Leipbibliohet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 0 Cdnard Otlmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih nnd Zeſehedingungen. 1 offensein der Pibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ſ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Ta von Morgens pſun bi he Uhr offen. — c 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von keeh Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet) wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und J beträgt: 1 3 eentich Pluer 4 Bücher 6 Buher auf 1 Monat: 1 W 2N—f 3„— 5. Auswäptige Abonnenten haben für Hin⸗ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefa 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerr 8 defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mi Labenpreis erſetzt werden— Iſt das zerriſ lorene oder deferte Buch ein Theil eines gro o, ſo der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet!— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe i auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird „ 5 und Zurückſendung elbſt zu ſyroen — beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das W der Bücher nicht ſtattfinden darf, inder Diejenigen en von mir geliehen, auch dafür zu ſtehe eiterverleihen „welche die⸗ n haben. 3 4 Muſeum. — Der Wald von Rennes. Roman von Paul Feval. Deutſch von Lonis Fort. Zweiter Band. Leipzig. Berger's Buchhandlung⸗ 1846. — 1. Ein Worgenbeſuch. Lange vor Tages Anbruch war Ind Leker auf den Füßen. Er verließ geräuſchlos ſein Lager, um ſeinen Herrn nicht zu wecken, der noch ſchlief, wie man im fünfundzwanzigſten Jahre nach einer langen und ermüdenden Reiſe ſchläft. Obgleich die Dämmerung die undurch⸗ ſichtige Finſterniß in den endloſen Gängen des Schloſſes nicht erhellte, fand Jnd doch ohne Anſtoß den Weg. Er war im Schloſſe geboren und hatte es vierzig Jahre lang bewohnt. Er ging bei der großen Doppeltreppe vorbei, die in das erſte Stockwerk führte, erreichte die Küche und ſchlug dann einen engen Gang ein, durch welchen er in das Wirthſchaftsgebäude gelangte. Vieles hatte ſich in den Einrichtungen und Gewohnheiten von la Tremlays verändert, aber die Wohnungen der Dienerſchaft befanden ſich noch da wo ſie früher waren. Ohne dieſen Um⸗ ſtand würde Juds vortreffliches Gedächtniß ihm nicht viel genützt haben. Er zählte drei Thüren anf der inneren Ga⸗ lerie des Wirthſchaftsgebäudes und klopfte an die vierte. Es iſt anzunehmen, daß Frau Goton Rehon, 7 die Wirthſchafterin des Schloſſes, in der Regel zu einer ſo unpaſſenden Stunde keine Beſuche empfing. Die gute Frau zählte ſechzig Jahre, und in dieſem Alter haben die Wirthſchafterinnen nur noch Diebe zu fürchten. Sie ſchlief, oder ſtellte ſich wenigſtens, als hätte ſie nichts gehört, und Jud erhielt keine Antwort. Er klopfte noch einmal und ſtärker als vorher. „Jeſus Chriſtus!“ rief die heiſere Stimme der alten Frau,„iſt Feuer im Hauſe?“ „Ich bin es, Jud,“ erwiederte dieſer, indem er wiederholt anklopfte,„Jud Leker!“ Goton war kein furchtſames Mädchen. Sie griff nach einem dicken Stocke und ging dann, um die Thür zu öffnen, obgleich ihr durch das Alter ſchwach gewordenes Ohr keine Silbe von Juds Worten verſtanden hatte. „Ich komme ſchon, ich komme ſchon!“ brummte ſie.„Sind es etwa die Wölfe, dann will ich ihnen von dem alten Treinl erzählen, und ſie werden keinen Strohhalm in dem Hauſe berühren, das er bewohnt hat; ſind es Geiſter... Sie ſchlug das Zeichen des Kreuzes und hielt inne. „Macht doch auf!“ ſagte Jud. „Wenn es Geiſter ſind... dann wären mir Lölfe lieber.“ Sie öffnete die Thür und hielt ihren Stock quer vor dieſelbe. „Wer da?“ ſagte ſie. „Still, liebe Frau Goton! ſtill, um des Him⸗ mels willen!“ „Wer da?“ wiederholte die unerſchrockene Alte, indem ſie ihren Stock emporhob. Ind ergriff ihn, trat ins Zimmer und ver⸗ ſchloß die Thür. „Ein Mann, deſſen Name nicht vhne Noth in Tremls Schloſſe genannt werden darf,“ ſagte er. „Tremls Schloß?“ wiederholte Goton, der vor Freuden das Herz in der Bruſt hüpfte. „Ich danke Euch, wer Ihr auch ſein möget! Es ſind zwanzig Jahre her, ſeitdem ich das Schloß, welches Hervé von Vaunoy bewohnt, nicht mit ſeinem wahren Namen habe nennen hören!“ Ind reichte ihr in der Dunkelheit die Hand und Goton kam ihm mit der ihrigen auf halbem Wege entgegen. Sie hatte nicht nöthig, ihn zu ſehen. Es war wie eine maureriſche, geheimniß⸗ volle Begrüßung zwiſchen den beiden treuen Dienern. „Aber wer biſt Du denn,“ fragte endlich die alte Frau, da Du Dich an Treml erinnerſt?“ Jud nannte ſeinen Namen. — die 72 „Ind!“ rief Goton, alle Vorſicht vergeſſend; „Ind Leker, der Stallmeiſter unſres gnädigen Herrn!... Ach! könnte ich Dich doch ſehen! könnte ich Dich ſehen!“ Zitternd und kaum wiſſend, was ſie that, tappte ſie umher, ihr Feuerzeug zu ſuchen, ohne es finden zu können. Endlich brannte das Licht. Sie ſah Jud lange und wie begeiſtert ins Geſicht. „Und er?“ fragte ſie,„werden wir ihn wieder⸗ ſehen?“— „Er iſt todt!“ erwiederte Jud. Goton fiel auf die Knie, faltete die Hände und ſprach ein De profundis. Große Thränen floſſen langſam über ihre gefurchten Wangen herab. Wer ſie in dieſem Angenblick geſehen hätte, würde tief gerührt worden ſein, denn nichts iſt ergreifender, als Thränen, welche über ein ralthes Geſicht herabfließen, und wer vor ein paar ſchönen weinenden Angen lächelnd vorüber— geht, wird gewiß ein tiefes Mitgefühl empfinden, wenn er die Augen eines Kriegers ſich mit Thränen füllen ſieht. Ind ſchwieg, ſo lange Goton betete. Es war, als ob er jetzt ſeine Ungewißheit noch ver⸗ längern wollte, und als ob er vor der Aufklä⸗ — rung, die er zu holen hierher gekommen war, mit Entſetzen zurückwich. ſchmerzlich bewegter Stimme. Als er das Wort ergriff, geſchah es mit „Und der junge Herr?“ fragte er endlich. „Georg Treml?... Es ſind zwanzig Jahre verfloſſen, ſeitdem ich ihn zum letzten Male ge⸗ ſehen habe, das liebe, theure Kind, wie er mir aus ſeinem Bettchen die kleinen Arme lächelnd entgegenſtreckte.“ „Todt? anch to dt?“ ſagte Jud, deſſen rkräftige Geſtalt zuſammenſank. Er bedeckte das Geſicht mit beiden Händen, während ſeine Bruſt von ſchmerzlichem Schluch— zen gehoben wurde. „Das habe ich nicht geſagt,“ rief Goton, „nein, dies habe ich nicht geſagt... und Gott bewahre mich davor, es zu glauben! Aber. ach! Jud, lieber Freund! ſeit zwan⸗ zig Jahren hoffe ich, und mit jedem Jahre wird meine Hoffnung ſchwächer!“ Jud ſah ihr ſtarr ins Geſicht. Ihre wen waren ihm unverſtändlich. „Ja,“ fuhr ſie fort,„ich möchte gern hoffen. Ich ſage mir immer: Ich werde unſten jungen Herrn noch wiederkommen ſehen, groß und ſtark, den Kopf 6 empor gerichtet, mit ſtolzer Miene und einem Degen an der Seite. Ach! ach! 4 und dies ſage ich mir ſchon ſeit ſo vielen Jahren!“ „Aber liebe Frau Goton, was wißt Ihr denn 1. dem Schickſale Georg Tremls?“ „Ich weiß... ich weiß nichts, Iud. Eines Abends.. ricke näher zu mir heran, denn das 4 0 darf man nicht laut ſagen... eines Abends kam Hervé von Vaunoy ganz bleich und mit ſtierem Blick nach Hanſe. Er ſagte uns, das Kind ſei im Teiche von la Tremlays ertrunken. Man lief uß man durchſuchte den ganzen Teich, aber der Si des ertrunkenen Knaben fand ſich nicht. Ind hörte zu, Bruſt und weit geöffneten Augen.* „Und darauf,“ unterbrach er die Erzählerin, „gründet ſich Eure Hoffnung?“ „Nein. Aber erinnerſt Du Dich noch eines armen Blödſinnigen im Walde, den man nur das weiße Kaninchen nannte?““ „Ihr ſprecht von Jean Blane, nicht wahr?“ „Der arme Menſch! Er liebte Treml faſt eben ſo ſehr als wir ihn lieben...“ „Aber Georg! Georg!“ unterbrach ſi ſie Ind ochmals. „Nun ſi ſiehſt Du, Jud, Jean Blane hat ſon— Dinge im Walde erzählt; er ſagte, daß Hervé von Vaunoy den jungen Herrn mit eigenen Händen ins Waſſer geworfen habe.“ „Das ſagte er?“ rief Ind, deſſen Augen von Wuth funkelten. „Ja, er hat es geſagt, und obgleich man be— doch, daß er immer die Wahrheit ſagte, ſo er von Treml ſprach. Aber dies iſt nicht All hauptete, er ſei nicht bei Verſtande, ſo„4 . Jean Blant erzählte auch noch, daß er ins Waſ⸗ ſer geſprungen ſei und den kleinen Georg beſin⸗ ls herausgezogen habe.“ „Wirklich?“ rief der ee Stallmeiſter er⸗ freut „Dann,“ fuhr Fran Goton ſort⸗„bekam er einen ſeiner Anfälle, und mußte das arme Kind allein auf dem Raſen liegen laſſen... und als das iße Kaninchen wiederkam, war kein Kind mehr da.“ „Wie?“ rief Jud. „Und dies iſt zwanzig Jahre her!“ Zud ſtand einen Augenblick wie in den Boden telt Wo iſt Jean Blane?“ rief er endlich;„ich nuß ihn ſprechen!“ Frau Goton ſchüttelte langſam das greiſe Haupt. „Der arme Menſch!“ ſagte ſie noch n „es iſt nicht gut, wenn ein armer Teufel dem Zorne eines mächtigen Mannes Trotz bieten will. Hervé von Vaunoy hörte von dem Gerücht, wel⸗ ches im Walde im Umlauf war. Matthias Blane und ſein Sohn wurden wegen der Steiern auf alle mögliche Weiſe gequält. Der Alte ſtarb und der Sohn iſt.. Manche ſagen, er ſei Wolf geworden.“ „Dieſen Namen habe ich ſchon nennen hören. Was ſind denn dieſe Wölfe für Leute?“ 12 s ſind Bretagner, lieber Mann, die ſich vertheidigen und ſich rächen. Man hat ihnen dieſen Namen gegeben, weil ihr Schlupfwinkel ſich in der Nähe der Wolfsſchlucht befindet. Dies weiß Jedermann, aber kein Menſch hat noch den Eingang gefunden. Sie ſelbſt ſcheinen es darauf anzufangen, dieſen Beinamen zu be⸗ ſtätigen, der ſie bei Furchtſamen in Reſpect ſetzt. Sie verkleiden ſich in Wolfsfelle und nur ihr Oberhaupt trägt eine weiße Verhüllung.“ „Ich werde die Wölfe aufſuchen,“ ſagte Jud. Die Wirthſchafterin dachte einen Augenblick nach und erwiederte danp, „Es iſt ein Mann in Walde, der Dir viel⸗ leicht ſagen kann, ob Jean Blane noch cxiſtirt. Dieſer Mann iſt ein Arehhner⸗ obgleich er ſich zuweilen ſo verſtellt, als hätte er das Herz eines Franzoſen. Ich erinnere mich, daß zu der Zeit, als er ſich in dieſer Gegend des Waldes nieder⸗ ließ, die Leute ſagten, daß ſeine Tochter, die damals noch ein Kind war, die ganzen Züge des Kindes des blödſinnigen Jean Blane hätte. Manche behaupteten ſogar, ſie ſei es ſelbſt.“ „Wo kann ich dieſen Mann finden?“ „Seine Hütte liegt hundert Schritt von Notre Dame de Mi⸗Forét.“ „Und wie heißt er?“ „Pelo Rouan, der Kohlenbrenner.“ — 4 Es wurde jetzt heller und ſchon erbleichte die Lichtflamme von den erſten Strahlen der Mor⸗ gendämmerung. „Auf Wiederſehen, und nehmt meinen Dank, Frau Goton,“ ſagte Judz„ehe eine Stunde vergeht, muß ich bei Pelo Rouan ſein.“ Er drückte die Hand der alten Frau und ver⸗ ließ das Zimmer. „Gott geleite Dich!“ ſagte Frau Goton vor ſich hin, indem ſie ihm die Gänge entlang mit den Augen folgte;„mein armes Herz hat ſeit langer Zeit keine ſolche Freude empfunden. Gott geleite Dich und mache es Dir möglich, den Er⸗ ben Tremls wieder in ſeine Beſitzungen zurück⸗ zuführen!“ Frau Goton wünſchte dies mehr als ſie es hoffte, denn ſie ſchüttelte traurig den Kopf, indem ſie die letzten Worte ausſprach. Träumr. Als Ind die langen Gänge zurückgelegt hatte und wieder in das Zimmer kam, in welchem er die Nacht zugebracht, ſchlief der Kapitain noch. Sein ruhiges, heiteres Geſicht verrieth das voll⸗ kommene Glück, welches man zuweilen im Traume genießt, nie aber in der Wüklichkeit. Ind be⸗. trachtete ihn einen Augenblick. „Er iſt ein braver junger Mann,“ ſagte er zu ſich ſelbſt;„ſeine kühnen, ſtolzen Züge er⸗ innern mich zuweilen an den alten Treml, zur Zeit als ſein Schnurrbart noch ſchwarz war. Er iſt glücklich! Ach, wie gern wollte ich mein ganzes Herzblut darum geben, wenn ich Georg an ſeiner Stelle ſehen könnte!“ Jud nahm ſeinen großen Reiſemantel wieder um, damit er ſein Geſicht verbergen konnte, wenn ihm etwas Verdächtiges begegnen ſollte.„ Es war jetzt völlig Tag; die erſten Strahlen der aufgehenden Sonne fielen durch die ſeidenen Vorhänge in's Zimmer. In dem Augenblick, als Jud ſeinen Degen umgürtete, um ſich zu entfernen, bewegte ſich Didier auf ſeinem Lager. „Alix!“ ſagte er leiſe. „Im Hofe iſt die ganze Dienerſchaft des Schloſſes,“ ſprach Jud zu ſich ſelbſt;„ich werde Mühe haben, unerkannt hindurch zu kommen.“* „Marie!“ murmelte Didier jetzt. Jud ſah ihn lächelnd an. „Bravo, junger Herr!“ dachte erz„träumt Ihr nicht vielleicht noch von einer Dritten?“ „— . 15 „Haideblume!“ flüſterte der Hauptmann, als wollte er der Aufforderung nachkommen. Zugleich erwachte er und richtete ſich im Bett empor. „Du biſt es, Freund Jide 2“ ſagte er, nach⸗ dem er ſich rings im Zimmer umgeſehen hatte, als hätte er erwartet, ein anderes Geſicht zu ſehen; ich glaube, ich habe geträumt.“ „Ganz gewiß, Herr ttin und zwar ſehr angenehm,“ erwiederte Jnd. Didiers Blick haftete zufällig auf den antiken Vorhängen, welche von den Strahlen der Mor⸗ genſonne beleuchtet waren. Das Lächeln, 1 wel⸗ ches ihn noch nicht ſen hatte, verbreitete ſich noch deutlicher über ſein Geſicht. „Die Dichter haben Recht,“ ſagte er, als ſpräche er mit ſich ſelbſt,„wenn ſie die Frenden der Rückkehr unter das väterliche Dach rühmen. Ich, der keine Familie hat, fühle hier gleichſam einen Vorgeſchmack dieſes Glücks. Und ſieh nur, Alter, die Täuſchung wird immer ſtärker: es iſt mir, als hätte ich als Kind die Herbſtſonne eben ſo wie jetzt in den ſeidenen Vorhängen ſpielen ſehen. Ein ſonderbares Gefühl, Ind! ich, das elternloſe Kind, fühle hier wie eine Rückerinnerung aus ferner Zeit, an Küſſe, an zärtliche Pflege und an ſanfte Worte!“ „Herr Kapitain,“ unterbrach ihn der alte „ Stallmeiſter,„ich will Abſchied von Euch nehmen um mein Werk zu beginnen.“ „Bleibe noch einige Minuten, Jud, noch einen Augenblick, ich bitte Dich. Mein Herz iſt erweicht von neuen Gedanken, die in mir er⸗ wacht ſind. Ich weiß nicht, Jud, meine Augen wollen weinen!“ „Seid Ihr denn krank?“ fragte Jnd näher tretend. Didier ließ ſeine Hand in die des alten Die⸗ ners fallen und warf den Kopf auf das Kiſſen zurück. „Nein,“ antwortete er,„ich bin nicht krank, im Gegentheil, ich möchte das Gefühl, welches ich empfinde, gegen nichts vertauſchen, denn dieſe unbekannte Angſt hat etwas unausſprechlich ſüßes!— Wie glücklich ſind Diejenigen, welche wirkliche Rückerinnerungen haben!“ „Dieſe,“ erwiederte der Stallmeiſter,„ſehen zuweilen das Haus ihrer Väter nicht wieder. Es muß ſehr ſchmerzlich ſein, nicht wahr, wenn ein Kind nur eine halbe Erinnerung an die Ver⸗ gangenheit hat, und wenn es ſtirbt, ehe es das väterliche Haus wiedergefunden hat?“ „Du denkſt an Georg Treml, armer Jud!“ „Ja, ich denke an Georg Treml, Herr Ka⸗ pitain.“ „Immer?— Nun, Gott wird Dir beiſtehen, Alter, denn das was Du thun willſt, iſt ein ——— ——— .——— chriſtliches Werk.— Sieh, da wird die Sonne von einer Wolke bedeckt! Der Zauber ſchwin⸗ det; ich bin wieder der Kapitain Didier, und will jetzt darauf ſchwören, daß ich in meiner Kindheit mehr wollene als ſeidene Vorhänge ge⸗ ſehen habe.— Geh, Alter, ich halte Dich nicht mehr zurück.“ Didier ſchüttelte den Reſt der nächtlichen Be⸗ täubung von ſich ab und ſprang aus dem Bett. She Ind ging, warf er noch einen Blick in den Hof, und erkannte Meiſter Alain, der ſich mit Lapierre unterhielt. „Es iſt ſchon ſehr ſpät,“ ſagte er,„um mich ungeſehen fortſchleichen zu können. Ich ſehe dort einen Mann, deſſen Blicken ich ſchwer⸗ lich werde ausweichen können.“ „Wen meinſt Du?“ fragte Didier, indem er an das Fenſter trat;„Lapierre?“ „Ich weiß nicht, ob er einen andern Namen angenommen hat, aber zu meiner Zeit hieß er Meiſter Alain. Es iſt der Aelteſte von den Beiden.“ „Und dieſen nannteſt Du geſtern Deinen Feind?“ „Den Nämlichen.“ „Nun, Alter, ſo will ich Dir ſagen, daß der Andere mein Feind iſt.“ „Ein Bedienter iſt Euer Feind?“ „Das befremdet Dich? Soll ich Dir denn Der Wald von Rennes. H. 2 — 18 noch einmal ſagen, das ich kein Edelmann bin? Dieſer Bediente iſt der einzige Menſch in der Welt, dem das Geheimniß meiner Gebnrt be⸗ kannt iſt. Er will es nicht ſagen, und dazu hat er ein Recht. Er behauptet, daß er früher Vaterſtelle an mir vertreten habe. Sieh einmal hierher.“ Didier, der noch nicht angekleidet war, ſchlug ſein Hemd zurück und zeigte auf dem Rücken unter der Schulter eine noch ftiſche Narbe. „Dies iſt eine Wunde von der Hand eines hinterliſtigen Schurken!“ ſagte Ind die Stirn runzelnd. „Du verſtehſt Dich darauf Alter. Ich habe allen Grund zu glauben, daß dieſer Bube der Mörder geweſen iſt; aber obgleich ich nicht von Adel bin, ſo bin ich doch Soldat, und meine Hand würde ſich ungern herablaſſen, ihn zu be⸗ ſtrafen.“ „Ich bin ein Diener,“ ſagte Jud;„ſprecht ein Wort, ſo züchtige ich ihn.“ „Aber Du vergiſſeſt Georg Treml,“ erwie⸗ derte Didier lächelnd.„Bei meiner Ehre, es wohnt noch ein Reſt der alten Ritterlichkeit in dieſen alten bretagniſchen Herzen.— Wir wollen jetzt an Deinen jungen Herrn denken. Ich weiß nicht, was Du thun willſt, um ihm nützlich zu werden; aber ich habe verſprochen, Dir beizu⸗ ſtehen und ich werde es thun. Laß uns jet — 19 zuſammen hinunter gehen. Herr von Vaunoy iſt ein zu treuer und ergebener Diener Seiner Majeſtät, als daß ſeine Leute es wagen werden, dem Diener eines Kapitains der Marechauſſee näher in's Geſicht zu ſehen, als es ſchicklich iſt.“ Ind zog ſeinen Mantel über das Geſicht und ging mit dem Kapitain die Treppe hinunter. Alain und Lapierre ſtanden noch immer im Hofe. Sie verbeugten ſich ehrerbietig vor Di⸗ dier, der flüchtig an den Hut griff. „Man ſattle das Pferd meines Dieners!“ ſagte er. Lapierre beeilte ſich zu gehorchen. Der Haus⸗ hofmeiſter blieb zurück. „Kamerad!“ ſagte er zu Ind,„macht denn Eure Krankheit es nöthig, beſtändig die Naſe im Mantel zu haben? Die Leute auf la Trem⸗ lays haben Euch noch nicht willkommen heißen können.“ „Was ſpricht man in der Gegend von den Wölfen, Meiſter?“ fragte Didier, um Jud die Verlegenheit einer Antwort zu erſparen. „Man ſagt, daß ſie böſe Thiere ſind, Herr „ Kapitain.— Wollt Ihr nicht ein Glas Eider annehmen, Kamerad?“ „Was machen die Leute im Walde?“ fragte Didier weiter. „Herr Kapitain,“ antwortete der Haushof⸗ meiſter verdrießlich,„ſie machen Reifen, Holz⸗ — 2 ſchuhe und brennen Kohlen.——er, Kamerad,“ ſagte er, indem er ſeine Blechflaſche zum Vor⸗ ſchein brachte,„wollt Ihr lieber einen Schlu Branntwein?“ Meiſter Alain wurde durch Lapierre unter⸗ brochen, welcher Juds Pferd brachte. Dieſer ſchwang ſich ſogleich in den Sattel. Aber durch die Bewegung, welche er dabei machte, verſchob ſich ſein Mantel ein wenig. Der Haushofmei⸗ ſter, der die Angen nicht von ihm verwendete, konnte einen Theil ſeines Geſichts ſehen. „Ich will des Teufels ſein,“ brummte er vor ſich hin,„wenn ich dieſes Geſicht nicht kenne! 3 wo habe ich es geſehen?— Ach, ich werde alt!“ „Du triffſt mich dieſen Abend in Rennes, Jud!“ ſagte Didier.„Jetzt vorwärts, und viel Glück!“ Ind ließ ſich dies nicht zweimal ſagen; er ſetzte dem Pferde die Sporen in die Seiten und jagte im Galopp aus dem Schloßhofe. Als er fort war, wendete ſich der Kapitain n beiden Dienern Vaunoy's um. „Ihr ſeid neugierig, Meiſter„ ſagte er zu Alain;„das iſt ein häßlicher Fehler, der kein Glück bringt. Du aber,“ ſagte er zu Lapierre, „nimm Dich in Acht!“ zu de 9— Mit dieſen Worten entfernte er ſich. Die beiden Diener folgten ihm mit den Angen. „Nimm Dich in Acht!“ wiederholte Lapierre ſpöttiſch.„Was ſagt Ihr dazu, Meiſter Alain?“ „Der junge Hahn kräht laut,“ antwortete dieſer;„er ſcheint zu fühlen, was in ihm ſteckt. Uebrigens iſt der Rath, ſich in Acht zu nehmen, immer nicht ſchlecht.“ Didier hatte, ohne es zu wiſſen, den Weg nach dem Garten eingeſchlagen. Bald befand er ſich zwiſchen den künſtlich geſchnittenen Buchen⸗ hecken, welche das unausweichliche und klaſſiſche Labyrinth der Gärten des vorigen Jahrhunderts bildeten. Hier und da konnte man durch die Zweige, welche ſchon die Annäherung des Win⸗ ters verriethen, einige Statuen von weißem Mar⸗ mor ſehen. Didier warf auf alle dieſe Gegenſtände einen zerſtreuten Blick. Unwillkürlich war ſein Geiſt zu den Gedanken zurückgekehrt, die ihn nach ſei— nem Erwachen beſchäftigt hatten. Wie es den lebhaften und poetiſchen Gemüthern oft gceht, genügte es bei ihm gleichſam, die Illuſion her⸗ beizurufen, wenn ſie erſcheinen ſollte. Dieſe hohen, grünen Wände kamen ihm vor wie alte Bekannte. Er fand ſich in dieſen Irrgängen zurecht, und obgleich ihre Verſchlingungen un⸗ ſchuldig genug waren, daß die Sache ganz na⸗ g genug he ganz türlich erſcheinen konnte, ſo glaubte er doch, oder bemühte ſich, es zu glauben, daß die Erinnerung der Faden der Ariadne für ihn war. „Ich will doch ſehen,“ ſprach er halb im Scherz, halb im Ernſt zu ſich ſelbſt,„ob ich mich tänſche, ob ich mich wirklich an etwas er⸗ innere, oder ob es nur eine Ausſchweifung meiner Phantaſie iſt. Meine wirkliche oder ein⸗ gebildete Rückerinnerung ſagt mir, daß ſich am Ende dieſes Ganges rechts eine Laube befindet, und daß in dieſer Laube die antike Statne einer Nymphe ſteht.“ Voll Ungeduld und Unruhe beſchleunigte er ſeine Schritte, und fürchtete ſchon eine Enttäu⸗ ſchung. Einige Schritte von der Stelle entfernt, wo die Hecke einen Winkel machte, blieb er ſtehen und blickte durch die Zweige. Er erbleichte, legte die Hand auf's Herz und ſtieß einen Schrei aus. Er ſah die Laube und die Statue vor ſeinen Augen. Aber bei dem Schrei den er ausſtieß, war die Statue, eine reizende, weiß gekleidete Nymphe, erſchrocken und hatte ſich umgewendet. 13. In der Laube. Die Illufion entfloh im Sturmſchritt. Der Gegenſtand der Wette, welche Didier mit ſich ſelbſt gemacht hatte, war eine Laube und eine Statue geweſen. Die Laube war da, aber das, was er für eine Statue gehalten hatte, war ein allerliebſtes junges Mädchen mit Fleiſch und Bein: Fräulein Alir von Vannoy von la Tremlay's! Die Täuſchung war übrigens ſehr zu ent⸗ ſchuldigen. In dem Augenblicke, als Didier ſie bemerkt hatte, wendete ihm Fräulein von Vaunoy den Rücken. Sie ſtand unbeweglich in der Mitte der Laube, und las einen zerknitterten und wie es ſchien, ſchon oft durchgeleſenen Brief, den ſie eben aus dem Buſen genummen hatte. Ihr ſchönes ſchwarzes Haar war an dieſem Morgen gepudert und ein Kleid von weißem Muſſelin bildete ihre ganze Toilette. Auf den Schrei, welchen Didier ausſtieß, wendete ſie ſich um, wie wir ſchon geſagt haben, und der Brief, den ſie las, entfiel ihrer Hand. Ihre erſte Bewegung war zu flichen, aber die Ueberlegung hielt ſie zurück. Sie that ſogar einen Schritt nach der Ecke des Ganges zu, wo aller Wahrſcheinlichkeit nach Didier ſich zeigen mußte. Sie hatte ſeine Stimme erkannt. Das Geſicht des Fräuleins von Vaunoy hatte die blaſſe Farbe, welche die Folge einer ſchlaflos zugebrachten Nacht iſt. Ihr Blick, der gewöhnlich zwar ſanft war, aber zugleich einen Ansdruck von Kühnheit hatte, war traurig, ſchüchtern und ernſt. Didier näherte ſich ihr mit verlegener Miene. Um einigermaßen Faſſung zu gewinnen, bückte er ſich und hob den Brief auf, den Alir hatte zu Boden fallen laſſen. Dieſer Brief war von ihm ſelbſt. Er erkannte ihn, und ſein unbehagliches Gefühl vermehrte ſich, während es ſich zugleich Alix mittheilte, deren Wangen ſich mit einer hohen Röthe überzogen. „Es iſt der Brief, den Sie mir zu ſchreiben für nöthig gefunden haben, um mir Ihre Abreiſe anzuzeigen,“ liſpelte ſie ſo leiſe, daß Didier Mühe hatte, ſie zu verſtehen.„Es iſt mir lieb, daß er in Ihre Hände gefallen iſt, und ich bitte Sie, ihn zu behalten“ Dieſe Worte klingen vielleicht ſehr einfach und gleichgültig; aber wer weiß nicht, daß unter Perſonen, die ſich lieben oder die ſich geliebt haben, auf die Worte kein Werth zu legen iſt? Während ſie ſprach, hielt Alix die Augen nieder⸗ geſchlagen, ihr ſchöner Mund zog ſich zuſammen, —— — als müßte ſie eine Klage mit Gewalt zurückhal⸗ ten. In ihrer Stimme lag der Ausdruck einer ſiegenden Liebe, welche mit einer ſtarken, aber ohnmächtigen Reſignation bekämpft wurde. Didier betrachtete ſie mit Ehrerbietung, Kum⸗ mer und Zärtlichkeit, denn der mit Kraft ertragene Schmerz flößt Ehrfurcht ein; denn man bedauert es oft, nicht mehr zu lieben, wenn die Liebe in Folge einer Unbeſtändigkeit und nicht aus Ueber⸗ druß aufgehört hat; denn es giebt ein zartes, hingebendes, zärtliches Gefühl, welches in jedem edlen Herzen die erſtorbenen Liebe überlebt. Und wußte denn Didier eigentlich ſelbſt, was auf dem Grunde ſeines Herzens lag? Konnte er, dieſem ſchönen Mädchen gegenüber, gewiß ſein, daß er nicht mehr liebte? In der damaligen Zeit hatte die Moral wenig Ritterliches mehr. Zwei Frauen zu lieben galt für eine verzeihliche Sünde, wo nicht für etwas Lobenswerthes. Didier aber ſtand keinesweges über ſeiner Zeit. Sein offener und biederer Charaeter wies jede Idee eines Betrugs zurück, aber er war fünfundzwanzig Jahr alt, und das Herz iſt in dieſen Jahren ſo weit! Er ergriff die Hand des Fräuleins und führte ſie galant an ſeine Lippen. „Was ich damals ſchrieb, fühle ich noch im⸗ mer,“ ſagte er.„Sollten Sie andres Sinnes geworden ſein, Alir?“ „Ich?“ erwiederte ſie, mit wirklicher Ueber⸗ raſchung.„Nein.. nicht ich bin andres Sinnes geworden.“ Jetzt ſchlug Didier die Augen nieder. „Es iſt ſo beſſer,“fuhr Alir fort, deren bleiche Züge von einem traurigen Lächeln erhei⸗ tert wurden.„Unſre Liebe war thöricht, Didier. Als ich Sie geſtern kalt, gleichgültig und zer⸗ ſtreut wiederſah, dankte ich dem Himmel, denn Ihre Kälte iſt ein Glück für uns Beide.“ „Ich verſtehe Sie nicht,“ ſtammelte der Ka⸗ pitain.„Sie ſprechen von Kälte...“ „Welche wirklich, unlengbar vorhanden iſt! ich will es und ich hoffe es.“ „Sie hoffen es, Alir?