Paul de Kock's * humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Einundſechszigſter Theil. Bo Stuttgart: Scheible, Bieger* Sattler. 1845. Schnauzer. Von Paul de Rock. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. 2 Dritter Theil. Stuttgart: Scheible, Bieger s Sattler. 1845. Erſtes Kapitel. Ein Frühſtück und die Folgen deſſelben. Heinrich, Georg und Timotheus hatten ſich eben zu Tiſche geſetzt, als Bouchenot endlich bei dem Trai⸗ teur eintrat. „Nun, verfluchter Trödler, mußt Du venn immer zu ſpät kommen?“ rufen die jungen Leute beim An⸗ blick Bouchenots aus.„Biſt Du wieder einem jungen Mädchen nachgelaufen?. Haſt Du wieder einen Hund an Dich gelockt?. Was Leufels haſt Du getrieben, ſeit wir von Dir weg ſind?“ „Ei, mein Gott! meine Herren, ich habe mich angekleidet: meine Hoſen wollten mir nicht recht paſſen Zum Glück war unſere Nachbarin zu Hauſe.“ „Wie ſo! hat Dir die Nachbarin die Hoſen an⸗ ziehen helfen?“ fragt Georg lachend. „Das iſt nichts als eine Albernheit von ihm!“ ruſt Timotheus aus;„ich wette, es iſt nicht wahr.“ „Ich habe nicht geſagt, ſie hätte mir beim Ho⸗ ſenanziehen geholfen... übrigens iſt das kein Be⸗ weis, daß. aber laßt uns vorher frühftücken! Ich habe einen Rieſen⸗Appetit! Speist man gut hier?“ 6 „Freilich ſpeist man hier gut,“ erwiedert Georg; „der Tauſend, meine Herren, was halten Sie von Bouchenots Frage? Heinrich hat uns zum Frühſtück eingeladen, mit hierhergenommen, und Herr Bouche⸗ not erlaubt ſich noch die Frage: ob man gut ſpeiſe. Erſtens iſt der Gaſtwirth ziemlich bekannt und zwei⸗ tens möchte ich wiſſen, ob wir die Leute dazu ſind, ſo viel Umſtände zu machen, da wir doch geſtern noch überglücklich geweſen wären, wenn wir in der ſchlechteſten Garküche der Stadt Etwas zu eſſen be⸗ kommen hätten.“ „Die Freude, an einem guten Tiſche zu ſitzen, macht ihn verrückt,“ verſetzt Timotheus. „Meine Herren,“ entgegnet Bouchenot, ſeinen Teller mit Sardellen, Butter und Gurken füllend, „ich glaube nicht, daß ich Etwas geſagt habe, was Heinrich beleidigen könnte. Unſer Freund wird deß⸗ halb, weil er uns ein Frühſtück bezahlt, beſtimmt nicht verlangen, daß wir das Schlechte gut finden ſollen... das wäre Deſpotismus; überdieß muß man ſich, wenn man Geld in der Taſche hat, gut bedienen laſſen, das iſt mein Grundſatz.“ „Höre, Bouchenot, iß und ſchweige, das wird weit beſſer ſein.“ „Aber laßt ihn doch reden!“ wirft Heinrich ein, „er hat recht, wenn er ſich nicht genirt. Sind wir hier nicht Alle gleich? läßt die Freundſchaft einen Unterſchied gelten— falls Einer von uns etwas mehr Geld in der Taſche hätte als der Andere?“ „O, gewiß nicht,“ ſagt Bouchenot, ſich auf dem 7 Lehnſtuhl ausdehnend, worin er ſich niedergelaſſen hatte.„Ja, die Freundſchaft ſoll ſich nicht um das bekümmern, was wir in unſern Taſchen haben 1... Es iſt kalt hier... Kellner, legen Sie mehr Holz in den Ofen und bringen Sie mir eine Wärmpfanne, ich habe bei Tiſche gern warme Füße.“ „Ach! jetzt braucht er gar noch eine Wärmpfanne!“ ruft Timotheus aus. „Warum ſoll man entbehren, wenn man es beſſer haben kann?.. Kellner, dieſe Flaſche riecht nach dem Stöpſel, geben Sie uns eine andere.“ Georg und Timotheus ſahen ſich lachend an, ſie begriffen nicht, wie Bouchenot dazu komme, in ſolchem Tone ſeine Befehle zu ertheilen, denn aus dem Weſen, womit er ſich bedienen ließ, hätte man ſchließen können: er ſei der Bewirther der Geſellſchaft. Während er ſtets wiederholte, daß die Freundſchaft keinen Werth auf Reichthum legen müſſe, griff er häufig an ſeine Weſten⸗ taſche, um ſein Geld zu betaſten. Der Beſitz von hundert Thalern gab ſich in ſeinen Manieren und ſeinen Worten kund. Sehr ſelten nur übt das Gold keinen Einfluß aus. Wollt ihr eine Probe davon machen, ſo füllt die Taſchen eines bisher eingeſchüch⸗ terten, armen Teufels damit an, und ihr werdet bald ſehen, wie er den Kopf höher trägt, mit feſte⸗ rem Schritte auftritt und kecker ſpricht. Da das Gold zuweilen ſogar auf den Charakter vernünftiger Men⸗ ſchen einwirkt, ſo kann man ſich denken, welche Wir⸗ kung es in ſolchen hervorbringen muß, die das Ge⸗ gentheil ſind. 8 In dieſem Augenblick waren dreihundert Franken für Bouchenot ein Vermögen. Da er beſtändig nur daran gedacht hatte, ſich Vergnügen zu verſchaffen, und weder rechnen noch arbeiten konnte, ſo war auch in kurzer Zeit die Hinterlaſſenſchaft ſeines Vaters ver⸗ zehrt, und als er ſein Erbtheil vergendet hatte, be⸗ dauerte er bloß, daß er nicht wieder auf's Neue an⸗ fangen konnte; ſeine Tage des Unglücks und der Ent⸗ behrungen hatten ihn nicht gebeſſert, und jetzt trach⸗ tete er einfach darnach, die lange entbehrten Freuden wieder zu genießen. Es gibt Menſchen, welche das Unglück nie zur Vernunft bringt: ſind ſie reich, ſo ruiniren ſie ſich; arm geworden, ſeufzen ſie nur nach dem Ueberfluß, um ihren Leidenſchaften wiederum fröhnen und ſich abermals ruiniren zu können; ſolche Menſchen kann man am beſten mit dem Namen Müßiggänger bezeichnen. „Ach!“ ruft Timotheus aus, während er ſich an einem mit Madeirawein gekochten Ragout erquickte, „man hat recht, wenn man behauptet, die Tage folgen verſchieden auf einander. Geſtern waren wir alle Drei ſo unglücklich, daß wir uns kaum bedecken konnten heute ſitzen wir gut gekleidet an einem vortrefflichen Tiſche!“ „Und Alles dieß verdanken wir Heinrich,“ fügt Georg bei;„ihm verdanke ich es, daß ich mein Stück vorleſen kann. es wird Beifall finden und ich werde noch andere dichten. O! ich fühle Muth und Kraft in mir.. eine innere Stimme ſagt mir jetzt, daß ich Glück machen, mein Name einige Be⸗ 9 rühmtheit erlangen werde!... Und mit dem Ruhme kommt auch der Reichthum!“ „Ich,“ ſagt Timotheus,„will jetzt fleißig arbei⸗ ten, daß ich in meinem Examen beſtehe und zum Advokaten ernannt werde, dann werde ich Prozeſſe führen, mit Talent plaidiren, ſo daß man ſich um mich als Anwalt reißen wird, Vermögen erwerben, Deputirter werden, zu Amt und Ehren gelangen und auch im Rocher de Cancale regaliren.“ „Und was mich betrifft,“ ſagt Heinrich,„ſo werde ich, wenn alle meine Unternehmen ſo glücklich aus⸗ fallen, als es den Anſchein hat, das Mädchen mei⸗ ner Liebe heirathen: Pauline muß mein Weib wer⸗ den!... Ach! meine Freunde, wie glücklich werde ich ſein!.. Wenn ihr meine Pauline kennen wür⸗ det und im Stande wäret, ihre liebenswürdigen Eigenſchaften, ihre Tugenden und ihre reizende, das Herz gewinnende Anmuth zu würdigen, ach! dann würdet ihr gleich mir ſagen: mein Loos ſei benei⸗ denswerth. Aber ihr ſollt Pauline kennen lernen, wenn ſie mein Weib iſt; ſie ſoll eure Schweſter, mein Haus das eure ſein, und ihr mein Glück mit mir genießen!“ Während die drei Freunde ſprachen, fuhr Bou⸗ chenot fort für Vier zu eſſen und zu trinken, und grif dabei bisweilen an ſeine Taſche. „Und Du, Bouchenot,“ ruft Georg aus,„Du ſagſt nichts, Du machſt keine Plane für die Zu⸗ kunft?. Du ſollteſt doch entzückt ſein, einen Platz bei unſerm Freunde zu finden; wäre es nicht möglich, 10 daß Du, wenn Du Geſchmack am Handel fändeſt, in der Folge Unternehmungen auf eigene Rechnung machen würdeſt?“ „Das hoffe ich ebenfalls,“ verſetzt Heinrich,„und ich werde ihn nach Kräften unterſtützen.“ „Meine Herren,“ erwiedert Bouchenot,„ich bin allerdings ſehr zufrieden... Kellner, geben Sie uns andern Pfeffer, dieſer iſt nicht fein genug geſtoßen... ja, ich bin durchaus nicht mißvergnügt, in der Zu⸗ kunft einen Platz zu haben... und wenn ich ihn an⸗ trete, ſo. allein die Zukunft iſt wie der Wind. Meiner Anſicht nach iſt nur das gewiß und poſitiv, was man bereits in Händen hat und genießt, wie zum Bei⸗ ſpiel dieſes Frühſtück, welches wir im Augenblick ver⸗ zehren; auch thue ich ihm, wie ihr ſehet, alle Ehre an.“ „Ich glaube, wenn das Frühſtück immer dauerte, wäre es Bouchenot lieber als eine Stelle bei Hein⸗ rich!“ brummte Timotheus zwiſchen den Zähnen. „Kurz, meine Herren,“ ſagt Georg,„es mag kommen, was da will, ſo hoffe ich, daß nichts unſere Freundſchaft brechen kann, da ſie ſtets auf Achtung gegründet ſein und Keiner von uns, um ſein Glück in der Welt zu machen, von dem Pfade der Ehre und der Rechtſchaffenheit abweichen wird.“ „Gut geſprochen!“ ruft Timotheus aus.„Außerdem iſt ein ſchlechterworbenes Vermögen keine Wohlthat mehr, ſondern eine Laſt; das meine wenigſtens ich.“ „Ihr wißt, daß ich dieſe Gefühle mit euch theile,“ ſagt Heinrich;„ich würde ſogar auf die Hand des Weibes, welches ich anbete, verzichten, wenn ich, um 1¹ dieſe zu erlangen, Mittel anwenden müßte, die man nicht ohne Erröthen geſtehen darf.“ Bouchenot ſchwieg, er aß fort und krazte ſich an der Naſe. „Wohlan, meine Herren, laßt uns auf unſere ewige Freundſchaft anſtoßen!“ ſchrie Georg, ſein Glas erhebend. „Ach ja, wir wollen anſtoßen, ich bin dabei!“ ruft Bouchenot aus, indem er ſein mit Bordeaur ge⸗ fülltes Glas zur Hand nimmt; aber eben im Begriff, anzuſtoßen, hält er inne und ſagt:„Ich glaube, daß es ſich beſſer für uns ſchickte, wenn wir mit Cham⸗ pagner anſtoßen würden! Meine Herren, ich mache euch den Vorſchlag, eine Flaſche zum Beſten zu geben.“ „Wahrhaftig, Bouchenot, Du ſchwatzeſt heute nur Unfinn,“ entgegnet Georg, nachdem er ſein Glas ge⸗ leert hat;„aber Du gehſt zu weit. Wie! Alles, was wir im gegenwärtigen Augenblicke beſitzen, ſogar un⸗ ſere Kleidung, verdanken wir der Gefälligkeit un⸗ ſeres Freundes: er leiht uns Geld, ohne daß wir wiſſen, wann wir es ihm wieder zurückgeben können; er regalirt uns bei einem vortrefflichen Gaſtwirth mit einem feinen Frühſtück, und Du willſt, weil Du das entlehnte Geld in Deiner Taſche klirren hörſt, dem Champagner bezahlen, der ſich Entbehrungen auferlegt, um uns unterſtützen zu können!... Und wenn Du dann nichts mehr haſt, entblödeſt Du Dich nicht, auf's Neue von ihm zu entlehnen? 24 „Ich glaube, er hat wieder einen Fieberanfall wie geſtern Abend,“ ſagt Timotheus. ———— — — 12 „Meine Herren,“ verſetzt Georg,„Bouchenot er⸗ innert mich an ein Abenteuer, welches einem Schrift⸗ ſteller begegnet iſt, der mir es erzählt hat. Eines Morgens erſchien ein bejahrter, gut gekleideter Mann bei ihm und bat ihn im flehenden Tone um eine Unterſtützung, indem er ihn verſicherte, er ſei ſchon ſeit mehreren Tagen ſo arm, daß er ſich kein Brod mehr kaufen könne. Der Schriftſteller fühlte ſich, obwohl ſchon oft mit ſolchen Geſuchen beläſtigt, doch durch den Ton des Mannes erweicht und entließ ihn erſt, nachdem er ihm zehn Franken geſchenkt hatte. An dem Abend deſſelben Tages ging unſer Schrift⸗ ſteller in ein Kaffeehaus, und die erſte ihm in das Auge fallende Perſon war der Nothleidende von heute Morgen, der, an einem Tiſche ſitzend, ſein Täßchen Kaffee ſchlürfte und ſein Gläschen Rum dazu leerte. Ihr ſeid vielleicht der Meinung, dieſer ſei beim Eintritt des Mannes, der ihn am nämlichen Morgen mit einem Almoſen beſchenkt hatte, in Verlege nheit ge⸗ kommen? Richt im Geringſten: er rief Jenem mit einem unvergleichlich ſorgloſen Tone zu:„Guten Tag, mein lieber D... Sie machen es wie ich⸗ Sie trinken Ihr Täßchen Kaffee!“ Als nun Bouche⸗ not eben Heinrich Champagner anbot, ſchien er mir ein würdiges Seitenſtück dieſes Unglücklichen, der ſein Täß⸗ chen Kaffee trank und ſein Gläschen Rum dazu leerte.“ Bouchenot gab keine Antwort; er verdrehte den Mund, ſchlug die Augen nieder und ſah aus, wie wenn er ſich auf eine Entſchuldigung beſinnen wollte, um ſeinen Vorſchlag vergeſſen zu machen, aber Hein⸗ 13 rich klopfte ihm mit den Worten auf die Schulter: „Mein armer Bouchenot, es ſcheint mir, als ob Dich unſere beiden Freunde heute ſehr hart behandelten... aber laß ſie reden. Was mich betrifft, ſo finde ich es durchaus nicht unrecht, daß Du den Champagner dem Bordeaur vorziehſt, und ich hatte Deinen Ge⸗ ſchmack zum Voraus errathen!.. Sieh', drehe Dich um und betrachte jene beſchnürte Flaſche auf dem nächſten Tiſche nur erlaube mir, daß ich ſie mit dem Frühſtück bezahle.“ „So meinte ich ja,“ entgegnete Bouchenot.„Ach, lieber Gott, kann ſich die Zunge nicht auch verfehlen? iſt es denn verboten, bisweilen eine Dummheit zu ſagen?. Georg und Timotheus nehmen übrigens einen Ton gegen mich an, der mir im höchſten Grade mißfällt!. Ich will nicht geärgert ſein, ſie ſollen nicht glauben, ſie können mich wie einen Neger an der Naſe herumführen.“ „Friede! Friede!“ ruft Heinrich aus, während er die Champagnerflaſche herbeiholt.„Das wäre ſchön, wenn ihr bei unſerer erſten Zuſammenkunft nach mei⸗ ner Rückkehr Händel bekämt! Kein Wort mehr davon, laßt uns dieſen Champagner auf unſere Jugend⸗Er⸗ innerungen, unſer gegenwärtiges Glück und unſere lünſtigen Hoffnungen leeren.“ „Gerne,“ ſagt Bouchenot,„ich trage Niemand Groll nach. Laſſet uns trinken.. aber nicht in dieſen Gläſern... Kellner: Champagner⸗Kelche! geſchwind. und Bisquit zum Eintunken dazu, da⸗ mit er ſtärker mouſſirt!“ Georg unterdrückte einen Ausruf, der ihm ent⸗ fahren wollte, und bemühte ſich, Timotheus mit einem Lächeln anzublicken. Die von Bouchenot verlangten Kelche und das Bisquit wurden gebracht. Heinrich ſchenkt den ſchäumenden Wein ein, man ſtoßt an, trinkt, lacht, und die Eintracht iſt unter den jungen Leuten bald wieder hergeſtellt. „Jetzt muß ich euch verlaſſen, meine Herren,“ ſagt Heinrich, als die Champagnerflaſche ausgetrun⸗ ken war. „Schon!“ ruft Bouchenot mit einem Blick auf die leere Bouteille aus.„Könnten wir denn nicht.. noch. Georg läßt Bouchenot nicht enden, ſondern gibt ihm einen heftigen Stoß mit dem Knie und fällt ihm in's Wort:„Auch ich muß mich unverzüglich entfernen es iſt zwar beinahe drei Uhr, allein ich werde den Direktor noch im Theater treffen. Ich habe mein Manuſeript in der Taſche und will es ihm bringen.“ „Ich gehe nach Hauſe,“ ſagt Heinrich;„ich will mich in meiner neuen Wohnung einrichten... meinem Schreibtiſch, meiner Kaſſe ihren Platz anweiſen...“ „Wo wohnſt Du gegenwärtig?“ „In der Provencer⸗Straße. Hier, Freunde, iſt meine Adreſſe. A propos, Bouchenot, ich rechne auf Dich ich erwarte Dich morgen.“ „Morgen?“ entgegnet Bouchenot mit unent⸗ ſchloſſenem Tone.„Ach ja.. morgen⸗ vielleicht auch ſpäter.“ 3 15 „Und warum nicht morgen?“ fragt Heinrich. „Ach! ſiehſt Du, weil ich noch tauſend Kleinig⸗ keiten zu beſorgen und Anordnungen wegen meines Auszuges zu treffen habe.“ „Ha, ha, ha! Dein Auszug wird lange dauern!“ ſchreit Timotheus mit ſchallendem Gelächter;„Hein⸗ rich hat heute Morgen ein Müſterchen unſeres Mo⸗ biliars geſehen.“ „Nein,“ ſagt Georg,„er hat morgen noch ein Stelldichein mit einer geliebten Perſon.“ „Ich habe, was ich habe,“ verſetzt Bouchenot übellaunig.„Der Teufel, meine Herren! ein Jeder hat ſeine eigenen Angelegenheiten.. ich kümmere mich auch nicht um die eurigen!“ „Sei nicht böſe, Bouchenot,“ beſchwichtigt Hein⸗ rich, ſeinen Hut nehmend;„ſorge nur, daß Deine Sachen bald beendigt ſind, denn ich kann es kaum ewarten, Dich mit Deiner Stelle und Deinen Ge⸗ ſcäften bekannt zu machen.“ „O! verlaſſe Dich auf mich. Ich wiederhole es Dir, einmal in meine Stelle eingetreten, werde ich erſtaunlich fleißig ſein.“ „Nun, meine Herren, wollen wir uns entfernen.“ Die jungen Leute verlaſſen das Gaſthaus; Hein⸗ rich und Georg trennen ſich nach einer Weile von ihren Kameraden, um ihren Geſchäften nachzugehen. Timotheus und Bouchenot befinden ſich Beide auf dem Chatelet⸗Platze. Sie blicken ſich an und ſchei⸗ nen nicht recht zu wiſſen, was ſie beginnen wollen. Vouchenot iſt feſt entſchlyſſen, ſich zu amuſiren, aber er weiß noch nicht wie. Was Timotheus anbetrifft, der nicht an's Trinken gewöhnt und dem der Cham⸗ pagnerdunſt bereits in den Kopf geſtiegen iſt, ſo war⸗ tet dieſer auf eine Entſcheidung ſeines Freundes. „Was wollen wir treiben?“ fragt der Letztere endlich Bouchenot. „Beim Kukuk, uns beluſtigen, das Leben genie⸗ ßen,“ antwortet dieſer, ſeinen Hut auf das Ohr ſetzend, um ſich ein unternehmendes Ausſehen zu geben. „Das Leben genießen!“ wiederholt Timotheus; „aber ich meine, wir hätten den heutigen Morgen nicht übel zugebracht... wir haben herrlich gefrüh⸗ ſtückt.“ „Nun, was ſchadet das? iſt der Tag ſchon zu Ende?... es iſt erſt drei Uhr, wir können noch zu Mittag und zu Nacht eſſen. Wir haben lange ge⸗ nug Diät beobachtet, wir müſſen uns entſchädigen! Tage der Freude und der Ueppigkeit ſollen denen des Kummers und der Entbehrungen folgen... wir haben Geld in der Taſche, ſind Herren unſerer Zeit, laß ſie uns venützen es lebe die Freude!“ iſt mein Wahlſpruch.“ „Es lebe die Freude!. lautet ganz ſchön... aber wir müſſen das Geld, welches wir in unſeret Taſche haben, ſparen, da man es uns geliehen hat.“ „Spare Du das Deinige, wenn Du willſt, ich gebe das meinige aus. dazu hat man es.“ „Eigenes Geld, das mag wohl ſein... aber das Geld eines Andern.4 17 „Ach, Timotheus, ich bitte Dich, mach' mich nicht ärgerlich; ich ſage Dir es zum Voraus, ich trinke den beſten Wein. Laß hören: willſt Du einen Tag der Wohlluſt verleben, in den Genüſſen Capua's ſchwel⸗ gen, ſo reiche mir Deinen Arm und folge mir, ich halte zechfrei.“„ „Du regalirſt!.. Du regalirſt!... Ich wollte ein wenig auf dem Kai herumſchlendern, um nlr bei einem Antiquar ein lateiniſch⸗franzöſiſches Lexi⸗ con zu ſuchen.“ „Geh', wer wird denn heute an Arbeit denken! Du biſt nicht bei Stimmung.. der Champagner hat Dich aufgeregt!... Kaufe den Faublas ſtatt Ju⸗ ſintans Pandekten, einen Mathias Lansberg ſtatt des Civil⸗Codexes. Noch einmal, laß Dich von der Freundſchaft leiten.. und uns den Lebenspfad mit Roſen beſtreuen. Zuerſt wollen wir eine Partie Billard ſpielen, die wir mit Biſchof anfeuchten, da⸗ mit wir Appetit zum Mittageſſen bekommen.“ „Ich bin ſehr ſchwach im Billardſpiel.“ „Nun, und ich ſehr gewandt, das gleicht die Sache aus. Vorwärts mit dem rechten Fuß!... Donner! wie ſchön iſt das Leben, wenn man volle Taſchen hat!“ Timotheus nimmt den Arm ſeines Freundes und die Herren lenken ihre Schritte dem Palais⸗Ropal zu; ſie treten in ein Kaffeehaus, gehen in das Billard⸗ zimmer hinauf und Bouchenot läßt Biſchof und Ci⸗ garren kommen. Paul de Kock. LX1. 2 . 18 imotheus ſpielt ſehr ſchlecht und verliert alle Partien; allein Bouchenot wiederholt ihm einmal über das andere:„Mach' Dir keine Sorgen, ich be⸗ zahle.. gib auf mein Spiel acht und lerne es nach demſelben.“ Der Biſchof, den Bouchenot reichlich einſchenkt, macht Timotheus vollends betrunken, und er weiß beinahe nicht mehr, was er thut; er ſucht das glän⸗ zende Spiel ſeines Begleiters nachzuahmen und zer⸗ reißt, während er einen Ball in's Loch ſchnellen will⸗ das Billardtuch. „Mach' nur fort,“ ſchreit ihm Bouchenot zu,„küm⸗ mere Dich um nichts ich will den Schaden ſchon erſetzen!