Paul de Kock's humoriſtiſche Romane,“ deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Siebenundfünfzigſter Theil. Stuttgart: Scheible, Nieger& Sattler, 1845. Der Barbier von Paris. Von Paul de Koch. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Oritter Theil. ¹ Stuttgart: Scheible, Rieger a Sattler. 1845. — Erſtes Kapitel. Wie wird es gehen? Wenn man mit Inbrunſt liebt, und den Augen⸗ blick herannahen ſieht, in welchem man ſich allein bei dem Gegenſtande ſeiner Liebe befinden wird, ſo fühlt man eine Verwirrung, eine Gemüthsbewegung, über die man nicht Herr werden kann: man ſcheint zu be⸗ fürchten, ſein Glück nicht ertragen zu können, oder eine ſo ſüße Hoffnung nicht verwirklicht zu ſehen. Be⸗ ſonders wenn man noch mit der ganzen Offenherzigkeit und Unbefangenheit der Jugend liebt, erfüllt uns die Stunde der erſten Zuſammenkunft mit nicht geringerer Bangigkeit als die Abſchiedsſtunde, die uns von den Orten wegruft, die wir lieben. Warum fürchten und ſeufzen wir im Augenblicke des Glückes? Arme Sterbliche! es ſcheint, wir ſeien ſtets über unſer Glück erſtaunt. In Wahrheit, dieſes Erſtaunen ſchwindet mit dem Alter und der Erfahrung; dann erregen dieſe entzückenden Zuſammenkünfte nimmer dieſelben Ge⸗ fühle in uns; wir betrachten ſie bloß als Zerſtreu⸗ ungen, und lachen über jene Verwirrung, über jene Verlegenheit, die unſere erſten Schritte bei den Damen begleiteten. Undankbare! wir ſpotten über das, was uns beglückte, über jene ſüßen Gefühle, die uns ent⸗ ſchwunden ſind wie alle Trugbilder der Jugend; wir gleichen dann dem Juchſe in der Fabel.„Ach! wie linkiſch waren wir im achtzehnten Jahre,“ ſagen wir; „wie tölpelhaft ſahen wir bei unſern geheimen Zu⸗ ſammenkünften mit dem Gegenſtande unſerer Liebe aus! Wir zitterten wie Eſpenlaub, als es zum Ren⸗ dezvous ging; wie anders iſt es jetzt! Wir eilen ſingend dahin, wir gehen raſch auf's Ziel los, wir ſind hundert Mal liebenswürdiger. Ja, aber unſere Haare fangen an grau zu werden, unſer Bauch ſich zu runden, und gewiſſe ſcharfe Linien kommen an unſern Augen⸗ winkeln zum Vorſchein. Wenn die Annäherung eines lange erſehnten Glücks in der Liebe eine unausſprechlich ſüße Ver⸗ wirrung verurſacht, wie groß muß dann unſer Ent⸗ zücken ſein, wenn wir die größte Gunſt plötzlich, und ohne ſie gerade gehofft zu haben, erlangen können. In einer ſolchen Lage befand ſich Urbain; er liebt Blanca mit jenem trunkenen Entzücken, das man im neunzehnten Jahre für ſeine erſte Freundin fühlt, und er befindet ſich um eilf Uhr Abends allein bei dem Gegenſtande ſeiner Zärtlichkeit in einem kleinen, ab⸗ gelegenen Zimmer, und das liebenswürdige Kind hat den Riegel vorgeſchoben und fängt an, ſich zu ent⸗ kleiden, um in's Bett zu ſteigen. Wo iſt der Liebende, der in dieſem Augenblicke bei Vernunft bleiben könnte? Arme Blanca, ich zittere für dich! Du haſt zwar einen Talisman, allein ich ſetze kein großes Zutrauen in ſeine Macht, beſonders wenn du Urbain auch noch die Stelle, wo er ſich befindet, ſehen läßt. 3 Zitternd, beſtürzt, ſeufzend und kein Wort ſprechend —,— — 1 b 7 bleibt der junge Student in einem Winkel des Zim⸗ mers aufrecht ſtehen, während Blanca das Bett zu⸗ bereitet, lachend in dem Zimmer umherhüpft, und ſich endlich entkleidet. 2 „O mein Gott!“ ſagt Urbain bei ſich, bebend, erröthend, und nur von Zeit zu Zeit die Augen auf⸗ ſchlagend,„o mein Gott! was ſoll ich thun? Iſt nicht der Augenblick da, in welchem ich mich erklären, und, das Bekenntniß meiner Liebe ablegend, Verzeihung von ihr erflehen muß! O ja, dieß iſt der Augen⸗ blick!... allein wenn dieſes Geſtändniß ſie erſchreckte ... wenn ihr Geſchrei Leute herbeizöge... oder wenn ſie mich aus ihrem Zimmer jagte... dieß wäre Schade, und wenn ich ſie noch länger täuſche, kann ich ihr Lager theilen, und... o nein, das wäre nicht recht; aber wie ſie ſo hübſch iſt! Großer Gott! welche Reize ... ach, blicke ſie doch nicht an.“ Aber der Schelm blickte ſie ſtets an, obſchon nur verſtohlen; allein je mehr er ſie betrachtete, deſto un⸗ mächtiger wurde ſeine Vernunft, denn in jedem Augen⸗ blicke nahm Blanca einen Theil ihrer Kleidung weg; ſchon bedeckte nur ein kleines Unterröckchen ihre rei⸗ zenden Formen, und das enge Corſet, das zwei kleine alabaſterne Hügel einkerkerte, war ſo eben neben dem Bette niedergelegt worden. Blanca hält jedoch inne: es war Zeit. Sie blickt auf Urbain, der noch immer ſtumm und regungslos daſteht.„Nun, Urſula, warum entkleiden Sie ſich denn nicht?“ ſagte das junge Mädchen, ſich dem Studenten nähernd. „Weil... Mademoiſelle... ich weiß nicht... ich fürchte... „Wie, Sie fürchten? Flöße ich Ihnen Furcht ein, Urſula?“ „Furcht... o ja, Mademoiſelle; ich fühle, daß ich Jurcht habe.“. „Ach! ſie iſt ganz wie Margarethe... und ich, die Jüngere, bin am wenigſten furchtſam; es iſt wahr, dieſer Wind tobt ſchrecklich, allein er wird uns hier nicht mit ſich fortreißen. Wie ſie zittert! Wie, Urſula, Sie gehen jeden Abend bis zum Thore St. Antoine und Sie zittern bei mir in meinem Zimmer?“ „Ach! das iſt etwas Anderes „Kommt es wohl daher, daß Margarethe Ihren Talisman mitgenommen hat? Allein wir haben ja den meinigen; ſehen Sie, wenn ich mein Corſet ab⸗ lege, ſo ſtecke ich ihn hierher in mein Hemd, denn Margarethe ſagt, man habe ihn beſonders des Nachts ſehr nöthig, und die Zauberer quälen die jungen Mädchen hauptſächlich, wenn ſie zu Bette gegangen ſeien. Iſt dieß wahr, Urſula? Hat man es ſchon ver⸗ ſucht, Sie des Nachts zu quälen?“ „Ja... nein, Mademoiſelle.“ Urbain weiß nicht mehr, was er ſagt, denn ſeine Augen ſind wider ſeinen Willen auf den treuloſen Talisman gerichtet, der hier zu ſein ſcheint wie die Schlange an dem Baume der Erkenntniß des Guten und Böſen, um ihn der Verſuchung preiszugeben. „Es friert Sie, Urſula; es wird beſſer ſein, wir legen uns in's Bett, wir werden da wärmer werden. Wollen Sie, daß ich Sie entkleiden helfe? Wie Sie P ſeufzen... haben Sie Kummer? Sie werden mir das erzählen... es iſt ſo angenehm, eine Freundin zu haben, ihr Alles zu ſagen, was man denkt. Laßt uns ½ ſehen... laßt uns zuerſt dieſe Haube abnehmen, die das ganze Geſicht verhüllt; ich bin überzeugt, daß die meinige Ihnen beſſer ſtehen würde... wir wollen es probiren; allein ſetzen Sie ſich doch nieder, Sie ſind ſo groß, Urſula, daß ich nicht wohl zu Ihrem Kopfe hinauflangen kann.“ Der junge Student läßt ſich auf einen Seſſel führen; er ſitzt nieder, und vor ihm ſtehend fängt Blanca an, die Stecknadeln wegzunehmen, die ſeine Haube und ſeine großen braunen Locken feſt halten. Urbain läßt das liebenswürdige Kind ſeine Kopfbe⸗ deckung abnehmen: er iſt entſchloſſen, ſich ihr zu ent⸗ decken; ſie müßte ja doch früher oder ſpäter die Wahrheit erfahren, und es kommt nur darauf an, ſie nicht zu erſchrecken, ſondern ſie Schritt für Schritt auf die Metarmophoſe vorzubereiten. Die letzte Stecknadel iſt entfernt, Blanca nimmt die Haube weg, und die braunen Locken des jungen Menſchen wallen nach allen Seiten hervor und be⸗ decken ihm Stirne und Nacken. Blanca ſtößt einen Schrei aus und bleibt regungslos ſtehen. Urbain, der bereits befürchtet, ſie möchte ihm entfliehen, faßt ſie ſanft um den Leib. „Ahl wie drollig das iſt,“ ſagt endlich Blanca, Urbain noch immer mit Verwunderung anblickend, 4„Ihre Haare ſind nicht ſo geordnet wie die aller Weiber, die ich bis jetzt geſehen habe! Es iſt alſo in Verberin Mode, ſie ſo zu tragen?“ „Ja, Mademoiſelle.“ „Je mehr ich Sie betrachte... wiſſen Sie, Urſula, daß Sie wie ein Mann ausſehen?“ „Man hat es mir bereits geſagt, Mademoiſelle.“ f „Ol aber das iſt zum Verwundern... Ihre Haare ſind ſo geordnet wie die aller männlichen Perſonen,⸗ die ich auf der Straße gehen ſehe.“ „Mißfalle ich Ihnen ſo?“ „Nein; gleichwohl... das macht einen ſonderbaren Eindruck auf mich.“ 6 „Würde es Sie betrüben, wenn ich männlichen Geſchlechts wäre?“ „Ja, ich glaube, denn Sie könnten dann nicht mehr meine Freundin ſein; ich könnte Sie nicht mehr wie meine Schweſter lieben.“ „Ach, Blanca, wenn ich männlichen Geſchlechtes wäre, ſo würde ich Ihr Liebhaber, der zärtlichſte, der treueſte Liebhaber ſein. Ich könnte Sie inbrünſtig lieben, und die Liebe iſt feuriger als die Freundſchaft. — Wenn Sie nun meine Zärtlichkeit theilten, wo gäbe 3 es dann einen glückſeligern Sterblichen, als ich bin! Theure Blanca, gibt es auf der Erde ein köſtlicheres † Gut, als der Beſitz Ihres Herzens? Um mir ihn zu verſchaffen, würde ich die Hälfte meines Lebens hin⸗ 3 geben!“ Bei dieſen Worten ſuchte Urbain, den die Liebe hinriß, ſeine Stimme nicht mehr zu entſtellen; er hielt Blanca noch immer in ſeinen Armen, und dieſe hatte ſich auf die Kniee des Studenten hinziehen— 8 V 11 laſſen, und ſagte mit ſchwacher Stimme:„Ach, mein Gott, Urſula, ſprechen Sie nichts mehr von ſolchen Dingen, das macht mich ganz unruhig; ich weiß nicht, was ich habe... ich glaube, ich habe Luſt zu weinen ... wozu nützt es, Lügen vorzubringen, von Liebe und Liebhaber zu ſprechen... Urſula, man hat mir geſagt, man dürfe von allem dem nichts ſprechen... Ach, mein Gott! ſeit Sie Ihre Mütze nicht mehr auf haben, wage ich es nimmer, Sie anzublicken.“ „Blanca! theure Blanca!“ „Ei, Sie fahren fort, den Mann zu ſpielen; das macht mir bange! Urſula, werden Sie wieder Frauen⸗ zimmer, ich bitte Sie!“ „Nein, Blanca, ich will Sie nicht länger täuſchen: eine männliche Perſon, der zäértlichſte Liebhaber ſitzt neben Ihnen.“ In Folge einer plötzlichen Bewegung iſt Blanca aufgeſprungen und hat ſich in die andere Ecke des Zimmers gerettet. Urbain hat ſie nicht zurückzuhalten verſucht, ſondern iſt auf die Kniee geſunken: er ſtreckt ſeine Hände nach ihr aus und ſcheint ihre Verzeihung zu erwarten, während das junge Mädchen Blicke auf ihn heftet, die mehr Verwunderung als Schrecken ausdrücken. „Wie, Sie ſind männlichen Geſchlechts?“ ſagte das liebenswürdige Kind nach Verflnß eines Augen⸗ blicks. „Ja, Mademoiſelle.“ „Wiſſen Sie dieß auch gewiß?“ „O ja.“ „Ach, mein Goit! nähern Sie ſich mir nicht, ich bitte Sie.“ „Ach, zittern Sie nicht, ich liege zu Ihren Füßen, der unterwürfigſte aller Liebhaber.“ „Aller Liebhaber? Ich weiß nicht, was ein Lieb⸗ haber iſt.“ 3 „Um Sie ſehen zu können, um Ihnen die ganze Liebe, die ich für Sie fühle, zu bekennen, habe ich dieſe Verkleidung angenommen. Wie hätte ich ſonſt bis zu Ihnen gelangen können, da Sie beſtändig in dieſes Zimmer eingekerkert ſind?“ „Ach! ich ſollte Sie vielleicht nicht anhören. Wie! Sie fühlen Liebe füe mich?“ „Durch dieſes Fenſter habe ich Sie das erſte Mal erblickt; es ließen ſich gerade da unten auf der Straße Sänger vernehmen: Sie ſchienen denſelben mit Ver⸗ gnü gen zuzuhören; des Nachts bin ich zurückgekommen und habe unter Ihrem Fenſter die Romanze geſungen, für die Sie eine ſo große Vorliebe haben.“ „Sie waren es!“ ruft Blanca freudig, und, ihren erſten Schrecken vergeſſend, blickt ſie Urbain mit größerer Zuverſicht an. Ihr unſchuldiges und reines Herz vermag nicht alle Gefahren ihrer Lage zu be⸗ greifen; ein erfahreneres junges Mädchen würde ge⸗ ſchrien und ſich ſehr erzürnt gezeigt haben; allein Blanca, deren Seele jeder Heuchelei fremd iſt⸗ legt ſchon großes Zutrauen gegen den jungen Studenten an den Tag, weil ſie keinen einzigen Gedanken hat, über den ſie erröthen dürfte. „Wie, Sie waren es!“ wiederholt ſie noch einmal; 13 „ahl jetzt wundere ich mich nicht mehr, daß ich eine gewiſſe Aehnlichkeit in Ihrer Stimme gefunden habe; allein es iſt nicht ſchön, mein Herr, daß Sie gelogen haben. Ich, die ich Sie für Urſula hielt, die ich Sie liebte, wie man eine gute Freundin liebt, kann ich Sie jetzt auch noch lieben?“ „Und was kann Sie daran hindern, wenn ich Ihnen nicht mißfalle?“ „O nein, Sie mißfallen mir nicht; ich glaube ſogar, daß Sie ohne Haube hübſcher ausſehen, allein es iſt nicht erlaubt, einen Mann zu lieben.“ „Warum nicht, wenn dieſer Mann Ihr Gatte werden will?“. „Margarethe ſagt, alle Männer ſeien Betrüger und dann... ach Himmel! der Teufel nimmt auch dieſe Geſtalt an, weil er der Zauberin von Verberin ſo erſchienen iſt... ach, mein Gott! wenn Sie der Teufel wären!“ „Ach, Blanca, welcher Gedanke!“ „Aber nein, Sie haben eine ſo ſanſte Miene, Sie ſind nicht ganz ſchwarz und Sie haben keine Krallen.“ „Ich heiße Urbain Dorgeville, meine Eltern waren ehrliche und angeſehene Leute.. ich bin Waiſe... ich habe wenig Vermögen; allein wenn man ſich liebt, braucht man ja nicht viel, um glücklich zu ſein. Theure Blanca, verzeihen Sie mir?“ „Er heißt mich ſeine theure Blancaz achl wie drollig das iſt; und was würde geſchehen, wenn ich Ihnen nicht verziehe?“ „Sie würden mich in Verzweiflung ſtürzen, es bliebe mir nichts mehr übrig als der Tod.“ „O, ich will nicht, daß Sie ſterben ſollen,“ ruft das liebenswürdige Kind aus,„und ich verzeihe Ihnen, denn es würde mir leid thun, wenn ich Ihnen Kummer verurſachte.“. „Iſt's möglich?“ ſagt Urbain, ſich raſch erhebend und auf Blanca zueilend. Das junge Mädchen macht abermals eine furchtſame Bewegung; dann faßt ſie ſich, lächelt und gibt Urbain ein Zeichen, ſich neben ſie niederzuſetzen. Der Glückliche gehorcht und faßt ſanft eine von Blanca's Händen, die das treuherzige Kind nicht zurückzieht. „Sie verzeihen mir alſo, daß ich Sie liebe?“ ſagt er, ſie zärtlich anblickend. 4 „Wahrlich, ich muß es wohl, weil Sie ſonſt ſterben würden.“ „Und Sie werden mich auch lieben?“ Ach, ich weiß nicht; ich liebte zwar Urſula, aber Sie... das kann nicht mehr daſſelbe ſein, nicht wahr?“ „Ach, dieß wird noch weit angenehmer ſein!“ „Meinen Sie?“ „Was ich in dieſem Augenblicke fühle, überzeugt mich davon.“ „Sie ſind alſo gegenwärtig glücklich?“ „Ja, ſehr glücklich, denn Sie fürchten ſich nicht mehr vor mir, nicht wahr?“ „Nein, ich fürchte mich nicht mehr; allein warum drücken Sie mir die Hand ſo?“ —— 15 „Ich möchte ſie immer ſo drücken, ſie unaufhörlich an mein Herz halten.“ „Dieß iſt alſo ebenfalls ein Liebesbeweis?“ „Ja, Blanca; allein wenn das Ihnen mißfällt, ſo werde ich dieſe theure Hand loslaſſen.“ „O, das mißfällt mir nicht; allein die Ihrige brennt, ſie erwärmt die meinige, und dennoch zittern Sie; iſt es ebenfalls die Liebe, die das verurſacht?“ „Ja, ſie entflammt mein Herz, verzehrt es.“ „Ach, es muß wehe thun, ſo zu lieben.“ Urbain hat Blanca's Hand an ſeine Lippen ge⸗ bracht und bedeckt ſie mit Küſſen; das junge Mädchen läßt ihn machen. Indeſſen fangen die leidenſchaftlichen Blicke ihres Liebhabers an, ihre Seele in eine unbe⸗ kannte Verwirrung zu verſetzen, ihr Buſen pocht ſchneller; ſie ſeufzt und ſpricht mit ſchwacher Stimme: „Urbain... Urſula... mein Gott! ich weiß nicht, was ich habe, allein ich fürchte mich ſehr vor Ihrem Uebel; ſehen Sie, wie ich jetzt ebenfalls zittere; ach, mein Talisman!“ Arme Blanca, was thuſt du? Indem du dich gegen die Gefahren, die dir drohen, ſchützen willſt, zeigſt du jene geheimen Schätze, an denen die Vernunft eines ſchwachen Sterblichen ſcheitern muß, und Ur⸗ bains Vernunft hat ſchon längſt Mühe, ihre Herr⸗ ſchaft noch einigermaßen zu behaupten. Ungeachtet er bei ſich gelobt, die Tugend des jungen NMädchens zu achten, ſo gibt er doch der Inbrunſt nach, die ihn verzehrt; er hält Blanca feſt umſchloſſen, und be⸗ ſchwoͤrt ſie, nicht zu zittern; die erſtaunte Blanca drückt ihn nicht zurück; denn das Uebermaß der Unſchuld hat auch ſeine Gefahren. Allein in dieſem Augenblicke klopft man heftig an die Thüre des Zimmers, und die furchtbare Stimme des Barbiers läßt ſich in fol⸗ genden Worten vernehmen:„Oeffnen Sie, Blancal öffnen Sie, ich befehle es Ihnen.“ Der junge Student ſcheint ganz verſteinert, und Blanca bleibt regungslos in Urbains Armen liegen. Zweites Kapitel. Wer hätte ſich darauf verſehen? Die derbe Ohrfeige, welche Urbain dem gascogni⸗ ſchen Ritter verſetzte, hatte das Männchen ſo betäubt,⸗ daß er einen Augenblick beſinnungslos auf dem Boden liegen geblieben war; als er ſich aber wieder erholt hatte, ſtand er mit einer Art Entſchloſſenheit auf, und nachdem er die Hände an ſeine noch brennende Wange gelegt hatte, rief er:„Nein, alle Teufel, es ſoll nicht geſagt werden, daß Venus ſich den Anordnungen des Mars entziehe, und ihre Tugend ſoll für dieſe Ohr⸗ feige hart büßen.“ Alsbald verfolgt er die Spur ſeiner Venus, die ſich, über die Goſſen hüpfend, entfernte. Seine kleinen ſcharfen Augen erkennen die Perſon, die er verfolgt⸗ in dem Augenblicke, in welchem Urbain, vor dem Hauſe des Barbiers angekommen, in die Hausflur trat, die ſogleich wieder hinter ihm verſchloſſen wurde. Chaudoreille kennt das Haus des Barbiers zu gut, 17 als daß ſeine Entfernung von der falſchen Bäuerin ihn hindern könnte, den Ort ihres Rückzugs zu er⸗ kennen: nicht ohne das größte Erſtaunen bemerkt unſer Liebesritter, daß ſeine Schöne ſich in die Wohnung ſeines Freundes Touquet geflüchtet hat. Er nähert ſich der Hausflur, in der Vermuthung, man habe ſie aus Verſehen offen gelaſſen; allein ſie iſt wieder verſchloſſen, und zudem hat die von ihm ver⸗ folgte Perſon keinen Augenblick über die Wahl ihres Zufluchtsortes geſchwankt; Alles ſcheint anzudeuten, daß ſie geſonnen geweſen ſei, ſich zu dem Barbier zu begeben. Dieſes Ereigniß eröffnet Chaudoreille's Muthmaßungen eine weite Bahn und regt ſeine Neu⸗ gierde im höchſten Grade auf; er iſt entſchloſſen, ſich nicht eher von dem Hauſe zu entfernen, als bis die Bäuerin es wieder verlaſſen hat. Allein vergebens hält Chaudoreille, der die Augen auf das Haus geheftet hat und in Blanca's Zimmer fortwährend Licht bemerkt, Schildwache. Bald fängt der Regen an zu praſſeln und ungeſtüm toben die Winde, allein obſchon der Ritter durch ein Schirm⸗ dach, unter das er ſich geflüchtet hat, nur ſchwach ge⸗ ſchützt iſt, ſo fällt es ihm doch nicht ein, den Platz zu verlaſſen, und ſich ſo gut als möglich in ſeinen kleinen Mantel hüllend, ſagt er zu ſich:„Sie muß doch wohl endlich das Haus verlaſſen, was Teufel! woofern nicht... iſt ſie wohl Touquets Maitreſſe? i Bei Gott, ich muß hinter die Sache kommen.. im⸗ mer noch Licht bei meiner ſchönen Schülerin... Hm! Paul de Kock. LVII. 2 ich habe gewiſſe Muthmaßungen... dieſe verteufelte Ohrfeige wurde mir mit ſolchem Nachdrucke verſetzt⸗ daß ich faſt vermuthen ſollte, meine Venus trage einen Bart! Geduld, entweder wird ſie heraus⸗ oder ich werde hineingehen.“ Arme Liebende! während ihr ſo großes Vergnügen an eurer gegenſeitigen Geſellſchaft fandet, und an⸗ finget, euch zu verſtehen und zärtliche Blicke zu wechſeln, ahnte es euch nicht, daß ſich einige Schritte von euch ein heilloſer Menſch befand, der, die Augen auf euer Fenſter geheftet, im Sinne hatte, euer Glück zu ſtören, und das Alles, weil der Erfolg ſeines Kniffs, der weiße Wein und unächte Reize dem gascogniſchen Ritter den Kopf erhitzt hatten. Eilf Uhr iſt ſchon lange vorbei. Wir wiſſen, was oben vorging; laßt uns ſehen, was man unten thut. Chaudoreille, entſchloſſen, nicht länger Stand zu halten, hat an die Pforte des Barbiers geklopft. Die Liebenden haben ihn nicht gehört, weil Urbain damals Blanca's ſanfte Hand küßte und man bei ſo liebens⸗ würdigen Beſchäftigungen nicht hört, was auf der Straße vorgeht. Margarethe ſchnarchte auf eine Art⸗ die von keiner Furcht mehr zeigte. In Wahrheit, ſie war, den koſtbaren Talisman an ihrer Seite, einge⸗ ſchlafen; als ſie ſich aber im Schlafe umgewendet hatte, war das Zaubergeſchenk von ſeiner Stelle ge⸗ wichen und nach und nach an einen Ort hinabge⸗ kommen, wo man gewöhnlich keinen Talisman trägt. Allein der Barbier ſchlief nicht, ſei es nun des Windes oder irgend eines andern Beweggrundes * —y, —y 19 wegen. Meiſter Touquet, den die Nacht ſelten ruhig auf ſeinem Lager ſchlummern ſah, war noch nicht in ſein Zimmer hinaufgeſtiegen und ging in ſeinem Hinterladen langſam auf und nieder, ſtets düſter, tieffinnig, und von Zeit zu Zeit murmelnd:„Ver⸗ fluchte Nacht! warum ſtören dieſe Schatten unauf⸗ hörlich meine Ruhe? Sobald der Tag verſchwunden iſt, erneuern ſich meine Qualen. Ich habe Gold, ja, ich habe Gold, und ich kann keinen Augenblick mehr des Schlummers genießen! Ach, ich werde dieſes Haus verkaufen; ich werde weit, weit weg gehen... ich werde mein Land, meinen Vater, wenn er noch lebt, wiederſehen... er wird über meine Glücksver⸗ änderung ſehr erſtaunt ſein; er hat mich verwünſcht, als ich ihn verließ, allein ich will, daß er mir ver⸗ zeihen ſoll; ja, er wird mir meine erſten Fehler ver⸗ zeihen, wenn er mich reich und geachtet ſieht... ich werde ihm nicht ſagen, nein, ich werde ihm nicht ſagen, wie ich mir dieſes Vermögen erworben habe!“ Hier ſtreifte ein bitteres Lächeln an den blaſſen Lippen des Barbiers vorüber, und er ſank in ſeine Betrachtungen zurück, aus denen er nur durch das Klopfen an ſeiner Thüre geriſſen wurde. Touquet fährt zuſammen; allein bald ſcheint er über ſich ſelbſt beſchämt, nimmt ſeine Lampe und eilt auf die Thüre zu. Er erwartet Niemand um dieſe Zeit, allein er vermuthet, der Marquis von Villebelle komme irgend einer neuen Liebesintrigue wegen zu ihm. An der Thüre angekommen erkennt er die Stimme des gascogniſchen Ritters, der da ruft;„Oeffne, Tou⸗ quet, öffne, fürchte Dich nicht, ich bin's; allein ich muß durchaus mit Dir reden!“ Der Barbier hat geöffnet, und Chaudoreille, deſſen durchnäßte Kleider an ſeinem magern Individuum kleben, das ganz eingeſchrumpft und um drei Zoll abgenommen zu haben ſcheint, tritt gekrümmt in die Hausflur, als ob er gefürchtet hätte, ſeinen Kopf an das kleine Gitter oberhalb der Hausthüre zu ſtoßen. „Was Teufel führt Dich zu dieſer Stunde hierher?“ ſagte der Barbier, ſeine Thüre wieder verſchließend, während der Gascogner in den Hintergrund ver Hausflur blickt, um zu ſehen, ob Niemand da ſei. Endlich legt er einen Finger auf den Mund und ſagt mit gedämpfter Stimme:„Biſt Du in dieſem Augenblicke allein?“ „Ja, ohne Zweifel.“ „Du haſt keine Geſellſchaft?“ „Ei nein, Niemand, ſage ich Dir.“ „Dann iſt es dringend, nothwendig, daß ich mit Dir ſpreche.“ Der Barbier kehrt in den Saal zurück und Chau⸗ voreille folgt ihm dahin⸗ ſtets auf den Zehenſpitzen gehend und rechts und links umherſchauend, als ob er Jemand ſuche.„ „Wohlan! willſt Du jetzt ſprechen?“ ſagte Tou⸗ quet;„was bedeutet dieſer Beſuch um Mitternacht? Glaubſt Du, ich ſei geneigt, Dich zu beherbergen? Geh', es ſind noch Kneipen offen in Paris und Du kannſt daſelbſt ein Lager finden, aber mein Haus iſt keine Freiſtätte für Nachtſchwärmer!“ 21 Ohne, wie es ſchien, aus der Faſſung zu kommen, hört Chaudoreille, ſeinen Hut ſchüttelnd und ſeinen Mantel drehend, dem Barbier zu, allein bei deſſen letzten Worten lacht er mit boshafter Miene und er⸗ wiedert:„Dein Haus! Dein Haus! Alle Teufel, Du machſt viel Weſens mit Deinem Hauſe! Wir werden bald erfahren, ob Du keine verdächtige Perſon in daſſelbe aufnimmſt.“ „Was ſoll das heißen?“ rief Touquet in zornigem Tone. „Pſt! kein Geräuſch, ich bitte Dich; wecken wir die ſchlafende Katze nicht auf.“ „Chandoreille, ich verliere die Geduld, ſprich, was willſt Du? oder bei meinem Leben...“ „Ei, potz Tauſend! ich komme, um Dir einen Dienſt zu leiſten; es ſcheint mir, daß Dich dieß nicht ärgern ſollte. Höre wohl; aber ich bitte Dich, werde nicht hitzig, ich würde ſonſt den Faden meiner Rede ver⸗ lieren...“ Der Barbier thut ſein Möglichſtes, um ſich zu maäßigen, und nachdem Chaudoreille mit ſeinem Aermel über die Ränder ſeines Huts gefahren iſt, um ihnen Glanz zu verleihen, beginnt er ſeine Erzählung, ſtets mit gedämpfter Stimme ſprechend:„Ich bin dieſen Morgen auf den Markt St. Germain gegangen; ich hatte kein Geld bei mir, ein Fall, der mir ziemlich oft vorkommt; ich hatte ſeit geſtern keinen Biſſen gegeſſen...“ 5 „Du haſt ſeitdem gegeſſen und getrunken, ich ver⸗ bürge mich dafür.“ 2 4 „Ja, gewiß, Dank meinem Genie.. ich machte daher ziemlich traurige Betrachtungen über den Un⸗ beſtand der Coups im Piquet, das trügeriſche Glück des Lanquenet und die geringe Solidität des Tri⸗ ſchälſpiels..“ „Ich werde Dich augenblicklich Betrachtungen über die Stärke eines Stocks machen laſſen!“ „Pſt, unterbrich mich nicht! Ich bemerke auf dem Markte zwei junge Leute; Du weißt, ein Paar jener Figuren, die zu ſagen ſcheinen: wer will mich prellen? einige jener argloſen Geſichter, die ein wahrhafter Glücksfund für die talentvollen Leute ſind. Die armen Kleinen ſpielten Kegel...“ „Ahl Du mißbrauchſt meine Geduld!