— eihbib ivt deuſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. 6dnard Glimann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und geſebedingungen. 1 Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt; für wöchentlich 2Büchen: 4 Bücher: 6 Bücher: auf Monat: 1 Fr— Ff TF f — S Auswärtige Honnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigire Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Lavenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmätzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 2 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben — 5 Wald von Rennes. Roman von Paul⸗Feval. Deutſch von LTonis Fort. Dritter Band. Leipzig. Berger's Buchhandlung. 1846. 1. Por dem Rampfr. ₰ Am folgenden Morgen ging die Sendung der Steuergelder von Rennes ab. Sie wurde eskortirt von der Marechauſſee, an deren Spitze der Kapitain Didier ritt, und von einer Kom⸗ pagnie Infanterie. Der Weg von Rennes nach la Tremlays wurde ohne das geringſte Hinderniß zurückgelegt. Während die ſchweren, mit Sechslivresſtücken beladenen Wagen ſich mühſam durch die tiefen Gleiſe der Waldſtraße fortſchleppten, wäre ein Angriff ſehr leicht auszuführen geweſen; aber auf dem ganzen Wege zeigte ſich kein feindliches oder verdächtiges Geſicht, und kaum konnte Jud, der hinter dem Kapitain ritt, einige Male durch die Bewegung der Zweige auf den Gedanken ge⸗ bracht werden, daß ein lebendes Weſen, ſei es „ nun ein Menſch oder ein Thier, zwiſchen den Bäumen verborgen war. Die Wölfe ſchliefen, oder ſie hatten keine Luſt, ſich den Schüſſen aus den guten Gewehren der Marechauſſee auszuſetzen, wenn ſie nicht viel⸗ leicht einen andren Grund hatten, ſich verborgen zu halten. Die Reiſe ging langſam und die Sonne war ſchon dem Untergange nahe, als der Zug die er⸗ ſten Bäume der nach la Tremlays führenden Allee erreichte. „Herr Kapitain,“ ſagte Ind, indem er ſich zu dem Ohre ſeines Herrn neigte,„ich habe keine Luſt mit ins Schloß zu gehen. Was ich ſuche, iſt nicht dort, dagegen könnte ich etwas finden, was ich keinesweges ſuche.“ „Pfui, Alter!“ erwiederte der Kapitain lä⸗ chelnd,„Du träumſt ſeit geſtern von nichts als von Mord und Tod. Gewiß, wenn Alles was Du mir von dieſem Vaunoy erzählt haſt, wahr iſt, iſt er ein nichtswürdiger, ſchamloſer Böſe⸗ wicht; aber ich kann nicht glauben... und übri⸗ gens, wer ſagt Dir, daß der Kohlenbrenner* Dich nicht belogen hat?“ „Pelo Rouan?... Er log nicht, Herr Ka⸗ pitain, denn ſeine Stimme zitterte, und ich fühlte die Schweißtropfen von ſeiner Stirn auf meine Hand fallen.— O er log nicht!... und Frau — Goton?... und das Verſchwinden unſres jun⸗ gen Herrn?“ „Du haſt vielleicht Recht,“ verſetzte der Ka⸗ pitain.„Jedenfalls biſt Du frei, mein Sohn, und wenn Du einen Freund im Walde haſt, er— laube ich es Dir, die Nacht bei ihm zuzubrin⸗ gen. Morgen kommſt Du in Vitré wieder zu uns.“ „Alſo auf Wiederſehen, Herr Kapitain!“ ſagte Jud. Ehe er ſich entfernte, trat er noch näher zu ſeinem Herrn heran und ſagte leiſe zu ihm: „Vergeßt nicht, was Euch angeht, Herr Ka⸗ pitain. Dieſer Pelo Ronan hat von Rache ge⸗ ſprochen, und er ſieht aus wie ein gefährlicher Mann.“ Didier lächelte wieder, und machte eine ſorg— loſe, ablehnende Bewegung. „Auf Wiederſehen Alter!“ ſagte er, anſtatt zu antworten. Jud ſchlug einen Seitenweg ein, und verlor bald darauf den Zug aus den Augen. Die Sonne war erſt ſeit einigen Minuten unterge⸗ gangen, aber es war unter dem dichten Blätter⸗ dache des Waldes ſchon dunkel. Auf den lich— ten Stellen allein ſah man das Gebüſch von dem matten Scheine beleuchtet, den der helle Himmel während der Abenddämmerung verbrei⸗ tet. Langſam und traurig verfolgte Ind ſeinen * Weg zu Fuß; ſein Pferd hatte er einem Solda— ten gegeben. Der ehrliche Stallmeiſter fühlte, daß ihn ſein Muth zugleich mit ſeiner Hoffnung verließ. Warum ſollte er noch ſuchen, da er gewiß wuß⸗ te, das Geſuchte nicht zu finden. Jud mußte das Andenken an ſeinen theuren Herrn zu Hülfe rufen, damit ſein ſchwankender Wille einige Ener⸗ gie erhielt. Hätte er einer Gefahr entgegengehen ſollen, ſo würde er ſtark geweſen ſein; hätte man nur ſein Leben von ihm gefordert, ſo wäre er mit Freuden geſtorben. Aber nichts, weder eine Gefahr, noch der Tod trat ihm entgen. Warum ſollte er etwas beginnen, wovon Treml keinen Nutzen hatte? Nachdem Ind einige Zeit ohne ein eigentli⸗ ches Ziel fortgegangen war, ſchlug er den Weg nach Pelo Rouan's Hütte ein. „Wir können von Treml ſprechen,“ ſagte er ſeufzend zu ſich ſelbſt;„vielleicht hat er ſeit ge⸗ ſtern etwas erfahren.“ Er war kaum zwanzig Schritte in dieſer neuen Richtung fortgegangen, als ein dumpfes, zwar noch entferntes aber ſeinem alten Soldatenohre wohlbekanntes Geräuſch ſich hören ließ. Man hörte dentlich, daß dieſes Geräuſch von den Tritten einer großen Menge Menſchen her⸗ rührte, welche auf dem weichen Mooſe des Wal⸗ des gingen. Es konnte nicht das Militair aus — „ —— Rennes ſein, denn das Geräuſch kam von der entgegengeſetzten Seite, und näherte ſich mit ra⸗ ſccheren Schritten, als eine, der Disciplin unter⸗ 3 worfene Schaar gewöhnlich zu machen pflegt. Das Errathen war Juds ſtarke Seite nicht, und er war noch mit Nachdenken beſchäftigt, als das Rauſchen der Baumzweige ihm die Annähe⸗ rung dieſer geheimnißvollen Armee verkündigte. Er hatte nur noch Zeit, ſeitwärts in das Gebüſch zu ſpringen. In dem nämlichen Augenblicke erreichte eine 8 dichtgedrängte Menſchenmenge, welche ohne Ord⸗ nung, aber mit leiſen Schritten marſchirte, den Weg, den Jud verlaſſen hatte. In dem zweifel⸗ haften Lichte, welches noch herrſchte, verſuchte es Jud, zu zählen, aber er kam damit nicht veit. ih ſſe kamen in zahlreichen und mnaufhörl ch erneuernden Maſſen aus dem Walde. Es war ein ſeltſames und faſt Angſt einflö⸗ ßendes Schauſpiel, denn keiner dieſer Männer zeigte ſein Geſicht den letzten Strahlen der Abend⸗ dämmerung. Alle Geſichter waren mit einer dunklen Hülle bedeckt; Alle, mit Ausnahme eines einzigen, bei welchem dieſe Hülle ſchneeweiß war, und durch ein Paar Oeffnungen zwei runde, leuchtende Augen, wie die Angen eines Leopards „hindurch ſehen ließ. Der Wald von Rennes. III. 2 3 3 10— Dieſer Mann, welcher von langer Geſtalt, aber ungewöhnlichem Wuchſe war, ging zuletzt. Als er in Inds Nähe kam, war er um etwa funfzig Schritt hinter ſeinen Gefährten zurückge⸗ blieben, und mit Erſtaunen ſah der alte Stall— meiſter, daß er ohne Anſtrengung zwei bis drei faſt rieſenhafte Sprünge machte, die ihn in we⸗ nig Sekunden bis an die letzten Reihen der fan⸗ taſtiſchen Armee brachten. Jud blieb einige Minuten lang ganz beſtürzt. Nach dieſer Zeit war ſeine langſame Faſſungskraft Augenblick gekommen wäre: er vermuthete, daß dieſe wilden Soldaten Wölfe waren. Aber wo⸗ die Z Antwort darauf zu geben, obgleich die Wölfe, indem ſie bei ihm vorbei gingen, mehr als ein Wort einander zugeflüſtert hatten, das ihn hätte auf eine Spur bringen können. Nachdenkend ſetzte er ſeinen Weg nach Pelo Rouans Hütte fort. 3 dahin gelangt, wohin ein Andrer ſchon im erſten ingen ſie in ſo großer Anzahl und bis an Zähne bewaffnet? Ind legte ſich dieſe Frage vor, aber er vermochte nicht, ſich ſogleich eine —„——— Während er auf den wieder ſtill gewordenen 1 Waldwegen fortging, arbeitete ſein Geiſt, und die* 2 einzelnen Worte, die er hin und wieder von den ſt vorübergehenden Wölfen aufgefangen hatte, ka⸗ 2 men ihm wie eben ſo viel Drohungen wieder in ſi den Sinn. n — Pelo Rouans Hütte war verſchloſſen. Ind klopfte mit aller Kraft an die Thür, aber es öff⸗ nete Niemand. „Sonderbar,“ dachte er, indem er, ohne es zu wiſſen, ſeine jetzige Ungewißheit mit dem Gegen⸗ ſtande, der ihn vorher beſchäftigt hatte, vermiſchte, „die merkwürdige Figur mit der weißen Maske, welche zuletzt ging, hatte eben ſolche Augen, als ich geſtern in der Dunkelheit dieſer Hütte leuch⸗ ten ſah.— Oeffnet, Freund Pelo, öffnet dem Stallmeiſter Tremls!“ Keine Antwort. Nur ließen ſich an der hin⸗ teren Seite der Hütte andre Schläge hören, ent⸗ weder als Spott oder als Nachahmung der ſei⸗ nigen, mit denen er die Thür bearbeitete. Jud ging um die Hütte herum. Ein Mond⸗ ſtrahl, der ſich durch die Baumzweige ſtahl, ließ ihn ein kleines Fenſter erblicken, deſſen ſtarke Lä⸗ den durch eine Hand, die von innen daran ſchlug, erſchüttert wurden. In dem Angenblick, als Jud den Mund öffnete, um ſeine Aufforderung zu wiederholen, fiel einer der Fenſterläden, der end⸗ lich der Gewalt gewichen war, vor ihm auf den Boden. Zu gleicher Zeit ſtieg eine Mädchenge⸗ ſtalt, deren ſchöne Formen in der unbeſtimmten Mondbeleuchtung ſichtbar wurden, auf das Fen⸗ ſter, ſprang mit der Leichtigkeit einer Sylphide wenige Schritte vor Juds Füßen auf die Erde 2* * und warf ſich ſogleich mit zum Himmel empor⸗ gehobenen Händen auf die Knie. „Heilige Jungftau von Mi⸗Forét!“ lispelte das junge Mädchen mit heißer Andacht,„ich danke Dir! Beſchütze ihn! ach, beſchütze ihn! Wenn ich ihn rette, heilige Jungfran, dann weihe ich Dir eine Kerze und einen Kranz und mein goldenes Kreuz und alles was ich habe. Ach! beſchütze ihn, gute Jungfrau!“ Sie machte das Zeichen des Krenzes, küßte eine an ihrem Halſe hängende kleine Medaille, ſprang dann auf und verſchwand wie ein Reh zwiſchen den Bänmen. Sie hatte Ind nicht bemerkt. „Haideblume!“ ſagte der Stallmeiſter, der— von dieſen verſchiedenen und unerklärlichen Vor⸗ füllen ganz betäubt war.„Wen will ſie retten? und Jene.. wen wollen ſie angreifen?“ Faſt immer entſpringt aus der größten Ver⸗ wirrung die Aufklärung. Jud drückte mit bei⸗ den Händen ſeinen Kopf zuſammen, als wollte er einen unbeſtimmten, dunklen Gedanken aus demſelben preſſen, deſſen Wichtigkeit ihm ein un⸗ willkürliches Gefühl andeutete, den er aber nicht A auszubilden vermochte. Nach einigen Minuten richtete er ſich plötzlich empor und ließ ſeine beiden Arme herabſinken. Der Gedanke war gebildet, die Dunkelheit ſeines Verſtandes war erleuchtet, er wußte jetzt Alles. — 3— „Didier!“ rief er in kurzem, abgebrochenen Tone;„ſie liebt ihn... Pelo Rouan haßt ihn ſie will ihn retten er will ihn ermor— den!... Und die Wölfe... Bei Tremls Na⸗ men! es wird Jemand da ſein, der ihn be⸗ ſchützt!“ Und mit Rieſenſchritten ſchlug er den Weg nach la Tremlays ein. Er ſchien die Behendig⸗ keit ſeiner jungen Jahre wiedererlangt zu haben; er ging immer gradaus, mitten durch das dich⸗ teſte Gebüſch, wie ein gejagter Eber. In dieſem Augenblicke fühlte er zum erſten Male, welche Gewalt ſeine Anhänglichkeit an den jungen Kapitain in ſeinem Herzen erlangt hatte. Dieſe — ehrliche, treue Seele mußte einen Menſchen ha⸗ ben, dem ſie ſich hingeben konnte, und das An⸗ denken an Treml war nicht hinlänglich, um das ſtete Bedürfniß des Gehorſams und der Liebe zu befriedigen, welches faſt Juds ganzen morali⸗ ſchen Menſchen ausmachte. Als er an das Thor des Parks von la Trem⸗ lays kam, war er faſt noch unruhiger, als da er ſeinen Weg angetreten hatte, denn ſeine, durch das Leben im Walde geſchärften Sinne ließen ihn ahnen, daß das Schloß von geheimnißvollen Feinden umringt war. Indeſſen war noch Alles ruhig und Ind wußte nicht, was er thun ſollte, denn er wagte . nicht, an der Schnur zu ziehen, welche die * glocke in Bewegung ſetzte. Er lief ſo eben ſehr Gefahr, erkannt zu werden, er mochte durch dieſe Thür oder durch das Hauptthor ins Schloß ge⸗ hen. Aber Jud gehörte ſich nicht ſelbſt an, und ſein Eifer für den Kapitain ließ ihn nicht ſo ſchnell und völlig vergeſſen, daß er geſchworen hatte, Treml ſein Leben zu weihen. Zum Glück erblickte er, während er unent⸗ ſchloſſen zögerte, zwiſchen den Bäumen das Licht einer Laterne, und bald unterſchied er die lange Geſtalt der Goton, welche, mit der Pfeife im Munde und ein ungeheures Schlüſſelbund in der Hand, nach ihrer Gewohnheit nachſehen wollte, ob alle Thüren gehörig verſchloſſen waren. Frau Goton und Jud waren zu gute Freun⸗ de, als daß der Leſer über das Ende der Ver⸗ legenheit des alten Stallmeiſters die geringſte Beſorgniß hegen könnte. Wir überlaſſen es der Wirthſchafterin, ihm ſo unbemerkt als es nöthig war, den Weg ins Schloß zu öffnen, und ſuchen uns ein Plätzchen in dem Speiſeſaal des Herrn Hervé von Vaunoy. Das Souper war vortrefflich und im beſten Gange. Bechameil, der ſeinen Aerger verſchlafen hatte, und dem es lieb war, in eigener Perſon ſeine fünfmalhunderttauſend Livres überwachen zu können, that einer zweiten, durchgeſehenen und verbeſſerten Ausgabe ſeines köſtlichen Ragouts die gebührende Ehre an. Der Wein war aus⸗ gezeichnet; der Offizier, welcher die Infanteriecvm⸗ pagnie von Rennes commandirte, war zufällig ein ſehr guter Geſellſchafter, und Didier ſelbſt nahm mit größerer Freundlichkeit die zuvorkom⸗ mende Gaſtfreundſchaft Vaunoy's an. Nur Etwas wurde beim Mahle vermißt, und dies war die Gegenwart der liebenswürdigen Alir, welche durch das heftige Fieber, das ſie am Tage vorher befallen hatte, noch in ihrem Zim⸗ mer zurückgehalten wurde. Aber Alir wurde, wie wir geſtehen müſſen, durch ihre Tante, Fräu⸗ lein Olivia von Vaunoy, welche den Mittelplatz am Tiſche inne hatte, vollkommen erſetzt, denn ſie machte die Honneurs mit einer Grazie, die wir durchaus nicht zu beſchreiben vermögen. Unter den Dienern, welche bei Tiſche bedienten, nennen wir beſonders Meiſter Alain und Lapierre. Vaunoy verlor ſie nicht aus den Augen, und während er den jungen Kapitain tauſend ſchmei⸗ chelhafte Dinge ſagte, ſchien er ſeine beiden Hel⸗ fershelfer der Langſamkeit zu beſchuldigen und nur mit Mühe ſeine Ungeduld zu verbergen. Der erſte Gang war ſchon vorübe und hatte den Braten und Paſteten Platz gemacht, welche in der Mitte des Tiſches, von einem doppelten Kreiſe Deſſertſchüſſeln umgeben, ſtanden. Es wurden feurige Weine des Südens eingeſchenkt, —————————————————— was Herrn von Bechameil und dem fremden Offizier ſehr angenehm zu ſein ſchien. Didier reichte dem hinter ihm ſtehenden La⸗ pierre ſein Glas, um es voll zu ſchenken. Vau⸗ noy wechſelte mit Letzterem einen raſchen Blick. Allein in dem Augenblick, als Didier das Glas an die Lippen ſetzen wollte, wendete er ſich ſchnell um, und ſah Lapierre ins Geſicht. Der ehema⸗ lige Seiltänzer ertrug dieſen Blick mit der größ⸗ ten Ruhe und blieb, ohne eine Miene zu verzie⸗ hen, in der Stellung eines aufwartenden Be⸗ dienten hinter dem Stuhle ſeines Herrn ſtehen. Didier goß vor Aller Angen den Inhalt ſei⸗ nes Glaſes auf den Fußboden und machte La⸗ pierre ein gebieteriſches Zeichen ſich zu entfernen, was dieſer auch mit einer ehrfurchtsvollen Ver⸗ beugung ſogleich that. Vaunoy war bleich geworden. „Schmeckt unſer Guiennewein dem Herrn Ka⸗ pitain Didier nicht?“ fragte er mit einem erzwun⸗ genen Lächeln. „Sprechen Sie nicht ſo, mein verehrter Freund,“ ſagte Bechameil, der ſchon ſeit der Suppe über einen geiſtreichen Einfall nachdachte, „oder der Herr Kapitain wird Sie vor unſrem Parlament der Verleumdung anklagen.“ Nachdem er dies geſagt hatte, glaubte Be⸗ chameil in ein lautes Gelächter ausbrechen zu müſſen. —— ——— — „Herr von Vaunoy,“ erwiederte der Kapi⸗ tain mit kalter Höflichkeit,„haben Sie die Güte, mich zu eutſchuldigen. Beſonders aber bitte ich Sie, die Veranſtaltung zu treffen, daß dieſer Menſch mir nie wieder zu nahe kommt. Ich habe meine guten Gründe zu dieſer Bitte, Herr von Vaunoy.“ „Geh hinaus, Lapierre,“ ſagte Herr von la Tremlays.„Mein junger Freund,“ fuhr er fort,„wählen Sie unter meiner ganzen Diener⸗ ſchaft. Wünſchen Sie von meinem Haushof⸗ meiſter ſelbſt bedient zu werden?“ Das hieß buchſtäblich aus der Seilla in die Charybdis fallen, denn als Lapierre das Zimmer verließ, hatte er dem Majordomus das Fläſch⸗ chen zugeſteckt, welches er in der Hand hatte. Didier machte eine leichte Verbeugung zum Zei⸗ chen ſeiner Einwilligung, und reichte ſein Glas dem Meiſter Alain, der es bis zum Rande an⸗ füllte. „Auf des Königs Geſundheit!“ ſagte Herr von la Tremlays aufſtehend. Alle Gäſte ahmten ihm nach, Fräulein Oli⸗ via allein ausgenommen, welche als eine Dame von dieſer Förmlichkeit entbunden war. „Auf des Königs Geſundheit!“ wiederholte Didier, indem er mit einem Zuge ſein Gla leerte. Ein unmerkliches Lächeln umſpielte die Lip⸗ pen Vaunoy's. Er winkte Meiſter Alain, und dieſer warf das Fläſchchen, deſſen Inhalt er in Didiers Glas geleert hatte, aus dem Fenſter. Niemand bemerkte dies und das Souper ging ſeinen Gang fort, als ob nichts vorgefal⸗ len wäre. Nach einigen Minuten hörte Didier plötzlich auf, die freundlichen Reden, mit denen Fräulein Olivia von Vaunoy ihn unterhielt, zu erwiedern. Sein Kopf ſchwankte zwiſchen den Schultern, und ſeine Augenlider zitterten, als müſſe er eine unwiderſtehliche Schlafſucht überwinden. Olivia, über ein ſolches Benehmen empört, verſchloß ſich in ein tiefes Stillſchweigen, was dem Kapitain erlaubte, völlig einzuſchlafen. „Heiliger Gott!“ ſagte Vannoy,„ unſer junger Freund iſt dieſen Abend nicht liebenswür⸗ dig! Er ſchüttet unſren Wein auf die Erde und ſchläft vor unſren Augen ein. Haſt Du ihm vielleicht eine Geſchichte erzählt, Fräulein Schwe⸗ ſter?“ Olivia biß ſich auf die Lippen und warf ih⸗ rem Bruder einen zornigen Blick zu. „Das würde noch nicht erklären, warum er ſeinen Gniennewein ausgegoſſen hat,“ bemerkte Bechameil. 5 „Wir verzeihen ihm dies Alles mit Rickſich auf ſeinen Titel als königlicher Offlzier,“ fu — Herr von la Tremlays in heiterem Tone fort, „und wir treiben die Aufmerkſamkeit ſo weit, daß wir ihn in ſeinem Lehnſtuhle forttragen laſ⸗ ſen, um ſeinen Schlaf nicht zu ſtören.“ Zwei Diener hoben Didiers Stuhl empor und trugen ihn, ohne daß er erwachte, nach ſei⸗ nem Zimmer. Darüber äußerten Herr von Be⸗ chameil und der Offizier ihren Beifall, und der Letztere verſicherte bei ſeiner Ehre, daß Herr von Vaunoy die Regeln der Gaſtfreundſchaft in jeder Beziehung zu erfüllen verſtehe. Didier erwachte nicht, während er nach ſei⸗ nem Zimmer getragen wurde. Die beiden Die⸗ ner legten ihn auf ſein Bett und entfernten ſich dann. Ohngefähr eine Stunde ſpäter erhob ſich in der Umgebung des Schloſſes ein furchtbarer Lärm. Alle Eingänge wurden zu gleicher Zeit angegriffen, und um ſo leichter mit Gewalt ge⸗ öffnet, als kein Menſch da war, der ſie ver⸗ theidigte. Durch ein unglückliches Ohngefähr war das Militair und die Soldaten der Marechauſſee in einer Scheune einquartirt worden, die man von außen verſchloſſen hatte. Eine einzige Perſon leiſtete Widerſtand, und zwar die alte Goton, die, nachdem ſie es vergebens verſucht hatte, den Muth Meiſter Simonets und der übrigen männ⸗ lichen Dienerſchaft zu wecken, entſchloſſen eine Flinte ergriff und ſie aus dem Küchenfenſter auf die Eindringenden abſchoß. i In dem Augenblick als man den erſten Lärm dieſes wüthenden und unerwarteten Angriffs ver⸗ nahm, befand ſich Vaunoy mit Meiſter Alain, Lapierre und zwei andren bewaffneten Dienern in ſeinem Zimmer. „Jetzt iſt der günſtige Angenblick;“ ſagte er mit einer gewiſſen Unſicherheit der Stimme;„er ſchläft und Ihr ſeid Eurer vier. Beim heiligen Gott! diesmal dürft Ihr ihn nicht fehlen!“ „Ich nehme ihn ganz allein auf mich,“ er⸗ wiederte Lapierre, und in der That, dieſer Narr legt es darauf an, daß ich Luſt bekomme, ihn zu ermorden. Schon zweimal hat er mich ſeit ge⸗ ſtern mit Füßen getreten. An der Rache liegt mir wenig, aber es würde mir ein gewiſſes Ver⸗ gnügen machen... „Genug der Worte!“ unterbrach ihn Vau⸗ noy;„Du nimmſt den Kapitain auf Dich, ich die Wölfe.“ Die vier Diener gingen über den langen Gang, der nach Didiers Zimmer führte, Lapierre an der Spitze, mit dem bloßen Degen in der Rechten und den Dolch in der Linken. Meiſter Alain beſchloß den Zug, was ihm Gelegenheit gab, unbemerkt ein Wörtchen mit ſeiner Flaſche zu ſprechen. . „Gebt Acht!“ ſagte Lapierre, als ſie an die Thür kamen,„ich will anklopfen, und ſollte er, was nicht wahrſcheinlich iſt, erwachen, dann un⸗ terſtützt Ihr mich.“ Er klopfte und trat ein. Tiefe Dunkelheit herrſchte in Didiers Zimmer Lapierre ging be⸗ hutſam weiter, und als er ſich in der Nähe des Bettes glaubte, erhob er den Degen. Aber eine andre Klinge fing die ſeinige in der Dunkelheit auf. Lapierre trat erſchrocken zurück. „Die Laterne, Jakob!“ rief er einem der Bedienten zu. Die Laterne wurde gebracht, und die vier Mörder ſahen jetzt, vor dem Bett des ſchlafenden Didier ſtehend, einen großen, ſtarken Mann, der ihnen mit feſtem, kräftigen Arme die Spitze ſei⸗ nes Degens entgegenhielt. Der alte Haushofmeiſter ſtieß einen Schrei der Ueberraſchung aus. „Heiliger Gott, behüte uns!“ rief er aus; „jetzt erkenne ich ihn... wir ſind unſter vier nicht genug. Es iſt Ind Leker, der ehemalige Stallmeiſter des ſeligen Herrn Nikolas Treml!“ 2. Pier gegen Einen. Ind war, wie wir erzählt haben, von der alten Wirthſchafterin eingelaſſen worden, und hatte ſich auf ſein Bett geſtreckt, das in einem Winkel des Zimmers ſtand, um ſeinen Herrn zu erwarten. Er war höchſt erſtaunt, als Didier ſchlafend von zwei Dienern hereingetragen wurde, und ſeine Unruhe hatte ſich dadurch perdoppelt; aber er hatte ſich ſtill verhalten, um nicht bemerkt zu werden. Als die Bedienten ſich wieder entfernt hatten, rief er mehrere Male mit leiſer Stimme ſeinen Herrn. Allein dieſer war in einen bleiernen Schlaf verſunken und antwortete ihm nicht. Das Getränk, das ihm Meiſter Alain während des Abendeſſens eingeſchenkt hatte, war ein ſtar⸗ ker Schlaftrunk, mit dem von Herrn von Be⸗ chameil ſo ſehr gerühmten Guiennewein ver— miſcht. Dieſes fortdauernde Stillſchweigen ſeines Herrn erfüllte Jud mit einem finſtren Verdacht. „Das iſt ſonderbar!“ dachte er.„Sollten %₰ dieſe Leute einen Leichnam hierher gebracht haben Er ſtand leiſe auf und legte die Hand auf das Herz des jungen Mannes, deſſen ruhigen Schlag er fühlte. „Er ſchläft!“ ſagte Ind mit einem erleich⸗ ternden Seufzer vor ſich hin.„Der Himmel gebe ihm einen langen und ruhigen Schlaf!“ Dieſer Wunſch ſollte im Uebermaß in Erfül⸗ lung gehen. In dem Augenblick, als Ind ſein Lager wieder erreichte, brach von allen Seiten der Lärm des Angriffs los. Der alte Stallmeiſter zog ſeinen Degen und machte ſich auf jedes Ereigniß — gefaßt. Nach einigen Minuten vernahm er das Ge⸗ räuſch von Schritten im Gange und konnte einige Worte von dem Geſpräch der vier Mör⸗ der hören. „Ich muß ihn doch wecken,“ dachte er.„Herr Kapitain! Herr Kapitain!“ Zugleich ſchüttelte er Didier heftig, allein die⸗ er blieb unempfindlich wie ein Todter. Da der brave Stallmeiſter ſah, daß ſeine Bemühung ohne Erfolg war, faßte er einen Entſchluß und ſtellte ſich vor das Bett. „Wenn es Pelo Rouan iſt,“ dachte er,„ſo erde ichihn an den Namen Tremls erinnern, 3 und ies wird er keinem Schlafenden etwas — * zu Leide thun.— Aber wenn es Pelo Rouan nicht iſt?