Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher franzöſiſcher Literatur Cdnard Ottmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und eſebedingungen. 1. ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Sutgegeuhr eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet o wird. 5 Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt für mchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 6 aufz Monat: 1 R— F 1N R F 50 Iupüriee onhenten i6te für Hin⸗ und Zuräckſendung ß der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Fur beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe ije auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen B der Bücher nicht ſtattfinden darf, indein Diejenigen, welche die⸗ von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben⸗ 3 3 ngela Eine Geſchichte in Briefen von Apnrs Franzß. Zweites Bändchen. Eſſen, bei G. D. Bädeker. 1831. — Siebenunddreißigſter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Ri⸗ chardis. Breiſach, im Auguſt 18** „. Kan können Sie meinen letzten Brief erhalten haben, und ſchon eile ich auf's Neue an meinen Schreibtiſch, um Ihnen zu erzählen, wie ſeltſam ſich unſer Leben zu geſtalten beginnt. Ich glaubte hier die friedliche Stille wiederzufinden, an die ich ſo ſehr gewöhnt war, aber dies iſt gar nicht der Fall! Seit einigen Tagen iſt ein ſo lebendiges Treiben in unſerm Hauſe, daß ich mich vft frage, ob denn dies wirklich das einſame Breiſach ſei, auf das mich mein Vater mit mitleidigem Blick, als wollte er meine Jugend bedauern, vorbereitete? Wir erhalten viele Beſuche theils aus der Rach⸗ barſchaft, theils aus der Reſidenz. Meiſt Herren, Angela II. 1* mit denen mein Vater früher bekannt war. Eini⸗ ge von ihnen ſtellen ſich täglich ein, und ſo bildet ſich jeden Abend ein Cirkel, der meinen Vater ſichtlich zu erheitern ſcheint. Hermine, die uns ihre Geſellſchaft auf längere Zeit verſprochen hat, bewegt ſich in dieſem Kreiſe mit ſo viel Gewandt⸗ heit und Leichtigkeit, als wäre ſie unter dieſen Menſchen groß geworden. Alt und Jung iſt von ihr entzückt, ſelbſt die finſterſten Hypochondriſten, die früher nur die traurigſten Figuranten in der Geſellſchaft abgegeben haben ſollen, werden in ih⸗ rer Nähe wieder jung, und überbieten ſich unter⸗ einander an Witz und ſcherzhaften Einfällen. Vor Allen ſcheint ein Baron Horſt, der in unſerer Nä⸗ 8. ein ſchönes Gut hat, Herminen beſonders ge⸗ neigt. Mein Vater behauptet, er habe ernſtliche Abſichten, und macht Herminen auf die Verdienſte ihres Verehrers und ſeine vortheilhafte Lage auf⸗ merkſam. Hermine lächelt über die Wärme, mit der mein Vater die Sache des Barons führt,— und ſchlüpft mit großer Behendigkeit über jede Schlinge hinweg, die man ihrer Freiheit zu legen ſucht. Der Baron, der, wie ich glaube, nicht we⸗ nig von ſich eingenommen iſt, ſetzt ſein Werben fort, und unterläßt es nicht, Herminen bei jeder Gelegenheit die gültigſten Beweiſe ſeiner Aufmerk⸗ ſamkeit, ſeiner Verehrung zu geben.— Mir bangt — —— in der That, daß wir vielleicht bald auf dieſe Art die heitere, liebenswürdige Hermine aus unſerm Kreiſe verlieren werden,— und das ſollte mir in⸗ nigſt leid thun, Richardis, ich habe ſie lieb gewon⸗ nen, und würde ſie ungern ſcheiden ſehen! Zwei Tage ſpäter. Der arme Barvn Horſt! Seine Hoffnungen auf Herminens Beſitz ſind vergebens. Ich werde Ihnen von dem geſtrigen Tage umſtändlicher er⸗ zählen, theils, weil Sie daraus Herminen beſſer kennen lernen, theils um des eignen Vortheils wil⸗ len, weil ich dann wieder glaube, ich ſpreche wie ſonſt ſo offen und zutraulich mit Ihnen! Der Beſuch des Barons war uns an dem ge⸗ ſtrigen Morgen vvn meinem Vater mit einer Mie⸗ ne angeſagt worden, die Herminen nicht undeutlich die Urſache ſeines Erſcheinens zu verſtehen gab. Sie ſchien einen Augenblick überraſcht, bald aber gewann ſie ihre Laune wieder, und jene Aeußerung für Scherz annehmend, erhob ſie muthig das ſchö⸗ ne Haupt, und verſicherte, man dürfe es ſich ja nicht ſo leicht vorſtellen, den Willen eines freien Weſens nach Willkühr zu lenken. Darauf nahm 6— ſie eine ungewöhnlich ernſte Miene an, und erwar⸗ tete den Baron mit einer Ruhe, die mir zeigte, daß ſein Schickſal bereits entſchieden ſei. Horſt erſchien in einem Glanze, der ſeinem Eintreten eine gewiſſe Feierlichkeit gab. Sein Antlitz ſtrahlte voll freudiger Hoffnung, und hatte, trotz ſeiner geſetzten Jahre, ein ſo jugendliches Anſehen erhal⸗ ten, daß ich zum erſtenmale fand, es ſei nun wohl eben keine ſo unpaſſende Parthie für Herminen. Er hatte ſich dem Fenſter genähert, wo wir ſaßen. Einige zierliche Blumentöpfe, ſein Geſchenk, prang⸗ ten auf dem Geſims, und ermunterten durch die Annahme Herminens den Geber zu den fröhlich⸗ ſten Hoffnungen. Schon begann das Geſpräch, das er einzulei⸗ ten bemüht war, die gewünſchte Wendung zu neh⸗ men, als ein unerwarteter Zufall mit einemmal das künſtliche Gewebe zerriß. Eine Reiſende hatte nämlich das Unglück ge⸗ habt, vor unſerm Dorfe den Wagen zu zerbrechen, und ließ um Erlaubniß bitten, ſo lange bei uns verweilen zu dürfen, bis der Wagen in Stand ge⸗ ſetzt ſei. Mein Vater eilte ſogleich der Fremden ſeinen Beiſtand anzubieten. Vergebens verſuchte der Ba⸗ ron die kurze Zwiſchenzeit zu ſeinen Gunſten zu benutzen; Hermine wich abſichtlich aus, und machte —. —„— ſich allerhand zu ſchaffen, um den Empfang der Fremden vorzubereiten. Bald trat mein Vater mit einer ältlichen Da⸗ me in's Zimmer, und machte uns mit ihrem Un⸗ fall bekannt. Ihr ehrwürdiges Alter, ihr edler An⸗ ſtand und das feine Gemeſſene ihres Betragens flößten uns bald für ſie ein Gefühl der tiefſten Hochachtung ein. Herminens gewöhnlicher Ueber⸗ muth ſchien durch die Gewalt ihres ernſten Blickes gezügelt; ſie erwiederte die Anrede der Fremden mit der ehrerbietigſten Beſcheidenheit, und bemerk⸗ te, von ihrer freundlichen Unterhaltung gefeſſelt, kaum das Mißvergnügen des Herrn von Horſt, der es kaum ertragen konnte, ſich von dem Gegen⸗ ſtande ſeiner heutigen Hoffnung immer weiter ent⸗ fernt zu ſehen. Unwillkührlich brachen bisweilen die Gedanken, mit denen ſich ſeine Phantaſie be⸗ ſchäftigte, in Wort und Blick hervor, doch ſtets gelang es Herminen, ihm durch eine glückliche Wen⸗ dung auszuweichen und ſeinen Reden eine andere Deutung unterzuſchieben. Die fremde Dame ſchien, ſo lebhaft ſie ſich mit meinem Vater unterhielt, mit ſcharfem Blicke das Betragen Beider zu beobachten; oft glanbte ich auf ihrem Geſicht den Ausdruck heiteren Wohl⸗ wollens zu erblicken, wenn Herminens Witz die Ar⸗ tigkeiten, die ihr allein gelten ſollten, dem ganzen weiblichen Geſchlecht auf das Gewandteſte zuſpielte, und ſo zuletzt dem Baron auch unſern Dank ge⸗ wann.. Noch ſichtlicher wurde ihre Aufmerkſamkeit, als bei Tafel ein Geſpräch in Gang kam, das von ei⸗ ner vor kurzem vorgefallenen Eheſcheidung herge⸗ leitet, ähnliche Verhältniſſe berührte. Hermine lies ſich mit einem Ernſte, wie ich ihn noch nie an ihr gekannt, über die Wichtigkeit eines Bundes aus, der für's ganze Leben geſchloſſen wird. Der Ba⸗ ron hörte ihren Aeußerungen nachdenkend zu, und begann:„Ich glaube, daß, um ſich bei einer Wahl für die Zukunft zu ſichern, man ſich vyr allem von den Haupteigenſchaften des Andern unterrichten muß. Glauben wir vermittelſt unſeres Charakters, unſeres Temperamentes dieſen die Waage zu hal⸗ ten,— ſo wüßte ich nicht, was in dieſer Hinſicht zu fürchten wäre. Nur den Feind, dem wir auf keine Weiſe zu begegnen wiſſen, dürfen wir ſcheuen. — Ein Mann von Verſtand wird das leicht über⸗ ſchauen, und— chier ließ er einen wohlgefälligen Blick auf Herminen herabgleiten nicht leichtſinnig mit ſeinem und dem Glück Anderer ſpielen!“ „„Sie möchten wohl Recht haben, Herr Ba⸗ ron!““ entgegnete Hermine,„wenn nur das menſchliche Gemüth, gleich der Landcharte, ſolche ſichere Entdeckungen erlaubte!— Aber leider ſchei⸗ —— nen wir Frauen oft dazu beſtimmt, den Forſcher⸗ dünkel der Männer zu demüthigen. Sie trotzen auf ihre Ueberlegenheit, und überſchauen bei dem Total⸗Eindruck, den Reiz und Anmuth auf ſie ma⸗ chen, all' die kleinen Schattenſtellen unſerer Seele, in denen ſich zahlloſe Kobolde verbergen, die, wenn ſie ſich einmal zur Fehde rüſten, furchtbar genng ſind, um den häuslichen Frieden zu bedrohen!““ „Wer, um Alles in der Welt“, rief der Ba⸗ ron:„wird bei einer ſo aufrichtigen, offenen Ge⸗ müthsart, als die Ihre zum Beiſpiel, dem Daſein ſo zweideutiger Geiſter Glauben ſchenken?“ „„Rufen Sie nur die kleinen Ungehener nicht hervor!““ bat Hermine:„„Legion iſt ihr Name. Eitelkeit iſt die Mutter aller! Wer ſie zu nähren ſucht, iſt ſtrafbar; mit ihr wuchern alle Uebel empor!““ „Auf dieſe Art“,— bemerkte die Fremde, „käme vieles auf die Rechnung der Männer. Es iſt ihnen ſo ſüß, den Schönen Weihrauch zu ſtreu⸗ en, daß ſie ihren eigenen Vortheil darüber vergeſ⸗ ſen.“— Sie ſah dabei Herminen an, als erwarte ſie eine Antwort.— Dieſe erwiederte:„„Die Ei⸗ telkeit iſt unläugbar eine gefährliche Feindin unſe⸗ res Geſchlechts, darum ſollte die Ratur, um das Reich jener einzuſchränken, die Klugheit ſtets der Schönheit zur Begleiterin geben! Sie bedarf vor allem dieſes Schildes, um ſich gegen die Pfeile der Schmeichelei zu bewahren, denn das ſchwache, leicht beſtechliche Herz kann ſich ſo ſchwer halten im Stru⸗ del der Welt. Es gibt viele feindſelige, verderb⸗ liche Mächte im Leben, und doppelt bedrohen ſie Den, der einzeln ſteht in dem wirren Getüm⸗ mel.““ Hermine ſchlug bei dieſen Worten den Blick zu Boden,— ich glaubte eine leiſe Betrüb⸗ niß darin zu leſen, aber plötzlich hob ſie wieder das Auge glänzend empor. Es durchlief im ſchnel⸗ len Flug die Geſellſchaft, und blieb dann mit ei⸗ nem ſeltſam rührenden Ausdruck auf meinem Va⸗ ter ruhen, als wollte ſie ſagen: Du haſt mich nie überſchätzt,— aber Du haſt mich auch nie ver⸗ kannt.— Sehen Sie, liebe Richardis, mit einem ſolchen Blick gewinnt ſie mein Herz wieder auf lan⸗ ge Zeit. Mir war in dieſem Augenblick, als hät⸗ ten wir ihr alle etwas abzubitten, und wirklich reichte ich ihr verſtohlen die Hand, als bedürfe ich der Verſicherung ihrer Freundſchaft. Man ſprach noch viel bei Tiſche über denſelben Gegenſtand. Baron Horſt lies ſich ſo weitläufig über die erfor⸗ derlichen Eigenſchaften ſeiner künftigen Gefährtin aus, daß uns kein Zweifel übrig blieb, Hermine habe allein zu dieſem Gemälde geſeſſen. Nach Ti⸗ ſche bat ich die fremde Dame, ihr unſern Garten zeigen zu dürfen. Sie gab Herminen den Arm, und folgte mir zu den ſchattigen Parthien des Parks. Bald bemerkte ich, daß ſie ſchwer zu Fuße ſei. Hermine ſuchte ſie zu unterſtützen, doch konn⸗ te ſie nicht verhindern, daß ihr das Gehen ſehr be⸗ ſchwerlich wurde. Wir ſetzten uns auf eine Raſen⸗ bank, die eine ſehr anmuthige Ausſicht bietet. Herminens Geſicht war erhitzt, die dunkeln Locken auf ihrer Stirne hatten ſich glänzender gekränſelt, die Fremde bemerkte es, und ſuchte die Urſache da⸗ von von dem beſchwerlichen Gang, den ſie mit ihr gehabt hatte, herzuleiten. Mit freundlicher Miene legte ſie ihre Hand auf Herminens Stirn und ſah ſie einen Augenblick ſchweigend an.„Sie baben keine Eltern mehr?“ frug ſie mit theilnehmendem Ton. Hermine ſchüttelte das ſchöne Haupt, und verbarg eine Thräne.„Sie bedürften deshalb um ſo mehr eines recht braven Gatten! Haben Sie den Baron Horſt auch gehörig geprüft?“— Her⸗ mine ſah' ſie verwundert an, und erwiederte: „„Ich glaube nicht, daß mein Betragen dem Ba⸗ ron Veranlaſſung gegeben hat, Hoffnungen zu näh⸗ ren, die ich nicht zu erfüllen bermag. Hegt er ſie demohngeachtet, ſo kann ich wahrlich nicht dafür! Wer kann einem ſolchen Manne begreiflich machen, daß ein armes Fräulein wie ich, eine ſo vortheil⸗ hafte Parthie ausſchlagen darf?““—„Ei, ei!“ drohte die Fremde, in einem etwas ſtrengen Ton: — „Mich dünkt, der Freund des Grafen müſſe Vor⸗ züge habe, die auch in Ihren Augen gelten dürf⸗ ten? Schätzen Sie ihn nicht zu gering! er ſcheint es gut mit Ihnen zu meinen, und ſeine Lage—“ „„Seine Lage?““ unterbrach ſie Hermine mit Stolz:„„Ich bin nicht reich, aber immer noch reich genug, um äußerliche Vortheile nicht zu über⸗ ſchätzen!““„Fräulein“, fuhr die Fremde fort: „Mich dünkt, der Baron kam zu ſpät; Sie ſind vielleicht nicht mehr frei?“— „„Meine Hand iſt gänzlich frei““, entgegnete Hermine:„„vb meine Wahl eben ſo frei ſein möchte, weiß ich nicht! Man wird leicht ungerecht, wenn man ſich eine Zeitlang gewöhnte, nach dem Maasſtab anerkannter Vorzüge zu meſſen!““ Die Fremde warf einen fixirenden Blick auf ſie.„Sie könnten alſo dennoch lieben?“ frug ſie, wie in Nachdenken verſunken, doch ſo, daß Hermine es verſtand. Hermine erröthete, ſie blickte verworren zur Erde, und ſchien eine Thräne zu unterdrücken. Die Fremde ſah Herminen noch immer ſchwei⸗ gend an, mir ſchien es, als würden ihre Züge freundlicher und milder. Als wir in's Schloß ka⸗ men, ließ ſie ſich von uns von der Eintheilung unſerer Zeit erzählen. Sie lobte Herminen, als ich ihr verrieth, wie ſie von uns allen am frühe⸗ ſten aufſtehe, und mit der Sonne zugleich ihr Ta⸗ — 6— gewerk beginne. Sie ſchien verwundert, als ſie erfuhr, daß Hermine mich bis jetzt noch der Sor⸗ ge der Wirthſchaft überhoben habe, und begann mit Intereſſe, ſich mit ihr öber Gegenſtände der Häuslichkeit zu unterhalten. Hermine, die überall zu Hauſe iſt, wo es Gewondtheit und Aufmerk⸗ ſamkeit gilt, wußte auch hier der Fremden volle Genüge zu leiſten. Alles, was ſie ſprach, verrieth Kenntniſſe und Erfahrung, und ſchien der Frem⸗ den, die gewiß eine vorzügliche Landwirthin ſein mag, eine immer vortheilhaftere Idee von ihr bei⸗ zubringen. Fortan verfolgten ihre Blicke Hermi⸗ nen bei allen ihren Beſchäftigungen; je wirthſchaft⸗ licher, ſorgſamer und gefälliger dieſe ſich bewies, um ſo ſichtlicher ward der Ausdruck des Wohlgefal⸗ lens auf dem Geſicht der Fremden. Hermine nahm, um die Annäherung des Barons zu vermeiden, mir jede kleine Beſorgung ab. Unbefriedigt verließ die⸗ ſer am Abend unſer Hans, indeß die Fremde, unſern Bitten nachgebend, bis zum folgenden Morgen zu bleiben verſprach. Hermine hatte in größter Schnel⸗ ligkeit ihre Stube, da ſie am bequemſten iſt, zum Gaſtzimmer für die Dame eingerichtet, und alles auf's ſchönſte gevrdnet; kein Wunder, wenn dieſe ſie mit dankbaren Liebkoſungen überhäufte. Den. andern Morgen, als wir uns zum Frühſtück in dem Wohnzimmer einfanden, glaubte ich in dem Geſicht der Fremden Spuren von Thränen zu ent⸗ decken, die mich befürchten ließen, es ſei ihr etwas begegnet. Sie küßte mich, ſtatt der Antwort, auf die Stirn, und frug nach Herminen. Eben trat dieſe herein: ſie trug ein weißes Morgenhäubchen, das ihr ein ungemein ſittſames Anſehen gab, dabei war ihr Geſicht ſo roſig und heiter wie der Mai: kaum konnte ich mich beſinnen, je etwas Lieberes und Holderes geſehen zu haben.„Wieder ſo früh aufgeſtanden?“ frug die Fremde, ihr freundlich entgegenkommend.„Zeichneten Sie etwa, liebes Kind? ich habe Urſache zu glauben, Sie beſchäfti⸗ gen ſich gern und mit Glück mit dieſer Arbeit.“ Hermine erröthete(ſie vermuthete, wie ſie mir ſpäter erzählte, die Fremde habe in ihren Papieren geblättert, in welchen ſich mehrere Schattenriſſe und Zeichnungen befanden). Sie verneinte es ver⸗ legen, und gab eine andere Beſchäftigung vor, die ſie abgehalten habe, früher zu erſcheinen. Nach dem Frühſtück begab ſich die Fremde mit dem Va⸗ ter in ein Nebenkabinet, wo ſie eine lange Unter⸗ redung hatten. Ich hörte meinen Vater ſehr laut ſprechen, wie er es nur thut, wenn er irgend ein Unrecht zu beſtreiten hat. Nach Verlauf einer Stunde fuhr der Wagen unſerer Dame vor. Mein Vater trat, den Ausdruck ungewöhnlicher Heiter⸗ keit auf ſeinem Geſicht, mit der Fremden aus dem ———— —, — Kabinet, worauf wir dieſelbe gemeinſchaftlich zu ihrem Wagen begleiteten, wo ſie mit herzlichem Wohlwollen von uns Abſchied nahm. Als ich mit Herminen allein war, überließ ſich dieſe einer ausgelaſſenen Luſtigkeit. Sie tanz⸗ te in der Stube umher, wie ein frohes Kind, ſtellte ſich vor den Spiegel, ſich in ihrem matro⸗ nenähnlichen Kopfputz betrachtend, und machte ein ſo ſchlaues Geſicht, als hätte ſie irgend ein ange⸗ nehmes Geheimniß errathen. Ich bat ſie dringend, mir ihr ſeltſames Betragen zu erklären, doch ver⸗ gebens: ihr muthwilliges Treiben nahm kein Ende, aber eben ſo wenig kam ein Wort der Erklärung über ihre Lippen. Den Baron, der heute morgen ſich wegen ſeiner Abſichten ſchriftlich an ſie ge⸗ wandt hat, hat ſie kurz und beſtimmt abgefertigt. Nun ſitzt ſie vben in ihrem Stübchen, und ſingt mit ihren Vögeln um die Wette.— Richardis, welch' ein ſeltſames räthſelhaftes Weſen iſt dieſe Hermine. Es gibt Augenblicke, wo ich ſie ſehr lieb habe, aber auch wieder andere, wo mich et⸗ was Fremdes von ihr zurückſchreckt; aber fehlen wird ſie mir dennoch nur zu ſehr, wenn ſie uns einſt verlaſſen wird.— Sie glauben nicht, wie ſehr man ſich an das heitere Weſen gewöhnen kann. 46 Achtunddreißigſter Brief. Der Hauptmann von Bören an Her⸗ mine von Domikowsky. Aus der Reſidenz, im September 18**. Nein, nicht länger vermag ich ein Daſein zu er⸗ tragen, von dem aller Glanz, aller Schimmer ge⸗ wichen iſt, dieſes Stillſchweigen, das mir die Pflicht nur zu lange auferlegte. Dieſe Verzöge⸗ rung meines Glücks, meiner Hoffnungen, all' die⸗ ſer peinliche Zwang iſt ein Raub an meinem Le⸗ ben. Ich darf es nicht länger ertragen, frei will ich ſein, und frei zu Ihnen ſprechen, Hermine! Aber werden meine Worte vor Ihnen auch den Werth haben, den ich wünſche? Sie konnten ja abreiſen, ohne mir einen Tropfen Balſam zu rei⸗ chen für die Wunden, die Sie mir durch Ihre Entfernung ſchlugen! Wenn es, wie ich ahne, meine Mutter war, um derentwillen Sie ein Ver⸗ yältniß auflöſen wollten, das, ohne den Frieden Anderer zu ſtören, ſo beglückend zu werden begann: was that Ihnen der Sohn, daß Sie ſo kalt ſeine ſchönſte Lebensfreude auf den Altar der Pflicht hin⸗ legen konnten? O, Sie haben mein Herz nie ver⸗ ſtanden, ſonſt müßten Sie Reue empfinden,— bittere Reue!— Doch, wer ſagt mir, daß es nicht alſo iſt!— Sie können um mich trauern, mich beweinen, und ich erfahre nichts von dieſen Thränen, von dieſem Mitleid, das mir gehört.— O, wenn es wahr wäre,— wenn Sie meinen Schmerz theilten, meine Liebe, was dürfte ſich uns dann noch entgegenſtellen?— Was iſt jeder Zwang, jedes Vorurtheil, gegen die feſte Beharrlichkeit zweier Herzen? Rur Ihr Wille, Hermine! und die Feſſeln fallen, die mich bisher von Ihnen fern gehalten;— ohne Zögern eile ich zu Ihnen, um den Schwur der Treue zu empfangen, und unſer Geſchick auf ewig zu vereinen. Meinen Sie, mei⸗ ne Mutter würde ihres Sohnes Glück auf ewig einem grundloſen Vorurtheil opfern?— Fürchten Sie nichts, auch das beſte Herz kann einem kurzen Siechthum anheim fallen,— aber es geht vor⸗ über, und die Geneſung folgt. Nur einmal lefe ſie in dem Glanz Ihres Auges: ſchnell würde der Wiederſchein meines Glückes die feindlichen Mächte bannen, die es zu ängſtigen verſuchten. Die Welt, wie ſie ſtets über das Freundlichſte im Leben den Schatten finſtern Zweifels zu werfen ſucht, hat Ihr Bild, holde Hermine, in den Augen meiner Mutter verdunkelt! Die ſtille, in ſtrenger Einge⸗ zogenheit lebende Frau mißtrauet den Reizen der Anmuth, die den Huldigungen der Welt nicht ent⸗ gehen konnten:— ſſie hörte Ihren Namen zuerſt von der Lippe des Reides: wie ſollte da ein kla⸗ res Bild Herminens in ihrer Seele ſtehen?— Aber darf ich deshalb darben an Glück und Freu⸗ de, weil es der Verläumdung gelang, einen Augen⸗ blick zu triumphiren?— Rein, Geliebte,— die Jerthümer vergehen, aber die Jugend vergeht auch, und die Zeit,— und dieſe ſind beide ſo koſtbar. Ich fordere daher ein Zeichen von Ihnen, ob Sie meiner Liebe vertrauen, ob Sie meinen Wünſchen Erhörung ſchenken? Verweigern Sie mir eine bal⸗ dige Entſcheidung meines Schickſals nicht! Ich werbe fortan nur um Ihr Herz, um Ihr Wort. Das Geſchenk Ihrer Hand wird der Himmel mei⸗ ner Treue nicht verſagen, wenn ſie feſt ihre Prü⸗ fung beſtand. Ungeduldig ſehe ich Ihrer Antwort entgegen. Bedenken Sie, daß Sie das Glück ei⸗ nes Mannes in Händen haben, der, ſeitdem er Sie ſah, nur den Wunſch kannte, ſein Leben Ih⸗ rem Glücke, Ihrem Schutze zu weih'n.— —— Reununddreißigſter Brief. Hermine von Domikowsky an Frau von Bören. Breiſach, im September 18*. Mge die Sorge für die Ruhe eines Mutterher⸗ zens die Unbekannte in Ihren Augen, verehrte Frau, entſchuldigen, wenn ſie den Weg des offen⸗ ſten Vertrauens wählt, als den einzigen, der zu ihrer Zufriedenheit führen kann. Beiliegender Brief, den ich als das Geheimniß eines edeln nur allzu jugendlich fühlenden Herzens der Mutterliebe anzuvertrauen wage, wird Ihnen die Urſache mei⸗ nes Schreibens erklären. Mein Herz ſagt mir, daß ich ihn nicht ohne die Uebereinſtimmung Ihres Willens beantworten darf. Der Mann, der mir ſeine Zuneigung ſchenkt, iſt Ihr einziger Sohn! Sie könnten leicht Pläne haben, die ſich mit unſe⸗ rer Liebe nicht vertragen dürften! Welche Vor⸗ würfe würden mich treffen, wenn ich ſeine leiden⸗ ſchaftliche Stimmung benutzen, und in ein Bünd⸗ — niß willigen wollte, das, wie ich aus jenem Schrei⸗ ben erſehe, gegen Ihren Willen geſchloſſen würde. Rein, feſt iſt mein Entſchluß, die Entſchei⸗ dung, die er von mir fordert, allein in die Hände ſeiner Mutter zu legen. Ich fühle, daß ich mit dieſem Briefe das theuerſte Glück meines Lebens aus den Händen laſſe, aber ich glaube Ihre Ach⸗ tung nicht zu theuer damit zu erkaufen! Sie wer⸗ den fortan allein das Schweigen löſen, das ich mir auferlegt habe! Willig trag' ich den Schmerz ei⸗ gener Entbehrung, vermag ich damit den Segen der Mutter auf das Haupt des Mannes zu len⸗ ken, den ich vor allen hochſchätzen lernte! Laſſen Sie uns hoffen, daß ein ſo edles Herz, wie das Ihres Sohnes, ſich bald auf dem Wege des Rechts wiederfinden werde, aber laſſen Sie mir auch den Triumph ihm vorangegangen zu ſein auf der ſteilen Bahn! Ich bedarf dieſer Ueberzeugung, als eines tröſtenden Lichtblicks in den kommenden Tagen. Vierzigſter Brief. Frau von Bören an Hermine von Domikowsky. L.„ im September 18**. Jc danke Ihnen, mein Kind, für den Beweis des Vertrauens, den Sie mir durch Ihre Mitthei⸗ lungen gegeben haben! Die Achtung, die wir An⸗ dern bezeugen, iſt ein Capital, das ſchöne Zinſen trägt. Hatte ich früher Gründe, mich der Wahl meiner Sohnes zu widerſetzen, ſo geſchah dies nur aus einer zu großen Sorgfalt für ſein künftiges Glück. Man hört in meinen Jahren lieber auf das Urtheil der Welt, als auf die leichtbeſtechliche Mei⸗ nung eines liebenden Jünglings. Dieſes nun, mein Kind, war nicht geeignet, mir für eine dauernde Zufriedenheit Bürge zu leiſten! Ich entſchloß mich daher, Sie ſelbſt kennen zu lernen, und that, ohne daß Sie die ſorgſame Forſcherin erkannten, einige tiefe Blicke in Ihr Herz! Sie pflegten mich in der Fremden, die der Zufall vor kurzem in Ihre — 2— Rähe brachte, und gewannen durch Ihre natürliche Güöte mein Herz Ihr Schreiben, das von guten Grundſätzen zeugt, beſtätigte meine Vermuthung, daß Sie, trotz Ibres lebhaften Charakters, Recht und Pflicht hö her ſchätzen lernten, als Glück und Vergnügen. Vor allem aber rührt mich die Liebe, die Sie für meinen Sohn hegen, und die ich daraus erſehen, daß Sie um ſeinetwillen eine ſo vortheilhafte Par⸗ thie ausſchlagen konnten, als der Baron Horſt in meinen Augen iſt. Sie gewannen durch die Fe⸗ ſtigkeit Ihrer Geſinnung meine Zuneigung ſo voll⸗ kommen, daß es kaum noch des neuen Beweiſes Ihrer beſonnenen Handlungsweiſe bedurft hätte, um fortan meine früheren Zweifel zu beſeitigen ⸗ Iſt es Ihnen demnach recht, mein Kind, ſo beſtimmen wir vereint das Schickſal meines Soh⸗ nes. Kommen Sie zu mir. Ich werde die Com⸗ teſſe Domellj ſchriftlich erſuchen, mir ihre holde Gefährtin auf einige Zeit zu überlaſſen. Stimmen unſere Grundſätze und Anſichten ſo überein, wie ich hoffe, ſo habe ich nichts gegen die Wahl meie nes Sohnes. Mit Freuden ſehe ich Ihrer Ankunft entgegen, um Sie mit Mutter⸗Armen zn empfangen. Einundvierzigſter Brief. Hermine von Domikowsky an Frau von Bören. Breiſach, im September 18**. So viel Anzlehendes für mich der Aufenthalt in Ihrem Hauſe, verehrte Frau, haben dürfte, ſo glaub' ich es doch, Ihnen und mir ſchuldig zu ſein, dieſes Ihr gütiges Anerbieten nicht eher anzuneh⸗ men, bis jeder Zweifel, der noch in Hinſicht mei⸗ nes früheren Lebens in Ihrer Seele auffteigen könnte, gehoben iſt!— Ich werde es verſuchen, dem Urtheil der Welt, den verſchiedenen Meinun⸗ gen, die man von mir und meinem Charakter hegt, — die offenſte Freimüthigkeit und die treueſte Mit⸗ theilung meiner Schickſale von Jugend auf, entge⸗ gen zu ſtellen. Ich kann es nicht läugnen, daß mir viel daran liegt, von Ihnen vollkommen ge⸗ kannt zu ſein, daher will ich mit der Zuverſicht eines Kindes zur Mutter, meine Denk⸗ und Handlungs⸗ weiſe vor Ihnen entwickeln, Ihnen all' die Schwä⸗ —— chen eingeſtehen, die zu einer falſchen Beurtheilung meines Charakters vielleicht Anlaß gegeben haben, — Sie aber auch mit einigem Stolz in meine Ver⸗ gangenheit zurückführen, um Ihnen zu beweiſen, daß dieſe nicht ſcheuen darf, Ihrem ſtrengforſchen⸗ den Blicke zu begegnen.— Ich bin in W., einem kleinen Städtchen in Polen gebvren. Mein Vater war Offizier, meine Mutter aus einer der angeſehenſten Familien mei⸗ nes Vaterlandes. Noch weiß ich mich, ob ich ſie gleich in zarter Jugend verlor, ihrer ſeltenen Reize, ihres einnehmenden Betragens zu erinnern. Ihr Tod war für mich der härteſte Verluſt, der mich treffen konnte, indem ich durch ſie die ſorgſam liebende Hand verlor, die mein Vater mir, bei aller ſeiner Liebe, nie ganz zu erſetzen vermochte. Ich war als ein neunjähriges Mädchen fortan ſeiner Aufſicht allein übergeben. Er hatte mich wegen meiner muntern Gemüthsart ſehr lieb, und geſtattete mir vielleicht mehr Freiheit, äls es für mein lebhaftes Temperament gut war, Ich lernte bei der öfteren Veränderung ſeiner Garniſon, und bei dem häufigen Umgang, den er mit den Offiziers ſeines Regiments pflog, viel Menſchen kennen; ich ſchenete es nicht, an der Un⸗ terhaltung der Männer Theil zu nehmen, die ſich in unſerm Hauſe verſammelten, ja ich gewann — 25— ſogar mehr Vertrauen zu dieſem Geſchlecht, als zu den Frauen, die viel ſtrenger über mein Betragen muſterten, als jene. So kam es, daß die Schüch⸗ ternheit, die Mädchen meines Alters vft im Um⸗ gang mit Männern äußern, mir gänzlich fremd blieb. Die Nachſicht, mit der ſie meine Launen ertrugen, der Beifall, den ſie meinen Einfällen, meiner heiteren Gemüthsart zollten, gab mir im Gegentheil eine Offenheit in meinem Benehmen gegen ſie, die mir ſpäter übel ausgelegt wurde,— weil ſie ungewöhnlich,— und nur aus dieſem Grunde auffällig war. Man glaubte in der Unbe⸗ fangenheit, mit der ich jenen entgegentrat, den Wunſch, von ihnen bemerkt zu werden, zu entdecken, und doch war es allein die größere Sinnesfreiheit, die als natürliche Folge meiner Erziehung mich von den übrigen Mädchen unterſchied. Jene Ge⸗ fallſucht, die ſich nur zu dft hinter der Maske der Blödigkeit, der Zurückgezogenheit verſteckt, war mir gänzlich fremd geblieben; ich ehrte die Männer, weil ich meinen Vater hochſchätzte, aber ich war weit entfernt von Idealen zu träumen, weil ich ſie ſtets in der Rähe beſchaut hatte, und von ihren Schwächen, wie von ihren guten Eigenſchaften un⸗ terrichtet war. Ich gefiel mir in ihrer Unterhal⸗ tung, vhne daß ich mir je eines tiefern Eindrucks bewußt worden wäre, und gewann bei der Frei⸗ Angela II. heit, die ich meinem Blicke wie meinem Herzen zu behaupten verſtand, täglich an Erfahrungen und Belehrungen mancher Art. Mein freimüthiges We⸗ ſen gefiel den Männern in eben dem Grade,— als es den Frauen mißfiel. Es fehlte mir ſchon in früheren Jahren an Schmeichlern und Vereh⸗ rern nicht; die Erſtern waren mir ſtets zuwider, und mit den Letztern vertrug ich mich ſo gut, wie es mein Gefühl erlaubte, das heißt, ich erwiederte ihre Gefälligkeit, die Achtung, die ſie mir bewieſen, mit gleicher Höflichkeit, ſuchte mich aber, ſobald von einer Reigung die Rede war, die ich nicht mit Waohrheit erwiedern konnte, zurückzuziehen, welches nicht aus Laune vder Leichtſinn, ſondern aus Ueberlegung und ernſter Prüfung meines Her⸗ zens geſchah.— Mein Vater war ſtets mit mei⸗ nen Geſinnungen einverſtanden, und fand es bei meinem Charakter nicht rathſam, mich zu einer Wahl zu überreden, die, wenn ſie mich beglücken ſollte, nur aus der innigſten Ueberzeugung und Wahrheit meines Herzens hervorgehen mußte. So plieb ich bis in mein ſiebzehntes Jahr in dér an⸗ genehmſten, glücklichſten Lage von der Welt,— bis mich der unerwattete Tod meines Vaters auf einmal aus dem Zuſtande der ſorgenloſeſten Frei⸗ peit emporſchreckte. Zum Erſtenmale nahm die Sorge für meine Zukunft von meinem Herzen — Beſitz; die Verlaſſenſchaft meines Vaters war nicht ſo bedeutend, um mir eine ganz unabhängige Exi⸗ ſtenz zu ſichern, ich ſah mich genöthigt, zu meinen Verwandten Zuflucht zu nehmen, die ſich in*„* aufhielten, und ſo trat ich aus dem glücklichen, zwangloſen Leben des Vaterhauſes, in das mir gänzlich unbekannte einer glänzenden Reſidenz. Meine Sitten, mein natürliches Betragen, mußte hier, wo alles an ſtrenge Etiquette gewöhnt war, ſogleich auffallen. Der Reiz der Reuheit machte indeß, daß man meinen guten Eigenſchaf⸗ ten wie meinen Unarten im Anfange gleiche Hul⸗ digungen erwies, ſpäter aber als ich mir, durch das Ablehnen einiger Anträge, die mir vvn Män⸗ nern von Stande, deren Charakter ich aber nicht zu achten vermochte, gemacht worden,— Feinde zugezogen hatte, verurtheilte man Beide zugleich, indem man mir einen leichtſinnigen, inconſequenten Charakter andichtete, und über die Freimüthigkeit, mit der ich ſprach und handelte, das liebloſeſte Ur⸗ theil ſprach.— Die Bekanntſchaft mit einer ſehr würdigen Dame, der Frau von Albvin, machte in⸗ deß, daß ich die unangenehmen Erfahrungen jener Zeit bei den Vortheilen ihres Umgangs vergaß. Ich fand in ihr zuerſt die mütterliche Freundin, der ich bei meiner lebhaften Jugend bedurfte, und vertauſchte ſpäter mit Freuden die geräuſchvollen 2* Feſte der Reſidenz mit ihrem ländlichen Aufenthalt. Hier lebte ich ein ſtilles, aber höchſt genußreiches Jahr, bis eine entfernte Verwandte, die ich hier zufüllig kennen lernte, mir den Aufenthalt in ih⸗ rem Hauſe anbot, und mir durch ihre Freundlich⸗ keit das Verſprechen abnöthigte, einige Zeit bei ihr zuzubringen. Sie wohnte in einer kleinen Stadt und hatte, ſo gut und gebildet ſie auch ſelbſt war, doch einen Umgang von ſo beſchränkter kleinſtädti⸗ ſcher Art, daß ich lieber noch länger die Anfein⸗ dungen in der Reſidenz ertragen hätte, als die Lobſprüche, und den lächerlichen Nachahmungseifer dieſer ſeltſamen Creaturen.— Der Güte der Frau von Albvin verdanke ich es, daß ſie mich aus die⸗ ſem Aufenthalt der Langeweile befreite, indem ſie mich mit der Barvneſſe Benting bekannt machte, und mich ihr als Geſellſchafterin empfahl. Mein Frohſinn, meine Heiterkeit kehrten verdoppelt zurück, als ich mich meinem Elemente, der freiern, zwang⸗ loſern Geſelligkeit wiedergegeben ſah. Ich vergaß Alles was mich geängſtiget hatte und noch in der Zukunft bedrohen konnte, und lebte mit glücklichem Herzen der Gegenwart. Hier war es, wo ich Ih⸗ ren Sohn, den Hauptmann von Bören, kennen lernte,— ſeine Reigung zu mir konnte mir bei der Offenheit ſeines Charakters nicht unbekannt bleiben; es war nicht das Erſtemal, daß mir die 25— Liebe eines Mannes begegnete, aber das Erſtemal, daß ich ſtolz war auf den Eindruck, den ich auf einen ſo edeln Charakter gemacht hatte.— Ich will es Ihnen frei geſtehen, daß ich die Tage, die ich in ſeinem Umgang verlebte, für die glücklichſten meines Lebens ſchätze, und daß die Erinnerung daran mir ſtets theuer bleiben wird. Ich habe Herrn von Bören ſehr hochſchätzen gelernt, doch hab' ich es vermieden, Hoffnungen Raum zu geben, deren Vereitlung mir Gram bringen konnte.— Ich überſtand die Trennung von ihm mit Kraft und Muth, doch kann ich es nicht läugnen, daß ich einer zweiten zu entgehen wünſche,— und mich daher nur auf eine Art entſchließen könnte, ihm wieder zu begegnen. Sie kennen den Charak⸗ ter Ihres Sohnes, und werden durch das, was ich Ihnen von meiner Erziehung mitgetheilt, wie durch Ihre eigene Beobachtung, auch ein klareres Bild von mir empfangen haben, als das war, was Ihnen die Menſchen von mir gaben!— O, meine Schwaͤchen, die hauptſächlich aus einem ſchwer zu beſiegenden Muthwillen, und einem leicht ausſchweifenden Frohſinn beſtehen, werden von Ih⸗ nen nicht mit Leichtſinn und Koketterie verwechſelt werden. Der Wunſch zu gefallen war niemals vorherrſchend in meiner Seele, aber mein Geiſt gefiel ſich im Conflikt mit Anderer Meinungen und Anſichten, deshalb fand er ſeine Rechnung mehr im Kreiſe der Männer, als in der Geſellſchaft der Frauen! Daß ich ſo leicht mißverſtanden werden konn⸗ te, begreife ich wohl! Man kann es voft ſchwer faſſen, daß uns eine andere Abſicht, als die, zu gefallen, den Umgang mit Männern ſuchen laſ⸗ ſe! Und doch iſt das Verlangen nach heiterer Be⸗ lehrung, nach gefälliger Unterhaltung an ſich ſo natürlich, ſo verzeihlich, daß ich im Gegentheil den Frauen mißtrauen würde„die die Gelegenheit dazu fliehen, als müßten ſie dabei befürchten, in ein perſönliches Intereſſe verwickelt zu werden. Nie werde ich es bereuen, die Belehrung des Lebens, wie und wo ſie ſich mir darbot, freudig ergriffen zu haben. Ich kenne die Menſchen, und liebe ſie, wie ſie da ſind, denn meine Forderungen an ſie ſind nicht überſpannt. Was die eigene Handlungsweiſe betrifft, ſo ſcheue ich keinen Blick in die Vergangenheit und Zukunft! Mein Ver⸗ ſtand war mit meinem Herzen ſtets in friedlichem Bunde, und wird es bleiben, weil ich Keines auf Koſten des Andern begünſtigte!