“ „Alles das ſteht in Verbindung mit dem Ereig⸗ niſſe, das Dich angeht. Ich nähere mich den Un⸗ ſchuldigen, ich lehre ſie einen neuen Streich, den ſie nicht kennen, kurz, wir ſpeiſen mit einander zu Mittag, und ich nehme ihnen für die Lection blos eine Piſtole ab, was ſehr billig iſt; allein hätten ſie mir ſie ver⸗ weigert, ſo hätte ich ſie Beide gleich Walddroſſeln an die Wand geſpießt!... Stampf, doch nicht ſo mit dem Fuß; ich nähere mich dem Ausgange der Sache. Ich ging nach meiner Gewohnheit ziemlich luſtig und ſingend nach Hauſe zurück, als ich auf der Straße eine Bäuerin treffe, die mir ſehr hübſch ſchien, ob⸗ ſchon ich ſie nur unvollkommen erblickt hatte; allein eine leichte, ungezwungene Haltung, groß, ſtark... ich fühle mich entflammt... ich folge ihr... ich ſage ihr angenehme Sachen; aber ſollteſt Du es glauben, 23 ſie antwortet mit keinem Worte. Ich wiederhole meine Verſuche: noch keine Antwort; ich nähere mich, ich will an ihrem Rocke umhergreifen... ach, mein Lieber, jetzt erhalte ich die derbſte Ohrfeige!“ „Ei! meiner Treu', ſie hat Dir recht gethan! Endige Dein Geſchwätz, wenn Du nicht eine zweite erhalten willſt.“ „Einen Augenblick betäubt, komme ich bald wieder zur Beſinnung; ich verfolge die Verrätherin und ſehe ſie in Dein Haus treten.“ „In mein Haus? das iſt unmöglich; Du haſt Dich getäuſcht.“ 3 „Nein, alle Teufel, ich kenne Deine Wohnung ziemlich gutz; ſie iſt durch die Hausflur, die man ſo⸗ gleich wieder verſchloſſen hat, eingetreten.“ „Um welche Zeit war es damals?⸗ „Sieben Uhr ungefähr; und ich ſtehe Dir dafür, daß ſie noch nicht herausgegangen iſt, denn ich habe Dein Haus ſeitdem nicht aus dem Geſichte verloren.“ „Wie, Elender! dieſes Frauenzimmer iſt ſchon ſo lange bei mir, und Du ſagſt es mir jetzt erſt.“ „Was willſt Du? ich wußte ſelbſt nicht recht, was ich thun ſollte. Unter uns geſagt, ich glaubte, die Dame beſuche Dich; allein da ich ſtets Licht bei meiner Schülerin ſah, ſo glaubte ich...“ „Licht bei Blanca?“ „Nun ja, bei meiner Ehre, ſie hat in dieſem Augen⸗ blicke noch Licht, woraus ich ſchließe...“ Der Barbier erhebt ſich raſch, zündet eine zweite Lampe an, nimmt ſeinen Dolch und eilt nach der 24 Treppe, indem er zu Chaudoreille ſagt:„Bleibe hier und erwarte mich...“ „Wie, Du willſt nicht, daß ich Dich begleite?“ „Allein, wenn Du mich betrogen haſt, ſo zittere; Deine Strafe wird mein em Zorne angemeſſen ſein.“ „Hol' ihn der Teufel!“ ſagte Chaudoreille, ſich in eine Ecke des Saals duckend.„Ich komme, um ihm einen Dienſt zu leiſten, und er wird mich ab⸗ bläuen, wenn er den Schuldigen nicht findet; das iſt eine Ohrfelge, die ſehr grauſame Folgen haben kann.“ Touquet iſt raſch die Treppe hinaufgeſtiegen; er hat angeklopft und dem jungen Mädchen befohlen, ſie ſolle öffnen. Wir haben die Wirkung geſehen, welche dieſe unerwarteten Worte auf das in das Zimmer eingeſchloſſene junge Paar hervorbrachte. Urbain ſteht regungslos da und ſeine beiden Arme umfaſſen das halbnackte junge Mädchen noch; er über⸗ blickt in einer Sekunde den ganzen Argwohn, der aus der Lage hervorgehen kann, in der man ſie finden wird: Blanca, noch unſchuldig und rein, obſchon ihre Tugend in großer Gefahr geſchwebt iſt, Blanca wird für ſchuldig erklärt werden, und er iſt die Urſache da⸗ von! Wie es verhindern? Alle dieſe Gedanken haben ſich ſeinem Geiſte in der kurzen Zeit aufgedrängt, die verfließt, ehe der Barbier von Neuem und ſtärker klopft, mit drohender Stimme den ertheilten Befehl wiederholend. Urbain wirft einen Blick auf das Kamin; er ſieht nur dieſes Mittel, um ſich den Blicken des Barbiers zu entziehen. Er will auf daſſelbe zueilen, allein Blanca N 25 hält ihn zurück; ſie hat ſich von ihrem erſten Schrecken erholt und ſagt mit einer Ruhe, die ihn in Erſtaunen ſetzt, zu ihm:„Was wollen Sie?“ „Mich verbergen.“ „Nein, nein, das dürfen Sie nicht, warum ſollten wir nicht die ganze Wahrheit ſagen?“ „Ach, Blanca! wenn man mich bei Ihnen findet ... des Nachts...“ „Wohlan, wir thaten nichts Böſes; es iſt beſſer, Alles ſogleich einzugeſtehen, als zu lügen.“ Nach der Thüre eilend ſchiebt das liebenswürdige Kind den Riegel zurück und öffnet dem Barbier. Dieſer tritt raſch in das Zimmer: ſeine erſten Blicke richten ſich auf Urbain, der neben dem Kamine ſteht. Gleich beim erſten Blicke hat der Barbier den jungen Studenten erkannt, und, den Dolch erhebend, ſtürzt er auf ihn los, indem er ausruft:„Elender, Du ſollſt Deine Tollkühnheit mit Deinem Leben be⸗ zahlen!“ Urbain bleibt regungslos ſtehen und ſcheint Tou⸗ quets Wuth zu trotzen. Als aber Blanca die mör⸗ deriſche Waffe blitzen ſieht, ſtößt ſie einen Schrei aus, ſtellt ſich raſch vor Urbain hin, um ihn mit ihrem Körper zu bedecken, und, ihre Hände nach Touquet erhebend, ruft ſie in einem herzdurchſchneidenden Tone aus:„Ach, mein Herr, thun Sie ihm nichts zu leid!“ Die Waffe des Barbiers hat faſt Blanca's Buſen geritzt; allein die Töne des jungen Mädchens haben etwas ſo Rührendes, ihre ſo ſanften, ſo edlen Züge haben in dieſem Augenlbicke einen Ausdruck, dem der 4 26 Barbier ſelbſt nicht widerſtehen kann. Seine Wuth ſcheint beſtegt; er läßt ſeinen Dolch fallen und ſpricht mit minder finſterer Stimme:„Dieſer Menſch hat Sie beſchimpft; Sie wollte ich rächen! Sie bitten mich, ihn zu verſchonen, nun, ich werde es thun.“ „Wie,“ ſagte Blanca mit dem Ausdrucke des Er⸗ ſtaunens,„wie, mein Herr, meinetwegen wollten Sie Urbain Böſes zufügen! Ach, Sie würden ſehr unrecht gethan haben! Er hat mich beſchimpft, ſagen Sie? Aber ich ſchwöre Ihnen, mein Herr, daß dieß nicht ſo iſt: er hat mir geſagt, er liebe mich ſehr, er wolle mich ſein ganzes Leben lang lieben, allein dieß hat mich ganz und gar nicht beſchimpft; denn als Sie anklopften, wollte ich ihm, glaube ich, ſagen, daß ich ihn ebenfalls liebe. Sie ſehen wohl, daß ich ſo ſchuldig war als er, und dann müßte man uns Beide beſtrafen.“ Blanca's Worte tragen das Gepräge der Wahr⸗ heit an ſich, und es iſt unmöglich, ſich in ihnen zu irren. Erſtaunt blickt der Barbier bald auf ſie und bald auf Urbain; man ſieht, er glaubt trotz des An⸗ ſcheins, Blanca ſei noch ſo rein als ehedem, und doch ſchien die Unordnung, die in dem Gemache herrſchte⸗ der ſonderbare Anzug des jungen Mädchens ſowohl als des Studenten Touquets Ideen zu verwirren. „Hören Sie uns an,“ ſagte Blanca zu ihm,„Sie ſollen die ganze Wahrheit erfahren. Urbain iſt aller⸗ dings ein wenig ſtrafbar⸗ denn beinahe ſchon vierzehn Tage beſucht er uns jeden Abend, allein ſtets that er dieß als Mädchen; erſt in dieſem Augenblicke habe ich erfahren, daß er männlichen Geſchlechts iſt. An⸗ 27. 232²³ fänglich habe ich mich ein wenig erzürnt; ich verzieh ihm aber doch endlich: Urbain hat ein ſo ſanftes Ausſehen, und dann liebte ich Urſula ſchon innig, deßwegen habe ich auch ihn lieb gewonnen. Er ſagt, er wolle mein Liebhaber, mein Gemahl werden, er könne nicht mehr ohne mich leben, es hänge von Ihnen ab, uns auf immer glücklich zu machen! Ach, Sie werden dieß wohl thun, mein guter Freund? Sie haben ſchon ſo viel für mich gethan! Geben Sie mir Urbain zum Gemahl, und ich verſpreche Ihnen, nie mehr Etwas von Ihnen zu verlangen.“ Der Barbier murmelte, Blanca anhörend, ganz leiſe:„Schon vierzehn Tage kommt er jeden Abend, und durch einen großen Zufall entdecke ich dieß erſt heute! Und ich glaubte ein junges Mädchen leicht be⸗ wachen und den Unternehmungen der Liebhaber trotzen zu können!“. 3 „Mein Herr,“ ſagte Urbain, der bis jetzt geſchwie⸗ gen hatte,„ich geſtehe mein ganzes Unrecht ein. Die Liebe allein kann mich entſchuldigen: ich betete Blanca, die ich durch die Scheiben dieſes Fenſters erblickt hatte, au, und Sie erlauben keiner männlichen Perſon, in ihre Nähe zu kommen. Ich verſuchte einmal, Be⸗ kanntſchaft mit Ihnen anzuknüpfen; die Art, auf welche Sie mich empfingen, ließ mir keine Hoffnung übrig. Ich folgte nur noch den Eingebungen meiner Liebe. Durch Hülfe dieſer Verkleidung täuſchte ich die alte Margarethe; ſie willigte einmal ein, mich hierher zu führen. Ich ſah Blanca; konnte ich der Hoffnung entſagen, ſie zu beſitzen? Sie wurde getäuſcht 28 gleich der Alten: unter dem Namen Urſula hatte ich das Glück, ihr Zutrauen zu gewinnen, und durch einige anziehende Erzählungen die alte Margarethe zu unter⸗ halten. Ich genoß mein Glück, ohne noch zu wagen, mich zu entdecken; erſt heute, da es ſo ſtürmte, da der Regen ſo ſtark fiel, und es ſchon ſpät war, be⸗ wog man mich, zu bleiben.“ „Ja,“ ſagte Blanca mit einem himmliſchen Lächeln, „er ſollte bei mir ſchlafen, ich ſelbſt hatte ihn darum gebeten.“ Der Barbier runzelt die Stirne und wirft einen zornigen Blick auf den jungen Menſchen. Urbain ſtürzt ſich ihm zu Füßen und ruft aus:„Ich habe ihre Tugend, ihre Unſchuld geachtet! Ach, mein Herr, kann unſere Liebe Sie nicht rühren! Ja, ich bete Blanca an; geben Sie mir ihre Hand, oder nehmen Sie mir ein Leben, das mir ohne ſie unerträglich wäre!“ „Hören Sie, mein Freund,“ ſagte Blanca, er will durchaus ſterben, wenn ich nicht ſeine Frau werde, und ich fühle, daß mir ſein Tod großen Kummer verurſachen würde.“ Der Barbier ſchien Urbain anzuhören, ohne durch ſeine Bitten im mindeſten gerührt zu werden, als der junge Student hinzufügte:„Mein Herr, ich weiß Alles⸗ was Sie für Blanca gethan haben; ihr Vater wurde ermordet, ſie blieb Waiſe ohne irgend eine Unter⸗ ſtützung...“ „Wie!“ ſagte Touquet, der Urbains letzten Worten mehr Aufmerkſamkeit geſchenkt hatte,„Sie wiſſen... „Ja, mein Herr; ich habe Alles erfahren, „ wgs 29 meine Angebetete betrifft: ſie hat keine Eltern und beſitzt kein Vermögen, allein bloß ſie verlange ich von Ihnen; geben Sie mir Blanca, ſie genügt zu meinem Gllücke. Ich bin auch Waiſe; meine Familie war geehrt und angeſehen, allein ich habe keine Verwandten mehr. Ich heiße Urbain Dorgeville, habe zwölf⸗ — hundert Livres Renten; das iſt wenig, allein ich be⸗ ſitze zu dem noch ein kleines Landhaus an den Ufern der Loire. Da werde ich mit Blanca leben, fern vom Getümmel der Stadt, nach deren Vergnügungen wir uns nicht ſehnen, und von einer Welt, die wir nicht kennen zu lernen wünſchen; da würden wir in Nuhe und Liebe Tage verleben, deren Glück Sie ge⸗ ſicchert hätten.“ Der Barbier ſcheint tief nachzudenken; er erhebt ſich und geht mit großen Schritten und den Kopf auf ſeine Bruſt niedergebeugt im Zimmer umher. Hoffnung und Furcht malen ſich in den Blicken der beiden Liebenden, die mit Ungeduld ſeine Antwort er⸗ warten; endlich bleibt er ſtehen und ſagt zu Urbain: „Sie ſind Waiſe? Herr aller Ihrer Handlungen?“ „Ja, mein Herr.“ „Niemand wird ſcheel dazu ſehen, daß Sie eine 4 Waiſe ohne Vermögen, und von einer, wie Sie wiſſen, unnbekannten Familie geheirathet haben?“ „O! Niemand, ich wiederhole es Ihnen, kann meinem Willen Hinderniſſe in den Weg legen.“ „Sie werden über Blanca's Familie nie andere Erkundigungen einzuziehen ſuchen, was übrigens ganz unnütz wäre?“— 30 „Was kümmert es mich, was ihre Eltern waren! Sie iſt an und für ſich ſchon ein Schatz.“ „Und Sie werden mit ihr fern von Paris, fern von der Welt leben?“ „Ja, denn ich werde nur darauf bedacht ſein, ſie glücklich zu machen.“ „O mein Gott, Urbain,“ ſagte Blanca,„Sie wiſſen wohl, daß ich dieſes Zimmer, wo ich nie eine andere Perſon als Margarethe ſah, nie verließ. Wenn ich mit Ihnen auf dem Lande wohnte, könnte ich dann noch etwas Weiteres wünſchen?“ „Theure Blanca, vereinigen Sie ſich alſo mit mir, um die Einwilligung Ihres Beſchützers zu erhalten.“ Die zwei jungen Leute heften auf den Barbier flehende Blicke. Dieſer blickt ſie nicht an und ſcheint ganz in ſeine Betrachtungen verſunken; endlich bleibt er plötzlich vor Urbain ſtehen und ſagt:„Blanca ge⸗ hört Ihnen.“. „Iſt's möglich!“ ruft der junge Menſch wonne⸗ trunken aus.„Blanca, hören Sie es, er will unſer Glück. Ach! mein guter Freund, wie großen Dank bin ich Ihnen ſchuldig!“ Die beiden jungen Leute ſinken vor Touquet auf die Kniee nieder, die Augen in Thränen der Wonne und Dankbarkeit gebadet. „Was macht ihr?“ ſagte der Barbier, der,⸗ wie es ſcheint, beſchämt darüber iſt, daß er das junge Paar zu ſeinen Füßen erblickt.„Stehek auf... ich will es.“ „Sie gründen unſer Glück,“ ruft Urbain aus⸗ 1— chene Zukunft ſcheint ihnen noch ein Traum ihrer Einbildungskraft. Allein Touquet erinnert Urbain nochmals an's Weggehen:„Morgen ſehen wir uns wieder,“ ſagte er zu ihr. „Ja, morgen,“ wiederholt Blanca,„und keine weibliche Tracht mehr, verſtehen Sie?... Ich will mich daran gewöhnen, Sie in männlicher Kleidung zu ſehen.“ „Ja, theure Blanca, ja, keine Verſtellung mehr.“ Ungeduldig zieht jetzt der Barbier den jungen Menſchen mit ſich fort, und Blanca verſchließt ihre Thüre ſeufzend und noch leiſe murmelnd:„Morgen ſehen wir uns wieder.“ 3 Touquet gibt Urbain das Geleit, eine Lampe in der Hand haltend und raſch nach der Treppe zueilend, allein kaum iſt er zehn Schritte im Corridor vorwärts geſchritten, als ſeine Füße an Etwas ſtoßen; er leuchtet auf den Boden und bemerkt. einen kleinen unförm⸗ lichen Knäuel, der ſich bewegt und an die Wand ſchlüpfen zu wollen ſcheint. Der Barbier eilt auf dieſen Gegenſtand zu, und den Mantel, der ihn be⸗ deckt, ſchnell wegnehmend, bemerkt er Chaudoreille, der ſeinen Körper in die Form eines Vierecks gebracht hat, ſo daß er keinen größern Raum einnimmt als eine große Katze. „Was machſt Du da, Spitzbube?“ ruft Touquet aus, dem Ritter in's Geſicht leuchtend. „Ich... nichts.. ich hob eine Stecknadel auf.“ „Komm' in den Saal herab; ich habe Dir ſchon oft geſagt, daß ich die Neugierigen nicht liebe.“ Paul de Kock. LVII. 3 34 Ohne Zweifel, um ihm dieß zu beweiſen, verſetzt der Barbier dem Ritter einen derben Stoß mit dem Fuße, den dieſer, da er noch nicht Zeit gehabt hat, ſich zu entwickeln, auf drei Theile ſeines Körpers zugleich empfängt. Allein Touquet hält ſich nicht länger auf; er führt den Studenten an die Haus-⸗ thüre, und ſie öffnend ſagt er zu ihm:„Gehen Sie fort und erinnern Sie ſich an Alles, was Sie ver⸗ ſprochen haben.“— Urbain will ſeine Dankſagungen erneuern; allein der Barbier fordert ihn in ernſthaftem Tone auf⸗ eiligſt in ſeine Wohnung zurückzukehren, was auch geſchieht. Touquet kehrt in den Saal des Erdgeſchoßes zurück, wo er Chaudoreille findet, der ſeine natür⸗ liche Größe wieder angenommen hat und mit ſieg⸗ reicher Miene den Dank des Barbiers, wie es ſcheint, erwartend, auf und nieder geht. „Nun, alle Teufel!“ ruft er aus, ungeduldig darüber, daß der Barbier nichts zu ihm ſagt,„Du haſt die Elſter im Neſte gefunden... ich war nicht blind.. das Licht brannte nicht umſonſt... und dieſe Ohrfeige... o, alle Teufel!... ich hatte eine männliche Hand erkannt.. ich täuſche mich hierin nie. Ei, wir haben, ſo viel ich ſehe, den Galan zur Thüre hinausgeworfen... Was die Kleine be⸗ trifft... der Henker!... mit ihrer heiligen Miene.. wer hätte dieß geglaubt..“ „Schweig!“ ruft der Barbier, ſich dem Ritter mit drohender Geberde nähernd.„Beſchimpfe Blanca ann ſie glücklich machen.“ 2 35 nicht; dieſes Mädchen iſt ſo gewiß rein, als Du ein Lügner und eine feige Memme biſt „Feige Memme!... alle Teufel!... wenn dieſer Roland ſprechen könnte!“ „Ja, ich geſtehe, daß ich Jemand gefunden habe ... aber dieſer Jemand war nicht allein bei Blanca.“ „Das iſt ſonderbar, ich habe die Stimme der alten Margarethe nicht gehört...“ „Du horchteſt alſo, Elender!“ „Nein... zufällig haben mir einige Töne die Ohren betäubt... man ſchrie... ich habe geglaubt, man bedürfe meiner Hülfe und in meiner natürlichen Hitze habe ich mich dem Orte, von welchem das Ge⸗ ſchrei ausging, einige Schritte genähert.“ „Nun, was haſt Du gehört?... Sprich, ich will es... „Ol nichts... einige Worte. Du verſprachſt, ſo ſchien es mir, die beiden Liebenden zu vereinigen; we⸗ nigſtens glaubte ich ſo Etwas zu vernehmen.. hätte ich jedoch geglaubt, daß Du die Kleine nicht für Dich aufſpareſt, ſo würde ich Dich ſchon längſt um ihre Hand gebeten haben, und es ſcheint mir, daß ich mit Fug den Vorzug vor dieſer kleinen Maske ver⸗ diene, die, wäre ihr Röckchen nicht geweſen, hart für die Ohrfeige gebüßt haben würde.“ „Du!. Blanca's Gatte werden!“ ſagte der Barbier, einen verächtlichen Blick auf das Männlein werfend.„Höre, Chaudoreille, es iſt meine Pflicht, Blanca mit dem jungen Manne zu verbinden; er 36 „Es ſteht Dir frei, aber...“ „Aber ſagſt Du ein Wort über Alles, was Du dieſe Nacht geſehen und gehört haſt, ſo werde ich die furchtbarſte Rache nehmen; verſtehſt Du mich?“ „Ja, ja, ich verſtehe Dich.. Ei, alle Teufel! verheirathe die Kleine, mit wem Du willſt; doch, wenn es eine Hochzeit gibt, ſo hoffe ich..“ „Nein, es wird weder eine Hochzeit, noch einen Schmaus geben.“ „Das wird luſtig ſein!“ „Aber wenn Du verſchwiegen biſt, ſo verſpreche ich Dir zwei Goldſtücke, wenn Alles vorbei iſt und Blanca dieſes Haus verlaſſen hat.“ „Top! die Sache iſt abgemacht; es iſt, als ob ich ſie ſchon hätte und Du könnteſt ſie mir im Vor⸗ aus bezahlen.“ „Ich ziehe es aber vor, ſie Dir erſt nachher zu bezahlen. Allein die Nacht geht zu Ende; ziehe Dich zurück und erinnere Dich an Dein Verſprechen.“ „Ja, ja, es iſt gut.. A propros! und der ver⸗ führeriſche Marquis, was hat er Neues mit der jungen Italienerin erlebt?“ „Ich glaube, daß das Feuer ſchon erloſchen iſt... allein dieß ſetzt mich nicht in Erſtaunen: vierzehn Tage, drei Wochen, dieß iſt das Maß der Beſtän⸗ digkeit unſerer großen Herren.“ „Demnach iſt es wahrſcheinlich, daß alsbald eine neue Intrigue zu leiten ſein wird... ich empfehle mich Dir, mein theurer Touquet.“ „Es iſt gut.. begib Dich nach Hauſe.“ 8 37 „In der That, es iſt Zeit... eilen wir in die Straße Briſe⸗Miche; ein Glück für mich, daß meine Zuchtſtute gefällig gegen mich iſt, ohne das würde ich große Gefahr laufen, auf der Straße übernachten zu müſſen. Doch, wenn Du wollteſt, würde ich den Tag hier erwarten... auf einem Stuhle...“ „Nein, nein, Du mußt fortgehen... ich bedarf auch der Ruhe und es ſcheint mir, ich werde ſie dieſe Nacht ein wenig koſten können.“ Chaudoreille hüllt ſich, ſo gut er kann, in ſeinen Mantel und läuft mit ſaurer Miene auf die Thüre zu. Der Barbier ſchließt hinter ihm zu und ſagt, auf ſein Zimmer gehend, zu ſich:„Ich habe wohl daran gethan... ſie wird abreiſen, man wird nicht mehr von ihr ſprechen hören, und bald wird Alles, was auf ſie Bezug hat, vergeſſen ſein.“ 3 Drittes Kapitel. Stunden des Glücks. Margarethe allein hatte in dieſer Nacht, die in dem Hauſe des Barbiers eine ſo große Veränderung herbeigeführt hatte, geſchlafen; man kann ſich leicht denken, daß Blanca die Augen keinen Augenblick ſchloß. Das liebenswürdige Kind, noch ganz betäubt von den ſo eben ſtattgehabten Ereigniſſen, hatte kaum Zeit gehabt, vom Schrecken zur Liebe, von der Furcht zur Freude überzugehen; ihr armes Herz wußte noch nicht, woran es war, obwohl ein überwiegendes 38 Gefühl ihren ganzen Sinn beherrſchte. Sie hüpfte jeden Augenblick von ihrem Lager auf und ſprang wieder auf daſſelbe zurück, wiederholt ausrufend: „Es iſt ein Jüngling... er iſt es, der ſo gut ſingt... Mein Gott, wer hätte es geglaubt! er war ſo hübſch als Mädchen.. doch wird er, glaube ich, 3 als Jüngling noch hübſcher ſein.. Ach, ich wollte, es wäre ſchon wieder Abend... Er ſagt, er liebe mich... das iſt drollig... liebe ich ihn auch?... ja, ich glaube... Indeſſen werde ich Margarethen bitten müſſen, mir zu erklären, was Liebe iſt... ſie muß dieß wiſſen; arme Margarethe, wie wirſt du ſtaunen, wenn du erfährſt, daß es kein Mädchen war!.. Achl ich wünſchte, es wäre ſchon Tag...“ Der ſo lange erſehnte Tag bricht endlich an. Blanca iſt ſchon lange auf; ungeduldig darüber, daß ſie ihre gute Alte noch nicht herabſteigen hört, kann ſie ſich nicht länger bezwingen; ſie eilt daher in Margarethens Zimmer hinauf und ruft, an die Thüre klopfend, aus:„Wache doch auf, meine Beſte, es iſt ſchon ſpät... ich habe Dir tauſend Dinge mit⸗ zutheilen... ſtehe auf, ich bitte Dich; Du haſt ſchon genug geſchlafen.“ Margarethe, die man nie aufweckte, weil ſie ſtets ziemlich früh herabkam, reibt ſich erſchrocken die Augen, glaubt, das Haus ſtehe in Flammen, ſucht ihre Ge⸗ danken zu ſammeln und den ihr anvertrauten Talis⸗ man aufzufinden, und verwickelt ſich in ihre Betttücher⸗ indeß ſie ihre Schutzheilige anruft und zwiſchen den Zähnen murmelt:„Sollte mir ihn wohl der Teufel p ¹ 2* 39 dieſe Nacht entwendet haben?... warte doch... ich finde ihn nicht mehr... Ach, ich fühle Etwas... ſicherlich aus Bosheit hierher geſchoben.“ Endlich hat Margarethe Urbains kleinen Hoſen⸗ fleck wiedergefunden, und ſich an die Vorfälle des verfloſſenen Abends erinnernd, eilt ſie, Blanca die Thüre mit den Worten zu öffnen:„Iſt Urſula fort? ... man muß ſich beeilen, mein Kind, ſie fortzu⸗ ſchicken.“ Hüpfend und die Alte mit ſich fortziehend, erwie⸗ dert Blanca:„O ja, ſie iſt fort!... das heißt er iſt fort... allein fürchte Dich nicht... mein guter Freund erlaubt ihm, zu kommen... erlaubt ihm, mich zu heirathen... er zürnt nicht mehr.. er wird dieſen Abend als Jüngling wiederkommen... Du wirſt ſehen, wie er ſo hübſch iſt... und dann werden wir uns heirathen!... Wir werden auf dem Lande leben und Du wirſt mit uns gehen. Ach, wie froh bin ich! Lache doch auch, Margarethe; Du ſiehſt wohl, daß wir nichts mehr zu befürchten haben.“ Margarethe hatte keine Luſt zum Lachen, ſie hätte lieber geweint, da ſie nichts von dem begriff, was Blanca ihr ſagte. Ihre Augen öffnend, ſo weit ſie konnte, rief ſie:„Ach, guter Gott!... mein liebes Kind!... wer hat Dir dieſen Morgen den Kopf verdreht? Iſt dieſe Urſula wohl eine Zauberin? ... Hüpfen Sie doch nicht ſo, ich bitte Sie!“ Blanca beginnt ihre Erzählungen wieder, und nicht ohne Mühe macht ſie Margarethen begreiflich, daß Urſula männlichen Geſchlechts iſt. Allein jetzt 7 40 ſtößt Margarethe einen Schreckensruf aus und ſagt: „Ach, mein Gott!... männlichen Geſchlechts!... und er hat bei Ihnen geſchlafen?“ „Aber nein, meine Beſte, denn Herr Touquet iſt in dem Augenblicke angekommen, in welchem... wahrlich, ich weiß nicht mehr, in welchem Augen⸗ blicke... Ach ja!... ich glaube, ich lag in ſeinen Armen...“ „Heilige Jungfer! es war ein als Mädchen ver⸗ kleideter Kobold...“ „Aber nein, meine Beſte, er nennt ſich Urbain... er iſt Waiſe wie ich, aber ſeine Familie war ſehr angeſehen... kurz, er wird mich heirathen.“ „Sie heirathen?“ „Ja, ohne Zweifel... willſt Du Dich widerſetzen, wenn mein Beſchützer ſeine Einwilligung dazu gege⸗ ben hat?“ „Wie!... Herr Touquet...“ „Ja, ja!... es iſt ſchon alles im Reinen.“ Die gute Alte hat noch Mühe, ſich zu überzeugen, daß ihre Ohren ſie nicht täuſchen, allein die Ankunft ihres Herrn macht ihrer Ungewißheit ein Ende. Der Barbier naht ſich Margarethen mit ſtrenger Miene und die Alte zittert, denn ſie fühlt, daß ſie nicht ganz vorwurfsfrei iſt.. „Margarethe,“ ſagte er,„ich könnte ſie beſtrafen, weil ſie mein Zutrauen verrathen, weil ſie, meines Befehls ungeachtet, Jemand in mein Haus einge⸗ laſſen hat. Sie wird mir ſagen, ſie ſei, wie Blanca, betrogen worden. ich will es gerne glauben. Uebri⸗ 41 gens habe ich verziehen und es iſt unnütz, auf das Vergangene zurückzublicken. Der junge Menſch wird Blanca's Gatte werden... er kann ſie glücklich ma⸗ chen; ſie wird mit ihnen gehen, wenn ſie dieſes Haus verlaſſen. Ich habe ihr nur noch Einen Befehl zu ertheilen: er beſteht darin, allen ihren Bekannten in der Nachbarſchaft dieſe Begebenheit zu verſchweigen. Wenn ſie ſich den geringſten Mangel an Verſchwie⸗ genheit zu Schulden kommen läßt, jage ich ſie fort, und ſie wird Urſache ſein, daß Alles dieſes nicht ſtattfindet... 1 „Ach, meine Beſte, ſchwatze nichts aus!“ rief Blanca. 1 „Nein, Mademoiſelle... nein, mein Herr,“ erwie⸗ dert Margarethe noch zitternd,„ich ſchwöre, daß...“ „Genug,“ ſagt der Barbier,„ſie liebt Blanca, ihr Glück hängt von ihrer Verſchwiegenheit ab. Urbain wird bis zu dem Tage, an welchem er ſeine Braut heimführt, bloß des Abends kommen.“ Nach dieſen Worten entfernt ſich der Barbier und läßt Margarethen noch ganz erſtaunt über das ſo eben Gehörte zurück.„Wie!“ ſagte ſie, Blanca auf ihr Zimmer folgend,„Herr Touquet hat ſogleich ein⸗ gewilligt?“ „Ja, meine Beſte.“ „Ich kann es mir faſt nicht denken!“ „Es hat mich auch ſehr in Erſtaunen geſetzt.. Ich befürchtete, er möchte Urbain abweiſen.“ „Urbain, Urbain!... aber, mein Gott! Sie kennen ihn nicht, mein Kind!⸗ „Ja, meine Beſte, weil es Urſula iſt...“ „Ich verſtehe wohl, allein Urſula hat uns hinter⸗ gangen.“ G „Um mich zu ſehen, hatte er dieſe Verkleidung angenommen... aus Liebe, meine Beſte.