deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . von 7. 6duard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Heſebedingungen. 1 Ofensein der Bibliotbek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ſ 7 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens piun bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Vei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenymmen. 2 2. Cäntion. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 6 5 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: . für rochentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: urz Mennt 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſfene, verkvrene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene vder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſe auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben! 2 S 2 2 Bridrich ₰ ausCeweohlte Urzehluncen S — Auserwäblte E rz à n von 3 Fridrich Kind. Erſtes Bändchen. k Die Jägerbränte. Mira 6. Die Treibhaus⸗Blumen . Der Amor, oder das Italiäniſche Feſt Wie man ſich irren kann! „ 151 207 Jaͤgersbraͤute. ———— huterhalt. Bibtioth. 1o. B. die Geweihe vom Giebel eines Forſthauſes. chen, wuchſen unter der Aufſicht einer gutmü⸗ Zviſchen den auf Höhen gelegenen Ritter⸗ ſitzen Rothenbucha und Bärenklau brei⸗ tet ſich eine große, duͤſtere Waldung aus. Seit⸗ waͤrts erhebt ſich aus ihr der Kirchthurm des Dorfes Nottingen; in ihrer Mitte ragen In dieſer öden Wohnung lebte der Hberför⸗ ſter Birkholz, ohne mit irgend jemand, au⸗ ßer mit dem bejahrten Pfarrer Bergen in Bärenklau, Umgang zu haben. Man hielt ihn daher fuͤr einen graͤmlichen, menſchenfeindlichen Alten, ja man gab ihm ſogar insgeheim Schuld, daß er den Selbſtmord eines ſittſamen Mädchens auf dem Gewiſſen trage, und von innerer Pu⸗ ruhe raſtlos umher getrieben werde. Die Fran des Hberfoͤrſters, mit welcher er nicht die gluͤcklichſte Ehe geführt hatte, war ſchon vor vielen Jahren verſtorben, und die von ihr hinterlaſſenen Töchter, Lottchen und Jett thigen, aber wenig ite ns auf. ien einige Wahrſcheinlichkeit, weil der ſonſt wie ein 4 Uebrigens beſtand Birkholzens Haushaltung ans einer einzigen Magd und dem Jägerburſchen ₰ Wolf, der beynahe eben ſo viel Jahre zaͤhlte, als ſein Herr, und bey dieſem leben und ſterben wollte. Die Pfarrersleute zu Baͤrenklau waren ein 3 ſtilles, friedliches Paar, ohne Kinder, und erzo⸗ gen einen älternloſen Knaben, Nahmens Phi⸗ lipp, der zwar nach ſeinem Pflegevater den„ Zunahmen Berger fuͤhrte, in welchem aber das lauerſame Geruͤcht einen Sproͤßling des Ober⸗ forſters aus wilder Ehe entdeckt haben wollte. Dieſe Vermuthung erhielt nicht bloß um deßwil⸗ Einſiedler lehende Waidmann faſt alle Sonntage auf der Bärenklauer Pfarre einſprach, ſondern ₰ weil er auch, ſo ſtreng er ſonſt im Dienſte war, 3 bey dem täglich kecker werdenden Jagdeingriffen des zu jedem tollen Streiche zufgelegten Wild⸗ lings beyde Augen zudruͤckte. Mochte der alte Wolf, bey dem in Ferſas rechtſamen kein Anſehen der Perſon galt, den jungen Wilddieb heute bey dem Ausnehmen der Finken und Krammetsvögel, morgen gar mit ge⸗ ſchoſſenen Repphuͤhnern oder Schnepfen in Birk⸗ holzens Reviere autreffen; mochte er deßhalb noch ſo oft bey ſeinem Herrn die bitterſten Klagen Fr dieſer verzog keine Miene, ſondern meints „† mochte darüber den Kopf ſchutteln, ſo viel er tagen fein Brummen ſich in ein treuherziges Wilddieb zog nun mit Sack und Pack aus der verſprach, war aller Groll augenblicklich vergeſ⸗ ſen, und der alte Murrkopf gewoͤhnte ſich in 5 vielmehr:„Es iſt ſchon gut!“ der ehrliche Wolf dem dirſes nichts weniger, als gut duͤnkte, wollte. Der junge Freyſchuͤtze trieb daher von Tage zu Tage ſein Weſen immer oͤffentlicher, und trug ſo wenig vor jemand Scheu, daß er nicht nur oft mit der geladenen Flinte, die ihm gegen die Sperlinge im Pfarrgarten anvertrauet war, bis nahe vor das Forſthaus ſtreifte, ſondern zuletzt auch gar die beyden Oberfoͤrſterstöchter zu ſeinen, Sprenkeln und Dohnen abhohlte, und ſie mit Rothkehlchen und Dompfaffen beſchenkte, die, recht vor Wolfs Raſe, in der zu Birkholzens Jagdbezirk gehörigen Brombeer⸗Brahne gefangen waren. „ Der alte Wolf hatte über dieſe Ungebühr⸗ niſſe ein volles Jahr lang ſeinen Grimm in ſich ſelbſt ſchlucken muͤſſen, als nach den Oſterfeyer⸗ Schmunzeln verwandelte; denn derkuſtige junge Pfarre auf das Forſthaus, um bey dem Oker⸗ förſter in beſter Form die Jägerey zu erlernen. Jetzt, da ſich Wolf in dem bisherigen Feinde einen forſtgerechten und ſehr eifrigen Waidmann kurzem an Philipp ſo ſehr, daß er ihm täglich die Flinte putzte und gar nicht mehr ohne ihn aus⸗ ging, ja nach einiger Zeit ſogar ſein verſchim⸗ meltes Jagdhorn hervor ſuchte, um dem neuen Cameraden ſo viel luſtige Jagdſtuͤckchen zu lehren, als er ſelbſt blaſen konnte. Bald uͤbertraf hierin Philipp den Meiſter, lernte dabey auf dem Fin⸗ ger und auf dem Blatte pfeifen, alle Wild⸗ und Vogelſtimmen mit dem Munde auf das taͤuſchend⸗ ſte nachahmen, alle Waidmannsliederchen auf das trefflichſte ſingen. Kurz, Wolf hatte nunmehr an dem Burſchen ſeine einzige Freude! Rur eines verdroß den Al⸗ ten, und gab zuweilen ſelbſt zu Zaͤnkereyen An⸗ laß, nahmlich, daß Philipp nach wie vor hinter den beyden Jaͤgermaͤdchen herlief, und beſonders an die älteſte wie gebannt ſchien. Faſt könnte man vermuthen, Philipps Ent⸗ ſchluß, ſich bey Birkholzen in die Lehre zu be⸗ geben, ſey mit durch geheime Zuneigung zu dem aufſchoſſenden Maͤdchen bewirkt worden. Denn der raſche Burſch ward, wenn er Lottchen nur von fern erblickte, lauter Feuer und Leben, und zog, ganz wider ſeine ſonſtige Art, oft das Vo⸗ gelſtellen der Reh⸗ und Haſenjagd vor, weil Lott⸗ chen nicht ſelten auf dem Vogelherde ſich ein⸗ ſtellte. So oft es an Feyertagen oder des Abends nur die Zeit erlaubte, blies er zu ihrem Geſange „ — auf dem Waldhorne, oder machte ihr ſeine Kuͤnſte vor, ſo daß es jetzt in dem ſonſt wie ausgeſtor⸗ benen Forſthauſe zuweilen gar laut und luſtig zuging. Da Philipp achtzehn, und Lottchen ſechzehn Jahr alt war, beyde ſich laͤngſt, bloß vom Züge des Herzens geleitet, insgeheim ewige Liebe ver⸗ ſprochen hatten, fing ſelbſt der Hberfoͤrſter an, auf das ſo mit Eifer getriebene Vogelſtellen auf⸗ merkſam zu werden. Er verboth ſeinen Toͤchtern, ohne eine Urſache davon anzugeben, mit Philipp in die Brombrer⸗Brahne zu gehen, und ſie be⸗ folgten von nun an ſeinen Befehl, in Betreff der Brahne auf das buchſtaͤblichſte. Dagegen ver⸗ nahm er eines Morgens, da er fruͤher, als ge⸗ woͤhnlich, ausgegangen war, in der Kraͤhenhuͤtte ein Geraͤuſch, offnete das Pfoͤrtchen, und ſahe mit großem Erſtaunen Philipp und Lottchen neben einander vor der Kruͤcke des Buhn's ſtehen, die ſich, nur von den wie Feuerräder rollenden Au⸗ gen des Nachtvogels beleuchtet, eng umarmt ten und auf das zaͤrtlichſte kuͤßten. Bey dieſem zanz unerwarteten Anblicke S. fiel den Oberfoͤrſter die heftigſte Wuth. Gluͤ⸗ hend vor Zorn riß er das erſchrockene Mädchen von Philipps Seite, und ſchleuderte ſie eine Strecke fort; Philippen ſelbſt aber rief er mit furchtbarer Stimme zu; d 3 verwahrloſet!“ hieb den Erſtaunten und ſich keines Verbreches Bewußten mit dem flachen Hirſchfänger weidlich zuſammen, und befahl ihm dann, nie wieder vor ſeinen Augen zu erſcheinen. Nach Vollſtreckung dieſer Strafe ging er, ohne ſich weiter um das ſuͤndige Paar zu bekuͤm⸗ mern, ſeiner Verrichtung nach, und murmelte nur dann und wann noch einen Fluch zwiſchen den Zähnen. Auch Lottchen ſtahr ſich, vor Furcht und Angſt weinend, nach dem Forſthauſe zuruͤck, er⸗ ſchrak aber aufs neue, als in geringer Ent⸗ fernung von demſelben Philipp hinter den Erlen hervor ſprang, und ſie, einem Unſinnigen gleich, feſt umklammerte.* „Wirſt du mich ewig lieben, wie du mir zu⸗ zugeſagt haſt?— ſchrie der Juͤngling, und ſahe ihr drohend in das Auge. „Ewig, Philipp! beruhige dich nur!— ſtammelte das zitternde Maͤdchen.„ „Schwoͤre mir es bey Leben und 2ob— rief Philipp noch heftiger. „Ja, bey Leben und Tod!“— erwiederte Lottchen mit reichlicher ſtroͤmenden Sbrinen, und legte die Hand auf das Herz. Dhne zu antworten, tühte Philipp noch einige Kuͤſſe auf ihre Wange, und ſr dann eilend in das Bigicht —— — Flüchtling, zuruͤck. . 5 So ſchlich ſich denn Lottchen mit ihrem Kum⸗ mer in das Haus, und konnte vor Schluchzen der fragenden Haushaͤlterinn und Schweſter kaum ſagen, was ihr begegnet ſey. Da der Obevfoͤrſter, wenn ihm etwas im Kopfe lag, faſt nie, die beyden Burſche aber uberhaupt aͤußerſt ſelten des Mittags heim kamen; ſo verwunderte man ſich eben nicht uͤber den leer bleibenden Tiſch. Als jedoch gegen Abend Wolf, und mit einbrechender Dunkelheit auch der Ober⸗ foͤrſter, deſſen Zorn einſtweilen verraucht war, ohne Philipp zuruͤck kehrte; als man am folgen⸗ den Morgen ſein Bett noch unberuͤhrt fand; da entſtand in der ganzen Foͤrſters⸗Familie eine aͤngſt⸗ liche Unruhe, ſo daß anch Lottchen zuletzt es wagte, Philipps auffallendes, einem ähnliches Vetragen zu erzaͤhlen. Der Oberfoͤrſter ſagte kein Wort dazu, fiß wie er bey verdrießlichen Haͤndeln gewohnt war, ein Stuͤckchen, ſchnallte das Kuppel um, und nahm ſeine Buͤchſe; Wolf folgte ſeinem Bey⸗ ſpiele, und erhielt von ihm vor der Thür den Befehl, gegen Abend und Mitternacht zu ſtrei⸗ fen und nachldem jungen Tollkopfe ſich umzuſe⸗ hen. Birkholz ſelbſt ging nach den entgegen ge⸗ ſetzten Richtungen; aber beyde kehrten am ſpa⸗ ten Abende zwar ſehr ermidet, ½ ohne den Man wartete und hoffte noch einige Taßé vergeblich; Birkholz pfiff und konnte es nicht be⸗ greifen, daß der junge Burſch ſich ſo gar tief gekränkt fuͤhlen ſollte; Wolf maulte mit ſeinem Herrn, putzte alle alte Flinten und Buͤchſen, welchen ſeit Jahren dieſe Ehre nicht wiederfahden war, und ſchnitt der Haushälterinn und allem, was weiblich war, grämliche Geſichter. Die Haushaͤlterinn erwaͤhnte zuweilen des Evange⸗ liums vom verlornen Sohne; Lottchen weinte, und ſtrickte eifriger als jemahls; kurz im ganzen Hauſe ſtand nichts mehr auf dem rechten Flecke⸗ Unter allem ſchien jedoch das zaͤrtliche Lott⸗ chen uber Philipps Flucht am meiſten bekuͤm⸗ mert. Djeſe ſchlich herum wie ein Schatten, und ſo wenig ſich ihr Vater uͤberzengen konnte, mit Philipp und ihr zu weit gegangen zu ſeyn, ſp wuͤnſchte er doch, da geſchehene Dinge ein⸗ mahl nicht zu aͤndern ſtanden, das Maͤdchen ein wenig zu zerſtreuen und aufzurichten. Sehr willkommen war ihm daher der bald darauf von einer reichen Verwandten in der Bauptſtadt geſchehene Antrag, ſeine beyden Toͤch⸗ rer, die doch nicht wie Banerdirnen aufwachſen koͤnnten, zu ſich zu nehmen. Auch die beyden Miädchen, welchen ſchon beh dem bloßen Rah⸗ men der Stadt das Herz ſchneller ſchtug, konn⸗ n die gute liebreiche Tante nicht t0 genug oder geringere Ausſteuer. 11 echeben; die Haushälterinn mußte uͤber Hals, uber Kopf, Kleider und“ Wäſche in voͤlligen Stand ſetzen, und fort ging es nach dem ſchoͤ⸗ k Roch war der Hberforſter, den die Stadt anekelte, in ſein vun faſt ganz wuͤſtes Wald⸗ haus kaum zuruͤck, als nicht bloß das leichtſin⸗ nige Jettchen, ſondern auch das tieffuͤhlende, ihres Philipps oft mit ſtillen Thraͤnen denkende Lottchen, den neuen Aufenthalt nie wieder mit einem andern zu vertauſchen wuͤnſchte. Die reiche Tante, welche an den huͤbſchen friſchen Maͤdchen, ihre etwas kleinſtädtiſchen Manieren abgerechnet, großen Gefallen fand, hatte in ihrer frühen Ju⸗ gend dem reichen, aber bejahrten Kriegsrathe B. ihre Hend geben muͤſſen, und nach deſſen Tode ßch ſelbſt angelobt, ihre Freyheit nie wieder ei⸗ nem Manne zu unterwerfen, ſondern das ererbte Vermogen auf die anſtändigſte Weiſe, nach eige⸗ ner Willkuͤhr, zu genießen. Sie nahm daher von Zeit zu Zeit eins oder zwey arme Maͤdchen zu ſich, ließ dieſe in der Muſik, im Tanzen, und in andern Kenntniſſen unterrichten, beſuchte in ihrer Begleitung Concerte, Theater, Bälle und andere öffentliche Geſellſchaften, und gab ihnen, wenn ſich eine annehmliche Partie fuͤr ſie fand, nach Maß gabe ihrer Auffuͤhrung, eine So wenig dieſe Anwendung ihres Ueberfluſ⸗ ſes zu tadeln war; ſo liebte doch die Räthinn ihr eigenes Vergnuͤgen zu fehr, um auf den kuͤnfti⸗ gen Stand, ja ſelbſt auf den Ruf ihrer Geſell⸗ ſchafterinnen, immer die ſtrengſte Ruͤckſicht zu nehmen, und beſaß ſelbſt nach zu viel Eitelkeit, um nicht an den Huldigungen vornehmer junger Leute, geſetzt auch, daß dieſe eigentlich durch die Schoͤnheit ihrer Pflegetoͤchter angezogen wurden, Geſchmack zu finden. Sie ließ es ſich daher eifrig angelegen ſeyn, auch Lottchen und Jettchen, die in der That alle ihre Vorgängerinnen verdunkel⸗ ten, modiſch heraus zu putzen, und bald genug ſahe ſie aufs neue einen Kreis der artigſten Maͤn⸗ ner um ſich verſammelt. Beſonders draͤngen ſich, ſo bald die ſchoͤnen Foͤrſterstoͤchter bekannt worden waren, die Ge⸗ bruͤder von Rothenbucha an die Kriegsraͤ⸗ thinn, wovon der aͤltere, Rahmens Franz, Jagdjunker war, der juͤngere, Louis, aber bey Ausbruche des Krieges als Faͤhnrich ſeine Ent⸗ laſſung geſucht hatte. Beyde waren ſehr reitzende und angenehme Geſellſchafter; beyde wußten das Recht der Rach⸗ barſchaft geltend zu machen, und, wenn ſchon Lottchen durch die Liebe gegen Philipp von zu weit gehender Vertraulichkeit mit dem ſo ziemlich in den Schranken der Beſcheidenheit bleibenden Jagdjunker zuruͤck gehalten wurde, ſo war ſie doch zu ſchwach, vielleicht anch, nach ihrem Ver⸗ haͤltniſſe zu der Tante, nicht immer vermoͤgend, ihn ganz zu vermeiden. Da hingegen ſpann ſich zwiſchen dem in allen Kuͤnſten der Verfuͤhrung geuͤbten Ex⸗Fähnrich und Jettchen ein roman⸗ haftes Verſtändniß an, in welchem dieſe leicht⸗ glaͤubige, geſchmeichelte junge Thoͤrinn ſich nicht wenig gefiel. Sehr unerwuͤnſcht, doch noch gerade zu rech⸗ ter Zeit, traf daher nach ungefähr drey Jahren der Oberfoͤrſter in der Reſidenz ein. Er mochte durch einen Freund von der Auffuͤhrung ſeiner Loͤchter, die freylich durch den Ruf noch etwas in das Schlimmere gemahlt wurde, einige Winke bekommen haben, oder uͤberhaupt der ſtadtiſchen Erziehung, ruͤhrte ſie auch von einer reichen Verwandten her, nicht allzu viel trauen; genug, er zog in**** allenthalben Erkundigung ein, machte dann bey der Frau Tante ſeinen Beſuch, erklaͤrte dieſer ganz kurz, daß er bey zunehmen⸗ dem Alter ſeine Toͤchter in der Wirthſchaft nicht länger miſſen könne, bath ſich die Angabe ihres RKoſtgeldes aus, zahlte den Betrag aus der hirſch⸗ ledernen Geldkatze mit blanken Kronthalern auf den Tiſch, und ſchloß damit, daß Lottchen und Jettchen ſich morgen fruͤh zur Abreiſe ten moͤchten. 4 Wenn der Hberfoͤrſter Birkholz etwas mit dieſer Beſtimmtheit erklaͤrte, ſo dachte niemand daran, ihn davon äbzubringen. Mochte daher die Frau Raͤthinn ihn nach ſeiner Entfernung im⸗ merhin einen groben Buſchvogt ſchelten; moch⸗ ten die Gebruͤder von Rothenbucha dieſen Ent⸗ ſchluß wahrhaft baͤueriſch nennen; mochte Lott⸗ chen verlegen hin⸗ und hergehen, und Jettchen mit echt theatraliſcher Verzweiflung die Haͤnde ringen: es blieb dabey! Fruͤh um ſechs Uhr ſtand der Wagen vor der Thuͤr, und die beyden Foͤr⸗ ſterstoͤchter, fuͤr welche die Räthinn aus Stolz noch einen großen Koffer mit Kleidern und Mo⸗ deſachen aufpacken ließ, mußten einſteigen. Dem, von ihrem geliebten Faͤhnrich grau⸗ Haus, als ſie es von fern wieder erblickte, nicht viel beſſer, als ein Zucht⸗ und Spinnhaus; bey Lottchen hingegen erweckte die bekannte Gegend ſanfte Erinnerungen an den Geliebten ihrer Ju⸗ gend, und ſo wenig ſie ſich auch bey geringe⸗ rer Bedenklichkeit vorzuwerfen gehabt haͤtte, ſo wuͤnſchte ſte doch im Stillen, das Foͤrſterhaus lieber nie verlaſſen zu haben. Sie ubernahm gleich nach ihrer Heimkunft mit großer Bereit⸗ willigkeit die Fuͤhrung der Wirthſchaft, und be⸗ trieb ſie mit großem Eifer; ſie bemuͤhete ſich, ihr ganzes voriges Leben zu vergeſſen, und, war ſam getrennten Jettchen dünkte das väterliche 2 ſie ſchon nicht ſtark genug, allem Flitter desſel⸗ ben zu entſagen, ſo blieb doch davon in ihrer Tracht nur ſo viel ſichtbar, daß ihre natürlichen Reitze durch geſchmackloſen Anzug nicht entſtellt wurden. 3 Ganz anders verhielt es ſich mit Zettchen⸗ Dieſe benutzte die jetzt erhaltene Muße bloß da⸗ zu, um ſich des Tages einige Mahl aus⸗ und an⸗ zukleiden, unterhielt insgeheim Briefwechſel mit einigen Staͤdterinnen, die ſie getreulich mit Neuig⸗ keiten und Modethorheiten verſorgten, ſuchte letz⸗ tere, ſo weit es die mitgebrachte Garderobe er⸗ laubte, im Kleinen nachzuahmen, und war anfaͤng⸗ lich nur daruber faſt untroͤſtlich, daß dieſe Herr⸗ lichkeiten niemanden, als die alte Magd und die Bauernweiber in der Kirche, in Erſtaunen ſetzten⸗ Dieſer Verdruß erhielt jedoch einige Milde⸗ rung, als es ihr auf einem Spaziergange gelang, mit dem auf Bärenklau hauſenden Fraͤulein, Ba⸗ het von Ilmenthal, bekannt zu werden, und verwandelte ſich kurz nachher in Entzuͤcken, da ganz unvermuthet Louis von Rothenbucha mit ſeinem nun zum Oberforſtmeiſter erhobenen Bru⸗ der Franz auf ihrer vaterlichen Burg eintrafen. Die beyden Junker gaben ſich auch alle er⸗ finnliche Mühe, die ſeit kurzer Zeit unterbro⸗ chene Bekanntſchaft mit den ſchönen Jägermäd⸗ en wieder in Lat zu bringen, und benutzten ar auf keine Weiſe zu gebeimen Zuſammen⸗ 16 jede Entfernung des alten Birkholz, um ſich ſei⸗ nen Toͤchtern zu naͤhern. Jettchen both hierzu freu⸗ dig die Hand; dieſe dachte von nun an Tag und Racht auf nichts, als wie ſie ihren Vater hinter⸗ gehen koͤnne, und kam mit ihrem goldenen Louis bald im Forſthauſe, bald, wie von ungefähr, bey 3 n Babet zuſammen. Lottchen hingegen kuͤnften zu bewegen, und ſahe den jungen Ober⸗ forſtmeiſter nie anders, als wenn er in Abweſen⸗ heit des Oberfoͤrſters, ſeines nunmehrigen Un⸗ tergebenen, nach demſelben fragte, wo ſie theils aus Hoͤflichkeit theils aus Scheu vor dem Rucht⸗ barwerden ehemahliger Bekanntſchaft, ſeinen Zu⸗ dringlichkeiten nicht immer auszuweichen ver⸗ mochtt. An einem grauen Septembermorgen, da, trotz des ſcharfen Nordoſts, der alte Oberfoͤrſter auf die Jagd gehen wollte, und Wolf, mit den Hunden ſeiner wartend, bereits vor dem Hauſe ſtand, ſchlugen ſich zwey Fremde in dunkelen Jagdroͤcken, wovon der eine ein Hfficier ſchien, der andere aber zwey Buͤchſen auf der Schulter trug, durch das Gebuͤſch. Der erſtere blickte un⸗ verwandt nach dem Forſthauſe, ſchien jedoch den dicht vorbey gehenden Weg abſichtlich zu vermei⸗ den, ſtutzte, da er Wolf bemerkte, ging dann 5 trotzig auf ihn los, und fragte nach den Nottin⸗ ger Wege. Der alte Wolf, dem dieß und Spioniren ein wenig bedenklich vorkam, wies ihm mit nicht minder barſchem Tone den Fuß⸗ ſteig bey den alten Weiden vorbey, und wollic eben ein wenig Rachfrage nach Stand und Ge⸗ werbe der verdaͤchtigen Fremdlinge anſtellen, als der Oberfoͤrſter in die Hausthuͤr trat, und jene, als wuͤrden ſie weggeblaſen, verſchwanden. Birkholz zankte, daß Wolf wieder einmahl, wie ein altes Weib, mit ſich gelbſt ſpreche; Wolf murmelte von Wilddieben und Marodeurs, welchen er auf der Faͤhrte geweſen ſey. und beyde zogen, zwar dem Anſcheine nach nneins, boch im Herzen einander treu ergeben, auf ver⸗ ſchiedenen Seiten ihrer Straße. Kaum waren ſie fort, als der Czako des frem⸗ den Hfficiets wieder hinter den Baͤumen hervor guckte; kaum hatte ſich der Officier auf die Lauer geſtellt, als Jettchen im modiſchen Morgenkleide aus dem Forſthauſe huͤpfte, ſich nach allen Him⸗ melsgegenden umſahe, ob nirgends einer von den Junkern ſich zeige, und, da ihre Hoffnung nicht erfullt wurde, den Weg nach Baͤrenklan einſchlug; und kaum hatte der Fremde, ſich verbergend, ſie voruͤber gelaſſen, als auch Lottchen heraus trat, um ihrer Schweſter, wie wohl zu ſpät, etwas nachzurufen. Jetzt zog der Fremde den Kopf nicht zuruͤck. Zwar ſchien er, dem ſchon Jettchens Modetracht nicht wenig aufgefallen war, uͤber Lottchens ſtädtiſche Kleidung zu ſtutzen; da aber der nette Strohhut und das knapp anſchließende Jagdweſt⸗ chen dem bluͤhenden, gleich ihren nachbarlichen Tannen aufgeſchoßten Waldmaͤdchen gar nicht uͤbel ſtand, oder er vielleicht zu ihr aus irgend einer Urſache beſonderes Zutrauen verſpuͤrte; ſo wagte er es, näher zu kommen, und begruͤßte die ſich einſam duͤnkende Schoͤne mit edlem, maͤnnli⸗ chem Anſtande. Lottchen wußte nicht recht, wie ihr bey die⸗ ſem Gruße geſchah. Der Fremde erkundigte ſich, wie es ſchien, ſehr angelegentlich, nach dem alten Pfarrer zu Baͤrenklan. Die Stimme, klang ſie ſchon faſt rauh, erweckte doch angenehme Erinne⸗ rungen in ihr; das Geſicht, war es gleich von der Sonne gebraͤunt und baͤrtig, ſchien ihr doch anziehend, ja bekannt; die feurig blitzenden Au⸗ gen, wurden ſie gleich von einem drohenden Fe⸗ derbuſche beſchattet, duͤnkten ihr doch hoͤchſt aus⸗ drucksvoll und gar nicht abſchreckend. Mit Beklommenheit, mit hochklopfendem Bü⸗ ſen, antwortete ſie dem ſchlanken Unbefennten; 19 der gute Pfarrer ſey vor einigen Jahren verſtor⸗ ben, und ſeine Wittwe habe ſich weggewendet. „Todt?— fragte der Fremde mit tiefer Ruͤhrung—„Und der Oberforſter Birkholz? und Lottchen, die aͤlteſte Tochter?*— Der Ton, den der Fremde auf Lottchen legte, hatte ſein Herz, hatte ihn ſelbſt verrathen.„Phi⸗ lipp! Philipp!“— rief das uͤberraſchte Maͤd⸗ chen, und legte, uͤberwältigt von Eutzucken, doch auch von heimlicher Aengſtlichkeit uͤberfallen, das braungelockte Koͤpfchen an ſeine Bruſt. Die Wonne des Wiederſehens, die feurigſte Umarmung, machte erſt nach geraumer Zeit ge⸗ genſeitigen Fragen Platz, wie es indeſſen ge⸗ gangen ſcyh? Lottchen zog den Geliebten nach einer Raſenbank, dir ſie rinſt beyde unter den Tannen erbauet hatten, nahm ihm den Czako ab, entdeckte eine lange Rarbe auf ſeiner Stirn, und ließ nun nicht nach, bis Philipp zuerſt er⸗ zaͤhlte. Der feurige, leicht zu reitzende Juͤngling hatte den vom Hberfoͤrſter erlittenen Schimpf nicht ertragen könpen. Er nahm Birkholzens Drohworte, nicht ohne Trotz, fuͤr einen foͤrmli⸗ chen Abſchied an, begab ſich uͤber die Gränze, und ging bey einem andern Foͤrſter in Dienſte. Fi⸗ nige Jahre darauf wurde, weil eben der Krieg ausbrach, ein Jäger⸗Bataillon angeworben, Phi⸗ 25 „ lipp, der nicht nur lang und ftark, ſondern n anch ein trefflicher Schuͤtze war, meldete ſich als F Frey⸗ williger, und wurde mit Vergnuͤgen angenommen. Von nun an dachte er auf nichts, als ſich auszu⸗ zeichnen, um einſt dem Oberfoͤrſter Birkholz mit Stolz, und ſeinem Lottchen mit Ehren, unter die Angen zu treten. In kurzem wurde er zum Ober⸗ jager ernannt. Der Hfficier, unter deſſen Befehl er nunmehr zu ſtehen fam, ſchien qus eigenem Antriebe, oder auf fremde Anreitzung, einen Groll gegen ihn zu hegen. Gab es irgendwo eine gefährliche Unternehmung, ſo erhielt Philipp Buchen— dieſen Zunahmen hatte er ſchon frü⸗ her auf Birkholzens Verlangen annehmen muͤſ⸗ ſen— dazu Befehl. Doch weit gefehlt, daß ihm dieß, einige Wunden abgerechnet, zun Rächtheile⸗ gereicht haͤtte, ſo befoͤrderte es vielmehr ſriu Gluͤck. Buchen und ſeine Untergebenen, von ſei⸗ nem Geiſte belebt, leiſteten jederzeit mehr, als man verlangte; kein Eilmarſch war fuͤr ſie zu an⸗ ſtrengend, kein Wageſtuͤck zu halsbrechend; was ſie erwitterten, das hohlten ſie auch; wen ſie auf das Korn faßten, der war geliefert! Bald war der Oberjäger Buchen im ganzen Bataillon zu bekannt, als daß ſeine Schlauheit und Tapfer⸗ keit dem Anfuͤhrer, und ſelbſt dem commandiren⸗ den General, verſchwiegen bleiben konnte. Bu⸗ chen wurde Lieutenant, erhielt unter den groͤß⸗ 21 ten Verheißungen den Orden, aber auch, nach geſchloſſenem Frieden, als Auslaͤnder, ſeine Ent⸗ laſſung, mit der Vertroͤſtung auf baldmöglichſte anderweitige Anſtellung. Dieß ungefaͤhr, nur mit weit hinter der Wahrheit zuruͤckbleibender Beſcheidenheit, er⸗ zählte der Lieutenant; aber nun ſollte auch Lott⸗ chen von der 3 wiſchenzeit, von Bewahrung ihres Schwurs auf Leben und Tod, Rede und Antwort geben; 1* Das arme Midchen war eine viel zu un⸗ geubte Suͤnderinn, als daß das Andenken an ihr, doch hoͤchſtens nur etwas leichtſinniges Betragen in der Stadt, ſie nicht in die groͤßte Verlegen⸗ heit verſetzt haͤtte. Sie erzaͤhlte nicht ohne Stocken, daß ſie und Jettchen von der Kriegsrä⸗ thinn erzogen worden wären; daß ſie im Hauſe* der Tante mancherley Perſonen geſehen; daß un⸗ ter dieſen auch die Rachbarn des Forſthauſes, der Oberforſtmeiſter und Faͤhnrich von Rothenbucha, ſich befunden hätten, und wuͤrde dem auf alles ſcharf Acht habenden Geliebten doch ziemlich entwiſcht ſeyn, haͤtte ſich nicht am Schluſſe des etwas verwickelten Berichtes Jacob, der Reit⸗ knecht der beyden Junker, ſehen laſſen, der ſpio⸗ nirend einige Mahle um das Fovſthaus ritt. „Was will der Menſch?*— fragte Buchen verwundert, erwartete aber nicht Lottchens Ant⸗ — 22 wort, ſondern ſprang haſtig auf den Reitknecht zu, und redete ihn ſelbſt trotzig an:„Zu wem will er?* Der Reitknecht ſchauete dem Lieutenant in das Geſicht, erſahe, da ihm jener eben in den Zugel fallen wollte, ſeinen Vortheil, rief lachend: „Richt zu ihnen, mein Horr!* und gab ſeinem Fuchſe die Spornen. Natürlich weckte dieß Venehmen, befonders die Flucht des Reitknechtes, nur noch mehr Bu⸗ chens Argwohn, und Lottchen wurde aufs neue von ſich zu entfernen ſuchte, ſo wurde doch Bu⸗ chen durch ihre furchtſame Erzählung von dem Verhältniſſe, daß zwiſchen ihrem Väter und dem inde, nicht befriedigt. Es ſchien ihm nicht alles, wie es ſeyn ſollte. Er ſchwur hoch und theuer, daß er dieß genauer erfahren müſſe, und wurde⸗ nur durch Lottchens zaͤrtliche Umarmung fuͤr den Augenblick, wenn auch nicht beruhigt, doch be⸗ täubt. Er ließ ſich nicht bewegen, mit in das Forſthaus zu gehen. Der Dberfoͤrſter, meinte er, muͤſſe entweder zur Verſöhnung die Hand biethen, oder, da er ehedem anch Soldat geweſen, ihm Genugthnung geben. Doch verſprach er auf Lott⸗ chens Bitte, die es über ſich nahm, zwiſchen ihm und dem Vater Vermittlerinn zu werden, des in das Verhoͤr genommen. So ſehr ſie alle Schuld Dberforſtmeiſter, als ſeinem Vorgeſetzten, Statt. 23 Abends gegen neun Uhr unter ihre Fenſter zu kommen. Hierauf pfiff er ſeinem Begleiter, einem Un⸗ terjager, der aus treuer Anhänglichkeit ſtets an ſeiner Seite gefochten hatte, und auch jetzt nicht von ihm wich, und entfernte ſich auf einem Holz⸗ wege. Waͤhrend ſich dieß vor dem Forſthauſe begab, knuͤpfte ſich zu Bärenklau eine Unterhandlung an, die auf dieſe Geſchichte unmittelbaren Ein⸗ fluß hatte. Fraͤulein Babet von Ilmenthal, von der Ratur mit nicht gewoͤhnlichen Reitzen, doch zugleich mit ſehr feurigen Leidenſchaften begabt, ging im zwanzigſten Jahre an den Hof, und mußte ihn wegen eines Aufſehen erregenden Lie⸗ beshandels, auf Befehl der tugendhaften Für⸗ ſtinn, im drey und zwanzigſten wieder verlaſſen. Es blieb ihr nichts ubrig, als ſich mit ihrer Mut⸗ ter auf das väterliche, ziemlich verſchuldete Gut Baͤrenklan zuruͤck zu ziehen, wo ſie das: „In meinem Schloͤßchen iſt's gar fein; Komm, Ritter, kehre bey mir ein!“ nicht umſonſt ſo oft zur Guitarre ſang. Kaum war der Oberforſtmeiſter und der Faͤhnrich von Rothenbucha, mit welchen ſie ſchon in der Stadt bekannt worden war, auf dem Lande angekommen, als ſie auch nach dieſen ihr Retz auswarf. Louis, den das Verſtaͤndniß mit Jett⸗ 24 chen noch bey weitem nicht genug beſchäftigte, ließ ſich dieß gern gefallen, und knuͤpfte auch mit Babet einen förmlichen, und nach ſeinen Aeuße⸗ rungen, ſehr ernſtlichen Liebes Roman an. So wenig das Fräulein es ſich anfänglich einbildete, daß das artige Blondchen, wie ſie Jett⸗ chen oft ſchmeichelnd nannte, ihre Nebenbuhle⸗ rinn ſey; ſo hatte doch jetzt ihr Kammermädchen durch die Dienerſchaft etwas von dem zwiſchen Jettchen und dem Fähnrich Statt findenden Brief⸗ wechſel erfahren, und dieſe auffallende Rachricht ihrem Fraͤulein ſogleich mitgetheilt. So ſehr ſich daher Babet freuete, als Louis dieß Mahl recht fruͤh nach Baͤrenklau kam, ſo ſtutzte ſie doch nicht wenig, als er ihr, ganz un⸗ befangen ſcheinend, zu wiſſen that, daß er aus guten Gruͤnden Foͤrſters Jettchen durch ein Billet hieher beſchieden habe, und ſie zugleich erſuchte, ihn mit dem Maͤdchen auf einige Augenblicke al⸗ lein zu laſſen. 6 Jetzt hielt das Fraͤnlein kaum an ſich, den geliebten Ungetrenen mit Vorwuͤrfen zu beſtur⸗ men; allein dieſer merkte ihr kaum eine Verän⸗ derung ab, als en ſich lachend erklarte, daß Ba⸗ bets Eiferſucht fur ihn ſchmeichelhaft, aber ohne allen Grund ſey; daß er nothgedrungen mit Jettchen eine Comodie ſpiele, und ſie ſelbſt, um ſich hiervon zu uͤberzeugen, der gewuͤnſchten Un⸗ ter⸗ — Ankei terredung, die anf ihr beyderſeitiges känftiges Beſſerbefinden Einfluß habe, insgeheim zuhören. koͤnne. 2½ Babet war nicht gutmuthig und unerfahren genug, um dem Schmetterlinge auf das Wort zu trauen, und dieſe Rechtfertizung für lautere Wahrheit anzunehmen. Der Fähnrich erzählte ihr daher fluͤchtig, ſein Vater habe einſt an ei⸗ nem Mädchen niedern Standes Gefallen gefun⸗ den, der Griesgram voh HOberfoͤrſter aber der Dirne ſich angenommen, und mit Gewalt eine Verſchreibung zu erpreſſen gewußt, nach welcher dem ans jener Liebſchaft erzeugten Sohne das Freygut Ullersdorf zugehoren ſolle. Das Naͤhmliche ſey im Teſtamente ſeines Vaters, der kurz vor dem Tode ſchwach und fromm geworden, enthalten gew, ſen. Bis jetzt habe man Hoffnuug gehabt, daß dieſe Urkunde nie an das Licht kom⸗ men werde, auch zu Befoͤrderung dieſes Zweckes weder Geld, noch ſonſt etwas, geſchont; doch jetzt, nach Abſchluß des Friedens, ſtehe, erhalte⸗ nen Nachrichten zu Folge, leider zu befuͤrchten—— In dieſem Augenblicke wurde Jettchen ge⸗ meldet. Von dem Fräulein mit falſcher Frennd⸗ lichkeit, von dem Faͤhnrich öſſentlich mit Hoͤf⸗ lichkeit empfangen, hatte ſich die Kleine kaum isſch ſich Babet unter dem Vorwande des ens entfernte. 5. Unterhalt. Bihlioth. 10. B. B Louis, dem es nicht wenig luſtig ſchien, vor den Angen einer lauſchenden Eiferfuͤchtigen ſeine, ihm gar nicht ſchwer werdende Rolle recht natuͤr⸗ lich zu ſpielen, leitete das Geſpräch mit Haͤnde⸗ druͤcken und Umarmungen ein, nannte Jettchen einmahl uͤber das andere ſeine Einzige, ſeine Göͤttliche, haͤuchelte dann Zweifel un ihrer gleich zärtlichen Liebe, und verlangte zuletzt mit ſchein⸗ barer Schwäͤrmerey eine Probe ihrer Trene. Das Maͤdchen meinte naiv genug, daß ihr nichts mehr zu geben ubrig ſey, da er laͤngſt ihr Herz beſitze, erboth ſich jedoch zu jeder Pruͤfung. Jetzt ruͤckte der Fähnrich ſeiner Abſicht naͤher. Es ſey, meinte er, freylich nur eine Kleinigkeit, was er fordere, es werde fuͤr ihn keinen Werth haben, als den, es aus den Haͤnden treuer Liebe zu empfangen; mit einem Worte, es ſey eine in blauen Umſchlag eingeſiegelte Schrift, die ihr, wie ſie wiſſe, oft⸗ wunderlich eigenſinniger Vater in. Verwahrung habe, die bloß ihn und ſeinen Bruder angebhr, und, wie Letzterer bey Gelegenheit einer geſuch⸗ ten Forſtrechnung einmahl bemerkt habe, in des Dberforſters Schranke, und zwar im oberſten Fache rechter Hand, unter andern Papieren liege. Bey Jetichen regte ſich bey dieſem Antrage, ihrer Verdorbenheit ungeachtet, doch einiger Ma⸗ ten das Gewiſſen. Allein der geſchmeidige Lonis wußte ihr ſehr bald alle Zweifel anszureden, wegzutändeln, wegzukuͤſſen, und ſie verſprach ihm mit Hand und Mund, bey erſter Gele⸗ genheit die gewuͤnſchte Schrift zu entwenden. Der Faͤhnrich rieth ihr, aus huten Gruͤnden, wie er ſagte, nur noch moͤglichſte Beſchlenni⸗ gung an, und kaum war dieſe Verabredung getroffen, als Babet, ſich ganz unwiſſend ſtel⸗ lend, wieder in das Zimmer trat, und Jett⸗ chen in der Hoffnung, der Vater werde heute nicht zu Tiſche kommen, und ihr zu ſchneller Er⸗ fuͤllung ihres zärtlichen Verſprechens Zeit laſſen, ſich wieder beurlaubte. Kaum war ſie fort, als der Reitfnecht zu Bäͤrenklau anlangte, und ſeinen Herrn auf die Seite rief. Er rapportirte ihm, was jener frey⸗ lich ſchon wußte, daß er Jettchen das Billet nicht habe einhändigen können, und berichtete zugleich die verdaͤchtige Erſcheinung des mit Lott⸗ chen, wie es geſchienen, in ſehr vertraulichem Geſpräche wahrgenommenen Lieutenants. Louis ließ ſich den Fremden genauer beſchreiben, befahl dann dem Reitknechte, nicht abzuſatteln, und ſchrieb angen!licklich an Jettchen, daß ſie mit dem Beweiſe ihrer Liebe keinen Augenblick zögern ſolle; er beſorge, derjenige, welchen er bey die⸗ ſer Angelegenheit beſonders furchte, ſey in der Nähe; vielleicht ſchon morgen, vielleicht heute noch, könne das Bewußte abgefodert werden 4 B 2 Mit die ſem Zettel fertigte er den Reitknecht ei⸗ ligſt wieder nach dem Forſthauſe ab, und em⸗ pfahl ihm, unter Verſprechung eines ſehr reich⸗ lichen Trinkgeldes, moglichſte Eile und Vorſicht.— Der Lientenant Buchen ſchlug, nachdem er ſich von der Geliebten getrennt hatte, gruͤbelnd uͤber ſo Manches, was ihm in ihrer Erzaͤhlung bedenklich vorgekommen war, den Weg nach dem in der Heide gelegenen Dorfe Rottingen ein, und war eben ganz in ſich ſelbſt verſunken, als ihn ein ſeitwärts fallender Schuß aus dem Rach⸗ denken weckte. Er ſahe ſich um, erblickte in der Ferne einen Jäger, erkannte in dieſem abermahls ſeinen ehemahligen Cameraden, hielt ihn für ei⸗ uen jetzt vom Schickſale zugeſandten Freund, der ihm in dieſer Dunkelheit am allererſten Licht ver⸗ ſchaffen koͤnne, und rief daher ohne weiteres den einſt von ihm aufgezogenen Waldmann und Greif an. Die Hunde horchten auf, ſtanden, faßten ihn in das Geſicht, und ſprangen dann mit wuͤthen⸗ der Freude auf ihn zu; Wolf, tief erbittert, ſo wohl uber die Hunde, als uͤber den Rufenden, iam gleichfalls näher. Buchen wahm den Czako ab, breitete ſeine Arme gegen ihn aus, und der ehrliche Alte, von der Freude des Wiederſehens uͤberraſcht, ſtieß nun eiligſt mit dem Fuße die Hunde auf die Seite, um die Liebkoſungen des ehemahligen Zöglings nicht mit den zudringlichen Beſtien zu theilen. Zwar bath Wolf, da er ſich ein wenig be⸗ ſann, um Verzeihung, warf, da er bemerkte, daß ſein ehemahliger Camerad nicht bloß Hfficier, ſondern, was bey ihm für das Hoͤchſte galt, ſo⸗ gar Jaͤger⸗Dfficier war, ganz wider ſonſtige Gewohnheit, ſogar mit gnaͤdigen Herren herum, und wollte ſich zuruͤck ziehen; allein Buchen be⸗ fahl ihm, die Narrenspoſſen zu laſſen, drohete ihm mit Verluſt der alten Cameradſchaft, und erkundigte ſich dann mit der geſpannteſten Auf⸗ merkſamkeit nach ſeinem Lottchen. Vey dieſer Frage ſtutzte der Alte, und ſtand wie mit kaltem Waſſer uͤbergoſſen. Die Freue gegen ſeinen Herrn, mithin auch gegen ſeine Toͤch⸗ ter, forderte Verſchwiegenheit uͤber das von ihm recht gut bemerkte Ab⸗ und Zngehen der Nothen⸗ buchaiſchen Junker, die redliche Reigung zu ſei⸗ nem ehemahligen, ſo lange nicht geſehenen Lieb⸗ linge, ſtrenge Wahrheit. Er ſuchte ſich daher mit mancherley umſchweifen und Entſchuldigungen aus dieſem fuͤr ſein ehrliches Herz bey weitem zu verwickelten Handel zu helfen, meinte, die Maͤdchen waͤren freylich raſch, die Rothenbuchaer Junker ließen ihnen nicht Ruhe, und kurz und gut, da man ſich endlich auf baldiges Wiederſe⸗ hen trennte, war Buchens Verdacht weit hohe geſtiegen, als zuvor. Duͤſter, vor ſich hinſtar⸗ rend, an den Lippen nagend, langte er im Wirths⸗ hauſe zu Rottingen an, und wurde in ein Un⸗ terſtubchen gefuͤhrt, das nur ein Breterverſchlag von der gemeinen⸗ Gaſtſtube trennte. Er forderte Eſſen, und beruͤhrte es kaumz er ferderte Wein, und ſtuͤrzte ihn haſtig hinunter. Dann warf er ſich vor Ermuͤdung— denn er war ans gränzenlofer Sehnſucht, recht bald ſein Lott⸗ chen zu ſchen, Tag und Racht gewandert— auf eine an die Wand befeſtigte Bank, ohne jedoch vor dem Lärm der zechenden Bauern, noch mehr vor innerer Unruhe, ein Auge zu ſchließen. Faſt bis zur Daͤmerung hatte er in dumpfem Vorſichhinbrüten gelegen, als eine Stimme in der Wirthsſtube ihm auffiel, und ſeine Aufmerkſam⸗ keit ſpannte. Es war der Rothenbuchaer Reitknecht, der von dem abermahligen Ritte nach dem Forſt⸗ hauſe zuruͤck fam, und hier in der Schenke bis gegen Abend verweilen wollte. Dieſer treue Spießgeſelle ſeines Herrn hatte ſeinen Auftrag, wie immer, wenn es einen ſchlech⸗ ten Streich galt, auf das puͤnetlichſte ausgerich⸗ tet, und das Billet, ohne bemerkt zu werden, in Jettchens Haͤnde geſpielt. Sie ertheilte ihm muͤnd⸗ die Antwort:„Er ſolle nur mit Finſterwerden wieder bey der Hand ſeyn. Vielleicht gelinge es 31 ihr, ſeinem Herrn das Gewuͤnſchte dann gleich überſchicken zu foͤnnen.