“ Anſtatt der Antwort auf dieſe ſchwierige Frage zu ſuchen, ſtellte Ind ſich in Poſitur. In dem nämlichen Augenblicke wurde die Thür ge⸗ öffnet, und die vier Diener Vaunoy's traten ein. Oögleich Ind Leker um zwanzig Jahre älter geworden war, hatte er doch das kräftige und martialiſche Anſehen behalten, welches früher Manchem Reſpect eingeflößt hatte. In der Stel⸗ lung, welche er vor dem Bette des Kapitains angenommen, wurde ſeine ganze hohe Geſtalt ſichtbar, und ließ die athletiſchen Formen ſeines Körpers erkennen. In ſeinen Zügen herrſchte die tiefe Ruhe, die, wenn ein Mann der Gefahr gegenüber ſteht, einen unerſchülterlichen Entſchluß verräth. Sein Blick war ſtarr, faſt gefühllos, und jede ſeiner Muskeln befand ſich in vollkom⸗ mener Unbeweglichkeit. Als er nur Juds Namen hörte, glaubte Lapierre ein gefährliches Verhältniß zu erra⸗ then. Die Anweſenheit des ehemaligen Stall⸗ meiſters Tremls bei dem Kapitain machte das gegen den Letzteren geſprochene Todesurtheil wo möglich noch unwiderruflicher, denn dieſe Ver⸗ bindung ſchien vvm Schickſal herbeigeführt zu ſein, und gab den Gründen, weshalb Vaunoy den Kapitain fürchtete, nene Kraft. Das Erſte, was Lapierre thun wollte, war, —— 5 den Befehl zum Angriff zu geben, aber ein Blick auf die feſte und drohende Stellung des alten Stallmeiſters verſchloß ihm den Mund. Er hatte gehört, daß Ind früher für einen der tüch⸗ tigſten Haudegen in der ganzen Umgegend von Rennes galt, und ſein Anblick war keinesweges geeignet, dieſen Ruf zu widerlegen. Jud war allein, aber von den vier Angreifenden waren zwei gewöhnliche Bedienten, die nur genommen worden waren, um die Zahl voll zu machen; der dritte, Meiſter Alain, ein abgelebter und durch ſeine tägliche Trunkenheit geſchwächter Greis, ſchwankte ſchon von einem weit vorgerückten Rauſche; der vierte endlich, Lapierre ſelbſt, konnte zwar, wenn er gereizt wurde, als ein keinesweges zu verachtender Gegner betrachtet werden; allein ein Kampf war eigentlich nicht ſeine Sache und er ließ ſich nur im äußerſten Nothfall darauf ein. Sonach waren die einander gegenüber n⸗ den Streitkräfte, wenn ſie ſich auch nicht voll⸗ ſtändig ausglichen, einander doch ziemlich gleich. Meiſter Alain befand ſich, zwar ziemlich ent⸗ fernt, in Juds Flanke, Lapierre ſtand dem Letz⸗ teren gegenüber, und die beiden andren Diener füllten den Raum zwiſchen Beiden aus. Nachdem Lapierre einige Augenblicke überlegt hatte, ſenkte er ſeinen Degen und ſteckte den Dolch in den Gürtel. Während dieſer Pauſe Der Wald von Rennes. III. 3 hatte ſich ſeine Stirn leicht gefaltet, aber er nahm ſehr bald ſeine ſorgloſe Miene wieder an. „Kamerad,“ ſagte er in unbefangenem Tone zu Jud,„der ehrwürdige Haushofmeiſter von la Tremlays glaubt einen ehemaligen Diener des f Hauſes in Euch zu erkennen. Wenn Ihr dies ſeid, ſo bin ich ſehr erfreut, Eure Bekanntſchaft zu machen. Wollt Ihr ſo gut ſein, auf die Seite zu treten, damit wir unſren Auftrag aus⸗ fiühren können?“ Iud antwortete nicht und rührte ſich nicht. ad,“ fuhr Lapierre fort,„wir ſind nd Ihr ſeid allein. Ueberdies, wenn e Mühe nehmen wollt, Eure Ohren ſo werdet Ihr nicht daran zweifeln,— noch zahlreichen Beiſtand im Schloſſe Der Lärm wurde in der That immer ſtärker; die Wölfe drangen in das Innere des Schloſſes. Es war ein betäubendes Getöſe, welches einen Todten hätte erwecken können. Demohngeachtet ſchlief der Kapitain immerfort. „Kamerad,“ ſagte Lapierre zum dritten Male, indem er einen ſchmeichelnden Ton annahm und ſeinen Leuten einen raſchen Blick zuwarf,„es würde mir leid thun, wenn ich Gewalt gegen Euch brauchen ſollte.. aber.. Er ſprach nicht aus, denn die fünf Degen ſchlugen zu gleicher Zeit funkenſprühend an ein⸗ — ander. Doch dauerte das Klirren nur einige Augenblicke. Meiſter Alain fiel mit einem dum⸗ pfen Stöhnen auf die Knie, und einer der Die⸗ ner maß mit ſeiner ganzen Länge den Fußboden, indem er aus einer tieſen Bruſtwunde blutete. Jud, der zwei kräftige Stöße geführt hatte, ſtellte ſich wieder in Poſitur. Lapierre war nebſt dem zweiten Diener zuz rückgewichen. Der ungünſtige Ausgang des verrätheriſchen Angriffs, den er in dem Augen⸗ blick unternommen hatte, wo er unterhandeln zu wollen ſchien, brachte ihn einigermaßen aus der Faſſung und er warf einen bedauernden Blick auf ſeine beiden kampfunfähig gemachten Ge⸗ fährten. „Alle Teufel!“ ſagte er vor ſich hin, wir ſind unſrer vier wahrhaftig nicht zu viel! Gieb die Laterne her, Jacob!“ Das Licht fiel auf Juds Bruſt, und La⸗ pierre ſties einen Freudenruf aus. Der alte Stallmeiſter ſtand feſt und aufgerichtet; aber ſein Blut ſtrömte aus drei Wunden.„Der Angriff war nicht ſo erfolglos geweſen, als Lapierre an⸗ fangs geglaubt hatte. „Wir brauchen nur zu warten,“ ſagte der Letztere, der ſogleich ſeine kalte Sorgloſigkeit wie⸗ der erlangt hatte;„ich will des Teufels ſein, wenn er mit dieſen drei Aderläſſen eine Viertel⸗ ſtunde auf den Füßen ſtehen bleibt. Gieb Acht, 2* 5 28 Jakob, er iſt unſer! Mache es wie ich: ſtelle Dich mit dem Rücken an die Wand und bleibe auf Deiner Hut. Wenn dieſer brave Burſche füllt, beendigen wir unſer Geſchäft.“ Jakob gehorchte und deckte ſich den Rücken, wie es Lapierre gethan hatte. Meiſter Alain und der zweite Diener lagen unbeweglich und allem Anſchein nach leblos auf dem Boden. Jud überſah ſeine Lage mit der ganzen Ruhe ſeines friſchen Muthes. Sie war verzweifelt; er fühlte, daß er von Minute zu Minute ſchwä⸗ cher wurde, und daß ſeine Kräfte mit ſeinem Blute dahinſtrömten. Einmal, als der Läri, den die Wölfe machten, ſich dem Zimmer zu nähern ſchien, hatte Jnd einen Schein von Hoffnung. „Pelv Rouan!“ rief er,„zu Hülfe!“ Er wollte lieber einem ehrlichen Feinde ge⸗ genüber ſtehen, als dieſen zum Meuchelmorde ge⸗ dungenen Buben. Aber das Geräuſch entfernte ſich wieder, und Pelo Rouan kam nicht. „Wie?“ ſagte Lapierre,„mengt ſich der Kohlenbrenner auch in den Schutz des Verwais⸗ ten?— Zum Glück iſt er weit genug entfernt, um nichts zu hören. Und da dieſer brave Bur⸗ ſche die Abweſenden ruft, ſo iſt dies ein Zeichen, daß ſein Kopf ſchwach wird.— Wahrhaftig, er hat gewankt!“ —,— z. ——— „— Ind nahm ſich raſch zuſammen, aber La⸗ vierre hatte ſich nicht getänſcht: er hatte gewankt. „Dieſer Stallmeiſter iſt ja ein Mann wie ein Stier,“ ſagte Lapierre vor ſich hin.„Er hat ſchon mehr Blut verloren, als ich in allen meinen Adern habe und er ſteht noch immer feſt. Wenn der Andre erwachen ſollte, könnten wir einen ſchlimmen Stand bekommen.“ Jud wurde blaß und ſeine Odemzüge wur⸗ den beſchwerlich. „Erwacht, Herr Kapitän!“ rief er mit ſchon geſchwächter Stimme,„erwacht!“ „Warum giebſt Du ihm nicht den Namen ſeines Vaters, Kamerad?“ fragte Lapierre ſpöt⸗ tiſch.„Genire Dich nicht! dieſer Name, an die⸗ ſem Orte ausgeſprochen, würde vielleicht eine magiſche Kraft haben.“ Jud verſtand ihn nicht. Er drückte die Hand auf eine ſeiner Wunden, um das Strömen des Blutes zurückzuhalten, aber Lapierre, der zu Ende kommen wollte, ſtellte ſich, als wolle er ihn wie⸗ der angreifen und zwang ihn dadurch, ſich in Vertheidigungsſtand zu ſetzen. Das Blut floß von neuem. „Erwacht, Herr Kapitain! erwacht!“ rief Ind nochmals, indem er ſich kraftlos an die Säulen des Bettes ſtützte. Didier ſchlief immerfort. 30 Ind, deſſen Kräfte erſchöpft waren, glitt am Bett nieder und ſank in ſein Blut. „Gott hat nicht gewollt, daß ich für Treml ſterben ſollte!“ ſeufzte er im tiefſten Schmerze. „Und für wen denn, braver Kamerad?“ fragte Lapierre, indem er in lautes Gelächter ausbrach. „Sollteſt Du vielleicht noch nicht wiſſen 2 Das wäre ein herrlicher Spaß!“ Ein boshaftes Lächeln verzog den Mund des Seiltänzers, während er dies ſagte. Er trat näher zu Jud, der nur mit Mühe Athem holte und ſich nicht mehr rührte. ⸗ „Lieber Kamerad,“ ſagte er zu ihm, indem er ihm an den Puls griff,„Du haſt wenigſtens noch drei Minuten zu leben. Soll ich Dir eine Geſchichte erzählen?... Gut, gut, wer ſchweigt, willigt ein, und ich bin gewiß, daß Du ſehr be⸗ gierig ſein wirſt, meine Geſchichte zu hören. Warte noch ſo lange, ehe Du ſtirbſt, es wird Dir Vergnügen machen.— Denke Dir, eines Abends ging ich durch den Wald von Rennes; ich war damals noch ein Seiltänzer meines Hand⸗ werks und brauchte ein Kind.— Dein Puls ſcheint verlöſchen zu wollen; nimm Deine Kräfte noch ein wenig zuſammen!— An einem kleinen Erdhügel bemerkte ich einen allerliebſten Knaben, der in einen Kaninchenpelz eingewickelt war. Ich ließ den Pelz liegen, nahm aber das Kind mit, das mir gerade erwünſcht kam. Sobald — . ich Paris erreicht hatte— Du wirſt mich doch nicht im Stich laſſen? ich will es kurz machen.— Der Knabe wuchs heran; durch Zufall wurde er meiner Vormundſchaft entzogen, er wurde Page bei dem Grafen von Toulouſe, dann Edelmann ſeines Hauſes, dann— ach! jetzt ſchlägt Dein Puls wieder beſſer!— dann Kapitain der Ma⸗ rechauſſee.— Erräthſt Du jetzt?“ Eine leichte, flüchtige Röthe ſtieg in Inds Geſicht, der aber demohngeachtet noch unbeweg— lich und mit geſchloſſenen Augen liegen blieb. „Du erräthſt nicht?“ fuhr Lapierre fort. „Nun, ich will deutlicher ſprechen, damit Du zufrieden in die andre Welt gehſt. Dies wird Dir zugleich erklären, warum wir im Auftrage des Herrn Hervé von Vaunoy hier ſind. Das Kind, das ich im Walde fand, hieß Georg Treml.“ Kaum hatte Lapierre dieſe Worte ausgeſpro⸗ chen, ſo ſtieß er einen Schrei der Wuth und des Schinerzes aus. Ein Gefühl unbeſchreiblicher Freude hatte Iuds Herz erfüllt, und weckte ihn aus ſeinem Todeskampfe. Der gute Stallmeiſter, dem bei dem angebeteten Namen des Sohnes ſeines Herrn das Leben auf einen Augenblick zurückkehrte, hatte mit Aufbietung ſeiner letzten Kräfte die Gurgel des Stallmeiſters zuſammengedrückt und hielt ihn jetzt unter ſich feſt. „Zu Hülfe, Jakob!“ röchelte Lapierre. Jakob kam hinzu, aber nicht ſchnell genng. Jud hatte ſeinen Degen wieder ergriffen, und ſtieß ihn mit ſeiner ganzen Kraft in Lapierre's Bruſt. Dann hielt er ſich mit einer Hand an einer Säule des Bettes feſt und vertheidigte ſich gegen den Angriff des Bedienten. Jud war in ſeiner letzten Stunde noch im⸗ mer ein gefährlicher Gegner. Der Bediente er⸗ hielt ſogleich von den erſten Stößen eine ſchwere Wunde, warf ſeinen Degen weg und ergriff die Flucht. Jud ſchleppte ſich bis zur Laterne, welche, dem Erlöſchen nahe, an der Erde ſtehen geblie⸗ ben war, und ein ſchwaches Licht auf die Reſul⸗ tate dieſer blutigen Secene warf. Er nahm ſie auf, belebte die Flamme wieder, und erreichte, ſich auf ſeine Hände ſtützend, das Bett, in wel⸗ chem Didier noch immer, in Folge des erhalte⸗ nen Schlaftrunks, in tiefem Schlafe lag. Mit einer unglaublichen Mühe, und indem er alle die wenigen Kräfte, die ihm noch geblie⸗ ben waren, zuſammenraffte, gelang es dem armen Jud, ſich am Bett empor zu richten. Mit einer Hand ſtützte er ſich auf die Matratzen und mit der andren richtete er das Licht der Laterne auf Didiers Geſicht. Der Kapitain lag auf dem Rücken, in der nämlichen Lage, in welcher ihn Vaunoy's Diener niedergelegt hatten. Er hatte ſeitdem keine Be— wegung gemacht. Der Schein aus der Laterne beleuchtete ſeine kühnen, regelmäßigen Züge. Jud war dem Tode nahe, aber ſeine Frende grenzte an Wahnſinn. Er betrachtete den ſchla⸗ fenden Jüngling einen Augenblick. Sein ein⸗ faches, ehrliches Geſicht glänzte von Freude und Entzücken, während zwei heiße Thränen langſam über ſeine braunen Wangen herabrollten. „Er iſts!“ ſagte er endlich;„Gott rette und ſegne ihn!— Das iſt die ſchöue Stirn Tremls! und dieſe geſchloſſenen Angen, ich erinnere mich jetzt, ſind wirklich die Angen eines Bretagners.. ſtolz und kühn!— O! der letzte Sohn Tremls iſt ein ſchöner Soldat! er iſt ein würdiger Spröß⸗ lieg des alten Baumes!— Ach! hätte ich ihn doch früher erkannt!“ Er ergriff Didiers Hand und bengte ſich auf ſie, da er ſie nicht bis zu ſeinen Lippen empor⸗ heben konnte. „Gnädiger Herr!... mein Sohn rief er mit einer ſolchen glühenden Leidenſchaft, daß die letzten Tropfen ſeines Blutes ihm in die Wangen emporſtiegen;„erwacht, damit ich Euch mit dem edlen Namen Eurer Väter begrüßen kann! Erwacht, Sohn Tremls! Euer Leben wird von jetzt an ſchön und ruhmvoll ſein, Herr Georg!“ — Er hielt inne, ein tiefer Schmerz ſprach aus ſeinem Blicke. „Großer Gott! großer Gott!“ rief er mit dumpfer Stimme,„er ſchläft und ich muß ſter⸗ ben!.. Ich muß ſterben und ſein Geheimniß, ſein Glück, alles was Gott ihm wiedergegeben hat, mit mir nehmen!“ Eine bittere Verzweiflung war an die Stelle ſeiner Fröhlichkeit getreten. Er betrachtete ſeinen jungen Herrn mit ſchmerzlichem, muthloſen Blicke. Sein Leben entfloh, er fühlte es, und es war ihm ein entſetzlicher Gedanke, dem letzten Treml gleichſam untreu zu werden und ihn in dieſem entſcheidenden Augenblicke zu verlaſſen, wo ein einziges geſprochenes und gehörtes Wort ihm Ver⸗ mögen und adligen Namen zurückgeben würde. „Ich will nicht ſterben,“ rief er mit Anſtren⸗ gung;„es wäre Verrath! ich muß leben, um ihm zu dienen und ihn zu lieben!... Fließe doch nicht mehr, mein Blut... Du gehörſt ihm, ihm nur allein!... Ich werde wahnſinnig!... Hei⸗ lige Jungfrau von Mi-Forét! heilige Mutter Gottes! habe Mitleid! Laß ihn erwachen oder laß mich nur noch einen Tag leben!... Heilige Jungfrau! der Tod kommt über mich!... ach!“ Der unglückliche Greis zitterte im Todeskam⸗ pfe und mußte ſich mit beiden Händen an den Kiſſen des Bettes feſthalten. Eine Minute ver⸗ ging, während der er eine Qual erduldete, die wir nicht zu ſchildern verſuchen. Dann glitten ſeine Hände langſam längs des Bettes herab. „Erwache! erwache!“ ſtöhnte er.„Höre mich! höre mich, mein geliebter Herr!... Ach, Ihr hört mich wohl, nicht wahr?... In der hohlen Eiche in der Wolfsſchlucht iſt Gold und ein Per⸗ gament vergraben... dies Alles gehört Euch, Georg Treml!... Ich.. ich bin ein ſchlechter Diener.. ich ſterbe in dem Augenblicke, wo Euch mein Leben nöthig iſt!... Verzeiht mir! ver⸗ zeiht mir!“ Seine Knie brachen und er fiel rückwärts zu Boden, indem er noch einmal den geliebten Na⸗ men ſeines jungen Herrn aus ſprach. Didier ſchlief immer fort. Eine Stille des Todes herrſchte einige Mi⸗ nuten lang im Zimmer. Die Laterne, welche auf dem Bette ſtehen geblieben war, warf ein trauriges Licht auf dieſe Scene des Schmerzes. Plötzlich ließ ſich ein langes, geräuſchvolles Gähnen hören. Einer der Todten. bewegte ſich und ſtreckte ſeine Glieder aus, wie man nach ei⸗ nem ſchweren Schlafe thut. Der erwachende Todte war Meiſter Alain, der Haushofmeiſter, der keine andre Wunde hatte, als ein Loch in ſeinem Rocke. Der alte Säufer war von Juds Stoße zu Boden gefallen, und halb aus Angſt, halb aus Trunkenheit, war er 356 nicht wieder aufgeſtanden. Man weiß aber, daß ein Betrunkener, ſo furchtſam er auch ſein möge, zwei Schritte von den Rädern einer Lokomotive einſchlafen würde. Meiſter Alain war eingeſchlafen. Als er erwachte, war ſeine erſte Sorge, der Branntweinflaſche einen Beweis ſeiner Liebe zu geben. Er wußte nichts von Allem, was geſche⸗ hen war. Nachdem er einen tüchtigen Zug ge⸗ than hatte, ſtand er auf, ſchwankend und betrun⸗ kener als je. „Was Teufel, warum bin ich denn nicht in meinem Bett?“ fragte er ſich. Ein Blick, den er um ſich warf, gab ihm ſein Gedächtniß zurück. „Ach, ach!“ ſagte er,„die Schlacht iſt vor⸗ bei! Da liegt mein alter Kamerad Jud, in einem Zuſtande, wie ich ihn wünſchte... Und der junge Böſewicht, Georg Treml... er ſchläft wie ein Glücklicher.— Gut, jetzt will ich die Arbeit vollenden.“ Er nahm ſeinen Dolch und ſchwankte müh⸗ ſam auf das Bett zu, nicht ohne unterwegs noch ein Wörtchen mit ſeiner Flaſche zu ſprechen, um ſich Muth zu machen. In der Mitte des Zim⸗ mers ſtieß er mit dem Fuße an Lapierre's Körper. „Sieh da!“ brummte er,„der ſchläft auch!.. Lapierre!... komm, hilf mir, mein Sohn!“ N Lapierre antwortete nicht. Meiſter Alain beugte ſich zu ihm herab und ſetzte ihm die Oeffnung ſeiner Flaſche an den Mund. .„Willſt Du?“ fragte er nach ſeiner Ge⸗ wohnheit. Der Branntwein floß auf die Erde. Meiſter Alain richtete ſich wieder empor. „Der trinkt nicht mehr!“ ſagte er mit feier⸗ licher Stimme. In dem Augenblicke, als er in die Nähe des Bettes kam, blieb er ſtehen, um auf eine ſanfte, aber ſchmerzlich bewegte Stimme zu hören, welche im Hofe unter dem Fenſter einen Vers aus der Romanze Arthurs von Bretagne ſang. t„Ein ſchöner Augenblick zum Singen! 4. murmelte er. Die Stimme unterbrach ihren Geſang und ſagte leiſe, mit ſchmerzlichem Ausdruck: „Didier!... mein Didier!“ „Hier!“ rief der Haushofmeiſter lachend. „Weiter! einen andren Vers!“ Die ſanfte Stimme des jungen Mädchens, als hätte ſie dieſem ironiſchen Befehl gehorchen wollen, ſtimmte den Theil des Klaggeſanges an, welcher den Schmerz der Herzogin Conſtantia von Bretagne ſchildert, wie ſie die Feſtung auf⸗ ſucht, in welcher die Engländer ihren geliebten Sohn gefangen halten. Dann ſagte ſie wieder: „Didier!... mein Didier!.. wo biſt Du?“ Der alte Haushofmeiſter, der durch ſeine Trunkſucht faſt zum Kinde geworden war, trat neugierig zum Fenſter, um die Sängerin zu ſe⸗ hen; aber in dem nämlichen Augenblick wurde die Thür geöffnet und ein helles Licht erleuchtete das Zimmer. Meiſter Alain wendete ſich um. Er ſah Alix von Vaunoy, bleich und mit ſtierem Blick, ein Licht in der Hand haltend. Auch ſie ſprach mit halb erſtickter Stimme die nämlichen Worte wie die Sängerin: „Didier!.. mein Didier!“ 3. Slit und Marie. Alir von Vaunoy trat ein. Ihre Wangen waren bleich und ihr ſchönes Geſicht zeigte Spu⸗ ren eines tiefen Leidens. Ihre Augen hatten noch den finſtren und ſtieren Blick, den die glü⸗ hende Aufregung des Fiebers zurückläßt. In dem Augenblicke, als Herr von la Tremlays ſeinen vier Helfershelfern das Signal gab, lag Alix in ſchwerem Schlummer auf ihrem Bett. „— —— Bei ihr war Fräulein Olivia, ihre Tante, das Kammermädchen Renate und noch eine zweite Dienerin. Der durch den Ueberfall der Wölfe entſtandene Lärm ſchreckte Alix aus dem Schlafe auf und erfüllte die drei Mädchen, die bei ihr wachten, mit Angſt und Schrecken. Fräulein Olivia fiel bei dem erſten Flintenſchuß in Ohn⸗ macht, und die beiden Dienerinnen ergriffen voll Entſetzen die Flucht. Alir blieb allein. Ihr Schlummer, ſo kurz und fieberhaft er auch geweſen war, hatte ſie doch ein wenig be⸗ ruhigt. Der Lärm des Ueberfalls erſchütterte ihren geſchwächten Geiſt und weckte einige unbe⸗ ſtimmte Gedanken, wie durch die Erſchütterung eines mit trübem Waſſer gefüllten Gefäßes die auf den Boden deſſelben geſunkenen Körper auf die Oberfläche emporſteigen. Sie erinnerte ſich an ihr Geſpräch mit La⸗ pierre und an den tödtlichen Schmerz, welcher ihre Seele geguält hatte. Sie ſprach den Namen ihres Vaters aus, dann Didiers Namen. Hierauf erhob ſie ſich langſam aus dem Bett, warf ein weißes Morgengewand über ihre Schul⸗ tern, nahm ein Licht und verließ ihr Zimmer. Niemand war da, der ſie zurückhielt. Im Korridor begegnete ſie einigen Wölfen, welche Herren des Schloſſes waren, und es wie ein er⸗ obertes Land behandelten. Aber die Wölfe ent⸗ flohen beim Anblick dieſer bleichen Geſtalt, welche in ein Leichentuch gehüllt zu ſein ſchien. Sie hielten ſie für ein Geſpenſt und hüteten ſich wohl, ihr den Weg zu vertreten⸗ Sie ging auf Didiers Zimmer zu. Man kann nicht ſagen, daß Alir ſich in einem ſomnambulen Zuſtande befand. Sie war völlig erwacht, aber ihr Geiſt ſchwebte in einem dunklen Mittelzuſtande ſie dachte, wie man träumt. Als ſie allein, mitten in der Nacht, die Thür von Didiers Zimmer öffnete, kam ihr nicht ein⸗ mal der Gedanke in den Sinn, daß ſie etwas Tadelnswerthes oder außerhalb der Geſetze der weiblichen Sittſamkeit Liegendes thue. Trotz des Nebels, mit welchem ihr Geiſt noch verhüllt war, wußte ſie, daß zwiſchen ihr und Didier ein un⸗ überſteigliches Hinderniß lag, ein Abgrund, der durch Lapierre's niederſchlagende Aeußerungen noch tiefer geworden war. Sie wollte einem Manne beiſtehen, den ſie mit einer ernſten, unheilbaren, aber jeder Hoff⸗ nung, wir könnten faſt ſagen jedes Wunſches ledigen Leidenſchaft liebte. Mit einer in die Zu⸗ kunft blickenden Zärtlichkeit, mehr noch als durch die logiſche Verbindung ihrer Erinnerungen und des furchtbaren Argwohns, welcher ihrem Fieber vorausgegangen war und es erzeugt hatte, fühlte ſie, daß Didier in Gefahr war, und deshalb kam ſie. — Die Seene, auf deren Erzählung wir im vr⸗ rigen Kapitel ſo viel Raum verwendet haben, hatte in der That nur einige Minuten gedauert, und als Alix auf der Schwelle von Didiers Zimmer ankam, war der Kampf ſchon beendigt. Sie trat ein, wie wir geſagt haben, indem ſie unwillkürlich und vielleicht ohne es zu wiſſen, den Namen ausſprach, welcher nnaufhörlich ihr Herz erfüllte. Der alte Haushofmeiſter, erſchrocken über dieſe ſeltſame Erſcheinung, ſtand unbeweglich und hatte nicht einmal die Kraft, ſeine geliebte Flaſche um Rath zu fragen. Alix, welche einige Schritte im Zimmer gethan hatte, ohne ihn zu ſehen, be⸗ merkte ihn endlich, und zeigte ihm mit ausge⸗ ſtreckter Hand die Thür. Der Alte gehorchte dem ſtummen Befehl ſo ſchnell, als der Zuſtand ſeiner wankenden Beine es ihm erlaubte. Alix ſetzte das Licht auf den Tiſch und ſank auf einen Stuhl zu den Füßen des Bettes. Ihre Blicke verirrten ſich durch die halb offene Thür in der Dunkelheit des Ganges. Das Fieber kehrte zurück, und warf einen noch dichteren Schleier über ihren Geiſt. „Welch ein ſonderbarer Geruch!“ ſagte ſie nach einer Pauſe, während welcher ihr Auge nicht uach Didier umhergeſucht hatte.„Es iſt hier eine erſtickende Luft. Warum ſchlafen dieſe Leute auf dem Fußboden?... Sie ſind glücklich, Der Wald von Rennes. UI. 4 daß ſie ſchlafen können!... Ich, ich leide, ſelbſt in meinen Träumen!“ Sie legte die Hand an die Stirn und ihre bleichen Lippen lächelten. „Didier!“ flüſterte ſie,„erinnerſt Du Dich der prachtvullen Bälle beim Grafen von Tyu⸗ lonſe? Wir tanzten zuſammen... immer... und den andren Ball... Du kannſt ihn nicht vergeſſen haben... bei meinem Vater?...“ Sie brach ab und zitterte am ganzen Körper. „Die ganze Nacht,“ fuhr ſie fort,„über⸗ ließen wir unſre Herzen einer ausgelaſſenen Freude... Aber am Morgen... als Du fort⸗ gingſt.. Sie lügen, Didier, ſie lügen! Mein Vater hat nicht den Arm des Mörders geführt!“ „Didier! mein Didier!“ rief im Hofe unter dem Fenſter die Stimme des jungen Mädchens, die wir ſchon gehört haben. „Didier!“ wiederholte Fräulein von Vaunoy, indem ſie ſich bemühte, die fliehenden Gedanken zurückzuhalten; ja... ich bin ſeinetwegen ge⸗ kommen... wo iſt er?“ Sie warf einen Blick im Zimmer umher und ſah den Kapitain, der neben ihr ſchlief. Sein Anblic ſchien ihren Verſtand plötzlich aufzuhellen. „Ich erinnere mich,“ ſagte ſie,„ich erinnere mich!... Es lag in den Worten des ſchändlichen Dieners eine fürchterliche Drohung. Die Mörder werden vielleicht kommen...“ — Aengſtlich wendete ſie den Blick nach der Thür und dabei fielen ihr wieder die auf der Erde liegenden angeblichen drei Schläfer in die Augen. Zu gleicher Zeit bemerkte ſie abermals den Blutgeruch. „Sie ſind gekommen!“ rief ſie;„iſt er ver⸗ wuſdet?... Gott ſei Dank! ſein Schlaf iſt ru⸗ hig.— Aber wer hat ihn denn vertheidigt?“ Sie nahm das Licht und beleuchtete damit, einen nach dem andren, die drei Leichname. Sie erkannte Lapierre, der auch im Tode noch ſein yniſches und ſorgloſes Lächeln beibehalten hatte; ſie erkannte auch den andren Diener. Das Geſicht des Dritten war ihr fremd. Sie betrachtete es einen Augenblick ſchweigend, dann beugte ſie ſich auf ihn herab und drückte ihm ei⸗ nen Kuß auf die Stirn. „Möge Gott der Seele dieſes treuen Dieners gnädig ſein!“ flüſterte ſie mit den Ausdruck der innigſten Dankbarkeit;„er hat ſein Leben zu ſeiner Vertheidigung hingegeben. Jeden Morgen und jeden Abend, ſollte ich auch hundert Jahre leben, werde ich ein Gebet für das Heil ſeiner Seele ſprechen.— Sie waren drei gegen ihn... vielleicht noch mehr!“ Sie ſtand wieder auf und kehrte zu Didier zurück. 4* „Ich will bei ihm bleiben,“ ſagte ſie,„bis er erwacht. Man wird es nicht wagen, ihn vor meinen Augen zu ermorden.“ Indeſſen dauerte das Treiben der Wölfe im Schloſſe fort. Manche tranken, andre plünder⸗ ten. Der Lärm und das Geſchrei, das ſie dabei machten, ertönte von Zeit zu Zeit durch die Gänge bis in Didiers Zimmer. Wenn es ſtill wurde, hörte Alix, ohne beſonders darauf zu achten, das Schluchzen einer weiblichen Stimme. Aber ſie glaubte zwiſchen dieſem Schluchzen auch Didiers Namen noch einmal zu hören, und dadurch wurde ihre Aufmerkſamkeit gefeſſelt. „Er hört mich nicht!“ ſagte die Stimme mit dem Ausdrucke der Verzweiflung;„er erkennt meinen Geſang nicht mehr!... Didier!... mein Didier!... ich bin es!“ Dann ſang ſie wieder einen klagenden Vers aus ihrer Romanze. Alix eilte an das Fenſter. Die Stimme ſang noch immer. „Marie! es iſt Marie!“ ſagte Alir, deren Herz ſtärker pochte;„es iſt Marie, die ihn auch liebt, und die von ihm geliebt wird. Es iſt Marie, die das Recht hätte, an meiner Stelle zu ſein, und die mich vertreiben wird!“ „Didier!... mein Didier!“ rief die Stimme, die vom Weinen erſchöpſt zu ſein ſchien. „Ihr Didier!“ wiederholte Fränulein von Vaunoy ſnlich„es iſt wahr... er gehört ihr... und habe ich denn nicht die Kraſt mehr, mein Leiden zu ertragen?“ Sie öffnete das Fenſter. „Marie!“ rief ſie in den Hof hinab. Die arme Haideblume war auf einen Stein geſunken. Sie ſtand raſch auf und erkannte an dem erleuchteten Fenſter das bleiche Geſicht des Fräuleins von Vaunoh. „Haben Sie ihn geſehen?