Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Sechszigſter Theil. Go Stuttgart: Scheible, Bieger a Sattler. 1845. Schnauzer. Paul de Rock. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Zweiter Theil. Stuttgart: Scheible, Bieger a Sattler. 1815. Erſtes Kapitel. Fräulein Prudentia. Kehren wir zu Georg und Timotheus zurück, die wir in ihrer beſcheidenen Wohnung in der Calander⸗ Straße verlaſſen haben, aus der ſie ſich nicht entfernen konnten, weil ſie keine anſtändigen Kleider hatten. Georg arbeitete indeſſen an ſeinem Werke und ihm verging die Zeit ſchnell; die Stunden ſchienen zu eilen, ſelbſt der Hunger war nicht ſo empfindlich. Glückliches Privilegium des Schriftſtellers! Wenn ſeine Einbil⸗ dungskraft eine Scene, ein Kapitel dichtet oder einen neuen Plan ausdenkt, vergißt er Langeweile, Sorgen und ſelbſt manchmal ſeine Bedürfniſſe; er lebt mit ſeinen Helden, plaudert mit ſeinen Heldinnen und iſt glücklich in ſeinen Träumen. Ein ſolcher Moment iſt faſt immer der glücklichſte im Leben des Dichters; in ſeinem Arbeitszimmer richtet er Alles nach ſeinem Geſchmack ein; ſein Werk macht unerhörtes Glück, ſein Ruhm iſt vollendet und das Publikum ſpricht ſeinen Namen nur mit einem Lobe aus. Allein warum muß er ſein Arbeitszimmer ver⸗ laſſen? Viele Schriftſteller ſollten ein kleines Theater in ihrem Zimmer haben; da würden ſie ihre Stücke von ihren Freunden, ihren Kindern und ihren Frauen ſpielen laſſen; da würden ſie von keiner Cenſur, keinem 6 Direktor geplagt werden; die Schauſpieler würden keine andere Rollen und die Schauſpielerinnen keine Rollen für ihre Kleider verlangen. Man hätte ſehr unſchuldige und reine häusliche Erfolge. Ich behaupte indeſſen nicht, daß dieß unſterblich machen würdez allein warum halten wir denn ſo viel auf das? Wenn es kommt⸗ ſind wir nicht mehr da! Georg ſchrieb, ſuchte einen Vers, einen Reim und murmelte ihn zwiſchen den Zähnen. Timotheus, der nicht componirte, rief von Zeit zu Zeit:„Dieſe Gurken⸗ Cotelettes kommen lange nicht! Bouchenot wäre fähig, zu vergeſſen, daß man uns ein Frühſtück bringen ſoll. Höre doch, Georg, gehe einmal zu dem kleinen Trai⸗ teur hinab, ob man an uns denkt.“ „Kann ich ſo hinabgehen? Gehe ſelbſt hinunter.“ „Es ſcheint mir, mein Anzug ſei nicht beſſer als der Deinige. Allein zwei Schritte kann man ſchon in der Blouſe zu einem Nachbar gehen. Ich will ein⸗ mal nach unſerm Frühſtück ſehen; Bouchenot wird vergeſſen haben, es zu beſtellen. Hat er doch die vierzig Sous dagelaſſen?“ „Ja, da ſind ſie auf dem Kamine.“ „Gottlob! Ich muß geſtehen, daß ich wegen der hundert Sous, die er mitgenommen hat, nicht ganz ruhig bin. Ich kenne ihn: er iſt im Stande und gibt ſie für lauter Kleinigkeiten aus. Ich bin nicht darauf veſtanden, daß er ſie da laſſen ſolle, weil das Geld theilweiſe von dem Verkaufe ſeiner Unterhoſen her⸗ kommt; wäre das nicht geweſen, ſicherlich.. Nun! es iſt doch ſonderbar, wo Henkers ſind ſie denn hin⸗ ——— —— 7 gekommen? Ich hatte ſie unter das Bett gethan; ich weiß es gewiß.“ „Was haſt Du denn, Timotheus? Du ſchreiſt und ſprichſt an Einem fort. So kann man nicht componiren.“ „Was ich habe? Ach, wenn er mir zum Beiſpiel dieſen Streich geſpielt hätte, das wäre unwürdig! Georg, haſt Du ſie an den Füßen?“ „Was denn?“ „Meine Stiefel. meine ſchönen, nagelneuen Stiefel, die ich erſt fünf Mal anhatte, die ich ſchonte wie meinen Augapfel...“ „Du ſiehſt wohl, daß ich ſie nicht habe, da ich in Pantoffeln bin.“ „Er hat ſie verkauft, der Hallunke! O, ich kann nicht mehr zweifeln, er hat meine neuen Stiefel ver⸗ kauft, damit er ſieben Franken erhielt! Ich dachte doch, ſieben Franken für einige ſchlechte Unterhoſen und eine abgetragene Weſte iſt viel; aber er hat meine neuen Stiefel verkauft.. das iſt ſchändlich! Stiefel, für die ich vor kaum zehn Tagen achtzehn Franken von meinem Koſtgeld gegeben habe! Deßwegen hatte er ſo ſehr Angſt vor meinem Aufſtehen! O, ich möchte vor Zorn weinen.“ „Wie Sei ruhig, mein armer Timotheus! Bou⸗ chenot hat vielleicht Deine Stiefel angezogen, um aus⸗ zugehen und wird Dir ſie ſchon wieder bringen.“ „Ach nein, er kann ſie nicht anziehen und deßwegen hat er ſie verkauft; er ſagte mir bloß:„Du haft einen komiſchen, außerordentlichen Fuß, man kann Deine Stiefel nicht anziehenl“ und er verkaufte ſie an den 8 Kleiderhändler! O, er ſoll mir ſie bezahlen, das geht nicht ſo fort; er frißt uns Alles weg, dieſer Menſch: unſere Röcke, unſere Beinkleider, meine Stiefel, Alles verſchwindet. Ich mag ſo nicht mehr leben; das ärgert mich endlich!“ Und Timotheus geht im Zimmer auf und ab, ſtampft mit den Füßen und ſchlägt mit der Fauſt auf den Kamin, gegen die Wand, gegen Alles, was ihm unter die Hände kommt. Zum erſten Mal hat ſein gewöhnlich ruhiges Geſicht Ausdruck, ſeine Augen funkeln, ſeine Naſenlöcher ſind weit geöffnet und ſeine Haare ſcheinen noch röther als gewöhnlich. Georg wartete, bis der Zorn ſeines Freundes vor⸗ über war und ſagte dann ſanft zu ihm:„Timotheus, Du mußt ein Mann ſein und die Schläge des Schickſals ertragenkönnen; der Zorn iſt ein Zeichen der Schwäche.“ „Das iſt mir Alles eins, ich will zornig ſein, ich will mich mit Bouchenot ſchlagen und man ſoll ſehen⸗ ov ich ſchwach bin. Stiefel, die mir ſo gut gingen! Ich hatte noch nie ſo gut gemachte.“ „Timotheus, haſt Du keinen Hunger mehr?“ „Gewiß, ja, aber womit ſoll ich zu dem kleinen Traiteur gehen? Was ſoll ich anziehen?“ „Wenn man bloß in die Nachbarſchaft geht, kann man auch in Pantoffeln ausgehen.“ „Ei, in Pantoffeln! weil es in der C aunder keinen Koth gibt! Das muß aufhören, ſage ich; chenot betrügt uns zu ſehr! Gewiß kann ich mit zwölfhundert Franken, die mir mein Vater gibt, ſehr gut leben und würde nicht genöthigt ſein⸗ 9 Zimmer aus Mangel an Kleidern zu hüten; ich kann meine Gänge machen und mich überall zeigen. Nun, ich will künftig mein eigener Herr ſein.“ „Du haſt recht, Timotheus,“ ſagt Georg, ſeine Feder auf ſein Manuſeript legend und ſeinen Freund traurig anſehend,„ja, Du kannſt ruhig leben, Du.. Du haſt genug, um mühe⸗ und ſorgenfrei zu leben⸗ während wir Andere keine feſte Einnahme haben. Das Geld, das mir meine Eltern geben, iſt wenig; ich bin nicht ſo vernünftig wie Du, ich wurde theater⸗ wüthig und machte noch Schulden, ſo daß das, was ich von Hauſe empfange, alsbald von meinen Gläubigern verſchlungen wird. Bouchenot hatte einiges Vermögen, aber er hat es aufgezehrt.. mit uns zwar, denn dieſe Gerechtigkeit muß man ihm wiederfahren laſſen: wenn er Geld hatte, ſtand ſeine Börſe immer ſeinen Freunden offen! Nun beſitzt er nichts mehr; ich... ich habe nur vage Hoffnungen und Schulden, während Du regelmäßig von Deinem Vater zwölfhundert Franken erhältſt; es iſt alſo ungerecht, daß Du ſie hergibſt, uns zu ernähren. Verlaſſe uns, Timotheus; laſſe uns mit unſerm Unglück und unſern Sorgen! Allein kannſt Du glücklich leben. Verlaſſe uns, quartire Dich in ein Gaſthaus ein; da haſt Du Credit, indem Du beweiſeſt, daß Dein Vater Dir Geld ſchickt, und bald wirſt Du unſere magere Koſt, unſere un⸗ e Stube und unſere unüberzogenen Betten eſſen haben.“ Wihrend Georg dieſe Anrede an Zimothens hielt⸗ Pun de Koc. 12. 10 war dieſer ſtehen geblieben; er ſchlug nicht mehr mit der Fauſt an die Wand, ſein Zorn hatte ſich gelegt und als ſein Freund aufhörte zu ſprechen, wiſchte er ſich mit der Hand zwei Thränen aus den Augen und ſtotterte:„Nein, gewiß, ich verlaſſe euch nicht. ich verlaſſe euch nicht, wenn ihr unglücklich ſeid! Warum nicht gar, wofür hältſt Du mich? Du weißt wohl, daß ich nur ſo ſage, daß ich es aber nicht halte! Ich müßte ja ein Felſenherz haben; der Zorn läßt mich dummes Zeug ſchwatzen und dann.. komm', um⸗ arme mich, Georg, ſei nicht mehr böſe auf mich.. und ich will Etwas zu frühſtücken holen.“ Georg umarmt ſeinen Freund lächelnd. Er weiß wohl, daß Timotheus ein gutes Herz hat, und denkt bereits nicht mehr an das, was dieſer in ſeinem Zorne herausſtieß. Timotheus macht ſeine Beinkleider feſ, zieht ſeine Blouſe und Pantoffeln an und geht, um ein Frühſtück zu holen, das Bouchenot in ſeiner Freude, fünf Franken zu veſitzen, vergeſſen hatte, ſeinen Freun⸗ den bringen zu laſſen. Timotheus hat einen alten Korb mitgenommen; er läßt ſich Cotelettes, Brod und Wein darein geben und kehrt mit dem vollen Korbe unter dem Arme auf das Zimmer zurück, das ſie zu Dreien bewohnen. Auf der Treppe begegnet der junge Student ſeiner hübſchen Nachbarin, die herunterkommt. Er erröthet wie ein Hahn, weil er meint, er ſehe mit ſeinem Korbe unter dem Arme aus, wie wenn er vom Markte käme, aber er ſtellt ſich zur Seite und macht ſeiner Rachbarin ein tiefes Compliment. * .—— 11 Es war dieß ein junges Mädchen von zwanzig Jahren, mit brauner Haut und braunen Haaren, leb⸗ haften und ſchelmiſchen Augen, einer geraden und ungezwungenen Haltung; ſie hatte hübſche Zähne und lachte oft, um ſie zu zeigen, um ſo mehr, als man dann noch außer den Zähnen zwei Grübchen ſehen konnte, die ſich in jeder Wange bildeten; kurz, ſie war ein ſehr artiges und herausforderndes Weſen, die, wie Bouchenot geſagt hatte, auf keine Lucretia ſchließen ließ. Das junge Mädchen lacht laut auf, wie ſie Ti⸗ motheus betrachtet, deſſen Anzug, Geſicht und Haltung mit dem Korbe unter dem Arme auch geeignet war⸗ ein luſtiges Gelächter hervorzurufen. Sie dankt ihm für ſeinen Gruß und eilt die Treppe hinunter. Mit klopfendem Herzen kommt der junge Mann zu Georg und ruft aus:„Ach, mein Freund! ich bin entzückt! Nie habe ich etwas ſo Köſtliches geſehen.“ „Bah! Du haſt alſo ſchon davon genoſſen, Lecker?“ „Genoſſen? O Gott! ich wollte wohl, ich hätte davon genoſſen. Welch' verführeriſche Augen!“ „Wie! unſere Cotelettes haben Augen?“ „Man ſchwatzt jetzt nicht von unſern Cotelettes, ich meine unſere Nachbarin, das ſchöne Mädchen gegenüber, das ich eben auf der Treppe begegnete.“ „Ah, das iſt etwas Anderes! Ich will aber deß⸗ wegen doch den Tiſch decken.“ „Ich habe ſie gegrüßt, ſie hat mir gedankt.“ „Zum Henker! ich denke, das iſt wohl das Wenigſte, was man thun kann.“ „Ja, ſie hat gelacht, wie ſie mich grüßte, ſehr gelacht „So, wie Du da ſtehſt, hat ſie Dich auch komiſch finden können.“ „Höre, Du weißt noch nicht... „Was denn noch?“ „Sie hat zwei Grübchen in den Wangen.“ „Zwei Grübchen? wirklich!.. Nun, ſo wollen wir frühſtücken.“ „Ja, laß uns frühſtücken! Aber das iſt all' eins, ſieh', Georg, ich fühle, daß ich in die kleine Nachbarin verliebt bin.“ „Das kannſt Du halten, wie Du willſt.“ „O, ich bin ſehr verliebt in ſie! Es iſt ſchon ſo lange her, daß ich nicht verliebt war und mein Herz hat das Bevürfniß, einen Gegenſtand zu wählen.“ „Thue es; ich hindere Dich nicht.“ „Ja; allein ich will nicht, daß es wieder geht wie gewöhnlich und daß man mir meine Eroberung wieder entreißt.“ „Ich! ich entreiße Dir Deine Eroberungen?“ „Ich ſage es nicht von Dir; jetzt denkſt Du nur noch an's Theater, an Deine Stücke, nicht mehr an die Liebe; aber Bouchenot ſpielt mir immer ſolche ſchlimme Streiche. Im Augenblick, wo ich einem Frauenzimmer gefalle, patſch! nimmt er ſie mir weg und es findet ſich, daß das ſein Schatz iſt.“ „Es iſt Deine Sache, Dich ſo zu benehmen, daß Du vor ihm geliebt wirſt.“ „Gewiß, ich will mich in Zukunft auch ſo be⸗ 13 nehmen. O, die Nachbarin, die hübſche Nachbarin! O, 1 will mich an die Cotelettes machen.“ Die jungen Leute frühſtücken. Die Liebe hindert Timotheus noch nicht am Eſſen: er ißt mit Haſt, Georg thut daſſelbe, und die zwei Franken ſind ganz verbraucht, ohne daß Etuas übrig bleibt. Sie ſtehen nicht eher vom Tiſche auf, as bis es unmöglich iſt, noch Etwas darauf zu finden, vas man zwiſchen die Zähne bringen könnte. Timotheus ſtellt ſich vor den kleen Spiegel⸗ ſeufzt und murmelt:„So geſehen zu werrm in ſchmutziger Blouſe, in Pantoffeln!.. Doch im Gamen iſt es noch beſſer, ſo geſehen zu werden als wie Bouchenot. Nicht wahr, Georg?“ „Ich weiß nicht; vielleicht.“ „Ach, Georg, dieſes Vielleicht betrübt mich. Du haſt alſo eine ſehr ſchlechte Meinung von der Nach⸗ barin?“ „Ich habe gar keine; ich habe ſie im Vorüber⸗ gehen bemerkt, kenne ſie aber nicht.“ „Wenn Du ſie kennen lernſt, ſo fürchte ich, Du werdeſt Dich auch in ſie verlieben.“ „O, ich ſtehe nicht ſo gleich in Flammen wie Du; ich bin über die erſten Illuſionen der Liebe hinaus.“ „Ich will mich auf den Hausgang ſtellen und ihre Rückkehr erwarten.“ „Das kannſt Du wohl thun; und wenn ſie ſiehſt, was ſagſt Du dann zu ihr?“ „Ich grüße ſie.“ „Sie wird glauben, Du könneſt nichts Anderes.“ 14 „Villſt Du nicht vielleicht gar, daß ich ibr auf der Stelle da vor ihrer Thüre eine Ertarun mache?⸗ „Bouchenot würde es thun.“ „O, aber Bouchenot liebt, wic man ein Glas Bier trinit; das iſt nicht mein⸗ Art.“ „Es ſcheint mir doch, oi habe er mehr Glück als Du, weil er Dir alle Fnuen abführt, denen Du den Hof machſt.“ „Ich liebe es dieß Gefühl anzuregen; ich meine, vie Liebe müfe Sache des Gefühls ſein, oder ſie ſei keine Liere mehr.“ „Seufze, ſo viel Du willſt, mein lieber Freund; ech will jetzt meine Correcturen vollends beſorgen.“ Georg geht wieder an ſeine Arbeit. Timotheus vegibt ſich, nachdem er mit der Hand durch die Haare gefahren iſt und alle noch auſtreibbare Pomade dar⸗ ein geſchmiert hat, auf ſeinen Poſten in den Haus⸗ gang, um die Nachbarin zu erwarten. Nach einer Stunde vergeblichen Wartens hört er endlich Jemand die Treppe herauftommen es iſt ein Waſſerträger. Timotheus geht ärgerlich in's Zimmer. „Hat ſie Dich dießmal nicht angelächelt?“ fragt ihn Georg. „Ach, ſie war es gar nicht, es war der Waſſer⸗ träger. Ich habe Unglück und Du wirſt ſehen, daß ſie bei Tage gar nicht nach Hauſe kommt und ich kann doch nicht den ganzen Abend auf dem Haus⸗ gang ſtehen!“ „Weißt Du, was mir einfällt?“ 15 „O, ſage mir es, mein lieber Georg, gib mir einen Gedanken es iſt ja Dein Handwerk, Ge⸗ danken zu haben, weil Du Schriftſteller ſein willſt, und mir kommen ſie nur ſelten.“ „Schreibe der Nachbarin eine Erklärung und ſchiebe ſie in ihr Schlüſſelloch.“ „Ich ſoll einem Frauenzimmer eine Liebeserklärung ſchreiben, die ich noch nicht geſprochen. habe und deren Namen ich nicht einmal weiß?“ „Was thut das? Braucht man den Namen eines Frauenzimmers zu wiſſen, um in ſie verliebt zu ſein?“ „O nein! denn ich bin ſchon verliebt; allein ich vin nicht ſo ſtark, eine Erklärung zu ſchreiben. Wenn Du mir ſie ſchreiben wollteſt, Georg?“ „Jetzt nicht; laß mich doch mein Stück beendigen.“ „Ach, ich meine, ich höre Jemand heraufkommen.“ Timotheus kehrt auf den Hausgang zurück; er ſtreckt den Kopf über das Geländer, um auf die Treppe zu ſehen und ſieht den alten Nachbar Jacguillot, der hereinkommt. „Es iſt um mich geſchehen!“ ruft Timotheus, zu Georg zurückkehrend, aus;„Alles kommt nach Hauſe, nur die Nachbarin nicht!“ „Aber ich meine, Bouchenot komme auch nicht,“ ſagt Georg,„und doch naht der Mittag ſchon.“ „Bouchenot! O, zum Henker! er hat hundert Sous in der Taſche, er wird alſo nicht ſobald nach Hauſe kommen. Wenn er nur auch die verſprochene Paſtete nicht mitzubringen vergißt; was würden wir ohne ſie zu Mittag eſſen?“ 16 „O, er wird uns eine Paſtete mitbringen; er weiß wohl, daß wir darauf zählen.“ „Ich bin nicht ruhig, ich.“ Mehr als eine Stunde vergeht noch. Timotheus geht immer von der Stube auf die Flur; endlich hört er leicht die Treppe heraufkommen. Aus der Leichtig⸗ xeit des Tritts ſchließt er, daß es ein Frauenzimmer und wahrſcheinlich ſeine Nachbarin ſein muß. Wirklich iſt es ein junges Mädchen, aber nicht die Nachbarin. Dennoch bleibt Timotheus ſtehen, weil der Anblick eines Frauenzimmers ein Magnet iſt, der immer einen jungen Mann anzieht. Die, welche die Treppe heraufkommt, iſt viel größer, dicker und ſtärker als die kleine Nachbarin; es iſt eine Schönheit anderer Art. „Sollte dieſe zu uns kommen?“ fragt ſich Timotheus, wie er ſieht, daß das Fräulein in den vierten Stock heraufkommt.„Wir haben Niemand hier oben als Katzen; ſie kommt alſo zu uns oder zur Nachbarin gegenüber.“ Das junge Mädchen iſt auf dem vierten Stock an⸗ gekommen; ſie geht an Timotheus vorüber, der ſie achtungsvoll grüßt, dann bleibt ſie einen Augenblick unentſchloſſen ſtehen, indem ſie die beiden Thüren be⸗ trachtet und ſagt zu dem jungen Mann:„Mein Herx⸗ ich vitte um Entſchuldigung, wo wohnt Fräulein Cölina wenn Sie ſo gut ſein wollen?“ „Fräulein Cölina?“ wiederholt Timotheus, wieder⸗ um grüßend;„dieſer Name iſt mir durchaus unbe⸗ kannt. Was treibt ſie, dieſe Dame?“ 17 „Mein Herr, ſie iſt eine Coloriſtin; ſie iſt noch nicht lange eingezogen.“ „O, dann muß es unſere Nachbarin ſein, welche uns gerade gegenüber wohnt. Ich wußte ihren Namen noch nicht, allein wahrſcheinlich iſt ſie es... prünett, klein, mit einem roth und grün gewürfelten Kleide „Ja, mein Herr, die iſt es; ſie hat dieſes Kleid ſchon ſehr lange. Iſt es dieſe Thüre da?“ „Ja, mein Fräulein.“ Das Mädchen will anklopfen; Timotheus hält ſie an.„Es iſt unnöthig, daß Sie klopfen, Fräulein; unſere Nachbarin iſt ſchon vor geraumer Zeit ausge⸗ gangen und noch nicht zurückgekommen.“ „Ach, mein Gott! das iſt recht unangenehm! Viſſen Sie gewiß, daß ſie nicht zurück iſt?“ „Ganz gewiß, ich bin nicht von der Flur weg⸗ gekommen, das heißt, ich bin nicht ausgegangen.. und bei uns hört man ſeine Nachbarn ſehr gut nach Hauſe kommen.“ „Ach, das iſt ſehr unangenehm! ich wohne ſo weit weg und habe nicht oft Zeit zum Ausgehen.“ „Fräulein, ich glaube, daß unſere Nachbarin nicht mehr lange ausbleiben wird, weil ſie ſchon ſo lange fort iſt. Wenn Sie dieſelbe bei uns erwarten wollten, ſo kommen Sie herein.“ „Ach, mein Herr, Sie ſind ſehr artig.. vielleicht würde es Sie geniren?“ „Im Gegentheil, Fräulein.“ Und Timotheus verbeugt ſich auf's Neue und be⸗ — 18 eilt ſich, die Thüre ſo weit als möglich aufzumachen, um das Fräulein zum Eintreten zu bewegen. Nach⸗ dem das Mädchen einen Augenblick gezögert hat, entſchließt ſie ſich, das Anerbieten anzunehmen. Die achtungsvolle Miene Timotheus' hatte das Fräulein bezaubert, das außerdem noch ſo gebaut war, daß es ſich wohl gegen einen Zudringlichen hätte vertheidigen können. Allein man muß nie nach dem Anſchein gehen: die phyſiſch ſtarken Frauen können moraliſch ſchwach ſein. Das junge Mädchen iſt in das Zimmer der Stu⸗ denten getreten; als ſie aber Georg erblickt, bleibt ſie ſtehen und ſcheint zurückkehren zu wollen. Indeſſen iſt Georg aufgeſtanden, um zu grüßen, und Timotheus hat den Stuhl ergriffen, den ſein Freund unter ſich hatte, und ihn dem Fräulein angeboten, welcher es ohne dieſe Zurüſtungen vielleicht ebenſo hätte ergehen können wie dem Kleiderhändler, was für die jungen Leute ziemlich angenehm hätte ſein können, gegen das Mädchen aber eine große Perfidie geweſen wäre. „Setzen Sie ſich doch, Fräulein!“ ſagt Timotheus, ihr den Stuhl mit den vier feſten Füßen anbietend. „O, mein Herr, Sie ſind ſehr gütig, allein ich fürchte. und dann kann ich nicht lange warten...“ „Sie werden nur ſo lange warten, als es Ihnen Vergnügen machen wird,“ ſagt Georg;„allein Sie können ohne Furcht bei uns ausruhen; wir ſind un⸗ fähig, die Rückſichten zu vergeſſen, die man den Damen ſchuldig iſt.“ „Js, gewiß,“ ſagt Timotheus, indem er ſich auf — 8 19 den Stuhl ſetzt, der nur drei Füße hat, und ſich im Gleichgewicht zu erhalten ſucht;„wir ſind unfähig zu wie mein Freund ſagt.