“ „Es iſt ein Teufelsleben, auf Ehrel— brummte er jetzt, da er ſich, auf Rechnung des zu erwartenden Bothenlohnes, mit einigen Glä⸗ ſern Branntwein geſtärkt hatte. „Schon wieder auf dem Forſthauſe gewe⸗ ſen?n— fragte der Wirth. „Hm! wo ſonſi?2— „Alſo fuͤr heute zum zweyten Mahle 2— „Wird auch zum dritten Mahle Rath wer⸗ den! Gegen Abend muß ich nochmahls hin; aber dafur ſetzt es auch dieß Mahl, auf Ehre! wenig⸗ ſtens einen Ducaten!“— „Hm! hm! Iſt es denn mit der Laͤpperey ſo eilig 2*— meinte der Wirth. „Es muß wohl!— erwiederte Jacob.“— Da iſt, Gott weiß, woher? ein Anderer herge⸗ ſtoben, ſo ein Stuͤck Eiſenfreſſer, der meinem Herrn, wie er mir ſelbſt geſagt hat, ſchon im Kriege hundert Louisd'or und ſeinen Rothſchim⸗ mel gekoſtet hat! der mag nicht zu unſerm Spiele gehoͤren!“— „Es iſt doch Jammerſchade um die Mäd⸗ chen!— fiel ein alter Bauer ein— „Schade 2— ſpöttelte der Reitknecht— „Wie du es verſtehſt, Alter! Was fehlt meinem Herrn, he? Und läuft ſie ihm nicht ordentlich nach? Sprengt ſie mich nicht ſelbſt hente zum dritten Mahle hin? In der Stadt, bey der al⸗6 ten Raͤthinn, da haͤttet ihr es mit anſehen ſollen! da war ein Leben, da war ein Abhohlen und Heimfuͤhren, da war ein Haͤndedruͤcken und Herzen!“— Schon anfaͤnglich hatte Buchen ſich aufge⸗ richtet. Jetzt ſprang er aus ſeiner Stube, riß die andere Thuͤr auf, und ſtrzte mit gezogenem Sä⸗ bek, wir ein Raſender, auf den Reitknecht zu. Alle wandten ſich um; alle ſchrien durch einan⸗ der; alle ſielen dem Lieutenant in die Arme. Aber der Reitknecht, der den Officier von heute Mor⸗ gen augenblicklich wieder erkannte, mochte das Ende nicht abwarten, riß das Fenſter auf, und ſprang hinaus. Erſt nach einer Viertelſtunde gelang es Bu⸗ chen, ſich von dem Wirthe und den Bauern los zu reißen, und die Leute zu bedeuten, daß er bey Sinnen ſey.—„Auf Leben und Tod!— murmelte er zwiſchen den Zaͤhnen, da er in das Rebenſtuͤbchen zurck kam;—„auf Leben und Tod denn!“— Dann ladete er ſeine Buͤchſe, und wollte fort. „Wohin, Herr Lientenant?“— fragte be⸗ ſorgt ſein treuer Diener.—„Laß mich, Georg!*.— antwortete er mit hohlem Tone—„der Wein, der Streit mit den Bauern, hat mich erhitzt; 44 33 ich muß Blut ſehen; ich will ein Wild ſchießen!— Mit ſtarren Augen ging er davon.— In dem Forſthauſe hatten indeſſen frendige und erſchutternde Auftritte mit einander gewech⸗ ſelt. Gegen Jettchens Erwartung, doch deſto er⸗ wuͤnſchter fuͤr Lottchen, kam der Oberfoͤrſter zum Mittagseſſen. Lottchen hatte dem Vater ſo vielerley zu entdecken. Sie wollte ihm mit der Rachricht von Philipps Zuruͤckknuft uͤberraſchen, ſie wollte Verſoͤhnung ſtiften; ſie hatte ſich abr auch vorgeſetzt, um ihres Gluͤckes ganz würi zu werden, ihren eigenen ehemahligen Leichtſini und das noch fortdauernde Verſtändniß zwiſchen dem Fähnrich und Jettchen einzugeſtehen; doch ſie zanderte damit aus Furcht und aus Angſt bis nach Tiſchr. Nun erſt ſagte ſie dem Vater ſchuͤchtern, daß ſie ihm etwas allein anzuvertrauen habe, und ging mit ihm in ein Seitenzimmer. Sie fing mit den ehemahligen Bekanntſchaften in der Stadt an; ſie erwaͤhnte dann, daß Jettchen dieſe noch nicht abgebrochen habe, und eben wollte der Alte die Jungſte herzu rufen, als Lottchen ihm mit den Worten:„Es iſt alles gut, es wird alles gut werden; Philipp iſt wieder da!“ um den Hals ſiel. Von Frende betäubt ſtand der Sberfoͤrſter ei⸗ nen Angeublick faſt ohne Beſinnung.„O mein E rief er dann aus—„Wo iſt er? wo iſt er 2“ WMit dieſen Worten raynte er, ohne auf et⸗ was weiter zu hoͤren, in ein Cabinert, wo er ihn verſteckt gläubte, und fand— die jungere Toch⸗ ter an ſeinem Schranke, die, durch Louis Brief noch mehr zur Eile aufgefordert, dieſen Augenblick des Alleinſeyns benutzen wollte. Das verſiegelte Papier in der Hand, ſank ſie bey des Vaters Eintritte vor Schreck in eine wirkliche oder erhaͤu⸗ elte Ohnmacht, aus welcher ſie der den gan⸗ en Zuſammenhang angenblicklich errathende Va⸗ ter mit Mißhandlungen weckte. Nur mit der groͤßten Muͤhe, nur durch Be⸗ ſchwoͤrungen und Thränen, gelang es Lottchen, den aufgebrachten Vater einiger Maßen zu be⸗ ruhigen; aber, ſchien er auch einmahl gemaͤßi⸗ get, ſo brach doch ſein Zorn alle Angenblicke aufs neue aus, und er vermaß ſich hoch und theuer, das ungerathene Kind, die diebiſche Hure, morgenden Tages in das Spinnhaus zu bringen! Erſt die Wiedererwähnung von Philipps Zu⸗ 8 ruͤckkunft, welche Lottchen abſichtlich einmiſchte, beſänftigte zuletzt ſeine Hitze. Er ſtieß Jettchen von ſich, und fragte nach Philipp, ſeinrihne Auf Lottchens Antwort, daß ſie ſeinen Aufent⸗ halt nicht wiſſe, gerieth er aufs neue in Feuer, und nur die Verſicherung, Pbilipp wolle dieſen * „ . wackeret Junge! o mein verlorner Sohn!“— 35 Abend an das Fenſter komen⸗ konnte ſeine Un⸗ geduld einiger Maßen beſchwichtigen⸗ So war denn der Friede in Forſthauſe übel und boſe wieder hergeſtellt. Birkholz ſprach un⸗ aufhorlich von Philipp, und als gegeh Abend der alte Wolf mit der Nachricht, den Herrn Jaͤger⸗ Lieutenant auch geſehen zu haben, freudig herein ſtuͤrzte, mußte er ſich augenblicklich zu ſeinem Herrn an den Liſch ſetzen. Herr und Dienet ſchwatzten nun, um nur den Abend herau zu bringen, von alten 2eiten, und wie es in Zu⸗ kunft werden ſolle; jetzt zum erſten Mahle ſchie⸗ nen ſie auch, was ſie ſtets waren, ein Leib⸗ und eine Seele!— Auch dem guten Lottchen dunkte die Wand⸗ uhr nie ſo langſam gegangen zu ſeyn. Sie nahm⸗ um nicht unaufhörlich, nach dem Zifferblatte ſe⸗ hen zu müſſen, mancherley Arbeiten vor, ſahe nach der Kuͤche ſtrickte, nähete, ſpielte auf dem Ctavier, einem Erbſtuͤcke des Pfarrers Berger⸗ Endlich ſiel es ihr noch ein, ſich fuͤr Philipp ganz, wie ehedem, anzukleiden. Ein weiſes Cor⸗ ſet mit gruͤnen Bandſchleifen umſchloß die ju⸗ gendliche Bruſt und die ſchlanke Taille; ihre dichten kaſtanienfarbenen Flechten wurden bloß mit einigen Radeln auf dem Scheitel zuſammen geſteckt.— 36 Roch immer durchſtrich Buchen, Wuth im Buſen, Feuer in allen Adern, den faſt ganz entblätterten Forſt. Der Anblick der alten Hei⸗ mathsgegend, die ihn an ſo manchen Auftritt ſeiner fruͤhen Liebe erinnerte, erhitzte ihn noch mehr. Die Waldvogel ſchrien; die Schwarztan⸗ nen knarrten, wiegend im Sturme; der kalte Wind ſchlug ihn in das Geſicht.—„Sie ſchwur mir auf Leben und Tod!— ſagte er immet bey ſich ſelbſt—„Die Liebe zu ihr vertrieh mich von hier, die Liebe zu ihr jagte mich in Kampf und Sod— Eine Verwuͤnſchung unterbrach den Gedanken. Plotzlich vernahm er in der Ferne eine geiſt⸗ liche Melodie. Er ſtutzte und forſchte, woher dir Muſik komme? Die Krähenhuͤtte, in der ihn Birkholz in Lottchens Umarmung getroffen hatte, ſtand vor ſeinen Augen! Er lachte wild auf, rannte auf die Hutte zu, und riß die Thuͤr auf. Ein Mann mit eis⸗ grauem Haare, zerlumpten ſchwarzen Mantel und einer Harfe, ſaß auf der Bank, und fut⸗ terte aus ſeinem Reiſeſacke den Buhun mit ver⸗ ſchimmelteim Brote und einer vor Forſt eyſtarr⸗ ten Schwalbe.— „Gonnet mir dieſes Rachtlager, Herr harf⸗ ſchuͤtz— flehete der Alte mit zitternder Stimme und ſeltſam blitzenden Augen—„ich bin der 35 Singemann vom neuen Jernſalem, und habe wohl ſonſt in der Kirche mich hoͤren laſſen. Jetzt freylich bin ich alt und verachtet. Die Kinder werfen mich mit Steinen, und die jungen Burſche treiben ihr Geſpoͤtt mit mir. Aber erbarmt euch üͤber mich, und laßt mich die kalte Racht uͤber hier bleiben. Ich will eins ſingen dafuͤr!“ „Recht, recht, Graubart, ſinge, ſinge!“— erwiederte Vuchen—„Ich bin ſo luſtig geſtimmts vielleicht ſinge ich mit!“ Der Alte ſtarrte ihn an, nahm raſch die Harfe, und ſang:— „Wohlauf Tameraden, durch Feld und Moor. Das lärmende Horn hat geklungen! Den ſicheren Blitz im ſcharfen Rohr, Ueber Bruch und Klippe geſprungen! Es donnert im Rebel, durch Racht und Kluft, Der wilde Jäger in hoher Luft!“ Der Ton traf ſchmerzlich auf Buchens Herz.— „Still damit!“— ſagte er—„das war ſonſt! Jetzt will ich wie der Fuchs einſteigen beym Liebchen.“— habe ich ein anderes fuͤr euch!“— verſetzte der Greis—„das Waidmannslied vom ungetrenen Maͤdchen, das nach dem Junker äàn⸗ gelte, ein Schelmſtuck ohne gleichen!“— 35 „Das, das!— lachte Buchen furchthar⸗ Der Alte ſchauerte ſich, ging in eine einfache Volksweiſe uͤber, und begann: Es thaͤt ein Jäger wohl jagen Zwey Stundelein vor der Tagen Einen Hirſch, einen Haſen, ein Neh. Er jagte anf roſiger Heide Ein Mäsölein im fliegenden Kleide, Das wollt' er nehmen zur Ch'.v „Das klingt beſſer, alter Zeichendeuter!“— ähnliches Lied oft geſungen hatte, und ſtutzte ſich auf ſeine Büchſe. Der Harfenſpieler fuhr e „Er zog ſie mit flüchtigen Schritten, Er zog ſie zur Tannenreishuͤtten, Ließ all ſeine Huͤndlein los; So ſaß er mit ſtillem Verlangen, Von ſchneeweißen Armen umfangen, Auf Klee und duftendem Moos.* 1 „Und als nun dahin eine Stunde, Da bollen die ſpuͤrenden Hunde; Es blies ein Schafer ins Rohr.„ »Zieh hin, zieh hin mit den Schafen Mein Jäger, du haſt es verſchlafen! Ich bin noch Jungfrau, wie vor! ſagte Buchen, der ehemahls mit Lottchen ein ——— „Sie thät den Jäger wohl fragen, „Db ſie ein Kranzlein dürft tragen In ihrem ſchwarzbraunen Haar? „Feines Mägdelein! las dir ſagen, Ein gruͤn Huͤtlein mußt du tragen⸗ Wie andre Jagersfrau'n gar!“:,: „So will ich mein Haat laſſen fliegen⸗ Einen ſchmucken Junker zu kriegen, Dem Jäger zu Schand und Spott; Das thät den Jaͤger verdrießenz Er lud die Flinte zum Schießen⸗ 3 und ſchoß das Maͤgdelein todt.“, * 7 Der Alte, der anfaͤnglich ſehr kalt und lang⸗ ſam geſungen hatte, druckte bey dem letzten Verſe mit Miene und Stimme den bitterſten Hohn aus. —„Haͤtt' er's gethan!“— rief er, da der Geſang aus war.—„Hatt er!— Dann griff er haſtig, ohne Ordnung und Taet, in die Saiten, äls wollt“ er ſie zerreißen.—„Du haſt gut geſprochen, ſchwarzer Engel!— ſagte Vuchen, und warf ihm ſeine Boͤrſe zu. Als er aus der Huͤtte trat, war es völlig ½ Abend worden. Finſterniß deckte den Wald; nur der Vollmond blickte Zuweilen durch zerriſſene Welken. 8 6„ Buchen gelangte ſchleichend dem Forſthauſe näher, und ßtellte ſich hinter eine alte Eiche. Er ſahe Licht in den Fenſtern; Lottchen ſpielte Cla⸗ ier, eine Melodie, die ſie auch einſt zuſammen geſungen hatten. Sein Geſicht gluͤhete; ſeine Knie wurden von Froſt gegen einander geſchlagen. Die Erinnerung kam uͤber ihn; eine kalte Thräne floß uͤber ſeine Wange. Jetzt raſchelte es im Gebuͤſch; der Rothenbu⸗ chaer Reitknecht, von Jettchen zum Wiederan⸗ fragen beſtellt, band ſein Pferd an einen Stamm, pfiff, und ſchlich um das Haus. Buchen zielte auf ihn; der Bube war ihm zu gering; er ſetzte un⸗ willig die Buͤchſe ab. Jetzt zeigte ſich eine weiße Hand aus dem Fenſter. Ein Blatt ſtog herab. Der Wind erfaßte es, und fuͤhrte es eine Strecke fort. Buchen trat or. Der Reitknecht, der ihn erkannte, ſchwang ſſch zu Pferde, und jagte von Furcht getrieben davon. Buchen fand das Blatt. Das Mondlicht ſchien hell genug, ihm zu leuchten. Er las die Worte:„Es iſt alles entdeckt. Philipp Buchen iſt da. Rette mich, Geliebter! ſonſt bin ich ver⸗ loren.* „Verloren!— lachte Buchen grimmig— vja das biſt du!— Er kauete das Billet mit klap⸗ vernden Zähnen, und ſtieß es als Pfropf in den auf. Dann trat er wieder hinter die Eiche, legte gu auf die Fenſter, ahmte den Lerchenſchlag nach, dus ehemahlige Zeichen der Liebe. Lottchen, weiß gekleidet, flog herzu, und bog ſich hetans. Sein Herz ſtand ſtill. Es krampfte in ſeiner Hand; der Knall boberte im Walde wirder; das Mädchen war mit einem Schrey zu Boden geſtuͤrzt. Erſt nach Mitternacht kam Buchen zu ſich ſelbſt. Er hatte die Flucht ergriffen, ohns es ſelbſt zu wiſſen; ſeine ganze Kleidung war von Reif und Regen durchnäßt; Czako und Buͤchſe fehlte. Er wätf ſich äuf den Boden, und ſuchte irgend nur einen Gedanken zu erhaſchen. Es gelang ihm nicht. Er riß ſich wieder auf, und rannte von neuem durch den Forſt. Gesen Morgen ſchim⸗ merte ihm in der Ferne das Forſthaus entgegen. Jetzt erſt fiel es, wie ein Blitz, in ſeine Seele: „Sie iſt todt! du haſt ſie ermordet!“— Er befand ſich, ohne des Entſchluſſes bewußt zu ſehn, im Vorplatze des Forſthauſes. Der Oberfoͤrſter preßte ihn heftig an ſeine Bruſt, legte ihm mit bedeu⸗ tendem Winke die Hand aufden Mund, und ſagte: „Schweig! Roch weiß es niemand, als wir!* „Riemaͤnd Riemand!— autwortete Buchen, wie im Wahnſinne und ſchreyend.—„O ſagt es der ganzen Welt! ruft die Gemeindez uͤbergebt mich den Gerichten! Ich ſelbſt babe ſie ermor⸗ drt, ich!— „Eins nur beſchwöre ich dich, ehrlicher Al⸗ ter!“— ſetzte er heimlich thuend hinzu—„laß mich ſie noch ein Mahl ſehen; zeige mir die ſchoͤne Leiche!“ 5 „Beruhige dich, Philipp!— erwiederte Birkholz,—„ſie iſt nur verwundet, nicht todt; du haſt ſie gefehlt!“ „Schade um deine grauen Haare!— verſetzte der Lieutenant.—„Buchen fehlt nicht! Haha! Buchen!* S½ 3 Der Dberfoͤrſter zog der Verzweifelnden ge⸗ waltſam die Treppe hinauf, und öffnete eine ehuͤr. Lottchen, blaß, doch im weiß und gruͤnen Fleide ſchön, wie ein Engel, den Kopf mit einem Tuche verbunden, lag aufeinem Bette, und ſtreckte ihm freundlich die Hand entgegen.—„Komm zu mir, lieher Philipp!— rief ſie zartlich—„Ich lebe, werde für dich leben! Schlecht war ich nie, und den Leichtſinn hab' ich nun gebuͤßt. Richt wahr?* 3 Philipp, in deſſen Herz erſt jetzt wieder Le⸗ benswaͤrme kehrte, ſtuͤrzte neben ihr nieder. Nur die Vorſtellung des Vaters, daß das Mädchen Ruhe beduͤrfe, konnte ihn zum Wiederaufſtehen bewegen, und noch immer mußte Birkholz mit Gewalt die Liebenden trennen⸗ 2 Der Dberfoͤrſter ſandte nun eiligſt den alten Wolf ab, um Buchens Diener herbey zu ſchaffen, 3 damit dieſer durch ſeine Beſorgniß keinen Ver⸗ dacht errege. Ein vertrauter Wundarzt war ſchon vorher im Stillen herbey grſchafſt worden. Die bey⸗ ₰ den Jäger fanden auf ihrem Wege nach dem Forſt⸗ hauſe Buchens Buͤchſe, an welcher der Riemen abgeriſſen war, auf einer Felsklipye. Den Czako brachte erſt nach mehreren Wochen ein Muͤhl⸗ knappe, der ihn am Wehr eines reißenden Berg⸗ waſſers gefunden hatte. Vuchen beruhigte ſich erſt nach einigen Ta⸗ gen; danu entdeckte ihm der Oberfoͤrſier alles, was er ſelbſt wußte. Sie redeten und ſtritten lange und heftig.—„Laß mich thhn was ich vill, und thue dann, was dir wohl duͤnkt!— ſchloß der Oberforſter. Rach dieſem Geſpräche ging Wolf, Buchen ugd ſein Diener, letztere beyde in ge⸗ Seheeri mit einigen der beſien Spuͤrhunde in den Wald! Sie blieben bis zum andern Mittag aus, und brachten den alten Sin⸗ mann mit.— 2 Die holde Kranke fing nach und nach an, ſich zu erhohlen⸗ Die Wunde über dem linken Ange war tief, doch nicht todtlich. Buchen hatte dieß Mahl die erſte Tugend des Schuͤtzen vergeſſen, kaltes Blut! Die Kugel ſtak nach zwiſchen der Mauer und den Fenſtergewänden, wovon ſie ei⸗ nige Stucken abgeſplittert und nach Lottchens Stirn getrieben batte. * Die beyden Liebenden berlebten jetzt die ſelig⸗ ſten Tage. Lottchen war die gutmuͤthigſte, zaͤrt⸗ lichſte Kranke, Philipp der ſorgfältigſte Kranken⸗ waͤrter. Aller Streit zwiſchen ihm und dem Ober⸗ forſter, aller Vorwurf der Untreue, alle Schuld des heabſichtigten Mordes, war vergeben und vergeſſen; nur Vuchen ſelbſt klagte ſich immer von neuem an. Nach einigen Wochen rief der Dberſorſter eines Morgens Jettchen zu ſich, die er zwar ge⸗ nau bewacht, aber bis jetzt als ein unwuͤrdiges, von den Reinen abgeſondertes Weſen behandelt hatte.—„Du ſöhſt auch einmahl etwas Gutes thun!“— ſagte er rauh—„ſchreib, was ich dir ſage! Jettchen mußte Feder und Tinte nphmen, und ein Billet an Louis ſchreiben, nuen⸗ ihn und ſeinen Bruder, unter dem Vorwande, daß ihr Vater heute verreiſet ſey, dringend in das Forſt⸗ haus lud. Dieſen Brief ſandte der Oberfoͤrſter durch einen vertrauten Bauer nach Rothenbucha. Die beyden Bruder ſtutzten. Sie vermutheten allerdings, es müſſe im Forſthauſe etwas vorge⸗ fallen ſeyn; doch konnte man nichts heraus brin⸗ gen. Der Reitknecht hatte zwar den Schuß fal⸗ len hören, war aber auf ſeiner eiligen Flucht zu weit entfernt geweſen, um etwas Genaueres zu wiſſen. Der Oberförſter und Wolf gingen wieder und ſein Diener hatten, wie ſie auf eingezogene ten laſſen, um einem Rechtshandel, wo moͤglich, zu erklären— fuhr Birkholz, ohne ſich irren zu laſſen, fort— muß ich, ſo leid es mir thut, ih⸗ und was mehr ſagen will, das tugendhafteſte 45 wie ſonſt gewoͤhulich, auf die Jagd. Der Wund⸗ arzt kam ſtets im Dunkeln. Der fremde Officier Erkundigungen erfuhren, das Wirthshaus längſt wieder verlaſſen. Nach kurzer Ueberlegung beſchloſſen ſie da⸗ her, ſich im Forſthauſe einzufinden. Jettchen ſtand auf Befehl ihres Vaters am Fenſter, und winkte mit der Haud. Ihr Küſſe zuwerfend, ſtiegen ſie ab, traten in das Haus⸗ und— wurden von dem Oberfoͤrſter empfangen. „Bemühen ſie ſich in die Oberſtube, gnä⸗ dige Herren!*— ſagte der Alte trocken, und nd⸗ thigte ſie hinauf.—„Legen ſie ab!“— fuhr er fort, da ſie in das Zimmer getreten waren—„der Oberforſtmeiſter und Fäͤhnrich hat nichts bey unſerer Sache zu thun!“ ℳ Sie thaten dieß ohne Widerrede.—„Setzen ſie ſich!— ſagte er dann, und nahm Platz zwiſchen Beyden.—„Ich habe fie zu mir bit⸗ in Güte zuvor zu kommen!“ Sie ſchienen befremdet.—„Um ihnen dieß nen eine höchſt alltagliche Geſchichte erzaͤhlen⸗ Ich hatte in meinen juͤngern Jahren das ſchoönſte, 46 Mädchen der Gegend zur Braut. Sie war dir einzige Tochter eines vom ganzen Dorfe geehr⸗ ten, bis zur Ueberſpannung frommen Mannes, der nach dem Tode ihrer Mutter, theils aus Ge⸗ wiſſensdrang und Scheu vor einer zweyten Ehe, theils um der Erziehung dieſes Kindes ſeine unge⸗ theilte Aufmerkſamkeit zu ſchenken, ſich nicht wie⸗ der verheirathete.“. „Dem gottesfuͤrchtigen, nur leider! auch zu teitzenden Mädchen ward das unerwartete Gluͤck zu Theil, auch ihrem verſtorbenen Vater, meine Berren! in die Angen zu fallen. Sie bing an den Vorurtheilen der gemeinen Staͤnde, und wußte eine Auszeichnung der Art nicht nach Wuͤr⸗ den zu ſchätzen. Doch ihr Herr Vatern— der Forſtmann lachte hier ſo laut und furchterlich, daß die Wände ſchuͤtterten—„ließ ſich berab, das ſproͤde Ding durch Liſt und Gewalt eines an⸗ dern zu belehren.“ „Sie floh mehrere Wochen meinen Anblick. Rach einiger Zeit ließ ſie mich zu ſich kommen, erklärte mir, vor Scham und Angſt zitternd, und mehr einem Schatten, als einer Lebendigen ähnlich, daß ſie nie die Meinige werden koͤnne. Ihr Vater lag indeſſen in der anſtoßenden Kam⸗ mer auf ſeinen Knien, und bethete.“ „Nur durch die heftigſten Drohungen erfuhr ich ihren jetzigen Zuſtand„und das Lanze furcht⸗ 3 47 pare Geheimniß. Ich liebte die Arme, wie meine Seele; ich beſtand darauf, daß ihre Schande verborgen bleiben, daß das Kind auf meinen Nahmen getauft werden ſolle! We⸗ der ſie ſelbſt, noch ihr Vater, waren durch meine Verzweiflung, ſelbſt nicht durch meine Thrä⸗ nen, hierzu zu bewegen!“ „Sie gebahr einen Sohn, den ſie, ohne Zu⸗ thun ihres Ungluͤckſtifters, mit ihrer Haͤnde Ar⸗ beit erziehen wollte. Allein die Genichte hatten von dem Vorfalle gehoͤrt, und die Ungluͤckliche wurde zur Kirchenbuße verurtheilt. Dieſe oͤffent⸗ liche Beſchimpfung war mehr, als das arme, durch ſo viele Leiden geſchwächte Mädchen ertra⸗ gen konnte. Man fand am Abend vorher ihren Leichnam in⸗ der Warre!“ „Ich rannte, ſo bald ich es erfuhr, zu ih⸗ rem Vater, um mit ihm vereint der Leiche ein ſtilles, aber ehrliches Begräbniß zu verſchaffen. Der fromme, ſchwärmeriſche Alte, der ſeine Tochter des Selbſtmordes halber fuͤr ewig ver⸗ dammt hielt, war auf dieſe Nachricht in Melan⸗ cholie verfallen und davon gegangen. Die ganze, ihn wie einen Vater zliebende Gemeinde ſuchte ihn mehrere Tage lang in allen Flüſſen und Ab⸗ gruͤnden.* „Das arme Mädchen wurde auf mein fle⸗ bentliches* bey Rachtzeit nahe an der Kirch⸗ auch ſchon keunen— iſt hier!“ ſeln, ſuchten Ausfluͤchte, und wollten ihre E klärung in einigen Tagen ſchriftlich geben. öͤffnete hierbey eine Thuͤr. Der Singemann, ein hofsmauer beerdigt. Ein Fliederbaum, den ich ſpäterhin pflanzte, bezeichnet noch jetzt die Stelle.“ „Als ich von ihrer Beerdigung kam, ladete ich in finſterem Truͤbſinne meine Piſtolen, um ſie gegen mich ſelbſt zu brauchen. Doch das Kind in der Wiege lächelte mich an. Ich ſprengte nach dem Edelhofe ihres Vaters, und noͤthigte ihn aus dem BVette. Er uͤbergab mir nach einigem Streite eine von ihm unterzeichnete Schrift, durch welche nach ſeinem Tode dem Ungluͤchs ſohne das Freygut Ullersdorf zugeſichert ward.“ „Dieſer Sohn, der mir aus jugendlichem Leichtſinn entfloh, iſt jetzt hier. Ich hoffe, ſie, meine Herren! werden ihm ſein Erbe ohne Wei⸗ gerung abtreten. Ein Abſchnitt im Leſtamente ihres Vaters muß ſie bereits hinlaͤnglich über die Richtigkeit meines Anfuͤhrens belehrt haben; die eigenhändige Urkunde, die— ſie hoffentlich Er legte ihnen nach dieſen Worten die Ur⸗ kunde vor. Die beyden Junker zuckten die Ach⸗ „Das ſteht bey ihnen!“— fuhr Birtholz fort—„Ein ſehr ſprechender Zeuge fuͤr meine Erzäͤhlung iſt in unſerer Raͤhe!“— Birkholz Geſangbuch vor ſich aufgeſchlagen, die gefaltet, ſeine Harfe zwiſchen den Kuien, einem Geiſte der Gruft ähnlich, ſaß im Lehnſtuhle. „Das iſt meiner Braut Vater,“— ſagte der Hberfoͤrſter—„der einſt, wie ein Vater, ge⸗ ehrte Schulmeiſter zu Nottingen!“ Der Greis ſtarrte den Oberforſtmeiſter und Faͤhnrich mit hohlem Auge an, ſchien eine Aehn⸗ lichkeit in ihrem Geſichte zu ſuchen, und zeigte ängſtlich mit der Hand, ſich zu entfernen⸗ Beyde waren ſehr erſchrocken, und konnten ihre ſcheue Verlegenheit nicht verbergen. „Uebrigens“— nahm der Oberfoͤrſter wieder das Wort—„wird Lieutenant Buchen, der viel⸗ leicht noch uͤber andere Dinge mit ihnen zu ſpre⸗ chen haben dürfte, ſein Recht ohne mich zu ver⸗ fechten wiſſen!* Er offnete jetzt eine zweyte Thür. Lottchen, noch immer blaß und mit verbundenem Kopfe, ſaß am Fenſter; Buchen ſtand vor ihr in voller Uniform. „Was iſt hier geſchehen?“— fragte der Fihnrich furchtſam.—„Mein Gott! was iſt hier vorgegangen?— ſiel der Hberforſmeiſter mit ungehaͤuchelter Waͤrme ein. „Richt viel!— verſetzte Birkholz bitter— „Wieder etwas Alltägliches! Der Wilde wollte die Braut erſchießen, weil ſie das Gluͤck harte, n Herr Oberforſtmeiſter nicht zu mißfallen! nierhalk. Biblioth. 10. B. C 30 Dieſer ftand tief erſchuttert.—„Geben ſie„ mir die Urkunde; ich unterzeichne ſie!— ſagte er. Er unterſchrieb. Auch der Fähnrich, ſo ſchwer es ihm ward, folgte aͤngſtlich ſeinem Beyſpiele. Die Urkunde in der Hand, begab ſich der Dberforſtmeiſter zu Buchen und Lottchen.— Ver⸗ zeihen ſie mir, Herr Lieutenant!“— rief er be⸗ troffen—„Vergeben ſie mir, gutes Maͤdchen! Ich war leichtſinnig, aber kein Boͤſewicht. Als einen kleinen Erſatz fuͤr alles, was ich mit und ohne Abſicht verſchuldete, biethe ich ihnen die väterliche, von uns beyden Kie S 1. urkunde uͤber Ullersdorf an.* „In der That, auch ich bin erfrent,*— fiel der Fähnrich, tief Athem hohlend, ein—„zu 3 dem Lohne der Tugend etwas beyſteuern zu können.“— Vuchens Blick ſchien ihn zu durchbohren. Er ſtockte. Buchen nahm die Urkunde, und ſahe ſie durch.„Sie haben ihre pflicht rfüllt, in worte er dem Oberforſtmeiſter—„ich thue die„ meinge!?— Er zerriß die Schrift in zwey Stucke.—„Ich beſitze nichts, als dieſe Ehren⸗ zeichen und meinen Degen. Aber— ewiger Fluch möge mich trefſen, wenn ich je etwas mein nenne, das dem angehoͤrte, der meine Mutter in Ver⸗ zweiflung und Tod ſtuͤrzte!“ K Alle ſtaunten ibn an. Der Hhberforſimeiſter, noch heftiger ergriffen, umarmte Buchen, der halb verſoͤhnt die Umarmung erwiederte. Auch der Fähnrich wollte es thun; aber Buchen wies ihn zuruͤck.„Roch ſind wir nicht dahin;— ſagte er feſt—„ich kenne nun den Elenden, der meinen Tod fruchtlos erkaufte, und Henriette iſt meiner Braut Schweſter! Sie ſind, ich ſage es ihnen Auge in Ange, ein Richtswuͤrdiger! Haben ſie etwas dagegen, ſo beſtimmen ſie Ort und Stunde!* Die beyden Bruͤder ſahen wohl ein, daß 5 hier nichts mehr fuͤr ſie zu thun war. Sie beur⸗ laubten ſich daher, Franz mit Verſicherungen des redlichſten Wohlwollens, der Fähnrich, ohne ein Wort aufbringen zu koͤnnen. Eine Ausfoderung von ihm blieb aus, ſelbſt da ihn Buchen ſpäterhin einmahl im Walde beynahe thaͤtlich dazu reitzte. Auch hierauf er⸗ folgte hichts, als daß er ſich aus Rothenbucha entfernte, und ſein liebes Jettchen mit ſich nahm, das er jedoch nach einiger Zeit einem Spieler abtrat. Der Oberforſtmeiſter war gleich nach dem Auftritte im Forſthauſe nach der Reſidenz abge⸗ 8 reiſet, von wo aus er dem Lieutenant Buchen, on dieſem geſuchte Ernennung als Birkhol⸗ Gehuͤlfe, mit der Anwartſchaft auf die 52 Stelle ſelbſt, uͤberſandte. Dft kußte Buchen die Rarbe uͤber Lottchens linkem Auge, und ihre Umarmungen daukten ihm dafuͤr, als fuͤr eine verdiente Strafe, und für das Mittel ihrer Aus⸗ ſöhnung mit ſich ſelbſt. „ Tief in waldigen Gebirgen hauſete vor Zeiten auf ſeinem vaterlichen Schloſſe ſtolz und frey Don Vincenzo de Aſtorgas. Der edle Ritter leitete ſeinen Stamm von uralten Koͤni⸗ gen ab, und fuhlte ſich zu erhaben, um irgend einem Monarchen der Chriſtenheit ſeine Dienſte anzubiethen. Lieber begnügte er ſich an dem nicht allzu reichlichen Ertrage ſeiner Laͤndereyen und den wenigen Zerſtreuungen, welche ihm der Be⸗ ſuch benachbarter Ritter gewähren konnte. Seine einzige, achtzehnjaͤhrige Schweſter Ines wurde, weil ſie einen ebenbuͤrtigen und ſehr reichen Freyer verſchmaͤht hatte, von ihm gehaßt, und mußte, wie in Verbannung, auf einer entlegenen Burg leben. Daher beſchränkte ſich ſeine Familie, in deren Kreiſe er, ohne ſie ſonderlich zu lieben, ſeine Tage zubrachte, auf ſeine Gemahlinn, Donna Elvira, auf ſeinen ungefaͤhr drey⸗ zehnjährigen Sohn Fernando, und auf zweb jungere Loͤchter, Francisca und Roſa ge⸗ nannt. 66 Dieſen Kindern gewiſſer Maßen zur Geſell⸗ ſchaft wurde ein etwas erwachſenerer und nur leider! ſtummer Knabe, Rahmens Sylvio, auf dem Schloſſe erzogen. Seine Aeltern waren fruͤh verſtorben, und hatten ihm nichts, als einen makelloſen Adel zum Erbtheile hinterlaſſen. Er fuͤhrte auf dem Schloſſe den Titel eines Pagen, genoß aber in der That alle Vorrechte des Kin⸗ des, eine Milde, die er nicht nur durch Dank⸗ barkeit und Gehorſam, ſondern auch, ſo weit nur ſein Raturfehler dieſes geſtattete, durch ein heiteres Vetragen und die zuvorkommendſte Be⸗ reitwilligfeit gegen ſeine Gebietherinn und ihre Finder im vollſten Maße verdiente. Als er eines Tages in der nahen Waldung den Wipfel einer Fichte erklettert hatte, um fuͤr ſ ſeine jungen Geſpielen ein Reſt wilder Turtel⸗ tauben auszunehmen, ſahe er, von dieſem hohen Sitze herab, eine Dame in Jagdkleidung auf ſcheu gewordenem pferde vorbey ſprengen. Rur er, nicht die ſchlanke Reiterinn, konnte den wr⸗ nig Schritte entfernten Abgrund gewahr werden, der ihr angenſcheinlich den Tod drohete. Wunder⸗ bar ergriffen von ihrer außerordentlichen Schoͤn⸗ heit, zitternd für ihr Leben, und ſchon im Be⸗ griffe, ſich zu ihrer Rettung von dem Baume herab zu ſtuͤrzen, ſtrengte er ſich an, einen war⸗ nenden Laut von ſich zu geben; plötzlich ſpranz 37 das Band ſeiner Zunge, und er rief mit ängſt⸗ licher Stimme:„Sennora, ihr ſeyd ungluͤcklich!“ Die reitzende Jaͤgerinn entdeckte nun ſogleich die hinter dem Geſtraͤuche gähnende Tiefe, riß das Roß herum, und warf dann einen Blick mit dem Ausdrucke der innigſten Erkenntlichkeit nach ihrem jugendlichen Retter. Sie wiederhohlte die⸗ ſes nochmahls in einiger Entfernung, und ver⸗ ſchwand dann im Gebuͤſche. Froh uͤber das erbeutete Vogelneſt, und ent⸗ zuͤckt uber den ihm zu Theil gewordenen Dank, flog Sylvio mit blitzenden Augen nach dem Schloſ⸗ ſe, deſſen Bewohner er durch den erlangten Ge⸗ brauch ſeiner Sprache in nicht geringe Verwun⸗ derung ſetzte. Man war augenblicklich bereit, die ganze Begebenheit fuͤr ein Mirakel, und die er⸗ ſchienene Dame fur nichts Geringeres, als die hei⸗ lige Jungfrau, anzuſehen. Doch erregte ſpaͤter⸗ hin, da Sylvio mit uberſtrömendem Feuer die näheren Umſtäͤnde erzählte, das Jagdgewand der anbekaunten Schoͤnen und die Lebensgefahr, in welcher ſie allem Anſcheine nach geſchwebt hatte, einige Zweifel dagegen, und die Meinungen blieben getheilt. Nach einigen Wochen ladete Don Vincenzo, wie dieſes oͤfters zu geſchehen pflegte, ſeine Rach⸗ barn und Freunde zu einem Gaſtmahle. Schon mußte man Kerzen anzuͤnden, und ſtand im Be⸗ 38 griffe, die Tafel aufzuheben, als der Page Syl⸗ vio nach Landesſitte mit ſilberner Gießkanne und Unterſchale in das Zimmer trat, um den Gä⸗ ſten Waſſer zum Haͤndewaſchen anzubiethen. Er verrichtete dieſen Dienſt mit der ſittſamſten Ge⸗ berde und dem höflichſten Anſtande. So oft ihm von einer der anweſenden Frauen und Fraͤulein, die jetzt den ſchoͤnen blonden Knaben, wegen der bey der Tafel erzaͤhlten Wunderbegebenheit, noch weit ſchaͤrfer in das Auge faßten, ein guͤnſtiger, wohlgefaͤlliger Blick zu Theil ward, uberzogen ſich ſeine Wangen mit der zarteſten Roͤthe. Er glanbte ſein Geſchaͤft auf das vollſtan⸗ digfte verrichtet zu haben, und ging eben uͤber eine lange, duͤſtere Gallerie, um die Gefaͤße an Ort und Stelle zuruͤck zu tragen, als ein in him⸗ melblauen Sammet gekleidetes, doch verſchleyer⸗ tes Fraͤulein auf ihn zukam, und ihm laͤchelnd winkte, auch ihr den Dienſt des Waſſerreichens nicht zu verſagen. Beſtuͤrzt, daß er dieſe uͤberſe⸗ hen habe, und von der Holdſeligkeit ihres We⸗ ſens außer Faſſung gebracht, goß er augenblick⸗ äch, nicht ſo geſchickt, als ſonſt, friſches Waſ⸗ ſer ein. Sie netzte ein wenig die Fingerſpitzen, trocknete ſie ab, legte dann das damaſtene Ab⸗ wiſchtuch ſanft auf ſeine Achſel, und entferntr ſich, ohne ein Wort zu ſagen. F 59 Sylviv, deſſen Geſicht bey dieſem Herabbeu⸗ gen von dem wärmſten, ſuͤßduftendſten Athem berührt worden war, ging mit gluͤhendem Geſichte uͤber den Corridor, um das Waſſer wieder aus⸗ zugießen. Allein bey dem Umwenden des Veckens horte er etwas klingen, und fand, da er in dem kupfernen Schwenkkeſſel nachſuchte, auf deſſen Boden einen blitzenden Ring. Weit erſtaunter noch, als vorher, eilte er, den Ring in die Hoͤhe haltend, in das Lafelge⸗ mach zuruͤck, ſuchte mit leuchtenden Blicken uͤber⸗ all nach der blan gekleideten Schoͤnen, und fragte dann, da er ſie nirgends entdecken konnte, nach der Eigenthumerinn des gefundenen Kleinods. Doch, ſo viel Frauen und Fraͤulein ihre bering⸗ ten Finger beſahen, keine von ihnen vermißte et⸗ was; ſo genau Sylvio die Kleidung und Geſtalt der ſchoͤnen Dame beſchreiben mußte, niemand fehlte von den zugegen geweſenen Gaͤſten. Jetzt fing man von neuem an, ſich mit ge⸗ heimnißvollen Mienen von einer Heiligenerſchei⸗ nung in die Ohren zu fluͤſtern, und kaum gelang es der Donna Elvira, die wundergläubigen Frauenzimmer zu überzeugen, daß ja die hoch⸗ gebenedeyte Jungfrau ſchwerlich mit einem Fe⸗ derbuſche auf dem Hute, im gruͤnen Reitkleide und auf einem Roſſe ſich zeigen werde, wie gleichwohl Sylvio die fremde Dame im Waldt erblickt habe! „Aber, wenn es die Hochgelobte nicht war, wertheſte Donna!“— fragte endlich eine bejahrteé Sennora—„ey ſo ſagt, wer war es denn ſonſt2* „Wie, wenn es Mira geweſen waͤre?— erwiederte laͤchelnd Elvira. „Richtig! richtig!*— fielen mehrere Anwe⸗ ſende ein—„Mirs war es wahr und wahrhaf⸗ tig!— Mauche der Uebrigen zuckten dabey be⸗ denklich die Achſelu; andere laͤchelten, andere wieder bekreuzten ſich; alle aber ſtimmten uͤber⸗ ein, daß der gefundene Ring, komme er auch, von wem er wolle, im Beſitze des holden Finders bleiben muͤſſe. Kaum war dieſer Beſchluß gefaßt, als die Damen an Geſchwindigkeit wetteiferten, eine ſeidene Schnur herbey zu ſchaffen. Sylvio mußte niederknien, und Donna Elvira hing ihm den Ring mit eigener Hand um den Hals. Der durch ſeinen Fund nicht wenig erfreuete Page hatte von dieſer Unterredung nicht ein Wort verloren, und der Nahme Mira klang von nun an wunderlich in ſeinem Herzen wieder. Selbſt 6 des Nachts ließ ihn die Erinnernng an die ſchöne Erſcheinung nicht ſchlafen, und dieſes um ſo weniger, weil der Ring auch im Finſtern die ſchoͤnſten Strahlen von ſich warf. Hatte Sylvio ſich eine Weile an dieſem freundlichen Farben⸗ — — gehoͤrt habe 51 ſpiele geweidet, dann verſunk er in dir ange⸗ nehmſten Traͤume; und etwachte er daraus, ſo erwachte auch mit ihm der Wunſch, die reitzende Unbekannte wieder zu erblicken, oder wenigſtens zu erfahren, wer Mira ſey. 5 Doch ſo geſpannt uͤber dieſen Punet ſeine Aufmerkſamkeit war, ſo hielt er es doch nicht fur ſchicklich, ſeine Gebietherinn um eine Er⸗ täuterung ſelbſt zu bitten. Vielmehr ſuchte er deßhalb die Verwendung ihrer Kinder, und war ſchlan genng, dieſen unvermerkt eine der ſeinigen ähnliche Neugier einzufloͤßen. Sehr oft bath auf ſein Anſtiften beſonders Foſa die freundliche Mutter um eine Erzaͤhlung von Mira; allein immer wollte ſich keine ſchick⸗ liche Zeit dazu finden. Endlich, als an einem truͤben Abend der Herr Ritter abweſend war, erinnerte die Kleine, von Sylvio abermahls gn⸗ geſtellt, die ſaufte Donna aufs neue an ihr G ſprechen; die uͤbrigen Kinder ſtimmten mit ein, und beſturmten die Mutter ſo lange, bis ſie ſich erbitten ließ. „Run, ſo gib mir die Zither vom Pfeiler, Sylvio!*— ſagte Elvira—„Wollt ihr huͤbſch ruhig ſitzen, ſo ſinge ich euch das Mährchen von Mira, wie ich es oft ſelbſt in meiner Kindheit 62 Der Jubel, und bald darauf die Stille, ward aligemein. Die Kinder des Hauſes umringten die Mutter auf ſchnell herbey gehohlten Schaͤmeln; Sylio kniete vor die Gebietherinn auf den Tep⸗ 3 pich nieder; dieſe aber ſtimmte die lange nicht geruͤhrten Saiten, und begann: Seufzend flüſtert durchs Gemäuer, Bas am Ufer des Urola Sich mit falbem Eppich kränzet, Eine ſuͤße Klageſtimme: Nios! Rios! hörſt du nicht? Mira ſeufszt, es flüſtert Mira, Sie des Koͤnigs Kind und Erbinn, Die an wundergleicher Schoͤne 3 Edelfräulein und Prinzeſſinn. Nah und ferne ubertraf. 3 Mira nur, in deren Farbe Stets die ſchoͤnſten Ritter prangten, Mira nur, zu deren Ruhme Sie Gefahr und Tod erwaͤhlten, Fuͤhlte nicht der Liebe Macht. Tauſend, die fur Mira gluhten, Trieb Verzweiflung in die Wellen; Tauſend ſtarben ihr zu Fuͤßen; Selbſt das Aug' des Baſilisfen Loͤdtete ſo viele nie! Als veroͤdet nun die Reiche Von der ſchoͤnen Moͤrd'rinn lagen, Floh ſie vor dem Zorn' des Vaters, Floh ſie vor der Ritter Rache, Ueber Land und uͤber Meer. Zu den Ufern des Urola Kam ſie endlich in die Wildniß, Rach des Grafen Nios Schloſſe. Ins Gewand der Schaͤferinnen Barg ſie ihrer Reitze Glanz. Rios, ſchön, wie Morgenroͤthe, Doch noch wilder, als die Thiere Seiner Felſen, ſeiner Thäler, Liebte Tartſche nur und Lanze, Floh vor jedem Mädchenblick. Und als einſt der ſproͤde Juͤngling Langen, wild verworr'nen Haares, Mit des Loͤwen Haut bekeidet, Heiß den wilden Ur verfolgte, Wahrte ſein die Schaͤferinn. Da erfuͤllten heiße Qusalen,. Lieb' und Sehnſucht, Mira's Buſen; Auf flog ſie vom Sitz' des Mooſes, Sturmte aus der Nacht der Ulmen Dem geliehten Jäger nach. . Wandelt oft im Ulmenſchatten Doch er floh, und lange Laze Weinte nun die ſchoͤne Mira, Wählte dann die Tracht der Jäger, Dem Geliebten zu gefallen, Pfeil und Bogen, Spieß und S Mira ſtreifte durch die Thäler Monden lang von Fruͤh bis Abend, Bis ſich Rios wieder zeigte; Immer floh er; ſie erfaßte Kaum ſein flatternd Lockenhaar; Warf ſich vor dem Wilden nieder, Bath ihn ſanft um Gegenliebe, Folgt' ihm, da er, ſie zu meiden, Schtell nach einem Schloſſe eilte, Zärtlich ſtehebd nach der Burg.