“ fragte ſie. „Er iſt hier,“ antwortete Alir auf das Bett zeigend. Didiers Zimmer lag im erſten Stockwerk. Das auf den Hof gehende Fenſter war von ſtarken Weinreben umgeben, die mit ihren krum— men Aeſten die ganze Seite des Hauſes überzo⸗ gen. Leicht wie ein Vogel eilte Marie herbei; die Weinreben und das Spalier dienten ihr als Leiter und in der Minute ſprang ſie durch das Fenſter in das Zimmer. „Wo iſt er? wo iſt er?,, rief ſie. Alix zeigte ihr den Schlafenden. Marie ſank vor dem Bett auf die Knie. „Ach, 1 was habe ich gelitten!“ ſagte ſie, in⸗ dem ſie eine Thräne trocknete, die zwiſchen ihrem Lächeln noch in ihren Wimpern glänzte;„wie lange bin ich ſchon hier und habe gerufen und geſungen, damit er mich erkenuen ſollte! ich zit⸗ terte, zu ſpät gekommen zu ſein.— Ich danke Ihnen, Alir! ich danke Ihnen, mein gutes Fräu⸗ lein!— Er ſchläft.. er weiß nicht, daß ſein Leben in Gefahr iſt!“ „Aber woher weißt Du es, Marie?“ fragte Alix, die an ihren Vater dachte und ſich ängſtigte. „Woher iſt es weiß, Alix?... weiß ich nicht Alles, was ihn angeht?... Ach, wie ſchön iſt er!.. ſehen Sie nur, Fräulein!“ Die Augen der beiden Mädchen ruhten zu gleicher Zeit mit einem liebevollen Ausdruck auf dem Geſicht des Kapitains. „Ja,“ ſagte Alix traurig,„Du biſt ſehr glücklich, Marie!... Aber iſt denn die Gefahr, die ihm drohte, im Walde bekannt?“ „Dieſe Gefahr kommt aus dem Walde, mein Fräulein. Sie haben dieſen Abend die Wolfs⸗ ſchlucht verlaſſen, um meinen ſchönen Kapitain zu ermorden; aber der liebe Gott hat erlaubt, daß die Wölfe das Zimmer noch nicht gefunden haben, wo er ruht. Wir müſſen ihn ſchnell wecken.“ „Die Wölfe?“ wiederholte Fräulein von Vaunoy mit Entſetzen;„wollen ihn denn die Wölfe auch ermorden?“ „Nein, ſie nicht, aber ein böſer Menſch, deſſen Namen ich nicht weiß und der ihnen die Thüren des Schloſſes geöffnet hat. Mein Vater haßt den Kapitain, weil er ein Franzos iſt, und 47 weil ich ihn liebe. Mein Vater ſagte: Ich werde ihn nicht ermorden, aber ich werde ihn er⸗ morden laſſen.— Dies ſagte er geſtern in unſrer Hütte, und ich hörte es hinter der Thür meines Kämmerchens. Ich warf mich vor meinem Va— ter auf die Knie, ich bat ihn weinend, mich Di⸗ dier retten zu laſſen, aber mein Vater verſchloß mich in meine Kammer. Ich habe viele Thrä⸗ nen vergoſſen, dann aber bekam ich Muth. Se— hen Sie meine Hände, Alix, ſie bluten noch. Ich habe die Läden vor meinem Fenſter zerbrochen, dann bin ich hinausgeſprungen und durch den Wald hierher gelaufen. Aber die Mauern des Parks ſind ſehr hoch, mein gutes Fräulein. Ich befahl meine Seele Gott, che ich ſie überſtieg, denn ich glanbte, meine letzte Stunde ſei gekom⸗ men. Notre⸗Dame von Mi-Forét hat Mitlei⸗ den mit mir gehabt, mein ſchöner Didier lebt und iſt geſund, und Sie wachen über ihm, wie ein guter Engel...“ Sie unterbrach ſich plötzlich bei dieſen Wor⸗ ten. Eine Wolke zog über ihre Stirn. „Aber wie kommt es, daß Sie bei ihm wa⸗ chen, Alix?“ fragte ſie. Mariens Herz fühlte zum erſten Male Eifer— ſucht. Allein es war nur vorübergehend. Alir hatte nicht einmal nöthig zu antworten. Marie wendete jetzt zum erſten Male, ſeitdem ſie ſich hier befand, die Augen von Didiers geliebten — Zügen ab. Sie bemerkte die drei Leichname und ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus. „Notre⸗Dame von Mi⸗Forst hat Mitleid mit Dir gehabt, mein Kind,“ wiederholte Alir ernſt und langſam.„Zwei dieſer Männer, welche jetzt vor Gott ſtehen, waren Mörder... ich kenne ſie. Der dritte, den ich nicht kenne, hatte ein edles Herz und einen ſtarken Arm. Wollte Gott, er lebte noch, denn Didier iſt noch nicht außer Gefahr. Dieſer tiefe Schlaf ängſtigt mich, und ich weiß, daß die Feinde des Kapitains zu Allem fähig ſind.“ Marie nahm Didiers Hand und ſchüttelte ſie. „Erwache!“ ſagte ſie,„erwache!... Er rührt ſich nicht!“ „Ich habe einmal in einem der ſchädlichen Bücher, an denen meine gute Tante ſo viel Ge⸗ ſchmack findet, geleſen,“ ſagte Alix, als ob ſie mit ſich ſelbſt ſpräche,„daß der Feige zuweilen den Tapferen, um ihn deſto ſicherer ermorden zu können, einſchläfert. Während des Abendeſſens.. ich war nicht zugegen... hat man dem Kapitain vielleicht... Sonſt hätte ihn der anhaltende Lärm gewiß geweckt.“ „Sehen Sie nur, Alir,“ rief Marie,„er rührt ſich nicht!“ Sie erbleichte und zitterte am ganzen Körper. „Dieſer Schlaf gleicht dem Tode!“ fuhr ſie fort. „Er könnte zum Tode führen, mein Kind,“ erwiederte Alix, deren ſchöne Züge ihren jugend⸗ lichen Charakter verloren hatten, und ſeit geſtern um zehn Jahre gereift zu ſein ſchienen„Biſt Du ſtark?“ „Ich weiß es nicht... Um Gotteswillen, helfen Sie mir lieber, ihn erwecken!“ „Er wird nicht erwachen; hilf mir ihn retten.“ Marie unterwarf ihren Verſtand der beſſeren Einſicht ihrer Freundin und trat mit bittendem Blicke zu ihr, denn ſie erwartete nur von ihr Didiers Heil. Ali litt fürchterlich, aber ſie hatte nicht Zeit, ſich mit ihrem Schmerze zu beſchäftigen. Der Anblick dieſes Mädchens, deſſen glückliche Liebe jeden Funken von Hoffnung in ihrer Bruſt zer⸗ ſtörte, und die nicht einmal eine Ahnung davon hatte, marterte ihr Herz, ohne jedoch Haß oder Neid in demſelben zu wecken. Sie war ein edles, großherziges Mädchen, welche einen beſſeren Va— ter verdient hätte. Sie neigte ſich zu Marien und drückte einen mütterlichen Kuß auf ihre Wange. „Wenn Du ſeine Gattin ſein wirſt,“ ſagte ſie,„wirſt Du gut und ſanft ſein, nicht wahr? Für ſeine Liebe wirſt Du ihm Dein ganzes Herz geben.— Ja, es iſt beſſer ſo... Du wirſt ihn glücklich machen.“ „Ich verſtehe Sie nicht, Alir,“ erwiederte Marie.„Sie ſprachen davon, ihn zu retten...“ Alix zitterte. „Du haſt Recht,“ ſagte ſie.„Laß uns eilen und nimm Deinen ganzen Muth zuſammen, mein Kind.“ Sie nahm Jud's und Lapierre's Dolche, ſteckte den einen in ihren Gürtel und gab den andren Marien, welche ſie verwundert anblickte und nicht errieth, was ſie beabſichtigte. „Du biſt ein Kind des Waldes,“ fuhr Alix fort,„Du kannſt reiten; Du liebſt, Du mußt ſtark ſein. Wir müſſen dieſe Nacht als Männer handeln. Thue was ich thue, und wenn ſich in den Gängen des Schloſſes eine Waffe gegen Didier erheben ſollte, dann thue auch, was ich thun werde, und ſtirb, indem Du ihn vertheidigſt.“ Ein heldenmüthiges Feuer glänzte in ihren Augen, während ſie dies ſagte. Marie betrach⸗ tete ſie einen Angenblick und ſchlug dann ſchwei⸗ gend die Augen nieder. „Fürchteſt Du Dich!“ fragte Fräulein von Vaunoy theilnehmend. „Nein,“ antworte Marie,„aber ich glaube, daß Sie ihn lieben, Alix.“ Die Begeiſterung des Fräuleins ſank, wie von einem Zauberſchlage getroffen. „Du glaubſt, daß ich ihn liebe?“ ſagte ſie mit gedrückter Stimme;„Du denkſt alſo an Dich, Marie, in dieſem Augenblicke, wo ſein Le⸗ ben in Gefahr iſt!... Du glanbſt, daß ich ihn liebe!... Aber ich weiß, daß Du ihn liebſt, und ich denke nur daran, ihn zu retten!— Marie, ſeit einem Jahre bin ich ſehr unglücklich, aber es würde mir unendlich ſchmerzlich ſein, wenn ich glaubte, daß Du ſeiner nicht würdig wäreſt.— Ich habe ihn geliebt!“ rief ſie plötzlich mit einer gewiſſen Heftigkeit,„ich habe ihn früher geliebt als Du, und mehr als Du... aber was küm⸗ mert es Dich?“ „Ach! Sie ſind ſo ſchön!“ lispelte die arme Marie weinend. Alir hatte keine Thräne in den Angen. Sie rief ein Lächeln des muthvollen Leidens auf ihre Lippen, wie es den Schwachen Schmerz und Theilnahme einflößt, da es ſo deutlich Leiden und Kraft verräth. „Gieb mir Deine Hand, mein Kind,“ ſagte ſie;„er iſt Dein, ich liebe ihn nicht mehr!“ Aber er „Er hat mich nie geliebt!... Sieh, ich opfere Dir meine letzte Erinnerung!“ Mit dieſen Worten nahm ſie die Medaille, die ſie bei Lapierre gefunden hatte, in der Nacht, als dieſer den Kapitain Didier in Rennes auf der Straße hatte ermorden wollen, aus ihren Buſen, und ſchlang ſie um Didiers Hals. Ma⸗ rie hatte nicht Zeit zu ſehen, worin dieſes Opfer beſtand, denn Alir fuhr ſogleich mit energiſchem Tone fort: „Jetzt ans Werk, mein Kind! Didier muß außerhalb des Hauſes meines Vaters erwachen!“ Alix hob mit einer Kraft, deren man ſie nicht fähig geglanbt hätte, beſonders in dieſem Augen⸗ genblick, wo ſie eben das Bett verlaſſen, an welches ein heftiges Fieber ſie gefeſſelt hatte, Didiers Schultern empor, und winkte Marien, ihn bei den Füßen zu faſſen. Dieſe gehorchte, wie ein Kind, das den Befehlen ſeines Lehrers nachkommt, ohne daräber nachzudenken. Sie zogen die Decke über Didiers Körper, die ſie dann an den vier Ecken faßten, wie eine Tragbahre, und ſo konnten ſie ihn forttragen. Die Laſt zog ſie faſt zu Boden. Demohn⸗ geachtet gingen ſie entſchloſſen durch die langen Gänge des Schloſſes. Von allen Seiten hörte man Gelächter und Geſchrei der Wölfe, welche zum Glück einzig und allein mit Trinken beſchäf⸗ tigt waren und den beiden Mädchen nicht in den Weg kamen. So durchſchritten ſie ohne Hin⸗ derniß die dunklen Gänge des Schloſſes und er⸗ reichten die Thür des Hofes, wo ſie ihre Laſt ab⸗ legten, um Athem zu ſchöpfen. 5 Marie war erſchöpft und zitterte; Alir athmete ruhig und war nicht ermüdet. Ihre Gefährtin betrachtete ſie mit einem Gemiſch von Bewunde⸗ rung und Angſt. 3 5 3 Alix und Marie kannten ſich ſchon ſeit ihrer Kindheit. Ihre Freundſchaft wurde durch die Verſchiedenheit ihrer geſellſchaftlichen Stellurg „ nicht beinträchtigt. In Mariens Zuneigung lag wohl ein wenig Ehrfurcht; aber dieſe Ehrfurcht war ein unwillkürliches Gefühl und bezog ſich nicht auf den Reichthum und den Stand des Fräulein von Vaunoy. Dieſe liebte Marien aufrichtig, und da ſie einen Edelmuth beſaß, wie ihn Wenige haben, ſo konnte ein Mann, der ſich zwiſchen ſie und ihre arme Freundin ſtellte, keinen Einfluß auf die Geſin⸗ nungen ihres Herzens haben. Vielleicht, wenn die Pflicht ihr nicht geboten hätte, würde ſie ihr BGlück vertheidigt haben, wie es das Recht jedes Mädchens iſt; aber ihr Opfer war ſchon längſt gebracht, und es koſtete ihr keine Mühe, ihre Nebenbuhlerin zu lieben. Und dennoch liebte ſie; ſie liebte mit einer innigen, tiefen Liebe, welche nie aufhören ſollte. Marie dagegen hatte nie eine Ahnung von dem vorübergehenden Verhältniſſe zwiſchen Alir und Didier gehabt. Wäre es ihr bekannt ge⸗ weſen, ſo würde ſie vielleicht die Freundſchaft des rreichen Fräuleins zurückgewieſen haben, denn ſie beſaß den mißtrauiſchen Stolz der Naturkinder, und übrigens eonrentrirte ſich ihr ganzes Leben auf ihre ausſchließliche Liebe zu Didier. Seit einigen Minuten war der Schleier zerriſſen, Alir war ihre Nebenbuhlerin geweſen, und Marie fühlte, daß Alix über andre Mädchen hoch erha⸗ ben war. Hatte ſie alſo nicht Grund zu fürchten? Die beiden Mädchen blieben einen Augenblick„ ſtehen. Alir dachte nach. Marie betrachtete ſie ſchüchtern beim Scheine des Mondes, der in ſeinem vollen Glanze vom Himmel herab ſchaute. „Was iſt das?“ fragte Fräulein von Vau⸗ noy, indem ſie auf einen Gegenſtand zeigte, der ſich im Schatten der Mauer bewegte. „Es iſt ein Pferd,“ erwiederte Marie.„Wäh⸗ rend ich im Hofe ſtand und wartete, hat ein Diener Ihres Herrn Vaters es an der Thür * angebunden.“— „Dann haben wir nicht nöthig, den Schlüſſel zu den Ställen zu ſuchen, und die Leute aus dem Walde werden wohl dafür geſorgt haben, daß wir den zur äußeren Thür entbehren können. Nimm Deine Kraft noch einmal zuſammen, mein Kind.“ Sie hoben ihre Laſt wieder auf und nach manchem vergeblichen Verſuch gelang es ihnen endlich, den Kapitain auf das Pferd zu legen. Marie ſetzte ſich in den Sattel und hielt ihn mit ihren Armen feſt. „Geh, meine Tochter,“ ſagte Alir;„Du liebſt ihn, Du wirſt gewiß einen Zufluchtsort für ihn finden.“ —— — 55 In dieſem Augenblicke der Trennung ſchämte ſich Marie ihres Verdachts. Sie bengte ſich her⸗ ab und Fräulein von Vannoy küßte ſie auf die Stirn. Sie haben ein gutes, edles Herz, mein Fräu⸗ lein,“ lispelte Maric.„Ich danke Ihnen für ihn und für mich.“. Die Wölfe hatten in der That die äußere Thür offen gelaſſen. Alix gab dem Pferde ei⸗ nen Schlag mit der Hand und dieſes trabte fort. „Gott nehme ihn in ſeinen Schutz!“ ſagte ſie. Dann ſetzte ſie ſich erſchöpft auf die Stein⸗ bank, welche vor der Thür jedes bretagniſchen Hauſes ſteht. Ihr Zweck war erreicht; ihre Kraft, welche nur durch die Macht ihres hervi⸗ ſchen Willens aufrecht erhalten war, ſank wie durch einen Zauberſchlag. Sie wurde wieder das, was ſie eine Stunde vorher geweſen war: ein ſchwaches Mädchen, vom Fieber ergriffen und kaum füähig ſich zu regen. Indeſſen war Meiſter Alain, deſſen Rauſch von der unerwarteten Erſcheinung des Fräuleins von Vaunoy faſt vorſcheucht worden, zu ſeinem Herrn geeilt, um ihm von dem unglücklichen Ausgange des gegen den Kapitain Didier unter⸗ nommenen nächtlichen Ueberfalls Bericht zu er⸗ ſtatten. Der alte Haushofmeiſter hatte Mühe, ſeinen Herrn zu finden. Dieſer hatte auf den erſten Lärm des Ueberfalls ſein Pferd ſatteln laſſen, das nämliche, auf welchem Marie und Didier in dieſem Augenblicke durch deu Wald ritten, und war, auf die treuloſen Maßregeln vertrauend, die er getroffen hatte, um die königlichen Solda⸗ ten an der Vertheidigung zu hindern, den Wöl⸗ fen entgegengeritten, um ſie ſelbſt zu dem Schup⸗ pen zu führen, in welchem die Wagen mit dem Gelde ſtanden. Nachdem er dieſes gethan hatte, war es ſeine Abſicht, gerades Wegs nach Rennes zu reiten. Sein Plan war eben ſo einfach als geſchickt entworfen. Jedermann würde geglanbt haben, daß Didier, den er während des Ueberfalls durch ſeine eigenen Leute hatte ermorden laſſen, unter den Händen der Wölfe gefallen wäre, während er die ſeiner Oberhut anvertrauten Steuergelder vertheidigte. Den Wölfen allein würde dieſer Mord zur Laſt gelegt worden ſein, und er, Vau⸗ noy, der zuerſt die Nachricht von dem Ueberfalle nach Rennes brachte, würde ſich troſtlos gezeigt haben, über eine ſolche Kataſtrophe, welche einem jungen Offizier von ſo großen Hoffnungen in der Blüthe der Jahre das Leben gekoſtet hätte. Selbſt Didiers Unerſchrockenheit mußte die Wahr⸗ ſcheinlichkeit von Vaunoy's Erklärung vergrößern. Auch war der Letztere ſeiner Sache vollkom⸗ men gewiß. Seine einzige Sorge, oder vielmehr ſein einziger Wunſch war jetzt, ſich einige Meilen von ſeinen neuen Freunden, den Wölfen, zu ent⸗ fernen, über deren Abſichten gegen ihn er aus guten Gründen keinesweges ruhig war. Nachdem er zwei Stunden ſich vergebens be⸗ müht hatte, der Wachſamkeit ſeiner gefährlichen Feinde zu entgehen, war er ihnen endlich ent⸗ ſchlüpft, und ſuchte im Dunklen die Thür, an welcher ſein Pferd angebunden war, als er ganz unerwartet mit Meiſter Alain zuſammenſtieß. Die erſten Worte des Haushofmeiſters trafen Vaunoy wie ein Donnerſchlag. Didier lebte! ſo war alles Uebrige verlorene Mühe. „Wie? Ihr nichtswürdigen Feiglinge!“ rief Vaunoy außer ſich vor Wuth,„Ihr habt es nicht gekonnt. Ich bin feſt überzeugt, daß dieſer e „Er iſt todt,“ unterbrach ihn Alain. „Todt? ſo iſt alſo der verfluchte Kapitain aufgewacht?“ „Nein, aber ſein Diener, den ich geſtern nicht erkannt hahh, war Jud Leker, der ehemalige Stallmeiſter Tremls.“ „Jud Leker!“ rief Vaunoy, der denſelben vernichtenden Gedanken wie Lapierre hatte;„aber dann weiß Georg Treml alles... und er lebt!“ „Das iſt nicht meine Schuld,“ verſetzte Mei⸗ ſter Alain.„Jud Leker iſt von den Unſrigen ge⸗ tödtet worden, und ich bin allein bei dieſem Di⸗ Der Wald von Rennes. III. 5 ddier oder dieſem Georg geblieben, der wie ein Todter ſchlief.“ „Nun, heiliger Gott! und was weiter?“ —„In dem Augenblicke, als ich die Sache aus⸗, 1 führen wollte, ſah ich eine Perſon...“ „Wen?“ fragte Vaunoy, indem er die Schul⸗ tern des alten Mannes ſchüttelte, als hätte er ſie zerbrechen wollen;„heiliger Gott! wer hat Dich gehindert?“ Fräulein Alix von Vaunoy, Ihre Tochter,“ antwortete der Haushofmeiſter. 11„Meine Tochter?“ ſtammelte Vaunoy, „Alix?“ Dann richtete er ſich plötzlich empor und rief 11 wüthend: „Du lügſt!... Du lügſt, oder Du haſt Dich geirrt! Meine Tochter liegt ktank in ihrem Bett. Aber, beim heiligen Gott! ſollte ich ihn auch ſelbſt ermorden, ſo werde ich mir dieſe Ge⸗ legenheit nicht entgehen laſſen, die ich um den Preis eines Lebens erkauft habe!“ Er ſchob den alten Alain heftig zur Seite, der ſich furchtſam an die Wand drängte, und ſtürzte nach Didiers Zimmer. Es waren ohngefähr fünf Minuten vergan⸗ gen, ſeitdem Alir und Marie es verlaſſen hatten. Das Licht des Fräuleins von Vaunoy ſtand noch brennend auf dem Tiſche. Hervé, der trotz ſeiner gewöhnlichen Liſt und„ + — 50 Klugheit in dieſem Augenblick außer ſich vor Wuth war, ſchritt über die drei Leichname hin⸗ weg auf das Bett zu. Aber das Bett war leer. „Entflohen!“ ſagte Vaunoy mit halb erſtick⸗ ter Stimme;„und meine Tochter iſt hier ge⸗ weſen!“ Halb wahnſinnig warf er die Kiſſen des Bet⸗ tes auf die Erde und trat ſie mit Füßen. Dann ſtürzte er wieder nach der Thür zu. Aber er überſchritt die Schwelle nicht. Eine Eiſenfauſt packte ihn und ſtieß ihn mit unwider⸗ ſtehlicher Kraft in das Zimmer zurück. Vaunoy blickte auf und ſah vor ſich die ſeltſame, weiß maskirte Geſtalt, welche den Zug der Wölfe im Walde beſchloß und deren außerordentliche Be⸗ hendigkeit der unglückliche Ind bewundert hatte. Vaunoy wollte ſprechen, aber der weiße Wolf verſchloß ihm mit einem gebieteriſchen Winke den Mund und ſchritt langſam im Zimmer vor. „Ueberall Blut, wo Du vorübergehſt, Hervé von Vaunoy!“ ſagte er mit dumpfer, drohender Stimme. Er nahm das Licht und betrachtete die drei Leichname. Als er Jud erkannte, bewegte ein ſchmerzliches Zittern die Muskeln ſeines Geſichts unter der weißen Pelzhülle, die es bedeckte. * — † „Er hatte verſprochen, ihn zu vertheidigen,“ ſagte erz„er war ein Bretagner.“ mich hinaus.“ 5 Dann fügte er mit langſamer, feierlicher Stimme hinzu: „Es iſt Niemand mehr da, als ich, um Treml zu dienen, wenn er noch leben ſollte, oder wenn er geſtorben iſt, ſein Andenken zu ver⸗ ehren!“ „Heiliger Gott!“ ſagte Vaunoy, dem es ge⸗ lungen war, einige Faſſung zu gewinnen,„ich habe Euch dieſen Abend fünfmalhunderttanſend Livres in ſchönen Thalerſtücken gegeben, und es iſt daher wohl das Wenigſte, daß Ihr mich in Rnhe laßt. Ich bitte Euch alſo, Freund, laßt ————— Der weiße Wolf riß ſich von ſeinen trauri⸗ gen Gedanken los und blickte Hervé durch die Oeffnungen ſeiner Maske ins Geſicht. Dann ging er an die vffenſtehende Thür und winkte. Fünf bis ſechs bewaffnete Männer drangen in das Zimmer. „In die Wolfsſchlucht!“ ſagte der weiße Wolf zu ihnen. Vaunoy wurde emporgehoben, und eine breite Hand legte ſich auf ſeinen Mund, um ihn am Schreien zu verhindern. Einige Minuten ſpäter befand ſich Vaunoh auf dem Wege nach der Wolfsſchlucht, auf eine Tragbahre gebunden, unter deren Trägern ert — 6— zwei ſeiner eigenen Diener, Yvon und Corentin, ebenfalls mit Pelzmasken verſehen, zu erkennen glaubte. A. Das Rämmerchen. Marie hielt ſo gut als möglich den vor ihr auf dem Sattel liegenden ſchlafenden Kapitain feſt. Sie wollte ſich ſelbſt nicht geſtehen, daß ihre Kräfte von der Anſtrengung erſchöpft wa— ren, aber ſie war nur ein ſchwaches Mädchen, und ſie überzeugte ſich immer mehr, daß ihre Kraft nicht ausreichen würde. Zum Glück konnte der von Meiſter Alain be⸗ reitete Schlaftrunk, ſo ſtark auch ſeine Wirkung geweſen war, den unaufhörlichen Erſchütterungen des Reitens nicht lange widerſtehen. Nach eini⸗ gen Minuten begannen Didiers Glieder ſich zu regen, und an ſeinem ganzen Körper wurden leichte Zuckungen ſichtbar. „Mein Didier!“ rief Marie entzückt;„er⸗ wache! ich habe Dich gerettet!“ — Es war eine der ſeltenen Herbſtnächte, wo der Himmel der Bretagne ſein trübes Geſicht abge⸗ legt und den ewigen Nebelmantel vergeſſen hat. Der Mond hing glänzend in der Mitte eines„ reinen Himmels. Ein friſcher Luftzug ſtrich zwi⸗ ſchen den hundertjährigen Bäumen der Allee hin und führte die Wohlgerüche des Waldes mit ſich. Die hohen Wipfel der Eichen wiegten ſich lang⸗ ſam und gleichförmig, und ſchüttelten die hin und wieder an ihren Blättern hängenden Tropfen auf den Raſen herab. Man könnte ſich in der That kaum ein phan⸗ taſtiſcheres und zugleich entzückenderes Erwachen denken, als das, welches Didier erwartete. Ei⸗ nige Sekunden lang glaubte der junge Kapitain* noch in einem wunderbaren Traume befangen zu ſein. Er fühlte ſich von dem Galopp eines Pfer⸗ des fortgetragen und hörte vor ſeinem Ohre noch undeutlich die Töne einer geliebten Stimme. Seine Augen wollten ſich öffnen, aber er hielt ſie mit Gewalt verſchloſſen, um ſeine Illuſion nicht zu zerſtören. Aber der Luftzug des Waldes erkältete im⸗ mer mehr ſeine Stirn und verſcheuchte die letzten, Wirkungen des Opiums. Er ſchlug endlich die ſchweren Augenlider auf, und blickte in Mariens liebliches Geſicht, die ſich auf ihn herabgebengt hatte, und deren blonden Locken ſeine Wangen umſpielten. — 68 Erſtaunt über die Fortdauer ſeines ſeltſamen Traumes fuhr er mit der Hand über die Augen. Marie ſchob tändelnd ſeine Hand zurück und er war gezwungen, ſie wieder anzublicken. „Biſt Du es denn wirklich?“ fragte er, in⸗ dem er ſich auf dem Sattel emporrichtete;„Du? hier? zu Pferde? zu dieſer Stunde? mit mir?“ Die Stimme des Kapitains drückte eine ſolche Beſtürzung aus, daß Marie ſich eines Lächelns nicht enthalten konnte. „Ja, ich bin es,“ ſagte ſie,„und ich werde Dir Alles erklären. Fühlſt Du Dich ganz ge⸗ ſund, Didier?“ Sie wiederholte nicht das Wort, das ihr durch das erſte Gefühl des Triumpfes entriſſen worden war: Ich habe Dich gerettet!— der feine Tact, den die Natur den Töchtern der Einſamkeit wie den vornehmen Koketten unſrer Städte giebt, lehrte ſie ſchweigen; ſie errieth, daß für einen Soldaten die Gefahr ihre Reize, die Pflicht ihre Macht hat, und ſie hütete ſich daher, in dieſem Augenblicke etwas von dem zu erwähnen, was im Schloſſe vorgefallen war. Didier zog in langen Odemzügen die erquik⸗ kende Nachtluft in ſich. Die belebende Friſche der Atmoſphäre und die Kraft ſeiner Konſtitution bekämpften das krankhafte Gefühl, welches die entnervende Kraft des Schlaftrunks in allen ſei⸗ nen Gliedern zurückgelaſſen hatte. Demohnge⸗ achtet fühlte er ſich unwohl; ſein Kopf war ihm ſo ſchwer, als trüge er einen bleiernen Helm. „Das ſieht ja ganz aus, wie eine Entführung.“ ſagte er, indem er ſich bemühte, den letzten Reſt der Betäubung, die ihn ſo lange befangen ge⸗ habt hatte, von ſich zu ſchütteln,„aber ich ſpiele dabei nicht die gewöhnliche Rolle der Offiziere Seiner Majeſtät.— Laß uns abſteigen, Marie.“ ich weiß nicht... ich habe Ruhe nöthig.“ Sie waren ans Ende der Allee gelangt, und der Dom des Waldes wölbte ſich über ihren Häuptern. Marie glitt über die Croupe des Pferdes hinab und ſtand auf dem Raſen. „Vortrefflich,“ ſagte Didier,„Du kannſt mein Stallmeiſter werden!... Aber wo habe ich denn meinen Geiſt und meine Kraft gelaſ⸗ ſen?... Komm, unterſtütze mich.“ Schwankend that er einige Schritte und ſank dann unter einem Baume nieder, wo er ſogleich wieder einſchlief. Marie zog das Pferd in das Dickigt, legte Didiers Kopf auf ihren Schooß und blieb unbeweglich ſitzen. Er war gerettet! ſie war glücklich und überwachte mit Entzücken ſeinen Schlummer. Kaum war eine Viertelſtunde vergangen, ſo hörte ſie ein Geräuſch von Schritten auf dem Wege. Sie hielt den Odem an ſich und er— blickte bald darauf vier Männer, die eine Trag⸗ bahre trugen, auf welcher ein fünfter feſtgebun⸗ —— — den war. Schweigend ging der kleine Zug bei ihr vorüber. Nach einigen Minuten hörte Marie in der Richtung nach la Tremlays zu einen dumpfen Lärm, der immer ſtärker wurde und ſich raſch zu nähern ſchien. Erſchrocken zog ſie den Kapitain in das dichteſte Gebüſch, und faſt in dem näm⸗ lichen Augenblicke wurde die Schaar der Wölfe auf dem Wege ſichtbar. Sie gingen nicht ſtill und leiſe, ſich bemü⸗ hend, das Geräuſch ihrer Schritte unhörbar zu machen, wie ſie es thaten, als der arme Ind ſie vor einigen Stunden geſehen hatte; es war eine betäubende Unordnung, Fröhlichkeit und Lärm. Sie liefen, ſangen und ſprachen überlaut. Auf ihren Schultern trugen ſie große leinene Säcke, mit klirrenden Sechslivresſtücken gefüllt. Sie hatten einen guten Fang gethan; die Nacht war mit Plünderung und Orgien vergangen; es war ein vollſtändiges Feſt für die armen Waldbe⸗ wohner geweſen. Wir ſind weit entfernt, das Plündern ent— ſchuldigen zu wollen, obgleich die Plündernden unſre guten Freunde, die Wölfe, waren; aber denjenigen, welche eine zu große Verachtung oder einen zu ſtrengen Tadel auf dieſe armen Land⸗ leute werfen, wollen wir nur die einfache Frage vorlegen: Habt Ihr von den kühnen und ſtarken Töchter der Rebecea geleſen, die ſich noch vor Kurzem in Wales allnächtlich ein ſummariſches Recht verſchafften?