Leihbibliothel deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Otftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — eih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothet ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. „2. Lesepreis. Bei Rückgabe eineß geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. z. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. b 4. Ahbonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 für wpehentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —ℳk————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 N. Pf. „„* 1 1—„ 9„— 1 t„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deferte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 3 „7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, 8 deutſch bearbeitet Dr. Heinrich Elsner. Stuttgart: Scheible, Rieger à SFattler. 1845. Barbier von Paris. Von Paul de Koch. — Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Erſter Theil. So Stuttgart: Scheible, Rieger« Sattler. . 1845. „ Erſtes Kapitel. Das Haus des Barbiers. An einem Decemberabend des Jahrs 1632 durch⸗ lief ein Mann, der ungefähr vierzig Jahre alt ſein mochte, einen hohen Wuchs und ein ziemlich ſchönes, aber finſteres und wildes Ausſehen hatte und ſeinen ſchwarzen Augen zuweilen den Ausdruck der Ironie gab, obſchon nur ein flüchtiges Lächeln an ſeinen magern und blaſſen Lippen vorüberſtreifte, mit raſchen Schritten die Straße von Saint⸗Honoré und nahm ſeine Richtung nach der Straße des Bourdonnais, einen braunen Mantel um ſich hüllend, welcher ihm kaum über die Kniee hinabfiel, und ſich einen Hut mit breitem Rande, den keine Feder ſchmückte, welcher aber ſein Geſicht gegen den Regen ſchützte, der bereits in ſtarken Tropfen zu fallen begann, über die Augen herabdrückend.. In dieſer Zeit war Paris etwas ganz Anderes, als es gegenwärtig iſt, und die Lage dieſer ſchönen Hauptſtadt war damals höchſt kläglich: Straßen, die gar nicht oder wenigſtens nur halb gepflaſtert waren; Haufen von Schutt und Unrath befanden ſich hie und da vor den Häuſern, oder verſperrten den Weg hemmten den Lauf des Waſſers und verſtopften die 8 Kloaken. Dieſe Waſſer, welche keinen Abfluß hatten, traten überall aus und bildeten Sümpfe, welche ver⸗ derbliche Dünſte aushauchten. Damals hätte man mit Wahrheit ſagen können:„Paris, du Stadt des Koths und Rauchs.“. Die Straßen waren nicht erleuchtet; man trug zwar Laternen, allein nicht Jedermann hatte ſolche, und zudem verſcheuchten ſie die Diebe nicht, die in großer Anzahl herumſtreiften und tauſend Unordnun⸗ gen, ſogar bei hellem Tage, begingen, da ihre Ver⸗ brechen nur zu ſehr durch das Beiſpiel der Pagen und Lakaien gerechtfertigt wurden, die ſich jede Nacht ein Vergnügen daraus machten, die Vorübergehen⸗ den zu beſchimpfen, Mädchen zu entführen, die Wachen zu necken, die Sergeanten zu ſchlagen, die Thüren der Boutiken einzuſprengen und die friedlichen Ein⸗ wohner auf tauſendfache Art zu plagen; Ausſchwei⸗ fungen, gegen welche das Parlament vergebens Ver⸗ ordnungen erließ, die ohne Ende erneuert und ohne Ende ungeſtraft überſchritten wurden. Das Stehlen der Börſen und Mäntel war damals eine ſo gewöhnliche Sache, daß die Zeugen des Dieb⸗ ſtahls ſich damit begnügten, auf Koſten des Geprell⸗ ten zu lachen, ohne jemals dem Diebe nachzulaufen. Am hellen Tage wurden auf öffentlichen Plätzen Mordthaten begangen; die Verbrecher entfernten ſich, ihre Schlachtopfer noch verhöhnend. Man unterſchied zwei Arten von Dieben: die ABeutelabſchneider(loupe-bourses) und die Wollpröpfe tere-laines); die Erſten ſchnitten kunſtfertig die 7 Schnüre der Geldbeutel ab, die man an ſeinem Gürtel zu tragen pflegte, die Zweiten rißen den Vorüber⸗ gehenden die Mäntel ſchnell von den Schultern. Vergebens richtete man von Zeit zu Zeit einige Verbrecher hin: dieſe Beiſpiele ſchienen die Kühnheit der Herumſchwärmer und den Uebermuth der Pagen und Lakaien zu verdoppeln. Die Gerechtigkeit war kraftlos, ſeit man ſie ſelbſt auszuüben pflegte. Die Zweikämpfe waren faſt ſo gewöhnlich als die Dieb⸗ ſtähle: man hielt es für eine große Ehre, ſich rüh⸗ men zu können, daß man viele Leute in die andere Welt geſchickt habe. Ohne Zweifel war dieß nicht das goldene Zeit⸗ aalter, ebenſowenig konnte es jene gute alte Zeit ſein, die von einigen Dichtern ſo gerühmt und von jenen mürriſchen Geiſtern, den Bewunderern der Paniere und Wülſte, ſo ſehr zurückgewünſcht wird. Es iſt nicht unſere Abſicht, Geſchichte zu ſchreiben, allein wir haben es für nöthig erachtet, den Leſer zu erinnern, was Paris in dem Zeitpunkte war, in welchem unſer Barbier lebte. Ohne Zweifel hatte man ſchon am Titel errathen, daß die Handlung nicht in unſerer Zeit ſpielt, denn gegenwärtig haben wir in Paris Haarkünſtler, Haarkräusler und Pe⸗ rückenmacher, allein keinen Barbier. Das Individuum, deſſen Bild wir entworfen haben, blieb, an der Ecke der Straße des Bourdon⸗ nais angekommen, vor einem ziemlich hübſchen Hauſe ſtehen, auf deſſen Vorderſeite man in großen Buch⸗ ſtaben las: Touquet, Barbier— Badehalter. 