* Da verließ das Schloß der Väter Rios, kehrte nimmer wieder, Und die arme Mira weinte, Rief den Tod, ſie zu erlöſen; Aber Leben war ihr Loos. Und noch dauert ihre Liebe, Und noch lebt ſir in den Trͤmmern, Ihrer Sproͤdigkeit zur Strafe, inſam, traurig, jung und ſchön⸗ . Der Verlaſſ'nen Schmerz zu lindern Bringen ſanfte Hirtenmaͤdchen Milch und Eyer, Blumen, Fruͤchte An des wuͤſten Kellers Pforte, Wo nur Molch und Käuschen wohnt. Seufzend flüſtert durchs Gemaͤuer, Das am Ufer des Urola Sich mit falbem Eppich kraͤnzet, Dft der ſchoͤnen Mira Stimme! Rios! Nios! hörſt du nicht?— Die Kerzen waren waͤhrend dieſes Geſanges ziemlich herunter gebrannt, und ſchon einige Au⸗ genblicke hatte Elvira geendet, als der Kreis ih⸗ rer jugendlichen Zuhörer noch immer aufhorch te, in eine faſt ſo ſchauerliche Stimmung verſetzt, als muͤſſe Mira ſelbſt ſich jetzt ſehen laſſen. Alle äàu⸗ ßerten dann den Wunſch, daß das Mährchen län⸗ ger geweſen ſeyn möchte; da es aber nun einmahl zu Ende war, ſo begnögten ſie ſich, die Geſchichte, viel ſie davon verſtanden, zu wiederhohlen, bey der Mutter uͤber eins und das andere Erlaͤu⸗ terung zu verlangen, und die arme Mira, die ihnen am Ende weit beſſer als im Anfange ge⸗ fiel, recht von Herzen zu bedauern. Da man hier⸗ mit fertig war, ſtand man auf, und Sylblo wurde von ſeinen Geſpielen zu mancherley Ver⸗ darin ihr trauriges Schickſal, und forderte d Hirten des Thales auf, der Armen doch ja nichts 66 gnuͤgungen aufgefordert, wozu er ſich zwar, wie immer, bereitwillig, doch dieß Mahl weit weniger geſchickt und erfinderiſch bewies, als an andern Abenden. Denn bey ihm hatte nicht nur das Mährchen, ſondern auch die Art, wie er es erfahren hatte, und der melodiſche Geſang ſeiner Gebietherinn den tiefſten Eindruck hinterlaſſen. Mira's Jäger⸗ tracht erinnerte ihn nur noch ſtaͤrker an die un⸗ bekannte Schoͤne; Tag und Racht ſtand ſie nun mit allen ihren Reitzen lebendig vor ſeinen Augen. Zugleich aber weckte Elvira's Lied in ihm eine vorher nie gefuͤhlte Sehnſucht, auch ſolche Lie⸗ der und Weiſen zu erfinden. Die Zaͤrtlichkeit gegen die fremde Dame, die am Ende doch wohl WMira ſeyn konnte, ſchmolz mit der heftigſten Rei⸗ gung zu Muſik und Geſang gleichſam in Eins zuſammen. So oft er ſich von nun an in den Wald, oder ſonſt in die Einſamkeit ſtehlen konnte, nahm er eine alte Zither mit, die ihm Elvira geſchenkt hatte, und bemühete ſich dann mit raſtloſer An⸗ ſtrengung, irgend ein ſingbares Liedchen zu dich⸗ ten. Alle dieſe ſeine Herzensergießungen waren, da er ſeine Geliebte nicht anders zu nennen wußte, an die ſchoͤne Mira gerichtet. Bald beklagte er mangeln zu laſſen; bald ſang er ein Lied der Sehnſucht, das eben ſo gut ihr Verlangen nach Rios, als das ſeinige nach ihr, verrathen konnte. Endlich da nach einem in ſtiller Wehmuth vertrauerten Winter der Fruͤhling in die Berge wiederkehrte, war ſein Verlangen nach Mira und einem freyern, nur von ſeiner eigenen Will⸗ kuhr abhängenden Leben, zu einer ſolchen Hef⸗ tigkeit geſtiegen, daß er insgeheim den Entſchluß faßte, nach Mira's Schloſſe zu entfliehen. Er kuͤßte eines Abends ſeiner muͤtterlichen Wohlthäterinn mit kaum zuruck gehaltenen Thraͤ⸗ uen die Hand, umaxmte beym Schlafengehen die drey Geſpielen mit auffallender Innigkeit, und machte ſich, ſo bald es wieder tagte, bloß ſeine Zither auf der Schulter, in der geringſten Klei⸗ dung, auf den Weg. Rur Elvira erfuhr die Ur⸗ ſache ſeiner Flucht durch eine kleine, fur ſie hin⸗ terlaſſens Romanze, die nicht bloß der ruͤhrendſie Zeuge ſeiner Dankbarkeit, ſondern auch die Be⸗ ſtätigung ſeines ſchon von ihr geahndeten Dichter⸗ Talents war. Sie ſendete ihm mit Vorwiſſen ih⸗ res Gemahls, der ſich durch dieſe heimliche Ent⸗ fernung fur beleidiget und ſeine Ehre für gekräͤnkt hielt, einige Vothen nach, allein ſie kehrten zu⸗ ruͤck, ohne Sylvio gefunden zu haben. Der wandernde Sänger erblickte ſchon am naͤchſten Abend die Huͤtten der Hirten. Er kuͤn⸗ Sie beuge ſich nach allen Gegenden, forſchend nach Nios, und nichts koͤnne, nach einer alter 68 digte ſich bey ihnen durch einige frohe Liederchen än, und entdeckte ihnen ſein Vorhaben, den ganzen Lenz und Sommer bey ihnen zu verwei⸗ len. Hier, ſagte er, in ihren fruchtbaren Thaͤlern und gruͤnenden Bergen, wolle er Geſaͤnge dich⸗ ten, um dann mit herannahendem Winter ſich auch in den Schloͤſſern und Palläſten freundliche Aufnähme verſprechen zu duͤrfen. Zugleich erboth er ſich, fuͤr diejenigen, die ihm Unterhalt geben wollten, eine Herde zu weiden. Allein das gut⸗ muͤthige Voͤlkchen wollte davon nichts hoͤren, ſon⸗ dern alle ſtritten ſich um den Vorzug, den jun⸗ gen Sänger recht lange bey ſich zu bewirthen. Faum war er hiermit in Ordnung, als er auch bey den Aelteſten der Gegend die genaueſten Rachforſchungen nach dem Schloſſe anſtellte, das die ſchoͤne Mira, oder ihr Schatten bewohne. Leider beſtand aber alles, was man hiervon wußte, nur in Wenigem. Mira, hieß es, laſſe ſich aller⸗ dings zuweilen hoͤren und ſehen. Auf dem halb verfallenen Thurme, den man ihm zeigte, ſchaue ſie zuweilen in jeder Schoͤnheit, die ihr von der Sage beygelegt werde, vom Geländer herab⸗ Weisſagung, ihr Schickſal wenden, als wenn ein Juͤngling, ſchön wie jener, doch wenige grauſam, ibre Liebe mit gleichem Feuer erwiedere 69 Man begnügte ſich nicht mit dieſer Anwei⸗ ſüng. Schon am naͤchſten Abend ward der Fremd⸗ ling von einem Trupp Schäfer und Schaͤferinnen nach den halb verfallenen Mauern begleitet. Alle trugen Körbe mit ländlichen Geſchenken, und Sylvio ſelbſt pfluͤckte unter Weges einen Krans von Immortellen, welchen er an der Pforte des Kellergewoͤlbes aufhing. Von nun an war der Juͤngling mit jeder Abendroͤthe auf den feuchten Stufen ſitzend zu finden. Er betrachtete dann ſeinen farbenwerfen⸗ den Ring, verlor ſich in tiefe Gedanken, und weckte zuletzt durch die fuͤßeſten Lieder den Wie⸗ derhall, um Mira in der Einode zu troſten und ihr ſeine innigſte Theilnahme an den Tag zu le⸗ ger. Aber mit ſo zaͤrtlichen Nahmen er ſir auch belegte, ſo ſehn ſuchtsvoll er ſie rufte; die Gran⸗ ſame ließ ſich doch nicht erblicken, und nur eini⸗ ge Mahl glanbte er leiſe Seufzer, nurein einziges Mahl aus der Tiefe eine einem Eecho aͤhnliche Wie⸗ derhohlung ſeiner Klage vernommen zu haben⸗ So verſtrichen ihm einige Monden unter be⸗ gluͤckender Schwärmerey, als einſt die Hirten beym Schalle der Flöten, Schalmeyen und Sack⸗ pfeifen einen Tanz veranſtalteten, wobey auch der ſchöne Sänger nicht fehlen durfte. Während des⸗ ſelben verkuͤndigte ploͤtzlich eine allgemeine Auf⸗ merkſamkeit, welcher bald ein Frendengeſchrey 70 folgte, die Ankunft einer fremden, reitzenden Schaͤferinn. Alles eilte ihr entgegen, und der ſchwermü⸗ thige Sänger wußte ſelbſt nicht, wie ihm geſchah⸗ als er den ſo gaſtfreundlich empfangenen Ankömm⸗ ling näher betrachtete. Die Jungfrau war nicht im mindeſten praͤchtiger, als die uͤbrigen Dirnen, gekleidet. Ihre langen, mit Vaͤndern durchfloch⸗ tenen Zoͤpfe hingen, ganz wie bey den Andern, kunſtlos den Shc Ihr geenzpfe wie bey den Ihr geſchnuͤrtes Wamms, ihr kurzer, vielfach mit Band beſetzter Rock, glichen durchgangig an Schuitt und Farbe der gewoͤhnlichen Tracht. Allein die Schlaptheit ihres Wuchſes, die Zartheit ihrer Haut, das Hohe in ihrem ganzen Weſen hatte etwas Un⸗ ausſprechliches an ſich, was ſie, ſo wenig ſie es därauf anlegte, angenblicklich zur Koͤniginn des Feſtes erhob. Sylvio glaubte in ihr mit Gewiß⸗ heit die ſchöne Jaͤgerinn und die blaue Damr auf der Gallerie wieder zu erkennen. Um ſie nach Vermoͤgen zu ehren, fuͤhrte man 3 ihn, dem man unter den Juͤnglingen einen ihr gleichen Rang zugeſtand, zu ihr hin, und bath ſie, mit ihm zu tanzen. Mit wohlgefaͤlligem Blicke legte ſie ihre Hand in die ſeinige, und ſchwebt nun an ſeiner Seite ſo den R 8 ⸗ . ſchlug bald die Caſtagurtten, bald das Tamburin, mit ſo bewundernswuͤrdiger Geſchicklichkeit und Anmuth, daß alle Zuſchauer, vor allen aber ihre Mitränzer, von ihrem Anblicke gauß. bezaubert wurden. Da es nachtete, begab ſie ſich mit in die Huͤtte einer jungen Hirtinn, mit der ſie ſchnell Bekanntſchaft gemacht hatte, und entfernte ſich erſt mit anbrechendem Morgen, doch unter der Zuſage, bald wieder einzuſprechen. Sylvio war wegen ihres ſo fruͤhzeitigen Ver⸗ ſchwindens ſehr betruͤbt, und erkundigte ſich bey allen Schäfern nach der ſchoͤnen Fremden. Allein niemand wußte, woher ſie gekommen, niemand, wohin ſie gegangen ſey. Selbſt die Freundinn, bey der ſie uͤbernachtet hatte, kannte nicht ein⸗ mahl ihren Rahmen, und hielt ſie fuͤr die Toch⸗ ter eines reichen Herdenbeſitzers der weſtlichen Gegend. Andere— und o! wie gern glaubte ih⸗ nen Sylvio— wollten ſie zu Zeiten im verlaſſe⸗ nen Schloſſe geſehen haben, und aͤußerten die Vermuthung, ſie moͤge wohl mehr, als eine ge⸗ woͤhnliche Sterbliche, 3 moͤge wohl gar die ſchoͤne Mira ſeyn! Wie dem auch war, die Schöne ließ wenig⸗ ſtens auf die Erfuͤllung ihres Verſprechens nicht allzu lange warten. Sie kum von nut an faſt alle Wochen wenigſtens ein Mahl zu den Hirtenmäd⸗ chen, und ſo innige Ehrfurcht der Sänger auch für ſie fuͤhlte, ſo zweifelte doch niemand, daß auch ſie ihm von Herzeu gewogen ſey. Denn nicht bloß bey den Zuſammenkuͤnften der Schaͤfer ſuchte ſie ihn auf, ſondern ſie begegnete ihm auch zu⸗ weilen in der romantiſchen Wildniß, bath ihn dann umeins ſeiner Lieder, und wußte allgemach, bald durch den Anblick ihrer Schoͤnheit, bald durch ſuͤßen Veyfall, ſeine Liebe zum Geſange nur noch heftiger zu entzunden. Zwey Sommer hindurch danerte dieſe Selig⸗ keit des Junglings, aber der dritte drohete eine Unterbrechung. Die reitzende Schäferinn ſchien jetzt bey jedem ihrer Beſuche traurig und ſchwer⸗ d müthig, ſprach von Trennung, und riß ſich end⸗ lich nnvermuthet— wie ſie ſagte, auf immer— nicht ohne tiefes Gefuͤhl von dem ſie ſo heiß liebenden Jüngling. Run ſang der Unglückliche nichts, als traurige Lieder, aber ſie waren von einem Wohlklange, daß bald alle Schäfer ſie nachſangen, und ſein Ruhm weit und breit, ſelbſt, bis in die entfernteſten Gegenden, erſchallte. So war es denn in dem Vaterlande der Liebe und Lieder kein Wunder, daß die Kunde von dem trefflichen Sänger auch in die Schloͤſſer der Vornehmen drang, und daß der Zuſatz, der Sänger ſey in Mira's Schatten verliebt, die WVeugier nur noch mehr auf ihn richtete. Selbſt der der Herr der Gegend, Don Rui Gomez de Sylva genannt, fand ſich bewogen, ihn zur Verherrlichung ſeiner bevorſtehenden Vermaͤhlung berufen zu laſſen. Der deßhalb abgeſandte Vothe erzählte zugleich, daß die ſchöne Braut ſich ſchon auf dem Schloſſe befinde, daß der Herr Ritter, da ſie um ein großes juͤnger ſey, alles aufbiethe, ſie zu erheitern und zu erfreuen; kurz, däß es eine der allerpraͤchtigſten Hochzeiten geben werde. Bey mehreren Hirten und Hirtinnen en ſtand nun der Wunſch, ihre kuͤnſtige Gebietherinn kennen zu lernen, und da ſie zugleich Sylvio durch ihre Begleitung zu ehren glaubten, ſo ſetzte ſich bald der ſchöne, mit Baͤndern und Schaͤ⸗ ferſtaͤben geſchmuͤckte Zug in Bewegung, deſſen Anfuͤhrer der ſchwermuͤthige Sylvio ſeyn mußtr. Das Schloß war ſo weit entfernt, daß der Weg einige Tagereiſen erforderte. Der laͤndliche⸗ Zug kehrte am erſten Abend in einem Dörſchen gaſtfreyer Hirten ein, und Sylvio wuͤrde ſich von ſeinen Gefährten nicht getrennt haben, wäre er nicht von dem Eigenthuͤmer des Dorfes, einem gewiſſen Don Perez de Sylva, auf das herrſchaftliche Schloß eingeladen worden. Der Ritter nahm ihn ſehr ehrenvoll auf, und führte ihn nach der Abendtafel ſelbſt in das zu ſeinem Aufenthalte beſtimmte Gaſtzimmer. Unterhalt. Bihlioth. 10. B. D „Ich habe euch etwas zu vertranen!„— ſagte er hier zu ihm, ſo bald ſie allein waren— „Tauſcht euer Aeußeres nicht, ſo ſeyd ihr von edler Spaniſcher Abkunft!“ „Du biſt ein alter Chriſt geboren!“ antwor⸗ tete Sylvio mit blitzenden Augen—„ſagte oft mein Pflegevater zu mir. Dein Geſchlecht iſt ſo edel, als das des Koͤnigs, und wohl noch etwas edler!“ „Nun, wenn' das iſt, woran ich nicht zweifle,“— erwiederte Don Perez—„ſo wißt ihr auch Beleidigungen zu raͤchen!“ „Beleidigungen? Allerdings! Aber ich weiß von keiner mir zugefuͤgten Beleidigung!“ „So werdet ihr kü⸗— fuhr Perez kalt fort—„an dem zu rächen wiſſen, der euch euere Geliebte geraubt hat!“ „Meine Seliebi 2*— verſetzte§ ſtau⸗ nend. „Das iſt es, was ich euch zu entdecken hatte! Wäret ihr dieſe Nacht nicht bey uns geblieben, morgen hätte ich euch aufgeſucht. Ich bin euer Freund; ich habe viel zu enerem Ruhme gehoͤrt; euer Schſckſal reitzt mein Mitleid und meinen Zorn. Nehmt S Dolch als Gaſtgeſchenk von mir an und—* „Aber meine Geliebte 7*— wiederhohlte Syt vio zaudernd—„ſollte ſie euch bekannt ſeyn? 75 „Euere Getiebte,*— beſchloß Don Perez— „jene ſchoͤne Schaͤferinn aus der Fremde, eben ſie iſt die Braut, zu deren Hochzeitfeyer ihr geladen ſeyd! Aber ich rathe euch, wohl auf euerer Huth zu ſtehen. Wie leicht iſt es moglich, daß die Ei⸗ ferſucht des bejahrten Rebenbuhlers ſich euerer zu entledigen wuͤnſcht, und daher dieſe Liſt ge⸗ braucht, euch in ſeine Gewalt zu locken. Kluͤger waͤre es immer, ſeiner Boßheit zuvor zu kommen!“ Sylviv erblaßte.„Ha! wer es auch ſey,“ rief er mit anfwallendem Blute—„der mir pern Beſitz, der mir ihre Liebe entriſſen hat, ich werde ihn finden! Gebt mir den Dolch! Ihr ſollt er⸗ fahren, daß ihr enere Theilnahme keinem Feigen geſchenkt habt* In der heftigſten Unrnhe, ohne ein Ange zu ſchließen, brachte nun Sylvio die ganze Racht zu, und beurlaubte ſich ſchon mit Tagesanbruch, um nur recht zeitig auf dem Schloſſe ſeines Se des einzutreffen. Gegen Mittag des dritten Tages uc er und ſein heiteres Gefolge von der Höhe, welche ſie eben erſtiegen hatten„die Zinnen der Burg, und unfern derſelben ein fruchtbares, mit Maul⸗ beerbäumen und Weinſtoͤcken bekleidetes Thal. Sylvio ſchauete hinab, und bemerkte alsbald einen Trnpp Maulthiere und einige S S Vier bis fü if F Saensigmer und einige Diener hatten d 2 ſich an einer kuͤhlen Quelle im Schatten der Bäume gelagert, und je lͤnger Sylvio die Da⸗ men betrachtete, deſto weniger fremd ſchienen ſie ihm. Bald erkanute er, nicht ohne die froheſte Ueberraſchung, Donna Elvira mit ihren zwey Löchtern, Francisca und Roſa, die beyde indeſſen in der lieblichſten Jugend aufgebluͤhet waren. Der junge Fernando, jetzt ſchon ein ſtattlicher Ritter, diente ihnen mit einigen Reitern zur Bedeckung. Laut ſchlug dem Sänger das Herz, die mütter⸗ liche Gebietherinn, die geſchwiſterlichen Geſpielen ſeiner Kindheit, wieder zu erblicken. Er befahl feinen Begleitern, ſich auf der Anhoͤhe ruhig zu Palten, nahm ſeine Zither, und ſtieg hinab in das Thal, um ſich unbermerkt der Geſellſchaft zu aͤhern. Aber ein weit hoͤheres Entzuͤcken ſtand ihm 4 um die ihm ſo theueren Reiſenden aus dem Ge⸗ buͤſche mit Muſik zu bewillkommen, ſchienen die Gegend des Schloſſes nahete ſich, nur von einigen andere als die Jägerinn, die himmelblaue Schöne und die fremde Hirtinn ſehn konnte. bevor, ehe er bey ihnen anlangte. Faſt in dem⸗ ſelben Augenblicke, als er ſeine Zither ſtimmte, Damen etwas in der Ferne zu gewahren. Sie erhoben ſich von ihren Raſenſitzen, und aus der Pagen begleitet, eine gruͤn gekleidete Dame z Pferde, welche nach Sylvio's Ueberzeugung keine — Mit hochklopfender Bruſt verbarg er ſich tie⸗ fer in die Geſtraͤuche, um den Verfolg abzuwar⸗ ten. Donna Elvira mit ihren Toͤchtern und die ſchoͤne Neiterinn umarmten einander mit der innig⸗ ſten Zaͤrtlichkeit. Kaum hatten ſie ſich einige Au⸗ genblicke der Freude des Wiederſehens uͤberlaſ⸗ ſen, als Elvira den Arm der Jägerinn nahm, und ihren Kindern zuruͤck zu bleiben befahl. Auget⸗ ſcheinlich wuͤnſchten die Freundinnen ſich u mancherley zu vertrauen, bevor ſie zuſammen auf dem Schloſſe des Braͤutigams anlangten. Die Gunſt des Zufalls fuͤhrte ſie gerade nach dem Gebuͤſche, hinter welchem Sylvio lanſchte. Hand in Hand ruheten ſie, kaum zwanzig Schritte von ihm entfernt, unter einem Qaßaen⸗ Sutii⸗ und küßten ſich immer von neuem unter Vergie⸗ ßung vieler Thraͤnen. Sylvio blieb kaum ſeiner£ ſelbſt mächtig, und ſtand einige Mahl im Begriffe, ſich den Damen zu Fuͤßen zu werfen; aber ſeius Bangigkeit hielt ihn zuruck. „So iſt es denn ohne Widerruf beſchloſſen, thenere Schwaͤgerinn!“— fing endlich Elvira an—„Du willſt einem Greiſe deine Hand geben?* „Aber welch ein Greis 2— erwiederte Ines; denn daß es dieſe vom Bruder Verbannte ſelbſt war, iſt hoffentlich kein Geheimniß mehr— „Wie edel und großmuͤthig! Wie anſpruchlos, und nur für meine Zufriedenheit heſorgt — „Zudem, konnte ich anders?“— ſetztr ſie berlommen hinzu—„ſollte mein einziger Bruder swig mir unverſoͤhnlich bleiben? ſollte ich immer von dir, die ich ſo liebe, von deinen Kindern, die mir ſo theuer ſind, entfernt leben? immer nur verſtohlen in deine Umarmung eilen?“ .„Ich kenne deine Zaͤrtlichkeit, kenne dein heißes Herz, meine Ines! und dennoch ſchmerzt mich dein Entſchluß. Don Gomez koͤnnte dein Großvater ſeyn!* „Eben darum, Elvira!— Lieben konnte ich ja doch nur einen!“* „Der Ungluͤckliche! Fuͤhlteſt du fuͤr ihn kein Mitleid 2n, c neeineporige Frage zuruͤckgeben. Koͤnnte ich nicht faſt Sylvio's Mutter ſeyn?* „Wie du uͤbertreibſt!— antwortete Elvira, ſchmershaft lächelnd—„Selbſt dein Faſt hat ſich um eine Mandel Jahre verrechnet. H! warſt du auch ſtark genug, dich ſelbſt zu bekaͤmpfen, ſprach nicht fuͤr ihn eine Stimme in deinem In⸗ nern?** „Und wenn ſir geſprochen, und wenn dieſe Stimme ſelbſt meinen Entſchluß geleitet haͤtte? Wie? iſt Sylvio nicht arm? hin ich es nicht? Iſt mein kuͤnftiger Gemahl nicht reich, kinderlos and ſogar— Splvio's entfernter Verwandter?“ 79 „So hätteſt du ſeinetwegen— D meine Schweſter! ich fuͤrchte, der liebende Juͤngling oͤge ſein wunderbares Hirtenmädchen allen Schlöſ⸗ ſern der Erde vor! Mußteſt du ſchon den Knaben mit Wundern umgeben, mußteſt du dieſe Gluth in ihm entzuͤnden und nähren, um ihn nun grän⸗ zenloſen Leiden zu uberlaſſen? „Jhat nicht anfaͤnglich das meiſte der Zufall? Daß er einſt, eben da ich im Begriffe ſtand, mich einmahl mit meiner Elvira zu letzen, mir das Le⸗ ben rettete; daß Theilnahme fuͤr mich ein Wun⸗ der bewirkte, verdiente das nicht meinen wärmſten Dank? Daß ich einen Augenblick wählte, wo alles bey dem Feſte verſammelt und die Gallerie ein⸗ ſam war, daß ich gerade damahls mich ihm wie⸗ der zeigte, war das nicht Folge von dem ſtrengen Verbothe meines Bruders?* „Gut bis dahin, liebe Ines! Aber— ich glaube, wir haben Beyde gefehlt.— Durfteſt du ſeine heiße Leidenſchaft auch noch weiter beguͤn⸗ ſtigen? Durfteſt du ſie auf das neue erwecken durch dein Erſcheinen unter den Hirten? „Und warum nicht? Schriebſt du mir nicht ſelbſt, mein Anblick habe den Knaben zum Dich⸗ ter geweiht? er halte mich fuͤr Mira, und Mira ſey der Inhalt ſeiner Geſaͤnge 2* „Das konnte ich dir unmoͤglich verſchweigen. Run ſehe ich 5 „Warum ſollte ich ihn irren in ſeinem ſcho⸗ nen Glanben? Gab nicht ſelbſt die Lage meines Aufenthalts, gab nicht ſelbſt die Nähe der verfalle⸗ nen Geiſterburg mir den Gedanken ein, ihn in ſeiner lieblichen Täuſchung zu beſtärken?“ „Doch wohin hat d dieß alles gefuͤhrt?* „Sollte dieſe Sſt in dem jungen Her⸗ n wieder erloͤſchen? War es nicht erlaubt, war es nicht Pflicht, ſiche Schweſter, ſie zum win⸗ kenden Liele zu leiten? Auch deine Ines fuͤhlt ſich als Spanierinn, auch deine Ines iſt ſtolz; aber ihr Ehrgeitz iſt von edlerer Art, als die Ei⸗ telkeit Anderer. Moͤgen jene ihre Anbether in blutige Schlachten jagen, moͤgen ſie das Leben des Geliebten dem wuͤthigen Stikre eis inkt es ſchöner, d den Juͤngling, der ich liebe, mit Begeiſterung zu erfuͤllen! ihe S Ge ſäͤn⸗ gen zu entzuͤnden, die jedes Herz entzücken unk troͤſten! Los von der Erde iſt ja der Saͤnger, und noch nimmt ihn der Himmel nicht auf. Spr ich, meine Elvira, wohin ſoll er ſich wenden? Sollte es nicht ein verzeihlicher Stolz ſeyn, dieſe hei⸗ lige Gluth dem Himmel aufzubewahren?“ ch hoͤre dich mit Verwunderung, Schwaͤr⸗ merinn! und kann dich nicht widerlegen. Du willſt dich ſelbſt taͤuſchen mit einem ſchönen Betruge. und ſo hätteſt du deinen Lohn Aber ſ — — — ½ I 2 31 je Sylvio die Geliebte ſeiner Ingend als die Gat⸗ tinn eines Glucklichern finden“— „Er wird mein Bild und ſeinen Glanben in ſei⸗ nem Herzen tren bewahren! Ich werde Reichthum beſitzen, um, wenn auch aus weiter Entfernung, als Freundinn, als Mutter, fur ihn zu ſorgen; und iſt er einſt dahin gelangt, mich ohne Schmerz wieder zu ſehen, dann will ich ihm ſelbſt eine Geliebte in die Arme fuhren, die das Gluͤck ſeines Lebens ſeyn ſoll! Virlleicht, wenn der Himmel meine Wuͤnſcht erhört, vielleicht, wenn deine fanfte Ro⸗ ſa... Doch, die Sonne iſt im Sinken. Genug jetzt! Wir muͤſſen aufbrechen, um auf dem Schloſſe nicht allzu lange auf uns warten zu laſſen!“ Nach dieſem Geſprache ſtanden die beyden Freundinnes auf, und Sylvio ſahe ihnen mit ge⸗ brochenem Herzen nach. Tauſend nahmenloſe Ge⸗ fuhle kreuzten ſich in ſeiner Seele, deren eins immer das andere betäubte.„O wie edel iſt ſie— dachte er unaufhorlich—„wie gut, und wie ſchoͤn! Ha! und ein Greis ſoll ſie mir rauben!“ Bald von dem Gedanken der Rache, den Don Perez in ſeinem Herzen angefacht, bald von dem Lobe, das Ines ihrem Verlobten ertheilt hatte, gefoltert, begab er ſich wieder zu ſeinen Begleitern, richtete die Reiſe ſo ein, daß er nie mit Elvira und ihrem Gefolge zuſammentraf⸗ und gelangte gegen Abend noch zeitig genug auf das Schloß, um dem Beſitzer, Don Rui Gomez, vorgeſtellt zu werden. So feſt er ſich vorgeſetzt hatte, den Braͤu⸗ tigam ſeiner Geliebten zu haſſen, ſo mußte er doch unwillkuͤhrlich alle Feindſchaft aufgeben, als er den majeſtaͤtiſchen und doch ſo leutſeligen Alten erblickte. Auf dem ehrwuͤrdigen Geſichte des Greiſes lag der unverkennbarſte Ausdruck von Edelmuth und Milde, und je laͤnger Sylvio mit ihm ſprach, deſto mehr wurde er von dem Weſen des alten Ritters eingenommen. Des Saͤngers ſanftes Herz vermochte es nicht, feindliche Ge⸗ fuhle in ſich zu verſchließen. Er begnuͤgte ſich nicht damit, jeden Gedanken des Mordes ſelbſt aufzugeben, ſondern er warnte auch Don Gomez⸗ und uͤberantwortete ihm den Dolch. „Euer Antlitz, euere Guͤte hat mich entwaff⸗ nety— ſprach er mit edlem Anſtande—„ich liebte euere Braut, und Don Perez gab mir die⸗ ſen Dolch, mich des Rebenbuhlers zu entledigen. Aber ſo heiß ich die Hirtinn, ſo heiß ich die rei⸗ zende Ines liebe, ſo gewiß ich ihrer nimmer vergeſſen kann— fern ſey es von mir, euer Gluͤck zu untergraben! Genießt denn an ihrer Seite die froheſten Tage, und laßt mich in meine Einoͤde zuruͤck wandern!“ 6 65 Rui Gomez maß den Juͤngling mit greßen Angen, that einige Schritte auf und ab, und rief dann Ines in das Zimmer. „Theuere Ines, kennt ihr dieſen jungen Saͤn⸗ ger, der mich eurenthalben toͤdten wollte?“— fragte er ſie ſanft. Doch er erhielt keine Antwort. Ines erbleichte, ſo bald ſie Sylvio erkannte, Gomez und Shlvio ſlogen herzu, ſie zu unter⸗ ſtuͤtzen, trugen ſie in das Rebengemach, und über⸗ gaben ſie der Vorſorge ihrer Dienerinnen. „Sey ohne Furcht, Juͤngling!“— ſprach dann Gomez zu Sylvio—„und verhalte dich ru⸗ hig auf dem Schloſſe. Ich kenne dieſen Don Peres und ſeine eigennuͤtzige Abſicht. Schon Jahre lang hoffte er auf meinen Tod, um ſich meiner Guͤter, wozu er nach dem Grade der Verwandſchaft näch⸗ ſter Erbe ſeyn würde, zu bemäͤchtigen. Meine Vermählung ſchien ſeine Habſucht zu bedrohen; darum wollte er dich zum Meuchelmoͤrder machen. Aber noch lebe ich, noch werde ich Wuͤrdigere zu finden wiſſen!—— Geh, mein Sohn, und ſorge fuͤr das Unterkommen deiner Gefaͤhrten, Ich werde dich rufen laſſen, wenn ich deine Ge⸗ genwart wuͤnſche!“ MRit dieſen Worten entließ er den Unglück⸗ lichen, der abermahls eine Racht ſchlaflos zu⸗ brachte, und am folgenden Tage von Gomez ſelbſt der ganzen Geſellſchaft ats Anführer und Vor⸗ 3. ſünger der Hirten vo tellt würde. Die Freude des Wiederſehens war 6 Seiten Elvirens und ihrer Kinder nicht gering, und da es Sylvio änßerſt ſchwer wurde, ſeine gluhende Empfindung fuͤr Ines zu verbergen, ſo war auch ihm dieſe Gelegenheit ſehr erwuͤnſcht, ſeiner Unruhe in dem Umgange mit ſeinen Ingendgeſpielen eine andere Richtung zu geben, und die Waͤrme ſei⸗ nes Grfuͤhles von Ines gleichſam auf dieſe zu uͤbertragen. Beſonders fand er ſich aufs neue zu der lieblichen Roſa hingezogen, der er ſchon auf dem Schloſſe ſeines Pflegevaters vor allen Andern gewogen geweſen war. Auch ſie uberließ ſich mit der yolden Verſchaͤmtheit einer reifenden Jungfran den Ausbruͤchen ihrer, durch die lange Trennung nur noch verſtärkten ſchweſterlichen Zärtlichkeit. So vergingen unter mancherley Zerſtreuun⸗ gen einige Tage. Auch Don Vincenzo kam wäh⸗ rend derſelben zur Vermaͤhlung ſeiner Schweſter und ſeines aͤlteſten Freundes an, und verzieh dem geſchätzten Sänger auf Bitten der Weiber ſeinen jugendlichen Fehltritt. Es gab kurz nach ſeiner Ankunft zwiſchen ihm und Gomez, ja, nach einiger Zeit, auch zwiſchen ihnen beyden und Ines, geheime Zuſammenkuͤnfte. Elvira, ihre Kinder, und der von allen hochgehaltene Sylvio, beluſtigten ſich indeſſen mit ländlichen Vergnü⸗ gen und Spielen. 35 Vis jetzt war die ſchoͤne Ines dem Sylvio immer ſorgfältig ausgewichen. Nun aber rief ſie ihn bey einem Spaziergange naͤher, und ent⸗ fernte ſich mit ihm von der Geſellſchaft. Je ein⸗ ſamer das Wäldchen wurde, deſto beklommener ſchlug dem Juͤngling das Herz, und faſt drohete es uͤberzuwällen, als Ines alſo begann: „Dein Schickſal, lieber Sylvio, hat mir ſtets am Herzen gelegen. Von dem Augenblicke an, da du mein Leben retteteſt, wuͤnſchtr ich nichts fehnlicher, als dir meine Dankbarkeit an den Tag zu legen. Jetzt, durch die Großmuth meines kuͤnftigen Gemahls, iſt der Augenblick ge⸗ kommen. Er ſelbſt hat mir verſtattet, dir zu ent⸗ decken, daß dein eigentlicher Rahme Don Ro⸗ drigo de Sylvade Mendoza iſt. Er ſelbſt will dich, als ſeinen entfernten Verwandten, in den Stand ſetzen, dieſen Nahmen mit Ehren führen zu können. Er verſpricht, dir von dieſem Tage an eins ſeiner Guͤter zu uͤberlaſſen, und, habe ich richtig in deinem und in dem Herzen der reitzenden Roſa geleſen, ſo werden alle un⸗ ſere, und ſelbſt deiner Pflegealtern Wuͤnſche er⸗ fuͤllt werden.“— Dieß kam dem Juͤngling zu überraſchend. Er glühete.„Ol— rief er mit Thränen aus— „Haltet ihr es jetzt, da ihr fuͤr mich verloren . auch fuͤr Pflicht, ſelbſt euer Bild⸗ auch die Liebe zu euch, ahs meinem Herzen zu reißen? O laßt mir dieſe Erinnerung, die euch nicht ent⸗ ehren kann! Laßt mir dieſe Liebe, die mein Troſt, die mein Alles iſt! Willig trete ich euern Be⸗ ſitz, deſſen ich nicht wuͤrdig bin, dem edlen, dem großmuͤthigen Gomez ab. Ich will weit entflie⸗ hen aus dieſer Gegend. Roſa ſey und bleibe meine Freundinn, meine Schweſter! lieben, im heilig⸗ ſten Sinne des Wortes, kann ich nur euch, und ewig wird Mira, dieſer mir durch euch theuer gewordene Rahme, die Goͤttinn meiner Ge⸗ ſaͤnge ſeyn!* Die geruͤhrte Ines konnte ihre Thraͤnen nicht läuger zurück halten. Rui Gomez, der dieſer Un⸗ terredung mit ihrem Vorwiſſen beygewohnt hatte, trat aus dem Gebuͤſche und umarmte den Juͤngling. „Reiſe denn, mein Sohn!“— ſagte der Greis—„und kehre vollendeter, kehre noch ge⸗ ehrter wieder! Meine Zuſage werde ich treulich erfuͤllen. Jetzt aber bekämpfe dich noch einige Tage ſelbſt, und wohne dem Feſie bey, das ich allen meinen Unterthanen zu 9 geben gedenke. Die⸗ ſes ſey die einzige Erkenntlichkeit, der erſte Be⸗ weis desjenigen Edelmuches, den ich von dir fodere!“ Alle drey begaben ſich hierauf zu der übrigen eſeliſchaft. Es herrſchte von unn an, nicht bioß unter den beyden ungluͤcklich Liebenden, ſon⸗ 87 dern auch unter allen Anweſenden, eine dumpfe Stille, die nicht eben die froͤhlichſte Hochzeitfeyer verkuͤndete. Alles fuhlte ſich verlegen und gedruͤckt, obſchon jeder von Heiterkeit ſprach. Don Gomez ſchien der einzige Zufriedene auf dem ganzen Schloſſe. Endlich nahete der Brauttag heran, zu deſſen Feyer der gute Don Gomez noch mehrere Hirten und Hirtinnen des Gebirges hatte einladen laſ⸗ ſen. Sylvio hielt ſich durch den Wunſch des edlen Greiſes zum Bleiben verbunden, und verſprach, die Landleute anzufuͤhren, ſo viel Ueberwindung ihm dieß auch koſtete. In langen Rrihen ſtand jetzt die geſchmuͤckte Menge vor dem Hauptſaale des Schloſſes. Die Pforten wurden aufgethan; das froͤhliche Volk erfuͤllte den weiten Saal, aber noch ward weder Braut, noch Bräutigam ſichtbar. Nun aber oͤffneten ſich unter Trompeten-und Paukenſchall auch die Fluͤgelthuͤren des Reben⸗ zimmers. Der ehrwuͤrdige Don Gemez im Sil⸗ berhaar und ſchwarzer praͤchtiger Kleidung trat heraus, an ſeiner Hand die ſchoͤnſte aller Jung⸗ franen, die, gleich der vollen Roſe blühende Ines— in der Tracht einer Hirtenbraut. Alles ſtaunte; alles jauchzte vor Freude, alles pries den milden Herrn, der ſelbſt an ſeinem feſtlichen Tage ſeine Unterthanen alſo ehre. 55 Aber mit himmliſcher Ruhe und Erhabenheit ergriff jetzt Gomes Sylvio's Hand, und fuͤgte ſie in die Hand der ſtill vor ſich niederblickenden Ines.„Ich nehme hier vor euch allen“— ſprach er mit hoher Ruͤhrung, und legte dem vor Wonne erbleichenden jungen Paare ſegnend die Hand auf— „Don Rodrigo de Sylva de Mendoza an Soh⸗ nes Statt an. Die Hirtenbraut werde dem Saͤn⸗ ger der Hirten, und dem Greiſe kindliche Liebe zu Theil!“—— Noch ſpät als Gattinn ward Ines von Spl⸗ vio unter dem Rahmen Mira durch Lieder ver⸗ herrlicht, und noch jetzt unter den Hirten unge⸗ wiß, wechſelnd, und wunderbar verworren, die Sage von Mira und Ines. Viele von ihnen hal⸗ ten Beyde fuͤr ein Weſen, und erblicken in freund⸗ lichen Mondnächten Mira's und Sylvio's Schat⸗ ten, Arm in Arm wandelnd, und ſich zartlich zu einander neigend. Die Fabel und die Ge⸗ ſchichte iſt in eins zuſammen geſchwolzen; nie⸗ mand vermag es, beyder Gränzen zu beſtimmen.— Ach! wohl manchem Stummgebornen gab Mira's Erſcheinung Sprache und Ton; wohl mancher fand ihren ſtrahlenden Ring; aber ſie ſelbſt blieb für ihn ewig ein luftiger Schatten! —— 8 — * — — u a — — — — — — J Erzählung. „ Me sit ancillae tibi amor pudori. „ Hor. — Der Kammer- und Jagdjunker Bodo von Arlheim war mit der Baroneſſe Juliane von Brand auf dem letzten Caſſino als Braut und Braͤutigam vorgeſtellt worden. Beyde beſaßen ein anſehnliches Vermögen; beyde konnten uͤber ihr Herz und ihre Hand ſelbſt verfuͤgen; beyde gehörten zu den Gebildetſten ihres Standes. Er war der Schönſte und Feuerigſte im Jagdgefolge des Fuͤrſten; ſie die Bluhnedſte und Geiſtvollſte in ddden Kreiſen des Adels. Die reitzende Juliane war ein Kind des Win⸗ 5 ters; faſt zu Ende des Januars fiel ihr Geburts⸗ tag. Bodo, der ſchon laͤngſt keine Gelegenheit verſänmte, die Geliebte angenehm zu uͤberraſchen und von ſeiner aufmerkſamen Liebe zu uͤberzeugen, hatte ihr bey aͤhnlichen Feſttagen immer koſtbare Geſchenke verehrt, war aber nie ſo gluͤcklich ge⸗ weſen, ihren Geſchmack zu treffen. So glaubte er wenigſtens! Denn ſo entzuͤckt ſie ſich auch gewöhn⸗ lich ſtellte, ſo beredt und zärtlich ſie ihm dankte, ſo wenig ſie es erwarten konute, das Liebesge⸗ ſchenk recht bald an ſich zu ſehen; ſo geſchwind erkaltete dieſe Waͤrme, und die Herzensgabe ward bald entfernt und vergeſſen. Vodo war dieß Mahl in einiger Verlegenheit, wie er einer aͤhnlichen, ihn heimlich kränkenden Erfahrung entgehen ſolle, ohne gleichwohl bey Julianen Zweiſel an ſeiner Liebe zu erregen. „Iſt ſie doch ſelbſt eine Roſe des Winters“ — dachte er endlich—„ſollten ſchoͤne Fruͤhblu⸗ men ſie nicht erfreuen? Gewiß traͤgt ſie meine Gabe wenigſtens ein Mahl an der ſchoͤnen Bruſt, und wenn dann auch die Blumen verbluͤhen und bey Seite gelegt werden, ſo troͤſtet mich die all⸗ gemeine Hinfälligkeit der Natur, und ich kann Julianen nicht im Stillen der Veraͤnderlichkeit und Gleichguͤltigkeit anklagen.“ Dieſer Einfall ſchien ihm gluͤcklich. Er hatte gehort, daß bey dem Gärtner Fabian Kohl, faſt am Ende der aͤußerſten Vorſtadt, immer die ſchoͤn⸗ ſten und ſeltenſten Blumenſtoͤcke zu kaufen waͤren und er ging am Rachmittage vor dem Geburts⸗ feſte in Begleitung ſeines Reitknechtes zu ihm hinaus. 3 Der Garten, in welchen er trat, war ziem⸗ lich beſchraͤnkt, das Wohnhaus und ſelbſt das Gewächshaus niedrig und klein; gleichwohl hatte das Gerucht von dem alten ehrlichen Gärtner * 93 nicht zu viel verſprochen. In zierlicher Reihe ſtanden die zarteſten und duftendſten Kinder des Frühlings, ungeachtet des harten Winters, in voͤlligem Flor; feines Moos bedeckte den Boden, dem ſie entſproßt waren, geſchmackvolle Ge⸗. faße von Porzellan und Fayance ſchienen be ſtimmt, die irdenen ghiesiſche in ſich aufzuneh men. Man ſahe wohl, daß Fabian ſeinen Sandet verſtand und an Vornehme zu verkaufen gewohnt war. Kaum hatte der Kammerjunker ihm zu er⸗ kennen gegeben, daß er Blumen zum Geburts⸗ angebinde fuͤr ſeine Braut wuͤnſche, als der hei⸗ tere, ſchlane Alte es ſich angelegen ſeyn ließ, ihm die Wahl zu erleichtern. Kunſt⸗ und welterfahren wußte Fabian jeder Blume, die er vorſchlug— es verſteht ſich, daß die wohlfeileren dieſes Gluͤckes nicht theilhaftig wurden— eine artige, ſinnvolle Deutung beyzulegen, und bald war ein halbes Dutzend der ſchoͤnſten in⸗ und auslaͤndiſchen Blü⸗ thenſtöcke mit den dazu gehorigen Vaſen ausge⸗ ſucht. Der Alte entfernte ſich, um aus ſeinem Stuͤbchen einige Materialien zu deſto ſicheror Verwahrung und Einpackung ſeiner leicht ver⸗ gänglichen und zerbrechlichen Waaren herbey zu 3 Poblen. Er kehrte in wenig Angenblicken zutic und — mit ihm ſeine Lochter.„Laß er mich die ſchönen auf dem Mädchen. Die Lochter des Gärtner 4 Blumen noch einmahl ſehen, Vater! Rur einer Braut kann ich ſie gönnen“— rief eine liebliche Stimme vor der Thuͤr des Treibhauſes; Aplheim ſahe auf; ein roſenwangiges, hoch aufgeſchoßtes Mädchen grußte ihn mit Blodigkeit und faſt et⸗ was baͤueriſch, lief dann zu den auf die Seite ge⸗ ſetzten Blumenſtöcken, kniete zu ihnen nieder, ſagte, ohne ſich weiter um ihn zu bekuͤmmern, mit faſt wehmuͤthigem Tone:„Alſo— dieſe gehen fort?* Dem Kammerjunker gefiel dieſe unſchuld und Ratur; ja bey näherer Betrachtung auch die Unſchuldige, Ratürliche ſelbſt. Das Mädchen war nur in grobe Leinwand gekleidet; aber wan mußte geſtehen, daß ihr dabey das tuntoeſteite Kopftuch und die reinliche, gruͤnwollene Schuͤrze gar nicht ubel ſtand. Auch hat ja, wie man ver⸗ ſichern will, ein ſchönes, großes blaues Auge, eine zarte, bluͤhende Wange, eine Stirn, auf der die Unſchuld, und ein Mund, anf dem die Liebe wohnt, die ganz eigene Gerechtſame, daß ſie ſelbſt durch ein Bettlergewand nicht entſtellt werden duͤrfen; Schoͤnheit— ſingen die Dichter und ſo miß es wohl wahr ſeyn— iſt auch ohne Krone eine geborne Koͤniginn! Auch Vodo empfand etwas von dieſem gehei men Zauber. Sein Auge ruhete mit Wohlgefs ſchien ihm— um in der Manier ſeites Standes ihn empfinden und denken zu laſſen— in der That nicht wenig intereſſant. Er trat der reitzenden Unſchuldigen lächelnd naͤher.„Es thut dir wohl leid, mein Kind!“— redete er ſie freundlich an—„daß du dich von Blumen trennen ſollſt?