— Dieſe Rebeccaiten haben Aehnlichkeit mit unſren Wölfen; nur in den Zei⸗ ten, den Sitten und der Kühnheit findet ein Un⸗ terſchied ſtatt. Ueberall wo die geſetzliche Gewalt den Schwachen unterdrückt, wird eine nothwen⸗ dige, wo nicht legitime Reaction eintreten. Die Reaction wird ſich in Geſchwätz äußern, wenn die Unterdrückten Journaliſten, Gascogner*) oder Deputirte ſind, aber in gewaltſamen Repreſſalien, wenn ſie tapfer und zu arm ſind, um ein halbes Jahrhundert auf die ſchläfrige Juſtiz der Behör⸗ den zu warten. Wie dem indeß ſein möge, mit Recht oder Unrecht, die Wölfe waren von Frende berauſcht und mit ſich ſelbſt zufrieden, als hätten ſie ein gutes Werk gethan. Das eroberte Geld hatte in ihren Augen einen doppelten Werth, weil es dem Fiskus, ihrem Todfeinde, entriſſen worden war, und wir können verſichern, daß ihr Gewiſ⸗ ſen ihnen deshalb nicht den geringſten Vorwurf machte. Marie zitterte. Ein Zufall konnte aus die⸗ ſer, in toller Fröhlichkeit vorüberziehenden Men⸗ ſchenmaſſe einen oder den andren einige Schritte vom Wege abführen und ihn den ſchlafenden *)„Gascogner“ heißt in Frankreich bekanntlich ſo viel als Windbeutel oder Aufſchneider. „ „ Kapitain entdecken laſſen; nach dem Geſpräche zwiſchen Pelv Rouan und YMaumi, den Abge⸗ ſandten der Wölfe, welches ſie geſtern in der Hütte belauſcht hatte, mußte ſie aber glauben, daß dieſe Letzteren auch Didier ermorden wollten. Indeſſen zogen Alle vorüber, ohne daß das Gefürchtete geſchah. Am Ende des Zuges erblickte man wieder die ſeltſame Geſtalt, welche im Walde der weiße Wolf genannt wurde. Weit entfernt, die Freude ſeiner Gefährten zu theilen, ſchien er traurig zu ſein, und ſein in weiße Felle gehüllter Kopf hing auf die Bruſt herab. Als er bei Marien vorüberging, erſchrak dieſe und ſtreckte den Kopf vor. „Sollte er es ſein?“ flüſterte ſie ängſtlich. Der weiße Wolf verſchwand wie die übrigen Wölfe hiuter einer Bieguug des Weges. Alles wurde wieder ſtill und man hörte nur noch die geheimnißvolle, ſtets wechſelnde Harmonie, welche in einer ſchönen Nacht in den vom Winde be— wegten Wipfeln der hohen Bäume eines Wal⸗ des ertönt. Die Stunden vergingen. Nur als die ſchär⸗ fer werdende Morgenluft den Anbruch des Tages verkündete, überwand Didier ſeine Schlafſucht. Er war erſtarrt und gelähmt; ſeine Glieder ver⸗ ſagten es, ſich zu bewegen. 65 Als er erwachte, blickte er, wie das erſte Mal, ſtaunend um ſich, und that Fragen über Fragen. „Du biſt bei mir,“ erwiederte Marie;„möch⸗ teſt Du anderwärts ſein? Komm; ich habe in der Hütte meines Vaters ein wohl verſchloſ⸗ ſenes Kämmerchen. Dort will ich Dich ver⸗ bergen.“ „Aber warum wollen wir nicht ins Schloß gehen?“ fragte Didier.„Es iſt in dem Allen ein Geheimniß, das ich mich vergebens zu ent⸗ ſchleiern bemühe.— Meine Gedanken ſind in Unordnung. Ich habe eine unbeſtimmte Erinne⸗ rung, daß mich geſtern an der Tafel des Herrn von Vaunoh eine unüberwindliche Schläfrigkeit befiel.— Was iſt geſchehen Marie? Sage es mir!“ „Du ſollſt Alles erfahren,“ erwiederte Haide⸗ blume lächelnd.„Aber Deine Glieder ſind von der Kälte erſtarrt, mein ſchöner Kapitain; ich kann es nicht ſehen, daß Du ſo zitterſt. Komm, ſage ich; Du legſt Dich in mein Bett und ich wache bei Dir.“ „Du wachſt bei mir?“ wiederholte Didier. „Wie man am Bett Derjenigen wacht, die man liebt,“ erwiederte Marie raſch;„wie eine Mutter bei ihrem Kinde wacht. Aber komm doch?“ Sie zog Didier mit ſich fort, der in Folge ſeiner krankhaften Betäubung weder Willen noch 5 6 Kraft beſaß. Beide beſtiegen das Pferd, und dieſes trabte in der Richtung nach dem Kreuze von Mi⸗Forét fort. Etwa hundert Schritt von der Hütte entfernt ſtieg Marie ab. „Bleibe hier,“ ſagte ſie leiſe zu Didier, i Vater darf Dich nicht ſehen. 7. Mit vorſichtigen Schritten ging ſie auf die Hütt zu. Die Thür war offen. „Vater!“ rief Marie in die Hütte hinein. Niemand antwortete. „Er iſt nicht da!“ dachte Marie frendig. „Gott ſei gedankt! Didier hat einen Zu⸗ fluchtsort! Sie ſprang zum Kapitain zurück und nahm ihn bei der Hand. So erreichten Beide die Hütte. „Still!“ flüſterte Marie,„tritt leiſe auf.“ Sie gingen durch das finſtre Gemach, wo wir dem Geſpräch Juds und Pelo Ronans bei⸗ gewohnt haben; dann öffnete Marie die Thür ihres Kämmerchens und ſtieß Didier hinein. „Jetzt,“ ſagte ſie, indem ſie die Thür von innen wieder verſchloß,„ſind wir in Sicherheit. Du ſtehſt unter meinem Schutz, und mein Vater kommt nie hier herein.“ Marie hatte, indem ſie durch das dunkle Ge⸗ mach ging, ein Paar rothe, feurige Augen nicht geſehen, die aus dem Stroh, welches Pelo Rouan zum Lager diente, hervorglänzten. Während ſie vorüberging, warfen dieſe Augen einen noch blu⸗ tigeren Schein, als gewöhnlich von ſich. Als ſie in ihr Kämmerchen getreten war, veränderten ſie plötzlich ihre Lage und erhoben ſich um meh⸗ rere Fuß. Pelo Rouan, der auf dem Stroh lag, hatte ſich auf ſeine Knie erhoben. „Ich danke dem Himmel,“ ſagte er mit bit⸗ terem Haſſe, daß er mir die Augen eines wilden Thieres gegeben hat; Augen, welche im Dunklen ſehen.— Ich habe ihn wohl erkannt, den ver— fluchten Franzoſen!... Marie... armes Mädchen!“ Die letzten Worte ſprach er im Tone inniger Zärtlichkeit und väterlicher Theilnahme, was ihn aber nicht abhielt, die an der Wand hängende alte Flinte herabzunehmen und zwei Kugeln auf eine ſtarke Pulverladung hinein laufen zu laſſen. Als er dies gethan hatte, unterſuchte er ſorg⸗ fältig das Schloß des Gewehrs, verließ dann die Hütte, und kletterte ohne Geränſch und faſt ohne alle ſichtbare Anſtrengung den ſenkrechten glatten Stamm einer Birke hinan, die vor Mariens Fen⸗ ſter ſtand, und deren Zweige über die Hütte hingen. Er ſetzte ſich auf einen der Aeſte, ſo daß er, hinter dem Stamme des Baumes verborgen, das Innere von Mariens Kämmerchen überſehen konnte. In dieſem Augenblick war das Fenſter ge⸗ 4 ſchloſſen. Ohne ſich zu rühren, wartete der Koh⸗ lenbrenner. Eine halbe Stunde ſpäter färbte ſich der Him⸗ mel im Oſten roth; der heraufſteigende Tag ver⸗ trieb nach und nach die Dunkelheit, und in den Blättern der Bäume ſtimmten die Vögel ihren fröhlichen Geſang an. Marie öffnete ihr Fenſter. Pelo Ronans ganze Seele trat in ſeine Angen. Bevor ſie das Fenſter wieder verließ, that Marie, was ſie jeden Morgen that: ſie faltete ihre kleinen weißen Hände auf dem Stützbrete des Fenſters und ſprach ihr Gebet zu der heiligen Jungfrau von Mi⸗Forét. Dann trat ſie wieder zum Bett, indem ſie eine Strophe aus der Romanze Arthurs von Bretagne ſang, und reichte dem Kapitain eine mit Milch gefüllte Schale. Mariens Kämmerchen glich faſt einem kleinen, friſchen und zierlichen Neſte, und war von der Breite des finſtren Gemachs, in welchem der Kohlenbrenner ſchlief, abgetrennt. Die Wände waren weiß und hin und wieder mit Büſcheln von Erdrauch behängt, eine niedliche Blume, die nach dem alten Glauben der Waldbewohner die Eigenſchaft beſaß, das Fieber zu vertreiben. Dem Fenſter gegenüber ſtand ein kleines Bett, welches der engen Zelle einen Anſtrich jungftäulicher Sitt⸗ ſamkeit gab. Ueber dem Bett hing eine fromme * — Trophäe, aus einem gläſernen Weihkeſſel, einer kleinen Statne der heiligen Jungfrau und einem ₰„ am heiligen Palmſonntage in der Kirche von Liffré geweihten Lorbeerzweige beſtehend. Das übrige Mobiliar beſtand aus einem Stuhle und einem halben Dutzend zierlicher Körbe in verſchiedenen Formen, welche Marie nach ihrem Bedarf angefertigt hatte, ſo daß ſie ihr Schränke, Kommoden und Kartons erſetzten. Didier lag im Bett, Marie näherte ſich ihm ohne Furcht und ohne daran zu denken, daß ſie etwas Unſchickliches that, und kniete nieder. Sie kannte das Böſe nicht, und ſtand höher als die Scham, dieſe Tugend, welche die erſte Frau noch nicht beſaß, als ſie fleckenlos und faſt eine Göttin aus der Hand des Schöpfers kam. Didier betrachtete ſie mit Liebe und Ehrfurcht. Beide lächelten einander an und genoſſen ſtill das unendliche Glück der jungen Liebe, das die Dichter fühlen aber nicht zu ſchildern im Stande ſind, weil der Menſch noch keine Worte für eine ſo ſeltene und ſo flüchtige Seligkeit erfunden hat. Es wurde hell, Pelo Rouan hatte bis jetzt noch nichts im Kämmerchen unterſcheiden können. Endlich aber bemerkte er die männlichen Umriſſe von Didiers Proſil, die ſich von den weißen Kiſſen abhoben. Er bebte vor Wuth und faßte krampfhaft ſein Gewehr. „Iſt es nicht ſchön hier?“ flüſterte Marie. * Didier nahm das blonde Lockenköpfchen des reizenden Mädchens zwiſchen beide Hände und zog ihre Stirn bis an ſeine Lippen. Pelo Rouan hörte das Geräuſch eines Kuſſes. Er ſpannte den Hahn ſeiner Muskete. „Was iſt das?“ fragte Marie plötzlich, in⸗ dem ſie nach der Medaille griff, die Fräulein von Vaunoh dem Kapitain wieder um den Hals ge⸗ hängt hatte. Didier nahm die Medaille und ſein Geſicht drückte Staunen aus. „Was es iſt?“ entgegnete er langſam;„es iſt das einzige Dokument meiner Geburt und Herkunft, Marie. Es iſt, wie ich wenigſtens immer geglaubt habe, das Zeichen, das eine Un— glückliche, meine Mutter, an meinen Hals ge⸗ hängt hat, als ſie mich dem Mitleiden der Vor⸗ übergehenden überließ.— Aber wir wollen nicht davon ſprechen, mein Kind. Ich glaubte, ſie verloren zu haben und habe ſie ſeit einem Jahre vergebens geſucht. Es iſt etwas von Zanberei in den Ereigniſſen dieſer Nacht!“ Marie betrachtete noch immer die Medaille. „Sonderbar!“ ſagte ſie endlich,„ich beſitze eine ganz ähnliche.“ Sie nahm ſchnell die Schnur, an welcher die Medaille hing, von Didiers Halſe, und zog zu gleicher Zeit die ihrige aus dem Buſen, indem Der Wald von Rennes. II. 6 — ſie an das Fenſter trat, um beide Medaillen mit einander zu vergleichen. Pelo Ronan, der ſeit fünf Minuten ängſtlich auf den Augenblick wartete, wo Marie nicht mehr zwiſchen ihm und dem Kapitain ſtehen würde, ſtieß einen erleichternden Seufzer aus und legte ſein Gewehr an. „Sie ſind einander gleich!“ rief Marie mit der Frende eines Kindes,„ganz gleich!“ Pelo Ronan hatte die Bruſt des Kapitains aufs Korn genommen und war im Begriff abzu⸗ drücken. Aber Mariens Ausruf zog ſeine Auf⸗ merkſamkeit ab und ſein Blick fiel unwillkürlich auf die beiden Medaillen. Er warf das Gewehr von ſich, ſo daß es mit lautem Geräuſch von Aſt zu Aſt bis auf die Erde herabfiel, und ſtieß einen Ausruf der höchſten Ueberraſchung ans. Marie erhob den Kopf, er⸗ blickte ihren Vater und der Schreck lähmte ihre Glieder. Im erſten Augenblick wollte ſie unwillkürlich zurücktreten und das Fenſter ſchließen, aber Pelo Ryuan hielt ſie mit einem gebieteriſchen Winke zurück, und legte einen Finger an den Mund, 1 um ihr Stillſchweigen anzuempfehlen. Didier hatte die Augen geſchloſſen und ſich den ſüßen Gedanken eines glücklichen Liebenden hingegeben. Der Kohlenbrenner kletterte auf einem der 7 5 Aeſte der Birke hin und erreichte das Strohdach der Hütte, von welchem er ſich auf das Fenſter herab ſchwang. Marie wagte keine Bewegung zu machen, und Didier ſah nichts. Pelo nahm die beiden Medaillen in die Hand und betrachtete ſie mit der größten Aufmerkſamkeit. Dann drängte er ſeine Tochter zur Seite und ging auf das Bett zu. „Tödtet ihn nicht, Vater! ach, tödtet ihn nicht!“ bat Marie weinend. Didier ſprang bei dieſen Worten im Bett empor, aber Pelo Rouan war ihm zuvorgekom⸗ men und legte ſchon ſeine ſchwere Hand auf die bloße Schulter des Kapitains. „Vater! Vater!“ rief Marie noch einmal voll Verzweiflung. „Still!“ ſagte der Kohlenbrenner leiſe. Einige Minuten lang betrachtete er ſchwei⸗ gend den Kapitain. Während er ihn anſah, ver⸗ riethen die Züge ſeines geſchwärzten Geſichts eine heftige und immer zunehmende innere Be⸗ wegung; zwei Thränen, die er lange zurückge⸗ halten hatte, traten ihm endlich in die Augen. Er ſank auf die Knie und küßte Didiers Hand mit einer liebevollen Ehrfurcht. „Was ſoll das bedeuten, mein guter Mann?“ fragte der Kapitain erſtaunt. „Es iſt auch ſeine Stimme!“ ſagte der Koh⸗ lenbrenner, der in eine Art Entzückung verſun⸗ 6* ken warz„ſeine Stimme wie ſeine Züge.. und ich hatte ihn nicht erkannt!“ Didier hielt ihn für wahnſinnig; Marie glaubte zu träumen. „Jetzt ſehe ich ein,“ fuhr Pelo Rouan, im⸗ mer mit ſich ſelbſt ſprechend fort,„jetzt ſehe ich ein, warum Vaunoy ihn ermorden wollte. Und ich ließ es geſchehen!... Wer an meiner Stelle hat ihn denn gerettet?“ „Ich,“ ſagte Marie leiſe. „Du?“ rief der Kohlenbrenner, indem er ſeine Tochter mit einem Ausbruch von Freude an ſeine Bruſt drückte;„Du, mein Kind?... Ich danke Dir, ich danke Dir vom Grund meines Herzens!... Du haſt Alles gethan was ich hätte thun ſollen: Du haſt ihn geliebt, als ich ihn mit blindem Haſſe verfolgte; Du haſt ihn errathen, während ich ihn verkannte; Du haſt ihm Dein Bett eingeräumt, und ich, ich wollte ihn ermorden!... Verzeiht mir,“ fuhr er fort, indem er zu Didier zurückkehrte, der ſtumm vor Erſtaunen war und kein Wort verſtand,„ver⸗ zeiht mir, Junker Georg!“ „Georg?“ ſtammelte der Kapitain,„Ihr irrt Euch!“ 5 „Nein, nein, ich irre mich nicht! Dieſe Me⸗ daille, welche die Vorſehung mich wieder finden läßt, habe ich ſelbſt vor zwanzig Jahren an En⸗ ren Hals gehängt, in einer fürchterlichen Nacht, — nachdem Vaunoy den Verſuch gemacht hatte, Euch zu ermorden... denn er verfolgt Euch ſchon ſeit langer Zeit, junger Herr... und ich bin ängſtlich, ſehr ängſtlich geweſen, wenn ich Euch allein mit Marien im Walde herumſchwei⸗ fen ſah! Als ob ein Treml ein armes Mädchen betrügen könnte! als ob es nicht gewiß wäre, daß in dem Herzen eines Treml Alles vereinigt iſt, was es Gutes, Edles, Großmüthiges giebt!“ „Aber,“ ſagte Didier, der noch immer un⸗ gläubig war,„in Allem, was Ihr mir da ſaget, ſehe ich noch keinen Beweis.“ „Keinen Beweis?.. Iſt Euer Auge nicht das Auge des alten Nikolas Treml, des Greiſes, deſſen Seele bei den lieben Gott iſt? Eure Stimme, Euer Alter, die Medaille, Vaunoy's Haß, der Euch Euer reiches Erbtheil geſtohlen hat.. hört!“ ſagte er plötzlich, indem er auf⸗ ſtand,„Ihr waret damals im ſechsten Jahre, und der Himmel hat mir ein Geſicht gegeben, das man nicht wieder vergeſſen kann, wenn man es einmal geſehen hat... „Ich erkenne Euch nicht,“ unterbrach ihn Didier. Pelo Ronan verließ raſch die Kammer. Man hörte in dem anſtoßenden Gemach das Geräuſch von ausgegoſſenem Waſſerz dann wurde es ſtill und in der nächſten Minute öffnete ſich wieder die Thür und ein hochgewachſener Mann, in weiße Kaninchenfelle gekleidet, und deſſes blaſſes Geſicht noch feucht war, trat ein und ſtellte ſich vor das Bett, auf welchem Didier noch immer ausgeſtreckt lag. Beim Anblick dieſes Mannes, deſſen weiße Haare ſparſam auf ſeine Schultern herabfielen, wurde Didier von einem wunderbaren Gefühl ergriffen. Er fuhr mehrere Male mit der Hand über die Stirn, als wollte er eine widerſpenſtige Erinnerung feſthalten. Der Mann ſtand vor ihm, unbeweglich und in ſichtlicher, heftiger Angſt. Endlich ſchien es in Didiers Gedächtniß hell zu werden. Eine brennende Röthe trat auf ſeine Wange und ſein Mund öffnete ſich faſt unwill— kürlich, um einen Namen auszuſprechen, den Namen: „Jean Blane!“ Pelo Ronan ſchlug mit ausgelaſſener Freude die Hände zuſammen. „Er erinnert ſich meines Namens!“ rief er mit Thränen in den Augen,„meines wahren Na⸗ mens!... Der arme junge Herr!... er erkennt mich noch!“ „Ja,“ erwiederte der Kapitain,„ich erinnere mich Deiner und noch vieler andrer Dinge.— Eine Welt von Erinnerungen beſtürmt meinen Kopf... ich irrte mich nicht, als ich geſtern die Vorhänge des Zimmers zu erkennen glaubte.“ „Es war früher das Eurige.— Ach! dem Himmel ſei gedankt, daß er es nicht zugelaſſen hat, daß der kräftige Stamm ſeinen letzten Zweig verlor! Gott und unſre heilige Jungfrau ſeien geprieſen für die Freude, von der mein armes Herz überſtrömt!“ Es entſtand eine Pauſe. Der Kapitain ver⸗ tiefte ſich in ſeine Erinnerungen. Marie lachte, weinte und dankte der heiligen Jungfrau von Mi⸗Forét. Pelo Rouan oder Jean Blane, der ſich auf die Hand ſeines jungen Herrn herabge⸗ beugt hatte, genoß das unendliche Entzücken, von dem ſein Herz erfüllt war. Nach einigen Minuten erhob ſich Jean Blane wieder. Seine Stirn war leicht gerunzelt und aus allen ſeinen Zügen ſprach ein ernſter Ent⸗ ſchluß. „Und jetzt,“ ſagte er,„Georg Treml, Ihr ſeid Bretagner und Edelmann, jetzt müßt Ihr das ganze Erbtheil Eures Vaters wieder erhal— ten: Adel und Reichthum!“ Jean Blane hatte nicht nöthig, ſeinem jun— gen Herrn eine lange Erklärung zu geben, denn er kannte den größten Theil ſeiner Geſchichte, die er aus dem Munde des ehrlichen Ind gehört hatte, ohne eine Ahnung davon zu haben, daß zwiſchen ihm, dem Kapitain Didier, den nur das Glück erhoben hatte, und dem Repräſentanten einer mächtigen Familie die geringſte Gemein— ſchaft ſtattfinden könne. Die Verhältniſſe, ſagt man, bilden die Men⸗ ſchen. Dieſer Anusſpruch iſt in einem gewiſſen Sinne wahr, und ſcheint uns der Menſchheit zu großem Lobe zu gereichen. Wer mag lengnen, daß der Sohn eines vornehmen Hauſes, der durch einen ſchändlichen Betrug ſeines Eigen⸗ thums beraubt worden und der der Beſchützer einer ganzen leidenden Bevölkerung iſt, ſich nicht auf eine andre Art benehmen muß, als ein ſorg— loſer Soldat, deſſen ganzer Lebenszweck darin beſteht, daß er ſich immer tüchtig ſchlägt, und ſich, wenn erGelegenheit dazu hat, luſtig macht? Indem Didier ſich in Georg Treml verwan⸗ delte, fühlte er in ſeiner Bruſt eine ihm bisher unbekannte Würde erwachen. Er errieth, was ſein Name und das Gedächtniß ſeiner Voreltern von ihm forderte. Bisher war er tapfer geweſen, jetzt wurde er ſtark. „Ich will nach la Tremlays gehen,“ ſagte er,„und werde Genugthuung von Vaunoy er⸗ halten.“ „Ich hoffe es,“ erwiederte Jean Blanc mit einem Lächeln, deſſen Sinn der Kapitain nicht verſtand;„geht nach la Tremlays, Herr Sautg und erwartet dort Herrn von Vaunoh⸗ 6 Ehe der Kapitain ſich von Jean Blane nt „drückte er ihm noch einmal die Hand. „ E „Es muß ein edles Geſchlecht ſein, das Ge⸗ ſchlecht der Treml,“ ſagte er,„und ich bin ſtolz darauf, von dieſem edlen Blute etwas in meinen Adern zu haben. Es iſt keine gewöhnliche Fa⸗ milie, welche ſolche Diener hat, wie Ihr ſeid. Jean Blane, ich danke Euch!“ „Jud hat noch mehr gethan als ich“ erwie⸗ derte der Albinv beſcheiden,„Ind iſt für Euch geſtorben, der brave Mann. Er hat es verdient, Herr Georg; er liebte Euch ſo ſehr!“ „Armer Jud!“ ſagte Didier,„er war ein treues, reines Herz.“ „Er war ein Bretagner,“ unterbrach ihn Jean Blane.„Uebrigens, junger Herr, müßt Ihr es jetzt vergeſſen, daß Ihr die Uniform Frank⸗ reichs getragen habt. Die Gebeine Eures Groß⸗ vaters bleichen dort und würden ſich gegen Euch erheben, wenn Euer Degen dem Könige von Pa⸗ ris gewidmet bliebe.“ Der Kapitain antwortete nicht. Er gürtete ſein Wehrgehänge um die Hüften, drückte den Hut auf den Kopf und wollte ſich entfernen. Auf der Schwelle ſtand Marie, die ſich an die Wand ſtützte und ihr heiteres Lächeln verloren hatte. Ein trauriger Gedanke hatte ihre Freude her⸗ abgeſtimmt. Sie hatte ſich gefragt, was die Toch⸗ ter des Kohlenbrenners dem Erben Tremls ſein könne. Als der Kapitain bei ihr vorbeiging, drückte er ſie noch einmal an ſein Herz. „Lieber Jean,“ ſagte er lächelnd,„Ihr hät⸗ tet ſehr unrecht gethan, mich zu ermorden, denn ich, der früher manche vornehme Dame wie ein gemeines Mädchen behandelt hat, habe Marien wie eine vornehme Dame behandelt und wenn mir Gott das Leben läßt, ſoll ſie von jetzt an Jedermann ſo behandeln.“ Marie wurde wieder froh und der Kapitain ging. Pelo Rouan trat zu ſeiner Tochter und küßte ſie auf die Stirn. „Mein Kind,“ ſprach er mit ernſter und trauriger Stimme,„Du biſt meine einzige Freude auf dieſer Welt, und ich liebe Dich, wie ich die Erinnerung an Deine Mutter liebe. Aber hoffe auf nichts. Es hat noch kein Treml eine Mißheirath geſchloſſen, und ſo lange ich lebe, wird meine Tochter nicht ſeine Gattin!“ Marie erbleichte und ließ das blonde Köpf⸗ chen auf die Bruſt ſinken. „So muß ich alſo ſterben?“ lispelte ſie. „Gott wird Dir die Gnade erzeigen zu ver⸗ geſſen,“ erwiederte Pelo Rouan,„und überdies gehört unſer Leben Treml.“ Er legte ſeine Kohlenbrennerkleidung wieder an, ſchwärzte ſein Geſicht, und nachdem er Ma⸗ rien noch einmal auf die blaſſe Wange geküßt hatte, verließ auch er die Hütte. Marie ſank vor dem Bildniſſe der heiligen Jungfrun auf die Knie, dann entſchlummerte ſie, von ihren Thränen und den Anſtrengungen der Nacht erſchöpft. „ 5. Das Gericht der Wälfr. Zwei Stunden ſpäter boten die unterirdiſchen Gewölbe der Wolfsſchlucht einen ſonderbaren, faſt feierlichen Anblick dar. Man bemerkte nicht mehr die Unordnung, welche hier herrſchte, als wir das erſte Mal die Höhle beſuchten; die Wölfe bildeten, regelmäßig aufgeſtellt, maskirt und bewaffnet, ols ob ſie zur Schlacht gehen wollten, einen weiten Kreis um den Tiſch der Aelteſten. Dieſe waren ohne Waf⸗ „ fen, und ſaßen, vier auf jeder Seite des Tiſches, neben einem um zwei Stufen erhöhten Sitze, auf welchem der weiße Wolf thronte. Ein tiefes Schweigen herrſchte in der Höhle. Nach einigen Minuten öffnete ſich der Kreis und machte einem bleichen, zitternden Manne Raum, aus deſſen Geſichtszügen Todesangſt ſprach. Dieſer Mann war Hervé von Vaunoh. Zwei Wölfe führten ihn bis an den Tiſch, an welchem die Aelteſten, unter dem Vorſitze des Königs der Wölfe, des weißen Wolfes, ſaßen. „Meiſter,“ begann einer der Greiſe, indem er ſich ehrerbietig an den Letzteren wandte,„Dein Wille iſt befolgt worden. Hier ſteht der Mörder vor unſrem Gericht. Willſt Du, daß er verhört werde?“ „Ich will es!“ antwortete der weiße Wolf. Der Vater Tuuſſaint ſtand auf. „Hervé von Vaunoy,“ ſagte er,„zwanzig unſrer Brüder haben durch Dich ihr Leben ver⸗ loren; ihr Blut klagt Dich an, und Du mußt ſterben, wenn Du Deine Unſchuld nicht beweiſen kannſt.“ „Wir haben einen Vergleich abgeſchloſſen,“ ſtammelte Vaunoy;„ich habe meine Verpflich⸗ tungen erfüllt, Ihr habt die fünfmalhunderttau⸗ ſend Livres. Warum haltet Ihr Euer Wort nicht.“ „Unſer Wort iſt nichts,“ erwiederte der Va⸗ ter Touſſaint;„das Wort des Meiſters iſt Alles, und Du hatteſt das Wort des Meiſters nicht. Vertheidige Dich beſſer und ſchnell.— Yaumi,“ fügte der alte Wolf hinzu, ohne die geringſte Be⸗ wegung zu zeigen,„bringe einen Strick in Be⸗ reitſchaft.“ 85 Ein eiskalter Schweiß bedeckte Vaunoy's Geſicht. „Lieben Freunde!“ bat er,„habt Mitleiden mit mir!... Man hat mich gegen Euch ver⸗ leumdet; ich habe meine armen Unterthanen im Walde immer zärtlich geliebt. In Zukunft werde ich noch mehr für ſie thun, ich will...“ „Schweig!“ unterbrach ihn die ſtrenge Stimme des weißen Wolfs,„Du lügſt!“ „Iſt der Strick bereit, Yaumi?“ fragte der Vater Touſſaint mit der größten Ruhe. Yaumi bejahte, und als Vaunoy ſich nach ihm umwendete, ſah er in dem Halbdunkel, wel— ches hinter den gedrängten Reihen der Wölfe herrſchte, in der That einen Strick von der Decke herabhängen. Ein convulſiviſches Zittern ergriff ſeinen ganzen Körper. „Ihr Hunde!“ heulte er mit der Wuth, welche die aufs Höchſte getriebene Angſt verleiht, „mit welchem Rechte verurtheilt Ihr mich, den Edelmann und Euren Herrn?... Ich werde gerächt, Eure Höhle wird zerſtört werden, Ihr werdet... Nein, nein! meine theuren Freunde, meine Gedanken verwirren ſich!... Gnade! Gnade! um des Himmels willen!... Ich habe Euch nie etwas Böſes gethan, man hat Euch belogen... wenn Ihr mein Verfahren in der Nähe geſehen hättet...!“ „Das eben iſt Dein Verderben,“ ſagte der alte Tonſſaint.„Zu Deinem Unglück kennen wir Dich nur zu gut.