und ſeine Freunde treffen, die vor del Hauſe warteten. Heinrich tritt auf Herrn Giraumont zu und redet ihn an:„Glauben Sie nicht, mein Herr daß mich die Eiferſucht zu dieſer Handlung veranlgit, ſondern man hat mich verſichert, daß Herr Motandal nur — —— 56 145 ein erbärmlicher Falſchmünzer ſei, der ſich hier in dieſem einſamen Hauſe ſeinem verbrecheriſchen Ge⸗ werbe widme. Ich habe es für meine Pflicht gehal⸗ ten, Sie den, der Ihr Schwiegerſohn werden ſoll, kennen zu lernen. In dieſem Augenblick befindet ſich Herr Mortandal hier in dieſem Hauſe: wir haben ihn hineingehen ſehen und er iſt noch nicht zurück⸗ 3 gekommen. Was wollen Sie thun, mein Herr? Sie haben zu beſtimmen: ſollen wir uns mit Hülfe der Polizei das Haus aufmachen laſſen oder ein anderes Mittel anwenden? Sprechen Sie, wir gehorchen.“ „Sind Sie ganz gewiß, daß ſich Herr Mortandal in dieſem Hauſe befindet?“ fragt der Alte. „Ja, Herr Giraumont.“ „Nun, wir wollen alles Aufſehen vermeiden; wir müſſen nur in's Haus zu gelangen ſuchen, um zu wiſſen, was Herr Mortandal darin macht.“ „Ja, wir müſſen allerdings hineinzukommen ſuchen,“ erwiedert Bouchenot,„obgleich es vielleicht ſehr gefährlich für uns ſein kann; wie wollen wir aber die Thüre aufbringen?“ In dieſem Augenblick hörte man im Hausgang ein Geräuſch; in einer Weile wird heftig an der Thüre gekratzt: Schnauzer iſt es, der mit Gewalt heraus will. Der Hund drückt während des Kratzens ver⸗ mittelſt ſeiner Pfoten auf die Klinke, die innerhalb ſchließt; Bouchenot hört dieſes von Außen, ſtößt haſtig die Thüre auf, ehe die Schnalle wieder einfällt, und ſomit iſt ihnen der Eingang in's Haus geöffnet. „Schnauzer iſt wahrhaftig unſer Schutzengel,“ ſagt 4 146 Bouchenot.„Kommen Sie, meine Herren, treten Sie leiſe ein. Nehmen Sie Ihre Waffen, ich will Ihnen folgen.“ „Geh' lieber voraus und zeige uns den Weg,“ ſagt Georg. „Ich kann es beſſer, wenn ich hinter euch hergehe. Kommt, aber ganz leiſe!“ WMan tritt in's Haus, geht ſchweigend durch den Gang und den kleinen Hof, und hört, ſobald man ſich der Kellerthüre nähert, ſchon in einigß Entfer⸗ nung Hammerſchläge. „Hören Sie?“ ſagt Bouchenot,„ſie ſind eben in der Arbeit begriffen.“ „Wir wollen ſachte hillunter gehen,“ ſagt Heinrich, „ich ſehe einen Lichtſchimmex.“ Die jungen Leute und der Greis gehen diz Treppe hinab; ſie kommen in den Keller und hören in einem nahen Gewölbe, deſſen Thüre nur angelhnt iſt, ſprechen. Georg, Heinrich und Timotheus ſpannen den Hahn ihrer Piſtolen und drängen plötzlich mit dem Rufe:„Ergebt euch, ihr Elenden!“ vor. Nun ſahen ſie Herrn Mortandal, von Männern umgeben, wovon die einen Oel und Branntwein in Fäſſer füllten und dann zuſchlugen, während die an⸗ dern durch Röhren, die unter der Erde durchgeleitet waren und außerhalb mit den Barriéren in Verbin⸗ dung ſtanden, Flüſſigkeiten in großen Gefäßen auf⸗ fingen, welche auf dieſe Weiſe kein Octroi bezahlten. „Es ſind keine Falſchwünzer!