“ rief Didier ſchmerzlich. „Ja,“ wiederholte Fräulein von Vannoy, de⸗ ren Herz zu zerſpringen drohte, die aber dennoch ihre lächelnde Miene beibehielt;„ich hoffe es!“ Hätte ſie abſichtlich und mit einem koketten Zweck ſo geſprochen, ſo würden wir ihr das Zeugniß einer außerordentlichen Geſchicklichkeit ausſtellen. Dieſes Wort drang in der That bis auf den Grund von Didiers Herzen, und fachte die letzten Funken an, die noch unter der Aſche ſeiner Liebe glommen. Er erhob die von Unge— duld funkelnden Angen und fragte Alix mit dem Blicke. Aus dieſem Blicke ſprach zu gleicher Zeit Verdruß, Enttäuſchung und Hoffnung; es war der Blick des Liebenden. Aber Fräulein von Vaunoy, welche gelegent⸗ lich wohl kokett ſein konnte, wie es jede Evens⸗ tochter iſt, war in dieſem Augenblicke weit davon entfernt, eine Rolle zu ſpielen. „Dieſes Papier enthält viele Thorheiten,“ fuhr ſie fort, indem ſie auf den Brief zeigte, den Didier noch immer in der Hand hielt;„wir wa⸗ ren Beide Kinder. Die Zeit iſt über dies Alles hingegangen und dieſe nimmt Alles mit ſich, ſelbſt die Erinnerung. Unterbrechen Sie mich nicht, Didier; ich weiß, was Sie mir ſagen wollen. Mein Anblick hat eine Saite in Ihrem Herzen berührt, welche ſchon längſt nicht mehr ertönt iſt. Sie ſind gerührt, und da Sie dieſe Rührnng für Liebe halten, ſo wollen Sie Ihre früheren Schwüre erneuern. Aber ich kann und will ſie nicht anhören.“ „Alir, um Gottes willen, glauben Sie mir!“ rief der Kapitain;„mein Herz hat ſich nicht ver⸗ ändert!“ „Es giebt ein ſchönes, junges Mädchen,“ uuterbrach ihn Fräulein von Vaunoy, deren Stimme leiſe bebte;„ihr Blick iſt rein, wie der Blick eines Engels. Sie iſt ſechzehn Jahr alt... ſie liebt Sie... und wenn Sie ſie nicht wieder liebten, Didier, dann würde das arme Kind ſehr unglücklich ſein!“ Alix hielt inne, um mit Anſtrengung Athem zu ſchöpfen. Der Kapitain drückte in ärger⸗ — licher Zerſtreuung den Brief in der Hand zu⸗ ſammen. „Aber Sie lieben ſie,“ fuhr Alix fort,„Sie lieben ſie, nicht wahr?“ „Wen?“ fragte Didier, der ſie zu verſtehen begann, halblaut. „Ihr Name ſchwebt auf Ihren Lippen, wie er in Ihrem Herzen wohnt.— Deſto beſſer! ich bin zufrieden!“ „Ich weiß nicht, woher dieſer Verdacht rührt.“ „Es iſt kein Verdacht. Sehen Sie, Didier, es giebt eine Art Verſchwiſternng zwiſchen uns Mädchen des Waldes. Ich bin vornehm und reich, ſie iſt ein armes Bauermädchen; aber als Kinder ſind wir oft mit einander im Walde her⸗ umgelaufen. Wir haben damals wie ein Paar Schweſtern ünter den großen Eichen geſpielt, welche Notre Dame von Miforét beſchatten. Ich hatte die kleine Wilde gezähmt. Seitdem habe ich Bekanntſchaft mit der Welt gemacht, während ſie in ihrer Einſamkeit geblieben iſt; während ſie frei und unabhängig unter den Bäumen herum⸗ lief, habe ich meine Pflichten als ein vornehmes Fräulein gelernt; ich mußte Kleider von Sammt und Seide tragen, ich mußte ſprechen, ſchweigen, lächeln lernen.— Sceltſames Schickſal! Sie in ihrer Einſamkeit, ich mitten in den prachtvollen Feſten von Rennes... uns Beide hat das näm⸗ liche Loos getroffen: ſie hat ihr Herz dem Manne geſchenkt, den ich... zu lieben glaubte!“ „Sie lieben mich alſo nicht, Alir?“ „Was kommt darauf an?... wir ſprechen nicht mehr von mir.— Eines Tages, es waren zwei Monate vergangen, ſeitdem Sie abgereiſt waren, Didier, ging ich allein im Walde ſpazie⸗ ren und dachte an die ſchönen Feſte des Grafen von Toulouſe zurück, dachte vielleicht auch an Sie, als ich eine bekannte Stimme hörte, welche zwiſchen den Bäumen das Klagelied Arthurs von Bretagne ſang.. „Haideblume!“ ſtammelte der Kapitain. Alix bebte ſchmerzlich zuſammen. „Haideblume!“ wiederholte ſie.„Sie wiſſen alſo, von wem ich ſpreche, Didier.— Ich hatte ſie ſeit langer Zeit nicht geſehen, und fand ſie noch ſchöner als ſonſt. Sie erkannte mich ſogleich und kam mit offenen Armen auf mich zu. Dann nahm ſie aus ihrem Körbchen ein ſchönes Bou⸗ quet von Schlüſſelblumen, das ſie mir an die Bruſt ſteckte, und dann ſprach ſie von Ihnen.“ „Von mir?“ ſagte Didier mechaniſch. „Sie nannte Sie nicht, aber ich hatte keine Mühe es zu errathen.— Ich war damals noch eine Närrin, und fühlte, daß mein Herz beklom— men wurde.“ Der Kapitain ſtreckte langſam die Hand aus, um die ihrige zu ergreifen. „Ach, mein Fräulein!“ rief er,„ich habe mich ſchwer an Ihnen verſündigt... an Beiden vielleicht!“ „Nur an ihr, Herr Kapitain, wenn Sie noch ein Wort weiter ſprechen. Vergeſſen Sie nicht, daß Sie ſie lieben... vergeſſen Sie nicht, daß Sie von ihr geliebt werden!“ „Aber Sie, Alix?“ Es lag durchaus nichts Albernes in dieſer Frage, ſie kam aus dem Herzen. „Ich?... Sie ſollen ſogleich erfahren, welch glänzendes Schickſal man mir beſtimmt. Vorher noch ein Wort von ihr.— Wollen Sie ſie zu ihrer Gattin machen?“ Didier hatte ſich wahrſcheinlich dieſe Frage noch nie vorgelegt, und er wußte nicht, was er darauf antworten ſollte. Fräulein von Vannoy zog ein wenig ihre ſchönen ſchwarzen Augen⸗ brauen zuſammen. „Sie wollen ſie zu Ihrer Gattin machen,“ fuhr ſie fort;„dies muß Ihr Wunſch ſein und iſt Ihre Pflicht. Sie iſt arm, aber Sie haben Ihren Degen, und Sie gehören nicht zu Denen, die durch ihre Geburt gefeſſelt ſind.“ Indem ſie die letzten Worte ausſprach, war es Alir gelungen, jeden traurigen Ausdruck ihrer Stimme abzulegen. Sie ſprach mit Feſtigkeit und Uebetzrugung. „Ich bin nicht von adliger Geburt,“ erwie⸗ derte der Kapitain,„ich weiß es. Vielleicht hat⸗ ten Sie nicht nöthig, mich an die Entfernung zu erinnern, die uns von einander trennt... Sie haben vergeſſen, und ich werde mich beſtre⸗ ben, Ihnen in dieſer Beziehung nachzuahmen. Aber nehmen Sie Marien nicht in Schutz, Alix, denn mein Herz iſt ſchwach und wenn ich Sie ſo edel, ſo großmüthig ſehe. „Da ich vergeſſen habe,“ unterbrach ihn Alir, indem ſie ihre lächelnde Miene annahm. Der Kapitain biß ſich auf die Lippen. Seine Rolle wurde immer peinlicher. Er ſah durch die Kälte des Fräuleins vou Vaunoy die Liebe, die mächtige, heiße Liebe hindurchblicken; aber ſie lengnete dieſes Gefühl und ſchien ſich hinter den Unterſchied des Standes verſchanzen zu wollen. Zu ſtark und zu ſtolz, um das Mitleid anzuneh⸗ men, that ſie die erſten Schritte, und ſprach das Wort Trennung aus. Auf der andren Seite ſprach die von Alir geweckte Erinnerung an Marien mächtig für das Kind des Waldes. Didier ſah ihr ſanftes Lächeln hinter dem ſtolzen Lächeln des Fräuleins von Vaunoy. Es iſt viel, wenn ein Herz, das zwi⸗ ſchen einer doppelten Liebe ſchwankt, die Abwe⸗ ſende mit derjenigen vergleicht, welche ſchön und glänzend vor ihm ſteht. Die Abweſende iſt in dieſen Falle gewiß die Vorgezogene; aber die Andre!— Wir wollen nachſichtig ſein. Wäre die Beſtändigkeit eine ſo große Tugend, wenn ſie weniger ſelten wäre? Didier fühlte in dieſem Augenblicke einen Sturm in ſeinem Herzen. Er ſchwankte. Viel⸗ leicht wäre er gleichgültig geblieben, wäre Alir troſtlos geweſen; aber dieſe bat für Marien bei ihm. Das menſchliche Herz iſt ſchwach gegen Ueberraſchungen. „Nein,“ ſprach er nach einer Pauſe,„Sie haben nicht vergeſſen, Alix. es iſt unmöglich!“ Es lag zu viel Wahrheit in dieſem Worte, als daß es nicht das Herz der armen Alir hätte treffen ſollen. Aber zwiſchen ihrem Herzen und ihrem Geſicht war ein weiter Raum, und ihr Geſicht gehorchte ihrem kräftigen Willen. „Verlangen Sie Beweiſe?“ fragte ſie, indem ſie mit gewaltſamer Anſtrengung das Gefühl in ihr Herz zurückdrängte, welches ihr die Thränen in die Angen treiben wollte.„Weun ich Sie noch liebte, Didier, würde ich nicht hier bei Ih⸗ nen ſein.— Wenn ich es Ihnen deutlich ſagen ſoll: ich beſitze die Schwachheiten und die Vor⸗ urtheile meines Standes. Ich bin eine Vaunoy von la Tremlahs, und mein Gatte, wenn ich mich wirklich jemals verheirathe, muß einen Na⸗ men beſitzen, welcher dem meines Vaters gleich⸗ kommt.“ „Sprechen Sie denn die Wahrheit?“ rief Didier. — 33— „Ich ſpreche die Wahrheit; aber laſſen wir das.“ „Ja, laſſen wir das, mein Fräulein. Wollte Gott, wir hätten nie dieſen Gegenſtand zur Sprache gebracht; ich würde dann meine ganze Verehrung für Sie behalten haben. Ich hielt Sie für ſo erhaben über Andre Ihres Geſchlechts!“ Alix konnte einen Seufzer nicht unterdrücken, aber es war nur die Sache einer Sekunde, und ſie erwiederte in unbefangenem Tone: „Laſſen Sie uns wie ein Paar alte Freunde zuſammen plaudern, die ſich nach langer Tren⸗ nung wiederſehen. Sie wiſſen wohl noch nicht, daß mein Vater mich verheirathen will?“ „Wirklich?“ fragte Didier argwöhniſch. Dann fügte er hinzu, indem er ſeiner Stimme einen ſcherzenden Ausdruck gab: „Das iſt ohne Zweifel der Grund...“ „Nein... der Mann, den man mir zum Gatten beſtimmt, würde kein Gegenſtand der Beſorgniß für Sie ſein, wenn Sie mir etwas mehr wären, als ein Freund.— Ich werde ihm nie meine Hand geben.“ „Beſitzt er nicht einen Namen, der dem Ih⸗ rigen gleichkommt?“ fragte Didier, den Spott fortſetzend. „Es iſt Herr von Bechameil, Marquis von Nyintel, königlicher Intendant der Steuern.“ Der Wald von Rennes. Il. 3 Didier brach in lautes Gelächter aus. Als ob die Hecke ein Echo hätte, ließ ſich etwa zwan⸗ zig Schritt weit entfernt ein andres geräuſch⸗ volles Lachen hören. „Sie ſind es!“ rief Alix.„Ach! ich habe Ihnen noch nicht Alles geſagt, was ich Ihnen zu ſagen hatte!... Wir ſehen uns wieder, Didier!“ Raſch entfloh ſie und ließ den Kapitain be⸗ ſtürzt über dieſes unerwarte Verſchwinden zurück. „Ob ſie mich noch liebt?“ ſagte er zu ſich ſelbſt. Fräulein von Vaunoy aber, als ſie allein war, ließ ihre Thränen ſtrömen und rief aus: „Großer Gott! werde ich ihn denn ewig lieben?“ Das laute Gelächter hinter der Hecke wieder⸗ holte ſich. Ein Geräuſch von Stimmen verband ſich damit, und bald darauf erſchienen Vaunoy und Bechameil an der Ecke des Ganges. A. Vor und nach dem Frühſtück. Vaunoy und der königliche Intendant ſchie— nen bei vortrefflicher Laune zu ſein. Sie gingen „ raſch auf Didier zu, welcher kaum Zeit hatte, ſich zu faſſen und nur mit Mühe ſeine Verlegen⸗ heit verbarg. „Wir kommen hierher, lieber Kapitain,“ be⸗ gann Vaunoy, von Ihrem lauten Gelächter ge⸗ lockt. Macht Sie denn Ihr einſamer Spazier⸗ gang ſo luſtig?“ „Habe ich gelacht?“ fragte Didier mechaniſch. „Ja, beim heiligen Gott! Sie haben gelacht!“ „Es iſt ganz gewiß, daß Sie gelacht haben,“ beſtätigte Bechameil.„Uebrigens habe ich die Ehre, Ihnen einen guten Morgen zu wünſchen.“ „Ich erinnere mich nicht..“ ſagte der Kapitain. „Dieſer Brief,“ unterbrach ihn Vaunoy, als er das Papier erblickte, welches Didier noch in der Hand hielt,„iſt ohne Zweifel die Urſache Ihrer Luſtigkeit.“ „Ich bin ebenfalls nicht weit davon entfernt, dies zu glauben,“ ſetzte Bechameil hinzu.„Wie geht es mit Ihrer Geſundheit, Herr Kapitain?“ Didier zerdrückte den Brief und zerriß ihn dann in ganz kleine Stücke. Nachdem er dies gethan hatte, machte er dem königlichen Inten⸗ danten eine Verbeugung, und antwortete ihm mit einigen alltäglichen Höflichkeitsformeln. Herr von Bechameil hatte ſeine geſtrige un⸗ günſtige Stimmung völlig abgelegt. Vaunoy hatte ihm eben zu verſtehen gegeben, daß er von einem ſolchen Rival nichts zu fürchten habe und 38 36 daß die Hand ſeiner Tochter ihm gewiß ſei, und deshalb hatte er ein ganz ungewöhnliches Wohl⸗ wollen gegen Didier gefaßt. Vaunoy hatte ſeine Freundſchaftsmaske nicht abgelegt. Man konnte ihn für einen guten Oheim halten, der ſeinen geliebten Neffen anredete. „Meine Herren,“ ſagte der Kapitain, deſſen Kälte gegen das freundſchaftliche Benehmen ſeiner Wirthe auffallend abſtach,„wäre es Ihnen ge⸗N fällig, daß wir jetzt von dem ſprechen, was ſich auf den Dienſt Seiner Majeſtät bezieht?“ N „Mit Vergnügen,“ antwortete Vaunoy. Und Bechameil ſagte ebenfalls: „Mit Vergnügen.— Indeſſen,“ fügte er nach einem kurzen Nachdenken hinzu,„dächte ich, ohne Jemandem vorgreifen zu wollen, daß es auch nichts ſchaden könnte, wenn wir zuerſt frühſtückten.“ „Ei, Herr von Bechameil!“ ſagte Vaunoy lächelnd. „Nehmen Sie an, mein verehrter Freund, daß ich nichts geſagt habe. Ich ziehe unbedingt den Dienſt des Königs dem Frühſtück vor... und ſelbſt dem Mittageſſen... Aber dies hindert nicht, daß ein kalt gewordenes Frühſtück eine„ ſehr traurige Sache iſt.— Wir hören, Herr Kapitain!“ Didier nahm ein Pergament ans ſeiner Brief« taſche, auf welches Vaunoy einen Blick warf,— um die Form zu ſehen. Als Bechameil die kö⸗ nigliche Unterſchrift las, glaubte er ſeinen Hut abnehmen und den Himmel bitten zu müſſen, daß er Seine Majeſtät ſegnen möge. „Auf den Antrag Seiner Königlichen Hoheit, des Grafen von Toulouſe, Gouverneurs von Bretagne,“ ſprach der Kapitain,„hat der König mir den Auftrag ertheilt, die Steuergelder durch dieſe Gegend zu eskortiren, welche für gefährlich gilt.. „Und es auch iſt,“ unterbrach ihn Vaunoy. „Und zwar im höchſten Grade,“ ſetzte Be⸗ hinzu. „Der König hat mir überdies aufgetragen,“ fuhr Didier fort,„die Erhebung der Steuern zu überwachen, und von Seiner königlichen Ho⸗ heit habe ich noch den beſondren Auftrag erhalten, die Hand voll Rebellen, welche den Namen Wölfe führen, zu vernichten.“ „Der Himmel verleihe Ihnen ſeinen Bei— ſtand,“ erwiederte Vaunoy.„Dies iſt ein eh⸗ renvoller Auftrag, mein junger Freund!“ „Ein Auftrag, um den ich Sie durchaus nicht beneide, junger Herr,“ ſagte Bechameil zu ſich ſelbſt.—„Der Himmel ſtehe uſei⸗ ſprach er laut. „Ich danke Ihnen, meine Herren; der Him⸗ mel beſchützt Frankreich und ſein Beiſtand wird uns nicht fehlen. Ich hoffe, daß Sie mir den Ihrigen ebenfalls nicht verſagen werden?“ Auf dieſe Frage, welche mit einer barſchen Offenheit ausgeſprochen wurde, antwortete Vau⸗ noy durch eine Kopfneigung, die ein diplomati⸗ ſches Lächeln begleitete. Bechameil aber konnte, trotz ſeines guten Willens, nur die Verbeugung nachahmen. Dieſer Gaſtronom war kein Diplomat. Didier glaubte ſeine Frage wiederholen zu müſſen. „Ich kann alſo auf Ihren Beiſtand rechnen?“ fragte er nochmals. „Aus mehr als einem Grunde, mein junger Freund; wegen Ihrer ſelbſt und wegen Seiner Majeſtät.“ „Ich trete den Worten des Herrn von Vaunoy bei,“ ſagte Bechameil. „Ich danke Ihnen beiderſeits. Ich konnte von zwei treuen Unterthanen des Königs nichts Geringeres erwarten. Ich lege großen Werth auf Ihren Beiſtand, und ſage Ihnen im Vor⸗ aus, daß ich Ihre Bereitwilligkeit nicht verſcho⸗ nen werde. Haben die Güte, mir Ihre Aufmerk⸗ ſamkeit zu ſchenken.“ Bechameil zog die Uhr aus der Taſche und ſah mit dem größten Bedauern, daß die gewöhn⸗ liche Stunde des Frühſtücks ſchon ſeit zehn Mi⸗ nuten geſchlagen hatte. Er ſtieß einen tiefen — — —„ 3 Seufzer aus, da er ſeinen Kummer nicht deutli⸗ cher ausſprechen durfte. „Ich bin nicht hieher gekommen,“ fuhr Di— dier fort,„ohne meinen Feldzugsplan entworfen zu haben. Alle meine Maßregeln ſind getoffen. Die Marechauſſee von Rennes iſt benachrichtigt und die von Laval iſt in dieſem Augenblick, wo ich mit Ihnen ſpreche, auf dem Wege nach der Bretagne. Das Militair in Vitré, in Fougéres und in Louvigné du Deſert wird mir nöthigen⸗ falls Beiſtand leiſten.“ „Das läßt ſich hören,“ ſagte Bechameil; „das giebt zuſammen eine reſpectable Armee.“ „Ohngefähr dreihundert Mann.“ „Das iſt nicht genug,“ entgegnete Vaunoy; „die Wölfe ſind wenigſtens viermal ſo ſtark.“ Bechameil's Freude verminderte ſich. „Ich glaubte, daß ſie zahlreicher wären,“ erwiederte der Kapitain gleichgültig.„Wir ſind Einer gegen Vier, und dies iſt viel.“ „Ich verſtehe nicht...“ ſagte Bechameil. „Es iſt viel,“ wiederholte Didier,„weil wir alle Vortheile auf unſrer Seite haben. Sie werden hoffentlich nicht glauben, daß ich ſie in der Wolfsſchlucht angreifen will?— Wundern Sie Sich nicht, Herr von Vaunoy, daß ich den Na⸗ men ihres Schlupfwinkels kenne. In Folge ver⸗ ſchiedener Umſtände, zu deren Auseinanderſetzung in dieſem Angenblick weder Zeit noch Ort iſt, kenne ich den Wald von Rennes, als wäre ich hier geboren.“ Bei dieſen letzten Worten bebte Hervé von Vaunoh heftig zuſammen und wurde ſo bleich, daß Bechameil ihn mit ſeinen Armen unterſtützen zu müſſen glaubte. „Was fehlt Ihnen, mein verehrter Freund?“ fragte der Intendant. „Nichts.. es fehlt mir nichts!“ ſtammelte Vaunoy. „Doch, ich wette, daß es das Bedürfniß iſt, etwas zu genießen, was Ihnen zu ſchaffen macht; denn wahrhaftig, die Stunde des Frühſtücks iſt ſchon ſeit fünfunddreißig und einer Viertel Mi⸗ nute vorüber.“ Vaunoy, der ſich mit heftiger Anſtrengung ſo gut als möglich wieder gefaßt hatte, ſtieß Be⸗ chameil zurück. „Kapitain,“ ſagte er,„ich bitte Sie um Ent— ſchuldigung! Ein plötzlicher Schwindel.. ich bin ſolchen Zufällen ausgeſetzt.— Haben Sie die Güte fortzufahren.“ „In Ihrem Intereſſe, mein verehrter Freund,“ ſagte der heldenmüthige Bechamail,„fordre ich Sie auf, etwas zu Sich zu nehmen.— Wir leiſten Ihnen Geſellſchaft, der Kapitain und ich.“ Vaunoh machte eine unwillige Bewegung, und Bechameil ſah mit dem tiefſten Schmerze — ein, daß das Frühſtück jetzt ohne Widerrede ver⸗ ſchoben war. „Ich ſagte Ihnen,“ fuhr Didier fort, nach⸗ dem er dieſer Scene nur eine ſehr geringe Auf⸗ merkſamkeit geſchenkt hatte,„daß der Wald für mich eine wohlbekannte Gegend iſt. Ich weiß, daß die Stellung der Wölfe unangreifbar iſt, und habe nicht Luſt, die Gefahr eines Angriffs auf mich zu nehmen, wenigſtens nicht, bevor die Gelder Seiner Majeſtät in Sicherheit gebracht ſind. Ich muß zunächſt feſte Stützpunkte im Lande haben, und bitte daher Sie, Herr von Vaunoy, um Einräumung Ihres Schloſſes, Sie aber, Herr Intendant, um Ueberlaſſung Ihres Landhauſes, la Cour-Roſe.“ „Mein Landhaus?“ rief Bechameil;„was wollen Sie denn daraus machen, Herr Kapitain.“ „Ich weiß es nicht; vielleicht eine Feſtung.“ „Aber alle Zimmer ſind tapeziert, Herr Ka⸗ pitain, was mich ſechzigtauſend Livres gekoſtet hat.“ „Ei, ei, Herr von Bechameil!“ unterbrach ihn Vaunoy. Aber diesmal zeigte ſich der Finanzmann ſtörrig. „Es ſind koſtbare, ausgelegte, vergoldete Meubeln in den Zimmern, die mich neunzigtau⸗ ſend Livres gekoſtet haben!“ „Ei, ei, Herr von Bechameil!“ wiederholte Vaunoh nochmals. „Es iſt japaniſches Porzellan, italieniſches und ſchweizer Steingut, ſchwediſche Kriſtallwaa⸗ ren darin. Das was zum Küchengeräth gehört, koſtet allein vierzehntauſend fünfhundert Livres. . Und dies Alles wollten Sie der Plünde— rung preisgeben? Ihre Soldaten ſollen meine Speiſekammer ausräumen, ſie ſollen meinen Kel— ler austrinken, der der reichſte in ganz Frankreich und Navarraiſt?... Sie ſollen meine Teppiche mit Füßen treten, mein Porzellan zerbrechen, und wer weiß was ſonſt noch?... Eine Feſtung! . Glauben Sie denn, Herr Kapitain, daß ich mein ſchönes Luſtſchloß habe bauen laſſen, um Ihre Soldaten zu beherbergen?“ „Ei, ei, Herr von Bechameil!“ ſagte Vau⸗ noy zum dritten Male;„beim heiligen Gott! wer hätte das von Ihnen geglaubt!“ Bechameil hielt endlich ganz odemlos inne; Didier aber ſagte mit der größten Ruhe, als wäre er gar nicht unterbrochen worden: „Vielleicht eine Feſtung. Jedenfalls kann ich das Verſprechen geben, meine Herren, daß ich Sie zwei Stunden vorher davon benachrichtigen werde.“ „Das wird hinlänglich ſein,“ erwiederte Vaunoh, welcher entſchloſſen ſchien, Alles zu billigen. — 5 „Mein verehrter Freund,“ rief Bechameil außer ſich,„ich verſtehe Sie nicht!“ Vannoy drückte ihm heftig die Hand— Dies iſt ein Wink, den in der ganzen Welt ſelbſt der dickſte Kopf verſteht. Der Intendant ſchwieg unwillkürlich. „Ich hoffe, mein werther Kapitain,“ ſagte Vaunoy mit der größten Artigkeit,„daß dieſe Maßregeln, von denen Sie ſprechen, den letzten Theil Ihres Planes bilden? Bevor Sie Sich verſchanzen, werden Sie Sich wahrſcheinlich da⸗ mit beſchäftigen, die Gelder zu eskortiren, die in Rennes auf Sie warten, denn man ſagt, die Kaſſe des Königs ſei leer, oder wenigſtens nahe daran, es zu werden.“ „Dies iſt in der That meine Abſicht,“ er⸗ wiederte Didier. „Alſo ehe la Tremlays zur Feſtung wird, könnten wir vorher, wenn es Ihnen gefällig wäre, ein Wirthshaus daraus machen, in wel⸗ chem die Eokorte der Steuern ausruhen kann.“ „Dazu würde ich ebenfalls mein Landhaus hergeben,“ ſagte Bechameil;„ein Wirthshaus, das laſſe ich mir noch gefallen aber eine Feſtung!“ „Die Steuergelder,“ erwiederte der Kapitain, „bleiben unter der Aufſicht und Verantwortlich⸗ keit des königlichen Herrn Intendanten, bis ſie die Grenze der Bretagne überſchritten haben. Es kommt daher auch dem Herrn Intendanten zu, den Ort zu beſtimmen, wo die Eskorte die Nacht zubringen ſoll.“ Ein eigenthümlicher Ausdruck von Unruhe verbreitete ſich über das Geſicht des Herrn von la Tremlays. Dieſe Unruhe mußte ſehr groß ſein, da Vaunoy, der doch gewohnt war, ſeine Miene völlig zu beherrſchen, die Spuren derſel⸗ ben nicht zu unterdrücken vermochte. Didier und der Intendant bemerkten es. Der Erſtere achtete nicht ſehr darauf; er glaubte Vaunoy zu kennen und verachtete ihn, ohne ihn jedoch eines Ver⸗ raths für fähig zu halten. Seine ſtolze Sorg⸗ loſigkeit hielt es unter ihrer Würde, einen ſo un⸗ bedeutenden Umſtand zu beachten. Bechameil er— klärte ſich nach ſeiner Weiſe die ſichtliche Angſt des Herrn von la Tremlays. Er glaubte, daß Vaunoy, als er ſah, daß die Beſtimmung des Nachtquartiers ihm, Bechameil, übertragen wur⸗ de, ſeinen Entſchluß wegen der Küche und der Vorräthe des Schloſſes bereute. „Mein theurer Freund,“ ſagte er daher zu ihm,„ich will ſogleich bemerken, daß ich alle Koſten der Beherbergung auf mich nehme.“ Vaunoy erblaßte und runzelte die Stirn. „Ich bezahle Alles,“ fuhr der Intendant fort;„die Gaſtfreiheit iſt für mich eine Pflicht.“ „Sie wollen alſo die Soldaten des Königs in — Ihrem Landhanſe von Cour⸗Roſe aufnehmen?“ fragte Vaunoy, deſſen Angſt ſichtlich zunahm. „Nein, nein, mein theurer Freund, das nicht!“ rief Bechameil. Vaunoy holte tief Odem und ſeine Wangen rötheten ſich von neuem. Dieſe Veränderung war ſo ſtark und ſo auffallend, daß Didier ſich nicht enthalten konnte, darauf zu achten. Es war übrigens die Sache eines Augenblicks, und je mehr die Ruhe auf Vaunoy's Geſicht zurück⸗ kehrte, deſto mehr zerſtreute ſich der Argwohn des Kapitains. Aber für einen aufmerkſamen und unbefan⸗ genen Beobachter dieſer Scene würde es unzwei⸗ felhaft geweſen ſein, daß ein kühner Entſchluß in Vaunoy's Kopfe gebildet worden war, ein Entſchluß, der durch Bechameils Wahl, daß die Eskorte der königlichen Gelder in la Tremlays raſten ſollte, bedeutend unterſtützt wurde. Bechameil, der weit entfernt war zu glauben, daß ſeine Beſtimmung dem Herrn von Vaunoy angenehm ſein konnte, bemühte ſich, ſie zu recht⸗ fertigen und zu entſchuldigen, was er auf ſeine Weiſe that. „Ich bemerke nochmals, mein theurer Freund,“ ſagte er,„daß Sie durchaus nicht die geringſten Unkoſten davon haben ſollen.“ „Laſſen wir dies,“ unterbrach ihn Vaunoh. „Erlauben Sie, Herr Kapitain. Ich bin— und ich hoffe, Sie werden mir die Ehre erzeigen, es zu glanben— ein treuer und ergebener Die⸗ ner Seiner Majeſtät. Mein ganzes, geringes Haus ſteht zu ſeinem Befehl, vom Grunde bis zum Dache, und wohl zu merken, mit Einſchluß der dazwiſchen liegenden Stockwerke. Aber es handelt ſich hier um fünfmalhunderttaufend Li⸗ vres tournvis!“ „Fünfmalhunderttauſend Livres tournvis!“ wiederholte Herr von la Tremlays langſam. „Gewiß ſo viel, mein theurer Freund, und vielleicht noch ein paar hundert Livres mehr. Wenn dieſe Summe geraubt würde, ſo wäre dies ein harter Schlag für mein Vermögen. Nun aber bitte ich zu bemerken, daß mein Landhaus durchaus nicht geeignet iſt, eine Belagerung aus⸗ zuhalten, und wenn die Wölfe...“ Vaunoy zuckte die Achſeln. „Der Herr Intendant hat Recht,“ ſagte der Kapitain, der ſeit einigen Minuten dem Geſpräch nur noch eine geringe Aufmerkſamkeit ſchenkte. „Erlauben Sie,“ ſagte Bechameil nachmals als Antwort auf Vaunoy's Gebehrde,„es würde mir außerordentlich leid thun, wenn Sie glauben könnem „Ich dächte, wir gingen zu Frühſtück,“ fiel ihm Herr von la Tremlays lächelnd ins Wort. Dieſe Worte konnten ihre Wirkung nicht ver⸗ fehlen. Bechameils Kinnladen ſetzten ſich un⸗ * — — 47— willkürlich in Bewegung, als hätten ſie ſeine Er⸗ klärung vervollſtändigen wollen; aber er konnte nur die Worte wiederholen, welche den ſüßeſten Wiederhall in ſeinem Herzen geweckt hatten: „Zum Frühſtück!“ Vaunoy ſtützte ſich vertraulich auf Didier's Arm. Bechameil ging voraus, mit weit geöffne⸗ ten Naſenlöchern, als wollte er die in der Luft ſchwimmenden Gerüche, welche aus der Küche kamen, einziehen. Unterwegs wurde beſchloſſen, daß der Geldtransport am folgenden Morgen von Rennes abgehen ſollte. Von der Stadt bis zum Schloſſe war es nur ein kurzer Marſch, aber die Straßen in der Bretagne befanden ſich in der damaligen Zeit in einem Zuſtande, durch welchen die Entfernung vervierfacht wurde. Bechameil ſtieg, trotz ſeines bedeutenden Kör⸗ perumfanges, mit drei Schritten die Vortreppe vor dem Schloſſe hinauf. Eine Minute ſpäter knüpfte er ſich ſchon die Serviette um den Hals, und labte ſich an einem köſtlichen Rehbraten, den er laut als unvergleichlich rühmte. Hervé von Vannoy blieb während dieſes Ta⸗ ges nicht müßig. Kaum war das Frühſtück vorüber und Herr von Bechameil hatte ſich auf ein So⸗ pha geſtreckt, um der wichtigen Pflicht der Sieſta nachzukommen, welche die Freunde einer guten Tafel nie vernachläſſigen dürfen, ſo verließ Vau— noy den Kapitain unter einem Vorwande, den — 48— er um ſo leichter fand, als der junge Mann nicht eben großen Werth auf ſeine Geſellſchaft legte, und begab ſich mit ernſter, geſchäftigter Miene nach ſeinem Zimmer. „Schickt ſogleich Lapierre und Meiſter Alain zu mir,“ ſagte er zu einem Diener, den er un⸗ terwegs begegnete. Dieſer beeilte ſich, den Befehl auszuführen, und Vaunoy ſetzte ſeinen Weg fort. Zufällig warf er jedoch einen Blick durch ein Fenſter des Ganges und ſah Alix, welche nachdenkend und mit geſenktem Kopfe langſam die Hauptallee des Gartens hinaufging. „Immer traurig!