8 Damals kannte man den Luxus der Aushängeſchilde nicht, und die Straßen von Paris boten den Blicken der Gaffer keinen Zug aus der griechiſchen oder römi⸗ ſchen Geſchichte oberhalb der Boutik eines Gewürz⸗ krämers oder einer Weißzeughändlerin dar; das Por⸗ trait der Marie Stuart lud die Vorübergehenden nicht ein, eine Elle gedruckten Kattun zu kaufen, und der gehängte Abſalon war nirgends da, um den Saal eines Haarkräuslers anzuzeigen. Wir haben in Allem große Fortſchritte gemacht. Der Mann, welcher vor dem Hauſe des Barbiers ſtehen blieb, hätte ohne Zweifel große Mühe gehabt, die Inſchrift oberhalb des Ladens, der geſchloſſen war, zu leſen, denn es war bereits ſtockfinſtere Nacht, und wie wir weiter oben bemerkt haben, kam keine Spiegellampe denen zu Hülfe, welche Nachts in der Hauptſtadt umherzugehen wagten. Allein das Indi⸗ viduum, das den Klopfer der Mittelthüre, welche den Eingang des Hauſes bildete, ſo eben ergriffen hatte, that unverzüglich und wie Jemand, der ſeiner Sache gewiß iſt, zwei aufeinanderfolgende Schläge. In der That, es war der Barbier ſelbſt. 19 Verfluß einiger Augenblicke ließen ſich ſchwere Tritte hören, ein Licht ſchimmerte durch das Gitter, das ſich oberhalb der Thüre befand. Bald öffnete ſie ſich und eine alte Frau erſchien, eine Kerze in der Hand haltend. Sich verbeugend ſagte ſie:„Guter Gott, mein theurer Herr, Sie haben erſchrecklich ſchlechtes Wetter gehabt!... Sie müſſen ganz durch⸗ näßt ſein!.. Ich hatte meine Shuche udg gebeten, .— .-— 9 ſie möchte Ihnen nichts Böſes zuſtoßen laſſen. Ach! wenn man doch ein Geheimniß hätte, durch das man ſich gegen den Regen ſchützen könnte! O, ich bin überzeugt, daß es Leute gibt, die den Elementen gebieten!“ Der Barbier antwortete nichts; er lief einem Gange zu, der in einen Saal zu ebener Erde führte, in dem man ein großes Feuer angezündet hatte. Hier angekommen, fing er an, ſeinen Mantel und ſeinen Hut abzulegen, dem ein Wald von ſchwarzen Haaren, die in wallenden Locken auf ſeinen Nacken herabfielen, entſchlüpfte. Er nahm einen großen Dolch aus ſeinem Gürtel; denn es war damals gebräuchlich, nicht un⸗ bewaffnet auszugehen. Touquet hing den Dolch über dem Kamine auf, dann warf er ſich in einen Stroh⸗ ſeſſel und ſetzte ſich vor das Feuer hin. Während ihr Herr ausruhte, ging die alte Magd im Zimmer aus und einz ſie ſtellte einen Tiſch neben den Stuhl, auf welchem der Barbier ſaß, zog aus einem Speiſeſchrank einen ſilbernen Becher, Teller und ein Couvert hervor, und ſtellte mehrere Krüge mit Wein oder Branntwein und einige Schüſſeim mit Fleiſch auf den Tiſch. „Sind während meiner Abweſenheit Leute ge m⸗ men?“ ſagte der Barbier nach einigen Augenblicken. „Ja, mein Herr: zuerſt Pagen, um die Neuig⸗ keiten des Stadtviertels zu erfahren, um Jedermann zu läſtern und ſich über die armen Frauen luſtig zu machen, welche die Schwachheit haben, ihnen Ge⸗ hör zu ſchenken. Ach, wie gottlos ſind die jungen 10 Leute heutigen Tags! wie ſie ſich ihrer Heldenthaten rühmen!... Einige Junggeſellen ſind gekommen, um ſich raſiren zu laſſen; dann jener Stutzer, den es ſo ſehr entzückt, ſich pudern zu laſſen, und der behauptet, bald werde dieß Jedermann thun; kann man ſich die Haare ſo mit Mehl beſtreuen laſſen? ich ließe es noch gelten, wenn es gegen einige Uebel ſchützte... Ach, ich vergaß, und jener große Lümmel, der ſo pochend, ſo unverſchämt iſt, der, weil er ein Wamms von Atlas, einen Mantel von Sammt und auf ſei⸗ nem Hute einen ſchönen Federbuſch und ſchöne ſilberne Schnüre hat, ſich berechtigt glaubt, überall den Herrn zu ſpielen.“ „Ach, Du willſt von Monbart reden?“ „Ja, von keinem Andern; er hat großen Lärmen gemacht, als er Sie nicht hier fand; er ſagte, ſeit Monſieur reich ſei, vernachläßige er ſeine Kunden.“ „In was miſcht er ſich?⸗ „Das hab' ich auch gedacht, mein Herr. Der Chaudoreille iſt auch gekommen, er hat ſich geſtern auf der kleinen Pré-aux-cleres duellirt und ſeinen Gegner getödtet und hatte dieſen Abend noch ein Duell abzumachen. Gute heilige Jungfrau, iſt es recht, daß ſich die Menſchen ſo tödten, und oft der erbärmlichſten Kleinigkeiten wegenn! „Schlag' er ſich, ſo lange er will, mir liegt wenig daran; es ſind nicht meine Sachen. Sind nicht noch andere Perſonen gekommen?2“ „Ach, jener Herr, der ſo drollig iſt, der mich ſo oft lachen macht und den ich einige Mal jene Poſſen 11 ſpielen geſehen habe, die Jedermann in ſein Theater im Hotel Bourgogne ziehen... Herr Heinrich le Grand.“ „Sag' doch Turlupin(Hanswurſtſt „Turlupin alſo, weil dieß der Namt iſt, den man ihm im Theater gibt und mit dem man ihn auch in der Stadt benennt. Er iſt mit jenem Andern gekommen, der mit ihm ſpielt, und, wie man ſagt, die Rolle der Greiſe ſpielt und die Prologe, die den Stücken vorhergehen, ſpricht.“ „Dieß iſt Gautier⸗Garguille.“ „Ja, mein Herr, ſo hat er ihn genannt. Sie wollten rafirt, gebadet und friſirt ſein, da ſie aber Sie nicht trafen, ſo ſpielte einer von ihnen den Bar⸗ bier, dann nahm der andere den Kamm und die Seifenkugel und erwies ihm denſelben Dienſt. Ich wollte dieß anfänglich nicht zugeben, allein ſie hörten nicht auf mich: ſie machten tauſend närriſche Streiche. Haben Sie mich nicht genöthigt, in der Boutik Platz zu nehmen und mich mit Eſſenz und Seife beſchmiert! Einige Perſonen, welche im Vorübergehen Turlupin und ſeinen Kameraden erkannten, blieben vor dem Hauſe ſtehen. Bald vergrößerte ſich ihre Zahl und als ſie das Haus verlaſſen wollten, konnten ſie keinen Weg durch die Menge finden; allein als Turlu⸗ pin, der nie verlegen iſt, die Neugierigen vergebens gebeten hatte, ihm und ſeinem Kameraden Platz zu machen, ſo ging er fort, holte aus dem Hinterladen ein Gefäß voll Waſſer und goß es auf die Menge aus. Sie können ſich denken, was jetzt für ein Ge⸗ tümmel und Geſchrei unter den Leuten entſtand. Tur⸗ lupin und Gautier⸗Garguille benützten die Verwir⸗ rung, um ſich zu entfernen.“ „Und Blanca,⸗ ſagte der Barbier, der die Er⸗ zählung der alten Margarethe mit Ungeduld anzu⸗ hören ſchien,„ich hoffe, daß ſie nicht unten in dem Laden war, als dnſ N ſenre her eine ſo große Volksmenge vor meiner ohnung verſammelten?