“ Aber der Marqueur, den Timotheus Spiel in Schrecken ſetzt, läuft auf dieſen zu und ſchreit:„Mein Herr, jeder Riß muß mit zwanzig Franken bezahlt werden!“ „Ganz gut,“ entgegnet Bouchenot,„wenn man alſo fünfzehn Riſſe hineinmacht, ſo koſtet es hundert Thaler nicht wahr, ich kann gut rechnen?“ Allein der Marqueur traut den betrunkenen Spielern nicht; er befürchtet, daß wenn ſo fort blokirt werde, ſich am Ende kein Fetzen Tuches mehr auf dem Billard pefinde, und eilt daher, ſeinen Herrn zu holen. Der Eigenthümer des Kaffechauſes kommt herauf? es iſt ein ganz kleines Männchen mit einer unge⸗ heuren lockigen Perücke, wie ein Löwenkopf, worin er ſich ſo groß glaubt als das Saint⸗Denis⸗Thor, und welche mit jedem Kinde, womit ihn ſeine Frau 19 beſchenkt, größer und lockiger wird. Er ſtürzt auf Timotheus zu, der eben eine rothe Kugel viſirt, packt ihn und die Queue, die er in Händen hat, und kreiſcht mit heiſerer Stimme:„Mein Herr, Sie dür⸗ fen nicht mehr fortſpielen.“ Timotheus ſtarrt den Kaffeewirth blödſinnig an, während Bouchenot, der eben ein Glas Biſchof zum Munde führen will, höhniſch ausruft:„Was will der kleine Löwe?“ „Mein Herr, ich bin der Eigenthümer des Kaffee⸗ hauſes und ich rathe Ihnen, das Billardſpielen auf⸗ zugeben. Dieſer Herr yat ſchon einen ſehr bedeuten⸗ den Riß gemacht, und an der Art, wie er ſeine Queue hält, merkt man, daß er gar nicht ſpielen kann; ich will nicht, daß mein vorzügliches Billard in Fetzen geriſſen werde!“ „Brrr!.. jetzt iſt es genug!.. Nun, mein kleiner Löwe, werden Sie uns das Vergnügen machen, uns mit Frieden zu laſſen und ſich an einen andern Ort zu verfügen?“ „Mein Herr,“ entgegnet der Kaffeewirth, die Fäuſte ballend und auf die Zehen ſtehend,„ich heiße nicht kleiner Löwe. Ich wiederhole Ihnen, daß ich der Herr des Hauſes bin.“ „Nach uns, guter Freund. Wir ſind, indem wir bezahlen, Meiſter in einem Kaffeehauſe und können thun, was wir wollen.“ „Ich werde Ihnen beweiſen, daß dieſes nicht der Fall iſt. Sie hören auf zu ſpielen, meine Herren!“ „Wollen Sie auf dieſe Weiſe Ihrem Billard einen 20 ₰ Ruf pataßens.. Sie haben kein Recht, uns am Spielen zu hindern.. „Entſchuldigen Sie, man ſieht zu deutlich, daß Ihr Freund ſeine Queue nicht regieren kann.“ „Ich weiß nicht, wie Sie ſpielen, aber Sie haben einen verdammt großen Kopf, der allen Kindern des Quartiers Furcht einjagen muß.“ „Mein Herr, Sie beleidigen mich, glaub' ich! Nehmen Sie ſich in Acht! ich dulde nicht den gering⸗ ſten Scherz, und wenn Sie wünſchen, daß ich mit Ihnen heraustreten ſoll, ſo finden Sie Ihren Mann in mir. ich weiche vor Keinem, er ſei, wer er wolle!“ „Der Teufel! Sie ſind ein Glücklicher!. ich weiche vor Ihrer Perücke.“ „Meine Herren, ich ſage es Ihnen, ich werde Gewalt gebrauchen, wenn Sie ſich nicht gutwillig entfernen.“ Bouchenot merkt, daß der kleine Kaffeewirth nicht mit ſich ſpaßen läßt, und obgleich er ſeinen Hut ſchief aufgeſetzt hat, iſt er doch nicht geneigt, ſich zu ſchla⸗ gen. Er wirft zwei Napoleons auf den Tiſch und ſagt:„Ziehen Sie ab, was ich Ihnen ſchuldig bin⸗ und machen Sie ein Ende!... Wir werden aber nie wieder den Fuß in Ihr Haus ſetzen!“ „Das wird mir lieb ſein... ich will nicht, daß man bei mir ſein Geld verſchwende, ſondern ſich vor allen Dingen anſtändig betrage.“ „Ihre Worte paſſen ganz zu Ihrer Perücke. Vor⸗ wärts, geben Sie mir mein Geld heraus, Löwe!“ * Während man Bouchenot das Verlangte einhän⸗ digte, lief Timotheus im Saale en und ſuchte ſeinen Hut, den er auf dem Kopfe hatte. Man konnte ihm nicht ohne Wihe begreiflich machen, daß ſich ſein Caſtor auf dem gehörigen Platze befinde. Endlich reicht ihm Bouchenot den Arm und Beide gelangen in den Gartes des Palais⸗Royal. „Dieſer Kaffeewirth iſt ein Flegel, den ich mir merken werde!“ ſagt Bouchenot nun,„und wenn es mir nicht um Dich geweſen wäre, ſo hätte ich ihn gezüchtigt.“ „Hat er uns beleidigt?“ fragt Timotheus, der während des Gehens ſein Wöglichſtes that, nicht be⸗ trunken zu ſcheinen und ſein Gleichgewicht zu erhalten. „Verſteht ſich, er iſt ein Bengel!“ „Dann müſſen wir uns mit ihm ſchlagen.. laß uns in's Kaffeehaus zurückkehren.“ Mit dieſen Worten zieht Timotheus ſeinen Freund am Arme rückwärts; aber Bouchenot ſträubt ſich. „Nein, nein,“ ſagt er,„ſolche Menſchen muß man verachten. dieſer Kerl iſt unſern Zorn nicht werth. Wir wollen jetzt ans Mittageſſen denken.“ „An's Mittageſſen?“ „Allerdings! es iſt halb ſechs Uhr; ich meine, das eben die rechte Zeit.“ ½ „Haſt Du Hunger?“ „Ja, ich könnte ſchon Etwas zu mir nehmen.“ „Ich verſpüre nicht den mindeſten Appetit.“ „Er kommt während des Eſſens.“ „Mir iſt ganz ſchwindelig.“ ſei — 22 „Wenn Du Suppe ißt, wird es Dir beſſer.“ „Glaubſt Du?“ „Verſteht ſich! Komm', wo willſt Du eſſen?“ „Das iſt mir vollſtändig gleichgültig.“ „Gehen wir in das nächſte beſte Gaſthaus hinein, es gibt ihrer im Palais⸗Royal genug. Wenn man uns nicht gut bedient, ſo ſchlage ich Alles zuſammen; ich habe Feuer im Dache!“ Die beiden Freunde gehen zwei Mal durch den Garten, ehe ſie eine Reſtauration finden. Timotheus will immer zu Frontin eintreten, den er für einen Gaſtwirth hält, und Bouchenot ſcheut ſich vor allen Reſtaurationen, die dem Kaffeehauſe ähnlich ſehen, deſſen Eigenthümer ſich mit ihm ſchlagen wollte. Endlich zeigt ihnen ein ehrſamer Spaziergänger ein ſolches: die Herren treten in einen Speiſeſaal, wo eben Tafel iſt, und ſetzen ſich, nachdem ſie unterwegs zwei Stühle um⸗ und ein Gedeck heruntergeworfen haben, an einen Tiſch. Dieſe Manier, einzutreten, nahm nicht zu ihren Gunſten ein, und alle Gäſte im Saale erhoben die Blicke, um die Herren zu vetrachten, die das, was ihnen im Wege ſieht, zu Boden werfen.“ Timotheus ſetzt ſich nicht, ſondern fällt vielmehr auf einen Stuhl nieder. Bouchenot huſtet und ſpuckt aus, affektirt vornehme Manieren, blinzelt mit den Augen, indem er ſich umſieht, und wirft, während er ſeinen Hut aufhängen will, einen daneben hängen⸗ den und einen Regenſchirm hinunter. „Das find ſehr ungeſchickte Herren,“ ſagt ein 23 kleiner, aufgedunſener, gelb ausſehender Herr, dem Hut und Schirm gehören. Er ſitzt mit einer Dame reiferen Alters, die wie ein junges Mädchen friſirt iſt und eine elegante Ferronniere auf der Stirne hat, an einem anſtoßenden Tiſche. Es iſt Bouchenot endlich gelungen, Platz zu neh⸗ men. Ein Kellner iſt herbeigeeilt, hat die Hüte auf⸗ gehoben; man deckt den Herren den Tiſch und fragt ſie, womit man ihnen aufwarten könne. Timotheus, der ein Geſicht macht, als ob er ſchlafen möchte, blickt den Kellner dumm an und ſchweigt; Bouchenot nimmt die Karte, geht ſie durch und wendet ſich dann an ſeinen Freund mit der Frage:„Was willſt Du?“ „Ich denke, ich will Thee trinken,“ erwiedert Ti⸗ motheus, ſich auf ſeinem Stuhle ſchaukelnd. „Thee?. Dummkopf!.. Er meint, er ſei noch in London, wo er eine Million für Getränke aller Art verſchwendet hat. Kellner, geben Sie uns das Beſte, was Sie haben, und beſonders vortreffliche Weine, denn ich verſtehe mich darauf, ich ſage es Ihnen zum Voraus.“ „Man ſieht ſogar, daß Sie heute ſchon getrunken haben,“ murmelte der kleine aufgedunſene Herr, der es Bouchenot nicht verzeiht, daß er ſeinen Hut hin⸗ untergeworfen hat. Die Dame, die bei ihm iſt, hat ſich, nachdem ſie ihre beiden Nachbarn betrachtet, mit verächtlicher Miene in die Lippen gebiſſen, und Bou⸗ chenvt bricht, während er ſie anblickt, in ein gellen⸗ des Gelächter aus und ſagt zu Timotheus:„O, was iſt das für ein Kopf! Sieh' die alte, als Roſen⸗ X 24 mädchen gekleidete Kokette neben mir an! Ich erweiſe ihr nicht die Ehre, ſie für eine Pariſerin zu halten! Sie kommt mit einem Geſicht und Moden, die viel⸗ leicht vor fünfzehn Jahren Beifall fanden, vom Lande und der Gemahl, der aufgeſchwollene Mops. welch ſchönes Pärchen! Ich wette, ſie ſind in Paris, um ſich malen und in den Salon hängen zu laſſen.“ Timotheus gibt keine Antwort; es koſtet ihn ge⸗ nug, ſeine Augen offen zu behalten. Bouchenot ſchöpft ſeinem Freunde den Teller voll und ſpricht ihm zu: „Iß, trink, das wird Dir gut thun; blicke nach un⸗ ſerer kleinen Nachbarin, dann wirſt Du wieder wach.“ „Wie! iſt ſie da?“ fragt Timotheus, ſich die Augen ausreibend. „O, Du fängſt Feuer! Ich ſpreche von der alten Schachtel mit der Ferronniere.“ „Ich glaubte, Du meineſt Fräulein Cölina.“ „Ha, Schelm! mir ſcheint, Dir fleckt die kleine Coloriſtin im Kopfe!“ „Warum nicht?“ „Weil Du vergebens ſeufzeſt, mein Junge.“ „Wer ſagt Dir das?“ „Parbleu, das iſt leicht zu errathen: die reizende„ Griſette gefällt mir, ich habe meine Augen auf ſie geworfen und glaube nicht, mein armer Timotheus, daß Du Dir einbildeſt, Du trageſt den Sieg über mich davon.“ „Du viſt recht eingebildet! Ich mache der kleinen Cölina die Cour und laſſe mich von Dir nicht daran hindern.“ 25 „Du biſt recht hochmüthig, Timotheus, aber ich verzeihe Dir, weil Du betrunken biſt.“ „Bouchenot, ich werfe Dir dieſes Glas Wein in's Geſicht, wenn Du mich erzürnſt.“ „O⸗ o, warum nicht gar, das möchte ich ſehen.“ „Ah! das möchteſt Du ſehen?“ Dieſe Worte waren kaum beendigt, ſo hatte Ti⸗ motheus bereits ſein Glas ergriffen und den Inhalt deſſelben dem ihm gegenüberſitzenden Bouchenot zu⸗ geſchleudert; aber der Letztere hatte ſich, wie er Ti⸗ motheus' Bewegung nach dem Glaſe bemerkte, ſeit⸗ wärts gebeugt, weßhalb der mit Heftigkeit verſchüttete Wein das Geſicht des kleinen aufgedunſenen Herrn begoß, der am nächſten Tiſche ſaß. „Ha, das iſt zu arg!“ ſchreit der Kleine, mit dem Kopfe ſchüttelnd;„ſo unanſtändig habe ich noch Nie⸗ mand ſich betragen ſehen!... Meine Herren, Sie glauben wahrſcheinlich, Sie ſeien in einer Kneipe.“ „Ich bedaure unendlich, mein Herr,“ ſtammelt Timotheus,„es war nicht Ihnen zugedacht.“ „Es hat mich nichts deſto weniger Alles getroffen; wenn Sie meine Frau begoſſen hätten, würde es Ihnen nicht ſo hingehen.“ „Mein Herr, ich bin ganz beſtürzt.. „Meine Halsbinde iſt tropfnaß.“ Bouchenot barg während dieſes Geſpräches das Geſicht in ſeine Serviette, um nicht in ein pelles Lachen auszubrechen, da er aber dem Wunſche, das 5 Geſicht ſeines Nachbars zu ſehen, nicht widerſtehen konnte, drehte er ſich um und fing wie ein Narr laut 26 zu lachen an, wodurch der Zorn des kleinen Herrn noch geſteigert wurde. „Weßhalb lachen Sie, mein Herr?“ fragt der Kleine, wüthende Blicke auf Bouchenot ſchleudernd. „Mein Herr, ich erinnere mich an Etwas...“ „Was ſoll das heißen? Kennen Sie mich?“ „Nein, aber Ihr Geſicht mahnt mich an einen baus⸗ backigen Engel, den ich auf einer Tabaksdoſe hatte.“ „Haben Sie die Abſicht, mich zu beleidigen, mein Herr?“ „Wie? Sie beleidigen, weil ich ſage, Sie gleichen einem Engel?“ „Sie erſchöpfen meine Geduld, mein Herr!“ „Ihre Frau Gemahlin betet ſie gewiß vor Be⸗ wunderung an.“ „Ich hätte Luſt, Ihnen den Kopf zu waſchen.“ „Trocknen Sie doch zuerſt den Ihrigen ab.“ „Kommen Sie mit mir hinaus, mein Herr.“ „Nehmen Sie ſich in Acht; ich fürchte, es möchte zu Ihrem Nachtheile ausfallen!“ Dieſe Worte und der ſpöttiſche Ton Bouchenots brin⸗ gen den Herrn vollends zur Verzweiflung: er macht eine Bewegung, als ob er ſich erheben wollte, aber ſeine Frau hat bereits Hut und Schirm ergriffen, ſetzt ihm den erſtern auf und nimmt ihren Mann beim Arme. „Komm', Guter, laß uns gehen! Compromittire Dich nicht mit ſolchen Leuten!... Ich bleibe keine Mi⸗ nute länger hier, ſonſt bekäme ich meine Nerven⸗ leiden. Folge mir, mein Guter, ich bitte Dich.“ Der dicke Herr läßt ſich von ſeiner Frau dazu — bewegen; er ſteht auf, nimmt ſeine Gemahlin beim Arme, geht mit ihr in's Schenkzimmér, wo er ſein Eſſen bezahlt und über die jungen Leute ſchmäht, die betrunken in ein Gaſthaus kommen; dann verläßt er die Reſtauration, indem er die Thüre hinter ſich zu⸗ wirft, daß alle Fenſterſcheiben klirren. „Mein Guter kommt mir vor, als ob er recht bösartig wäre,“ ſagt Bouchenot, ſich zu trinken ein⸗ ſchenkend.„ „Schweig', Bouchenot, Du haſt unrecht und biſt ſchuld, daß wir allenthalben, wo wir hinkommen, in Händel gerathen.“ „Du darfſt Dich auflaſſen, Herr Timotheus, Du, der ſeinen Nachbarn die Gläſer in's Geſicht wirft.“ „Du weißt wohl, daß ich Dich treffen wollte.“ „Schon gut, ich verzeihe Dir und grolle nicht. Du biſt in Cölina verliebt, ich auch; nun wollen wir ihr Beide die Cour machen und ſie ſoll wählen.“ „Das läßt ſich hören; jetzt bin ich wieder Dein Freund.“ „Iß und trink' doch.. Du thuſt ja nichts; möchteſt Du vielleicht ein Glas Volney?... Ach, der Volney iſt kößtlich.⸗ „Ich verſichere Dich, daß mir eine Taſſe Thee lieber wäre.“. Bolchenot nöthigt ſeinen Begleiter, mit zu eſſen und zu trinken; unterdeſſen haben die Tiſchgäſte all⸗ mälig den Saal verlaſſen und Timotheus ſagt zu ſeinem Freunde:„Alles geht, es muß ſpät ſein, wir ſollten auch gehen.“ 28 „Bah! jetzt ſchon? Haſt Du genug gegeſſen?“ „Seit einer Stunde erſticke ich faſt.“ „Wir müſſen zuerſt Kaffee trinken. Kellner, flink, Kaffee! Wie wollen wir unſern Abend zubringen, Timotheus?“ „Unſern Abend! Wir gehen nach Hauſe und legen uns zu Bette.“ „Um acht Uhr in's Bett gehen? Pfui! wir wür⸗ den ſo gelb wie der kleine Herr, dem Du eben das Geſicht abgewaſchen haſt. Ach, mir fällt Etwas ein! Warſt Du ſchon im Seraphin?“ „Was iſt Seraphin?“ „Alſo iſt es Dir nicht bekannt. Es iſt ein Mario⸗ netten⸗ und Schattenſpiel⸗Theater. Als ich das letzte Mal dort war, war ich ſieben Jahre alt, und ich erinnere mich, daß ich mich außerordentlich ergötzte; ich will ſehen, ob mein Vergnügen daran heute noch eben ſo groß iſt wie damals. Außerdem hat man mir geſagt, man treffe dort hübſche Kindsmägde... Kammerjungfern, kurz Unterröcke... dort müſſen wir hingehen; dort gibt es Etwas zum Lachen, und ich bin jetzt in der rechten Stimmung dazu. Mach', trink'“ Deinen Kaffee ſchnell, ich brenne vor Begierde, den Bajaz zu ſehen.“ Nachdem der Kaffee getrunken iſt, bezahlt Bou⸗ chenot die Zeche, unterſtützt Timotheus, welcher nicht mehr im Stande wäre, allein zu gehen, und führt ihn in das Seraphin⸗Theater. 29 — Zweites Kapitel. Das Seraphin⸗Theater Ein ehrwürdiges Theater iſt das, welches, allen Zeiten und allen Umwälzungen Trotz bietend, immer in demſelben Glanze auf derſelben Stelle und unter derſelben Direktion fortbeſteht. 7 Das Seraphin⸗Theater hat dieſe Aufgabe gelöst: während rings um daſſelbe ſich Alles ändert und Alles vergänglich iſt, während zwanzig Direktoren Bankerott gemacht, drei oder vier ein Vermögen er⸗ worben haben, und die beliebteſten Schauſpielhäuſer leer waren, während man die verſchiedenen Genres erneut, vermiſcht, umwandelt, und ungeheure Sum⸗ men zur Herbeiziehung des Publikums ausgegeben hat, berühmte Schauſpieler, Nömaden und talent⸗ volle Künſtlerinnen rar geworden ſind, Schriftſteller Prozeſſe mit Direktoren gehabt, glückliche Unterneh⸗ mer den Dichtern Vorſchriften gemacht haben, und das Publikum deſſenungeachtet, trotz der unbernünf⸗ tigen Größe der Zettel, ſein Geld in der Taſche be⸗ hielt, hat das Seraphin⸗Theater fortgefahren, ſein beſcheidenes Glück zu befördern, und ein beſcheidenes, ſtets wachſendes und gedeihendes Glück iſt mehr werth als ein glänzender Triumphwagen, der plötzlich zu⸗ ſammenfürzt. Ihr werdet mir entgegenhalten, daß der Direktor eines Marionetten⸗Theaters weniger Koſten zu machen habe als ein anderer, ſeine Truppe in jeden ſeiner Wünſche füge, ſeine Schauſpieler nie murren, wenn man ihnen eine ſchlechte Rolle 30 zutheilt, ſeine Schauſpielerinnen nicht gegenſeitig in⸗ triguiren, um es dahin zu bringen, daß die Andere ausgepfiffen wird. Allein meiner Anſicht nach wird die Exiſtenz dieſes Theaters dadurch geſichert, daß ſein Publikum größtentheils aus Kindern beſteht, und Kinder weit weniger Anforderungen machen als Erwachſene. Wenn man ſie nur unterhält, ſo iſt es ihnen vollkommen gleichgültig, ob das Stück gut ge⸗ ſchrieben, gut durchgeführt und gut gehalten iſt. Es vedarf ſo wenig, dieſe kleinen Geſichter, die hier Freude und Vergnügen ſuchen, zum Lachen zu bringen. Der Anblick des Hanswurſts allein genügt, dieſe jugend⸗ lichen Phyſiognomien zu beleben und zu entzücken; man würde ſich vergeblich bemühen, Hanswurſt aus⸗ zupfeifen: das Schreien und Stampfen der Kinder würde ihm bald ſein Recht wieder verſchafft haben. Daher kann auch in dem Seraphin⸗Theater nie Etwas durchfallen. Glücklich ſind die Dichter, glüc⸗ lich das Publikum dieſes Theaters! und wir wüß⸗ ten in der That nicht, was dem Blühen und dem Beſtehen dieſes Marionetten⸗Theaters Eintrag thun könnte, da es, wie wir wenigſtens hoffen, immer Kinder geben wird. Aber außer den Kindern, die im Seraphin die Abonnenten, den Kern und die Mehrzahl des Pub⸗ likums ausmachen, kommen auch erwachſene Perſo⸗ nen hin. Erſtens können ſich die Kinder nicht allein einfinden: ſie müſſen ſich in Begleitung einer Mutter, einer Magd oder einer Erzieherin hinbegeben; ge⸗ wöhnlich führen zwar Mägde die Kinder ins Ma⸗ — 3¹ rionetten⸗Theater, aber die jungen Kindsmägde haben oft„Landsmänninnen“ und dieſe Vetter voder ſonſtige Bekannte, denen ſie beim„Hanswurſt' Stelldichein geben. Dann gehen auch junge Männer wie Bouchenot (ohne jedoch betrunken zu ſein), in der Abſicht, mit den jungen Kammerzofen während der Darſtellung der arabiſchen Nebelbilder zu ſcherzen, in's Seraphin⸗ Theater; denn ſo lange die arabiſchen Nebelbilder gezeigt werden, muß vollſtändige Dunkelheit im Saale herrſchen. Sie ſind eine Art Phantasmagorie; der Augenblick, wo vollkommene Dunkelheit eintritt, iſt nicht der unangenehmſte des Abends; man hört von allen Seiten des Saales her unterdrückte Ausrufun⸗ gen: die furchtſamen Mägde ſtoßen ſie aus. Ihr werdet bemerken, daß die Kinder nie ſchreien, ſie haben weit mehr Muth als ihre Hüterinnen. Endlich trifft man im Seraphin⸗Theater auch ver⸗ nünftige, ſogar bejahrte Perſonen, die, ohne Kinder, bloß deßhalb hingehen, um ſich einer Jugendfreude zu erinnern. Sie wollen ſehen, ob ſie ſich noch an den Scenen des„Hanswurſts“ und der zerbrochenen Brücke beluftigen können ſie möchten die zurückge⸗ legte Zeit vergeſſen und ſich noch wie in den ſchö⸗ nen Tagen ihres Frühlings ergötzen können; aber umſonſt, dieſe ſind dahin: der kleine Däumling⸗ und„der Thiergarten⸗ haben nicht mehr den ehe⸗ maligen Reiz für ſie; die Tänze der Mutter„Gi⸗ gogne laſſen ſie kalt, Harlekins und ſeiner Hans⸗ wurſte Witze locken kaum ein Lächeln auf ihren Lippen ————————— 32 hervor; das rühri daher, weil dieſes Schauſpiel nicht mehr für ihr Alter paßt und man ſich immer trau⸗ rig an einem Orte fühlt, wo man nur der Erinne⸗ rung wegen hingeht. Der Hanswurſt hatte bereits bewunderungswür⸗ dige Dinge aufgeführt: er hatte den Teufel geprü⸗ gelt, mehrere Gläſer Wein getrunken und ſich unter dem großen Beifall ſeines Publikums ſchon zwei Mal in einen Blumenſtock verwandelt, als zwei weitere Zuſchauer gleich einem Gewitter, welches einen ſchö⸗ nen Tag trübt, mit lärmendem Geräuſch in's Sera⸗ phin⸗Theater traten: ſie waren ſo laut, daß ſelbſt die Kinder ihr Geſicht von der Bühne abwandten, um nach der Thüre zu blicken. Ihr errathet, daß die beiden Neuangekommenen Bouchenot und Timotheus waren. Der Letztere, deſſen Betrunkenheit in der friſchen Luft noch zugenommen hatte, griff mit der Hand nach Allem, was er errei⸗ chen konnte, indem er immer einen Stützpunkt ſuchte; ſein Begleiter lärmte noch ſtärker als bei dem Trai⸗ teur, aber ſeine Augen waren ſo klein geworden⸗ daß man ſie kaum mehr ſah. „Gehen Sie auf die vierte Bank, dort iſt noch Platz“ ſagte eine Frau zu den veiden Freunden, die zugleich die Aufſicht führte, Plätze anwies und Logen öffnete. „Wir gehen hin, wo wir wollen, liebe Freundin!