Paul de Kock's deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Sechsundfünfzigſter Theil. So⸗ Stuttgart: Scheible, Nieger à Sattler. 1845. —— Erſtes Kapitel. Die Unterhaltung am Kamine. In der That, man ſang, ſich auf der Guitarre begleitend, für Blanca. Die Liebenden ſind unvor⸗ ſichtig: Urbain liebte zum erſten Male, denn man muß den Namen Liebe nicht jenen augenblicklichen Launen beilegen, die verfliegen, ſobald ſie befriedigt ſind, und in jener Zeit erlaubten ſich die jungen Leute bereits, einige Grillen zu haben; allein wenn ſte wahr⸗ haft liebten, ſo dauerte dieß, ſagt man, länger als Heutigen Tags, hauptſächlich bei den Spießbürgern; die Großen haben ſtets Vorrechte. Eine erſte Liebe veranlaßt uns, viele Unvorſich⸗ tigkeiten zu begehen, bei der zweiten hat man ein we⸗ nig mehr Erfahrung, bei der dritten weiß man ſein Spiel zu verbergen; man bedarf in Allem der Uebung. Wenn die Frauen nicht bei ihrer erſten Liebe ſtehen bleiben, ſo geſchieht dieß einzig und allein, um ſich dieſe Uebung zu erwerben, und es erginge uns ſchlimm, wenn wir ihnen ein Verbrechen daraus machen wollten. Allein Urbain war es gleichgültig, ob ſeine Liebe an den Tag kam; er hatte unaufhörlich die ent⸗ zückende Geſtalt, die er hinter den Scheiben erblickt hatte, vor Augen, und er brannte vor Begierde, ſie von Angeſicht zu Angeſicht zu betrachten. Was er in dem Bäckerladen gehört, hatte ſeine Hoffnungen be⸗ ſtärkt und ſeine Liebe vielleicht erhöht, denn es lag etwas Romantiſches in der Geſchichte der jungen Waiſe. Die außerordentlichen Dinge entflammen die Einbil⸗ dungskraft, und die eines Verliebten fängt ſehr leicht Feuer. Allein ehe man die Hinderniſſe, die dem Beſitze des geliebten Gegenſtandes entgegenſtehen, aus dem Wege zu räumen ſucht, muß man ſich die Zuneigung dieſes Gegenſtandes erwerben, weil ſonſt alle Plane, die man entwirft, zu nichts führen. Man trotzt der Eiferſucht eines Nebenbuhlers, dem Späherauge eines Vormünders, dem Zorne der Rache und den Dolchen von tauſend Arguswächtern, allein man trotzt nicht der Gleichgültigkeit der Perſon, die man liebt: vor dieſem Hinderniſſe verſchwinden alle Glücksträume; ein von wahrer Liebe ergriffenes Herz will ein Herz finden, das dem ſeinigen antwortet; jene thieriſche Liebe, die ſich mit dem Beſitze des Körpers begnügt⸗ ohne ſich um den Beſitz der Seele zu bekümmern, konnte nur bei den ehemaligen kleinen Tyrannen ſtatt⸗ finden, welche die Reiſenden plünderten und eine Frau mit dem Degen in der Fauſt eroberten, ſie dann hin⸗ ter ſich auf ihr Pferd ſetzten, wie ein Mauthbeamter ſich einer verbotenen Waare bemächtigt, und davon eilten, um ſich mit ihrer Beute in ihrem Schloſſe zu ver⸗ gnügen, ohne es ſich viel kümmern zu laſſen, daß ihre rohen Liebkoſungen durch Thränen beantwortet wurden. — 7 Heutigen Tages iſt die Liebe feiner: man wünſcht vor Allem, zu gefallen, und mit ſeinen Guineen will ein fetter Lord ebenſowohl das Herz als die Hand einer ſchönen Tänzerin rühren, und dieß gelingt ihm, weil die Tänzerinnen im Allgemeinen das Herz in der Hand haben. Während Urbain ſich mit der ganz einfachen Be⸗ trachtung, daß er ſich vor Allem die Zuneigung der Waiſe erwerben müſſe, beſchäftigte, warf er die Augen auf einen kleinen Spiegel oberhalb ſeines Ka⸗ mins. Der Spiegel wiederſtahlte Urbain ſehr ſchöne Augen, denen die Liebe einen zärtlichen und ſchmach⸗ tenden Ausdruck verlieh, gut gewölbte Augenbrauen, einen angenehmen Mund, eine edle Stirne, kurz ein Ganzes, das ein junges Mädchen nicht in die Flucht treiben konnte, und ziemlich zufrieden mit dem Spie⸗ gel, lächelte der Liebende ſich ein wenig an, indem er ſagte:„Warum ſollte ſie mich nicht lieben?“ Nichts macht kokettiſcher als die Liebe. Unſer Liebhaber brachte den Tag damit zu, daß zer Pläne entwarf, an den Spiegel ging und Seufzer ausſtieß. Die Nacht kam; er fühlte jetzt, daß er den ganzen Tag über noch nichts gegeſſen habe; nur die ohne Hoffnung Liebenden haben keinen Appetit(wie ſie wenigſtens ſagen). Da Urbain noch keine Urſache hatte, an der Gegenliebe der Waiſe zu verzweifeln, ſo begab er ſich in eine beſcheidene Schenke. Dieſer Name bezeichnete damals keinen Ort, an welchem man ſchlechte Geſellſchaft traf. Peter Corneille, Bois⸗Ro⸗ bert, Rotrau, Colletet, Scarron und ſelbſt viele große Herren beſuchten die Häuſer der Schenkwirthe, welche die Reſtaurateurs der frühern Zeit waren. Während er ſein beſcheidenes Mahl einnahm, ſagte Urbain zu ſich:„Wie ſoll ich ſie ſehen? wie ſoll ich mich ihr zu erkennen geben? Blanca! der hübſche Name! wie er ſo gut für ſie paßt! Allein dieſer Barbier ſcheint nicht ſehr umgänglich; ſein Haus iſt eine wahre Feſtung; dieſes reizende Mädchen muß jedoch wiſſen, daß ich ſie liebe, daß ich ſie anbete. Dieſen Morgen hörte ſie den Sängern zu; die letzte Romanze, welche ſie geſungen haben, ſchien ihr großes Vergnügen zu machen. Ich kenne ſie, dieſe Romanze; wohlan! ich will ſie dieſen Abend unter ihrem Fen⸗ ſter ſingen; vielleicht wird ſie ſich zeigen, vielleicht wird ſie ihr Fenſter öffnen, um friſche Luft einzu⸗ athmen.“ Die Luft war ein wenig ſcharf, denn man be⸗ fand ſich in einer ſtrengen Jahrszeit; allein ein Lie⸗ bender glaubt ſich ſtets im Frühlinge. Entzückt von ſeinem Gedanken läuft Urbain nach Hauſe, um ſeine Guitarre zu holen, und harrt mit Ungeduld auf den Augenblick, in welchem die Straßen leer ſind, um einem Mädchen, das er nicht kennt, ein Abendſtänd⸗ chen zu bringen. Dieſe ſpaniſche Sitte war damals in Frankreich ſehr gebräuchlich; es gibt ſogar noch viele kleine Städte⸗ in denen ſie ſich erhalten hat und in denen die Lie⸗ benden zwiſchen zehn und eilf Uhr Abends, ſich mit der Guitarre begleitend, ihre Liebesgefühle im Ge⸗ ſange ausſtrömen. Allein in den großen Hauptſtädten 9 ſingen nur noch die Blinden und die Orgelſpieler Liebesgeſänge auf den Straßen. Als die den Liebenden günſtige Stunde herbeige⸗ kommen war, hatte ſich Urbain in die Straße des Bourdannais verfügt: er hatte das Haus des Bar⸗ biers leicht erkannt, da er es des Morgens ziemlich lange betrachtet hatte. Ein kleines Licht, das durch die Scheiben von Blanca's Fenſter ſchimmerte, ſchien zu verkünden, daß das junge Mädchen noch nicht ſchlafe, dann hatte Urbain, ohne zu bedenken, daß die andern Bewohner des Hauſes ihn hören werden, geſungen, und ſeiner Stimme den zärtlichſten Aus⸗ druck gegeben. Wir haben geſehen, welche Folge dieſe Unbeſon⸗ nenheit hatte; bei dem Geräuſche der ſich öffnenden Riegel entfernte ſich der junge Menſch ſchnell, und, am Eingange der Straße des Mauvaises-Paroles verſteckt, hörte er die Drohungen und Schwüre des Barbiers. „Er iſt davon gelaufen!“ ſagte der Barbier, in den Saal zurückkehrend und ſeinen Dolch erzürnt auf den Tiſch werfend. Dieſe Worte ſcheinen den Zau⸗ ber gelöst zu haben, der Rolands Klinge in der Scheide zurückhielt, und Chaudoreille zieht ſeinen Degen mit Blitzesſchnelle, fährt mit ihm in der Luft umher und rennt haſtig in den Laden, indem er aus⸗ ruft:„Ah! jetzt, meine Herren Sänger, jetzt ſollt ihr eure Wunder erfahren.“ „Ich habe Dir ſchon einmal geſagt, es ſei Nie⸗ mand mehr da!“ ruft Touquet aus, während Chau⸗ Paul de Kock. LVI. 2 10 doreille Miene macht, die Thüre zu entriegeln.„Ich ſprach eben nicht leiſe: der Schlingel wird mich ge⸗ hört haben, er hat ſich aus dem Staube gemacht.“ „Weißt Du es gewiß, daß Niemand mehr da iſt,“ ſagte Chaudoreille, immer noch ſeinen Degen ſchwin⸗ gend. 3 5 „Ja, ohne Zweifel.“ „Ich habe Luſt, mich davon zu überzeugen und die Straße zu durchſuchen.“ „Wenn Dir dieß Vergnügen macht, ſo ſteht es Dir frei.“ „Nein, es fällt mir bei, daß dieß eine Dummheit wäre. Sie werden vielleicht wieder kommenz es iſt beſſer, man läßt ſie ohne Mißtrauen herbeikommen, dann wollen wir über ſie herfallen, und ich werde keinen Pardon geben.“ Mit dieſen Worten ſteckt der Ritter ſeinen Ro⸗ land wieder in die Scheide und begibt ſich in den Saal zurück, wo er ſich am Kamine niederſetzt, und von Neuem einen Becher mit Wein füllt, den er auf einen Schluck austrinkt, um, wie er ſagt, ſeine Wuth zu beſänftigen. Der Barbier ging mit großen Schrit⸗ ten im Zimmer auf und nieder; er war in heftiger Bewegung, und da er Chaudoreille's Gegenwart nicht zu bemerken ſchien, murmelte er von Zeit zu Zeit in düſterem Tone:„Was ich fürchtete, geſchieht endlich! Dieſe ſchöne Blume iſt bemerkt worden... ſie werden * ſie Alle pflücken wollen... ſie werden wiſſen wollen, wer ſie iſt, woher ſie kommt! Dieß wird tauſend Ge⸗ ſpräche, tauſend Nachforſchungen zur Folge haben. 11 und wer weiß, wohin das ſie führen wird... Ich Dummkopf!.. ich hatte wohl nöthig, dieſes Kind in meinem Hauſe zu behalten... ich glaubte einen Mei⸗ ſterſtreich zu thun... ich glaubte, dieß werde jeden Verdacht entfernen. Mußte ich nicht vorausſehen, daß ſie eines Tags ſechszehn Jahre alt ſein wird, daß ſie reizend werden müſſe, und daß man, um ſie zu beſitzen, alle Kunſtgriffe, deren ich mich für Andere oft bedient habe, in Anwendung bringen werde?“ „Mein theurer Freund,“ ſagte Choudoreille, zum dritten Male ſeinen bis an den Rand gefüllten Becher an die Lippen bringend,„mein wackerer Touquet, wenn Du die Kleine nicht mehr bei Dir behalten willſt, ſo gib ſie mir und ich ſtehe Dir dafür, daß kein Süßling es wagen wird, ſie anzuſehen.“ „Ich Dir ſie geben?“ ſagte der Barbier, als ob er jetzt erſt bemerkt hätte, daß Chaudoreille gegen⸗ wärtig ſei.„Von wem ſprichſt Du? Antworte!“ „Ei, der Henker! Du, Du ſprichſt von der jun⸗ gen Blume, die Du gepflückt haſt; ich habe Dich ſehr wohl gehört.“ 1 „Du haſt mich gehört!“ ſchrie Touquet, Chaudo⸗ reille an dem Arme faſſend, mit dem er den vollen Becher hielt;„und was habe ich geſagt? Was haſt Du gehört? Sprich, Elender!... ſprich doch!“ „Nimm Dich in Acht? Du ſchüttelſt mir den Arm... ſieh' da, mein Wamms iſt bereits voller Weinflecken!... Alle Teufel, Du wirſt mir ein anderes geben müſſen!“ „Was haſt Du gehört?“ wiederholt der Barbier mit furchtbarer Stimme, ſeine geballte Fauſt gegen 4 Chaudoreille erhebend, während er ihm mit der andern den Arm ſo heftig ſchüttelt, daß ein großer Theil des Weins die Wangen und den Hals des Ritters benetzt. „Nichts, nichts! ich ſchwöre Dir!“ ſtammelt der Ritter, die Augen niederſchlagend, um den Blicken des Barbiers nicht zu begegnenz vich ſagte Dir bloß⸗ daß dieſer Wein Bläschen(ſleurs, Blumen) werfe, und daß, wenn Du mir einige Bouteillen davon zum Aufbewahren geben wollteſt, ich ſie allen Blicken ent⸗ ziehen wollte... ich glaube, daß ich dieß ſagen wollte, denn Du wirfſt durch Dein wüthendes Feſthalten an meinem Arme alle meine Gedanken durcheinander... ich weiß ſelbſt nicht mehr, was ich ſage.“ Touquet läßt Chaudoreille's Arm los, gleichſam beſchämt über ſeine wüthende Bewegung, und ſagt, ſich neben ihn ſetzend, in ruhigerem Tone:„Es gibt Dinge, die ich geheim zu halten wünſche, nicht, als ob ſie ſehr wichtig wären... Uebrigens glaube ich, daß Du Dich niemals erfrechen wirſt, Etwas über mich zu ſchwatzen... Du weißt zu gut, daß mein Dolch Dich augenblicklich des Organs berauben würde, von dem Du einen ſolchen Gebrauch machteſt!“ „Der Teufel! von was ſoll ich ſchwatzen?“ ſagte Chaudo reille, mit ſeinem kleinen ſeidenen Schnupf⸗ tuche ſein Geſicht und ſeine Kleider abwiſchend, als ob er befürchte, Touquet wolle ihm bereits die Zunge ausſchneiden.„Du haſt mir nie Etwas von Deinen Angelegenheiten geſagt... ich bin nicht der Mann, der die geringſte Lüge zu erfinden fähig wäre.“ 13 „Ich habe Dir geſagt, was Jedermann weiß: daß ich Blanca bei mir aufgenommen habe, weil ſie als Waiſe bei mir geblieben war, und daß ich im Ueb⸗ rigen hinſichtlich ihres Vaters und ihrer Familie nicht weiter erfahren habe. Sie iſt gegenwärtig groß und hübſch, es werden ſich nun Liebhaber einfinden, und dieß iſt mir unangenehm. Sie werden alle mög⸗ lichen Erkundigungen über dieſes junge Mädchen ein⸗ zuziehen ſuchen, ſicherlich aber über dieſen Punkt nicht weiter erfahren, als ich Dir bereits geſagt habe. Der Menſch, der ſo eben geſungen hat, iſt mir bekannt: er iſt dieſen Morgen in meinen Laden gekommen, und hat daſelbſt zwei Stunden zugebracht in der Hoffnung, Blanca werde daſelbſt erſcheinen... Ver⸗ ſtehſt Du mich, Chaudoreille?“ „Ich verſtehe Dich, wenn Du willſt,“ ſagte der Ritter, ſein Wamms unausgeſetzt reibend,„denn ich weiß nicht mehr, ob ich Dich verſtehen darf oder nicht .. ich werde mich hierin ganz nach Deinem Wunſche richten.“ „Ich wünſchte, Du wäreſt ein wenig minder ein⸗ fältig,“ ſagte der Barbier, einen verächtlichen Blick auf ſeinen Nachbar werfend. „Keine doppelſinnigen Worte,“ erwiedert Chau⸗ doreille,„Du weißt, daß ich ſie nicht liebe!. Dieſer verfluchte Wein wird Flecken zurücklaſſen, und für den Augenblick wüßte ich nicht, daß ich ein anderes Wamms hätte.“ „Es iſt ein Kind, ein Schüler, der noch keinen Bart am Kinne hat!“ ſagte der Barbier nach einem augenblicklichen Stillſchweigen, das nur durch das Reiben unterbrochen ward, das der Ritter noch im⸗ mer vermittelſt ſeines Schnupftuchs auf den mit Wein befleckten Stellen ſeiner Kleidung fortſetzt;„was er ſo eben gethan hat, beweist ſeine geringe Erfahrung in Liebesintriguen. Vor meiner Thüre ſingen! mich hören zu laſſen, daß er da iſt! Der arme Knabe hätte es noch ſehr nöthig, in die Schule geſchickt zu werden.“ „Es iſt gewiß, daß er auf der Guitarre keine vor⸗ zügliche Stärke beſitzt.“ „Ich glaube nicht, daß Blanca ihn kennt... nein .. allein dieſe Romanze, die er geſungen hat... der Schlußreim ſeines Liedes war derſelbe, den mir Blanca vorgeſagt hat: Ma mie est tout pour moi...“ „Das iſt nichts gegen: Tu régrettes ta fémelle! ... der Henker!.. welche Verſchiedenheit der Me⸗ lodie!“ „Nein, Blanca iſt die Aufrichtigkeit ſelbſt... ſie würde mir nichts von dieſer Romanze geſagt haben, wenn ſie dieſen jungen Menſchen kennte. Der Teu⸗ fel! warum lehrſt Du ſie auch bloß alte, abgedro⸗ ſchene Sachen aus den Zeiten Ludwig XII.? Wenn Du ihr etwas Hübſches zu ſingen wüßteſt, ſo würde die erſte beſte Romanze, von herumwandernden Trou⸗ badours geſungen, ſie nicht in Verwunderung ſetzen.“ „Wiel meinſt Du mich?“ ſagte Chaudoreille, den Kopf emporrichtend. „Ohne Zweifel, weil Du Dich Profeſſor der Muſik nennſt.“ „Mein theurer Touquet, merke wohl auf das, 15 was ich Dir jetzt ſage: ich werde Dich nie über Deine Art, den Bart zu ſcheeren, zu Rede ſtellen, miſche Dich daher auch nicht in meine Art, die Muſik zu lehren. Jedem das Seinige!... Du kennſt das Sprich⸗ wort. Ich lehre meine Zöglinge bloß Meiſterſtücke, und ich werde ihnen den Kopf nicht voll machen mit den kleinen Gargouilladen dieſer elenden Hanswurſte, die aus Neapel hergelaufen kommen, und ſtets die⸗ ſelben Läufe trillern.“ „Dann iſt es traurig, daß die jungen Mädchen dieſe Läufer Deinen Meiſterſtücken vorziehen. Du haſt Blanca dieſen Morgen Lection gegeben; ſie hat mir geſagt, Du habeſt ſie mit Deinem Hirtenliede gelangweilt.“ „Wenn ein Anderer als Du mir das ſagte,“ rief Chaudoreille aus, unwillig von ſeinem Sitze auf⸗ ſpringend,„ſo würde ich glauben, daß es aus Eifer⸗ ſucht geſchähe!... Allein es wird ſpät; der heutige Tag war ermüdend für mich, und ich werde mich jetzt zur Ruhe begeben. Wenn Du jedoch willſt, daß ich noch länger bleiben ſoll, aus Furcht, die Sänger möchten wieder kommen, ſo bin ich bereit, Dir meine Ruhe aufzuopfern.“ „Nein, nein, das wäre unnütz,“ ſagte der Bar⸗ bier lächelnd;„ſie werden nicht mehr zurückkommen; begib Dich zu Bette.“ „Du bedarfſt alſo meiner Dienſte auf morgen Abend nicht?“ „Nein! doch wenn Du auf der Brücke la Tour- nelle zur feſtgeſetzten Stunde ſpazieren gehen willſt, ſo kannſt Du uns den Dienſt eines Aufpaſſers verſehen.“ „Es iſt genug,“ ſagte Chaudoreille, ſich den Hut in'’s Geſicht drückend,„Du kannſt auf mich rechnen, gelt' es Leben oder Sterben; ich werde mich an dem beſtimmten Orte pünktlich einfinden... und Roland wird den Hanvdel verſtehen. Leb' wohl.“ Mit dieſen Worten eilt der Ritter in den Gang und die Hausflur, und öffnet die Thüre des Hauſes. Er ſtreckt den Kopf in die Straße hinaus, und nach⸗ dem er rechts und links umhergeblickt hat, rennt er haſtig fort wie ein Hirſch, der den Klang des Jagd⸗ horns hört. Zweites Kapitel. Das Kabinet.— Die Entführung. Alles hängt an einander, Alles verkettet ſich in dieſer Welt! Es gibt keinen Zufall, allein ſehr viele Prallſtöße, welche die glücklichen oder unglücklichen Ereigniſſe auf einander zurückwerfen, wegen deren wir das Schickſal ſegnen oder anklagen, ohne zur Quelle, die ſie hervorgebracht hat, zurückzuſteigen, was uns in der That manchmal zu weit führen würde. Urbain ſegnete den Zufall, als er noch Licht in Blanca's Zimmer bemerkte; allein wenn das junge Mädchen ſich noch nicht zur Ruhe begeben hatte, ſo kam dieß daher, daß Margarethe ſich nicht hatte ent⸗ ſchließen können, in ihrem neuen Gemach zu ſchlafen, bevor ſie wußte, wohin die kleine, in ihrem Alkov befindliche Thüre führte. Wenn ſie ihrem Herrn nicht eingeſtanden hätte, daß ſie ihn des Nachts wachen — — 17 ſehe, ſo würde ihr dieſer kein anderes Logis ange⸗ wieſen haben, und ſo hatte Margarethens Geſchwätz Blanea erlaubt, die ſüße und zarte Stimme Urbains zu hören, der die Romanze, die ſie dieſen Morgen entzückt hatte, ſang. „Ja, Mademoiſelle,“ ſagte die Alte einige Au⸗ genblicke, ehe der junge Verliebte ſang,„ich fühle, daß ich vor Schrecken ſterben werde, wenn ich in die⸗ ſem garſtigen Zimmer, das ehedem von einem Ma⸗ gier bewohnt wurde, allein ſchlafen muß... und ohne zu wiſſen, wohin jene kleine Thüre führt.. vielleicht in das Laboratorium dieſes Odoart!... Wer weiß, ob er ſich nicht noch daſelbſt befindet! Dieſe Zaube⸗ rer verſchließen ſich manchmal halbe Jahrhunderte lang in ihre Wohnungen und ſuchen Geheimniſſe auf, um das menſchliche Geſchlecht zu verhexen. Ich bin überzeugt, daß Herr Touquet, der ſich um Alles, was die Zaubereien betrifft, ſehr wenig bekümmert, dieſes Zimmer nicht ein einziges Mal beſucht hat. Erlauben Sie mir, mein Kind, die Nacht auf ihrem Zimmer zuzubringen; morgen, wenn es Tag iſt, wollen wir jene Thüre gemeinſchaftlich öffnen, weil jener Ritter Chaudoreille die Gefälligkeit nicht gehabt hat, es zu thun. Ich werde die Nacht in dieſem Seſſel zubrin⸗ gen, da werde ich mich weit beſſer befinden als in meinem Zimmer da oben, und Ihnen, ehe wir ein⸗ ſchlafen, einige anziehende Geſchichten erzählen.“ Blanca hatte Margarethen die verlangte Gunſt nicht verweigern wollen; die Alte war an ihrer drit⸗ ten Hexengeſchichte, und das junge Mädchen, dem die 18 Augen zuzufallen anfingen, war im Begriff, ſich in's Bett zu legen, als die Klänge der Guitarre ſich ver⸗ nehmen ließen. Blanca hörte, gab Margarethen ein Zeichen, ſie ſolle ſchweigen, und erkannte bald mit Entzücken die Melodie, welche ſie lernen wollte. Z3 der Nachtzeit hat die Muſik etwas Süßes, etwas Ver⸗ 3 führeriſches; ſie findet den Weg zur Seele ſchneller. Urbains Stimme war beugſam und melodiſch; Blanca blieb wonnetrunken, regungslos ſtehen, als ob ſie durch die geringſte Bewegung einen Ton zu verlie⸗ ren gefürchtet hätte, während Margarethe mit er⸗ ſtaunter Miene und gähnendem Munde das liebens⸗ würdige Kind betrachtete, ohne, wie es ſchien, von der Muſik in gleichem Grade ergötzt zu werden. Al⸗ lein Margarethe war über ſechszig Jahre alt; die Muſik konnte daher nicht mehr dieſelbe Wirkung auf ſie hervorbringen wie auf Blanca; die Töne trafen nur ihr Ohr, während ſie im Herzen des ſechszehn⸗ jährigen Mädchens einen ſüßen Nachhall fanden. Bald machte das Geräuſch, das ſich auf der Straße hören ließ, Blanca's Glück ein Ende; ſie erkannte die Stimme des Barbiers, und die Drohungen, welche er aus⸗ ſtieß, erfüllten ſie und Margarethen mit Schrecken. Die Letztere rief alsbald aus:„Gehen Sie zu Bette,„ gehen Sie alsbald zu Bette, mein Kind, und laſſen Sie uns das Licht auslöſchen. Wenn Herr Touquet bemerkte, daß Sie noch wachen... wenn er mich hier fände... Ach, gute heilige Jungfrau! ich wäre verloren!“ „Allein, warum erzürnt er ſich ſo über den Sän⸗-⸗ ger?“ ſagte Blanca;„iſt es wohl verboten, des Abends 19 auf den Straßen zu ſingen? Es machte mir ſo großes Vergnügen, dieſe Romanze zu hören! Was that die⸗ ſer junge Menſch Böſes?... denn ein junger Menſche ſang, nicht wahr, meine Gute? Es iſt nicht die Stimme eines Greiſen. Ach, wie ſchön ſang er! nie noch habe ich eine ſo ſchöne Stimme gehört... es machte einen ſonderbaren Eindruck auf mich... mein Herz ſchlug, allein vor Freude... und Du, Margarethe?“ Margarethe, deren Herz bloß vor Furcht ſchlug, begnügte ſich damit, zu wiederholen:„Gehen Sie ſchnell zu Bette, laſſen Sie uns das Licht ausblaſen, und ſagen Sie vor Allem morgen nicht, daß Sie den Sänger gehört haben; dieß würde beweiſen, daß Sie nicht ſchliefen, und Herr Touquet will, daß man ſchläft, ſobald man zu Bette iſt.“ Blanca mußte wohl den dringenden Aufforderun⸗ gen der alten Dienerin nachgeben: ſie ging zu Bette, allein ſie konnte nicht ſchlafen; die Stimme des jun⸗ gen Sängers hallte noch in ihren Ohren, und bei dem geringſten Geräuſche, das ſie auf der Straße hörte, glaubte ſie, es rühre von dem Sänger her. Was Margarethe betraf, ſo legte ſie ſich, nachdem ſie das Licht ausgeblaſen hatte, auf den Seſſel neben dem Feuer hin, und ſchlief ein, ein Gebet murmelnd, das die böſen Geiſter verjagen ſollte. Der Tag iſt auf dieſe ereignißreiche Nacht ge⸗ folgt: Blanca hat ſich bereits von ihrem Lager er⸗ hoben, ſie ſcheint tiefſinnig und befangen. Die Stimme des jungen Menſchen macht ſie noch immer träumen; noch nie gekannte Wünſche regen ſich in ihrer Bruſt, und ſie ſeufzt, einen Blick auf die Straße werfend. Margarethe geht an ihre Arbeit, indeß ſie zu Blanca ſagt:„In der Stunde, in welcher der Herr mit ſei⸗ nen Kunden am meiſten beſchäftigt iſt, wollen wir uns Beide in mein Zimmer begeben; allein, mein Kind, ſprechen Sie ja nicht von Muſik.“ Blanca ver⸗ ſpricht es mit dem Bemerken:„Wie kann man ſich erzürnen, wenn Jemand eine ſo ſchöne Arie unter unſern Fenſtern ſingt?“ Der Barbier ſpricht mit dem jungen Mädchen nicht von dem Abenteuer der vergangenen Nacht; er begnügt ſich, ſie zu beobachten, und das liebenswür⸗ dige Kind, das ſich noch an die Drohungen erinnert, die er gegen den jungen Menſchen ausgeſtoßen hat, trägt kein großes Verlangen, mit ihm zu ſchwatzen; ſie beeilt ſich, auf ihr Zimmer zurückzukehren, wohin ihr Margarethe alsbald nachfolgt. „Dieß iſt der Augenblick,“ ſagte die alte Diene⸗ rin;„Monſieur hat mehrere Perſonen zu raſiren. Kommen Sie, mein Kind, ſteigen Sie mit mir hin⸗ auf, und haben Sie vor Allem keine Furcht; ich habe alle nöthigen Vorſichtsmaßregeln getroffen, um die Kobolde zu verjagen.