Leihbibliothetl deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 6dnard Ottmann in Gießen, SSchloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. * cheih- und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Vibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lescpreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt; ß für wöchentlich 2 Bücher: 4 Büchen: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 F— Pf 1 W f P.— Ff. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtge etzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt — Angela. Eine Geſchichte in Briefen vbn Drittes Bändchen. Eſſen, bei G. D. Bädeker. 1331. Zweiundſiebzigſter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Richardis. Aus der Reſidenz, im November 18*. —aſſen Sie die erſten Stunden, die mir gehören, Ihnen gewidmet ſein, meine Freundin!— Ich bin nun endlich an dem Ort meiner Beſtimmung, und ſehe die Dinge mit Augen, von denen mir mein Vater ſo gern erzählte. Im Anfang war ich be⸗ täubt, zerſtreut von dem Geräuſch, das mich al⸗ lenthalben umgibt; aber nun bin ich daran gewöhnt, und vermag wieder meine Gedanken zu ſammeln. Ich werde Ihnen Alles treulich erzählen, Geliebte, damit Sie Ihrer Angela von Stufe zu Stufe bis zu dem Paradezimmer folgen, in welchem ſie jetzt an einem glänzenden Secretair ſitzt, und ſchreibt. Angela III. 1* Der Abſchied von Breiſach wurde mir ſchwe⸗ rer, als ich meinem Vater geſtand. Ich gab mir Mühe, meine Betrübniß zu verbergen, und ſuchte Alles hervor, was ich mir Freundliches von der Zukunft verſprach.— Wirklich gelang es mir auch, einige Heiterkeit zu gewinnen, und meinen Vater durch meine Unterhaltung zu zerſtreuen. Dabet wurde unſere Reiſe raſch fortgeſetzt,— ſo daß wir noch vor der Dunkelheit die Reſilenz erreich⸗ ten. Welche hohe prächtige Gebäude überraſchten gleich bei der Einfahrt mein Auge,— welcher Lurus in den Equipagen und in der Kleidung der Perſonen, die uns begegneten. Ich rückte unwill⸗ kührlich meinen Hut zurecht, und fand es paſſend, daß wir mit Sechſen fuhren. Wir ſtiegen in dem Hauſe der Baroneß Mün⸗ ter ab, und wurden von zwei reichgekleideten Be⸗ dienten in einen Saal geführt, und der Baronin gemeldet. Das Rauſchen eines ſeidenen Gewan⸗ des verkündete ihre Ankunft.— Eine Dame von mittler Statur und ſtarkem, vollem Körperbau, in einem mehr galanten als geſchmackvollen Anzuge, eilte uns mit einem Geſicht voll Wohlwollen ent⸗ gegen.„Mein Engel!“ ſagte ſie, indem ich mich auf ihre Hand herabbeugen wollte, und nahm mich mi Herzlichkeit an ihre Bruſt.„Ihre Angela?“ frug ſie, meinen Vater anſehend, und mich mit freundlichem Lächeln von Kopf bis zu Fuß betrach⸗ tend:„Bei Gott, Graf! Sie müſſen Frende ha⸗ ben! Welch' ein holdes Geſchöpf, welch' ein lee⸗ bes jungfräuliches Weſen!“— Sie betrachtete mich von Neuem,— ich erröthete bis an die Stirn.„Liebliche Unſchuld!“ ſagte ſie, meine Hand faſſend:„Kommen Sie, Graf! Ich werde Sie meinen Gäſten vorſtellen, Sie ſind dem Kreis meiner Freunde nicht fremd, man wird ſich freuen, Sie perſönlich kennen zu lernen!“— Sie gab meinem Vater den Arm, und führte uns durch ei⸗ nige ſehr reich verzierte Zimmer, in einen gryßen hellerleuchteten Saal, in welchem mehrere Damen und Herren verſammelt waren. Wir wurden von Allen mit zuvorkommender Artigkeit empfangen.— Mein Vater fand mehrere Bekannte, ich vergaß meine anfängliche Verlegen⸗ heit unter der Aegide meiner gewandten Beſchütze⸗ rin, die auf die artigſte Weiſe mich überall in's Geſpräch zog, und meinen Geiſt zu erwecken ſuch⸗ te. Einige ſehr elegant gekleidete Herren nahmen bei uns Platz, und unterhielten ſich mit der Barv⸗ neß. Sie betrachteten mich oft ſehr dreiſt, und ſprachen dann franzöſiſch mit einander.„Ouelle fraicheur agreable! quelle timidité charmante!“ verſtand ich deutlich. Ich fühlte meine Röth zu⸗ rückkehren, und machte die Bemerkung, daß es — 5 zier nicht unſchicklich ſein müſſe, laute Lobſprüche zu ertheilen, weil ſelbſt die Baroneſſe es that. Das Geſpräch lenkte, nachdem es die wichtig⸗ ſten Ereigniſſe der jetzigen Zeit behandelt hatte, allmählig auf die neueſten Erſcheinungen der Lite⸗ ratur und Kunſt.— Man ſtritt ſich über einige gelehrte Sätze, warf Fragen auf, und beantwortete ſie ſehr weitſchweifig, ohne eine genügende, klare Entſcheidung zu geben, bis die Baroneſſe die ſtrei⸗ tenden Stimmen unterbrach, und ihre Anſicht mit Verſtand und Deutlichkeit an den Tag legte, wo⸗ bei ſie ein recht imponirendes Weſen annahm, und viele mir noch zum Theil fremde Kunſtausdrücke gebrauchte. Man ſtimmte ihr allmählig bei, oder wollte vielmehr die eigene Meinung von der ihri⸗ gen beſtätiget ſehen, machte ihr viele artige Com⸗ plimente, und zog zur Fortſetzung des Geſprächs einige Brochüren hervor, die man flüchtig durch⸗ ging. Ich ergötzte mich an den mannichfachen Ur⸗ theilen und Bemerkungen, die hierüber ausgeſpro⸗ chen wurden, und gab mir Mühe, in die vorgetra⸗ genen Ideen einzugehen. Zum Unglück waren mir die Bücher, auf welche ſie ſich bezogen, alle fremd. Die Baroneſſe äußerte ihre Verwunderung darüber, und behauptete, ich vor Allen müſſe mit dieſen Soachen bekannt werden, um eine Rolle bei dieſer literariſchen Fehde übernehmen zu können. Den Morgen darauf fand ich auch in der That, daß ihre Güte mich bereits bedacht hatte. Eine ihrer Kammerfrauen brachte mir eine Menge Journale und andere Schriften. Ich erfuhr von dieſer, die Baronin ſei gewohnt, bis um zehn Uhr zu Bett zu bleiben, und ſich mit Leſen zu beſchäf⸗ tigen, und vermuthe, ich werde es vielleicht eben ſo halten wollen. Für dieſen Morgen fand ich mich nicht geneigt dazu, und bat die Kammerfrau, mir die Stube meines Vaters zu zeigen, um die letzten Stunden vor ſeiner Abreiſe bei ihm zuzubringen. Ich fand ihn angekleidet, und flog ihm entgegen.„Nicht wahr, mein Kind“,— frug er, mir freundlich zu⸗ lächelnd:„Es wird Dir hier gefallen?“„„Ich hoffe gewiß, mein Vater!““ war Alles, was ich zu ſagen vermochte; das Fremdartige meiner neuen Lage erlaubte mir noch keine freie Ueberſicht. Ich bat, da die Baronin vor eilf Uhr nicht zu ſprechen ſei, den Vormittag zu einem Veſuch bei Börens anwenden zu dürfen. Mein Vater ſtimmte mir bei, und ſo fuhren wir, von einem Lakaien des Hauſes begleitet, bei Herminen vor⸗ Sie flog uns, als wir gemeldet waren, ſo⸗ gleich entgegen. Ihr Anzug, wie Alles in ihrem Logis, war, ob es gleich noch ſehr früh war, ih der nettſten Ordnung. Sie küßte nach ihrer pol⸗ niſchen Manier, uns auf beide Achſeln, hüpfte fröh⸗ lig ſchwatzend vor uns die Treppe hinauf, rief Bö⸗ ren mit einem Freudengeſchrei aus ſeinem Cabinet, und öffnete dann, in einer komiſch⸗triumphirenden Stellung, ihre Zimmerthür, und bat uns einzutre⸗ ten. Hier hätte ich, ohne das freundliche Geſicht ſelbſt zu ſehen, gewiß auf den erſten Blick erra⸗ then, daß hier Hermine zu Hauſe ſei.— Welche Reinlichkeit und nette Anordnung überall!— Und welches heitere Leben am Fenſter. Rings umher duftende Blumentöpfe, geſchmackvoll gruppirt, und zwiſchen denſelben bunte Vogelbauer mit zwitſchern⸗ den, trillernden Sängern.— Der Luftzug, der durch das offene Fenſter ſtrich, trieb die Wohlge⸗ rüche in reichen Strömen in das Zimmer zurück, man empfand ein ſeltſames Wohlbehagen, was durch die Nähe der lieblichen Wirthin erhöht wur⸗ de. Bören und ſie ſtritten ſich gleich neckenden Kindern um den Vorrang, uns alle ihre Schätze zu zeigen.— Sie ſind bequem und ſogar elegant eingerichtet, und können bei ihrer Gemüthsart kein glücklicheres Leben führen. Hermine ſervirte nach ihrer gewöhnlichen ſchnellen Manier ein Frühſtück, und erhöhte den Genuß deſſelben mit ihrer rei⸗ zenden Munterkeit. Sie erkundigte ſich nach dem Grafen Ordeck, und unterließ nicht, mich verſteck⸗ ter Weiſe mit ihm zu necken.— Sie ahmte, als ſie ſich von den Herren nicht beobachtet ſah, ſeine Manieren auf eine poſſirliche Art nach, präſentirte mir, und verbeugte ſich auf ſeine Art gegen mich, nahm eine barſche Miene an, und warf den Kopf zurück, die Bruſt vor, wie er immer zu thun pfleg⸗ te, wenn er ſich gegen ſie zu vertheidigen gezwun⸗ gen war. „Es iſt mir lieb“, flüſterte ſie mir darauf la⸗ chend in die Ohren:„daß ich Sie hier habe! Ich fürchte, ich fürchte, Comteſſe! Sie haben ein we⸗ nig zu viel Gutmüthigkeit!— Eine ſo derbe Ra⸗ tur wie der Graf, ſtirbt nicht bald vor Sehn⸗ ſucht!“ Ich ſah ſie verwundert an:„„Sie mißverſte⸗ hen den Grafen, Geliebte!““ ſagte ich ihr in ei⸗ nem ſanftvorwerfenden Tone:„„Güte des Her⸗ zens wird leicht mit einem andern Namen benannt, und das wirft ſogleich auf jede Handlung einen unklaren Schein. Ich werde mich bemühen, ihn mir ſtets als den gefälligen Freund unſers Hanſes zu denken, unter welcher Geſtalt ich ihn ſtets achten und verehren will!““ „Dort können Sie auch Jemanden ſehen“, erwiederte ſie ſcherzend, indem ſie auf Bören deu⸗ tete:„der unter der Maske der Freundſchaft den Liebhaber verſteckte!— Kein Faſtnachtſpiel dauert aber kürzer als dieſes. Sie werden es, fürcht' ich — 10— erfahren, mein Kind!“— Sie hatte mich mit den wenigen Worten ſehr nachdenkend gemacht. Ri⸗ chardis, es wäre ſehr übel, wenn ſie Recht hätte, wegen des Grafen! Gewiß ſehr übel für uns Beide!— Ich brachte, trotz des heitern Ge⸗ ſprächs ein Herz voll Beſorgniß mit nach Hauſe. Ein flüchtiges Wort kann pft die ruhigen Gedan⸗ ken unſers Herzens aufwiegeln und auseinander⸗ ſtören. Ich hatte Mühe mich zu ſammeln, als ein Bedienter der Barvnin uns meldete, ſie erwarte uns zum Frühſtück. Wir fanden ſie in ihrem Wohnzimmer, das einfach aber prächtig dekorirt, und mit Büſten be⸗ rühmter Männer verziert iſt. Sie ſaß, in ein koſtbares Regligee gekleidet, auf der Ottomane, und kam uns einige Schritte entgegen, als wir eintraten. Ich konnte die Baroneſſe nun bei Tage beſſer betrachten. Sie iſt eine Dame von einigen vierzig Jahren, und noch ſchön zu nennen. Ihr Geſicht iſt regelmäßig und voll Ausdruck,— ihr Wuchs, ohne ſchlank zu ſein, doch voll Anmuth und Würde,— und alle ihre Bewegungen voll Geiſt und Lebendigkeit. Sie ſpricht mit viel Ge⸗ wandtheit, doch iſt ihre Art zu unterhalten ganz verſchieden von der, die Herminen eigen iſt. Sie hat mehr Gelehrſamkeit, aber Jene mehr Geiſtes⸗ anmuth; mehr erlernten Verſtand als natürlichen — Witz. Ihre Sprache iſt wohlklingend, doch vft ein wenig geziert, indeß bei Herminen alles den Stem⸗ pel eigenthümlicher Liebenswürdigkeit trägt; hinge⸗ gen hat ſie mehr Ernſt des Charakters als jene, und dieſes ſpricht mich immer wohlthnender an, wo ich es finde. Ich werde dann ſtets an Sie, meine Lehrerin, erinnert, und an Norden, meinen ernſten, ſtrengen und doch ſo gütigen Freund. Die Barv⸗ nin ſcheint Norden zu kennen, ſie erwähnte ſeiner einigemal im Geſpräch mit meinem Vater, und zeigte große Achtung für ſeine Verdienſte. Sie weiß von ſeinem Antheil an meiner Erziehung, und iſt überhaupt von allem, was mich betrifft, mehr unterrichtet, als ich vermuthen konnte. Was mich am mehrſten in Erſtaunen ſetzte, war, daß ſie ſogar von einigen meiner kleinen Lieder ſprach, als hätte ſie ſolche ſelbſt geleſen. Mein Vater muß ihr, wie ich glaube, großes Vertrauen ſchen⸗ ken, ein Beweis, daß ſie eine ſehr würdige Dame iſt. Würde er ihr ſonſt die Geheimniſſe der zar⸗ teſten Empfindungen ſeiner Angela vertraut haben? — Rein, ſie muß ſehr hoch in ſeinen Augen ſte⸗ hen, und das gibt ihr auch in den meinen einen ſo hohen Werth, daß jedes Bangen meines Her⸗ zens verſchwindet. Mit welcher ausgezeichneten Hochachtung be⸗ gegnet ihr mein Vater! Noch nie hab' ich ihn ſo aufmerkſam, ſo ehrerbietig geſehen. Aber ſie ver⸗ dient es auch um ihn. Wie gütig hat ſie uns auf⸗ genommen, wie groß iſt ihre Gefälligkeit, da ſie mir ſo wichtige Dienſte erzeigen will! Wie be⸗ zeigt ihr ganzes Betragen ſo viel Wohlwollen, ſo viel Freundſchaft. Sie hatte den folgenden Tag, wo mein Vater noch anweſend war, viel Geſell⸗ ſchaft. Unter einer Menge von Herren, die mir ganz fremd waren, entdeckte ich ſogleich den Gra⸗ fen Malvi, den ich damals in Warmbrunn geſehen hatte. Die Barvneß ſtellte mir denſelben als ei⸗ nen Freund ihres Hauſes vor, und präſentirte mich ihm als ihre Mignon, von der ſie ihm ſo viel ſchon erzählt hätte. Er verſicherte mir auf eine ſchmei⸗ chelhafte Art, er hätte mich kaum wiedergekannt, ſo habe ich mich binnen der kurzen Zeit formirt. Er unterhielt ſich eine Zeitlang recht artig mit mir, doch ſchien dies mehr aus Gefälligkeit gegen die Baronin zu geſchehen, als aus eigenem Wohlgefal⸗ len an meiner Unterhaltung. Wie es mir ſcheint, iſt er der Liebling der hieſigen Damenwelt, man verzeiht und überſieht ihm viel um ſeiner geſelli⸗ gen Vorzüge willen, und zollt oft ſeinen ſatyri⸗ ſchen Bemerkungen einen Beifall, den ich ihnen nach meinem Gefühl nicht geben kann. Er ſcheint dieſes wenig zu beachten, und behandelt Alle außer der Baronin und ihrer ſchüchternen Novize, mit einer gewiſſen vornehmen Impertinenz, welches ſie aber gar nicht zu bemerken ſcheinen, ſondern im⸗ mer gleich artig und gütig gegen ihn ſind. Auch mich wird er mit ſeinen Bemerkungen nicht ver⸗ ſchonen!— Ein unerfahrenes Mädchen, wie ich⸗ muß nur zu oft Gelegenheit dazu geben, ob ich gleich eben nicht ſagen kann, daß ich eine ſtörende Verlegenheit in dieſen Geſellſchaften empfände, die meinem natürlichen Betragen nachtheilig wäre. Seitdem mein Vater abgereiſt iſt, ſchließe ich mich, meine Vereinzelung ſchmerzlich empfindend, um ſo inniger an die Baroneſſe an, die mir lie⸗ bend entgegenkommt. Ich erhielt heute früh Er⸗ laubniß, ſie in ihrem Schlafzimmer zu beſuchen, und fand ſie, wie gewöhnlich, leſend im Bett. Sie ſchlug die ſeidenen Vorhänge deſſelben zurück, und winkte mir zu ſich.„Da leſen Sie, mein Kind!“ rief ſie mir zu, mir ein elegantes Taſchenbuch ent⸗ gegenhaltend.— Ich las, und entfärbte mich.— Es war mein eigenes Gedicht, mit meinem Namen unterzeichnet. Sie bemerkte meinen Schreck, und zog mich an ihre Bruſt.„Warum ſo betroffen, Angela?“ rief ſie mir zu.„Reiches, gottgeſegne⸗ tes Kind, danken Sie dem Himmel, daß er Sie würdigte, Anderen Freude zu ſpenden. Wenigen ward dies ſchöne Talent verliehen, darum dürfen wir es aus kleinlichen Rückſichten nicht verſchwei⸗ — gen, und der Welt entziehen! Jedes Licht iſt be⸗ rufen zu leuchten, und vor Allen ein ſo reines, wie das einer ſo, zart als klar empfindenden Seele.“— Sie küßte mich hierauf auf die Stirn, und ſtrich mir ſchmeichelnd die Locken von derſelben.— „Sie weinen, Kind?“ rief ſie verwundert;„was iſt Ihnen? was weinen Sie?“—„Verzeihen Sie““, bat ich,„meinem Kleinmuth! Mir iſt, als wäre in dieſem Augenblick das Allerheiligſte meiner Seele den lauernden Blicken der Menge Preis gegeben, als wäre mir etwas ſehr Theueres genommen, und ein unächtes Gut dafür eingehan⸗ delt worden.““ „Verbannen Sie jede Engherzigkeit, liebe Comteſſe!“ rief die Baroneſſe ſich aufrichtend: „Selbſt die liebenswürdigſte Beſcheidenheit hat ihre Grenzen, wo ſie aufhört Tugend zu ſein. Werfen Sie die beſchränkenden Vorurtheile hinweg, und lernen Sie ſich zu größeren Geſinnungen erheben! Jeder Vorzug des Verſtandes, des Geiſtes, des Herzens, berechtiget zu größerer Freiheit! Meinen Sie, die Tugenden frommer Sitte wären Nonnen, die ewig in Schleier gehüllt, ſich nie aus der klö⸗ ſterlichen Zelle des Herzens herauswagen dürfen? Könnten Sie ſo ungerecht ſein, unſere Dichter und Dichterinnen zu tadeln, daß ſie unſer Herz durch —— die Darſtellung erhabener Handlungen, edler Ge⸗ ſinnungen erhoben, daß ſie den Genius, der ihren Buſen bewohnte, frei gaben, damit der göttliche Funke Tauſenden leuchte?“ „„O liebſte Baroneſſe!““ entgegnete ich,„es war ja nur das Gefühl meiner Unfähigkeit, je et⸗ was allgemein Erfreuliches zu leiſten, welches mich beben machte! Meine Poeſie ſpricht nur die ein⸗ fache Geſchichte meines Herzens aus, und kann wohl für niemanden einigen Reiz haben, als für die Wenigen, die mich näher kennen, und mich lie⸗ ben! Ganz anders verhält es ſich mit den Er⸗ zeugniſſen eines wahren Talents. Dort bin ich völlig Ihrer Meinung, aber hier;““— ich bedeckte das Gedicht mit meiner Hand, indem ich betrübt den Kopf ſchüttelte. „Gutes, allzubeſcheidenes Kind!“ ieie die Baronin:„Irren Sie ſich nicht in Hinſicht Ihrer Fähigkeiten! Sie werden noch vieles Schö⸗ ne leiſten, wenn Sie Vertrauen zu ſich haben wol⸗ len! Hier ſpricht ſich Genie aus! Hier leuchtet der wahrhafte Gottesfunken!“ Ach, Richardis! ſie deutete gerade auf eine Stelle, die Norden getadelt, und die nur Glanz der Sprache, aber wenig Gehalt hatte. Ich ver⸗ neigte mich in ſtiller Beſchämung gegen ſie.„O mein Kind, ich dichte auch!“ fuhr ſie lebhaft fort: „Wir ſind wahlverwandt, deshalb muß kein Ge⸗ heimniß zwiſchen uns ſein!“— Sie zog an der Klingel, ein Mädchen trat ein. „Tony, mein Portefeuille!“ rief ſie der Ein⸗ tretenden zu. Das Mädchen ging und kehrte mit einer ſtarken Brieftaſche zurück.„Kleinigkeiten!“ ſagte die Baronin, in den Papieren ſuchend:„Un⸗ bedeutende Verſuche! Sie werden ſehen, ich bin nicht halb ſo zurückhaltend als Sie! Da nehmen Sie, Comteſſe!(indem ſie mir einige Blätter hin⸗ reichte). Ich durchlas ſie mit Rachdenken. Es wa⸗ ren einige Sonnets, die auf hier befindliche Ge⸗ mälde Bezug hatten. Die Sprache war blühend, und gab mir einen lebhaften Begriff von den Ge⸗ genſtänden, die ſie begeiſtert hatten. Ich dankte ihr mit Innigkeit, indem ich ihr die Blätter zu⸗ rückgab, und ſagte ihr, wie ich noch ſo fremd ſei in der Geſchichte der herrlichen Malerkunſt, und außer einigen Copien noch gar nichts geſehen hätte. Sie war verwundert darüber, und verſprach, mich ſogleich mit den ſehenswertheſten Gemälden unſerer Kirchen und Kunſtſammlungen bekannt zu machen. Sie entließ mich, nachdem ſie mein Gemüth ſchon im voraus mit den Wundern erfüllt hatte, die ich nun mit Augen ſchauen ſoll, und ſtand auf, ſich anzukleiden. Ich eilte indeß auf mein Zimmer, um Ihnen zu ſchreiben. O, warum kann doch nicht alles Herrliche im Leben vereiniget ſein! Ich werde bald einſehen lernen, daß der Aufenthalt in einer großen Stadt ebenfalls viele Vorzüge hat, und daß der Reiz des Landlebens noch unendlich geſteigert werden könnte, wenn mit ihm alle Genüſſe verbunden würden, welche die Kunſt gewährt. Mir wird oft bange, meine Freundin! ob mich der Strudel dieſes regſamen Lebens nicht allzuſehr von der einfachen Ruhe entfernen könnte, in der ſich ſonſt mein Herz ſo wohl befand; ich habe daher den Abend zu meiner Vertrauten ge⸗ macht, weil mit ihm mir die Stille meiner Hei⸗ math zurückkehrt, und die blendenden Formen frem⸗ der Umgebungen in Schatten zerrinnen. Hier durchgehe ich die Begebenheiten des Tages, ordne und prüfe meine geſammelten Schätze, und kehre dann im Geiſt bei meinen Lieben ein, ihnen meine Seele darlegend mit ihren Eindrücken und neuen Erfahrungen. Sehe ich die Augen meiner Richardis mir freundlich zulächeln, die Geſtalt Nordens friedlich an mir vorüberziehen, und das Geſicht meines Va⸗ ters voll Zufriedenheit, dann, Geliebte, iſt der Tag ſchön beſchloſſen, und eine ſanfte Ruhe gewiß. Leiſe dämmern dann die Geſtalten der Vergangen⸗ heit in ſüßen Träumen empor, und verſchmelzen mit der Gegenwart zu freundlichen Glanzbildern. Dann erſt, Richardis, ſchmecke ich ein ungetrübtes Glück! Keine andere Freude vermöchte es ſonſt, mich für mein Entbehren zu entſchaͤdigen!— Dreiundſiebzigſter Brief. Hermine von Bören an Frau von Alboin. Aus der Reſidenz, im November 18** Kommen Sie und ſchlichten Sie, Frau von Al⸗ boin! Ich habe ſo eben einen Streit mit Bören gehabt. Der ſeltſame Mann will mir nicht zuge⸗ ben, daß wahre Liebe keine Eiferſucht kennen muß. Er ſteht erhitzt von unſerm Zweigeſpräch am Fen⸗ ſter, und malt Hieroglyphen auf die angelaufenen Glasſcheiben; ich habe mich ihm zur Strafe indeß an den Schreibtiſch geſetzt, und will Ihnen nun die Sache in aller Ruhe vortragen. „Wahre Liebe iſt auf Vertrauen gegründet!“ „„Ganz recht!““ ſagt der Mann, und ſchneidet dabei ein Geſicht, als ſchluckte er eine Pille hin⸗ unter.—„Wo Vertrauen iſt“, fahre ich fort,„da kommt das kleine Unkraut, der Zweifel und Miß⸗ verſtändniſſe nicht auf, denn jenes erweitert das Herz, dieſes aber gedeihet allein, in unumnebelter Luft, und in beſchränkten Gemüthern.“—%„ Der Zweifel, Geliebte?— da magſt Du recht haben. Aber Eiferſucht kann auch mit dem beſten Ver⸗ trauen verbunden ſein! Sie iſt ein feiner Reid, — deſſen wir uns erſt bewußt werden, wenn wir innig lieben, und der nicht gegen den Glauben an die Feſtigkeit treuer Geſinnungen ſtreitet. Er iſt, möchte ich ſagen, die größte Huldigung, die wir dem Gegenſtand unſerer Verehrung bringen kön— nen, der ſchönſte Beweis von der Aufrichtigkeit unſerer Reigung!““ Er fuhr nun fort, ſich mir durch Beiſpiele verſtändlich zu machen, aber es lief leider alles darauf hinaus, daß wir alle unſere Strahlen nur auf einen Punkt concentriren, und die allgemeine Höflichkeit gegen Andere in keine beſondere Grade abtheilen ſollen. „Du verläugneſt nicht Dein Geſchlecht!“ rief ich, ihm lächelnd auf die Achſel klopfend:„Im Anfang ſchien eine edlere Toleranz Dich über das⸗“ ſelbe zu erheben, Du nannteſt die Huldigungen, die mir dargebracht würden, Deinen ſchönſten Tri⸗ umph;— jetzt werde ich vorſichtig ſein müſſen, denn Dein beſorgtes Geſicht möchte ſich mit dem⸗ ſelben ſchwer vereinigen laſſen.“ Er wollte mir das Geſicht gern abſtreiten, aber ich führte ihn vor den Spiegel, und zeigte ihm die Furche auf ſeiner Stirn, die nur in ängſtlichen Momenten erſcheint; das machte daß er lachte, und ſich durch die zärtlichſten Verſicherungen aller Art zu recht⸗ fertigen ſuchte. Ich hielt ihm den Mund zu, und bat ihn, durch Thaten zu ſprechen. Er trat hier⸗ auf an's Fenſter und trommelte, ich ſetzte mich aber in Gedanken zu Ihnen, und ſuche Ihre Mei⸗ nung zu errathen. Graf Malvi hat, wie Sie hören werden, An⸗ laß zu vorigem Geſpräch gegeben. Er iſt einige⸗ mal bei uns geweſen, und wird öfter kommen. Ich kenne dieſe Art Menſchen, das Neue reizt ſie und zieht ſie an. Man wird begierig ſein, mich in meinen häuslichen Verhältniſſen kennen zu ler⸗ nen, denn man kann nicht begreifen, daß eine ſo leidenſchaftliche Tänzerin und munteres Geſchöpf, wie ich war, eine ſolide Hausfrau abgeben kann. Ich vermeide aus dem Grund, die Meinung der Welt zu beſchämen, ſeine Annäherung nicht, zumal da ich und Bören an ſeiner witzigen Unter⸗ haltung volle Rechnung finden. Nur was man fürchtet, das fliehet man, und gibt dadurch einen Beweis ſeiner eigenen Schwäche. Solche Furcht aber iſt mir fremd, und wird niemals mein Fehler ſein. Bören lobt dies an mir, und möchte mir doch gar zu gern zur Flucht die Hand bieten. Ich werde aber auf meine Meinung beharren; der Graf ſoll ſehen, daß es Frauen gibt, die Charakter — haben, und die Geſchicklichkeit genug beſitzen, die Pfeile ſeiner Liſt zurückzuſpielen, und ihn mit ſei⸗ nen eigenen Waffen zu bekämpfen. Die Blicke der hieſigen Damen und ihre Ar⸗ tigkeit ſagen mir bereits, daß ich das Orakel aller Welt auf meiner Seite habe. Es iſt mir ein Wunder, denn niemand vermag dem Grafen frei⸗ müthiger ſeine Bemerkungen zurückzugeben, als ich. Soll ich nun ſeine Achtung verſcherzen, indem ich mich kindiſch zurückziehe? Nein, Geliebte! Sie werden meiner Meinung ſein, Bören muß es auch ſein, wenn er darüber nachdenkt, und mich zuletzt mit Stolz an ſein Herz drücken. Die Männer wiſſen nie, welche Frauen ſie haben, bis ihr Betra⸗ gen durch die Huldigung Anderer auf die Probe geſtellt wird. Das ächte Gold bewährt ſich erſt im Feuer.— Sie lächeln, Geliebte?— Wahrlich, wenn ich nicht glaubte, von Ihnen vollkommen ge⸗ kannt zu ſein, ich hätte dieſe kühnen Worte nicht ausgeſprochen! Aber Sie können mich nicht miß⸗ verſtehen! Ich will einmal unter die Frauen nicht gehören, die, indem ſie ſich ſelbſt durch ewiges Zurückziehen wenig Selbſtvertrauen zugeſtehen, auch das ſchwankende Vertrauen der Männer recht⸗ fertigen. Ich fühle mich ſo ſtark, ſo muthig, daß ich die Verläumdung ſelbſt in die Schranken for⸗ dern könnte, gewiß, über die Argliſtige dennoch 1* zu triumphiren!— Bören wirft einen verſtohlenen Blick zu mir herüber. Wüßte er, was ich geſchrie⸗ ben habe, das Herz würde ihm doch ein wenig un⸗ ruhig werden. Solche Aengſtlichkeiten aber, meine ich, ſind eben kein gutes Zeichen. Man bangt nicht, ohne die Schwäche des Herzens aus Er⸗ fahrung zu kennen! Wäre ich eiferſüchtiger Na⸗ tur, ich hätte deshalb keine ruhige Stunde; über⸗ dies hat vor kurzem die Erſcheinung der Comteſſe Domelli, die mit dem Vater uns beſuchte, einen Eindruck auf ihn gemacht, der mich überzeugt, ſein Gemüth ſei nicht wenig empfänglich. Angela iſt in der That ſchön geworden, und nahm ſich in dem modernen Anzug wunderhold aus. Ihr be⸗ ſcheidenes, kindlichfrommes Weſen wird, da es bei ihr reine Natur iſt, ihr immer die zarte Lieblich⸗ keit verleihen, durch die ſie gefällt, wo ſie auftritt. Bören hat es ſehr gut bemerkt, und ohne Rückhalt gelobt und geprieſen. Ich ſtimme ihm aus voller Seele bei, und ſchneide ihm ſomit die Gelegenheit ab, ſeine Anſichten durch mein Betragen rechtferti⸗ gen zu können. Die Comteſſe wird ſich den Win⸗ ter über in dem Hauſe der Baroneſſe Münter auf⸗ halten, und vft bei uns ſein. Es iſt mir herzlich lieb, gewiß, liebe Alboin! Angela iſt die Unſchuld, die Güte ſelbſt. Und Bören?— O, ich bin ihm trotz meiner Eigenheiten und verkehrtem Weſen doch das Liebſte im Leben, ſo wie er mir mit al⸗ len ſeinen eiferſüchtigen Grillen viel theurer iſt, als ich geſtehen mag! Schreiben Sie, geliebte Freundin, recht bald, und vergeſſen Sie nicht, uns Ihre Meinung über bewußten Streit zu ſagen; ich möchte wohl wiſſen, was Sie von der Eiferſucht, und überhaupt von meinen Anſichten davon halten. Sprechen Sie freimüthig, und verpflichten Sie recht bald dadurch Ihre Hermine. Vierundſiebzigſter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Richardis. Aus der Reſidenz, im November 16** J habe keine Ruhe auf meinem Lager, und bin aufgeſtanden, um mich mit Ihnen zu unterhalten, weil meine Seele noch ſo bewegt iſt. Die Glocke ſchlägt zwölf Uhr, und noch will der Schlaf meine Augenlieder nicht beſuchen, meine Phantaſie iſt er⸗ hitzt, mein Geiſt ſo lebendig, als hätte er von ei⸗ nem wunderbaren Lebensbalſam gekoſtet, der alle ſeine Kräfte aufgeregt und in thätigen Umſchwung gebracht hätte. Ich will daher den wüſten Träu⸗ mereien ein Ende machen, und meine Gedanken ordnen und ſchreiben. Ach, Richardis! ich bin ſo verwandelt, ſo ſeltſam verändert, daß ich mir recht unheimlich vorkomme. Da ſind aber die herr⸗ lichen Gemälde daran Schuld, und vor Allen die Schauſpiele, die ich einige Abende hinter einander mit der Baronin beſucht habe. Ich kann es nicht Angela III. 2 — ausſprechen, welche Gewalt die Kunſt über mein Gemüth übt. Als ich vor den hohen Bildern ſtand, von deuen jedes einzelne eine vollendete Schöpfung und dennoch nur ein Strahl von der wunderbaren Sonne iſt, die der Genius in des Künſtlers Buſen entzündet, als ich in maucher Idee der unſterbli⸗ chen Meiſter mein innerſtes heiligſtes Selbſt, das Geheimniß meiner tiefſten Empfindungen wieder⸗ fand: da war es, als rief es in mir: das iſt ja deine Heimath, von der dieſe Wunder erzählen, das ſind ja deine lieben längſterſehnten Brüder, die dich umſchweben, die innigen Genoſſen deines verſchwiegenen Glücks, die du nun auffindeſt, und zu denen du fortan gehöreſt auf Erden wie im Himmel. Ich faltete meine Hände über der Bruſt, ich beugte unwillkührlich meine Knie, als die ſtillen Geiſter grüßend an mir vorüberzogen, ich ſah über⸗ all den Gott, der ſie liebend verband, in den ern⸗ ſten wie in den freundlichen Charaktergemälden der Natur. Als ich berauſcht von dem Glück, das mein geworden war, nach Hauſe kehrte, trat ich zu der Baroneſſe mit der Bitte, mich im Malen unter⸗ richten zu laſſen. Sie lächelte mich an, und er⸗ wiederte:„Ich wünſchte, mein Kind, Sie hätten die Begeiſterung, die Sie dort geſchöpft, der Poeſie zugewendet! Für dieſes Talent haben Sie bereits — gültige Bürgen, für jenes noch keinen Beweis!“ — Ich erröthete und fühlte einen leiſen Vorwurf darin.— Iſt denn, frug es in mir, Poeſie und Malerei nicht eines und daſſelbe, und gehen nicht beide köſtliche Blüthen aus einem Stengel hervor? Das Mark, das ſie nährt, iſt das richtige Gefühl für Wahrheit und Schönheit, und es iſt ſicher kei⸗ ne Untreue, wenn man dieſen heiligen Kräften an zwei Altären zu huldigen wagt.— Ich beſchloß, meinen Wunſch nicht zurückzunehmen, und der Ba⸗ roneſſe durch fortgeſetzten Fleiß zu beweiſen, wie Luſt und Liebe alles ausgleichen, verſöhnen und vereinen könne, was ſich im Menſchenherzen begegnet.— Wird Norden dieſe Richtung meiner innern Thätig⸗ keit billigen? Wird er mir erlauben, zu bilden, zu geſtalten, auszuſprechen was bisher noch unbekannt, wie ein ſauftes ſtilles Feuer meinen Buſen er⸗ wärmte?— Ich werde mich ihm ganz vertrauen, er nur allein ſoll mir die Bahn öffnen, auf die ich voll Sehnſucht und ſtiller Erwartung die Blt⸗ ce richte. Ich werde, je länger ich in dieſer neuen Welt lebe, immer gewiſſer, daß jenes tiefe Ge⸗ fühl und jene erhabenen Geſinnungen, die mir Nordens Umgang ſo theuer machten, auf dieſem Boden nicht anzutreffen ſind. Es iſt etwas in den Blicken und Worten der Menſchen, das gar nichts von dem Ernſt und der Liebe hat, die ich ſo gern 2* — vereinigt erblicke, weil ich dann imwer an den Himmel denken muß. Sie ſind alle ſo glatt, ſo höflich, und blicken dennoch ſo vornehm auf mich herab, daß ich mich oft über meine Würdigkeit er⸗ hoben, bald tief unter dieſelbe gedemüthiget ſehe. Die Barvneß allein vermag mein Gemüth freund⸗ lich aufzuſchließen, denn ſie meint es wahrhaft gut mit mir, und denkt mich ſtets zu belehren und zu erfreuen. Sie ergötzt ſich an den Aeußerungen meines Erſtaunens und meines Entzückens, und unterläßt nichts, wovon ſie ſich heilſamen Einfluß auf meine Bildung verſpricht. Künftige Woche ſoll ich der Fürſtin vorgeſtellt werden. Es iſt, da der Geburtstag derſelben trifft, große Cvur, und ich ſoll, wie die Münter wünſcht, einen ſelbſtverfertigten Glückwunſch überreichen. Es muß eine treffliche Dame ſein, dieſe Fürſtin! Man hat mir ſo viel von ihrem ſtillen liebevollen Wirken, von ihrer Holdſeligkeit, ihrer Güte erzählt, daß mein Herz ſich nach ihr, wie ein Kind nach der Mutter, ſehnt. Ich kann die Stunde kaum er⸗ warten, wo ich mein Knie huldigend vor ihr beu⸗ gen darf. Die Tugenden der Milde ſind überall herrliche Erſcheinungen, wo man ſie findet, auf dem Thron aber haben ſie eine noch ſiegendere Ge⸗ walt; ſie verklären dann das diamantene Diadem zum Sternenkranz und verſchmelzen die Grenze irdiſcher Herrſchaft mit dem Schimmer der über⸗ irdiſchen, wodurch ſie eine unendliche wird. So hab' ich denn, Geliebte, mein Herz in nächtlicher Stille an das Ihre mit allen ſeinen Wünſchen, Freuden und Hoffnungen gebettet. Im⸗ mer ſanfter ebnen ſich nun ſeine unruhigen Wogen, und wie die Lichter meiner Phantaſie allmählich er⸗ löſchen, ſoll auch die Erdennacht ihre Rechte be⸗ haupten, und der Schlummer die ſeinen. Gute Nacht! Fünfundſiebzigſter Brief. Graf Malvi an den Baron L. Aus der Reſidenz, im Novembet 18*. Wundere Dich nicht, wenn Du nicht eher einen Brief erhieltſt! Die kurze Zeit meiner Abweſen⸗ heit von der Reſidenz hat den alten Gegenſtänden in meinen Augen, wie meiner eigenen Perſon in denen der Geſellſchaft, den Reiz der Neuheit gege⸗ ben. Mein Spiegel vermag die Menge von Ein⸗ ladungskarten aller Art kaum zu faſſen; ich möchte ſtets an drei Orten zugleich ſein, um Aller Begehr zu befriedigen. Keine Parthie, kein Diner, kein Vergnügen, zu dem man nicht meine Theilnahme fordert! Der glückliche Ausgang meines Erbſchafts⸗ prozeſſes ſcheint gute Folgen nach ſich zu ziehen! Die Geſinnungen mancher ſtrengen Richterin haben ſich gemildert! Man will mich zu meinem Vortheil verändert wiſſen, und öffnet mir mit zuvorkommen⸗ der Güte das Haus.— Ich benutze die Gelegen⸗ heit, die Menſchen kennen zu lernen, wo ich ſie finde,— tauſche Larve um Larve, und zahle ei⸗ * 2 nem Jeden mit gleicher Münze.— Uebrigens hat ſich während meiner Entfernung von hier wenig verändert. Die Münter behauptet in Hinſicht des Geiſtes noch immer den erſten Rang in der Ge⸗ ſellſchaft. Sie hat die Kunſt ausgelernt, ihre Um⸗ gebungen zu blenden, und ihrem Verſtand den Purpurmantel der Herrſchaft umzulegen. Alles nimmt ihre Meinung für die gültige an, weil ſte mit allem Glanz der Beredtſamkeit ausgeſprochen wird, und verbindet ſich mit ihr, um von ihrem Triumph zu proſitiren. Eine gewiſſe Comteſſe Dy⸗ melli, ein zartes Pflänzchen, beſtimmt in der He⸗ misphäre des Hoflebens zu blühen, iſt dem Ein⸗ fluß dieſer belebenden Sonne übergeben. Sie hat eine recht artige Geſichtsbildung, und könnte mit ber Zeit Epoche machen, wenn ihr Geiſt dem Ans⸗ denc ihrer Züge entſpräche;— etwas Empfindſam⸗ keit, die Folge ländlicher Erziehung, hängt ihr noch an, und macht ihre Unterhaltung einſeitig und lang⸗ weilig. Sie hat ſonſt ein wohlklingendes Organ, und ſoll nicht ohne Talente ſein. Die Münter ſcheint viel von ihr zu erwarten, und protegirt die Kleine auf alle mögliche Art. Es thut mir leid, daß ich nicht öfter, dem Wunſch der Baronin zufolge, ihrem Cirkel beiwohnen kann! Ich bin allmählig von dem Strudel der Geſellſchaft fort⸗ geriſſen, und mit mehreren Familien liirt worden, — — ſo daß ich nicht mehr Herr meiner Zeit bin. Nebenbei habe ich eine Bekanntſchaft erneut, die nicht ganz unintereſſant iſt.— Du erinnerſt Dich des Fräuleins von Domitowöky, aus meinem Brie⸗ fe von Warmbrunn her;— ich war überraſcht, ſie als die Frau des Hauptmann von Bören hier wie⸗ derzufinden. Welche Künſte muß die Schlaue ge⸗ braucht haben, um zum Ziele zu kommen. Als ich Warmbrunn verließ, ſtanden ihre Sachen ſehr übel. Sie muß Verſtand haben und Liſt. Ein anziehen⸗ des Aeußere hilft bei ſolchen Fällen allein nicht durch. Sie mißfällt hier wie dort in demſelben Grade den Damen, wie ſie den Männern gefällt, und das aus ſehr natürlichen Urſachen. Die Ba⸗ voneß Münter iſt die Einzige, die ihre Parthie gegen mich nahm. Sie geſteht ihr nicht allein die Liebenswürdigkeit zu, die ihr von unſerm Geſchlecht eingeräumt wird, ja ſie behauptet ſogar, ſie habe Charakter und Grundſätze, was wir beſtreiten und bezweifeln möchten. Ich bin mit ihr hierüber ſchon in die lebhafteſten Widerſprüche gerathen, und die Baroneſſe behauptet, ſie könne nur allein durch unläugbare Thatſachen von ihrer Meinung zurück⸗ gebracht worden. Ich bin jetzt, hoffe ich, auf gu⸗ tem Wege, meine Menſchenkenntniß auf Koſten der ihrigen zu rechtfertigen, und einmal den Ver⸗ ſtand der ſtolzen Frau ein wenig zu demüthigen. Das Geſchäft iſt amüſant, ich profitire manche an— genehme Unterhaltung, je näher ich die verführeri⸗ ſche Frau kennen lerne. Die Witzſpiele, die zwi ſchen uns geführt werden, wären allein der Mühe werth, die Gegenwart eines eiferſüchtigen launen⸗ baften Mannes zu ertragen, auch wenn nicht ein ſo ſeltener Triumph mir als Preis entgegenlächelte. — Die Beweiſe, meine ich, werden ſich mit der Zeit wohl finden, durch die ich ihre gütigen Gé⸗ ſinnungen gegen mich an's Licht führen kann, und bab' ich dieſe in Händen, nun ſo iſt der Streit geſchlichtet, und meine Gegnerin beſiegt.