“ „Nein, mein Herr, nein; Sie wiſſen, daß Jungfer Blanca nur ſehr ſelten in die Boutik hinabkommt und nie, wenn Leute daſelbſt ſind. Heute, während Ihrer Abweſenheit, hat ſie ihr Zimmer nicht verlaſſen, wie Sie es ihr anempfohlen haben.“ „Das iſt brav, recht brav,“ ſagte der Barbier; hierauf näherte er ſich dem Feuer, ſtützte den einen ſeiner Ellenbogen auf den Tiſch und ſchien ſich von Neuem ſeinen Betrachtungen zu überlaſſen, ohne auf das Geſchwätz ſeiner Magd zu hören, die ſo eifrig fortfuhr, als ob ihr der Barbier die größte Aufmerk⸗ ſamkeit gewidmet hätte. „Es iſt ein reizendes Mädchen, dieſe Blanca, o ja, ſie iſt ein liebenswürdiges Kind, hübſch, ſehr hübſch; ich fordere alle unſere Hofdamen auf, mir ſchönere Augen, einen friſcheren Mund, weißere Zähne zu zeigen... und die ſchönen Haare... rabenſchwarz und bis über die Kniee herabwallend; und bei allem dem ſo ſanft, ſo offenherzig, kein Gedanke von Ko⸗ ketterie!... ach, ſie iſt die Aufrichtigkeit, die Unſchuld ſelbſt. Es iſt wahr, ſie iſt noch nicht ſechszehn Jahre alt; allein es gibt Mädchen, die in dieſem Alter 4 13 ſchon den Verliebten Gehör ſchenken!... Wie ſchade wäre es, wenn dieſer hübſche Schatz dem Teufel in die Krallen fiele!... allein wir werden ihn unange⸗ taſtet erhalten... ja, ja, ich bin es verſichert. Ich habe zu dieſem Ende alle möglichen Anſtalten ge⸗ troffen; denn es reicht nicht hin, über ein junges Mädchen zu wachen; der Teufel iſt ſo boshaft! und alle dieſe Junggeſellen, dieſe Pagen, dieſe Studen⸗ ten ſind ſo unternehmend!l... ohne die jungen Cdel⸗ 1 lleute zu zählen, die ſich kein Gewiſſen daraus machen, Mädchen und Frauen zu entführen, und als einzige Entſchädigung einen Stoß mit dem Degen verſetzen, oder Diejenigen, welche dieß übel aufnehmen, durch ihre Lakaien abbläuen laſſen. Gute, heilige Marga⸗ 5. retha, in welcher Zeit leben wir! Man muß ſich be⸗ ſchimpfen, beleidigen, beſtehlen laſſen!... ja, ſelbſt beſtehlen laſſen!... denn was hilft es, den Thäter über der That zu ertappen! Wenn man Recht ver⸗ langt, ſo fragt man, ob man als Partei auftrete; wenn man nein ſagt, ſo läßt man den Schuldigen frei, ſagt man ja, ſo erkundigt man ſich, ob man die Koſten der Procedur bezahlen kann; in dieſem Falle hat man das Vergnügen, den Schurken vor ſeiner Thüre peitſchen zu ſehen; dieß kommt einem jedoch theuer zu ſtehen. Iſt man aber von einem Mächtigen, von einer hohen Standesperſon beleidigt worden, ſo muß man ſchweigen, bei Strafe, ſein Leben in der Baſtille oder in Chatelet zu enden.“ Margarethe ſchwieg einige Minuten lang, die ort ihres Herrn erwartend; da ſie aber keine 14 erhielt, ſo nahm ſie an, er billige ſtillſchweigend ihre Worte und faßte den Faden ihres Geſprächs wieder auf.. „Aber man behauptet, daß dieß ſtets ſo geweſen iſt. Die kleinen Diebe hängt man, die großen läßt man laufen, und die Vornehmen ſpotten über alle. 4 Wer wollte es wagen, gegenwärtig zu prozeſſiren, wo die Advokaten und Prokuratoren die Prozeſſe fünf oder ſechs Jahre lang verzögern, von allen Händen Geſchenke annehmen, und ſich ein Spiel daraus machen, die armen Prozeßführer zu Grunde zu rich⸗ ten, um für den Luxus ihrer Frauen und Töchter ſorgen zu können!. Was die Sergeanten betrifft, o, dieſe laufen überall herum, um Verbrecher auf⸗ zuſuchen; allein wenn ſie Diebe feſthalten, ſo laſſen ſie ſie b lo wieder los, ſobald dieſe ihren hungrigen Geldbeutel durch ein Stück Geld bereichert haben. Arme Stadt! Hören wir nicht jede Nacht einen er⸗ ſchrecklichen Lärmen! und doch wohnen wir noch in dem ſchönen Stadtviertel; dieß verhindert nicht, daß man da Mordthaten und Diebſtähle begeht. Da hört man ein Schreien, ein Waffengeklirx!... Wozu braucht man ſo viele Stadtrichter, Gerichtsdiener, Sergeanten, Häſcher, wenn die Polizei ſo ſchlecth„ verwaltet wird? Nicht die Kaufleute beklage ich, ſie würden ſich dem Teufel um einen Sou verſchreiben; ſie verkaufen ihre Waare vier Mal theurer, als ſie werth iſt; um Käufer herbeizulocken, erlauben ſie den Vorübergehenden, in ihre Boutiken zu treten, laſſen ihnen Muße, mit ihren Frauen zu Wase 15 ſie vor ihrer Naſe am Kinn zu nehmen und ihnen verliebte Schmeicheleien zu ſagen!... Alles dieß um einen Kragen Schminke oder ein Dutzend Schnüre zu verkaufen. Pfui! es iſt eine Schande, Alles zu ſehen, was bei ihnen vorgeht. Wenn ich in die Hallen gehe, um einzukaufen, ſo bin ich von Schur⸗ ken umgeben, die ſich ein Vergnügen daraus machen, die Käufer und Verkäufer zu plündern, in den Kör⸗ ben zu wühlen; dann muß ich Geſänge hören, die voll Unanſtändigkeiten und Zoten ſind. Gute, heilige Margaretha, wo ſind wir!... Die Schulerknaben, ausſchweifender als je, höhnen, ſchwelgen und bege⸗ hen tauſend liederliche Streiche; die jungen Leute vom Stand beſuchen die Ballhäuſer, die Kneipen ſind ſtets mit Dolchen oder Degen bewaffnet, und.. ach! mein theurer Herr, der Satan hat ſich unſerer Stadt bemächtigt, er will ſie als ſeine Beute ver⸗ ſchlingen!