“ entgegnet Bouchenot mit lauter Stimme.„Wir haben Karten auf die erſten, auf die theuerſten Plätze ein⸗ gelöst, folglich können wir uns niederlaſſen, wo es 33 uns beliebt; wir wollen zuerſt die Frauenzimmer be⸗ trachten.. heute ſoll mich nichts reuen!“ „Still dort drüben!“ rufen einige Perſonen, ärger⸗ lich über das Geräuſch der Neuangekommenen. „Brrrr!“ entgegnet Bouchenot,„die Breimarder wollen uns Schweigen gebieten! Ha, ha! wir ſtören ſie, den Bajaz zu hören! Wir ſind für unſer Geld da; wir lärmen, wenn es uns Spaß macht. Sag', Timotheus, ſiehſt Du nirgends ein hübſches Lärv⸗ chen?“ Timotheus, der immer hin und her ſchwankte, hatte endlich einen Halt für ſeine linke Hand gefun⸗ den und ſtützte ſich mit Wohlbehagen darauf. Aber bald rief eine bebende Stimme die Worte aus: „Wollen Sie wohl Ihre Hand von meinem Kopfe wegthun? Sie geniren mich; iſt das auch Manier, ſich auf der Leute Kopf zu ſtützen?“ Eine alte Dame mit einem ungeheuren grünen Hute, den man füglich für ein Schirmdach hätte hal⸗ ten können, welche am Ende einer Bank vor Timo⸗ theus ſaß, äußerte ſich ſo; denn dieſer hatte ſich an den grünen Hut wie an ein Treppengeländer ange⸗ klammert. „Ach, ſchöne Dame,“ nimmt Bouchenot das Wort, „entſchuldigen Sie meinen Freund, er hat beſtimmt ohne Abſicht Etwas an Ihnen berührt. Wie, Grobian, Du nimmſt die Leute am Kopfe; was ſoll das hei⸗ ßen? Fängt man je auf ſolche Weiſe eine Unterhal⸗ tung an?“ Paul de Kock. LRI. 34 Timoiheus hat ſeine Hand zurückgezogen und ſtam⸗ melt unverſtändliche Worte; die alte Dame brummt, weil man ihren Hut außer Fagon gebracht hat, und die Billetabnehmerin ſagt in ſtrengem Tone zu Bou⸗ chenot:„Mein Herr, man darf das Schauſpiel nicht ſtören, und wenn Sie in dieſer Abſicht hierher ge⸗ kommen ſind, ſo gibt man Ihnen Ihr Geld zurück.“ „Laſſen Sie mich mit Frieden,“ gibt Bouchenot, im Saal herumlorgnettirend, zur Antwort;„Sie wer⸗ den am Ende gar behaupten, wir ſtören Ihre Schau⸗ ſpieler? Dieſe Kerls wiſſen ihre Rollen immer vor⸗ trefflich; ich finde übrigens, daß ſie Alle wie„Hans⸗ wurſt“ durch die Naſe ſprechen; man läßt ſie ohne Zweifel zu viel Tabak ſchnupfen. Sagen Sie mir, gibt man heute Abend die zerbrochene Brücke?““ „Ja, mein Herr.“ „Herrlich, das iſt ein klaſſiſches Stück; ich bin entzückt, es wieder zu ſehen. Wird nicht das„Enten⸗ lied“ und„Tirelonpha“ darin geſungen?“ „Ja, mein Herr.“ „Ach, bravo! köſtlich! Timotheus, man wird Li⸗ relonpha“ ſingen! Du wirſt auch mit einſtimmen⸗ Mein Freund hat eine Stimme wie Ihre Schauſpie⸗ ler! Ach, Timotheus, komme dort hinüber, folge mir⸗ mein Alterchen, ich ſehe dort ein munteres Geſicht⸗ chen, vorwärts!“ Bouchenot dringt mitten durch die Menge„ohne ſich zu entſchuldigen oder zu warten, bis ihm Platz gemacht wird; er zieht Timotheus hinter ſich her⸗ Die beiden Herren bleiben hinter zwei Kindsmägden 35 ſtehen, wovon die eine ziemlich hübſch, die andere abſcheulich häßlich iſt. Bouchenot ſetzt ſich hinter die Erſtere und ſagt zu ſeinem Gefährten:„Setze Dich neben mich.“ „Es iſt ja kein Platz da,“ entgegnet dieſer. „Setze Dich immerhin, man wird ſchon ein wenig zuſammenrücken und Platz machen.“ Timotheus läßt ſich auf den Schvoß eines Herrn nieder, den. die Späße des Hanswurſits in Entzücken zu verſetzen ſchienen. „Sie ſitzen auf mir! Sie erſticken mich!“ ſchreit der Herr, während Timotheus mit außerordentlicher Behaglichkeit auf ihn hinſinkt. „Es wird ſchon gehen, wir werden bald Raum genug haben,“ tröſtet Bouchenot. Aber der Herr beklagt ſich an Einem fort, das Publikum wird ärgerlich, man ſchreit von allen Sei⸗ ten:„Still, hinaus mit ihnen!“ Endlich ſtellt die Auf⸗ ſeherin Ordnung her, indem ſie alle auf der Bank der beiden Freunde ſitzenden Perſonen zuſammen⸗ rücken läßt. Timotheus bekommt einen eigenen Platz, ſein Nachbar hat ſich von ſeiner Laſt befreit, und Jedermann richtet ſeine Aufmerkſamkeit wieder auf das Schauſpiel. „Fürchten Sie ſich nicht, ſich an mich anzulehnen, ſchöne Blondine,“ beginnt Bouchenot, das Wort an das junge vor ihm ſitzende Mädchen richtend.„Lehnen Sie ſich immerhin an. Meine Kniee ſollen Ihnen als Lehnſtuhlarme dienen, ſie werden ſogar weicher ſein, denn ich darf mir ſchmeicheln, daß ſie rund ſind.“ 36 Das junge Mädchen lächelt und ſchweigt, und Bouchenot ſagt zu Timotheus:„Man wird Gehör finden; mache es mir nach, beſchäftige Dich mit Dei⸗ nem vis— à—vis und ſchlafe nicht auf der Schulter Deines Nachbars ein. Rühre Dich, Timotheus, wache auf, die Liebe ruft Dich!“ „Aber ich meine, die vor mir ſei häßlich,“ ent⸗ gegnet Timotheus, ſich an ſeinen Nachbar lehnend. „Häßlich? Durchaus nicht; das Halbdunkel im Saale bringt Dich auf dieſe Vermuthung. Sie hat einen wunderſchönen afrikaniſchen Kopf. Laß mich nur machen, wir wollen ihnen Bretzeln kaufen; für ſechs Kreuzer Bretzeln unterjocht man hier alle Her⸗ zen; das iſt nicht theuer.“ Die vor den Herren ſitzenden Mägde hatten jede ein Kind bei ſich. Es waren zwei kleine Jungen, welche neben ihnen ſaßen und jede Marionette, die erſchien, mit lautem Jubel bewunderten. „Höre,“ ſagte einer der kleinen Jungen, ſich an das vor Bouchenot ſitzende Mädchen wendend,„was iſt denn das für ein großer Mann mit der ſpitzigen Mütze?⸗ „Mein lieber Freund,“ erwiedert Bouchenot, ſich vorbeugend,„das iſt„Rotomago“ oder der Nuß⸗ knacker“, der kommt, um den böſen Kindern Schläge zu geben! Dich wird er aber nicht ſchlagen, weil Du gehorſam biſt und nicht weinſt, wenn Du Suppe eſſen ſollſt, nicht wahr, hübſche Blondine? Ach! was für eine niedliche Weſpentaille!“ „Ruhig, mein Herr, ich kann ja nichts hören.“ „Ach der Teufel, es wäre auch Schade, wenn —— —.— 37 Sie Etwas von Hanswurſts Gebrumme überhörten. Lehnen Sie ſich doch an mich an!“ „Ich brauche mich nicht anzulehnen.“ „Sie haben köſtliche blonde Haare.“ „Um ſo beſſer.“ „Ich gäbe meinen kleinen Finger dafür, wenn ich ſie flechten dürfte.“ „Laſſen Sie mich doch mit Frieden.“ „Sie wären reizend als Schweizerin.“ „Möglich.“ „Sind Ihre Haare lang?“ „Was geht das Sie an?“ „Sind ſie von Natur kraus?“ „Das kann Ihnen gleichgültig ſein.“ „Höre,“ ſchreit der Junge, mit beftürzter Miene eine Marionette anſtarrend,„was iſt denn das für ein Häßlicher, der Hörner auf dem Kopfe hat?“ „Das iſt der Teufel,“ antwortet die Kindsmagd. „Schau', das iſt komiſch, er ſieht dem Papa Lolo gleich.“ „Der Junge hat köſtliche Einfälle,“ ruft Bouche⸗ not aus, während ſich die beiden Mägde lachend an⸗ ſahen. „Sitzen Sie doch gerade,“ ſagt Timotheus' Nach⸗ bar zu dieſem;„Sie legen immer Ihren Kopf auf meine Achſel; das iſt mir läſtig!“ „He, Timotheus, richte Dich auf!“ ſagt Bouche⸗ not, ſeinen Freund am Arme ſchüttelnd.„Du ſchläfſt an Einem fort, biſt Du denn ein Murmelthier? Sprich mit dem Frauenzimmer, welches vor Dir 38 ſitzt, mit der ſchönen Afrikanerin! Ich verſichere Dich, ſie iſt nicht übel gebaut.“ „Sieh' doch, ſie hat rothe und wie es ſcheint ge⸗ ſchwollene Hände.“ „Das macht nichts, das ſind nur Winterbeulen, deßhalb kann ſie doch ein gutes Herz haben. Ah⸗ der Vorhang fällt; jetzt iſt es aus mit den Mario⸗ netten: nun kommen die arabiſchen Nebelbilder. Ich bete dieſes Theater anz ich bin zwar ſeit meinem ſiebenten Jahre nicht mehr da geweſen, aber ich will mich künftig darauf abonniren. Kommen Sie oft her, Blondköpfchen?“ „Manchmal, wenn man mich herſchickt. Laſſen Sie mich, mein Herr, thun Sie einmal Ihre Hände weg. Müſſen Sie ſie daher thun?“ „Ich wollte ſie wärmen.“ „Und Sie halten meinen. Rücken für einen Ofen? Das heiße ich ungenirt.“ „Wollen Sie Bretzeln?“ „Wer will Bretzeln?“ ſchreit ein altes Weib, mit einem Korb voll Backwerk im Saale auf und ab gehend. „Hierher, Frau!“ ruft ihr Bouchenot zu.„Geben Sie uns Ihren Korb; ich regalire Jedermann. Die Bretzeln ſollen leben! Sie ſind leicht verdaulich, ſchmackhaft, daß es eine Freude iſt.“ „Wie viel wünſcht der Herr?“ fragt die Händlerin. „Ich ſage Ihnen ja, Sie ſollen mir Ihren Kotb herübergeben. Ich kaufe Ihren ganzen Vorrath ab und bezahle, was Sie wollen.“ Die Händlerin verbeugt ſich reſpekisvoll vor dem 39. Herrn, der ſich ſo großartig benimmt, und reicht Bouchenot ihren Korb. Dieſer nimmt die Bretzeln heraus, verſchenkt ſie dutzendweiſe an kleine Jungen und bietet den beiden Kindsmädchen an, die ſich übri⸗ gens eine Weile ſträuben. „Nehmen Sie doch,“ ſagt Bouchenot,„eine Bretzel ſchlägt man nie aus, damit verdirbt man ſich den Magen nicht.“ „Nun, ſo will ich nehmen,“ antwortet die vor Timotheus Sitzende.„Ich mag Alles, was man eſſen kann; nimm doch auch, Luiſe.“ Luiſe iſt die hübſche Blondine; ſie entſchließt ſich endlich, Bretzeln anzunehmen, und Bouchenot neigt ſich gegen Timotheus und flüſtert ihm in's Ohr: „Sie ſind unſer.“ „Was?“ erwiedert dieſer. „Ach, Du weißt nie, wovon die Rede iſt. Sieh', nimm von den Bretzeln und viete Deinem Nachbarn, der Dir als Kopfkiſſen dient, einige an; ihm biſt Du dieſe Aufmerkſamkeit wohl ſchuldig.“ Der Nachbar nimmt die ihm von Timotheus an⸗ gebotenen Bretzeln mit dankbarer Miene an. Bou⸗ chenot vertheilt ſo lange an die um ihn her ſitzenden Kinder, bis keine mehr da ſind, und bezahlt die Händ⸗ lerin, welche ſich tief vor ihm verbeugt. In dieſem Augenblick verſchwindet die Helle im Saale: die arabiſchen Nebelbilder werden nun gezeigt. Bouchenot ſetzt ſich ſchnell, und während man die Bilder zeigt, ſpricht er leiſe mit der jungen Blon⸗ dine, welche, ſoit er ihr ein Dutzend Bretzeln auf⸗ — 40 gewartet, weit umgänglicher iſt und ſich nicht mehr fürchtet, ſich an ihn anzulehnen. In der Dunkelheit wandelt Bouchenot ein Gelüſte an, ſich zu überzeugen, ob die Kniee des Kindsmädchens nicht ſpitziger ſeien als die ſeinigen; er hat bereits ſeine Hand vorge⸗ ſtreckt und ſchmeichelt ſich, das Geſuchte erreicht zu haben, als ſich ein gellender Schrei hören läßt; alle Anweſenden fahren erſchrocken zuſammen, und Timo⸗ theus' Nachbar läßt ſeine Bretzeln auf den Boden fallen. Die Aufſeherin ſchafft eilends ihrem Publikum Licht an, damit es wieder ſehen kann; Bouchenot hat bereits ſeine Hand zurückgezogen und hält ſich in geziemender Ferne von ſeiner Nachbarin. „Was gibt es? was iſt geſchehen?“ fragt man von allen Seiten. Der kleine, dem Mädchen anvertraute Junge hatte den Schrei ausgeſtoßen. Man ſieht, daß er noch weint und ſein Geſicht mit den Händen be⸗ deckt. „Was haſt Du denn, Alerander?⸗ fragt in ſeine Hüterin. Das Kind antwortet weinend:„Ich hatte, wäh⸗ rend es dunkel war, meinen Kopf auf Deinen Schooß gelegt, weil ich mich fürchtete, da ſteckte Jemand ſeine Finger in meine Naſe, hi, hi, hi, hi, hi! und zerkratzte mich ganz.“ „Geh', ſchweig' Dummkopf!“ entgegnet das ginds⸗ mädchen erröthend;„Du hätteſt ſollen an Deinem Platze bleiben, dann wäre Dir dieſes nicht geſche⸗ 41 hen; wenn Du nicht brav biſt, nehme ich Dich nicht mehr in's Schattenſpiel.“ Während das Kind gezankt wurde, hatte ſich Bou⸗ chenot umgewendet, um über den Mißgriff, den er in Folge der Dunkelheit gemacht, nach Herzensluſt zu lachen. Er erwartete ungeduldig eine zweite Vor⸗ ſtellung der arabiſchen Nebelbilder, die durch des kleinen Alexanders Geſchrei ſo plötzlich unterbrochen worden, als ein junges, im Hintergrunde des Thea⸗ ters ſitzendes Mädchen, welches jetzt erſt Bouchenots Geſicht erblickte, zu einem neben ihr ſitzenden Frauen⸗ zimmer ſagte:„Ach, mein Gott, ich täuſche mich nicht: dort iſt der Herr, der Schuld iſt, daß ich mei⸗ nen Hund verloren habe.“ Der Ton dieſer Stimme kommt Bouchenot be⸗ kannt vor; er ſieht die Perſon, welche eben geſpro⸗ chen hat, an, und erkennt Fräulein Prudentia. In dieſem Augenblick erhebt ſich dieſe ein wenig und ruft dem jungen Mann, von welchem ſie durch drei Bänke getrennt iſt, zu:„Mein Herr, wo haben Sie den Schnauzer? ſagen Sie mir, was Sie meinem armen Schnauzer gemacht haben?“ Als Bouchenot den Namen des Hundes ausſpre⸗ chen hört und Schnauzers Herrin erkennt, erblaßt er und eine augenſcheinliche Veränderung geht mit ihm vor; er fährt, als ob er ſich plötzlich an Etwas er⸗ innere, mit der Hand über die Stirne, neigt ſich gegen Timotheus und ſagt in einem Tone, der nicht mehr der eines Betrunkenen iſt, zu ihm:„Komm' wir wollen fortgehen!“ 42 „Wie, fort! iſt es aus?“ brummt dieſer, ſich die Augen ausreibend. „Ja, es iſt aus, komm' doch!“ „Nein, es iſt noch nicht aus,“ ruft die junge Blon⸗ dine, Bouchenot erſtaunt anblickend. Aber dieſer achtet nicht im Mindeſten mehr auf das Kindsmäd⸗ chen, nimmt, ohne ſich nur bei ihr zu verabſchieden, Timotheus beim Arme, zieht ihn mit ſich und ſcheint erſt beruhigt, als ſie das Seraphin⸗Theater hinter ſich haben. Timotheus war übrigens kaum im Stande, vor⸗ wärts zu kommen. Bouchenot ſchleppte ihn endlich zu einem Fiaker, ließ ihn einſteigen, ſetzte ſich neben ihn und befahl, ſie an ihr Haus zu führen. Das Rütteln des Wagens ſchläfert Timotheus bald ein, ſein Begleiter ſtört ihn nicht und überläßt ſich, während der Andere ſchläft, ſeinen Gedanken. „Ich habe mich heute wie ein Dummkopf betra⸗ gen,“ ſpricht er bei ſich ſelbſt;„ich war betrunken, aber der Namen dieſes Hundes hat mich mit einem Mal nüchtern gemacht. Ich habe viel Geld gebraucht; was ſoll ich ſagen, wenn ſich Timotheus deſſen er⸗ innert? Soll ich meinen Freunden nicht geſtehen, woher die fünfhundert Franken in Gold kommen, die ich in meiner Taſche gefunden habe? Ich wäre es denſelben zwar ſchuldig, aber ich habe zu ſchweigen geſchworen!... Ein von Elenden mit Gewalt abge⸗ nöthigter Eid verpflichtet allerdings zu nichts, aber ſie haben mir gefährlich gedroht, falls ich Etwas verrathe; auch würden Georg und Timotheus mich 43 veranlaſſen, dieſes Geld nicht anzunehmen, mir nichts von dieſen.. geben zu laſſen. Sapperment, das iſt eine Verlegenheit! Es bleibt dabei: ich ſchweige. Timotheus iſt betrunken, ich mach' ihm weiß, was ich will; er kann ſich Morgen an nichts mehr er⸗ innern.. Das Gefährt hält. Bouchenot erbittet ſich den Beiſtand des Kutſchers, um Timotheus in ihr Logis hinaufzutragen; der Kutſcher zeigt fich bereit. Man nimmt den Schläfer unter dem Arm und bringt ihn, ohne daß er erwacht, in's vierte Stockwerk hinauf. Der Schlüſſel ſteckte zu dem Zimmer der jungen Leute; Georg war bereits im Bett und ſchlief. Bou⸗ chenot trägt Timotheus auf eines der Betten und legt ſich ſelbſt, nachdem er den Fiaker bezahlt und entlaſſen hat, neben einen der Schläfer nieder. „Es komme, was da wolle,“ ruft er aus,„mor⸗ gen früh iſt es wieder Tag!“ Drittes Kapitel. Hero und Leander. Georg erweckt ſeine Kameraden, indem er ihnen in aller Frühe zuruft:„Freunde! Freunde!... wa⸗ chet auf! Ihr wiſſet die gute, herrliche Nachricht noch nicht, daß mein Stück aufgeführt werden wird! Hört ihr? mein Stück wird aufgeführt! Man beginnt augenblicklich mit den Proben. nun, ſo gratulirt mir auch!“ 44 Bouchenot richtet ſich auf und ſieht Georg zu, der zum erſten Mal in ſeinem Leben im Hemde in dem Zimmer herumhüpft und tanzt; Timotheus ſtreckt ſich während deſſen und murmelt:„Iſt es wahr, daß ich ein Billardtuch zerriſſen habe?“ „Ja, theure Freunde,“ fährt Georg fort,„ich war geſtern bei dem Direktor: er hat ſich ſehr zufrieden über die Verbeſſerung meines Stückes geäußert und läßt es aufführen.“ „Das iſt recht, ich bin entzückt!“ erwiedert Bou⸗ chenot.„Du darfſt überzeugt ſein, daß wir der Auf⸗ führung beiwohnen und Dich applaudiren werden.“ „Ja, ja, wir werden beſtimmt erſcheinen,“ ſagt Timotheus.„Aber, mein Gott, was haben wir denn geſtern getrieben, Bouchenot? Mir iſt, als ob Du mich zum Billardſpielen, zum Punſchtrinken, zu einem Eſſen mit Champagner und Trüffeln in ein Gaſthaus geführt hätteſt!“ „Teufel! meine Herren,“yerſetzt Georg,„ich glaube, Sie haben Ihre vierzig Franken nicht geſpart!“ „Timotheus weiß nicht, was er ſpricht,“ ſchreit Bouchenot,„wir haben faſt gar nichts ausgegeben! Die Sache verhält ſich ſo: er war beim Weggehen vom Frühſtück betrunken; ich führte ihn in ein Kaffee⸗ haus, wo er mit der Einbildung, er ſpiele Billard, einſchlief. Dann nahm ich ihn in eine unbedeutende Reſtaurativn, wo wir zu zwei Franken das Couvert zu Mittag aßen; von dort führte ich ihn in's Schau⸗ ſpiel: weil er ſich aber immer auf die Schultern 5 Rachbarin legte und ſchlief, ſo nahm ich ihn et 4⁵ vor Ausgang des Schauſpiels nach Hauſe. Das haben wir geſtern getrieben.“ „Sonderbar!“ entgegnete Timotheus,„ich bildete mir ein, einen Riß in ein Billard gemacht... und Jemand ein Glas Wein in's Geſicht geſchüttet zu haben; überhaupt war mir's, wie wenn wir viel Geld gebraucht hätten... und doch ſehe ich, indem ich nach meiner Börſe greife, daß ich gar nichts ausgegeben habe.“ „Mein armer Timotheus! Du warſt geſtern ſo betäubt, daß Du Dich unmöglich an Etwas erinnern kannſt. O! ich rathe Dir, künftig nicht mehr viel zu trinken, denn Du kannſt den Wein nicht ertragen.“ „Ich fühle auch keine Luſt mehr dazu,“ erwiedert dieſer, aufſtehend,„denn ich habe ſchändliche Kopf⸗ ſchmerzen davon! Das iſt aber einerlei, ich darf jetzt nicht herumfaullenzen, ſondern ich muß Geſchäfts⸗ gänge machen und die verlorene Zeit wieder einzu⸗ bringen ſuchen.“ ½ „Ich muß zu einem Copiſten laufen,“ ſagt Georg, „damit meine Rollen abgeſchrieben werden und ich ein doppeltes Manuſcript habe.