“ ruft Bouchenot, verblüfft beim Eingang zu dem Gewölbe aus, wäh⸗ 1 . 8. 147 3 * rend Heinrich und ſeine beiden Freunde erſtaunt vor den Schmugglern ſtehen, die ebenfalls höchſt verwun⸗ dert über dieſen unerwarteten Beſuch ſind. ie, meine Herren, ſind Sie vielleicht Zollbe⸗ amte?“ fragt Herr Mortandal, die jungen Leute er⸗ ſtaunt anblickend. „Nein, aber man hatte uns verſichert, Sie geben ſich hier mit Geldmachen ab.“ „Ahel ich errathe, wer ihnen das geſagt hat,“ ver⸗ ſetzt der Marſeiller, welcher jetzt auch Bouchenots anſichtig wird.„Ich habe den Herrn auf dieſem Glauben gelaſſen, weil ich mir dachte, er werde ſich weit mehr vor einem Falſchmünzer als hinem Unter⸗ ſchleifer fürchten! So, Herr Bouchenot, Sie haben mich Rrrathen? Das iſt nicht ſchön!“ „Ei, z Teufel! Sie hätten mir wohl ſagen können, düß es ſich nur um Oel und Branntwein hanvlz,“ erſetzt Böuchenot,„dann wäre ich nicht in beſtändiger Todesangſt geweſen, ſeit ich Sie kenne.“ In dieſem Augenblick zeigte ſi ſich Herr Giraumont, der bisher außerhalb des Gewölbes geblieben war, Herrn Mortandal; dieſer Anblick ſcheint dem Letzteren etwas uangenehli zu ſein, aber er ſucht ſich zu faſſen und ſagt mit einem erzwungenen Lächeln:„Wie, mein lieber Schwiegervater, Sie wollen auch unſere geheime Niederlage ſehen?“ „Mein Herr,“ entgegnet der Greis,„es iſt mir um * Shretwillen ſehr lieb, daß Sie kein Falſchmünzer ſind, Mer ich will auch keinen Schmuggler zum Schwieger⸗ 8 ich achte nur ſolche ewerbe, die man bei 148 hellem Tage beireiben kann und die die Augen der Polizei nicht zu ſcheuen brauchen; das wird hinrei⸗ chend ſein, Ihnen begreiflich zu machen, daß zwiſchen uns Alles aus iſt.“ „Warum nicht gar, Herr Giraumont! Das iſt nicht geſchmuggelt, das iſt nur ein kleiner Unterſchleif.“ „Es iſt mir Beides gleich verächtlich; ſeien Sie übrigens beruhigt, es wird Sie Keiner von uns an⸗ zeigen. Kommen Sie, meine Herren, ich glaube, daß unſer Geſchäft hier jetzt beendigt iſt. Herr Hein⸗ rich, reichen Sie mir Ihren Arm.“ Heinrich läßt ſich nicht zwei Mal bitten: er eilt eifrigſt herbei. Georg und Timotheus folgen ihnen und Bouchenot kommt hintendrein. „Ach!“ wiederholt er immer,„wenn ich gewußt hätte, daß es ſich bloß um Del und Branntwein han⸗ delte! Das ſind rechte Dummköpfez es geſchieht ihnen aber recht, warum haben ſie mich für Narren ge⸗ halten.“ Vierzehn Tage nach dieſer Begebenheit wurde Heinrich Paulinens Gatte, und ſeine drei Freunde wohnten der Feierlichkeit bei, die ſein Glück begrün⸗ dete. Bouchenot nahm die ihm von Heinrich angebotene Stelle an. In der erſten Zeit arbeitete er weder gut noch fleißig, aber Heinrich war ſehr nachſichtig; end⸗ lich gewöhnte er ſich allmälig an die Arbeit: er ſah ein, daß man ſich nie langweilt, wenn man arbeitet, und das Vergnügen weit größer iſt, wenn man es ſeltener