“ „Furcht!“ ſagte Blanca lächelnd, weil ſie bemerkt, daß Margarethe zittert;„nein, meine Beſte, nein; ich verſichere Dich, daß ich nicht an Deine geheime Thüre dachte.“ Mit dieſen Worten eilt Blanca nach der Treppe und ſteigt ſchnell hinauf, während ihr Margarethe langſam folgt, indem ſie ſagt:„Glückliches Alter, * 21 in welchem man ſich nicht vor Schwarzkünſtlern fürch⸗ tet, weil man ihre ganze Bosheit nicht kennt! Es iſt freilich wahr, daß ſie einen Talisman hat!“ Vor der Thüre angekommen, tritt Blanca raſch hinein, während die Alte niederknieet und ſich ihrer Schutzheiligen empfiehlt. Endlich entſchließt ſie ſich, ihr neues Gemach ebenfalls zu betreten, und wirft unruhige Blicke um ſich her, während Blanca, welche in den Alkov läuft, das Bett bereits in die Mitte des Zimmers gezogen hat. „Einen Augenblick noch, Unbeſonnene!“ ruft ihr Margerethe zu;„muß man denn ſo raſch verfahren?“ „Aber, meine Beſte, je ſchneller wir dieſe Thüre öffnen, deſto bälder wirſt Du beruhigt ſein.“ „Beruhigt!... ich wünſche es. Haben Sie Ihren Talisman, meine Kleine?“ „Ohne Zweifel! Haſt Du ihn nicht ſelbſt in mein Corſet genäht?“ „Es iſt richtig.“ „Ich ſehe die Thüre nicht, von der Du mir ge⸗ ſagt haſt.“ „Achl ſie iſt ganz in das Täfelwerk eingefügt.“ „Ach! da iſt ſie.“ „Nur einen Augenblick noch gewartet, Mademoi⸗ ſelle, bis ich geweihtes Waſſer vor uns ausgeſprengt habe.“ „Allein es iſt kein Schlüſſel da, wie ſollen wir öffnen?“ „Wir werden es verſuchen; ich habe mehrere Schlüſ⸗ ſel bei mir, die ich fand, als ich das Haus rei⸗ 22 nigte, vielleicht iſt einer unter ihnen, der dieſe Thüre öffnet.“ Zitternd verfügt ſich Margarethe in den Alkov. Sie zieht aus ihrer Taſche ein halbes Dutzend ver⸗ roſteter Schlüſſel von verſchiedener Größe und will mit einem davon den Verſuch machen, allein ihre unſichere Hand kann das Schloß nicht finden, und Blanca nimmt den Schlüſſel und probirt ihn, aber ohne Erfolg, was ſie mit einem zweiten eben ſo vergeblich thut. Als ſie mit dem dritten den Ver⸗ ſuch macht, ſtößt ſie ein Freudengeſchrei aus, denn der Schlüſſel hat ſich gedreht, und Margarethe be⸗ kreuzt ſich, die Worte ſtammelnd:„Ach mein Gott! die Thüre wird ſich öffnen!“ In der That, die Thüre weicht Blanca's Anſtren⸗ gungen: ſie öffnet ſich krachend und ſtöhnend. Jetzt bietet ſich den Blicken der beiden Frauen ein vier⸗ eckiges Gemach dar; allein da es bloß von der klei⸗ nen Thüre, die ſo eben geöffnet worden iſt, Licht em⸗ pfängt, da dieſe Thüre ſich im Hintergrunde eines ziemlich tiefen Alkovs befindet und das Zimmer ſchon ſehr finſter iſt, ſo begreift man leicht, daß es in dem Zimmer kaum Tag iſt. Blanca iſt auf der Schwelle der Thüre ſtehen geblieben und Margarethe drei Schritte zurückge⸗ wichen, die Worte ausrufend:„Sehen Sie.. ſehen Sie, mein Kind, daß ich recht hatte, als ich glaubte, dieſe Thüre führe irgendwohin... O! da iſt es ſo ſchwarz wie in einer Höhle.“ „Laß uns hineintreten, meine Beſte.“ —yͤ 23 „Allein nicht ohne Licht, hoffe ich. Warten Sie, ich will mein Licht anzünden. Ich weiß nicht, ob es klug von uns iſt, in dieſes Kabinet zu treten.“ „Allein, Margarethe, Du ſiehſt wohl, daß Nie⸗ mand da iſt.“ „Ich ſehe nichts als Finſterniß... hier... nehmen Sie die Lampe und gehen Sie voran, meine Kleine .. Sie haben Ihren Talisman... es wird Ihnen nichts begegnen.“ Blanca tritt zuerſt hinein; ſie ſcheint neugieriger als unruhig, während die Alte ſich nur ungern ent⸗ ſchließt, ihr zu folgen. Das Kabinet hat ſechs Fuß im Quadratz; es enthält nichts als zwei große leere Koffer, die auf dem Fußboden liegen, und die die Zeit mit Staub und Spinngeweben bedeckt hat. „Wohlan, meine Beſte,“ ſagte Blanca lächelnd, „wo ſind denn die Zauberer? Ich ſehe hier nichts Erſchreckendes.“ „In der That,“ antwortet Margarethe, um ſich her blickend,„es ſind nur vier Wände hier zu ſehen . keine andere Verbindungsthüre! Dieſe Koffer ſind leer... Ich bin überzeugt, daß man ſie ſeit einem halben Jahrhundert nicht von ihrer Stelle bewegt hat! Gleichviel, ich ſchwöre Ihnen, daß ich nie mehr in dieſes Kabinet treten werde... ich weiß nicht, warum ich mich da nicht wohl fühle.. O! wie der Boden unter unſern Füßen kracht!“ „Dieß kommt daher, weil man hier ſchon lange nicht mehr gegangen iſt; dieſes Haus iſt alt.“ „Kommen Sie, mein theures Kind, wir wollen 24 dieſes Kabinet verlaſſen, ich werde die Thüre zwei⸗ fach verſchließen und ſie nicht mehr öffnen, ſo lange ich auf dieſem Zimmer wohne.“ Mit dieſen Worten zieht die alte Dienerin das junge Mädchen hinaus und verſchließt die kleine Thüre zweifach, zwiſchen den Zähnen murmelnd:„Ach! wenn irgend ein Zauberer ſie öffnen will, ſo wird die⸗ ſes Schloß ihm keinen Widerſtand leiſten; allein jeden Abend werde ich meine Ofenſchaufel und Feuerzange übereinander gekreuzt vor dieſe Thüre ſtellen. Nach Beendigung dieſer Beſichtigung ſteigt Blanca in ihr Zimmer hinab, die Romanze trillernd, die der junge Menſch am Abend zuvor geſungen hat, und Margarethe geht wieder an ihr Geſchäft. Der Barbier hat ſein Mittagsmahl früher ein⸗ genommen als gewöhnlich, und um ſechs Uhr Abends verläßt er ſeine Wohnung, nachdem er wiederholt zu Margarethen geſagt hatte:„Verdopple ſie ihre Wach⸗ ſamkeit, laſſe ſie nicht einen einzigen Menſchen ohne meine Erlaubniß in Blanca's Zimmer dringen, und gebe ſie mir Nachricht, wenn ſie irgend einen Sän⸗ ger auf der Straße hört.“ Die Alte hat verſprochen, zu gehorchen. Touquet hüllt ſich in ſeinen Mantel und begibt ſich fort, um den Auftrag des Marquis zu vollziehen. Gewöhnt, ähnliche Intriguen zu leiten, weiß er, wo er ſich Alles verſchaffen kann, was er bedarf, und um drei Viertel auf acht Uhr befindet er ſich auf der Brücke la Tour- nelle, während hundert Schritte von ihm zwei Menſchen neben einer Art von Reiſewagen ſeine Befehle erwarten. 25 Schon lange ging Chaudoreille auf der Brücke ſpazieren; aus Furcht, die auf acht Uhr feſtgeſetzte Zuſammenkunft zu verfehlen, war er um ſechs Uhr angekommen. Den Kopf in die Schultern vertiefend und das Kinn unter einem kleinen Mantel verber⸗ gend, ſuchte er ſich die Miene eines Verſchwörers zu geben; die linke Hand auf Rolands Griff und mit der andern ſeinen Mantel zuſammenhaltend, ging er bald langſam, bald ſchnell, und ſo oft Jemand an ihm vorüberging, ermangelte er nicht, auf eine ver⸗ ſtändliche Weiſe zu murmeln:„Wie lange ſie aus⸗ bleibt!... wer kann ſie zurückhalten! ich brenne, ich ſterbe vor Ungeduld!“ Sobald er Touquet bemerkt, läuft er auf ihn zu, hebt den Zipfel ſeines Mantels auf, blickt dann um⸗ her, ob Niemand vorübergeht, und ſagt in geheim⸗ nißvollem Tone zu ihm:„Da bin ich!“ „Ei, der Teufel! ich ſehe wohl, daß Du es biſt,“ ſagte der Barbier, die Achſeln zuckend;„allein ich möchte lieber die Kleine ſehen.“. „Sie iſt noch nicht erſchienen, ich ſtehe dafür; ich habe allen Frauen unter die Naſe geſehen.“ „Es iſt noch nicht acht Uhr, wir müſſen noch eine Zeitlang warten.“ „Sei ruhig, ich will mich in einen Hinterhalt legen und alle weiblichen Geſichter aufmerkſam beobachten.“ „Nimm Dich in Acht, daß Du nicht ein Paar Ohrfeigen fängſt; dieß würde einen Auflauf verur⸗ ſachen, und das wäre mir keineswegs lieb.“ Paul de Kock. LVI. 3 26 „Ohrfeigen? Küſſe willſt Du ſagen! Allein ich blicke ſie ſauer an, damit ſie nicht in Verſuchung ge⸗ rathen.“ Sich den Hut über die Augen herabdrückend, ent⸗ fernt ſich Chaudoreille, ſo große Schritte nehmend, als ſeine kleinen Beine es ihm erlauben. Nach Verfluß von drei Minuten kehrt Chaudo⸗ reille eilig zurück und ſagt zu dem Barbier:„Da iſt eine Frau, die eben von der Brücke Maria herkommt und ſich auf dieſe begibt.“ „Wohlan! iſt ſie es, die wir erwarten? Du mußt es wiſſen, wenn Du ihr unter die Naſe geſehen haſt.“ „Nein, dieſes Mal habe ich mich zurückgehalten, weil ſie ein Mann am Arme führt und dieſer er⸗ ſchreckt werden könnte.“ „Wenn ein Mann bei ihr iſt, ſo kann ſie nicht unſer Mädchen ſein; man bringt zu einer verliebten Zuſammenkunft keine Zeugen.“ 3 „Das hat ſeine Richtigkeit,“ ſagt Chaudoreille und entfernt ſich. Einige Minuten nachher kommt er zu Touquet zurück und ruft aus:„Da iſt eine andere Frau, die ihre Richtung hierher nimmt; allein dieſe iſt allein, ich habe mich davon überzeugt.“ „Iſt es unſere Schöne?“ „Nein, ſie iſt es nicht.“ „Nun, Schwachkopf, was ſprichſt Du denn von ihr?“ „Ich thue es, damit Du keine Fehlgriffe thuſt; ich habe geglaubt, Dich davon in Kenntniß ſetzen zu müſſen.“ 27 „Chaudoreille, erweiſe mir den Gefallen und ver⸗ halte Dich ruhig; ich werde ohne Deine Hülfe das Mädchen recht gut zu erkennen wiſſen, obſchon ich es noch nie geſehen habe; ich bin gewiß, daß ich mich nicht täuſche. Aber wenn ſie nicht kommt, ſo werde ich Dich unter der Brücke Waſſer ſchlucken laſſen, damit Du Deine Aufträge künftig beſſer ausrichten lernſt.“ Chaudoreille hat die letzten Worte des Barbiers nicht gehört und ſich bereits von ihm entfernt; allein er kommt haſtig und mit verwirrter Miene zurück. „Was iſt es wieder?“ fragte Touquet.. „Eine Wachpatrouille, die ich ſo eben bemerkt habe und die an uns vorüberziehen wird.“ „Was kümmert uns aber die Wache? Iſt es ver⸗ boten, auf der Brücke ſpazieren zu gehen? Und ſähe ſie uns ſelbſt ein Mädchen entführen, ſo ſtehe ich da⸗ für, daß ſie ſich nicht in die Sache miſchen würde.“ „Haben wir kein verdächtiges Ausſehen?“ „Du flößt mir Mitleid ein.“ „Ich will mir eine lachende Miene geben, um allen Verdacht zu entfernen.“ „Hier haſt Du Etwas, um Dir mehr Muth ein⸗ zuflößen.“ Mit dieſen Worten gibt der Barbier dem Ritter einen Stoß mit dem Fuße, allein dieſer empfängt ihn ſingend und begnügt ſich damit, den angegriffe⸗ nen Theil ſeines Körpers zu reiben und zugleich Läufe zu trillern, weil die Wache in dieſem Augenblick an ihnen vorüberzieht. Sobald er die Patrhihi aus dem 28 Geſicht verloren hat, athmet er freier und ruft aus: „Sie werden uns für bloße Troubadours gehalten haben!“* „Sie werden Dich für einen Narren gehalten haben! Der Teufel hole die Memmen... ſie ſind zu nichts gut, als daß ſie Alles verderben!“ „Ich erzürne mich über eine Sache nicht, die mich nichts angehen kann, allein bei den großen Gele⸗ genheiten iſt, ſcheint es mir, die Liſt oft ſo viel werth als die Tapferkeit.“ Der Barbier fängt an ungeduldig zu werden, als endlich ein junges Mädchen auf der Brücke er⸗ ſcheint, das langſam geht und von Zeit zu Zeit um ſich her blickt; Chaudoreille hat ſie nicht bemerkt, obſchon er bei der Straße des Deux-Ponts im Hin⸗ terhalte liegt. Touquet nähert ſich der Unbekannten; er be⸗ trachtet ſie: es iſt das junge Mädchen, das der Mar⸗ auis ihm beſchrieben hat. Die Demoiſelle blickt ihrerſeits den Barbier aufmerkſam an und ſcheint zu erwarten, daß er das Wort an ſie richte. „Sind Sie nicht die Signora Julia?“ ſagte der Barbier mit tiefer Stimme, ſich dem jungen Mäd⸗ chen nähernd. „Und Sie der Barbier Touquet?“ erwiedert ihm dieſe, ihre ſchwarzen und feurigen Augen auf ihn heftend. Der Barbier iſt erſtaunt, ſich von einer Perſon nennen zu hören, der er unbekannt zu ſein glaubt; allein nachdem er das junge Mädchen von Neuem 29 betrachtet hat, verſetzt er:„Weil Sie mich kennen, ſo müſſen Sie wiſſen, daß mich der Marquis von Villebelle zu Ihnen ſchickt.“ „Der Marquis iſt ſehr ungalant,“ erwiedert Ju⸗ lia,„daß er zu einem erſten Rendezvous nicht ſelbſt kommt.“ „Die großen Herren haben nicht über alle ihre Augenblicke zu gebieten; zudem wünſcht der Herr Mar⸗ quis ſich nicht auf dieſer Brücke mit Ihnen über ſeine Liebe zu unterhalten. Ich habe den Auftrag, Sie...“ „In ſein kleines Haus in der Vorſtadt St. An⸗ toine zu führen, ohne Zweifel?“ „Es ſcheint mir, Signora, Sie ſeien von Allem unterrichtet, was den Marquis betrifft; ich habe Ihnen deßwegen nichts mehr zu ſagen, außer daß der Wagen hundert Schritte von hier bereit ſteht.“ „Nun, ſo laſſen Sie uns abgehen.“ „Wahrlich,“ ſagte der Barbier zu ſich, Julien ſeinen Arm anbietend,„das iſt ein junges Mädchen, das ſich ohne viele Umſtände entführen läßt. Allein ich geſtehe, ſie hat in ihrer Stimme, in ihren Ma⸗ nieren etwas Entſchiedenes, etwas Pikantes, das in Erſtaunen ſetzt und gefällt.“ Sie hatten den Wagen beinahe erreicht, als Chau⸗ doreille ſich hören ließ. Er lief dem Barbier nach und ſchrie:„Da iſt eine Frau, die vom Thore la Tournelle herkömmt: es iſt unſere Kleine, ich habe ſie an ihrem Gange erkannt.“ Als Chaudoreille dieſe Worte geſprochen hatte, befand er ſich neben dem Bar⸗ bier und bemerkte die Perſon, die er am Arme führte. — 30 „Wiel.,, was ſoll das heißen?... darf ich mei⸗ nen Augen trauen!“ ruft der Ritter aus;„es iſt unſere Schöne?... und wo Teufels iſt ſie hergekom⸗ men! Gleichviel, wir haben ſie, das iſt das Weſent⸗ liche!... Ich werde euch als Bedeckung dienen.“ Chaudoreille zieht ſeinen Degen, und den Barbier, der ihm zuruft, er ſolle ſich entfernen, nicht hörend, läuft er auf den Wagen zu und ruft den zwei Men⸗ ſchen, die ſich bei demſelben befinden, zu:„Meine Freunde, hier iſt ſie!... Geſchicklichkeit! Muth! Alle Teufel! ſie muß freiwillig oder gezwungen hinein⸗ ſteigen.“ Er öffnet die Schlagthüxe und erſtaunt ein wenig, als er die junge Perſon ſich zuerſt in den Wagen ſchwingen ſieht; er iſt im Begriff, ein Gleiches zu thun und ſich neben ſie zu ſetzen, als Touquet, der ihn an ſeinen Beinkleidern packt, ihn vier Schritte weit auf das Pflaſter hinausſchleudert, ſich neben Julia in den Wagen ſetzt und dem Kutſcher zuruft: „Fortgefahren!“ „Wie, Heidenſatan! ſie wollen ſie ohne mich ent⸗ führen?“ ſagt Chauderoille, wieder aufſtehend.„Nein, bei allen Teufeln nicht! man ſoll nicht ſagen, daß ich das Abenteuer nicht beendigt habe! Zudem hat man mir nur eine Abſchlagszahlung gegeben, und ich will bezahlt ſein, ehe der Marquis der Kleinen müde iſt.“— Augenblicklich ſtürzt Chaudoreille dem Wagen nach; an's Laufen gewöhnt, erreicht er ihn, ſteigt hinten auf denſelben und läßt ſich im großen Galopp davon führen, indem er ſich feſt an die Troddeln hängt, die ihm als Stütze dienen. Drittes Kapitel. Das kleine Haus.— Neues Spiel. Der Wagen iſt bald an dem Thore St. Antoine vorüber, das ſich damals nicht an dem äußerſten Ende der Vorſtadt befand, ſondern an dem Orte, an welchem die Straße von den Bollwerken durch⸗ ſchniten wird, und der den Vagabunden, Pagen, Lakaim und Beutelſchneidern häufig als Zuſammen⸗ kunftsert diente. Das Luſthaus des Marquis lag in der Nähe des vallée de Fécamp(das gegenwär⸗ tig durch eine ſeinen Namen führende Straße, welche die Fortſetzung der Straße la Planchette bildet, er⸗ ſetzt iſt). Dieſe finſtern und übelberüchtigten Orte damals müten in der Nacht durchlaufen hieß ſich eben ſo groſen Gefahren preisgeben, als wenn man durch den Mald Bondy ging. Gleichwohl hatten viele große Herren dieſen Theil der Stadt zum Schau⸗ platze ihrer Liebesabenteuer gewählt; ſie beſaßen da⸗ ſelbſt Luſthäuſer, ihre gewöhnlichen Rendezvous, und begaben ſich oft incognito dahin, aber ſtets gut bewaffnet. Der Wagen hilt vor einer Ringmauer; Chau⸗ doreille blickt nach allen Seiten umher. Das Haus ſteht einzeln, und die Mauer ſcheint einen Garten zu umſchließen. Allen Touquet iſt bereits ausgeſtie⸗ gen; er nähert ſich aner kleinen Pforte, welche der 32 Ritter nicht bemerkt hatte, und zieht eine Klingel; ehe man kommt, um zu öffnen, hat Chaudorellle ſeinen Platz verlaſſen und Julien ſeine Hand ange⸗ boten, um ihr aus dem Wagen ſteigen zu helfen Man öffnet; ein Mann erſcheint: er hält eine Laterne in der Hand, und die Augen auf den Wazen und die Dame, die aus ihm ſteigt, werfend, begnügt er ſich, dem Barbier lächelnd eine tiefe Verbeuging zu machen.„Ihr Herr wird Ihnen geſagt haben...“ flüſterte ihm Touquet zu. „Ja, mein Herr,“ antwortete der Diener, vich erwartete Sie.“ 4 Der Barbier dreht ſich, um Julia einzufihren, und bemerkt Chaudoreille, der, den bloßen Degen in der Hand, vor dem Kutſchenſchlag ſteht, ols ob er den Dienſt einer Schildwache verſähe.„Weil Du uns bis hieher gefolgt biſt, ſo wirſt Du uns wohl irgend einen Dienſt verſehen müſſen.“ „Das iſt meine Pflicht, Sapperlot“ antwortet der Ritter, während der Barbier die Tjüre des Gar⸗ tens verſchließt, nachdem er zu den beden Menſchen, die ſich neben dem Wagen befinden, gefagt hat:„War⸗ tet auf mich.“ 3 Man tritt in eine lange Lindenallee, die zum Hauſe führt. Der Garten iſt finſter; der Bediente, wel⸗ cher die Laterne trägt, geht voraus und Chaudoreille, welcher der Letzte iſt, ſieht ſich von Zeit zu Zeit ängſt⸗ lich um; er will eine Unterhaltang anknüpfen, und hat bereits ausgerufen:„Dieſer Garten ſcheint mir ſehr groß zu ſein!“ allein der Barbier kehrt ſich um, —* 33 und legt ihm Stillſchweigen auf. Um ſich für dieſes gezwungene Schweigen zu entſchädigen, haut Chau⸗ doreille, der ſeinen entblößten Roland ſtets in der Hand hält, auf alle Bäume ein, an denen er vor⸗ übergeht. 1 Man kommt im Hauſe an und tritt in eine Haus⸗ flur, in deren Hintergrund ſich eine Treppe befindet, während rechts und links Thüren in die Gemächer des Erdgeſchoßes führen. Julia, die ihren Begleitern gefolgt iſt, ohne Etwas zu reden, ſcheint Alles, was ſich ihren Blicken darbietet, aufmerkſam zu unterſuchen. Chaudoreille, der ſich jetzt neben dem Manne, welcher die Laterne trägt, befindet, ſtoßt einen Schrei der Verwunderung und ſagt:„Ei, der Henker! ich täuſche mich nicht!... es iſt Marcel... einer meiner alten Freunde. Du erkennſt mich nicht!... ich bin Chau⸗ voreille... wir ſind ſechs Monate mit einander im Gefängniſſe geſeſſen... allein einer Kleinigkeit we⸗ gen!... ich habe daſſelbe, weiß wie der Schnee, verlaſſen!“ „Schweige, Schwachkopf!“ ruft der Barbier aus, „ihr könnt eure Wiedererkennung ſpäter feiern. Wo iſt das Gemach der Madame?“ „Im erſten Stockwerk,“ erwiedert Marcel, nach⸗ dem er Chaudoreille die Hand gereicht hat, der ſie ihm ſchüttelt, als ob er ſeinen beſten Freund wieder gefunden hätte.— „Führen Sie uns dahin,“ ſagte Touvuet,„und Du.. bleibe hier.“ Dieſer Befehl galt dem Ritter, dem er eben nicht 2 34 ſehr willkommen war; allein er mußte gehorchen. Als jedoch Chaudoreille bemerkte, daß in der Haus⸗ flur, in der man ihn gelaſſen hatte, kein Licht war, und er ſich nun in der vollkommenſten Dunkelheit befand, ſo ſtieg er einige Stufen der Treppe hinauf und rief mit bebender Stimme:„Laßt mich nicht lange ſo allein hier... die Nacht iſt kalt und ich fürchte den Schnupfen zu bekommen.“ Marcel macht den Wegweiſer der Julia und des Barbiers, und nachdem er ſie durch mehrere Zimmer, die bloß eine Laterne erleuchtet, geführt hat, öffnet er eine Thüre mit den Worten:„Hier iſt das Gemach, wo Madame ausruhen kann.“ Julia kann einen Schrei der Verwunderung nicht zurückhalten, und der Barbier ſelbſt ſteht erſtaunt da. Das Zimmer, in das ſie treten, iſt durch einen an der Decke des Zimmers hängenden Kronleuchter erhellt, und der Schein der Wachskerzen erlaubt, den Luxus, mit dem dieſer Ort dekorirt iſt, zu bewundern. Rei⸗ zende Gemälde, verführeriſche und wollüſtige Bilder zieren das Getäfel, blaue Behänge, bei denen ſich Seide und Silber kunſtreich vermählen, venetianiſche Spiegel, perſiſche Teppiche, Armleuchter, auf denen Wohlgerüche brennen, während in einiger Entfernung natürliche Blumen in criſtallenen Gefäßen zu Pyra⸗ miden aufgerichtet ſind— Alles trägt dazu bei, aus dieſem Zimmer einen Luſtort zu machen, wo man Alles vereinigt hat, was die Sinne berauſchen und Wonne einflößen kann. Julia und der Barbier ſind in das erleuchtete 35 Gemach getreten; Marcel bleibt ehrfurchtsvoll an der Thüre ſtehen und ſcheint Befehle zu erwarten. „Dieſer Ort iſt herrlich,“ ſagte Julia;„allein ich ſehe den Marquis nicht.“ „Sie werden ihn bald ſehen, Madame,“ erwiedert Touquet;„in einer Stunde wird er hier ſein. Indeſſen belieben Sie Alles zu verlangen, was Ihnen ange⸗ nehm ſein kann; Ihren Wünſchen wird auf der Stelle entſprochen werden. Dieſe Klingel wird unten ge⸗ hört... nicht wahr, Marcel?“ „Ja, mein Herr; und da Madame vielleicht Etwas zu eſſen wünſcht, ſo habe ich in dem anſtoßenden Kabinet ein kleines Abendeſſen bereitet.“ Marcel zeigte eine durch einen Spiegel verhüllte Thüre; der Barbier öffnet ſie, und man ſah ein zweites, kleineres, aber gleichfalls beleuchtetes und eben ſo prachtvoll ausgeſchmücktes Zimmer, nur wa⸗ ren die Behänge von hochrothem Sammt und mit goldenen Franſen geſchmückt, während in dem erſtern Zimmer hellblau und Silber die Alleinherrſchaft führte. „Er hat mich nicht betrogen,“ ſagte Touquet, einen Blick in das zweite Zimmer werfend,„als er mir ſagte, er habe einen bezaubernden Ort aus die⸗ ſem Hauſe gemacht. Welcher Luxus! welche Pracht!... wie viel Geld iſt für alles das ausgegeben worden ... und er fühlt ſich nicht glücklich!“ Julia hatte ſich auf ein Ruhebett gelegt und ſchien nachdenkend. Der Barbier grüßte ſie, und Marcel ein Zeichen gebend, entfernte er ſich mit ihm aus dem Gemache. 36 Marcel war achtundzwanzig bis dreißig Jahre alt, klein, dick und unbekümmert; ſein Gehorſam und ſeine Genauigkeit waren unvergleichlich; allein er war mit ſehr wenig Genie begabt und nicht im Stande, eine Intrigue zu leiten. Der Marquis, der verſchlagenere, thätigere und unternehmendere Leute brauchte, der aber Marcels Treue ſchätzte, hatte ihm die Aufſicht über ſein Luſthaus anvertraut, weil er ihn auf keine andere Art zu gebrauchen wußte. Hier beſchränkten ſich Marcels Dienſtverrichtungen auf eine paſſive Befolgung der Befehle, die ihm ertheilt wur⸗ den; allein allen Intriguen, deren Schauplatz dieſes Luſthaus war, fremd, wußte er zuweilen ſogar den Namen der Perſon nicht, die während eines kurzen Zeitraums unumſchränkte Beherrſcherin dieſes Orts war: es lag ihm wenig daran, und ſeine Sorgloſig⸗ keit war eine Bürgſchaft für ſeine Verſchwiegenheit— eine Eigenſchaft, welche das Amt, das er begleitete, — erheiſchte. „Sie kennen Chaudoreille,“ ſagte der Barbier zu Marcel, mit ihm durch den Gang ſchreitend, der zur Treppe führte. „Ja, mein Herr,“ antwortete der Diener, einen Seufzer ausſtoßend;„ich habe ihn kennen gelernt... in einer ziemlich unglücklichen Sache, weil ſie mich ſechs Monate in's Gefängniß gebracht hat; und Gott weiß, ob ich ſchuldig war. Vor ungefähr ſieben Jah⸗ ren, ich ſtand noch nicht in Dienſten des Herrn Mar⸗ quis, befand ich mich in einer Schenke, Chaudoreille war auch da: er ſpielte Piquet mit zwei andern Rit⸗ 37 tern, und forderte mich auf, mitzuſpielen. Ich ließ mich dazu bewegen, ſpielte und verlor. Er nahm meine Stelle ein, entlehnte einige Thaler von mir, indem er mir erklärte, daß wir aſſocirt ſeien, und ſpielte mit einem überraſchenden Glücke; ich war ent⸗ zückt, ihn gewinnen zu ſehen, als unſere Gegner be⸗ haupteten, er betrüge. Jetzt entſpann ſich ein Streit: ſtatt uns zu bezahlen, wollte man uns ſchlagen, was einen großen Lärm verurſachte; die Sergeanten kamen mit ihren Häſchern an, und man führte Chaudoreille und mich in's Gefängniß. Auf dieſe Art wurden wir mit einander bekannt. Allein ſeit dieſer Zeit verabſcheute ich das Spiel und würde mich nie mehr entſchließen, eine Karte anzurühren.