“ Das junge Mädchen entſchließt ſich, Platzzu nehmen, doch ſetzt ſie ſich nur auf den Rand des Seſſels. Es gibt Menſchen, die glauben, daß ſie auf dieſe Art eher ſich entfernen können. Georg, der thut, als müſſe es ſo ſein, zieht den Koffer an den Tiſch und ſetzt ſich dann darauf; Ti⸗ motheus dreht und wendet ſich; das junge Mädchen ſieht auf den Boden und ſcheint verlegen; Georg be⸗ müht ſich, die Unterhaltung wieder in Gang zu bringen. „Wir kennen unſere Nachbarin nur vom Sehen,“ ſagt er,„aber ſie ſcheint ſehr heiter, ſehr angenehm.“ „Wir hören ſie ſingen, wenn ſie ausgeht,“ ſagt Timotheus,„ſie hat eine ſehr hübſche Stimme.“ „O ja, Cöline ſingt ſehr gut; deßhalb hatte ſie auch Luſt, auf das Theater zu gehen, aber ihre Eltern wollten es nicht zugeben.“ „Iſt ſie aus einer adeligen Familie?“ fragt Ti⸗ motheus. „Ich glaube nicht, mein Herrz ihr Vater han⸗ delte mit Geflügel.“ „Das iſt ein gutes Geſchäft,“ entgegnet Georg ſeufzend,„und ich möchte heute Abend einen Mann kennen, der Geflügel verkauft.“ „Iſt vielleicht das Fräulein Coloriſtin wie unſere Nachbarin?“ fragt Timotheus, mit der Zungenſpitze über ſeine Lippen fahrend. „Nein, mein Herr, ich bin bei einer Leinwand⸗ P 20 händlerin, allein ich gehe nicht vft aus, denn erſtens bin ich noch nicht lange in Paris „Das Fräulein iſt eine Fremde?“ fragt Timotheus. „Ja, mein Herr, ich bin von Poiſſy, hinter St. Germain.“ 67 „O, ich weiß, Fräulein, ich kenne Poiſſy: eine durch ſein Polizeihaus und ſeine lange Brücke be⸗ rühmte Stadt...“ „Ich bin nie in Paris geweſen, ehe ich das erſte Mal hinkam,“ entgegnet das junge Mädchen. „Virklich!“ ruft Georg aus, indem er ſich Mühe gibt, über dieſe Naivetät des Mädchens nicht zu lachen. „Dann müſſen Sie viele Dinge in Paris kennen zu lernen haben!“ „O ja, mein Herr; deßhalb bin ich heute auch bald ausgegangen, um zu Cöline zu kommen, mit der ich ein wenig ſpazieren gehen wollte, weil Cöline, die eine Pariſerin iſt, mir geſagt hat, daß ſie mir alles Merkwürdige und dann noch andere Sachen zeigen wolle, und ich wäre wohl viel välder hierher gekommen ohne ein Ereigniß, das mir zugeſtoßen iſt...“ „Ein Ereigniß, Fräulein?“ „O, ein ſehr unglückliches Ereigniß, das mir vie⸗ len Kummer macht!“ entgegnet das junge Mädchen, einen tiefen Seufzer ausſtoßend. „Wäre es nicht unbeſcheiden, Sie zu fragen, welche Art von Ereigniß Ihnen begegnet iſt?“ ſagt Timotheus/ der ſich bereits ſehr für das dicke Mädchen intereſſirt. „Wenn wir Ihnen nützlich ſein können, Fräulein, ſo ſtehen wir ganz zu Ihren Dienſten,“ ſagt Georg. 24 „Sie ſind ſehr gütig, meine Herren; aber nicht alle jungen Leute ſind ſo höflich wie Sie. In dieſem Augenblick bin ich ſehr böſe auf einen Herrn, den ich nicht kenne.“ „Sollte man ſie auf der Straße beleidigt haben?“ „O, das heißt.. ich will Ihnen den ganzen Her⸗ gang erzählen. Ich war von meiner Lehrfrau mit meinem Hunde fortgegangen.. ich muß Ihnen nämlich ſagen, daß mein Taufpathe mir einen großen Hund mitgegeben hat, um mich in Paris zu beſchützen, wenn ich allein ausgehen ſollte.. „Herrliche Vorſicht!“ „Ach ja! es iſt zum Erftaunen, wie gut mir das gedient hat. Ich gehe alſo mit Schnauzer aus. ich habe ihn erſt drei Wochen, allein er that ſchon, als ſei er ſehr an mich gewöhnt. In der Straße fällt es einem Herrn ein, mir zu folgen, dann mich zu be⸗ trachten, mir Dummheiten zu ſagen, z. B. daß ich hübſch ſei, daß er mich anbete „Und Sie nennen das Dummheiten, Fräulein?“ „Gewiß, weil man ſich nicht in eine Frau ver⸗ lieben kann, wenn man ſie über die Gaſſe gehen ſieht. Da ich weiß, daß man nicht auf die Männer hören darf, die Einen auf der Straße anreden, ſo hörte ich dieſen Herrn nicht an, allein er folgte mir immer.. „Dann hetzten Sie Ihren Hund auf ihn?“ „Mein Gott, das war vergebliche Mühe: Schnauzer hatte mich bereits verlaſſen, um jenem Herrn zu folgen.“ 22 „Und er zeigte ihm die Zähne?“ „Er zeigte ihm durchaus nichts, er ſchien im Ge⸗ gentheil ſehr gut Freund mit ihm. Ich wurde böſe, rufe meinem Hund: er folgt mir nicht. Der Herr willigt ein, mich in Ruhe zu laſſen, er entfernt ſich; Schnauzer folgt ihm und ich muß nun jenem Herrn nachlaufen. Endlich binde ich meinen Hund an eine Schnur und nehme ihn mit, aber bah! ich war noch nicht zehn Schritte weit, ſo hatte er die Schnur ab⸗ gebiſſen und war von Neuem fort. Da ich jenem Herrn nicht immer nachlaufen konnte, ſo entſchloß ich mich, weiter zu gehen; allein bei all' dieſem iſt mein Hund verloren und das macht mir Kummer, weil mein Taufpathe mir ihn ſehr auf's Herz gebunden hatte, und gewiß iſt es die Schuld jenes Herrn, der ohne Zweifel irgend ein Geheimniß beſitzt, die Hunde anzulocken. Und all' dieſes hat mich aufgehalten und iſt Schuld, daß ich zu ſpät zu Cöline kam.“ „Fräulein, Sie haben nur einen Weg vor ſich, wieder zu Ihrem Hunde zu kommen, nämlich ihn ausſchreiben zu laſſen und dem, der ihn Ihnen wie⸗ derbringt, eine anſtändige Belohnung zu verſprechen.“ „Eine Belohnung? Ach, meiner Treu'! ich bin zwar ſehr betrübt, allein ich habe kein Geld, um Be⸗ lohnungen zu geben.“ „Wenn man Sie kennen würde, Fräulein,“ ſagt Timotheus,„ſo bin ich überzeugt, daß man ihn Ihnen umſonſt zurückgäbe; man wäre zu glücklich⸗ Sie zu verbinden.“ „Sie ſind ſehr gütig, mein Herr.“ — — „— 23 „Es iſt indeſſen möglich, daß Sie Ihren Hund zu Hauſe antreffen, vielleicht iſt er vahin zurückgekehrt.“ „Ach, ich habe keine Hoffnung; er iſt erſt ſo kurze Zeit im Hauſe und es gefiel ihm nicht ſehr; ich gab mir alle mögliche Mühe, ihn vom Durchgehen ab⸗ zuhalten.“ „Wenn der Tag nicht ſchon ſo vorgerückt wäre,“ ſagte Timotheus,„ſo würde ich Sie um Erlaubniß bitten, mit Ihnen auszugehen, Fräulein, um Ihren Hund zu ſuchen. Allein haben Sie ſchon bei Ihrem Pathen nachgeſehen? Weil Sie ihn von dieſem haben, ſo kann er auch zu dieſem zurückgekehrt ſein.“ „Mein Taufpathe wohnt nicht mehr in Paris; er iſt vor drei Wochen nach Hauſe, nach Meaux, ab⸗ gereist und es iſt nicht wahrſcheinlich, daß Schnauzer ihn dort aufgeſucht hat; er wird den Weg nicht wiſſen, da er nie dort war. Allein es wird ſpät... Cöline kommt nicht.. ich muß fortgehen...“ „Wie, Fräulein, Sie wollen nicht auf ſie warten?“ „O nein! die Nacht bricht herein und meine Lehr⸗ frau würde mich zanken, wenn ich ſo ſpät heimkäme, und dann möchte ich Abends nicht allein in Paris wandeln, namentlich da ich meinen Hund nicht mehr habe.“ „Es ſcheint mir, daß er Sie nicht ſehr vertheidigte,“ ſagt Georg. „Das iſt gleichgültig, es iſt doch eine Geſellſchaft.“ „Wohnen Sie weit weg, Fräulein?“ „Ja, mein Herr, in der Fiſchweiber⸗Straße, neben dem Bollwerk; von hier iſt es ein bedeutender Marſch.“ 2 „Das iſt wahr,“ ſagt Georg lachend. „Vollen Sie, daß wir Sie zurückbegleiten, Fräu⸗ lein2“ fragt Timotheus, einen verzagten Blick auf ſeinen Anzug werfend. „O, ich danke Ihnen, mein Herr, ich gehe lieber allein.“ „Wir beſtehen nicht darauf, Fräulein,“ antwortet ſchnell Georg,„denn wir wiſſen nicht, wie leicht man Damen zuwider iſt.“ „Was ſollen wir unſerer Nachbarin von Ihnen ausrichten?“ fragt Timotheus. „Wenn Sie ſo gefällig ſein wollen, ihr zu ſagen, daß ich da war.. ach, aber ich bin recht dumm! Sie wiſſen ja meinen Namen nicht. Prudentia Flambard. daß ich ſehr betrübt geweſen ſei, ſie nicht getroffen zu haben und daß ich ſie bitte, mich vei meiner Lehrfrau zu beſuchen, wo ich immer bin, bis ich austreten werde, weil ich mich dort langweile und Luſt habe, anderswo einzutreten. Ich werde Ihnen ſehr verbunden ſein, meine Herren.“ „Das genügt, Fräulein, wir werden ihr das aus⸗ richten. Es iſt mir ſehr leid, daß Sie nicht länger mehr warten können.“ „O nein, denn ich habe bereits meinen Hund ver⸗ loren und könnte nun noch etwas Anderes unterwegs verlieren; ich will ſchnell heim eilen. Ich danke Ihnen⸗ meine Herren, und bitte um Verzeihung, wenn ich Sie geſtört habe.“ „Keineswegs, Fräulein. Wir ſind zu glücklich⸗ Ihnen einen Dienſt leiſten zu können. Nehmen Sie * ſich in Acht, daß Sie beim Hinuntergehen nicht fallen; die Treppe iſt naß und ſchlüpfrig.“ Fräulein Prudentia Flambard iſt fort und Timo⸗ theus, der ſie bis an die Treppe begleitet hat, kommt in das Zimmer zurück mit dem Ausrufe:„Ein köſt⸗ liches Mädchen! nicht wahr, Georg?“ „O! ein köſtliches Mädchen!... weil ſie dicke Hüf⸗ ten, dicke Arme und einen dicen Buſen hat? Es iſt ein ſolid gebautes Mädchen, das iſt Alles.“ „Sie hat auch ein hübſches Geſicht, hübſche Farbe, ſchöne Zähne...“ „Sie hat ein Bauerngeſicht, zu lebhafte Farben, dicke Backen, wie ein neugebornes Kind... Ich bin kein Bewunderer von dieſer Art Schönheit, ich liebe die zartgebauten Frauen... und dann macht Fräu⸗ lein Prudentia Flambard den Eindruck auf mich, als wäre ſie ziemlich dumm.“ „Meinſt Du?“ „Ich meine, ihre Unterhaltung habe uns einen Beweis davon gegeben.“ „O, manchmal wirkt die Aengſtlichkeit nachthei⸗ lig.. das iſt gleich, es iſt ein hübſches Mädchen, die mir ſehr gut gefallen würde.“ „Ei was! Du biſt verliebt in die Nachbarin und dieſe da gefällt Dir ſehr; möglich, daß wenn eine Dritte kommt, ſie Dich ohne Zweifel auch verführen wird.“ „Höre einmal, wenn es lange her iſt, daß man geliebt hat, ſo iſt es gerade, wie wenn man lange Zeit nichts gegeſſen hat: man Alles gut. Ei Paul de Kock. LX. 3 26 eſſen. „Ich auch.“ „Es iſt wahr. Bouchenot kommt nicht!.. Was ſollen wir denn, wenn er uns keine Paſtete bringt, zu Mittag eſſen was zu Nacht?“ „Es iſt alſo nichts mehr vom Frühſtück übrig?“ „Ach, Du weißt wohl, daß wir Alles gegeſſen haben!“ „Zum Henker! Zünden wir ein Licht an.“ Georg nimmt einen Phosphorfeuerzeug, den er am Abend vorher gekauft hat und zündet ein Licht an, das in dem Halſe einer Flaſche ſtack, welche als Leuchter diente. Dann ſetzte er ſich auf's Neue an den Tiſch.“ „Du willſt wieder arbeiten?“ fragt Timotheus traurig. „Ohne Zweifel. was ſoll ich thun, da wir noch nicht zu Racht eſſen können? Glaube mir, Timotheus, mache es ebenſo. wenn man ſich be⸗ ſchäftigt, hat man keinen ſo großen Hunger.“ „Das iſt möglich, wenn man componirt, allein beim Studiren iſt es nicht daſſelbe,. Ach, Bouche⸗ not, wenn Du nichts brächteſt, wenn Du uns einen ſolchen Stre ich ſpielteſt, nachdem Du das Geld für meine Stiefeln mitgenommen haſt... denn es war das Geld für meine Stiefeln, das er in der Taſche hatte hundert Sous.. für hundert Sous kann man vier Paſteten kaufen.“ Timotheus hat ſich auf den Stuhl geſetzt, den wegen des Eſſens!„ ich würde gerne zu Mittag W Fräulein Prudentia eingenommen hatte und ſchaukelt ſich leicht, indem er laut ſeine Betrachtungen an⸗ ſtellt. „Dieſes arme Mädchen, das ſeinen Hund verloren hat. und der Andere, der ihn mitgenommen hat... Sapperment! was ich Hunger habe!... Bouchenot kommt nicht. ich habe Luſt, ein Schläfchen zu machen man ſagt, wer ſchläft, braucht nicht zu eſſen. Prudentia Flambard. welch' komiſcher Name! und die Nachbarin, die Cölina heißt, wie ein altes Melodrama vom Ambigu⸗Theater. vielleicht iſt ſie auch ein Kind des Geheimniſſes!. Ach, ich muß noch meinem Vater ſchreiben!.. Meine armen Stiefel, die mir ſo gut paßten...“ Timotheus hört auf zu plaudern, ſeine Augen ſchließen ſich, er iſt eingeſchlafen. Georg bemerkt es: er ſchreibt leiſer und bemüht ſich, ſeine Pa⸗ piere ruhig zu laſſen, um ſeinen Freund nicht auf⸗ zuwecken. Mehr als eine Stunde verſtreicht ſo. Endlich ſtößt Georg, der keine Kraft mehr fühlt, um zu arbeiten, und der den friedlichen Schlummer Timotheus' be⸗ neidet, leiſe ſeine Arbeit von ſich, legt, den Arm auf den Liſch ſtützend, ſeinen Kopf darauf und ſagt: „Wenn ich es machen könnte wie er.. vielleicht kehrt indeſſen Bouchenot zurück.“ Die Natur unterſtützt den Wunſch Georgs und er ſchläft in Kurzem eben ſo tief ein wie Timotheus. Es ſchlug Mitternacht auf der Uhr des Palais, als die beiden jungen Leute die Augen aufmachten. 28 Das Licht brannte noch, allein es war nur noch ein Stümpchen da. „Es iſt ſehr ſpät,“ ſagt Timotheus,„wir haben, wie es ſcheint, lange geſchlafen.“ „Da ſchlägt es Mitternacht,“ ſagt Georg. „Mitternacht! ach, mein Gott! und Bouchenot iſt noch nicht da!“ „Das iſt in der That ſehr ſonderbar!“ „Und er weiß, daß wir nichts mehr beſitzen, daß wir auf ihn wegen des Nachteſſens zählen ha! ſein Betragen iſt unwürdig!“ „Es muß ihm etwas Außerordentliches begegnet ſein, ſonſt würde er uns nicht ſo verlaſſen... wenig⸗ ſtens würde er zurückkommen.“ „Keine Hülfsmittel mehr... und was ſollen wir morgen anfangen?“ „Laß das, Timotheus, kümmre Dich nicht; wir verkaufen Etwas.“ „Aber wir haben ja nichts mehr zu verkaufen... alle unſere Hülfsquellen ſind erſchöpft!... Ach, ich fühle Magenweh.“ „Lege Dich, ſieh', ob Du nicht wieder ſchlafen kannſt.“ „Nein, ich habe keine Luſt mehr, ich bin zu un⸗ ruhig.“ Georg ſucht Timotheus zu beruhigen, aber im Grunde ſeines Herzens war er eben ſo traurig wie er. Alle Philoſophie, alle Sorgloſigkeit der Jugend hält nicht Stand gegen das Bedürfniß. Die Zukunft bot ihnen wohl einige Hoffnungen, allein man muß 29* dieſe Zukunft auch erreichen können. Man muß hin⸗ länglich Kraft haben, um dieſes Ziel zu erreichen, das man in der Entfernung ſieht, um nicht vor Er⸗ mattung auf dem halben Wege ſtehen zu bleiben. „Die beiden Freunde ſaßen fortwährend Einer vor dem Andern: ſie ſprachen nicht, denn ſie hatten ſich keinen Troſt zu geben. Plötzlich hören ſie eilends die Treppe heraufkom⸗ men, ſie horchen man bleibt vor ihrer Thüre ſtehen. klopft heftig an.. „Ach, er iſt es.. es iſt Bouchenot!“ riefen freudig die beiden jungen Leute und eilten mit einander an die Thüre, um ſie zu öffnen. Zweites Kapitel. Rückkehr des verlorenen Sohnes. In der That, es war Bouchenot, aber bleich, ent⸗ ſtellt, athemlos, mit Schmutz überzogen, ſchweißtriefend, wie ihr wiſſet mit zerriſſenem Rocke und den tiefſten Schrecken in den Zügen.„Ach, da biſt Du endlich!“ ſagen Georg und Timothens, welche in ihrer Freude, ihren Freund wiederzuſehen, ſeine Unruhe und den Ausdruck des Schreckens, der in ſeinem Geſichte aus⸗ geſprochen war, noch nicht bemerkt hatten. „So ſpät heimzukommen!“ „Was zum Henker haſt Du denn bis jetzt ge⸗ trieben?“ „Du bringſt doch hoffentlich Lebensmittel mit?“ — 6 30 Statt aller Antwort ſchließt Bouchenot ſorgfältig die Thüre, wirft ſich dann auf den Stuhl und murmelt: „Endlich bin ich doch in Sicherheitl... Ach, ich kann nicht mehr!“ Timotheus unterſucht nun die Toilette Bouchenots, ein Schrei entfährt ihm.„Ach, mein Gott!.. ſieh' doch, Georg. ſieh', in welchem Zuſtand er heim⸗ kommt.. unſer Rock unſer armer Rock iſt in Fetzen geriſſen!“ „Wirklich. zerriſſen! vorne und hinten... was ſoll das heißen?. Du haſt Dich alſo gebalgt?“ „Wurdeſt Du von Dieben angegriffen? Sprich!“ „Ach, liebe Freunde, ich bitte, laßt mich zuerſt Etwas zu mir kommen! Ach, welcher Tag! großer Gott! welch' unglückſeliger Tag!“ „Und die Poaſtete, die Du uns bringen ſollteſt.. wo iſt ſie?“ Bouchenot zieht die beiden Stücke ſeines zerbro⸗ chenen Rohrs aus der Taſche, bietet ſie ſeinen Freun⸗ den hin und ſagt:„Das iſt Alles, was ich mit⸗ bringe. und das hat mich drei Franken gekoſtet.“ „Bouchenot, wir ſterben vor Hunger, Du wählſt Deine Zeit ſchlimm zum Scherzen.“ „Ach, zum Henker! auch ich ſterbe vor Hunger⸗ auch ich habe nicht zu NMittag gegeſſen, und ich wette, daß ich weniger gut gefrühſtückt habe als ihr. und bin, ſeitdem ich ausgegangen bin, auf den Beinen.“ „Aber Du hatteſt hundert Sous!“ „Aber dieſer Rock, das einzige Kleidungsflück für 31 S alle Drei, war heute Morgen noch gut.. und Du kommſt in Fetzen zurück!“ „Und Du bringſt keine Lebensmittel mit?“ „Laßt mich nur zu mir kommen, dann will ich euch meine Abenteuer erzählen.“ „Damit haben wir nicht zu Nacht gegeſſen,“ ſagt Timotheus, ſich verzweiflungsvoll auf den Koffer wer⸗ fend;„und wir zählten ſo gewiß auf Dich.“ „Wollt ihr denn lieber, daß ich nichts ſage?“ „Rede, wir wollen zuhören,“ ſagt Georg. Bouchenot wirft noch ſcheue Blicke um ſich, trocknet dann den Schweiß von ſeiner Stirne und beginnt nun ſeine Erzählung, aber ganz leiſe und wie wenn er fürchtete, gehört zu werden:„Ich ging dieſen Morgen mit den ſchönſten Hoffnungen und fünf Franken in der Taſche aus...“ „Ja, fünf Franken, die aus meinen neuen Stiefeln, die Du verkaufteſt, erlöst waren!“ ſagt Timotheus. „Zum Henker, Freund, wir mußten um jeden Preis Geld bekommen; der Kleiderhändler gab ab⸗ ſolut nichts für meine Unterhoſen.. und ihr wolltet frühſtücken„ „Und jetzt möchten wir zu Nacht eſſen...“ „Timotheus, wenn Du mich ſo unterbrichſt, kann ich meine Abenteuer nicht erzählen..“ „Nun, mach' fort; Timotheus ſchweigt.“ „Ich war alſo in der glücklichſten Gemüthsſtim⸗ mung von der Welt ausgegangen... ich ſah Alles in den ſchönſten Farben, ſelbſt die Kaſtanienhänd⸗ lerinnen. Ich dachte bei meiner alten Freundin, 32 der Frau Dubillon, zu frühſtücken. Mein erſtes Un⸗ glück war, daß ich mit dem Fuße in eine Pfütze trat, was mich nöthigte, mein Hundertſous⸗Stück wechſeln zu laſſen, um mich zu ſäubern; dann kaufte ich Serail⸗Paſtillen auf ächt türkiſche Art. ich geſtehe, daß ich dieß hätte unterlaſſen können.. allein das roch ſo gut! Da, meine Kinder, ich habe ſie in der Taſche„ da ſind ſie ihr könnt eins davon verbrennen... denn es brennt; riechet ihr die helle Wolluſt?“ 2 Georg zuckt die Achſeln und Timotheus ſiößt die Serail⸗Paſtillen zurück, indem er ausruft:„Glaubſt Du, daß wir uns, um uns zu ſättigen, mit Wohl⸗ gerüchen begnügen?.. Ein ſchöner Einkauf! es iſt erbärmlich, uns ſolche Waare zu bringen.“ „Timotheus, Du haſt verſprochen, mich reden zu laſſen... Ich fahre fort. Es blieben mir drei Franken acht Sous übrig; damit konnte ich euch noch ein recht artiges Nachteſſen kaufen, als der Teufel einen klei⸗ nen Rohrhändler mir auf den Hals ſchickte. Er gibt mir eines in die Hand, ſagt mir, ich ſolle es biegen es zerbricht.. ich muß ihm drei Franken geben!“ „Wer wird auch um Rohre handeln, wenn er keines kaufen will?“ „Timotheus, willſt Du, daß ich fortfahre?... Ich gehe zu meiner empfindſamen Dubillon: ſie iſt auf einen Monat nach Pontviſe; ich fliege zu meiner zärt⸗ lichen Elvina: ihr Protector iſt bei ihr! Ihr begreift, daß ich anfing, langſamer zu laufen: ich hatte noch acht 33 Sous, die brauchte ich zum Frühſtück, und ich meine, man könne wohl für acht Sous eſſen, wenn man bereits durch ganz Paris gerannt iſt. Ihr ſeht, daß ich den Gebrauch, den ich von dem Hundertſous⸗Stück machte, genau ſpezificirt habe.. „Du haſt auch einen recht artigen Gebrauch da⸗ von gemacht!“ „Und unſer Rock.. und Dein jetziger Zuſtand?“ fragt Georg.. „Der Augenblick.. ich komme ſchon daran ihr kennt erſt nur einen Theil meiner Unfälle. Wie ich bei einem Wurſthändler frühſtücke, ſehe ich ein ziem⸗ lich drolliges, junges Mädchen vorbeigehen... da⸗ mals wenigſtens erſchien ſie mir drollig; jetzt freilich finde ich ſie ſehr häßlich. Ich gehe neben ihr her und ſage ihr einige Süßigkeiten. ſie wird böſe!... Es war ein junges Mädchen ohne Lebensart; ich laſſe ſie alſo gehen. Allein bedenkt, ſie hatte einen Hund und dieſer Hund verläßt ſeine Herrin und folgt mir ich mag ihn fortſchicken, ſo oft ich will, er will mich nicht mehr verlaſſen.“ „Ah bah, wirklich!“ ſagt Timotheus, den lachen⸗ den Georg anſehend,„und wo iſt er jetzt, dieſer Hund?“ „Laß mich doch fortfahren. Ich gehe meiner Wege, der Hund hinter mir. der Schinken, den ich in meiner Taſche hatte, war es, der ihn ſo unzog; ich bemerkte es erſt nachher. Ich kann euch nicht alle die Abenteuer erzählen, in die der elende Hund mich verwickelte: er nahm den Korb einer Zahnſtocher⸗ händlerin mit; dann eine Sicherheitskette; dann, wie . 