“ „Aus Liebe!.. Allein Sie, mein Kind, können ihn noch nicht lieben.“ „O, meine Beſte, ich glaube, daß ich ihn ſehr bald lieben werde!... Urbain hatte mir geſtern, als mein Beſchützer an meiner Thüre klopfte, bereits Liebe eingeflößt.“ „Jeſus Maria!... Wie, mein Kind, Sie fühlten Liebe für ihn, ſtatt um Hülfe zu rufen, als Sie ſahen, daß er männlichen Geſchlechts war!“ „O, ich wollte dieß anfangs thun, aber... wenn Du wüßteſt!... Urbain iſt durchaus nicht erſchreckend .. im Gegentheil... und dann hat er ſich mir zu Füßen geworfen... er hat mich um Verzeihung ge⸗ beten und das mit einer ſo ſanften Miene, mit ſo ausdrucksvollen Augen... Ach, Margarethe! wer würde ihm nicht verziehen haben!“ „Ach, gerechter Himmel!... und Ihr Talisman, meine Tochter, Sie haben alſo Ihre Zuflucht nicht zu ihm genommen?“ „Ach, Verzeihung, meine Beſte, ich habe ihn ſogar Urbain mehrmals gezeigt...“ „Und dieß trieb ihn nicht in die Flucht?“ „Im Gegentheil, meine Beſte, er trat mir als⸗ dann näher..“ „Ach, gewiß iſt Alles umgekehrt. Dieſer junge — 43 Menſch muß ein Zauberer ſein, weil er ſolche Verände⸗ rungen in dieſem Hauſe bewirken kann, und ich habe gar keinen Glauben mehr an ſeine kleine Reliquie.“ Ungeduldig harrten Blanca und die Alte auf den Einbruch des Abends. Margarethe brannte vor Be⸗ gierde, den jungen Menſchen, der im Hauſe ihres Herrn Wunder gewirkt hatte, kennen zu lernen, und das junge Mädchen war von dem Wunſche be⸗ ſeelt, den Jüngling wiederzuſehen, der ihrem Buſen Seufzer entlockte und ein ganz neues Gefühl in ihr erregte. Allein mit Blanca's Wünſchen waren bereits jene Aengſtlichkeit und jenes Schamgefühl, von denen eine erſte Liebe begleitet zu ſein pflegt, gepaart. Je näher die Stunde herbeirückte, in der Urbain ankom⸗ men ſollte, deſto unruhiger und nachdenkender wurde ſie, und bereits flößte ihr dieſes ungekannte Gefühl ein geheimes Verlangen zu gefallen kein; ſie ſtand auf, betrachtete ſich in ihrem Spiegel, ordnete eine Haarlocke und ſagte dann zu Margarethen:„Meine Beſte, bin ich auf dieſe Art hübſch? Glaubſt Du, daß er mich dieſen Abend eben ſo ſehr lieben werde als geſtern?“ 5. „Liebes Kind!“ rief die alte Dienerin,„würde er wohl Ihrer würdig ſein, wenn er fähig wäre, ſeine Geſinnung zu verändern!.. Wenn man recht liebt, mein Kind, ſo liebt man auf immer.“ „, um ſo beſſer, meine Beſte; ich wenigſtens will ſo lieben.. Du wirſt ſehen, daß Urbain nichts Schreckhaftes an ſich hat, und ich bin überzeugt, daß Du ihn auch lieben wirſt.“ Der junge Student harrte mit nicht geringerer Ungeduld als Blanca auf den Augenblick, in wel⸗ chem er zu dem Barbier zurückkehren durfte. Seit dem bewußten Vorfalle war Urbain faſt ganz außer ſich; ſein Glück war ihm ſo ſchnell, ſo unerwartet zu Theil geworden, daß er faſt den Verſtand darüber verlor. Er war in jener Nacht in einem unbeſchreib⸗ lich fröhlichen Zuſtande in ſeine Wohnung zurückge⸗ kehrt. Im Taumel ſeines Entzückens hatte er ſeinen 4 Rock und ſein Halstuch verloren, allein er hatte nicht mehr nöthig, ſich zu verklelden, und da er ſich die Mühe nicht geben mochte, dieſe Stücke ſeiner Klei⸗ dung aufzuheben, ſo war er halb entkleidet in ſeine Wohnung zurückgekommen, allein ſo glücklich, daß er ſein Schickſal nicht gegen das Glück des Günſt⸗ lings und die Macht des Cardinals vertauſcht haben würde; auch hätte er nicht wohl daran gethan: die Genüſſe, welche die Liebe verſchafft, werden nicht gleich den weltlichen Genüſſen durch Unruhe und Be⸗ ſorgniß verbittert. Den nächſten Morgen hätte Urbain ſein Glück Jedermann erzählen mögen, allein er erinnerte ſich, daß eine der erſten Bedingungen ſeiner Vermählung mit Blanca die war, über dieſe Geſchichte Still⸗ ſchweigen zu beobachten; er begnügte ſich daher, alle Perſonen, die an ihm vorübergingen, mit jener Miene der Zufriedenheit und des Triumphes, die von einer über die Schläge des Schickſals erhabenen Seele zeugt, zu betrachten. Am Abend dieſes Tages kam ſeine Nachbarin wie gewöhnlich und erbot ſich, ihn —— ‚‚-—— ———. —— 45⁵ verkleiden zu helfen; aber Urbain dankte ihr: er be⸗ durfte ihrer Dienſte nicht mehr, und das wohlbeleibte Mädchen ſchien betrübt darüber, daß die Verkleidun⸗ gen ein Ende hatten. Urbain wollte als Jüngling noch mehr gefallen denn als Bäuerin und ordnete ſeinen Anzug mit mehr Sorgfalt als gewöhnlich. Er unterſuchte, ob ſeine Haare ohne Unordnung auf ſeine Stirne herab⸗ wallten und ſeufzte, indem er bei ſich ſagte:„Wenn ich ihr nicht gefallen würde!“ Indeſſen verliehen ihm die Erinnerungen des vorigen Abends Muth und er begab ſich in's Haus des Barbiers. Er zitterte, als er an die Thüre klopfte, und doch konnte er nun nicht mehr befürchten, fortgejagt zu werden. Als der Schall des Klopfers zu Blanca's Ohren drang, ſprang ſie von ihrem Stuhle auf und rief:„Er iſt es!“ Mit dieſen Worten wollte ſie nach der Hausthuͤre eilen, Margarethe hielt ſie jedoch zurück und ſagte zu ihr:„Nun, mein Kind, was wollen Sie thun?... es wäre nicht ſchicklich, wenn Sie dem jungen Menſchen öffnen würden.“ „Ach, meinſt Du, meine Beſte?. Nun, ſo geh', Margarethe.. geh' geſchwind!“ Margarethe eilt ſo ſehr ſie kann; ſie iſt begierig, den Jüngling zu ſehen. Sie öffnet endlich Urbain und betrachtet ihn aufmerkſam. Seine ſanfte und ſchüchterne Miene nimmt die Alte zu ſeinen Gunſten ein, ſo daß ſie ausruft:„Es iſt ſonderbar... er ſieht als Jüngling noch verlegener aus denn als Mädchen!“ „Wohlan, kommen Sie, ſchönes Herrchen, kommen 46 Sie. Ach, wir wollen ſehen, ob Sie noch Geſchichten zu erzählen wiſſen, die Ihren Tanten und Baſen be⸗ gegnet ſind!“ „Ja, meine beſte Margarethe,“ ſagte Urbain,„ich werde Ihnen immer ſolche erzählen, wenn es Ihnen Vergnügen macht.“ „Er will mir Vergnügen machen!“ ſagte Mar⸗ garethe bei ſich, ihm leuchtend;„in der That, Blanca hat recht und dieſer junge Menſch iſt ganz hübſch und artig.“ Es war etwas Sonderbares um die Verlegenheit der beiden jungen Liebenden, die nach der erſten Zuſammenkunft, in der ſie mit einander von Liebe geſprochen hatten, bei ihrem Wiederſehen ſchon ver⸗ lobt und verſichert waren, ſie werden einander heirathen. Blanca, die anfangs die Thüre hatte öffnen wollen, wagle es nicht mehr, die Augen aufzuſchlagen und blieb, Urbains Tritte hörend, unbeweglich auf ihrem Seſſel ſitzen. Dieſer fühlt beim Eintritte in das Zimmer, in das er ſeit vierzehn Tagen jeden Abend kommt, eine ihm neue Verwirrung, und bleibt an der Thüre ſtehen, den Hut in der Hand haltend und ſchüchterne Blicke auf Blanca werfend. „Ei,“ ſagte Margarethe,„jetzt wagt er es nicht mehr, vorzutreten!... Wohlan, Herr Junggeſelle, als Sie Mädchen waren, blieben Sie nicht ſo ſtumm an der Thüre ſtehen, und meine arme Blanca wagt die Augen nicht mehr aufzuſchlagen und zittert am gan⸗ zen Leibe! Meine liebe Freundin, man muß nicht 1 V 1 V 47 erröthen, wenn man nichts Böſes gethan hat... Sie werden ſehen, daß ich ſie werde aufmuntern müſſen.“ Indeſſen hat ſich Urbain ſeiner Geliebten leiſe genähert; er läßt ſich mit einem Knie auf den Boden nieder und ſtammelt:„Wenn Sie keine Freundſchaft mehr für mich fühlen wenn dieſe Kleidung mir Ihr Zutrauen raubt... nun, ſo werde ich mich wieder als Urſula kleiden.“ Das liebenswürdige Kind hebt den Kopf ſchüchtern empor, wirft einen Blick voll Milde und Zärtlichkeit auf Urbain und antwortet, noch mehr erröthend: „Ach, dieß iſt nicht der Fall... Entſchuldigen Sie mich... ich weiß nicht, was ich habe.“ Sie wendet hierauf den Kopf weg, um ihr Geſicht an Marga⸗ rethens Buſen zu verbergen, zu der ſie ganz leiſe ſagt:„Meine Beſte... iſt es die Liebe, die mich ſo ſchamhaft macht?“ „Ich erinnere mich der Wirkung, die ſie hervor⸗ bringt, faſt nicht mehr,“ erwiederte die Alte, den Kopf ſchüttelnd.„Doch... ja, ich glaube, daß ſich die Liebe zu meiner Zeit beinahe auf eben die Art ankündigte.“ Alanca wendet ſich wieder nach Urbain um und ſagt mit einem reizenden Lächeln zu ihm:„Seien Sie nicht böſe, wenn ich linkiſch und verlegen bin, es kommt, ſcheint es mir, daher, daß ich Sie liebe.“ Entzückt über die Offenherzigkeit des jungen Mäd⸗ chens ergreift Urbain ihre Hand, die er an ſein Herz drückt; dann ſetzt er ſich neben ſie nieder und wieder⸗ 48 holt ihr die Schwüre, die ſeine Zärtlichkeit ihm ein⸗ flößt. Bald iſt das Vertrauen wieder hergeſtellt; wenn die Herzen ſich verſtehen, iſt die Furcht bald verbannt. Blanca wird wieder fröhlich, mittheilend; ſie läßt ihren Geliebten alle Gefühle ihrer Seele wiſſen, und dieſer ſieht, daß er einen Schatz der Unſchuld und Güte beſitzen wird. Margarethe miſcht ſich in die Unterhaltung der jungen Leute. Urbain hat ſich durch ſeine Sanftmuth und ſeine Achtung gegen die Rathſchläge der alten Magd ihre Freundſchaft erworben; man entwirft ſchöne Pläne für die Zukunft. Der junge Student rühmt die Lage ſeines kleinen Eigenthums, das, in einer reizenden Landſchaft gelegen, ihnen herrliche Spaziergänge und alle Annehmlichkeiten des Land⸗ lebens darbieten wird. Man verſpricht der guten Alten, ihr ein, allen Zaubereien unzugängliches Zim⸗ mer zu geben, und ihr in den langen Winterabenden jene furchtbaren Geſchichten zu erzählen, die ihr ſo viel Furcht und Vergnügen machen. So lange die zwei Liebenden mit Margarethen ſprechen, betrachten ſie ſich oder drücken ſie einander die Hand, und ein ſüßes Lächeln, ein ſanfter Druck gründen bereits zwi⸗ ſchen ihnen jenes Einverſtändniß des Herzens, das die erſten und oft die ſüßeſten Freuden der Liebe gewährt. Die Zeit iſt raſch entflogen. Es ſchlägt neun Uhr; dieß iſt der Augenblick, den der Barbier für Urbains Heimkehr feſtgeſetzt hat, und man weiß⸗ daß man ſeinen Befehlen gehorchen muß, wenn man will, daß er ſein Verſprechen halten ſoll. —Bℳ:———õ———— 49 „Wiel wir ſollen uns ſchon verlaſſen?“ ſagte Urbain. „Das iſt Schade,“ erwiedert Blanca, einen zärt⸗ lichen Seufzer ausſtoßend. 3 „Ihr werdet euch morgen wieder ſehen, meine Kinder,“ ſagte Margarethe;„dann wird ein Tag kommen, wo ihr euch nicht wieder verlaſſen werdet. Herr Dorgeville, haben Sie die nöthigen Anſtalten zu Ihrer Heirath begonnen?“ „Ach, mein Gott,“ ſagte Urbain,„ich bin heute ſo verwirrt geweſen, daß ich nur an das Glück, wel⸗ ches ich dieſen Abend genießen werde, gedacht und noch nichts gethan habe.“ „Wenn Sie alle Tage ſo betäubt ſind,“ ſagte Margarethe,„ſo wird Ihre Heirath nie zu Stande kommen.“ „O, ſchon morgen treffe ich die nöthigen Anſtal⸗ ten... ich habe ein ſo großes Verlangen, mich nie wieder von Blanca zu trennen... Aber ich habe Herrn Touquet dieſen Abend nicht geſehen, ſoll. ich zu ihm gehen und ihm einen guten Abend wünſchen?“ „Nein, es iſt unnütz; mein Herr iſt kein Menſch wie andere: er hält nicht viel auf Höflichkeitsbezeu⸗ gungen. Er hat mir ausdrücklich erklärt: der junge Menſch wird um ſieben Uhr kommen, ſie wird ihn zu Blanca führen, wo ſie bei ihnen bleiben wird, und um neun Uhr wird er ſich entfernen. Wann ich ihn zu ſprechen wünſche, werde ich mich zu ihm verfügen, aber er braucht nicht zu mir zu kommen.“ Paul de Kock. LVII. 4 „Welch' ein ſonderbarer Mann,“ ſagte Urbain; „aber ich muß ihn ſegnen, denn er macht mich glück⸗ lich; ach, ich klagte ihn an, ich hatte ihn im Verdacht, daß er den Schatz, den er allen Blicken verbarg⸗ für ſich behalten wolle...“ „Für ſich?“ rief Blanca,„ach, mein Gott... war dieſes möglich!“ „Verzeihen Sie mir, meine theure Blanca, die Liebe macht eiferſüchtig;z ich war ungerecht, ich ſehe es wohl ein.“ „Ja, ja,“ ſagte Margarethe,„aber beeilen Sie ſich immer, Ihre Papiere zu erhalten und dieſes liebe Kind zu heirathen.“ Der junge Mann entfernt ſich endlich, aber Blanca's Blicke verfolgen ihn, und er kann nicht mehr an ſeinem Glücke zweifeln: er beſitzt das Herz des lie⸗ benswürdigen Mädchens, das ihm das Gefühl, wel⸗ ches er ihr einzuflößen gewußt hat, nicht zu verbergen ſucht. Am Morgen des folgenden Tages beginnt Urbain die nöthigen Anſtalten zur Beſchleunigung ſeines Ehebundes; er will auch die wenigen Möbel, die er beſitzt, verkaufen, denn er muß Geld zur Reiſe haben und er hat ſchon bemerkt, daß Meiſter Touquet, was dieſen Punkt betrifft, eben nicht ſehr großmüthig iſt. Aber ein Liebhaber, der dem Augenblicke nahe iſt, in welchem er ſeine Geliebte beſitzen wird, glaubt ſich immer reich genug, und zudem hat die in der Einſamkeit erzogene Blanca keinen Geſchmack für den Aufwand, den Putz und die Koketterie: ſie wird ſparſam und einfach ſein. Dieſe Eigenſchaften ſind 51 oft mehr werth als die Mitgift, welche die Hand einer Vermählten begleitet. Der Abend führt Urbain zu ſe einer Geliebten zurück: dießmal iſt die Verlegenheit verſchwunden und man überläßt ſich ohne Rückhalt der Freude des Wieder⸗ ſehens. Die Augenblicke, die man beiſammen ver⸗ lebt, verfließen beſtändig mit derſelben Schnellig⸗ keit, aber man tröſtet ſich mit dem Gedanken, daß bald der Tag kommen wird, an dem man ſich auf immer vereinigt. Den vierten Abend, den Urbain mit Blanca und Margarethen zubringt, öffnet ſich die Thüre des Zimmers und der Barbier tritt raſchen Schrittes ein. 5 3 Er macht Urbain eine leichte Verbeugung und ſagt mit der ihm eigenen Kürze:„Treffen Sie die nöthigen Anſtalten zu Ihrer Heirath?“ „ Ja, mein Herr,“ erwiedert Urbain, ſich erhebend und ihm entgegengehend;„Sie wiſſen, daß die Be⸗ amten unſere Ungeduld nicht theilen; doch werde ich ſpäteſtens in zehn Tagen alle meine Papiere erhalten. Ich bin bei dem Geiſtlichen geweſen, der uns trauen ſoll, und ich werde, glaube ich, alle Vorkehrungen zu unſerer Abreiſe getroffen haben.“ „Das iſt gut.“ Der Barbier ſagt nichts weiter und verläßt die jungen Leute, die einen Augenblick über ſein Betragen ſtaunen, im Grunde aber nicht verdrießlich darüber ſind, daß ſie ſich dem Vergnügen, ſich zu lieben und es ſich zu geſtehen, hingeben können, ohne einen an⸗ dern Zeugen zu haben als die alte Margarethe, die 5² manchmal ſchläft, während Urbain und Blanca ſich ſchweigend die Hand drücken. 5 Die Zeit verfließt raſcher, wenn man glücklich iſt, und wenn die Tage für die zwei Liebenden lang waren, ſo ſchien ihnen dagegen jeder Abend ſo kurz. Je mehr ſie ſich ſahen, deſto tiefer wurzelte die Liebe in dieſen beiden Herzen, die dazu geſchaffen ſchienen, ſich anzubeten, und die Möglichkeit, von einander getrennt zu leben, jetzt nicht mehr begreiſen konnten. Aber der Tag ihrer Verbindung rückt herbei; Urbain hat ſeine Papiere erhalten und auch einige Einkäufe für ſeine Braut gemacht. Der Prieſter iſt in Kenntniß geſetzt; noch fünf Tage und der Altar wird ihre Schwüre empfangen. Dann verlaſſen ſie die große Stadt, um in friedlicher Abgeſchiedenheit ein reines Glück, das keine Stürme trüben, zu ge⸗ nießen... dieß wenigſtens hoffen ſie von der Zu⸗ kunft; und Chaudoreille, von dem Wunſche getrieben⸗ die ihm von dem Barbier verſprochene Belohnung zu erhalten, hat ſich ſchon drei Mal bei dieſem mit den Worten eingefunden:„Iſt die Heirath zu Stande gekommen?“ „Noch nicht,“ erwiedert Touquet, worauf ſich Chaudoreille entfernt, die Worte murmelnd:„Mögen ſie ſich doch beeilen... Zum Henker... ich brauche Geld!... Alle Teufel! in zwölf Tagen wollte ich zwölf Frauen geheirathet haben.“ —x 53 Viertes Kapitel. Ein Chaudoreilles⸗Tag. Chaudoreille, der die zwei Goldſtücke, die ihm der Barbier verſprochen, noch nicht erhalten, hatte wie gewöhnlich keinen Heller in der Taſche und ſtieg eines Morgens die Straße des petits Carreaux hinab; er kam vom Marktplatze St. Germain, wo er Niemand gefunden hatte, der bereit ſchien, ſich von ihm im Kegelſpielen unterrichten zu laſſen, und war auf dem Wege nach dem Marktplatze St. Laurent,. wo er glücklicher zu ſein hoffte. Chaudoreille ging, ſeiner Gewohnheit zufolge, mit hoch emporgehobenem Geſichte einher, nach allen Seiten umherblickend, die linke Hand auf ſeine Hüfte geſtützt und mit der rechten ſeinen Knebelbart ſtrei⸗ chelnd. Als er ſich den Bollwerken näherte, zupfte ihn Jemand ſanft an ſeinem Mantel; er ſchrickt zu⸗ ſammen, als er aber den Kopf umwendet, bemerkt er eine alte Magd. Die Hand an ſeinen Degen legend, ruft er aus:„Der Henker! ich habe geglaubt, es ſei eine männliche Perſon und ich war eben im Begriffe, ihn Vernunft zu lehren. Allein was wollen Sie von mir, Mütterchen? Ziehen Sie nicht ſo ſtark an meinem Mantel, er iſt ein wenig mürbe.“ Die Alte legt den Finger auf den Mund und ſagt mit geheimnißvoller Miene:„Meine Gebieterin wünſcht Sie zu ſprechen.“ „Ihre Gebieterin!“ ruft Chaudoreille aus, deſſen Stirne ſich erheitert und der nicht zweifelt, daß er 54 eine Eroberung gemacht habe.„O, o⸗ mein Liebchen, ich begreife Sie... allein iſt ſie jung? iſt ſie reich? iſt ſie... das iſt übrigens gleich, führen Sie mich immer zu ihr.“ „Nein, ſie kann Sie heute nicht empfangen; allein finden Sie ſich morgen Abend bei Einbruch der Däm⸗ merung hier ein; ich werde Sie aufſuchen und ein⸗ führen.“ 3 „Genug, ich werde nicht ermangeln und fiele auch ein Feuerregen. Ah, ein Wort, wenn es Ihnen beliebt; könnten Sie mir nicht ſagen, wo Ihre Ge⸗ bieterin mich geſehen hat?“ „Auf der Straße, wie ich vermuthe, weil ſie an ihrem Fenſter ſtand... morgen Abend, mein Herr, ich kann mich nicht länger aufhalten.“ „Gehen Sie, Flora, gehen Sie und begeben Sie ſich wieder zu Cythere,“ ſagte Chaudoreille, während die Alte ſich entfernt; dann ſetzt er ſeinen Weg fort und ſagt zu ſich:„Das iſt ein Liebesaben⸗ teuer, ich verſtehe mich darauf: dieſes geheimnißvolle Benehmen, dieſe geheime Zuſammenkunft in der Dämmerung.. ſie hat mich an ihrem Fenſter ge⸗ ſehen... Alle Teufel! wie wohl thue ich daran, daß ich den Kopf hoch trage.. ein hübſcher Mann muß immer darauf ſehen, daß er ſtets im Bereiche aller Blicke iſt.“ Hierauf blickte er ſo ſehr in die Luft, daß er an einen Waſſerträger ſtieß, der mit ſeinen zwei vollen Eimern ruhig einherging. Der Stoß war ſo ſtark, daß dieſem einer ſeiner Eimer aus den Händen fiel. 2 55 „Verfluchter Einfaltspinſel!“ rief der Waſſerträger aus;„hier, nimm dieß hin, damit Du künftig vor Dich blicken lernſt!“ Mit dieſen Worten goß der Waſſerträger den Eimer, den er noch in der Hand hielt, auf den gas⸗ cogniſchen Ritter aus. Chaudoreille iſt ganz über⸗ ſchwemmt; in ſeiner Wuth zieht er ſeinen Roland aus der Scheide und tritt gegen den Waſſerträger vor, allein ohne durch die Klinge, die ihm ſein Gegner, ſich wie ein Wahnſinniger geberdend, ent⸗ gegenſchwingt, erſchreckt zu werden, nimmt dieſer in jede Hand einen ſeiner Eimer, und den Ritter ruhig erwartend, ſagt er:„Tritt doch vor, ſchwaches Männ⸗ lein! Dein Bratenwender macht mir nicht bange.“ Chaudoreille ſchiebt ſeinen Roland wieder in die Scheide, ſchreit aus voller Kehle:„Wache heraus!“ und ſo läuft er in Begleitung aller Gaſſenbuben des Stadtviertels davon. Der Ritter macht nicht eher Halt, als bis er Nie⸗ mand mehr hinter ſich hört. Er befindet ſich jetzt bei den gelben Gräben, die unter der Regierung Karl des Neunten gegraben wurden, und ſich von dem Thore St. Denis bis zum Thore St. Honoré erſtreck⸗ ten. Chaudoreille iſt ganz durchnäßt und das Wetter ſehr kalt; er geht aus einem leicht zu errathenden Grunde nicht nach Hauſe, um ſeine Kleider zu wech⸗ ſeln. Glücklicher Weiſe aber war es heiter, und die Sonne, ſo wenig Wärme ſie auch ausgoß, verſchönte den Spaziergang, der damals in der Gegend ange⸗ legt war, in der ſich Chaudoreille befand. Der Ritter 56 3 ſieht, um ſich zu trocknen, kein anderes Mittel, als zwei oder drei Stunden lang in der Sonne umher zu rennen. Er unterzieht ſich alsbald dieſem Ge⸗ ſchäfte, wobei er weit weniger in die Luft blickte als zuvor, und einigen ſeiner Bekannten, die an ihm vorübergehen und ihn fragen, warum er ſo ſchnell laufe, nur mit den Worten antwortet:„Es iſt eine Wette... halten Sie mich nicht auf; ich habe hundert Piſtolen gewettet, daß ich große Tropfen ſchwitzen werde.“ Nach Verfluß von drei Stunden fangen die Kleider des Ritters an, mehr Feſtigkeit zu gewinnen, und er macht Halt, um Athem zu ſchöpfen. „Du haſt Deine Beſtimmung verfehlt, mein Freund, Du hätteſt bei irgend einem Fürſten Dienſte als Läufer nehmen ſollen,“ ſagte jetzt ein Mann, der, von zwei andern begleitet, ſtehen geblieben war und großes Vergnügen an der Betrachtung des gascogniſchen Ritters zu finden ſchien, während der eine ſeiner Gefährten, ein Mann von ungewöhnlicher Leibesgröße und Leibesdicke, aus vollem Halſe lachte, und der dritte, welcher drollige Geberden und ſeltſame Gri⸗ maſſen ſchnitt, damit beſchäftigt zu ſein ſchien, die Geſichtszüge und Haltung des Wettläufers zu copiren. „Was ſoll das heißen, meine Herren!“ ſagt das Kind der Garonne zu den drei Individuen, die vor ihm ſtehen geblieben ſind;„alle Teufel, iſt es einem nicht mehr erlaubt, zu laufen?“ „O, ol ſeine Mundart macht ihn noch drolliger,“ ſagte der fette Mann.„Kamerad, betrachte ihn recht/ 57 wir müſſen uns heute Abend dieſe Figur goban; ſie iſt Goldes werth.“ „Ja,“ antwortet der Dritte,„hol' mich der Teufel, wenn ich euch ihn dieſen Abend nicht Zug für Zug gebe!“ „Haben Sie mich genug geſehen, meine Herren?“ ſagte Chaudoreille, die drei Individuen verſtohlen anblickend.„Für wen halten Sie mich, wenn es Ihnen beliebt?“ „O wahrlich,“ ſagte Turlupin ganz leiſe, denn er war es, der mit ſeinen zwei Ruhmesgefährten Gros⸗Guillaume und Gautier⸗Garguille ſpazieren ging,„man muß das Männlein zornig machen; dieß wird unfehlbar luſtig werden.“ Er nähert ſich hierauf dem Ritter, der über das Betragen, das er befolgen ſollte, nachdachte, und beginnt damit, daß er mit einer Gerte, die er in der Hand hält, ein paar Mal auf Rolands Scheide mit den Worten ſchlägt:„Der Teu⸗ fel, wozu nützt Ihnen das, Herr Ritter?“ Der Ritter wird in einem und demſelben Augen⸗ blicke blaß, roth und gelb.„Dieſe Menſchen da haben Luſt, Streit mit mir anzufangen!“ ſagte er zu ſich, die Augen umherwerfend, um ſich zu überzeugen, ob er ſich zurückziehen könne; allein bereits waren mehrere Vorübergehende ſtehen geblieben und hatten einen Kreis gebildet, weil ſie die drei Poſſenreißer, die damals die Menge in's Hotel von Bourgogne lockten, erkannten, und nicht zweifelten, daß dieſe der Perſon, die ſie umringt hielten, irgend einen Poſſen ſpielen wollten. 58 Der Anblick ſo vieler Leute mildert Chaudoreille's Schrecken ein wenig.„Es iſt jetzt nicht mehr wahr⸗ ſcheinlich, daß man dieſen drei Menſchen geſtatten wird, mich zu Boden zu ſchlagen, ohne mir zu Hülfe zu kommen; es kommt jetzt nur darauf an, daß ich mich nicht aus der Faſſung bringen laſſe,“ ſagte er leiſe. Seine Blicke auf die Menge werfend und eine unerſchrockene Miene annehmend, ruft er aus:„Ich begreife nicht, warum dieſe Herren mich herausfordern. Ich nehme alle Welt zum Zeugen, daß ich ſie nicht beſchimpft habe.“ Ein allgemeines Lachen iſt die einzige Antwort, welche Chaudoreille empfängt. Dieſe Heiterkeit ver⸗ größert ſeine üble Laune; er drückt ſich ſeinen kleinen Hut erzürnt in's Geſicht, ſo daß die roſenfarbene Bandſchleife ſeine Naſe faſt berührt, und ſucht die Menge wegzudrängen, um ſich Platz zu machen; allein tritt er auf einer Seite vor, ſo befindet er ſich vor Turlupin, der ſich mit ſeiner Gerte zur Wehre ſtellt; wendet er ſich nach einer andern Seite um, ſo hält ihn Gautier⸗Garguille an, der ſeinen Hut gerade wie Chaudoreille aufgeſetzt hat, ſich vor ihn hinſtellt und die klägliche Miene des Ritters nachahmt; endlich verſperrt ihm Gros⸗Guillaume mit ſeiner ungeheuern Korpulenz ebenfalls den Weg. Chaudoreille iſt erbittert; er hält nicht mehr Stand, ſondern zieht ſeinen Roland. Turlupin ſtellt ſich ihm, um mit ſeiner Gerte zu kämpfen, und nach⸗ dem der Ritter die Waffe ſeines Gegners betrachtet, ſetzt er ſich in Poſition und ruft ihm zu:„Sie 4 59 wollen es: halten Sie ſich gut, ich bin ein tapferer Degen!“ Beim dritten Stoße ſinkt Turlupin, der ſich ſtellt, als ſei er verwundet, auf den Boden nieder, ſtößt einen ungeheuern Seufzer aus und macht ſchreckliche Verzerrungen. Gros⸗Guillaume wirft ſich neben ihm nieder und ruft:„Er iſt todt!“ Chaudoreille iſt außer ſich; er hat ſeinen Degen noch in der Hand und blickt Jedermann mit erſchrockener Miene an. Gautier⸗Garguille nimmt ihn am Arme und ſchleppt ihn fort, indem er ihm in's Ohr ſchreit: „Retten Sie ſich, Sie haben den Sohn des Königs von Cochinchina getödtet!