“ ſagte Vaunoy mit einer Spur von Theilnahme zu ſich ſelbſt;„das arme Kind! Aber iſt es nicht ihre eigne Schuld? Bechameil würde die Perle aller Ehemänner ſein.“ Er wollte eben weiter gehen, als er in einem andren Gange, der ſich mit der Hanptallee krenz⸗ te, den Kapitain Didier erblickte, welcher unbe⸗ greiflicherweiſe ebenfalls in tiefe Gedanken ver— ſunken zu ſein ſchien. Vaunoy machte eine Be— wegung des Verdruſſes. „Sie war ſchon auf dem Punkt ihn zu ver— geſſen,“ ſagte er vor ſich hin;„ich kenne dies. Noch ein Monat, und dieſe thörichte Liebe war nur noch eine Erinnerung, eine jener romanti⸗ ſchen Erinnerungen, welche den Frauen zum „ — Zeitvertreib dienen und kein Hinderniß einer gu⸗ ten und glücklichen Ehe ſind.— Und da kommt er wieder hierher! Seine Anweſenheit allein zerſtört alle meine ſchönen Pläne!... Und dann wenn er durch einen jener Zufälle, welche die Hölle dem Menſchen in den Weg wirft, er⸗ führe Vaunoy unterbrach ſich. Wie ſchon erwähnt, kreuzten ſich die beiden Gänge, in welchen Alit und Didier gingen. Jeder Schritt, den die jun⸗ gen Leute thaten, brachte ſie einander näher; in einigen Sekunden mußten ſie zuſammentreffen⸗ „Aber gleichviel,“ rief Vaunoy heftig,„ob er etwas weiß oder nicht! Er iſt dazu beſtimmt, mir zu ſchaden; er ſtürzt mich, wenn ich ihn nicht ſtürze!“— Alix und Vaunoy erreichten zu gleicher Zeit. den Kreuzungspunkt der beiden Gänge; aber in dem Augenblick als ſie im Begriff waren zuſam⸗ men zu treffen, ſetzte Vaunoy ſeine Jagdpfeife an den Mund. Die beiden jungen Leute blick⸗ ten auf, als ſie den gellenden Ton vernahmen. Alix gehorchte dem Wink ihres Vaters und kehrte nach dem Schloſſe zurück; Didier grüßte und ſetzte ſeinen Weg fort. „Das war faſt wie eine Verabredung,“ dachte Vaunoy.„Beim heiligen Gott, ich habe ſie ſchon zweimal geſtört; aber man ſagt, daß die Zahl Drei Glück bringt.“ Der Wald von Rennes. II. 650 Er trat in ſein Zimmer, wo ſich auch bald die beiden treuen Diener, Meiſter Alain und La⸗ pierre, einfanden. Faſt in dem nämlichen Au— genblicke öffnete auch Alix die Thür. „Sie haben mich gerufen, mein Vater,“ ſagte ſie. Vaunoy, der ſchon den Mund geöffnet hatte, um ſeinen beiden Gehülfen ſeine Befehle mitzu⸗ theilen, zögerte einen Angenblick und war im Begriff, ſeine Tochter wieder fortzuſchicken, aber er beſann ſich eines Beſſeren. „Wartet hier,“ ſagte er zu den Dienern,„in wenigen Augenblicken werde ich mit Euch ſprechen.“ Dann nahm er den Arm ſeiner Tochter in den ſeinigen und zog ſie mit ſich in die Galerie. Meiſter Alain und Lapierre blieben allein. Der erſtere, deſſen Geiſteskräfte von der Laſt der Jahre und vielleicht noch mehr durch ſeine Trunk⸗ ſucht ſehr geſchwächt worden waren, zog ſeine Blechflaſche hervor und nahm einen tüchtigen Schluck Branntwein zu ſich. „Willſt Du?“ fragte er Lapierre. „Alles hat ſeine Zeit,“ antwortete der ge⸗ weſene Seiltänzer;„ich trinke nie, wenn ich mit dem Herrn ſprechen ſoll.“ „Ich trinke dann eine doppelte Portion.“ „Und Du ſiehſt auch doppelt. Geſtern konn⸗ teſt Du nicht einmal dieſen Schurken von Be⸗ dienten erkennen.“ ⸗ „Ich werde alt,“ erwiederte Alain, indem er noch einen Zug that;„ich merke recht gut, daß mein Gedächtniß ſchwach wird. Aber wenn ich ihn noch einmal ſehe, werde ich ihn hoffentlich erkennen.“ „Und wenn er nicht wiederkommt?“ Anſtatt zu antworten, that Alain noch einen dritten Zug, und ſetzte ſich auf ſeinem Stuhle zurecht, um zu ſchlafen, bis ſein Herr kommen würde. Lapierre zuckte die Achſeln, und um die Zeit nicht unnütz verſtreichen zu laſſen, ging er im Zimmer umher, und wies großmüthig ver⸗ ſchiedenen Goldſtücken, welche er auf den Meubeln umher liegen fand, einen Platz in den weiten Taſchen ſeines Rockes an. Die Schubfächer wa⸗ ren verſchloſſen. Als er dieſes Geſchäft beendigt hatte, ſtützte er ſich auf die Fenſterbrüſtung. Draußen im Garten bemerkte er Didier, der ſeinen einſa⸗ men Spaziergang fortſetzte. Lapierre fing an nachzudenken. „Ich glaubte ihn noch mehr zu haſſen,“ ſagte er nach einer Pauſe.„Er iſt doch kein übler Menſch. Vannoy bezahlt ſchlecht und ver⸗ langt viel.— Nun, wir werden ja ſehen!“ „Willſt Du?“ murmelte Meiſter Alain im Traume. Lapierre warf einen langen, verächtlichen Blick auf den alten Mann. 4* „So wird man in Vaunoy's Dienſte,“ ſagte er.„Niemals offene Schubkäſten. Ein paar Goldſtücke für viel Arbeit! Es iſt traurig, wenn man ſich für ſo elende Bezahlung dem Teufel„ ergeben ſoll.— Nun, wir werden ja ſehen!“ 5. Fränlein von Vannoy. Während Meiſter Alain und Lapierre warte⸗ ten, ging Hervé von Vaunoy mit ſeiner Tochter, die ſich auf ſeinen Arm ſtützte und deren Hand er väterlich liebkoſte, im Korridor auf und ab. „Ich muß Dich ſchmälen, Alir,“ ſagte er 3 mit ſeiner ſanfteſten Stimme.„Du haſt Dich gegen unſten Gaſt, den Kapitain Didier, außer⸗ ordentlich kalt benommen.“ Er betonte dieſes Wort ganz beſonders und betrachtete ſeine Tochter von der Seite. Aber ihr ſchönes, ruhiges Geſicht zeigte nicht die geringſte Bewegung. „Man muß nicht zu weit gehen,“ fuhr Herr von la Tremlays fort.„Der Herr Kapitain iſt„ ein braver Offizier des Königs, welcher allen Anſpruch auf unſre Hochachtung hat, und wenn man einen Menſchen nicht liebt, iſt es gut, ſich ein wenig Zwang anzuthun.“ Alir hob ihren ruhigen Blick zu ihm empor. „Und wenn man ihn liebt?“ ſagte ſie leiſe. Vaunoy erſchrak und konnte eine unwillige Bewegung nicht unterdrücken; aber er faßte ſich ſogleich wieder. „Welche Thorheit!“ rief er mit erzwunge⸗ nem Lachen.„Vor einem Jahre, wenn ich mich recht erinnere, ſprachen wir zuſammen über dieſe Kinderei, und Du verſprachſt mir...“ „Ich verſprach Ihnen, ich wolle mich bemü⸗ hen, ihn zu vergeſſen, mein Vater. Ich habe mich bemüht, aber es iſt mir unmöglich ge⸗ weſen.“ „Du verſprachſt mir noch mehr, Alix.“ „Es iſt wahr,“ ſagte Alix langſam,„ich ver⸗ ſprach Ihnen noch, jede Hoffnung aufzugeben, jemals die Seinige zu werden.— Mein Vater,“ fuhr ſie nach einer Pauſe mit tiefbewegter Stim⸗ me fort,„ich habe mein Verſprechen gehalten: ich habe keine Hoffnung mehr!“ Vaunoy drückte einen Kuß auf die Hand ſei⸗ ner Tochter, huſtete und wollte ein gleichgültiges Geſpräch anknüpfen; aber die letzten Worte des armen Mädchens verſcheuchten ſeine Heiterkeit. Er liebte ſeine Tochter; dies war das einzige gute Gefühl, welches ſich unter den Stürmen des Egoismus und der Habſucht in ſeinem Her⸗ zen aufrecht erhalten hatte. Er hätte ſie gern glücklich gemacht, aber die Umſtände drängren ihn. Es blieb ihm keine Wahl. Ein Wort von Bechameil konnte ſein Vermögen, ſeinen Adel, ſein ganzes Lebensglück gefährden; er mußte daher die Freundſchaft des mächtigen Intendanten um jeden Preis erkaufen. Uebrigens hatten Vaunoy's Gewohnheiten und Neigungen einen großen Einfluß auf ſeine väterliche Liebe. Seine Liebe war aufrichtig, wenn ſie ſich auf einen Gegenſtand bezog, der unter ihm ſtand. Er war früher jung an Jah⸗ ren aber nicht am Herzen geweſen. Nur Gold und Grundbeſitz machten ihn glücklich, und ſei⸗ ner Meinung nach konnte eine junge Frau auch nur durch Reichthum und den damit verbunde⸗ nen Lurus gkücklich werden, durch eine prächtige Toilette, durch verſchwenderiſche Feſte, durch die Demüthigung ihrer Rivalinnen. In der That würde ſich Herr von Vaunoy bei einer großen Menge von Frauen mit dieſer Anſicht auch nicht getäuſcht haben. Wenn aber Alir Bechameils Gattin wurde, ſo hatte ſie dies Alles in Ueberfluß, nach Wunſch, und noch mehr als ſie wünſchen konnte. Das Andenken an Vaunoy würde nur ein Zeitvertreib mehr für ſie ſein, denn es iſt gut, wenn eine Frau im Grunde ihres Herzens eine Saite hat, welche in den Stunden der Langeweile und der Migraine ſüß und zart in ihr ertönt. Wenn eine Frau auch die Equipagen einer Königin und die Diamanten einer Jüdin beſitzt, fehlt ihr, nach der Meinung des alten Schlaukopfs Vau⸗ noy, doch noch etwas, wenn ſie nicht auch das melancholiſche Spielzeng der ſüßen Rückerinne⸗ rung an eine glückliche und längſt entſchwundene Liebe hat, welche in den Angenblicken, wo ſie das Bedürfniß des Weinens fühlt, Thränen in ihre Augen lockt. In dieſem Augenblick befand ſich Vaunoh in einer peinlichen Lage. Alir beherrſchte ihn mit der ganzen Kraft ihrer Offenheit. Zum tau⸗ ſendſten Male vielleicht bereute er es, daß er den Weg der Liſt gegen ſie eingeſchlagen hatte, denn er erkannte zu ſpät, daß ſich dieſe an der Anf⸗ richtigkeit abſtumpft. Sein Character war zu ber⸗ dorben, um in ſeiner ganzen Stärke das peinliche Gefühl zu empfinden, welches das Herz eines Vaters ergreift, der von ſeinem Kinde, das er hintergehen will, auf der That ertappt wird; aber demohngeachtet fühlte er ſich durch ſeine Rolle gedemüthigt, und beſchloß, die Maske wo⸗ möglich abzuwerfen. „Alir,“ ſagte er plötzlich und indem er ziem⸗ lich gut den Aufrichtigen ſpielte,„ich habe Un⸗ recht, auf dieſe Weiſe gegen Dich zu verfahren. Verzeihe mir. Du verdienſt mein ganzes Ver⸗ trauen und ich will ohne alle Winkelzüge mit Dir ſprechen. Du weißt, was ich will; Du er⸗ räthſt vielleicht, welche Gründe ich dazu habe. Kannſt Du meine Hoffnungen täuſchen?“ „Ich werde thun, was ich verſprochen habe, mein Vater; nicht mehr und nicht weniger.“ Vaunoy ſchöpfte freier Odem. „Das genügt mir. Die Zeit iſt ein kräfti⸗ ges Mittel gegen die eigenſinnigen Abneigungen der jungen Mädchen; für den Augenblick bitte ich Dich nur, den Kapitain nicht wiederzuſehen.“ „Ich habe ihn ſchon geſehen,“ erwiederte Aliy. „Wirklich? und Du haſt mit ihm geſpro⸗ chen?“ „Ja, ich habe mit ihm geſprochen.“ „Dieſe erkünſtelte Kälte war alſo eine einge⸗ lernte Rolle, eine Lüge?“ Alir richtete ſich nicht empor, um die Fech⸗ terſtellung anzunehmen, mit welcher die Schau⸗ ſpielerinnen die Empörung der beleidigten Tu⸗ gend auszudrücken glauben; ſie warf nicht die Blicke zum Himmel, welche die nämlichen Künſt⸗ lerinnen nach der Decke richten, als wollten ſie den Kronleuchter zum Zeugen ihrer Unſchuld an— rufen. „Meine Handlungen lügen eben ſo wenig als meine Worte,“ ſagte ſie mit Offenheit. „Beruhigen Sie ſich, mein Vater; ich habe den Willen, mein Verſprechen zu halten, und ich werde es thun, ſollte es mich auch das Leben koſten! Uebrigens,“ ſetzte ſie leiſer und mit leicht gerötheten Wangen hinzu,„iſt mein Wille nicht Ihre einzige Garantie. Der Kapitain Didier liebt mich nicht.“ „Iſt dies wahr?“ rief Vaunoy mit roher Freude. Und ohne daran zu denken, wie ſehr er ſeiner Tochter wehe that, fuhr er fort: „Das iſt eine gute Neuigkeit, Alix! Warum haſt Du es mir nicht ſogleich geſagt, mein liebes Kind?— Wie? dieſer Kapitain? dieſer erbärm⸗ liche Glücksritter?“ Er ſprach dieſe letzten Worte im Tone ſpöt⸗ tiſchen Mitleidens aus, der ein gewöhnliches Herz tief verletzt haben würde; aber Alix war über einer ſo plumpen Beleidigung erhaben. Ihre Stirn blieb rein, und mit einem ſchmerzli⸗ chen aber ruhigen Lächeln fuhr ſie fort: „Ich bin Ihrer Meinung, mein Vater; ich glaube, das Alles ſo gut iſt, wie es iſt.“ Vaunoy kannte ſeine Tochter, und ſo wenig er auch dazu geſchaffen war, ſie zu verſtehen, hatte er doch eine Art Ehrfurcht vor ihr. Dem⸗ ohngeachtet ſchien ihm dieſe Reſignativn ſo au⸗ ßerordentlich, daß er Mühe hatte, daran zu glau⸗ — ben. Unwillkürlich verfiel er wieder in ſeine alte Gewohnheit, und begann von neuem ſein mo— raliſches Spivnierſyſtem. „Beim heiligen Gott!“ ſagte er nach einer Pauſe,„Du biſt ein Muſter von einer Tochter, Alir, und ich will eine Wette eingehen, daß man von Rennes bis Nantes wandern kann, ohne Deines Gleichen zu finden. Nicht ein Wort des Bedauerns oder der Klage! Beim heiligen Gott! es iſt nicht zu glauben und es giebt mir die beſte Hoffnung für dieſen armen Bechameil, der Dich ſo zärtlich liebt.“ Alix antwortete nicht. „Aber wir wollen davon nicht ſprechen,“ fuhr Herr von la Tremlays fort.„Es iſt ſchon viel gewonnen, und man darf nicht zu viel auf einmal verlangen. Heiliger Gott! welche Angſt hatte ich! Jetzt fürchte ich nichts mehr. Ich weiß, daß Du zu ſtolz biſt, um ihm jetzt noch entgegen zu kommen.— Hat man jemals eine ſolche Unverſchämtheit erlebt... und ich bin überzeugt, daß die Zuſammenkunft, von der wir eben ſprachen, die letzte ſein wird.“ Der letzte Punkt war der Hauptzweck der ganzen Rede Vaunoy's; alles Uebrige war nichts als die Vorbereitung darauf. Auch beobachtete er ängſtlich die Wirkung ſeiner Worte, auf eine Antwort wartend und jeden Zug im Geſicht ſei⸗ ner Tochter belanſchend. Er vergaß abermals, daß ſeine Bemühungen überflüſſig waren. Alix ſprach ſo offen, daß ihre Worte keiner Erklärung bedurften. Sie verließ das Fenſter, auf welches ſie den Arm geſtützt hatte und zeigte mit dem Finger auf Didier, welcher eben den Park verließ und in den Wald ging. „Ich muß ſeine Rückkehr erwarten,“ ſagte ſie. Vaunoy glaubte ſie mißverſtanden zu haben. „Seine Rückkehr?“ wiederholte er mechaniſch. „Ja, mein Vater. Ich habe dem Kapitain Didier verſprochen, ihn wiederzuſehen. Ich muß mein Verſprechen halten, und ich erbitte es mir als eine beſondere Begünſtigung von Ihnen, mich nicht daran zu hindern.“ „Aber...“ begann Vaunoy überraſcht und ärgerlich. „Schlagen Sie mir meine Bitte nicht ab!“ ſagte Alir mit einem unerwarteten Eifer.„Ich bin Ihnen noch nie ungehorſam geweſen, und Gott iſt mein Zeuge, daß es mir ſehr ſchmerzlich ſein würde, wenn ich dazu gezwungen würde.“ „Alſo, wenn ich Dir meine Erlaubniß ver⸗ weigerte, würdeſt Du mir ungehorſam ſein?“ Alix ſchlug ſchweigend die Augen nieder. „Vortrefflich!“ ſagte Vaunoy, deſſen mürri⸗ ſcher Verdruß von der Würde eines beleidigten Vaters weit entfernt war;„ſo bin ich wenig⸗ ſtens im Voraus gewarnt!— Und iſt es mir erlaubt zu fragen, welche wichtige Mittheilung eine Zuſammenkunft zwiſchen Fräulein von Vau⸗ noy und dem Kapitain Didier nothwendig macht?“ „Ich kann es Ihnen nicht ſagen, mein Vater.“ „Immer beſſer!— Dies iſt nicht zu glau⸗ ben! Du vergißt, Alir, daß ich Dich zwingen, daß ich Dich in Dein Zimmer einſchließen kann.“ „Ich hoffe, daß Sie dies nicht thun werden.“ „Und wenn ich es thäte?“ rief Vaunoy zornig. „Mein Vater,“ ſagte Alix, indem ſie ſich be⸗ mühte, ihr Gefühl, welches auszubrechen drohte, zu unterdrücken,„ich liebe und ſchätze Sie; aber mein Stillſchweigen täuſcht Herrn von Becha⸗ meil ſchon ſeit langer Zeit und nur um Ihret⸗ willen ſchweige ich. Aber wenn ich ſprechen Sie hielt inne, beſchämt daß ſie auf dem Punkt geweſen war, zu drohen; aber Vaunoy hatte ſie verſtanden, und ſein Zorn ſchwand wie durch einen Zauberſchlag. Sein Geſicht, welches zu ſolchen ſchnellen Veränderungen geſchaffen zu ſein ſchien, bekam wieder den Ausdruck einer ro⸗ hen Heiterkeit. „Du biſt ein böſes Kind, Alir,“ ſagte er, indem er ſie mit Geräuſch auf die Stirn küßte. „Du weißt, daß ich Dir nichts abſchlagen kann, 6 und Du mißbrauchſt Deine Gewalt, die ſich mit ſtarken Schritten der Tyrannei nähert. Kleine Närrin, was ich geſagt habe, war nur aus Neu⸗ gierde geſchehen. Ich wollte dieſes große Geheimniß erforſchen; aber Du haſt mich beſiegt, und ich werde mich in keinen Wortſtreit mehr mit Dir einlaſſen, ſondern ich werde, wenn es nöthig ſein ſollte, Fräulein Olivia von Vaunoy, meine vor⸗ treffliche Schweſter, als Avantgarde Dir entge⸗ genſchicken, und dann will ich Dir rathen, Dich tapfer zu halten.“ Alir täuſchte ſich nicht über dieſe plötzliche Heiterkeit; Vaunoy hatte Recht, als er ſagte, er habe trotz ſeiner vieljährigen Erfahrung in In⸗ triguen nicht die Kraft gegen die ſtolze Offenheit ſeiner Tochter zu kämpfen. Herr von la Trem⸗ lays verſchwendete ſeine Diplomatie ohne allen Nutzen. „Ich freue mich, Sie ſo ſprechen zu hören, mein Vater,“ ſagte Alix nur. „Du freuſt Hich?. Dann ſei auch nach⸗ ſichtig und habe ein wenig Mitleiden mit dem armen Herrn von Bechameil. Doch, dies wird ſich finden; wir haben ſpäter noch Zeit, davon zu ſprechen.“ Er ſah nach der Uhr. „Schon eilf Uhr?“ fuhr er fort. Ich muß Dich jetzt verlaſſen, liebe Tochter, und über⸗ laſſe es Dir, zu thun was Du willſt, denn ich bin überzeugt, daß mein Vertrauen bei Dir in guten Händen iſt. Auf Wiederſehen!“ Er grüßte ſie freundlich, worauf Alix mit ei⸗ ner ehrerbietigen Verbeugung antwortete, und eilte dann, wieder in ſein Zimmer zu kommen, wo ſeine beiden Miniſter ihn erwarteten, der eine in philoſophiſchen Betrachtungen, wie ein emeri⸗ tirter Seiltänzer ſie anſtellen kann, der andre ſchnarchend, nach Art der Gerechten und der Trunkenbolde. Als Alix allein war, verlor ihr ſchönes Ge⸗ ſicht den Ausdruck ſeines ruhigen Stolzes. Eine finſtere Entmuthigung malte ſich in ihrem Blicke. „Ich muß ihn wiederſehen!“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt;„ich muß noch einmal dieſe alltägliche Galanterie ertragen, die er mir wie einen Troſt zuwirft! ich ſoll wieder das Mitleiden in ſeinem Lächeln leſen, phne mich in meinen eigenen Au⸗ gen erheben zu können, als indem ich die Sache meiner Nebenbuhlerin führe!“ Ohne zu wiſſen was ſie that, ging ſie die innere Treppe und die Granitſtufen der Vortreppe hinab. Am Eingange des Gartens ſank ſie auf eine Raſenbank und ſtützte das bleiche Geſicht in die beiden Hände. So blieb ſie lange ſitzen. Als ſie den Kopf wieder erhob, ſchienen ihre trocknen Augen ſich vergebens zum Weinen anzuſtrengen. Nach ei⸗ nigen Minuten zog ſie eine kleine kupferne Me⸗ daille von roher Geſtalt und Prägung aus dem Buſen, die an einer ſeidenen Schnur um den Hals unter ihrer Kleidung hing. Während ſie ſie leidenſchaftlich an ihre Lippen drückte, trat endlich eine Thräne in ihr Auge. „Ach! wie liebe ich ihn! Großer Gott, wie liebe ich ihn!“ ſagte ſie. Dann blitzte ein Strahl von Begeiſterung unter ihren Thränen hervor, und indem ſie die Medaille mit Heftigkeit an ihre Bruſt drückte, rief ſie aus: „Ihn wiederſehen!... ja... Ich werde leiden... aber ich will ihn retten!“ 6. Zwei treue Diener. Herr von Vaunoy hatte ſchon oft ärgerliche Geſpräche wie das eben erzählte, mit ſeiner Toch⸗ ter gehabt. Alix wußte ziemlich genau, welches Intereſſe die Gunſt des Herrn von Bechameil für ihren Vater gehabt hatte; ſie hatte ſogar er⸗ rathen, daß Vaunoy nur ein zweifelhaftes und „ ungewiſſes Beſitzrecht auf die reichen Beſitzungen Tremls hatte. Wir brauchen nicht zu ſagen, daß ſie dieſe Wiſſenſchaft nie mißbrauchte. Der Charakter ihres Vaters, über den ſie ſich kein Urtheil erlauben wollte, deſſen Niedrigkeit ihr aber in die Angen ſprang, war ſchon von ihrer früheſten Kindheit an eine Urſache fortdauernden Kummers für ſie geweſen. Ihr ernſter, aufrich⸗ tiger und ſtarker Geiſt hatte ſich an die Traurig⸗ keit gewöhnt, und ihrem kurzen Liebesverhältniſſe mit Didier hatte ſie die einzigen Augenblicke ei⸗ nes reinen Glückes zu danken, die ſie in ihrem Leben genvſſen hatte. Sie ſah übrigens in Vannoy's unrechtmäßi⸗ gem Beſitze nur ein Unglück, nicht aber ein Ver⸗ brechen, denn ſie wußte nicht, daß der rechtmäßige Beſitzer dadurch beeinträchtigt wurde. Und in der That hätte Niemand das Gegentheil behaup⸗ ten können, da Treml keinen Erben hinter⸗ laſſen hatte. Vielleicht, wenn ſie den Kapitain Didier nicht gekannt hätte, würde ſie ſich für die Ruhe und die Sicherheit ihres Vaters auf⸗ 5 geopfert haben, denn ihr vortreffliches Herz war einer unbegrenzten Hingebung fähig; aber zwi⸗ ſchen Didier und Bechameil war der Kontraſt zu groß. Der königliche Intendant, der eben ſo 5 lücherlich als verachtungswerth war, flößte ihr einen unüberwindlichen Abſcheu ein, und es be⸗ durfte des beharrlichen Quälens ihres Vaters, 65— um ſie abzuhalten, daß ſie Bechameils Anträge nicht auf der Stelle und mit Beſtimmtheit zu⸗ rückwies. Vaunoy ermüdete nicht. Er glaubte die Frauen zu kennen, und griff das Herz ſeiner Tochter von allen den Seiten an, wo die Töch⸗ ter Eva's, entweder mit Recht oder mit Unrecht, für verwundbar gelten. Zwar machte er keine Fortſchritte, aber er gewann Zeit. An dieſem Tage würde er ſich nicht die Zeit genommen haben, den gewöhnlichen Kampf mit Alix wieder zu beginnen, hätte er ſich nicht vor einer großen Gefahr ſchützen wollen. Die An⸗ kunft Didiers bedrohte alle ſeine Pläne, und er verſuchte daher, ſeinen Willen wie eine ewige Schranke zwiſchen ſeine Tochter und den Kapi⸗ tain zu ſtellen. Wir haben geſehen, welchen Er⸗ folg ſein Verſuch hatte; der Zufall ſollte ihm mehr nützen, als alle ſeine Beredtſamkeit. Sobald er ſeine Tochter verlaſſen hatte, dachte er daran, die Ausführung eines Planes vorzu⸗ bereiten, wozu er am Morgen in der Laube bei Didier und Bechameil den erſten Gedanken ge⸗ faßt hatte. Dieſer Plan nahm ihn ſeitdem völ⸗ lig in Anſpruch. Während des Frühſtücks hatte er ohne Zweifel die möglichen Folgen deſſelben gegen einander abgewogen, und hatte ſich ent— ſcchloſſen, den gefährlichen Wurf zu wagen. Schon ſeit einer halben Stunde war Herr von Vaunoy wieder bei ſeinen beiden Gehülfen. Der von Rennes. II. 5 „ — 66— Meiſter Alain hatte ſo gut als möglich ſeine Schlaftrunkenheit von ſich geſchüttelt und La⸗ pierre hatte aufhorchend in einem bequemen Lehn⸗ ſtuhle Platz genommen. Vaunoy hatte lange und ohne Unterbrechung geſprochen. Als er endlich ſchwieg, warf er einen fragenden Blick auf die beiden Diener. Meiſter Alain antwortete mit einer zweideutigen Gebehr⸗ de, und Lapierre ſchaukelte ſich mit großer Ge⸗ ſchicklichkeit anf einem der vier Füße ſeines Stuhles. „Habt Ihr mich nicht verſtanden?“ fragte Vaunvy. „O ja,“ antwortete Lapierre;„ich für mein Theil habe Alles verſtanden.“ „Auch ich,“ ſagte Meiſter Alain. „Und was ſagt Ihr dazu?“ Der alte Haushofmeiſter wünſchte ſehnlichſt, ſeine Blechflaſche hervorziehen zu können, aber er unterſtand es ſich nicht. Er war verſucht zu antworten, aber nach ſeiner klugen Gewohnheit wartete er, in der Meinung, es ſei Zeit, zu ſpre⸗ chen, wenn Lapierre ſeine Anſicht geäußert ha⸗ ben würde. Lapierre ſchaukelte ſich noch immer. „Was ſagt Ihr dazu?“ wiederholte Vaunuy“ mit gerunzelter Stirn. „Ei nun...“ ſagte Lapierre mit wichtiger Miene. z „Ja, ja,“ ſprach Meiſter Alain ebenſo. 6 „ „Wie?“ rief Vaunoy heftig,„Ihr ſeht nicht ein, daß ſein Tod einem Zufalle zugeſchrieben werden wird, für den ich nicht verantwortlich bin; daß mich kein Verdacht treffen kann, und daß nur Wahnſinn oder offenbare Böswilligkeit mich wegen eines ſolchen Unglücks anklagen könnte.“ „Ganz recht,“ erwiederte Lapierre„ich für mein Theil ſehe dies Alles ein.“ Meiſter Alain drückte mit einer ernſten Ge⸗ behrde ſeine Zuſtimmung aus. „Nun?““ fragte Vaunoy. „Ei nun...“ ſagte Lapierre nochmals. Vaunoy, deſſen Geſicht blutroth wurde, fluchte zwiſchen den Zähnen. „Ja,“ ſagte Lapierre endlich ohne die ge⸗ ringſte Bewegung zu verrathen,„er könnte uns nicht entgehen, und wenn wir ſchon ſo weit wären, würde ich keinen Sou für ſein Leben geben 1 aber „Warum aber?“ „Wir ſind noch nicht ſo weit.“ „Glaubſt Du denn, daß ein Köder von fünf⸗ malhunderttauſend Livres nicht ſtark genug iſt?“ „Sie kämen für den zehnten Theil dieſer Summe.“ „Für den zwanzigſten,“ ſagte Meiſter Alain zu ſich ſelbſt,„würde ich meine Secele dem Teu⸗ fel verſchreiben, obghich ich ein alter Mann und ein treuer Diner des Königs bin.“ ⸗* „Was willſt Du alſo ſagen?“ den ehemaligen Seiltänzer. WMeiſter Alain ſpitzte die Ohren, um ſich nö⸗ thigenfalls der Anſicht ſeines Collegen anzuſchlie⸗ ßen. Dieſer aber ſchien nicht auf die immer wachſende Ungeduld ſeines Herrn zu achten, denn nachdem er ſich noch einen Augenblick geſchau⸗ fragte Vaunoy kelt hatte, warf er mit Selbſtvertrauen die Worte hin: „Sie haben ohne Zweifel von den Fabeln Lafontaine's ſprechen hören.... Wenn Sie böſe werden, werde ich ſtumm... dieſer Lafon⸗ taine iſt ein ſehr kluger Dichter, was eine Sel⸗ tenheit iſt. Es fällt mir beſonders eine ſeiner Fabeln ein...“ „Beim heiligen Gott!“ unterbrach ihn Vau⸗ noh,„ich wollte zehn Louisdor geben, wenn ich dieſen Spitzbuben durchprügeln könnte.“ „Geben Sie die zehn Louisdor her und prů⸗ geln Sie zu,“ erwiederte Lapierre mit unerſchüt⸗ terlicher Ruhe.„Was die erwähnte Fabel be⸗ trifft, ſo können Sie nicht eher darüber urtheilen, als bis Sie ſie gehört haben, und da ich ſie nicht auswendig weiß, werde ich ſie auch nicht her⸗ ſagen.“ „Aber heiliger Gott! wo willſt Du hinaus, abſcheulicher Schurke?“ „Ich bitte um Entſchuldigung wegen meines ſchlechten Gedächtniſſes; da ich den Text nicht * 69 weiß, ſo will ich ſie erzählen. Die Ratten hiel⸗ ten eine Verſammlung und beriethen ſich über ein Mittel, eine Katze, die ihnen viel Schaden gethan hatte, aus der Welt zu ſchaffen..* „Ich verſtehe Dich!“ rief Vaunoy heftig, indem er aufſprang und mit großen Schritten durch das Zimmer lief. „Ich nicht,“ dachte Meiſter Alain. „Ich verſtehe Dich,“ wiederholte Vaunoy, „Du haſt Furcht!“ „Sie irren Sich. Es wäre beſſer für Ihren Plan, wenn ich mich fürchtete. Da ich aber feſt entſchloſſen bin, ebenſo zu handeln, wie die Rat⸗ ten in der Fabel, habe ich keine Furcht.“ „Du willſt meinen Befehlen trotzen, Elen⸗ der?“ „Eine Schelle anzuhängen, iſt eine Dumm— heit, welche meinen Grundſätzen und Gewohn⸗ heiten ganz entgegen iſt. Das mag ein Andrer thun, und für das Uebrige bin ich Ihr ergebener Diener.“ „Vonwelcher Schelle ſpricht er denn?“ fragte ſich Meiſter Alain,„und wie kommt es, daß von Ratten die Rede iſt?