Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, 3 deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Achtundfünfzigſter Theil. Stuttgart: 8½ Scheible, niegera Sattler. 1845. Der Barbier von Paris. Von Paul de Koch. — Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. —— Vierter Theil. DSo⸗ Stuttgart: Scheible, Nieger ½ Sattler. 1843. 4 3 4 7 — e=mmuu Errſtes Kapitel. 4 Das Schloß Sarcus. Die Berline, in der ſich Blanca befand, rollte ſchon ſeit mehreren Stunden, und das liebenswürdige Kind hatte ſich von der Verwirrung und Ueberraſchung, in die es durch ſeine neue Lage verſetzt worden, kaum erholt. Daß ſie, die bisher in gänzlicher Zurück⸗ gezogenheit gelebt hatte, ſich jetzt mitten in der Nacht allein in einem Reiſewagen befand, erſchien ihr als ein Traum. Von der Wirklichkeit ihrer Lage konnte ſie nur durch das Raſſeln der Räder, den Hufſchlag der Pferde und das Klatſchen der Peitſche des Po⸗ ſtillons, der die Schnelligkeit ſeiner nichts deſto weniger wie der Wind dahinfliegenden Renner zu verdoppeln ſuchte, überzeugt werden. „Ich werde Urbain ſehen,“ ſagte die zitternde Reiſende jeden Augenblick zu ſich; nich werde ihn wiederfinden... ich darf keine Furcht haben... wir werden glücklich werden. Warum bin ich alſo gegen⸗ wärtig nicht ſo zufrieden wie damals, wo wir dieſen Zeitpunkt ſo ſehnlich herbeiwünſchten. allein damals hoffte ich mit Urbain abzureiſen und alles das ſich ganz anders gefügt. Armer Urbain! es iſt nit ſeine Schuld; aber warum hat er ſich geſchlagen? 6 Ach! wie ſehr verlangt es mich, bei ihm zu ſein!... Und Margarethe, ſie hat nicht einmal Abſchied von mir genommen... es ſcheint, als wolle mich die ganze Welt verlaſſen!“ 3 „Blanca trocknete einige Thränen, die ihre Augen benäßten und blickte dann nach den Fenſtern der Kut⸗ ſchenſchläge, allein die Dunkelheit ließ ſie keinen Gegenſtand wahrnehmen. In den Hintergrund des Wagens zurückſinkend, ſeufzte ſie und ſagte zu ſich: „Wo ſind wir?.. ich weiß es nicht... allein es ſcheint mir, als gehe es ſehr ſchnell. Ach, um ſo beſſer, ich werde deſto früher bei Urbain ſein.“ Endlich fängt es an, Tag zu werden. Blanca, die den Kopf jeden Augenblick dem Kutſchenſchlage nähert, fängt nun an, Bäume, Felder und Häuſer dunkel zu unterſcheiden. Bald zerſtreut ſich der Nebel gänzlich und das junge Mädchen kann nicht müde werden, das Gemälde des Tagesanbruchs und die verſchiedenen Gegenden, die vor ihr zu fliehen ſchei⸗ nen, zu bewundern. Die Berline rollt jetzt auf einer Straße dahin, die bloß von Bäumen und Hecken begrenzt iſt; die Zweige einiger alten Eichen berühren zuweilen den obern Theil des Reiſewagens, und dieſes unerwartete Rauſchen macht die junge Reiſende beben. Plötzlich aber erweitert ſich der Geſichtskreis bedeutend: die Straße iſt von Wieſen und Ackerfeldern begrenzt,⸗ ſchon iſt der emſige Landmann an ſeiner Arbeit, ſchon zieht der Pflug Furchen und der Spaten ſucht der Erde eine neue Geſtalt zu geben. Die Bäume ſind noch blätterlos, allein ihre Gipfel röthen ſih und verkünden die Wiederkehr des Frühlings. Weiter⸗ hin kommt man durch ein Dorf, deſſen Einwohner ſich unter der Thüre ihrer Häuſer oder an ihren Fenſtern zeigen, begierig, den Wagen zu ſehen, der an ihnen vorüberrollt. Das Bild des Friedens und der Geſundheit ſpiegelt ſich auf dem Geſichte jedes Bauern ab; dieß iſt ihr einziger Schmuck, denn die Reinlichkeit gehört nicht unter die Tugenden der Land⸗ leute, deren Kinder auf Miſthaufen in Geſellſchaft von Gänſen und Enten ſpielen. Allein die Natur iſt nicht immer anmuthig, und nicht in der Umgegend von Paris darf man Florians Hirten, Bertins Schäfer und die verführeriſchen Dorfbewohnerinnen unſerer komiſchen Opern ſuchen.. 5 Einer einfachen und reinen Seele gefallen länd⸗ liche Gemälde ſtets, und als Blanca Dörfer, Weiler und Pachthöfe an ihr vorüberfliehen ſah, rief ſie aus: „Welche Wonne, hier zu wohnen, in dieſen Feldern und Gehölzen umherzuſchwärmen; ach, wie glücklich werde ich bei Urbain ſein!“ Die Felder und Gehölze waren in der That reizen⸗ der als die Straße des Bourdonnais und das düſtere Haus des Barbiers. Der Wagen hält nicht an; der Poſtillon hat Be⸗ fehl, bis an das Schloß zu fahren und ſollten die Pferde auch zu Grunde gehen. Blanca weiß nicht, in welcher Entfernung von Paris Urbains Landhaus liegt, und da ſie ſich übrigens nicht erinnert, ſch je in einem Wagen befunden zu haben, ſo ſcheint es ihr, man müſſe, wenn man ſo ſchnell fortrolle, eine 1 zu öffnen,„hier iſt es nicht!... es kann hier nicht 8 große Strecke Weges zurücklegen. Gegen ein Uhr Mittags fährt man durch den ſchönen Marktflecken Grandvilliers, wo eine große Anzahl Fabriken den Einwohnern Beſchäftigung und einige Wohlhabenheit verleihen; allein man macht daſelbſt nicht Halt. Der Wagen durcheilt, ſich rechts wendend, eine große Ebene und nimmt dann ſeine Richtung nach einem Gebäude, das man in geringer Entfernung bemerkt und das mit Recht das Wunder der Gegend genannt wird: es iſt das Schloß Sarcus, deſſen elegante Vorderſeite in der Entfernung ſichtbar wird. Blanca bemerkt das Schloß, allein ſie iſt weit entfernt, zu glauben, daß hier das Ziel ihrer Reiſe ſei. Indeſſen betrachtet ſie das prächtige Gebäude, und je weiter der Wagen vorwärts rollt, deſto leichter wird es ihr, die Sculpturen zu unterſcheiden und die Arbeit der Künſtler zu bewundern, die ſich ſelbſt über⸗ troffen haben, um den Beifall des tapfern Monarchen zu verdienen, der die Künſte eben ſo ſehr beſchützte, als er die Schönen liebte. Der Wagen rollt noch immer: jetzt kommt man vor dem Schloſſe an und ſtatt weiter zu gehen, nimmt der Wagen ſeine Richtung nach dem Innern dieſer chtigen Wohnung.„Nun, nun! was macht Ihr eenn,“ ſagte Blanca und ſuchte den Kutſchenſchlag ſein!... Urbain hat kein ſo großes Haus wie dieſes . der Kutſcher hat ſich getäuſcht!“ Indeſſen hat der Wagen in einem geräumigen Hofe Halt gemacht; ein Bedienter in reicher Livree 9 öffnet den Kutſchenſchlag und reicht Blanca mit höchſt ehrerbietiger Miene die Hand, um auszuſteigen. „O nein!... ich will nicht ausſteigen,“ ſagte das liebenswürdige Kind, den Bedienten erſtaunt anblickend; „nicht hierher will ich... man täuſcht ſich ohne Zweifel. Das iſt ein Schloß und kann Urbains Wohnung nicht ſein; zudem würde er mir augenblicklich entgegen⸗ eilen.“ „Nein, Madame, man hat ſich nicht getäuſcht,“ erwiedert Germain, der Bediente des Marquis, der zwei Stunden vor dem Wagen angekommen war, um dem Schloßvogt Befehle zu ertheilen und für Blanca eine Reihe Zimmer zubereiten zu laſſen. „Hier iſt das Ziel Ihrer Reiſe und Alles iſt zu Ihrem Empfange angeordnet.“. „Hier?“ ſagt Blanca, ſpringt ſchnell aus dem Wagen und wirft dann erſtaunte Blicke um ſich. „Aber wo iſt er denn?“ wiederholt ſie mit Ungeduld. „Er iſt noch nicht angekommen, Madame,“ er⸗ wiedert Germain, der von ſeinem Herrn den Befehl empfangen hat, Niemand zu nennen und das junge Mädchen in der Vorſtellung zu beſtärken, die ſie ſich von dieſer Reiſe gebildet haben würde. „Wie, er iſt nicht angekommen!... ich glaubte, er ſei vor mir abgereist. Er iſt alſo nicht geraden Veges hierher gekommen!... Ach, ich begreife: er fürchtete verfolgt zu werden und war daher genöthigt, ſich zu verbergen und Umwege zu machen..„ „Das iſt es,“ antwortet der Diener lächelnd,„und ich glaube nicht, daß er vor Nacht ankommen wird.“ 10 „Armer Urbain, welche Langeweile!... Noch bis auf den Abend warten zu müſſen...“ „Wenn Sie mir folgen wollen, Madame, ſo werde ich Sie in die Gemächer führen, die man in der Eile für Sie eingerichtet hat.“ „Ich bin keine Madame, ich heiße Blanca. Wir ſind noch nicht verheirathet... aber ſobald er an⸗ kommt, hoffe ich ſeine Frau zu werden. Gehen Sie voran, mein Herr, ich folge Ihnen.“ Der Bediente tritt in eine große Hausflur, ſteigt eine Marmortreppe hinauf und führt Blanca durch prächtige Galerien, die auf der einen Seite durch Glasfenſter von verſchiedenen Farben verſchloſſen ſind, welche die anziehendſten Gegenſtände der Mythologie darſtellen. Blanca kann nicht müde werden, Alles, was ſich ihrem Anblicke darbietet, zu betrachten; da ſie ſich von ihrem Erſtaunen nicht erholen kann, bleibt ſie ſtehen und ſagt mit rührender Stimme zu Germain: „Mein Herr... ich bitte Sie, ſagen Sie mir die Wahrheit... gehört dieſe herrliche Wohnung ihm?“ „Ja, Fräulein, dieſes Schloß gehört ihm.“ „Ach, ich vermuthete doch, daß es ein Schloß ſei! ... Er ſagte, er habe nur ein kleines Haus; dieſes ſcheint mir unermeßlich. Allein man muß ſehr reich ſein, wenn man ein ſolches Schloß hat, und Urbain bedauerte zuweilen, daß er kein großes Vermögen mit mir zu theilen habe.“ „Er hatte dabei die Abſicht, Sie zu überraſchen⸗ Mademoiſelle.“ 11. „Der Boͤſewicht!.. werde ich ihn nicht ſteis gleich ſehr lieben, mag er nun reich oder arm ſein!... Mein Gott!... wie groß das iſt... dieſe Galerien ... dieſe ſchönen Säle... wir werden uns hier ver⸗ irren; und wie wird Margarethe ſtaunen!... Mein Herr, gibt es Kühe, Kaninchen hier?“ „Es gibt Alles hier, was Sie verlangen, Made⸗ moiſelle.“ „Urbain hat mir eine ſchöne Kuh verſprochen und ich will ſte melken und aus der Milch Butter und Käſe bereiten; das iſt unterhaltend.“ Germain tritt ein wenig zurück, um ein Lächeln zu verbergen, das ihm auf den Lippen ſchwebt, denn der ländliche Geſchmack des jungen Mädchens däucht dem Bedienten des großen Herrn ſonderbar; aber bald öffnet er eine Thüre und ſagt:„Dieß iſt die Wohnung, die man für Sie eingerichtet hat; wenn ſie Ihnen nicht gefällt, ſo ſteht es Ihnen frei, in dem Schloſſe zu wählen; man wird ſich beeilen, Ihre Be⸗ fehle zu vollziehen.“ „O, mein Gott! jedes Zimmer iſt für mich taug⸗ lich,“ ſagt Blanca, in ein reich möblirtes Gemach mit Spiegeln, in denen man ſich in Lebensgröße ſehen kann, tretend.„Es iſt nur zu ſchön hier,“ fährt ſie fort, die Tapeten, die Draperien und die Kronleuchter des Zimmers betrachtend; hierauf tritt ſie in ein zweites, mit demſelben Prachtaufwande geſchmücktes Gemach, in welchem ſich ein Bett befindet, das ſeidene Umhänge mit ſilbernen Kränzen umgeben. Wenn er hier wäre!“ ſagte Blanca, einen Seufzer 12 ausſtoßend,„ſo würde mir alles das beſſer gefallen. 4 Und wohin ſehen dieſe Fenſter?“ Germain beeilt ſich die Fenſter zu öffnen, die insgeſammt mit großen Balkonen verſehen ſind. Blanca tritt vor und kann ſich nicht enthalten, einen Schrei des Entzückens auszuſtoßen, als ſie einen See erblickt, der die Mauern des Schloßflügels, in wel⸗ chem ſich ihre Wohnung befindet, beſpült. Der See dehnt ſich über einen großen Wieſengrund aus und verliert ſich in den Felſen, wo das Waſſer in ein unermeßliches Becken hinabſtürzt. Auf der rechten Seite der Wieſe bemerkt man Gebüſche und Haine, auf der andern Seite kreuzen ſich Hügel und die Ausſicht verliert ſich in eine ausgedehnte Landſchaft, die ein reizendes Gemälde darbietet.„Ach, wie hübſch das iſt!“ ruft Blanca,„die ſchöne Ausſicht!“ „Sie können ſich jetzt noch keinen Begriff davon bilden; wenn dieſe Felder mit Grün bedeckt ſind, dann erſt wird dieſe Gegend Sie entzücken.“ „Allein ich möchte an allen dieſen Orten, die ich erblicke, luſtwandeln, auf dieſer Wieſe einhergehen und auf dieſem See, deſſen Waſſer dieſe Mauern be⸗ ſpülen, ſchiffen.“ „Das iſt ſehr leicht, Fräulein;z Alles, was Sie ſehen, gehört zum Schloßpark. Wenn Sie die Gärten beſichtigen, den Park durchwandern, auf dem See umherſchiffen wollen, ſo bin ich bereit, Sie zu be⸗ gleiten.“ „Und wie, alles das gehört Urbain?“ „Ja, Mademoiſelle, alles das gehört zum Schloß.“ 13 Jedes Wort von Germain erhöht Blanca's Er⸗ ſtaunen, die nicht begreift, wie ihr ſanftmüthiger Freund ſie in einem ſolchen Grade habe täuſchen können, und doch die Verrätherei, deren Opfer ſie iſt, nicht argwohnt. Der Bediente zieht eine Klingel: eine junge Bäuerin tritt in das Zimmer und begrüßt Blanca, die ihren Gruß mit Güte erwiedert, auf eine linkiſche Weiſe. „Mademoiſelle,“ ſagte Germain,„dieſes junge Mädchen wird Ihre Befehle vollziehen; ſie wird Sie als Kammerfrau bedienen, wenn Sie ihre Dienſte annehmen wollen.“ „O, ich bediene mich ſelbſt und habe Niemand nöthig; ich danke Ihnen.“ „In jedem Falle wird Marie erſcheinen, ſobald Sie ihr klingeln werden. Sie werden nach den Beſchwerden Ihrer Reiſe der Ruhe bedürfen; wir wollen uns entfernen...“ „Ja... da er doch vor Abend nicht ankommen wird, ſo will ich verſuchen, ein wenig zu ſchlafen; die Zeit wird mir ſo weniger langweilig werden...“ Germain gibt Marie ein Zeichen, die nach zwei höflichen Verbeugungen das Gemach verläßt, gefolgt von dem Bedienten des Marquis. Als ſich Blanca allein in ihrer neuen Wohnung ſieht, wirft ſie von Neuem erſtaunte Blicke um ſich. Alles, was ihr ſeit dem Abend des vorigen Tages begegnet iſt, ſcheint ihr ein Traum; ſie bleibt vor den Möbeln, den Spiegeln ſtehen und murmelt Paul de Kock. KVIII. 2. 14 ſeufzend:„Ihm gehört alles das!.. Warum aber dieſes geheimnißvolle Weſen?... Er fürchtete viel⸗ leicht, man werde ihn bloß ſeines Vermögens wegen lieben? Ach! theurer Urbain, Dich allein liebe ich und auf der Stelle würde ich dieſes ſchöne Schloß verlaſſen, wenn ich es ohne Dich bewohnen müßte! Allein mit einander vereinigt werden wir hier glücklich ſein, obgleich es für uns Beide ſehr groß iſt.“ Von der Reiſe ermüdet, wirft ſich Blanca auf das Bett. Bald ſchließt der Schlaf ihre Augenlider; ſie ſchlummert ruhig ein, ſich unter Urbains Dache glaubend. Es iſt vier Uhr, als ſie erwacht. Vom Bette aufſpringend blickt ſie allererſt nach einer auf dem Kamine ſtehenden Pendeluhr.„Es iſt noch lange bis Abend,“ ſagt ſie ſeufzend,„und was werde ich bis dahin machen... Es ſcheint mir, ich ſei verloren in dieſem ſchönen Schloſſe! Wäre wenigſtens Mar⸗ garethe bei mir, wir würden von ihm ſprechen und die Zeit verſchwände weit ſchneller.“ Ihre Augen im Zimmer herumwerfend erblickt ſie eine kleine Thüre, die ſie noch nicht bemerkt hatte: ſie öffnet ſie und befindet ſich in einem Putzzimmer, wo man Alles, was einer kleinen Gebieterin will⸗ kommen ſein kann, vereinigt hat; allein Blanca be⸗ trachtet ein ſchönes, mit Gegenſtänden der ſeltenſten Schönheit verſehenes Reiſekäſtchen mit Gleichgültigkeit. Bei ihren Planen künftigen Glücks hatte ſie bloß ein kleines Pachtgut, einen Stall, einen Taubenſchlag und einen Garten geſehen; ihr Geiſt kann ſich nicht daran . 15 gewöhnen, den Pachthof durch das Schloß zu erſetzen. Sie verläßt das Putzzimmer und begibt ſich in das erſte Gemach ihrer Wohnung, wo ſie einen Tiſch ſieht, der mit Allem, was den Appetit reizen kann, beladen iſt.„Welche zuvorkommende Gefälligkeit!“ ſagte Blanca zu ſich;„in der That, man behandelt mich wie eine Königin... Urbain ohne Zweifel wird ihnen befohlen haben, mich mit aller dieſer Aufmerk⸗ ſamkeit zu behandeln!“ Blanca klingelt und Marie tritt herein, allein ſie iſt von Germain begleitet, der die Bäuerin vor der Ankunft ſeines Herrn nicht aus dem Geſicht verlieren will, aus Furcht, ſie möchte Blanca das, was man ihr noch verbergen will, entdecken. „Iſt dieſes Gedeck für mich beſtimmt?“ fragt Blanca. „Ja, Mademoiſelle,“ erwiedert Germain;„ich glaubte, Sie werden frühſtücken wollen. Entſchul⸗ digen Sie es, daß man Ihnen nur damit aufwartet, allein...“ „Nur damit!... Sie ſcherzen ohne Zweifel!... Man könnte ſechs Perſonen damit bewirthen; bei Herrn Touquet hatten wir beim Mittageſſen nie mehr als zwei Gerichte.“, Blanca ſetzt ſich zu Tiſche, Germain bleibt in einiger Entfernung, und Marie bedient ſie, ohne den Mund zu öffnen, ihr aber eine Verbeugung machend, ſo oft ſie ihr einen Teller gibt. So viele Umſtände langweilen das junge Mäd⸗ chen, das an eine einfache und nüchterne Lebensart ge⸗ wohnt iſt. Sie ſteht bald vom Tiſche auf und äußert 16. den Wunſch, ſich im Parke zu ergehen. Alsbald führt ſie Germain durch die Galerie und verſchiedene Gänge auf eine Treppe, an deren Fuß man ſich vor dem Eingang der Gärten befindet. Blanca athmet freier auf der Wieſe als unter den mit Bildnerei gezierten Zimmerdecken des Schloſſes. Sie verläßt die Ufer des Sees, durchwandert ein kleines Wäldchen und befindet ſich bald in einem, nach engliſcher Art angelegten Theile des Parkes, deſſen Baumgehänge ſich, tauſend Wendungen bildend, durchkreuzen; allein als Blanca ſich umwendet, erblickt ſie ſtets in einiger Entfernung Germain, der ſie nicht aus den Augen verliert.„Er befürchtet ohne Zweifel, ich möchte mich verirren,“ ſagt ſie zu ſich;„alles das iſt ſo groß⸗ man könnte leicht ſeinen Weg nicht wieder finden.“ Nach einem ziemlich langen Spaziergange kehrt Blanca in's Schloß zurück, und Germain führt ſie wieder bis in ihr Gemach, worauf er ſie fragt, um welche Stunde ſie zu Mittag ſpeiſen wolle?„O, ich habe keinen Hunger,“ antwortete ſie;„ich will lieber ſeine Ankunft erwarten und dann mit ihm zu Nacht ſpeiſen... denn er wird dieſen Abend kommen... nicht wahr, mein Herr?“ 3 „Ich glaube,“ erwiedert der Bediente, ſich ver⸗ beugend, und entfernt ſich, das liebenswürdige Kind traurig und in Nachdenken verloren zurücklaſſend; denn die Worte: ‚ich glaube,“ ſchienen ihr ziemlich unzuverläßig. 6 4 Sie begibt ſich auf einen der Balkone, die den See beherrſchen, und hier, die Augen nach dem Ho⸗ 17 rizont geheftet, überläßt ſie ſich ihren Gedanken und 8 wünſcht die Nacht herbei, die ſie mit dem Gegenſtand ihrer Liebe vereinigen ſoll. Endlich vermag ſie nicht mehr ſo weit in die Ferne zu blicken: ein leichter Nebel ſcheint zwiſchen die Gegenſtände, welche das Auge noch immer ſucht, zu treten; bald verkleinert ſich die Ausſicht, der Ge⸗ ſichtskreis verengt ſich, endlich ſieht man nur noch einige Schritte weit; jetzt empfindet Blanca eine ſüße Freude und verläßt den Balkon mit den Worten: „Jetzt iſt es Nacht!.. jetzt wird er kommen!“ Germain tritt in das Gemach und zündet mehrere Wachskerzen an.„Wenn er ankommt,“ ſagt Blanca zu ihm,„ſo ſäumen Sie nicht, ihm zu ſagen, daß ich hier ſei... daß ich ihn erwarte.“ „Es wird ſeine erſte Sorge ſein, ſich zu Ihnen zu begeben, Mademoiſelle,“ erwiedert der Bediente lächelnd; hierauf entfernt er ſich mit der Bitte, Blanca möchte klingeln, wenn ſie irgend Etwas verlange. Wenn Urbains Bild dem Geiſte des jungen Mäd⸗ chens nicht unaufhörlich gegenwärtig geweſen wäre, ſo hätte ſie vielleicht einige Furcht empfunden, da ſie ſich des Nachts allein an einem Orte ſah, den ſie kaum kannte, und mitten in einem Gemache, das ihr unermeßlich ſchien in Vergleichung mit dem kleinen Zimmer, das ſie beim Barbier bewohnt hatte. Allein die Liebe iſt das beſte Mittel gegen die Furcht, und das junge Mädchen, das nur zitternd in einen Keller hinabgeſtiegen wäre, wenn es auch ein Licht in der Hand gehabt hätte, wird ſich auch ohne Licht ſehr 1 — — — — 18 gerne dahin begeben, wenn es gewiß überzeugt iſt, ſeinen Geliebten dort zu finden. Blanca zählt die Stunden; die Pendeluhr hat neun Uhr geſchlagen.„Er kann nicht länger zögern,“ ſagt das liebenswürdige Kind zu ſich,„vorausgeſetzt, daß ihn nichts auf ſeinem Wege aufgehalten hat, und Herr Touquet ſagte mir doch, er werde vor mir ankommen!“. Sie ſeufzt und thut einige Tritte in dem Zimmer, öffnet ſodann ein Fenſter, begibt ſich auf den Balkon, betrachtet den Wiederſchein des Mondes in dem ruhigen Waſſer des Sees und ſtaunt über die Stille, die im Schloſſe herrſcht, wo Alles, wie auf dem Gemälde, das der Mond ihren Augen darbietet, zu ſchlafen ſcheint. Dieſe tiefe Ruhe verkündet Urbains Ankunft nicht, und in dieſem Augenblicke hätte Blanca ge⸗ wünſcht, daß einiges Geräuſch die Stille der Nacht zuweilen geſtört hätte; um ſich aber zu tröſten, ſagte ſie zu ſich:„Ich wohne vielleicht fern von dem Ein⸗ gange des Schloſſes; dieſe Wohnung iſt ſo groß!... ich kann nicht hören, was in den andern Theilen des Gebäudes vorgeht.“ Eine andere Stunde verſtreicht und Unruhe und Traurigkeit bemächtigen ſich der jungen Liebenden, die ſich abwechslungsweiſe von ihrem Zimmer auf den Balkon begibt, dann die Thüre jenes Gemaches öffnet und einige Schritte in der Galerie macht. Freude und Hoffnung beleben ihre ſchönen Augen nicht mehr und nur mit Mühe hält ſie ihre Thränen zurück; ſie ſinkt in einen großen Lehnſeſſel, mit ſchluch⸗ 19 zender Stimme die Worte ſprechend:„Welches neue Unglück iſt ihm denn begegnet?“ Allein plötzlich folgt auf die Stille, die im Schloſſe herrſchte, ein ſtarkes Geräuſch. Blanca erhebt ſich, horcht und glaubt das Rollen eines Reiſewagens, Pferdegetrappel und Hundebellen zu vernehmen. Bald wälzen ſich mehrere Thore auf ihren Angeln, andere werden heftig zugeſchlagen. „Er iſt dal.. er iſt es!“ ruft Blanca und iſt im Begriff, in die Galerie hinauszueilen, um ihren Geliebten zu empfangen, allein dieſe Galerie iſt nicht beleuchtet. Blanca kennt den Weg nicht, ſie könnte in dieſen geräumigen Gemächern verirren, ſie thut alſo beſſer, in dem ihrigen zu warten. Sie horcht noch immer; das Raſſeln des Wagens hat aufgehört, allein noch immer vernimmt man Tritte, Stimmen, Thüren, die mit Geräuſch geöffnet werden. „Unfehlbar iſt Jemand angekommen,“ ſagte Blanca zu ſich,„und es kann Niemand ſein als er; warum eilt er nicht zu mir?“ Sie ergreift die Klingel und zieht mehrmals; Niemand erſcheint. Beſtürzt, ſich ſo verlaſſen zu ſehen, will ſie eine Wachskerze nehmen und ſich in die Galerie wagen, als ſich eilende Tritte vernehmen laſſen.„Endlich iſt er da!“ ruft ſie. Sie eilt als⸗ bald nach der Thüre und bleibt vor Ueberraſchung und Schrecken regungslos ſtehen, als ſie den Fremden. vor ſich ſieht, der in der vergangenen Nacht bei dem Barbier erſchienen war. Der Marquis macht auf der Thürſchwelle Halt * 20 8. und grüßt Blanca, ihr einen zärtlichen und zugleich ehrfurchtsvollen Blick zuwerfend. Blanca, kaum von ihrer Beſtürzung zurückgekommen, blickt unruhig nach der Galerie und ſagt zu dem Marquis mit rührender Stimme:„Iſt Urbain nicht bei Ihnen?“ Blanca's Worte ſind ſo ſüß, ihre Stimme drückt die Unruhe ihrer Seele ſo gut aus, daß ſich Villebelle tief gerührt fühlt und vielleicht zum erſten Mal Ge⸗ wiſſensbiſſe wegen der Pein empfindet, die er dem jungen Mädchen verurſachen wird. Blanca wiederholt ihre Frage in einem flehenden Tone und der Maruns antwortet, ſeine Augen abwendend:„Ich bin allein gekommen...“ „Ach, mein Herr, ich bitte Sie, ſagen Sie mir, was ihm begegnet iſt?“ ruft Blanca aus, ſich dem Marquis nähernd und ihre Arme ängſtlich nach ihm ausſtreckend. Villebelle betrachtet ſie und in dieſem Augenblicke ſchienen die verſchiedenen Gefühle, welche das junge Mädchen bewegen, ſie noch weit reizender zu machen: ihre Augen ſind voll Feuer, ihr Mund, halb geöffnet, um wieder zu fragen, läßt zwei Reihen von Perlen ſehen, und ihre Haare, die ungeordnet auf ihre Stirne herabfallen, verleihen der Engels⸗ geſtalt neue Reize. Der Marquis fühlt ſeine Gewiſſens⸗ biſſe bei dem Anblicke ſo großer Reize verſchwinden; gewohnt übrigens, die Tugend als Einbildung und die Beſtändigkeit als Narrheit zu betrachten, ſchmei⸗ chelt er ſich, Blanca's Schmerz in Kurzem zu lindern, und, da er ſie nicht länger im Irrthum laſſen will, wirft er ſich auf ſeine Kniee mit den Worten nieder: „Verzeihen Sie mir, reizendes Mädchen, dieſes Schloß gehört mir; Sie ſind nicht bei Urbain, ſondern bei einem Menſchen, der Sie anbezet und Allem auf⸗ bieten wird, um Sie glücklich zu machen.“ Blanca ſcheint dieß nicht zu begreifen; ſie blickt den Marquis mit Entſetzen an und wiederholt:„Ich bin nicht bei Urbain?... Aber, mein Herr, wo iſt er denn?“ „Ich bekümmere mich ſehr wenig um ihn, auch möchte ich es ihm nicht rathen, Sie hier aufzu⸗ ſuchen.“ „Mein Herr, ich muß mit Urbain gehen... man irrte ſich, als man mich hierherführte; ich ſagte es ja immer... Urbain konnte kein ſo großes Haus haben ... nicht wahr, mein Herr, Sie laſſen mich ſogleich wieder zurückführen?“ „Nein, ſchönes Kind!... ich habe Sie entführen laſſen und will Sie Niemand abtreten.“ „Entführen!... was ſagen Sie?... Urbain hat ſich geſchlagen, er hat ſich geflüchtet... deßwegen bin ich mitten in der Nacht abgereist...“ „Man mußte Ihnen dieß wohl ſagen, damit Sie gutwillig abreisten...“ „O, mein Gott! iſt es möglich!. Aber nein, mein Beſchützer, Herr Touquet ſelbſt hat mich in den Wagen ſteigen heißen...