* Sie betrachtete ihn vom Scheitel bis zur Sohle mit einem einzigen, ſchnellen Blicke, als wollte ſie erforſchen, ob ſie ihm trauen duͤrfe.„Ach jan — antwortete ſie dann etwas furchtſam„Sie ſind freylich zum Verkaufe bey uns da, aber, wenn man ſie ſo keimen und von Tag zu Tag wachſen, endlich gar Bluͤthen treiben ſieht, da gewinnt man ſie am Ende ordentlich lieb, wie Geſchwi⸗ ſter.— Doch fuͤr eine gnaͤdige Fraͤulein Braut kann wohl nichts auf der Welt zu ſchön ſeyn; damit tröſt' ich mich! „So, mein Kind? Du mußt dir eine recht liebliche Vorſtellung von einer Braut machen!“ „Je nun— Ihre Braut wird ja wohl eben ſo hubſch ſeyn, als— ſie ſtockte und das hohe Feuerroth ihrer Wange verrieth nicht undeut⸗ lich, daß ſie den Braͤutigam hatte nennen wollen. . Arlheim fuͤhlte ſich immer mehr dem Mäd⸗ en gewogen, und fragte, indem er ihre Hand n 295 fanft beruͤhrte:„Wie alt biſt du denn, du arti⸗ * „Auf Walpurgis werde ich funfzeht 7 „Und biſt ſchon ſo groß und ſo huͤbſch und erſtaͤndig?—“ Roch ehe er voͤllig ausgeredet hatte, draͤngte ſich Vater Fabian zwiſchen die Sprechenden, und ſchob die Tochter ziemlich unſanft auf die Seite. „Friſch an die Arbeit, Dore!“— rief er ihr ei⸗ fernd zu—„Die Stoͤcke werden in dieſe Aeſche geſetzt, und der Korb mit Moos tuͤchtig ausge⸗ fuͤttert. Hier iſt Baſt! Die Roſenknoſpe und den Pastor do und den Nareissus poöticus— ſo heißt die weiße Rareiſſe mit dem rothen Rande, das habe ich ihnen zu ſagen vergeſſen ¹)*— wandte er ſich zu Arlheim—„magſt du noch ein wenig anbinden!— Kommen Sie gnädiger Herr! dos Mädel verplaudert mir ſonſt die Zeit. Ich zeige ihnen noch mancherley ſeltene, fremde Gewächſe, und drehe dabey die Granatier-Muͤtzen!“ Dorchen machte ſich, ſchnell gehorchend und ohne gegen Vodo wieder die Angen aufzu⸗ ſchlagen, an die Arbeit, und der Kammerjunker mußte gern oder ungerndem Alten ſolgen. Dieſer prieß ihm mit vielem Feuer ſeine Seltenheiten, und bereitete zu gleicher von geöhltem Papier für *) Es iſt doch recht hübſch, daß dieſe Blume ſo heiſſ das möchte ich wiſſen, ob der Erfinder des Nah dabey an Ovids Verwandlungen dachte, oder ob ſeit tüht ihm ſagte, daß dieſe Vlume hochſ romant ſch 97 die Blumen eine Art Kapfeln oder Schirme, die er Granatier⸗Muͤtzen nannte. Bods hoͤrte auf ihn nur halb und halb, und ſchielte immer verſtohlen nach der verſchuͤchterten Schoͤnen. Doch Dorthen hatte bald an Bodo's Hein⸗ rich einen Gehuͤlfen und Troͤſter gefunden. Die⸗ ſer, als Nacheiferer ſeines Herrn, viel zu artig, um ein huͤbſches Kind, das noch dazu ſeines Standes war, allein in der Erde wuͤhlen und mit den Töpfen hantieren zu laſſen, leiſtete ihr allen moͤglichen Beyſtand, und ermangelte nicht, ſeinen Dienſten durch gefällige Worte ei⸗ nen noch hoͤheren Werth beyzulegen. Bodo be⸗ merkte gar wohl, daß Dorchens Geſicht ſich wie⸗ der erheiterte, daß ſie bald beredter ziſchelte, als ſie vorher laut geſprochen hatte, daß ſie endlich gar lachte. Nur als der galante Reitknecht durch ihre Freundlichkeit ſich verleiten ließ, ſie, ob⸗ wohl ſehr ſanft und mit Anſtand, in die blühen⸗ den Backen zu kneipen, ſtieß ſie ihn ſo muthig und kraͤftig zuruͤck, daß der zutäppiſche Liebhaber faſt das Gleichgewicht verloren hätte. Endlich hatte Fabian ſeine botaniſch⸗blumi⸗ ſtiſche Vorleſung beſchloſſen und die Bewaffnung der die Winterluft ſcheuenden Granatiere zu Stande gebracht. Das Mädchen brachte den ein⸗ gepackten und mit Moos reichlich ausgetegten Unterhalt. Bihlioth. 10. B. E Heukelkorb, und erhielt von dem Alten ein bey⸗ fälliges Gutachten. * Man zog die Papierduͤten uͤber die Blumen, und Dorchen wurde gar nicht fertig, ihre Lieb⸗ linge immer noch ſorgfaͤltiger zu verwahren. Den Kammerjunker in Gegenwart des Vaters wieder anzublicken, konnte ſie unmoͤglich uͤber das Herz bringen, ſondern benahm ſich bey dem Abſchiede gegen ihn mit der groͤßten Blodigkeit; aber dem Reitknechte empfahl ſie, faſt mit mutterlicher Beſorgniß, ihre Blumen, und Bodo vernahm noch vor der Hansthuͤr, daß ſie die„wohlſchla⸗ fende Nacht“ ſeines Dieners mit einem recht hoͤf⸗ lichen:„Leben ſie wohl, Musje!“ erwiederte. Heiurich hatte den laſtenden Vlumenkorb gluͤcklich in die Wohnnng ſeines Herrn gebracht, und die Stoͤcke wurden einſtweilen, nach der Vorſchrift ihres Erziehers, in ein nicht geheitztes Zimmer geſetzt, das jedoch aus dem Rebenzim⸗ mer einige Waͤrme erhielt⸗ Haͤtte Baroueſſe Ju⸗ liane der zaͤrtlichen Zuneigung ihres Verlobten nul im mindeſten mißtauen konnen, in dieſem Blumenzimmer hätte ſie ihn belauſchen muͤſſen, um von ſeiner Liebe und Treue auf das feſtefie uͤberzengt Iu werden. Denn ſo hoch au d Staub auf dem in dieſem Zimmer ſi henden Fl gel lag; ſo wenig Bodo ſonſt gewohut war, ſit bey Abend und zumahl in ungeheitzten Zimmern — — chen, drey, vier Mahl geleſen, auf der Loilettes 99 mit Muſik zu beſchaftigen; ſo kam er doch heute faſt alle Stunden, öffnete den Fluͤgel, zundete die Armleuchter an, und— heſah dann die fün die Geliebte beſtimmten Blumen. Ja ſelbſt in der Racht hatte er keine Ruhe, ſon⸗ dern wurde wahrſcheinlich von boͤſen Träumen ver⸗ folgt. Wenigſtens erzählte Heinrich am andern Morgen dem artigen Dorchen— das ſchmucke, voth⸗ wangige Maͤdchen, das noch dazu die Erbinn eines Hauschens und Gärtchens war, ſtach dem flin⸗ ken Burſchen nicht wenig in die Augen, und er konnte nicht unterlaſſen, auf dem Ruͤckwege von der Baroneſſe in voller Staats⸗Livree bey Dorchens Marktſtande vorüber zu gehen:— Sen Herr habe dieſe Racht uber ſogar im Schlafe von den Blumen geredet. Er habe immer im Traume geruft:„Verwuͤnſchter Kerl! mußt du die Noſe mit Händen angreifen!“ Doch wer wollte auf das Geplander der Do⸗ meſtiken achten? Nähern wir uns lieber dem Putztiſche der rritzenden erſt vor einer Stunde erwachten Baroneſſe!„ Schon verbreitete das noch vor dem Aufſte⸗ hen erhaltene Blumen⸗Dpfer die angenehmſten Duͤfte um ſie her; ſchon lag Arlheims roſenfar⸗ benes, goldgerändertes Gluͤckwünſchungsbrief⸗ ½ ½ ſchon erwartete ſie im reitzendſten, leichteſten Morgenanzuge, eine Cythere von der Hand leicht⸗ fertiger Grazien geſchmuͤckt, ſeine verſprochene Ankunft, und kaum vermochte der eben anwe⸗ ſende Schneider, der erſte Modeſchneider in der Reſidenz, trotz der mitgebrachten vortrefflichen Zeuge, trotz der Beſchreibung des allerneueſten Schnittes, ihr die bangen Augenblicke der Sehn⸗ ſucht in etwas zu verkurzen. Endlich, endlich wurde Bodo gemeldet; aber Juliane ſtand eben vor dem Spiegel und der Schneider nahm das Matß. Sollte ſie den Kuͤnſtler in der Begeiſterung ſtoͤren? ſollte ſie den ſchwer zu erlangenden Meiſter des Geſchma⸗ ckes in ſeinem wichtigen Geſchäfte unterbrechen? Ach, unter ſo nahen Bekannten nimmt man es nicht ſo genau, und ein Kammer⸗ und Jagdjun⸗ ker darf ja wohl ſeiner Verlobten unter allen Umſtänden ſich naͤhern! „Nun herein, lieber Arlheim!“— rufte die Varoneſſe, ohne ſich umzuwenden. Der Gluͤckli⸗ che flog herein, und das Bild der Geliebten lä⸗ chelte in voller Glorie der Schoͤnheit ihm aus dem Spiegel entgegen. „Tauſend Dank, Beſter!“— lispelte die Zaͤrtliche im Tone der Rachtigall—„Alſo bis hierher! ſagte ſie dann zu dem Schneider, und bezeichnete mit der Hand, wie weit das Kleid um die Bruſt offen hleiben ſolle. 101 „Bis hierher!— ergegnete der Ehrenmann und zog gleicher Geſtalt die ſchoͤne Demarcations⸗ Linie mitdem aufgehobenen Zeigefinger—„Danke unterthaͤnigſt. Es iſt gut!“— Mit tiefer Reve⸗ renz trat èr auf die Seite und packte zuſammen. „Nun mein beſter, liebſter Freund!“— fing Philomele⸗Juliane wieder an, und legte die Hand auf Bodo's Schulter—„find ſie endlich da? Ach, wie ſehnſuchtsvoll habe ich alle Augen⸗ blicke gezäͤhlt! und wie ſoll, wie kann ich ihnen genug danken fuͤr dieſe freundliche Ueberraſchung, für dieſe ſchöne, ſinnvolle Gabe 20— „Koͤnnte wohl eine Blume zu ſchön ſeyn“— antwortete Bodo ſchmeichelnd, und ſtrich, ein Lächeln hervorrufend, mit der flachen Hand uͤber die etwas gerunzelte Stirn—„fuͤr eine Braut? fur eine Geliebte, wie meine reitzende Juliane?“ Der ſich zu Gnaden empfehlende Schneider⸗ meiſter emofahl ſich eben zur rechten Zeit, um von derzierlichſt geſchlungenen Umarmung keinen Angenzeugen abgeben zu muͤſſen. In Zuſicherun⸗ gen der Liebe verloren, ſetzten ſich die Liebenden auf den Sofa, und Bodo ging erſt, wiewohl ohne über die Flugel der Zeit ſich allzu bitter zu be⸗ ſchweren, nach einer vollen Stunde, um— ei⸗ nen Freund auf der Wach⸗Parade zu ſprechen. In den nächſtfolgenden Tagen machte Bodo, wie ſchon vorher eingefuͤhrt worden war, bey 102 ſeiner Verkobten faſt täglich einen kurzen Beſuch und verbrachte zu Hauſe— ſonderbar genug!— ſrine muͤſſigen Stunden mit Leſung der Geſchichte Margots in Thuͤmmels Reiſen. Warum gerade dieſer Gegenſtand fur ihn jetzt ſo viel Anziehen⸗ des hatte, läßt ſich um ſo ſchwerer errathen, weil er ſich ſelbſt uberredete, eben eine neue Probe von Julianens Zärtlichkeit erhalten zu haben. Denn obſchon einige Baͤlle die ſchicklichſte Gele⸗ genheit darbothen, ſo wurde doch keine der Ge⸗ vurtstagsblumen abgeſchnitten und getragen.— „Sie will nicht, daß ſie ſo ſchnell verblühen“— ſagte Bodo vergnugt zu ſich ſelbſt.—„O gewiß, vch bin geliebt, und die Zweifel, die manches Mahl in mir aufſteigen—— ach, warum ſuche ich denn alles gefliſſentlich auf, was mich beruhi⸗ gen kann?“— So dachte Arlheim faſt eine Woche hindurch, das heißt, eben ſo lange, als er noch die Blu⸗ menſtöcke gewahr ward. Als dieſe aber auf ein Mahl aus Julianens Zimmer verſchwanden; als ſie ſelbſt gelegentlich uͤber die Betriegerey der Gärtner klagte, welche die Blumen durch allzu große Hitzr heraus trieben, daß ſie dann natuͤr⸗ lich ſchnell verwelken mußten; als er endlich gar die Vermißten durch ein unglückliches Ungefaͤhr im Bedientenſtuͤbchen bemerkte, die augenſchein⸗ lich bloß aus Mangel an Waſſer verdorrt waren; 103 da ſtellten ſich in einſamen Angenblicken ſeine bis jetzt nur mit Gewalt verbannten Grillen wie⸗ der ein, und eine ſehr unangenehme Empfindung, vermiſcht mit einer zwar fremdartigen, aber gar nicht unangenehmen Erinnerung, draͤngte ſich in ſein Herz. „Wie zärtlich beſorgt war das gute, natur⸗ ſiche Dorchen um die Blumen“— dieſes Ge⸗ dankens konnte er ſich nicht entledigen—„um die Blumen, die doch nur zum Verkaufe gezogen waren; wie ſorgſam empfahl ſie ibre Lieblinge dem— verwuͤnſchten, zutäppiſchen Heinrich!— und Juliane, die dieſe Blumen aus meinen Haͤnden empfing— aus meinen Händen!— die ſo feurig mir dafuͤr dankte, der ich es ſagte, ſie ſolle die Blumen pflegen wie meine Liebe in. ihrem Herzen, der es taͤglich nur einen Augen⸗ blick, nur einen Befehl an ihr Maͤdchen, ge⸗ koſtet hätte— nein, ſo laͤcherlich ſie meine Vor⸗ würfe finden wuͤrde, ſo gern ich ſelbſt ſie ent⸗ ſchuldigen moͤchte— nein! nein! ich fuͤhle es anders!* Ohne daß er es wollte ſtaht ſich nun von Zeit zu Zeit Dorchens Bild neben das Bild Ju⸗ lianens, und er war ſo unruhig, ſo mit ſich ſelbſt uneins, daß ſogar ſeine Veſuche bey der Varo⸗ neſſe kuͤrzer und ſeltfamer wurden. Juliane be⸗ ſchwerte ſich zwar daruͤber; aber ſie ließ anch 104 ſeine ziemlich leeren Entſchulbigungen immer ohne weitere Unterſuchung gelten, und ſagte ſogar einmahl wie im Scherze: ſie werde ihn ja nun bald auf immer, mithin gewiß lange genug⸗ haben!— So wenig aber jetzt dieſe und aͤhnliche Reckereyen bey ihm einen guten Eindruck zuruck ließen; ſo feſt er ſich mitunter uberzeugte, daß fuͤr einen Hoͤfling das Herz zu viel bey ihm gelte; ſo wenig wagte er es doch, Julianen oder ſonſt jemanden in ſein Inneres blicken zu laſſen, ja er ſuchte vielmehr ſeine Gefuͤhle vor ſich ſelbſt zu verbergen, ſich ſelbſt in Hinſicht auf den wah⸗ ren Zuſtand ſeines Herzens zu täuſchen. „Dieſe peinliche Ungewißheit, dieſe uner⸗ trägliche Lauheit darf nicht länger dauern!“— ſagte er endlich ſehr raſch und entſchloſſen eines Morgens, da eben kein Marktag, folglich— doch daran hatte Bodo wohl nicht gedacht!— Dorchen vermuthlich zu Hauſe wär—„Die verwuͤnſchten Blumen haben am Ende das ganze Unheil zwi⸗ ſchen mir und Julianen geſtiftet, und noch habe ich nicht einmahl unterſucht, ob Julianens Ent⸗ ſchuldigung nicht gegründet iſt. Daß der alte Schlankopf, trotz des hübſchen, ehrlichen Gr⸗ ſichtchens ſeiner Tochter, nur auf ſeinen Vor⸗ theil denkt— iſt doch gewiß gar nicht unwahr⸗ ſcheinlich. Und, warum ſollte er auch Bedenken tragen, die Blumen zu übertreiben, wenn er — v — „ 105 nur ſein Geld dafur einſtreichen kann?— Warte, warte, alter Fabian Kohl! wir muſſen das un⸗ terſuchen, ob dir Juliane oder ob ich Julianen Unrecht gethan habe!* Innig erfreut uber dieſen verſtändigen Ent⸗ ſchluß befahl er, augenblicklich zu ſatteln. „Ich reite doch mit?“ fragte Heinrich. „Nein! nur den neuen Braunen vorgefuͤhrt! Ich mache nur einen kleinen Morgenritt und komme in einigen Stunden wieder!“ x Bey dem ſchoͤnen Dorchen hatte Heinrichs Geplauder von der Schlafrednerey ſeines Herrn einen ganz andern Eindruck gemacht, als der ſpaßhafte und hierbey nicht ganz uneigennuͤtzige Vurſch gewollt hatte. Sie ſollte den Kammerjun⸗ ker ein wenig auslachen; aber ſie brachte es böchſtens zu einem für BVodo gar nicht unvor⸗ theilhaften Lächeln; denn— ſie blieb, ſo an⸗ ſpruchlos und unſchuldig ſie auch war, doch im⸗ mer ein Maͤdchen! 5 Zwar hatte ſie bey Arlheims erſtem Erſchei⸗ nen nur einen wohlgebildeten, vornehmen Herrn in ihm erblickt, dem aber doch— das war nicht zu läugnen!— das goldene Jagdkuppel mit dem blitzenden Hirſchfänger und die feine gruͤne Uni⸗ form auch ganz prächtig ließz zwar hatte ſie an⸗ fänglich ſich kaum getraut, ſeine Anrede zu be⸗ antworten, hatte ſein ganzes Benehmen höch⸗ * b6 ſtens für eine freundliche Herablaſſung angeſehen Als aber die Nacht herein brach und Dorchen bey der duͤſter brennenden Lampe am Spinnraͤd⸗ chen ſaß; als der alte Vater ſchon zu Bett und die nicht juͤngere Baſe in dem geraͤumigen Groß⸗ vaterſtuhle unweit des Dfens eingenickt war; da brachte die Fee Langeweile den heutigen glͤckli⸗ chen Blumenverkauf mit allen kleinen Nebenum⸗ ttaͤnden, gleich einem ſchönen Traume, vor Dor⸗ chens Augeu, und das gute Kind wiederhohlte nachdenkend die ganze kurze, doch fuͤr ſie ſehr ſchmeichelhafte Unterredung. „Der Herr Jagdjunker“— dachte ſie ſo vor ſich?— war doch gar nicht, wie andere Edelleutes es lag doch nicht der mindeſte Stolz, nicht das mindeſte Vornehmthun oder Falſchfreundliche in ſeinem ganzen Weſen; wäre ich ein vornehmes Fraͤulein geweſen, wahr und wahrhaftig, er hätte nicht artiger und liehreicher ſeyn koͤnnen!— „Aber ſeine Braut möchte ich kennen“— fuhr ſie ig ihren Abendbetrachtungen fort—„gewiß, die muß recht ſehr ſchoͤn ſeyn— und recht ge⸗ liebt! Denn— daß er recht gut gegen ſie, recht zärtlich iſt, daran läßt ſich nun gar nicht zwei⸗ ſelu! Wenn ich nur denke, wie er ſo gutmeinend ſeine weichen Finger auf meine Haud legte— und das war doch unr ich!— wie er mir ſo ganz ſonderbar unter die Augen ſahe— wahrhaftig, 8 —.—— 7— ihre Gedanken verſenkt geweſen! 5 nigſtens weit ruhiger, als nach Heinrichs Be⸗ nen nach ſicheren Rachrichten ſogar verſichern, daß ſie ſelbſt am folgenden Morgen nur ein ein⸗ iges Mahl, und zwar in dem kurzen Augenblicke, 3 da ſie vor dem Ausgehen ſich im Spiegel beſahe, 107 ſo angeſehen hat mich noch kein Menſch!— wie es ihm ordentlich leid that, daß der Vater mich ſo hart anfuhr, wie er immer ſo verſtohlen her⸗ über blickte—— o es war doch recht einfältig und unſchicklich von mir, daß ich ihn nicht we⸗ nigſtens ein Mahl, nicht ein einziges Mahl, wie⸗ der anſahe, daß ich ſo mit dem Bedienten plau⸗ verte, daß ich nicht wenigſtens bey dem Ab⸗ ſchiede— „Hinunter iſt der Sonnenſchein!“ ſtimmte in dieſem Augenblicke die Frau Baſe, deren ſpitze Raſe ſo eben mit dem Stuhle in eine unangeneh⸗ me Beruhrung gerathen war, zum Zeichen des s an, und Dorchen, obſchon das Un⸗ terſit der Sonne wenigſtens ſchon ſeit fuͤnf Stunden ihr nichts neues mehr ſeyn konnte, fuhr gleichwohl dieſes Mahl durch und durch zu⸗ ſammen, ſo tief war das arme Mädchen in⸗ Doch dieſes Commando zum Aufbruche ſchnitt auch zugleich die Reihe ihrer Gedankenbildechvöl⸗ lig ab, und ſie ſchlief, ſo viel wir wiſſen, we⸗ richten der liebende Kammerjunker; ja, wir kön⸗ 108 an den geſtrigen Tag zuruͤck dachte, und auf dem Markte nur dann erſt— aber auch da mit eini⸗ ger Baͤnglichkeit— ſich wieder daran erinnerte, als Heinrich, der Treſſengeſchmuͤckte, mit zierli⸗ cher Fluͤchtigkeit ſeinen ergebenſten guten Mor⸗ gen anbrachte. Daß ſie ihm freundlich dankte, verſteht ſich von ſelbſt; daß er die Haͤlfte dieſer Freundlich⸗ keit Dorchens Hoffnung, durch ihn etwas von ſeinem Herzen zu erfahren, zu verdanken gehabt habe, läßt ſich weder geradezu bejahen, noch ver⸗ neinen; daß Dorchen aber nach ſeiner Erzäh⸗ lung etwas ſtiller und beynahe einſylbig den iſt, kann durchaus nicht gelaͤugnet „Verwuͤnſchter Kerl! mußt du die Haͤnden angreifen!“— wiederhohlte ſie, vor ſich nachſinnend, ſo bald der Reitknecht ſich entfernt hatte, und ſo wie Heinrich— denn der mußte ja doch gemeint ſeyn— durch die eben nicht em⸗ pfehlende Venennung aus dem Munde ſeines Herrn um Linige Stufen bey ihr ſank, ſo ſtieg der Herr wenigſtens um eben ſo viele; denn— daß keine 5 wirfliche Roſe, daß ſie ſelbſt unter dem Bilde der Roſe verſtanden worden war, das hatte das ſchöne Dorchen, durch mädchenhafte Eitelkeit ſchlau gemacht, augenblicklich errathen.„Die Ro⸗ ſen waren ja uͤber und uber eingepackt“— dachte ſie lächelnd„und vorher— das weiß ich gewiß— — 109 iſt der Heinrich keiner zu nahe gekommen.— Hm! wer wuͤrde auch von ſo etwas in der Racht traͤu⸗ men?— Daß aber der Herr Jagdjunker heruͤber ſchielte, als der Heinrich mir in das Geſicht fuhr, daß er die Stirn in recht verdrießliche Falten zog, das weiß ich auch wieder gewiß. D der liebe Herr war doch recht um meine Ehre be⸗ ſorgt, und wahrhaftig ich muß mich ſchaͤmen, daß ich es nur zu einer ſolchen Vertraulichkeit kommen ließ— was wird er nur von mir den⸗ ken? Wahrhaftig ich koͤnnte ihm nicht wieder unter die Augen treten, oder ich müßte mich todt ſchämen— ge Tage noch kamen dieſe Gedanken von Zeit zu Zeit wieder in Dorchens Seele, und ſie konnte und konnte ſich die begangene Unſchick⸗ lichkeit nicht vergeben; aber nach und nach ſpra⸗ chen ſie ſeltner und immer ſeltner bey ihr ein, und höchſt wahrſcheinlicher Weiſe wäre alles bald gänzlich vergeſſen worden, haͤtte nicht Vodo ſelbſt ſich unvermuthet wieder eingefunden.* Kurz, wie der Jagdjunker zu dem Reitfnechte geſagt hatte, war allerdings der Spazierritt. Denn ob er ſich gleich vorgenommen hatte, erſt um die Schläge zu reiten und nur aufdem Ruͤckwege bey Fabian einzuſprechen; ſo hatte doch der ſchöne Engländer, vermuthlich bloß aus Unachtſamkeit des Reiters, den Weg gerade zu dem Thore hin⸗ aus genommen, wo der BGärtner wohnte, und Arlheim hielt, ohne es ſelbſtrecht zu wiſſen, ge⸗ rade vor der bewußten Hausthur. Was war zu thun? Bodo ſahe durch die runden, nur wenig aufgethaueten Scheiben, ſprang dann vom Pferde und band es an den Fenſterladen. Man denke ſich jetzt Dorchens Erſchrecken, da ſie, durch das Getrappel aufmerkſam gemacht, gleſcher Geſtalt durch das Fenſierchen ſahe und den Herrn Jagdjunker gewahr ward; man denke ſich ihre Verlegenheit! Der Vater war im Ge⸗ wächshauſe; die Baſe war ausgegangen und ſie ſelbſt— eben im Begriffe, ſich die 5 are zuflechten. Es iſt gewiß ein ſchoͤnes Ueberbl i alt⸗ dentſcher Zucht und Sitte,*) daß die Mädchen aus den unteren Staͤnden ſich weit ungerner in bloßen, zumahl in fliegenden Haaren von maͤnn⸗ lichen Augen uͤberraſchen laſſen, als die vorneh⸗ mern Frauenzimmer in dem leichteſten Rachtge⸗ wande Dorchens goldgelbe Locken, waren ſie gleich *) Es ſcheint in ältern Zeiten ein Vorrecht reiner Jung⸗ frauen geweſen zu ſeyn, an ihrem Brauttage— und da vermuthlich zum erſten Mahle— in vloßen Haaren zu erſcheinen. Wenigſiens findet man noch jetzt in manchen⸗ veſonders reichsſtädtiſchen, Taufzeugniſſen; daß des N. N⸗ Mutter als Braut in freyen, fliegenden Hagren 66 K che gegangen⸗ chen?* 1 fo ſchön, als nur irgend ein Gärtnermaͤdchen im heiligen Roͤmiſchen Reiche welche zeigen kann, hatte außer dem Vater gewiß noch kein Maͤnner⸗ augegeſehen, und jetzt— jetzt klopfte der reitzende Bodo an die einzige Ausgangsthuͤr.. Mit unbeſchreiblicher Angſt, die ihr keine Beſinnung verſtattete, rannte ſie, ohne herein zu rufen, im Stuͤbchen umher, konnte ungeachtet alles Suchens, nirgends eine Art von Kopfbe⸗ deckung finden, und fuhr in dem Augenblicke, als Arlheim oͤffnete, wie ein geſcheuchtes Reh hinter den gruͤnen, coloſſaliſchen Ofen, wo ſie ſich noch zu mehrerer Sicherheit mit dem gleichfalls nicht zwerghaften Großvaterſtuhle, ſo viel es deſſen Schwerfälligkeit erlaubte, verſchanzte. „Iſt niemand zu Hauſe?— fragte Bodo) ob er ſchon die Fliehende ein wenig bemerkt hatto. Reine Antwort!— Aber er konnte die ſchöne 4 Ueberraſchung ſich nicht ganz verſagen.„Ah— ſagte er, ſich umdrehend— da iſt ja wohl Dor⸗ „Ach gnädiger Herr!— ſtammelte das arme Mädchen hiuter ihrer Bruſtwehr in halb weiner⸗ lichem Tone hervor, drückte ſich immer feſter in den Winkel, und zog endlich die Schuͤrze uber den Kopf— vich bitte, ich bitte ſie recht ſehr— mein Vater iſt im Treibhanſe— und ich— habe die Haube noch nicht aufgeſetzt. 112 „Seyn ſie unbeſorgt, liebes Kind In— erwie⸗ derte Bodo mit Gefuͤhl—„ich gehe ja ſchon!“— Er ging in der That augenblicklich, und ſo wie dieſe Schonung, ja ſelbſt in dieſem Augenblicke das feinere Sie an der Stelle des vorigen ver⸗ traulichern Du's auf Dorchen einen zwar dun⸗ feln, aber auch unverloͤſchlichen Eindruck zuruͤck ließ; ſo konnte auch Bodo dieſe Scene der rein⸗ ſten, kindlichſten Unſchuld und Verlegenheit nie wieder vergeſſen. Vielmehr erſchien ſie ihm bald im auffallendſten Gegenſatze mit der Schneider⸗Scene an Julianens Toilette, und das zitternde, ſcham⸗ haft ergluͤhende, vor Angſt faſt weinende Gaͤrt⸗ nermädchen mit den ſchoͤnen blonden, dem hoch⸗ rothen Kopfbande entſchluͤpften Flechten, ſchwebte ihm ſpaͤterhin wenigſtens eben ſo oft vor, als ihm die Baroneſſe, bald in ſchwarzer, bald in blonder, bald in brauner Peruͤcke in Aufſätzen à la Ninon, a la Sappho, à la Psyche, rauſchend entgegen⸗ flog.— Bodo wandelte, da er die liebliche Blonde verlaſſen hatte, in tiefem Rachdenken nach dem Treibhauſe. Er hatte ſich vorgenommen, den alten Fabian zur Rede zu ſtellen, oder wenigſtens deſſen Schuld durch ſchlaue Fragen heraus zu locken; ſtatt deſſen wurde er aber ſelbſt ein wenig betrof⸗ fen, als der Alte ihm zurief:„Willkommen, gnä⸗ —,———— ——— — 113 diger Herr! Run, nicht wahr, meine Blumen halten ſich wacker 2* Der gnaͤdige Herr antwortete mit einem kur⸗ zen, etwas muͤrriſchen: Ja, ſo viel er wiſſe!— berichtete aber bald dem ehrlichen Fabian mit zunehmender Freundlichkeit, daß er ſelbſt, ohne zu wiſſen, wie? ſeit kurzer Seit ein— erſtaun⸗ licher Blumenliebhaber worden ſey, und daher ſür ſich etwas ausſuchen, auch von Zeit zu Zeit wiederkommen wolle. Das war nun Fabian Kohl herzlich zufrie⸗ den; man wurde bald wieder Handels einig, und Vodo ließ die Blumen durch einen Gartenarbei⸗ ter nach Hauſe ſchaffen. Denn— das er den Heinrich darnach heraus ſchicken koͤnne, mochte ihm wohl nicht beyfallen.— So lange auch Vodo unter mancherley ſehr un⸗ noͤthigen Fragen und Erkundigungen noch zoͤgerte, ſo ließ ſich doch Dorchen dieß Mahl nicht wieder erblicken; als er aber aufſtieg, erſchien ſie erroͤ⸗ thend aufeinige Augenblicke am Fenſter— Obes wohl Zufall dabey war, daß ſie heute ihren Sonntags⸗Kopfputz ergriffen und mit dem ſchoͤn⸗ ſten ihrer Bänder umwunden hatte? Der Jagdjunker zeigte ſich nun in der That als ein ſorgſamer Blumenfreund, und obſchon die fur ſich ſelbſt eingekauften Stöcke mit dem Angebinde fur die Baronneſſe groͤßten Lbeils von 114 gleicher Gattung waren, ſo hielten ſie ſich doch vortrefflich. Raruͤrlich ward dadurch der Julianen insgeheim gemachte Vorwupf ſo gut, als erwie⸗ ſen, und nach und nach hatte ſich die unter den Verlobten ſchon vorher eingetretene Lauigkeit ſo⸗ gar in Kaͤlte verwandelt. Dagegen ſchalt Hein⸗ rich das Gaͤrrnermädchen gar bald ſchnippiſch und vornehmthuig; der Jagdjunker ſtellte ſich zu⸗ weilen, um einzukaufen, bey dem alten Fabian ein, und man will ſogar behaupten, daß ſich nicht ſelten gegen Abend auf dem Gärtnermarkte und in der zu Fabians Garten fuͤhrenden Allee ein lan⸗ ger Grunmantel herum getrieben habe. Wie dem auch ſey, ſo iſt doch gewiß, daß Vodo's Zerſtreuung und Tiefſinn, ſo oſt er Julia⸗ uen beſuchte, täglich auffallender ward, und ihr ſelbſt ſo wenig, als ihren Anverwandten, länger entgehen konnte. Man nahm daher zu einem ge⸗ meinſchaftlichen Freunde, zu einem von den ſehr gewöhnlichen Menſchen ſeine Zuflucht, die, groͤß⸗ ten Theils nicht ohne eigenliebige Abſichten uͤberall ſo gern Vermittler zum Frieden abgeben. Vodo ſtutzte uber die ſo genannte gutgemeinte Warnung und wurde etwas empfindlich, erklärte aber zugleich nicht ohne Heftigkeit, daß er ſein, als Mann von Ehre gegebenes Wort auch als ſolcher halten werde, daß er nie aufgehört habe die Verbindung mit Julianen zu wuͤnſchen, und 115 daß er zu jeder Zeit, deren Beſtimmung einzig uno allein von ihr ſelbſt abhänge, ihr ſerne Hand zu geben bereit ſey. Der geſchaͤftige Unterhäͤndler ſtutzte ein we⸗ nig, umarmte jedoch den Kammerjunker mit ver⸗ ſiellter Freude und floh mit dieſer Antwort zu⸗ Julianens Familie. Gern hatte Arlheim ihn zuruͤck gerufen; denn ſchon— und leider jetzt erſt— ſiel es ihm ein, wie ſehr er ſich uͤbereilt habe. „Ja, ich werde, ich muß ſie hei rathen ſagte er tiefſinnig und ſtutzte die heiße Stirn mit der Hand—„aber bey Gott! Sie weiß nicht, was Liebe iſt; ſie liebt mich nicht, wie ich ſie lieben koͤnnte; ſie liebt mich nicht, wie— kaum wagte er dieß auszudenfen,—„wie mich an ih⸗ rer Stelle eine Andere, wie das reitzende Dor⸗ chen mich lieben würde!* Er ging unruhig auf und ab, und trat an das Fenſter. Dieſe waren durchgängig mit Blu⸗ menaͤſchen beſetzt, und Blumen dienten jetzt am— allerwenigſten dazu, ihn zu beruhigen. 4 „So ſoll ich dich denn aufgeben, du holdes Kind der Ratur?— fuhr er in ſeinem Selbſt⸗ seſpräche fort—„du, die ohne es zu wiſſen, mit Lanzem, gluͤhenden Herzen an mir haͤngt? So ſoll ich dich fliehen, du, die ohne es zu wiſſen, ſo in⸗ b uber alles liebenswuͤrdig iſt?* „ 116 „Sie aufgeben? ſie fliehen? und warum das?*— fluͤſterte jetzt ein böſer Dämon ihm zu, und bald hatte ſich in ſeiner Seele ein Gedanke ausgebildet, den eingeſogene Begriffe ſeines Stan⸗ des und ſeine ganz eigene Lage allenfalls in etwas entſchuldigen, aber nichts in der Welt rechtfer⸗ tigen kann. Das der Baroneſſe gegebene Verſprechen un⸗ erfullt zu laſſen, ſie und ihre ganze Sippſchaft ſo empfindlich zu beleidigen, war gar kein Gedanke; aber zweifeln konnte er ja doch auch nicht, daß er Dorchen auf das zärtlichſte liebe. Bey alle dem, und ſelbſt wenn Juliane ihm ſein Verſpre⸗ chen zuruͤck gäb, heirathen, nein! heirathen konnte er das Gärtnermädchen ja doch nicht! Himmel! was wuͤrde der Hof, wo er in Gunſt ſtand, was ſeine reiche adelſtolze Familie, was die ganze feine Welt von ihm urtheilen? Wem konnte er das gute, aber wenig gebildete Maͤdchen vorſtel⸗ len, ohne beſchämt zu werden? und muͤßte er nicht vor ſich ſelbſt erroöthen, ein Maͤdchen zur Gattinn zu waͤhlen, bey welcher ſogar ſein Be⸗ dienter einen Rebenbuhler abgegeben hatte?— „Heirathen konnte ich ſie ja doch nicht!“— das war der Ausſchlag ſeines Rachdenkens— „aber was hat die Liebe mit der burgerlichen Verfaſſung zu ſchaffen? Meine Hand reiche ich ulianen; aber kann ich dafür, 1 wenn mein Her 117 einer Andern angehoͤrt? Iſt dieß nicht immer das Loos unſeres Standes, und findet man es nicht ſogar laͤcherlich, wenn Mann und Frau noch nach den Flitterwochen ernſtlich in einander verliebt ſind?— Wird nur der aͤußere Anſtand nicht ver⸗ nachläſſigt— und ſo weit werde ich mich nie vergeſſen— ſo verſtattet man ja allgemein gar gern eine Rebengeliebte!— Nebengeliebte? das gute, unſchuldige Dorchen? Pfuj!— und was ſoll am Ende aus ihr werden 2—— Ach, wer wird ſo weit in die Zukunft hinaus denken? Le⸗ ben und Lieben iſt eins, und nur die Gegenwart iſt unſer; leben wir denn fuͤr die Gegenwart— fuͤr die Zukunft moͤgen die Goͤtter forgen!“— Auf dieſe Art ſuchte Vodo ſein widerſpre⸗ chendes beſſeres Gefuhl durch Sophiſterepen zu betäuben und dem kalten Verſtande zu unterjo⸗ chen. Da dieß jedoch nicht vollſtändig gelingen wollte, beſchloß er gar weislich, durchaus über dieſe Sache nicht mehr nachzudenken, ſondern alles gehen zu laſſen, wie es wolle. n Noch an dem nähmlichen Lage fuͤhrte ihn der tuͤckiſche Zufall an Dorchens Marktſtande voruͤber, und da ihre blitzenden Augen ſchon von fern ihm freundlich zuwinkten, konnte er unmoͤg⸗ lich, ohne ſie zu ſprechen, vorüber gehen. „Wie theuer dieſe gefuͤllte fleiſchfarbene Hya⸗ einthr und hier das dunkelhlane Sammet⸗Auti⸗ 118 tel, mein liebes Dorchen 2*— fragte er lachend und der Kauf ward ſogleich unter der Rebenbe⸗ dingung abgeſchloſſen, daß Dorchen ſelbſt ihm die Blumen überbringen ſolle.„Es hat Zeit da⸗ ſo mit, bis auf den Abend, ſchones Find!“— meinte Bodo bey dem Weggehen— Kommen ſie nur, wenn ſie nach Hauſe gehen. Ich werde dann zuverlaſſig in meiner Wohnung ſeyn!“ Das niedliche Dorchen war gewohnt, ihre Gar⸗ tenwaaren den Abkäufern zuweilen in das Haus zu tragen, und ob ſich ſchon dieß Mahl in ihrem Herzen etwas ſonſt nie Gefuͤhltes dagegen ſtraͤubte, ſo uͤberwand ſie doch alle Bedenklichkeiten, und ſtellte ſich zur abgeredten Zeit punctlich ein. Der Jagdjunker, welcher, heimlich vor ſich ſelbſt erroͤthend und doch einer unſeligen Leiden⸗ ſchaft nachgebend, nicht nur den Heinrich, ſon⸗ dern auch den Jäger abſichlich aus wärts geſchickt hatte, larſchte mit innrrer Beklemmung bey ein⸗ hrechender Dämmerung ſchon länaſt binter den Fenſervorhängen. Da ſchritt das liebliche Mäd⸗ chen, Hyaeinthen und Aurikel in jedim Arme⸗ nett und furchtſam durch die abendlichen Schatten da⸗ her, hob die großen himmelblanen Augen halb⸗. verſtohlen zu ſeinen Fenſtern hinauf, und ſchlus ſie dann mit holder Scham auf das die ſchoͤnſten, jungfräulichſten Formen zuchtig verhuͤllende hrau ſeidene Halstuch nieder. Vodo, ergriffen von Entzucken und Gluth, 5 öffnete ihr eilig die Thür, legte freundlich ſeinen Arm um ihre Achſel, und wagte es jetzt, da die . artige Blumenträgerinn es nicht wehren konnte, zum erſten Mahle, thre bluͤhende Wange zu kuͤſſen. Das Mädchen erſchrak, ließ ſich aber doch bald wieder beruhigen. Der ſchoͤne Ingdjunker ſprach zu ihr mit ſo hinreißender Wärme, mik ſo entzuͤckender Freundlichkeit, daß ſie ſogar ſeiner Birte nicht widerſtand, ſich auf einige Angen⸗ blicke zu ſetzen. Nun rrinnerte er ſich denn auch, daß es dieſen Abend ſehr nebelich und kalt ſey, daß er Vorwürfe verdiene, ſeine Freundinn bey ſo rauer Abendluft noch bemuht zu haben, und noͤthigte ihr, um dirſen Fehler einiger Maßen zu verbeſſern, ein Glas Sect und einige Confituren auf. Dorchen, die ſo etwas nie gekoſtrt hatte und halb noch ein Kind war, nippte zwar erſt nur sanz ſittſamlich, ließ ſich aber doch nach und nach die ſuͤßen Tropfen trefflich ſchmecken. Bald ſaß Bodo an ihrer Seite; bald ward die Unterredung . * unbefangeuer und vertranlicher; bald ergriff er nur auf Angenblicke ihre Hand oder ſchlang ſeinen Arm um ihren ſchlanken Leib; bald umfaßte er ſielänger und inniger, dröckte ſie an ſeine Bruſtz endlich fußte er ſie feurta auf die glühenden Lip⸗ en, und Dorchen überließ ſich, zitternd zwar, 120 doch von einem nie gefuͤhlten Feuer zum Wider⸗ ſtrebenkraftlos gemacht, ſeinen zärtlichen Liebko⸗ ſungen. Doch plötzlich ertoͤnte eine warnende Stimme in ihrem Inneren, und ſie ermannte ſich—„D laſſen ſie mich, guter Bodo!“— ſuinmelle ſie mit hervorbrechenden Thraͤnen, und machte ſich mit faſt maͤnnlicher Staͤrke von ihm los—„um Gottes willen laſſen ſie mich! Bodo! lieber Bodo! koͤnnten ſie mein Zutrauen mißbrauchen? waͤren auch ſie nicht beſſer, als die Andern?* Bodo war zuweilen leichtſinnig und konnte voncheftiger Leidenſchaft zu den freyeren Grund⸗ ſätzen ſeiner Genoſſen hingeriſſen werden; aber er war kein Boͤſewicht. Er fuͤhlte ſich durch den Vorwurf des ſich losringenden Maͤdchens tief er⸗ ſchuͤttert; er ſtand beſchaͤmt und erblickte ſich als einen Verbrecher; ſein Gewiſſen ſagte es ihm, daß es ſchaͤndlich ſey, diefe aufbluͤhende Roſe zu brechen, dieſe ihm kindlich Pera zu liſten und elend zu machen. „Sie ſollen es nie bereuen, daß ſie mich ei⸗ ner ſchlechten Handlung nicht fuͤr fähig hiei⸗ teni— antwortete er mit maͤnnlicher Entſchloſ⸗ ſenheit—„Gehen ſie jetzt— oder bleiben ſie auch⸗ Ich konnte mich auf Angenblicke vergeſſen; aber von nun an ſind ſ mir wie eine Schweſter! 1 „* 121 Bodo war aufgeſtanden und ging unruhig ei⸗ nige Mahl auf und ab. Beide ſchwiegen Dorchen verbarg ihr Geſicht, trocknete ſich die Augen, ind blickte ihn dann wieder, wie um Vergebung bit⸗ tend, mit inniger Zaͤrtlichkeit an.—2 „Seyn ſie nicht böſe auf mich?*— likpelte ſie ſanft. „Ich auf dich?— erwiederte er geruͤhrt— auf dich, reine, unſchuldige Seele2 Wiederum eine Pauſe. „Kommen ſie nun, liebes Dorchen!— fing Bodo endlich wiederum an—„es iſt vollig dun⸗ ksl worden; ich begleite ſie nach Hauſe.“ 9 Er warf ſeinen Mantel um und ergriff ihren Arm. Es wollte nicht gelingen, auf dem Wege die ehemahlige unſchuldige Vertraulichkeit ganz wieder herzuſtellen; aber bey dem Abſchiede, der einige Schritte von Dorchens Wohnung erfolgte, küßte ihr Bodo die Hand, und dieſer Handkuß, der erſte in ihrem ganzen Leben, und noch dazu von einem ſo ſchoͤnen, durch Geburt und Rang weit über ſie erhabenen, von ihr geliebten Mannt⸗ drang dem armen Mädchen bis in die innerſte Seele. Arlheims Empfindungen hatten ſich ſeit einer Stunde ſehr verandert. Der eben ſe ernſtliche, als zärtliche Widerſtand der holden Unſchuldigen ſtellte ſie ihm jetzt noch weit edler, noch weit lie⸗ unterhalt. Biblioth.. B. 5 „ 122 benswuͤrdiger dar; aber ſein leichtſinniger Vor⸗ ſatz erſchien ihm auch in einem deſto haſſenswür⸗ digern, verächtlichern Lichte. Roch konnte und mochte er nicht uber ſich ſelbſt nachdenken; aber, als ein echter Verliebter, naͤherte er ſich, um die Reitzende noch ein Mahl zu ſehen, ihrem Hauſe, und blickte durch die Ritzen der Fenſterladen. Von der Magie des erſten Handkuſſes ſuͤß berauſcht, und eben deßhalb zur fröhlichſten Stim⸗ mung erhoben, war Dorchen in das Stubchen ge⸗ treten; aber der Bewillkommungsgruß, der ſie erwartete, war nicht wenig dazu geeignet, ihre Frende zu truͤben. Vater Fabian, dem Dorchen weit uber die geſetzte Zeit ausgeblieben war, fragte gar barſch und muͤrriſch, wo ſie ſo lange geweſen? Dorchen antwortete der Wahrheit gemaͤß, ſie habe zu dem Herru Kammerjunker Blumen hingetragen. „Zu dem Kammerjunker? und dort haſt du bis in 5 tiefe Racht geſteckt? Das ſollſt du mir 5 nicht zum zweyten Mahle verſuchen, Dore!“— antwortrte der Alte noch weit aufgebrachter, und beruͤhrte zu gleicher Zeit beyde Wangen der Er⸗ ſchrocknen ſo unſauft mit ſeiner harten Hand, daß der lauſchende Liebhaber von dieſer grauſamen Behandlung ſeiner Duleinea nicht bloß durch die Augrn, ſondern ſogar durch den Sinn des Gehi uberzengt ward. — —— wagte, ſorgte der Zufall fuͤr ſeine Liebe, und ſehr ſam aufzudringen. mit Bodos Reitknecht zuſammen.„Hoͤre er, 123 Wollte jedoch Bodo das Ungewitter nicht wahr⸗ ſcheinlich noch verſtaͤrken, ſo mußte er natuͤrlich bloß einen ſtummen Beobachter dieſer tragiſchen Scene abgeben. Dorchen ſchluchzte:„Er iſtrauch gar zu hart, Vater!“— aber da ſie durch ein rau⸗ hes:„Schweig, unbeſonnenes Ding!