“ Während ſie dieſes ſprachen, zogen ſich Georg und Timotheus raſch an, Bouchenot ſtreckt ſich dagegen recht behaglich in dem Bette aus, worin er nun allein lag, und ſagte:„Meiner Treu', es iſt doch ange⸗ nehm im Bette... wenn man gute Leintücher hat. . Herren, die kleine Nachbarin hat uns nicht ergeſſen... unſere beiden Schlafſtellen ſind jett gut... ſie hat Alles beſorgt, ſogar Vorhänge 46 an die Fenſter gemacht!.. O, die Weiber denken an Alles!“ „Ich werde mich, ſobald ich Zeit habe, bei ihr be⸗ danken,“ ſagt Georg;„Jjetzt habe ich Eile, ich muß gehen; auf Wiederſehen, meine Freunde.“ „Ich gehe auch,“ ſagt Timotheus, Georg folgend. „Nun, Bouchenot, ſtehſt Du nicht auf, Du Faullenzer?“ „Doch, gleich nachher. ich habe nur Schmerzen in meinen Gliedern.“ „Wie Du willſt... aber Du weißt, daß Heinrich Dich erwartet.“ „In. ja!“ Die beiden jungen Leute haben ſich entferntz Bouchenot hüllt ſich in ſeine Decke und denkt bei ſich: „Heinrich erwartet mich! Heinrich erwartet mich!.. immer daſſelbe Geſchwätz!... Mir preſſirt es nicht, zu ihm zu gehen... dort würde ich mich mit einem Ge⸗ ſchreibſel, wovon ich kein Wort verſtehe, ſchmerzlich langweilen. Es iſt Zeit genug zum Schaffen, wenn ich kein Geld mehr in der Taſche habe. So, meine ich, ſei es vernünftig gedacht. Ich ſchlafe lieber noch einmal ein!“ Nachdem Bouchenot noch über eine Stunde im Bette geblieben und geſchlummert hatte, entſchloß er ſich endlich aufzuſtehen. Während des Ankleidens zählt er ſein Gold und denkt:„Ich bin geſtern etwas ver⸗ ſchwenderiſch damit umgegangen, allein man lumpt nicht alle Tage!... Die kleine Blondine im Seraphin war nicht übel, doch iſt ſie nicht ſo hübſch als n barin, und überdieß eine Magd. pfui! das laſſe ich 47 mir gefallen, wenn man über keinen Heller mehr zu verfügen hat. Ich will der Nachbarin den Hof machen; es ſchickt ſich vor allen Dingen, daß ich ihr für die Anſchaffung der Leintücher, Kopfliſſen und Vorhänge danke aber wenn ich die dicke Prudentia bei ihr träfe, die mich geſtern im Seraphin⸗Theater erkannte und mich natürlich überall erkennen würde?. Hm! ich finde das dicke Mädchen jetzt abſcheulich. Als ſie geſtern von Schnauzern ſprach, konnte ich meinen Schrecken nicht bemeiſtern.. denn ich fürchte mich ſehr, compromittirt zu werden! Dieß könnte ſehr wohl der Fall ſein; man könnte mir ein Ver⸗ brechen daraus machen, daß ich das, was ich geſehen, nicht angezeigt habe... und doch haben mir die An⸗ dern gedroht, daß mir die mindeſte Indiscretion den Tod zuziehen würde!... Ha! verfluchter Hund! du haſt mich dadurch, daß du mich in das dir wohlbe⸗ kannte Höllenhaus führteſt, in dieſe verdammte Lage gebracht.“* Bouchenot bleibt eine Weile in Betrachtungen ver⸗ tieft ſtehen. Endlich faßt er einen Entſchluß und beſchwichtigt ſeine Beſorgniſſe.„Was hilft es mich,“ tröſtet er ſich,„wenn ich ſogar darob krank werde, ich kann das Geſchehene nicht ungeſchehen machen! Wie kann man je erfahren, daß ich entdeckt, was in dieſem Hauſe vorgeht? Weder Schnauzer noch dieſe Männer werden es ſagen!... Außerdem wiſſen ſie ja nicht, wer ich bin, und ich hoffe ſie nirgends zu begegnen. Was die dicke Prudentia betrifft, ſo äng⸗ ſtige ich mich ohne Zweifel umſonſt.. ſie weiß ſicher 48 nichts davonz ihr Pathe könnte höchſtens einer von dieſen Elenden ſein.. aber Fräulein Prudentia hat mir ja geſagt, er ſei Kunſtgärtner und habe Paris ſeit drei Wochen verlaſſen, um in ſeine Heimath zu⸗ rückzukehren! Treffe ich nun Prudentia bei Cölina, ſo will ich die Sache ſchon aus ihr herauslocken und zwar ohne daß ſie es merkt. Daher will ich alſo getroſt der Nachbarin die Cour machen und unſern Freund Timotheus aus dem Sattel heben.“ Die kleine Coloriſtin war mit ihrer Arbeit be⸗ ſchäftigt, als Bouchenot bei ihr eintrat; er konnte die⸗ ſes thun, ohne ſie zu ſtören, da die Griſetten gewöhn⸗ lich ihren Schlüſſel an der Thüre ſtecken laſſen, es Fei denn, daß ihr Liebhaber bei ihnen wäre. Dann vergißt man allerdings nicht, während des Aus⸗ und Eingehens, als ob es ganz zufällig geſchehe, den Schlüſſel abzuziehen, und man hat vollkommen recht: man muß ſich nie dem Falle ausſetzen, mitten in einem Geſpräche unterbrochen zu werden, denn man kann nicht immer da fortfahren, woran man ſtehen geblieben iſt.“ „Guten Tag, Nachbarin,“ beginnt Bouchenot, ſich Cölina nähernd. „Guten Tag, Nachbar. entſchuldigen Sie, daß ich fortmache, aber die Arbeit iſt preſſant.“ „Bitte, laſſen Sie ſich nicht ſtören, ſonſt würde ich bedauern, gekommen zu ſein. Illuminiren Sie immer noch Adam und Evas“ „Nein, etwas Anderes. Nehmen Sie doch einen Stuhl.“ „Sorgen Sie nicht für mich.“ 49 „Hören Sie, geſtern haben Sie Ihren Freund in einem ſchönen Zuſtand nach Hauſe gebracht!“ „Wiel woher wiſſen Sie das?“ „Ganz einfach, meine Thüre war nicht zu.“ „Und Sie haben mir das nicht geſagt?“ „O! wenn man mich nicht ruft, erſcheine ich nie, ich würde befürchten, für unbeſcheiden gehalten zu werden außerdem müſſen ſich Nachbarn nicht be⸗ ſpioniren pfui davor! Es iſt zwar richtig, daß ich Alles höre, was auf der Treppe geſprochen wird, aber, lieber Gott, das iſt nicht meine Schuld, ich kann mir die Ohren nicht verſtopfen.“ „Ja, geſtern haben wir gut zu Mittag geſpeis uns zwar durchaus nicht überlebt, aber Timotheu kann das Trinken nicht führen und iſt ſo ſchwächlicht Die geringſte Unregelmäßigkeit bringt ihm Schaden! Der Junge muß ſich in jeder Hinſicht in Acht nehmen.“ „Glauben Sie? Ach, der arme junge Mann! das iſt recht traurig.“ „Sobald er ſich echauffirt, wird er krank er hat eine ſchwache Bruſt.“ „Eine alte Regel ſchreibt vor: wer eine ſchwache Bruſt hat, hüte ſich vor der Liebe. Aber unglücklicher Weiſe gibt man dem Rath der Vernunft kein Gehör! 3 Deßhalb iſt auch der Eibiſch ſo theuer!“ „Ei, Nachbar, Sie ſind vielleicht gekommen, mich um Etwas zu fragen. oder mich um einen Dienſt zu bitten?“ Paul de Kock. LXI. 4 — „Nein, hübſche Nachbarin, vor allen Dingen wollt' ich mich für die Mühe, die Sie ſich gegeben, unſer Zimmer in Ordnung zu bringen und das Fehlende einzukaufen, freundlichſt bedanken.“ „Ach! es fehlt noch viel bei Ihnen, aber Sie haben doch das Nöthigſte, und das iſt die Haupt⸗ ſache. Aber hören Sie, ich habe alles Geld ausgelegt, welches Sie mir gegeben hatten.. ich habe es übri⸗ gens aufgeſchrieben... hier liegt die Rechnung, ſehen Sie nach.“ „Sie ſcherzen wohl; brauchen wir Ihnen nach⸗ zurechnen?“ „Ja, ja, ich will, daß man mir nachrechnen ſoll. ind Ihre Freunde ausgeßangen?“ „Ja.. Georgs Stück iſt angenommen und wird aufgeführt; er iſt glückſelig!“ „Ach! das iſt recht, dann gehe ich in's Theater; denn ich hoffe, daß man mir ein Billet gibt, damit ich das Stück ſehen kann.“ 8 „Und ich erbitte mir zum Voraus die Erlaubniß, Ihnen meinen Arm anzubieten und Sie in's Theater zu begleiten.“ „Recht gerne, Herr Bouchenot, wenn Sie nämlich Riemand ſonſt hinzuführen haben.“ „Wen ſollte ich ſonſt hinzuführen haben, wenn Sie mich als Cavalier annehmen 2 „Wenn es irgend Jemand unangenehm wäre, ſo würde ich lieber darauf verzichten.“ „Wem ſoll es denn unangenehm ſein?“ „Einer Ihrer Liebſchaften. —— — 51 „Liebſchaften? Ich habe keine Liebſchaften.“ „Gar keine?... O, welche Lüge! Sie haben ſicher wenigſtens eine. denn Sie ſind nicht ſchwach auf der Bruſt.“ „Nein, Gott ſei Dank, ich bin ein Kerl, der Etwas aushalten kann. Aber ſeit einiger Zeit waren wir ſo unglücklich. kann man denn an Liebe denken, wenn man nicht einmal ſatt zu eſſen hat?“ „Glauben Sie, daß ich, wenn ich einen Geliebten hätte, dieſen weniger liebte, wenn er unglücklich wäre?“ „Sie haben wirklich ein gutes Herz! Aber nicht alle Frauenzimmer denken wie Sie es gibt, die hauptſächlich nur nach Vergnügen und Kleiderſtaat trachten, und wenn ihnen ihr Liebhaber dieſes nicht verſchaffen kann, ſo kehren ſie ihm den Rücken zu.“ „Solche Frauenzimmer wiſſen nicht, was Liebe iſt!“ „Man betet ſie auch nicht ſo an wie Sie!“ „Ah bah! gehen Sie, man liebt ſie im Gegentheil mehr, überhäuft ſie mit Geſchenken und Aufmerk⸗ ſamkeiten, thut alles Mögliche, ihnen zu gefallen, ſpricht mit ihnen wie mit Göttinnen, erträgt ihre Launen, ihre Capricen und oft ſogar ihre Treuloſig⸗ keiten, ohne ſich zu beklagen, indeß man ſich mit uns armen, aufrichtig liebenden Mädchen ohne Neigung abgibt und uns ohne Bedauern verläßt.“ „Ach, Nachbarin, ich will hoffen, daß Sie nicht alle Männer eines ſolchen Betragens fähig halten.“ „Meiner Treu'! ich glaube, daß man von den Muſtern auf das ganze Stück ſchließen kann. Ich war zwei Mal ſchwach und habe dem Zuge meines Herzens 52 nachgegeben: ich bin ſchlecht dafür belohnt worden. Der Eine hatte ſich aus Caprice, der Andere aus Eigennutz mit mir eingelaſſen; keiner von Beiden liebte mich.“ „Nachbarin, Sie müſſen es zum dritten Mal pro⸗ biren, das wird einſchlagen. Ein altes Sprüchwort vehauptet: das dritte Mal iſt das Beſte.“ „Nein, ich will nicht mehr lieben! Die Männer ſind zu treulos!“ „Ich wäre es nicht, wenn ich das Glück hätte, Ihnen zu gefallen.“ „Sie wären wie die Andern.“ „O nein, ich wäre ſelig, wenn ich eine kleine, hüvſche, wohlgeſtaltete, liebenswürdige, geiſtreiche Ge⸗ liebte hätte wie Sie find.“ „Man findet uns immer hübſch, wenn man uns die Cour macht, aber nachher...“ „Nachher muß man Sie anbeten, vergötterm“ „Nun, Herr Bouchenot, laſſen Sie meinen Stuhl in Ruhe, ich könnte Etwas an meiner Arbeit ver⸗ derben!... Wovon haben wir eben geſprochen?“ „Ich erinnere mich nicht mehr, Ihre ſchönen Augen machen mich Alles vergeſſen.“ „Ach! Sie ſagten mir, daß man Georgs Stück aufführen und wir zuſammen in's Theater gehen werden.“ „Wir brauchen nicht ſo lange zu warten, bis ſein Stück aufgeführt wird; wenn Sie Luſt haben, ſo bin ich bereit, Sie heute hineinzuführen.“ „Sie ſind recht gütig... wir wollen ſehen. ein W— 53 anderes Mal.. wenn ich nicht ſo gedrängt bin. Und was macht der Herr Timotheus?“ „O! der will Advokat werden er ſtudirt ſeine Jurisprudenz. Jetzt macht er ſich wieder über ſeine „Authentica“ und ſeine„Digeſten“ her; nun iſt er nicht mehr zu genießen.“ „Man muß aber arbeiten, wenn man nicht reich iſt. Und was iſt es mit Ihnen? Ich meine, Ihre Freunde hätten beim Weggehen zu Ihnen geſagt: vergiß nicht, daß Heinrich auf Dich wartet.“ „Schau', das wiſſen Sie auch?“ „Ich ſage Ihnen ja, daß ich Alles höre. S ich bin eine läſtige Nachbarin!“ „Sie haben ſich nicht getäuſcht. Unſer ʒreln Heinrich hat mir in der That eine Stelle angeboten.“ „Nun, iſt Ihnen das nicht recht?“ „Entſchuldigen Sie, ich glaube.. das heißt, ich hätte ein unabhängiges Leben vorgezogen... das hätte mich gefreut. O, die Freiheit! und Geld dazu das iſt etwas Schönes!“ „Es ſieht mir überhaupt aus, als ob Sie ſich von Morgens bis Abends beluſtigen und dabei die Freiheit genießen möchten, nichts zu ſchaffen, nicht wahr, Nachbar?“ „Nein, das nicht gerade; aber ich hätte ein Fune ler werden ſollen... ich beſitze alle Eigenſchaften eines Künſtlers. Mein Vater hatte ſehr unrecht, einen Ad⸗ vokaten aus mir machen zu wollen.. er iſt Schuld, daß ich meine Beſtimmung verfehlt habe.“ „Was war Ihr Vater?“ 54 „Conditor.“ „Ich wette, Sie haben ſein Vermögen verſchwendet.“ „Hm, Schelmin!... Wenn ich Sie damals gekannt hätte, würde ich Sie mit geröſteten Mandeln, Mirinken und Bonbons überhäuft haben.“ Ein zweimaliges Klopfen an der Thüre unter⸗ brach das Geſpräch. „Wer kommt wohl?“ ruft Cölina aus;„vielleicht meine Tante!“ „Kommt ſie ſchon des Morgens zum Punſchtrin⸗ ken?“ fragt Bouchenot. „O nein, ſchwerlich.“ Man klopft noch einmal an. „Herein doch! der Schlüſſel ſteckt ja,“ ſchreit Cölina, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen. „Schau', es iſt wahr, ich habe ihn nicht geſehen,“ erwiedert eine Weiberſtimme. Und in demſelben Augen⸗ vlick tritt die dicke Prudentia in's Zimmer. Bouchenot, der hinter der Thüre ſitzt, kann beim Anblick des jungen Mädchens ein Gefühl des Schre⸗ ckens nicht bemeiſtern; er faßt ſich indeſſen ſchnell. Fräulein Prudentia, welche den jungen Mann nicht gleich bemerkt, eilt auf ihre Freundin zu und begrüßt ſie mit den Worten:„Guten Morgen, Cölina. Ach! wie froh bin ich, Dich zu treffen!... Ich bin geſtern da geweſen, während Du ausgegangen warſt, und habe Dich lange bei Deinen Nachbarn erwartet. Es ſind übrigens recht artige, höfliche junge Leute. Einer iſt ſogar ziemlich hübſch, obgleich er etwas röthliche Haare hat.“ 55 „Ah! Du haß ihn recht genau angeſehen,“ ſagie Cölina lächelnd.„Schon gut, ich werde es dem Nach⸗ bar ſagen, daß Du ihn hübſch findeſt.“ „Ach! Cölina, thue das nicht... ich könnte vor Schande nicht mehr zu Dir kommen... und. ach, mein Gott!... Prudentia hatte ſich bei dieſen Worten umgekehrt und Bouchenot bemerkt. „Das iſt einer meiner Nachbarn,“ ſagt Cölina, über Prudentia's erſtaunte Miene lachend,„und der Freund deſſen, der Dir gefällt.“ „Wie, dieſer Herr,“ ruft die dicke Prudentia, Bouchenot anſtarrend,„wäre Dein Nachbar?“ „Ja, Fräulein, ich bin ſo glücklich,“ entgegnet Bouchenot mit einer Verbeugung. „Was ſetzt Dich denn daran ſo in Verwunderung?“ fragt Cölina ihre Freundin. „Was? Dieſer Herr hat mir meinen armen Schnau⸗ zer entführt und iſt Schuld, daß ich meinen Hund verloren habe. Ich treffe dieſen Herrn überall: auf der Straße, hier und geſtern Abend im Seraphin⸗ Theater. Aber einerlei, ich bin froh, daß ich den Herrn bei Dir finde, ich bitte Dich, Cölina, ſage ihm, er ſoll mir meinen Hund zurückgeben.“ „Ei! mein Gott, Du ſiehſt ja, daß er Deinen Schnauzer nicht hat!... Laſſen Sie hören, Herr Bouchenot, rechtfertigen Sie ſich, antworten Sie Prudentia Flambard, ſonſt iſt ſie im Stande, uns zwei Stunden lang mit dem Jammer um ihren Hund zu quälen.“ ² 56 „Fräulein,“ erwied ert Bouchenot, ſich zwiſchen die beiden Mädchen niederfetzend,„es wird mir nicht ſchwer ſein, mich zu rechtfertigen, ich appellire ſogar zu dieſem Zwecke an die Güte der Klägerin. Vor⸗ geſtern, als ich das Vergnügen hatte, Sie auf der Straße zu begegnen und denſelben Weg wie Sie machen mußte, verſuchte ich es, ein Geſpräch mit Ihnen anzuknüpfen. Es war von jeher eine Freude für mich, mit hübſchen Frauenzimmern zu plaudern.“ „O! das iſt bekannt,“ fällt ihm Cölina mit etwas gereizter Miene in's Wort.„Es ſcheint, daß Sie auch meiner Freundin machen wollten! Mein ott, was ſind Sie für ein Eroberer.. Sie ſind ein kleiner Napoleon der Herzen!“ Bouchenot brüſtet ſich, wirft Cölina einen zärt⸗ lichen Blick zu und fährt fort:„Das Fräulein ſchien nicht geneigt, ſich zu unterhalten, deßhalb verließ ich ſie, denn es wäre mir unmöglich, ein Frauenzimmer zu ärgern. Aber ihr Hund folgte mir: er verließ ſeine Herrin, um mir nachzulaufen, obgleich ich mir alle Mühe gab, ihn fortzujagen. Bin ich nun Schuld⸗ vin ich für die Capricen dieſes Hundes verantwortlich?“ „Nein, gewiß nicht,“ antwortet Cölina;„und wenn es ſich ſo verhält, ſo kannſt Du dem Herrn keinen Vorwurf machen.“ „Ja ich weiß nicht recht.. doch es ſei wie es wolle, Thatſache iſt, daß mein Hund Ihnen nach⸗ lief; aber geben Sie mir ihn jetzt wieder.“ „Wenn ich ihn noch hätte, würde es augenblicklich geſchehen; aber nachdem er mir den ganzen Tag nach⸗ ——— 57 gelaufen war und mir durch ſeine Streiche eine Maſſe der unangenehmſten Abenteuer zugezogen hatte, ver⸗ ließ er mich Abends und ich habe ſe ſeither nicht mehr geſehen.“ „Sie haben ihn auch et Mein Gott, welches Unglück! Wie ſoll ich ihn jetzt wiederfinden? „DOlich ſehe ſchon, ich muß ihn nun betrauern.“ „O! das wird ein großes Unglück ſein!“ verſetzt Cölina.„Ich bitte Dich, wozu braucht eine Näh⸗ ſchülerin einen ſo ungeheuer großen Hund, den Du doch den ganzen Tag in Deinem Zimmer einſperren mußteſt?“ „Ach! er leiſtete mir Geſellſchaft und ſchützte mich, wenn ich ausging.“ „Ja, er hat Dich, wie es ſcheint, recht vertheidigt!“ „Und dann war er ein Geſchenk meines Pathen Laforèét, und mein armer Pathe liebte Schnauzern ſo ſehr und hatte mir ſo dringend anbefohlen, recht für ihn zu ſorgen!“ „Ihr Pathe heißt Laforét?“ fragt Bouchenot, Pru⸗ dentia aufmerkſam anblickend. „Ja, mein Herr.“ „Und was trieb er in Paris?“ „Er war Kunſtgärtner.“ „Kunſtgärtner?... Dieß iſt ein einträgliches Ge⸗ ſchäft. Wiſſen Sie, wo er hier wohnte?“ „Ja, denn ich war zwei Mal bei ihm, che er ſich in ſeine Heimath begab.“ Bouchenot erblaßt und murmelt:„So, Sie wiſſen es Sie kennen das Haus wo wohnt er denn?“ 58 „Nun, was iſt denn da Merkwürdiges daran?“ ruft Cölina aus.„Was Sie doch für ſonderbare Fragen machen!“ „Fräulein, ich richte dieſe Fragen nur deßhalb an Ihre Freundin, weil ich denke, der Hund könnte in ſeine frühere Wohnung zurückgekehrt ſein, das iſt ſogar ſehr wahrſcheinlich... und wenn Fräulein Pru⸗ dentia weiß, wo dieſe iſt...“ „Ach Gott! glauben Sie denn, ich hätte nicht geſtern ſchon hieran gedacht?“ entgegnet Prudentia lebhaft.„Ich bin gleich in meines Pathen Haus gegangen.. aber vergebens.. man hatte Schnauzer nicht geſehen... ich habe alle Nachbarn ausgefragt, aber Niemand konnte mir Auskunft über ihn ge⸗ ben.“ „Sie haben die Nachbarn gefragt?“ ſagt Bouchenot mit erſtaunter Miene.„Hatte Ihr Herr Pathe Nach⸗ barn?“ „Nun, warum denn nicht? Wohnt denn Niemand in der Märtyrer⸗Straße?“ „In der Märtyrer⸗Straße!... Wie! dort wohnte Ihre Pathe?“ „Allerdings, in der Märtyrer⸗Straße neben dem Faubourg Montmartre, und dort bin ich geſtern ge⸗ weſen.“ „Märtyrer⸗Straße!“ ſpricht Bouchenot vei ſich „wohlan... ich hatte den Pathen des jungen Mäd⸗ chens in einem falſchen Verdacht. geſtern war ich ſicher weit von der Märtyrer⸗Straße entfernt. der Kunſtgärtner iſt unſchuldig, jedenfalls hat das Mäd⸗ 59 chen nie Eiwas davon gewußt; es war einfältig von mir, vor ihr zu zittern.“ Bouchenot gewinnt ſeine ganze Sicherheit wieder, nähert ſich Mamſell Prudentia mit einem freundlichen Lächeln und ſagt zu ihr:„Hören Sie, Fräulein, ich glaube wie Ihre Freundin Cölina, daß es das Beſte ſein wird, nicht mehr an Ihren Hund zu denken.. er iſt verloren, das iſt Schade.. und wenn ich Schuld daran bin, ſo geſchah es wider meinen Willen; da⸗ mit Sie mir aber nicht mehr böſe ſein ſollen, biete ich Ihnen einen Pudel⸗ oder Windhund zum Ge⸗ ſchenke an(ich habe geſtern auf der Pont⸗Neuf aus⸗ gezeichnete geſehen), um Ihnen Ihren Geſellſchafter wieder zu erſetzen.“ „Ol ich danke Ihnen vielmals, Herr Bouchenot, ich will keinen Hund mehr; ich habe genug daran!“ „So wollen wir auch nicht mehr davon ſprechen,“ verſetzt Cölina;„Du könnteſt, wenn Du Deinen Lieb⸗ haber verloren hätteſt, nicht ärger jammern, als um dieſen Huͤnd. Willſt Du mit mir frühſtücken?“ „Wie! Du haſt noch nicht gefrühſtückt? Es iſt zwölf hr.