“ „Ja, anbetungswürdige Blanca, es iſt Ihr Be⸗ ſchützer, der ehrliche Touquet, der meine Plane beför⸗ dert und Sie meiner Liebe übergeben hat.“ Blanca begreift endlich die ſchaudervolle Wahrheit: ihre Kniee zittern, die Roſen ihrer Geſichtsfarbe ver⸗ ſchwinden und ohne einen einzigen Schrei ausgeſtoßen zu haben, ſtürzt ſie auf den Boden nieder. Glück⸗ licher Weiſe fängt ſie der Marquis in ſeinen Armen, trägt ſie auf das Bett und klingelt heftig. Alsbald erſcheint Germain. „Hülfe!“ ſagt der Marquis lebhaft bewegt;„ſie iſt ohne Bewußtſein... befindet ſich kein Frauenzimmer in dieſem Schloſſe?“ „Verzeihen Sie, gnädiger Herr...“ Germain ruft Marie; die wohlbeleibte Bäuerin eilt herbei.„Ich fordere ſie auf, alle ihre Aufmerk⸗ ſamkeit dieſem jungen Frauenzimmer zu widmen,“ ſagte der Marquis zu ihr,„und ſie keinen Augenblick zu verlaſſen. Wenn ſie nicht ſchnell wieder zum Be⸗ wußtſein kommt, ſo eile ſie, es mir zu ſagen.“ „Gut, gut, gnädiger Herr,“ erwiederte Marie, ſich verbeugend. Villebelle verließ hierauf mit Germain das Gemach. Der Marquis, durch die Eile ermattet, mit der er die Reiſe von Paris gemacht hat, begibt ſich in ſein Zimmer und wirft ſich auf ein Ruhebett. Während Germain ihm ſeine Reiſekleider abnimmt, erkundigt er ſich nach dem, was Blanca ſeit ihrer Ankunft ge⸗ than und geſprochen hat. „Gnädiger Herr,“ erwiedert Germain,„ſie glaubte ſich bei einem Herrn Urbain, und Ihrem Befehle zufolge habe ich ſie in ihrem Irrthume gelaſſen.“ „Sie ſcheint ihn zu mehr lieben als ich glaubte,“ ſagt Villebelle ſeufzend. „O, gnädiger Herr, die Liebe der jungen Mädchen ... ein großes Feuer, das von ſelbſt erlöſcht..“ „Ich wollte, Du ſagteſt die Wahrheit!... Allein Blanca gleicht den Frauen nicht, die ich bis jetzt geſehen habe. Sie beſitzt eine Offenherzigkeit, eine Freimüthigkeit... kurz ein gewiſſes Etwas, das Ach⸗ tung gegen ſie gebietet. Ich kann Dir nicht Alles ſagen, was ſie mir einflößt. Ihre Thränen würden auf mein Herz zurückfallen... durch Aufmerkſamkeit, zuvorkommende Gefälligkeit und Liebe will ich über ſie triumphiren. Es braucht vielleicht lange Zeit! dieß gilt jedoch gleich: ich halte mich für fähig, meine Leidenſchaft zu zügeln, mich Allem, was ſie von mir verlangen wird, zu unterwerfen. Du ſiehſt es, Germain, ich bin wirklich verliebt, denn ich erkenne mich nicht mehr, und bei Blanca werde ich, glaube ich, furchtſam ſein wie ein Kind.“ „Man wird ſehen, ob dieß lange dauern wird, gnädiger Herr.“ „Ach! Du begreifſt nicht, was ich fühle!.. Ger⸗ main, Du wirſt morgen früh nach Paris gehen; ich werde Dir ſo viel Geld mitgeben, als Du nöthig haſt, um das Schönſte, Neueſte zurückzubringen, was Du an Putzwaaren, Stoffen und Juwelen auf⸗ finden wirſt. Spare nichts, wofern es Blanca ge⸗ fällt.“ 4 „Zählen Sie auf mich, gnädiger Herr.“ „Was ſind in dieſem Schloſſe für Bediente?“ „Der alte Schloßvogt, der ſich nie vom Thore entfernt... er hält ſich für den Schirmvogt einer 24 Citadelle; ſeine Tochter Marie, die der gnädige Herr ſo eben geſehen hat, iſt das einzige Frauenzimmer, das ich in dem Schloſſe angetroffen habe.“ „Iſt ſie im Stande, Blanca zu bedienen?“ „O ja, gnädiger Herr; ſie iſt ein wenig albern und ein wenig linkiſch, allein treu und gehorſam.. ihr Vater hat mir dafür gebürgt; übrigens ſcheint Mademoiſelle Blanca ohne Kammerfrau bleiben zu wollen.“ 4 „Ferner?“ „Der Gärtner, ein alter Einfaltspinſel, der nichts kennt als ſeine Kräuter. Was die Dorfbewohner be⸗ trifft, deren er ſich bedient, ſo kommen dieſe niemals in das Innere des Schloſſes. Ach! ich vergaß, ein alter Koch und Kellermeiſter, der, ſo viel ich habe ſehen können, ein großer Trunkenbold iſt, ſich aber nie erlaubt, ſeine Küche zu verlaſſen und ſich während der Abweſenheit ſeiner Gebieter in die Keller ein⸗ ſchließt.“ „Es iſt gut. Allein ich brauche hier Leute, die ein wachſames Auge auf Blanca haben, ohne daß ſie es merkt, damit ſie nicht entfliehen kann, wenn ſie je den Plan dazu entwürfe, und ich habe von Paris zwei Lakaien mitgenommen, welche dieſem Amte gut vorſtehen werden. Ach! Germain, wenn ich es dahin bringe, daß mich Blanca liebt, wie glücklich werde ich mich alsdann ſchätzen!... Allein ich bin begierig, Nachrichten von ihr zu erhalten... gehe... ſteig' hinab, rufe Marie... ich kann dieſe Unruhe nicht länger ertragen.“ 25 Germain geht, allein bald kehrt er mit der jungen Bäuerin, die Blanca bereits verlaſſen hatte, zurück. „Nun, wie befindet ſie ſich gegenwärtig?“ fragte der Marquis. „Dieſe junge Dame, gnädiger Herr?“ „Ei, ohne Zweifel.“ „O, ſie iſt bereits ſeit einiger Zeit in's Leben zurückgekehrt, gnädiger Herr.“ „Und was hat ſie geſagt?“ „Was ſie geſagt habe? Ah, wahrlich, gnädiger Herr, lauter Sachen, die ich gar nicht habe verſtehen können... Ach, warten Sie, ich will mich beſinnen: ſie hat mich gefragt, ob es wahr ſei, daß Sie der Herr vom Schloſſe ſeien; hierauf habe ich ihr geſagt: ja!.. dann fing ſie an zu weinen...“ „Sie weint?“ „O ja, gnädiger Herr, ſie thut nichts als das... und dann hat ſie mich um Ihren Namen gefragt...“ „Was hat ſie ihr geantwortet?“ „Ei! ich habe ihr geſagt, Sie ſeien der Herr Marquis...“ „Sie hat keine andere Fragen an ſie gemacht?“ „Nein, gnädiger Herr.“ „Und warum hat ſie ſie verlaſſen?“ „Gnädiger Herr, ſie hat mir geſagt, es würde ihr Vergnügen machen, wenn ich fortginge.“ Der Marquis winkt, ihn allein zu laſſen: er will ſich ohne Zeugen ſeinen Gefühlen überlaſſen. Er iſt erfreut, Blanca in ſeinem Schloſſe zu haben, allein der Schmerz, den ſie fühlt, ſtört ſein Glück. 26 Er wagt es nicht, jetzt ſchon zu ihr zurückzukehren und hält es für beſſer, den erſten Augenblick ihres Schmerzes vorüber gehen zu laſſen; ſomit wirft er ſich auf ſein Bett und ſucht die Ruhe; allein dieſe flieht ſeine Augenlider: Blanca's Bild ſchwebt unaufhörlich vor ſeinen Augen und mit ihm ſteigt das Andenken an verſchiedene Verirrungen ſeiner Jugend auf, die er vergebens aus ſeiner Seele zu verjagen ſucht. Während Villebelle ſich bemüht, ſeine Schlafloſig⸗ keit und Gemüthsbewegung nur der Liebe zuzuſchreiben, bringt Blanca die Nacht, die ſie mit ſo großer Un⸗ geduld erwartete, in Thränen zu. Ueberzeugt endlich, daß ſie ſich in der Macht eines Menſchen befindet, dem ſie der Barbier überliefert hat, fühlt ſie alle Schrecken ihrer Lage; allein von Margarethe dazu angehalten, ihr Vertrauen auf das höchſte Weſen zu ſetzen und an ſeiner Macht nicht zu zweifeln, ſchickt ſie Gebete gen Himmel und bittet ihn flehentlich, ſie wieder mit Urbain zu vereinigen. Auf den Knieen, die Hände gen Himmel erhoben und ihre Augen in Thränen gebadet, bringt ſie einen Theil der Nacht und die Morgenzeit zu. Marie kommt, ihre Befehle einzuholen. Blanca will nichts, wünſcht nichts als ihre Freiheit, und ſtatt aller Antwort bringt ihr Marie das Frühſtück. Nach Verfluß einer Stunde tritt der Marquis in das Ge⸗ mach. Blanca hat ihn nicht geſehen; ſie ſitzt, den Kopf auf eine ihrer Hände geſtützt, da, und ſcheint in ihren Schmerz verſunken. Villebelle gibt Marie ein Zeichen, ſich zu entfernen. — 27 Stillſchweigend betrachtete er dieſes junge Mädchen, das ſeit dem Abend des vorigen Tages in Verzweif⸗ lung iſt, weil ſie hübſch iſt und das Unglück hat, einem reichen und mächtigen Mann zu gefallen, der von der Meinung befangen iſt, man müſſe ſich glücklich fühlen, ſeine Leidenſchaften zu befriedigen. Indeſſen machte die Veränderung, die ſeit dem vorigen Tage mit Blanca's Geſichtszügen vorgegangen iſt, ſo wie ihre rothen und noch thränenvollen Augen einen peinlichen Eindruck auf den großen Herrn. Er will lieber Vorwürfe ertragen, als dieſen ſtummen Schmerz anſehen, und thut einige Tritte, damit ſein Schlacht⸗ opfer ſeine Gegenwart bemerken möchte. Blanca ſchlägt die Augen auf, blickt den Marquis an, zeigt bloß eine leichte Unruhe und läßt ihren Kopf auf ihre Hand zurückſinken. Villebelle hatte Klagen und Ausrufe erwartet; erſtaunt über dieſes Stillſchweigen nimmt er einen Seſſel und ſetzt ſich neben Blanca, die fortfährt ſtillzuſchweigen und zu weinen.— „Sie fühlen ſich alſo ſehr unglücklich?“ ſagte endlich der Marquis mit Rührung, und Blanca ant⸗ wortet ſchluchzend, aber mit dem ſanften Tone, der ſie nie verläßt:„Ja, mein Herr.“ „Können Sie ſich nach dem düſtern Hauſe des Barbiers ſehnen, wo Sie kein einziges Vergnügen genoßen?“ „Nicht das Haus iſt es, wornach ich mich ſehne, mein Herr!“ „Hier wird es bloß von Ihnen abhängen, die 28 glücklichſte Frau zu ſein: alle Ihre Wünſche werden hier Geſetze ſein, Sie werden den ſchönſten Putz, die reichſten Juwelen haben...“ „Davon will ich nichts, mein Herr.“ „Sie werden nicht immer ſo denken, liebenswür⸗ diges Kind; ich will⸗ daß Sie, die Sie ſo ganz dazu geſchaffen ſind, zu gefallen und zu bezaubern, eines Tages durch Ihre Reize und Ihren Putz Alles bezaubern ſollen, was Paris Verführeriſches hat.“ „Ich verſtehe Sie nicht, mein Herr.“ „Vergeſſen Sie doch die in der Einſamkeit ver⸗ wlebten Jahre, um ein neues Leben zu beginnen... Dieſe Wohnung wird ein Ort des Entzückens für Sie werden. Die Feſte, die Vergnügungen werden hier ohne Unterbrechung auf einander folgen, ſobald Ihre ſchönen Augen meine Bemühungen durch ein Lächeln belohnen werden. Der Barbier war Ihrer Freundſchaft nicht würdig: dieſer Elende hatte Sie bloß aus Eigennutz erzogen; Sie können Ihr Herz von jeder Erkenntlichkeit freiſprechen. Was jenen jungen Menſchen betrifft, mit dem er Sie ver⸗ heirathen wollte, um Sie ſich vom Halſe zu ſchaffen⸗ ſo war er ein Kind, wie man mir geſagt hat; er wird Sie bald vergeſſen.“ „Urbain mich vergeſſen?“ ruft Blanca aus, eine krampfhafte Bewegung machend; dann ſinkt ſie auf ihren Seſſel zurück, in ruhigerem Tone ſagend:„Nein, mein Herr, Urbain wird mich nicht vergeſſen, denn ich fühle es, daß ich ihn immer lieben werde, und unſere beiden Herzen hatten nur Einen Gedanken.“ 29 Der Marquis erhebt ſich unwillig, ſchreitet einige Mal im Zimmer auf und nieder und ſagt nach Verfluß eines Augenblicks:„Es iſt jedoch nutzlos, Mademoi⸗ ſelle, eine Geſinnung zu nähren, die fortan hoffnunglos iſt; denn Sie werden dieſen Urbain, den ich verab⸗ ſcheue, ohne ihn zu kennen, nie wiederſehen.“ Blanca blickt mit flehenden Blicken zu dem Marquis auf, nähert ſich ihm, fällt auf ihre Kniee nieder und ſagt mit ſchluchzender Stimme:„Mein Herr, was habe ich Ihnen denn gethan, daß Sie mich ſo quälen?... Wenn ich mich, ohne es zu wiſſen, eines Vergehens ſchuldig gemacht habe, ſo verzeihen Sie mir, ich bitte Sie; aber trennen Sie mich nicht von Urbain.“. „Stehen Sie auf!“ ſagt Villebelle, ſeiner Ge⸗ müthsbewegung wider Willen nachgebend.„Nein, Sie ſind nicht ſtrafbar, reizendes Mädchen, ſondern ich.. ich allein!... Ja, ich bin ein Ungeheuer, daß ich Ihre Thränen fließen mache... Ach! warum habe ich Sie geſehen?... allein Sie ſind ſo bezaubernd...“ „Mein Herr, hat man das Recht, ein Mädchen einzuſchließen, weil es reizend iſt?... Man wird Sie dafür ſtrafen, weil Sie mich in Ihrem Schloß ge⸗ fangen halten; dies muß verboten ſein. Iſt es Jemand, weil er ein großer Herr iſt, erlaubt, arme Leute nach ſeiner Willkür zu quälen 2... O mein Gott!... und Margarethens Talisman, der mich vor jeder Gefahr bewahren ſollte... Arme Margarethe! ach! wenn Du wüßteſt, wie unglücklich ich bin!“ 1 Paul de Kock. LVIII. 3 30 Der Marquis fühlt keine Kraſt mehr in ſich, den Thränen des jungen Mädchens zu widerſtehen. „Wohlan,“ ſagte er, ſich gegen Blanca hinneigend, „weil es wahr iſt, daß Sie mich haſſen... weil ich Ihnen nur ein Gegenſtand des Schreckens bin...“ „Ich Sie haſſen?“ ſagte das naive Kind, ihre ſanften Blicke auf ihn heftend;„o nein, mein Herr, glauben Sie dieß nicht!... Trotz alles Kummers, den Sie mir verurſachen, ich weiß ſelbſt nicht, wie es geſchieht, allein ich glaube, daß es mir Freude machen würde, Ihnen zu verzeihen... ich glaube ſelbſt, daß ich Sie lieben würde...“ „Sie mich lieben, himmliſches Mädchen!“ ruft der Marquis, den dieſe Worte wonnetrunken machen. „O Himmel!... wäre es möglich!... und ich, der ich einwillige... Ach, niemals! eher ſterben als Sie verlieren, Sie einem Andern abtreten... Sie haben mir ein Glück gezeigt, deſſen bloßer Gedanke mich entzückt. Blanca! theure Blanca! ich werde Alles thun, um mich der Liebe, die Sie mich hoffen laſſen, würdig zu erzeigen... allein auf Sie ver⸗ zichten... ach, dieß iſt fortan unmöglich!... Ich will mich entfernen, um dieſe Thränen, die mich mit Abſcheu gegen meine Liebe erfüllen, nicht mehr zu ſehen!“ Villebelle entfernt ſich eilig; Blanca blickt ihm ſtaunend nach, das Entzücken, das er ſo eben an den Tag gelegt hat, nicht im Mindeſten begreifend. Sie . iſt weit entfernt, zu ahnen, wie ſie ihre Feſſeln noch enger dadurch geſchmiedet, daß ſie dem Marquis 2 34 eingeſtanden hat, ſie könnte einige Freundſchaft für ihn fühlen; ihr reines Herz kennt keine Verſtellung, und das Gefühl, das ſie dem Marquis zugeſtehen würde, iſt ſo verſchieden von der Liebe, die ſie zu Urbain hat, daß ſie nichts Schlimmes dabei ſieht, es an den Tag kommen zu laſſen. Allein Villebelle weiß in dieſem aufrichtigen Herzen nicht zu leſen: er bildet ſich ein, das liebenswürdige Kind ſei nicht ab⸗ geneigt, ſeine Liebe zu erwiedern, und zweifelt nicht mehr, daß es ihm gelingen werde, Urbain bei ihr in Vergeſſenheit zu bringen. Der Tag verfließt, ohne daß der Marquis von Neuem bei Blanca erſcheint. Dieſe ſucht wieder Muth zu faſſen, da ſie ſich nicht überzeugen kann, daß der Marquis die Abſicht habe, ſie gefangen zu halten, und empfiehlt ſich ihrem Talisman, damit er ihren Aufenthult im Schloſſe verkürzen möge. Nachmittags erkundigt ſich Blanca bei Marie nach dem Wege in den Park und die dicke Bäuerin beeilt ſich, ſie bis an den Eingang zu führen, wo ſie ſie mit einer Verbeugung verläßt. Ungeachtet ihres ein⸗ fältigen Ausſehens bemerkt die Bäuerin, daß ihr Herr in das ſchöne Fräulein verliebt iſt; ſie hat die rothen Augen Blanca's bemerkt und ihre ſchweren Seufzer gehört, und ſie verlaſſend ſagte ſie zu ſich:„Ei! wenn der gnädige Herr in mich verliebt wäre, ich würde nicht weinen... ganz das Gegentheil!“ Allein in dem Park beſchäftigt ſich Blanca nicht mit dem Gedanken, ihre Freiheit wieder zu bekommen; ſie will warten, bis der Marquis ſie ihrem Geliebten 32 zurückgibt; ſie hält ihn nicht für fähig, ſie ſtets ge⸗ fangen zu halten und erräth noch nicht alle Gefahren, denen ſie in dem Schloſſe preisgegeben iſt. Benachrichtigt, daß Blanca in dem Parke iſt, ſäumt Villebelle nicht, ſie daſelbſt aufz uſuchen; faſt mit einem Lächeln empfängt ihn Blanca, und obgleich ihre Geſichtszüge eine unveränderliche Traurigkeit ausdrücken, ſo plauderte ſie doch mit ihm über die ſie umgebenden Gegenſtände und antwortet ihm mit ihrer gewohnten Anmuth und Milde. Dieſes Betragen ſcheint dem Marquis ſo außerordentlich, daß er Blanca mit eben ſo viel Erſtaunen als Liebe betrachtet. Weit entfernt jedoch, daß ihre Sanftmuth ihn kühn macht, fühlt er vielmehr eine weit tiefere Achtung für ſie; er wagt es nicht, ſie von ſeiner Liebe zu unterhalten, und nicht begreifend, durch welche Macht ein Kind ihm Ehrfurcht einflößt, geht er zuweilen ſtumm und nachdenkend neben ihr her. Den folgenden Tag trägt Marie die Gegenſtände, die Germain in Paris eingekauft hat, in Blanca's Gemach. Sie beſtehen in einer Menge jener bezau⸗ bernden Kleinigkeiten, die erfunden worden ſind, damit reiche Leute ihr Geld deſto leichter verbrauchen können. Die wohlbeleibte Bäuerin geräth vor jedem Gegen⸗ ſtande in Entzücken, während Blanca kaum einen Blick auf die Geſchenke wirft. Der Marquis geht, ſeine ſchöne Gefangene zu beſuchen, und bemerkt, daß man ſeine Geſchenke nicht berührt hat.„Sie verſchmähen alſo, was ich ſo glücklich bin, Ihnen anzubieten,“ ſagt er zu Blanca. * 33 „Ich will nichts von allem dem,“ antwortet ſie ſeufzend.„Um Urbain zu gefallen, bedurfte ich dieſes Schmuckes nicht; was würde er ſagen, wenn er ihn an mir ſähe?“ „Immer Urbain!... Sagte ich Ihnen nicht, Ma⸗ demoiſelle, daß Sie ihn nimmer ſehen werden...“ „Ja.. allein ich halte Sie nicht für ſo ſchlecht, als Sie ſcheinen wollen; wozu würde es Ihnen nützen, mir immer Kummer zu machen?“ „Blanca, Sie haben mir bekannt, daß Sie nicht abgeneigt ſeien, mich zu lieben...“ „In der That, und ich fühle es noch. Bei Urbain und Ihnen würde ich mich ſehr glücklich füh⸗ len.“ „Kann ich alſo nicht hoffen, daß es mir durch fortgeſetzte Aufmerkſamkeit und Zärtlichkeit gelingen werde, Sie Ihre erſte Neigung vergeſſen zu machen und mich in den alleinigen Beſitz Ihres Herzens zu ſetzen?“ „Sie verſtehen mich nicht, mein Herr: ich liebe Urbain als meinen Geliebten, meinen Gatten, und Sie... ich wollte... ich weiß nicht... es ſcheint mir, daß ich Sie mit Vergnügen meinen Bruder... oder meinen Vater nennen würde.“ Dieſes Geſtändniß befriedigt Villebelle nicht ganz; allein er hofft Alles von der Zeit und der Beſtän⸗ digkeit ſeiner Aufmerkſamkeiten. Gegen Abend begibt ſich Blanca von Neuem in den Park, und, wie den Tag zuvor, verfügt ſich der Marquis zu ihr. Er geht neben ihr ſpazieren und fühlt ſeine Liebe für 34 dieſes bezaubernde Mädchen jeden Augenblick ſich vergrößern. Der Marquis erkennt ſich nicht mehr: dieſer Wüſtling, dieſer Verführer, der über die wider⸗ ſpenſtigſten Schönheiten triumphirt hat, iſt blöde und furchtſam bei einem Kind geworden, das keine andere Schutzwehr als ſeine Unſchuld und Tugend hat. Zwölf Tage ſind verfloſſen, ſeit ſich Blanca in dem Schloſſe zu Sarcus befindet, und ſie haben ihre Lage nicht verändert. Jeden Morgen ſtattet ihr der Marquis ſeinen Beſuch ab; allein ſich dem Kuͤmmer überlaſſend, den ihr die Trennung von ihrem Ge⸗ liebten verurſacht, läßt das liebenswürdige Kind ſeine Thränen fließen und der Marquis entfernt ſich ſchnell. Des Abends gehen ſie mit einander in dem Parke ſpazieren, aber häufig ſchweigend, oder bloß einige Worte wechſelnd; Blanca träumt von Urbain, und Villebelle, zufrieden, ſich neben ihr zu befinden, hat noch keine frevelhaften Plane entworfen. Nach Verfluß dieſer Zeit brachte dem Marquis eine Botſchaft von Paris die Nachricht, daß ſich ſein Oſheim ſehr übel befinde und ihn vor ſeinem Tode zu ſehen wünſche. Villebelle, der einzige Erbe dieſes ſehr reichen Verwandten, kann nicht umhin, ſich zu ihm zu verfügen, und entſchließt ſich, obgleich ungerne⸗ Blanca auf einige Tage zu verlaſſen. Er nimmt Germain mit ſich; allein die Bedienten, die er im Schloß läßt, haben ihre Inſtructionen erhalten, und es iſt ihm nicht bange, daß ſeine Gefangene entfliehen werde. Ueberdieß verräth die traurige Blanca durch nichts die Abſicht, ſich zu flüchten. Der Marquis 2 35 hält es nicht für angemeſſen, das junge Mädchen voon ſeiner Abreiſe in Kenntniß zu ſetzen, und ver⸗ liebter als je verläßt er das Schloß mit dem Vor⸗ ſatze, ſeine Rückreiſe zu beſchleunigen. Zweites Kapitel. Das Zuſammentreffen.— Plan zur Rache. Wir haben Urbain verlaſſen, als er im Begriff war, ſich auf einem Steine niederzuſetzen und durch das Geſchrei eines Menſchen zurückgehalten wurde, der an dieſem Orte lag, und den der junge Student nicht bemerkt hatte. An den Worten, die dieſes In⸗ dividuum ſagte, hat man bereits Chaudoreille er⸗ kannt, der an dem Orte geblieben war, wo ihn die Räuber verlaſſen hatten. 5 Urbain hat eine Bewegung der Ueberraſchung gemacht; allein unfähig, ein Gefühl des Schreckens zu empfinden, ſetzt er ſich auf den Stein mit den Worten nieder:„Verzeihung, mein Herr, ich hatte Sie nicht bemerkt.“ Chaudoreille richtet ſich mit der Hälfte ſeines Kör⸗ pers auf, betrachtet Urbain, und fängt an, ſich zu beruhigen. Was konnte er übrigens noch fürchten? Seine Kleidung hatte die Räuber nicht lüſtern ge⸗ macht; man hatte ihm in Wahrheit ſeinen Roland gelaſſen, allein man hatte bemerkt, daß er in ſeinen Händen nicht gefährlich war. „Ach, zum Henker! Sie haben mich aufgeweckt, 36 mein Kamerad... und ich träumte einen herrlichen Traum!... Ich hatte die zweitauſend Livres in Gold noch in meiner Taſche, und das Erwachen ruft mir die traurige Wirklichkeit zurück!... Ach! tauſend Millionen Knebelbärte!... die Schurken, die Nichts⸗ würdigen! ſie haben mir Alles genommen... Ich habe gut mich betaſten... ich beſitze keinen Heller mehr!... O Tod! o Wuth! o Verzweiflung!“ Chaudoreille wirft ſich von Neuem zur Erde nieder und reißt ſich zwei oder drei Haare aus ſeinem Kne⸗ belbarte aus. Endlich, da er findet, daß er dadurch nicht wieder in den Beſitz ſeiner Thaler kommt, be⸗ ruhigt er ſich und betrachtet Urbain von Neuem, der tiefe Seufzer ausſtoßt, ohne, wie es ſcheint, die Ver⸗ zweiflung des armen Beraubten zu beachten. „Zum Henker! das iſt eine ſehr wortkarge Perſon,“ ſagt der Gascogner zu ſich, ſich noch einmal an Urbain wendend.„Ich wette, daß man Sie eben⸗ falls beſtohlen hat, mein Kamerad? Dieſe Stadt iſt ein wahrer Sammelplatz von Spitzbuben und Ban⸗ diten; ein ehrlicher Mann kann nur noch inmitten einer Patrouille ſicher ſpazieren gehen, und auch der Wache würde ich mich nicht anvertrauen!... Ach! das verwünſchte Theater iſt die Urſache meines Un⸗ glücks! Elende Gaukler! im Hotel von Bourgogne es wagen, ſich über einen Edelmann von mei⸗ ner Abkunft luſtig zu machen!... Ah! Turlupin, mein Freund, ich werde Dich wiederfinden: morgen ſchon werde ich bei dem Kriminalrichter eine Klage einreichen und alle Gautier⸗Garguille in ein Kerker⸗ —— — ᷣ——— 37 loch werfen laſſen. Aber ach! wer wird mir meine zweihundert Piſtolen zurückgeben? Ich wette, daß Sie nicht ſo viel bei ſich hatten, Kamerad?... nicht wahr?... Zum Henker! Sie ſeufzen, als ob man Ihnen den Thurm von Notre⸗Dame geſtohlen hätte! Sind Sie wohl in einer Sänfte beraubt worden?“ Urbain ſtoßt einen tiefen Seufzer aus und mur⸗ melt:„Ach! habe ich ſie denn auf immer verloren?“ „Ich wußte es wohl,“ ſagte Chaudoreille zu ſich, ner hat ſeine Börſe verloren, oder vielmehr man hat ſie ihm genommen. Kamerad, haben Sie ſie in dieſer Gegend der Stadt verloren?“ Urbain blickte ihn überraſcht an und antwortete endlich:„Ich weiß nicht, wo ſie ſein mag... ſeit acht Stunden laufe ich in Paris umher... ich bin nicht weiter gekommen!“ „Wenn Sie wenigſtens eine Laterne hätten... dieſe würde Ihnen das Geſchäft erleichtern. War ſie von großem Umfange?... Wenn wir ſie voll wiederfinden, Kamerad, ſo theilen wir mit einander, das iſt eine abgemachte Sache.“ Urbain ſteht auf, faßt Chaudoreille bei der Kehle, und ruft, ihn unſanft gegen den Boden drückend, aus:„Elender! wagen Sie es, meines Schmerzes zu ſpotten? Wenn ich bloß meinem Zorne Gehör ſchenkte...“. „Ach! ſchenken Sie ihm doch nicht Gehör... ich bitte Sie... o weh... ich kann nicht mehr. Was für ein Teufel von Menſch ſind Sie?... Kommen Sie von dem Schloſſe Varvert?... Weil ich Ihnen 38 rathe, Ihre Börſe, die Sie verloren haben, zu ſuchen, wollen Sie mich erdroſſeln...“ „Meine Börſe?2... Wie! Sie ſprachen von Geld?“ „Kann ich von etwas Anderem ſprechen... nach⸗ dem ich ſo viel gehabt habe!“ „Ach, Verzeihung, mein Herr, wir haben uns. mißverſtanden...“ „Dieß fange ich an einzuſehen; aber, zum Henker! wir drücken uns ſehr hart, das heißt, Sie drücken mich! Welche Fauſt haben Sie... Gerade wie ich, wenn ich den Roland in der Hand habe... Es iſt, ſcheint es, kein Geld, was Sie verloren haben?“ „Ach! mein Herr, gefiele es dem Himmel.. ich 1 würde Alles, was ich beſitze, hingeben, um ſie wieder aufzufinden, die ich anbete... ſie, die meine Gattin werden ſollte.“ „Arme, unſchuldige Seele!“ ſagt Chaudoreille zu 3 ſich;„um einer Frau willen jammert er ſo... er weiß nicht, was es heißt, zweihundert Piſtolen zu “ verlieren, ohne die kleine Münze zu zaͤhlen! Allein 1 weil er nicht beſtohlen iſt, ſo ſuchen wir ihm nützlich zu werden. Wenn ich mir durch die Aufſuchung ſeines Täubchens ein wenig wieder aufhelfen könnte!...“ Der Ritter richtet ſich ganz auf, ſetzt ſich dann auf den Stein neben Urbain und ſagt in einem rüh⸗ renden Tone zu ihm:„Erzählen Sie mir Ihre Leiden, junger Menſch. Ich bin der Beſchützer aller Leidenden in der Natur... vermittelſt einer kleinen Belohnung; allein ich ſetze nie einen Preis an, ich verlaſſe mich auf die Großmuth derer, denen ich diene.“ 39 „Was könnten Sie für mich thun, mein Herr?... Ich habe keine Spur über die Entführer und den Weg, den ſie eingeſchlagen haben. Ach! ich fühle, daß mich der Muth verläßt!