34 ich bei den Monflacon zu Mittag eſſen will, ſtürzt er ſich auf den kleinen Stanislaus und man wirft mich zur Thüre hinaus. Endlich war der Abend herein⸗ gebrochen, ich hatte nicht zu Mittag gegeſſen und war ſehr ſchlecht aufgelegt, als der Zufall mich auf das Marais⸗Bollwerk, zu Bajazen, Komö⸗ dianten u. ſ. w. führte. Dort war eine Fechtmei⸗ ſterin: ſie trug allen Liebhabern an, gratis zu ſtoßen!.. Ich hatte die unglückliche Idee, mir dieſes kleine Vergnügen zu machen.. um ſo mehr, als ich mir ſchmeicheln kann, ziemlich gut zu ſtoßen.. „Ach ja! Du haſt es nöthig, Dich zu rühmen!“ „Der Beweis, daß ich gut ſtoße, iſt, daß ich jene Amazone traf.. ja ſogar in's Auge traf.. ein herr⸗ licher Stoß!“ „Nun?“ „Erzürnt darüber, daß ich ihre Amazone beſiegt hatte, wollten die Seiltänzer, daß ich die ganze Truppe frei halten ſolle! Ihr könnt euch denken, daß ich mich weigerte... ich hatte zudem gute Gründe dazu! Nun gab es großen Lärm... eine Schlägerei.. ich ſchlug mich wie ein Löwe. ich prügelte Alles. Allein der verdammte Hund, der mich herausreißen wollte, hat mehrere Mal in meinen Rock gebiſſen.. und ihr ſeht, in welchem Zuſtande ich das Schauſpiel verlaſſen habe!“ „Nun! und dann.. was iſt Dir weiter noch be⸗ gegnet? Du haſt Dich nicht bis Nitternacht gebalgt und was iſt aus dem Hunde geworden, der Dir folgte?“ 35 „Dann,“ fing Bouchenot wieder an, indem er ſich unruhig umſah und jedes Wort betonte,„dann ver⸗ ließ ich das Bollwerk. In dem Zuſtand, worin ich mich befand, begreift ihr wohl, daß ich mich nicht gern ſehen ließ; ich ging lange, dem Zufall mich überlaſſend, herum. endlich blieb ich in einer Straße ſtehen.. ich weiß zwar nicht mehr recht, ob es eine Straße war.. ja, ich weiß ſogar nicht einmal, wo ich war. „Man könnte meinen, Du wiſſeſt auch nicht, was Du ſagen wolleſt,“ ruft Georg, ungeduldig über die Langſamkeit, mit der Bouchenot gegen das Ende ſeiner Erzählung ſpricht, aus. „Ach, höre nur... nach Allem, was mir begegnet iſt, dürfte mein Gedächtniß wohl etwas untreu ſein.“ „Nun, was begegnete Dir denn noch?“ „Was mir begegnete?.. nichts mehr.. ich ruhte auf einer Bank aus.. da blieb ich lange Zeit, denn ich war todtmüde... dann dachte ich daran, heim⸗ zugehen, allein ich verlor mich in den Straßen, die ich nicht kannte. und deßwegen bin ich ſo ſpät erſt gekommen.“ „Wie, vas iſt Alles, was Dir begegnet iſt?“ „Ich meine, das wäre genug.“ „Und Du ſahſt ſo unruhig aus.. ſo beftürzt, als Du hereinkamſt.“ „Ich meinte, es wäre ihm eine Räuberbande auf den Ferſen,“ ſagte Timotheus. „Ach!. das kommt daher.. wenn man ſo allein iſt. in der Nacht. in Paris. nach Mitternacht...“ 36 „Ah, ah! das iſt etwas Neues! und hundert Mal biſt Du erſt um zwei oder drei Uhr Morgens nach Hauſe gekommen!... Wahrlich, mein armer Bouchenot, ich glaube, daß die Fechtübung, die Du überſtanden, Deinen Geiſt Etwas eingenommen hat... Du haſt Fieber.“ „Es iſt möglich,“ ſagt Bouchenot, den Kopf auf die Bruſt ſinken laſſend;„ja. wahrlich.. ich muß etwas Fieber haben!“ „Ach! und der Hund?“ fragt Timotheus.„Du ſagſt nichts mehr von dem Hund, der ſeine Herrin verließ, um Dir zu folgen.. was haſt Du mit dem angefangen?“ „Er hat mich ebenfalls verlaſſen, wie ihr ſeht. Als ich vom Schauſpiele wegging... und in jener Straße, die ich nicht kannte, zut net ich, daß der Hund.. nicht mehr bei mir war. und ſeit jenem Augenvlic habe ich ihn nicht mß geſehen.“ „Das iſt ein Unglück!“ „Warum das? ihr ſagtet heute Morgen zu mir, ein Hund wärs überflüſſiig hier.“ „Auch hätten wir ihn nicht behalten, ſondern ner Herrin zurückgegeben.“ „Seiner Herrin?“ ruft Bouchenot, plötzlich den Kopf erhebend und ſeine zwei Freunde unruhig an⸗ ſehend, aus;„wie, ſeiner Herrin?.. kennt ihr ſie2 „Ja, wir kennen ſie... und zum Beweiſe wollen wir Dir ihr Portrait zeichnen: es iſt ein junges Mäd⸗ chen von etwa zwanzig Jahren, groß, ſtark, von 37 lebhafter Farbe, ziemlich hübſch, trägt ein klei⸗ nes und eine roth und ſchwarz gewürfelte Schürze.. 5 „So ſi6. ganz ſo,“ ſagte Bouchenot verſteinert. „Der Hund heißt Schnauzer.“ „Ja ja.“ „Und was das Fräulein anbelangt, ſo kennen wir auch ihren Namen: ſie heißt Prudentia Flambard.“ „Prudentia Flambard!. ich wußte ihren Namen nicht, ich; allein wie kommt es, daß ihr all' dieß wiſſet?“ „Nichts einfacher als das,“ ſagt Georg.„Das junge Mädchen kennt unſere Nachbarin drüben. heute kam ſie, um ſie zu beſuchen und da die Nach⸗ barin ausgegangen war, ſo wartete ſie hier einige Zeit. Da erzählte ſie uns denn, daß ihr Hund ſie verlaſſen habe, um einem Herrn zu folgen, der Dumm⸗ eiten zu ihr geſagt habe... wir hätten errathen Uen, daß Du es warſt. Das arme Mädchen iſt ſtröſtlich über den Verluſt ihres Hundes, weil ſie In von ihrem Pathen zum Geſchenk erhalten hat.“ So iſts o, ſo iſt's ganz!.. Ach! ſie heißt entia Flambard?.. Waos hat ſie euch ſonſt noch agt?“ „Nichts ſehr Intereſſantes: daß ſie in der Lehre ſei bei einer Leinwandhändlerin, und daß ſie Paris ſehr wenig kenne, indem ſie erſt ſeit kurzer Zeit hier ſei.“ „Und ihre Adreſſe.. hat ſie die euch auch geſagt?“ „Ja, ſie wohnt in der Poiſonnieère⸗Straße, neben dem Bollwerk.“ „Poiſonniére⸗Straße!“ murmelt Bouchenot; dann chlägt er auf's Neue die Augen nieder und ſcheint in tiefes Nachdenken verſunken. „Denkſt Du ſchon daran, das junge Mädchen zu ſehen?“ fragt Timotheus ſcherzend;„ich ſage Dir zum Voraus, daß Du ihr gar nicht gefielſt ſo wenigſtens ſagte ſie uns hier, indem ſie ſich über Deine Hartnäckigkeit, ſie zu verfolgen, beklagte.“ „Und ich glaube, daß Du einen Nebenvuhler in Timotheus haben wirſt,“ ſetzte Georg lachend hinzu. „Ich. zu dieſem Mädchen gehen... Gott be⸗ wahre mich!“ entgegnet Bouchenot leiſe. „O, dieſe großartig ablehnende Miene!“ ſagt Timotheus;„Du thuſt, als wollteſt Du nichts mehr von ihr, weil Du wohl bemerkteſt, daß ſie Dich nicht anhören wollte; aber gewiß iſt ſie eine ſehr hübſche Perſon.. friſch wie ein Liebesapfel und feſt wie ein Fels.“ „Haſt Du Dich deſſen verſichert?“ „Nein, allein das merkt man gleich. Ueberdieß ſieht ſie ſehr ehrſam aus, nicht wahr, Georg?“ „Ja, ſo viel man nach dem Ausſehen urtheilen kann.“ d „Meine Herren,“ ſagt Bouchenot ſeinen Freunden⸗ einen um den andern anſehend,„glaubt mir, geht keine Verbindung mit dieſem Fräulein Prudentia Flambard ein... und was die kleine Nachbarin neben uns anbelangt, ſo kann ſie, weil ſie eine gute Freundin von der andern iſt, auch nicht weit her ſein. ſprecht nicht mit ihr, ſucht nicht ihre Be⸗ kanntſchaft zu machen.“ 39 35 „O! das iſt ſehr ſtark,“ ſagt Georg.„Der Teufel hole mich, wenn ich nicht glaube, daß Du den Kopf verloren haſt, armer Bouchenot. Seit wann biſt Du ſo difficil in Deinen Bekanntſchaften mit Frauen⸗ zimmern?.. Woraus ſchließt übrigens Du, daß Fräu⸗ lein Prudentia unſerer Geſellſchaft unwürdig iſt?... Vielleicht, weil Du ihren Hund verloren haſt?“ Bouchenot ſchlägt die Augen nieder und antwor⸗ tet nichts. „Nein, weil es ihn ärgert, daß das junge Mäd⸗ chen nichts von ihm wiſſen wollte,“ ſagt Timotheus; „aber das iſt nicht ſchön, Bouchenot, wenn man von einem Frauenzimmer Schlechtes ſpricht, weil ſie nichts von Einem will. Und die Nachbarin dieſen Mor⸗ gen fandeſt Du reizend und wollteſt ſie erobern! Welchen Haß haſt Du denn jetzt auf einmal gegen die Frauen? Du, ein ſo großer Liebhaber des ſchö⸗ nen Geſchlechts? Sollteſt Du vielleicht von der Ama⸗ zone, mit der Du gefochten haſt, einen conträren Stoß bekommen haben?“ „Nein, ich fühle gegen Niemanden Haß; macht, was ihr wollt, ich will zu Bette gehen, denn ich fühle mich nicht ganz wohl.“ „Lege Dich, Du wirſt wohl daran thun, denn ſicherlich fehlt Dir Etwas, Du biſt nicht recht bei Sinnen.“ „Es iſt Ermüdung.. die Wechſelfälle des heu⸗ tigen Tages. der Aerger, daß ich hundert Sous verbraucht habe und daß ich unſern Rock zerriſſen heimbringe„ 40 „O, Du biſt kein ſolcher Philiſter, daß Du Dich deßwegen ſo tief betrübteſt,“ ſagt Georg;„es müſſen Dir andere Abenteuer aufgeſtoßen ſein, die Du uns nicht ſagen willſt.“ „Andere Abenteuer“ruft Bouchenotlebhaft;„nein, nein, ihr täuſcht euch, ich hatte nichts.. als das Fieber, allein es muß ein ſtarkes Fieber ſein.“ Mit dieſen Worten kleidete ſich Bouchenot aus und ſchlüpfte in die alte Lagerſtätte, deren papiernes Kopfpolſter er vorher aufgeſchüttelt hatte. „Wenn er krank würdel“ ſagte Timotheus trau⸗ rig, indem er das blaſſe, langgezogene Antlitz Bou⸗ chenots betrachtete.„Das fehlte uns noch! Womit wollen wir Thee kaufen, wenn man nicht einmal mehr Etwas zum Nachteſſen hat?“ „Und keinen Rock mehr,“ ſagt Georg, einen troſt⸗ loſen Blick auf den unglücklichen Leibrock werfend⸗ den Bouchenot in einen Winkel des Zimmers gewor⸗ fen hatte.„Wie ſoll ich morgen dem Direktor mein Stück vorleſen? Da gehe Einer hin und leſe ſein Stück in der Blouſe oder in der Nachtjacke vor! Ach, unſere Lage wird grauſam.“ „Und unſer Appetit, von dem ſprichſt Du gar nicht,“ ſagt Timotheus.„Dieſen Abend können wir noch den Bauch einklemmen, weil wir ziemlich gut gefrühſtückt haben; aber morgen... was fangen wir morgen an? Wir können nicht einmal ausgehen, um bei einigen Bekannten Etwas zu entlehnen!“ Georg ſteht einige Minuten lang nachdenklich da dann ſagt er zu Timotheus:„Weißt Du, daß unſere 4¹ Lage, in Scene geſetzt, ſehr dramaliſch und von awo⸗ ßem Effect ſein würde?“ „Ach, hole Dich der Teufel mit Deinen Scenen, ich glaubte, Du habeſt ein Hülfsmittel für uns ge⸗ funden. Da, ſieh' doch, wie Bouchenot im Bette hüpft. ſollte er Nervenanfälle haben?“ „Bouchenot, was fehlt Dir?“ ſagt Georg, ſich dem alten Lager nähernd. Bouchenot, der einzuſchlummern anfängt, öffnet die Augen und ſchreit:„Ach, mein Gott! ſie wollen mich umbringen... Gnade, Gnade! Ich will nichts ſagen!“ „Nun, mit wem ſprichſt Du denn, guter Junge? Komm' zu Dir, Du biſt bei Deinen Freunden,“ ſagt Georg, Bouchenot am Arm nehmend. Dieſer blickt ihn erſchrocken an, fährt dann mit der Hand an die Stirne und ſtammelt:„Was habe ich denn geſagt?“ „Du ſprachſt von Mördern.. bateſt um Gnade.“ „Ach ja, ich habe offenbar das Alpdrücken. Aber es iſt ſehr kalt hier... man wird in dieſem Bette gar nicht warm.“ „Warte, warte, wir wollen ein gutes Feuer an⸗ machen,“ ruft Georg. „Feuer? und womit venn?“ fragt Timotheus. „Womit? Nun, zum Henker, mit dem großen Koffer, den wir doch nicht brauchen, weil das Kiſt⸗ chen mehr als hinreicht, unſere Habſeligkeiten aufzu⸗ bewahren.“ „Ach, Du haſt recht! In's Feuer mit dem Paul de Kock. LR. 42 großen Koffer! O, wir wollen uns gut warm machen!“ Und Timotheus hüpft vor Freuden im Zimmer, während Georg mit zwei bis drei Fußtritten den Koffer in Stücke ſtößt. Der Gedanke, ein gutes Feuer zu haben, hat den Muth der beiden jungen Leute wieder velebt: die kleinſte Freude iſt ein großes Ver⸗ gnügen für die, welche nur von Entbehrungen leben. Das Feuer iſt ſchnell angezündet: das Holz des Koffers brannte ſehr leicht; Georg und Timotheus wärmten ſich mit Wonne und zweifelten nicht⸗ daß das Feuer auch ihrem Freunde wohl thun werde. „Wie befindeſt Du Dich jetzt?“ fragt Timotheus, „biſt Du warm?“ „Ja, aber ich habe entſetzlichen Durſt, ſei ſo gut und gib mir zu trinken.“ „Was ſollen wir ihm geben?“ ſagt Timotheus, Georg anſehend,„wir haben nur Waſſer da.“ „Dann ſcheint mir Deine Frage überflüſſig.“ „Ja, aber. wenn das Waſſer das Fieber ver⸗ mehrt?“ „Haben wir keinen Zucker, um welchen darein zu thun?“ „Kein Stückchen.“ „Jür einen Kranken kann man Zucker entlehnen.“ „Nach Mitternacht? Es ſchläft Alles im Hauſe.“ „Armer Junge, wir können ihm alſo bloß Waſſer geben.“ Die veiden jungen Leute ſahen ſich traurig an, dann hefteten ſie ihre Blicke auf den Kranken. N 43 In dieſem Augenblick erlaubte die Stille, die im ganzen Hauſe herrſchte, daß man ganz deutlich eine weibliche Stimme die Strophen ſingen hörte: „Ach, wie ich beweine Mund, Aermchen und Bruſt, Die zierlichen Beine Und Lebens Verluſt.“ Dieſe, die nächtliche Ruhe unterbrechenden Laute machten einen ſchwer zu beſchreibenden Eindruck auf die beiden jungen Leute. Lächeln trat wieder auf ihre Lippen und die Hoffnung kam wieder in ihr Herz zurück. „Das iſt die Nachbarin!“ ruft Timotheus,„es iſt Fräulein Cölina. Sie ſchläft nicht, weil ſie ſingt.“ „Man muß etwas Zucker bei ihr entlehnen,“ ſagt Georg. „Zucker bei ihr entlehnen? Ich weiß nicht, ob ich es wagen kann.“ „O, dann gehe ich; für einen kranken Freund fürchte ich mich nicht, einen Dienſt zu verlangen!... Ueberdieß haben junge Mädchen immer ein gutes Herz; ſie wird uns gerne verbinden.“ „Im Ganzen genommen haſt Du recht, und dann müſſen wir ihr ſagen, daß ihre Freundin Prudentia ſie beſuchen wollte. Alſo, ich will an ihre Thüre pochen.“ Timotheus geht an die Thüre, da ruft ihm der nicht ſchläft, nach:„Wo willſt Du in 5 „Zu der Nachbarin drüben, etwas Zucker holen.“ 44 „Ich will keinen.. ich habe keinen Durſt mehr, geh' nicht zur Nachbarin. es iſt unnöthig.“ „Ach, laß uns doch ruhig, Du haſt das Fieber, wir wiſſen beſſer, was zu thun iſt, als Du.“ „Höre nicht auf Bouchenot,“ ſagt Georg,„zünde das Stümpchen Licht dort an, denn dieſes hier will* ausgehen, und klopfe leiſe bei Fräulein Cölina an.“ Timotheus hat ſchnell ein Licht genommen und iſt ſchon an der Thüre der Nachbarin, während Bou⸗ chenot immer wiederholt:„Bleibe da und verlange nichts von dem Fräulein. ich brauche nichts.“ Drittes Kapitel. Fräulein Cölina. „Wer iſt da? wer klopft ſo ſpät noch an meine Thüre?“ fragt die junge Nachbarin, ehe ſie Timo⸗ theus öffnet. „Fräulein, ich bin's, einer Ihrer Nachbarn ge⸗ genüber. Ich bitte um Entſchuldigung, daß ich Sie veläſtige, allein da ich Sie ſingen hörte, dachte ich, Sie ſchlafen nicht.“ „Was wollen Sie denn, mein Herr?“. „Fräulein, ich wollte Ihnen ſagen, daß Ihre Freundin Prudentig Flambard im Laufe des Tages kam, um Sie zu beſuchen und lange Zeit auf Sie bei uns wartete.“ „Ach, die dicke Prudentia war da? Ich danke Ihnen, mein Herr; allein das hätten Sie mir eben ſo gut auch morgen früh ſagen können.“ ——— ,———— 45 Dieſe Unterredung war durch die Thüre hindurch geführt worden, die geſchloſſen blieb. Da die Nach⸗ barin es nicht für nöthig gefunden hatte, zu öffnen, ſo lehnte Timotheus ſich daran und wußte nicht, wie er ſeinen Wunſch äußern ſollte. Georg, der die Un⸗ terhaltung mit anhörte und bemerkt, daß die Nach⸗ barin Zeit finden würde, in's Bett zu gehen, ehe Timotheus dazu käme, ſeinen Wunſch vorzubringen, kommt nun auch an die Thüre und ſagt mit bewegter Stimme:„Fräulein, wir bitten ſehr um Entſchuldi⸗ gung, daß wir Sie ſo ſpät noch beunruhigen, allein unſer Kamerad iſt krank.. er leidet und wir haben kein Stückchen Zucker, um es ihm im Waſſer zu geben und ſeinen brennenden Durſt zu löſchen. Um dieſe Zeit ſind alle Kaufleute in dieſem Viertel im Bett, wir hörten Sie ſingen, und deßhalb waren wir ſo frei, an Ihrer Thüre zu klopfen.“ „Sie haben einen Kranken.. mein Gott! das hätten Sie gleich ſagen ſollen; warten Sie, da bin Und bald geht die Thüre der Nachbarin auf und Fräulein Cölina erſcheint im kurzen Unterröckchen, einer kleinen, farbigen Nachtjacke, die ſie um die Taille feſtgebunden hatte, und einem Madrastuche um den Kopf, worin ihr munteres Geſichtchen noch pikanter ausſah. „Wos fehlt denn Ihrem Freunde?“ fragt Cölina, ſich an die beiden jungen Leute zugleich wendend;„iſt ihm Etwas zugeſtoßen?.. hat es ihn plötzlich gepackt? Laſſen Sie ſehen. Wo iſt er?.. O, ich kann ſehr 46 gut mit den Kranken umgehen, kann Umſchläge ma⸗ chen und Blutegel ſetzen, ich kann alle möglichen Mittel eingeben!... Ich wollte früher barmherzige Schweſter werden, allein das Kleid ſtand mir nicht, und das hielt mich ab. Nun, führen Sie mich doch zu Ihrem Freunde.“ „Mein Gott, Fräulein, Sie ſind ſehr gütig; wir wollen Ihnen nicht ſo viel zumuthen, beſonders da es gerade Ihre Ruhezeit iſt. Wenn Sie uns nur etwas Zucker leihen könnten, das wäre genug.“ „Gewiß will ich Ihnen Zucker leihen: ich habe gerade vorgeſtern meinen Vorrath von meiner Tante erhalten; das iſt geſchickt. Meine Tante ſchickt mir monaklich zwei Pfund, das iſt nicht zu viel, und man kann nicht Alles damit verzuckern; allein ich habe genug, weil ich friſchen Schinken dem Zucker vor⸗ ziehe; ich liebe die Süßigkeit nur in der Unterhal⸗ tung. Doch ich will Ihrem Kameraden Thee machen⸗ denn die Männer verſtehen ſich nicht darauf... der arme Kranke wäre wohl ſchlecht verpflegt!... Meine Ruhe braucht Sie nicht zu beunruhigen... man bringt manche Nacht mit Tanzen zu, und da kann man ſchon auch eine opfern, um ſeinem Nachbar zu dienen.“ Mit dieſen Worten lief die kleine Nachbarin, die immer ihr Licht in der Hand hielt, in das Zimmer der jungen Leute. „Sie iſt etwas zu redſelig,“ ſagt Georg zu Ti⸗ motheus,„allein ſie ſcheint gutmüthig und verbind⸗ lich zu ſein.“ — 47 „Wenn ſie eben ſo gut iſt als hübſch,“ ſagt Ti⸗ motheus,„ſo iſt ſie eine Perle von einer Frau.“ „Wo iſt er denn?“ fragt Cölina, ihre Blicke auf die zwei Betten heftend, in denen Niemand ſichtbar iſt, weil Bouchenot ſich ganz unter die Decke verſteckt hat, als er die Nachbarin in das Zimmer kommen hörte. „Da liegt er,“ ſagt Georg, an das Bett tre⸗ tend.„Vielleicht friert es ihn... ſehen wir, ob er ſchläft?“ Sanft lüftet Georg die alte Decke und zeigt den Kopf Bouchenots, der die Augen ſchließt und thut, als wenn er ſchliefe. „Ah, ich erkenne Ihren Freund,“ ſagt Fräulein Cölina lächelnd;„es iſt der, der einmal ſo drollig angezogen war. Gewiß, ich bin keine Pietiſtin, allein ich habe den Spaß doch etwas zu ſtark gefunden, und da ich mich von ihm immer eines neuen Streichs verſah, ſo hätte ich ihm gewiß nicht aufgemacht, wenn er an meiner Thüre geklopft hätte. Allein er iſt krank, der arme Burſche, ich trage es ihm nicht mehr nach. Laſſen Sie ſehen, ob er Fieber hat.“ Cölina tritt näher, um Bouchenot den Puls zu fühlen; dieſer zieht, ohne die Augen zu öffnen, leb⸗ haft ſeine Hand zurück und verſteckt ſie an einen Ort, wo die junge Nachbarin ſie nicht wohl mehr ſuchen konnte. „Hat er Krämpfe?“ fragt Cölina. „Wir wiſſen nicht, was er hat; wir verſtehen nichts von dem Schrecken, den er zu empfinden ſcheint: 48 er iſt erſt vor kurzer Zeit zurückgekehrt, ganz zitternd und verſtört, und erzählte, daß er ſich herumgeſchlagen habe, aus Ermattung umgefallen und dann einge⸗ ſchlafen ſei. Er hatte Etwas wie Alpdrücken, meinte, er ſei von Meuchelmördern umringt, und blickte mit Schrecken um ſich!.. Jetzt ſehen Sie, daß er hart⸗ näckig die Augen ſchließt und doch bin ich überzeugt, daß er nicht ſchläft.“ „Ohne Zweifel iſt das ein Fieber, das ihn quält. Verſuchen Sie, eine ſeiner Hände zu nehmen, daß ich ihm den Puls fühlen kann.“ „Komm', Bouchenot, gib Deine Hand unſerer guten Nachbarin, die Dich pflegen will,“ ſagt Georg, ſich Mühe gebend, eine ſeiner Hände zu erhalten. „Es iſt Fräulein Cölina, die die Güte hat, uns Zucker zu leihen,“ ſagt Timotheus,„und ſich unſert⸗ willen mitten in der Nacht zu incommodiren.“ „Ich wiederhole Ihnen, daß das mich nicht in⸗ commodirt,“ ruft das junge Mädchen aus;„ich war nicht zu Bette gegangen, weil ich etwas preſſante Arbeit und den ganzen Tag, ſtatt zu arbeiten, ver⸗ tändelt habe. Allein das iſt gleichgültig, wenn ich den Tag dem Vergnügen widme, ſo bringe ich bei Nacht das Verſäumte wieder herein; ich habe eine eiſerne Geſundheit. Nun, gibt er endlich ſeine Hand her? 2 Georg iſt es endlich gelungen, einen Arm Bou⸗ chenots zu bekommen und Fräulein Cölina kann den Puls fühlen. 6 „Er hat bedeutend Fieber,“ ſagt das junge Mäd⸗ 49 chen,„ſein Puls ſchlägt... ſchlägt, wie wenn er den Zapfenſtreich ſchlüge. Man muß ihm einen nieder⸗ ſchlagenden Trank machen.