“ „Was macht das? Ich frühftücke immer erſt, wenn ich Hunger habe. Herr Bouchenot wird unſer Gaſt ſein pnicht wahr, Nachbar?“ „Mit größtem Vergnügen; unter der Bedingung jedoch, daß ich eine Paſtete bezahlen darf.“ „O, was Sie wollen; ich bin nicht ſtolz.“ „Dann will ich eilen, fie herbei zu holen.“ „Gehen Sie; Prudentia deckt unterdeſſen den Tiſch.“ 60 Bouchenot entfernt ſich und Prudentia ſagt wäh⸗ rend des Deckens zu ihrer Freundin:„Dieſer Herr iſt recht drollig; es iſt nur Schade, daß er ſo frech gegen die Frauenzimmer iſt; er ſieht Einen ſo keck an, das bringt mich ganz in Verlegenheit.“ „Du wirſt Dich ſchon daran gewöhnen; übrigens ſind die heiterſten Männer nicht immer die gefähr⸗ lichſten.“ „Bah, wirklich? O, ich gäbe Etwas darum, wenn ich die Gefährlichen gleich unterſcheiden könnte. Ach, Du biſt glücklich, Cölina, daß Du das Alles weißt! Dich kann man nicht bethören.“ „Bethören! Das iſt das Loos von uns Weibern.“ „Ah, wir müſſen bethört werden? „Oder nicht verliebt ſein.“ „Was iſt das Beſte: nicht verliebt zu ſein oder ſich bethören zu laſſen?“ „Mein Gott, wie dumm biſt Du, Prudentia! Iſt man denn Herr über ſolche Dinge?“ „Meiner Treu', ich weiß es nicht; Du haſt mir geſagt, Du wolleſt mich aufklären, damit die Frauen⸗ zimmer in unſerm Laden mich nicht mehr auslachen ſollen, allein Du hältſt nicht Wort. Sprich', ſoll ich es geſchehen laſſen, wenn mir dieſer Herr wieder den Hof machen will?“ „Sei ruhig, er macht ihn Dir nicht mehr.“ „Warum?“ „Weil er ihn jetzt mir macht.“ „Sonderbar; er hat alſo ſeinen Ceſchtat geän⸗ dert! Wirſt Du ihm Gehör geben?“ 3 2 61 „Vielleicht; es iſt möglich.“ „Ah, gut, gut, ich will mir merken, was Du ihm antworteſt, um das Nämliche zu ſagen, wenn man mir die Cour macht.“ Bouchenot kommt mit einer Paſtete und mit einer Schachtel Sardellen zurück; man ſetzt ſich zu Tiſche. Der junge Mann widmet Cölinen ſeine ganze Auf⸗ merkſamkeit. Er blickt immer ſie an und richtet das Wort ſtets an ſie; daher nimmt auch Fräulein Pru⸗ dentia ſehr wenig Theil an der Unterhaltung, be⸗ ſchäftigt ſich aber deſto mehr mit der Paſtete und hört aufmerkſam auf das, was Cölina ihrem Nach⸗ bar auf ſeine ſüßen Redensarten antwortet. Das Frühſtück dauert lange; es iſt beinahe drei Uhr. Bouchenot iſt recht aufgeräumt, die kleine Nach⸗ barin lacht an Einem fort und die dicke Prudentia verzehrt gerade ihre dreizehnte Sardelle, als an die Thüre geklopft wird: Timotheus tritt ein. Er ſcheint im erſten Augenblick ſehr mißvergnügt, Bouchenot bei der Nachbarin zu finden, und zwar überdieß ſo, als ob derſelbe Herr im Hauſe wäre; wie der große junge Mann jedoch Fräulein Pru⸗ dentia erblickt, fühlt er ſich wieder aufgeheitert. „Ich erſcheine, um Ihnen unſere Dankſagung zu machen,“ ſagt Timotheus, Cölina begrüßend,„aber es kommt mir vor, wie wenn Bouchenot ſich ſchon bei Ihnen bedankt hätte.“ „Ich laſſe mir nie zuvorkommen,“ entgegnet Bou⸗ chenvt, ſich auf ſeinem Stuhle ſchaukelnd, indem er ſeinem Freund einen höhniſchen Blick zuwirft. 62 „Setzen Sie ſich doch, Herr Timotheus,⸗ ſagt Cölina,„Sie ſind hier unter Bekannten. Das iſt meine Freundin Prudentia, der ſie vorgeſtern gefäl⸗ ligſt erlaubten, bei Ihnen auszuruhen. Prudentia, die⸗ ſer Herr iſt einer meiner Nachbarn: der, von dem Du vorhin ſprachſt... Du weißt ſchon, welcher..“ „Ja, ja,“ etwiedert Prudentia, bis in's Weiße der Augen erröthend und zur Verbergung ihrer Ver⸗ legenheit eine vierzehnte Sardelle verzehrend,„o⸗ ich erkenne den Herrn ganz gut.“ „Ich habe Sie auch augenblicklich erkannt,“ ſagt Timotheus, ſich neben das junge Mädchen ſetzend. „Ihr habt beſtimmt gegenſeitig Eindruck auf euch gemacht,“ ruft Bouchenot lachend aus;„das iſt keine ſchlimme Vorbedeutung.“ „O warum nicht gar, das iſt nicht der Fall,“ entgegnet Prudentia, auf ihre Serviette hinabblickend. „Ich wette, daß mein Freund nicht ſo ſprechen würde,“ verſetzt Bouchenot. Timotheus ſcheint ſehr verlegen und nicht zu wiſſen, was er erwiedern ſoll, aber Eölina fragt haſtig da⸗ zwiſchen:„Wollen Sie mit uns frühſtücken, Herr Timotheus?“ „Sie ſind ſehr gütig, Fräulein; ich hatte im Sinne, bald zu Mittag zu eſſen, doch gleichviel⸗ ich nehme Ihre Einladung an.“ „Schau', es ſind keine Sardellen mehr da. Ah⸗ ſie ſcheinen Dir zu ſchmecken, Prudentia?“ „Meiner Treu', ja, ich hatte noch nie welche gr⸗ geſſen. Ich glaubte, es ſeien Auftern.“ ——— 63 „Ich merke, daß man in Poiſſy noch nicht viel von den Fiſchen weiß. Timotheus, gehe und hole noch eine Schachtel.“. „O, es iſt überflüſſig.“ „Doch, doch, geh', Timotheus, Du ſiehſt ja, daß ſie Fräulein Prudentia gern ißt.“ Hierauf neigt ſich Bouchenot gegen das Ohr ſei⸗ nes Freundes und flüſtert ihm zu:„Die Sardellen ſind geſalzen, das macht Durſt. Du darfſt die dicke Prudentia nur ein Bischen betrunken machen, ſo iſt ſie Dein.“ „Ich will mein Glück keinen ſolchen Mitteln zu verdanken haben,“ entgegnet Timotheus. „Dann fürchte ich, wirſt Du gar nicht dazu ge⸗ langen.“ „Was haben Sie ſich denn in's Ohr zu ſagen?“ fragt Cölina. „Nichts, Nachbarin; ich trug meinem Freund auf, uns einen kleinen Nachtiſch mitzubringen.“ „Ach, keine Tollheiten, meine Herren; ich gebe nicht zu, daß man unnöthige Ausgaben macht.“ „Ich werde Ihnen gehorchen, Fräulein,“ erwie⸗ dert Timotheus, während er ſich entfernt. „Beim Kukuk, es war überflüſſig, ihm dieſes an⸗ zuempfehlen,“ ſagt Bouchenot.„Wenn der je zu Grunde geht, ſo verſichere ich Sie, iſt es nicht ſeine Schuld.“ Timotheus kommt bald wieder mit einer Schach⸗ iel Sardellen, einigen Portionen Deſſert und einem Stückchen Grierſerkäſe zurück. 64 „Der Tauſend! das Alles für Vier?“ ſchreit Bou⸗ chenot, den Käſe an ſein Meſſer ſpießend.„Was Teu⸗ fels! Du willſt, glaube ich, daß wir uns den Magen überladen ſollen?“ 6 „Ich wußte nicht, ob die Frauenzimmer Käſe eſſen würden,“ antwortet Timotheus, ſich zu Tiſche ſetzend. „Es iſt ganz recht, Herr Timotheus, achten Sie nicht auf Ihren Freund,“ verſetzt Cölina;„ich ſehe es gerne, wenn ein junger Mann ſparſam und ge⸗ regelt lebt und Etwas auf die Seite legt.“ „Ich habe nie Etwas auf die Seite gelegt, als meinen Hut,“ ſagt Bouchenot lachend. „Bedienen Sie ſich doch, Fräulein,“ ſagt Timo⸗ theus zu der dicken Prudentia, die zinnerne Schachtel präſentirend, worin ſich die Sardellen befanden. Fräulein Prudentia läßt einige Sardellen auf ihren Teller fallen und ſpricht:„Die Auſtern ſind aber ſo ſchwer zu verdauen.“ „Du willſt, wie es ſcheint, aus den Sardellen durchaus Auſtern machen,“ ſagt Cölina.„Nun, wo gehen Sie denn hin, Herr Bouchenot?“ „Ich komme im Augenblick wieder, Nachbarin.“ Bouchenot hat zwei Flaſchen Champagner geholt und bringt ſie mit dem Ausrufe:„Jetzt können die Sardellen ſchwimmen!“ „Ich dachte es mir doch, Sie würden Tollheiten machen,“ ſagt Cölina beim Erblicken des Champag⸗ ners lächelnd;„ach, Herr Bouchenot, das iſt ſehr un⸗ recht von Ihnen; wenn Sie wüßten, wie mich der Wein aufregt und toll macht...“ —— 65 „Um ſo beſſer. Sie ſind nüchtern ſchon ſo ver⸗ führeriſch, wie müſſen Sie dann erſt ſein?“ „Schweigen Sie, Unartiger!“ „Nehmen Sie noch ein Stückchen Paſtete, Fräu⸗ lein,“ ſagt Timotheus zu Prudentia, und dieſe, welche der Meinung iſt, ſie müſſe ihre Freundin nachahmen, nimmt den Teller mit den Worten:„Schweigen Sie, Unartiger!“ Der große junge Mann ſieht ſie verblüfft an; Cölina bricht in ein Gelächter aus und Bouchenot läßt einen Pfropf ſpringen. Beim Anblick des Schaums, der ſie beſpritzt, erhebt ſich die dicke Prudentia und ſchreit laut:„Ach, mein Gott, es iſt Feuer in der Flaſche!“ Es koſtet einige Mühe, ſie zu beruhigen und ihr begreiflich zu machen, daß der Schaum des Cham⸗ pagners keine Rakete ſei. Endlich verſucht ſie dieſen und findet alsbald Geſchmack daran. Während die Unterhaltung belebter wird und die Liebe zwiſchen Cölina und Bouchenot raſche Fortſchritte macht, be⸗ müht ſich Timotheus ſeinerſeits, die Eroberung Pru⸗ dentia's zu machen; dieſe, welche das Sardelleneſſen und Champagnertrinken aufgeregt hat, blickt Timo⸗ theus weit zärtlicher an und antwortet auf Alles, was er ihr ſagt:„Schweigen Sie, Unartiger!“ Die Zeit vergeht bei einer guten Unterhaltung ſchnell. Die Nacht überraſcht die jungen Leute an Cölina's Tiſch. „Ach, mein Gott, es iſt bereits Nacht!“ ruft Pru⸗ Paul de Kock. LXI. 5 66 dentia aus,„und ich ſollte nur eine halbe Stunde von Hauſe entfernt ſein! Madame hat mich fortgeſchickt, Einfaßſchnüre zu holen.“ „Sagen Sie, Sie hätten in zwanzig Läden gehen müſſen, um das Verlangte zu finden,“ verſetzt Bou⸗ chenot. „Ja, weil die Einfaßſchnüre ſo rar ſind! Mein Gott, ich muß nach Hauſe, ich werde fürchterlich ge⸗ zankt. das iſt ſonderbar, mir iſt es ganz flimmerig vor den Augen.“ „Mein Freund Timotheus wird Sie nach Hauſe vegleiten,“ ſagt Bouchenot, dem es nicht unlieb iſt, mit Cölina allein ſein zu können. „Ich wollte eben ſo frei ſein, dem Fräulein mei⸗ nen Arm anzubieten,“ fügt Timotheus bei. „Ach, das wäre eigentlich überflüſſig... ſchwei⸗ gen Sie, Unartiger!... Sag', Cölina, ſoll ich die Begleitung dieſes Herrn annehmen?“ „Warum nicht? Du haſt ja eine ſo große Vor⸗ liebe für Geſellſchaft.“ 2 „Ach, das iſt richtig; er muß die Stelle meines Hundes vertreten.“ Cölina und Bouchenot lachen von ganzem Herzen, aber Timothens entgegnet mit gefühlvollem Tonet „Ich werde mich jedenfalls beſſer halten wie dieſer⸗ Fräulein, denn ich verlaſſe Sie nicht.“ „Ach, mein Gott, Herr Timotheus, ich ſagte das, wie ich etwas Anderes geſagt hätte. Ach, die Auſtern ſind ſehr geſalzen, aber der künſtliche Wein iſt recht gut.“ 2 67 „Fräulein, ich bin bereit.“ „Schweigen Sie, Unartiger! Gute Nacht, Cölina. Das iſt ſonderbar, mir iſt es ganz ſchwindelig; aber das ſchadet nichts, ich habe mich doch gut unter⸗ halten.“ „Geh' und ſtolpere unterwegs nicht.“ Prudentia und Timotheus ſind fortgegangen. Cð⸗ lina deckt den Tiſch ab und ruft dabei aus:„Dieſe arme Prudentia! der Champagner iſt ihr ein wenig in den Kopf geſtiegen. Glücklicher Weiſe iſt Ihr Freund nicht fähig, ihren Zuſtand zu mißbrauchen; mit Ihnen hätte ich ſie nicht gehen laſſen.“ „Wirklich! Sie ſind aber ſehr mäßig geblieben.“ „Ah, weil ich mißtraute. und weil ich heute Abend noch arbeiten.. das heißt mit dem Illumi⸗ niren von Hero und Leander fertig werden muß.“ „Wie, Sie arbeiten heute Abend noch?“ „Ja, ich ſagte Ihnen ſchon, daß man darauf warte.“ „Man ſoll halt länger warten; wer wird ſich auch nach einer ſo angenehmen Mahlzeit an die e beit ſetzen, pfui!“ „Das hindert Sie nicht, mir S zu lei⸗ ſten, wenn es Ihnen Vergnügen macht.“ Cölina zündet ein Licht an und macht ſich an ihre Arbeit. Bouchenot ſetzt ſich in eine Ecke und ſchmollt; die kleine Coloriſiin merkt es und fängt dann 1 ſingen an. Nach einer Weile iſt Bouchenot das Schmollen langweilig und er nähert ſich Cölina wieder mit den Worten:„Sie ſind recht unartig, Nachbarin!“ . 68 „Unartig, weil ich arbeite?“ „Würden wir nicht beſſer daran thun, von Liebe zu ſprechen?“ „Ich verbiete es Ihnen nicht, aber Sie wollen lieber in einen Winkel ſitzen und ſchmollen.“ „Man antwortet nicht recht, wenn man arbeitet.“ „O, das genirt mich nicht am Antworten.“ „Sind Sie noch nicht bald mit Hero und Leander fertig?“ „Nein.“ „Wie weit ſind Sie denn?“ „Sie ſind recht neugierig.“ Bouchenot ſteht auf und betrachtet die Lithogra⸗ phie, welche das junge Mädchen colorirt. Sie ſtellte Leander dar, wie er aus dem Waſſer ſteigt, von ſeiner Geliebten abgetrocknet wird, und ihm dieſe wohlriechenden Balſam auf's Haupt träufelt. „Der Kerl iſt nicht zu beklagen!“ ruft Bouchenot aus,„und ich beneide ihn um ſein Loos; ſein Schatz dient ihm als Badknecht, reibt ihn trocken und par⸗ fümirt ihn. Die Frauen des Alterthums waren frei von Vorurtheilen: Sie thäten ſo Etwas nicht, Tigerin.“ „Vielleicht doch. Bedenken Sie auch die Gefahren⸗ denen der junge Mann Trotz bot, der, um ſeine Ge⸗ liebte zu ſehen, das Meer durchſchwamm.“ „O, das Meer, das wäre ein Bischen zu weit... es war nur eine Meerenge; wenn Einer ſchwimmen kann, iſt es kein ſo großes Verdienſt.“ „Und wenn ſie ihn bei ſeiner Ankunft nicht be⸗ deckt und abgetrocknet hätte, ſo würde der arme —, —— 69 Junge bei dieſem Treiben ſicher eine Bruſtentzündung bekommen haben. Welches Weib wäre barbariſch genug geweſen, ſich ſeiner nicht anzunehmen? ihn... Nun, Herr Bouchenot, hindern Sie mich nicht am Arbeiten!“ „Ich möchte Sie küſſen, Nachbarin.“ „Ich dulde es nicht.“ „Da ich Sie aber anbete...“ „Ich glaube es nicht.“ „Da ich Ihr Liebhaber werden will...“ „Ich will nicht mehr lieben.“, „Probiren Sie es noch einmal, Sie werden es nicht bereuen.“ „In der Liebe iſt eine Probe ſo viel wie eine Verpflichtung.“ „O, Cölina, legen Sie Ihre Hand auf mein Herz!“ „Das werde ich nicht thun.“ „Um zu fühlen, wie es in Ihrer Nähe ſchlägt!“ „Laſſen Sie mich mit Frieden, oder ich kratze Sie.“ Bouchenot will Cölina durchaus küſſen, dieſe ver⸗ theidigt ſich wie eine Löwin: der Champagner hat ſie, ſtatt ſie hingebender zu ſtimmen, widerſpenſtiger gemacht; ſie bildet ſich ein, der Nachbar habe ihr abſichtlich zu trinken gegeben, und wenn ein Frauen⸗ zimmer auf ihrer Huth iſt, kann man nicht leicht über ſie triumphiren. Bouchenot ruht nicht, bis er einen großen Ritz im Geſicht hat, mit dem er ſich voll Aerger und Schande in den Hintergrund des Zimmers zurück⸗ zieht; das junge Mädchen ſetzt ihre Arbeit fort. Mehr als eine Stunde verſtreicht, ohne daß ſie ein Wort mit einander ſprechen. Ohne Zweifel ungeduldig über das Schweigen des jungen Mannes ſagt Cölina endlich zu ihm:„Herr Bouchenot, es iſt ſpät⸗ ich möchte mich ſchlafen legen; nicht wahr, Sie gehen jetzt in Ihr Zimmer?“ „Ha, ha, das Fräulein weist mir die Thüre!“ „Nein, mein Herr, das iſt nicht der Fall, aber.. Sie wiſſen wohl, daß Sie hier nicht über Nacht bleiben können.“ „Warum nicht, wenn es Ihr Wunſch wäre! Sind wir nicht Beide Herr unſerer Handlungen?“ „Ach, das wäre hübſch... vorwärts, Nachbar, nehmen Sie Ihren Hut.“ Bouchenot ſteht auf, macht einige Gänge durch das Zimmer und begibt ſich, ſtatt fortzugehen, in ein Nebenkämmerchen, welches als Küche dient. „Was haben Sie denn im Sinne?“ fragt Cölina. „Ich will meine Handſchuhe ſuchen, die ich in Ihrer Küche liegen ließ.“ Mehrere Minuten verſtrichen, Bouchenot kommt nicht zurück. „Er braucht lange, bis er ſeine Handſchuhe findet,“ denkt das junge Mädchen bei ſich. In dieſem Augenblick hört ſie, daß der Hahn des Küchenfaſſes läuft und eine Menge Waſſi er herausſließt. „Ei! was macht er wohl?“ ruft Cölina in Ge⸗ vanken aus;„wäſcht er vielleicht ſeine Handſchuhe? Das wäre ein komiſcher Einfall.“ —, Doch das junge Mädchen ſollte nicht lange in der Ungewißheit verharren, denn Bouchenot erſchien alsbald wie Leander, als er aus dem Waſſer ſtieg⸗ vor ihren Blicken: er hatte nämlich ſeine Kleider ausgezogen, ſich unter den Hahn des Küchenfaſſes gelegt und das Waſſer über ſich hinunter fließen laſſen. „Ach, mein Gott, was ſoll das heißen, in wel⸗ chem Zuſtand ſind Sie?“ ruft Cölina aus. „Das ſoll heißen, daß ich Sie eben ſo ſehr liebe, wie Leander ſeine Hero; ich habe zwar nicht wie er den Helleſpont durchſchwommen, weil die Calander⸗ Straße nicht in dem Marmorameer liegt, aber ich vin eben ſo durchnäßt, als es der junge Mann ſein konnte, wie er aus der Meerenge ſtieg, und wenn Sie kein Mitleid mit mir haben, werde ich die Bruſt⸗ entzündung bekommen, wovor Hero's Sorgfalt ihren Geliebten ſchützte.“ Cölina wußte nicht, was ſie erwiedern ſollte; Bouchenot hatte eine Tollheit begangen, aber die Frauenzimmer haben es gerne, wenn man ihretwegen Tollheiten macht. Hatte ſie nicht vor wenigen Mi⸗ nuten erſt geſagt, Hero wäre ſehr barbariſch gewe⸗ ſen, wenn ſie ſich ihres triefenden Liebhabers nicht erbarmt hätte? Hieraus kann der Leſer ſelbſt ſchlie⸗ ßen, daß nun die auf der Lithographie Sgeſelte Scene aufgeführt wurde. 72 Viertes Kapitel. Freunde bei der erſten Aufführung eines Stückes. Mehr als ein Monat iſt verfloſſen. Bouchenot kommt Abends nicht mehr zum Schlafen zu ſeinen Freunden; dieſe ſind der Meinung, er habe ſich bei Heinrich niedergelaſſen, während er es für gut findet, bei der Nachbarin zu bleiben. Allein während Cblina ſich der Neigung ihres Herzens und der Macht der Umſtände, die ihren Fall herbeigeführt hatten, hingibt, ſagt ſie doch oft zu ihrem Geliebten:„Aber willſt Du denn die Stelle, die man Dir angeboten hat, nicht?“ „Doch, aber es hat noch Zeit,“ entgegnet Bou⸗ chenot. „Wenn man ſie aber einem Andern gäbe?“ „Das geſchieht nicht; es iſt bei einem Freunde.“ „Wenn er Dich aber braucht?“ „O, es hat keine Eile! Langweilt es Sie, meine liebe Freundin, daß ich meine ganze Zeit bei Ihnen zubringe, Sie in Gaſthäuſer und Theater führe und nicht von Ihnen weiche?“ „Nein, gewiß nicht; aber trotz des Vergnügens, welches mir Deine Nähe verſchafft, möchte ich doch Deinen Vortheil nicht beeinträchtigen. Und woher nimmſt Du denn das viele Geld, welches Du mit mir ausgibſt? Du warſt doch ſo in Mangel!“ „Es iſt mir ein altes Guthaben eingegangen; außerdem brauchen wir nicht viel: wir gehen immer 73 in kleinere Gaſthäuſer und ſetzen uns im Theater auf billige Plätze.“ „Es koſtet deßhalb doch.“ „Sei beruhigt, wenn ich kein Geld mehr habe, werde ich Heinrich aufſuchen und merkwürdig arbeiten.“ Georg hatte, ganz mit der Aufführung ſeines Stückes beſchäftigt, Heinrich ſeitdem nicht mehr geſe⸗ hen; Timotheus arbeitete den ganzen Tag, und wenn er ſeiner Nachbarin guten Abend wünſchen wollte, ſo war dieſe meiſt mit Bouchenot ausgegangen. Das zärtliche Einvernehmen, welches zwiſchen dieſem und Cölina beſtand, war kein Geheimniß mehr. Timo⸗ theus hatte ſeine Neigung Fräulein Prudentia zuge⸗ wendet, aber ſeit jenem Abend, wo er ſie in ihr Magazin zurückbegleitet, hatte man das dicke Mäd⸗ chen nicht mehr ausgehen laſſen, weil ſie einen Tag lang fortgeblieben war, um Einfaßſchnüre zu holen. Eines Morgens jedoch kam Georg zu Heinrich, um ihm mitzutheilen, daß man ſein Stück aufführen werde. Als der junge Dichter lange über ſein Werk und die Scenen geſprochen hatte, von welchen er ſich einen Erfolg verſprach, kam Heinrich auf ſeine Liebe, ſeine Pauline, ihre Reize, ihre Vorzüge und des zu erwartenden Glückes an ihrer Hand. Beide hörten ſich aufmerkſam zu; das iſt immer ein Beweis von Freundſchaft oder wenigſtens von Lebensart. Sehr wenig Menſchen haben aber Lebensart, denn wenig nur hören Einem zu. Im Augenblick, wo ſie ſich trennen wollten, fragt 74 Georg Heinrich:„A propos, biſt Du mit Bouchenot zufrieden? arbeitet er fleißig?