“ „Was ſoll das heißen, junger Menſch? Nie muß uns der Muth verlaſſen! Pfui doch! In allen Wech⸗ ſeln des Lebens iſt es der Muth, der uns den Göt⸗ tern gleichſtellt, die in Wahrheit den Tod nicht zu fürchten brauchen, weil ſie unſterblich ſind. Allein kommen wir auf uns zurück. Wenn Sie Geld haben, ſo iſt immer noch Hülfe vorhanden und ich werde Ihnen Ihre Schöne wieder auffinden: ich habe zwei gute Freunde, die Kundſchafter ſind... das heißt dieſes Geſchäft als Dilettanten treiben, zum Beſten der Menſchheit. Sprechen Sie, in welchem Stadt⸗ viertel wohnte die Kleine?“. 3 „In der Straße des Bourdonnais, bei dem Bar⸗ bier Touquet, der ſie erzogen hatte.“ „Bei dem Barbier... in der Straße des Bour- donnais... und Ihre Schöne heißt Blanca?“ „Ja, mein Herr; kennen Sie ſie?. Ach! haben Sie die Güte, es mir zu ſagen.“ „Im Augenblick, im Augenblick, mein junger Freund. Bei Gottl! das iſt ein Ereigniß, dem ich... Ach! alle Teufel, wie glücklich ſind Sie, daß Sie mich getroffen haben!“ „Was! Sie könnten mir Blanca wieder auffin⸗ den?... Ach, mein Herr, wie dankbar würde ich gegen Sie ſein.“ Urbain wirft ſich Chaudoreillen um den Hals, 8 40 der, ſich von ihm losmachend, zu ſich ſagt:„Dieſer junge Mann wollte Blanca heirathen... es ſcheint, der Marquis hat die Kleine bereits entführt, allein der Marquis hat mich bezahlt, ich habe gegenwärtig nichts mehr von ihm zu hoffen... wir müſſen uns daher nach dem kleinen Liebhaber umwenden. Indeſſen iſt Klug⸗ heit nöthig... laſſen wir ihn nicht wiſſen, wer ich bin, und vor allen Dingen, was ich ſchon in dieſer Intrigue gethan habe.“ Urbain dringt in Chandoreille, ſich zu erklären, und dieſer antwortet ihm endlich in geheimnißvollem Tone:„Ich kenne weder Blanca, noch den Barbier ... allein einer meiner Freunde kam häufig in Tou⸗ quets Laden.. ich erinnere mich jetzt, daß er mir in der That von Ihrer nahen Heirath geſagt hat.“ „Das iſt ſonderbar, Herr Touquet hatte mir das tiefſte Stillſchweigen anempfohlen, und er ſelbſt...“ „Sie ſehen aber wohl, daß er davon geſprochen hat, weil ich die Sache wußte. Allein ein Mann... von hohem Range... ein großer Herr war in Ihre Braut verliebt...“ „Ein großer Herr?... Sein Name...“ „Ich weiß ihn noch nicht... allein ich werde ihn erfahren.“ „Und Sie ſind deſſen gewiß?“ „O, ganz gewiß. Und jener große Herr iſt es, der Ihre Schöne entführt haben wird.“ „Ach! laſſen Sie mich ſeinen Namen wiſſen, ich bitte Sie darum...“ 3 „Morgen.. das heißt, dieſen Abend hoffe ich 41 Ihnen denſelben mittheilen zu können; allein Klugheit, junger Mann, und compromittiren Sie mich nicht!... Ich ſetze mich in Gefahr, um Ihnen zu dienen.“ „Ach! mein Herr, rechnen Sie auf meine Dank⸗ barkeit!“ „Ich rechne auch auf ſie.“ „Und erſt heute Abend?...“. „Ja... finden Sie ſich um neun Uhr bei dem Thore Montmartre ein... vergeſſen Sie nicht, alles Geld, was Sie zuſammenbringen können, mit ſich zu nehmen, und ich werde Ihnen ſagen, was ich weiß...“ 2. „Genug. Ach! daß es nicht ſchon Abend iſt...“ „Inzwiſchen brauche ich einige Thaler, um ſie den Freunden, von denen ich geſprochen habe, zu geben... und ich ſitze gegenwärtig auf dem Trockenen, da man mich dieſe Nacht beſtohlen hat...“ „Hier iſt Alles, was ich bei mir habe, mein Herr 3 nehmen Sie es, ich bitte Sie.“ „Recht gerne, mein junger Freund. Allein der Tag bricht an, wir müſſen uns trennen. Heute Abend bei dem Thore Montmartre...“ „Achl ich werde nicht ermangeln, mein Herr!“ „Und vergeſſen Sie nichts von dem, was ich Ihnen geſagt habe. Leben Sie wohl! Ich gehe, um für Sie thätig zu ſein.“ Chaudoreille entfernt ſich, und Urbain, durch die ihm gemachte Hoffnung wieder ein wenig ermuthigt, kehrt langſam nach ſeiner Wohnung zurück, um den Abend daſelbſt zu erwarten. A 4² ſagt der Gascogner zu ſich:„Es ſcheint mir Herr Marquis ſei ſehr ſchnell zu Werke gega die Kleine iſt entführt; jener Schurke von Touquet iſt damit einverſtanden, ich bin es überzeugt. iſt Kühnheit nöthig! Der Marquis kann unmöglich von mir geſprochen haben; wir wollen uns zu Touquet verfügen, ohne uns das Anſehen zu geben, als wüßten wir Etwas, und ſehen, was er ſagen wird. Ueb werde ich, aus Klugheit, in dem Laden bleiben, und bei der erſten zornigen Bewegung, die ich ihn 1 ſehe, ſpringe ich nach der Thüre und verſammle hun⸗ dert Perſonen um mich.“ Nachdem Chaudoreille dieſen Plan entworfen hat, tritt er in die erſte Schenke, die er bemerkt, u Furcht, beſtohlen zu werden, verzehrt er alles das ihm Urbain gegeben hat. Als er von der Tafel aufſteht, iſt es zehn Uhr; dieß iſt der Augenblick, in welchem Touquets Laden am meiſten mit Leuten an⸗ gefüllt iſt und den Chaudoreille wählte, um ihm zu verfügen. Ehe er in den Laden trit ſichert er ſich, daß Touquet nicht allein iſt; erſcheint er und wünſcht ihm mit ſchlauer einen guten Morgen. Der Barbier antwortet ihm in ſeinem gewöhnlichen Tone und gibt durch nichts zu erkennen, daß er Verdacht geſchöpft hat. doreille ermuthigt ſich; als ſie jedoch allein ſind, ver⸗ liert er die Thüre nicht aus dem Geſichte, während er mit gleichgültiger Miene fragt, ob er etwa wiſſe. Seine Richtung nach dem Pont⸗Neuf nehmend, „ der ngen: Hier rigens machen nd aus Geld, ſich zu t, ver⸗ hierauf Miene Chau⸗ 8 Neues „Alles iſt beendigt,“ ſagte der Barbier;„ſie ſind verheirathet und abgereist; ich hoffe hinfort nicht mehr von ihnen reden zu hören.“ „Ach! ſie ſind verheirathet?“ ſagte Chaudoreille, in die Lippen beißend;„die Kleine hat ihren Kleinen geheirathet?“ „Ei! ohne Zweifel,“ antwortete Touquet in bar⸗ ſchem Tone;„iſt das etwas Ueberraſchendes?“ „Was mich betrifft, ſo bin ich nicht mehr über⸗ raſcht als dieſe Mücke.“ „Hier haſt Du, was ich Dir verſprochen habe. Ich habe im Sinne, dieſes Haus in Kurzem zu ver⸗ kaufen und mich von den Geſchäften zurückzuziehen; ich bedarf Deiner Beſuche nicht mehr: Du haſt hier keine Lectionen im Singen mehr zu ertheilen. Ueber⸗ hebe Dich daher der Mühe, Dich ferner hierher zu verfügen. Lebe wohl, ich ſchenke Dir alle Bärte, die Du mir ſchuldig biſt.“ „Sehr verbunden, mein theurer Freund; könnte ich Dir doch eines Tages meine ganze Dankbarkeit beweiſen.“ Dieß ſprechend öffnet Chaudoreille die Thüre und entfernt ſich aus dem Hauſe des Barbiers. „Er fordert mich auf, nicht mehr zu ihm zurückzu⸗ kehren,“ ſagt er zu ſich,„das iſt höflich!... Der Schurke fürchtet, ich möchte den Marquis bei ihm treffen, der ihm vielleicht befohlen hatte, die Geſchenke mit mir zu theilen, die er ihm gemacht haben wird, als er die kleine Verlobte aus ſeinen Händen empfing. Aber Geduld, wenn Du ein Schelm biſt, mein lieber Touquet, ſo ſchmeichle ich mir, ebenfalls ein ſehr 44 liſtiger und gewandter Schalk zu ſein. Es iſt mir nicht darum zu thun, in Dein Weſpenneſt zurückzu⸗ keheem allein Andere werden daſelbſt erſcheinen kön⸗ nen.. Wohlan, Chaudoreille, hier iſt Genie nöthig, mein guter Freund; es kommt hier darauf an, die Verluſte der letztverfloſſenen Nacht zu erſetzen. Der Teufel hole mich, wenn ich mich wieder in eine Sänfte begebe. Eilen wir zuerſt nach dem Luſthauſe in der Vorſtadt und erkundigen wir uns bei Marcel, ob der Marquis die ſchöne Blanca dahin geführt hat; hierauf kehre ich nach Paris zurück und begebe mich zu unſerer eiferſüchtigen Italienerin; dann erzähle ich ihr von der Sache, bis ſie Convulſionen hat; endlich verfüge ich mich nach dem Orte des Rendez⸗ vous, das ich dem jungen Liebhaber gegeben habe, und ſage ihm, was ich weiß, wofür ich mich gut bezahlen laſſe. Mag ſich ein Jeder aus der Schlinge ziehen, wie er kann; was mich betrifft, ſo inſtallire ich mich, ſobald meine Taſchen gefüllt ſind, in ein Pharo, und trotze daſelbſt allen Ereigniſſen, mitten unter Poaten und Bankiers. Alle Teufel, wie hübſch das iſt!“ Dieſe Plane entwerfend hat er ſeinen Lauf nach der Vorſtadt St. Antoine genommen. Er kommt ganz athemlos in dem Luſthauſe an, und ihm öffnend fragte ihn Marcel, ob er zufällig abermals einen fremden Prinzen getödtet habe.„Heute nicht,“ ant⸗ wortet Chaudoreille, die Hand ſeines Freundes liebe⸗ voll drückend, woraus dieſer ſchließt, daß das geaßt Vermögen bereits verpraßt iſt. b V „Haſt Du ein Haus in dieſer Gegend der Stadt gekauft?“ ſagte Marcel zu ihm. „Es iſt nicht mehr die Rede davon, ich bin be⸗ ſtohlen... vollſtändig beſtohlen worden, mein Freund! ... Ich nehme eine Sänfte, und die Elenden, die mich tragen, führen mich in einen Keller und fallen zu vierzehn oder fünfzehn Mann über mich her!... Die Tapferkeit vermag nichts gegen die Ueberzahl; ich glaube jedoch, daß ich, mich vertheidigend, drei oder vier von ihnen getödtet habe. Aber laſſen wir das; ſag' mir, mein theurer Marcel, ob der Marquis ſeine neue Eroberung hierher geführt hat?“ „Ich habe weder den gnädigen Herrn, noch irgend Jemand von ſeiner Suite geſehen.“ „Marcel, Du lügſt!“ „Ich ſage Dir die Wahrheit; ich bin allein in dem Hauſe...“ „Der Teufel! das verwirrt meine Gedanken ein wenig... Biſt Du wohl ganz überzeugt, daß Du nicht lügſt?“ „Ei, zum Henker! wenn Leute hier wären, ſo hätte ich Dich ſchon lange fortgeſchickt.“ „Weißt Du, ob Dein Herr andere kleine Beſi ſitz⸗ thümer in der Umgegend vnn Paris hat?“ „Ich weiß bloß die Befehle, die man mir ertheilt, zu befolgen, zu ſchlafen und zu eſſen; übrigens bin ich weder neugierig, noch ſchwatzhaft.“ „Du handelſt ſehr thöricht, Du wirſt Dich nie weit emporſchwingen. Lebe wohl, Marcel.) Chaudoreille eilt nach Paris zurück, ſehr mißver⸗ Paul de Kock. LVIII. 4 46 gnügt darüber, daß er Blanca's Aufenthaltsort nicht entdeckt hat; da er nicht zu Julia gehen will, ohne genauere Nachrichten eingezogen zu haben, entſchließt er ſich, in das Hotel des Marquis zu eilen. Das Hotel des glänzenden Villebelle war ſeines Herrn würdig und lag in einer geringen Entfernung von dem Louvre. Chaudoreille ſchleicht in einen un⸗ geheuern Hof⸗ verbeugt ſich tief vor dem Schloßvogte und fragt, ob der gnädige Herr in Paris ſei.„Der Herr Marquis iſt in England,“ erwiedert der Schloß⸗ vogt, auf den kleinen Chaudoreille hochmüthig herab⸗ blickend, und da dieſer ſieht, daß es ihm unmöglich iſt, eine Unterhaltung mit dem ſtolzen Vogte anzu⸗ ſpinnen, verläßt er das Hotel, zu ſich ſagend:„In England! Will er die Kleine mit Plumpudding ver⸗ führen? Wahrlich, ich habe gethan, was ich konnte!... Wohlan, erzählen wir jetzt der ſchönen Julia Alles, was ich weißz; es iſt erſt fünf Uhr, ich habe noch Zeit, ehe ich zu meinem Rendezvous gehe.“ Chaudoreille eilt zu der jungen Italienerin. Die alte Dienerin öffnet ihm.„Iſt Ihre Gebieterin an⸗ weſend?“ ſagte er zu ihr. „Ja, mein Herr.“ „Iſt ſie allein?“ „Ja, mein Herr.“ „Kündigen ſie ihr an, daß der Ritter Chaudoreille ihr die wichtigſten Dinge mitzutheilen hat.“ Die Dienerin kehrt bald zurück und führt Chau⸗ doreille auf der Stelle zu ihrer Gebieterin. Julia ging in ihrem Zimmer auf und nieder und ſchien ſehr bewegt.„Ich erwartete Sie,“ ſagte ſie zum Ritter, ihm winkend, ſich niederzuſetzen. „Sie erwarteten mich, Signora?“ „Ja, denn ich habe den Marquis nicht geſehen, ſeit ich mit Ihnen geſprochen habe; nie noch iſt er ſo lange ausgeblieben, und ich zweifle nicht, daß irgend eine neue Intrigue die Urſache ſeiner Ver⸗ nachläßigung iſt.“ „Ach! Signora, Ihre Muthmaßung iſt nur zu richtig.“ „Alſo bin ich verrathen!“ ruft Julia aus, ſich wüthend geberdend, während Chaudoreille ſich in einer ehrfurchtsvollen Entfernung niederſetzt⸗ den Roland quer auf ſeine Kniee legend.— „Was wollen Sie, Signora, die Menſchen ſind Menſchen; der Marquis weiß Ihre Reize, Ihre An⸗ muth, Ihre Schönheit nicht zu ſchätzen...“ 4 „Schweigen Sie, und ſagen Sie auf der Stelle Alles, was Sie wiſſen.“ „Ich ſoll ſchweigen und reden?“ antwortet Chau⸗ doreille, irre Blicke umherwerfend. „Der Name meiner Nebenbuhlerin?.. Antworten Sie, Unglücklicher!“ „Sie ſehen mich dazu bereit, Signora; aber ich bitte Sie, laſſen Sie mich das der Ordnung nach erzählen.“ „Der Name meiner Nebenbuhlerin, ſage ich Dir!“ erwiederte Julia, ſich wuthentbrannt dem Gascogner nähernd, der an allen ſeinen Gliedern zittert und ſtammelt:„Blanca... die Weni.... das junge Nädchen, das der Barbjer erzog.. — 48 „Der Böſewicht! Ich hätte es errathen ſollen!“ „Blanca ſollte ſich heute mit einem jungen Studenten verheirathen, den ſie liebte und der ſie anbetet... Der Barbier hatte ſeine Einwilligung dazu gegeben; ich weiß nicht, durch welchen Zufall der Herr Marquis das junge Mädchen geſehen hat; er wird verliebt in ſie geworden ſein und ſie entführt haben, denn in der vorgeſtrigen Nacht iſt ſie verſchwunden, und ich habe meinen Freund Touquet ſtark im Verdacht, daß er die Plane des mnedegen Herm befördert hat. Uebri⸗ gens befindet ſich die Kleine nicht in der Vorſtadt St. Antoine: ich komme ſo eben davon her, und der Herr Marquis iſt nicht in Paris, weil ich ſo eben in ſeinem Hotel geweſen bin, wo man mir geſagt hat, er ſei in England. Chaudoreille hat alles das erzählt, ohne Athem zu holen, aus Furcht, Julia möchte ihm einen übeln Poſſen ſpielen, wenn er ſie nicht ſchnell von Allem, was er wiſſe, in Kenntniß ſetzte. „Dieſe Reiſe nach England iſt eine Lüge!“ ruft Julia aus. „Dieß habe ich auch geglaubt...“ „Der Marquis hat das junge Mädchen in eines ſeiner Schlöſſer geführt.““ „Dieß iſt wahrſcheinlich!“ „Allein in welches?... Das muß auscſs werden.“— 4 „Ich bin Ihrer Meinung; das muß noch ausge⸗ forſcht werden.“ —— Vielleicht iſt dieſes junge Mͤdchen noch in Parisn „Das könnte leicht ſein... dieſe Stadt iſt ein Abgrund! Ein junges Mädchen verliert ſich in ihr wie ein Sechspfennigſtück!“ 3 Julia ſinnt einige Augenblicke nach, und Chau⸗ doreille ſchweigt, wartend, bis ſie wieder ſprechen würde, um ihr Echo zu bilden. Die junge Frau geht in dem Zimmer auf und nieder:: ihre Hände ſind geſchloſſen; man ſieht an dem Zittern ihres Körpers, daß ihre Nerven krampfhaft zuſammengezogen ſind, und daß ſie ihre Wuth nur mit großer Anſtrengung beherrſcht. Endlich bleibt ſie vor Chaudoreille ſtehen und ſagt zu ihm:„Sie glauben alſo, daß dieſe Blanca den Marquis nicht liebt?“ 4 4 —„Ich glaube, daß ſie ihn wenigßens noch nicht 3 liebte, weil ſie ihn nie geſehen hatte...“ 1 „Wie können Sie hievon überzeugt ſein?“ „Wirklich... Sie haben recht, ich bin durchaus nicht davon berzeugt. 4 3„Sagen Sie mir Alles, was Sie über dieſes junge Mädchen wiſſen: ſeit wie lange wohnt ſie bei dem Barbier? die Beweggründe ihrer Adoption?“ Chaudoreille erzählt Julien die Sache auf dieſelbe —— Art, wie früher dem Marquis, und die Italienerin hört ihm mit der größten Aufmerkſamkeit zu; als er beetze ſinnt ſie über das Gehörte nach, und der Erzähler wagt es nicht, ſie in ihrem Nachdenken, zu ſtören. A 4 „Touquet iſt ein Elender!“ ſagte Julia endlich, vich weiß es ſchon längſt; allein ich will mir nun⸗ mehr Beweiſe von ſeinem Verbrechen zu verſchaffen 6 50 ſuchen; und wenn er es wirklich iſt, der Blanca dem Marquis überliefert hat, ſo zittere er!“ „Das iſt gerecht, das Verbrechen muß beſtraft werden!“ und Chaudoreille fügt ganz leiſe hinzu: „Wenn ſie ihn an den Galgen bringen könnte, dann würde ich ihn nicht mehr fürchten.“ „Iſt das Alles, was Sie wiſſen?“ ſagte Julia. „Ach! Verzeihung, Signora, in dem Feuer meines Eifers habe ich vergeſſen, Ihnen zu ſagen, daß ich durch den größten aller Zufälle dieſe Nacht den jungen Liebhaber der Blanca getroffen habe: der arme Teufel ſaß auf einem Steine... und ich auf dem Boden, ich war ſo eben durch Banditen beraubt worden, die mir, beiläufig bemerkt, die Frucht dreijähriger Er⸗ ſparniſſe und Entbehrungen, die ich zu einer Erſparniß⸗ kaſſe tragen wollte, entrießen!... Die Unglücklichen ſprechen gerne von ihren Leiden; wir haben geſchwatzt, und der arme Teufel ſagte mir, er ſuche ſeine Braut. Ich habe ihm nicht ſagen wollen, daß ich den ſtarken Verdacht hegte, der Marquis von Villebelle ſei der Entführer der Kleinen, ehe ich Sie geſehen hatte; allein ich habe dem jungen Menſchen ein Rendezvous auf dieſen Abend um neun Uhr gegeben.“ „Sehr gut, finden Sie ſich an dem beſtim Orte ein und bringen Sie dieſen jungen neenienntun. „Ich ſoll ihn zu Ihnen führen, Signora?“ „Ja, zu mir, wir werden uns mit einander ver⸗ abreden, wir werden unſere Bemühungen vereinigen: er, um ſeine Geliebte wieder aufzufinden, und 14 um den Undankbaren zu ſtrafen, der mich verläßt.“ „Das iſt in der That ſehr gut; wenn man ſich vereinigt, verſteht man ſich beſſer und iſt auch ſtärker. Ich eile daher zu dem Rendezvous und bringe den jungen Urbain zu Ihnen. Ach, alle Teufel! ich habe den ganzen Tag über noch nichts genoſſen, und ich glaube, ich habe kein Geld mehr bei mir...“ „Hier, hier, nehmen Sie das,“ ſagte Julia, ihm eine Börſe überreichend;„dienen Sie mir mit Treue und ſparen Sie dieſes Gold nicht.“ „Was die Treue betrifft, ſo bin ich eine wahre Pudelhündin,“ ſagt Chaudoreille, die Geldvörſe in ſeinen Gürtel ſteckend.„Ich eile in die Schenke, um etwas Speiſe und ein kleines Glas Getränk zu mir zu nehmen, dann verfüge ich mich nach dem Thore Montmartre, wo ich unſern Verliebten ab⸗ hole, den ich alsbald zu Ihnen bringe.“ Chaudoreille eilt ſchnell hinweg. Auf der Straße angekommen, unterſucht er den Inhalt des Beutels und ſagt zu ſich:„Wenn mir der junge Liebhaber eben ſo viel gibt, ſo werde ich wieder ein ſchönes Kapital vor mir haben, die gangbare Münze abge⸗ rechnet, denn dieſe Julia iſt eine Goldgrube zum Ausbeuten!“ Um neun Uhr befindet er ſich an dem Orte, den er Urbain bezeichnet hat, allein er findet den jungen Studenten nicht daſelbſt, was ihn, in Betracht des ſehnlichen Wunſches, den dieſer geäußert hatte, ihn bald wieder zu ſehen, nicht wenig befremdet. Chau⸗ doreille ſpaziert in der Straße auf und nieder, die Hand ſtets auf die Börſe haltend und ſich ſorgfältig 87 5² von den Sänftenträgern entfernend. Indeſſen hat es zehn Uhr geſchlagen, und Urbain kommt nicht; der Ritter ſtampft vor Ungeduld auf den Boden und murmelt:„Der Henker hole die Verliebten, ſie ſind ſtets halbtoll! Dieſer wird mich falſch verſtanden haben und erwartet mich vielleicht an dem Thore St. Honoré, während ich hier Schildwache ſtehe!... Wenn ich wenigſtens ſeine Adreſſe wüßte!“ Der Atme Urbain hatte den Ritter Chaudoreille ſehr gut verſtanden, und als er bei Tagesanbruch nach Haus zurückkehrte, war es ſein einziger Wunſch, den Augenblick des Rendezvous ankommen zu ſehen.) Allein können wir die Ereigniſſe vorherſehen? Wir ſind elende Geſchöpfe und entwerfen große Plane für die Zukunft! Heute gehört uns, Und Morgen Niemand. Heute ſogar gehört uns nicht ganz. Kaum war Urbain nach Haus zurückgekehrt, ſo fühlte er Schauder am ganzen Leibe. Dieſes Uebelbefinden der Ermü⸗ dung der Nacht zuſchreibend, hatte er ſich in das Bett gelegt, in der Hoffnung, einige Stunden Ruhe wer⸗ den ihn von ſeiner Unpäßlichteit befreien. Allein die Natur hatte es nicht ſo beſchloſſen: ein heftiges Fieber hatte ſich gezeigt und der junge Liebende hatte zu phantaſiren angefangen. Die Nachbarin, die ihm bei ſeinen Verkleidungen behülflich geweſen war, hatte an dem Kopfkiſſen ſeines Bettes Platz genommen und verſah die Stelle einer Wärterin, weil ſie freund⸗ ſchaftliche Geſinnungen gegen Urbain hegte und die 1 53 Frauen in der Freude wie im Schmerz ſtets bereit ſind, Beweiſe derſelben zu ertheilen. Aus dieſem Grunde ſpazierte Chaudoreille ver⸗ gebens in der Gegend des Thores Montmartre um⸗ her. Um zehn und ein halb Uhr hält er es endlich nicht mehr für klug, länger zu warten, und kehrt, ziemlich übel gelaunt, zu der Italienerin zurück, die, als ſie ihn allein ſieht, ausruft:„Warum bringen Sie ihn nicht mit?“ „Ei, zum Henker! weil ich ihn nicht tſehen habe.“ „Was ſoll das bedeuten?“ 5 „Dieß bedeutet, Signora, daß ich ſeit neun Uhr vergebens Schildwache ſtehe; Urbain hat ſich nicht eingeſtellt.“ „Ein ärgerlicher Zufall!... und Sie wiſſen ſeine Adreſſe nicht?“ 4. „Leider nein!... Wenn das wäre, ſo würde ich mich zu ihm verfügt haben. Was der Henker mag ihn abgehalten haben, ſich einzufinden?“ „Vielleicht hat er Blanca's Aufenthaltsort entdeckt; gleichviel, wir werden dieſen Menſchen wiederfinden. Chaudoreille, ſobald der Tag anbricht, ſtellen Sie ſich in der Nähe des Hauſes des Barbiers in Hinter⸗ 4 halt: ſpähen Sie alle ſeine Schritte aus, folgen Sie ihm nach, wenn er ſein Haus verläßt, und wenn ſich der Marquis zu ihm begibt, ſo eilen Sie, mich davon in Kenntniß zu ſetzen. Ich meinerſeits werde 4 in der Nähe von Villebelle's Hotel Wache halten; — es iſt unmöglich, daß er daſelbſt nicht bald wieder erſcheint. Nur dadurch, daß wir alle Schritte des 54 3 Marquis und des Barbiers ausſpähen, können wir hoffen, Blanca's Aufenthaltsort zu entdecken, und dann weiß ich, was ich zu thun habe.“ „Alle Ihre Befehle werden vollzogen werden,“ ſagt Chaudoreille, ſich entfernend: und fügt bei ſich hinzu:„Ich will zwar das Haus des Barbiers be⸗ obachten, aber was ihn betrifft, der Teufel! wenn ich mich vermeſſe, ihm zu folgen: ſobald er bloß die Naſe hervorſtreckt, werde ich mich ſo ſchnell aus dem Staube machen, daß ich ihm nur noch als ein Haſe erſcheinen werde!“ Drittes Kapitel. 1 1. Abermals das kleine Kabinet. 8 Acht Tage ſind verfloſſen, in denen Julia beſtän⸗ 4 dig in der Nähe des Hotels des Marquis umher⸗ geſchlendert iſt; allein Alles, wovon ſie ſich überzeugt hat, beſchränkt ſich darauf, daß der Marquis ſich nicht in demſelben befindet. Seinerſeits iſt Chau⸗ doreille nicht weiter gekommen; er weiß gewiß, daß der Marquis nicht zu dem Barbier gekommen iſt, allein dieſer entfernt ſich nur ſehr ſelten aus ſeiner Wohnung und bloß in der Abſicht, ſich zu ſeinen Kunden zu begeben. Was Chaudoreille ſehr überraſcht, iſt der Umſtand, daß er, ſo lange er auf der Lauer ſteht, Urbain nicht ein einziges Mal zu dem Barbier gehen geſehen hat; er weiß nicht, daß der junge Student durch das Fieber fortwährend an ſein Lager — 5⁵ gefeſſelt iſt, und ſeine Ungeduld und ſein Kummer weit entfernt ſind, ſeine Geneſung zu beſchleunigen. Julia kann ihre Lage nicht ertragenz; ſie will ſich an dem Liebhaber rächen, der ſie verläßt. Da Ville⸗ belle ſtets abweſend iſt, ſo fordert ſie den Ritter Chau⸗ doreille auf, ſich auf ihren Poſten in der Nähe des Hotels zu verfügen, wogegen ſie ihn in der Straße des Bourdonnais erſetzt; Chaudoreille willigt mit großem Vergnügen in dieſe Aenderung, entzückt, ſich von der Wohnung des Barbiers entfernen zu können. Julia hat nicht im Sinne, ſich darauf zu beſchränken, Touquets Wohnung anzublicken; ſie will in dieſelbe ſchleichen, ſie will mit Margarethe ſprechen und von der guten Alten alle Einzelheiten in Beziehung auf Blanca's Verſchwinden erfahren. Julia iſt muthig und unternehmend, ſie iſt Italienerin und will ſich rächen: dieß iſt drei Mal mehr, als man nöthig hat, um ſeinen Zweck zu erreichen. Julia fürchtet Touquet nicht, allein ſie ſieht ein, daß ſie nur in ſeiner Abweſenheit hoffen kann, Mar⸗ garethen zum Sprechen zu bewegen, und ſie hat ihren Plan nach den Erkundigungen entworfen, die ſie im Stadtviertel über die alte Dienerin eingezogen hat. Gegen Abend ſieht Julia den Barbier ſeine Woh⸗ nung verlaſſen; ſobald er ſich entfernt hat, klopft ſie an der Thüre des Hauſes. Margarethe war troſtlos, daß ſie nichts von ihrer theuren Blanca wußte, und was das Maß der Ver⸗ zweiflung der guten Alten voll machte, war der Um⸗ ſtand, daß ſie nicht mehr von Urbain reden hörte. 56 Wenn ſie vor ihrem Herrn den Namen Blanca aus⸗ ſprach, ſo gebot ihr der Barbier in ſtrengem Tone Stillſchweigen; bloß in der Einſamkeit wagte Mar⸗ garethe, ſich ihrem Schmerze ohne Zwang zu über⸗ laſſen. „Wer iſt da?“ fragt Margarethe nach ihrer Ge⸗ wohnheit. 3 „Jemand, der Ihnen Nachrichten von Blanca geben will,“ erwiedert Julia. Beim Namen ihres lieben Kindes trägt Marga⸗ rethe kein Bedenken, zu öffnen; zudem hat ſie die Stimme einer Frau erkannt, und der Kummer hat die Furchtſamkeit des alten Mädchens vermindert. Julia tritt ein: ein ſchwarzer Mantel, der größer iſt als der der Spanierinnen, umhüllt ſie, ein Falten⸗ hut von derſelben Farbe bedeckt ihren Kopf, und zwei ebenfalls ſchwarze Federn fallen anmuthig von dem Faltenhute auf Julia's linke Schulter zurück. Dieſe Tracht, ihr entſchiedener Gang und das Feuer, das in ihren ſchwarzen Augen funkelt, verleihen ihrer ganzen Perſon etwas Seltſames, das in Erſtaunen ſetzt. Allein Margarethe hat alles das nicht bemerkt und ruft bei ihrem Anblick aus:„Werden Sie mir meine theure Blanca zurückbringen?