“ Chaudoreille hört nicht weiter; er ergreift die Flucht, verläßt Paris und eilt über Felder und Sümpfe hin. Die drei Stunden, in denen er in der Sonne umher gerannt iſt, haben ſeine Kniekehlen nicht geſchwächt; er empfindet keine Müdigkeit, die Furcht verleiht ihm Flügel und er macht nicht eher Halt, als bis er allen Verfolgungen entgangen zu ſein glaubt. Man wird vielleicht erſtaunen, daß der Ritter in den drei Menſchen, die ihn angehalten haben, die drei Poſſenreißer nicht erkannte, die damals in ſo großem Rufe ſtanden und ſich tauſend Freiheiten er⸗ laubten, welche die Pariſer entſchuldigten und die großen Herren ſogar mit Vergnügen ſahen. Allein wenn Chaudoreille Geld hatte, ſo brachte er den größten Theil ſeiner Zeit in den Kneipen zu, und er war nur ein paar Mal im Hotel von Bourgogne geweſen; zudem wußten Turlupin und Gautier⸗Gar⸗ 60 guille ihre Geſichter ſo gut zu verſtellen, daß es ſchwer war, ſie wieder zu erkennen, wenn man ihren Poſſen⸗ reißereien nicht oftmals beigewohnt hatte. Als der Flüchtling Halt gemacht hat, um einen Augenblick Athem zu ſchöpfen, blickt er ſchüchtern um ſich her; er befindet ſich am Ende der Vorſtadt St. Antoine, in der Nähe des Thales Fecamp, und be⸗ merkt in einer Entfernung von dreihundert Schritten das Luſthaus des Marquis von Villebelle. Chaudoreille iſt ſeit dem Abend des vorigen Tages nüchtern und gänzlich abgemattet; er glaubt ſich von den größten Gefahren bedroht. In dieſer Lage vergißt er das Verbot des Barbiers und entſchließt ſich, in dem Luſthauſe einen Zufluchtsort zu ſuchen. Seine Kräfte zuſammenraffend, läuft er auf die Wohnung zuz er hängt ſich an die Klinge und Marcel öffnet ihm unverzüglich. „Wie, Du biſt es?“ ſagte Marcel erſtaunt; „ſchickt Dich der Herr Marquis oder Herr Touquet?“ Ehe er Antwort gibt, eilt Chaudoreille in den Garten und ſchließt die Thüre hinter ſich zu. „Aber der Teufel, was haſt Du denn?“ ſagte Marcel;„wer hat Dich ſo arg zugerichtet, Du biſt ganz umgewandelt und wie? Du triefſt von Schweiß⸗ obſchon es gegenwärtig ſo kalt iſt; meiner Treu'; man ſollte glauben, es folgen Dir alle Schergen von Paris auf dem Fuße nach.“. „Und man würde ſich nicht täuſchen,“ ſagte Chau⸗ voreille mit faſt erſtickter Stimme. 18 „Wie, was willſt Du ſagen?“ 61 „Daß man mich verfolgt, oder wenigſtens, daß man mich verfolgen wird... daß mich die größten Gefahren bedrohen... Ach, mein Gott!“ „Und was haſt Du denn gethan?“ „Ich habe den Sohn des Königs von Cochinchina getödtet!“ „Den Sohn des Königs von Cochinchina?“ „Ja, ſo eben... in der Nähe der gelben Gräben ... bei dem Thore St. Denis... allein mit Ehren... im Duell, mit gleichen Waffen, und Roland hat ihn zu meinen Füßen hingeſtreckt!... Ach Gott! welch' ein klägliches Geſchrei ſtieß er aus, als er zu Boden ſank... es hallt mir noch in den Ohren... er iſt maustodt!“ Marcel hört dem Ritter mit ſeiner gewöhnlichen Aufmerkſamkeit zu; doch ſcheint ihm Chaudoreille's Erzählung ſo außerordentlich, daß er ſich nicht ent⸗ halten kann, auszurufen:„Aber i⸗ Wahrheit, iſt alles das wohl möglich?“ „Wie, alle Teufel, ob das möglich ſei! Ach, mein theurer Marcel, es iſt nur zu wahr... Du kennſt mich, Du weißt, daß ich ein ſchlimmer Kopf bin, ein Mann, der das Point d'honneur aus dem Fundamente verſteht! Das iſt nun einmal ſo, was willſt Du, ich kann mich nicht anders machen; allein dießmal war es nicht meine Schuld. Ich ging ruhig in der Nähe der gelben Gräben ſpazieren... plötzlich ſtellen ſich drei Männer vor mich hin, ſie erlauben ſich Späße, die mich beleidigen. Ich fordere ſie höflich auf, ihres Weges zu gehen; ſie fahren jedoch fort, mich anzu⸗ 62 halten. Alsbald ziehe ich vom Leder... die Menge umgibt uns; einer meiner Gegner nimmt die Spitze . ich ſtürze auf ihn los... der Kampf wird furcht⸗ bar.. mein Feind ſchlägt ſich mit dem Muthe der Verzweiflung; bald aber ſinkt er zu meinen Füßen nieder, furchtbare Grimaſſen ſchneidend, und einer ſeiner Gefährten ſagt mir, ich habe den Erben des Thrones von Cochinchina getödtet.“ „Und der Teufel, was that der Prinz von Cochin⸗ china auf den Bollwerken mit jenen zwei Einfalts⸗ pinſeln, die zugeben, daß er ſich mit Dir ſchlägt?“ „Ach, auf Ehre, ich habe nicht Zeit gehabt, darüber Erkundigungen einzuziehen; er war ohne Zweifel nach Paris gekommen, um Dienſte beim Heere zu nehmen .. der arme Knabe!... aber Du ſiehſt wohl ein, daß dieſes Abenteuer ein furchtbares Aufſehen erregt hat. Bald wird man mein Signalement in allen Zeitungen leſen... man wird mich durch alle Truppen in Paris verfolgen laſſen! Mein theurer Marcel,⸗ Du mußt mich einige Tage verbergen.“ 3 „Es thut mir leid, aber das kann nicht ſein; ich glaubte, Du ſeieſt von meinem Herrn hieher geſchickt worden, um mir einige Befehle zu überbringen; da dem nicht ſo iſt, ſo mußt Du Dich fortbegeben. Es iſt mir ausdrücklich verboten, hier Jemand aufzu⸗ nehmen, wenn er nicht an mich geſchickt worden iſt. Der Marquis von Villebelle würde mich fortjagen/ wenn er plötzlich mit irgend einer Schönen oder einigen Freunden hieher käme und einen Fremden fände.“ 63 „Alle Teufel! ich bin kein Fremder, da ich Deinem Herrn bei ſeinen Liebesabenteuern ſchon behülflich ge⸗ weſen bin. Mein theurer Marcel, Du willſt meinen Tod nicht..“ „Nein... aber ich will meinen Platz nicht ver⸗ lieren.“ „Du biſt allein hier!“ „Ohne Zweifel; allein der gnädige Herr kommt faſt immer, wenn man ihn am wenigſten erwartet.“ „Er wird heute nicht kommen.“ „Du kannſt es nicht wiſſen.“ „O ja! ich weiß, daß er an den Hof berufen worden iſt... Ich bitte Dich, mich nur bis morgen hier zu laſſen.“ „Aber...“ „Marcel, mein Leben liegt in Deinen Hän⸗ den...⸗ „Ach, Du biſt zur unrechten Zeit erſchrocken.“ „Alle Einwohner von Cochinchina werden ſich gegen mich verſchwören...“ „Laß ſie machen.“ „Ich habe ſeit geſtern nichts gegeſſen.“ „Das iſt nicht meine Schuld.“ „Marcel, Du biſt gerührt. Willſt Du, daß ich mich Dir zu Füßen werfen ſoll... ſieh', hier liege 7 .. „Mach' doch keine ſo tollen Streiche.“ „Du biſt erweicht:.. Du gibſt nach... ich ſehe eine Perle in Deinen Augen..“ „Nun, ſo kannſt Du bis morgen hier bleiben; * 1 64 aber der Teufel, wenn der gnädige Herr dieſen Abend kommt...“ „Ich verſpreche Dir, daß ich in dieſem Falle über die Mauern ſpringen werde.“ Chaudoreille athmet freier und die beiden Freunde gehen auf das Haus zu.„O reizende Gegenden! welch' eine Veränderung hat mein Schickſal erlitten, ſeit ich euch verlaſſen habe!“ rief der Ritter aus, ſein kleines ſeidenes Schnupftuch aus der Taſche ziehend, um ſich die Augen damit abzutrocknen; als er aber in dem ihm bekannten Speiſeſaal ankommt, ſcheint ſein Schmerz ſich ein wenig zu lindern. Er ſetzt ſich zuerſt an den Tiſch, fordert Marcel auf, in den Keller zu gehen, und läßt ihm keine Ruhe, bis das Nachteſſen aufgetragen iſt, denn es war unge⸗ fähr fünf Uhr Abends, und damals ſpeiste man um zwölf Uhr zu Mittag. „Ich habe noch keinen Hunger,“ ſagte Marcel, ſich an den Tiſch ſetzend;„ich ſpeiſe gewöhnlich erſt um acht Uhr zu Nacht.“ „Nun, ſo werde ich für Dich und mich eſſen, und dieß wird uns nicht hindern, ſodann um acht Uhr zu Nacht zu ſpeiſen, denn meinetwegen ſollſt Du Deine Gewohnheiten nicht ändern. Ach, mein Freund,⸗ . welcher Tag! Wenn Du Alles wüßteſt, was mir begegnet iſt... anfangs ging es gut: eine ge⸗ heime Zuſammenkunft mit einer Dame, die mich⸗ an ihrem Fenſter ſtehend, auf der Straße erblickt hat und in mich verliebt geworden iſt...“ „Bah!“ 65 „Gib mir einen Flügel von dieſem Kapaun... ja, mein Freund, eine Leidenſchaft, die ich an den Hals bekommen habe, während ich dem Fluge der Schwalben zuſah; allein ich bin ſo ſehr daran ge⸗ wöhnt... ſchenke mir Wein ein... ich bin überzeugt, daß es eine Frau von hohem Range iſt... ſie hat eine ihrer Sklavinnen zu mir geſchickt, ich glaube ſo⸗ gar, es war eine Mulattin...“ „Und wann findet denn Deine geheime Zuſam⸗ menkunft ſtatt?“ „Morgen Abend); allein kann ich gegenwärtig noch daran denken? Dieſer unglückliche Zweikampf muß alle meine Plane umſtürzen! Man wird mich viel⸗ leicht fünf bis ſechs Jahre in die Baſtille ſperren!“ „Hör', Du biſt ein Narr!“ „O, glaubſt Du denn, man tödtet einen Prinzen von Cochinchina wie einen gemeinen Spießbürger? Meine Lage iſt fürchterlich... Gib mir Paſteten, ich bitte Dich.“ „Wer verſichert Dich, daß Dein Mann todt iſt?“ „Wenn Du das Geſchrei gehört hätteſt, das er ausſtieß, als er niederſank, ſo würdeſt Du nicht mehr daran zweifeln... Verfluchter Tag! Jener Schurke von Waſſerträger iſt es, der mich in's Unglück ge⸗ ſtürzt hat.“ „Ein Waſſerträger?“ „Ei ja, ich habe mich dieſen Morgen mit ihm geſchlagen.“ „Ebenfalls?“ Paul de Kock. LVII. 5 66 „Alle Teufel! glaubſt Du, ich kann zwanzig Schritte gehen, ohne mich zu ſchlagen 2 Die Regie⸗ rung ſollte mir eine Penſion unter der Bedingung geben, daß ich zu Hauſe bliebe... Ach, mein Gott! Marcel, es ſcheint mir, ich höre ein großes Geräuſch draußen.“ „Was liegt uns daran; es ſind Pagen, Lakgien oder Studenten, die ſich beluſtigen oder ſchlagen; o, ich bin an das gewöhnt.“ „Ach, Du meinſt falſch... mich will man feſt⸗ nehmen...“ „Nein, ſage ich Dir.“ Ach, Marcel, wie glücklich biſt Du, daß Du kein Degenheld biſt!“ „Ich weiß zu meiner Vertheidigung meinen Stock eben ſo gut zu führen; aber ich ſuche mit Niemand Streit anzufangen.“. „Und Du haſt wohl recht... wie ſehr beneide ich dieſe ſanfte Urbanität... aber ich glaube, ich höre nichts mehr... Gib mir zu trinken; ich fühle mich ruhiger.“ „Haſt Du genug gegeſſen?“ „Ja, ich kann jetzt das Nachteſſen erwarten. Marcel⸗ hier haben wir das bekannte Mückenſpiel geſpielt...“ „Ich erinnere mich deſſen.“ „Willſt Du zum Zeitvertreib eine Partie machen?“ „Ich danke; dieſes Spiel gefällt mir nicht.“ „O, nicht dieſes ſchlage ich Dir vor. Allein ich glaube, ich habe zufällig ein Kartenſpiel in der Taſche. Wohlan, einige Hundert Piquet...“ — ,— ———— 8„Nein, ich liebe das Spiel nicht., 3„Ei, alle Teufel! es ſoll bloß geſchehen, damit wir einige Stunden Zeitvertreib haben. Wir werden uns nicht zu Grunde richten; ich habe bloß⸗ zwei Goldſtücke bei mir und wenn ich ſie verloren habe, ſo ſoll mich eher der Teufel holen, als daß ich fort⸗ 4 fahre.“ Marcel gibt Chaudoreille's dringenden Bitten nach. Dieſer zieht alsbald ein Kartenſpiel aus ſeiner Taſche und wirft einen zärtlichen Blick darauf; dann nimmt er gegenüber von Marcel an einem Tiſche Platz und ſagt:„Wir ſpielen um einen Thaler die Partie.“ „Das iſt viel!“ „Ach bah! der Eine verliert, der Andere gewinnt ... das wird ſtets unter uns bleiben.“ „Ja, aber wenn der Eine Alles gewinnt?“ „Bah! Wir ſind gleich ſtark, ſetz' ein.“ „Aber Du haſt noch nicht geſetzt.“ „Ich habe Dir geſagt, daß ich bloß Gold habe. Ich werde wechſeln laſſen, wenn ich einige Hundert verloren habe.“ Die Partie beginnt: Chaudoreille's Geſicht belebt ſich, ſeine Augen glänzen und ſcheinen aus ihrer Höhle treten zu wollen, um in Marcels Spiel blicken zu können.„Das ſind Karten, die nicht neu ſind,“ ſagte Marcel,„ſie ſind faſt alle befleckt oder be⸗. zeichnet.“ „Dieß kommt augenſcheinlich daher, weil ſie ſchon oft gebraucht worden ſind!“ „Es gilt,“ ſagte Chaudoreille, die Kehrſeite der Kaufkarten aufmerkſam betrachtend. „Potz! Du haſt mir da ein ſchönes Geſchenk ge⸗ macht... es ſind lauter Siebener und Achter...“ Chaudoreille gewinnt eine Partie, dann eine zweite, dann eine dritte, weil er, Dank den Zeichen,„ die er auf den Rücken der Karten gemacht hat, dieſe auf der verkehrten Seite eben ſo gut erkennt als auf der andern. „Es iſt ſonderbar,“ ruft Marcel aus,„ich gewinne nie; Du behältſt ſtets die guten Karten.“ „Was willſt Du?.. das iſt Zufall, gutes Glück; aber es iſt wahrſcheinlich, daß ſich dieſes wenden wird.“ Das Glück wandte ſich nicht und Marcels Thaler gingen in Chaudoreille's Taſche. Dieſer war ſchar⸗ anzen Leibe und alle Adern lachroth, zitterte am g ſeiner Stirne waren von der Anſtrengung, welche ihm ſeine Partie verurſachte, angeſchwollen, als plötz⸗ lich die Klingel am Pförtchen des Gartens gewaltſam gezogen wurde.„Ach, mein Gott! es ſind Leute da⸗“ ſagte Marcel. „Ich bin verloren ſeinem Seſſel aufſpringend,„ nehmen!“ Dieß geſprochen, läuft er wie ein Wahnſinniger im Zimmer umher, entſchlüpft durch die erſte beſte Thüre, die er bemerkt, und verſchwindet, ohne auf Marcel zu hören, der ihm nachruft:„Es iſt der gnädige Herr... es iſt der Herr von Villebelle; ver⸗ 8 ¹“ rief Chaudoreille aus, von man will mich gefangen 4 halte Dich ruhig, ich will Dich hinausführen, ohne daß er Dich ſieht.“ Allein Chaudoreille iſt verſchwun⸗ den, und da die Klingel ſich nochmals vernehmen läßt, ſo muß Marcel öffnen, ohne zu wiſſen, was aus ſeinem Gaſte geworden iſt. 4 Fünftes Kapitel. Das kleine Nachteſſen. „Du läßt uns lange warten, Schalk!“ ſagte der Marquis zu Marcel, mit drei Männern in den Garten tretend, von denen zwei in ihre Mäntel gehüllt waren, während der dritte keinen Hut mehr hatte und nichts, um ſein ſeidenes Wamms zu bedecken, das an meh⸗ reren Orten mit Koth beſchmutzt war, was ſeinen Eigenthümer jedoch nicht hinderte, ſich ſelbſt betrach⸗ tend aus vollem Halſe zu lachen. „Folgen Sie mir, meine Freunde,“ ſagte der Marquis, an ſeinen Gefährten vorübergehend. „O, was mich betrifft, ich kenne den Weg,“ ſagte der Eine,„es iſt nicht das erſte Mal, daß ich hieher komme.“ „Ein Gleiches iſt bei mir der Fall.“ „Aber ich, meine Herren, betrete dieſen Ort zum erſten Male und in einem glänzenden Aufzuge, hoffe ich!“ „Wohlan, Marcel, leuchte uns doch,“ ſagte der Marquis, den Bedienten, der unruhig und verwirrt unaufhörlich um ſich her blickte, vor ſich her treibend. 2 „Du ſchliefſt alſo, Schurke? denn Du ſiehſt ganz vernagelt aus.“ „Ja, gnädiger Herr, es iſt wahr, ich war einge⸗ ſchlafen.“ 1 „Er lebt hier wie ein Stiftsherr: er thut nichts als ſchlafen und eſſen.“ Während dieſes Geſprächs iſt man vor dem Hauſe angekommen. Ein Glück iſt es für Marcel, daß der Marquis nie in den Saal des Erdgeſchoßes, wo der Spiekiſch noch ſteht, tritt. Man begibt ſich in die Gemächer des erſten Stockwerks; Marcel zündet auf der Stelle mehrere Wachskerzen an. Während dieſer Zeit haben ſich die drei Freunde des Marquis auf Seſſel geworfen und Villebelle ſagt, ſeinen Mantel ablegend, zu Marcel:„Wohlan, beeile Dich, trage uns Alles, was Du zuſammenraffen kannſt, zum Nachteſſen auf; übrigens gibt es ja hier immer Mundvorräthe: Du haſt einen Hühnerhof... ein Taubenhaus, ſtecke ſchnell einiges Geflügel an den Bratſpieß, wir werden indeſſen ſpielen, bereite den Spieltiſch zu... öffne dieſen Schrank, es ſind Karten und Würfel darin. Meine Herren, Sie werden viel⸗ leicht eine magere Koſt bekommen: ich verſah mich nicht auf das Vergnügen, Sie dieſen Abend zu be⸗ wirthen, aber Sie werden wenigſtens gute Weine haben: der Keller iſt gut verſehen und es wird uns nicht an Champagner fehlen.“ 4 „Wahrlich, das iſt die Hauptſache,“ ſagte ein großer und blaſſer junger Mann, deſſen Geſichtszüge ziemlich regelmäßig ſind, der aber durch die Narbe 71 eines Degenſtichs, der ihm die linke Wange durch⸗ ſtochen hat, entſtellt iſt. „Ich bin der Meinung des Vicomte,“ ſagte ſein Nachbar, der einige Jahre älter zu ſein ſcheint und deſſen Wohlbeleibtheit und rothe Geſichtsfarbe gegen die phyſiſche Beſchaffenheit des Erſten abſtechen;„der Champagner geht Allem vor.“ „O, ich erkenne hieran jenen Trunkenbold Mont⸗ geran,“ ſagte der junge Mann in der untergeordneten Kleidung.„Was mich betrifft, ſo liegt mir nichts daran, wenn die Koſt den Weinen entſpricht... Allein laßt uns ſpielen, meine Herren, laßt uns ſpielen; ich muß wieder einen Hut und Mantel haben.“ „Du könnteſt ſogar hinzufügen: ein Wamms; denn ich glaube nicht, daß Du mit dieſem da irgendwo erſcheinen kannſt.“ „Dieſe verfluchten Bürger... wie widerſpenſtig ſie dieſen Abend geweſen ſind!... Das iſt gleich, ich habe drei davon durchgeprügelt!“ „Ja, aber ohne den Marquis und mich hätteſt Du Dich in einer ſchlimmen Lage befunden!“ „Sei's, doch wer Teufels hat dieſen Streit her⸗ beigeführt; denn ich weiß noch nicht, warum ich mich geſchlagen habe!“ „Einer Kleinigkeit wegen: weil ich die Frau eines kleinen Kaſſenverwalters entführte; dieſer unverſchämte Gatte erlaubte ſich, mir„Schurke!“ nachzurufen. Ich würde ihm ſeine Frau nach Verfluß von zwei Tagen zurückgeſchickt haben; ich hatte bei Gott nicht Luſt, ſie zu behalten!“ 72 „Deßwegen vielleicht hat er ſich geärgert.“ „Ich werde dem Oberintendanten ſeinetwegen zwei Worte ſagen; in Kurzem wird der Kaſſenverwalter abgeſetzt ſein.“ „So ſei's; man muß dieſen kleinen Spießbürgern, die ſich überreden, daß ſie bloß für ſich Frauen ge⸗ nommen haben, Lebensart einprägen. An Deiner Stelle würde ich auf einen Lettre de cachet an⸗ tragen.“ „Wir werden ſehen... das wird ſein können.“ Während dieſer Unterhaltung hat Marcel Alles zubereitet. Er ſteigt in's Erdgeſchoß hinab, und wäh⸗ rend er die Anſtalten zum Nachteſſen trifft, ruft er, aber mit ſchwacher Stimme, in allen Winkeln des Zimmers nach ſeinem entſchwundenen Gaſte. „Wo Teufels hat er ſich verſteckt?“ ſagt Marcel zu ſich, alle Zimmer durchſuchend und in den Keller hinabſteigend, wo er von Neuem nach Chaudoreille ruft, ohne eine Antwort zu erhalten;„er wird ſich augenſcheinlich in den Garten geflüchtet haben und von da über die Mauern geſprungen ſein, wie er mir zu thun zugeſagt hat... doch nimmt mich dieß Wunder, denn er zeigte keine Luſt, dieß Haus zu verlaſſen.“ Der Marquis und ſeine Gefährten haben ſich an den Spieltiſch geſetzt, und, in Erwartung des Nacht⸗ eſſens, bereits einige Bouteillen Champagner geleert, um in's Geleiſe zu kommen. Es kam darauf an, wer die tollſten Dinge ſagte: die ungereimteſten Wetten wurden vorgeſchlagen und gehalten, und ſpielend, trinkend und ſingend erzählt Jeder ſeine Glückszufälle und Liebesabenteuer, entwirft das Ge⸗ mälde ſeiner Maitreſſe und muſtert alle berühmten Weiber, wobei er die ehrbare Frau ſo wenig ver⸗ ſchont als die Buhlerin. Endlich kommt Marcel, um anzukündigen, daß das Nachteſſen in dem benachbarten Zimmer aufge⸗ tragen ſei, und dieſe Herren unterbrechen ihr Spiel, um zu Tiſche zu gehen. Der Saal, in welchem man das Nachteſſen auf⸗ getragen hat, entſpricht durch ſeine Eleganz den an⸗ dern Gemächern dieſes herrlichen Wohnſitzes; obſchon er gewöhnlich nur zu Gaſtmählern benützt wird, er⸗ innern doch die Schönheit und der Geſchmack der Frescogemälde, die Statuen, die ihn ſchmücken, die Sopha's, mit denen er beſetzt iſt, die Kronleuchter, die ihn erhellen, an jene Säle des alten Roms, in denen Horaz, Properz und Tibull, umgeben von ihren Freunden und Nacheiferern, die Liebe und Reize ihrer Geliebten beſangen, während ſie Becher mit Phalerner Wein gefüllt umhergehen ließen und Trinkſchalen an ihre Lippen brachten, in denen der Maſſiker und Cäcuber perlte, und während ſie ſich mit Myrthen und Acanth bekränzten, um ihren Göt⸗ tern zu gleichen, nur allzuſehr bewieſen, daß ſie nicht frei von den Schwächen der Sterblichen waren. Neue Spbarithen, ſchlürfen die jungen, bei Ville⸗ belle verſammelten Edelleute in langen Zügen die edlen Weine, mit denen die Tafel beſetzt iſt. Der Marquis geht ihnen mit gutem Beiſpiele voran; die Wohlanſtändigkeit und Etikette ſind von dieſen Gaſt⸗ mählern verbannt, in welchen die Freiheit oft in Zü⸗ gelloſigkeit ausartet. Die Gäſte haben die Sopha's der Tafel genähert, und Jeder hält, halb gelagert wie ein Paſcha, ſtatt einer langen Pfeife ein Glas Champagner in der Hand, das er, über die Späße, die er hört und ſelbſt auftiſcht, aus vollem Halſe lachend, leert. Der junge Mann, der ohne Hut gekommen war und den man den Ritter von Chavagnac nannte, ſaß einer ſchönen Statue gegenüber, welche die Pſyche der Alten darſtellte, und auf die er oft die Augen heftete. Plötzlich unterbricht er den jungen Mont⸗ geran, der gerade ſingt, durch den Ausruf:„Der Donner vernichte mich, wenn dieſe Pſyche nicht ſo eben eine Bewegung gemacht hat.“ „Was Teufels ſagſt Du da?“erwiedert der Marquis. „Ich ſage... ich ſage noch einmal, daß Deine Pſyche Leben erhält... oder daß ich blind werde! .. O wahrlich, es wäre ergötzlich, wenn dieſe hübſche Frau in unſerer Mitte Platz nehmen könnte!“ „Meine Herren, ohne Zweifel bewirkt Montge⸗ rans Stimme dieſes Wunder... ein neuer Pygma⸗ lion rührt er den Marmor.“ 8 „Spotten Sie nicht über meine Stimme, meine Herren, ſie hat ihren Werth; vielmehr machen eure unfläthigen Reden dieſe arme Pſyche erröthen... Al⸗ lein laſſen Sie mich ſingen, ſtatt Chavagnacs Al⸗ bernheiten, der nicht mehr deutlich ſieht, weil ihm der Wein in den Kopf geſtiegen iſt anzuhören.“ 75 „Ich bin allerdings nicht mehr nüchtern, allein dennoch ſehe ich noch; ſchon lange blicke ich dieſe Sta⸗ tue an, und mehrmals ſchien es mir, als bewege ſie ſich.“ E „Marquis, gibt es Geſpenſter in Deinem Luſt⸗ hauſe?“ „Ich habe noch nie Etwas der Art bemerkt, al⸗ lein es wäre recht liebenswürdig von ihnen, wenn ſie uns einen Beſuch abſtatteten, während wir bei Tiſche ſind; wir würden ſie mit uns gehen laſſen ... Wohlan! ſing' doch, Montgeran, wir hören Dir zu; allein nichts Verhülltes, ich liebe die Natur.“ „Ja, meine Herren, ich werde daher ſingen:„Der Schäfer, um die Reize ſeiner Schäferin zu bewundern...“ „O, dießmal werde ich erfahren, was es iſt!“ ſagte Chavagnac, ſich raſch erhebend und nach der Statue hineilend. Als er ihr ganz nahe iſt, macht die Pſyche eine ſo lebhafte Bewegung, daß ſie von ihrem Fußgeſtell auf den Boden herabgefallen wäre, wenn der junge Mann ſie nicht in ſeinen Armen em⸗ pfangen und auf den Fußboden geſtellt hätte. Alle Gäſte hatten die Augen auf Chavagnac geheftet, der ſich, nachdem er die Pſyche in Sicherheit gebracht hat, dem Fußgeſtell nähert, das drei Fuß hoch war und einen und einen halben Fuß im Umfange haben konnte.„Es iſt Jemand da innen,“ ruft der junge Mann, der die Bemerkung macht, daß das Fußge⸗ ſtell hohl iſt und nach der Wand hin eine Seiten⸗ öffnung hat. „Jemand da innen?“ wiederholten alle Anweſen⸗ den, ſich halb vom Tiſche erhebend. Im nämlichen Augenblicke läßt eine grelle und zitternde Stimme, die aus dem Boden heraufzutönen ſcheint, die Worte vernehmen:„Keine Gewaltthätigkeit, meine Her⸗ ren, ich ergebe mich auf Gnade und Ungnade,“ und nach Verfluß eines Augenblicks blickt Chaudoreille's kleiner Kopf hinter dem Fußgeſtell hervor und zeigt ſich den Gäſten, die in ein ſchallendes Gelächter aus⸗ brechen und ausrufen:„O, die ſchöne Figur!“ Indeſſen ergreift Chavagnac, der bei der Niſche der Statue ſtehen geblieben iſt, den gascogniſchen Ritter an ſeinem Knebelbarte und zwingt ihn, ſei⸗ nen Schlupfwinkel gänzlich zu verlaſſen. Nachdem er hierauf die Perſon, die ihre jämmerliche Miene noch komiſcher macht, unterſucht hat, nimmt er lachend ſeinen Platz wieder ein, während der arme Teufel, den man aus ſeinem Neſte gejagt hat, ſich vor dem Tiſche auf die Kniee niederläßt, und, ohne es noch zu wa⸗ gen, die Augen aufzuſchlagen, die Hände faltend, murmelt:„Meine Herren, wenn ich den Prinzen von Cochinchina getödtet habe, ſo geſchah es wider meinen Willen und weil er mich herausgefordert hat!... Aber ich ſchwöre Ihnen, daß ich mich nicht mehr ſchlagen werde, ich werde ſogar meinen Ro⸗ land nicht mehr tragen, wenn man es verlangt.“ „Was Teufel ſagt er da?“ „Begreifſt Du Etwas davon, Marquis?“ „Bei meiner Chre nicht; er ſpricht von einem Prinzen von Cochinchina!“ „Er iſt toll.“ „Meiner Treu', das wird uns beluſtigen!“ „Einen Augenblick, meine Herren, ich muß vor Allem wiſſen, wie dieſer Schalk hieher gekommen iſt ... Holla! Marcel, Marcel!“ Während Marcel heraufkommt, hat ſich Chaudo⸗ reille's Schrecken ein wenig beſchwichtigt; ſo lange er in dem Fußgeſtell verborgen war, drang bloß ein dumpfes Murren zu ſeinen Ohren, und er glaubte den Saal mit Bewaffneten gefüllt, die ihn ſuchten; jetzt machen ihn die wenigen Worte, die er vom Ge⸗ ſpräche aufgeſchnappt hat und der Name des Mar⸗ quis, den er nennen hört, mit der Wahrheit be⸗ kannt. Der Todesgefahr entronnen, fängt er an, ſchlaue Blicke auf die Perſonen, welche am Tiſche ſitzen, zu werfen, und da er nur lachende Geſichter erblickt, kommt er wieder ganz zur Beſinnung. Marcel iſt hinaufgeſtiegen, und als er den gas⸗ cogniſchen Ritter erblickt, bleibt er beſtürzt und ver⸗ wirrt vor ſeinem Herrn ſtehen.„Wer iſt dieſer Menſch, Marcel,“ ſagte der Marquis,„kennſt Du ihn? iſt es ein Dieb? müſſen wir ihn oder Dich hängen? Wohlan, ſprich, Schurke, und ſage die Wahrheit, oder Du ſollſt hart gezüchtigt werden.