— Schon begegne ich hier und da neidiſchen Blicken, wenn die ſchöne Frau, unter der Anzahl ihrer ſtillen Verehrer, mir allein einen Vorrang eingeſteht. Dies gibt meinen Bemühungen einen neuen Reiz, ich vergeſſe auf Augenblicke, daß ich ein berechne⸗ tes Spiel treibe, und gebe mich dem Zauber ihres Liebreizes hin, ohne meiner Abſicht zu gedenken. So rollt ein Tag nach dem andern dahin, voll Abwechſelung, Freude und Genuß, und nicht ſel⸗ ten mit dem Salz geiſtreicher Unterhaltung ge⸗ würzt. Der Winter iſt vor der Thür, und mit ihm die Vergnügungen, die mein Verhältniß zu Herminen klarer geſtalten ſollen. Bald gedenke ich Dir ein Mehreres darüber mirtheilen zu können. Bis dahin gehabe Dich wohl! — — Sechsundſiebzigſter Brief. Angela, Comteſſe Domelki, an Norden. Aus der Reſidenz, im November 13 Sie legten es in meine Hand, mein theurer Lehrer, die ſchönen Fäden fortzuſpinnen, die, ſeit⸗ dem ich Ihres Unterrichts genoß, heilbringend wie heitere Sonnenſtrahlen in mein Leben hineinlaufen, und die ich nicht davon zu trennen vermag, ohne das Gewebe meiner ſchönſten Freuden zu zerſtören. Ich bin, ſeitdem ich Breiſach verließ, um manche Freude ärmer, aber auch um manche Er⸗ fahrung reicher geworden. Glauben Sie, es war mir gut, die Welt, wie ſie mich hier umgibt, mit eigenen Augen zu ſehen! Man ſchlägt Dinge, die uns unbekannt bleiben, theils zu hoch an, theils erniedrigt man ſie unter ihren Werth. Ich werde mir ſelbſt dentlicher, indem ich meine Vergangen⸗ heit mit der Gegenwart vergleiche, und ziehe Be⸗ lehrungen daraus, die metnem Gemüth ſehr heil⸗ ſam ſind. Mein Vater hat mir nicht zu viel von den Annehmlichkeiten dieſes Aufenthalts geſagt; ich ha⸗ be Genüſſe kennen gelernt, von denen ich in met⸗ nen ſchönſten Träumen kaum Ahnung hatte. Mein inneres Leben hat ſich an den Strahlen der himm⸗ liſchen Kunſt wunderbar erwärmt, und drängt mich, nach ihren Kränzen den Blick zu erheben. Darf ich, v rathen Sie mir, mein Lehrer, mein Freund! darf ich der Reigung meines Herzens Gehör ge⸗ ben? Sie nannten einſt die hochgeiſtigen Beſchäf⸗ tigungen dem eigentlichen Berufe des Weibes nach⸗ theilig, ſobald ſie ernſtere Studien erfordern„ und aufhören ein anmuthiges Spiel des Geiſtes zu ſein. Darf dies auch ſchon in den Jahren gelten, dle zu unſerer Erziebung und geiſtiger Ausbildung al⸗ lein beſtimmt ſind? Ich meine, die Zeit, die ich einigen künſtleriſchen Uebungen zu widmen ſo grv⸗ ße Luſt habe, ſei würdiger benutzt, als wenn ich ſie weiblichen Mode⸗Arbeiten vder überflüßigen Vergnügungen widmen wollte. Djie Sehnſucht meiner Seele beſtätiget dies, und die feſte Ueber⸗ zengung, daß jede Veredelung des Gefühls und des Geiſtes, die aus dem Eindringen in die Ge⸗ beimniſſe unſterblicher Schöne hervorgeht, dem Ewigen, Göttlichen näher führt, ols die oberfläch⸗ liche Beſchauung des Lebens in ſeiner äußern Ge⸗ ſtaltung. Jedes rein empfangene und vollendete Kunſt⸗ werk iſt mir ein Verkündiger Gottes, und ſtimmt mich zur Andacht, wie der Anblick einer großen, ſchönen Ratur. Der Menſch ſcheint mir durch ſie in eine neue Gemeinſchaft mit der Gottheit getre⸗ ten zu ſein, indem das Schöpfungsvermögen, das jene Gebilde beurkunden, die lieblichſte und ausge⸗ zeichnetſte Aehnlichkeit iſt, die der Erdgeborne von ſeinem himmliſchen Vater haben kann. Wie ſtark muß die Einbildungskraft, wie rein das Gemüth, wie erhaben die Seele ſein, die wie Raphael das Göttliche erfaſſen, und es in ſeiner unſterblichen Anmuth dem Auge darſtellen kann! O, ein ächter Künſtler iſt gewiß auch ſtets ein ächter Menſch, das t, ein gottverwandter, denn das Schöne nuß zum Guten leiten, wie das Gute zum Schö⸗ nen begeiſtert.— Als ich die hieſigen kathvliſchen Kirchen beſuchte, und die hohen ernſten Gemälde usſprechlicher Majeſtät auf mich herniederſa⸗ hen, und die Gewalt der Muſik ſich mit den Schau⸗ ern inniger Andacht vereinten, da war mir, als ſei alles Große und Schöne und Erhabene nur gin Wh der zur Ehre Gottes der Seele des Menſchen vertraut wäre,— als wären die Kunſt ud die Religion heilige Schweſtern, beide hin⸗ führend zum Licht, beide würdig der treueſten Liebe unſers unſterblichen Geiſtes.—— O, mein theu⸗ rer Lehrer, auch Sie erkannten die heilige Allmacht der Töne. Sagen Sie mir, ob ich irre, wenn ich Gott in dem Rauſchen der Muſik ſo deutlich zu erkennen glaube, wie in den majeſtätiſchen Schau⸗ ſpielen der Ratur, wie in den Lehren des Heils, die Sie mir vertrauten; ſagen Sie mir, ob die Freude gerecht iſt, die ich im Betrachten jener er⸗ habenen Bilder fand, und ob ich der Begeiſterung folgen darf, die meine Seele ergriffen hat, ſeitdem ich ſehe, was Menſchenhand durch Hülfe des Gei⸗ ſtes vermag. Man pflegt, man nährt hier überall den Trieb meiner Seele, ja man liebt mich um ſeinetwillen um ſo mehr! Werden Sie ihn auch nähren wol⸗ len, indem Sie mir ſagen, daß Ihre Einſicht mit meiner Reigung übereinſtimmt? und werden Sie mir wegen der Freimüthigkeit nicht zürnen, mit der ich Sie mit dem Zuſtand meiner Seele bekannt mache? Wie ich die Tage zählen werde, bis mir Ihre Antwort zu Theil wird! Seien Sie offen, aber ſeien Sie auch gütig wie ſonſt gegen Ihre Angels. Siebenundſiebzigſter Brief. Not dee n an An g hi Breiſach, im Nodember 18**. Sie wollen wie ſonſt den offenen, freimüthigen Freund, Angela?— Wiſſen Sie auch, was Sie bitten?— Meine Anſichten ſind ſtreng, und wer⸗ den die Ihrigen vielleicht pft unſanfter berühren, als ich um der Freude willen wünſche, die Sie an Ihren neuen Genüſſen finden.— Ich habe im⸗ mer gefürchtet, Sie träten zu zeitig aus der ein⸗ fachen Schule Ihres Lehrers in die bunte der Sinnenwelt, und ich kann es nicht läugnen, ich fürcht es noch!— Ich kenne den Zauber der Künſte, ich kenne die lebhaften Eindrücke, die ſie auf Ihren Geiſt, Ihr Gemüth machen mußten? Ihre Phantaſie iſt ſo regſam, daß ſie kaum dieſer Mittel bedurfte, um ihre Schöpfungskraft zu ent⸗ wickeln;— ſie iſt nun entflammt, und wird zu — bilden begehren. Gewähren Sie dem einmal er⸗ wachten Trieb Ihres Herzens, aber laſſen Sio ihn nie zur vorherrſchenden Neigung werden! Was Sie bisher unter meiner Leitung begonnen, was Sie geſchrieben und gedichtet, ging weniger gus dem Geiſt, als aus Ihrem Gemüth hervor. Die⸗ ſes wird die Quelle bleiben, aus der Sie ſchöpfen. Aber erſchöpfen Sie ſie nicht, Angela!— Die Kraft des Gemüthes iſt der Schatz, den das Weib im Leben vor Allen bedarf, durch den ſie am höch⸗ ſten beglücket, aus deſſen ungeſchwächtem Reichthum allein die Thaten frommer Liebe, ſtiller Aufopfe⸗ rung hervorgehen können. Das Gemüth aber iſt der zarteſte, verletzbarſte Theil unſerer Menſchen⸗ natur! Je mehr wir unſere Kräfte dort hinzulei⸗ ten ſuchen,— je reizbarer, aber auch um ſo zer⸗ ſtörbarer wird es werden.— Ihr Leben, Comteſſe, wird Ihnen nie die dauernde Ruhe geſtatten, di⸗ Sie nöthig haben würden, um eine Begeiſterung zu bewahren, die Sie jetzt in der Kunſt das Ziel Ihres Sehnens ahnen läßt!— Die Einwirkungen des profanen Lebens ſind um ſo ſchneidender, j2 ſorgſamer wir die zarten Klänge aufſuchen, deren wir zu einer pvetiſchen Erhebung bedürfen, und bringen die ſtörendſten Diſſonanzen in ein Leben, das ſich der reinſten Harmonie weihen will.— Das ſind die Dornen, deren Stich unausbleiblich —= 4⁰—= trifft, je mehr wir unſer Empfindungsvermögen verfeinern. Nun aber, v Freundin, ein Wort über die Kunſt ſelbſt, und über ihr Verhältniß zur Religion. Die Kunſt iſt allerdings eine Tochter des Himmels, hervorgehend aus den heiligſten Kräften der menſch⸗ lichen Natur. Ihr Beruf, wie Sie ihn annehmen, iſt ſogar mit dem der Religivn verwandt, durch die Erhebung, die der Anblick reiner Schöne in uns bewirkt;— aber ſo hell der Kelch dieſer himm⸗ liſchen Blume ſtrahlt, ihre Wurzel ruht dennoch in der Erde, und ihr Reich iſt die Sinnenwelt. Sie kann durch ihren Duft unſer Herz dem Ueberſinn⸗ lichen erſchließen, aber ſie kann uns auch Gift bie⸗ ten, je mehr oder weniger ſie himmliſche oder irdi⸗ ſche Stoffe ſog.— Ganz anders iſt es mit der Religivn.— Sie bedarf in ihrer einfachen Herr⸗ lichkeit keiner äußern Mittel, um das Herz der Erde zu entrücken; ſie bemächtiget ſich unſers Ge⸗ müthes, wenn der Schmerz oder die Freude uns daniederbeugen will, und hebt uns über uns ſelbſt empor, zu dem Herzen des liebenden Vaters, deſ⸗ ſen Daſein unſerm denkenden Geiſte das heiligſte Bedürfniß iſt. Je einfacher die Art unſerer Got⸗ tesverehrung iſt, deſto freier wird unſer Geiſt von den Banden der Sinne, deſto inniger ſeine Ge⸗ meinſchaft mit dem Herrn. Darum bitte ich, — 41— Comteſſe! räumen Sie dem äußern Gepränge, ſo mächtig es Ihre Seele ergreift, keine zu große Gewalt über dieſelbe ein!— Man vermag, durch dieſes verwöhnt, ſpäter kaum zu unterſcheiden, ob die Bewegung unſers Gemüthes der geiſtigen oder der Sinnenwelt angehörte. Sie bedürfen nicht fremder Schwingen, um zu der Heimath des Glan⸗ bens emporzuſteigen! Ihr kindliches Herz fand det Weg zu Gott in frommer einfacher Stille. Se⸗ hen Sie ſich nach keiner neuen Führerin um, blei⸗ ben Sie Ihrer erſten Gottesverehrung getreu! Auch ich, Cymteſſe, war einſt von gleichem Irrthum befangen; ich glaubte das, was ich ſchon ergriffen, ſei nicht hinlänglich, das religiöſe Gefühl zu wecken und zu beleben; ich gab mich dem Stu⸗ dium der Muſik hin, um auch auf dieſe Art auf die Gemüther der Menſchen zu wirken, vermeinend Kunſt und Religivn würden ſie durch einen ſo ſchweſterlichen Verein gegenſeitig ſtärken und näh⸗ ren, und mir einen neuen Einfluß auf meine Um⸗ gebungen geſtatten. So lang ich dies Talent zu meiner Erhe⸗ bung ausbildete, war Gott in mir, in ſichtlicher Liebe, Kraft und Freudigkeit.— Ganz anders war es aber, als ich den Strahl, der meinen Buſen durch's ganze Leben erwärmen konnte, frei gab, und meine Tonſchätze aus ihrer Verborgenheit zog. —— Die Aufführung einiger Kirchenmuſiken brachte meinem Herzen ſo reichen Lohn, daß ich mich fort⸗ an meinem Lieblingsſtudium häufiger hingab. Die Eitelkeit miſchte ſich unbemerkt in mein Streben, ich kam allmählig von der einfachen Bahn frommen Willens ab, und baute, indem ich für die Erhe⸗ bung Anderer zu arbeiten vermeinte, ſtillſchweigend an der eigenen, in den Augen der Welt. So lagerte ſich ein Schatten nach dem andern um mein inneres Leben, Kanm vermochten die kurzen Jahre meines häuslichen Glückes, jene Neigung zu verdrängen, die meinem beſſern Selbſt ſo gefähr⸗ lich war.— Mein Beruf durfte unter ihr nicht leiden, deſto mehr aber litten meine näheren Um⸗ gebungen darunter, ich erſchöpfte die edelſten Kräf⸗ te meines Gemüthes in unnützen Studien, und wurde ein lauer Freund, ein verdrießlicher Gatte. Zu ſpät erkanute ich das Verderbliche meines Irr⸗ thums, die Wärme meines Gefühls war verraucht, ich konnte nicht mehr vergüten. Hier haben Sie die Urſache, warum ich in der Muſik jetzt immer nur die warnende Stimme des eigenen Herzens vernehme; warum ich die Geiſter der Töne furchtſam gefangen halte, und die Bü⸗ cher kaum zu berühren wage, aus denen mir die Erinnerung jener Zeit mit ihren Schmerzen und Vorwürfen entgegentritt. Sie baten einſt um —— einige meiner Muſikalien; ich wußte, ich hätte ſol⸗ che mit Ihnen durchgehen müſſen, und verweigerte ſie Ihnen. Es kommt ein Grauen über mich, ſo oft ich an jene Zeit gedenke, ja ich kann es nicht läugnen, doß ich ſeitdem den Einwirkungen der Kunſt mißtraue, und Gefahr ſehe, wo kein Ande⸗ rer ſie ahnet. Sie meinen, ein ächter Künſtker ſei auch gewiß ein ächter Menſch, das heißt ein gottverwandter. Er iſt es, und ſollte es auch bleiben. Aber leider widerſpricht die Erfahrung nicht ſelten dieſer Anſicht, die an ſich ſo rein und natürlich iſt. Die Eittelkeit iſt der Dämon, der ihn auf dieſer Höhe nicht duldet, ſie umdüſtert das Ange ſeiner Seele, je mehr ſte das äußere dem Beifall der Außenwelt zukehrt, verwandelt nicht ſelten die Liebe ſeines Herzens in Selbſtſucht, und derhandelt endlich die Krone irdiſcher Unſterblichkeit für die wahre, ewige. Bitten Sie Gott, daß er über Ihr Herz wache! Laſſen Sie ſich von den Huldigungen Ihrer Umgebungen, die Ihnen nicht fehlen wer⸗ den, nicht um die kindliche Demuth betrügen, die, alles aus Gott ſchöpfend, ſich und was ſie beſitzs, in Gott fühlt und erkennt, und vor ihm dankbar niederlegt. Der Pfad, den Sie gehen wollen, iſt ſchlüpfrig und glatt, ſehen Sie weder rechts noch links, weder auf Lob noch auf Tadel, ſondern gehen N Sie ihn im Vertrauen auf Gott, das Wahre, Ewigſchöne einzig im Auge, vorſichtig weiter, ſo wird Ihnen der Beiſtand nicht mangeln, der un⸗ ſern ſchwachen Fuß allein vor Straucheln behüten kant.— Achtundſiebzigſter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Richardis. Aus der Reſidenz, iu Derember 18*. Nein, die Wechſelwirkung verwandter Gemüther durfte nicht an Raum und Zeit gebunden ſein!— Der menſchliche Scharfſinn mußte ein Band ent⸗ decken, das, die Geiſter unſichtbar verkettend, den zufälligen Trennungen Trotz bieten konnte, und gewann ſich durch die Erſindung der Schrift die hervlichſte Krone!— Hier habe ich die Briefe mei⸗ nes Vaters und Nordens. Beide ſprechen die treue Sprache der Liebe, ſo ſehr die Anſichten ver⸗ ſchieden ſind, die daraus hervorgehen. Der Brief des Erſten*), voll Aufmunterung, Beifall und Hoff⸗ nungen glänzender Art, der des Zweiten voll War⸗ nungen und ernſter Forderungen an mein beſſeres * Nicht mitgetheilt. Selbſt, voll kreuer Hinweiſung auf den, deſſen Hand uns allein ſicher zu leiten vermag.— O, vermöchte ich doch Beider Erwartungen zu er⸗ füllen, Beide zu vereinen in einem Gott und Menſchen wohlgefälligen Leben, ohne Einen oder den Andern zu betrüben! An meinen Vater bin⸗ det mich die innigſte Kindesliebe, an Norden jeder Strahl, der meine Seele erleuchtet, jede erhebende Ueberzeugung, die ich ihm verdanke. Nie könnte ich den Verluſt ſeiner Zufriedenheit ertragen, weil dieſe mir mehr für die Aechtheit meines Werthes bürgt, als die jedes Andern. O Richardis, ich will wachen, ſorgſam wa⸗ chen über mich ſelbſt. Die Eitelkeit muß ein ge⸗ fährlicher Feind ſein, denn ſie hat auch Rordens Ruhe einſt angefeindet. Er kennt ihre Gefahr, und warnt dringend vor ihr. Ich ſchritt, nachdem ich ſeinen Brief geleſen, zu einer ernſten Prüfung meiner ſelbſt, aber ich fand die Eitelkeit nicht; denn wenn ich ſie auch einmal zu ertappen glaub⸗ te, ſo war es die Liebe, die ich gefangen hielt. Für meinen Vater, zur Freude meines Lehrers, unternehme ich ja alles, was ich nur denken mag. Ich möchte alle Kränze des Lebens ſammeln, um alle auf ein geliebtes Haupt niederzulegen, Alles umfaſſen, Alles beſitzen, um Alles liebend verſchen⸗ fen zu können. Ich habe daher, beruhiget über mich ſelbſt, die Unterrichtsſtunden begonnen, zu denen mich meine Sehnſucht drängt. O, wäre ich bald ſo weit, das auszuführen, was ich im Herzen trage! Noch ſchweige ich gegen Sie, aber Sie werden mit Ihrer Angela zufrieden ſein, wenn ſie die erſten Kräfte eines erwachenden Talents einem heiligen Gegenſtande weiht!— Nun, meine Liebe, eile ich Ihnen von den äußeren Begebenheiten der letzten Tage zu erzäh⸗ len. Ich habe die Hand unſerer Fürſtin geküßt, ich habe vor der milden, ehrwürdigen Frau geſtan⸗ den, im vollen Gefühl innigſter Hochachtung, kind⸗ licher Liebe. Man hatte mich an dieſem Morgen ſehr reich gekleidet. Mir gefielen die vielen Juwelen nicht, die man mir angelegt hatte. Ich wagte es, die Baroneſſe darauf aufmerkſam zu machen, daß es meiner Jugend und meiner bisherigen Lebensweiſe angemeſſener ſei, in einfacher Kleidung zu erſchei⸗ nen. Sie gab es freundlich zu, daß ich das über⸗ flüßige Geſchmeide ablegen konnte, und ſo fuhr ich denn in einer einfachen weißen Atlaß⸗Robe mit der Barontu zur Cour. Wir fanden bereits einen glänzenden Cirkel verſammelt. Es war ein Feiern in der Verſammlung, das mich ein wenig beklom⸗ men machte, wie jede ahnungsreiche Stille, die ei⸗ ner großen Erſcheinung vorangeht. Endlich trat die Fürſtin, eine ſchöne Frau, in mittleren Jah⸗ ren, begleitet von ihren Hof⸗Damen, ein. Sie empfing die Glückwünſche jedes Einzelnen mit freundlicher Huld, und hatte für Jeden ein Wort der Güte, der Milde. Nachdem der anweſende Adel ihr ſeine Hochachtung bezeigt, wurde ich ihr von der Oberhofmeiſterin vorgeſtellt. Ich über⸗ reichte ihr, ein Knie vor ihr beugend, auf einem goldgeſtickten Kiſſen meine Verſe, die meinen Glückwunſch ausſprachen, und mih zugleich in ihre Gnade empfehlen ſollten. Sie hob mich mit einem Geſicht voll mütter⸗ licher Zärtlichkeit auf, indem ſie mir einige Worte freundlichen Dankes ſagte, und ſchloß mit der Verſicherung: ſie hoffe mir heute im Park Mehreres darüber zu ſagen. Die gnädige Miene der Fürſtin hatte einen freundlichen Abglanz auf alle Geſichter geworfen. Man war ſehr gütig gegen mich, und überhäufte mich mit Artigkeiten. Als wir zu Hauſe waren, fand ſich eine Ein⸗ ladung der Fürſtin für den Abend vor. Die Ba⸗ roneſſe ſagte mir, daß dieſelbe die Feier des Ge⸗ burtsfeſtes erſt auf den darauf folgenden Tag ge⸗ ſtatte, und dieſen, ſeit dem Ableben des Fürſten in ſtiller Eingezogenheit zu feiern gewohnt ſei, daher es für Die als ein beſonderer Vorzug an⸗ zuſehen ſei, die ihre Einſfamkeit theilen dürften. —— Ich erwartete mit Sehnſucht den Abend. Wir fuhren bei einem ſchönen Gartenhauſe vor, und wurden in das Zimmer der Fürſtin gewieſen. Sie ſaß mit einer ältlichen Dame auf einem So⸗ pha, das rings umher mit ausländiſchen Gewächſen aller Art umgeben war. Der Anblick des blühen⸗ den Frühlings im Beginnen des Winters, war mir ein lieber, erheiternder Anblick. Ich nahte mit einem Geſicht voll Freude der Fürſtin, und erwie⸗ derte ohne Scheu ihre gütigen Worte. Sie ſagte mir viel Liebevolles über mein Gedicht, und bat mich, die kindliche Sprache, die darinnen waltet, gegen ſie beizubehalten. Sie frug mit Theilnahme nach der Art meiner Erziehung, und entwickelte eine ſo tiefe Einſicht und ein ſo wahres, inniges Gefühl, daß ich mich immer glücklicher in ihrer Nähe fühlte. Sie kam im Geſpräch auf meine verewigte Mutter, die ſie gekannt hat, und erin⸗ nerte ſich mit Freuden der vergangenen Zeit. Meine Augen gingen mir über, als ſie ſo gut und freundlich von meiner Mutter ſprach, ſie bemerkte es, und wurde gleichfalls gerührt.— Die Münter benutzte die Pauſe, das Wort zu nehmen, ſie fing an von den Eindrücken zu erzählen, die das Neue meiner jetzigen Umgebungen auf mein Gemüth ge⸗ macht, und ſagte ſo vieles zu meinem Lobe, daß ich einmal über das andere darüber erröthete.— Angela III. 3 — — 30— „Alſo auch muſikaliſch“, unterbrach ſie die Fürſtin: „O, liebe Münter, ſo reichen Sie uns doch die Laute herüber! Wir wollen doch ſehen, ob es die Schüchternheit der Comteſſe erlaubt, uns ein Ver⸗ gnügen zu machen.“ Sie hing mit dieſen Worten die Laute um meinen Hals, lächelte mich freund⸗ lich an, und ſetzte hinzu:„Ich höre die jugendli⸗ chen, ungekünſtelten Stimmen ſo gern!“— Der bittende Ton, in dem ſie das ſagte, gab mir ſo⸗ gleich den Muth, den ich nöthig hatte. Ich ſang ohne Scheu eines meiner kleinen Lieder; mir war, als gäbe die Liebe, die ich zu dieſer würdigen Da⸗ me empfand, meiner Stimme einen höheren Aus⸗ druck. Mit einer Miene, die mehr Wohlwollen ausdrückte, als es Worte vermocht hätten, reichte mir die Fürſtin, als ich die Laute hinlegte, die Hand, und frug mich, ob ich es übernehmen woll⸗ te, ihr manche einſame Stunde mit meinem Ge⸗ ſang zu verkürzen. Mit Freuden gelobte ich es der gütigen Frau, mir ſelbſt war dieſe Erlaubniß der herrlichſte Gewinn!— — Ich bin ſeitdem einmal ganz allein zur Fürſtin abgeholt worden. Sie ſprach, was ſie in Gegenwart der Münter nicht that, von meinen pvetiſchen Verſuchen, die ihr zum Theil durch die Baroneſſe bekannt waren, und geſtand mir, ſie ſei durch dieſelben ſchon im voraus auf mich aufmerk⸗ ſam geworden, indem ihr das Einfache meiner Dichtungsart und vor Allem das Hinneigen zu dem Herzen der Natur, gar wohl gefallen habe. Was ſie ſagte, war ſo herzlich und aufrichtig, daß ſich die Beſcheidenheit nicht weigern durfte, es an⸗ zuhören. Es waren nicht die glänzenden Lobprei⸗ ſungen der Münter, es waren die Worte lieben⸗ der Anerkennung, hervorgehend aus einem edeln Herzen, das mit dem Großen und Schönen innig vertraut war. Ich mußte ihr viel von den Freu⸗ den unſers ländlichen Aufenthalts erzählen, und als ich davon hingeriſſen, ihr all mein Glück mit den lebhafteſten Farben ſchilderte, und dann der Schmer⸗ zen des Abſchiedes gedachte, da legte ſie mir freund⸗ lich die Hand auf die Stirn, und ſprach:„Armes, gutes Kind, möchte es Ihr Vater doch nie bereu⸗ en, daß er Sie von der Friedensinſel ländlicher Ruhe in das geräuſchvolle Leben der Reſidenz ver⸗ pflanzt hat! Die ſchönen Blüthen, die dort gedei⸗ hen, kommen ſelten in unſerm Clima fort, und der äußere Glanz iſt nicht immer der Bürge in⸗ neren Glückes!“ Sie ſah mich hierauf lange mit einem recht wehmüthigen Blicke an, als wollte ſie ſagen: Richt hier iſt deine Heimath, Angela! und als ich ſeufzend ſchwieg, nahm ſie von neuem das Wort, und ermahnte mich, nur immer recht gut und einfach zu bleiben, und den Eindrücken zu 3* —— widerſtehen, die der Umgang mit Menſchen ver⸗ ſchiedenen Charakters, und die Macht der Ge⸗ wohnheit mir allmählig aufdringen würden. Mir war, als hörte ich Norden zu mir ſprechen, das waren ſeine Worte, als er vyn mir ſchied, das ſeine letzte Bitte!— Ich faltete die Hände über meine Bruſt, und ſagte verſichernd:„Ich kann ja nur einen Weg wandeln, den Weg, den mein Herz mir bezeichnet. Er bleibt gewiß derſelbe, wie die Gegenſtände um mich her ſich auch verän⸗ dern. Ich habe Treue gelernt, Fürſtin! und ſo darf mir ja wohl vor dem Wechſel der Dinge nicht bangen!“— „„Nun, ſo bleiben Sie ſich ſelbſt tren, An⸗ gela! dann iſt Ihr Glück geſichert, hier und dort!““ — Die letzten Worte ſchienen mir in eine unab⸗ ſehbare Ferne zu verklingen. Seitdem, o Richardis! wiederhole ich mir ſie oft. Es muß etwas Köſtliches um die Treue ſein, da ihr Werth ſo allgemein anerkannt wird! Nor⸗ den hatte Recht, in ihr liegt die ſchönſte Aehnlich⸗ keit mit Gott, ich fühle es immer tiefer, je mehr ich darüber nachdenke, und bemühe mich, dieſe ſchö⸗ ne Tugend mir immer mehr anzueignen! Richar⸗ dis, Geliebte, haben Sie keine Sorge mehr um Ihre Angela! Ich ſtehe auf dieſem lockern Boden — — 5— feſt, denn jene himmliſche Kraft wird ſie halten, und mitten im Geräuſch des Lebens ſie für den Himmel erziehen. Einige Tage ſpäter. Denken Sie ſich mein Erſtaunen, Graf Or⸗ deck iſt hier! Ich ſah ihn geſtern zuerſt im Thea⸗ ter,— er ſtand mir gegenüber, und ſchien mit ſeinen Blicken umher zu ſuchen; als er mich erblick⸗ te, eilte er ſogleich auf unſere Seite, und nahm in der benachbarten Loge Platz. Er konnte, da ich am Ende der unſrigen ſaß, bequem mit mir ſpre⸗ chen, und legte ſeine Freude, mich wiederzuſehen, mit ſeiner natürlichen Lebhaftigkeit an den Tag. Die Münter winkte mir einigemal mit den Augen, aber ich konnte ja nicht ſo unartig ſein, und ihn ſchweigen heißen, da er mir ſo viel Liebes von meinem Vater und von Norden erzählte. Er ſag⸗ te mir, daß er ſich einige Tage hier aufhalten würde, und daß er uns ſeinen Beſuch machen wolle. Ich äußerte ihm meine Freude darüber, und erzählte es, als wir zu Hauſe waren, der Baroneſſe. Sie gab mir einen leichten Verweis, — daß ich durch eine zu lebhafte Unterhaltung mit dem Grafen die Aufmerkſamkeit meiner Umgebun⸗ gen auf mich gezogen, und gewiß zu manchen Be⸗ merkungen Anlaß gegeben hätte. Dem zufolge ſchien ſie auch den Beſuch des Grafen nicht gern zu ſehen,— doch ſah ſie wohl ein, daß er eben ſo wenig auf eine ſchickliche Art abzulehnen ſei. Ordeck erſchien, und wurde mit Höflichkeit von der Baroneſſe aufgenymmen. Einige muſternde Blicke abgerechnet, die ſie auf ſein langherabhängendes Haar, und ſeine ſchlichte Kleidung warf, war ihr Betragen artiger gegen ihn, als ich es nach dem vorigen Geſpräch erwartet hatte, ſie verſtand ihn vollkommen zu behandeln, und lockte ſeinen Geiſt ſo künſtlich hervor, daß ich ihre Feinheit bewun⸗ dern mußte. Zufällig hatte die Baroneſſe des Balles erwähnt, zu dem wir denſelben Abend von der Fürſtin eingeladen waren;— der Graf fing dieſe Nachricht begierig auf, und ſchien einen Plan zu entwerfen. Ich bedauerte ihn im Stillen, da die Geſellſchaft, wie ich wußte, von der Fürſtin ſelbſt gewählt, und für ihn kein Eintritt zu hof⸗ fen war. Welche Ueberraſchung aber, o Richardis! als wir Abends in den kerzenerleuchteten Saal traten, — und des Grafen Geſtalt die erſte iſt, die mei⸗ nen Blicken begegnet. Er war auf das eleganteſte „ „ gekleidet, trug mehrere Orden, und ſprach mit ei⸗ nigen ſehr vornehmen Herren, mit einer Freimi⸗ thigkeit, die mich herzlich freute. Ich erfuhr ſpäter, er habe ſich von einem Obriſten, mit dem er vom letzten Feldzuge her be⸗ kannt ſei, der Fürſtin vorſtellen laſſen,— habe ihr durch ſein vriginelles Weſen gefallen, und ſei von ihr aufgefordert worden, dem Feſt des Abends beizuwohnen. Ich beſann mich, daß ich der Für⸗ ſtin bereits von Ordeck erzählt hatte, und wurde ſpäter durch das, was ſie mir ſagte, in meiner Vermuthung beſtätiget, ſie habe mich durch die Gegenwart des Grafen auf eine angenehme Art zu überraſchen gedacht.— Ich wurde den Abend viel zum Tanzen genöthigt; es war der zweite Ball, dem ich beiwohnte, und ich daher ſchon mit mehreren der anweſenden Herren bekannt;— Graf Malvi war artiger als je gegen mich, er forderte mich vft auf,— und war Schuld, daß ich dem guten Ordeck mehrmals den begehrten Tanz abſchlagen mußte. Ich glaubte dieſem daher eine freundliche Aufmerkſamkeit ſchuldig zu ſein,— und zog ihn, unter dem Vorwand ausruhen zu wollen, in's Geſpräch, um mir von ihm recht viel erzählen zu laſſen. Graf Malvi mochte dies wohl für un⸗ ſchicklich finden, denn er ging einigemal mit einem recht ſatyriſchen Geſicht an uns vorüber, und woll⸗ ⸗ te ſich ſpäter einige Bemerkungen über Ordeck er⸗ lauben, die mir gar nicht gefielen.— Als wir zu Hauſe waren, bangte mir,— die Baroneſſe wür⸗ de mir den geſtrigen Verweis wiederholen,— aber ſie ſagte gar nichts darüber, ſondern ſchien dieſen Abend ganz anderer Meinung geworden zu ſein. Woher mochte dies kommen, Richardis? Ich glau⸗ be, der Werth des Menſchen wird hier von oben herab beſtimmt! Die Fürſtin iſt allerdings eine ſo weiſe, ſo hochgebildete Frau, daß ihre Meinung für ihre Umgebungen von großer Wichtigkeit ſein muß; aber mich dünkt, man ſollte deshalb nicht aufhören, den eigenen Anſichten treu zu bleiben. Ein jeder Menſch muß ſein eigenes Urtheil ehren, und daher vorſichtig mit demſelben ſein, um nicht ein vorſchnelles zurück nehmen zu müſſen. Heute Morgen erhielt ich einen ſchönen Pa⸗ pagei zum Präſent, und rieth, ob mir gleich der Name des Gebers verborgen blieb, ſogleich auf den Grafen Ordeck. Der bunte Schwätzer ruft unaufhörlich:„Angela, kehr' zurück!“ Mir wurde anfänglich dabei recht bange um's Herz, und auch der Baronin klang das Schreien ſo ängſtlich, daß ich den Käfig verhängen mußte, um den Vogel zum Schweigen zu bringen. Noch hab' ich Ordeck nicht geſehen, um ihm danken zu können, aber er reiſt gewiß nicht ab, ohne von mir Abſchied ge⸗ nommen zu haben; ich werde ihm Briefe mitgeben, und ihn ein wenig ſchelten, daß er meinem ohne⸗ dies ſo unruhigen Herzen durch den Papagei einen ſo gefährlichen Rathgeber beigeſellt hat. Reunundſiebzigſter Brief. Hermine von Bören an Frau von Alboin. Aus der Reſidenz, im Janugr 13* Welch⸗ ein Brief, Geliebte! Sie nennen meinen jugendlichen Frohſinn, mein ſtolzes Selbſtgefühl ſtrafbaren Uebermuth? Sie tadeln mich, daß ich Vören der Unruhe heimlicher Eiferſucht preis gebe, und dieſe für unrecht erklären, indem ich ſelbſt ei⸗ nige Anlage dazu verriethe?— Wie, ſollte mein Derz dennoch geplaudert haben? Ich dachte, der Brief wäre auf das künſtlichſte ausgedacht, ich glaubte Ihre Meinung zu erforſchen, Ihren Troſt zu empfangen, ohne mich ſelbſt als den leideßden Theil zu verrathen, und ſchob daher Börens Eifer⸗ ſucht der meinen vor, die wirklich im Anzuge war. Jetzt haben, Gott Lob, Beider Qualen ihr Ende gefunden! Angela's Liebreiz ſcheint mir nicht ge⸗ fährlich zu ſein, und Graf Malvi wird nicht wie⸗ der unſer Haus betreten, dafür ſteh' ich! Ich — 39— habe ihn für einen neugierigen, ſatyriſchen, aber nie für einen gefährlichen Menſchen gehalten. Jetzt iſt es mir gelungen, ihm die Larve abzuziehen, und ſein wahres Geſicht zu entdecken. Hören Sie, Geliebte, wie ſich dies alles begab, und wie der Graf ſeine gerechte Strafe empfangen.— Die erſte Redoute war angeſagt;— ich gab dem Wunſch meines Mannes nach, daran Theil zu nehmen, vb ich gleich kein großer Freund von dergleichen Mummereien bin. Alles Verſtrickte, Fremdartige iſt meiner Ratur zuwider, und dies erſtreckt ſich ſogar bis auf die Maskenbälle. Dies⸗ mal mußte ich mir eine Charaktermaske gefalle n laſſen. Bören hatte ſich vorgenyvmmen, als Spa⸗ nier zu erſcheinen, und verlangte, ich ſollte ihn in derſelben Tracht begleiten. Ich ordnete mein Co⸗ ſtüm nach einem Kupferſtich, der eine Scene aus Don Carlos vorſtellte, und ſtutzte nach dieſem auch den Anzug meines Mannes zu. So war in die Masken etwas Eigenthümliches gekommen, was von Allen, die den Kupferſtich kannten, ſogleich be⸗ merkt wurde.—„Eliſabeth und Don Philipp!“ flüſterten einige Stir nen, ſobald wir in den Re⸗ douten⸗Saal getreten waren. Ich dankte Gott zum erſtenmal, daß ich eine Larve trug, mein muthwilliges Geſicht hätte ſich zu dem Bilde, was ich repräſentiren ſollte, wenig gepaßt. Mit einer Majeſtät, wie ſie meine Würde erforderte, ſchritt ich mit Bören durch die Reihen der zahlreich ver⸗ ſammelten Masken. Der ganze Olymp ſchien her⸗ abgeſtiegen zu ſein; Göttergeſtalten ſahen ſtolz auf die verſchiedenartigſten Kinder der Erde herab, und Ronnen und Bajaderen bewegten ſich friedlich neben einander. Eben hatte eine ſtolze Junv, an deren Seite eine wunderholde Pſyche ſtand, meine Aufmerkſam⸗ keit gefeſſelt, als eine hohe Maske in Spanier⸗ tracht raſch auf mich zugeſchritten kam, und wie zur Huldigung ein Knie vor mir beugte. Eben begann eine rauſchende Tanzmuſik, die Maske zog mich mit ſich fort,— wir ſtanden in der Reihe der Tanzenden.— Der Wirbel der Töne, das Geräuſch um mich her, ließen mich die verbindli⸗ chen Worte des Spaniers nur halb verſtehen, ich merkte wohl, daß er die Rolle des Don Carlos zu ſpielen verſuchte, und ſah mich genöthiget, die meine zu behaupten. Die Pracht des Spaniers und ſein ſtudirtes Spiel zog bald die Augen der Menge auf uns; mir fing an nach Don Philipp zu bangen, den ich vergebens in dem Getümmel zu entdecken bemüht war. Endlich ſah ich ſeine Geſtalt, ſie ſchlüpfte, als man den Tanz beendet, in den angrenzenden Coridpr, der von einigen Lampen matt erleuchtet war.— Ich beſchloß, ihm — ſogleich zu folgen, undshatte den Gang ſchon halb zurückgelegt, ohne ihn zu finden, als raſche Tritte hinter mir rauſchten, und ich den Spanier an mei⸗ ner Seite erblickte.—„Wohin, ſchöne Königin?“ rief eine bekannte Stimme:„Vergeßt den Zwang, der Euch an Don Philipp kettet, gönnet mir, den die Leidenſchaft verzehrt, ein Wort der Freiheit! —— Wahrhaftig“, fuhr er fort, indem ich mein Erſtaunen verbergend, ihn mit ſtolzer Gravität anſah:„Ihr vermögt die Rolle ſtrenger Würde auf's trefflichſte zu ſpielen! Aber verzeiht dem eitlen Carlos, wenn er dennoch zu lieben und zu hoffen wagt!“— Er hatte mich bei dieſen Worten auf einen Stuhl gezogen, und nahm neben mir Platz.— „Der Augenblick kehrt nicht wieder!“ begann er: „weſteht dem Selighoffenden ſein Glück! Was kann Euch Philipp ſein, was kann ein enges Herz Euch für den Frühling Eurer Seele bieten?— Rur Gleichheit der Gaben kann der Liebe Glück be⸗ gründen!“ „Ihr ſeid ſehr verwegen, Don Carl, auf einen Irrthum Eure Hoffnung zu bauen!““ er⸗ wiederte ich ernſt. „O, legt die Maske nieder, Königin!“ bat die ſchmeichelnde Stimme:„Ich kenne Euch! Ihr könnt den finſtern, eiferſüchtigen Gemahl nicht — lieben! Geſteht mir die Wahrheit, legt die Larve ab!“ „„Maske!““ rief ich, meine Larve abziehend: Ich fürchte, Ihr gabt Euer Geheimniß in fal⸗ „ ſche Hände!““ „Wie, Sie können an der Wahrheit meiner Worte zweifeln, Hermine?“ rief Graf Malvi, ſich ebenfalls demaskirend:„Erkennen Sie nicht in der zufälligen Wahl unſerer Masken den Zug der Sympathie? In dieſem unbelauſchten Augen⸗ blick die Begünſtigung eines freundlichen Schickſals, das unſere Herzen für einander beſtimmt hatte, und vereinen wird, trotz des ärgerlichen Gegners Don Philipp?— Erkennen Sie nicht Ihren Freund, Ihren Verehrer, Hermine?“— „„Ihr Geſicht, Herr Graf, erkenne ich jetzt!““ rief ich, lacheid aufſpringend:„„Aber Ihren Kopf bemühe ich mich vergebens zu entdecken!““— „Das Herz ſpricht in ſolchen Augenblicken, nicht der Kopf!“ ſprach er etwas empfindlich, in⸗ dem er aufſtand, mich zurückzuhalten. „„Wahrhaftig!““ entgegnete ich,„ſo mag man dieſem ungeübten Redner ſchon einigen Ei⸗ gendünkel verzeihen! Der Kopf, däucht mir, habe bisher ſtets das Wort geführt, und das mit Recht! Das Herz darf noch nicht für mündig erklärt wer⸗ den, wenn das ſeine Sprache war!““ — 53— „Wie, Sie könnten dieſes Herzens ſpotten, welches, gleich der dürſtenden Flur, den erſten Tropfen Balſam aus der Hand der Liebe be⸗ gehrt?“— „„Das Faß der Banaiden, fürcht' ich, iſt ein beſſerer Vergleich, Graf!““ rief ich, und wollte davon eilen, als ein ſchallendes Bravv, das dicht uns zur Seite ertönte, mich zurückſchreckte.— „Bören, beſchütze mich!“ rief ich ängſtlich, des Grafen boshaftes Geſicht, das er ſo eben un⸗ ter der Maske verbarg, gewahrend. Die Spaniermaske, die uns belauſcht hatte, machte mir eine artige Verbeugung, und ſprach, indem ſie mir den Arm bot:„Ich bin der Hof⸗ marſchall T., und werde Sie, wenn Sie, gnädige Frau, befehlen, in den Saal zurückbringen.