“ „Um ſo beſſer für Sie; ich fordere Sie auf, in dieſem Entſchluſſe zu beharren.“ Der Barbier und Marcel ſtiegen jetzt die Treppe hinab, als der Ruf:„Dieb, Dieb! Wache, Wache! Mörder, Mörder!“ ihr Ohr erreichte. Dieſes Ge⸗ ſchrei kam vom Garten her, und Touquet erkannte die Stimme des Ritters. „Mit welchem Teufel haſt Du zu ſchaffen,“ ſagte der Barbier, ſeine Tritte beſchleunigend, während Marcel, ihm folgend, wiederholt ausruft:„Diebe? das iſt ſonderbar! die Thüren ſchließen doch gut und die Gartenmauer iſt zehn Fuß hoch.“ Müde, ohne Licht länger in der Hausflur zu blei⸗ ben, war Chaudoreille in den Garten zurückgekeh rt, wo man, ungeachtet der Mond von Wolken verſchleiert war, die Gegenſtände um ſich her erkennen konnte. 38 Der Ritter ſang ein Ringellied, das er mit ſeinem Roland accompagnirte, indem er mit ihm auf die in der damaligen Jahreszeit blätterloſen Baumzweige hieb. Plötzlich ſteht beim Eingange in ein Gebüſch eine große weiße Figur vor Chaudoreille; er macht Halt und ruft mit bebender Stimme:„Wer da!“ Man antwortet ihm nicht, und er hält es für klug, ſeine Frage nicht mehr zu wiederholen und in das Haus zurückzukehren. Allein in ſeiner Beſtürzung verfehlt er den Weg, und bei der Krümmung einer Allee bemerkt er eine andere Perſon vor ſich, die eine Keule in der Hand hält, mit der ſie auf ihn ſchlagen zu wollen ſcheint. In dieſem Augenblicke macht Chau⸗ doreille, der ſich zur Flucht zu ſchwach fühlt, den Garten von Geſchrei widerhallen. Von ſeiner Stimme geleitet, ſind der Barbier und Marcel bald bei ihm.„Was haſt Du denn? warum dieſes Geſchrei?“ ſagte Touquet zu ihm. „Siehſt Du nicht dieſen Elenden, der mich da unten erwartet, um mich zu Boden zu ſchlagen, wäh⸗. rend ſein Mitſchuldiger in einem andern Gebüſch verborgen iſt?“ Der Barbier dreht ſich, um den Ort zu betrachten, nach welchem Chaudoreille mit der Hand hinweist; Marcel thut ein Gleiches⸗ indem er die Laterne vor⸗ hält. Bald bricht der Letztere in ein lautes Gelächter aus, und der Barbier ruft:„Ich war überzeugt, daß dieſer Schlingel uns noch mehr Dummheiten machen werde. 2 „Wie, Dummheiten 2.. Alle Teufel, warum ant⸗ 39 3 worten mir dieſe Leute nicht, wenn ich ihnen zurufe: wer da!“ „Das würde ihnen ſchwer werden,“ erwiedert Marcel;„der, welchen Du da unten bemerkſt, iſt Herkules, der die lernäiſche Hyder tödtet, und der Andere iſt wahrſcheinlich Merkur oder Mars, vielleicht hat Dir ſogar Venus Furcht eingeflößt.“ „Furcht eingeflößt? Nein, meiner Treu' nicht; allein man ſetzt die Leute davon in Kenntniß, wenn man einen Olymp in ſeinem Garten hat; in jedem Fall, wenn es Merkur iſt, kann er ſich rühmen, fünf oder ſechs Streiche mit der flachen Klinge meines Rolands erhalten zu haben, und ich ging nicht mit todter Hand hin.“ 2 „Und wenn das junge Mädchen Dein Geſchrei gehört hat, Elender!“ ſagte der Barbier, nach der kleinen Thüre hinſchreitend. 4 „Ich glaube es nicht,“ ſagte Marcel;„das Ge⸗ mach, in welchem ſie ſich befindet, hat die Ausſicht auf die andere Seite des Gartens.“ Der Barbier öffnet jetzt die Pforte, durch welche ſie hereingekommen ſind.„Bleibe bei Marcel,“ ſagte er zu Chaudoreille,„der Marquis wird kommen; wenn er mir einige Befehle zu ertheilen hat, ſo wirſt Du zurückkommen, um ſie mir kund zu thun; allein vor dem Marquis begnüge Dich damit, den Stum⸗ men zu ſpielen. Wenn Dir ein einziges Wort ent⸗ ſchlüpft, wenn Du ein neues Ungeſchick begehſt, ſo ſei überzeugt, daß ich Dich dafür beſtrafen werde.“ Mit dieſen Worten ſchwingt ſich Touquet in den * 40 Wagen, der auf der Stelle fortfährt. Chaudoreille iſt entzückt, daß er zurückbleiben darf, da er die Hoff⸗ nung hat, den Marquis zu ſehen und ihm Beweiſe von ſeiner tiefen Einſicht zu geben; er faßt Marcels Arm, und ſich erinnernd, daß er von ſanfter Ge⸗ müthsart iſt und er ihm leicht Etwas weiß machen kann, wünſcht er ſich Glück zu dem Zufalle, der ihn in ſeine Nähe gebracht hat. Der Barbier iſt in der Nähe ſeiner Wohnung aus⸗ geſtiegen. Er bezahlt die Leute, ſchickt den Wagen zurück, und beeilt ſich, ſein Haus zu erreichen; denn der Marquis wird ſich um zehn Uhr bei ihm einfin⸗ den, und dieſe Stunde iſt nicht mehr fern. Marga⸗ rethe öffnet ihrem Herrn, der die gewöhnlichen Fragen in Betreff der jungen Blanca an ſie richtet, und die alte Dienerin ſchwört bei ihrer Schutzheiligen, daß keine männliche Perſon mit dem Mädchen geſprochen hat. Touquet ſchickt Margarethen fort; er will den Marquis allein erwarten. Zehn Uhr iſt ſchon lange vorbei, und der Barbier, welcher Complimente und eine neue Belohnung erwartet, fängt an, über den geringen Eifer des Marquis zu erſtaunen, als man endlich an die Hausthüre klopft, und der große Herr von Neuem in die Wohnung des Barbiers tritt. „Wahrlich, mein armer Touquet, ich hätte unſer Rendezvous beinahe vergeſſen,“ ſagte der Marquis, ſich in einen Seſſel werfend. „Wie, gnädiger Herr, Sie hätten eine Liebesge⸗ ſchichte vergeſſen können? Das ſetzt mich in Erſtaunen, ich geſtehe es.“ 41 „Du ſollteſt es jedoch beſſer begreifen als ein Anderer; muß man nicht endlich deſſen müde werden, was man alle Tage thut? Ich bin für alles das ganz ſtumpf. Ich hatte, Gott verzeih' es mir, die Kleine gänzlich vergeſſen; ich war im Hotel von Bourgogne mit Chavagnac, Montheil und einigen andern guten Freunden; Turlupin, Gautier⸗Garguille und Gros⸗ Guillaume haben uns ſehr beluſtigt. Dieſe Schelme ſind ſehr ſpaßhaft; ſie haben großen Zulauf; der ganze Hof wird ſie beſuchen; man drängt ſich um ſie, beſonders ſeit ſie ein Poſſenſpiel im Palaſte des Kardinals gegeben haben, und Richelieu ihnen erlaubt, im Hotel von Bourgogne zu ſpielen, trotz des Ge⸗ ſuchs der Schauſpieler. Von da ſind wir in die Schenke gegangen, wir kamen ſo recht in's Lachen, ſchlugen einige Spießbürger, die uns einen Tiſch ſtreitig machen wollten; ſie ſchrieen wie der Teufel, die Sergeanten kamen, allein wir nannten uns ganz leiſe, und die Häſcher des Königs halfen uns die ganze Canaille zur Thüre hinauswerfen: wir blieben Meiſter vom Schlachtfelde, das konnte nicht anders enden. Ich habe nie ſo ſehr gelacht; Chavagnac wollte durchaus einen Pfannkuchen auf dem Geſichte eines fetten Krämers eſſen... der arme Teufel machte ſchon ſchreckliche Geberden... es war ſehr komiſch; er entſchädigte ſich dafür dadurch, daß er zwölf Gläſer Branntwein nach einander hinunterſchüttete... kurz, mein Theurer, Du begreifſt, daß mir durch alles das die kleine Brünette aus dem Sinn kam. Allein ſo Paul de Kock. LVI. 4 eben hat man von einem Meiſter in der Spitzbüberei geſprochen: ich habe an Dich gedacht, und dieß hat mich an unſer Rendezvous erinnert. Nun zur Sache; wie ſteht es?“ „Gnädiger Herr, ich habe Ihre Wünſche erfüllt, und ſeit einer Stunde befindet ſich das junge Mäd⸗ chen in Ihrem Luſthauſe.“ „Bah!l wie? iſt wirklich Alles ſchon beendigt?... Allein es ſcheint mir, die Demoiſelle hat nicht viel Umſtände gemacht.“ „Ich muß Ihnen geſtehen, Herr Marquis, daß ſie in der That ganz freiwillig in den Wagen geſtie⸗ gen iſt...“ „Ein wenig Widerſtand würde mir beſſer gefallen haben; es iſt grauſam, bloß wünſchen dürfen!... Dieſe jungen Mädchen zeigen eine ungemeine Bereit⸗ willigkeit, wenn man von einem großen Herrn mit ihnen ſpricht! Es thut mir faſt leid, daß ich mich mit dieſer eingelaſſen habe, denn der Teufel hole mich, wenn ich die geringſte Zuneigung zu ihr habel... Um ein Nichts würde ich ſie wieder an den Ort zurück⸗ führen laſſen, von wo man ſie genommen hat... was ſagſt Du dazu, Touquet? es wäre recht drollig⸗ nicht wahr?“ Der Barbier, erzürnt, daß der Marquis bei der Nachricht von der Entführung des jungen Mädchens ſo wenig Freude an den Tag legt, antwortet mit kalter Miene:„Ich ſehe, daß der gnädige Herr die Perſon, die ihn vor zwei Tagen entzückt hatte, in der That gänzlich vergeſſen hat; wenn er ſich an ſie 43 erinnerte, ſo würde er ſich nicht ſo gleichgültig gegen ihren Beſitz zeigen.“ „Wie, iſt ſie in der That ſchön? Hältſt Du ſie für fähig, mich einige Zeit zu feſſeln?“ „Ich weiß nicht, gnädiger Herr, ob ſie dieſes Glück haben wird; allein ich habe viele Courtiſanen nach der Mode geſehen, die dieſe junge Italienerin nicht aufwogen. „Iſt ſie eine Italienerin?“ „Ja, gnädiger Herr.“ „Um ſo beſſer, das wird meinen Sinn ein we⸗ nig ändern.“ „Sie nennt ſich Julia; ihr Geſicht hat, ohne regelmäßig ſchön zu ſein, etwas Pikantes, etwas Verführeriſches; es liegt in ihrer Stimme, in ihren Manieren, kurz in ihrer ganzen Perſon Charakter... Originalität... kurz, es iſt keine von den ſchmach⸗ tenden Schönheiten, deren man ſo viele trifft.“ „Weißſt Du, daß Du meine Neugierde lebhaft erregſt; ich bin nun zufriedener mit dem Abenteuer. Wohlan, morgen wollen wir alles das bewundern.“ „Morgen!... wie, gnädiger Herr, und dieſes junge Mädchen, das Sie mit Ungeduld erwartet?“ „Sie wird dennoch ſo lange ſeufzen müſſen; ich habe meinen Freunden verſprochen, wieder zu ihnen zu kommen und die Nacht mit ihnen zuzubringen; unter ehrlichen Leuten muß man ſein Wort halten! ... Die ſchöne Julia wird ſich gedulden.“ „Ich habe auch einen meiner Leute bei Marcel zurückgelaſſen; im Falle der Herr Marquis mir einige 44 neue Befehle zu ertheilen gehabt hätte, würde ſie mir derſelbe hinterbracht haben, da Marcel i das Haus nicht hätte verlaſſen können.“ „Wohlan, Dein Mann wird warten, man wird ihm einige Piſtolen weiter geben. Ja! und ich muß Dich auch bezahlen. Hier iſt Gold, das ich dieſen Morgen beim Spiel gewonnen habe. Allein die Stunde geht vorbei: ich wette, die Schelmen werden ungeduldig; ich eile, mich wieder zu ihnen zu verfü⸗ gen. Wir werden die Nacht herrlich zubringen; wir werden den guten Einwohnern von Paris Streiche ſpielen, die Wache durchprügeln, die Sänftenträger anhalten und ich ſtehe nicht dafür, daß wir nicht einige Mäntel auf der Neubrücke ſtehlen.“ Der Marquis entfernt ſich ſchnell, und der Bar⸗ bier verſchließt ſeine Thüre, zu ſich ſagend:„Gehe es jetzt, wie es wolle, was liegt mir daran!... ich bin bezahlt.“ Während dieſe Zuſammenkunft in der Straße des Bourdonnais ſtattgefunden hat, verläßt das Mädchen, das man in dem wollüſtigen Boudoir gelaſſen hat, das Ruhepolſter, ſobald ſich diejenigen, welche ſie eingeführt, entfernt haben. Sie nähert ſich einem Spiegel, in welchem man ſich von Kopf bis zu Fuß betrachten kann; ein Spiegel reicht hin, um ein jun⸗ ges Mädchen zu zerſtreuen und ihr Beſchäftigung zu machen. Julia ordnet ihren Kopfputz, wühlt mit den Fingern in den Haaren, beſſert ihre Locken aus, beſieht ſich, lächelt ſich an. Julia iſt kokettiſch; jede Frau iſt es ein wenig, ſagt man; um über das mehr 45 oder weniger zu urtheilen, darf man nur die Minu⸗ ten zählen, die ſie vor ihrem Spiegel zubringt, und gewöhnlich iſt es nicht die Schönſte, die ſich am längſten in ihm betrachtet. Endlich ſcheint Julia mit ſich ſelbſt zufrieden; ſie entfernt ſich von dem Siegel und durchläuft das Boudoir, ſo wie das benachbarte Zimmer, die Gegen⸗ ſtände, die ſie, ſo lange man ſie beobachten konnte, mit Gleichgültigkeit zu ſehen geſchienen hat, betrach⸗ tend und bewundernd. Sie bleibt vor einer Pendel⸗ uhr ſtehen, die ein kleiner Amor von Alabaſter trägt; der Zeiger ſteht auf elf Uhr. Julia ſeufzt, ihre Stirne wird finſterer, und ſie wirft ſich auf einen Seſſel, indem ſie ſtammelt:„Er kommt nicht!“ Während das junge Mädchen, die Pendeluhr be⸗ trachtend, ſeufzt, läßt ſich Chaudoreille in den Speiſe⸗ ſaal führen, da er, wie er ſagt, vor Hunger ſtirbt, und ſchon ſeit dem frühen Morgen im Dienſte des Herrn Marquis in der Stadt umherläuft. Marcel beeilt ſich, ſeinem Gaſte ein gutes Nachteſſen vorzu⸗ ſetzen, dem der Ritter Gerechtigkeit wiederfahren läßt. Während des Eſſens erzählt Chaudoreille ſeinem alten Freunde ſeine Heldenthaten, und da ihm Marcel mit dem größten Vertrauen zuhört, ſo hat unſer Gas⸗ cogner, entzückt, Jemand gefunden zu haben, der ſeine Prahlereien für wahr hält, bereits fünfzehn Nebenbuhler getödtet und zwanzig Schlachtopfer von 83 Tyrannei befreit, ehe er an der zweiten Schüſ⸗ el iſt. „Mein Freund,“ ſagte Marcel, große Augen ma⸗ chend und ſich ein Glas mit Getränk füllend,„es ſcheint mir, daß Du einen hitzigen Kopf haſt!“ „Hitzig, ſage doch kochend, ſage vulkaniſch!.. Es iſt nicht mein Fehler, aber ich kann mich nicht mäßigen!... ich bin ein Mann, der das Point d'honneur aus dem Grunde verſteht... ein wahrer Teufel, das iſt das richtige Wort.“ „Allein, warum rufſt Du denn um Hülfe gegen die Bildſäulen im Garten?“ „Höre mich, mein theurer Marcel: ich konnte erſtens nicht errathen, daß es Bildſäulen waren, und wenn man tapfer iſt, glaubt man überall Diebe zu ſehen. Du begreifſt alles das nicht, weil Du ein ſehr ruhiges Blut haſt; dann fühlſt Du wohl, daß ich mich nicht erfrechen konnte, im Hauſe des Herrn von Villebelle irgend eine Perſon zu tödten, ohne ihn zuvor um Erlaubniß gebeten zu haben.“ „Pſt!... hier nennt man den Herrn Marquis nie bei ſeinem Namen!“— „Ah! ich verſtehe, das iſt gut; hier iſt Ver⸗ heimlichung nöthig... Potz Tauſend! es iſt der Schauplatz der Incognito⸗Liebſchaften! Sag' mir doch, Marcel, bewohnſt Du dieſes Haus ſchon lange?“ „Beinahe fünf Jahre.“ „Du mußt ſchöne Sachen geſehen haben!“ „Ich habe Nichts geſehen, denn hier muß man ſehen und nicht ſehen.“. „Ich verſtehe recht gut... Was Teufels! hältſt Du mich für einen Lumpenkerl?... Das iſt gleich, 47 Du haſt einen goldenen Platz!... Der Marquis iſt großmüthig, nicht wahr?“ „Ja.“ „Du erhältſt wenigſtens zwanzig Piſtolen jährlich?“ „Das Doppelte.“ „Glücklicher Schelm!... wenn ich Schelm ſage, ſo biſt Du der ehrlichſte Menſch von der Welt, den ich kenne... ich glaube ſogar, Du biſt der einzige, den ich kenne... Dieſer theure Marcel!... wie freut es mich, daß ich Dich wieder gefunden habe!... ich habe Dich überall geſucht: in den Akademien, in den Kneipen, in den Spielhäuſern...“ „Ol es iſt ſchon lange, daß ich nicht mehr ſpiele!“ „Pah! Du ſcherzeſt.“ „Nein, ſeit unſerem Abenteuer verabſcheue ich das Spiel; in's Gefängniß wandern, wenn man unſchul⸗ dig iſt, das iſt ſehr unangenehm.“ „Ei, mein Freund, es gibt ſo viele Spitzbuben, die nicht dahin wandern!... Du ſiehſt wohl, daß dieß das Gleichgewicht herſtellt. Was mich betrifft, ſo geſtehe ich, daß ich immer ſpiele... das unterhält mich! Zudem iſt es Vergnügen der großen Herren, es gibt nichts Edleres als ſpielen und ſogar ſeine Hoſen verlieren.“ „Da ich nur ein Bedienter bin, ſo brauche ich dieſe Mode nicht zu befolgen.“ „Du haſt unrecht, man muß ſtets die großen Herren nachäffen. Du hatteſt eine ungemeine Stärke im Piquet!“ 48 „Ich?...ol ich war im Gegentheil ſehr ſchwach darin... „Reine Beſcheidenheit, meiner Treu'. Ich will bei Dir in die Schule gehen; wir haben zu Nacht ge⸗ ſpeist, laß uns, bis Dein Herr kömmt, eine Partie machen, um uns die Zeit zu vertreiben...“ „Das wäre ſchwer, ich habe keine Karten hier. Wenn ich da oben zufällig ſolche treffe, die mein Herr und ſeine Freunde benützt haben, ſo verbrenne oder verkaufe ich ſie.“ „Das iſt unangenehm, und ich, der ich faſt immer ein Piquetſpiel in der Taſche führe, muß es gerade heute zu Hauſe laſſen.“ „Hier, Chaudoreille, koſte dieſen Liqueur... dieß wird beſſer ſein als ſpielen.“ Mit dieſen Worten füllte Marcel zwei Taſſen mit Vanillenrahm und ſtellte eine vor ſeinen Gaſt hin. „Ja, ich liebe den Liqueur ſehr,“ ſagte Chaudo⸗ reille,„dieſer hat einen ausgeſuchten Geſchmack; allein wir könnten zu gleicher Zeit ſpielen und trinken...“ „Ich ſage Dir aber, daß ich keine Karten habe.“ „Du haſt wenigſtens Würfel?“ „Eben ſo wenig.“ „Kugeln?“ „Nein.“ „Damen, Domino's?“ „Kein Spiel, ſage ich Dir.“ „Zum Teufel mit Dir!... Wie kannſt Du die Zeit hinbringen, ohne zu ſpielen... Ach! welcher köſtlicher Gedanke! So eben habe ich ein kleines, 49 ſehr angenehmes Spiel erdacht, das Du leicht begreifen wirſt. Du haſt Deine volle Liqueurtaſſe vor Dir, ich habe die meinige... ſie ſind von gleicher Größe; ich ſpiele mit Dir um einen Thaler auf die erſte Mücke...“ „Welche Mücke?“, „Höre wohl: es fehlt nicht an Mücken in dieſem Zimmer; der, in deſſen Taſſe zuerſt eine fliegt, wird dem Andern einen Thaler abgewinnen... biſt Du damit zufrieden?“ „Das iſt ein ſehr drolliges Spiel, allein ich bin dabei.“ „In dieſem Falle aufgemerkt!“ Chaudoreille rührt ſich nicht; die Augen abwechs⸗ lungsweiſe auf ſeine Taſſe und die ſeines Gegners ge⸗ richtet, erwartet er ungeduldig den Augenblick, in dem eine Mücke den verzuckerten Liqueur koſten würde. Keiner von ihnen macht eine Bewegung, aus Furcht, die beflü⸗ gelten Inſekten zu erſchrecken. Schon fünf Minuten lang ſitzen ſie regungslos vor ihrer Taſſe, als Marcel nießt. „Mach' Dich der Teufel zu Schanden!“ ruft Chaudoreille aus,„Du haſt die ſchönſte Mücke ver⸗ jagt, die ſich meiner Taſſe näherte... ſie war gerade im Begriffe, hineinzufliegen...“ „Iſt es mein Fehler, wenn ich nießen muß?“ „Das heißt betrügen, mein Theurer, und dem Recht nach ſollteſt Du die Partie verlieren.“ „Du ſpaßſt ohne Zweifel?“ 3 „Ich will Dir dieſes Nießen noch hingehen laſſen, allein wenn Du es wiederholſt, ſo zählt es. Auf⸗ gemerkt: die Mücken fliegen.“ 50 Man ſchweigt von Neuem ſtill; von Zeit zu Zeit blickt Chaudoreille in die Luft und ſcheint die Mücken flehentlich zu bitten, ſeinen Liqueur zu koſten. Endlich fliegt eine Mücke herbei; allein aus Marcels Taſſe will ſie trinken. 5 „Ich habe gewonnen!“ ruft dieſer aus. „Einen Augenblick!“ ſagte Chaudoreille, vor Un⸗ willen auf den Boden ſtampfend.„Laß mich den Fall beurtheilen.“ „Es ſcheint mir, daß keine Zweideutigkeit hier ſtattfindet. Die Mücke iſt noch in meiner Taſſe.“ „Allein es fragt ſich, ob es wirklich eine Mücke iſt; ich kann keinen Thaler verlieren, denn man kauft nicht die Katze im Sack.“. „Ol betrachte ſie, ſo lange Du willſt.“ 1 Chaudoreille ſteht auf und ſtreckt den Kopf vor⸗ wärts, um beſſer in die Taſſe ſehen zu können, die vor Marcel ſteht; allein kaum hat er ſich durch dieſe Bewegung ſeinem Gaſte genähert, ſo ruft er, die Hand an die Naſe haltend, aus:„Die Wette gilt nicht!... es iſt Nichts geſchehen!“ „Was ſoll das heißen?“ ruft ſeinerſeits Marcel aus, vom Tiſche aufſtehend. „Ich wiederhole es Dir, daß die Wette nicht gilt.“ „Und warum?“. „Warum 2.. Alle Teufel! weil Du einen ſo un⸗ reinen Athem haſt, daß die Fliegen im Fluge ſinken; hieraus ſiehſt Du, daß die Partie nicht gleich iſt.“ „Chaudoreille, ich will die Sache als einen Spaß betrachten und kein Geld von Dir nehmen, allein 51* ich ſchmeichle mir, einen eben ſo friſchen Athem zu haben, als Du wenigſtens.“ „Die Sache als einen Spaß betrachten?“ ſagte der Ritter, die Hand an ſeinen Degengriff legend. „Willſt Du mich vexiren? Alle Teufel, wenn ich es wüßte!“ „Wohlan, wohlan, beruhige Dich!“ „Glaubſt Du, ich ſei der Mann, der Deine Be⸗ leidigungen dulde?... Bei meinem Roland! ich weiß nicht, was mich zurückhält...“ „Biſt Du bald fertig?“ „Alle Teufel!... Wenn ich glaubte, daß Du mich ärgern wollteſt!... Als ob es mir auf einen Thaler ankäme! Wenn ich hundert verloren hätte, ſo würde ich ſie Dir bezahlt haben!“ „Es iſt gut, laſſen wir das.“ Je mehr Marcel ſich bemüht, ſeinen Gaſt zu be⸗ ſänftigen, deſto mehr tobt und ſchreit dieſer, denn er glaubt, man fürchte ihn, und er will dieß dazu benützen, den Erzürnten zu ſpielen; er zieht ſogar ſeinen Degen und rennt in dem Saale auf und ab, ſeine kleinen Augen um ſich her wälzend, als ob er Alles zerſpalten wollte. Marcel, der endlich unge⸗ duldig wird und ſieht, daß ſeine Bitten nichts fruchten, entſchließt ſich jetzt, einen hinter eine Thüre gelehnten Beſen zu ergreifen, und ſich zur Wehr ſtellend, er⸗ wartet er den Angriff ſeines Feindes. Allein dieſe Handlung hat Chaudoreille's Wuth plötzlich beſänftigt; er bleibt ſtehen und ſich an die Stirne ſchlagend, wie Jemand, den ein plötzlicher „ à2 8 5 Gedanke erleuchtet, ruft er aus:„Großer Gott, was wollte ich thun!... Im Hauſe des edlen Marquis von Villebelle ſogar laſſe ich mich vom Zorne hin⸗ reißen. Ach, mein Feuerkopf! Wie bös bin ich auf mich! Alles iſt vergeſſen, Marcel; komm in meine Arme, ich verzeihe Dir!“ Marcel, ſtets ein guter Burſche, wirft ſeinen Be⸗ ſen weg und reicht dem Ritter die Hand. Man ſetzt ſich wieder an den Tiſch, ſpielt aber nicht mehr; und während man in dem obern Gemach, auf die Zeiger der Pendeluhr blickend, ſeufzt, enden die zwei Gäſte in dem untern Saale damit, daß ſie, die köſtlichen Weine und Liqueurs des Marquis ſchlürfend, ein⸗ ſchlafen. Viertes Kapitel. Pont⸗Neuf.— Tabarin. Der ſchlechte Erfolg der Nachtmuſik hat den jun⸗ V gen Urbain nicht abgeſchreckt; wenn man recht ver⸗ liebt iſt, verliert man den Muth nicht leicht. Unſer Liebender iſt nach Hauſe zurückgekehrt, den eiferſüch⸗ tigen Barbier verwünſchend, denn er zweifelt nicht⸗ daß Touquet das junge Mädchen aus Eiferſucht ſo ſtrenge bewacht; allein durch ſeine Drohungen nicht ſehr in Schrecken geſetzt, ſchwört Urbain, bis in Blanca's Gegenwart zu dringen, und Alles zu thun, um ſich ihre Zuneigung zu erwerben. Schwören iſt eine ſehr leichte Sache! Wie viele zurückzukehren. 