“ Marcel zittert; er weiß nicht, wie er es entſchul⸗ digen ſoll, daß er, dem ausdrücklichen Verbot des Marquis zuwider, Jemand bei ſich aufgenommen hat, und ſtammelt:„Gnädiger Herr... es geſchah wider meinen Willen... ich wollte es nicht!... ich wies ihn anfangs ab.“ „Gnädiger Herr,“ ruft Chaudoreille aus, wieder Muth faſſend und ſich auf die Zehen ſtellend,„wenn Sie es erlauben, ſo will ich Ew. Excellenz und den gnädigen Herren hier erzählen, wie alles das zuge⸗ gangen iſt; denn ich ſehe, daß Mareel ſchwerlich damit zu Stande kommen wird.“ „O, ol der Zitteraffe hat die Sprache wieder erlangt, wie es ſcheint,“ ſagt der dicke Montgeran, der nicht müde wird, den Ritter zu betrachten.„Wohl⸗ an, Marquis, laß ihn reden.“ „Ja, ja, es wird uns das Zwergfell erſchüttern,“ rufen die andern Gäſte aus. „Nun denn, meine Herren, weil Sie es wünſchen, ¹ willige ich ein. Sprich daher, kleiner Baſtardmops⸗ und Du, Marcel, bleibe da, um ihn Lügen zu ſtra⸗ fen, wenn er ſich Unwahrheiten erlaubt.“ Obſchon Chaudoreille's Stirne ſich bei dem Aus⸗ drucke ‚kleiner Baſtardmops“ verfinſtert hat, ſo macht ihm doch die Erlaubniß, vor Herren von ſo hohem Range zu ſprechen, ſo viel Vergnügen, daß er ſeiner Geſichtsbildung den lachendſten Ausdruck gibt und alſo beginnt: „Gnädige Herren! Ihre Excellenzen ſehen in mir Couſtik Goliath von Chaudoreille, Ritter von der Tafelrunde, in männlicher Linie von dem berühmten Milo von Crotona und in weiblicher von der be⸗ rühmten Delila abſtammend, die, ſich für ihr Va⸗ terland aufopfernd, den Muth hatte, ihrem Lieb⸗ haber Simſon das Haar abzuſchneiden, worin ſein Stärke beſtand.. 79 Hier unterbricht ein ſchallendes Gelächter den Red⸗ ner einen Augenblick.„Das iſt köſtlich! das iſt ent⸗ zückend!“ ſagen die Gäſte,„er iſt Goldes werth.“ „Daß Dich!“ ſagt Chaudoreille zu ſich,„meine Beredtſamkeit thut ihre Wirkung; ich war überzeugt, daß ich nur ſprechen dürfe.“ „Zur Sache, Abkömmling der Delila!“ ſagte der Marquis,„nenne uns Deinen Stand.“ Chaudoreille ſcheint einen Augenblick verlegen, dann ſagt er mit geläufiger Zunge:„Vertheidiger der Schönheit, Beſchützer der Schönen... und der Spielhäuſer, Fechtmeiſter und Lehrer im Piquetſpiel, Muſikmeiſter, Helfershelfer der jungen Leute von Stand und der verführten Mädchen, Ueberbringer von Liebesbriefen, Zitherlehrer, Duellant und Läu⸗ fer... Alles um einen ſehr mäßigen Preis.“ „Ei! das iſt ein Ausbundkerl! Wer hat Dich aber hierher geführt?“ „Ihre Excellenzen müſſen von meinem Duell, das ich dieſen Morgen ausgefochten habe, gehört haben .. ich habe den Prinzen von Cochinchina getödtet in der Nähe des Thores Saint⸗Denis.“ „Den Prinzen von Cochinchina? Der Teufel, wo haſt Du dieſen Prinzen getroffen?“ „In der Nähe der gelben Gräben... ich ging ruhig ſpazieren... er beſchimpfte mich und ich ſchlug mich mit ihm; iſt es nicht wahr, Marcel?“ „Ja, es iſt ſehr wahr, daß er mir alles dieß er⸗ zählt hat, gnädiger Herr,“ ſagte Marcel.„Er iſt ganz erſchrocken hierher gekommen und konnte ſich ner Prinzengeſchi faſt nicht mehr aufrecht halten; er hat mir geſagt⸗ er werde verfolgt, und obſchon ich nicht viel von ſei⸗ chte begriff, ſo ſah ich ihn doch ſo ſehr zittern, daß ich ihn einen Augenblick hier ver⸗ weilen ließ. Wir ſpeisten zu Nacht, als Sie klingelten, gnädiger Herr, und auf der Stelle lief er fort, ohne mich hören zu wollen. Das iſt die Wahrheit.“ „Ja, gnädiger Herr,“ ſagte Chaudoreille, nich glaubte, die Häſcher, die Schergen wollen mich ge⸗ fangen nehmen, und ich verbarg mich an dem erſten beſten Orte.“ „Glaubſt Du, Schalk, ich glaube die Geſchichte, die Du Deinem Freunde Marcel aufgetiſcht haſt, um ein Nachteſſen zu erhaſchen?“ „Gnädiger Herr, ich ſchwöre Ihnen. „Stille.“ „Es waren Zeugen bei „Stille, ſage ich Dir. ſem Hauſe ſuchteſt, ſo mußteſt Du wiſſen, daß er hier wohne. Wer hat Dir den Weg in dieſe Woh⸗ nung gezeigt? Wußteſt Du, daß ſte mir gehört? dem Zweikampfe.... und wußteſt Du es, wie konnteſt Du ſo kühn ſein, da zu erſcheinen?“ Chaudoreille bemerkt, er erwiedert daher in minder feſtem Tone:„Gnädiger Herr, ich habe früher bereits die Ehre gehabt, hierher zu kommen... im Dienſte Ihrer Herrlichkeit...“ „Meinetwegen, Schurke?“ „Ja, gnädiger Herr, ich habe Ihnen geleiſtet... mittelbar in einer gewiſſen ſogar Dienſte Angelegenheit daß der Marquis nicht ſpaßt; Da Du Marcel in die⸗ 81 . mit einer gewiſſen jungen Italienerin.. eine Ent⸗ führung... auf der Brücke la Tournelle... ich bin es, dem Touquet den Auftrag gegeben hatte, Wache zu halten...“ „O, o, Marquis!“ ſagen die drei Gäſte lächelnd, „die Sache wird ganz klar; der Ritter von der Tafel⸗ runde iſt Dir bei Deinen verliebten Abenteuern be⸗ hülflich geweſen.“ „Ich habe dieſe Ehre gehabt, gnädige Herren,“ antwortet Chaudoreille, ſich verbeugend und ſeine Knebelbärte aufſtutzend. „Bei Gott! ich kann mich von meinem Erſtaunen nicht erholen!“ ruft der Marquis aus, den gascogni⸗ ſchen Ritter betrachtend.„Wie! Touquet, dieſer ſo feine, ſo erfindungsreiche Kopf ſollte ſich einer ſolchen Puppe bedient haben! Das i*ſt nicht möglich!“ „Gnädiger Herr,“ ſagte Chaudoreille, ſich in die Lippen beißend,„wenn Ihnen die Talente des Man⸗ nes bekannt wären, den Sie Puppe nennen, ſo wür⸗ den Sie wohl ein ganz anderes Urtheil über ihn fällen. Touquet ſelbſt iſt neben mir bloß ein Schüler.“ „O, dießmal, Schalk, mußt Du Deine Prahlerei rechtfertigen, oder unter dem Stock Dein Leben aus⸗ hauchen. Seit einigen Tagen foltert mich die Lange⸗ weile wieder; ich finde am Hofe und in der Stadt nichts mehr, was meine Huldigungen verdiente. ſelbſt meiner Italienerin bin ich müde. Ich will ... ich weiß nicht... ich gäbe Alles in der Welt, wenn ich wahrhaft verliebt werden könnte; ſuche mir Paul de Kock. LVII. 6 82 eine Frau auf, die fähig iſt, mir eine wahrhafte Liebe einzuflößen. Ich gebe Dir vierundzwanzig Stunden ſ zur Entdeckung dieſes Schatzes; Du erhältſt hundert Piſtolen, wenn Du meine Wünſche befriedigſt, und hundert Stockprügel, wenn Dir dieß nicht gelingt.“ „Es ſei ſol es ſei ſo!“ ſagen Villebelle's Gäſte;— „wenn es ihm gelingt, ſo ſagſt Du es uns, und wir werden uns ſeiner ebenfalls bedienen.“ „Ah! alle Teufel!“ ſagte Chaudoreille zu ſich, „hundert Piſtolen, wenn ich ihn verliebt mache? daß Dichl ich hätte mein Glück gemacht; aber hundert Stockſchläge, wenn's Dir mißlingt... Wie kann ich einen Mann verliebt machen, der ſchon ganz abge⸗ ſtumpft iſt? und in vierundzwanzig Stunden! O mein Genie, begeiſtere mich! Achl gliche doch meine Zuchtſtute dieſer Pſyche!“ „Hier trink',“ ſagte Montgeran, dem Ritter ein mit Madera gefülltes Glas darreichend;„dieß wird Dir vielleicht das finden helfen, was der Marquis bedarf.“ Chaudoreille verbeugt ſich ehrfurchtsvoll vor der Geſellſchaft und leert das Glas mit einem Zuge; dann ſchlägt er ſich lebhaft an die Stirne, ſpringt rückwärts und ruft:„Ich habe es gefunden!“ „Der Wein hat bereits gewirkt,“ ſagte Chavagnac. „Wohlan, ſprich,“ ruft der Marquis aus,„was haſt Du gefunden?“ „Gnädiger Herr,“ ſagte Chaudoreille, ſich ehr⸗ furchtsvoll verbeugend,„erlauben Sie mir, Ihnen einige Worte unter vier Augen zu ſagen.“ 83 „Der Schurke hat recht,“ ſagte der Marquis, vom Tiſche aufſtehend;„wenn er vor Ihnen ſpräche, meine Herren, ſo würde Jeder ſich von der Wahrheit ſeiner Erzählung überzeugen wollen, und wir würden Nebenbuhler werden. Marcel, trage ein Licht in das benachbarte Zimmer. Wohlan, Chaudoreille, folge mir, damit ich Dir Audienz geben kann. Haben Sie Geduld, meine Herren, es wird nicht lange dauern.“ 1 Mit dieſen Worten geht der Marquis in ein an⸗ deres Zimmer und Chaudoreille folgt ihm mit einer wichtigen und geheimnißvollen Miene, welche die drei noch bei Tiſche ſitzenden Perſonen ſehr ergötzt. Als Chaudoreille ſich allein bei dem Marquis ſieht, unterſucht er, ob die Thüren gut geſchloſſen ſind, und bückt ſich nieder, um unter einen Tiſch zu blicken, allein der Marquis nimmt ihn beim Ohr und ſagt zu ihm:„Was bedeuten alle dieſe Ceremonien?“ „Mein Herr, es handelt ſich von einem Geheim⸗ niß, und ich wünſchte nicht, daß es außer Ihnen noch einem Andern bekannt würde...“ „Zur Sache, ſprich.“ „Ich ſetze mich dadurch in große Gefahr... es geht vielleicht um mein Leben.“ „Du würdeſt Dich in noch weit größere Gefahr ſetzen, wenn Du nicht ſprächeſt,“ ſagte der Marquis ungeduldig und die Hand an eine Feuerſchaufel legend. „Ich bin bereit dazu, gnädiger Herr. Ich wette, Sie haben Touquets Tochter nie geſehen?“ „Touquets Tochter! Wie, er hat eine Tochter?" 84 „Das gerade nicht, gnädiger Herr, er hat bloß ein Kind, das er vor ungefähr zehn Jahren adoptirt hat... „Touquet hat ein Kind adoptirt? Wahrlich, das überraſcht mich!“ „Ol gnädiger Herr, ich war überzeugt, daß Sie dieſen Umſtand nicht wußten, denn es waltet hierin ein ſehr außerordentliches Geheimniß ob! Man ver⸗ birgt ein Mädchen nicht ſo gut, wenn man ſie nicht für ſich aufbewahrt...“ „Aber dieſes Mädchen?“ „Sie iſt ein Engel, gnädiger Herr, eine göttliche Schönheit, kaum ſechszehn Jahre alt! Und Touquet ließ überall ausſtreuen, ſie ſei häßlich... ſie habe nichts, das gefallen könne. Er hatte mir ſogar be⸗ fohlen, dieß überall auszuſagen. Wenn ich die junge Blanca geſehen habe, ſo kam es daher, daß ich ſie Muſik lehren wollte und der Barbier ſich deßwegen entſchließen mußte, mich bei der Kleinen einzuführen, die übrigens ihr Zimmer nie verläßt...“ „Das iſt in der That ſehr ſonderbar,“ ſagte der Marquis,„und Du reizeſt meine Neugierde unge⸗ mein!“ „Gut, ich werde die hundert Piſtolen bekommen!“ ſagte Chaudoreille zu ſich;„das iſt beſſer als die zwei Goldſtücke, die der Barbier mir verſprochen hat... und noch dazu die Ehre, der Geſchäftsmann des Marquis von Villebelle zu ſein...“ „Und Du ſagſt, er verberge dieſes junge Mäd⸗ chen deßwegen, weil er ſelbſt in daſſelbe verliebt f 8⁵ ſei?“ erwiederte der Marquis nach Verfluß eines Augenblicks. 1 „Nein, gnädiger Herr, denn in einigen Tagen will er ſie verheirathen.“ „Sie verheirathen?“ „Ja, gnädiger Herr, an einen kleinen, jungen Mann, welchen die ſchöne Blanca nicht kannte, ich bin es überzeugt, denn Niemand konnte bis zu ihr dringen, Ihren Diener ausgenommen. Ich wette, daß Touguet ſie aufopfert und daß die arme Kleine ihren Bräutigam verabſcheut...“ Hier ſagte Chaudoreille nicht, was er dachte; allein er hielt es für angemeſſen, die Sache unter dieſem Geſichtspunkte darzuſtellen. 3 Der Marquis dachte einige Augenblicke nach, dann ſagte er:„Sage mir ſchnell Alles, was Du hinſichtlich der Adoption dieſes jungen Mädchens weißt.“ „Ja, gnädiger Herr. Vor ungefähr zehn Jahren war Touquet, der damals keinen Heller hatte, noch Zimmervermiether und Barbier⸗Badehalter. Eines Abends erſchien ein Edelmann mit einer kleinen Tochter von fünf oder ſechs Jahren bei ihm, um zu über⸗ nachten; Touquet nahm ihn an. Der Reiſende ging am nämlichen Abend aus und ließ ſeine Tochter bei Touquet zurück; an demſelben Abend wurde er in der Straße St. Honoré ermordet.“ „Entdeckte man den Mörder?“ ſagte der Marquis, Chaudoreille aufmerkſam betrachtend. „O nein, gnädiger Herr,“ erwiederte dieſer, indeß ein faſt unmerkliches Lächeln um ſeinen Mund ſpielte; 86 „allein einige Zeit nachher war Touquet reich genug, um das Haus zu kaufen, das er gemiethet hatte.“ Der Marquis machte eine plötzliche Bewegung, wie ein Menſch, der auf eine Schlange getreten iſt. Hierauf erfolgt ein ziemlich langes Stillſchweigen, während deſſen Chaudoreille auf den Boden blickt, da er es nicht wagt, in den Augen des Marquis zu leſen. „Und die Tochter dieſes Mannes hat er ange⸗ nommen?”“ ſagte endlich Villebelle, das Stillſchweigen brechend.. „Ja, gnädiger Herr, ſo iſt es.“ „Wie nannte ſich ihr Vater?“ „Moranval... ſo viel ich glaube; übrigens fand man bei ihm bloß einen unbedeutenden Brief, der keine Auskunft über ſeine Familie geben konnte.“ „Und iſt ſeine Tochter ſchön?“— „Schöner, als ich zu ſagen vermag, gnädiger Herr; und wenn Sie ſie ſehen...“ „Ja, ich werde ſie ſehen.“ „Gnädiger Herr, ich werde dann die Ehre haben, Ihnen zu bemerken, daß Touquet mir ausdrücklich verboten hat, von der jungen Blanca zu ſprechen... ſo wie von Ihrer künftigen Ehe. Um Eurer Herr⸗ lichkeit gefällig zu ſein, habe ich mich aufgeopfert; allein der Barbier iſt bösartig, ſehr bösartig! Ich bitte Sie, gnädiger Herr, ihm nicht zu ſagen, daß ich Sie mit allem dem bekannt gemacht habe.“ „Sei ruhig!“ „In jedem Falle werde ich mir erlauben, Ihren ——. — 87 Schutz in Anſpruch zu nehmen... ebenſo auch hin⸗ ſichtlich meines Zweikampfs mit dem Prinzen von Cochinchina, was keine Lüge iſt, wie der gnädige Herr zu glauben ſcheint.“ 3 Der Marquis iſt in Nachdenken verſunken; endlich erhebt er ſich und ſagt zu Chaudoreille:„Folge mir, und kein Wort mehr über alles das! In vierundzwanzig Stunden wirſt Du wieder hierher zurückkommen, und wenn Du mich nicht betrogen haſt, ſo wirſt Du den verſprochenen Lohn empfangen.“ Chaudoreille verbeugt ſich tief und folgt dem Marquis. Man kehrt in den Saal zurück, wo die Gäſte Villebelle's Rückkehr ungeduldig erwarten.„Wohlan!“ ſagte Chavagnac zu ihm, als er ihn erſcheinen ſah, „war es der Mühe werth, den Tiſch zu verlaſſen?“ „Ich glaube es,“ erwiederte der Marquis;„übri⸗ gens werde ich es euch übermorgen beſſer ſagen. Chaudoreille, geh' zu Marcel hinab und laß Dir ein Nachteſſen auftragen, ehe Du Dich entfernſt.“ Dieſer läßt ſich dieſen Befehl nicht wiederholen; er geht zu Marcel. Schon nimmt er eine Protections⸗ miene gegen ihn an, läßt ſich das Beſte auftragen, was er findet, und ſagt zu ſeinem alten Freunde: „Ich ſtehe in großer Gunſt bei Deinem Herrn... betrage Dich gut gegen mich und ich werde ihm zwei Worte für Dich ſagen können... vor Allem weigere Dich nie, mit mir Piquet zu ſpielen, oder ich bringe Dich um die Gunſt des gnädigen Herrn.“ Der arme Marcel, der nichts von allem dem begreift, läßt ſeinen Buſenfreund noch ſechs Partien 88 gewinnen. Endlich bricht der Tag an, und Chaudo⸗ reille verläßt das Haus mit den Worten:„Ich werde dieſen Abend um zehn Uhr zurückkehren, der Marquis hat mich zu einer Zuſammenkunft beſtellt.“ Hierauf wagt er ſich in die Vorſtadt, und als er zwei Men⸗ ſchen beiſammen ſtehen ſieht, macht er Halt und fragt einige Kaufleute mit geheimnißvoller Miene, ob ſie vom Tode des Prinzen von Cochinchina ſprechen gehört haben. Da Niemand weiß, was er ſagen will, ſo überzeugt er ſich endlich, daß ſein Prinz ge⸗ ſtorben iſt, ohne ſein Incognito abzulegen, und ruhiger wegen der Folgen dieſer Sache wagt er es endlich, nach Paris zurückzukehren. Nach der geheimen Unterhaltung des Marquis mit dem gascogniſchen Ritter ſind die vier luſtigen Vögel wieder an den Spieltiſch zurückgekehrt; allein die Partie iſt nicht mehr ſo luſtig. Villebelle iſt be⸗ fangen und nimmt wenig Antheil an der Unterhal⸗ tung, der Vicomte ſchläft ein, der fette Montgeran findet kein Lied mehr, und Chavagnac iſt verdroſſen darüber, daß er nicht gewinnen kann. Endlich trennen ſich dieſe Herren um ſechs Uhr Morgens; Jeder begibt ſich nach ſeiner Wohnung in der Stadt, und der Marquis kehrt in ſein Hotel zurück, über Chaudoreille's Mittheilungen nachdenkend. 89 8 Sechstes Kapitel. Man wagt Alles, wenn man Geld und Macht hat. „Noch zwei Tage, und ich werde Ihr Gatte ſein, meine theure Blanca,“ ſagte Urbain, die Hände des jungen Mädchens zärtlich drückend. „O mein Freund, wie glücklich werden wir ſein, wenn wir uns nicht mehr verlaſſen dürfen,“ erwiedert Blanca, ihren Liebhaber anlächelnd.„Wie ſehr wird mir der Aufenthalt auf⸗dem Lande gefallen! Ich werde daſelbſt freier athmen als in dieſem Zimmer; wir werden ſpielen, auf dem Graſe umherlaufen, nicht wahr, mein Freund?“ „Ja, wir werden unſern Garten ſelbſt bauen.“ „Ach! welches Vergnügen. Wir werden Birnen haben, ich liebe ſie ſo ſehr.“ „Wir werden auch Kühe haben, hoffe ich,“ ſagte Margaretha. „O ja, meine Beſte, und Tauben, Kaninchen, Hühner; alles das muß ſehr unterhaltend ſein! Ich glaube, als ich noch ganz klein war, wohnte ich auf dem Lande, in einem Hauſe, wo es alles das gab.“ „Arme Blanca, und das iſt Alles, woran Sie ſich aus Ihrer Kindheit erinnern?“ „Ach, ich erinnere mich auch einer Dame, die ſteis bei mir war: es war ohne Zweifel meine Mutter!“ „Arme Frau,“ ſagte Margarethe,„ſie lebt viel⸗ leicht noch... aber entfernen wir dieſe traurigen Gedanken!“ 90 „Sie ſehnen ſich alſo dann nicht mehr nach Paris zurück?“ fragte Urbain. „und warum ſollte ich mich nach meinem Freunde ſehnen, wenn Sie bei mir ſind?“ „Dieſe lieben Kinder!“ ſagte die alte Magd, von ihrem Stuhle aufſtehend;„die Vorſehung hat ſie vereinigt, denn ſie ſind für einander geſchaffen; allein es iſt neun Uhr, Herr Urbain, Sie müſſen gehen.“ „Schon neun Uhr! Der Augenblick nähert ſich, wo wir uns nicht mehr verlaſſen dürfen... allein die Tage, welche ich fern von Ihnen lebe, ſcheinen mir ſehr lang!“ „Es geht Ihnen wie mir, mein Freund: es ſcheint mir, der Abend wolle nie kommen!“ „Ich habe Herrn Touquet ſeit einigen Tagen nicht geſehen.“ „O! Sie werden ihn dieſen Abend nicht ſehen,“ ſagte Margarethe;„er hat nach dem Mittageſſe einen Brief empfangen: er betraf ohne Zweifel eine dringende Angelegenheit, denn er iſt ſogleich ausge⸗ gangen und bis jetzt noch nicht zurückgekehrt.“ „So leben Sie denn wohl, Blanca...“ „Auf Wiederſehen, mein Freund...“ „Mehr als zwei Tage, das iſt noch ſehr lang!“ „Sie haben ja ſchon mehr als vierzehn Tage ſo zugebracht,“ ſagte Margarethe. „Ja, aber ich weiß nicht, warum mir dieſe eine Ewigkeit ſcheinen!“ Urbain kann ſich nicht entſchließen, ſich von Blanca u entfernen; ſein Herz iſt beklommen, die Augen —,———— —— der beiden Liebenden füllen ſich mit Thränen, das junge Mädchen reicht ihrem Freunde die Hand: dieſer drückt ſie an ſein Herz. „Ich weiß nicht, was ich habe,“ ſagte Blanca, „allein ſein Weggehen macht mich dießmal trauriger als gewöhnlich.“ „Welche Kinderei,“ ſagte Margarethe;„ſollte man nicht glauben, daß ihr euch in den nächſten zwei Tagen gar nicht ſehen werdet!... Wird Urbain morgen Abend nicht wieder kommen? Wohlan! es iſt Zeit zum Abſchiede.“ Die Liebenden nehmen, tiefe Seufzer ausſtoßend, Abſchied von einander, und Urbain folgt endlich Margarethen, welche die Hausthüre wieder zuſchließt und dann zu Blanca hinaufſteigt, die ſie ihrer Trau⸗ rigkeit wegen anfährt. Allein es gelingt ihr nicht, ſie fröhlicher zu machen; denn die Bemühungen der Vernunft können wohl den Geiſt überzeugen, nicht aber die Beſorgniſſe des Herzens beſchwichtigen. Kaum iſt eine Viertelſtunde ſeit Urbains Entfernung ver⸗ floſſen, ſo klopft Jemand ſtark an die Hausthüre. „Ach! das iſt ohne Zweifel Urbain,“ ſagte Blanca, ver hat mich traurig geſehen und will mich tröſten...“ „O!l das iſt nicht wahrſcheinlich,“ ſagte Marga⸗ rethe,„es iſt vielmehr Touquet, der nach Hauſe zurückkommt... jedoch bin ich erſtaunt, daß er anklopft, denn ich glaube, er hat ſeinen Hausſchlüſſel zu ſich genommen.“ „Geh' und ſieh', wer es iſt, meine Beſte.“ „Ja, ja, Mademoiſelle... allein wenn es nicht 92² ouquet wäre... es iſt ſpät... wir ſind allein im Hauſe und ich weiß nicht, ob ich öffnen darf...“ „Willſt Du, daß ich das Fenſter öffne; ich werde dann ſogleich erfahren, ob. es Urbain iſt.“ „Ja wohl, das ſcheint mir das Klügſte.“ Blanca hat bereits das Fenſter geöffnet und blickt auf die Straße; die Nacht iſt finſter, allein die Liebe macht hellſehend und das junge Mädchen ſieht bald, daß es nicht Urbain iſt. „Wer da?“ fragt Margarethe, den Kopf vorwärts beugend. Eine ſtarke Stimme antwortet:„Meiſter Touquet ſchickt mich: er hat mir einen Auftrag an ſeine Adoptivtochter, Fräulein Blanca, gegeben.“ „Ol das iſt ſonderbar,“ ſagte Margarethe zu Blanca;„wie, Herr Touquet, der Sie allen Blicken entzog, ſchickt uns einen Fremden, und um dieſe Stunde!“. „Aber, meine Beſte, weil er ihn ſchickt, ſo müſſen wir dieſem Herrn öffnen... es iſt vielleicht meinem Beſchützer Etwas begegnet.“ „Iſt dieſer Menſch allein, mein Kind?“ „Ja, meine Beſte, ich ſehe nur ihn.“ „Oeffnen Sie doch,“ ruft man auf der Straße, „meine Botſchaft iſt dringend!“ „Im Augenblick!... Bleiben Sie da, mein Kind.“ Ihre Lampe in der Hand haltend, ſteigt Marga⸗ rethe hinab; ſie öffnet, und ein Mann, der in einen weiten Mantel gehüllt iſt und einen Federhut auf dem Kopfe trägt, erſcheint vor ihr.„Sie haben lange gezögert, meine Beſte,“ ſagte er lächelnd zu ihr; —.— —,— 93 vallein ich will Sie für die Mühe, die ich Ihnen verurſache, entſchädigen.“ Dieß geſprochen, ſchiebt er Margarethen mehrere Goldſtücke in die Hand. Sie weiß nicht, ob ſie ſie annehmen ſoll, allein ſie ſagt ganz leiſe zu ſich:„Sein Benehmen iſt nicht das eines Diebs.“ Der Fremde iſt ſchnell hereingetreten; er durch⸗ läuft die Hausflur, und ihn anblickend ſagt die Alte zu ſich:„Es iſt nicht das erſte Mal, daß ich dieſe Hal⸗ tung ſehe... und ſeine Stimme erinnert mich... Ja, ich glaube, es iſt der Freund, den mein Herr vor einiger Zeit ſo ſpät erwartete.“ Margarethe täuſchte ſich nicht, denn es war wirk⸗ lich der Marquis, der im Hauſe des Barbiers erſchien, nachdem er dieſem einen Brief geſchickt hatte, in welchem er ihn zu einer Zuſammenkunft außerhalb ſeines Hauſes beſtellte, und ihm befahl, ihn bis zehn Uhr Abends zu erwarten. „Sie ſind, glaube ich, ſchon hier geweſen, mein Herr,“ ſagte Margarethe. „Ja, ja, Mütterchen, ich bin ſchon oft da geweſen. Allein beeilen Sie ſich, mich zu Ihrer jungen Ge⸗ bieterin zu führen... ich muß ſie ſehen.“ „Sollte wohl mein Herr krank ſein... ſollte er ſich in Streitigkeiten verwickelt haben?.. Es gibt ſo viele Vorfälle in dieſer Stadt!“ „Ermuthigen Sie ſich... es iſt nichts von allem dem.“ Der Marquis folgt Margarethen. Dieſe führt ihn in Blanca's Zimmer, deſſen Thüre ſie mit den Worten 94 öffnet:„Mademoiſelle, da iſt der Herr, der Sie zu ſprechen wünſcht; er hat einen Auftrag von Herrn Touquet an Sie.“ 3 Blanca tritt dem Fremden einige Schritte ent⸗ gegen. Der Marquis iſt raſch eingetreten; als er aber das junge Mädchen bemerkt, bleibt er ſtehen und betrachtet ſie einige Minuten lang ſtillſchweigend und regungslos. Das Aeußere des Marquis hat etwas⸗ Ehrfurchtgebietendes, und obſchon ſeine Phyſiognomie damals keinen ſtrengen Ausdruck hatte, ſo erhöhten doch das Erſtaunen und die Bewunderung, die ſich in ſeinen Zügen malten, das Feuer ſeiner von Natur edeln und ſtolzen Blicke. Blanca hat ihre Augen⸗ lider unwillkürlich geſenkt, da ſie die Unterſuchung, welche der Marquis mit ihrer Perſon anzuſtellen ſchien, nicht ertragen kann, und Margarethe wagt kein Wörtchen zu ſagen, weil der Fremde ſie eben⸗ falls einſchüchtert. „Es überſteigt in der That alle meine Vorſtel⸗ lungen!“ ſagte endlich der Marquis, mit ſich ſelbſt ſprechend. „Mein Herr,“ ſagte Blanca verlegen,„meine Beſte behauptet, Sie haben mir Etwas zu ſagen von Seiten meines Wohlthäters.. Iſt ihm nichts zuge⸗ ſtoßen, mein Herr?“ „Nein, liebenswürdige Blanca... nein, Ihr... Wohlthäter, weil Sie ihn ſo zu nennen belieben, läuft keine Gefahr; allein ich wollte tauſend Gefahren trotzen, wenn ich Ihnen eben ſo ſehr am Herzen läge.“ Blanca blickt den Marquis ſchüchtern an, als oh 4 95 ſie wünſchte, er möchte ſich deutlicher ausſprechen, und dieſer öffnet, indem er das junge Mädchen auf einen Seſſel führt, ſeinen Mantel ein wenig; jetzt ſind ſeine reichen Gewänder nicht mehr verborgen, und Margarethe ſagt ganz leiſe zu dem jungen Mäd⸗ chen:„Ach, mein Gott, Blanca, betrachten Sie doch dieſe Edelſteine... dieſe Spitzen... er iſt gewiß ein großer Herr!“ „O ja,“ antwortete Blanca ganz leiſe,„es iſt herrlich; allein Urbains Tracht iſt mir lieber.“ Villebelle, der von dem jungen Mädchen den Blick nicht verwendet, ſchweigt von Neuem ſtill.„Warum ſind Sie denn gekommen, mein Herr?“ ſagte Blanca zu ihm, als ſie ſah, daß er ſich damit begnügte, ſie anzuſehen. „Ja,“ ſagte Margarethe, die ihre gewöhnliche Feſtigkeit wieder zu erlangen ſuchte,„denn Sie müſſen doch aus irgend einer Abſicht gekommen ſein?“ „Und ich habe mehr gefunden, als ich glaubte,“ ſagte der Marquis lächelnd; dann nähert er ſich, ohne, wie es ſcheint, die Verlegenheit zu bemerken, in die man durch ſeine Gegenwart verſetzt wird, der ſchönen Blanca, nimmt ſie bei der Hand und ruft aus:„Nein... in dieſer Einſamkeit... Sie allen Augen verborgen! Sie, die Sie eine Zierde der Welt ſein und die Huldigungen des ganzen Weltalls em⸗ pfangen ſollten...“ „Verzeihen Sie, mein Herr,“ ſagte Blanca,„aber ich begreiſe Sie nicht...“ „Ich begreife eben ſo wenig,“ antwortete Mar⸗ garethe, ihre kleinen Augen auf den Marquis heftend. 