— Glauben Sie, daß dieſer mein Charakter, wie ich ihn offen vor Ihnen dargelegt habe, mit den Anſichten, die Sie von häuslichem Glücke hegen, übereinſtimmend iſt, und daß die Neigung Ihres Sohnes ſich einſt mit Ihrer Zufriedenheit vereinen ließe, ſo werde ich mit Freuden in Ihre Arme eilen, um Ihnen zu beſtätigen, was dieſer Brief ſagt: daß ich, wenn ich auch bisweilen aus der Bahn der äußeren herge⸗ brachten Sitten und Gewohnheiten herausſchreite, doch ſtets auf dem Wege des Rechts und der Pflicht zu Hauſe bin, und ohne Scheu dem prüfenden Au⸗ ge der Beſſeren begegne! Hermine. Zweiundvierzigſter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Ri⸗ chardis. Breiſach, im October 18**. Hermine iſt uns plötzlich entzogen, und„denken Sie nur, vielleicht auf immer! Die fremde Da⸗ me, deren ich letzt erwähnte, war die Mutter des Herrn vvn Bören, den Sie bereits durch meine Mittheilungen kennen. Der Unfall, dem wir ihre Bekanntſchaft verdanken, ihr Incognito, Alles war abſichtlich, berechnet. Sie wollte Herminen ken⸗ nen lernen, ohne von ihr gekannt zu ſein. Jetzt „vergilt die böſe Frau unſere Gaſtfreundſchaft da⸗ mit, daß ſie uns unſere Freundin entführt. Wahr⸗ lich ich könnte ihr ein wenig zürnen, wüſte ich nicht, daß es alles zu Herminens Glück geſchieht; ſo aber glaub' ich, daß Frau von Bören ſie mit ihrem Sohn zu verheirathen gedenkt, ſie hat ſie bei uns ſo lieb gewonnen, daß ſie mir ſogleich die ſchönſten Bitten gab, ihr unſere heitere Geſellſchafterin zm — 5— überlaſſen,— und da dieſe zuerſt Anſtand nahm, ſie endlich durch eine ihrer Verwandtinnen abholen ließ.— Mein Vater vermißt Herminen ſo ſichtlich, wie ich. Sein Gemüth bedarf ſtets der Aufmunte⸗ rung, und mit Schmerz bemerke ich, daß dieſe Gabe mir nicht in dem Grade zu Theil ward, wie ich es um ſeinetwillen wohl wünſchte. Hermine hat mich eine Zeitlang aus meiner Stille herausgeriſſen, ich bemühete mich ihr gleich zu ſein. Zetzt, da ſie fehlt, fällt allmählig der geborgte Schmuck von mir ab, ich überlaſſe mich wieder gern dem ſtillen Sinnen, das Sie oft an mir tadelten, und das ich doch nicht ändern kann, und flüchte mich von Außen her wenig angeſpro⸗ chen, mit der alten Liebe an das Herz der Natur. Der Herbſt beginut ſeine bunten Lichter auf Buſch und Hain zu werfen. Die Gegend umher gewinnt mit jedem Tage ein lebendigeres Colvrit. Ich ſchweife viel umher, und fange die warmen Scheideblicke der ſchönen Jahreszeit geizig auf, bevor der Winter ſein Lei⸗ chentuch über die freundlichen Geſtalten des Lebens wirft. Bis dahin, liebe Richardis, iſt mir gar nicht bange, ich bin nicht allein, ſo lange die Puls⸗ ſchläge der Natur den Schlag meines Herzens er⸗ wiedern! Aber ſtirbt auch dieſe ſüße Freundin, — dann werde ich wohl ſehr einſam ſein, und viel trauern, daß man mich aus dem Kreiſe meiner Geſpielinnen nahm, um mich dem Schmerz unbe⸗ friedigter Sehnſucht zu übergeben!— Ich wurde in meinem Schreiben durch einen Beſuch des Superintendenten Norden unterbrochen. Er iſt vor kurzem zurückgekehrt, und wird, da ſei⸗ ne Geſundheit wieder völlig hergeſtellt iſt, morgen zum Erſtenmale in unſerer Kirche predigen. Mir ſielen, als ich ihn wiederſah, ſogleich die ſchönen Tage wieder ein, die wir im Rieſengebirge zubrach⸗ ten. Ich war ſehr glücklich in dieſer Erinnerung, und ſprach viel mit ihm über den ſchönen Aufent⸗ halt in Warmbrunn. Er ließ ſich ſehr gütig zu mir herab, und hör⸗ te mir recht theilnehmend zu, als ich mit der Wär⸗ me meiner Phantaſie jene lieben Bilder aufzufri⸗ ſchen ſuchte. Gewiß wäre er noch länger bei uns geblieben, wären wir nicht durch den Beſuch eini⸗ ger Herren geſtört worden, die bei ihrer Rückkehr aus der Reſidenz bei uns einſprachen. Ungern ſah ich ein Geſpräch unterbrochen, das für mich ſo an⸗ ziehend war, und dennoch mußte ich aus ſchuldiger Artigkeit den Reden der Fremden mein Ohr lei⸗ hen, die mich um ſo mehe ermüdeten, je tiefer das Vorige mich angeſprochen hatte.„ —— Dieſe Männer ſind nicht für ihn, ſie ſprechen viel und bunt durcheinander, warten nie eine Ant⸗ wort ab, und berühren nur ſtets die Oberfläche je⸗ des Gegenſtandes, ohne ſich in die Tiefen ernſten Rachdenkens zu verirren. Mit vieler Ceremonie forderten ſie mich auf, den Flügel zu ſpielen, ich that es, weil mir. alle Ziererei verhaßt iſt. Kaum hatte ich einige Takte geſpielt, als man meine Fertigkeit mit großer Be⸗ redtſamkeit zu bewundern anfing, damit war aber auch ihre Aufmerkſamkeit vorbei. Eine Frage nach dem Componiſten folgte ſchnell der flüchtigen Schmei⸗ chelei,— dann kehrten beide ſich ab,— indem ſie ſich eines Conzerts erinnerten, von dem ſie noch nichts erzählt hatten. Immer lauter wurde nun ihr Geſpräch. ZJe ausdrucksvoller ich ſpielte, deſto muthiger erhob ſich der Ton ihrer Stimme, ich hörte zuletzt auf, ohne daß ſie es weiter bemerk⸗ ten, und ſetzte mich ruhig an meinen Arbeitstiſch. Zu meiner Freude empfahlen ſich unſere Gäſte zei⸗ tiger wie ſonſt, und ich vermuthe nicht vhne Grund, daß ſie, ſeitdem ſie Herminens Gegenwart vermiſ⸗ ſen, nun viel ſeltener uns heimſuchen werden.— ——————— Einen Dag ſpäter. Guten Morgen, Richardis! O, rufen Sie auch mir zu: guten Morgen, Angela! Ja, ich bin erwacht, ſelig erwacht!— Sonnig breitet ſich vor mir die neue Welt aus, und der Himmel lä⸗ chelt mild und väterlich zu mir hernieder!— Auch Sie haben heute unter dieſem Dome gebetet! Auch Sie fühlten vielleicht die Saiten Ihres Gemüthes vor der Gewalt heiliger Worte erbeben.— O, wie groß muß die Wahrheit der göttlichen Lehre ſein, da ſie das Herz ſo beſeligenden Gefühlen eröffnet, wie beglückt die Seele, die ſie ſich zun Tempel gewähl t hat. Ich wünſchte wohl, Sie hätten heute dem Gottesdienſt in unſerer Kirche beiwohnen kön⸗ uen. Welch' eine tiefe Andacht in der zahlreichen Gemeine, aber auch welch' ein Redner! Ich habe Ihnen ſchon geſagt, daß in Nordens Sprache ein Zauber liegt, den ich mit nichts ver⸗ 9leichen kann. Sie bewegt das Gemüth durch den milden ernſten Ausdruck, der ihr eigen bleibt, ſelbſt wenn von andern Gegenſtänden die Rede iſt. Leiht ſte aber dem Heiligſten, der Religivn, dem Glau⸗ ben, der himmliſchen Liebe ihre Gewalt,— ſo hebt ſie uns zu Gott, indem ſie uns von wahrhaft gött⸗ licher Begeiſterung Kunde gibt. — 8— Wie hoch, wie herrlich iſt der Beruf, der den Menſchen zum Verkündiger des göttlichen Wortes erhebt! Wie geheiliget der Mund, der dem Dien⸗ ſte des Herrn geweiht, ſeinen Willen uns deutli⸗ cher offenbart! Andern die Hände reichen auf Pfa⸗ den, die ihnen dunkel und unbekannt ſind, ſie er⸗ beben, ermuntern zur Tugend, zum Glauben, zur Geduld, wie ſchön, wie beſeligend iſt dieſe Pflicht, wie würdig dem erhabenen Ebenbilde der Gottheit. Als ich die Kirche verließ, war mir, als ſ mein Herz einer unendlichen Liebe aufgegangen, als ſollte ich Alles was da leidet und klaget, an meine Bruſt nehmen, und alles hinopfern was ich habe, um den Durſt meiner Seele zu ſtillen. Ich beſchloß in dieſer Stunde, immer recht mild und menſchenfreundlich zu ſein, und werde es halten! Mein Taſchengeld, das zu meinem geringen Be⸗ darf viel zu reichlich iſt, wird mir erlauben, man⸗ chen Hülfsbedürftigen zu unterſtützen, ich werde fortan dem verborgenen Elend forgſam nachfor⸗ ſchen, und mir die Liebe, das Vertrauen unſerer Unterthanen zu gewinnen ſuchen. O, wie wohl, wie innig wohl iſt mir, liebe Richardis! Mir bangt nun gar nicht mehr, ſelbſt vor dem Winter nicht! Ich ſehe vor mich hin, wie in eine weite helle Ebene, überall iſt Himmel und Licht, und in mir ein Ouelt von Seligkeit, der frei ſeine Wellen emportreibt, und nie verſiegen wird, ſo lange mir ein kindlichvertrauendes Herz zu Gott bleibt, und ein freier Blick zu den Menſchen. Grüßen Sie alle lieben Geſpielinnen von mir, und ſagen Sie ihnen, daß ich recht einſam, aber den⸗ noch recht glücklich bin! —— Dreiundvierzigſter Brief. Graf Domelli an die Baroneſſe Münter. Breiſach, im October 18**. Sie wiſſen, gnädige Frau, daß man an Ihrem Umgang gewöhnt, ſchwer dem Vergnügen entſagen kann, ſich mit Ihnen in geiſtiger Berührung zu wiſſen, daher hoffe ich auf Ihre Verzeihung, wenn der alte Hausfreund gewohntermaßen bei Ihnen einſpricht, um Ihre Meinung über eine Sache zu erfahren, die mir immer bedenklicher wird. Es betrifft dies meine Tochter Angela. Ihre Erzie⸗ hung in G. iſt beendet; ich habe Urſache, mit ih⸗ ren Kenntniſſen, mit ihrer ſittlichen Bildung zu⸗ frieden zu ſein, und dennoch iſt etwas in ihr, was mir Sorge macht, und dem ich gern entgegenſtreben möchte. Es iſt dieſes ein unbeſiegbarer Hang zur Stille und ſinniger Betrachtung. Die Zerſtreuun⸗ gen der Reiſe, die, wie ich hoffte, ihr Gemüth nach außen hinlenken ſollten, haben das Entgegen⸗ —— geſetzte bewirkt. Sie neigt ſich ſeitdem nur noch inniger zu dem Herzen der Natur, und ſcheint an den übrigen Erſcheinungen des Lebens wenig In⸗ tereſſe zu nehmen, ſelbſt die Geſellſchaft der lie⸗ benswürdigen Domikowsky, von der ich mir gro⸗ ßen Nutzen verſprach, vermochte es nicht, ſie von ihren ſtillen Träumereien abzuhalten; ſie fühlte ſich 3 wohl augenblicklich von ihrer Lebendigkeit angezo⸗ 5 gen und fortgeriſſen, aber nur zu geſchwind trat wiederum die alte Stimmung bet ihr ein. Gut, mild, freundlich, ſanft, lauſcht ſie auf meine Mie⸗ nen, meine Bitten, aber ſelten erglänzt ihr Auge von der Heiterkeit, die ich vor allen an der Ju⸗ gend liebe, weil ſie eine vollkommene Zufriedenheit des Herzens verkündet. Ihr Geiſt ſcheint einer anderen Nahrung zu bedürfen, als ich ihr zu rei⸗ chen vermag, ja ich fürchte, das Leben wie es in der Wirklichkeit iſt, wird ſtets hinter ihren Wün⸗ ſchen zurückbleiben. Ich bemerkte ſeit einiger Zeit, daß ſie oft mit Schreiben beſchäftiget war, und wünſchte zu erfahren, was der Gegenſtand ihres ſtillen Treibens ſei. Ich fand mehrere angefange⸗ ne Briefe an ihre Gouvernante, und nebenbet ei⸗ nige Gedichte, die nur zu deutlich den Stempel ih⸗ res weichen Charakters tragen, als daß ſie mich wegen ihres Urſprungs in Ungewißheit laſſen könnten. — 41— Sie ſind nicht ohne Geiſt, ja, ſie tragen ſelbſt die Spuren eines ſich entwickelnden Talentes, aber — was kann das helfen?— Das Leben, für das ich ſie beſtimme, bedarf mehr eines gewandten, weltgeübten Verſtandes, als jener zarten Empfind⸗ ſamkeit, die nur noch mehr durch dieſe geiſtigen Beſchäftigungen genährt wird. Ich bitte Sie da⸗ her, rathen Sie mir, auf welche Art ich ihr entge⸗ genwirken ſoll. Meine Art zu ſein, iſt vft rauh und unfreundlich, ich möchte nicht gern das zarte Kind verletzen,— aber bleiben kann es ſo nicht. Wir könnten uns auf dieſe Art immer fremder werden, wie die Welt, in der wir beide leben, bereits ſchon ſichtlich getrennt iſt. Verſagen Sie mir, bis ich Angelen in Ihren Händen weiß, Ih⸗ ren freundſchaftlichen Rath nicht, in Hinſicht mei⸗ nes Verfahrens. Was Sie, verehrte Frau, für gut achten, werde ich befolgen. Das Mädchen iſt gehorſam und ihr Gemüth noch bildſam genug, um es nach Wünſchen zu lenken. Vierundvierzigſter Brief. Die Baroneſſe Münter an den Grafen Domelli. Auns der Reſidenz, im October 13 Wes Sie mir, mein verehrter Freund, von An⸗ gelen ſagen, iſt mir keinesweges befremdend. Als ſie noch ein zartes Kind war, bemerkte ich den Hang zu ernſten Beſchäftignngen in ihrer Seele. Darum zog ſie mich ſtets ſo räthſelhaft an, darum vernehm' ich noch jetzt jede Kunde von ihr mit ho⸗ hem Intereſſe. Widerſtreben Sie, ich bitte Sie, lieber Graf! ihren Meinungen nicht. Begünſtigen Sie vielmehr jede Gelegenheit, ihren Geiſt zu ent⸗ wickeln! Was iſt denn köſtlicher, als ein für das höhere Schöne empfänglicher Sinn?— Wer woll⸗ te nicht alles aufbieten, ihm die Nahrung zu ge⸗ ben, nach der er verlangt?— Aeußere Stille iſt nicht ſelten der keuſche Schleier innern Reichthums! Danken Sie Gott, daß Sie durch ein ſolches Kind geſegnet ſind, und glauben Sie nicht, daß ſie darum weniger in die Sphäre der Geſellſchaft vaſ⸗ ſen wird. Rur Bildung geben Sie ihren Kräften, damit ſie ſich nicht in zweckloſem Hinbrüten ver⸗ zehren. Leſen Sie mit ihr unſere Dichter, oder, wenn Sie nicht ſelbſt Geſchmack daran finden, übertragen Sie dies Geſchäft Ihrem geiſtreichen Freunde, dem Superintendenten Rorden, der nach dem, was ich von ihm gehört, ganz geeignet iſt, dem Aufſtreben eines jugendlichen Geiſtes behülflich zu ſein! Sie werden ſehen, welch' ein ſchöner ſegensreicher Frühling aus dieſem Gemüthe hervor⸗ gehen wird, wenn Sie den Gärtner fanden, der dieſen reichen Boden zu benutzen verſteht. Von ſeinem belohnenden Anblick ergötzt, wer⸗ den Sie dann von ſelbſt Ihren früheren Wunſch belächeln, dieſer zarten Pflanze einen Zweig einer ihr ſo gänzlich fremdartigen Ratur, als Fräulein ovn Domikowsky ihr ſtets ſein muß, einzuimpfen, — welches, verzeihen Sie, Herr Graf! wohl der undankbarſte Einfall war, den Sie haben konnten! Ich kenne ſehr wohl Ihre Vorliebe für die reizen⸗ de Polin,— und bin weit entfernt, ihre vielen und ſeltenen Vorzüge zu beſtreiten, die ſie aller⸗ dings zu einer der angenehmſten Geſellſchafterinnen machen, die man ſich denken kann. Witz, Anmuth, Geiſt, und vor Allem jener liebenswürdige Froh⸗ ſinn, müſſen viel in einer Zeit gelten, wo der S Druck harter Schickſale und Verkümmerungen aller Art den Geiſt der Geſellſchaft entmuthiget und ge⸗ ſtört haben; aber ich kenne noch etwas, das höher ſteht, und welches man mit jenen Gaben nicht ver⸗ mengen darf. Es iſt die Holdſeligkeit, die ſchöne Verklärung des innern reinen Gefühls, durch Mie⸗ ne, Blick und Betragen, mit einem Wort, die Seele und ihre wunderbare Gewalt! Dieſes wird, v, hoffen Sie, mein Freund, das ſchöne Erbtheil Angela's ſein, wie es der Schmuck ihrer verewigten Mutter war. Dieſes wird ſie dereinſt hochſtellen über Herminen, wie über ſo Viele un⸗ ſerer jungen Damen, die den ſchönſten Demant in der Krone des Weibes nicht kennen, und ſtets vergebens ſuchen werden!— Freudig ſeh ich dem Zeitpunkte entgegen, wo Sie mir das holde Kind übergeben werden! Die äußere Politur findet ſich von ſelbſt, ſobald Herz und Geiſt Reife und Bil⸗ dung erlangt haben. Sparen Sie, ich wiederhole es, mein Freund! keine Mühe, ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Talente gelten viel in den Cirkeln, in welchen wir Angelen einführen wollen! Vor Allen aber weiß unſere Fürſtin ſie zu ehren, indem ſie ſich ſelbſt vft und gern mit ernſten Studien beſchäftigt. Sie werden hieraus ſchließen können, welche mannichfaltigen Vortheile eine zweckmäßige Erzie⸗ hung dereinſt Angelen bringen könnte, und wie ſehr Sie daher Urſache haben, ihre natürlichen Anlagen, ihre ſchönen Reigungen zu begünſtigen. Laſſen Sie mich bald erfahren, ob Sie in Hinſicht des Su⸗ perintendenten Rorden meiner Meinung ſind, und welche Fortſchritte Angela unter ſeiner Leitung macht. Künftiges Jahr werde ich, Ihrem Verſpre⸗ chen zufolge, ſelbſt Augenzeuge ihres Fleißes, ih⸗ rer Geſchicklichkeit ſein! Bleibe bis dahin Segen und Gedethen in Ihrem Hauſe! Fünfundvierzigſter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Richardis. Breiſach, im October 18** Lange hoffte ich auf einige Zeilen von Ihnen, und fürchtete ſchon, ich hätte Ihnen durch irgend etwes in meinem Briefe mißfallen, daß Sie mich alſo beſtrafen wollten; da erhielt ich endlich Ihren lie⸗ ben Brief, doch zugleich auch die Nachricht, Un⸗ päßlichkeit habe Sie ſo lange verhindert, mir zu ſchreiben. O, liebe, theuere Richardis! warum kann ich nicht Ihre leidende Stirn an meine Bruſt nehmen, wie ſonſt, wenn der übele Kopfſchmerz über Sie kam. Ich wollte Sie heilen mit den Worten der zärtlichſten Liebe, mit der treueſten, ſorglichſten Pflege. Ich habe dieſes liebe Amt nicht aufgeben kön⸗ nen, Krankenpflegerin zu ſein, was mir damals durch Ihre Theilnahme ſo werth geworden iſt. Auch hier habe ich meine Pfleglinge, die ich im Stillen beſuche, um zu ihrer Geneſung ſo viel ich kann, beizutragen. Im Stillen, ſage ich, denn mein Vater, ſo mildthätig er iſt, würde vielleicht aus zu großer Aengſtlichkeit für meine Geſundheit, mir den Aufenthalt in den niedern Krankenſtuben verſagen, und mein Beſtreben, jenen armen Lei⸗ denden zu dienen, lieber auf ein reichliches Allmo⸗ ſen beſchränkt ſehen. Nun weiß ich aber gewiß, daß ein freundliches Wort, ein wohlgemeinter Rath oft mehr erfreut und thätiger wirkt, als ein blo⸗ ßes Geſchenk, und daß der Himmel vor Allem das Herz anſieht, mit dem man gibt und hilft. Und ſo, liebe Richardis, wird es wohl nicht Sünde ſein, meiner Neigung den Willen zu laſſen, da ſie doch aus reiner, guter Abſicht hervorgeht! Ein Plan, der vor kurzem in meiner Seele geweckt wurde, beſchäftiget jetzt meine Phantaſie mit den angenehmſten Bildern, und trägt ſehr viel zu meiner heitern Stimmung bei. Ich traf in ei⸗ ner Bauern⸗Hütte mit Norden zuſammen. Er ſchien dort einen Streit geſchlichtet zu haben, denn die Spuren der Beſchämung und der Reue waren noch auf den Geſichtern der Anweſenden ſichtbar. Ich hatte für die Kinder jener Familie, die ſehr ſchlecht bekleidet waren, Winter⸗Röckchen ge⸗ näht, und brachte ſie nun, nicht ohne Erröthen, einen Zeugen zu finden, den Kleinen dar. Die — Kinder jauchzten laut auf, und drängten ſich lieb⸗ koſend um mich her, indeß die Eltern in ſichtlicher Verlegenheit, ja ich kann wohl ſagen, Verwirrung, die Gaben betrachteten. Norden beobachtete ſie mit ernſten, faſt unwilligen Blicken, vor denen ſie ihre Augen kaum aufzuſchlagen wagten. Ich fühl⸗ te, daß etwas vorgefallen war, was mich mit be⸗ traf, und hatte mich nicht geirrt. Norden ergriff meine Hand, als wir aus der Hütte traten, und ſagte mit Rührung:„Wie ſchön leuchtet die unei⸗ gennützige Liebe, durch den Schatten des Undanks gehoben! Comteſſe Angela war, ich weiß es, ſchon lange der freundliche Engel, der ſorgend von Hüt⸗ te zu Hütte geht. Aber die Engel ſelbſt vermögen nicht Freude zu ſpenden, ohne bei dieſem kleinli⸗ chen Geſchlecht Reid und Hader zu erregen.“— Ich ſah ihn betroffen an, er fuhr fort:„Ich möchte es gern Ihrem Herzen erſparen, Ihnen die kleine Welt, die Sie an Ihre Bruſt ziehen woll⸗ ten, von einer weniger freundlichen Seite zu zei⸗ gen, als die war, die Sie bisher kennen lernten; aber der Wunſch, Ihrem ſchönen Streben eiue wirkſamere Richtung zu geben, heißt mich reden. Ihre Güte, Ihre Wohlthaten, Comteſſe, haben, ſo rein ihre Quelle war, doch hier und da zu man⸗ chen Anfeindungen Gelegenheit gegeben. Sie ha⸗ ben, wie ich erfuhr, eine kleine Summe zur Unter⸗ —— ſtützung armer Familien in die Hände des Schul⸗ lehrers niedergelegt?“ Ich bejahte erröthend, er fuhr fort:„Dieſer vertheilte ſie gewiſſenhaft unter die Aermſten ſeiner Zöhlinge, und ſchaffte ihnen dafür die nöthigſten Bücher an. Nun aber erhob ſich der Reid der Uebriggebliebenen, und die El⸗ tern miſchten ihre Stimmen darein; man ſchalt die Vertheilung ungerecht, und begab ſich deshalb zu mir, um auf einen gleichen Antheil an der Schenkung zu dringen. Ich hatte eben einen Streit der Art geſchlichtet, als Sie unter uns traten. Ihre Güte beſchämte die Unwürdigen, und verſchloß ihnen den Mund, durch das Gefühl ihres Unrechts, daher die Verlegenheit, die Sie bemerkt haben werden.“ „Das iſt ſehr traurig!““ ſeufzte ich aus be⸗ trübter Seele:„„Alſo kann auch der gute Wille bisweilen Unheil anrichten und Aergerniß geben, ſtatt Frende? O, lieber Herr Superintendent, lehren Sie mich, wie ich es anfangen möge, dem Triebe meines Herzens zu folgen, vohne dabei Ge⸗ fahr zu laufen, eine Menſchen⸗Seele damit zu be⸗ trüben!““ Ich mußte bei dieſen Worten wohl traurig ausſehen, denn Norden ſah mit einem Blick voll Mitleid auf mich herab. 2 „Es iſt ſchön“, begann er nach kurzem Nach⸗ denken:„bei jeder Handlung einen allgemeinnützi⸗ Angela Il. 3 gen Zweck im Auge zu haben. Vollbrachten Sie bisher das Gute aus reinem Herzens⸗Triebe, was an ſich ſelbſt ſchon höchſt löblich iſt, ſo würde es Sie noch ſchöner erheben, eine edle Abſicht damit zu verbinden! Auch geringe Kräfte vermögen oft thätig in das große Ganze einzugreifen, und kleine Mittel haben oft hohe Wirkungen hervorgebracht! Wollen Sie es verſuchen, zur Veredelung unſerer Jugend beizutragen, mitzuwirken an der ſittlichen Bildung Ihrer Unterthanen?“ „„Wenn das nur in meinen Kräften ſteht!““ antwortete ich ſchüchtern. „Schränken Sie Ihre Wohlthaten für den Au⸗ genblick ein“,— fuhr er mit ſanfter Simme fort: „Verwöhnen Sie dieſe an geringe Bedürfniſſe ge⸗ wöhnte Klaſſe nicht mit Gaben, die, wie ſie Ih⸗ rem mitleidigen Herzen auch nothwendig erſcheinen, doch leicht entbehrlich ſind, und nur zu neuen Wün⸗ ſchen und Forderungen verführen. Beſtimmen Sie lieber die Summe, die Ihnen zu Gebote ſteht, zu einer jährlichen Schenkung, die als Belohnung de⸗ nen anheimfalle, die ſich durch Fleiß, Sittlichkeit und Gefälligkeit ausgezeichnet haben. Laſſen Sie den fleißigſten Schüler, das biederſte Mädchen ſich Ihrer Anerkennung, Ihrer Belohnung erfreuen! Laſſen Sie ihre Kräfte angeregt werden durch das Beſtreben, den ehrenden Preis zu verdienen, und — Sie werden in kurzer Zeit die würdigſten Früchte Ihrer Mildthätigkeit einerndten.“ Wie ein lichter Strahl ſank dieſe Vorſtellung in meine Seele.„„Ja, Sie haben Recht!““ vief ich begeiſtert:„Das iſt viel ſchöner als Alles, was ich bisher dachte und that! Laſſen Sie mich dieſen Plan näher beſchauen, und ſorgen Sie mit mir für ſein Gedeihen.““— Rorden ſetzte mir nun⸗ mehr ſeine Meinungen und Anſichten auseinander, und lehrte mich die nützlichen Folgen dieſes Unter⸗ nehmens immer klarer und freier überſchauen.— Ich beſchloß, meinen Vater für unſern Plan zu gewinnen, und habe nun ſchon das Vergnügen ſei⸗ ner Einwilligung, und was noch mehr iſt, ſeiner thätigen Unterſtützung gewiß zu ſein. Rordens Be⸗ urtheilung wurde es überlaſſen, diejenigen Perſonen zu wählen, die auf das Betragen der Jugend ein wachſames Auge haben, und über ihren Werth oder Unwerth entſcheiden ſollen. Die Würdigſte der jungen Bäuerinnen erhält an dem zur Wahl be⸗ ſtimmten Tage eine Prämie, wymit ihr ein beden⸗ tendes Geſchenk an Gelde anheimfällt; der fleißig⸗ ſte Schüler aber aus einer jeden Klaſſe wird an demſelben Tage neu bekleidet, und durch irgend ein Ehrenzeichen vor den Andern ausgezeichnet. Die Bekanntmachung dieſes jährlichen Feſtes und der damit verbundenen Forderung iſt bereits geſchehen. 3* 52 Die Vorſteher oder Sittenrichter ſind unter den würdigſten Altvätern gewählt, und ich ſehe mit Vergnügen dem Erfolge dieſes Unternehmens ent⸗ gegen. O, wie glücklich wird Ihre Angela ſich fühlen, wenn der Segen des Gelingens ihren guten Wil⸗ len krönt. Aber war es denn mein Einfall? War er es nicht, dem aller Dank, aller Segen gebührt? —————— Etliche Stunden ſpäter. Welch' ſchönes Geſpräch habe ich belauſcht, Richardis! Welch' einen gütigen Vater hat Ihre Angela, und welchen Lehrer wird ſie bekommen! Hören Sie, Geliebte, und beneiden Sie Ihre Freundin! Als ich obige Zeilen ſchloß, hörte ich Nordens Stimme im Rebenzimmer. Mein Vater war mit ihm im Geſpräch eingetreten, und wußte nicht, daß ſeine Tochter die Zeugin folgender Unterre⸗ dung werden ſollte. Beide ließen ſich auf dem Sopha nieder, nahe an der Glasthüre, die in mein Kabinet führt. Ich konnte jedes Wort ver⸗ ſtehen. „ — 53— „Sehen Sie, Herr Superintendent“, begann mein Vater:„mein Kind iſt nicht ohne Anlagen! Es bedarf, wie ich ſagte, nur einer vorſichtigen, geſchickten Hand, dieſe Fähigkeiten zu leiten und zu entwickeln. Es ſchmerzt mich, daß ich das Ge⸗ ſchäft nicht ſelbſt übernehmen kann! Meine Er⸗ ziehung und ſpätern Verhältniſſe waren ſtets mehr geeignet, meine Aufmerkſamkeit der Außenwelt zuzulenken, als ſie der Beſchauung des inneren Menſchen zuzukehren, daher blieben mir die Wun⸗ der der Phantaſie, die mannichfaltigen Bewegun⸗ gen und Verkettungen der unſichtbaren Welt in der Menſchenbruſt fremd und unbekannt. Nun ſcheint mir aber die geiſtige Beſchaffenheit meiner Tochter gerade dieſe Kenntniſſe vor allen zu for⸗ dern, um ihre Kräfte gehörig zu würdigen und auszubilden, und ich ſehe mich genöthiget, noch einen väterlichen Freund für ſie zu ſuchen, der ihr mehr als Lehrer ſei, das heißt, der ihr Ge⸗ müth mit den Augen der Theilnahme ſtudiert, und alsdann nach der Nahrung forſcht, die ihm am gedeihlichſten ſein möchte!“— Norden faltete ein Papier zuſammen, das er in der Hand hielt, und, es meinem Vater überreichend, begann er:„Die Natur erzieht ihre Lieblinge von ſelbſt, Herr Graf! Ich weiß nicht, vb das Einmiſchen fremder Hand in die zarte Harmonie einer ſo from⸗ men kindlichen Seele nicht eher ſtörend als wohlthätig ſein möchte! Nur für das Herz einer Mutter dürf⸗ te dieſes Geſchäft taugen; wir Männer ſind oft zu rauh und heftig, um ein ſo feines Saitenſpiel 2 ne Furcht berühren zu können!““— „Ich ſollte meinen“, entgegnete mein Vater: „daß Sie, mein Freund, vor Allen geeignet wären, mir hier thätig zur Seite zu ſtehen. Sie haben ſich viel mit ernſtem Rachdenken, viel mit dem Studium des Schönen beſchäftigt,— Ihnen war das Menſchen⸗ herz ſtets ein Gegenſtand ſorglicher Beobachtung; wie ſollten Ihnen die Mittel verborgen bleiben, es mit ſeiner eigenthümlichen Sphäre inniger zu vertrauen. Sie vor Allen vermögen meiner Tochter jene äſthe⸗ tiſche Bildung zu geben, die ihre Anlagen zu for⸗ dern ſcheinen; unter Ihrer Aufſicht würden ihr un⸗ ſere literariſchen Schätze zu wahren Capitalien wer⸗ den, die in der Folge die herrlichſten Zinſen brin⸗ gen könnten. Ich habe großes Vertrauen zu Ih⸗ nen, lieber Norden, und kann es wohl nicht beſſer beweiſen, als daß ich mein einziges Kind Ihrer Leitung anzuvertrauen wünſche. Angela iſt nicht ohne Talente; helfen Sie mir ſolche prüfen; rathen Sie mir, welche Lehrer ich ihr geben, welche Schu⸗ len ich ihr vorſchreiben ſoll. Muſik, Malerei, Poe⸗ ſie, alles bilde ſie aus, damit ſie meiner Erziehung —.— Ehre mache, und in keiner Art den Damen der Re⸗ ſidenz nachſtehe.“ „„Mir däucht, Herr Graf““, entgegnete Ror⸗ den,„„man ſollte dieſe Blüthen, deren Vervoll⸗ kommnung viele Kräfte erfordert, nicht eher her⸗ vorlocken und begünſtigen, bis die junge Pflanze erſt recht feſt gewurzelt iſt in dem Boden, der ſie das ganze Leben halten und tragen ſoll. Dieſer Boden iſt die Erkenntniß der höchſten Wahrheiten, oder das religiöſe Gefühl, welches erſt zur unum⸗ ſtößlichen Baſis werden muß, bevor Sie auf jenen Schmuck bedacht ſein dürfen, der nur zu vft frü⸗ her erblüht, als es dem Gedeihen der Pflanze nach zu wünſchen wäre. Glauben Sie, mein theurer Freund, es würde vieles im Leben beſſer ſtehen, wenn wir mehr dazu angehalten würden, das Gu⸗ te aus ernſter, wahrer Erkenntniß, als aus äſthe⸗ tiſchem Gefühl zu lieben und zu vollbringen. Die religiöſe Kraft iſt die dauerndſte im Leben. Der Schönheitsſinn, ſo ſehr er gepflanzt und veredelt werde, reicht oft nicht hin, bei den labyrinthiſchen Verkettungen des Lebens unſern Geiſt ſtets auf richtigem Pfade zu erhalten; daher muß jene, als ſicherſter Grundpfeiler der Moral, von dieſem be⸗ gründet und befeſtigt werden, damit nicht die Sin⸗ ne, ſondern der Geiſt die herrſchende Gewalt bleibe im Leben.““ — „Nun wohlan, Herr Superintendent“, ent⸗ gegnete mein Vater:„ſo vollenden Sie erſt den Religionsunterricht meiner Tochter; prüfen Sie ih⸗ re Grundſätze, ſchärfen Sie ihren Blick für die Grundwahrheiten unſeres Glaubens, und dann laſ⸗ ſen Sie uns über ihre weitere Ausbildung nach⸗ denken. Ich weiß, Sie verſagen mir Ihren Bei⸗ ſtand nicht. Angela hat große Hochachtung für Sie, und das läßt mich um ſo mehr auf einen günſtigen Erfolg hoffen, da ich von ihrem früheren Unter⸗ richt her weiß, daß es nur denen gelang, auf ihr Gemüth einzuwirken, zu denen ſie ſich durch per⸗ ſönliche Achtung gezogen fühlte.“— Norden ver⸗ beugte ſich gegen meinen Vater.— Ich erröthete über die Worte meines Vaters, und zog mich be⸗ ſchämt in den tiefſten Hintergrund des Kabinets zurück. Kurz darauf hörte ich den Superintenden⸗ ten abrufen, worauf mein Vater mit ihm zugleich das Zimmer verließ. Ich holte einen langen Athem⸗ zug; das ſtille Lauſchen hatte meine Bruſt beklemmt, ich trat an's Fenſter, und blickte mit einem ſelt⸗ ſam gemiſchten Gefühl in die Ferne hinaus. Als ich aus dem Kabinet trat, fand ich auf dem So⸗ pha das Papier, das ich vorher in Nordens Hän⸗ den geſehen hatte. Ich erſchrack, als ich es aus⸗ einanderfaltete; es war, denken Sie nur, liebe Richardis, es war meine eigene Handſchrift, ein 1 —. kleines Gedicht, welches ich einſt in einer einſamen Stunde niederſchrieb. Wie kam es in meines Va⸗ ters Hand? Ich hatte ihm bis jetzt jeden Verſuch der Art aus Schüchternheit verſchwiegen,— jetzt war mein Geheimniß verrathen, und auch Rorden wußte darum. Dieſes alſo war es, was meinen Vater zu jenen Hoffnungen berechtigte? O Him⸗ mel! mußten denn erſt jene unbedeutenden Verſe der Schlüſſel werden zu der Seele ſeiner Tochter? Liegt nicht mein ganzes Weſen klar und offen vor ſeinen Blicken? Welches Verdienſt könnte er mir zugeſtehen, wenn das Herz ſeiner Tochter nicht vor allen die Tugenden der Freimüthigkeit und Aufrich⸗ tigkeit übte, wenn nicht meinem Vater von nun an meine ganze Liebe, mein ganzes Vertrauen ge⸗ hörte? Ja, ich will an ſeine Bruſt fliegen, ihm ſagen, daß ich ſeine Worte gehört, ſeine Güte in tiefſter Seele empfunden habe! Nichts, nichts will ich ihm fortan verſchweigen, dem beſten, dem zärt⸗ lichſten der Väter! O, Richardis, wie reich hat mich dieſe Stunde gemacht!— Sechsundvierzigſter Brief. Norden an Walter. Breiſach, im October 13**. Jo, mein Freund, ich weiß jetzt, daß ich gänzlich geneſen werde! Ich habe es an Maoriens Grabe erfahren. Alle Quellen des inneren Lebens, lange zuſammengepreßt von dem Krampf erkrankter Ein⸗ bildung, zerrütteten Vertrauens, verſchüttet von den unſeligen Ereigniſſen jener Tage, brachen all⸗ mählich wieder aus ihrer Tiefe hervor, als ich an dem Hügel ſtand, der ſie umſchließt.— Tieſe Stille war um mich her; die Häupter der Tannen, die dieſe Stelle bezeichnen, beſprachen ſich leiſ' und geiſterähnlich mit einander, ich glaubte eine Stim⸗ me von oben zu vernehmen, die meinem Herzen wohlthat. Verzeihung jedem Irrthum der Vergan⸗ genheit! ſprach es in mir,— da rang ſich ein Seufzer aus meiner Bruſt los, jene Worte wur⸗ den zum Gebet, das nicht mehr Marien, das mir — —.—— —— galt.— O, Walter, ich bin krank, ſehr krank ge⸗ weſen! Erſt jetzt, da meine Bruſt freier athmet, durchblicke ich klar jenen unglückſeligen Zuſtand. Weit hatte mich der Wahnſinn gekränkter Liebe, gereizten Stolzes getrieben, weit hinweg von dem freundlichen Hirten, deſſen Fußtapfen wir nach⸗ folgen ſollen!— Nur Gott kennt die Leiden jener Zeit! mein geiſtzerſtörendes Forſchen, das ſich in die Labyrinthe des Mißtrauens verlor,— mein Schwanken zwiſchen Liebe und Zweifel, aus denen ich keinen Ausweg fand, als den zu meinem jetzi⸗ gen Elend!— Gott überſchauet dies Alles, und wird den Kranken nicht allzuſtreng richten, der im fieberhaften Wahne ſich in dem Mittel vergriff, um den Seelenzuſtand zweier Verirrten zu heilen! — O, könnte ich doch Allen zurufen: hinweg mit dem ängſtlichgrübelnden Verſtande, hinweg mit dem künſtelnden Scharfſinne, wo das Herz allein eine Stimme haben ſollte.— Aber dies Herz war er⸗ kaltet, das war die Wurzel des Uebels! Gott hat es erſt jetzt wieder geweckt, da ich an dem Grab⸗ bügel ſtand, in den meine Härte die Unglückliche hinab verwies.— Wohin nun mit dem reichen innern Leben?— Wohin mit dem neuerweckten Frühling meines Her⸗ zens?— Kein liebes Haupt an meiner Seite, auf — 60— — O, führe ihn ſchnell zu mir, Freund meiner Seele! verweigere mir ihn nicht! Er iſt das ein⸗ zige Gut, das mir geblieben iſt! Dieſes Kinder⸗ herz ſoll der Altar ſein, auf den ich den langver⸗ weigerten Zoll der Ratur abtragen will! Der Al⸗ tar, an dem mir Erhörung werden wird, wenn meine Seele ſich nach himmliſchem Troſte ſehnt.— Wie mir dieſe Gemächer alle ſo weit, ſo dü⸗ ſter, ſo öde ſind, in denen das häusliche Glück einſt ſeinen Tempel hatte!— Meine Papiere, meine Bücher, all die treuen Freunde meiner Ein⸗ ſamkeit ſind mit Staub bedeckt, wie Alles, was ich liebte!— Begraben iſt, was mir einſt Freude ge⸗ bracht, nur ich bin auferſtanden aus dem ſchweren Traum, und wandere geſpenſtiſch unter den Trüm⸗ mern einer abgeblüheten Vergangenheit umher! 1 Ein unendliches Weh iſt in mein innerſtes Leben 1. gekommen, ein tiefer, namenloſer Schmerz.