“ „Ich wollte mich eben bei Dir nach ihm erkun⸗ digen,“ erwiedert Heinrich,„ich habe ihn ſeit unſe⸗ rem Frühſtück nicht mehr geſehen und erwarte ihn täglich. Wenn er aber nicht demnächſt kommt, ſo vin ich genöthigt, Jemand anders anzunehmen, denn ich kann meinem Geſchäft nicht allein vorſtehen.“ „Das iſt unbegreiflich! Timotheus und ich waren der Meinung, er ſei bei Dir!... Dieſer Burſche iſt unverbeſſerlich: ſobald er einen Heller Geld in der Taſche hat, iſt er nicht zum Schaffen zu bewegen; da er aber ſehr verſchwenderiſch damit umgeht, iſt es mir unfaßlich, wie er noch welches haben ſollte; ich werde heute noch mit Timotheus über ihn ſpre⸗ chen: vielleicht weiß dieſer mehr als ich.“ Georg und Timotheus trafen ſich häufig beim WMittageſſen in einem beſcheidenen Gaſthauſe, deſſen Preiſe der Börſe unſerer Studenten angemeſſen wa⸗ ren. Als Georg ſeinen Kameraden erblickt, redet er ihn gleich mit den Worten an:„Weißt Du, daß Bouchenot noch nicht bei Heinrich war?“ „Nein, aber es wundert mich nicht. Seit er der Geliebte der Nachbarin iſt, weicht er nicht mehr on ihr.“ „Iſt er denn der Geliebte der Fräulein Cölina?“ „Potz Kukuk! ſie machen kein Geheimniß daraus. Ich hätte der Nachbarin mehr Geſchmack zugetraut.“ „Das heißt, Du hätteſt der Bevorzugte ſein mögen.“ „O, ich denke nicht mehr an ſie; ihre Freundin⸗ die Mamſelle Prudentia, ein reizendes rundes Mäd⸗ 75 chen, welches immer zu mir ſagte: Schweigen Sie, Unartiger!“ und Abends, als ich ſie in ihr Magazin zurückbegleitete, auf dem ganzen Wege walzen wollte, gefällt mir viel beſſer.“ „So, Du machſt Mamſelle Prudentia die Cour?“ „Das heißt, ich ſtand im Begriff, ihre Eroberung zu machen; aber man läßt ſie unter dem Vorwand, ſie käme nicht mehr nach Hauſe, nicht mehr ausgehen.“ „Um wieder auf Bouchenot zurückzukommen: be⸗ greifſt Du, wovon er ſeit mehr als drei Wochen leben mag? Er muß die vierzig Franken, die er hatte, ſchon längſt ausgegeben haben.“ „O⸗ gewiß!“ „Woher bekommt er denn Geld?“ „Ich weiß nicht, es ſei denn, daß er ſich von der kleinen Coloriſtin erhalten ließe; ſie ſcheint wahn⸗ ſinnig in ihn verliebt zu ſein!“ „O pfui, welcher Gedanke! Wenn ich Bouchenot ſolche Unzartheit zutraute, würde ich nicht mehr mit ihm umgehen.“ „Ich irre mich vielleicht, auch läßt ſich mit dem Coloriren nicht viel verdienen.“ „Weißt Du was, ſuche Buchenot auf, das wird nicht ſchwer ſein, da er ſich immer bei der Nachbarin befindet. Bemühe Dich, aus ihm herauszubringen, was er treibt; ſage ihm, Heinrich erwarte ihn, und mache ihn dann damit bekannt, daß morgen mein Stück aufgeführt wird. Ich hoffe, daß ihn ſeine neue Liebſchaft nicht ganz und gar in Anſpruch nimmt und ihm noch Etwas an dem Emporkommen eines 76 Freundes liegt, ſag' ihm, daß ich auf ihn ſowie auf Dich zähle: eine günſtige Aufnahme kann mir die Bahn eröffnen, während es mir das Durchfallen des Stückes faſt unmöglich macht, vorwärts zu dringen. Nimm, hier ſind zwei Karten auf die Galerie für ihn und für Dich.“ „Nur zwei Karten? Ich ſollte wenigſtens vier haben.“ „Willſt Du zwei Deiner Freunde mitnehmen?“ „Natürlich. Bouchenot nimmt, wie ſich von ſelbſt verſteht, die Nachbarin mit, und ich werde Mamſelle Prudentia einladen und zum Mitgehen zu bewegen ſuchen.“ „So! Frauenzimmer wollt ihr mitnehmen? Ich dachte zwei Freunde⸗ die recht applaudirt hätten. Das iſt Dein Intereſſe für den Erfolg meines Stückes? O, die Männer! Jeder denkt nur an ſich!“ „Sei ganz beruhigt; die Frauenzimmer applau⸗ diren jetzt ſo gut als die Männer, außerdem lachen oder weinen ſie, was noch beſſer iſt. Ich ſtehe Dir dafür, wir werden einen Teufelslärm machen.“ „Wie, einen Lärm? damit das Stück geſtört oder unterbrochen wird?“ „Nein, ſei doch geſcheidt, damit es bis in die Wolten erhoben wird.“ „Nun, ſo nimm, hier ſind vier Karten. Ach, ich wollte gerne, ich wäre zwei Tage älter.“ „Mache Dir keine Sorgen; es wird Beifall fin⸗ den, jedenfalls ſind wir da.“ „Ja, ja, ihr werdet da ſein... euch ganz und — —,— 77 gar mit euren Schönen beſchäftigen.., und nicht an das Stück eures Freundes denken!“ „Ich will applaudiren wie ein Tauber.“ „So iſt es nicht gemeint; man muß mäßig, aber am geeigneten Platze applaudiren. Verhüte haupt⸗ ſächlich, daß Bouchenot Unſinn macht, um wie ge⸗ wöhnlich die Aufmerkſamkeit des Publikums auf ſich zu lenken.“ „Er wird daran ee daß es Dein Stück iſt, und nicht pfeifen.“ „Wahrhaftig, das allein fehlte noch.“ „Du weißt, daß ihm das Pfeifen ſo viel Spaß macht, aber in Deinem Stücke. o, ſei Du wirſt zufrieden mit uns ſein.“ Nach dem Mittageſſen begibt ſich Timotheus zu Cölina; er trifft Bouchenot, der in einem Lehnſtuhl von Stroh liegt, ſeine Füße auf die Ofenmauer ſtützt und mit Wolluſt eine ſpaniſche Cigarre raucht, wäh⸗ rend ſeine Geliebte die Abenteuer Rothkäppchens co⸗ lorirt. „Ei, Timotheus!“ ruft Bouchenot aus, ohne ſeine Lage zu verändern, die etwas Aſiatiſches an ſich hatte. „Ich ſelbſt; guten Abend, Fräulein Cölina.“ „Guten Abend, Herr Timotheus. Warum beſu⸗ chen Sie uns denn ſo ſelten?“ „Ach, Sie ſind ja beim Kukuk nie zu Hauſe; weßhalb ſollte ich dann kommen?“ „Sie ſehen wohl, daß wir zu Hauſe da Sie uns treffen.“ „Das iſt ein Zufall.“ „Ei was, Timotheus, haben wir, meine Geliebte und ich, nicht die Freiheit, ſpazieren zu gehen, wenn wir wollen? müſſen wir Deine Erlaubniß dazu einho⸗ len?“ entgegnet Bouchenot, indem er ſeiner Freundin eine Rauchwolke in's Geſicht bläst. „Das habe ich nie geſagt.“ „So, das iſt ein Glück!“ „Aber das will ich Dir ſagen⸗ daß Heinrich, der Dir eine Stelle bei ſich angetragen hat, ſehr erſtaunt iſt, Dich ſeit unſerm Frühſtück nicht mehr geſehen zu haben. Haſt Du einen beſſern Platz gefunden als den, welchen er Dir vorgeſchlagen?“ „Es ſcheint mir, es ſei nicht ſo übel hier,“ ant⸗ wortet Bouchenot, ſich in ſeinem Lehnſtuhl ausſtreckend. „Herr Timotheus,“ ſagt Cölina,„ich muß Sie vitten, zu glauben, daß Bouchenot nicht auf meinen Rath die ihm von ſeinem Freunde angebotene Stelle nicht annahm, denn ich habe ihn ganz im Gegen⸗ theil ſchon öfters gefragt, warum er Herrn Heinrich nicht beſuche.“ „Das bin ich überzeugt⸗ Fräulein; wenn aber Bouchenot nicht zu arbeiten nöthig hat... „Timotheus, weißt Du, daß Du mich ſchmählich langweilſt?“ unterbricht ihn Bouchenot.„Wenn Du bloß deßhalb gekommen biſt, mich zu ſchulmeiſtern und mir moraliſche Vorleſungen zu halten, ſo hätteſt Du Dir die Mühe des Beſuches erſparen können.“ „Nein, ich vin nicht deßhalb gekommen, ſondern um euch zu ſagen, daß morgen Georgs Stück auf⸗ geführt wird und euch Billete dazu zu bringen.“ 79 „Ah, bravo! ſo laſſe ich mir es gefallen; wenn Du ſo ſprichſt, hören wir Dich an.“ „Was, morgen?“ ruft Cölina aus.„Ach, wel⸗ ches Vergnügen! In welchem Theater wird es ge⸗ ſpielt?“ „Im Vaudeville⸗Theater.“ „Wie viel Aufzüge hat das Stüc?⸗ „Einen einzigen.“ „Ach, das iſt ſehr wenig!“ „Vielleicht mehr als genug,“ brummt Bouchenot, ſich auf ſeinem Stuhle ſchaukelnd. „Was haſt Du geſagt, Bouchenot?“ „Nichts, ich ſcherzte nur. Wie viel Karten haſt Du?“ „Hier ſind vier für uns Drei.“ „Vier für uns Drei?“ fragt Cölina.„Wollen Sie denn Jemand mit uns nehmen?“ „Nein, Fräulein, ich weiß Niemand; wenn Sie aber Jemand wüßten, eine Freundin zum Beiſpiel...“ „Nun, ſtelle Dich nicht ſo einfältig,“ ſagt Bou⸗ chenot lachend;„ſage Cölina unumwunden, daß Du es gerne ſäheſt, wenn ſie Prudentia mitnähme. Hm, der große Gimpel, der das junge Mädchen heim⸗ geführt hat und ſie nicht einmal bat, ihm ihr Schlaf⸗ zimmerchen zu zeigen!“ „Ich konnte das nicht verlangen, da ich ſie in's Magazin zurückführen mußte.“ „Einerlei, ich ſage Dir, daß Du ein Gimpel biſt. Ich wollte, ich wäre ein Paſcha, Du dürfteſt mein ganzes Sergil nach Hauſe führen.“ 80 „Glauben Sie, Nachbarin, daß Fräulein Pru⸗ dentia mit uns in's Theater gehen darf?“ „Das wird ſchwer halten! Ihre Lehrerin iſt nicht guter Laune, ſeit ſie ihr den letzten Streich geſpielt hat. „Wie, die dicke Prudentia ſpielt ihrer Lehrmei⸗ ſterin Streiche!“ ruft Bouchenot aus;„ich geſtehe, daß ich ihr das nicht zugetraut hätte.“ „Habe ich Dir dieſe Geſchichte nicht erzählt?“ „Nein, gewiß nicht.“ „O, ſie iſt zum Todtlachen!“ „Erzählen Sie uns doch, Nachbarin, das wäre recht liebenswürdig von Ihnen,“ ſagt Timotheus, ſich neben Cölina niederlaſſend; dieſe läßt ihre Far⸗ ben ruhen und erzählt den beiden jungen Leutem fol⸗ genden Vorfall. n „Vor allen Dingen, meine Herren, müßt ihr zur Verſtändigung der Geſchichte wiſſen, daß die Linnen⸗ waarenhändlerin, bei der Prudentia arbeitet, eine ungeheure dicke Alte iſt, die zwiſchen zweihundert⸗ dreißig bis zweihundertfünfzig Pfund wägen muß⸗ eines jener Weiber, welche der Schrecken der Om⸗ nibus ſind und für welche man eigene Thüren und Lehnſtühle machen muß. Vor einigen Tagen hatte Madame Ballon, ſo heißt dieſe Dame, ein Geſchäft in Verſailles; da ſie befürchtete, ſie werde zur Zeit der Abfahrt keinen Platz mehr bekommen, ſchickte ſie Prudentia in aller Frühe auf das Omnibus⸗Bureauz weil ſie aber recht bequem ſitzen wollte und ſelbſt von ihrem bedeutenden Umfang überzeugt iſt, ſo be⸗ — — 81 fahl ſie Prudentia, zwei Plätze zu beſtellen: dann, ſagte ſie, werde ich jedenfalls weit bequemer reiſen. Prudentia vollzieht den Auftrag und kommt mit der Antwort zurück: Ich habe Ihnen zwei Plätze beſtellt, Madame, und ſie bezahlt, damit man ſie Niemand ſonſt gibt. Die Linnenwaarenhändlerin begibt ſich auf den Weg und langt einige Minuten vor der Abfahrt der Wagen an dem geeigneten Orte an. Man ruft den Namen der Reiſenden auf, die in's Innere gehören, unter ihnen auch:, Madame Ballon!“ — Hier, ſchreit die dicke Dame vortretend;„aber Sie müſſen zwei Plätze für mich haben und ich ſehe ſchon fünf Paſſagiere in dem Wagen, was bedeutet das 2— Der Conducteur ſieht in ſeinem Verzeichniß nach und entgegnet:„Es iſt nur ein Platz im Inneren für Ma⸗ dame Ballon beftellt.—„Aber, mein Herr, ich habe doch zwei bezahlt.—„Warten Sie, Madame, warten Sie, im Coupé, Madame Ballon, alſo richtig... Sie haben zwei Plätze: einen im Innern und einen im Coupé.—, O, die verfluchte Gans,“ ruft die dicke Lein⸗ wandhändlerin aus, ich beſtelle zwei Plätze, um be⸗ quem zu fahren und ſie nimmt ſie nicht nebeneinander.“ Alle Reiſenden fingen über das Mißgeſchick der Ma⸗ dame Ballon zu lachen an, aber keiner wollte ſeinen Platz vertauſchen, und die dicke Alte war auf dem gan⸗ zen Wege recht übel daran, während ſie hinter ſich einen leeren Platz bezahlen mußte. Sie können ſich den⸗ ken, wie ſie bei ihrer Rückkehr Prudentia ſchalt, und deßhalb vefürchte ich, wird ſie ihr das Ausgehen Paul de Kock. LRXI. 6 82² nicht erlauben; dieß hindert mich aber nicht, jeden⸗ falls bei ihr darum anzuhalten.“ Bouchenot lacht herzlich über Madame Ballons Geſchichte; Timotheus ſucht Prudentia zu entſchuldi⸗ gen.„Jedenfalls,“ ſagt er,„hätte das arme junge Mädchen dieſen Fehler nicht begangen, wenn ihr die Linnenwaarenhändlerin befohlen hätte, beide Plätze nebeneinander zu nehmen.“ „Vortrefflich⸗ Timotheus,“ ſagt Bouchenot,„man muß ein Frauenzimmer, das man liebt, immer ent⸗ ſchuldigen. Wenn Cölina die größten Dummheiten ſagen würde, ſo würde ich ſie doch für geiſtreich er⸗ klären; allein das paſſirt meiner Cölina nicht, denn ſie iſt voll Anmuth, Bosheit und Liebenswürdigkeit. O, Du biſt eine Fee!“ „Geh', Bouchenot, laß mich in Ruhe.“ „Nein, ich will Dich vor dem Angeſichte der gan⸗ zen Welt küſſen und vergöttern!“ Timotheus nimmt ſeinen Hut, während Bouche⸗ not Cölina küßt, denn man macht immer ein komi⸗ ſches Geſicht, wenn man den Andern beim Küſſen zuſieht, noch weit komiſcher aber, wenn ein Frauen⸗ zimmer geliebkost wird, dem man ſelbſt die Cour gemacht und welches Einen nicht erhört hat. „Auf morgen alſo; ich hole euch um ſechs Uhr ab,“ ſagt Timotheus;„wenn Fräulein Prudentia kommen darf, ſo ſoll ſie um dieſe Zeit hier ſei dann gehen wir Alle miteinander.“ „Es bleibt dabei.“. Der folgende war ein großer Tag für Georg; ————,— —— —,— 83³ man muß ſelbſt Theaterſtücke geſchrieben haben, die zur Aufführung kamen, um die Ungeduld, die Be⸗ wegung, die Angſt und das Mißbehagen zu kennen, welches man an dem Tage der Aufführung ſeines erſten Werkes empfindet. Bei einigen Dichtern wie⸗ derholt ſich dieſe nervöſe Criſis bei jeder ihrer erſten Vorſtellungen; bei andern vergeht ſie mit der Ge⸗ wohnheit, ihre Werke auf die Bühne gebracht zu ſehen; die Einen fliehen das Theater, während man ihr erſtes Stück gibt, und haben nicht den Muth, ihrer Niederlage oder ihrem Triumphe beizuwohnen; die Andern, philoſophiſcherer Natur, ſetzen ſich unter die Zuſchauer, um den Effekt ihres Werkes beſſer beurtheilen zu können, und ſind ſtumme Zeugen des Beifalls oder Mißfalls. Man ſagt auch, es gebe, die ſich ſelbſt applaudiren znur von ſolchen, die ſich ſelbſt auspfeifen, hört man nichts. An dem Abend, wovon wir ſprechen, war das Haus voll. Das iſt für den Dichter ſowohl angenehm als unangenehm: er wünſcht ſich viele Zeugen ſeines Erfolges, allein wenige ſeiner Niederlage. Vor Be⸗ ginn des Stückes ſpäht er durch das Loch des Vor⸗ hanges nach Freunden. er ſieht ihrer nie genug; er möchte auf allen Geſichtern die Gewogenheit und die beifällige Stimmung für ſein Werk erblicken; das unbedeutendſte Geräuſch ſetzt ihn in Unruhe und das Krachen einer auf⸗ oder zugehenden Thüre klingt ſeinen bangen Ohren immer wie ein Pfiff. Georg iſt vor der Aufführung des Stückes, wel⸗ ches dem ſeinigen vorhergehen ſoll, auf der Bühne; 84 er fiellt ſich vor das Loch in dem Vorhang und ſieht nach den Zuſchauern. Auf dem Balkon erblickt er Heinrich, hinter einem jungen reizenden Mädchen ſitzend, welches dik auf ſie gerichteten Lorgnons und Lorgnetten einigermaßen in Verwirrung zu bringen ſcheinen; es iſt Pauline Giraumont. Eine ziemlich bejahrte Dame war mit ihr gekommen. Heinrich hat der Dame, bei welcher er zuweilen mit Paulinen zuſammentrifft, ein Billet gegeben, und Herr Girau⸗ mont war außerordentlicher Weiſe ſo gütig geweſen, ſeine Einwilligung zu ertheilen, daß ſeine Tochter mit der Dame in's Theater gehe; allerdings hatte ihm dieſe Letztere nicht geſagt, daß ſie das Billet von Heinrich erhalten habe und der junge Mann ſie be⸗ gleiten werde, denn Paulinens Vater iſt immer ſehr ſtrenge, und obgleich er mehr Wohlwollen für Hein⸗ rich an den Tag legt und ihm geſtattet hat, zuwei⸗ len in's Haus zu kommen, müſſen ſich die Liebenden doch ſtets noch mit Hoffnungen begnügen. Es iſt daher ein großes Vergnügen, ſie für einen ganzen Abend ohne läſtige, argwöhniſche Beobachter zuzu⸗ bringen; ſie werden die Stücke immer unterhaltend und gut finden, und die langweiligſten werden ihnen zu kurz vorkommen. Sie bedauern im Voraus, daß der Abend ſchnell verſchwindet. Aber wenn ihr ſie nachher fragt, was ſie geſehen haben, ſo werden ſ. außer Stand ſein, es euch zu ſagen. „Gut, das iſt ein Freund,“ ſpricht Georg bei ſich, „nun muß ich auch die andern ſuchen.“ Indem der junge Dichter ſeine Blicke über die gedrängten Rei⸗ 85⁵ hen der Galerie hinſtreifen läßt, fallen ihm Timo⸗ theus und Bouchenot in's Auge; neben dem Letztern befand ſich Fräulein Cölina in einem Roſahütchen, worin ihr ſchelmiſches Geſichtchen Beinahe vernünftig ausſah. In ihrem beſcheidenem, aber anſtändigen Anzuge hätte Niemand eine Coloriſtin vermuthet. Neben Cölina ſaß ganz ſteif und aufrecht ein ſtarkes, volles, rothwangiges Mädchen, welches à la chinoise friſirt war und auf beiden Schläfen Herzangeln hatte. Dieß war Fräulein Prudentia, welcher Madame Ballon auf Cölinens Bitte erlaubt hatte, in's Thea⸗ ter zu gehen, und die ſich nicht ſatt ſehen und be⸗ wundern konnte, weil ſie ſich das erſte Mal in einem großen Theater befand. Nach ihr kam Timotheus. Er flüſterte ſeiner ſchö⸗ nen Nachbarin von Zeit zu Zeit ein Wörtchen in's Ohr; dieſe antwortete ihm aber immer ſo, daß er wohl merken konnte, ſie habe ſeine Frage nicht ver⸗ ſtanden. „Sie ſind da!“ denkt Georg,„ich bin überzeugt, ſie werden mein Stück, ſo weit es in ihren Kräften ſteht, aufrecht zu erhalten ſuchen. Ach! warum konnte ich nicht das ganze Haus mit ſolch ergebenen Freun⸗ den füllen; dann wäre ich beruhigt!“ Das erſte Stück iſt vorbei; der Saal iſt, einige Logen ausgenommen, voll. Bouchenot ſteht alle Au⸗ genblicke auf, ſieht in die Logen hinab und macht laut ſeine Bemerkungen. „Es iſt recht voll!... Zenes Frauenzimmer dort 86 iſt nicht übel.. ihr Geſicht iſt mir bekannt... Cö⸗ lina, theure Freundin, Sie kneipen mich... was ſind das für Anfälle von Eiferſucht? Hören Sie, meine Liebe, ehe ich Sie kannte, war ich nicht in Papier eingewickelt, wie der Neuſchateller!.. Ach, ſehe ich nicht Elvina dort vorn?“ „Wer iſt Elvina, mein Herr?“ „Eine Opernfigurantin.“ „Sie kennen, ſcheint es, ganz Paris?“ „Nein, ich kenne nicht ganz Paris, aber allerdings eine ziemliche Anzahl Menſchen. Mein Gott, wie lange brauchen die, bis ſie anfangen; das iſt ab⸗ ſcheulich!“ Timotheus ſieht Bouchenot an und ſagt mit lei⸗ ſer Stimme zu ihm:„Willſt Du cabaliren?“ „Nein, ich will nicht eabaliren; ich werde aber doch ſagen dürfen, daß ſie lange zum Anfangen brauchen.. es iſt ja wirklich lächerlich.“ „Wir dürfen ſo Etwas nicht ſagen.“ „Ach, wie dumm! Dürfte ich mich vielleicht auch nicht ſchnäuzen, weil das Stück von Georg iſt? Schau', da unten auf dem Balkon ſitzt Heinrich. der Schelm ſpricht mit einem recht hübſchen Frauen⸗ zimmer.“ „Sprich doch nicht ſo laut, Bouchenot, Alles ſieht nach Dir.“ „Ach! Du langweilſt mich; mach' Deiner Dicken den Hof oder kaufe ihr eine Stange Gerſtenzucker, das wird beſſer ſein. Weißt Du, wer das junge Frauenzimmer iſt, mit dem Heinrich ſpricht?“ 87 „Wahrſcheinlich das Fräulein, von der er uns erzählt hat und die er zu heirathen gedenkt.“ „Potz Henker! die wäre mir lieber in meinem Bette als ein Floh. O weh! Cölina, Sie machen mir blaue Male... Sie berühren mich auf eine nicht ſehr angenehme Weiſe. Vorwärts, den Vor⸗ hang auf!“ „Du ſollteſt Dein Geld zurückverlangen, Bouche⸗ not, das wäre noch beſſer.“ „Wie glücklich bin ich heute Abend, theure Pau⸗ line! Warum kann ich die Dauer der Stücke nicht verlängern?“ ſagt Heinrich, ſich dicht gegen das junge Frauenzimmer hinneigend, welches vor ihm ſitzt, dem⸗ ſelben leiſe in's Ohr. Dieſe wendet ſich halb um, blickt den jungen Mann zärtlich an und ſtammelt: „O, auch ich bin recht glücklich und recht vergnügt; das Theater hat mich noch nie ſo gut unterhalten!“ „Hat Ihnen das Stück ſo gut gefallen, welches eben geſpielt wurde?“ Das junge Mächen lächelt, ſchlägt die Augen nieder und ſeufzt, während ſie murmelt:„Das Stück? Mein Gott, ich weiß gar nicht, was darin vorkam!