53 Schwüre ſind nur ſeit einem halben Jahrhundert ſchon geſchworen und gebrochen worden! Allein laßt uns bloß von Liebesſchwüren ſprechen; dieſe ſind luſtiger, und wer ſie bricht, iſt der Verzeihung nicht unwürdig. Urbain, der geſchworen hat, er wolle Blanca ſehen, iſt gleichwohl über die Art verlegen, auf welche er dieſen Zweck erreichen ſoll. Allein in der Liebe ſchwört man immer zuerſt und denkt dann erſt nach; auch gibt es viele Leute, die in ihren ſon⸗ ſtigen Anlegenheiten ſo verfahren. Am Morgen des auf die Nacht, in welcher er geſungen hat, gefolgten Tages geht Urbain in der Nähe der Wohnung des Barbiers ſpazieren, allein er wagt es nicht, in das Haus zu treten, nach wel⸗ chem er ſeufzend hinblickt. Um von dem Barbier nicht erblickt zu werden, geht er nicht einmal an dem Laden vorbei und blickt nur aus der Ferne nach den Fenſtern: Niemand zeigt ſich an ihnen; ſie ſcheinen dazu verdammt zu ſein, nie geöffnet zu werden. Er wartet, bis die alte Dienerin das Haus verläßt; end⸗ lich öffnet Margarethe die Thüre der Hausflur: ſie will die nöthigen Lebensmittel einkaufen. Urbain verliert die gute Alte nicht aus dem Ge⸗ ſicht, aber er wagt es nicht, mit ihr in die Boutik zu treten. Allein wie ſoll er die Unterhaltung an⸗ knüpfen... Im neunzehnten Jahre iſt man zur Lei⸗ tung einer Intrigue noch ſehr ungeſchickt. Endlich nähert er ſich Margarethen zitternd in dem Augen⸗ blicke, in welchem ſie ſich anſchickt, wieder nach Hauſen 4. „Was wollen Sie von mir,“ ſagte die Alte in trockenem Tone zu ihm, denn der Anblick eines jun⸗ gen Ritters flößte ihr ſtets Beſorgniſſe ein, und ſie erinnerte ſich unaufhörlich an die Befehle ihres Herrn. Die Augen niederſchlagend, ſtammelt der junge Menſch:„Madame, ich möchte... „Ich bin nicht Dame, ich bin Jungfer.“ „Mademoiſelle... wenn ich es wagen dürfte...“ „Was 2 „Sie zu bitten...“ „Sprechen Sie doch!“ „Mir Nachrichten über Jungfer Blanca zu geben!“ „Ueber Jungfer Blanca?... O, ol ich weiß⸗ was Sie wollen, mein junger Zierling... fort, fort, gehen Sie Ihres Wegs... in der That, Sie haben ſich an die rechte Perſon gewendet!... Wenn Sie von dieſem lieben Kinde ſprechen wollen, ſo wenden Sie ſich an meinen Herrn, er wird Ihnen antworten und zwar auf eine kräftige Weiſe.“ Mit dieſen Worten entfernt ſich Margarethe von Urbain, und murmelt, nach Hauſe zurückkehrend: „Monſieur hat recht, wir müſſen unſere Aufmerk⸗ mkeit verdoppeln, damit dieſes hübſche Mädchen icht von dieſen ſchlechten Menſchen belagert wird.“ „Sie haben alle geſchworen, mich zur Verzweif⸗ zu bringen,“ ſagt Urbain zu ſich, tief betrübt über den ſchlechten Empfang, der ihm von der Alten zu Theil geworden war⸗„allein aller ihrer Vorſichts⸗ maßregeln ungeachtet werde ich ſie ſehen, werde ich mit ihr ſprechen!“ 55 Um deſto beſſer über die Mittel, ſie zu ſehen, nachdenken zu können, entfernt ſich Urbain von dem Hauſe des Barbiers; er läuft in der Irre umher, und kommt bald auf der Brücke Pont⸗Neuf an. Die Brücke Pont⸗Neuf war damals der Ver⸗ ſammlungsort der Fremden, Intriguanten, der Mü⸗ ßigen, Spitzbuben und der neuen Ankömmlinge aus den Provinzen. Es war der lebhafteſte Ort der Hauptſtadt; ſtets angefüllt von einer Menge Neu⸗ gieriger, welche ſich um Quackſalber drängten, die allgemeine Heilmittel verkauften und Farcen ſpielten, von wandernden Bankiers, welche Taſchenſpielerkünſte trieben, von Lieder⸗, Stahlwaaren⸗, Bücher⸗, Spiel⸗ zeug⸗Verkäufern, bot er den Beobachtern luſtige Scenen und ein ſehr lebendiges Gemälde dar. Tabarin, der durch ſein öffentlichen Schauſpiele bekannt geworden iſt und von dem ſogar unſer gro⸗ ßer Moliére einige Schnurren entlehnt hat, wohnte damals auf der Neubrücke; er war dem berüchtigten Signor Hieronimo nachgefolgt, der in dem Hofe des Palaſtes Salbe gegen den Brand verkaufte, nachdem er ſich öffentlich die Hände verbrannt und ſie mit ſeinem Balſam geheilt hatte, während Galinette⸗la⸗Galine die Vorübergehenden durch ſeine Nebenpoſſen herbeilockte. Außer Tabarins Schauſpiel gab es auf der Brücke Pont⸗Neuf noch mehrere andere Theater: Meiſter Gonin, ein ſehr geſchickter Taſchenſpieler, hatte ſich daſelbſt niedergelaſſen und ergötzte die Pariſer durch ſeine Gewandtheit; und in einer geringen Entfernung hatte Briochée ſein Marionettenſchauſpiel. 56 Tabarin, ein bloßer Hanswurſt eines Salbenver⸗ käufers, ſpielte den Einfältigen und richtete an ſeinen Herrn tauſend lächerliche Fragen. Dieſer, als Arzt gekleidet, beantwortete Tabarins Poſſen, wobei er ihn einen dummen Eſel, ein fettes Schwein u. ſ. w. nannte, und dieſes Schauſpiel lockte die Menge her⸗ bei. Man ſah daſelbſt nicht bloß das Volk, ſondern auch Perſonen aus den erſten Ständen der Geſell⸗ ſchaft. Urbain, der, in ſeine Liebesträume verſunken, umherirrte, d. h. ohne vor ſich hinzuſehen, und alle erlenae die ſich ihm näherten, mit dem Ellbogen ſtieß, fand ſich von der Menge vor das Theater dees Modehanswurſts hingetrieben. Der junge Bac⸗ calaureus vernimmt ſchallendes Gelächter um ſich her, er ſieht große Herren, junge Mädchen, Arbeiter, gemeine Dirnen, die, das Geſicht in die Höhe gerich⸗ tet, entzückt einem Menſchen zuhören, der einen Poſſenreißerhut auf dem Kopfe hat, mit weiten Hoſen bekleidet iſt, und das Geſicht durch eine Maske ver⸗ hüllt hat; dieſer Menſch iſt Tabarin. Sein Herr, als Doktor gekleidet, den Kopf mit einer baskiſchen Mütze bedeckt, das Kinn mit einem langen Barte geſchmückt, hält Schachteln mit Salbe oder Balſam in den Händen. Urbain merkt auf eine Scene, welche der Hans⸗ wurſt ſpielt. Tabarin, der ſeine Iſabelle, die von Caſſandra bewacht wird, beſuchen will, weiß ſeinen Zweck nicht anders zu erreichen, als dadurch, daß er ſich in eine Frau verkleidet, und in dieſer Tracht 57 gelingt es ihm, eine geheime Zuſammenkunft mit ſeiner Gebieterin zu erlangen. Die Poſſenreißersmaske, die Tabarin in ſeiner weiblichen Tracht beibehält, gibt zu tauſend Späſſen Anlaß, welche die Lachluſt der Menge erregen, und bei denen der Anſtand nicht immer gewiſſenhaft be⸗ obachtet wird, allein das Publikum der Neubrücke läßt ſich nicht leicht einſchüchtern, und die Frauen von Stand, die dieſem Schauſpiele beiwohnen, begnügen ſich, ihre Fächer vor das Geſicht zu halten und auszurufen: „Ach, das ſind ungeziemende, ärgerliche Handlungen; man ſollte ihm wenigſtens die Geberden verbieten!“ Die ſeltſame Verkleidung des Hanswurſtes betrach⸗ tend, faßt Urbain einen Plan. Warum ſollte er nicht daſſelbe Mittel gebrauchen, um ſich in das Haus des Barbiers zu ſchleichen? Iſt es nicht die Liebe ſelbſt, die ihm dieſe Liſt eingibt, indem ſie ihn zum Zeugen dieſer Scene in dem Augenblicke macht, in welchem ſich ſein Kopf abmartert, um Mittel zu erſinnen, wodurch er in Blanca's Gegenwart gelangen könnte? Mag es nun die Liebe, das Schickſal oder der Zufall ſein, was unſern Liebenden hierhergeführt hat, immerhin entzückt ihn ſein Gedanke, und, Tabarin tauſend Mal dankend, iſt er auf nichts mehr als auf die Ausführung deſſelben bedacht. Alsbald drängt er ſich durch die ihn umgebende Menge, ſtößt eine Griſette mit dem Ellbogen, bleibt an dem Mantel einer alten Dame hängen, tritt einer kleinen Mai⸗ treſſe, die, auf den Arm eines jungen Studenten Paul de Kock. LVI. 4 5 ——— 5 58 geſtützt, ſich unter das Publikum geſchlichen hatte, auf den Fuß; allein gleichgültig gegen die Schelt⸗ worte, die man gegen ihn ausſtoßt, fährt Urbain fort, ſich Platz zu machen, und als er ſich endlich aus dem Getümmel herausgewunden hat, läuft er, kaum Athem ſchöpfend, in ſeine Wohnung. Hier angekommen öffnet der junge Baccalaureus die Schublade eines kleinen Sekretärs von Nußbaum und zählt ſein Geld; denn in jeder Angelegenheit muß man ſich an dieſes verfluchte Geld wenden, um die Hinderniſſe aus dem Wege zu räumen und ſchneller zu dem vorgeſteckten Ziele zu gelangen. Seine Erſparniſſe beſtehen bloß in ſechszig Tou⸗ rer Livres; das iſt ſehr wenig, man würde damit in unſern Tagen nicht in das Boudoir einer Lais gelan⸗ gen können; allein wenn die Schönheit die Gefährtin der Unſchuld iſt, ſo iſt der Zutritt deſto leichter. Zudem wird Urbain nicht die Tracht einer großen Dame wählen, er will ſich vielmehr in eine Bäuerin verkleiden: ſein linkiſches Weſen wird auf dieſe Art weniger bemerkt werden. Er betrachtet ſich in ſeinem kleinen Spiegel: kein Bart, nicht das kleinſte Härchen am Kinn. Urbain hüpft vor Freuden, obſchon er einige Tage früher nach einem Knebelbart geſeufzt hat. Jetzt, 4 da er ſich in ein Mädchen verwandeln will, entzüct es ihn auch, daß er keine höhere Geſtalt hat, und, ſeine kleinen Füße und niedlichen Hände betrachtend, ruft er aus:„Wie glücklich iſt man, wenn man nicht ſtark, robuſt und ein ſchöner Mann iſt!“ Es fragt ſich nur noch, wie er ſich die nöthigen 59 Kleidungsſtücke verſchaffen ſoll. Er nimmt ſeine Tha⸗ ler, begibt ſich zu einem Trödler und verlangt ein Hauskleid für eine Landmagd von ſeiner Größe. Man legt ihm Alles vor, was zum weiblichen Coſtüm ge⸗ hört: Rock, Mieder, Schürze, Haube, Halstuch, Schuhe; man läßt ihn für alles das drei Mal ſo viel bezahlen, als es werth iſt, und unſer junger Menſch iſt entzückt. Dieſe Einkäufe haben Zeit weg⸗ genommen; Urbain nimmt ſein Mittagsmahl ein, dann kehrt er gegen Abend mit ſeinem kleinen Paket unter dem Arme in ſeine Wohnung zurück, ſo zu⸗ frieden als Jaſon, der das goldene Vließ wegtrug; als Pluto, der die Proſerpina entführte; als Apollo, der der Schlange Python die Haut abzog; als Her⸗ kules, der die goldenen Aepfel aus dem Garten der Heſperiden ſtahl; oder als Paris, der die Frau des Menelaus entführte; und wahrlich, alle dieſe Leute mußten ſehr zufrieden ſein. In ſeinem Zimmer angekommen, ſchlägt unſer Liebender Feuer. Hierauf ſchreitet er ſogleich zur Umwandlung ſeiner Tracht und behält von dem männlichen Coſtüm bloß die Kleidungsſtücke bei, die er für nöthig hält, um unter dem weiblichen Rocke nicht zu frieren. Urbain probirt den Rock, dann das Mieder, dann will er alles das anlegen, allein er benimmt ſich ſchlecht dabei: er zieht eine Schnur ſtatt einer andern an, er trennt die Kleider auf, zerreißt ſie, ärgert ſich; der arme Knabe geräth in Verzweiflung, betrachtet ſich in ſeinem kleinen Spiegel und ſieht wohl, daß ſein neuer Anzug nicht gehörig geordnet iſt; er wird die Sache nie zu Stande bringen. Was nun thun? Nur eine Frau iſt mit allen dieſen Ge⸗ heimniſſen der Toilette ihres Geſchlechts vertraut; er muß daher eine Frau bitten, ihm zu Hülfe zu kommen, und glücklicher Weiſe wohnt in dem Stocke unter ihm ein alter Junggeſell, deſſen flinke und hübſche Magd ihm ſtets eine anmuthige Ver⸗ beugung macht. Alsbald ſpringt Urbain, ſeinen Rock und ſein Mieder, ſo gut er kann, am Leibe haltend, die Treppe hinab und klingelt bei ſeinem Nachbar. 5 Die Magd öffnet und bricht in ein lautes Ge⸗ lächter aus, als ſie den jungen Menſchen halb männ⸗ lich, halb weiblich gekleidet erblickt. Allein ein hübſcher Junge von neunzehn Jahren intereſſirt ſtets, wie er auch gekleidet ſein mag, und Urbain ſagt zu der Guten mit rührender Stimme:„Ach, meine Beſte.. ich bin in großer Verlegenheit... ich will mich in ein Frauenzimmer verkleiden und ich kann die Sache nicht zu Stande bringen; wie liebenswürdig wäre ſie, wenn ſie mir einen Augenblick hälfe.“ „Recht gern,“ erwiedert das wohlbeleibte Mäd⸗ chen, und ohne ſich bitten zu laſſen, folgt ſie Urbain in ſein Zimmer, wo ſie immer ſtärker lacht, als ſie ſieht, auf welche Art er ſein weibliches Coſtüm an⸗ gelegt hat.„Sie gehen alſo auf den Ball?“ ſagte ſie zu ihm. „Ja, und ich möchte ſo verkleidet ſein, daß man mich nicht erkennen könnte.“ „O gut, warten Sie, ich, ich will Sie ankleiden⸗ und ich verſpreche Ihnen,⸗ es ſoll Ihnen gut ſtehen. — —2 Alsbald fängt ſie an, Alles, was Urbain ge⸗ macht hat, umzuändern.„Das iſt nicht gar elegant,“ ſagte ſie. „Das iſt Alles, was ich wünſche; ich will ſehr einfach gekleidet ſein.“. „Allein Sie müſſen noch ein Unterröckchen haben, um es darunter anzuthun... das iſt nicht genug; Sie haben keine Hüften wie wir... man muß Ihnen wohl machen... und dieſe Haube!... Ei, wie gar⸗ ſtig!... das würde Ihnen nicht ſtehen.. ich werde Ihnen eine andere holen und Alles, w Sie brau⸗ chen. O, ich will, daß Sie hübſch ſeien.“ Ohne auf Urbain, der ihr dankt, zu hören, läuft die junge Magd in ihr Zimmer, von wo ſie bald wieder zurückkommt, mit Allem verſehen, was nöthig iſt, um aus dem jungen Menſchen ein artiges Mäd⸗ chen zu machen. Die neue Haube wird probirt; ſie paßt vollkommen gut. Urbain iſt entzückt; er weiß nicht, wie er dem jungen Mädchen ſeine Dankbarkeit bezeugen ſoll und dieſe wird mit ſeinem Kopfputze nicht fertig: Locken müſſen gemacht, Haare zurückge⸗ kämmt werden; ſie verbirgt ihm das Kinn, befeſtigt ihm Stecknadeln, bleibt ſtehen, betrachtet ihn und ruft aus:„Das iſt wirklich recht hübſch!... Eine ſo weiße Haut, ein ſo ſanftes Geſicht; die Leute werden ſich täuſchen, das iſt gewiß. Warten Sie jetzt noch eine Weile, daß ich Ihnen Brüſte mache.“ „Iſt das wohl nöthig?“ „Wie, ob das nöthig ſei? Ah! was mögen Sie da fragen.“ 3 „Allein ich erſticke in dieſem Mieder...“ „Ach, es geht uns ebenſo; aber das thut nichts. Um hübſch zu ſein, muß man ein wenig leiden. Warten Sie, daß ich Ihnen die Taille zuſammenziehe, ... daß ich Ihnen Hüften mache... und dann... Ah, bei einer Dame muß dieß ſein... daran erkennt man das Geſchlecht.“ Die junge Magd findet an Urbain imm⸗ noch Etwas auszubeſſern und dieſer verſteht ſich, um gut verkleidet zu werden, zu Allem, was ſie will, mit dem beſten Anſtande von der Welt, indem er jeden Augenblick wiederholt:„Wie gut iſt ſie, Jungfer; wie könnte ich ihr meine Dankbarkeit beweiſen!“ Sei es nun, daß Urbain endlich ein Mittel ge⸗ funden hat, ſeine Dankbarkeit zu beweiſen, oder daß die Magd dem jungen Menſchen noch etwas Anderes thun mußte, die Toilette dauerte länger als zwei Stunden. Erſt nach Verfluß dieſer Zeit verließ das wohlbeleibte Mädchen, roth wie eine Kirſche, den jungen Menſchen mit den Worten:„Es iſt ge⸗ ſchehen, Sie ſehen gar nicht mehr aus wie eine männliche Perſon!... Sie können jetzt ausgehen.. Schlagen Sie die Augen nieder, blicken Sie ſeit⸗ wärts, nehmen Sie kleine Schritte, ſchwanken Sie ein wenig mit den Hüften, heben Sie Ihr Kleid ein wenig auf und ſie werden das Ende der Straße nicht erreichen, ohne eine Eroberung gemacht zu haben. Adieu, mein Herr, wenn Sie mich brauchen, ſo ſchonen Sie mich nicht, wenn es Ihnen beliebt.“ Die junge Magd hat ſich entfernt, und nachdem —— —————— 63 Urbain ſeinen Gang eine Zeit lang einſtudirt hat, faßt er den Entſchluß, ſich in ſeiner neuen Tracht auf die Straßen von Paris zu wagen. 4 Fünftes Kapitel. Nächtliches Abenteuer. 8 Der Baccalaureus fühlt ſich in ſeiner weiblichen Verkleidung auf den Straßen von Paris ziemlich unbehaglich. Ob es gleich Nacht iſt und die Straßen nur ſchwach beleuchtet ſind, ſo glaubt er doch, ſo oft Jemand an ihm vorbeigeht, er ſei erkannt, und ver⸗ ſteht ſich darauf, von den Sergeanten angehalten zu werden, die ihn nach dem Beweggrunde ſeiner Ver⸗ kleidung fragen und ein Löſegeld von ihm verlangen könnten, wenn er fortführe, als Frauenzimmer in der guten Stadt umherzugehen, in der man ſich nur in dem Falle, daß man mit vollen Händen Geld aus⸗ ſtreut, für das ausgeben kann, was man nicht iſt; und da Urbain keinen Thaler bei ſich hat, weil man nicht an Alles denkt, wenn man ſich in ein Frauen⸗ zimmer verkleidet, ſo fühlt der junge Verliebte wohl, daß er den Händen der Gerechtigkeit ausweichen müſſe. In Wahrheit, er fürchtet die Diebe nicht; dieß hieß damals viel, es heißt gegenwärtig noch Etwas. Nach und nach faßt Urbain Muth; er gewöhnt ſich an ſeine Kleidung, und gewiſſe Reden, welche von Vorübergehenden an ihn gerichtet werden, be⸗ 64 weiſen ihm, daß man ſich hinſichtlich ſeines Geſchlechts täuſcht. Urbain iſt nicht geneigt, die etwas ritterlichen Artigkeiten, die man ihm ſagt, zu beantworten; er begnügt ſich damit, ſeine Schritte zu verdoppeln. Endlich hat er die Straße des Bourdonnais erreicht; allein jetzt erſt fällt es ihm bei, daß es ſchon zu ſpät iſt, um in das Haus des Varbiers dringen zu können. Es iſt unwahrſcheinlich, daß Margarethe jetzt aus⸗ geht; ſeine Verkleidung wird ihm daher erſt am fol⸗ genden Tage zu Statten kommen können; es war daher vergeblich, daß er ſie ſo bald angelegt hatte. Allein macht ein Liebender ſolche Betrachtungen? Da übrigens Urbain ſich an das Tragen der weiblichen Tracht gewöhnen will, ſo iſt es ihm nicht unlieb,⸗ daß er des Nachts den erſten Verſuch damit gemacht hat. Mit dieſen Gedanken beſchäftigt, ſchlenderte er vor dem Hauſe des Barbiers umher, nach Blanca's Fenſtern blickend und ihr tauſend Seufzer zuſchickend, die ſie nicht hört, weil ſie ſchläft, und die ſie wahr⸗ ſcheinlich nicht hören würde, wenn ſie wach wäre. Sich ganz dem Vergnügen überlaſſend, unter den Fenſtern ſeiner Schönen zu ſeufzen, bedenkt Urbain nicht, daß, wenn es natürlich iſt, einen jungen Men⸗ ſchen des Nachts auf der Straße warten oder ſeuf⸗ zen zu ſehen, ein Frauenzimmer, das allein und ſo ſpät noch ein Gleiches thut, zu manchen Muthmaßun⸗ gen Anlaß gibt. Plötzlich wird der junge Liebende aus ſeiner Entzückung durch eine männliche Perſon geriſſen, die ihn ſtark am Knie zwickt und mit hei⸗ ſerer Stimme zu ihm ſagt:„Es ſcheint mir, mein 65 Mütterchen, daß der, welchen Du erwarteſt, ſaum⸗ ſelig iſt; wenn Du meinen Arm annehmen willſt, ſo wollen wir hei dem Wirthe da unten weißen Wein koſten. Ich bin ein Kunde... es ſind Kabinete dort...“ Urbain dreht ſich um und erblickt einen großen luſtigen Schalk in der Tracht eines Sänftenträgers. Sehr wenig erfreut über das Abenteuer eilt der junge Baccalaureus davon, ſeinen Galan zurücklaſ⸗ ſend; allein kaum iſt er zweihundert Schritte von ihm entfernt, ſo wird er von Neuem von zwei Pagen angehalten, die ihn umarmen wollen; es gelingt ihm jedoch, ihnen zu entkommen, und er eilt weiter fort. Bald reden ihn Studenten, dann Lakaien und dann Soldaten an; einige verfolgen ihn. Um ihnen zu entrinnen, verdoppelt Urbain ſeine Geſchwindigkeit, und um beſſer laufen zu können, hebt er ſeinen Rock bis an die Kniee auf, allein je weiter er ihn auf⸗ hebt, deſto hitziger verfolgen ihn dieſe Herren. „Der Teufel!“ ſagte der fliehende Urbain zu ſich, vich habe mich nicht in ein Frauenzimmer verkleidet, um mich von allen Pagen und Lakaien in der Stadt kneipen zu laſſen. Die Männer haben den Teufel im Leibe!.. Ich ſehe jetzt ein, daß es angenehmer iſt, Hoſen zu tragen als Weiberröcke, allein morgen werde ich zu Blanca gehen; wohlan! Muth gefaßt.. ſie wer⸗ den mich vielleicht in Ruhe laſſen.“ Mit dieſen Worten ſprang Urbain über die Goſſen und durchlief die Straßen, von Schweiß triefend, und faſt erſtickend in ſeinem Mieder und unter dem künſtlichen Buſen, mit dem ihm die junge Magd die 66 Bruſt beſetzt hatte. Da er die Straßen, die vor ihm lagen, auf's Gerathewohl einſchlug, um ſeinen Erobe⸗ rungen zu entgehen, ſo wußte er endlich ſelbſt nicht mehr, in welchem Stadtviertel er ſich befand. Da Urbain Niemand mehr hinter ſich hört, ſo bleibt er ſtehen und ſchöpft Athem. Er erkennt den Ort, an welchem er ſich befindet: er iſt über die Brücken gegangen und in dem großen Pré-aux Cleres angekommen, in welchem man Häuſer zu bauen und Straßen zu eröffnen anfing, wie man es in dem kleinen Pré-aux-Clercs gethan hatte, das gegen das Ende der Regierung Heinrich IV. ganz mit Häuſern bedeckt war. „Gut! das iſt die neue Straße, die man Verneuil nennt,“ ſagte Urbain zu ſich,„da iſt der Chemin- aux-Vaches, wo man die Straße St. Domingo baut. Ich weiß nun, wo ich bin, allein ich will ein wenig ausruhen; meine Wohnung iſt zu weit entfernt, als daß ich mich ſogleich wieder auf den Weg begeben könnte. Ich bin ganz erſchöpft, ich muß Athem holen; dieſes Stadtoiertel iſt menſchenleer, die Nacht iſt vorgerückt; ich darf daher hoffen, daß ich keine Erobe⸗ rungen mehr⸗ machen werde.“ Urbain ſchürzt ſeine Röcke auf und ſetzt ſich auf einen Stein; nach Verfluß einer halben Stunde fühlt er ſich nicht mehr ermüdet, ſteht auf und ſchickt ſich an, in ſein Logis zu eilen. Ruhig vorwärts gehend wünſcht er ſich Glück dazu, daß ihm Niemand mehr begegnet, allein während er an der Straße Bourbon vorübergeht, bemerkt er plötzlich vier Menſchen, die 4 67 1 aus derſelben hervorkommen, und als ſie ihn er⸗ blicken, plötzlich Halt machen, um ihm den Weg zu verſperren.„O, ol was iſt das 2... ſo ſpät!... das Wild hat ſich noch nicht zur Ruhe gelegt!“ „Bei meiner Ehre, ein herrliches Zuſammen⸗ treffen... es iſt eine kleine Pächterin!“ „Um ſo beſſer, ich liebe die Bäuerinnen ſehr...“ „Der Teufel! Marquis, eine Bäuerin, die mitten in der Nacht in Paris ſpazieren geht?... Das iſt eine Unſchuld, die, ſcheint es mir, furchtbar kühn iſt...“ „Still, Ritter, Du haſt ſtets böſe Gedanken!... Ich wette, das arme Kind iſt bloß in die Stadt ge⸗ kommen, um ſeine Eier zu verkaufen!“ „Mag ſie gekommen ſein, in welcher Abſicht ſie will, ſie wird in keinem Falle zurückkehren, ohne daß meine Knebelbärte ſich auf ihren ſchönen Mund gedrückt haben.“ Urbain ſieht an der Sprache und den Manieren dieſer Herren, daß er es mit Galgenvögeln von ho⸗ hem Stande zu thun hat; da er ihnen nicht entfliehen kann, denn er iſt von allen Seiten umringt, ſo ſucht er ſich von ihnen loszuwickeln, indem er mit zarter Fiſtelſtimme ſagt:„Meine Herren, ich bitte, laſſen Sie mich; ich bin nicht das, was Sie glauben.“ Allein ſeine Bitten werden nicht gehört; man drängt ſich um ihn, drückt ihn. Urbain, den dieſes Benehmen ungeduldig macht, ſieht zu ſeiner Befreiung keinen andern Ausweg mehr, als den, ſein Geſchlecht zu verrathen; er ruft daher in ſeiner natürlichen Stimme aus:„Laſſen Sie mich in Ruhe, meine 68 Herren! Ich wiederhole Ihnen, daß Sie ſich nicht an die rechte Perſon gewendet haben.“ Dieſe Worte, die der Baccalaureus auf eine Art ſprach, die keinen Zweifel über ſein Geſchlecht mehr geſtattete, bringen auf die vier jungen Herren die Wirkung des Meduſenhauptes hervor: ſie bleiben re⸗ gungslos ſtehen; allein bald erheben alle vier ein ſchallendes Gelächter und rufen aus:„Es iſt eine männliche Perſon!... o, das Abenteuer iſt einzig!“ „Ja, meine Herren, es iſt eine männliche Perſon,“ erwiedert Urbain;„ich hoffe jetzt, daß Sie mir ge⸗ ſtatten werden, meinen Weg fortzuſetzen.“ „Was mich betrifft, ich habe nichts dagegen,“ ſagte einer der Unbekannten. „Hör', Villebelle,“ erwiederte ein Anderer,„laß doch dieſen Knaben gehen, Du ſiehſt wohl, daß es kein Mädchen iſt! Ich glaube, Gott verdamme mich, daß der Wein, den wir getrunken haben, ihn ſeinen Irrthum nicht erkennen läßt; iſt es nicht wahr⸗ Ritter?“ „Bei Gott, meine Herren, es iſt ſo!