“ ab⸗ und zur Ruhe verwieſen ward, da die gutmeinende Baſe ihr heimlich winkte, den Zorn des Vaters ja nicht zu reitzen; ſetzte ſie ſich ſtill in einen Winkel und nahm bloß zu Thränen ihre Zuflucht. Bodo fonnte von ihr nichts mehr hoͤren und ſehen, und begab ſich nach Hauſe. Doch ſo grell auch dieſer Auftritt mit ſeinen Gefuͤhlen fuͤr das Mädchen abſtach; ſo vermehrte ſich doch ſogar ſelbſt durch den ſtrengen Gehorſam der Tochter, und durch den Gedanken, daß er ſelbſt Dorchen dieſe Behandlung zugezogen habe, ſeine Zunei⸗ gung zu ihr, und er wuͤnſchte nichts mehr, als ſie deßhalb recht bald um Vergebung bitten zu können. Doch weit angelegentlicher, als er ſelbſt es gleichgültig ſcheinende Umſtände ſchieuen ſich ab⸗ ſichtlich zu vereinigen, um ihm die Erfuͤllung ſei⸗ ner geheimſten, aber feurigſten Vin gleich⸗ „Der alte Fabian traf nach einigen n 144 Freund!— ſagte der Alte—„daß mir das nicht wieder geſchieht, oder es wird nicht gut! Mein Mädel iſt vorgeſtern Abends bey ihm ge⸗ weſen, und ſie hat ein Paar tuͤchtige Ohrfeigen dafuͤr gekriegt.“ „Ich weiß nicht, was er will“— verſetzte Heinrich—„ich habe Jungfer Dorchen ſeit vier Wochen mit keinem Auge geſehen!* „Mein Mädel luͤgt nicht, wie er, und er thaͤt gut, es ſich auch abzugewoͤhnen. Richte er ſich nach dem, was ich ihm geſagt habe, und damit⸗ Punctum!“— ſo erwiederte Fabian, und ging trotzig ſeiner Wege. Heinrich konnte ſich anfaͤnglich nicht recht in die Sache finden; aber bald beſann er ſich, daß ihn ſein Herr vor einigen Tagen wegen einer Ge⸗ ringfügigkeit den ganzen Abend verſchickt habe. Dieß und uͤberhaupt Vodo's ſeit kurzem ſo ſtarke Reigung zur Blumenzucht gab ihm genugſame Erlaäuterung. Es verdroß ihn gewiſſer Maßen, daß Dorchen ſeiner ernſtlichen Bewerbung kein Gehoͤr gegeben habe, und ſich nun von ſeinem Herrn bey der Raſe herumführen laſſe, und er wußte ſich dafur nicht anders zu rächen, als daß er die ganze, halb nu ecrathene Geſchichte, wiewehl unter dem Sieget des Geheimniſſes, den Domeſtiken der mittheilte. „ * E — 125 Juliane vernahm natuͤrlich ſchon am folgen⸗ den Morgen aus dem Munde der getreuen Zoſe, daß die blutjunge und recht naſeweiſe Jungfer Kohl eine ganze Racht bey Arlheim zugebracht habes dieſer frechen Auffuͤhrung halber ſey ſie denn auch von ihrem Vater dermaßen abgepruͤgelt worden, daß die ganze Rachbarſchaft in der Mei⸗ nung, es ſey Feuer, ſich um das Haus verſammelt habe. 6 Vielleicht wäre die Baroneſſe, haͤtte ſich dieß etwa ein Jahr nach ihrer Verheirathung zugstra⸗ gen, ziemlich gleichguͤltig bey dieſer Rachricht geblieben; allein jetzt wurde ihr Stolz durch den Sieg einer gemeinen Dirne uͤber ihre eigenen Reitze nicht wenig empoͤrt, und ſie konnte es nicht erwarten, bis Bodo nach ſeiner Gewohnheit ein⸗ mahl zuſprechen wuͤrde, ſondern bath ihn in einem ziemlich lakoniſchen Villett um einen kurzen Veſuch So wenig aufgelegt dieſer jetzt dazun war, ſo mußte er ſich doch einfinden. Juliane machte ihMm die bitterſten Vorwuͤrfe, ließ ſich in der Hitze ſosn gar zu den entehrendſten Beſchuldigungen gegen ihn und zu Schimpfworten gegen das arme Dor⸗ chen herab, und, da der jetzt außerordentlich reitz⸗ dare Arlheim nach und nach gleichfalls ſeinen Gleichmuth verlor, ſo kam es urtt G Sen Bruche. einem 7 126 Man ſandte ſich gegenſeitig Geſchenke, Briefe und Gemählde zuruͤck, und Bodo erfuhr nach we⸗ nig Tagen, daß⸗ Juliane dem vorherigen Frie⸗ densſtifter zwiſchen ihm und ihr, der ſchon vor ihm um ſie geworben, das Jawort ertheilt habe; daß aber auch durch ſie und ihre Leute das Geéruͤcht von ſeinem Abenteuer mit dem ſchönen Gaͤrt⸗ nermaͤdchen und der dgrauf erfolgten Zuͤchtigung, mit den boßhafteſten Zuſätzen verziert, in der ganzen Reſidenz verbreitet worden ſey. Tiefer Unwille uͤber dieſe niedrige Verleum⸗ dung und ein nicht unangenehmes Gefuͤhl uͤber ſeine wieder erlangte Freyheit vereinigte ſich jetzt in ihm mit der Ueberzeugung, daß das gute Dor⸗ chen durch ſeine Schuld an ihrer Ehre leide, und daß er deßhalb zu einer Verguͤtung verpflichtet ſey; aber freylich war ihm alles noch zu neu, freylich ſchienen ihm ſein Stand und die Vorur⸗ theile der Welt, ja ſelbſt die Gewißheit von Dor⸗ chens mangelhafter Erziehung, noch viel zu un⸗ uberſteigliche Hinderniſſe, als daß er zu irgend einem feſten Entſchluſſe haͤtte gelangen können. Doch mitten in dieſer Unruhe erſchien ihm, ein leitender Schutzgeiſt, ſein älteſter und edlichſter Freund, und ſchon bey der erſten Um⸗ zutheilen. armung war es beſchloſſen, dieſem ſich ganz mit⸗ 127 8 ermann— ſo hieß Bodo's Ingendfreund— war der Sohn des ehemahligen Verwalters auf Bodo's Rittergute, und hatte die Rechte ſtudiert. Als einem Manne von ausgezeichneten Talenten und ausdauerndem Fleiße hatten ſich ihm, kurz nach Brendigung ſeiner akademiſchen Laufbahn, die guͤnſtigſten Ausſichten gezeigt; aber faſt zu gleicher Zeit war er von der Liebenswuͤrdigkeit⸗ eines ſchoͤnen, aber armen Mädchens— einer Pfarrestochter, ſo viel Bodo gehoͤrt hatte— ge⸗ feſſelt, und durch eine Verheirathung mit ihr aller ihn erwartenden Vortheile beraubt worden. So war es denn gekommen, daß er einige Jahrein einem kleinen Städtchen unter ziemlich druͤcken⸗ den Verhältniſſen gelebt hatte; doch ganz vor kurzem war Bodo's Gerichts⸗ Director geſtorben, und Bodo hatte bey Beſetzung dieſer ſehr ein⸗ träglichen Stelle natuͤrlich vor allen andern auf ſeinen Jugendgeſpielen Ruͤckſicht genommen. Jetzt war dieſer gekommen, um ſeinem Freunde und fuͤnftigen Gerichtsherrn perſoͤnlich dafuͤr zu danken. Kaum waren die erſten Fragen zweyer nach langer Zeit ſich wiederſehender Freunde beant⸗ wortet, als Bodo ſeinem Herrmann, zu dem er wogen ſeines faſt aͤhnlichen Schickſals in der Lieh doppeltes Zutrauen gefaßt hatte, zum Vertrauten ſeiner Herzensgeheimniſſes machte. Er erzaͤhler ihm von dem tiefen Eindrucke, den bennahe vom erſten Anblicke an ein ſchoͤnes und unſchuldiges Mädchen, aber aus dem niedrigſten Stande, in ihm zuruͤck gelaſſen habe; er ſetzte ihm die mit der Baroneſſe ſtatt gefundenen Verhaͤltniſſe bis zur Trennung aus einander; er war aufrichtig genug, ſeine Schuld in Hinſicht auf Dorchen zu bekeunen, und erwaͤhnte ſo wohl des Nachtheiles, den der gute Ruf des Maͤdchens durch ihn erlei⸗ den koͤnne, als der geringen geiſtigen Ausbil⸗ dung, die ihn von einer ernſtlichen Verbindung mit ihr abhalte.—„Meine uͤbrige Lage in Hin⸗ ſicht auf meine Hofſtelle und auf eigenes Ver⸗ moͤgen“— ſo ſchloß er ſeine Erzaͤhlung—„iſt dir zur Genüge bekanut; rathe mir nun als ehrli⸗ licher Mann und als aufrichtiger Freund, was lich thun ſoll?* „gu dem Bruche mit der Baroneſſe“— ver⸗ ſetzte Hermann mit der innigſten Theilnahme— „wuͤnſche ich ihnen Gluͤck. Tief wuͤrde es mich zchnerzt haben, ihre künftige Zufriedenheit nicht feſter gegruͤndet zu ſehen, als bey den Mei⸗ ſten ihres Standes!— Aber glauben ſie deßhalb nicht, daß ich, ob ich ſchon ſelbſt alle burgerli⸗ chen Vortheile aus den Augen geſetzt habe, um durch Liebe glucklich zu werden, ihnen unbedingt zu einer Verbindung mit dem Maͤdchen rathen werde. Zwar, wenn es wahr iſt, daß die Ehre der Armen durch ſie untergraben worden, wenn —— 3 120 das ſchuldloſe Mädchen ſich künftig vielleicht nir⸗ gends zeigen darf, ohne daß man mit Fingern auf ſie zeiget; ſo wiſſen ſie äls Mann von geläu⸗ terten Begriffen ſelbſt, daß ſie zu jeder moͤgli⸗ chen Entſchädigung verpflichtet ſind.— Ob dieſes aber durch ihre Hand, oder durch die Pand ei⸗ nes andern braven Mannes, den das Mädchen leiden könnte, geſchehen muͤſſe, darüber enthalte ich mich vor der Hand alles Urtheils. Denn ſollte ſie vielleicht nicht fähig ſeyn, dem hoͤhern Kreiſe, in den ſie verſetzt werden muͤßte, ſich anzubildenz ſollte ſie nicht Verſtand, Talent, Fener— kurz nicht Gehalt genug haben, um einem gebildeten Manne in der Länge genuͤgen zu können; ſo waͤre das ihr dargebrachte Opfer auf einer Seite zu groß, auf der andern nur dem Scheine nach ge⸗ nugthuend. Ob alſo das Glück meines Freundes und des Mädchens durch eine Verbindung zu gruͤnden ſey, daruber enthalte ich mich alles Ur⸗ theiles, bis ich das Mädchen geſehen!“ „Du haſt, ohne es zu wollen, das Urtheil geſprochen;“— antwortete Arlheim—„das Mäd⸗ chen iſt die Unſchuld und Liebe ſelbſt, aber es fehlt ihr auch nicht an natuͤrlichem Verſtande, ja ſelbſt nicht an jener hinreißenden Schalkhaf⸗ tigkeit, die eine ſchöne Geſtalt, wie der Doen die Roſe, nur noch liebenswuͤrdiger und begeh⸗ 8 renswerther macht. Mein hibeligt n mit C 136 ihr und die Zartheit ihres Benehmens dabey hat mich vollig uberzeugt, daß ſie die Fähigkeit, ſich in jeden, ſelbſt in den hochſten Stand zu fin⸗ den, in reichem Maße beſitzt; ſie iſt ein koſt⸗ licher, nur noch ungeſchliffener, Diamant!— Doch du wirſt nur den Liebhaber in mir zu hoͤren glauben; aber du ſollſt ſie ſelbſt ſehen, ſollſt ein Zeuge ſeyn, daß ich thue, wozu die Pflicht und mein Herz mich auffordert! Komm, lieber Her⸗ mann!* Raſch nahm Bodo den Arm ſeines Freundes, um ihn nach Fabiaus Garten zu fuͤhren. Da ſie nahe am äußerſten Thore waren und Dorchens Wohnung ſchon von fern erblickten, fragte Her⸗ mann miteiniger Verwunderung:„Alſo in dieſer Gegend wohnt ihre Schöne?* Bodo zeigte auf das Haus. „In dieſem Hauſe wohnt ſie! Eben hier⸗ her ſollte mein erſter Gang gerichtet ſeyn, wenn ich von ihnen gekommen wärk.“ „Hier Wbhnt das gute Dorchen 1 „Dorchen? und wer iſt ihr Vater? Das ha⸗ ben ſie mir noch nicht geſagt.“ „Der Gärtner Fabian Kohl.“ Hermann faßte Bodo's Hand und ſahe ihm bedeutend und zaͤrtlich in die Augen. „Nun kann ich ihnen gar nicht rathen, lie⸗ ber Vodo! Run gar nicht!— ſagte er ernſt— hen ſie denn und thun ſie, was das Herz ihnen 13 nun mag ich ſie jetzt nicht einmahl begleiten. Ge⸗ heißt. Heute Abend beſuche ich ſie wieder; dann laſſen ſie mich ihren Entſchluß wiſſen!“ Hermann entfernte ſich, ohne auf Bodo's Rachrufen zu hören. Dieſer ſabe ihn, nichts be⸗ greifend, eine Weile nach, und ging, nachſin⸗ nend uͤber das raͤthſelhafte Benehmen ſeines Freundes, zum alten Fabian. Er traf nur Dorchen und die alte Baſe in dem Zimmer, beyde beſchaͤftiget, aus Primeln, Veilchen und Krokus— denn der Fruͤhling ſpen⸗ dete nun freywillig der freyen Erde, was die Kunſt vorher nur mit Muͤhe den Treibhausbee⸗ ten abgetrotzt hatte— kleine Straͤußer zum mor⸗ genden Verkaufe zu binden. Das ſchöne Dorchen ſchien faſt bey dieſer niedlichen Arbeit noch ein Mahl ſo reitzend, als ſonſt, und der Gedanke an den Handkuß über⸗ goß ihr Geſicht beh dem Eintreten des maͤnnlich ſchoͤnen Bodo's mit einer Glorie, des ſelbſt der ſich ſogleich damit verbindende Gedanke ansdie Dhrfeigen nicht ganz verwiſchen konnte. Sie hätte ſelbſt in dieſem Augenblicke gar gern pin den er⸗ ſtern noch einmahl die letztern ertragen; ſie be⸗ willkommte Bodo aufs freundlichſte, both ibm das ſchonſte ihrer Sträußchen dar, und lispelt ihm, ſo bald es unbemerkt von der etwas ſchwe hoͤrigen Vaſe geſchehen konnte, mit dem ſanfte⸗ ſten Tone die Worte zu:„Ich darf keine Blumen wieder zu ihnen bringen. Der Vater hat mir es verbothen, und wenn ſie wuͤßten, was die Nach⸗ barn von mir ſprechen— ach, ich mag es ihnen nicht ſagen!“ Bodo's Herz klopfte lant. Er druͤckte ſanft ihre Hand an ſeine Bruſt, und eine innere Stimme rief ihm zu: Sie muß mein werden! Ich kann ohne das Mädchen nicht leben! Ganz nun mit ſich ſelbſt einverſtanden, ſuchte er den Vater im Garten auf. Fabian oculirte eben ein Baͤumchen, und vief ſchon von weitem ihm entgegen:„Es iſt mir recht lieb, das ſte mich wieder einmahl beſuchen; ich wollte ihnen ohne dieß gern etwas ſagen.“ „Ich ihm auch, Vater Kohl!“* „Nun, ſo hoͤren ſie erſt das meinige!— Sehen ſie, gnädiger Herr, ich halte wirklich gro⸗ ße Stuͤcken auf ſie— und da muß ich ihnen denn frey bekennen: Es iſt nicht recht, daß ſie ſo was leiden.“ „Was denn, lieber Alter? „Mein Midel iſt letzthin fe 2 den ganzen Abend bey ihnen geweſen; ſie ſind zwar ein jenger, vornehmer Herr, aber, wie die ganze Stadt ſagt, doch auch ein braver, ehrlicher Mann, der auf Zucht und Hroͤnung haͤlt— ſie muͤſſen mir das nicht uͤbel nehmen, wenn ich nicht hoͤflicher rede, als ich es verſtehe— ja, und mein Maͤdel iſt auch brav, aber ein junges, einfaͤltiges, unerfahrenes Ding; der Musje Hein⸗ reich iſt mir immer dem Mädel nachgeſchli⸗ chen—— Kurz und gut, das Zuſammenkriechen will ſich nicht ſchicken, und ſie ſollten da ſrenge⸗ res Commande halten in ihrem Hauſe!“ „Ja, es war wohl nicht ganz recht, Fabian! aber laſſe er es gut ſeyn! Ich will das wieder gut machen; ich komme jetzt bloß in der Abſicht, um mir ſeine väterliche Einwilligung zu erbitten.“ Fabian horchte hoch auf, ſchob die Muͤtze von einem Dhre zum andern, hielt in ſeiner Beſchaͤftigung inne, und ſtaunte Bodo verwun⸗ dert an.—„Iſt das Ernſt?“ fragte er längſam. „Voller, wahrer Ernſt. Ich wuͤrde es fuͤr unrecht balten, bey ſo etwas zu ſcherzen.“ „Hin!“— erwiederte der Alte,„indem er be⸗ daͤchtig das Haupt wiegte—„die Sache waͤre zu uͤberlegen. Das Maͤdel iſt jung und feurig, und das Mannsvolk fängt nach gerade an, ihr nachzulaufen— arm iſt ſie auch; denn ich habe noch Schuldemauf meinem Grundſtuͤcke— uͤbri⸗ gens denke ich zwar nicht eben hoch mit ihr hin⸗ aus, aber doch bey allen dem— hinter dem Zaune ſind meine Kinder doch auch nicht gefun⸗ den, und wir haben gar eine hübſche Verwandt⸗ ſꝙaft. Ich habe ſo immer gedacht, mir einen jun⸗ gen huͤbſchen Burſchen heran zu ziehen, der mich im Alter mit durchſchleppte und kuͤnftig mein Krämchen uͤbernähme— da haͤtten denn die Leutchen ſchon Brot— inzwiſchen, wenn ſie dem Heinrich ein gutes Atteſtat geben könnten, daß er ein redlicher Menſch ſey, und kein Spieler und kein Saͤufer und dergleichen— wenn er et⸗ wa ein kleines Capitaͤlchen ſich erſpart hätte, oder ſie ſelbſt wollten die Gnade haben, ihn mit ei⸗ ner Kleinigkeit zu unterſtutzen, oder ihm wohl gar ſo ein huͤbſches faules Aemtchen bey Hofe zuzuſchanzen, daß er mir dabey noch beyſtehen koͤnnte“— „Was ſpricht er mir denn immer von dem mi 2 Ich ſelbſt will ja das Mädchen!“ „Herr!— Herr Kammerjunker!“— rief der alte Gaͤrtner, wie aus den Wolfen gefallen und hoͤchſt erbittert—„Alſo bey ihnen iſt meine Dore geweſen? Ha! das haͤtte ich wiſſen ſollen!— Herr! ich bin nur ein niedriger Mann, aber mein Haar iſt mit Ehren grau geworden; mein Biß⸗ chen Habe und Gut iſt im Schweiße meines An⸗ geſichtes erworben, an mir und meinen Kindern haftet kein Flecken— und ehe ich zugeben wollte, daß meine Dore um ſchnoͤden Gut und Geldes willen ſo eine— ſo eine Mamſell in langen Kleidern werden ſollte, ehe wollte ich“—— Fabian . ergriff hier das junge Pfirſichſämmchen, bey dem er ſtand, und war in der blinden Wuth nahe daran, es umzubrechen—„ehe wollte ich, daß das Mädel, ob ſie gleich das Reſthäkchen iſt und ich ihr oft und gar zu ſehr durch die Finger ſehe, hier vor meinen Augen im Sarge läge!“ „Beruhige er ſich doch, lieber Väater! Meine Abſichten ſind die redlichſten von der Welt. Ich will ſeine Jochter heirathen!“ „Wie koͤnnen ſie das nur ſagen? So etwas können ſie wohl dem einfältigen Mädel weiß ma⸗ chen— was koͤnnet ihr Herren nicht? aber nicht dem alten Fabian! Zudem haben ſie nicht ſchon eine Braut?“ „Ich habe dieſe vernachläſſigt, aufgegeben, aus Liebe zu ſeinem Dorchen. Meine ehemahlige Braut iſt bereits mit einem Andern verehelicht.“ „Iſt das wahr?“— fragte der Alte mit Ver⸗ wunderung, aber auch mit mehrerer Achtung— »Wahrhaftig, ſie ſehen mir ſo offen und ehrlich in die Augen, wie ein junger Bauerburſch, und ich kann es nicht glaußen, daß ſir mit einem al⸗ ten Manne, der ſie nie beleidiget hat, nur einen Spaß machen wollten. Es iſt viel, ſehr viel von ihnen— eine ſo reiche, vornehme Braut um ein armes Gaͤrtnermädel;— aber bey alle dem— waͤhrhaftig, ich bedauere ſie und das Mädel, aber ch ſehe doch keine Moͤglichkeit, daß ich ihnen mein Kind geben kann. Sie müßten ja von Stund an den Hof meiden, und meine Dore— die würde ſich ſchoͤn aus ee ais eine gnaͤdige Kammer⸗ junkers⸗Madam* „Das wird ſich finden! ſie oder keine An⸗ dere ſoll mein Weib werden! Ich bebe das Mäd⸗ chen von ganzem Perzenz 2 glaube auch, daß ſie mir nicht abgeneigt iſi“ „Ha! was das Abgeneigtſeyn anlangt“— ſagte der Alte in luſtiger Laune—„warte, warte, Blismädel! jetzt geht mir ein Licht auf— ja, wahrhaftig, d das will ich ihnen wohl glauben⸗ Hat doch die Baſe ſchon lange daruͤber geſcholten, daß die Dore gleich an das Fenſter läuft, ſo bald ein Gruͤnrock vorbeyſchackt— und ein großes Gluͤck waͤr es ſchon fuͤr mein Kind, und man t veiß frey⸗ lich nicht alle Mahl, was der liebe Gott mit ei⸗ nem hubſchen Mädel im Sinne hat, und es iſt die Pflicht der Aeltern, ſo etwas nicht von ſich zu weiſen—— aber ich alter Rarr! was ſchwatze ich nur da? wie kann ich im Ernſte an ſo etwas glanben?* „Es iſt mein Ernſt, Vater! Hier hat er meine Hand; es iſt die Hand eines ehrlichen Mannes!“ „Herr Kammerjunker! ich weiß nicht mehr, was ich ſagen ſoll, und wenn ich ſie ſo anſehe und an das Mädel dabey denke, wahrhaftig ich möchte lieher weinen! Ich ſehe es, ſie meinen es ehrlich und gut— und das Mädel iſt auch ſo— aber dennoch iſt mir alles zu rund. Ich bin wohl ein alter Mann und habe in meiner Jugend bey mauches in der Welt erfahrrn, aber— ſie duͤr⸗ ſehe ich mich immer noch vor; bey denen kaun erwarte ihn alle Tage. Der verſteht ſich auf 6 meiner Frau das älteſie Mädchen zu ſich, und hat In die hatte ſich nun ein ehrlicher, geſtudierter aͤrmlich und ſpaͤrlich genug behelfen muͤſſen, aber Verſorgung gekriegt habe, und noch in dieſer“ 137 einem fuͤrſttichen Kunſtgaͤrtner gelernt und ſo fen mir das nicht ubel deuten; denn es ſoll ihnen eigentlich gar nicht gelten— mit den Vornehmen ich mich ſeiten zurecht ſinden.“ Wie ſoll ich es denn aber anfangen, umihn zu Setenzen 2*„ „Wiſſen ſie was, gnädiger Herr! mir ine was ein. Ich habe da einen Schwiegerſohn, und „als unſer eins, und wenn mirder eirath rath*— hat noch eine Tochter, Fabian?“ ſehen ſie nur! Schweſter, die eine Prieſterswitwe iſt, nahm nach dem Tode ſie im Chriſtenthume und zu allem Guten erzogen. junger Mann verliebt, und. hat ſie auch geheira⸗ thet. Die guten Leutchen haben ſich lange Zeit nun hats keine Noth weiter. Denn der Eidam hat mir kuͤrzlich geſchrieben; daß er eine reichliche 138 Woche herauf kommen werde, um ſich bey dem Herrn, der ſie ihm juoeſchant⸗ perſoͤnlich zu melden“— „Wie heißt der junge Mann? 2*— fuget Arl⸗ heim angenehm beklommen. „Er heißt Hermann!“— verſetzte der Alte. „Hermann! Hermann!“ wiederhohlte. Arl⸗ heim in froher Ueberraſchung, ſchloß den Alten⸗ der ihn ſchier fuͤr halbtoll hielt, feurig ſeine Lame, rannte dann zu Dorchen, rief ihr zu: auch ein Straͤußchen fuͤr deinen Schwa⸗ ger riß ihr eins aus der Hand, kußte ſie auf die Wange, und war, ehe ſich noch Dorchen be⸗ ſinnen konnte, auf und davon. Bodo eilte wie im Fluge nach Hauſe, und die Stunden, bis Hermann nach ſeinem Verſpre⸗ chen ſich wieder einfand, duͤrsten ihm eine Ewigkeit. „Willſt du mein Bruder werden, wie du langſt mein Freund warſt?— rief er ihm ent⸗ gegen und both ihm die Hand. Hermann trat ein wenig zuruͤck, ohne einzu⸗ ſchlagen.„Sie wiſſen alſo alles?“— fragte er mit tiefem Ernſte— wiſſen es, daß ich Dorchens Schwager bin?* „Freylich, freylich, du Guter* in einer flͤchtigen Anfwallung, ſondern beſonnen. „Und ſie haben nicht auf Ueberredung, nicht 35 p nach der Stimme ihres Herzens, als ein freyer, denkender Mann, als ein Mann von Ehre, feſt und unabaͤnderlich beſchloſſen, das zwar niedrige, aber unſchuldige und makelloſe Mädchen zu ih⸗ rer Gattinn zu waͤhlen?* „Das habe ich. Mich treffe die Verachtuns jedes Redlichen, wenn ich je wanke!“ „Herr von Arlheim! jetzt iſt es noch Zeit, zuruͤck zutreten; aber dieſer Augenblick iſt entſche dend. Sie ſind mein Freund, mein Wohlthäter; mein und meiner Familie Verſorger, aber, ſo⸗ bald ſie auf dieſem ihren Entſchluſſe beharren ſo muͤſſen ſie von nun au nicht bloß ihren dank⸗ baren Freund in mir erblicken, ſondern auch den Beſchutzer meiner Schwägerinn und— das ver⸗ huͤthe Gott!— im ſchrecklichſten Falle ihren Raͤcher!** „Du wirſt, du ſollſt ewig mein guter, trener, theilnehmender Bruder ſeyn— Bruder auf du und du!— antwortete Arlheim, ihn feurig um⸗ armend. „Auf du und du, wie in den Tagen unſeret Jugend, aber nun, wie Männer, in Leben und Tod!— verſetzte Herann und erwiederte ſeine Umarmung.— Sd war denn der Bund geſchloſſen, und dir beyden Freunde blieben den ganzen Abend, ja Kiöß die Racht erſ bey einander. Sie uͤber⸗ —— legten gemeinſchaftlich, wie fuͤr Dorchens feinerr Ausbildung am beſten geſorgt, wie ihre Verbin⸗ dung mit Arlheim, die nach beyderſeitigen Mei⸗ nung noch einige Jahre verſchoben werden ſollte, mit moͤglichſter Vermeidung alles Auffallenden, mit möglichſter Schonung ſeiner bishérigen Ver⸗ hältniſſe eingeleitet und zu der froͤhlichſten Voll⸗ ziehung gebracht werden könne. Am folgenden Morgen eilten ſie vereinigt zu Fabian, und die Freude des Empfanges war von allen Seiten ſehr greß. Dorchen zeigte auch bey dieſer Gelegenheit ſo viel inniges Gefuͤhl, ſo viel Zärtlichkeit gegen Schweſter und Schwager, ſo viel unwillkuͤhrliche, bezaubernde Hiuneigung gegen Bodo, daß dieſer den Rath ſeines Freun⸗ nichts merken zu laſſen unb bloß im Verhältniſſe eines theilnehmenden Freundes zu bleiben, nur mit hoͤchſter Anſtrengung und Ueberwindung be⸗ folgen konnte. Hermann zog bey der erſten Ge⸗ legenheit ſeinen Schwiegervater auf die Seite, „ und da dieſer das groͤßte Zutrauen in ihn ſetzte, ſo war ſehr bald alles Erforderliche in Ordnung gebracht. 3 5 Roch vor Hermanns Abreiſe wußte Dorchen, ihrer kuͤnftigen Beſtimmung, einem Stäaͤdtchen unweit des Arlheimiſchen Gutes, angelang des, ihr von ſeinen Abſichten vor der Hand gar daß ſie ihre Schweſter, ſo bald dieſe an dem Orte 141 ſeyn würde, beſuchen und ſich einige Zeit bey ihr aufhalten ſolle. Sie freuete ſich darauf mit kind⸗ licher Jnnigkeit, und nur der tief im Herzen ver⸗ ſchloſſene Gedanke, daß ſie dann Bodo nicht mehr ſehen werde, ſtoͤrte zuweilen ihr Gluͤck. Erröthend, doch nichts weniger, als ungern, gab ſie es zu, daß ihr Freund ſie noch kurz vor der Abreiſe als Veilchenbinderinn mahlen ließ, und bey dem Abſchiede von ihm vergoß ſi ſie unzäh⸗ lige, nicht ganz zu verhehlende, Thraͤnen.— Auch der alte Fabian wurde bald darauf nach Bodo's Gute gelockt, und ließ ſich, aus Liebe zu ſeinen Kindern, endlich bereden, ſeine Beſitzung in der Reſidenz aufzugeben und die Auf⸗ ſicht uͤber den ſehr weitläufigen Garten des Arl⸗ heimiſchen Rittergutes zu uͤbernehmen. Der Reitknecht Heinrich erhielt ſeinen Abſchied, und Bodo bath in der Abſicht, eine Reiſe in das Ausland zu unternehmen, um ſeine Entlaſſung, die ihm denn auch auf das ehrenvollſte mit der Anwartſchaft aufdie Oberforſtmeiſter⸗Stelle des⸗ jenigen Kreiſes, in welchem ſein Gut lag, er⸗ theilt wurde. Dorchens ältere Schweſter, Nahmens So⸗ pbie, gehoͤrte zu den edlen weiblichen We⸗ ſen, die, auch bey ſehr aeringer Anletung, das . Vertreffliche erreichen, und ihre Tante war eine ſehr brave und verſtaͤndige Hausmutter. Da nun Sophie auch durch einen frühzeitigen umgang mit Hermann nicht nur Gelegenheit, ſondern auch den ſtärkſten Antrieb zu einer hoͤhern Aus⸗ bildung erlangt hatte, und von der Natur mit Klugheit und Scharfſinn reichlich ausgeſtattet war; ſo konnte es nicht fehlen, daß ſie bey Aus⸗ fuͤhrung des von ihrem Manne und Vodo entwor⸗ fenen Planes die geſchickteſte Gehuͤlfinn abgeben mußte. Beyde Ehegatten machten es ſich zur hei⸗ ligſten Pflicht, Schweſter Dorchen in eine wuͤr⸗ dige Gattinn des edlen Bodo umzubilden, und der gluͤcklichſte Erfolg krönte ihre Bemuͤhungen⸗ Dorchen erhielt, theils durch einen geſchick⸗ ten Geiſtlichen des Hrtes, theils durch Hermann und Sophien ſelbſt, in allem fuͤr ein edles Weib Wiſſenswerthen den vollſtändigſten Unter⸗ richt, und kaum hatte ſie mit ziemlicher Anſtren⸗ gung die erſten Schwierigkeiten beſiegt, als ſie bald ſehr bemerkbare Fortſchritte that. Ein nenes Licht ſchien ſich für ſie über die Welt zu verbrei⸗ ten, und ihr feuriges Herz umfaßte alles Gute, Große und Schöne mit der gluͤhendſten Em⸗ pfindung. Bald war ſie ſo weit gebracht, daß ſie ſelkſt wieder die ganz an ihr hängenden Kinder Se⸗ phiens unterrichten konute; bald wurde ſie von den Angeſehenſten des Städtchens ihren Loͤchtern als Muſter der Nachahmung angewieſen. 3 lange vermißten Bodo, aber deſto ſcheuer und zuruͤckhaltender auch die Briefe, die ſie auf Her⸗ uͤberreichten. Run mußte ſie ihrem Freunde fuͤr 143 Es ſeht ſich von ſelbſt, daß bey dieſer nach und nach ſteigenden Veredlung ihres Geiſtes auch das Aeußere nicht uberſehen wurde. Bodo hatte, ihr unwiſſend, zu ihrem Unterhalte ein viel An⸗ ſehnlicheres ausgeſetzt, als die wirthſchaftliche Sophie fuͤr ſie auszugeben vermochte; gleichwohl erhielt ſie, angeblich von Hermann und Sophien oder der Tante, immer mehr und ſchoͤnere Klei⸗ der. Riemand wuͤrde in ihr mehr die Blumen⸗ verkäuferinn erkannt haben, ob ſie gleich auch als dieſe jedes Herz zu feſſeln vermocht hatte. Doch je mehr ſich ihr Anſtand verſchoͤnerte, je mehr ihte Gefuhle ſich verfeinerten, deſto zaͤrt⸗ licher wurden zwar ihre Eriunerungen an den ſo mans Veranlaſſung von Zeit zu Zeit an ihn ſchrieb. Hermannen und Sophien konnte der Grund hiervon nicht entgehen;; ſie freueten ſich innig darüber, und konnten ſie oft nur dadurch zum Schreiben an ihn bringen, daß ſie ihr irgend ein Geſchenk, als wirklich von Bodo geſchickt, ſein Andenken doch danken; nun wurde nach lan⸗ ger und ſtrenger Wahl endlich ein Brief fertig, und nun ſchwebte auch Dorchen Tage und We⸗ chen lang in ſchoͤnen, nur mit Muhe zu verber⸗ 144 genden, aber auch! wie ſie glaubte, für ſie ganz triegeriſchen Traͤumen. Der reiſende Oberforſtmeiſter, der das Neal weiblicher Unſchuld und Liebenswurdigkeit nur in Dorchens Bilde erblickte, konnte endlich ſeine, durch die Briefe der Heißgeliebten immer ver⸗ ſtärkte Sehnſucht nicht länger bekämpfen. Er meldete ſeinem Freunde die bald bevorſtehende Zuruͤckfunft, und beſtimmte zuletzt auch den Tag, an welchem er bey ihm eintreffen wollte. Hermann ritt ihm entgegen, und konnte den Ungeduldigen nicht zuruͤckhalten, Dorchen noch heute zu ſehen⸗ Sie ſchlichen ſich beyde durch den an Her⸗ manus Wohnung gränzenden Garten; Dorchen, weit ſchoner, als ſelbſt Vodo ſie ſich gedacht hatte, ſaß im weißen Gewande der Unſchuld in einer Laube; zwey kleine Mädchen Sophiens lebnten ſich an ihre Knie und reichten ihr ſchmeichenld Kornblumen zu, um Kränze daraus zu binden. „Meine geliebte Freundinn!“— rief Bodo in ſuͤßer Ueberraſchung und breitete die Arme nach ihr aus. Sie fuhr zuſammen.„Großer Gott) Bodo! — ſchrie ſie heftig erſchrocken; die Kinder hupf⸗ ten zu dem ruͤckkehrenden Vater; Dorchen ſprang durch den andern Ausgang der Laube, lief in das Haus und warf ſich ſn und weinend in So⸗ „ phiens Arme. So — S ————— die Bodo von der Reiſe mitgebracht haben ſollte— 3 weißes Kleid und ein Halsband und Armbänder Edelſteine nicht ganz kannte— Gott! nein, das 145 So ward ſie von Vodo und Hermann noch gefunden, als dieſe eintraten, und nur nach und nach konnte ſie ſich von dem freudigen Erſchrecken erhohlen. Den ganzen Tag uͤber ſprach ſie nur wenig, und oft, wenn ihr Auge auf Bodo traf, mußte ſie ſich abwenden. Bodo verließ ſie mit ſtillem Entzuͤcken, und lud Hermannen mit ſeiner ganzen Familie auf uͤbermorgen zu ſich ein, weil an dieſem Tage das froheſte Feſt ſeines Lebens gefepert werden ſolle. —„Sie kommen doch auch, liebes Kind?— ſagte er ſanft bittend zu Dorchen; aber ſie konnte vor Wehmuth nicht antworten. 5 6 Am folgenden Abend langten Geſchenke an, fuͤr Dorchen ein feiner Schleyer, ein koſtbares von Brillianten, die letztern mit Vodo's Portrait „Das muͤſſen wir alle Morgen tragen!“— ſagte Sophie—„Bodo könnte ſich ſonſt fuͤr leidigt halten.“ „Gott! was denkſt du?— erwiederte Se chen gluͤhend, ob ſchon ſie den hohen Werth der gebuͤhrt mir nicht; das darf ich nicht an und noch weniher tragen!“ Sophie ſtellte ihr aufs neue die uner ch nethwendigkeit davon vor, und geſtand r intehalt. ibloth. ro. B. G offenherzig, daß ſie alles, was ſie erlernt habe und beſig dem, mit zärtlicher Großmuth fur ſie hob, wie aus einem Traume erwachend, die ſchö⸗ nen Augen langſam gen Himmel.—„Häͤtte ich das nicht errathen ſollen?“— ſtammelte ſie mit gerungenen Haͤnden—„wie war es moͤglich, daß ihr von dem rurigen ſo ein Anſehnliches auf mich wenden fonntet?— Ach, wie ſoll ich es ertragen, dem Guten, Edlen wieder unter die Augen zu über dieſe unverdiente Gute?“ Dorchen konnte die ganze Nacht hindurch kein uge zuthu Still und ohne Widerſpruch klei⸗ dete ſie ſich am Morgen an, wie Sophie es anord⸗ nete; die ſchoͤnen Haare wurden auch dieß Mahl faſt ganz durch den Schleyer verborgen.—„Ich will dir ja gern folgen, Schweſter!“— ſagte freut; aber ich wollte, es wäre ſchon Nacht.“ gab, einen lächelnden Zug um den Mund nicht ganz unterdrücken; zwey prächtige Equipagen ka⸗ men angefahren, und Alt und Jung wurde ein⸗ gepackt. ſorgenden Vodo zu verdanken habe. Dorchen er⸗ treten? Muß ich nicht verſinken vor Scham Dorchen—„wenn du glaubſt, daß es ihn er⸗ Sophie konnte, ſo viel ſie ſich auch Muhe Alle Bedienten und Unterthanen Bodo's ſtan⸗ .. den in feſtlichen Kleidern bereit, als Hermann und die Seinigen anlangten; alle Zimmer des 7 Schioſſes waren aufgeſchmuͤckt; art von frem⸗ der Geſellſchaft war nichts zu erblicken. Bodo in der glaͤnzenden Oberforſtmeiſter⸗ Uniform empfing zuerſt Dorchen, dann auch die uͤbrigen, mit zärt⸗ licher Herzlichkeit; Dorchen konnte vor Foklen ⸗ mung kaum athmen. „Es freuet mich unendlich“— fing Bodo end⸗ lich, zu ihr gewandt, an—„daß ſie meine Ge⸗ ſchenke nicht verſchmaͤht haben; nur dirſerSchleyer verbirgt zu viel Schoͤnes, als daß ich ihn nicht hinweg wünſchen ſollte.“ „Ich lebe ſeit geſtern?— erwiederte Dorchen mit himmelvollen Blicken—„wie in einem immerwährenden Zauber. Ich will alles gern, was meinem Wohlthaͤter angenehm ſeyn kann.“ Eine Seitenthuͤr offuete ſich, und der alte Fabian, feſtlich, doch einfach gekleidet, trat mit einem bedeckten Koͤrbchen herein. „Du biſt ja furſtlich geſchmuͤckt, meine zoch⸗ ter!“— ſagte der tiefgeruͤhrte Greis im ehrwur⸗ digen Silberhaar— Solche Geſchenke kann dein Vater dir freylich nicht geben; aber du biſt und bleibſt doch immer die gute Lochter des alte 3 Ltrtnr Se 3 da bringe dir 6 148 „Darfich den Schleyer mit dieſem Kranze vertanſchen 2* „Bodo!— um Gottes willen!“— „Liebes, holdes Mädchen, das ich von dem erſten Augenblicke an liebte, willſt du meine Braut, meint Gattinn ſeyn?“ Rieder zu Bodo's Fuͤßen ſtuͤrzte Dorchtn er nahn den bräutlichen Kranz, und ſchmuͤckte ihre Locken damit. Dann hob er ſie auf, und druͤckte ſie feurig an ſeine Bruſt. „Willſt du mir folgen?“— fragte er aufs neue zaͤrtlich— und die Hauptthuͤren des Saales öffneten ſich, und Altar und Pfarrer ſtanden bereit. „Wohin du willſt, Bedo!“— ſchluchzte Dor⸗ chen.—„Willig bin ich deine Magd, doch auch frendigen Muthes dein Weib!“— Mehrere Tage hindurch ſchwebte Dorchen wie in einem Feentraume, und konnte alles, was ihr begegnete, kaum für Wirklichkeit halten. Die feu⸗ rigſte Dankbarkeit, die innigſte Zaͤrtlichkeit, die treneſte Liebe machten Bodo zu dem Gluͤcklichſten auf Erden, und der faſt tägliche Umgang mit Hermann und deſſen Familie kieß ihn gar gern der Feſte des Hofes und der ranſchenden Fren⸗ den der Reſidenz vergeſſen. Noch da die Ober⸗ orſtmeiſterinn von Arlheim als die reitzendſte Mutter blühender Kinder, als die mutterliche Wohlthäterinn aller Unterthanen, in der ganzen 5 Gegend gekauut, verehrt und faſt angebethet ward⸗ zog ſie in jedein Winter die auserleſenſten Blu⸗ men. Wenn ſie dann bluͤheten, fuͤhrte ſie ihren Vodo davor hin, ſchlang die Arme um ſeinen Hals, und ſagte mit dem innigſten Gefuhle: „Solche Blumen haben meinem edlen Bodo eine Gemahlinn geraubt, die weit reitzender, vorneh⸗ mer und geiſtvoller, als das arme Gärtnermäd⸗ chen war; aber ſie haben dir auch ein Weib zu⸗ gefuhrt, die in dir und deinen Kindern die ganze Fuͤlle der Seligkeit findet!* 4 Der Amor, o der Jtali ä d as —— —— * De Herzog Lvrenzv und der alte Furſt Ger rardino hatten mit einander lange, aus ange erbter Eiferſucht ihrer Familien, in Zwietracht und Feindſchaft gelebt. Endlich, nach mancher blutigen Fehde, fand unter ihnen eine Annaͤhe⸗ rung, und, da der Herzog uͤberhaupt mildere Ge⸗ ſinnungen hegte, bald darauf voͤllige Ausſoͤhnung ſtatt. Die Hand Leonora's, der Tochter Ge⸗ rardino's, ſollte das neu geſchloſſene Buͤndniß noch ſtärker befeſtigen⸗ 6 Leonora, obwohl ſeit fünf Jahren Witwe ward von dem Rufe zu den vorzuͤglichſten Schön heiten ihres Vaterlandes gezoͤhlt; wer ſelbſt den Hof ihres Vaters beſucht hatte, nannte ſie als die Erſte. Ein Alter von drey und zwanzig Jah⸗ ren ſchien ihren Reitzen nur Zeit gewährt zu ha⸗ ben, ſich in voller Blüthe zn eutfalten, und ein 3 fanfter Anflug von Schwermuth„den man leicht mit der ihrem Witwenſtande angemeſſenen Ein⸗ gezogenheit und Sittigkeit zu verwechſeln ver⸗ ſucht ward, warf um dieſe Reitze einen das Puge nur um fo mehr anziehenden Schleyer. 