“ Margarethe hielt von Neuem inne, um zu hor⸗ chen. Der Barbier beobachtete noch immer das tiefſte Schweigen, aber er ſchlief nicht; denn mehrmals war er mit ſeiner rechten Hand über ſeine Stirne gefahren und hatte ſeine Locken zurückgeworfen. Für einen, der gerne plaudert, iſt es ſchon viel, gehört zu werden, oder wenigſtens zu glauben, daß dieß der Fall ſey; die alte Magd war im Zuge, und ſie fand ſelten eine ſo ſchöne Gelegenheit. Nach einer kurzen Pauſe fuhr ſie daher wieder fort:„Dank dem Himmel, ich bin in einem guten Hauſe und kann mit Stolz ſagen, daß in den acht Jahren, ſeit denen ich bei dem Herrn bin, daſelbſt nichts Unſchick⸗ liches und Unanſtändiges vorgegangen iſt. Wohl erinnere ich mich noch, daß, als man mir vor acht Jahren ſagte:„Margarethe, Herr Touquet, der Bar⸗ bier und Badehalter in der Straße des Bourdonnais, ſucht eine Magd für ſein Haus,“ ich mich mehr als einmal beſonnen habe... ich bitte Sie um Verzei⸗ hung, mein Herr... dieß kommt daher, weil die Häu⸗ ſer der Badehalter und Vermiether nicht wie Balſam riechen; allein man ſagte mir, Herr Touquet iſt gegenwärtig wohlhabend, er vermiethet keine Zimmer mehr und begnügt ſich damit, des Morgens ſein Ge⸗ werb zu treiben; übrigens nimmt er faſt gar keine Beſuche in ſeinem Hauſe an, wo er ein kleines Mäd⸗ chen, das er an Kindesſtatt angenommen hat, mit Sorgfalt erzieht. Bei meiner Treu', dieß machte meiner Unſchlüſſigkeit ein Ende und ich habe ſeit⸗ her nicht Urſache gehabt, meinen gethanen Schritt zu bereuen. Wenn des Morgens eine Menge Leute jeden Standes in den Laden kommt, ſo dringt doch Niemand in das Innere des Hauſes ein. Monſieur lebt auf einem ehrenvollen Fuße, ich rühme mich deſſen, und was ich am meiſten bewundere, iſt die Aufmerkſamkeit, die er der jungen Waiſe widmet; denn ich glaube mich zu erinnern, daß Monſieur mir geſagt hat, ſie ſei eine Waiſe... ja, Monſieur hat es mir geſagt. Gewiß verdient ſie Alles, was man für ſie thut, dieſe theure Blanca, aber ich glaube, ich habe Ihnen nicht geſagt, durch welche Mittel ich ſie vor den Schlingen bewahre, die man der Unſchuld 17 *legt. O, das iſt ein Geheimniß! das iſt wunder⸗ bar!.. allein ich kann es Monſieur wohl anver⸗ trauen;z unſere Nachbarin, die Seidenhändlerin, hat mich mit der Sache bekannt gemacht: man ſpricht über ein kleines Stück Schreibpergament gewiſſe Worte, dann macht man gewiſſe Zeichen, und dieß 4 wird ein Talisman, der gegen alles Unglück ſchützt. Einen ſolchen hatte die Königin Katharina von Me⸗ dicis, die ihn ſtets an ihrem Buſen trug. Hören Sie daher, mein Herr, wir dürfen nicht zweifeln, daß es Zauberer, daß es Schwarzkünſtler gibt, weil der Teufel vor einigen Jahren in dieſer Stadt zwei erwürgt hat, diejenigen abgerechnet, welche durch die brennende Kammer verurtheilt worden ſind. Man thut daher nicht unrecht, wenn man ſich gegen ſie verwahrt, und der Talisman, den ich der Jungfer Blanca gegeben habe, muß, weit entfernt, die böſen Geiſter herbeizulocken, ſie wenigſtens auf eine Ent⸗ fernung von einer Stunde verbannen und die Wir⸗ kung aller Zaubereien vereiteln, die man anwenden könnte, um über ihre Tugend zu ſiegen! O, der koſtbare Talisman, hätte ich ihn doch im zwanzig⸗ ſten Jahre gehabt!. Aber Sie ſpeiſen nicht zu Nacht, maein Oerr; haben Sie keinen Appetit?“ 4 Touquet erhob ſich raſch und ſah auf eine höl⸗ zerne Uhr, die ſich im Hintergrunde des Zimmers befand. 9„Neun Uhr!“ ſagte der Barbier ungeduldig,„und er kommt nicht!“ Paul de Kock. LV. ————: . 2 * fragte die alte Magd erſtaunt. „Ja, ich erwarte einen Freund... Stelle ſie einen Becher weiter auf den Tiſch, er wird mit mir zu Nacht ſpeiſen.“ „Ich zweifle ſehr, daß er kommt,“ ſagte Marga⸗ rethe, die Befehle ihres Herrn ausführend,„es iſt ſpät und erſchrecklich ſchlimmes Wetter; man muß ſehr kühn ſein, wenn man ſich um dieſe Stunde allein auf die Straßen wagen will!“ In dieſem Augenblicke wurde ſtark an die Thüre* des Ganges geklopft und der Barbier rief, während ein unmerkliches Lächeln um ſeine Lippen ſpielte:„Er iſt es.“ Zweites Kapitel. Der große Herr und der Barbier. Die alte Magd ſchrack zuſammen, als ſie klopfen hörte, und ihren Herrn anblickend, ſtammelte ſie: „Soll ich öffnen, mein Herr?“ „Ohne Zweifel. Habe ich ihr nicht geſagt, daß ich meinen Freund erwarte,“ erwiederte der Barbier, neues Holz in's Feuer legend.„Geh' ſie, Marga⸗ rethe, geh' ſie.“ Die alte Magd war ſehr furchtſam, ſie ſchien noch zu zaudern; ein Blick von ihrem Herrn machte ſie entſchloſſen: ſie nahm eine Lampe und ſchritt nach dem Gange zu, der in die Hausflur führte. Mar⸗ garethe war achtundſechszig Jahre alt; Arbeit und „Wie, erwartet mein Herr Jemand dieſen Abend?“ 72 — ———— 19 Entbehrung hatten ihren Körper ſchon längſt gebeugt; ſie bewegte ſich nur langſam vorwärts, und die hohen Abſätze ihrer großen Pantoffeln ließen ein einförmi⸗ ges Geräuſch ertönen, deſſen Takt das bejahrte Mäd⸗ chen nicht mehr beſchleunigen konnte. Als ſie ſich mitten in der Hausflur befand, erſcholl ein zweiter Schlag an der Thüre, der, ſtärker als der erſte. Alle Scheiben des Hauſes erſchütterte. 1 „Ach, mein Gottl, ſagte Margarethe, ah hat große Eile! Wer iſt wohl. der Freund meines Herrn, der ſo zu klopfen wagt?.. Gewiß ſind einige Schei⸗ ben zerſprungen. Sollte es wohl Chaudoreille ſehn? O nein! der klopft nur ganz leiſe, ganz ſanft an. Türlüpa e Bahl ich würde ihn auf der Straße ſingen hören! Zudem iſt er keiner von den Freunden meines Herrn. Ach! ich bin ſehr neugierig, zu eriahren wer es ſein mag.“ Ihrer Neugierde ungeachtet beſchleunigte Marga⸗. rethe ihre Schritte nicht, ſie kam jedoch an der Thüre an, und nachdem ſie ſich in ihrem Herzen ihrer theu⸗ 8 ren Schutzheiligen anempfohlen hatte, entſchloß ſie ſich, zu öffnen. Ein Mann, der in einen langen Mantel, den er gegen das Geſicht hielt, gehüllt waͤrß und den Kopf mit: einem Hut bedeckt hatte, deſſen Ränder mit weißen Federn geſchmückt waren, die ihm. ſo weit über die Augen herabhingen, daß man digſe nicht bemerken konnte, erſchien am Eingaͤnge der Hausflur und fragte mit ſtarker Sti imine, 9 Pier wohl der Barbier Touquet woyne. 