“ „Wenn man ihm Boragen gäbe?“ ſagt Timo⸗ theus. „Boragen! einem Menſchen, der ſchon Fieber hat wie ein Roß?“ ſagt Cölina;„ja, ja, das wäre hübſch! Wenn Sie Mediein ſtudiren, ſo gratulire ich Ihnen. Seien Sie ruhig, ich weiß, was man ihm eingeben kann; aber vor Allem ſollte er beſſer liegen: man muß ihm den Kopf wieder auf das Kopf⸗ kiſſen hinauf legen; ich will es ſogleich aufſchütteln.“ Dieß ſagend, klopft Cölina, die ſich über das Bett geneigt hat, zwei Mal mit der Hand auf das, was ein Kopfkiſſen vorſtellt; die Papierrollen geben einen trockenen, pfeifenden Ton. Das Mädchen iſt ganz ergriffen davon, während die beiden Freunde Bouchenots ſich abwenden und die Augen nieder⸗ ſchlagen, ganz beſchämt, daß ihre Armuth an den Tag kommt. Die kleine Nachbarin bleibt einige Augenblicke unbewegt ſtehen: ſie fühlt ſich eben ſo verlegen als die beiden jungen Leute, denn ſie meint, ihnen Schmerz verurſacht zu haben. Ihr Herz zieht ſich beim An⸗ blick der Armſeligkeit, die in dieſem Zimmer herrſcht, zuſammen, eine Thräne ſtiehlt ſich aus ihrem Auge und ſie trocknet ſie lebhaft mit der Rückſeite ihrer Hand, während ſie ſtammelt:„Mein Gott!.. ich bitte Sie um Vergebung.. ich glaubte. o, aber es ift gleichgültig, ſo kann er nicht bleiben.“ 50 Und das junge Mädchen verläßt ſchnell das Zim⸗ mer und eilt in das ihrige, von wo ſie bald wieder mit einem wirklichen Kopfkiſſen und einem Polſter zurückkehrt, die ſie ſchnell Bouchenot unter den Kopf legt, nachdem ſie zuvor die Papiermaſſen, die auf dem Bette lagen, auf die Seite geworfen hatte. „Was thun Sie denn, Fräulein? Ah, wir leiden nicht, daß Sie unſertwegen ſo viel entbehren!“ ſagt Georg. „Sie müſſen es aber doch leiden,“ ſagt Cölina; „außerdem thue ich es für Ihren kranken Freund und Sie haben kein Recht, ſich dawider zu ſetzen.“ „Aber Sie, Fräulein!“ ſagt Timotheus. „Ich? ja, mein Gott, aus einem Kleide und zwei Unterröcken iſt im Augenblicke ein prächtiges Kopf⸗ kiſſen gemacht... auch habe ich keine Luſt zu ſchla⸗ fen. Hören Sie, ich habe drüben Muskraut, das iſt für alle Krankheiten gut, wir wollen einen Trank davon machen. Sie haben Feuer, wir machen ihn alſo hier, denn ich habe mein Feuer ausgehen laſſen. Haben Sie eine Bouillotte hier?“ „Eine Bouillotte? was iſt denn das, Fräulein Cölina?“ „Ich glaube, das iſt ein Spieltiſch,“ ſagt Timo⸗ theus. „Bewahre!“ erwiedert Cölina lachend;„es iſt eine große Maſchine, um Waſſer zu ſieden.“ „Wir haben keine Maſchine,“ ſagt Georg,„wir haben nur einen Waſſerkrug, wenn der vielleicht ge⸗ nügte. 5¹ „Nein, der taugt nichts; allein ich habe, was man braucht und will Alles holen. Unterhalten Sie das Feuer, legen Sie noch ein Scheit Holz bei... wir werden es brauchen.“ Das Mädchen iſt auf ihr Zimmer gegangen, Georg nimmt ein Stück von dem Koffer, wirft es in's Feuer und ſagt:„Unſere Holzſcheiter haben eine komiſche Geſtalt.. die Nachbarin muß eine ſonderbare Meinung von uns haben. Aber Alles wohl betrachtet, iſt es kein Verbrechen, arm zu ſein, wenn man nichts Schlechtes begangen hat; warum ſollte man über ſein unverſchuldetes Elend erröthen?... Viele Leute ſollten eher über ihren Reichthum erröthen. Welch' gutes Herz, welche Zuvorkommenheit beweist nicht dieſes junge Mädchen, das uns nicht kennt... ſie nimmt Alles, was ſie hat, und bietet es uns an.. das iſt keine gewöhnliche Griſette! Suchet doch in den reichen Salons dieſe Menſchenfreundlichkeit, dieſe gefällige Art, Einem zu dienen: ihr werdet zwar dort manchmal der Wohlthätigkeit begegnen, allein immer in Begleitung von Hochmuth und Großthuerei. Ihr werdet in den öffentlichen Blättern die Liſte der Perſonen finden, welche die Unglücklichen unterſtützt haben und welche ſich darauf ſetzen laſſen, damit die Abonnenten des Blattes und die Kaffeehausläufer wiſſen, daß ſie wohlthätig ſind! Auf dieſe Art ver⸗ bindet ſich Einem eine Griſette nicht: es iſt ihr gleichgültig, vb ihr Name in allen möglichen Arten von Schriften gedruckt wird, ſie handelt ohne Berech⸗ nung, ohne Ueberlegung, ſie folgt dem Zuge ihres 52 Herzens und ſieht nicht darauf, ſich einen Ruf zu machen.“ Während Georg ſprach, hatte Timotheus ſich auf den Koffer geſetzt; er krümmte ſich, ſtreckte die Arme aus, wurde immer bläſſer und ſtotterte endlich:„Ach ja, Fräulein Cölina beträgt ſich.. bewunderungswür⸗ dig gegen uns.. ich würde ſie noch hübſcher finden, wenn ich nicht Magenweh hätte.“ „Nun, was haſt Du denn jetzt, Timotheus? willſt Du auch krank werden?.. was machſt Du denn für Krümmungen?“ „Was ich habe?.. Zum Henker! Du weißt es wohl, ich thue mein Möglichſtes, um nicht an den Hunger zu denken, allein es gibt Augenblicke, wo ich keine Kraft mehr habe... und Du ſelbſt, Georg, mußt nicht weniger leiden als ich.“ „Ich, ich habe Muth!.. WVie⸗ Timotheus, laß Dich nicht ſo gehen.“ „Nun, iſt es ihm auch ſchlimm?“ fragt die kleine Nachbarin, die nun mit einem Waſſerkeſſel, einer Taſſe und ihrem Zuckervorrathe hereintritt. „Nein, nein, es iſt nichts,“ ſagt Georg,„es iſt Müdigkeit.. eine Schwäche. er hat heute zu viel gearbeitet.“ Während er dieß ſagte, lehnte ſich Georg ſelbſt an das Kamin und vemühte ſich, die Uebelkeit, die er verſpürte, zu verbergen. Cölina ſieht die beiden jungen Leute, welche die Urſache ihrer Niedergeſchlagenheit und der Bläſſe ihres Geſichts nicht eingeſtehen wollen, an. Ein Frauen⸗ 6 3 53 zimmer erräth leicht, was man vor ihr verbergen will, namentlich wenn es gilt, ein Leiden zu mil⸗ dern, einige Thränen zu trocknen. Das junge Mäd⸗ chen hat ſich vor dem Ofenroſt niedergelaſſen und während ſie den Waſſerkeſſel an's Feuer ſtellt, meh⸗ rere Male verſtohlen nach Georg und Timotheus geſchaut; ihre Stirne hat ſich verdüſtert und die Heiterkeit iſt aus ihrem gewöhnlich ſo lachenden An⸗ geſichte entflohen. Plötzlich ſteht ſie auf und ruſt aus:„Mein Gott! weil Sie hier ein ſo gutes Feuer haben, ſo erlau⸗ ben Sie mir, mein Nachteſſen dabei zu kochen.. nd wenn Sie ſehr liebenswürdig ſind, ſo theilen Sie ees mit mir.“ „Ihr Nachteſſen!“ ruft Timotheus, indem er mit Mühe die Rührung verbergen kann, die das Wort bei ihm erweckt.„Wie, Fräulein, Sie haben nicht zu Nacht gegeſſen?“ „Nein, noch nicht, und Sie vielleicht auch nicht?“ „Es iſt wahr,“ entgegnete Georg,„wir warte⸗ ten immer auf unſern Kameraden; wir waren in Unruhe über ſeine lange Abweſenheit... und dann, glaube ich, haben wir keinen Vorrath mehr hier.“ „Das iſt ein Grund weiter, mein Nachteſſen zu theilen; unter Nachbarn ſchlägt man ſich ſo Etwas nicht ab. Ich will Alles holen, was ich bei mir habe. Zwar wird es leider nicht ſehr lecker ſein, das ſoge ich Ihnen im Voraus, allein meine Tante hat nir gerade Eier geſchickt, wir wollen alſo einen Eier⸗ tuchen machen.“. —————— 5⁴ „Einen Eierkuchen!“ ruft Timotheus aus, der ſich durch die Gewißheit eines Nachteſſens bereits neu belebt fühlt;„einen Eierkuchen! v, das iſt köſt⸗ lich, das iſt meine Lieblingsſpeiſe... ich bete die Eierkuchen an!“ „Aber, Fräulein, Sie haben wirklich zu viel Güte mit uns,“ ſagt Georg;„kaum kennen wir Sie und ſchon ſo viele Freundſchaftsbeweiſe...“ „O, ich bin ſchnell bekannt, und dann haſſe ich alle Ziererei. Ich will meinen Vorrath holen... ſehen Sie nach dem Keſſel; wenn das Waſſer ſiedet, ſo thun Sie dieſe Handvoll Musblüthen hinein, der Trank kocht ſich dann von ſelbſt und ſo können wir, indem wir zu Nacht eſſen, zugleich Ihren Freund verpflegen.“ Cölina geht auf ihr Zimmer und Timotheus kniet vor das Feuer, während er ausruft:„Dieſes Frauen⸗ zimmer iſt unſer Schutzengel.. unſer guter Genius unſer Stern!“ „Gewiß verdanken wir ihr viel,“ ſagt Georg. „Ach, wenn je einmal das Glück mir günſtig wird⸗ was, wie ich hoffe, kommt, wie ſüß wird mir es ſein⸗ für das zu danken, was dieſes gute Mädchen heute an uns thut.“ „Sage doch, Georg, Bouchenot muß auch Hunger haben, und vielleicht würde er den Eierkuchen dem Tranke vorziehen? Wenn wir ihn fragten⸗ während die Nachbarin nicht da iſt?“ „O nein, er iſt krank; zudem ſiehſt Du wohl, daß er ſchläft; man darf ihn nicht wecken.“ 55 In der That war Bouchenot dadurch, daß er die Augen geſchloſſen hatte, um ſich ſchlafend zu ſtellen, allmälig wirklich eingeſchlafen und ſeit einiger Zeit hörte er nicht mehr, was um ihn her vorging. „Da iſt mein Vorrath,“ ſagt die zurückkehrende kleine Nachbarin, die in ihrer Schürze Eier, unter dem einen Arme Brod und unter dem andern eine Pfanne hat, in der ſich ein Stück Brickenkäſe befin⸗ det.„Kommen Sie, meine Herren, helfen Sie mir ab, wenn es gefällig iſt.“ „Und daß ja die Eier nicht zerbrechen,“ ſagt Ti⸗ motheus. „Ich habe Alles mitgebracht, was ich beſitze.. dreizehn Eier. Ach, aber es iſt ein Unglück; Sie wiſſen nicht, daß ich keine Butter zu Hauſe habe.“ „O, was thut das?“ ſagt Georg,„deßhalb wird es eben ſo gut ſein.“ „Wir machen uns nichts aus der Butter,“ ſagt Timotheus,„das iſt Luxus.“ „Luxus? in einem Eierkuchen!“ ruft Cölina la⸗ chend aus;„ach, es kommt mir vor, als wären Sie in den Angelegenheiten der Küche nicht ſehr bewan⸗ dert. Sie wiſſen alſo nicht, daß, wenn wir unſere Eier nur ſo in die Pfanne ſchlagen würden, wir ſie nicht mehr wegbrächten.. ſie wären alle verbrannt. Zum Glück habe ich in der Ecke einer Commode die⸗ ſen Reſt Speck gefunden, wir wollen ihn in kleine Stückchen zerſchneiden, ſchmelzen laſſen, und ſo ſtatt der Butter gebrauchen.“ „Und das wird noch beſſer ſein,“ ſagt Timotheus, 56 der einen Augenblick vefürchtet hatte, der Mangel an Butter möchte ſie um den ganzen Eierhaber brin⸗ gen. Fräulein Cölina ſtellt ſich vor den kleinen Tiſch, ſchneidet den Speck und ſchlägt ihre Eier in eine alte zerbrochene Solatſchüſſel, welche Timotheus ihr* mit einem gewiſſen Stolze pietet. Georg ſchürt das Feuer, das Holz des alten Koffers kracht und brennt, das junge Mädchen rührt die Eier ein und ſagt: „Ich fürchte, es geht nicht Alles in die Pfanne.“ „O doch, Fräulein,“ entgegnet Timotheus,„es geht Alles hinein, und wenn nicht, ſo machen wir eben zwei.“ „Nein, das geht nicht an, ich habe keinen Speck mehr.“ „Dann geht Alles hinein.“ Der Eierkuchen wird gebacken und die jungen Leute ſuchen ſo zu ſagen ein Tiſchgedeck aufzulegen: ſie bringen drei Untertaſſen herbei, die als Teller dienen müſſen, drei Gabeln und einen kleinen metal⸗ lenen Kaffeelöffel, den einzigen, den ſie beſitzen. In einem Nu iſt das Tiſchzeug geordnet, in Kurzem der Eierkuchen gebacken, die Nachbarin ſtürzt ihn in die alte Salatſchüſſel und ſtellt ihn auf den Tiſch mit den Worten:„Meine Herren, iſts gefällig: hier iſt das Eſſen.“ Die jungen Leute laſſen ſich dieſe Einladung nicht zwei Mal ſagen, ſie bieten Cölina den guten Stuhl an, ſetzen ſich Beide auf den Foffer, der ihnen als Bank dient, und greifen den Eierkuchen mit einer 57 Gierigkeit an, die der kleinen Nachbarin beweist, daß ſie ſehr wohlgethan hat, ihnen ihr Nachteſſen anzubieten. Das Zimmer der Studenten hat ein ganz ande⸗ res Ausſehen gewonnen: die Traurigkeit und die Niedergeſchlagenheit haben bereits dem Vergnügen, der Freude Platz gemacht; freudige Ausrufe treten an die Stelle der Stille oder der Seufzer; kurz, Georg und Timotheus ſind nicht mehr dieſelben: Jeder zeigt ein glückliches, belebtes, lachendes Geſicht, und dieſe Veränderung hervorzubringen brauchte es bloß eines Eierkuchens. Es bedarf manchmal ſo gar wenig, um große Reſultate hervorzurufen. „Er iſt köſtlich!“ ſagt Georg, der einen Augen⸗ blick inne hält, um Brod zu ſchneiden. „Ich habe noch nie einen beſſern gegeſſen,“ mur⸗ melt Timotheus, ſich den Mund vollſtopfend. „Sie ſind ſehr gütig, meine Herren, ich finde ihn vielmehr etwas ſchwer. Eſſen Sie doch nicht ſo ſchnell, Sie könnten erſticken.“ „O, es iſt nicht gefährlich.“ „Trinken Sie doch wenigſtens.“ „Ach ja, komm', trinken wir,“ ſagt Georg, ſeinen Kameraden anſehend;„aber ich glaube, wir haben keinen Wein mehr.“ „Zum Kukuk, woher ſollten wir Wein nehmen?“ entgegnet Timotheus, den das Vergnügen, einen Eierkuchen zu eſſen, geſprächiger macht; ſein Kamerad ttritt ihn auf den Fuß, um ihn zum Schweigen zu bringen, die kleine Nachbarin aber ruft aus:„Ei Paul de Kock. LX, 5 * 58 du mein Gott! ohne Wein kann man wohl aus⸗ kommen, Waſſer iſt noch geſünder; wenn wir in⸗ deſſen Champagner hätten... ich geſtehe, daß der Champagner meine ſchwache Seite iſt. Ach Gott, und dann erweckt dieſer Wein Erinnerungen in mir, ich ſollte ihn haſſen, den Champagner! O, aber warten Sie, wenn wir keinen Wein haben, ſo habe ich doch Branntwein zu Hauſe.“ „Branntwein!“ rufen die jungen Leute erſtaunt aus. „Ja, meine Herren, allein ich hoffe, Sie werden deßhalb nicht glauben, daß ich ihn gewöhnlich ſtatt des Weines trinke. Ich will Ihnen ſagen: meine Tante, die eine herrliche Frau iſt und die mich immer liebte, obgleich ich ihr mehr als einen Streich ſpielte, meine Tante hat eine ſehr große Liebe zum Punſch, und da ich ihn ſehr gut bereiten kann, ſo hat ſie, als ſie mir Lebensmittel ſandte, auch eine Flaſche Rum beigelegt, damit ich ihr Punſch machen kann, wenn ſie mich beſucht, weil ſie, da ſie einen Laden hält, bei ſich, wie Sie wohl begreifen werden, keinen zu machen wagt: die Nachbarn ſind ſo ſchlecht, es würde alsbald im Viertel heißen, meine Tante bl⸗ trinke ſich und das würde ihr in ihrem Geſchäfte großen Eintrag thun, um ſo größern, als meine Tante mit Samen handelt, ſo daß ſie, wenn ſie trunkſüchtig wäre, einem Kunden ſatt Senfmehl Leinſamen geben könnte, was als Cataplasma durch⸗ aus nicht den gleichen Erfolg haben würde. Warten Sie, ich will meine Rumflaſche holen, wir thun * 59 eiwas Waſſer dazu, das gibt Grog, der köſtlich iſt, und wir ſcheinen dann engliſche Lords zu ſein.“ „Ein köſtliches Mädchen!“ ſagt Timotheus, wäh⸗ rend die Nachbarin auf ihr Zimmer eilt. „Sie macht uns Grog! ſie iſt ſo offen, ſo gerade aus, daß ich ganz entzückt bin,“ ſagt Georg,„auch hat ſie eine ſehr gute Tante, die ihr Lebensmittel liefert. Ach, wenn wir ſolche Tanten hätten... der arme Bouchenot, es iſt mir leid, daß er nicht auch an unſerm Feſte Theil nimmt, denn dieſes Nacht⸗ eſſen iſt ein wahres Feſt.“. „Weil er ſchläft, darf man ihn nicht wecken, e könnte ihm ſchaden.“ „Wenn wir ihm etwas Eierkuchen bei Seite legen könnten...“ „Ich würde nie den Vorſchlag zu machen wagen.“ „Ach, die Nachbarin iſt ſo gut.“ „Stille, da iſt ſie.“ Cölina kommt mit einer großen Flaſche und einer mit einem Papiere bedeckten Taſſe zurück. „Was iſt das?“ ſagt Timotheus, die Taſſe betrach⸗ tend,„noch eine Ueberraſchung?“ „Es iſt Traubengelee, ich hatte es vergeſſen.“ „Traubengelee? Ach, Fräulein, Sie überhäufen uns mit Genüſſen.“ „Das iſt in der That zu viel Güte.“ „O, ich rathe Ihnen, mir für ein wenig Trau⸗ bengelee zu danken; überdieß mache ich heute Ihren Wirth, ein anderes Mal thun Sie es, und wir ſind guitt.“ 60 „Ja, ohne Zweifel,“ entgegnet Georg,„wir hoffen ſehr, Sie ein anderes Mal auch zu bewirthen.“ „Wenn ich meinen Wechſel erhalte,“ ſagt Timo⸗ theus,„denn ich theile Ihnen mit Freuden mit, Fräulein, daß mein Vater Benedict Glindoré, ein alter Landwirth, der zu Rheims lebt, mir zwölfhun⸗ dert Franken ausgeſetzt hat, damit ich zu Paris meine Rechtsſtudien fortſetzen kann.“ „Ich,“ ſagt Georg,„bin in Burgund geboren; mein Familiennamen iſt Rembrun. Meine Eltern trieben Handel, ſie waren nicht glücklich: bei mehre⸗ ren auf einander folgenden Bankeroten verlor mein Vater einen großen Theil ſeines Vermögens; mit dem Vermögen meiner Mutter konnten ſie noch in einem gewiſſen Wohlſtande leben, aber dann hätte er ſich inſolvent erklären und am Ende ebenfalls Bankervt machen müſſen, indem er bewies, daß er dazu durch die erlittenen Verluſte gezwungen ſei. Viele Leute riethen meinen Vater das Letztere an, und er ſolle mit fünfzig Procent ſeine Gläubiger befriedigen. Mein Vater wollte das nicht, er wollte lieber in der Dürftigkeit leben und bezahlen, was er ſchuldig war. Das Vermögen meiner Mutter wurde dazu verwendet und gegenwärtig leben meine Eltern von einem kleinen Amte, das man meinem Vater gegeben hat. Sie begreifen nach dieſem, Fräulein, daß ſie nur wenig für mich thun können und daß ich mich bemühen muß, für mich ſelbſt zu ſorgen⸗ Aber wenn ich auch nicht den Vortheil habe, Ver⸗ mögen zu beſitzen, ſo habe ich doch den, den Namen 61 eines ehrlichen Mannes zu führen, eines Mannes, den Jedermann achtet und verehrt. Es iſt dieß ein Erbe, auf das ich ſtolz bin, und nie wird Georg Rembrun, ich ſchwöre es, den Namen, den ihm ſein Vater übertragen hat, beflecken.“ „Das iſt ſehr gut,“ ſagt Cölina.„Aber, meine Herren, Sie erzählen mir da ſo beiläufig Ihre Ge⸗ ſchichten, Ihre Familiennamen, jetzt, denke ich, iſt die Reihe an mir, denn am Ende freut es Einen doch, zu wiſſen, mit wem man gegeſſen hat.“ „Ach, Fräulein, nicht um Sie zu fragen, haben wir ſo geſprochen, wir wiſſen, daß Sie eben ſo wohl⸗ thätig als hübſch ſind, und dieß iſt hinlänglich.“ „Das iſt ſehr liebenswürdig; aber mir genügt es nicht. Ich erzähle Ihnen gerne meine Geſchichte, ſie wird etwas länger ſein als die Ihrige, allein wir brauchen ja nicht zu eilen. Während der Zeit will ich noch mehr Waſſer ſieden und wir wollen uns dann ein wenig Punſch machen. Ich glaube, daß ich Etwas von meiner Tante habe... nehmen Sie doch Traubengelee, meine Herren. O, das hübſche Feuer; es iſt ſchade, daß Ihr Holz brennt wie ge⸗ leimtes Papier. Ich beginne jetzt, iſt es Ihnen recht, meine Herren?“ „Wir ſind ganz Dhr, Fräulein,“ ſagt Georg, ſich ein Glas Grog bereitend. Und Timotheus ſagt daſſelbe, nachdem er ſich eine ungeheure Brodſchnitte mit Traubengelee geſtrichen hat. Nun fängt die kleine Nachbarin ihre Erzählung an. Viertes Kapitel. Die Geſchichte eines jungen Mädchens. „Ich bin in der Bären⸗Straße geboren, damit ſage ich Ihnen, daß ich von Paris bin, denn ich nehme an, daß es keine zwei Bären⸗Straßen in Europa gibt, doch könnte es ſein. Ich werde auch nicht ſagen, wie es in jenem Trauerſpiel heißt, das ich in der Sänger⸗Straße habe ſpielen ſehen: Allen edlen Herzen iſt die Heim ath theuer! Denn ich finde meine Heimath, d. h. die Bären⸗ Straße, viel zu ſchmutzig, und wäre lieber in der Friedens⸗Straße geboren, was meinen Sie? Es iſt nirgends verboten, ehrgeizig zu ſein. „Meine Eltern waren, meine ich, Spielwaaren⸗ händler. Ich ſage: ich meine, denn da ich nie in den Laden kam, ſo weiß ich auch nicht recht, was man dort verkaufte. Meine Mutter, deren einziges Kind ich war, hätte lieber einen Knaben gehabt; während ihrer ganzen Schwangerſchaft hatte ſie ſich geſchmeichelt, einen ſchönen kleinen Amor auf die Welt zu bringen. Ihre Nachbarinnen, die Klatſch⸗ ſchweſtern des Viertels und alle ihre Kunden wurden unaufhörlich um ihre Meinung befragt. Die Einen ſagten ihr: Sie lieben die grünen Aepfel und die Eſſigurken, ſeitdem Sie ſchwanger ſind: Sie bekom⸗ men einen Buben.“ Die Andern:„Sie haben bleiche Wangen und ein rothes Naſenſpitzchen, Sie dürfen überzeugt ſein, daß Sie einen Knaben zur Velt bringen werden. Jene ſagten ihr mit gelehrter Miene; 63 „Wenn Sie das Ohr beißt, ſo greifen Sie oft mit Ihrer linken Hand nach demſelben, nicht wahr, Frau Nichet? Sie werden einen Buben bekommen.