— Aber wie däs Leben des Körpers gerettet iſt, wenn der fühlloſe Zuſtand vorüber, und er fähig iſt, ſei⸗ Schinerzen, ſeine Krankheit zu empfinden, ſo hofft auch meine Seele in ihren Leiden, daß ſie auf dem Wege der Heilung, der Beſſerung ſei! Die Thätigkeit, die mauche zurückgelaſſene Ar⸗ beit, manche Unordnung, die während meiner Ab⸗ weſenheit ſich in den Kreis meines Wirkens ein⸗ geſchlichen hat, von mir fordert, wird mir in mei⸗ ——————— nem jetzigem Zuſtande zu der wohlthuendſten Zer⸗ ſtreuung. Ich reiße mich, ſo viel ich kann, von der Ein⸗ ſamkeit los, und gewinne durch die raſtloſe Bewe⸗ gung meiner geiſtigen und körperlichen Kräfte täg⸗ lich an Geſundheit wie an Freiheit der Seele! Graf Domelli verlangt meine Geſellſchaft für die Stunden, die ihm von ſeinen wirthſchaftlichen Geſchäften übrig bleiben; ich verſage ſie ihm nicht, indem die Verſchiedenheit unſerer Charaktere und unſerer Neigungen mich ſtets auf fremde Gegen⸗ ſtände leitet, die meinen Geiſt aus ſich herausfüh⸗ ren, ja oft ſichtlich erheitern. Er iſt ſich, wie ich glaube, dieſes wohlthätigen Einfluſſes auf mich be⸗ wußt, und ſcheint mich deshalb lieb zu gewinnen, wie es oft der Fall iſt, daß die Freude über die Wirkung eigener Geiſteskraft ſich zum Wohlwollen gegen die Perſon verwandelt, die unter ihrer Aus⸗ ſtrömung gedeiht; ſo auch mag ich mir das Ver⸗ trauen erklären, das er mir beweiſt, indem er mir die fernere Erziehung ſeiner Tochter allein überge⸗ ben will. Es iſt dies ein bedenkliches Geſchäft, ſo ſüße Belohnung das Fortſchreiten eines von der Natur ſo begünſtigten Geſchöpfs auch für den Leh⸗ rer ſein muß. Meine Anſichten ſind, wie Du weiſt, in mancher Hinſicht ſehr ſtreng und ernſt, und das Weib braucht ſtets mehr Güte als Strenge im Leben. Darf ich es alſo wohl wagen, zu dieſem Herzen zu ſprechen, ohne fürchten zu müſſen, ihm unbewußt die Härte meines Charakters mitzuthei⸗ len? Ein Gemüth wie dieſes, voll Liebe, Milde und Vertrauen, wer kann es zu bilden verſuchen, ohne zu befürchten, einen trübenden Hauch über den Kryſtallſpiegel ſeiner unſchuldigen Vorſtellun⸗ gen zu werfen? Wer kann es beobachten, ohne zu zittern vor der erſten unſanften Berührung des Lebens? Und doch,— denke ich dies ſanfte Geſchpf in einer fremdern, vielleicht noch rauhern Hand,— und das würde der Fall ſein, wenn ich mich wei⸗ gere, des Grafen Wunſch zu erfüllen, ſo drängt es mich, ihr die Hand zu reichen, ſo ſteht es feſt in meiner Seele, ihr Schutz, ihr Beiſtand zu ſein ſo viel ich vermag, gegen fremdes Andrägen und fremden Unterricht. Es liegt etwas ſehr Seltſames in der Men⸗ ſchenbruſt. Wir mißtrauen oft ſo lange der eige⸗ nen Kraft, und zögern zu handeln, bis wir uns im Vergleich mit Andern ermuthigen, und zur An⸗ erkennung unſerer ſelbſt, und zum Entſchluß ge⸗ langen! Ich beſinne mich ſehr wohl, daß dieſe Ei⸗ genheit ſich in die früheſten Jahre meiner Kindheit verliert, und alſo aufs innigſte mit meinem Weſen 1 1 derwebt iſl⸗ — —— —— Ich fühlte nie deutlicher, was ich war und leiſten konnte, als bis ein Anderer eine Aufgabe, die mir ſchwer wurde, übernehmen wollte. Dann ließ ein heimlicher Ehrgeiz, der früh in meinem Buſen gepflegt wurde, meine Kräfte erwachen; mein Stolz erhob mich in ſolchen Augenblicken über mich ſelbſt, ich überwand die Schwierigkeiten, die mich zuerſt geſchreckt hatten, und legte, belohnt durch das Vollbringen ſelbſt, die Kränze freundli⸗ cher Anerkennung gleichgültig zu den übrigen Zei⸗ chen verdienten Beifalls. Dieſe Eigenthümlichkeit meines Weſens, ſo gerechten Tadel ſie an ſich ſelbſt verdient, wurde dennoch nicht umſſonſt in meine Seele gelegt. Sie iſt eine Triebfeder in des Mannes Bruſt, die, von höherer Hand gelenkt, ihn zu dem Wahren und Guten emporhebt, bis er dieſes um der eige⸗ nen Schönheit willen lieben lernt. Bei dem Wei⸗ be wirkt dieſes vft die Liebe. Beide Kräfte ſind ihrer Natur nach irdiſch, aber ſie können dem Gött⸗ lichen in uns dienen, und hierdurch erlangen ſie eine Verklärung, die das Irdiſche überdauert. Ich werde meinem Sohne dieſe Schwingen nicht beſchneiden, aber ich werde ihren Flug rich⸗ ten, und ſeinen Augen das rechte Ziel zeigen. — Oft überkömmt mich eine ſchmerzliche Sehn⸗ ſucht nach dem Kinde! O, daß Du ihn bald an meine Vaterbruſt legen, und mit ihm zugleich den langentbehrten Freund meiner Seele mir wieder⸗ geben möchteſt! Lebe wohl! Siebenundvierzigſter Brief. Hermine von Domikowsky an die Baroneß Benting. „im October 18*. Ich erfahre eben, daß Bören Ihnen unſere Ver⸗ lobung melden will, und eile, mich, als rühmliches Seitenſtück, dem ernſten Correſpondenten gegen⸗ über zu ſetzen, um Ihren letzten Brief zu beant⸗ worten.— Wie der neugierige Mann herüber⸗ ſchielt!— Aber— Geduld, mein Freund! noch ſind Sie über dieſe Hand nicht Gebieter, folglich auch nicht über ihre Schriftzüge!— Wie freut es mich, Geliebte! von Ihrer bei⸗ derſeitigen Zufriedenheit ſo erfreuliche Rachricht zu haben. Wie muß ich Sie loben, daß Sie anfan⸗ gen, das Vergnügen des Barvns an geſelligem Umgang, an heiteren Zerſtreuungen zu theilen. Sie haben, das glauben Sie mir, liebe Benting! den beſten, den ſicherſten Weg zu Ihrem Glück eingeſchlagen. Man kann ſehr gut, ſehr tugendhaft, ſehr liebenswürdig ſein, und doch nicht immer die Zufriedenheit derer erhalten, mit denen wir zu le⸗ ben verbunden ſind, wenn wir uns nicht vor Al⸗ lem gewöhnen, in ihre Charaktere wie in ihre Be⸗ dürfniſſe einzugehen, und ihre Neigungen zu den unſern zu machen. Die Sphäre, in der Sie bei⸗ de lebten, war bisher gänzlich getrennt. Sie be⸗ mühten ſich mit der ſtrengſten Gewiſſenhaftigkeit all die Pflichten einer ſorgſamen Hausfrau und Mutter zu erfüllen, indeß Ihr Gemahl eine fröh⸗ liche theilnehmende Gefährtin verlangte, die ſein Intereſſe an den Genüſſen des Lebens zu theilen verſtünde. Seine Forderungen waren nicht unge⸗ recht, denn ſie waren in ſeinem lebensfrohen Herzen bedingt. Er hätte Ihnen weit eher eine kleine Ver⸗ nachläſſigung Ihres Hausweſens verziehen, als die Ruhe, mit der Sie ihn einſam ſeine Bahn verfol⸗ gen ließen, ohne ſich aus Ihrem ſtrenggeregelten Syſtem herauszubewegen. Jetzt ſind Sie durch ei⸗ gene Bemerkungen aufmerkſam gemacht, zu einer tiefern Kenntniß ſeines Gemüthes und Ihres eige⸗ nen Nutzens gekommen, Sie ſind vielleicht weniger gewiſſenhafte Hausfrau, aber eine glücklichere Gat⸗ tin geworden, und ärndten, indem Sie auf die Saat ſeiner Freuden bedacht ſind, die Früchte dankbarer Zärtlichkeit, weil Sie ſich herabließen, die geiſtigen Bedürfniſſe Ihres Gatten zu ſtudieren! — Glauben Sie mir, Geliebte! die Männer ſind in der Regel viel gerechter gegen die Tugenden der Freundlichkeit, der Anmuth, der Huld, als ſie es gegen die ehrwürdigen Tugenden frommer Ent⸗ ſagung und ſtiller Häuslichkeit ſind. Wir ſehen nicht ſelten Frauen, die ſich zu Sclavinnen des Fleißes, der Ordnung machen, ohne für die Hin⸗ vpferung eigener Frenden, durch eine höhere An⸗ erkennung belohnt zu werden, ja man erlebt es wohl, daß ſie nicht ſelten jenen Opfern beigeſellt, und verlaſſen und vergeſſen werden. Andere hin⸗ gegen, die ſich einige Freiheit zu erhalten wußten, ſind nicht ſelten die angebeteten Königinnen ihres Hauſes.— Man muß ſeinen Vortheil nie aus der Hand geben, ſelbſt in der Liebe nicht. Einige Furcht, einige Ungewißheit ſind dieſer gar zuträg⸗ liche Arzeneien, weil allzugroße Sicherheit ſich zu⸗ letzt in Gleichgültigkeit verliert. „Sie haben viel über dieſen Punkt nachge⸗ dacht, Hermine!“ hör' ich Sie ſagen. Nachgedacht nicht, liebe Benting! Das Leben hat mir dieſe Bemerkungen aufgedrungen, und zehn⸗ fach beſtätigt. Ich habe daraus Lehren gezogen, von deren Benutzung ich mir die glücklichſte Ehe verſpreche, und die ich ehrlich zu befolgen entſchloſ⸗ ſen bin. Schon jetzt verſuche ich bisweilen eine Probe mit dem Mann, für deſſen Wohlfahrt ich —— durch's ganze Leben zu ſorgen verpflichtet bin, und ſehe durch den beſten Erfolg meine Anſichten be⸗ ſtätigt. Eine vorüberziehende Wolke läßt den Spnnenſchein doppelt ſchätzen, warum ſollte uns die Natur dieſen Wink umſonſt gegeben haben?— Was meinen pſychologiſchen Verſuchen noch einige Grenzen ſetzt, iſt die Gegenwart der Frau von Bören, ſie könnte leicht darinnen einen Mangel an Neigung zu entdecken glauben, und ihr frühe⸗ res Vorurtheil gegen mich auf's Neue annehmen. O, ſie iſt eine gute, herrliche Frau, und von mir hochgeehrt; Sie ſollten ſehen, mit welcher Güte ſie meine geringen Vorzüge und Talente in den Augen ihrer Freunde geltend macht, wie ſie ihre gute Meinung von mir Allen denen beizubringen ſucht, die mit ihr in Verbindung ſtehen.— Die ganze Rachbarſchaft iſt bereits mit unſern Beſuchen heimgeſucht worden, wobei ich ſtets in vollem Glan⸗ ze erſcheinen muß. Sie glauben nicht, wie wohl⸗ thuend die mütterliche Zärtlichkeit iſt! Ein Lob von ihr hat doppelten Werth, weil es ſtets aus wahrer Ueberzeugung hervorgeht, und gewiſſenhaft dargebracht wird. Ihr Sohn möchte ſich daran ein Beiſpiel nehmen, denn er wird mich durch ſeine allzugroße Bewunderung noch am Ende zu einem verwöhnten, ungezogenen Kinde, und ſich ſelbſt ſchlimmes Spiel machen. Aber dieſer klnge Einfall muß ihm von ſelbſt kommen, wenn er Gutes wir⸗ ken foll. Fremder Rath käme mir höchſt ungele⸗ gen, indem ich ohnedies fürchte, daß ſich dieſe fei⸗ nen Artigkeiten mit der Zeit nur zu geſchwind ge⸗ ben werden, wie es ſo oft geſchieht, wenn der Liebhaber ſein Flitterkleid ausgezogen, und ſich in den bequemen Hausüberrock geworfen hat. O, liebe, gute Benting, an welchem gefähr⸗ lichen Scheidewege ſteht Ihre Hermine! Wenn Sie von Ihrer Reiſe nach Berlin zurückgekehrt ſind, bin ich, aller Wahrſcheinlichkeit nach, ſchon ver⸗ mählt, und vielleicht um manche Erfahrung rei⸗ cher! Es wird mich ewig dauern, Sie nicht an meinem Hochzeittage zur Seite haben zu können! Der böſe, böſe Baron! Welche ſeltſame Grille treibt ihn an, ſich zu einer Zeit von uns zu ent⸗ fernen, wo er der Einladung zu einem ſo nahen Familienfeſt gewiß ſein konnte. Denken Sie, Ge⸗ liebte, meiner wenigſtens an meinem Ehrentage, und ſagen Sie meinem zukünftigen Herrn Cvuſin, daß ich, trotz ſeines fatalen Reiſeplans, mit dem Ge⸗ fühl des Friedens und des beſten, redlichſten Wil⸗ lens in den Kreis einer ſo geachteten Familie zu treten gedenke. Achtundvierzigſter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Richardis. Breiſach, im October 18**. Wir hatten geſtern die Freude, unſere Hermine als Frau von Bören in unſere Arme zu ſchließen. Sie ſprach, bei ihrer Durchreiſe mit ihrem Gemahl, bei uns ein, und überraſchte uns auf's Angenehm⸗ ſte durch ihren Beſuch⸗ Sie iſt wo möglich noch ſchöner geworden, und das Glück unverkennbarer Zufriedenheit leuchtet aus ihren klaren, lebendigen Augen hervor. Ich flog ihr mit voffenen Armen entgegen; die Theilnahme an ihrem Glück hatte mich gerührt, Freudenthränen floſſen mir die Wan⸗ gen herab, ſie ſah es, und küßte mich mit inniger Zärtlichkeit. Mein Vater konnte ebenfalls ſeine Freude nicht verbergen, er wollte ſogleich einen Aufenthalt von mehreren Tagen bedingen, und war ſehr unzufrieden, daß Börens beendeter Urlaub ſeine Hoffnung vereitelte; ein Tag wurde unſern — 4 ——— Bitten gewährt, und in dieſem theilten ſich ſo vie⸗ le Anſprüche, daß mir von der holden Hermine kaum mehr als der Anblick ihres ſchönen Geſichts, und die Theilnahme an dem allgemeinen Geſpräch zu Theil wurde. Alle unſere Hausfreunde, die ſeit Herminens Abſchied uns vergeſſen zu haben ſchie⸗ nen, trafen, wie durch einen Zauberſchlag hervor⸗ gerufen, den folgenden Tag bei uns ein, überhäuf⸗ ten das junge Paar mit Glückwünſchen aller Art, und baten um die Erlaubniß, ihnen gelegentlich in der Reſidenz ihre Aufwartung machen zu dürfen. Hermine blickte mit dem Anſtande einer huldreichen Königin in dem Kreiſe ihrer Verehrer umher, und wuſte jedem auf die angenehmſte Weiſe zu danken. Perr von Bören, der einen Beſuch bei Norden abgeſtattet hatte, kehrte, von dieſem begleitet, zu uns zurück. Norden begrüßte Herminen auf eine achtungsvolle Weiſe, und wurde von ihr mit aus⸗ gezeichneter Hochachtung empfangen. Fortan war ihre Rede faſt ausſchließlich ihm zugewendet, und da der Geiſt ſeiner Unterhaltung faſt immer der ſiegendſte iſt, ſo milderte ſich ihre allzugroße Leb⸗ haftigkeit, von dem Ernſt ſeines Weſens berührt, zu einer ſo lieblichen Heiterkeit, daß ich mit Ent⸗ zücken ihren Worten lauſchte, und mich an dem Einfluß ergötzte, den wahre männliche Würde ſtets auf ein weibliches Gemüth üben wird. Bören beachtet die Winke ſeiner Frau mit der ehrerbie⸗ tigſten Zärtlichkeit. Sein Antlitz iſt ſtets der Wie⸗ derſchein des ihren, und der Wunſch unverkennbar darauf geſchrieben, ihr ſtets zu gefallen. Als ſie uns verlaſſen hatten, bemerkte Norden gegen mei⸗ nen Vater, er befürchte viel wegen der zu großen Güte Börens. Ein Weſen, wie Hermine, meinte er, müſſe nie die volle Gewalt eigener Liebens⸗ würdigkeit kennen lernen, um in den Schranken weiblicher Beſcheidenheit zu bleiben. Eine zu ſicht⸗ liche Bewunderung ſchwäche die Achtung gegen den, der ſie darbrächte, und verringere bei ſolchen Cha⸗ rakteren nicht ſelten die Neigung, welches bei Her⸗ minen doppelt zu fürchten wäre. Nordens Bemerkung konnte im Allgemeinen wohl richtig ſein, aber er kam mir in dieſem Au⸗ genblicke ungerecht gegen Herminen vor, was mich betroffen machte. Ich fange an zu glauben, Nor⸗ den habe überhaupt keine vortheilhafte Meinung von unſerm Geſchlecht. Oft, wenn er mich von Herminen und andern Damen meiner Bekannt⸗ ſchaft mit der mir eigenen Herzlichkeit ſprechen hör⸗ te, lächelte er mit einer Art wehmüthiger Rührung, ſagte auch wohl hier und da ein Wort, das mit meiner Meinung übereinſtimmen ſollte, das aber gar nicht ſo klang, als ginge es aus ſeiner Ueber⸗ zeugung hervor. — — — Einige Stunden ſpäter. Laſſen Sie mich, ehe ich zur Ruhe gehe, Ih⸗ nen noch die Begebenheiten der letzten Stunden erzählen. O, liebe Richardis, ich bin Augenzenge der rührendſten Scene geweſen! Nordens Freund aus der Reſidenz iſt gekommen, er brachte ihm ſein Kind, nach dem er ſo ſehnlich verlangte.— Ich machte gegen Abend mit dem Vater einen Spazier⸗ gang durch's Dorf, da ſahen wir einen Wagen vor der Wohnung des Superintendenten halten. Ein ältlicher Mann lag in Nordens Armen„ein ſchönes iunges Mädchen ſtand, den Knaben an der Hand, ihm zur Seite. Norden eilte auf uns zu, und bat uns, ſeine Freude zu theilen. Wir kamen heran, und begrüßten die Fremden. Der Kleine, ein Knabe von vier Jahren, verbarg ſich mit ſchüchter⸗ ner Zärtlichkeit an der Bruſt ſeines Vaters. Es iſt in der That ein lieblicher Knäbe mit einem wahren Frühlingsgeſicht, und herunterwallenden blonden Locken. Thereſe, ſo iſt der Name des jungen Mädchens, das ihn berbegleitete, hat, wie ich erfuhr, das Kind während der letzten Zeit in ihrer Aufſicht gehabt, daher iſt es auch gänzlich an ſie gewöhnt. Ich verſuchte es, den Kleinen zu mir Angela II. 4 — 5— zu locken, doch er verbarg ſein Geſicht mit furcht⸗ ſamer Schen in dem Kleide ſeiner Gouvernante, und wagte nur dann und wann, wenn er ſich nicht beachtet glaubte, einen ſchüchternen Blick hervor. Norden hatte meinen Vater und den Fremden in⸗ deß in ſein Zimmer geführt, und ließ uns einla⸗ den, von der Geſellſchaft zu ſein; allein der Abend war ſo ſchön, daß ich lieber dem Wunſche There⸗ ſens entgegenkam, ſie ein wenig mit unſerer Ge⸗ gend bekannt zu machen. Wir gingen, den Kna⸗ ben in unſerer Mitte, das Dorf entlang, und be⸗ ſtiegen dann einen nahgelegenen Hügel, um die ganze Landſchaft mit Einemmale zu überſchauen. Wir waren bald im Geſpräch; Thereſe erzählte mir von ihrer Lage, und von ihrem Schmerz, von ei⸗ ner geliebten Mutter entfernt leben zu müſſen. Aus allen ihren Worten ſprach ein ſo gutes, liebe⸗ volles Herz, daß ich mich mit jedem Augenblick ihr vertrauter fühlte, und heimlich wünſchte, das ſanf⸗ te Weſen in meiner Nähe haben zu können.— Das Kind iſt ihr ſichtlich zugethan, und wird von ihr auf das zärtlichſte geliebt. Sie bat mich, wenn es meine Zeit erlaube, doch bisweilen ein ſorgli⸗ ches Auge auf den Kleinen zu haben. Ich ver⸗ ſprach es ihr, und hätte es auch wohl ohne ihre Fürbitte gethan. Ein Kind, das keine Mutter hat, bedarf ſtets einer liebevollen Beachtung, wie —„ —„ ſollte der Sohn eines ſo edeln Mannes mir gleich⸗ gültig ſein! Als wir zurückgekehrt waren, ſahen wir uns wegen des Knaben genöthiget, die Herren aufzu⸗ ſuchen. Ich trat zum Erſtenmal in das Zimmer, das Rorden bewohnt. Er kam uns entgegen, und bat uns, an der Abendgeſellſchaft Theil zu nehmen. Eine ſchöne Heiterkeit ſtrahlte von ſeiner Stirn, ſein ganzes Weſen ſchien umgewandelt, ſeine Be⸗ wegungen waren raſcher, lebendiger,— ſeine Un⸗ terhaltung athmete eine Innigkeit, die oft an Rüh⸗ rung grenzte, und die ſeinem ſonſt ſo ernſten Ge⸗ ſicht einen milden liebevollen Ausdruck gab. Er ſtellte mir ſeinen Jugendfreund, Herrn Walter, vor; ich hatte ſchon von ihm viel Gutes durch Norden gehört, und begrüßte ihn mit Ehrfurcht. Sein Geſicht flößt Vertrauen ein, ich ſprach vie mit ihm, und habe mir von ihm recht viel von meinem künftigen Aufenthalte, der Reſidenz, erzählen laſ⸗ ſen. Später, als die Herren ſich in ein gelehrtes Geſpräch verwickelten, begab ich mich mit Thereſen nach einer anderen Seite des Zimmers, wo mir ein ſchönes Inſtrument in's Auge fiel. Ich trat näher, und betrachtete die reichen Muſikalienſchätze, die hier ausgebreitet lagen. Das Erſte, was ich ent⸗ deckte, waren einige Compoſitionen von Graun und Hapdn. Vor Freuden hätte ich bald die 4* — Bücher hervorgezogen, und ſie auf der Stelle ver⸗ ſucht; das waren ja die Stücke, von denen Sie mir immer erzählten, und die ſo gewaltig die See⸗ le ergreifen ſollten! Norden bemerkte meine freu⸗ dige Ueberraſchung, aber er bot ſie mir nicht an; ich werde ihn nun ſelbſt darum bitten müſſen, er ahnet vielleicht nicht, wie ſehr mich verlangt, ei⸗ nen Blick in dieſe Schätze zu thun, und wird mir, wenn er es weiß, die ſchönen Bücher nicht ver⸗ weigern. Thereſe war den ganzen Abend meine liebe Geſellſchafterin, und ſchlummert, während ich Ih⸗ nen dieſe Zeilen ſchreibe, in meiner Nähe. Ich wünſchte, ich könnte ſie immer bei mir behalten; — leider reiſt ſie aber ſchon morgen mit Herrn Walter ab, und ich darf nichts dagegen ſagen. Mein Licht iſt herabgebrannt. Gute Nacht, Ge⸗ liebte! Einen Tag ſpäter Norden hat meine Bitte abgeſchlagen, Richar⸗ dis. Er antwortete mir, als ich ihn um die Mu⸗ ſikalien bat, mit einer ſtummen Verbeugung. Ich glaubte darauf, er würde mir die Roten ſchicken, aber ſchon ſind einige Tage vergangen, und meine Erwartung blieb vergebens.— Warum verweigert er mir dieſe Gefälligkeit?— Hält er mich viel⸗ leicht für unfähig, den Werth dieſer Gaben zu faſ⸗ ſen?— O, ich bin nicht mehr Kind, wo es gilt, das Schöne und Große mit Ernſt und Liebe zu würdigen. Ich fühle Kräfte in meiner Seele, die mich ſchnell über die Jahre meiner Jugend hinaus⸗ führen werden, wenn auch mein Antlitz noch die Züge der Kindheit trägt! Mächtig verlangen ſie nach Rahrung, warum zögert mein Lehrer ſie mir zu reichen? Morgen ſoll mein Religionsunterricht begin⸗ nen. Mit heimlichem Zagen ſehe ich dieſen Stun⸗ den entgegen. Wird Rorden mit den einfachen Bekenntniſſen meines Herzens zufrieden ſein? Ich weiß keine Kraft in meiner Seele, die ſtärker und inniger, aber auch keine, die mehr in ſich abge⸗ ſchloſſen wäre, als die ſtille Gottesverehrung, die ich im Herzen trage. Kaum weiß ich, was Nor⸗ den mir ſagen kann, was nicht ſchon in dieſem Ge⸗ fühl bedingt wäre. Einfach aber tief iſt dieſe hei⸗ ligſte Kraft meiner Seele, und gleichſam die Wur⸗ zel iedes guten Gedankens, der in derſelben auf⸗ geht. Sie würde ſich weigern, etwas Fremdes auf⸗ zunehmen, auch ſelbſt wenn es von Rorden käme, — aus Furcht, mich aus der Stille meines Glaubens in die Regionen des grübelnden Verſtandes gewie⸗ ſen zu ſehen. Ihr Unterricht und mein Nachden⸗ ken haben mein Herz gebildet, und die Klarheit meines Gefühls hilft mir mit Leichtigkeit über die Schwierigkeiten hinweg, die der Verſtand bei mei⸗ ner geringen Erfahrung häufig finden muß. Ich werde zwar nicht unterlaſſen, auch jenen zu ſtär⸗ ken und auszubilden, aber meine liebſte Führerin wird ſtets die Stimme bleiben, die von Oben zu meinem Herzen ſpricht, und die uns gewißlich das Rechte finden läßt, während der Verſtand lange nach Sicherheit umhertappen muß, und zuletzt nach mühſamer Berechnung dennoch der heiligen Führerin beipflichtet. O, liebe Richardis, mir kommt der Weg zum Glück, das ganze Leben oft ſo klar und ſonnenhell vor, daß ich kaum begreife, warum ſo viele Philo⸗ ſophen ſich bemühen mußten, uns auf Wahrheiten aufmerkſam zu machen, die doch in der Bruſt je⸗ des guten Menſchen begründet liegen; die Fähig⸗ keit glücklich zu ſein, und zu beglücken, geht ja von ſelbſt aus ſeinem Herzen, das Gott und die Men⸗ ſchen recht innig liebt, hervor, und kann auch wohl im Unglück nicht verloren gehen, weil unſere Hoff⸗ nung durch die chriſtliche Lehre noch eine andere Heimath kennt, als die Erde, zu welcher ſie ſich — — einſt hinüberflüchten darf.— Doch ich ſpreche die Gedanken aus, die ja viel heller und ſchöner in Ihrer Seele ſtehen! Sie werden daraus das Be⸗ dürfniß meines Herzens erkennen, das alles, was es fühlt und denkt, in Ihre Seele übertragen will. Verzeihen Sie daher, meine gütige Lehrerin, Ihrer treuen Angela. Reunundvierzigſter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Richardis. Breiſach, im November 18** Mehrere Wochen ſind verfloſſen, ſeit ich Ihnen das Letztemal ſchrieb. Ich lebte ſtill und ſinnig in mir ſelbſt, die heiligen Keime pflegend, die der be⸗ ſte aller Lehrer in meine Bruſt legte. Welch' ein Eigendünkel, Richardis, daß ich nichts mehr zu be⸗ dürfen glaubte zu meinem innern Glück! Daß ich faſt den Zuwachs an Erkenntniß fürchtete, als könnte dadurch die Einheit meines Gefühls verlo⸗ ren gehen. Welche Zuverſicht vermöchte uns eine Religion zu gewähren, die ein innigeres Eindrin⸗ gen in ihre Tiefen zu ſcheuen hätte? O, es geht ja mit dieſem himmliſchen Seelenlicht wie mit der Sonne. Man kann dies reine Strahlen-Meer ſchon lieben, ſich ſeines wohlthuenden Einfluſſes er⸗ freuen, ohne ſeine großen Wohlthaten in allen ih⸗ ren Richtungen aufzufaſſen; aber entdeckt man nach ——— und nach, wie alles Leben von ihr ausgeht, und wie ſie im Großen wie im Kleinen ſo mächtig iſt, ſo vermögen wir erſt den Segen, der uns in ihr zu Theil wurde, in ſeinem ganzen Umfang zu ah⸗ nen. Eben ſo, meine ich, verhält es ſich mit der Erkenntniß Gottes, deren Wachſen und Entfalten keine Grenze haben kann, und uns ſtufenweiſe em⸗ porführt, bis zum ſeligen Schauen vor Gottes Thron. Wie gerne vertiefe ich mich in den Gedanken an eine göttliche Vorſehung, und ihre wunderbaren Führungen. Was kann uns im Laufe des Lebens begegnen, das nicht auf den großen Zweck hindeu⸗ tete, uns für eine beſſere Zukunft zu gewinnen und auszubilden?— O, ſelbſt der Schmerz muß ſeine Stachel verlieren, wenn wir dieſes Ziel im Auge behalten, wie jede Arzenei willig genommen wird, von der wir uns unſere Geneſung ver⸗ ſprechen. Mein Vater hat jetzt oft Unterredungen mit Nöorden, wovon ich wenig erfahre. Es ſcheint mir, als wenn dieſer ihm alles mittheile, was in den Lehrſtunden vorgenommen wird. Ach, Richardis! ich fühle mich ſeit Kurzem ſo glücklich, ſo reich! Die Zufriedenheit meines Cehrers, die wachſende Liebe meines Vaters geben mir eine Heiterkeit, die jeden trüben Gedanken 1 — verdrängt. Bald wird der vorrückende Winter mir nicht mehr geſtatten, meine Lieblingsplätze zu be⸗ ſuchen. Ein weißer Schleier iſt über alle dieſe lieben Stellen gebreitet, welche Gewohnheit und einſame Betrachtung mir ſo theuer gemacht; aber ich vermiſſe die Reize der Natur nicht mehr ſo weh⸗ müthig wie ſonſt, weil ich meine Angen auf einen andern Frühling gerichtet habe, der leiſe ſeine Blü⸗ then zu entfalten beginnt. Ich habe Freuden, die nicht dargeſtellt werden können, weil ſie den Son⸗ nenblicken gleichen, die hell und glänzend über die Flur hinleuchten, und die den Beſchauer innig ent⸗ zücken, vhne je von dem Maler aufgefaßt oder wiedergegeben werden zu können. Das liebe Kind, deſſen Beachtung ich Thereſen angelobt, hängt ſeit ihrer Abreiſe mit wachſender Liebe an mir. Keiner, ſelbſt Rorden vermochte nicht, ſeine Thränen, ſeine Sehnſucht nach Thereſen zu ſtillen, bis man es mir zur Beruhigung übergab. Mit kindlicher Zärtlichkeit iſt es ſeitdem an mich gebunden, und bringt mehrere Stunden des Tages bei mir zu. Ich kann Ihnen nicht ſagen, wie ſehr mich das Kind mit ſeinem anmuthigen Geplauder ergötzt. Kinder ſind mir von jeher ſehr liebe Ge⸗ fährten geweſen; ihre unſchuldigen Fragen, ihre aufrichtigen Liebkoſungen haben einen Zauber, der auf ein unverdorbenes Herz ſtets mit ſüßer Rüh⸗ ——— — — rung wirken muß, weil der Menſch, wie er ſich in ſeiner ungeregelten, unverbildeten Einfalt in Kindergemüthern offenbart, der heiligſte Anblick iſt. Es drängt mein Herz, mit der treueſten Sorg⸗ falt über den Knaben zu wachen; iſt es nicht das Einzige, wodurch ich einigermaßen den Dank aus⸗ drücken kann, zu dem mich die Wohlthaten meines Lehrers ſo ſehr verpflichten? Einen Tag ſpäter. So eben hat Norden ſeine Lehrſtunde geſchloſ⸗ ſen; Richardis! laſſen Sie mich, bevor ich dieſen Brief ende, Ihnen noch einiges über dieſelbe mit⸗ theilen, was erſt mich beunruhigt, dann aber mich aufes innigſte beſeliget hat. Ich hatte nach vorhergegangenem Unterricht meinen letzten Aufſatz wie gewöhnlich Rorden über⸗ reicht. Die Tugenden der Liebe, der Langmuth, wie ſie das göttliche Leben unſers Heilandes uns gelehrt, waren der Inhalt meiner letzten Lehrſtun⸗ de geweſen. Tief und innig hatte der hohe Gegenſtand mein Herz erfüllt, und es ſo ganz mit der Sehn⸗ ſucht durchdrungen, Ihm nachzuſtreben mit In⸗ brunſt und Treue, daß ich, des Menſchen Schwach⸗ heit vergeſſend, den Wunſch vielleicht zu laut aus⸗ geſprochen hatte, im Kampf mit den Prüfungen des Lebens, die Aufrichtigkeit meines Entſchluſſes, und meine Treue zu beweiſen. Norden verweilte lange bei meinem Aufſatz, und durchlas manche Stelle wiederholt. Ein tiefer, ſchwermüthiger Blick fiel auf mich, als er bei dem Schluß auf die Worte ſtieß:„Würdige, v Gott, dieſes Herz,— die heilige Liebe, die du mich kennen lehrteſt, dereinſt auszuſprechen im Leben! PVerweigere mir die Prüfungen nicht, durch die wir uns inniger dieſer Kräfte verſichern; lehre mich ver⸗ zeihen,— fortlieben auch im Schmerz der Täu⸗ ſchung, und erkenne dann in mir dein Kind!—“ „Sie haben da ein ſchweres, gewichtiges Wort ausgeſprochen, Comteſſe!“ ſagte Norden, mit ei⸗ nem Ernſt, der mich beben machte.—„Nehmen Sie es zurück, oder werfen Sie ſich in reuigem Gebet vor Gott nieder, den Sie vielleicht willen⸗ los· vetſuchten, und bitten Sie um den Beiſtand ſeines Geiſtes, durch den allein ein ſolcher Sieg errungen werden kann!— O, Sie ahnen nicht, welche Gefahren Sie herausforderten; ſie ahnen nicht, wie ſchwach des Menſchen Herz iſt in der Stunde der Verſuchung, wie wandelbar ſeine —— — 55 frömmſten Vorſätze ſind,— wie ein Sturm der Leidenſchaft vft die mühſam gepflegten Saaten un⸗ ſerer Tugend zu zerſtören vermag,— ſobald uns nicht eine höhere Kraft unterſtützt, und unſern ohn⸗ mächtigen Willen aufrecht erhält. O, Conmteſſe, fliehen Sie jeden Uebermuth, auch den, der aus den reinſten, beſten Gefühlen hervorgeht! Ent⸗ kräftigen Sie jenes Wort, indem Sie demüthig bitten: Führe uns nicht in Verſuchung, o Herr!“— Ich ſah ihn erſchrocken an, ſeine Stimme war bewegt.„Ich meinte es wohl eigentlich nicht ſo ernſt““, entgegnete ich beklommen: Ich bat nur um die Gelegenheit, die Tugend des Verzeihens dereinſt ausüben zu können, die doch eine recht ſüße Frende gewähren muß.— Daß jede Kraft, jeder Sieg von Gott kommt— dies Gefühl war in meiner Seele, ſo lange ich denken kann.— Iſt nicht alles, was ich bin, was ich denke, ſein Ge⸗ ſchenk?— wie könnte ich mich jemals der Demuth begeben?— Aber warum ſollte ich nicht auch wün⸗ ſchen, die Kräfte dereinſt zu gebrauchen, deren ich mir durch ſeine Gnade bewußt bin?— ſo nur kön⸗ nen wir ja als treu befunden werden! Sichert nicht erſt der rechte Gebrauch uns die Gaben des göttlichen Gebers dauernd zu? Ich habe die Welt, die Menſchen ſo lieb,— wie ſollte ich mich nicht darnach ſehnen, das, was ich fühle, auch dereinſt 6 handelnd auszuſprechen im Leben. Die Tugenden der Duldung, der Langmuth, des Verzeihens, welch' ſüßen Frieden müſſen ſie dem Herzen ge⸗ währen; v mein Lehrer, war es denn Uebermuth, wenn ich meine Hand ausſtreckte nach dieſer himm⸗ liſchen Krone?““— „Ich glaube Sie jetzt beſſer zu verſtehen!“ entgegnete Norden:„Doch Eines iſt es wiederum, wofür ich Sie warnen muß. Verwechſeln Sie in Ihrer Unbekanntſchaft mit dem Leben der Welt, nicht jene himmliſchen Tugenden mit den Erzeug⸗ niſſen menſchlicher Schwäche, die oft den Namen jener borgen, um ſich die eigene Armſeligkeit zu verbergen,— und ſo anſtatt das Reich Gottes zu befördern, demſelben ſichtlich entgegenhandeln!— Unſer Herz kann nicht allein durch Strenge, es kann auch durch allzugroße Güte tadelswürdig wer⸗ den, wenn es das Ziel aus dem Auge verliert, zu dem alle chriſtlichen Tugenden hinführen ſollen! — Veredlung, Vervollkommnung heißt der große Zweck, auf den alle Kräfte hinwirken müſſen, auch die der Nachſicht, der Duldung.— Irrthümer auf⸗ klären, die Seelengebrechen unſerer Mitmenſchen langmüthig tragen, und ſie ſo weit es unſere Ein⸗ ſicht erlaubt, heilen,— iſt im Sinne unſers gro⸗ ßen Lehrers gehandelt, aber unrecht würde es ſein, den Leichtſinnigen durch allzugroße Nachſicht zu 5 neuen Vergehungen zu ermuthigen, und unverzeih⸗ liche Schwäche da zu ſchonen, wo das wuchernde Unkraut einer ſtrengen Hand bedarf, auf daß die verborgenen, guten Keime gerettet werden.“— „„Ich meinte wohl““, begann ich von neuem: „wenn ich vorhin von Nachſicht ſprach, nur ſolche Beleidigungen, die uns ſelbſt angehen, und die, wie ich glaube, im Leben zu den häufigſten Verge⸗ hungen Anlaß geben.““— „Auch hierin, Comteſſe“, fiel Norden ein, „gibt es Schranken, die Sie nicht überſchreiten dür⸗ fen! Die Würde Ihres Selbſtgefühls wird Ihnen ſagen, wie weit Sie gehen können. Wer das Ge⸗ fühl der Wahrheit, der Tugend in Ihnen verletzt, hat ſich zugleich an Gott vergangen, und ſich ſelbſt von der Gemeinſchaft der Guten losgeſagt. Frei⸗ willig hat er ſich ſelbſt alles Rechtes auf Ihr Ver⸗ trauen, und Ihre Liebe begeben, indem er ſich deſſel⸗ ben unwürdig bezeigt;— Mitleid, Erbarmen iſt es nur noch allein, was er fordern, und was Ihr Herz ihm gewähren darf,— jedes Gefühl, was darüber hinausgeht, wäre Vergehen gegen ſich ſelbſt, und tadelswürdige Schwäche!“— Er hatte dieſe Worte mit einer ungewöhnlichen Lebhaftigkeit ge⸗ ſprochen,—— jetzt ſtand er auf, und ging Eini⸗ gemal im Zimmer auf und nieder;— er blickte mich Einigemal fragend an, als erwarte er eine ——— Antwort von mir,— da ich aber, von einem ſelt⸗ ſam wehmüthigen Gefühl befangen, ſchwieg,— ſetzte er ſich wieder zu mir, und begann ſanfter: —„Wohl gibt es der Irrthümer viele in der Welt⸗ die den Sinn beſtricken, und uns willenlos von Gottes Wegen entfernen. Wir ſollten daher nicht richten, ſondern dem Herrn die Entſcheidung über⸗ laſſen“1— Er ſchlug hierauf einige Stellen der heiligen Schrift auf, die auf unſer Geſpräch bezo⸗ gen werden konnten. Während er dieſelben las, ſchien der Geiſt des göttlichen Wortes ſich ſeinem Weſen mitzutheilen, und ſeine frühere Strenge zu beſiegen. Seine Stimme wurde weicher, ſein Auge ruhte wie von innerer Demuth geſenkt, auf dem heiligen Buche. Es war, als ſuche er dort nicht al⸗ lein für mich Belehrung und Heil, nein, als dür⸗ ſte auch er nach den Quellen des himmliſchen Tro⸗ ſtes. Der Lehrer ſchien von ſeiner Höhe herabge⸗ ſtiegen zu ſein, um auf Augenblicke das Verlangen, die geiſtigen Bedürfniſſe ſeiner Schülerin zu thei⸗ len. Es war kein Unterricht mehr, es war ein gemeinſames Gebet, eine gemeinſame Hingabe an Ihn, deſſen Beiſtand wir Beide mit ganzer Seele erflehten. Richardis, nur Sie, die Sie es wiſſen, wel⸗ ches Glück es gewährt, uns mit denen, die uns thener ſind, in einem Gefühle vor Gott zu † begegnen; nur Sie vermögen den Werth dieſer Stunde zu ermeſſen. Mir war, als müſſe des Himmels Auge freundlich herabſehen auf das, was Norden fühlte und that; ich blickte mit Ehrfurcht zu ihm empor, und ſegnete ihn in meinem Herzen. N —— Fünfzigſter Brief. Norden an Walter. Breiſach, im November 18**. Empfange noch einmal meinen Dank für die Wohl⸗ that, nach ſo langer Zeit an Freundes Bruſt ruhen zu können. Der Zufall, der der Freude unſers Wiederſehens Zeugen gab, und der Dir ſtörend war, iſt mir ſehr heilſam geweſen. Der Zwang, den er mir gewiſſermaßen auferlegte, führte mich über das Gefühl zu großer Rührung hinweg, dem ich ſeit langer Zeit auszuweichen bemüht bin, weil mir daraus viel des Uebels gekommen iſt. Ich konnte Faſſung ſammeln, und mich Dir in den letzten Stunden treu und wahrhaftig geben, wie ich es bei krankhafter Aufregung nicht fähig gewe⸗ ſen wäre. Du lernteſt mich bedauern, und em⸗ pfingſt mit freundlicher Schonung meine Bekennt⸗ niſſe, vhne mit rauher Hand die wunde Bruſt Dei⸗ nes Freundes zu berühren. Ja, es iſt wahr! der Menſch hat einen unglückſeligen Hang in den — 66— Stunden, wo er ſich und ſein moraliſches Gefühl beleidigt ſieht, alle Fehler und Vergehungen des Schuldigen zuſammenzuſuchen, um den heimlichen Zorn ſeiner Seele zu entſchuldigen. Wir vermö⸗ gen dieſem Triebe nicht zu widerſtehen, die Reiz⸗ barkeit unſerer Stimmung iſt dann auf's höchſte geſtiegen, wir fallen gleich dem hungerigen Elend uns ſelbſt an, indem wir das Mark unſeres Lebens, die Liebe, gewaltſam zerſtören. Dieſes war mein Fall, als ich Marien verbannte. NRicht als glühen⸗ der Lavaſtrom, wie er ſich in leidenſchaftlichen Ge⸗ müthern zeigt, brach der Zorn meiner Seele her⸗ vvr.— Kalt, wie eine Todtenhand, legte er ſich auf mein Herz, bis es in eigenem krampfhaften Erſtarren den Maßſtab, ja das Gefühl für frem⸗. de Schmerzen verlor, und, den furchtbarſten Tod in ſich tragend, ſelbſt bei dem Tode meines zwet⸗ ten Lebens ſtumm und unempfindlich blieb.