“ Als Malvi den Namen der Maske ausſpre⸗ chen hörte, blieb er ſtarr, gleich einer Bildſäule ſtehen,— indem ich an dem Arm des Hofmar⸗ ſchalls den Coridor verließ. Bald gewahrte ich Bören, der ängſtlich ſuchend die Reihen auf- und niederging. Ich erklärte meinem Führer den Irr⸗ thum, der mich, wegen der Aehnlichkeit der Mas⸗ ken vorher verleitet hatte, den Saal zu verlaſſen, und Bören aufzuſuchen.— Er erwiederte, daß er dem Zufall Dank wiſſe, der ihn zu einem ſo in⸗ tereſſanten Abenthener verholfen habe, und gratn⸗ 64 lirte meinem Mann zu einer ſo ſchönen als witzi⸗ gen Frau. Den Grafen bekam ich dieſen Abend nicht mehr vor die Augen;z er mußte ſich umgekleidet, oder den Saal gänzlich verlaſſen haben.— Ich erzählte, als wir zu Hauſe waren, Bören den gan⸗ zen Vorfall, und glaubte, durch die drollige Art, mit der ich ihn vortrug, ihm ein Lächeln zu ent⸗ locken. Aber er wurde ſehr ernſt, und äußerte Be⸗ fürchtungen, die nicht ganz ungegründet ſchienen. „Ich habe ihn längſt durchſchaut!“ ſprach er finſter:„Er hatte Luſt, unſer Glück zu zerſtören, und hielt Dich für ſchwach genug, ſeiner Abſicht behülflich zu ſein.“ „„Du hieltſt meine Beſorgniß, meinen Wi⸗ derwillen für Eiferſucht,— und ich ſchwieg. Jetzt fürcht' ich den Beleidigten in eben dem Grade, wie ich den höflichen Schmeichler haßte.— Der Weg, den er einſchlug, um zum Ziele zu kommen, iſt nun abgeſchnitten, aber deshalb gibt er ſeinen Plan nicht auf!— Beleidigter Stolz und Rache gegen Dich, wird ihn nur in ſeiner Abſicht beſtär⸗ ken, und der Zeit wird er es übergeben, was ihm der Augenblick abſchlug!““. Ich ſchloß den Bekümmerten in meine Arme, ich ſchwor ihm, vorſichtiger zu werden, und mich ganz von dem Grafen zurückzuziehen.— In der 5— — —— That fürchtete ich neue Annäherungen, und hatte mir mein Betragen im voraus beſtimmt;— aber der Graf kam nicht wieder,— die Furcht, mein Mann möge hinter den Ernſt ſeines Maskenſcher⸗ zes gekommen ſein, hielt ihn wahrſcheinlich zurück. — Sein Betragen in Geſellſchaft iſt ſeitdem kalt⸗ höflich, und erinnerten mich nicht bisweilen die lauernden Blicke, die er auf meine Umgebungen ſchießt, an ein lebhafteres Intereſſe für mich, ſo würde ich wirklich glauben, der ganze Vorfall ſei eine Poſſe geweſen, und ſeine vorgebliche Leidenſchaft mit der Spaniermaske an- und abgelegt worden. Uebrigens, liebe Albvin, ſcheint dieſe Bege⸗ benheit mich viel enger an Bören gefeſſelt zu ha⸗ ben. Die Güte, mit der er mir jeden verdienten Vorwurf erſparte, die Beſcheidenheit, mit der er ſich jedes Triumphs über mich, in Hinſicht unſerer Menſchenkenntniß begab, erfüllte mich mit der in⸗ nigſten Rührung, der zärtlichſten Achtung. Er iſt ernſter, ja, ich möchte ſagen, ſtrenger gegen mich geworden, und dies gibt mir ein Gefühl der De⸗ muth, welches ich nie gekannt habe. Ich geize heimlich nach einem freundlichen Blick von ihm, und fühle, ſeitdem er hiermit ſparſamer wurde, erſt wahrhaft den Werth ſeiner Liebe für mich.— O, liebe, theure Freundin! Wenn es wirklich uebermuth war, deſſen Sie mich vorher beſchuldig⸗ — 66— ten, ſo büße ich ſchon jetzt dafür. Es gibt keine edlere, aber auch keine wirkſamere Strafe, als die, die Bören über Ihre Hermine übt. Ich will aber auch dankbar ſein, und fortan alles vermeiden, was ihn beunruhigen könnte. Ich glaube doch am Ende, die Triumphe, von denen ich ſonſt ſprach, ſind nicht allemal erfreulich für den, den wir damit zu erhö⸗ hen gedachten. Ich werde mich künftig des ſchön⸗ ſten Sieges erfreuen, wenn ich die Grillen meines Freundes zu verſcheuchen vermag. Zürnen Sie mir nicht mehr, verehrte Frau! Ich will, ich werde gewiß recht gut werden, denn ich fange an meine Fehler einzuſehen, und das iſt, meine ich, ein gu⸗ tes Zeichen von der Beſſerung Ihrer Hermine. — Achtzigſter Brief. Graf Malvi an den Baron L. Aus der Reſidenz, im Januar 18**. Du verlangſt den Ausgang meines Abentheuers zu erfahren?— Ich bitte Dich, laß mich!— Die ganze Sache iſt mir verdyießlich,— ennuyant geworden! Es gibt Erſcheinungen, die mich mehr intereſſiren;— ich habe keine Geduld mehr, die Poſſen und Meerkatzenſtreiche abzuwarten, unter denen die ſchlaue Frau ihren wahren Charakter verbirgt. Ueberdies fängt der Mann an, mir un⸗ erträglich zu werden, mit ſeinen Argus⸗Augen und ſeiner mißtrauiſchen Höflichkeit,— kurz, ich habe Luſt, meine Huldigungen einem würdigern Gegen⸗ ſtand zu widmen. Der Beweis meiner Behaup⸗ tung ſei einem Andern überlaſſen, der mehr Zeit und Muße hat, meine Meinung zu rechtfertigen; — daß dieſe Zeit einſt kommen wird, iſt gewiß, und daß ich dann nicht blind ſein werde, verſichere ich Dich!— 68— Es gibt ſo viel Erbärmliches und Abgeſchmack⸗ tes im Leben, daß man mit Freuden eine flüchtige Idee opfert, um nur wieder einmal eine neue Sei— te deſſelben zu gewinnen.— Selbſt der liebens⸗ würdigſte Witz kann gähnen machen, wenn er nicht durch einen Trait weiblicher Sentimentalität bis⸗ weilen gehoben wird!— Der Menſch will Abwech⸗ ſelung,— alles Einerlei iſt ermüdend, und macht uns am Ende einſeitig und ärgerlich. Die ſchöne Welt um mich her vermag kaum noch ein flüchti⸗ ges Intereſſe bei mir zu erregen;— Alles um mich herum kommt mir wie ein zehnmal durchblät⸗ tertes Buch vor, der Durſt nach Neuem wird mäch⸗ tig in mir, ob ich gleich nicht weiß, unter welcher Geſtalt ich es aufſuchen ſoll. Ich fange jetzt an, meine Aufmerkſamkeit in erhöhtem Grade auf die Comteſſe Domelli zu rich⸗ ten. Sie ſcheint Glück zu machen, und wird von der Fürſtin auf eine ehrenvolle Art bemerkt. Sie muß in der That mehr Geiſt haben, als ich ihr im Anfange zutraute, ich höre viel zu ihrem Lobe ſprechen, und überall erndtet ſie Huldigungen ein. Was mir an ihr nicht gefällt, iſt die Gleichgültig⸗ keit, mit der ſie dieſelben beachtet! Sie ſollte mehr Werth auf ihre Vorzüge legen, und einigen Unterſchied unter denen machen, die ſich um ihre Unterhaltung drängen.— Ein gewiſſer Graf —————— Ordeck, der mehr Eigendünkel als Bildung ver⸗ räth, ſcheint das Vorrecht einer frühern Bekannt⸗ ſchaft auf eine auffallende Art geltend zu machen. Er verfolgt die Comteſſe wie ihr Schatten, und macht ſich überall wichtig,— wird dabei auf's freundlichſte behandelt, und ſogar ſichtlich vorgezo⸗ gen. Es verdrießt mich, daß ſie keinen beſſern Geſchmack verräth! Was kann ihr dieſer rohe Ra⸗ tur⸗Menſch ſein?— Zum Zeitvertreib viel zu plump und zu langweilig, wird er noch weniger den Forderungen ihres Herzens entſprechen,— wenn es die Bildung hat, von der man überall ſpricht.— Ich werde mir jetzt Mühe geben, ſie genauer kennen zu lernen. Die Münter ladet mich täglich ein,— und die Bekanntſchaft mit der Comteſſe kann mir nicht bequemer gemacht werden.— Sie ſoll zwar ſelten zu ſehen ſein, weil ſie ſich viel mit künſtleriſchen Uebungen beſchäftigt, doch darf ich deshalb wiederum hoffen, ihr keine unangeneh⸗ me Unterhaltung zu gewähren, wenn ſie einmal ihre Schüchternheit beſeitigt, und mir den Schatz ihres Geiſtes aufgethan hat. Sie hat, wie ich höre, auf letzter Redoute viel Aufſehen gemacht. Sie war als Pſyche er⸗ ſchienen, und ſoll durch die Grazie ihrer Bewe⸗ gungen und das Maleriſche ihres Anzuges Aller Blicke auf ſich gezogen haben.— Ich hatte eine Verdrießlichkeit im Kopfe, und habe daher das Beſte verſäumt, indem ich zeitig den Saal verließ. — Faſtnachtspoſſen habe ich genug geſehen und mitgemacht,— es iſt nun Zeit, daß ich ernſter werde.— Wie?— Oder meinſt Du, Freund, ich ſei für ein ſolides Leben verdorben?— Ich habe mir vorgenommen, mich deshalb ſelbſt auf die Probe zu ſtellen; gelingt es einem Weſen, mich zu⸗ rechtzubringen,— ſo iſt es ohnſtreitig ein vernünf⸗ tiges Weib, dem die Ehre anheimfällt!— Ich böre Dich lachen!— Nun freilich, neu iſt ein ſol⸗ ches Wort aus meinem Munde allerdings!— Aber Alles hat ſeine Jubel⸗, Scherz⸗, Ernſt⸗ und Bekehrungs⸗Periode im Leben!— Keine von die⸗ ſen ſtürzt zuſammen, ohne nicht eine andere zu erzeugen,— die Folge davon iſt, daß das Leben immer neu bleibt, und der Menſch dem ewigen Einerlei glücklich entflieht.— Wundere Dich alſo keinesweges, mein Freund! wenn Du einmal davon höreſt, ich gehe im Bü⸗ ßergewand unter den Menſchen umher. Man muß ſich in Allem verſuchen, um herauszufinden, unter welcher Geſtalt man dem Glück am wohlgefällig⸗ ſten iſt. Malvi. —— —,———————— — 71— Einundachtzigſter Brief. er Breiſach, im Jannar 18**. Jo ſchob es abſichtlich auf, Dir zu ſchreiben, weil ich mich ſchämte, Dir eine Stimmung zu ver⸗ rathen, die meiner unwürdig iſt. Jetzt drängt mich ein neuer Gram, zu Dir meine Zuflucht zu nehmen, vielleicht daß Beine Freundſchaft mir Rath wetß. Mein Fritz iſt ſeit Angela's Abreiſe gänzlich verändert. Er war an die Liebkoſungen der Com⸗ teſſe, an ihre zärtliche Güte gewöhnt, und em⸗ pfand ihren Verluſt auf's ſchmerzlichſte. Mit Mü⸗ he vermochte ich es, ihn einige Zeit mit der Hoff⸗ nung hinzuhalten, ſie kehre wieder zurück. Freu⸗ dig gab er ſich dieſer ſchönen Erwartung hin, doch als ſie immer nicht kam, da riß die Geduld des Kindes; es erkrankte.— Wochenlang ſah ich es an, wie der Knabe litt, und ſichtlich hinwelkte, ietzt kann ich es nicht länger ertragen, ich weiß einen Rath, von dem ich allein noch Troſt für mein beſorgtes Vaterherz zu hoffen wage, und ver⸗ traue ihn Dir.— Demviſelle Wallburg war ſchon einmal der freundliche Engel meines Kindes.— Wie, wenn Du der Freundſchaft das Opfer brin⸗ gen, und ſie eine Zeitlang mir überlaſſen wollteſt? — Ich ſehe das Seltſame meiner Forderung ein, und kann kaum erwarten, daß wenn Du und Dei⸗. ne Frau auch wirklich eine ſo thätige Gefährtin entbehren wolltet, Thereſe ſelbſt in meinen Vor⸗ ſchlag willigen werde, indem ſie allerdings Rück⸗ ſichten zu nehmen hat, die ich zu ehren gezwungen bin. Schildere ihr indeß meinen Charakter, und ſtelle ihr meine Bitte vor. Du aber glaube, daß nur meine tiefe Bekümmerniß mich einen Vorſchlag wagen ließ, der Dir, im Fall der Gewährung mit einem Verluſte droht, den ich Dir nicht zu erſetzen vermag. 2 Ich habe ſchon gedacht, Dir den Knaben auf's neue hinzugeben, aber ich vermag es nicht. Mein Leben iſt ſehr verarmt, ſeitdem ich aufhörte, mich an den Strahlen des reichſten, freundlichſten Ju⸗ gendlebens zu ſonnen. Der Frühling, den ich auf's neue mein nannte, war ihr Werk,— die. zarten Beziehungen, die zwiſchen uns walteten, waren die Sonnenblicke, die belebend über die dü⸗ ſtern Tiefen meiner Seele dahinleuchteten,—— —.————— — die Blüthen trocknen langſam ein, wenn der alte Winter wiederkehrt. Ich habe ein Schreiben von der Comteſſe erhalten, voll Freundlichteit, Wärme und Vertrauen, aber auch voll ſichtlicher Beweiſe der Gewalt, die die Gegenſtände um ſie her über ſie zu üben beginnen. Ihre Sinne ſind von den Wundern der Kunſt entflammt, ſie taumelt im ſe⸗ ligen Rauſche von Einem zum Andern, vermengend die Eindrücke irdiſcher Schöne mit göttlicher Be⸗ geiſterung, und vermeinend in der Liebe zu jenem den Gott zu umfaſſen, den ich ſie im Geiſt und in der Wahrheit anzubeten gelehrt habe.— Aengſt⸗ lich faßt ſie in der ſüßen Berauſchung nach meiner Hand,— ich reiche ſie ihr mit väterlicher War⸗ nung, aber wie lange wird ſie ſie halten?— Die Wogen des Genuſſes betäuben zu geſchwind ein empfängliches Gemüth. Ihr Ohr wird die Stim⸗ me aus der Ferne immer ſchwächer vernehmen, und die Welt ihre Schranken auch zwiſchen unſere Seelen ſtellen! Walter, nur Du vermagſt den Schmerz zu ahnen, den ich nicht auszuſprechen vermag, die ſe Zweifel, dieſe Furcht, dieſe heimlich nagenden Qualen!— Der Graf vermehrt ſie täglich, indem er in der Abſicht mich zu erfreuen, mir alles mit⸗ theilt, was die Baroneſſe ihm Schmeichelhaftes über ſeine Tochter ſagt. Die Triumphe ſeiner Eitelkeit Angelg III. 4 werden mir zu peinlichen Stacheln der Furcht, und der Zuwachs ihrer Geſchicklichkeit, kommt mir als die unnütze Zierde eines Kunſtwerks vor, welches in ſeiner holden Einfalt ſeine höchſte Vollendung beſaß. Noch haſt Du mir nichts von Angelen ge⸗ ſchrieben! Vermeideſt Du es, eine Reigung zu unterhalten, die auf Erden keine Hoffnung nähren darf? Oder beſuchſt Du die Säle nicht, wo ſie die Kränze des Beifalls gewinnt?— Wohin verirrt ſich meine Phantaſie!— O Walter, habe Mitleid mit mir, bedaure Deinen einſamen, verlaſſenen Freund!— Zweiundachtzigſter Brief. Thereſe Wallburg an ihre Mutter. Aus der Reſidenz, im Janugr 18* SZum erſtenmal in meinem Leben, geliebte Mut⸗ ter, wage ich es ohne Ihr Wiſſen zu handeln. Ich fühlte im tiefſten Herzen, daß mir Ihre Ein⸗ willigung nicht fehlen würde, daher überlegte ich nicht lange, ſondern folgte mit Freuden der Stim⸗ me meines Herzens. Norden hat an Herrn Walter geſchrieben, ſein krankes Kind bedarf einer mütterlichen Pflegerin, er beweiſt mir das ſchöne Vertrauen, mich zu der⸗ ſelben zu erwählen. Wie gut meint es Gott mit uns, daß er auf's neue die Gelegenheit in unſere Hand gibt, dem Mann einen Dienſt zu erweiſen, den Sie vor Allen ſich verſöhnt wiſſen möchten! — O, liebſte Mutter, Sie werden, Sie müſſen es billigen, daß ich ſogleich entſchied, ohne Ihre 4* — Antwort abzuwarten, und Morgen ſchon meine Reiſe nach Breiſach antrete, in der feſten Ueber⸗ zeugung, Sie ſtimmen mit meinem Entſchluß, mei⸗ nem Wunſch, meiner Anſicht auf's innigſte über⸗ ein. Sie ſelbſt waren es ja, die mich aufforderte, den holden Knaben wie einen mir angehörigen lie⸗ ben Verwandten zu betrachten, um gleichſam durch meine Sorgfalt für ihn die Schuld einer früheren Verpflichtung zu tilgen, die Sie dem Vater nicht abzutragen vermochten. Jetzt vermag ich auch für dieſen zu handeln, zu ſorgen. Ich will Alles aufbieten, ſein einſames Daſein zu erheitern, zu verſchönen, ich will die Liebe einer Tochter ausüben, ohne den Dank eines Vaters dafür zu verlangen; ich will Ihnen durch mein uneigennütziges Handeln beweiſen, wie der Segen, den ich dadurch auf das Haupt meiner Erzieherin zu bringen gedenke, mir Vergeltung ge⸗ nug iſt,— und wie ich, durch dieſe Hoffnung emporgerichtet, gar nicht klagen werde,— wenn auch mein Leben in Rordens Hauſe ganz einſam und freudenlos iſt.— Sie kennen ja meine Liebe zu dem Kinde!— Die Pflege deſſelben wird mich nicht ohne Heiterkeit laſſen, und ich werde auch von dieſem Boden Blüthen genug erndten, von denen ich jetzt noch keine Ahnung habe. ( —— Sein Sie daher nicht bekümmert um mich, meine Mutter! Ich gedenke Ihnen bald aus Breiſach zu ſchreiben, und Ihnen zu ſagen, daß die innere Zufriedenheit ſtets dem guten Willen zur Seite iſt! Leben Sie wohl!— Ihre Thereſe. Dreiundachtzigſter Brief. Graf Ordeck an Norden. Aus der Reſidenz, im Jannar 18**. Zürnen Sie nicht, theurer Freund! Ich kehre noch nicht zurück!— Sie haben gewiß längſt er⸗ rathen, was mich hierher trieb, und was mich noch hält, trotz dem fremden Leben und Treiben der großen Welt, in dem ich mich nie zu Hauſe fühlte! — Angela iſt die Zauberin, die Alles vollbringt! — Ich ſtaune, wieviel ſie über mich vermag, und bin vft noch daran, mich für einen närriſchen, wahnwitzigen Menſchen zu halten.— Ich habe mich der Fürſtin präſentiren laſſen, habe alle Gön⸗ ner und Freunde hervorgeſucht, weil es die Liebe befahl.— Sonſt,— Sie kennen meine Anſichten von Convenienz und Etiquette!— Keine Macht der Erde hätte mich vermocht, mich unter das klei⸗ ne Geſchlecht ſchmeichelnder Höflinge zu miſchen, über das ich mich im Gefühl ſtolzer Freiheit erho⸗ ben glaubte!— Jetzt tappe ich in der Schule des Welttons umher, wie ein irrender Pilger in Siriens Wü⸗ ſten, und finde auf der breiten glatten Sandfläche keinen Halt, keine Labung für mein Gemüth!— Angela's tröſtendes Wort iſt der einzige Engel in der Wüſte, der mit ſeinem Himmelsbrod die lech⸗ zende Seele erquickt. — Wie nenn' ich den Zauber, den dieſes hol⸗ de Weſen über mich übt?— Liebe iſt mir ein ſo verbrauchter, gewöhnlicher Ausdruck, daß ich gern einen andern dafür hätte!— Es iſt ein ſo ſüßes Bedürfniß, an ihren Blicken zu hangen, ihre Worte zu vernehmen, daß, wenn ſie ſich auch gar nicht mit mir beſchäftigt, mein Leben ſchon ein ſeliges iſt, wenn es durch ihre Nähe geheiliget wird. Ich erfuhr letzthin, die Baroneſſe würde mit Angelen der Redoute beiwohnen; ich nahm einen Pilgermantel, und miſchte mich unter das bunte Getümmel, aus Neugier, ob ich ſie herausfinden würde, erkennen, auch in fremder Vermummung, an dem wunderb aren Einfluß, den ihre Nähe über mich übt. Viele holde Bilder zogen an mir vorüber, kei⸗ nes berührte mein Gemüth, keines gab mir eine leiſe Hoffnung, ſie ſei es, die ich ſuchte. Trauernd — lehnte ich mich an eine Säule des Vordergrundes, — das bunte wogende Meer mit prüfenden Blicken überſchauend.— Da ſchwebte eine buntbeſchwingte Pſyche an mir vorüber;— ſie verlor ſich in den Reihen der Tanzenden,— aber an dem Leben, welches bei ihrem Anblick über mich kam, wußte ich, daß ſie es geweſen war, die ich ſuchte. Mühſam drängte ich mich, nachdem der Tanz beendet war, zu dem Olymp, der von den Vor⸗ nehmſten des Hofes vorgeſtellt, den Sitz der Für⸗ ſtin umgab.— Da ſah ich die holde Geſtalt, ſin⸗ nig in ſich geſchmiegt, den Blick zur Höhe gerichtet, am Ende der Reihe ſitzen.— Ich ſtellte mich leiſe hinter ihren Stuhl,— wie ſchön war ſie in der leichten ätheriſchen Bekleidung,— wie deuteten die zartgeſtalteten Schwingen auf die Freiheit, die ihr angebornes Eigenthum iſt, und die man ihr zu nehmen verſuchte.— „Wohin ſchweifen Deine ſehnſüchtigen Blicke, holde Pſyche?“ ſprach ich ſie an. Sie ſuchen die Heimath, die ich hier nicht finde, v Pilger! Kennſt auch Du die Sehnſucht? — Dein Kleid deutet mir an, Dein Vaterland liege fern wie das meine!““ „Der Pilger verlaͤßt willig den heimiſchen Boden, um zu dem Gnadenbilde zu wallfahrten, von dem er Erhörung hofft!“ Sn + — Si— So iſt die Gewährung himmliſchen Glücks Dein Ziel wie das meine, frommer Pilger?““ „Der Glaube und die Liebe haben eine Hei⸗ math! Wir wandern zuſammen!“— — Angela warf einen prüfenden Blick auf mich.—„„Alles dort vben wie auf Erden geht ſeinen beſtimmten Lauf!““ ſprach ſie, meine Ab⸗ ſchiedsworte von Breiſach wiederholend, und be⸗ hielt mich im Auge. „Auch Sie werden ihn gehen, holde Pſyche, liebenswürdige Angela!“ rief ich von Freude über⸗ wältigt, daß ſie mich erkannt hatte:„Sie werden ihn gehen, und Ihre wahre Heimath finden!“— „„Wotoch!— guter, lieber Graf!““ flüſterte ſie leiſe:„Ich habe es längſt errathen, daß Sie es ſein müßten! Ich hätte wahrlich mit nieman⸗ den ſo frei, ſo ungezwungen ſprechen können!— O, hätt' ich ein Pilgerkleid, und wir könnten zur Heimath wallen, zu der lieblichen ländlichen Flur, die doch viel ſchönere Blumen trägt als der Bo⸗ den, worauf wir jetzt umherwandern!““ Sie fuhr nun fort mir zu erzählen, wie dies Leben mit allen ſeinen Genüſſen ſie nimmer be⸗ friedigen werde, ſie klagte ſich der Undankbarkeit, gegen die Baronin, gegen die guten Menſchen, die ſtets für ihre Umgebungen bedacht wären, an,— und verglich die einfachen Freuden in Breiſach mit —— den gegenwärtigen, auf eine Art, die mich Alles von der Zukunft hoffen läßt. Welche köſtliche Minuten verdank' ich dieſer Unterhaltung! Es war das erſtemal, daß ich ſie ohne läſtige Zeugen ſprach, das erſtemal, daß ſich ihr Herz in ſeinen geheimſten Tiefen entfaltete.— O, Norden, wün⸗ ſchen Sie mir Glück! Ich wage zu hoffen, daß ich ihr nicht ganz gleichgültig bin. Die Freude, mit der ſie an den künftigen Frühling dachte, wo ſie nach Breiſach zurückzukehren hofft, deutet mir an, daß ihr Herz dort mehr zu Hauſe iſt, als hier. Ich werde den ſchönen Funken, den ich in ihrer Seele entdeckte, mit treuer Sorgfalt pflegen, und nun ernſtlich darauf denken, meine Pläne mit de⸗ nen des Grafen in einige Harmonie zu bringen. Eine artige Beſitzung, die unfern des fürſt⸗ lichen Parks gelegen iſt, und ich an mich zu bringen gedenke, wird mir einen längern Aufenthalt in der Reſidenz erleichtern. Die Fürſtin iſt eine ſehr würdige, gütige Dame, und ſteht wie ein reiner, hellleuchtender Stern über den Raketenſpielen der Ehrſucht und Eitelkeit, durch die ſich ihre Umgebungen zu ihrer geiſtigen Höhe emporzuſchwingen, und ihr gleich zu werden verſuchen. Auf dieſem Standpunkt, den ihre ſittliche Größe erreicht hat, unterſcheidet man das ächte, —, vom falſchen Prunk, und nimmt es mit den Ge⸗ ſetzen der Etiquette, die Menſchenwitz zum Troſt für menſchliche Schwäche erſann, nicht mehr ſo ge⸗ nau, weil die Göttlichen, Ewigen ihr ungetrübt vor Augen ſtehen. Ich fand eine gnädigere Aufnahme, als ich erwartete, und habe zu meiner Freude, die Für⸗ ſtin vergeſſen können, indem ich vor der milden geiſtreichen Fran ſtand. Die Schwärme der Höflinge laſſen mich unbe⸗ kümmert.— Sie werden ihre Stacheln nicht an mir verſuchen, weil ſie befürchten müſſen, einem Manne zu begegnen. Die Edeln unter ihnen ſind meine Brüder, wie es der brave Mann im Leinen⸗Kittel iſt. Ich werde ſie erkennen, und von ihnen erkannt werden, und allmählig feſten Fuß faſſen auf dieſem fremdartigen Boden. Sagen Sie, theurer Freund, dem Grafen Domelli nichts von meinen Plänen, meinen Hoff⸗ nungen.— Ich will von ihm nicht eher verſtan⸗ den ſein, bis die Wege, die wir gehen, von ſelbſt zuſammenlaufen, und wir uns darauf freundlich begegnen. Gott, wie ich jubelnd aufſpringen und die ganze Welt an meine Bruſt ziehen möchte, wenn ich auf das Ziel meines Strebens hinblicke!— —— Angela!— Alle Güter, alle Seligkeiten des Lebens haben ſich in dieſen Ramen geflüchtet. Norden, geliebter Freund, ſegnen Sie Ihren Wo⸗ toch, damit er ſich des Lohnes einer ſo reichen Glückſeligkeit würdig machen möge!— — Vierundachtzigſter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Richardis. Aus der Reſidenz, im Janugr 18*. „ Die Zeit, Geliebte! kann es einem ſo ſeltſamen Weſen, wie ich bin, gar nicht mehr recht machen! — Sie flieht mir viel zu ſchnell dahin, für die Uebungen, die ich täglich erneue, um mir während meines Hierſeins einige Fertigkeiten zu erringen, — und ſchleicht mir auch wieder ſo langſam, ſo träge, wenn ich auf das kommende Frühjahr blicke, wo ich nach Breiſach zurückkehren darf. Die Ba⸗ roneſſe will nichts davvn hören, und meint, es wäre Sünde, mich in der ſchönſten Zeit meines Aufblühens und Entfaltens zu ſtören, und meinem. Glück entgegen zu handeln.— Ich weiß nicht recht, was ſie unter dem Letzten verſteht,— aber das fühle ich, daß ich etwas ganz Anderes ver⸗ lange, als das Glück, das ſi ſie für mich im Auge hat!— — 5— Die Huld der liebenswürdigſten Fürſtin iſt mir, ich geſtehe es, ein unſchätzbares Gut,— aber eben darum, weil ſie ſo edel iſt, und mich ſo wahrhaft liebt, beachte ich um ſo ſorgfältiger ihre Meinungen, ihre Winke, und dieſe ſind nicht von der Art,— daß ich befürchten müßte, daß dieſe gütige Frau es je verlangen würde, mich von dem Liebſten, was die Erde für mich hat, meiner Heimath auf immer zu trennen.— Sie forſcht mit wahrer mütterlicher Sorgfalt nach den Bedürfniſſen meines Gemüthes, und erräth ſie, ohne ſich meiner natürlichen Offenheit zu bedienen. — Was mich innig freut, iſt, daß ſie dem guten Grafen Ordeck Gerechtigkeit widerfahren läßt. Sie will ihm ſichtlich wohl, und nennt ihn eine ächte unverfälſchte Ratyr, die man hochſchätzen müſſe, und dies iſt, meine ich, etwas recht ſchönes und ſeltenes von einer ſo feinen und hochgebilde⸗ ten Dame.— Ordeck hat, wie ich höre, eine Be⸗ ſitzung in der Nähe des fürſtlichen Schloſſes ge⸗ kauft, und wird den Winter über in der Reſidenz bleiben.— Der Gedanke iſt mir ſo lieb, ihn nun bisweilen zu ſehen, und vor einer gemeinſam durch⸗ lebten Vergangenheit ſprechen zu können,— und doch betrübt es mich um Nordens Willen. Er wird ſich nun noch einſamer fühlen als vorhin, wo er, wie er ſagte, faſt täglich bei ihm war.— „— Ich werde heute noch an Norden ſchreiben. Ein Geſpräch, daß ich vor kurzem mit dem Gra⸗ fen Malvi führte, hat mein Gemüth ſehr beunru⸗ higt, und mit tiefer Betrübniß über die Verblen⸗ dung ſeiner Seele erfüllt. Dieſer Graf iſt in meinen Augen ein ſehr beklagenswerther Mann; er entbehrt der ſchönſten Stütze im Leben, des Glaubens, und will dieſe Lücke verhüllen, indem er ſie mit einem Gewebe kalter Vernünfteleien, glänzender Verſtandes⸗An⸗ ſichten bedeckt. Norden allein kann mich über eine Meinung beruhigen, die mir mit allem Pomp ſcheinbarer Wahrheit aufgedrungen wurde, und die ſich nun oft feindlich meinem beſſern Selbſt entge⸗ genſtellt.— O, es iſt ſchwer, mit der Stimme des Herzens gegen die feinſpekulirende Klugheit an⸗ zukämpfen!— Die Gründe des Gefühls werden von dem Verſtande ſo geringgeſchätzt, ja oft ſo mitleidig belächelt, daß viel Feſtigkeit des Gemü⸗ thes dazu gehört, in der einfachen frommen Lehre des Glaubens zu beharren. Ich fühle, die Nähe des Grafen Malvi, iſt für ein jugendliches Gemüth, eine gefährliche!— Oft, wenn er im Schauſpiel die Rührung, den tiefen Eindruck beobachtet, den die Größe edler Handlungen in meiner Seele zurückläßt: ertödtet er die ſüße Begeiſterung in mir, durch ein ſarka⸗ ſtiſches Lächeln, vder durch eine leicht hingeworfene Bemerkung, die ſogleich wie Eis in die Flamme fällt, und ſie löſcht.— Er ſucht überall nur das Unzulängliche menſchlicher Bemühungen, nur das Verfehlte, nie das Gelungene hervor, und übt durch ſeinen kalten Witz eine Gewalt über meine Phantaſie, die mich mit Unwillen gegen ihn, noch mehr aber gegen mich ſelbſt erfüllt. Mir iſt, als könnte vor dem Richterſtuhl ſeines Verſtandes kei⸗ ne Tugend, keine Vortrefflichkeit, kein Talent, kein frommes Gefühl beſtehen; und doch iſt mir auch, als ſtehe ich erhabener über ihn, trotz meiner kin⸗ diſchen Unwiſſenheit, ob es mir gleich nie gelingt, ihn vvn meiner Meinung zu überzeugen, ſondern ich ſtets betrübt ſchweigen muß.— Er widerſpricht mir ſtets, und doch iſt er hisweilen ſehr gut und artig gegen mich. Er hat mir vor kurzem Ueber⸗ ſetzungen einiger engliſchen Werke überſchickt,— Gedichte, welche die Münter ſehr liebt, und die, von der wildeſten Phantaſie geboren, Kopf und Sinne entflammen, und das Herz unruhig machen. — Ich habe die Baroneſſe gebeten, mir das Vor⸗ leſen zu erlaſſen, und werde ſie ganz bei Seite legen, weil mein Lehrer mir dieſe Bücher gewiß verweigert hätte.— Daß ich es Ihnen geſtehe, liebe Richardis! ich arbeite ſeit kurzem an einer kleinen Sammlung Gedichte, mit der ich meinen theuern Lehrer zu überraſchen gedenke.— Es iſt ein unaufhörliches Streben in mir, mich zu ver⸗ edeln, auszubilden,— damit ich die Höhe erreiche, auf welcher er ſteht! Kaum vermag ich es zu un⸗ terſcheiden, ob ich die Tugend in ihm, vder ihn in der Tugend verehre.— Beide haben für mich eine Geſtalt, eine Stimme, und nie kann ich die Liebe zu Beiden zu trennen verſuchen, ohne das ſchönſte Glück meines Lebens aufzugeben. Tadeln Sie mich nicht, Richardis! wegen ei⸗ ner zu großen Anhänglichkeit für einen Mann, der, wie Sie meinen, mir ſtets fern ſtehen wird! Noch kenne ich keinen Wunſch, als ſeine Zufriedenheit, — und dieſer ſtreitet ja keinesweges gegen die Pflichten, die Sie mich für die Zukunft zu beher⸗ zigen bitten!— Laſſen Sie mir das ſchöne Bild ungeſtört, das ich mir vom künftigen Frühjahr ent⸗ werfe!— O, es iſt ja eine ſo reine, ſo natürliche Freude, die wir in dem Gedanken finden, den, der uns ſäen half, mit den heranreifenden Früch⸗ ten zu überraſchen! Fünfundachtzigſter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Norden. Aus der Reſidenz, im Januar 18**. Sh flüchte zu Ihnen, mein theurer Lehrer, mit einem Herzen voll Unruhe! O ſagen Sie, warum wurde dem Verſtand eine ſo ſichtliche Macht über die Kräfte unſeres Gemüthes gegeben, daß er die⸗ ſelben verwirren, und wirklich auf Augenblicke un⸗ tereinander entzweien kann? Warum darf er ſich alſo brüſten, als wäre er der König der Erde, und das Heiligſte in uns demüthigen, und zur An⸗ erkennung ſeiner Macht zwingen? Ich habe einem Geſpräch beigewohnt, welches mich anfänglich durch die Neuheit der Anſichten anzog, dann mir mißfällig wurde, weil ich mir in ihm, einen geliebten Glauben nach dem andern, genommen ſah, und zuletzt auf's Höchſte mich auf⸗ brachte, indem ich der Zweifelſucht, nachdem ich ihr einen Augenblick Gehör geliehen hatte, keine Grenzen zu ſetzen vermochte. Graf Malvi, ein Bekannter der Baroneſſe Münter, brachte uns vor kurzem ein Buch, das er uns als den ſichtlichſten Beweis der fortſchrei⸗ tenden Geiſteskultur zu leſen empfahl.— Wir nahmen es in ſeiner Gegenwart vor; es waren Aufſätze religiöſen Inhalts, worin auf eine ſo klare als verſtändige Weiſe alles Geheimnißreiche der chriſtlichen Religivn auf eine natürliche Art erklärt, und all' die wunderbaren Ereigniſſe, die die Ge⸗ ſchichte der Geburt und des Todes Jeſu begleiten, als leicht entbehrlich, ja ſogar als dem denkenden Chriſten ſtörend, verworfen wurde. Demnach war unſer Mittler, als der weiſeſte, hochbegabteſte un⸗ ter allen Menſchen dargeſtellt, dem keine höhere Gewalt, als die des reinen, kräftigen Willens zu Gebote ſtand, deſſen Lehre aber als die vortreff⸗ lichſte und die vollendeſte anerkannt wird, die je auf Erden zum Heil der Menſchheit gelehrt wurde. Ich las das Buch, ohne jene Unruhe und Beklommenheit zu empfinden, die mich ſtets bei unwürdigen Zweifeln ergreift; die Sprache deſſel⸗ ben war einfach, und die darin aufgeſtellten An⸗ ſichten, auf eine freimüthige und doch höchſt be⸗ ſcheidene Weiſe der Beurtheilung des Leſers über⸗ laſſen. Sie hatten mich, mein theurer Freund, ſtets vor Allem auf den göttlichen Geiſt der chriſtlichen Lehre hingewieſen, ohne meine Aufmerkſamkeit auf die wunderbaren Begebenheiten jener Zeit beſon⸗ ders hinzulenken. Ich hing aber auch an dieſen mit ſchwärmeriſcher Innigkeit, und ſah mit einem Schauer heiliger Andacht jene Zeit vor allen her⸗ vorſtrahlen, durch eine ſichtlichere Gemeinſchaft mit Gott, durch die Wunderkraft eines wahren leben⸗ digen Glaubens.— Bei Leſung dieſes Buches be⸗ merkte ich zum erſtenmal, daß ich nicht abgeneigt war, den zauberiſchen Reiz mancher myſtiſchen Vor⸗ ſtellungen für die Klarheit einer verſtändlichern Anſicht hinzugeben.— Ich fühlte, daß der Mann, der dieſe Ideen mitgetheilt hatte, deshalb nicht weniger ein guter Chriſt ſein könne, als die, die ſich buchſtäblich an die Evangelien halten. So, mein theurer Lehrer, glaubte ich mich auf dem ſicherſten Wege, als mich auf einmal das darauf folgende Geſpräch von der Gefahr überzeugte, in die ſich mein Glaube begeben hatte. Graf Malvi begann einige Stellen deutlicher zu erklären, und berührte einige Gegenſtände des Glaubens auf eine Art, die mir mißfiel, ob er gleich eigentlich nichts that, als das auszuſpre⸗ chen, was jener Verfaſſer dachte, als er das Geheimnißreiche jener heiligen Zeit als entbehrlich * . — — 93— verwarf. Ich ſah bald aus der Fertigkeit, mit der er dieſe leicht angedeuteten Anſichten handhabte, wie geübt er war, die Rechte des Verſtandes auf Koſten des Glaubens zu vertheidigen, und nahm mir vor, mich mit aller Wärme an das einfache Wort der Schrift zu halten,— wohl fühlend, daß, wenn ich einer ſeiner Meinungen beiſtimmte, ich zugleich die Gewalt verlor, ſeiner Zweifelſucht in ernſtern Dingen zu widerſtehen. Still in mich zu⸗ rückgezogen, war ich nun Zeuge, wie dieſer Mann mit furchtbarer Beredtſamkeit die Barvoneſſe von Minute zu Minute, um einen ſchönen Glauben nach dem andern betrog, wie er die Gebäude ihrer Gegenvorſtellungen zuſammenwarf, und ſich trium⸗ phirend auf die Trümmer derſelben ſtellte,— der perſonifizirte Verſtand, der Alles zu Boden wirft, was er nicht zu faſſen vermag, und ſich im ſtolzen Eigendünkel zum König der Erde erhebt, Ich verſuchte es bisweilen die Baroneſſe zu unterſtützen, mit den einfachen Worten meiner in⸗ nigſten Ueberzeugung, aber dies entflammte ſeine Eitelkeit auf's neue, er wollte gegen uns beide ſeinen Sieg behaupten, und umſpann uns mit ei⸗ nem Gewebe liſtiger Spitzfindigkeiten und Sophis⸗ men, daß meine Begriffe ſich verwirrten, meine Worte ohnmächtig gegen die ſchroffe Wand ſeines Verſtandes ankämpften, und ich zuletzt, ohne ihn — 5— von ſeinem Unrecht, von ſeinen frevelnden Irrthü⸗ mern zu überzeugen, ermüdet und tief betrübt in mein Kabinet eilte, mich dort vor einem Stuhl niederwarf, und das Geſicht in demſelben verber⸗ gend, recht bang und bitterlich weinte. O, er hat an Gott und der heiligſten Wahrheit ſich verſün⸗ digt, als er die Bahn einſchlagend, die jenes Buch eröffnete, ſich erkühnte, des Heiligſten zu ſpotten, und ich hatte ihn nicht beſtrafen können, und muß⸗ te, unfähig ſeinen Triumph zu vernichten, den Glauben meiner ſchwachen Freundin zum Spiel⸗ ball des kalt vernünftelnden Witzlings herabgewür⸗ digt ſehen!— Sagen Sie, mein theuerſter Freund, warum wurden dem Glauben ſo geringe Waffen gegeben, ſich gegen den Verſtand zu vertheidigen?— Iſt ſein Reich nicht die Ewigkeit, und wird ihm nicht die größte Kraft zugeſchrieben?— Ich bin beküm⸗ mert, ich bin tief betrübt, daß etwas in meine Seele gekommen iſt, das ſie mit Unwillen gegen einen Menſchen erfüllt, der mit vielen Gaben des Verſtandes geſchmückt, ſonſt Rechte auf meine Ach⸗ tung hatte, und der nun durch den Mißbrauch derſelben die Gabe mir ſelbſt zweideutig und ge⸗ fährlich macht.— O, wären Sie bei uns g ich weiß, er hätte ſo nicht zu ſprechen gewagt!— Sie hät⸗ „ — ten es deutlich ausgeſprochen, was ich nur fühlen konnte, und was dennoch feſt und unumſtößlich in meiner Seele ſteht, ob es gleich keine Worte zu ſeiner Rechtfertigung fand!— O, mein geliebteſter Lehrer, wie muß es mir doch ſtets auf's neue inne werden, wie nur an Ih⸗ rer Hand für mich ein ſicheres Schreiten im Leben iſt, und wie ich immer noch den Kindern gleiche, die gut ſind aus angebornem Triebe, deren fromme Einfalt aber nichts gegen die liſtige Klugheit ver⸗ mag, und die den Himmel ihres Glückes nicht ge⸗ gen jene zu vertheidigen vermögen. O, wann wird die Zeit herbeikommen, wo ich meiner Heimath zurückgegeben, alles wiederfinden darf, was mein Herz begehrt: Friede, Liebe, hei⸗ tere Belehrung und ſchuldloſen Naturgenuß? O, mein theurer Lehrer, ſchreiben Sie mir bald, und ſuchen Sie mich wegen des Mißmuthes zu tröſten, den ich nicht los werden kann, ſeit ich mißtrauiſch gegen den Verſtand und gegen die weltliche Klug⸗ heit geworden bin! Sechsundachtzigſter Brief. W o A n g l6. Breiſach, im Janugr 18* Ißr Brief, Comteſſe, hat mich mit Rührung, und trotz der Unruhe, die Sie darinnen ausſprechen, mit einer ſeltenen Freude erfüllt! Noch ſteht der Himmel feſt in Ihrer Bruſt, Angela! Ich bin deſſen gewiß, ob Sie ſich gleich der Ohnmacht an⸗ klagen, Ihr ſchönes Eigenthum gegen die Angriffe der Zweifelſucht zu vertheidigen! Verlieren Sie deshalb den Glauben an Ihr Recht nicht! Sie baben geſiegt, auch ſchweigend geſiegt! Der Gott, der Ihre Betrübniß ſah, als Sie die Wahrheit Ihres Gefühls nur zu empfinden, nicht zu recht⸗ fertigen vermochten, wird Ihnen die Kraft geben, ferner auf dem Pfade des Rechts zu beharren. Sie fragen, warum dem Verſtand eine ſp ſichtliche Macht über die Kräfte unſeres Gemüthes gegeben iſt?