“ „Ihr irrt Euch,“ entgegnete Vaunoy;„bei meiner Seligkeit, Ihr verkennt meine Geſinnun⸗ en für Euch.— Wenn Ihr Bechameil fragen Se h n hamei 8 könntet... oder meinen Haushofmeiſter... oder meine Leute... Nur einen Aufſchub, meine Freunde!... gewährt mir nur einen Aufſchub, damit ich mich vertheidigen kann!“ „Du willſt, daß wir Deine Leute fragen ſol⸗ len?“ entgegnete Touſſaint ironiſch. „Ja, das will ich,“ rief Vaunoy, indem er ſich an dieſer ſchwachen Hoffnung emporrichtete* und überdies Zeit zu gewinnen wünſchte;„Alle werden Euch ſagen, welche zärtliche Liebe ich zu den Bewohnern des Waldes habe...“ „Es ſei,“ unterbrach ihn der Vater Touſſaint; „dies können wir Dir nicht abſchlagen.“ Vaunoy athmete freier. „Tretet näher,“ ſprach Tonſſaint zu den bei⸗ den Wölfen, welche Vaunoy herbeigeführt hatten. Die beiden Wölfe traten an den Tiſch, und auf einen Wink des Greiſes ließen ſie ihre Pelz— masken fallen. Vaunoy ſtieß einen Angſt⸗ ſchrei aus. „Yvon!“ murmelte er dann;„Cprentin!“ „Nun,“ ſprach Touſſaint weiter,„Deine Leute werden uns von Deiner zärtlichen Liebe erzählen. „Gnade!“ unterbrach ihn Vaunoy, indem er auf die Knie fiel. Das Tribunal berathſchlagte eine Minute lang; der weiße Wolf aber nahm keinen Theil daran. „Hervé von Vannoy,“ ſagte dann der alte Touſſaint mit langſamer, feierlicher Stimme, „die Wölfe verurtheilen Dich, durch den Strick zu ſterben, und Du wirſt gehängt werden, wenn der Meiſter nicht eine andre und beſſere Mei⸗ nung hat.“ Der weiße Wolff ſtand auf. „Es iſt gut,“ ſagte er.„Yaumi, bleibe bei dem Strick, Ihr Anderen entfernt Euch.“ Dieſer Befehl wurde wie durch Zaubergewalt ansgeführt. Die Höhle wurde in der Ferne er— leuchtet und ließ ungeheure Gänge und endloſe Gewölbe ſehen. Die Wölfe entfernten ſich nach verſchiedenen Seiten, und bald erſchienen ihre Fackeln nur noch wie leuchtende Punkte, während ſie ſelbſt, durch die Entfernung verkleinert und mitten in der Dunkelheit ſeltſam beleuchtet, zwar Weſen von menſchlicher Geſtalt aber von einer phantaſtiſchen Kleinheit zu ſein ſchienen, wie Erd⸗ männchen, oder wie jene ſonderbaren Geſpenſter, welche im Mondſchein auf der Haide um die — einſamen Kreuze einen Tanz aufführen, und von denen die Erzählung in der Gegend von Rennes in Aller Munde iſt. Vaunoy lag noch immer auf den Knien. Der weiße Wolf ſtieg die Stufen ſeines Thro⸗ nes herab und näherte ſich ihm. „Stehe auf!“ ſagte er, indem er Vaunoy mit dem Fuße ſtieß Dieſer gehorchte. „Dein Leben iſt verwirkt,“ fuhr der weiße Wolf fort,„wenn ich nicht mit meiner höchſten Antorität zwiſchen Dich und den Galgen trete.“ „Für welchen Preis kann ich mein Leben er— kaufen?“ „Dein Leben?“ wiederholte der Wolf mit einem ſonderbaren Ausdruck.„Für keinen Preis in der Welt verkaufe ich Dir Dein Leben, Hervé von Vaunoy, Mörder meines Vaters und mei— nes Weibes!“ „Ich?.. ich?... ich kenne Euch gar nicht!“ Der weiße Wolf hob ſeine Maske empor. „Ihr?“ rief Vannoy in höchſter Beſtürzung, „Jean Blane!“ „Du glaubteſt mich ſchon längſt unter der Erde, nicht wahr?“ fragte der König der Wölfe; „Du erwarteteſt nicht, in dem ſtarken und mäch⸗ tigen Manne den Wurm wiederzufinden, den Dein Fuß früher ſo unbarmherzig zertrat?— — 65— Gott hat mich in ſeinen Schutz genommen; nicht für mich, wie ich glaube, ſondern für den Sohn Tremls, den letzten Sprößling eines ritterlichen und chriſtlichen Geſchlechts.“ „Den Sohn Tremls?“ wiederholte Vaunoy, zu deſſen Angſt ſich ein Anfang von Neugierde geſellte. „Er iſt auch Einer, den Du haſt ermorden wollen. zwei Mal!“ Vaunoy glaubte, der weiße Wolf habe einen Verſuch vergeſſen. „Zwei Mal!“ wiederholte Jean Blanc. „Unſinniger, Du wußteſt nicht, daß dieſes Kind Dein Schild war! Du wußteſt nicht, daß, ſo⸗ bald es nicht mehr am Leben war, nichts mehr zwiſchen Deiner ſchändlichen Bruſt und der Ku⸗ gel aus dem alten Gewehr meines Vaters ſtand! Wie oft habe ich es im Walde auf Dich angelegt, Hervé von Vaunoy!“ Vaunoy bebte in Todesangſt. „Wie oft wenn Du durch die großen Alleen des Waldes ritteſt, allein oder mit Deinen Die⸗ nern, welche nicht im Stande waren, Dich gegen eine gut gezielte Kugel zu ſchützen, habe ich mein Gewehr an die Schulter geſetzt und Dich aufs Korn genommen!... Aber eine geheime Stimme hielt mich immer zurück. Ich glaubte, daß ich Deiner bedürfen würde, um Georg Treml auf⸗ zufinden, und ich verſchonte Dich⸗ Ich habe Der Wald von Rennes. III. 7 wohl daran gethan und danke der heiligen Jung⸗ fran dafür. Die Zeit iſt gekommen, wo der recht⸗ mäßige Erbe Tremls Deines Lebens und Deines Zeugniſſes bedarf.“ „Wißt Ihr denn, wo er iſt?“ fragte Vau⸗ noy leiſe. „Er iſt im Hauſe ſeines Vaters, im Schloſſe la Tremlays.“ „Wie?“ ſagte Vaunoy erſtaunt. „Ja,“ erwiederte der weiße Wolf;„aber diesmal ſollſt Du ihn nicht ermorden.— Ich will mich kurz faſſen. Willſt Du lebendig und unverletzt von hier fortgehen?“ „Um jeden Preis!“ erwiederte Hervé, der einmal ſeine wahren Gedanken ausſprach. „Wir wollen uns verſtändigen. Ich ſchenke Dir das Leben nicht. Du bleibſt mein Eigen⸗ — thum, für die Ehre meines Vaters, für die Ehre und das Blut meines Weibes. Nur gewähre ich Dir eine Friſt und die Möglichkeit, meiner Rache zu entgehen. Was ich dagegen verlange iſt Folgendes.“ Mit dieſen Worten zeigte Jean Blane das auf dem Tiſche ſtehende Schreibzeug und fuhr fort: „Ich werde dietiren, ſchreibe: „Ich, Hervé von Vaunoy, erkläre hiermit, „daß ich in der Perſon des Herrn Didier, Ka⸗ „pitain im Dienſte Seiner Majeſtät des Königs „von Frankreich und Navarra, Georg Treml, den, — ,— „Enkel und rechtmäßigen Erben Nikolas Tremls „von la Tremlays, Herrn von Bouexis⸗en⸗Forét „und meines verſtorbenen hochverehrten Vetters, „anerkenne. Dieſes beſtätige ich durch meines „Namens Unterſchrift.“ Vaunoy zögerte nicht einen Augenblick. Er ſchrieb und unterzeichnete mit feſter, geläufiger Hand, ohne nur eine Silbe auszulaſſen. „Und jetzt,“ ſagte er dann,„bin ich frei?“ Jean Blane buchſtabirte mit Mühe die Er⸗ klärung zuſammen und ſteckte ſie dann in die Taſche. „Du biſt frei,“ erwiederte er,„aber vergiß nichts und hüte Dich! Jetzt brauche ich Dich nicht mehr. Verwahre Deine Bruſt wohl, denn ſie iſt nicht mehr gegen meine Rache geſchützt.— Geh!“ Vaunoy ließ ſich dies nicht zweimal ſagen. Er ging aufs Gerathewohl nach einer der erleuch⸗ teten Stellen zu. „Nicht dorthin,“ ſagte Jean Blanc.„Yau⸗ mi, verbinde ihm die Augen und führe ihn aus der Schlucht.— Noch ein Wort, Herr von Vau⸗ noy! Ihr werdet in la Tremlays Georg Treml, den Sohn Eures Wohlthäters, das Oberhaupt Eurer Familie finden. Wenn noch ein einziger Tropfen dieſes edlen Blutes in Euren Adern fließt, was ich bezweifle, ſo erkennt ihn ſogleich — an, glaubt es mir, und begegnet ihm, wie es ihm geziemt.“ Yaumi verband Vaunoy die Augen und er⸗ griff dann ſeinen Arm. So ſtiegen Beide die feuchten, ſchlüpfrigen Stufen wieder empor, welche von der Oberwelt in dieſe unterirrdiſchen Räume führten. Vaunoy fühlte einen Strom reiner Luft, und bemerkte einen hellen Schein durch die Binde, welche ſeine Augen bedeckte. Mit Ent⸗ zücken athmete er auf und konnte einen Ausruf der Frende nicht unterdrücken. „Ihr habt Grund Euch zu freuen,“ ſagte Yaumi zu ihm.„Ich glaube, Ihr ſteht unter dem Schutze des Teufels, denn wo Ihr durch⸗ gekommen ſeid, würde ein ehrlicher Mann ſeine Knochen zurückgelaſſen haben. Aber gleichviel. Ihr ſeid zweimal dem Tode entlaufen und an Eurer Stelle würde ich damit genug haben.“ „Dein Rath iſt nicht ſchlecht, Freund,“ er⸗ wiederte Vaunoy, der ſich nach und nach erholte; „ich werde noch etwas Beſſeres thun: ich werde meine Schlöſſer la Tremlays und Bouexis⸗en⸗ Forét und alle meine Grundſtücke verkaufen, und ſo weit von hier weggehen, daß ich hoffentlich nichts mehr von den Wölfen hören werde.— Gott befohlen!“ Yaumi folgte ihm mit den Augen, während Vaunoy mit eiligen Schritten ſich zwiſchen den Bäumen verlor. * v „ „Ich will des Teufels ſein, wenn ich nicht beſſer gethan hätte, ihn das erſte Mal, als ihm ſchon der Strick um den Hals gelegt war, auf⸗ hängen zu laſſen!“ brummte er vor ſich hin. „Aber der Meiſter hatte ſeine Anſicht, und er iſt klüger als wir.“ Vaunoy eilte, ſo ſchnell ihn ſeine Füße zu tragen vermochten, ohne Aufenthalt durch das Gehölz. Er ſah ſich auf dem ganzen Wege nicht ein einziges Mal um, und oft überlief ihn ein Schauder, wenn er die Zweige eines Geſträuchs ſich bewegen ſah. Unterwegs begegnete ihm nichts. Als er ſich endlich zwiſchen der Doppelreihe ſchöner Eichen befand, welche die nach la Trem⸗ lays führende Allee bildeten, nahm er den Hut ab und trocknete ſeine von Schweiß triefende Stirn, indem er in vollen Zügen die friſche Wald— luft einathmete. „Beim heiligen Gott!“ ſagte er vor ſich hin, „zweimal in achtundvierzig Stunden den Strick um den Hals, das iſt ein ſchlechtes Leben! Ich werde thun, was ich geſagt habe: ich werde die Bretagne verlaſſen. Mit dem Gelde, welches ich für die Beſitzungen Tremls erhalte, bin ich über⸗ all ein reicher Mann.— Aber wer hätte gedacht, daß dieſer verrückte Jean Blane noch lebte! Beim heiligen Gott! wenn ich ihn in meine Gewalt bekomme, ſoll er ſein Gewehr nicht wieder auf — 5 mich anlegen, weder im Walde noch auf der Ebene!“ Einige Minuten lang ſetzte er ſchweigend ſei⸗ nen Weg fort, dann blieb er plötzlich ſtehen, und ſeine ſchmalen Lippen öffneten ſich zu einem fren⸗ digen Lächeln. „Bei Lichte beſehen,“ ſagte er,„bin ich wohl⸗ feil davon gekommen. Meine Erklärung kann dem kleinen Georg Treml einen Namen geben, wenn das Parlament und Herr von Bechameil nicht Mittel finden, ſeine Anmaßungen herabzu⸗ ſtimmen, wozu alle Hoffnung vorhanden iſt; aber dieſer Wiſch kann mich nicht um meine Beſitzung bringen. Ich habe ein Verkaufsdokument in beſter Form Rechtens; heiliger Gott! ich habe Freunde im Parlament, und ein zwanzigjähriger Beſitz iſt auch etwas werth. Gewiß, es wäre mir lieber, der Herr Kapitain wäre todt, als am Leben; da ihn aber der Zufall beſchützt, ſo mag er leben; ich waſche meine Hände und ſchwöre, daß er von mir nie einen Heller von ſeiner Erb⸗ ſchaft erhalten ſoll!“ Während Herr von Vaunoy dieſes intereſ⸗ ſante Selbſtgeſpräch fortſetzte, erreichte er das Thor ſeines Schloſſes und trat ein. Jean Blane blieb, nachdem ſein Gefangener die Höhle verlaſſen hatte, noch einige Minuten in Nachdenken verſunken; dann ſchwärzte er ſich — . mit Yaumi's Beiſtande, der zurückgekommen war, — 3 das Geſicht, und legte ſeine Kohlenbrennerklei⸗ dung wieder an. Nachdem er dies gethan hatte, verließ er das unterirdiſche Gewölbe, ſtieg den Abhang der Wolfsſchlucht hinab und trat in die Höhlung der alten Eiche. Er hatte Werkzeug zum Aufgra⸗ ben der Erde mitgenommen. 1 Jeun Blanc. Als Didier auf dem Schloſſe la Tremlahs ankam, war Hervé von Vaunoh abweſend. Das Schloß hatte das Anſehen einer mit Sturm eingenommenen Feſtung, und der junge Kapitain war höchſt erſtaunt, als er erfuhr, was in der verfloſſenen Nacht vorgefallen war. Jean Blane und Marie hatten ihm nur er— zählt, was ſich unmittelbar auf ihn ſelbſt bezog, nämlich den nächtlichen Ueberfall, Juds Tod und ſeine eigene Reitung durch die beiden jungen Mädchen. Er wußte nichts von dem Raube der — fünfmalhunderttauſend Livres, und überhanpt nur ſehr wenig von dem Unternehmen der Wölfe. Der Erſte der ihm begegnete, als er den Fuß in das Schloß geſetzt hatte, war der königliche Intendant. Der arme Bechameil hatte die glän⸗ zenden Roſen ſeiner Wangen verloren; er war bleich und ſeine niedergeſchlagene Miene verrieth einen tiefen Kummer. Er war es, der dem Ka⸗ pitain die Ereigniſſe der vergangenen Nacht er⸗ zählte, was er ſehr ausführlich und im kläglich⸗ ſten Tone that. „Es iſt Verrath im Spiele geweſen,“ ſprach er zuletzt;„die Infanterie und die Soldaten der Marechauſſee ſind ſchändlicherweiſe verhindert worden, ihre Pflicht zu thun, und dies koſtet mich fünfmalhunderttauſend Livres, Herr Ka⸗ pitain.“ „Es iſt in der That Verrath im Spiel ge⸗ weſen,“ erwiederte der Kapitain.„Haben Sie keinen Verdacht? wiſſen Sie nicht, wer der Ver⸗ räther ſein kann?“ Bechameil tauchte die Finger in ſeine Schild⸗ krotdoſe und ſah den Kapitain von der Seite an. „Verdacht?“ wiederholte er,„ich weiß es nicht. Ich habe fünfmalhunderttauſend Livres verloren, das iſt eine traurige Gewißheit.— Herr Kapitain, ich würde ein halbes Jahr mei— nes Lebens darum geben, wenn ich wüßte, daß — 3 . — Sie eine ſchöne und reiche Beſitzung Ihr Eigen⸗ genthum nennen könnten.“ „Warum dies?“ fragte Didier erſtaunt. „Weil ich fünfmalhunderttauſend Livres ver⸗ loren habe, und das Parlament, da Sie arm ſind, nichts thun kann, als Sie hängen oder köpfen zu laſſen.— Ich ſage dies, Herr Kapi⸗ tain, ohne Sie beleidigen zu wollen, und mit aller Hochachtung, die ich Ihnen als Offizier des Königs ſchuldig bin.“ „Wer könnte mich anklagen?“ rief Didier. „Wer?“erwiederte Bechameil mit traurigem Tone,„wer anders als ich könnte ſich dieſe Mühe nehmen? Ich allein bin das Opfer, und es würde ſehr lange dauern, Herr Kapitain, ehe Sie mir meine fünfmalhunderttauſend Livres von den Ein⸗ künften Ihres Poſtens zurückerſtatten könnten.“ Didier befand ſich in einer Stimmung, wo das Herz dem Zorne gleichſam unzugänglich iſt. Es war eine zu ernſte Kriſis in ſeinem Leben eingetreten, als daß er Luſt haben ſollte, ſeinen Verdruß an einem Menſchen, wie Herr von Bechameil, zu verſchwenden. Im Gegentheil war er geneigt, Mitleiden mit dieſem Kummer zu ha⸗ ben, der jedenfalls hinreichend begründet war, und den Kopf noch voll von den Mittheilungen Jean Blanes, antwortete er dem Intendanten ohngefähr ſo, wie er einem vernünftigen Manne geantwortet haben würde, und gab ihm zugleich zu verſtehen, daß eine große Veränderung in ſei⸗ nen Vermögensverhältniſſen eintreten werde. Bechameil zuckte mit den Achſeln. „Vielleicht eine kleine bürgerliche Erbſchaft,“ ſagte er;„fünfhundert Livres Rente? Gleichviel, wenn es möglich iſt, ſie mit Beſchlag zu belegen, ſo werde ich es thun.— Aber wenn Sie mit auch meine fünfmalhunderttauſend Livres bis auf den letzten Sous zurückerſtatten könnten, ſo würde unſre Rechnung deshalb noch nicht geordnet ſein, Herr Kapitain.“ „In wiefern?“ fragte Didier, der ſich nicht einmal die Mühe nahm, auf das, was der In⸗ tendant wegen des geraubten Geldes geſagt hatte, zu antworten. „In wiefern?“ rief Bechameil, der durch die Ruhe des Kapitains muthiger gemacht worden war;„Sie können nach ftagen?— Ich war Bräutigam des Fräuleins Alir von Vaunoh!“ „Nun?“ „Dieſen Morgen fand ich ſie, nur halb be⸗ kleidet, in dem Zimmer, welches Sie inne hatten; ſie betete neben dem Leichnam Ihres Bedienten.— Verlangen Sie von mir keine Erklärung über dieſen Mord. Dieſes Haus iſt eine Mörder⸗ grube und ich würde keine Nacht mehr unter deſſen Dach bleiben, wenn es mir nicht darum zu thun wäre, meine fünfmalhunderttanſend Li⸗ vres wiederzuerhalten.— Alir betete. Ich ge⸗ —— brauchte die Rechte, die ich zu haben glaubte, und bat ſie, in ihr Zimmer zu gehen. Sie ſprach mit mir von Ihnen— ich glaube, ſie phanta⸗ ſirte— in Ausdrücken, die mir keinen Zweifel über mein Unglück laſſen.“ „Arme Alir!“ ſagte der Kapitain.„Glau⸗ ben Sie nichts, Herr Intendant, was der Ehre des Fräulein von Vaunoy zu nahe treten könnte,“ fügte er in ernſtem Tone hinzu. „Ich habe Gewißheit genug, ohne nöthig zu haben, mich mit Vermuthungen zu begnügen,“ erwiederte Bechameil.„Fünfmalhunderttauſend Livres und meine Braut! denn ſie hat mir ge⸗ ſagt, daß ſie lieber ins Kloſter gehen werde, als mich zu heirathen.“ Bei den letzten Worten, welche der königliche Intendant mit kläglicher Stimme ſprach, zog er ſeine Uhr aus der Taſche und blickte gen Himmel. „Eilf Uhr!“ murmelte er.„Sie werden ſehen, daß in dieſer Verwirrung kein Menſch an das Frühſtück gedacht hat!“ Er begrüßte Didier eiligſt und ſchlug den Weg nach den Küchen ein. Didier blieb nachdenkend zurück. Es war augenſcheinlich, daß Herr von Bechameil nicht der Einzige ſein würde, der ihn anklagte. Die Steuergelder waren ſeiner Obhut übergeben. Um die Schuld von ſich abzuwälzen, gab es — 100— unr ein einziges Mittel: er mußte das ſchändliche Verfahren Hervé's von Vaunoy an den Tag bringen. Aber Alir! Alix, die ihn gerettet hatte! Alir, die ihn liebte, und die er ſchon ſo unglücklich machte. Didier ſtieß dieſen Gedanken weit von ſich und erwartete nun mit deſto größerer Unge⸗ duld die Zurückkunft des Herrn von la Tremlays. Mechaniſch ſchlug er den Weg nach ſeinem Zimmer ein. Als er über den Hof ging, fielen ihm eine Menge Gegenſtände in die Augen, die er früher nicht beachtet, und weckten Erinnerungen in ihm, die lange in ſeiner Bruſt geſchlummert hatten. Er glaubte die Bildhauerarbeiten der Fagade und die edlen Farben des Wappenſchil⸗ des wiederzuerkennen. Die Thür ſeines Zimmers ſtand weit offen. Er trat hinein. Auf ſeinem Bett lag der entſeelte Körper des braven Stallmeiſters Jud. Eine Frau kniete vor dem Bett, und betete mit lauter, langſamer Stimme die Verſe des de profundis. Es war Frau Goton Rehon, die ihrem alten Freunde die letzte fromme Pflicht erzeigte. Didier entblößte ſein Haupt und trat näher. Als die Wirthſchafterin das Klirren ſeiner Spo⸗ ren hörte, wendete ſie ſich um. Sie hatte den Kapitain noch nicht geſehen, und ſein Anblick machte einen Eindruck auf ſie, deſſen Grund ihr —— noch ein Geheimniß war. Didier blieb vor dem Bett ſtehen, und betrachtete lange ſchweigend Juds Züge, denen der Tod ihren Ausdruck von Feſtigkeit und unerſchütterlicher Ruhe nicht hatte nehmen können. „Armer Jud!“ ſagte er nach einigen Minu⸗ ten vor ſich hin;„es iſt nicht Gottes Wille ge⸗ weſen, daß er an das ſo heiß erſehnte Ziel ge⸗ langen ſollte!— Er iſt geſtorben, ehe er den Sohn ſeines Herrn wiedergefunden hat! der Tod hat ihn einen Tag zu früh erreicht!“ Die alte Wirthſchafterin fing an zu zittern. „Gnädiger Herr,“ ſagte ſie,„meine Augen ſind vom Alter geſchwächt, uno es ſind zwanzig Jahre her, ſeitdem ich Georg Treml zum letzten Male geſehen habe; aber... um des Himmels willen! wer ſind Sie?“ Man hörte das Knarren der verroſteten An⸗ geln des äußeren Thores. Didier eilte an das Fenſter und ſah, daß Vaunoy eben in den Hof trat. „Wer ſind Sie?“ fragte Frau Goton noch einmal, indem ſie die Hände faltete. „Erinnert Ihr Euch denn auch noch an Treml?“ fragte der Kapitain. „Wie ſollte ich mich ſeiner nicht erinnern, großer Gott!“ „Nun, liebe Frau, ſo folgt mir; Ihr wer— — 102— det hören, wie der Herr von la Tremlays mir den Namen giebt, der mir gebührt.“ Didier verließ das Zimmer, ging mit großen Schritten über den Gang, und kam in den Sa⸗ lon, in welchen Herr von Vaunoy eben einge— treten war. Die alte Goton folgte ihm in be⸗ ſcheidener Entfernung. Im Salon befanden ſich Fräulein Olivia von Vaunoy, Herr von Bechameil und der In⸗ fanterieoffizier aus Rennes. Der Letztere redete Didier ſogleich an. „Herr Kapitain,“ ſagte er zu ihm,„geſtern Abend während des Soupers ſind Sie einge⸗ ſchlafen. Das ging nicht natürlich zu. Wäh⸗ rend Sie geſchlafen haben, iſt das Schloß geplün⸗ dert worden. Ich bin in mein Zimmer einge⸗ ſchkoſſen worden und meine Leute waren in einer verſchloſſenen Scheune eingeſperrt. Was ſagen Sie dazu?“ „Ich werde Ihnen dieſen Abend antworten,“ erwiederte Didier, indem er ſich Herrn von Vau⸗ noy näherte. Dieſer nahm ſein freundlichſtes Lächeln an. „Heiliger Gott, mein junger Freund!“ rief. er, indem er ihm mit offenen Armen entgegen ging;„ich habe eben Dinge vernommen, die mir „ außerordentliche Freude gemacht haben. Die Bretagne findet in Ihnen einen ihrer alten, be⸗ gne ſi h h„ rühmten Namen wieder, und ich den Sohn eines —— 0 geliebten Verwandten. Umarmen Sie mich, mein theurer Vetter!— Herr von Bechameil, Fräulein Schweſter, und Alle hier Anweſende, ich kündige Ihnen an, daß der wahre Name dieſes thenren Kapitains Georg Treml iſt...“ „Von la Tremlays, Herr von Boucxis⸗en⸗ Forét,“ fügte Georg ſelbſt hinzu. Die alte Goton, die ſich bis an die Thür ge⸗ wagt hatte, lehnte ſich an die Wand. Ihre Füße waren von der heftigen Erſchütterung ge⸗ lähmt und verſagten ihr den Dienſt. „Ich hatte es errathen!“ ſagte ſie vor ſich hin, indem ſie mit dem Rücken ihrer Hand über die thränenden Angen fuhr.„Ach! ſo hoffte ich immer, ihn wiederzuſehen!... ſchön, ſtark, den Degen an der Seite, mit ſtolzer, hoch erhobener Stirn, wie es ein Vretagner von gu⸗ tem Blute ſein muß!“ Fräulein Olivia ſpielte mit ihrem Fächer. Die ſchöne Dame beſaß eine beſondere Geſchick⸗ lichkeit in dieſer intereſſanten Beſchäftigung. Herr von Bechameil machte große Augen. „Alle Teufel!“ dachte er,„wie es ſcheint, iſt er kein Bettler!“ „Dies waren die Namen und Titel Ihres hochgeehrten Großvaters, mein junger Freund,“ ſagte Vaunoy als Antwort auf die letzte Aeuſ— ſerung 86 Kapitains. —— „Und ſie werden auch die meinigen ſein, Herr von Vaunoy,“ ſprach Georg mit Feſtigkeit. „Gut geſagt!“ dachte Frau Goton, welche jedes Wort, jede Bewegung ihres jungen Herrn bewunderte. „Herr Vetter,“ entgegnete Vaunoy, indem er ſein ſchmeichelndes Lächeln bei Seite ſetzte,„ich glaube, daß Sie Sich eine falſche und ſehr über⸗ triebene Idee von Ihrer neuen Stellung machen.“ „Bin ich nicht der Erbe meines Großva⸗ ters?“ „Gewiß aber„ „Was aber?“ fragte Georg ungeduldig. „Was aber?“ wiederholte ganz leiſe Frau Goton triumphirend. Selbſt der Herr Intendant war von dem gu⸗ ten Rechte des Kapitains ſo feſt überzeugt, daß er zu ſich ſelbſt ſagte: „Was aber?“ Hervé von Vaunoy nahm ſeine lächelnde Miene wieder an. „Mein junger Freund,“ ſagte er,„die Hef⸗ tigkeit iſt oft ſchädlich, nie aber nützlich. In meinem Alter ſpricht man nicht ohne Ueberle— gung.— Glauben Sie mir, die Erbſchaft Niko⸗ las Tremls, deſſen vortreffliche Seele Gott in ſein Paradies aufgenommen haben möge, wird Sie nicht ſehr bereichern.“ Der Kapitain fühlte, daß ihm die Röthe des — 105— Zornes ins Geſicht ſtieg. Er näherte ſich Vau⸗ noy, ſo daß er nur von ihm gehört werden konnte. „Unter Ihrem Dache,“ ſagte er mit unter⸗ drückter aber von Wuth bewegter Stimme,„lebt eine Perſon, die ich eben ſo ſehr hochachte, wie ich Sie verachte, die ich eben ſo liebe, wie ich Sie haſſe.— Danken Sie dem Himmel, einen ſolchen Schutzengel zu beſitzen, denn ich kenne Sie. Ich trage die Spuren Ihrer hinterliſtigen Angriffe an mir; ich weiß, wie oft Sie mich ha⸗ ben ermorden laſſen wollen... ich weiß, daß noch dieſe Nacht...“ „Warum ſprechen Sie nicht laut, lieber Herr Vetter?“ fragte Vaunoy, indem er ſeine ganze Frechheit aufbot. „Elender!“ fuhr Georg fort, ohne die Stimme zu erheben;„Du weißt wohl, daß Deine Toch⸗ ter zwiſchen uns ſteht... Deine Tochter, die eben ſo heilig, als Du unrein und verworfen biſt. Ich werde nichts ſagen, aber Du biſt hier in meinem Hauſe, und jedenfalls kann ich Dich von den unter meinen Befehlen ſtehenden Solda⸗ ten hinaus werfen laſſen.“ Vaunoy machte eine ironiſche Verbeugung. „Fräulein Schweſter,“ ſagte er,„und Sie Herr Intendant, entſchuldigen Sie unſer heim— liches Geſpräch. Ich will Ihnen übrigens ſa⸗ gen, von was die Rede iſt. Mein Herr Vetter Der Wald von Rennes. III. 8 giebt mir den erſten Beweis guter Verwandt— ſchaft damit, daß er mir droht, mich durch die Soldaten Seiner Majeſtät aus dem Hauſe wer— fen zu laſſen!“ „Wirklich?“ etwiederte Bechameil, um nur etwas zu ſagen. „Wäre es möglich?“ deelamirte Fräulein Olivia, welche ſich den Anſchein geben wollte, als hätte ſie verſtanden, um was es ſich handelte. „Es iſt keine gute Verwandtſchaft zwiſchen uns, Herr von Vaunoy,“ entgegnete Didier, der nur mit der größten Anſtrengung ſeinen Zorn bewältigen konnte. Ich drohe Ihnen in der That, Sie aus dem Hauſe werfen zu laſſen; aber nicht aus Ihrem Hauſe, denn dieſes Schloß iſt mein Eigenthum.“ „Was das betrifft, darauf kannſt du ſchwö⸗ ren, mein geliebtes Kind!“ ſagte Frau Goton zu ſich ſelbſt. „Ah!“ rief Vaunoy lachend,„das glauben Sie?— Nun, mein lieber Vetter, Sie irren Sich. Erlauben Sie mir, daß ich mich auf eine Minute entferne, nur um in mein Kabinet * 5 d gehen zu können. Ich komme ſogleich zurück, und werde Sie dann von einer Menge Din— gen unterrichten, die Ihnen unbekannt zu ſein ſcheinen.