“ Dieſe: „Sie ſchlafen auf dem Rücken ein und wachen auf dem Bauche auf, Sie bekommen einen Erben, da iſt gar kein Zweifel. Nicht zufrieden mit allen die⸗ ſen Vorzeichen, die nach der Ausſage der Klatſch⸗ ſchweſtern noch nie getrügt hatten, ließ meine Mutter ſich noch von einem der berühmteſten Kartenſchläger damaliger Zeit die Karten ſchlagen: die Karten pro⸗ phezeiten ihr einen Knaben. Endlich exiſtirte da⸗ mals noch ein Herr, der ſein Handwerk nicht trieb, denn er war, wie ich meine, ein Schauſpieler auf einem Bollwerktheater, der mittelſt eines Bandes, womit er Arm und Hals maß, Einem ſagte, von welchem Geſchlechte das Kind ſei, das man unter dem Herzen trage, und der Herr hatte meiner Mut⸗ ter, nachdem er ſie gemeſſen hatte, die Geburt eines Sohnes angekündigt. Ich erfuhr alle dieſe Einzeln⸗ heiten von meiner Tante, denn Sie begreifen, daß ich ſie von dem Orte aus, wo ich mich damals be⸗ fand, nicht wiſſen kann. „Doch trotz der Bänder, der Karten und aller untrüglichen Anzeichen gebar meine Mutter ein Mäd⸗ chen; das gab einen großen Aufruhr im Viertel. Die Klatſchſchweſtern behaupteten, meine Mutter habe ihnen nicht genau angegeben, was ſie fühle. Meine Mutter war übler Laune, daß ſie ſich in ihren Hoff⸗ nungen getäuſcht ſah; mein Vater wagte nicht, mich zu liebkoſen, weil er fürchtete, er möchte ſeiner Frau 64 mißfallen, und ich wurde empfangen wie die Leute, welche in ein Haus kommen, um zu Mittag zu ſpei⸗ ſen, während man ſchon beim Nachtiſch iſt, wie jene Perſonen, welche mit Rubinen im Geſichte die Wuth haben, Einen zu küſſen, oder endlich wie ein ſechs⸗ zehnter Paſſagier in einem Omnibus. „Um das Unglück meiner Geburt ſo ſehr als möglich zu mildern, wurde beſchloſſen, mich als Kna⸗ ben zu kleiden und dieſen Anzug mich ſo lange als möglich tragen zu laſſen. Mir, wie Sie begreifen werden, war es ganz gleichgültig, ob ich Hoſen oder einen Rock trug; ich glaube ſogar, daß ich lieber männliche Kleidung getragen hätte. Als ich von der Amme, bei der man mich etwa drei Jahre gelaſſen hatte, zurückkam, erhielt ich den Anzug eines Knaben, dann ließ man mich ſpielen, laufen, herumſchlingeln wie einen wahren Schlingel. Ich blieb faſt nie bei meiner Mutter: ich war im Hof, auf der Straße und ſpielte mit kleinen Knaben von meinem Alter, hatte den Geſchmack, die Gewohnheiten meiner klei⸗ nen Kameraden. Ich kannte alle ihre Spiele, ich balgte mich ſogar, wenn es ſo weit kam. Allein wenn man mir vom Nähen, Stricken ſprach, wenn man mir eine Puppe gab, zuckte ich die Achſeln, ſchnitt Geſichter, ſtreckte gegen die kleinen Mädchen die Zunge heraus, wollte nicht mit ihnen ſpielen, und wenn man mir ſagte, daß ich ebenfalls ein Mädchen ſei, o, da gerieth ich in Wuth und behaup⸗ tete ſteif und feſt, das ſei nicht wahr, was den klei⸗ nen Knaben viel zu lachen gab. 65 „Die Leute, die in unſer Haus kamen, ſagten zu meiner Mutter:„Sie haben einen yübſchen kleinen Knaben, der ſehr aufgeweckt ausſieht.“ Meine Mutter ſeufzte, wenn ſie entgegnete: Dieſes Kind iſt kein Knabe, es hat nur einen Anzug wie dieſe!“ dann jagte ſie mich eilends fort, indem ſie mir wie ge⸗ wöhnlich ſagte:„Gehe, ſpiele draußen, Du haſt hier nichts zu thun.“ „Manchmal brachte man mich verwundet, zerkratzt, mit vlutendem Angeſichte nach Hauſe; ich wollte alle Sprünge, alle Uebungen nachmachen, die ich meine Spielkameraden machen ſah, und die Natur hatte mir keine Manneskraft verliehen. Bei uns zu Hayſe küm⸗ merte man ſich um mich faſt gar nichts; mein Vater ſah mich manchmal an, wie wenn er Luſt hätte, mich zu küſſen, allein ohne Zweifel wagte er es nicht, dieſem Wunſche nachzugeben, denn nie ſchloß er mich in ſeine Arme. Endlich nannte man mich ſtatt Cölina Cblio, und ich wußte nicht einmal, daß ich einen andern Namen hatte. „Zeugin der ſonderbaren Art, in der ich erzo⸗ gen wurde, und der Härte, womit man mich behan⸗ delte, intereſſirte ſich allein meine Tante für mich und bezeugte mir ihre Freundſchaft; oft zankte ſie ſich mit meiner Mutter und immer wegen meiner. Allein ſtatt daß meine Mutter nun andere Maßregeln ergriff, mehrte dieß nur noch ihre üble Laune und ſie überwarf ſich am Ende ganz mit ihrer Schweſter, die nun nicht mehr in's Haus kam. Jetzt, da ich meine Tante, die mich noch gllein wie ein junges ———————————— Mädchen behandelte, nicht mehr ſah, hatte ich bald ihren weiſen Rath vergeſſen und lebte fort und fort wie ein Straßenjunge in Paris. „Die Zeit verſtrich; ich hatte mein dreizehntes Jahr erreicht, ohne daß meine Mutter nur daran ge⸗ dacht hätte, meine Lebensart zu ändern. Unſere Han⸗ delsſchaft ging, wie es ſcheint, nicht gut; fortwährende Verluſte ruinirten meine Eltern faſt ganz. Mein Vater wurde vor Kummer krank, bald ſehr krank, ich, ich wußte es nicht, ich konnte es gar nicht ver⸗ muthen, denn man ſchickte mich immer von Hauſe fort. Indeſſen ſagte mir einſtmals, als wir in dem Hofe eines Nachbarhauſes Ball ſpielten, ein Kamerad: „Aber, Cölio, das iſt nicht ſchön von Dir, daß Du ſpielſt, wo Dein Vater am Sterben iſt..—„Mein Vater?“ erwiederte ich. Wie, Du glaubſt, daß er ſehr krank iſt? Zum Kukuk, ich wußte nichts davon, man hat mir nichts geſagt; wenn ich gefrühſtückt oder zu Mittag gegeſſen habe, ſchickt man mich ſo⸗ gleich wieder fort, ich kann nicht wiſſen, ob mein Vater krank iſt, man läßt mich ja nie in ſein Zimmer.“ Indeſſen ließ ich das Spiel ſein, getrieben durch ein Gefühl, von dem ich mir keine Rechenſchaft geben konnte, und ging nach Hauſe. „Meine Mutter war ausgegangen, ohne Zweifel, um einige dem Kranken verordnete Arzneien zu holen. Wir hatten kein Dienſtmädchen mehr; ich ging in's Haus und ſtatt wie gewöhnlich ein kleines Stübchen aufzuſuchen, wo ich ſchlief und das ein Stockwerk über der Wohnung meiner Eltern lag, ging ich durch — änderungen ſeit Kurzem mit ihm vorgegangen wa⸗ 67 1* einen kleinen Speiſeſaal und kam zum erſten Mal ſeit vielen Jahreu in das Zimmer meines Vaters. „Ich erinnere mich noch: das Zimmer war dunkel, es ſtand ein Bett in einem Alkov und große Vor⸗ hänge waren halb zugezogen. Ich ging leiſe näher: ich zitterte und fürchtete, für meine Kühnheit gezankt zu werden und man möchte mich fortjagen, wenn man mich ſehe. Doch näherte ich mich auf den Zehenſpitzen dem Bett und hielt den Athem an; nun ſah ich meinen Vater: er hatte die Augen geſchloſſen, aber die Bruſt ſchien leidend, was man ſehen konnte, obgleich er ſchlief; ich war bewegt, betrübt, denn zum erſten Mal bemerkte ich, welche ſchreckliche Ver⸗ ren. Er war ſo blaß, ſo mager, die Krankheit hatte ſo plötzliche Fortſchritte gemacht, daß er nur noch ein Schatten von ehedem war. „Gerührt und unruhig betrachtete ich ihn lange unbeweglich, dann ſetzte ich mich in einiger Entfer⸗ nung vom Bette nieder, wagte nicht, mich zu bewe⸗ gen, aus Furcht, meinen Vater zu wecken, und war ganz erſtaunt über die neuen Gefühle, die ich em⸗ pfand. „Ich war ſchon ſeit längerer Zeit da und meine einzige Furcht war, man möchte mich ſehen und mich dann aus dieſem Zimmer jagen, in das ich mich ge⸗ ſchlichen hatte, um zu bleiben, was mir doch ſo na⸗ türlich ſchien. „Plötzlich höre ich Geräuſch im Alkov: mein Va⸗ ter war erwacht, er machte eine Bewegung, wie wenn „ X 68 er ſich erheben wollte, dann fiel er auf ſein Bett zurück. Ich wagte es näher zu ihm hinzutreten, um zu ſehen, was er bedürfe, als ich folgende Worte mit erſtickter Stimme ausſprechen hörte, die mir bis in's Innerſte drangen:„Meine Tochter Cölina... wo iſt ſie? ach, laßt ſie doch kommen, ich möchte ſie um⸗ armen, ehe ich ſterbe.“ „Ich blieb einen Augenblick erſtaunt, unentſchloſ⸗ ſen ſtehen, aber da ich nicht vermuthete, daß mein Vater von mir ſpreche, ſo verließ ich ſchnell das Zimmer, während ich rief:„Gleich, gleich, ich will ſie ſuchen.“ „Auf der Treppe begegnete ich meiner Mutter; ich war bleich und verſtört.„Wo willſt Du hin?“ fragte ſie mich ungeſtüm.—„Mein Vater iſt ſehr krank, ſagte ich weinend,„und ehe er ſtirbt, will er ſeine Tochter Cölina ſehen, ich weiß nicht, wo ſie iſt aber ich will ſie überall ſuchen, denn ich möchte ſo gerne einmal meinem Vater gefällig ſein.“ „Bei dieſen Worten wechſelte meine Mutter die Farbe; ſie ſchien vernichtet, verbarg einige Minuten ihren Kopf in ihre Hände und rief dann mit durch⸗ dringender, herzzerreißender Stimme:„Unglückliche! Du biſt ja Cölina, Du biſt ſeine Tochter.“ „Ich wußte nicht, ob ich meiner Mutter glauben ſollte; allein ſie nahm mich bei der Hand, zog mich lebhaft mit ſich fort und wir kehrten in das Kran⸗ kenzimmer zurück. Ich eilte an's Bett... ach, mein Vater war todt und hatte mich nicht umarmt. „Seit dieſem Augenblick änderte meine Mutter 69 ihr Benehmen gegen mich gänzlich: ſie wurde eben ſo gut, eben ſo zärtlich gegen mich, als ſie vorher hart und unbekümmert gegen mich geweſen war. Allein ich genoß ihre Zärtlichkeit nicht mehr lange: kaum waren ſechs Monate ſeit dem Tode meines Vaters verfloſſen, ſo vereinigte ein Grab meine Mutter mit ihm. „Nun nahm mich meine Tante Bernard zu ſich und ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, daß ihre erſte Sorge war, mir Kleider, wie es für mein Geſchlecht paßte, anzuziehen. Meine Eltern hatten mir kein Vermögen hinterlaſſen und mich keine Arbeit lernen laſſen. Ich konnte ſehr gut auf einen Baum klettern, das Rad ſchlagen und ähnliche Künſte, allein meine Tante meinte, ein junges Mädchen müſſe andere Sachen wiſſen: man gab mir eine Nadel in die Hand und ich mußte nähen lernen. Das ergötzte mich nicht ſo ſehr als das Rad ſchlagen, und da ich mich oft ſtach, ſo warf ich häufig die Nadel und den Faden weg, um im Zimmer herumzuſpringen. Ich wollte noch das Rad ſchlagen, allein das iſt weit unbequemer in einem Weiberrock als mit Manns⸗ kleidern; zudem machte meine Tante mich auch das Gefährliche dieſer Art von Uebung für eine Jungfrau kennen. „Arme Tante! welche Geduld mußte ſie haben, um meine Thorheiten zu ertragen! Ich konnte die Manieren eines Mädchens gar nicht annehmen; es war Höllengual für mich, ruhig auf einem Stuhle ſitzen zu pleiben. Ich haßte die Arbeiten meines 70 Geſchlechts; ich konnte das Stricken nicht lernen, weinte, wenn man mir ſagte, ich ſolle Etwas aus⸗ beſſern, und zerbrach Alles im Zimmer, wenn man mich zwingen wollte, Strümpfe zu flicken. „Indeſſen erreichte ich mein ſechszehntes Jahr. Man ſagte mir oft, daß ich hübſch ſei, und das ſchien mir Vergnügen zu machen. Meine Tante wünſchte, ich möchte etwas kokett werden, weil ſie ſagte, daß dieß mir ganz die Manieren meines Geſchlechts geben würde. Was mich am meiſten freute, ſeit ich nicht mehr Vall ſpielte, war das Theater. Ich hatte einen lebhaften Geſchmack für das Luſtſpiel und wäre gerne eingetreten. Der Zufall oder mein Schickſal führte in unſer Haus einen jungen Mann, einen ſehr hüb⸗ ſchen Burſchen. Ich ſage Ihnen ſeinen Namen nicht, weil Sie ihn nicht zu wiſſen brauchen. Er wohnte uns gegenüber und folgte mir auf allen Schritten; er ſagte mir, daß ich hübſch ſei, daß er mich an⸗ bete und ich fing an, au ſolchen Reden Geſchmack zu finden. Er bat mich um ein Stelldichein auf meinem Zimmer, weil er mir, wie er ſagte, ein Ge⸗ heimniß anzuvertrauen habe. Ich, ich ſah nichts Ungeziemendes darin, den jungen Mann zu empfan⸗ gen; ich glaubte, er wolle mir insgeheim eine Ballſpiel⸗Partie vorſchlagen, und da meine Tante mir dieſe Art der Unterhaltung immer unterſagte, ſo verſprach ich mir ein großes Vergnügen, ins⸗ geheim mit dem jungen Manne daſſelbe zu ſpielen. „Mein Zimmer war neben dem meiner Tante. Als ſie zu Bette war und ich dachte, daß ſie einge⸗ Aber ſtatt daß er mir von dem ſprach, was ich dachte, 7 ſchlafen ſein müſſe, öffnete ich dem hübſchen Jungen, der ſchon öfters an meiner Thüre gekratzt hatte. warf er ſich auf die Kniee vor mir nieder und ſagte mir wieder, daß er mich anbete und nicht ohne mich leben könne; dann nahm er ſich heraus, mich zu küſſen und in ſeine Arme zu ſchließen. Nun fing ich an zu begreifen, daß es gefährlich iſt, Stelldicheins zu gewähren, allein ich war ſehr verlegen, mich zu vertheidigen; der junge Mann war ſo kühn... und ich ſo linkiſch in meinen weiblichen Kleidern. Kurz, es ſcheint, daß wir Geräuſch machten, denn meine Tante wachte auf und fragte, was mir ſei; ich ent⸗ gegnete: Ich ſpiele Ball.“ „Am andern Tag kam der junge Mann wieder, dann die folgende Nacht; allein meine Tante wurde böſe und rief mir durch das Schloß zu: daß, wenn ich nicht aufhöre, zu ſpielen, ſtatt zu ſchlafen, ſo müſſe ich in ihrem Zimmer ſchlafen. Dieſe Drohung machte mir Angſt und da ich Geſchmack an der Un⸗ terhaltung meines Liebhabers gefunden hatte, ſo ver⸗ ließ ich am andern Morgen den Laden meiner Tante und ging mit dem hübſchen Burſchen durch, der mich dann nach St. Germain führte. „Mein Liebhaber hatte mir geſagt, daß er Schau⸗ ſpieler ſei; er hatte mir verſprochen, mich Komödie ſpielen zu lehren und mich auf die Bühne zu brin⸗ gen. Wir brachten unſere Zeit mit Laufen, Spazie⸗ rengehen auf dem Lande und mit Geſprächen, wie ſehr wir uns lieben, hin. Drei Mynate gingen ſ 72 vorüber, manchmal fragte ich meinen Geliebten, wann er mich denn auf die Bühne bringen wolle, aber er begnügte ſich zu lachen und mich zu umarmen. In⸗ deſſen ſuchte ich, als ich eines Morgens erwachte, vergebens den, der mich entführt hatte; ich fand nur einen Brief, worin er Abſchied von mir nahm und mir ſagte, daß er nach Braſilien abreiſe, wohin er mich nicht mitnehmen wolle, weil er befürchte, es möchte dort zu heiß für mich ſein; außerdem hinter⸗ ließ er mir vierundzwanzig Sous, um einen Wagen nach Paris miethen zu können. Ich fand ein ſolches Benehmen unwürdig und zum erſten Mal in meinem Leben wünſchte ich mir Glück, daß ich nicht zu einem Geſchlecht gehöre, das ſich ein Spiel daraus macht, das unſrige zu hintergehen. Indeſſen nahm ich die vierundzwanzig Sous und kehrte zu meiner Tante zurück, die mir einen tüchtigen Verweis und Strümpfe zum Stopfen gab: das war nicht das Mittel, mich es vereuen zu machen, daß ich ſie verlaſſen hatte. „Ich war bereits einige Monate wieder bei meiner Tante, wo ich mich ſehr langweilte, weil es mir kein Vergnügen machte, Hundszahn zu verkaufen und Ci⸗ beben zu wägen, als ich einen großen jungen Mann bemerkte, der einen ſehr hübſchen ſchwarzen Schnur⸗ bart und einen Henri quatre unter der Unterlippe hatte. Dieſer Herr gab mir Winke, die ich ange⸗ fangen hatte zu verſtehen, als meine Tante wollte⸗ daß ich kokett würde; er redete mich an, als ich aus⸗ ging, und ſagte mir auch, daß ich reizend ſei und er mich anbete. Mein erſter Geliebter hatte mir da 73 Nämliche geſagt; ich dachte alſo, die Männer ſagen Alle daſſelbe, wenn ſie ein Frauzimmer verführen wollen; allein da es mir noch Vergnügen machte, mir ſo Etwas ſagen zu laſſen, ſo meinte ich, ſie hätten recht, uns auf dieſelbe Art zu unterhalten. „Dieſer Herr bat mich, ihm ein Stelldichein auf meinem Zimmer zu bewilligen; ich ſchlug dieß ab, denn ich erinnerte mich, wie gefährlich dieß ſei, und dann hätte uns auch meine Tante gehört, die mir ſtreng verboten hatte, mit jungen Leuten zu ſprechen. Dann ſchlug mein neuer Geliebter mir vor, uns bei einem Speiſewirkh zu treffen; ich nahm es an, denn bei einem Wirthe glaubte ich nicht die mindeſte Ge⸗ fahr zu laufen: ich täuſchte mich abermals; es ſcheint, daß ich beſtimmt war, mich oft zu täuſchen. Man erwartete mich in einem kleinen Kabinete, wo ein hübſches Frühſtück bereit ſtand. Ich nahm ſogleich das Frühſtück an, allein man ließ mich einen Wein trinken, der ſchäumte, perlte und die Pfröpfe in die Höhe ſprengte; ich fand das ſehr hübſch. Ich hatte nie Champagnerwein getrunken und dachte nicht, daß dieß Einem Kopf und Herz ſchwindlich mache; das aber begegnete mir zum Unglück. Bald wurde ich ausgelaſſen, luſtig, ich wollte tanzen, wollte das Rad ſchlagen; das ſchien dem großen Herrn, der bei mir war, großes Vergnügen zu machen: er ermuthigte mich, benahm mir alles Mißtrauen, und als ich wie⸗ der zur Vernunft kam, hatte ich ſo Vielerlei gethan, daß ich nicht zu meiner Tante zürückzukehren waßẽ⸗ Paul de Kock. LX.* 74 ſondern meinem zweiten Geliebten folgte, der mich nach Rouen führte. „Dieſer Herr, der einen ſo hübſchen Schnurrbart hatte und den ich für einen Militär gehalten, war ein Maler; er machte große Gemälde mit großen Perſonen darauf. In der erſten Zeit unſerer Be⸗ kanntſchaft wollte er mich immer malen; er malte mich als Diana, als Sultanin, als Venus, als Nonne, als Spanierin, Engländerin, Bacchantinz kurz, er malte mich auf alle Arten und ich fand es ſehr angenehm, mein Geſicht unter allen Anzügen zu ſehen; aber nach Berfluß einiger Zeit ließ mich dieſer Herr für große Gemälde ſitzen, die er machte; da fing die Sache an, mich zu langweilen. Manchmal mußte ich ganze Stunden bleiben, ohne mich zu be⸗ wegen, ein Bein ausgeſtreckt und einen Arm in der Luft haltend, und manchmal mit einem ſehr leichten Anzug. Wenn ich Langeweile vorſchützte, ſagte mir mein Geliebter:„Du biſt gebaut wie ein Engel; nie noch habe ich irgendwo eine ſo ſchöne Taille, einen ſo feinen Fuß gefunden.“ Ich entgegnete: Alles das iſt ſehr galant, ohne Zweifel, allein wenn Sie glau⸗ ben, daß ich leben kann, wenn ich ganze Tage re⸗ gungslos ſtehen bleiben ſoll, ſo täuſchen Sie ſich ſehr; Bewegung iſt mein Element, meine Geſundheit; wenn ich mich nicht bewege, werde ich krank,“ und dieß ſagend, ſprang und hüpfte ich im Atelier her⸗ um; da wurde mein Geliebter zornig und ich ſagte ihm: Als wir das erſte Mal mit einander frühſtuc⸗ ten, ſchienen Sie ſo glücklich, während ich Purzel⸗ 75 bäume machte; warum macht es Ihnen denn jetzt keinen Spaß mehr?“ „Kurz, eines Tages, als mein Liebhaber mich etwa fünf Stunden lang an Einem fort für ein neues Gemälde hatte ſitzen laſſen, das vorausſichtlich ſehr lange nicht fertig wurde, hielt ich es nicht für nöthig, noch länger in Rouen zu bleiben; ich glaube, ich hätte das Strumfpfflicken dem Sitzen noch vorgezogen. Ich hatte, ſo viel ich brauchte, um den Eilwagen zu bezahlen, reiste nach Paris und kehrte zu meiner Tante zurück, die mir freilich oe aber mir nie die Thüre wies. „Indeſſen hatte ich bei dem letzten Abenteuer Etwas gelernt: während ich malen und die Leinwand mit Farben beſtreichen ſah, hatte ich Geſchmack an der Malerei gefunden. Da ich nicht zeichnen konnte, ſo konnte ich zwar nicht ſelbſt componiren, allein ich wurde Coloriſtin und hatte ſo nach einiger Zeit end⸗ lich einen Stand. „Nun ſagte ich zu meiner Tante:„Hören Sie, ich habe Luſt, für mich zu leben, meine eigene Herrin zu ſein. Glauben Sie nicht, daß ich deßwegen mehr Thorheiten machen werde! Ich werde im Gegentheil vielleicht weniger machen; denn die Freiheit, thun zu können, was man will, iſt, glaube ich, die beſte Sicherheit gegen die Neigung, ſchlecht zu handeln.“ Meine Tante umarmte mich und ſagte zu mir:„Thue, was Du willſt; ich will Dir ein Zimmer möbliren, da kannſt Du arbeiten, Du beſuchſt mich oft und ich trinke ein wenig Punſch bei Dir, wenn ich Zeit habe.“ 76 „Geſagt, gethan: meine Tante miethete mir zu⸗ erſt ein Zimmer in der Kronprinz⸗Straße, das war hübſcher als in der Calander⸗Straße; allein da ich etwas weit weg von meiner Tante war, die auf dem Blumen⸗Quai wohnt, ſo miethete ſie mir vor Kur⸗ zem ein Zimmer in dieſem Hauſe, und ſo bin ich Ihre Nachbarin geworden. „Sie kennen nun meine Geſchichte, meine Herren; ich habe Ihnen meine Thorheiten nicht verſchwiegen, ich habe keinen Grund, Sie anzulügen, und ich finde, daß man ſich nijß machen ſoll, als man iſt. Meine Fehler ſind vielleicht die Folge der männlichen Gewohnheiten, die man mich hat annehmen laſſen, allein im Ganzen betrachtet habe ich, wenn ich ge⸗ fehlt habe, nur gegen mich ſelbſt gefehlt, und es gibt viele Leute in dieſer Welt⸗ die nicht das Gleiche von ſich ſagen können.