“ „Noch nicht... allein ich werde Allem aufbieten, daß Sie ſie bald wiederſehen. Deßwegen muß ich mit Ihnen reden; führen Sie mich in Ihr Zimmer.“ „Aber mein Herr hat mir verboten⸗ irgend Jemand zu empfangen,“ ſagt Margarethe⸗ die anfangt, Julia mit Aufmerkſamkeit zu betrachten. 57 „Ihr Herr iſt ausgegangen...“ „Er kann jeden Augenblick zurückkehren.“ „Ich werde ſeine Blicke zu vermeiden wiſſen. Die Furcht, die er Ihnen einſlößt, iſt demnach ſehr groß?“ „Er iſt ſo ſtrenge!“ „Wohlan, gute Margarethe, laſſen Sie ſich von der Furcht, die Sie vor dem Barbier haben, nicht ſo ſehr beherrſchen, daß Sie Ihre theure Blanca vergeſſen. Von der Unterhaltung, die wir mit einan⸗ der haben, von den Nachrichten, die Sie mir geben werden, hängt vielleicht der Erfolg meiner Unter⸗ nehmung ab.“ „Ja, ich fühle, daß ich, um mein geliebtes Mäd⸗ chen wieder zu ſehen, Allem trotzen kann... Kommen Sie, Madame, folgen Sie mir.“ Margarethe ſteigt in ihr Zimmer hinauf, von Julia begleitet, die forſchende Blicke auf alle ihrem Auge ſich darbietende Gegenſtände wirft. Während die Alte ihre Lampe auf den Tiſch ſtellt und Stühle vorrückt, legt Julia ihren Mantel abz ſie trägt unter demſelben einen rothen Rock, und in einem ſchwarzen Gürtel, der ihren Leib umſchließt, funkelt ein kleiner Dolch mit einem Griffe von Ebenholz. Dieſe Miſchung von Roth und Schwarz, die, den alten Chroniken zufolge, ſtets die Lieblingstracht der Zauberinnen war, dieſe Waffe, die an Julia's Gürtel ſchimmert, Alles vereinigt ſich, um Margarethen einen geheimen Schrecken einzuflößen. Sie betrachtet die junge Frau unruhig und ſtammelt, ihr einen Sitz anbietend: 58 „Kann ich wiſſen, Madame, wer Sie ſind und woher Sie meine arme Blanca kennen?“ „Wer ich bin!“ antwortet Julia, und ein bitteres Lächeln ſpielt um ihren Mund.„Dieß ſteht mit dem Beweggrunde, der mich hierher führt, in keiner Ver⸗ bindung. Was liegt in der That daran, wer ich bin, wenn ich Ihnen nur das Mädchen, das Sie be⸗ weinen, wieder aufſuchen will, und die Macht dazu habe.“ „Die Macht!“ wiederholt Margarethe, die zu ver⸗ muthen anfangt, ſie ſtehe vor einer Zauberin.„Ach! Sie haben die Macht!“ „Was Ihre theure Blanca betrifft, ſo kenne ich ſie nicht; ich habe ſie ſogar nie geſehen...⸗ Dieſe Worte vergrößern Margarethens Schrecken, allein Julia fährt, ohne darauf zu merken, fort:„Hören Sie mich, gute Frau. Mein perſönlicher Vortheil veranlaßt mich, Blanca aufzuſuchen; der, welcher ſie entführt hat, gehörte ganz mein!... ich betete ihn anl... ich würde mein Leben für ihn aufgeopfert haben, und der Undankbare vergißt mich!... Be⸗ greifen Sie jetzt den Beweggrund, der mich in dieſer Sache leitet?“ „Ach! ich ſchöpfe wieder Athem,“ ſ agt Margarethe; „ja, Madame, ja, ich begreife, jener große Herr⸗ der hierher gekommen iſt, iſt vielleicht Ihr Gemahl... Ach! das würde mich nicht wundern; die Menſchen ſind in der That nicht mehr erkenntlich!“ 8 „Sagen Sie mir, was Sie wiſſen, gute Mar⸗ garethe; es iſt von Wichtigkeit, daß ich Alles erfahre.“ 59 Margarethe ſtattet ihr von dem Beſuche des Mar⸗ quis, und dem, was er Blanca geſagt hat, Bericht ab. „Hatte er Sie vor jenem Tage nie egeſehen en „Nie, ich verſichere Sie.“ „Und Sie haben den Marquis bei dem Barbier gelaſſen...“ „Den Marquis?.. Es iſt alſo ein Marquis!... Ich ahnte es doch!“ „Ich bitte Sie, antworten Sie mir.“ „Ja, Madame; mein Herr hat mir befohlen, wegzugehen, und ich habe ihn bei dieſem Marquis gelaſſen.“ „Dann?“ „Legte ich mich zu Bette, Madame, und ich glaube, meine theure Blanca that deßgleichen.“ „Elender Touquet! er war mit dem Marquis im Einverſtändniſſe; er iſt es, der ihm dieſes junge Mäd⸗ chen überliefert hat!“ „Was ſagen Sie da, Madame? Sie glauben, mein Herr...“ „Iſt ein Bſerichtl⸗ „Ach! ſprechen Sie leiſe, ich bitte Sie!... Wenn er zurückkehrte... wenn er Sie hörte.. Aber Sie täuſchen ſich, Madame, mein Herr hatte in Blanca's Ehe mit Urbain eingewilligt.“ „Um ſeine Plane deſto beſſer zu verbergen.“ „Armer Urbain!.. ich ſehe ihn nicht mehr! Ohne Zweifel ſucht er unſere theure Kleine unaufhörlich.“ „Wo war Blanca's Zimmer?“ ſagt Julia, neugierig um ſich her blickend. 3 „Im erſten Stockwerke, nach der Straße zu, Madame; ſeit ſie in dieſes Haus gekommen war, hatte ſie kein anderes bewohnt.“ „In dieſes Haus alſo iſt ſie mit ihrem Vater gekommen, der ermordet worden iſt?“ „Ja, Madame.“ „Standen Sie damals im Dienſte des Barbiers?“ „Nein, Madame, ich bin erſt zwei Jahre nachher in denſelben getreten.“ „Wo ſchläft Ihr Herr?“ „Gerade hier unten; deßwegen würde ich, wenn er zurückkehrte, fürchten, er möchte uns ſprechen hören.“ „Und haben Sie dieſes Zimmer ſtets bewohnt?“ „Nein, Madame, ich wohnte früher oberhalb Blanca's Zimmer; es gefiel mir daſelbſt weit beſſer als in dieſem düſtern Zimmer, in welchem lange Zeit Niemand wohnte, und das, glaube ich, ehedem die Wohnung eines Magiers mit Namen Odoart war.“ Julia ſteht auf und geht einige Augenblicke ſchwei⸗ gend in dem Zimmer auf und nieder. Plötzlich ruft ſie aus:„Ach, wenn dieſe Mauern ſprechen könn⸗ ten!“ „In der That,“ ſagt Margarethe, den Kopf ſchüt⸗ telnd,„ich glaube, daß wir furchtbare Dinge erfah⸗ ren würden! Ein Neſtelknüpfer!... ein Zauberer!“ Julia ſcheint in tiefes Nachdenken verloren, als man die Hausthüre ſchließen hört.„Ach, mein Gott! das iſt mein Herr... ich bin verloren!“ ruft Mar⸗ garethe aus.„Er hat mir ausdrücklich verboten, irgend Jemand zu empfangen..“ 61 „Schweigen Sie!... Er wird nicht wiſſen, daß ich hier bin. Kommt er zuweilen in Ihr Zimmer herauf?“ „Nein... aber.. gute heilige Margarethe, wenn er entdeckte...“ 3 Julia legt einen Finger auf ihren Mund, um ſie zum Schweigen zu bewegen. Bald läßt ſich die Stimme des Barbiers hören: er ruft Margarethen. Dieſe zittert ſo ſehr, daß ſie nicht weiß, was ſie thun ſoll.„Antworten Sie doch, daß Sie kommen,“ ſagt Julia zu ihr. Margarethe nähert ſich der Thüre, allein jetzt glaubt ſie ihren Herrn die Treppe her⸗ aufſteigen zu hören.„Das iſt er... er wird zu mir kommen!“ ſagt ſie zu Julia. „Ich muß mich verbergen.“— „Ach! warten Sie... ich hatte es vergefſen.. geſchwind, geſchwind in dieſes Kabinet...“ Mar⸗ garethe eilt nach ihrem Alkov, ſchleicht hinter das Bett, öffnet die kleine, durch die Tapeten verborgene Thüre, und Julia ſchleicht blitzſchnell in das Kabinet. Die alte Dienerin ſchließt die Thüre hinter ihr zu, nimmt ihre Lampe und eilt, die Treppe⸗ hinabzuſtei⸗ gen. Ihr Herr war in dem Saale des Erdgeſchoßes. „Sie iſt ſehr langſam,“ ſagt der Barbier, Mar⸗ garethe anblickend. „Mein Herr.. dieß kommt daher... daß man ... in meinem Alter nicht flink iſt...“ „Iſt in meiner Abweſenheit Jemand gekommen?“ „Nein, mein Herr, Niemand.“ Paul de Kock. LVIII. „Urbain vielleicht?“ „Ich ſchwöre Ihnen, daß ich ihn nicht geſehen habe.“ „Chaudoreille?“ „Eben ſo wenig.“. 3 Der Barbier läßt ſich das Nachteſſen auftragen und winkt Margarethen, ſich zu entfernen.„Wollen Sie heute lange aufbleiben, mein Herr?“ ſagt ſie. „Was liegt ihr daran?“ erwiedert Touquet, einen finſtern Blick auf ſie werfend.„Ich habe ihr ſchon oft geſagt, daß ich die neugierigen Leute eben ſo ſehr haſſe als die ſchwatzhaften.“ „Dieß iſt wahr... auch ſehen Sie wohl... ich will zu Bette gehen, mein Herr.“ Margarethe eilt wieder nach ihrem Zimmer. Da angekommen, ſchließt ſie die Thüre ſorgfältig und befreit dann Julia, die in dem kleinen Kabinete ohne Licht geblieben iſt.„Kommen Sie, Madame,“ ſagt ſie zu ihr,„kommen Sie, Sie können jetzt wie⸗ der herausgehen.“ 4 „Einen Augenblick!“ ſagte Julia, Margarethen die Lampe aus den Händen nehmend,„ich will die⸗ ſen Ort unterſuchen.“ „O mein Gott! Sie werden hier nichts Merk⸗ würdiges finden... Wir ſind einmal da geweſen,⸗ Blanca und ich und...“. „Hier iſt eine Thüre,“ ſagt Julia, das Licht der Mauer nähernd. „Eine Thüre! glauben Sie? wir haben ſie nicht geſehen. Es iſt wahr, wir ſind nur einen Augenblich und ohne Licht da geweſen.“ 63 5 Julia ſucht den Durchgang, der zur Treppe führt, zu öffnen, allein dieß gelingt ihr nicht.„Dieſe Thüre iſt von der andern Seite verſchloſſen,“ ſagt ſie;„ſie muß mit irgend einem verborgenem Gange in Ver⸗ bindung ſtehen.“ „Was liegt uns daran, Madame? Kommen Sie, ich bitte Sie.“ „Mir liegt im Gegentheil ſehr viel daran. Ach! wenn ich irgend einen Beweis erhalten könnte, um ihn in's Verderben zu ſtürzen!“ „Wovon einen Beweis, Madame?“ „Es iſt unmöglich, dieſe Thüre einzubrechen.“ Julia hält ihre Lampe auf den Boden nieder und unterſucht, ob ſie keine Fallthüre entdecken kann, während Margarethe am Eingange des Alkovs bleibt, horchend, ob ihr Herr nicht heraufſteige. „Was iſt das für ein großes Koffer?“ fragt Julia nach einigem Umherblicken. „Es iſt leer, wie Sie ſehen... ich weiß nicht, was es da thut; ich werde es einmal verbrennen.“ Julia bückt ſich nieder und lüpft das Koffer, um es beſſer unterſuchen zu können. Sie glaubt einen auf den Boden gelegten Gegenſtand zu bemerken, nähert ihr Licht demſelben und ſieht, daß es eine alte Brieftaſche von braunem Leder iſt, die, wie es ſcheint, abſichtlich unter das Koffer verborgen wurde, wo ſie ſeit mehreren Jahren gelegen haben muß, denn der rings umher angehäufte Staub hat bloß den Ort, den ſie einnahm, verſchont. Julia ergreift die Brieftaſche mit einem Freuden⸗ 5 64 ſchrei.„Was gibt es?“ ſagt Margarethe, ſich nä⸗ hernd,„was haben Sie da?“ „Ich habe eine gewiſſe Ahnung, daß ich in dieſer Brieftaſche endlich finden werde, was ich ſuche!“ „Dieſe Brieftaſche! O, mein Gott! wo war ſie denn?“ „Stille! Kommen Sie, laſſen Sie uns dieſe Thüre wieder verſchließen.“— Julia verläßt das Kabinet, deſſen Thüre ſie wie⸗ der verſchließt, und die Lampe wieder auf den Tiſch ſtellend, beeilt ſie ſich, die Brieftaſche zu öffnen und die in ihr enthaltenen Papiere zu unterſuchen. Unter⸗ deſſen ſteht Margarethe, ſtets unruhig, an der Thüre auf der Lauer, und betrachtet zugleich die junge Frau, deren Geſichtszüge die lebhafteſte Gemüthsbewegung ausdrücken. Plötzlich leuchtet eine grauſame Freude in den Augen der jungen Italienerin, die ſich auf einen Stuhl neben dem Tiſche wirft und ausruft: „Ich werde gerächt werden!“. „Allein, wem gehört dieſe Brieftaſche?“ fragt Margarethe. „Dem Unglücklichen, den Ihr Herr ermordet hat.“ „Ermordet!... Ach! Madame, was ſagen Sie da?“ „Ja, Alles beweist es mir... dieſes Zimmer wird er ihm zur Wohnung angewieſen haben, weil der geheime Gang, der ſich hier befindet, ſein Ver⸗ brechen begünſtigen mußte! Der Unglückliche hatte ohne Zweifel dieſes Kabinet beſichtigt, und, ohne das Unglück, das ihn erwartete, zu errathen, für gutzge⸗ 65 funden, dieſe Brieftaſche, welche die Beweiſe eines wichtigen Geheimniſſes enthält, unter dem Koffer zu verbergen.“ „Ach, Sie machen mich zittern, Madame!“ Julia fährt fort, die Papiere zu unterſuchen. Freude, Erſtaunen und das Vorgefühl der Rache ſprechen abwechslungsweiſe aus ihren Augen.„End⸗ lich ruht ſein Schickſal in meinen Händen!“ ruft ſie aus;„Treuloſer, der Du mich verrathen haſt... zit⸗ tere, daß ich Dir nicht noch grauſamere Qualen bereite, als Du mich haſt erdulden laſſen. Und Du, ſein geſchäftiger Mitſchuldiger, der Marquis ſoll das Ungeheuer kennen lernen, das ſeine Liebesintriguen befördert hat.“ Margarethe hört Julia zitternd an. Dieſe legt die Papiere wieder in die Brieftaſche, die ſie ſorg⸗ fältig in ihren Buſen verſteckt, dann wirft ſie ihren Mantel um und ſchickt ſich zum Weggehen an. „Und Blanca?“ ſagte die gute Alte,„Sie ſagen nichts mehr von Blanca, Madame?“ „Faſſen Sie Muth!“ antwortet Julia in feier⸗ lichem Tone;„Blanca's Schickſal muß ſich ändern ... Sie werden ſie wieder ſehen... Leben Sie wohl, gute Frau; beobachten Sie das tiefſte Stillſchweigen über dieſe Brieftaſche; Blanca's Schickſal hängt da⸗ von ab.“ „Ach, Madame, fürchten Sie nichts!“ „Ich werde ohne Licht hinabſteigen; Touquet muß in ſein Zimmer zurückgekehrt ſein. Ich werde kein Geräuſch machen.“ 66 „Allein ich muß Sie wohl begleiten, um die Thüre zu öffnen.“ „Könnte ich ſie nicht ſelbſt öffnen?“ „Es iſt ein Geheimniß... Ach, mein Gott! ich ginge gerne mit Ihnen aus dieſem Hauſe. Alles, was Sie mir von meinem Herrn geſagt haben, macht mich zittern, und ſeit mein theures Kind nicht mehr da iſt, finde ich dieſe Wohnung ſo traurig, ſo öde!“ „Es iſt beſſer, Sie bleiben hier, um mich und Urbain von Allem, was der Barbier thut, in Kennt⸗ niß zu ſetzen. In Kurzem, Margarethe, werden Sie glücklicher und mit Ihrer theuern Blanca vereinigt ſein.“ „Ach, ſprächen Sie doch die Wahrheit!“ „Oeffnen Sie Ihre Thüre... ich höre kein Ge⸗ räuſch auf der Treppe... beeilen wir uns.“ Die Alte ſchleicht ohne Licht die Treppe hinab; Julia folgt ihr. Sie kommen unten an der Treppe an und ſind im Begriff, in die Hausflur zu treten, als der Barbier, ſchnell aus dem Gange, der in den Saal des Erdgeſchoßes führt, hervortretend, mit einem Lichte in der Hand erſcheint. Margarethe ſtoßt einen Schrei des Entſetzens aus. Der Barbier nähert das Licht raſch dem Geſichte der Italienerin, die in einem gebieteriſchen Tone zu ihm ſagt:„Wohlan, erkennſt Du mich wieder?“ Touquet macht eine Bewegung der Ueberraſchung⸗ ſucht aber ſeinen Zorn zu beherrſchen, indem er ant⸗ wortet:„Sie bei mir, Madame! und was haben Sie da zu ſuchen?“ 67 „Nachrichten von Blanca!“ „Von Blanca?“ „Ja, befremdet Dich das? Du glaubteſt nicht, daß ich dieſes junge Mädchen kennen lernen werde, Du glaubteſt, der Marquis von Villebelle werde ſich ſeiner neuen Leidenſchaft überlaſſen können, ohne daß ich den Gegenſtand derſelben kennen lernen, ohne daß ich erfahren werde, daß Du abermals der Bertraute ſeiner Liebe warſt?“ Wuth und Grimm leuchten aus Touquets Augen, während er der Italienerin antwortet:„Die Eifer⸗ ſucht hat Ihr Gehirn verwirrt, Madame! Können Sie mir die Schuld beimeſſen, wenn Ihr Liebhaber Sie verläßt? Und woraus können Sie ſchließen, daß der Marquis der Entführer eines jungen Mädchens iſt, das er nie geſehen hat?“ „Deine Lügen nützen nichts... ich weiß mehr da⸗ von, als Du glaubſt. Wenn Du den Marquis vor mir ſiehſt, ſo ſage ihm, er ſolle ſich beeilen, Blanca mit Urbain zu vereinigen. Beginge er durch Deine treuloſen Rathſchläge einen Frevel, ſo wäre er der Erſte, der Dich wegen ſeines Verbrechens beſtrafen würde. Was mich betrifft, ſo wirſt Du mich wie⸗ der ſehen, ich habe Dir auch ein Geheimniß zu ent⸗ hüllen.“ Dieß ſprechend eilt Julia nach der Thüre. Der Barbier macht Miene, ſie zurückzuhalten, allein ſie wendet ſich um und ihre Hand hat bereits den Griff ihres Dolches erfaßt. Einen fürchterlichen Blick auf Touquet ſchleudernd, verläßt ſie ſchnell ſeine Wohnung. 68 Viertes Kapitel. Der Sturm zieht ſich zuſammen. Während der Nacht las Julia die in der Brief⸗ taſche enthaltenen Papiere zu wiederholten Malen; ſie ſchien ſich mit neuen Entwürfen zu beſchäftigen und neue Racheplane auszubrüten. Der Schlaf nahte ihren Augen nicht und der Tag fand ſie noch vor einem kleinen Tiſche ſitzend, auf welchem die Brief⸗ taſche liegt, und einen Brief unterſuchend, deſſen In⸗ halt ſie ſo lebhaft anzuſprechen ſcheint, daß ſie ſich nicht enthalten kann, ihn wieder und wieder zu leſen. In dieſem Augenblicke läutet man drei Mal an der Hausglocke. Julia legt eilends die Briefe und die Brieftaſche zuſammen, und bald tritt Chaudo⸗ reille in ihr Gemach. „Dank meiner Sorgfalt, ich bringe Ihnen end⸗ lich Nachricht!“ ruft der Gascogner mit ſelbſtgefälliger Miene.„Seit achtundvierzig Stunden habe ich an dem Palaſte gelauert... und ſogar das kleinſte Ge⸗ ſchöpf, das hineinging, beobachtet.“ „Nun denn?“ „Nun denn! der Marquis iſt zurückgekommen.“ „Er iſt hier?“ 1 „Ja, Signora, in ſeinem Hotel... ich habe ihn dieſen Morgen in einem Reiſewagen ankommen ſehen.“ „Sehr gut; ich werde ihn ſehen, hoffe ich.“ „Was befehlen Sie jetzt?... wo ſoll ich hin⸗ eilen?2.. ich bin bereit.“ 69 „Sie haben den jungen Urbain noch immer nicht geſehen?“ „Leider! nein. Ich glaube, der arme Junge wird vor Liebe geſtorben ſein!... Er war ſchon ſo mager wie ein Kukuk. Ich kann mir ſonſt keinen Grund denken, der ihn hätte abhalten können, ſich bei unſe⸗ rer Zuſammenkunft einzufinden.“ „Kehren Sie zu dem Hotel zurück; ich fürchte, der Marquis möchte ſich ohne unſer Wiſſen entfer⸗ nen, und für Blanca's Wiederauffindung iſt es von Wichtigkeit, daß ich jeden Schritt erfahre, den Ville⸗ belle thut.“ „Ganz recht, ich kehre alſo wieder auf meinen Poſten zurück.“— „Nehmen Sie dieſes Gold, aber verdoppeln Sie Ihren Eifer, eilen Sie... Wenn Sie zu ſehr ermü⸗ det ſind, ſo bedienen Sie ſich einer Sänfte.“ „Ich ſoll eine Sänfte nehmen? Lieber wollte ich den Weg auf dem Bauche machen. Aber ſeien Sie ruhig, Signora: meine Füße ſind ſteis zu meinem Dienſte bereit.“ Chaudoreille hat ſich entfernt. Julia ſetzt ſich an ihren Schreibpult und ſchickt ſich zum Schreiben an, aber plötzlich wirft ſie die Feder weg und ſteht mit den Worten auf:„Es iſt beſſer, ich ſehe, ich ſpreche ihn; fort nach ſeinem Hotel!“ Alsbald klingelt ſie ihrer Dienerin und läßt ſich ankleiden. Trotz der Unruhe, die ſie empfindet, wird ihr Spiegel oft zu Rathe gezogen, und ſie unter⸗ läßt nichts, was ihre Reize erhöhen kann. Endlich iſt dieſes wichtige Geſchäft beendigt. Julia läßt eine Sänfte holen und ſich nach der Wohnung des Mar⸗ quis führen.. Beim Eintritt in den unermeßlichen Hof dieſes glänzenden Palaſtes hat die junge Italienerin Mühe, ihre Gemüthsbewegung zu beherrſchen.„Was wollen Sie, Madame?“ fragte ſie der Schloßvogt. „Zum Marquis von Villebelle.“ „Mein gnädiger Herr iſt erſt dieſen Morgen von England zurückgekommen und nimmt noch keine Be⸗ ſuche an.“ „Ich muß ihn durchaus ſprechen.“ „Es iſt unmöglich.“ „So ſagen Sie ihm wenigſtens, Signora Julia wünſche ihn auf der Stelle zu ſehen.“ Der Schloßvogt überträgt die Beſorgung dieſes Auftrags einem Bedienten, der bald wieder zurück⸗ kommt und Julien mit unverſchämter Miene erklärt: „Mein Herr will Ihnen den Zutritt nicht geſtatten und erſucht Sie, ſeinen Palaſt zu verlaſſen.“ Dieſe Beleidigung kann Julia nicht verſchmerzen; ſie wirft einen wüthenden Blick auf die Bedienten und entfernt ſich ſchnell aus dem Palaſte. Zu Hauſe angekommen, ſetzt ſie ſich an ihren Schreibpult, und ſchreibt dem Marquis folgendes Billet: „Sie weigern ſich, mich zu ſehen, und doch hängt es von mir ab, Sie zum glücklichſten oder unglück⸗ lichſten aller Sterblichen zu machen. Ich weiß, daß Sie der Entführer Blanca's ſind; achten Sie dieſes 71 junge Mädchen. Eilen Sie, mich zu hören: jetzt will ich Ihnen noch verzeihen, aber in wenigen Augen⸗ blicken werde ich nur den Eingebungen meiner Wuth folgen.“ Sobald ſie dieſen Brief beendigt hat, überträgt ſie deſſen Beſorgung einem ihr ergebenen Menſchen und erwartet ſeine Zurückkunft mit der lebhafteſten Ungeduld. Endlich kommt der Bote zurück und bringt eine Antwort des Marquis. Julia exgreift ſie haſtig und liest Folgendes: „Meine kleine Julia! Ihr Billet-doux hat mir viel zu lachen gemacht; ich finde nichts ſpaßbafter als jene Frauen, die uns mit ihrer Wuth drohen. Es ſteht euch nur Eine Rache zu Gebot, die: uns zu täuſchen, und Gott weiß, ob ihr Gebrauch davon macht; aber auch ſie hat wenig Reizendes, wenn ſie nicht ſtattfindet, während wir euch lieben; im andern Falle iſt euer Zweck verfehlt. Ihre Herrſchaft iſt vor⸗ bei, meine liebe Freundin; es iſt Ihnen ohne Zwei⸗ fel nie in den Sinn gekommen, den Marquis von Villebelle lange zu feſſeln; ich ſende Ihnen eine An⸗ weiſung auf meinen Bankier. Ich weiß nicht, wer Ihnen hat ſagen können, daß ich eine gewiſſe Blanca entführt habe; was liegt Ihnen eigentlich daran? Kann ich nicht zehn Frauen entführen, wenn es mir beliebt? Glauben Sie mir, bekümmern Sie ſich nicht um meine Handlungen und geben Sie ſich nicht mehr die Mühe, mir zu ſchreiben, denn Ihre Briefe würden Ihnen unerbrochen zurückgeſchickt wer⸗ den. Leben Sie wohl; ich wünſche Ihnen einen ge⸗ 72 treuen Liebhaber, weil Sie ſo viel auf Treue hal⸗ ten.“. Julia wird zur Bildſäule; ſie hat das Schreiben noch in ihrer Hand, aber ſie ſieht es nicht mehr; ein einziger Gedanke, der Gedanke an Rache, beſchäftigt ſie; ſie ſcheint ſich demſelben mit Vergnügen hinzu⸗ geben.„Du haſt es gewollt,“ ſagte ſie,„ich ſchwanke nicht mehr.“ Der Marquis iſt indeſſen ſehr betroffen darüber, daß die junge Italienerin weiß, daß er Blanca ent⸗ führt hat, und ſobald die Nacht eingebrochen iſt, hüllt er ſich in ſeinen Mantel und begibt ſich zum Barbier. Touquet ſelbſt öffnet dem Marquis, denn die Er⸗ eigniſſe des vorigen Abends und der Schrecken, den die alte Margarethe empfunden hat, ſchienen ſie ge⸗ lähmt zu haben: ſie iſt nicht mehr im Stande, ihr Zimmer zu verlaſſen. „Sie hier, mein gnädiger Herr!“ ſagt der Bar⸗ bier erſtaunt;„ich glaubte Sie auf Ihrem Schloſſe ganz mit Ihrer neuen Liebe beſchäftigt. Sollte Blanca ſchon vergeſſen ſein?“ „Vergeſſen? Ach, ich liebe ſie mehr als je! Aber ich bin genöthigt worden, auf einige Tage nach Paris zu kommen; ich hoffe bald wieder nach, Sarcus zu⸗ rückzukehren. Jeder Augenblick, den ich entfernt von Blanca verleben muß, ſcheint mir ein Jahrhundert zu ſein. Ich habe jedoch noch nicht geſiegt... und die Erinnerung an ihten Urbain... allein, laßt uns auf den Beweggrund kommen, der mich hierherführt: wie. 73 kommt es, daß Julia weiß, daß ich Blanca entführt habe? woher kann ſie das liebenswürdige Mädchen, das Du ſo ſorgfältig bewachteſt, kennen?“ „Ich bin hierüber eben ſo erſtaunt als Sie, mein Herr. Dieſe junge Italienerin hat die Kühnheit ge⸗ habt, ſich geſtern Abend in mein Haus zu ſchleichen. Sie hat, wie mir meine alte Haushälterin ſagt, vor⸗ gegeben, ſie bringe Nachrichten von Blanca, der That nach aber hatte ſie bloß die Abſicht, nähere Erkun⸗ digung über ihr Verſchwinden einzuziehen.“ „Sie iſt auch in mein Hotel gekommen; ich habe ihren Beſuch abgelehnt und ſie hat mir geſchrieben: ſie droht mir! Mein Schickſal, ſagt ſie, ruhe in ihren Händen. Du kannſt Dir leicht denken, daß ich über dieſe großen Worte, welche die Eiferſucht und der Unwille einer Frau eingeben, nur lache; doch finde ich in dieſem Allem etwas Sonderbares.“ „Warten Sie, gnädiger Herr, ich glaube... Wer hat Ihnen geſagt, daß ſich in meinem Hauſe ein junges reizendes Mädchen befinde?“ 3 „Wahrlich, Du erinnerſt mich daran: es iſt ein Original, ein kleiner Menſch, den ich in meinem Hauſe in der Vorſtadt, unter einer Bildſäule ver⸗ ſteckt, gefunden habe, und der behauptet hat, er ſei Dir bei Julig's Entführung behülflich geweſen.“ „Chaudoreille?“ „Es iſt ſol „Ich hätte es errathen ſollen. Ohne Zweifel hat dieſer Julien geſagt, daß Sie Blagfa entführt haben; wenn ihm Urbain bekannt wäre, ſo würde es mich nicht wundern, wenn er auch dieſen davon unter⸗ richtete.“ „Ah, der kleine Schelm, ich habe ihn doch recht gut bezahlt!“ 3 „Nachdem er Urſache der Entführung geweſen iſt, thut er ſein Möglichſtes, daß Blanca wieder aufge⸗ funden wird!“— „In der That, das iſt nicht ſo einfältig. Er iſt ein Burſche, der nachahmt; aber wenn Du ihn irgendwo triffſt, ſo empfehle ich ihn Dir: laß ihn tüchtig durchprügeln.“ „Seien Sie ruhig, mein Herr.“ „Uebrigens mögen ſie machen, was ſie wollen, ſie werden Blanca meinen Händen nicht entreißen können. Dieſes junge Mädchen hat mehr Macht als ſie Alle! Eine einzige ihrer Thränen könnte, ich fühle es, alle meine Entſchlüſſe ändern. Wenn ſie mich mit ihren ſchönen Augen flehend anblickt, ſo ſtehe ich oft auf dem Punkte, meine Liebe aufzuopfern und ſie dem Gegenſtande ihrer Zärtlichkeit zurückzu⸗ geben, um mir wenigſtens ihre Freundſchaft zu er⸗ werben...“ „O, mein gnädiger Herr, welch' eine Thorheit! Wie, Blanca iſt in Ihrer Gewalt und Sie würden...“ „Nein, nein, ſie muß mein ſein; mich jetzt von ihr zu trennen iſt unmöglich, und hat ſie mir zudem nicht geſagt, daß ſie geneigt wäre, mich zu lieben!“ „Auf, mein Herr, faſſen Sie Muth; man würde ſagen, Sie laſſen ſich durch die Drohungen dieſer kleinen Julia ſchrecken!