134 Lorenzo, deſſen wahrhaft furſtliches Gemuͤth bey allem, was ihm Hoheit und Macht verlieh, immer noch eine Leere empfand, begnuͤgte ſich nicht an dem, was die oͤffentliche Stimme, und ſelbſt der Bericht ſeines Geſchäftsfuͤhrers, uͤber Leonoren ausſagte. Er ordnete insgeheim De⸗ metri, einen alten Baumeiſter aus Griechen⸗ land, dem er ſchon laͤngſt ſein ganzes Vertrauen geſchenkt hatte, mit einem geſchickten Mahler an Gerardino's Hofhaltung ab. Doch kaum hatte er Demetri's Briefe und Leonora's Bildniß er⸗ halten, als ſich fuͤr ihn das, was erſt nur die Staatsklugheit angerathen hatte, in eine Ange⸗ legenheit des Herzens verwanvelte. Er eilte ſchleu⸗ nigſt ſelbſt zu Gerardino, und hegte keinen in⸗ nigeren Wunſch, als die Hand ſeiner Ver⸗ lobten nicht bloß dem Willen ihres Vaters und ſeines Erſtgeborenen, Marcello's, ſondern auch ihrer eigenen S verdanken zu dürfen. Der reitzenden Witwe war ihre anderweite Vermählung mehr angekuͤndigt, als ihre Einwil⸗ ligung dazu verlangt worden. Fruͤhere Ereigniſſe ihres Lebens hatten ſie gelehrt, den Anſpruͤchen ihres Herzens zu entſagen, und ſie unterwarf ſich um ſo gefaßter dem Befehle Gerardino's, je einftimmiger ſelbſt die wuͤrdigſten, keiner Schmei⸗ cheleh verdaͤchtigen Männer den Herzog auf d * 155 Vortheilhafteſte ſchilderten, und je mehe ſie ſich als das Unterpfand der Verſohnung und des Frie⸗ dens betrachtetx. Jetzt, da der allgemeine geehrte und geprieſene Bräutigam erſchien; da ſie ſeine, wenn anch nicht mehr jugendliche, doch einneh⸗ mende Bildung, die Anmuth ſeines Betragens und den Adel ſeines Geiſtes nicht laͤnger bezwei⸗ feln konnte; da er ſich um ihre Achtung und Liebe mit dem feinſten Anſtande bewarb, fand ſie die Erfuͤllung deſſen, was ihr ohne dieß fuͤr unerlaͤßliche Pflicht galt, um ſo leichter; ſie legte ſich ſelbſt das Geluͤbde ab, ihrem beſtimmten Ge⸗ mahle die innigſte Verehrung, Treue und Dank⸗ barkeit zu widmen. Die Vermählung ward mit gehoriger Pracht vollzogen, und Leonora lebte von nun an mit dem Herzoge in einer zufriedenen, doch kinderlo⸗ ſen Ehe. Lorenzo ſuchte mit der angeſtrengteſten Aufmerkſamkeit jeden edleren Genuß auf, wo⸗ von er ſich fuͤr Leonoren Vergnügen, wenigſtens Aufheiterung, verſprach. Er zog eine junge Sei⸗ tenverwandte ſeines Hauſes, die feurige, mit Vorzugen des Körpers und des Geiſtes reichlich ausgeſtattete Gräfinn Laura, der Leonora bey der erſten Zuſammenkunft ihre Zuneigung ge⸗ ſchenkt hatte, fuͤr immer an ſeinen Hof Er ver⸗ ſammelte an demſelben noch eifriger, als vorher, alles, was in jenem Zeitpunrte der wieder auf⸗ „ lebenden Kuͤnſte ſich durch Talente und Kenntniſſe auszeichnete. Ja, er verdoppelte dieſe Sorgfalt, als ſeine Gemahlinn, niemand konnte errathen, aus welchem Grunde? gegen die Frenden des Le⸗ bens immer gleichguͤltiger, und zu ſtiller Trauer immer geneigter zu werden ſchien. Mit der tiefſten Ruͤhrung, die jede Gelegen⸗ heit ergriff, ſich zu äußern und Lorenzo's Guͤte zu vergelten, erkannte dieß Leonora. Mit der zäͤrtlichſten Freundſchaft erwiederte ſie Laura's gränzenlöſe Anhaͤnglichkeit. Mit erzwungener Freude nahm ſie immer dasjenige auf, was beyde vereinigt erſannen, um ſie zu erfreuen. Aber, ſo ſehr ſie es auch zu verbergen ſuchte, ſo konnte es doch dem Beobachter nicht entgehen, daß ir⸗ gend ein geheimer Kummer an ihrem Innern zehre, und ſelbſt ihre Geſundheit zu untergra⸗ ben drohe. Lanra, welche nach ihrer leidenſchaftlichen Stimmung zwiſchen Liebe und Haß keinen Mittel⸗ vfad kannte, und daher auch der erhabenen, durch Rilde 6 Herz bezaubernden Freundinn mit der heißeſt ſten Gluth ergeben war, wußte dieſe Schwermuth, dieſes Hinwelken der Herzoginn, ſch nicht anders zu erklaͤren, als durch eine ge⸗ heime ungluͤckliche Liebe. Sie beſchloß, nicht eher zu ruhen, bis ſie dieſes gefährliche Geheimniß ergruͤndet hätte. Doch, ſo ſanft ſchmeichelnd ſie — 137 ſich an Leonoren anſchmiegte; ſo ſehr ſie mit je⸗ dem Tage in ihrem Vertrauen ſtieg; ſo aufmerk⸗ ſam ſie die leuchtenden Augen unaufhoͤrlich wa⸗ chen ließ: es wollte ſich lange dur chaus nichts zeigen, was ihre Vermuthung auch nur auf die entfernteſte Weiſe beſtätigte. Endlich ſchien ſich eine Entdeckung zu nahen. Sie war eines Abends, um einen entflohenen Lieblingsfalken der Herzoginn wieder an ſich zu locken, in großer Haſt allein in den Schloßgarten geeilt. Eben hatte ſie den treuloſen Fluͤchtling er⸗ haſcht, und druͤckte ihn an die erhitzte Wange, an den klopfenden Buſen, als, halb in den Man⸗ tel gehullt, ein ungefähr fuͤnf und zwanzig jäh⸗ riger Mann, mit ſehr angenehmen, doch von duſterer Melancholie getruͤbten Zuͤgen, unter den Baͤumen ſichtbar ward. So hatte ſich ibre roſenfatbene Fantaſie immer das Bild eines un⸗ gluͤcklichen Liebhabers ausgemahlt, und der Er⸗ folg ſchien jetzt ihrer Vorſtellung ſo wohl, als uͤberhaupt ihrer Scharfſicht vollkommen Ehre zu machen. Denn mit einer an Verzweiflung grän⸗ zenden Heftigkeit ſtuͤrzte der Unbekannte zu ih⸗ ven Fuͤßen, und beſchwor ſie um Auskunft über das Befinden ihrer Gebietherinn. Jetzt wußte Laura nicht, ſollte ſie bleiben, oder ſollte ſie fliehen? Wie leicht konnte irgend ein Späherauge Zeuge dieſes Auftrittes ſeyn! * 158 wie leicht konnte der Verdacht ihr ſelbſt nicht bloß die zweyte, ſondern wohl gar die erſte Rolle die⸗ ſes zaͤrtlichen Schauſpieles zutheilen, und was endlich konnte ſie in Hinſicht auf die Herzoginn erfahren, wovor ſie nicht zittern mußte! Aber, haͤtte ihr auch der Angenblick des wohlgeſtalteten“ Mannes, haͤtte ſein flehendes Auge, haͤtte der feurige, ihrem Arm aufgedruͤckte Kuß, der, dem Anſcheine nach, faſt ſie ſelbſt mit der Herzoginn verwechſelte, die Flucht zu ergreifen geſtattet; der reitzende Fremdling hielt ihre Hand zu feſt in der ſeinigen, das Mitleid fuͤr ihn ſprach in ihrem Herzen zu laut, die Gefahr, womit irgend ein Verrath ihre fuͤrſtliche Freundinn und den kuͤhnen Verehrer bedrohen konnte, war zu groß, um der eigenen Reugier, der eigenen Theilnah⸗ me an dem Unbekannten, nicht die Oberhand uͤber alle Bedenklichkeiten zu verſchaffen! Rach einigen Aeußerungen der Furcht und des Mißtranens, die der Fremde mit den ſuͤße⸗ ſten Schmeicheleyen, mit Angabe ſeines Rah⸗ mens und Standes, zu beſeitigen wußte, be⸗ gnügte ſich die geiſtvolle Graͤfinn damit, ihn auf die Nothwendigkeit ihrer baldigen Ruͤckfehr zu Leonoren, und auf die nicht vorſichtige Wahl des Drtes aufmerkſam zu machen, bezeichnete ihm aber zugleich eine entfernte Allee und gelegenere 159 Stunde, wo ſie ihm eine Unterredung geſtatten wolle. So ſchieden beyde fur jetzt von einander, mit ſtuͤrmiſch klopfenden Herzen, mit mehr, als ſie ſollten, verrathenden Augen. Das Laura ihr Verſprechen erfuͤllt, daß der gebeimnißvolle Fremd⸗ ling den guͤnſtigeren Augenblick nicht verſaͤumt habe, ſteht wohl ſchiver zu bezweifeln.— Rach Verfluß einiger Wochen, waͤhrend wel⸗ cher Laura eine Gelegenheit, unbemerkt mit dem Herzoge zu ſprechen, zu erlangen gewußt hatte, gab dieſer Befehl zu Veranſtaltung einer Jagd; ein Vergnügen, das er ſich ſeit langer Zeit gaͤnz⸗ lich entzogen. Der dazu erwaͤhlte Ort war meh⸗ rere Meilen vom Schloſſe entlegen; es ließ ſich vorausſehen, daß Leonora die Einladung zu die⸗ ſer Jagdpartie ausſchlagen werde, was auch er⸗ folgtr. Kaum war Lorenzo im Walde eingetrof⸗ fen, als einer der Hoͤflinge mit der warnenden Bitte zu ihm trat, ſich fuͤr heute nicht zu tief allein in das Gebuͤſch zu wagen; denn ſchon ſeit einigen Tagen habe ſich ein verdaͤchtig ſcheinen⸗ der Fremder in der Gegend herum getrieben, und ſey dieſen Morgen bey Stellung der Retze angehalten worden; er wolle ſeinen Rahmen nur dem Herzoge ſelbſt entdecken, und man könne nicht wiſſen, ob ſich nicht vielleicht mehrere ſei⸗ ner eſen im Walde verſteckt hielten. e 160 „Bebt ihm ſogleich rins der Jagdroſſe,“— antwortete mit Ungeduld Lorenzo—„und bleibt zuruͤck! Ich erwarte ihn!“ So wunderbar dieß den Höflingen dunkte, ſie mußten gehorchen. Der Unbekannte kam bald darauf ſtattlich zu Roſſe daher geſprengt“ und Lorenzo verlor ſich mit ihm in die dunkelſten Schatten dex hundertjährigen Ulmen und Eichen⸗ Erſt nach Verlauf einer Stunde kehrte der Her⸗ zog, jedoch allein, zu dem Grfolge zuruck, jagte dann einige Zeit, wie es ſchien, mit Zerſtreuung⸗ und befahl; ſo bald er im Schloſſe wieder ange⸗ langt war, zu der in jedem Sommer gewöhnli⸗ chen Reiſe auf ein nahes, an dem Meere gelege⸗ nes Luſtſchloß Vorbereitungen zu treffen. Schon laͤngſt hatte Lorenzo dem Eintritte der reitzenden Jahreszeit mit Begierde entgegen geſehen, weil er ſich von der Landluft fur Leo⸗ nora's Erheiterung und Wiederherſtellung dieß Mahl mehr, als jemahls, verſprach. Denn nicht genng, daß er ſeit dem letzten Herbſte alles aufge⸗ bothen harte, die geliebte Gemahlinn im bevor⸗ ſiehenden Fruhling durch mancherley eben ſo fein erſonnene, als mit großem Aufwande ausgefuͤhrte Verſchoͤnerungen zu uͤberraſchen, nicht genug, daß Demetri das Luſtſchloß faſt von Grund aus umgeſchaffen und den Garten auf das kunſtreichſte angelegt hatte; ſo war auch ſchon auf mancher⸗ . 161 iey ritterliche Spiele und ländliche Feſte Bedacht genommen, an welchen letzteren beſonders Leo⸗ nora, nach fruͤheren Erfahrungen zu urtheilen⸗ noch am meiſten Gefallen fand. Weit hoͤher ſchien jedoch des Herzogs Hoff⸗ nung nach der Unterredung im Walde mit dem Unbekannten geſtiegen zu ſeyn. Kämpfte er ſchon eine Zeit lang mit ſich ſelbſt, ſchwankte er ſchon zwiſchen mancherley Entſchluſſen hin und her, ſo mußte doch ſein gro⸗ ßes Herz— dieß verrieth ſein freyer, zufriede⸗ ner Blick, ſeine unmer zärtlſcher ſich änßernde Theilnahme gegen Leonoren, die Unruhe ſeines ganzen Weſens!— irgend einen ſchoͤnen Sieg uber ſich ſelbſt davon getragen haben. Mit faſt nicht länger zu bezwingender ungeduld ſahe er nun der voͤlligen Beendigung ſeiner Geſchaͤfte ent⸗ gegen, und ſandte indeſſen Laura mit der ihr un⸗ tergebenen Dienerſchaft nach dem Luſtſchloſſe vor⸗ aus, um mit Huͤlfe Demetri's, und, wie er ge⸗ gen ſie läͤchelnd hinzuſetzte, ſeines Lehrlings, die Zimmer ſeiner Gemahlinn ganz nach derſelben Sinn und Geſchmack vollends einzurichten. Laura erſtaunte bey ihrer Ankunft auf der Villa nicht wenig, ſtatt der ehemahligen, obwohl innerlich prächtigen, doch ſchwerfaͤlligen und er⸗ graueten Gebäude, ein blendendes, auf ſchlanken Säulen ſich erpebendes Schloß, ſtatt niederdrä⸗ . 162 3 ckender Bogengäugen und keifer Alleen, ein la⸗ chendes Arkadien, alles wie durch einen Zanber⸗ ſchlag aus dem Boden hervor gerufen, vor ihren Blicken ausgebreitet zu ſehen. Roch mehr aber fiel es ihr auf, hier den Unbekannten, der ſich ge⸗ gen ſie Eugenio genannt, und fuͤr einen ge⸗ heimen Geſandten von Leonorens Bruder ausge⸗ geben hatte, als Schaͤfer und Gehuͤlfen des Grie⸗ chiſchen Baumeiſters anzutreffen. Doch das Unerwartete iſt ja nicht immer zu⸗ gleich unangenehm! Auch war es wohl mit dem Kuͤnſtlerſtande Eugenio's nicht allzu ernſtlich ge⸗ meint. Wenigſtens benahm ſich der alte Grieche, ſo finſter er war, ſo ehrwuͤrdig er in ſeinem ſchwarzgelockten Barte einhertrat, gegen ſeinen Untergebenen eher unterwuͤrfig, als gebietheriſch. Wenigſtens ſchien Eugenio die bildende Kunſt meht mit vornehmer Liebhaberey, als mit ermuͤ⸗ dendem Eifer zu betreiben. Wenigſtens ſtanden immer mehrere Diener bereit, Eugenio's Befehle zu erwarten. Was die Zweifel uͤber Eugenio's eigentlichen Stand und uͤbrige Verhältniß noch haͤufte, war ein ihm angehoͤriger Knabe, Ceſarillo ge⸗ nannt, von ungefaͤhr neun Jahren und ſo aus⸗ gezeichneter Schoͤnheit, daß kein weibliches Auge ſich ſo leicht wieder von ihm abwenden konnte. Ward man durch ſeine reichgeſtickte Kleidung und 163 die Anhaͤnglichkeit, womit er Engenie's Winke zu erfuͤllen bereit war, verſucht, ihn fuͤr eine Art von Edelknaben zu halten; ſo glich er an Schlauheit und Gewandheit einem Sylphen, an Feuer der ſchwarzen Augen, an Adel der Geſtalt, an der Miſchung zwiſchen kindlicher Unſchuld und verſteckter Schalkhaftigkeit, irgend einem jungen Götterſohne der Fabelwelt. Uebrigens ward Eugenio von ihm bald bloß bey ſeinem Rah⸗ men, bald Herr Ritter, genannt. Welchen Zuſammenhang aber auch dieß alles unter ſich haben mochte, Gräfiun Laura, auf de⸗ ren bis dahin unbeſiegtes Herz der rathſelhafte Eugenio ſchon fruͤher einen nur allzu tiefen Ein⸗ druck gemacht hatte, ließ ſich nur im erſten Au⸗ genblicke der Ueberraſchung einige Beſremdung abmerken. Wohl aber beobachtete ſie von nun an im Stillen Eugenio und ſeine Umgebungen mit aller ihr eigenen Schlauheit, und machte offent⸗ lich, als einſtweilige Vorgeſetzte, von dem Ver⸗ haͤltniſſe zu dem Gehuͤlfen des Baumeiſters, ſo wie von der groͤßeren Freyheit, die das Landle⸗ ben und die noch geringe Zahl der Schloßbewoh⸗ ner gewaͤhrte, beſtmoͤglichſt Gebrauch. Auch Eugenio, deſſen ſonſt duͤſtere Stim⸗ mung vor Laura's leuchtenden Augen, wie die Nacht vor der Sonne, zu fliehen ſchien, ſpielte ſeine Rolle, wenn man etwas dergleichen anneh⸗ 154 men konnte, vortrefflich. Es verging faſt keine Stunde, ohne däß er ſich nach Laura's Befehlen erkundigt, ohne daß er die Ausrichtung ihren Anord⸗ nungen zu hinterbringen gehabt haͤtte. Ueber dieß konnte es ja nicht auffallen, wenn der junge Bau⸗ meiſter, indeß der alte in ſeine Riſſe vertieft war, die einſtweilige Herrinn des Schloſſes nach den neuen Gartenanlagen begleitete, wenn er ihr die von Demetri bald auf das Merr, bald auf einen freundlichen Huͤgel, bald auf einen neu erbaueten Gartenſaal, eröfſneten Ausſichten zeigte, und ihren Beyfall in ihren ſprechenden Augen zu le⸗ ſen bemuͤhet war! 8 Haͤtte irgend Etwas das zwiſchen Eugenio und Laura ſchon insgeheim eingetretene Verſtaͤndniß noch mehr befördern und gleichſam erhoͤhen kön⸗ nen, ſo wäre dieß der holde Ceſarillo geweſen. Dieſer gewoͤhnlich ſo lebhafte Knabe, ſonſt nur Eugenio mit ganzem gluͤhenden Herzen ergeben, ſchloß ſich in kurzem auch mit wunderbarer, faſt maͤdchenhafter Zartheit, an die reitzende Laura an. Man konnte zweifelbaft bleiben, ob noch die Findern eigene Anhaͤnglichkeit an das ſanftere Geſchlecht der Frauen, oder ob ſchon ein in dem Knaben fruͤh erwachtes Gefuͤhl fuͤr weibliche Schoͤnheit dieß magiſche Band knuͤpfe; man konnte ungewiß werden, ob Ceſarillo ſich gegen Laura mehr, wie gegen eine erwachſenere, lieb⸗ 2 165 reiche Verwandte, oder mehr wie gegen die ins⸗ geheim erkohrene Gebietherinn ſeines jungen Her⸗ zens benehme. Rach wenig Tagen kam Erſarillo faſt gar nicht mehr von Laura's Seite— für das holde Fraͤulein ein um ſo willkommenerer Gefaͤhrte, je mehr er ihr, auch in den einſamern Stunden, unaufhörlich den Gedanken an den Ritter, bald bloß durch ſeine Anweſenheit, bald auch durch die Ausbruͤche ſeiner Gefuͤhle füͤr ihn, in die Seele zuruͤck rief. Feukrige Herzen beduͤrfen nur Tage, oft nur Augenblicke dazu, wozu kälter ſchlagende Monden und Jahre verſchwenden; die Liebe der Letzteren gleicht der ſparlich wachſenden Pflanze, im kal⸗ ten Rord hinterm Glasfenſter aufgezogen, die der Erſteren dem Hrangen⸗Baume unter Itali⸗ ſchem Himmel, der zugleich Bluͤthen und reifende Fruͤchte trägt! So waren denn auch fuͤr Eugenio und Laura ſchon einige fruͤhere Zuſammenkunfte in der Stadt hinreichend gegeſen, ſie fuͤr einan⸗ der zu entzuͤnden; das öftere, nicht ſelten von keineim Dritten belauſchte Beyeinanderſeyn auf der Villa fachte die innere Flamme nicht nur noch mehr an, ſondern gab auch Gelegenheit an die Hand, ſich einander, wenn gleich nur durch Blicke und andere ſuͤße Symbole, in deren Erfindung die Lirbe ſo reich, in deren Entzifferung ſie ſe 3* 166 unendlich ſchayſſichtig iſt, das ſchoͤnſte aller Ge⸗ heimniſſe gegenſeitig zu verrathen. Auch machte ſich Laura, ſelbſt in Stunden des kuͤhleren Rachdenkens, wozu es jedoch ihr Herz ſelten kommen ließ, keine Vorwuͤrfe dar⸗ uͤber. Sie wußte nun von Engenio wenigſtens ſo viel, daß er nicht, wie ſie anfaͤnglich vermuthete, ein heimlicher Anbether ihrer Gebietherinn, daß er vielmehr ein vertrauter Freund ihres Bru⸗ ders, und gewiß von ritterlichem Stande, zu⸗ gleich aber, was ihr fuͤr das Wichtigſte galt, außerordentlich liebenswuͤrdig ſey. Auf dieſe Weiſe. durfte ſie uͤber ihre Reigung wenigſtens nicht er⸗ roͤthen, und kamen ihr ja noch zuweſlen Vedenk⸗. lichkeiten ein, die ſich theils auf ihre eigene Ver⸗ wandſchaft mit dem Herzoge, theils auf Eugenio's zu Zeiten durchſchimmernde Melancholie bezo⸗ gen, ſo ſpielte ſie ſich ſchnell ein aufgewecktes Liedchen, brachte Ceſarillo, mit mancherley Re⸗ ckereyen, bald kum Weinen, bald zum Lachen, oder beſann ſich wohl gar auf die Nothwendigkeit, dem jungen Baumriſter eine bis jetzt aus der Acht gelaſſene Einrichtung zu uͤbertragen. Eines Morgens, wenige Lage vor der er⸗ warteten Ankunft des Herzogs und ſeiner Ge⸗ mahlinn, war ſie kaum erwacht, als ſie aus ih⸗ rem Fenſter Eugenio, von dem ſie eben geträumt⸗ mit Ceſarillo im Garten erblickte. Der ſchöns —— S 467 blonde, in ſchillerndes Gruͤn gekleidete Knabe, Spitzenkragen, mit den ſilbernen Schulterbaͤn, dern, mit dem wogenden Mantel, im Strahle der Fruͤhſonne unter Blumen und Schmetterlin⸗ gen herumgaukelte, duͤnkte ihr heute ein verkoͤr⸗ perter Zephyr; der ihm nachwandelnde, in Ge⸗ dunfen vertiefte Eugenio, ſeine Lante unter dem Arme, ein auf Lieder ſinnender Apoll! Was auch eine leiſe Stimme in ihrem Inneren einwendete, was auch in dem ſchalkhaften Laͤcheln ihrer ver⸗ trauteſten Zofe liegen mochte; ſie ließ ſich das netteſte Morgenkleid bringen, ließ ſich das dun⸗ kele Haar nur leicht, doch darum⸗ nicht minder reitzend, aufſchlagen, und ſchlang einen Guͤrtel um, deſſen dunfeles, von Edelſteinen durchblitz⸗ tes Schwarz, das, was er verhuͤllen ſollte, we⸗ nigſtens um ſo blendender ahnden ließ. Mit dem Anſcheine der Gleichguͤltigkeit ſprach ſie von der Schoͤnheit des Wetters, die ſie zu einem Spa⸗ ziergange verleite, und befahl ihrer Dienerinn, ſie ungefaͤhr in einer Stunde an einem beſtimm⸗ ten Hrte des Gartens zu erwarten. Hoch erro⸗ thend, und faſt wie vor ſich ſelbſt fliehend, flog ſie dann die Marmorſtufen hinab. ſchen. Bald ſchwebte Laura, in dem feinen, zart gefalteten Gewande, in den banſchend aufgebun⸗ der mit dem zierlichen, vom Hals abflatternden * Bald hoͤrte Eugenio das Laub hinter ſich rau⸗ denen Aermeln, die den ſchon blen⸗ denden Arm nur wie ein Rebel umgaben, mit dem reichen, einer holden uebermacht nicht gauz widerſtrebenden Guͤrtel, mehr einem Gebilde dich⸗ teriſcher Fantaſie, als einer Sterblichen, aͤhnlich, uͤber Grashalme und Blumen naͤher. Bald begeg⸗ neten ſich beyder Blicke, ſchienen uber den Zufall verwundert, und waren doch nur befriediget, nur entzuͤckt! Bald ruhete Laura's weicher Arm auf dem halb furchtſam dargebothenen Engenio's. Bald hatten die Liebenden, indeß ſie Ceſarillo ſi ſich gleichſam zum Wegweiſer dienen ließen, den Gang durch ein Kaſtanien⸗Wäldchen eingeſchla⸗ gen. Bald ſtanden ſie an einer tief in das Land her⸗ eingehenden Bucht, auf deren ſpiegelklaren Wel⸗ len Sonnenſtrahlen und grune Schatten der Zwei⸗ ge ſich abwechſelnd ſpiegelten. Demetri, deſſen Aufmerkſamkeit uichts ent⸗ gängen war, was zum Genuſſe des Landlebens gehoͤrt, hatte hier mehrere niedliche Gondeln vor Anker gelegt. Ceſarillo ſtutzte uͤber den unerwar⸗ teten, freundlichen Anblick, und ſprang dann be⸗ hend in die ſchonſte derſelben, blendend weiß, in Geſtalt einer Muſchel, von einem kunſtreich geſchnitzten Liebesgotte regiert, mit einem Segel von roſenfarbener Seide und goldenen Wimpeln verſehen. Eugenio warf auf Laura einen fragen⸗ den Wink; die Sonne ſchien ſo lieblich, die Wor⸗ ge n. 169 genlandſchaft, der Blick auf das weite, gleich gediegenem Silber fluthende Meer war ſo bezau⸗ bernd, die Welen ſchaukelten ſo einladend; Laura nickte freundlich bejahend; Engenio ſtieg in das Fahrzeug, und both der ſchoͤnen Herzensgebiethe⸗ rinn zur Rachfolge die Hand. Nun ergriffen Eugenio und Ceſarillo die gkat⸗ ten Ruder, die zu regieren nur ein Spiel war⸗ Laura uberließ ſich ganz der Frende und⸗den R⸗ gungen ihres laut klopfenden Herzens, nahm Eu⸗ genio's Laute, und fing an zu ſingen. Die Rude⸗ rer lauſchten der holden Stimme. Man vertraue⸗ te das Fahrzeug dem Zuge der Wellen, und ver⸗ gaß in der Luſt die Flucht der Stunden, vergaß alles, was nicht Genuß der lieblichen Umgebun⸗ gen, was nicht Laut des Liebe, was nicht Lie besblick war. e Als endlich Laura an die Ruͤckkehr erinnerte, ward Engenio ganz in der Raͤhe eine weißzliche Wolke am Himmel gewahr, und beſenn ſich, von einer dergleichen Erſcheinung, als Vorbothinn eines Sturmes, gehoͤrt zu haben. Bey jeder an⸗ dern Gelegenheit haͤtte ihm gewiß nicht die min⸗ deſte Furcht deßhalb ahgewandelt; allein ſie ſchiff„ ten, wie er jetzt nicht ohne Erſtaunen entdeckte, ſchon weit vom Strande, das Fahrzeng war von der leichteſten Bauart, und dieſes Fahrzeug trug die angebethete Laura!. unterhalt. Biblioth. 10. B. 5 Er ergriff eiligſt das Ruder, ohne etwas von ſeiner Beſtürzung zu äußern. Die Wellen fingen an ſtärker zu gehen; der Wind blies bemerkbarer und kalter; der Himmel uͤberwoͤlkte ſich. Bald ſtieg eine Ahndung der herannahenden Gefahr auch bey Lauren und Ceſarillo auf. Das Schwan⸗ ken der Gondel wurde bedeutender; die Wellen ſtiegen hoͤher; aͤngſtlich werdend floh Laura und der Knabe zu Eugenio; es ſchien zu nachten, ein Blitz, und unmittelbar darauf ein rollender Don⸗ ner, kuͤndeten ein Ungewitter an! Jetzt eilte Eugenio, von Lauren und Eeſarillo oft behindert, das an K. Orten von dem Winde ſchon zerſchlitzte Segel herab zu laſſen; aber immer lauter branſeten die Wogen; immer hefti⸗ ger und ſchneller folgte Blitz auf Blitz! Auch Eugenio ſchien nun faſt allen Muth zu verlieren, alle Hoffnung aufzugeben. Von Laura und Ceſarillo bald umklammert, bald mit herz⸗ zerſchneidenden Tönen zur Rettung aufgefordert, ſtand er einen Angenblick in tiefer Betaͤnbung, mit ſtarr auf das Meer gerichteten Augen. Jetzt, da ſich eben der Himmel auf das neue fuͤrchterlich aufthat, riß er beyde in wilder Verzweiflung an ſeine Bruſt, und rief dann, die Hände wie zum Gebethe zuſammenkrampfend, gegen die Wolken: „Suchſt du den Moͤrder, ſo ſuche ihn allrin! Mich— toͤdte, nicht zugleich dieſe Unſchuldigen!* ——— — 171 So ſchrecklich dieſe Worte zu jeder andern Zeit fuͤr Laura geweſen waͤren; ſo umſchlang ſie doch jetzt den halb Wahnſinnigen um ſo felter. So furchtbar ſein Gebeth klang, ſo blieb es doch nicht unerhoͤrt. Der Feuerſtoff der Donnerwolken ſchien ſich durch den letzten Blitz vollends entladen zu haben. Die Wolken loͤſeten ſich in ſanften Regen auf. Die See fing an, ſich zu beruhigen, und ein dunkel aufglimmendes Feuer zeigte in nicht allzu weiter Entfernung eine Erdſpitze. Engenio hatte ſich indeſſen wieder geſammelt, und ſtenerte auf daskentdeckte Ufer zu; einige dort von Ruderſtangen und Segeln fluͤchtig er⸗ bauete Zelte machten wenigſtens zu einſtweiligem Unterkommen gegen den Regen Hoffnung; die Fiſcher, welchen ſie angehoͤrten, eilten herzu, die Schiffbruͤchigen, deren hoͤheren Stand ſie an ihrer Fleidung und an der Gondel leicht erfann⸗ ten, völlig an das Ufer zu bringen, und in ihre leichten Huͤtten aufzunehmen. Rachdem ſie den vornehmen⸗ Fremdlingen alles, was ihre'Armuth vermochte, mit eben ſo viel Gaſtfrepheit, als unterwuͤrfiger Verehrung, vorgeſetzt, und die Gußregen aufgehört hatten, erbothen ſie ſich, ſie in einem feſteren Fahrzenge nach dér ihnen wohlbekannten Anfurth zuruͤck zu bringen. Man band die Gondel an das Both, H 2 272 und gelangte, obwohl durchnaͤßt und ermuͤdet, ohne weitere Gefahr in den kleinen Hafen. Laura ſchied von Eugenio mit einem Blicke, in welchem eben ſo deutlich ihre feurige Liebe, als ihre Beängſtigung uͤber das von ihm bekannte Verbrechen zu leſen war. Als Laura zu den ihrer bang harrenden Frauen zuruͤckkam, fühlte ſie ſich ungewoͤhnlich erſchoͤpft, ohne beurtheilen zu koͤnnen, ob die überſtandene Gefahr, oder Eugenio's Geſtaͤndniß, an dieſer Abſpannung mehreren Antheil habe. Sie liebte ihn— jetzt galt es in ihrem Herzen nicht den kleinſten Widerſpruch mehr— ſo innig, ſo über alles, und er, ach! jetzt war die geheime Urſache ſeines Trubſinnes entdeckt! war mit Blut⸗ ſchuld, mik dem Fluche des Moͤrders belaſtet! Schlaflos erſt, dann mit bangen Traͤumen peſchäftiget, verbrachte ſie die naͤchſten Naͤchte, 1 vermied dann aus Grauen vor Eugenio's Lhat, die ihr reines, nur den Gefuͤhlen des Tohlw llens geoffnetes Herz mit geheimen Schre⸗ cken erfuͤllte, jedes Alleinſeyn mit ihm, jede Möglichkeit einer Erläuterung. Der Tag, an en die ganze Hofhaltung eintreffen ſollte, ram heran, und Eugenio nebſt ſeinem Edelknaben war, wie es hieß, von Demetri zu Vorbereitung eines andern Baues abgeſendet, von der Villa verſchwunden. Die Herzoginn Leonora fand ihre Laura bey dem erſten Wiederſehen in mancher Hinſicht veraͤn⸗ dert, ohne dieß recht deutlich zu fehen, oder ei⸗ nen Grund davon ſich denken zu koͤnnen. Doch, je mehr Laura aus zärtlicher Theilnahme an dem Schickſale ihres Geliebten ſich jetzt ſelbſt ungluͤcklich fuͤhlte, deſio inniger ſchmiegte ſie ſich von neuem an ihre edle Gebietherinn. Ihre, wie ſie glaubte, von den jede Unthat rächenden Mäch⸗ ten nicht genehmigte Liebe wählte gleichſam eine andere Richtung, und ſie ſuchte das, was ſie dem ungluͤcklichen, von ihr geſchiedenen Freunde nicht ſeyn konnte, i doppelter Staͤrke der wieder ge⸗ ſchenkten Freundinn zu werden. Auch der Herzog Lorenzo, nun endlich vie oft druͤckenden Laſt ſeiner Pflichten entſch' üpft, ſchien ſich ſelbſt an Beweiſen ſeinet iuhen Liebe und zärtlichſten Aufmerſamkeit fuͤr ſeine Gemahliun nik genug thun zu können. Kaum hatte ihm Leonora mit dem ſeelen vollſten Blicke für die neuen Einrichtungen gedankt, und die erſte Racht von den Beſchwerlichkeiten der Reiſe ausgeruhet, als er ihr durch Lauren verſchiedene Zeichnungen von Bildſäulen überſandte, welche zum Theile Demetri fuͤr ihn erkauft, zum Theile deſſen Schuͤler Eugenio in Beſitz habe. Leonora uͤberſah fluͤchtig die Zeichnungen; doch eine derſelben feſſelte vor allen ihr Ange, 7 die Zeichnung eines Amors, deſſen Zuͤge ſelbſt im bloßen Umriſſe wunderbare, theils wohlthaͤ⸗ tige, theils ſchmerzliche Erinnerungen in ihrer Seele erweckten. Indem ſie noch, den Kopf auf die Hand ge⸗ ſtuͤtzt, aufmerkſam dieſe Zeichnung betrachtete, und oft im Begriffe, ſie aus der Hand zu legen, immer wieder zu ihr zuruͤckkam, ließ ſich im Vor⸗ zimmer Muſik und Geſang hoͤren. Sie befahl, die Thüren zu offnen, und ſah ſich alsbald von den ſchönſten Landmaͤdchen, alle von dem Alter zwiſchen acht und zwoͤlf Jahren, die ihr Blumen und Fruͤchte uͤberreichten, mit anziehender i ternheit bewillkommet. Ihr Auge verweilte lange auf dem lieblichen Anblicke. Sie beſchenkte die Kinder mit Baͤndern und Goldſtuͤcken, hieß ſie ſchleunig ſich hinweg begeben, zog eins derſelben, das zarteſte und blon⸗ deſte von allen, mit eigener Hand noch ein Mahl zuruͤck, und fragte dann mit ſichtbarer Verwir⸗ rung:„Wie nennſt du dich, liebe Kleine?“ „Ich heiße Laura, gnädigſte Frau!— ver⸗ ſetzte die niedliche Blondine ziemlich beherzt, in⸗ dem ſie ſich mit allem ihr v Anſtande verneigte. „Laura!“— rief die Herzoginn, wie ſich ſelbſt vergeſſend, druͤckte das Maädchen zaͤrtlich an die Bruſt, kuͤßte es auf die Wanse, und hieß es dann den uͤbrigen folgen. Als das Mädchen aus ihren Augen war, zo⸗ gen die zuruͤckgelaſſenen Blumenkoͤrbe ihre Auf⸗ merkſamkeit auf ſich. „Sagte nicht der Leibarst einmahl,*— fragte ſie Lauren leiſe, einer halb Bewußtloſen nicht unähnlich—„ſtarke Blumenduͤfte koͤnnten todten?“ „Allerdings,“— erwiederte Laura zärtlich beſorgt—„hat er ench einmahl gewarnt!“ „O!— erwiederte Leonora, und ſeufzte tief —„der Tod muß ſuß ſeyn!“ Sie hob die Blu⸗ menförbe zu ſich herauf, und druckte Augen und Mund in ihre duftende Fuͤlle „Was beginnt ihr, was wandelt euch an, meine Gebietherinn, meine edle Freundinn 2— unterbrach ſie Laura, erſchrocken uber dieſen Aus⸗ bruch der heftigſten Empfindung, beugte ſich dann uͤber ihre von fern dargebothene Hand, und druͤckte ſie an die vollc Bruſt. Doch ehe ſie noch eine Antwort erhielt, trat der Herzog herein, um ſich nach dem Befinden der geliebten Gemahlinn perſoͤnlich zu erkundigen⸗ Dieſe Ueberraſchung verſetzte Leonoren in nicht geringe Beſtuͤrzung. Sie both alle Kraft auf, ſich zu ſammeln, und ihren Dank für ſeine Zaͤrtlich⸗ keit an den Tag zu legen. Dann gins ſie ſchnell, um ihre Verlegenheit noch mehr zu verbergen, 176 zu der Trefflichkeit der uͤberſchickten Zeichungen uber. „Gefallen ſie euch, liebe Leonore?— fragte ſanft der Herzog—„und welche vorzuͤglich 2 „D inein Gemahl“— erwiederte Leonora ſtockend— ich bin nur eine Kennerinn nach dem Herzen, aber, fuͤhrt mich dieſes, fuͤhrt mich ir⸗ gend ein dunkeles Gefuͤhl nicht irre, ſo wuͤrde ich— dieſem Amor vor allen andern den Vorzug einraͤumen!“ „Dieſem Amor?— nahm der Herzog ver⸗ legen ſcheinend das Wort—„Auch ich ſchätze ihn, als das ſeltenſte Kunſtwerk, und ſelbſt Demetri hielt ihn fuͤr ein Erzeugniß aus dem ſchoͤnſten Zeitalter der Griechiſchen Kunſt, wo nicht fuͤr das geruͤhmte Werk des Praxiteles, doch wenig⸗ ſtens eines ſeiner gluͤcklichſten Nacheiferer. Doch gerade dieſen Amor dem eigenſinnigen Kuͤnſtler Engenio zu bezahlen, iſt vermuthlich der Herzog mit allen ſeinen Schaͤtzen zu arm!“ Und welchen Preis verkangt Eugenio 2*— fragte Leonora verwundert. „Bis jetzty— erwiederte Lorenzo—„habe ich freylich gehofft, dieſen Amor fuͤr eine ſeinem hohen Werthe angemeſſene Summe zu meinem Eigenthume zu machen. Sehr gern wuͤrde ich den Preis nunmehr vervielfachen, da ich weiß, daß dieß Bild fur euch, meine holde Gemahlinn, einen 177 6 angenehmen Beweis meiner Ergebenheit abgeben koͤnnte. Doch leider! muß ich nach einem von Eugenio zurückgelaſſenen Briefe faſt auf dieſe Hoff⸗ nung verzichten.“ Lorenzo zog bey dieſen Worten einen Brief hervor, warf Lauren einen bedeutenden Wink zn und fuhr fort:„Richt Gold, nicht alle irdiſche Guͤter?— ſchreibt der ſtolze Kuͤnſtler—„konn mich zu Veräußerung dieſes Schatzes bewegen. Was einſt die Liebe erſchuf, was ich mit unſaͤg⸗ lichen Schwierigkeiten mir erwarb, was lange der einzige Gegenſtand meiner Liebe war, kann nur von der Hand der Liebe vergolten werden. Es gibt nur einen Preis, wofuͤr mir dieß Kunſt⸗ werk verkaͤuflich iſt, und dieſen Preis, erlauchter Herr Herzog! koͤnnt nicht ihr, nur die Huld eueper Gemahlinn kann ihn'gewähren. Ich habe eine Zeit lang unerkannt in euerer Hofſtadt gelebt, 3 und der Eindruck, den dieſer Aufenthalt in mir zuruͤck gelaſſen hat, kann nur mit meinem Leben erlöſchen. Verlangt ihr es, ſo werde ich mich deut⸗ licher hieruber erklaͤren.“ Ein ſchöner Zorn, den ſie zu unterdruͤcken rang, leuchtete aus Lronora's ſeelenvollen Angen. „Ich bitte euch, lieber Gemahl,“— lispelte ſie Lorenzo zu, indem ſie ihre Hand mit zärtlicher Vertraulichkeit auf ſeine Achſel legte—„entle⸗ diget euch dieſes uͤbermuthigen Fremdlings, und * ℳ 75 brecht älle fernere Unterhandlung mit ihm ab! Mit ſo tiefer Erkenntlichkeit ich euch dieſes Bild, das ſchon im Kmriſſe mein Herz wunderbar er⸗ griffen hat, als Geſcheuk euerer Liebe verdanken wuͤrde, ſo entſfage ich doch einem Wunſche, deſ⸗ ſen Befriedigung von dem Willen des Eugenio abhängig zu ſeyn ſcheint. Von etwas anderm!— Sie legte nach dieſen Worten die noch vor ihr ausgebreitete Zeichnung zu den uͤbrigen, und dann den ganzen Umſchlag auf das entfernteſte Spie⸗ geltiſchchen im Zimmer. Doch Lorenzo's Blicke verriethen hinlaͤng⸗ lich, daß es ihm ſchwer, ja faſt unmoͤglich falle, irgend einen Wunſch ſeiner Gemahlinn unerfuͤllt zu laſſen.„Seyd weniger vorſchnell, meine theuere Leonora!— fing er nach ſinnigem Schweigen wieder an—„ich wuͤrde euch dieſe kuͤhn klingen⸗ den Worte des hochherzigen Kuͤnſtlers nicht mit⸗ getheilt haben, glaubte ich nicht an die Wahr⸗ ſcheinlichkeit eines Mißverſtaͤndniſſes, eines viel⸗ leicht nicht von uns geahndeten Sinnes. Nein! So etwas dem Herzoge, dem Gemahle einer Leo⸗ nora zu ſchreiben, könnte Eugenio nicht wagen, wuͤßte er ſich nicht zu rechtfertigen, und vielleicht huͤllt er ſeine Abſicht nur deßhalb in ſcheinbare Hieroglyphen, um mit einer ſehr uͤberſpannten Foderung nur nach und nach hervor zu treten⸗ Vielleicht, das irgend ein Schatz meiner Samm S 179 lung den ſchwaͤrmeriſchen Kunſtſreund entzuͤckt hat, vielleicht, daß auch.—— Doch das wird ſich ja zeigen!„O Leonora“— er nahm hier ihre Hand, und druͤckte ſie ſauft an ſein Herz—„Was vermoͤchte ich euch, einer Fuͤrſtinn, deren Ge⸗ purt ſchon ſie mit Perlen und Juwelen eben ſo reichlich beſchenkte, als ihre Huld jedes Schmu⸗ ckes entbehren kann, wohl darzubringen, als die unſterblichen, üher jede Schäͤtzung erhabenen Werke der Kunſt? Wohlan denn! möar die Freude ewig mich fliehen, wenn ich nicht alles aufbiethe. dieſe Bildſäͤule euch zu verſchaffen! Dieſer Schatz, deſſen ganzen Werth ihr noch ſchwerlich kennet, ſoll der eurige werden, und koſtete es die Hälfte meines Herzogthumes! Engenio läßt durch De⸗ mettt um die Erlaubniß anſuchen, die Statue dieſen Abend aufſtellen zu dͤrfen, und— ich koͤnnte mich zur Bitte gegen ihn herab laſſen, ſollte ich oder ihr den von dem Künſtler verlang⸗ ten Preis ihm verſagen muͤſſen! War Leonvra ſchon vorher innig gerührt ge⸗ weſen, ſo wurde ſie durch Lorenzo's ganz aus dem Herzen ſtroͤmende Beredſamkeit, durch den leidenſchaftlichen Ton ſeiner Stimme, zur zaͤrt⸗ lichſten Wehmuth hingeriſſen.»Wie kann, wie ſoll ich dieſe alles aufopfernde Guͤte verdienen 7*— rief ſie, und brach in ſanfte Thränen aus— wie anders, als durch Entdeckung alles deſſen, = 180 was ich bis jetzt nur, um euch nicht zu kränken, eueren Augen entzog 2* Gräfinn Laura entfernte ſich bey dieſen Wor⸗ ten leiſe aus dem Gemache. „Wir ſind allein“— nahm Leonora aufs neue das Wort—„mein Herz ſoll offen vor euch liegen, wie vor dem Allwiſſenden!“„ „Mein Lebensmorgen war der heiterſte; die Liebe meiner Mutter, ſelbſt die Zaͤrtlichkeit mei⸗ nes ſonſt ſtrengen und unbeugſamen Vaters, ver⸗ ſchoͤnerte die Tage meiner indheit. Außer mei⸗ nem aͤltern Bruder Marcello, den ihr kennt, hatte ich, wie ihr euch vielleicht dunkel erinnert, einen zweyten, Nahmens Guido. Zu dem, durch mehrere Jahre von mir getrennten und weniger lebhaften Mareello hegte ich geringere Liebe, als zu dem, mir an Alter naͤheren Guido, einem feurigen Knaben, der meine ſchweſterliche Zu⸗ neigung im hohen Grade erwiederte.“ „Als Geſpielen und Jugendfreunde wurden mit uns der junge Marcheſe Franceſco Mon⸗ tenero, und ſeine etwas äaltere Schweſter Guiscarda erzogen. Der Vater beyder, ein Vaſall des meinisen, war in einer Schlacht ge⸗ blieben, ihre Mutter ihm bald im ode gefolgt.“ „Wir lebten zuſammen in gluͤcklicher Uner⸗ fahrenheit; ein Unterſchied des Standes war für uns nicht vorhanden. Beſaß Guiscarda, ihres 181 erwas erwachſeneren Alters, noch mehr aber ih⸗ res hohen, faſt mäͤnnlichen Geiſtes halber, meine ganze Achtung, welche mich ihr faſt unterwarf, ſo hingen Guido und Franceſco mit der innig⸗ ſten Liebe und Treue unzertrennlich an einander, die allgemein unter fo jungen Knaben fuͤr eine Seltenheit angeſehen und wohlgefůllig bemerkt ward.“ „So lange der ſchoͤne, nur zu kurze Traum der Kindheit dauerte, theilten wir vier Juͤngern— Marcello ſchien ſchon durch ſeine Ausſicht zun Rachfolge in der Regierung gewiſſer Maßen von uns geſchieden— jede unſchuldige Frende. Doch die Annaͤherung der reifern Jugend und der Tod meiner ſanften Mutter bewirkte eine Art Ab⸗ ſonderung unter uns. Guiscarda blieb, unter dem Nahmen meiner Gefellſchafterinn, meine Freun⸗ dinn; Franceſco und Guido genoſſen vereint den Unterricht in den Wiſſenſchaften und in jeder ritterlichen Uebung. Wir ſahen einander von jetzt an nur ſelten, nur bey Feſten und andern oͤffent⸗ lichen Verſammlungen; Franceſco war, ſo viel auch mein Herz dagegen einzuwenden haben moch⸗ te, gegen mich in das Verhaͤltniß eines jungen Lehenmannes gegen die Tochter ſeines Oberherrn zuruͤck getreten.“ „Ich wuͤrde es nicht wagen, in meiner Er⸗ Pählung fortzufahren, legte es nicht die auf mei⸗ 45 1 182 nem Herzen liegende druckende Laſt mir zur Pflicht auf, und waͤre euere Nachſicht, euere Guͤte, euere Großmuth mir nicht Buͤrge, daß irgend eine un⸗ wuͤrdige Gemuͤthsſtimmung in euerem Herzen nicht aufkeimen koͤnne.“ 3 Doch erlaubt mir, den Zeitraum einiger, erſt in Unkenntniß des eigenen Herzens, dann in Unruhe, dann in trirgeriſcher Hoffnung, verleb⸗ ter Jahre mit Stillſchweigen zu uͤbergehen, und nur ſo viel davon zu erwaͤhnen, daß mein Herz ſich bald an den edlen Marcheſe Montenero mit den engſten Banden grfeſſelt fuͤhlte, und ſeine Schweſter Guiscarda, ob ſie wohl lange unſerer gegenſeitigen Reigung ſich widerſetzte, zuletzt, von ſchweſterlicher Liebe und ihrem hochſchlagen⸗ den Herzen beſtochen, die Vertraute und Befoͤr⸗ derinn eines geheimen Verſtaͤndniſſes ward.“ „Der Stolz meines Vaters und meiner Ver⸗ wandten ließ bey einiger Beſonnenheit an ihre Einwilligung zu einer Verbindung zwiſchen mir und Franceſco nicht denken. Aber die Gluth un⸗ ſerer durch Hinderniſſe nur noch erhoͤheten Lei⸗ denſchaft überſahe alle Schranken. Gleichſam als wollten wir das Schickſal zum Kampfe heraus fordern, benutzten wir eine Abweſenheit Gerardi⸗ no's und ſeiner Söhne, um uns durch einen fremden, von Franceſeo gewonnenen Moͤnch ins⸗ geheim mit einander verbinden zu laſſen.“ 133 „Roch einige Monathe tebten wir in ſtiller, alles vergeſſender Trunkenheit;;Guiscarda's Wär⸗ nungen, ihre flehentlichen Bitten, wurden nicht geachtet. Kaum war mein Vater zuruͤck gekehrt, als unſer Geheimniß verrathen ſchien, ſo ſorg fäl⸗ tig wir auch unſere Blicke zu bewachen glaubten, Montenero wurde noch zeitig genug durch einen ſeiner Freunde gewarnt; wir ſahen keinen Aus⸗ weg, als noch in derſelben Racht zu entfliehen. Auch Guiscarda mußte auf ihre Sicherheit den⸗ ken. Ihre Klugheit, vielleicht irgend eine ge⸗ heime Ahndung, vielleicht auch der von der waͤrm⸗ ſten Freundſchaft erzeugte Entſchluß, die Auf⸗ merfſamfeit unſerer Verfolger zu theilen, rieth ihr an, ſich von uns zu trennen. Sie hatte, wie ich erſt ſpaͤter erfuhr, zu einem entlegenkn Klo⸗ ſter, deren Aebtiſſinn die vertrauteſte Freundinn ihrer geweſen ihre Zuflucht ge⸗ nommen.