“ erwiederte der Marquis von Villebelle, denn er war es in der That. Wie er dem Barbier geſagt hatte, brachte er den Reſt der Nacht mit ſeinen Freunden auf eine luſtige Art zu, indem er nach anziehenden Abenteuern in den Straßen der Hauptſtadt jagte. Von Wein und ſonſtigen ſtarken Getränken erhitzt, war der Marquis, der bei ſolchen Gelegenheiten ſtets das Beiſpiel der Tollheit und Ausſchweifung gab, dem jungen Urbain am hitzigſten zu Leibe gegangen; er — 69 fuhr jedoch fort, den Baccalaureus zurückzuhalten, obſchon er ſich zu erkennen gegeben hatte. „Einen Augenblick, mein Knabe,“ ſagte er, Ur⸗ bain zurückhaltend;„wir wiſſen, daß Du kein Mäd⸗ chen biſt, das iſt ſehr gut; allein bei allen Teufeln, es müſſen Dir luſtige Abenteuer begegnet ſeyn, daß Du Dich ſo vermummt haſt. Erzähle ſie uns, das wird uns ergötzen, wir wollen Dich dann frei laſſen.“ „Ja, ja,“ wiederholen die Andern,„er muß uns ſagen, warum er ſich in ein Frauenzimmer verkleidet hat.“ „Ich werde es morgen bei dem kleinen Lever des Kardinals erzählen.“ „Ich werde es der Marian Delorme mittheilen.“ „Ich werde Bois⸗Nobert bitten, es für den Hof in Verſe zu bringen.“ „Colletet wird eine Komödie daraus machen. Wohlan, ſprich doch!“ „Noch einmal, meine Herren, laſſen Sie mich meinen Weg fortſetzen,“ erwiedert Urbain ungedul⸗ dig.„Mit welchem Rechte fragen Sie mich? ich habe Ihnen nichts zu ſagen, und ich will mich entfernen.“ Dieſes ſagend, ſucht er den Marquis von Neuem zurückzudrängen, allein dieſer verſperrt ihm den Weg, zieht ſeinen Degen und ruft aus:„Bei meiner Ehre! der kleine gute Menſch ſpielt den Unverſchämten... Ahl das iſt zu unartig. Rede, oder wir laſſen Dich wie einen Pudel über unſere Klingen ſpringen.“ „Unverſchämter!“ rief Urbain wüthend aus,„wenn ich eine Waffe hätte, ſo würden Sie ſich keine ſolche 70 Reden erlauben, oder Sie fühlten bereits Reue dar⸗ über.“ „Wahrhaftig, ja, ich will ſehen, wie Du den Degen führſt! Wohlan, Ritter, leihe mir den Dei⸗ nigen.“ 3 „Wie, Villebelle, Du willſt...“ 4 „Ja, ohne Zweifel, ein Duell mit einer Bäuerin, das wird luſtig ſein; wohlan, meine Herren, bilden Sie einen Kreis.“ Mit dieſen Worten nimmt der Marquis den De⸗ gen eines ſeiner Gefährten und reicht ihn Urbain dar.„Hier,“ ſagte er zu ihm,„haſt Du Etwas, wo⸗ mit Du Dich vertheidigen kannſt; ſtell' Dich zur Wehr, wir wollen ſehen, ob Du ſo tapfer als eigen⸗ ſinnig biſt.“ Urbain reißt dem Marquis den Degen haſtig aus der Hand und greift ihn ſogleich an; obſchon ſeine Röcke und ſein Mieder ihn beläſtigen, ſo ſtürzt er doch mit Ungeſtüm auf ſeinen Gegner los, der, ſeine Hiebe ablenkend, jeden Augenblick ausruft:„Gut!... ſehr gut, bei meiner Ehrel... ſehen Sie doch, meine Herren.. der Teufel, wie er ſo hitzig angreift!... ich muß meine ganze Geſchicklichkeit aufbieten, um..“ Ein Stich, der ihm einen Theil des Vord erarms durchdringt, hemmt die Rede des Marquis; ſein De⸗ gen entfällt ihm, ſeine Freunde umgeben und halten ihn, Urbain ſelbſt will ihm zu Hülfe kommen. „Es iſt nichts, es iſt nichts,“ ſagte der Marquis; „lebe wohl, mein Freund, Du biſt ein tapferer Mann; es freut mich, Deine Bekannſchaft gemacht zu haben⸗ —y4 71 obſchon ich nicht weiß, mit wem ich es zu thun ge⸗ habt habe. Was Dich betrifft, wenn Du eines Tags Dich in Verlegenheit befindeſt, wenn Du einen ſchlim⸗ men Handel abzumachen haſt, oder einen Beſchützer brauchſt, ſo komm' in mein Hotel, frage nach dem Marquis von Villebelle, und Du wirſt mich bereit finden, Dir zu dienen.“ Mit dieſen Worten ergreift der Marquis die Hand des jungen Menſchen, drückt ſie ihm mit Herzlichkeit und entfernt ſich dann, geſtützt auf die jungen Edel⸗ leute, die ſeine Wunde mit ihren Schnupftüchern ver⸗ bunden haben. Unſer Verliebter aber eilt, noch ganz betäubt von dieſem Abenteuer, ſchnell in ſeine Woh⸗ nung zurück. Sechstes Kapitel. Die Zuſammenkunft unter vier Augen. Die ereignißreiche Nacht iſt der Morgenröthe ge⸗ wichen und der Schlaf hat Juliens Augen noch nicht berührt: aufgeregt und ungeduldig iſt ſie zwanzig Mal von dem Sopha aufgeſprungen und hat an der Thüre gelauſcht, da ſie ein Geräuſch zu verneh⸗ men glaubte und den Marquis erſcheinen zu ſehen hoffte. Allein ſie hat alle Stunden dieſer Nacht, die ihr eine Ewigkeit zu ſein ſchien, ſchlagen gehört, und der verführeriſche Marquis iſt nicht gekommen. Die Stirne der jungen Italienerin hat ſich um⸗ wölkt; ihre Augen, in denen ſtets ein lebhaftes Feuer glänzt, drücken nicht mehr dieſelben Gefühle aus: 4 72 eine düſtere Flamme ſprüht in ihnen. Julia's Buſen iſt beklemmt; ſie ſeufzt, ſie läuft in dem Zimmer, deſſen Eleganz keine Reize mehr für ſie hat, planlos umher, geht an den Spiegeln vorüber, ohne ſich in denſelben zu betrachten; ihre Eitelkeit fühlt ſich gede⸗ müthigt durch die Gleichgültigkeit des Marqui deſſen Betragen in der That unentſchuldbar wat. Welche Frau wird eine ſolche Vernachläßigung verzeihen? Sich freiwillig entführen laſſen, um hernach die ganze ——— Nacht in der Einſamkeit zuzubringen!... Die Liebe entſchuldigt Vieles, allein die Eigenliebe entſchuldigt Nichts. Sobald der Schein der Kerzen vor dem aufge⸗ henden Morgenlichte erblaßt, öffnet Julia die Thüre des Boudoirs, durchläuft ſodann mehrere Zimmer, und kommt endlich in den Corridor.„Sie fürchten nicht, daß ich entwiſche,“ ſagte ſie, einen bittern Seuf⸗ zer ausſtoßend;„ſie haben keine einzige Vorſichts⸗ maßregel ergriffen, um mich zurückzuhalten; allein der Herr Marquis und ſein würdiger Agent glauben, ich fühle mich ſchon zu glücklich, daß ich in dieſes Haus geführt worden ſei! Geduld... eines Tags werden ſie mich vielleicht beſſer kennen lernen.“ Julia ſteigt die Treppe hinab. Obgleich man ſchon mitten im Winter war, war es doch ein ſchöner Morgen. Die junge Italienerin tritt durch den Säu⸗ lengang hinaus und vertieft ſich in die Gärten, deren. lange Baumgänge ſie, ſich ganz ihren Gedanken über⸗ laſſend, durchläuft. 4 Der Tag hat Marcel und ſeinen Gaſt, die an — 73 dem Tiſche, an welchem ſie zu Nacht geſpeist haben, eingeſchlafen ſind, überraſcht. Marcel, welcher zuerſt erwacht, ruft ſeine Gedanken zurück und begreift nicht, warum ſein Herr die ganze Nacht hindurch nicht gekommen iſt, allein die Thürglocke tönt in dem Saale, in welchem ſie geſchlafen haben, und der Marquis iſt nicht der Mann, der nichts von ſich hören läßt. Marcel ſtößt den Ritter, der ſeine kleinen Augen öffnet und erſtaunt um ſich herblickt, die Worte mur⸗ melnd:„Alle Teufel!... ich bin nicht in meinem Logis in der Straße Brisemiché, noch in dem Ball⸗ hauſe in der Straße Vidée-Gousset... wo Teufels hab' ich denn die Nacht zugebracht?... wo iſt mein Beutel?... ich habe acht Thaler darin!“ Chaudoreille betaſtet ſich ſchnell und zählt ſein Geld, während Marcel zu ihm ſagt:„Wache doch ganz auf und erinnere Dich, wo Du biſt... hältſt Du mich für fähig, Dich zu beſtehlen?“ „Ach, was für ein Ochſenkopf bin ich!.. Dieſer theure Maxeel... ich erinnere mich jetzt an Alles... Verzeihung, mein Freund, allein im erſten Augen⸗ blicke glaubte ich mich in der Schenke, wo ich zu⸗ weilen übernachte! Was Teufel, es iſt heller Tag!“ „Ja, und der Marquis iſt heute Nacht nicht ge⸗ kommenz; ich begreife es nicht... „Das iſt in der That höchſt ſanderbarz und die arme Kleine, die wir mit ſo viel Mühe hierher brachten, was der Henker wird ſie ſeit geſtern gethan haben?“ Paul de Kock. LVI. z 74 „Sie wird geſchlafen haben wie wir.“ „Ach, mein lieber Marcel, man ſieht wohl, daß Du das ſchöne Geſchlecht nicht ſtudirt haſt!... Schla⸗ fen?... eine Frau, die zum erſten Male ihren Sieger erwartet?... ſie hätte lieber den Mond gefreſſen als geſchlafen.“ „Allein wenn der Sieger nicht kommt, muß man wohl einen Entſchluß faſſen.“ „Nie, nie, ſage ich Dir!... Höre einmal folgen⸗ des Beiſpiel: Ich hatte einmal einer Baronin an dem Strand der Seine in der Nähe des Thurms Nesle ein Rendezvous gegeben; es war auch Winter und ſchrecklich kalt. Unerwartete Hinderniſſe, ein Duell, verhindern mich, zu meiner Schönen zu gehen. Ich werde verwundet und muß acht Tage lang im Bette liegen. Als ich am neunten Tage zufällig an den verabredeten Ort kam, was ſehe ich noch daſelbſt?“ „Deine Baronin?“ „Getroffen! Allein die arme Frau war ſeit vier Tagen erfroren, und das, weil ſie den Ort des Ren⸗ dezvous nicht hatte verlaſſen wollen.“ „Unſere Dame hatte ein gutes Feuer und Alles, was ſie wünſchen konnte. Sie wird auf meinen Herrn harren und nicht erfroren ſein.“ „Sag' mir doch, Marcel, was meinſt Du, wenn ich hinaufginge und ihreliebenswürdige Sachen ſagte, um ſie ein wenig zu zerſtreuen.“ „Nein, das könnte dem Herrn Marquis mißfallen.“ „Ach, Du haſt recht, es könnte ſeinen Verdacht erregen.“ 75 2* „Wäre es nicht beſſer, wenn Du fortgingeſt, um die Perſon aufzuſuchen, die Dich hier gelaſſen hat, um ihr zu ſagen, daß der gnädige Herr nicht ge⸗ kommen iſt?“ „Nein, mein theurer Marcel, Touquet hat mir geſagt, ich ſolle hier die Befehle des Marquis er⸗ warten, und ich muß ſeine Inſtruktionen befolgen; mag er vierzehn Tage nicht kommen, das iſt mir ganz gleich, ich verlaſſe Dich nicht. Du haſt einen guten Keller und Mundvorräthe jeder Art, ich befinde mich recht gut hier; ich werde bloß Karten auf die nächſte Nacht holen und Dich dann Hauptſchläge lehren, von denen Du nichts ahnſt.“ „Meinetwegen, ich werde unſer Frühſtück zuberei⸗ ten und dann mich erkundigen, ob die Dame Etwas wünſcht.“ „Wohl, während dieſer Zeit werde ich den Gar⸗ ten durchlaufen und mit Deinem Herkules Bekannt⸗ ſchaft machen.“ 3 Chaudoreille legt ſeinen Mantel zurecht, ordnet ſeine neue Krauſe, die er zufällig gekauft hat, die ihn aber entzückt, weil ſie ihm bis an die Ohren geht. Er ſetzt ſeinen Hut auf, ringelt ſeine Haare, und in den Garten ſich begebend trillert er:„Komm' Morgenroth, ich fleh' Dich an!“ ein Geſang, den der gute König Heinrich in Aufnahme gebracht hatte. Vor jeder Bildſäule bleibt er mit ſtolzer Miene ſtehen und ſchneidet denen, welche ihm den Abend zuvor bang gemacht haben, ſaure Geſichter. Beim Heraustritte aus einem Dadugange be⸗ 3 76 merkt er Julien, die in einem Gebüſche ſitzt, das noch nicht durch das Blätterwerk beſchattet iſt. Das junge Mädchen iſt in Gedanken vertieft und hat ihn nicht kommen hören. Chaudoreille berathſchlagt ſich, ungewiß, ob er ſie anreden oder ſeines Wegs gehen ſoll; er entſchließt ſich zu dem erſtern und nähert ſich ihr, ſeine linke Hand auf ſeine Hüften ſtemmend, den Leib vorwarts biegend und ſeinen Mund bereits zu einem Lächeln geſtaltend. Julia ſchlägt die Augen raſch auf; da ſie aber den Ritter erblickt, kann ſie ſich eines Lächelns nicht erwehren.„Was wollen Sie von mir?“ ſagt ſie haſtig zu ihm. 3 Beſtürzt hält Chaudoreille mitten in ſeinem Lächeln inne und kann nicht ſogleich antworten.„Wer ſchickt Sie zu mir?“ beginnt Julia wieder;„iſt der Marquis hier?... oder ſein Vertrauter, der Barbier Touquet?“ „Nein, ſchöne Dame.. ich bin im gegenwärtigen Augenblicke mit Ihnen und Marcel allein in dieſem Hauſe... ich habe dieſe Nacht Ihrer Sicherheit we⸗ gen durchwacht... ich glaubte immer, der Marquis werde kommen.“ „Wer iſt dieſer Marcel? Ohne Zweifel der Diener, der uns geöffnet hat?“ „Richtig errathen.“ „Dient er dem Marquis ſchon lange in dieſomm Hauſe?“ „Nein, nein, ich glaube, erſt vier oder fünf Jahre.“ „Und Sie, ſind Sie ſchon früher hier geweſen?“ „Geſtern war es das erſte Mal.“ 3 Julia iceigt und Chaudoreille beginnt nach 1 4 „ — —— 77 Verfluß einer Minute wieder:„Kennen Sie wohl meinen Buſenfreund, den Barbier Touquet?“ „Was liegt Ihnen daran,“ antwortete die Italie⸗ nerin, dem Ritter einen verächtlichen Blick zuwerfend. „Sicherlich nichts. Aber weil Sie ihn genannt haben... er iſt zweifelsohne ein ſehr achtungswerther Burſche; ich rechne es mir zur Ehre, ſein Freund zu ſein.“ „Das gereicht Ihnen zum Lobe,“ ſagte Julia, während ein ironiſches Lächeln um ihren Mund ſpielte. „Ja, gewiß,“ erwiedert Chaudoreille, der Julia's Lächeln zu ſeinem Vortheile deutet,„wir haben das Feuer mit einander geſehen... er iſt tapfer... o, hierin laſſe ich ihm Gerechtigkeit wiederfahren!... er hat ſich ſtets mit Ehren aufgeführt.“ „Stets?... und hat er Ihnen zuweilen Etwas von ſeinen Verwandten, von ſeinem Vater erzählt?“ „Meiner Treu' nicht; ich glaube nicht, daß er in den erſten Ständen der Geſellſchaft geboren worden iſt.. in dieſem Punkte ſtehe ich unendlich weit über ihm: die Chaudoreille ſind ein ſehr reines Geſchlecht, und ihr Stamm ſteigt zurück bis auf Noah. Unter Karl dem Kahlen ließ ſich einer meiner Vorfahren. „Was liegt mir an dem, was Ihre Vorfahren thaten! Ich ſpreche mit Ihnen von der Familie des Barbiers.“ „Richtig, allein mein Freund Touquet hat wenig mit mir davon geſprochen: ich glaube, er iſt ein Lothringer, und er hat mir geſagt, er habe ſein Vaterland früh⸗ zeitig verlaſſen und ſei noch ſehr 1 nach Paris ⸗ 78 gekommen. Nur da kann das Genie glänzen; auch hat Touquet ſein Glück gemacht! Und ich.. Gott ſei Dank, ich bin...“ Hier fielen Chaudoreille's Augen auf ſein an mehre⸗ ren Orten durchlöchertes Wamms; nachdem er es mit ſeinem Mantel bedeckt hat, fährt er fort:„Ich wäre ſehr reich, wenn ich mich nicht der Weiber wegen zu Grunde gerichtet hätte.“ Julia, die auf die letztere Phraſe wenig gemerkt hatte, ſagte mit gedämpfter Stimme:„Er muß reich ſein, wenn er dem Marquis bei allen ſeinen tollen Streichen beigeſtanden iſt.“ „Er verheirathet ſich nicht,“ fährt Chaudoreille fort,„und doch könnte er gegenwärtig eine gute Partie treffen... ſein Haus in der Straße des Bour- donnais iſt ein hübſches Eigenthum.. vielleicht will er wegen der Kleinen nicht.. vielleicht will er ſie ſelbſt heirathen.. dieß würde mich nicht in Erſtau⸗ nen ſetzen...“ „Welche Kleine?“ fragte Julia neugierig. „Das junge Mädchen, das er an Kindesſtatt an⸗ genommen hat, und das jetzt ſechszehn Jahre alt iſt.“ „Der Barbier Touquet hat ein Mädchen an Kin⸗ desſtatt angenommen??“ „Ja, ohne Zweifel! Wie kommt es, daß Sie, die 5 G Sie ihn kennen, dieß nicht wiſſen?... es iſt doch eine der beſten Handlungen ſeines Lebens!“ „Touquet hat eine gute Handlung verrichtet?“ ſagte Julia ironiſch lächelnd;„ich hätte es nicht er⸗ rathen! Und dieſes junge Mädchen, iſt es hübſch?“ „Der ob es hübſch ſei? ich glaube es „— 79 doch... es iſt ein... aber nein,“ ſagte Chaudoreille, ſich plötzlich beſinnend,„ſie iſt ganz und gar nicht ſchön, im Gegentheil, ſie iſt häßlich, man kann ſogar ſagen, ſie ſei abſtoßend.“ „So eben nannten Sie ſie ſchön, und jetzt machen Sie ſie ſehr häßlich.. Sie ſcheinen ſelbſt nicht zu wiſſen, was Sie ſagen wollen, Herr Chaudoreille.“ „Neben Ihnen, ſchönes Dämchen, kann man leicht den Kopf verlieren; allein bei dieſem Degen, ich ſchwöre Ihnen...“ Da ſich in dieſem Augenblicke die Glocke der Gar⸗ tenthüre vernehmen läßt, ſo hält Chaudoreille inne: in der Vermuthung, es ſei der Marquis und es würde gefährlich für ihn ſein, wenn man ihn bei einer geheimen Unterhaltung mit Julia anträfe, ent⸗ läuft er durch den erſten beſten Baumgang und eilt zu Marcel zurück, indeß die junge Italienerin ängſt⸗ lich lauſcht und ein lebhaftes Hochroth ihre Wangen färbt. Marcel öffnet, allein nicht der Marquis, ſondern bloß Touquet tritt ein.„Ihr Herr hat ſich heute Nacht duellirt,“ ſagte er zu Marcel,„er iſt verwun⸗ det, aber nur leicht, wie es ſcheint. Ich will mit dem jungen Mädchen reden. Sie wird zu wiſſen verlan⸗ gen, was alles das bedeuten ſoll... wo iſt ſie ge⸗ genwärtig?“ „Im Garten,“ ſagte Chaudoreille,„allein ich ver⸗ ſichere Dich, daß ſie ſich da nicht zu langweilen ſcsinte. es iſt wahr, ich habe mit ihr geſchwatzt un ℳ 4 80 „Hatte ich Dir es erlaubt?... Du biſt ſehr kühn, daß Du Dich mit einer Frau unterhältſt, auf die der Marquis die Augen geworfen hat...“ „Ja, ich geſtehe, daß ich ſehr kühn bin... allein ich glaubte, Du ſagteſt, daß der Marquis ſich ge⸗ ſchlagen hat; weißt Du mit wem?⸗ 1 „Schwachkopf, ſind das unſere Sachen? Glaubſt Du, ich habe ihn gefragt?“ „Es iſt wahr, es ſind nicht unſere Sachen, aber...“ „Du haſt nichts mehr hier zu ſchaffen, pack' Dich.“ „Ich mich packen?“ „Ja, und das auf der Stelle.“ „Ohne dem gnädigen Herrn vorgeſtellt zu werden? Das iſt ſehr unangenehm; allein.. wenigſtens... es ſcheint mir, wenn man mich nicht meh braucht, ſo ſollte man mich bezahlen.“ „Nimm, hier ſind noch zehn Thaler, das iſt hun⸗ dert Mal weiter, als Du werth biſt.“ „Sehr gut, Allrin die Bandioſe und die zerbro⸗ chene Scheibe.. „Der euten biſt Du nicht zufrieden, Schlingel?“ „Ja wohl, ja wohl, ich bin ſehr zufrieden!... Ich will nicht murren,“ ſagte Chaudoreille zu ſich,„er könnte ſich an die Bärte erinnern, die ich ihm ſchuldig bin.“ „Geh'!“ ſagte der Barbier, mit dem Finger nach der Gartenthüre weiſend. Der Gascogner ſchiebt die ſo eben erhaltene Summe ſchnell in ſeinen Beutel, ſteckt dieſen ſodann ſorgfältig in ſeinen Gürtel und murmelt:„Zehn und acht macht achtzehn... alle Teufel! ich könnte damit das Ballhaus in der Straße 4 81 Vidée-Gousset und die Bank in der Straße Coup- Gorge an mich bringen.“ Dann drückt er ſeinem Freunde Marcel die Hand und geht, ſeinen Mantel um ſich herwerfend, durch die kleine Thüre hinaus, die er nicht weit genug findet, ſeit er achtzehn Thaler beſitzt. Der Barbier, der den Auftrag, den ihm der Marquis gegeben hat, zu vollziehen eilt, um bis zu der Ankunft ſeiner Kunden wieder in ſeinem Hauſe zu ſein, durchläuft den Garten mit großen Schritten und begegnet Julien, die bei ſeinem Anblicke ihre Hoffnung abermals ſchwinden ſieht. „Madame,“ ſagte Touquet, das junge Mädchen grüßend,„das Betragen des Herrn Marquis hat Ihnen wenigſtens als ſehr außerordentlich erſcheinen müſſen; Sie werden es entſchuldigen, wenn ich Ihnen ſage, daß er ſich heute Nacht auf der großen Prè- aux-Cleres geſchlagen hat und verwundet worden iſt.“ „Er iſt verwundet?“ ſagte Julia gerührt,„und fürchtet man?“ „Nein, Madame, er iſt bloß leicht am Arme ver⸗ wundet; der Herr Marquis hat mir dieſes Ereigniß dieſen Morgen bei Tagesanbruch mitgetheilt und mir den Auftrag gegeben, Sie davon in Kenntniß zu ſetzen; er hofft, bald wieder hergeſtellt zu ſein und in vier oder fünf Tagen Sie beſuchen zu können, um ſich ſelbſt zu entſchuldigen; allein wenn Sie ſich hier langweilen, ſo ſteht es Ihnen frei, in Ihr Magazin zurückzukehren, ich werde...“ „Nein,“ ſagte Julia, den Barbier raſch unter⸗ brechend,„ich werde hier bleiben; glauben Sie denn, 8² ich habe meine Wohnung verlaſſen, um wieder dahin zurückzukehren? Ich werde den Marquis erwarten.“ „Sie können thun, was Ihnen beliebt; man hat den Befehl, Ihren geringſten Wünſchen zu genügen.“ Der Barbier grüßt Julien, und nachdem er Marcel die Befehle des Marquis mitgetheilt hat, verläßt er das kleine Haus und kehrt ſchnell in ſeine Wohnung zurück. Fünf Tage ſind verfloſſen, ſeit die junge Italie⸗ nerin das wollüſtige Gemach bewohnt, in welchem ſie ein Klavier, eine Zither, einige Bücher, Bleiſtifte, Zeichnungen und eine Garderobe findet, die mit Allem verſehen iſt, was die Reize der Schönheit vermehren kann. Marcel, ſtets gehorſam und verſchwiegen, be⸗ friedigt alle ihre Wünſche, ohne ſich die geringſte Frage zu erlauben, und Julia richtet nur das Wort an ihn, wenn ſie Etwas von ihm verlangt, wovon ſie ſich Zerſtreuung verſpricht, denn der herrlichſte Ort ſchützt nicht gegen die Langeweile. Der Abend des ſechsten Tages iſt ſchon vorgerückt. Julia, die ſich mit Koketterie geputzt hat, in der Er⸗ wartung, der Marquis werde kommen, hat ihre Hoff⸗ nung abermals ſchwinden geſehen und ſich auf den Sopha hingeſtreckt, wo ihre Träumereien einem leichten Schlummer Platz machen, als die Thüre des Zimmers ſich leiſe öffnet und der Marquis von Ville⸗ belle am Eingange des Gemachs erſcheint. 3 „Sie iſt ſchön, ſehr ſchön,“ ſagte der Marquis⸗ — das nachläßig auf den Sopha hingeſtreckte junge Mädchen einen Augenblick betrachtend und ihr dann 83 einige Schritte näher tretend. Das hiedurch entſtan⸗ dene Geräuſch weckt die junge Italienerin auf, und die Augen öffnend, erblickt ſie den großen Herrn, der, in ein reiches und zierliches Coſtüm, das ſeine An⸗ muth und edle Haltung noch mehr hervorhob, geklei⸗ det, lachend an ihrer Seite Platz nimmt. Julia macht eine Bewegung, um ſich anfzurichten. „Bleiben Sie,“ ſagte der Marquis,„Sie ſind ſo ſchön in dieſer Stellung! Ich bedaure, Ihren Schlaf geſtört zu haben.“ „Gnädiger Herr, ich erwartete Sie nicht mehr,“ ſagte Julia, die Verwirrung zu verbannen ſtrebend, in die ſie der Anblick des Marquis verſetzt;„und ſeit ſechs Tagen allein an dieſem Orte...“ „Ja, Sie haben Langeweile haben müſſen, ich begreife es; allein, meine Schöne, mein Abgeſandter hat Ihnen ſagen müſſen, daß ich nicht daran Schuld bin. Mein Arm iſt ſogar noch nicht geheilt, allein ich habe dem Verlangen nicht widerſtehen können, das liebenswürdige Kind zu ſehen, das aus Liebe zu mir ſich entſchließt, in der Einſamkeit zu leben.“ „Aus Liebe zu Ihnen, gnädiger Herr?“ ſagte Julia, die Augen abwendend, um den verliebten Blicken des Marquis zu entgehen;„und was veranlaßt Sie, zu glauben, daß ich Sie liebe?“ „Ah! bei meiner Ehre, das iſt göttlich!... Er⸗ warteten denn Sie einen Andern hier, mein Engel?“ „Ich erwarte, gnädiger Herr, daß Sie mir ſagen, aus welchem Grunde Sie mich aus meiner Wohnung haben entführen laſſen.“ 84 „Köſtlich!... bei allen Teufeln, köſtlich!... ſie weiß nicht, warum man ſie hierher gebracht hat!... Man hat es Ihnen alſo nicht geſagt, verſchlagene Kleine?“* „Von Ihnen allein will ich es hören, gnädiger Herr.“ „Das iſt billig. Amor richtet durch Geſandte wenig aus: dieſer Gott liebt die Pagen und Bedien⸗ ten nicht, er will ſein Geſchäft ſelbſt verrichten... Wohlan! zuerſt einen Kuß, und wir werden uns dann beſſer verſtehen.“ Julia entwindet ſich den Armen des Marquis, die ſie umfangen wollen, und entfernt ſich von ihm mit den Worten:„Ich bitte Sie, mein Herr, unter⸗ laſſen Sie dieſe Freiheiten, die mich beleidigen.“ „Die Sie beleidigen?“ ſagte der Marquis, in ein Gelächter ausbrechend, indeß Julia's Wangen ein lebhaftes Hochroth färbt.„Aha! was ſoll denn das heißen 2... und ſpielen wir Komödie... man will mich für die Langeweile eines ſechstägigen Harrens büßen laſſen. Noch einmal, meine liebe Freundin, es iſt nicht meine Schuld: ein Duell in dem Augen⸗ blicke, in welchem ich am wenigſten daran dachte.. Ach! ich muß Dir das erzählen, es iſt ſehr drollig: ich kam mit vier guten Freunden von der Schenke; ein wenig benebelt, ſuchten wir mit Jedermann Streit anzufangen, zerbrachen die Scheiben, ſchlugen die 3 Wachen, rißen den guten Bürgern die Perücken vom Kopfe.. Was willſt Du? Man muß die Zeit gut zubringen und den Herren vom Parlamente zeigen⸗ 6 ——,— — genwärtig affectiren, muß mich daher in Erſtaunen 8⁵ daß man ſich nicht unter den Befehlen begriffen glaubt, welche den Vagabunden, den Pagen und Lakaien verbieten, des Nachts Lärm in den Straßen von Paris zu machen. Kurz, wir trafen ein Mädchen, dieſes Mädchen war ein Jüngling; er will uns nicht ſagen, warum er ſich verkleidet hat, und ärgert ſich über unſere Späße. Einer von uns gibt ihm ſeinen Degen und wir ſchlagen uns. Für einen jungen Menſchen focht er, bei meiner Ehre, höchſt tapfer! Das war ein Vergnügen! Kurz, er hat mir dieſe Schramme beigebracht, die ich noch fühle und die mich hindert, meinen Arm recht zu gebrauchen; daher, meine Schöne, bitte ich Dich, ſpiele nicht allzuſehr die Grauſame, denn ich bin nicht im Stande, einen Angriff auszuhalten.