“ 3 75 „Mein Oheim iſt ſehr krank; vielleicht wird er die Nacht nicht überleben. Ich werde bald wieder nach Sarcus abreiſen, dann will ich mich nicht mehr von Blanca trennen, dann will ich nur meiner Liebe Gehör geben.“ „Bei den Frauen, gnädiger Herr, erlangt man dadurch für Alles Verzeihung.“ Seitdem der Barbier weiß, daß Villebelle arg⸗ wöhnt, woher er ſein Vermögen uch hält er es ſei⸗ nem Intereſſe für angemeſſen, Blanca zu Grunde zu richten; wenn es dem Marquis in den Sinn käme, auf die Bahn der Ehre zurückzukehren, ſo müßte Touquet für ſich ſelbſt zittern. Der Marquis iſt wieder in ſeinem Palaſte an⸗ gekommen. Wie er vorhergeſehen hat, ſtirbt ſein Oheim in derſelben Nacht und hinterläßt ihm un⸗ geheure Reichthümer, was zu dem Gedanken ver⸗ leiten könnte, daß das Glück nicht diejenigen, welche einen guten Gebrauch von ſeiner Gunſt machen, vor⸗ zugsweiſe begünſtige; allein man wird hierauf ant⸗ worten, die Glückſeligkeit entſpringe nicht aus dem äußern Glücke. Man muß doch die Unglücklichen ein wenig tröſten. Acht Tage ſind für den Marquis hinreichend, ſeine Geſchäfte in Ordnung zu bringen; nach Verlauf dieſer Zeit ſchickt er ſich an, zu Blanca zurückzukehren, der er Geſchenke jeder Art, die ſorg⸗ fältig in den Reiſewagen eingepackt werden, mit⸗ nimmt. Chaudoreille, der beſtändig in der Nähe des Hotels auf der Lauer ſteht, bemerkt jene Reiſean⸗ ſtalten, und eilt, Julien davon in Kenntniß zu ſetzen. „Es iſt gut,“ ſagt die junge Italienerin;„ich bin auch ſchon lange bereit; ich habe zwei gute Pferde gekauft... Du wirſt mich begleiten.“— „An’s Ende der Welt... ich bin Ihnen mit Leib und Seele ergeben.“ „Ich denke, wir gehen nicht weit. Wir werden nur dem Wagen des Marquis folgen.“ „Ich verſtehe.“ „Du kannſt reiten?“ „Sehr gut... indeſſen wünſche ich lieber einen Eſel, ſie gehen keinen ſo harten Trab.“ „Einfaltspinſel! kann man auf einem Eſel einem Poſtwagen folgen? Treffe alle nöthige Vorkehrungen.“ „Schon geſchehen... Meine Garderobe habe ich bei mir... Was meinen Beutel betrifft... geſtern Abend... ein verdammter Zufall... während Sie mich bei dem Hotel abgelöst hatten... ich bin nur fünf Minuten beim Knöchelſpiel geblieben... auch ich kann wie Franz I. ſagen: ich habe Alles verloren, nur die Ehre nicht!“. Während Chaudoreille plaudert, hat Julia einen weiten Mantel um ihre Schultern geworfen und ihre ſämmtliche Baarſchaft zu ſich genommen. Dann ſchickt ſie den Gascogner auf ſeinen Poſten zurück und geht ſelbſt fort, um die Pferde abzuholen. Gegen ſieben Uhr Abends beſteigt der Marquis mit Ger⸗ main eine Berline und reist nach dem Schloſſe Sarcus ab, ohne zu ahnden, daß Julia und Chau⸗ doreille von ferne ſeinem Wagen folgen. Wir wollen die Reiſenden ihren Weg zurücklegen laſſen, und zu dem armen Urbain zuruͤckkehren, der ſchon lange in ſeinem Bett, an das ihn Krankheit und Kummer feſſeln, ſchmachtet. Er iſt in Verzweif⸗ lung darüber, daß er nicht die Kraft beſitzt, ſeiner lieben Blanca nachzueilen, und das gute Mädchen, das ihn bedient, wiederholt ihm unaufhörlich:„Je mehr Sie ſich grämen, deſto mehr entfernen Sie den Augenblick Ihrer Geneſung.“ Man hat ihm geſagt, ein großer Herr ſei Blanca's Entführer; er iſt untröſtlich darüber, daß er ſich nicht bei jener Zuſammenkunft, wo er deſſen Namen er⸗ fahren ſollte, einfinden konnte. Endlich aber fühlt er ſich beſſer und kann ausgehen: der erſte Gebrauch, den er von der Rückkehr ſeiner Kräfte macht, iſt der, daß er ſich nach dem Hauſe des Barbiers verfügt. Dieſes Haus iſt von allen Seiten verſchloſſen, ob⸗ gleich der Tag bereits angebrochen iſt; Urbain klopft an, man öffnet ihm nicht. „Sie klopfen umſonſt,“ ſagte eine Nachbarin, „das Haus wird nicht mehr bewohnt, es iſt zum Verkauf ausgeſetzt. Man muß ſich an den Sachwal⸗ ter... Straße des mauvaises paroles... wenden.“ „Und der Barbier?“— „Der Barbier hat es verlaſſen, weil, wie ich Ihnen ſage, Niemand mehr da iſt.“ „Und Margarethe?“ „Sie iſt vor acht Tagen geſtorben.“ „Margarethe iſt geſtorben!... Sollte es möglich ſein?“ Paul de Kock. LVIII. 6 78 „Nun, was finden Sie daran Außerordentliches? Sie war nicht mehr jung, die arme Frau!“ „Wo kann ich denn jetzt Herrn Touquet finden 2 „Ich kann es Ihnen nicht ſagen. Dieſer Mann war ein Bär: er ſprach mit Niemand.“ Urbain entfernt ſich, tief betrübt über dieſes neue Ereigniß. Er bedauert die gute Margarethe, die Zeuge ſeiner Liebe und ſeines Glücks geweſen war, und ſieht kein Mittel mehr, über Blanea's Schickſal Nachricht zu erhalten. Er begibt ſich an das Thor Montmartre und bringt da drei Stunden in der Hoffnung zu, derjenige, der ihn zu einer Zuſammen⸗ kunft beſtellt hatte, werde ſich daſelbſt einfinden; allein er wartet vergebens und kehrt troſtlos in ſeine Wohnung zurück. Das wohlbeleibte Mädchen, dem er ſeinen Kum⸗ mer mittheilt, ſucht ihn mit den Worten zu tröſten: „Wenn derjenige, welcher Ihnen Ihre Geliebte ent⸗ führt hat, ein großer Herr iſt, ſo müſſen Sie ſie bei allen großen Herren ſuchen.“ Auf einmal ſchreit Urbain vor Freude laut auf; ein flüchtiges Lächeln belebt ſeine durch den Gram verwelkten Züge wieder.„Es iſt mir noch eine Hoff⸗ nung übrig!“ ſagte er. „Was iſt es denn, mein Herr?“ „Ueber allen dieſen Begebenheiten hatte ich jenes Abenteuer vergeſſen... und gleichwohl hat er mir ſeine Dienſte angeboten!“ „Welches Abenteuer, mein Herr?“ 3 „So höre ſie. Sie muß ſich erinnern, daß ich⸗ 79 um Blanca zu ſehen, einige Zeit genöthigt war, mich als Frauenzimmer zu verkleiden.“ „O ja, mein Herr, ich erinnere mich wohl noch, weil ich Sie ankleidete und Ihnen Ihre Stecknadeln befeſtigen half.“ Das dicke Mädchen lacht; Urbain achtet nicht darauf und fährt fort:„Als ich eines Abends... es war, glaube ich, das erſte Mal, daß ich meine Ver⸗ kleidung trug... von mehreren männlichen Perſonen angefallen wurde, flüchtete ich durch die Straßen von Paris. Es war ſehr ſpät, als ich mich auf dem großen Pré-aux-cleres befand. Ich war meiner Woh⸗ nung ſchon nahe, als ich von vier Männern ange⸗ halten wurde, die mir ihre Sprache als Hofleute bezeichnete. Ich geſtand ihnen, daß ich männlichen Geſchlechts ſei, in der Hoffnung, ihnen dadurch um ſo bälder zu entwiſchen; allein einer von ihnen ver⸗ langte, ich ſolle ihm erzählen, was mich zu meiner Verkleidung bewogen habe. Ich weigere mich: er beharrt darauf; ich erzürne mich, drohe ihm, kurz, einer ſeiner Kameraden leiht mir ſeinen Degen: wir ſchlagen uns und ich verwunde meinen Gegner, aber nur leicht, wie ich glaube. ‚Mein Freund, ſagte er jetzt, mir die Hand reichend, Du biſt ein braver Burſche, es freut mich, Deine Bekanntſchaft gemacht zu haben; wenn Du einmal einen Beſchützer nöthig haben ſollteſt, ſo komm in mein Hotel, frage nach dem Marquis von Villebelle, und Du wirſt mich bereit finden, Dir zu dienen. Dieß ſind ſeine eige⸗ nen Worte!“ „Der Marquis von Villebelle? O, ich habe mei⸗ nen Herrn mehrmals von ihm ſprechen hören. Man ſagt, er ſei ein ſehr freigebiger großer Herr und ein eben ſo ſchlechtes Subjekt.“ „Gleichviel! er hat mir ſeinen Schutz angeboten, ich werde meine Zuflucht zu ihm nehmen.“ „Wahrlich, mein Herr, Sie werden wohl daran f thun; und wer weiß, ob er nicht den Schurken kennt, der Ihnen Ihre kleine Freundin geraubt hat!“ „Ja, ich habe die Hoffnung, der Marquis werde mir zu Blanca's Wiederauffindung behülflich ſein. Große Herren erzählen einander ihre Abenteuer, ihr Liebesglück. Ein ſo braver Mann wird mit meinen Qualen Mitleid haben... daß ich ihn nicht jetzt ſchon ſprechen kann... aber ſein Hotel?“ „O, es iſt ſehr bekannt, mein Herr, und es wird Ihnen leicht ſein, es aufzufinden.“ Den folgenden Morgen geht Urbain mit Tages⸗ anbruch aus, um den Mann, auf den er ſeine letzte Hoffnung ſetzt, aufzuſuchen. Man bezeichnet ihm das Hotel des Marquis; er langt bald bei demſel⸗ ben an. „Der Herr Marquis von Villebelle?“ ſagt er bei ſeinem Eintritt in den Hof, ſich ſchüchtern an den . Schloßvogt wendend. „Dieß iſt zwar ſein Hotel, aber der Herr Mar⸗ quis iſt nicht in Paris.“ „Er iſt nicht in Paris?“ ruft Urbain mit baklanimn tem Herzen aus. 7„Nein, er iſt auf der Reiſe.“ 4 81 „Auf der Reiſel... und... wird er bald wieder zurückkommen?“ „Er wird zurückkommen, wenn's ihm beliebt!... Bedarf mein gnädiger Herr Ihrer Erlaubniß, um zu reiſen?“ „Dieß will ich nicht damit ſagen, ſondern daß ich den Herrn Marquis ſo nothwendig zu ſehen, zu ſprechen habe.“ „Sie werden ihn ſehen, wann er zurückkommt und er Ihren Beſuch annehmen will.“ Der übermüthige Schloßvogt wendet ſich weg, ergreift ſein Glas und ſeine Gabel wieder, und ſetzt ein reichliches Frühſtück mit ernſter Miene fort, ohne weiter auf den jungen Studenten zu achten, der in dem Vorhof zurückgeblieben iſt, wo er, tiefe Seufzer holend, ſagte:„Er iſt nicht in Paris... wie unglück⸗ lich bin ich!“ Nach Verfluß von zwei Minuten nähert ſich Ur⸗ bain abermals ſachte der Loge des Schloßvogts und ſagt mit bittender Stimme:„Mein Herr, könnten Sie mir nicht ſagen, in welchem Lande der Marquis iſt?“ „Wie, Sie ſind noch da?“ erwiedert der Schloß⸗ vogt, ohne ſich umzuwenden;„man läßt mich nicht einmal ruhig frühſtücken! Ich ſage Ihnen, daß mein gnädiger Herr auf der Reiſe iſt... Es gibt Leute, die alle denſelben Eigenſinn haben... ſie ſagen alle das Nämliche: Ich will zu dem gnäd'gen Herrn, und ſie verbrechen mir den Kopf vom Morgen bis zum Abend!“ Urbain läßt ſich nicht abſchrecken, er kennt die Pariſer Gebräuche: er zieht ſeine Börſe, in die er mehrere große Thaler gelegt hat, und klingelt mit dieſen; nun wendet ſich der Burgvogt um und ſagt in höflicherem Tone:„Es thut mir in der That leid... allein, auf Ehre, mein gnädiger Herr iſt ab⸗ weſend. und, unter uns geſagt, ich glaube, er wird es lange ſein.“ „O Himmel!“ ſagt Urbain,„und auf ihn ſetze ich meine letzte Hoffnung.. Ach, wenn Sie wiſſen, wo der gnädige Herr iſt, ſo bitte ich Sie, ſagen Sie es mir.“ Der junge Liebende tritt, ſeine Börſe darreichend, vor.„So treten Sie einen Augenblick herein,“ ſagte der Schloßvogt, die kleine Thüre ſeiner Wohnung öffnend.„Ja, ohne Zweifel, ich weiß, wo der gnä⸗ dige Herr iſt, wir müſſen dieß wohl wiſſen, wir, um ihm die wichtigen Briefe, die man ihm zuſchicken könnte, zu überſenden. Es iſt ein Geheimniß; wenn Sie mir jedoch verſprechen, verſchwiegen zu ſein... Niemand zu ſagen, daß Sie das von mir erfahren haben...“ „O, ich ſchwöre es Ihnen!“ „Nun, ſo will ich Ihnen ſagen, daß der Herr Marquis auf ſeinem Schloſſe Sarcus iſt; es liegt in der Gegend von Grandvilliers... man ſchlägt die Straße über Beauvais ein und...“ Urbain hört den Schloßvogt nicht länger an; er wirft ſeine Börſe auf deſſen Tiſch, entfernt ſich ſchleunig aus dem Hotel, eilt in ſeine Wohnung, nimmt ſeine ganze Baarſchaft zu ſich, und macht ſich noch denſelben Tag auf den Weg, um den Marquis in ſeinem Schloſſe aufzuſuchen. — —,— 8³ Fünftes Kapitel. Rückkehr ins Schloß. Während der Abweſenheit des Marquis hat Blanca im Schloſſe Sarcus traurige und einförmige Tage verlebt. Als ſie den Tag nach Villebelle's Abreiſe den gewöhnlichen Beſuch nicht von ihm erhält, glaubt ſie, ihr Entführer ſchicke ſich an, ſie nach Paris zu⸗ rückzuführen; allein als ſie ihn am Abend nicht in dem Park antrifft, erkundigt ſie ſich bei Marie nach ihm.„Der gnädige Herr iſt abgereist,“ entgegnete das Bauernmädchen. „Abgereist ohne mich!“ ruft Blanca aus, ihre ſchönen, mit Thränen gefüllten Augen gen Himmel emporrichtend.„Er will mich alſo immer in dieſem Schloſſe behalten!“ „Tröſten Sie ſich, Mamſell, der gnädige Herr hat geſagt, er werde nicht lange abweſend ſein.“ Blanca kehrt, ohne zu antworten, auf ihr Zim⸗ mer zurück. Sie bringt hier ihre Zeit niedergeſchla⸗ gen und beklemmt zu, und bedauert, daß der Mar⸗ quis abweſend iſt, denn das liebenswürdige Kind ſchmeichelt ſich ſtets, er werde ſich durch ihre Bitten erweichen kaſſen. Sie hat ſchon einige Mal die Be⸗ wegung bemerkt, die ihre Thränen ihm verurſachten; ſie hoffte dahgr, er werde ſie noch mit Urbain ver⸗ einigen, aber ſo allein hat ſie keine Hoffnung mehr, und die Tage verfließen der jungen Gefangenen langſam und traurig. Indeſſen verſchönert der wiederkehrende Frühling 84 die Natur, die Bäume erhalten ihr Laubwerk wieder, der Raſen grünt von Neuem, die Wieſen ſchmücken ſich mit Blumen und die Vögel kehren in die Haine zurück, um die Jahreszeit der Liebe zu beſingen. Aber gleichgültig gegen die Gemälde, die ſich ihrem Auge darbieten, findet Blanca kein Vergnügen an der Betrachtung der reizenden Scenen, die ſie zu jedex andern Zeit entzückt hätten; die Leiden des Herzens werfen einen düſtern Schleier über alle Gegenſtände, die uns umgeben. Bisweilen kommt Blanca, wenn ſie im Park ſpa⸗ zieren geht, auf den Gedanken, zu entfliehen; aber wohin ſoll ſie ihre Schritte lenken? Zudem iſt der Park von ſehr hohen Mauern umgeben, und die Thore, durch welche er mit dem Schloſſe in Verbin⸗ dung ſteht, ſind immer ſorgfältig verſchloſſen. Das junge Mädchen weiß nicht, daß während der Abweſen⸗ heit des Marquis zwei Bediente ſie ſtets beobachten. Eine tiefe Schwermuth hat ſich Blanca's bemäch⸗ tigt. Umſonſt ſucht Marie ſie zu zerſtreuen; Seufzer, Thränen ſind die einzige Antwort, die ſie von ihr erhält. Zehn Tage ſind ſeit der Abreiſe des Mar⸗ quis verfloſſen, als Marie eines Morgens Blanca benachrichtigt, ihr Herr ſei ſo eben angekommen. Dieſe Nachricht ſcheint der jungen Gefangenen neuen Muth einzuflößen, und mit Ungeduld ſieht ſie einem Beſuche von ihm entgegen. Villebelle, der vor Verlangen brennt, ſeine Ge⸗ fangene wieder zu ſehen, zögert nicht, ſich zu ihr zu begeben: er erſtaunt über die Veränderung, die mit 85 ihrer ganzen Geſtalt vorgegangen iſt.„Sie hatten mich alſo in dieſem Schloſſe vergeſſen? 2 redete ihn Blanca ſeufzend an. „Ich Sie vergeſſen?“ „Warum haben Sie mich denn nicht nach Paris mitgenommen? Werden Sie mich noch lange hier behalten?“ G „Wenigſtens werde ich Sie nicht mehr „Laſſen Sie Urbain zu uns kommen, und werde nicht mehr fortzugehen wünſchen.“ Der Marquis runzelt die Stirne und ſucht Blanca zu zerſtreuen, indem er ihr mehrere Kleinigkeiten, die er von Paris bringt, darreicht; alle dieſe Ge⸗ ſchenke werden nicht beſſer aufgenommen als die erſten, und Blanca würdigt ſie nicht einmal eines Lächelns. Der Abend führt Blanca und den Marquis in dem Park noch einmal zuſammen. Villebelle, ver⸗ liebter als je und an den Rath des Barbiers ſich erinnernd, ſchmeichelt ſich, über ſeine Gefang ene zu triumphiren; aber ſobald er in Blanca's Nähe iſt, fühlt er ſeine ganze Entſchloſſenheit weichen: ein Blick des liebenswürdigen Kindes, bis in die Tiefe ſeines Herzens dringend, bezähmt ſeine Begierden, und Villebelle ſagt bei ſich:„Durch welche Zauber⸗ macht gebietet mir dieſes junge Mädchen eine Ach⸗ tung, die ſtärker iſt als meine Liebe?“ Blanca hat ſich am Eingange einer dicht mit Laubwerk umwachſenen Grotte niedergeſetzt. Der Marquis nimmt an ihrer Seite Platz; lange Zeit —.— 86 ſchweigt er, ſie zärtlich anblickend, dann ſchlingt er ſeinen Arm um ſie und will einen Kuß auf ihren reizenden Mund drücken; allein Blanca richtet ihr flehendes Auge auf ihn und ſagt:„Ich bitte Sie, gnädiger Herr, laſſen Sie mich.“ Ohne zu iſſen⸗ wie es zugegangen iſt, hat der Marquis das liebens⸗ würdige Kind aus ſeinen Armen entwiſchen laſſen; er bleibt allein in der Grotte. Blanca, die in der Nähe des Marquis einen nie gefühlten Schrecken empfindet, iſt geflohen, und dieſer verwünſcht ſeine Schwäche und kehrt mit dem Vorſatze, fürder uh mehr vor einem Kinde zu zittern, in's Schloß zurück. Julia und ihr Begleiter ſind in Sareus ange⸗ langt und haben den Marquis in's Schloß einfah⸗ ren ſehen. Chaudoreille iſt unterwegs nur drei Mal geſtürzt, weil, wie er behauptet, ſein Pferd ſich ge⸗ fürchtet hat; doch klagt er über Ermüdung, während ſeine Begleiterin unempfindlich dagegen ſcheint, und das Schloß, in das ſich der Marquis begeben hat, deſſen hohe Thürmchen im Strahle der Frie er⸗ glänzen, aufmerkſam betrachtet. „Hierher begab er ſich alſo!“ ſagte die junge Ama⸗ zone, ganz nahe an die Mauern hinreitend. 3„Ja, Signora, ohne Zweifel hat er ſich hierher be⸗ geben, weil wir ihn hineingehen ſahen,“ erwiederte Chaudoreille, der vom Pferde geſtiegen iſt, auf dem es ihm nicht recht behagte, und ſich mit ſaurem Geſichte betaſtet. „Dieß iſt das Schloß Sarcus, wie mir ein Bauer geſagt hata 87 „Es iſt, meiner Treu', ein ſchönes Kaſtell... mein Großvater hatte zehn oder zwölf wie dieſes... allein er ſetzte jeden Abend eines im Piquetſpiel, und Sie begreifen, daß das Glück nicht immer günſtig war... wehl ich habe Schmerzen in allen Rippen... ach⸗ dieſes Pferd hat einen ſo harten Trab.“ „Dieſe Mauern verſchließen alſo Blancast „Sehr wahrſcheinlich. Teufel, ich habe mir den Hinteren ganz abgeſchunden; aber wir ſind auch ſo ſtark geritten... ich nehme es jetzt mit dem beſten 8 allmeißur in Frankreich auf.“ „Wie kann man wiſſen, in welchem Theile des Schloſſes das junge Mädchen ſich befindet?“ „Ich denke, man ſollte zuerſt wiſſen, wo man frühſtücken kann. Sie müſſen erſchrecklich müde ſein, Signora.“ „Ich fühle keine Müdigkeit... die Hoffnung auf Rache verdoppelt meine Kräfte.“ „Ich, der ich nichts habe, um die meinige zu verdongln, bin wie gerädert... ganz abgemattet... und Hunger habe ich... au weh, mein Steißbein!“ Julia ſteigt ab, führt ihren Renner zu Chaudo⸗ reille hin und ſagt:„Da, beſteige ihn und nimm den andern am Zügel; reite in das Dorf, das Du da unten ſiehſt, begib Dich in ein Wirthshaus und erwarte mich: ich will das Schloß unterſuchen.“ „Gut, ich laſſe das Frühſtück zubereiten... Ah⸗ welchen Namen und Stand ſollen wir annehmen? Ich denke, Sie wollen ſich in dieſem Lande incognito aufhalten.“ „Sag', was Du willſt.“ „Ich will ſagen, wir ſeien Mauren aus Spanien, kommen von Granada, um Unterricht in der Tanz⸗ klapper zu geben; dieß wird jeden Verdacht entfer⸗ nen, und unſere etwas dunkle Geſichtsfarbe paßt zu unſerer Angabe.“ Julia hört nicht mehr auf Chaudoreille und nähert ſich dem Schloſſe, während der Ritter, dem es eben nicht ſehr darum zu thun iſt, wieder zu Pferde zu ſteigen, die beiden Renner am Zaume führt und auf das Dorf zuhinkt. Chaudoreille fragt nach dem beſten Wirthshauſe: es iſt nur eines im Dorfe, in das er ſich, die Pferde hinter ſich herführend, begibt. Der Wirth kommt, ihn zu empfangen, und Chaudoreille ſagt mit empor⸗ gehobener Naſe zu ihm:„Ich bin Malik⸗al⸗Chiras von Granada, Profeſſor des Tanzklapperſpiels in beiden Spanien, und bin mit meiner Schweſter Sa⸗ lamalech nach Frankreich gekommen, um vor dem Kardinal von Richelieu den Bolero zu tanzen; wir bleiben vielleicht einige Zeit in dieſem Dorfe, aber wir wollen das ſtrengſte Incognito beobachten... verſtehen Sie?“ „Ich verſtehe Sie nicht recht,“ erwiedert der Wirth, ihn mit einfältiger Miene betrachtend. „Wenn'’s das iſt, ſo laſſen Sie mir in möglich⸗ ſter Bälde einen Speck⸗Pfannkuchen machen, geben Sie mir ein Zimmer, und tragen Sie Sorge für meine Pferde; ſie ſind Araber.“ Dieß verſteht der Wirth beſſer und führt ſeinen 89 Gaſt in ein Zimmer im erſten Stock, in das Chau⸗ doreille nur mit Mühe und ſich mit beiden Händen haltend hinaufkommt, weil das Reiten ſeinen ge⸗ wöhnlichen Gang ganz verändert hat. Nachdem er einige Stunden ausgeruht hat, ſetzt er ſich zu Tiſche, und eine geraume Zeit nachher tritt Julia in's Zimmer. „Ich erwartete Sie mit Ungeduld, Madame,“ ſagt Chaudoreille, ſeine dritte Taube zerſchneidend. „Nun, was haſt Du erfahren?“ „Wahrlich, ich habe erfahren, daß wir auf den Mittag keine Fiſche bekommen werden.“ „Dummkopf, ich ſpreche vom Marquis!“ „Es dünkt mir, ich habe Sie in der Nähe des Schloſſes zurückgelaſſen; Sie müſſen mehr von ihm wiſſen als ich.“ „Ich habe einige Mal die Runde um daſſelbe gemacht, aber Niemand bemerkt... Du hätteſt die Bauern fragen können, was ſie vom Schloſſe wiſſen.“ „Sie ſehen ſo dumm aus wie die Gänſe... was können ſolche Leute wiſſen?... A propos, Sie ſind meine Schweſter und heißen Salamalech.“ „Chaudoreille, glaubſt Du, ich habe Dich mitge⸗ nommen, um Deine Dummheitena nzuhören? Mach', daß Du ausruhſt; wir wollen dann die Umgebun⸗ gen des Schloſſes beſichtigen und ſehen, ob es nicht möglich iſt, in den Park zu kommen.“ 3 „Ich bitte ſehr um Vergebung, allein für heute würde es mich ſehr ſauer ankommen, mich von der Stelle zu bewegen... Ich bin wie angenagelt an dieſen Tiſch.“ . 90 Da Julia ſieht, daß es ihr unmöglich iſt, ihren Begleiter wieder auf die Beine zu bringen, läßt ſie dem ſie einige Nahrung zu ſich genommen hat, um wieder von Neuem an den Mauern des Schloſſes umherzuſchleichen. „Dieß iſt ein Teufel von Frau!“ ſagt Chaudo⸗ reille, ſich in's Bett legend,„ſie verdiente meinen Roland an ihrer Seite zu tragen... Herr Wirth, legen Sie mir meinen Roland unter's Kopfkiſſen, weil ich gerade an ihn denke... damit ich ſogleich vom Leder ziehen kann, wenn es nöthig iſt... Jetzt wollen Sie meine Thüre ſchließen, und wenn meine Schweſter Salamalech kommt, ſo ſagen Sie ihr, ich laſſe ſie bitten, mich nicht vor morgen Mittag zu wecken; denn bälder wird mein Hinterer nicht ver⸗ narbt ſein.“ Während Chaudoreille ſchläft, macht Julia die NRunde um den Park und bemerkt eine Stelle, wo ddie Mauer eine Lücke hat, durch die man in das Innere des Gartens kommen kann; da ſie ſich aber nooch keiner Gefahr ausſetzen will, kehrt ſie in ihre Schenke zurück und ſucht rückſichtlich der Bewohner des Schloſſes einige Erkundigungen einzuziehen. Die Bauern wiſſen nichts weiter, als daß ihr Herr für den Augenblick in Sarcus iſt.„Aber man muß vor einigen Tagen ein junges Mädchen in's Schloß ge⸗ bracht haben?“ fragt Julia. „Wenn der gnädige Herr da iſt, kommen Herren und Damen in Menge,“ erwiedert der Wirth, in ihn im Wirthshauſe zurück und entfernt ſich, nach⸗ 91 der Meinung, der Bruder und die Schweſter wollen vor dem Marquis mit der Tanzklapper ſpielen. Julia entſchließt ſich, ein wenig auszuruhen. Allein den andern Morgen, ſobald es Tag iſt, be⸗ gibt ſie ſich in Chaudoreille's Zimmer. „Ihr Herr Bruder ſchläft noch,“ ſagt der Wirth, der ihr begegnet,„und Herr Malek... Al... aus Granada hat ausdrücklich verboten, ihn vor Mittag zu wecken.“ Ohne auf den Wirth zu hören, tritt Julia in's Zimmer des Ritters, der noch in tiefem Schlafe liegt, ſagt, ihn etwas unſanft am Ohre zupfend:„Habe ich Dich mitgenommen, um zu ſchlafen?“ „Ach, alle Teufel, wie grauſam ſind Sie.. ich war in meinem erſten Schlafe.“ „Aufgeſtanden! Aufgeſtanden!“ „Aufſtehen... ich halte zu viel auf Wohlanſtän⸗ digkeit, als daß ich vor Ihren Augen aufſtände.“ „Steh' auf, ſage ich Dir!“ „Nun, weil Sie es haben wollen.“ Chaudoreille ſtreckt ſeine zwei kleinen dürren Beine aus dem Bette hervor und ſagt bei ſich:„Es ſcheint mir, ich jage ſie nicht in die Flucht.“ „Du verfügſt Dich nach dem Schloſſe und ſuchſt unter dem Vorwande, die Bauart zu bewundern, in den Vorhof zu kommen und den Burgvogt in's Ge⸗ ſpräch zu locken.“— „Und wenn ich erkannt würde?“ „Von wem?“ „Vom gnädigen Herrn.“ „ Glaubſt Du, er werde zum Zeitvertreibe im Hofe herumſpazieren? Er iſt bei ſeiner jungen Ge⸗ fangenen.“ „Wahrſcheinlich.“ „ Wir wollen hier in Kurzem wieder zuſammen⸗ kommen, und dann ſagſt Du mir, was Du in Er⸗ fahrung gebracht haſt. Was mich betrifft, ſo werde ich mich in den Park zu ſchleichen ſuchen.“ Nachdem Chaudoreille ein reichliches Frühſtück ein⸗ genommen hat, macht er ſich auf den Weg, in einen Mantel gehüllt, den er von Julia erhalten hat, der jedoch viel zu groß für ſeine Perſon iſt, ſo daß er die Hälfte deſſelben auf dem Boden nachſchleppt; allein er befindet ſich ſehr gut dabei und bildet ſich ein, dieß mache ihn um ſechs Zoll größer. Als er bei dem Schloſſe ankommt, iſt es ſeine erſte Sorge, wohl zu unterſuchen, ob ſich keine Schild⸗ wache auf den Mauern befindet; da er nichts entdeckt, das ihn auf die Vermuthung bringen könnte, das Kaſtell ſei auf den Kriegsfuß eingerichtet, entſchließt er ſich, vorzurücken. Bei dem Haupteingange angekom⸗ men, ſpaziert er eine ganze Stunde lang hin und her⸗ unſchlüſſig, ob er in's Schloß eintreten ſoll oder nicht. Der alte Schloßvogt, der vor ſeiner Thüre ſein Pfeif⸗ chen raucht, bemerkt das kleine Männlein, das, einen Mantel nach ſich ſchleppend, ſchon ſo lange in dem⸗ ſelben Raume auf und nieder geht. Dieſes Benehmens überdrüſſig, tritt der Schloßvogt aus dem Schloſſe heraus und ſchreitet auf Chaudoreille zu, um ihn zu fragen, was er da thue. Als aber dieſer einen Mann 93 ſchnell auf ſich zukommen ſieht, bildet er ſich ein, man halte ihn für verdächtig und wolle ihn feſtſetzen. Als⸗ bald fängt er an, das weite Feld zu gewinnen; aber bald verwickeln ſich ſeine Füße in die Schleppe ſeines Mantels und er ſtürzt auf den Raſen nieder.