“ Vaunoy ſchwieg einen Augenblick und be⸗ ſchleunigte ſeine Schritte. Zwei oder dreimal legte er die Hand an ſeinen Degengriff. Seine ſonſt ſo heitere Stirn war finſter, wie der Him⸗ mel vor einem Gewitter; ſein Geſicht wurde bald 50„ bleich, bald glühend roth und ein convulſiviſches Zucken bewegte die Muskeln ſeines Mundes. „Es iſt ein ſchwerer Sturm im Anzuge,“ ſagte Lapierre leiſe;„gebt Acht, Meiſter Alain.“ „Sage mir nur, von was eigentlich die Rede iſt?“ murmelte dieſer zitternd. Lapierre beugte ſich zu ihm und ſagte ihm einige Worte ins Ohr. Der alte Mann erſchrak ſo ſehr, daß er an allen Gliedern bebte. „Heilige Jungfrau von Mi-Forét!“ ſtam⸗ „melte er, da will ich lieber in die Hölle gehen!“ „Du haſt keine Wahl, alter Freund,“ er⸗ wiederte Lapierre,„denn der Teufel hat Dir in dem genannten Orte ſchon längſt einen Platz aufgehoben. Aber wenn Du dieſes Glück ſo ſpät als möglich genießen willſt, dann folge mir: halte Dich ſtandhaft und mache es wie ich.“ „Gott im Himmel! heilige Jungfrau! Je⸗ ſus Chriſtus!“ ſeufzte Meiſter Alain ganz ver⸗ nichtet. „Trink einmal, der Angriff wird beginnen.“ Plain war nicht der Mann, der einen ſolchen Rath verachtete. Er warf einen Seitenblick auf Vaunoy, dem es nicht in den Sinn kam, ihn zu beobachten, zog ſeine Blechflaſche hervor, und that einen ſo langen Zug, bis ihm der Odem ausging. „Er wird fürchterlich wüthen,“ ſprach La⸗ pierre weiter,„denn es ſteht für ihn Alles auf dem Spiel; aber er kann uns höchſtens hängen laſſen, und dort würden wir lebendig verbrannt werden.“ „Allerwenigſtens!“ ſeufzte Alain mit Ueber⸗ zeugung.„Ich wollte, ich wäre fort von hier, ſollte ich auch nachher einen ganzen Tag nichts zu trinken haben.“ Plötzlich blieb Vaunoy ſtehen; ſeine Stirn war gerunzelt und ein feſter Entſchluß blitzte aus ſeinen Augen. Er war nicht mehr der Näm⸗ liche, der er vor einigen Minuten geweſen war. Jeder Ausdruck von Hinterliſt war aus ſeiner Miene verſchwunden. Meiſter Alain machte ſich kleiner und drückte die Angen zu, wie ein furchtſames Kind vor der Zuchtrurhe ſeines Erziehers. Lapierre dagegen ließ ſeinen Stuhl auf die vier Füße nieder, kreuzte die Beine übereinander, und lehnte ſich in der Stellung der vollkommenſten Ruhe im Seſſel zurück. Vaunoy bemerkte weder die Angſt des Einen noch die herausfordernde Unerſchrockenheit des Andren; wenigſtens ließ er ſie gänzlich un⸗ beachtet. Anſtatt in heftige Worte auszubrechen, um dann wieder zu einer ſchmeichelnden Freunblich⸗ keit überzugehen, wie er es häufig gegen ſeine beiden Gehülfen that, ſetzte er ſich ruhig auf ſei⸗ nen Stuhl, und ſah einen nach dem andren mit einer Miene an, die ſelbſt Lapierre befremdete. „In einer Stunde,“ begann er langſam und jedes Wort betonend,„muß Einer von uns zu Pferde ſteigen.“ „Wenn ich es nur nicht bin, habe ich nichts dagegen,“ erwiederte Lapierre. „Schweig!“ ſagte Herr von la Tremlays, ohne die Stimme zu erheben;„ich wiederhole es Einer von uns muß in einer Stunde weg⸗ reiten. Es muß ſein. Ich könnte Gewalt gegen Euch brauchen, da ich der Herr bin; aber die Gewalt würde vielleicht an Deiner Apathie ſchei⸗ tern, Alain, und an Deiner Hartnäckigkeit, La⸗ pierre. Die Zeit iſt zu koſtbar, als daß ich ſie damit verſchwenden ſollte, Strenge gegen Euch anzuwenden. Ich ziehe es vor, Euren Gehor⸗ ſam zu erkaufen. Wer von Euch will tauſend Livres verdienen?“ Ein Blitz gieriger Habſucht belebte das ver⸗ loſchene Ange des Haushofmeiſters. „Tauſend Livres!“ wiederholte er unwill⸗ kürlich.. Vaunoy beobachtete ängſtlich die Wirkung ſeines Vorſchlags. Er glaubte einen Angenblick, daß Alain von dem glänzenden Anerbieten ge⸗ blendet worden ſei, aber er hatte Lapierre nicht mit in Anſchlag gebracht. „Tauſend Livres!“ wiederholte auch dieſer. „Die Todten kehren nicht zurück, um ihr Eigen⸗ thum zurückzufordern, und Sie haben daher leich⸗ „ — — — — tes Spiel, gnädiger Herr.— Tauſend Livres!— Wenn ich noch Erben hätte!“ Meiſter Alain kratzte ſich hinter den Ohren und verfiel dann wieder in ſeine Regungslo⸗ ſigkeit. 2 „Zweitauſend Livres!“ rief Vaunoy.„Ich gebe dem, der mir gehorchen will, zweitauſend Liores im Voraus, auf der Stelle.“ Lapierre zuckte die Achſeln, und Meiſter Alain, der ſich nach ihm richtete, machte ebenfalls eine ablehnende Bewegung. Vaunoy's Stirn bedeckte ſich mit Schweißtropfen. „Aberheiliger Gott! was verlangt Ihr denn?“ rief er im Tone der Verzweiflung.„Ich ſage Euch, daß es geſchehen muß!— Dieſer Mann tritt mir drohend in den Weg, nach welcher Seite ich mich auch wenden mag. Ueberall bereitet er mir Hinderniſſe. Wenn ich von ihm befreit bin, verſchwinden alle meine Verlegenheiten; ſo lange er lebt, habe ich beſtändig eine lebendige Droh⸗ ung vor mir.“ „Man könnte ihn auch das Schwert des Damveles nennen,“ bemerkte Lapierre, der in der Literatur bewandert war.„Das Alles iſt voll⸗ kommen wahr.“ „Sein Hierſein,“ fuhr Vaunoy mit lebhafte⸗ rer Stimme fort,„hindert nicht allein die Pläne die ich mit meiner Tochter habe, ſondern es be⸗ droht auch mein Vermögen, meine Ehre, mein ganzes Glück!“ „Auch das iſt wahr,“ ſagte Lapierre. „Und Ihr verweigert mir Euren Beiſtand in einem Augenblick, wo ich ihn mit einem Schlage vernichten kann?— Sagt, ſoll ich die Summe verdoppeln, verdreifachen, vervierfachen?“ „Achttauſend Livres!“ berechnete Alain leiſe. „Achttauſend Livres, mein guter, alter Die⸗ ner?“ ſagte Vaunoy;„zehntauſend, wenn Du willſt, und meinen Dank noch außerdem. „Ein Scheiterhaufen von grünem Holze in irgend einem Winkel des Waldes,“ fiel ihm Lapierre ins Wort.„Das iſt eine ſtarke Ver⸗ ſuchung!“ Vaunoy ergriff ſeinen Arm und drückte ihn heftig. „Wenigſtens ſprich nur für Dich,“ ſagte er leiſe zu ihm,„und rede Alain nicht ab. Ich will Dir ſogar Dein Stillſchweigen bezahlen. 6 „Gut,“ erwiederte Lapierre,„wir brauchen uns nur darüber zu verſtändigen. Wieviel ge⸗ ben Sie mire“ „Zehn Louisdor!“ 4 Lapierre ſagte nichts mehr, aber es warſchon zu ſpät. Der alte Haushofmeiſter, den die zehn⸗ tauſend Livres anfangs geblendet hatten, bebte jetzt vor dem Gedanken an den Tod zurück. * — 75 Vergebens begann Vaunoy von Neuem, ihn in Verſuchung zu führen, Alain antwortete auf alle ſeine Anerbietungen mit einem finſtren Schweigen. „Alſo Ihr weigert Euch Beide?“ rief Herr von la Tremlays endlich, indem er wieder auf⸗ ſtand. „Ich für mein Theil, ja,“ antwortete La⸗ pierre dreiſt. Meiſter Alain ſagte nichts. „Gut,“ rief Vaunoy,„ich konnte es erwar⸗ ten. Oft zerbricht im entſcheidenden Augen⸗ blicke die Waffe in der Hand des Soldaten. Dann bleibt ihm nur ſein Arm zum Kampfe, und ſein Leben ſteht auf dem Spiele.— Meiſter Alain,“ ſagte er in kurzem, gebieteriſchen Tone, „bringe meine Reiſekleider und meine Piſtolen in Bereitſchaft. Lapierre, laß mein Pferd ſat⸗ ii Meiſter Alain beeilte ſich zu gehorchen. La⸗ pierre blieb noch zurück und betrachtete ſeinen Herrn mit der größten Verwunderung. „Habe ich recht gehört?“ ſagte er nach einer Pauſez„wollen Sie wirklich ſelbſt einen ſolchen Schritt wagen?“ „Laß mein Pferd ſatteln, ſage ich.“ „An Ihrer Stelle hätte ich keine ſolche Eil. Uebrigens iſt dies Ihre Sache, und wenn Sie wirklich mit dem Kopfe zwiſchen den Schultern 6 zurückkommen, ſo gebe ich es zu, daß der Kapi⸗ tain ein todter Mann iſt.“ Er machte Miene ſich zu entfernen, als er jedoch an die Thür kam, kehrte er ſich noch ein⸗ mal um. „Sie haben mehr Muth, als ich glaubte,“ ſagte er.„Der Teufel iſt Ihnen ſeinen Schutz ſchuldig, und vielleicht... Aber gleichviel, das Spiel iſt gefährlich, und es iſt mir lieber, Sie ſpielen es, als ich.“ Als Vaunoy allein war, fiel er auf einen Seſſel. Bald darauf kamen ſeine beiden Ver⸗ trauten zurück, um ihm zu melden, daß Alles zu ſeiner Abreiſe in Bereitſchaft ſei. Er ſtand auf und ging mit langſamen Schritten in den Hof, wo er ſich, ohne ein Wort zu ſprechen, auf ſein Pferd ſchwang. Die Röthe ſeiner Wangen hatte einer entſetzlichen Bläſſe Platz gemacht. Er ritt zum Hofe hinaus. Als ſein Pferd die Schwelle des großen Tho⸗ res überſchritten hatte, warf Lapierre den Kopf zurück und ſagte in ſpöttiſchem Tone: „Glückliche Reiſe!“ „Willſt Du?“ fragte ihn Meiſter Alain, in⸗ dem er ihm ſeine Blechflaſche reichte. „Mit Vergnügen,“antwortete Lapierre;„nach der Schlacht kann man einmal trinken. Mein Kopf iſt ſchwach, ſiehſt Du, und wenn ich vorhin Deine Flaſche zu zärtlich umarmt hätte, würde ich vielleicht jetzt anſtatt unſres gnädigen Herrn auf dem Wege zum Gottesacker ſein.— Auf ſeine Geſundheit!“ „Requiescat in pace!“ ſprach feierlich der Haushofmeiſter. 7. Ind's Reiſe. Hervé von Vaunoy war keinesweges ein toll⸗ kühner Mann. Der Schritt, den er unternahm, war eine That, bei der für ihn Alles auf dem Spiel ſtand. Es war eine Art Zweikampf auf Tod und Leben, in welchem er das ſeinige gegen Didiers Leben einſetzte. Vielleicht verbarg er ſich, geblendet durch ſeine leidenſchaftliche Begierde, ſich von dem jungen Manne zu befreien, einen Theil der Gefahr; vielleicht rechnete er zur Erreichung ſeines Zwek⸗ kes noch auf Mittel, aus denen er ſeinen beiden Gehülfen ein Geheimniß gemacht hatte. Wie dem aber ſein möge: ſeine Angſt war noch immer groß, und wer ihn, zitternd und todtenblaß auf ſeinem Pferde ſitzend, begegnet hätte, würde ihn für nichts weniger gehalten haben, als für einen Menſchen, der auf Abenteuer ausging. * Lange vorher, ehe er das Schloß verließ, war auch, wie wir ſchon erwähnten, Jud Leker, Tremls ehemaliger Stallmeiſter, fortgeritten, um die Wohnung des Kohlenbrenners, Pelo Rouan, aufzuſuchen. Jud war den Tag vorher in der Bretagne angekommen, zwar unruhig, aber voll Hoffnung. Im ſchlimmſten Fall war Georg Treml, der Enkel ſeines alten Herrn, vielleicht ſeines Erbtheils beraubt worden, und Jud hatte das Mittel in Händen, es ihm zurückzugeben. Jetzt aber war ſeine Unruhe in Angſt ver⸗ wandelt, und ſeine Hoffnung war nur noch ſchwach. Es wäre tauſendmal beſſer geweſen, er hätte das Kind wiedergefunden, und das eiſerne Käſtchen, welches Tremls Vermögen enthielt, wäre entwendet worden. Wenn Georg lebte, jung, kraftvoll und tapfer, hatte er ſeinen Degen, um ſeinen Streit auszufechten; aber Georg war todt oder abweſend, und es blieb daher nur noch ein nutzloſes Recht übrig. Das Käſtchen, das heißt: die ganze, große Beſitzung Tremls, war ohne einen rechtmäßigen Beſitzer, und Juds Treuc, ſeine hingebende Liebe und Selbſtverleng⸗ nung, welche ein zwanzigjähriges Exil nicht zu ſchwächen vermocht, hatte keinen Zweck mehr. Es blieb zwar noch die Rache, die letzte Trieb⸗ feder Derjenigen, welche keine Hoffnung mehr haben. Aber Ind war alt. Sein biederer Cha⸗ racter neigte ſich mehr zur Liebe als zum Haſſe. F — Die Rache, welche für Manche ſo großen Reiz hat, erſchien ihm wie ein nutzloſer und trauriger Erſatz. „Ich werde ſuchen,“ ſagte er, indem er auf den wohlbekannten Waldwegen fortritt,„ich werde lange, unaufhörlich ſuchen. Wenn ich die Gewißheit ſeines Todes erhalte— und ich bitte den Himmel, meinen alten Tagen dieſen Schmerz zu erſparen— dann werde ich ſeinen Mörder aufſuchen und ihm in Tremls Namen ſeinen Lohn geben.“ Auf jedem Schritte, den er auf den krummen, dunklen Wegen durch den Wald that, die er frü⸗ her ſo oft betreten hatte, begegnete er einer Er⸗ innerung. Dieſen Fußſteg ſchlug der alte Herr von la Tremlays gewöhnlich ein, wenn er mit ſeinem Enkel nach ſeinem ſchönen Schloſſe Boue— ris⸗en⸗Forét ritt; auf dieſer Stelle hatte Job, der ſchöne, trene Hund, nach einem heldenmüthi⸗ gen Kampfe einen hungrigen Wolf beſiegt; die⸗ ſer durch das Dickigt führende Weg, der ſo ſchmal war, daß man glauben ſollte, er ſei kaum für ein Reh breit genng, führte zu dem Teiche von la Tremlays, zu dem Teiche, der vielleicht das Grab des letzten Tremls war!“ Dem treuen Ind brach das Herz und er konnte kaum noch ſeine Thränen zurückhalten. Früher ſah man, wie Jud ſich erinnerte, zwi⸗ ſchen den Bänmen die Schornſteine auf den Hüt⸗ ten der Holzſchuhmacher und Kohlenbrenner rau⸗ chen. Jetzt war nichts mehr davon zu ſehen. Die Hütten waren da; einige ſtanden noch, andre waren halb verfallen, aber faſt alle ſchienen ver⸗ laſſen. Anſtatt des unaufhörlichen Geräuſches der Axt und des Meiſels, das von den heiteren Geſängen der Arbeitenden begleitet wurde, herrſchte Schweigen, allgemeines, gleichmäßiges Schweigen. Welche Geißel hatte denn den Wald von Ren⸗ nes getroffen? Welche Peſt hatte die Hütten ent⸗ völkert und die Stille des Todes an dieſe Orte gebracht, welche ſonſt ſo voll Leben und Bewe⸗ gung waren?“ Jud ſetzte ſeinen Weg fort, trauriger und finſtrer, als die Umgebung finſter und traurig war. Aus Gewohnheit bekrenzte er ſich, wenn er bei einem der Kreuze vorbeiritt, die an den Ecken der Wege ſtanden, an denen aber nicht mehr die frommen Gaben der Andächtigen hin⸗ gen. Er nannte bekannte Namen, indem er bei einigen der verlaſſenen Hütten vorüberkam, aber keine einzige Stimme antwortete ihm. Zuweilen zeigte ſich an der Biegung eines Weges eine menſchliche Geſtalt, allein wie ein Blitz war ſie ſggleich wieder verſchwunden, und Ind, der als ein alter Jäger mit dem Walde genau bekannt war, errieth aus der unmerklichen Bewegung der unteren Zweige des Dickigts, daß die Einſamkeit in der Wirklichkeit nicht ſo voll⸗ — ſtändig war, als ſie es zu ſein ſchien, und daß mehr als ein Auge hinter den dichten Blätter— wänden offen war. Als er an das Kreuz von Mi-Fporét kam, welches, wie der Name andeutet, ohngefähr im Mittelpunkte des Waldes ſtand, veränderte ſich die Gegend und wurde womöglich noch trauriger. An dieſer Stelle kreuzen ſich alle Hauptepmmunica⸗ tionswege, welche durch den Wald führen. Die lichten Stellen ſind hier häufiger als anderwärts, und die Nachbarſchaft der Wege hatte in der Umgebung eine Menge Waldarbeiter verſammelt. Längs der breiten, ſchönen Gänge, welche ſich wir ein Stern am Fuße des Kreuzes durchſchnei⸗ den, ſah man früher ganze Reihen offener Stroh⸗ hütten, in denen Korbmacher, Böttcher und Holz⸗ ſchuhmacher arbeiteten. Jetzt waren die meiſten dieſer Hütten niedergebrannt, und diejenigen, welche noch ſtanden, waren verlaſſen und zeigten unzweideutige Spuren der Verwüſtung von Men⸗ . ſchenhand. Jud blieb vor einer dieſer Ruinen ſtehen, und rief ſeine Erinnerungen aus der Vergangen⸗ heit zurück. In der Zeit, wo Treml noch Be⸗ ſitzer des Landes war, waren alle dieſe Hütten bewohnt, und alle ihre Bewohner waren glücklich. „Das franzöſiſche Volk iſt hier geweſen,“ ſagte der alte Stallmeiſter zu ſich ſelbſt.„Unter dem Vorwande der Steuern haben ſie die Börſe Der Wald von Rennes. II. 6 Walde haben keine Börſe. oder das Leben gefordert, und die Leute im Ind irrte ſich nicht. Dieſe Ruinen waren das Werk der Agenten des Fiscus, denen, wie, wir hinzuſetzen müſſen, einige Edelleute der Um— gebung von Rennes beigeſtanden hatten, unter denen ſich Hervé von Vaunoh ganz beſonders auszeichnete. Herr von Pontchartrain, der erſte königliche Intendant, und ſein Nachfolger, Herr von Be⸗ chameil, Marquis von Nointel, welche, wie es damals gewöhnlich war, die Erhebung der bre⸗ tagniſchen Steuern pachtweis übernommen, hatten das größte Intereſſe daran, daß kein Theil der Provinz eine, nur auf das Herkommen gegrün⸗ dete Ausnahme beanſpruchte. Sie wollten die Bewohner des Waldes zwingen, ihren Antheil an den Stenern abzutragen, und griffen, um dieſen Zweck zu erreichen, ohne Bedenken zu den, äußerſten Mitteln. Dies war es, was Jud die Börſe oder das Leben fordern nannte. Die Edelleute hatten ein anderes, aber eben ſo gegründetes Intereſſe. Die Bewohner des Waldes, die auf den verſchiedenen Beſitzungen, welche den größten Theil dieſes weiten Gebietes bildeten, zerſtreut waren, ſtützten ſich auf ein hergebrachtes Recht, und waren durch die unbe— ſchränkte Benutzung des Waldes in der That — eine drückende Laſt für die Beſitzungen. So lange Nikolas Treml lebte, welcher allein ſo viel und noch mehr Grund und Boden beſaß, als die übrigen Edelleute zuſammengenommen, hatten ſich dieſe nach ihm gerichtet. Treml war ein Herr wie er ſein ſollte:; gütig gegen den Schwa⸗ chen, ſtreng gegen den Starken, und ſtets mehr geneigt, ſeine armen Nachbarn zu unterſtützen, als ihnen die ärmliche Quelle ihrer Exiſtenz ſtreitig zu machen. Als er das Land verließ, trat Vaunoy an ſeine Stelle, und betrieb alle Angelegenheiten, bei denen ſein Vetter ſich als Edelmann benom— men hatte, mit der Knickerei eines Krautjunkers. Die Grundbeſitzer der Gegend, welche ſich durch dieſes Beiſpiel dazu berechtigt glaubten, thaten das Nämliche, und ſo wurde bald von allen Sei⸗ ten ein Syſtem der Beeinträchtigung und Unter⸗ drückung gegen die armen Waldbewohner in An⸗ wendung gebracht. Auf der einen Seite der Fiskus, auf der an⸗ dren die Grundbeſitzer. Jener entriß ihnen ihre kleinen Erſparniſſe, dieſe beraubten ſie aller Mit⸗ tel zu ihrem Lebensunterhalt. Die Waldbewoh⸗ ner hatten, wie wir ſchon erwähnt zu haben glauben, mehr Aehnlichkeit mit Ebern als mit Haſen; demohngeachtet ſuchten ſie anfangs, als ſie ſich von allen Seiten gequält und verfolgt ſahen, ihr Heil nur in der Flucht, und verbargen 6* ſich in unbekannten Schlupfwinkeln, von denen es in der Gegend wimmelte. Aber ihre wilde und trotzige Natur unterwarf ſich nur mit Wi⸗ derwillen dieſer furchtbaren Taktik; um kämpfen zu können, hatten ſie weiter nichts nöthig, als ſich zu vereinigen. Auf den erſten Aufruf erho⸗ ben ſie ſich. Aus dem Dickigt des Waldes brach unvermuthet dieſe wilde Bevölkerung hervor, und die Agenten des Fiskus ſowohl, als die habſüch⸗ tigen Grundſtücksbeſitzer, welche dieſen Sturm heraufbeſchworen hatten, kamen in große Gefahr. Eine Menge Leichen bedeckten das Moos zwiſchen den Bäumen, manches Gebein bleichte in den Dickigten, und in den dunklen Nächten brach über mehr als eines der adligen Schlöſſer die Strafe für die Habſucht ſeines Beſitzers herein. Man ließ Militair aus Rennes und aus allen umliegenden Städten kommen, aber je hef⸗ tiger der Angriff wurde, deſto mehr organiſirte ſich der Widerſtand. Es war unverkennbar, daß die Inſurgenten— denn ihre Anzahl und ihre Beſchwerden verboten, ſie Banditen zu nennen— einen geſchickten und entſchloſſenen Anführer hat⸗ ten, deſſen Befehlen ſie unbedingt und blind ge⸗ horchten. Der Augenblick kam, wo die Verthei⸗ digung, welche durch ein bewunderungswürdiges Zuſammenhalten verſtärkt wurde, den Angriff überwältigte. Die Rollen wurden gewechſelt. Die Unterdrückten wurden Sieger, und eines Ta⸗ ges kamen fünftauſend Bauern in Holzſchuhen, die Geſichter mit ſeltſamen Masken verdeckt, bis nach Rennes und plünderten das Hotel des kö⸗ niglichen Intendanten. Von dieſem Augenblicke an nahm der Schrek⸗ ken ſeinen Antheil an dem Kampfe. Die Inſur⸗ rectivn gewann jene Zauberkraft, welche für jedes derartige Unternehmen ein Unterpfand des Er— folgs iſt. Der Anführer der Empörung wurde mit einem mhſtiſchen Nymbus umgeben, und Jeder wußte irgend eine wunderbare That von ihm zu erzählen. Die Waldbewohner erweckten das Intereſſe auf zehn Meilen in die Runde. Sie hatten ihre Genealogen und die Gelehrten des Landes bemühten ſich, ihre Verbindung mit hi⸗ ſtoriſchen und unwiderſprechlichen Gründen von der berühmten Geſellſchaft der bretagniſchen Brüder herzuleiten, welche in der Mitte des vorhergehen⸗ den Jahrhunderts die Bretagne faſt der franzö⸗ ſiſchen Herrſchaft entriſſen hätten. Seit dem Entſtehen des Aufſtandes hatten ſich die Hauptperſonen deſſelben unter dem Ober⸗ haupte, welches bald darauf ſo gefürchtet wurde, „zu einer geheimen Geſellſchaft vereinigt. Schon damals waren die Bewohner des Landes die na— türlichen Theilnehmer an dieſer Verſchwörung. Allein es war noch nichts organiſirt, und die zuerſt aufgenommenen Mitglieder hatten Alles zu fürchten. Wahrſcheinlich war es dieſe Gefahr, welche ihnen den Gedanken eingab, alle ihre Handlungen in das tiefſte Geheimniß zu verhül⸗ len und ihre Schlupfwinkel nie zu verlaſſen, ohne das Geſicht mit einer Maske zu bedecken. Eine ſolche Maske war nichts als ein Stück Wolfs⸗ fell. Daher entſtand der Name, den man ihnen anfangs aus Verachtung beilegte, der aber ſchon nach wenigen Monaten in der ganzen Umgegend von Rennes nur mit Angſt und Schrecken ge⸗ nannt wurde. In dieſem Zuſtande blieben die Sachen fünf⸗ zehn Jahre lang, bald mehr bald weniger glück⸗ lich für die Wölfe, aber ohne daß die Truppen der Regierung jemals den Mittelpunkt ihrer Ope⸗ rationen erreichen konnten. Während einer ziemlich langen Zeit hatten die Edelleute der Gegend mit dem Walde eine Art ſtillſchweigenden Waffenſtillſtand geſchloſſen, und auch der königliche Intendant war entmu⸗ thigt und hatte ſeine Bemühungen unterbrochen. Aber ein halbes Jahr vor dem Zeitpunkte, mit welchem unſre Erzählung beginnt, hatte Be⸗ chameil den unglücklichen Gedanken gehabt, die Feindſeligkeiten wieder anzufangen. Der Ans⸗) bruch war furchtbar. Faſt alle Hütten wurden an einem und demſelben Tage verlaſſen. Koh⸗ lenbrenner, Böttcher, Korbmacher ꝛc. verſammel⸗ ten ſich und eilten zu dem permanenten Mittel⸗ punkte der Verſchwörung. Hier fanden ſie, wie immer, Anführer und Waffen; am folgenden Tage ſtanden die Inſurgenten abermals vor den Thoren von Rennes und am Tage darauf wurde das Hotel des Intendanten zum zweiten Male geplündert. Man muß zugeſtehen, daß die Waldbewoh⸗ ner Mittel aufſuchen mußten, um ihr Leben zu friſten. Man verbot ihnen, die Früchte ihrer Arbeit in Ruhe zu genießen; ſie arbeiteten daher nicht mehr, und dies war das Unglück für die Nachbarn. Die königlichen Soldaten wendeten Repreſſalien an, und plünderten oder verbrann⸗ ten die Hütten, welche an den Straßen ſtanden; aber dies war vergebliche Mühe. Die Wölfe wußten anderwärts einen Zufluchtsort zu finden, und überdies lernten ſie, ſich für den Schaden, den man ihnen zufügte, reichlich zu entſchädigen. Nach dem königlichen Intendanten war es Herr von Vaunoy, an dem ihre üble Laune ſich auf empfindliche Weiſe rächte. Vergebens ſuchte dieſer aus ſeinem tiefen Haße gegen die Wölfe, welche mehrere Male ſeinen Beſitzungen arg mitgeſpielt hatten, ein Geheimniß zu machen; vergebens verbarg er ſich, wenn er dem friedlichen Bechameil ein ſtrengeres Verfahren anrieth: ſo oft er im Verborgenen irgend eine feindſelige Maßregel gegen die Wölfe vorbereitete, rächten ſich dieſe unmittelbar nachher. Die Strafe folgte der Beleidigung ſo ſchnell, daß man glauben 88— mußte, die Wölfe hätten Helfershelfer oder Spione im Schloß la Tremlays. Vor Kurzem erſt, als Vaunoy die Meinung ausgeſprochen hatte, daß man, um die Inſurrection mit der Wurzel aus⸗ zurotten, die Wolfoſchlucht angreifen und genau unterſuchen müſſe, wurde vierundzwanzig Stun⸗ den ſpäter ſein Schloß Bouexis völlig ausge⸗ plündert. Mit einem Wort: die Wölfe hatten keinen erbitterteren Feind als Herrn von Vaunoy, und ſchon längſt vergalten ſie ihm ſeinen Haß auf gleiche Weiſe. Ind kannte einen Theil dieſer Verhältniſſe, und ſollte bald auch das Uebrige erfahren. In dieſem Streit konnte ſeine Wahl nicht zweifelhaft ſein. Die Erinnerung an ſeinen Herrn und ſeine alten Bekanntſchaften zogen ihn zu den Wölfen hin, welche Bretagner waren, wie Frau Goton mit feierlicher Stimme erklärt hatte; aber Jud hatte weder den Willen noch die Zeit, die Waldbe⸗ wohner mit der Kraft ſeines Armes zu unter⸗ ſtützen. Sein Ziel war ihm geſteckt; die letzten Worte des ſterbenden Treml klangen ihm noch in den Ohren, und er würde es für ein Verbrechen gehalten haben, auf dem durch den letzten Be⸗ fehl ſeines Herrn ihm vorgezeichneten Wege ſte— hen zu bleiben, oder ſich auch nur um einen Schritt von demſelben zu entfernen. Es war ohngefähr acht Uhr Morgens, als Jud bei dem Kreuze von Mi-Forét ankam. Die⸗ ſer Ort ſtund in der ganzen Gegend in großem Anſehen, und die Andächtigen der Umgebung hegten beſonders eine gewiſſermaßen patriotiſche Verehrung für eine kleine Madonna, deren Ni⸗„ ſche im Stamme des Kreuzes ſelbſt angebracht war. Vor dieſer Figur der heiligen Jungfran, welche, wie das Kreuz, unter dem Namen„Notre Dame de Mi⸗Forét“ bekannt war, hatte Nikvlas Treml ſein letztes Ave geſprochen, ehe er den bretagniſchen Boden verließ, den er nicht wieder⸗ ſehen ſollte. Jud ſtieg vor dem rohen Monu⸗ ment vom Pferde, kniete nieder und betete. Einige Minuten ſpäter bemerkte er durch die Zweige der Buchen den Rauch der Hütte Pelo Rouans, des Kohlenbrenners. Pelo's Hütte ſtand mitten zwiſchen den dich⸗ ten Bäumen, und lehnte ſich an einen kleinen, mit Haidekraut bewachſenen Hügel. Der Anblick dieſes Orts war wild aber nicht unfreundlich, und ein kleiner, ganz mit Blumen bepflanzter Garten gab der Hütte einen Anſtrich von Ruhe und Wohlſtand. Das Gärtchen war Mariens Beſitzung. Sie war es, welche die Blumen darin pflanzte und beguß In dem Augenblick als Ind zwiſchen den letz⸗ ten Bäumen hervortrat, war Marie, welche vor der Thür ſaß, beſchäftigt, ein Körbchen aus dün⸗ nen Weidenruthen zu flechten. Ihr Geiſt hatte an der Arbeit ihrer Hände gar keinen Antheil, aber ihre feinen weißen Finger verſchlangen ſo geſchickt die biegſamen Zweige, daß das Werk durch die Zerſtreuung ihres Geiſtes nicht beein— trächtigt wurde. Sie ſang dazu, aber auch der Geſang feſſelte ihre Gedanken nicht. Ihre reine, friſche Stimme kam in abgebrochenen Sätzen aus der Bruſt; die Melodie wurde oft plötzlich unter⸗ brochen und dann wieder ebenſo plötzlich fortge⸗ ſetzt, bald langſam und melancholiſch, bald heiter und lebhaft, aber immer reizend. Was Mariens Gedanken beſchäftigte, wäh⸗ rend ſie ſo allein, ſingend und arbeitend vor der Thür ihrer Hütte ſaß, war niemand anders, als der ſchöne Kapitain Didier. Sie dachte an das Glück der geſtrigen Stunden. Sie hatte ihn wiedergeſehen, ſchöner als früher, zärtlicher als je; ſo liebevoll und ſo ſchön, daß ihre erwartungs⸗ vollen Träume während der Zeit der Trennung übertroffen wurden. Sie war glücklich und ge⸗ noß ihr Glück mit Entzücken; ſie wollte nichts davon verlieren, und verſcheuchte ſorgfältig jeden Gedanken an Zweifel und Furcht. Warum ſollte ſie zweifeln? was ſollte ſie fürchten? War ſein Herz nicht ebenſo ſtolz und edel als ſein Geſicht? Hatte er je die Unwahrheit geſagt? Und er hatte zu ihr geſagt:„ich liebe Dich!