— Sie ſelbſt nennen ihn einen König — 97— der Erde, und hierin, Comteſſe, liegt auch die Antwort auf⸗Ihre Frage verborgen! Der Ver⸗ ſtand, ſobald er der göttlichen Erleuchtung erman⸗ gelt, iſt eine irdiſche Macht, deren Reich gar eng begränzt iſt.— Er geſteht dies, indem er ſei⸗ ne Herrſchaft auf der ihm angewieſenen Scholle ſo geltend wie möglich macht, und ſich mit den wunderbaren Ahnungen nicht vertragen kann, die den Himmelsbürgern gegeben ſind, als leiſe An⸗ deutung ihres künftigen Glückes. Der Glaube aber iſt ein frommes Kind, welches den Worten des Vaters traut, auch da, wo es ſie nicht gänzlich zu faſſen vermag,— das lieber ſeine Beſchränkt⸗ heit demüthig anerkennt, als daß es durch unnützes Grübeln über die Sphäre ſeiner Faſſungskraft hinauszudringen verſucht, wo es ſo leicht in die Labyrinthe des Irrthums geräth. Darum ſtellte Chriſtus das Kind in den Kreis der in Hochmuth befangenen Jünger, darum verhieß er vor Allen denen das Himmelreich, die, in Demuth und Ein⸗ falt ſich aller Anmaßung begebend, ſich ſchon hie⸗ nieden als Bürger deſſelben bewähren würden. „Das Geheimniß des Herrn iſt nur in de⸗ nen, die ihn fürchten!“— Welch' ein gehalt⸗ reiches Wort, und welche hohe Wahrheit!— Glauben Sie, Comteſſe, es iſt kein gutes Zeichen unſerer Cultur, daß ſie die, ſo mit ihr vorwärts Angela III. 5 zu ſchreiten glauben, immer mehr von der einfa⸗ chen Sinnesart und Glaubens⸗Einfalt unſerer Vor⸗ eltern entfernt.— Das Buch, deſſen Sie erwähnen, hat, wie Sie bemerken, allerdings viel Anziehendes für den denkenden Menſchen, der ſich in der Klarheit der Begriffe gefällt.— Aber unſere Religion, ſo klar und faßlich die Lehre iſt, die ſie uns hietet hat es in Hinſicht ihrer wunderbaren Gründung, wie der uns vertrauten Hoffnungen mehr mit dem Glauben als mit Begriffen zu thun, wie das Reich, für das ſie uns erzieht, unſerm irdiſchen Sinn un⸗ zugänglich, nur der unſterblichen Seele in ſeliger Ahnung vertraut iſt.— Darum iſt die Sinnes⸗ Einfalt und Unſchuld beſſer in ihr zu Hauſe, als die grübelnde Klugheit, darum wird das kindliche Gemüth leichter in ihre heiligen Tiefen dringen, als der Verſtändige, der Alles nach dem Maas ſeiner beſchränkten Einſichten erklären will. — Hat nicht derſelbe Mund, der uns der Lehren göttlichſte vertraute, deren vollendete Weis⸗ heit von Jedem anerkannt werden muß, uns ſelbſt die Worte zugerufen: Selig ſind, die nicht ſchauen, und doch glauben!— 2— Können wir an der heiligen Bedeutſamkeit eines Satzes zweifeln, ohne uns eines heimlichen Vergehens gegen eine Lehre anzuklagen, deren —,— höchſte Vortrefflichkeit in ihrer Einheit und Wahrheit beſteht?— Laſſen Sie uns alſo ferner das Geheimniß⸗ volle jener Zeit, gleich dem ehrwürdigen Schleier der Wahrheit betrachten,— den der Sterbliche mit ungeweihter Hand nicht berühren darf.— Die göttliche That, die darunter hervorſtrahlt, — kann nur durch ihre Wirkungen empfunden, nie in ihrer Größe vollkommen verſtanden werden!— Bedauern Sie mit mir die in Irrthum und fre⸗ velnder Anmaßung befangenen Gemüther!— Men⸗ ſchen, die mit kaltem Witz die Heiligthümer des Glaubens anfeinden können, vermögen gewöhnlich nur zu zerſtören, aber nichts aufzuſtellen, was für eine zertrümmerte Hoffnung entſchädigen könnte, und beurkunden dadurch hinlänglich ihre Verirrung und ihre Ohnmacht. Ich warne Sie hiermit im Allgemeinen vor der Schaar klügelnder Zweifler. Vermeiden Sie es, ſich in Streitigkeiten religiöſer Art zu miſchen! — Ihr Herz würde, bei der ehrfurchtsvollen Liebe, die Sie zu Gott und unſerer Religivn hegen, je⸗ ner innern Betrübniß nie entgehen, die Sie ſo ſchön in Ihrem Briefe ausgeſprochen haben!— Bemühen Sie ſich übrigens mehr den guten Chriſten in ſeinem Wandel aufzuſuchen, als in ſeinen Aeußerungen!— Seien Sie tolerant — 100— gegen Andere, aber beharrlich und feſt in der ein⸗ mal gewonnenen Ueberzeugung, und vergeſſen Sie nicht, daß das Reich des Glaubens, die Ewig⸗ keit,— die Macht der irdiſchen Klugheit über jenes aber nur eine ſcheinbare, und mit der Erdenzeit vergängliche iſt!— — Die Art, wie Sie den Grafen beurtheilen, iſt mir ein neuer Beweis, wie es nicht immer ei⸗ ner geübten Erfahrung, ſondern nur eines geläu⸗ terten Gefühls bedarf,— um einen richtigen Blick in das menſchliche Herz zu thun. Sein Umgang iſt mir, wie ich ihn kenne, kein wünſchenswerther, aber nach dem, was Sie bereits von ihm wiſſen, auch kein gefährlicher mehr für Sie!— Ihr Blick, däucht mir, ſei bereits zu auf⸗ geklärt, um ſich von dem Prunk ſcheinbarer Gewalt blenden zu laſſen. Ich hoffe viel von dieſer Ihrer innern Klarheit, mitten im Gewühl der Schmeich⸗ ler und Weltkinder, das Sie umgibt!— Laſſen Sie Ihren Freund nicht vergebens hoffen!— Ihre Sehnſucht nach dem Frieden Ihrer Hei⸗ math iſt mir ein ſchönes Zeichen pon der Unſchuld Ihres Herzens!— Aber ich darf dieſe Sehnſucht nicht unterſtützen durch den eigennützigen Wunſch, Sie wieder in unſerer Nähe zu haben!— Ich muß Sie, Comteſſe, an die Hoffnungen Ihres verehr⸗ ten Vaters mahnen, die Sie ſtets vor Allem im —— Auge zu haben verpflichtet ſind!— Er ſcheint einen längern Aufenthalt in der Reſidenz für Sie beſtimmt zu haben,— und wird, wie ich glaube, die Freude, ſeine Tochter wiederzuſehen, ſich nicht eher erlauben, bis er nach ſeiner Anſicht Ihr Glück vollkommener begründet hat!— Laſſen Sie alſo den Wunſch Ihrer Seele nicht zu mächtig werden, ſo lange ſeine Erfüllung nicht gewiß iſt!— Das Leben fordert manche Entbehrung von uns, und manche Entſagung! Die Ihre würde im Fall der Verweigerung bei weitem nicht die ſchmerzlich⸗ ſte ſein!— Bedenken Sie das, und ſchöpfen Ste daraus einen Troſt, den das Leiden ſelbſt für den Leidenden erfand, und der vft als heilſam geprieſen ward. Möge die Zukunft, wie ſie ſich geſtaltet, ſtets eine ſegnende für Sie ſein, das iſt der treueſte Wunſch Ihres Freundes Rorden. Siebenundachtzigſter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Richardis. Aus der Reſidenz, im Februar 18*. Nein, mein Vater kann es nicht verlangen, daß ich länger als den Winter über in der Stadt blei⸗ ben ſoll.— Ich werde mich mit der Kraft kindli⸗ cher Liebe an ſein Herz drängen, er kann mich von dieſem Platz nicht vertreiben,— er kann ſeine Angela nicht länger von ſich entfernen wollen!— Norden ſchreibt, er dürfe mein Verlangen nach der Heimath nicht mit ſeinem Wunſch unterſtützen, — weil er ihn für eig ennützig erklärt.— Ei⸗ gennützig? O, Richardis, haben Sie es gehört?— Wiſſen Sie, wie viel ſich in dieſem kleinen Worte verbirgt?— O, des theuern, nur allzuſtrengen Mannes, der lieber ſeine und meine Freude zu vergeſſen ſucht, um mich im Gefühl meiner Pflicht zu ſtärken, die ich einem liebenden Vater ſchuldig bin!— O, ich glaube ihn immer mehr zu ver⸗ ſtehen, je ſorgſamer ich ſeine Denk⸗ und Hand⸗ lungsweiſe durchſchaue, und fühle meine Achtung, mein Vertrauen zu ihm in dem Grade wachſen, wie die Klarheit meiner Erkenntniß zunimmt!— O, wie erhaben ſteht Rorden mit ſeinem tiefen Gefühl, mit ſeiner ruhigen Kraft über die Män⸗ ner, die mich hier überall umgeben!— Wie er⸗ füllt mich ein wohlwollendes Wort von ihm mit einem ſo gerechten Stolz, indeß die Lobpreiſungen und Schmeicheleien dieſer ſeltſamen flatterhaften Weſen mir Unwillen, ja oft heimliches Mißtrauen gegen meinen eigenen Werth einflößen!— Ich ſehe mich genöthigt, jetzt öfter in Geſel⸗ ſchaft zu erſcheinen. Die Baroneſſe läßt keine mei⸗ ner Entſchuldigungen mehr gelten, durch die ich mich ſonſt zu ſchützen verſuchte, und dringt darauf, ſie überall hin zu begleiten.— Die Soirees bei der Fürſtin vermögen allein mich für die übrigen Cirkel zu entſchädigen,— welche die Münter häufig beiwohnt.— Geiſt und Herz finden dort ihren vollkommenen Genuß, da der Fürſtin die Grazie des Umgangs nicht allein vor Allen zu Theil wurde, ſondern ihr zarter Sinn auch ſtets für die Ergötzungen des Einzelnen wie des Ganzen Sorge trägt. — Zu meiner Freude ſah ich letzthin Herminen und ihren Gemahl zum erſtenmal in der Aſſemblee, — ſie wurde von dem Hofmarſchall T., einem ſehr würdigen Manne, auf eine feine Art ausgezeichnet, und gefiel durch ihr einnehmendes Aeußere, wie durch ihre reizende Lebhaftigkeit, die ſich die For⸗ men des höheren Anſtands auf das gewandteſte an⸗ zupaſſen verſtand, allgemein, welches vorzüglich im Kreis der Männerwelt ſichtbar wurde. Unſtreitig iſt Hermine an äußerem Liebreiz, ja nach meinem Gefühl zu urtheilen, auch an Geiſt den mehrſten Frauen der Reſidenz überlegen;— ſie mag es aber auch wiſſen, denn ein wenig Stolz iſt in ihrem Betragen recht ſichtbar, vorzüglich hab' ich dies zu bemerken Gelegenheit gehabt, als ich zufällig mit ihr und dem Grafen Malvi in ein Geſpräch verwickelt wurde. Sie blickte auf ihn mit einer Hoheit herab,— daß des Grafen ge⸗ wöhnlicher Uebermuth ſich furchtſam vor ihr zurück⸗ zog; auch gelang es ihr, ſeinen Witz einigemal ſo treffend zu erwidern, daß er in ihr ſeinen Meiſter anerkennen mußte, ſo ſehr er bemüht war, ſeinem Stolz dieſe Demüthigung zu erſparen. Noch im⸗ mer unterläßt ſie es nicht, mich auf eine ſeltſame Art mit dem Grafen Ordeck zu necken. Der Ky⸗ bold des Muthwillens ſpuckt trotz ihrer angenvm⸗ menen Würde, in dem niedlichen Köpfchen fort. —,— — 105 Sie flüſterte, bei mir vorbeiſchlüpfend, mir heim⸗ lich in's Ohr, als ſo eben Graf Ordeck den Sitz an meiner Seite verlaſſen hatte:„Sie ſind, das ſchwör ich, Comteſſe, viel ſchlimmer als Armida! — Jene verwandelte die Ritter zu Ungeheuern, Sie thuen das Gegentheil!— Wie trefflich ſich der Mann bereits auf dieſem glatten Boden be⸗ hauptet!— Fahren Sie ſo fort, uns mit artigen Rittern zu beſchenken,— das Vaterland wird Ih⸗ nen Dank wiſſen, Angela!“— Ich mußte, ihren Scherz abgerechnet, ihrer Bemerkurg einige Gerechtigkeit wiederfahren laſſen. — Was es auch ſei, was den Grafen zu ſeinem Vortheil verändert: es iſt nicht zu läugnen, daß die Rohheit ſeines Weſens, die mir im Anfang vft unangenehm auffiel, ſich zu einer biedern freimü⸗ thigen Natürlichkeit und einem höchſt anſtändigen, ſittſamen Betragen emporgeholfen hat.— Verrieth nicht bisweilen ein raſch herauflodernder Blick, oder eine augenblicklich ſchuellere Sprache einen kleinen Reſt von Wildheit in ſeiner Natur: ſo würde ich kaum glauben, daß dieſer reichgekleidete, unbefan⸗ gene von Allen geliebte junge Graf derſelbe ſei, — dem wir mit allen Zeichen der Verwilderung damals auf unſerer Reiſe begegneten. Doch ich wollte Ihnen, geliebte Richardis, noch einige Bemerkungen mittheilen, die ſich mie — 106— hin und wieder in den verſchiedenen Cirkeln, in die die Baroneſſe mich einführte, aufgedrungen ha⸗ ben. Sie werden ſich wundern, daß ich Ihnen noch nichts von meiner Freundin, überhaupt noch gar nichts von den Damen meines Alters geſchrie⸗ den habe.— Ich that es bisher nicht, weil ich noch immer meiner eigenen Anſicht mißtraute, und Ihnen gern etwas Erfreulicheres hierüber geſchrieben hätte. Aber die Länge der Zeit ändert hierinnen nichts, und ich bin betrübt, daß ich noch immer das Glück entbehre, von einem dieſer jungen We⸗ ſen verſtanden zu ſein. Ich nahte mit einem Her⸗ zen voll Liebe dem Kreiſe der Mädchen, ſtillhof⸗ fend, eine Freundin herauszufinden, mit der ich vertrauend Seele um Seele zu tauſchen vermöchte. Aber ich fand das anders, als ich gedacht. Die Erziehung der Städterinnen ſcheint ſehr verſchieden von der zu ſein, die ich bei Ihnen genoß. Ich fand ihren Sinn weit mehr auf Eitles gerichtet, als ich erwartet hatte,— und ſah bald, daß ſie mir in den Künſten der Weltklugheit allzuſehr über⸗ legen waren, als daß ſie in mir eine paſſende Ge⸗ fährtin finden konnten. Sie betrachteten mich, von meiner ländlichen Erziehung unterrichtet, mit Mie⸗ nen, die zu keiner Annäherung ermuthigten;— ſpäter, als mir die Fürſtin ihre Gunſt geſchenkt, mit einer ſeltſamen Schen, wie man ein fremd⸗ ————— — 2— artiges Weſen betrachtet, und ſo gelang mir bis auf den heutigen Tag kein Blick in das Innere ihrer Herzen, weil ſie ſichtlich jedeg ernſtere Ge⸗ ſpräch vermieden, und mich nur mit ode⸗Ange⸗ legenheiten und kalten Hölichkeiten hinzuhalten ſuchten. O, liebe Richardis, ſollte es denn wahr ſein, was die Münter behauptet, daß ich wirklich zu ernſt für die Damen meines Alters bin, und daher beſſer in den Kreis der Frauen paſſe?— Warum konnte ich ſonſt mit den Kindern ſo fröhlich lachen und ſchäkern,— daß ich mir voft ſelbſt vorkam, als gehörte ich dieſem glücklichen Alter noch an, und vermag es dennoch nicht, jener Meinung zu widerſprechen, weil ich mir wirklich zu alt vorkom⸗ me für die Freuden der Mode, und für die vielen ſeltſamen Einbildungen, mit denen ſich ihre Gedan⸗ ken beſchäftigen. Sehen Sie, wie ich immer daran erinnert werde, daß ich ein Fremdling in dem Kreiſe bin, der mich umgibt. Fände ſich nicht in dem Herzen der Baroneſſe mancher harmoniſche Accord, der meiner Seele begegnet, und in dem der Fürſtin eine ſo gütige Theilnahme für mich, ich hätte ſchon oft ſchmerzlich meine Vereinzelung empfunden, und mein Schickſal beweint. Leben Sie wohl! Achtundachtzigſter Brief. Dieſelbe an dieſelbe. Aus der Reſidenz, im Februgr 18. Jꝙ hatte kurz darauf als ich Ihnen das letztemal ſchrieb, einen Brief an meinen Vater abgehen laſ⸗ ſen, worin ich ihm mein Verlangen, zu ihm zu⸗ rückzukehren, mit der ganzen Innigkeit meiner Schnſucht ausgeſprochen hatte. Ich muß in der That recht eindringend geſchrieben haben, denn der gute Vater kam einige Tage darauf ſelbſt.— Wie ich ihm entgegenflog, wie ich ihn inbrünſtig mit meinen Armen umſchlang!— O, ich fühlte noch nie, wie innig ich ihn liebte, als jetzt, wo ich ihn ſo lange entbehrt hatte. Die Bande der Na⸗ tur ſind geheiligte, mächtige Bande! Ich hätte in dieſem Augenblick alles für meinen Vater thun können, ſo wallte mein Herz in Liebe für ihn. Er ſchien über meinen Anblick verwundert, und — 109— betrachtete mich vft mit freundlichen Blicken. Ich führte ihn in mein Zimmer, ich zeigte ihm meine Zeichnungen, ich legte ihm alle meine Arbeiten vor, mit dem freudigen Stolz, die die Zufriedenheit des Vaters dem Kinde gibt. Er lobte meine Fort⸗ ſchritte, und überhäufte die Baroneſſe mit den ver⸗ bindlichſten Dankſagungen, die in ſtillem Wohlbe⸗ hagen neben mir ſtand, und mit vielem Eifer von den Schulen ſprach, die ich noch ſtudiren müſſe, um mein Talent für die Malerei vollkommener zu entwickeln. Ach, ich kenne nur eine Schule in Allem, und eine Lehrerin! Sie erklärt mir Alles, be⸗ geiſtert mich zu Allem, und gibt mir Kräfte, vvn denen ich ſonſt keine Ahnung gehabt, wenn ihr Ruf„ ſie nicht aus dem Schlummer geweckt hätte! Si* ſelbſt, Richardis, müſſen ſich der Bemerkung un⸗ ſerer Vorſteherin erinnern, daß meine Liebe zu Ihnen allein meinen Fleiß zu erwecken vermochte. Die Liebe iſt ſofort meine Lehrerin geblieben, und ſoll auch der Engel meines ganzen Lebens bleiben! Mein Vater mußte Geſchäfte bei Hofe haben, er hatte eine Audienz bei der Fürſtin, von der er ſehr heiter zurückkehrte. Bei Ziſche ſprach er viel vvm Grafen Ordeck, lobte ſeinen Geſchmack in Hinſicht ſeines Ankaufs, und erwähnte einigemal der Gunſt der Fürſtin, die ihm ausſchließlich zuge⸗ — 110— than iſt. Er hatte, wie ich erfuhr, ihn beſuchen wollen, aber nicht zu Hauſe gefunden, welches ihm, da er ihm einige Nachrichten von Holmſee zu geben hatte, unangenehm war. Schon wollte die Münter ſeinem Wunſche zuvorkommen, und ihn auf den Abend einladen laſſen, als eine elegante Equipage vorfuhr, und der gute Graf Ordeck mit einem von Freude glänzenden Geſicht in meines Vaters Arme eilte. Ach, wie glaubte ich wieder ſo ganz in Breiſach zu ſein, als ich dem Geſpräch Beider zuhörte, und ſie in freundſchaftlicher Trau⸗ lichkeit bei einander ſaßen. Wir ſahen dieſen Abend viel Geſelſchaft bei uns. Graf Malvi, der auch zugegen war, und der, trotz der Verſchiedenheit unſerer Anſichten, ſich dennoch gern mit mir unterhielt, war mit gro⸗ ßer Artigkeit um mich und meinen Vater beſchäf⸗ tiget; zu meiner Freude aber ſchien dieſer dem guten Ordeck ſeine ganze Aufmerkſamkeit zu ſchen⸗ ken, indeß er dem ſtolzen Grafen Malvi nur mit gewöhnlicher Höflichkeit vergalt. Am folgenden Morgen getraute ich mir, meine Bitte zu erneuern, zu Anfange des Frühjahrs nach Breiſach zurückkeh⸗ ren zu dürfen. Mein Vater hörte mich mit einem wohlgefälligen Lächeln an, ſtreichelte mir darauf freundlich die Wange, und ſagte:„Wir wollen ſe⸗ hen, mein Kind!— Ich hatte anfänglich andere — 11— Pläne, doch muß man freilich das Herz der Toch⸗ ter auch ein wenig zu Rathe ziehen! Du ſcheinſt, wie die Fürſtin mir verrathen hat, das Landleben vor Allem zu lieben! Nun, es kann auch ſo al⸗ les gut werden, die Zeit wird es wohl mit ſich bringen, was uns am heilſamſten iſt!“ Ich küßte ihm mit Innigkeit die väterliche Pand, er befürchtete, daß ich weiter in ihn drin⸗ gen würde, und führte mich zur Baronin hinab. Sie trat uns mit einer Einladungskarte ent⸗ gegen. Graf Ordeck bat um die Gewogenheit, uns auf den Abend in ſeinem Hauſe bewirthen zu dürfen. Die Münter wollte das Theater vorſchü⸗ tzen, aber mein Vater war dagegen, und lies un⸗ ſere Geſellſchaft dem Grafen zuſagen. Denken Sie unſer Erſtaunen, Geliebte, als wir am Abend die Fürſtin in Begleitung des Hof⸗ marſchalls T. und deſſen Gemahlin dort fanden. Sie kam uns mit ihrer gewöhnlichen Grazie entge⸗ gen, indem ſie uns bat, ſie als Wirthin zu be⸗ trachten. Sie ſei, fügte ſie ſcherzhaft hinzu, durch die Pflichten der Rachbarſchaft verbunden, dem Grafen Ordeck mit freundlicher Hülfe zur Seite zu ſtehen, und habe ſich ſelbſt bei ihm zu Gaſte gebeten. Der Graf ließ ſich bei der gütigen Aeu⸗ ßerung der Fürſtin auf ein Knie vor ihr nieder, wurde aber ſogleich von ihr aufgehoben, und auf — ſeinen Poſten verwieſen. Die Geſellſchaft bildete hierauf einen Halbkreis um die Fürſtin, die mit ihrer bezaubernden Anmuth ſogleich Leben und In⸗ tereſſe in die Unterhaltung zu bringen verſtand. Jedes fühlte ſich durch ihre Nähe ermuthiget, ge⸗ hoben und tauſchte ohne Zwang ſeine Anſichten und Meinungen aus. Recht ſeltſam iſt es, daß niemand den Geiſt des Grafen Ordeck ſo ſichtlich zu wecken verſteht, als die Fürſtin. Er iſt nie liebenswürdiger, als wenn er im Geſpräch mit dieſer geiſtreichen Dame ſeine Kenntniſſe und ſei⸗ nen Verſtand entwickelt. Die hohe Bildung des ihrigen theilt ſich unvermerkt ſeinen Aeußerungen mit, ſie hört mit Theilnahme ſeinen Erzählungen zu, und ſcheint ein ſichtliches Intereſſe an der vri⸗ ginellen Art zu finden, mit der er die Gegenſtände um ſich her auffaßt und beurtheilt. Wir lebten in dieſem ſchönen Kreiſe einen Abend voll Genuß. Der Marſchall T., ein ſehr unterrichteter Mann, wetteiferte mit der Fürſtin und der Baroneß Mün⸗ ter, die Unterhaltung durch die verſchiedenartigſten Gegenſtände zu animiren. Mein Vater fand bald dieſes bald jenes ſeiner Lieblings⸗Thema's berührt, und ſich ſelbſt zu einer Lebendigkeit erhoben, die ihm ſichtlich wohlthat,— und da man auch bei den neueren Erſcheinungen der Kunſt verweilke, und von dieſen auf ihr reiches Vaterland, Italien, — 113— kam, ſo gewann zuletzt Ordeck Gelegenheit, ſich in dem eigenthümlichſten Felde ſeines Wiſſens zu be⸗ wegen, und theilte uns ſo viel Schönes und Er⸗ freuliches mit, daß ich ihn heimlich wegen ſeiner Kenntniſſe beneidete, die gar nicht wie die gelehr⸗ ten der Münter klangen, ſondern recht natürlich und anziehend, weil ſie nicht aus Büchern, ſon⸗ dern auf dem Felde der Erfahrung geſammelt wa⸗ ren. Der Marſchall T. unterſtützte ihn, da er eine Zeitlang in Italien gelebt hatte, in ſeinen Erzählungen, und erfreute uns zuletzt durch die Mittheilung einiger artigen Poeſien.— Die Dichtkunſt wurde nun der Hauptgegenſtand des Geſprächs. Die Münter klagte, wie wenig bei den Deutſchen zur Aufmunterung dieſes ſchönen Talents gethan würde, und erinnerte an die Kro⸗ nen, die Italien ſeinen Sängern geflochten, und wie aus dieſer öffentlichen Anerkennung die Flam⸗ me der Begeiſterung ſich oft neue Nahrung ge⸗ ſchöpft habe. Die Fürſtin ſtimmte ihr mit feinem Lächeln bei, und that in der heiteren Stimmung, in der ſie ſich befand, den Vorſchlag, ein ähnliches Feſt zu veranſtalten. Dieſe leicht hingeworfene Idee wurde im An⸗ fang als anmuthiger Scherz belächelt, dann ernſter betrachtet, zuletzt für den ſchönſten Einfall von der Welt erklärt, durch gemeinſames Nachdenken „*— ſit— vollendet, und das intereſſante Feſt auf künftigen Monat feſtgeſetzt. Der Marſchall erbot ſich, die ſchönen Geiſter aus dem Kreis ſeiner Bekanntſchaft insgeſammt einzuladen, die Münter leiſtete, ſo ſehr ich widerſtrebte, für ſich und mich als theil⸗ nehmende Mitglieder, im voraus Bürgſchaft, und die Fürſtin ward einſtimmig zur Richterin erwählt. Man trennte ſich, durch die Ausſicht auf ein ſo ſeltenes Vergnügen ermuntert, unter den fröh⸗ lichſten Erwartungen. Mein Vater mußte ver⸗ ſprechen, als Zeuge daran Theil zu nehmen, und gab ſein Wort, indem er mich mit frendiger Hoff⸗ nung anſah. „Es ſollte mich freuen“, ſagte er, als wir zu Hauſe waren:„wenn es Dir gelänge, mir und Deinem Lehrer auch hier die Ehre zu machen, auf die Dein Fleiß uns bisher zu hoffen berechtigte!“ Ich faltete ſeufzend die Hände auf meiner Bruſt; ach, nicht der Kranz war es, der mich zu höherem Streben ermuthigen konnte! Ich ſagte es meinem Vater zu, nur bat ich ihn, ſich nicht in meinen Fähig⸗ keiten zu tänſchen.—„Run, ſo ſollſt Du Dir zum Lohn des Geſanges einen Kranz von Blumen in Breiſach winden, mein Kind!“ rief der Vater,— und, ihn ſchnell verſtehend, umſchlang ich ihn begei⸗ ſtert von dem herrlichen Preis, und gelobte ihm alles zu leiſten, was ich vermochte. Richardis! — 115— wenn der Genius in mir lebt, den die Barv⸗ neſſe in jedem meiner kleinen Lieder zu entdecken meint, o, ſo wird der Lohn, den mein Vater mir verhieß, ihn mächtig erwecken, ſo gelingt es mir gewiß, ſeine Hoffnungen zu rechtfertigen, ſo ſieg' ich durch die heiligſte Kraft meines Gemüthes. Ich ſchreibe Ihnen, Geliebte, nicht eher, als nach dem Ausgange der Sache! Segnen Sie, v ſegnen Sie Ihre Angela. — 116— Reunundachtzigſter Brief. Thereſe Wallburg an ihre Mutter. Breiſach, im Februgr 183** Die Zeit meines Hierſeins, ſcheint ſich in die Länge zu de dem Herrn Superintendenten frei den ganzen Winter über in ſein ben, und werde mein Verſprechen vielleicht noch weiter hinaus halten. O, er iſt ein guter, treff⸗ licher Mann, dieſer Norden! Oft frage ich, wie war es möglich, daß Er, der ſolche Anſprüche auf Glück beſitzt, die bitterſte aller Erfahrungen ma⸗ chen mußte. Ich weiß, dieſe Frage iſt Unrecht, und ich bitte deshalb um Verzeihung, geliebte Mutter; aber es ſcheint mir ſo ganz unmöglich, daß man dieſen hohen milden Geiſt, der ſo ſicht⸗ lich durch Rordens Geſtalt und Betragen verkün⸗ det wird, nur mit einem Gedanken betrüben könnte. geliebte Mutter, hnen! Ich habe willig verſprochen, em Hauſe zu blei⸗ —,— — 117— Er däucht mir der Erſte unter allen Männern, die ich je ſah; keiner vermag außer ihm ſo tiefe Ehrerbietung, ſo innige Verehrung einzuflößen. Ich ſehe ihn ſelten, faſt nur bei Tiſche, und des Abends, wo er mich gern ſpielen und ſingen hört, ſonſt iſt er ſtets in ſeinem Studierzimmer, oder außer dem Hauſe, weil ihn der Graf ſehr lieb hat, und oft ſeine Geſellſchaft begehrt; aber die weni⸗ gen Worte, die er dann mit mir ſpricht, ſind ſo gehaltvoll, ſo reich belohnend, daß ich mich den ganzen Tag darauf freue, und in noch viel tieferer Einſamkeit leben wollte, um nur dieſe fromme, tröſtende Stimme zu hören. Der Sonntag war für mich ſtets ein heiliger Tag, aber hier ſteigt ſein Werth noch um vieles. Die Stunde während der Predigt habe ich mir, als ich Norden zum Erſtenmale in der Kirche gehört hatte, ſogleich als die einzige Feierſtunde ausbedungen. Ich überlaſſe dann den Knaben der Haushälterin, und ſetze mich der Kanzel gegenüber. Ich kann Ihnen Nordens Vortrag weder ſchildern, noch ſeine Gewalt über die Gemüther erklären, aber das weiß ich gewiß, daß ich ſtets viel frommer und beſſer zurückkehre, und das Leben in ſeiner heiligen Bedeutung beſſer faſſen lerne. Ich beſtrebe mich, ſoviel ich vermag, Nor⸗ dens Zufriedenheit zu verdienen; ich glaube auch, — 118— daß ſie mir zu Theil werden wird; er hat mich ſchon einigemal nach meiner Erzieherin gefragt, und die Art, wie Sie mich für das Leben gebil⸗ det, mit freundlichen Worten gelobt. Gott ſah meine Freudenthränen, als er dies Lob ausſprach, und mit ihm den Segen über Ihr Haupt, meine Mutter! Bald hätte ich ihm in dieſem Augenblick alles, alles geſagt; ſo öffnete die Freude mein Herz, ſo war ich berauſcht vom Entzücken. Aber die Zeit iſt noch nicht gekommen, wo ich dies darf. Noch muß ich feſter ſtehen in ſeiner Achtung, noch bedarf es einer lichteren glücklicheren Zeit für ihn, bevor ich es wagen kann, ihn an etuen Schmerz zu erinnern, der, wenn auch längſt verblutet, doch noch bisweilen in ſeinen Folgen fortzuleben ſcheint. Sie erwähnten einſt des Mißtrauens, welches in ſeinem Charakter liegen ſoll, und auch Walter hat einigemale darauf hingedeutet. Ich weiß nicht, ob ich das glauben ſoll. Er ſchenkt mir ein ſo gütiges Vertrauen, daß ich an jener Vermuthung faſt irre werden könnte. Eher möchte ich es eine ſtille Melancholie nennen, was bisweilen um ſeine Augen ſchattet, und das ihn zu Stunden ſtrenger und ernſter wie gewöhnlich macht. Gewiß trägt er einen heimlichen Schmerz, den ich, den wir Alle nicht kennen. Gott nehme ſolchen von ſeiner Seele, und ſegne den beſten Menſchen mit der 1— vollkommenſten Zufriedenheit! Leben Sie wohl, meine Mutter, und glauben Sie, daß ich, ſeit⸗ dem ich von Ihnen getrennt bin, nie ſtiller, aber auch nie glücklicher lebte. —.—— Reunzigſter Brief. Gr Malo den Baron L. Aus der Reſidenz, im März 18*. Die Zeiten der jeu fleureus kehren wieder zurück, mein Freund! So eben komme ich von einem ähnlichen Feſte nach Hauſe; noch flammt mein Kopf von den Oden und Elegien, die uns zum Beſten gegeben wurden; noch ſehe ich die liebenswürdige Angela, von dem ſtolzen Schmuck des Ehrenkranzes noch ſichtlicher gedemüthigt, an meinen Augen vor⸗ überſchweben. Ich werde Dir zu Liebe noch den letzten Theil der Racht opfern, um Dir eine Skiz⸗ ze unſeres jetzt in der That ſehr intereſſanten Le⸗ bens zu geben. Seit vier Wochen trug ſich der Hof mit Erwartung eines Feſtes, was die Fürſtin zu geben verſprochen hatte, und was nichts weni⸗ ger als eine poetiſche Concurrenz zum Grunde hatte. Dem Hofmarſchall T. und mir war die Würde der Ceremvnienmeiſter an dieſem Tage — 121— zugetheilt. Die Säle des fürſtlichen Palais wur⸗ den mit Kränzen verziert; das Cabinet, wo die Vorleſung der eingegangenen Gedichte ſtatt finden ſollte, auf eine antike Art decorirt, und mit den Attributen der Muſen auf das ſinnreichſte ausge⸗ ſchmückt. Vor dem Sitz der Fürſtin ruhte auf rreichen Kiſſen der zum Ehrenpreiſe beſtimmte Epheukranz. Unter der zahlreichen Verſammlung der Damen und Herren, die an dieſem Feſte Theil nahmen, fiel mir ſogleich die Baroneſſe Münter in die Augen, die auf eine höchſt maleriſche Art gekleidet war. Der Schnitt ihrer Kleider, wie ein darüber geworfenes, ſchräg von der Achſel herab⸗ fallendes Gewand, erinnerte an Griechenland, und gab uns die Idee der Baronin nicht undeutlich zu erkennen, die Lesbiſche Sängerin heute zu reprä⸗ ſentiren. Schüchtern, ja faſt zaghaft ſchmiegte ſich die ſchöne Comteſſe Angela an die rauſchenden Ge⸗ wänder ihrer Nachbarin; ſie trug, wie ſie gewöhn⸗ lich erſcheint, ein einfach weißes Kleid, das Haar nach ihrer Manier in natürlichen Locken um den ſchönen Nacken geordnet, und ſtach dennoch vor Allen hervor, durch den eigenthümlichen Liebreiz, der, wie die Fürſtin ſich letz. hin ſo richtig aus⸗ drückte, aus dem lieblichen Gemiſch der kindlichſten Unſchuld und dem ſinnigen Ernſt reiferen Rach⸗ denkens hervorgeht. Angela III. 6 —— Die Vorleſung, die mir und dem Grafen Or⸗ deck umwechſelnd übertragen war, begann ſogleich mit einigen in der That recht artigen Gedichten. Das Glück ſpielte mir den Matador dieſer Schä⸗ tze in die Hände; es war dieſes eine Ode, die den Stempel der höchſten geiſtigen Erhebung trug; ſie behandelte die Weihe der Kunſt durch Religion und Liebe, und war auf eine ſo ſinnreiche als glückliche Art ausgeführt, daß alle Stimmen ſich ſogleich für dieſes erklärten, und ich ſelbſt an der Begeiſterung, die mein Vortrag erhob, bemerkte, wie dieſes vor allen das vorzüglichſte ſei, und es wohl keinem gelingen werde, den Eindruck, den dieſes Gedicht zurücklaſſen mußte, zu verlöſchen. In der That war es auch ſo; einige Oden, den Saphoſchen nachgebildet, doch ohne höhere Vollen⸗ dung, erregten noch einige Aufmerkſamkeit, doch erloſch das augenblickliche Wohlgefallen bei Erinne⸗ rung des vorigen Genuſſes. Wir riethen insge⸗ ſammt auf die Fürſtin ſelbſt, und waren überraſcht, als dieſe uns, nachdem dieſem Gedicht der Preis zuerkannt war, in der hocherröthenden Comteſſe Domelli die Verfaſſerin dieſer köſtlichen Ode vorſtellte. Die Baroneſſe Münter verbarg ſogleich den Verdruß getäuſchter Hoffnung unter den exaltirte⸗ ſten Freuden⸗Bezeugungen. Sie umarmte die ſchüchtern an ihren Buſen ſinkende Gräfin, nannte ſie ihren Mignon, ihre himmliſche Angela, und ſchien es nicht erwarten zu können, den Epheu⸗ kranz auf die ſchöne Stirn derſelben zu drücken. Die Fürſtin übernahm jedoch ſelbſt dieſes Amt, und bald wurde die Gekrönte, von der huldigen⸗ den Menge umringt, in den Saal geleitet, wo eine ſorglich gewählte Muſik uns empfing. Aller Blicke waren auf die zarte, jugendliche Geſtalt ge⸗ richtet, die ſo demuthsvoll und doch ſo ſchön und erhaben, wie der himmliſchen Muſen Eine, in un⸗ ſerer Mitte daherſchritt. Ich kann es nicht läugnen, mein Freund, es lag etwas ſeltſam Anziehendes in dieſem kindlich⸗ ernſten Weſen. Ich fand es zum erſtenmal, was die Menge durchgängig behauptet, daß Gräfin Do⸗ melli die Krone unſerer weiblichen Jugend genannt werden darf, und daß die Fürſtin recht hatte, ſie für ihren Liebling zu erklären. Ich benutzte dieſen Abend,(an welchem ſich Graf Ordeck ganz gegen ſeine gewöhnliche Manier von ihr entfernt hielt), um ihr meine Aufmerkſamkeit und Verehrung zu beweiſen. Sie belohnte mein Bemühen mit großer Gütigkeit, und ermuthigte mich durch ihr freude⸗ ſtrahlendes Auge zu den gerechteſten Hoffuungen. Ich dachte in der That auf dem beſten Wege zu ſein, als ich zu meinem Schrecken erfahre, die 6* — Comteſſe werde in wenigen Tagen nach Breiſach abreiſen, um ihren Vater zu pflegen, der, von ei⸗ nem Gichtanfalle getroffen, dem heutigen Feſt nicht beiwohnen konnte. Das iſt der übelſte Strich durch meine Rech⸗ nung, der mir kommen konnte!— Der tolle Or⸗ deck wird ſie nun ſicher begleiten, und dort, wo ſie nichts um ſich ſieht, als das ewige ländliche Einerlei, vielleicht einen Sieg davon tragen, der ihm hier ſchwer werden dürfte! Vielleicht kommt ein guter Rath über Nacht, dem Uebel zu ſteuern. Roch habe ich den Kopf nicht verloren, das trö⸗ ſtet mich,— ſonſt— ja, es ſei Dir geſtanden, ich bin hölliſch verliebt in die Comteſſe, und habe es nie deutlicher empfunden als dieſen Abend. Suche, ich bitte Dich, doch auch in Deinem Kopfe nach einem glücklichen Einfall, und verſäume nicht, ibn mir auf's ſchleunigſte mitzutheilen! Lebe wohl! Einundneunzigſter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Richardis. Aus der Reſidenz, im März 18* Der Kranz iſt mein, Richardis! O, ich wußte es ja, ein Heimweh wie das meine, mußte mich ſiegen laſſen durch die Kraft, die meine Sehnſucht meinem Talente gabl! Mein PVater konnte mir keinen höhern Preis beſtimmen, als die Rückkehr nach Breiſach. Ihm allein verdanke ich meine Triumph.— Jener Feſttag, o, er war auch ſchön, aber ich vermag ihn nur als das glänzende Thor zu be⸗ trachten, durch welches ich zu einem viel ſchönern Freudenfeſte eingehen ſoll. Mein Vater konnte an dieſem Tage nicht Theil nehmen, eine Unpäßlichkeit hielt ihn zurück. Aber er wird doch ſeine Freude daran haben, daß ich ſeinen Hoffnungen entſprach, und auch Rorden! — O Richardis, morgen geht es nach Breiſach! Mein Vater hat mir ſeine Equipage geſchickt. Ich werde mich noch heute bei der Fürſtin beur⸗ lauben, und dann meine Sachen ordnen. Kaum kann ich mir denken, daß ich morgen das liebe, freundliche Dörfchen, meinen Vater, meinen theu⸗ ern Lehrer wiederſehen ſoll! Wie leicht ſind doch unſere Wünſche zu erfüllen, wie geſchwind iſt eine Kluft überſchritten, die erſt, gleich einer trennen⸗ den Ewigkeit zwiſchen uns und den fernen Lieben, vor unſern ängſtlichen Blicken lag. Wäre uns nur immer die Freiheit des Willens geſtattet, es gäbe keine Klage mehr und keine Thräne, aber das Le⸗ ben ſtellt uns armen Geſchöpfen ſo manche Schran⸗ ke, daß wir uns im Augenblick freien Handelns ſogleich zum König der Erde emporträumen, und vielleicht glücklicher ſind, als es das Schickſal er⸗ laubte. Zwei Stunden ſpäter. Ich komme ſo eben von der Fürſtin zurück! O, warum mußte die Güte dieſer erhabenen Frau mir einen Wermuthstropfen in die Freude miſchen, — 1— die ich bei dem Gedanken empfinde, die Reſidenz zu verlaſſen. Wahrlich, von ihr zu ſcheiden fällt ſchwer, unendlich ſchwer! Sie war allein mit mir, ſie ſprach zu mir im Ton der liebenden Mut⸗ ter, ſie öffnete mir ihr reines, treffliches Herz. Welch' ein Segen, von ihr geliebt zu ſein, und ich bin es, Richardis. Die edle Fürſtin lies mich ahnen, daß nur die Rückſicht auf meine Vorliebe für die Heimath ſie zurückhalte, mich auf eine beſtimmtere Art an ihren Hof zu feſſeln. Sie wünſchte mir Glück zu den Freuden, denen ich entgegengehe, und forderte von mir auch inskünf⸗ tige das Vertrauen, das ich ihr bis jetzt in kind⸗ licher Liebe geweiht hatte.