“ faſt unerſteigliches Bergſchloß. Kaum war unſer Verſchwinden entdeckt worden, als es auch ge⸗ lang, den Ort unſers Anfenthaltes zu erkund⸗ ſchaften. Gerardino's gerechter Zorn kannte keine Gräuzen;z er beſchloß ſogleich, Montenero's Burg, es koſte auch, was es wolle, zu erſtuͤrmen. Die Wuth und Erbitterung meines Vaters, vielleicht auch Familien⸗Stolz, oder das Gefubl der ge⸗ „Montenero brachte mich auf ſein vitebliches — 154 fränkten, hintergangenen Freundſchaft, verleitete auch Guido zum Schwur der blutigſien Rache. Noch ehe Gerardino mit ſeinem geſammelten Heere dem Bergſchloſſe ſich näherte, eilte Guido herzu, und forderte meinen Gemahl zum Zweykampſfe auf Leben und Tode.“ „Die Hofſnung, den einſt ſo innigen Freund durch mündliches Unterhandeln vielleicht zu ver⸗ ſohnen, und durch ihn des Vaters Verzeihung zu erhalten, verbunden mit dem Geſetze der Ehre, verſtattete meinem Gemahl nicht, die Ausforde⸗ rung abzulehnen. Er ritt, zum Kampfe geruͤſtet, hinab in das Thal, ohne mir von Guido's Be⸗ ſchickung und ſeinem eigenen Vorhaben etwas zu entdecken. Ich erfuhr nur noch zeitig genug et⸗ was davon, um von dem Soͤller meinen Gemahl mit Guido im wuͤthenden Gefechte begriffen, und, nach oft wiederhohltem, lange zweifelhaftem Zu⸗ ſammentreffen, durchbohrt vom Pferde ſinken zu ſeben.“ „Dieſer Augenblick beraubte mich der Beſin⸗ nung. Nur von meinen Frauen hoͤrte ich hinter⸗ her, daß der Sterbende dem Sieger noch die Hand zur Verſoͤhnung gedothen, daß Guido ſie mit Heftigkeit ergriffen habe, und zu ihm nieder⸗ geſtuͤrzt ſey; Dann war er auf ſeinem Roſſe ſchleunigſt davon geſprengt. Vermuthlich hat die Verzweiflung uͤber den Tod des Freundes von — 2 feiner Hand den leicht zu reitzenden Juͤngling in irgend eine Einode oder gar zum Selbſtmorde getrieben; denn nie hat man wieder eine Spur . von ihm entdeckt.“ 35 „Die Knappen Montenero's brachten ſeinen Leichnam auf das Bergſchloß. Meine Liebe gab 3 mir die Kraft, ſeine blutenden Wunden zu küſ⸗ ſen, und fuͤr ſeine Beyſetzung zu ſorgen. Noch 3 weiß ich nicht, wie ich damahls, und noch lange nachher, meinen Kummer ertragen konnte. Ach, ſein Tod hatte nicht bloß mir den geliebten Ge⸗ mahl, ſondern auch dem Kinde, das ich unter meinem Herzen trug, den Vater geraubt!* „Wenige Stunden nach Francreſco's Begräͤb⸗ niß wurde die Burg von dem Heere meines Va⸗ tert berennt. Es ward ihm nach dem Tode meines Beſchutzers leicht, die Burg zu gewinnen. Faſt alle die wenigen Getreuen, welche ſich, obwohl ihres Anfuͤhrers beraubt, zur Vertheidigung der Feſte aufwarfen, wurden erſchlagen; mich huͤllte man in einen dichten ſchwarzen Schleyer, und brachte mich bey der Racht nach dem Schloſſe delt; mein Vater ſahe mich erſt nach einigen Mo⸗ nathen, und dann nicht wieder. Er kehrte mir den Rücken zu, mit einem Blicke des Haſſes und der tiefſten Verachtung, als ich 4 in Thränen Gerardino's.* 1 „Hier wurde ich als eine Gefangene behan⸗ 186 aufgelöſet, mich zu ſeinen Fuͤßen warf. Ich erfuhr, daß er mich zum Kloſter beſtimmt habe, ein Ent⸗ ſchluß, der vielleicht nur deßhalb nicht zur Aus⸗ fuͤhrung kam, weil ich ſelbſt darum, als um eine Wohlthat, flehete.“ „Endlich erfolgte meine Entbindung, die ich nicht zu uͤberleben glaubte und wuͤnſchte. Meine ſchon vorher durch ſo mancherley Leiden erſchöpf⸗ ten Kraͤfte verließen mich gaͤnzlich. Ich lag meh⸗ rere Tage in einem langen Lodesſchlummer, und erfuhr, als ich mich ein wenig erhohlt hatte, daß ich von einer Tochter entbunden, und dieſe Lau⸗ ra genannt worden, allein bald nach erhaltener Taufe verſtorben ſey.* „Ich fand keine Urſache, an der Wahrheit dieſer Ausſage zu zweifeln. Der Quell meiner Thraͤnen war längſt verſtegt. Mein Vater aͤußerte nach und nach mildere Geſinnungen gegen mich; mein Vergehen ſchien abgebuͤßt. Meine Gefan⸗ genſchaft wurde aufgehoben; Zeit und Gebeth milderte meinen Schmerz. Meine Geſundheit fing nach Jahresfriſt an, ſich zu erhohlen, und— allen, wie mir ſelbſt, ein Wunder! die Farbe der Ju⸗ gend kehrte allgemach auf meine Wangen zuruͤck.“ „Lange lebte ich ruhig, von meinem Vater ſchonend behandelt, von meinen Frauen geliebt und bemitleidet, als Beata, die aͤlteſte von ih⸗ nen, in eine 6* Krankheit verfiel. Sie war —— —— 6 157 mir von je auf das innigſte ergeben geweſen; meine Erkenntlichkeit fuͤr ſo viele treue Dienſte bewog mich, ſie auf ihrem Krankenlager ſelbſt zu beſuchen.“ „Ich ſabe ſie dann ie einmahl, da man ſie eben mit den heil. Sacramenten verſehen hatte. Beate winkte mich naͤher zu ſich, ſammelte alle Kraft, fluͤſterte mir:„Pater Albano!“ zu, kuͤßte meine Haͤnde, und verſchied.“ „Die geheimnißvolle Nennung ihres Beichti⸗ gers hatte eine ſonderbare Unruhe in mir erwockt, die ich mir ſelbſt eben ſo wenig zu erklaͤren, als von mir zu entfernen wußte. Unter dem Vor⸗ wande, von den letzten Stunden meiner getreuen Dienerinn die genaueren Umſtaͤnde zu erfahren, ließ ich ihn zu mir rufen. Der ehrwuͤrdige Greis, ſelbſt ſchon mit einem Fuße im Grabe, hinter⸗ brachte mir als ein Vermächtniß Beata's die unerwartetſte Rachricht.“ „Die Verſtorbene hatte, durch ihr Gewiſſen beaͤngſtigt, ein nur ihr und wenigen Getreuen meines Vaters bekanntes Geheimniß nicht mit in eine andere Welt hinuͤber nehmen wollen. Dieß beſtand darin: Die mannlich fuͤhlende Guiscarda war kaum von dem Tode ihres geliebten einzigen Bruders benachrichtiget worden, als ſie ſich ſelbſt, als ſeine letzte Verwandte, zur Räͤcherinn ſeines Fodes vom Schickſale beſtimmt glaubte. Ihr Hel⸗ denmuth, ihre Rachbegierde ging ſo weit, dieß meinem Vater in einem mit Drohungen ange⸗ fuͤllten Briefe ohne alle Zuruͤckhaltung anzukuͤn⸗ digen. Gerardino ließ den Bothen, der von dem uͤberbrachten Urias⸗Briefe nicht die mindeſte Ahndung hatte, fogleich in das tieſſte Gefaͤngniß werfen. Man dachte darauf, von ihm, im Noth⸗ falle durch die Folter, eine Rachricht uͤber Guis⸗ rarda's Aufenthalt zu erpreſſen.“ „Doch bey kuͤhlerer Ueberlegung fand mein Vater— und ein Blitz drang in ſeine Seele— zwiſchen Guido's unerklaͤrlichem Verſchwinden, und der trotzenden Rachſucht Guiscarda's einen furchtbaren Zuſammenhang; er maß ihre Kuͤhn⸗ heit nur dem Umſtande bey, daß Guido bereits in ihre Haͤnde gefallen ſey. Auch verſicherte man, Guiscarda, wie ein Mann gewaffnet, doch ſchwarz und mit blutfaͤrbiger Schärpe, werbe ſelbſt Raͤu⸗ ber als Soͤldner an, und ein junger, tapferer Rit⸗ ter, der ſie innig liebe, habe nur unter der Be⸗ dingung das Verſprechen ihrer Hand erhalten, daß er Genoſſe ihrer Rache an Montenero's Moͤr⸗ dern werde.“ „Ungefaͤhr um dieſe Zeit war ich entbunden worden. Ich weiß nicht, ob die Sage von einem ſchon fruͤher gefaßten Eniſchluſſe meines Vaters gegruͤndet iſt, Montenero's Kind, wenn es am Leben bliehe, als den Zengen einer ihm zugefuͤg⸗ ——————————— —— ———————————— 139 . ten Beleidigung, den Blicken des Hofes, und ſelbſt den meinigen, fuͤr immer zu entziehen. So viel aber kann ich nicht bezweifeln, daß der Ge⸗ danke, Guido ſey vielleicht in Guiscarda's und ihrer Anhaͤnger Gewalt, oder gar ſchon etmor⸗ dot, den tiefſten Eindruck auf ihn gemacht habe. Wenigſtens ließ er Guiscarda's Bothen nun wie⸗ der auf freyen Fuß ſetzen, und ſchrieb ihr zur hoͤhnenden Erwiederung:„Montenero's eben ge⸗ borenes Kind verſchwindet vor den Augen der Welt. Wagt es, einem der Meinigen ein Haar zu kruͤmmen, wenn ihr den Dolch auf die Tochter eueres Bruders zuͤcken wollt! „So war denn mein Kind den Armen der Mutter entriſſen, und an einen Ort gebracht wor⸗ den, den niemand kennt, als Gerardino!“ „Ihr koͤnnt euch leicht vorſtellen, theuerer Lorenzo, welche Wirkung dieſe Rachricht in mei⸗ ner Seele erzeugte. Meine Sehnfucht nach mei⸗ ner LTochter, an deren Leben ich wenigſiens glau⸗ ben konnte, erwachte in unſaͤglicher Staͤrke, und erhielt in der Einſamkeit, in welcher ich lebte, nur noch größeren Zuwachs. So oft ich mir aber auch vornahm, meinen Vater mit meinem Flehen ſo lange zu beſtuͤrmen, bis er erweicht werde; ſo machten doch die Aeußerungen, womit er jederzeit ſelbſt die entfernteſte Andentung auf fruͤhere Zeiten erwiederte, dieſen Verſuch mir lange voͤllig 190 unmoͤglich. Endlich mußte ich dieß Stillſchwei⸗ gen brechen. Mit an Verzweiflung gränzender Heftigkeit warf ich mich zu ſeinen Fuͤßen; aber —„Jeder Gedanke an Lauren“— entgegnete er mir mit ſchneidender Kaͤlte—„entfernt ſie um hundert Meilen weiter von dir; ſie iſt begraben fuͤr dich, und niemand wird ſie erwecken!“ „Und nun, mein Freund, mein Gemahl, wißt ihr alles, was ich nur aus Vorſorge fuͤr euere Ruhe ench bis jetzt verbarg. Ihr denkt zu edel, mich wegen eines Gefuͤhles zu verdammen, uͤber welches ich nicht erroͤthen darf— ein Ge⸗ fuͤhl, das dieſen Morgen durch eine fluͤchtige, vielleicht nur von mir getraͤumte Aehnlichkeit jener Zeichnung mit den Zuͤgen Montenero's, und durch den Anblick einiger Blumenmädchen ziemlich von dem Alter, in welchem meine Laura jetzt ſeyn muͤßte, in aller vorigen Stärke er⸗ neuert ward!“— Der Herzog, dem doch nicht ſo ales wie Leonora geglaubt hatte, völlig unbekannt gewr⸗ ſen zu ſeyn ſchien, der aber von dem, was ihm neu war, ſichtbar erſchuͤttert wurde, ſuchte ſich zu ſammeln. Er dankte ſeiner Gemahlinn in den zärt⸗ lichſten Ausdruͤcken fuͤr ihr Vertrauen, wodurch ſein bisher genoſſenes Gluͤck einen großen Zu⸗ wachs erhalte, und das ihm fuͤr die Zukunft noch ſeligere Tage verbuͤrge! Er bath ſie mit troͤſt * 191 Milde, ſich zu erheitern, und die Anfſuchung Lau⸗ ra's ſeinem Eifer, ſeinem Einfluſſe auf Gerardino, ſeiner Sorge fur ihre Ruhe, zu uberlaſſen. Dann fugte er abbrechend die Verſicherung hinzu, daß er gewiß hoffe, ihr bis dahin, wo es ihm gluͤcke, das Urbild in ihre Arme zu fuͤhren, die Bild⸗ ſäule mit den geliebten Zugen zum Unterpfande ſeiner Liebe anbiethen zu koͤnnen, und wieder⸗ hohlte die Einladung, ihn mit Einbruch des Abends an den Ort zu begleiten, wo Eugenio ſeinen Kunſt⸗ ſchatz vorzeigen wolle. Sie dankte dem ſo treu, ſo edel liebenden Gatten mit niedergeſchlagenem, wehmuͤthigem Blicke, und mit einer ſanften Um⸗ armung. Als Lorenzo das Zimmer ſeiner Gemahlinn verlaſſen hatte, war Laura ſogleich wieder bey der Hand. Dieſe konnte ens allen Umſtaͤnden leicht errathen, daß die gehabte Unterhaltung fuͤr Leo⸗ noren nicht wenig angreifend geweſen ſey, und wandte nun alles an, was ihr, bey den eigenen bangen Beſorgniſſen um Eugenio, zu Gebothe ſtand, in das Herz ihrer edlen Freundinn Beru⸗ higung und ſtille Heiterkeit zuruͤck zu rufen. Der eigene Schmerz verlieh ihren BVemuͤhun⸗ gen nur noch mehr Weichheit und Innigkeit, und ſo wie eine klagende Rachtigall die andere um ſo mehr zum Wettſtreite bewegt, ſie zuletzt wohl auch zu feurigen Arcorden mit ſich hinreißt, ſo † . * 192 gelans es der ſelbſt Leidenden um ſo ſicherer, die leidende Freundinn nach und nach ihrem Kummer zu entfuͤhren. 4—* Leonora that ſich anfanglich Gewalt an, aber bald zauberte ihr die Hoffnung die Erfüllung ih⸗ res ſo ſehnlichen Wunſches als nicht bloß moͤg⸗ lich, ſondern ſogar als wahrſcheinlich vor. Dieſe 4 Vorſtellungen trugen nitht wenig dazu bey, ihr in kurzem wieder die vorige Faſſung zu geben, ja ſelbſt den Anſchein eines mülden Frohſinnes uͤber ihr Geſicht zu verbrelten. Sie ſpeiſete mit Lauren allein, und bald nach der Mahlzeit gelang es den Bitten diefer unwiderſtehlichen Schmeichlerinn, die Ermuͤdete zum Schlümmer zu bereden. Laura ſetzte ſich neben ihr Ruhebett und ſpielte ſie, wie ein Kind, mit ſuͤßen Liedern in den Schlaf. Leonora ruhete meh⸗ rere Stunden, und fuͤhlte ſich beym Erwachen außerordentlich geſtaͤrkt. Sie ließ ſich von ihren Frauen ankleiden. Ihr Herz war erleichtert; ih⸗ re Bruſt hob ſich freyer; ſie nahm ohne Zwang au allem Theil, womit die Zauberinn Laura, uͤber das Gelingen ihres zärtlichen Vorſatzes erfreuet, ſie nun eifriger, als jemahls umgankelte. und ſchon kuͤndigte die ſinkende Sonne das baldige Herannahen der Kuͤhle an. Lorenzo erſchien mit einem kleinen Gefolge, um ſeine Gemahlinn 3 3 *— 193 mit eigener Hand einzufuͤhren. Gleich am Ausgange der Colonnade ward Leo⸗ nora von Demetri auf der Iteytreppe empfangen. Sie war demernſten Alten, den ſie nicht bloß als Kuͤnſtler, ſondern faſt als Freund ihres Gemcdh⸗ les ſchätzen mußte, auch aus eigener Bewegung immer gewogen geweſoüz jetzt erhoͤheten die ver⸗ ſtändigen, tief gefuͤhlten Worte, womit er ſie begrüßte, ihre Achtung. Faſt noch mehr aber, als ſein eben ſo feines, als wuͤrdiges Beneh⸗ men, faſt noch mehr, als ſein edles Anſehen, ennd⸗das Feuer ſeiner, durch die Zahl der Jahre nicht erloſchenen Blicke, ſprach das Werk. ſeingr d Kunſt, ſprach der prachtig und reitzend angelegte Garten zu ſeinem Vortheile. K In der That glaubte man ſich auf den erſten Anblick in die Bilder einer dichteriſchen Lraum⸗ welt verfetzt. Was die ſinnvoll berechnetr Vermi⸗ ſchung gruͤner Raſenteppiche hnd buntfarbiger, Blumenbeete mit marmornen Springbrunnen und kryſtallhellen Waſſerfaällen, was die reitzendſte ſchmelzende Colorit der, bald mit blendenden Blu⸗ their und goldenen Fruͤchten beladenen, bald mit Weinrauken umkränzten Baäume, was heitere Ge⸗ bäͤnde, niedliche Badegemaͤcher, mahleriſche Lau⸗ unterhalt, Bibtioth. 1o. B. 8 in das hauptſächlich für ſie erſchaffene Tempe Gruppirung von Wald und Gebuͤſch, was das ben, ſpiegelnde Teiche, kuhlende Grotten, was die. 6 194 klügſte Benutzung bezaubernder Ausfichten nur zu leiſten vermoͤgen, dieſes alles war in der an⸗ genehmſten Abwechſelung hier zuſammen geſtellt. Das Auge ſchwelzte immer in den neu erregter Er⸗ wartung, und in ſuͤßer, wenn ſchon jede Hoffnung noch übertreffender Erfullung. Anmuth, Schoͤn⸗ heit, Erhabenheit, ſchienen hier gleichſam, wie einſt die drey Goͤttinnen, um den Preis zu ſtrei⸗ ten; alles, was das Ganze zu beleben, und als den Aufenthalt der Ruhe, der unſchuld, der Liebe, der ländlichen Freyheit, darzuſtellen ver⸗ mochte, war in ſchwelgeriſchem Ueberfluſſe vor⸗ handen. Schon konnte es Leonora ſich nicht verſagen, dem kuͤnſtlichen Baumeiſter, der ruhig und be⸗ friedigt ihr folgte, einige gefuͤhlvolle Blicke zu ſchenken; ſchon zog ſie mit aller jener unwider⸗ ehlichen Huld, womit ſie auch ohne herzogliche Krone jedes Herz beſiegt haben wuͤrde, einen Ring von Lorenzo's Hand, und winkte Demetri naͤher. „Dieſer Smaragd?— lispelte ſie in dem fanfteſten Accent—„ward von meinem edlen Gemahle euch beſtimmt, nicht als eine Beloh⸗ nung eurer Kunſt, nur als ein Zeichen unſerer vereinten Erkenntlichkeit. Des Herzogs Partey⸗ lichkeit für mich hat ihn uberredet, dieſe Gabe ſeiner Freundſchaft könne aus meiner Hand euch noch willkommener werden“— —— 195 „O meine Herzoginn!“— erwiederte der Alte, weniger durch die Koſtbarkeit des furſtlichen Ge⸗ ſchenks uͤberraſcht, als durch dieſe Anrede in ſeine Juͤnglingsjahre zuruͤck verſetzt—„o meine gnaͤdige Frau! ich hoͤrte es immer, Schoͤnheit und Huld wären die Regiererinnen der Welt“—— „Und doch?— ſetzte er nach kurzer Pauſe, in einen heiterern Ton uͤbergehend, hinzu— „möchte ich faſt zaudern, mir dieſen Beweis eue⸗ rer Gnade zuzueignen. Leicht konnte es Mit⸗ werber um den von euerer Huld mir beſtimmten Kranz geben; leicht könnte es kommen, daß mein Schuͤler den Lehrmeiſter weit uberböthe.“ Er zeigte hierbey auf ein nahes Luſtgehäge von Lorbern, Cypreſſen und Citronen⸗Bäumen, aus welchem die Abendluft die wuͤrzigſten Duͤfte her⸗ wehete, und— in dieſem Augenblicke ſchmelzend Flötentone erklanger. Das Gefolge blieb auf ei⸗ nen Wink des Herzogs am Eingange. Nur Lauren und Demetri ſchien es vergönnt, dieſen heiligen Hain mit zu betreten. Als man hierauf durch mehrere labyrinthiſche Gaͤnge zu einem großen runden Raſenplatze ge⸗ langt war, wurde das Gebuͤſch auf ein Mahl belebt und bevoͤlkert. Aus allen Seitengebuͤſchen huͤpften Chöre ſchöner, als Schäfer und Schaͤfermädchen, als Nymphen und Waldgötter gekleideter Kinder heraus, die anfänglich die Herzoginn, dann aber ei⸗ J2 4 196 nen im Hintergrunde befindlichen Tempel umtans⸗ ten, und wieder verſchwanden. „Mein Schuͤler Eugenio“— begann jetzt Demetri—„hat in dieſem Tempel jenen be⸗ wunderswuͤrdigen Amor aufgeſtellt, ganzs dazu geeignet, niemand auf Erden, als euch, Frau Herzoginn, anzugehoͤren! euer Wunſch⸗ dieß koſt⸗ bare Bild zu beſitzen, hat ihnentzuͤckt; doch verlei⸗ tet ihn ſeine Kenntniß von dem hohen Werthe dieſes Kunſtwerks zu vielleicht kuͤhn ſcheinenden Foderun⸗ gen. Eben darum will er es noch nicht wagen, ſeibſt vor euch zu erſcheinen, ſondern hat mich zum Dolmetſcher ſeiner Geſinnungen erwählt.“ Leonora ſtand betroffen, faſt gereitzt; ihr Blick fiel bald auf Lorenzo, in deſſen Auge ſanfte Rührung ſchwamm, bald auf die Saͤulen des klei⸗ nen Lempels, deſſen Inneres noch von einer präch⸗ tig verzierten Sammt⸗Draperie verhuͤllt ward. „So redet!“— ſprach ſie ſodann, zu Deme⸗ tri gewand. „Dieß Blatt werde euch alles erklären, ver⸗ ſichert Eugenio—“ antwortete dieſer—„Doch muß ich geſtehen, daß ſein Inha ur mich einem dunkeln Hrakelſpruche gleicht.“* Die Herzoginn entfaltete die öberreichte Rolle, legte ſinnend die Hand an die Stirn, und war in ſichtbarer Unruhe.„Dieſe Zuge— ſtammelte ſie— vhabe ich einſt, habe ich öſter geſehen!“ 197 Sie legte das Blatt in Lorenzo's Haͤnde, und die⸗ ſer las: „Wirſt dn begluͤckt, ſo enden meine Qualen; Wer gluͤcklich iſt, iſt willig zum Verzeih'n; Was Liebe gab, kann Liobe nur bezahlen, Und eine Laura tauſcht die andre ein!* »Was ſoll das heißen 2— fragte beklommen keonbra—„Schrieb Eugenio dieß ſelbſt? Dieſe Handſchrift, dieſe Worte— ſoll mir keine Aus⸗ kunft daruͤber zu Theil werden 2 „So vergönnt, daß der Schleher ſinke!— ertoͤnte im Hintergrunde eine Stimme, die Leo⸗ nora nach einer dunkelen Erinnerung ſonſt oftmahls vernommen hatte. Sie lehnte ſich erblaſſend auf Laura's Achſel; ihre Augen hafteten auf dem Vorhange; wunder⸗ bare Ahndungen hoben ſichtbar ihren Buſen. „Verſtattet ihr es, mein Gemahl?“— fragte ſie Lorenzo mit ſchmelzender Weichheit. Der Her⸗ zog anwortete durch einen froh bejahenden Blick; Leonora unterſten Stufen des Tempels; die Draperie ſchwebte langſam, wie von ſelbſt, in die Höhe; ein niedriges Fußgeſtell ward ſichtbar. Jetzt fiog plotzlich der Vorhang in zwey Theile aus einander, und, von oben herab magiſch beleuch⸗ eet, auf dem Scheitel in den ſchoͤn geringelten Locken ein goldenes Diadem, mit Fluͤgeln, Koͤcher und Bogen, ward ein ſchöner, doch bekleideter, Amor ſichtbar. Er ſchien ein Meiſterſtuͤck des kunſt⸗ reichſten Meiſels, ſchien die Schalkhaftigkeit, die Majeſtät des Gottes der Goͤtter mit kindlicher Unſchuld in ſich zu vereinen, ſchien in den auf ihn herabfallenden Lichtſtrahlen faſt zu athmen. Leono⸗ ra's Blicke ſchweiften unter den langen Wimpern trunken, mit der Sehnſucht Pygmalions, mit ſapphiſcher Gluth, hervor; ihre Augen glichen Sternen hinter naͤchtlichen Wolken. Ihre Bruſt flog, ihr Athem ſtockte, ihr ausgeſtreckter Arm fing an zu zittern. War es Wahrheit, oder ein won halbem Wahnſinne erzeugterTraum, die Wange des Amors war geroͤthet, das Auge warf Strah⸗ len, das Bild fing an ſich zu regen: es neigte ſich vorwaͤrts; es breitete die Arme nach ihr aus. Auch die Herzoginn, beſtuͤrmt von tauſend unnennbaren Gefuͤhlen, hingeriſſen von nicht mehr zu bezwingender Sehnſucht, that dasſelbe; Amor— nein! der liebreitzende Ceſarillo, in eng⸗ anliegenden weißen Atlaß gekleidet, ſprang von dem Piedeſtal herab, und ſtuͤrzte mit den Wor⸗ ten: meine holde Mutter! ich bin zu ihren Fuͤßen. Leonora bebte; ihre Augen ſiareet ſie ſchien ſich ſelbſt verloren zu haben, ſchien zwiſchen der Wahrheit und der Furcht vor Gedankenverirrung 199„ zu ringen, ſchien ſelbſt ein entgeiſtertes Marmor⸗ bild! Jetzt endlich kehrte das Leben, kehrte die Wirk⸗ lichkeit fuͤr ſie zuruͤck; ſie athmete tief; ſie ſtuͤrzte auf das knabenhafte Mädchen zu, ſahe ihm lange in die Augen, druͤckte es lange an ihre Bruſt, fuͤhlte des Kindes Herz warm an dem ihrigen ſchlagen, er⸗ kannte Montenero's Zuͤge in jedem der ſeinigen, druͤckte es, getheilt zwiſchen Wonne und Ohn⸗ macht, in Thraͤnen zerfließend, immer inniger und heißer an ſich und überſtroͤmte ſeine Lippen mit unerſaͤttlichen Kuͤſſen. „D mein Kind, meine Laura! meine Tochter! o mein Lorenzo, mein edler Gemahl!“— rief ſie dann, im Taumel ſtuͤrmiſcher Freude; ihr Herz, wie ihre Umarmung, war ganz zwiſchen ihrer lieblichen Laura und Lorenzo, zwiſchen Dankbar⸗ keit und Mutterliebe getheilt. Faſt eine Viertelſtunde verfloß, ehe ſie wie⸗ der zu ſich ſelbſt kam; der einſtige Ceſariſlo war ſo reitzend, war ſo feurig und ſo zaͤrtlich, ſchmiegte ſich ſo innig an ſie an, nannte ſie ſo ſußſchmei⸗ chelnd Mutter, daß ſie immer von neuem anfing, ihn in ihre Arme zu ſchließen und zu liebkoſen. Nach einem langen Rauſche der ſeligſten Mut⸗ terwonne und des dankbarſten, um Worte verle⸗ genen Entzuͤckens, fielen ihre Augen wieder auf das Blatt; es konnte ihr nicht län⸗ ger entgehen, daß noch irgend eine Entdeckung ihrer warte. „Und wo iſt Eugenio?“— lispelte ſie, nach allen Seiten umblickend—„wo iſt der we ohltha⸗ tige Zauberer, dem ich nebſt euch, mein Gemahl, alle dieſe Seligkeit danke 2* „Kannſt du mir verzeihen?“— rief eine Stimme, und Eugenio flog auf ſie zu—„Erkennſt tudeinen Guido in mir? Kann jahrelange Reue, kann das eifrigſte Beſtreben, deinen Kummer zu lindern, dich verſoͤhnen? Biſt du beglückt⸗ ſo en⸗ den meine Qualen“— Roch ehe er ausgeredet hatte, breitete Leo⸗ nora ihre Arme gegen ihn aus.„Wer glücklich iſt, iſt willig zum Verzeihen!“— rief ſie mit uͤberflie⸗ ßenden Augen, und in dem Silbertone ihrerStimme ſchienen alle Harmonien des Himmels wieder zu hallen. Bruder und Schweſter, einſt einander ſo innig liebend, lange ſo ſchrecklich von einander getrennt, ruheten Arm in Arm, und eilten dann zu dem rdlen Lorenzo, um auch ihn in ihre Umar⸗ mung zu ziehen; Ceſarillo⸗Laura, wie ein bethen⸗ der Engel, umſchlang ihre Knie; Demetri und die aͤltere Laura weideten fich mit hoͤher ſchlagen⸗ dem Herzen an dieſem entzuͤckenden Schauſpiele. „Nur die Hälfte des Drakelſpruchs iſt er⸗ fuͤllt— hub endlich mit jener Froͤhlichkeit, die das Bewußtſeyn, Andere begluͤckt zu haben, er⸗ zeugt, der Herzog an—„Was Liebe gab, kann Liebe nur bezahlen“—— „Wie iſt das?— fragte Leonora—„bin ich heute mit lauter Räthſeln umgeben? oder— ſollte es moglich ſeyn, ſollte?— Ihr Auge fiel auf die zaͤrtliche Freundinn, deren Gefuͤhl den beſchattenden Buſenſtraus faſt zu ver⸗ draͤngen drohete. Das liebende Fraͤulein ſahe mit gluͤhendem Erroͤthen zur Erde; Guldo flog auf Laura zu, und bedeckte ihre Hand mit den feurig⸗ ſten Kuͤſſen⸗ „Nur Laura's Lieben— fuhr Levnora fort— „und die Guͤte meines Gemahls koͤnnte mich zur Herrinn uͤber ihr Schickſal machen. Wenn ſie Beyde dieſe Herrſchaft mir in dieſem Augenblicke der Wonne uͤbertragen, ſan— „Und eine Laura tauſcht die andere ein!— ſiel ihr der Herzog in das Wort, und fuͤhrte die junge Graͤfinn, die ſich nicht im mindeſten ſträubte, zu Leonoren. „Mein Bruder! meine Freundinn! meine Schweſter!“— rief Leonora mit tiefer Empfin⸗ dung.— Sie legte die Hand Guido's und Laura's zuſammen, und eine Umarmung alo nun funf gluͤckliche Herzen. In dieſem Angenblcke gab vanlett ein Zei⸗ chen, und von neuem erſcholl die im Gebuͤſche ver⸗ borgene Muſik. Die Schäͤfer, Schäferinnen und — 252 uͤbrigen Masken kehrten mit Gewinden von Myrthen und weißen Roſen zuruͤck, bekraͤnzten in lieblichen Verſchlingungen die ſeligen Paa⸗ re, und leiteten ſie, immer vor ihnen hergau⸗ kelnd, unter Begleitung der Muſik, nach dem Schloſſe zuruͤck. Das froͤhlichſte Mahl beſchloß den ſeligſten Tag. Erſt nach einer vor Freude ſchlaflos zuge⸗ brachten Racht konnte man dazu kommen, die noch nicht geloͤſeten Raͤthſel vollends aufzuklaͤ⸗ rren. Den leicht zu reitzenden, aber auch eben ſo eeicht zu beſaͤnftigenden Guido hatte der Blick ſeines ſterbenden Freundes, hatte deſſen Tod durch ſeine Hand, mit allen Qualen der Verzweiflung erfuͤllt. Von dem Schatten Montenero's raſtlos verfolgt, ſchweifte er lange umher, lebte einige Jahre bey einem Einſiedler, ſuchte dann im wil⸗ deſten Kaipfe den Tod, und verbarg ſich endlich in einem weit entlegenen Kloſter, mit dem feſten Vorſatze, ſich ganz der Welt zu entziehen und ſein Verbrechen durch Gebeth und Verzichtung auf alle irdiſche Freuden abzubuͤßen. Doch die Zeit milderte nach Verfluß eines mehrjährigen Zeitranmes ſeine Schwermuth, und die Einförmigkeit des Moͤnchslebens konnte den Forderungen ſeines feurigen Herzen nicht mehr Genuͤge leiſten. Er hörte durch ein Ungefähr, Leonora ſey jetzt Gemahlinn des Herzogs Lorenzo; die fruͤhe Liebe zu ſeiner Schweſter erwachte in ihm mit verdoppelter Staͤrke; er wuͤnſchte nichts mehr, als ſie, die er ſo ſchwer beleidiget, noch ein Mahl zu ſehen, und ihre Verzeihung zu er⸗ halten. In dieſer Abſicht reiſete er unter frem⸗ dem Nahmen nach Lorenzo's Hofſtadt. Hier rief Leonorens Anblick, worin er ein geheimes Leiden nur zu deutlich las, ſeine Melancholie faſt in dem vormahligen Grade zuruͤck, zugleich aber erweckte ihre Begleiterinn, die holde Laura, in ſeiner Seele die heftiaſte Leidenſchaft. Getheilt zwiſchen Liebe und dem peinigen⸗ den Gefuͤhle, das Lebensgluͤck ſeiner Schweſter vernichtet zu haben, reiſete er unerkannt wieder ab, und begab ſich an den Hof ſeines Vaters. Das unerwartete Erſcheinen des verloren geglaubten Sohnes verſetzte Gerardino in die lauteſte Freude; er vertrauete ihm bey der erſten Umarmung, daß er ihn längſt fuͤr todt gehalten, jedoch, gleich⸗ ſam als Geißel fur ſein Leben, Montenero's Toch⸗ ter in Verwahrung genommen habe. Ein Lichtſtrahl der Hoffnung ging fuͤr Guido auf; er glaubte den Grund von Leonorens Be⸗ truͤbniß zu ahnden; er drang flehentlich in Ge⸗ rardino. Dieſer, der nun nichts mehr fuͤr ihn fuͤrchtete, entdeckte ihm um ſo bereitwilliger Lau⸗ ra's Aufenthalt, da man von Guiscarda ſeit lan⸗ gen Jahren nichts mehr wußte. Laura war dem — 6 Hauptmanne eines Graͤnz⸗Caftelles übergeben, und auf des Fürſten Befehl, um jede Spur deſto mehr zu verloͤſchen, als ein Knabe erzogen worden. Kaumhatte Guido alles genau als er den Entſchluß faßte, Laura ihrer trauern⸗ den Mutter wieder zu geben; ſie, einſt das Pfand für ſein Leben, galt ihm für das Pfand ſeiner Verzeihung Er begab ſich nach dem Graͤnzſchloſſe, und der Schloßhauptmann trug kein Bedenken, dem Sohne ſeines Fuͤrſten, der uͤber dieß in das ganze Geheimniß eingeweihet war, das verkleidete Mädchen zu uͤberliefern. Laura hing, faſt von dem erſten Angenblicke an, mit vollem Herzen an Guido, und wär ſehr bereitwillig, dem lieb⸗ reichen Oheim äls Edelknabe ön folgen⸗ Run kehrte Guido abermahls unerkannt nach Lorenzo's Schloſſe. Er war hier, nach manchem vergeblichen Verſuche, ſo gluͤcklich, Gräfinn Laura allein im Garten zu uͤberraſchen. Bey den Un⸗ terredungen, die ſie ihm bewilliste, erfuhr er von Leonora's Lage und dem Edelmuthe ihres Gemahles genug, um es zu wagen, ſich dem Herzoge anzuvertrauen. Gräͤfinn Laura vermit⸗ tette zwiſchen beyden die Zuſammenkunft im Walde. War gleich der eeſh uͤber das, was er von Guido erfuhr, nicht wenig verwundert, ſo 205 vewog ihn doch ſein edles Herz, ganz in Guido's Wuͤnſche einzuſtimmen. Die Villa ſchien der ſchicklichſte HOrt, den verabredéten Plan aus zufuhren. Um dieſes auf deſto erfreulichere Art zu bewirken, ward Demetri it in das Geheimniß gezogen, unter deſſen Leitung denn auch alles, wie wir geſehen haben, nach Wanſch gelang.— Der Herzog erklaͤrte nach einigen Monathen, mit Gerardino's Bewilligung, die er ſich leicht zu verſchaffen wußte, Ceſarillo⸗Laura oͤffentlich fuͤr die Tochter ſeiner Gemahlinn und die ſeinige. Leondra, von dem Gefuͤhle einer gluͤck⸗ lichen Mutter uͤber ſich ſelbſt erhoben, bluͤhete von neuem im Flore aller Reitze; ihre Achtung, ihre Dankbarkeit gegen Lorenzo, verwandelte ſich bald in die zartlichſte Liebe. Guido und Laura wurden mit einander vermaͤhlt. An dem Hochzeit⸗ tage der Freundinn überraſchte die reitzende Leo⸗ nora ihren Gemahl mit der frohen Rachricht, daß die juͤngere Laura bald nicht mehr allein auf ihre muͤtterliche Liebe Anſpruͤche haben werde, und, faſt mit der älteren Laura zugleich, erfullte ſie die⸗ ſes Wort der Verheißung durch die Geburt eines muntern Prinzen. Die heldenmüthige Guiscarda hatte, wie man ſpäterhin in Erfahrung brachte, aus Unmuth über das Mißgluͤcken ihres Planes, der gegen die Uebermacht des Furſten Sersdin⸗ 06 ſchwerlich gelingen konnte, das Ritterſchwert mit dem Nonnenſchleyer vertauſcht, doch ihre Einklei⸗ dung, langſam abgezehrt vom nagenden Gefühle ihrer heißen aber unbefriedigten Rachbegier, nur ein balbezabr uberlebt. 4 „ * * „ 5 Wie man ſich irren kann! 3 S Reiſegeſchichtchen. re „ 3 D. Meſſe mit allen ihren aeprieſenen Herrlich⸗ kriten war vorübe r, und die Zohlungen, welche ich zu erhalten hatte— eine Fruhſtunde waͤre hinlaͤnglich geweſen, dieß wenig verwickelte Ge⸗ ſchäft in Ordnung zu bringen— konnten einen längeren Aufſchub der Abreiſ⸗ bey mir ſelbſt nicht eutſchuld gen. Mit erzwungner Standhaftigkeit, mit trauerndem Herzen, entwand ich mich den Armen der Liebe. Zwey gleichfuhlende Jugendfre die meine Lage kannten, begleiteten c Stunde Weges zu Fuße. . Wenig beſorgt um ein gemächliches Fortko men, wie jeder, der noch jung und— verliebt iſt, hatte ich einen Platz anf der gelben Kutſche fiu mich be ſprochen. Mein Mantel nahm einſtweilen meinen Sitz ein. Den Drt⸗ wo gewoͤhnlich Mit⸗ tag gemacht wird, wußte ich zu finden. Der heitere Maytag und die traulichen Ge⸗ Friche meiner Freunde hatten allgemach i Wolken fai meiner Stirn zertheilt meine 210 ſchwermuͤthige Stimmung in ſanftere Gefuͤhle aufgelöſet.—„Schade, daß heute nicht Sonntag iſt!“— ſagte der eine meiner Freunde bey dem Scheiden—„Sonſt konnteſt du mit einem klei⸗ nen Umwege den Engliſchen Garten in M. be⸗ ſuchen.“ „Ich bin ſchon mehrmahls dieſe Straße gezo⸗ gen“— erwiederte ich—„und häbe dirſen Be⸗ ſuch immer verſchoben. Aber heut⸗ ſoll es wahr⸗ haftig nicht wieder geſchehen!* Meine Freunde gaben mir zu bedenken, daß der Garten in den Wochentagen fuͤr Fremde ver⸗ ſchloſſen ſey; allein dieſe Schwierigkeit ſchien mir nicht unuͤberwindlich.—„Wenn ihr wieder heraus kommt, ſucht nur getroſt meinen Rahmen im Fremdenbuche!v ſo rief ich meinen Freunden der Ferne zu. Nun trat ich mit Doppelſchritten meinen Weg geradezu nach dem Garten an. Man wies ich, da kein Gärtner mir die gewünſchte Erlaub⸗ nuiß zu ertheilen wagte, an den Bettmeiſter oder Vaſtellan. Ich träf ihn nicht ſelbſt, ſondern ſeine Fran, eine etwas gtämliche Matrone, und zwey ihrer Töchter von zwölf bis vierzehn Jahren, die deſto freundlicher ſchienen. Die Frau Eaſtellakinn ſchlug mir meine Vitte kurz und rund ab; das freundliche Auge des alte⸗ ſten Mädchens aber ſchien fuͤr mich zu ſprechen. 211 Der von mir genommene Umweg und das meinen Freunden gegebene Wort verliehen mir Beharrlichkeit und Verſchlagenheit. Ich kannte den Nahmen nnd Aufenthalt des Gartenbeſitzers; ich fingirte, ihn ſelbſt vor enigen Wochen in Berlin geſprochen zu haben, und ein vertrauter Freund ſeines Secretärs zu ſeyn. „Das iſt mein Sohn!— ſagte die Alte mit vornehmen Tone.—„Das iſt mein guter, lieber Bruder!— rief das älteſte, freundliche Schwarz⸗ koͤpfchen mit leuchtenden Augen. „Und ſollte ich ihm ſchreiben muͤſſen?— fragte ich, zwar ein wenig hierüber betroffen, aber zugleich erfreut uber meine gelingende Liſt— „daß ich mich bey ihnen vergeblich auf ihn be⸗ rief 2* „Es darf jetzt kein Galtengtrit den an Werkeltagen mehr herumfuͤh vorher die Beſuche allzu haͤufig waren“ die Matrone mit kalter, entſchuldigender Hoflich⸗ keit wieder an—„Wenn nur mein Mann zug gen waͤre——* „Der iſt nun in der That nicht nöthig⸗ wirderte ich, nicht ohne Doppelſinn. „Rein, wirklich nicht, liebe Mama!“— fiel die freundliche, ſchwarzgelockte Kleine ein—„ich ſelbſt kann ja den Herrn herumfuͤhren!* 212 Das erlaubte denn auch endlich die liebe Mama; das Mädchen nahni ihren Strickſtrumpf und— geleitet von einer aufbluͤhenden Grazie, be⸗ trat ich das Reich der Flora. Meine freundliche Fuͤhrerinn zeigte mir mit gutmeinender Beredſamkeit alles, was nur zu ſehen war— Eremitagen, Chineſiſche Bruͤckchen und Thuͤrmchen, Sonnenhuͤtten, Mauſoleen— wer in einer flachen, von der Ratur wenig be⸗ günſtigten Gegend einen ſolchen Garten geſehen hat, der weiß ſo ziemlich, was man ſich von ähn⸗ lichen Gaͤrten verſprechen kann. Nur die moder⸗ nen Ruinen eines Ritterſchloſſes aus den Zeiten des Fauſtrechtes vorzuglich aber ein unterirrdiſcher Gang desſeiben, wo ſich am Schluſſe der duͤſtern Per ective ein berhender Ritter, in einigen Sei⸗ gen gigantiſche Todtenknochen— von gten, feſſelte auf einige Augenblicke Aufmerkſamkeit. I†ch wußte, daß es hergebracht ſey, fuͤr das Berumfuhreh ein kleines Geſchenk zu geben; allein in Trinkgeld, wie man das gewoͤhnlich nennt, ſchien mir hier durchaus nicht an ſeiner Stelle zu ſeyn. Gluͤcklicher Weiſe beſann ich mich, daß ich waͤhrend meines Aufenthaltes in L. fuͤr die Kinder eines Freundes einige Medaillen von Loos ein⸗ gekauft patte. * 21 Ich ſuchte mit guter Manier eine davon aus meiner Voͤrſe hervor zu fiſchen. Als das Maͤd⸗ chen, trotz aller Vorſicht, dieſes bemerkte, wurde ſie gluhendroth; mir ſelbſt mag vielleicht etwas aͤhnliches begegnet ſeyn. Doch da ich ihr die Me⸗ daille in die niedliche Hand legte—„zum An⸗ denken“, wie ich ſagte— bemerkte ich ſogar tie⸗ fen Unwillen in dem ſonſt ſo freundlichen Geſichte. „Ich werde es ſogleich in die Caſſe fur die Gartenarbeiter abliefern?— ſagte ſie, und warf die bluͤhenden Lippen recht hochmuͤthig auf. „Däs wollten ſie thun?5— erwiederte ich— „dieſes kleine Andenken an einen Mann, der nie an dieſen reitzenden Garten ſich errinnern wird, ohne zugleich fuͤr ihre Gefaͤlligkeit ſich verpflich⸗ tet zu fuͤhlen, wollten ſie verſchmähen?— Ich zeigte ihr das Bild und die Ueberſchrift; es war, wenn ich nicht irre, ein unter Roſenſträuchen ſtehender Genins mit einem artigen Motto. „Verzeihen ſie mir“— fing ſie, ihren Irr⸗ thum einſehend und noch hoͤher erroͤthend, wieder an—„in der That, ich habe mich etwas links benommen— nein, dieſes behalte ich recht Erg gewiß recht gern, mein Herr!“ Wir ſtanden eben am Ausgange des Gar⸗ tens. Sie ſprang einen Angenblick auf die Seite, ſchnitt einige ſchoͤne Staͤngel von Levkoje und ge⸗ 6 fulltem Goldlack ab, und band ſig mir dem blauen — 05 214 Bändchen der ſilbernen Strickhuͤchen zu einem Strauße.—„Hier nehmen ſie, fuͤr die ſilbernen Blumen, lebendige und duftende von mir an— erinnern ſie ſich dabey auf der Reiſe— ihres Freundes, meines guten Bruders! „Nicht auch der zärtlichen Schweſter?— rief ich mit möglichſter Sentimentalität ihr noch nach— denn— auch ein wildes Vergißmeinnicht befand ſich mit im Bonquet, und— das ſey den Goͤttern geklagt!— ſo ein treuer und damahls trauriger Ritter ich auch war, ſo konnte ich mich doch unmöglich von einer ſo reitzend aufblühen⸗ den Schönen trennen, ohne ihr etwas Verbind⸗ liches mit auf den Weg zu geben. Der ungeſtuͤmſte aller Schuldner, der Ma⸗ gen, und die mit gar heißen Blicken herabaͤn⸗ gelnde Mittagsſonne gaben mir jetzt deutlich zu verſtehen, daß nur noch wenig Zeit zu verlieren ſey, und als ich bey dem Wirthshauſe zu B. an⸗ langte, fand ich ſchon die gelbe Kutſche, hoch⸗ gethuͤrmt und ungelenk, wie der belebte Knochen⸗ berg Elephant, vor dem Thorwege, und den groͤß⸗ ten Theil der Reiſegeſellſchafter am gedeckten Liſche. 