“ er hatte es mit dem Munde, mit den Angen, mit der Seele geſagt. Auch war Mariens Geſang eine Art Gebet, eine Hymne des Dankes, welche ſeinem Herzen entſtrömte, um ſüß und harmoniſch zum Himmel empor zu ſteigen. Sie hatte dieſen Morgen eine Art Koketterie in ihren Anzug gelegt. Die blauen Blüthen einiger Herbſtblumen zeigten ſich hier und da zwiſchen dem matt glänzenden Golde ihres Haa⸗ res. Sie hatte das rothe Korſet, welches die Mädchen des Waldes trugen, mit ſeidenen Bän⸗ dern zuſammen gebunden, und ihre kleinen Holz⸗ ſchuhe, die mit den Kriſtallpantoffeln aus den Feenmärchen zu vergleichen waren, zeigten noch deutlicher die zarte Kleinheit ihres Fußes. Aber ihr Schmuck lag weniger in ihrem ländlichen Putze, als in der himmliſchen Freundlichkeit, die von ihrer Stirn ſtrahlte. Die Blicke ihrer großen blauen Augen erhoben ſich dankbar und fromm mit ihrem Geſange zum Himmel. So war ſie ſchön und des reizenden Namens würdig, den die Poeſie der Hütten für ſie erfunden hatte, denn ſie hatte von der Blume den Glanz, den Duft und die Friſche. Ind bemerkte ſie und ein väterliches Lächeln ſpielte um die Lippen des alten Kriegers. Als Marie ihn erblickte, erröthete ſie und wollte er⸗ ſchrocken fliehen, aber Juds ehrliches Geſicht be⸗ ruhigte ſie. Sie ſtand aufund verneigte ſich mit der Ehrerbietung, die man einem Greiſe ſchul— dig iſt. „Mein ſchönes Kind,“ ſagte der Stallmeiſter näher tretend,„ich ſuche Pelo Ronans Woh⸗ nung.“ „Pelo Rouan iſt mein Vater,“ antwortete Marie. „Gott hat ihm ein ſchönes, liebes Kind ge⸗ ſchenkt. Da dies hier ſeine Wohnung iſt, ſo will ich eintreten und mit ihm ſprechen.“ Ind ließ die That den Worten folgen und ſetzte den Fuß auf die Schwelle; aber Haideblume vertrat ihm ſogleich den Weg. „Es darf Niemand eintreten in Pelo Ronans Wohnung,“ ſagte ſie mit ſanfter Stimme.„Ich würde gern zu Euch ſagen: bleibt hier und ruhet aus; aber die Schwelle unſrer Hütte darf Nie⸗ mand überſchreiten, dies iſt der Befehl meines Vaters.“ „Aber... begann Ind. „Es iſt der Befehl meines Vaters!“ wieder⸗ holte Marie entſchloſſen. Der ehrliche Stallmeiſter hatte zu wichtige Gründe, mit Pelo Ronan zu ſprechen, als daß er ſich von einer ſolchen Zurückweiſung abſchrecken laſſen konnte. Marie aber kam, wenn es ſich nicht um den ſchönen Kapitain handelte, den Be⸗ fehl ihres Vaters buchſtäblich nach und verſchloß jedem Ankommenden die Thür. Bei ſolchen Ge⸗ legenheiten ſchien es ganz, als wollte ſie die Fe— ſtung hartnäckig vertheidigen. Zum Glück ſollte es nicht bis zu dieſem herviſchen Aeußerſten kommen. In dieſem Augenblick ließ ſich nämlich im Innern der Hütte eine Stimme vernehmen. „Marie,“ rief ſie,„beſieh Dir das Geſicht dieſes Mannes genau, damit Du ihm niemals den Eintritt in die Wohnung Deines Vaters verſageſt. Laß ihn ein.“ Marie trat ſogleich auf die Seite, während Ind höchſt erſtaunt und unbeweglich ſtehen blieb, und ſich noch nicht entſchließen konnte, die Schwelle zu überſchreiten. „Komm näher, Jud Leker,“ ſprach die Stimme weiter.„Sei willkommen, treuer Diener Tremls; ich habe Dich erwartet.“ S. Die Hüttr. Es war nichts mehr vorhanden, was Juds Eintreten in die Hütte hätte verhindern können; Marie war ſogleich, der Stimme ihres Vaters —— gehorchend, auf die Seite getreten. Demohnge— achtet beeilte ſich der alte Stallmeiſter nicht, von der erhaltenen Erlaubniß Gebrauch zu machen. Er blieb unbeweglich auf der nämlichen Stelle ſtehen, denn er fürchtete einen Hinterhalt, und fragte ſich, wer Der ſein könnte, der Tremls Namen mit Theilnahme auszuſprechen ſchien. Das Mißtrauen war übrigens in der dama⸗ ligen Zeit und an dieſem Orte wohl erlaubt. Das Innere der Hütte bot einen ſeltſamen An⸗ blick dar, der ganz geeignet war, Verdacht zu er— wecken. Das Licht fiel nur durch die Oeffnung ein, welche als Eingang diente, ſo daß von außen „— eine tiefe Finſterniß darin zu herrſchen ſchien. Man empfand das Gefühl einer unbeſtimmten Furcht, welche den Reiſenden in dem Augenblicke ergreift, wenn er in die Oeffnung einer finſtren Höhle tritt, in welcher er die lenchtenden Augen eines unbekannten Thieres erblickte. Ind war erſt geſtern in der Gegend ange⸗ kommen. Eine zwanzigjährige Gefangenſchaft mußte ſeine Züge verändert haben, und dennoch war hier, in der Dunkelheit dieſer Hütte ein Menſch, der ihn kannte, und der zu ihm ſagte: „Ich habe Dich erwartet!“ War dieſer Menſch ein Freund oder ein Feind? und verbarg dieſe ungaſtliche Hütte, die ſich nur für ihn allein öffnete, nicht vielleicht einen Fallſtrick? —— Ind war brav bis zur Verwegenheit, allein er hatte die Pflicht, ſich für den letzten Willen ſeines Herrn zu erhalten. Er wollte daher nicht ſterben, bevor er nicht den erhaltenen Befehl er⸗ füllt hatte. Indeſſen war ſeine Unentſchloſſenheit nicht von langer Dauer. Ein zweiter Blick, den er auf Mariens Engelsgeſichtchen warf, verſcheuchte alle finſtren Gedanken von ſeinem Geiſte. Wo dieſes liebenswürdige Kind wohnte, konnte kein Verrath zu fürchten ſein. Jud trat in die Hütte. Seine an das helle Tageslicht gewöhnten Augen konnten anfangs nichts erkennen. „Hierher!“ ſagte die Stimme. Der ehrliche Stallmeiſter wendete ſogleich ſei⸗ nen Blick nach dieſer Seite und entdeckte in der dichten Finſterniß, welche im Hintergrunde der Hütte herrſchte, zwei runde, leuchtende Punkte, wie die Augen einer wilden Katze. Entſchloſſen ging er darauf zu; eine Hand ergriff die ſei⸗ nige und zog ihn zu ſich auf eine Bank. In dieſer Stellung ſaß Jud mit der ſeite nach dem hellen Tageslichte gekehrt, welches durch die Thüröffnung einfiel. Sein Geſicht, welches ſich nach und nach an die Dunkelheit gewöhnte, erlaubte ihm jetzt, die Form des Gemachs und die darin ſtehenden Meubeln zu erkennen. Es war ein ziemlich großer, quadratiſcher Raum, 26 ohne Fenſteröffnungen, oder deſſen Fenſter viel⸗ leicht faſt verſchloſſen waren. Die Decke war ſo niedrig, daß Jud ſich ver⸗ wunderte, wie er ohne anzuſtoßen unter derſelben habe ſtehen können. In einem der dem Ein— gang gegenüber liegenden Winkel lag ein ge⸗ neigtes Bret auf einem einfachen Fußgeſtell, welches mit ein wenig Stroh bedeckt war, und ohne Zweifel einem der armen Bewohner der Hütte als Lagerſtätte diente. Die übrigen Men⸗ beln beſtanden aus zwei Bänken und einigen Schemmeln, die um einen hölzernen, roh bearbei⸗ teten Tiſch ſtanden. Dabei war aber nichts, was einem jungen Mädchen als Lager dienen konnte. Marie mußte ein andres Schlafbehält— niß haben. Zwiſchen Ind und dem Tageslichte befand ſich die völlig dunkle Silhouette eines Mannes, der neben ihm auf einer Bank ſaß. Die beiden runden leuchtenden Punkte, die Jud im Innern der Hütte erblickt hatte, waren jetzt ebenfalls zwi⸗ ſchen ihm und dem Lichte zu ſehen, es waren die beiden Augen dieſes Mannes. „Seid Ihr der Kohlenbrenner Ronan?“ fragte Jud. „Ich bin Derjenige, den man ſo nennt, und ich wiederhole Dir, Freund: Sei willkömmen in meinem Hauſe, ich erwartete Dich.“ „Ihr kennt mich alſo?“ —,— — 5— „Vielleicht.“ „Ich kann nicht ſagen, ob ich Euch kenne, denn ich kann Euer Geſicht nicht ſehen.“ Schweigend ſtand Pelo Ronan auf, ergriff Juds Hand und führte ihn an die Thür der Hütte, wo er ihm beim hellen Tageslichte ſein geſchwärztes Geſicht ſehen ließ. „Ich kenne Euch nicht!“ ſagte Iund, nach⸗ dem er ihn aufmerkſam betrachtet hatte.“ Pelo Rouan ging wieder auf ſeinen früheren Platz zurück, und Jud folgte ihm. „Du haſt Recht,“ ſprach der Kohlenbrenner langſam,„Du kennſt mich nicht. Dieſe Hütte iſt lange nach der Abreiſe Nikolas Tremls gebaut worden. Aber Du haſt das Schloß nicht ver⸗ laſſen, um von mir oder von Dir mit mir zu ſprechen?“ „Das iſt wahr. Ich bin zu Euch gekommen....“ „Du haſt recht gethan,“ unterbrach ihn Pelo Rouan,„und Du thuſt immer das Rechte, Jud Leker, weil Du ein biederes, treues Herz haſt. Den Grund zu Deinem Beſuch haſt Du nicht uöthig, mir zu ſagen, denn ich kenne ihn.“ „Ihr kennt ihn?“ wiederholte Jud erſtaunt. „Jaz Du willſt Dich nach einem armen Blödſinnigen erkundigen, den man Jean Blane nannte.“„ „Iſt er vielleicht todt?“ rief Ind. „Nein. Du willſt Dich nach ihm erkundi⸗ Der Wald von Rennes. 1 „ gen, um von ihm das Schickſal des Erben Tremls, zu erfahren.“ „Auch das iſt wahr!“ ſagte Jud, deſſen bie⸗ dere aber ſchwerfällige Natur von dieſem ſeltſa⸗ men und unerwarteten Ereigniſſe heftig ergriffen war.„Aber wer ſeid Ihr, der den einzigen Zweck meines Lebens kennt? um des Himmels willen, wer ſeid Ihr?“ „Ich bin der Kohlenbrenner Rouan,“ ant⸗ wortete Pelo ganz einfach;„ein armer Mann, der in ſeinem dunklen Leben auf harte Proben geſetzt worden iſt, und der einige Wohlthaten zu vergelten, aber viel empörende Ungerechtigkeiten zu rächen hat.“ „Und wißt Ihr etwas von dem jungen Herrn— Georg?“ Pelo's Stimme nahm einen Ausdruck tiefer Trauer an, während er antwortete: „Ich weiß nichts, nichts was Ihr nicht ſelbſt wißt. Ach! warnm iſt es nicht des Himmels Wille geweſen, daß das Schloß la Tremlays das ihm anvertraute Pfand eben ſo treulich be⸗ wahrt hat, als die hohle Eiche in der Wolfs⸗ ſchlucht.„ Bei den letzten Worten fuhr Ind erſchrocken. auf. „Die hohle Eiche in der wat ſchluchte“ ſtammelte er. — 7— „Ja, die hohle Eiche in der Walfsſchlucht,“ wiederholte Pelo. Wäre die Finſterniß nicht ſo dicht geweſen, ſo hätte man ſehen können, daß Jud während einer Sekunde mehr als einmal die Farbe wech⸗ ſelte. Er ergriff mit ſeiner Eiſenfauſt den Arm des Kohlenbrenners und drückte ihn mit convul— ſiviſcher Heftigkeit. „Wer Du auch ſein mögeſt, Du weißt zu viel!“ ſagte er mit dumpfer, drohender Stimme. Pelo's Arm war ſchwach für einen Mann von ſeinem Wuchſe. Juds Kraft ſchien ihm ſo ſichtlich überlegen zu ſein, daß man hätte glau⸗ ben ſollen, es bedürfe nur einer geringen An⸗ ſtrengung von ihm, um ſeinen Wirth zu Boden zu werfen. Demohngeachtet behielt dieſer ſeine völlige Ruhe bei und verharrte in einem ſtolzen Stillſchweigen. „Wer hat Dir dies geſagt?“ fuhr Ind mit furchtbarer Heftigkeit fort.„Bei meiner Selig⸗ keit! Du haſt nichts zu thun, als Deine Seele Gott zu befehlen, denn Du haſt Tremls Geheim⸗ niß belauſcht, und ich bin der Hüther dieſes Ge⸗ heimniſſes!“ Zugleich legte er, ohne den Arm des Kohlen⸗ brenners loszulaſſen, die Hand an den Degen. Allein während der Stallmeiſter ſeine Waffe aus der Scheide zog, drehte ſich Pelo's magerer Arm zwiſchen ſeinen kräftigen Fingern; die Mus⸗ 7„ keln dieſes Armes ſpannten ſich an, und ſchienen ſich in Stahl zu verwandeln. Ind wollte feſter drücken, aber ſeine Finger berührten den Ballen der Hand, denn dieſe war leer. Mit einem Sprunge hatte Pelo die hinterſte Wand der Hütte erreicht und Jud ſah nichts mehr von ihm, als den rothen Glanz ſeiner Au⸗ gen, welche entfernt in der Dunkelheit funkelten. Wüthend ſtürzte er nach dieſer Seite, ohne ſich von dem Knacken der Hähne zweier Piſtolen ab⸗ halten zu laſſen; aber kaum hatte er einige Schritte gethan, ſo ſtieß er an einen umgeworfe⸗ nen Schemmel und fiel zu Boden. Im nächſten Augenblick ſetzte Pelo Rouan ihm auch ſchon das Knie auf die Bruſt. * „Wenn ich Dich aufſtehen laſſe, ermordeſt Bu mich, Freund,“ ſagte der Kohlenbrenner ru⸗ hig;„daher bin ich gezwungen, Dich vor den Kopf zu ſchießen, wenn Du einen Verſuch zum Aufſtehen machſt.“ Jud fühlte die kalte Mündung eines Piſtols an ſeinem Schlafe. „Das Alter hat Dich nicht verändert,“ fuhr Pelo fort;„ein tapferes Herz und ein beſchränk— ter Kopf.— Was glaubſt Du, daß ich mit Deinem Geheimniß anfangen ſolle? Und wenn mich die hunderttauſend Livres gelockt hätten, würden ſie ſich dann noch in der hohlen Eiche befinden?“ „Es iſt wahr,“ ſagte der arme Ind zum drit⸗ ten Male;„aber ich weiß nicht, wer Du biſt.“ „Vielleicht erführſt Du dies nic... und es * kann Dir auch gleichgültig ſein. Ich habe Dir gezeigt, daß ich Tremls Freund bin, und frage Dich, ob Treml, er mag am Leben ſein oder nicht, zu viele Freunde hat, daß zwei derſelben, ehe ſie einander umbringen, ſich nicht vorher zu verſtändigen ſuchen, wenn das Schickſal ſie zu⸗ ſammengeführt hat?“ „Ich bin in Deiner Gewalt,“ murmelte Jud.„Gebe Gott, daß Du wirklich ein Freund Tremls biſt!“ Pelo Rouan nahm ſein Knie von Inds Bruſt und dieſer ſtand auf. „Nimm Deinen Degen wieder,“ ſagte der Kohlenbrenner;„ich habe Vertrauen zu Dir, obgleich Du in den Dienſt eines Franzoſen ge— treten biſt.“ „Er iſt ein braver junger Mann...“ „Ein Feind der Bretagne,“ fuhr Pelo Rouan in bittrem Tone fort,„und außerdem mein perſönlicher Feind. Aber von ihm iſt nicht die Rede und ſeine Rechnung ſoll nun bald ge⸗ macht werden. Wir wollen von Treml ſprechen.“ Ind ſteckte ſeinen Degen in die Scheide und Beide ſetzten ſich wieder ohne alles Mißtranen neben einander auf die Bank. „Du biſt großmüthig geweſen, denn ich habe mich ſehr unfreundlich gegen Dich benommen,“ ſagte Jud.„Auch will ich Dich nicht weiter fragen, wer Dich in den Beſitz des Geheimniſſes unfres Herrn geſetzt hat. Ich bin überzeugt, daß es in Deinen Händen in Sicherheit iſt; ich vertraue Dir, wie Du mir vertraut haſt. Hier iſt meine Hand, ſchlag ein!“ „Von Herzen gern, lieber Jud.— Jean Blanc, der, wie ich wohl ſagen kann, mein zwei⸗ tes Ich iſt, hat mir oft von Dir erzählt. Du biſt immer mitleidig und gut gegen den armen Blödſinnigen geweſen. Er hat es nicht vergeſſen und ich danke Dir in ſeinem Namen dafür, Freund Ind; vielleicht kann er Dir einſt das Gute wiedervergelten, was Du ihm erzeigt haſt.“ „Möge er es Treml wiedervergelten, der arme Menſch!“ „Er hat für Treml gethan, was in ſeinen Kräften geſtanden hat,“ ſagte Pelo Rouan mit trauriger, feierlicher Stimme. „Gewiß, aber leider war dies nur ſehr wenig!“ „Früher wußte Jean Blanc nur Gutes mit Gutem zu vergelten; ſeitdem hat er aber Böſes mit Böſem vergelten gelernt und er iſt ſtark ge⸗ worden.“ „Iſt er denn nicht mehr blödſinnig?“ fragte Jud. 7 — 103— „Gott ſchickt uns zuweilen ſo ſchwere Prü⸗ fungen, daß die Verſtändigen den Verſtand davon verlieren,“ erwiederte der Kohlenbren⸗ ner;„aber die Wahnſinnigen erhalten ihn durch ſolche Erſchütterungen zurück. Jean Blane iſt nicht mehr blödſinnig.“ „Und er hat die Erinnerung an längſt ver⸗ gangene Ereigniſſe behalten?“ „Er weiß Alles.“ „Ich muß ihn ſprechen!“ rief Jud. „Ein unmerkliches Zucken bewegte die Au— genlider des Kohlenbrenners. „Du willſt Jean Blane ſprechen?“ ſagte er in einem ſeltſamen Tone.„ Schon längſt kann ſich Niemand mehr rühmen„ihn von Angeſicht zu Angeſicht im Walde geſehen zu haben. Glaube mir, Freund: begnüge Dich, mit mir zu ſprechen, und gieb es auf, Jean Blane auf— zuſuchen.“ „Aber er könnte mir vielleicht ſagen...“ „Alles was er Dir ſagen kann, kannſt Du von mir erfahren.“ „Indeſſen. „Er hat mir oft ſein Herz geöffnet und mir ſeine Erinnerungen mitgetheilt!— Höre mich an. Soll ich Dir die ſchändliche Mordthat auf dem Teiche von la Tremlays erzählen? Ich kenne die geringſten Umſtände derſelben; es iſt mir, als ob ich den nichtswürdigen Hervé von Vaunoy ſähe.“ „Erzähle, erzähle!“ rief Jud haſtig;„ich haſſe dieſen Mann noch nicht genug!“ Pelo Ronan erzählte mit den geringſten Umſtänden den ſchändlichen Meuchelmord, den Vaunoy an einem Kinde von fünf Jahren, dem Enkel ſeines Wohlthäters begangen hatte. Er ſprach lange und Jud hörte ihm fortdauernd mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit zu. Der Tod des treuen Job lockte eine Thräne in das Ange des alten Stallmeiſters, und als Pelo erzählte, wie der Albino ſich in den Teich geſtürzt hatte, um den kleinen Georg zu retten, brach er in ei— nen Ausru freudiger Bewunderung aus. „Weiter, weiter!“ rief er odemlos.„Gott belohne den armen Blödſinnigen! Weiter!“ Pelo Rouan fuhr in ſeiner Erzählung fort. Als er auf den Anfall des Wahnſinns kam, der Jean Blane im Walde befiel, wurde ſeine Stimme ſchwächer und bebte, als müſſe er mit Gewalt das Weinen unterdrücken. „Jean verließ das Kind,“ ſagte er.„Als er zurückkam, fand er auf der Stelle nur das Wams von Kaninchenfellen, welches die gewöhn⸗ liche Kleidung des armen Albino war. Er fiel auf die Kniee... er betete... zu Gott und zur heiligen Jungfrau... er weinte.“ Jud machte eine unwillige Bewegung. „Er weinte blutige Thränen,“ fuhr der Koh⸗ lenbrenner fort, deſſen Bruſt von Schluchzen gehoben wurde,„und wenn er von dieſem ent— ſetzlichen Abende ſpricht, weint er noch immer, denn das Andenken an Treml lebt auf dem Grunde ſeines Herzens.“ „Aber warum ſuchte ernicht ſogleich? warum forſchte er nicht nach?“ „Sein Geiſt war zu dieſer Zeit ſehr ſchwach. Die ganze Nacht blieb er auf dem fenchten Bo⸗ den ſitzen, ohne Kraft und ohne einen Gedanken faſſen zu können. Am folgenden Morgen lief er und ſuchte überall, aber er fand nichts.“ „Und keine Spur? keine entfernte Nachricht?“ „Nichts!“ Pelo Rounau ſprach dieſes Wort in finſte⸗ rem, verzweiflungsvollen Tone aus. Jud, der bis dahin jedes ſeiner Worte mit einer fieberhaf⸗ ten Begierde gleichſam verſchlungen hatte, ließ ſeine Arme ſinken und beugte den Kopf auf die Bruſt. „Nichts!“ wiederholte er;„ſo iſt alſo gar keine Hoffnung?“ „Jean Blant hat ſchon längſt alle Hoffnung verloren,“ erwiederte der Kohlenbrenner;„aber Gott iſt gütig, und das Geſchlecht der Treml hat von jeher nur Gergchte und wahre Chriſten hervorgebracht. Vielleicht iſt der kleine Georg von irgend Jemandem aufgenommen worden. In dieſem Fall werden wir ihn wir dem Bei⸗ ſtande der Vorſehung auffinden und erkennen.“ — 06— „Wie meinſt Du dies?“ fragte Jud raſch. „Jean Blane beſaß eine kupferne Medaille, wie ſie damals in Vitré zu Ehren der heiligen Jungfrau von Mi⸗Forét geprägt wurden. Sie war das einzige Erbtheil, das ihm ſeine Mutter hinterlaſſen hatte. Als ihn an jenem traurigen Abend der Wahnſinn befiel, fühlte er es einige Minuten vorher, und im Vertrauen auf die hei⸗ lige Mutter Gottes hing er die Medaille dem Kinde um den Hals, das er auf dieſe Weiſe in den Schutz der heiligen Jungfrau ſtellte.“ „Aber wie viel ſolcher Medaillen giebt es nicht!“ „Auf derjenigen, welche Jean Blane beſaß, war auf der einen Seite ein Kreuz mit einem Meſſer eingegraben, und nur ſein Vater, Ma⸗ thias Blanc, beſaß eine ähnliche, die Marie jetzt am Halſe trägt.“ „Das ſchöne Mädchen, welches ich vorhin ge⸗ ſehen habe?“ „Die Tochter Jean Blanes, des Albino.“ Marie, welche noch immer vor der Thür an ihrem Körbchen flocht und mit leiſer Stimme ihr Lieblingslied dazu ſang, hörte ihren Namen nen— nen, und zeigte ihr blondes Köpfchen. „Die Tochter...?“ begann Ind. „Still,“ unterbrach ihn der Kohlenbrenner; „ſie hält ſich für meine Tochter. Komm näher, Marie!“ — 10 Dieſe gehorchte ſogleich und Pelo Rouan nahm die an ihrem Halſe hängende Medaille und gab ſie dem alten Stallmeiſter in die Hände, der ſie nach allen Seiten umwendete und betrachtete. „Wollte Gott, daß ich eine ähnliche zu Ge⸗ ſicht bekäme!“ ſagte er; ich würde ſie gewiß un⸗ ter tauſenden erkennen. Aber dies iſt nur ein ſchwaches Kennzeichen!“ Auf einen Wink des Kohlenbrenners verließ Marie das Gemach und bald hörte man wieder ihren ſanften, melodiſchen Geſang. „Sie ſingt in der That das Lieblinglied Jean Blanecs,“ ſagte Jud.„Man ſollte nicht glau⸗ ben, das ein Menſch, wie dieſer arme Teufel, ei⸗ nem ſo ſchönen Mädchen das Leben hätte geben können.“ „Er war häßlich,“ erwiederte der Kohlen⸗ brenner traurig,„ſein Anblick war zurückſtoßend, nicht wahr? Und doch hat Gott erlaubt, daß ein Engel ihn ohne Entſetzen und Abſchen au⸗ geblickt hat! Marie iſt das lebendige Ebenbild ihrer Mutter.— Aber ich habe Dir noch nicht erzählt, lieber Ind,“ ſagte er in ſchnell verän⸗ dertem Tone,„es giebt noch eine Möglichkeit, den Erben Tremls aufzufinden; dieſe Möglich⸗ keit iſt zwar nur ſchwach, aber ſie kann mit Jean Blanes Hülfe zu einem Reſultate führen „Jean Blane?“ ſagte Ind mit zweifelhafter Miene;„Du ſprichſt nur immer von Jean — 108— Blane!... Was vermag dieſer arme Unglück⸗ liche, wenn die Menſchen nichts thun können?“ „Du weißt nicht, was Jean Blane iſt,“ ſagte der Kohlenbrenner mit einer gewiſſen Feier⸗ lichkeit in der Stimme.„Ich will Dir ſagen, worin ſeine Kraft beſteht, und was er für den Sohn Tremls thun kann.“ 9. Acht Mann und ein Stenereinnehmer. Die letzten Worte des Kohlenbrenners hatten den Stallmeiſter Tremls gleichſam eleetriſirt. Wenn man etwas ſehnlich wünſcht, ſo kehrt die verlorene Hoffnung zurück, und die bloße Mög⸗ lichkeit, von welcher Pelo ſprach, erfüllte Inds Herz mit Freude. Er rückte ihm näher, um ſich nicht ein Wort entgehen zu laſſen, und erwartete ungeduldig die Fortſetzung der Erzählung. Aber Pelo Rouan war in tiefe Gedanken verſunken und ſchwieg. „Nun,“ ſagte Jud,„worin beſteht das Mit⸗ tel, unſten jungen Herrn wiederzufinden?“ Ein leiſes Beben fuhr durch Pelo's Glieder. „Das Mittel?“ erwiederte er;„ich habe von einer ſchwachen und unſicheren Hoffnung geſpro⸗ chen.— Glaubſt Du denn, daß, wenn es ein Mittel gegeben hätte, Jean Blane es nicht an⸗ gewendet haben würde?“ „Immer Jean Blane!“ dachte Jud. Und die Neugierde verband ſich mit dem mäch⸗ tigen Intereſſe ſeiner treuen Anhänglichkeit, um ſeine Ungeduld noch höher zu ſteigern. Welches Wunder hatte denn den unglücklichen Albino ſo ſehr erhoben, um ihn zu dem Stützpfeiler des Schickſals Tremls zu machen?“ „Es iſt zwanzig Jahre her,“ begann Pelo Ronan endlich, langſam und als ſpräche er mit ſich ſelbſt;„aber das ſind Dinge, deren Anden⸗ ken nur mit dem Leben ſchwindet.— Höre mich an, Freund; wenn ich geſprochen haben werde, wirſt Du Jean Blane kennen, wie er ſich ſelbſt kennt. „Es war einige Monate nach dem Verſchwin⸗ den des Knaben. Pontchartrain, dem ich alles Böſe nachwünſche, war noch Intendant der Steuern, und ſeine Agenten hatten noch nie ge⸗ wagt, bis in die zerſtreuten Wohnungen der ar⸗ men Waldbewohner zu dringen. Eines Mor⸗ gens, als Jean Blane in eine Gegend des Wal⸗ des von Bouexis, welche an die Straße von Ren⸗ nes ſtößt, auf einem hohen Kaſtanienbaum ſaß, um Zweige zu Reifen abzuſchneiden, ſah er eine — 110— Anzahl Reiter daher kommen, die in den Wald einbogen. „Es waren bewaffnete Soldaten, und unter ihnen befanden ſich auch einige jener ſchwarzge⸗ kleideten Blutſauger, deren Geſchäft und Ver⸗ fahrungsweiſe wir bald kennen lernen ſollten. An der Spitze des Trupps ritten zwei Edelleute. „Es konnte eine Geſellſchaft von Bürgern, Soldaten und Gutsbeſitzern ſein, die auf der Reiſe nach Frankreich begriffen waren; aber Jean Blane glaubte in einem der Edelleute, welche an der Spitze des Zugs ritten, den ſchändlichen Hervé von Vaunoy zu erkennen. Seit der Er⸗ mordung des Kindes aber hatte Hervé einen tödt⸗ lichen Haß auf Jean Blane geworfen, weil die⸗ ſer ſeine Zunge nicht hatte im Zaum halten kne „Er hat recht daran gethan,“ fiel ihm Jud ins Wort;„es war ſeine Pflicht, das Verbrechen überall zu verbreiten.“ „Man darf von gewiſſen Dingen nicht ſpre⸗ chen, wenn man zu tief ſteht, lieber Jud.— Jean Blanc war damals ein Geſchöpf, welches noch etwas weniger geachtet wurde, als Job, der treue Hund Nikolas Tremls. Job wollte bellen und er wurde erſchoſſen; Jean Blane hätte beſ⸗ ſer gethan zu ſchweigen. Indeſſen, er hatte ge⸗ ſprochen, und Vaunoy war nicht der Mann, ihm die ſchlimmen Gerüchte zu verzeihen, die in der — 111— Gegend im Umlauf waren. Als er den Böſe⸗ wicht in Begleitung von Soldaten erblickte, er⸗ griff ihn ein unbeſtimmtes Gefühl von Furcht. Er dachte an ſeinen Vater, der allein in der Hütte in der Wolfsſchlucht lag, und ſogleich glitt er an dem Stamme des Baumes herab, um den Zug auf ſeinem Marſche zu beobachten. „Die Reiter hielten nicht weit von hier bei dem Krenze von Mi⸗Forét ſtill. Die Soldaten ſtreckten ſich auf das Gras und die Feldflaſche ging von Hand zu Hand. Die ſchwarz geklei⸗ deten Männer umringten die beiden Edellente und es wurde eine Art von Berathung gehalten. „Jean ſchlich ſich ſo nahe als möglich heran; ſie ſprachen, aber er konnte nichts verſtehen. Aber er wollte etwas erfahren, denn er ſah jetzt, ſo deutlich als ich Dich ſehen würde, wenn es hell in meiner Hütte wäre, das falſche Geſicht Hervé's von Vaunoy. Er ſchlich ſich noch nä⸗ her, ſo nahe, daßdie Krieger zwiſchen den näch⸗ ſten Blättern des Gebüſches die weißen Bart⸗ haare an ſeiner Wange hätten ſehen können. Aber ſie ſprachen ganz leiſe und Jean Blane konnte nur ein einziges Wort hören. „Dieſes Wort war der Name ſeines Vaters. „Jean Blanes Herz wurde von einer entſetz⸗ lichen Angſt ergriffen. Der Name Mathias Blanc in Vaunoy's Munde, an einem ſolchen Orte, war die fürchterlichſte Drohung. Jean warf ſich platt auf die Erde und kroch wie eine Schlange zwiſchen dem dichten Geſtrüpp näher. Niemand bemerkte ihn und er hörte jetzt dent— licher. „Er hörte, daß die ſchwarzen Männer in den Wald kamen, um im Namen des Königs von Frankreich die Hütten zu plündern. Die Sol⸗ daten waren dabei, um Diejenigen zu ermorden, welche Widerſtand leiſten würden. Die ſchwar⸗ zen Männer vertheilten die Arbeit unter ſich; es waren die Helfershelfer des königlichen Inten⸗ danten. „Der Name von Jeans Vater war ausge⸗ ſprochen worden, weil die Steuerbeamten ſich bei einem ſo armen Manne keine Mühe geben woll⸗ ten; aber Vaunoy hatte ihnen zugeredet. Er hat Geld, ſagte er, ich weiß esz er verſtellt ſich nur, ſeine Armuth iſt erlogen. Beim heiligen Gott! wenn es nöthig iſt, gehe ich mit Euch in ſeine Hütte. Aber vergeßt nicht, daß er Geld hat; einige flache Säbelhiebe werden ihn wohl zu dem Geſtändniß bringen, wo er ſeinen Schatz verborgen hat. „Die Andren antworteten: So laßt uns zu Mathias Blane gehen! „Jetzt kroch Jean unbemerkt zwiſchen den Zweigen des Geſtrüpps wieder zurück. Sobald er ſich im Dickigt des Waldes befand, lief er ſo ſchnell er konnte nach der Wolfsgrube. 