— „Angela“, ſagte ſie mir, als ich bei'm Ab⸗ ſchiede die gütigſte Hand mit meinen Thränen be⸗ netzte:„vergeſſen Sie nicht, daß ich Sie nur um eines Wunſches willen losgebe, der mir, nicht den hieſigen Freuden, anzugehören ſcheint. Sollten Sie einſt, wie es ſo oft mit unſern Jugendträumen geht, ihn dennoch aufzugeben gezwungen ſein, ſo überlaſſen Sie mir die Entſchädigung! Stets ſol⸗ len Sie mir in der Reihe meiner Hofdamen will⸗ kommen ſein, und nur Ihrer Reigung ſei es über⸗ laſſen, wann Sie in dieſelbe eintreten wollen! Vergeſſen Sie das nicht, mein liebes Kind!“ fügte ſie hinzu, als ich, von Rührung ergriffen, meinen — 128— Dank zu ſtammeln verſuchte.„Ich habe Ihnen ſolches lieber ſagen wollen, als dem Grafen, Ih⸗ rem Vater, damit Ihnen vollkommene Freiheit bleibe!“— O, wie traf ihre Güte ſo tief mein Herz. Sie ſah meine innere Bewegung, und wurde von meinem Schmerz gerührt.—„Ich hoffe, wir ſe⸗ hen uns bald wieder, mein Kind!“ ſchloß ſie, in⸗ dem ſie mich auf die Stirn küßte, und dann in ihr Cabinet verſchwand. Eine ihrer Kammerfrauen kam, mir in der Fürſtin Namen einen ſehr koſtba⸗ ren Ring zu überreichen, und brachte mir ihr Le⸗ bewohl. Ich verließ im Innern tief ergriffen die Stelle, wo mir die Gewißheit der ſchönſten Gunſt geworden war.— O, meine Freundin! an der Seite dieſer herrlichen Frau bleibt mir eine Frei⸗ ſtatt, die mir allein Friede gewähren würde, wenn die Hoffnung, an der mein Herz hängt, mich täu⸗ ſchen könnte!— Leben Sie wohl, geliebte Richar⸗ dis! Bald ſchreibe ich Ihnen auf dem freundlichen Erkerſtübchen, wenn ich am Ziel meiner innigſten Sehnſucht bin. „ — 129— Zweiundneunzigſter Brief. Hermine von Bören an Frau von Alboin. Aus der Reſidenz, im März 18**. Das Gewitter, welches eine Zeitlang über un⸗ ſerm Haupte ſtand, iſt ein heilbringendes geweſen! Die Blumen unſers Glückes ſind kräftig dabei em⸗ porgeſtiegen, und die Sonnenſtrahlen fürſtlicher Gunſt fangen an unſern Himmel zu beleuchten! Der Hofmarſchall T. iſt nach jenem verhängnißvol⸗ len Abend mein Freund und mein Beſchützer gewor⸗ den. Er hatte mich ſchon früher auf eine ehren⸗ volle Art beachtet, doch iſt ſeine gute Meinung von mir, ſeitdem ich den Grafen Malvi von uns entfernte, noch ſichtlicher geſtiegen. Er hat uns ſeit kurzem mit ſeiner Frau bekannt gemacht, die eine feine, artige Hofdame iſt, und ſo ſind wir allmählig aus unſerer Verborgenheit in die glän⸗ zende Athmoſphäre des Hoflebens gerathen, ohne — 130— recht zu wiſſen, wie das geſchah.— Bören hat zu meiner Freude ſeinen Muth, ſeine Laune wieder⸗ gewonnen, und macht er gleich ſeitdem das Recht der Herrſchaft ſichtlich geltender, ſo laß ich mir dies williger gefallen als je, weil es mir doch ſo war, als könnten wir Frauen auch einmal unrecht haben!— Es iſt recht ſeltſam, liebe Albvin, daß bei den glücklichſten häuslichen Verhältniſſen die Welt, ſo ſehr wir es läugnen wollen, noch ein großes Theil Glück hinzuzuthun vermag. Ich nahm die Meinung derſelben, im über⸗ müthigen Gefühl meines inneren Friedens, ſtets geringſchätzig auf, weil ich mich vft über das Ur⸗ theil derſelben erhaben fühlte; aber jetzt lerne ich den Werth einer allgemeinen Achtung höher wür⸗ digen, weil aus ihr mir manche heitere Freude, und vor Allem Börens erhöhte Zufriedenheit ſicht⸗ lich erblühte. Ich hab' es jetzt endlich errathen, wie man ſich glücklich durch die Schlingen des fei⸗ neren Weltlebens hindurch hilft. Man muß nur das rechte Ende erfaſſen, ſo gewinnt man dieſe Kette Glied für Glied, in die man ſich ſonſt leicht verwickeln kann.— Die Achtung des Hofmar⸗ ſchalls, eines Mannes, der von Allen hochgeſchätzt wird, war genug, um mir die Bahn zu der Auf⸗ merkſamkeit der Uebrigen zu brechen. Im ſchön⸗ ſten Zuſammenhange folgte eine freundliche Aner⸗ — 131— kennung der andern, und ich ſtrich, wie ein leut⸗ ſeliger Gläubiger, eine mir zukommende Schuld nach der andern ein, bald dieſem gütig zulächelnd, bald jenem vornehm verzeihend, alles mit einem ſchönen Anſtrich von Hoheit, in Miene und Betra⸗ gen. Graf Malvi erndtet zu meinem Bedauern aus jedem meiner Freudenfeſte, einen neuen Dorn für ſein in Neid und Hochmuth befangenes Herz: er gibt ſich ein lächerlich pomphaftes Anſehen, ſo voft er in meine Rähe kommt, und erhebt ſich auf den Fußſpitzen ſo hoch er kann, um nur den Tri⸗ umph zu haben, auf die geringe Anzahl meiner Verehrer recht ſtolz herabzublicken. Mich amüſirt ſein Betragen ungemein. Die ſpitzen Blicke, die er zu Zeiten auf mich herüberſchleudert, kommen mir vor, wie die vhnmächtigen Blitze, die man auf hohen Gebirgen zu ſeinen Füßen ſpielen ſieht, und die mir ſtets ein unterhaltendes Schauſpiel ge⸗ währten. Ein eitler Mann iſt doch ſtets ein recht unglücklicher! Er kann den Täuſchungen nicht ent⸗ gehen, weil er ſeinen Werth überall zu hoch an⸗ ſchlägt, und dem Mißmuth eben ſo wenig, weil er's nicht ertragen kann, Andere, die er tief unter ſeinen Verdienſten hält, ſich vorgezogen zu ſehen. Zuweilen kam es mir vor, als wollte Graf Malvi ſein Glück bei der Comteſſe Domelli verſuchen. Er brüſtete ſich, und zierte und gebehrdete ſich, wie ein junger Geck, ihr zu Ehren. Das unſchul⸗ dige Kind erwiederte ſeine Schmeicheleien mit der furchtſamen Artigkeit, mit der es den Herren überhaupt begegnet. Solche kindliche unerfahrene Naturen halten die Menſchen um ſich her ge⸗ wöhnlich viel zu hoch, weil ſie ihren eigenen Werth gar nicht kennen. Angela ſteht übrigens mehr in der Gunſt des hieſigen Publikums, als ſie in ihrer Beſcheidenheit zu ahnen ſcheint. Sie wird überall vorgezogen und ausgezeichnet, und es wäre' ihr keinesweges übel zu nehmen, wenn ſie ein we⸗ nig eitel geworden wäre. Wie ich höre, iſt ſie. seſtern nach Breiſach zurückgekehrt; das böſe Kind hat nirgends Abſchied genommen, ſo hat ſi geeilt. Mir ahnet, daß man dort über ihre Zukunft ent⸗ ſcheiden wird. Graf Ordeck hat hier nicht umſonſt ſo großen⸗Aufwand gemacht! Er kannte den Gra⸗ fen Domelli, und wußte, daß es ihm erſt gelin⸗ gen mußte, eine' Rolle in der großen Welt zu ſpielen, bevor er wagen durfte, ſeine Blicke zu Angelen zu erheben. Jetzt wird er wieder frei aufathmen, der gute Mann, wie Einer, der einen engen, unbequemen Rock ablegen darf. Das Opfer, das er gebracht, iſt gewiß das ſchwerſte geweſen, welches für ihn zu erſinnen war, indeß iſt der da⸗ mit verbundene Zwang ihm vortrefflich bekommen. Der Wunſch zu gefallen, hat ihn wirklich liebens⸗ — —— — 5— würdiger gemacht, und er iſt durch die Hand der wundermächtigen Liebe ſo zugeſtutzt, als wäre er ſchon ſeit Jahren Hofkavalier geweſen. Ich bin in der That neugierig, wie ſich An⸗ gela bei der Sache nehmen wird! Noch iſt ſie ge⸗ gen Alle gleich artig und freundlich geweſen, doch darf der Graf nur einige unglückliche Mienen ſehen laſſen, und ſie mit einigen Seufzern beunruhigen, ſo iſt ihr allzuweiches Herz entſchieden, ihn glück⸗ lich zu machen. Die armen guten empfindſamen Midchen! Sie glauben jede Thräne, die um ſie vergoſſen wird, nicht hoch genug bezahlen zu kön⸗ nen. Der Anblick eines unglücklichen Liebhabers iſt ihrer Gutherzigkeit unerträglich, ſie fürchten ſo⸗ gleich Mord und Todtſchlag, und wiſſen nicht, daß nichts leichter geheilt wird, als ein eraltirtes Män⸗ nerherz. Die armen Geſchöpfe büßen für dieſe Schwäche nur zu geſchwind! Die Ehe iſt eine ſo bedenkliche Sache, daß man ſich durch keine groß⸗ müthige Aufwallung vder andere vorübergehende Täuſchungen des Gefühls dafür beſtimmen laſſen ſollte.— Leicht empfängliche Gemüther ſollten in dieſem Punkt ſtets unmündig erklärt werden, und die Entſcheidung dieſer Sache nur in den nüchtern⸗ ſten Momenten vorgenommen, und der weiſen Ver⸗ nunft übergeben werden. Wohl mir, daß ich ſtets Herz und Kopf in gehöriger Eintracht erhielt! — 134— Dafür bin ich jetzt die glücklichſte Frau von der Welt. Die Entdeckungen, die ich bisher gemacht, ſind noch ſtets die erfreulichſten geweſen, weil ich mich von jeher für zu hohen Erwartungen in acht nahm. Meine Zuneigung gegen meinen Gemahl wird noch ſtets im Wachſen ſein, während ſie bei leicht verblendeten Gemüthern nur zu geſchwind ihrer Abnahme entgeg engeht, und ſo werde ich durch die glücklichſte aller Philoſophien geleitet, noch ſpät im Genuß der reinſten Zufriedenheit ſein. Der Himmel gebe allen guten Mädchen die Beſonnenheit in Hinſicht der Liebe, deren ich mich ſtets erfreuen durfte. Sie werden dann ihr gutes Recht nicht muthwillig aus der Hand geben, ſon⸗ dern mit Geduld das beſſere Lvos erwarten, und durch eigenes Glück geſtärkt, zu beglücken vermö⸗ gen, wie Ihre Hermine. —,— —,— Dreiundneunzigſter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Richardis. Breiſach, im März 18**. Jo habe ihn wiedergeſehen, o Richardis! laſſen Sie mich Ihnen meine unendliche Freude vertrauen, ich habe ihn wiedergeſehen!— Mein Vater war nicht zugegen, als ich die theure Geſtalt zum er⸗ ſtenmal begrüßte. Er kam mit eilfertigen Schrit⸗ ten die Allee herauf, die zu unſerm Schloſſe führt. Meine kindiſchen Arme breiteten ſich ihm unwill⸗ kührlich entgegen, als ich ihn von ferne erblickte; ich ſank auf meine Knie, ich dankte Gott für mein Glück, ich zitterte, ich fühlte ein ſeltſames Ban⸗ gen, ich wußte nicht, wie ich ihn empfangen ſollte. Er trat ein,— o Richardis, welche ernſte und doch ſo liebliche Haltung! Ich fühlte ſogleich mei⸗ ne Faſſung zurückkehren. Ich wollte mich erſt recht — 136— tief verneigen, aber die Ceremonie kam mir von der Reſidenz her ſo abgeſchmackt vor, ich ging auf ihn zu, und ſtreckte ihm beide Hände entgegen, er zog ſie an ſeine Lippen, er ſah mit einem unbe⸗ ſchreiblichen Blick auf mich herab.—„O, mein gütiger, mein theurer Lehrer!“ rief ich aus:„wie iſt es doch ſo ganz anders, ſo viel beſſer, ſeitdem ich der Heimath meines Gemüthes wiedergegeben bin! Wie iſt mein Vater ſo gütig, daß er mei⸗ nem Wunſche gewährte, und die Zeit abkürzte, wo ich ihn, ach Alles entbehrte, was meinem Herzen ſo theuer iſt!“— Ich hatte wohl in mei⸗ ner Bewegung zu viel geſagt, ich bemerkte dies an ſeinem Geſicht, er ſchien verlegen, er wußte mir nicht ſogleich zu antworten, endlich begann er: „„Ich bedaure, daß Ihre Ankunft, Comteſſe! Ih⸗ nen ſogleich einen Kummer geben muß! Die Un⸗ päßlichkeit Ihres Herrn Vaters!““—„Er iſt bereits in der Beſſerung!“ fiel ich ein, hoch errö⸗ thend, daß ich in dieſem Augenblick alles Andere vergeſſen hatte.— Mein Vater hat, wie ich erſt jetzt erfuhr, vft über Kränklichkeit geklagt, und mir alles verſchwiegen. „„Wir haben Alle während Ihrer Abweſen⸗ heit gelitten!““ ſprach er leiſe vor ſich hin, und ſchnell ſich verbeſſernd, ſetzte er hinzu:„Ich durch meinen Sohn!““ Er fuhr nun fort mir zu er⸗ — 137— zählen, was das Kind betroffen, und wie es erſt jetzt durch die Pflege der Demviſelle Wallburg wieder hergeſtellt ſei. Wir waren im Geſpräch, und theilten uns gegenſeitig die Begebenheiten der letzten Zeit mit.— Richardis, er hat die Demvi⸗ ſelle Wallburg zu ſich genommen, ſie pflegt, ſie erzieht ſeinen Knaben, er lobt ihre Sorgfalt, ih⸗ ren Fleiß, ihre Thätigkeit! Die glückliche Thereſe! — Ich hätte in dieſem Augenblick meinen Epheu⸗ kranz darum gegeben, hätte ich dieſes Lob das Meine nennen können! Ach, was iſt denn das Schöne, wenn es neben das Gute und Rützliche geſtellt wird?— O Gott, ich werde ihn durch die mir erworbenen Kenntniſſe vielleicht weniger erfreuen, als ich hoffte; ſie werden ihm vielleicht eine unnütze Zierde dünken, durch die ich prunken, durch die ich gefallen will. Und ach, wie unge⸗ recht würde er dieſen Gedanken finden, wenn er mir in's Herz blicken könnte!— Norden brachte den ganzen Rachmittag bei uns zu, er ſchien immer heiterer zu werden, je mehr ich ihm erzählte, und ſagte mir Vieles, was mir wohlthat, ob ich gleich nicht recht weiß, worin dieſe heimliche Freude beſtand, da er, nach ſeiner gewöhnlichen Art, mit jedem Lobe zurückhielt, auch da, wo ich meinte es wirklich verdient zu haben. Es war mir vft, indem er ſprach, als leſe ich in — 138— ſeiner Seele entzückende, tiefbedeutende Worte, deren Auflöſung nur das Herz finden kann.— Ich knieete am Abend dieſes Tages voll in⸗ brünſtigen Dankes an dem Lager meines Vaters, ich bedeckte die theure Hand, die mir meine Frei⸗ heit wiedergab, mit Küſſen, ich betete für die Wiederherſtellung ſeiner vollkommenen Geſundheit. Meine Liebkoſungen, meine Erzählungen ſchienen die Schmerzen zu lindern, die er trug, er ließ ſich von mir alle die Feſte, denen ich beiwohnte, das Letzte aber, wo ich den Kranz empfing, mit den kleinſten Umſtänden wiederholen, und genaß ſichtlich unter der Freude, die ihm die Auszeichnung ſeiner Tochter gewährte. Die Güte, die mir die Fürſtin bis auf die letzte Stunde erzeigt, über⸗ raſchte ihn auf's Angenehmſte. Der gute Vater wollte bemerken, ich ſei, ſo ſehr ich es auch läug⸗ nen wollte, doch ganz für das Hofleben geeignet, und würde die Täuſchung gewiß noch ſchnell genug einſehen lernen, in der ich mich befände, wenn ich meinte, das Landleben vermöge mir nach dem Ge⸗ nuß ſo hoher Gunſt und ſo mancherlei Abwechſe⸗ lungen, noch ganz zu genügen. Ich bat ihn, dies meinem Gefühle zu überlaſſen, und mir Zeit zu gönnen, mich hterüber zu prüfen. Er lächelte, und fing kurz darauf an, von dem Grafen Ordeck zu ſprechen. Ich erfuhr, daß er in Holmſee er⸗ wartet würde, und dies überraſchte mich auf die angenehmſte Weiſe.— Faſt hätte ich befürchtet, dem guten Grafen durch irgend etwas mißfallen zu haben, weil er ſich ſeit dem letzten Feſte ſicht⸗ lich von uns entfernt hielt,— dieſe Nachricht aber zerſtreute meine Beſorgniß mit einem Male, und erfüllte mein Herz mit dem lebhafteſten Vergnügen. Richardis! warum lächelte mein Vater über meine Freuden⸗Bezeugungen ſo ſeltſam? Er denkt doch nicht— oder wünſcht?— O nein, nein, Richardis! Er kann mich nicht ſo mißverſtehen! Das wäre nicht gut für mich und den Grafen! Gewißlich vermag er meine Freude nicht fälſchlich zu deuten! Wer iſt denn offner und aufrichtiger, und daher auch leichter zu durchſchauen als Ihre Angela. Vierundneunzigſter Brief. Ditrß en n Breiſach, im März 18**. Ich komme ſo eben von einem Spatziergange zu⸗ rück, und will das volle Herz erleichtern, indem ich Ihnen Alles zu erzählen eile. Ich hatte, da mein Vater wieder ausgehen darf, zum erſtenmale das Zimmer verlaſſen, um unſern Park zu beſu⸗ chen. Die Sonne ſchien ſo warm, ſo freundlich, als wollte ſie die noch fehlende Zierde der Ratur mit ihrem ſchönſten Lichte erſetzen. Ich begrüßte laut jubelnd das erwachende Leben, und flog mit leichten Schritten die Allee hinab, meine Lieblings⸗ Plätze aufzuſnchen. Wie war ich überraſcht, als ich die kleine Mooshütte am Teich, in der ich ſtets am liebſten verweilt hatte, mit den ſchönſten Blu⸗ men ausgeſchmückt fand. Der Frühling ſchien hier durch eine ſchöpferiſche Hand hervorgezaubert zu 2 ſein; zur Seite des Tiſchchens, an dem ich ge⸗ wöhnlich zu ſchreiben pflegte, dufteten mir zwei blühende Roſenſtöcke entgegen, und an den kleinen Fenſtern ſtritten Aurikeln und Hyazinthen um den ſpärlich hereindringenden Sonnenſtrahl. Ich ließ mich auf den kleinen Lehnſtuhl an demſelben nie⸗ der, und verſetzte mich, den Kopf träumend zurück⸗ gelehnt, von den zauberiſchen Düften umwallt, in eine fremde, ſchöne Wunderwelt, wo das Leben, befreit von allem Zwange läſtiger Convenienzen, ein ungetrübter Himmel, als Ideal meiner Wün⸗ ſche, vor meiner trunkenen Seele ſtand. Ich fühlte mich zum Dichten begeiſtert, und öffnete das be⸗ kannte Schubfach, um Papier und Bleiſtift zu ſu⸗ chen. Ein zuſammengerolltes Blatt fiel mir in die Augen; es war eine Idylle, die ich früher an die⸗ ſem Platze niederſchrieb, und die hier liegen ge⸗ blieben war. Ich erſchrack.— Sie war an einem mir unvergeßlichen Gewitterabend entſtanden, und ſchilderte die Kraft und Dauer einer Liebe, die, von unſterblicher Schönheit entzündet, den Tod nicht ſcheuet, um ihre Dauer zu bewähren.— Noch las ich, als ich Tritte nahen hörte, und mich umſehend, Norden gewahrte, der, als er mich bemerkte, ſogleich vom Eingang zurücktrat. Ich bat ihn zu verweilen, und frug ihn, ob die Hand meines Vaters ſo gütig für eine Ueberraſchung —— geſorgt, die mich zu ſo großem Danke verpflich⸗ tete? „Ich kenne nur den Wunſch Sie zu erfreuen, nicht den Geber!“ entgegnete Norden, indem eine angenehme Röthe über ſeine Wangen flog.„Seien 1 Sie daher nicht um den Dank beſorgt, Comteſſe! Die Freundſchaft belohnt ſich ſelbſt, indem ſie ein 3 theures Andenken ehrt!“ Ueberraſcht, ſtumm, aber voll unausſprechli⸗ cher Gefühle, blickte ich zu Rorden empor, den zarten Geber in ihm errathend. Er ließ ſich freundlich neben mir nieder, und frug nach dem Papier, was ich in der Hand hielt. Er geſtand mir, als ich ihm das Gedicht nannte, daß er es geleſen habe, indem er nicht glaubte, daß ich etwas, was ich dem Zufall überlaſſen hatte, ibm zu verſchweigen Urſache haben würde;—— fühle darin ausgeſprochen, und ſaß dem Mann ge⸗ 1 genüber, der ſie allein zu verſtehen vermochte!— Mit einer Feinheit, die ich ihm ewig Dank wiſſen werde, nahm er den Gegenſtand, in dem ich mich ſelbſt heimlich ausgeſprochen hatte,— ſo⸗ gleich als einen allgemeinen, ſchon vft beſproche⸗ nen, nur unter einem andern Gewande dargeſtell⸗ ten auf; er nannte die darin ausgeſprochene An⸗ . 1 ſicht, eine ſchöne, aber auf Erden ſelten in dieſer ⁰ ich erröthete, denn ich hatte meine geheimſten Ge⸗ — 143— Reinheit beſtehende Blüthe,— und ſchilderte die dagegenſtrebende Gewalt des Lebens, und die oft ihr unterliegende Menſchennatur, auf eine Art, die mich traurig machte, weil ich daraus erſah, wie wenig ſein Herz von dem Leben hoffte, und wie ſein Gemüth, von bitteren Erfahrungen belehrt, der ſchönſten Erſcheinung im Leben ſo wenig Ver⸗ trauen ſchenkte;— ich gerieth mit ihm in Wider⸗ ſprüche, und da ich es ſcheute, durch einen zu leb⸗ haften Eifer ihn überzeugen zu wollen,— zu miß⸗ fallen, ſo ſchloß ich ſchüchtern mit den Worten:— ich wolle es dem Leben ſelbſt überlaſſen, ihm einen ſchönern Glauben beizubringen. Er ſah mich weh⸗ müthig an.—„Das Leben“,— ſprach er:„ſpart ſeine Gunſt ſelten für die ſpätern Jahre!— Das Glück, das Sie in ſchöner Begeiſterung ge⸗ ſchildert, gehört der Jugend an, dem reiferen Man⸗ ne bringen ſolche Roſen ſtets Dornen mit!“— O, liebenswürdigſter unter allen Män⸗ nern! dachte ich in meiner Seele: wie wenig kennſt Du das weibliche Herz, da Du zweifeln kannſt, der Adel der Seele, die ewige Jugend eines gebil⸗ deten Geiſtes, überſtiegen nicht an Werth unendlich den vergänglichen Vorzug der Jugend!— Jch ſeufzte aus tief beklommener Bruſt, und ſchlug meine Augen zu Boden;„„Sie laſſen mich glau⸗ ben““, ſagte ich leiſe:„der Glaube an das —— Wahre in uns, ſei auch eine vorübergehende Blü⸗ the der Jugend?““—„Das nicht, Comteſſe!“ rief er lebhaft!—„aber wir lernen es ſcheuen, ein edles Gefühl zu mißbrauchen.— Glauben Sie mir, in meinem Alter würde man ſelbſt die ſchön⸗ ſte aller Ueberzeugungen nicht ungeſtraft zu gewin⸗ nen verſuchen,— weil ſie den Blick auf's Neue der Erde zukehren würde, der nach den Jahren der Jugend meinem ernſteren Ziele gehört!“ Die Hoheit ſeiner Seele, die ſich in dieſen Worten aus⸗ ſprach, vermochten mich dennoch nicht ganz über die tiefe Betrübniß emporzuheben, die ich bei die⸗ ſen Worten empfand. Ich konnte es nicht verhin⸗ dern, daß eine Thräne über meine Wangen glitt. Er bemerkte es, und ergriff meine Händ, mich mit tiefer Innigkeit anſehend, ach! mit Augen, die auch vdn Thränen glänzten, die aber ſtark ge⸗ nug waren, ſie zurückzuhalten und zu ſchweigen. Wir ſaßen einige Minuten ſtill neben einander.— O, wer vermag es, meinen Schmerz zu ſchildern, der dennoch ſo viel Seligkeit hatte! Er war es, der zuerſt aufbrach, er erinnerte mich an die Kühle des Abends, und frug, ob er mich zu Hauſe ge⸗ leiten dürfe. Ach, ich vermochte nicht, ihm zu fol⸗ gen! Ich bat ihn, mich noch einen Augenblick in der Hütte zu laſſen, die mir ſo lieb geworden ſei. Er verließ mich hierauf mit einer zärtlichen War⸗ — 145— nung meine Geſundheit zu ſchonen, und ſchlug den Weg nach ſeiner Wohnung ein. O, mein Gott! rief ich, als ich mich allein ſah, warum hat der höchſte Moment meines Le⸗ bens nur Thränen für mich? Warum mir die Er⸗ kenntniß eines Glückes, welches ſo fern, ach, ſo unerreichbar vor mir liegt!— Da faßte mich die Reue über den Frevel dieſer Worte, ich erkannte mein Unrecht, und bekannte demüthig, daß ja ein ſolcher Augenblick ſchon allein gültig ſei in der Rechnung des Glückes, und daß man ja auch dank⸗ bar ſein müſſe für die Ahnung einer Seligkeit, die nicht jedem zu empfinden verſtattet ſei. So, Richardis, war die Stimmung, in der ich die Hütte verließ.— Ich beſuchte noch mehrere Stellen, bei denen ich ſonſt am liebſten verweilt hatte, und fand überall die Spuren einer ſorgen⸗ den Hand, die die alte Ordnung erhalten, und manche neue Zierde hinzugefügt hatte. Wie wohl⸗ thuend ſprachen dieſe Zeichen ſtiller Aufmerkſamkeit zu meiner Seele; ich ſehnte mich dieſe zarte Güte zu vergelten, ich ſann auf eine paſſende Erwiede⸗ ruug, und fand alles ſo alltäglich, ſo wenig geeig⸗ vet, mein Gefühl auf eine würdige Art auszuſpre⸗ chen. Die Gemälde, die ich beendet, waren, wenn wich nicht mißrathen, doch ſchon dadurch, daß ſie Copien waren, untauglich für meinen Wunſch. Angelo III.* 7 Was ich ihm geben konnte, mußte das Eigenthum meiner Seele, mußte gleichſam meine Seele ſelbſt ſein, dies fühlte ich entſchieden, und darüber nach⸗ ſinnend kam ich im Schloſſe an. Ich ſuchte meine Papiere hervor, ich durchblätterte meine angefan⸗ gene Sammlung. Ueberall begegnete ich einem Echo, das mich an die damals geleſenen Dichter erinnerte, überall Einmiſchungen fremden Lebens in das meines Gemüthes. Das letzte Gedicht al⸗ lein ſtand klar vor mir, dem innerſten Quell mei⸗ nes Lebens entſtrömt. Ich trennte es ſogleich vvn den übrigen, ich verbannte die Kinder jenes fremd⸗ artigen Lebens aus meinen Augen, ich fühlte mich ermutbhiget, den höheren Einwirkungen einer in mir immer heller heraufſteigenden Sonne zu vertrauen, ich wagte ſogar einen Verſuch, und fand meine Boffnung beſtätiget. Fortan war der Kranz gefun⸗ den, mit dem ich ihn zu belohnen gedachte.— Je⸗ der Tag ſoll nun eine neue Blüthe in denſelben winden, wie jeder Tag mich an ſeine Tugenden erinnern wird. — 147— Fünfundneunzigſter Brief. Wotoch, Graf Ordeck, an R. Holmſee, im April 18**. Nimm das Geſchick einer Raupe, die mondenlang um die Blumenſtauden der Erde vorſichtig gekro⸗ chen iſt; nimm ihre Einkerkerung in die Sinn und Geſtalt verändernde Puppe, und betrachte darauf die entfeſſelte Pſyche, wie ſie mit breiten raſchen Flügeln ſich zu den Blumenkelchen erhebt, die ſie zuvor nur von fern beäugelt, wie ſie die ſelige Bruſt bald an die warme Erde drückt, bald ſie preis gibt, dem Koſen der freien ſchmeichelnden Luft: ſo haſt Du mein Bild, theurer Freund!— Ich war ihr in die Reſidenz gefolgt, ihr, von der Du ja weißt, daß ſie mein Alles, daß meine Liebe zur ihr der focus in dem Brennſpiegel mei⸗ nes Daſeins iſt. Ich verläugnete meine Ratur, ich fing an, nach äußerem Schimmer zu trachten, 7* weil ich den Weg kannte, auf dem der Graf ſeine Tochter zum Glück zu führen gedachte: ich bot al⸗ les auf, was ich konnte, ohne meiner Eigenthüm⸗ lichkeit zu ſchaden, mir eine ehrenvolle Stelle in der Geſellſchaft zu ſichern, und hatte den Lohn, daß ich nicht allein die Bahn zu meinem Ziele fand, ſondern daß ich auch durch das nähere Be⸗ ſchauen und tiefere Eindringen in jenes Leben, von manchen ungerechten Vorurtheilen genaß, und einſehen lernte, wie auch auf dieſem Boden ſich die Tugend behaupten, und manche gottgefällige Blüthe emportreiben kann.— So ſieht man an⸗ fänglich, von dem trügeriſchen Scheine des Mon⸗ des verführt, die gewöhnlichſten Gegenſtände für Schreckniſſe und Unbilde an: man hält ſich ihnen fern, und vermehrt dadurch ſeinen Irrthum. Könn⸗ ten wir aber immer den Tag abwarten, ſo wür⸗ den wir ſehen, daß es ſo ſchlimm nicht war, als wir dachten, und wie die Erlenkönige und ſtolz ſich brüſtenden Waſſerfeen und Elfenbilber uns ver⸗ wandte längſt bekannte Geſtalten waren, die nur unſere fabelnde Einbildungskraft, durch den frem⸗ den Schimmer, der ſie umgab, verblendet, uns fliehen ließ.— Ich hatte mich, wie geſagt, zum Theil mit dieſem Leben verſöhnt, als der freund⸗ liche Stern, der ihm das hellere Licht gab, an ſeinem Horizonte unterging. Mit heimlicher Furcht, — 149— — ach, die Geliebte ſtand ſeit einiger Zeit in der Glorie des höchſten innern Segens, des unſterbli⸗ chen Seelenzaubers faſt unerreichbar, und meihe Hoffnungen demüthigend, vor mir,— folgte ich dem Zuge meiner Sehnſucht zum Gebiet meiner Freiheit. Hier wurde es anders mit mir; alles erinnerte mich hier an die anſpruchsloſen Freuden, die ſie mit mir getheilt hatte. Es war nicht mehr die gefeierte Königin des Feſtes, wie man ſie an jenem Abend genannt, wo die Vorzüge ihres Gei⸗ ſtes ſie über alle ihre Umgebungen erhoben: es war das einfache anmuthsvolle Landmädchen, das vor meiner Phantaſie ſtand. Ich rieb mir die Stirn, als ſei ich aus einem Traume erwacht: ich ſprang an das Fenſter, und, ſah das Breiſacher Schloß ſo freundlich von der Morgenſonne vergol⸗ det, ſo einladend vor mir liegen. Ich gebot, mei⸗ nen Rappen vorzuführen, und die alte Jägertracht hervorſuchend, als gehöre auch die zu dem Gemäl⸗ de, das vor meiner Seele lag, ſtand ich bald, al⸗ les ſtädtiſchen Flitters beraubt, in meiner eigen⸗ thümlichen Geſtalt da, und eilte, das muthig wie⸗ hernde Roß mit fröhlicher Kraft bändigend, dem Aufenthalt Angela's zu. Sie ſtand auf dem Söl⸗ ler, als ich angeſprengt kam. Freundlich winkten mir ihre ſchönen Hände ein herzliches Willkommen zu. Ich flog die Treppe hinauf, ich umſchlang, — 150— in der Heftigkeit meiner Freude, den ſchlanken Leib des geliebten Mädchens, ich ſank, als ſie über mei⸗ ne Dreiſtigkeit erröthete, vor ihr auf die Knie; ſie reichte mir heiter vergebend die Hand, ſie bat, mich zu dem Vater geleiten zu dürfen; ich folgte der Lieblichen, im ſüßen Anſchauen ihrer Geſtalt verſunken, wohin ſie mich führte; v, ich wäre ihr durch's Feuer gefolgt, mit der ſüßen Hoffnung, die mir im Herzen lebte!— Graf Domelli nahm mich mit Herzlichkeit in ſeine Arme; er äußerte mir ſeine Verwunderung, mich zu einer Zeit in Holmſee zu wiſſen, wo das Leben in der Reſidenz noch ſo anlockend ſei. Ich ſchützte in der Eil die unbedeutendſten Gründe vor, und hoch erröthend über die Unwahrheit, der ich mich ſchuldig gemacht hatte, beſchloß ich, wenn ich Gelegenheit fände, mich denſelben Abend noch dem Grafen zu entdecken, und ihm die wahre Urſache zu geſtehen. Nach einem fröhlich durchplauderten Abend benutzte ich, nachdem ſich Angela in ihr Zimmer begeben, den Augenblick unſeres Allein⸗ ſeins, und bekannte dem Grafen meine Reigung zu Angelen mit der einfachen Wahrheit meines Gefühls, fuhr dann fort, da ich keine Mißbilli⸗ gung in des Grafen Geſicht entdeckte, meine Wün⸗ ſche, meine Pläne, ihm vertrauensvoll vorzulegen, und mit kindlicher Liebe um ſeinen väterlichen Segen zu bitten. Der Graf ſchien keinesweges von meiner Erklärung überraſcht zu ſein; er be⸗ frug mich mit Theilnahme über die Art meines Lebensplans, und da ich dieſen dem Wunſch mei⸗ ner künftigen Gefährtin zu überlaſſen verſprach, und mich auch gegen das Leben in der Reſidenz nicht abgeneigt erklaͤrte, verſicherte er mir, wie er nichts dagegen habe, ſeine Tochter einem Manne zu vermählen, der ſich ſeinem Stande gemäß über⸗ all auf eine würdige Art zu behaupten verſtehe, und wie er die Entſcheidung meines Geſuches fort⸗ an allein ſeiner Tochter überließe, die, wie er lä⸗ chelnd bemerkte, wohl nicht ganz unbekannt mit meinen Wünſchen ſein dürfte. Ich war außer mir vor Frende, und wollte denſelben Abend noch mein Artheil vernehmen, aber der Graf kam mir zuvor, indem er mich auf den kommenden Sonntag ein⸗ lud,— wo er mir die gewünſchte Entſcheidung verſprach.— Ich verſuche es ſeitdem, die Tage, die mir zur Folter werden, durch die abwechſelndſten Be⸗ ſchäftigungen zu verkürzen;— ſie ſchleichen einen unerträglichen Schneckengang,— kaum daß die Unterhaltung mit Dir mich von dem Gedanken abzuziehen vermag, der jede Minute zur Stunde, jede Stunde zur Ewigkeit, durch die ihnen bei⸗ wohnende Ungewißheit macht. Ich werde dieſen — 152— Brief nicht ſchließen, bevor ich Dir nicht die Ent⸗ ſcheidung meines Geſchicks, wie ſie auch fallen mö⸗ ge, mitgetheilt habe. Für heute lebe wohl, Du Geliebter! Sonntags Abends. Ich verſprach, den Brief da vor mir zu ſchlie⸗ ßen?— NRun freilich, geſchloſſen muß er ſein, und wenn auch mit keiner Jubel⸗Hymne,— das ſteht nun einmal nicht immer in unſerer Macht! Das Schickſal darf uns hienieden nicht mit allzu⸗ großer Glückſeligkeit verziehen, und ich glaube, daß dies gerade nicht die ſchlechteſten Kinder ſind, mit denen es die beſorgte Mutter beſonders ſtreng nimmt. Ich werde es kurz machen, wie Einer, der den Verband einer ſchmerzlichen Wunde noch ein⸗ mal raſch loswickelt, um ſie dem theilnehmenden Freunde zu zeigen.— Angela's Liebe iſt das Ei⸗ genthum eines Andern, dies iſt genug, um Dir begreiflich zu machen, daß, wenn auch alle Väter der Welt auf meiner Seite ſtänden, ich ſogleich von meinen Hoffnungen laſſe. Der Mann;, den ſie über alles verehrt, ſteht hoch, viel höher als ich, ——— — 16— das iſt mein Troſt,— aber unerreichbar für ihren Wunſch, wie ſie fortan für den meinen, und dies, o Freund, iſt ein doppelter Schmerz. Meine Lie⸗ be iſt ein ſeltſames Ding, ſtolz in ihren Entwür⸗ fen, muthig im Gefühl ihrer Kraft, und doch ſo unterthänig der ihrigen, daß ſie ſogleich ihr zu die⸗ nen beſchloß, und alles auf den eignen Nacken la⸗ den wollte, um das Herz des geliebten Mädchens zu erleichtern. Wäre es Norden nicht, den ſie vor Allen verehrt, ich glaube die Sache wäre nicht ſo gut abgelaufen! Aber ſo begegnete ſich unſere Lie⸗ be auf wahrhaft geſchwiſterliche Art, und dies gab uns wenigſtens eine Gemeinſchaft, die doch eine entfernte Aehnlichkeit von dem Glück hatte, welches ich mir geträumt.— Ich habe ihr meine Treue für alle Zeiten zugeſagt, und es gefiel mir, daß ſie ſolche ſchweſterlich annahm.— Mein Unglück iſt demnach nicht von der Art, daß es mich aus ihrer Nähe verbannt,— und nun weißt Du ge⸗ nug, um nicht um mich allzubekümmert zu ſein.— — 154— Sechsundneunzigſter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Richardis. Breiſach, im April 18**. Gott Lob, es iſt glücklich heraus, das Wort, welches mir das Herz abzudrücken drohte! Ich habe ihm alles geſtanden, dem unglücklichen Ordeck, er hat abgelaſſen von ſeinem Begehr, aber ſeiner Liebe, ſchwur er, nicht entſagen zu können.— O, warum muß ich eine Thräne um meinetwillen flie⸗ ßen ſehen, vhne die Macht zu beſitzen, ſie trocknen zu können!— Doch ich will Ihnen ruhig erzählen. — Graf Ordeck überraſchte uns dieſer Tage mit ſeinem Beſuch. Die ſtürmiſche Freude, mit der er uns begrüßte, erhöhte die Unruhe, die ich ſeinet⸗ wegen trug, weil ich ſeit einiger Zeit etwas Ungleiches, vft Leidenſchaftliches in ſeinem Betra⸗ gen gegen mich wahrgenovmmen hatte! Den Mor⸗ gen nach ſeinem Hierſein ließ mich mein Vater zu „— — 155— ſich rufen, er ſah nachdenkend, doch ziemlich heiter aus, und gebot mir, ihm gegenüber Platz zu neh⸗ men.—„Du wirſt in kurzem ſiebzehn Jahr, mein Kind!“ begann er:„Mädchen von Deinem Stan⸗ de fangen in dieſem Alter an, eine Stimme zu be⸗ kommen, in Sachen, welche ihr künftiges Schicſal betreffen!“— Ich horchte auf.—„Graf Ordeck hat, wie mir die Fürſtin ſchon früher angedeutet, Abſichten auf Dich. Sein Stand iſt dem meinen gleich, ſein Ruf tadellos, ſeine Lage gewährt ihm bedeutende Vorzüge, er iſt Deinen Jahren, Dei⸗ nen Anſprüchen angemeſſen, und, wie ich längſt bemerkt, Dir keinesweges gleichgültig, ich hab⸗ daher keine Urſache, ſeinem Wunſch, Dich in der Folge zu beſitzen, entgegen zu handeln, und habe Dich herberufen, Dich auf ſeinen Beſuch vorzube⸗ reiten.“— Ich erblaßte. Das war es alſo, was meinen Vater bewogen hatte, meiner Sehnſucht nach der Heimath Gehör zu geben, er wußte mich geliebt, und glaubte eine ähnliche Reigung bei mir zu entdecken. O, des unſeligen Irrthums! Ich fühlte, ich vermochte mich nicht zu entſchuldigen, ohne das zarteſte Geheimniß meines Herzens zu verrathen. Betroffen ſchlug ich den Blick zu Bo⸗ den, ohne eines Wortes mächtig zu ſein. „Keine Ziererei, Angela!“ rief er etwas un⸗ geduldig, nachdem er lange vergebens auf eine — 156— „Wie ſtehts mit Deinem Ent⸗ Antwort gewartet. „„Ich kann nicht, mein Vater!““ rief ich zit⸗ ternd, meine Hände ihm bittend entgegenfaltend: „„unſer Schickſal iſt nie zu vereinen. Ich bitte Sie, glauben Sie mir das! Es iſt Alles ganz anders, als Sie denken, und der Graf ſelbſt wird ſich überzeugen, daß ich nie die Seinige werden kann!— Ueberlaſſen Sie es mir““, bat ich, auf meinen Vater zueilend, der ſich unwillig vom Stuhl erhob:„„überlaſſen Sie es mir, geliebter Vater, mit dem Grafen Ordeck zu ſprechen. Ich allein vermag es, ihm zu erklären, was zu ſeinem Glü⸗ cke nöthig iſt!““— Mein Vater ſah mich lange ſprachlos an, endlich brach ſein Unwillen laut her⸗ vor. Er nannte mich eine ſeltſame Thörinn, ver⸗ langte die Urſache meines widerſprechenden Beträ⸗ gens, und ſchloß endlich, nachdem ſich die Aufwal⸗ lung ſeiner Heftigkeit an meiner ſtummen Beſtür⸗ zung gebrochen, mit der Verſicherung, daß er das Licht wohl finden werde, das ihm zur Erläuterung meiner Worte nöthig ſei. Uebrigens gebot er mir bei ſeiner: Ungnade, den Grafen durch kein kindi⸗ ſches Betragen, wie er es nannte, zu reizen, er ermahnte mich ſogar an ſeinen Entſchluß bei Hofe, und vergaß, daß es ja meinem Charakter ganz unmöglich ſei, jemanden zu reizen vder zu beleidi⸗ — 157— gen, und daß das, was ich thun h ja zu Ordecks Glück geſchehe. Der Tag erſchien, wo wir den Grafen er⸗ warteten. Er wurde bei ſeiner Ankunft ſogleich in mein Zimmer gewieſen. Ich hatte mich mit Ruhe vorbereitet, ihn auf eine würdige Art zu empfangen, doch ſtörte die freudige Haſt, mit der er auf mich zueilte, zum Theil meine Faſſung⸗ Ich duldete den Kuß, mit dem er mich empfing, und hieß ihn mit ſchweſterlicher Freundlichkeit will⸗ kommen. Um mich noch beſſer zu ſammeln, ließ ich ihn ungeſtört die Worte wiederholen, mit denen er meinem Vater ſeine Wünſche entdeckt hatts. Ach, ſie ſchnitten in mein Herz, und ließen mich das Schwierige meiner Lage doppelt empfinden.— „Herr Graf!“ entgegnete ich endlich, tief aufath⸗ mend:„das Vertrauen, das mir Ihr biederer Charakter, Ihre Freundlichkeit gegen mich ſtets eingeflößt hat, gibt mir allein den Muth, recht offen und wahr mit Ihnen zu ſprechen. O, nur Ihnen vermag ich mich ganz zu entdecken! Wo wahre Liebe iſt, da iſt auch Nachſicht; Sie werden mich nicht verdammen, auch dann nicht, wenn ich Ihnen wehe thun ſollte!