96 „Um ſo beſſer, anbetenswürdiges Mädchen,“ ant⸗ wortete der Marquis dem jungen Mädchen, ohne auf Margarethen zu merken.„Man hat mich nicht be⸗ trogen!... es iſt die vollkommenſte Unſchuld und Treuherzigkeit, in Verbindung mit Allem, was die Schönheit und Anmuth Verführeriſches hat...“ „Aber, mein Herr, hat Herr Touquet Ihnen den Auftrag gegeben, mir dieſes zu ſagen?“ „Nein, liebenswürdiges Kind, durchaus nicht!“ ſagte der Marquis lächelnd und noch immer Blanca's Hand haltend, obſchon ſie ſie loszumachen ſuchte. „Sie müſſen ſich gleichwohl erklären, mein Herr,“ ſagte Margarethe in trockenem Tone,„Sie ſind ſchon eine Viertelſtunde da und haben noch nicht geſagt, warum Sie gekommen ſind... Es iſt ſchon ſpät und wir ſind nicht gewohnt, ſo lange aufzubleiben.“ „Hören Sie, Alte, legen Sie ſich ſchlafen; ich werde ſtatt Ihrer dieſem liebenswürdigen Kinde bis zu Touquets Rückkehr Geſellſchaft leiſten.“ „Ich ſoll Sie allein bei meiner theuren Blanea laſſen?“ ruft Margarethe, die das Wort Alte vollends unwillig macht;„nein, mein Herr, ich werde mich wohl hüten: Ihre Spitzen, Ihre Edelſteine und Ihr ganzer ſchöner Schmuck flößen mir kein Zutrauen ein. Da, nehmen Sie Ihre Goldſtücke wieder, ich will ſie nicht, denn ich fange an zu glauben, daß Sie keine guten Abſichten haben, und nie wird Margarethe die Plane eines Verführers begünſtigen, wäre es auch ein Fürſt und böte er ihr ſelbſt Peru's Bergwerke an!“ Der Marquis begnügt ſich damit, die Achſeln zu 97 zucken, ohne ſich nach Margarethen umzuwenden, dann ſetzt er ſich neben Blanca nieder, legt ſeinen Hut und Mantel ab, und ſcheint keineswegs geſonnen, ſich ſobald zu entfernen. Blanca zittert; ſie blickt Margarethen an, um ſie zu bewegen, ſie nicht zu verlaſſen, und die Alte, der das Betragen des Fremden neue Beſorgniſſe einflößt, bemüht ſich, ruhig zu ſcheinen und ſagt mit einer Stimme, deren Beben ihren Schrecken verrieth:„Seien Sie ruhig, mein Kind, ich bin da... ich werde Sie nicht verlaſſen... und obſchon der Herr mich nicht hören will, ſo wird er uns doch ſagen müſſen, was er hier machen will...“. „Ich habe es Ihnen geſagt, gute Frau, ich warte auf Touquet. Ich muß dieſen Abend mit ihm über wichtige Gegenſtände ſprechen.“ „Und ſo eben ſagten Sie, er habe Sie hierher geſchickt... Sie täuſchten ſich alſo damals?“ „Vielleicht!“ ſagte der Marquis lächelnd. „Nun, mein Herr, wenn Sie durchaus auf meinen Herrn warten wollen, ſo gehen Sie in den Saal hinab; ich werde Ihnen ein Licht geben und Sie werden daſelbſt auch Feuer finden.“ „Nein, meine Beſte, ich will weit lieber hier ſein als in Ihrem Saale, und die Geſellſchaft dieſes liebens⸗ würdigen Kindes wird mir die Zeit ſehr verkürzen. Nicht wahr, anbetenswürdige Blanca, Sie werden nicht ſo grauſam ſein und ſich weigern, mir Geſell⸗ ſchaft zu leiſten?“ Paul de Kock. LVII. 7 98 „Mein Gott, wenn Sie es wünſchen, mein Herr, wenn Ihnen das Vergnügen macht... ich muß es wohl wollen...“ 4 3 „Ja,“ ſagte Margarethe,„es ſcheint, wir müſſen uns in Allem nach dem Herrn bequemen; aber Ge⸗ duld... bald hoffe ich...“ In dieſem Augenblick ſchlägt man die Hausthüre gewaltſam zu. Blanca macht eine freudige Bewe⸗ gung und Margarethe ruft mit ſtegreicher Miene aus:„Ach Gott! jetzt kommt mein Herr. Wir wollen nun ſehen, ob man ſich wider unſern Willen hier aufhalten darf.“ Der Marquis ſteht auf, ohne ihr zu antworten, mimmt ſeinen Mantel, ſetzt ſeinen Hut auf den Kopf, und küßt Blanca's Hand, indem er zu ihr ſagt: „Auf Wiederſehen, reizendes Mädchen!“ Dann ver⸗ läßt er das Zimmer mit den Worten:„Margarethe, leuchten Sie mir.“ Alles das geſchah ſo ſchnell, daß die erſtaunte Blanca keine Zeit hatte, ſich der Handlung des Mar⸗ quis zu widerſetzen, und die alte Dienerin, die ſich über das, was ſie ſieht, nicht genug wundern kann, folgt dem großen Herrn, indem ſie ausruft:„Ach mein Gott, welcher Menſch!“ Der Barbier war ſo eben zurückgekehrt und hatte ſeinen Mantel kaum abgelegt, als der Marquis, von Margarethen begleitet, in dem Saale des Erdge⸗ ſchoßes erſchien; bei Villebelle's Anblick machte Touquet eine Bewegung des Erſtaunens und ſagt:„Wiel Sie hier, gnädiger Herr...“ $ & 4 V 99 Er hält inne und Margarethe ruft aus:„O ja, mein theurer Herr, der Herr iſt ſchon mehr als drei⸗ viertel Stunden hier; er hat geſagt, Sie haben ihn geſchickt... und zwar zu Blanca...“ „Zu Blanca?“ ſagte der Barbier ſehr unruhig. „Ja, mein Herr, zu Blanca und...“ „Es iſt genug, gute Frau, verlaſſen Sie uns,“ ſagte der Marquis in gebieteriſchem Tone.* „Ich ſoll Sie verlaßfene erwiedert Margarethe. „O, vor Allem muß.. „Muß gehorcht werden!⸗ ſagte der Barbier in finſterem Tone;„entferne ſie ſich!“ Margarethe iſt beſtürzt, allein ſie wagt es nicht, Einwendungen zu machen, und verläßt den Saal mit den Worten:„Ich begreife nichts mehr davonz dieſer Menſch thut hier Alles, was er will!“ „Nun, meine Beſte,“ ſagte Blanca zu der Alten, „und der Fremde?“ „O, ich weiß nicht, wer dieſer Menſch iſt, aber vor ihm iſt Touquet ſo unterwürfig wie ein Kind! Ich habe ſie beiſammen gelaſſen... Dieſer ſchöne Herr hat mich fortgehen heißen und ich habe gehorchen müſſen.“ „Das wundert mich ſehr, meine Beſte.“ „Wie finden Sie dieſen Menſchen, mein Kind?“ „Aber... nicht übel, meine Beſte; und wenn ich mich nicht ein wenig vor ihm gefürchtet hätte, ſo würde ich ſein Ausſehen hübſch gefunden haben.“ „Ach, mein Gott! ich wenigſtens finde ihn furcht⸗ bar; er hat etwas Teufelartiges in ſeinen Blicken.“ „Ach, meine Beſte, Du haſt ihn demnach nicht 100 recht geſehen; er hat ein ſehr hübſches Geſicht.. Züge, welche Ehrfurcht einflößen und doch dabei ſanft ſind!“ „Pfui, pfui, mein Kind, wie können Sie einen ſo unverſchämten Menſchen ſchön finden! Ach, wenn Ihr Urbain Sie hörte...“ „Aber, meine Beſte, ich würde vor Urbain das Nämliche ſagen; darf man nicht Alles ſagen, was man denkt? Dieß würde ihn nicht ärgern, denn er weiß, wie ſehr ich ihn liebe.“ „Wohlan, mein Kind, es iſt ſpät, legen Sie ſich zu Bette, ich werde das Gleiche thun.“ Margarethe begibt ſich auf ihr Zimmer mit den Wor⸗ ten:„Die jungen Mädchen werden immer junge Mäd⸗ chen ſein! Die züchtigſte läßt ſich durch Complimente, ein hübſches Geſicht und reiche Kleider einnehmen!“ Sobald Margarethe den Saal verlaſſen hat, ſchließt der Barbier die Thüre; aus ſeiner ganzen Perſon ſpricht eine gewaltige Unruhe. Er erwartet jedoch, daß der Marquis ſich erkläre; allein dieſer blickt mit forſchenden Blicken auf ihn und ſcheint Freude an ſeiner Unruhe zu haben. „Darf ich wiſſen, gnädiger Herr,“ ſagte Touquet endlich,„wie es kommt, daß ich Sie in meinem Hauſe finde, da Sie mich doch anderswohin zu einer Zuſammenkunft beſtellt haben?“ „Wie, Touquet, Du begreifſt es nicht? Ich wollte Dich aus Deinem Hauſe entfernen, um in dieſes mit dem Vorgeben gehen zu können, ich ſei von Dir zu dem jungen Mädchen geſchickt worden, das Du mir verbargſt und das ich zu ſehen vor Begierde brannte. uu 101* Dieß iſt einer jener kleinen Kunſtgriffe, die Du mich früher gelehrt haſt, aber ſie gelingen faſt immer.“ Der Barbier beißt ſich auf die Lippen und ant⸗ wortet nichts.— „Und wie!“ erwiedert der Marquis,„Du beſitzeſt hier einen Schatz, einen Engel der Schönheit, der Anmuth u. ſ. w., und Du verbirgſt ihn mir, mir, Deinem alten Herrn, deſſen Vorliebe für das ſchöne Geſchlecht, das mich zu ſo vielen Thorheiten verleitet hat, Du kennſt?“ „Eben deßwegen, Herr Marquis, glaubte ich die junge Blanca Ihren Blicken entziehen zu müſſen; ich nehme großen Antheil an dem Wohle dieſes Mäd⸗ chens, an dem ich Vaterſtelle vertrete... ich kenne Ihre ſtürmiſchen Leidenſchaften... und ich glaube nicht, daß die Ehre, vierzehn Tage Ihre Maitreſſe zu ſein, das Glück dieſes Kindes ſichern könne.“ 3 „Und ſeit wann, Schalk, machſt Du ſolche Be⸗ trachtungen?“ ſagte der Marquis, einen funkelnden Blick auf den Barbier ſchleudernd.„Wie, Du willſt meine Leidenſchaften tadeln und der Beſchützer der Schönheiten werden, die ich auszeichne, nachdem Du mir bei allen meinen Intriguen hülfreiche Hand ge⸗ leiſtet und mich zu Handlungen hingeriſſen haſt, an die ich ohne Dich nie gedacht hätte?“ „Gnädiger Herr!“ „Bedenke, daß Deine Heuchelei und Deine Lügen Dir anderswo nützen können, mich aber nie täuſchen werden. Nicht bloß mir verbargſt Du dieſes Mäd⸗ 4 chen, denn Du hielteſt ſie auf ihrem Zimmer gefan⸗ — 1⁰² gen und erlaubteſt ihr nie, es zu verlaſſen!.. Du wenigſtens biſt nicht in Blanca verliebt, weit Du ſie in Kurzem verheirathen willſt; übrigens iſt die Liebe ein Gefühl, das Du nicht kennſt: Dein Herz kennt nichts als den Durſt nach Gold. Es waltet daher bei allem dem ein Geheimniß ob, das ich bald entdeckt haben werde.“ Touquet erblaßt und zittert; die Augen nieder⸗ ſchlagend, ſtammelt er:„Ich ſchwöre Ihnen, Herr Marquis...“ „Genug hievon,“ ſagte Villebelle, ihn unterbre⸗ chend.„Höre mich: ich liebe, was ſage ich! ich bete dieſes junge Mädchen an, das ich ſo eben geſehen habe; ſeit langer Zeit hat mein Herz die Gefühle nicht mehr gekannt, die ich in ihrer Gegenwart empfunden habe?.. Dieß iſt keine flüchtige Laune, es ſind keine von jenen Begierden, denen das Herz fremd iſtl... nein, als ich Blanca fand, war ich ganz bewegt, verwirrt, erweicht!... Ich kann das, was in mir vorgegangen iſt, nicht genau bezeich⸗ nen... es ſchien mir, ich kenne dieſes liebenswür⸗ dige Kind ſchon längſt. Hieraus kannſt Du entneh⸗ men, daß es mir unmöglich iſt, hinfort ohne ſie zu leben. Blanca muß mein ſein; es gibt kein Opfer, das ich nicht zu bringen fähig waͤre⸗ um dieſen Zweck zu erreichen.“ „Ach, gnädiger Herr! das iſt es, was ich be⸗ fürchtete,“ ſagte Touquet, der wegen des Gehörten wahrhaft betrübt zu ſein ſcheint.„Sie wollen aus* Blanca Ihre Maitreſſe machen!“ . haſt, eine abermalige gleich ſtarke Summe empfangen.“ 103 „Ich will ihr Glück machen, denn ich fühle, daß ich ſie lebenslänglich lieben werde...“ „Das iſt unmöglich, gnädiger Herr; Blanea wird ſich vermählen, ſie wird einen jungen Stundenten hei⸗ rathen, den ſie liebt. Sie ſehen wohl, daß Ihre Liebe ſie nicht glücklich machen würde...“ Der Marquis geht einige Augenblicke im Saale auf und nieder, dann ruft er zornig aus:„Ich wie⸗ derhole es Dir, Blanca muß mein werden... ſie muß es. Es gibt kein Mittel, das ich nicht anwenden werde, um dieſen Zweck zu erreichen. Sie kann den, welchen Du ihr beſtimmt haſt, nicht lieben... Sie kennt ihn erſt ſeit einigen Tagen.“ „Gnädiger Herr, wer hat Ihnen dieß ſagen können?“ „Was liegt Dir daran? Dieſe Liebe iſt nur ein flüchtiges Gefühl, das ſie vergeſſen wird, wenn ich ſie mit Geſchenken überhäufen und jeden Tag neue Vergnügungen erſinnen werde, um ihr zu gefallen.“ „Gnädiger Herr, Blanca iſt an die Einſamkeit gewöhnt, ſie iſt nicht kokettiſch: Ihre Geſchenke, Ihre Putzwaaren würden ſie nicht verführen...“ „Das heißt die Sache zu weit getrieben,“ ſagte der Marquis;„Deine Einwürfe ermüden mich. Be⸗ fehle ſind es, was ich Dir jetzt ertheilen werde. Ich will, daß Du mir Blanca übergibſt, der ich, ich ſchwöre es Dir, ein unabhängiges Vermögen ſichern werde. Ein ſolcher Schatz muß theuer bezahlt wer⸗ den, ich ſuchte ihn... hier ſind Banknoten für ſechs⸗ tauſend Thaler... Du wirſt, wenn Du mir gehorcht 104 Der Barbier heftet gierige Blicke auf die Bank⸗. noten, die vor ihm auf dem Tiſche liegen, dann wendet er die Augen weg und ſagt mit finſterer Miene:„Gold! ja, das hat mich ſtets verleitet.. allein dieſes Mal... nein, ich kann nicht. Bedenken Sie, gnädiger Herr, daß Blanca in zwei Tagen 6 ihrem Liebhaber gehören muß.“ „Und heute... dieſe Nacht noch muß ſie meinen Händen übergeben werden.“ Der Barbier ſcheint unſchlüfſig zu ſein; er blickt zuweilen auf die vor ihm liegenden Wechſel, dann ſagt er nicht ohne Ueberwindung:„Das kann nicht ſein, gnädiger Herr; es thut mir unendlich leid, daß I ich Ihnen nicht gehorchen kann, allein die Sache iiſt ſchon zu weit vorgerückt.“ Der Marquis nähert ſich dem Barbier, packt ihn am Arme und ſagt mit leiſer Stimme zu ihm:„Ich muß alſo meinen Oheim, den Obergerichtsverwalter⸗ bitten, eine neue Unterſuchung über die Ermordung des Vaters der Blanca anzuſtellen. Glaubſt Du, Elender, ich errathe nicht zum Theil den Grund, warum Du dieſes junge Mädchen ſo ſorgfältig allen Blicken entzogſt? Ihre Schönheit hätte ihr zahlreiche Anbeter erworben; man würde viel von Blanca ge⸗ ſprochen haben, man hätte zu wiſſen verlangt, was ſie ſei, was ihre Familie war, und auf dieſe Art hätte man neue Erkundigungen über jenen unglück⸗ lichen Reiſenden einziehen können, der am Abend ſeiner Ankunft in Paris ermordet worden iſt... Man hätte Betrachtungen über das Vermögen angeſtellt, in 105 ☛ deſſen Beſitz Du einige Zeit nach dieſem 6† man weiß nicht auf welche Art, gekommen biſt...“ „Gnädiger Herr,“ ſagte der Barbier, deſſen Stirne blaßgelb geworden iſt, während ſich ein convulſivi⸗ ſches Zittern aller ſeiner Glieder bemächtigt,„gnä⸗ diger Herr... was ſagen Sie? Könnten Sie glau⸗ ben...“ „Ich glaube noch nichts... Aber morgen ſchon werde ich die Obrigkeit auffordern, Alles zu thun, um dieſes Geheimniß zu enthüllen.“ „Gnädiger Herr, Blanca gehört Ihnen!“ ſagte Touquet, wie vernichtet auf einen Stuhl ſinkend. Ein ſiegreiches Lächeln ſpielt um den Mund des Marquis, er ſcheint nur an ſeine Liebe zu denken, während Touquet, niedergeſchlagen und beſtürzt, noch einige Minuten daſitzt, ohne die Augen aufzuſchla⸗ gen und ohne ſeine gewöhnliche Faſſung wieder er⸗ langen zu können. Endlich erhebt er ſich und mur⸗ melt mit unterbrochener Stimme:„Glauben Sie mir, Herr Marquis: nicht Ihr Argwohn gegen mich hat mich bewegen konnen, Ihnen zu gehorchen, ſondern einzig und allein meine Ergebenheit!“ „Genug,“ ſagte der Marquis, ihn unterbrechend, „kein Wort mehr hierüber. Ich will gerne glau⸗ ben, daß der Schein trügt... Beſchäftigen wir uns bloß mit unſerer Liebe... ich will keinen einzigen Augenblick verlieren, um mir Blanca's Beſitz zu ſichern... und weil Du ſagſt, daß ſie in zwei Tagen ſich verheirathen werde, ſo muß ſie dieſes Haus heute Nacht noch verlaſſen.“ . 8 106 „In der That,“ ſagte Touquet,„weil ſie es ja doch verlaſſen muß, ſo glaube ich, daß es das Beſte iſt, wenn dieß ſchnell geſchieht; aber wie, dieſe Nacht noch?“ „Ich erkenne Dich nicht mehr, Touquet: Du ſiehſt überall Schwierigkeiten, ich kenne deren keine. Es iſt noch nicht Mitternacht, wir haben noch Zeit übrig; ich eile in mein Hotel, ich ſchicke Germain, meinen Kammerdiener, fort, mir einen Wagen zu holen... und in mein Luſthaus zu gehen...“ „Gnädiger Herr, nicht dahin müſſen Sie Blanca führen, ſie würde da nicht in Sicherheit ſein; dieſer Ort iſt zu nahe bei Paris. Urbain Dorgeville, der junge Menſch, den ſie heirathen ſollte, wird Allem aufbieten, um ſie wieder aufzufinden. Er betet ſie an, er iſt unternehmend; Sie müſſen von ſeiner Ver⸗ zweiflung Alles fürchten... „Ich fürchte Niemand; Du weißt es. Doch glaube ich, daß Dein Rath klug iſt... Blanca iſt ſo hübſch! Ein bloßer Blick, den ſie auf einen Andern würfe, würde mich eiferſüchtig machen, und zu viele Schwin⸗ delköpfe kennen mein Luſthaus. Aber warte... warte... ich habe, was ich brauche: unter den Gü⸗ tern, welche mir meine Mutter hinterlaſſen hat, be⸗ findet ſich ein Schloß, das in der Umgegend von Grandvilliers liegt, ungefähr zweiundzwanzig Stun⸗ den von hier, und weit genug von dem Marktflecken und der Landſtraße, um von den Reiſenden nicht be⸗ merkt zu werden.“ „Sehr gut, gnädiger Herr, das geht ganz gut.“ „Ich habe dieſes Schloß, daß man Sareus nennt, 107 erſt einmal beſucht; allein obſchon ich nur kurze Zeit daſelbſt verweilte, ſo ſetzte mich doch ſeine Pracht und Eleganz in Erſtaunen. Dieſes im Jahr 1522 erbaute Schloß wurde Fräulein von Sarcus von Franz I. geſchenkt; es iſt in der ganzen Umgegend als ein Wunder der Sculptur und der Schönheit der Fagade wegen, bei welcher der Künſtler Alles über⸗ troffen hat, was man bis damals gemacht hatte, be⸗ kannt. Dahin alſo werde ich Blanca führen oder vielmehr führen laſſen... Zweiundzwanzig Stun⸗ den... zwei ſichere Männer... höchſtens in zwölf Stunden wird ſie im Schloſſe ſein... Und ich, ſobald ich morgen meine Angelegenheiten in Ordnung ge⸗ bracht und am Hofe eine unumgänglich nothwen⸗ dige Reiſe nach England vorgeſchützt habe, reiſe ich ab und begebe mich im Geheimen zu ihr, die ich nie mehr verlaſſen will. Du ſiehſt, Touquet, mein Plan iſt vollkommen gut entworfen und Niemand wird ahnen, daß ich Dir Deine junge Waiſe geraubt habe.“ „Ja, gnädiger Herr, Niemand unter Ihren glän⸗ zenden Bekanntſchaften; allein was ſoll man hier thun, um Blanca zu bewegen, Ihnen zu folgen... um allen Lärmen zu vermeiden... alles Geſchrei, das die Aufmerkſamkeit der Nachbarn erregen könnte?“ „Ei, der Henker, man muß ſie anfänglich täuſchen; das iſt Deine Sache... Iſt Dein Kopf ſo gedanken⸗ los geworden, daß Du nichts mehr erſinnen kannſt, um ein Kind zu täuſchen? Du wirſt ſie glauben ma⸗ chen, daß ſie ihren Bräutigam wieder finden wird!“ „Warten Sie, gnädiger Herr... ich habe in der 108 That ein Mittel ausfindig gemacht... aber Blanca darf Sie nicht bemerken: ſie würde Verdacht ſchöpfen und meine Liſt vereitelt werden.“ G „Ich wiederhole Dir, daß ſie allein abreiſen wird; ein Poſtillon und zwei gut bewaffnete Männer wer⸗ den mir für ihre Sicherheit bürgen.“ „Es iſt genug.“ „Es iſt Mitternacht... ich gehe, um alle nöthi⸗ gen Anſtalten zu treffen. Mein Kammerdiener wird vorauseilen, um im Schloſſe meine Befehle zu er⸗ theilen und unſer ſchönes Kind daſelbſt zu empfangen. Um zwei Uhr Morgens werde ich mit dem Wagen vor Deiner Thüre ſein Du verſtehſt mich... um zwei Uhr!“ „Ja, Herr Marquis,“ ſagte der Barbier,„ich werde dieſe Stunde nicht vergeſſen.“ „Sorge Du dafür, daß Blanca in dieſem Augen⸗ blicke bereit iſt, in den Wagen zu ſteigen. Ich ver⸗ laſſe Dich... ſuche dein Verſprechen nicht zu umge⸗ hen, oder meine Rache wäre fürchterlich.“ „Gnädiger Herr, Sie können auf mich zählen.“ Der Marquis hüllt ſich in ſeinen Mantel und eilt aus der Wohnung des Barbiers. Touquet, allein geblieben, iſt lange Zeit nieder⸗ geſchlagen und tieffinnig, endlich erhebt er ſich raſch und ſagt:„Was liegt aber mir, Alles genau erwo⸗ gen, daran, ob Blanca dem Marquis oder Urbain gehört! Bin ich ſo ſchwach geworden, daß ich mich durch die Liebe zweier Kinder erweichen laſſe?. Da⸗ durch, daß ich dieſes junge Mädchen bei mir behielt, 109 glaubte ich allen Verdacht zu entfernen... Aber end⸗ lich werde ich von der Laſt befreit werden, die ſo ſchwer auf mir lag. Wohlan! laßt uns die Wechſel in Verwahrung bringen... der Marquis hat mir eine abermalige gleich ſtarke Summe verſprochen, und ich hätte ſie ausſchlagen können? Nein, mein Geſchick muß vollendet werden; dieſes Metall wird ſtets mein Compaß ſein. Ich war erſt ſechszehn Jahre alt, als es mich ſchon zu Handlungen verleitete, die mir den Fluch meines Vaters zuzogen! In dieſem Paris angekommen, das ich zu ſehen vor Begierde brannte, entrießen mir bald geſchicktere Leute als ich mein Eigenthum: ich war geprellt und wollte Andern vergelten, was ſie mir gethan hatten. Ich ließ meinem Genie freien Lauf. Bis jetzt hatte ich noch nichts ganz Schlimmes verübt, aber dieſer ver⸗ fluchte Durſt nach Gold... Nach zehn Jahren kann ich das Andenken an jene furchtbare Nacht noch nicht aus meinem Gedächtniſſe verbannen.. ſeit dieſer Zeit finde ich keine Ruhe mehr! Ich will in mein Land zurückkehren, und wenn mein Vater noch lebt, Ver⸗ zeihung von ihm zu erhalten ſuchen; vielleicht werde ich dann ruhiger werden... aber wenn er wüßte, wie ich mich bereichert habe!“ Der Barbier verſinkt von Neuem in ſein Nachdenken. Bald ſchlägt die Uhr von St. Euſtach ein Uhr. Touquet nähert ſich langſam dem Tiſche, nimmt die Bankſcheine, die auf demſelben liegen und bringt ſie in Verwahrung, dann begibt er ſich nach Blanca's Zimmer und klopft an der Thüre des jungen Mädchens an. 110 Die arme Kleine ſchlief nicht; die Ereigniſſe des Abends hatten ſie zu lebhaft aufgeregt, als daß ſie zur Ruhe kommen konnte. Sie glaubte, ſie ſehe den Fremden noch neben ihr ſitzen, wie er ihr die Hand hielt und ſie mit einem Ausdrucke anblickte, den ſie nicht erklären konnte. Ihr Buſen war beklommen, es ſchien ihr, ſie werde ihren Urbain nicht wieder ſehen; das Bild des Marquis ſtellte ſich unaufhörlich zwiſchen ſie und ihren Liebhaber, und die Traurig⸗ keit, welche der Letztere an den Tag gelegt, als er ſie verlaſſen hatte, vermehrte die ihrige noch. Dieſer unbeſtimmten Bangigkeit, die oft grauſamer iſt als ein wirklicher Kummer, preisgegeben, konnte Blanca den Schlaf nicht finden, und als ſie mitten in der Nacht an ihre Thüre klopfen hörte, befiel ſie ein neuer Schrecken. „Wer da?“ ruft ſie mit bebender Stimme aus. „Ich, Blanca,“ erwiedert der Barbier;„öffnen Sie, ich habe Ihnen wichtige Dirnge mitzutheilen.“ Das junge Mädchen, das Touquets Stimme erkannt hat, ſteht auf, wirft ſchnell einen Rock über ſich und öff⸗ net ihre Thüre. Der Barbier hält ſeine Lampe in der Hand und blickt ſie nicht an, die ſeine Blicke fragen möchte, während ſie zu ihm ſagt:„O mein Gott! was iſt denn vorgefallen, mein beſter Freund?“ Die Worte: ‚mein beſter Freund!“ mit Blanca's ſanfter Stimme geſprochen, thun Touquet ſtets wehe; er bemüht ſich jedoch, ſeine Gemüthsbewegung zu verbergen.„Beruhigen Sie ſich, Blanca,“ ſagte er zu ihr,„und hören Sie mich: Urbain hat dieſe Nacht einen Streit gehabt... ein Duell...“ — — ,— 111 „O Himmel, er iſt verwundet?⸗ „Nein, nein, er iſt es nicht; aber ſeine Sicherheit erforderte, daß er Paris auf der Stelle verließ, ſonſt würde man ihn feſtgeſetzt haben; er iſt daher nach ſeinem Landgütchen abgereist.“ „Er iſt abgereist, ohne mich zu ſehen?“ „Laſſen Sie mich doch ausreden: Sie hätten ſich hier vermählen ſollen; ſtatt deſſen wird nun die Ver⸗ mählung in ſeinem Landhauſe ſtatthaben; allein um Urbains Beſorgniſſe zu beſchwichtigen, habe ich ihm verſprechen müſſen, daß Sie ihm dieſe Nacht noch nachfolgen werden.“ „O! augenblicklich, mein Freund, wenn Sie es wollen... allein warum bin ich nicht mit ihm ab⸗ gereist?“ „Das konnte nicht ſein: Urbain hatte keinen Augenblick zu verlieren. Durch einen glücklichen Zufall ſchickte einer meiner Freunde ſeinen Kammerdiener in jene Gegend, um ſeine Braut abzuholen; in einer Stunde wird der Wagen vor meinem Hauſe ankommen: halten Sie ſich bereit... Bekümmern Sie ſich um nichts, Sie werden da unten Alles fin⸗ den, was Sie bedürfen... Sie haben mich ver⸗ ſtanden?“ 8— „O! ich werde in einem Augenblick bereit ſein, und Margarethe?“ 3 „Sie kann Ihnen noch nicht folgen. Ich bedarf ihrer zu verſchiedenen Anordnungen, die ich treffen muß... in einigen Tagen werde ich ſie euch ſchicken. Ich verlaſſe Sie, treffen Sie Ihre Reiſeanſtalten, 1¹² ich werde wieder kommen, wenn der Wagen da unten iſt.“ Der Barbier entfernt ſich, und Blanca, die nicht im Mindeſten argwöhnt, daß man ſie täuſchen wolle, ſagt, während ſie ihre Toilette macht, zu ſich:„Armer Urbain! ich war überzeugt, daß ihm Etwas begeg⸗ nen werde; er hatte auch eine Ahnung davon... Welches Glück, daß er entfliehen konnte; allein ich will ihm nachfolgen, und dann werde ich ihn nie wieder verlaſſen.“ Unterdeſſen kehrt Touquet in ſein Zimmer zurück, zu ſich ſagend:„Alles geht gut... die Kleine wird abreiſen, ohne die geringſte Schwierigkeit zu machen. Aber wenn Margarethe nicht ſchlief, wenn ſie einige Worte von meiner Unterhaltung mit dem Marquis gehört hätte und Blanca begleiten wollte... Es iſt von Wichtigkeit, daß dieſes alte Weib nichts er⸗ fährt... ich kann mich nicht überzeugen, ob ſie ſchläft, weil ſie gegenwärtig in dem Zimmer ſchläft, in wel⸗ chem Blanca's Vater geſchlafen hat. Wohlan! keine Schwachheit... ſteigen wir hinauf.“ Der Barbier nimmt ſein Licht und läuft auf ein Kabinet zu, das ſich im Hintergrunde ſeines Zimmers befindet. Hier angekommen, zögert er noch; ſich dann ermuthigend, berührt er einen unter den Tapeten verborgenen Knopf: eine kleine Thüre öffnet ſich und zeigt eine kleine Treppe⸗ die in ein höheres Stock⸗ werk führt. Touquet wendet die Augen weg und murmelt:„Seit jener unheilvollen Nacht bin ich nicht mehr hier geweſen!