113— „Zufällig hatte Vaunoh die Wahrheit geſagt. Es war Geld in der elenden Hütte Mathias Blanes: einige Goldſtücke, der Reſt des letzten Geſchenks von Nikolaus Treml, als dieſer die Bretagne auf immer verlaſſen hatte.“ „Ja, ja,“ ſagte Judz„als er fortging, ver⸗ gaß er ſeinen alten Diener nicht. Ich war es, der die Börſe an die Thür der Hütte geworfen hat.“ Pelo Rouan ſchien nicht auf dieſe Unterbre⸗ chung zu achten. „Als Jean Blane in die Hütte kam,“ fuhr er fort,„verließen ihn ſeine Kräfte, ſo ſchmerz⸗ lich war die Erſchütterung für ihn geweſen. Er hatte das Vorgefühl eines entſetzlichen Unglücks. Du haſt Mathias Blane gekannt, lieber Jud; er war früher ein muthiger, kräftiger Mann ge⸗ weſen; aber Alter und Krankheit laſteten zu ſchwer auf den letzten Tagen ſeines Lebens. Er war zu der Zeit, von welcher ich ſpreche, nur noch ein ſchwacher Greis, der ſich von ſeinem Lager nicht mehr erheben konnte, von Krankheit aufgezehrt und ſchon längſt den langſam aber ſicher herannahenden Tod erwartend.“ „Als Jean eintrat, drückte er, wie er es ge⸗ wöhnlich that, einen Kuß auf die Stirn des Greiſes und dieſer ſagte zu ihm: „— Ich habe jetzt weniger Schmerz, lieber Sohn! Der Wald von Rennes. I. 8 — 114— „Ein andermal hätte ſich Jean gefreut, denn er liebte ſeinen Vater mit kindlicher Zärtlichkeit, aber er dachte an die Reiter, die ſich in dieſem Augenblick wahrſcheinlich ſchon auf dem Wege nach der Hütte befanden, und er ſeufzte vor Angſt und W guth. „Die Börſe, in welcher ſich die letzten Gold⸗ ſtücke Tremls befanden, lag auf dem Tiſche. Jean dachte nicht daran, ſie zu verbergen. Was er verbarg, war das alte Gewehr, deſſen ſich ſein Vater bedient hatte, als er noch Soldat war. Es iſt ein gutes Gewehr, Freund; es trägt weit und ſicher. Jean warf es außerhalb der Hütte in das Gebüſch, nebſt ſeinem Pulverhorn und Kugeln. „Dann kehrte er zurück und ſetzte ſich an das Bett ſeines Vaters. „Einige Minuten vergingen. Ein dumpfes Geräuſch ließ ſich in der Ferne auf dem Mooſe der Waldwege hören. Jean errieth, daß die Reiter jenſeits der dichten Waldung von den Pferden geſtiegen waren, und ſich der Schlucht näherten. Er ſtellte ſich an die Oeffnung, welche als Fenſter diente, und hob den groben Vorhang empor, um hinaus zu ſehen. Er brauchte nicht lange zu warten. Bald bewegte ſich das Ge⸗ ſtrüpp an dem gegenüber liegenden Abhange, und es wurden menſchliche Geſtalten ſichtbar. Jean zählte ſie. Es war ein Einnehmer, acht Soldaten und Hervé von Vaunoy. „Jean ſah ſie mühſam die Schlucht herab⸗ klettern. Bald darauf wurde ungeſtüm an die Thür geklopft, ſo daß die morſchen Breter der— ſelben krachten. Jeanöffnete, ehe noch der Mann im ſchwarzen Rocke ſein: Im Namen des Kö⸗ nigs! ausgerufen hatte. „Lärmend drangen die Soldaten in die Hütte, und ihnen folgte Vaunoy, der aber wohlweislich an der Thür ſtehen blieb. Der Einnehmer zog ein Papier hervor und las Worte, welche Jean nicht verſtand. Dann ſagte er: „— Mathias Blane, ich fordre Euch auf, hundert Livres tournvis zu bezahlen, als den Betrag der jetzigen und der ſeit zehn Jahren ver⸗ fallenen Steuern. „Mathias Blane hatte ſich auf ſeinem Lager umgewendet, und betrachtete mit ſtierem Blicke die bewaffneten Männer. „Der Einnehmer wiederholte ſeine Aufforde⸗ rung, und die Soldaten bekräftigten ſie, indem ſie mit dem Säbel auf den Tiſch ſchlugen. „— Mich dürſtet, Jean! ſagte der Greis mit ſchwacher Stimme. „Das Herz des armen Jean brach, denn in den verwelkten Zügen ſeines armen Vaters wur⸗ den die Spuren des Todeskampfes ſichtbar. Er griff nach der Arzenei, die auf dem Tiſche ſtand, 8 — aber einer der Soldaten erhob den Säbel und zerſchmetterte das Gefäß. „— Er ſoll erſt bezahlen, ſagte der Soldat; dann mag er trinken! „Vaunoy, der auf der Schwelle ſtand, fing an zu lachen. „Jean biß die Zähne ſo feſt zuſammen, daß ſie faſt zerbrachen. Er konnte kein Wort ſpre⸗ chen, aber er zeigte auf die Börſe, deren ſich der Einnehmer bemächtigte. T ſagie Euch wohl, daß ſie Geld ha⸗ſ ben, murmelte Hervé von Vaunoy. „Der Einnehmer zählte vier Louisdor und forderte die noch fehlenden vier Livres. „— Mich dürſtet! ſtöhnte Mathias Blane mit dem beginnenden Röcheln des Todes. „Es war nicht ein Tropfen Flüſſigkeit in der Hütte!— Jean Blane fiel vor einem Soldaten, der eine Feldflaſche bei ſich hatte, auf die Knie. Der Soldat errieth ihn und hatte Mitleiden, aber Vaunoy trat hinzu und ſtieß den Albino 2 zurück, indem er ſagte: — Erſt muß er bezahlen! — Ich habe nichts mehr! ſchluchzte Jean; nichts mehr, bei meiner Seligkeit!... Tödtet mich, aber habt Mitleiden mit meinem Vater! „Mathias Blane ſuchte ſich mit Anſtrengung zu erheben; es wollte ihn erſticken... es war fürchterlich! — 117— „— Mich dürſtet! röchelte er zum letzten Male. „Dann fiel er entſeelt auf das Strohlager zurück!“ Als Pelo Ronan an dieſen Theil ſeiner Er— zählung gekommen war, wurde ſeine Stimme immer abgebrochener und ſtöhnender. Als er die letzten Worte ausgeſprochen hatte, erſtickte ſie ganz, und Jud fühlte, daß ſeine Hand entweder von einem Schweißtropfen oder von einer Thräne benetzt wurde. Der ehrliche Stallmeiſter war übrigens nicht weniger ergriffen, als Pelo Ronuan ſelbſt. „Der arme Jean!“ ſagte er, indem ſeine derben Fäuſte ſich krampfhaft zuſammenballten; „der arme Menſch!... ſeinen Vater ſo umbrin⸗ gen zu ſehen!... und dieſer ſchändliche Vaunoy! Aber um Gotteswillen! was thut Jean Blane nachher!“ Pelo Ronan holte tief Odem. „Jean Blane?“ erwiederte er;„Jean Blane wird in ſeiner Todesſtunde keine ſolche Angſt ausſtehen, als er in dieſem fürchterlichen Angen⸗ blicke erduldet hat. Er verhüllte das Geſicht ſei— nes todten Vaters und fiel neben dem Bett auf die Knie, ohne zu wiſſen, daß zehn Buben da waren, welche ſeinen Schmerz verſpotteten. Aber ſie ließen ihn nicht lange ihre Gegenwart ver⸗ geſſen. „— Nun Bauer!“ ſagte der Einnehmer, „wo ſind die vier Livres, die Du dem Könige noch ſchuldig biſt? „Jean Blane richtete ſich auf und ſtand den Männern gegenüber, die ſeinen Vater ermordet hatten. Einen Augenblick glaubte er, daß ſein ſchwacher Kopf zerſpringen werde; ſein Wahnſinn drückte ihn, er fühlte das Herannahen eines An⸗ falls; aber eine neue, unbekannte Kraft erhob plötzlich ſeinen Geiſt. Sein ſchwankender Ver⸗ ſtand befeſtigte ſich. Er fühlte, daß er nach einer langen Kindheit ein Mann geworden war, und dieſer Gedanke fiel wie ein Tropfen Freude mitten in ſeinen ungeheuren Schmerz. „— Hinweg!“ rief er mit einer Stimme, welche nichts mehr von ihrer früheren Schwäche hatte. „Die Soldaten ſtellten ſich zwiſchen ihn und die Thür, aber Jean Blane hatte ſeine ganze wunderbare Gewandtheit behalten; er that einen Sprung und mit der Schnelle des Blitzes flog er gleichſam durch die Fenſteröffnung aus der Hütte. Draußen kam er auf die Füße zu ſtehen. Als die Soldaten ſchreiend und drohend aus der Hütte ſtürzten, war er ſchon im dichten Gebüſch verſchwunden. „— Gebt Feuer?“ rief Vaunoy;„ſchießt ihn nieder wie ein wildes Thier, oder wir müſſen erwarten, daß er Rache nimmt!“ — S „Es ſielen einige Schüſſe, aber der Albino wurde nicht getroffen, obgleich er kaum zwanzig Schritte von der Hütte entfernt war. Er rührte ſich nicht und blieb im Geſträuch auf der Erde liegen. „Jetzt begann eine Scene, für welche die Sprache keinen Namen hat. Wüthend darüber, daß eines ſeiner Opfer ihm entſchlüpft war, be⸗ fahl Vaunoy, dieſer Mann mit dem freundlichen, ſüßlichen Geſichte, welcher mordet, ohne mit den Augen zu zucken— befahl er den Soldaten, die Hütte in Brand zu ſtecken. Mit Hülfe eines Flintenſchloſſes wurden trockene Zweige angezün⸗ det, und bald umgab eine lodernde Flamme das Todtenbett des alten Dieners der Treml.“ „Die Schändlichen!“ rief Jud.„Und was that Jean Blane?“ „Warte nur!“ erwiederte Pelo Rouan, deſſen zuſammengebiſſenen Zähne ſeine Stimme zurück⸗ zuhalten ſchienen.„Jean rührte ſich nicht, ſo lange die Mörder noch, lachend wie Wilde und fluchend wie Teufel, in der Nähe der Hütte blie⸗ ben. Als ſie aber fort waren, ſtürzte er aus ſeinem Verſteck hervor, drang in die brennende Hütte, und nahm den Leichnam ſeines Vaters, den er ins Freie trug, um ihm ſpäter ein chriſt⸗ liches Begräbniß zu geben. In dieſem Augen⸗ blicke betete er nicht; kaum drückte er einen flüch— — 120— tigen Kuß auf die von der Gluth ſchon vertrock⸗ nete Stirn des Greiſes. „Jean Blane hatte nicht Zeit. „Er ergriff das Gewehr, daß er unter dem Geſträuch verborgen hatte, lud es und war in drei Sprüngen den Bergabhang hinunter, den er auf der entgegengeſetzten Seite eben ſo raſch em⸗ por kletterte. Dann ſtürzte er im wilden Lauf durch den Wald fort. Die Soldaten hatten einen bedeutenden Vorſprung, aber der Sturm fliegt nicht ſo ſchnell, als Jean Blane die Mörder ſeines Vaters verfolgte.“ Recht ſol“ rief Ind,„recht ſo, Jean Blane!“ „Warte nur. Bevor ſie noch den Ausgang des Dickigts erreichten, wo ſie ihre Pferde ange⸗ bunden hatten, fiel ein Schuß unter den Bäu⸗ men, und der Steuereinnehmer ſtürtzte zuſammen, um nie wieder aufzuſtehen.“ Freudig ſchlug Ind die Hände zuſammen. „Und Vaunoh?“ rief er,„und Vaunoy?“ „Vaunoy wurde bleicher als der Leichnam des alten Matthias. Er zitterte und ſeine Zähne ſchlugen zuſammen. „— Eilt! eilt!“ rief er. „Sie eilten; aber in dem Angenblicke, als ſie ihre Pferde erreichten, hörte man einen zweiten Schuß. Der Soldat, der das Gefäß mit der für Matthias Blane beſtimmten Arzenei auf dem Tiſche zerbrochen hatte, ſtieß einen Schrei aus und fiel zu Boden... „Aber Vaunoy? Vaunoy?“ unterbrach ihn Jud. „Warte doch!— Sie ſtiegen zu Pferde. Auf allen den Geſichtern, die vorher ſo froh ge⸗ weſen waren, ſtand das Entſetzen in deutlichen Zügen geſchrieben. Sie ſetzten ſich in Galopp, in der Hoffnung, in Sicherheit zu kommen die Unſinnigen!... Verſtand es nicht Jean Blanc, die Entfernung abzukürzen? Der Weg machte Krümmungen, aber Jean Blanc ging immer gradaus. Selbſt das dichteſte Geſtrüpp hinderte ihn nicht in ſeinem Lauf; kein Graben war tief genug, daß er ihn nicht überſprang. Und bei jeder Biegung des Weges that das alte Ge⸗ wehr ſeine Pflicht. Es war ein gutes Gewehr, wie ich Dir ſchon geſagt habe, und Jean Blane zielte richtig. „Bei jedem Schuſſe, von welchem das Laub⸗ dach des Waldes erzitterte, ſchwankte einer der Soldaten in ſeinem Sattel und ſtürzte herab. Jean Blane erlegte ſie, wie der Jäger das Wild, und nicht ein einziges Mal verbrannte er nutzlos ſein Pulver. „Von Zeit zu Zeit unternahmen es diejeni⸗ gen, die noch auf den Pferden ſaßen, das Ge⸗ büſch zu durchſuchen, um den unſichtbaren Feind zu tödten, der ihnen eine ſo blutige Schlacht lie⸗ — ferte. Mehr als eine Kugel pfiff um Jean Blancs Ohren, während er hinter einem Kaſtanienbaume verborgen, ſein Gewehr wieder lnd; aber dieſe Verſuche hielten nur den Marſch der Soldaten auf. Sobald ſie ſich wieder auf dem Wege be⸗ fanden, fiel ein Schuß und ein Mann ſtürzte zu Boden.“ „Bei Tremls Namen!“ rief Jud, der von der Erzählung dieſer furchtbaren Rache immer begeiſterter wurde,„ich hätte nie geglaubt, daß das weiße Kaninchen einer ſolchen That fähig wäre! Bei meiner Seele! er iſt ein wackerer Burſche!— Aber Vaunoy! Verſuchte er denn nicht, auch den nichtswürdigen Vaunohzu tödten?“ „Warte doch!— Jean Blane vergaß Vau⸗ noy nicht; aber er machte es, wie die Gut⸗ ſchmecker, welche ſich das beſte Stück für den letzten Biſſen aufſparen, und behielt auch Vaunoy bis zuletzt. „Der Augenblick kam, wo auch der letzte Soldat vom Pferde ſtürzte, und wie ſeine Ge— fährten auf der Erde liegen blieb. Jean Blane hatte acht Soldaten und einen Steuereinnehmer erſchoſſen; nur Vaunoh war noch übrig. Dieſer war mehr todt als lebendig und trieb wüthend ſein erſchöpftes Roß vorwärts. Jean Blane lud zwei Kugeln in ſein Gewehr, und erwartete ihn bei der letzten Biegung des Weges, am Saume des Waldes.“ — 123— „So iſt's recht!“ unterbrach ihn Jud Leker, indem er beide Hände zuſammenſchlug. Der alte Stallmeiſter machte es wie die un⸗ gebildeten Leute, welche mit ganzer Seele für die fabelhafte Entwickelung eines Schauſpiels in's Feuer gerathen. Er hatte Vaunoy erſt geſtern geſehen, und doch hoffte er im vollen Ernſt, daß Vaunoy in Pelo Rouans Erzählung erſchoſſen werden würde. Aber der Kohlenbrenner ſchüttelte den Kopf. „Als der neue Beſitzer von la Tremlays da⸗ her geritten kam,“ fuhr er fort,„legte Jean Blanc ſein Gewehr an. Seine Seele trat in ſeine Augen... nichts in der Welt konnte Hervé von Vaunoy mehr retten...“ „Nun?“ rief Ind, als er ſah, daß der Koh⸗ lenbrenner zögerte. „Vaunoy erreichte geſund und ohne Schaden ſein Schloß,“ ſagte Pelo Rouan. „Warum? verfehlte ihn Jean Blane?“ „Jean Blane ſchoß nicht.“ Jud ſtieß einen heftigen Ausruf des Ver⸗ druſſes aus. „Jean Blane ſchoß nicht,“ wiederholte lang⸗ ſam der Kohlenbrenner,„weil ihm in dieſem Augenblicke der Gedanke an Treml in den Kopf kam, und er nicht, ſelbſt um ſeinen Vater zu er gewiß weiß, daß ſeine gewöhnlichen Helfers⸗ — rächen, die letzte Möglichkeit vernichten wollte, über das Schickſal des kleinen Georg etwas zu erfahren.“ 10. Der Rrankheitsanfall. Die Stimme Pelo Ronans war rauh und hart geweſen, während er Jean Blanes wilde Jagd im Walde erzählt hatte. Der Odem drängte ſich nur mit Mühe aus ſeiner Bruſt empor und ein eigenes Feuer glänzte in ſeinen rothen Au⸗ gen. Wenn er von Treml ſprach, wurde ſeine Stimme ernſt und verlor den wilden Ausdruck, durch welchen ſeine Erzählung ſo erſchütternd wurde. „Wenn Jean den ſchändlichen Herbé von Vaunoy um des jungen Herrn willen geſchont hat,“ ſagte Jud,„dann kann ihn Niemand des⸗ halb tadeln; aber ich will des Teufels ſein, wenn ich einſehe, wie dieſer dreifache Bube dem Ge⸗ ſchlechte der Treml jemals nützlich werden könnte.“ „Wenn ihm einmal von einer tüchtigen, feſten Hand ein Piſtol auf die Bruſt geſetzt wird, und — 125— helfer zu weit entfernt ſind, um ihm zu Hülfe zu kommen.“ Jud legte nachdenkend die Hand an die Stirn. „Es iſt etwas Wahres darin,“ ſagte er; „aber weiß denn Vaunoy mehr als wir?“ „Vielleicht. Jedenfalls naht die Zeit heran, wo ihn Jemand auf die rechte Art darüber be⸗ fragen wird. Jean Blane that was ich ſagte: er verſchonte den Mörder ſeines Vaters; aber dieſes gute Gefühl, welches die Dankbarkeit über die Rache ſtellte, war nur vorübergehend; die Aſche der Hütte war noch zu heiß, als daß die Rache nicht bald hätte die Oberhand gewinnen ſollen. Jean Blane berente es, über den Sohn eines Fremden ſeinen Vater vergeſſen zu haben.“ „Eines Fremden?“ wiederholte Jud unwil⸗ lig;„über den Sohn ſeines Herrn, willſt Du ſagen.“ „Jean Blane hat nie einen Herrn gehabt,“ erwiederte Pelo Rouan ſtolz,„ſelbſt nicht, als er noch blödſinnig war.— Er bereute es alſo und wollte die Jagd von Neuem beginnen; aber Vaunoy war ſchon über den Waldſaum hinaus, und galoppirte in der großen Allee auf das Schloß zu. Es war zu ſpät!“ „Ich weiß nicht, ob ich ſagen ſoll: deſto beſſer, oder deſto ſchlimmer.“ „Es iſt immer noch Zeit, dieſe Arbeit wieder aufznnehmen. Es hat keine Schwierigkeit, einen — Menſchen im Walde vor den Schuß zu bekom⸗ men, und Jean Blane hätte ſeitdem mehr als einmal Hervé von Vaunoy in der Mitte ſeiner Diener in jene Welt ſchicken können. Die Haupt⸗ ſache aber iſt, ihn lebendig, allein und ohne Ver⸗ theidigung zu haben und zu ihm ſagen zu können: Sprich oder ſtirb!— Das iſt's, wonach Jean Blane ſtrebt.“ „Und ich werde ihm beiſtehen!“ Pelo Rouan ergriff Juds Hand und ſchüt⸗ telte ſie heftig. „Und der Dienſt des Kapitains Didier?“ fragte er. „Kommt nach dem Dienſte Tremls, darüber ſind wir einig.“ Hüthe Dich,“ ſprach Pelo Rouan nach⸗ v; hich⸗ Dich, einem Franzoſen das Geheimniß eines Bretagners anzuverttauen.“ „Er iſt ein guter, edler Menſch; ich ſtehe für ihn.“ „Er iſt gut und edel nach der Weiſe der Franzoſen,“ erwiederte der Kohlenbrenner in bit⸗ terem Tone,„gerade edel und gut genug, um ſich nicht zu ſchämen, ein armes Mädchen zu verführen. Aber noch einmal: der Krieg, der zwiſchen Vaunoy und mir ſtattfindet, berührt ihn nicht.— Ich fahre fort. „Als Jean Blane wieder in die Wolfsſchlucht zurückkam, vergaß er Treml und alles Uebrige, um ſich nur ſeinem Schmerze hinzugeben. Zwei Tage lang ſchnitt er ununterbrochen Reifen und der alte Matthias erhielt ein chriſtliches Grab. „Nachdem er dieſe Pflicht erfüllt hatte, wollte Jean Blane nicht wieder in die Hütte zurückkeh⸗ ren, deren Ruinen zu ſchmerzliche Erinnerungen in ihm weckten. Er ging durch den ganzen Wald und verbarg ſich auf der entgegengeſetzten Seite deſſelben, jenſeits Saint⸗Aubin du Cormier. Er ſtreifte allein und immer traurig im Walde um⸗ her, und die Hand Gottes laſtete ſchwerer als je auf ihm, denn ſein Blödſinn hatte ein andres, fürchterliches Uebel in ihm zurückgelaſſen. Jean Blane litt an jener unheilbaren Krankheit, welche den Leidenden zum Abſcheu Andrer macht, und ſelbſt das Mitleid zurückſtößt: er war epileptiſchen Zufällen ausgeſetzt ſh „Miten in Fieſen traurigen und hoffnungs⸗ loſen Leiden kehrte das Glück bei ihm ein, ein ſo großes Glück, daß man es im Himmel ſelbſt nicht vollkommener erwarten kann; aber ach! es war nur von kurzer Dauer, und als es wieder verſchwunden war, fiel er von neuem in ſeine finſtere, noch troſtloſere Nacht zurück. „Ein Mädchen, ſchöner als alle andren, wurde von Mitleid für den Unglücklichen ergriffen. Es war ein gutes, ſanftes, liebenswürdiges Geſchöpf. Sie hieß Clara. Sie entfloh nicht, als Jean Blane zum erſten Male mit ihr ſprach; ſie er— laubte ihm, ſich in eihrer Hütte an das Feuer zu ſetzen, und wenn Jean Blane dürſtete, gab ſ ie ihm Milch von ihrer Ziege. Dies wundert Dich, Freund Jnd,“ ſagte Pelo Rouan barſch,„und doch that ſie noch mehr als dies. Jean Blane iſt ein Menſch unter der abſtoßenden Maske, die das Schickſal ihm aufgelegt hat. Bei dieſem Mädchen erwachte die Liebe in ſeinem Herzen, und eines Tages wagte er, ihr dieſe Liebe zu geſtehen...“ „Nun?“ ſagte Jud in einem etwas ſpötti⸗ ſchen Tone. „Ein Jahr ſpäter kam Marie zur Welt, Marie, welche das verjüngte Ebenbild ihrer Mut⸗ ter iſt, und die von den Bewohnern des Waldes Haideblume genannt wird, weil ſie einem liebli⸗ chen Blümchen gleicht. Marie iſt die Tochter Jean Blanes und Clara's.“ „Dieſe Clara muß ein gutes Mädchen ge⸗ weſen ſein,“ ſagte Ind, den die Geſchichte jetzt weniger intereſſirte. „Sie war ein Engel von Güte und zärtlicher Theilnahme. Die beiden Jahre, welche Jean Blane an ihrer Seite verlebte, glichen einer rei⸗ zenden Oaſe, mitten in der traurigen Wüſte ſeines Lebens. Er berauſchte ſich im Glücke der Gegen⸗ wart, er vergaß die geheilten Wunden ſeines Herzens, er hatie weder Wünſche, noch Furcht, noch Hoffnung: er lebte in ihr, wie die Auser⸗ wählten in Gott leben.“ Pelo Ronan hielt inne und fuhr ſich langſam mit der Hand über die Stirn. „Dies Glück dauerte zwei Jahre,“ fuhr er nach einer Pauſe mit bebender Stimme fort. „Nach dieſen zwei Jahren ſah Jean Blant wie⸗ der franzöſiſche Soldaten und Steuerbeamte. Vaunoy hatte ſeinen Schlupfwinkel erfahren und ſeine ärmliche Hütte wurde von neuem überfallen. Das erſte Mal vertrieb er ſie; ſie kamen in ſeiner Abweſenheit wieder, und ein Bube, ein königli⸗ cher Soldat, entehrte Clara, die kein andres Ver⸗ theidigungsmittel hatte, als die Wiege ihres ſchlummernden Kindes. „Ich will Dir nicht erzählen, was darauf folgte; ich könnte es nicht, denn mein Blut kocht, und während ich mit Dir ſpreche, muß ich mit beiden Händen die Schläge meines Herzens unterdrücken. „Clara ſtarb, indem ſie für Jean und für ihre Tochter betete.“ Pelo Rouan unterbrach ſich abermals, ſeine Stimme wurde immer unſicherer. „Bei meiner Seele,“ murmelte Iud,„ſo viel iſt gewiß, daß der arme Teufel kein großer Freund der Soldaten des Königs von Frankreich ſein kann. Der Wald von Rennes. II. 9 — 130— „Er haßt ſie!“ rief Pelo heftig,„und ich bin der Feind alles deſſen, was Jean haßt.— Ha! wenn einer von ihnen der Tochter das thun wollte, was ein andrer der Mutter gethan hat... meiner armen Clara!— Aber, bei Gott! Freund Jud, Marie wird von einem alten Gewehre be⸗ ſchützt, einem guten Gewehre, welches weit und ſicher trägt!— Da Du im Dienſte des Kapitains Didier ſtehſt, gieb ihm den guten Rath, ſeine Wünſche auf die Tochter ſeines Wirths zu be⸗ ſchränken und die einſamen Waldwege zu ver⸗ geſſen, auf denen er Marien begegnet.“ „Ich kenne die Geheimniſſe des Kapitains nicht,“ erwiederte Jnd mit Kälte;„ich weiß nur, daß er ein rechtſchaffener, vortrefflicher Mann iſt. Wenn ihn Jemand, ſei es hinterliſtig oder offen, angreifen ſollte, ſo wird ihm meine Hülfe nicht fehlen, ſofern meine Pflichten gegen Treml nicht dadurch beeinträchtigt werden.“ „Nach Belieben, Freund.— Jean Blane nahm ſein Kind auf den Arm und ging aber— mals durch den Wald. Er hatte den Tod im Herzen und ſein Kopf brütete Rachepläne. Der Anblick des Orts, wo ſein Vater ermordet wor⸗ den war, weckte von neuem die traurigen Erin⸗ nerungen in ihm. Die Vergangenheit und die Gegenwart vereinigten ſich, ein furchtbarer, un⸗ erbittlicher Haß kochte in ſeiner Bruſt. — 131— „Zu jener Zeit geſchah es, daß die armen Waldbewohner, welche eines Theils von dem königlichen Intendanten, andren Theils von den Grundbeſitzern gequält wurden, die auf Vaunoy's Antrieb dahin ſtrebten, ſie aus ihren Beſitzungen zu vertreiben, ſich erheben und Gewalt der Ge⸗ walt entgegen zu ſetzen verſuchten. Während des Tages bewohnten ſie noch immer ihre Hütten; aber in der Nacht kamen ſie in den weiten un⸗ terirdiſchen Räumen der Wolfsſchlucht zuſammen, deren Eingang ihnen Jean Blane gezeigt, der ihn ſchon früher funfzehn Schritte von ſeiner Hütte, hinter den beiden verfallenen Windmühlen, entdeckt hatte. „Eines Tages, zu der Zeit, als Jean Blane noch ſchwach war, hatte er geſagt: Das Kanin⸗ chen wird ein Wolf, um Diejenigen zu beſchützen, die er liebt. Jean Blane hatte Alle, die er liebte, ſterben oder verſchwinden ſehen, und das Kanin⸗ chen wurde daher zum Wolfe, um ſich zu rächen.“ „Ich habe ſo etwas gehört,“ unterbrach ihn Ind. „Zu der nämlichen Zeit,“ fuhr der Kohlen⸗ ner fort,„kam ich hierher und bezog dieſe Hütte. Aus Gründen, welche Du nicht zu kennen brauchſt, nahm ich Jean Blancs Tochter zu mir und er⸗ zog ſie. In ihrer Kindheit hatte ſie neben den ſchönen Zügen ihrer Mutter die weißen Haare des armen Albino; aber als ſie heranwuchs, er⸗ 9 — hielten die glänzenden Locken, welche die liebliche Stirn der Blume des Waldes beſchatten, einen goldenen Schein. Sie hat nichts mehr von ihrem Vater, ſie iſt ſchön. „Was ſoll ich Dir noch ſagen? Du biſt ſeit geſtern hier in der Gegend und haſt gewiß von den Wölfen ſprechen gehört. Es iſt das erſte Wort, welches das Ohr des Fremden trifft, der in den Wald kommt; es iſt das letzte, welches er bei ſeiner Abreiſe hört. Die habſüchtigen Krautjunker, welche, um ein Paar Baumzweige zu erſparen, fünfhundert Familien das Brod ha⸗ ben nehmen wollen, zittern jetzt hinter den alten Mauern ihrer Ritterſitze. Nicht allein die Sol⸗ daten des Königs wagen ſich nur noch ſelten in den Wald, auch der feiſte Schlemmer, welcher jetzt die Steuern gepachtet hat, Bechameil, beſinnt ſich zweimal, ehe er den Ertrag der Abgaben nach Paris ſchickt, denn zwiſchen Rennes und Paris liegt der Wald.“ „Sehr gut,“ ſagte Jnd,„die Wölfe ſind tüchtige Krieger; aber können wir nicht noch ein wenig von Treml ſprechen und von dem Mittel...“ „Freund,“ unterbrach ihn Pelo Rouan,„die Wölfe und Treml ſtehen in einem innigeren Zu— ſammenhange als Du glaubſt. Herr Nikolas, deſſen Seele Gott gnädig ſein möge, war der letzte bretagniſche Edelmann, und die Wölfe ſind — die letzten Bretagner. Was das Mittel betrifft, 3 ſo hat man Deine Zurückkunft nicht abgewartet, um es zu verſuchen, ein ſo guter, treuer und wackerer Diener Du auch ſein mögeſt.— Jean Blane wünſcht eben ſo ſehr, und noch mehr als Du, der Sache mit Vaunoy ein Ende zu ma— chen, denn Matthias und Clara ſind noch nicht gerächt. An dem Tage, an welchem Vaunoy ſein letztes Wort über Treml geſprochen haben wird, ladet Jean Blane ſein altes Gewehr und beginnt von neuem die vor achtzehn Jahren am Saume des Waldes unterbrochene Jagd; aber bis jetzt iſt ihm der ſchändliche Mörder noch im⸗ mer entgangen. Noch vor Kurzem iſt das Schloß Bonexis überfallen worden, in der einzigen Ab⸗ ſicht, um ſeiner habhaft zu werden; aber er hatte es in der nämlichen Nacht ſchon verlaſſen, und die Angreifenden fanden nur die noch warmen Ueberreſte ſeiner Abendmahlzeit.“ „Vaunoy iſt ein ſchlauer Fuchs,“ ſagte Jud kopfſchüttelnd. „Jean Blane iſt ein geduldiger Jäger,“ er⸗ wiederte Pelo Rouan,„und ſeine Meute beſteht aus zweitauſend Wölfen.“ „Iſt es das?“ rief Jud, deſſen ſchwerfälli⸗ ger Verſtand endlich aufgeklärt wurde;„iſt Jean der geheimnißvolle und furchtbare weiße Wolf?