“— Er rieb ſich die Stirn, er rückte näher zu mir, mich erwartungs⸗ voll anblickend. — 158— „Ich habe gelernt“, fuhr ich fort,„ſtets ſorg⸗ ſam mein Gefühl zu prüfen, ich kann ja wahrlich nicht dafür, wenn ich ſchon früher ein Bild in mich aufnahm, das ſo hoch ſteht, daß es jedes andere, was ich daneben ſtellen wollte, überragen und ver⸗ drängen würde, ich muß daher lieber den Schmerz ertragen, wegen der Verſchwiegenheit, in der ich es zu bewahren ſuchte, getadelt zu werden, als ſpäter den Schmerz, den Vorwurf zu erfahren, mich eines heimlichen Betruges angeklagt zu ſehen, dem ich nicht entgehen könnte, wenn ich Ihnen mein ſchönſtes Eigenthum, meine ungetheilte Liebe zuſagte, und nicht mehr zu geben im Stande wäre.“ „Ja, dann iſt freilich alles— alles vor⸗ bei!““ rief der Graf nach einer drückenden Pauſe raſch aufſpringend:„ich Thor, ich raſender Thor! daß ich wähnte, ich ſtehe allein in dieſem Herzen! — Aber!““ rief er im rauhen Ton, indem er dicht vor mich hintrat:„wer, Angela, darf es wagen, mich aus Deiner Liebe zu drängen? Nen⸗ ne ihn, daß ich mich mit ihm meſſen, daß ich ſeino Ueberlegenheit anerkennen kann, damit ich mein Schickſal ertragen lerne!““ „O, mein Freund!“ rief ich bittend:„ich habe ja niemanden, dem ich mich anvertrauen könnte, wenn Du es nicht biſt! O, ſieh mich mur einen Augenblick als Deine Schweſter an! — 159— Wir begegnen uns ja in einer Liebe, in einer Verehrung! Norden iſt's, dem ich ganz ange⸗ höre, dem ich nichts entziehen kann, ohne mich ſelbſt zu berauben, dem meine Freude galt, wenn ich der Heimath gedachte!“ Ordecks Geſicht wurde bleich, ſeine Arme ſan⸗ ken kraftlos herab, er ſah mich lange trüb und ſprachlos an.—„„Arme, arme Angela!““ rief er in einem ſo mitleidigen Ton, daß ich über mich ſelbſt zu ſeufzen begann:„ſo kann ja auch nicht einmal das Grab meines Glückes die Wiege des Deinen werden! So nimmſt Du ja nicht ak⸗ lein meiner Jugend den Kranz der Hoffnung, ſo opferſt Du ja auch die Deine der hoffnungslvſeſten Neigung!““— Ich weinte ſtill vor mich hin. Er ſetzte ſich zu meinen Füßen nieder, er küßte meine Hände, er bat mich, doch zu überlegen, daß, wenn er auch ſeines Wunſches gar nicht mehr gedenken wollte, mein Glück doch ewig unverein⸗ bar mit den Hoffnungen meines Vaters ſei. Er wiederholte ſich einigemal den Namen Norden, als traue er ſeinen Sinnen nicht, und beklagte auf eine rührende Art mein Schickſal.„„Um mich kage nicht, guter Ordeck!““ ſprach ich, ihm freundlich die Locken ſtreichelnd:„meine Wünſcho haben freilich nichts von dem Leben zu hoffen, aber ſie ziehen ruhig über daſſelbe hin, weit hin, — 160— ohne es zu berühren! Mich ſchmerzt es nur allein, daß ich meinen Vater betrüben muß, und Dich, meinen Freund!— Aber ich vermag es nicht, dio ich liebe, zu hintergehen, und Du wirſt mich we⸗ gen meiner Offenherzigkeit nicht verachten!““ Der zutrauliche Ton, in dem ich dieſe Worte ſprach, machte ihn weich:„Verachten, Angela?“ ſagte er ſanft:„das iſt ja eben das Unglück, daß ich Dich nur noch höher verehren muß, da Deine Liebe ſo würdig Deiner ſelbſt, wenn auch ſo höchſt wunderbar iſt!— Ich ſehe es wohl ein, wo Ror⸗ den herrſcht, iſt für mich wenig zu hoffen! Er iſt der Einzige, dem ich Deine Liebe zu vergönnen vermag. Traurig bleibt es freilich, daß auch ihr kein freundlicher Stern leuchten wird.— Jch ken⸗ ne ſeinen Charakter, er wird ſeine Selbſtzufrieden⸗ heit höher achten, als ſein Glück, und die Achtung Deines Vaters höher als Deine Liebe!“—„Laß das““, bat ich,„mein Freund! Ueber das Glück, das ich meine, vermögen nicht Worte zu entſchei⸗ den! Ueberdies geht ja doch das Leben ſeinen be⸗ ſtimmten Gang, und wir haben ſchon alles gewon⸗ nen, wenn wir es vermeiden konnten, wiſſentlich Unrecht zu thun!““ Das Hereintreten meines Vaters unterbrach unſer Geſpräch. Er blieb, da er mich in Thränen, und den Grafen in ſichtlicher Betrübniß fand, be⸗ — 161— troffen am Eingange ſtehen, und muſterte uns mit fragenden Blicken. „Nun“, begann er:„wie hat meine Tochter unſern würdigen Freund aufgenommen?“— Or⸗ deck ſprang auf, und ſich ſchnell ſammelnd, ant⸗ wortete er:„„Ganz des Vertrauens würdig, das ich auf ein ſo edles Herz ſetzte, indem ich es wag⸗ te, ihm meine Wünſche zu geſtehen. Angela hat, wie ich hoffte, ganz frei und offen geſprochen, ich weiß nun, was ich von ihrem Herzen fordern darf, und werde ſtill hoffend die Zeit erwarten, wo ich meine treue Ergebenheit für ſie durch Thaten aus⸗ zuſprechen vermag.“— Mein Vater ſah mich zweifelhaft an:„Die Jugend meiner Tochter“, entgegnete er,„kann es freilich entſchuldigen, wenn ſie die Trennung von ihrem väterlichen Hauſe noch weiter hinausgeſchoben hat, indeß hoffe ich, iſt ihr Entſchluß gefaßt!— Sie ſchweigen, Graf?“— „„Ich hielt es für beſſer, ſie in ſo zarter Ju⸗ gend durch kein voreiliges Wort zu binden!““ entgegnete Ordeck:„ich gelobe ihr meine Treus ohne ihre Wahl einzuſchränken, und erbitte es mir, Herr Graf, als Beweis Ihrer Gewogenheit, der Comteſſe in Hinſicht dieſes Punktes vollkommens Freiheit zu laſſen.“ „„„O, edler Mann“““, rief ich, don des Grafen Großmuth überwältiget:„„zu lange ha⸗ — 162— ben Sie für mich das Wort geführt! Es muß ja doch einmal von meinem Herzen, und wenn Sie auch alles verſchweigen wollen, ich kann meinen Vater nicht vergebens hinhalten!“““— Der Graf winkte mir ängſtlich mit den Augen.—„Keine Romanenſtreiche, Angela!“ rief mein Vater, mei⸗ ne Unruhe bemerkend:—„was haſt Du zu ver⸗ bergen? Ich erwarte Wahrheit von Dir.“ Ein heftiges Zittern überfiel mich, mir war, als ſollte ich mit dieſem Bekenntniß mein Leben hingeben. —„Sie ſehen, der Comteſſe iſt nicht wohl, ver⸗ gönnen Sie ihr Erholung“, bat Ordeck.— „„Nein“““, rief ich, meines Vaters Hand ergrei⸗ fend, indem ich mein Geſicht an ſeinen Buſen ver⸗ barg:„„hier an Ihrer Bruſt will ich es ausſpre⸗ chen: Nur ein Mann auf der Erde konnte mir theurer ſein, als Graf Ordeck! Ich konnte nicht ſündigen, und dem Grafen ein Gefühl geloben, das jener beſaß. Das Herz läßt ſich nicht zuſagen, wie die Hand, es bleibt das Eigenthum deſſen, der es durch ſeine Vorzüge gewann! Sie waren es, mein Vater, der mir Norden zum Lehrer gab. Sie mögen es entſchuldigen, wenn Dank und Ver⸗ ehrung mich zu ſeinem Eigenthum gemacht hat!““ Mein Vater blickte mich gutmüthig an:—„Nor⸗ den?“ lächelte er,„nun wenn dies Dein ganzes Bekenntniß iſt, ſo wird, denke ich, wohl Alles —— ——— — 163— noch gut werden, mein Kind!— Sie ſehen, lie⸗ ber Graf!“ begann er, mich loslaſſend, und ſich zu Ordeck wendend:„die Mädchen ſind zuweilen die ſeltſamſten Creaturen von der Welt, ſie ver⸗ mengen Bewunderung und Verehrung, Liebe und Dankbarkeit, und verwickeln ſich in ihre Gefühle, bis ſie zuletzt den Ausweg nicht mehr zu finden vermögen.— Uebrigens bleibt es in der That eine ſeltene Erſcheinung!— Ein ſiebzehnjähriges Mädchen und ein Vierziger! Eine Gräſin und“— er hielt, von meinen Blicken getroffen, inne:„Ja wahrhaftig, wenn dieſe Diſſonanzen ſich nicht von ſelbſt auflöſen, ſo wird noch alles auf Erden zur Harmonie!— Angela“, fügte er in einem ern⸗ ſtern Tone hinzu, indem er mich gleich einer blei⸗ chen Bildſäule vor ſich ſtehen ſah:„ich erwarte Dich bei Tafel in einer Dir würdigen Stimmung!“ Hierauf lud er den Grafen mit einer artigen Ver⸗ beugung in das angrenzende Zimmer, und überließ ſein Kind dem Gefühl ſeiner gänzlichen Ohnmacht. Die Glocken läuteten eben aus der Kirche, ich trat an's Fenſter, ich ſah die Schaar der andächtigen Gemeinde vorüberwallen; ich verſuchte es, meins Seele zu Gott zu erheben, überdachte mir, was ich geſagt, und fand, daß ich ihm und der Wahr⸗ heit treu geblieben, und ſeines Schutzes würdig ſei. Dies gab mir allmählig die Kraft, die ich brauch⸗ te: ich richtete mich ermuthiget empor, ich dankte Gott für die erſte Prüfung meines Herzens, ich geſtand mir, durch mein gewiſſenhaftes Betragen ein neues Recht auf Nordens Achtung gewonnen zu haben; ich fühlte mich inniger mit ſeiner Denk⸗ art einverſtanden, als je, und ſegnete die Stunde, wo er mir die Tugend der Beſtändigkeit in threm ganzen Umfange erklärt, und mich vor einer vor⸗ eiligen Handlungsweiſe gewarnt hatte. Ich erſchien bei Tafel in der Faſſung, die mein Vater gewünſcht, und ob mir gleich der Ernſt dieſer Stunde im Gemüthe geblieben war, ſo vermochte ich doch ohne Zwang an der Unter⸗ haltung Theil zu nehmen, die von meinem Vater mit großer Ruhe ſtets auf's neue gehoben, und im Gang erhalten wurde. Graf Ordeck ſchien ſich we⸗ niger in ſeiner Gewalt zu haben. Er betrachtete mich oft mit Blicken, welche die wehmüthigſte Zärt⸗ lichkeit aus ſprachen, und kam mir oft um meinet⸗ wegen viel bekümmerter vor, als um ſeiner eignen vereitelten Hoffnung willen. Als er am Abend von mir Abſchied nahm, flüſterte er mir zu„An⸗ gela, vergiß nicht, daß Du mich Bruder genannt haſt:— meine Liebe bleibt folglich Dein Eigen⸗ thum, und ich ſchwöre es bei Gott: Kein Anderes ſoll Dir ſo ſicher ſein, als die ſes, und wenn es mir auch nur die Zinſen Deines Vertrauens trägt! — 165— Leben Sie wohl, Comteſſe!“ rief er lauter:— „ich hoffe mich bald wieder nach Ihrem Befinden erkundigen zu dürfen!“ und mit ſeiner gewöhnli⸗ chen biedern Art von meinem Vater Abſchied neh⸗ mend, ging der treffliche Mann um eine Hoffnung ärmer, aber um eine ſchöne Tugend reicher, ſeinem einſamen Aufenthalte zu. Ich fürchtete noch einmal von meinem Vater in's Verhör genommen zu werden, aber er ſchwieg fortan gänzlich über dieſen Punkt. Er war kälter als ſonſt, aber nicht ungehalten gegen mich, und bot mir früher als gewöhnlich eine gute Nacht. Ich wollte dieſen Abend noch dazu anwenden, Ih⸗ nen zu ſchreiben, aber ich fühlte mich ſehr ermat⸗ tet, und vermochte es nicht. Ich habe nun dieſen Morgen benutzt, um Ihneu mein Herz zu eröff⸗ nen. O, Sie werden mich nicht tadeln, wenn Sie nur recht forſchend in meine Seele blicken! Es führen oft die zarteſten Fäden zum Verderben, deshalb muß man ſehr gewiſſenhaft ſein mit eignem Glück, und vor Allem mit dem Glück Anderer. Leben Sie wohl. Siebenundneunzigſier Brief. No 5 en an W ey Breiſach, im April 18**. O, Walter, wie grauſam iſt das Schickſal gegen mich, da es mir Genuß und Entſagung ſtets zu⸗ gleich gebietet!— Welche Unterredung habe ich mit dem Grafen gehabt! Ordeck hat, wie er mir erzählt, um ſeine Tochter, die wieder bei uns iſt, angehalten,— ſie ſhat ſeine Hand ausgeſchlagen, und warum?—(O Gott, wie war es denn mög⸗ lich, daß dieſes jugendliche Gemüth, trotz der Ein⸗ wirkungen der Welt, dieſe Richtung behielt?) Weil ſie ihren Lehrer höher hält, als den Grafen, weil ſie ihm durch Geiſt und Gemüth mehr anzu⸗ gehören meint, als jedem Andern. Graf Domelli erzählte mir dies mit einer Ruhe, die faſt eine zu große Zuverſicht zu meinem Charakter verrieth⸗ Ihm kam nicht einmal die Möglichkeit ein, daß die Neigung der Cymteſſe von mir anders, als für — 167— einen ſchönen Irrthum genommen werden könnte; er ehrte mich ſogar durch ein ſo beiſpielloſes Ver⸗ trauen, daß er, nachdem er mich hinlänglich von ſeinen Plänen, Anſichten und Hoffnungen unter⸗ richtet hatte, die Heilung ſeiner Tochter, wie er es nannte, in meine Hände gab, und mich bei unſerer Freundſchaft beſchwor, das Mädchen, das, wie er wohl einſähe, ganz mein Geſchöpf, und nur durch mich zu leiten wäre, durch eine zweckmäßige Behandlung aus dem Gebiet einer ihrem künftigen Glücke ſehr nachtheiligen Schwärmerei, auf den rechten Weg einer klaren Lebens⸗Anſicht zurückzu⸗ führen, und das Werk meiner Erziehung damit zu krönen, daß ich ſie dem Wunſche eines liebenden Vaters, den Phantomen einer, wenn auch ſchönen, doch überſpannten Einbildung vorziehen lerne.— Als ich ihm hierauf mit einer ſtummen Verben⸗ gung antwortete, ſah er mich einen Augenblick for⸗ ſchend an, dann fuhr er fort, indem er zuverſichtlich meine Hand ergriff:„Herr Superintendent, ich hoffe nicht, daß Sie die Verehrung meiner Tochter anders nehmen, als für ein gerechtes Lob, das Ihren Verdienſten zu Theil wird, welches man aber, im Gefühl ächten Werthes, auch abzulehnen ver⸗ mag, ohne dabei zu verlieren, weil unſer Glück mehr in unſerm eignen Bewußtſein beſteht, als in der Anerkennung Anderer!“— Möchte, dachte ich bei mir, der Vater dieſen Satz, der ſo leicht ausgeſprochen iſt, auch in Hin⸗ ſicht ſeiner Handlungen bewähren, und nie zu be⸗ reuen haben, den Frieden ruhigen Bewußtſeins, das Glück ſeiner Tochter, für den gehaltloſen Schimmer weltlicher Ehre gevpfert zu haben!— Mein Stolz erlaubte mir nicht, einen Gedan⸗ ken auszuſprechen, der einen Schein eigennütziger Selbſtſucht oder Bitterkeit auf mich werfen könnte. Sch verſchmähte es kleiner zu ſein, als er von miv zu denken gewagt hatte. Ich verſprach ſein Ver⸗ trauen zu rechtfertigen, und vermochte es, meine Liebe ſo weit zu vergeſſen, daß ich mit großer Ruhe über die zweckmäßigſte Methode, das Ge⸗ müth der jungen Gräfin für ihre künftige Beſtim⸗ mung zu gewinnen, ſprechen konnte, und nur den Grafen erſuchte, ſich nie einer ſtrengen Behand⸗ lung, oder irgend eines Zwanges zu bedienen, um die Comteſſe zu ſeinem Willen zu bewegen, worauf er freiwillig das Schickſal Angela's meiner gewiſ⸗ ſenhaften Fürſorge und der Zeit zu überlaſſen ver⸗ ſprach. Als mich der Graf verlaſſen hatte, bemächtig⸗ te ſich meiner eine peinliche Unruhe. Ich nahm alle meine Kraft zu Hillfe, um mich aus den tau⸗ ſendfachen Gefühlen, Bildern und Vorſtellungen zu einer klaren Anſicht deſſen emporzuarbeiten, — — 169— das mir zu thun oblag, und mir das Würdigſte ſchien.— Mein Glück, inſofern es ſich auf meine Neigung gründete,— durfte, das ſah ich wohl, hier gar nicht in Anſchlag gebracht werden, wenn ich als Mann handeln wollte. Das Verſprechen, welches ich dem Grafen geleiſtet, ſtimmte mit mei⸗ nen Grundſätzen überein, doch bedingte es gleich⸗ ſam die Ertödtung meines Gefühls, ach, eines Gefühls, welches die letzte Zeit über nur allzuſehr begünſtiget worden war.— Ich ſtellte mir das Verdienſtliche der Selbſtüberwindung vor, ich ſuch⸗ te mir durch den Gedanken Muth zu machen, An⸗ gela's Glück ſei es ja, für das ich kämpfen wollte; da flüſterte es mir heimlich zu: Was nennſt du denn Angela's Glück? Hat ſie es nicht ſelbſt aus⸗ geſprochen, daß ſie es nicht in jener Sphäre zu finden vermag? Warum willſt du dich gegen ſie in die Schranken ſtellen, da du es ja ſelbſt wareſt, der ſie das wahre Glück in dem Frieden eines ein⸗ fachen, Gott und der Natur geweihten ſu⸗ chen lehrteſt?— Ich fuhr aus meinem Nachdenken empor, ch klagte mich an, daß mein Unterricht der Urheber ibres jetzigen Kampfes ſei, ich fühlte, daß ich ſie mit dem frommen Willen, ihr ewiges Heil zu be⸗ gründen, für den Stand, dem ſie gehörte, untaug⸗ lich gebildet hatte, daßt ſie fortan meiner Welt Angela III. 8 — gehöre, nicht der ihres Vaters, und daß ich bei der Ueberzeugung des reinſten Strebens dennoch mich eines gerechten Vorwurfs ſchuldig wußte. Ich beſchloß über mein Betragen mit doppel⸗ ter Sorge zu wachen; ich wollte jedem Gefühl der Comteſſe, das über die Schranken der mir zukom⸗ menden achtungsvollen Dankbarkeit hinausging, mit beſonnener Kraft entgegenhandeln, oder ihm eine andere Richtung zu geben ſuchen; ich wollte es ſelbſt über mich gewinnen, Ordeck's Sache zu füh⸗ ren, weil ich überzeugt war, daß er vielleicht der Einzige ſei, der den Forderungen des Grafen ent⸗ ſpräche, ohne die Comteſſe ihrer Welt zu entfrem⸗ den, und fand endlich in dieſer Vorſtellung einen ruhigen Halt,— an dem ſich meine verworrenen Gedanken zu ſammeln und aufzurichten vermochten. Der Zufall wollte, daß ich den folgenden Tag die Comteſſe zu ſprechen bekam; ich traf ſie allein in ihres Vaters Zimmer, ihr ſchönes Geſicht war mit dem Purpur der Schaam übergoſſen; ich hätte es ohne des Grafen Unterredung errathen, daß das Geheimniß ihrer Seele über ihre Lippen getre⸗ ten war. Ich ſuchte das Geſpräch mit ruhiger Be⸗ ſonnenheit meinem Zweck gemäß einzuleiten, ich brachte ſie auf die Reſidenz, und erforſchte ihre Erfahrungen, die ſie in Hinſicht des Umgangs ge⸗ macht. — 11— Sie entwarf mir mit unbefangener Offenheit manches Bild voll Scharfſinn und Wahrheit, ſie ſchilderte mir den männlichen Kreis ihrer Bekannt⸗ ſchaft, und gab nicht undeutlich zu verſtehen, daß ſie jene in der Schule der großen Welt gebildeten und geglätteten Charaktere nicht geeignet finde, ein dauerndes Glück, weder für ſich noch für An⸗ dere zu begründen.— Ich ſtimmte ihr bei, und fügte hinzu, daß man bei der Seltenheit eines biedern, unverfälſchten Charakters auf dieſen jeder⸗ zeit doppelten Werth zu legen verbunden ſei.— Ich ſtellte ihr den Grafen Ordeck als einen in dieſer Hinſicht vor Vielen ausgezeichneten Mann vor, und konnte, da ich mit ihr noch nicht über dieſen Gegenſtand geſprochen hatte, ſie auf eine natürliche Art auf die Vorzüge aufmerkſam ma⸗ chen, die er binnen der letzten Zeit ſichtlich in ſei⸗ ner äußern Bildung gewonnen, ohne dadurch ſet⸗ nem geraden Charakter zu ſchaden.— Ich ſpielte leicht darauf an, wie eine tugendhafte Liebe in ſolchen kräftigen unverdorbenen Gemüthern nicht wenig zu ihrer Veredlung beitragen könne, und wie belohnend es ſei, eine ſo reine Flamme zu nähren. Angela ſah mich zweifelhaft an; als ſie mich aber unbefangen weiter ſprechen hörte, ſtimmte ſie mir allmählich freundlich bei, und geſtand mir, daß ₰ in ihren Augen Graf Ordeck bei weitem über alle den glänzenden Erſcheinungen der Reſidenz erhaben ſtehe, und wie ſie täglich in ihm neue Eigenſchaf⸗ ten entdecke, die die vollkommenſte Achtung und das innigſte Zutrauen verdienten. Ich fuhr fort, wie glücklich ich das Mädchen ſchätzen würde, das er einſt zu ſeiner Gefährtin erwählen würde, und wie ſeine Neigung gewiß die edelſte ſei. Angela warf einen prüfenden Blick auf mich:„Sie ſind von des Grafen Abſichten auf mich unterrichtet, Herr Superintendent!“ ſagte ſie ſehr ernſt.„Stände es in meiner Macht, dieſen braven Mann zu beglücken, ich würde gewiß nicht gezögert haben.— Aber ſo bitte ich Sie, mir zu glauben, daß ich Recht that, ihn auszuſchlagen.— Mädchen von meiner Art müſſen unvermählt blei⸗ ben, bis eine höhere Macht ihren Willen unter⸗ ſtützt!“— Sie ging hierauf mit raſchen Schrit⸗ ten an das entferntere Fenſter, holte eine Arbeit herbei, und brach das Geſpräch ab, indem ſie ſich nach meinem Sohne erkundigte.— Indem ich ihr nun von dieſem zu erzählen begann, bemerkte ich, ſo oft ich der Verdienſte der Demoiſelle Wallburg erwähnte, daß ſie einen furchtſamen, betrübten Blick auf mich warf.— Das gute Kind brachte, als ich Thereſens Geſchicklichkeit in mancherlei Ar⸗ beit erwähnte,— mir alle ihre Gemälde und künſtlichen Arbeiten, die ſie in der Reſidenz gefer⸗ tigt, nach und nach getragen. Sie hing ſo beſorgt an meinen Blicken, ſie äußerte, als ich ihr in der. That meine Verwunderung über dieſe ſeltnen Fort⸗ ſchritte nicht verbergen konnte, eine ſo kindliche, herzliche Freude,— daß ich meine geträumte Fe⸗ ſtigkeit in die zärtlichſte Rührung hinſchmelzen ſah, und das liebenswürdige Geſchöpf verlaſſen mußte, um mich und meinen Vorſatz zu retten. So weit die Geſchichte Deines unglücklichen Freundes! Möge mir Gott die Kraft verleihen, deren ich, um mein Verſprechen zu erfüllen, bedarf. Das Leben fordert oft Hartes von uns!— Aber bewährt ſich nicht in ſolchen Prüfungen des Man⸗ nes Kraft? Lebe wohl, Geliebter. — 174— Achtundneunzigſter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Richardis. Breiſach, im April 18*. Es iſt nicht gut mit mir, liebe Richardis!— Vergebens bemühe ich mich, mich zu überreden, es ſei noch Alles beim Alten,— ich erfahre es doch zuletzt, daß ich mich ſelbſt täuſche, und daß ich nicht mehr ſo glücklich bin, wie ſonſt, als ich noch mein Geheimniß allein bewahrte. Mein Vater hat ſeit meiner Erklärung ein mißtrauiſches Auge auf mein Betragen, auf jeden meiner Schritte.— Er hat mir den Umgang mit der Demviſelle Wallburg unterſagt, die ich gern zu meiner Freundin gewonnen hätte, und ſchränkt mich auffallend in meiner Freiheit ein.— Dazu kommt noch, daß etwas in Nordens Benehmen ge⸗ gen mich iſt,— das mir ſo ſeltſam, ſo ganz fremdartig vorkommt.— Er vermeidet es nicht, — 175— mit mir allein zu ſein,— er ſucht es vielmehr auf,— aber unſere Seelen ſcheinen ſich nicht mehr ſo zu verſtehen, als ſonſt,— er ſpricht ſo beſon⸗ nen, ſo kaltvernünftig, daß ich gezwungen werde, ſo lange er bei uns iſt, meine Liebe zu ihm, neben ſeine Anſichten gehalten, für eine Schwärmerei zu nehmen, und auf's ſorgfältigſte zu verbergen, was aber gar nicht gut iſt, weil ſie in dieſer ſcheuen Verborgenheit doppelte Gewalt gewinnt. Was mein Mißvergnügen noch vermehrt, iſt die häufige Geſellſchaft, die jetzt mein Vater bei ſich ſieht.— Graf Makvi iſt vor kurzem, einem Auftrag der Münter zufolge, bei uns eingeſpro⸗ chen. Er kam mit vielem Pomp angefahren, und brachte viele Neuigkeiten aus der Reſidenz, die meinen Vater ergötzten, und ihn bewogen, ſich ſei⸗ ne Geſellſchaft auf längere Zeit auszubitten. Er iſt nun ſchon mehrere Tage hier, ſpricht über die Einrichtungen meines Vaters mit ſcheinbarer Ueber⸗ ſicht, weiß ſtets im Kreis unſerer Gäſte die erſte Rolle zu ſpielen, und dominirt wie immer durch die vornehme Geringſchätzung, womit er junge Leute ſeines Standes betrachtet, wie durch ſeinen Witz, der keinen ſeiner Gegner ſo bald neben ihn aufkommen läßt. Norden iſt der Einzige, der, wie immer, auch über dieſen ſeine Verſtandes⸗Ueberlegenheit — 176— behauptet. Malvi behandelte ihn anfänglich mit einem höflichkalten Betragen, ſpäter mit ſichtlichet Ehrerbietung, als ich einſt mit ihm über Nordens trefflichen Charakter zu ſprechen Gelegenheit fand. — Er ſucht ſeitdem ausſchließlich ſeine Unterhal⸗ tung,— doch wirft er oft, wenn ich auch an der⸗ ſelben Theil nehme,— ſo ſeltſamforſchende Blicko auf mich und ihn,— daß, wenn ich nicht mein Gefühl ſo ſorgſam zu beherrſchen verſtände,— ich wohl glauben könnte, er durchſchaue mich und mei⸗ ne Gedanken ganz und gar. Mein Vater hatte geſtern ein kleines Feſt veranſtaltet, wozu ſehr viele unſerer Freunde aus der Nachbarſchaft geladen waren.— Der große Saal, der in den Garten führt, war geöffnet,— und bot den Anweſenden während der Freuden der Tafel und des darauf folgenden Balles,— zugleich die Ausſicht auf die Blüthengänge des Parks,— und die, mit den Erſtlingen des Lenzes geſchmück⸗ ten Terraſſen. Ich hatte den Nachmittag viel getanzt, und war mich zu erfriſchen vor die Thür getreten,— meine Blicke ſuchten den Freund meiner Seele, den ich ſchon ſeit einiger Zeit vermißte, und in dem Garten vermuthete.— Ich ſtieg in den Ge⸗ danken an ihn vertieft, die Terraſſen hinab, und war ſo zu der Mooshütte gekommen, wo ich die — 17— ſchönſte Stunde meines Lebens gelebt.— Da ſah ich die theure Geſtalt auf dem Platz, wo ich da⸗ mals ſo ſelig geträumt,— das Haupt auf die Hand geſtützt, in einer trüben nachdenkenden Stel⸗ lung.— Das Geräuſch meines Gewandes hatte mich verrathen;„Angela!“ rief er, aufſpringend, — doch ſchnell ſich beſinnend fuhr er fort:„Com⸗ teſſe, ich glaubte nicht, Ihnen hier zu begegnen!— Der Einſame allein wird im Kreis der Freude nicht vermißt, Sie wird man vermiſſen,— nur zu bald, das hätten Sie bedenken ſollen!“— „„Norden!““ rief ich ſanft:„wollen Ste mir keinen Augenblick der Erholung erlauben, nach den Stunden ermüdender Anſtrengung?““— „Ich erlaube Ihnen Alles, nur keine Unvor⸗ ſichtigkeit gegen ſich ſelbſt!“ entgegnete er:„Sie ſind ohne Shwal, und waren vom Tanz erhitzt! Vergönnen Sie mir, daß ich Sie ſchleunigſt zu⸗ rückgeleite!“ Er begleitete dieſe Worte mit einem Blick, dem ich nicht zu widerſprechen vermochte. Ich folgte ihm halb traurig, halb erfreut über ſei⸗ ne Sorgfalt für mich, und wurde von ihm bis zu dem Ausgaug des Parks geleitet,— wo man die Ausſicht auf's Schloß gewinnt,— wo er ſich plötz⸗ lich empfahl,— und erſt viel ſpäter als ich in den Geſellſchaftsſaal trat. Graf Malvi hatte mein Verſchwinden bemerkt. Er lächelte, als ich eintrat, — 178— auf eine recht widrige Art:„Sie ſcheinen, gnädige Comteſſe“, begann er:„auf die Vorrechte des Landlebens ſichtlich zu trotzen! Unſere Städterin⸗ nen dürften es nicht wagen, in einer ſo leichten Bekleidung ſich der April-Luft und der Nähe des Waſſers auszuſetzen!“— Ich erſchrak, man muß⸗ te von hier aus den Teich und die Movshütte über⸗ ſehen können. Wirklich war es ſo,— er hatte mich folglich mit Rorden heraustreten ſehen, und das abſichtliche Entfernen des vorſichtigen Mannes von mir, konnte auf dieſe Art eine Urſache mehr zu ſeinen ſatyriſchen Bemerkungen geben.— Ich este mit einem widrigen Gefühl meine Hand in die ſeine, als er um den eben beginnenden Tanz bat.— Er tanzt ſchön, das iſt wahr,— aller Blicke waren auf ihn gerichtet, und die Tanzenden ſebſt ſtellten ſich endlich in einen dichten Kreis im uns her,— aber mir machte dies Alles keine Frende. Mir kam der Tanz in dieſem Augenblick als etwas Gräuliches, Sündhaftes vor,— weil eruns oft zwingt, mit Menſchen in nähere Be⸗ hrung zu kommen, die wir lieber weit von uns eutfernt wüßten, denen unſer Inneres wider⸗ ſtrebt.— Der gute Graf Ordeck, der ein Geſchäft in der Reſidenz gehabt hatte, und daher einige Tage abweſend geweſen war, kam zu meiner Freude —— — 179— dieſen Abend zurück, und ſogleich zu uns. Er ge⸗ ſellte ſich nach ſeiner gewöhnlichen herzlichen Art zu mir, und befreite mich von den Zudringlichkei⸗ ten des Grafen Malvi. So verging noch der Reſt dieſes Tages er⸗ träglich, bis auf ein unangenehmes Gefühl, das mich ſeit den Worten des Grafen, überall, ſogar in die Stille meines Zimmers hinbegleitete.— Ich wünſchte wohl, der Graf machte Anſtalten zur Ab⸗ reiſe!— Die Gaſtgebote hören nicht auf, ſo lange er hier iſt, und ich ſehne mich mehr als je nach Stille und Einſamkeit.— Ach, Richardis, ich habe aus einigen Aeußerungen meines Vaters erſehen, daß mein Aufenthalt hier in Breiſach nur von kur⸗ zer Dauer ſein wird. Gott weiß, was er mit mir vor hat!— Ich ſehe meiner Zukunft nicht mehr ohne geheimes Bangen entgegen, und bin oft recht ſehr betrübt! Gott ſegne Sie, meine Freundin! 46 gebe Ihnen mehr Ruhe, als Ihrer Angela. Reunundneunzigſter Brief. Hermine von Bören an Frau von Albvin. Ans der neſident, in aprit 16. — Wir ben das Vergnügen gehabt, uhſere theure Muiter! auf einige Zeit bei uns zu ſehen. Sie hat uns kein kleines Opfer gebracht, da ihr das Reiſen bei ihrer üblen Geſundheit ſehr beſchwerlich wird, indeß hoffe ich, wird ſie es nicht bereuen dürfen, da ihre Kräfte während der Zeit ihres Hierſeins ſich ſichtlich erholten, und das Glück ih⸗ rer Kinder, welches ſie täglich vor. Augen hatte, ihrem Herzen ſehr wohl that. Die gute Frau wohnte, trotz ihrer Kränklichkeit, den Aſſemblees, zu welchen wir geladen waren, mit einem Vergnü⸗ gen bei, welches ſie alle Rückſichten auf ihre Be⸗ quemlichkeit vergeſſen ließ. Die Artigkeit, die uns überall erzeigt wurde, die Güte der Fürſtin gegen mich, war ihr ein ſichtlicher Triumph. Ihren —— — 181— ſcharfen Blicken entging keine Auszeichnung, keine Höflichkeitsbezeugung, die mir dargebracht wurde, ſie ſah ſtolz aus, ſo vft ſie mich Tochter nannte, und das, liebe Albvin, machte mich unbeſchreiblich glücklich. Ihre Hermine wäre alſo nun, trotz den böſen Verläumdern, Neidern, und wie die Dra⸗ chenbrut alle heißt, vor den Augen der Welt, wee vor denen ihrer beſorgten Schwiegermutter voll⸗ kommen gerechtfertiget, und der Augenblick erſchie⸗ nen, wo ich mit Börens Zufriedenheit und meinem Glücke meine Verfolger zu beſtrafen vermag. Welch' hohen Werth übrigens mein Mann tn meinen Augen beſitzt, und wie unentbehrlich er mir zu meinem Daſein geworden iſt, habe ich erſt vor kurzem erfahren. Er hatte unſere Mutter nach Hauſe begleitet, und ſich wahrſcheinlich durch eine Erkältung auf der Reiſe ein Fieber zugezogen, welches mit der Heftigkeit, mit der es ausbrach, mich in namenloſe Angſt ſetzte. Ich glaubte in der That, ich würde ihn verlieren. Ich rang die Hände, ich war in Verzweiflung, obgleich der Arzt mir verſicherte, es ſei hier keine Gefahr. Tag und Nacht ſaß ich bei ſeinem Lager, ängſtlich lau⸗ ſchend auf jede ſeiner Bewegungen, ich fühlte, ich wußte nichts von mir, ich lebte nur in dem Kran⸗ ken, und ertappte auf dieſe Art die Liebe in mei⸗ ner Bruſt in ihrer wahren Geſtalt. Als ich ihm — mit meiner treuen Pflege emporgeholfen hatte, und den theuern Mann mir wiedergegeben ſah, wurde ich ein wahrer Ausbund von Freude. Ich tändelte wie ein Kind um ihn herum, ergötzte ihn mit Poſ⸗ ſen und Streichen aller Art, trillerte vor Vergnü⸗ gen auf meiner Guitarre durch Dur und Moll, verrichtete jedes häusliche Geſchäft im Eccviſſaiſen⸗ Pas, kurz, war ihm zu Ehren ein Kobold von der poſſierlichſten Art. Als ich auf's Reue meine Augen der Auſen⸗ welt zuzukehren begann, ſah ich zu meiner Ver⸗ wunderung, wie viele Meldungs⸗ und Einladungs⸗ karten ich ungeleſen hinter den Spiegel geſteckt hatte. Ich hatte mich während der letzten Zeit um die ganze Welt nicht bekümmert, und durch⸗ blätterte jetzt mit allmählich erwachendem Intereſſe die bunten Kartenblättchen von A bis Z. Einige Abſchiedskarten, einige verſäumte Gaſtgebote, eini⸗ ge zierliche Verlobungskärtchen, doch zum Glück noch keine von Angelen. Das Mädchen muß ſich in der That tapferer halten, als ich glaubte. Man ſpricht überall von Ordecks Bewerbung, doch ſchweigt das Gerücht noch gänzlich über ihre Ent⸗ ſcheidung. Graf Malvi hat dieſe günſtige Wind⸗ ſtille benutzt, und iſt mit vollen Segeln nach Brei⸗ ſach geſtenert, um dem braven Ordeck das Ziel ab⸗ zugewinnen. Da Angela hier allgemeines Intereſſe — erregt hat, ſo ſieht man überall mit geſpannter Erwartung dem Ausgang dieſes Wettſtreits entge⸗ gen. Ich ſelbſt bin neugierig darauf. Daß Malvi mit leeren NRetzen zu Hauſe kommt, deß bin ich gewiß! Ob aber Angela, die kleine Heldin, ſich gegen beide zu halten vermag, dies hezweifle ich um ſo mehr, da Ordeck in der Gunſt ihres Vaters ungemein geſtiegen, und auch ihr keinesweges gleichgültig iſt. Noch eines, weil ich gerade der Karten gedenke! Ich fand auf der einen den Namen eines Rittmeiſters P., der mir gänzlich unbekannt war, ich zeigte ſie meinem Manne, der, auf's höchſte überraſcht, einen theuern Jugendfreund in dem Fremden erkannte. Wir ſandten einigemal zu ihm, um ihn zu uns einzuladen,— aber er war jedesmal bei dem Obriſt von Lichtfeld engagirt. Endlich erſchien er, ein ſchöner, ſtattlicher Mann, ganz werth der Freundſchaft meines Bören, voll Lebensart und feiner Gewandtheit.— Mein Mann lebt ſeit die⸗ ſer Zeit faſt ſeinem Umgang alletn, er beſucht je⸗ den Cirkel, wo er ihn zu finden weiß; und ſo bin ich allmählich wieder in den Strym des rauſchenden Lebens gerathen, nach dem ich mir eine Zeitlang recht wohl in unſrer Einſiedelei gefallen hatte.— Ich treffe jetzt überall die Obriſt Lichtfeld, die vo⸗ rigen Winter wegen öfterer Kränklichkeit wenig ſichtbar wurde,— ſie hat ſich ſichtlich erholt, klei⸗ det ſich äußerſt vortheilhaft, und beginnt auſ's Reue Epoche zu machen. Wenn ich mich nicht irre, ſo macht ihr der Rittmeiſter den Hof. Er iſt ſtets um ſie beſchäftigt, macht mit ihr überall gemeinſa⸗ me Parthie, und erweckt in ihr mehr Geiſt und Anmuth, als es jemals ihrem Gemahl gelungen iſt. Die Argusaugen der Welt ſcheinen dies ange⸗ hende Verhältniß bereits entdeckt zu haben. Man nimmt es für eine gewiſſe Sache, daß, wo die Lichtfeld ſich ſehen läßt, auch der Rittmeiſter nicht weit iſt, und da dieſer in der That recht ſchön und liebenswerth iſt, ſo fehlt es der Unglücklichen an. Reidern nicht, die alle ihre Schritte belauſchen.— Das, liebe Alboin, ſind die Früchte einer unglück⸗ lichen, übereilten Verbindung!— Gott erhalte mir meinen Bören!— Nur er konnte mir den Verluſt meiner Freiheit vergeſſen machen, nur ſeine Liebe einige Anmuth in die ern⸗ ſte Phyſiognomie des Eheſtandes bringen, den ich ſonſt für immer zu fliehen entſchloſſen war! Segen über den braven Mann, Segen auch über Sie, verehrte Frau, die Sie mich meinem Glück entgegenführten.— Leben Sie wohl, leben Sie glücklich wie — — E —— — Ihre 11 Hermine. Hundertſter Brief. Ungela, Comteſſe Domelli, an Richardis. Breiſach, im April 18**. Es iſt entſchieden, künftige Woche bringt mich mein Vater auf's Neue nach der Reſidenz. Es iſt beſſer, ich ſehe es ein,— nach dem was mir Norden geſagt, muß ich's ja einſehen!— Richar⸗ dis, er hat mir vorgeſtellt, wie uns das Glück der Eltern ſtets ſo theuer wie das eigene ſein müſſe, wie wir unſere Verpflichtungen gegen ſis nur durch die Freuden abzutragen vermögen, die der Himmel uns würdigte, über ihr Haupt zu ver⸗ breiten.— Ich hatte mir das ſchon oft geſagt,— aber es klang ganz anders, als er es ausſprach, — es rief wie oben herab in mein Herz:„Vergiß Deinen Wunſch, Angela, und habe fortan nur den Deines Vaters im Auge!“— Ich hörte ihm mit auf die Bruſt geſenktem Haupte zu,— als er — 186— fortfuhr, wie man ſo vft gezwungen ſei, den hei⸗ ligſten Gefühlen Schranken zu ſetzen, um die Kraft unſers Gemüthes einer uns angemeſſenen Beſtim⸗ mung zuzuwenden, und wie der Sieg einer edeln Selbſtüberwindung ſtets einen Frieden mit ſich bringe, der dem Glücke ſehr nahe käme, das wir aufgeben mußten, ja, wie dieſer oft das Herz noch ſchöner zu Gott erhebe, als eine vollkommene irdi⸗ ſche Zufriedenheit. Ich glaubte in dem letzten Satze ſeiner eige⸗ nen Erfahrung zu begegnen, ich ahnete, daß er vielleicht meinen Kummer theile, ohne es mir ver⸗ rathen zu wollen, ich warf einen ſchüchternen Blick auf das bleiche, ſchöne Geſicht, und rief überwäl⸗ tiget vom Schmerz und zärtlicher Rührung:„Ich kann nicht, ich kann mich nicht von Ihnen trennen, mein theurer, mein einziger Freund!“— Der heftige Thränenſtrom, der hierauf meinem Herzen Luft machte, ſchien ihn zu beunruhigen,— er blickte ängſtlich nach der Thür, er nahm meine Hand, er bat, mich doch zu faſſen, er ſtellte mir vor, wie es meinen Vater befremden müſſe, mich in dieſem Zuſtand zu ſehen, er forderte mich auf, mich zu ermuthigen, und durch eine würdige Be⸗ ſonnenheit die innere Kraft zu bewähren, die ich ſo oft durch meine Handlungen und Leiſtungen aus⸗ geſprochen hätte. — 187— Ich raffte mich auf, ich trat einige Minuten an's Fenſter, ich blickte zum Himmel empor, und bat, mich nicht ſinken zu laſſen; dann begab ich mich wieder auf meinen Platz, doch fürchtete ich zu ſprechen, aus Furcht das Zittern meiner Stim⸗ me möchte meine ruhige Haltung Lügen ſtrafen. —„Wird Angela“, ſagte er ſanft,„mir wieder einen Briefwechſel erlauben?