3 Noch hatte die kleine fahrende Republik ſich zu kurze Zeit in ſich ſelbſt conſtituirt, als daß 3 die einzelnen Glieder ſchon genan mit einander bekannt und vereinigt geweſen waͤren; noch hatte 5 faſt jedes von ihnen irgend einen Bekannten in der Raͤhe, mit dem es ſich ausſchließend un⸗ terhielt. Mir, dem einſamen; empfindſamen Reiſen⸗ den, fiel waͤhrend der Mahlzeit vorzuͤglich ein junger, huͤbſcher Mann und ein noch juͤngeres und noch weit huͤbſcheres Frauenzimmer auf. Sie ſchienen nur eins fuͤr das andere Au⸗ gen zu haben, und wechſelten halb verſtohlen die zaͤrtlichſten, aber auch traurigſten Blicke. Nicht der vortreffliche, ſteinalte Malaga, wovon uns der uneigennutzige Wirth, angenſcheinlich zu ſei⸗ nem Schaden, die Flaſche fuͤr einen Gulden ver⸗ kaufte, konnte ihr Herz erfreuen; der weltbe⸗ ruͤhmte Sandkuchen ſchien fuͤr ſie wirklich aus Sandſteinen gebacken; ja ſelbſt alle Pfeile des Witzes, die der Schaffner mit gefullten Backen weit und breit verſendete, prallten an ihrer Bruſt, wie an einer ehernen Mauer, ab. Nach dem Eſſen ward ich gewahr, daß ſich das zaͤrtliche Turteltanbenparchen in eine etwas entlegene Gartenlaube zuruͤck zog; durch die Zweige der bluͤhenden Jaſmins ward ich Zeuge des ruͤhrendſten Abſchiedes, der— noch vor kur⸗ sem war mir ja ein gleiches widerfahren!— meine innigſte Theilnahme weckte. Da nahm der junge Mann, ohne ſich weiter um jemänd von der Geſellſchaft zu befüͤmmern, ſchnellen Schrit⸗ 216 61 tes ſenn Weg nach der Stadt zuruͤck; das Mäs⸗ chen trat erſt einige Minnten ſpaͤter aus der Lanbe hervor, und ſuchte jede Spur der vergaſſe⸗ nen Thraͤnen vor der Geſellſchaft zu verbergen. Wir ſtiegen ein; die Rummer bey dem Ein⸗ ſchreiben wies mir meinen Platz auf dem Rück⸗ ſitze an; ich half der tranernden aber, um die⸗ ſes zu verheimlichen, gezmungen lächelnden Schoͤne in den Wagen, und mein Vergnuͤgen war nicht gering, als der Conducteur zu ihr ſagte: „Hier, neben dem braunen Mantel, Mamſell⸗ chen! O den werden ſie brauchen koͤnnen dieſe Racht; auf der Reiſe iſt es ein anderes Weſen, als auf einem Balle; aber der Herr hier wird ſie gewiß nicht erfrieren laſſen! Hehe— unſer eins weiß halter, wo Haſe lauft!“— Das letztere war ſein gewoͤhnlicher Waidſpruch, oder der Kehrreim, ohne welchen er nicht wohl irgend eine ſeiner auf Beyfall berechneten, geiſt⸗ reichen Tiſch⸗ und Wagenreden zu beſchließen vermochte. Kaum hatte ich neben meiner ſchönen Ge⸗ fahrtinn Platz gefaßt, als ich mit muſternden Augen die ganze werthe Verſammlung uber⸗ ſchauete, um mir ſelbſt das Schickſal zu prophe⸗ zeyen, welches mir wahrſcheinlich auf Reiſe ₰ 36 Grunde des Wagens, Rummer Eins, fauber friſirt und mit mädchenhafter Koketterie gr⸗ kleidet, ein nagelneuer, ungefaͤhr zwanzigjähriger Lieutenant, der vor menig Monden das Cadet⸗ ten⸗ Haus verlaſſen und jetzt bloß deß halb Urlaub genommen hatte, um ſich den gnaͤdigen Tanten und ſchönen Couſinen in der neuen Uniform zu zeigen. Er rufte nicht ſelten mit bewundernswur⸗ diger Unerſchrockenheit alle Geiſter der Hoͤlle zuf Zeugen der Wahrheit an, war aber dabey ſtark in Muſen⸗Almanachen beleſen, und duftete eben ſo ſtark von wohlriechenden Waſſern. Den Platz Nummer Zwey erfüllte, oder uͤber⸗ ½ fullte vielmehr, ein ehrlicher Thuringer Pachter, 38 Er war von ſehr langer Statur und doch faſt eben ſo breit, als er lang war. Ich weiß wenig Be⸗ merkenswerthes von ihm zu ſagen, als daß er, ſo bald er nicht ſchlief, immer gute Laune hatte, aber dieſe bloß durch beyfälliges Laͤcheln und Zu⸗ nicken, nicht durch uͤberfluͤſſige Redensarten zu erkennen gab. 66 Der Sitz im Schlage— neben meiner un⸗ bekannten— vereinigte die Jemmergeſtalt eines ſchwindelduͤrren Emigranten, deſſen Bänderho⸗ ſen und ſeidene Struͤmpfe mit dem gewaltigen Söbel nicht wenig contraſtirten, und der es wäh⸗ rend ſeines langwierigen Aufenthaltes in Deutſch⸗ land noch nicht der Muͤhe gefunden hatte, Unterhalt. Biblioth. 16, B. K 218 Deutſch zu lernen, mit einem ziemlich bejahrten Juͤdiſchen Gelehrten, der ſich, ungeachtet ſeines duͤrftigen Aeußeren, ſehr gebildet und vorurtheils⸗ frey zeigte. Er ſchien an den Augen zu leiden.— Neben mir ſaß der Schaffner und ein eh ſehr muſikaliſcher Kaufmannsdiener. Schon glaubte ich mit dem ganzen Locale und Perſonale voͤllig bekannt zu ſeyn, als ein Geraͤuſch und eine klare, pipende Stimme hin⸗ ter meinem Ruͤcken mich uͤberzeugte, daß auch hier noch lebendige Weſen aufgeſtapelt waren⸗ Mit nicht geringem Erſtaunen entdeckte ich ne⸗ ben einem ſchlecht gekleideten jungen Menſchen eine kleine, aſchfarbige, eingetrocknete Pygmäen⸗ Geſtalt in Mannskleidern und gruͤnem Pelze, die bey der Mahlzeit nicht zum Vorſcheine ge⸗ kommen war, jetzt aber mit ſehr gelaͤufiger Zunge, doch nicht ohne Verſtand, ſich horen ließ. Wir erfuhren bald, daß wir jetzt ganz unentgeltlich ge, wuͤrdiget wurden, die Demoiſelle St****, ein ſei⸗ nes gleichen an Fleinheit und Eben maß nicht ha⸗ bendes Wunder der Ratur, gewoͤhnlich die ſchöne Zwerginn genannt, von Angeſicht zu Angeſicht zu ſchauen. Dieſe Sehenswürdigkeit hatte den Reu⸗ gierigen auf der Meſſe manchen halben Gulden aus der Taſche gelockt, und ihr Begleiter oder dermahliger Reiſe⸗Marſchall war ein junger Savoyard, der, vermuthlich auf unvorherzuſe⸗ hende Fälle, einen Kaſten mit einem lebendi⸗ gen Murmelthiere auf dem Schooße hiolt. So wenig ich Urſache hatte, mit dem Zu⸗ falle uͤber allzu ſtarke Einfoͤrmigkeit in unſerer Arche Roäh zu ſchmollen; ſo zogen ſich doch meine Augen, ohne daß ich es ihnen hieß, im⸗ mer von ſelbſt auf meine, wie es mir vorkam, in ſüße Erinnerungen verlorne naͤchſte Rachba⸗ rinn zuruͤck. Man ſahe es ihrer zierlichen, aber leichten Kleidung wohl an, daß ſie noch we⸗ nig gereiſet ſeyn und, ungeachtet ibres zarten Koͤrpers, ſich das Fortkommen mit der Poſt⸗ kutſche nur wenig unbequemer, als eine Spa⸗ ierfahrt nach R., gedacht haben mochte. Ein ch arztaffetnes Fähnchen, ein nicht allzu breiter Shawl und ein weißer Schleyer ſollte Tag und Rocht ihre ganze Reiſe⸗Garderobe, ihren gan⸗ zrn Schutz gegen Kälte und Hitze, gegen Stanb und Regen abgeben; alle üͤhtige Bagage lag in dem tief verpackten Koffer. Je länger ich bey ihrem Anblicke verweilte, zu deſto innigerm Mitleide wurde ich hingeriſſen. Ich wußte ſchon aus Erfahrung, daß die Poſt⸗ kutſche nichts weniger, als ein Himmelbett ſey, und dieſe trauernde Schoͤne war„ jung, dieſer hellrothe Shawl hob ſich ſo unruhig, aus die⸗ ſem herab gelaſſnen Si blickten zwey Augen K 220 ſo fromm, ſo ſchmachtend, ſo taubenartig— ach! ſo ruͤhrend! Bald war es feſt dey mir beſchloſſen, den guten Genius der Unbekannten ſelbſt wider ih⸗ ren Willen abzugeben, und leicht ward mir dieſer Entſchluß, denn—„Wenn nun deine Louiſe ſo verlaſſen und hülflos reiſen mußte, ſo unge⸗ ſchuͤtzt vor jeder Unbequemlichkeit, ſo ungeſchutzt gegen die Witzeleyen der Paſſagiere, gegen die geiſtreichen Ausfülle des Conducteurs!“—„ſo dachte ich, und mein Herz wurde vor Theilnahme ordentlich butterweich! Es gelang mir nach und nach, wie wohl nicht ohne Anſtrengung, meine reitzendeGeſellſchafterinn zum Sprechen zu bringen, ja zuletzt ſogar in ein längeres Geſpräch zu verwickeln. Die Hälfte mei⸗ nes Blumenſtraußes befand ſich— weiß derHimmel, wir das zuging!— ſehr in kurzem in ihren Haͤnden. Zuerſt miſchte ſich der Jude, dann auch der Hfficier und der Kaufmannsdiener in unſere Unterhaltung, und bald ward ſie allgemein. Der Lieutenant ließ keine Gelegenheit vorbey, meiner Rachbarinn die ſüßeſten Artigkeiten unter die Augen zu ſagen, und der alte Rabbiner zeigte nicht nur übe aupt ſo viel Bildung, ſondern auch fo viel Unterhaltungs⸗Talent und feine Lebensart, daß er uns allen bald Achtung abnothigte, und ſelbſt meine Unbekannte, ihrer ſonſtigen Zuruͤck⸗ — ½ — 221 gezogenheit ungeachtet, gegen ihn ſehr gt und verbindlich ward. Ich kann nicht läugnen, daß auch dieſes Be⸗ nehmen gegen den Juden, beſonders da der Hffi⸗ eier und Kaufmannsdiener ſich anfänglich doch ei⸗ nige Spoͤttereyen und Anzuͤglichkeiten gegen ihn erlaubt hatten, den Werth der Unbekannten in meinen Augen erhoͤhete; allein deſto aufallender ward es mir, als meine ſchoͤne Gefährtinn plötz⸗ lich auf einige Augenblicke ſtill ward, dann aber auch gegen den Lieutenant ſich immer freundli⸗ cher und zuvorkommender bezeigte.„ Faſt von Augenblick zu Augenblick wurde ich ſchwankender, was ich von der Unbekannten hal⸗ ten ſollte? Noch ſprach ihr frommes Auge und ihre ſanfte Stimme, noch die Beſcheidenheit ih⸗ ves ganzen Weſens, zu ihrer Vertheidigung; aber zu läugnen war es doch auch nicht, daß ſie üͤber die ſehr platten Einfaͤlle des Lieutenants beyfällig lächelte, und die Vademecums⸗Geſchichtchen, die er alle ſelbſt erlebt haben wollte, äußerſt drollig fand! Mir wurde es warm vor der Stirn, und das ſchmetternde Poſthorn kundigte uns an, daß es, wie wohl etwas ſpaͤt, nun sewißſich an der Zeit ſey, Kaffeh zu trinken. Der Kaufmannsdiener, ein teichtes, tuſtiges Blut, der nebſt dem Schaffner, vermuthlich, weil 222 veyden unſere Geſpräche immer noch zu hoch und ernſt waren, einſtweilen die Zwerginn zur Ziel⸗ ſcheibe ſeines Witzes erleſen hatte, uͤbernahm ſehr bereitwillig das Amt eines Beſtellers und Rechnungsfuͤhrers. Ich both der Unbekannten den Arm, um ſienach der ſchattigten Linde zu fuͤhren wo wir verweilen wollten, und wurde von ihr gebethen, ſie, bis wir gerufen wuͤrden, auf einem kleinen Spaziergange in den Garten des Poſt⸗ meiſters zu begleiten. Dieß gutmuͤthige Ve auen ſoͤhnte mich auf einige Augenblicke wieder voͤllig mit ihr aus. „Ich haͤtte ſie wohl um eine Gefälligkeit zu bitten!“— fing die Schoͤne etwas ſchuͤchtern an. „Tauſend fur eine! Rechnen ſie die ganze Reiſe üͤber auf meinr Bereitwilligkeit“— erwie⸗ derte ich ſehr galant. Meine Ehrlichkeit, oder vielmehr meine Furcht vor der Schwäche meines Herzens, zwang mich hinzu zu ſetzen:„Ich verließ in L. meine Braut, und halte es für meine pflicht, jeder ihrer ſanften, liebenswuͤrdigen Schweſtern meine Dienſte zu widmen.“ Meine ſchone Fremde mußte lächeln, und ſann einige Augenblicke nach.„Dieß Mahl— ſagte ſie dann ſchalkhaft—„wird dieſer Dienſt ihnen höchſtens einige Berrdſamkeit koſten.—— Suchen ſie es einzuleiten, daß der Lieutenant mit dem Juden ſeinen Platz vertauſcht.“ N — driges Gefuͤhl, und hatte die Boßbeit, ſie durch „Der Lieutenant?“— fragte ich ein we verwundert. „Ja doch, ja! Das zarte Jte hat den beſten Platz auf der ganzen Kutſche, und der ehrliche Iſraelit ſoll durch den Tauſch durchaus nichts einbuͤßen!“ „Aber— unter welchem Votande?— fuhr 1 fort. „Unter welchem ſie wollen! Der Jude hat kranke Augen; der Staub, der Windzug muß ihm nach⸗ theilig ſeyn. Brauchen ſie dieſen Vorwand; ſie gewinnen dabey noch obendrein den Nuhm vor⸗ ſorgender Menſchenliebe!“ „Iſt dieß der Grund, ſo üͤberlaſſe ich gern dem Juden meine eigene Stelle!* „Rein, nein, mein Herr! Das nicht— das durchaus nicht! Ich bitte ſie darumn neben mir ſitzen zu bleiben!“ „Der Lientenant ſcheint mir nicht ſehr ge⸗ ſtimmt, einen ſehr bequemen Platz für den ſehr unbequemen des Juden einzutauſchen!“— ſagte ich etwas bitter. „Aber wenn er dadurch neben mir zu ſitzen kommt“— erwiederte ſie ſchnell und lachend— „Sagen ſie ihm allenfalls, wenn es nicht anders will, ich wuͤnſchte das!* „So? ſo 2*— dachte ich nicht ohne wi⸗ 224 ein:„Aber warum, Mademoiſelle?* in Verlo⸗ genheit ſetzen zu wollen. „Ich koͤnnte es ihnen wohl ſagen“— ver⸗ ſetzte ſie—„aber wahrhaftig ich kann nicht, ich kann nicht“—— „Tauſend Mahl um Verzeihung!“— rief der mir ſehr zur Unzeit herzu fliegende Lieutenant— „Tauſend Mahl um Verzeihung, meine Reitzende! daß ich ſie auf einen Augenblick verließ. Der Kaffeh iſt fertig, und es iſt fuͤr mich das ſußeſte Geſchäft, ihnen?— „Dieſes zu melden!— wollte er vermuth⸗ lich ſagen, aber meine Dame ſchnitt ihm dieſen Zuſatz mit der Verſicherung ab, daß ſie nicht ſüß, ſondern ohne Zucker trinke, und wir ſchlender⸗ ten— ſie ganz unbefangen, ich etwas finſter, und der Lieutenant mit klirrendem Zephyr⸗Tritte— nach der Linde. Es wurmte mich in Innerſten meines Her⸗ zens— denn die Annäherung an den Lieutenant wollte mir nicht im Mindeſten gefallen— mich in der Unbekannten geirrtzu haben; vielleicht fuͤhlte ſich anch meine Eitelkeit beleidiget, daß ſie, mit meiner Rachbarſchaft allein nicht zufrieden, auch noch die unmittelbare Raͤhe des Officiers wuͤnſche. Gleichwohl beſchloß ich, die von ihr erbethene Unterbandlung— und zwar, damit ſie do ch auch merke, daß mir die dem Lieutenant zugedachtr Beguͤnſtigung nicht wehe thue— mit moͤglichſter Gleichgultigkeit anzuknuͤpfen. Der Jude wurde, ſo bald er den Leibzoll be⸗ richtiget, mit an die Linde gelockt. Ich ſprach, wie ein erfahrener Aesculap, von dem Nach⸗ theile des Windes und Staubes, welchem er im Schlage ausgeſetzt ſey, fuͤr ſeine Augen; er zuckte die Achſeln, aber niemand dachte daran, ihm einen andern Platz anzubiethen. „Einer von den Herren ſollte mitleidig ſeyn!— ſagte die Dame, zu dem Lieutenant gewandt. „Freylich wohl?— verſetzte der Kriegsheld— „und ich ſelbſt, waͤre nur mein Vis à vis nicht zu ſchoͤn, wuͤrde mich entſchließen koͤnnen“— „Merken ſie denn nichts?n— fluſterte ich ihm in das Ohr, und gab ihm nicht nur einen bedeutenden Wink, ſondern auch einen ſo fuͤhl⸗ baren Seitenruck, daß er faſt uͤber ſeine Spor⸗ ne geſtolpert waͤre. Er ſahe mich ziemlich ſchafmaͤßig an, und faßte mich bey der Hand.—„Was ſoll ich mer⸗ ken, liebſter, vortrefflichſter Freund 2 „Je nun, ich dächte, die Dame hätte ziem⸗ lich deutlich geſprochen!“— „Kennen ſie die Dame, mein Allervortreff⸗ Lichſter 2* „Das verſteht ſich. Sie iſt— — ½ 22b „Wer, mein Beſter? Wer? Rur dieſes einzige“— „Rur dieſes ſchreckliche Wer?— unter⸗ brach ich ihn parodirend, weil ſein ſteigender Ton, ſeine gezogenen Augenbraunen, mich be⸗ lehrten, daß er vor einigen Tagen Verrina 1 im Fiesko geſehen habe. „Nur dieſes reitzende: Wer?“— verbeſſerte 3 er mich mit ſuͤßem Lispeln. „Meine Schweſter!— platzte ich heraus,. und hätte den Seitenruck gern noch nachdruckli⸗ cher wiederholt.—„Sehen ſie, wir ſaͤßen dann ſo recht beyſammen, ſie— und die Schweſter— und ich— lauter Freunde der Grazien und Mnuſen!“ „Genng, viel zu genug!— erwiederte er— 5 „Ich bin erfreuet, ich bin entzuͤckt— und alle Teufel ſollen mich und den Manſchel zerreißen⸗ wenn er mir ſeine Stelle nicht abtreten muß!* Die ganze Sache wurde nun bald in Ord⸗ nung gebracht. Der Jude ſchien ſehr froh, und machte nur aus Hoͤflichkeit Complimente; aber meine Unbekannte redete ihm zu, und der ge⸗ wuͤnſchte Sieg war bald errungen.. Vey dem Einſteigen machte die Siegerinn zwar einen Verſuch, ſich an meinen Ort zu ſetzen* und ſo zwiſchen mir und dem Schaffner in der Mitte zu bleiben; aber ich konnte dieſes unmög⸗ lich fur Ernſt halten, weil ſie, ſo bald der Licn? tenant ſich dagegen erklaͤrte, ohne Weigerung ihr eigenes, voriges Plätzchen wieder einnahm. Richt ganz in der roſenfarbigſten Laune, druckte ich mich bald in die Ecke, ſahe bald zum Schlage hinaus in die ſchoͤne, vom Abendrothr umfloſſene Landſchaft; der Fluß meiner Rede zu der Unbekannten rann ziemlich ſparlich, viel⸗ mehr zwang ich mich ſogar dann und wann, die Räthſel, welche die Zwerginn dem Kaufmanns⸗ diener vorlegte, mit zu errathen, oder vielmehr— denn die kleine Sphinx behielt gern die Ober⸗ hand— nicht zu errathen. Dagegen declamirte der Martisſohn meiner Dame die herzbrechend⸗ ſten Tirahen und Verſe her, und erbielt von ihr uber ſein vortreffliches Gedächtniß die ſchmeichel⸗ hafteſten Lobſpruͤche. Doch alle von ihm ange⸗ wandte Mühe, die Unterhaltung etwas zaͤrtlicher zu ſtimmen und mitunter nur leiſe fortzuſe⸗ tzen,, ſchien ihm nicht zu gelingen. Vielmehr nahm die Unbekannte, da es nachtete, meinen angebothenen Mantel ohne viele Umſtände an, pullte ſich bis in das Räschen damit ein, gähnte einige Mabl ſchier vernehmlich und ſagte dann: Gute Racht, meine Herren! Ich habe geſtern bis en den frühen Morgen getanzt, und bemerke, daß ſich es unter ſolchen Umſtänden auch hier ſchlafen läßt!* 8 228 Es dauerte nicht lange, als ſie völlig ent⸗ ſchlummert ſchien. Mich ließen meine Gedanken eines gleichen Gluͤckes nicht theithaft werden, und mein böſer Damon blies mir ſogar den Arg⸗ wohn ein, daß der feſte Schlaf viellecht auch bey meiner Gefaͤhrtinn nur Verſtellung ſey. Dirſer Verdacht beſtaͤtigte ſich. Denn meh⸗ rere Mahle in der Nacht bemerkte ich, daß ſie mit dem Lieutenant heimlich ſprach— und zwar zuletzt ziemlich angelegentlich und lange! „Ach du armer Betrogener in der Jasmin⸗ Laube zu B.!— ſo erhoben ſich meine naͤcht⸗ lichen Klagen auf der gelben Kutſche—„ach, du armer Vetrogener! Wie weiſe haͤtteſt du ge⸗ handelt, dir den echten, ſteinalten Malaga fuͤr ſechzehn Groſchen aufs beſie munden zu laſſen, und den weltberuͤhmten Sandkuchen nicht zu ver⸗ ſchmähen! Jetzt windeſt du dich vielleicht ſchlum⸗ merlos auf deinem einſamen Lager, und verfolgſt die reiſende Geliebte mit zaͤrtlichen Gedanken, ntt Seufzern und Thraͤnen; jetzt tröſteſt du dich vielleicht damit, daß der liebe Mond— der ach! heute leider nicht ſcheinet— ſonſt auch die An⸗ gebethete beſcheinen wuͤrde; aber— wenn du es wuͤßteſt, daß ſie jetzt mit einem Lieutenant zi⸗ ſchelt, der ſtark in Muſen⸗Almanachen beleſen iſt und noch ſtärker von wohlriechenden Waſſern duftet—— wenn du es wuͤfteſt—1* — 1—— 229 Je lebhafter ich mir dieſe Bilder ausmahl⸗ te, deſto mehr ergrimmte ich im Geiſte. Ich fand das Vergehen der Unbekannten nachgerade ganz unverzeihlich; ich bedauerte, die Haͤlfte meines ſchoͤnen, aus ſo unſchuldigen Haͤnden erhaltenen, Straußes an die Unwuͤrdige verſchwendet zu ha⸗ benz ich verbreitete mich weiter uͤber die Wan⸗ delbarkeit weiblicher Tréue und uͤber männliche Leichtgläubigkeit; ja ich machte die Anwendung zuletzt auf mich ſelbſt und auf meine Verhaͤltniſſe. „Vielleicht biſt auch du“— redete ich mich ſelbſt grämlich an—„dieſer Leichtglaͤubigen, dieſer Betrogenen einer! Auch dein Glaube ſtehr nicht feſter gegrundet, als der Glaube des Man⸗ nes in der Laube— und ach! wie kannſt du ein artiges Maͤdchen auf öffentlichen Promenaden, in Comoödien und Concerten, vor ſchöngeiſteri⸗ ſchen und wohlriechenden Lieutenants fuͤr ge⸗ ſichert halten, wenn ſogar der enge, finſtere Raum einer Poſtkutſche ſolche einen Lovelace in ſich faßt 7*— Vertrauen und Argwohn, Zuverſicht und Zweifel, Liebe und Eiferſucht hielten nun eine Art von Thierhetze mit meiner Seele, und als der kuͤhle Morgenwind zuerſt wieder durch die aufgerollten Seitenfluͤgel ſtrich, war die Arme ſo abgetrieben, daß ich den freundlichen Mor⸗ gengruß meiner Racharinn nur ſehr mattherzis 230 erwiedorte, und ſogar den zuruͤck erhaltenen Man⸗ tel, der ſich dirſe Nacht uber in ſo ſchoͤner, ver⸗ traulicher Rähe bey ihr aufgehalten hatte, kalt und gleichgultig hinter mich zurucklegte. Alle Bemuͤhungen der Unbekannten, die zwar gegen den Lieutenant ſich immer gleich blieb, aber auch mich von ihrer Achtung und Dankbarkeit zu überzeugen ſuchte, prallten kraftlos an meiner Ralten Hoͤflichkeit ab, und mein Blick hellte ſich nicht eher wieder ganz auf, bis wir am Ziele unſerer Reiſe angelangt waren und am Schlage des Feſtungthors hielten. Während der Thorſchreiber unſere Rahmen aufzeichnete, nahm die Unbekannte, die gleich hier ausſteigen wollte, von der Geſellſchaft Ab⸗ ſchied. Der ſuͤße Lieutenant bath um ihren Rah⸗ men und Logis, weil er ſie durchaus Morgen in die Oper fuͤhren muͤſſe. Sie nanute ſich Demoi⸗ ſelle, vad gab ihm den blauen Hecht in einer ſehr entlegenen Gaſſe der Vorſtadt als ihr Ab⸗ ſteige⸗Quartier an. Der junge Kriegsheld zeichnete ſo fort die Addreſſe in die roſenfarbene, ſeidengeſtickte Brief⸗ taſche, und die Dame benutzte dieſen Augenblick, ſich, ihm unbemerkt, auch an nlich zu wenden. „Für ſie heiße ich Frau 5— und wohne in—— Wenn ſie etwas nach L. zuruck zu be⸗ tellen haben, bin ich bereit dazu. In acht Tagen ₰ 11 reiſe ich wieder ab.“— Haus und Gaſſe, die ſie mir angab, war mir bekannt; aber von einem blauen Hechte in dieſer Stadt hatte ich nie gehoͤrt. Ein gewaltiger Laͤrm unterbrach dieſe ge⸗ heime Abſchiedsſcene. Der Viſitator verlangte, erſtlich, das Murmelthier des Italiäners zu ſehen, weil es ja vielleicht träͤchtig ſeyn könne und dann hoͤher vergeben werden muͤſſe, zwey⸗ tens aber, daß der Beſitzer, da im Tarif der Murmelthiere nicht gedacht ſey, es wie einen jungen Hafen veracciſen ſolle; da hingegen wollte der Savoyard ſeine Seltenheit ihm nicht einmahl — uientgeltlich zeigen, geſchweige denn gar noch etwas dazu geben. Der Viſitator griff gewaltthätig nach dem Kaͤfig; beyde ſchrien Deutſchund Rothwälſch un⸗ ter einander, beyde zerrten den Kaſten hin und her. „Mußts vergeben!— unſer eins weiß, wo Haſe lauft!“— ſagte der witzige Schaffüer, und ſtrich ſich gemächlich den anſehnlichen Bauch; auf ging der Kaſten, hin ſprang das Murmel⸗ thier, ammernd und fluchend verfolgte es ſein Be⸗ ſitzer, jubelnd und ſchreyend ſetzten einige Stra⸗ ßenbuben hinterher— doch leider! alles vergebens. „Unſer eins weiß, wo Haſe lauft! Haha⸗ ha!n— wiederhohlte der Wonducteur; Thor⸗ ſchreiber und Paſſagiere und herzugetrene Gaf⸗ — ———— „— —* 139 fer ſtimmten lachend in die Worte des witzigen Choragen.—„Für den Lieutenant heißt ſie De⸗ moiſelle und wohnt im blauen Hechte, fuͤr dich Frau H— und wohnt in Nummer“—— wie⸗ derhohlte auch ich meinerſeits, und wandte mich nach der Unbekannten wieder um.— Doch Lalage war entflohen und wurde ſo eben von einer entgegen gekommenen Freundinn mit Kuͤſſen und Umarmungen uͤberſchuͤttet. Richt einmahl um ſahen ſich die Fuͤhlloſen, als unſer Poſtwagen ſich knarrend bey ihnen vorbey ſchleifte, und wir hatten umſonſt nach den Huͤten gegrif⸗ fen, um unſerer Gefaͤhrtinn noch aus der Ferne ein freundliches Lebewohl zuzuwinken. „Der arme Mann in der Jasmin⸗Laube zu BV. iſt am Ende doch betrogen, und die Dame auf der Kutſche war, was ſo viele ſind:“— dachte ich noch am andern Morgen, ob ich ſchon die Strapaze völlig ausgeſchlafen hatte und ſehr hei⸗ ter war.— Meinetwegen wohne aber die De⸗ moiſelle oder Madame im blauen Hechte, oder in welchem grimmigen Raubfiſche ſie ſonſt wolle; vor mir hat ſie gewißlich Ruhe! Denn— huͤbſch. und liebenswuͤrdig, mithin auch gefaͤhvlich, war ſie zuweilen doch!* Ich erhielt ſchon am naͤchſtfolgenden Tage einen zaͤrtlichen Brief von meiner Louiſe. Sie erkundigte ſich ſo angelegentlich, als haͤtte ſie eine 4 4 1 233 eine geheime Ahndung gehabt, nach meiner Reiſe⸗ geſellſchaft, und ſandte mir verwelkte Veilchen⸗ blätter und vertrocknete Abſchiedsthränen; jeder Gedanke, daß auch ſie in der Treue wanken koͤnne, war verbannt, das Abenteuer auf der gelben Kutſche völlig vergeſſen. ungefaͤhr am fuͤnften Abende nach meiner Zuruckkunft wurde ich zu einer Geſellſchaſt in den Garten einer weitlaͤufiigen Verwandtinn ge⸗ bethen. Sie iſt eine gar ſtaats⸗und weltkluge Patricierinn, und ſcheint ſich es zur Pflicht auf⸗ gelegt zu haben, alle rauhen Ecken meines We⸗ ſens nach und nach abzuſchleifen. So oft ſie mich einladen läßt, kann ich jederzeit auf einen zahl⸗ reichen Zirkel vom ſchoͤnen Geſchlechte mit ½ cherheit rechnen. Auch dieſes Mahl winkten mir aus dem Gar⸗ tenſaale ſchon von fern die niedlichſten Sommer⸗ huͤtchen und noch weit niedlichere Geſichtchen, und da ich naͤher kam, ward ich nicht wenig uͤberraſcht, in dieſem auserwaͤhlten Kreiſe— auch meine Reiſegefährtinn zu entdecken. Sie gab ſich das Anſehen, mich nicht wieder zu er⸗ fennen. Ratuͤrlich that ich das nähmliche, ob⸗ ſchon mich ihre Verſtellung um ſo mehr verdroß, je mehr ich bemerken mußte, daß das fremde Daͤmchen mit großer Achtuͤng und behandelt wurde. ethe Biblioth. 10. 2. Wir näherten uns einander bis zur Mahl⸗ zeit faſt gar nicht, und erſt da zu Tiſche gerufen ward, hatte ich Gelegenheit, mich bey der Dame vom Hauſe nach der Fremden zu erkundigen. „Nein, nein, mein ſfeiner Herr! das iſt nichts fuͤr ſien— verſetzte dieſe—„ſeht doch, ſticht ſie ihnen in die Augen?5— Sie drohete mir mit dem Finger.—„Nichts, nichts! die Dame iſt verheirathet, und ſie werden heute die Guͤte haben, mit dem Platze neb en mir vor⸗ lieb zu nehmen!“ Wirklich nahm mich die gute Tante, und recht ernſtlich in Beſchlag; ich ſollte die nagel⸗ 1 neueſten Meßneuigkeiten der Geſellſchaft zum Beſten geben, und erſchoͤpfte mich eine Zeit lang in Hererzählung alles deſſen, was nur das min⸗ deſte allgemeine Intereſſe gewaͤhren konnte, von den ſo eben erſchienenen Schriften und Moden an bis zu dem Marionetten⸗Theater, das waͤhrend 3 der letzten Meſſe faſt die Eiferſucht groͤßerer Kuͤnſtler gereitzt hätte. K Doch ſo getren und breit auch meine Be⸗ richte waren, ſo ließ ich doch während derſel⸗ pen meine gegen über ſitzende Fremde nicht aus den Augen. Je geſchätzter, je artiger und liebens⸗ würd iger ſie auch jetzt mir wieder vorkom; deſto mehr beleidigte er meine Eitelkeit, daß ſie— 2 zwar manchen freundlichen Blick mir zuſandte, — N3 ——— . doch ſich durchaus keine naͤhere und fruͤhere Be⸗ kanntſchaft mit mir abmerken ließ. Endlich dachte ich auf eine kleine Rache, und war wirklich hartherzig genug, ſie auszufuͤhren. „Nun, meine Damen! weiß ich in der That nicht das mindeſte Merkwuͤrdige mehr von der Leipziger Meſſen— ſo ſchloß ich meine Erzaͤh⸗ lung—„ſie muͤßten mir denn erlauben, ihnen ein artiges Abenteuer mitzutheilen, das ich ſelbſt auf der Ruͤckreiſe erlebt habe.“— Ich fixirte die Unbekannte. „Ja! ja!“— riefen alle die klaren, liebli⸗ chen Stimmen.—„Laſſen ſie doch hoͤren!“— ſetzte die Unhekannte mit etwas ernſtem, faſt war⸗ nendem Tone hinzu. Doch ich ließ mich durch ihre kuͤhne Ausfor⸗ derung nicht im Mindeſten zuruͤck ſchrecken. Viel⸗ mehr erzaͤhlte ich das ganze Abenteuer, welches ich meinen Leſern bereits mitgetheilt habe, ziem⸗ lich der Wahrheit gemaͤß, doch natuͤrlich mit mancher Ausſchmuͤckung, uͤbrigens mit der wich⸗ tigen Perſonenveraͤnderung, daß ich meine eigene Rolle mit der beguͤnſtigteren des Lieutenants ver⸗ tauſchte, und ſtatt meiner einen ziemlich bejahr⸗ ten, aber deſto galantern, Leinwandhaͤndler un⸗ tet ſchob. Der reitzende Gegenſtand meines Zornes ze rieth denn doch zuweilen in einige Seeehe L2 *. 236 Manches Mahl ſchien ihr Blickzu bitten, und ich bediente mich ſogleich einer etwas weniger leb⸗ haften Farbenmiſchung; manches Mahl aber ſchien ſie mir auch mit einiger Erbitterung trotzen zu wollen, und dann trug ich alles deſto ſtaͤrker und komiſcher auf. —„Sollten nun künftighin?— ſo näherte ich mich dem verfaͤnglichen Schluſſe—„in den Waͤllen und Schanzen von D. junge Murmel⸗ thiere entdeckt werden, ſo wiſſen die Naturfor⸗ ſcher in voraus die Art ihrer Entſtehung, ſo wie jeder gewiſſenhafte und patriotiſch denkende Ein⸗ fanger, daß er ſie unter der Rubrik junger Ha⸗ ſchoͤne Unbekannte noch ein Mahl zuruͤck zu kom⸗ men, ſo hatte ſie mir ſo wohl, als dem Lein⸗ wandmanne, ein verſchiedenes Qnartier ange⸗ geben“— wurde ich nach meinem Wunſche unterbrochen— „Wenn ich recht gehoͤrt haben— fuhr ich fort—„ſo nannte ſie ſich gegen den hoͤflichen Meßmann Madam und ihr Logis den blauen Hecht, gegen mich aber Demoiſelle und ihre Wohnung“— Ich hielt einen Augenblick inne. Jeßt ſchoß nir die Fremde einen, nicht ſo wohl flehenden, ſen im Thore zu vergeben habe.— Auf meine „Und welches? welches? welches ihnen 7— 1 . 235 als vielmehr faſt durch und durch zuckenden Blick zu— „Und ihre Wohnung den gruͤnen Drachen!*— ſagte ich, mit Faltbluͤtigkeit abbrechend. „Den blauen Hecht! den grunen Drachen!“ kickerten die jungen Couſinen und ihre gleichzei⸗ tigen Freundinnen.—„Sie erzählen uns Maͤhr⸗ chen!“— ſagte eine wohlbeleibte Gouvernante ſehr weiſe, etwas unwillig, daß ihre Neugier dieſes Mahl unbefriedigt bleiben ſollte. „Und haͤtten ſie wohl etwas anders von mir erwarten koͤnnen?*— fragte ich die Geſeſellſchaft, und hoffte, in den Augen der Fremden Beyfall, wenigſtens Dankbarkeit, zu leſen. Allein dieſe ſahe gerade vor ſich hin, und nichts hiervon ward mir zu Theil. Mich aͤrgerte das aufs neue. „Geſetzt auch“— fuhr ich daher fort„die Geſchichte wäre buchſtaͤblich wahr, ſo— „Gewiß, ſie haben Recht!“— erhob jetzt die Fremde ihre Stimme—„unbeſcheiden von uns wuͤrde es ſeyn, ein näheres Geſtaͤndniß zu verlangen, und— wenigſtens allzu nachgebend von ihnen, wenn ße ein ſolches Verlangen er⸗ füllten!——„Man liebt manches Mahl den Verrath, aber nie den Verräther?— ſetzte ſie ſchalkhaft mit einem bezaubernden Blicke hinzu, als ſie mich etwas außer Faſſung ſahe—„und 138 ich traue der Keteagieien wie ſie ſelbſt ihren Charakter geſchildert haben, allenfalls Billigkeit genug zu, die Vewahrung ihrer Geheimniſſe zu vergelten.“ „Wollte es der Himmel“— ſagte ich halb weinerlich—„es waͤre alles ſo, wie ſie glauben. Allein— da ich erwachte, war mein Traum aus; neben mir ſaß nur das kleine Naturwunder, und der Schaffner ließ, ſtatt ſeines e ches vom Haſen, dieſes Mahl mit noch heiſerer Stimme ein: Wach auf mein Herz ꝛc. in die kalte Morgenluft hinaus laufen.“— Andere von den Gaͤſten lieferten nuß auch hrer Seits Beytraͤge zur allgemeinen Unterhal⸗ tung. Der Wächter rief Eilf Uhr ab; wir ſtan⸗ den auf, und— die Unbekannte erſuchte mich, ſie— nach dem gruͤnen Drachen zu begleiten. „Ich bitte, ich beſchwoͤre ſie, beſtes Tant⸗ chen!— ſprach ich zu der Wirthinn, die ich mit möglichſter Grazie auf die Seite gezogen und durch einen ſehr verehrungsvollen Handkuß zu beſte⸗ chen geſucht hatte—„wer iſt dieſe Fremde, die mich bey Tiſche faſt aus dem Concept gebracht haͤtte 2* „Haben ſie Feuer gefangen, Couſin?*— antwortete jene—„Das waͤre ſchlimm! Die Fremde heißt Madam 5— iſt eine Landsmän⸗ ninn von ihnen, und ſeit kurzem die Frau des 239 gekannten Kupferſtechers. Sie iſt von unſern äl⸗ teſten und beſten Freunden in L. uns aufs nach⸗ vruͤcklichſte empfohlen worden, und ſoll jetzt we⸗ gen einer Familien⸗Angelegenheit ſich hier auf⸗ halten. Ihr zu Ehren war eigentlich die heutige Geſellſchaft angeſtellt. Man hat ſie uns als die liebenswuͤrdigſte und tugendhafteſte der dortigen Weiber geſchildert.“ „Aber wo wohnt ſie? Ich habe die Erlaub⸗ niß, ſie nach Hauſe zu bringen.“ „Da können ſie ſich gratuliren. Aber— Cou⸗ ſin! Couſin!— der drohende Finger erhob ſich abermghls.—„Sie wohnt bey den Aeltern ihres Mannes auf der Moritz⸗Straße in Nummer—* 30, das iche Haus und ſteigen von der Kutſche genannt zei Die geſtattete Begleitung ward mir ann in der That noch weit intereſſanter und angenehmer. „Sie haben mich heute geängſtet— ſagte das reitzende Weib, da ſie an meinem Arme hing, mit ſehr ſanftem, hinreißenden Augenaufſchlagen. „Und ſie mich beſchämt“— erwiederte ich— „da ſie doch ſelbſt durch ihr raͤthſelhaftes Beneh⸗ men auf der Reiſe und durch ihr heutiges Ver⸗ läugnen mich zur Rache gereitzt hatten!“ Sie. Wir wollen gegen einander aufheben! 24⁰G „Ich. Von Herzen gern, wenn ſie mir er⸗ klären— Sie. Eben in dieſer Abſicht habe ich um ih⸗ ren Arm gebethen. Ich glaubte, ihnen fuͤr ſo manche erwieſene Gute eine Erklärung ſchuldig zu ſeyn. Ich. Es iſt nicht unbeſcheidene Reugier, ſondern die reinſte Hochachtung und der innigſte Wunſch— Sie. Gut denn! Ich bin die Frau des Kupferſtechers 5,— der mich, nicht ganz mit Zufriedenheit ſeiner Aeltern, geheirathet hat, und den ſie bey mir im Gaſthofe zu B. geſehen haben. Er iſt der beſte, edelſte Mann, aber ein wenig wild, trotzig, empfindlich, leicht zu reitzen, wie nun die Maͤnner find— Ich. O nicht alle— Sie. Hoffentlich rechnet ſich der heutige Rei⸗ ſeerzähler doch nicht unter die Ausnahmen? ihre zuweilen recht boßhaften Anſpielungen— Ich. Es iſt mir ja ſchon alles vergeben! Richt? Sie. Alſo zur Geſchichte! Mein Mann— kann, wie geſagt, nicht leicht gute Worte geben; aber ich kann das deſto beſſer. Ich. Wahrhaftis, das glaube iſt faſt ſelbſt! Sie. Ueber dieß geſtatteten ihm ſeine Ge⸗ ſchaͤfte jetzt durchaus nicht, eine Neiſe zu unter⸗ nehmen. Ich wünſchte ſehnlichſt, ihn recht bald . 4 3 4 241 mit ſeiner Familie voͤllig ausgeſoͤhnet zu wiſſen, und entſchloß mich zu meinem allererſten, etwas weiteren Ausfluge. Seine Schweſter,die ihn vor⸗ her einmahl in L. beſuchte und mich kannte, hatte ſchon alles zum Frieden vorbereitet und es koſtete mich nur wenig Worte, meinen Wunſch aufs vollkommenſte erfuͤllet zu ſehen. Ich. O wer könnte zweifeln, daß ihnen ſo etwas gelingen mußte? Sie. Hoffentlich erinnern ſie ſich, daß ich anfänglich mit meinen zwey Rachbarn auf der gelben Kutſche recht ſehr zufrieden war— Ich. Ja, wenn ich nicht irre. Sie. Daß ich aber plotzlich ſtill ward und— Ich. Richtig! Und den ſütß duftenden Lieu⸗ tenant zum Nachbar wuͤnſchte! Sie. Allerdings! Ich erblickte während des Geſpraͤches bey dem Juden— nun die Fliege ſetzt ſich ja nach dem Sprichworte auf die Raſe. des Kaiſers— Ich erblickte— ich kann nicht laͤug⸗ nen, daß ich einen entſetzlichen Abſchen vor ſo etwas pabe— in dem ehrwuͤrdigen Barte des Rabbi⸗ ners— Rein, ich kann es unmoͤglich ſagen, aber— Ich. O Lieutenant! Lieutenant! Alſo die⸗ ſem Zufalle verdankteſt du deine ſchmeichelhafte Begunſtigung? 3 Sie. Ich kann es nicht läugnen! Meine Aengſtlichkeit iſt in dieſem Punete unüberwind⸗ . 24* lich, und ich wußte kein anderes Mittel, den Juden von mir zu entfernen— Ich. Aber— Sie. Koͤnnte ihnen nun etwas dun⸗ kel ſeyn? Ich. Gleichwohl nůſetric ſie zuweilen in der Dunkelheit mit dem Lieutenant heimlich— Sie. Er erlaubte ſich mitunter eine mir mißfällige Annaherung, und ich mußte ihm zuletzt ziemlich ernſtlich meine Meinung daruͤber ſagen. Ich. Gleichwohl waren ſie des Morgens wie⸗ der eben ſo freundlich gegen ihn— Sie. Weil ich eines Theils fuͤrchtete, er moͤchte ſonſt ſeinen erſten Platz reclamiren, theils auch ihm fuͤr die verurſachte Unbequem⸗ lichkeit gewiſſer Maßen Verguͤtung ſchuldig zu ſeyn glanbte! Ich. Aber warum gaben ſie ibmn Rahmen und Logis an? Sie. Weßhalb ſollte ich ihn noch bey dem Abſchiede beleidigen? Der Nahme war, wie ſie nun wiſſen, erdichtet, und ob es einen blauen Hecht in D. gibt, ſey dem Himmel anheimgeſtellt. Ich. Aber warum wollten ſie mich in der heutigen Geſellſchaft nicht wieder erkennen? Sie. Wenn es nun Vergeltung geweſen wäre, daß ſie mich nicht mit einem Beſuche be⸗ ehrt haben?— Aber nein, ich bin aufrichtig. ₰ ———— —————— —— 243 Haͤtten ſie nur die Zeit abgewartet, bis ich mit ihnen unter vier Augen geweſen waͤre! Denn, daß in einer ſo vornehmen und— delicaten Ge⸗ ſellſchaft es mir, als Frauenzimmer, vielleicht nachtheilig geworden ware, haͤtte man erfahren, daß ich auf der Diligence angekommen ſey, mußte ich nach allen Umſtänden faſt befuͤrchten. Ich. Haͤtten ſie doch gleich auf dem Poſt⸗ wagen ſich mir naͤher entdeckt! Wie doppelt an⸗ genehm wäre mir dann unſere Reiſe geweſen! wie verdoppelt wuͤrde ich meine Sorgfalt, meine Aufmerkſamkeit haben! Sie. Wie, wenn ich nun ſelbſt vielleicht den Auftrag gehabt haͤtte, auf ſie ein aufmerk⸗ ſames, beobachtendes Auge zu rice Ich. Unmoͤglich! Sie Wir Weiber glauben nicht allzu feft an die Standhaftigkeit junger Maͤnner, und— daß ſie einen von ihrer Geliebten erhaltenen Blu⸗ menſtrauß ſo bereitwillig mit einer Fremden theilten, oder daß ſie, kurz nach dem Abſchiede, von einem andern Maͤdchen einen Strauß erhal⸗ ten hatten— denn, daß er aus weiblichen Hän⸗ den kam, ſagte mir das blanſeidene Bändchen— konnte ihre Treue mir allerdings nicht als mu⸗ ſterbaft darſtellen. Doch, ſie haben ſich noch ſo ziemlich gehalten— was ich gewiß zu rühmen wiſſen werde! Ich. Sie?— Sie? Sie. Hier iſt meine Hausthuͤr'.— Sie klin⸗ gelte und die Thur ward geoͤffnet.—„Ich danke ihnen fur ihre Vegleitung. Schon Morgen Mit⸗ tag reiſe ich wieder ab. Dieſes nur zur Rachricht, wenn ſie etwas an meine Freundinn, an Wmoi⸗ ſellen—— ſie nannte hier mit neckenden Lispeln den Nahmen meiner Louiſe—„zu beſtellen haben ſollten! Gute Racht, lieber Freund!“ ſ N 8 9 10 11 12 13 14 15 16