“ Fünftes Kapitel. Byuchenot wacht auf. Die jungen Leute hatten die Geſchichte der kleinen Nachbarin mit Aufmerkſamkeit angehört: die Er⸗ zählung Cölina's hatte ſie zu gleicher Zeit lachen und weinen gemacht. Als das Mädchen aufhört zu ſprechen, reicht ihr Georg die Hand, und die ihrige wie die eines Freundes drückend, ſagt er:„Fräulein, wenn man Ihre Fähigkeiten beſitzt, braucht man nicht zu 77 fürchten, wegen einiger Schwachheiten beſchimpft zu ſein; die einen machen die andern wieder gut, und Alles zuſammengenommen iſt es, wenn ein Frauen⸗ zimmer ſtrafbar iſt, weil ſie gefühlvoll war, nicht Sache der Männer, ſie zu beſchimpfen.“ „Nein, gewiß nicht,“ ſagt Timotheus, der ſich anſtrengt, ein Compliment zu drehen;„nein, Fräu⸗ lein, wir würden uns nicht erlauben.. überdieß ſind Sie, wie Sie ſagten, frei und Herr Ihrer ſelbſt... und. auch ich kann Ball ſpielen, ich war ſogar ziemlich ſtark darin in meiner Heimath...“ Cölina lacht, läuft nach dem Waſſerkeſſel, der am Feuer ſteht, und ſagt:„Da ſiedet das Waſſer.. machen wir nun den Punſch, er iſt ſehr gut für die Verdauung.“ „Es iſt wahr, ich habe zu Nacht gegeſſen, wie mir das ſchon ſeit langer Zeit nicht mehr vorgekom⸗ men iſt,“ verſetzt Timotheus;„ach, man hat ganz recht, wenn man ſagt, daß man nie an der Vor⸗ ſehung verzweifeln muß; allein ohne Sie.. Timotheus wird durch einen Fußtritt Georgs in in ſeiner Rede aufgehalten. ECölina nimmt einen Waſſertopf ſtatt des Theegeſchirrs, ſchüttet Rum und ſiedendes Waſſer hinein, thut viel Zucker dazu, preßt eine halbe Citrone, die ſie mitgebracht hat, aus, und bald füllt der wohlthätige Trank die HGläſer und ſein Dampf verbreitet im Zimmer einen Geruch, den die jungen Leute dem der Räucherkerzchen vorziehen. „Auf die Geſundheit unſerer guten Nachbarin!“ ſagen die jungen Leute, ihre Gläſer erhebend. „* 78 „Auf die Ihres kranken Freundes zuerſt,“ ſagt Cölina, ihr Glas dem ihrer Gäſte nähernd. „Ach ja, Sie haben recht: auf die Geneſung Bou⸗ chenots!“ In demſelben Augenblicke, wo man auf die Ge⸗ ſundheit des Kranken anſtößt, wacht dieſer auf; er hört lachen, trinken und athmet einen Punſchgeruch ein, der ſeine Naſe angenehm kitzelt; er öffnet die Augen, ſetzt ſich auf und ruft aus:„Ich habe Durſt, meine Herren, trinken Sie nicht Alles ohne mich, ich bitte „Ei, biſt Du endlich aufgewacht, mein armer Bouchenot!“ ſagt Georg, an's Bett eilend;„zum Kukuk! Du haſt lange geſchlafen und das muß Dir gut gethan haben.“ „Ja, das hat mir wohl gethan; aber jetzt⸗ meine ich, möchte ich gerne Etwas zu mir nehmen.“ „Warten Sie, warten Sie, ich will Ihnen von Ihrem Tranke geben,“ ſagt Cölina, überall nach einer Taſſe ſuchend. In Ermanglung einer ſolchen nimmt ſie einen Pomadetopf, füllt ihn mit dem Trank und reicht ihn Bouchenot, aber kaum hat dieſer den Trank verſucht, ſo ſchneidet er ein Geſicht und ſagt:„Trankt ihr eben, als ihr alle Drei auf meine Geſundheit anſtießet, von dieſem Getränke?“ „Wir? wir tranken Punſch!“ entgegnet die Nach⸗ barin;„es geſchah, um unſer Nachteſſen beſſer zu verdauen und angenehm zu beendigen. Allein wir ſind nicht krank, Ihnen aber möchte es nicht gut be⸗ kommen.“ 2 5 „Ihr tranket Punſch, um euer Nachteſſen zu be⸗ ſchließen!“ murmelt Bouchenot, erſtaunt im Zimmer umherblickend;„das iſt ſehr ſonderbar... hier ein Nachteſſen und Punſch... ſchlafe ich noch immer?“ „Nein, Du ſchläfſt nicht,“ ſagte Timotheus,„aber Du mußt wiſſen, daß wir unſerer liebenswürdigen Nachbarin dieſes Feſt verdanken. Ach, wir dürfen wohl ſagen: Deus nobis haec ossa fecit!“ „Wenn Sie mir Complimente machen wollen, ſo machen Sie ſie mir auf franzöſiſch,“ ſagt Cölina; „ich mag das lieber, da ich das Lateiniſche nicht verſtehe.“ „Sie haben recht, Fräulein, ich werde ſie Ihnen auf franzöſiſch ſagen... ich möchte welche machen wie Ihre Augen... denn ſonſt... Ol trink doch Deinen Trank, Bouchenot, das wird Dir gut thun.“ „Nein, ich verſichere euch, daß ich lieber Punſch möchte; auch Etwas unter die Zähne wäre mir lieb.“ „Aber Du haſt Fieber!“ „Das war Mattigkeit; ich fühle jetzt keine mehr.“ „Da nimm, iß, weil Du es haben willſt; da iſt noch ein Ueberreſt vom Eierkuchen, Käſe und Punſch, vielleicht iſt es ſogar gut gegen das Fieber.“* „Ei, meine Herren,“ ſagt Cölina, während Bouchenot auf ſeinem Bette ſpeist,„Sie haben alſo meine Freundin Prudentia geſehen? die dicke Pruden⸗ tia, wie wir ſie Alle nennen.“ „Ja, Fräulein, ſie hat einige Zeit auf Sie ge⸗ wartet, hier ausgeruht und mit uns geplaudert.“ „Geplaudert? ach Gott! die wird Ihnen manche e 80 Dummheit geſagt haben; denn nicht, um ſchlimi von ihr zu reden, ſage ich es, aber ſie hat das Pulver nicht erfunden, das arme Mädchen! Denken Sie, meine Herren, daß wir ſie einmal beſuchten, ich und eine Freundin von mir: wir finden Sie auf ihrem Zimmer, eben beſchäftigt, ihren Schnürleib auszu⸗ beſſern, und womit meinen Sie?... mit Nägeln!“ „Mit Nägeln?“ „Ja, meine Herren, ſie hielt einen Hammer und ſchlug feine Nägel hinein, die aber ſtark genug wa⸗ ren, die Fiſchbeine anzunageln.“ „Wiſſen Sie, Fräulein, daß das eine ſehr vor⸗ theilhafte Idee von den Reizen des Fräuleins Pru⸗ dentia geben kann?“ ſagt Georg lachend. „O, mein Herr, es gibt keine Reize, und wären ſie noch ſo feſt, die das Stechen eines Nagels aus⸗ halten könnten; kurz, nicht ohne Mühe konnten wir ihr begreiflich machen, daß, um die Fiſchbeine an ein Corſet zu befeſtigen, man eine Nadel, nicht aber einen Hammer nehme... Ah, noch ein anderer Zug ihres Geiſtes. Vor einigen Tagen bemerkt die Lein⸗ wandhändlerin, daß ihre Uhr ſtehen geblieben iſt. „Sie muß aufgezogen werden,“ ſagt eine der Arbeite⸗ rinnen,„aber das geht die Frau anz ich fürchte, Etwas daran zu zerbrechen.—„O was, ich habe keine Furcht, ſagt Prudentia, ,und wenn es ſich nur darum handelt, ſie aufzuziehen, ſo nehme ich es auf mich.“ Nach einigen Augenblicken bemerkt man, daß die Uhr nicht mehr auf dem Kamine iſt; die Leinwandhändle⸗ rin iſt in Unruhe.„Seien Sie ruhig, Madame, ſagt — Prudentia zu ihr,„man hat geſagt, daß wenn ſie gehen ſoll, man ſie aufziehen müſſe; ich habe ſie da⸗ her in den fünften Stock hinaufgezogen... in mein Zimmerchen; nun muß ſie ſehr gut gehen. Da haben Sie einige Züge von der dicken Prudentia; aber das ſchadet nichts, denn ſie iſt doch ein gutes Kind und wahrſcheinlich wird der Aufenthalt in Paris ſie bilden.“ „Sie hat uns geſagt, daß ſie von Piſſy ſei und daß ihr Vater Geflügel verkaufe.“ „Bei den Waaren ihres Vaters wird Prudentia ihre ſchlimmen Gewohnheiten gelernt haben.“ „Aber es iſt Ihrer guten Freundin ein Unglück begegnet.“ „Ach, mein Goit! welches denn? ſollte man ihr ihr Herz genommen haben?“ „Nein, ihren Hund hat ſie verloren.“ „Ihren Hund?... den Schnauzer 2... Ach, ich lenne ihn, er iſt ſehr diebiſch; einmal, da ich bei ſeiner Herrin war, hat er ſich mit meinem Arbeits⸗ korb davon gemacht.“ „Nun, was haſt Du denn, Bouchenot? Du wirfſt Deinen Teller auf den Boden,“ ſagt Georg;„gib doch Acht, du weißt, daß wir wenig Geſchirr haben.“ „Er iſt mir aus der Hand gefallen,“ ſtottert Bouchenot, der unruhig ſcheint und ſeit Kurzem die kleine Nachbarin mißtrauiſch anſieht. „Ach, ich merke, was es iſt!“ ruft Timotheus aus;„Bouchenot hat Angſt, wir möchten ſagen, daß er Schuld ſei, daß Prudentia ihren Hund verloren habe.“ 82 „Wie! dieſer Herr da hat ihn ihr genommen?“ fragt Cölina lachend. „Nein, Fräulein, nein, ich habe nichts genom⸗ men,“ entgegnet Bouchenot, der ſich anſtrengt, ſeine Aufregung zu verbergen;„der Hund hat mir folgen wollen.. es iſt nicht meine Schuld; ich that mein Möglichſtes, ihn davon abzubringen...“ „Nun, wenn er Ihnen gefolgt iſt, ſo können Sie ihn ſeiner Herrin zurückgeben; ich kenne ſie.“ „Gerne, Fräulein, allein es iſt unmöglich, denn... ich habe den Hund ebenfalls verloren.“ „Ach, das iſt zu bedauern. Ich weiß, daß Pru⸗ dentia viel auf den armen Schnauzer hielt, weil ihr Pathe ihn ihr gegeben hatte.“ „Ihr Pathe?“ wiederholt Bouchenot, Cölina ſchief betrachtend;„und kennen Sie ihn, den Pathen Ihrer Freundin?“ „Ich? Mein Gott, nein! Erſtens kenne ich Pru⸗ dentia Flambard erſt ſeit ſehr kurzer Zeit; ich habe ſie durch eine Freundin kennen lernen, die ſeit langer Zeit bei ihrer Nähfrau iſt. Prudentia kam nach Paris; ſie kannte Niemand; wir haben ihr nur Frenndſchafts⸗ dienſte erwieſen. Junge Mädchen müſſen einander helfen, und dann iſt es kein Grund, das arme Mäd⸗ chen zu verachten, weil es keinen Geiſt hat. Ich weiß bloß, daß ſie uns geſagt hat, ihr Pathe ſei Gärtner und daß dieſer vor ſeiner Rückkehr in ſeine Heimath Meaux ihr den Schnauzer geſchenkt habe.“ Der aufrichtige Ton des jungen Mädchens erlaubt nicht, daß man Zweifel in die Wahrheit ihrer Erzäh⸗ » „ * . 83 lung ſetze. Bouchenot ſcheint beruhigter; ſeine Stirne heitert ſich auf, er bemüht ſich, ſeine liebenswürdige Miene wieder anzunehmen, und die Hand von Fräu⸗ lein Cölina ergreifend, die neben ſeinem Bette iſt, drückt er ſie zärtlich in der ſeinigen und ſagt:„Fräu⸗ lein, Ihr Eierkuchen, Ihr Punſch und Ihr Käſe ſind in mein Herz geſchrieben; allein ich bitte Sie, neh⸗ men Sie die Kopfliſſen zurück, die Sie unter meinen Kopf legten: ich gebe es nicht zu, daß Sie ſich der⸗ ſelben für heute Nacht berauben.“ „Und ich, ich ſage Ihnen, daß ich ſie erſt morgen zurücknehmen werde, wenn Sie wieder vollkommen wohl ſind. Aber ich meine, es ſei jetzt hohe Zeit, an's Schlafengehen zu denken. Wir haben zu Nacht geſpeist, Sie bedürfen nichts mehr. Guten Abend, meine Herren, gute Nacht, morgen werde ich meinen Theekeſſel, mein Geſchirr, meine Pfanne holen; jetzt will ich zu Bette gehen.“ „Fräulein, wir werden die Ehre haben, Ihnen morgen Alles zurückzubringen,“ ſagt Timotheus. „O, das iſt nicht der Mühe werth, ich werde ſie holen!... Können die Männer eine Pfanne tragen? Gute Nacht, ſchlafen Sie wohl.“ „Empfangen Sie unſern Dank.“ „Gut, ſchon gut!“ Die kleine Nachbarin hat ihr Licht genommen und iſt ſchon auf ihrem Zimmer angekommen, ohne auf den Dank der drei Freunde mehr zu hören. „Auf Ehre, ſie iſt ſehr artig!“ ſagt Bouchenot, als Cölina fort iſt. 8⁴ „Ah, das kommit Dir nun!“ ſagt Timotheus,„und doch ſagteſt Du: man muß ſich nicht mit ihr einlaſſen! Was mich anbelangt... wenn ſie will, daß ich ihr dritter Liebhaber ſein ſoll...“ „Hat ſie denn ſchon zwei gehabt?“ „Wenigſtens hat ſie uns zwei eingeſtanden. Sie hat uns ihre Geſchichte erzählt, morgen ſollſt Du ſie erfahren; jetzt muß man ſchlafen. Dieſer Punſch iſt ein köſtliches Getränke... Ach, wenn die Nachbarin gewollt hätte...“ „Schweig', Timotheus, Du biſt recht leichtſinnig.“ „All eins,“ murmelt Bouchenot, den Kopf auf das Kopfliſſen legend;„es iſt mir leid, daß die kleine Nachbarin dieſe Prudentia Flambard kennt... es iſt wahr, daß dieſe vielleicht... der Pathe war Gärtner und er iſt nach Meaux abgereist, wie man ſagt..“ Nach Verlauf einiger Minuten lagen die drei jun⸗ gen Leute in tiefem Schlafe. Sechstes Kapitel. Ein Vierter. Schon lange hatte es neun Uhr geſchlagen und die drei jungen Leute ſchliefen noch feſt. Man ſage uns alſo wieder, es ſei ungeſund, zu Nacht zu eſſen! Sicherlich verdankten die drei Freunde nur dem Nacht⸗ eſſen, das ſie zu ſich genommen hatten, die Ruhe, die ſie genoßen. 3 — „ 85⁵ Wiederholtes Klopfen an die Thüre ihres Zim⸗ mers weckte faſt zu gleicher Zeit die drei Schläfer. „Wer zum Henker weckt uns denn auf?“ fragt Timotheus, die Augen reibend;„wie ſchade! wir waren ſo ſpät eingeſchlafen.“ „Vielleicht iſt es die kleine Nachbarin, die ihre Pfanne und ihr Geſchirr braucht,“ ſagt Georg. „Bah! es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß die Nach⸗ barin noch ſchläft.“ In dieſem Augenblick klopft man abermals und viel ſtärker. „Macht nicht auf, macht nicht auf, ihr Herren,“ ruft Bouchenot, der ſich beſtürzt im Bette aufgerichtet haty„wenn es Polizeidiener... Gensdarmen wären?“ „Und zum Teufel, was meinſt Du denn, daß die Gensdarmen bei uns verloren hätten? Haben wir irgend Etwas mit der Polizei zu thun?“ „Man kann nicht wiſſen; man wurde zuweilen ſchon unſchuldig bei Verbrechern gefunden...“ „Ich glaube, Bouchenot, Dein Alpdrücken von geſtern Abend iſt noch nicht vorüber. So viel iſt ge⸗ wiß, daß man aufmachen muß. Stehe auf, Timo⸗ theus, und ſieh', was los iſt.“ „Geh' Du ſelbſt hin, ich mag noch nicht auf⸗ ſtehen.“ „Bouchenot ſoll hingehen! Er, der Kiſſen unter dem Kopfe gehabt hat, muß noch beſſer geſchlafen haben als wir.“ „Ach ja, das wäre zum Verwundern, wenn ich hinginge! Ich will den ganzen Tag nicht aufſtehen.“ 86 Wähtend die jungen Leute ſich herumſtritten, wer öffnen ſoll, läßt ſich eine Stimme von Außen alſo vernehmen:„He da, Faullenzer! wollt ihr heute gar nicht aufmachen?“ Die drei Bewohner des Zimmers ſehen ſich anz bei dem Laute dieſer ihnen wohlbekannten Stimme klärten ſich ihre Geſichtszüge auf, ſie lächeln und rufen zu gleicher Zeit:„Iſt es möglich!.. er iſt's.“ „Es iſt Heinrich!“ „Unſer lieber Heinrich!“ „Er iſt zurück!“ „Ei, freilich bin ich's,“ erwiederte die Perſon vor der Thüre;„aber wollt ihr mich da ſtehen laſſen?“„ Dießmal ſtürzen alle Drei aus dem Bette und rennen, ohne ſich Zeit zum Ankleiden zu nehmen, an die Thüre; es gilt, wer zuerſt aufmacht. Bald iſt Heinrich Jumieres in ihren Armen. Dieſer Heinrich Jumiéres war ein junger Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren, von mittlerer Größe und ausgezeichneter Haltung; er hatte ein bleiches, ernſtes Geſicht, das, ohne gerade ſchön zu ſein, reizend war; die Sanftmuth ſeines Blicks, der Ausdruck ſeiner Augen, ſelbſt der Ton ſeiner Stimme kündigten ein liebendes Herz, eine tieffühlende Seele an. Das Geſicht täuſcht ſelten; wer das Gegentheil behauptet, verſteht ſich nicht darauf. Heinrich mußte viel lieben und oft geliebt werden⸗ Im Allgemeinen lieben die Frauen, die ſich auf Phy⸗ ſiognomien verſtehen, die Männer, bei denen ſie tiefes 87 Gefühl vermuthen; für diejenigen, welche vie Liebe nicht als bloße Galanterieartikel behandeln, iſt ein Liebhaber, der zu lieben weiß, nichts ſo Gewöhn⸗ liches, und dann iſt es ſchmeichelhaft, einem ernſt⸗ haften Geſichte ein Lächeln abzulocken, einen ſtummen Mund ſprechen, ein Feuer aufblitzen zu machen, das flammt und nicht bloß in Rauch aufgeht. Die Eltern Heinrichs waren in ihrer Provinz an⸗ geſehen; ſie hatten ihrem Sohn ein mittleres Ver⸗ mögen hinterlaſſen, das jedoch hinreichend war für einen Junggeſellen, der durchaus nicht von dem Wunſche beſeelt war, zu glänzen und den großen Herrn zu ſpielen. Mit hundert Louisdors Einkünften hatte Heinreich lange glücklich und mit ſeiner Lage zufrieden gelebt. Nachdem er das Recht ſtudirt hatte, veranlaßte ihn der Geſchmack an den ſchönen Wiſſen⸗ ſchaften, den Advokatenſtand aufzugeben. Er hatte auf den Theatern Glück gemacht und verfolgte die neue Laufbahn, die er ergriffen hatte, mit Leiden⸗ ſchaft, als eine Begegnung ſein Schickſal änderte. Ihr könnt errathen, daß es ſich von einem Frauen⸗ zimmer handelt! Das Schickſal der Männer ſteht faſt immer unter dem Einfluß der Unterröcke. Manche Leute würden mit Beaumarchais ſagen:„Wo zum Henker hat man dieſen Einfluß angebracht; ich meine, man hätte keine veſſere Wahl treffen können.“ In einer bürgerlichen Abendgeſellſchaft, wo Hein⸗ rich als ein angehender Schriftſteller, der zu großen Hoffnungen berechtige, vorgeſtellt worden war, war er Paulinen Giraumont begegnet: es war dieß ein 88 junges Mädchen von ſechszehn Jahren, eben ſo lie⸗ benswürdig als ſanft, ſo ſanft als klug. Es war ein bezauberndes Geſichtchen bei einer noch ſchönern Seele. Zu den Reizen ihrer Perſon kam noch jener geheime Reiz, der Achtung neben der Bewunderung einflößt; wenn man ſie ſah, konnte man ſie anbeten, aber nicht den Gedanken faſſen, ſie zu verführen. Es gibt in der Welt ſolche junge Mädchen, ſolche junge Frauen, denen man Alles zu ſagen wagh allein es gibt auch ſolche, bei denen man ſih mit Empfin⸗ dungen begnügt. Die jungen Gecken, Verliebten und Wollüſtlinge bewunderten Pauline; allein ſie flatterten nicht um ſie. Die glücklichſten Männer wiſſen die Frau zu unter⸗ ſcheiden, bei der ſie nicht glücklich ſein werden. Ko⸗ ketten, galante Frauen ſind immer von einem zahl⸗ reichen Hof umgeben, Schönheit und Tugend bleiben oft verlaſſen. Heinrich hatte in Fräulein Giraumont eines jener Geſichter gefunden, von denen er geträumt hatte, und der Dichter, deſſen Einbildungskraft ſo viele Dinge erſchafft, iſt mehr als jeder Andere von Einbildungen heimgeſucht. Heinrich brachte den Abend in Anſchau⸗ ung Paulinens zu, allein er wagte es nicht, mit ihr zu ſprechen, noch ſich ihr zu nähern; er hätte ge⸗ fürchtet, die ganze Geſellſchaft möchte errathen, daß er bereits in ſie verliebt ſei. Indeſſen hatten die Züge Paulinens ſo viel Sanſt⸗ muth, ihre Manieren waren ſo einfach, ſo ganz frei von aller Koketterie, daß, als Heinrich ihr wieder 89 begegnete, er ſich ihr näherte und einige Worte an ſie richtete. Vielleicht verriethen ſeine Augen wider ſeinen Willen die Unruhe ſeiner Seele, denn Pauline ſchlug die ihrigen nieder und erröthete; war es Ahnung oder Mitgefühl? Die Herzen müſſen ſich wohl erra⸗ then, wenn ſie ſich auch nicht zu ſprechen wagen. Heinrich hatte nicht unterlaſſen, ſich zu erkundigen, wer die reizende Pekſon ſei, deren Anmuth und Be⸗ ſcheidenheit Jedermann bewunderte; man hatte ihm geſagt: es iſt die einzige Tochter des Herrn Girau⸗ mont, eines alten Handelsherrn, der mit zwölftau⸗ ſend Franken Renten ſich von den Geſchäften zurück⸗ gezogen hat. Pauline hat vor fünf Jahren ihre Mutter verloren, und obgleich ſie damals erſt zwölf Jahre alt war, hat ihr Herz dennoch den ganzen Verluſt verſtanden. Seit dieſer Zeit hat ſich ein melancholiſches Weſen über die Züge des jungen Mädchens verbreitet, welches die Zeit nicht verwiſchen konnte. Pauline war von ihrer Mutter angebetet und das liebenswürdige Kind gab ihr ihre Liebkoſun⸗ gen tauſendfach zurück. Ihre Mutter war für ſie ein Gott, eine Zukunft und das Glück jeden Augenblicks; „ferne von ihrer Mutter gab es keine Freude, kein Vergnügen, keine Unterhaltung, bei ihr nie Schmerz noch eitle Wünſche. Man durfte dem Mädchen von keinem Balle, keinem Schauſpiel reden, wohin ihre Mutter ſie nicht begleitet hätte, denn ſonſt würde man ihr, ſtatt ihr Ausſicht auf ein Vergnügen zu machen, zum Voraus Kummer bereitet haben. Paul de Kock. 1R. 7 90 Und der unerbittliche Tod hatte all' das zerſtörtz er hat das Kind von der geriſſen, die es mit Sorg⸗ falt und Zärtlichkeit umgab, wir ſagen nicht in einem Alter, wo man der Liebkoſungen einer Mutter be⸗ darf, denn wir glauben, daß in jedem Alter, in jeder Lage, in welche das Schickſal uns geworfen, die Liebe einer Mutter immer nothwendig für unſer Glück iſt. Pauline hatte vielleicht mehr als jede Andere nö⸗ thig, auf Jemanden die Glut ihrer Liebe, aus der ihre Seele gebildet war, überzutragen. Es war ihr der Vater geblieben, den ſie liebte und achtete, allein ſie konnte ſich mit ihm nicht jenen ſüßen Träumereien, jenen kindlichen Vertraulichkeiten hingeben, aus denen die Nachſicht ihrer Mutter ein Glück für ſie zu machen wußte. Herr Giraumont war ein kleiner, magerer Mann, dem Körper wie dem Geiſte nach; er liebte ſeine Tochter und war ſtolz auf ihre Schönheit, allein nie hatte er ſie geliebkost; er war zurückhaltend und vielleicht beſorgt, wenn er ſeine Tochter umarme, ſeine Würde zu compromittiren. Seine Frau hatte er betrauert, aber nicht um ſie geweint. Ganz und gar eingenommen von den Geſchäften, hatte er ſeine Nei⸗ gungen auf einen Hauptpunkt concentrirt: auf ehr⸗ liche Weiſe Geld zu gewinnen, ſich zu bereichernz dieß ſollte nach Herrn Giraumonts Neigung der Zwed eines Jeden ſein. Er war kein böſer Mann, er war ganz Grundſatz⸗ eigenſinnig aus Grundſatz und in⸗ tereſſirt aus Syſtem. Wenn ſeine Tochter ihn um⸗ armte, betrachtete er ſie aufmerkſam und ſagte dann: „Dein Kleid hat ſo viel gekoftet, Dein Shawl ſo viel — 9 man muß viel ausgeben, um ſich öffentlich zeigen zu können. Ich mache Dir keinen Vorwurf deßhalb, ſondern will Dir nur begreiflich machen, daß Ver⸗ mögen zum Glücklichſein nothwendig iſt, denn ohne Vermögen könnteſt Du keinen ſchönen Shawl und kein hübſches Kleid tragen, deßhalb werde ich Dich nur an einen reichen Mann verheirathen oder an einen ſolchen, der viel Geld verdient.. es geſchieht zu Deinem Beſten... damit Du immer gehörig angeklei⸗ det biſt.