“ „Lieber Freund,“ unterbrach ihn der Kohlen⸗ brenner mit einem Ausdruck von Spott,„Jean iſt ein Wylf und iſt weiß; aber ich weiß es nicht, ob er es iſt, von welchem die Mägde und die furchtſamen Diener auf den umliegenden Schlöſ— ſern ſich des Abends, wenn ſie beiſammen ſitzen, Wunderdinge erzählen. Jean Blanc kann viel, aber er iſt noch immer der Unglückliche, auf wel⸗ chem die Hand Gottes ſchwer laſtet. Die Anfälle ſeines fürchterlichen Uebels werden von Tage zu Tage häufiger. Und gewiß,“ fuhr Pelo Ronan fort, deſſen Stimme plötzlich beſchwerlich wurde, „er hätte Dir das, was Du gehört haſt, nicht erzählen können, ohne für dieſe Verwegenheit beſtraft zu werden, denn Jean ruft nie ohne ſchlimme Folgen ſeine Erinnerungen zurück.“ Nachdem er mit Mühe die letzten Worte ge⸗ ſprochen hatte, ſchwieg Pelo Ronan, und Ind ſah, daß er ſich mit einer convulſiviſchen Unruhe auf ſeiner Bank bewegte. „Was fehlt Dir?“ fragte er. „Geh!“ ſagte der Kohlenbrenner mit An⸗ ſtrengung,„Du weißt Alles, was ich Dir ſagen kann.“ „Aber was ſoll ich thun? kann ich Jean Blane nicht beiſtehen?“ „Geh!“ wiederholte Pelo gebieteriſch;„um Gottes willen geh! Wenn die Stunde gekom⸗ men iſt, wird Jean Dich zu finden wiſſen.“ Erſtaunt verließ Jud ſeinen Sitz und ging nach der Thür zu. Bevor er dieſe jedoch erreicht hatte, glitt Pelo von der Bank herab und fiel * auf die Erde, wo er ſich unter erſticktem Aechzen herumwälzte. Jud wendete ſich um, aber es war Abend geworden und es war jetzt noch dunkler in der Hütte, als während des Tages. Er ſah nur eine unförmliche Maſſe, welche ſich im Fin⸗ ſtern bewegte. „Was fehlt Dir denn, Freund Pelo,“ fragte er nochmals mit ſanfter Stimme. Ein Schmerzensruf antwortete ihm, dann vernahm er Pelo's gebrochene Stimme, welche kaum hörbar zum dritten Male ſagte: „Geh!“ Jud gehorchte, und da er nicht gewohnt war, ſich lange mit Dingen zu beſchäftigen, die er nicht verſtand, ſo vergaß er, ſobald er wieder auf ſeinem Pferd ſaß, den kranken Pelo und dachte nur an Jean Blanc, an die Wölfe, und an ein Mittel, ſich Hervé's von Vaunoy lebend zu be⸗ mächtigen, um ihn zu einem Geſtändniß zu bringen. Mit dieſen Gedanken beſchäftigt, gab er ſei⸗ nem Pferde die Sporen, und ſchlug den Weg nach Rennes ein, wo er ſeinen neuen Herrn fin— den ſollte. Man hörte noch den Tritt ſeines Pferdes zwiſchen den Bäumen, als die Thür der Hütte wieder geſchloſſen wurde. Marie war hineinge⸗ gangen und zündete eine Lampe an. Pelo Ronan lag unter fürchterlichen epileptiſchen Krämpfen auf der Erde.——— Marie war ohne Zweifel ſchon an dieſe Zu⸗ fälle gewöhnt, denn ſie beſchäftigte ſich ſogleich mit ihrem Vater, und zeigte keine andre Unruhe, als die des Bedauerns. Beim Scheine der Lampe erſchien das Innere der Hütte weniger ärmlich und wohnlicher. Man bemerkte in einem Winkel eine kleine Thür, welche in Mariens Kämmerchen führte. Ueber dem Man⸗ tel des Schornſteins hing ein PaarPiſtolen, und eine ſchwere Muskete von antiker Form. Gegen⸗ über und in der Nähe der Thür ſah man eine hölzerne Pendeluhr, wie man noch jetzt faſt in allen Bauerhünſern der Bretagne findet. In dem Angenblick, als der Anfall des Koh⸗ lenbrenners ſeine größte Heftigkeit erreicht hatte, wurde auf eine S Art an die äußere Thür geklopft, und Marie öffnete ohne Zögern. Der Eintretende war gekleidet wie die Bauern des Waldes, und trug vor dem Geſicht die Maske von Wolfsfellen, von welcher ſchon öfter die Rede iſt. Er trat raſch in die Hütte. „Wo iſt der Meiſter?“ fragte er kurz. Marie zeigte auf Pelo Ronan, der mit ſchäu⸗ mendem Munde ſich krampfhaft auf dem feuch— ten Boden der Hütte krümmte. Der Eingetretene ſtieß einen zornigen Fluch aus und ſetzte ſich murrend auf die Bank. Der — 137— Anfall dauerte lange. Von Minute zu Minute blickte der Fremde, der ein Wolf war, ungedul⸗ dig nach der Uhr. Als der Zeiger einmal um⸗ gelaufen war, ſtand er auf und ſtampfte heftig mit dem Fuße. „Das iſt ein ſehr unglücklicher Zufall, mein Kind!“ ſagte er zu Marien.„Sage Deinem Vater, daß Maumi hier geweſen iſt, daß er ge⸗ wartet hat, und daß Pelo Ronan es lebenslang bereuen wird, daß er die Stunde nicht hat be⸗ nutzen können, welche eben verſtrichen iſt.“ Als der Wolf aufhörte zu ſprechen, ſtieß Pelo Rouan einen tiefen Seufzer aus, und der Krampf, der ſeine Glieder zuſammengezogen hatte, ließ nach. „Er kommt zu ſich,“ ſagte Marie, indem ſie dem Kranken eine Schale an den Mund ſetzte, deren Inhalt er begierig austrank. Nachdem er getrunken hatte, legte er die Hand an ſeine mit Schweiß bedeckte Stirn und erhob ſich mit Hülfe ſeiner Tochter. Als er den Wolf erblickte, erſchrak er. „Laß uns allein,“ ſagte er zu Marien. Dieſe gehorchte, aber zögernd. Sie verließ nur ungern ihren Vater in einem ſolchen Augen— blicke. Ehe ſie noch die Schwelle ihres Kämmer— chens überſchritt, hatten Pelo Rouan und der Wolf ſchon ihr Geſpräch begonnen. „Was giebt es?“ fragte der Kohlenbrenner. — 138— Vannoy warf einen mißtrauiſchen Blick auf Marien und ſprach leiſe einige Worte. „Sprichſt Du die Wahrheit?“ rief Pelo auf⸗ ſpringend;„hätte der Himmel endlich dieſen Mann verurtheilt?“ Zu gleicher Zeit machte er Miene aus der Thür zu ſtürzen, aber Vaunoy hielt ihn zurück. „Ich dachte es wohl, Meiſter, ſagte Baumi, „daß es ſehr ſchmerzlich für Euch ſein würde. Der Himmel hatte vielleicht ſein Urtheil geſpro⸗ chen, aber Ihr habt ihn begnadigt. Die Zeit zum Handeln iſt längſt verſtrichen!“ Mit dieſen Worten zeigte Yaumi nach der Uhr. „Man hatte mir zwei Stunden gegeben,“ fuhr er fort,„und ich habe eine davon verloren, indem ich auf Euer Erwachen gewartet habe.“ Pelo Rouan ballte wüthend die Fäuſte und ſetzte ſich wieder auf die Bank. „Was haben ſie dort gemacht?“ fragte er. Yaumi antworte ihm abermals einige Worte mit leiſer Stimme, in dem Angenblick, als Marie die Thür ihres Kämmerchens an ſich zog. Zu⸗ fällig erreichte eines dieſer Worte ihr Ohr. Marie wechſelte die Farbe, verſchloß ihre Thür nicht und blieb horchend ſtehen. Das Wort welches ſie gehört hatte, war der der Name des Kapitains Didier. —. und ohne ſich Zwan — 139— 11. Das gaſtronomiſche Runſtwerk. An dem nämlichen Tage hatte Antinous Be⸗ chameil, Marquis von Nointel, den Entſchluß gefaßt, einen entſcheidenden Angriff auf das Herz ſeiner ſchönen Grauſamen zu verſuchen; ſo nannte er nämlich Fräulein Alix von Vannoy. Erſchlief nur zwei Stunden nach ſeinem Frühſtücke, und richtete dann eiligſt ſeine Schritte nach den Kü⸗ chen von la Tremlays, wo er mit lauter Stimme den Koch herbeirief. Bechameil wohnte bei Vannoy als Nachbar Dies war aber bei dieſer wichtigen Gelegenheit ein wirklicher YNachtheil für ihn, denn da er die trefflichen Rathſchläge ſeines Kochs, des Inden Salomon Bador, entbehren mußte, von welchem die Ge⸗ ſchichte der damaligen Zeit mit der größten Ach⸗ tung ſpricht, war er einzig und allein auf die Eingebungen ſeines eigenen Genie's beſchränkt. Zum Glück war dieſes ganz außerordentlich fruchtbar in Allem was die Küche betrifft, und ſeine bitterſten Feinde können die Vahrßti⸗ nicht leugnen, daß die Natur ihn mit glänzenden An⸗ lagen ausgeſtattet hatte, und daß dieſer könig⸗ liche Intendant alle geiſtigen Eigenſchaften be⸗ * — ſaß, welche zu einem ausgezeichneten Koche ge— hören. Jedermann wünſcht, ſich in den Augen Der— jenigen, die er liebt, von der vortheilhafteſten Seite zu zeigen. Bechameil beſaß keinen Blitz⸗ ſtrahl, um wie Jupiter die Gegenſtände ſeiner Liebe damit in Flammen zu ſetzen; ſein ſehr all— tägliches Gefieder ſetzte ihn nicht in den Stand, ein prächtiges Rad zu ſchlagen, und ſeine Be— redtſamkeit, auf die er ſich etwas einbildete, war daher das Ein-zige, auf was er ſich im gewöhn⸗ lichen Umgange beſchränken mußte. Aus dieſen Gründen wollte er die gebahnten Wege der gewöhnlichen Galanterie verlaſſen, und Fräulein von Vaunoy mit einem einzigen, ent- ſcheidenden Schlage gewinnen, nämlich mit einem künſtlichen, ausgezeichneten, neuen und in höch⸗ ſter Vollkommenheit bereiteten Gerichte, welches Alir zuerſt koſten, und das den Namen dieſes ſchönen Mädchens erhalten ſollte, um ihn bis in die fernſten Zeiten zu verewigen. Ovid, Raphael, Petrarka, Titian, Lenardo da Vinei, ungerechnet eine Menge anderer be— rühmter Liebender, thaten das Nämliche für ihre reſpeetiven Göttinnen. 3 Man darf nicht glauben, daß der Herr Mar⸗ quis von Nointel ſich mit einem unbeſtimmten und nicht gehörig durchdachten Plane in die Kü⸗ chen Tremlay's begeben habe. Sein Kunſtwerk, ein Ragout von Schnepfen und Faſanen, war in ſeinem Kopfe fix und fertig. Es fehlte weder ein Skrupel Muscatenblüthe, noch eine einzige Nelke oder ein Atom Zimmt. Die dramatiſchen Dichter, wir ſprechen von denen, die am wenig⸗ ſten ausgepfiffen werden, können nie den Plan zu einem Meiſterwerke mit einer größeren Kunſt zuſammenſetzen, als Herr von Bechameil den ſei⸗ nigen entworfen hatte. Auch ſollte, wir wollen dies ſogleich bemerken, das Ragont des königli⸗ chen Intendanten, mehr Jahre erleben, als die dramatiſchen Kunſtwerke Tage oder Minuten. Es ſollte ein unſterbliches, erhabenes, Univerſal⸗ ragout werden, das die Reſtaurateurs in allen fünf Welttheilen bis an das Ende aller Zeiten mit Stolz auf ihre Speiſekarten ſetzen ſollten. Der Koch auf la Tremlays ſtellte alle ſeine Vorräthe und Geſchirre zur Verfügung ſeines vornehmen Herrn Kollegen. Bechameil verwen⸗ dete zehn Minuten darauf, um ſich gehörig zu ſammeln, dann ging er mit der zu jedem großen Unternehmen nöthigen Präziſion entſchloſſen ans Werk. Frau Goton Rehou, die alte Wirthſchafterin des Schloſſes, welche in einem Winkel der Küche ruhig ihre Pfeife ſchmauchte, während der könig⸗ liche Intendant operirte, hat ſeitdem verſichert, daß ſie in ihrem Leben keinen ſo eifrigen Koch geſehen habe. Der königliche Intendant ließ die alte Frau ganz unbeachtet. Er hatte die Aermel ſeines Rok⸗ kes zurückgeſchlagen, die Spitzen an ſeinem Ja⸗ bot verſteckt, und die Locken ſeiner Perücke zu⸗ rückgeworfen. Sein rothes Geſicht erlangte die lebhafteſte Purpurfarbe, dieſen königlichen Teint, der aus den früheren Jahrhunderten nicht bis zun uns gekommen iſt. Seine Angen glänzten und verriethen eine Fülle geiſtreicher Ideen. Seine weißen, mit Diamanten bedeckten Hände ſetzten mit einer unbeſchreiblichen Grazie die Kaſſerole in Bewegung. Jeder unpartheiiſche Beobachter würde erklärt haben, daß er hier, mehr als an— derswo, an ſeinem Platze war. „Göttliche Alir!“ ſagte er in zärtlichem Tone vor ſich hin, je ſtärker und duftender der Dampf zu der ſchwarzen Decke empor ſtieg,„Du, die alle Vollkommenheiten beſitzt, mußt auch mit dem feinſten der Geſchmäcke begabt ſein!... Wenn Du dieſem Ragout widerſtehſt, dann.. eine Meſſerſpitze voll Ingber kann gewiß nichts ſcha⸗ den... dann kann ich nur noch ſterben!“ Dies war die in damaliger Zeit, wo die Lie⸗ benden nicht anders als in weinerlichen Gedich⸗ ten ſprachen, allgemein angewendete Redensart. Bechameil that noch eine Meſſerſpitze voll Ingber zu dem Ragout, und ſtrengte ſeinen gan⸗ zen Geruchsſinn an, um die Wirkung zu prüfen. † 7 Wirthſchafterin abwendete, richtete er ſeinen Ge —— — 143— „Köſtlich! himmliſch!“ ſagte er.„Alix, Du biſt mein, ſchöne Grauſame! Du müßteſt eine Wilde ſein, um einem ſolchen Wohlgeruche zu widerſtehen!“ „Es iſt wahr, es riecht gut,“ lispelte Frau Goton in ihrem Winkel. Bechameil hielt ſeine Lorgnette an das Ange und blickte mit beſcheidener und zufriedener Miene nach der Seite hin, wo er die Stimme gehört hatte. „Nicht wahr, vortreffliche Frau Goton?“ rief er,„das iſt ein Gericht für eine Kaiſerin?“ „Es muß ein delikates Ragont werden, das iſt wahr,“ erwiederte Frau Goton, indem ſie mit ernſthafter Miene ihre Pfeife wieder in Brand ſetzte;„aber, mit Ihrer Erlaubniß, wenn ich ein Mann und Marquis wäre, ſo glaube ich, würde ich lieber einen Degen, als das Heft eines Kaſſe⸗ rols in die Hand nehmen.“ Bechameil nahm ſogleich die Lorgnette vom Auge und indem er ſich verächtlich von der alten% auf den Gedanken an die ſchöne Alir. Die aber dachte an Niemanden weniger, als an den königlichen Intendanteu. Sie ſaß bei ihrer Tante, Fräulein Olivic von Vaunoy im kleinen Salon des Schloſſes, und arbeitete zer⸗ ſtrent an einer Stickerei. Fräulein Olivia that das Nämliche, aber dieſe vortreffliche Perſon — hatte ſich mit Vorbedacht zwiſchen drei Spiegel geſetzt. Auf dieſe Weiſe war ſie gewiß, nach welcher Seite ſie ſich auch wenden mochte, ſich ſelbſt zuzulächeln und das impoſante Gebäude ihres Haarputzes in ſeiner ganzen ſtolzen Maje⸗ ſtät zu ſehen. Bei jedem Stich den ſie that, warf ſie in einen der drei Spiegel einen koketten Blick, den dieſer ihr pünktlich zurückgab. Dieſes unſchuldige Spiel ſchien Fräulein Olivia von Vaunoy ganz außerordentlich zu ge⸗ fallen; aber es war ein ſtummes Spiel, und die Zunge des alternden Fräuleins machte we⸗ nigſtens eben ſo viel Anſprüche als ihre Augen. Schon mehrere Male hatte ſie es verſucht, mit ihre Nichte ein Geſpräch über ihre Lieblings⸗ gegenſtände anzuknüpfen, nämlich: über die Feh⸗ ler des Nächſten, über die größere oder geringere Schönheit des neueſten, von Rennes erhaltenen Putzes, und beſonders über die Romane des Fräulein von Senderi, welche damals in der Bretagne noch Mode waren. Alix hatte einſylbige und unpaſſende Ant⸗ worten gegeben. Sie hatte nicht allein auf die Fragen nicht geachtet, ſondern ſie hatte ſie in der Re⸗ gel gar nicht gehört, eine an und für ſich ſchon für jeden Frager ſehr unangenehme Sache, die aber für ein Fräulein von gewiſſem Alter, die das Bedürfniß zu ſprechen fühlt, ganz unerträg⸗ lich iſt. — —— — 145— „Mein Gott!“ ſagte endlich die Tante, nach⸗ dem ſie mit der größten Mühe es über ſich ge⸗ wonnen hatte, faſt eine ganze Minutẽ lang zu ſchweigen,„das iſt nicht auszuhalten! Sage mir um Gottes willen, Kind, wo Du ſeit einer Stunde die Gedanken haſt?“ 3 Alir erhob langſam ihren ſtarren und zer⸗ ſtreuten Blick auf die Tante. „Ich denke wie Sie,“ antwortete ſie, faſt ohne zu wiſſen, was ſie ſagte. „Du träumſt, liebes Kind!.. ſollteſt Du ielleicht Fräulein Olivia hatte geſtern in einem Buche geleſen, daß das Träumen ein Symptom der Liebe iſt. Sie war im Begriff, über dieſen Ge⸗ genſtand eine directe Frage an ihre Nichte zu thun, aber ſie wagte es nicht. Der feſte und würdige Character des jungen Mädchens, impo⸗ nirte dem Fräulen gewiſſermaſſen. „Liebes Kind,“ fuhr ſie mit einer unverkenn⸗ baren Schlauheit fort,„findeſt Du nicht auch, daß er ein reizender junger Mann iſt?“ „Ich muß ihn ſprechen!“ ſagte Alix mit Entſchloſſenheit. „Ihn ſprechen willſt Du, ihn ſprechen? Wie e meinſt Du dies, mein Engel? Es giebt verſchie⸗ e deneArten, mit Jemandem zu ſprechen; die einfache Unterhaltung, ein anſtändiges Vergnügen, das ſich Jeder erlauben darf; das vertrauliche Ge⸗ Der Wald von Rennes. I. 10 — — M — — 36— ſpräch, wo zwei Seelen ſich mitten in einer Ge⸗ ſellſchaft iſoliren... gieb Acht, mein Kind!... und endlich das einſame Geſpräch, welches man nur mit der größten Vorſicht bewilligt, und das ein junges Mädchen nie... Sollteſt Du ihm vielleicht ein ſolches zugeſagt haben?“ Wenn Fräulein Olivia ſprach, hörte ihre Nichte zuweilen mit einer herviſchen Geduld ihr zu; aber an dieſem Tage war ſie von einer un— überwindlichen Zerſtreuung ergriffen, und die lange Rede ihrer Tante ging an ihrem Ohre vorbei, ohne eine andre Wirkung hervorzubrin⸗ gen, als das Sauſen des Windes. „Ich frage Dich, mein Engel, ob Du dief unverzeihliche Unbeſonnenheit begangen haſt, ihm ein einſames Geſpräch zu bewilligen?“ wieder, holte Fräulein Olivia mit einem Anfange vot Bitterkeit. Alix ſchien aus einem Traume zu erwachen und ſah ihre Tante erſtaunt an. „Ich hoffe, mein Kind,“ fichr Olivia fort, indem ſie ihren Verdruß zu unterdrücken ſuchte, „daß Du die Güte haben wirſt, mir zu antwor⸗ ten, ſei es auch nur mit ja oder nein.“ „Allerdings, liebe Tante.“ „Nun?“ 3 „Ja, liebe Tante.“ 5 ———— — 147— Fräulein Olivia fuhr erſchrocken zuſammen. Alir ſtand auf, verneigte ſich und verließ das Zimmer. „Nun, das iſt wenigſtens aufrichtig!“ rief, Olivia, indem ſie zufällig in den Spiegel blickte, der ihr diesmal anſtatt eines freundlichen, ein ⸗ und nicht die mindeſte Bewegung, nicht der leiſeſte Seufzer!.. Ja, liebe Tante!. ſehr häßliches Geſicht zeigte/„Ja, liebe Tante!, 70 Sollte man nicht denken, daß von der einfach⸗% ſten Sache von der Welt die Rede ſei?... Ja, F liebe Tante! Ein Rendezvvus! eine förmliche Intrigne!... und ohne ein Geheimniß daraus zu machen, am hellen Tage!... Ach! wenn 3 h h 8 jemals der Liebesgott mein Herz mit ſeinen glü⸗ henden Pfeilen verwundet hätte, in welchen rei⸗ zenden Schleier würde ich meine Schwäche ge⸗ hüllt haben! Ich hätte den Namen des Gelieb⸗ ten in den Abendwind hinaus geſeufzt, ich wäre um Mitternacht im Garten herumgewandelt, ich hätte ſüße Stunden lang den Mond ange⸗ bic Fräulein Olivia von Vannoy ſagte noch eine Menge ſchöner Dinge, die wir nur ungern mit Stillſchweigen übergehen. Alir hatte keine Ahnung von dem Sturme, den ſie herauf beſchworen hatte. Um die Wahr⸗ heit zu ſagen: ſie hatte andre Dinge im Kopfe. 10* ₰ — 148— Sie ging ſchnell über den Gang nach ihrem Zimmer, in welchem ſie mit großen Schritten auf und ab ging. „Ich will ihn ſprechen!“ wiederholte ſie nach einem unruhigen Schweigen. 6 Sie nahm aus einer Kaſſette eine ſeidene Börſe und ſetzte eine ſilberne Glocke, die neben ihr ſtand, in heftige Bewegung. Dieſes war ein Ruf, welcher Renaten, ihrem Kammermädchen alt. Renate beeilte ſich, ein höchſt intereſſantes Geſpräch abzubrechen, das ſie mit dem ſchönen YWvon, dem Jägerburſchen auf Schloß Tremlays, auf der Hausflur hatte; ſie brachte ſchnell ihren Kopfputz in Ordnung, ſtrich die ein wenig kraus gewordenen Haare mit der Hand glatt, und ſprang die Treppe hinauf. „Sage Lapierr,“ befahl ihr Alix,„daß ich ihn auf der Stelle ſprechen will.“ Renate ging und in der nächſten Minute wurde Lapierre in das Zimmer des Fräuleins von Vaunoy eingeführt. Als Alix ihn erblickte,* konnte ſie eine Bewegung tiefen Abſcheu's nicht unterdrücken. „Sie haben mich rufen laſſen, gnädiges Fräu⸗1 lein?“ ſagte er. Alix ſetzte ſich nieder, und winkte Renaten, ſich zu entfernen. Einen Augenblick ſchwieg ſe6 — 6 t . e e Bart. Alir bemerkt und ſchlug die Augen nieder, als ſei ſie unſchlüſ⸗, ſig, das Wort zu nehmen. „Iſt Dir viel daran gelegen, im Dienſte des Herrn von Vaunoy zu bleiben?“ fragte ſie end⸗ lich mit einer gewiſſen Heftigkeit. Ein Andrer würde über dieſe Frage vielleicht erſtaunt ſein, aber Lapierre war nicht ſo leicht aus der Faſſung zu bringen. „Außerordentlich viel,“ antwortete er. „Das bedaure ich,“ fuhr Alix fort, welche ihre Verwirrung überwunden und ihre gewöhn⸗ liche Sicherheit wieder bekommen hatte;„es thut mir leid, denn ich bin entſchloſſen, Dich zu ent⸗ fernen.. „Sie, gnädiges Fräulein?“ „Ja, ich.“ „Und iſt es mir erlaubt zu fragen...?“ „Nein.“ Lapierre blickte zu Boden und lächelte in den es und eine brennende Röthe bedeckte ihre „Du mußt la Tre 1uys verlaſſen,“ fuhr ſie fort, indem ſie einen Ausruf verächtlichen Zornes unterdrückte;„es muß geſchehen, ich will es!“ „Wirklich?“ murmelte Lapierre ironiſch. „Du wirſt noch heute und auf der Stelle das Schloß verlaſſen.“ „So ſchnell?“ ſetzeſt den Reſpeet aus den Augen. Aber ich zu dieſem Verbrechen veranlaßt hat; aber Du! „Schweig!... Wenn Du gutwillig gehſt, werde ich Dir Deinen Gehorſam bezahlen.“ Zugleich ließ ſie die Goldſtücke in der ſeide— nen Börſe erklingen.“ 3 „Ah!“ ſagte Lapierre gleichgültig. „Willſt Du dieſes Gold?“ „Ja, aber ich will bleiben; wenigſtens bis Sie mir ſagen, gnädiges Fräulein,“ fügte er im Tone des unverſchämteſten Spottes hinzu,„wie ein armer Teufel wie ich ſich den Haß der Toch⸗ ter aus einem vornehmen Hauſe hat zuziehen können. Ich bin ſehr neugierig, dieſes zu er— fahren.“ „Den Haß?“ wiederholte Alix, deren ganzes Geſicht die tiefſte Verachtung ausdrückte;„Du will Dir ſagen, warum Dein längeres Bleiben im Schloſſe eine Unmöglichkeit iſt. Du biſt ein Mörder, Lapierre!“ „Ah!“ ſagte dieſer noch einmal, ohne die geringſte Bewegung zu ven „Ich weiß nicht,“ Mann wie Du jemals gemein haben kann. „Das iſt's alſo!“ unterbrach ſie Lapierre laut genug, um verſtanden zu werden. „Still, ſage ich, oder ich laſſe Dich für Deine Frechheit beſtrafen. Ich weiß nicht, was Dich Alir fort,„was ein dem Kapitain Didier ———————— — 151— biſt es geweſen, der im vorigen Jahre den Kapi⸗ tain Didier während der Nacht in Rennes auf der Straße angefallen hat.“ „Sie irren Sich, mein Fräulein.“ Alir zog die kupferne Medaille, die der Leſer ſchon kennt, aus dem Buſen. „Die Lüge kann Dir nichts nützen,“ fuhr ſie fort.“„Ich habe Deine Wunde verbunden, als Du in unſer Haus zurück gebracht wurdeſt, und fand dieſe Medaille bei Dir, welche, wie ich wußte, dem Kapitain Didier gehört hat. Du haſt ſie ihm wahrſcheinlich in der Vorausſetzung geſtohlen, daß ſie von Gold ſei.“ „Und Sie, gnädiges Fräulein,“ erwiederte Lapierre lächelnd,„haben ſie ſeitdem ſorgfältig aufbewahrt, obwohl ſie nur von Kupfer iſt.“ „Willſt Du noch leugnen?“ fragte Alix, ohne ihn einer Antwort zu würdigen.. „Warum ſollte ich es?“ „Dann weigerſt Du Dich auch nicht, das Schloß zu verlaſſen?“ „Ja, ich weigére mich.“ „Elender!“ rief Fräulein von Vaunoy, „Deine Frechheit grenzt an Wahnſinn! Fürchteſt Du nicht, daß ich meinem Vater ſage, was Du gethan haſt?“ Lapierre brach in lautes Gelächter aus. Em⸗ pört erhob ſich Alir von ihrem Sitze. „Das iſt zu viel!“ ſagte ſie;„ſobald mein Vater zurückkommt...“ „Wer weiß, wann Ihr Herr Vater zurück⸗ kommen wird, gnädiges Fräulein,“ ſagte Lapierre mit leiſer Stimme. „Was willſt Du damit ſagen?“ fragte das junge Mädchen raſch, von einer unbeſtimmten Unruhe ergriffen. Lapierre öffnete den Mund, um zu antwor⸗ ten; allein er hielt an ſich und rief ſein ſorgloſes, ironiſches Lächeln auf ſeine Lippen zurück. „Wir ſind Alle ſterblich,“ ſagte er, ſich ver⸗ beugend,„und jeder Menſch iſt ſiebenmal des Tages dem Tode ausgeſetzt; dies iſt Alles, was ich damit ſagen wollte, gnädiges Fräulein. Was Ihre Drohung betrifft, ſo iſt dies eine geſchehene Sache, und wir wollen nicht weiter davon ſpre⸗ chen. Aber ich beſchwöre Sie, unterdrücken Sie diejenigen, die Sie vielleicht in Zukunft verſucht ſein dürften, gegen mich auszuſprechen. Es iſt demüthigend und peinlich, einem Untergebenen ohne Erfolg zu drohen.“ „Aber, bei dem Namen meines Vaters!“ rief Alix, welche über dieſe Worte außer ſich ge⸗ kommen war,„ich drohe nicht vergebens. Herr von Vaunoy wird Alles erfahren!“ „Verändern Sie das Tempus.. ich verſtehe ein wenig von der Grammatik. Anſtatt das — Futurum ſetzen ſie das Präſens, dann haben Sie die Wahrheit geſagt, mein Fräulein.“ „Ich verſtehe Dich nicht,“ ſtammelte Alir erbleichend und in Todesangſt. „O ja, mein Fräulein, Sie verſtehen mich, und zwar vollkommen. Glauben Sie mir: zwingen Sie mich nicht, deutlicher zu ſprechen.“ „Erkläre Dich! erkläre Dich!“ rief Alir heftig. „Nach Ihrem Belieben.— Der ausgezeich⸗ nete Verſtand, mit dem Sie begabt ſind, hat Sie ſogleich errathen laſſen, daß zwiſchen einem Manne wie ich und einem jungen Menſchen ohne Vater, wie der Kapitain Didier, keine Feindſchaft ſtatt⸗ finden kann. Auch iſt dies in der That nicht der Fall. Aber das Schickſal iſt ungerecht ge⸗ gen mich geweſen, ich bin nur ein Diener; ich kann Jemanden haſſen, weil ein Andrer ihn haßt, undum mein Brod nicht zu verlieren, kann ich den zichen müſſen, als haßte ich wirklich.“ „Du lügſt!“ unterbrach ihn Ali vernichtet. „Sie wiſſen recht gut, daß ich die Wahrheit ſage. Ich habe einen Mord begangen, weil es mir befohlen worden war...“ „Wagſt Du es, meinen Vater zu beſchuldi⸗ gen, Elender?“ „Ich?... ich glaube nicht, den Namen Ihres Herrn Vaters genannt zu haben... Aber, wen es trifft, der mag es ſich annehmen...“ —. „Du lügſt! Dulügſt!“ rief Alix außer ſich. „Wir wollen annehmen, daß ich lüge, wenn Ihnen dies angenehm ſein kann, mein Fräulein; aber, ich mag nnn die Wahrheit ſagen oder nicht, wenn Sie an dem Kapitain Didier einigen An⸗ theil nehmen, ſo verlieren Sie Ihre Zeit nicht da⸗ mit, einem Manne zu drohen, der Sie nicht zu fürchten hat. Dieſer Mann iſt übrigens nurdas Werkzeug; halten Sie den Arm auf und ſuchen Sie auf das Herz zu wirken...“ Er hielt inne und fuhr mit leiſerer Stimme fort: „Und wenn Ihr Herr Vater zurückkommt, wenn Sie ſo glücklich ſind, ihn wiederzuſehen, dann handeln Sie, ohne eine Minute zu ver⸗ verlieren!“ Nach dieſen Worten machte Lapierre eine tiefe Verbeugung und entfernte ſich mit dem Scheine der größten Ruhe. Alir hörte ſeine letzten Worte nicht, aber ſie hatte genug gehört. Sobald der Diener ſie ver⸗ laſſen hatte, ſank ſie auf ihrem Stuhle zurück und bedeckte das Geſicht mit beiden Händen. Ein Sturm der entſetzlichſten Gedanken erhob ſich in ihrem Kopfe. „Mein Vater! mein Vater!“ rief ſie zwiſchen ihrem verzweiflungsvollen Schluchzen;„nein, ich will es nicht glauben, der Elende lügt!