* Da der Schloßvogt hinter ſich rufen hört, ſo kehrt er um. Als Chaudoreille wieder aufſteht, ſieht er Niemand mehr und ſchlägt dann eilig wieder den Weg nach dem Dorfe ein.„Das iſt jetzt genug für heute,“ ſagte er zu ſich;„ein anderes Mal werde ich nicht mehr ſo unvorſichtig ſein: ich werde mich in jenes Gehölz, das einen Kanonenſchuß weit vom Schloſſe entfernt iſt, verſtecken.“ Hierauf kehrt er in ſein Wirthshaus zurück, wo er in Erwartung der Mittagsmahlzeit mit ſeinem Wirthe würfelt und deſſen Frau durchaus den Bolero lehren will. Julia kommt bei einbrechender Dämmerung zurück und findet Chaudoreille in dem Hofe des Wirthshauſes mitten unter Hühnern und Miſthäufen, wo er eine kleine vierzigjährige Frau Verbeugungen machen läßt, mit Roland den Takt dazu ſchlägt und ſagt:„In Granada tanzt man nur mit dem Degen in der Hand.. Ach, da kommt meine Schweſter Salama⸗ lech... ſie iſt es, die ſich verbeugt, ohne die Ferſen auf den Boden zu ſetzen.“ 1 Julia ſchiebt den Tanzmeiſter in ihr Zimmer und ſagt:„Was machteſt Du in dieſem Hofe?“ „Zum Henker! es geſchah, um weniger erkannt zu werden... aus Klugheit...“* Paul de Kock. LVI. 7 „Was haſt Du dieſen Morgen in Erfahrung ge⸗ bracht?“ „Vieles... Ich glaube, es iſt Beſatzung im Schloſſe: ich ſah einen bewaffneten Mann herausgehen. Was die Blanca betrifft, ſo vermuthe ich, daß ſie in ein unterirdiſches Gewölbe eingeſchloſſen iſt.“ „Du biſt ein Narr; ich habe mit einem jungen Mädchen, das im Schloſſe wohnt, geſprochen. Blanca befindet ſich, wie ſie mir ſagt, in einem der Thürm⸗ chen, das die Ausſicht auf den See hat.“ „Dann hat mich der Soldat, den ich gefragt habe, belogen... ich hatte ihm jedoch den Degen auf die Bruſt geſetzt!“ „Iſt Niemand im Schloſſe angekommen?“ „O Niemand... was dieß betrifft, ſo bin ich überzeugt... ich habe es nicht aus dem Auge ver⸗ loren.“ „Dieſen Abend werde ich mich in den Park ſchlei⸗ chen und ich hoffe...“ „Was mich betrifft, ſo hoffe ich, daß ich mich nicht in denſelben ſchleichen werde.“ „Nein, Du wirſt außen Wache halten...“ „Außen? das iſt meine ſtarke Seite! Uebrigens habe ich Katzenaugen, ich ſehe bei Nacht ganz gut.“ Den Tag nach dem Vorfalle in der Grotte hat ſich der Marquis, ſeiner Gewohnheit gemäß, wieder zu Blanca verfügt. Aber dieſe empfindet bei ſeinem Anblick eine nie gekannte Furcht: ſie erinnert ſich, mit welchem Ungeſtüm ſie der Marquis in ſeine Arme geſchloſſen hat, und ihres argloſen Gemüths unge⸗ 95 achtet ſieht ſie nur mit Schrecken, wie er ſich ihr nähert und an ihrer Seite Platz nimmt. Der Marquis kennt die Frauen zu gut, als daß er die Veränderung, die mit Blanca's Betragen vor⸗ gegangen iſt, nicht bemerkt hätte: er ſucht in den Augen des jungen Mädchens zu leſen; er wünſchte daſelbſt jenen Ausdruck der Milde, die ihn ſo ſehr ergötzt, wieder zu finden, allein Blanca heftet ihre Augen auf den Boden und ſcheut ſich, den Blicken des Marquis zu begegnen. Nach einem kürzern Beſuch als gewöhnlich verläßt Villebelle Blanca, um über die Mittel nachzudenken, die er zur Beſiegung ihres Widerſtandes anwenden will. Ungeduldig erwartet er den Abend; er ſchmei⸗ chelt ſich, in den Gärten glücklicher zu ſein und ſich mit ſeiner Gefangenen auszugleichen; aber eine innere Stimme ſagt Blanca, daß ihre Sicherheit, wenn ſie ſich mit dem Marquis allein in dem Park befindet, in Gefahr iſt, und ſie hat bei ſich gelobt, ſich nie mehr in denſelben zu begeben. Es iſt ſchon lange Nacht und vergebens durchſtreift Villebelle die Alleen, in denen Blanca jeden Abend luſtwandelte; er findet ſie nicht.„Sie fürchtet mich,“ ſagte er bei ſich,„und doch haßt ſie mich nicht; ſie hat es mir ſelbſt geſagt.“ Als der Marquis an der Grotte, in der ſie den Abend zuvor verweilt hatten, vorüber kommt, glaubt er einen Schatten zu bemerken, der vor ihm flieht. In der Meinung, es ſei Blanca, eilt er ihr nach: die Perſon, die er verfolgt, bleibt ſtehen, wendet ſich 96 um und beim Scheine des Mondes erkennt der Mar⸗ quis... Julien.„Sie hierl... in meinem Park?“ ſagt Villebelle mit dem größten Erſtaunen. „Ja, Herr Marquis!“ erwiedert Julia mit einem bittern Lächeln.„Dieß befremdet Sie!... Indeſſen ſollte Herr von Villebelle begreifen, welch' ein Ver⸗ gnügen es mir gewährt, mich in ſeiner Nähe zu wiſſen.“ „Noch einmal, was wollen Sie hier?“ „Es war eine Zeit, Herr Marquis, wo meine Gegenwart Ihnen nicht läſtig war... wo Sie mir mit den zärtlichſten Schwüren betheuerten, mich ewig zu lieben. Erinnern Sie ſich, wie oft Sie mir dieſe Schwüre wiederholen mußten, bis ich Ihren Wünſchen Gehör gab!“ Ungeduldig ruft der Marquis aus:„Und um mir dieſes zu ſagen, kommen Sie bei Nacht in mein Schloß?“ „Nein,“ ſagte Julia, ſich ganz ihrer Wuth über⸗ laſſend,„ein anderer Beweggrund führt mich hierher ... die Hoffnung auf Rache... Sie ſpotten meiner Liebe und meines Schmerzes... ich will mich an Ihren Leiden weiden... Sie werden blutige Thränen weinen... aber es wird zu ſpät ſein!“ „Es iſt genug... Ihre Drohungen ermüden mich unnd flößen mir Mitleiden ein... Auf was warten Sie denn, um ſich zu rächen, wenn Sie Macht dazu haben?“ „Auf die Gegenwart eines unumgänglich noth⸗ wendigen Zeugen... Ihres würdigen Perirauten, des Barbiers Touquet.“ 97 Mit dieſen Worten ſchleicht ſich Julia unter die Bäume und verſchwindet, ohne daß ſie der Marquis erreichen kann. Höchſt erſtaunt über dieſes ſonderbare Zuſammentreffen ſetzt er, in's Schloß zurückgekehrt, Germain davon in Kenntniß und befiehlt ihm, ſeine Wachſamkeit zu verdoppeln, damit Niemand in Blanca's Nähe gelangen könne. Sechstes Kapitel. Nächtlicher Verſuch. 5 In heftiger Bewegung hat ſich der Marquis wieder auf ſein Zimmer begeben. Juliens Drohungen ſchrecken ihn nicht: er ſchreibt ſie der Eiferſucht und dem Aerger zu; gleichwohl hatte die Stimme der jungen Italienerin etwas Feſtes und Ueberzeugendes an ſich, und ihre auf den Marquis gehefteten Augen ſchienen ſchon von barbariſcher Freude zu glänzen. Aergerlich darüber, daß er Julien zu keiner Erklärung gezwungen hat, ruft Villebelle ſeinem Kammerdiener und ertheilt ihm den Befehl, mit einigen ſeiner Leute den Park zu durchſtreifen und falls er ein junges Frauenzimmer treffen ſollte, daſ⸗ der Gärtner und drei Bedienten durchſuchen den Park und die Gärten; ſie kehren jedoch in's Schloß zurück⸗ oohne irgend Jemand begegnet zu ſein, und der Mar⸗ quis bringt die Nacht mit Betrachtungen über dieſen Vorfall zu. Juliens Gegenwart ſtört ſeine Ruhe: ſelbe auf der Stelle in's Schloß zu führen. Hermann, 2 er fürchtet, es möchte ihr möglich werden, Blanca Nachrichten über ihren Geliebten zu bringen. Sobald der Tag anbricht, ſchreibt er dem Barbier und ertheilt ihm die Weiſung, ſi ſich in's Schloß zu verfügen. Margarethe war vor Kurzem geſtorben: die alte Magd hatte Blanca's Verluſt und die Wuth ihres Herrn nach Juliens Beſuch nicht ertragen können. Der Barbier, der ſein Haus längſt ſchon zu verkaufen wünſchte, war gerade im Begriff, ſich zu einem Notar zu begeben, als der Bote des Marquis ihm den Brief ſeines Herrn überbrachte. „Er will, ich ſoll nach Sarcus gehen!“ ſagt Tou⸗ quet zu ſich, als er den Brief geleſen hatte.„Er hat bisweilen Rückfälle zur Tugend, die mich beben ma⸗ chen, allein er bezahlt gut; zudem kann ich ihm nichts abſchlagen... Er hat mein Betragen zum Theil er⸗ rathen und wenn er einmal Luſt bekäme, mich hängen zu laſſen, um ſeine Tollheiten wieder gut zu machen .. denn gewöhnlich büßen die Großen ihre Sünden auf dieſe Art ab... aber nein... der Marquis wird wird tolle Streiche machen, ſo lange er lebt. Vor allen Dingen muß er über Blanca ſiegen: meine Sicherheit erfordert dieß.“ ouguet trifft die nöthigen Vorkehrungen zu ſeiner Abreiſe und langt nach zwei Tagen im Schloſſe an, wo er ſich ſogleich zum Marquis verfügt, der ihn in ſeinem Zimmer erwartete. „Sie ſehen, gnädiger Herr, mit welchem Eifer ich Ihre Befehle vollziehe,“ ſagte der Barbier, ſich verbeugend. 99. „Gut, Deine Gegenwart kann mir nützlich werde. Ich fühle, daß ich Jemand nöthig hahe, der mich meiner Schwachheit wegen beſchämt... Würdeſt Du glauben, daß ich bei Blanca nicht weiter gekommen bin?“ „Ich würde es nicht glauben, wenn Sie mir es nicht ſagten, gnädiger Herr!“ „Gewiß, ich weiß ſelbſt nicht, was ich von der Sache denken ſoll!... Es iſt ſchon über drei Wochen, daß ſie in dieſem Schloſſe iſt, und kaum habe ich es dahin gebracht, daß ich ihr die Hand küſſen darf. Als wir uns vor einigen Tagen im Park befanden, wollte ich unternehmender ſein, allein ſie bat mich mit rührender Stimme, ſie in Ruhe zu laſſen... ich weiß nicht, wie es zugegangen iſt... aber ich war beinahe untröſtlich darüber, daß ich ihr Kummer ver⸗ urſachte. Seither verläßt ſie ihre Zimmer nicht mehr⸗ ſie iſt in meiner Nähe furchtſam und verlegen, und Thränen... immer Thränen...“ „Alles dieß wird aufhören, vaſd Sie nur wollen, gnädiger Hexrr.“ „Haſt Du ihren Geliebten wieder geſehen? dieſen Urbain, von dem ſie unaufhörlich ſpricht, den ſie jeden Augenblick des Tages nennt?“* „Nein, gnädiger Herr, und ich glaube, daß der. junge Urbain, der viel vernünftiger iſt als Blanca, dieſen Liebeshandel ſchon vergeſſen hat.“ „Du glaubſt es? Die arme Kleine denkt immer an ihn... wenn ich ſie überreden könnte, er liebe ſie nicht mehr... allein ſie würde mir nicht glauben. Während ich von Blanca ſpreche, vergeſſe ich, weß⸗ wegen ich Dich habe kommen laſſen: Du würdeſt nie errathen, wen ich vorgeſtern Abend in meinem Narke angetroffen habe... Julia.“ „Julia!“ ruft der Barbier höchſt erſtaunt aus. „Ja, ſie iſt bis in dieſen Ort gedrungen... Aber wie hat ſie entdecken können, daß ich hier bin?“ „Das begreife ich nicht, gnädiger Herr.“ p „Sie hat die Kühnheit gehabt, mir zu drohen; Eiferſucht und Wuth flammten in ihren Blicken. Auch von Dir hat ſie geſprochen... ich habe nicht recht verſtanden, was ſie ſagen wollte.. ſie iſt verſchwun⸗ den, als ich ſie zu einer nähern Erklärung zwingen wollte.“ „Gnädiger Herr, dicſes junge Mädchen führt nichts Gutes im Sinn. „Ich denke es vi9 gleichwohl hat ſie ſich ſeither nicht mehr gezeigt, und jeden Abend durchſtreifen meine Leute den Park.“ „Gleichviel, Julia wird ihr Möglichſtes thun, um Ihnen Blanca zu entreißen.“ „Wie ſoll ihr dieß möglich werden? Uebrigens wirſt Du die Umgegegend zu durchſtreifen ſuchen, und wenn Du ſie zu Geſicht bekommſt, ſo ſage ihr, daß ich ihr verbiete, die Umgebungen meines Schloſſes zu wieder betreten... wenn ſie es noch einmal wage, ſich hier blicken zu laſſen, ſo werde ich mit leichter Mühe einen Verhaftsbefehl auswirken, der mich von ihren Zudringlichkeiten befreien werde.“ „Das iſt das Beſte, was Sie thun können, aßs diger Herr. Gleich morgen will ich meine Nochfor⸗ ſchungen beginnen.“ „So lange Du im Schloſſe biſt, vermeide ſorg⸗ fältig, Dich in der Nähe des Sees im Parke zu zeigen, denn Du könnteſt von Blanca bemerkt werden, und ich will nicht, daß ſie Dich hier wiſſen ſoll: ich glaube nicht, daß Dein Anblick ihr Vergnügen macht, und ich wünſche ſie mit Allem, was ihren Verdruß ver⸗ größern könnte, zu verſchonen.“ „Nie habe ich Sie ſo verliebt geſehen, gnädiger Herr.“ „Nein, noch nie hat mir eine Frau eingeflößt, was ich für Blanca fühle.“ „Ich will mich jetzt zur Ruhe begeben. Morgen mit Anbruch des Tages mache ich mich auf den Weg; ich durchſtreife die Umgegend und durchſuche die klein⸗ ſten Hütten: Julia wird ſich meinen Blicken nicht ent⸗ ziehen können und ſobald ich ihren Aufenthalt erforſcht habe, wird ſie Ihnen nicht mehr zu Geſicht kommen, ich ſtehe Ihnen dafür.“ Mit dieſen Worten entfernte ſich der Barbier; allein in ſeinen Geſichtszügen lag ein Ausdruck, der dem Marquis nicht entging. Villebelle eilt ihm nach und ſagt, ihn zurückhaltend, in ernſtem Tone: 1u quet, ſollten Sie mich wohl unrecht verſtanden habe ... Bedenken Sie, daß es nicht meine Abſicht iſt, Julien etwas Böſes zuzufügen. Dieſes junge Mäd⸗ chen iſt ein wenig überſpannt, allein die Liebe ent⸗ ſchuldigt es... man muß ſtets die Fehler verzeihen, deren erſte Urſache man iſt; ich hätte vielleicht ihre Empfindſamkeit mehr ſchonen ſollen und ich habe ſie mit zu großer Verachtung behandelt. Wenn ſie ge⸗ neigt iſt, vernünftig zu werden, ſo verſprechen Sie ihr Alles, was ſie verlangt... Sparen Sie das Gold nicht, ſie ſoll glücklich ſein... Uebrigens will ich ſie ſelbſt noch einmal ſprechen und ſie zwingen, mir zu er⸗ klären, was ſie mir in ihrem Briefe hat ſagen wollen.“ „Wenn dieß der Fall iſt, gnädiger Herr, ſo werde ich, ſobald ich ihren Aufenthalt entdeckt habe, eilen, Sie davon in Kenntniß zu ſetzen.“ Dieß ſprechend verbeugt ſich der Barbier höflich vor dem Marquis und entfernt ſich. „Dieſer Menſch iſt ein Erzſchurke!“ ſagt Villebelle zu ſich, dem Barbier nachblickend;„ich war ſchon längſt der Meinung, daß er nichts als ein Betrüger und ein Spitzbube ſei... Warum müſſen mir ſeine Dienſte noch unentbehrlich ſein... Aber ich konnte Germain nicht den Auftrag geben, mit Julia zu ſprechen! Julia... ich habe einen Augenblick geglaubt, ich liebe ſie! Ha, wie tief ſteht dieſes heftige, rachſüch⸗ tige Mädchen unter der ſanſten und reizenden Blanca „ warum muß gerade Julia mich ſo raſend lieben . Werde ich denn dem Herzen dieſes furchtſamen Kindes nie einen Funken von der Glut, die mich verzehrt, mittheilen können?“ Während der Marquis von Blanca träumt, die in der traurigen Einſamkeit ihrer Gemächer die Tage damit zubringt, daß ſie den Himmel um Hülfe an⸗ fleht und ihren Geliebten beweint, ſucht Julia ſeit jenem nächtlichen Zuſammentreffen mit Villebelle die 103 junge Gefangene zu ſprechen. Die Wachſamkeit der von dem Marquis aufgeſtellten Wächter hinderte ſie keineswegs, in den Park zu ſchleichen, aber in der Nähe des Sees angelangt, iſt es ihr unmöglich, ſich dem Thürmchen zu nähern, denn man hatte alle Schiffchen, mit denen man auf dem See ſpazieren fuhr, entfernt, aus Beſorgniß, man möchte ſich ihrer bedienen, um in die Nähe von Blanca's Fenſtern zu gelangen. Was Chaudoreille betrifft, der den Auf⸗ trag hatte, alle diejenigen, die im Schloſſe aus⸗ und eingingen, zu beobachten, ſo begnügte er ſich damit, in ein dichtverwachſenes Gebüſch zu hocken, das zwei Kanonenſchüſſe weit vom Eingang des Kaſtells ent⸗ fernt war, und hier brachte er, aus Vorſicht den entblößten Roland auf der einen und eine Bouteille Wein auf der andern Seite, die Zeit ſeines Wache⸗ haltens damit zu, daß er mit einem Kartenſpiele in der Hand über eine neue Art zu gewinnen nach⸗ dachte; beim geringſten Geräuſche verbarg er ſich ganz unter ſeinen ungeheuren Mantel. Den Tag nach ſeiner Ankunft im Schloſſe hat der Barbier ſeine Nachforſchungen begonnen. Nicht ahnend, daß ſich Julia in Sarcus ſelbſt verborgen hat, durchſucht er Dameraucourt, Grandvilliers, und kehrt gegen Abend wieder nach Sarcus zurück. Als er ſich dem Dorfe nähert, bemerkt er vor ſich einen kleinen Menſchen, in einen braunen Mantel gehüllt, unter dem ſeine Geſtalt nicht leicht zu erkennen iſt, aber ein langer Degen, deſſen Scheide eine Seite des Mantels in die Höhe drückt, verräth den Beſitzer deſſelben.„Das iſt Chaudoreille!“ ſagt der Barbier zu ſich und verdoppelt ſeine Schritte, um ihn zu er⸗ reichen. Der kleine Menſch, der hinter ſich gehen hört und ſich bereits von einem tiefen Schrecken er⸗ griffen fühlt, will gleichfalls ſchneller gehen; aber der unglückliche Mantel verwickelt ſich jeden Augenblick in ſeine Füße, und bald fühlt er, daß Jemand ſeine Degenſcheide feſthält. Er wendet ſich um und bleibt wie verſteinert ſtehen, als er Touquet erkennt. „Wo gehen Sie denn ſo eilig hin, Ritter Chau⸗ doreille?“ ſagte der Barbier in ſchalkhaftem Tone. „Wo ich hingehe? Alle Teufel!... Wie befin⸗ deſt Du Dich, mein guter Freund?“ „Ah, Schlingel!... ich habe hübſche Sachen von Dir gehört!“ „Man muß nicht Alles glauben, was man ſagt, mein lieber Touquet.“ „Und denkſt Du, ich dürfe dem Herrn Marquis glauben?... Du biſt derjenige, der ihm von Blanca geſagt hat, Deines Schwures ungeachtet...“ „Du weißt wohl, daß ein Schwur zwiſchen uns zu nichts verbindlich macht. Worüber beklagſt Du b Dich? Durch mich biſt Du zu ſchwerem Geld ge⸗ kommen...“ „Und jetzt dienſt Du alſo Julien?“ „Ich.. ich diene Julien?... Ich will Dir dienen⸗ wenn Du es willſt... ich diene Jedermann... ich bin ſtets ſehr dienſtfertig geweſen.“ „Wo iſt Julia?“ ⸗ 1 „Sie.. ſie will incognito bleiben.“ 105 „Antworte, Elender! und keine Lügen...“ „O wehl! laß mein Ohr los... Du verwundeſt mich!. Wir wohnen in dieſem Dorfe im Wirths⸗ hauſe... es iſt nur eines da; Julia gilt für meine Schweſter und ich für einen Mauren aus Granada, Profeſſor des Tanzklapperſpiels...“ „Welche Abſichten hat Julia?“ „Der Teufel hole mich, wenn ich ſie kenne! Sie ſchleicht Tag und Nacht um das Schloß herum, wie ein Fuchs, der auf eine Henne lauert. Unter uns geſagt, ich glaube, ſie iſt nicht recht bei Sinnen.“ „Und in welcher Abſicht hat ſie Dich mitgenom⸗ men?“ „In keiner andern, als um ihr Geſellſchaft zu leiſten... ſie liebt meinen Umgang.. ich ſinge ihr Hirtenlieder...“ 3 „Höre!l ich ſollte Dir als Strafe für das, was Du gethan haſt, den Hals brechen.. „Ach, mein lieber Touquet, das wäre ein Spaß.. „Geh', ich verachte Dich zu ſehr, als daß ich Si prügelte.“ „Das iſt ſehr artig von Dir.“ „Haſt Du mir die Wahrheit geſagt?“ „Wenn Du daran zweifelſt, ſo komm' mit mir in die Schenke; Julia wird bald zurückkehren.“ „Nein, dieſen Abend mag ich nicht mitgehen. Aber ich verbiete Dir, ihr ein Wort von unſerem Zuſam⸗ mentreffen zu fagen.“ „Sobald Du es mir verbieteſt, ſo iſt es, als hätteſt Du mir die Zunge ausgeſchnitten.“ 106 „Finde ich Julien morgen nicht mehr an dem Orte, den Du mir bezeichnet haſt, ſo übernimmt der Herr Marquis ſelbſt Deine Beſtrafung und es gibt dann keine Gnade mehr für Dich.“ „Davon bin ich überzeugt...“ „Adieu, ich kehre in's Schloß zurück.“. „Und ich in's Dorf... wo ich nicht auf Deinen Beſuch warten werde,“ ſagt Chaudoreille ganz leiſe bei ſich, ſeinen Mantel unter die Arme nehmend, um ſich deſto ſchneller entfernen zu können. Touquet kehrt in's Schloß zurück und begibt ſich zum Marquis. Es war Nacht und Villebelle ſaß an einem Tiſche, der ſo koſtbar beſetzt war, als es ſich im Schloſſe nur immer thun ließ. Der Marquis hatte jedoch, da er vermuthete, er werde ſich hier lange aufhalten, den Keller mit neuen Vorräthen verſehen laſſen, und wenn auch die Speiſen nicht ſo lecker waren als in Paris, ſo waren doch die Weine nicht weniger ausgeſucht. Der Marquis ſchien heiterer als gewöhnlich; er hatte bereits einige Flaſchen geleert. Neben ihm lagen mehrere Briefe, die er während des Eſſens las.„Was für Nachrichten bringſt Du mir?“ ſagt er, den Barbier bemerkend. „Meine Nachforſchungen ſind nicht fruchtlos ge⸗ blieben, gnädiger Herr: Julia iſt im Dorfe, ſie wohnt im Wirthshauſe unter einem fremden Namen. Ich habe Chaudoreille geſehen, er iſt gegenwärtig ihr Vertrauter.“ 5 107 „Ah, der kleine Gascogner!.. haft Du ihn tüchtig durchgeprügelt?? „Noch nicht, gnädiger Herr; ich habe zuvor Ihre Befehle einholen wollen, und Julien habe ich noch nicht geſehen.“ „Du haſt wohl daran gethan, ich will ſie ſelbſt ſprechen. Morgen gehen wir mit einander in's Dorf; ich werde dieſe Närrin zur Vernunft bringen... und wir werden jenes große Geheimniß erfahren, bas ſie mir, ihrer Behauptung zufolge, mitzutheilen hat.“ „Ein Geheimniß?“ „Ja, und ſie ſagt, Du müßteſt Zeuge dieſer Mit⸗ theilung ſein...“ „Ich, gnädiger Herr?“ „Morgen wird ihr Wunſch erfüllt werden. Siehſt Du dieſe Briefe?... Alles dieß iſt mir von Paris aus zugeſchickt worden... es ſind Briefe, die mir große Damen, die mich vermiſſen, zuſenden... es gibt Vorwürfe, Verſprechungen, Schwüre... Etwas von Allem!.. Da, wirf Alles in's Feuer.“ „Wie, Herr Marquis, auch die, welche noch nicht erbrochen ſind?“ „Ohne Anſtand; iſt es nicht immer das Nämliche? ... Ach, ein einziges Lächeln von Blanca wiegt das ganze ſüße Geſchwätz dieſer Damen auf! Daß ſie nicht hier iſt... bei mir...“ „Wenn mein gnädiger Herr es verlangte...“ „Sie mit thränenbenetzten Augen kommen ſehen? .. nein!“ Der Marquis füllt ein großes Glas mit Wein 108 und leert es mit einem Schlucke, dann ruft er:„Ich fange jedoch an, des vergeblichen Seufzens müde zu werden; Blanca iſt in meiner Nähe... in mei⸗ nem Schloſſe... und ich wage nicht!... Aber Gewalt brauchen, ich kann mich nicht dazu ent⸗ ſchließen.“ „Gibt es, gnädiger Herr, außer der Gewalt, nicht noch tauſend andere Mittel? Sie ſchläft ohne Arg⸗ wohn und Sie haben zu allen Zimmern die Schlüſſel doppelt...“ „Ha, welche Treuloſigkeit!“ „Keine größere, gnädiger Herr, als die, ſie in einen Wagen zu bringen und ihr die Verſicherung zu geben, daß ſie zu ihrem Urbain komme.“ „Schweig', Du biſt ein Ungeheuer und Deine abſcheulichen Rathſchläge würden mich zu einem eben ſo großen Verbrecher machen, als Du einer biſt!“ „Ich bin es nicht, gnädiger Herr, der Ihnen den Rath ertheilt hat, ſich in Blanca zu verlieben. Aber da ſie nun einmal in Ihrer Gewalt iſt, ſo ſcheint es mir, als kommen Ihre Bedenklichkeiten ein wenig zu ſpät.“ 4 Der Marcquis ſchweigt einige Augenblicke und entgegnet dann:„Dieſen Morgen hat ſie mit gerin⸗ gerer Kälte mit mir geſprochen; ich bin mehrere Stunden bei ihr geblieben... ſie ſchien nicht mehr ſo furchtſam zu ſein! Ich habe ihre Hand ergriffen ... ſie hat ſie lange in der meinigen gelaſſen.“ „Was wollen Sie weiter, gnädiger Herr?... Blanca liebt Sie im Geheimen; aber glauben Sie, 109 ein ſo ſchüchternes Mädchen werde das, was in ihrem Herzen vorgeht, eingeſtehen? Nein, nur nach ihrer Niederlage wird ſie jeden Zwang ablegen.“ „Blanca liebt mich, ſagſt Du; ach, wenn es wahr wäre!... Aber es iſt ſpät; begib Dich zur Ruhe. Morgen werden wir Julien ſehen.“ Der Barbier macht dem Marquis eine Verbeu⸗ gung, heimlich einen forſchenden Blick auf ihn werfend, hierauf nimmt er ein Licht und entfernt ſich ſchweigend. Der Marquis bleibt noch lange bei Tiſch. Auf Augenblicke in Nachdenken verſunken, oder ſich Schlag auf Schlag mehrere Gläſer Wein einſchenkend, ſcheint er die Gedanken, die ihn verfolgen, im Rebenſafte ertränken zu wollen. Gleichwohl nimmt ſeine Auf⸗ regung nur noch mehr zuz; endlich klingelt er ſeinem Kammerdiener und fragt ihn mit düſterer Stimme: „Wer hat die Doppelſchlüſſel des Schloſſes?“ „Ohne Zweifel der Burgvogt, gnädiger Herr.⸗ „Er komme, ich will ihn ſprechen.“ Der alte Schloßvogt eilt, den Befehlen ſeines Herrn zu gehorchen.„Sind zu dieſen Zimmern dop⸗ pelte Schlüſſel vorhanden?“ ſagt der Marquis. „Ja, gnädiger Herr; von einigen ſind ſie ſogar dreifach vorhanden. Es iſt ein alter Gebrauch 39 fr datirt ſich von...“ „Holt mir die des Thürmchens, das die Ausſicht auf den See hat.“ Der Schloßvogt entfernt ſich und kommt bald wieder mit einem Bund Schlüſſel zurück.„Wenn Paul de Kock. LVIII. 8 10 mein gnädiger Herr,“ ſagt er,„mir die Ehre gönnen will, ihn zu begleiten...“ „Gebt mir das und geht,“ entgegnete der Marquis, ihm die Schlüſſel aus der Hand reißend. Beſtürzt macht der Greis eine Verbeugung und entfernt ſich, ohne es zu wagen, ſeinen Herrn anzu⸗ ¹ blicken. Der Marquis ſchickt ſeine Dienerſchaft fort, unter dem Vorwande, er bedürfe der Ruhe, und bald herrſcht die tiefſte Stille im Schloſſe. Villebelle geht mit großen Schritten in ſeinem Zimmer auf und nieder, den Bund Schlüſſel in der Hand haltend. Er ſcheint noch unentſchloſſen und ſagt von Zeit zu Zeit zu ſich:„Nein, ich werde keinen Gebrauch von dieſen Schlüſſeln machen.. ſie ſcheint mir ihr Zutrauen zu ſchenken und ich ſollte es zu mißbrauchen wagen! Aber ſoll ich denn ſo mein Leben zuͤbringen!... in ihrer Nähe ſein... ſie um⸗ ſonſt entführt haben!... Was würden alle Elegants, alle Modeleute von mir ſagen, wenn ſie mein Be⸗ tragen erführen! Aber wenn ſie Blanca ſehen zwür⸗ den!... Verfluchter Touquet! warum hat er mir von dieſen Schlüſſeln geſagt!... Ach, ich hätte vorausſehen ſollen, daß mir dieſer Menſch zu irgend einer ſchlech⸗ ten Handlung rathen werde, ſobald er mein Schloß betreten habe.