3 ſonſt bemühte, die Geſichtszüge der vor ihr ſtehenden Perſon zu erſpähen;„ja, hier wohnt... und Sie ſind ohne Zweifel der Freund, den mein Herr er⸗ wartet.“ „In dieſem Falle führen Sie mich zu ihm,“ ſagte der Fremde. Margarethe verſchließt die Thüre und bittet den Unbekannten, ihr zu folgen. Die Hausflur und den langen Gang durchſchreitend, kehrt ſie ſich oft um und hält ihre Lampe dem Fremden vor das Geſicht, unter dem Vorwande, ihm zu leuchten, der That nach aber, um Etwas zu entdecken, woran ſie das Individuum, das ſie in das Haus eingeführt hat, erkennen könnte. Alle ihre Bemühungen ſind ver⸗ 4 geblich. Der Fremde beugt den Kopf nieder und hält den Mantel ſtets gegen das Geſicht. Marga⸗ rethe ſieht ſich hierdurch darauf beſchränkt, ſeine Halb⸗ ſtiefel zu unterſuchen, die weiß, trichterförmig und mit Sporen verſehen ſind. Dieß ſchien eine ausgeſuchte Kleidung anzudeuten, allein viele Perſonen trugen damals ſolche; dieſer Theil der Kleidung konnte da⸗ her Margarethe in ihren Muthmaßungen nicht ſicher leiten. Man kommt in dem Saale an, in welchem ſich der Barbier befindet, und der Fremde tritt leichten Tritts ein, während die Dienerin zu ihrem Herrn ſagt:„Mein Herr, hier iſt die Perſon, die ange⸗ klopft hat; ich weiß nicht, ob es der Freund iſt, den Sie erwarten.. ich habe nicht ſehen können...“ Der Barbier läßt Margarethen nicht Zeit, ihre 21 Phraſe zu vollenden; er eilt dem Fremden entgegen und führt ihn an das Feuer, während er zu ihm ſagt:„So biſt Du doch endlich angekommen! Ich befürchtete, die Nacht... das ſchlimme Wetter... allein ſetze Dich hierher, wir werden miteinander zu Nacht ſpeiſen.“ „Gut,“ ſagte die Dienerin zu ſich,„wenn er zu Nacht ſpeiſen will, wird er nothwendig ſeinen Mantel ablegen müſſen, und ich werde endlich ſein Geſicht ſehen können. Ich weiß nicht, warum ich ein ſo großes Verlangen trage, dieſen Menſchen kennen zu lernen. Wenn er ein Freund meines Herrn iſt, ſo muß er nur ſelten hierher kommen; ich habe ſeine Stimme nicht erkannt, ſein Wuchs iſt der gewöhnliche .. er iſt nicht ſowohl klein, als groß, er muß jung ſein... ich wette, er iſt ein hübſcher Junge. Aus ſeinem Gange möchte ich ſchließen, daß er zum Kriegs⸗ ſtande gehört.. Wir werden ſehen, ob ich mich ge⸗ täuſcht habe.“ Das alte Mädchen hatte ihre Augen unabläßig auf den Fremden gerichtet, der ſich in einen Stuhl geworfen hatte und durch keine Bewegung den Vor⸗ ſatz verrieth, ſeinen Mantel und ſeinen Hut abzu⸗ legen, obſchon beide von Regen durchnäßt waren. „Wenn es dem Herrn gefällig wäre,“ ſagte Mar⸗ garethe, ſich dem Stuhle nähernd, auf welchem der Fremde ſaß,„ſo könnte ich ihm ſeinen Mantel ab⸗ nehmen, da er ganz naß iſt.. ich werde ihn troc⸗ nen, während er zu Nacht ſpeist.“ „Sie kann ſich dieſe Mühe erſparen,“ ſagie der 22 Barbier, ſich plötzlich zwiſchen Margarethe und den Fremdling ſtellend, der ſich nicht gerührt hatte;„man bedarf Ihrer Dienſte nicht. Sie kann ſich entfernen und ſich zur Ruhe begeben, ich werde die Hausthüre ſelbſt verſchließen, wenn mein Freund nach Hauſe geht.“ Margarethe ſcheint durch dieſen Befehl ganz ver⸗ ſteinert. Sie blickt ihren Herrn an und will ſich ei⸗ nige Bemerkungen erlauben, allein der Barbier heftet die Augen auf ſie und die Augen des Herrn Touquet haben zuweilen einen Ausdruck, der zum Gehorſam zwingt. „ Ich befehle ihr,“ ſagt er von Neuem zu ſeiner Dienerin,„daß ſie ſich entfernt und vor Allem nimmer herabkommt.“ Margarethe ſchweigt; ſie nimmt ihre Lampe, ver⸗ beugt ſich vor ihrem Herrn und ſchickt ſich an, den Saal zu verlaſſen, einen letzten Blick auf den Frem⸗ den werfend, der ſtets unbeweglich vor dem Feuer ſitzt und deſſen Züge ſie nicht gewahren kann. Sie muß ſich zu Bette legen, ohne ihre Muthmaßungen auf einige Thatſachen zu ſtützen, ohne zu wiſſen, ob man das Alter, den Stand, die Geſtalt des Unbe⸗ kannten richtig errathen hat; welche Pein für ein altes Mädchen! Allein ihr Herr zeigt ihr mit dem Finger die Thüre des Saals und Margarethe ent⸗ fernt ſich endlich. 3 Sobald die alte Dienerin ſich entfernt hat und das Geräuſch ihrer Tritte verklungen iſt, bricht der Fremde in ein lautes Gelächter aus und wirft ſeinen —— —,— — 23 Mantel und Hut von ſich. Jetzt bemerkt man einen Mann von ungefähr ſechsunddreißig Jahren mit fei⸗ nen, edeln und geiſtreichen Geſichtszügen. Ein brau⸗ ner Schnurrbart umſchattet nur leicht die Oberlippe ſeines Mundes, der lächelnd ſehr ſchöne Zähne ſehen läßt; ſeine lebhaften, bald zärtlichen, bald wilden und leidenſchaftlichen Augen bezeichnen eine große Gewandtheit, alle dieſe Gefühle auszudrücken; allein der Ekel und Ueberdruß, die ſich auf den blaſſen und matten Geſichtszügen des Fremden ebenfalls abmalen, ſcheinen anzudeuten, daß er ſich ſeinen Leidenſchaften ſchon allzuſehr überlaſſen hat und ſie deßwegen nur noch mit Anſtrengung zu fühlen vermag. Seine Tracht iſt reich und geſchmackvoll; die Farbe ſeines Wammſes iſt ein zartes Blau; Gold und Seide ver⸗ mählen ſich daran mit dem Sammet, der den Grund⸗ ſtoff deſſelben bildet; prächtige Spitzen zieren den Kragen, der auf ſeine Schultern zurückſinkt; ein brei⸗ ter weißer Gürtel umſchließt ſeinen Leib, und ein mit koſtbaren Edelſteinen verzierter Degen blinkt an ſeiner Seite. Seit der Entfernung ſeiner Dienerin hat der Bar⸗ bier ſeinen Ton gegen den Fremden geändert; an die Stelle der Vertraulichkeit, die Touquet in Mar⸗ garethens Gegenwart ſcheinbar angenommen hatte, ſind Achtung und Unterthänigkeit getreten. „Entſchuldigen Sie mich, Herr Marquis,“ ſagte er, ſich ehrfurchtsvoll vor ſeinem Gaſte verbeugend, „daß ich mir erlaubt habe, Sie zu dutzen, allein das geſchah ja bloß auf Ihren Befehl, um meine 8— Magd beſſer zu täuſchen und ihr alle Vermuthungen über Ihren Rang abzuſchneiden.