“ Ich neigte bejahend das Haupt.„Würden Sie meiner Lehren, meiner ſelbſt nicht vergeſſen, wenn ich es künftig nur wa⸗ gen dürfte, Ihnen ſchriftlich zu nahen, wenn das ſchöne Vergnügen, welches mir Ihr perſönlicher Umgang gewährte, mir vielleicht nicht eher geſtat⸗ tet wäre, bis Sie der Welt durch ein neues, hei⸗ liges Band angehören?“— Ich fühlte ein krampf⸗ haftes Lächeln um meine Lippen zucken.—„Ich halte es ſo für beſſer!“ fuhr er fort:„Ich werde mich ſo immer in Ihre Nähe denken können, ohne die Schranken vor Augen zu haben, die das äuße⸗ re Leben ſo oft unſeren heiligſten Gefühlen ſtellt, und Sie werden dem ſorgſamen Freunde, den Sie vielleicht ungern für immer vermißt haben würden, im Geiſte begegnen, und ihn im Andenken behal⸗ ten, ohne dadurch den Rechten der Welt auf Sie, Comteſſe, entgegen zu handeln.— Richt wahr, wir bleiben im Glauben und Liebe verbunden, An⸗ gela, auch wenn wir uns fern ſind, in jedem Ver⸗ * —— hältniſſe des Lebens?“— Ich reichte ihm die Hand darauf, ich erheiterte mich durch den Gedan⸗ ken, daß es doch ein Band gab, welches er aner⸗ kennen wollte. Ich gewann wieder Muth zu ſpre⸗ chen, ich gelobte ihm alles zu thun, was er wollte, ich verſprach, meinem Vater Frende zu machen, ſo weit es in meinen Kräften ſtehe. Er verließ mich hierauf ſehr zufrieden, und gab mir Zeit, ſeine Selbſtverläugnung, ſeine Standhaftigkeit zu be⸗ wundern!— O gewiß, er liebt mich,— Richar⸗ dis! Wenn auch nicht ganz ſo, wie ich ihn liebe, aber doch ſo edel und uneigennützig, wie es ſein Herz bei der Strenge ſeines Charakters vermag. Ich gehe, ſeitdem mir mein Vater von der Abreiſe geſagt hat, wie im Traume umher;— ich möchte überall ihn nur ſehen und hören,— und immer nur das unternehmen, was auf ihn einigen Bezug hat;— ich ſtehe ſehr zeitig auf, um an meiner Sammlung zu arbeiten,— damit ich ſie ihm noch hier zuzuſtellen vermag:— kommt aber die Stunde, wo ich ſeinen Beſuch erwarten kann, — ſo vermag ich nicht mehr meine Gedanken zu ordnen, ich irre dann von einem Fenſter zum an⸗ dern, verſuche zu arbeiten,— und thue doch nichts, als daß ich ihm in Gedanken entgegengehe, oder mich in meiner Seele mit ihm unterhalte.— Mein Vater findet mich blaß ausſehend, auch Ordeck bemerkte dies letzthin. Ach, der gütige Graf Ordeck, wie iſt er doch immer ſo brüderlich, ſo be⸗ ſorgt, ſo theilnehmend gegen mich! Er kommt ſehr oft zu uns herüber, und erheitert mich durch ſeine Gegenwart!— Kein Wort der leiſeſten Hoffnung kommt über ſeine Lippen, er bleibt mir ſtets der treue, ergebene Freund, ohne einen andern Lohn, als mein Vertrauen zu begehren.— Ich ſage ihm alles, was mich freut vder betrübt, er überlegt mit mir, was zu meiner innern Zufriedenheit bei⸗ tragen kann, ohne dem Willen meines Vuters ent⸗ gegen zu handeln, und vereint ſich mit mir in der Pochachtung für den edelſten, würdigſten der Män⸗ ner. Sein Betragen gegen Malvi, der uns ſeit einigen Tagen verlaſſen hat,— war muſterhaft. — Ich habe Ihnen ſchon öfterer von der vorneh⸗ men Dreiſtigkeit geſagt, mit der ſich dieſer Mann über alle ſeines Gleichen erheben will, und füge noch hinzu, daß er auch Ordeck damit nicht ver⸗ ſchonte, und einigemal recht ſtolz auf ihn herabſah; — mir war Ordecks Geduld, mit der er ſeine na⸗ türliche Heftigkeit bezwang, um ſo mehr zu bewun⸗ dern, da ich ſein Temperament kenne, und oft von ſeinem Aufbrauſen bei ähnlichen Fällen Zeuge ge⸗ weſen bin.— Ich äußerte ihm meine Meinung hierüber: Er lächelte.—„Man kann ja wohl“, — 100— ſagte er,„ſolchen Menſchen einige ſcheinbare Ueber⸗ legenheit geſtatten, wenn man dadurch ihre Feind⸗ 2 ſeligkeiten zu vermeiden vermag;— Scheinhelden wie die ſe, rächen ſich ſelten an ihren Gegner ſelbſt, — ſie ſuchen ihn an einer empfindlichen Stelle, an einem unſchuldigen Gegenſtande, der ihnen theuer iſt, zu verwunden,— und ſo gelingt es ihnen zu⸗ letzt, uns geduldig zu machen.“— Ich reichte ihm dankend die Hand!— O, welch' ein Schatz von Güte liegt in dieſem Herzen, Richardis!— Warum mußte er mir denn ſeine Liebe ſchenken, da er eine Würdigere ſo reich mit dieſem Herzen beglü⸗ cen könnte!— Möge die Zukunft ihm vergüten, — was er jetzt entbehrt!— O, die Welt iſt ſo weit! Warum ſollten für ihn keine Roſen blühen? — Gott mache ihn glücklich, das iſt das Gebet Ihrer Angela. Hunderterſter Brief. Norden n W 1er Breiſach, im April 18**. Dein wohlmeinender Rath, mein Freund, ſo zweck⸗ mäßig er bei ähnlichen Fällen ſein möchte, iſt für mich nicht anwendbar, weil er bei meinem jetzigen Seelenzuſtande gegen meine Grundſätze ſtreitet. Du meinſt, ich ſoll mich vermählen, und nennſt es das einzige Mittel, Angela's Gefühlen eine andere Richtung, dem zerſtörenden Kampfe der meinen einen unumſtößlichen Halt zu geben.— Recht gut! — Aber Du vergiſſeſt, daß dies meinen Grundſätzen widerſpricht. Ich habe vielleicht mehr als je das Strafbare der Gedanken⸗Sünde und ihre unſeli⸗ gen Folgen zu beobachten Gelegenheit gehabt, und würde eine Anſicht, die ich früher ausgeſprochen habe, nicht zurücknehmen können, ohne mich ſelbſt zu erniedrigen, indem ich gegen meine Ueberzeu⸗ — gung handeln müßte. Thereſe, ſo liebenswürdig, ſo trefflich ſie iſt, würde mir Angela's Vorzüge nicht vergeſſen machen. Noch ſteht ihr Bild klar und unentweiht vor meiner Seele,— es möge darinnen wohnen, als das Ideal meiner Träume, das mir, für mich hienieden zu gewinnen, verge⸗ bens aufgegeben war.— Sie hat mich einem freu⸗ digeren Leben zurückgegeben,— ſie war es, die nach und nach mein geſunkenes Vertrauen erhob, ſie wird ſich meiner Verehrung würdig beweiſen, auch dann, wenn ſie ſieht, daß unſerer Liebe keins Heimath hienieden ward. Sie wird mein Anden⸗ ken ehren, wenn auch das Schickſal ſich auf immer ſcheidend zwiſchen uns ſtellt!— Angela wird die⸗ ſer Tage in die Reſidenz zurückgebracht. Ich habs ſie ſo weit, daß ſie ſich ruhig in des Vaters Wil⸗ len findet. Sie hat ſich mehr als einmal gegen mich verrathen,, ihr Gemüth iſt nicht mehr das ſtille, geheimnißvolle, in ſich gekehrte,— es gibt ſich blos, ohne es ſelbſt zu wiſſen, und erſchreckt mich oft durch ein Wort innerer Leidenſchaftlichkeit, das mir auf Augenblicke ſeine Tiefen eröffnet.— Es iſt Zeit, daß mein Lehramt, welches mir der Graf zugedacht, zu Ende geht! Jede Kraft hat ihre Grenzen!— Ich vermag nicht mehr meins beſonnene Kälte, dieſen Thränen, dieſem rührenden, wehmüthigen Lächeln gegenüber, womit ſie mir — 193— antwortet, zu behaupten. Es liegt etwas Unna⸗ türliches, Barbariſches in meinem Beſtreben, das mich mir ſelbſt verhaßt macht, ohne das Peinliche dieſer Lage zu ändern. Viel beſſer wird es ſein, wenn ich ſie nicht mehr ſehe;— ich werde mit ihr wie ſonſt Briefe wechſeln, weil es keinesweges des Grafen Wille iſt, jede geiſtige Gemeinſchaft zwi⸗ ſchen uns aufzuheben,— und weil ich menſchlich genug bin, mir ſelbſt einigen Troſt zu gönnen. So viel, mein Freund, über ein Verhältniß, das mir ſtets eine der theuerſten Erſcheinungen mei⸗ ues Lebens bleiben wird!— Glaube nicht, daß ich ſo parthetiſch ſein könnte, um, Angela's Liebreiz in Auge,— gegen die Tugenden der Demviſelle Wallburg ungerecht werden zu können. Ich bin ihr Dank, vielen Dank ſchuldig, und werde ihr durch meine achtungsvolle Freundſchaft eine ſtete Erkenntlichkeit zu beweiſen verſuchen, ohne daß ich dadurch die Schuld zu löſchen vermeinte, zu der ich mich gegen dieſes vortreffliche Mädchen be⸗ kenne.— Ich geſtehe, hätte ich Angelen nicht gekannt, ich zweifle keinesweges, daß mir dieſes, durch alle Tugenden der Häuslichkeit und der Sitte geſchmück⸗ te Weſen, eine liebe Gefährtin, eine willkommene Mutter meines Knaben geworden wäre. So iſt aber mein Enutſchluß feſt und beſtimmt, keinen Angela III. 9 — 91— Schritt zu thun, der einen neuen Mißlaut in mein Leben bringen könnte, und der vielleicht zugleich die reine Harmonie eines Herzens zerſtören dürfte, welches in harmloſer Unbefangenheit, allein mit der Sorge für meinen Knaben beſchäftiget, ſeine Tage in meiner Nähe dahinlebt, ohne die Qualen zu theilen, die meinen Buſen bewohnen. Daher, o mein Freund, kein Wort mehr hier⸗ über! Meinſt Du den Platz, den ich Thereſen beſtimmte, ihrem fernern Fortkommen, ihrem Rufe nachtheilig, ſo rufe ſie zurück! Ich kann eher die treuſte Pflegerin meines Sohnes entbehren, als ich gegen meine Grundſätze zu handeln vermag! Lebe wohl. — 195— Hunderterſter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Richardis. Aus der Reſidenz, im April 18** O, meine Freundin! ich habe den ſchweren Au⸗ genblick überſtanden, ich habe mich muthig losgeriſ⸗ ſen von Allem, was ich liebe, damit er ſehen ſollte, daß ich noch Kraft des Willens genug habe, zu vollbringen, was er gebeut. Ich wollte ihm am Tage unſerer Trennung die kleine Sammlung mei⸗ ner Gedichte übergeben, aber ich vermochte es nicht! Ich war die letzte Zeit über ſo ſchwach and angegriffen, daß ich Ihnen ſelbſt nicht mehr zu ſchreiben vermochte, und zu nichts in der Welt mehr Luſt und Muth hatte, als auf immer zur Ruhe zu gehen.— Ich hatte das Büchlein einige⸗ mal zur Seite, als er bei mir war, aber es war mir immer, als hielte mich eine heimliche Scheu urück, als würde er mich wegen einiger Stellen 9* tadeln, die von der Hand der Liebe geſchrieben, nur die Liebe allein zu entſchuldigen vermag, und ſo behielt ich es ſtets zurück, und werde es erſt jetzt mit meinem erſten Briefe abgehen loſſen. Die Reiſe und der Wechſel der Umgebungen, haben zu meiner Verwunderung meine Kräfte gehoben. Ich fühle mich wirklich ruhiger, ſeitdem ich ihn nicht mehr ſehe. Das peinliche Erwarten, wenn er kommen ſollte, die Angſt, die Unruhe, wenn er nicht kam, hätte mich endlich aufgerieben. So iſt es beſſer!— Ich bin nicht ſo gemartert durch den Gedanken, ihn zu jeder Stunde ſehen zu kön⸗ nen, und doch nicht zu dürfen, ich weiß ihn entfernt, und finde mich beſſer in die Unmöglich⸗ keit, als in das willkührliche Beſchränktſein durch fremden Willen. O, es werden ſich auch wieder einige lichthelle Stellen auffinden laſſen in dieſer meiner Abgeſchiedenheit von ihm. Ich darf gewiß recht bald einer Antwort entgegenſehen, meine Ge⸗ dichte werden ihn doch freuen, meinen Sie nicht auch, liebe Richardis?— Was er mir nur ſchrei⸗ ben wird?— Mir deucht, es gebe in den Liedern immer noch ſo viel zu ändern, zu verbeſſern, und doch bin ich es nicht im Stande zu thun.— Es iſt mir, als müſſe ich ihm hier, ſo wie immer mit meinen beſſern Eigenſchaften und meinen Feh⸗ lern zugleich begegnen. Er wird mich deshalb wohl — 197— nicht weniger lieben. Mir war vft, als bänden ihn meine Schwächen, wegen der ihm daraus ent⸗ ſpringenden Gewalt über mein Gemüth, nur noch inniger an mich; er vermochte dadurch ſeine eigene Vortrefflichkeit klarer auszuſprechen, indem er vie⸗ les in mir zu verbeſſern, zu ordnen fand. O, ich verdanke ihm ſo viel— ſo viel! darum kann er mich auch nie ganz vergeſſen! wie der Meiſter ſein Werk nur um ſo lieber hat, je mehr er ſich Mühe damit gab.— Doch, ich ſchreibe Ihnen ſo viel, was in meiner Seele vorgeht, und vergeſſe, daß ich Ihnen noch gar nichts von meinem Abſchiede von Breiſach und der Aufnahme der guten Münter erzählt habe. Ach, dieſes Scheiden war ganz anders als das vorigemal!— Es miſchte ſich eine dunkle Ah⸗ nung in den Schmerz der Gegenwart, die mich von Minute zu Minute mit einer immer größern Beklommenheit erfüllte. Als ich meine Sachen in den Wagen hinabtragen ſah, war es, als müßte ich auf immer aus meinem väterlichen Hauſe aus⸗ wandern, ich fühlte eine Angſt in meiner Seele, die ich nicht zu beſchreiben vermag, und hatte Mi⸗ he, mich ſtandhaft zu erhalten. Nordens Gegen⸗ wart hielt meine erſchütterten Lebensgeiſter allein aufrecht, ich wußte, er liebt es nicht, ſich ſeinem Gefühl allzuſehr hinzugeben, und ſo drängte ich — 198— meine Thränen gewaltſam zurück, um ihm durch meine Weichheit nicht zu mißfallen. Dieſe An⸗ ſtrengung verurſachte aber, daß eine krampfhafte Beklemmung meine Bruſt befiel. Ich mußte eini⸗ gemal an's Fenſter treten, um Luft zu bekommen, und fühlte mich ſehr unwohl. Er bemerkte es nicht, und ſchien ſich über meine ruhige Faſſung zu freuen, indeß er ſelbſt, v, ich habe es wohl be⸗ merkt, leiſe zitterte, ſo oft er meine Hand ergriff. Er bat mich, als ich ihm beim Abſchied die Sorge für den Fortgang meiner kleinen Stiftung anbefahl, daß ich nicht glauben ſollte, die Macht, Gutes zu wirken, ſei nur auf dieſes Gebiet beſchränkt. Er ſtellte mir vor, wie verdienſtlich es ſein würde, durch die gewonnene Erkenntniß und Liebe, auf meine Umgebungen einzuwirken, und wie der Gedanke, etwas zu dem innern Glück der Menſchen beigetra⸗ gen zu haben, mich dereinſt noch höher beſeligen würde, als jener, ihre äußere Lage durch mich ver⸗ beſſert zu ſehen.— Der Gedanke gefiel mir, ob es mir gleich unmöglich vorkam, mit meinen ſchwachen Kräften Andern einen ſo großen Dienſt erzeigen zu können, und ich verſprach ihm um ſo lieber ſei⸗ ne Meinung zu beherzigen, da ich in dieſem ſchö⸗ nen Geſchäft eine Aehnlichkeit mit ſeinem entdecken glaubte.— Graf Ordeck, der uns in die Reſidenz beglei⸗ tete, unterſtützte mich, als ich das Zimmer verließ, das ich ſo lange nicht mehr betreten ſollte. Er geleitete mich ſchweigend zum Wagen, wohin Nor⸗ den uns folgte. Dieſer hielt, als ich einſteigen wollte, mich noch einen Augenblick zurück, drückte mit einem ernſten Blick auf uns⸗ unſere Hände vereint an ſeine Bruſt, und eilte dann, ein ſchnel⸗ les Lebewohl uns zurufend, mit raſchen Schritten davvn. Ordeck warf ſich, meinen Schmerz ehrend, den Platz in unſerem Wagen ausſchlagend, in den ſeinen, und ſo rollten die Wagen hinter einander mit dumpfem Geraſſel über den Hofraum, wo ich noch viele von den guten Leuten harren ſah, mir ein herzliches Lebewohl zuzurufen. Mein Vater warf, als er den Krampf be⸗ merkte, der noch immer in meiner Bruſt fortarbei⸗ tete, einen unruhigen Blick auf mich. Er glaubte, die kühle Morgenluft ſei die Urſache dieſes Uebels, und warf mir ſeinen Mantel um. Ich ließ es ruhig geſchehen, und bemühte mich, ihn dankbar anzulächeln. Mein Kind, meine gute verſtändige Angela!“ ſagte er, mich an ſeine Bruſt ziehend, „nicht wahr, Du weißt, daß Dein Vater Dich lieb hat, und nur Dein Glück will?“ Ich reichte ihm bejahend die Hand, und lehnte mein Haupt — 200— an ſeinen Buſen. Er fuhr fort, recht mild und freundlich zu mir zu ſprechen, und mir, ſeinen Begriffen von Glück gemäß, die Zukunft in dem goldenſten Licht vor Augen zu führen. Ich hörte ihm mit einem ſeltſamen Wohlbehagen zu; mir war, als läge ich wieder, wie damals, als ich als kleines Mädchen in Ihre Anſtalt gebracht wurde, an Nordens Bruſt, und hörte ſeine ſanften beru⸗ higenden Worte, mit denen er meine Leiden be⸗ ſprach, und einen unvergeßlich ſeligen Frie den in meine Bruſt ſenkte. Dieſe Vorſtellung begleitete mich den ganzen Weg; meine Einbildungskraft war ſo lebendig, daß ich wirklich den Ton ſeiner Stim⸗ me zu vernehmen glaubte, und mitten im Schmerz eine Art ſüßen unausſprechlichen Genuſſes empfand. Ordeck kam mehreremale an unſern Wagen; er war ſo beſorgt, ſo brüderlich gütig gegen mich, daß ich ihm meinen Dank nicht verſagen konnte. Als wir ſpät Abends in der Reſidenz ankamen, erfuhren wir, daß dir Baronin nicht zu Hauſe ſei; wir fan⸗ den ihre Zimmer indeß zu unſerer Aufnahme be⸗ reit, und gewannen dadurch Muße, uns von der Ermüdung der Reiſe zu erholen. Mir war es ſehr lieb, daß ich mich ſogleich zur Ruhe begeben konnte, mein Kopf war betäubt und ſchmerzte mich ſehr; ich nahm von meinem Vater eine zärtliche gute Nacht, und gelobte mir im Herzen, ihm nie ent⸗ gelten zu laſſen, daß die Natur unſere Reigungen ſo ungleich und daher unſer Glück ſo unvereinbar gebildet hatte. Am Morgen fühlte ich mich ſicht⸗ lich geſtärkt, ich wurde von der Baroneſſe mit ih⸗ rer gewöhnlichen Güte empfangen, und fügte mich, ſo gut ich konnte, in die vorigen Formen und Ta⸗ gesbeſchäftigungen. Ich begleitete ſie, da gerade die Oſterwoche traf, zu den großen Oratvrien, die in den Kirchen aufgeführt wurden, und empfand meinen Geiſt durch die Wunderkraft der heiligen Muſik ſichtlich geſtärkt und erhoben, und in meine Seele die Ruhe frommer Ergebung zurückkehren. Der Charfreitag⸗Gottesdienſt erinnerte mich an den Tag meiner Confirmation. Wie viel lag zwi⸗ ſchen damals und heute! Wie lang iſt ein Jahr, wie reich kann es an Erfahrungen für uns ſein, wenn wir ſeine Winke beherzigen. Die Lilie, die ich damals von Norden erhielt, und die mich, wie ſein Gedicht, allenthalben hinbegleitet, hat dies Frühjahr zu meiner Freude wieder eine Blüthe ge⸗ trieben. Ich berauſche mich an ihrem entzückenden Duft; mir iſt, als ſchlöſſe mir dieſer ein fremdes, unbekanntes Land auf, deſſen Bild, ohne daß ich es durch Worte wiederzugeben vermag, wie ein ſchneller Blitz durch meine Seele fährt, ohne eine deutlichere Spur, als eine recht himmliſche Freu⸗ digkeit zurückzulaſſen. So führt jeder Tag eine — 202— liebe Erinnerung und eine ſchöne Ahnung herbei, die mir wohlthut. So, liebe Richardis, ſchmückt ſich meine Gegenwart mit den wunderbar verſchlun⸗ genen Strahlen der Vergangenheit und Zukunft, zu dem ſtillen friedlichen Tempel, wo mein Glaube und meine Liebe feiern darf. Ich habe mir, da ich Ihnen alles ſo erzählte, das Herz recht leicht gemacht; ich werde nun dieſe günſtige Stimmung benutzen, und noch an Norden ſchreiben. Leben Sie wohl. — 203— Hundertzweiter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Norden. Aus der Reſidenz, im April 18**, Ich weiß, Sie zürnen mir nicht, mein würdiger Lehrer, wenn ich ſo bald mich über die Trennung von Ihnen zu täuſchen verſuche, indem ich die ein⸗ zige Unterhaltung ergreife, die mir mit Ihnen zu führen verſtattet wurde. Unſere Reiſe war glück⸗ lich; mein Befinden beſſer, als ich zu hoffen wagte. O, ich bin ſtark, das weiß ich jetzt gewiß! Aber, Sie wußten es auch, indem Sie es wagten, mich den Prüfungen des Lebens zu überlaſſen, ohne Ihr edles Vorbild mir länger zuſichern zu können, deſ⸗ ſen ruhige Größe mir am beſten beweiſen konnte, wie ſchön es iſt, den Kampf mit den Widerwärtig⸗ keiten des Schickſals auf eine edle Art zu beſtehen. Ich habe mir vorgenommen, Gott inbrünſtig zu bitten, daß er mir Kraft gibt, der hohen Erwar⸗ — 204— tung zu entſprechen, die Sie von meiner Geduld, on meiner Standhaftigkeit und meiner Ergebung hegten. Gott iſt ja auch in den Schwächſten mäch⸗ tig, wie unſer Glaube uns lehrt, und ſo darf ich auch nicht in den Stunden banger Betrübniß ver⸗ zagen, die mich bisweilen heimſuchen, weil die gött⸗ liche Hülfe ja gewiß dem endlich zu Theil wird, der ſich recht innig darnach ſehnt. Noch fühle ich mich dieſer nicht unwürdig, ob ich gleich vielleicht oft aus Schwachheit und Verblendung gefehlt habe, — und, ich wage es zu glauben, daß ich in den Augen des Allſehenden entſchuldigter daſtehe, als in den Augen der Menſchen,— die nur immer die Handlung, nicht die Bewegungsgründe, alſo meine Unempfindlichkeit für den Wunſch meines Va⸗ ters allein, nicht die Beſchaffenheit meiner Seele und meine Grundſätze kennen.— Waren Sie es nicht, mein theurer Freund, der mir die Tugenden der Wahrheit, der Treue vor allen lieben lehrte? Was würde ich von einem Bunde erwarten kön⸗ nen, der ſogleich mit einer Täuſchung beginnen„3 müßte, indem ich es vor Gottes Angeſicht nicht zu läugnen vyrmöchte, daß meine Gedanken, meine Gefühle eine andere Richtung haben, als die ſo meine Pflichten mir vorſchreiben würden?— Rein, Sie können dieſen Gehorſam nicht verlangen, deß bin ich gewiß!— Der Mann, dem ich folgen — 205— ſoll, muß der Erſte in meinem Herzen ſein,— damit ich vor den Verirrungen meines Gefühls ſicher bin,— dieſes allein iſt die Bedingung, die ich meinem Vater entgegenſtelle, der Punkt, worin⸗ nen ich unerſchütterlich bin,— außer dieſem bin ich ganz Gehorſam, ganz Ergebung, ganz Aufvpfe⸗ rung!— Ich überlaſſe es der Zeit, meinen Grund⸗ ſatz mit ſeinem Willen zu vereinen, vielleicht wün⸗ digt mich Gott, ohne mich einer heimlichen Ver⸗ ſchuldung anklagen zu dürfen, den Segen, die Freude, die er wünſcht, über ſein greiſes Haupt zu bringen!— O, mein Freund, Andern Freude zu machen, iſt ja ſo ſüß! Wie ſollte ſich mein gan⸗ zes Herz nicht darnach ſehnen? Könnte ich dieſes Vergnügen nur einmal ſo aus voller Seele genießen, wie Sie ſich deſſen erfreuen mußten, als Sie die Thränen des Dankes ſo oft vor ſich fließen ſahen. Sie lehrten mich mein Glück, da es in der Außen⸗ welt ſo oft beſtritten und geſtört wird, in den Tie⸗ fen des innern Lebens anbauen; Sie erhoben die kejmende Saat, durch die Kraft göttlicher Lehren, und durch Ihr eigenes ſegnendes Beiſpiel; das gibt Ihnen das heiligſte Recht auf jede Blüthe, die mei⸗ ner Seele entſproß, wie es mir den Muth geben⸗ ſoll, Ihnen jetzt den Kranz meiner Erkenntlichkeit mit tiefer Ehrfurcht zu überreichen!— Empfangen Sie die kleine Sammlung mit Güte! Es ſind — 206— Gedanken, Bemerkungen, die mir die Ratur und das Leben aufdrang, Gefühle, die mit mir geboren, auch mit meinem Leben erſt dahingehen werden.— Laſſen Sie mich den Wunſch hinzufügen, ſie lieber mit den entſchuldigenden Augen des Freundes, als denen des prüfenden Lehrers betrachtet zu ſehen, und nehmen Sie in ihr die ungeſchmückte, nur all⸗ zu offene Seele Ihrer Angela. 3 — 207— Hundertdritter Brief. Ndrden an Wa e Breiſach, im Mai 18**. Gott hat mein Beſtreben geſegnet! Der Lohn meines Kampfes bleibt nicht aus! Ich halte ſo eben den Brief Angela's in Händen, und verweile mit tiefer Rührung bei demſelben! Sie iſt ſo weit geneſen, daß ihre ſchmerzlichen Gemüthsbewegungen einer ruhigen Geduld Platz gemacht haben. Sie ſpricht in ihrem Briefe denſelben Grundſatz aus, den ich Dir, als Deinem mir mitgegebenen Rath entgegenſtehend, angegeben habe, und überläßt es der Zeit, denſelben mit dem Willen ihres Vaters in Uebereinſtimmung zu bringen!— Die Welt, ſo groß und weit, ſollte ſie nicht tauſend Mittel haben, dieſen Verein zu befördern?— Walter, ich müßte ein ſtarker Egviſt ſein, wenn ich glauben ſollte, Angela vermöchte nur in meiner Seele — 208— den reinharmonirenden Accord zu den ihrigen zu finden!— Ordeck iſt ein edler, ein rechtlicher Mann, aber er iſt nicht der Einzige, von dem man hoffen darf, er könne das Vertrauen Angela's verdienen. Es gibt Männer, die ihr höher als er, die ihr in der Folge höher ſtehen werden als ich, und dann iſt ja ihr Gewiſſen beruhiget, und der Wunſch ihres Vaters erfüllt.— Siehe, ich vermag dies mit großer Ruhe zu denken; ein Beweis, daß ich nie die Hoffnung genährt habe, ſie einſt zu be⸗ ſitzen, die ich um ihrer Seele willen, trotz jedem Verhältniß vor Allen lieben und ehren muß. Eine ſtille Betrübniß iſt freilich in meinem Herzen, daß ein Glück, das mich zu einem Gott auf Erden machen konnte, und Angelen zugleich auf immer der ihr eigenthümlichen Welt verbunden hätte, wie ein ſchönes aber unerreichbares Meteor, an meinen Blicken vorüberzieht, um mir das Unvollkommene des Erdenlebens auf's Neue zu verkünden!— Aber es ſollte ſo ſein, und ich werde mich be⸗ mühen, auch hierin, wie in jeder irdiſchen Nacht, den Stern der himmliſchen Liebe zu finden! Au⸗ gela hat mich mit einer Sammlung zarter Poeſien überraſcht:— ich begegne überall ihrem Geiſt, ih⸗ rem reichen Gemüth!— Die Verſe— Zueig⸗ nung überſchrieben, laſſen mich faſt zweifelhaft, ob ſie mir gelten ſollen,— ſie ſcheinen ſich viel⸗ — 2090— mehr auf ein höheres Weſen zu beziehen, deſſen Einwirkung überall in ihren frommen Gedanken ſichtbar iſt.— Ich werde ſie Dir mittheilen, um Deine Meinung darüber zu erfahren: Beignung Es tränkt der Sonne Strahl die kleine Pflanze Mit mildem Licht, und gibt ihr Kraft und Leben, und wenn die Blüthen ſchwellend ſich erheben, Hervorgelockt von dem allmächt'gen Glanze: Sie alle liebend, ihr entgegenſtreben.— — So neigt ſich ewig jeglicher Gedanke, Der aus der Seele Tiefen ſich entbindet, Zu Dir, von Deines Geiſtes Strahl entzündet, Es fühlend, daß er Dir ſein Daſein danke, und in Dich kehrend, ſeine Heimath findet. Walter, ich denke oft darüber nach, wie die Liebe, die an ſich ſelbſt auch in den weniger poeti⸗ ſchen Gemüthern ſchon eine ſo verſchönende, holde Erſcheinung iſt, in dem Herzen eines ſo reich aus⸗ geſtatteten Weſens, wenn man ſie pflegen und ent⸗ wickeln darf, einen ſo überſchwänglichen Lohn ge⸗ währen muß!— Welchen unverſiegbaren Quell des reinſten Genuſſes böte dieſes, der höheren Seligkeit geiſtiger Liebe empfängliche Gemüth dar, zu welchen — 210— ſchönen Entdeckungen berechtigte es den, der vor Gott und Menſchen auf immer ſeine reine Zunei⸗ gung empfangen dürfte! Und dieſem Lops, das mein geworden wäre, trotz meines Unwerthes, wenn nicht die Macht der Convenienz ſich zwiſchen uns geſtellt hätte, dieſem ſeltenen Loos muß ich entſagen, und den Segen ſelbſt abwehren, den es über mich bringen wollte! — O, Walter, Walter, hätte ſie mir das Buch nicht geſchickt! Es war genng, zu wiſſen, daß ich verlor, ohne zu erfahren, wieviel ich verloren habe! Schreibe mir bald, o mein Freund, vielleicht findeſt Du einmal Gelegenheit, ſie zu ſehen, zu ſprechen:— halte mir keinen Troſt zurück, kein Wort, das mich von ihrer jetzigen Stimmung un⸗ terrichten kann. Sei ganz der ſorgende, treue Freund. Deines Norden. Hundertvierter Brief. Graf Malvi an den Baron L. Aus der Reſidenz, im Mai 18*. Wir ſind ſo glücklich, die ſchöne Comteſſe Domelli wieder in unſeren Mauern zu beſitzen! Es hat, wie ich glaube, dem Grafen einige Mühe gekoſtet, die Kleine, die an dem heimathlichen Boden ſehr feſt gewurzelt war, zu ſeinem Willen zu bewegen. — Ich war, einem Auftrag der Baroneſſe Mün⸗ ter zufolge, in Breiſach eingeſprochen, und wurde von dem Grafen mehrere Tage feſtgehalten; mir fehlte es demnach nicht, die Cymteſſe in ihrem ei⸗ genthümlichſten Treiben und Leben zu belauſchen, und ich habe Entdeckungen gemacht, die mir von Nutzen ſein können.— Stell' Dir vor, mein Freund! die finſtere Erſcheinung jenes Philoſo⸗ phen, die mir damals in Warmbrunn überall im Wege ſtand, iſt mir auf's Neue ſtörend entgegen⸗ — 212— getreten.— Mein Groll gegen ihn, den ich über den Zerſtreuungen der letztern Zeit ganz vergeſſen batte, kochte bei ſeinem Anblick ſogleich wieder in mir auf; ich ſah den ſtolzen anmaßenden Mann wie damals vor Augen; ich fühlte ſein Beſtreben, mich durch ſeine lächerliche Majeſtät herabzuſetzen, und hatte Mühe, meine wahre Stimmung unter erzwungener Höflichkeit zu verbergen, weil ich ge⸗ gen den Hausfreund des Grafen, und den Lehrer der Comteſſe einige Rückſichten zu nehmen gezwun⸗ gen war.— Lehrer ſage ich, aber es verſteckt ſich mehr hinter dieſem Worte. Angela hat eine Hochachtung, eine Ergebenheit für den Mann, die über die Grenzen der Schicklichkeit hinausgeht.— Sie ſcheint nur Augen für ſeine Winke, nur Sinn für ſeine Worte zu haben,— kurz, klänge das Wort nicht für eine Dame von ihrem Stande in Bezug auf ihn zu lächerlich, ich ſagte: ſie liebe ihn! — Alberne Poſſe, ſage ich mir oft, ſo oft ich an den Miſanthropen denke, aber, rufe ich mir zurück, wie ſie nur ihn ſuchte, wie ſie nur ruhig war, wenn ſie ihn in der Nähe wußte, ſo wird mir die Sache bedenklich.— Ich habe die Comteſſe heute zum Erſtenmale wiedergeſehen: ſie ſah bleich aus, und wollte ſich entfernen, als ich bei der Barvneſſe meine Auf⸗ wartung machte. Ich nahm eine theilnehmende — 243— Miene an, und frug nach ihrem Befinden. Sie dankte mir artig, und da ich fortfuhr, mich nach ihrem Vater und hauptſaͤchlich nach dem Superin⸗ tendenten zu erkundigen, ſo wurde ſie immer freundlicher, und kehrte zuletzt zu dem eben verlaſ⸗ ſenen Platze zurück. Ich ſah, daß es heute galt, alle meine ſatyriſchen Bienenſchwärme im Korbe zu behalten, ich that gewaltig ernſt und geſetzt, ſprach mit ihr von der letzten Predigt und den Kirchen⸗Muſiken, und ließ nur zuweilen ein Wort irreligiöſer Freigeiſterei fliegen, um das Vergnügen zu haben, von den ſchönen Lippen der frommen Heiligen mich allmählig bekehren zu laſſen. Der Eifer, womit ſie mir in ſolchen Fällen widerſprach, und die Freude, wenn ich hier und da ihr einen kleinen Sieg über mein verſtocktes Gemüth ein⸗ räumte, zeigten mir, wie ich unbewußt den beſten aller Wege eingeſchlagen hatte, der mich zu den Pforten ihres Herzens führen konnte. Kein Ver⸗ ſuch, ihr durch die Schätze meiner Gelehrſamkeit zu gefallen, war mir ſo geglückt, als der heutige, der die kleine Proſelytenmacherin ſichtlich in meine Gewalt gab. Ich werde auf dieſer Bahn bleiben, und allmählig weiter vordringen, ohne ſie durch gänzliche Verläugnung meines Charakters mißtrau⸗ iſch zu machen. Jeder Triumph ihrer Frömmigkeit muß ihr ſo viel als möglich erſchwert werden, —————— ) — 214— damit ſie die ganze Süßigkeit deſſelben genieße. So wird ſie allmählig von dem Einfluß, den ihre Denkungsart über mich übt, geſchmeichelt, die Freude an der Bekehrung mit der, die ſie an dem Bekehrten finden muß, verwechſeln, ihr bisheriges Mißtrauen wird Bedauern, ihr Bedauern Er⸗ barmen, ihr Erbarmen Zärtlichkeit werden, und dann, mein Freund,— dann wäre ich ja am Ziele!— Yoch ein Wort von dem Rittmeiſter, deſſen ich vorhin erwähnte. Er iſt auf einige Zeit hier⸗ her commandirt, und macht viel Epoche bei unſe⸗ rer Frauenwelt; vor allen ſcheint unſere Lichtfeld ihn ihrer beſondern Aufmerkſamkeit zu würdigen, ſie kommt gern in die Eirkel, wo ſie ihn vermu⸗ then kann, ſucht ihre eingeſchlummerten Talente hervor, kurz, flammt wie ein Licht, das kurz vor ſeinem Erlöſchen auf's Neue emporſchlägt, noch einmal in voller Lebensluſt auf, und gibt durch ihr Betragen den reichſten Stoff zu der Unterhal⸗ tung des Publikums. Der Rittmeiſter wird nicht blind ſein für das Glück, das ihm blüht, er iſt bereits täglich im Lichtfeld'ſchen Hauſe, und hat ſich dieſem gegenüber eingemiethet. Es wird mir auch hier nicht an elnem neuen Beleg zu meiner Meinung über unſere tugendhaften Frauen fehlen. Die Welt liegt nun einmal im Argen, und ein — 215— Thor, der erſt etwas Beſſeres affectiren will, aus⸗ genommen, wenn es den Preis einer ſo niedlichen Comteſſe gilt! Bald erfährſt Du neue Kunde von mir, bis dahin gehabe Dich wohl!— ———,————.—ͤzz—z.—————— Hundertfünfter Brief. W a l er an Norden Ins der Reſidenz, im Mai 18*. Jch kann Dir zu meiner Freude die erwünſchteſte Nachricht von dem Befinden der Comteſſe Domelli geben! Ich habe ſie bei der Einweihung des neuen Salons im fürſtlichen Palais geſehen und ſorg⸗ ſam beobachtet. Sie zu ſprechen, gelang mir nicht, weil ſie unter dem Gefolge der Fürſtin, und ſtets mit ihren Hofcavaliers umgeben war, doch machte ſie mir, als ſie einmal bei meinem Platze vorbei⸗ tanzte, eine ſehr artige Verbeugung, zum Beweis, daß ſie Nordens Freund erkannt hatte.— Daß ie vollkommenſte iſt, kann ich Din F verſichern, ſie blühte gleich einer Maienroſe unter dem weißen Lilienkro ranze, der ihre Stirn beſchattete. — Es iſt wahr, ſe iſt ein ſchönes Geſchöpf, und bei den hohen Figeuſchaften ihres Gemüthes eine — 217— in der That ſo hervorſtrahlende Erſcheinung, daß es mich nicht wundert, daß der Beifall, deſſen ſie ſich erfreuen darf, ſo allgemein iſt, daß jeder mit Entzücken von ihr ſpricht. Sie tanzte wenig, und unterhielt ſich viel mit dem Grafen Malvi, was mich verdroß, weil ich ihm, Deinem Urtheil zufvl⸗ ge, dieſes Vorzugs nicht würdig glaube.— Er war es auch, der ſie zum Wogen begleitete, und von der Baroneſſe, wie ich genau hörte, die Er⸗ laubniß erhielt, ihr den andern Morgen aufwarten zu dürfen.— Ich ſprach darüber mit Bören, er lächelte und meinte, eine Ball⸗Connaiſſance ſei wohl nie mit einem ernſteren Verhältniß zu ver⸗ wechſeln;— überdies ſei es ja bekannt, daß Graf Ordeck an Verdienſten bei weitem dem Grafen Malvi überlegen, und folglich unter dieſen beiden Bewerbern der begünſtigteſte ſeis— ich wußte durch Dich, wie wenig dieſe Gunſt zu bedeuten hatte,— und mußte, wenn ich meinen Augen trauen wollte, unſtreitig jenen für vorgezogen halten. Ich brachte den fatalen Gedanken nicht aus dem Sinn, und nahm, als ich zu Hauſe kam, noch einmal Deinen Brief zur Hand, um mich von der Unmöglichkeit eines ſolchen Mißgriffs zu über⸗ zeugen.— Du haſt mir ſchon oft von Angela's pveti⸗ ſchem, leicht empfüänglichen Gemüth erzählt, und ungela III. 10 — 218— mir durch die beigefügten Verſe einen ſichtlichen Beweis von der Fertigkeit in ihrer ſchönen Kunſt gegeben.— Du haſt mir aber auch früher Deine Beſorgniſſe mitgetheilt, die Du wegen dieſes in ihrem weichen Herzen allzuleicht aufzuregenden Ge⸗ fühls geiſtiger Hingebung hegteſt, und die, wie ich aus dieſen Verſen zu bemerken glaube, nicht ohne Grund waren.— Daß ſie Dir gehören, iſt keine Frage, aber die Sprache, die darinnen herrſcht, gränzt an Abgötterei, was Du ſelbſt beweiſeſt, indem Du ſchwankeſt, ob nicht ein höheres Weſen damit gemeint ſei.— Ein Weib, das ſeine Ge⸗ fühle ſo lebhaft gegen einen Mann, und ſei es auch ihr Lehrer, ausſprechen kann, hat das Heilig⸗ tbum ihrer Liebe erſchöpft, iſt in ihrer Reigung ſchon höher geſtiegen, als ſie ſollte, und muß, da ſie nicht weiter gehen kann, und das Stillſtehen ſelten bei dem lebhafteren Umtrieb jugendlicher Kraft zu ſuchen iſt, nothwendig zurückgehen,— oder was noch ſchlimmer wäre, von einem Extrem auf das andere gerathen.— Ich würde die Com⸗ teſſe unſtreitig noch mehr wegen ihrer hoffnungs⸗ loſen Neigung und dem Zwang ihrer Verhältniſſe bedauern, wenn ſie Thereſens Charakter beſäße;— ſo iſt mir aber gerade dieſe ihre leichtbewegte, ſich zur pvetiſchen Schwärmerei hinneigende Gemüths⸗ art der ſicherſte Bürge,— daß, da der ſchwerſte Moment überſtanden iſt, ſich ihr Gemüth erſt be⸗ ruhigen, dann an den Mitteln, die ihr zur Selbſt⸗ erhebung zu Gebot ſtehen, aufrichten, und ſich mit der Zeit neuen Eindrücken öffnen wird, was ja ſtets das Vorrecht der jugendlichen ächtppetiſchen Gemüther iſt.— Thereſe Wallburg würde dieſen Troſt entbehren, da ſie außer ihrem treuen erge⸗ benen Gemüth keine ſo reiche Ouellen beſitzt, das Leben Anderer, wie das eigene zu verſchönern,— daher wird ſie auch der Himmel vor dieſem Schmer⸗ ze bewahren, und die Sommerwolken der Liebe, die oft mehr zerſtörende Blitze als erfreulichen Segen enthalten, an ihrem Haupt vorüberführen! — Grüße das liebe Mädchen von uns, und über⸗ gib ihr beiliegenden Brief ihrer Mutter.