“— 113 Er ſteigt jedoch hinauf und es ſcheint, ſeine ver⸗ ſtörten Augen fürchten einem erſchreckenden Gegen⸗ ſtande zu begegnen, während ſeine bebende Hand die Lampe vorwärts hält und er ſich mit der andern an die Mauer ſtützt, um nicht zu wanken. Oben an der Treppe angekommen, ſieht er eine mit zwei Riegeln verſchloſſene Thüre vor ſich. Er ſchiebt die Riegel zurück, wobei er ſo wenig Geräuſch macht als möglich, und ſieht ſich jetzt in dem kleinen finſtern Kabinet, das ſich im Hintergrunde des Al⸗ kovs von Margarethens Zimmer befindet, und das die gute Alte und Blanca beſucht haben, ohne die Thüre der Treppe zu bemerken, weil ſie in dem Ge⸗ täfel kunſtreich verborgen iſt. Der Barbier ſtellt ſeine Lampe auf den Boden und hält dann ſein Ohr an die Thüre, die in den Alkov führt: er hört bald ein anhaltendes Schnar⸗ chen, das ihm verkündet, daß Margarethe in tiefem Schlafe liegt. Gleichwohl öffnet Touquet leiſe die Thüre des Alkovs, um ſich zu überzeugen, daß es auch Margarethe iſt, die ſchläft; dann kehrt er in das kleine Kabinet zurück, verläßt dieſes durch die geheime Thüre, ſchiebt die Riegel vor und ſteigt wie⸗ der hinab, indem er zu ſich ſagt:„Von ihrer Seite ſteht nichts zu befürchten.“ Plötzlich thut der Barbier einen Fehltritt: er bringt ſeine Lampe der Treppe nahe und bemerkt rothe Flecken auf den Stufen derſelben. Obſchon es ſchwer auszumitteln war, woher dieſe Flecken rührten, ſo Paul de Kock. LVII. 5 114 bebt doch Touquet erſchrocken zurück; die Haare ſträuben ſich ihm empor, ſeine Füße wagen es nicht mehr, die mit dieſen furchtbaren Makeln bezeichneten Stufen zu betreten. In ſeiner Verwirrung läßt er die Lampe ſeinen Händen entſinken: ſie rollt die Treppe hinab und erlöſcht. Der Barbier findet ſich jetzt allein in dem geheimen Gange, umgeben von der dickſten Finſterniß. Alle Zeichen des furchtbarſten Schreckens verra⸗ thend, kriecht er auf allen Vieren die Stufen der Treppe hinab, ſtößt den Kopf mehrmals an die Wand und ruft endlich mit erſtickter Stimme aus:„Gnade! Gnade!... verfolge mich nicht!... Kommſt Du, um mich von Reuem zu erſchrecken, weil ich Deine Toch⸗ ter ausliefern will? Nun, ich werde ſie dem Mar⸗ quis nicht geben... nein... aber laß nich... leo Deine blutigen Hände nicht an mich!“ Endlich kommt er unten an der Treppe an; er ſchlägt die durch die Tapeten verhüllte Thüre ge⸗ waltſam wieder zu, und ohne ſich in ſeinem Zimmer, in welchem ſich kein Licht befindet, aufzuhalten, ſteigt er in den Saal des Erdgeſchoßes hinab, das durch eine Lampe und das Feuer, das noch im Kamine 1 brennt, erleuchtet iſt. 4 Hier angekommen ſinkt er auf einen Seſſel nie⸗ der und wirft dann verſtörte Blicke um ſich her. Nach und nach ſcheint er ſich wieder zu ermannen; a lich fährt er mit der Hand über die Stirne und ſagt „Es war ein Traum!“ In dieſem Augenblicke vernimmt man das Ge⸗ 115 raſſel eines Wagens, der vor dem Hauſe hält, und der Barbier, der ganz wieder zur Beſinnung gekom⸗ men iſt, eilt fort, um die Hausthüre zu öffnen. „Hier bin ich,“ ſagte der Marquis, aus der Ber⸗ line ſteigend,„Du ſiehſt, daß ich noch vor der be⸗ ſtimmten Stunde komme. Mein Kammerdiener iſt bereits auf der Straße nach Grandvilliers, der Po⸗ ſtillon iſt im Sattel, die zwei bewaffneten Perſonen werden dem Wagen folgen, Alles iſt bereit, und Blanca?“ „Ich werde ſie abholen; ſie glaubt, ſie komme zu ihrem Bräutigam, der ſich dieſe Nacht duellirt hat, und hegt keinen Argwohn; durch dieſe Liſt übergibt ſie ſich von ſelbſt.“ „Sehr gut!“ „Allein verbergen Sie ſich, gnädiger Herr, damit ſie Sie nicht bemerkt, oder Alles wäre verloren!“ „Fürchte nichts, ich werde in der Ecke dieſer Thüre bleiben. Ich will ſie bloß in den Wagen ſteigen ſehen... morgen werde ich in Sarecus ſein und ihre Thränen trocknen.“ „Ich hole ſie ab.“ Der Barbier ſteigt hinauf; das junge Mädchen hatte den Wagen vor der Thüre halten gehört: ſie war bereit. „Hier bin ich, mein guter Freund,“ ſagte ſte, ihr Zimmer eiligſt perlaſſend, ich habe wohl gehört, daß der Wagen angekommen iſt.“ Touquet geht voran, Blanca folgt ihm. Ihr Herz ſchlägt ſtark, und obſchon ſie in der Meinung ſteht, 116 daß ſie zu ihrem Liebhaber kommen werde, ſo hat doch dieſe Abreiſe mitten in der Nacht etwas Geheim⸗ nißvolles und Sonderbares, das ſie faſt in Schrecken ſetzt. In dem Saale des Erdgeſchoßes angekommen, wirft das liebenswürdige Kind die Augen um ſich her und ſagt:„Wie! Margarethe iſt nicht gekommen, um mir Lebewohl zu ſagen und mich zu umarmen?“ „Nein, nein, wir hatten keine Zeit,“ ſagte Tou⸗ quet, ihre Hand faſſend und ſie in den Corridor führend. Sobald ſie an der Hausthüre angekommen ſind, beugt der Barbier den Kopf vorwärts, um ſich zu überzeugen, daß der Marauis nicht bemerkt wer⸗ den könne, öffnet dann den, Kutſchenſchlag und ſagt zu Blanca:„Kommen' Sie ſchnell... ſteigen Sie ein . wir haben keine Zeit zu verlieren.“ Blanca ſpringt auf die Straße hinaus und ſteigt in die Berline. Als ſie ſich hier mitten in der Nacht allein ſieht, kann ſie ſich einer gewiſſen Bangigkeit nicht erwehren, aber ſchon ſchließt Touquet den Kut⸗ ſchenſchlag wieder.„Leben Sie wohl, mein guter Freund,“ ſagte Blanca, ihm die Hand reichend,„ich werde Urbain wiederfinden, aber ich werde Sie nicht vergeſſen! Alles, was Sie für mich gethan haben, hat die Dankbarkeit in mein Herz gegraben... „Fortgefahren, fortgefahren, Poſtillon!“ ruft der Barbier tiefbewegt. In dieſem Augenblicke ſchlägt es zwei Uhr, der Poſtillon klatſcht mit der Peitſche, der Wagen führt Blanca fort.. „Sie gehört mein!“ ruft der Marquis aus, und der Barbier kehrt eilig in ſeine Wohnung zurück. 8 117 Siebentes Kapitel. Das Rendezvous.— Schläge des Schickſals.— Das Hotel von Bourgogne.— Die Sänfte. Als Chaudoreille bei Tagesanbruch das Luſthaus des Marquis in der Vorſtadt St. Antoine verließ, war er wegen der Folgen ſeines Zweikampfs mit Turlupin, den er für eine hohe Perſon hielt, noch nicht ganz beruhigt; doch verlieh ihm das Bewußt⸗ ſein, daß er jetzt der Geſchäftsmann des mächtigen Marquis von Villebelle ſei und im Nothfalle ſeinen Schutz in Anſpruch nehmen könne, den Muth, nach Paris zurückzukehren, wo er die Ereigniſſe der ver⸗ floſſenen Nacht überdachte. Der Marquis hat ihm hundert Piſtolen verſpro⸗ chen, wenn ihm Blanca gefällt; Chaudoreille iſt über⸗ zeugt, daß er die Summe erhalten wird. Allein wenn Touquet erführe, daß der Marquis durch ihn von Blanca's Exiſtenz in Kenntniß geſetzt worden iſt, ſo hätte er Alles von ſeinem Zorn zu fürchten, und der Schrecken, den er empfindet, thut ſeiner Freude be⸗ deutenden Abbruch. Doch hat er die Zuſammenkunft, zu der er auf den Abend dieſes Tags beſtellt worden iſt, nicht vergeſſen. Das Andenken an den Barbier, ſo gut er kann, verſcheuchend, und mit den Thalern, die er von Marcel gewonnen, raſſelnd, tritt er in eine Schenke, in der er einen Theil des Tags damit zubringt, daß er ſich durch mehrere Flaſchen Wein beherzt zu machen ſucht. Gegen Abend fühlt er ſich zu Unternehmungen fähiger; er begibt ſich daher in 118 ſein Logis, läßt ſeiner Krauſe ein paar Nadelſtiche geben, ſtreicht ſeinen Knebelbart und ſeinen königlichen Schnurrbart neu an, ſtäubt ſeine Halbſtiefel ab, bürſtet ſeinen Hut aus, und ſagt, ſich zu ſeinem Rendezvous auf den Weg machend:„Wie groß auch die Reize einer Prinzeſſin ſein mögen, ſo wollen wir doch nicht vergeſſen, daß ich dieſen Abend in die Vorſtadt St. Antoine zurückkehren muß, um daſelbſt hundert Pi⸗ ſtolen von dem Marquis in Empfang zu nehmen! Alle Teufel! um hundert Piſtolen verließe ich die Lieblingsſultanin und alle Kebsweiber des Groß⸗ türken!“ Es fängt an Nacht zu werden, und ſeit einer hal⸗ ben Stunde geht Chaudoreille an dem Orte ſpazie⸗ ren, wo ihn die Alte angeredet hat. Er trägt die Naſe hoch empor und blickt nach allen Fenſtern, ſucht ſich aber allererſt zu verſichern, ob er keine Waſſerträger ſieht. Endlich verläßt die Alte, die den Tag zuvor mit ihm geſprochen hat, ein Haus von ziemlich ſchönem Ausſehen, geht an ihm vorüber und ſagt ganz leiſe zu ihm:„Folgen Sie mir... aber geben Sie ſich nicht das Anſehen, als ob Sie mit mir gingen.“ „Genug!“ erwiedert Chaudoreille und folgt der Magd auf den Ferſen nach, um ſie nicht aus dem Geſichte zu verlieren. Sie treten in das Haus; die Dienerin ſteigt die Treppe hinauf, legt einen Finger auf ihren Mund, und gibt Chaudoreille ein Zeichen, ebenfalls hinauf⸗ zuſteigen. Der Ritter folgt ihr. Aber plötzlich packt 119 er die Alte beim Rocke und hält ſie mit den Worten an:„Iſt Ihre Gebieterin verheirathet?“ „Warum?“ erwiedert die Alte, ihn mit ſpöttiſcher Miene anblickend. 3 „Warum? alle Teufel! weil es Ehemänner gibt, die im Punkte der Galanterie ſehr unduldſam ſind. Der Henker, ein Dolchſtich iſt bald beigebracht! ich kann mich nicht ſo in den Rachen des Wolfs werfen.“ „Sind Sie nicht bewaffnet, mein Herr, und könn⸗ ten Sie ſich, wenn man Sie angriffe, nicht verthei⸗ digen?“ „Ja, gewiß könnte ich mich vertheidigen,“ ſagte Chaudoreille, wieder einige Stufen hinabſteigend, „allein ich ehre die Bande der Ehe... und die Sache genau erwogen, will ich lieber gehen...“ „Kommen Sie doch, mein Herr,“ ſagte die Alte, ihm nacheilend,„meine Gebieterin iſt nicht verhei⸗ rathet und Sie haben nichts zu fürchten.“ „Alle Teufel! erklären Sie ſich doch, mein Lieb⸗ chen, mein Leben iſt zu koſtbar, als daß ich es auf eine unbeſonnene Weiſe in Gefahr bringen dürfte! Wohlan, Liſette, ſteigen Sie hinauf... ich folge Ihnen... aber wenn Sie mich belogen haben, ſo zittern Sie!“ Im zweiten Stockwerk angekommen, öffnet die Alte eine Thüre und läßt den Ritter in einen ſchoͤ⸗ nen Speiſeſaal und von da in einen kleinen, ſchön möblirten Salon treten, wo ſie ihn mit den Worten bleiben heißt:„Warten Sie hier, ich werde Madame benachrichtigen...“ „Bleiben Sie nicht lange aus, denn ich bin kein Freund von langem Warten,“ ruft ihr Chaudoreille nach, unruhig um ſich her blickend. 5 Als er ſich allein ſieht, unterſucht er das Gemach ſorgfältig und ſagt zu ſich:„Das iſt ziemlich hübſch, ja ſogar ſchön. Es iſt eine ausgezeichnete Frau, wohlan, Chaudoreille! du haſt gut Glück, ſpiele nicht den Uneingeweihten, tritt mit Feſtigkeit auf. Alles ſtrömt auf einmal auf mich zu: Glück!... Geld!... Liebe... Ich war überzeugt, daß ich endlich durch⸗ dringen müſſe... Ach, der Henker! ich habe da ein Loch in meinem Wamms, allein ich werde es mit meinem Hute bedecken... ich trage großes Verlan⸗ gen, meine Prinzeſſin zu ſehen... ich fühle, daß ich ſie zum Voraus anbete!... Allein es iſt Nacht und man läßt mich ohne Licht... das iſt ſehr ſonderbar... das Herz ſchlägt mir... vor Liebe, ohne Zweifel!“ Hier erhebt Chaudoreille die Stimme und ſagt: „Sollte man ſich übrigens an mir zu vergreifen ſuchen, ſo iſt mein Roland da, und vier Mann wür⸗ den mir nicht bange machen.“ In dieſem Augenblicke öffnet ſich eine Thüre vor Chaudoreille, der auf einen Leuchterſtuhl fällt, meh⸗ rere Porzellaintaſſen umwirft, und„Wer da!“ ruft. „Ich, mein Herr,“ antwortete die Dienerin,„ich komme, um Sie zu meiner Gebieterin zu führen.“ „Ahl das iſt gut... aber Sie laſſen mich ohne Licht, ich habe Sie für eine Ratte gehalten und ich habe einen ungemeinen Abſcheu vor dem Rattenge⸗ ſchlecht! Ich würde mich lieber mit einem Löwen „— 121 ſchlagen, als bloß den Schwanz eines ſolchen Thier⸗ chens ſehen. Was wollen Sie? Alle großen Männer haben ihren Thierabſcheu gehabt... Aber führen Sie mich zu Ihrer Gebieterin, mein Liebchen.“ Die Dienerin läßt ihn ein anderes Zimmer durch⸗ ſchreiten, öffnet dann eine Thüre und führt ihn in ein elegantes Boudoir, das durch mehrere Wachs⸗ kerzen erleuchtet iſt und in deſſen Hintergrunde eine junge Frau auf dem Sopha ſitzt. Die Alte hat ſich entfernt; in große Verwirrung gerathen durch die geheime Zuſammenkunft, auf die er ſich übrigens hatte verſehen müſſen, hat Chaudo⸗ reille die Perſon, bei der er ſich befindet, noch nicht anzublicken gewagt, und zerquält ſich ſein Gehirn, um ein paſſendes Compliment aufzufinden; allein ſein Phöbus iſt ſtarrköpfig: es fällt ihm nichts bei. Endlich hört er die Worte:„Spricht Herr Chaudo⸗ reille mit ſeinen alten Bekannten nicht?“ Durch dieſe Stimme aus ſeiner Betäubung geriſ⸗ ſen, ſchlägt das Männlein die Augen auf und ſtößt einen Schrei der Verwunderung aus, als er Julia, die junge Italienerin, erkennt, die ihn lächelnd anblickt. „Iſt's möglich? Sehe ich Sie?“ ſagte Chaudo⸗ reille. „Und was iſt denn dieß ſo Außerordentliches, Herr Ritter? Haben Sie geglaubt, der Marquis werde mich immer in ſeinem Luſthauſe laſſen?“ „Nein... ohne Zweifel, ſchöne Dame... ich ſage nicht... aber ich war ſo weit entfernt, mich darauf zu verſehen...“ 1 Dieſes ſprechend wirft er ihr einen zärtlichen Blick zu und ſagt bei ſich:„Ich war ſtets der Mei⸗ nung, daß ſie mich liebe... Nun bin ich der Neben⸗ buhler des Marquis!... das iſt wüthend kitzelig!“ „Setzen Sie ſich, Herr Chaudoreille,“ ſagte Julia, die ſich einige Augenblicke lang an der Verlegenheit und Liebesäugelei des Männleins zu ergoͤtzen ſcheint. Dieſer wird immer kühner und will ſich neben Julia auf den Sopha niederſetzen, allein die junge Frau deutet auf einen ihr gegenüberſtehenden Seſſel und gibt dem Ritter ein Zeichen, ſich darauf zu ſetzen. „Sie fürchtet mich,“ ſagte Chaudoreille bei ſich und ſetzte ſich nieder;„ſie fühlt, daß ſie mir nicht widerſtehen könnte und will ihre Niederlage ver⸗ zögern. Verfahren wir nicht zu raſch: meine Augen werden genug für mich thun.“ „Errathen Sie, warum ich Sie habe kommen laſſen?“ ſagte die junge Italienerin, ihn boshaft an⸗ blickend. „Aber, ſchöne Dame... ich ſchmeichle mir, ich vermuthe... es gibt Dinge, die man errathet, ſobald man auf die Welt kommt!“ „Und ich, ich glaube, daß Sie ſich täuſchen könn⸗ ten,“ ſagte Julia, einen ernſthaften Ton annehmend; „ich werde mich unverzüglich erklären.“ „Ach, mein Gott!“ ſagte Chaudoreille zu ſich, erſchrocken über Julia's veränderten Ton;„ſollte ſie ſich wohl meinetwegen tödten wollen?“ „Ich bin die Maitreſſe des Marquis, Sie wiſſen es wohl.“ K —— K ——— 123 „Ohne Zweifel, weil ich ſelbſt der Liebesbote...“ „Still! Unterbrechen Sie mich nicht. Wenn ich meine Schwäche nicht zu verbergen ſuche, ſo kommt dieß daher, daß ich, weit entfernt, dem Eigennutze, der Ehrſucht nachgegeben zu haben, mich bloß durch die Liebe habe beſtegen laſſen, und in den Augen einer Frau entſchuldigt die Liebe viele Fehler. Ja, ich liebte den Marquis ſchon lange, ich hatte ihn 1 oft auf den öffentlichen Spaziergängen bemerkt... und ungeachtet alles deſſen, was man mir über ihn ſagte, konnte ich dem Gefühle, das er mir einflößte, nicht widerſtehen. Mein Herz flog dem ſeinigen ent⸗ gegen... erſtaunen Sie daher nicht, daß ich mich in Ihre Vorſchläge ſo leicht gefügt habe; ich ſchmeichle mir, der Marquis werde das brennende Feuer, das mich verzehrt, theilen! Ich glaubte Kraft genug zu beſitzen, um ihm meine Liebe nicht eher zu zeigen, als bis ich mich von der ſeinigen verſichert hatte... Ach! ich vertraute zu ſehr auf mich; es gelang ihm ſo leicht, mich zu überzeugen, daß er mich liebe! Der Undankbare!... Jene Liebe, die er mir ſchwor, hat bereits der Kälte, ja der Gleichgültigkeit Platz gemacht!... und ich... ich... ich fühle, daß ich ihn mehr liebe als je!“ Julia iſt lebhaft geworden, ihr Blick funkelt, ihre ganze Perſon drückt die gewaltige Leidenſchaft aus, der ſie preisgegeben iſt. Chaudoreille aber, ſehr er⸗ ſtaunt über das Gehörte und faſt erſchrocken über Julia's Zuſtand, rückt ſeinen Stuhl um ſo weiter weg, je hitziger Julia wird.. 124 „Ja,“ ſagte die junge Frau, die Chaudoreille's Gegenwart nicht mehr zu bemerken ſcheint und ſich ihren Gefühlen ganz hingibt,„ja, ich liebe Dich noch immer, allzu verführeriſcher Villebelle! Dieſes bren⸗ nende Herz athmet nur für Dich!... Aber ich kann Deine Gleichgültigkeit nicht ertragen... Wenn Du eine Andere liebteſt, dann würde meine Wuth keine Grenzen mehr kennen... und in Deinem Blute, in dem Blute meiner Nebenbuhlertn würde ich meinen Schimpf rächen!“ „Ach, mein Gott! ſie will, ich ſoll den Marquis erdolchen,“ ſagte Chaudoreille zu ſich und ſucht ſei⸗ nen Stuhl noch weiter zurückzuſchieben, allein da er bereits bis an die Wand gekommen iſt, ſo kann er nicht weiter zurück, und es bleibt ihm nichts übrig, als verſtohlene Blicke nach der Thüre zu werfen und dabei zu murmeln:„Das hübſche Rendezvous! Das iſt ein Teufel von Frau. Ich liebe meine Zuchtſtute weit mehr...““ Julia hat zu rede fgehört; nach und nach be⸗ ruhigt ſie ſich, nimmt ihre gewöhnliche Haltung wie⸗ der an, und die Augen auf Chaudoreille werfend, kann ſie ſich des Lachens nicht enthalten, als ſie ihn an die Wand gelehnt erblickt.„Kommen Sie doch herbei, kommen Sie doch herbei,“ ſagte ſie zu ihm; hören Sie, was ich von Ihnen will.„Sie ſtehen⸗ wie Sie mir geſagt haben, in genauer Verbindung mit dem Barbier Touquet?“ „Ja... Mada... Mademoiſ... Signora.“ „Der Barbier iſt der Mann, deſſen ſich der Mar⸗ „ 6 125⁵ quis bei ſeinen Liebesintriguen gewöhnlich bedient; ich glaube daher, Sie werden durch ihn leicht erfah⸗ ren können, ob Villebelle eine neue Eroberung im Auge hat. Verſtehen Sie mich?“ „Ja... ja... ich verſtehe Sie vollkommen...“ „Wollen Sie mir Dienſte leiſten? mir alles das mittheilen, was Sie von Touquet in Beziehung auf den Marquis erfahren können? und wenn man ſich Ihrer von Neuem bei Liebesintriguen bedient, mich auf der Stelle von den entworfenen Planen in Kennt⸗ niß ſetzen?“ „Ja, gewiß... ich bin zu allem dem von Herzen bereit!... Ah, Saperlot!“ fügt Chaudoreille bei ſich hinzu,„wenn ſie wüßte, was ich geſtern ihrem Lieb⸗ haber geſagt habe... ich würde nicht lebendig von hier wegkommen...“ „Warum zittern Sie denn?“ „Ahl es iſt nichts... das kommt von den Nerven her; ich habe oft ſolche Anfälle!“ „Hier, nehmen Sie dieſen Beutel; wenn Sie mir mit Eifer und Treue dienen, ſo werden Sie ſehen, daß Julia dankbar iſt.“ Der Anblick eines gut geſpickten Geldbeutels ver⸗ leiht dem Ritter wieder einigen Muth; ſich bis auf den Boden verneigend nimmt er das Geld und ruft aus:„Von dieſem Augenblick an gehöre ich ganz Ihnen: verfügen Sie über meinen Arm, meinen Degen, mei...“ „Es handelt ſich weder von Ihrem Arme noch von Ihrem Degen, bloß Ihre Augen und Ohren müſſen thätig ſein. Seien Sie auf der Lauer, machen Sie den Barbier geſprächig, ſuchen Sie die geringſten Handlungen des Marquis zu erfahren und kommen Sie, um mir Bericht davon abzuſtatten. Man wird kein Mißtrauen in Sie ſetzen und dieß iſt uns noth⸗ wendig. Gehen Sie und ſeien Sie darauf bedacht, mich von dem unbedeutendſten Umſtande zu unter⸗ richten, wenn er meine Liebe betreffen kann.“ „Man wird Ihnen gehorchen,“ erwiedert Chau⸗ doreille, ſich tief verbeugend. Julia klingelt, die Alte kommt und führt auf ein Zeichen ihrer Gebieterin den Ritter bis an die Hausthüre, ohne ihm ein Wort zu ſagen. Als ſich Chaudoreille auf der Straße ſieht, athmet er freier.„Alle Teufel!“ ſagte er zu ſich,„jetzt ſtecke ich über Hals und Kopf in Intriguen: ich bin Julia's Agent, der Geſchäftsmann des Marquis, der Vertraute des Barbiers, und was das Schönſte iſt, ich erhalte von allen Dreien Geld. Das geht nicht übel! Der Henker, der Beutel iſt gut geſpickt! Morgen laſſe ich mich ganz neu kleiden. Ich habe ein Paar fleiſch⸗ farbene Beinkleider im Auge; dieß wird mir ſtehen wie einem Engel! Aber vergeſſen wir den wichtigſten Artikel nicht: die hundert Piſtolen, die der Marquis mir geben muß, wenn ihm Blanca gefällt, und eilen wir in das Luſthaus. O Fortuna, du behandelſt mich wie ein verdorbenes Kind! Allein man muß geſtehen, daß du dich an einen ſehr gewandten Schalk wendeſt.“ Uunter ſolchen Betrachtungen hat ſich Chaudoreille in die Vorſtadt St. Antoine begeben; gegen acht Uhr 127 Abends kommt er im Luſthauſe des Marquis an. Er klingelt faſt ſo ſtark als der Marquis, und Marcel öffnet ihm mit den Worten:„Du machſt ſo viel Lärmen als der gnädige Herr!“ „Dieß kommt augenſcheinlich daher, daß ich das Recht dazu habe,“ erwiedert der Gascogner, mit frecher Miene eintretend; hierauf durcheilt er den Garten mit großen Schritten, begibt ſich auf der Stelle in den Speiſeſaal und ſagt, ſich auf einen Seſſel werfend: „Iſt mein Freund, der Marquis, ſeit geſtern hier geweſen?“ „Dein Freund, der Marquis?“ erwiedert Marcel, die Augen weit öffnend. „Ei ja, Lumpenkerl! oder der Marquis, mein Freund, wenn Du lieber willſt... Und er hat nichts für mich geſchickt?“ „Nichts.“ „Wir werden ihn alſo erwarten. Trage mir ge⸗ ſchwind ein Nachteſſen auf: das Beſte, was Du haſt, die edelſten Weine, Liqueure. Wohlan, geh' doch, ſtatt dahin zu ſtehen und mich wie eine Bildſäule anzu⸗ ſtarren.“ „Aber der Teufel, was haſt Du denn dieſen Abend?“ „Marcel, keine Betrachtungen, ich bitte Dich, und wenn Dir Dein Aemtchen lieb iſt, ſo erweiſe Dich meines Schutzes würdig.“ 3 Marcel begnügt ſich zu lächeln und trägt dann das Nachteſſen auf. Chaudoreille begibt ſich zu Tiſch; Marcel thut ein Gleiches.„Dein Betragen iſt ein wenig vertraulich,“ ſagte der Ritter zu ihm;„allein 128 da wir allein ſind, ſo will ich Dir erlauben, Dich neben mich an den Tiſch zu ſetzen...“ „Das iſt ein großes Glück für mich.“ „Mit der Bedingung, daß ich mich ſtets zuerſt be⸗ dienen werde.“ „Während des Nachteſſens raſſelt Chaudoreille mit ſeinem Geldbeutel, zählt ſeine Thaler, berechnet, was ihm geblieben iſt und was er noch zu erhalten hofft. Marcel blickt ihn erſtaunt an und ſagt:„Haſt Du denn geerbt?“ „Ja, ich erbe ſehr oft auf dieſe Art. Ach, alle Teufel! wenn der Marquis mir Wort hält.. welch' eine herrliche Lebensart werde ich führen!“ Das Nachteſſen dauert lange; Chaudoreille iſt ſo ſehr mit ſeinen Angelegenheiten beſchäftigt, daß er nicht an's Spielen denkt. Allein ſchon iſt es Mitter⸗ nacht und man hat noch keine Botſchaft vom Marquis erhalten. Die Hoffnungen des Ritters fangen an zu ſchwinden; er ſeufzt, horcht und ruft aus:„Man kommt nicht! Sollte er ſie nicht reizend gefunden haben? Es würde ſchwer ſein; der Henker! wenn ich ſtatt hundert Piſtolen hundert Stockſtreiche empfinge!“ In dem Maße, in welchem der Ritter ſeine Hoff⸗ nungen ſinken ſieht, mildert ſich ſein unverſchämter Ton; er ſtoßt mit Marcel an und ſagt:„Auf Deine Geſundheit, mein theurer und wahrhafter Freund, denn Du biſt mein Freund, Du! Sag' mir nichts von den großen Herren, man kann nicht auf ſie zählen! Dieſer gute Marcel, wie gut er ſich auf's Kochen verſteht! Wie gerne zeche ich mit Dir!“ 129 „Du nimmſſt es alſo jetzt nicht übel, daß ich mich an Deinen Tiſch ſetze?“ „Wie, ſollte ich das Unglück gehabt haben, Dir das zu ſagen?“ „Sicherlich.“ „Ich! ich habe eine ſolche Dummheit ſagen können?“ „Ja, ohne Zweifel.“ „Ich war alſo betrunken! Ich hatte alſo den Kopf verloren!“ „Ich weiß nicht, was Du verloren hatteſt, aber Du haſt es geſagt.“ „Hör', Marcel, wenn ich Dir ſolche Dinge ſage,* ſo erlaube ich Dir, mir zu fluchen.“ „Es iſt gut, ſprechen wir nicht weiter davon.“ In dieſem Augenblicke ertönte die Klingel der Gartenthüre. Chaudoreille ſtößt einen Schrei aus, will aufſtehen und ſinkt auf ſeinen Stuhl zurück. „Sollte es wohl der gnädige Herr ſein,“ ſagte Marcel, nahm ein Licht, eilte fort, um zu öffnen und ließ ſeinen Gaſt zwiſchen Furcht und Hoffnung ſchwebend zurück. Marcel kommt bald zurück; er iſt allein, aber er hat eine kleine Rolle in der Hand, die er mit den Worten:„Dieß ſchickt Dir der gnädige Herr!“ auf den Tiſch vor Chaudoreille hinlegt. Zugleich über⸗ reicht er ihm ein Papier, auf das einige Zeilen mit Bleiſtift geſchrieben ſind. Chaudoreille iſt außer ſich; er blickt bald die Rolle, bald das Papier und bald ſeinen Freund Marcel an. Paul de Kock. LVII. 9 130 „Lies doch,“ ſagte der Letztere zu ihm. Enlich er⸗ greift er das Papier mit bebender Hand und liest: „Ich habe ſie ſo eben geſehen; Du haſt meine Hoff⸗ nungen übertroffen, ich verdopple die verſprochene Belohnung.“ „Ach, mein Gott, Marcel, er verdoppelt die hun⸗ dert Piſtolen!“ „Dann macht dieß zweihundert, das heißt: in dieſer Rolle ſind zweitauſend Livres in Gold enthalten.“ „Zweitauſend Livres?“ „Ja wohl! Was haſt Du denn aber?“ „Marcel, gib mir ein wenig Eſſig, ich bitte Dich, ich befinde mich ein wenig übel.“ 5 „Es ſcheint mir, ein Geſchenk wie dieſes ſollte bloß Gutes zur Folge haben; hier trink' ein Glas Brannt⸗ wein, dieß wird Dich wieder herſtellen.“ Durch den Liqueur wieder ein Wenig hergeſtellt, öffnet Chaudoreille die Rolle, und der Anblick der Goldſtücke, die ſie enthält, beraubt ihn einige Augen⸗ blicke lang der Sprache. Dann ſtammelt er mit tief⸗ bewegter, faſt erloſchener Stimme:„Marcel, Marcel⸗ alles das gehört mein...“ „Ich weiß es wohl!