“ Pauline gab ihrem Vater keine Antwort, denn ſie fürchtete ihn und ihr begreift nun wohl, warum das Geſicht des jungen Mädchens ein melancholiſches Weſen bewahrt hatte. Heinrich beſuchte die Geſellſchaften, wo er Pau⸗ linen zu begegnen hoffte, fleißig. Bald war er ihr nicht mehr fremd. Wenn man tanzte, bemühte er ſich, ihr Cavalier zu werden; plauderte man, näherte er ſich ihrem Seſſel; ſchlug man ein Spiel vor, fand er Mittel, ſich neben ſie zu ſetzen. Indeſſen war nie ein Wort der Liebe über ſeine Lippen gegangen; nie hatte ſeine Hand der Paulinens zu begegnen geſucht und vielleicht verdankte er dieſem zurückhaltenden Be⸗ nehmen das Wohlwollen, das das junge Mädchen ihm bezeugte. Und doch wurde Heinrich von Tag zu Tag mehr von Paulinen eingenommen; ſchon fühlte er, daß das Glück ſeines ganzen Lebens von dem jungen Mäd⸗ chen abhänge, neben der er verſtummte und zitterte, denn es iſt ſehr natürlich, daß man zittert und ver⸗ 92 ſtummt vor der, die über unſere Zukunft entſcheiden ſoll. Wenn man zweifelt, ſich noch nicht zu ſchmei⸗ cheln wagt, befürchtet, ein Wort zu hören, das un⸗ ſere Hoffnungen zerſtören würde und das zu erfah⸗ ren(ob man nämlich geliebt iſt) man dennoch glüht, dann iſt die Liebe keine bloße Einbildung oder Laune, ſondern eine wahre Leidenſchaft, und die Leidenſchaf⸗ ten durchwühlen den Geiſt und haben Einfluß auf unſer ganzes Sein. Eines Abends indeſſen hatten Heinrich und Pau⸗ line ſich in einem Hauſe getroffen, wo eine ſüße Frei⸗ heit herrſchte. Während die älteren Leute Karten ſpiel⸗ ten, hatten die jungen Mädchen unſchuldige Spiele angefangen, an denen Theil nehmen zu dürfen auch einige junge Männer um Erlaubniß baten. Es iſt unnöthig, zu bemerken, daß Heinrich neben Pauline ſich einzuſchmuggeln wußte. Als man aber zum„Ringdrehen“ ſich entſchloſſen hatte, ſie neben einander ſaßen und ihre Hände den Faden hiel⸗ ten, in dem der Ring ſich drehte, und jeder Spieler that, als gebe er den Ring ſeinem Nachbar oder ſeiner Nachbarin, da fühlten ſie eine unbekannte Un⸗ ruhe. Ein unwillkürliches Zittern befiel ſie, wenn ihre Hände ſich begegneten und ſie begegneten ſich jeden Augenblick; der Faden, den ſie hielten, war von ihrer Liebe elektriſirt, jede Bewegung, die das Eine oder das Andere daran machte, ließ ſie ein neues Vergnügen empfinden, und ihre Hände konnten⸗ als ſie ſich begegneten, ſich nicht mehr trennen. Der Ring wurde bei Pauline gefunden; wie hätte 93 es anders ſein können? Das liebenswürdige, un⸗ ruhige, zitternde Mädchen wußte nicht mehr, welches Spiel ſie ſpiele.„ Ich habe es ſchon mehr als einmal geſagt, ich kenne nichts Gefährlicheres für junge Leute als die Pfänderſpiele.* Von dieſem Augenblick an verſtanden ſich Hein⸗ rich und Pauline, und ohne es ſich nur geſtanden zu haben, hatten ſie ihre Herzen ausgetauſcht. Indeſſen empfing Herr Giraumont zuweilen Ge⸗ ſellſchaft und lud den jungen Schriftſteller nicht zu ſich ein; Heinrich that dennoch ſein Möglichſtes, um ſich dem Vater Paulinens angenehm zu machen. Er war außerordentlich artig gegen ihn, fand Mittel, ſich in die Geſpräche des alten Handelsherrn zu miſchen, that, als fände er großes Intereſſe an ſeiner oft ſehr dummen und langweiligen Unterhaltung, und all' das hatte ihm noch nicht die Gunſt einer Einladung von Seiten des Herrn Giraumont verſchafft. Das kam daher, weil der alte Handelsherr außer⸗ ordentlich wenig von ſchriftſtelleriſchen Schöngeiſtern hielt, weil bei ihm Geiſt keine Empfehlung war und er nicht begriff, was für ein Verdienſt in einem Sing⸗ oder einem Luſtſpiel ſei; es gibt viele ſolche Kauf⸗ leute. Wenn man ihnen einen Commis anbietet, ſo darf man ja nicht ſo unklug ſein und ſagen:„Das iſt ein ſehr geiſtreicher Burſche, er macht Gedichte und Verſe!“ denn ſogleich wird der Kaufmann das Geſicht verziehen und den Empfohlenen mit den Wor⸗ ten zurückweiſen:„Ich brauche keine Commis, die Geiſt * 9⁴4 haben, ich will nur, daß ſie ihr Geſchäft gut beſor⸗ gen. Dieſe Herren wollen nicht einſehen, daß wer mehr kann, auch weniger kann. Endlich ließ Pauline einmal, als ſie wußte, daß ihr Vater demnächſt große Abendgeſellſchaft geben werde, zufällig ihr Taſchentuch fallen, wie ſie eine Geſellſchaft verließ, in der Heinrich auch anweſend war. Der junge Mann war zufällig bei der Hand und hob das Taſchentuch auf; der Zufall iſt außer⸗ ordentlich gefällig, wenn es ſich von Liebe handelt, und dient Liebenden ſehr bereitwillig. Heinrich war nicht ſo ungeſchickt, auf der Stelle das Tuch zurück⸗ zugeben; er wagte es, ſich am andern Tage bei Herrn Giraumont einzuſtellen, um ſeiner Tochter das verlorene Taſchentuch zurückzugeben. Pauline war allein, als der junge Mann einge⸗ führt wurde; ſie erröthete und zitterte, als ſie Hein⸗ rich anſichtig wurde, der ſeinerſeits anfangs verwirrt ſtehen blieb, denn es war das erſte Mal, daß er ſich mit dem jungen Mädchen allein fand; dann aber ſchritt er näher und ſtotterte:„Verzeihen Sie, Fräu⸗ lein, daß ich es wagte, mich bei Ihrem Herrn Vater einzufinden, allein dieſes Taſchentuch, das ich geſtern bei Frau Dalbonne fand, iſt, glaube ich, Ihnen.“ „Dieſes Taſchentuch?... Ja, mein Herr... ach ja ich hatte es verloren.. und Sie geben ſich die Mühe und bringen mir es wieder?“ „Die Mühe?... Ach! es war im Gegentheil ein großes Glück, weil es mir die Gelegenheit verſchafft, Sie zu ſehen!.. Zu meinem großen Leide ſind die 95 Abende, an denen ich Sie treffen kann, ſo ſelten! Ach, wüßten Sie, Fräulein, könnten Sie errathen, was in mir vorgeht, aber ich werde nie wagen, es Ihnen zu ſagen, ich würde fürchten, Sie zu betrüben oder Ihnen zu mißfallen! O, ich wäre ſo unglücklich, wenn Sie mir verbieten würden, Sie zu lieben; ich wäre gezwungen, Ihnen nicht zu gehorchen... Sie nicht mehr lieben! während dieſe Liebe mein ganzes Leben ausmacht. o nein, das iſt unmöglich, Sie verlangen das nicht. nicht wahr, Sie erlauben mir, Sie zu lieben?“ Wenn Liebende einmal Worte'gefunden haben, gibt es keine Mittel mehr, ſie zum Schweigen zu brin⸗ gen; die ſchüchternſten, verlegenſten werden manch⸗ mal die beredteſten. Heinrich ließ ſein Herz ſprechen, und wenn die Liebe wahr iſt, muß das Herz ſich Luft ſchaffen. Pauline hörte ihn mit niedergeſchlagenen Augen an, allein ſie war glücklich, die Verſicherungen eines Gefühls zu hören, das ſie theilte; ſie ſtammelte von Zeit zu Zeit einige für jeden Andern als einen Geliebten unverſtändliche Worte, allein Heinrich ver⸗ ſtand ſie, er ſah wohl, daß man ſeine Liebe nicht zurückwies und war auf dem Gipfel des Glücks; er wollte eben dem jungen Mädchen zu Füßen fallen, als der alte Handelsherr eintrat. Heinrich wußte nicht mehr recht, warum er ge⸗ kommen war; Pauline ſuchte in ihrem Kopfe zuſam⸗ men, was ſie ihrem Vater ſagen wollte. Zum Glück war Herr Giraumont nicht ſehr ſchlau und hatte ganz vergeſſen, wie die Liebe anfängt; vielleicht hatte er 96 es ſogar nie gewußt.„Es gibt Menſchen, ſagt Montaigne,„welche dieſe Erde verlaſſen, ohne alle ihre Waaren ausgepackt zu haben!“ allein es gibt auch andere, weniger vom Glück begünſtigte, die am Ende ihrer Laufbahn ankommen, ohne das Geringſte auszupacken gehabt zu haben. Ueberdieß war der alte Kaufherr weit entfernt, zu vermuthen, daß der junge Schriftſteller, den er kaum kannte, in ſeine Lochter verliebt ſei. Er empfing Heinrich Jumiéres ſehr gut und lud ihn, als Er⸗ wiederung auf ſeine Artigkeit, zu der großen Abend⸗ unterhaltung, die bei ihm ſtattfinden ſollte, ein. Heinrich entfernte ſich, trunken vor Freude. Ein Blick Paulinens hatte ihm gezeigt, daß ſie ſeine Freude theile. So iſt nun das Haus des alten Kaufmanns dem jungen Schriftſteller geöffnet; aber Liebende ſind nicht immer klug in ihrem Benehmen. Wenn es einen Gott für Liebende gibt, ſo beſchützt er ſie gewöhnlich nur dann, wenn ſie ſchuldig ſind, während eine un⸗ ſchuldige Liebe ſich alsbald verräth, und das iſt ge⸗ wiß ſehr unmoraliſch von dieſem Gotte, die Schul⸗ digen vor den Unſchuldigen zu begünſtigen. In der bei dem Vater Paulinens gegebenen Abend⸗ unterhaltung tanzte Heinrich faſt immer mit der, die er liebte, war immer an ihrer Seite, und wenn er ſich etwas von dem reizenden Mädchen entfernen mußte, ſo überſprangen ſeine Augen ſogleich die Ent⸗ fernung. Der alte Giraumont hätte das Alles nicht bemerkt, allein man ſorgte dafür, es ihm zu zeigen; denn es 97 gibt immer Leute auf der Welt, die kein größeres Vergnügen kennen, als ſich in die Angelegenheiten Anderer zu mengen, die ihre Zeit mit Spioniren, Nachforſchen, Plaudern, Schwatzen, Zutragen und Verläumden zubringen. Man ſagte alſo dem alten Kaufherrn:„Der junge Schriftſteller iſt in Ihr Fräulein Tochter verliebt; er macht ihr den Hof, läßt ſie keinen Augenblick aus den Augen und ſie ſcheint ihn gerne anzuhören, das iſt Jedermann bemerklich.“ Von dem Augenblick an, wo Jedermann(und Jedermann bedeutet hier die böſen Zungen in der Geſellſchaft) dieß bemerkte, war der Vater Paulinens ſehr mißvergnügt, daß er es nicht ſelbſt bemerkt hatte. Am andern Morgen ließ er ſeine Tochter vor ſich kom⸗ men, ſah ſie ſtreng an und fragte ſie, warum Herr Heinrich Jumieres ſich erlaube, ſie ſo oft zum Tanz aufzufordern und ſie immer mit den Augen verfolge. Ein liſtiges, erfahrenes Mädchen hätte ihrem Vater antworten können, daß ſie dem jungen Manne nicht verbieten könne, ſie zum Tanz aufzufordern und zu betrachten, aber Pauline konnte nicht lügen, ſie war eben ſo offen als ſchön. Bei den erſten Worten ihres Vaters ward ſie unruhig, ſchlug die Augen nieder und fing an zu weinen. Thränen ſind nicht immer eine Antwort, aber man hält ſie oft für ein Geſtändniß. Herr Giraumont wurde ſehr böſe, und als Heinrich ſich bei ihm einfand, fragte er ihn, warum er ſich erlaube, ſeine Tochter zum Weinen zu bringen. 98 Der junge Mann, der nur ehrliche Abſichten hatte, warf ſich dem alten Kaufherrn zu Füßen und bat ihn um die Hand Paulinens, die glücklich zu machen er ſchwor. „Und womit wollen Sie ſie glücklich machen?“ fragt der alte Herr. „Womit?“ entgegnet der junge Mann, ganz be⸗ troffen über dieſe ungeſtüme Frage,„nun, mit mei⸗ ner Liebe, die nur mit meinem Leben aufhören wird.“ „Mein Herr, das ſind ſinnloſe Reden,“ ſagt der Vater Paulinens;„ich war in meiner Ehe ſehr glück⸗ lich und habe die Liebe nicht gekannt. Mit Liebe kaufen Sie Ihrer Frau kein Kleid, keinen Hut; mit Ihrer Liebe für Ihre Frau zahlen Sie keine Haus⸗ miethe und keinen Lieferanten.“ „Ich verſtehe Sie, mein Herr,“ entgegnet Hein⸗ rich,„aber ich habe hundert Louisdor Einkünſte, mit dem Theater ſtelle ich mich auf das Doppelte, und ich habe Hoffnung, daß, wenn ich arbeite und meine Arbeiten mit Erfolg gekrönt werden, mein Einkommen ſich noch vermehrt.“ „Mein Herr, mit Hoffnungen wird Niemand meine Tochter heirathen; ich will etwas Beſtimmtes, Poſiti⸗ ves. Ihre Theater⸗Produktionen ſind in meinen Augen zu eventuell. Ich gebe meine Tochter keinem Schrift⸗ ſteller, ſondern will, daß ſie einen Kaufmann hei⸗ rathet, der entweder ſchon reich iſt, oder ſehr gute Geſchäfte macht. Das iſt mein letztes Wort, das ſage ich Ihnen, und wenn ich einmal Etwas geſagt habe, bleibt es dabei.“ 9 „Nun gut, mein Herr! Weil die Sachen ſo ſtehen und ich nicht ohne Ihr Fräulein Tochter leben kann, ſo will ich der Schriftſtellerei entſagen und Kaufmann werden.“ „Dann. dann, wenn Sie gute Geſchäfte machen wollen wir ſehen.“ Und deßwegen hatte Heinrich ſeine urſprüngliche Laufbahn verlaſſen. Gewiß, von Paulinen geliebt zu werden, hatte er keinen Augenblick gezaudert, ſeiner Neigung zu entſagen. Er hatte ſich dem Handel mit demſelben Eifer gewidmet, den er vorher für die Schriftſtellerei gezeigt hatte. Um ſchneller Bekannt⸗ ſchaften anzuknüpfen, die ihm in ſeinem neuen Ge⸗ ſchäfte noch fehlten, hatte er die Stelle eines Reiſen⸗ den für ein Commiſſionshaus übernommen, deſſen Vorſtände ſeinen Eifer und ſeine Ehrlichkeit kannten, und nach einer Abweſenheit von acht Monaten kam er nach Paris zurück, ziemlich unterrichtet, um künftig Geſchäfte auf eigene Rechnung zu machen, und noch mehr eingenommen von der Tochter des Herrn Gi⸗ raumont. Ihr kennt nun die ganze Geſchichte Heinrich Ju⸗ miores, welcher am Tage nach ſeiner Ankunft in Paris um neun Uhr Morgens in die Calander⸗Straße ging, um ſeine Freunde zu beſuchen; denn Heinrich war eben ſo treu in der Freundſchaft als in der Liebe. „Wie, Faullenzer, um neun Uhr ſchlaft ihr noch?“ ſagt Heinrich, nachdem er ſeine Freunde umarmt hat; „aber was führt ihr denn für ein Leben in Paris, ſeit ich fort bin? Sprecht, was treibt ihr, ſeid ihr 100 geſund, heiter; wie geht's überhaupt? Setzt mich auf's Laufende, denn die Zeit iſt mir ſeit acht Monaten ſehr lang geworden.“ „Der liebe Heinrich, er hatte uns nicht vergeſſen!“ ſagt Georg, dem Freunde die Hand drückend. „Euch vergeſſen? und warum meint ihr das 2... Bin ich ein großer Herr geworden, ſeit ich euch nicht mehr geſehen habe? Und ſelbſt wenn! Ich verſichere euch, daß Reichthum oder Aemter mich nicht verän⸗ dern werden, wenigſtens habe ich die gute Meinung von mir, daß ich es glaube.“ „Und ich auch,“ ſagt Bouchenot,„ich halte Dich für unfähig, Deine alten Kameraden zu vergeſſen.“ „Wie vergnügt bin ich, ihn wieder zu ſehen!“ ruft ſeinerſeits Timotheus.„Geſtern ein gutes Nacht⸗ eſſen. Eierkuchen und Punſch!... heute iſt Heinrich wieder da. Man hatte allen Guun, zu ſagen, daß ein Glück nie allein kommt.“ „Was willſt Du denn, Timotheus?“ „Nichts.. Du wirſt's ſchon erfahren.., aber nimm doch Platz.“ „Und ihr ſollt euch anziehen, damit mir mitein⸗ ander frühſtücken können; ich komme, um euch abzu⸗ holen.“ Beim Worte Frühſtück machen die jungen Leute eine freudige aber alsbald ſehen ſie ſich verwirrt an. Indeſſen ſucht Heinrich einen Stuhl, um ſich zu ſetzen, und nun erſt läßt er ſeine Augen im S umherlaufen. 101 „Zum Henker!“ ſagt Heinrich, ſich auf den Koffer ſetzend,„es kommt mir vor, als hättet ihr kein ſehr glänzendes Ameublement; vor meiner Abreiſe hattet ihr doch wenigſtens Seſſel.., und dieſe Betten.. dieſe Fenſter ohne Vorhänge!... Wie, erzählt mir doch, ihr wißt wohl, daß es unter uns keine Geheim⸗ niſſe gibt.“ Georg ſieht Timotheus an, Timotheus Bouchenot; keiner will mit der Sprache heraus, Alle aber ſtoßen einen tiefen Seufzer aus. „Ei was, ſeid ihr auch ſtumm geworden?“ ruft Heinrich, ſeinerſeits nun die Bewohner des nackten Zimmers betrachtend. Georg entſchließt ſich endlich, nähert ſich Heinrich und erzählt ihm:„Unſer Elend iſt ſo groß, daß wir es nicht einmal zu geſtehen wagen, allein Dir es zu verſchweigen, wäre ein dummer Hochmuth. Wiſſe alſo, daß wir keinen Sous mehr im Vermögen ha⸗ ben, daß wir nacheinander unſere Möbeln, dann unſere ſonſtigen Sachen verkauft haben, ſo daß uns nur noch ein einziger Rock blieb, den Einer nach dem Andern anzog, um auszugehen, wenn die Reihe an ihn kam. Aber ſelbſt dieſe Hülfsquelle iſt nun vertrocknet, denn geſtern hat ſich Bouchenot, der ihn anhatte, gebalgt.. oder ſchlagen laſſen, ſo daß unſer Rock Abends in einem ſolchen Zuſtand zurückkam, daß man nicht mehr mit ihm ausgehen kann. Das iſt un⸗ ſere Lage, mein lieber Heinrich, und ſo gerne wir nun mit Dir frühſtücken würden, ſo ſiehſt Du wohl ſelbſt, daß wir Deine Einladung nicht annehmen können.“ „Wie? liebe Freunde, es wäre möglich! Ihr wäret in ſolcher Lage und ſagtet mir es nicht ſo⸗ „Ach, weil Du ſchon vor Deiner Abreiſe uns mehrere Male ausgeholfen, einige kleine Summen geliehen haſt, die wir Dir noch nicht zurückgegeben haben.“ „Und was thut das? Sollen gute Freunde die Dienſte aufſchreiben, die ſie einander leiſten?“ „Vielleicht iſt unſer Unglück von unſerer Seite nicht ganz unverſchuldet,“ entgegnet Georg;„ich habe mich⸗ ſtatt meinen Curſus zu verfolgen, auf die ſchönen Wiſſenſchaften, auf das Theater geworfen.. ich hoffe⸗ Glück zu machen, allein ohne Zweifel verfolge ich eine Chimäre. Bouchenot ſeinerſeits ſchwört alle Tage⸗ er wolle ſich nach einem Platze, einer Beſchäftigung umſehen, allein ſtatt deſſen vertändelt er ſeine Zeit damit, allen hübſchen Mädchen nachzulaufen, die ihm in den Weg kommen...“ „O, ich ſchwöre, das ſoll mir nie wieder begeg⸗ nen!“ ruft Bouchenot,„man ſoll mich nie mehr dar⸗ auf ertappen, daß ich ein Frauenzimmer verfolge, ſelbſt wenn ſie keinen Hund hat.“ „Was Timotheus anbelangt,“ fährt Georg fort, „ſo wäre dieß der Geſcheidetſte von uns: der arme Burſche will bloß ſtudiren, allein unſere Lage hin⸗ dert ihn daran, und ohne uns hätte er für ſich allein genug zum Leben.“ „Nun, das wird ſich machen laſſen,“ entgegnet 103 leicht; verfolge die Laufbahn der ſchönen Wiſſenſchaf⸗ ten, Du wirſt glücklich ſein, ich bin es überzeugt. Timotheus wird ein Gelehrter, ein Doctor werden, und was Bouchenot anbelangt, zum Kukuk, ſo iſt das meine Sache. Ich will auf eigene Rechnung Han⸗ del treiben und brauche Jemand, der mit mir arbeitet, meine Bücher führt, die Schreiberei beſorgt: dieſen Jlatz, Bouchenot, biete ich Dir anz außerdem kannſt Du noch bei mir wohnen, denn ich muß Jemand haben, der immer da ſein kann, in den ich volles Vertrauen ſetze, und Du darfſt überzeugt ſein, daß, wenn Du auch von mir angeftellt biſt, Du nichts deſto weniger mein Freund bleiben wirſt.“ „Wäre es möglich! Du haſt eine Stelle und ein Wohnung für mich?“ ruft Bouchenot, Heinrich um den Hals fallend, aus;„Du lieber Heinrich! Ich nehme es mit Vergnügen an, theurer Freund! ich will arbeiten wie ein Neger! O, das iſt abgemacht; ich ändere meine Lebensart, arrangire mich, Du ſollſt von meiner Weisheit entzückt ſein.“ „Ich zweifle nicht; allein bis dahin, liebe Freunde, da ihr doch zuerſt im Stande ſein müßt, ausgehen zu können, um euern Geſchäften nachzukommen und mit mir zu frühſtücken, nehmt hier ein Billet von fünfhundert Franken, über das ihr nach Belieben ſchalten möget.“ Mit dieſen Worten langt Heinrich aus ſeiner Brief⸗ taſche ein Bankbillet und bietet es ſeinen Freunden hinz dieſe, zu Thränen gerührt, können nur mur⸗ meln:„Das ißt zu viel, Heinrich! v, das iſt viel zu 104 viel... Du brauchſt Dein Geld zu Deinen Geſchäf⸗ ten; ein kleiner Theil dieſer Summe reicht für uns hin.“ „Ei bewahre! Noch einmal,“ ſagt Heinrich,„ich will, daß ihr es nehmet!... Ihr zahlt mir es ſpä⸗ ter heim, wie ihr könnt. Ei du mein Gott! man tauſcht die Plätze ſo oft in dieſem Leben... Jemand verbinden, wenn man es kann, heißt ſich Mittel für ſchlimmere Tage anlegen. Was meine Geſchäfte an⸗ velangt, ſo ſtehen ſie gut und ich hoffe in Kurzem ein gemachtes Haus zu beſitzen; auch hat mich der Vater derjenigen, die ich liebe, günſtiger empfangen⸗ als ich ihm geſtern bei meiner Ankunft meinen Be⸗ ſuch abſtattete: er hat mir erlaubt, ihn manchmal zu beſuchen. Verſprochen er hat mir noch nichts, aber beim Fortgehen ſagte er zu mir:„Sie ſind auf dem rechten Wege, ſind eifrig und thätig... ich glaube, daß es Ihnen glücken wird.. In dem Munde des Herrn Giraumont bedeuten ſolche Worte ſehr viel.