“ Er verbengte ſich und ging. Der Fi — blieb unentſchloſſen, und wußte nicht eigentlich, was er hoffen oder fürchten ſollte. Bechameil, der Offizier und Fräulein von Vaunoy bildeten eine Gruppe, um ſich ihre Bemerkungen über dieſen ſonderbaren Fall mit⸗ zutheilen. Während ſo Jeder auf verſchiedene Weiſe be⸗ ſchäftigt war, zeigte ſich Pelo Rouans ſchwarze Figur auf der Schwelle. Er trug unter dem Arme ein eiſernes, vom Roſte ganz zerfreſſenes Käſtchen. Die alte Goton bemerkte ihn und machte eine Bewegung der Ueberraſchung, aber Pelo Rouan legte einen Finger auf den Mund. Er ſchlüpfte in den Schatten, den die hohen Flügel der inneron Thüre machten. Faſt in dem nämlichen Angenblicke erſchien Herr von Vaunoy wieder und hinter ihm Meiſter Alain. Er hatte ein entfaltetes Papier in der Hand. „Mein junger Freund,“ ſagte er mit einer Miene frechen Trinmphes, der kaum durch ſeine angewöhnte heuchleriſche Artigkeit gemildert wurde, „ich bitte Sie ergebenſt um Verzeihung, daß ich Sie habe warten laſſen. Haben Sie die Güte, Kenntniß von dieſer Schrift zu nehmen.“ Der Kapitain nahm das Pergament und überlas es. Es war der, ganz von Nikolas Tremls Hand 8* S — geſchriebene und von ihm Herrn von Vaunoy übergebene Kaufeontract. Georg erbleichte, indem er las. „Wie es ſcheint,“ murmelte Bechamej „macht dieſe Schrift dem jungen Manne keine große Freude. Aber wie Teufel ſoll ich dann wieder zu meinen fünfmalhunderttauſend Livres gelangen?“ „St,“ ſagte Fräulein Olivia mit wichtiger Miene. „Herr von Vaunoy,“ ſprach der Kapirain nach einer Pauſe,„es ſind hierbei ſchändliche Ränke im Spiel, die ich nicht durchſchauen kann. Wie haben Sie, ein unvermögender, von den Wohl⸗ thaten meines Großvaters lebender Mann, ſeine Beſitzungen kaufen und bezahlen können?“ „Sparſamkeit, mein junger Freund,“ erwie⸗ derte Vaunoy lächelnd.„Mit Sparſamkeit und einiger Gewandtheit in Geſchäften, führt man wirklich überraſchende Dinge aus.— Aber darum handelt es ſich nicht, und ich hoffe, daß Sie es Sich nicht wieder einfallen laſſen werden, mir zu drohen. Wollen wir Frieden mit einander ſchließen?“ „Nie!“ rief Georg, indem er die Hand zu⸗ rückſtieß, die Vaunoy ihm reichte.„Ich kann Sie um Ihrer Tochter willen ſchonen, ich kann einen Schleier über Ihre Schändlichkeiten werfen „N 109 „Herr Vetter!“ ſagte Vaunoy ſich aufrich⸗ tend,„auch die größte Geduld hat ein Ende.“ „Ihre Schändlichkeiten!“ wiederholte Brr m mit lauter Stimme.„Aber es iſt jetzt offe⸗ ner Krieg zwiſchen uns.“ 8. „Krieg? es ſei. Fräulein Schweſter und Sie, Herr Intendant, ſind Zeugen, daß ich die Mäßigung bis auf den äußerſten Punkt getrieben habe. Ich glaube daher, jetzt ebenfalls dem Herrn Kapitain, der mich auf das Gröblichſte beleidigt hat, ſagen zu dürfen: Verlaſſen Sie mein Haus, mein Herr!“ „Mein Jeſus!“ flüſterte Frau Goton,„er vertreibt meinen armen kleinen Georg aus dem Hauſe!“ Der Kapitain ſetzte ſeinen Hut auf, warf dem Herrn von la Tremlays einen Blick der tiefſten Verachtung zu und ging nach der Thür. Auf der Hälfte des Weges ſtand Pelo Rouan vor ihm, der ihn bei der Hand faßte und ihn wieder in die Mitte des Zimmers führte. „Jean Blane!“ rief der Kapitain erſtaunt. „Jean Blane?“ ſagte Vaunoy zu ſich ſelbſt, indem er den Kohlenbrenner aufmerkſam betrach— tete;„heiliger Gott! er iſt es wirklich!“ Er beugte ſich zu ſeinem Haushofmeiſter her⸗ ab und raunte ihm einige Worte ins Ohr, wor⸗ auf dieſer ſich ſogleich entfernte. — 110— „Was wollt Ihr hier?“ rief er dem Kohlen⸗ brenner zu. „Ich will Gerechtigkeit üben,“ erwiederte Jean Blane mit feierlicher Stimmez„ich komme, Hervé von Vaunoy, Dir die Frucht Deiner La⸗ ſter und eines zwauzig Jahre lang geſpielten Betrugs zu entreißen.“ Vaunoy warf einen Blick nach der Thür. Meiſter Alain ließ ſich noch nicht wieder ſehen. „Du haſt Dich mit einem von Nikolas Treml unterzeichneten Pergament bewaffnet,“ fuhr der Kohlenbrenner fort;„unſer junger Gebieter wird Dir mit einem von Dir ſelbſt unterzeichneten Pergament antworten.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ unterbrach ihn Vaunoy unruhig. Jean Blane ſtellte das. cilerue Käſtchen auf den Tiſch, und fuhr mit ſeinem Meſſer in die Spalte des Gelenks. Der Roſt hatte das Metall zerfreſſen, und der Deckel ſprang faſt ohne An— ſtrengung auf. Das Käſtchen enthielt Goldſtücke und ein Pergament, das Vaunoh ohne Zweifel erkannte, denn er ſtürzte darauf zu, um ſich deſſen zu bemächtigen. Georg Treml ſtieß ihn mit Ungeſtüm zurück. Er war es, dem Jean Blane das Document übergab. „Ich wußte es wohl,“ ſagte er, nachdem er es durchgeleſen hatte,„ich wußte es wohl, daß Lüge und Betrug dabei im Spiel war. Hier ———————— iſt eine von Ihnen unterzeichnete Erklärung, welche ſagt, daß jeder Abkömmlung Tremls die Beſitzungen für die Summe von hunderttauſend Livres tournvis zurückkaufen kann.“ „Und hier ſind die hunderttauſend Livres,“ ſetzte“ Jean Blane hinzu, indem er mit der Hand auf den Kaſten ſchlug. Vaunoy ſtöhnte vor Wuth; der Schaum ſtänd ihm auf den zitternden Lippen und ſeine Augen traten weit aus ihren Höhlen hervor. Der Offizier, Fräulein Olivia und Bechameil waren höchlich erſtaunt, und der Letztere faßte einige Hoffnung, wieder zu ſeinen fünfmalhun⸗ derttauſend Livres zu gelangen. Die alte Haushälterin wunderte ſich und ge⸗ lobte in ihrem Herzen der heiligen Jungfrau von Mi⸗Forét eine neuntägige Andacht. In dieſem erſchien Meiſter Alain an der Thür des Salons. Ihm folgten, bis an die Zähne bewaffnet, die Bedienten des Schloſſes und die Soldaten von Rennes. Die Angen Hervé's von Vaunoy funkelten unter ih— ren dicken Brauen. Beſetzt alle Ausgänge!“ rief er.„Ich ver⸗ ſpreche demjenigen zehn Louisdor, der ſich dieſes Straßenräubers bemächtigt!“ Damit zeigte er auf Jean Blanc. „Dieſes Dokument ſpricht gegen mich,“ fuhr er fort, indem er ſich bemühte, ſeine Wuth in 112— Schranken zu halten;„ich bin beraubt, ausge⸗ plündert! Aber, beim heiligen Gott! ich werde mich rächen!— Sehen Sie dieſen Mann, Herr von Bechameil; dieſe Nacht ſind Ihnen fünfmal⸗ hunderttauſend Livres geſtohlen worden, welche der Kapitain nicht zu vertheidigen gewußt, oder die er vielmehr hat nehmen laſſen. Ohne Zwei⸗ fel iſt dieſes Geld hier(auf das Käſtchen zeigend) der Lohn für ſeinen Verrath.“ „Schändlich! niederträchtig!“ rief Georg, den bei dieſer unglaublichen Frechheit alle Faſ— eng verließ. Herr von Bechameil war ganz Ohr und der Offizier ſchien halb überzengt zu ſein. „Haſt Du noch den Muth, zu leugnen, Georg Treml?“ fuhr Vaunoy fort;„iſt dieſer Mann, der Dir zu Hülfe kommt, nicht der näm⸗ liche, welcher dieſe Nacht den Angriff gelei⸗ tet hat?“ „Hätte ich dies gewußt,“ murmelte Frau Goton,„ſo hätte ich gewiß nicht geſchoſſen.“ „Iſt dieſer Mann, der Dir dieſes Geld bringt,“ ſprach Vaunoy weiter,„nicht einer von denen, deren Name allein ſchon ein Verdam— mungsurtheil iſt?— Auf, Ihr treuen Diener des Königs, ergreift das Oberhaupt der Wölfe!“ „Der weiße Wolf!“ riefen Bechameil, Fräu⸗ lein Olivia, die Soldaten und die Bedienten zu gleicher Zeit. Die Letzteren machten aber wohlweislich eine rückgängige Bewegung. Die Soldaten traten vor und umringten Jean Blane. „Ergreift ihn!“ rief Bechameil.„Ha! ver⸗ fluchter Räuber! Du ſollſt mir meine fünfmal— hunderttauſend Livres zurückgeben!“ Fräulein Olivia war ſchon von dem Vaſten des weißen Wolfs in Ohnmacht Georg Treml hatte ſeinen Degen gezogen, entſchl oſſen, den Mann zu vertheidigen, der ihm einen ſo mächtigen Beiſtand geleiſtet hatte, und der Mariens Vater war. Aber er hatte nicht nöthig, von ſeinen Waf— fen Gebrauch zu machen. In dem Augenblicke, als die Soldaten ihren Kreis enger ſchloſſen und die Hand an den König der Wölfe legen woll⸗ ten, raffte ſich diser zuſammen, und machte einen ungeheuren Spriig, der ihn über die Reihen der Angreifenden hinweg bis an ein Fenſter des Zimmers brachte. Die Soldaten ſtanden ver⸗ ſteinert. Georg Blane ſtieg auf das Fenſterbret. „Thue was Du willſt, Hervé von Vaunoy,“ ſagte er,„Du biſt überwunden. Du ſollſt nicht einmal den Genuß der Rache haben.“ „Feuer! Feuer! ſchießt doch!“ heulte Vaunoy, indem er einem der Soldaten das Gewehr aus der Hand riß, und auf Jean Blane Georg ſchlug mit ſeinem Degen das Gewehr nieder und die Kugel fuhr in die Wand. — „Wir werden uns noch einmal begegnen, Hervé von Vaunoy,“ ſagte der Albino, ohne die mindeſte Bewegung zu zeigen;„es wird das letzte Mal ſein, und damit werden alle unſere Rechnungen abgeſchloſſen ſein.“ Mit dieſen Worten ſprang er in den Hof, und man ſah ihn bald darauf mit der ihm eigen— thümlichen unglaublichen Gewandtheit die äußere Mauer überklettern. „Feuer! Feuer!“ wiederholte Vaunoy, indem er erſchöpft auf einen Seſſel fiel. Die Soldaten feuerten, aber es war nur Knall und Rauch. Schluß. Die gegen den jungen Erben Tremls gerich⸗ tete Anklage konnte keinen Erfolg haben. Vaunoy ſelbſt wagte nicht, ſobald ſich der erſte Sturm ſeiner Wuth gelegt hatte, ſie zu ernenern. Es iſt übrigens zu glauben erlaubt, daß ſelbſt während ſeines heftigſten Zornes eine Be⸗ rechnung von ſeiner Seite ſtattgefunden und daß er gehofft hatte, während eines wüthenden Hand⸗ — 115— gemenges, das wahrſcheinlich ohne die unerwar— tete Flucht des Kohlenbrenners nicht ausgeblieben wäre, durch einen einzigen glücklichen Schlag den Reichthum wieder zu erobern, der ihm entriſſen wurde, indem er dem Kapitain den Todesſtoß verſetzte. Sobald dieſe letzte Hoffnung verſchwun⸗ den war, verſuchte Vaunoy keinen weiteren Wi⸗ derſtand. Er hatte geſpielt und hatte verloren. Er ergab ſich in ſein Schickſal, wenigſtens dem Anſcheine nach. Herr von Bechameil, Marquis von Nointel, ertrug den Verluſt ſeiner halben Million Livres, worüber aber der Leſer ſich nicht zu ſehr betrüben mag, denn der königliche Intendant hatte im Lauf der Zeit wahrſcheinlich ſchon das Dreifache dieſer Summe auf unrechtmäßige Weiſe an ſich gebracht. Indem Georg Treml ein Bretagner wurde, konnte er doch nicht die Anhänglichkeit und die Hochachtung, die er ſeinem Souverain ſchuldig zu ſein glaubte, aufgeben. Er leiſtete dem Pa⸗ riſer Hofe keinen Widerſtand mehr, aber er trat als Vermittler und Beſchützer zwiſchen die armen Waldbewohner und ihre tauſend kleinen Tyran⸗ nen. So ließ Georg den Holzſchuhmachern, Korbmachern, Böttchern und Kohlenbrennern das Recht des freien Holzverbrauchs zurückgeben, welches durch unvordenkliche Verjährung ihr recht⸗ mäßiges Eigenthum geworden war. Er unter— 5 116— ſtützte ſie bei der Bezahlung der Steuern, und ſtand ihnen auf jede mögliche Weiſe bei. Zwei oder drei Jahre waren ſeit den von uns mitgetheilten Ereigniſſen kaum verfloſſen, ſo wa— ren im ganzen Walde keine Spuren von den Wölfen mehr aufzufinden. Dagegen ſah man oft Andächtige vor dem Kreuze von Mi-Forst betend auf den Knien liegen. Sie dankten der heiligen Jungfrau, daß ſie ihnen einen Sohn Tremls wiedergegeben hatte, das heißt: einen einflußreichen Beſchützer und einen unermüdlichen Wohlthäter. Georg Treml von la Tremlays vergaß nicht, daß er zwanzig Jahre nichts weiter als Didier geweſen war. Indem er die vornehmen Sitten annahm, welche jetzt ſeinem Stande entſprachen, verwarf er doch jene ausſchließlichen und in ihrer ganzen Strenge unbeugſamen Grundſätze, die gewiſſermaßen das Erbtheil der alten Geſchlechter bilden, und die man achten muß, ſelbſt wenn man ſie nicht theilt. Ein vornehmer Mann von Geburt, aber ein armer Soldat nach ſeiner Er⸗ ziehung, war er nicht der Mann, der ſich ein Be⸗ denken daraus machte, bei der Wahl einer Gattin nur ſein Herz zu Rathe zu ziehen. Sein Herz hatte Marien gewählt. Es war ihm gewiß erlaubt zu glauben, daß ſich dieſer Verbindung kein Hinderniß entgegenſtellen würde. Demohngeachtet war dies der Fall, es fand ſich . * „ 4— ein Hinderniß der ernſteſten Art: Jean Blane weigerte ſich beharrlich, ſeinem jungen Gebieter die Hand ſeiner Tochter zu geben. Und dies war kein Spiel. Noch nie iſt ein Millivnair, der ſich weigert, einen Armen als Schwiegerſohn anzunehmen, noch nie iſt ein Herzog oder Pair, welcher ſich gegen eine Ver⸗ bindung mit einem Dichter ſträubt, ſchwerer zu bewegen geweſen, als es der arme Albino war. Auch er hatte ſeine Grundſätze von Ehre, gewiß unbeugſamere, ſtrengere und ſtolzere, als alle vereinigten Vorurtheile des ganzen bretagniſchen Bald befahl, bald bat Didier, aber lange vergebens. Eines Tages jedoch hatte er den guten Einfall, bei ſeinem Edelmannsworte zu ſchwören, daß er keine Andere, als Marien zur Gattin nehmen werde. Da gab Jean Blane nach: Treml mnßte doch Erben haben. Es war ein Tag des reinſten und ungetrüb⸗ teſten Glückes, an welchem Marie als Georgs Gattin die Schwelle des Schloſſes la Tremlays überſchritt. Ruhe und Freude zogen mit ihr ein, um nie wieder zu verſchwinden. Sie brachte kein Wappenſchild mit, um es mit dem der Treml zu vereinigen; aber es ſtanden genug ver— ſchiedene Wappen unter den lebensgroßen Bild⸗ niſſen der ehemaligen Herrn von la Tremlays; kein einziges heraldiſches Stück wurde hier ver— mißt. Dagegen hätte keine einzige von den Schloßfrauen, welche auf der Leinwand ſeit Jahr⸗ hunderten den Duft ihrer unverwelklichen Bon— quets einathmeten, der armen Tochter des Wal⸗ des den Preis der Schönheit ſtreitig machen kön⸗ nen. Mit Recht oder Unrecht, brachte der Ka⸗ pitain dieſen Vorzug ſeiner Gattin mit in An⸗ ſchlag. Lange nachher, als ſchon Georgs und Ma⸗ riens Kinder im Walde herumſprangen, von der alten Goton Rehon beaufſichtigt, kam zuweilen aus dem Kloſter in Saint-Aubin du Cormier, eine Nonne, Schweſter Alir genannt, welche die Kleinen im Vorbeigehen betrachtete und ſie wei⸗ nend in ihre Arme ſchloß. Schweſter Alir war ſchön, aber ihre großen blauen Augen hatten keinen lächelnden Blick mehr, und die Leute im Walde unterbrachen ihren Geſang, wenn ſie bei ihnen vorüberging, ſo ſehr ſtimmte ihre bleiche Stirn und ihr verloſchener Blick zu Trauer und Mitgefühl. Ueber Hervé von Vaunoy haben wir Folgen⸗ des mitzutheilen, was ſich ein halbes Jahr ſpä⸗ ter ereignete, nachdem Georg ſeine väterliche Erb— ſchaft angetreten hatte. Er hatte la Tremlays verlaſſen, um ſich nach Rennes zurückzuziehen. Nach der erwähnten Zeit ließ er Georg um die Erlaubniß bitten, aus einem Kabinet, das er im Schloſſe bewohnt . —, f —— hatte, einige Gegenſtände zu ſeinem Gebrauch holen zu dürfen. Georg erklärte ſich ſogleich bereit, dies zu bewilligen. Vannoy kam in Begleitung mehrerer Män⸗ ner. Sein Kabinet war das nämliche, welches Nikolas Treml bewohnt hatte, und in dem ſich der Wandſchrank befand, aus welchem der alte Bretagner, als erſeine letzte Reiſe antreten wollte, die hunderttauſend Livres genommen hatte, von denen in unſrer Etʒihlun die ieto geweſen iſt. Dieſer Schrank enthielt noch bedeutende Sum⸗ men, welche von Nikolas Treml herrührten, und andre, die Frucht von Vannoys Erſparungsſy⸗ ſtem. Dieſer reiche Schatz war es, den der Letz⸗ tere an ſich nehmen wollte. Er fand kein Hinderniß von Georgs Seite und ſchlug gegen Abend wieder den Weg nach Rennes ein. Aber ſeine Diener kamen ohne ihn in die Stadt, und erzählten voll Entſetzen, daß am Saume des Waldes über ihren Köpfen ein Schuß gefallen, und daß Hervé von Vaunoy, von einer Kugel mitten in die Bruſt getroffen, vom Pferde geſtürzt und auf dem Raſen des Weges liegen geblieben ſei. „Wir richteten ſogleich unſre Blicke nach der Gegend, woher der Schuß gekommen war,“ füg⸗ ten die Diener ihrer Erzählung hinzu;„es war ſchon dunkel, aber dennoch ſahen wir eine weiße Geſtalt von Aſt zu Aſte ſpringen, wie man es bei geſundem Verſtande von einem menſchlichen Weſen nicht annehmen kann; dann verſchwand ſie in den höchſten Gipfeln der Kaſtanien— bäume.“ Am folgenden Morgen fand man auf dem Raſen den Leichnam Hervé's von Vaunoy. Neben ihm lag das alte Gewehr, welches Jean Blane von ſeinem Vater ererbt hatte.— Ende. Der Pankier von Wuchs. Der Wald von Rennes. II. 9 1. Im Jahre 1824 gegen Anfang des Som⸗ mers lag ein Mann auf dem Bett in einem Zim⸗ mer des Hotel Meurice in Paris. Er ſchlief, und ſeine gleichförmigen ruhigen Athemzüge ver⸗ riethen, daß er ſo ſanft ſchlief als möglich. Seine zarten und regelmäßigen Geſichtszüge zeigten den Typus der britiſchen Schönheit, welcher die Vollkommenheit ſelbſt ſein würde, wäre die Voll⸗ kommenheit nicht von der Anmuth unzertrennlich. Sein blondes Haar, das nur hin und wieder einige Spuren von Grauwerden zeigte, fiel dicht und glatt aufſeine wie Marmor glänzende Stirn; ein farbloſer Bart umſchloß mit ſeinen beiden ſymetriſchen Flocken das tadelloſe Oval ſeines Geſichts. Es war jedenfalls ein Engländer oder die Statue eines Engländers; nur zwiſchen die⸗ ſen beiden Dingen konnte ein Zweifel ſtatt— finden. 92 Aber es war in der That ein Engländer mit Fleiſch und Bein, Namens Peter Lowter. Er war ſeit einem Jahre in Paris, und galt unter ſeinen Bekannten für einen höchſt ſonderbaren Patron, womit jedoch nicht geſagt ſein ſoll, daß er im geringſten amuſant war. Folgendes war ſeine tägliche Beſchäftigung: um eilf Uhr ſtand er auf, machte eine änſ⸗ ſerſt ſorgfältige Toilette und frühſtückte dann; um zwei Uhr ging er nach Frascati und hier ſpielte er ſo lange, bis die Zimmer geſchloſſen wurden. Er ſpielte hoch und verlor ſtets; kein Menſch erinnerte ſich, jemals geſehen zu haben, daß er gewonnen hätte. Seit einem Jahre mußte er auf dieſe Weiſe eine ungeheure Summe verloren haben. Anch behaupteten Manche, daß er ein Mitglied des Oberhauſes ſei, welche incognito reiſe; Andre hatten ihn im Verdacht— was etwas ganz An⸗ deres war— daß er verwandt mit dem berühm⸗ ten londoner Bankier ſei, deſſen Namen er führte. Die Ervupiers waren weniger neugierig und raff⸗ ten ſeine Guincen zuſammen, ohne ſich um ſeine bürgerliche Stellung zu kümmern. Es ſchlug eilf Uhr. Ein an der Stutzuhr angebrachter Wecker ließ ſeinen unharmoniſchen Ruf ertönen. Maſter Lowter ſchlug die Augen auf und warf einen kalten, gleichgültigen Blick . —————— ———„— ———— — 125 im Zimmer umher. Ein Sonnenſtrahl ſpielte in den Vorhängen des Fenſters. „Kein Nebel!“ hrummte er ärgerlich. Er ſtand auf, indem er alle ſeine Bewegungen mit einer ſyſtematiſchen Langſamkeit ausführte, zog einen Schlafrock an, und begann, ſich mit den Details ſeiner Toilette zu beſchäftigen. Nach⸗ dem dies geſchehen war, nahm er aus einem Schubkaſten ein Paar Piſtolen, lud jedes mit zwei Kugeln und klingelte nach ſeinem Frühſtück. Nachdem er viel gegeſſen und noch mehr ge⸗ trunken hatte, ſtieß er ſeinen Lehnſtuhl weit vom Tiſche zurück, und ſtreckte den Arm aus, um die Piſtolen zu erreichen. Aus ſeiner Miene ſprach die vollkommenſte Unempfindlichkeit; die durchſichtige Weiße ſeiner Haut, ließ das Fleiſch der friſchen, roſigen Wangen erkennen, wie das Fleiſch von Bouchers Modellen unter ihren ſei— c1 denen Hüllen ſein muß. Peter Lowter ſpannte ruhig und bedächtig den Hahn der beiden Piſtolen. Dann nahm er jede in eine Hand, wendete der Sonne den Rücken, und ſetzte die beiden Mündungen an die Stirn. Aber in dem Augenblick, als er losdrücken wollte, ſchien er ſich auf etwas zu beſinnen. „Dieſer einfältige Dick vergißt immer die Zahnſtocher!“ ſagte er verdrüßlich vor ſich hin.— „Dick!“ — 126— Ein Groom von zierlichen Körperverhältniſ⸗ ſeu, der etwas weniger als ein Schöps wiegen konnte, zeigte ſein Wieſelgeſicht in der halbgeöff⸗ neten Thür. Peter Lowter befahl ihm ſogleich, zum Teufel zu gehen, beiläufig aber, ein Paket Zahnſtocher zu bringen. Während der Grvom die zweite Hälfte die⸗ ſes Befehls ausführte, warf ſich ſein Herr in ſei— nem Lehnſtuhl zurück, und heftete ſein gläſernes Auge ſtarr auf die Decke. Der Gegenſtand ſei⸗ ner Betrachtungen war voll melancholiſcher Philo— ſophie. Er ſagte ſich, daß, Alles wohlerwogen, die vier Kugeln in ſeinen Piſtolen die Zahnſtocher auf eine vortheilhafte Weiſe erſetzt haben würden; daß dieſer Zeitverluſt, durch welchen ohne Noth die Ausführung einer wichtigen und lobenswer⸗ then Handlung aufgeſchoben werde, eines Gent— leman unwürdig ſei. Indeſſen wartete er; für einen Engländer verliert der Selbſtmord drei Viertel ſeines Reizes, wenn das Barometer auf ſchönes Wetter zeigt. Diejenigen, welche behaupteten, daß Maſter Lowter ein Verwandter des berühmten Bankiers ſei, irrten ſich; Maſter Lowter war der Bankier ſelbſt. Als alleiniger Schöpfer ſeines Reich⸗ thums hatte er ſich in funfzehn Jahren einen un⸗ begrenzten Credit erworben; im Jahr 1823 machte er allein eben ſo viel Geſchäfte, als zehn ſeiner angeſehenſten Kollegen. Man behauptete, — — 127 er beſitze, entweder in ſeiner Kaſſe oder ſonſt irgendwo, einen fabelhaften Schatz, und ſeine Rivalen, welche nur acht bis zehnfache Milio⸗ närs waren, wollten vor Aerger und Neid berſten. Nichtsdeſtoweniger war Peter Lowter weit entfernt, glücklich zu ſein. Er war reich gewor⸗ den, nachdem er die Armuth gekannt hatte; ſeine Gattin war eine gute, ſanfte Frau; ſeine Toch⸗ ter, ein e Mädchen, würde der Stolz eines jeden Vaters geweſen ſein: mit einem Worte, Alles lächelte ihn an. Aber dieſes beſtändige Glück machte ihm Langeweile, er wurde vom Spleen ergriffen und bekam eine unüberwindliche en gegen ſeine Häuslichkeit. Er wurde zuerſt verſucht, die Thorheiten der londoner L Löwen nachzuahmen und ſie noch zu überbieten; er konnte es, ſeine Kaſſe war unerſchöpflich. Aber dazu hätte er ſich bewegen, lebendig werden müſſen, und vor einer ſolchen Anſtrengung bebte die Apathie des Bankiers Lowter, den früher nur der Durſt nach Golde hatte galvaniſiren können, zurück. Uebrigens zeigte ſein Charakter noch den ſon⸗ derbaren Widerſpruch, daß er ſeine Gattin zwar haßte, aber ſie dennoch hochachtete, und von ihr geachtet zu werden Seit langen Jah⸗ ren hatte man ihn als das Muſter eines Fami⸗ lienvaters aufgeſtellt; warum ſollte er dieſen Ruf — 128— verlieren, welcher dazu beitrug, ſeinen Credit zu vermehren? Indeſſen mußte er die peinliche Langeweile, die ihn quälte, verſcheuchen. Er ergab ſich dem Spiel. Aber ſo glücklich er in ſeinen Geſchäften war, ſo feindlich zeigte ſich ihm das Glück am grünen Tiſche. Er verlor, er verlor ohne Un⸗ terlaß, und deshalb wurde ſeine Neigung zur Leidenſchaft. Gegen das Spiel wie gegen die Liebe iſt beſtändiges Glück ein ſicheres Heilmittel, und die Mißgunſt deſſelben hat nicht weniger Anziehungskraft als die klug berechnete Strenge einer Kokette. Hätte Peter Lowter gewonnen, ſo wäre unſre Erzählung ſchon mit dem erſten Kapitel zu Ende. Seine Leidenſchaft nahm zu und kannie bald keine Grenzen mehr. Er verlor zuerſt Alles was et in der Kaſſe hatte, dann auf Zinſen isge⸗ liehene Kapitalien; endlich, als er ſich auf den Fond ſeines Geſchäfts beſchränkt ſah, mußte er ſeiner Leidenſchaft in ſofern einen Zügel anlegen, als er nur. noch ſeinen großen täglichen Gewinn dem Spiele opfern durfte. Jetzt langweilte er ſich wieder. Peter Lowter beſuchte nicht die faſhionablen Clubbs, nicht einmal die geduldeten Häuſer, um jeden Abend ſein Portefeuille zu leeren. Er hatte ein unbekanntes Spielhaus im Borough dazu gewählt, wo er ſicher war, von Niemandem erkannt zu werden. Auch blieb ſeine Leidenſchaft für Jedermann, ſelbſt für ſeine Gattin, ein Ge⸗ heimniß. Er brachte die ganze Nacht und den größten Theil des Tages außer dem Hauſe zuz aber während er ſpielte, glaubte man ihn bei der Arbeit, und Mistreß Lowter hatte die materielle, beſtimmte Gewißheit, daß er ruhig in ſeinem Kabinet ſaß. Sie ſah ihn. Wir werden ſpä⸗ ter dieſen Widerſpruch erklären, der dem Leſer unglaublich erſcheinen könnte. Ein einziger Vertrauter war in das Geheim⸗ niß des Bankiers eingeweiht. Toby, ein alter, von Natur ſchwatzhafter Bedienter, der aber, ſo⸗ bald es ſeinen Herrn betraf, verſchwiegen war, wie ein Block nordiſches Tannenholz, deſſen Farbe und Starrheit er auch beſaß, unterſtützte Peter Lowter bei ſeinen geheimen Ausgängen. Außer ihm mußte Jedermann den Bankier für ein wah⸗ res Wunder von Fleiß und Ausdauer halten. Es giebt in der Atmoſphäre von London eine Malaria des Selbſtmordes, welche lymphatiſche Gentlemen auch in Frankreich einzuführen ver— ſucht haben, und zwar, leider! mit einem gewiſ— ſen Erfolg. Wenn Peter Lowter jede Nacht in ſein Haus zurückkehrte, mußte er die Temſe paſ⸗ ſiren. Einmal lehnte er ſich auf das Geländer der Weſtminſterbrücke, und blickte ſehnſüchtig in den Fluß hinab. Es war kalt, der Bankier fror und ſetzte ſeinen Weg fort; aber ſeitdem konnte 130— er nicht mehr an den Fluß denken, ohne ein ge⸗ wiſſes wollüſtiges Gefühl zu empfinden, welches mit dem trügeriſchen, aber angenehmen Geſchmack zu vergleichen iſt, der den Gaumen eines Gut— ſchmeckers kitzelt, wenn er an den Genuß einer, mit gutem Weine hinuntergeſpühlten Straßbur⸗ ger Gänſeleberpaſtete zurückdenkt. Peter Lowter war zu bequem, um zwei Lei— denſchaften zugleich beſitzen zu können; er entzog daher ſein Herz der Spielwuth wieder, und ſchenkte es dem Selbſtmorde, aber nicht dem verzweifel⸗ ten Selbſtmorde, mit dem ein verhungerter Kaſ⸗ ſirer, der ſeine Kaſſe angegriffen hat, ſich in jene Welt befördert, ſondern dem ruhigen und ruhm⸗ vollen, mit Muße überlegten Tode, den man ſchon wochenlang vorher genoſſen hat, und den man ſich eines Morgens mit ruhigem Kopfe, nach einem ſtärkenden Nachtſchlafe giebt, und wenn der Körper durch ein komfortables Früh⸗ ſtück noch einen Zuwachs von materiellem Leben erhalten hat. London war zu einem Unternehmen dieſer Art nicht tauglich; er mußte vollkommene Frei⸗ heit haben, und die bis jetzt mit gutem Erfolg angewendete Liſt, um die Welt und Miſtreß Lowter zu tänſchen, reichte dazu nicht mehr aus. Wie wir ſehen werden, war das Mittel, das er anwendete, nicht übel. Er hätte zwar noch einen andren Ausweg ſuchen können, aber er — — — war gewohnt, nur nach reiflicher Ueberlegung und mit der ſicheren Ausſicht auf Erfolg zu han— deln. Was bedurfte er? Zeit und Einſamkeit, um den Kelch des Selbſtmordes in einzelnen, kleinen Zügen zu leeren. Er hielt es für ganz überflüſſig, einen Schleichweg aufzuſuchen, ſon⸗ dern er ging direkt auf ſein Ziel los: er verließ London und ließ Miſtreß Lowter ein Billet in Form eines Teſtaments zurück, welches mit den hergebrachten Worten begann: „Wenn Du dieſe Zeilen erhälſt, bin ich nicht „mehr unter den Lebenden. Gieb Dir keine Mühe zu erforſchen ꝛc.