“ Der Marquis nähert ſich Julien und will ſie von Neuem in ſeine Arme ſchließen, allein ſie win⸗ det ſich los und nimmt in einiger Entfernung von dem Marquis Platz, während ſie dieſer lächend be⸗ trachtet und, eine Jagdmelodie ſummend, ſich auf das Ruhepolſter hinſtreckt. Der Buſen des jungen Mädchens ſchlägt raſcher, ſie blickt ſeitwärts und verhüllt ſich die Augen mit der rechten Hand. „Was iſt es denn?“ ſagte der Marquis nach Verfluß einiger Minuten.„Weinen wir zufälliger Weiſe? In der That, meine Kleine, ich begreife Sie nicht: man hat mir geſagt, Sie ſeien ganz frei⸗ willig hierher gegangen; die Strenge, die Sie ge⸗ ſetzen. Wohlan, beruhigen Sie ſich, ich werde ver⸗ ſtändig ſein, weil Sie es ſo wollen.“ Dieſes ſprechend, ſetzt ſich Villebelle an Julia's Seite und ergreift eine ihrer Hände, die er in die ſeinigen drückt. Die junge Italienerin heftet die Augen auf den Marquis; in den Zügen des Letztern lag etwas Edles, etwas Verführeriſches, das ihm nur zu leicht Verzeihung für ſeine Kühnheit auswirkte. Ge⸗ wohnt, zu ſiegen, war er unternehmend aus Gewohn⸗ heit, nicht aus Geckerei, und Juliens Widerſtand ſetzte ihn in Erſtaunen, ohne ihn zu erzürnen. „Warum weinen Sie?“ ſagte er zu ihr. „Ich habe geglaubt, daß Sie mitch lieben, und Sie verachten mich.“ „Ich Sie verachten?... Nein, ſchönes Mädchen, ich werde Sie lieben... wie ich lieben kann, und das wird dauern... ſo lange es dauern kann; was wollen Sie weiter?“ „Ich will Liebe... eine beſtändige, wahrhafte, aufrichtige Liebe..“ „Ahl eine beſtändige Liebe... meine gute Freun⸗ din, Sie fordern viel! Können wir das verſprechen, wir Männer? Und wie? wenn es den größten Damen des Hofs nicht gelingt, ſo ſoll eine Griſette hoffen dürfen, den Marquis von Villebelle zu feſ⸗ ſeln?“ „Wohlan,“ ſagte Julia, ſich ſtolz erhebend und nach der Thüre zuſchreitend,„die Griſette wird der Laune des großen Herrn nicht nachgeben.“) 3 „Bei meiner Ehrel... ſie würde gehen... glaube 87 ich,“ ſagte der Marquis, Julien auf den Sopha zurückführend.„Wohlan, keine Laune... befinden wir uns denn hier, um uns zu erzürnen?... Die Zeit flieht mit reißender Schnelle; ſie nimmt jede Minute einige Funken von jenem ſchöpferiſchen Feuer, das Liebe und Wolluſt einhaucht, mit ſich fort! Warten wir, um aus dem Becher des Vergnügens zu trinken, nicht, bis der Feuerherd erloſchen iſt!... Man wird Sie lieben, man wird Sie anbeten, Bos⸗ hafte; allein was bieten Sie mir als Preis einer ſolchen glühenden Liebe an?“ „Ein Herz, das Sie anders zu lieben wiſſen würde, als Sie bisher geliebt worden ſind, das ſein Glück darin fände, nur für Sie zu ſchlagen, das keinen Gedanken hätte, der Ihnen fremd wäre, keinen Wunſch, der ſich nicht auf Sie bezöge!“ Bei dieſen Worten glänzte ein lebhafteres Feuer in Juliens Augen: ſie heftete ſie auf den Marquis, da ſie die Leidenſchaft, die er ihr eingeflößt hatte, nicht mehr zu verbergen ſuchte. „Herrliche Augen!“ ſagte Villebelle nach Verfluß einer Minute,„allein ein wenig zu viel Erhaben⸗ heit in den Geſinnungen... Sie ſind Italienerin, und das ſieht manz der brennende Himmelsſtrich, unter welchem Sie geboren worden ſind, erlaubt Ihnen nicht, die Liebe, wie wir Franzoſen, lachend und ſcherzend zu behandeln, und doch iſt dieß die beſte Manier; die andern ſind zu traurig.“ „Sagen Sie, daß wir allein wahrhaft zu lieben wiſſen... während Sie, gnädiger Herr, den Namen Liebe der einfachſten Laune beilegen, deren ihr Herz ganz fremd iſt.“ „Höre, meine theure Freundin, alle Deine Reden über die Metaphyſik der Liebe werden mich weniger überzeugen, als ein einziger Deiner Küſſe. Und wie? immer noch Widerſtand!... Den Umſtand, daß ich verwundet bin, benützen, das iſt nicht großmüthig.“ „Sind Sie immer verwundet geweſen, gnädiger Herr?“ ſagte Julie, den Marquis zurückſtoßend; „und haben Sie ſich hier in dieſer Wohnung keine Vorwürfe zu machen?“ „Aha!l meine Kleine, willſt Du mir eine moraliſche Vorleſung halten?“ ſagte Villellelle lächelnd.„Es ſcheint mir, Du mißbraucheſt meine Geduld ein we⸗ nig!... Auf meine Ehre, Deine Augen ſind mehr dazu geſchaffen, Vergnügen als Weisheit auszu⸗ drücken... Predigten in Deinem Munde!... Eine kleine Griſette, die hierherkömmt, um die Rolle der Lucretia zu ſpielen!... Wohlan, meine Schöne, laſ⸗ ſen wir dieſe Poſſen. Haſt Du dieſe Sentenzen bei Tabarin oder Brioche gelernt?“ Julie ſteht auf, ihre Augen funkeln, ihre Wangen ⸗ überzieht ein glühendes Roth, und einen funkelnden Blick auf den Marquis ſchleudernd, ruft ſie aus: d „Und Sie, gnädiger Herr, wo hatten Sie einen Va⸗ ter morden gelernt, um ihm ſeine Tochter zu rau⸗ ben?“ Villebelle ſtaunt einige Minuten lang; ſeine Blicke ſind auf Julia gerichtet, die, ſelbſt erſchrocken über die Veränderung, welche mit der ganzen Perſon des 89 Marquis vorgegangen iſt, ängſtlich zu erwarten ſcheint, was er ihr ſagen will. Endlich ſteht der Marquis auf und murmelt mit einer Stimme, welche nicht mehr dieſelbe iſt:„Was veranlaßt Sie zu der Vermuthung, daß ich ein ſol⸗ ches Verbrechen begangen habe?... Sprechen Sie, antworten Sie, ich befehle es Ihnen.“ „Gnädiger Herr,“ ſagte die junge Italienerin, nich habe die Entführung der ſchönen Eſtrelle, der Tochter des alten Delmar, erzählen gehört; allein der Barbier Touquet war damals bereits ihr Agent. Ich zweifle nicht, daß er es iſt, der Sie bewogen hat, ſich gegen einen Greis zu waffnen, der ſeine Tochter vertheidigte.“ „Sie haben von einem Abenteuer ſprechen gehört, das ſchon ſeit ſiebenzehn Jahren vergeſſen iſt, und Sie ſind kaum zwanzig Jahre alt! Sie ſagen mir nicht Alles; haben Sie die ſchöne Eſtrelle gekannt, lebt ſie noch? Ach, reden Sie, reden Sie, und zäh⸗ len Sie auf meine ganze Dankbarkeit, wenn Sie mir dieſe Unglückliche wieder auffinden helfen!“ „Sie liebten ſie alſo?“ ſagte Julie ſeufzend und den Marquis zärtlich anblickend. 8 „Ja, ja, ich liebte ſie!... Ich bitte Sie, lebt ſie noch? Antworten Sie mir.“ „Ich weiß nichts weiter von ihr, gnädiger Herr, als Sie ſelbſt; ich ſchwöre es Ihnen. Ich habe nie eine Frau getroffen, welche dieſen Namen führte; nur der Zufall hat mich mit dieſem Abenteuer be⸗ Paul de Kock. LVI. 2 90 kannt gemacht. Als ich Sie ſah, als ich mich in dieſem Hauſe befand, in das dieſe Eſtrelle geführt wurde, ſo drängte ſich mir dieſe Erinnerung an jene Ereigniſſe auf; verzeihen Sie mir, daß ich Sie daran erinnert habe... Sie waren damals noch ſehr jung; ich weiß auch, daß der alte Delmar an ſeiner Wunde nicht ſtarb. Was ſeine Tochter betrifft, ſo wieder⸗ hole ich Ihnen, daß ich nichts weiter von ihr erfahren habe als Sie. Allein Sie hatten mich dadurch be⸗ ſchimpft, gnädiger Herr, daß Sie mich jenen Wei⸗ bern gleichſtellten, die Ihre Reichthümer Ihnen täg⸗ lich unterwerfen, indeß Ihre Liebe das einzige Gut iſt, nach welchem ich trachte... und ich bin Italie⸗ nerin.. ich habe mich gerächt.“ Der Marquis antwortet nichts; er geht langſam in dem Zimmer auf und nieder und ſeufzt von Zeit . zu Zeit, die Augen um ſich herwerfend, allein er ſcheint nicht mehr zu bemerken, daß Julie da iſt. .„Ja,“ ſagte der Marquis, das Boudoir betrach⸗ tend,„hier habe ich einen Monat mit ihr zugebracht; dieſe Wohnung war damals noch nicht, was ſie heute iſt... Ich habe ſie zu verſchönern, zu verändern ge⸗ ſucht, um ihr Andenken von mir zu entfernen, al⸗ lein ſeitdem habe ich hier jene ſeligen Augenblicke, die ich an ihrer Seite lebte, nicht mehr genoſſen.“ Ein langes Schweigen folgt auf dieſe Wortez endlich nimmt der Marquis ſeinen Hut und Mantel⸗ macht Julien eine leichte Verbeugung und ſpricht mit halblauter Stimme:„Ich werde Sie morgen wieder ſehen.“ Hierauf eilt er fort und verläßt das Luſt⸗ 91 haus in einer ganz andern Gemüthsſtimmung, als er es betreten hatte. Siebentes Kapitel. Urſula und die Zauberin von Verberin. Seit ſeinem nächtlichen Zweikampfe hatte Urbain ſeine weibliche Tracht mehrere Tage lang nicht mehr angelegt. Da er keine Eroberungen mehr zu machen oder ſich Abenteuern auszuſetzen geneigt war, die ſich nicht zu ſeinem Vortheile enden konnten, ſo ſah er ein, daß er, bevor er ſich wieder verkleidete, über⸗ zeugt ſein müſſe, daß ſeine Liſt ihn in die Nähe der ſchönen Blanca bringen werde. Er ſpäht daher aller⸗ erſt Margarethen wieder aus, indem er unaufhörlich in der Nähe der Wohnung des Barbiers umherſchlen⸗ dert, zieht neue Erkundigung über den Charakter der alten Dienerin ein und nimmt ſich vor, ihre Leicht⸗ gläubigkeit zu benützen. Nachdem ſein Plan einmal entworfen iſt, tritt ein von ihm beſoldeter alter Commiſſionär zu Margarethen und fragt ſie, ob ſie keinen Platz für eine ſehr ſanfte und ſittſame junge Bäuerin wiſſe, die kürzlich nach Paris gekommen ſei und keine Beſchäftigung habe. Die Alte gibt zwei Adreſſen, wo man, ſagt ſie, das junge Mäd⸗ chen vielleicht annehmen werde, und ſetzt ihren Weg fort. Den folgenden Morgen wird Margarethe, wäh⸗ rend ſie wie gewöhnlich Lebensmittel einkauft, von 92 einer jungen Bäuerin angehalten, die ſie grüßt und ihr mit niedergeſchlagenen Augen dankt. „Wofür dankt ſie mir, mein Kind?“ ſagte Mar⸗ garethe,„ich kenne ſie nicht.“ „Dafür, daß Sie ſich geſtern meiner angenom⸗ men, damit ich einen Platz finde...“ 4 „Ahl ſie iſt es, die man mir empfohlen hatte?“ „Ja, Mademoiſelle.“ „Und hat man ſie angenommen?“ „Nein, Mademoiſelle.“ „Das thut mir leid, denn ſie ſcheint mir ſehr ſanftmüthig, ſehr ehrlich! Woher iſt ſie, mein Kind?“ „Von Verberin, Mademoiſelle.“ „Warum iſt ſie nach Paris gekommen?“ „Ich habe meine Eltern verloren... und glaubte in einer großen Stadt leicht Arbeit finden zu können.“ „Ja, allein die großen Städte ſind ſehr gefähr⸗ liche Aufenthaltsörter für die jungen Mädchen; man hat ihr dieß ohne Zweifel geſagt, mein Kind.“ 3 „O ja, Mademoiſelle, allein ich fürchte nichts.“ „Wiel ſie muß ſich für ſehr geſchickt, für ſehr ſtart halten, daß ſie glaubt, ſie werde den Schlingen ent⸗ gehen, die man ihr legen kann.“ „O, das nicht, Mademoiſelle; aber... ich wage es nicht, Ihnen zu ſagen, daß... es iſt ein Ge⸗ heimniß!“ Das Wort Geheimniß macht auf eine alte Frau denſelben Eindruck, wie das Wort Liebe oder Heirath auf ein junges Mädchen: es regt alle ihre Sinne auf. Margarethens kleine Augen beleben ſich⸗ indeß 93 ſie ausruft:„Wie, mein Kind! ſie hat ein Geheim⸗ niß? Ich bin nicht neugierig, allein ich nehme An⸗ theil an ihrem Schickſale, ich wünſchte ihr nützlich zu werden, aber ſie muß mir Alles mittheilen, was ſie angeht. Was iſt das für ein Geheimniß, das ſie nicht zu ſagen wagt?“ „Mademoiſelle, ich wollte es Niemand in Paris mittheilen, denn man ſagt, es gebe Betrüger, die mir meinen Schatz rauben könnten... „Sie beſitzt einen Schatz?“ „O ja, Mademoiſelle; allein ich konnte damit Hunger ſterben!“ „Ei, was liegt daran, mein Kind? Haben nicht alle jungen Mädchen einen Schatz, der nicht zu be⸗ zahlen iſt: die Unſchuld, die Tugend!... und dieje⸗ nigen, welche ihn am ſorgfältigſten bewahren, ſind nicht immer die reichſten! Wenn ich in vergoldeten Prachtwägen jene Buhlerinnen, jene ſchamloſen Frauen ſehe, die im Luxus und im Ueberfluſſe leben, ach! ſo empört ſich mir das Herz im Leibe!... Allein kom⸗ men wir auf ihr Geheimniß zurück, mein Kind... wird ſie ſich wohl weigern, es mir mitzutheilen?“ „O nein, Mademoiſelle; Ihr Ausſehen iſt ſo ehr⸗ ireis⸗ ſo gütig, daß ich Ihnen nichts verweigern ann.“ Margarethe lächelt und verſetzt der Bäuerin ei⸗ nen ſanften Schlag auf den Arm, denn das Lob iſt eine Blume, deren Wohlgeruch man in jedem Alter liebt.„Rede ſie, rede ſie doch,“ ſagte ſie. „Mit Vergnügen, Mademoiſelle, würde ich dies 94 thun, allein es iſt eine ſehr lange Geſchichte, und ich muß dieſen Morgen in mehrere Häuſer gehen... wenn Sie mir erlauben wollten, es Ihnen dieſen Abend in Ihrer Wohnung zu erzählen... das wäre beſſer, denn ich wage es nicht, Alles das auf der Straße zu ſagen, man könnte mich hören und mich für eine Zauberin halten, und man hat mir mit der brennenden Kammer ſo bange gemacht! Gott weiß jedoch, Mademoiſelle, daß ich nichts von der Magie verſtehe, und daß ich vor dem Teufel mich ſo ſehr fürchte als vor den Menſchen!“ „O, o!“ ſagte Margarethe, deren Neugierde im höchſten Grade erregt war,„dieſes Geheimniß hat demnach an und für ſich etwas Außerordentliches?“ „Ja, Mademoiſelle.“ „Wahrhaftig! das ſetzt mich in Verlegenheit... ſie in's Haus aufnehmen, das iſt ſchrwierig.. wo wohnt ſie, mein Kind?“ Urbain zögert einen Augenblick, dann erwiedert er:„In der Nähe des Thores Saint⸗Antoine...“ „Ach, mein Gott! das iſt eine Stunde von hier .. ich werde nie dahin gehen können; mein Herr iſt ein ſehr ſtrenger Mann... ver will nicht, daß man Jemand empfangen ſoll.. 3 Nargarethe denkt einige Aeeng. nach; end⸗ lich trägt ihre Neugierde den Sieg davon.„Wohlan,“ ſagte ſie,„komm' ſie dieſen Abend um ſieben Uhr, es wird Nacht ſein; allein betrachte ſie dieſes Haus da unten.. dieſen Gang recht...“ „O, ich werde es erkennen.“ — — 95 „Klopf' ſie nicht an, bleibe ſie in der Nähe der Thüre, ich werde ihr öffnen, und ſie wird dann mit mir auf mein Zimmer gehen. Um dieſe Stunde be⸗ darf mein Herr gewöhnlich meiner Dienſte nicht mehr und verläßt den untern Saal nicht.“ „Es iſt genug, Mademoiſelle, ich werde mich um ſieben Uhr einfinden.“ „Wie heißt ſie?“ „Urſula Ledoux.“ „Vor Allem, Urſula, ermahne ich ſie, ſag' ſie von allem dem Niemand Etwas. Sie auf mein Zim⸗ mer nehmen iſt kein Verbrechen, ich weiß es, allein mein Herr iſt ein wenig lächerlich, er könnte mir es übel aufnehmen; zudem, mein Kind, bedarf es in jeder Sache der Verſchwiegenheit!... Sie wird mir dieſen Abend ihr Geheimniß erzählen, Urſula?“ „Ja, Mademoiſelle.“ „Um ſieben Uhr... da unten.“ „O, ich werde nicht ausbleiben.“ Urbain entfernt ſich, entzückt über den Erfolg ſeiner Liſt und kaum athmend, ſo ſehr hemmen die Hoffnung, Blanca zu ſehen, und das Mieder, in das er eingezwängt iſt, ſeine Reſpiration. Marga⸗ rethe aber ſagt, in ihre Wohnung zurückkehrend, zu ſich:„Dieſes junge Mädchen hat eine ſo ſanfte als ehrliche Miene, und es iſt nichts Unrechtes, ſie einen Augenblick auf mein Zimmer zu nehmen... das wird meine arme kleine Blanca, die ſeit einigen Tagen traurig iſt und ſich mehr als gewöhnlich zu lang⸗ weilen ſcheint, ein wenig zerſtreuen, und wir werden 96 jenes Geheimniß erfahren, das.. ach, mein Gott! wäre es doch bald ſieben Uhr.“ Margarethe eilt zu Blanca; ſeit der Nacht des Abendſtändchens war das liebenswürdige Kind ſchwer⸗ müthiger als zuvor; es ſang bloß den Schlußreim ſeiner Lieblingsromanze, und die Hirtenlieder, die alten Tenſons, die Ringellieder ergötzten es nicht mehr. Margarethe nähert ſich ihr und ſagt mit halb⸗ lauter Stimme und in geheimnißvollem Tone:„Wir werden dieſen Abend einen Beſuch bekommen.“ „Einen Beſuch!“ ſagte Blanca;„ah, Herrn Chau⸗ doreille, ohne Zweifel?“— „Nein, eine ſehr artige, ſehr anſtändige Bäuerin, die Sie nicht kennen. Ein armes Kind, das einen Schatz beſitzt... und einen Platz als Köchin ſucht .. das rechtſchaffen zu bleiben wünſcht... und deß⸗ wegen nach Paris gekommen iſt... das vor dem Teufel Angſt hat... und nichts fürchtet...“ „Aber, meine Beſte, ich begreife nicht...“ „Pſt, pſt, ſchweigen Sie doch; ſie wird dieſen Abend kommen und uns ihre Geſchichte erzählen: es handelt ſich von einem ſehr merkwürdigen Geheim⸗ niſſe... aber ſtille! Herr Touquet darf dieß nicht merken, denn er könnte dieſer armen Urſula ver⸗ bieten, mit uns zu ſchwatzen, und das würde mir Ihretwegen ſehr leid thun, denn es wird Sie ein wenig zerſtreuen.“ „O, ſei ruhig, meine Beſte, ich werde nichts ſa⸗ gen!“ ruft Blanca aus, vor Freuden in dem Zim⸗ mer umherhüpfend, weil die Ankündigung dieſes Be⸗ .— ——ÿoÿo—— ₰ 97 ſuches ein außerordentliches Ereigniß für ſie iſt, und die geringſte Neuigkeit denjenigen, welche ihr Leben ohne alle Zerſtreuung zubringen, großes Vergnügen macht. So zerſtreut und beſchäftigt ein Sturm oder ein Platzregen einen armen Gefangenen; ſo wird eine Bouteille Wein ein herrliches Gaſtmahl für den Tagelöhner ſein, der nur Waſſer zu trinken gewöhnt iſt; ſo wird ein Theaterbillet die höchſten Wünſche der armen Arbeiterin, die täglich zehn Sous ver⸗ dient, befriedigen; ſo wird ein kleiner Rock von Kat⸗ tun eine ehrliche Griſette glücklich machen; und ſo erwarten diejenigen, welche die ganze Woche arbei⸗ ten, den Sonntag mit Ungeduld, während Schau⸗ ſpiele, Gaſtmähler, Muſik, ſchöne Kleider das Herz vieler Leute nicht mehr zu erfreuen vermögen. Dem⸗ zufolge wären die Armen glücklicher als die Reichen. Endlich ſchlägt die Uhr von St. Euſtach ſieben; der Barbier hat Blanca und Margarethen ſchon lange auf ihr Zimmer zurückgeſchickt. Die alte Dienerin ſteigt langſam die Treppe hinab, wobei ſie ſo wenig als möglich Geräuſch zu machen ſucht und das Licht ihrer Lampe mit der Hand verhüllt. Sie öffnet die Hausthüre und bemerkt die Bäuerin, die bereits ſeit einer Viertelſtunde hier wartet.„Es iſt gut,“ ſagte Margarethe,„ſie iſt pünktlich; aber pſt, ſprech' ſie nicht, mach' ſie kein Geräuſch und laß' ſie ſich füh⸗ ren.“ Urbain macht eine leichte Verbeugung und tritt in die Hausflur, deren Thüre Margarethe ſachte zu⸗ ſchließt. Jetzt hat unſer Verliebter den Gipfel der — 98 Freude erreicht; es däucht ihm, er athme eine reinere Luft in dieſem, von ſeiner Geliebten bewohnten Hauſe; er glaubt ſich in dem Wohnorte der Seligen, wäh⸗ rend er eine kleine Wendeltreppe hinaufſteigt, und die ſchwarzen und alten Mauern, die ihn umgeben, haben mehr Reize in ſeinen Augen, als der Marmor und die goldenen Zimmerdecken des Louvre. „Sie wird meine Gebieterin ſehen,“ ſagte Mar⸗ garethe,„ich habe ſie unterrichtet; aber fürchte ſie nichts: ſie iſt ſo liebenswürdig als gut, ſie kann ohne Gefahr vor ihr reden, ſie iſt die Beſcheidenheit ſelbſt; übrigens ſieht ſie Niemand, und geht niemals aus. Mein Herr fürchtet für ſie die Unternehmungen jener Zierlinge, jener ſchlechten Menſchen, welche die armen Mädchen bloß zu beſchwatzen ſuchen... es iſt wahr, daß meine kleine Blanca ſo hübſch iſt!... ſie würde allen unſern großen Herren den Kopf verdre⸗ hen. Sie wird ſie ſehen und ſelbſt darüber urtheilen können; jetzt ſind wir vor ihrem Zimmer. Komm' ſie und zittere ſte doch nicht ſo; was für ein kindiſches Weſen iſt doch das?“ Urbain zitterte in der That, und das Herz ſchlug ihm ſo ſtark, daß er ſich einen Augenblick an die Mauer lehnen mußte. Während deſſen öffnet Margarethe die Thüre und ſagt zu Blanca:„Da iſt ſie...“ er Blanca ſteht auf, um dem jungen Mädchen ent⸗ gegen zu gehen, das ihr die Alte zuführt und das ſie mit dem liebenswürdigſten Lächeln empfängt. Ur⸗ bain hat die Augen erhoben, er hat Blanca geſehen, 99 und ſeine Gemüthsbewegung wächst. Er hatte ihre Geſichtszüge durch die Fenſterſcheiben nur unvollkom⸗ men bemerken können, und der reizende Gegenſtand, den er vor ſich ſieht, ſteht hundert Mal über dem Bilde, das ſeine Erinnerungen und ſeine Einbil⸗ dungskraft ſich ſchufen. Er bleibt beſtürzt und unbe⸗ weglich ſtehen und wagt es nicht, einen Schritt vor⸗ wärts zu thun, da er noch an ſeinem Glücke zwei⸗ felt und wonnetrunken das liebenswürdige Mädchen betrachtet, das ihn anlächelt und ſeine Hand mit den Worten ergreift:„Treten Sie doch ein, ſetzen Sie ſich nieder und wärmen Sie ſich. Wie! fürchten Sie ſich denn vor mir?“ 3 „Dieß habe ich ihr geſagt,“ fällt Margarethe ein, „allein ſie iſt unglaublich furchtſam! Uebrigens gereicht ihr dieß zum Lobe; möchte ſie in Paris dieſe Beſchei⸗ denheit noch lange beibehalten!“ Blanca faßt den jungen Studenten bei der Hand und führt ihn an das Kamin. Als ihre zarten Fin⸗ ger die ſeinigen berühren, athmet Urhain kaum und ſagt mit ſchwacher Stimme:„Ach, Mademoiſelle, wie ſind Sie ſo gütig!“ „Ach, ſie hat eine ſehr einnehmende Stimme,“ ruft Blanca alsbald aus,„findeſt Du es nicht ſo, Margarethe!... eine Stimme, die ich, ſcheint es mir, ſchon einmal gehört habe.. Es iſt ſonderbar ... ich kann mich nicht erinnern...“ „Sie täuſchen ſich, mein Kind,“ ſagte Marga⸗ rethe;„was mich betrifft, ſo finde ich Urſula's Stimme ein wenig dumpf; allein bedenken wir, daß wir ſie 100 nicht lange hier behalten dürfen... und ſie muß uns eine gewiſſe Geſchichte erzählen.“ „Laß ſie doch,“ ſagte Blanca,„einen Augenblick ausruhen, ſie ſieht ermüdet aus. Bedürfen Sie Etwas?“ 9 3 „Ich danke Ihnen,“ ſagte Urbain, die Augen auf das liebenswürdige Kind heftend, ſie aber ſogleich wieder niederſchlagend, denn er befürchtet, ſie möchte in ihnen die ganze Liebe leſen, die ſeine Bruſt ent⸗ flammt hat, und er fühlt wohl, daß es nicht der geeignete Augenblick ſei, um ſich ihr zu entdecken. Zudem iſt er in Blanca's Nähe ſo glücklich, daß er ſein Glück verlängern will, und, Dank ſeiner Ver⸗ kleidung, er kann das liebenswürdige Mädchen ſehen, er kann ihre Reize, ihre Holdſeligkeit genießen, weit beſſer, als wenn er ſich ihr in ſeiner wahren Geſtalt zeigte. Vor einem Liebhaber iſt das freimüthigſte Mädchen ſtets ſchüchtern, verlegen, zurückhaltend, während es ſich in der Nähe einer Perſon ſeines Geſchlechts den Eindrücken, die es empfindet, ohne Zwang überläßt. „Sie ſuchen alſo einen Platz?“ ſagte Blanca, ſich neben Urbain niederſetzend. „Ja, Mademoiſelle.“ „Sind Sie ſchon lange in Paris?“ „Vierzehn Tage, Mademoiſelle.“ „Und Ihre Eltern?“ „Ich habe keine mehr, Mademoiſelle, ich bin Waiſe...“ „Armes Mädchen... Sie theilen daſſelbe Schick⸗ — — 4 101 ſal mit mir, ich bin auch Waiſe, und hätte ſich Tou⸗ quet meiner nicht angenommen, ſo hätte ich mein Brod durch Händearbeit verdienen müſſen.“ „Sie, Mademoiſelle?“ ſagte Urbain mit Feuer; allein er beherrſcht ſich und ſetzt mit halblauter Stimme hinzu:„Das wäre ein großes Unglück ge⸗ weſen.“ „Meine theure Blanca,“ ſagte Margarethe,„nicht damit Sie ihr Ihre Geſchichte erzählen, ſondern da⸗ mit ſie uns ein Geheimniß⸗ das ſie angeht, mittheile, iſt ſie hierhergekommen... Wohlan, Urſala, ſprech' ſie doch!