— O, ſie wird mich noch oft mahnen, jene finſter da⸗ herſchleichende That. Alles wird mir zur Geiſter⸗ ſtimme, die ſie hervorruft, ſelbſt die Tauben⸗Un⸗ ſchuld der frömmſten Ratur erhebt ſich zum An⸗ kläger gegen mich, und drückt mir unbewußt den ſchmerzlichen Pfeil in's Herz. Angela, Du haſt ſie geſehen, meine Schülerin, von der ich Dir heute erzählen will! Du warſt überraſcht von ihrem Engels⸗Antlitz, und ſuchteſt —— mir, bekannt mit der Kunſt der Malerei, die rei⸗ ne Seelenſprache der einzelnen Züge, dieſe großen ruhigen Augen, dieſe ſanftgewölbte Stirn, dieſen Mund, um den der Traum des Himmels in ſeli⸗ gem Lächeln ſchwebt, mit gelehrten Worten zu er⸗ klären. Ich hatte den Sinn des ganzen zarten Bildes ſchon früher aufgefaßt, ich hatte die Idee des Meiſters verſtanden. Aber noch vollendeter deucht mir das holde Gebilde, ſeitdem ich es in ſeiner höchſten Schöne, in der Glorie der Liebe und des Glaubens erblickt habe. Rie fand ich ein Gemüth, das in ſo zarter Jugend eine ſo große Klarheit des Gefühls mit einem ſo regen Eifer für alles Große und Gute verbindet, nie ein Herz, das ſo viel Güte als Kraft des Willens ausgeſpro⸗ chen hätte!— Der Graf brüſtete ſich viel mit den Talenten ſeiner Tochter, doch meine ich, hatte er die vorzüglichſte Eigenſchaft überſehen. Es iſt dieſes der angeborene wahrhafte Chriſten⸗Sinn, ich möchte ſagen, das Genie zur Tugend, welches, wie jede andere Seelengabe, freies Geſchenk der Gnade iſt. Mit ſtolzer Freude ſuche ich die ſchöne Saat in ihrem Herzen zu fruchttragenden Halmen emporzupflegen, und ihr moraliſches Gefühl durch Grundſätze zu befeſtigen. Ich fühle mich oft ſelbſt erhoben durch den Geiſt, den ich in ihr erwecke, und ſtärke meinen Glauben, indem ich den ihrigen — 95— betrachte.— O Gott! welch' ein ſchönes Geſchöpf iſt der Menſch, wie er in der reinen Harmvnie unentweihter Seelen⸗Kräfte unſeren Blicken begeg⸗ net! Welche reine Freude durchſtrömt uns bei ſei⸗ nem Anblick, aber auch welch' tiefe Trauer faßt unſer Herz, wenn wir denken, wie bemüht das Leben iſt, ſeine Mißklänge in jene Harmvnien zu miſchen, wie furchtbar geſchäftig, die ſüßen Träu⸗ me argloſen Vertrauens zu zerſtören! Auch ſie wird dieſen Gefahren nicht entgehen! Ihre Seele, jedes Eindrucks fähig, wird, berührt von dem ver⸗ giftenden Hauche der Welt, vielleicht ihre Klarheit verlieren; die Schwingen ihres Geiſtes werden von dem Druck der Alltäglichkeit gelähmt werden, wie man den Schwänen die Flügel bricht, damit ſie nicht mehr zur Höhe emporſtreben, ſondern zur Zier beſchränkter Gärten dem Eigennutz gewiß bleiben. Doch ich gerathe, ohne es zu wollen, in die unſeligen Labyrinthe der Furcht und des Mißtrau⸗ ens! Warum war mir das Leben ſo hart, daß ich fortan vor jedem Neuling in demſelben beben muß? Gibt es nicht Engel, die die Unſchuld be⸗ wahren, und trägt nicht Angela den ſchönſten in eigener Bruſt, in dem ächten kindlichen Gottver⸗ trauen? Ich ſende Dir einige Gedanken aus den Aufſätzen, die ſie außer den Lehrſtunden fertigt. — 96— Du wirſt ſie gleich mir mit dem Intereſſe leſen, welche ſtets der Blick in die heiligen Tiefen der WMenſchen⸗Bruſt gewährt, die einem Tempel gleicht, der von dem heiligſten Feuer, von der reinen Flamme himmliſcher Liebe exleuchtet wird. Der letzte Aufſatz, wer vermag ihn ohne Rüh⸗ rung zu durchgehen, hat ſüße aber auch ſehr ſchmerzliche Gefühle in mir erregt. Walter! Es iſt ſchwer, mit einem von bitterer Täuſchung und eigener Schuld belaſteten Herzen, der würdige Führer ſchuldloſer Jugend zu werden. Unvermerkt miſcht ſich der Wermuthstropfen eigener Erfahrung in den Kelch, den wir ihr zur Stärkung auf dem Pfade des Lebens reichen. Dabei iſt der Hang, ſich ſelbſt zu entſchuldigen, ſo natürlich, daß wir dadurch oft verleitet werden, die Strenge, durch die wir fehlten, Andern als Tugend aufzudringen, und ſo kommen wir am Ende unvermerkt von dem Wege der Wahrheit ab, und erſchrecken, uns durch den Mund unbefangener Unſchuld zurechtgewieſen zu ſehen. Du ſieh'ſt aus dieſem Abſchnitt meines Brie⸗ fes, der länger ward, als ich mir vornahm, wie ſehr mich die Erziehung der Comteſſe beſchäftiget. ———————— Laß uns nun von dieſem holden Gegenſtand hin⸗ wegeilen, und zu einem neuen ſchreiten, der mir nicht minder am Herzen liegt. Es iſt dies ein ——— junger Mann, der früher meines Unterrichts ge⸗ noß, und trotz ſeiner ſeltſamen Gemüthsart, mich zu den ſchönſten Hoffnungen berechtigte. Als Kna⸗ be der wildeſte und unbändigſte meiner Zöglinge, war er mir doch ſtetsder liebſte von allen, weil ich ihn durch ſein Herz zu lenken vermochte. Er verrieth zu Allem Talent, doch zu keiner Beſchäf⸗ tigung die Ausdauer, die zu dem Fortkommen des Mannes erforderlich iſt. Er verſuchte ſich in jeder Wiſſenſchaft, jeder Kunſt, wählte und verwarf, und trieb ein unſtetes, umherſchweifendes Leben, das durch die allzugroße Nachgiebigkeit ſeines Oheims, eines Grafen Ordeck, des einzigen ihm noch le⸗ benden Verwandten, ihm zum großen Nachtheile, begünſtiget wurde. Die Jahre des Krieges, wäh⸗ rend welchen er Dienſte genommen hatte, hemmten eine Zeitlang unſere Correſpondenz, die ſonſt auf die freimüthigſte Art geführt worden war. Ich glaubte ihn in der That verloren, als mich nach jahrelangem Stillſchweigen, ein von ihm erhalte⸗ nes Schreiben, und kurz darauf ſein zufälliges Be⸗ gegnen in Warmbrunn, von ſeiner alten Anhäng⸗ lichkeit überzeugte. Wotoch, ſo iſt der Name des jungen Grafen Ordeck, entwarf mir mit flüchtigen Zügen ſeine ietzige Lage. Durch den Tod ſeines Oheims in den Beſitz eines bedeutenden Vermögens, und mit ihm in völlige Freiheit geſetzt, hatte er, nachdem er ſeinem Vaterlande den Tribut ſeiner Tapferkeit abgetragen hatte, ſeinen Abſchied genommen, um ſich ſeinem Hange, die Welt frei zu durchwandern, auf's neue ungeſtört überlaſſen zu können. So be⸗ gegnete er mir in Warmbrunn, ſo ſtand er vor mir, er, der mit ſo vielen Kräften von der Natur ausgeſtattet war, ein zweckloſer Abenteurer, ſich ſelbſt und ſeinem ungezügelten Willen überlaſſen. Ich konnte nicht umhin, ihm meine Mißbilligung zu zeigen, ich führte ihm die hohe Pflicht des Men⸗ ſchen, als nützliches Glied in die allgemeine Welt⸗ ordnung einzugreifen, mit allem Ernſt meiner Ue⸗ berzeugung zu Gemüth, und machte ihn auf den Nachtheil aufmerkſam, den ein wildes, aus allen bürgerlichen Verhältniſſen heraustretendes Leben, ſeinen Sitten, ſeiner ganzen moroliſchen Exiſtenz bringen könnte. Er entſchuldigte ſich mit der Un⸗ biegſamkeit ſeines Charakters, und ſchwor, lieber der Welt als Tagelöhner zu nützen, als ſeinen Na⸗ cken unter das Joch fremder Willkühr zu beugen⸗ „Glauben Sie nicht“, ſagte er,„daß ich mein Vermögen auf unwürdige Art verſchwenden werde! Die Armuth ſoll meine Mitgenoſſin ſein. Ich ver⸗ lange nichts, als freie Gewalt über mich ſelbſt, und freien Genuß des Vergnügens, das mir die Beſchauung der Natur gewährt!“ — Ich wollte nicht mit Gewalt ſeiner Reigung entgegenſtreben, aber ich verſuchte ſpäter, durch ei⸗ nen auf's neue angeknüpften Briefwechſel, vor⸗ theilhaft auf ihn einzuwirken. Er iſt zu meiner Freude bereits zu einem ernſthaften Entſchluß ge⸗ hracht. Der Wunſch, ihn an eine beſtimmtere Thä⸗ tigkeit zu gewöhnen, brachte mich auf den Gedan⸗ ken, ihn zum Ankauf eines Landgutes zu überre⸗ den, und ihn auf dieſe Art, wo möglich, in meine Nähe zu ziehen. Er widerſprach meinem Vorſchlag nicht, und hat ſich freiwillig entſchloſſen, auf ein in meiner Nachbarſchaft gelegenes Gut mitzubieten. Ich hoffe, da der Termin des Gutsverkaufs künf⸗ tige Woche fällt, den jungen Abentheurer bald bei mir zu ſehen. Aller Wahrſcheinlichkeit nach wird er Beſitzer von Holmſee werden, wenn nicht Graf Domelli ihn überbietet, der das Gut gleichfalls an ſich zu bringen gedenkt.— Mögeſt Du, theurer Freund! aus meinen Mittheilungen erſehen, wie ich mich beſtrebe, durch die Sorge für Andere, die eigenen zu verbannen, wie ich geſchäftig bin, mich zu der frühern Wirkſamkeit zu erheben, und daraus Beruhigung für Dein freundſchaftlich beſorgtes Herz ſchöpfen! ungela II. 5 — 6 Gedanken aus Angela's Blättern. Ein Gemüth, dem Liebe und Vertrauen Be⸗ dürfniß iſt, wird ſtets ſeine ſchönſte Freude in der Unterhaltung mit Gott finden. Was iſt das Ge⸗ bet anders, als die innigſte Hingabe an ihn, dem Duell aller Güte? Gibt es nicht Augenblicke, wo im Uebermaaß der Frende oder des Schmerzes, die Sprache nicht hinreicht, wo ſelbſt die Bruſt des geliebteſten Weſens uns zu eng ſcheint, die Fülle unſerer Seele zu faſſen? In ſolchen Momenten ſehnen wir uns nach dem Freunde, der uns ohne Worte verſteht. Wir werfen uns nieder vor Gott, dem Zuge unſers Herzens gehorchend. Die erſte Geſchichte der Menſchheit, ſo reich an Wundern und außerordentlichen Begebenheiten, hat für das Gemüth einen ſo wohlthuenden Zau⸗ ber! Der Gedanke iſt ſo ſchön, daß Gott zu der Menſchheit, als ſie noch in der Kindheit war, durch ſichtliche Zeichen geſprochen, und durch wunderbare Eingebungen und Träume ihren Geiſt zur Anſchau⸗ ung ſeines Willens gebracht habe. Trägt nicht die — 101— Mutter das ſtrauchelnde Kind näher am Herzen, als das verſtändigere? Warum ſollten wir unſern Vor⸗Eltern nicht den Vorzug einräumen, ſichtba⸗ rer an der Hand des zärtlichſten Vaters geleitet worden zu ſein? Nicht im Geräuſche des Lebens:— auf dem einſamen Gipfel der Berge, im tiefen Schatten des Hains gab Gott ſeinen heiligen Willen den Seinigen kund. Sollte dies nicht die ahnende Sehnſucht unſers Herzens, unſern Hang zur Stille und Einſamkeit erklären?— Gewiß ſteht der Tem⸗ pel des Herrn noch da, wo er immer geſtanden, und das Verlangen in uns nach jenen heiligen Schatten, nach jener Stille, iſt ein Verlangen nach Ihm, deſſen leiſes Weben und Walten uns in der Einſamkeit ſo fühlbar, ſo beſeligend überkommt. As der Welt⸗Erlöſer geboren war, waren die frommen Hirten die Erſten, die ihn gläubig begrüßten, die Erſten, denen die himmliſche Ver⸗ kündigung geſchah. Bald folgten die Weiſen jener Zeit, geleitet von dem wunderbaren Stern, deſſen Bedeutung ſie erkannt; aber die Phariſüer und Schrift⸗ gelehrten ſtanden von fern, den Keim des Haſſes 5 — 102— in der Seele, der ſpäter den liebevollen Heiland dem blutigſten Tode geweiht. Sagt das nicht deutlich, wie das Göttliche ſich aus dem Gemüth voll Einfalt und frommen Glaubens zuerſt offenbart? Und wie die wahre Weisheit ihm beipflichtet, und nur der kurzſichtige, dünkelvolle Verſtand der himmliſchen Wahrheit feind⸗ lich entgegentritt, und ihr Daſein verläugnet?— O, daß ich doch wäre gleich den Hirten, voll“ Einfalt und Treue! Daß jener göttliche Segen auch meine Seele erfüllen, und ich vordringen möchte vom Ahnen zum Glauben, vdm Glauben zum ſeligen Schauen! ——— Seitdem ich das Wort der Liebe vernommen, iſt eine unausſprechliche Freude in meine Seele eingekehrt. Wer kann Ihn ſprechen hören, den Freund unſerer Seelen, und noch zweifeln, daß es Gott ſelbſt ſei, der ſich in das Gewand des Staubes gekleidet, um uns aus dem Staube zu er⸗ beben zu ſeinem Licht, und uns ſeinen Willen, die ganze Fülle ſeiner Liebe zu vffenbaren? Gott hat zu uns geſprochen mit klarem, menſch⸗ lichem Wort, iſt dies nicht noch mehr als Alles, was unſeren Voreltern geſchehen?— d Die chriſtliche Lehre entwickelte in uns die Idee unſerer hohen und ewigen Beſtimmung zu völliger Klarheit. Mit ihr iſt jedem Schmerz der Stachel genommen, und die Bedeutung des Lebens erklärt. Sie lehrt uns die Güter der Erde richtig ſchätzen, und unſer Auge zu einem unſichtbaren Vaterlande erheben. Das Herz kann nun nicht mehr ſo begehrend die Erde unſchlingen, denn der Anker ſeiner Hoffnung ſtützt ſich auf einen feſteren Grund. Ich weiß nicht wie man Ihn leiden ſehen kann und ſterben, ohne nicht ganz in Schmerz und Röhrung zu vergehen!— Ach, wie kalt iſt die Welt, einer ſolchen Liebe gegenüber,— und wie wollte man nicht ſogleich Alles daran geben, um nur einmal wie Magdalena zu ſeinen Füßen zu liegen, und darüber hinzuweinen die Thränen un⸗ ausſprechlicher Betrübniß und unausſprechlichen Dankes! O, daß Er noch auf Erden wäre, in deſſen Herz ich hineinblicke, und immer wieder hineinbli⸗ cken muß, und nicht aufhören kann zu ſtaunen, zu bewundern und anzubeten. O, daß Er noch wäre „ — 104— auf Erden! Mir wäre wohl! Ich weiß, Er näh⸗ me mich an, Er ſähe mir ins Herz, und ließe mich kommen.—— Aber ſieht er nicht auch von ſei⸗ nem Himmel in unſere Seele herab?— Liegt ſie nicht vor ihm aufgeſchlagen wie ein Buch?—— O, mein Herr und mein Gott, deſſen Auge mich ſieht! Sieh', hier knie ich vor Dir und öffne Dir meine Gedanken! Mache mich zu Dem, das Du willſt, das ich werden ſoll! Laß mich Theil haben an dem Segen, den Du uns erwarbſt! Laß mich aufſtreben nach den Tugenden, die Du von den Deinen begehrſt, in deren Fülle Du uns voran⸗ leuchteſt, durch alle Leiden der Erde!—— Sei⸗ nen Verfolgern vergeben, ſeinen Feinden Wohltha⸗ ten erweiſen, welch' ein erhabenes Geſchäft!— Wie muß es das Bild der Gottheit in uns erneu⸗ ern, indem wir es üben, und wie gewährt die Sehnſucht darnach ſchon ein Gefühl, das uns von den Wonnen des Himmels erzählt. — O, würdige mich, Du, der Du in dieſes Herz ſiehſt,— würdige mich die heilige Liebe, die Du uns kennen gelehrt, dereinſt auszuſprechen im Leben! Verweigere mir die Prüfungen nicht, durch welche wir uns inniger die⸗ ſer Kräfte verſichern! Lehre mich verzeihen, fortlieben auch im Schmerz der Täuſchung, und erkenne in mir dann Dein Kind! — — 105— Einundfünfzigſter Brief. Wotoch, Graf Ordeck, an Norden. N.„ im November 18**. Verzeihung, mein würdiger Freund, wenn Sie dieſes Schreiben ſtatt meiner erblicken! Es iſt mir unmöglich, ſelbſt den Termin abzuwarten: ich werfe mich dieſen Augenblick auf's Pferd, um meinen Freund St., dem ich zufällig begegnete, nach Ita⸗ lien zu begleiten. Die Gelegenheit iſt ſo günſtig, die Geſellſchaft ſo anziehend, ich kann nicht wider⸗ ſtehen. Aber ſeien Sie unbeſorgt! Es ſoll der letzte Flug ſein, den der junge Aar ſich ohne Ihr Wiſſen erlaubt! Einmal muß er noch zur Sonne, dann beſtimmen Sie ihm den Felſenriff, wo er horſten ſoll. Ich überſende Ihnen in mitfolgenden Papieren die Hälfte meines Vermögens, im Fall Sie die Güte haben wollen, den Kauf von Holmſee in meinem Namen abzuſchließen. Es wird ſich ja wohl ein zuverläßiger Verwalter finden, der es bis zu — meiner Ankunft bewirthſchaftet. Handeln Sie ganz nach Ihrem Gutachten! Der Vortheil, den Ihre Nähe mir gewähren wird, iſt ein Vorzug, den Sie nicht zu hoch anſchlagen können. Vielleicht benach⸗ richtigen Sie mich bald von dem Ausgang der Sa⸗ che. Ich bitte dann ihre Briefe nach Rom zu adreſſiren, wo wir Zugvögel auf einige Zeit zu verweilen gedenken. Bald ſchreibe ich Ihnen aus dem Lande meiner Sehnſucht, meiner Träume. Ver⸗ bannen Sie, mein Freund, jede Beſorgniß, um mich. Bald kehre ich reich befriedigt, ein williger, folg⸗ ſamer Sohn, in Ihre Arme zurück, um unter Ih⸗ rer Leitung die Hoffnungen zu rechtfertigen, die Sie in Hinſicht meiner zu hegen wagten. — 108— Zweiundfünfzigſter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Richardis. Breiſach, im December 18**. Es iſt eine ſchöne Freude in meine Seele ge kom⸗ men, Richardis! O, wie ſoll ich es denn aus⸗ ſprechen, was mich ſo innig beſeligt?— Ihnen den Unterricht der letzten Stunde ganz zu wiederholen, vermag ich nicht, weil ein Gedanke alle übrigen beherrſcht, und Ihnen vor Allen mit⸗ getheilt ſein will!— Norden hatte ſo eben die Tugenden der Be⸗ ſtändigkeit und Wahrhaftigkeit, als Gegenſtände des heutigen Unterrichts behandelt,— als ſich mir die Frage aufdrängte: warum es doch ſo oft geſchieht, daß die Menſchen das, was ſie einſt mit aller Lie⸗ be der Seele umfaßten, das ſie zu erringen keine Mühe ſcheuten, ſpäter oft gleichgültig aufgeben, ja, ſich ganz davon losſagen, ohne irgend einen Schmerz zu empfinden; ja, daß wir vft ein Vand —— als drückende Feſſel betrachten, welches wir doch früher aus wahrer Reigung geſchloſſen?— Unſer Herz bleibt doch daſſelbe, ſchloß ich: wie kommt es, daß die Erſcheinungen, die es umfängt, ſo oft erbleichen und veralten? „Sie fragen, Angela?“ erwiederte Norden: „Gehören nicht die Erſcheinungen, an die ſich der Menſchen Herz hängt, faſt alle mehr vder weniger der Sinnenwelt an?— Was können wir von ihnen erwarten?— Suchen Sie auf der Erde nach ei⸗ nem Gegenſtande, deſſen Dauer ſich über ihre Len⸗ ze, ihre vergänglichen Blüthen hinaus erſtreckt: Sie werden keinen derſelben an Ihre Bruſt ziehen, ohne früher oder ſpäter für den Irrthum zu büßen, in welchem Sie ſich befanden, indem Sie die Sehn⸗ ſucht, die einer höheren, unſichtbaren Welt gehört, auf die Erſcheinungen der ſichtbaren übertragen wollten. Darinnen irren ja eben die Menſchen, und gerathen in ſo vielfache Widerſprüche und Lei⸗ den, weil ſie ihr Glück, ihr Lieben und Hoffen, auf die morſchen Grundpfeiler irdiſcher Vorzüge, eitler, ſelbſtſüchtiger Pläne bauen; weil ſie ihren Blick muthwillig von dem Höheren wenden, und ihn immer wieder dem Nichtigen zukehren, von dem ſich kaum ein Schatten wahrer Glückſeligkeit, um wie viel weniger dann eine feſte, dauernde Zufrie⸗ denheit erwarten läßt.— O, über die armſeligen — 109— Neigungen und Verbindungen der Weltmenſchen! — Auf vergängliches Intereſſe, auf kleinliche Vor⸗ theile gegründet,— wie ſollen ſie ausdauern beim Wechſel der Zeit und der Dinge?— Man nehme ihnen ihre zerbrechlichen Stützen,— und dahin ſin⸗ ken ſie in ihr Nichts,— weil ſie keinen höheren Halt kannten, als den ihres minutenlangen Wil⸗ lens.“— „Nur ein Band gibt es, Angela! einen Ver⸗ ein, der keinen Wechſel erleidet, er iſt der, ſo auf der Erkenntniß heiliger Wahrheit, auf die innigſte Liebe zu Gott gegründet,— ſeinen Urſprung, wie ſeine Fortdauer gleichſam in Ihm, dem Un⸗ wandelbaren hat;— der Herz an Herz, Seele an Seele einet, feſt, dauernd, wie die ewigen Ge⸗ ſetze, die jene Welten aneinander binden,— ein Verein, der allein unſere Jugendträume und ihre Reize überdauert, weil in ihm unſterbliches Leben iſt. Dieſer iſt es auch, der allein als Gott wohl⸗ gefällig, ſich ſeines Schutzes erfreut, die eine un⸗ verwelkliche Liebe in ſich trägt, weil er uns nicht das Geſchöpf, ſondern nur das Göttliche in dieſem, ſuchen lehrt,— folglich alle Trennung, ſelbſt den Tod überdauert, weil er den Geiſtern galt, deren Verbindungen fortbeſtehen, auch dann noch, wenn ihr Einfluß unſern Sinnen entzogen iſt.— O, nie ſollten wir ein Bündniß ſchließen, als dieſes, dem — 11— Chriſten allein würdige!— nie Pflichten überneh⸗ men, deren Heiligkeit von dem profanen Einmiſchen weltlicher Abſichten geſtört werden muß,— ſon⸗ dern ſorgſam prüfen und forſchen, was dem Herrn wohlgefallen möge, weil dieſes allein das Gemüth vor Reue und Verirrungen zu bewahren ver⸗ mag.“— Richardis! Die Wahrheit dieſer Worte beweg⸗ ten mich tief. Es war, als ſänke plötzlich der Schleier von meinen Augen, der mir bisher noch verborgen hatte, was als geheime Ahnung längſt in meiner Seele war.— Eine tiefe Trauer über⸗ kam mein Gemüth bei dem Gedanken, wie viele noch im Irrthum dahinwandeln, ihr Ziel, wie das einzig wahre Glück verkennend; aber zugleich hob eine hohe Frende mein Herz empor, weil Gott mich gewürdiget hatte, ſeinen heiligen Willen zu verſtehen, und feſt ward in mir der Entſchluß, mein Leben fortan ganz nach dieſem zu bilden, und von demſelben beſtimmen zu laſſen.— Norden fuhr mit Eifer fort, dieſen Gegen⸗ ſtand immer deutlicher zu entfalten; er ſprach mit ſo eindringender Beredtſamkeit, daß ich erkannte, wie viel ſeinem Herzen daran lag, mich von den Irrthümern zu bewahren, denen jedes junge Ge⸗ müth ausgeſetzt iſt.— Ich weiß nicht, vb mein Gefühl mich getäuſcht. Oft wollte es mich bedünken, als hätte auch Nor⸗ den einſt dieſe Trugbilder bekämpft, vor denen er mich warnte. Seine Worte entſtrömten vielleicht dem Quell eigener Erfahrung, darum waren ſie ſo gewichtig, ſo tief eindringend ins innerſte Leben. — Gewiß! er hat dieſe ſchöne Erkenntniß mit bit⸗ tern Schmerzen erkauft, und trug ſie nun auf mich über, mich gleichſam allen Tänſchungen und Leiden der Erde überhebend!— O, Richardis, wie bin ich ihm dafür ſo innig zum Danke verpflichtet! Wie glücklich aber auch muß ich mich preiſen, daß ich ſchon ſo früh im Beſitz einer Wahrheit bin, die ſo viele ſich erſt durch Kämpfe und Prüfungen al⸗ ler Art erkaufen müſſen!— Das innige Vertrauen, welches mich ſchyn fo früh an Rorden zog:— war es nicht gleichſam die erſte, leiſe Offenbarung deſſen, was ich heute in voller Klarheit erkannt?— Wie wunderbar, daß ſchon das Kindergemüth das Höhere zu ah⸗ nen vermag! Daß wir dem ſanften Zuge folgen, — ohne uns in unſchuldiger Einfalt bewußt zu ſein, — daß es ein höherer Wille war, deſſen Ruf wir gehorchten. Richardis! Es iſt ſo ſtill, ſo friedlich in mei⸗ ner Bruſt! Mir iſt wie einem, der ſeinen Schutz⸗ engel mit Augen geſehen, in deſſen unſichtbarem — 112— Geleit er lang gewandelt. Inniger, vertrauen⸗ der gibt er ſich hin, ſeitdem er in ſeinen Zügen geleſen. Er weiß, daß er von oben geſandt ward, und uns dahin leitet, wohin uns des Vaters Wil⸗ le berief. — 113— Dreiundfünfzigſter Brief. Norden an Walter. Breiſach, im Januar 18**. Jc ſchreibe Dir heute in einer recht trüben Stim⸗ mung, mein Freund! Ich muthete dem Flatterſian des Grafen Ordeck zu viel zu, als ich glaubte, er werde ſogleich ſeine Flügel ablegen, und meinem gutgemeinten Rathe Gehör geben! Anſtatt in Holmſee einzuziehen, zieht er auf's neue in die weite Welt, und überträgt mir indeß die Fürſorge für ſeine künftige Exiſtenz. Ich habe nun, ſeinem Anliegen zufolge, und weil es mir mit dem Wunſche Ernſt iſt, ſo viel ich kann zu ſeinem Glück beizutragen, das Gut für ihn erſtan⸗ den;— bin aber leider dadurch mit Graf Domelli in eine unangenehme Spannung gerathen,— der durch einen Beauftragten das bedentendſte Gebot vor mir that.— Sein Mißvergnügen über die Vereitelung dieſes Planes liegt klar am Tage; er verbirgt ſeine Empfindlichkeit zwar unter der Maske der Höflichkeit,— doch empfindet ſie mein Gemüth nur zu wohl.— Angela ſcheint das un⸗ gleiche Betragen ihres Vaters zu bemerken, und bemüht ſich mit wahrhaft rührender Sorgfalt, mich dafür durch die aufmerkſamſte Güte zu entſchädi⸗ gen.— O, ſie iſt ein Engel an Milde und Freund⸗ lichkeit,— und doch, v Walter, liegt manches in ihrer Denk⸗ und Handlungsweiſe, was mich für ihre Zukunft mit Sorge erfüllt. Ihr reiches Ge⸗ fühlsleben iſt überall ſo vorwaltend, daß es noth⸗ wendig die Herrſchaft über ihren Geiſt gewinnen muß. Sie faßt, ſie erklaͤrt, ſie eignet ſich alles mehr durch das Gemüth wie durch den Verſtand an,— und zwingt mich ſogar, meinen Unterricht darnach einzurichten, wenn ich ihr faßlich, verſtänd⸗ lich werden will.— Ich bemühe mich, ihr, ſo viel ich kann, jene Stützen zu geben, durch die wir uns ſicher im Leben zu behaupten vermögen; aber wird der Einfluß meiner Lehren das kurze Lehrjahr über⸗ dauern, wird die Welt nicht dennoch dieſem ſo em⸗ pfänglichen Gemüth ihre Blendwerke aufdringen? 1— O, des Menſchen Herz iſt ja ſo wandelbar, und allen Eindrücken hingegeben! 1 Ich habe meine Lehrſtunden auf einige Zeit eingeſtellt. Ein anſteckendes Fieber, das ſeit kur⸗ zer Zeit in unſerm Dorfe von Hütte zu Hütte ſchleicht, und bereits mehreren dem Tode geopfert — 116— hat, heiſcht meine thätigſte Sorgfalt, und oft mei⸗ ne perſönliche Gegenwart bei den Kranken. Die Pfuſcherei unſers Dorfarztes macht das Uebel nicht beſſer, ich ſuche daher aus eigenen Kenntniſſen, die ich in früheren Jahren zu ſammeln Gelegenheit fand, den Unglücklichen behülflich zu ſein. Ich fürchte für mich keinesweges das Anſteckende der Krankheit, aber wegen meines Kindes war ich beſorgt, und habe es daher auf einige Zeit der Aufſicht der Com⸗ teſſe übergeben. Ich ſelbſt vermeide das Schloß zu beſuchen, aus Furcht das Uebel dort einzuführen. Zum Glück liegt das Schloß hoch, und ziemlich ent⸗ fernt von den übrigen Gebäuden, ich glaube des⸗ halb keiner Furcht Raum geben zu dürfen. Wegen meiner ſei unbeſorgt, ich weiß, daß keiner früher ab⸗ gerufen wird, bis er ſein Werk hienieden vollbracht hat, und kannte von jeher nichts Verächtlicheres als Todesfurcht, und jeden daraus entſpringenden Aber⸗ glauben. Und nun lebe wohl, mein theurer Freund! Vierundfünfzigſter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Richardis. Breiſach, im Jannar 18** Wetche Reihe banger Tage liegt zwiſchen heute und damals, als ich das Letztemal an Sie ſchrieb! O, Ihre Angela hat viel gelitten in dieſer unglück⸗ lichen Zeit! mehr gelitten als ſie es ausſprechen kann. Ich kränkle noch ein wenig, doch darf dies ja gar nicht in Betracht kommen, da er nun ge⸗ rettet iſt. Es iſt manches vorgefallen, ſeitdem ich Ihnen nicht mehr erzählt habe. Sie wiſſen von dem Wunſch meines Vaters, ein benachbartes Gut an ſich zu bringen. Unglücklicher Weiſe hatte Nor⸗ den den Auftrag, das Gut für einen entfernten Freund zu erſtehen, und hatte dieſem zufolge mei⸗ nen Vater überboten. Ein Graf Ordeck wurde der Beſitzer von Holmſee, und mein Vater ſah dadurch eines ſeiner liebſten Projecte vereitelt. Sein Vendruß hierüber nahm bald den Charakter — heimlicher Empfindlichkeit gegen Norden an; ich ſah zu meinem großen Leiden die Spannung zunehmen, und vermochte nicht, trotz meines Beſtrebens, das ſchöne Verhältniß wieder herzuſtellen. Hierzu ge, ſellte ſich bald ein neuer Kummer. Rorden bat um Erlaubniß, ſeinen Knaben auf einige Zeit auf's Schloß geben zu dürfen, weil ein anſteckendes Fie⸗ ber in der Nähe ſeiner Wohnung ausgebrochen ſei. Bald darauf erfuhr ich, daß das Uebel immer ge⸗ fährlicher werde, und Norden ſelbſt in den Hütten der Kranken als Arzt beſchäftiget ſei. Mein erſter Gedanke war, ſeine edle Sorge zu theilen, doch ein Blick auf das mir anvertraute Kind hieß mich meine Wünſche bekämpfen. Meine Einbildungskraft begann ſich von nun an mit ängſtlichen Vorſtellungen zu beſchäftigen, ich ſah Rorden für ſeine Menſchenfreundlichkeit mit dem Gift der Krankheit bedroht, ich glaubte ihn verloren, und vermochte den Gedanken ſeines To⸗ des nicht los zu werden. In einer ſolchen Stim⸗ mung verließ ich eines Tages das Schloß, mich in die Gegend des Dorfes begebend, wo ich ihm zu begegnen hoffte. Ich hatte ihn ſeit einigen Tagen nicht geſehen; die Scheu, mit der er unſer Haus vermied, überzeugte mich auf's ſichtlichſte von der Gefahr, die er für alle, nur für ſich nicht aner⸗ kannte. — 1¹9— Ich ging zitt ernd, bei dem Froſt des ſtrengen Wintertages, vor den Hütten auf und nieder, worin er ſich, wie ich erfahren hatte, ſo eben befand. Der knarrende Schuee unter meinen Füßen ver⸗ wandelte ſich, im Gefühl wachſender Ungeduld, zu glühenden Kohlen. Endlich trat er heraus. Er erſchrack, als er mich erblickte.—„Was wollen Sie, Comteſſe, in dieſem Ort des Elends?“ rief er in einem Tone, in dem Erſtaunen und Unwillen ſtritt:„Wollen Sie die Zahl dieſer Unglücklichen vermehren? Kehren Sie auf das ſchnellſte zurück, ſelbſt meine Nähe droht Ihnen Gefahr!“— Das Gebieteriſche ſeines Weſens fiel zentnerſchwer auf mein geängſtetes Gemüth. Ich hatte in dem Au⸗ genblick alles vergeſſen, was ich ihm ſagen wollte, kaum konnte ich die zitternden Worte hervorbrin⸗ gen:„„Ich wollte nichts, Herr Superintendent, als Sie erinnern, daß Sie einen Sohn haben, dem Sie den Vater zu erhalten verpflichtet ſind!““ Ein ernſter, aber doch milder Blick leuchtete in dieſem Augenblick unter den finſtern Augenbraunen hervor, aber er antwortete nichts darauf, er be⸗ gann nur auf's neue mich zur ſchnellſten Rückkehr zu ermahnen.„Muß ich, fügte er hinzu,„Sie denn erſt erinnern, daß ich Rechte auf den Gehor⸗ ſam meiner Schülerin habe? Angela, nur dieſes Einemal erkennen Sie dieſe Rechte an! Verlaſſen — 120— Sie mich, und wagen Sie keinen Fuß in dieſe Ge⸗ gend, bis das Uebel gehoben iſt! Eine Bewegung ſeiner Hand, die ſein Gebot begleitete, hieß mich gehorchen, und meine Schritte zurücklenken. Mei— ne Wangen glühten, ich fühlte eine Art peinlicher Demüthigung, und dennoch überwog die Angſt, die meine Seele empfand, alle die bittern Regungen meines Herzens. So vergingen einige Tage gänzlichen Still⸗ ſchweigens. Zu meiner Beruhigung vernahm ich das ängſtliche Geläute der Todtenglocke nicht mehr, die Krankheit ſchien durch Rordens thätige Vorkehrungen, und den günſtigen Einfluß beſſerer Witterung, in ihrem Umhergreifen gehemmt, alles pries die Theilnahme, die zweckmäßige Hülfslei⸗ ſtung Nordens, und ſchrieb ihm allein das Ver⸗ dienſt zu, der gefährlichen Anſteckung geſtenert zu haben. Schon begann ich von meiner ängſtlichen Beſorgniß zu geneſen, als eines Morgens mein Vater in meiner Gegenwart den Befehl gab, ſeine Equipage nach der Stadt zu ſenden, um einen Arzt abzuholen. „Wer iſt denn krank?“ rief ich erſchrocken. „„Es ſcheint mit Nordens Uebelbefinden Ernſt zu werden““, entgegnete er,„das Fieber iſt, fürch⸗ te ich, im Ausbruch!““ —— „Und Sie haben mir noch nichts geſagt?“ —rief ich, meine Bewegung mühſam verbergend. Mein Vater ſah mich ſcharf an.„Meinſt Du etwa zu helfen, mein Kind?““ frug er in einem Tone, der mir wehe that:„„Hier iſt ernſtlicher Rath von Nöthen! Ich werde Sorge tragen, daß Norden keiner Pflege entbehre!““ Er ſetzte ſich hierauf an ſeinen Schreibtiſch, couvertirte einige Briefe, und fertigte den Bedienten ab. Ich wank⸗ te in mein Cabinet. Dort ſaß ſein Kind harmlos mir entgegenlächelnd. Ich warf mich zu ihm auf die Kniee, ich faltete über ſeinem Haupte meine Hände, ich überſtrömte es mit meinen Thränen. Fragend ſah der Knabe zu mir empor, ach, in ſei— nem Herzen war noch nicht der Begriff eines ſol⸗ chen Schmerzes, wie ich ihn in dieſem Angenblick empfand. Gott! welche Qualen liegen in den Stunden, in welchen wir einer peinlichen Ungewißheit hinge⸗ geben ſind! Was ich that, was ich unternahm, nichts vermochte mich zu beruhigen, zu zerſtreuen. Meine Augen waren ſtets nach der Thüre gerich⸗ tet, um auf die Geſichter, auf die Worte der Ein⸗ tretenden zu lauſchen, um daraus Beruhigung oder neue Befürchtungen zu ſchöpfen. Endlich kam der Arzt. Er verließ uns ſogleich, um nach dem Pa⸗ tienten zu ſehen. Ich ſtand am Fenſter und be⸗ — 121— rechnete nach den Minuten, wann er wiederkehren könne. Nach langem Ausbleiben ſah ich ihn endlich in unſer Zimmer treten. Er ordnete geſchäftig die Medikamente, ſchrieb neue Rezepte, und fertigte auf's ſchleunigſte einen Boten nach der Stadt ab. „Iſt der Kranke gefährlich, Herr Doktor?“ brachte ich endlich aus den ungehorſamen Lippen hervvr.—„Die heutige Kriſis wird entſcheidend ſein!““ entgegnete er:„Der Herr Graf wün⸗ ſchen, daß ich dieſe Nacht abwarten möge, und ich fühle mich ſelbſt durch den Zuſtand des Kranken dazu aufgefordert, ob mich gleich dringende Ge⸗ ſchäfte abrufen.““ „Sie fürchten doch nicht, daß dieſe Nacht— Gott! daß dieſe Nacht ſein Tod?“—„Das wäre nur zu befürchten, wenn die Heftigkeit des Fiebers einen Nervenſchlag herbeiführte!““ entgeg⸗ nete der Arzt:„„Die Krankheit iſt bereits zu weit vorgerückt, und nur die ſchleunigſten Maßregeln vermögen hier noch zu retten.““ Ich fühlte einen eiſigen Schauer durch meine Adern rieſeln, aber ich bebte nicht mehr wie zuvor. Das Schreckliche war ausgeſprochen, das hatte mir meine Kraft zurück⸗ gegeben. Ein unbezwingliches Verlangen, meinen edeln Lehrer noch einmal wiederzuſehen, verdrängte fortan jede andere Rückſicht. Mein Vater war durch einen Beſuch, den er bekommen, an ſein — 123— Zimmer gefeſſelt, das erlaubte mir eine kurze Ent⸗ fernung. Von dem Dunkel der einbrechenden Nacht begünſtigt, flog ich den Weg zum Dorfe hinab, feſt entſchloſſen dem Drange meines Herzens zu gewäh⸗ ren. An der Thür des Pfarrhauſes ſtand ich ſtill; ein Gefühl peinigender Verlegenheit hielt mich zu⸗ rück. Was wollt' ich denn? helfen?— konnte ich das?— ihn ſehen?— hätte das ſeine Strenge gebilligt? Ich ſah zu dem Fenſter empor, wo ich das Krankenzimmer vermuthete. Flüchtige Schat⸗ ten glitten dort hinter den herabgelaſſenen Rouleaur auf und ab. Ueherall unruhige Bewegung.— Endlich wurde es ſtiller, die Thüren gingen leiſer, alles verſank allmählich in tiefes Schweigen. Mein Herz ſchlug ſo heftig, daß ich kaum Odem holen konnte. Er konnte in dieſem Augenblick ſeinen letz⸗ ten Seufzer verhauchen, vhne daß ich vermochte die erſtarrende Hand mit den Thränen meines Danks zu benetzen. Zehnmal hatte ich den Drü⸗ cer der Thür in der Hand, doch eine Stimme ernſter Warnung, die wie Rordens Stimme klang, ſcheuchte mich ſtets auf's neue zurück. Ein pfeifen⸗ der Wind ſpielte mit meinem Mantel und Haaren, und vermehrte die Betäubung, in der ich mich be⸗ fund. Eben war ich im Begriff in das Haus zu treten, als die Aufwärterin aus der Thüre trat. Die Sorge um ihren Herrn ließ ſie das Seltſame — 105 meines Erſcheinens kaum beachten.„Ach, kommen Sie, Comteſſe“, rief ſie wehklagend:„das Fieber wird immer ſchlimmer, wer weiß was morgen ge⸗ ſchieht! kommen Sie, den guten Herrn noch ein⸗ mal zu ſehen!“ Ich blickte um mich, wie aus einem ſchweren Traum erwachend, und meine völlige Beſonnenheit wiederfindend, ſprach ich leiſe und bittend zu ihr: „„Ich komme nur, gute Johanna, um zu hören, welche Hoffnung der Arzt gibt.““„Ach, wenig, wenig, gnädige Comteſſe, der Kranke liegt jetzt in einem tiefen bewußtloſen Schlummer, und gibt kein Zeichen des Lebens von ſich! Der Arzt meint wohl, das ſei gut, aber ich kann es nicht ertragen, ihn ſo ohne alle Regung, gleich einer Leiche zu ſe⸗ hen!“—„Faſſen Sie nur Muth, gute Frau!““ ſagte ich, mich ſelbſt wegen meiner Faſſung bewun⸗ dernd:„Und ſei Sie ganz die ſorgliche Pflegerin, die ich dem theueren Kranken, trotz des beſten Wil⸗ lens, nicht ſein darf! Ich werde jeden Morgen herſenden, mich nach dem Röthigen zu erkundigen! Ach, ich kann ja nichts thun, als nach ihm fragen, und mich auf meine Kniee werfen, und für ihn beten!— Erzähle Sie Riemanden, daß Sie mich hier geſehen!““ fuhr ich, mich ſammelnd, fort: „Mein Vater iſt furchtſam, und möchte ſich un⸗ nöthig ängſtigen.