“ Abermals verfließen einige Augenblicke; endlich ergreift der Marquis ein Licht.„Es iſt geſchehen!“ ruft er aus,„ich folge nur noch der Leidenſchaft, die mich hinreißt!“ Er verläßt ſeine Gemächer, die von dem Thürm⸗ — — 111 chen, das Blanca bewohnt, durch eine lange, mit den Bildniſſen ſeiner Ahnen gezierten Galerie getrennt ſind. Villebelle geht langſam, oft bleibt er ſtehen, um zu horchen; er zittert vor Furcht, Jemanden zu begegnen. Seine Blicke richtet er auf den Boden und ſcheut ſich, wie es ſcheint, ſie auf die Bildniſſe ſeiner Ahnen zu werfen, die faſt alle ihrem Vaterlande durch ihre Tapferkeit und ihre Tugenden Ehre gemacht haben. In dieſem Augenblicke ſagt ihm eine geheime Stimme, daß er im Begriffe ſei, eine des Namens, den ſie ihm übertragen haben, unwürdige Handlung zu begehen, und als ſeine Augen zufällig einer der großen Figuren, mit denen die Galerie geſchmückt iſt, begegnen, glaubt er auf ihrem Geſichte den Aus⸗ druck des Unwillens und der Verachtung zu leſen. Endlich gelangt er an's Ende der Galerie, die ihm noch nie ſo lang vorkam. Er ſteigt eine große Treppe hinauf, geht durch mehrere Säle und tritt in den von dem jungen Mädchen bewohnten Thurm. Ein heftiges Zittern durchbebt ſeine Nerven; um ſeine Unruhe zu unterdrücken, beſchleunigt er ſeinen Gang. Alle Verbindungsthüren ſind unverſchloſſen und bald befindet er ſich vor der Thüre von Blanca's Gemach. Er bleibt ſtehen und betrachtet die Schlüſſel, die er in der Hand hält. Noch iſt er unſchlüſſig; allein da er die innere Stimme, die gegen das von ihm beabſichtigte Verbrechen ſchreit, zu übertäuben wünſcht, probirt er mehrere Schlüſſel lebhaft. Endlich öffnet ſich die Thüre und er iſt in Blanca's Gemach. Die tiefſte Stille herrſcht hier. Der Marquis 11² rritt einige Schritte leiſe und behutſam vor. Die Thüre des Schlafzimmers iſt nicht geſchloſſen; Ville⸗ belle beugt den Kopf ſachte vorwärts und bemerkt beim Scheine einer auf dem Kamine ſtehenden Lampe, daß das junge Mädchen eingeſchlafen iſt. „Sie ſchläft,“ ſagt der Marquis,„ſie glaubt ſich an dieſem Orte ſicher... aber ſie athmet ſchwer... einige Worte ſcheinen ihren Lippen entſchlüpfen zu wollen... wenn ich hören könnte...“ Er nähert ſich dem Bette. Blanca träumte von ihrem Geliebten: mühſam entfährt der Name Urbain ihrer Bruſt. Die Arme ausbreitend, ſcheint ſie Je⸗ mand um Hülfe anzuflehen und liſpelt:„O mein Gott!... man will uns auf immer trennen!“ Villebelle fühlt ſich erſchüttert, erweicht.„Nein, ſie liebt mich nicht,“ ſagt er ſchmerzlich;„in ihrem Schlafe denkt ſie nur an Urbain...“ Ein tiefer Seufzer entſchlüpft ihm; er will ſich vielleicht entfernen, aber dieſer Seufzer hat Blanca aufgeweckt. Sie öffnet die Augen und erſchrocken ruft ſie:„O Gott!... wer iſt da?“ „Ich bin es, Blanca,“ antwortet der Marquis mit bebender Stimme. „Sie, gnädiger Herr, ſo ſpät in meinem Zimmer .. was wollen Sie denn von mir?“ „Beruhigen Sie ſich... ich bitte Sie!“ „Aber Sie ſelbſt zittern, gnädiger Herr!... Was iſt vorgefallen?. Sprechen Sie, ich bitte!“ „Nichts... nichts... ich wollte Sie ſehen... mit Ihnen ſprechen... Sie betrachten...“ — —— 113 „Ach, ſehen Sie mich nicht ſo an, Herr Marquis ... Sie machen mir bange...“ „Bange!... Ach, Blanca, muß Ihnen denn der feurigſte Liebhaber ein ſolches Gefühl einflößen!... Ja, meine Liebe hat den höchſten Grad erreicht... ich kann ſie nicht mehr beherrſchen... Sie müſſen mich glücklich machen... Sie müſſen mein ſein!“ Schon umſchlingt der Marquis Blanca mit ſeinen Armen: ſie ſtößt einen durchdringenden Schrei aus, und ihre Kräfte zuſammenraffend gelingt es ihr, ſchnell aus dem Bette ſpringend loszukommen. Aber bald hat ſie der Marquis von Neuem ergriffen: er will ſie mit Küſſen bedecken und will ihr Geſchrei erſticken; Blanca wirft ſich ihm zu Füßen, dehnt ihre bittenden Arme nach ihm aus und ruft mit herzzer⸗ reißender Stimme:„Gnade, Gnadel nur noch heute!“ Dieſe Töne dringen dem Marquis bis in den Grund ſeines Herzens. Der Anblick Blanca's, die zu ſeinen Füßen liegt, ihre Thränen, ihre Verzweif⸗ lung bringen ihn wieder zur Vernunft. Aber be⸗ fürchtend, er möchte nicht lange Herr ſeiner Leidenſchaft bleiben, entfernt er ſich eilig von dem jungen Mäd⸗ chen und flieht beſtürzt in ſeine Gemächer. Siebentes Kapitel. Urbains Beſuch beim Marquis.— Chaudoreille’s letztes Abenteuer.. Blanca iſt lange leblos auf der Stelle geblieben, wo ſie das Mitleiden des Marquis angefleht hat; 114 endlich erleichtert ein Strom von Thränen ihr Herz. Sie ſteht auf und blickt erſchrocken umher, ſie horcht zitternd: beim geringſten Geräuſche, das der Wind auf den Wogen des Sees erregt, fährt ſie zuſammen und glaubt den Marquis zu hören. So bringt ſie die Nacht in der peinlichſten Angſt zu.„Es iſt vor⸗ bei!“ ſagt ſie,„keine Hoffnung mehr!... O, mein theurer Urbain, ich werde Dich nicht mehr ſehen .. man hat uns auf ewig getrennt... aber eher will ich ſterben, als aufhören, Deiner würdig zu ſein... Der Marquis hat eben ſo wenig Ruhe genoſſen als ſein Schlachtopfer: von Liebe und Gewiſſensbiſſen gequält, bereute er bald, ſeiner Schwäche, wie er ſich ausdrückte, nachgegeben zu haben, und verflucht dann wieder eine Leidenſchaft, die Blanca unglücklich macht. Soa ſieht er den Tag anbrechen, ohne einen Entſchluß gefaßt zu haben. Erſtaunt, daß er keine Befehle in Beziehung auf Julia erhält, begibt der Barbier ſich zum Marquis; er bemerkt die Niedergeſchlagenheit, die in ſeinen Ge⸗ ſichtszügen herrſcht und ſucht die Urſache derſelben zu errathen. Villebelle's düſterer und ſchwermüthiger Ton läßt ihn nicht vermuthen, daß er glücklicher iſt, er ſchweigt ſtill und der Barbier wagt es nicht, eine Frage an ihn zu thun. In dieſem Augenblick tritt Germain in's Zimmer und bringt ſeinem Herrn die Nachricht, es ſei ein junger Menſch im Schloſſe an⸗ gekommen und bitte um die Gunſt, einen Asenblir mit ihm zu ſprechen. — — 115 „Ein junger Menſch?“ ſagt der Marquis;„iſt es Jemand aus der Umgegend?“ „Nein, gnädiger Herr, ſein Anzug iſt der eines jungen Studenten; er drückt ſich gut aus und ſcheint das größte Verlangen zu haben, Sie zu ſprechen.“ „Hat er ſeinen Namen nicht genannt?“ „Er behauptet, Sie kennen ihn, ohne ſeinen Namen zu wiſſen.“ „Das iſt ſonderbar!... Sollte es ein Abgeſandter von Julia ſein?“ ſagte Villebelle, den Barbier an⸗ blickend. „Ich glaube nicht, Herr Marquis, und das Ge⸗ mälde, das Germain von dieſem Fremden entwirft, iſt nicht das Chaudoreille's.“ „Man führe dieſen jungen Menſchen ein. Touquet, begib Dich in's Nebenzimmer; es iſt möglich, daß er mich ohne Zeugen ſprechen will.“ Der Barbier entfernt ſich und Germain kehrt zu Urbain zurück, der nach einem ununterbrochenen Marſche ſo eben in Sarcus angekommen war und bei dem Schloßvogte die Antwort des Marquis un. geduldig erwartete. „Mein Herr will Sie vorlaſſen; folgen Sie mir, mein Herr, ich will Sie zu ihm führen,“ ſagt Ger⸗ main zu Urbain, und dieſer macht eine freudige Bewegung und beeilt ſich, dem Bedienten zu folgen, der ihn zu dem Marquis führt. Zitternd tritt Urbain ein. Er nähert ſich verlegen dem großen Herrn, der im Hintergrunde des Gemachs auf einem Sopha ſitzt und den jungen Menſchen mit 116 Neugierde betrachtet, indem er ſich einer gewiſſen Theilnahme, die Urbains ſanfte und ausdrucksvolle Geſtalt einflößt, nicht erwehren kann. 3 „Entſchuldigen Sie, gnädiger Herr, die Freiheit, die ich mir nehme,“ ſagt der junge Student, ſich tief vor dem Marquis verbeugend. „Sprechen Sie, mein Herr, was verlangen Sie von mir?’?“? „Ich komme, um Ihren Schutz anzuflehen. Sie haben mir erlaubt, meine Zuflucht zu Ihnen zu nehmen.. wir haben uns ſchon früher in Paris ge⸗ ſehen, gnädiger Herr... ich war verkleidet... ich begegnete Ihnen bei Nacht in dem Grand Pré-aux- Clercs und ein Zweikampf...“ „Wie, Sie ſind es alſo, der als Mädchen geklei⸗ det war?“ „Ja, gnädiger Herr... ich hatte das Unglück, Sie am Arme zu verwunden.“ „Sagen Sie doch, es war Gerechtigkeit, denn ich hatte unrecht, wie dieß oft bei mir der Fall iſt.. Wahrlich, es freut mich unendlich, Sie wieder zu ſehen. Geben Sie mir die Hand, junger Mann, Sie ſind ein braver Burſche.“ Der Marquis ſteht auf, geht Urbain entgegen und drückt ihm herzlich die Hand; entzückt über dieſe Aufnahme weiß der junge Menſch nicht, wie er ſeinen Dank dafür zu erkennen geben ſoll.„Setzen Sie ſich neben mich,“ ſagt Villebelle,„und erzählen Sie, was mir das Vergnügen verſchafft, Sie in meinem Schloſſe zu ſehen.“ 117 „Gnädiger Herr, Sie haben die Güte gehabt, mir, falls ich unglücklich würde, Ihren Schutz anzu⸗ bdieten, und ich komme, ihn in Anſpruch zu nehmen.“ „Sie thun wohl daran, mein Lieber. Sprechen Sie ohne Scheu. Brauchen Sie Geld?... es ſteht Ihnen zu Dienſten; ſparen Sie es nicht.. ich mache ziemlich oft einen ſchlechten Gebrauch davon. So ſoll es mir doch einmal dazu dienen, Andere glücklich zu machen.“ „Nicht Reichthum iſt es, was mich glücklich ma⸗ chen kann: Liebe iſt die Quelle meiner Leiden, Herr Marquis.“ „Ah, Sie ſind verliebt!... das iſt etwas Anderes. Wahrlich, ich bin es auch und in dieſem Augenblick macht mich das ebenfalls nicht ſehr glücklich. Allein erzählen Sie mir Ihre Liebesgeſchichte.“ „Ich liebe... ich bete ein junges, reizendes Mäd⸗ chen an!. Ach, gnädiger Herr, kein anderes kann mit ihm verglichen werden... „Vielleicht... allein fahren Sie fort.“ „Sie kennt ihre Eltern nicht; aber der Mann, der ſie erzogen hat, hatte mir ihre Hand zugeſagt. Noch einen Tag und wir wären auf ewig mit ein⸗ 5 eweſen, als ein Elender ſich in das chem ſie wohnte, und mir meine ar,“ ſagt der Marquis, über bffen.„Und wiſſen Sie den 2 s; aber nach dem, was ich 118 gehört habe, iſt es ein großer Herr, ein reicher und mächtiger Mann! Ach, nur durch Ihre Hülfe hoffe ich dieſes Ungeheuer aufzufinden und den Ort kennen zu lernen, den es bewohnt. Gnädiger Herr, haben Sie Mitleiden mit mir; helfen Sie mir meine ge⸗ raubte Braut wieder auffinden: Blanca werde mir wiedergegeben und der unglückliche Urbain wird Ihnen mehr als das Leben verdanken.“ Beim Namen Blanca iſt der Marquis raſch auf⸗ geſtanden. Urbain wirft ſich vor ihm auf die Kniee nieder, ergreift eine ſeiner Hände und erhebt die Augen zu ihm, aber Villebelle wendet den Kopf weg, um die Veränderung, die in ſeinen Zügen vorge⸗ gangen iſt, zu verbergen. „Stehen Sie auf.. ſtehen Sie auf!“ ſagt end⸗ lich der Marquis, der ſeine Verwirrung zu beherrſchen ſuchte;„ich will Ihnen behülflich ſein... ja... aber ich kann Ihnen nicht verſprechen, Ihnen Ihre ent⸗ führte Braut wieder zuzuſtellen!“ „Unter den Herren bei Hofe gibt es Leute, die ſich eine Ehre daraus machen, die Unſchuld zu ver⸗ führen, ein junges Mädchen ihren Eltern zu entreißen. Ach, gnädiger Herr, wenn Sie einigen Verdacht hätten: das kleinſte Zeichen kann uns oft au Der Marquis ſcheint tief n glaubt, er ſuche ſich auf irge; ihn intereſſire, zu beſinnen, diger Erwartung auf ſeine Nach einem ziemlich la Villebelle endlich:„Sie ſind — „Ich bin neunzehn Jahre alt, gnädiger Herr.“ „Ohne Zweifel iſt dieſe... Blanca das erſte Frauenzimmer, das Sie geliebt haben?“ „Ja, gnädiger Herr, und ſie wird auch das letzte ſein.“ „Sie täuſchen ſich, mein Freund: in Ihrem Alter liebt man mit Inbrunſt, aber dieß iſt ein Feuer, das bald verraucht. Nur in dem meinigen, in welchem man von den Täuſchungen der Jugend geheilt und der Veränderung müde iſt, kann eine wahre Liebe ein Bedürfniß für unſer Herz ſein und wird dann ein unüberwindliches Gefühl. Im neunzehnten Jahre glaubte ich, gleich Ihnen, auf ewig zu lieben.. ich irrte mich! Glauben Sie mir, Sie können doch noch glücklich werden.“ „Ohne Blanca iſt es unmöglich!“ „Sie haben wenig Vermögen?“ „Ich habe ein kleines Landgut, das mir mein Vater hinterlaſſen hat, und zwölfhundert Livres Ein⸗ kommen.“ „Mit einer ſolchen Kleinigkeit kann man ſich wenig zerſtreuen. Ich will, Sie ſollen die Vergnügungen Ihres Alters genießen und in ihrem Strudel werden Sie Ihre erſte Liebe bald vergeſſen.“ „Ich danke Ihnen, gnädiger Herr, allein ich kann Ihre Wohlthaten nicht annehmen. Ich wiederhole es Ihnen, ich werde, von meiner Geliebten getrennt, kein Vergnügen mehr genießen können.“ „Nun denn, was ich Ihnen anbiete, wird Ihre Nachforſchungen erleichtern. Lehnen Sie mein An⸗ erbieten nicht ab: nur um dieſen Preis verſpreche ich 120 Ihnen Ihre Bemühungen zu unterſtützen. Erwarten Sie mich hier und verlaſſen Sie dieſen Saal nicht.“ Mit dieſen Worten begibt ſich der Marquis in das Zimmer, in welchem Touquet wartet.„Urbain iſt da,“ ſagt er zu ihm;„der junge Fremde iſt Blan⸗ ca's Geliebter.“ „Ich weiß es, gnädiger Herr; als ich ſeine Stimme erkannte, hörte ich zu.“ „Er fleht meinen Schutz zur Entdeckung des Ent⸗ führers ſeiner Geliebten an.“ „Er hat ſich an den rechten Mann gewendet.“ „Ich habe mich geneigt gefühlt, ihm ſeine Ge⸗ liebte wieder zu geben.“ „Welch' eine Thorheit!“ „Aber Blanca's Bild iſt zu tief in mein Herz ge⸗ graben, indeſſen will ich den armen Urbain für die Leiden, die ich über ihn verhängt habe, zu entſchä⸗ digen ſuchen, und mit Gold.“ „Das iſt ein Hülfsmittel gegen alle Uebel, gnä⸗ diger Herr.“ „Ja, bei Dir, feile Seele, die Du die Süßig⸗ keiten der Liebe nie empfunden haſt.“ „Aber Sie müſſen ſich wenigſtens, gnädiger Herr, dieſen jungen Menſchen auf eine lange Zeit vom Halſe ſchaffen; wer hindert Sie, ihn mit einer fal⸗ ſchen Nachricht nach England, in die Türkei, zum Teufel ſelbſt zu ſchicken!“ „In der That, ich verſtehe.“ „Die Reiſen werden ihn von cher Leidenſchaft heilen. Sie ſind noch ein großmüthiger Nebenbuhler: V — 121 Andere würden, an Ihrer Stelle, die Gelegenheit benützen und den jungen Menſchen in irgend ein Gefängniß dieſes Schloſſes einſperren laſſen.“ „Ha, welch' eine Abſcheulichkeit... das Zutrauen dieſes Kindes verrathen!“ „Statt deſſen geben Sie ihm Geld, damit er als großer Herr leben kann.“ „Werde ich ihm je den Schatz, den ich ihm ge⸗ raubt habe, bezahlen können?⸗ Der Marquis öffnet einen Schreibpult, nimmt ſechszigtauſend Livres in Anweiſungen aus demſelben, legt ſie in eine Brieftaſche, und kehrt zu Urbain zurück. 3 Der junge Student hatte ſich einem Fenſter ge⸗ nähert und betrachtete das Innere des Schloſſes. „In einem ähnlichen Gebäude,“ ſagt er bei ſich, „ſeufzt vielleicht Blanca in dieſem Augenblicke.“ Villebelle nähert ſich und forſcht unruhig, wohin Urbains Blicke gerichtet ſind, allein er beruhigt ſich wieder, weil man Blanca's Gemächer von dem Fenſter aus nicht bemerken kann. „Als ich über den Inhalt Ihrer Erzählung nach⸗ 8 dachte,“ ſagt Villebelle,„erinnerte ich mich an ge⸗ wiſſe Umſtände, wodurch Sie Ihrer Geliebten viel⸗ leicht auf die Spur kommen können.“ „Ach, Herr Marquis, ſprechen Sie doch.“ „Der Marquis von Chavagnac hat viel von ſich reden gemacht und manche Schöne entführt; er hat kürzlich Paris plötzlich verlaſſen, und zwar, wie man vermuthet, wegen eines Abenteuers der Art.“ * 122 „Ach, er iſt es, der mir Blanca entführt hat!“ „Bedenken Sie wohl, daß ich Ihnen nichts ver⸗ ſichere.“ „Und weiß man, in welches Schloß er ſich bege⸗ ben hat?“ „Er iſt nicht in Frankreich geblieben, ſondern hat ſich, wie ich gehört habe, nach Italien begeben.“ „Nach Italien? Dahin eile ich alſo.“ „Nehmen Sie dieſe Brieftaſche als ein Zeichen meiner Achtung, und geizen Sie nicht mit dem, was ſie enthält.“ „Gnädiger Herr, ich weiß nicht, ob ich...“ „Glauben Sie meiner Erfahrung: mit Gold ge⸗ winnt man die Ehrenhüterinnen, verführt man die Kerkermeiſter, kurz, man überwindet viele Hinder⸗ niſſe.“ „Ihnen werde ich alſo meine Glückſeligkeit zu verdanken haben. Ach, gnädiger Herr, ich weiß nicht, wie ich Ihnen meinen Dank ausdrücken ſoll.“ „Gehen Sie, Urbain, durchreiſen Sie Italien, und könnten Sie daſelbſt Ihr Glück finden...“ Der junge Student will dem Marquis noch ein⸗ mal ſeine ganze Dankbarkeit bezeugen; allein dieſer entzieht ſich den Ergießungen ſeiner Erkenntlichkeit, indem er ihm von Neuem eine glückliche Reiſe wünſcht, und klingelt Germain, um Urbain bis an's Schloß⸗ thor zu geleiten.. Kaum hat der junge Liebende die Wohnung des Marquis verlaſſen, ſo ruft Villebelle Touquet her⸗ bei und ertheilt ihm den Befehl, Urbain von ferne 123 zu folgen und nicht eher zurückzukehren, als bis er den Studenten ſchon weit von Sarcus entfernt wiſſe. Von Dankbarkeit gegen den Marquis erfüllt entfernt ſich Urbain, und doch empfindet er, unter dem großen Thore hinſchreitend, eine Traurigkeit, deren Urſache er nicht begreift; er verläßt das Schloß ungern und wendet ſich um, einen letzten Blick auf die alten Thürme von Sarcus zu werfen. 4 Ganz in ſeine Gedanken vertieft, ſchreitet er auf dem erſten beſten Wege, der ſich ihm darbietet, lang⸗ ſam vorwärts, lebhaft gerührt durch die gütige Auf⸗ nahme, die ihm im Schloſſe zu Theil geworden iſt; er hofft, Dank den Wohlthaten des Marquis, bald in Italien zu ſein, ohne daran zu zweifeln, daß der Herr von Chavagnae Blanca's Entführer ſei. Urbain iſt ſchon fern vom Schloſſe und hat ſo eben einen Fußweg betreten, der zum Dorfe führt, als das Geſchrei:„Aus dem Wege, aus dem Wege doch!“ ihn bewegt, aufzublicken: er bemerkt einen Menſchen zu Pferd vor ſich, aber der Reiter lenkt ſeinen Renner ſo ſchlecht, daß das Thier, anſtatt vorwärts zu gehen, quer auf dem Wege ſteht, den Kopf auf einen Buſch geſtützt, an den es feſtgebannt zu ſein ſcheint. „Alle Teufel, willſt du dich umwenden, ſtolzes Thier! Nimm dich in Acht, daß ich dir ſtatt der Sporen nicht Rolands Spitze in die Rippen ſtoße! Aus dem Wege doch, zum Henker... mein Pferd iſt ſcheu, Sie machen ihm bange.“ Die Stimme, die Ausſprache des Reiters fallen 124 Urbain ſogleich auf: er erkennt in ihm den Men⸗ ſchen, der ihn zu einer geheimen Zuſammenkunft bei dem Thore Montmartre beſtellt hatte. Chaudoreille war nach ſeinem Zuſammentreffen mit dem Barbier nur darauf bedacht geweſen, ſich von Sarcus zu entfernen, und ohne Julien von ſeinem Entſchluſſe, dem ſie ſich, wie er überzeugt war, widerſetzt haben würde, in Kenntniß zu ſetzen, hatte er am folgenden Morgen ihre Entfernung aus dem Wirthshauſe ab⸗ gewartet, ſich ſodann des Felleiſens, das die Effekten und das Geld ſeiner Geſellſchafterin enthielt, be⸗ mächtigt, eines ihrer Pferde ſatteln laſſen und ſich hierauf, unter dem Vorwande, in der Umgegend ſpazieren zu reiten, auf den Weg begeben, in der Abſicht, ſich in eine ferne Gegend zu flüchten. Aber unglücklicher Weiſe war der Flüchtling eben kein Meiſter in der edeln Reitkunſt, obgleich er ſich ſeit ſeiner Reiſe nach Sarcus für einen der beſten Bereiter Frankreichs hielt. Seinem Renner den Zügel ſtets ſtraff haltend, aus Furcht, er möchte den Aus⸗ reiß nehmen, hatte er in einer ganzen Stunde nicht mehr als eine Viertelmeile zurückgelegt und ſchon befürchtet, er möchte ſich auf dieſe Art nicht ſchnell genug entfernen, als ihm Urbain auf dem kleinen Fußpfade begegnete, wo ſein Pferd nicht von der Stelle wollte. Entzückt, den Menſchen wiedergefun⸗ den zu haben, der ihm Blanca's Entführer zu nennen verſprochen hat, ſchreit Urbain vor Freuden auf und eilt auf Chaudoreille zu. Dieſer plötzliche Schrei und die raſche Annäherung des jungen Menſchen — 125 machen das Pferd ſcheu, das, einen Seitenſprung machend, ſeinen Reiter unſanft auf eine ſechs Schritte entfernte, dicht belaubte junge Hagenbuche ſchleu⸗ dert. „Ich habe mich verrenkt!“ ſchreit Chaudoreille. Urbain eilt hin, ihn aufzuheben und ſich zu ent⸗ ſchuldigen, allein der Reiter iſt mit dem Schrecken davon gekommen, und ſich betaſtend betrachtet er ſeinerſeits Urbain, der unaufhörlich zu ihm ſagt: „Ich bin Blanca's Liebhaber, jener junge Menſch, dem Sie bei Nacht begegnet ſind, den Sie bei dem Thore Montmartre zu einer Zuſammenkunft beſtellt hatten...“ „Es iſt meiner Treu' wahr! ich erkenne Sie jetzt. Aber, zum Teufel, warum eilen Sie ſo laut ſchreiend herbei; dieß iſt das erſte Mal, daß ich aus dem Sat⸗ tel geworfen werde.“ „Ach, mein Herr, halten Sie doch Ihr Verſpre⸗ chen: entdecken Sie mir Blanca's Entführer; ich kann Sie jetzt über Ihre Erwartung belohnen.“ „Still,“ ſagt Chaudoreille, Urbain nach der Hage⸗ buche, die ihnen den Anblick des Schloſſes entzieht, hinziehend;„unvorſichtiger junger Menſch, ſorechen Sie nicht ſo laut!“ „Warum denn?“ „Still, ſage ich Ihnen... wie, Sie ſind hier in Sarcus und kennen den Entführer Ihrer Schönen nicht?" Nein, ich habe den Marquis von Villebelle um Paul de Kock. IVIn. 9 126 ſeinen Schutz gebeten, und mit ſeiner Hülfe hoffe ich... „O, das iſt weit fehlgeſchoſſen, junger Menſch! Sie flößen mir Theilnahme ein... ich will mich auch für Sie in Gefahr begeben... aber Sie haben mir eine glänzende Belohnung verſprochen.“ „Nehmen Sie dieſes Gold, dieſe Anweiſung, und ſprechen Sie endlich.“ „Der Entführer Ihrer Geliebten iſt kein Anderer als der Marquis von Villebelle. 6 „Der Marquis?“ „Nun ja, alle Teufel, und Ihre Kleine befindet ſich gegenwärtig im Schloſſe Sarcus.“ „Nein, das iſt unmöglich, Sie hintergehen inicz der Marquis hat mich ſo eben mit Wohlthaten über⸗ häuft.“ „Um Ihnen deſto eher jeden Verdacht zu beneh⸗ men. Ah, zum Henker, wie jung ſind Sie noch; ich ſage Ihnen, daß Ihre Blanca ſich im Schloſſe be⸗ findet und der Barbier...“ „Vor Dir ſteht!“ ſagte eine furchtbare Stimme hinter dem Buſche. In demſelben Augenblick trennt ſich das Laubwerk und Touquet zeigt ſich den Blicken des erſtaunten Urbain, indeß Chaudoreille, durch dieſe plötzliche Erſcheinung ohnmächtig geworden, von Neuem auf die Hagebuche fällt, vor ſich hin⸗ murmelnd:„Es iſt der Teufel!“ „Dieſer Elende hat Ihnen nicht Alles geſagt, Herr Urbain,“ ruft der Barbier;„unter dem Vor⸗ wande, Ihnen zu dienen, hat er Ihnen nur die halbe 127 Wahrheit geſagt; ich will, daß Sie alle Verpflich⸗ tungen, die Sie gegen ihn haben, kennen. Sie ſtan⸗ den auf dem Punkte, Blanca zu heirathen, nichts war Ihrer Verbindung hinderlich; der Marquis hatte nie von dieſem jungen Mädchen ſprechen gehört, das ich ſeinen Blicken ſorgfältig verbarg, weil ich vor⸗ ausſah, bis zu welchen Exceſſen er ſich werde hin⸗ reißen laſſen; aber Chaudoreille hat dem Marquis, trotz ſeines Verſprechens, das reizendſte Gemälde von Ihrer Geliebten entworfen, hat ihn von Ihrer nahen Heirath in Kenntniß geſetzt: kurz, ihm ver⸗ danken Sie Blanca's Entführung und den Verluſt Ihres Glücks. Antworte, Schurke, iſt dieß die Wahr⸗ heit?“ „Ich kann es nicht läugnen!“ erwiederte der Rit⸗ ter, halb todt vor Furcht,„allein der Umſtand... „Elender!“ ruft Urbain wüthend aus,„Du biſt die Urſache aller meiner Leiden... vertheidige Dich... mit Deinem Tode will ich meine Rache beginnen!“ Auf der Reiſe trug Urbain einen Degen; er zieht ſeine Waffe aus der Scheide und ſchreitet auf Chau⸗ doreille zu. Aber die Worte ‚mit Deinem Tode’ und der Anblick des entblößten Degens haben das Männ⸗ lein wieder auf die Beine gebracht. Schon hat er, ſeinen Mantel, der ſeiner Flucht hinderlich wäre, im Stiche laſſend, über die Hagebuche weggeſetzt, und eilt jetzt aus Leibeskräften fort, verfolgt von Urbain, der ihn beſtändig mit ſeinem Degen bedroht, indeß der Barbier Chaudoreille's Pferd beſteigt und in geſtrecktem Galopp in's Schloß zurückkehrt. 128 Der Ritter, der jeden Augenblick glaubt, Urbains Degenſpitze durchbohre ihm den Rücken, beflügelt ſeine Schritte, aber Urbain, von Rachgier beſeelt, ſteht auf dem Punkte, ihn zu erreichen; nur noch zwanzig Schritte iſt er von ihm entfernt, als ſie im Dorfe ankommen. „Aus dem Wege, aus dem Wege!“ ſchreit Chau⸗ doreille der Menge zu, indeß Urbain ruft:„Haltet dieſen Schurken an!“ und der Wirth, der unter ſei⸗ ner Thüre ſteht, ſagt:„Ei, das iſt ja Herr Malek⸗ Al⸗Chiras, der Tanzklappermeiſter! Wo hat er denn ſein arabiſches Pferd hingebracht?“ Der Flüchtling eilt in das erſte Haus, deſſen Thüre er offen findet: es gehört einer alten Wittwe. Chau⸗ doreille iſt die Treppe hinaufgeſtiegen; im erſten Stockwerke angekommen, bemerkt er einen Schlüſſel in einer Thüre: ſchnell tritt er hinein und eilt, den Schlüſſel abzuziehen und den Riegel vorzuſchieben. In demſelben Augenblick ruft ihm eine Stimme zu: „Mein Herr, was machen Sie denn? man kann mich jetzt nicht ſprechen.