“ „Theuerſte Pauline! wann darf ich endlich frei von meiner Liebe mit Ihnen ſprechen und Ihnen ohne Scheu geſtehen, daß ich Sie anbete?. Wann wird Ihr Vater in unſere Verbindung willigen?“ „Wir wollen warten und hoffen!“ „Ach! ich würde geduldig warten, wenn ich immer wie heute Abend bei Ihnen ſein könnte.“ „Rücken Sie doch näher zu mir her, Fräulein 88 Prudentia, Sie ſitzen beſſer,“ ſagt Timotheus zu ſei⸗ ner dicken Nachbarin. „Ich danke, Herr Timotheus, mein Platz iſt ganz gut.“ „Macht Ihnen das Schauſpiel Vergnügen?“ „Das will ich glauben; ich bin bisher nur im Marionetten⸗ und im Seiltänzer⸗Theater geweſen.“ „Ich bin auch recht glücklich, mich in Ihrer Ge⸗ ſellſchaft zu befinden, Fräulein; denn ſeit ich letzthin Abend das Vergnügen hatte, Sie nach Hauſe zu be⸗ gleiten, denke ich immer an Sie.“ „Ach ja, letzthin, wo ich mich ſo ſchmutzig ge⸗ macht habe! Mein Gott, wie ſah ich aus!“ „Und erinnern Sie ſich noch, was ich unterwegs zu Ihnen ſagte?“ „Nein, mein Herr, ich weiß kein Wort mehr.“ „Ich ſagte zu Ihnen, Fräulein, daß ich mich glücklich ſchätzen würde, in Ihrem Herzen ein Gefühl zu erwecken, welches.„ „Nehmen Sie ſich in Acht, Sie treten mir auf den Fuß.“ „Entſchuldigen Sie, Fräulein, es geſchah ohne Abſicht. Ich ſagte Ihnen, daß ich nichts ſehnlicher wünſchte, als einen Funken in Ihrem Herzen zu ent⸗ zünden, denn Ihre ſchönen Augen. „O herrlich! da kommen die Muſikanten. Nicht wahr, jetzt geht es wieder an?“ „Ja, Fräulein.“ Timotheus hält es nun für klug, ſeine Erklärung nicht zu vollenden, weil Prudentia in dieſem Augen⸗ ——————— ——— 89 blick zu ſehr mit dem Stücke beſchäftigt iſt, als daß ſie ſeinen Worten Aufmerkſamkeit ſchenkte. Endlich wird zum Zeichen, daß Georgs Stück nun beginnen werde, drei Mal geläutet. Es war Zeit, denn Bouchenot gebärdete ſich ſehr ungeduldig und ſtampfte wegen der Länge des Zwiſchenaktes mit den Füßen. Das Läuten ſtellte aber die Ruhe wie⸗ der her und man ſetzte ſich nieder. Der Vorhang ging alsbald auf und man richtete ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit auf das Stück. Bouchenot kehrt ſich während der erſten Scene oft um, um ein ziemlich hübſches Frauenzimmer zu betrachten, welches neben einer leer gebliebenen Loge ſitzt; Cölina ärgert ſich über die Zerſtreutheit ihres Liebhabers und kneipt ihn tüchtig mit den Worten: „Haben Sie dieſes Frauenzimmer bald genug ange⸗ ſehen?“ Bouchenot ſtoßt einen halb unterdrückten Schrei aus. Das Parterre verlangt Ruhe und Timotheus ſagt zu Prudentia:„Dieſe Scene iſt etwas lang!“ worauf die angehende Leinwandhändlerin erwiedert: „O, ich habe keine Eile!“ „Das Stück läßt Einen kalt,“ ſagt Bouchenot nach der zweiten Scene;„es muß noch ſehr abge⸗ kürzt werden.“ „Willſt Du ſchweigen!“ ruft ihm Timotheus zu. Ich ſage das nur unter uns; ich werde doch Herr meiner Meinung ſein?“ Die Handlung wird übrigens lebhafter und das Stück anſprechender; aber es kommen Leute in die 90 hinter Bouchenot leer gebliebene Loge. Das Ge⸗ räuſch der Neuankommenden, welche beim Nieder⸗ ſitzen die Bänke herunterfallen laſſen, macht das Pub⸗ likum ungeduldig, und Bouchenot, der ſich immer auszeichnen will, ſchreit mit einer Stimme, die alle Anweſenden hätte taub machen können:„Still doch!“ Unter den Perſonen, welche in der Loge Platz genommen haben, befindet ſich ein etwa vierzigjäh⸗ riger Mann, mit männlichen, kräftigen Zügen, dunk⸗ ler Geſichtsfarbe und üppigem Haarwuchſe, in wel⸗ chem man, wenn man vollends das auffallende Schnar⸗ ren ſeiner Sprache hörte, einen Bewohner der ſüdlichen Provinzen erkennt. Er iſt vornehm gekleidet und ſeine Manieren ſind die eines gebildeten Mannes. Der Herr hat ſich eben in der vorderſten Reihe der Loge niedergelaſſen, als Bouchenot ſich umwendet und ſeinen Blicken begegnet. Beide betrachten ſich eine Weile. Ein Ausdruck des Erſtaunens malt ſich auf dem Geſichte des Fremden; in Bouchenots Zügen ſpricht ſich Schrecken und Entſetzen aus. Er wird blaß und fängt an zu zittern; endlich dreht er ſich wieder um, nimmt eilig ſeinen Hut, ſteht auf und ſteigt ungeachtet des Murxens aller hinter ihm ſitzenden Perſonen, die es höchſt unpaſſend finden, daß man während des Stückes hinausgehen will, über die Bank. „Wo wollen Sie denn hin?“ fragt Cölina, a ſie Bouchenot aufſtehen ſieht. „Ich gehe.“ „Wie! Sie gehen mitten unter dem Stück?“ 91 JJa, ich fühle mich unwohl.. halten Sie mich nicht auf.“ „Bleiben Sie doch, es wird vorübergehen... ich will Ihnen Pfeffermünz⸗Küchelchen geben!... Kom⸗ men Sie wieder?“ „Ei, mein Herr! werden Sie ſich nicht bald wie⸗ der ſetzen? „Wollen Sie ruhig ſein?“ „Man entfernt ſich nicht während des Stückes.“ „Still auf der Galerie!“ „Ich muß hinaus; es iſt mir unwohl.“ Mit dieſen Worten ſchafft ſich Bouchenot, ohne ſich umzuſehen, aus Furcht, er erblicke den Herrn in der Loge noch einmal, Bahn durch das Gedränge, ſtößt die Einen hin, die Andern her, und gelangt endlich in's Freie. „Das iſt ein angenehmer Herr im Theater,“ ſagt eine hinter Bouchenot ſitzende Perſon;„wir wollen aber hoffen, daß wir jetzt das neue Stück ungeſtört ſehen können.“ Die Perſon täuſchte ſich, denn nach Verlauf von fünf Minuten hält es Cölina nicht mehr aus; ſie ſteht ebenfalls auf.. „Er kommt nicht zurück!“ ruft ſie aus,„ich muß wiſſen, was er hat. Entſchuldigen Sie, meine Her⸗ rren und Damen, geſtatten Sie mir, hinauszugehen.“ „Ach, wie widerwärtig!“ „Madame, Sie können, ſobald das Stück zu Ende iſt, hinausgehen.“ „Sie ſtören das Schauſpiel.“ 92 „Sie hätten beſſer Karan Lethant gleich mit dem Herrn fortzugehen.“ Cölina läßt ſich nicht juricyniten; ſie drängt und arbeitet ſich vorwärts, tritt den Leuten auf die Füße, die Kleider und die Schemel, und erreich die Thüre. Kaum iſt ſie fort, bemerkt Prudentia, die ihre Blicke faſt unabläßig auf das Theater heftet, daß ihre Freundin nicht mehr neben ihr ſitzt; ſie ſtößt einen Schrei der Verwunderung aus, und fragt laut: „Ei! wo iſt denn Cölina?“ „Still, Ruhe!“ ſchreit man von allen Seiten. „Sie kommt gleich wieder, ſeien Sie unbeſorgt,“ ſagt Timotheus dem dicken Mädchen leiſe in's Ohr. „Aber ich will wiſſen, wo ſie iſt; mein Gott, warum iſt ſie denn ohne mich fortgegangen?“ „Es wird ihr übel geworden ſein.“ „Und Sie glauben, ich laſſe ſie allein, wenn ſie ſich übel fühlt; ach, warum nicht gar... das zeugte von einer ſchönen Freundſchaft; nein.. ich werde ſie aufſuchen.“ „Bleiben Sie doch auf Ihrem Platze, wir gehen gleich nach dem Stücke.“ „Gott bewahre! O, Cölina iſt mir lieber als Ihr Stück, von dem ich kein Wort verſtehe; ich muß ſie aufſuchen.“ Damit ſchlägt Fräulein Prudentia denſelben Weg ein wie ihre Freundin, und Timotheus, der befürchtet, ſie möchte ſich in einem ihr fremden Theater verirren, entſchließt ſich, ihr zu folgen, weßhalb Beide unter 93 allgemeinem Klagen und Murren der Zuſchauer, die über die fortwährenden Störungen ſo entrüſtet ſind, daß das Schauſpiel unterbrochen wird und eine Scene wiederholt werden muß, ſich entfernen. Und Heinrich und Pauline tauſchten während die⸗ ſer Zeit zärtliche Blicke aus und kümmerten ſich ſo wenig um das, was im Saale vorging, als was auf der Bühne geſpielt wurde. Aber trotz all dem findet Georgs Stück eine gün⸗ ſtige Aufnahme. „Es iſt übrigens doch heute Abend bedeutend caba⸗ lirt worden,“ ſagten die Schauſpieler nach der Auf⸗ führung ſeines Stückes zu dem jungen Dichter, und dieſer antwortete:„Das iſt richtig; man hat viel gelärmt, aber glücklicher Weiſe waren Freunde von mir da, die mir außerordentlich genützt haben.“ Fünftes Kapitel. Puteaux, St. Quen und Montmartre. Bouchenot verließ das Theater wie ein Narr; er rannte unaufhaltſam wie ein Verfolgter durch die Straßen. Vor Cölina's Zimmer ſtand er ſtille, machte, da er den Schlüſſel der kleinen Coloriſtin bei ſich hatte, auf, ſchloß hinter ſich wieder zu, ſteckte ſich bis über den Kopf unter die Decke und ſprach bei ſich:„Wenn er mir nur nicht bis hierher nachſetzt; denn er war es ol er war es ſicher! ich habe ihn ganz gut erkannt. und ich glaube auch, daß er mich erkannt hat!“ ſich aus dem Theater zu entfernen, ſuchte und rief 94 Cölina ſuchte ihren Geliebten in allen Gängen, fragte alle Logenſchließerinnen nach ihm, aber keine konnte ihr Auskunft geben. Sie entſchloß ſich zuletzt, in der ganzen Umgegend nach Bouchenot, da ſie ihn aber nirgends gewahrte, eilte ſie mit ſchnellen Schritten nach Hauſe, denn bereits liefen ihr einige Herren nach und beläſtigten ſie mit plumpen Galanterien. Endlich langt das junge Mädchen zu Hauſe an und klopft an ihre Thüre, aber Niemand gibt ihr Ant⸗ wort, und da ſie kein Licht bemerkt, jammert ſie;„Er iſt nicht nach Hauſe gekommen und hat meinen Schlüſ⸗ ſel! was ſoll ich anfangen? was mag aus ihm gewor⸗ den ſein? Ach, mein Gott! wo ſoll ich ihn ſuchen?“ Da Cölina laut klagt, kann man ſie im Zimmer hören, und eine Stimme ruft:„Wer iſt da?“ „Ei, mein Gott! ich bin es... mache mir doch auf, wenn ich klopfe!... Du läßt mich ja vor der Thüre verzweifeln.“ „Du hätteſt ſagen ſollen, daß Du es ſeieſt!“ ſagte Bouchenot, die Thüre öffnend. „Fürchteſt Du Dich vielleicht vor Dieben?“ ſagt Cölina eintretend.„Aber jetzt ſag' mir, warum Du wie ein Wahnſinniger aus dem Theater gelaufen biſt ſprich, was hat Dich angewandelt?“ „Ein fürchterliches Bauchgrimmen.“ „Das iſt ſonderbar! Und wie iſt es Dir jetzt?“. „Etwas beſſer.“ „Soll ich Dir einen Thee machen?“ „Nein. das heißt ja.. wenn Du willſt.“ — 95 „Das arme Stück! Ich hatte mich ſo darauf ge⸗ freut.“ „Es iſt nichts es wird durchgefallen ſein... „Was kannſt denn Du wiſſen? Wir haben ja nicht einmal die Hälfte davon geſehen; es war ſchon der Mühe werth, in's Theater zu gehen!“ „Cölina, Ihre Reflexionen ſcheinen mir unpaſſend. Was kann ein Menſch dafür, daß er das Bauchgrim⸗ men bekommt! Das ſind unvorhergeſehene Ereigniſſe, die ſowohl den König als den Niedrigſten treffen können.“ „Das iſt richtig; daher will ich Dir einen Thee machen.“ Cölina hatte ſchon den Thee gekocht und ſchickte ſich eben an, Bouchenot eine Taſſe voll in ein Confekttöpf⸗ chen einzuſchenken, als man heftig an die Thüre pochte. „Mach nicht auf! gib keine Antwort!“ ruft plötz⸗ lich Bouchenot mit bebender Stimme, indem er ſie angſtvoll anblickt. „Warum denn nicht?“ fragt Cölina, welche den Schrecken ihres Geliebten nicht begreift. „Warum?.. das geht Dich nichts an.. Schweig' ſprich kein Wort!“ Die kleine Coloriſtin betrachtete Bouchenot ſtau⸗ nend, als eine gellende Stimme ſich vom Hausgang hören ließ:„Cölina,“ ruft man,„biſt Du zu Hauſe? gib uns Antwort, wenn Du da biſt!“ „Ei, das iſt Prudentia!“ ſchreit Cölina, haſtig aufſchließend. Bouchenot ſinkt, als ob er ſich ſeines Schreckens ſchämte, auf's Bett zurück. 96 Es war in der That Mamſell Prudentia in Be⸗ gleitung des Herrn Timotheus, der ſie an dem Thore des Theaters eingeholt hatte; ſie kamen, um ſich nach dem plötzlichen Verſchwinden Bouchenots und Cölina's zu erkundigen. „Herr Bouchenot hat das Bauchgrimmen bekom⸗ men,“ ſagt die kleine Coloriſtin lachend;„und das Komiſchſte daran iſt, daß es ihn ſo feig macht wie ei⸗ nen Haſen: er duldet nicht mehr, daß man die Thüre öffnet, ohne vorher zu fragen, wer draußen ſei.“ „Fräulein, es iſt ein nervöſes Leiden,“ entgegnet Bouchenot mißlaunig,„und wenn Sie etwas von der Medicin verſtünden, ſo wüßten ſie, daß man nichts für dieſe Angſt kann. Nun, hat das Stück Glück gemacht?“ „Wiſſen wir es?“ antwortet Timotheus.„Fräulein Prudentia hat nicht mehr bleiben wollen, als ſie pemerkte, daß ihre Freundin fort war. Ich glaube doch, daß ſie bei mir hätte ruhig ſein dürfen.“ „Ich fürchtete mich auch nicht, mein Herr, ich wollte nur wiſſen, was aus Cölina geworden war⸗ Ueberdieß macht mir dieſe Art von Komödien nicht viel Unterhaltung! Was kümmert es mich, wenn dieſe Leute von ihren Angelegenheiten ſprechen; mir iſt der Bajaz oder das Peterchen im Seiltänzer⸗Theater lieber! Adieu, Cölina, ich gehe jetzt nach Hauſe. Madame BVallon kann heute nicht ſagen, ich komme zu ſpät.“ „Ich werde mir die Freiheit nehmen, Sie nach Hauſe zu begleiten, Fräulein,“ ſagt Timotheus. ——— 97 „Sie ſind recht gütig, mein Herr. Ach! höre, Cölina, übermorgen iſt ein Feſttag, wir haben den ganzen Tag frei... willſt Du mit mir einen Spazier⸗ gang machen?. Wir find jetzt im Frühling, die Felder müſſen ſchon hübſch ſein.. ich ſehe das junge Grün ſo gern!“ „Werden Sie mir wohl geſtatten, Theil daran zu nehmen?“ fragt Timotheus.„Ich habe an dieſem Tage auch nichts zu thun und würde mit Entzücken die reine Luft der freien Natur einathmen... 0 rus! quando te aspiciam?“ „Sie wollen Spieke ſuchen?“ ſagt Prudentia, Ti⸗ motheus einfältig anblickend. „Nein, Fräulein, ich will nur Gras ſuchen.“ „O! mich freut das Gras auch. Nun, Cölina, bleibt es dabei?“ „Ich ſage mit Vergnügen zu,“ erwiedert die kleine Coloriſtin,„und wenn Herr Bouchenot kein Bauch⸗ grimmen mehr hat.. „O! bis dorthin iſt es vorbei,“ verſetzt dieſer, „dann gehen wir alle Vier miteinander.“ „Und werden uns hoffentlich beſſer unterhalten als heute Abend,“ fügt Cölina bei.„Gut alſo, es iſt ausgemacht. Hole uns um zwölf Uhr ab, wir wollen Dich erwarten.“ Timotheus entfernt ſich mit Mamſelle Prudentia, die er nach Hauſe begleitet und reſpektvoll an der Thüre verläßt. In ſein Logis zurückkehrend, begegnet er Georg, der fliegend und hüpfend die Treppe hinauf⸗ Paul de Kock. LRI. 7 98 geht, und ſich, ſobald er Timotheus anſichtig wird, in deſſen Arme wirft. „Ach, mein Freund, umarme mich!“ ruft er aus. „Nun, was ſagſt Du dazu?“ Timotheus kratzt ſich hinter dem Ohre und weiß 5 nicht, was er ſagen ſoll, denn er wagt es nicht, Georg zu geſtehen, daß er ſein Stück nicht zu Ende geſehen hat. Allein der junge Dichter läßt ihm keine Zeit zur Antwort und fährt fort:„Welches Glück, mein Freund, welches Glück!... Trotz der Cabale.. denn es iſt ordentlich cabalirt worden.. nicht wahr, mein Stück iſt gut?“ „Sehr gut.“ „Biſt Du zufrieden geweſen, hm?“ „Vollkommen.“ „Hat es Dir Vergnügen gemacht?“ „O ja; aber ich möchte es gerne noch einmal ſehen.“ „So oft Du willſt, lieber Freund. Sind Bou⸗ chenot und die kleine Nachbarin auch zufrieden?“ „Ich verſichere Dich, ſo zufrieden als ich.“ „Ich muß ſie ſehen, ſie umarmen.“. „Bouchenot iſt unwohl.“ „Das macht nichts!.. Ihr lieben Freunde, euch verdanke ich größtentheils meinen Erſolg, es iſt daher auch billig, daß ich euch meine Erkenntlichkeit an den Tag lege.“. Georg eilt an die Thüre der kleinen Nachbarin und klopft zum abermaligen Schrecken Bouchenots an wirft ſich an den Hals Cölina's, an den ſeines Freun⸗ „ 99 des, dankt ihnen, fragt ſie, was ſie von ſeinem Stück denken, läßt ihnen aber keine Zeit zum Antworten, denn ein Dichter, deſſen erſtes Werk Glück gemacht hat, muß ſelbſt ſprechen, ſein Herz ausſchütten, ſeiner Auf⸗ regung den Lauf laſſen, er hat nirgends weder Ruhe noch Raſt; deßhalb verläßt er ſeine Freunde auch nach einer Weile wieder, um in ein Kaffeehaus zu gehen und zu ſehen, ob nicht vielleicht in einem am Abend ausgegebenen Journale noch eine Recenſion über ſein Stück kommt. Und als Bouchenot endlich ruhiger über die Ereig⸗ niſſe des Abends nachdenken kann, ſpricht er bei ſich: „Ich bin doch ein Dummkopf, warum fürchte ich mich vor dieſem Manne; er ſollte ſich vielmehr vor mir fürchten! Ich habe nicht gegen den Eid gefehlt, den ich ihm geſchworen. Aber ſobald ich ihn erkannte, war ich nicht mehr Meiſter über mich. Hm! der Kerl hat ein ſehr charakteriſtiſches Geſicht!.. ich würde ihn unter tauſend erkennen. Er ſchien erſtaunt, als er mich erblickte. Das iſt eben nicht zum Verwundern: meine Kleidung war ſo verſchieden von der, worin er mich zum erſten Mal ſah... damals wird er mich für einen Unglücklichen, für einen Vagabunden ge⸗ halten haben!.. Ich fürchte mich vor dieſem Manne vor der Entdeckung, daß ich mit ihm bekannt ſei ich zittere bei dem Gedanken, cvmpromittirt zu werden und mache Dummheiten, die leicht Ver⸗ dacht erwecken könnten!... Trotz all' dem habe ich die hundert Thaler angenommen, ſie ſogar ausgege⸗ ben„es bleiben mir kaum mehr zwanzig Franken 100 davon übrig!.. Wenn ich nichts mehr habe, was vald der Fall ſein wird, dann will ich Freund Hein⸗ rich aufſuchen und die Stelle annehmen, die er mir angeboten hat ich muß doch endlich in eine Ord⸗ nung kommen.“ Da Bouchenots Unwohlſein keine Folgen hatte, verhinderte nichts die mit Prudentia und Timotheus am Abend nach dem Theater ausgemachte Land⸗ partie. Der Morgen war ſo rein, ſo heiter und ſo mild wie ein Kind, das ſeiner Mutter zu ihrem Geburts⸗ feſte gratulirt. Es war Anfangs Mai; in dieſem Monate kom⸗ men uns die ſchönen Tage ſchöner, die grünende Natur friſcher, die Wärme angenehmer vor. Das rührt daher, weil Alles eine reizende Neuheit hat und, wie Bernhardin de St. Pierre ſagt, alles jugend⸗ lich Friſche gefällt. Cölina hatte eine Frühlings⸗Toilette gemacht: das geſtreifte Roſakleid nach der neueſten Mode, der leichte Seidenſhawl und das Strohhütchen mit dem hübſchen Kreuzband putzten die kleine Griſette ſo artig heraus, daß es wirklich ein Vergnügen war, mit ihr auf's Land zu ſpazieren. Fräulein Prudentia Flambard hat auch ihren ſchön⸗ ſten Staat angelegt: er beſteht aus einem gedruck⸗ ten Kattunkleide mit großen, grellen Bouquets. Die junge angehende Leinwandhändlerin liebt die auf⸗ fallenden Farben; ſie trägt auch gerne Hauben, und hat ein ganz kleines, niedliches Häubchen aufgeſett 101 in welchem ihr dickes, veilchenblaues Geſicht noch breiter und bausbäckiger ausſieht. Der große Timotheus kann, indem er den Anzug der beiden Freundinnen vergleicht, nicht umhin, Cölina die Palme zuzuerkennen; da er aber keine Wahl mehr hat, will er ſich wenigſtens die Eroberung der dicken Prudentia ſichern; er ſchmeichelt ſich mit der Hoffnung, daß ihm die Landparthie Gelegenheit zu einem Alleinſein unter vier Augen geben werde, wel⸗ ches er zu ſeinem Vortheil benützen will. „Wie gefalle ich euch?“ fragt Prudentia, als ſie bei Cölina eintritt.„Nicht wahr, mein Kleid iſt hübſch?. es hat mich Alles auf der Straße ange⸗ ſehen.“ „Das glaube ich gerne,“ erwiederte Bouchenot, „Sie ſehen aus wie eine wandelnde Blumenlaube.“ „Es iſt etwas zu grell,“ verſetzt Cölina. „Ach! das gefällt mir ſo.. und nicht wahr, mein Häubchen iſt hübſch? es geht mir ſehr gut.“ „Vorzüglich,“ antwortet Bouchenot,„Sie ſehen noch einmal ſo dick darin aus wie ſonſt; wenn ich je krank werde, laſſe ich mir bei meiner Geneſung eine ſolche Haube machen.