— Das gute Kind hat ihr, wie ich gehört, ſchon wieder das ſeit einigen Monaten erſparte Taſchengeld überſendet!— Solche Kinder, die ganz Aufopfe⸗ rung, ganz Liebe, ganz Ergebenheit gegen ihre Eltern ſind, ſind ſelten; das glaube mir!— Mit dem Wunſch, Dich recht bald im voll⸗ kommenen Genuß gänzlicher Zufriedenheit zu ſehen, drücke ich Dich in Gedanken an mein Herz, und bin unverändert Dein wahrer Freund Walter. 10* — 220— Hundertſechster Brief. Breiſach, im Mai 18**. NRein, mein Freund, es kann, es darf nicht ſo ſein, wie Du meinſt!— Was willſt Du mit dem Schwanken von Extrem zu Extrem?— Glaubſt Du, Angela, deren Herz voll Wahrheit und Treue, deren Erkenntniß ſtets eine von Gott begünſtigte war,— Angela könne, nachdem ſie mir der Freu⸗ den höchſte gegeben,— mir nun der Dornen ſchmerzlichſte in's Herz drücken, indem ſie mir durch ihr Zurücktreten in jenes nichtige Weltleben bewieſe, daß es ihr nie Ernſt war mit dem Stre⸗ ben zum Licht,— daß,— o Walter, ich ſündige, indem ich es denke,— daß ihre Liebe nicht dem Höheren, das uns einzig verbinden durfte,— ſondern nur dem Lehrer, dem Geſchöpf galt, und daher mit den Hoffnungen zugleich, die ich zu zer⸗ — 221— ſtören bemüht war, dahinſtirbt,— verſchwindet, — einem fabelhaften Traume gleich, der uns einen Himmel vor den entzückten Blicken vorüberführte, — um uns dann noch tiefer die Nacht zu zeigen, aus der er entſprang.—— Hinweg mit dieſer gehäſſigen Vorſtellung!— Fern bleibe ſie meinen Sinnen mit ihrem verwirrenden Dunkel!— Wal⸗ ter, berühre nicht die alte Natter, welche die letzte Zeit mühſam in Schlummer gewiegt; wecke das Mißtrauen nicht auf, das einſt dieſen Buſen be⸗ herrſchte,— ich kenne ſeine Gewalt über mich, und ſchaudere vor ſeinem Erwachen zurück.— Was willſt Du mit Malvi?— Er und An⸗ gela ſind die beiden äußerſten Pole der Menſchheit, unvereinbar durch ſich ſelbſt, trotz allem Schein und Blendwerk der Erde.— Ich habe ihn eine Zeitlang beobachten können, indem er mehrere Tage in Breiſach war,— er hat vielleicht Luſt, die an⸗ lockende Beute zu gewinnen,— denn die Eitelkeit, die die Triebfeder aller ſeiner Handlungen iſt, hat längſt die durch Schönheit, Talent und Geiſt, wie durch die Gunſt der Fürſtin und allgemeine Bewunderung ausgezeichnete Comteſſe zum Gegen⸗ ſtande ſeines ſtolzen Strebens gemacht;— aber Angela ſieht weiter, als man es von ihrer zarten Jugend und Erfahrung erwarten ſollte,— ſie weiß Eitelkeit von Liebe, und vor allen, Scheinglanz 2 von wahrem Männerwerth zu unterſcheiden, und wird, wenn ſie auch aus zu großer Güte ſeine Artigkeiten nicht mit vffenbarer Geringſchätzung zu begegnen vermag, doch ihm gewiß keine Hoffnun⸗ gen geben, die ſie, ihren Grundſätzen nach, nie zu erfüllen vermöchte.— Daher, mein Freund, kein Wort weiter hier⸗ über! Ich bedarf des Vertrauens zu Angelens Tu⸗ gend, und würde unglücklich ſein, wenn die alten Zweifel ſich wieder meiner Seele bemächtigten!— —— Hundertſiebenter Brief. Die Obriſt von Lichtfeld an ihre Schweſter. Aus der Reſidenz, im Mai 18**. Jc habe lange geſchwiegen, weil das ewige Ei⸗ nerlei ſich wiederholender häuslicher Sorgen und fader Tagesbegebenheiten mir keinen Stoff zur Mittheilung bot. Dabei habe ich viel gelitten; Schwäche, geiſtige und körperliche Abſpannung, Ueberdruß an jedem Vergnügen, das ich mir dach⸗ te; mein Hausweſen ging trotz dem ſeinen Gang, nichts ſtörte die Ordnung, die Bequemlichkeit, an die mein Gemahl gewöhnt iſt. Aber dies war auch Alles, was ich zu leiſten vermochte. Der Geſellſchaft ſtarb ich faſt gänzlich ab. Der Obriſt vermißte zum Glück wenig die Talente der Geſel⸗ ligkeit, der Anmuth, deren ich mich von Tag zu Tage mehr beraubt ſah. Er hatte noch immer — 2241 einen zufriedenen Blick für mich, wenn ſeine Tafel nach Wunſche beſetzt, ſeine Spielparthie ihm ge⸗ wiß, und ſeine Gemahlin bei beiden ſichtbar war. Das wie kam weniger in Betrachtung. Ich habe oft im Stillen einen mitleidigen Blick auf meine einſinkende Geſtalt geworfen, wenn ich bei meinem Spiegel vorbeiſchritt, und eine Thräne ertappte, die der Gedanke gebar, aus dem Leben zu ſchei⸗ den, ohne das Glück, von dem ich einſt geträumt, gefunden zu haben.— Und doch war es auf Er⸗ den, war auch vielleicht für mich da, nur daß ich in unſeliger Verblendung meinem Schickſal vor⸗ griff, und mich ſelbſt um Glück und Hoffnung be⸗ trog.— Du weißt, wie lange ich in den dürren Sandſteppen der Alltäglichkeit umherirre, wie oft ich zurückkehrte aus dieſer Wüſte, ermüdet an Kör⸗ per und Geiſt.— Selten, ach ſo ſelten ſind die Erſcheinungen, die unſerm innern Leben befreundet begegnen;— und wenn ſie auftreten, warum brin⸗ gen ſie uns immer Freuden und Schmerzen zu⸗ gleich?— Seit kurzem iſt Rittmeiſter P. in der Reſi⸗ denz; ein Mann gleich ausgezeichnet an Geiſt wie an Tiefe des Gefühls und Anmuth des Umgangs. Er iſt viel in unſerm Hauſe, und ſucht gern mei⸗ ne Unterhaltung, während mein Gemahl ſich des heiteren Einfluſſes erfreut, den ſein liebenswürdiger — 225— Gaſt über die Geſellſchaft übt.— In ſeiner Nähe fühle ich noch einmal was ich war, und was ich ſein könnte, wäre meinem Gemüthe eine andere Nahrung gereicht!— Ich lebe wieder auf, und fühle dies mit Wehmuth, und nicht ohne Demü⸗ thigung für mein ſtolzes Herz!— Aber fürchte Du nichts!— Noch iſt der Einfluß dieſes Um⸗ gangs ein wohlthuender für mich; ich geneſe all⸗ mählig von dem Stumpfſinn, der ſich ſo lange meines Geiſtes bemächtiget, ich erblicke das Leben um mich her in einer befreundetern Geſtalt, und fühle eine Fähigkeit in mir erwachen, die ich für immer verloren meinte, die Fähigkeit glücklich zu ſein. Glücklich!— O, meine Schweſter, wie lange wird dieſer Traum von Glück mir be⸗ ſchieden ſein?— Iſt Er es, der ihn erweckte, der ihn hält,— ſo wird er mit ihm auch dahingehen; — und ach, er ſcheidet ſo bald!— Doch warum ſich die Gegenwart verkümmern! — Noch dürfen wir uns ja der Einwirkung des reichſten, heiterſten Lebens erfreuen,— noch ſind ſie ja mein die Kränze der ſtillen, ehrerbietigen Huldigung, die ſo viele mir beneiden, und die frei, ungeſucht mir allein geſpendet werden. Doch wohin verirrt ſich mein Gefühl!— Vergib, und zürne mir nicht! Ach, nicht zum Herrn unſers Empfindens, nur zum Herrn unſers ——— — 226— Handelns hat die Ratur unſern Willen gemacht. Des Weibes Würde, ich fühl' es, kann ihm ſiegen⸗ de Waffen verleihen! Rein, kein Vorwurf ſoll mir den Rückblick auf dieſe Tage verbittern! Feſt und ſicher will ich den Weg wandeln, den ein freundliches Geſchick mir noch einmal mit Blumen beſtreut. Und wenn ſie nahet die Zeit, die auch dieſe Blüthen zurücknimmt, wenn ich wieder allein bin, allein in der Oede des Lebens— dann wird mein Bewußtſein mir Kraft verleihen, meine Thrã⸗ nen zu beſiegen;— dann wird der Gedanke mich tröſten: noch hatte die Liebe einen Kranz für mich, doch ich kannte ein Kleinod, das ihn über⸗ wog: das ſtille Genügen der Tugend. Hundertachter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Richardis. Aus der Reſidenz, im Mai 18** Noch habe ich keinen Brief von Norden!— Aber, er kann ja auch kaum die Gedichte durchle⸗ ſen haben, er wird mir nicht eher ſchreiben wollen, bis er mir alles beantworten kann.— Finden Sie dies nicht natürlich, liebe Richardis?— Was ma⸗ che ich kindiſches Geſchöpf mir darüber doch Gril⸗ len? Noch ſind es kaum vierzehn Tage, daß ich ſchrieb, und, o, Sie wiſſen nicht, wie er mit Ge⸗ ſchäften überhäuft iſt, wie er ein ſo zärtlicher Va⸗ ter für ſein Kind iſt, und ſich ſo fleißig mit ihm beſchäftiget, trotz der Demdviſelle Wallburg!— Ach, liebe Richardis, wie kommt es denn, daß mir ſo beklommen wird, ſo oft ich an die Wallburg denke!— Ich war ihr ja ſo gut, wie könnte ich denn ſie um ein Glück beneiden, das mir ja nie — 2²8— gehören durfte, nie gehört hätte, auch wenn ſie nicht nach Breiſach gekommen wäre! Gott ſegne das gute Mädchen, das zu dem häuslichen Glück meines edeln Freundes ſo viel beiträgt! Gott ſegne ſie!— Ich will ſie täglich in mein Gebet ſchließen, weil ich mich in Gedanken an ihr ver⸗ gangen habe, und es nicht anders gut zu machen weiß. O, er wird mich nicht vergeſſen, ich werde ihm werth bleiben, auch wenn er Thereſens Tu⸗ genden immer höher achten lernt!— Der Freund meiner Seele iſt beſtändig in ſeinen Grundſätzen, wie in ſeinem Gefühl!— Was mir einmal gehört hat, bleibt mir in alle Ewigkeit! O, des tröſten⸗ den, ſchönen, erhebenden Gedankens! Breitete die Bangigkeit, die ich nach ſeinem Umgang em⸗ pfinde, nicht einen trüben Schleier über Alles, was mich umgibt, ich könnte wohl ſagen, es ge⸗ fiele mir hier beſſer wie ſonſt.— Die vielen, mir oft ſo läſtigen Aſſembleen, wo mich der Zwang ewiger langer Weile marterte, haben andern Ver⸗ gnügungen Platz gemacht, die mir beſſer zuſagen. Es werden täglich Parthien in die Umgegend ge⸗ macht; einige nahegelegene in engliſchem Geſchmack angelegte Gärten, ſind jetzt der Sammelplatz der ſchönen Welt; hier herrſcht Muſik und Tanz, und man kann, wenn man eine theilnehmende Seele hot, auch einen Kummer im Herzen, im Gefühl der Freuden Anderer, einiges Glück genießen. Die gütige Fürſtin, die mich mit gleicher Liebe em⸗ pfangen hat, erlaubt mir oft, ihre einſamen Garten⸗ freuden zu theilen. Sie hält viel auf ausländiſche Gewächſe und hat ſelbſt viele Kenntniſſe in der Bota⸗ nik. Mit Vergnügen empfange ich ihre angenehme Belehrung, und laſſe mich von ihr in die Geheim⸗ niſſe der Pflanzenwelt einweihen. Graf Ordeck be⸗ richtigt nicht ſelten meine geſammelten Kenntniſſe, und ergänzt ſie, indem er im Reiche der Natur voll⸗ kommen zu Hauſe iſt, und dies intereſſante Stu⸗ dium ſtets mit Liebe getrieben hat. Er ſteht noch immer recht ſichtlich in der Gunſt der Fürſtin, und ich habe ſchon oft mit Betrübniß bemerkt, daß ſie, die mir ſo mütterlich geſinnt iſt, mir vft des Gra⸗ fen Verdienſte ſo ernſt und bedeutſam vor Augen ſtellt, daß ich den Wunſch nicht verkennen kann, den ſie hegt, und den ich ja nimmer erfüllen kann. — O, wenn ich doch nicht fürchten dürfte, daß ich ihr durch den Widerſtand, den ich ihren und mei⸗ nes Vaters Wünſchen zu leiſten gezwungen bin, mißfüllig werden dürfte! Lieber entdecke ich ihr mein ganzes Herz! Sie wird mich dann bedauern, aber gewißlich nicht haſſen, ſondern mich um des Schmerzes willen, der in ſo zarter Jugend über mich kam, nur noch inniger ihrer Theilnahme wür⸗ digen!— — — 230— Mein brüderlicher und gütiger Freund iſt ſtets derſelbe gegen mich. Ich ſehe ihn öfterer bei der Fürſtin, als in unſerm Hauſe. Er vermeidet aus Zartgefühl jedes abſichtliche Andrängen, ſo vft er mir gleich verſichert, daß er ſein Leben in der Re⸗ ſidenz nur nach den Stunden unſeres Beiſammen⸗ ſeins berechne. O, wären doch alle Charaktere ſo klar, ſo rein zu durchblicken, als der ſeine! Aber leider iſt dies ſo ſelten der Fall.— Wir ſind ge⸗ zwungen, die Menſchen bald zu hoch, bald zu nie⸗ drig zu ſtellen, weil ſie ſelten das ſind, was ſie ſcheinen, und ſich ſogar bisweilen in recht häßlichen widerwärtigen Masken gefallen, um die Menſchen zu ſchrecken und auszuforſchen. Dies war, wie ich jetzt weiß, auch bei dem Grafen Malvi der Fall. Er ſuchte etwas darin, ſich viel ſchlimmer zu zei⸗ gen, als er wirklich iſt, und amüſirt ſich höchlich, wenn er die Menſchen um ſich her in Angſt und Verlegenheit ſetzt. Ich lerne ihn jetzt beſſer ken⸗ nen, und bin ſehr zufrieden mit mir, daß ich früher, als er mit ſeiner furchtbaren Zweifelſucht und ſeinen zweideutigen Grundſätzen prahlte, mich nicht einen Schritt breit von meiner Meinung abbringen ließ, und ſo ſeine Achtung gewann. Er iſt nicht der böſe Mann, der er ſcheint; er hat ſich einigemal verrathen, daß er nur Comödie ſpielt, um das Beſſere im Menſchen zu erforſchen, und fängt an, —— —— nach und nach mir die Wahrheit meiner Anſichten einzuräumen, was mir große Freude macht. Er will mich bisweilen überreden, meine Denkungsart habe einigen Einfluß auf die ſeine; aber dies iſt wohl nur eine feine Schmeichelei. Er hat, das weiß ich, längſt ſo gedacht, und ſich ſelten gezeigt, wie er war, weil er in dieſer Verkappung die Menſchen zu ſtudiren gedenkt.— Er kömmt jetzt öfterer als ſonſt in das Haus der Barvneſſe, und verräth im Lauf ſeiner lebhaften Unterhaltung manche gute Seite, die ich früher überſehen hatte. — Wie vorſichtig, liebe Richardis, müſſen wir in unſeren Urtheilen ſein,— wie genau den Schein prüfen, hinter dem ſich das wahre Weſen des Menſchen verbirgt, damit wir Andern nicht Unrecht thun! Ich habe dem Grafen viel abzubitten, das weiß ich, aber er kam mir auch oft ſo ſehr gehäſ⸗ ſig und widerwärtig vor!— So eben bringt mir Graf Ordeck einen Brief von Norden; wie ſieht er ſo freundlich, ſo theilnehmend aus, der gütige Mann!— Ich ſchließe erſt morgen den Brief, um Ihnen zu ſagen, was er ſchreibt. Jetzt ein herz⸗ liches Lebewohl von Ihrer glücklichen Angela. ——— 0 Hundertneunter Brief. Not den n Ange la Breiſach, im Mai 18** Nur zu reich, Comteſſe, belohnen Sie den Mann, der einſt gewürdiget war, Ihre Fähigkeiten zu lei⸗ ten, mit dem ſchönen Ertrag derſelben! Ich habe mit Stolz den Vorzug empfunden, den Sie mir durch die Mittheilung Ihrer eigenthümlichſten Schätze, Ihrer ſchönen Gedanken und Empfindun⸗ gen gaben, und werde dieſe, wie das Andenken an die liebliche Geberin ſelbſt, ſtets treu und hei⸗ lig zu bewahren wiſſen!— Die erſten Verſe der Zueignung gehören, wie ich hoffe, dem höchſten Weſen an, das ſich Ihnen durch die Gewährung der ſchönſten Gaben ſo vorzüglich gütig bewieſen hat. So betrachtet, ſind ſie Ihres kindlichergebe⸗ nen Herzens ganz würdig,— wie ſie, anders erklärt, eine, wenn auch aus dem ſchönſten Gefühl — 233— 5 entſpringende, doch unläugbare Verirrung zum Grund haben würden.— Ich ſehe in Ihnen, Com⸗ teſſe, auf's Neue bewieſen, wie der Weg zum wah⸗ ren Schönen nicht durch die Schulen gründlicher Gelehrſamkeit,— oder pedantiſcher Nachahmung vorgeſtellter Formen geht; Ihr Genius erhob ſich frei, wie die feſſelloſe Pſyche über die Blumen und Dornen der Erde,— ſog ſeinen Balſam aus bei⸗ den,— und trägt ihn nun, in Glauben und Liebe, dem Himmel zu und den Herzen, die ſeiner be⸗ dürfen!— Was Sie mir von den Bewegungsgründen Ihres Handelns mitzutheilen die Güte hatten, macht Ihrem Charakter Ehre, und beweiſt mir, daß Sie die Lehren Ihres Freundes beherzigten.— Ich ſtimme mit dieſer Ihrer Denkart vollkommen über⸗ ein, hoffe aber mit Gewißheit, daß die Zeit der⸗ einſt kommen wird, wo Sie die Wünſche Ihres Herrn Vaters, ohne Zwang und mit der völlkom⸗ menſten Ueberzeugung Ihr Glück zu gründen, er⸗. füllen werden! Möge der Himmel meine Wünſche ſegnen, damit Sie Andern die Freude zu machen vermögen, wie Sie ſie ſtets ſo gütig zugedacht Ihrem. Freunde Rorden. — 234— Hundertzehnter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Richardis. Aus der Reſidenz, im Mai 18**. Ich habe ihm Freude gemacht, liebe Richardis! Er hat, wie er ſagt, mit Stolz den Vorzug em⸗ pfunden, den ich ihm durch die Mittheilung meiner Gedanken vor Allen gegeben habe! Aber er hat auch Vieles geſagt, was mich ſchmerzt!— Ach, fühlte er wie ich, er würde mich nicht empfinden laſſen, daß ich ihm hier und da zu ſehr meine Dankbarkeit, meine Verehrung ausgeſprochen habe. — Ach, kann man noch wägen und berechnen, wenn man liebt?— Kann man dann noch über⸗ legen, wie viel man geben oder annehmen kann, muß ſich nicht vielmehr jeder Stolz gefangen ge⸗ ben, und ſelbſt die Beſcheidenheit fürchten, die Liebe durch ihr ſtrenges Zurücktreten zu betrüben? — — Gott, wenn meine Liebe mir ſeine Ach⸗ tung rauben könnte?— Er iſt ein Mann,— und die Männer ſind gewiß alle viel ſtrenger, und haben oft ganz andere Anſichten als wir!— Ich werde künftig beſſer über meine Ausdrücke wa⸗ chen!— Ach, ich glaubte. immer meinem Gefühl unbeſorgt folgen zu können, weil es ſo ruhig vor dem Himmel beſtand,— und that doch viel⸗ leicht nicht wohl daran!— Richardis, glauben Sie mir, für ein Geſchöpf, das von dem Gefühl und der Phantaſie ſo aus⸗ ſchließlich beherrſcht wird, als ich, wäre nur ein ſicheres Schreiten an der Seite eines Mannes ge⸗ weſen, der den Ernſt eines gereiften Charakters mit einem ſo klaren, feſten Willen verbindet, als wie es bei Rorden der Fall iſt. Ich hätte in ſei⸗ nem gebildeten Geiſt und gefühlvollen Herzen ſtets Nahrung gefunden für meine Seele, auch in der tiefſten Abgeſchiedenheit,— und wäre des unſi⸗ chern Schwankens überhoben geweſen, von dem ich mich, von ſeiner Leitung verwöhnt, voft noch be⸗ unruhigt ſehe. Doch was nützt es mir denn, ei⸗ ner Sache nachzudenken, die, wenn ſie auch die entſchiedenſte Wahrheit enthält, ja doch der Un⸗ möglichkeit angehört!— Er ſelbſt hofft ja für meines Vaters Wünſche, ja vereint ſelbſt die ſeinigen damit!— Wie ſtark die Männer ſind!— — 236— O, ich armes ſchwaches Geſchöpf!— Ich werde nur meinen Brief beenden, ich fühle mich nicht in der Stimmung, Ihnen weiter zu ſchreiben!— Le⸗ ben Sie wohl, leben Sie glücklich, glücklicher als Ihre Angela. Hundertelfter Brief. Hermine von Bören an Frau von Alboin. Aus der Reſidenz, im Juni 18** Denken Sie ſich meinen Schmerz, Bören iſt nach T. kommandirt, und ich kann ihn nicht begleiten, weil ich nicht mehr wie ſonſt, wie ein Vogel auf dem Dache bin, ſondern Urſache habe, mich zu ſchonen. Da haben Sie in wenig Worten ein Glück und einen großen Kummer, die faſt zugleich in unſerm Hauſe eingekehrt ſind. Künftige Woche verläßt er mich, es iſt die erſte Trennung, die uns bevorſteht, und ſcheint eine größere Angſt mit ſich zu führen, als ich je geglaubt hätte.— Wenn ich mir denke, was ihm alles begegnen könnte, ſo ſte⸗ hen mir die Haare zu Berge. Auf dem Hinwege iſt weniger Gefahr, weil er eine bedeutende Mann⸗ ſchaft nach T. bringt, aber zurück reiſt er ſo ganz allein, daß mir graut, wenn ich an die Wälder, —— Sümpfe und Raubneſter denke, die er paſſiren wird. Ich bin bei aller Courage, die meine Zun⸗ ge zur Schau trägt, doch eine gewaltige Haſenna⸗ tur. Bören lacht mich deshalb tüchtig aus, aber er ſieht es doch nicht ungern, daß ich ein wenig für ihn zittere. Ich hatte ihm letzthin ganz im Geheim ein paar Doppel⸗Terzerolen gekauft, und auf die ſchonendſte Art beizubringen geſucht. Der böſe Mann! Trotz meiner Güte mußte ich auf's Neue mich eine bängliche, zaghafte Natur ſchelten hören, und brachte es mit Mühe ſo weit, daß ſich der bequeme Herr damit zu beſchweren verſprach. Gottlob, daß ich nicht zu den Ritterzeiten geboren bin; die Art, wie die Männer damals die Frauen beſchützt und verehrt haben, und ihre feinen Ga⸗ lanterien hätten mir freilich gefallen, aber die ewigen Fehden, Streitigkeiten und Ehrenkämpfe würden mir höchſt zuwider geweſen ſein, und ich bätte, zu meiner Schande ſei es geſagt, eine er⸗ bärmliche Figur in dem Kreiſe jener heldenmüthi⸗ gen Damen abgegeben. Mein Bören iſt ſeit ſeiner Krankheit noch ein⸗ mal ſo munter und rüſtig geworden. Er war ſo gütig, dies meiner Pflege zuzuſchreiben, ich machte ihm einen verbindlichen Knix, und that mir ſelbſt den Gefallen, es zu glauben. Uebrigens ſcheint es mir auch, als wenn der Umgang mit ſeinem — 239— jovialen Freunde, dem Rittmeiſter P., ihm ſehr wohlthuend wäre. Er hatte hier keinen intimern Umgang als einen gewiſſen Regierungsrath Walter, der trotz ſeines Verſtandes, mir doch eine zu ſchwerfüllige Gemüthsart zu haben ſcheint, um ganz für den jugendlichen Sinn und den heitern Muth meines Bören zu paſſen. Rittmeiſter P. iſt ſeinen Jahren, ſeiner Denkungsart ungleich angemeſſener. Er mag eine kleine Portion Leichtſinn mehr haben als Bören, aber auch dafür noch einige glänzende Eigenſchaften nebenbei, was den Werth beider ziemlich egaliſirt. Er iſt jetzt ſehr häufig in un⸗ ſerm Hauſe, und fängt an, die Lichtfeld ein wenig zu vernachläſſigen. Wieder eine Art Schmetterlin⸗ ge, liebe Alboin, die jede Blume ein Weilchen um⸗ gankeln, hier und da flattern, und nippen, und koſen, und dann, huſch! huſch! unſern Blicken ent⸗ ſchwunden ſind. Ich habe ihn anfänglich ein we⸗ nig mit der ſchönen, ſanften Obriſtin geneckt, aber da er darüber empfindlich zu ſein ſchien, ſo mußte ich dies Thema zuletzt ruhen laſſen, und ihm auf ſein ehrliches Geſicht glauben, daß dies Verhältniß nie über die Grenzen einer gewöhnlichen hochach⸗ tungsvollen Artigkeit hinausgegangen iſt. Er ſcheint mir dies abſichtlich beweiſen zu wollen; ſein Be⸗ tragen gegen die Lichtfeld iſt abgemeſſen höflich, und nichts mehr, dagegen ſpricht er mit großer — 9240— Achtung von ihr, und ſchlägt mit Eifer jede An⸗ ſpielung nieder, die irgend jemand ſich auf ſein Verhältniß zu ihr erlaubt. Das iſt ehrenwerth von einer ſo leichtbeſchwingten Schmetterlings⸗ Natur, und ſtellt mir die Lichtfeld zugleich in ein vortheilhaftes Licht. Ich verſuche, mich ihr biswei⸗ len mit Herzlichkeit zu nähern, aber irre ich mich, oder iſt es wirklich der Fall, ſie ſcheint mir ab⸗ ſichtlich auszuweichen. Ich habe ihr Geſicht zuwei⸗ len auf Mienen ertappt, die ganz der Eiferſucht angehörten, und all die Kälte eines mißtrauiſchen Charakters zu haben ſchienen. Wenn dieſe Mienen mir gelten, ſo möge ihr der Himmel verzeihen, es kann keig Kind an dem veränderten Betragen des Rittmeiſters“ ſo ſchuldlos ſein, als ich. Ich habe den Freund meines Mannes mit Artigkeit empfangen, und das war meine Pflicht.— Daß er gern mit mir tanzt, mag mein braver Tanzmei⸗ ſter entſchuldigen, übrigens hat mir der Rittmeiſter noch keine Artigkeit erzeigt, die ich nicht mit der ganzen Welt theilte. Sie ſehen, wie ich immer das Unglück haben muß, der Lichtfeld auf irgend eine Art beſchwerlich zu fallen. Noch denke ich mit Schrecken unſerer Rencontres in Warmbrunn, und muß aufis Neue beſtätigt ſehen, daß ein unüber⸗ windliches Mißtrauen gegen mich in der Bruſt dieſer Frau lebt. Es thut mir leid, doch kann — 241— ich's nicht ändern. Mein gutes Bewußtſein und mein häusliches Glück lehren mich ſolche Mißhellig⸗ keiten leichtlich vergeſſen.— Uebrigens habe ich mir vorgenommen, die Parthie der Lichtfeld überall zu nehmen, welche hier und da von den Stacheln der neidiſchen Welt gewaltig angefeindet wird. Iſt das nicht ſchön von mir? Ich ſchwöre, Sie müſſen mit mir zufrieden ſein! Wenn man die Biene ſtreicheln kann, die uns zu ſtechen ausfliegt, ſo hat man gewiß keinen kleinen Beweis ſeiner Großmuth gegeben.— Eben kommt Bören, mich zu einer Spazierfahrt aufzufordern.— Ich neige, von der Hoheit meiner Seele ergriffen, der ich eben nachgedacht habe, mein königliches Haupt ge⸗ während zu ihm herab, winke ihn noch einmal hin⸗ weg, um Ihnen noch ein herzliches Lehewohl zu ſagen, und die Erzählungen meiner Freuden und Leiden, wie die Grüße meiner zärtlichen Liebe in ein reinliches Convert zu verſchließen. Leben Sie wohl, Geliebte! Angela 11I. 1 —— Hundertzwölfter Brief. NPorden an Walter Breiſach, im Juni 18**. Du ſchreibſt mir von der bevorſtehenden Feier Deiner Silberhochzeit, Du ladeſt mich dazu ein? Walter, thue ich denn Recht, den Ort zu beſuchen, wo ich ihr begegnen kann?—— Ich werde kom⸗ men, mein Freund!— Ich bedarf in der That einiger Zerſtreuung!— Wohl möglich, daß dieſe Veränderung mir wohl thut.— Du erzählſt mir ſo viel und mancherlei in Deinem Briefe, und be⸗ rührſt den Gegenſtand, der mir der wichtigſte iſt, ſo leicht nur, ſo flüchtig.—„Angela iſt wohl, ich habe ſie mehrmal in den Gärten zu S. geſehen, man bemüht ſich, ſie aufzuheitern, und ſie ſcheint nicht undankbar gegen das Bemühen ihrer Freunde zu ſein!“— Was ſollen dieſe Andeutungen? Mich beruhigen, das können ſie nicht! Meine V —,— ————— —— —— Einbildungskraft wird von ihnen auf das ſchran⸗ kenloſe Meer der Vermuthungen getrieben,— wer ſind dieſe Freunde, gegen die ſie dankbar iſt? Du erwähnſt kein Wort von Graf Malvi? Verheim⸗ lichſt Du mir etwas, um mich zu ſchonen? Ich habe Dir Vorwürfe gemacht, Du wrillſt ſie ver⸗ meiden!— Aber Du thuſt wahrlich nicht recht dar⸗ an, Dein letzter Brief hat mich unruhiger gemacht, als der vorige,— dort wußte ich, was ich glauben konnte, hier irr' ich unſtät im Reiche der Müöglichkeiten umher.— Ich werde kommen, Wal⸗ ter! Du ſollſt mir dann ſagen, was Du weiſt! — Aber ſprich zu Riemanden, daß Du mich er⸗ warteſt, ich möchte einige Tage vor dem Feſt recht unbemerkt bei Dir ſein, ich bedarf es, mich über Vieles mit Dir zu verſtändigen!— Demviſelle Wollburg wird unterdeß mich der Sorge um mei⸗ nen Fritz überheben!— Ich kann alſo mit Ruhe abreiſen.— Ruhe! das Wort klingt mir ſo ſelt⸗ ſam, als hätte ich es lange nicht gehört!— Bald eile ich in Deine Arme, mein Freund, bis dahin gehabe Dich wohl!— — 244— Hundertdreizehnter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Richardis. Aus der Reſidenz, im Juni 18*. Jꝙ habe mich der gürſtin vertraut, liebe Richar⸗ dis! Sie hörte mir geſpannt, doch mit ſichtlicher Theilnahme zu. Als ſie den Ramen„Norden“ hör⸗ te, entfärbte ſie ſich, ſie ließ ſich ihn mehrmalen wiederholen, und war in einer ſeltſamen Bewegung. Ich ſchilderte ihr, von dem Eifer hingeriſſen, der ſich jedesmal meines Herzens bemächtigt, wenn ich von Norden ſpreche, ſeine Vorzüge, ſeine Tugen⸗ den, ſeinen ſtrengen, nur der Pflicht allein gehor⸗ chenden Sinn, und theilte ihr die heilſamen Lehren mit, die mir die Feſtigkeit gaben, nach ſeinem Sinne zu handeln.„Glauben Sie nicht, gnädigſte Frau“, fuhr ich fort,„o, glauben Sie doch nicht, daß die Liebe, die auf ſo natürliche Art von mei⸗ nem Herzen Beſitz nahm, es nur einigermaßen mit ———ů ů ů ˙ ůů·ꝓůÜ+—— ——— — — 245— irdiſchen Hoffnungen zu thun hat! Ich habe mich längſt darin gefunden, jeden Wunſch, der ſich hier⸗ auf bezieht, als unerfüllbar zu betrachten. Aber nur Freiheit der Seele bedinge ich mir, damit kein Zwang, nur die Zeit über meine Zukunft entſchei⸗ de! Bleibt er, der ſo hoch vor allen erhaben ſteht, ſtets der Erſte in meinem Gemüth, ſo wer⸗ de ich auch unvermählt meinem Vater die Freude zu machen ſuchen, die er wünſcht,— ſo flüchte ich zu der Freiſtatt, die Ihr fürſtliches Wort mir geſichert, ſo wird Ihre Huld, meine Fürſtin, de⸗ ren ich mich würdig zu machen beſtreben werde, ihm der ſchönſte Bürge für das vollkommene Glück ſeiner Tochter ſein.“ „Meine gute, liebe Comteſſe!““ ſagte die Fürſtin, indem ſie mir gütig die Hand reichte, „„dieſe Freiſtatt ſoll Ihnen jederzeit geſichert ſein! Aber““, fuhr ſie, mich prüfend betrachtend, fort: „„irren Sie ſich auch wirklich nicht in Ihrer Rei⸗ gung zu Norden?— Er muß ſchon bei Jahren ſein, und kann, nachdem was ich von ihm weiß, nicht ganz zu Ihrem Charakter paſſen.— Es gibt Menſchen, die den gen Himmel ſtrebenden Alpen gleichen, ihr ſonniges Haupt leuchtet weit umher, und verkündet uns das Bild der höchſten Reinheit und Klarheit. Wir meinen, die Nähe der Sonne müßte ihnen ihre Wärme mittheilen, und verlangen — 26— hinauf;— aber ihr Buſen iſt kalt, und hat keine Antwort für unſer Gefühl!““— Die Fürſtin ſchwieg.— Ich ſah zur Erde, o Richardis, mich hatte dies Gleichniß tief erſchüttert.— Wenn ſein Buſen kalt wäre, wenn es nur Mitleid iſt, was er für mich empfindet?— Ich durchlief die Ver⸗ gangenheit, vieles ſprach dafür, doch auch ſo vie⸗ les dagegen.„Nein, v meine Fürſtin!“ rief ich, mich emporrichtend:„ſein Herz iſt nicht gefühllos, nur allzu ſtreng von ſeinem Willen beherrſcht.— Und dieſe ſeine moraliſche Gewalt, die unbeſtech⸗ lich über ſeine Empfindungen herrſcht, war es ja eben, die mich anzog, die ihm meine Seele un⸗ terwarf!“— Die Fürſtin ging einigemal im Zim⸗ mer auf und nieder.„„Des Superintendenten Dienſteifer iſt mir bekannt“, ſprach ſie vor ſich hin:„„man könnte ſeinen Wirkungskreis erwei⸗ tern. Geiſtreiche Männer ſind überall auf ihrem Platz!““— Sie that hierauf noch mehrere Fra⸗ gen an mich, und entließ mich dann, indem ſie mir ihre Hand freundlich zum Kuſſe reichte, und mir einige recht tröſtende Worte ſagte. Als ich zu Hauſe war, und mir noch ein⸗ mal jedes ihrer Worte zurückrief, war es mir, als käme mir vieles ſo recht ſeltſam und räthſel⸗ haft vor. Die Fürſtin kannte den Superintenden⸗ ten, das war klar, ſie mußte ſogar recht genau —— von ſeinem Leben unterrichtet ſein.— Wie kam das? und wohin ſollten die letzten Worte führen? — Ich verlor mich in die wunderbarſten Träume und Muthmaßungen. Ich war den ganzen Tag ſo abweſend, daß ich oft erſchrocken emporfuhr, als die Baroneſſe mit mir ſprach, und, meiner Zer⸗ ſtreuung zufolge, mich faſt mechaniſch in ihren Willen fügte, als ſie mir ankündigte, daß wir heute einem Balle beiwohnen würden, der in dem T. ſchen Gartenſaal von dem Hofmarſchall gegeben werden ſollte. Erſt kam mir das Vergnügen ſo ganz unpaſſend zu meiner heutigen Stimmung vor, und erregte mir einigen Verdruß, doch wurde mein Gehorſam gegen die Baroneſſe nicht ſo ge⸗ ringe belohnt, als ich glaubte, die ſchöne Erleuch⸗ tung des Gartens, der an ſich ſo köſtliche Abend, gehoben durch die harmoniſche Muſik, und eine wahrhaft zauberähnliche Pracht, gewährten mir man⸗ chen Genuß, und ließen mich theilnehmend auf die allgemeine Freude herabblicken. Doch, wie alles an dieſem Tage ſo ſeltſam und räthſelhaft war, ſo ſollte auch hier mir etwas begegnen, was ich mir nicht zu erklären vermag. Glaubte ich an Erſcheinungen, ſo würde mir bangen.— Ich habe Rordens Geſtalt geſehen, ganz deutlich, ganz ähn⸗ lich, nur geiſterbleich. Sie glitt bei mir uprüber, als ich mit der Baroneſſe und dem Grafen Malvi — 26 aus einem hellerleuchteten Boskett in eine dunklere Allee trat. Ich eilte einige Schritte ſchneller vor⸗ 7 wärts, aber meine Augen bemühten ſich vergebens, noch eine Spur zu entdecken, ſie war verſchwun⸗ den, aber in meinem Gemüth blieb ein tiefer Ein⸗ druck zurück. Ich vermochte es nicht, die Urſache dieſer Erſcheinung meiner lebendigen Einbilduugs⸗ kraft zuzuſchreiben, ich hatte ihn nur zu deutlich erkannt, und werde das tiefſchweigende, blaſſe Ge⸗ ſicht niemals vergeſſen!— Gott, wenn er krank geworden wäre! ſchon 6 einmal ſtand er am Rande des Grabes, auch er iſt ſterblich, wenn die Krankheit ihn auf's Neue F bedroht hätte?— O, mein Gott, ſchütze ſein Le⸗ ⸗ ben!— Erhalte es, und wenn ich auch keinen Theil daran haben darf, als den Stolz, mich einſt ſeines ſegnenden Einfluſſes erfreut zu haben,— erhalte den edelſten Mann zum Heile der Menſch⸗ heit, und nimm dafür mein dir ganz geheiligtes Leben zum Opfer der innigſten Dankbarkeit an!— Ich verlange ſehr den Grafen Ordeck zu ſpre⸗ chen, er iſt auf einige Tage in Holmſee, und kann mir die gewiſſeſte Nachricht von ſeinem Befinden geben. Ich bin ſo beklommen, ſo unruhig, Richar⸗ dis, ach, wenn dies nur keine übeln Ahnungen ſind! Ihn ganz zu verlieren, wie vermöchte ich es denn zu ertragen! Ich denke oft darüber nach, Untreue ſei härter als der Tod des Geliebten,— ſolcher würde er mir noch Achtung und Freundſchaft wie weit die Grenze meiner Kraft gehen könute! — Bei die ſer Vorſtellung aber verliert ſich mein Sinn in nächtliches Dunkel!— Man ſagt, die ich weiß es nicht!— Ich vermöchte ihn mir lieber als Thereſens Gatten zu denken, als von mir ge⸗ ſchieden durchs ganze lange Leben!— Auch als beweiſen, aber ihn nie mehr ſprechen, ihn nie mehr ſehen können, das wäre mehr als Tod! Gott ſegne Sie, und bewahre vor ſo großem Kummer Ihre Angela. Bei dem Verleger dieſes ſind ferner erſchienen: Mölmann, Conſtantin,(des blinden) Lieder. 18 ggr. Natorp, B. C. L., Anleitung zur Unterweiſung im Singen für Lehrer in Volksſchulen. 1. und 2. Curſus. - 2 Rthlr. 2 ggr. —— Die kleine Bibel. Mit Karte von Paläſtina. 20 ggr⸗ —— F. Keßler, und C. H. Rink, Choralbuch für evangeliſche Kirchen. 3 Rthlr. 12 ghr. Nedelmann, W., der jugendliche Sängerchor. Eine Answahl aus den Liedern für die Jugend von H. A. v. Kamp und C. A E. Lieth, drei⸗ und vierſtimmig in Muſik geſetzt für die obern Klaſſen der Elementar⸗ ſchulen und für den Familienkreis. 3 Hefte. 1 Rthlr. Nonne, J. H. C., pvetiſche Wanderungen durch Duis⸗ burgs Fluren. 12 ggr. Deynhauſen, C, Verſuch einer geognoſtiſchen Be⸗ ſchreibung von Oberſchleſten und den angränzenden Gegenden. Mit Kupfern und 1 Karte. 3 Rthl. 18 ggr. —— H. v. Dechen und La Roche, geognoſtiſche umriſſe der Rheinländer zwiſchen Baſel und Mainz. Mit einem Blatt geognpſtiſcher Profile. Zwei Theige. 4 Rthlr. Quodlibet, pvetiſches, enthaltend deutſche Endreime, Rin⸗ gelgedichte, ſchwergereimte und metriſchgereimte Oden, Halbverſe, burleske Sonette, Triolette und andere Spiele. Herausgegeben von Hortenſiv. Erſte Gabe. 12 ggr. Raid, John, Verſuche über hypochondriſche und andere Nervenleiden. Aus dem Engl. mit Anmerk. von Dr. Haindorf. 1 Rthlr. a ggr. Raßmann, Paul Gerhard, eine dramgtiſche Poeſie. 5 ggr. —— Triolette der Deutſchen. 8 ggr —— Ueberſicht der aus der Bibel geſchöoften Dich⸗ tungen älterer und neuerer deutſchen Dichter. Ein Wegweiſer für Literatoren, Geiſtliche und Schullehrer. 3 ggr. Rautert, Fr., Bagatellen. 1 Rthlr. a ggr. —— ————— Rantert, Fr., Charadomanie, oder eine Portion, Wort⸗, Sylben⸗ und Buchſtabenräthſel. 4 ggr. —— Maurerlieder. 8 ggr. —— die Ruhrfahrt. Ein hiſtvriſches Gemälde. 12 ggr. Reche, Dr. J W., Volksweisheit. Eine Reihe von chriſtlichen Religivnsvorträgen oder vollſtändigen Pre⸗ digtauszügen über ſinnreiche Denkſprüche und volks⸗ thümliche Redensarten. 2 Bände. 3 Rthlr. Rechtfertigung des Glaubens, ein Verſuch zur Ehre des Chriſtenthums. 1 Rthlr. Reinbeck, Dr, G., Handbuch der Sprachwiſſenſchaft. 4 Bände.. 5 Rthlr. 22 ggr. —— Die reine allgemeine Sprachlehre. 12 ggr. —— Die angewandte allgemeine Sprachlehre. 16 ggr. —— Die Rhetorik. 18 ggr. —— Die Poetik, in ihrem Zuſammenhange mit der Aeſthetik. 20 ggr. —— Die Geſchichte der Dichtkunſt und ihre Lite⸗ ratur. 16 ggr. —— Poetiſche Beiſpielſammlung. 1 Rthlr. 8 ggr. —— Proſaiſche Beiſpielſammiung. 1 Rthlr. a ggr. —— Regellehre der deutſchen Sprache. 1 Rthlr. Spitzbauch, Martin, eln ſatyriſch-komiſcher Roman in Verſen im Geſchmack der Jobſiade, herausgegeben von G. Lennich. Mit Kupfern. 16 ggr. Stockmeier, Karl, Gedichte. 1 Rthlr. 16 ggr. Storck, Dr. Ad., Epiſyden aus einer Reiſe nach Paris. Mit 1 Kupfer. 1 Rthlr. 12 ggr. Tacitus, Corn., Agricola, eine Bivgraphie. Lateiniſch und deutſch mit Anmerkungen von J. C. Schüter, Prof. zu Münſter. 18 ggr⸗ —— Annalen, deutſch von J. C. Schüter. 3 Bände. 3 Rthlr. 12 ggr. Türk, W. v., die Erſcheinungen in der Natur. Ein Buch für Aeltern, Erzieher und Lehrer, vorzüglich zum Gebrauch für Volksſchulen. Mit vier Kupfern. 1 Rthlr. 12 ggr⸗ Wilberg, Dr. J. F., Anfſätze über unterricht und Er⸗ ziehnng fir Lehrer und Eltern. 1 und 2. Bändchen. 2 Rthlr.* ggr. — 3 8 8— . 2 S ſ 10 11 12 14 15 16 17 6 3*