““— Sie verſprach es mir, und Angela II. 6 — 125— ſchnell wie ich gekommen, eilte ich nun wieder zum Schloß zurück. Meine Abweſenheit war, wie ich vermuthete, nicht bemerkt worden, ich begab mich auf mein Zimmer, um die Nacht in Gebet und Thränen zu durchwachen. Am Morgen erhielten wir die Verſicherung des Arztes, daß die gefürchtete Criſis vorüber, und Nordens Rettung bei ſorglicher Pflege gewiß ſei. Ich hatte den Muth, meinen Vater zu bitten, zuweilen mich nach der Beſorgung des Kranken er⸗ kundigen zu dürfen. Er ſchien mir es anfänglich verweigern zu wollen, doch da der Arzt ihn von der Nothwendigkeit einer ſolchen Fürſorge überzeug⸗ te, und ſeine Verſicherung gab, daß bei Vermei⸗ dung des Krankenzimmers keine Anſteckung zu fürch⸗ ten ſei, ſo erhielt ich es endlich von ihm, perſön⸗ lich an Nordens Pflege Theil nehmen zu können. Er begleitete mich nun ſelbſt Morgen für Morgen zu dem Pfarrhauſe, und harrte in der Nähe, bis ich mein Geſchäft vollzogen. Jeder Trank, den Norden empfing, bereitete ich mit ei⸗ gener Hand, es war mir ſüßer Troſt, ihm jede Labung ſelbſt beſorgen zu dürfen. Nun iſt er ſo weit geneſen, daß er auf Stunden außer dem Bett ſein darf, doch habe ich ihn ſeit jenem Tage, wo er ſo ſtrenge zu mir ſprach, nicht geſehen. ———— —— Die Kälte, der ſchneidende Nordwind, und auch wohl das Angreifende der letzten Zeit, hat mir eine leichte Unpäßlichkeit zugezogen. Ich hüte- deshalb ſeit einigen Tagen die Stube, und laſſe mich von dem kleinen Fritz pflegen, der alle Tücher, die er finden kann, über mich breitet, um mich, wie er ſagt, geſund zu machen.— Das gute Kind! Wie glücklich iſt es, ſeinen Vater erhalten zu ha⸗ ben, wie ſehr bedarf es noch ſeiner leitenden Hand, und auch ich, Richardis, wie ſehr bedarf ich noch ſeines Rathes, ſeines Unterrichts. 6* Fünfundfünfzigſter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Richardis. Breiſach, im Februar 18*. O, liebe Richardis! wie gütig iſt Gott, daß er dem Leben hienieden ſchon ſo ſüße Freuden gegeben hat. Ich wollte Ihnen abſichtlich nicht eher ſchrei⸗ ben, bis ich Ihnen recht viel Erfreuliches zu ſagen hätte, und dieß kann ich nun aus vollem Herzen, da alles Ungemach nun endlich überſtanden iſt. Der erſte warme Sonnenſtrahl berührt wieder die Wände meines Zimmers. Draußen regt ſich's wie mächtiges Auferſtehen, und alles verkündet, daß der Winter vorüber iſt. Das Feſt der Oſtern kommt nun immer näher, und mit ihm die Feier meiner Confirmativn. Rorden vermag nun ſeine Lehrſtun⸗ den wieder fortzuſetzen. Mein Vater brachte ihn geſtern zu meiner Freude wieder auf mein Zimmer, es war das Erſtemal, daß ich ihn wiederſah. Ich erſchrak anfangs über die Bläſſe ſeines Geſichts, — 129— doch überzeugte mich ſein heiterer Blick von ſeinem innern Wohlbefinden. Eine Freude, die an Rüh⸗ rung gränzte, erlaubte mir nicht zu ſprechen, ich blieb, das überwallende Auge auf ihn gerichtet, auf meinem Platze ſtehen, indeß der kleine Fritz aufjubelte, und ſeinem Vater entgegenſprang. Nor⸗ den aber, v Richardis! eilte zuerſt auf mich zu, und meine Hand an ſeine Lippen ziehend, ſagte er mit ſanftem Ton einige ſehr freundliche Worte, die mich errathen ließen, er wiſſe von meiner Theil⸗ nahme an ſeiner Pflege. Er hatte mir noch nie die Hand geküßt, ich entzog ſie ihm mit einer Art demüthiger Verwirrung, indem ich mich hocherröthend gegen ihn verneigte. Mein Herz war ſo voll, und doch vermochte ich nur undeutliche Worte zu ſtan⸗ meln; er ſah aber ſo gütig auf mich herab, als habe er mich dennoch verſtanden, und ich bekam nun den Muth, freier mit ihm zu ſprechen. Bald miſchte ſich auch mein Vater in das Geſpräch. Es war ſo viel Herzlichkeit in dem, was er dem Super⸗ intendenten ſagte, daß mir kein Zweifel übrig blieb, das freundſchaftliche Verhältniß zwiſchen ihm und Norden, das eine Zeitlang geſtört zu ſein ſchien, ſei nun auf das Vollkommenſte wieder hergeſtellt. Richardis, Sie können ſich meine Freude hierüber denken! Es drängte mich, ein liebes Weſen an mein Herz zu drücken; ich hob den Knaben empor, —— und trug ihn darauf ſeinem Vater entgegen. Das blühende Geſicht des Kindes, ſeine vollkommene Geſundheit, gewann mir Rordens Dankbarkeit auf's neue. Mein Vater bat ihn zu Mittag. Ich be⸗ ſtellte ſo geſchwind als möglich die Tafel, um mich dann ungeſtörter der Unterhaltung mit Norden, die ich ſo lange entbehrt hatte, erfreuen zu können. Sein Geiſt bewegte ſich zwangloſer als je in der Sphäre geſelliger Heiterkeit. Die Krankheit ſchien gleichſam alles Drückende von ſeinem Gemüth weg⸗ genommen zu haben, er war geſprächig, froh, ohne daß das Beſtreben es ſein zu wollen, wie ſonſt, ängſtlich hervorblickte. Zuweilen flog ſelbſt ein ar⸗ tiger Scherz über ſeine Lippen, doch blickte aus allem was er ſagte, eine ſo zarte Achtung, eine ſo würdevolle Heiterkeit hervor, daß ich mir im Herzen geſtand, ſo müßten wohl alle die liebens⸗ würdigen Männer ſein, von denen Hermine mir bisweilen erzählt hatte. Norden theilte uns eini⸗ ges über unſern künftigen Nachbar, den Grafen Ordeck mit, und ergötzte uns mit mehreren Anek⸗ doten, die uns die Gemüthsart des Grafen leben⸗ dig darſtellten. Er muß ein ſonderbarer Menſch ſein, dieſer Ordeck! Er trägt nie einen Hut, macht ſeine Reiſen meiſt zu Fuß, und ſoll trotz der rohe⸗ ſten Außenſeite, und der gänzlichen Geringſchätzung aller geſellſchaftlichen Formen, ein Mann von gro⸗ — 131— ßen Naturanlagen und ausgezeichneten Talenten ſein. Er hat jetzt, wie Norden ſich ausdrückte, einen Spaziergang nach Italien gemacht. Der glückliche Menſch! Wer wollte es ihm verdenken? Norden ſcheint, wie mir däucht, den Wunſch zu haben, den Grafen allmählich für ein nützliches⸗ Leben zu gewinnen. Wie ſollte es ihm nicht gelin⸗ gen? Wo Willen und Kraft ſich ſo ſchön verbin⸗ den, iſt der Erfolg wohl gewiß! Der Tugendhafte gleicht einem wohlthätigen Reichen, der nicht allein freigebig Allmoſen ſpendet, ſondern auch Andern die Mittel vertraut, durch die ſie ſich zu gleichem Wohlſtand erheben können. Ich bin ſtolz darauf, daß ich auch zu denjenigen gehöre, an deren Glück Norden arbeitet. Mein Leben ſoll fortan das Lob⸗ gedicht ſeiner Lehre werden, wie die freundlichen Blumenſterne im Thal⸗Grund die heiteren Schrift⸗ züge ſind, die den Segen des Himmels, und den ſeines erquickenden Thaues verkünden. Das Ziel meiner ſchönſten Hoffnungen, der Charfreitag, rückt heran; denken Sie an dieſem Ta⸗ ge meiner, Richardis! Selig hoffend will ich ihm entgegengehen, und dann von der erhabenen Weihe geſtärkt, Ihnen zuerſt den Gruß der Liebe bieten. —— Sechsundfünfzigſter Brief. No rden W a 1e Breiſach, im Februar 18*. Dank Dir, mein Freund! für Dein theilnehmen⸗ des, gütiges Schreiben! Die Krankheit mit allen ihren Folgen iſt nun gehoben, und ich begrüße gleichſam neu geboren das Leben.— Ich habe na⸗ he am Rande des Grabes geſtanden, mein Be⸗ wußtſein war hin, wenig lichthelle Minuten zeig⸗ ten mir die Gefahr, in der ich mich befand. O, der Tod iſt nicht ſchwer, ich habe ihm ſehr tief in's Auge geſehen! Derſelbe Schlummer, der mei⸗ ne Geneſung herbeiführte, konnte zum Todes⸗Schlaf werden, ich wäre dann hinübergegangen, ohne Schmerz, ohne Qual.— Walter, mein Gewiſſen muß entweder verſtockt,— voder mit Gott verſöh⸗ net ſein! Ich empfand nicht die Angſt nagenden Vorwurfs, als ich mein Haupt an die Bruſt des Todes⸗Engels gebettet ſah.— In den Träumen wilder Phantaſie begegnete mir zwar vft Mariens — 133— Bild,— aber immer freundlich lächelnd, voll Frie⸗ den in Blick und Gruß. Soll mir das nicht ein Zeichen ſein, daß mir Verzeihung geworden iſt? — Ich verlangte nach Dir, als ich meinte, es ge⸗ he mit mir zu Ende; ich wollte Dich zu dem Ver⸗ trauten meines Willens machen,— da mahnte mich der Gedanke, daß Du Familien⸗Vater ſeieſt, zur rechten Zeit. Ich verſchwieg Dir abſichtlich meinen Zuſtand, bis ich Dir meine Geneſung mel⸗ den konnte! Jetzt,— o, der Schatten des Todes, erhellt uns auf's neue die Reize des Lebens! Jetzt lächelt mich das wiedergegebene Daſein mit tauſend Freun⸗ des⸗Augen an. Die Sonne däucht mir heller, die Erde viel ſchöner, und ſtärker und freier die eige⸗ ne Bruſt, die Segnungen des Himmels zu faſſen. Ich habe oft das Gefühl, deſſen ich mich aus mei⸗ ner Kindheit her erinnere: jenes tiefe unausſprech⸗ liche Glücklichſein, jene ſelige Liebeswehmuth, die mit ſtillen Thränen dem Himmel dankt;— ich ver⸗ mag wieder die geheimen Wunder der erwachenden Natur mit der Andacht zu beachten, die nur der Unſchuldswelt angehört,— kurz, ich fühle mich die⸗ ſen heiligen Auferſtehungs⸗Wundern auf's innigſte beigeſellt, und mich noch einmal zu der Hoffnung irdiſchen Glückes erhoben⸗ — 134— Und— wie ſeltſam! Seitdem ich mich glück⸗ licher fühle, iſt es, als geſtalteten ſich die Men⸗ ſchen um mich her immer holder und freundlicher. Der Graf, deſſen Sein ich mir vor kurzem noch feindlich glaubte, erſcheint mir jetzt in alter Milde und freundlicher Theilnahme.— Hat das Bewußt⸗ ſein, ſich durch die Sorge, die er für mich trug, auf eine edle Art an mir gerächt zu haben, ſeinem Stolze wohlgethan, und mich auf's neue mit ihm verbunden?— Wohl möglich!— Doch— wer vermag dieſen Charakterzug zu tadeln!— Und, Angela!— O, Walter! wenn Engel für das Wohl Verirrter beten, wie ſollte der Himmel nicht Geneſung ertheilen! Sie ſelbſt hat an meiner Pflege Theil genommen, ſie ſelbſt hat es nicht ver⸗ ſchmäht, das Haus des Kranken zu betreten! Un⸗ ſichtbar, wie die höhern Mächte, ſpendete ſie mir täglich Labung und Freude. Unerreichbar meinen Augen, war ſie mir dennoch im Geiſte nah, ich fühlte das Band zarter Theilnahme, das zwiſchen uns waltete, und verdanke dieſem reinen Bewußt⸗ ſein die ſchönſte Blume im Kranz meines ſtillen Glückes. Als ich zum erſtenmal meinen Dankſa⸗ gungs⸗Beſuch bei der Comteſſe machte, wollte es mich bedünken, als ſei ſie während der Zeit um vieles größer geworden. Auch ſie hat an einem Fieber gelitten, und dieſes ſcheint ihren Körper — 35— ſichtlich entwickelt zu haben. Man kann nicht ohne ſtille Ehrerbietung dieſe reine Geſtalt, dieſe aus⸗ drucksvollen Züge betrachten, die ſich immer ſchö⸗ ner verklären, je mehr ſich die Kräfte ihres Ge⸗ müths entfalten. Wie glücklich muß der Vater ei⸗ ner ſolchen Tochter ſein, und wie glücklich der Mann, dem ſich einſt dieſes Herz liebend hingibt! Mein Fritz hat die Zeit meiner Leiden in Angelens Nähe glücklich verträumt. Er iſt geſund, und fängt an Unterricht zu bekommen. Was fehlt denn zu meinem Glück, geliebter Freund!— Glück?— O, wenn es nur keine Täuſchung meines Gefühls iſt, was mich ſo ſchnell auf die Höhen des Lebens zurückführte!— Einmal hinabgeſtürzt, fürchtet man ängſtlich den Schwindel, und ſteht faſt zagend in dem ſegnenden Sonnenſchein, weil man fühlt, daß ein neuer Fall in die düſtere Tiefe den Tod brin⸗ gen würde. Gott erhalte Dich und die Deinen! Der Aus⸗ tauſch liebender Sorgfalt iſt das, was dem Leben den höchſten Reiz leiht! Mögeſt Du nie den Schmerz gänzlichen Alleinſtehens empfinden! Man lebt nur, wenn man ſich der Theilnahme Anderer bewußt iſt! Hinweg mit der kalten Philoſophie, die uns der Forderungen des Herzens überheben will! ihre Lehre führt zum Tod, die Liebe zum Leben! — 136— Siebenundfünfzigſter Brief. Hermine von Bören an Frau von Alboin. Aus der Reſidenz, im März 18** 3 Unerhrt! werden Sie ſagen: Beinahe ein halbes Jahr verheirathet, und noch keine Zeile!— Aber, gute, herrliche Frau! nehmen Sie doch nur einige Rückſicht auf die Flitterwochen, die mein treuer, beſorgter Freund zu Monden ausgedehnt hat!. Auf die kleinen Sorgen, die wie Bienenſchwärme hin⸗ ter mir drein ziehen, und mich ſelbſt zu der ge⸗ ſchäftigſten Biene verwandeln; auf die Reſidenz mit allen ihren Glanz und Freudenfeſten, und endlich auf meinen Gemahl, der nicht leben kann, ohne mit mir zu ſchwatzen, und keber alle meine Necke⸗ reien erträgt, als irgend eine Entfernung, und ſei es auch nur eine geiſtige zu meinen abweſenden Freunden!— Wie er über ſeine Zeitungen hin⸗* wesſchielt!— Ich weiß, daß er heimlich alle Cor⸗ ₰ reſpondenz verwünſcht, doch wagt er es nicht aus⸗ — 437— zuſprechen, weil er mich in Hinſicht gewiſſer Punk⸗ te kennt.— Ungeduldig rückt er mit dem Stuhle hin und her, und möchte gern ſprechen.— Unge⸗ rechteſter unter allen Männern! hat nicht die Freundſchaft auch ihre Rechte? O, liebe Alboin! die Männer ſind die ſelt⸗ ſamſten Creaturen von der Welt! gewiß um die Hälfte eigennütziger, mißgünſtiger, gefallſüchtiger als wir! Jeder Gedanke, ja, jedes Gefühl, ſoll ſich, wie der Planet um ſeine Sonne, in regelmä⸗ ßigen Bahnen um ſie allein drehen. Freundſchaft und Dankbarkeit ſind ihnen unbequeme, unnütze Erſcheinungen, wenn ſie uns einen Augenblick von dem glänzenden Centralpunkt entfernen; und doch ſollen wir von allen verehrt, bewundert, angebetet werden, damit ihr eitler Ruhm dadurch ſteige!— O, hätten Sie geſehen, wie er mich von Haus zu Haus, von Aſſemblee zu Aſſemblee führte! Keinem ſollte es unbekannt bleiben, daß e ett Frau habe, und welche! Er weiß, glaube ich, zehnmal mehr von mir, als ich zugeben kann, und iſt darauf eitler, als ich, mir es je erlaubt hätte, zu ſein. Eigennutz, Prahlſucht und Eitelkeit, alſo drei⸗ erlei! O, ich möchte gern noch mehr dergleichen hervorſuchen, um meine Anklage zu rechtfertigen, — aber ſelkſam genug, die Schattenflecke verwan⸗ — 138— zu ſanft verſchleierten Lichtſtellen, und überall ſchielt unter den Larven, die ich ihm muthwillig anlege, das Auge der Liebe hervor. Ich glaube(unter uns geſagt, denn die Män⸗ ner, auch die beſten, dürfen ſo etwas nicht hören), ich glaube in der That, daß ich die glücklichſte Frau auf der Erde bin! Wie ich es auch anſtellen mag, ich gewinne den Mann mit allen ſeinen Eigenhei⸗ ten von Tag zu Tage lieber. Es iſt eine Ouelle von Güte in ſeiner Seele, die ſich auf die klein⸗ ſten Nüancen ſeines Handelns erſtreckt. Seufze ich einmal zufällig, ſo ſollten Sie ſehen, wie allmählig Unruhe, Verlegenheit, dann beſcheidenes Fragen, endlich zärtliche Anerbietungen auf einander folgen; bin ich ausgelaſſen, ſo erträgt er meine Laune und muthwilligen Witz mit großer Artigkeit, und be⸗ müht ſich ſoaar bisweilen, mir Gleiches mit Gleichem zu vergelten;— bemüht ſich,— merken Sie wohl? Mit dieſem kleinen Wort iſt leider den Produkten ſeines Witzes das Urtheil geſprochen; was bedarf er auch einer Zierrath, die ich voraus haben muß, um nicht in allem ihm nachzuſtehen? Erlaubte es mir mein Vortheil, die Hälfte ſeiner Verdienſte ihm ſo hell zu beleuchten, wie ich ſie ſehe, er würde nicht erſt nach meinen Flittern die Dand ausſtrecken, ſondern zufrieden ſein!— Doch deln ſich, indem ich ſie vor Ihnen zergliedern will, ——,— vor der Hand iſt es gerathener, dieſe Kenntniſſe allein zu beſitzen. Keine Blindheit wird ohnedieß ſo leicht gehoben, als die, über eigene Vorzüge. Was das Leben außer dem Tempel unſerer Häuslichkeit anbetrifft, ſo muß ich Ihnen geſtehen, daß es mir mit dem Gemüthlichen darinnen in kei⸗ nen Vergleich kommt. Es herrſcht in den größern Cirkeln eine Vielwiſſer⸗ und Schöngeiſterei, die alle Natur und heitere Geſelligkeit verdrängt. Der Ton ſoll, wie ich höre, von der Fürſtin ausgehen, doch kann ich das nicht glauben, da dieſe eine ganz einfache und höchſt liebenswürdige Dame iſt. Ei⸗ ne Barvneſſe Münter, die ſich viel mit der Gunſt der Fürſtin herausputzt, ſcheint in dieſen Aſſembleen den erſten Platz zu behaupten. Sie will auf alle Art imponiren; Anzug, Haltung und Betragen iſt ſtets auffallend und hervorſtechend; ihr zur Seite ſteht die ſchmachtende Lichtfeld. Sie empfing mich, was mich überraſchte, mit einer Güte, die ich mir nach ihrem frühern Betra⸗ gen kaum vermuthet hatte. Will ſie in mir viel⸗ leicht eine gütige Richterin ſehen, und bedarf ſie derſelben? Sie hat immer meine Zunge gefürch⸗ tet, und das vhne allen Grund. Ich bin luſtig und voll muthwilliger Neckereien, aber ſonſt laſſe ich die Welt unangefochten ihre Straße ziehen⸗ — 140— Die Herren, wie ich ſie hier kennen gelernt, haben faſt durchgängig einen ſo negligenten, weg⸗ werfenden Ton, daß ich nicht begreife, wie die Frauen ſich mit ihnen einen Augenblick vertragen können. Ich habe mich öfters vor Stolz erröthend weggewendet, als einige der hieſigen Elegants in nachläſſiger Zerſtreuung die Fragen liebenswürdiger junger Damen erſt überhörten, dann ſo leicht hin beantworteten, als ſei ihnen an der Fortſetzung des Geſprächs wenig gelegen.— Hier wäre jedes Wort Verſchwendung! Wo die Verhältniſſe der Geſellſchaft ſo verſchoben ſind, daß die zarte Auf⸗ merkſamkeit aus dem Kreiſe der Männer in den der Frauen verwieſen iſt, da kann unmöglich jenes gegenſeitige Intereſſe ſtattfinden, welches die Wür⸗ ze der Converſation iſt. Talente gelten, wie es ſcheint, hier allein! Die Barvneſſe Münter, die ſolche, ſich brüſtend, in jedem Fach der Kunſt zur Schau trägt, hat einen Hof eitler Bewunderer um ſich her verſammelt, man drängt ſich um ſie, um mit ihr gemeinſchaftlich die geiſtigen Schaugerichte zu betrachten, die ſie von der vollen Tafel alter und neuer Literatur herablangt. Die Sucht, frem⸗ den Geiſt, fremde Gedanken aufzufaſſen, verdrängt hier jede Mittheilung des innern Eigenthums. Man verliert das Leben wie es iſt, allmählig aus den Augen, und verirrt ſich in die Region üppiger — 141— Einbildungskraft, wo keine geſunde Pflanze klaren Verſtandes emporkommen kann. Urtheilen Sie ſelbſt über das Amüſement, das in den Kreiſen zu ſuchen iſt, wo der Buchſtabe herrſcht. Kein Funken des Witzes, kein launiger Einfall ringt ſich von der ſchwerfälligen Maſſe die⸗ ſer wiſſenſchaftlichen Unterhaltungen los. Das wah⸗ re Vergnügen iſt eine Pſyche, die um Blumen gau⸗ kelt, und nur unter dieſen, und nicht in dem Schacht tiefer Gelehrſamkeit zu finden iſt. Huſch, in mein Zimmer zurück, daß ich das leichte Flügel⸗ paar rette, das mir die Natur verliehen hat!— Bören, guter, lieber, du! amer Freund! Harrſt du noch immer in den Feſſeln, die ich dir anlegte? — Sei frei!— Freiheit allein iſt Glück! Komm, und gebrauche ſie wieder! Wie er die Zeitungen wegwirft!— Run, nun, Herr von Bören, verſchonen Sie nur wenigſtens die feuchten Schriftzüge!— Ich muß wahrhaftig die Feder hinlegen, der böſe Wildfang! Verzeihen Sie es ihm, Frau von Alboin, wenn der Brief ohne alle Form und Anſtand ſchließt! Ich kann nichts hinzufügen, als die Verſicherung treuer Ergebenheit. Achtundfünfzigſter Brief. Die Obriſt von Lichtfeld an ihre Schwägerin. Aus der Reſidenz, im April 18**. Jo will nicht klagen, Annette, obgleich meine Stimmung nicht die heiterſte iſt!— Ein Loos, das wir freiwillig gewählt, müſſen wir ſtandhaft ertragen, und wenn es auch unſern Kräften nicht ſp angemeſſen war, wie wir erſt geglaubt!— Du ſelbſt billigteſt meinen Entſchluß, dem Obriſten Lichtfeld meine Hand zu reichen, weil Du gleich mir überzeugt warſt, die Lücke, die in meinem Herzen war, ſei hienieden nicht mehr auszufüllen, und fandeſt meine Wahl der Klugheit, wie meinen Anſprüchen angemeſſen!— Noch habe ich auch dieſe zu bereuen nicht Ur⸗ ſache gehabt, und doch iſt etwas in mir, das mich anklagen will, wegen dieſes meines Entſchluſſes!— Ach, Geliebte, es iſt nicht gut, wenn man das innere Leben zu ſehr auf Koſten des äußeren —.—— begünſtigte!— Der Rückweg aus dieſem Verſin⸗ ken in die Welt des Gefühls, in die Regionen der Außenwelt, iſt ſchwer und ermüdend, und dennoch mußte ich ihn einſchlagen, wenn ich mir die Ach⸗ tung des Mannes verdienen wollte, mit deſſen Schickſal das meine nun auf immer verbunden iſt.— Lichtfeld hält viel auf Ordnung und Eleganz in unſerm Hausweſen, er ſieht gern Gäſte bei ſich, und liebt es, ein großes Haus zu machen. Ich ſuche ſeine Wünſche zu erfüllen, und reiße mich oft mit Gewalt empor, um die Frau vom Hauſe mit der Würde darzuſtellen, die er von mir gerechter⸗ weiſe erwarten darf. —— Oft, wenn ich im Kreiſe meiner Gäſte bemüht bin, Leben und Vergnügen zu verbreiten, ſeufzt es in meiner Bruſt, als wohne dort ein ein⸗ ſamer verlaſſener Fremdling;— Glanz und Reich⸗ thum iſt um mich verbreitet, aber die unbefriedig⸗ ten Bedürfniſſe meines Herzens bemerkt niemand, und dieſe ſind drückender als jede Armuth.—— Wir leben nun ſchon ſeit ſechs Monden in der Reſidenz,— die Wintervergnügungen haben mich ermüdet. Der Stand meines Gemahls er⸗ laubte es nicht, ſich von den größeren ECirkeln aus⸗ zuſchließen, und ſo mußte ich überall ſeine Beglei⸗ terin ſein. —— Beſſer gefalle ich mir in den Zuſammenkünf⸗ ten, die ſich in den Häuſern einiger angeſehener Familien, vor allen bei der Barvneß Münter bil⸗ den. Es herrſcht dort ein feiner Ton, Verſtand und Herz finden volle Rahrung, jedes Talent wird beachtet, und der Werth der Anweſenden nur nach ihren Verdienſten beſtimmt.— Frau von Bören, (die ehemalige Domikowsky), die durch die Parthie, die ſie gemacht, auf eine wunderbare Art wieder in Anſehen gekommen iſt, wurde auch in dieſe Cirkel eingeführt. Du kannſt Dir denken, wie wenig ſie ſich hier gefiel!— Ihr Ton iſt hier nicht gebräuchlich,— und es iſt mir unerklärbar, wie ſie ſich noch ſo leidlich in dieſer ihr gänzlich fremden Sphäre halten kann! Ich komme mit ihr oft in Geſellſchaft zuſammen, und bin ſogar bis⸗ weilen genöthigt, ihr Artigkeiten zu erweiſen,— damit ſie nicht auf den Gedanken komme, als heg⸗ te ich gegen ſie irgend eine Art von feindlichem Groll.—— Möge Bören in ihr das Glück fin⸗ den, was er ſich einbildet! Ihr Betragen ſcheint, ſeitdem ſie verheirathet iſt, überlegter geworden zu ſein. Es ſoll mich verlangen, wie lange dies aus⸗ dauern wird. Ein Charakter wie der ihre, be⸗ kommt, wenn er ſich auch auf einige Zeit unter die Feſſeln der Convenienz beugt, doch ſtets neue Rückfälle! Sie mag auf ihrer Hut ſein, denn —, — 145— Vieler Augen ſind auf ſie gerichtet, und ſchwerlich möchte ſie hier ſo gelinde Richter finden, wie in Warmbrunn, wo einige Freiheiten ſich mit dem ländlichen Aufenthalt beſſer vertrugen. Ich werde kommenden Lenz mit meinem Ge⸗ mahl eine Reiſe nach C. machen. Meine Geſund⸗ heit iſt, wenn auch nicht die beſte, doch erträglich genug, um ſich von dieſer Reiſe einiges Vergnügen zu verſprechen; mehrere fürſtliche Gäſte ſind bereits dort angeſagt, und man ſieht ſich zu brillanten Er— wartungen berechtigt!— Sobald wir zurück ſind, erhältſt Du ein Schreiben; bis dahin lebe wohl! Reunundfünfzigſter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Richardis. Breiſach, im April 18** Nehmen Sie mich an Ihr Herz, meine Freundin, ich habe die Weihe des Chriſtenthums empfangen! Noch iſt mein Weſen erſchüttert von der ernſten Heiligkeit jener Stunde: noch bebt auf meinen Lip⸗ pen der Schwur, den ich vor Gott niederlegte. Ein ſeliger Morgen ging über unſerer Flur auf. Ich erwachte früh, und trat an's Fenſter, meine Hände zum ſtillen Gebet faltend. Glühend⸗ roth hob ſich der Sonnenball aus den Dünſten der Frühe empor, die Lerchen ſtiegen und jubelten, und badeten ſich in der duftigen Kühle des Mor⸗ gens. Meine Bruſt hob ſich im Vorgefühl des Segens, der meiner harrte: ich hatte keine Worte, aber Gott ſah in mein Herz. Mein Vater gelei⸗ tete mich um acht Uhr zur Kirche. Wir fanden ſie mit friſchen Mayen geſchmückt, welches ſeltſam von den ſchwarzen Tüchern, womit Kanzel und Altar behangen waren, abſtach. Das Leben ſchien gleichſam mit dem Tode vermählt, vder vielmehr aus dieſem hervorzugehen. Später erfuhr ich, die guten Menſchen, denen ich bisweilen einen Dienſt gethan, ſeien bei dem Superintendenten darum eingekommen, an meiner Confirmation die Kirche zu ſchmücken. Man hatte meinen Stuhl, entfernt von dem meines Vaters, einzeln dem Altar gegen⸗ übergeſtellt. Die Orgel begann. Eine leiſe un⸗ endlich wehmüthige Melodie kam wie auf Geiſter⸗ fittichen zu mir herab: ich glaubte den Gruß mei⸗ ner verklärten Mutter zu vernehmen, und hob den Blick, vermeinend, ihrem Antlitz zu begegnen. Da fiel mein Auge auf das weiße Kreuz, das über dem Altar ſteht, ein Sonnenſtrahl, der ſchräge aus dem Seitenfenſter hereinfiel, umzog es mit einer himmliſchen Glorie; mir war, als rief es von oben:„Das ſei fortan deine Liebe, dein Heil und dein Leben.“ Ich vermochte, von tiefer Rüh⸗ rung bewegt, nicht in den Kirchengeſang einzuſtim⸗ men; mein Auge hing an dem Bild des Erlöſers, deſſen Gedächtniß ich heute zu feiern gekommen war. Endlich ſchwieg die Orgel, Norden erſchien am Altar, und begann eine kurze aber gehaltvolle Anrede an mich; ich legte darauf mein Glaubens⸗ bekenntniß ab, und empfing von ſeiner Hand den *— 148— prieſterlichen Segen. Mein Geiſt war von dem Augenblick meines Eintretens an, ſo ganz auf ſei⸗ nen heiligen Gegenſtand gerichtet geweſen, daß ich nicht die freundlichen Geſichter rechts und links, und auch die Blumen nicht bemerkte, die man um meinen Platz herumgeſtreut hatte. Ich dankte jetzt im Gefühl meiner Seligkeit Jedem mit freundlichem Blick, und ſtimmte aus vollem Herzen das Lied an, das nun auf's neue begann. Gewaltig durch⸗ drangen die mächtigen Klänge der Orgel mein Ge⸗ müth: bald war mir, als müßte ich mit meinen Lippen die Erde berühren, die einſt das Blut der heiligſten Liebe trank,— bald glaubte ich Schwin⸗ gen zu fühlen, mit denen ich mich über ſie hinaus, hoch zu dem Ewigen ſchwang, um im Gefühl ſtil⸗ len Triumphes hinabzuſehen auf das verdämmernde Leben. Als die letzte Feier vollzugen, und ich durch den Genuß des heiligen Sakraments mit der gro⸗ ßen Brüdergemeinde verbunden war, fühlte ich ei⸗ ne Erhebung meines Gemüthes, als ſei der Him⸗ mel in meine Seele eingezogen. Viele gute Men⸗ ſchen drängten ſich glückwünſchend um mich her: ich mußte Allen meine Hand reichen, und erkannte mit ſtolzer Freude, wie ich von ihnen ſo dankbar geliebt war. Als ich zu Hauſe war,(v Richardis, wie ver⸗ mag ich meine Ueberraſchung zu ſchildern!)— er⸗ blickte ich in meinem Cabinet einen köſtlichen Blu⸗ mentvpf, aus dem eine Lilie ſchlank und blendend⸗ rein hervorragte, mit ſüßen Düften rings die Stu⸗ be erfüllend. Ein zuſammengefaltetes Papier lag daneben; ich brach es auseinander, und fand ein Gedicht von Nordens Handſchrift. Wie ſoll ich Ihnen die ſtille Rührung ausſprechen, die mich bei Durchleſung jeder Zeile von neuem ergriff: Treue iſt der Sinn dieſer köſtlichen Dichtung. Er gelobt gleichſam in meinem Namen das Heiligſte dem Himmel an. Alle Tugenden ſtrömen, wie er ſie darſtellt, aus einer OQuelle hervor, und in eine Tugend zuſammen, wie alle Farben, aus dem Licht geboren, wieder zuſammengemiſcht, ſich in dieſes verwandeln, die Lilie aber, der Reinheit und Klar⸗ heit herrliches Sinnbild, ſoll mir eine Erinnerung deſſen ſein, das er mir unter dem Worte Treue Gefühls⸗Einheit, Gefühls⸗Unſchuld) in dem Hei⸗ ligthum meiner Seele zu bewahren anbefiehlt. O, mein unvergeßlich theurer Lehrer, nicht umſonſt ſollſt du für mich gebürgt haben! Hier auf dieſem reinen Altar, auf dem keuſchen Kelch dieſer Lilie ſchwöre ich Treue jedem frommen Gefühl, das die Lehre des Chriſtenthums in mei⸗ Angela II. 6. — 150— ner Seele erweckt hat. Gott hört meinen Schwur, und ſchaut in das Herz ſeines Kindes!— Hold grüßend, wie ein heiteres Abendroth, zieht das Nachgefühl des heutigen Tages durch meine Seele! Schon neigt ſich das himmliche Licht zum Untergang; zitternd ſpielen noch einzelne Strahlen am Horizonte, als zögerten ſie, die Erde zu verlaſ⸗ ſen. Ich ſchreibe Ihnen dieſe Zeilen bereits in der Dämmerung:— die weiße Lilie leuchtet allein noch, ein glänzender Stern, mir zur Seite. Ueberall ſonſt dunkle nächtliche Tinten, und in Schlummer unter⸗ gehendes Leben. Möge ſo dereinſt am Schluſſe meiner Tage der Stern innern Friedens durch die Dämmerung des brechendes Auges leuchten. Dann wäre das Wort erfüllt, das ich in ſtiller Andacht gelobte. Sechzigſter Brief. Breiſach, im Mai 18**. Auf des Grafen Verlangen ſende ich Dir mitfol⸗ gendes Verzeichniß, um genannte Bücher und Mu⸗ ſikalien in ſeinem Namen zu beſorgen, und mir zu⸗ zuſenden. Er dringt mit ſeltſamer Ungeduld auf die wiſſenſchaftliche Ausbildung ſeiner Tochter. Es iſt mir nicht lieb, daß er die Sache ſo beeilt. Ich hätte gewünſcht, Angela's Gemüth ſo lange wie möglich in ſeiner lieblichen Einfalt zu erhalten. Kaum hat es die Religion in allen ſeinen Tiefen erwärmt,— kaum hat ſich ihr Herz der himmli⸗ ſchen allbeglückenden Liebe eröffnet, ſo wird die Kunſt herbeigerufen, um ihre bunten Gebilde in die reine Seele zu werfen, um die Einbildungs⸗ kraft zu entflammen, und den Geiſt aus dem ſtil⸗ len Betrachten ſeiner ſelbſt, auf die verführeriſchen Gegenſtände der Sinnenwelt zu lenken. Ich zitte⸗ re, zu dieſem Geſchäft meine Hand zu bieten:— — 152— Der Graf wird ſie nicht auf die Bücher meiner Wahl beſchränken, er wird ſie mit allem bekannt machen wollen, was unſere Literatur Bedeutendes aufzuweiſen hat. Sie wird begierig nach dem ſü⸗ ßen Gifte langen, ſie wird ſich ſelbſt wiederzufin⸗ den glanben in den Gemälden ahnender, hoffender Liebe. Sie wird den Schleier von ihrem Herzen heben, und hinabſehen in die Tiefen ihres Gefühls. Ans dem Traum ſüßer Unbefangenheit wird ſie em⸗ porſchrecken, und um ſich ſehen, und ſuchen, und finden.— Finden?— Es iſt nicht leicht, dem rein harmonirenden Ton einer ſolchen Seele zu begeg⸗ nen. Wer fände ſich aus der heutigen in die Sab⸗ bathſtille der Unſchuld und des Glaubens hinein? Wer dürfte es wagen, von dieſem Herzen Beſitz zu nehmen, ohne gleiche Gaben ihm einzutauſchen? — Angela wird lieben, o, ſie liebt ſchon, in den Stunden, wo ſie ſinnend unter ihren Blumen wan⸗ delt, wo ihr Blick ſehnſüchtig nach der Ferne ſchaut, und das überquellende Auge die geheime Wonne ihrer Ahnungen verräth. Noch nennt ſie die ſtille Seligkeit: Andacht und Glaube, aber der Himmel verſchmilzt in dem Augenblick des Entzückens ſo eng mit der Erde, wie der Aether mit dem klaren Meeresſpiegel im Abendpurpur, man weiß die Grenze nicht mehr zu entdecken, nicht mehr zu ſa⸗ gen, ob man Himmliſches oder Irdiſches umfaßt. „ — 153— Der Graf, der nie das Herz ſeiner Tochter verſtehen wird, ſpricht über ihre Zukunft mit der ruhigen Sicherheit, wie er über ökonomiſche Pläne und andere Speculationen ſpricht. Nach ſeinem Willen ſoll ſie an den Hof der Fürſtin, vder durch eine ausgezeichnete Parthie einer der erſten Fami⸗ lien des Landes einverleibt werden. Er wünſcht alle Güter der Erde auf das Haupt Angela's zu häufen, um ſeinem Stolze den Genuß zu bereiten, ſich und ſein Kind— von Allen bewundert und beneidet zu ſehen.— Ob er ihre Reigungen ſo in Anſchlag bringt als die ſeinen, kann erſt die Zukunft beweiſen. Roch hat ihr Glück keine Stim⸗ me, es wohnt in des Vaters Zufriedenheit und in dem Frieden, den ſie, Andern Segen ausſpendend, ſelbſt genießt. Es liegt in Ihrem Herzen viel Ge⸗ fühl für Wahrheit, viel Würdigung des Guten und eine Dankbarkeit, die ich nie vhne Rührung betrachte. Ein Beweis davon wurde mir ſelbſt vor Kurzem zu Theil. Ich traf ſie eines Morgens mit weiblicher Arbeit beſchäftigt. Sie ſchien eben eine Stickerei beendet zu haben, und verbarg ſie, als ich eintrat, ſchüchtern unter ihr Tuch. Ich that, als bemerkte ich es nicht, und ſuchte ein Geſpräch einzuleiten. Sie antwortete mir zerſtreut, ich be⸗ merkte, daß ſie ſich mühſam von dem Gegenſtande entfernte, der ſie beſchäftiget hatte. Endlich brach das Geheimniß bervor.„Herr Rorden“, ſagte ſie, mit dem ſchüchternen Erröthen, das ihr Antlitz ſo unnachahmlich verſchönte:„Es iſt nicht recht, daß ich ſo verſteckt gegen Sie bin! Was brauchen mei⸗ ne Gedanken ſich jetzt vor Ihnen zu verbergen, da ſie es nie geſcheuet haben, Ihrem Blick zu begeg⸗ nen?“— Sie hob das Tuch in die Höhe. Eine Brieftaſche von weißer Seide mit bunter Sti⸗ ckerei verziert, ruhete darunter. Sie reichte mir ſie hin, neugierig, was ich über die Idee ſagen würde. Die eine Seite zeigte einen Altar, auf dem eine Roſe lag, über dieſem ſtand eine Sonne. Die andere Seite ſtellte ein dunkles mit Lilien be⸗ kränztes Kreuz dar, darunter die Worte: Treue bis zum Tode. Mir ſiel ſogleich mein Gedicht ein, das ich der Comteſſe am Morgen ihrer Confirma⸗ tion überſandte. Es bezog ſich auf die feſte Be⸗ harrlichkeit im Guten, und war gleichſam ein Ge⸗ lübde, das ich in ihrem Namen vor Gott aus⸗ ſprach. Eine Lilie, die als Seltenheit in dieſer Jahreszeit, mir von einem benachbarten Gärtner überſchickt worden war, hatte ich jenen Verſen, zum Andenken dieſes Morgens, beigefügt. Beides war nun ſinnbildlich in dieſe Zeichnung verwebt, und verrieth mir die Tiefe, mit der ſie meine Ga⸗ be aufgefaßt hatte. Ich war überraſcht und ge⸗ rührt.„Hab' ich Sie verſtanden, Herr Superin⸗ tendent?“ frug Angela, auf die Stickerei deutend: „Liebe und Treue dem Wahren, Ewigen bis zum Tode! O, ich hab⸗ Ihnen noch nicht danken kön⸗ nen für das theuere Geſchenk, aber Sie ſehen, wie lieb es mir iſt, da ich mich immer mit dieſem Gedanken beſchäftige!“— Sie holte hierauf mein Gedicht, und verbarg es ſorgfältig in die Brief⸗ taſche. Ich folgte dem Spiel der zarten Hände und konnte meiner ſtillen Freude kaum Herr wer⸗ den.„Hier ſoll es ruhen“, fuhr ſie fort,„und kein Blick ſoll das Blatt entweihen, das von ſo großem Werth für mich iſt.“—„„Angela!““ ſagte ich:„„Der Raum iſt ſo klein, den das Blatt einnimmt, Sie werden ihm vielleicht andere Papiere zugeſellen, die es dereinſt verdrängen werden! Aber vergeſſen Sie nicht, daß keine Worte redli⸗ cher auf Ihr Glück hindeuten können, als die ich hier ausſprach!““—„Der Raum bleibt leer!