“ „Und Deine Pauline?“ „Iſt ein Engel! immer gleich liebend, gleich ſchön und treu! Wüßtet ihr, wie glücklich wir waren, als wir uns nach ſo langer Abweſenheit wieder ſa⸗ hen wie die Blicke Paulinens mir die Lange⸗ weile der Abweſenheit und die Freude der Rückehr verkündigten!... Allein ich will euch Alles beim Frühſtück erzählen... denn frühſtücken muß man end⸗ lich. und ich will es beſtellen, während der Por⸗ tier oder eine verbindliche Nachbarin euch einen Kleiderhänvler herbeiſchafft; in Paris kann man ſich 105 jeden Augenblick vollkommen treiben. Habt ihr Je⸗ mand, der euch die Beſtellung machen kann?“ „Ja, jaz o! wir haben eine köſtliche Nachbarin, die uns Alles holen wird, was wir brauchen.“ „Gut, in dieſem Falle verlaſſe ich euch und werde in einer halben Stunde im Kaffeehauſe auf dem Schloßplatze ſein.“ „Abgemacht; wir treffen Dich dort mit ausge⸗ zeichnetem Appetit!“ „Ich hoffe es! Nun fort mit dem Kummer, meine Freunde; wir wollen nun alle Vergnügen unſeres Alters genießen.“ „Dir verdanken wir ſie!“ „Schon gut, ſchon gut. Auf Wiederſehen.“ Heinrich drückt ſeinen Freunden die Hände und verläßt ſie eilends, um ſich ihrem Dank zu entziehen. Siebentes Kapitel. Eine Börſe. „Das iſt ein Freund!“ ruft Timotheus, als Hein⸗ rich fort iſt.„Man ſage mir noch einmal, die Freund⸗ ſchaft ſei ein Hirngeſpinſt!“ „Nein, gewiß, ſie iſt kein Hingeſpinſt,“ ſagt Georg, „allein nicht weniger gewiß iſt, daß ſolche Freunde wie Heinrich ſelten ſind.“ „Das iſt ein Burſche aus dem goldnen Zeitalter *er verdient eine Bildſäule!“ ruft Bouchenot. Paul de Kock. Lx. 106 „Aber es iſt jetzt keine Zeit, Betrachtungen anzuftellen, wir müſſen uns in den Stand ſetzen, ihn wieder zu treffen.“ „Ja, wir brauchen auf der Stelle einen Schnei⸗ der, Röcke, Weſten.“ „Und auch Stiefel,“ ſetzt Timotheus vei,„weil man geſtern die meinigen verkauft hat.“ „Die Nachbarin wird uns all das beſorgen... wir müſſen ſie bitten, uns auch noch dieſen Dienſt zu erweiſen. Ich will bei ihr anklopfen.“ „Halt, ich meine, ich höre ſie.“ Es war in der That Cölina, die ihren Kaffeekeſſel und ihre Pfanne holte, und das junge Mädchen ſah in ihrer weißen Bettjacke, ihrem kurzen Unterröcchen und ihrem koketten Madrastuch um den Kopf ſo friſch und munter aus, daß ſie auf die Freunde den gleich angenehmen Eindruck machte. „Gegrüßt ſei unſere gute und hübſche Nachbarin!“ ſagt Georg. Timotheus wollte ein Compliment machen⸗ aber er konnte nur einen tiefen Seufzer ausſtoßen. Bouchenot, der bereits ſein vortheilhaftes Aus⸗ ſehen wieder gewonnen hatte, warf dem Mädchen einen ſehr ausdrucksvollen Blick zu. „Ich will Sie von meinem Küchengeſchirre er⸗ löſen und ſehen, wie es dem Kranken geht,“ ſat Cölina beim Eintreten. „Der Kranke befindet ſich ſehr wohl, welches Ihnen verdarkt!... Er fühlt jetzt nur das Bedür⸗ niß, Ihnen ſeine Erkenntlichkeit auszudrücken.“ er 107 Mit dieſen Worten hat Bouchenot eine kleine* zierliche Hand ergriffen, die er an ſeine Lippen füh⸗ ren will, aber Cölina zieht ſie lebhaſt zurück und ſagt:„Wenn Ihnen nur das noch fehlt, das hat keine Eile!... Ich will mein Frühſtück kochen, dann 5 werde ich mich an's Illuminiren von Adam und Eva machen: ich muß noch zwei Dutzend Exemplare fertigen, man wartet darauf.“ „Sie haben dringende Geſchäfte?“. „Ja, warum?“ „Weil wir Sie noch um einen Dienſt bitten wollten.“ „Sprechen Sie frei; ich bin bereit; Adam und Eva können noch warten, um ſo mehr, als ſie im Para⸗ dieſe ſpazieren gehen. Was ſoll's ſein?“ „Wir haben eben ein großes Glück gehabt„ „O, um ſo beſſer!“ „Ein Freund, den wir nicht ſo bald erwarteten, iſt dieſen Morgen gekommen; er hat bemerkt, daß wir ſehr viel entbehren...“ „Wahrlich! man braucht nicht ſehr ſchlau zu ſein, m das zu bemerken.“ „Gegen ihn ſprachen wir frei heraus.. und nun, Fräulein, erröthen wir nicht mehr, Ihnen zu ſagen, daß geſtern, als Sie uns Ihr Nachteſſen anboten, Sie uns faſt das Leben retteten!“ „Arme junge Leute!... Und mich nicht bälder aufzuſuchen!.. Das iſt ein Unrecht von Ihnen!“ „Ol aber jetzt ſind wir reich, ſehen Sie... Und Georg zeigt Cölina das Fünfhundert⸗Fran⸗ kenbillet. 108 „Was iſt das?“ fragt das junge Mädchen. „Das iſt ein Bankbillet... und gilt fünfhundert Franken.“ „Dieſer alte, gelbe Fetzen Papier, der wäre ſo viel Geld werth? Ach, ich hätte nie geglaubt, daß eine ſo große Summe ſo wenig Platz braucht.“ „Nun erwarten wir von Ihnen Folgendes: Wir haben keine Röcke, keine Fußbegleitung, um ausgehen zu können; wir ſollten auf der Stelle vollſtändig gemachte fertige Kleider haben.. „Und Halstücher...“ „Und Taſchentücher...“ „Und Strümpfe 4 „Und Hemden...“ „Ach! Sie brauchen nur das!“ ſagt Cölina lachend. „Thatſache iſt, daß wir uns in einer großen Klemme befanden!“ ruft Timotheus aus. „Allein für den Augenblick iſt für Jeden das Nothwendigſte ein Rock und Stiefeln. Wenn Sie die Güte haben wollten, uns Händler znzuſenden.. denn wir können nicht ausgehen...“ „Sehr gern! O, ich werde alsbald herſchicken, was Sie nöthig haben.“ „Hier iſt unſer Bankbillet: haben Sie noch die Gefälligkeit und laſſen Sie es wechſeln, damit wir auch unſere Bedürfniſſe bezahlen können.“ 3 „Geben Sie ich will Alles beſorgen. Aber was meinen Sie, wenn ich mit dem Gelde nicht mehr zurückkäme?“ 100 „Ach, Fräulein, wir möchten Ihnen ein Vermö⸗ gen anzuvertrauen haben!“ „Aber fünfhundert Franken, das iſt ſchon eine hübſche Summe; ich hatte noch nie ſo viel Geld auf einmal gehabt. Ich will laufen... werden Sie nicht ungeduldig... mein Gott! daß ich nur den kleinen Wiſch nicht verliere, der fünfhundert Franken werth iſt. O! ich will ihn auf dem ganzen Wege im Auge haben.“ Cölina iſt fort; die jungen Leute ziehen an, was ſie noch haben, dabei macht Jeder ſeine Pläne und Entwürfe für die Zukunft. „Wir wollen nicht Alles für Kleidung ausgeben,“ ſagt Georg,„wir müſſen auch Etwas für Möbel...“ „Ach ja! in Beziehung auf Möbel,“ ſagt Li⸗ motheus,„müſſen wir vor Allem Leintücher und Kopfkiſſen haben.“ „Ja, Stühle und einen Leuchter.“ „Meine Herren,“ ſagt Bouchenot,„Sie ſprechen nur vom Einkaufen, aber ich meine, wir ſollten nicht all unſer Geld ausgeben, ſondern auch Einiges zum Leben behalten.“ „Du vergißt alſo, Bouchenot, daß Du eine Stelle und ein Einkommen haben wirſt?“ „Das iſt ſehr gut.. aber Du, Georg?“ WMein Stück wird aufgeführt, es wird Glück machen! Timotheus kann für ſich allein den Wech⸗ ſel behalten, den ihm ſein Vater ſchickt!... O, nun erſcheint mir die Zukunft lachend und roſig. ich ſehe für uns nur Eh re und Freude, wir verdanfen 11¹⁰ es unſern Talenten, unſerer Arbeit... der Freund⸗ ſchaft. Sagt mir, meine Herren, iſt das Alles nicht köſtlich?“ „Ja,“ ſagt Timotheus,„das kann ſehr artig werden... namentlich wenn die kleine Nachbarin wollte. Ich glaube, ich liebe das Mädchen.“ „Einen Augenblick!“ ruft Bouchenot,„ſie gefällt auch mir ſehr, und ich ſchmeichle mir, daß ſie mich ebenfalls gern fieht.. um ſo mehr, als ſie bereits Gelegenheit hatte, meine Perſon zu würdigen.“ „Seht doch dieſen Uebermuth! Er meint ſicher, er habe die kleine Cölina erobert!... Ich wette, daß ſie Dich nicht erhören wird...“ „Das wollen wir ſehen.“ „Ich ſage Dir, ich werde ihr Liebhaber ſein.“ „Ach ja!.. weil Du Dich ſo darauf verſtehſt, ein Frauenzimmer zu verführen.“ „Meine Herren, ſtreitet nicht zum Voraus,“ ſagt Georg.„Ei, mein Gott! ſie mag vielleicht keinen von Beiden; übrigens halte ich ſie für freimüthig genug, daß ſie euch nicht lange mit leeren Hoffnun⸗ gen hinhält.“ „Es iſt gewiß, daß ein junges Mädchen, die Adam* und Eva colorirt.... „Ich möchte wohl wiſſen, ob vor oder nach dem Sündenfall!“ „Stille! ſchweigt, da iſt ſie.“ Cölina brachte einen Schuhmacher und einen Kleiderhändler mit. 3 Röcke, Weſten, Beinkleider ſind vor den jungen — — 111 Leuten ausgebreitet. Während Timotheus Stiefel anprobirt, zieht Georg einen Rock und Bouchenot einen Frack an. Die kleine Nachbarin iſt auf einen Augenblick in ihr Zimmer gegangen, weil ſie denkt, man könnte Beinkleider anprobiren, aber ſie hat zu⸗ erſt Georg die fünfhundert Franken in Thalern zu⸗ geſtellt. „Wir zahlen baar, meine Herren,“ ruft Bouche⸗ not, ſich in einen neuen Frack werfend, aus,„wir zahlen mit Thalern, das verdient Beachtung, und Sie dürfen wohl ihre Waaren etwas billiger geben.“ Der Geldſack macht in der That die Händler geneigter, von ihren Angeboten nachzulaſſen; bald iſt der Handel abgeſchloſſen mittelſt einer Summe von zweihundertfünfzig Franken. Die jungen Leute haben einen Oberrock, zwei Fräcke, drei Paar Bein⸗ kleider und zwei Weſten gekauft, die ſie auf der Stelle anziehen können; der Schuhmacher hat Jedem ein Paar Stiefel ausgeſucht, die nach ſeiner Ausſage ihnen wie angemeſſen ſind. Während Georg die Lieferanten bezahlt, ſagt Ti⸗ motheus zu Bouchenot:„Du ſollteſt die Gelegenheit ergreifen, um den Rock los zu werden, den Du geſtern mit nach Hauſe brachteſt.. man kann ihn nicht mehr tragen, daher iſt es beſſer, man verkauft ihn auf der Stelle.“ „Du haſt recht,“ ſagt Bouchenot,„und wegen des beträchtlichen Handels, den wir gemacht haben, denke ich, daß der Herr uns einen anſtändigen Preis geben ſolle.“ 112 „Ich gebe Ihnen dafür, was er werth iſt,“ ſagt der Schneider,„obgleich ich gewöhnlich keine Kleider kaufe „Thut nichts, ſehen Sie ihn an.“ Bouchenot hatte, als er ſich am Abend ausklei⸗ dete, den Rock in einen Winkel geworfen, wo er liegen geblieben war. Er holt und unterſucht ihn und vietet ihn mit den Worten an:„Die Schufte! wie ſie mich zugerichtet haben! Ich will an Ma⸗ dame Malatorchi denken... es iſt köſtliches Tuch... er ſtand mir wie angegoſſen. Sehen Sie, Herr Kauf⸗ mann.. „Ol ich ſehe ſchon, daß er in Fetzen geriſſen iſt. Ohne ihn näher zu unterſuchen, biete ich Ihnen zwölf Franken dafür: ich thue es nur, um Flecke zu ha⸗ ben „Wie? gib' ihn her!“ ſagt Timotheus. „Zwölf Franken! das iſt ſehr wenig,“ ſagt Bou⸗ chenot, der ihn noch in der Hand hält.„Aber da Sie ſagen, daß man ihn nur zu Flecken gebrauchen kann und daß.. Bei dieſen Worten greift Bouchenot in die ein⸗ zige, noch übrige Taſche des Rocks. Plötzlich ſtutzt er, ſeine Züge verändern ſich und er legt das Kleid wieder ſachte in einen Winkel des Zimmers. „Nun, ſo kann ich dem Herrn zwölf Franken we⸗ niger bezahlen,“ ſagt Georg. „Nein, nein!“ ruft Bouchenot,„ich habe mich au⸗ ders beſonnen: ich will den Rock nie verkaufen, ich bewahre ihn aufl“ 113 „Und warum denn?“ fragt Timotheus;„zwölf Franken ſind für uns mehr werth als Flecke. Was willſt Du denn jetzt mit dem Rocke anfangen?“ „Ich will ihn wieder herrichten laſſen... ich kann ihn noch gebrauchen es gibt mir eine Morgen⸗ jacke. kurz, ich will ihn nicht verkaufen.“ „O, wie es Ihnen gefällt,“ ſagt der Kaufmann; „ich laſſe ihn Ihnen gern. Leben Sie wohl, meine Herren, ich empfehle mich Ihnen, wenn Sie wieder Etwas brauchen.“„ Die Händler ſind fort; die jungen Leute been⸗ digen ihre Toilette; Georg und Timotheus preſſi⸗ ren, aber Bouchenot findet Mittel, trotz dem, daß er thut, als kleide er ſich an, nicht fertig zu werden. „Ich verſtehe dieſe Laune Bouchenots nicht,“ be⸗ ginnt Timotheus,„daß er ſeinen alten Rock nicht um zwölf Franken hergeben will. Weil wir ein Bis⸗ chen Geld haben, fängt er ſchon wieder an, Capricen zu haben.“ „Es handelt ſich nicht um Capricen,“ enigegnet Bouchenot, der zum dritten Mal ſeine neuen Beinklei⸗ der aufknöpft, indem er thut, als paſſen ſie ihm nicht ganz;„aus Sparſamkeit habe ich den Rock aufge⸗ hoben ich denke, daß ich Herr darüber bin. „Vie, meine Herren,“ ſagt Georg,„keine Hän⸗ del! Wir haben nur zweihundert fünfundneunzig Franken ausgegeben; ich ſchlage vor, der Nachba⸗ rin fünfundachtzig Franken einzuhändigen, um uns das nothwendigſte Leibweißzeug zu kaufen; ſo blei⸗ ben uns noch einhundert und zwanzig Franken, das 114 macht für Jeden vierzig Franken: damit und mit etwas Sparſamkeit, meine ich, können wir die Er⸗ eigniſſe abwarten.“ „Ich denke wohl,“ ſagt Timotheus,„vierzig Franken in der Taſche und ganz neugekleidet, das iſt herrlich!“ „Gib mir ſogleich meinen Antheil,“ ſagt Bou⸗ chenot. „Da, meine Herren... das iſt für die Nachbarin zum Einkaufen. Ich will ſie rufen... Fräulein Cö⸗ lina, verzeihen Sie, wenn wir ſtören, auf ein Wort, wenn es beliebt...“ Das junge Mädchen hüpft herbei. „Da bin ich, was wollen Sie 2... Ach! ſo laſſe ich mir es gefallen... Sie ſehen ſehr gut aus.. Sie können ſich jetzt überall ſehen laſſen.“ „Glauben Sie, daß wir ſo Eroberungen machen fönnen?“ fragt Timotheus, die Nachbarin an der Taille umfaſſend. „Warum nicht? Es gibt noch häßlichere Herren als Sie ſind, die doch bisweilen Glück machen.“ Dieſes Compliment ſcheint Timotheus nicht ſehr zu gefallen; er läßt die Taille der Nachbarin los und macht ſich an ſeinem Halstuche zu ſchaffen. „Fräulein,“ ſagt Georg⸗„Sie ſind ſo gütig ge⸗ gen uns, daß wir Sie mißbrauchen. Hier iſt eini⸗ ges Geld, wofür wir gerne Etwas wünſchen, näm⸗ lich.. kurz, was uns eben hier fehlt. Würden Sie noch ſo gütig ſein, dafür zu ſorgen? Sie wiſſen⸗ daß Junggeſellen nichts von dieſen Dingen verſtehen“ 115⁵ „O, ſehr gerne, ich werde thun, was ich kann. Laſſen Sie mir den Schlüſſel zu ihrem Zimmer und ich hoffe, daß wenn Sie heute Abend nach Hauſe kommen... Ach! ich gehe, weil Herr Bou⸗ chenot ſeine Beinkleider aufmacht... Sie bringen mir Ihren Schlüſſel, nicht wahr?“ „Heda, Bouchenot, kümmerſt Du Dich denn gar nichts um Deinen Nebenmenſchen,“ ſagt Georg, als die Nachbarin fort iſt;„Du machſt an Einem fort Deine Beinkleider auf und zu... Du biſt noch nicht halb angekleidet und wir ſind fertig... Heinrich wird uns erwarten.“ „Es iſt mir ſehr leid, allein dieſe Beinkleider geniren mich.. das heißt, ich glaube, meine Stie⸗ fel. ich will ſie ausziehen!“ „Hol' Dich der Teufel! ſo wirſt Du nie fertig werden. Komm', wir gehen; er ſoll nachkommen, wenn er fertig iſt.“ „Nun gut,“ ſagt Bouchenot,„geht nur voraus, ihr Herren, ich folge ſchon. O! ich werde euch bald eingeholt haben!“ „Du weißt, wo er uns hinbeſtellt yat?“ „Gewiß, auf den Chatelet⸗Platz.“ „Unſere Schlüſſel gibſt Du der Nachbarin.“ „Gut!“ „Bleib' nicht zwei Stunden aus, ſonſt frühſtücken wir ohne Dich.“ „Geht nur, geht.. ich folge euch auf den Ferſen.“ Georg und Timotheus ſind fort. Als Bouchenot ſicher iſt, daß ſie die Treppe hinunter ſind, ſchließt 116 er die Thüre, kleidet ſich ſchnell an, läuft nach dem zerriſſenen Rocke, den er in einen Winkel geworfen hatte, und mit der Hand in die Taſche langend zieht er ein kleines, aber ſchweres und ſorgfältig geſiegel⸗ tes Röllchen heraus. Er zerreißt eiligſt den Umſchlag und findet Zwanzigfranken⸗Stücke darin. „Gold!“ ruft Bouchenot, der eher Schrecken als Frende beim Anblick dieſes Schatzes zu empfinden ſcheint,„Gold.. Napoleons... fünf.. ſechs. fünf⸗ zehn das macht dreihundert Franken. Dreihundert Franken, die ſie mir in die Taſche gleiten ließen... die Elenden, die... Ach, mein Gott! und ich hatte es nicht bemerkt!... Ach! das iſt leicht begreiflich bei der Unruhe, in der ich mich befand.. dreihundert Franken!... Sie werden mich für einen unglückli⸗ chen Arbeiter gehalten haben, für einen armen Teufel; freilich konnte mein Anzug keine vortheilhaftere Wee von mir geben. Sie haben mir das in die Taſche geſteckt, um mein Stillſchweigen zu erkaufen.. der Teufel auch! ich werde mich hüten, zu ſchwatzen... nach den Drohungen, die ſie gegen mich ausſtießen. Gold!... weil ich es habe, werde ich es gewiß nicht zurücktragen. Allein, was mir einfällt: wenn die Goldſtücke falſch wären!... Es wäre nicht zu verwundern, wenn dieſes der Fall wäre... doch haben ſie einen guten Klang! Ach, wenn ich die Nachbarin bäte, eines davon ſehen zu laſſen... das erſte beſte... Peſt! verdammt, ich möchte keine fal⸗ ſchen Stücke in Umlauf ſetzen... dieſe Schurken wol⸗ len mich vielleicht dadurch zwingen, ihr Gehülfe zu 117 werden. Ach, mein Gott! ich weiß nicht, was ich anfangen ſoll.. es überläuft mich ganz kalt. Ich hätte große Luſt, dieſe goldenen Napoleons in's Waſſer zu werfen.. O! verdammte Nacht.. verfluchter Hund!... Was ſoll ich anfangen?“ Bouchenot bleibt einige Augenblicke in Nachdenken verſunken; endlich entſchließt er ſich, nachdem er die Goldſtücke in die Taſche geſteckt hat, Fräulein Cö⸗ lina aufzuſuchen. Das junge Mädchen colorirt, als Bouchenot, der dießmal ganz angekleidet iſt, vor ihr erſcheint. „Guten Tag, Nachbarin.“ „Ach! ſind Sie endlich angekleidet?“ ſagt Cölina lachend;„Gottlob! Sie brauchen länger dazu als ein Frauenzimmer.“ „Weil ich heute... ich weiß nicht. ich kann meine Knöpfe nicht mehr zumachen.“ „Man ſollte Ihnen vielleicht helfen wie einem Kinde?. Finden Sie, was ich da mache, hübſch?“ „Was Sie machen... O, entſchuldigen Sie, ich achtete darauf nicht... iſt es der kleine Däumling?“ „Ach nein, es iſt Adam und Eva... Sie ſehen nicht gut, wie es ſcheint. Wie blaß Sie ſind! Füh⸗ len Sie ſich noch unwohl?“ „Nein, Nachbarin, aber... das kommt.. Ach! ſagen Sie doch, Nachbarin, wollten Sie nicht, wäh⸗ rend ich mein Halstuch anders anziehe, ſo gut ſein und mir wechſeln laſſen... das heißt dieſes Zwan⸗ zigfranken⸗Stück bei einem Goldarbeiter ſehen laſſen? Ich fürchte, es möchte nicht ächt ſein„ 5 „ 118 „Seht doch, Sie haben jetzt wieder Gold!... Zum Henker! Bankbillete, Gold... Sie werden Millionäre.“. „Ach! das iſt ein Stück.. das.. das ich wieder gefunden habe. ich glaubte längſt, ich hätte es verloren.“ „Ich meine, Sie könnten Ihr Goldſtück ſelbſt einen Goldarbeiter ſehen laſſen.“ „Meinen Sie? aber mein Halstuch incommodirt mich, es ſchnürt mich ein. und dann iſt es mir in dieſen neuen Beinkleidern noch nicht recht heimiſch man wird mir eine Schnalle annähen müſſen.“ „Ah, ah! wie komiſch Sie daſtehen!... Kommen Sie, geben Sie mir ihren Napoleon; ich muß ge⸗ rade ausgehen und Gummi holen, und während ich fort bin, machen Sie, daß Sie fertig werden, denn ſonſt könnten Ihre Freunde wohl ohne Sie ſpeiſen“ Cölina hat das Goldſtück genommen und iſt fort. Während der ganzen Zeit ihrer Abweſenheit holt Bouchenot kaum Athem, ſeine Angſt nimmt mit jcder Minute zu; endlich kommt das junge Mädchen ſi⸗ gend die Treppe herauf. „Nun?“ ruft Bouchenot, Cölina entgegeneilend. „Nun! Ihr Stück iſt ausgezeichnet⸗ es iſt vom feinſten Golde; der Goldarbeiter ſagte mir, er möcht einen Sack voll davon.“ „Wirklich!“ entgegnet Bouchenot, deſſen Geſiht ſtrahlend wird.„A)! ich weiß wahrlich nicht, wi ich meinen konnte.. man hat manchmal ſonderbat Gedanken!.. Nun, auf Viederſehen, Nachbari 419— da iſt unſer Schlüſſel; meine Freunde erwarten mich, ich muß frühſtücken.“ „Sie ſind alſo nicht mehr genirt in Ihrem Hals⸗ tuche und Ihren Beinkleidern?“ „Ol ich verſichere Sie, Nachbarin, daß ich mich ſeit langer Zeit nicht ſo wohl gefühlt habe.“ „Wahrlich!.. Sie nehmen auch Ihre boshafte Miene wieder an.“ „In Ihrer Nähe, reizende Nachbarin... wenn die Augen Alles ſagen würden, was man fühlt, was... Aber ich muß frühſtücken, denn ich ſterbe vor Hunger.“ „Gehen Sie, Sie können mir das Uebrige ein anderes Mal ſagen. Bouchenot drückt einen Kuß uf das hübſche Ge⸗ ſicht des jungen Mädchens und geht hüpfend, ſingend und die Goldſtücke, die er in der Taſche hat, klingen laſſend, die Treppe hinab. 4 —. ſ 6 17 8 9 10 11 12 13 14 15 1