“ Das war, bei Lichte beſehen, keine Unwahr⸗ heit, ſondern nichts als ein Anachronismus. Der Bankier griff den Ereigniſſen vor. Da er jetzt des alten Toby's, ſeines gewöhnlichen Ver⸗ trauten, nicht mehr bedurfte, zog er ihn nicht in das Geheimniß, ſondern ſegelte, für die ganze Welt geſtorben, aus England ab. Er landete in Frankreich. Bei einem Eng⸗ länder iſt Alles wohl überlegt: Peter Lowter hatte ſich Zeit genommen, eine bedeutende Summe aufzuſammeln, und betrat Frankreichs Küſte im Beſitz eines mit Banknoten vollgepfropften Por⸗ tefeuille's. Er ſpielte, um ſich die Langeweile zu vertrei⸗ ben, und verlor, wie gewöhnlich. Hier aber konnte der tägliche Verluſt nicht durch die An⸗ leihe gedeckt werden, die er immer wieder bei ſei— ner Kaſſe machte. Maſter Lowter ſah, wie ſein Schatz raſch zuſammenſchmolz. Der Tod zeigte ſich in naher Zukunft, nicht mehr freiwillig her⸗ beigerufen, ſondern unvermeidlich. Unter dieſem neuen Lichte hatte er einen bedeutenden Theil ſei— nes Reizes verloren. Indeſſen verlor der Bankier immerfort, und arbeitetete ſo methodiſch an ſeinem Ruine, indem ſein Verluſt eine gewiſſe Grenze nicht überſchrei⸗ ten konnte. Wenn er auf dieſe Weiſe den In⸗ halt ſeines Portefenille's mit dem Betrage divi⸗ dirte, den er jeden Tag dem Spiele opferte, konnte er allabendlich die Zahl der Lebenstage berechnen, die ihm noch übrig blieben. 2. Am Abende vor dem Tage, an welchem wir unſre Leſer zuerſt mit dem Bankier Peter Lowter bekannt gemacht haben, hatte er ſeine letzte Be⸗ rechnung gemacht, und als Quotient Null ge⸗ funden. — „— — 133— Er wollte ſterben, und dies um ſo mehr, als ihm nichts weiter mehr übrig blieb; aber es wäre ihm lieb geweſen, wenn er einen Vorwand ge⸗ funden hätte, um leben zu können. In dem verhängnißvollen Augenblicke zögerte er. Der Gedanke an ſeine Gattin erwachte in ihm; er ſah, wie in einem Traume, das Bild der reizen— den Anna, ſeiner älteſten Tochter, vor ſich— Warum hatte er ſie verlaſſen? Dick, der Grvom, erſchien nach einigen Mi⸗ nuten mit den Zahnſtochern. Hinter ihm trat ein junger Mann ein, der mit beſtürzter Miene durch das Zimmer ging. Als er Maſter Lowter erblickte, entſchlüpfte ihm ein Oh! welches, ganz nach engliſcher Manier, in drei gleichförmig un⸗ harmoniſchen Noten ausgeſprochen wurde. Dick drehte ſich um und ſtimmte mit ein. „Merkwürdig!“ murmelte der Fremde. „Mein Herr!“ ſagte Lowter, indem er auf die Thür zeigte,„ich kenne Sie nicht.“ Der Eingetretene erröthete, aber er entfernte ſich nicht. „Ich heiße Robert Stevenſon,“ ſagte er mit einer ehrerbietigen Verbengung. Maſter Lowter ſchwieg. „Kennen Sie nicht wenigſtens meinen Na⸗ men?“ fragte Robert. 5 — 134— „Eine Verwechſelung wahrſcheinlich,“ mur— melte der Bankier vor ſich hin. Dann ſagte er laut: „Was wollen Sie?“ „Merkwürdig!“ wiederholte Robert mit allen Zeichen des höchſten Erſtaunens.„Sind Sie denn nicht Maſter Peter Lowter, Bankier, 6 Orfordſtreet, in London?“ Der Letztere winkte Dick ſich zu entfernen. „Warum dieſe Frage?“ ſagte er, indem er die Thür verſchloß. „Warum?“ rief der junge Mann.„ Ich fange in der That an zu glauben, daß ich mich irre. Sie haben zwar nicht... Maſter Lowter, wvollte ich ſagen, hat zwar nicht die Gewohnheit, mit ſeinen Leuten zu communiciren; aber der Name ſeines erſten Commis kann ihm doch nicht unbekannt ſein.“ „Ah!“ ſagte der Bankier, der jetzt ebenfalls erſtaunt war, aber ſein Staunen hinter der phleg⸗ matiſchen Ruhe ſeines Geſichts verbarg,„er iſt alſo nicht todt?“ Der Commis lachte. „Sie haben Recht, daß Sie mich zum Be⸗ ſten haben, Maſter Lowter,“ ſagte erz„aber ich bitte um Nachſicht. Ernſtlich, Sie ſind's, nicht wahr?“ Der Bankier ſchüttelte den Kopf. „Nicht?— Nun, ich will ſterben, wenn es . — ꝛ 5 jemals eine außerordentlichere Aehnlichkeit unter der Sonne gegeben hat.— Uebrigens bin ich nicht klug. Wie könnten Sie Maſter Lowter, mein Herr Prinzipal ſein? Ich habe ihn vor zwei Tagen in London zurückgelaſſen, und ich weiß gewiß, daß er nicht auf den Packetbvot war, welches mich nach Frankreich gebracht hat. Auf welchem Wege könnten Sie mir zuvorge⸗ kommen ſein.“ Peter Lowter war in Gedanken vertieft, während er mit großen Schritten im Zimmer umher lief. Der Commis wollte einen günſtigen Angenblick benutzen, und den Rückzug antreten. „Herr Robert Stevenſon,“ ſagte der Ban⸗ kier plötzlich,„ich habe den würdigen Maſter Lowter, Oxfordſtreet, deſſen Namen ich führe, ſei⸗ ner Zeit genau gekannt; es freut mich, daß er nicht todt iſt, und... Haben Sie gefrüh⸗ ſtückt, Herr Stevenſon?“ Einige Minuten ſpäter ſaßen die beiden Eng⸗ länder einander gegenüber am Tiſche. Vermöge der merkwürdigen Ausdehnbarkeit der engliſchen Mägen konnte der Bankier ſeinem Gaſte voll⸗ kommen die Spitze bieten. Dieſer war jung, von einfachem Geiſt und von Natur mittheilend. Sobald das Eis gebrochen war, ließ er ſich da⸗ her nicht lange bitten, dem Bankier zu erzählen, daß er ein Sohn von Maſter Stevenſon, Ban⸗ kiers in Edinburg und Geſchäftsfreundes des 6 Hauſes Lowter ſei. Seit einem halben Jahre als erſter Commis in dieſem Hauſe angeſtellt, hatte er ſich in Miß Anna, die älteſte Tochter ſeines Herrn, verliebt. Mistreß Lowter ſah dieſe Liebe mit günſtigen Augen an, Miß Anna eben⸗ falls, wenigſtens hoffte es Robert; aber der ver wünſchte Thomas Bage war auch noch da!— Was den Bankier ſelbſt betraf, ſo wußte Robert in der That nicht, was er glauben ſollte. Ma⸗ ſter Lowter war ein außerordentlicher Son⸗ derling. Robert war am Morgen nach Paris gekom⸗ men, um verſchiedene Gelder in Frankreich ein— zuziehen. Als er im Hotel abſtieg, hatte er den Namen ſeines Herrn nennen hören, und hatte ſich den Mann, der ihn führte, beſchreiben laſſen. „Nichts fehlte an der Aehnlichkeit,“ ſagte er zu⸗ letzt,„ſelbſt das Alter und die Figur ſtimmte überein. Und bei meiner Ehre! je mehr ich Sie anſehe... Doch, laſſen wir dies. Ich dachte nicht ſogleich daran, daß es unmöglich ſei, mei⸗ nen Herrn hier zu finden, und ich beeilte mich um ſo mehr, zu ihm zu gehen, da ich noch nicht das Glück gehabt habe, ihn von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen.“ „Wie?“ rief Peter Lowter,„ſeit einem hal⸗ ben Jahre?“ Man war bei der dritten Flaſche Portwein. Stevenſon, der immer geſprächiger wurde, ſtützte * 6 — 137— den Arm auf den Tiſch und nahm eine geheim⸗ nißvolle Miene an. „Sie werden einſehen,“ ſagte er, mit den Augen blinzend,„daß etwas Sonderbares hier⸗ zum Grunde liegt. In London ſind gewiſſe Gerüchte in Umlauf...“ „Ich wußte wohl,“ fiel ihm der Bankier ins Wort,„daß meine Erinnerungen mich nicht täu⸗ ſchen. Man ſagte früher, Herr Lowter ſei todt.“ „Todt? das weiß ich nicht. Jetzt ſagt man, daß er verrückt iſt.“ Peter Lowter machte eine ungläubige Be⸗ wegung. „Ganz gewiß,“ fuhr Stevenſon fort,„und dadurch wird der Credit des Hauſes keinesweges vermehrt.“ „Aber warum ſagt man es?“ „Urtheilen Sie ſelbſt. Seit einem Jahre hat ſich Maſter Lowter unter Glas ſetzen laſſen.“ „Was?“ „Ich will mich deutlicher erklären. Er hat neben ſeinem Kabinet, nach der Seite der Bu⸗ raus, einen Raum mit Glasfenſtern, die aber ſtark vergittert ſind, einſchließen laſſen. Hinter dieſem Verſchlage ſieht man ihn ſitzen, mit dem Rücken nach dem Publikum zugekehrt, und Som⸗ mer und Winter in einen, mit Pelz gefütterten Schlafrock gekleidet.“ „Und was macht er da?“ Der Wald von Rennes. III. 10 „Das weiß Gott und Thomas Bage. Zu⸗ weilen verhindert ein dicker, wollener Vorhang ihn zu ſehen; aber Alles läßt vermuthen, daß er ganze Tage lang in dieſer Stellung bleibt. Des Abends geht Thomas Bage, denn dieſer allein hat den Schlüſſel zu dem Heiligthume, mit Lich tern und dem Mittagseſſen des Herrn zu ihm hinein. „Dieſer Bage iſt alſo nicht mehr der erſte Cummis des Hauſes?“ fragte Lowter. „Er iſt im Range geſtiegen; er iſt Aſſpeié oder etwas Aehnliches.“ „Ich verſtehe... er hat Procura und das Recht der Unterzeichnung?“ „Das nicht; Maſter Lowter ſelbſt...“ „Bei Gott!“ rief der Bankier mit einer un⸗ gewöhnlichen Wärme,„ich würde viel darum geben, wenn ich die Unterſchrift dieſes Peter Lowter ſehen könnte!“ Stevenſon hatte dem Frühſtück tüchtig zuge⸗ ſprochen, und achtete daher nicht auf das Feuer, was ſo plötzlich aus den Augen ſeines Wirthes blitzte. „Nichts leichter als dies,“ erwiederte er. Mit dieſen Worten nahm er aus ſeinem Por⸗ tefeuille einen aus London vor drei Tagen da⸗ tirten Creditbrief. Lowter griff haſtig danach und betrachtete das Papier von allen Seiten. Während dieſer Prüfung runzelte ſich ſeine Stirn — 139— und ſeine Lippen bewegten ſich, als ſpräche er mit ſich ſelbſt. „Wahrhaftig,“ ſagte er vor ſich hin,„das iſt meine täuſchend nachgeahmte Unterſchrift! Doch, dies läßt ſich erklären. Aber mich!... ich!... Wer kann in London meine Perſon vorſtellen, und meine Rolle ſo geſchickt ſpielen, daß er ſelbſt die Leute in meinem Hauſe täuſchte — Lieber Herr Stevenſon,“ ſagte er laut, indem er den Pfropf einer Champagnerflaſche ſpringen ließ,„alle dieſe Details machen mir außerordent⸗ liches Vergnügen; fahren Sie fort, wenn ich bit⸗ ten darf.“ „Wo war ich ſtehen geblieben?“ entgegnete Robert.„Ich ſagte Ihnen wohl, wie ich glaube, daß Miß Anna das liebenswürdigſte Mädchen in der ganzen Welt iſt. Denken Sie Sich..“ „Sie ſprachen von ihrem Vater. Was thut er, wenn es Abend geworden iſt?“ Roberts Kopf begann zu wirbeln. „Des Abends,“ erwiederte er,„trägt man ihm ſein Eſſen auf, weiter nichts.“ „Speiſt er?“ „Wahrſcheinlich“ „Haben Sie es geſehen?“ „Nie. Bage zieht den Vorhang zu.— Da⸗ mit Sie es wiſſen, dieſer Bage iſt ein ſchlechter Menſch, den ich ſtark im Verdacht habe, daß er mein Nebenbuhler iſt. Aber ich müßte ſterben, 10* — 140— lieber Herr Lowter, ehe Miß Anna ſeine Gattin wird!“ Der Bankier hörte nicht mehr auf ihn. Er rieb ſich die Hände, und ein Anflug von Lächeln zog die Winkel ſeines Mundes empor. „So iſts,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„es kan 1 nicht anders ſein. Sollte ich mir auch erſt nach einem halben Jahre das Leben nehmen, ſo muß ich mich vorher überzeugen, ob ich richtig ge⸗ rathen habe.“ Der Vorwand war gefunden und in der That, er war nicht übel. Welcher Menſch hätte wohl an das Sterben gedacht, bevor er den küh⸗ nen Betrüger entlarvt hätte, der ſich zu ſeinem Doppelgänger machte! Stevenſon, der während dem allein bei Tiſche eblieben war, trank und ergoß ſich in einer elegi⸗ chen Beſchreibung Miß Anna's, wobei jedoch ſeine Zunge immer ſchwerer wurde. Bald lehnte er ſich in ſeinem Stuhle zurück und verfiel in ſe⸗ ſten Schlaf. Maſter Lowter klingelte Dick; Stevenſon wurde auf das Bett gelegt, wo er ruhig ſeinen Schlummer fortſetzte. Als er am Abend er⸗ wachte, ſah er ſich allein. Das Zimmer hatte ein andres Anſehen bekommen; der Scekretair ſtand weit offen und war leer; die Meubeln be⸗ fanden ſich in der Unordnung, welche eine beſchleu⸗ nigte Abreiſe zur Folge hat. Auf dem Tiſche, wo Sc— — 141— man gefrühſtückt hatte, lag ein an Herrn Robert Stevenſon adreſſirtes, verſiegeltes Billet, welches dieſer haſtig aufriß. Folgendes war ſein Inhalt: „Empfangen von Herrn Robert Stevenſon „hundert Pfund Sterling, in einem Creditbrief „über dieſe Summe, und zwei Banknoten, jede zu zwanzig Pfund Sterling, in Summa Ein⸗ „hundert und vierzig Pfund Sterling. „Peter Lowter. „6, Oxfordſtreet, London.“ Robert ſprang nach ſeinem Portefeuille und fand es leer. Er kehrte an den Tiſch zurück, las die Quittung noch einmal und rieb ſich die Au⸗ gen, bis ſie ganz roth wurden. „Er war es!“ rief er endlich;„es iſt un⸗ möglich, ſeine Unterſchrift zu verkennen! Er hat mir eine Lectivn geben wollen. Aber wie iſt es nur möglich, daß er mir zuvorgekommen iſt?“ Ein Diener aus dem Hotel trat ein. „Um welche Stunde iſt der Gentleman ange⸗ kommen, dem dieſes Zimmer gehörte?“ fragte ihn Stevenſon. Der Bediente ſah ihm ſtaunend ins Geſicht; Stevenſon wiederholte ſeine Frage. „Wenn Sie von Herrn Lowter ſprechen,“ antwortete der Menſch endlich,„dieſer bewohnt das Zimmer ſchon ſeit einem Jahre und einigen Tagen.“ —— Robert war verſteinert. „Er iſts alſo nicht,“ murmelte er nach einer langen Pauſe.—„So iſt es der Teufel!“ Ein wenig erleichtert durch dieſen vernünfti⸗ gen Schluß, ſchüttete Stevenſon den Inhalt ſei⸗ ner Börſe auf den Tiſch. Er hatte grade noch ſo viel, als er brauchte, um nach England zu⸗ rückzukehren. 3. Das Haus Peter Lowters in Lundd war ein wahrer Palaſt. Das Erdgeſchoß war aus⸗ ſchließlich von den großen, mit ſtrengem Luxus decorirten und mit einer Armee von Cymmis je⸗ des Alters bevölkerten Bureaus eingenommen. Im erſten Stockwerk befand ſich das Kabinet des Herrn Lowter, von welchem uns Stevenſon eine Beſchreibung gegeben hat. Dieſes Kabinet ſtieß; an der einen Seite an die Bureaus der Chefs, an der andren berührte es die ehemalige Woh⸗ nung von Mistreß Lowter, die gegenwärtig Tho⸗ mas Bage inne hatte. Mistreß Lowter hatte ſich — mit ihrer Familie in das zweite Stockwerk zu⸗ rückgezogen. Einige Tage nach der Stene, welche wir er⸗ zählt haben, lag die Gattin des Bankiers kränk⸗ lich auf einem Sopha halb ausgeſtreckt, und bei ihr war Miß Anna, welche zerſtrent in einem Taſchenbuche blätterte. Das Meublement des kleinen Zimmers in welchem ſie ſich befanden, überſchritt die äußerſten Grenzen der Pracht eines Privathauſes; es war königlich, verſchwenderiſch, und wir würden ſagen übertrieben, hätte nicht Miß Lowter ihr liebliches, bezauberndes Geſicht gezeigt, für welches kein Rahmen zu prächtig ſein konnte. Mistreß Lowter war eine Frau von vierzig Jahren, mit erſchöpften, faſt verwelkten Zügen; auf ihrer Stirn ſah man unverkennbar die Spu⸗ ren tiefer Leiden. Von Zeit zu Zeit warf ſie verſtohlen einen Blick auf ihre Tochter, und dann trat immer eine Thräne in ihre Augen. „Ich dächte,“ ſagte Miß Anna, indem ſie raſch das Buch zuſchlug,„daß Herr Stevenſon uns recht lange auf Nachrichten von ſich warten läßt?“ „Er iſt erſt ſeit acht Tagen abgereiſt,“ be⸗ merkte Mistreß Lowter. „Acht Tage!“ ſagte das junge Mädchen; „das iſt ſehr lange!“ — 144— Als hätte ſie das Wort berent, Anna und verbarg ihr Geſicht hinter dem uche, welches ſie wieder geöffnet hatte. „Sie liebt ihn!“ ſagte Mistreß Lowter zu ſich ſelbſt;„armes Kind!“ Ein Bedienter öffnete ein wenig die Thür und meldete Herrn Bage. Dieſer Name ſchien auf die beiden Damen einen gleichen Eindruck zu machen. Mistreß Lowter runzelte die Stirn, und Anna ließ einen für den Angemeldeten nicht ſehr ſchmeichelhaften Ausruf hören. Herr Bage war auffallend häßlich. Seine Miene verrieth Habſucht, in ſeinem Benehmen lag jene brutale Ungezwungenheit, welche nur eine Variation der Gemeinheit iſt. Mit trotzigem Ungeſtüm trat er ins Zimmer, verbeugte ſich flüchtig und warf ein großes Portefeuille auf den Tiſch. „Gott ſoll mich ſtrafen!“ rief er,„wenn Miß Lowter nicht mit jeden Tage ſchöner wird!“ Dieſes ganz von engliſcher Galanterie duf⸗ tende Kompliment blieb unbeantwortet. Bage legte ſein häßliches Geſicht in Falten und wandte ſich an Mistreß Lowter. „An die Arbeit!“ ſagte er barſch. Anna verſtand ihn und entfernte ſich. Bage öffnete das Portefeuille, welches Wechſel, Briefe und Rechnungen enthielt, denen noch die Unter⸗ ſchrift fehlte. Mistreß Lowter nahm eine Feder und unterzeichnete Alles, ohne es zu leſen. „Dieſer einfältige Stevenſon ſchreibt nicht,“ ſagte Bage;„die letzte Hülfsquelle wird uns entgehen!“ Mistreß Lowter zitterte. „Iſt denn keine Hoffnung mehr?“ fragte ſie. „Ich ſehe keine,“ erwiederte Bage mit eis⸗ kalter Gleichgültigkeit. „Wie? dieſer ungeheure Credit...?“ „Es nutzt ſich Alles ab, nur meine Liebe nicht. Ich glaube in der That, meine theure Dame, daß Miß Anna mich bezaubert hat.“ Indem er dies ſagte, rieb ſich Bage mit zu⸗ friedener Miene die Hände. Mistreß Lowter un⸗ terdrückte einen Seufzer des Verdruſſes. „Aber,“ ſagte ſie,„Robert iſt ein rechtſchaf⸗ fener junger Mann; er wird ohne Zweifel die Einziehungen, mit denen er beauftragt worden iſt, beſorgt haben, und wir werden bald...“ „Was? einige tauſend Pfund. Davon kön⸗ nen wir drei Tage leben.— Haben Sie über meinen Antrag nachgedacht?“ „Alſo,“ rief Anna's Mutter,„ſind wir an den Bettelſtab gebracht?“ „Dies iſt das richtige Wort, Mistreß.“ Die unglückliche Frau ſtand auf; eine plötz⸗ liche, flüchtige Röthe färbte ihre Wangen und aus ihrem Blicke ſprach grenzenloſer Haß und Verachtung. „Und Sie halten um meine Tochter an?“ ſagte ſie mit bebender Stimme.„Unſer Vermö⸗ gen war groß, ſo groß, daß es den allgemeinen Neid erweckte, und Sie waren ein armer Com⸗ mis. Jetzt ſind Sie Millionair und wir haben nichts mehr! Stark gegen eine Frau, welche von der Furcht vor der menſchlichen Gerechtigkeit nie⸗ dergedrückt iſt, haben Sie, ihr Mitſchuldiger, ihr Verführer, zu ihr geſagt: Ich will Dir Deinen Reichthum ſtehlen, ich will mich durch Deine Noth bereichern, aber Dn darfſt nicht ein Wort der Klage ausſprechen, Du mußt ſchweigend zwi⸗ ſchen Armuth und Schande wählen!— Ich habe geſchwiegen, denn ich kenne Ihren Cha⸗ rarter!— Und jetzt halten Sie um die Hand meiner Tochter an?... Sie?“ Sie hielt inne, als hätte ſie keinen Ausdruck finden können, der verächtlich genug wäre, um die Bitterkeit ihrer Verweigerung auszudrücken. Thomas Bage wartete eine Sekunde, dann er⸗ wiederte er mit erzwungenem Lächeln: „Bei meiner Ehre, ich glaube es iſt etwas Wahres in dem was Sie ſagen. Ich habe Ih⸗ nen Ihr Vermögen genommen, woraus folgt, daß ich es beſitze, und dies iſt ein wohl zu be⸗ achtender Punkt. Was Miß Anna's Hand be⸗ trifft, ſo verlange ich ſie beſtimmt von Ihnen.“ „Nimmermehr!— Ich bin ſchwach, ich bin ſtrafbar, aber ich bin es für mein Kind geweſen, und Gott wird mir vergeben. Wenn ich ſie einem Manne wie Sie gäbe...“ „Würde ſie ein ſchönes Einkommen genießen, liebe Mistreß Lowter, und ich wäre im Stande, auch Ihnen ein beſcheidenes Jahrgeld zuzu⸗ „Nimmermehr!“ wiederholte die unglückliche Mutter mit Feſtigkeit. „Liebe Mistreß,“ ſagte Thomas Bage, deſſen Stimme einen ſüßlichen Ausdruck annahm,„Sie verſetzen mich beſtändig in die Nothwendigkeit, Sie an gewiſſe Dinge zu erinnern... Könnte ich nicht das, was ich für Ihr Vermögen gethan habe, auch für Miß Anna thun?“ „Nein! nein!... o dies wäre zu ſchänd⸗ lich!“ ſagte Mistreß Lowter, indem ſie die Hände faltete. „Schändlich oder nicht, ich kann es.“ „Sie werden es nicht thun!“ „Ich bin ſehr geneigt zu glauben, daß ich es thun werde. Ich liebe Ihre Tochter, ich liebe ſie wirklich mehr als es vernünftig iſt. Sie ver⸗ weigern mir ihre Hand und ich kann Sie mit einem Worte verderben. Wäre ich nicht ein Narr, wenn ich dieſes Wort nicht ſagte, durch welches die ſchöne Miß ganz natürlich in die — 148— Arme des Erſten Beſten geworfen wird, der ſie haben will?“ Mistreß Lowter war vernichtet. Bevor die heftige Erſchütterung ihr erlanbte, eine Antwort zu finden, raffte Bage ſein Portefenille zuſam⸗ men und ſtand auf. „Ich gebe Ihnen bis morgen Bedenkzeit,“ ſagte er. Dann machte er eine kurze Verbeugung und verließ das Zimmer. A. Wie wir ſchon erwähnt haben, war der Cre— dit Peter Lowters außerordentlich groß, aber er war nur perſönlich. Dieſer Credit gründete ſich nur auf die große Thätigkeit und Geſchäftserfah⸗ rung des Bankiers, auf ſeine bekannte Recht⸗ ſchaffenheit, und auf das merkwürdige Glück, welches ihn bei allen ſeinen Unternehmungen be⸗ günſtigt hatte. Er galt in London als ein Muſter, deſſen Vollkommenheit zu erreichen, man aufgeben mußte. Seine Gattin, welche die allgemeine Anſicht theilte, ſah in ihm ein unfehl⸗ bares Weſen, eine Vorſehung. —— 1— Der Brief, mit welchem der Bankier ſeinen vorgeblichen Selbſtmord ankündigte, war daher für Mistreß Lowter ein doppelt furchtbarer Schlag, denn ſie verlor zu gleicher Zeit ihren Gatten und ihren Reichthum. Sie hatte auf dieſer Welt nur einen Gedanken, der ihre ganze Seele erfüllte: ihre Tochter Anna war ihr Alles. Der Tod des Bankiers zerſtörte mit einem Male alle die goldenen Pläne, die ſie für die Zukunft dieſes Kindes entworfen hatte. Sie achtete ihren Gatten und ſein Tod betrübte ſie; Sie hatte früher die Armuth gekannt, und der Gedanke, wieder arm zu werden, wäre ihr ſchmerzlich ge⸗ weſen: aber der Gedanke, daß ihre Tochter mit in ihren Fall hineingezogen werden ſollte, ver⸗ nichtete ſie. Sie war in dem Zimmer, welches ſie damals in der erſten Etage des Hauſes Oyfordſtreet be⸗ wohnte, als der alte Toby ihr die Todesbotſchaft brachte, welche der Bankier bei ſeiner Abreiſe zu⸗ rückgelaſſen hatte. Toby war ſeit funfzehn Jahren im Hauſe; Miſtreß Lowter war ſanft und gütig; er liebte ſie, und machte ſich oft Vorwürfe dar⸗ über, daß er die Hand dazu bot, ſie zu hinter⸗ gehen. Kaum hatte die arme Frau die erſten Zeilen des Briefes überblickt, ſo ſank ſie in Ohnmacht. Während Toby ihr zu Hülfe eilte, warf er einen — 150— Blick auf das zu Boden gefallene Papier und las es. „Gott ſtehe uns bei!“ rief er aus, was ſoll aus dem Hauſe werden!“ Das Verhältniß des Hauſes Lowter war in der That allgemein bekannt. Sein Chef war für daſſelbe, was die Seele für den Körper iſt. Mit ihm ſtand es groß und feſt und jedes Auf⸗ ſchwunges fähig; ohne ihm war es todt. Miſtreß Lowter blieb lange beſinnungslos. Toby that ſein Möglichſtes, um ſie wieder zu ſich zu bringen und zerbrach ſich den Kopf, einen Ausweg der Rettung zu ſuchen. In dem Au— genblicke, als die Dame wieder zu ſich kam, ſchlug ſich der alte Diener vor die Stirn, und ſprang hoch in die Höhe. „Das Unglück ſoll abgewendet werden!“ rief er aus. Er dachte dabei aber nicht an ſeine Gebieterin, ſondern nur an das Geſchäft, ein in ganz andrer Hinſicht intereſſanter Gegenſtand für den Diener in einem Handlungshauſe. Und da Mistreß Lowter ihn ſtaunend anſah, fügte er als eine Erklärung hinzu: „Maſter Lowter iſt todt, das iſt wahr; aber ich werde ihn vom Tode erwecken, ich, Toby.