“ ſagte Angela feſt, indem ſie die Brieftaſche zuſchloß. Ein betrübter Blick, den ſie auf mich warf, zeigte mir, daß ſie mein Mißtrauen gekränkt hatte. Ich hatte ein Buch mitgebracht; es waren Parabeln, in dem einfachen Charakter eines mit Gott und der Natur innig vertrauten Herzens ge⸗ ſchrieben. Ich begann einige Stellen vorzuleſen, doch fand ich bald, daß dieſe Dichtungen ſich mehr für die weichen Accente der weiblichen Sprache — 156— paſſen. Angela las, las mit den unſchuldigen, kindlichen Tönen ihrer Bruſt, und lehrte mich das Eigenthümliche dieſer zarten Poeſien erſt in voller Klarheit erkennen. Dieſes Buch, und dieſes nur allein ſollte ſie leſen! Was taungen unſere Roma⸗ ne, unſere dramatiſchen Dichtungen für ein Ge⸗ müth, das eine zu reine Ppeſie in ſich trägt, um nicht überall Entweihung ihres heiligſten Eigen⸗ thums befürchten zu müſſen. Doch ich vermag ja hier nichts!— Der Graf iſt zu eingenommen für die Lehrmethode der jetzigen Zeit, daß ich ihn nicht von den Gründen zu überzeugen vermag, die ich dagegen aufzuſtellen habe. Bleibt mir nur das Vertrauen der Comteſſe, ſo werde ich einigermaßen dem Uebel Schranken ſetzen können, und die Rich⸗ tung ihres Geſchmacks im Auge behalten. Die Zeit ſchreitet nnaufhaltſam dahin. Der Winter iſt mir vergangen wie ein Traum, und die Natur erblüht von Tag zu Tage zu höherer Schön⸗ heit. Ich durchwandere mit dem Grafen und der Comteſſe unſere reizenden Thäler mit immer neuem Genuß. Das holde Kind weiß oft im Kleinſten die ſinnigſte Bedeutung zu finden, und die Ratur auf eine ganz eigene, unausſprechlich anziehende Art aufzufaſſen. O, könnte man mit ihr noch einmal — 151— den reichen Jugendtraum träumen! Mit ihr der Zukunft ſo hoffend und gläubig entgegengehen! Aber es iſt umſonſt!— Die Zeit läßt ſich nichts abhandeln, und noch weniger die Erfahrung! Wir haben gelebt,— ſie wird leben! Ob der Traum ihrer Hoffnung,— das möge ein milder Gott freundlich entſcheiden! Einundſechzigſter Brief. Wotoch, Graf Ordeck, an Norden. Rom, im März 18**. Endlich haben wir unſer Ziel erreicht! Endlich! Das Reiſen, wenn man ein lockendes Ziel im Auge hat, iſt immer langweilig. Die Geduld riß mir zuletzt aus. Ich warf mich auf ein Pferd, um ſchneller vorwärts zu kommen, und tummelte es nach Gefallen, glücklich, daß ich konnte wie ich wollte. Die Bruſt glühete mir vor Verlangen,— ich riß den Rock auf, und gab das ungeſtüme Herz der lauen ſpielenden Luft Preis.— Zu Pferde iſt man allein ein freier Mann, die Wagen ſind mir wie alle Käfige verhaßt, und die Fußwanderungen unendlich lieber. Run ſind wir ſeit einigen Tagen in Rom; verlangen Sie keine Reiſebeſchreibung! Auch Sie betraten den klaſſiſchen Boden z wozu ſollte ich Sie mit ſelbſt geſehenen Raturwundern, ſelbſt betrach⸗ teten Denkmälern der Größe und Kunſt unter⸗ — — 159— halten? Aber Eines will ich Ihnen ſagen: Des Menſchen Wille iſt ein ſehr verkehrtes Ding!— Was wollte ich hier?— Meinen Blick an den Trümmern einer mächtigen Vergangenheit weiden, um den Verdruß doppelt zu ſchmecken, daß das kleine Geſchlecht der Gegenwart Jahrelang um die Coloſſe der Kraft und Herrlichkeit kriecht, ohne die Spuren jener Größe in ihrem Buſen wieder aufzuſuchen, ohne ſich begeiſtert nachzuſchwingen dem Geiſt ihrer Ahnen. Ich betrachte am liebſten zur Nachtzeit, wenn der Mond aufgegangen iſt, die ehrwürdigen Ruinen jener Rieſenzeit. Das Leben, wie es jetzt iſt, iſt dann mit dem Schleier der Dämmerung umflort, und die Bilder vergan⸗ gener Zeit treten deutlicher, klarer hervvr. Mir iſt dann, als ſähe ich die hohen Schatten der Hel⸗ den in den zerfallenen Säulengängen auf und ab⸗ ſchreiten, bald wehmüthig grüßend, bald zürnend den Boden ſtampfend, und an den morſchen Trüm⸗ mern rüttelnd, als gönnten ſie der Schwäche nicht mehr die Ahnung ihrer Gewalt.— Glühendes Verlangen zog mich hierher, aber ich habe keine Befriedigung meiner Sehnſucht gefunden! Ueberall drängt es mich weiter, und die laue Luft, und die üppige Natur um mich her erregen, ſtatt mein Begehren zu ſtillen, nur neue unerſättliche Wün⸗ ſche in mir. Ich meinte erſt, es würde der Kunſt — 6— gelingen, mein Gemüth zu beſänftigen, ich ſchwelg⸗ te im Reich der Töne, ich ließ die Wogen der Muſik ſelig lauſchend über meinem durſtenden Her⸗ zen zuſammenſchlagen, ich verſenkte mich in das Anſchauen unſterblicher Schöne, ich kniete vor Ra⸗ phael's Schöpfungen, ich ſchwärmte vdn Salvator Roſa's wilder Phantaſie ergriffen, in ſeinen grau⸗ ſen Wildniſſen umher. Aber nur der Augenblick des Genuſſes beſprach meine Sehnſucht. Nichts vermochte mich auf länger zu ſättigen. Die Leere blieb, und aus neuer Gewährung wurden neue Wünſche geboren. Als ich in Neapel war, und auf dem Molo einſam im wogenden Getümmel ſtand: da ſah ich die engliſchen Flaggen eines ſegelferti⸗ gen Schiffes im Winde ſpielen. Es ging nach Schottland, zu den Eichenhainen, wo einſt Oſſians Helden⸗Geſänge ertönten. Dort vielleicht! ſeufzte es in meiner Bruſt, und ich wollte zu dem Schiffe eilen. Da dacht' ich Ihrer, und meines„ Verſprechens. Ich hielt meinen Fuß zurück. Es wäre auch wohl vergebens geweſen, denn das dort wird niemals hier! Woher vft die Wehmuth mitten im Rauſche der Luſt?— Ich ſammele auf meinen Streifzügen ollerlei Merkwürdigkeiten, und trage ſie zuſammen. Meine Mappe iſt voll ſkizzirter Zeichnungen, ab⸗ getrockneter Pflanzen, die ich an heiligen Denkmälern — 161— geſammelt, und Steinen an dem Krater des Ve⸗ ſuv's und andern grauſen Stellen gefunden. Kin⸗ dereien, die mich manchmal ergötzen, und mir bald höchſt unnütz und lächerlich vorkommen. Was ſol⸗ len mir bei meinem lebhaften Erinnerungsverms⸗ gen dieſe Andenken? Hätte ich Brüder oder Schweſtern daheim, und könnte den Kram in ihren Schvoß ſchütten, mit dem Glauben, der Augen⸗ blick der Erhebung oder der Gefahr, an den dieſe Kleinigkeiten erinnern, könne ihnen in ihren Augen einigen Werth geben, dann wäre es andeis! Aber ſo hab' ich Riemanden als Sie, und Ihrem Ernſt kann ich es nicht zumuthen, an meinen Spielereien Antheil zu nehmen. Ich habe früher die Ehe für ein großes Glück gehalten. Als ich aber die Weiber betrachtete, wie ſie oft ſo engherzig und beſchränkt, keinen Sinn haben, das Große und Herrliche der Natur und des Lebens zu faſſen, wie ihr Auge uns ſtarr an⸗ ſtaunt, wenn wir ſie einmal hinausführen wollen aus den Schranken der Alltagswelt zur Anſchauung und Umfaſſung des Höheren,— ſo ſträubte ſich mein Gefühl gegen eine Feſſel, die die drückendſte ſein muß, wenn ſie nicht durch vollkommene Ein⸗ heit der Naturen erleichtert wird. Ich gewöhnte mich, ſie fortan als liebliche Blumen zu betrachten, dia dem Auge ſchmeicheln, und kam ſo am beſten . 6* — 16— 3 fort. Ich forderte nichts als flüchtiges Ergötzen, und fand meine Rechnung überall, ohne mich dem Schmerz der Täuſchung auszuſetzen. Eine Gefähr⸗ tin mir durch's ganze Leben aus dieſem leichten Geſchlecht auszuſuchen, fiel mir nicht ein, ich war zu wenig Kind, um mich mit dem bunten Schim⸗ mer länger als auf flüchtige Stunden hinhalten zu laſſen, und ſo blieb mir das Wunder der Liebe, von dem ich überall höre und leſe, ſtets unbekannt. Ich weiß nicht, ob ich zu beneiden vder zu beklagen bin. Ich glaube das Erſte, denn ſehe ich einen Verliebten, und beobachte ſein klägliches Weſen, ſo hebt ſich meine Bruſt im Gefühle ſtil⸗ len Glücks, ſo iſt mir, als müßte ich wie ein Aar noben ihm aufſteigen, und bedauernd auf ihn her⸗ abſehen. Bald, mein Freund, lenke ich nun meine Rei⸗ ſe nach Deutſchland zurück. Es iſt doch gut leben unter unſern Eichen, unter dem biedern deutſchen Volk.— Hier mein Handſchlag! Sie ſehen mich bevor der Herbſt beginnt in Holmſee, und dann oft, recht oft in Ihrer Nähe! Beſtellen Sie in⸗ deſſen Alles nach Ihrem Gutachten; ich werde viel⸗ leicht noch zur Erndte zu Recht kommen.— O, wie bequem! Sie ſäeten und ich ſammle in die Scheu⸗ ern. Zürnen Sie nicht dem übermüthigen Wotoch! —— Auch Sie ſollen Früchte ſammeln, und ſich freuen, daß Sie nicht umſonſt geſäet haben! Ich bitte Sie dringend, mir eine Summe von hundert Dukaten nach Wien zu ſenden, damit ich ſie bei meiner Retour dort finden kann. Ich habe einige Gemälde gekauft, und bin deshalb wegen mei⸗ nes Reiſegeldes in Verlegenheit. Leben Sie wohl! — 164— Zweiundſechzigſter Brief. Ungela, Comteſſe Domelli, an Richardis. Breiſach, den 1. Juli 18**. Haben Sie den erſten Juli an das Freudenfeſt Ihrer Angela gedacht? Gewiß, gewiß! Sie muß⸗ ten ſich meiner ſchönen Hoffnungen erinnern! Aber ich will Ihnen dennoch erzählen, damit Sie wiſſen, wie alles ſich begab, und wer die Prämien empfan⸗ gen hat. Der Schloßplatz war auf meinen Wunſch feſt⸗ lich geſchmückt worden. Mehrere Gäſte hatten ſich aus der Nachbarſchaft bei uns eingefunden, und wir harrten auf unſern Sitzen der Ankunft des ländlichen Zuges. Das herbeiſtrömende Volk ver⸗ kündete ſein Nahen. Bald erſchienen die jungen Bäuerinnen, von ihren Vorſtehern angeführt. An ibre Reihe ſchloß ſich der Schullehrer mit ſeinem Gefolge. Alle ſtellten ſich auf dem geräumigen Mlatze in Ordnung. Man begann die geſammelten „ — 15— Berichte abzuſtatten. Drei junge Bäuerinnen wur⸗ den hervorgerufen. Die Eine hatte durch den an⸗ geſtrengteſten Fleiß während des ganzen Winters den Unterhalt für ſich und ihre kranke Mutter be⸗ ſtritten; die Andere wurde wegen der ſorgfältigen Pflege gelobt, die ſie während des anſteckenden Fie⸗ bers einigen armen Familien erwieſen; die Dritte, erzählte man, habe durch den Verdienſt ihrer Hän⸗ de, ihrem Bräutigam bei dem Ankauf einer Mühle unterſtützen können, ſei auch ſonſt als eine der ſitt⸗ lichſten Dirnen bekannt. Verlegen erröthend traten die Mädchen her⸗ vvr. Die Eine ſchien noch von den Folgen großer Anſtrengung blaß und kränklich zu ſein. Ich frug nach dieſer. Es war die fleißige Tochter, die zu⸗ erſt genannt worden war. Schon wollte ich für dieſe die Prämie beſtimmen, als Norden zu mir trat, und mir erklärte, es ſei unſtreitig noch ver⸗ dienſtlicher, aus eigenem freien Antrieb, Thaten der Milde zu üben, ohne von irgend einer Pflicht dazu berufen zu ſein. Er entſchied ſomit für die Zweite. Die Prämie wurde nun dieſer einſtimmig zuerkannt. Mit freudigen Blicken empfing ſie das Geſchenk, das ſie zur Königin des Tages erhob. Beſcheiden ſtand die Erſte an ihrer Seite, ich bat Norden, mir das bleiche Mädchen herbeizurufen. Kein Schatten von Mißgunſt lag auf ihrem Geſicht. — 166— Sie erzählte mir voll Freude auf mein Befragen, daß ihre Mutter wieder gänzlich geneſen, und wie das auch gewiß der ſchönſte Lohn ſei, den ſie em⸗ pfangen könnte. Ich zog, eine ſtille Freuden⸗ Thräne weinend, einen Ring vom Finger, der ei⸗ nigen Werth hatte, und überreichte ihn dem treff⸗ lichen Mädchen. O Richardis! auch in dieſem Stande iſt wahre Größe zu finden. Die dritte Bäuerin, ein blühend ſchönes Mäd⸗ chen, ſtand noch mit niedergeſchlagenen Augen auf ihrem Platze;— jetzt ſchlug ſie ſie empor, und warf einen Blick nach der Seite, wo der Kreis des Volks am dichteſten war. Da ſtand ein jun⸗ ger Burſche mit betrübtem Geſicht, den Hut ver⸗ legen in den Händen drehend. Als ſie ihn erblick⸗ te, ſielen zwei große Thränen aus ihren Augen. Ich hörte meinen Vater mit einem der anwe⸗ ſenden Herren ſprechen: Das Mädchen iſt ſchön, verſtand ich, ſie hätte auch wohl eine Auysſteuer verdient!— Tritt näher mein Kind! rief er lau⸗ ter.— Anmuthig hüpfte die Kleine herbei. Mein Vater bot ihr ſeine Börſe dar, und wünſchte ihr Glück zu der neuen Wirthſchaft. Voll Freude eilte ſie zu ihrem Geliebten, und beide vereinten nun ihren Dank gegen ihren Wohlthäter. Jetzt wurden die fleißigſten Schüler herbeige⸗ führt, die nun mit komiſcher Blödigkeit ihren Lohn —— aus meinen Händen empfingen. Ich knüpfte ihnen die kleine Medaille an, und hatte eine Luſt daran, ihr Erröthen, ihre Freude zu ſehen. Die Mädchen wurden hierauf, mit Kränzen geſchmückt, als Köni⸗ ginnen des Tages durch's Dorf geführt, womit ſich die ländliche Scene beſchloß.— Was ſagen Sie, liebe Richardis, zu dieſem Feſte?— Wird die Reſidenz mir je ein Aehnliches zu bieten vermögen?— Ich kann es kaum glau⸗ ben, ob mein gütiger Vater gleich voll der ſchön⸗ ſten Erwartungen iſt. Er erinnert mich täglich, ſo fleißig wie möglich zu ſein, damit ich von den Da⸗ men der Stadt nicht allzuſehr zurückbleiben möge!— Eine Menge ſchöner Muſikalien und trefflicher Bücher ſind vor kurzem angekommen. Ich gehe ſolche nach und nach mit Norden durch, und er⸗ götze mich an der Fülle von Gedanken, Bildern und Anſichten, die aus den Dichtungen unſerer Meiſterſänger in mich übergehen. Die Abende, wie ſie der Sommer auf leichten kühlenden Schwingen auf die dürſtende Flur herabträgt, ſind an ſich ſelbſt ſchon ſo ſchön; wie hoch ſteigt erſt ihr Reiz, wenn ſich geiſtige Genüſſe an die Freuden der Sin⸗ nenwelt knüpfen, und unſer Herz, indem es ſich dem Zauber der Natur hingibt, zugleich höheren unſterblichen Gedanken aufgeſchloſſen wird. — 168— Oft, liebe Richardis, wenn das Morgen⸗Licht erquickend auf unſere Flur herabthaut, und die ho⸗ hen Pappeln vor unſerer Thür mit vergoldeten Spitzen, gleich brennenden Kerzen, auf dem großen Naturaltar ſtehen, und die Stimmen im Gebüſch, und das Schwirren und Summen in Hecken und Strauch, und das Wehen des ſäuſelnden Laubes ſich zu einem Chorus vereinet, dann zieht es mich oft nieder in demüthiger Freude vor Gott, und ich fühle dann tief, wie ſo innig glücklich ich bin, und wie ich nichts als die Dauer dieſes Gefühls zu meiner Lebensfreude bedarf. Ich gewöhne mich in einſamen Stunden, die Gedanken, die oft gleich Blitzen durch meine Seele zucken, zu ſammeln, und zu Papier zu bringen. Norden ſelbſt ſcheint mich dazu aufzumuntern, in⸗ dem er ſagt, das gäbe den Gefühlen mehr Klar⸗ beit und Sicherheit.— Auch über das Geleſene fordert er mir meine Meinung ab, vft aber kann ich das nicht ſo ausſprechen, wie ich gern wollte, und das macht, daß ich ihm nie ohne Schüchtern⸗ heit meine Aufſätze überreiche.— Warum muß denn auch alles in Worten wiedergegeben werden? Sollte das Schöne nicht vielmehr ein ſtiller Schatz bleiben, der ſeine Segnungen über unſere Hand⸗ lungen verbreitet, ohne daß man ſeinen Gehalt berechnete,— indem man ihn forſchend zerlegt? —— Norden ſagte einſt zu meinem Vater, es läge viel Poeſie in meinem Gemüth. Ich dachte über das Wort nach, und da ich ſeine Bedeutung nicht ganz verſtand, bat ich ihn in einer andern Stunde um Erklärung deſſelben. „Die Peſie“, antwortete er,„iſt der Einklang der reinſten Kräfte der menſchlichen Natur zu ei⸗ nem harmoniſchen Ganzen. Ein immer volltönen⸗ der Accord, der bei der geringſten Berührung ver⸗ wandter Natur in melodiſchen Schwingungen erzit⸗ tert, oft ſtill und unbemerkt im Herzen verhallt, oft laut wie die Stimme einer innern Gottheit hervorbricht, und andere ſtaunend überraſcht, in⸗ dem ſie uns ſelbſt ein wunderbares, niegeahnetes Glück bereitet.— Jede ſchöne Erhebung der See⸗ le, wie ſie zur Anbetung Gottes, voder zur. Voll⸗ bringung edler Thaten drängt, iſt eine Art Ppeſie. Liebe und Glaube ſind die heiligen Flammen, de⸗ ren ſie vor allen bedarf. In ihnen läutern ſich die Eindrücke, die wir von außenher empfangen, zu reinen Glanzbildern. Durch ſie verklärt ſich uns die Ratur zu dem Schweſtergenius der eige⸗ nen Seele, der mit uns ſpricht, in traulichen, ver⸗ ſtändlichen Winken, wo andere nur regelloſe Be⸗ wegung oder dunkle Laute vernehmen.— Sie nanſten letzthin das Bächlein, das eilfertig durch die Blumen floß, die beſorgte, liebende Mutter. — 170— Wie wären Sie auf den Ausdruck gekommen, wenn die Liebe nicht in Ihnen war, die Sie das Trei⸗ ben der geſchäftigen Wellen verſtehen ließ, die jede Blume netzend, unaufhaltſam ihre ſchöne Lauf⸗ bahn verfolgend, Segen ſpendeten und empfingen, wohin ſie ſich wandten.— Viele werden vorüber⸗ gehen, und nichts ſehen als den Kieſel unter der Fluth, andere werden ſich mit Angeln an's Ufer ſetzen, um die harmloſen Bewohner der Wellen zu fangen, dieſes aber ſind die kalten und eigennützi⸗ gen Naturen, in denen die Liebe nicht iſt, und auch nicht die Pveſie,— denn Beider Reich iſt ge⸗ ſchieden, und nie zu vereinen.— Warum, Comteſ⸗ ſe“, fuhr er fort:„nannten Sie letzthin die Berge Altäre, die von vielen als Auswüchſe der Erde, oder als Fundgruben geheimer Schätze betrachtet werden? Weil in Ihnen die Vorſtellung eines großen Naturgottesdienſtes war, weil Sie ſich ſelbſt auf jenen Höhen Gott näher gefühlt hatten, und ſeine Allmacht in dem Bau dieſer Fisſenitter be⸗ ſtätiget ſahen. Religion— Liebe— und Poeſie— ſind al⸗ ſo Klänge, die ſo engverſchwiſtert ſind, daß man kaum deutlich angeben kann, ob Eines ohne das Andere beſtehen kann. Warum waltet in dem äl⸗ teſten Buche der Welt, in der Bibel, eine ſo poe⸗ tiſche Sprache? Weil damals die Einheit der — 171— höchſten Seelenkraͤfte noch nicht zerſplittert war; — David und Salomo fühlten das Daſein Got⸗ tes überall, und die Liebe zu ihm gab ihnen die Gabe der Poeſie. Ihre Harfen ertönten zu hohen Pſalmen, und ihre Geſänge werden nie vergeſſen werden! Auch in der griechiſchen Poeſie waltete dieſe Gott⸗Ahnung überall. Iſt ſie nicht eben darum trotz ihrer Irrthümer ſo ſchön, weil überall das Bedürfniß eines dankbaren Herzens hervorleuchtet, ſeine Freuden höheren über uns waltenden Mäch⸗ ten zuzuſchreiben?“ Norden erklärte mir, da er mich hier noch ziemlich unwiſſend fand, viele Mythen der Vorzeit, und machte mich mit der Götterlehre der Griechen bekannt. Welch' ſeltſames Gemiſch von Erhaben⸗ heit und kindiſcher Vorſtellung, von Größe und Riedrigkeit in dieſen phantaſtiſchen Bildern! Wie glücklich ſind wir in der Klarheit, Einheit und Si⸗ cherheit unſerer Religion! Wir geben die bunten Irisflügel einer ungezügelten Einbildungskraft hin, um uns dafür die Seraphſchwingen des Glaubens einzutauſchen, die uns zu einem weiteren Reiche emporführen,— das zu viel größeren Erwartun⸗ gen berechtigt, als das war, was die Alten unter Elyſiums Fluren verſtanden.— Dreiundſechzigſter Brief. V o d e a W Breiſach, im Juli 18**. Ich habe vor kurzem ein Schreiben von dem Gra⸗ fen Ordeck erhalten, das mir um ſeinetwillen Kum⸗ mer verurſachte. Ich hoffte, er würde an Geiſt und Gemüth bereichert und erhoben zurückkehren, und verſöhnte mich durch dieſe Erwartung mit ſei⸗ nem ſchnellen Entſchluß. Aber es iſt anders ge⸗ kommen, als ich dachte, das ſchöne Land, das ihn hoch entzückte, als es noch in idealen Träumen vor ſeiner Phantaſie ſtand, hat ihn in der Wirklichkeit unbefriedigt gelaſſen. Es iſt eine Sehnſucht in ihm, die ihm nirgends-Ruhe geſtattet, eine ſtille Gluth, die ſeine edelſten Kräfte zu verzehren droht, und die er mit den Freuden des Lebens umſonſt zu kühlen verſucht. Seine Träumereien haben ihn von der menſchlichen Geſellſchaft entfernt, er hat ſelb⸗ ſtiſch für ſich allein geſammelt, und weiß nun den Schatz ſeiner Kenntniſſe, den Reichthum ſeines — 173— Gemüthes, da es ihm an äußerer Bildung fehlt, nicht mit andern zu theilen. Er möchte ſich gern überreden, die Schuld läge an den Menſchen, doch liegt ſie offenbar an ihm, da jede Vernachläſſigung üblicher Formen und geſelliger Tugenden zuletzt unſerer Außenſeite etwas Schroffes, Abſtoßendes gibt. Eben ſo ſcheint er das andere Geſchlecht in den Schatten gänzlicher Unbedeutſamkeit zu ſtellen, weil vielleicht die Frauen, denen er begegnete, ab⸗ geſchreckt von der wilden Rauheit ſeiner Ratur, ihn ſchüchtern vermieden, und daher nicht von ihm verſtanden worden ſind. 4 Und doch ſind ſie es allein, in deren Macht es gegeben iſt, Einheit in dieſe ſich widerſtreben⸗ den Kräfte zu bringen, die das unbändige Gemüth zügeln, und ihm das Ziel ſeines Strebens im Glücke friedlicher Häuslichkeit zeigen werden. Es waltet in einigen Stellen ſeines Briefes eine Weh⸗ muth, die mir ſtets den Licht⸗Aufgang in der Menſchenbruſt verkündigt, wie der weiche Morgen⸗ thau dem Sonnen⸗Aufgang vorangeht. Möge ihm die Liebe ein freundlicher Stern werden! Er kehrt nun bald nach Deutſchland zurückz er wird oft bei mir ſein, und auch im Hauſe des Grafen Eintritt gewinnen. Angela wird den wil⸗ den Natur⸗Sohn mit Güte empfangen, wie ſie jedem freundlich entgegenkommt, der ihren ſtillen Angela 1 8 — 174— Kreis betritt. Sie könnte vielleicht die Erſte ſein, die ihm gefiele,— doch nein, die Zartheit ihrer Seele, ihre höchſte eigenthümliche Schöne kann nie von ihm verſtanden, gewürdiget werden; er wird nur das heiter lächelnde Kind in ihr ſehen, nicht den ernſten denkenden Engel, der dieſe reine Un⸗ ſchulds⸗Stirn bewohnt. Ich habe ihr von dem Grafen erzählt; ſie hat bereits ein richtiges Bild von ihm aufgefaßt, und iſt neugierig, ihn kennen zu lernen. Graf Domelli, vermuthe ich, wird ſich ſchwerer an ſeine Eigenheiten gewöhnen, er legt viel Werth auf feine Sitten und äußere Politur, und wird ihm höchſtens als geſchickten Jäger Ge⸗ rechtigkeit wiederfahren laſſen. So ganz Unrecht hätte er wohl eigentlich nicht. Die Welt hat For⸗ derungen an uns, die wir ehren müſſen. Jede Art von Wiſſenſchaft, jedes Talent, ſelbſt die Tugend muß in einer gefälligen Geſtalt den Augen der Menge begegnen, ſonſt gleicht ſie einem rohen Dia⸗ mante, deſſen Werth ſelten, höchſtens von dem Kenner gewürdigt wird. Ein hell geſchliffener Glas⸗ ſtéin zieht oft mehr Aufmerkſamkeit auf ſich als jener, und iſt es gleich keine erfreuliche Bemerkung für den, der die wahre Würde des Menſchen ehrt, ſo wird ſie doch ſo oft beſtätigt, daß wir ſie doch 7 zuletzt als wahr anerkennen und beachten müſſen. „ Das Gemüth des Weibes bedarf der Reibung mit der Außenwelt weniger. Der Sinn für An⸗ ſtand und Sitte iſt gleichſam in der Natur der Weiblichkeit bedingt; inſtinktmäßig wandelt ſie, von ihm geleitet, die ſchmale Bahn des Schicklichen, und vollendet ſich ſtill in ſich ſelbſt, keiner Führe⸗ rin bedürfend, als der Grazie in ihrer Bruſt. Wer lehrte Angelen die holde Anmuth, die in jeder ihrer Bewegungen, jedem ihrer Ausdrücke waltet? Sie wurde an einem Orte erzogen, wo noch die ſteifen klöſterlichen Sitten des vorigen Jahrhunderts vorherrſchten; ſeitdem bildete ſie ſich nur unter der Aufſicht ihres Vaters aus, und Männer vermögen dieſe Blüthe nicht zu entwickeln, wenn die Natur ſie nicht ſelbſt begünſtigte und er⸗ zog. Sie lernte nie tanzen, und doch bewegte ſie ſich vor Kurzen bei einem ländlichen Feſte mit ſo viel Grazie und Sicherheit, daß ich gewiß bin, ſie wird auch hierin den Damen der Hauptſtadt nicht vachſtehen, wenn ſie in der Reſidenz auftreten wird. Dieſes Auftreten, warum führt jede Hoffnung des Grafen da hinaus? Bedarf ſie's denn, ſich zu zei⸗ gen; wird ſie nicht geſucht werden von den Edel⸗ ſten und Beſten unſeres Landes?— Der Duft ſeiner Lieblichkeit verräth das Veilchen im Thal. Wer wird es auf ſonnige Höhe tragen wollen, wo das beſcheidene Haupt bald geblendet, und von 8* — 176— den ſengenden Sonnenſtrahlen getroffen, zur Erde ſinken wird.— Wäre ein ſolches Kleinod mein,— ich würde es um ſeiner Seltenheit willen um ſo tiefer bewahren, wie der Kaufmann die köſtliche Perle ſorglicher verbüllt, um ihren Werth dadurch anzudeuten. Es iſt in der That unbegreiflich, welche Fort⸗ ſchritte die Comteſſe binnen kurzer Zeit gemacht hat. Ich leite, da ihr voriger Muſiklehrer gar nicht die Methode zu haben ſchien, die ſie forderte, auch ihre muſikaliſchen Uebungen. Sie iſt ſeit der Zeit ſehr fleißig, und bemüht ſich ſichtlich vorwärts zu kommen. Das Gefühl der Dankbarkeit, das ſie gegen mich hegt, trägt, wie ich glaube, auch dazu bei. Oft, wenn ihr Vater auf die Einübung ei⸗ ner ſchweren Compoſition beſteht, und ſie ſich oft ängſtlich weigert, und ihn von der Unmöglichkeit ſeines Wunſches zu überzeugen ſucht, verſuche ich es, ſie durch ein freundliches Wort in ihrem Selbſt⸗ vertrauen zu ſtärken, und das holde Kind ver⸗ ſchweigt ſeine Beſorgniſſe, und thut Wunder des Fleißes, um meine Meinung von ihr, wie ſie ſagt, „zu rechtfertigen. Sie begreift, was ich ihr erkläre, ſehr ſchnell, indeß ſie Andere, ſelbſt ihren Vater bisweilen, in den leichteſten Sachen nicht ganz zu faſſen ſcheint; überhaupt findet ſich ihr Geiſt in der Sphäre — 177— höherer Gedanken und Anſichten beſſer zurecht, als in dem Freiſe gewöhnlicher Beobachtungen. Sie durchſchaut die tiefſten Ideen unſerer Dichter mit einem Scharfſinn, einer Klarheit, die mich oft er⸗ ſtaunen macht, indeß eine Frage, deren Beantwor⸗ tung ganz nahe liegt, ſie leicht in Verlegenheit bringen kann. Ich möchte ſagen, ſie ſei der Lerche zu vergleichen, die in den reinſten Regionen herrſcht, ohne geſchickt zu ſein, ſich auf einen Buſch nieder⸗ zulaſſen, wo ihre Schweſtern zu Hauſe ſind. Die Himmelsluft, die ſie dort ſchöpft, ſtrömt ſie gleich dieſer in frommen Melodien aus, die unwillkürlich zur Begeiſterung fortreißen. Graf Domelli, dem Angela jedes ihrer kleinen Lieder anvertraut, weil ſie ihm Freude machen,— ſendet dieſe, was wir nicht gefällt, zu einer ſeiner Bekannten in der Re⸗ ſidenz, wo ſie wahrſcheinlich ſchon im voraus auf die Erſcheinung der Comteſſe aufmerkſam machen ſollen. Angela weiß es nicht, ich werde es ihr auch verſchweigen; die Freude, ihrem Vater ihre kindliche Seele anzuvertrauen, möchte ſonſt getrübt werden. Möge ſie in ihrer reinen Unſchuldswelt fortle⸗ ben, bis die Zeit ſelbſt den Schleier von ihren Angen hebt!— Ach, ſie wird es nicht unterlaſſen! — 8— Vierundſechzigſter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Richardis. Breiſach, im Anguſt 18** Ich habe Ihnen heute ſehr Vieles zu erzählen! Der Beſuch von dem Hauptmann von Bören und Herminen, der uns auf unſere Bitte, während des Erndtefeſtes zu Theil ward, hat mich eine Zeitlang abgehalten, Ihnen zu ſchreiben, liebe Richardis! Wir haben einige ſehr frohe Tage in der Ge⸗ ſellſchaft dieſer heitern Menſchen verlebt. Es iſt das drolligſte Paar, das man ſich denken kann; zehnmal entzweien ſie ſich des Tages, um ſich eben ſo oft zu verſöhnen. Hermine iſt, wo möglich, noch muthwilliger geworden, ſie ſteckt voll Necke⸗ reien und ſeltſamen Poſſen, und verſchont Keinen damit. Als ich mit ihr darüber ſprach, ſagte ſie mir:„Mein Kind, das bringt das Glück ſo mit ſich! Je voller die Roſe, je größer die Stacheln, die ſie rechts und links ausſtreckt!“ Sie küßte mich hierauf, und flüſterte mir etwas in's Ohr, das ich nicht recht verſtand. Es war vom Braut⸗ werden die Rede, und das machte, daß ich hoch erröthete.„Das war die Strafe!“ rief ſie, in⸗ dem ſie mich auf den Nacken ſchlug, und fort ging es in hüpfendem Gange zur Geſellſchaft.— Wer von ihrer Laune am mehrſten mitgenommen wurde, war der junge Graf Ordeck,— doch, ich beſinne mich, daß ich Ihnen noch gar nicht geſagt habe, daß er angekommen, und wie mich der Anblick des vielbeſprochenen Sonderlings überraſcht hat. Ich ſaß eines Abends in meiner Stube am Stickrahmen, neben mir der kleine Fritz mit ſei⸗ nem Bilderbuch. Meine Blicke waren auf's Em⸗ ſigſte bald der Arbeit, bald dem fragenden Kinde zugewandt, und ſo bemerkte ich nicht, daß jemand in den Vorſaal eingetreten war, bis ſich die Glas⸗ thür meines Cabinets aufthat. Ein junger Mann, mit einem von der Sonne ſtark verbrannten, aber mir ſehr bekannten Geſicht, und beſtaubten Reiſekleidern trat ein. Er trug eine Art Torniſter auf dem Rücken, und eine Gui⸗ tarre an buntem Bande quer über die Bruſt ge⸗ hangen. Ich hielt ihn für einen reiſenden Muſi⸗ kanten, und wollte eben aufſtehen, ihm einen Zehr⸗ pfennig zu holen, als er mit einer leichten Ver⸗ bengung nach Norden frug.— Ich wies ihn nach 1 — 180— dem Pfarrhauſe, er erwiederte: man hätte ihn von dort auf das Schloß verwieſen, wo er hingegangen wäre.— Als ich ihn ſprechen hörte, ward es mir auf einmal klar, daß es der junge Mann vom Kynaſt ſei, der vor mir ſtehe. Er ſchien mich in demſelben Augenblicke ebenfalls zu erkennen, und ſein Gepäck niederlegend, und ſich sans fagon ei⸗ nen Stuhl herbeitragend, ſetzte er ſich, ehe ich mich von meinem Erſtaunen erholen konnte, an meine Seite, und begann:„Wir ſind uns, wenn ich nicht irre, voriges Jahr im Rieſengebirge begeg⸗ net!— Das freut mich!— ſo wird Ihnen der künftige Rachbar nicht unbekannt ſein!— Ich bin der Ordeck, dem Holmſee gehört!“ — Ich ſah ihn verwundert an,——„„Graf Ordeck?““ frug ich, ein wenig überraſcht. Sein dreiſtes Eintreten, die freie Manier, mit der er mir genaht war, war eben keine große Empfeh⸗ lung. O, ſo erlauben Sie, daß ich meinen Va⸗ ter von Ihrer Ankunft benachrichtige!“ rief ich ſchnell:„Er wird ſich freuen, Ihre Bekanntſchaft zu erneuen, und ſogleich hier ſein!““— Somit ſchlüpfte ich zum Zimmer hinaus, und ging mei⸗ nen Vater aufzuſuchen.— Es war gut, daß ich ihn ein wenig vorbereiten konnte, der Eindruck, den der wilde Fremdling damals auf ihn gemacht, ſtand noch vor meiner Seele. Der Stand des — 181— jungen Mannes, und das Vortheilhafte, was uns Norden von ſeinem innern Gehalt geſagt, vermoch⸗ ten allein ſein Vorurtheil zu beſiegen. Er nahm in der That den jungen Grafen mit einer Artigkeit auf, die mich um Nordens willen freute. Einige verdächtige Blicke abgerechnet, die mein Vater auf ſeine Kleidung und auf die am Boden liegende Equipage warf, ging alles nach Wunſch. Rach einer halben Stunde, die in freundſchaftlichen Auf⸗ forderungen und Verſprechungen hinging, begaben ſich die Herren hinweg, um den Superintendenten aufzuſuchen. Seitdem iſt er ſchon einigemal bei uns gewe⸗ ſen. Die Gemüthlichkeit, die aus allen ſeinen Worten hervorleuchtet, verſöhnt bei näherer Be⸗ kanntſchaft mit ſeinen ſeltſamen Manieren, die nicht ſelten aus der Bahn des Schicklichen ſchrei⸗ ten. Seine Unterhaltung mit Männern iſt ungs⸗ zwungen, reichhaltig, und oft durch den treffend⸗ ſten Witz gehoben, indeß er, wenn er mit Damen ſpricht, oft linkiſch, unbeholfen und unartig er⸗ ſcheint, was Herminen beſonders auffiel, und ſie zu tauſend muthwilligen Anmerkungen reizte. Sie konnte nicht ruhen, ihn heimlich zu der Zielſcheibe ihrer Laune zu machen, und verfuhr oft graufam mit ihm. Ich liebe das nicht, und ſehe mich dann immer gedrungen, ſolche Menſchen zu entſchädigen, — 1— und ihnen doppelte Achtung zu erweiſen. Ordeck bezahlte ſtets mit gleicher Münze, und da die, wel⸗ che er Herminen auszahlte, bisweilen ein wenig ſtark geprägt war, ſo bemerkte ich wohl, daß ſie ſich bald auf meine Seite begab. Norden, der, wenn es ſeine Geſchäfte erlaubten, ſich unſerm Cirkel beigeſellte, brachte allein einiges Gleichge⸗ wicht in die ſich widerſtrebenden Naturen; Hermine nahm dann ſtets ein ſolides Weſen an, eine ehr⸗ erbietige Scheu drängte ihre loſen Einfölle zurück, ſie unterhielt ſich freimüthig, doch ohne muthwillige Beziehungen, und bemühte ſich dem Manne, der Allen die freundlichſte Anerkennung zollt, auch eine gute Meinung von ihr beizubringen. Bei einem ländlichen Feſte, wo wir uns dem Kreis der tan⸗ zenden Schnitter beigeſellten, konnte ſie ſich nicht beruhigen über Ordecks Art zu tanzen, der ſie zu einem Walzer aufgefordert hatte. Sie hob mit ei⸗ ner kläglichen Miene einen Fuß um den andern empor, und ſchwor: der raſende Graf habe ſie ſo wild mit ſich fortgeriſſen, und ſo ungeſchickt getre⸗ ten, daß ſie in langer Zeit nicht gehen könne. Ordeck, der ſich bedauernd nahte, wurde mit einer ſehr ſpitzen Bemerkung abgewieſen. Er wurde roth und ſchien etwas ſagen zu wollen. Ich forderte ihn, um Herminen einer ähnlichen Antwort zu überheben, zu dem eben angehenden Tanze auf, und fand keinesweges, daß er ſo ungeübt darinnen war, als Hermine behauptete. Von dieſem Augenblick an, ſchien der Graf alle Aufmerkſamkeit, die er ſonſt zwiſchen mir und Frau von Bören getheilt, auf mich allein zu rich⸗ ten. Er tanzte nur mit mir, und ſetzte ſich, wenn ich ausruhen wollte, neben meinen Stuhl auf die Erde, und unterhielt mich mit den anmuthigſten Dingen. Einmal klagte ich gegen Herminen über Hitze und Durſt. Im Augenblick flog der ſeltſame Menſch zu einem naheſtehenden Apfelbaum, klet⸗ terte mit unglaublicher Schnelle empor, brach ei⸗ nige Früchte, flog mit einem Satze herab, und bot ſie mir mit gutmüthiger Artigkeit dar. Ich glaube, er hat meinen Vater ſehr lieb, weil er mich ſo gütig beachtet. Er kommt auch jetzt, da Börens uns verlaſſen haben, und die Geſellſchaft in unſerm Hauſe ſeltener wird, noch häufig her⸗ über. Norden ſcheint auf mein Betragen aufmerk⸗ ſam zu ſein, er ſoll aber über mich nicht zu kla⸗ gen haben, ich werde ſeinem jungen Freund, da Er ihn liebt, gewiß trotz ſeiner ſeltſamen Manis⸗ ren, ſo freundlich und ehrerbietig wie möglich be⸗ gegnen,— denn ich weiß, wie lieb es Ihnen, meine Freundin, war, wenn man Ihrer Angela einige Auſmerkſamkeit erwies⸗ — 184— Ein einziges Wort muß ich Ihnen noch im Stillen vertrauen. Ich ſprach letzthin das bleiche Mädchen, der ich, von ihrer kindlichen Treue ge⸗ rührt, den Ring gab. Ich frug, ob ſie einigen Vortheil von ſeinem Verkauf erhalten habe? und wunderte mich, daß ſie mit der Antwort zögerte. Endlich begann ſie:„Ich ſoll es wohl eigentlich nicht ſagen, aber ich muß wohl, weil Sie denken könnten, ich hätte das Geſchenk Ihrer Güte aus Eigennutz veräußert! Ich habe den Ring aber nur auf vieles Zureden hergegeben! Der Herr Super⸗ intendent überzeugte mich, daß es Ihr Wunſch ge⸗ weſen wäre, meiner Mutter dadurch einige Be⸗ quemlichkeit zu verſchaffen, und ließ nicht ab, bis ich ihn ihm ſelbſt verkaufte.“ — Sie gab mir hierauf die Summe an. Ri⸗ chardis! Es war viel mehr, als der Ring werth war. Ich erſtaunte, ich fühlte eine ſeltſame nie⸗ gekannte Freude im Herzen.— Was will er mit dem Ring?— Wird er ihn tragen? Noch hab' ich ihn nicht an ſeiner Hand geſehen.— Wird er ihn verſchenken?— Da hätte er wohl einen viel beſſeren für ein geringeres Geld kaufen können! Nein, nein! Er bewahrt ihn mir zum Anden⸗ ken auf, aber ſtill, daß es kein Auge bemerken ſoll, daß er auch Werth auf das Kleine legen kann. Wie mich der Gedanke ſo glücklich macht!