genießt. — — — 149 Cölina war ordentlich, thãtig und ſparſam ge⸗ worden, und Bouchenot blieb ihr am Ende treu. Man muß ſowohl in der Liebe als in andern Dingen nie die Hoffnung ganz aufgeben. Der gefeierte, verhätſchelte, wohlgenährte Schnau⸗ zer blieb bei Heinrich und Paulinen, die ihm ihr Glück verdankten. Aber Bouchenot ſagte manchmal:„Trotz all' dem wiſſen wir noch nicht, was den Hund in das Haus der Schmuggler lockte.“ Fräulein Prudentia heirathete zuletzt Herrn Mer⸗ landin, der Bouchenot und Cölina zu ſeiner Hochzeit einlud, und ehe er mit ſeiner Frau nach Poiſſy zu⸗ rückkehrte, ſagte:„Ei! der Pathe meiner Frau hat mir aufgetragen, mich nach einem Hund Namens Schnauzer zu erkundigen, und mich gebeten, ihn zu⸗ weilen zu dem Manne zu führen, der ihn ihm ge⸗ ſchenkt habe: es ſei ein Gärtner, der bei der Barriére Menilmontant wohne, aber meine Frau hat mir geſagt, ſie habe den Hund verloren, und der Gärtner iſt, ſo piel ich gehört habe, ſchon lange ge⸗ ſtorben.“ „Ach, daher rührt Schnauzers Anhänglichkeit für das einſam ſtehende Haus!“ ruft Bouchenot aus, als Herr Merlandin geendet hat;„Jjetzt wundert es mich nicht mehr, daß der Hund die Lokalitäten des Hauſes ſo gut kannte: es iſt ſeine Wiege, ſein Jugendaufent⸗ halt; vielleicht wünſchte er ſeine Anverwandten wie⸗ der zu ſehen! Neben ſeiner Liebe für den Schinken . 150 vewahrt Schnauzer auch das Andenken an ſeine alten Freunde und die elende Baracke, worin er erzogen wurde. Es gibt viele Menſchen, die kein ſo gute Gevächtniß haben wie dieſer Hund.“ O Go Inhalt des erſten Theils. Erſtes Kapitel. Eine Ofenröhre und ein Stock. 5 Zweites Kapitel. Die Anwendung eines S 43 Drittes Kapitel. Ein henge Manchen r ein S Hund 65 Viertes Kapitel. Die Zuhnſucher Se vie uhrentetten 77 Fünftes Kapitel. Die Familie Monflacon und die Gaukler. 90 Sechstes Kapitel. Eine hin Straße Inhalt des zweiten Theils. Erſtes Kapitel. Fräulein Prudentia.. 5 Zweites Kapitel. Rückkehr des verlorenen S 29 Drittes Kapitel. Fräulein Cölina 44 Viertes Kapitel. Die Geſchichte eines jungen Mn⸗ chens Fünftes Kapitel. Fei Sechstes Kapitel. Ein Vierter 4434 Siebentes Kapitel. Eine Börſe 105 Inhalt des dritten Theils. Erſtes Kapitel. Ein Frühſtück und vie Folgen deſſelben Zweites Kapitel. Das Seraphin⸗Theater Drittes Kapitel. Hero und Leander. Viertes Kapitel. Freunde bei der erſten auffuhrung eines Stückes S Fünftes Kapitel. Puteaux, St. Suen und Montmartre * Inhalt des vierten Theils. Erſtes Kapitel. Bouchenot in guter Geſellſchaft. Zweites Kapitel. Cin unerwartetes Einkommen. Drittes Kapitel. Die Liebe iſt aus, die Freundſchaft * zieht ſich zurück. PViertes Kapitel. Bouchenot nill ſich Wn Fünftes Kapitel. Drei junge Leute auf anderem Wege Sechstes Kapitel. Die Vergeltung.. Siebentes Kapitel. Worin Schnauzer noch n erſch BO Go Seite 29 43 S8 49 72 93 104 4 —. ſ 6 17 8 9 10 11 12 13 14 15 1