“ Urbain ſeufzt: er möchte lieber der ſchönen Blanca zuhören, als für Margarethen ſprechen, allein er muß die Wünſche des alten Mädchens erfüllen, er bedarf ihrer, und dadurch, daß er ihre Neugierde immer rege erhält, hofft er Blanca oft zu ſehen. Er beginnt daher ſeine Erzählung, ſeine Miene ſtets entſtellend. Während er ſpricht, hat das liebenswür⸗ dige Kind die Augen ſtets auf ihn geheftet, eine Gunſt, die er ſeiner Kleidung verdankt, die ihn aber den Faden ſeines Geſprächs oft verlieren läßt. „Sie haben ohne Zweifel von Johanna Harvi⸗ liers, die vor einem Jahrhundert durch ihre Zaube⸗ reien und Hexereien ſo berühmt geworden iſt, ſprechen gehört?“ „Nein, niemals,“ ſagte Margarethe, ihren Stuhl näher zu Urbain hinrückend und ihren Hals vor⸗ ſtreckend, weil das Wort Zauberei bereits eine elek⸗ triſche Wirkung auf die alte Magd hervorgebracht 10²2 hat.„Erzähle uns die Geſchichte dieſer Hexe, mein Kind, und vergiß keine einzige Thatſache.“ „In Verberin im Jahr 1528 iſt Johanna Har⸗ viliers geboren,“ beginnt Urbain;„ihre Mutter, die, ſagt man, eine böſe Frau war, weihte ihre Tochter, die ſie geboren hatte, dem Teufel. Als Johanna zwölf Jahre alt war, erſchien ihr der Teufel unter der Geſtalt eines ſchwarzen, bewaffneten und geſtie⸗ felten Mannes...“ „Meine Beſte,“ ſagte Blanca,„der Teufel kann alſo jede Geſtalt annehmen, die ihm gefällt?“ „Ja, ohne Zweifel!... ich habe es Ihnen hun⸗ dert Mal geſagt, er verwandelt ſich, wie er will...“ „Du haſt mir ſtets geſagt, meine Beſte, daß er in Geſtalt einer ſchwarzen Katze erſcheine.“ „In Geſtalt einer Katze oder eines Mannes, was liegt daran!“ „Ich fürchtete mich bloß vor den Katzen, jetzt fürchte ich mich auch vor den Männern.“ „Hören Sie, Mademoiſelle, wenn Sie dieſes junge Mädchen immer ſo unterbrechen, ſo werden wir ihre Geſchichte niemals erfahren. Fahre fort, mein Kind.“— Urbain wirft einen verſtohlenen Blick auf Blanca und fährt in ſeiner Erzählung fort:„Der ſchwarze Mann ſagte zu Johanna, wenn ſie ſich ihm weihen wolle, ſo werde er ſie tauſend Geheimniſſe lehren, durch die ſie den Leuten, nach ihrem Belieben, Gutes oder Böfes werde zufügen können. Johanna Har⸗ viliers gab den Vorſchlägen des Teufels nach, ſprach 103 die Formeln aus, die er ihr vorſagte, und wurde bald eine berühmte Hexe. Johanna machte in der Nähe von Verberin einen Verſuch mit ihrer Kunſt, allein der Zauberei angeklagt, mußte ſie ſich eine Zeitlang verbergen. Sie hatte einen Nachbar, der ſie verrathen hatte; ſie verlangte nun von dem Teu⸗ fel ein Zaubermittel, um ſich an ihrem Nachbar zu rächen. Der Teufel gab ihr ein Pulver, mit dem Bemerken, wenn ſie es auf einen Weg ſtreue, woo ihr Feind vorübergehe, ſo werde ihm dieß eine tödtliche Krankheit zuziehen. Johanna befolgte den Rath des Teufels. Allein eine andere Perſon ging zuerſt über den Weg und wurde das Opfer des Zau⸗ bermittels. Tief betrübt ging Johanna zu dem Kran⸗ ken, geſtand ihm, daß ſie an ſeinem Unglücke ſchuld ſei und verſprach, ihn zu heilen, allein dieß gelang ihr nicht, ſie wurde daher verhaftet und in's Ge⸗ fängniß geworfen. Man ſpannte ſie auf die Fol⸗ ter, ſie geſtand, daß ſie Hexe ſei und wurde ver⸗ urtheilt, lebendig verbrannt zu werden. Dieß hatte den letzten Tag des Aprils 1578 ſtatt.“ „Wie, ſie war Zauberin und ließ ſich verbren⸗ nen?“ rief Blanca erſtaunt aus. „Ja, Mademoiſelle.“ „Ach, wie drollig das iſt! Und was nützt es als⸗ dann, Zauberer zu ſein?“ „Blanca, Sie ſind noch zu jung, als daß Sie über das urtheilen könnten,“ ſagte Marge⸗ retha. „Und man hat den Teufel aug verbrannt?⸗ 1 104 „Nein, Mademoiſelle, man hat nicht können.“ „Das iſt Schade, denn wir würden uns jetzt nicht mehr vor ihm fürchten!“ „Meinen Sie denn, der Teufel könne verbrannt werden? Der Teufel wird ſtets exiſtiren, mein Kind.“ „Sie haben mir jedoch geſagt, meine Beſte, daß der heilige Michael ſich mit ihm geſchlagen und ihn beſiegt habe!“ „Ja, ohne Zweifel, er hat ihn beſiegt, allein das iſt gerade, als ob er nichts gethan hätte. Wohlan! Urſula, fahr' ſie fort, denn ich ſehe in allem dem noch nichts, was auf ſie Bezug hat, weil dieſe Jo⸗ hanna ſchon vor ſechszig Jahren verbrannt worden iſt.“ „Ich bin dazu bereit, Mademoiſelle,“ ſagte Ur⸗ bain, ſeine Gedanken zurückrufend, die durch Blan⸗ ca's ſchöne Augen nach etwas ganz Anderem als nach der Zauberei hingelenkt wurden.„Da man zur Zeit der Johanna Harviliers in Verberin und der Umgegend von nichts ſprach, als von Sabba⸗ ten, die in der Nähe von Pont-la-Reine, auf der Landſtraße von Compiegne und im Walde Ajeux ge⸗ halten wurden; da man von nichts als von Hexen⸗ meiſtern, Sabbatianern und Zauberern hörte, ſo begaben ſich die guten Einwohner des Landes, die ſich gegen dieſe ganze Teufelsbrut verwahren woll⸗ ten, in die Kapelle Karls des Großen(ſo nannte man noch die Kirche des heiligen Peters) und ten Mönche um Etwas, das ſie gegen Zauhersten und Herereien ſchützen könnte...“ 10⁵ „Sehr gut gedacht, in der That,“ ſagte Mar⸗ 4 garetha,„ſie konnten nicht klüger handeln; und was gab man ihnen, mein Kind?“ 65 „Die guten Väter gaben ihnen einen Rock, den ein unger Einſiedler getragen, der während ſeines ganzen Lebens die Dämone ſtets eine Stunde weite verjagt hatte. Ein ganz kleines Stück von dieſem Rocke reichte hin, den, der es trug, gegen jede Ge⸗ fahr zu ſchützen. Sie können hieraus abnehmen, mit welchem Eifer Jedermann ſich bemühte, ein Süſc davon zu erhalten.“ „Ol ich glaube es gerne... wenn ich dabei ge⸗ weſen wäre, was würde ich nicht gegeben haben, um⸗ ein Stück davon zu erhalten!“ „Ei! aber, meine Beſte,“ ſagte Blanca,„es iſt wie mein...“ „Pſt! laſſen Sie die Urſula ausreden, mein Kind.“ „Kurz, Mademoiſelle, eine meiner Vorfahren, die damals lebte, hatte das Glück, ein Stück von dem Kleide des jungen Einſiedlers zu erhalten. Sie hinterließ es ihrer Tochter, die es hinwieder meiner Mutter hinterließ, von der ich es habe, und ſo iſt dieſer Talisman in meine Hände gekommen, und deßwegen fürchte ich in Paris nichts und wage mich des Nachts allein auf die Straßen.“ „O, das iſt ſehr ſonderbar!“ rief Blanca aus, „das iſt wie bei mir, ich habe auch einen Talisman, der mich vor jeder Gefahr bewahrt, uid doch will man nicht einmal haben, daß ich an's Fenſter treten Paul de Kock. LVI. 8 8 1 106 ſolll.. Es kommt daher, daß mein Beſchützer, der Barbier, nicht an die Zaubermittel glaubt.“ „Er hat ſehr unrecht, Mademoiſelle,“ ſagte Urbain. „Ja gewiß,“ ſagte Margarethe;„allein, mein theures Kind, hat ſie den ihrigen gegenwärtig bei ſich?“ „Ja, Mademoiſelle, ich, ich trage ihn immer bei mir... „Laßt ihn uns ſehen... laßt uns dieſe koſtbare Reliquie ſehen... das bloße Berühren derſelben muß Heil und Glück bringen!“ Urbain durchſucht eine Taſche ſeiner Schürze und zieht ein kleines, ſorgfältig zuſammengewickeltes Papier hervor; er öffnet es, und ein Muſter von ſeinen Hoſen erſcheint, das er der alten Dienerin darreicht, auf ſeine Lippen beißend, um ſeinen Ernſt nicht zu verlieren. Margarethe, die ihre Brille auf⸗ geſetzt hat, nimmt das kleine Stück Tuch ehrfurchts⸗ voll in die Hand, küßt es drei Mal und ruft aus: „Das iſt es? O! ol wie ſchön das iſt!... es ver⸗ breitet einen Geruch der Heiligkeit um ſich!“ „Du ſcherzeſt, meine Beſte,“ ſagte Blanca, das kleine Stück Tuch verwundert anblickend;„ich wenig⸗ ſtens, ich hätte niemals geglaubt, daß dieſer kleine Lappen irgend eine Kraft hätte...“ „Lappen!.. ach meine theure Blanca, ſprechen Sie mit mehr Ehrfurcht von dieſer Reliquie!“ „Ol mein Talisman iſt weit hübſcher... es iſt ein kleines Pergamentblatt; ſehen Sie... hier iſt er..“ —.,— 107 Mit dieſen Worten deutet Blanca auf ihren Bu⸗ ſen, und ihr Halstuch halb öffnend, gibt ſie Urbain ein Zeichen, in ihr Mieder zu blicken. 1 Dieſer läßt ſich nicht lange bitten; ſein Auge ſchaut mit Entzücken unter das Mieder des liebenswürdigen Kindes, das die Güte hat, es halb offen zu halten, damit er beſſer ſehen könnte. Zwei ſchöne Roſen⸗ knospen ſind da verſchloſſen, und Urbain, der dieſen Schatz, den noch kein profanes Auge bewundert hat, und tauſend Schönheiten, welche die Einbildungs⸗ kraft ſich nicht reizender vorzaubern kann, entdeckt, ruft unwillkürlich aus:„Ach, welche Reize!“ „Nicht wahr,“ ſagte Blanca lächelnd,„das iſt ſchöner als jenes Stück Tuch?“ Urbain kann nicht antworten; er bleibt regungs⸗ los ſtehen, die Augen immer noch auf den Ort ge⸗ heftet, wo das liebenswürdige Kind ſeinen Talisman verborgen hat, indeß Margarethe das Stück Tuch immer noch erſtaunt anſchaut, es küßt und zu wie⸗ derholten Malen ausruft:„Dieſer hat ſeine Proben abgelegt!... er iſt noch weit koſtbarer!“ Blanca hat ihr Halstuch wieder zurückgelegt, und Urbain, noch ganz aufgeregt durch das, was er ſo eben geſehen hat, ſtößt einen tiefen Seufzer aus. „Was haben Sie?“ ſagte das Mädchen, den jungen Menſchen, den ſie für eine bloße Bäuerin hält, mit Rührung anblickend;„Sie ſcheinen Kummer zu haben?“ „Ach, Mademoiſelle, ich denke daran, daß ich allein und ohne Hülfe in dieſer Stadt bin... daß ich weder Verwandte noch Freunde habe...“ 108 „Armes Mädchen!... Nun, wir werden Ihre Freundinnen ſein, wir Beide; ja, ich fühle, daß ich Sie bereits liebe, Urſula.“ „Iſt's möglich, Mademoiſelle! Ach, wenn es wahr wäre... „Wie! wenn es wahr wäre?... o, ich lüge nie⸗ mals; was ich fühle, ſage ich augenblicklich... iſt dieß nicht ganz natürlich? Und Sie, glauben Sie, daß Sie mich auch lieben werden?“ „Ob ich Sie lieben werde!“ ſagte Urbain mit Wärme; allein an Margarethens Gegenwart ſich er⸗ innernd, ſetzt er mit weniger Feuer, aber mit einem Tone, der aus dem Herzen dringt, hinzu:„O ja, Mademoiſelle!... und mein ganzes Leben lang!“ „Ach, wie angenehm iſt es, eine Freundin ſeines Alters zu haben,“ ſagte Blanca, die Hand des jun⸗ gen Studenten faſſend;„ich werde wenigſtens Jemand haben, mit dem ich lachen und ſchwatzen kann... Margarethe ſchwatzt ſehr gerne, aber ſie lacht nie, und dann ſpricht ſie bloß von Zauberei... von Teu⸗ feln und Dingen der Art... Wir Beide werden von etwas Anderem ſprechen, nicht wahr, Urſula 24 „Ja, Mademoiſelle.“ „Ach, ich weiß ſehr wenig, ich!... denn ich bin immer allein auf dieſem Zimmer und gehe niemals aus, obgleich ich Luſt habe. Mein Beſchützer unterhält ſich nicht mit mir... ich empfange bloß den Beſuch eines einzigen Menſchen.“. „Eines einzigen Menſchen!“ ſagte Urbain unruhig. „Ja, meines Muſiklehrers... früher machte er 109 mich lachen, jetzt langweilt er mich, denn er ſ ingt mir immer eine Leier.“ Urbain athmet freier und ſagt:„Sie verſtehen die Muſik, Mademoiſelle?“ „Ein wenig,“ ſagte Blanca;„und Sie, Urſula, ſingen Sie auch?“ „Zuweilen.“ „Um ſo beſſer, Sie werden mich die Geſänge Ih⸗ res Landes lehren, und ich Sie die, welche ich weiß.“ „Sie werden mir alſo erlauben, Sie wieder zu beſuchen, Mademoiſelle?“ „Gewiß, jeden Abend, wenn Sie können... be⸗ denken Sie doch, daß ich mich allein langweile, ſtatt daß ich in Ihrer Geſellſchaft mich ergötze. Nicht wahr, Margarethe, ſie kann uns jeden Abend beſuchen, und Herr Touquet kann darüber nicht böſe werden?“ Margarethe war während dieſer ganzen Unter⸗ haltung in Nachdenken und Entzücken über Urſula's Talisman verloren; ſie würde Alles in der Welt ge⸗ geben haben, um ihn in ihrer neuen Wohnung zu beſitzen, wo ſie faſt zu keinem Schlafe kommen konnte. Allein durch den Namen ihres Herrn ihren Betrach⸗ tungen entriſſen, ruft ſie aus:„Was ſagen Sie von Herrn Touquet?... er wiſſe, daß wir dieſes junge Mädchen ohne ſeine Erlaubniß empfangen? o nein...“ „Allein, meine Beſte, wir müſſen ihn um dieſelbe bitten.“ „Ah, Madewoiſelle,“ ſagte Urbain,„er würde ſie Ihnen verweigern, und ich dann des Vergnügens beraubt ſein, Sie zu ſehen.“ 110 „Wenn es ſo iſt, ſo wollen wir ihm nichts ſagen; aber wenn er Sie in ſeine Dienſte nähme...“ „Der Herr will Niemand mehr im Hauſe haben,“ ſagte Margarethe,„was ſollte Urſula hier thun?“ „Es iſt ſchade.. denn Urſula muß doch einen Platz finden, um leben zu können; wie unangenehm doch das iſt, einen Talisman zu haben, der ſie vor jeder Gefahr ſchützt... und ſie doch Hunger ſterben laſſen würde... Es hat gerade die nämliche Be⸗ wandtniß mit ihm, wie mit dem meinigen.“ „O, ich kann noch eine Zeitlang warten,“ ſagte Urbain,„ich habe Etwas vor mir und ich verzehre ſehr wenig...“ „Haben ihre Vorfahren,“ ſagte Margarethe, „Gelegenheit gehabt, die Kraft dieſes Talismans zu erproben? „Ja, Mademoiſelle, bei manchen Gelegenheiten.. und vorzüglich meine Mutter, der ein Abenteuer be⸗ gegnete...“ „Ein Abenteuer?“ ſagte die Alte, den Stuhl dem Kamine nähernd; in dieſem Augenblicke ſchlug die Glocke der Kirche neun Uhr.„O Himmel! neun Uhr,“ ſagte Margarathe, ves iſt ſehr ſpät, ſie muß gehen, mein Kind; wenn mein Herr bemerkte, daß wir noch nicht im Bette ſind, könnte er die Urſache davon wiſſen wollen; wohlan, wir müſſen uns trennen..“ „Und dieſes Abenteuer, das Sie uns erzählen wollten?“ ſagte Blanca. „Morgen, wenn Sie es erlauben,“ ſagte Urbain. „Ja, ja, morgen, nicht wahr, meine Beſte?“ ——— ——— 111 „Es ſei ſo,“ ſagte Margarethe, die ebenfalls be⸗ gierig war, die Geſchichte zu hören,„allein ſtets die⸗ ſelbe Vorſicht;„Urſula, laß es ja Niemand wiſſen...“ „O, ich werde ſchweigen, Mademoiſelle, Sie kön⸗ nen ſich darauf verlaſſen.“ „Das iſt gut; hier, nehm' ſie ihren Talisman. Nehn' ſie ſich ja in Acht, daß ſie ihn nicht verliert. Ach Gott! wie glücklich wäre ich, wenn ich ebenfalls einen ſolchen hätte.“ Urbain empfängt das kleine Stück Tuch mit einer Verbeugung und ſchiebt es in ſeine Taſche, während Margarethe die Lampe ergreift, um ihm zu leuchten. „Sie gehen allein fort,“ ſagte Blanca,„und weit vielleicht?“ „Nach dem Thore St. Antoine.“ „O Himmel, und fürchten Sie ſich ſo ſpät auf den Straßen nicht?“ „Hat ſie nicht ihren Talisman bei 63 ſagte Margarethe. „Ach, es iſt wahr, ich dachte nicht mehr daran.“ „Adieu, Urſula; morgen ſehen wir uns wieder, nicht wahr?“ „Ir, Mademoiſelle.“ Das liebenswürdige Kind reicht Urbain die Hand, der berüt iſt, ſie an ſeine Lippen zu drücken, allein ſich erinzernd, daß er ein Frauenzimmer iſt, muß er ſich dami begnügen, ſie zärtlich zu drücken. Nach⸗ dem er herauf einen ſanften Blick auf Blanca ge⸗ worfen hat folgt er Margarethen. Die Alte geleitet ihn mit derelben Vorſicht zurück, mit der ſie ihn .112 eingeführt hat und ſchließt die Hausthüre ganz leiſe wieder zu, indeß ſie zu ihm ſagt:„Morgen ſehen wir uns wieder und vergeſſe ſie nicht, ihren Talisman jedes Mal mitzunehmen.“ Achtes Kapitel. Die Liebe und die Unſchuld.— Der Segen und der Talisman. Urbain iſt in einem ſchwer zu beſchreibenden Wonne⸗ taumel in ſeine Wohnung zurückgekehrt: Blanca's Anblick, der ſanfte Ton ihrer Stimme, ihre Anmuth, ihre Offenherzigkeit, ihre anziehende Unbefangenheit haben ſeine Liebe noch erhöht; was er geſehen hat, ſteht weit über dem, was er hoffte, und wenn er be⸗ denkt, daß er ſie den nächſten Tag wiederſehen, ſie wieder hören und mit ihr ſprechen wird, daß ihre ſanfte Hand arglos in der ſeinigen ruhen wird, ſo hat er Mühe, ſich zu beherrſchen. Schade nur, daß er dem liebenswürdigen Kinde nicht geſtehen kann, wer er iſt und wie viel Liebe ſie ihm eingeflößt hat; allein Urbain fühlt woh, daß er nicht zu raſch zu Werke gehen dürfe und ſch vor Allem Blanca's ganzes Zutrauen erwerben müſſe. In ſeiner weiblichen Tracht wird ihm dieß leiht ſein: ſie hat ihm bereits geſagt, daß ſie ihn liebe Es iſt wahr, das Geſtändniß dieſes Gefühls galt der Urſula, allein der That nach iſt es doch Urbain, der es ihr eingeflößt hat. 113 Den Tag über legt Urbain ſeine gewöhnlichen Kleider wieder an, und ſobald die Nacht einbricht, zieht er ſie aus, um ſich wieder in die weibliche Tracht zu hüllen, an die er ſich immer mehr gewöhnt. Zudem iſt die Nachbarin ſtets bereitwillig bei der Hand, wenn es ſich davon handelt, den jungen Men⸗ ſchen zu verkleiden; ſie iſt ungemein gefällig gegen ihn und ſpart ihre Lehren nicht. Urbain weiß ſie zu benützen, weil ein junger Menſch ſich beſſer darauf verſteht, ein Halstuch zu zerrunzeln, als es anzulegen, und ein Jüngling, der bis zum Wahnſinne verliebt iſt, zuweilen große Zerſtreuungen hat, während wel⸗ chen die Hülfe der jungen Magd ihm ſehr nothwen⸗ dig iſt. Urbain hat ſich zur beſtimmten Zeit eingefunden, und Margarethe ihn mit demſelben Ceremoniel wie am Abend zuvor eingeführt. Blanca empfängt ihn auf die liebenswürdigſte Weiſe, und in dem Augen⸗ blicke, in welchem er ihr eine beſcheidene Verbeugung macht, gibt ihm das treuherzige Kind einen ſanften Kuß auf jede Wange. Einen Augenblick lang iſt Urbain außer ſich, ſein Herz entbrennt, und hätte ihn nicht Margarethens Stimme wieder zum Bewußtſein gebracht, ſo würde er Blanca an ſein Herz gedrückt und ihr die empfangenen Küſſe hundertfältig zurück⸗ gegeben haben. Allein die Alte, ſtets begierig, die außerordentlichen Abenteuer, welche auf den Talis⸗ man Bezug haben, erzählen zu hören, ſagt Urbain, an das Kamin hinziehend:„Wohlan, meine Kinder, laßt uns die Zeit nicht durch eitle Ceremonien ver⸗ 114 lieren; ihr wißt, wie ſchnell ſie vorüberflieht, wenn man anziehende Dinge erzählt; ſetzet euch. Urſula wird uns das Abenteuer erzählen, das ihrer Mutter begegnet iſt.“ Urbain, noch ganz aufgeregt durch Blanca's Kuß⸗ beginnt eine Geſchichte, die er am Morgen erſonnen hat und die Margarethen entzückt, weil ſie ihr die wunderbare Kraft des Talismans beweist. Nach be⸗ endigter Erzählung verlangt die Alte die Reliquien zu betrachten, da ſie überzeugt iſt, daß ſie, wenn ſie ſie des Abends berührt habe, bei Nacht in ihrem Zimmer weniger Gefahr laufe. Blanca unterhält ſich hierauf mit Urbain und ſingt ihm mit gedämpfter Stimme eines von den Liedern, die ſie weiß. Das offenherzige Kind kennt die angebliche Urſula erſt ſeit einem Tage und ſchon betrachtet ſie ſie als ihre Schweſter, nennt ſie ihre Freundin und erzählt ihr alle auf ſie Bezug habenden Begebenheiten und Um⸗ ſtände; denn Blanca, die fern von der Welt erzogen worden iſt, hat ihre Geſinnungen nicht verbergen und das, was ſie nicht fühlt, heucheln gelernt: ihr Herz iſt rein und ihre Worte ſind nur das Organ deſſen, was ihr dieſes eingibt. Blanca ermangelt nicht, Urbain den Schlußreim ihrer Lieblingsromanze zu ſingen und dieſer bebt vor Freude, als er ſieht, daß, der Vorſichtsmaßregeln des Barbiers ungeachtet, ſeine Töne ſich in das Ge⸗ dächtniß der ſchönen Blanca eingegraben haben, die zu ihm ſagt:„Gleich das erſte Mal, als ich Sie reden hörte, glaubte ich die Stimme zu vernehmen⸗ —;—;—;—L—;/·ñꝛꝑłn—— 115 die bei Nacht unter meinem Fenſter geſungen hat... ach, ſie war ſehr lieblich, dieſe Stimme!... die Ihrige, Urſula, gleicht ihr ein wenig. Schade, daß Ihnen die Romanze nicht bekannt iſt, die man ſang.“ „Sie iſt mir bekannt,“ ſagte Urbain,„ich glaube es wenigſtens, denn ich habe ſie oft ſingen gehört, und dadurch habe ich ſie meinem Gedächtniſſe einge⸗ prägt.“ „Ah, welches Glück! ſingen Sie mir, Urſula, ich bitte Sie!“ „Aber wenn Herr Touquet...“ „O, er iſt in ſeinem Zimmer; übrigens werden Sie ganz leiſe ſingen!... Ah, ſehen Sie, Marga⸗ rethe ſchläft, das iſt eben recht, ſie wird Sie nun nicht zurecht weiſen.“— In der That, die alte Magd iſt über dem unauf⸗ hörlichen Beſchauen des kleinen Stückes Tuch einge⸗ ſchlafen. Urbain befindet ſich faſt ganz allein bei ſeiner Geliebten, ſein Herz klopft vor Entzücken, lange Seufzer dringen aus ſeiner Bruſt, und er muß die Augen abwenden, um Blanca's reizenden Blicken nicht zu begegnen. „Nun denn,“ ſagte das liebenswürdige Kind zu ihm, ein wenig murrend, was ſie noch verführeriſcher machte,„wollen Sie mir alſo nicht ſingen? Ach, das wäre ſehr unartig, es macht mir ſo großes Vergnü⸗ gen, dieſe Romanze zu hören... ich werde ſie dadurch auch lernen.. ich bitte Sie, Urſula, Sie ſehen ja, daß Margarethe ſchläft; wohlan, ſchlagen Sie mir meine Bitte nicht ab.„ 116 „Ich Ihnen Etwas abſchlagen! Ich werde ſingen, Mademoiſelle.“ 1 „O! Sie ſind ſehr gefällig; ich werde Sie mit dem größten Vergnügen umarmen.“ Urbain hatte nicht nöthig, durch eine ſo ſüße Belohnung aufgemuntert zu werden; er will ſie auf der Stelle verdienen. Er ſingt und Blanca hört ihm mit Entzücken zu. Dem Antriebe ſeines Herzens nachgebend, gibt der junge Mann ſeiner Stimme noch mehr Ausdruck und Gefühl; unzweifelhaft iſt ſeine Stimme jetzt keine weibliche mehr, und jede andere Perſon als die treuherzige Blanca würde dieſe Veränderung bemerken; allein ſich ganz dem Wonnegefühle, das ſie beſeelt, überlaſſend, iſt ſie weit entfernt, die Wahrheit zu argwöhnen. Regungslos den Kopf nach Urbain hingebeugt und die Augen auf ihn geheftet, ſcheint ſie zu befürchten, es möchte ein Wort für ſie verloren gehen; auch ruft ſie von Zeit zu Zeit aus:„Ach, mein Gott! das iſt es... das iſt das Nämliche... es macht den nämlichen Ein⸗ druck auf mich; ach, Urſula, ſingen Sie immer.“ Indeſſen hat der Geſang aufgehört, denn Urbain hat die verſprochene Belohnung nicht vergeſſen. Einige Minuten ſcheint Blanca noch regungslos zuzuhören; endlich erwacht ſie aus ihrer Entzückung und ſagt: „Es iſt ſonderbar, was für einen ſeltſamen Eindruck dieſe Romanze auf mich macht.“ „Iſt er unangenehm?“ „O nein! wenn das wäre, ſo wollte ich die Ro⸗ manze nicht immer hören, und doch muß ich geſtehen⸗ 1117 daß ſie mich traurig macht... ich muß ſeufzen, wenn ich ſie höre; doch das iſt gleich, Urſula, Sie werden ſie mich lehren, nicht wahr?“ „Ja, Mademoiſelle, aber Sie haben mir ver⸗ ſprochen...“— „Sie zu umarmen.. O, von Herzen gerne.“ Blanca läßt ſich nicht bitten: ſie drückt ihre rothen Lippen auf Urbains brennende Wangen; dieß Mal ſchickt ſich dieſer an, ihren Kuß zu erwiedern, und ſchon hält er das junge Mädchen in ſeinen Armen, als Margarethe, während ſie nießt, beinahe in das Feuer fällt und, aus ihrem Schlafe auffahrend, aus⸗ ruft:„Gute, theure Schutzheilige, rette mich! ich ſehe den ſchwarzen Mann und die Zauberin von Verberin!“ „Wie denn das, meine Beſte,“ ſagte Blanca, ſich von Urbain entfernend, der untröſtlich darüber iſt, daß er nicht ſchneller geſungen hat. „Wo,“ ſagte Margarethe, ſich die Augen reibend, „wie, wo? was habe ich geſagt?“ „Du haſt geſagt, Du ſeheſt die Zauberin!“ „Ach, das kommt wohl daher, weil ich an ſie dachte. Wohlan, Urſula, es iſt Zeit zum Fortgehen, mein Kind.“ „Das iſt Schade, ich wollte Ihnen ein Abenteuer erzählen, das meiner Tante begegnet iſt, und das noch weit wunderbarer iſt als die andern.