“ Aber es war ihr unmöglich, die fürchterliche — — Ueberzeugung, die ſich immer mehr in ihr befe— ſtigte, zu vernichten; es war ihr Vater geweſen, der die Ermordung Didiers befohlen hatte! Aber was hatte ihn dazu veranlaßt? Schwankend ſtand ſie auf und ſetzte noch⸗ mals die Glocke in Bewegung. Sie wollte mit Didier ſprechen; ſie wollte ihm rathen, ein Haus zu fliechen, wo ſein Leben in Gefahr warz ſie wollte ihm ſagen... aber was konnte ſie ihm ſagen, ohne ihren Vater anzuklagen? Als Renate auf den Ruf der Glocke erſchien, fand ſie ihre junge Gebieterin ohnmächtig am Boden liegend. Alir war der heftigen Erſchüt⸗ terung unterlegen. Als ſie wieder zu ſich ge⸗ bracht worden, verfiel ſie in ein heftiges Fieber, ſie phantaſirte, und wer ſie ſah, glaubte Symp— tome einer ſchweren, wo nicht tödtlichen Krank⸗ heit an ihr zu entdecken. Indeſſen ſchlug die Stunde des Diners, als ob nichts vorgefallen wäre; Herr von Bechameil verließ die Küche und hielt ſeinen Einzug in den Speiſeſaal, hinter ihm ein Bedienter, mit dem kunſtvoll bereiteten Ragout. Der würdige Intendant hatte eine Miene, aus welcher zu gleicher Zeit Beſcheidenheit und das Bewußtſein ſeiner Würde ſprach. Er ſchien ſich ſchon im Voraus an den einſtimmigen Lo⸗ beserhebungen zu laben, welche man dieſem Mei⸗ ſterſtücke der Kochkunſt ſpenden würde, und — 156— machte ſich ſchon auf eine Antwort in Verſen be⸗ reit, mit der er zugleich Fränlein von Vaunoy die Ehre anbieten wollte, dem neuen Gericht ihren Namen beizulegen. Das war gewiß eine ausgezeichnete Huldigung für die ſchöne Alir. Sie wurde dadurch unſterblich, denn das Gericht war nichts Geringeres, als ein Ragout à la Bechamelle— ſo haben die Köche die Ortho⸗ graphie dieſes berühmten Namens verſtümmelt—, und zwar das erſte der verſchiedenen Gerichte, denen dieſer Name beigelegt worden iſt. Ach! das Schickſal geht ſeinen eigenen Weg, und die Pläne der Menſchen ſtehen auf ſchwan⸗ kendem Grunde! Der erſte Genuß dieſer köſt⸗ lichen Speiſe ſollte den unwürdigen Gaumen zweier gemeiner Bedienten zu Theil werden! Als Bechameil in den Saal trat, rief er ſein freundlichſtes Lächeln auf ſeine Lippen, um ſeine Wirthe zu begrüßen. Aber es war verlorene Mühe: kein Menſch war zugegen! Hervé von Vaunoy war noch nicht zurück⸗ gekehrt, Alix lag in einem fürchterlichen Fieber und Fräulein Olivia war bei ihr. Wo der Ka⸗ pitain Didier war, wußte Niemand. Als Bechameil, der ſonſt ſo gelaſſen war, den leeren Saal ſah, kam er in eine heftige Wuth. Troſtlos darüber, keinen Menſchen zu finden, der den Werth ſeines Kunſtwerks würdigen könne, verlangte er auf der Stelle ſeinen Wagen, und . fuhr im Galopp nach ſeinem Landhauſe Cour⸗ Roſe. Das köſtliche Ragout blieb auf dem Tiſche ſtehen. Eine halbe Stunde ſpäter kamen der Haus⸗ hofmeiſter und Lapierre zufällig in den Salon. „Er wird nicht wiederkommen,“ ſagte der Letztere. „Du biſt ein Unglücksvogel,“ erwiederte der alte Alain;„er wird kommen.“ Jetzt bemerkten Beide das Ragout und ſetz⸗ ten ſich ohne Umſtände an den Tiſch. Wir müſſen glauben, daß ſie es ganz nach ihrem Ge⸗ ſchmack fanden, denn nach zehn Minuten war keine Spur mehr davon vorhanden. „Er kommt nicht wieder,“ wiederholte La⸗ pierre, indem er ſich auf ſeinem Stuhle zurück⸗ warf, wie ein Menſch, der eine gute Mahhlzeit gehalten hat. „Er kommt wieder,“ behauptete abermals der Haushofmeiſter, indem er ſeine Branntweinflaſche an den Mund ſetzte.„Willſt Du?“ „Sehr gern.— Wir können nichts dabei ver⸗ lieren, wenn er nicht zurückkommt. Didier, der ſchöne Offizier, hat ein edles Herz und eine ſtets offene Hand; er wird unſre Waare mit einem guten Preiſe bezahlen.“ „Wenn er uns aber hängen läßt?“ „Das thut er nicht.“ — 165— In dieſem Augenblick wurde dreimal ſtark an die äußere Thür gepocht. Meiſter Alain und Lapierre ſprangen von ihren Sitzen empor. „Es iſt Vaunoy,“ ſagte der Haushofmeiſter. „Oder Didier,“ entgegnete Lapierre.„Eine Idee! Wollen wir ſprechen, wenn es Didier iſt? Vaunoy iſt geizig, wir bringen es zu nichts in ſeinem Dienſte.“ Alain beſann ſich und that einen Zug aus ſeiner Flaſche. Als er ſie wieder abſetzte, hatte er einen Entſchluß gefaßt. „Topp!“ rief er,„wenn es Didier iſt, ſpre⸗ chen wir. Kommt Vaunoy dann zurück, ſo kommt er zu ſpät.— Aber wenn es Vaunoy iſt?“ „Dann bin ich feſt überzeugt, daß der Teufel ihn beſchützt, und... der Himmel mag der Seele des Kapitains gnädig ſein!“ „Amen!“ ſagte Meiſter Alain. Im Vorzimmer wurden Schritte hörbar. Die beiden Diener ſtanden auf und blickten erwartungsvoll auf die Thür. „Eine geheime Stimme ſagt mir, daß es der Kapitain iſt,“ murmelte Lapierre. „Ich will wetten, es iſt Vaunoy,“ verſetzte Meiſter Alain. „Gut, was wetteſt Du?“ „Einen Thaler für Vaunoy!“ „Einen Thaler für den Kapitain!“ 12. Bei den Wölfen. Während Pelo Rouan, wie wir oben erwähnt haben, dem alten Stallmeiſter Jud erzählte, ſtieg ein Mann in einen weiten Mantel gehüllt, vor⸗ ſichtig den ſteilen Abhang in die Wolfsſchlucht hinab. Er warf ängſtliche Blicke um ſich, und ſchien die Ueberzengung eines unvermeidlichen Un⸗ glücks zu haben. Indeſſen ſchritt er immer vorwärts. Als er auf dem Grunde der Schlucht bei der alten Eiche angelangt war, in welchem Nikolas Treml ſeinen Schatz verborgen hatte, blieb er ſtehen, um Odem zu ſchöpfen⸗ „Sollten ſie mich denn nicht bemerkt haben?“ ſagte er vor ſich hin, während ſeine Zähne vor Angſt zuſammen ſchlugen. Seine Augen waren ohne Zweifel durch die fieberhafte Aufregung verdunkelt, von welcher ihm alle Glieder unter dem Mantel zitterten, ſonſt würde er dieſen Zweifel nicht ausgeſprochen ha⸗ ben, denn von mehreren Seiten begannen ſich verhüllte Geſichter zwiſchen den vorderen Zweigen des Gebüſches zu zeigen. In dem Augenblick, als der Fremde weiter nach der Stelle zu gehen —— wollte, wo Mathias Blanes Hütte geſtanden hatte, ſprangen drei oder vier Männer mit Wolfs⸗ masken aus dem Dickigt hervor, ſtürzten ſich auf ihn und warfen ihn in einem Augenblick zu Boden. „Wen haben wir da gefangen?“ fragte einer von ihnen, indem er dem Manne im Mantel den Fuß auf die Bruſt ſetzte. Dieſer ſchien trotz ſeiner Angſt von dem An⸗ griffe nicht überraſcht zu ſein, und bemühte ſich nur, ſein Geſicht zu verbergen. „Lieben Freunde,“ ſagte er mit einer Stimme, welche nichts weniger als feſt war,„mißhandelt mich nicht. Ich komme nicht ohne Abſicht hierher.“ „Ein Spion des Menſchenquälers!“ riefen die Wölfe im Chor;„er muß hängen!“ „Heiliger Gott, meine vortrefflichen Freunde! begeht nicht ſo etwas Unerhörtes!“ ſagte der Geängſtete, deſſen Zähne von Neuem und noch ſtärker zuſammenſchlugen.„Ich komme in Eu⸗ rem eigenen Intereſſe zu Euch.“ „Das glauben wir Dir nicht.“ „Bei meiner Seligkeit! ich ſage Euch keine Unwahrheit! Verbindet mir die Angen, damit ich nichts von dem ſehe, was Ihr verbergen wollt, und führt mich zu Eurem Oberhaupte.“ Die Wölfe berathſchlagten. „Es iſt dann immer noch Zeit, ihn zu hän⸗ — * k — 161— gen,“ ſagte einer von ihnen, ein ſtämmiger Holz⸗ ſchläger, Namens Simon Lion. Die Andren ſtimmten ihm bei. „Aber,“ verſetzte ein Korbmacher, Livaudré genannt,„wir müſſen doch wenigſtens ſein Ge⸗ ſicht ſehen.“ Simon Lion riß dem Fremden den Mantel ab, und ſah ein rundes, aber leichenblaſſes Ge⸗ ſicht, welches auf die Bruſt herabgebeugt war. Die vier Wölfe traten höchſt überraſcht zurück. „Der Herr von la Tremlays!“ riefen ſie zu gleicher Zeit. Vaunoy, denn er war es in der That, ver⸗ ſuchte zu lächeln, allein er konnte nur ein kon⸗ vulſiviſches Zucken der Augenlider hervorbringen. „Es iſt der Herr von la Tremlays in Per⸗ ſon, lieben Freunde,“ ſagte er. „Wir ſind nicht Deine Freunde,“ ſagte Li— vaudré mit halblauter, drohender Stimme;„ſind Dir denn die Wege durch den Wald ſo ganz unbekannt, daß Du nur zufällig den eingeſchla⸗ gen haben ſollteſt, der Dich dem ſicheren Tode entgegenführt?“ „Du ſcherzeſt nur, Kamerad,“ ſtammelte Vaunoyz„man ermordet nicht ſo ohne Weiteres einen Menſchen, der uns Reichthum bringt.“ Die Wölfe wechſelten bedentungsvolle Blicke, und Simon unterſuchte ſofort Vaunoy's Ta⸗ ſchen. Der Wald von Rennes. II. 11 „Du lügſt,“ ſagte er, als er nichts gefunden hatte,„jetzt wie immer. Aber ich will des Teu⸗ fels ſein, wenn Du uns diesmal entgehſt!“ Vaunoy's Angſt erreichte den höchſten Grad und vermehrte ſeine Gefahr, denn er verlor die Faſſung und die Sprache. Livaudré löſte einen Strick ab, den er um den Gürtel geſchlungen hatte, und warf das Ende, an welchem ſich eine Schlinge befaud, über einen der niedrigſten Aeſte der Eiche, ſo daß das andre Ende ganz nahe vor Geſicht herabhing. Man kann nicht ſagen, daß dieſer ſich leicht⸗ ſinnig in ein ſo gefährliches Unternehmen einge⸗ laſſen hatte. Im Gegentheil hatte er alle Mög⸗ lichkeiten deſſelben ſorgfältig berechnet; aber er hatte ſeine Furchtſamkeit nicht in Anſchlag ge⸗ bracht, und dieſe brachte ihn in Todesgefahr. Er hatte das Schloß la Tremlays in einem Augenblicke verzweifelter Entſchloſſenheit verlaſ⸗ ſen, in welchem der Feigſte oft der Verwegenſte wird. Sein Haß gegen Didier, oder richtiger geſagt, der heiße Wunſch, dieſen Stein des An⸗ ſtoßes, der ihm fortwährend hinderlich war, aus ſeinem Wege zu ſchaffen, hatte ihm einen Theil der Gefahr verborgen, indem er ihm die Mög⸗ lichkeit des Gelingens gewiſſer zeigte, als ſie es wirklich war. Er ſelbſt konnte nichts gegen Didier, den kö⸗ niglichen Offizier und ſeinen offiziellen Gaſt, —,.— — 6 —— unternehmen, und doch mußte Didier auf die Seite geſchafft werden. Es mußte geſchehen; es war eine Frage, die über ſein Vermögen ent⸗ ſchied, und die auch über ſein Leben und ſeinen Tod entſcheiden konnte. Durch ein ſonderbares Zuſammentreffen von Umſtänden ſtand der junge Soldat unglücklicher⸗ weiſe mit Vaunoy in mehr als einem Punkte in Berührung. Die Liebe ſeiner Tochter zu ihm und die immer zunehmende Abneigung derſelben gegen Bechameil, die eine natürliche Folge dieſer Liebe war, wäre allein ein hinreichender Grund zur Feindſchaft für Vaunoy geweſen; denn zu der damaligen Zeit, wo das Parlament ſich täg⸗ lich mit Adelsprüfungen beſchäftigte, mußte ſich Vaunoy um jeden Preis die Freundſchaft des königlichen Intendanten erwerben, von welchem es allein abhing, daß die reiche Beſitzung Tremls in ſeinen Händen blieb. Aber außer dieſem Grunde hatte Vaunoy noch einen zweiten und wichtigeren, und wir ſa⸗ gen nicht zu viel, wenn wir behaupten, daß er und Didier nicht zu gleicher Zeit in der Welt leben konnten. Wenn uns übrigens die Schilderung ſeines Charaeters nicht ganz mißlungen iſt, wird man leicht einſehen, daß nur ein ſehr wichtiger Grund Herrn von Vaunoy veranlaſſen konnte, ſich der . — 164— Rache der Wölfe auszuſetzen, da er ihr eifrigſter und unerbittlichſter Verfolger geweſen war. Wenn ein ſolcher Grund vorhanden war, dann blieb für einen wirklich entſchloſſenen Mann nichts übrig, als einen Plan zu entwerfen und den Kampf mit Aufbietung ſeiner ganzen Kalt⸗ blütigkeit zu beginnen. Dem Beſitzer von la Tremlays fehlten aber alle dieſe Bedingungen. Während er durch den Wald ritt, hatten ihn zu gleicher Zeit die übertriebenſte Angſt und die thörichtſte Hoffnung beſtürmt. Jetzt wo er han⸗ deln oder ſterben ſollte, war er, von der Angſt überwältigt, beſinnungs- und regungslos und ſchon im Voraus faſt todt, wie die Unglücklichen, die von einem hohen Thurme herabgeſtürzt wer⸗ den, und, wie man behauptet, ſchon den Geiſt aufgeben, ehe ſie auf die Erde kommen. Simon Lion faßte ihn um den Leib und Livaudré macht eine Schlinge an das Ende des Strickes. Vaunoy rührte ſich nicht; er ließ ſich den Strick um den Hals legen, ohne den gering⸗ ſten Widerſtand zu leiſten. Nur als das Seil ihn an der Kehle rieb, blickte er mit ſtieren Au⸗ gen um ſich und ſtieß einen halb erſtickten Angſt⸗ ruf aus. „Zieht!“ rief Livaudré. Die Füße des Unglücklichen verließen den Boden. —— — 165— Wie man ſieht, waren Lapierre's Ahnungen nicht ganz ohne Grund. Allein in dem Augenblick, wo die violette Farbe des Geſichts durch die Strangulation ſich in Schwarz verwandelte, ſprang noch ein Mann, ebenfalls ein Wolf, aus dem Gebüſch. „Komm, komm, kleiner Yaumi!“ ſagten ſeine Kameraden,„ſieh die letzten Geſichter mit an, die einer Deiner Bekannten ſchneidet!“ Der kleine Yaumi, den wir ſchon in Pelo Rouans Hütte kennen gelernt haben, war ein tüchtiger Burſche, faſt ſechs Fuß hoch und nach Verhältniß kräftig gebaut. Er warf einen Blick auf Vaunoy und erkannte ihn trotz der Verzer⸗ rung ſeiner Geſichtszüge. „Die Unbeſonnenen!“ ſagte er,„ſie wollten ihn ermorden!“ Und mit einem Hiebe ſeines Jagdmeſſers durchſchnitt er den Strick. Vaunoy fiel wie eine lebloſe Maſſe zu Boden. „Ihr habt etwas Schönes gemacht,“ ſprach der kleine Yaumi zu ſeinen Kameraden.„Was würde der Meiſter geſagt haben? Wißt Ihr nicht, daß er mit dieſem Böſewicht, für den der Strick ein viel zu ſanfter Tod iſt, noch eine be⸗ ſondre Rechnung abzumachen hat?— Iſt der Meiſter in dem Schachte?“ „Der Teufel mag wiſſen, wo der Meiſter iſt,“ erwiederte Livandré mürriſch;„was aber * dieſen alten Schurken hier betrifft, ſo kann erſich rühmen, glücklich zu ſein. Aber er iſt noch nicht am Ende, und wir wollen erſt abwarten, ob un⸗ ſre Aelteſten ihm nicht den Strick wieder um den Hals legen werden.“ „Uuſre Aelteſten gehorchen dem Meiſter eben ſo wie Du und ich,“ ſagte Yaumi mit wichti⸗ gem Tone; ſie werden was der Meiſter befiehlt.“ Vaunoy war indeſſen ſiere zur Beſiunung gekommen, und bewegte ſich auf dem Graſe. „Steh auf!“ rief Simon Lion, indem er ihn mit dem Fuße ſtieß. Vaunoy, der mehr Angſt als Schaden ge⸗ litten hatte, gehorchte ohne große Mühe. Dieſe erſte Gefahr, der er auf eine ſo wunderbare Weiſe entgangen war, hatte, durch eine ſonderbare Rück⸗ wirkung, ſeinen Geiſt einigermaßen wieder ge— kräftigt. „Verbietet Euren Leuten, mich zu mißhan⸗ deln,“ ſagte er mit feſterer Stimme zu Yaumi; „dieſer Strick hätte Euch faſt um fünfmalhun⸗ derttauſend Livres gebracht.“ Auf Yaumi machten dieſe Worte keinen Ein⸗ druck; aber nicht ſo war es mit den andren vier Wölfen. „Fünfmalhunderttauſend Livres!“ wieder⸗ holten ſie ganz erſtaunt. Vannoy athmete auf. Die Wirkung war da. * 6 — — 167 „Führt mich zu Euren Oberen,“ ſagte er in gebieteriſchem Tone. „Jetzt,“ ſagte der kleine Yaumi vor ſich hin, indem er ſeine breiten Achſeln zuckte,„werden ſie ihn wohl entſchlüpfen laſſen.— Ich wollte einen Thaler darum geben, wenn der Meiſter hier wäre!“ Simon Lion band ein Tuch, welches ihm als Gürtel diente, um Vaunoy's Augen, dann zogen ihn die vier Wölfe zu dem weſtlichen Ab⸗ hange der Schlucht hin, auf deren Gipfel die Ruinen der beiden Windmühlen ſtanden. Vaunoy fühlte bald, daß eine kalte, feuchte Luft ſeine Wange berührte, und zu gleicher Zeit verwandelte ſich der ſchwache Lichtſchimmer, wel⸗ cher durch die Binde vor ſeinen Augen hindurch gedrungen war, in völlige Finſterniß. Bald ſtieg er die Stufen einer faſt ſenkrechten Treppe hinab, bald wurde er von den Armen ſeiner Führer emporgehoben und vorſichtig einige Se⸗ kunden lang getragen, ehe er wieder niedergeſetzt wurde. Dies dauerte ohngefähr zehn Minnten. Nach dieſer Zeit vernahm Vaunoy das Geräuſch ver— wirrter Stimmen, und ein ſtarker Geruch von Tabak und Branntwein fiel ihm auf die Bruſt. Man riß ihm die Binde von den Augen. Er befand ſich bei den Wölfen und zwar in ihrem Refectorium, wo ſie eben ihre Mahlzeit beendigt hatten.* Der rothe Schein eines Dutzend Fackeln, welche um ihn her brannten, blendete anfangs ſeine an die Dunkelheit gewöhnten Augen. Da⸗ bei verlor er von dem betäubenden Geſchrei, das ein paar Hundert mit Branntwein getränkte Kehlen bei ſeinem Anblick erhoben, faſt von neuem die Beſinnung. Es war auch Grund dazu vor⸗ handen, denn von allen Seiten hörte er die hef⸗ tigſten Drohungen und Todesgeſchrei. Bald aber legte ſich der ärgſte Lärm. Simon Lion hatte ein Paar Worte geſagt, welche einen wirklichen magiſchen Effect hervorgebracht hatten. Das Geſchrei wurde plötzlich zum Gemurmel und Simons Worte gingen von Munde zu Munde. „Fünfmalhunderttauſend Livres!“ ſagte man von allen Seiten. Dieſes Geflüſter war von der beſten Vorbe⸗ deutung, und belebte Vaunoy's Kräfte mehr, als der vortrefflichſte Heilbalſam es vermocht hätte. Er lebte von neuem auf und bekam eben ſo viel Muth, als er früher Furcht gehabt hatte. Das Schauſpiel, welches er immer deutlicher ſah, je mehr ſeine Angen ſich an den düſtren Schein der Fackeln gewöhnten, war indeß keines⸗ weges geeignet, um ihn vollkommen zu beruhi⸗“ gen. Er befand ſich im Mittelpunkte einer zahl⸗ reichen Verſammlung, welche in regellos zerſtreu⸗ ten Gruppen um rohe Tiſche ſaßen, und tranken, aßen oder rauchten. Das Ganze glich einer un⸗ ——. — — —— —— geheuren Taverne, oder etwas noch Schlimmeren. Das Licht, welches auf einem Punkte vereinigt war, wurde in der Entfernung immer ſchwächer, ſo daß der größte Theil der anweſenden Men⸗ ſchenmenge in ein phantaſtiſches Halbdunkel ge⸗ hüllt war, und in der Ferne einen ſchauerlichen und faſt diaboliſchen Anblick gewährte. Die Entfernteren verſchwanden in der Dunkelheit, und wenn eine zufällige Bewegung oder das hellere Aufflammen einer Fackel den Lichtkreis vergrößerte, ſah man überall neue Figuren von Trinkern oder Rauchern auftauchen. Alle dieſe Trinker und Raucher waren Wölfe, ehrliche Waldarbeiter, die, wie wir überzeugt ſind, bei hellem Tage die gutmüthigſten Geſichter von der Welt hatten; aber der bluthrothe Schein der Fackeln gab ihren Zügen einen Ausdruck ab⸗ ſchreckender Wildheit. Wenn ſie auch gute Men⸗ ſchen waren, ſo verriethen ſie dies nicht durch ihr Aeußeres, und ihre Verſammlung hätte ei⸗ nen vortrefflichen Stoff zu einem ſchauerlichen Nachtgemälde gegeben. Hin und wieder erkannte Vaunoy unter der Menge das bekannte Geſicht eines Böttchers oder Korbmachers, das er ſchon öfter im Walde geſe⸗ hen hatte. Zwei oder drei der Wölfe hatten ihre Pelzmasken behalten, und trotz des unaufhörli⸗ chen Wechſels von Licht und Schatten, glaubte Vaunoy ſpäter behaupten zu können, daß dieſe — 170— fortdauernd maskirten Wölfe ihre guten Gründe hatten, ſich in ſeiner Gegenwart zu verhüllen denn ſie trugen die Livree von la Tremlays. In der Mitte des Raumes ſtand ein etwas ſorgfältiger gearbeiteter Tiſch als die übrigen. Um dieſen Tiſch ſaßen neun alte, erfahrene Wölfe, die ohne Zweifel den Senat dieſer ſeltſamen Re⸗ publik bildeten. Den Dietator aber, den berüchtigten weißen Wolf, von dem das Gerücht ſo viel erzählte, konnte Vannoy trotz alles Suchens an keinem / äußeren Zeichen erkennen, und er vermuthete da⸗ her, daß er abweſend ſei. Nach einigen Minuten gebot einer der Greiſe Stillſchweigen, und wendete ſich dann an Vau— noy, der ſich alle Mühe gab, ſeine wankend ge⸗ wordene Kaltblütigkeit wieder zu befeſtigen. „Weshalb biſt Du in die Wolfsſchlucht ge⸗ kommen?“ fragte der Alte. Vaunoy nahm ſeinen ganzen Muth zuſam— men und antwortete: „Ich bin hierher gekommen, um das zu ſu— chen, was ich gefunden habe; ich wollte die Wölfe ſehen.“ „Das iſt ein Anblick, der Dir theuer zu ſtehen kommen kann, Hervé von Vaunoy. Haſt Du denn alles das Böſe vergeſſen, was Du uns angethan haſt?“ „Nein, aber ich habe auf Euren geſunden Ver⸗ — 171— ſtand und auch auf Eure Armuth gerechnet, die ich übrigens— ich kann es wohl ſagen—“ ſetzte er mit leiſerer Stimme hinzu,„mir ſchlimmer vor⸗ geſtellt habe, als ſie in Wahrheit zu ſein ſcheint.“ „Wir leben ſo gut wir können„erwiederte der Greis.„Man hat uns unſer ſchwarzes Brod und unſer Glas Cider genommen, und wir neh⸗ men jetzt unſren Räubern das, was uns in den Stand ſetzt, Weißbrod zu eſſen und Branntwein zu trinken. Was unſren geſunden Verſtand be⸗ trifft, ſo danken wir Dir für das Kompliment. Aber ſage uns, was willſt Du mit unſrem ge⸗ ſunden Verſtande, der uns den Rath giebt, Dich zu hängen, und mit unſrer Armuth, zu deren Vergrößerung Du alles Mögliche gethan haſt?“ „Ich will mich rächen,“ erwiederte Vaunoy. „Haſt Du nicht Deine gewöhnlichen Mörder in Deinem Schloſſe?“ „Genug!“ unterbrach ihn Vaunoh mit einem Ausdruck von Ungeduld, der ihm ſehr zu ſtatten kam;„wir wollen uns wie Männer verſtändigen und zur Sache kommen.— Wollt Ihr fünfmal⸗ hunderttauſend Livres gewinnen?“ „Fünfhundert Millionen Lügen!“ rief eine rauhe Stimme, deren Eigenthümer, der kleine Yalumi, ſich durch die Menge drängte, und ſich mit ſeiner hohen Geſtalt vor den Tiſch ſtellte, an welchem der Senat der Wolfsſchlucht ſaß.„Va⸗ ter Touſſaint und Ihr Andren,“ fuhr er fort, — 172— „hört nicht auf das, was Euch dieſer Böſewicht ſagt; Ihr kennt ihn. Und übrigens könnt Ihr in Abweſenheit des Meiſters nichts entſcheiden.“ Vaunoy horchte hoch auf, als er das Wort Meiſter hörte. Das war eine neue Schwierigkeit, die er nicht mit in Anſchlag gebracht hatte. Der Vater Tonſſaint ſchüttelte mit einer unzufriedenen Miene den Kopf. „Freund Yaumi,“ ſagte er,„der Meiſter iſt der Meiſter; aber wir ſind auch etwas, und fünf⸗ malhunderttauſend Livres findet man nicht alle Tage im Walde. Das verdient Ueberlegung.“ Abet e Die Wölfe ſtießen ſämmtlich ein Murren der Mißbilligung aus. Den guten Leuten war an den verſprochenen fünfmalhunderttauſend Livres mehr gelegen, als wir ſagen können. „Lieber Yaumi,“ fuhr Tyuſſaint mit um ſo größerer Sicherheit fort, als er ſah, daß er un⸗ terſtützt wurde,„laß uns handeln, der Meiſter ſoll zufrieden ſein.“ „Und wenn er es nicht iſt?“ fragte Yaumi. Niemand unter der Menge ſprach ein Wort. Der Alte war in ſichtbarer Verlegenheit. „Er wird es ſein,“ ſprach er nach einer Pauſe.„Es kann Niemand geneigter ſein, ihm zu gehorchen, als ich... aber...“ „Aber Ihr wollt der Möglichkeit trotzen, ihm ungehorſam zu ſein.— Hört mich an! Ich ——— weiß, daß der Meiſter ſein beſtes Blut darum geben würde, daß er dieſen Mann ſelbſt in un— ſrer Gewalt ſehen könnte.“ Vaunoy zitterte an allen Gliedern. „Ich weiß es,“ fuhr er fort,„daß dieſer Mann und unſer Meiſter eine lange und ver⸗ wickelte Rechnung mit einander abzuſchließen ha⸗ ben.— Ich will den Meiſter holen.“ „Wer weiß, wo er zu finden ſein wird?“ „Ich werde ihn ſuchen, erwartet mich.“ „Das iſt unmöglich!“ rief Vaunoy, indem er Alles auf eine Karte ſetzte;„Alles iſt verlo⸗ ren, wenn ich nicht in zwei Stunden wieder in la Tremlays bin.“ „Zwei Stunden ſind mir genug,“ ſagte Yaumi. Die Greiſe berathſchlagten. Wir müſſen glau⸗ ben, daß die Autorität Desjenigen, den man den Meiſter nannte, und der kein Andrer war, als der weiße Wolf, ſehr entſcheidend war, denn trotz ihrer großen Begierde, die fünfmalhunderttauſend Franken zu gewinnen, trat die Maſſe der Wölfe Yaumi bei. „Dagegen iſt nichts zu ſagen,“ murmelten ſie;„der Meiſter muß benachrichtigt werden.“ „So geh,“ ſagte Touſſaint zu Yaumi; „aber wenn Du in zwei Stunden nicht zurück biſt, handeln wir nach unſrer Anſicht.“ Yaumi ging noch nicht. —— „Vorher,“ ſagte er,„muß ich Alles wiſſen, was dieſer Mann will.“ „Das iſt richtig,“ entgegnete Touſſaint. „Erklärt Euch, Hervé von Vaunoy.“ „Die fünfmalhunderttauſend Livres, von dem die Rede iſt,“ erwiederte der Beſitzer von la Tremlays,„ſind der Ertrag der Steuern aus dem Bisthume Dol, welchen der königliche In⸗ tendant nach Paris ſchickt. Dieſe fünfmalhun⸗ derttauſend Livres bleiben eine Nacht in meinem Schloſſe. Dies wird genügen.“ „Gewiß!“ ſagte Touſſaint. „Gewiß!“ wiederholten die Wölfe. „Der Mann, den ich tödten will,“ fuhr Vau⸗ noy fort,„iſt eben ſo ſehr ener Feind, als der mei⸗ nige; es iſt der neue Kapitain der Marechauſſee.“ „Wäre er auch noch etwas Schlimmeres,“ ſagte Touſſaint mit ernſter Stimme,„ſo hoffe doch nicht auf unſren Beiſtand, Hervé von Vau— noy. Die Wölfe ſind keine Mörder.“ „Die Wölfe überfallen die Kaſſe und nehmen die fünfmalhunderttanſend Livres; die Wölfe ſollen den ganzen Nutzen haben... das Uebrige thue ich.“ Der alte Touſſaint bewegte den Kopf mit ei⸗ ner Miene unzweideutiger Zufriedenheit. „Das könneu wir annehmen,“ ſagte er,„das können wir mit gutem Gewiſſen annehmen. Nun, Yaumi, weißt Du genug?“ „Ich gehe,“ erwiederte dieſer. Er nahm in der That ſeine Maske vor das Geſicht und verſchwand in der Dunkelheit. Vaunoy ſetzte ſich auf eine Bank. Man ſtellte ein Glas Branntwein vor ihn, das er mit den Lippen berührte. Die Wölfe tranken und rauchten wieder, denn nachdem dieſe armen Leute, die früher brave und fleißige Handwerker geweſen waren, mit Gewalt aus ihrer Bahn geworfen worden, hatten ſie ziem— lich alle die Laſter angenommen, welche aus der vom Raube unterſtützten Arbeitsloſigkeit entſtehen⸗ Vannoy hatte ſeine Uhr vor ſich auf den Tiſch gelegt, und zählte die Minuten. Von Zeit zu Zeit unterbrach die Stimme des alten Touſſaint, der einige Erklärungen über die Art und Weiſe des Ueberfalls, über die beſte Zeit dazu ꝛc. von ihm verlangte, die Thätigkeit ſeiner Gedanken. Eine Stunde verging, dann noch eine halbe, und endlich deutete der Zeiger ſeiner Uhr an, daß die zwei Stunden verfloſſen waren. Vaunoy's Bruſt erweiterte ſich von einem langen, tiefen Odemzuge. Er ſtand auf. „In der That,“ ſagte Toiſſaint,„Hervé von Vaunoy befindet ſich in ſeinem Rechte. Ein ehr⸗ licher Mann hält ſein Wort; wir haben das unſrige gegeben, wir ſind ehrliche Leute.“ „Das iſt klar!“ beſtätigten die Umſtehenden. „Du kannſt alſo gehen; Dein Intereſſe bürgt uns für Deine Pünktlichkeit. Morgen, eine Stunde nach Sonnenuntergang, werden wir an dem be— zeichneten Orte ſein.“ „Auf morgen alſo!“ ſagte Vaunoy, der ſei⸗ nen Führern nach dem Ausgange zu vorauseilte. Man verband ihm wieder die Augen und eine Viertelſtunde ſpäter ſchwang er ſich fröhlich wieder auf ſein Roß, das ihn jenſeit des Dickigts erwartete. „Heiliger Gott! heiliger Gott! heiliger Gott!“ rief er in wahnſinniger Freude während des gan— zen Weges, während er ſeinem Pferde unaufhör— lich die Sporen in die Seite ſetzte. Wie man ſieht, gewann der alte Haushof— meiſter ſeine Wette, denn es war in der That Vaunoy, der heftig an die äußere Thür des Schloſſes geklopft hatte, und er war es auch, der im Augenblicke, als die Wette abgeſchloſſen wor⸗ den war, zu Lapierre's höchſtem Erſtaunen in den Speiſeſaal trat. Vaunoh warf ſich odemlos in einen Lehnſtuhl. „Wir haben ihn!“ rief er.„Ich habe mein Leben aufs Spiel geſetzt und habe gewonnen, aber ich ſchwöre bei Gott, daß ich es nicht noch einmal verſuche!“ Ende des zweiten Bandes. Druck von Ernſt Stange in Leipzig. 5