— — Richardis, ein heimlich entdeckter Beweis ſtiller Ach⸗ tung iſt mehr werth, als tauſend Artigkeiten und ehrerbietige Verſi cherungen, die uns laut darge⸗ bracht werden!. ———— Einige Stunden ſpäter. Ich wurde vorher abgerufen. Graf Ordeck wünſchte mir ſeine aus Italien mitgebrachten Gem⸗ men und Reliquien zu zeigen. Er breitete einen ganzen Kram vor mir aus, und erzählte mir mit immer zunehmender Begeiſterung, wo er dieſe Pflan⸗ zen und Steine gefunden, und welche Gegenden er dabei geſehen hätte. Wie lebendig iſt ſein Darſtel⸗ lungsvermögen, ich glaubte bald in Mailands blü⸗ henden Fluren, bald unter Rom's Ruinen, bald an dem Krater des Veſuv's zu ſtehen, ja ich ſchan⸗ erte bisweilen, als ſähe ich in die Abgründe hin⸗ ein, die er umwandert hat, und müßte hineinfal⸗ len. Er ergötzte ſich an meiner Theilnahme„ mei⸗ ner Angſt, und bat mich das ganze Raturalienka⸗ binet, wie er es nannte, zu behalten, da er ja vhnedies alles in Gedanken habe, woran dieſe Sa⸗ chen erinnerten · Ich ſträubte mich im Anfang ein — 186— wenig doch da er ſo gutmüthig meine Hand faßte, und mir verſicherte, daß es ihm unendlich lieber ſei, einem Andern eine Freude damit zu machen, als ſie aufzubewahren, ſo nahm ich das Geſchenk ohne Ziererei, und trug es auf mein Zimmer. Ich hatte kurz darauf von den Herren Abſchied genvm⸗ men, weil ich meinen Brief vollenden wollte, und überdies noch Einiges anzuordnen hatte.— Es war über meinen Beſchäftigungen Nacht geworden, und der Mond leuchtete mir als willkommene Lam⸗ pe auf mein Papier. In dem Flügel des Schloſ⸗ ſes, wo das Beſuchzimmer iſt, waren die Lichter gelöſcht, ich glaubte den Grafen ſchon zu Hauſe, und wollte mich eben zum Schreiben niederſetzen, als ein Geräuſch am Fenſter mich aufmerkſam mach⸗ te. Die Pappel vor demſelben ſchwankte wie von einem ſtarken Sturme bewegt. Ich befürchtete ein Gewitter, und trat an's Fenſter. Da flüſterte ei⸗ ne leiſe Stimme:„Gute Nacht, Angela!“ Ein dunkler Schatten wurde im Laube des Baumes ſichtbar, ich ſah ſchärfer hin, und erblickte voll Schrecken den Grafen, wie er eben von der Pap⸗ pel herabglitt, und eilig in der Racht verſchwand. Ich hatte kein Wort gewinnen können, den Ver⸗ wegenen zu beſtrafen, eine unbeſchreibliche Angſt lag auf meiner Bruſt. Ich unterſuchte in meiner Verwirrung Schloß und Riegel, als hätt' ich es — mit Dieben und Räubern zu thun.— Wie die Furcht ſo thöricht macht!— Als ich ruhiger wurde und Licht hatte, belächelte ich meine kindiſche Angſt. Ich ſah ein, daß er es ja nur gut mit mir ge⸗ meint hatte, und mir eine gute Racht wünſchen wollte.— Eine ſeltſame Art bleibt es zwar, aber an dieſem Menſchen darf es mich wohl weniger befremden, wie an einem Andern. Ich werde dem Vater den Vorfall verſchweigen, er könnte es ſtrenger nehmen, als ich.— Und Ordeck iſt wahr⸗ lich nicht böſe, nur wild und unbedachtſam, aber er meint es ſonſt mit Jedermann gut, und hat mir erſt heute ſo viel Freude gemacht! Warum klopft mir noch immer das Herz?— Er hätte mich nicht ſo erſchrecken ſollen!— Wenn er nun künftig wiederkommt, werde ich erröthen müſſen, wenn ich ihn anſehe, und das über ſeine eigene Kühnheit. Gute Nacht, liebe Richardis!— Alles um mich her iſt zur Ruhe gegangen. Ich will nun auch meinen Brief ſchließen,— gute Nacht, Ge⸗ liebte! . Fünfundſechzigſter Brief. Hermine von Bören an Frau von Alboin. Aus der Reſidenz, im Auguſt 18* Wir haben ſo eben Beſuch von den Bentings gehabt. Die gute Frau flog mir mit offenen Ar⸗ men entgegen, und bewies mir durch die Heiter⸗ keit ihres Weſens, aller Kummer ſei überſtanden, und der ſeelenkranke Gemahl gänzlich eurirt!— Alſobald richtete ich meine Augen ſeitwärts, wo der Baron in Bereitſchaft ſtand, mir ſeine Ehrer⸗ bietung zu beweiſen. Anfänglich quälte und zierte ſich der Mann ein wenig, bis er ims Geleis kam. Ein Fünkchen Leidenſchaftlichkeit ſchlug dann und wann noch aus der Brandſtelle ſeiner alten Liebe hervor, doch rang ſich ſein beſſeres Selbſt endlich glücklich wie ein Phönir aus der Aſche empor. Bören benahm ſich während ihres Aufenthal⸗ tes zum Küſſen! Er bot alles auf, ſeinen Gäſten Vergnügen zu machen„und war gegen die Baronin — 189— die Ehrerbietung, die Artigkeit ſelbſt. Er gönnte, was viel ſagen will, dem Baron ungeſtört meine Unterhaltung, und entſchädigte dafür ſeine Frau mit der höflichſten Aufmerkſamkeit.— Wir erſchie⸗ nen, an der Seite unſerer Verwandten, einigemal in den öffentlichen Cirkeln. Graf Malvi, der ei⸗ nige Zeit von hier abweſend war, ſchloß ſich ſo⸗ gleich an uns an, und ſo war es mir, als ſei ich wieder in Warmbrunn, und lebe die vergangenen Scenen noch einmal. Die ſatyriſchen Pfeile des Grafen ſcheinen aber nicht von der Zeit abgeſtumpft worden zu ſein. Ich muß ſtets ähnliche Waffen in Bereitſchaft halten, wenn Frieden zwiſchen uns bleiben ſoll. Es iſt doch eine leidige Sache mit dem Witz!— Es iſt der unerſättlichſte Raubopgel, den man ſich denken kann! Er pickt und hackt un⸗ aufhörlich, und ſchießt vft auf das Unbedeutendſte los, blos um ſeine Schnellkraft zu üben, oder ſei⸗ ne Gewandtheit zu entwickeln. Seine Thätigkeit iſt ſo raſtlos, daß er, aus Furcht vor der Ruhe, die liebſten Gegenſtände anfällt, ja ſich ſelbſt nicht verſchont, um der Gefahr der Langeweile zu ent⸗ gehen. Graf Malvi ſchien mich und die Benting bis⸗ weilen mit Blicken zu meſſen, als wunderte er ſich über unſer freundſchaftliches Verhältniß. Gegen Bören war er ſehr artig, und bat um ſeinen Beſuch. Ich wette darauf, er iſt Willens, uns nächſtens auch ſeinen Beſuch abzuſtatten. Dann, liebe Albvin, werde ich Sie bisweilen mit den neueſten Intri⸗ guen und Begebenheiten bekannt machen können! Der Himmel behüte, daß ſich keine eigenen dazu geſellen. Ein Mann, der ſich einmal darauf legt, bringt es in der Regel weiter, als es ein Weib jemals bringen kann, und iſt daher auch zehnmal gefährlicher, als wir. Die Benting hat ihn von jeher nicht unangenehm, ja ſogar höchſt intereſſant gefunden!— Die gute Seele! Wenn ſie wüßte, wie er ſie gefunden hat!— Ich habe ſo manches erfahren, was mich doppelt auf meiner Hut ſein heißt.— Mein feſter Vorſatz iſt, mit Bören ſtets eines Willens zu ſein, und nichts anzuhören, was er nicht zugleich erfahren kann. Das meine ich, wird das Mittel ſein, jeder Schlinge zu entgehen, die dem Grafen etwa belieben möchte, meiner Klug⸗ heit zu ſtellen. Ich ſoll Ihnen, verehrte Frau! viel Herzli⸗ ches von der Baronin ſagen. Wir haben Ihrer oft gedacht, und ſie weiß es Ihnen immer noch Dank, daß Sie ihr in mir den beſten Arzt zuge⸗ ſandt haben.— Ich glaube in der That, ich ha⸗ be ihr einige Mittel angerathen, die ihr gute Dien⸗ ſte gethan haben. Sie iſt geſelliger, beweglicher, — 191— und daher auch geſunder und fröhlicher geworden. Sie theilt die Lieblingsneigungen ihres Mannes, und wird ſeitdem von ihm höher geſchätzt und lie⸗ bevoller behandelt. Die Kinder hatte ſie bei ſich, doch hat ſie eine Gouvernante angenommen, die ſie von den Sclavenketten ewiger ängſtlicher Be⸗ ſorgniß befreit.— So viel von meinen Verwand⸗ ten, die bereits auf der Wallfahrt zum eigenen Heerd begriffen ſind. Nun noch ein Wort von der unſrigen nach Breiſach. Wir haben nämlich vor acht Tagen dem Erndtefeſt dort beigewohnt. Graf Domelli hatte uns ſchon früher dazu einge⸗ laden, und empfing uns mit großer Herzlichkeit. Ich erſtaunte, als ich Angelen wiederſah. Welche Veränderung iſt mit dem Mädchen vorgegangen! Beinahe ſo groß als ich, und eine Haltung volk Anſtand und Grazie! Ihre Geſichtsfarbe iſt blen⸗ dendſchön, doch gibt ihr die leiſe Bläue um die untern Augenlieder, die man oft an zu fein organi⸗ ſirten Naturen bemerkt, ein faſt zu zartes Anſehen. Ihr Teint iſt ſo klar, daß man die feinen Adern um Stirn und Wangen bemerken kann,— doch iſt ſie unſtreitig ſtärker und geſunder geworden, dies beweiſen die vollendeten Formen ihres Kör⸗ pers. Der Ausdruck ihrer Züge iſt ſeelenvoll, und zeugt von innerem Glück. Sie ſpricht mehr und mit größerer Sicherheit, überhaupt ſcheint ihre — 192— Bildung ſichtlich gewonnen zu haben, wozu RNorden nicht wenig beigetragen haben mag. Laſſen Sie mich, im Vorbeigehen, Ihnen ei⸗ nige Worte von unſerm Sonderlinge etzählen. Das Bad hat an ihm Wunder gethan! Die blei⸗ chen eingefallenen Wangen ſcheinen von dem Wie⸗ derſchein innerer Jugend geröthet; die hohe Ge⸗ ſtalt, die ſonſt ein tiefer Schmerz darniederzubeu⸗ gen drohte, hat ſich auf's Reue ſtolz und kräftig emporgerichtet. Die düſtere Melancholie auf ſeiner Stirn hat einem heiteren Ernſte Platz gemacht, ſein ganzes Weſen iſt verwandelt, aber deshalb nicht weniger intereſſant wie damals, da ich ihn zum Erſtenmale ſah. Er nimmt jetzt an jedem Geſpräch Theil, und flieht nicht mehr den Kreis, wo der Scherz und die Genien heiterer Mitthei⸗ lung walten.— Ein mildes Wohlwollen ſcheint an die Stelle finſteren Tiefſinnes getreten zu ſein, und das vereint ihn der Menſchengeſellſchaft inni⸗ ger, und macht ihn theilnehmender bei Anderer Wünſche und Hoffnungen. Mir ſind die wenigen Tage unſers dortigen Aufenthalts ſehr ſchnell und angenehm vergangen. Freund Bören hatte ſeine beſte Sonntagslaune mitgenovmmen, ich wollte eben nicht zurückſtehen, und ſteckte mir alle Feſttagsgeſichter und Schellen⸗ käppchen ein, um ſie nach Belieben zu gebrauchen. Ich glaubte ſogleich, in einem jungen Ankömmling, einem Grafen Ordeck, den Mann zu finden, den ich ſuchte. Jedes linkiſche Weſen reizt mich auf eine unwiderſtehliche Art, ich muß feilen und Hand anlegen, und ſollte ich mir auch die Finger vev⸗ letzen. Der wilde Löwe aber fuhr bei der gering⸗ ſten Berührung entrüſtet auf mich zu, daß ich mich erſchrocken zurückzog, und gern keinen weitern Verſuch wagte. Später hab' ich wohl das Fädchen erkannt, an dem er zu leiten iſt. Die ſchöne Com⸗ teſſe verſteht es auf das geſchückteſte zu führen, und weiß die rohe Natur zur Lammsſanftmuth zu zähmen. Daß er ſichtlich in die Kleine verliebt iſt, iſt nicht zu läugnen; ſein Geſchmack macht ihm Eh⸗ re, aber ich bewundere den Ihren. So etwas Wil⸗ des, Unbiegſames und Dreiſtes, als dieſer Mann, iſt mir nicht bald vorgekommen. Zehnmal, wenn er das feine Mädchen mit ſeinem ungenirten:„Lie⸗ be Angela!“ anſprach, ſchwebte es mir auf der Zunge, ihm„liebes Behemot!“ zu erwiedern. Ich kann nicht glauben, was Norden ſagt, daß hinter dieſer rohen Maſſe ein Geiſt voll Kenntniſſe, Scharfſinn und Liebe ſteckt. Könnte man doch ſol⸗ chen Menſchen immer den ſchwerfälligen Erden⸗ ſchleier abnehmen, und das Gold finden, ohne ſich erſt durch dieſe Felſen hindurcharbeiten zu müſſen. — Angela muß ein feines Auge haben, denn auch — 194— ſie will ähnliche Silberblicke entdeckt haben. Sie nahm ihn ſogar oft in Schutz, wenn ich es mit meinen Bemerkungen zu bunt machte. Das gut⸗ herzige, liebe Kind! Wenn ſie der Beſchützte nur nicht am Ende mit ſeiner Hand belohnen will, denn wie ich höre, iſt er ſehr reich, und Beſitzer eines ſchönen Gutes, folglich auf dem Wege zum Eheſtande.— Mit der Zeit bricht man Roſen! Ein ſcharmantes Sprichwort für hoffende Jünglin⸗ ge.— Dieſe Roſe aber, beim Himmel! wollte ich lieber ſelbſt als Argus bewachen, ehe ich ſie in den Garten von Holmſee verpflanzen ließ.— Doch ich komme immer tiefer in's Erzählen, und vergeſſe darüber, daß meine Stunde ſchon längſt um iſt! Hilf Himmel, welch ein Brief!— Geſtalten und Bilder ziehen flüchtig gleich dem Ombre-Chinoise an ſeinem Horizonte auf und ab, ohne ſich eines beſondern Zuſammenhangs erfreuen zu können.— Das iſt aber die Frucht von den ſogenannten Treibhaus⸗Gedanken.— Ich übereile mich ſtets, wenn ich die Feder in der Hand habe, denn ich will ſo raſch ſchreiben, als ich ſpreche,— und ſo büßen ſtets meine Freunde für den Fehler des leb⸗ haften Naturells Ihrer Hermine. Sechsundſechzigſter Brief. Rordenman Walter. Breiſach, im September 18**, Ordec iſt angekommen, früher als ich vermuthete. Er hat die letzte Tour, wie er mir erzählte, zu Fuß gemacht, und das mit unglaublicher Schnelle. Dieſelbe Ungeduld, die ihn hinaustrieb, begleitete ihn wieder in die Heimath zurück, er flog mit ſtür⸗ miſcher Freude an meine Bruſt, und gelobte mir, fortan ganz nach meinem Willen zu leben.— Mei⸗ ne Einrichtungen in Holmſee, die Lage des Gutes — Alles hatte ſeinen Beifall. Er gefällt ſich in ſeinem neuen Aufenthalt, doch däucht mir, noch beſſer in Breiſach. Ich ſeh ihn oft bei mir, und eben ſo oft bei dem Grafen. Er ſcheint trotz ſei⸗ ner rohen Manier dort nicht zu mißfallen, ja man erzeigt ihm viel Artigkeit, viel Freundſchaft,— und er?— O, er wird mit der Zeit der dank⸗ barſte Mann von der Welt werden!— Sein Stand,— doch nein, ich will nicht ungerecht ſein! 1 —————— 2 — 196— — Er hat auch perſönliche Vorzüge, die für ihn einnehmen müſſen. Er iſt in den Jahren blühen⸗ der Kraft, voll Gewandtheit in jeder ritterlichen Uebung, und mangelt ihm gleich die feine Zierlich⸗ keit unſerer Elegants, ſo erſetzt dies wieder eine ſo tiefe Gemüthlichkeit, und ein ſo biederes, gefäl⸗ liges Weſen, daß man jene Eigenſchaften gern da⸗ bei vergißt, ja ſelbſt zu ſeinem vriginellen Weſen unpaſſend finden würde.— Ich kann mir denken, daß er ſelbſt den Damen nicht unintereſſant ſein dürfte!— Die Natur, wie form- und regellos ſie auch erſcheint, wird, wenn ſie eine edle iſt, bei unverdorbenen Gemüthern mehr Glück machen, als ein gekünſteltes, fein berechnetes Betragen. Selbſt Angela hat ſich darüber ſchon gegen mich ausgeſprochen, mit viel Wärme, aber auch viel Offenheit, was mir gefiel. Ihr Vertrauen wird, boffe ich, mein bleiben! Und verweigert es auch die Lippe, mir dieſen Tribut zu zollen, ſo würde er mir doch nicht entgehen! Ich kenne jede Regung ihrer Züge, und durchſchaue mit einem Blicke dieſe Kryſtall⸗Natur. Graf Ordeck wird, wie ich fürchte, nicht ſo leicht die einmal gefaßte Anſicht von dem ſchönen Geſchlechte aufgeben; er tändelt auf eine kindiſche Art um die Comteſſe her, ſucht ihr auch wohl durch die abentheuerlichſten Erzählungen die Zeit zu vertreiben, doch ſpricht er von ihr, wenn — 497— er ſie einmal erwähnt, in demſelben Tone, den ich an ihm gewohnt bin, ohne einen tiefen Eindruck zu verrathen, oder irgend einem anderen Verdien⸗ ſte Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen, als ihrem guten Herzen und ihrer blühenden Jugend. Iſt das vielleicht Selbſtbetrug? Man kann, ſollte ich meinen, bei eigener Geiſtesbildung nicht blind ſein gegen ſo hohen Seelenzauber! Oder iſt auch dieſes Auffaſſen, dies geiſtige Erkennen nur indivi⸗ duell? gehört nicht eine eigene Organiſation des Ohres dazu, um die zarten Verhältniſſe der Töne zu einander, um die wunderbare Sprache der Mu⸗ ſik ganz zu faſſen und zu verſtehen? und gilt dies nicht auch bei der Beſchaffenheit der Seele? Ver⸗ langt nicht der Genius in der Menſchenbruſt einen ähnlichen, der ſeinem geiſtigen Fluge folgen kann, um ſeine Kräfte richtig gewürdigt zu ſehen? O, keiner wird Angela's Herz ſo verſtehen, als der, unter deſſen Augen es ſeinen Reichthum entfaltete! Walter, nenne es Eitelkeit, Stolz oder thörichte Einbildung! keiner wird es ſo zu lenken, aber auch keiner es ſo zu ſchätzen vermögen, als der, der e uneigennützig für einen Glücklichern erzog. ———— Angelg M. 9 Siebenundſechzigſter Brief. Breiſach, im September 18**. Walter, was war das? hab' ich geträumt? Gott, wie nahe liegt auch die Verſuchung unſerem Her⸗ zen! Ein Wort, losgeriſſen aus den Tiefen mei⸗ ner Seele, und das ſchöne Verhältniß wäre auf immer zertrümmert geweſen. Vernichte dieſen Brief ſobald Du ihn geleſen! er paßt nicht in die Reihe der übrigen, nicht zu meinen Erfahrungen, nicht zu meinen Jahren, er iſt ein einzelnes Blatt, ohne Zuſammenhang mit der Vergangenheit, mit der Zukunft. Für ſolche Minuten darf es keine Wiederholung geben, und hätte in ihnen ein ganzer Himmel gelegen. Aber nun laß mich auch ſprechen, wir ertra⸗ gen es nicht, etwas Ungewöhnliches im Buſen zu verſchließen. Ungewöhnlich iſt dies, bei Gott! ja faſt unglanblich meinen eigenen Sinnen. — 100— Der Graf war mit Ordeck zu einer benach⸗ barten Jagd eingeladen, ich begegnete der Com⸗ teſſe, die, meinen Fritz an der Hand, den Weg eingeſchlagen hatte, der zu dem Buſche führt, wel⸗ chen der Graf bei ſeiner Rückkehr paſſiren mußte. Ich bot ihr meine Begleitung an, und ſo verfolg⸗ ten wir in heiterem Geſpräch den Pfad, nicht be⸗ merkend, daß ein Wetter ſeitwärts herauf gezogen kam. Schon fielen einzelne Regentropfen, als ich, die Gefahr erkennend, auf eine ſchnelle Rückkehr drang. Die Comteſſe ſtellte mir vor, daß wir be⸗ reits zu weit von dem Dorfe entfernt wären, um vor gänzlichem Ausbruch des Wetters dorthin zu⸗ rückkehren zu können, doch ließ ich mich, mit dem gefährlichen Aufenthalte im Walde bei ſtarkem Ge⸗ witter bekannt, nicht abhalten, auf meinen Rath zu beharren. Ich nahm das Kind auf den Arm; und ſchritt, den näheren Weg nach dem Park ein⸗ ſchlagend, mit Angelen unter dem leiſen Grollen der Wolken, einem ſichern Obdache zu. Kaum hat⸗ ten wir den Park erreicht, als der Regen mit gan⸗ zer Heftigkeit losbrach. Angela warf ihren Shwal beſorgt um die Schultern meines Knaben, und eil⸗ te einem Pavillon zu, wohin ich ihr mit dem Kin⸗ de nachfolgte. Ich ließ den weinenden Knaben auf die Bank nieder, der, ſobald er ſich in einiger Sicherheit ſah, ſeine Thränen trocknete, und mit 9* — W— heimlicher Freude den ſtrömenden Regengüſſen zu⸗ ſah. Wir ſaßen ſtill, das Kind in unſerer Mitte, das röthliche Schlängeln der Blitze betrachtend, und lauſchten in geheimem Entzücken dem Kampf der Elemente. Ein unwillkürliches Feiern kommt in die Menſchenbruſt, wenn die Geiſter des Le⸗ bens und des Todes ſich gegenüberſtehen, und um den Sieg ſtreiten. Wir vermochten es nicht zu ſprechen, der Knabe aber wurde unruhig, kletterte an uns umher, und ſtand endlich hinter uns auf der Bank, mit ſeinen Armen uns beide umſchlin⸗ gend, ſo daß Angela's Locken einen Augenblick die Meinen berührten. Plötzlich fuhr ein fürchterlicher Blitzſtrahl dicht vor uns in den Boden, ihm folgte ein betäubender Donnerſchlag. Ich ſprang entſetzt empor, Angela lächelte mich mit ihren frommen Kindesaugen an.„Das konnte unſer Tod ſein!“ rief ich, die Comteſſe mit ängſtlicher Beſorgniß be⸗ trachtend; ſie reichte mir freundlich die Hand, und winkte mir von der Thür zurück.„Ich fürchte den Tod nicht““, ſagte ſie:„So am wenigſten! Das Glück iſt oft im Leben ſo zweifelhaft, ſo dun⸗ kel, ſo tief verſchleiert! Nur im Angeſicht der Ge⸗ fahr, meine ich, erkennen wir es in ſeiner wahren Geſtalt!““— Ich warf einen fragenden Blick auf ſie, ſie ſah mich mit den großen frommen Augen ſo offen, ſo unbeſchreiblich innig an, daß mir kein — 01— Zweifel über den Sinn ihrer Worte bleiben konnte. Ich wollte antworten, meine Seele wollte im Rau⸗ ſche des Entzückens die Bande drückender Sclave⸗ rei zerreißen, frei ausſtrömen das lange zurückge⸗ drängte Gefühl, ja Walter, ich wollte das Wort der Liebe im Tone der Liebe beantworten, da trat des Grafen ſtolzes Bild vor meine Seele, mit ihm die Pflicht, die ſein Vertrauen mir auferlegt, und unſere Verhältniſſe mit klarem Blicke überſchauend, beſiegte ich das ſchwankende Herz. Ich verließ meinen Sitz, ich trat auf's Neue an den Ausgang, ich ſtarrte in die Wolken, um ihrem Blick nicht zu begegnen, ich verſuchte es in meiner Angſt, das bolde Geſchöpf wegen ſeines freien Geſtändniſſes bei mir anzuklagen, ich ſchalt ſie in meinem Her⸗ zen übereilt, unvorſichtig, um nur der Gefahr zu entgehen, ſie zu lieben, und brachte es doch end⸗ lich ſo weit, daß ich ſie mit großer Ruhe an die Gefahr erinnern konnte, der der Graf gleichfalls ausgeſetzt ſei, und ſo ihrem Herzen eine leiſe Warnung ertheilend, fühlte ich mich bald muthiger und freier, und fand mich allmählig auf der mir allein erlaubten Bahn wieder zurecht. Als das Wetter ſeitwärts heraufgezogen war, und die Regenſtröme ſich verlaufen hatten, legte Angela ſeufzend ihren Arm in den meinen, den ich ihr darbot, um ſie über die ſchlüpfrigen Wege — nach Hauſe zu führen. Wir ſchritten ſchweigend neben einander her, ihr Blick war oft gen Himmel gerichtet, der meine ſuchte vft düſter ſinnend die Erde. So langten wir im Schloſſe an, ich em⸗ pfahl mich nunmehr, und eilte im Innern ſeltſam aufgeregt, auf meine einſame Wohnung zu. Hier, o, laß es Dir geſtehen, fühlte ich erſt ganz den Gehalt jener Stunde, den ich muthwillig verringert hatte, ich überließ mich einige Augen⸗ blicke der ſüßen Vorſtellung eines Glückes, von dem ich bis jetzt, auch in den reichſten Tagen mei⸗ nes Lebens keine Ahnung gehabt hatte, eines Glü⸗ ckes, das in dem Gedanken, von einem ſolchen Herzen geliebt zu ſein, ſeine höchſte Vollkommen⸗ heit erreichte. Stolz wie ein König, durchlief ich das Reich der Möglichkeiten, alle die Ereigniſſe, die ſich zu Gunſten meiner Hoffnung anführen ließen; ſchon fühlte ich eine Feſſel nach der andern von meinem „Derzen abfallen, da auf einmal überzeugte mich ein Blick auf mein bleiches, von Kummer gefurch⸗ tes Geſicht, es ſei ja doch alles nur Traum und Täuſchung, und mit den Jahren der Jugend und der Hoffnung, auch der Muth und die fröhliche Zuverſicht vorbei, welche allein von dem Gelingen gekrönt werden. — 203— Ich riß das Fortepiano auf, ich warf mich auf den Stuhl, die Geiſter der Töne in wildem Tumulte herausfordernd. Gleich dem empörten Meere, das in mir wogte, wälzten ſich die Klänge in rauſchendem Wirbel um mich her. Vergnügt horchte ich den ſchneidenden Diſſonanzen, die ich hervorrief, um mich ſelbſt mit den regelloſen Phan⸗ taſien, die der Augenblick mir eingab, zu betän⸗ ben. Endlich hemmte das Geläut' der Abendglocke mein frevelndes Spiel. Ich legte die glühende Stirn an die Bruſt meines Kindes, mir war, als hörte ich das ſchuldloſe Herz für meinen Frieden beten, und hier, v Walter, war es, wo ich meine Ruhe wiedergewann. Ich befeſtige ſie, indem ich Dir dies ſchreibe; ein aufrichtiges Bekenntniß, dem treueſten Freunde abgelegt, iſt eine Beichte, die ſtets Frieden gewährt. Ich fühle nun doppelt den Werth meiner Selbſtbeherrſchung. Beſſer ich ließ die Comteſſe im Zweifel, ob ich ſie verſtan⸗ den habe, oder nicht, es gibt uns beiden eine ſi⸗ cherere Haltung gegen einander; mit dem Augell⸗ blick, wo unſer inneres Leben ausgeſprochen iſt, iſt auch unſer äußeres auf immer getrennt! Da⸗ her tiefe Schleier über dieſes Geheimniß, kein Blick darf es enthüllen, ſelbſt der unſrige kaum! O Walter, Walter! wie glücklich, aber auch wie unglücklich iſt ſeit jener Stunde Dein Freund. Sedanken aus Angela's Tagebuche. Warum verſtehen doch ſo Wenige die heilige Sprache der Ratur? Spricht ſie nicht zu Allen gleich deutlich, gleich verſtändlich? Ihre Lehren ſind ſo ſüß, ihre Bilder ſo anziehend, daß man ja keine liebere Lehrerin finden kann. Oft zieht es mich hin, in ihre geheimſten Tiefen zu ſchauen, mir iſt, als müßte ich dort ein großes ſchlagendes Herz finden, das mich innig liebt und verſteht, und mir alle die Wunder des ſtillen Segnens und Erſchaffens erklären kann. —— Wenn man das ſtille Leben der Schöpfung mit Sorgfalt betrachtet, ſo wird man finden, daß alles den ruhigen Gang allmähliger Entwickelung heht, nirgends ein Sprung oder grelles Verwan⸗ deln, überall durch ſich ſelbſt bedingtes Zunehmen, Wachſen und Reifen, überall zarte Verſchmelzung, und innige Kraftverkettuns, kein untergehendes Le⸗ ben, das ſich nicht zugleich zu der Aurora eines neuen verwandelte, kein Tod, der nicht die Ge⸗ burt eines neuen Daſeins würde. Welch' ſchöner — 5— Troſt für unſere Hoffnungen, wenn der Geiſt ſich gewöhnte, alles im Leben nach der Lehrmethode der Natur zu erklären! Wir würden dann der ungeduldig dahinflatternden Phantaſie die Flügel beſchneiden, und uns ruhig dem weiſen Geſetz un⸗ terwerfen, das keine Uebereilung, ſondern nur all⸗ mählige Entſchleierung unſeres Schickſals geſtattet. —.—— Die Pvoeſie zieht ihre ſchönſte Nahrung aus der Natur; in ihr lernt ſie das Geheimniß der Harmonie und der Schönheit kennen. Erſt müſſen wir dies heilige Buch geleſen haben, ehe wir die Geſchichte des inneren Menſchen ſtudiren. Eines erklärt das Andere, und gibt ihm die wahre Be⸗ deutung. Ich habe oft von der Begeiſterung der Dich⸗ ter gehört und geleſen, und vor Allen die Impro⸗ viſatoren Italiens beneidet und bewundert. Wie ſchön muß es ſein, wenn der Augenblick des Ent⸗ zückens, zugleich der der ppetiſchen Mittheilung wird! Dieſe glücklichen Menſchen erſcheinen mir, wie die Bäume ihres Vaterlandes, die Blüthe und Frucht zugleich vereinen. Mir wird dieſe Gabe ſtets ein Geheimniß bleiben. Der höchſte Moment des Gefühls zieht alle Kräfte von außen in mein — 206— Herz zurück, ich verſtumme, wenn das innere Le⸗ ben ſich zu geſtalten beginnt. Iſt der Rauſch des Entzückens vorüber, dann entfaltet ſich erſt in dem Schvoß tiefer Ruhe die Blüthe zur Frucht, indem ich mir deſſen klar bewußt werde, was ich vorher dunkel empfand. Aber dieſer Uebergang vvm Ah⸗ nen zum Schauen, vom Fühlen zum Denken, iſt ſo ſüß, ſo beſeligend, daß dieſe Verlängerung des inneren Glück's gewiß für den Glanz ſichtlicher Begeiſterung entſchädigt. Es iſt ſehr unterhaltend um Menſchen zu ſein, die das Talent eines lebendigen Darſtellungsver⸗ mögens mit der vertrauenden Offenheit eines bie⸗ deren Charakters vereinen. Wir lernen ihre Ver⸗ gangenheit, wie ihre gegenwärtige Exiſtenz durch⸗ ſchauen, und thun, da ſie ſich gewöhnlich von ih⸗ ren Eindrücken und Empfindungen hinreißen laſſen, tiefe Blicke in ihr Herz. Aber noch mehr zieht uns das heilig bewahrte Geheimniß des Gefühls eines ernſten Charakters an. Das tiefe Schwei⸗ gen, das es umfängt, gibt unſerer Einbildungskraft Raum, die ſtille Knospe nach unſerem Gefallen zu entwickeln. Das Ausgeſprochene erfreut uns nicht holb ſo, als das allmählig Errathene, und die Ge⸗ —— wißheit kann kaum reizender ſein, als die Ahnung eines verborgenen Glücks. Man kann ſich nie beſſer kennen lernen, oder einen richtigeren Blick in ſein Inneres werfen, als in dem Angeſicht Gottes, oder des Todes. Ich freue mich deshalb immer, wenn ich ein Ge⸗ witter heraufziehen ſehe. Wenn der Kampf der Elemente beginnt, und der Himmel ſeinen Flam⸗ men⸗Schooß öffnet, dann ſchreite ich zur ernſten Prüfung meiner ſelbſt. Was das Herz in dieſen Augenblicken geſteht, der Gedanke, der frei und ruhig ſich vor das Angeſicht des Todes wagt, iſt wahr und ewig, und darf mein eigen bleiben. Wenn ich die Blumenwelt betrachte, ſo iſt mir oft, als müßte ſie auch träumen, lieben und empfinden, wie wir. Ich ſtand heute im Garten oor zwei Sonnenroſen; der Regen hatte ſie getrof⸗ fen, ſie hatten das Antlitz von der Höhe gekehrt und gegeneinander gewendet. Sie ſchienen zu lächeln, und ſich gegenſeitig zu grüßen. Ich hätte mir gern eine gepflückt, aber ich vermochte nicht ſie zu tren⸗ nen, ſie ſahen ja vielleicht in ſüßer Täuſchung ei⸗ — 208— nes in dem Andern der Sonne Bild, und liebten es ſo unbewußt fort. Wäre ihnen nun die irdiſche Sonne auch entzogen worden, ſo hätten ſie erſt den Irrthum bemerkt, über ihre Verirrung geklagt, und wären vielleicht vor Schmerz geſtorben. *— Der Gedanke hat etwas ſo Tröſtendes, ſich von einem unſichtbaren, aber allſehenden Auge be⸗ wacht zu wiſſen; aber auch die Vorſtellung iſt ſehr füß, von dem Auge eines Freundes beachtet zu werden. Wir ehren das Erſte nie, ohne das An⸗ dere zu erfreuen. Unſer Triumph wird der ſeine, aber auch unſere Demüthigung die ſeinige wer⸗ den, darum lernen wir ſorgſam auf die Sprache warnender Blicke achten, und dadurch auch dem. göttlichen Freunde wohlgefälliger werden. Der Geſang iſt viel natürlicher als die Spra⸗ che, man horche nur in dem weiten Reiche der Natur, hat da nicht jeder Bach, jeder Baum, je⸗ der Vogel ſeine Stimme? Alles will einmal in dem großen Welt⸗Conzerte geſungen haben, ehe es vvm Leben ſcheidet; die kleine Philomele flattert unbeachtet in den Zweigen, bis der ſüße Ton ihrer — Bruſt ſie mit der großen Weltharmonie verbindet. Die Liebe erweckt dieſe himmliſchen Laute in ihr. Erhaben über ihr geringes Daſein, feiert ſie ihren kurzen Lenz mit wonnigen Geſängen. Wenn der Frühling ſcheidet, verſchwindet ſie, man frage nicht, wohin ſie gezogen, ihr Leben war ein ſanftes in⸗ niges Lied, es verhallt mit den Tagen ihres Glücks, ihrer Liebe. Achtundſechzigſter Brief. Wotoch, Graf Ordeck, an R. Holmſee, im September 18**. Ich will Dir etwas vertrauen, Freund, was Dir nützen kann! Du biſt mit Deinen Streifzügen, Deinen Perlen⸗ und Antiken⸗Fiſchereien, mit Dei⸗ ner Unruhe, Deiner Veränderungsſucht, und wie die Quälteufel alle heißen, ein Narr, ſo gut wie ich es war. O, über uns Don Quirotte's: Da durchlaufen wir fremde Länder, ſchwimmen über Ströme und Meere, um das zu finden, was uns ganz nahe liegt.— Ich meine das wahre Glück, welches uns angeboren iſt, und das gerne früher ſeine Stimme erhoben hätte, wenn wir es nicht immer muthwillig betäubten und mißverſtänden. Jetzt bin ich ihm endlich auf der Spur, furchtſam zwar, wie man ein ſcheues, ſeltenes Wild verfolgt, aber dennoch kühn genug, um zu hoffen, daß es mein werden wird. 2— — 211— Ich baue, ich zimmere, ich pflanze, ich werfe Felſen aus dem Wege, um ſie an anderen Orten wieder aufzurichten, v, ich bin ein raſender Arbei⸗ ter! Und für wen verſchönere ich das Schloß und die Gegend? Etwa für mich? Gottlob, daß ich endlich aufgehört habe, mir die erſte Perſon zu ſein! Es liegt etwas Verächtliches, Unausſtehliches in jedem Alleinbeſitz! Theilen muß man, um doppelt zu genießen, theilen, oder vielmehr alles hingeben, und ſich ſelbſt obendrein, wenn man reich werden will. Verſtehſt Du mich, oder iſt Dir dieſe Sprache noch dunkel und neu? ich“ ſelbſt bin noch ein ziemlicher Reuling darin, ich ſelbſt drücke mich noch ſchwer und unverſtändlich darin aus, aber gönne mir nur Zeit, ich glaube mein Haupttalent iſt im Erwachen, und dies ſind ſeine erſten Lebensfunken! Du kennſt mich, ich breche mir in Allem mei⸗ ne eigene Bahn. Als mich der alte Maler Mon⸗ denlang hinhalten wollte, mit ſeiner trockenen, fa⸗ den Methode, und mir einen Rumpf nach dem an⸗ dern, und abgeriſſene Glieder, und verzeichnete Köpfe vhne Ende vorlegte,— warf ich, aus mei⸗ nem geduldigen Schlummer erwachend, das Zeichnen⸗ geraͤth in alle vier Winde, und ſtürzte ſein lang⸗ weiliges Syſtem wüthend zuſammen. Rach Dres⸗ den ging ich, in die Gemälde⸗Gallerie, ſtellte mich — 42— lauſchend hinter die Stühle der arbeitenden Künſt⸗ ler, bemerkte und verglich, ſtahl und ſammelte ein, und ſaß endlich ſelbſt in der Reihe derſelben. Wie der alte Maler mich anſah, als ich meine Kopien auskramte! Er zweifelt heute noch an meiner Ehr⸗ lichkeit, und träumt von geborgten Federn. So nun, mein Freund, wird's der Wotoch auch ferner halten! Hinweg mit dem kleinmüthi⸗ gen Prüfen und Forſchen! Kräftig den Augenblick der Begeiſterung benutzt, und muthig dem Ziele entgegen! Beſinnſt Du Dich noch, warum ich das Bild der kleinen Schweizerin, trotz des übertriebenen Preiſes erſtand? Weil ich ein ähnliches Geſicht kannte, das mir einen lieberen Eindruck zurückge⸗ laſſen hatte, als alle übrige, die mir je begegnet waren, und weil dieſes Bild jene Züge hatte. Dieſes Geſicht habe ich wiedergeſehen, ſehe es nun alle Tage, und bin der glücklichſte Menſch! Kaum war ich in Breiſach angekommen, als man mich auf's Schloß verwies, wo ich Norden finden ſollte. Ich gehe die Treppe hinauf, und trete in einen Saal, an deſſen Ende ein Kabinet ſtößt, woraus mir eine liebliche Stimme entgegen⸗ ſchallt. Ich ſchaue durch das Glasfenſter. Ein engelgleiches Mädchen ſitzt am Stickrahmen, zu ih⸗ ren Füßen ein ſpielendes Kind. Die Abendbeleuch⸗ * tung erhebt die Gruppe zum ſchönſten Gemälde. Ich ſtehe, und kann mir nicht das Herz faſſen, anzuklopfen. Endlich ſieht ſie mich an, ich öffne die Thür, und, denke Dir mein Erſtaunen, es iſt die Kleine vvm Kynaſt, jetzt zur lieblichen Jung⸗ frau erblüht, die vor mir ſteht. Auch ſie kannte mich wieder, und war überraſcht, als ſie in mir den erwarteten Nachbar fand. Sie iſt die Tochter des Grafen Domelli, dem Breiſach gehört, genug, um meinen neuen Aufenthalt mir zum Elyſium zu machen. Ich erwache nun jeden Morgen zu der ſchönen Hoffnung, ſie zu ſehen, ſie zu ſprechen. O, die Weiber ſind nicht alle gehaltlos, wie ich meinte! Man muß Angelen kennen, um ein ſol⸗ ches Urtheil ſogleich für ungültig zu erklären⸗ Halb noch in der Unſchuldswelt der Kindheit ver⸗ weilend, ſchaut ſie ſchon ernſt zu dem Leben, zu Gott und Unſterblichkeit empor. Ihre Seele iſt wie ihr Auge, rein, fromm und voll Tiefe, ſie verſteht die Natur, wie ich ſie verſtehe, aber ſie iſt dabei ſo kindlich ſanft und beſcheiden, wie ich roh, heftig und ungeſtüm bin. Sie duldet meine Fehler mit großer Langmuth, und meint es gut mit dem Wildfang, ich aber bin dankbar, ſo dank⸗ bar, daß ich ihr mein Herzblut hingeben könnte, wenn es ihr Nutzen wäre. Weißt Du nun, für wen ich baue, ſchmücke und verziere: für ſie allein, und durch ſie erſt für mich! Schelte mich nach Deiner alten Manier einen Schwärmer, einen Thoren, ich bin der Klüg⸗ ſte, und gewiß auch der Glücklichſte, ſo weit ich blicken kann. Ich finde nun endlich den wahren Zuſammenhang im Leben heraus. Alles bleibt Stückwerk, ſo lange der Grundton fehlt, der alle die einzelnen abgeriſſenen Klänge der Freude zu einer Harmonie verbindet. Gottlob, daß Norden mich beſſer verſtand, als ich mich ſelber kannte! Kehre Du auch um, verblendeter Freund! Die Freiheit, welche wir verfolgten, war ein Irrlicht, das uns leicht von der rechten Bahn locken konnte. Nur in dem vol⸗ len Gebrauch unſerer Kräfte iſt Freiheit, und im Austauſch unſers Eigenthums mit den Gaben An⸗ derer, das wahre Glück. Ich bewege mich thätig in meinem neuen Wirkungskreiſe, ich finde überall zu ändern, zu beſſern. Die Natur um Holmſee hat eine intereſſante Phyſiognomie, und ſpricht mich täglich mehr an. Der Graf und mein Norden ſind mir Nachbaren wie ich ſie wünſche, und hängt dem Erſten gleich ein wenig Modethorheit an, ſo iſt es nur eine leichte Flitterzier, die ein redliches Herz bedeckt.