“ Es war die Wittwe, die in dem Augenblicke, in welchem der Ritter wie ein Ver⸗ zweifelter in ihr Zimmer rannte, das Hemd wech⸗ ſelte. Chaudoreille antwortet nicht; er ſieht und hört nur Urbains Tritte. „Mein Herr, ich kleide mich an.“ „Thun Sie, was Sie wollen,“ ſagt er endlich, „ich bekümmere mich wenig darum.“ „Entfernen Sie ſich, mein Herr.“ 7 1² 3„Ich mich entfernen! Zum Henker, ich werde mich hüten! Sie wollen alſo meinen Tod? Ich werde von einem Menſchen, der ſich durchaus mit mir ſchlagen will, verfolgt.“ „So ſchlagen Sie ſich... Können Sie ſich nicht 6 vertheidigen?“ „Ich vertheidige mich nur, wenn ich nicht ange⸗ griffen werde.“ „Wozu dient Ihnen denn Ihr Degen?“ „Das geht Sie nichts an... Ach, alle Teufel, ich höre ihn...“ In der That, Urbain hat Chaudoreille's Zufluchts⸗ ort entdeckt; er klopft an die Thüre und befiehlt ihm zu öffnen. „Antworten Sie, es ſei Niemand da,“ ſagt Chau⸗ doreille zu der Wittfrau,„Sie werden dadurch dem liebenswürdigſten Menſchen in Europa das Leben retten.“ „Er iſt da, allein er hat mich eingeſchloſſen und den Schlüſſel zu ſich geſteckt.“ „Nun, ſo wird die Thüre eingetreten werden,“ ſagt Urbain,„wenn dieſer Elende nicht öffnet.“ Chaudoreille ſieht ſich nach einem Schlupfwinkel 86 um, allein die Wittwe würde ihn verrathen; endlich e richten ſich ſeine Blicke nach dem Kamine, und da 1 er keinen andern Rettungsweg erblickt, eilt er darauf zu und klettert mit der Behendigkeit eines Eichhorns i daſſelbe hinauf. In dieſem Augenblicke wird die B 8 hüre eingetreten. Urbain erſcheint, von den Dorf⸗ ewohnern begleitet. Man ſieht den Ritter nicht . 130 mehr, allein die Wittwe zeigt, wohin er geflohen iſt; man begibt ſich wieder in den Hof hinab und ſieht den Ritter auf dem Dache des Hauſes längs einer Rinne entlang hinklettern, in der Abſicht, das be⸗ nachbarte Haus zu erreichen. Der Weg iſt gefähr⸗ lich, allein die Furcht vor dem Zweikampfe ſcheint den Gascogner gegen die andern Gefahren blind gemacht zu haben. Schon berührt ſein Fuß das be⸗ nachbarte Dach, er bedient ſich ſeines Rolands, um das Terrain zu ſondiren, und iſt im Begriff, ein Haus zu erreichen, durch das er in's Freie zu ent⸗ kommen hofft, als das Geſchrei der Bauern ihm glauben macht, er werde verfolgt: er dreht den Kopf, um ſich zu überzeugen, ob ſich Urbain nicht hinter ihm befinde. Dieſe Bewegung bringt ihn aus dem Gleichgewichte: er gleitet aus, er verſchwindet. Man eilt nach dem Orte ſeines Falles: der Abkömmling der Dalila war auf einen Miſthaufen gefallen, allein da er ſeinen Roland nicht aus den Händen gelaſſen hatte, ſo war ihm der lange Degen mitten durch den Leib gegangen. So endete der kluge Chaudoreille, indem er den Zweikampf vermeiden wollte. Achtes Kapitel. Juliens Erzählung.— Was die Brieftaſche enthält. 4 Der Barbier hatte, als er Urbain verließ, ſein Pferd zum Galopp angetrieben, um dem Marquis — — 131 das Vorgefallene auf der Stelle zu melden. Er kommt im Schloſſe an und eilt, ſich zu Villebelle zu verfügen, dem er Urbains Zuſammentreffen mit Chaudoreille mittheilt. „Dieſer junge Menſch weiß alſo, daß ich ihn be⸗ trogen habe, daß ich Blanca's Entführer bin!“ ſagt der Marquis;„wie niederträchtig muß ich in ſeinen Augen erſcheinen.“ „Was liegt Ihnen an der Meinung dieſes Kindes, Herr Marquis; das Wichtigſte iſt, ihn nicht in Blanca's Nähe gelangen zu laſſen, und das wird ſchwer ſein. Jetzt, da er überzeugt iſt, daß ſie in dieſem Schloſſe lebt, wird er tauſend Liſten anwenden, um in daſ⸗ ſelbe zu kommen: die Liebe wird ihn zu Allem fähig machen.“ „Nein, ein Kind ſoll mir dieſes Mädchen, das ich anbete, nicht entreißen.“ „Wenn er, wie ich vorausſehe, kommt, um Ge⸗ nugthuung von Ihnen zu fordern, ſo werden Sie ſicherlich den Zweikampf nicht ausſchlagen; im Grunde wird dieß das beſte Mittel ſein, ihn los zu werden: bei Ihrer Kaltblütigkeit und Ihrer Gewandtheit in den Waffen müſſen Sie leicht Herr über einen Men⸗ ſchen werden, den die Wuth verblendet.“ „Unglücklicher! Du willſt, ich foll mich in dem Blute dieſes Kindes baden? Nein, ich bin ſchon ſchul⸗ dig genug. Aber wer hindert mich, Sarcus zu ver⸗ laſſen und Blanca in ein Land zu führen, wo Ur⸗ bain ſie nicht entdecken kann? Ja, in dieſer Nacht noch werden wir abreiſen und uns in's Ausland 132 begeben. Begib Dich auf der Stelle zu Germain, damit die Reiſeanſtalten in aller Stille getroffen werden; Blanca wird erſt im Augenblicke der Abreiſe davon benachrichtigt werden. Um Mitternacht wer⸗ den wir das Schloß verlaſſen; dadurch, hoffe ich, wird Urbain auf immer jede Spur von Blanca ver⸗ lieren.“ „In der That, gnädiger Herr, dieſer Einfall iſt ſehr gut... aber Julia...“ „Von ihr handelt es ſich gegenwärtig nicht mehr. Uebrigens wird mich dieſe Reiſe auch zugleich von ihren Zudringlichkeiten befreien; geh', eile und ordne Alles für dieſe Reiſe an.“. Touquet eilt, den Willen des Marquis zu erfül⸗ len. Es iſt ſchon ſpät und der Marquis hat nur noch wenig Zeit zu den Vorkehrungen einer Reiſe übrig, die, wie er vermuthet, von langer Dauer ſein muß. Je mehr er über ſeinen Plan nachdenkt, deſto beſſer gefällt ihm derſelbe: er glaubt, die Reiſe durch fremde Länder werde Blanca zerſtreuen und das Andenken an die Gegenſtände, die ſie in Frank⸗ reich zurücklaſſe, aus ihrer Seele verlöſchen; kurz, er ſchmeichelt ſich, bald alle ſeine Wünſche erfüllt zu ſehen. Es ſchlägt eilf Uhr. Die Nacht iſt ſchoͤn und alle zur Abreiſe nöthigen Vorkehrungen ſind getrof⸗ fen; friſche und muntere Pferde ſind an einen Reiſe⸗ wagen geſpannt. Der Marquis befindet ſich noch in ſeinen Gemächern, damit beſchäftigt, einige Briefe für ſeine Intendanten und gute Freunde in Paris — — —— . 133 zu beenden; neben ihm befindet ſich der Barbier, dem er ſeine letzten Verhaltungsbefehle ertheilt und ihm befiehlt, falls er Urbain nochmals ſehen ſollte, dieſen jungen Menſchen zu bewegen, ein Mädchen, das er nie beſitzen werde, zu vergeſſen, und ein glänzendes Vermögen, das man zu ſeiner Verfügung ſtelle, zu genießen. Ruhig hört der Barbier dem Marquis zu; ſeine Blicke ſind auf das Gold und die Wechſel, die neben einem Paar Reiſepiſtolen auf dem Schreibpulte lie⸗ gen, gerichtet. Nur noch einige Minuten und Ville⸗ belle wird Marien befehlen, Blanca zu rufen, als ſich die Thüre des Zimmers leiſe öffnet. Erſtaunt, daß man noch ſo ſpät vor ihm zu erſcheinen wage, ſchlägt der Marquis die Augen auf und erkennt Julia, die, in ihren ſchwarzen Mantel gehüllt, ſo eben in ſein Gemach getreten iſt. „Abermals dieſes Weib!“ ruft Villebelle aus, indeß ſich Touquet umwendet und ſich beim Anblicke der Italienerin von tiefem Erſtaunen ergriffen fühlt. „Beruhigen Sie ſich, gnädiger Herr,“ ſagt Julia, die Thüre des Zimmers wieder ſchließend,„dieſer Beſuch wird der letzte ſein, den ich Ihnen abſtatten werde.“ „Wie ſind Sie hierher gekommen 2... was wollen Sie, ſprechen Sie... antworten Sie ſchleunigſt... oder Sie haben zu befürchten, daß ich endlich Ihr ſonderbares Betragen beſtrafen laſſe.“ „Ich fürchte nichts, gnädiger Herr. Wenig liegt daran, wie ich hierher gekommen bin; ich finde Sie 1344 hier bei Ihrem Vertrauten, das iſt es, was ich wollte. Ich bitte Sie, mich aufmerkſam anzuhören. Was ich Ihnen ſagen werde, wird unzweifelhaft alle ihre Ent⸗ ſchlüſſe ändern und Ihre Abreiſe wird nicht ſtattfinden.“ Julia's ſonderbarer Ton, ihre unerwartete Er⸗ ſcheinung in einer ſolchen Stunde flößen dem Mar⸗ quis eine mit einer geheimen Furcht gepaarte Neu⸗ gierde ein. Er bedeutet der jungen Italienerin durch einen Wink, daß ſie ſprechen ſolle. In Folge deſſen ſetzt ſie ſich zwiſchen Villebelle und den Barbier, die ihre Erklärung ungeduldig erwarten. Nachdem ſie Beide eine Zeitlang mit einem ſeltſamen Ausdrucke betrachtet hat, beginnt ſie endlich ihre Erzählung. „Vor Allem, Herr Marquis, muß ich Ihnen ſagen, daß ich die Tochter eines gewiſſen Cäſar Perditor bin, der von dem Pöbel für einen Zauberer gehal⸗ ten wurde und ſo ſehr in Verruf kam, daß er am Ende Paris verlaſſen mußte, um dem Tode oder doch wenigſtens einer immerwährenden Gefangen⸗ ſchaft in den Kerkern der Baſtille zu entgehen.“ „Cäſar!... Ich erinnere mich, von dieſem be⸗ rühmten Zauberer gehört zu haben,“ ſagte der Mar⸗ quis;„hielt er nicht ſeine Conferenzen in einem Steinbruche in der Nähe von Gentilly?“ „Ja, gnädiger Herr, und dahin begab ſich, um ihn zu befragen, ein Greis, dem Sie ſeine Tochter entführt und den Sie mit Ihrem Degen verwundet hatten... der unglückliche Delmar.“ „Der Vater der Eſtrella?⸗ „Ja, gnädiger Herr. Der alte Delmar theilte 135 meinem Vater ſeinen Kummer mit und bat ihn, ihm die Mittel zu verſchaffen, durch die er ſich an Ihnen rächen könne; allein Cäſar hätte, ſeiner gan⸗ zen Wiſſenſchaft ungeachtet, den Wunſch des Greiſen ſchwerlich erfüllen können, wenn er nicht in Folge der vertraulichen Mittheilungen, die ihm von vielen modiſchen Herren und Damen zukamen, erfahren hätte, wo Ihr Luſthaus liegt und wohin Sie die junge Eſtrella gebracht hatten; er ſagte es dem Greiſe, und dieſem gelang es, ſeine Tochter Ihren Händen zu entreißen.“ „Wie, Ihr Vater war es, der ſie mir wieder entrieß?“ aagte der erſtaunte Marquis, der jeden Augenblick größern Antheil an Julia's Erzählung zu nehmen ſchien.„Und was wurde aus ihr?“ „Im Augenblicke werden Sie es erfahren, gnä⸗ diger Herr, wenn Sie mich fortfahren laſſen. Der alte Delmar hatte ſeine Tochter wiedergefunden, allein Sie hatten ſie entehrt, und dieſes Abenteuer hatte zu viel Aufſehen gemacht, als daß er hinfort noch in der Stadt, in der Sie wohnten, hätte blei⸗ ben können. Er beſaß einiges Vermögen und ver⸗ kaufte nun Alles, was er hatte, belohnte meinen Vater für den Dienſt, den er ihm geleiſtet hatte, und begab ſich mit Eſtrella nach Lothringen. Hier gebar ſie das Kind, das ſie unter ihrem Herzen trug.“ „Großer Gottl... ſie war Mutter?... Iſt es möglich... Eſtrella hätte mich zum Vater gemacht!... Ach, Julia, ich bitte Sie, fahren Sie fort.“ Julia ſcheint ſich einige Augenhlicke an der Aengſt⸗ 136 lichkeit des Marquis zu weiden; dann beginnt ſie ihre Erzählung wieder:„Um dieſe Zeit mußte ſich mein Vater aus Paris flüchten, um nicht verhaftet zu werden, und man ſtreute das Gerücht aus, er ſei in einem Kerker der Baſtille geſtorben. Allein er hatte ſich ein Vermögen geſammelt, von dem er leben konnte, und ſeines gefährlichen Handwerks müde, war er nur darauf bedacht, ruhig zu leben. Ich war damals in Italien, dem Orte meiner Ge⸗ burt; mein Vater holte mich daſelbſt ab und führte mich nach Frankreich zurück, deſſen Klima ihm be⸗ hagte. Da mein Vater nicht mehr nach Paris zurück⸗ kehren konnte, weil man ihn da erkannt hätte, ſo ſetzte er ſich in der Umgegend von Nancy feſt. Da traf er den alten Delmar und ſeine betrübte Toch⸗ ter wieder, die im Geheimen ein Kind erzog, deſſen Mutter ſie ſich nicht nennen konnte, ohne zu errö⸗ then; da machte er die Bekanntſchaft eines armen Landmanns, der in der bitterſten Armuth ſeufzte in Folge der ſchlechten Aufführung ſeines Sohnes, eines Elenden, der, nachdem er in ſeinem Vaterlande eine Gemeinheit begangen hatte, mit der ganzen Habe ſeiner Eltern entflohen war, und dieſe im tiefſten Elende zurückgelaſſen hatte.“ „Die Geſchichte dieſes Menſchen kann mit dem Kind der Eſtrella in keiner Beziehung ſtehen,“ ſagt der Marquis ungeduldig.„Ich bitte Sie, Julia, vollenden Sie Ihre Mittheilung.“ „Verzeihen Sie mir, Herr Marquis, das iſt wich⸗ tiger als Sie denken... es geht Ihren würdigen 4 1 137 Vertrauten nahe an. Bereits hat er in dem armen Landmann, von dem ich geſprochen habe, ſeinen Vater erkannt...“ Der Barbier, der Julia's letzten Worten große Aufmerkſamkeit gewidmet hatte, ruft alsbald:„Wie, das war mein Vater!... Ich verfehlte mich gegen ihn, ich bekenne es; der Durſt nach Gold verleitete mich zu vielen Vergehen... aber ich habe ſtets die Abſicht gehabt, meine Fehler wieder gut zu machen, .. und, wenn es noch Zeit dazu iſt...“ 4 „Nein, es iſt zu ſpät!“ ſagt Julia, einen fürch⸗ terlichen Blick auf den Barbier werfend. „Sollte er wohl todt ſein?“ Julia ſchweigt. Der Marquis ſpringt haſtig auf und ruft:„Nun, grauſames Weib, haben Sie ſich jetzt genug an meinen Qualen geweidet? Wann werden Sie ihnen ein Ende machen?“ „Ihr ſeid Beide ſehr ungeduldig!“ erwiedert die junge Italienerin, und ein bitteres Lächeln tritt auf ihre Lippen.„Aber ich habe euch nur noch Weniges mitzutheilen. Der alte Touquet fragte meinen Vater, ob er auf ſeinen Reiſen von ſeinem Sohne ſprechen gehört habe... mein Vater konnte ihm keine genügende Auskunft geben. Bald ließen wir uns in einem Dorfe in der Nähe von Amiens nieder, hier lebte ich bis zu meinem fünfzehnten Jahr, dann ſtarb mein Vater und ich kam nach Paris, wo ich als bloße Arbeiterin in ein Magazin ging. Das ganze Erbgut, das mir mein Vater hinterlaſſen hatte, beſtand in einem Ma⸗ nuſcripte, in das er zu ſeinem Zeitvertreibe die merk⸗ 138 würdigſten Begebenheiten ſeines Lebens und die ge⸗ heime Geſchichte der Perſonen, die ihn um Rath gefragt, niedergeſchrieben hatte. Auf dieſe Art, Herr Marquis, erfuhr ich die Entführung der armen Eſtrella, und die Art, wie der Barbier Touquet ſeine Eltern behandelt hatte.“ „Iſt dieß Alles, was Sie wiſſen?“ ſagte der Marquis;„haben Sie von Eſtrella und ihrem Kinde nichts weiter erfahren?“ „Noch vor kurzer Zeit wußte ich ſonſt nichts von ihnen, gnädiger Herr, allein der Zufall hat mich mit Allem, was Sie zu wiſſen wünſchen, bekannt ge⸗ macht, und ich verdanke das dem Beſuche, den ich dem Barbier abgeſtattet habe... denn in ſeinem Hauſe habe ich den Schlüſſel zu dieſem Geheimniſſe gefunden.“ „In meinem Hauſe?“ ſagt Touquet, Julien er⸗ ſtaunt betrachtend. „Ja, in Deinem Hauſe, in dem Kabinete, das im Hintergrunde des Alkovs in Margarethens Zim⸗ mer verborgen iſt.“ Der Barbier erblaßt und zitternd ſtammelt er: „Sie ſind in dieſem Kabinete geweſen? Aber es befand ſich nichts darin... nein, ich bin es über⸗ zeugt.“ „Du irrſt Dich, denn als ich zufällig einen auf dem Boden befindlichen Koffer verrückte, fand ich dieſe Brieftaſche; aller Wahrſcheinlichkeit nach wurde ſie daſelbſt von der Perſon verborgen, die Du be⸗ herbergt haſt, und die, nicht wiſſend, wo ſie ſo wich⸗ tige Papiere verwahren ſollte, für gut gefunden hatte, ſie während der Zeit ihres Aufenthalts in Det⸗ nem Hauſe an einen ſo geheimen Ort zu legen.“ Mit Schrecken betrachtet der Barbier die Brief⸗ taſche, die Julia unter ihrem Mantel hervorgezogen hat, während der Marquis ausruft:„Sollten dieſe Papiere von Blanca's Vater herrühren?“ „Sie rühren in der That von der Perſon her, die das junge Mädchen zu dem Barbier brachte. Zuerſt leſen Sie das, gnädiger Herr.“ Julia gibt dem Marquis ein Papier. Dieſer ſtoßt einen Schrei des Erſtaunens aus, als er liest:„Ge⸗ burtsſchein Blanca's, der Tochter der Eſtrella Delmar.“ „O mein Gott!“ ſagt der Marquis kaum ath⸗ mend,„iſt es möglich?“ „Hier, gnädiger Herr, kennen Sie die Handſchrift der Eſtrella?“ 3 „Ja.. ſie iſt es.. ich erkenne ſie!“ „Leſen Sie dieſen Brief.“ Der Marquis nimmt den Brief und liest begierig: „Ich fühle, daß ich ſterben werde, aber wenig⸗ ſtens hat mir mein Vater verziehen. Er hatte mir verboten, Blanca's Daſein ihrem Vater kund zu thun, und ſo lange er lebte, achtete ich ſeine Befehle; allein er iſt nicht mehr, und ich ſelbſt bin im Be⸗ griff, ihm in's Grab nachzufolgen. Villebelle, Blanca iſt Ihre Tochter, die Frucht unſerer Liebe. Leben Sie wohl, lieben Sie ſie zärtlicher als Sie ihre Mutter geliebt haben, ich verzeihe Ihnen. Eſtrella Delmar.“ 140 „O Blanca, o meine Tochter!...“ ruft der Mar⸗ quis aus, ſich wechſelsweiſe ſeiner Freude und ſeinen Gewiſſensbiſſen überlaſſend.„Ich bin Dein Vater und habe Dich unglücklich gemacht!“ „Leſen Sie das Ende dieſes Briefes, gnädiger Herr,“ ſagt Julia,„er enthält noch Etwas, das Ihren Vertrauten betrifft.“ Der Marquis ſieht einige, von Eſtrella's Hand beigefügte Zeilen und liest:„Ich habe keine Ver⸗ wandten mehr; meine Tochter wird Ihnen von einem würdigen Freunde vorgeſtellt werden, auf den ich mein Zutxauen ſetzt und der ſich unter einem ent⸗ lehnten Namen nach Paris begibt, um daſelbſt über einen Sohn, der ihn entehrt hat, Erkundigungen einzuziehen. Ich vertraue ihm das Vermögen an, das ich Blanca hinterlaſſe; meine Tochter bedarf bloß der Freundſchaft ihres Vaters. Wenn er ſie jedoch verſtößt, ſot wird der alte Touquet ſeine Stelle zu vertreten wiſſen.“ „Touquet!“ ruft der Marquis, auf den Barbier blickend. Dieſer ſcheint vom Donner gerührt: er be⸗ trachtet den Brief, ein kalter Schweiß läuft über ſeine Stirne, er iſt unfähig, ein Wort hervorzu⸗ bringen. „Ja,“ ſagt Julia,„ja, Unglücklicher, Dein Vater war es, der mit Blanca, um ſie zum Marquis zu füh⸗ ren, zu Dir kam; er hatte den Namen von Moranval angenommen, ohne Zweifel, um in Paris deſto eher Nachrichten über ſeinen Sohn einziehen zu können. „pielleicht wußte er ſogar, während er bei Dir über⸗ —— 141 nachtete, bei wem er ſich befand. Antworte, Elender, wie haſt Du jenen Reiſenden behandelt?“ „Fragen Sie mich nicht!“ ſagte der Barbier, voll Verwirrung in dem Zimmer auf und nieder gehend. „Ich bin ein Ungeheuer! Um ſein Gold zu erhalten ... wagte ich es... ha, flieht mich! wagte ich es, meinen Vater zu ermorden.“ „Und ſeit zehn Jahren haſt Du mich meiner Toch⸗ ter beraubt!“ ruft der Marquis, ſich mit Abſcheu von Touquet entfernend.„Du ſtandeſt im Begriff, 3 mich zum Schuldigſten aller Menſchen zu machen.. Deine abſcheulichen Rathſchlägegiehen mich zum Ver⸗ brechen hin... komm', Elender, empfange den Lohn aller Deiner Frevelthaten!“ Der Marquis ergreift eine der Piſtolen, die auf dem Schreibpult liegen, richtet ſie auf Touquet und drückt los... kaltblütig ſieht Julia den Barbier zu ihren Füßen niederſinken. „Dieſer Tod iſt noch zu gelind 85 Dich!“ ſagt der Marquis,„aber, Dank dem Himmel, ich habe den größten aller Frevel nicht begangen. O meine theure Blanca, Du biſt meine Tochter. Dieß iſt alſo die Urſache des geheimen Gefühls, das in Dir für mich ſprach! Ach, indem ich Dich glücklich mache, will ich das Andenken an meine unwürdige Liebe aus Deiner Seele verlöſchen. Inskünftige bin ich nur ein Vater, der Dich in ſeine Arme drückt.“ Beſtürzt verläßt der Marquis, von Julia beglei⸗ tet, ſein Gemach; er geht nicht, er fliegt nach dem Paul de Kock. LVIII. 3 3 10 —4 * 142 Thürmchen, das Blanca bewohnt. Demſelben nahe gekommen, ruft er mit lauter widerhallender Stimme den Namen Blanca. Man kommt vor der Thüre des Gemachs an, allein ſie iſt von innen verſchloſſen. Der Marquis hat ſeine Schlüſſel nicht mitgenommen, er klopft wiederholt an, ruft Blanca bei ihrem Namen und bittet ſie, zu öffnen. Man antwortet nicht, aber bald dringt ein ziemlich ſtarkes Geräuſch, das von dem Falle eines Gegenſtandes in die Wellen des Sees her⸗ zurühren ſcheint, zu den Ohren des Marquis. Villebelle empfindet ein unnennbares Gefühl; er eilt hinweg, ruft Germain herbei, läßt ſich die Schlüſſel geben, und dringt endlich in Blanca's Wohnung. Sie iſt leer, und Alles verkündet, daß das junge Mädchen ſich nicht ſchlafen gelegt hat; aber eines von den Fenſtern, die auf den See gehen, ſteht offen. Von einer geheimen Ahnung getrieben, eilt der Marquis auf den Balkon, ſeine Blicke rich⸗ ten ſich nach dem See, er ruft von Neuem:„Blanca, meine Tochter!“ Man antwortet nicht, aber von Zeit zu Zeit zeigt ſich ein Gegenſtand auf der Ober⸗ fläche des Waſſers und ſcheint ſich noch zu bewegen. „Sie iſt es!“ ruft Villebelle aus, und ſtürzt als⸗ bald in den See hinab. Es war in der That die unglückliche Blanca, die ſeit dem Vorfalle in der vorigen Nacht jeden Augen⸗ blick eine neue Unternehmung des Marquis befürch⸗ tete und keine Minute geſchlafen hatte. Sie hatte ſich nicht in's Bett gelegt, aus Furcht, vom Schlafe überraſcht zu werden. Zitternd wachte ſie und glaubte beim geringſten Geräuſche, ihr Entführer dringe von Neuem in ihr Gemach. Blanca war entſchloſſen, eher zu ſterben, als aufzuhören, Urbains würdig zu ſein. Als ſie raſche Tritte hörte, die ſich ihrem Zim⸗ mer näherten und ſie Villebelle's Stimme erkannte, der laut ihren Namen rief, befiel ſie der heftigſte Schrecken, und nicht zweifelnd, daß er komme, um ſein ſchändliches Vorhaben auszuführen, ſtürzte ſie ſich in den See, noch laut Urbains Namen rufend. Der Marquis ſchwimmt auf den Gegenſtand zu, den er auf dem Waſſer bemerkt hat; aber eine andere Perſon, die ſich in dem Park befand, hat ſich gleich⸗ falls in den See geworfen. Es iſt Urbain, der, überzeugt, daß ſeine Geliebte im Schloſſe iſt, die Dunkelheit der Nacht benützt hat, um ſich in die Gärten zu ſchleichen. Der junge Student hörte die theure Stimme ſei⸗ ner Blanca, die ſeinen Namen rief, dann lenkte ein plötzliches Geräuſch ſeine Blicke nach dem See und er eilte der Unglücklichen zu Hülfe, mit der er end⸗ lich das Ufer erreichte, wo ſich der Marquis, Julia und die Dienerſchaft des Schloſſes, die das Geſchrei ihres Herrn herbeirief, um ihn verſammelten. Blanca iſt auf den Raſen hingeſtreckt, Urbain kniet neben ihr und ruft ihren Namen mit lauter Stimme, als der Marquis in der ſchrecklichſten Ver⸗ zweiflung herbeieilt, ſich auf den Boden wirft und den Himmel bittet, ihm ſeine Tochter wiederzugeben. „Seine Tochter!“ rufen alle Umſtehenden aus. „Ja,“ ſagt Villebelle, auf Blanca's entfärbte Wangen troſtloſe Blicke werfend,„ja, es iſt meine Tochter, es iſt mein Kind, das ich unglücklich ge⸗ macht habe... an deſſen Tod ich ſchuld bin. Ach, mein ganzes Vermögen hätte ich hingegeben, um Eſtrella's Tochter zu umarmen, um mich von ihr Vater nennen zu hören... und durch meine Leiden⸗ ſchaften, meine Laſter habe ich mich des höchſten Guts beraubt! O meine theure Blanca, kehre ins Leben zurück, daß mir wenigſtens Dein Mund Du ſtirbſt, ſage, Du habeſt mir verziehen... Aber nein, nicht einmal dieſer letzte Troſt wird mir zu Theil werden: ſie wird ſterben, ohne mich ihren Vater genannt zu haben!“ Der Marquis wirft ſich auf den Leichnam ſeiner Tochter, die Urbain mit ſeinen Thränen benäßt; er ergreift Blanca's Hände, drückt ſie an ſein Herz, ſucht ſie wieder zu erwärmen, noch einmal zu bele⸗ ben, aber alle Bemühungen ſind fruchtlos: weder das Rufen ihres Vaters noch das Seufzen ihres Geliebten konnte Blanca mehr vernehmen. — e — 5 * . Inhalt des erſten Theils. Erſtes Kapitel. Das Haus des Barbiers. Zweites Kapitel. Der große Herr und der Barbier. Drittes Kapitel. Blanca.— Eine Zaubergeſchichte. Biertes Kapitel. Der Ritter Chandoreille. Fünftes Kapitel! Die Muſiklection.. Sechstes Kapitel. Die Verliebten.— Die Plaude⸗ reien...... 4 Inhalt des zweiten Theils. Grſtes Kapitel. Die Unterhaltung am Kamine Zweites Kapitel. Das Kabinet.— Die Entführung Drittes Kapitel: Das kleine Haus.— Neues Spiel. Viertes Kapitel. Pont⸗Neuf.— Tabarin Fünftes Kapitel. Nächtliches Abenteuer. Sechstes Kapitel: Die Zuſammenkunft unter vier Angen Siebentes Kapitel. Urſula und die Zauberin von Ver⸗ berin. Achtes Kapitel. Die Liebe und die Unſchuld.— Der Segen und der Talisman. Inhalt des dritten Theils. Erſtes Kapitel. Wie wird es gehen?. Zweites Kapitel. Wer hätte ſich darauf verſehen? Drittes Kapitel. Stunden des Glücks..* 16 37 8* Viertes Kapitel. Ein Chaudoreille's⸗Tag.... 53 Fünftes Kapitel. Das kleine Nachteſſen.. 69 Sechstes Kapitel. Man wagt Alles, wenn man Geld und Macht hat........ 89 Siebentes Kapitel. Das Rendezvous.— Schläge des Schickſals.— Das Hotel von Muürasge— Die Sänfte ¹.. 117 Achtes Kapitel. Armer Urbain!....... 140 * Inhalt des vierten Theils. Erſtes Kapitel. Das Schloß Sareus.. Zweites Kapitel. Das Zuſammentreffen.— Plan zur Rache... 35 Drittes Kapitel. Abermals das kleine Kabinet. 54 Viertes Kapitel. Der Sturm zieht ſich zuſammen. 68 Fünftes Kapitel. Rückkehr in's Schloß..... 33 A₰ Sechstes Kapitel. Nächtlicher Verſuch.. 97 Siebentes Kapitel. Urbains Beſuch beim Marquis.— Chaudoreille's letztes Abenteuer..... 113 Achtes Kapitel. Juliens Eez zs.— Was die Brief⸗ taſch⸗ enthält...... 130 Seite 56 mſſinn 10 1 HzxaaaxmmmmmErrmmmrrrnmm 1 12 13 14 15 16 17 18