“ „Es iſt gut, ſehr gut, mein werther Touquet,“ ſagte der Marquis;„was mich betrifft, ſo verſichere ich Dich, daß es mich die größte Mühe gekoſtet hätte, meine Ernſthaftigkeit in Gegenwart der armen Frau beizubehalten, die nicht wußte, welche Liſt ſie erden⸗ ken ſollte, um mein Geſicht zu ſehen, was ſie übri⸗ gens nicht ſehr viel geholfen haben würde, denn es iſt mir nicht erinnerlich, daß ſie mich früher ſchon irgendwo geſehen hat.“ „Nein, gnädiger Herr, ſie kennt Sie nicht, ich glaube es wenigſtens; denn der Herr Marquis von Villebelle hat durch ſeine Galanterien und Waffen⸗ thaten ſo großes Aufſehen gemacht, ſein Name und ſeine Abenteuer ſind ſo bekannt geworden, daß die niederſten Klaſſen der Geſellſchaft ſie kennen; ein Schrecken der Väter, Vormünder, Gatten und der Liebenden ſelbſt.. denn Sie kennen keine Neben⸗ buhler... wird Ihr Name von den Männern nur mit Schauder ausgeſprochen und macht alle Frauen ſeufzen, die einen aus Hoffnung, die andern aus Erinnerung. Da der Herr Marquis überdieß das Ver⸗ gnügen überall geſucht hat, wo er der Schönheit be⸗ gegnet iſt, da er zuweilen zur beſcheidenen Bürgerin herabgeſtiegen iſt, und die niedrige Kaufmannsfrau wie die einfache Dorfbewohnerin mit ſeinen Blicken zu ehren gewürdigt hat, ſo wäre es nicht unmöglich, daß meine alte Margarethe in irgend einem Hauſe gedient hätte, wo der Herr Marquis Erinnerungen — — 2⁵ zurückgelaſſen hat. Es iſt daher beſſer, daß ſie Sie nicht geſehen hat, weil Sie incognito zu mir kommen.“ „Ja, in der That, ich will unbekannt bleiben. Gegenwärtig muß ich meine Liebesabenteuer gehei⸗ mer halten. Setze Dich nieder, Touquet, ich habe Dir Vieles zu erzählen.“ „Gnädiger Herr...“ „Setz' Dich nieder, ich will es ſo haben. Hier lege ich meinen Rang und meine Größe nieder: ich ſehe in Dir den erſten Vertrauten meiner Liebesge⸗ ſchichten wieder, den liſtigen Diener meiner Leiden⸗ ſchaften, den kühnen Schurken, dem das Geld die Einbildungskraft erhitzte und der keine Hinderniſſe kannte, wenn ein mit Piſtolen gefüllter Beutel der Lohn ſeiner Dienſte war. Du biſt ſtets derſelbe, ich bin es überzeugt.“ „Ach, gnädiger Herr, das Alter macht uns ver⸗ nünftig. Vor ſiebenzehn Jahren hatte ich die Ehre, Ihnen das erſte Mal zu dienen, allein ſeit dieſer Zeit iſt mein Kopf ruhiger guwyrden, ich habe nach⸗ denken gelernt.“ „Wie, Du wärſt ein ehrlicher Mann geworden? Vor zehn Jahren noch habe ich mich Deiner bedient; Du warſt damals immer noch ein Spitzbube. Schreibt ſich Deine Bekehrung von dieſem Zeitpunkte her?“ „Der Herr Marquis ſpaßt unaufhörlich; er nennt die Dienſte, welche ich ihm geleiſtet habe, Spitzbuben⸗ ſtreiche, weil ich ihm ſehr ergeben war.“ „Nenne ſie, wie Du willſt, es liegt mir wenig daran; ich bin nicht der Mann, Meiſter Touquet, gegen den man den Heuchler und den Gewiſſenhaf⸗ ten ſpielen darf. Biſt Du wirklich nimmer geneigt, mir nützlich zu ſein? iſt Dein Genie erloſchen, und kann es durch Gold nicht mehr belebt werden?“ „Ich werde ſtets bereit ſein, Ihnen zu dienen, Herr Marquis; Sie dürfen in meinen Eifer und meine Ergebenheit keinen Zweifel ſetzen.“ 1 „Gut; das iſt Alles, was ich von Dir verlange. Betrage Dich gegen die Andern wie ein Heiliger, wenn Dir dieſes Vergnügen macht, wenn Du Dich nur gegen mich ſtets ſo zeigſt, wie Du ehedem warſt.“ Touquet antwortet nichts, allein er dreht den Kopf und ſeine Züge ſcheinen finſterer zu werden. Er faßt ſich jedoch bald wieder, wendet ſich lächelnd nach ſeinem Gaſte um, der mit den Füßen an die Wände des Kamins ſtoßt, und einige Zeit lang ſchweigend daſitzt, als ob er nicht mehr bei dem Bar⸗ bier zu ſein glaube. Dieſer erwartete ungeduldig die Fortſetzung des Geſprächs von Seiten des Mar⸗ quis. Nach Verfluß von fünf Minuten brach der edle Herr das Stillſchweigen.— „Mein theurer Touquet, wenn die Ereigniſſe mei⸗ nes Lebens in meiner Einbildungskraft vor mir vor⸗ überziehen, ſo wundere ich mich in der That, daß ich noch auf dieſer Welt bin. Wie oft habe ich den Dolch eines Eiferſüchtigen, eines Gatten, eines Vaters gegen mich gezückt geſehen! Wie viele Leute haben mir Verderben geſchworen! Und die Frauen... wenn alle diejenigen, welche ich verrathen und verlaſſen habe, ihre Nachepläne gegen mich ausgeführt hätten! 27 .. Dank dem Himmel, wir ſind weder in Italien noch in Spanien, und obſchon es unter unſern Fran⸗ zöſinnen einige Rachſüchtige gibt, die einen langen Groll gegen einen Treuloſen nähren, ſo ſind doch Flatterhaftigkeit und Unbeſtändigkeit keine unverzeih⸗ lichen Verbrechen bei dieſen Damen, die ſich manch⸗ mal an unſere Stelle ſetzen und ſagen, ſie würden es ebenſo gemacht haben wie wir.“ „Es iſt unzweifelhaft, gnädiger Herr, vaß Ihr Leben, ſo lange ich wenigſtens die Ehre gehabt habe, Ihnen meine Dienſte zu widmen, eine ununterbrochene Reihe ſehr anziehender und zuweilen ſehr gefährlicher Abenteuer war. Entführungen und Verführungen, Zweikämpfe, offene Angriffe, nichts hielt Sie zurück, wenn Sie Etwas beſchloſſen hatten. Konnten Sie Hinderniſſe finden?... Reich, von edler Geburt, mächtig, ſchön gewachſen, galant, großmüthig bis zum Uebermaße... das Glück und die Natur haben Alles für Sie gethan, Herr Marquis; Sie haben es ſich zu Nutzen gemacht, Sie haben das Leben ge⸗ noſſen; viele Männer in Frankreich haben Ihr Glück beneidet.