“ Er ergriff die Hand der unglücklichen Wittwe, welche, noch ſchwach, ihn gewähren ließ, und zog ſie in das Kabinet des Bankiers. Thomas Bage —— trat in dem Angenblicke ins Zimmer, als ſie es verließen. Er ſah den offenen Brief auf der Erde liegen, hob ihn auf und machte ſich kein Bedenken daraus, ihn zu leſen. Toby öffnete einen Schrank und zog einen Vorhang zurück, der die Thüröffnung völlig ver⸗ barg. Mistreß Lowter ſtieß einen lauten Schrei aus; Thomas Bage ſteckte den Kopf durch die halbgeöffnete Thür und ſah Alles. „Er iſt's, nicht wahr?“ ſagte Toby trium⸗ phirend.„O, es iſt von einer Meiſterhand ge⸗ arbeitet. Der Herr bat dem Künſtler hundert Guineen bezahlt, damit es ganz vollkommen werden ſollte.“ Dies war nicht zu viel für das Kunſtwerk. Der Schrank enthielt eine Wachsfigur, welche den Bankier vorſtellte. Das Werk war dem Verfertiger um ſo beſſer gelungen, als das ſtarre Geſicht des Originals die ganz genaue Nachbil⸗ dung erleichterte. Einen einzigen Vorwurf hätte man dem Künſtler machen können: er hatte dem Bilde zu viel Leben gegeben; Peter Lowter glich noch mehr einer Wachsfigur als dieſes. Bei dieſem Anblick füllten ſich die Angen der Wittwe mit Thränen. Der alte Diener nahm eine demüthige und reuevolle Stellung an. „Haben Sie Mitleiden mit einem armen Manne, Mistreß, und verzeihen Sie ihm,“ ſagte er.„Ich ſchäme mich, es zu geſtehen, aber — 152— dieſer Wachsklumpen hat dazu gedient, Sie zu hintergehen, und ich war Theilnehmer an dem Betruge; aber Maſter Lowter war mein Herr und ich mußte ihm gehorchen. Jeden Abend verließ er das Haus durch dieſe Thür, welche ſo geſchickt verborgen iſt, daß Sie ſie nicht ſehen, und ging in die Spielhäuſer. Ich ſetzte dieſe Figur in ſeinen Lehnſtuhl und zündete die Lampe an. Von Ihrem Zimmer aus blickten Sie oft her⸗ über und bewunderten den ausdauernden Fleiß des Herrn.“ „Genug,“ unterbrach ihn Mistreß Lowter; „warum ſagſt Du mir dies jetzt?“ „Warum? errathen Sie es denn nicht? Was Sie, ſeine Gattin, getäuſcht hat, kann dies nicht auch Andre täuſchen?“ Die Wittwe legte die Stirn in die Hand, ein Herr ſchmerzlicher Gedanken drängte ſich in ihrem Kopfe. Die Gegenwart war ihr fürchter⸗ lich, aber die Zukunft ſtand noch trauriger und noch hoffnungsloſer vor ihr. Anna, ihre geliebt Tochter, ſollte das Unglück kennen lernen. Dem⸗ ohngeachtet öffnete ſie den Mund, um eine Wei⸗ gerung auszuſprechen. „Dies wäre eine eben ſo ſtrafbare als nutz⸗ loſe Lüge,“ ſagte ſie muthlos. „Strafbar, vielleicht; nutzlos, nein.“ Dies ſagte Thomas Bage, der plötzlich hin⸗ zutrat. Mistreß Lowter bebte erſchrocken zurück. — 153— „Fürchten Sie nichts, ich weiß, wovon die Rede iſt,“ fuhr Bage fort, indem er auf den offenen Brief zeigte;„Sie können auf mich rechnen.“ Er richtete ſeine Lorgnette auf die Wachs⸗ figur und betrachtete ſie einige Minuten lang mit der ſorgfältigſten Aufmerkſamkeit. „Bei meiner Ehre!“ rief er endlich,„ich würde der Erſte geweſen ſein, der ſich hätte tän⸗ ſchen laſſen. Wer hätte geglaubt, daß unſer Herr Prinzipal einen ſolchen Einfall haben könnte?... Lieber Toby, Ihr habt eine vortreff⸗ liche Idee gehabt; Ihr ſeid die Perle der Be⸗ dienten.— Laßt uns allein.“ Herr Bage beſaß das Talent, ſich bei allen Menſchen verhaßt zu machen. Toby fühlte große Luſt, ihm den Befehl zurückzuſchieben, den er ihm gegeben hatte; aber eine funfzehnjährige Dienſtbarkeit würde auch den kräftigſten Cha⸗ rakter beugen: er wagte es nicht und verließ das Zimmer. Mistreß Lowter, in ihren tiefen Schmerz ver⸗ ſunken, ließ das unſchickliche Eintreten Bage's eben ſo unbeachtet, als die Anmaßung dieſes Commis, der in ihrem Hauſe und in ihrer Ge⸗ genwart Befehle ertheilte. Bage hatte ſeine Abſichten. Sobald er von der Gegenwart des alten Dieners befreit war, bot er ſeine ganze Beredtſamkeit auf, um Mistreß Der Wald von Rennes. III. Lowter zu überzeugen. Je ausſchweifender der Gedanke auf den erſten Blick erſchien, deſto un— wahrſcheinlicher war es, daß man die Ausführung deſſelben ahnete. Auf Toby's Verſchwiegenheit konnte man rechnen; er ſelbſt führte die geheimen Rechnungen des Bankiers und Mistreß Lowter übernahm die Unterzeichnung. Sie mußte doch etwas thun!... Und genan betrachtet, beging ſie keine Fälſchung, indem ſie die Unterſchrift ihres Gatten nachahmte, denn ſie war vollkommen ge⸗ wiß, die unter dieſem Namen, der überdies der ihrige war, übernommenen Verbindlichkeiten zu erfüllen. Es wurde dadurch in der That nur der Begriff der Nachfolge zu ihrem Nutzen ein wenig erweitert. Dies ſagte Bage und noch viele außerordent⸗ lich überzeugende Dinge. Er wünſchte ſo ſehr, ſeinen Zweck zu erreichen, daß er zu ſeiner eige⸗ nen Verwunderung einmal geläufig ſprach. Mistreß Lowter aber weigerte ſich noch immer. Endlich, da er nichts mehr zu ſagen wußte, ſprach der Commis den Namen Anna aus, und jetzt weigerte ſich die arme Mutter nicht mehr. Auf dieſe Weiſe waren die drei Ingredienzen, welche zu einem Bankier gehören, geſchaffen; ſein Körper, ſeine Bücher und ſeine Unterſchrift. Es war unmöglich, eine vollſtändigere Wiederbele⸗ bung zu erſinnen. 5. Schon am folgenden Morgen wurde der ge⸗ heimnißvolle Schrank geleert; man bekleidete die Figur mit einem Schlafrocke und ſetzte ſie in einen Lehnſtuhl. Da man ſie nicht von außen ſehen laſſen konnte, wurde die Wand, welche das Ka⸗ binet von den Bureaus trennte, durch Glasfenſter erſetzt, die nur halbdurchſichtig waren und erlaub⸗ ten, das undeutliche Profil Lowters zu ſehen, der in tiefe Gedanken verſunken zu ſein ſchien. Bage hatte richtig berechnet. Das Unglaub⸗ liche einer ſolchen Liſt entfernte jeden Verdacht. Als man es endlich ſonderbar fand, daß der Bankier ſein Kabinet gar nicht mehr verließ, hielt man ihn nicht für todt, ſondern für verrückt, und dies war der erſte Grund, daß der Eredit des Hauſes ſank. Ein anderer und noch weit gefährlicherer aber zeigte ſich bald in dem Geſchäftsführer Thomas Bage ſelbſt, welcher bedeutende Summen aus dem Geſchäfte nahm. Mistreß Lowter wurde ſchnell und hart beſtraft für die Schwäche, mit welcher ſie den Rathſchlägen dieſes Mannes ge⸗ folgt war. Als einziger Führer des Geſchäfts kamen alle Einnahmen in ſeine Hände; er gab 11* davon nur aus, was unumgänglich nöthig war, und ließ das Uebrige in ſeine eigene Kaſſe fließen. Er ſchob die Zahlungen hinaus und zerſtörte ſo muthwillig den größten Credit, den ſich jemals ein Kaufmann durch ſeine wirkliche oder vorgeb⸗ liche Rechtlichkeit geſchaffen hat. Peter Lowter hatte früher ſelbſt bedeutende Summen verbraucht, aber er war immer da ſte⸗ hen geblieben, wo die Gefahr begann; Bage aber dachte:„In einem halben Jahre muß ich ein Millionair ſein!“ und danach handelte er. Der Bankier war mit ſeinem Geſchäft verfahren, wie man mit einem Walde verfährt, aus dem man fortdauernd, aber nach einem vernünftigen Sy⸗ ſteme Holz ſchlagen läßt; die Einnahmen füllten die Lücken immer wieder aus, und ſo wurde der Ruin auf lange Zeit hinausgeſchoben. Bage, der ſich von dem erſten Commis zum unbeſchränkten Geſchäftsführer aufgeſchwungen, hatte keinen Grund zu ſchonen; er wirthſchaftete mit blinder Rückſichtsloſigkeit. Es war eine wirkliche und ſinnloſe Verwüſtung. Bage's ſelbſt in der Auffaſſung des Böſen beſchränkter Geiſt hatte von einer Million geträumt, und um ſich in den Beſitz derſelben zu ſetzen, war es ihm ganz gleichgültig, das Hundertfache dieſer Summe wegzuwerfen. Sobald er aber die Million erobert hatte, wollte er eine zweite erobern. Er wurde uner⸗ —„—— —— —— — 157—„ ſättlich, er hing ſich wie ein Polyp an das Herz des hinſterbenden Geſchäfts, und nahm ſich vor, nicht eher abzulaſſen, als bis Alles in ſeine Hände gekommen war. Mistreß Lowter konnte Schritt für Schritt dieſem Werke der Vernichtung folgen. Der ehe— malige Commis nahm ſich gar nicht die Mühe, ſein Verfahren zu verbergen, ſondern er zwang die Wittwe ſogar, ſeinen Diebſtahl durch ihre Unterſchrift zu beſtätigen. Sie nnterzeichnete die Wechſel, deren Betrag Bage für ſich einkaſſirte. Wenn ſie zuweilen, durch den Gedanken an ihre Kinder ermuthigt, einen ſchüchternen Widerſtand wagte, dann zählte ihr Bage mit frecher Härte die Strafen auf, welche das engliſche Geſetz ge— gen Fälſchung ausſpricht. „Ueber was beklagen Sie Sich, werthe Mis⸗ treß Lowter?“ ſagte er dann zu ihr;„Sie ſe⸗ hen, daß ich Sie ſchone.“ Ein halbes Jahr nach dem Tode des Ban⸗ kiers trieb Bage ſeine ſchonungsloſe Frechheit ſo weit, daß er Mistreß Lowter aus ihrer Wohnung vertrieb, um dieſe ſelbſt einzunehmen. Dieſe Woh⸗ nung ſtand, wie wir erwähnt haben, mit dem Kabinet Peter Lowters in Verbindung, und dies beſtimmte Bage zu jenem Schritte. Er wollte ſelbſt über die Erhaltung des Uinterpfandes ſeiner uſurpirten Macht wachen. lUeberdies machte es ihm ein ſchändliches und kleinliches Vergnügen, — die Frichle ſeines Raubſyſtems in der Kaſſe ſei⸗ nes ehemaligen Herrn aufzuſammeln. Dieſe Kaſſe, welche eben ſo prächtig war, als das ganze Meublement, hatte ein künſtliches Com⸗ binationsſchloß, wie es damals noch wenig be⸗ kannt war. Als Maſter Lowter verſchwunden war, hatte ſich der Schlüſſel dazu nicht vorge⸗ funden, und eben ſo wenig der zu der verborge⸗ nen Thür, durch welche er von ſeinen nächtlichen Ausflügen in ſeine Wohnung zurückkehrte. Dieſe letzte Thür, die jetzt unnütz war, blieb ver⸗ geſſen, die Kaſſe aber wurde geöffnet, und der Schloſſer, welcher ſie gebaut hatte, verfertigte ei⸗ nen neuen Schlüſſel dazu, der einzig und allein in Bage's Händen blieb und den auch das Haus Lowter in der That entbehren konnte. Obgleich der ehemalige Commis ſein Werk ſchonungslos fortſetzte, war doch ſchon längſt ein Gefühl für Miß Anna in ihm erwacht, welches die ganze Kraft der Liebe, wenn auch nicht ihre übrigen Eigenſchaften hatte. Dieſe Leidenſchaft, welche weit entfernt war, zu Gunſten der Opfer ſeiner Habſucht in ihm zu ſprechen, trieb ihn im Gegentheil zu noch größerer Thätigkeit nn. Er ließ ſich Gerechtigkeit widerfahren, und da er die Hoffnung aufgab, um ſeiner ſelbſt willen geliebt zu werden, glaubte er jedesmal, wenn er Mis⸗ treß Lowter einen Theil ihres Vermögens entriß, zugleich die Unmöglichkeit zu vergrößern, daß ſie — ihm eine abſchlägige Antwort geben könnte. Als er im Beſitz ſeiner Million war, brachte er die Sache zur Sprache, und wurde entſchieden zu⸗ rückgewieſen. „Sie haben noch zu viel,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„und ich habe noch nicht genug.“ Und ſeine Kaſſe füllte ſich immer mehr mit Gold und Bankbillets; das Haus Lowter begann unter den Druck eines zunehmenden Mißeredits zu wanken. Bage erneuerte ſeinen Antrag, aber mit keinem beſſeren Erfolge. Er hatte ſeine Ruhe und ſeinen Troſt in ſeiner Kaſſe. Als ob das Geſchäft noch nicht genug Ele⸗ mente des Ruins in ſich ſelbſt getragen hätte, ſo verbreitete ſich jetzt auch das Gerücht, daß Maſter Lowter den Verſtand verloren habe. Dieſes war der Todesſtoß. Ein allgemeines Zu⸗ rückziehen der Fonds zwang zur Einſtellung der Zahlungen. Um nichts zu vernachläſſigen, wurde einer der Commis ins Ausland geſchickt, mit dem Auftrage, die in den Zeiten des Reich⸗ thums vergeſſenen Außenſtände einzutreiben; al⸗ lein dies war nur eine illuſoriſche Hülfsquelle. Bage wählte dieſen kritiſchen Augenblick, um noch einmal Anna's Hand zu fordern. Dieſes Mal glaubte er, ſie mit Gewalt erbein zu kön⸗ nen. Wir haben der Seene beigewohnt, in wel⸗ cher Mistreß Lowter ſeinen Anmaßungen ihr Recht angedeihen ließ. Dieſes Reſultat ſetzte ihn — 160— in die äußerſte Wuth. Für einen ſolchen unge⸗ heuren Schimpf ſchien es ihm noch keine genü⸗ gende Rache, wenn er die Unglücklichen an den Bettelſtab brachte; er drohte der armen Mutter, welche es wagte, die Zukunft ihrer Tochter gegen ihn zu vertheidigen. Leider war Bage der Mann, ſeine ſchändliche Drohung in Ausführung zu bringen. „Ich beſitze drei Millionen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, als er Mistreß Lowter verließ,„und wahr⸗ ſcheinlich noch mehr. Gott ſoll mich verdammen, wenn ich Jemandem erlaube, zu einem Manne wie ich bin nein zu ſagen!“ Als er wieder in ſein Zimmer kam, glanbte er ein ungewöhnliches Geräuſch im Kabinet ſei⸗ nes ehemaligen Herrn zu vernehmen. Er ſtürzte hinein: das Kabinet war leer. Als er jedoch nach ſeiner Gewohnheit einen Blick in ſeine Kaſſe werfen wollte, mochte er den Schlüſſel nach allen Seiten im Schloſſe drehen, die Kaſſe öffnete ſich nicht. „Was ſoll das bedeuten?“ ſagte er erblei⸗ chend vor ſich hin.„Sollte Jemand hier ge⸗ weſen ſein?— Aber nein, dies iſt unmöglich. Ich werde ſelbſt das Schloß verderbt haben. Es iſt morgen Zeit, dies zu unterſuchen.“ Am folgenden Morgen hatte Thomas Bage das Kaſſenſchloß vergeſſen. Die ganze Nacht hatte er über Racheplänen gebrütet. Als er er⸗ wachte, war es ſein erſter Gedanke, zu Miſtreß Lowter zu gehen, um noch einmal in ſie zu dringen. „Wenn ſie auf ihrem Kopfe beharrt,“ dachte er,„ſoll das Gericht die Entwicklung der Co⸗ mödie herbeiführen. Wenn die gute Frau nur erſt im Gefängniſſe ſitzt, dann wird es ſich finden, ob ihre Tochter ſich noch weigern wird, Miſtreß Bage zu werden.“ Ehe er ſich auf den Weg machte, warf er noch einen Blick in Maſter Lowters Kabinet. Die Wachsfigur ſaß da, ein furchtbarer Zeuge gegen die Wittwe, wenn ſie Bage aufs Aeußer⸗ ſte treiben ſollte. Er verſchloß die Thür, um ſich den Beſitz dieſes wichtigen Beweisſtückes zu ſich⸗ ern, und ſtieg die Treppe hinauf. Faſt in dem nämlichen Angenblick kniſterte die Holzverkleidung des Kabinets, die geheime Thür öffnete ſich und zwei Männer traten ein. „Kaum kann ich meinen Augen trauen,“ ſagte der Eine mit leiſer, zitternder Stimme. „Iſt es denn möglich, daß Sie wieder vom Tode auferſtanden ſind?“ Maſter Lowter, denn er war es ſelbſt, legte den Finger auf den Mund, und Toby mußte den weitſchweifigen Ausbrüchen ſeiner Verwun⸗ derung Schweigen gebieten. Nachdem der Ban⸗ kier ſich überzeugt hatte, daß Bage's Zimmer leer war, kehrte er zu Toby zurück. „Dies hier verſtehe ich,“ ſagte er, indem er auf die Wachsfigur zeigte; aber erkläre mir das Uebrige.“ Toby wußte ziemlich Alles, was im Hauſe vorging. Er unterrichtete ſeinen Herrn von Bage's Handlungsweiſe und von dem traurigen Reſultate derſelben. Der Bankier konnte einen Ausruf der Wuth nicht unterdrücken, als er von der Einſtellung der Zahlungen hörte. „Hier iſt genug, um ſie wieder aufnehmen zu können,“ ſagte Toby indem er auf die Kaſſe zeigte. Lowter ſchüttelte mit dem Kopfe. „Drei Millionen!“ ſagte er.„Was ſind drei Millionen ohne Vertrauen für das Haus Lowter! Er nahm einen Schlüſſel aus der Taſche und wollte die Kaſſe öffnen. Aber der Bart von Bage's Schlüſſel war abgebrochen und im Schloſſe ſtecken geblieben. Ein unmerkliches Lächeln glät⸗ tete die Stirn des Bankiers. — 163 „Der Schurke iſt hier geweſen,“ murmelte erz„ich habe recht daran gethan, geſtern meine Maßregeln zu treffen.“ Dann wendete er ſich zu Toby und fuhr fort: „Dieſer Bage iſt ein kühner Böſewicht, aber er ſoll beſtraft werden.— Von wem hat er meine Unterſchrift nachahmen laſſen?“ Toby nannte ganz leiſe den Namen von Miſtreß Lowter. Wäre das Geſicht des Ban⸗ kiers nicht eine Art ſtummer, unbeweglicher Maske geweſen, ſo hätte ſich in dieſem Augenblick ge⸗ wiß der heftigſte Verdruß darin gezeigt. Nach⸗ dem er einige Sekunden geſchwiegen hatte, winkte er Toby, ſich zu entfernen. Dies war ſchon der zweite Beſuch, den Peter Lowter in ſeinem ehemaligen Kabinet machte. Bei ſeiner Flucht hatte er zufällig und abſichts⸗ los die Schlüſſel zu der geheimen Thür und zu der Kaſſe bei ſich behalten. Am Abend vorher war er in London angekommen, und ſobald er aus dem Wagen geſtiegen, war er in ſein Haus und in ſein Kabinet gegangen. Auf dem Wege von Dover nach London hatte er ſich durch die Geſpräche einiger Mitreiſenden überzeugen kön⸗ nen, daß Stevenſon ihn nicht belogen hatte: der Kredit des Hauſes war vernichtet und ihn ſelbſt hielt man für wahnſinnig. Demohngeachtet ſchöpfte er Hoffnung, als er die Kaſſe gefüllt ſah. — 164— Für jeden Fall veränderte er die Combination des Schloſſes, wodurch es Bage unmöglich wurde, es zu öffnen. In dieſer kritiſchen Lage war der Kaufmanns⸗ geiſt plötzlich in ihm erwacht; er beſchloß, wie ſehr auch das Geſchäft zurückgegangen ſein mochte, das Gebäude ſeines Kredits wieder aufzurichten. Dieſes Gefühl gab ihm ſeine frühere Energie wieder. Der Mann des Spleens und des Selbſt⸗ mords verſchwand plötzlich, um dem klugen Spe⸗ kulanten Platz zu machen, deſſen geſchickt be⸗ rechnete Kühnheit früher das Glück ſich dienſtbar gemacht hatte. Aber Toby's Mittheilung verwandelte ſeine Hoffnung in Muthloſigkeit. Es handelte ſich nicht mehr darum, einen wankenden Kredit zu ſtützen, ſondern es war ein gefallenes Haus, welches er wieder emporrichten mußte; je größer dieſes Haus geweſen war, deſto ſchwerer war ſein Fall und deſto größer die Unmöglichkeit, es wie⸗ der aufzurichten. Als Lowter in ſeinem Kabinet allein war, ging er mit großen Schritten auf und ab; der Angſtſchweiß floß ihm von der Stirn; zum er⸗ ſten Male brachte die furchtbare Aufregung die in ihm tobte, ſein Blut zum Sieden, und machte, daß ſeine Augen funkelten. „Und der Fälſcher iſt nicht Thomas Bage!“ ſagte er.„Selbſt die Rache, Alles entſchlüpft — mir zu gleicher Zeit; der Schurke iſt vor den menſchlichen Geſetzen in Sicherheit!“ Ein plötzliches Geräuſch wurde in dem an⸗ ſtoßenden Zimmer hörbar. Der Bankier ergriff ſeine Piſtolen und näherte ſich der Thür. In dieſem Augenblick der furchtbarſten Wuth würde er, allein mit Bage, ſelbſt vor dem äußerſten Schritte nicht zurückgebebt ſein. Er hob den Fuß, um die Thür einzuſtoßen, aber er ließ ihn ſogleich wieder ſinken, als er die Stimme ſeiner Gattin hörte. „Haben Sie Mitleiden!“ ſagte ſie flehend, „um Gottes willen bitte ich Sie, haben Sie Mitleiden!“ „Ich verlange Miß Anna's Hand von Ih⸗ nen,“ erwiederte Bage mit verächtlicher Ruhe. Peter Lowter legte ſein Ohr an das Schloß; ſeine Aufwallung war vorüber, und ſein phleg⸗ matiſches Geſicht hatte ſeine gewöhnliche Re⸗ gungsloſigkeit wieder angenommen. „Hören Sie mich an, Miſtreß Lowter,“ fuhr Bage fort;„die Sache iſt ganz einfach, mein Entſchluß ſteht unwiderruflich feſt. Thun Sie, was ich verlange, oder ich denuncire Sie auf der Stelle als Fälſcherin. Gott ſei Dank! ich habe hier einen Beweis, gegen den das Gericht nichts ein⸗ wenden kann.“ „Die Wachsfigur!“ murmelte Lowter, deſſen Geſicht ſich plötzlich aufheiterte. — 166— Miſtreß Lowter hielt ſich an Bage's Arme feſt und ſagte weinend: „Ich kann nicht... ach, hören Sie mich, Thomas, ich kann nicht! So lange es ſich nur um Vermögen, um Kredit handelte, habe ich Sie gewähren laſſen... aber meine Anna, mein armes Kind... ihr ganzes Lebensglück aufzu⸗ opfern... das kann ich nicht!“ „Dann laſſen Sie mich los, Mistreß, damit ich auf das Gericht gehen kann.“ Es wurde ſtill, Bage war fortgegangen. Peter Lowter richtete ſich aufz er hatte Mühe, ſeine Freude zu unterdrücken. „So viel iſt gewiß,“ ſagte er, daß ich nur im Spiel Unglück habe!“ Der alte Toby, der immer auf der Lauer ſtand, trat jetzt ins Zimmer, um Mistreß Low⸗ ter beizuſtehen, die ihrer Todesangſt erlag. Als er ſie in ihre Wohnung gebracht hatte, wollte er zum Bankier zurückkehren, aber er fand die ge⸗ heime Thür von innen verſchloſſen. Voll Ver⸗ zweiflung eilte Toby in Bage's Zimmer und blickte hier durch das Schloß; aber er ſah, daß das Kabinet leer war, und daß die Wachsfigur auf ihrer Stelle ſaß. „Gott ſtehe uns bei!“ murmelte der alte Diener.„Der einzige, der uns helfen konnte, verläßt uns!“ Mistreß Lowter war mit Toby's Hülfe müh⸗ ——— — 167— ſam die Treppe hinaufgeſtiegen. Sie befand ſich in ihrem Zimmer, umgeben von ihren jüngeren Kindern, von Anna und Stevenſon, der von ſeiner Reiſe zurückgekommen war. Die arme Mutter, welche ihre Thränen er— ſtickten, konnte kein Wort ſprechen. Anna wußte nichts und ſie wagte es auch nicht, ihre Mutter zu fragen. Stevenſon verſuchte es auf eine etwas linkiſche aber herzliche Weiſe, ſie zu tröſten, und da er zu errathen glaubte, daß Bage die urſache ihres Schmerzes ſei, erbot er ſich, ihn im Zweikampf oder auf jede andre Art, die Mistreß Lowter vorziehen könnte, umzubringen. Der alte Toby betrachtete traurig dieſe Secene, und ſagte unaufhörlich zu ſich ſelbſt: „Gott ſtehe uns bei!... wenn doch der Herr gewollt hätte...!“ 7. Es machte in Orxfordſtreet ein ungeheures Aufſehen, als man einen Beamten der Krone in Begleitung von drei Konſtablern in das Lowterſche Haus gehen ſah. In England, wo die kauf⸗ männiſchen Sympathien über die Maßen ent⸗ wickelt ſind, macht der Fall eines großen Hanſes immer einen lebhaften Eindruck; aber wenn die⸗ ſer Fall von gerichtlichen Maßregeln begleitet iſt, dann wird der Aufſtand allgemein, man ſam— melt ſich vor dem Hauſe, man erwartet faſt, daß, wie ein Todter auf einer Bahre liegend, jenes phantaſtiſche Weſan der Kredit, auf dem Hauſ⸗ getragen werden wird. Hier ſchien die Entwickelung nirlich drama⸗ tiſch zu werden. Das Haus wankte ſchon längſt, aber ſein Chef, wenn er auch verrückt war, galt in den Angen des Publikums doch immer noch für einen rechtſchaffenen Mann. Was wollten dieſe verdächtigen Geſichter des Gerichtsbeamten und der Konſtabler hier? Wäre es nicht beſſer geweſen, den Sterbenden ruhig ſeinen letzten Odem⸗ zug thun zu laſſen?“ Dies waren die theilnehmenden Gedanken einer Menge Pflaſtertreter aus allen Klaſſen, die ſich vor der Hausthür geſammelt hatten. In— deſſen hatte Bage die Gerichtsperſonen eingeführt; er gelangte mit ihnen in das erſte Stockwerk und ſchickte ſogleich die Commis fort, welche die Menge der Gaffer auf der Straße noch ver— mehrten. „Herr Bage,“ ſagte der Gerichtsbeamte, „Sie haben eine ſchwere Anklage erhoben; ich laſſe Ihnen Zeit zum Nachdenken, erklären Sie Sich dann, ob Sie ſie fortführen wollen.“ —— — — 169— Anſtatt zu antworten, verſuchte Bage, die Thür des Kabinets zu öffnen, welche in die Bureaus führte, und da er ſie von innen ver⸗ ſchloſſen fand, ſchlug er eine Glasſcheibe ein. *„ „Sehen Sie ſelbſt!“ ſagte er. Die Wachsſigur wurde ſichtbar. Der Beamte und die Konſtabler kunnten Peter Lowter per⸗ ſönlich; die Nachbildung war ſo wunderbar ges nau, daß ſie nicht wußten, was ſie ſagen ſollten. „Sehen Sie ſelbſt,“ wiederholte Bage. „Seit einem Jahre wird die Unterſchrift des Hau⸗ ſes Lowter durch dieſe Puppe bemäntelt. Dieſe ſtrafbare, von der Wittwe erfunden Liſt...“ „Der Schein iſt in der That gegen ſie,„unter⸗ brach ihn der Gerichtsbeamte, aber die Juſtiz verlangt augenſcheinliche Beweiſe. Laſſen Sie uns in das Kabinet eintreten.“ Der alte Toßy hatte ſeine unruhige Neugierde nicht mäßigen können und war auf den Zehen herbeigeſchlichen. Bage bemerkte ſeinen kahlen Kopf an der Thür der Bureaus. „Eine Apt,“ rief er. Nur ungern gehorchte Toby. Bage bediente ſich der Art, und eine der Säulen der Glas⸗ wand fiel. Der Beamte trat ſogleich durch dieſe Breſche ein, ihm folgte Bage und die Konſtab⸗ ler. Toby lehnte ſich halb ohnmächtig an die Wand, eine Thräne trat ihm in die Augen. Der Wald von Rennes. UI. 12 — 170— „Wenn doch der Herr gewollt hätte...!“ murmelte er troſtlos. „Iſt jetzt die Juſtiz befriedigt?“ fragte Bage; „läßt dieſer Beweis noch einen Zweifel zu?“ Um ſeinen Worten noch mehr Gewicht zu ge⸗ ben, ſchlug er die Figur auf die Schultern, aber dieſe richtete ſich langſam empor. Bage ſprang zurück und fiel, halb todt vor Entſetzen, neben dem alten Toby zu Boden. „Lange lebe Maſter Lowter!“ rief dieſer in ausgelaſſener Freude. „Was wollen Sie von mir?“ fragte Peter Lowter mit der größten Ruhe den erſchrockenen Beamten. Dieſer Letztere ſah in ſeiner Beſtürzung die Konſtabler, und die Konſtabler ſahen ſich unter⸗ einander an. Alle huſteten zu gleicher Zeit. „Wollen Sie nicht die Güte haben, mir zu ſagen, was Sie hierher führt?“ fragte der Ban⸗ kier nochmals. „Mein werther Herr...“ begann der Be⸗ amte in der höchſten Verlegenheit. „Ich heiße Lowter,“ unterbrach ihn dieſer. „Alſo Herr Lowter; wir kommen in Folge der Aufforderung dieſes Herrn...“ „Dieſer Herr iſt ein Schurke und ein Narr. Ich habe es vermuthet, und ſeine Worte haben mich überzeugt.— Iſt dies Alles?“ „Dies iſt Alles.“