“ „Ach! wie unartig ſind Sie, Herr Bouchetrot!“ entgegnet Fräulein Prudentia, ſich vor dem Spiegel drehend. Fräulein, ich heiße nicht Bouchetcop, ſondern Bouchenot, fragen Sie nur Ihre Freundin Cölina.“ „Es iſt richtig; mein Gott, ich täuſche mich immer in den Eigennamen. Ich habe erſt letzhin eine ſehr 102 ſtolz und übermüthig ausſehende Dame unſerer Kund⸗ ſchaft ſo geärgert. ſie heißt Madame Monferriére; ſie kam alſo unlängſt in den Laden, meine Prinzi⸗ palin war gerade außerhalb beſchäftigt, ich rufe ihr daher hinaus: Madame Monderrière? fragt nach Ihnen. Ueber dieſes wird die Dame ſo böſe, behauptet, man wolle ſie verſpotten und geht mit der Drohung, nie mehr zu uns zu kommen, als ob man ver⸗ pflichtet wäre, ſich alle Eigennamen genau zu merken, fort.“ „Von all' dem iſt nicht die Rede,“ verſetzt Timo⸗ theus,„ſondern davon, wo wir hingehen wollen. Wir müſſen uns entſcheiden, ehe wir das Haus ver⸗ laſſen, damit wir nicht wie Simpel auf der Straße ſtehen und nicht wiſſen, welchen Weg wir einſchlagen ſollen.“ „Timotheus hat vollkommen recht,“ ſagt Bouche⸗ not.„Es wäre ſehr ärgerlich, wenn wir wie Simpel ausſehen würden. Reden Sie, meine Damen, wWo wollen wir hin?“ „Wir wollen in Puteaux frühſtücken,“ antwortet Cölina,„man ſpeist ſo guten Haſenragout dort dann ein Matroſengericht in St. Ouen eſſen und auf der Rückkehr in Montmartre Milch trinken.“ „Nicht übel!“ ruſt Bouchenot aus;„ſo ſcheint mir der Tag gehörig eingetheilt. Ich ſtimme dem Vorſchlag bei.“ „ Monferrisre hieße in der Ueberſetzung meine Werk⸗ zeugtaſchez Monderriöre dagegen mein Hintertheil. 103 „Alſo vorwärts!“ ſagt Timotheus.„Wir ſetzen uns in einen Omnibus und kommen dann, von einem in den andern, nothwendig endlich nach Puteaux.“ Die Geſellſchaft macht ſich auf den Weg. Cölina berührt am Arme Bouchenots, vor Freude, Liebe und Heiterkeit ſtrahlend, kaum das Fflaſter, und ſcheint eher zu tanzen als zu gehen. Fräulein Prudentia ſtützt ſich etwas ſchwerfälliger auf Timotheus Arm und achtet weit mehr darauf, daß ſie ſich nicht ſchmutzig mache, als auf die artigen Reden ihres Cavaliers. Bouchenot macht bald vor einem Fiakerplatz Halt und ruft aus:„Zu Vier in einem Omnibus ſitzen, wäre eine unnöthige Knickerei, wir wollen lieber einen Wagen nehmen.“ „Aber der Fiaker fährt uns bloß bis an die Bar⸗ riére,“ wendet Timotheus ein. „Wenn wir ihm eine dovpelte Fahrt bezahlen, fährt er uns bis nach Courbevoie.“ „Dann kommt er uns aber doch theurer als der Omnibus.“ „Was kümmert es Dich? ich bezahle.“ „Wo Teufels nimmſt denn Du das Geld her, daß Du immer ſo den Lord ſpielen kannſt?“ „Ich ſagte Dir ja, daß mir eine alte Schuld ein⸗ gegangen ſei. Uebrigens bin ich jetzt mit meiner Baarſchaft zu Ende: heute verklopfen wir meinen letzten Thaler und morgen trete ich in die von Hein⸗ rich mir vorgeſchlagene Stelle ein. Aber dieſer Tag ſoll noch der Freude, der Luſt gewidmet ſein!... Wir wollen ihn daher benützen.. vorwärts, meine Kin⸗ 104 der, in den Wagen, er ſoll mit uns davon rollen; das wird uns ſo gut ſtehen wie andern Leuten.“ Die Geſellſchaft ſteigt in einen Fiaker. Fräulein Prudentia iſt über das Fahren entzückt, denn es iſt ihr außer auf der Reiſe von Poiſſy nach Paris noch nie begegnet. Sie ſchaut beinahe während der ganzen Fahrt mit dem Kopf zum Kutſchenſchlag hinaus, wo⸗ rüber ſich Herr Timotheus höchlich ärgert, da er ſich nicht mit ihr unterhalten kann, wie er es ge⸗ wünſcht. Man langt bei der Neuilly⸗Brücke an. Die Geſell⸗ ſchaft ſteigt wieder aus; jeder Cavalier nimmt ſeine Dame und man ſchreitet heiter Puteaur zu. Puteaur iſt ein ſehr angenehmes Dorß, wenn keine Sonne ſcheint, aber ich rathe auch nicht, während der Hunds⸗ tage hinzuſpazieren, denn es iſt ſchwer, dort Schatten zu finden. „Es ſcheint mir, daß es hier nicht viel Bäume gibt,“ ſagt Timotheus;„mir ſind ſchattige Land⸗ ſchaften mit Wäldchen und Lauben lieber... das iſt ſo hübſch; nicht wahr, Fräulein Prudentia.“ „Mir wäre Etwas zu eſſen am liebſten,“ erwiedert das junge Mädchen,„denn ich habe bedeutend Hunger.“ „Ich bin mit Ihnen einverſtanden,“ verſetzt Bou⸗ chenot;„wir wollen vor allen Dingen frühſtücken, beſonders da hier, wie Timotheus richtig ſagte, kein Schatten iſt. Warum wollten Sie nach Puteaur gehen, Cölina?“ „Weil es hier Haſenragout gibt.“ „Aber, liebe Freundin, man ißt in allen Dörfern — — 105 5 Haſenragout; weißt Du denn nicht, daß Haſel und Kalbsbraten beſtändig auf den Speiſezetteln ſtehen? Wenn der erſtere übrigens hier beſſer zubereitet wird als anderswo, ſo wollen wir uns nicht darüber be⸗ klagen, daß es keine Bäume in Puteaux gibt.“ Die beiden Pärchen treten in ein Gaſthaus und verlangen ein Frühſtück. Alsbald wird die ganze Küche in Bewegung geſetzt: der Koch treibt die Küchenjungen an, die Küchenjungen die Mägde, und dieſe werfen aus lauter Geſchwindigkeit die Teller zuſammen; ſie wollen ſich allzu rührig zeigen, weil Bouchenot die magiſchen Worte ausgeſprochen hat: „Laſſen Sie uns gehörig bedienen, ſorgen Sie, daß Alles gut wird, wir ſehen nicht auf den Preis.“ Allein trotz der Mühe, welche man ſich gibt, die Geſellſchaft, die zum Frühſtück nach Puteaux gekom⸗ men iſt, zu befriedigen, iſt dieſe es keineswegs, denn die weichgeſottenen Eier ſchmecken noch zu roh, die Cotelettes ſind hart und der Haſe iſt zu ſtark gebeizt. Bouchenot flucht, Timotheus verzieht das Geſicht, Cölina bedauert, daß ſie die Geſellſchaft nach Puteaur verleitet hat, nur Prudentia allein ſpeist für Zwei und ſagt:„Es iſt nicht ſo übel... und wenn man Hunger hat, iſt Alles recht.“ „Es ſcheint, daß Sie Hunger hatten!“ verſetzt Timotheus. „Wir wollen bezahlen und dann weiter gehen,“ ſagt Bouchenot. „Ach ja, wir wollen Kornblumen und Acer⸗ ſchnallen pflücken!“ ruft Cölina aus. 106 „Das iſt recht,“ fügt Prudentia bei,„dann wer⸗ det ihr mir hoffentlich auch das umgekehrte Blatt zeigen, denn die Jungfern in unſerm Laden haben mir geſagt, es ſei ſehr intereſſant und ich ſoll es nur nicht vergeſſen, mir es zeigen zu laſſen, wenn ich einen Spaziergang auf das Land mache.“ Die beiden Herren fangen zu lachen an und Cölina ſtößt ihre Freundin mit dem Ellbogen, während ſie halblaut zu ihr ſagt:„Meine Liebe, Du ſollteſt Dich beſſer in Acht nehmen, daß Du nicht immer Dumm⸗ heiten ſchwatzeſt.“ „Was habe ich denn Unrechtes geſagt?“ „Etwas ſehr Unpaſſendes.“ „Wie! weil ich von dem umgekehrten Blatt ſprach?“ „Freilich.“ „Unſere Jungfern ſprechen ſeit geſtern davon.“ „Sie haben auf Koſten Deiner Dummheit ihren Scherz mit Dir getrieben.“ „Was iſt denn aber Unpaſſendes an...“ „Geh', ſchweig'.. Du wirſt es ſpäter erfahren.“ Man verläßt das Gaſthaus und ſetzt den Weg fort, aber der brennende Sonnenſchein iſt der Geſellſchaft zur Laſt und ſie entſchließt ſich, Puteaux unverzüglich zu verlaſſen und ſich nach St. Ouen zu begeben. Der Spaziergang iſt ziemlich luſtig, obgleich ſich Timotheus ärgert, daß keine Laube anzutreffen iſt, und auch Fräulein Prudentia's gute Laune abgenom⸗ men hat, weil man ihre Neugierde, das umgekehrte Blatt zu ſehen, lächerlich fand. Nach Verfluß von einer Stunde hatten die jungen Leute aber ihr ſchlech⸗ ———— S ——— 107 tes Frühſtück vergeſſen und die dicke junge 8 händlerin bereits wieder Appetit. Man kommt nach St. Ouen. „Hier,“ ſagt Bouchenot,„ſtehe ich euch dafür, werden wir ein gutes Matroſengericht eſſen, und das Beſte daran iſt, daß wir es, wenn wir wünſchen, ſelbſt fiſchen können. Ich kenne den Wirth, er hat einen Nachen und ſoll uns Netze und Angeln geben, dann wollen wir fiſchen. Iſt es euch recht?“ „O ja, das wird uns Spaß machen,“ antwor⸗ teten die jungen Mädchen. „Ich liebe das Fiſchen leidenſchaftlich,“ ſagt Cölina. „Ich habe noch nie gefiſcht,“ verſetzt Prudentia, „aber ich bin überzeugt, daß ich es gleich kann.“ „Man lernt es ſchnell, Fräulein,“ ſagt Timotheus, „und wenn es Ihnen recht iſt, ſo wollen chr mit einander fiſchen.“ „Mit Vergnügen, Herr Timotheus.“ Bouchenot holt einen ihm bekannten Schiffmann und in wenigen Minuten ſtehen der Nachen und die Netze der Geſellſchaft zur Verfügung. Die jungen Mädchen hüpfen lachend und ſchäckernd in den Kahn, ſo daß dieſer faſt umgefallen wäre. „Vorſicht, meine Damen!“ ſagt Timotheus;„be⸗ denken Sie, daß Sie ſich hier nicht auf feſtem Boden befinden.“ „Es iſt nicht gefährlich,“ ſagt Bouchenot,„jeden⸗ falls wirſt Du ſchwimmen können?“ „Allerdings, und Du?“ „Ich auch, aber es iſt mir verboten, weil ich 108 Krampfumſtänden unterworfen bin, die meinen Tod herbeiführen könnten.“ „Dann müßte ich ja Alle retten. Ich bitte Sie, meine Damen, machen Sie keinen Unſinn!“ Cölina hat ſchon einige Mal das Netz ausge⸗ worfen, bringt aber nur ganz kleine Fiſchchen herauf. „Wenn wir nichts Beſſeres fangen,“ ſagt Bou⸗ chenot,„wollen wir lieber noch einmal einen Haſen beſtellen.“ „Laßt mich jetzt machen,“ verſetzt Prudentia,„ihr ſollt ſehen, wie ich das Netz auswerfe. Ich bin ſtärker als Cölina und werde ſicher ſchöne Fiſche fangen.“ Das dicke Mädchen gibt Timotheus kein Gehör, der ihr zeigen will, wie man das Netz auswirft und angelt; ſie iſt zum Voraus von einem guten Fange überzeugt und wirft ihr Netz weit aus, aber das Ge⸗ wicht zieht ſie nach ſich und ſie verſchwindet ſammt demſelben unter den Wellen. Cölina ſtößt einen Schrei des Schreckens aus, Bouchenot zwei oder drei, um Schiffleute herbeizu⸗ rufen, aber Timotheus hat bereits ſeinen Rock aus⸗ gezogen und ſich in's Waſſer geſtürzt. Es gelingt ihm bald, Prudentia zu ergreifen, die ſich in's Netz verwickelt hat. Er erſcheint bereits mit dem jungen Mädchen wieder auf der Oberfläche des Waſſers; aber dieſe reißt ihn abermals mit hinunter, indem ſie ihn am Schwimmen hindert; glücklicher Weiſe waren bereits Schiffer herbeigeeilt, die Beide ergriffen und ſammt dem Netze an das Land zogen. Die jungen 109 Leute ſind gerettet und Fräulein Prudentia wird aus dem Wurfgarn befreit. Als das dicke Mädchen wieder zu ſich kam, war es ihr Erſtes, zu erklären, daß ſie in Zukunft nie mehr fiſchen werde. Man eilt in's Gaſthaus, und der Schiffer und ſeine Frau leihen Timotheus und Prudentia Kleider, damit ſie, während man ihre durch⸗ näßten Anzüge an einem großen Feuer trocknet, das Matroſengericht eſſen können. Dieſes Ereigniß hat die Heiterkeit der Geſellſchaft ein wenig geſtört. Prudentia hat indeß in dem Waſſer den Appetit nicht verloren, da ſie aber beim Verzehren des Matroſengerichtes drei Mal faſt er⸗ ſtickt, erklärt Cölina, daß ſie nie wieder eines mit ihr eſſen werde. Nachdem die Kleider beinahe trocken ſind, machen Prudentia und ihr Retter auf's Neue ihre Toilette; dann verläßt man St. Ouen, um ſich nach Mont⸗ martre zu begeben, wo man Milch zu trinken und den Abend mit einem Tanze in der Eremitage zu ſchließen gedenkt. Die Geſellſchaft legt den Weg zu Fuß zurückz denn Bouchenot, welcher bisher bezahlt hat, beſitzt nur noch einen einzigen Thaler. Dieſes Bewußtſein preßt ihm bei dem Gedanken, daß er nunmehr dieſem Leben des Vergnügens und Müßiggangs, wofür er eine ſo große Vorliebe empfindet, entſagen müſſe, einen tiefen Seufzer aus. Man erreicht Montmartre; Prudentia erklärt, daß ſie mit Vergnügen Milch trinke und auch etwas Brod —*— — varein tunke. Bouchenot, der ſich ſtets einbildet, die beſten Wirthshäuſer zu kennen, führt die Geſellſchaft in eine Art Schenke, wo man Milch, Eſel, Wein und ein Siam⸗Kegelſpiel findet. Das Siam⸗Kegelſpiel iſt in Kneipen ziemlich be⸗ kannt. Bouchenot behauptet, ſehr ſtark darin zu ſeinz er fordert Timotheus auf, mit ihm zu ſpielen. „Während die Frauenzimmer ihre Milch trinken,“ ſagt er,„wollen wir ein Huhn und Salat zum Nacht⸗ eſſen herauskegeln.“ Der Vorſchlag wird angenommen; man trägt Milch in kleinen Porzellantaſſen auf und richtet das Kegelſpiel für die Herren. Die Kegelbahn befand ſich auf einem freien Platze vor dem Hauſe des Eſel⸗ vermiethers; man konnte von derſelben ganz Paris und eine ungeheure Strecke Landes überſehen. „Was ſollen wir thun, während ihr kegelt?“ fragt Cölina Bouchenot. „Setzt euch ein wenig und betrachtet die Gegend, ſie verdient es wohl.“ „Ach! das iſt recht unterhaltend, in Geſellſchaſt von Herren zu ſein, die Kegel ſpielen!“ „Meine Damen, das Kegeln iſt ein nobles Spiel⸗ welches aus Griechenland ſtammt.. verurtheilen ſie es nicht!“ „Warum kegelt man denn nur in Kneipen, wenn es ein nobles Spiel iſt?“ „Weil es in einem Saale zu viel Platz einnehmen würde; trinkt eure Milch und laßt uns das Nacht⸗ eſſen herausmachen.“ 1¹¹ Die beiden jungen Mädchen, welche es nicht unter⸗ hält, dem Kegelſpiele zuzuſehen, gehen, nachdem ſie ihre Milch getrunken haben, ſpazieren; Bouchenot und Timotheus ergötzen ſich ſehr: ſie haben ſchon einige Partien geſpielt und wollen eben die Zeche zuſam⸗ men laſſen, als ſich mehrere Männer, die Wein beſtellen, an einem Tiſche nächſt der Kegelbahn nie⸗ derlaſſen. Bouchenot kniet gerade mit einem Fuße auf dem Boden und will die Kugel ſchieben; die Anweſenheit mehrerer Männer, die ſeinem Spiel zu⸗ ſehen, reizte ſeinen Ehrgeiz, und obgleich die Neuan⸗ gekommenen ganz gewöhnliche Leute zu ſein ſchienen, kalkulirt er doch, da er ſich um den Beifall Aller bemüht, ſeinen Wurf länger als gewöhnlich, und ſagte zugleich zu Timotheus:„Du haſt verloren, mein Lieber, ich werfe die Kegel vollends alle nieder!“ „Nun, ſo mach' doch, Du haſt ſchon ſeit zwei Stunden die Kugel in der Hand und rührſt Dich nicht!“ „Weil ich meinen Wurf kalkulire.. Du wirſt es gleich ſehen.“ Mit dieſen Worten will Bouchenot die Kugel in Bewegung ſetzen, als plötzlich ein großer Hund über die Kegelbahn rennt und einen großen Theil der Kegel zu Boden wirft. „Der Teufel ſoll den Hund holen!“ ſchreit Bou⸗ chenot;„das iſt ein angenehmer Beſuch auf einer Kegelbahn!“ „Wem gehört denn das Thier?“ fragt Timotheus, „gehört es in's Haus?“ 112 „Nein, mein Herr, der Hund gehört mir,“ erwie⸗ dert einer der eben angekommenen Männer;„ich will ihn aber rufen und bei mir behalten, damit er Sie nicht mehr im Spiele ſtört.. hierher! geſchwind... cvuche dich!“( Der Hund bleibt aber vor Bouchenot ſtehen und dieſer wird, während er ihn nochmals betrachtet, mit einem Mal blaß und fangt an zu zittern, indem er Schnauzer in demſelben erkennt. Der Hund beeilte ſich nicht, dem Befehle ſeines Herrn zu gehorchen, ſondern lief ruhig auf der Kegel⸗ bahn herum, als Cölina und Prudentia von ihrem * Spaziergange zurückkamen. „Nun, habt ihr ausgeſpielt?“ fragt Cölina;„ich denke, ihr könntet jetzt genug haben. Es iſt auch be⸗ „reits Nacht und wir wollen in der Eremitage tanzen.“ „Ja,“ ſagt Prudentia,„wir haben bereits die Geige und. ach, mein Gott, wäre es möglich?.. freilich, freilich, er iſt es!“ „Was haſt Du denn?“ fragt Cölina ihre Freun⸗ din.„Biſt Du von der Milch betrunken?“ „Was ich habe?.. Da finde ich ja meinen Hund, meinen Schnauzer wieder!... Sieh', dort, erkennſt Du ihn? Hierher, Schnauzer, hierher, komm' lieb⸗ koſe deine Herrin!“ Der Hund, welcher nie ein großer Freund des Schmeichelns geweſen war, ſtand unbeweglich unter den Kegeln, ſah bald ſeine ehemalige Herrin, bald ſeinen neuen Herrn an, und beleckte dazwiſchen mit unendlich gleichgültiger Miene das Ende ſeines Schwanzes. 3 1143 Der Mann, welcher dem Hund ſchon mehrere Male gerufen hat, ſteht jedoch von dem Tiſche, woran er geſeſſen, auf, und nähert ſich im Augenblicke, als Prudentia Schnauzer ſtreicheln will.„Was ſoll das heißen?“ ſchreit er zornig,„wer wagt es zu ſagen, mein Hund gehöre ihm? das möchte ich doch wiſſen.“ „Allerdings gehört der Hund mein,“ entgegnet Prudentia;„er iſt es, Schnauzer iſt es. nicht wahr, Cölina? nicht wahr, Herr Bouchenot? Schau', wo iſt er denn? er kennt meinen Hund ganz gut.“ „Wo iſt Bouchenot?“ fragt Cölina, überall umher⸗ blickend,„wo iſt er denn hingekommen? Antworten K Sie, Herr Timotheus.“ „Mein Gott, Fräulein, ich weiß es nicht,“ erwie⸗ dert der junge Mann;„Bouchenot war kaum vor⸗ hin noch da er muß ſo eben verſchwunden ſein er wird ohne Zweifel zurückkommen.“ „Nun, das iſt gleichgültig; der Hund gehört mir, ich habe ihn vor ungefähr ſechs Wochen verloren.. hier finde ich ihn wieder, ich nehme ihn mit mir.“ „Sie nehmen ihn mit ſich?“ ſchreit der Mann mit einer Stentorftimme;„ach! das möchte ich ſehen!.. Der Hund mag früher Ihnen gehort haben, das iſt möglich, aber jetzt gehört er mir, unſtreitig mir, denn ich habe ihn einem Manne, der mir ihn eines Abends in meinem Laden feil geboten hat, für zehn Franken abgekauft. Man kennt mich, meine dicke Mamſelle, ich bin ein in Paris etablirter Weinhändler und habe Zeugen, daß ich den Hund bezahlt habe. Es thut Paul de Kock. LRl. 3 1144 mir leid für Sie, daß Sie ihn verloren haben, aber jetzt heißt er nicht mehr Schnauzer, ſondern Dragun, und ich ſtehe Ihnen dafür, daß Sie ihn nicht mit⸗ nehmen dürfen. Hierher, Dragun, hierher, oder ich haue Dich lederweich!“ „Aber, mein Herr, ich habe ihn doch von meinem Pathen bekommen.. „Das iſt wahr,“ fügt Timotheus bei,„das Fräu⸗ lein hatte dieſen Hund von ihrem Pathen zum Geſchenk erhalten.“ ½„Was geht das mich an? ſie mag ihn von ihrem Pathen oder von ihrer Tante erhalten haben; ich ſage Ihnen, jetzt gehört er mein.“ „Cölina, ſprich doch mit dem Herrn, Du weißt„ recht wohl, daß es Schnauzer iſt.“ † „Ach! laſſe mich mit Frieden... ich ſuche den ver⸗ lorenen Bouchenot, der iſt mir wichtiger als Dein Hund.“ Während Prudentia jammert, bindet der Wein⸗ händler, um der Sache ein Ende zu machen, ſein Taſchentuch an Schnauzers Halsband und entfernt ſich, den Hund nach ſich ziehend, mit ſeinen Freunden; das Mädchen ſieht dem Thiere ſchwerſeufzend nach. Cölina hat indeſſen das ganze Haus und die Um⸗ gebung durchſucht und vergebens nach Bouchenot ge⸗ rufen. „Er iſt fort, plötzlich fort... ohne auf uns zu warten. Begreifen Sie das, Herr Timotheus?“ „Wahrſcheinlich, Fräulein, wird er wieder Bauch⸗ grimmen bekommen haben, wie letzhin im Theater.“ 5 15 „Bauchgrinmen? Ah, daran zweifle ich, allein 5 Betragen if nicht natürlich.“ „Das iſt auch meine Anſicht, Fräul in.“ „Der junge Mann hat, ein Geheimniß.“ „Es ſcheint ſo.“ „Jedenfalls müſſen wir fort unß nach Hauſe... denn wenn er wirklich krank wäre! Kommen Sie, Herr Timotheus, reichen Sie uns den Arm.“ „Mit Vergnügen, meine Damen.“ „Nach Hauſe gehen müſſen, wenn man ſich auf eine luſtige Unterhaltung und auf's Tanzen freute! Ach, welch' traurige Landparthie!“ „Ach, mein armer Hund!“ klagt Prudentia;„es iſt recht abſcheulich, daß er mir ihn nicht zurückge⸗ geben hat.“ * G So 3 4 —. ſ 6 17 8 9 10 11 12 13 14 15 1