“ „Mein Glück!... glaubſt Du wirkiic⸗ daß ich glücklich geweſen ſei?“ „Und wer hätte Sie hindern können, es zu ſein, gnädigſter Herr?? „Nichts, und eben deßwegen vielleicht haben Ueber⸗ druß und Langeweile mich ſelbſt im Schoße des Ver⸗ gnügens, das ich koſtete, überfallen; zuweilen, ohne Zweifel, habe ich das Glück gekannt, allein es war ſo kurz, es entfloh ſo raſch!.. Der Anblick der Schön⸗ heit entflammt meine Sinne, macht mein Herz klo⸗ pfen. Dieſes reizende Geſchlecht, das ich vergöttere, hat ſtets eine unumſchränkte Herrſchaft über mich aus⸗ geübt. Beim Anblicke einer ſchönen Frau liebe ich, oder glaube ich wenigſtens zu lieben; allein kaum ſind meine Wünſche befriedigt, ſo erlöſcht meine Liebe und ich bin genöthigt, einen neuen Gegenſtand auf⸗ zuſuchen, um meine ſtarren Sinne wieder aufzuregen.“ „Glücklicher Weiſe enthält dieſe Hauptſtadt eine große Menge hübſcher Geſichter; die Stadt und der Hof bieten Gegenſtände genug dar, die Abwechslung in Ihre Vergnügungen bringen können.“ „Alles nutzt ſich ab, das Gefühl wie das Gedächt⸗ niß. Ich fürchte, mein Herz werde durch vieles Feuer⸗ fangen endlich jenen ſchlechten Flintenſteinen ähnlich werden, auf die der Hahn vergeblich ſchlägt. Ich bin der Hofintriguen müde; dieſe ſind noch leichter als die andern! Was bieten ſie Anziehendes dar? Nichts geſchieht ohne Etikette, und dann iſt man ſo höflich, ſo fein!... wir wiſſen zu gut, was Lebens⸗ art iſt, als daß wir uns über die Untreue ärgern könnten! Man verläßt ſie, wie man zuſammenkommt, unter tiefen Ehrfurchtsbezeugungen; man ſtirbt faſt vor Langeweile. Die Buhlerinnen haben ebenfalls nichts Neues mehr für mich. Was ſollte ich in den Cirkeln der Marian de Lorme thun? ich ſehe daſelbſt ſtets dieſelben Geſichter. Obſchon der Kardinal ſie in Ruf gebracht hat, ſo finde ich dieſe Frau doch nicht ſo geiſtvoll, als man ſie hat machen wollen! 7 29 Wie verſchieden iſt ſie von jener jungen und ſchönen Ninon. Von dieſer wird man noch lange reden, ſie wird weit gehen, allein ſie hat zu viel Geiſt und zu wenig Liebe für mich; mein vor der Zeit kalt ge⸗ wordenes Herz muß an einem leidenſchaftlichen Ge⸗ müthe wieder erwärmt werden; in der Stadt findet man nichis, das trefflicher wäre als dieſe Dame; die kleinen Bürgerinnen werden ſo kokettiſch; es wäre noch erträglich, wenn ſie grauſam zu ſein wüßten, allein ein Name, eine edle Haltung, ein reicher Mantel haben ihnen bald den Kopf verdreht! Die Kaufmannsfrauen erhaſchen uns im Fluge, die ge⸗ meinen Dirnen locken uns an, und bei all dem werden die Ehemänner ſo gütig, ſo gefällig: ſie fürchten uns wie's Feuer; unſer Titel macht ſie ſtumm. Bei Gott, das iſt zum Verzweifeln! Wenn das ſo fort⸗ geht, ſo werden wir auf türkiſche Weiſe lieben müſſen; wir werden bloß noch das Schnupftuch auswerfen dürfen.“ 8 „Dann, Herr Marquis, wird man ſtets den Aus⸗ weg haben, weiſe zu werden, und in den zehn Jah⸗ ren, ſeit denen ich nicht mehr die Ehre gehabt habe, Ihnen zu dienen, werden Sie dieß ohne Zweifel ge⸗ than haben?4— „Wahrlich, ja; denn man muß nicht von gemeinen Abenteuern ſprechen, die nicht der Mühe werth ſind, angeführt zu werden. Ich bin zur Armee gegangen, ich habe mich geſchlagen, dieß hat mir ſehr gefallen, ich wäre gern noch länger daſelbſt geblieben, allein es iſt Friede geſchloſſen worden. Ich bin zurückge⸗ ——* kommen, habe meine Länderkeien beſucht, habe nit einigen kleinen Bäuerinnen gelacht, die ziemlich hübſch, aber ſo linkiſch, ſo einfältig ſind!... Wohlan, ich vergaß Dir zu ſagen, daß ich mich verheirathet habe.“ „Verheirathet!... wie, gnädiger Herr, Siel...“ „Ohne Zweifel, ich mußte; mein Rang, meine Aemter am Hofe... und dann ſtack ich voll Schul⸗ den; dieß beunruhigte mich nicht, allein man hatte dieſe Ehe angeordnet: der Kardinal, die Königin ſelbſt wünſchten es. Ich habe die Tochter des Grafen von la Roche geheirathet. Meine Frau war ſehr ſchön, ſie hatte einen ſehr ſanften Charakter, beſchäf⸗ tigte ſich nie mit meinen Intriguen; ſo mußte ich es haben. Ich liebte ſie, ſo ſehr man ſeine Frau lieben kann; allein ſie iſt vor zwei Jahren geſtorben und hat mir keine Erben hinterlaſſen. Dieß iſt ſehr un⸗ angenehm; ich bin immer in der Meinung, daß ich eine große Freude an Kindern haben würde.“ „Sie ſind alſo Wittwer, gnädiger Herr?“ „Ja; ich bin von Neuem Beſitzer eines beträcht⸗ lichen Vermögens, bei Hof gut angeſchrieben und beſitze die Gunſt des Kardinals; ich könnte, wenn ich wollte, die wichtigſten Aemter erhalten.“ „Ich ſchließe daraus, daß der Herr Marquig ſeine Intriguen mehr verheimlichen wird.“ „Ach, mein armer Touquet, ich glaube nicht, daß der Ehrgeiz mich jemals anſtecken wird, allein man kann es nicht wiſſen, und es gibt wohl einige Geſetze der Wohlanſtändigkeit, die man nicht verletzen darf. 3 * 4 Uebrigens macht das Geheimniß die einfachſten Hand⸗ lungen anziehend!... Allein, haſt Du Dich noch nicht unter die Fahne des Hymen geſtellt?... ich finde Dich weniger luſtig, weniger leichtfertig und weniger leb⸗ haft als ehedem.“ „Nein, Herr Marquis, ich bin ſtets noch Jung⸗ geſelle.“ „Nun, das iſt, glaube ich, das Beſte, was Du thun konnteſt. In Deinem Zuſtande würde eine Frau Dich beläſtigen; Du, der Du eine Intrigue ſo gut, ſo verſtändig leiteſt! Die Frauen ſind neugierig: ſie würde Alles wiſſen wollen und dieß würde Dir ſcha⸗ den; zudem biſt Du nie ſehr galant geweſen. Du kennſt bloß das Gold! dieß war Dein Gott, Dein Idol! Ein gutgeſpickter Geldbeutel machte Dich er⸗ finderiſch und fähig, Wunder zu wirken... es iſt wahr, Du verſpielteſt ihn eine Viertelſtunde nachher, und die Würfel oder die Karten raubten Dir bald die Frucht der Anſtrengungen Deines Genies.