“ „Wohlan, das kann morgen geſchehen,“ ſagte Blanca;„nicht wahr, meine Beſte, Du erlaubſt es? Du ſiehſt, daß mein guter Freund nichts merkt, und ſollte er übrigens Urſula ſehen und ſich ärgern, ſo 118 würde ich den ganzen Fehler auf mich nehmen und ihn beſänftigen.“ 5 „Nun denn, es ſei ſo; wir werden morgen das Abenteuer ihrer Tante erfahren.“ „Ja, Jungfer Margarethe... Ahl wollen Sie wohl die Güte haben, mir meinen Talismann zu⸗ rückzugeben?“ „Ja, mein Kind, das iſt nicht mehr als billig! Ach, mein Gott! wo habe ich ihn hingebracht? hat ihn mir der Satan weggeſtohlen, ich hatte ihn ſo eben noch in meiner Hasd.“ „Hier, meine Beſte, hier iſt er,“ ſagte Blanca, nach dem Kamine zeigend;„Sie haben ihn in die Aſche fallen laſſen.“ „Das iſt, meiner Treu', wahr,“ erwiedert die Alte, das kleine Stück Tuch aufhebend;„ach⸗ mein Gottl es iſt ein wenig angebrannt...“ „O, das iſt gleich, Mademoiſelle,“ ſagte Urbain, „das kann ihm nichts von ſeiner Kraft benehmen.“ „Nein, gewiß nicht, mein Kind, und wenn es auch verbrannt wäre, ſo hätte auch die Aſche noch die nämliche Eigenſchaft.“ Urbain nimmt ſeinen Talismann wieder, verab⸗ ſchiedet ſich von Blanca, und ihr wiederholend:„Mor⸗ gen ſehen wir uns wieder!“ verläßt er das Haus des Barbiers. Mehrere Tage ſind verfloſſen, und jeden Abend hat Urbain das Glück gehabt, Blanca zu ſehen; da⸗ durch, daß er immer neue Geſchichten erſinnt, durch die er Margarethens Neugierde reizt, hat er die Alte 119 zu gewöhnen gewußt, ihm jeden Abend um ſieben Uhr die Thüre des Hauſes zu öffnen. Die Gegen⸗ wart der falſchen Urſula iſt für Blanca und Mar⸗ garethen ein Bedürfniß gewordenz; die Letztere fidnet ein großes Vergnügen daran, Hexengeſchichten er⸗ zählen zu hören, und das junge Mädchen, ihre Lieb⸗ lingsromanze einzuüben. Allein Margarethe ſchläft nicht immer, und auch während ſie wacht, will Blanca, daß er ihr ſingen ſoll. Dieſer gehorcht ihr; allein um der Alten keinen Verdacht einzuflößen, verfälſcht er in ſolchen Fällen ſeine Stimme und Blanca ruft unwillig aus:„Ach, das iſt nicht gut! Sie ſingen heute nicht ſo hübſch als gewöhnlich; das macht mir nicht mehr daſſelbe Vergnügen.“ Während Urbain ſich an dem Glücke berauſcht, Blanca zu ſehen und aus ihren Augen das ſanfteſte Gefühl ſchöpft; während das junge Mädchen ſich ohne Zwang dem Vergnügen überläßt, das ſie in Urſula's Geſellſchaft findet, und dieſer ihre geringſten Gedanken anvertraut; während endlich die alte Mar⸗ garethe den Kopf voll von furchtbaren Erzählungen und der Zauberin von Verberin zugeſtoßenen wun⸗ derbaren Begebniſſen hat, und ſich gegen alle Schlin⸗ gen des Teufels dadurch verwahrt, daß ſie ihre Finger jeden Abend mit dem kleinen Stück Tuch des jungen Studenten reibt; was ging indeſſen in dem Luſthauſe des edeln Marquis von Villebelle vor? Bewohnt die brennende Julia es noch, und hat ſich der Marquis die Mühe gegeben, ein wenig Liebe gegen die junge Italienerin zu heucheln, um ſie zu unterwerfen? . 120. Nachdem der Barbier den Lohn ſeiner Dienſte empfangen hatte, bekümmerte er ſich wenig mehr um das, was in dem Luſthauſe vorfiel. Chaudoreille, der die Kneipen nicht verließ, ſo lange er noch einiges Geld in der Taſche hatte, war einen Monat lang nicht bei dem Barbier erſchienen; allein nach Verfluß dieſer Zeit kam er gegen die Mitte des Tages bei ſeinem Freunde an.. Der Gascogner hatte ein noch längeres und hage⸗ reres Geſicht als gewöhnlich, ſeine ganz zerrunzelte Krauſe hatte an mehreren Orten Löcher und die Fe⸗ dern ſeines Huts waren durch die Bandroſe erſetzt, die früher den Griff ſeines Rolands geziert hatte. Chaudoreille's jämmerliches Ausſehen brachte den Barbier zum Lachen.„Woher kommſt Du,“ ſagte er zu ihm,„und was haſt Du gethan, ſeit ich Dich nicht mehr geſehen habe?“ „Ich habe viel Unglücksfälle erlitten,“ ſagte Chau⸗ doreille, einen tiefen Seufzer ausſtoßend und aus ſeinem Gürtel den alten ſeidenen Beutel ziehend, den er ſchüttelt, ohne daß ein einziger Thaler herausfällt. „Du ſiehſt es, mein Freund, wir ſind bis auf die Null heruntergekommen...“ „Wie! Du haſt nichts mehr von der Summe, welche ich Dir gegeben habe?“ „Keinen Heller mehr, mein Theurer! ich bin auf eine unwürdige Weiſe beſtohlen worden...“ „Das heißt, Du haſt geſpielt?“ „Ja, ich habe geſpielt, das iſt wahr; ſie haben mich auf eine niederträchtige Weiſe betrogen; wenn 121 ſie ſich wenigſtens auf eine liebenswürdige Art dabei benommen hätten! Man weiß, daß es unter geſchickten Leuten tauſend artige Streiche gibt, um ſich das Glück günſtig zu machen... aber einen Freund be⸗ rauben!... einen Mitbruder!... das iſt ſchauerlich; ... ich werde mein Leben lang nicht mehr ſpielen. Sag' mir doch, ſoll ich in das Luſthaus des Marquis gehen und meinen Freund Marcel beſuchen?“ „Ich verbiete es Dir im Gegentheil; ohne Befehl des Marquis darf es ſich Niemand erlauben, dahin zu gehen.“ 1 „Das iſt traurig; und was für ein Ende hat das Abenteuer genommen?“ 3 „Was liegt Dir daran?... Uebrigens habe ich den Marquis ſeitdem nicht wieder geſehen... allein was kümmert mich dieſe Intrigue, ſobald ich nichts mehr dabei zu ſchaffen habe; ſie wird jedoch geendet haben wie alle anderen... Es iſt eine Laune, die einige Tage gedauert haben wird... und eine andere wird ihr folgen...“ 3 „Das iſt richtig, allein es ſcheint mir, die Kleine habe Charakter. Sie hat mir ſonderbare Sachen ge⸗ ſagt... ſie hat mich unter Anderm gefragt, ob ich Deine Eltern kenne?“ „Meine Eltern?⸗ ſagte der Barbier mit ſichtlicher Rührung;„das iſt ſonderbar.“ „Ja, ſehr ſonderbar... ich habe ihr geſagt, Du ſeieſt ein Lothringer; das i*ſt Alles, was ich von Dir weiß. Paul de Kock. LVI. 9 „Meine Eltern!“ wiederholt Touquet, mit großen Schritten in dem Zimmer auf und ab gehend.„Ich wette Alles, daß ich keine mehr habe... mein armer Vater iſt ohne Zweifel geſtorben; ach! ich war in meiner Jugend ein böſer Bube... Das Bedürfniß⸗ meine Leidenſchaften zu befriedigen, der Geſchmack an dem Spiele, der Durſt nach Gold ließen mich frühzeitig tauſend Exeeſſe begehen... „Ja, Jugendſtreiche... ich kenne das... Was mich betrifft, ich wurde im ſechsten Jahre gepeitſcht, weil ich eine Haumet heul aus einer Bratpfanne ſtahl; im zehnten, weil ich aus Zerſtreuung den Beutel meiner Großmutter genommen hatte, um zu ſpielen; im zwölften nahm ich ein Kaninchen vom Bratſpieße und ſteckte die Katze meiner alten Tante an deſſen Stelle, allein aus lauter Eifer, meinen Raub zu verbergen, vergaß ich, die unglückliche Katze abzu⸗ ziehen, die nun mit ſammt der Haut gebraten wurde: glücklicher Weiſe hatte mein Vater ein kurzes Geſicht⸗ er glaubte, es ſei ein kleiner Friſchling; im fünf⸗ zehnten Jahre...“. „Ach, was liegt mir an dem, was Du gethan haſt!“ ruft der Barbier ungeduldig aus;„hat Dir dieſe junge Frau nichts Anderes über mich geſagt?“ „Nein, allein wenn Du willſt, daß ich zu ihr gehen und liſtig mit ihr ſchwatzen ſoll..“ „Schwachkopf! vergißt Du, daß ſie die Maitreſſe des Marquis iſt? Wenn ihre Herrſchaft vorüber iſt⸗ werde ich ſie ſehen und erfahren...“ Der Barbier ſpricht nichts weiter, er antwortet 4 123 Chaudoreille nicht, und nachdem dieſer mehrmals ver⸗ geblich wiederholt hat, daß er ſeit dem Abend des vorigen Tages noch nichts gegeſſen habe, und bemerkt, daß dieſer nicht darauf achtet, verläßt er den Laden und murmelt erzürnt zwiſchen den Zähnen:„Die Leute, welche reich werden, ſind ſtets gefühllos und filzig... das iſt ein Fehler, den ich nie haben werde.“ Einige Stunden nach dieſer Unterhaltung begeg⸗ net der Barbier, während er ſich zu ſeinen Kunden begibt, in der Nähe des Louvre dem glänzenden Villebelle, der, in ſeinen Mantel gehüllt, guter Dinge zu ſein ſcheint. „Ich habe geſiegt, mein Theurer,“ ſagte er, Tou⸗ quet unter eine Säulenhalle ziehend, wo man ſie nicht hören konnte;„Julia hat ſich ergeben; allein in der That, dieſe Eroberung iſt weit ſchwieriger gewe⸗ ſen, als ich geglaubt hätte. Dieſes junge Mädchen iſt leidenſchaftlich... ich habe ſie glauben gemacht, daß ich ſie liebe... in der That, ihr ſeltſamer Cha⸗ rakter, ihr Stolz in Verbindung mit ihrer Zärtlich⸗ keit, die Sonderbarkeit ihres Betragens, ihrer Reden hat mich faſt gefeſſelt... fie bat von Eſtrelle ge⸗ ſprochen... ich weiß nicht, wie ie dieſes Abenteuer erfahren hat...“ „Dieſes junge Mädchen weiß doch Alles,“ ſagte der Barbier bei ſich. 4 „Uebrigens,“ fährt der Marquis fort,„ſcheint es mir, daß ſie Dich nicht ſehr liebt, mein armer Tou⸗ quet, Du biſt ſchlecht bei ihr angeſchrieben: ſie ſagt⸗ Du ſeieſt ein Meiſter in der Spitzbüberei..“ „Wie, gnädiger Herr?“ „Sie ſchlug meine Geſchenke aus, wollte nur meine Liebe; das iſt in der That herrlich! Beſſen ungeachtet habe ich ihr ein eigenes odit genethet ich wollte ſie nicht in meinem Luſthauſe aſſen, dieß würde mich beläſtigt haben... bei meiner Ehre, ich glaube, daß ich ſie ein wenig liebe... allein ich habe ſo eben zwei ſehr hübſche Frauen in das Juwelen⸗ Magazin da unten treten ſehen... ich will mich dahin begeben, um ſie näher näher zu betrachten...“ Mit dieſen Worten entfernt ſich der Marquis eilig, und der Barbier kehrt in ſeine Wohnung zu⸗ rück, an Julia denkend und betrübt darüber, daß er von dem Marquis nicht erfahren konnte, in welche Wohnung er die junge Italienerin gebracht hat. Chaudoreille hat das Haus des Barbiers in ſehr übler Laune verlaſſen: ein leerer Magen ſtimmt den Geiſt zur Schwermuth. Der gascogniſche Ritter iſt⸗ während er über den Egoismus der Menſchen, die Laune des Glücks und die Art, auf welche er beim Piquet durch irgend einen feinen Betrug gewinnen könnte, philoſophiſche Betrachtungen anſtellt, auf dem Marktplatze Saints Germain angekommen. Außer den verſchiedenen Schauſpielen, die man an dieſem Orte ſehen konnte und die den Zweck hatten, die Gaffer, die Fremden und die jungen Edelleute, welche nach Paris kamen, um da den Ton und die Manieren des Hofs zu lernen, herbeizulocken, ſpielte man hier verſchiedene Karten⸗, Würfel⸗ und Kegelſpiele. Chaudoreille geht unter den Gruppen umher⸗ —— 125 welche ſich um die Spiele herum gebildet haben, blickt mit gierigem Auge auf das vor den Kaufläden zur Schau liegende Backwerk, und macht vor den Schenken Halt, da er wenigſtens die Wohlgerüche der Küche e athmen will. Allein ſolche Genüſſe ſind ſehr wenig geeignet, einen nüchternen Magen zu be⸗ ſchwichtigen.„Alle Teufel!“ ſagte Chaudoreille plötzlich zu ſich, ſich ſeinen Hut tiefer in's Geſicht drückend und ſeine Krauſe gegen ſein Kinn emporziehend,„es ſoll nicht geſagt werden, daß ich nicht zu Mittag ſpeiſe; ein Mann von Genie hat ſtets Hülfsquellen, und ſein Geiſt muß ihm verſchaffen, was ſein Beutel ihm verweigert.“ 3 Alsbald ſchreitet der Ritter entſchloſſenen Tritts vorwärts, und durch die Menge dringend, nimmt er ſeine Richtung nach dem Orte, wo zwei Landjunker Kegel ſpielten und weißen Wein tranken. Chando⸗ reille betrachtet ſie eine Zeit lang mit forſchendem Blicke, dann ſchreitet er, den günſtigen Augenblick wahrnehmend, auf eine ſolche Art durch das Spiel, daß ihm die Kugel, welche einer von den Spielern ſo eben abgeſchleudert hat, an die Beine fliegen muß. „Weg, weg!“ ruft der junge Menſch, welcher die Kugel abgeworfen hat; allein Chaudoreille ſtellt ſich, als höre er ihn nicht, und bleibt nicht eher ſtehen, als bis er getroffen iſt. Er ſchneidet, den Wurf em⸗ pfangend, furchtbare Geberden, und ſinkt zu Boden, die Worte murmelnd:„Alle Teufel, das iſt ein Mit⸗ tageſſen, welches mich theuer zu ſtehen kommt.“ Die zwei Spieler eilen auf ihn zu, heben ihn auf und entſchuldigen ſich, obſchon ſie keine Schuld an dieſem Vorfalle haben; allein Chaudoreille iſt ſo blaß, er ſcheint ſo ſehr zu leiden und macht ſo jäm⸗ merliche Verzuckungen, daß die zwei jungen Leute dadurch gerührt werden. Sie bieten ihm zuerſt ein Glas Wein an, damit er ſich wieder erholen möge: der Verwundete ſchlägt ihr Anerbieten nicht aus und trinkt drei Gläſer nach einander; er kann noch nicht gehen, man macht ihm den Vorſchlag, ſich in eine benachbarte Schenke zu begeben: er läßt ſich nicht bitten; die zwei Landjunker wollen zu Mittag ſpeiſen, ſie fragen Chaudoreille, ob er nicht bei der Partie ſein wolle: unſer Held ſetzt ſich mit ihnen an den Tiſch, ißt und trinkt für vier Mann, ertheilt ihnen Unterricht im Kegelſpiel, und da er bemerkt, daß er es mit Neulingen von ſanftem und nicht ſehr kriege⸗ riſchem Charakter zu thun hat, ſteht er nach dem Nachtiſche auf und verlangt von ihnen eine Piſtole, als Entſchädigung für den Wurf, den er erlitten hat. Die zwei jungen Leute blicken ſich erſtaunt an und ſehen ein, daß ſie geprellt worden und mit einem ſehr undelikaten Herrn in Geſellſchaft geweſen ſind; allein Chaudoreille bleibt aufrecht ſtehen, die linke. Hand in die Hüfte geſtemmt, mit der Rechten den Griff ſeines Rolands ſtreichelnd, die Augen wie ein Verdammter umherrollend und ſeine Knebelbärte mit der Zungenſpitze beleckend. Die armen Landjunker, die keinen Streit mit einem Menſchen anfangen mö⸗ gen, der entſchloſſen ſcheint, Alles zu zerhauen, wenn man ihn nicht befriedigt, beeilen ſich, ihrem liebens⸗ würdigen Gaſte die verlangte Summe darzureichen. Dieſer empfängt ſie mit einem liebenswürdigen Lä⸗ cheln, grüßt ſie dann in dem Tone eines Menſchen, der über ſich ſelbſt entzückt iſt, und ſagt zu ihnen: „Auf Wiederſehen, meine jungen Freunde; ſuchen Sie ſich an die Hauptſtreiche zu erinnern, die ich Sie gelehrt habe.“ Nachdem er dieſes geſprochen hat, entfernt ſich der Ritter ſchnell und denkt nicht mehr an den Ku⸗ gelwurf. Da er einen vollen Magen und eine Piſtole in der Taſche hat, ſo iſt er mit ſeinem Tagewerke ſehr zufrieden; der weiße Wein, den er im Ueber⸗ maße genoſſen hat, erweckt in ihm die Luſt zu Aben⸗ teuern: er fühlt ſich vorzüglich zur Zärtlichkeit ſehr aufgelegt. Allein wenn Bacchus die Eigenſchaft hat, daß er unternehmend macht, ſo ſind der Geruch des Weins und die Reden eines betrunkenen Menſchen keine günſtigen Hülfsmittel in der Liebe. Es iſt ſchon längſt Nacht, als Chaudoreille von dem Marktplatze Saint⸗Germain zurückkommt; alle Frauen betrachtend, denen er begegnet, und zwiſchen den Zähnen murmelnd: „lle Teufel, ich muß dieſen Abend eine Eroberung machen.. ich fange an, meiner Zuchtſtute müde zu werden, die fünfundvierzig Jahre alt iſt und deren eines Bein kürzer iſt als das andere... es iſt wahr, ſie überhäuft mich mit Artigkeiten, ſie wäſcht mein Weißzeug und beſſert meine Krauſe aus, allein eine kleine Untreue im Vorübergehen... meine Venus wird nichts davon erfahren...“ Chaudoreille iſt in der Straße Montmartre ange⸗ 128 kommen, als er ein Frauenzimmer in der Tracht einer Bäuerin an ſich vorübergehen ſieht. Sie iſt allein, der Ritter blickt nach ihr und kehrt plötzlich wieder um, ihr zu folgen. Die Haltung der Dame hat etwas Entſchloſſenes, das dem gascogniſchen Ritter gefällt, allein ſie läuft ſchnell und er muß der ganzen Schnelligkeit ſeiner Füße aufbieten, um ihr nachzu⸗ kommen. Neben ihr angekommen, will der Galan das Geſpräch mit den hübſchen Redensarten anknü⸗ pfen, welche bei jenen Herren gebräuchlich ſind, die ihre Liebesbedürfniſſe auf der Straße befriedigen und beim Scheine der Laternen auf Eroberungen aus⸗ gehen. Man antwortet dem Ritter nichts, ſondern verdoppelt ſeine Schritte. Unſer Held läßt ſich nicht abſchrecken, trabt fort, den Liebenswürdigen ſpielend, tritt in die Goſſe, die er nicht bemerkt, und beſpritzt ſeine Schöne mit Koth, während er ihr Süßigkeiten ſagt. Indeſſen hat die Perſon, der er folgt, die Straße St. Honoré erreicht. In einer geringen Entfernung von der Straße des Bourdonnais entſchließt ſich Chaudoreille, der immer noch keine Antwort erhält und es nicht bei ſeinen Complimenten bewenden laſſen will, die großen Mittel zu verſuchen: er nähert ſich der Bäuerin und mit ſeiner Hand an ihren Röcken umhergreifend, zwickt er Alles, was in ſeinen Bereich kommt, mit Zärtlichkeit; als Lohn für dieſe Handlung empfängt er alsbald eine ſo derbe Ohrfeige, daß ihn dieſe auf eine vier Schritte von da entfernte Steinſäule ſchleudert. 129 Urbain begab ſich ſeiner Gewohnheit gemäß zu Blanca, als er unterwegs Chaudoreille's Eroberung gemacht hatte. Nachdem er ſich ihn auf eine ſo heroiſche Weiſe vom Halſe geſchafft hat, eilt er nach dem Hauſe des Barbiers, tritt in die Hausflur, die man ihm öffnet, und kommt zu Blanca, noch ganz aufgeregt von dem Abenteuer. „Was haben Sie aber, meine liebe Urſula,“ ſagte Blanca zu ihr,„Sie ſcheinen ſehr aufgeregt...“ „Ja, in der That,“ antwortet Urbain,„ſo eben in der Straße... ſchlugen ſich zwei Menſchen, dieß hat mich erſchreckt...“ „Armes Kind,“ ſagte Margarethe,„allein hatte ſie ihren Talisman nicht bei ſich?“ „O ja, Mademoiſelle, deſſen ungeachtet war es mir bange.“ „Ich glaube es Ihnen gern,“ ſagte Blanca,„allein erholen Sie ſich, meine theure Freundin.“ Blanca's ſanfte Worte haben Urbain ſein Aben⸗ teuer bald vergeſſen gemacht. Seinem Verſprechen gemäß muß er eine ſonderbare Geſchichte erzählen, die einem ſeiner Vetter begegnet iſt; er hat es den Tag zuvor verſprochen und Margarethe beeilt ſich, ihn zu hören. Die alte Dienerin hat Zerſtreuung nöthig, ſie hat in der verfloſſenen Nacht einen ſchreck⸗ lichen Traum gehabt und des Morgens bei ihrem Erwachen eine Fledermaus an ihrem Fenſter erblickt: das Alles iſt ſehr beängſtigend und den ganzen Tag über iſt Margarethe nicht ruhig geweſen. Urbain beginnt ſeine Erzählung, er wird zuweilen durch den Regen unterbrochen, der praſſelnd und in Strömen herabfällt und den der Wind gegen die Fenſter wirft. „Welch' ſchreckliches Wetter!“ ſagte Blanca. „Ja,“ ſagte Margarethe, dem Feuer bei jedem Windſtoße näher rückend,„dieſe Nacht wird uns ſehr 4 wenig Ruhe gönnen.. ich weiß nicht, aber es ſcheint mir, daß mir etwas Außerordentliches begegnen muß; dieſe Fledermaus, welche ich bemerkt habe... und in meinem Traume alle dieſe Leute, die auf Beſenſtielen zum Sabbat ritten... ah, das deutet viele Dinge an!“ „ Sicherlich,“ ſagte Urbain, und die Alte ſchließt, um ſich zu ermuthigen, den Talisman heftig und feſt in ihre Hände. Urbains Geſchichte hat ſehr lange gedauert und Margarethe nichts geſagt, weil ſie mit dem Schla⸗ fengehen keine Eile hat. Blanca, die ſich nie anders als ungern von Urſula trennt, ließ ſich's eben nicht angelegen ſein, ihr zu bemerken, daß es ſpät ſei⸗ und von dem jungen Studenten läßt es ſich nicht erwarten, daß er zuerſt an's Weggehen denkt.. Indeſſen ſchlägt die Glocke und man zählt elf Uhr.„O Himmel, elf Uhr!“ ruft Blanca aus. „Ach, mein Gott!“ ſagte Margarethe bebend,„in. einer Stunde iſt es Mitternacht!“ „Aber, meine Beſte, Urſula kann nicht ſo ſpät und bei ſolchem Wetter nach Hauſe kehren... ſtill⸗ hören Sie den Regen?... er fällt in Strömen herab .. bei ſolcher Witterung nach dem Thore St. Antoine zu gehen... das iſt unmöglich.“. 131 „Es iſt gewiß,“ ſagt Urbain,„daß die Wege ſehr ſchlecht ſind... es ſind keine Laternen da und oft tritt man in Löcher, die man nicht bemerkt.“ „Arme Urſula, Ihr Talisman würde Sie nicht gegen den Regen ſchützen, nicht wahr?“ „Es iſt wahr, er ſchützt nicht gegen dem Regen,“ antwortet Urbain ſeufzend. „Was anfangen?“ ſagte Margarethe. „Die Sache iſt ganz leicht zu machen, meine Beſte,“ ruft Blanca aus,„Urſula wird bei mir ſchla⸗ fen und morgen, ſobald der Tag graut, wird ſie ſich geräuſchlos entfernen... wollen Sie, Urſula??, Urbain kann einige Minuten lang nicht antworten, denn Blanca's Worte:„ſie wird bei mir ſchlafen,⸗ haben ihm ſeine ganze Beſinnung beraubt, und er weiß nicht mehr, woran er iſt. Endlich ſtammelt er mit bebender Stimme:„Wenn Sie es erlauben... Mademoiſelle... ich bin es zufrieden...“ „Ja, ſicherlich erlaub' ich es... nicht wahr, meine Beſte, wir können ſie bei ſolchem Wetter nicht gehen laſſen?... antworten Sie doch!“ Margarethe, die nichts Schlimmes dabei ſieht, daß die Bäuerin bei Blanca ſchläft, findet zudem einen großen Vortheil dabei, denn ſie hofft die koſtbare Reliquie die ganze Nacht über zu behalten, und da ihr Geiſt von der Idee ergriffen iſt, daß ihr irgend ein Unglück begegnen müſſe, ſo ſcheint ihr der Beſitz des kleinen Stückes Tuch für dieſe Nacht eine Wohlthat der Vorſehung. „Es iſt wahr,“ ſagte ſie endlich,„daß die Wit⸗ 13²2 terung ſchrecklich iſt... und wenn Urſula nicht vergißt, 4 vor Tagesanbruch wegzugehen...“ 9 „O ja, meine Beſte; wenn ſie ſchläft, ſo verſpreche ich Dir, ſie aufzuwecken.“ 3 „Nun, dann mag ſie bleiben... ich habe nichts dagegen.“ ₰ „Ach, welches Vergnügen!“ ruft Blanca aus, „wir werden zuſammen ſchlafen, Urſula... o, wie unterhaltend das iſt... Was mich betrifft, ich habe noch nie bei Jemand geſchlafen... dieß wird das erſte Mal ſein... man kann ſchwatzen, lachen...“ „Nicht doch, nicht doch,“ ſagte Margarethe,„ihr müßt vielmehr ſchlafen, ſonſt würdet ihr ein Geräuſch machen und der Herr könnte es hören...“ „Nun denn, wir werden ſchlafen, meine Beſte,“ antwortet das liebenswürdige Kind und fügt, Urbain in's Ohr flüſternd, hinzu:„Wir werden ganz leiſe ſprechen.“ „Nun, in dieſem Falle entferne ich mich,“ ſagte die alte Dienerin, die den Talisman, den ſie in den Händen hielt, zurückzugeben zögerte.„Meine theure Urſula,“ ſagte ſie endlich,„ſie hat hier nichts zu) fürchten; wollte ſie mir nicht erlauben, ihren Talis⸗ man nur dieſe Nacht zu behalten, weil ich in einer 24 Kammer ſchlafe, in der es nicht ſicher iſt, und dieſe Fledermaus ſchwebt mir noch immer vor Augen.“ „O, behalten Sie ihn, Jungfer Margarethe,,⸗, ſagte Urbain,„ſo lange es Ihnen Vergnügen macht.“ 4 „Ja, ja, behalte ihn, meine Beſte,“ ſagte Blanege 133 „zudem haben wir ja den meinigen; wir haben Beide an ihm genug, nicht wahr, Urſula?“. „Ja, ich glaube wenigſtens...“ Margarethe, entzückt, die ganze Nacht hindurch eine Schutzwache zu beſitzen, zündet die Lampe an ½ und läuft nach der Thüre, indem ſie ſagte:„Gute Nacht, meine Kinder, gute Nacht! Ach Gott, welcher Windſtoß! Urſula, ſie muß morgen vor Tagesanbruch aauf ſein.“ „Ja, Mademoiſelle.“ „Legt euch ſchnell zu Bette und löſcht euer Licht aus, damit man nichts merkt.“ „Sei ruhig, meine Beſte,“ ſagte Blanca,„es wird bald geſchehen.“ Margarethe nimmt ihre Lampe und verläßt das Zimmer. Blanca macht die Thüre hinter ihr wieder zu.„Schließen Sie ſich gut ein,“ ſagt die Alte zu ihr. „Ja, meine Beſte,“ antwortet das junge Mädchen und ſchiebt den Riegel vor. 3 OSo⸗ 56 mſſinn 10 1 HzxaaaxmmmmmErrmmmrrrnmm 1 12 13 14 15 16 17 18