“ „Und dann noch dieſer Beutel... und dann dieſe ſechs Thaler, die ich noch beſaß...“ „Ja, von der geſtrigen Partie.“ „Jetzt bin ich reich; aul das macht einen furcht⸗ baren Eindruck, mein armer Junge, plötzlich von der Armuth zum Ueberfluſſe zu gelangen; o wehl ich glaube, ich will erſticken!“ 4 — 131 „Trink' noch einmal! Bei Gott, wenn das Glück eine ſolche Wirkung erzeugt, ſo will ich lieber keinen Heller in der Taſche haben und frei athmen!“ „Ach, Marcel, Du biſt ein einfältiges Vieh... armer Junge!“ „Ich weiß in dieſem Augenblicke nicht, wer der Einfältigſte von uns Beiden iſt.“ „Zweitauſend Livres! Wer ſollte glauben, daß man ſein Vermögen ſo in der hohlen Hand halten könnte...“ „O, wahrlich, man könnte noch weit mehr in ſie faſſen!“ „Marcel, iſt Dir in der Umgegend kein zum Ver⸗ fe ausgeſtelltes Landgut bekannt?“ „Nein, warum das?“ „Ich muß doch meine Fonds placiren! Was der Henker ſoll ich mit allem dem machen? Wohlan, ſchon morgen richte ich mein Haus ein. Zuerſt verlaſſe ich mein Logis in der Straße Briſe⸗Miche und beziehe ein anderes in der Nähe des Palais⸗Cardinal... ich will einen Reitknecht halten... Marcel, willſt Du mein Reitknecht werden? Nein, Du biſt zu fett. Ach, wenn es doch noch nicht ſo ſpät wäre, ich würde einen Spaziergang in die Akademie machen, allein ich kann mich des Nachts mit ſo viel Gold in der Taſche nicht in dieſes Stadtviertel wagen. Welche Figur werde ich in den Spielhäuſern machen! Und beim Pharo! Ich ſetze zuerſt ein Louisd'or auf die Karte... ich gewinne; ich mache Paroli... ich gewinne abermals; ich fahre immer fort.. ich gewinne zehn Mal nach 132 einander und trage einen Haufen Gold fort! Wie werde ich es anfangen, um alles das zu verpraſſen? Ach, welch' ein herrlicher Gedanke: ich werde des Tags zwei Mal zu Mittag und zu Nacht ſpeiſen, dadurch werde ich mich für mein oftmaliges Faſten entſchädigen.“ Marcel, den das Glück nicht begünſtigt hat, ſchläft ein, während Chaudoreille Plane entwirft und ſeine Goldſtücke zählt, und der Tag bricht an, ohne daß der Letztere die Augen hat ſchließen können, denn beim geringſten Geräuſche ſchrickt er zuſammen und fährt mit der Hand an ſeinen Schatz, den er in ſeinen Gürtel geſteckt hat. Chaudoreille weckt Marcel au und befiehlt ihm, eine Sänfte zu holen; allein Mar kann das Haus nicht verlaſſen und behauptet, er dür bloß den Befehlen des Marquis gehorchen. Chau reille ſpielt abermals den Unverſchämten: reit und droht; da er aber ſieht, daß ſich Marcel durch nichts rühren läßt, ſo faßt er den Entſchluß, zu Fuß nach Paris zurückzukehren. Das Männlein glaubte, es ſei um ſechs Zoll größer, ſeit es über ſo viel Gold zu verfügen hat. Es blickt die Vorübergehenden kaum an, ſeine Naſe ſcheint den Himmel zu bedrohen und es erſtaunt dar⸗ über, daß die Schildwache am Schlagbaume das Gewehr nicht vor ihm präſentirt. Nachdem es ein reichliches Frühſtück eingenommen hat, geht es einige Stunden lang im Palais ſpazieren, das Richelieu kurz zuvor hatte erbauen laſſen und in dem man Alles verſchwendet hatte, was der Luxus und der Geſchmack 133 „ der Zeit hatte erſinnen können, um das Auge zu blenden. Chaudoreille tritt in mehrere Boutiken; er findet nichts, das ſchön, friſch, glänzend genug für ihn iſt. Er befiehlt ein Wamms von roſenrothem Sammt mit 2 Schnürbändern von weißem Atlas, ähnliche Hoſen, einen kirſchfarbenen ſilbergeſtickten Mantel und einen Gürtel mit Krepinen und goldenen Eicheln. Alle dieſe Gegenſtände koſten ihn einen Theil ſeines Ver⸗ mögens; aber da er gewiß weiß, daß er die Pharo⸗ beank ſprengen wird, ſo ſpart er nicht und muß in zwei Tagen gekleidet ſein wie die eleganteſten Hof⸗ 4 delleute. Hierauf begibt er ſich in eine der beſten Schenken der Stadt, läßt ſich ein nahrhaftes Mittageſſen und ausgeſuchte Weine auftragen, und da er die Be⸗ merkung gemacht hat, daß es nicht ſo leicht iſt, als man glaubt, zwei Mal zu Mittag zu ſpeiſen, was für die reichen Leute, die nicht wiſſen, wie ſie ihre Zeit zubringen ſollen, eine große Wohlthat wäre, ſucht er ſeine Mahlzeit zwei Mal ſo lange dauern zu laſſen . als gewöhnlich.. b Um fünf Uhr Abends verläßt er endlich den Tiſch 3 mit erleuchtetem Geſichte, glänzenden Augen und ein wenig wankenden Füßen. Er entfernt ſich aus der Schenkez doch iſt es noch zu bald, um in's Spielhaus zu gehen, in das ſich die großen Spieler erſt gegen neun Uhr begeben, und um ſich die Zeit bis dahin zu ver⸗ treiben, faßt er den Entſchluß, das Schauſpiel zu be⸗ ſuchen, was er ſchon ſeit langer Zeit nicht mehr ge⸗ 1³⁴ than hat. Er ſchlägt daher den Weg nach dem Hotel von Bourgogne ein, das er dem Theater der Italiener vorzieht, weil Turlupin, Gros⸗Guillaume und Gau⸗ tier⸗Garguille, berühmt durch die Poſſen, die ſie auf ihrem kleinen Theater aufgeführt hatten, kurz zuvor von Richelieu die Erlaubniß erhalten hatten, im Hotel von Bourgogne, wohin eine zahlreiche Volks⸗ menge ſtrömte, zu ſpielen. Das Theater des Hotels von Bourgogne lag in der Straße Mauconſeil: der Eingang war eng und die Zugänge ſehr unbequem; der Saal beſtand aus einem Parterre und einigen Reihen Logen. Wenn der Hof ſich dahin begab, ließ man Seſſel dahin bringen. Man gab daſelbſt⸗ zufolge dem den Schauſpielern im Januar 1613 zugeſtandenen Privilegium, lauter geift liche Schauſpiele, ehrbare und ergötzliche Stücke(tous mystéres, jeux honnètes et récréatifs); bald wurden Komödien von einer höhern Gattung als die gewöhn⸗ lichen Poſſenreißereien daſelbſt geſpielt; man gab auch Stücke, in denen man die Gottheiten der Mythologie figuriren ſah, da die damaligen Dichter oft das Heilige mit dem Profanen vermiſchten; allein die Turlupina⸗ den waren es hauptſächlich, was das Publikum her⸗ beilockte und am meiſten anzog. Chaudoreille iſt in das Schauſpielhaus getreten und ſchlüpft in das Parterre, wo man ſtehen mu und durch das Hin⸗ und Herwogen der Menge oft von einer Ecke in die andere getrieben wird. Der Ritter, der ſich hinter einem Manne von ziemlich hoher Statur befindet, kann die Schaubühne nicht be⸗ — 135 merken; vergebens zappelt er ſich ab und ſtellt ſich auf die Zehen: ſtets ſieht er nur den untern Theil der Perücke ſeiner Nachbarn; er will ſchreien, allein man gebietet ihm Stillſchweigen, denn Gautier⸗Gar⸗ guille tritt vor und ſpricht den Prolog, der dem Stücke vorangeht. Während deſſen iſt Chaudoreille wie auf die Folter geſpannt; von allen Seiten gedrückt und gedrängt, wird er von ſeinen Nachbarn mit dem Ellenbogen in's Geſicht geſtoßen, und bei alle dem für ſeine Taſchen beſorgt, bittet das Männlein, man möchte ihn hinaus laſſen, allein man hört ihn nicht oder gebietet ihm Schweigen. In ſeiner Verzweiflung und weil er ſich durchaus ein wenig Luſt machen will, faßt er den Entſchluß, ſich an die Perücken zweier Nachbarn zu hängen, um ſich empor zu heben, allein die Perücken geben nach und die zwei ehrwürdigen Pariſer Bürger ſtehen mit nacktem Haupte vor der Verſammlung. Die beiden Zuſchauer, die ſich ihrer Perücken be⸗ raubt ſehen, rufen Dieb, Dieb! Wache, Wache! und Chaudoreille vereinigt, um Hülfe rufend, ſeine Stimme mit der ihrigen. Das Schauſpiel wird unterbrochen; endlich iſt man ſo glücklich, den gascogniſchen Ritter— wieder zu finden, der ſich zwiſchen den Füßen der Zu⸗ ſchauer abzappelt und ſich mit den zwei Perücken, die er nicht losgelaſſen hat, auf dem Boden umherwälzt. Die zwei kahlen Häupter nennen ihn Spitzbubez er gibt die Perücken zurück und erklärt ſein Betragen, ſo gut er kann; man ſtößt ihn zum Parterre hinaus: dieß iſt Alles, was er verlangte. Er begibt ſich in 136 die Logen, findet daſelbſt einen Platz auf dem Vor⸗ dergrunde und wirft von da von Zeit zu Zeit zornige Blicke auf das Publikum. Das Stück hat indeſſen begonnen, Turlupin und Gros⸗Guillaume ſind auf der Schaubühne und Chau⸗ voreille ſagt, ſich die Augen reibend, bei ſich:„Sap⸗ perlot! wenn ich ihn nicht getödtet hätte, ſo würde ich glauben, es ſei der Prinz von Cochinchina!“ Bald erſcheint Gautier⸗Garguille wieder: er ahmt den Gascogner wunderbar gut nach; ſeine Tracht iſt genau die des Ritters, deſſen Manieren und Grimaſſen er ſo gut kopirt, daß dieſer ausruft:„Das iſt noch ärger! Bin ich denn doppelt vorhanden?“ Sobald der Hanswurſt ſein Muſterbild in einer Loge erblickt hat, grüßt er ihn und ſchneidet ihm Ge⸗ ſichter. Die Augen der Zuſchauer ſind auf Chaudoreille gerichtet; man erkennt in dem Männlein, das man aus dem Parterre gejagt hat, das Individuum, das Gautier⸗Garguille kopirt und das Gelächter verdoppelt ſich. Der Ritter bemerkt, daß man ihn verſpottet; er wird wüthend, zieht ſeinen Degen und bedroht das Parterre, weil man Niemand herausfordert, wenn man eine ganze Maſſe von Menſchen herausfordert. Die Zuſchauer lachen ſtärker und Chaudoreille ſchwört, ſeine Loge verlaſſend, er werde nie wieder in's Hotel von Bourgogne kommen. Auf der Straße, wohin einige Perſonen ihm nach⸗ gefolgt ſind, angekommen, läßt er ſeinem Zorne von Neuem freien Lauf und ruft, er werde den Hanswurſt, der es gewagt habe, ihn nachzuäffen, beſtrafen laſſen; 137 man verſpotte einen Mann, wie er ſei, nicht unge⸗ ſtraft und er werde, wenn es nöthig ſei, hundert Pi⸗ ſtolen aufwenden, um ſich zu rächen. Während er dieſes ſagt, zieht er ſeinen Beutel hervor, klingelt mit ſeinem Golde, nimmt mehrere Stücke davon, vertheilt ſie in alle ſeine Taſchen und ruft endlich:„Man ſchaffe mir eine Sänfte her!“ Alsbald gehen zwei Menſchen ab, um ſeinen Auf⸗ trag auszurichten. Unterdeſſen geht Chaudoreille vor dem Theater auf und nieder, ſich, ſeiner Meinung 4 nach, auf die edelſte Art ſchaukelnd und jede Minute auf ſeinen Gürtel ſchlagend, um ſein Gold klingen „ zu laſſen. ſn Die beiden Menſchen kommen bald zurück; ſie haben eine Sänfte geholt und werden ſelbſt die Ehre haben, Chaudoreille zu tragen. Dieß rufen ſie ihm bei ihrer Ankunft mit den Worten zu:„Hier ſind wir, mein Herr; mein Gebieter, ſteigen Sie auf, Sie werden mit uns zufrieden ſein!“ Chaudoreille, den man noch nie Gebieter genannt hat, iſt vor Freude außer ſich; er iſt im Begriff, den 5 Sänftenträgern eine tiefe Verbeugung zu machen, 9 allein er hält ſich zurück, ſchwingt ſich in die Sänfte 8 und wirft ſich behaglich auf das Kiſſen, das ſich im Hintergrunde derſelben befindet. „Wo gehen wir hin, mein Gebieter?“ ſagt man u ihm. „In die Straße Bertrand⸗quidort; Sie werden eine Laterne an der Thüre des Hauſes finden, vor vgelchem ich Halt mache.“ 138 „Genug, mein Herr.“ Man verſchließt die Thüre der Sänfte, und Chau⸗ voreille fühlt ſich in den Straßen von Paris fortge⸗ tragen und angenehm geſchaukelt. Dieß war das erſte Mal, daß er in einer Sänſte getragen wurde; das Vergnügen, das er darüber empfindet, verlöſcht das Andenken an die unangenehmen Vorfälle im Theater aus ſeinem Gedächtniſſe: er denkt an ſeine glänzende Lage, an das Vergnügen, hoch zu ſpielen, und entwirft von Neuem Plane. Er beſindet ſich jedoch ſchon eine gute Weile in der Sänfte, deren Träger ſtets vorwärts ſchreiten. Chaudoreille will wiſſen, ob er ſeine Wohnung bald erreicht hat. Auf jeder Seite des Sitzes, den er eingenommen hat, befindet ſich eine kleine Scheibe. Aber es iſt ſchon ſpät und ſehr finſter auf den Straßen; Chaudoreille kann daher nichts unterſcheiden.„Sind wir bald angekommen?“ ruft er, ſich in den Vordergrund der Sänfte ſtellend, aus; man antwortet ihm nicht und fährt fort, ihn zu tragen. Er fängt an, die Bewegung ſeiner Sänſte nicht mehr ſo ſanft zu finden und verſucht daher die Vorderthüre, die einzige Oeffnung, durch die man aus einer Sänfte kommen kann, aufzuſchließen; allein dieſe Thüre kann nur von Außen geöffnet werden. Ein kalter Schweiß läuft dem Männlein über die Stirne. Er hegt tauſendfältigen Argwohn, erinnert ſich an verſchiedene, in Sänften vorgefallene Abenteuer und bereut es bitter, daß er ſich in eine ſolche geſetzt hat, als er endlich fühlt, daß man Halt macht. Er ſchöpft Athem und ſchickt ſich an, auszuſteigen; nach⸗ 139 dem aber die Sänfte auf den Boden niedergelaſſen worden iſt, wird ſie auf eine ſolche Art umgeſtürzt, daß ſich die Thüre über Chaudoreille's Kopf befindet. „Wie ſoll ich ſo herauskommen?“ ruft er aus, und ſucht hinaufzuklettern. „Ehe Sie herauskommen dürfen, müſſen Sie ſich einer kleinen Ceremonie unterwerfen,“ antworten die Träger in ſpöttiſchem Tone. „Einer Ceremonie? Sprechen Sie, meine Kinder.“ „Sie beſteht darin, daß Sie uns alles Gold und Silber geben, das Sie bei ſich habenz dieß wird Sie befreien.“ „Was ſoll das heißen? Spitzbuben, Schurken!“ „Hurtig, Ihr Geld hervor und ohne Lärmen, oder es ergeht Ihnen ſchlecht.“ Zwei Dolchklingen begleiten dieſen Befehl. Als er ſie glänzen ſieht, ſinkt Chaudoreille, unfähig, ſich aufrecht zu erhalten, in den Hintergrund der Sänfte zurück. Die zwei Träger ſind genöthigt, ihn ſelbſt aus derſelben zu bringen. Er wirft die Augen um ſich; allein er befindet ſich in einer von Sümpfen um⸗ gebenen Oede, wohin ſich Niemand ſo ſpät wagt. Die Diebe durchſuchen ſeine Taſchen, rauben ihm Alles, was er beſitzt und machen ſich dann mit ihrer Sänfte aus dem Staube, den Ritter an einen großen Stein gelehnt und halbtodt vor Schrecken zurücklaſſend. 140 Achtes Kapitel. Armer Urbain! 3 Am Morgen der Nacht, in welcher Blanca das Haus des Barbiers verlaſſen hat, kommt Margarethe zu ihrer gewöhnlichen Stunde von ihrem Zimmer herab; die gute Frau hat nichts gehört, ſie hat feſt geſchlafen, denn ſeit langer Zeit macht ihr der Liebe Luſt und Pein keine ſchlafloſen Nächte mehr. Sie begibt ſich ihrer Gewohnheit gemäß zu Blanca, die ſie jeden Morgen umarmie, findet die Thüre des Zimmers halb geöffnet, allein Blanca befindet ſich nicht darin, und die Unordnung, die daſelbſt herrſcht, ein zerwühltes Bett, Kleidungsſtücke, die auf den Möbeln des Gemachs zerſtreut umher liegen, Alles ſcheint irgend ein außerordentliches Ereigniß anzu⸗ kündigen.— Niemals ging Blanca ohne Margarethen aus; dieſe ruft ihr und da ſie keine Antwort erhält, begibt ſie ſich zu ihrem Herrn, um ſie da zu ſuchen. Allein der Barbier iſt allein in dem Saale des Erdgeſchoßes; Margarethe ſtößt einen Schrei des Entſetzens aus und ſagt:„Ach, mein Gott! Wo iſt denn dieſes liebe Kind?“ 3 „Was hat ſie, Margarethe?“ ſagt Touquet, der auf dieſe Scene vorbereitet iſt. „Blanca, mein Herr, Blanca iſt nicht mehr in ihrem Zimmer! Vergebens ſuche ich ſie ſchon lange; man hat uns dieſes theure Kind geraubt!“ „Geraubt!“ ruft der Barbier, Verwunderung 8 141 heuchelnd. Alsbald begibt er ſich in Blanca's Ge⸗ mach, gefolgt von der alten Dienerin, die ſo ſchnell lauft, als ihre Beine es ihr geſtatten. Nach langem vergeblichen Suchen wirft ſich Touquet auf einen Seſſel und ruft:„Der Elende hat ſeine Drohungen ausgeführt!“ „Wer denn, mein Herr?“— „Der Herr, den ſie geſtern Abend geſehen hat.“ „In der That, mein Herr, Sie haben rechtz es kann Niemand ſein als er.“ „Er war in Blanca verliebt, er wagte es, mich um ihre Hand zu bitten, ich verweigerte ſie ihm und auf dieſe Art hat er ſich gerächt.“ „Aber, mein Herr, Sie kennen ohne Zweifel die Wohnung dieſes Menſchen. Er ſah wie ein großer Herr aus; Sie werden unſer liebes Kind wiederfinden können.“ „Ich habe ſehr wenig Hoffnung. Dieſer Elende hatte eine glänzende Kleidung angelegt, in der Hoff⸗ nung, Blanca zu verführen. Allein er iſt ein In⸗ trigant ohne Namen, ohne Heimath und ohne Rang.“ „Ein Intrigant!“ ſagte Margarethe, ihren Herrn erſtaunt anblickend;„aber, mein Herr, es ſchien mir, es ſei jener Freund, den Sie eines Abends ſo ſpät noch erwarteten?“ Der Barbier geräth durch Margarethens Be⸗ merkung in eine augenblickliche Beſtürzung, allein bald erholt er ſich wieder und ſagt:„Sie hat ſich getäuſcht, er war es nicht! Ich verbiete ihr, mit irgend Jemand von dieſem Ereigniſſe zu ſprechen.“ 142 „Und Urbain, mein Herr, der arme Urbain! wenn er dieſen Abend kommen wird...“ „Urbain wird mir bei der Aufſuchung ſeiner Braut hülfreiche Hand leiſten.“ Der Barbier entfernt ſich. Margarethe läßt jetzt ihren Thränen freien Lauf: die gute Frau liebte Blanca mit der Zärtlichkeit einer Mutter; ſie kann ſich nicht an den Gedanken dewöhnen, daß ſie ihrer Gegenwart beraubt ſei. Sie erwartet Urbains Ankunft mit Un⸗ — geduld, denn es däuf ihr, er werde beſſer als jeder Andere ſein liebes Kind ieder aufzufinden wiſſen. Touquet iſt einen Theil Tages abweſend. Nach ſeiner Rückkehr befragt ihn rgarethe über das Re⸗ ſultat ſeiner Nachforſchungen, llein er antwortet ihr kalt:„Es iſt keine Hoffnung meh vorhanden!“ Dieſe Worte erſtarrten das Herz der armen Alten, die nicht könne. Die Stunde iſt gekommen, wo Urbain ſich für die Abweſenheit eines ganzen Tages entſchädigen will. „Nur noch ein Tag,“ ſagte er, ſich dem Hauſe des Barbiers nähernd,„und ſie wird die meinige ſein.“ Er eilt mit vor Liebe klopfendem Herzen vorwärts; als er aber nach Blanca's Fenſter blickt, ſieht er kein Licht, und dieſer geringfügige Umſtand ſetzt ihn ſchon in Erſtaunen und beunruhigt ihn, oder vielmehr eine in der Liebe ſind die Vorempfindungen keine Chimären. Urbain klopft, Margarethe erſcheint; allein der begriff, wie man ſich über Blanca's, Verluſt tröſten 1 geheime Vorempfindung lehrt ihn ſein Unglück, denn Kummer, der auf ihren Geſichtszügen geſchrieben ſteht⸗ — 143 ihre mit Thränen gefüllten Augen, Alles kündigt irgend ein Unglück an. „Wo iſt Blanca?“ ruft Urbain, Margarethen mit Entſetzen betrachtend. Die Alte vermag bloß einen tiefen Seufzer auszuſtoßen. Schon iſt Urhai ihr: er eilt in das Zimmer ſeiner Gellebten, allein dieſes Zimmer iſt leer; Blanca verſchöyert es nicht mehr. Margarethe iſt dem jungen nſchen von ferne nachgefolgt.„Um's Himmels en!“ ruft Urbain, auf ſie zueilend,„wo iſt ſie? V ergen Sie mir nichts.“ „Mein urmer Junge, affen Sie Ihren ganzen Muth zuſammen: dieſe acht hat man uns dieſes theure Kind geraubt.“ Urbain bleibt wi eingewurzelt ſtehen und Mar⸗ garethe erzählt ihm Alles, was ſie weiß. Er hört ihr zu, ohne ſie un rbrechen und ſcheint noch an ſeinem Unglücke zu zweifeln; bald aber überläßt er ſich, auf geinen Stuhl ſinkend, den Blanca gewöhnlich einzu⸗ nehmen pflegte, der wildeſten Verzweiflung. Seine Thränen flleßen jedoch und überſchwemmen ſein Ge⸗ ſicht. Im neunzehnten Jahre weint man noch über die Leiden und Mühſeligkeiten des Lebens; man beſitzt in dieſem Alter jene Seelenſtärke noch nicht, die man ſich in der Schule des Unglücks erwirbt. Margarethe ſucht Urbain zu tröſten und ſagt zu ihm:„Sie werden es wieder finden, dieſes liebe Kind, denn Sie ſind nicht im Stande, ſie zu vergeſſen, ſich über ihren Verluſt kalt zu tröſten!“ „Ich ſie vergeſſen?“ ſagte Urbain, der guten Alten die Hände drückend;„ach, Margarethe! hängt mein ——n 1 1 44 Leben nicht an Blanca's Leben? Ich werde keine Ruhe haben, bis ſie mir wieder gegeben iſt!“ „Gut, gut, mein theurer Urbain. Daß ich Sie ſo reden höre, belebt meine Hoffnung wieder; übrigens hatte unſere arme Kleine einen Talismann bei ſich, und dieß beruhigt mich ein wenig.“ „Erzählen Sie mir doch alle Umſtände... Ein Herr iſt gekommen, ſagen Sie?“ „Ja, und er gab vor, mein Herr habe ihn ge⸗ ſchickt und er habe mit Blanca zu reden. „Der Elende! Und was hat er ihr geſagt?“ „Complimente... er ſprach wie ein großer Herr und er hatte auch die Tracht und das Ausſehen eines ſolchen, obſchon Herr Touquet behauptete, er ſei ein Elender ohne Rang und Heimath!“ „Er kennt ihn alſo?“ „Ohne Zweifel; ich geſtehe Ihnen, daß ich mich vor ihm fürchtete, obſchon er nicht bösartig ausſah; aber ein ſtolzer Blick... ein gebieteriſcher Ton Es betrübte mich ſo ſehr, daß ich ihm geöffnet hatte.“ „Und Blanca?“ 44 „Die arme Kleine zitterte... alles das währte nicht lange. Wir hörten Herrn Touquet zurückkehren⸗ alsbald nahm der Fremde ſeinen Mantel, grüßte Blanca und begab ſich zu meinem Herrn. Ich war ihm nachgefolgt,⸗ allein man ſchickte mich zurück und weiter weiß ich nichts von der Sache.“ Urbain verläßt Margarethen; er ſtürzt aus dem Zimmer: in einem Augenblicke befindet er ſich vor dem Barbier, deſſen kalte und finſtere Miene gegen .145 Urbains Aufregung nicht wenig abſticht.„Wohlan, mein Herr, was haben Sie erfahren, was haben Sie zur Wiederauffindung meiner Braut gethan?“ ruft er aus;„ſprechen Sie, was wiſſen Sie?“ Der Barbier, durch die Lebhaftigkeit der Fragen Urbains ein wenig in Verwirrung gebracht, antwortet zögernd:„Ich habe tauſend Schritte gethan, aber ich habe nichts entdeckt.“ „Und jener Elende, der geſtern bei Ihnen war, wer iſt er?“ 8 „Ich kenne ihn kaum. Er kam zuweilen in mei⸗ nen Laden; was ich aber nicht begreife, ich kann es Ihnen ſchwören, iſt das, daß er um die Schönheit Blanca's, die er nie geſehen hatte, wußte, und daß er auf den Gedanken kam, ſich in ihr Zimmer ein⸗ zuſchleichen.“ Der Barbier ſpricht dieſe Worte mit einem ſolchen 1egf von Aufrichtigkeit, daß Urbain Reue dar⸗ über fühlt, daß er einen Verdacht auf ihn gehabt hatte.„Verzeihen Sie, mein Herr,“ ſagt er zu ihm, „ich wagte zu glauben.. allein Sie wollen ſicherlich unſer Unglück nicht.. Sie hatten mir Blanca ge⸗ geben... Sie hatten ihr Vaterſtelle vertreten... ach! Sie werden Ihre Bemühungen mit den meinigen ver⸗ einen, um ihren Entführer aufzufinden.“ „Ja,“ antwortet Touquet mit gedämpfter Stimme, via, ich werde Sie unterſtützen, ich verſpreche es Ihnen.“ „Und wie iſt der Name dieſes Menſchen? Er muß Ihnen bekannt ſein!“ Paul de Kock. LVII. 146 „Es kam mir nie in den Sinn, ihn deßwegen zu fragen. Geſtern, als ich ihm auf der Stelle erklärte, ſeine Liebe für Blanca ſei eine Narrheit, entfernte er ſich unter Drohungen, auf die ich wenig achtete.“ „Durch keine Nachforſchungen können wir ihm alſo auf die Spur kommen! Aber wie hat er bis zu Blanca gelangen können?“ „Dazu hatte er bloß einige falſche Schlüſſel nöthig, und Sie wiſſen, in dieſer Stadt iſt man in ſeinem eigenen Hauſe nicht mehr ſicher!“ Urbain kann einige Minuten lang kein Wort her⸗ vorbringen; der Barbier vermeidet ſtets ſeine Blicke. Endlich ruft der junge Menſch aus:„Adieu, mein Herr, ich gehe, um die aufzuſuchen, die Sie mir zur Braut gegeben haben. „Möchte Ihnen Ihr Unternehmen gelingen!“ ant⸗ wortet der Barbier mit finſterer Stimme, während Urbain ſich raſch entfernt, ganz mit Blanca beſchäftigt, aber nicht wiſſend, wohin er ſeine Schritte lenken ſoll. Urbain nimmt ſeinen Weg zuerſt nach mehreren Thoren von Paris; oft fragt er, ob man in der vorigen Nacht die junge Frau, deren Bild er ent⸗ wirft, nicht vorübergehen geſehen habe. Er iſt über⸗ zeugt, Jedermann müſſe Blanca bemerken und ihre reizenden Geſichtszüge werden überall Aufmerkſamkeit erregen. Allein er erfährt nichts, kaum antwortet man ihm: ſeine Kleidung iſt zu einfach, als daß man ſich gefällig gegen ihn erwieſe; denn in der guten alten Zeit mußte man ſo gut als heutigen Tages Gold aus⸗ 147 ſtreuen, wenn man in irgend einer Angelegenheit raſch zum Ziele gelangen wollte.„Wenn Blanca allen dieſen Leuten da bekannt wäre,“ ſagte Urbain zu ſich, „ſo würden ſie keine ſo große Gleichgültigkeit an den Tag legen!“ Da Urbain Paris nicht zu verlaſſen wagt, ohne hinſichtlich des Wegs, den er einſchlagen ſoll, einige Erkundigungen eingezogen zu haben, ſo fährt er fort, in der Stadt umher zu ſchlendern, deren Bewohner längſt ſchon in den Armen des Schlafes liegen. Nur noch die Diebe, die Liebenden und die Wachtſoldaten zeigten ſich in den düſtern Straßen von Paris. Urbain durchläuft oft mehrere derſelben, ohne einem Menſchen zu begegnen; allein er ſchreitet ſtets vorwärts und ſagt bei ſich:„Warum ſollte ich nach Hauſe gehen? Ich kann keine Ruhe mehr genießen! Was ſollte ich in meiner Wohnung thun?“ Allein Liebe und Verzweiflung machen nicht un⸗ ermüdlich; Urbain ſchlendert ſchon ſeit acht Uhr um⸗ her und es iſt bereits morgens drei Uhr: ſeine Beine fangen an zu wanken und er fühlt, daß es ihm bald unmöglich ſein wird, weiter zu gehen. Er wirft jetzt ſeine Blicke um ſich: der Mond, der ſich von Zeit zu Zeit zeigt, erlaubt ihm, einen öden Kreuzweg zu unter⸗ ſcheiden, an den einige Gäßchen, die in die Sümpfe führen, ſtoßen. Urbain nimmt ſeine Richtung nach einem großen Rain, den er in einer Entfernung von einigen Schritten bemerkt; da will er ſich niederſetzen und den Tag erwarten. Als er ſich aber dem Raine 148 nähert, ſtoßen ſeine Füße an Etwas, das er nicht bemerkt hatte und alsbald ruft eine Stimme:„Alle Teufel! tödten Sie mich nicht, ich habe keinen Heller mehr!“— 56 mſſinn 10 1 HzxaaaxmmmmmErrmmmrrrnmm 1 12 13 14 15 16 17 18