— Angela— doch genug von ihr! Noch wagt' ich mit Keinem von ihr zu ſprechen⸗ ſelbſt vor Nordens Blick blieb das Allerheiligſte neines Herzens verhüllt! Ich mag es nicht leiden, ſein Gefühl zur Schau zu tragen! Verſpräche ich mir nicht von meinem Bekenntniß einen wohlthuen⸗ den Einfluß auf Dein Gemüth, ich hätte auch ge⸗ gen Dich geſchwiegen! Die Zeit wird vielleicht vieles anders geſtalten, als ich wünſche und hoffe, Du wirſt mich dann vielleicht einen eiteln, einge⸗ bildeten Thoren nennen, aber da thuſt Du unrecht daran! Ich bilde mir nichts ein, und verlange nichts, als die Freiheit zu lieben! Daß ich es nicht verſchmähen werde, durch Gegenliebe glücklich zu ſein, iſt natürlich! Daß aber das Mißlingen nichts in meiner Geſinnung ändert, das kann ich Dir auch verſichern! Und nun gehab' Dich wohl, treuer Freund! Verſäume nicht meinen Wink zu beherzigen, und werde ein glücklicher Menſch wie Dein Wotoch. Reunundſechzigſter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Richardis. Breiſach, im October 18**. Ich bin ſehr unruhig, liebe Richardis! es geht etwas in mir vor, das ich mir nicht zu erklären weiß. Iſt es die näherrückende Trennung von Breiſach, der Abſchied von meinem ländlichen Glück? Ach! ich ſah ihn ja lange vorher, und fühlte dieſe Beklommenheit nicht, die ich jetzt empfinde! Die letzten Tage waren ſo ſchön, ich hätte ſo glücklich ſein können, warum verderbe ich ſie mir durch mei⸗ ne ängſtlichen Vorſtellungen? Der gute Graf Ordeck! Er wird mich recht undankbar ſchelten, daß ich nicht ſeine Güte für mich mit der Heiterkeit vergelten konnte, wie ich wohl gewünſcht hätte.— O, liebe Richardis! Er hat ein treffliches Herz! An ſeiner Gefälligkeit ge⸗ gen mich kann ich es ſchon bemerken, wie gern er Anderer Wünſche erfüllt, wie fremde Freude die —— ſeine erhöht! Erſt geſtern hat er uns wieder auf eine ſo angenehme Art überraſcht. Unſere Güter ſind durch einen kleinen See getrennt, auf welchem ſich eine Inſel befindet, die gar anmuthig von wil⸗ den Roſen und anderm Buſchwerk umwachſen iſt. Ich ſprach früher davon, wie artig ſich dort eine Fiſcher⸗Hütte ausnehmen, und welchen angenehmen Aufenthalt dieſe Inſel bei ſchwüler Witterung ge⸗ währen könnte. Er lud uns heute zu einem Spa⸗ ziergang an den See ein. Sein ungemein heite⸗ res Weſen ließ mich ſogleich irgend eine Ueberra⸗ ſchung vermuthen. Eine zierliche Gondel nahm uns am Ufer des klaren Waſſerſpiegels auf. Wir ſchwammen leiſe geſchaukelt von der ſpielenden Fluth unter fröhlichen Geſprächen dem grünen Ei⸗ land entgegen. Sanfte Töne wehten von dort berüber, ich warf einen fragenden Blick auf den Grafen, der mir lauſchend gegenüberſaß, und ſich an meinem Erſtaunen ergötzte. Die Melodien ſchienen bald näher zu kommen, bald ſich in weiter Entfernung zu verlieren. Die tiefe Ruhe des Abends, der Frieden auf dem wetten Waſſerreich, und jene langgehaltenen Flötentöne ſtimmten mich nach und nach ſehr wehmüthig. Ich konnte es nicht vermeiden, daß mir einige Thränen entfielen, es war mir, als lößten ſich jene verhallenden Klänge von meinem Leben los, als würde mit jedem ver⸗ — 218— ſchwebenden Accord, ein theueres Eigenthum aus meiner Bruſt genommen. Rorden, der mit uns war, ſah mich einigemal forſchend an. Ich glaub⸗ te auf ſeinem Geſicht einen Schatten zu entdecken, der mehr Unmuth als Beſorgniß verrieth, und be⸗ merkte dabei, daß er, ſo vft mein Blick ihm be⸗ gegnete, das vorige Geſpräch raſch fortſetzend, ſich zu meinem Vater wandte. Ordeck war theilneh⸗ mender als er, und das betrübte mich! Hat Nor⸗ den ſeine freundliche Sorgfalt mit meinen Lehrſtun⸗ den zugleich aufgehoben? War dies Alles nur ei⸗ ne gefällige Dienſtleiſtung, die auf die Bitte mei⸗ nes Vaters geſchah?— Mir ſchauerte vor dem Gedanken, allein auf einer Höhe zu ſtehen, die ich ohne ſeine Hand nie erſtiegen, die ich ohne ſeinen Beiſtand nie behaupten könnte!— Die Ahnung eines ſolchen Verlaſſenſeins machte meine Thränen von Neuem ſtrömen. Ich verbarg mein Geſicht in mein Tuch, und gab einen leichten Schwindel vor, der mir, da ich noch keine Woſſerfahrt gemacht hatte, wohl geglaubt werden konnte. Endlich lan⸗ deten wir an dem buſchigten Ufer. Eine Allee lief von dem Platz, wo wir ausſtiegen, ſchnurgera⸗ de auf eine kleine Schilfhütte zu, die von einigen hohen Bäumen überſchattet, einen überraſchenden Anblick gewährte. Die Muſikchöre waren in dem Gehölz verſteckt, und antworteten ſich in ſchönen — 2— Echo's. Ich reichte dem Grafen freundlich meine Hand, von ſeiner feinen Aufmerkſamſeit gerührt. Er küßte ſie flüchtig, und zog mich dann raſch mit ſich fort.„Die Idee konnte leider nicht ganz ſo ausgeführt werden, wie ich wünſchte!“ ſprach er, ſich gleichſam entſchuldigend:„Die Zeit war aber zu kurz, und Sie ſollterz die Inſel betreten, be⸗ vor der Herbſt ihr vollends allen Schmuck nimmt!“ — Wir hatten die Hütte erreicht. Einige Fiſcher⸗ netze und ein leichter Kahn verkündeten ihren eigent⸗ lichen Zweck. Dem Eingang gegenüber war ein reinlicher Heerd, ein nettgekleideter Fiſcherbube war an dem lodernden Feuer beſchäftigt.— Der Graf öffnete die Thür rechter Hand, und ich trat in ein einfach aber höchſt geſchmackvoll eingerichtetes Zim⸗ mer. Die Fenſter deſſelben gingen auf den See hinaus. Man hat, da die Hütte auf einer kleinen Erhöhung am Ufer ſteht, eine freie unendlichrei⸗ zende Ausſicht. Die Thürme des Schloſſes von Polmſee, das an dem jenſeitigen Ufer hervorragt, ſpiegeln ſich in der Waſſerfläche,— der Anblick der ganzen Landſchaft macht einen ſo ſanften ruhi⸗ gen Eindruck auf das Gemüth, daß man ſich nur mühſam davon trennen kann. Mein Vater machte mich auf einige Gemälde aufmerkſam, die an den Wänden umherhingen. Vor allen gefiel uns ein Bild, welches den gewal⸗ — 220— tigen Sänger Arion darſtellte, wie er, die Leier im Arm, von einem Delphin über die Fluthen ge⸗ tragen wird. Die Hauptfigur, wie die ſeitwärtsangebrachten Nymphen⸗Gruppen waren von großer Schönheit, und ich dachte dabei mit Sehnſucht an Sie, die Sie dieſe herrliche Kunſt ſtets ſo hoch hielten. Mein Vater frug nach dem Ramen des Malers. Ordeck lächelte, und ſagte leichthin:„Ich habe die Bilder da, nur eigentlich zum Schers aufgehangen! Sie gehören zu meinen erſten Verſuchen, und ha⸗ ben wenig Werth!“ Er wandte ſich hierauf zu mir, und öffnete ein zweites Cabinet. Hier wa⸗ ren die Wände mit Moos verziert. Schmetterlin⸗ ge, und eine Menge zierlichausgeſtvpfter Vögel hingen in Glaskäſten umher. Am Fenſter ſtand ein Arbeitstiſch mit Schreibmaterialien, über der Thür die Inſchrift: Der ſtillen Betrachtung ge⸗ weiht!— Ich konnte mich von meinem Erſtaunen kaum erholen, wie Alles dies in ſo kurzer Zeit entſtan⸗ den ſei.— Norden bemerkte, das ſchnelle Hervor⸗ zaubern wäre von jeher Ordeck's Manier geweſen, und verrieth uns, daß er allenthalben ſelbſt mit Hand angelegt habe. Ich fühlte eine Art dankba⸗ rer Ehrerbietung gegen den ſeltſamen Mann, der aus zu großer Beſcheidenheit den Werth ſeiner Erfindung überall verringerte, und nur durch ſein luſtiges Weſen ſeine Freude an unſerm Wohlgefal⸗ len ausſprach. Man trug Erfriſchungen auf. Wir ſetzten uns traulich um einen Tiſch am offenen Fenſter, und ſahen dem im Abendpurpur allmählig erglühenden Wellenſpiel im Laufe wechſelnder Geſpräche zu. Norden ſchien ſich nur mühſam zu geſelliger Hei⸗ terkeit zu erheben; ſein Geiſt war oft abweſend, und das ſtörte ſichtlich den Genuß dieſes Abends. Als wir nach Hauſe fuhren, hatte der Graf ſich neben mich geſetzt. Seine Stirn glänzte ſo kindlich heiter, ſeine ſonſtige Rauhheit ſchien gänz⸗ lich verſchwunden zu ſein. Er unterhielt mich auf's Angenehmſte, und machte daß ich bisweilen meine innere Betrübniß darüber vergaß. Norden unter⸗ hielt ſich unterdeſſen mit meinem Vater. Sein Blick war düſter und ernſt, kein freundliches Wort, das mich beruhigt hätte,— es ſchien, als wolle er ſich den ganzen Tag über entfernt von mir halten. O, theure Richardis! in welche Unruhe kann uns das veränderte Betragen eines Menſchen ſetzen, den wir verehren, und deſſen Meinung für uns von ſo großer Wichtigkeit iſt. Es iſt dann, als mißtrauten wir uns ſelbſt, indem wir ſeine Zufriedenheit entbehren!— Ich weiß nicht, was ich ihm gethan haben mag, daß er mich alſo be⸗ Angela 11. 10 — 2 ſtraft!— Gott, wenn das ſo bliebe, wie ſchwer würde mir der Abſchied von Breiſach werden! Ich wünſchte, ſein Wohlwollen ſolle mich in meinen künftigen Aufenthalt, überall hin begleiten, damit ich, von dieſer ſchönen Gewißheit getröſtet, deſſen um ſo würdiger in meine Heimath zurückkehren könne!— Die Baroneſſe Münter dringt immer ungeduldiger in meinen Vater, mich bald zu ihr zu bringen. Künftigen Monat ſoll ich Breiſach verlaſſen!— Verlaſſen!— welch' ein betrübtes Wort! Mir iſt als verließe ich Alles, was das Leben Gehaltreiches hat, um mir dafür unnützen Flitter einzutauſchen!— Doch der Vater hat es ſo beſtimmt— und ich werde gehorchen! Gebe der Himmel, daß ſein Wille und mein Glück ſich nie zu weit von einander entfernen! Tröſten Sie bald Ihre arme Angela. Neunundſechzigſter Brief. Norden an Walter⸗ Breiſach, im October 18**. Ja, Du haſt Recht! das Schickſal iſt grauſam, indem es den müden Schiffer, der endlich in der Freiſtatt des Friedens zu landen glaubte, noch ein⸗ mal in die empörten Wellen des Lebens zurück⸗ wirft.— Meine Kräfte waren noch erſchöpft von der anſtrengenden Fahrt, ich hatte zu wenig Ge⸗ walt, mich feſt zu halten am ſichern Ufer; ich küßte die ſchmeichelnde, lockende Welle, die mich noch einmal umſpielte, und mein Widerſtand war nur eitler Schein, denn in meinem Herzen war die Sehnſucht, noch einmal an dem blühenden Ufer verſchwundenen Jugendglückes zu landen!— Nun iſt es geſchehen!— Ich treibe ſteuerlos auf dem unſichern Elemente umher, und beide Ufer weichen immer ferner zurück.— — O Walter! kann eine Leidenſchaft ſo lang ſchlummern, und ihre Kraft nicht verlieren? Kann 10* — 224— das Leben ſo ſpät noch die Blüten treiben, die dem Frühling des Daſeins allein gehören?— An— gela's ſanfter, inniger Blick erweckt oft eine ſo tröſtende Zuverſicht in meiner Bruſt, daß ich auf Augenblicke die Mißverhältniſſe vergeſſe, die zwi⸗ ſchen uns walten; ſchnell aber thürmen ſie ſich wieder rieſenhaft vor mir empor, und zeigen mir ibre Anſprüche und meine Hoffnungsloſigkeit. Graf Ordeck's Betragen gegen Angela läßt mir keinen Zweifel übrig, daß die Liebe in ſeinem Herzen erwacht ſei. Sein ganzes Weſen ſcheint verwandelt, er lebt nur für ſie, und ſinnt auf Ueberraſchungen und Ergötzungen aller Art, um ihr ein freundliches Wort, ein Lächeln des Beifalls zu entlocken. Ob Angela die Annäherung ſeines Herzens bemerkt, ob ſie ſich ihres Einfluſſes erfreut?— — O, ſie bleibt ein Weib, und wenn ſie alle Ei⸗ genſchaften eines Engels beſäße! Sie wird nicht frei von Eitelkeit ſein, Huldigungen ſo ſeltner Art werden ſie nicht ungerührt laſſen, ich habe ſie bei ſolchen Gelegenheiten ſcharf beobachtet, und meine Befürchtungen beſtätigt geſehen!— Befürchtungen! — Sieh'! da tritt das Unrecht einmal recht ſicht⸗ bar aus dem Verſteck meines Herzens hervor!— Ich befürchte alſo, daß ſie den Grafen beglü⸗ cken könnte! Den Grafen, deſſen Verdienſte ich ——— — 5 ſelbſt anerkenne, den ich wie meinen Sohn zu lie⸗ ben verſprach!— — O, wenn es mir doch ſtets gegenwärtig bliebe, wie weit meine Anſprüche gehen dürfen, damit ich Angelen nicht durch ein ungleiches Be⸗ tragen kränke, das ſich bisweilen heimlich bei mir einſchleicht.— Ich habe vor Kurzem erſt einen ſehr üblen Tag gehabt, indeß hat die Reue, die ihm folgte, manche heilſame Lehre geboren, die mein Betragen in Zukunft ſorgſamer befeſtigen ſoll. Ich bemühe mich mehr Ruhe in mein äußeres Leben zu bringen, und dadurch der Hand⸗ lungsweiſe Angelens größere Freiheit zu laſſen. Sie ſoll meine Liebe nie errathen, damit ihr wei⸗ ches Herz durch kelne Rührung beſtochen, ſondern allein auf ſeinen Willen beſchränkt ſei.— Selbſt der Abſchied von ihr ſoll mich ſtark finden, und keine Miene ihr meine Beſorgniß um ſie, keine Trauer um den eigenen Verluſt verra⸗ then.— Walter, ich bin gewiß, ich werde, ſo lang ich Angelen auf der Bahn der Pflicht und des Rechts weiß, meinen eigenen Schmerz bekäm⸗ pfen, und mitten im Entſagen des höchſten Glücks noch eine Art von Freudigkeit empfinden, ihr durch ein Band verbunden zu bleiben, über welches die Welt nichts vermag. Es gibt ein Verhältniß der Seelen, das die Schtnnken der Convenienz nicht — 226— zu fürchten braucht,— es iſt die ſchöne Gemein⸗ ſchaft der Guten, die unſichtbare Welt, in der unſere Liebe ſich begegnet. Dieſes wird das Band ſein, das mich auch in der Entfernung an das theuere Weſen knüpfen ſoll, das Band, welches das Glück meiner Einſamkeit, der Stolz meines Herzens, der Lohn meines ſtillen Kampfes ſein wird.— Angela hat mich ſelbſt in ihrer ſchüchter⸗ nen Unſchuld um einen Briefwechſel gebeten. Der Graf ſtimmte ihr bei, und fügte die Bitte hinzu, ihr ferner Freund und Lehrer zu bleiben.— Graf Ordeck wird mich um dieſen Vorzug beneiden. Ich weiß, auch er iſt verwöhnt von dem Vergnügen, ſeinen Geiſt, wie er ihn auch form⸗ und regellos gab, dennoch ſo tief und innig verſtanden zu ſehen. Er wird ſchwerlich den Winter über in Holm⸗ ſee ausdauern. Seine Gemüthsunruhe hat das Gewand der Liebe angezogen, und wird ihn auf's Reue ſeinem Wirkungskreiſe entführen. Graf Do⸗ melli ahnet, ſo ſehr ſich ſeine Eitelkeit von den Bemühungen Ordeck's geſchmeichelt fühlt, doch nicht ohne heimliche Furcht eine ernſtere Abſicht dahinter, und fängt an, ihn mit ſeinem Plan, Angela für den Hof der Fürſtin zu erziehen, im voraus bekannt zu machen. Ordeck hört ihn mit ſcheinbarer Ruhe an, und überläßt die Entſcheidung ſeines Glücks der Zeit und Angela's natürlicher Vorliebe zum Land⸗ leben. Er kennt ſelbſt den Werth freier Entſchlie⸗ ßungen, und ſcheint den Charakter der Comteſſe nicht ungern auf eine Probe geſtellt zu ſehen, aus der ſeine Eigenthümlichkeit, wie er ſagt, klarer und deutlicher hervorgehen muß. Uebrigens iſt er der Erſte, der ihr in die Reſidenz nachfolgen wird. Ich kenne ihn, und die Heftigkeit, mit der er Al⸗ les ergreift, wo ſeine Reigung in's Spiel kommt. Ich werde Dich dann bitten, mir zuweilen einige Nachricht von ſeinem Treiben zu geben. Er iſt gegen mich in Hinſicht ſeines Herzens nicht ſo auf⸗ richtig als ich wünſchte. Seine Worte widerſpre⸗ chen ſogar nicht ſelten ſeinen Handlungen, und ſcheinen darauf auszugehen, mich wegen ſeiner Ab⸗ ſichten im Ungewiſſen zu laſſen. Ich werde ſein Geheimniß nie berühren, und wie er die Zeit er⸗ warten, wo ſich alles klarer entſcheiden muß. Einundſiebzigſter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Richardis. Breiſach, im November 18** Sie warnen mich, Geliebte? Sie meinen meine Hochachtung zu Norden habe eine falſche Richtung genommen?— O, theuere Richardis! laſſen Sie das ruhen! Er ſelbſt hat mich auf den rechten Weg zurückgebracht, unwillkührlich, wie ich glaube, aber auf eine ſehr ſanfte, ſehr wohlwollende Art. Ich habe nun meine thörichten Befürchtungen ver⸗ geſſen, die ſich nur zu deutlich in meinem letzten Briefe ausſprachen. Er iſt den Tag(wie ich er⸗ fuhr) ſehr unwohl geweſen, und der Zwang, die Freunde der Geſellſchaft nicht zu ſtören, war es vielleicht, was ſeinem Betragen etwas Fremdarti⸗ ges gab. Es liegt in der That zu viel Aengſtlichkeit in meinem Charakter, und dies, fürchte ich, wird mir noch manche trübe Stunde machen. Der Gedanke, in der Meinung theurer Perſonen zu verlieren, hat für mich etwas Fürchterliches, Seelenergreifen⸗ des. Gott bewahre mich vor Schuld! Wie wür⸗ de ich einen gegründeten Vorwurf ertragen können, da der Schatten davon mich ſchon ſo muthlos machen kann! Dieſer Brief iſt vielleicht der letzte, den Sie von Breiſach aus erhalten. Mein Vater hat den übermorgenden Tag zu unſerer Abreiſe feſtgeſetzt. Ich bin daher viel mit den nöthigen Zurüſtungen beſchäftigt, er will, daß ich eine vollkommene Aus⸗ ſtattung mitnehmen ſoll, und hat mir! viel theuere Sachen gekauft. Kaum behalte ich die Abende übrig, um von allen meinen Lieblingsplätzen Abſchied zu nehmen. Graf Ordeck kommt faſt täglich herüber, er ſcheint meine Abreiſe nicht gern zu ſehen, und beunruhigt mich durch ſein Betragen. Er nimmt oft ein ſo ſeltſam zerſtreutes Weſen an, daß ich um ſeine Unterhaltung verlegen bin. Wenn ich ihn um etwas befrage, ſo fährt er erſchrocken em⸗ por, und bleibt mir nicht ſelten die Antwort ſchul⸗ dig. Er hat mir letzthin, als ich ihm die Guitar⸗ re brachte, mit der Bitte, uns etwas mit ſeiner angenehmen Stimme zu ſingen, zwei Saiten zer⸗ riſſen, ſo wüthete er auf dem Inſtrument umher, und als ich ihm darüber einen gutmüthigen Ver⸗ weis gab, lachte er laut auf, und ſagte:„Da — 240 kann ich nun freilich nicht helfen! Wie der Sän⸗ ger, ſo das Spiel. Warum forderten Sie mich heute auf, zu ſingen? Das war die Strafe!“— Denſelben Abend übte er dieſelbe Wuth an ſei⸗ nem Pferde aus, als er uns verließ. Er warf es bald rechts bald links herum, ließ es kerzengrad ſtehen, und ſpornte es dann ſo grauſam, daß es mit der Schnelle eines Pfeils über Hecken und Gräben mit ihm dahinflog. O! er iſt ein ſehr heftiger Menſch, und hat zu Zeiten ſogar etwas Furchtbares. Er drückt mir oft(wenn er Abſchied nimmt) die Hand ſo krampf⸗ haft, daß ich ſchreien möchte, dabei ſagt er die freundlichſten Worte, als wären dies nur alles Zeichen ſeiner aufrichtigſten Ehrerbietung. Wenn dies die Sprache ſeiner Freundſchaft iſt, wie mag die ſeines Unwillens ſein?— Und doch hat er auch wieder ſo vieles Gute, daß man ihm gar nicht bös werden kann, und das vielleicht gerade um ſeiner rauhen Natur willen, doppelt erfreut, wie wir eine Blume mehr ſchätzen, die wir auf ſchrof⸗ fem Felſen finden, als die, ſo wir vhne Mühe am Wege pflücken konnten. Norden muß den wilden Jüngling trotz ſeiner Eigenheiten dennoch lieb haben. Er ſprach geſtern viel zu ſeinem Lobe, als Ordeck fort war, und er mit mir im Garten auf und niederging. O! die⸗ ———— ſer Abend, er wird mir unvergeßlich bleiben! An ihm lernte ich Nordens Charakter ganz verſtehen, und die Pflichten, die mir obliegen, ganz faſſen ganz würdigen. Wie ſchön ſtellte er mir die Hoff⸗ nungen, die Erwartungen meines Vaters vor Au⸗ gen, wie ſtolz machte er mich, indem er die ſei⸗ nigen ausſprach. Die beſcheidene Art, mit der er ſtets von ſich und ſeinen Wünſchen ſpricht, macht, daß ich ihn nur um ſo höher ſchätzen, und jene um ſo gewiſſenhafter erfüllen muß. O, es gibt ein geiſtiges Erkennen, auch ohne äußere Zeichen, ei⸗ nen Einklang der Seelen, der nicht des Wortes bedarf.— Aber nur verwandte Naturen ſind die⸗ ſer zarten Beziehungen fähig, und fühlen ſich ein⸗ verſtanden, ohne einer andern Gewißheit zu be⸗ dürfen, als die eigene innere Zufriedenheit, die es bezeugt.— Ich weiß jetzt, ich werde in ſeiner Erinnerung fortleben, wie er ſtets als milder war⸗ nender Freund vor meiner Seele ſtehen wird. Dieſes ſchöne Verhältniß hat mit irdiſchen Hoff⸗ nungen nichts gemein! Es iſt die Einheit in Gott, in der unendlichen Liebe. Tadeln Sie mich nicht mehr, Richardis, wenn ich meinen Lehrer auch als den edelſten, würdigſten Mann verehre! Dieſe Anerkennung ſeiner Verdienſte wird mir ein ſiche⸗ res Schild ſein, welches mein junges Herz von den Eindrücken ſcheinbarer Liebenswürdigkeit, eit⸗ —— len Glanzes bewahren wird. Ich werde nie den gerechten Forderungen meines Vaters entgegenhan⸗ deln, aber ich werde ſie prüfen, und ſie mit mei⸗ nen eigenen Anſichten zu vereinigen ſuchen. Glau⸗ den Sie mir, es iſt gut, wenn uns ein ſicherer Maasſtab ächten Werthes in die Geſellſchaft der Welt begleitet. Unſere Sinne werden leicht ge⸗ blendet, verworren, wenn kein Urbild höherer Vor⸗ trefflichkeit in unſerer Seele ſteht. Nordens ern⸗ ſtes Auge ſoll ſtets der Richter meiner Handlungen ſein; ich habe mich gewöhnt, meine Zufriedenheit, meine Beruhigung aus ihm zu ſchöpfen, und wür⸗ de, mäßt' ich es auf immer entbehren, gar leicht⸗ lich irren und ſchwanken. Ich habe daher die Er⸗ laubniß meines Vaters, mich mit Norden ſchriftlich zu unterhalten, und finde darin eine ſüße Ent⸗ ſchädigung für Entbehrungen aller Art. Norden ⸗ ſchien über meinen Wunſch erfreut, und ſpricht ſeitdem viel freimüthiger über meine Zukunft und ſeine Erwartungen von ihr. Mein Herz iſt um vieles leichter, ſeitdem ich mich nicht von Allem, was ich liebe, gänzlich geſchieden weiß! Ich wer⸗ de ſo manches erfahren, was mein Vater, der un⸗ gern ſchreibt, übergangen hätte, und ſo wird Alles viel beſſer und friedlicher gehen, als ich dachte! — —,— Zwei Tage ſpäter. Richardis! Es iſt überſtanden! Gott welch' ein ſchwerer Tag war das! Doch ich will nicht klagen! Auch Sie ſollen mich ſtark ſehen! Ich weiß jetzt wie ſchön es iſt, ſein Gemüth zu be⸗ herrſchen! Ich werde mich bemühen, Jien einen Um⸗ riß der letzten Stunden zu entwerfen. Der ge⸗ ſtrige Vormittag war dazu beſtimmt, von den gu⸗ ten Menſchen Abſchied zu nehmen, die ſich meine Liebe ausſchließlich erworben hatten. Sie wußten den Tag meiner Abreiſe nicht genau, daher ſuchte ich ſie ſelbſt in ihren Hütten auf, um auch die Kinder, die mir ſtets am„ noch ein⸗ mal zu ſegnen. Ich erfuhr hier Manches, was mir bisher ver⸗ borgen geblieben war. Nordens edles ſtilles Wir⸗ ken trat überall ſichtlich hervor, jedes wußte etwas von ſeinen Aufopferungen, ſeiner hülfreichen Sorg⸗ falt, ſeiner unermüdeten Menſchenfreundlichkeit zu erzählen. Meberall wurde ſein Name mit Dank und Ehrfurcht genannt. Ein freudiger Stolz ſenkte ſich bei dieſen Worten in meine Bruſt. Mein Haupt erhob ſich, — 234— als wäre ſein Triumph der meine; ich hatte ein neues Recht, ihm meine Liebe, meine Verehrung zu weihen. Reich wie eine Königin kehrte ich zu meinem Vater zurück, der von meinem freudeglän⸗ zenden Antlitz entzückt, mich in der Hoffnung an ſeine Bruſt nahm, ich habe nun endlich jedes Ban⸗ gen überwunden, und den Vortheil meiner bevor⸗ ſtehenden Veränderung erkannt. Ich widerſprach ihm nicht, ich war ja ſo glücklich, wie hätte ich das Glück meines Vaters ſtören können? Gleich nach Tiſche kam Norden. Er entſchul⸗ digte ſich, daß er uns ſo zeitig aufwarten müſſe, ein nothwendiges Geſchäft erlaube ihm aber nur dieſe einzige Stunde. In ſeiner Haltung lag eine Würde, eine Hoheit, die nur aus einer Seele, wie die ſeine, hervorgehen kann. Ich betrachtete, während er mit dem Vater ſprach, mit ſtiller Ehr⸗ furcht die edle Geſtalt, die meinen Augen fortan binnen ſo langer Zeit nicht mehr begegnen ſollte. Ein tiefer Seufzer wollte eben aus meiner Bruſt ſteigen, als er mich mit ernſter Freundlichkeit an⸗ ſprach.„Ich höre“, begann er,„daß Ihre Ab⸗ reiſe, Cymteſſe, auf den morgenden Tag feſtgeſetzt iſt! Ich verliere durch eine unvorhergeſehene Dienſtreiſe nun noch die wenigen Stunden, die mir von Werth ſein mußten! Laſſen Sie mich wenigſtens in dieſen Augenblicken mich über meinen nahen Verluſt täuſchen, und das ſchöne Verhältniß des Lehrers zu ſeiner Schülerin noch einmal wie⸗ derkehren, ehe es die Zeit zerſtört und begräbt!“ —„Sie vergeſſen, Herr Superintendent““, er⸗ wiederte ich,„daß ich der Zeit nie die Gewalt einräumen werde, die Sie befürchten! Auch hoffe ich““, ſetzte ich ſchüchterner hiuzu:„„daß Sie mir die gütige Sorgfalt nicht entziehen werden, deren ich mich bisher erfreuen durfte!— Sie haben mich in der That verwöhnt! Ich möchte mich ſchwerer darein finden, als Sie glauben!““— Er ſah mich liebevoll an:„Sie ſelbſt, Comteſſe, werden über die Dauer dieſes Verhältniſſes beſtimmen, Sie nur allein!— Ich freue mich, Ihnen bisweilen in den ſchriftlichen Verſicherungen meiner Hochachtung be⸗ gegnen zu dürfen, und werde in den Beweiſen Ihres Andenkens die ſchönſte Freude meiner Ein⸗ ſamkeit finden!“— Das Wort„Einſamkeit“ fiel meinem Vater auf, er machte Norden einen zärtlichen Vorwurf hierüber, und fügte hinzu: er fürchte nicht, daß er mit der Gefälligkeit, die er ihm durch den mir ertheilten Unterricht erwieſen, ſich jeder Pflicht gegen ihn entbunden glaube! Norden entſchul⸗ digte ſich auf eine beſcheidene Weiſe, und begann nun, indem er neben mir Platz nahm, mich ge⸗ ſprächsweiſe auf einige Klippen des Lebens in der großen Welt aufmerkſam zu machen.— Er hat in ſeinen frühern Jahren viel unter Menſchen ge⸗ lebt, und daher einen reichen Schatz von Erfah⸗ rungen aller Art geſammelt. Seine Anſichten ſind daher auf Wahrheiten gegründet, ſeine Lehren über⸗ zeugend, und ſeine Menſchenkenntniß(wie mein Vater mich verſichert) richtig, und von Gryßem Umfange. Wir waren unter dieſer Unterredung heiter und lebhaft geworden, und hatten darüber das Peinliche dieſer Stunde vergeſſen. Sie war um, ehe ich's glaubte. Norden ſtand mit großer Eil⸗ fertigkeit auf, und nahm einen kurzen, aber herz⸗ lichen Abſchied von mir. Die Schnelle, mit der er aufbrach, betäubte mich; ich hatte ihm noch ſo viel zu ſagen, und vermochte nicht, ein Wort her⸗ vorzubringen. Ich ſtand noch ſtarr auf meinem Platz, als er aus der Thüre war, und brach in bittere Thränen aus, daß mir fortan alle Gelegen⸗ heit genommen ſei, ihm ein wärmeres Lebewohl zu ſagen. Ich ſprang die Treppe hinunter, ich flog vor die Thür,— er war nicht mehr zu ſehen. Jetzt erſt brach der Schmerz aus meiner Seele hervor, ich floh' aus dem Angeſicht meines Vaters, um meinen kindiſchen Kleinmuth zu verbergen. Aufgelöſ't von Betrübniß und Thränen ſaß ich in meinem Cabinet, und ſtarrte in die Ferne hinaus. e —,— — —, Mir war, als ſei nun der Vorhang vor meinem ſchönſten Lebens⸗Acte heruntergerollt, als fürchtete ich mich vor dem neuen Aufziehen deſſelben, und vor den zahlloſen, bunten Geſtalten, die hinter ihm harrten, um mich in ihre Mitte zu nehmen. Ich betete zu Gott um Stärke und Muth, und fand mich endlich nach langem Weinen beruhigter in meinem Gemüth. Eben wollte ich aufſtehen, als ſich die Thür öffnete, und Graf Ordeck eintrat. Eine auffallende Bläſſe lag auf ſeinem Ge⸗ ſicht, ſchnell aber wechſelte dieſe mit der lebhafte⸗ ſten Röthe, als er, mir nähertretend, die Spuren von Thränen auf meinen Wangen entdeckte. Die Frendigkeit ſeiner Augen ſchien die Beſorgniß Liü⸗ gen zu ſtrafen, mit der er mich anredete. Er ſprach viel und ſchnell, wie er immer thut, wenn er eine Freude im Herzen hat, ſprang von einem Gegenſtand auf den andern, von Trennung auf Wiederſehen, von ſtädtiſchen Vergnügungen zu ländlichem Glück, und fiel endlich, nachdem er wohl eine Stunde dies Weſen getrieben, und bald von meinem Fenſter zum Clavier, bald vom Sprechen zum Spielen übergegangen war, mit einer ſeltſa⸗ men Extaſe vor mir nieder, indem er einen Au⸗ genblick meine Knie umſchlang. Ich erröthete, und wollte aufſtehen.„So wahr ich lebe, Comteſſe!“ rief er:„Ich laſſe Sie nicht eher von dieſem Platz, — 236— bis Sie mir eine Bitte gewährt haben!“— „„Reden Sie, Graf!““ entgegnete ich ungeduldig, ich konnte ihn in dieſer Stellung nicht ſehen. „Laſſen Sie mir dies Andenken!“ bat er, indem er mein Taſchentuch ergriff, mit dem ich meine Thränen getrocknet hatte. Ich hörte die Tritte meines Vaters im Vorſaal, und gewährte es ihm in meiner Angſt. Er ſprang raſch auf, küßte das Tuch, und verbarg es in ſeinem Buſen. Mein Vater warf, als er eintrat, einen prü⸗ fenden Blick auf mich.„Du haſt geweint!“ rief er, mein rothes Antlitz betrachtend:„Ich will nicht hoffen, Herr Graß daß Sie Veranlaſſung gaben?“ — Ich vertheidigte auf's eifrigſte den Grafen, da er in der That ganz unſchuldig an meinen Thränen war. Er ſelbſt bewies durch ſein natürliches hei⸗ teres Weſen, daß er nicht Willens ſei, ihm eine Sache zu erſchweren, die längſt beſchloſſen war, und vertrieb uns den Abend mit luſtigen Poſſen. und witzigen Erzählungen aller Art. Er war auf⸗ geräumter als je, und das wider mein Vermuthen; ſein früheres Betragen ließ auf einen ganz an⸗ dern Abſchied ſchließen. Er blieb bis ſpät am Abend, wo wir ihn bis vor die Thür begleiteten. Ein ſchöner heller Sternenhimmel leuchtete auf uns herab. Der Graf warf einen Blick empor, dann faßte er fröhlich meine Hand, und ſagte:„Alles — +— — 239— dort oben wie auf Erden geht ſeinen von Ewig⸗ feit beſtimmten Gang!— Auch Sie werden ihn gehen, trotz allen Cometen und Wandelſternen, die durch Ihre Bahn laufen werden, bis endlich der Punkt wieder erreicht iſt, von dem Sie ausgingen! — O, es iſt etwas Schönes um das ewige Geſetz, das ich meine, gegen das ja doch fremder Wille ſo wenig vermag!“ Er küßte hierauf mit Lebhaftigkeit meine Hand, und warf ſich auf's Pferd, mir noch aus der Entfernung mit ſeinem erbeuteten Tuche zu⸗ winkend. Als ich allein war, fühlte ich, daß et⸗ was Unangenehmes in einer Störung liege, die uns von der Andacht eines heiligen Schmerzes abzieht. Ich ſetzte mich an mein Inſtrument, und be⸗ gann einen Choral zu ſingen, den Rorden für mich componirt hatte, und der mich allmählig wieder in meine vorige Stimmung zurückführte. Als ich ihn beendet hatte, trat ich an's Fenſter;— der Mond war aufgegangen, und gab den bekannten Gegen⸗ ſtänden die fremdeſten, abenthenerlichſten Formen. Ein dunkler Schatten ſchien langſam unter den hohen Pappeln hinzuſchweben, die mit dem abge⸗ ſtorbenen, von Mondlicht durchſchimmerten Lanb, mir ſelbſt wie bleiche Geiſter vorkamen. Ich folg⸗ te mit meinen Blicken der dunkeln Geſtalt, ſie ſchien ſich einigemal umzukehren, doch war ſie ſchon zu entfernt, um deutlich erkannt zu werden.— Für Ordeck war ſie zu groß,— und Norden,— mein Herz ſchlug— nein, Rorden war ja ver⸗ reiſt!— Ich machte beklommen das Fenſter zu, und begab mich zur Ruhe. Aengſtliche Träume ſtörten meinen Schlaf. Ich fühle mich heute ſehr ermattet, und ſehe übel aus.— Ich bin, um Ihnen die letzte Rachricht aus Breiſach zu geben, ſehr frühe aufgeſtanden. Jetzt wird es im Hauſe munter; der Wagen wird herausgeſtoßen; die Be⸗ dienten fliegen, das Gepäck holend, die Stiegen auf und nieder. O Richardis, Geliebte! leben Sie wohl! Leben Sie wohl! Mein Vater kommt, und er⸗ mahnt mich, mich raſch anzukleiden. Es wird an⸗ geſpannt. Sechs Pferde! Ach Himmel, wozu der Pomp?— Gott gebe, daß ich Ihnen bald wieder von dieſem Platze aus zurufen möge, daß ich ſtets die Ihre, unverändert an Herz und Seele geblie⸗ ben bin!— Leben Sie wohl!— Bei dem Verleger dieſes ſind ferner erſchienen: Alphen, v., kleine Gedichte für Kinder von 5 bis 6 Jahren. Nach dem Niederländiſchen bearbeitek. geb⸗ 12. 18350. 8 ggr. Barth, H, kleine Lieder zum Gebrauch beim Anfang und Schluß der Schulſtunden für Elementarſchulen nach den bekannteſten Choralmelodien. broch. 1830. 2 ggr. Beck, Dr. Fr. Ad., Grundriß der Naturlehre. Für Gymnaſien, höhere Bürger- und Realſchulen. 3. 1828. 4 ggr. Bollenberg, J. D. deutſche Vorſchriften für den Schul- und Privatgebrauch beim erſten Unterricht im Schönſchreiben. a.(in Comm.) Erſtes Heft 20 ggr. 1830. Zweites Heft 1 Rthlr. 12 ggr. —— engliſche Vorſchriften für den Schul- und Privatgebrauch beim Unterricht im Schönſchreiben. 1831.(in Covmm) Erſtes Heft 1 Rthir. Zweites Heft 1 Rthlr. 8 ggr. Deegen, E. W., moraliſch⸗religiöſe Gedichte. Zweite verb. Aufl s. broch. 1822. 6 ggr. Erk, L. Sammlung drei⸗ und vierſtimmiger Geſänge ernſten Inhalts, von verſchiedenen Componiſten. Erſtes Heft, welches die liederartigen Geſänge ent⸗ hält.(Partitur.) a. broch. 1354. 12 ggr. i Die dazu gehörigen einzelnen Stimmen; Sopran, Tenor, Alt, Baß. broch. 1831. Jedes Heft 6 ggr. —— Sammlung ein-, zwei⸗, drei⸗ und vierſtimmi⸗ ger Schullieder, pon verſchiedenen Cpmponiſten. In drei Heften. Erſtes Heft, enthält ein- und zwei⸗ ſtimmige Lieder für den früheſten Unterricht im Sin⸗ gen, in Noten und Ziffernbezeichnung. gr. 3. broch. 1828. 8 ggr. —— Deſſelben Werks zweites und drittes Heft drei⸗ und vierſtimmige Lieder enthaltend, in Noten. Jedes Heſt 8 99r Fiedler, Dr. Franz, Geſchichten und Alterthümer des untern Germaniens, oder des Landes am Niederrhein, gus dem Zeitalter der römiſchen Herrſchaft. Erſtes Bändchen mit 5 Steindrucktafeln. 8. 1824. 1 Rthlr. Fink, Gottfr. Wilh., Erſte Wanderung der älteſten Ton⸗ kunſt, als Vorgeſchichte der Muſik oder als erſte Pe⸗ riode derſelben dargeſtellt. Mit 8 Kupfertafeln. 8. 1831. 1 Rthlr. 16 ggr. Fleckenſtein, J., Muſter zur uebung im Schreiben, vorzüglich in Schulen, geſtochen von Heß. Zweite verb. Ausgabe. a. 1 Rthlr. Gedichte, ſieben lyriſche, und gcht Kapitel im Bibelſtyl für die gegenwärtige Zeit. Vom Verfaſſer des Laza⸗ rus von Bethanien.(A. Köttgen) broch. 6 ggr. Geſſert, F., das heilige Land, oder Paläſting bis auf Chriſti Zeit. Dritte verb. und ſtark verm. Auflage. gr. 3. 13825. 4 ggr. Gläſer⸗ K., Liederbuch für Schulen zum früheſten un⸗ terricht im Singen. 12. 2te Aufl. 1322. 6 ggr. —— Melodien hierzn. ate Aufl. 1823. s ggr. —— muſikgliſches Schulgeſangbuch methodiſch geord⸗ net nach Natorp's Anleitung zur unterweiſung im Singen in 2 Kurſen. Erſtes Bändchen. Zweite ver⸗ bef. u. verm. Aufl. gr. 3. 1828. broch. 18 ggr. —— Deſſelben Werks zweites Bändchen, gr. s. broch. 1822. 18 ggr. Harder, A., Geſänge und Lieder aus dem Sonntage von Krummacher ein⸗, zwei-, drei- und vierſtim⸗ mig mit Klavier⸗ oder Pianoforte-Begleitung in Mu⸗ ſik geſetzt. Ein Beitrag zur Beförderung des einfachen Geſanges in Volks⸗- und Bürgerſchulen, wie auch in häuslichen Zirkeln. Erſtes Bändchen. 1809. 16 ggr. —— Geſänge und Lieder ꝛc. Zweites Bändchen, Geſänge aus dem Chriſtfeſte enthaltend. 20 ggr. Hengſtenberg, C., geographiſch-pvetiſche Schilderung ſämmtlicher deutſchen Lande, mit beſtändiger Rückſicht — **