“ „Ah, gnädiger Herr!...“ 3„Ja, Du warſt ein eben ſo guter Spieler als Spitzbube; ich erinnere mich noch recht wohl daran. Vielleicht biſt Du ſeit zehn Jahren weiſer geworden 3 ich möchte es faſt glauben, denn Du ſcheinſt wohl⸗ habend, und dieſes Haus kündigt keine Dürftigkeit an; dieſe Dienerin, dieſes für Dich aufgetragene Eſſen... bei Gott, ich muß Deinen Wein koſten.“ „Ah, gnädiger Herr, er verdient es nicht Ihnen angeboten zu werden.“ „Ich liebe ſtets das, was man mir nicht anbietet.“ Während er dieſes ſagte, füllte der Marquis einen Becher mit Wein und krgi ihn mit einem Zuge aus. „Er iſt nicht ſo gar übel, in der That!“ „Ach, gnädigſter Herr, wenn er auf Ihrem Tiſch ſtünde...“ „Dann würde ich ihn abſcheulich finden; allein was willſt Du... Mannigfaltigkeit!... und Du biſt alſo reich geworden?“ „Reich nicht, aber doch ſo wohlhabend, daß ij dieſes Haus kaufen konnte.“ „Wiel das Haus gehört Dir?“ „Ja, Herr Marquis.“ „Der Teufel, Meiſter Touquet!. Sie müſſen manchen ſchönen Fang gemacht haben, daß Sie Eigen⸗ thümer geworden ſind.“ Das Geſicht des Barbiers zog ſich zuſammen; ſeine ſchwarzen Augenbrauen fälteten ſich, daß ſie einander nahe kamen; er warf die Augen langſam um ſich und ſtammelte mit Mühe:„Herr Marquis .. ich ſchwöre Ihnen...“ „Ach, guter Gott! ich verlange keine Schwüre von Dir, armer Touquet,“ ſagte der Marquis lächelnd. „Du biſt ganz in Verwirrung, als ſtündeſt Du vor einem Kriminalrichter! Glaubſt Du, ich ſei hieher gekommen, um mich über die Art zu erkundigen, auf welche Du Dein Glück gemacht haſt?... Allein es ſollen mich alle Teufel holen, wenn ich glaube, daß Du Dir dieſes Haus durch bloßes Bartſcheeren er⸗ worben haſt.“ „Guädfgftrl Herr, ich verſichere Sie, daß meine Erſparniſſe...“ „Ja, ja... es iſt ganz gut! Laſſen wir dieß und ſprechen wir von dem Gegenſtande, der mich hieher führt; denn ich bin um irgend einer Sache willen zu Dir gekommen, und ich will verdammt ſein, wenn ich ſie nicht vergeſſen hatte.“ Der Barbier ſcheint freier zu athmen, ſeine Ge⸗ ſichtszüge nehmen ihren gewöhnlichen Ausdruck wie⸗ der an, und er richtet die Augen auf den Marquis, den ſeine gewöhnliche Unempfindlichkeit ein wenig zu verlaſſen ſcheint, um den Zweck ſeines nächtlichen Beſuchs zu erklären. „Als ich Dich dieſen Morgen auf der neuen Brücke bemerkte, verfolgte ich ein junges Mädchen von hüb⸗ ſchem Ausſehen; ohne eine vollkommene Schönheit zu ſein, hat ſie Anmuth und viel Einnehmendes in ihrer Haltung und lebhafte und aufgeweckte Augen; ich glaube, es wird uns nicht ſchwer werden, ſie zu beſiegen. Sie verdoppelte jedoch ihre Schritte und antwortete auf meine Galanterien nichts; ich hüllt mich ſorgfältig in meinen Mantel, weil ich von un⸗ ſern liebenswürdigen Galgenvögeln nicht erkannt ſein wollte, die mich ohne Zweifel verſpottet haben wür⸗ den, wenn ſie mich einer Griſette nachlaufen geſehen hätten. Die Kleine blieb ſtehen, um einen Augen⸗ blick Tabarins Geſänge anzuhören. Während ſie vor dem Marktſchreier ſtand, bemerkte ich Dich und erkannte Dich auf der Stelle: Du haſt eines von jenen Geſichtern, die man nie vergißt.“ Paul de Kock, LV. — 34 „Ich hatte den Herrn Marquis auch erkannt, un⸗ geachtet des Mantels, in den Sie gehüllt waren; denn zehn Jahre haben Ihre Züge nicht verändert, gnädiger Herr, und man kann ſich in jener edlen Ha ltung nicht täuſchen, die alle Schönen bezaubert. „Du ſchmeichelſt mir, Schelm! Du willſt mir ſagen, daß ich altere; allein zur Sache wieder. So⸗ bald Du mir Deine Adreſſe gegeben hatteſt, kehrte ich zu der Kleinen zurück...“ „Wenn mir der Herr Marquis dieſen Morgen ſein Anliegen mitgetheilt hätte, ſo würde ich ihm die Miühe erſpart haben, dieſem jungen Mädchen ſelbſt zu folgen.“ „Nein, es machte mir Freude, ſie noch weiter zu betrachten; zudem hatte ich nichts Beſſeres zu thun. Sie ſchlug den Weg nach der Altſtadt ein, betrat die Straße la Calandrez ich ſprach ſtets mit ihr, ſie aber begnügte ſich damit, zu lächeln, ohne mir zu antworten, allein der Ausdruck ihres Geſichts war keineswegs ſtreng;e endlich blieb ſie vor dem Laden einer Parfümeriehändlerin ſtehen. Ich wollte mit ihr in denſelben treten, allein ſie widerſetzte ſich mir, und ſagte in einem ſehr ſonderbaren Tone:„Der Herr Marquis von Villebelle iſt zu bekannt, als daß ich mit ihm an irgend einen Ort hingehen dürfte, ich würde meinen guten Ruf verlieren, und ich bitte den Herrn Marquis, mich nicht zu compromittiren.⸗ Wohlan, mein theurer Touquet, begreifſt Du die Dirne, die verlangt, ich ſoll ſie nicht um ihren guten Namen bringen; was mich betrifft, ſo geſtehe ich 35 Dir, daß es mich ſo ſehr überraſchte, von dieſem jungen Mädchen erkannt worden zu ſein und ſie ſo mit mir ſprechen zu hören, daß ich wie ein Schafs⸗ kopf mitten auf der Straße ſtehen blieb, und wäh⸗ rend dieſer Zeit verſchwand meine ſchöne Eroberung in dem Laden.“ „Ich ſagte Ihnen ja, gnädigſter Herr, daß Sie bei allen Ständen der Geſellſchaft bekannt ſeyen; ſobald ein junges Mädchen zwölf Jahre alt iſt, macht man ihr Angſt mit Ihnen, wie mit dem Grafen von Ory, verliebten Andenkens.“ „Um ſo beſſer. Die Frauen ſind ſtets begkerig, diejenigen Männer kennen zu lernen, die man ihnen als ſo gefährlich ſchildert. Arme Eltern! indem ſie ihre Kinder ermahnen, mich zu fliehen, bewegen ſie ſie, mir entgegen zu eilen. Hier, Touquet, iſt Gold ... Du wirſt dieſes junge Mädchen ſehen. Weil ſie weiß, wer ich bin, kannſt Du ihr wohl nicht ver⸗ ſprechen, daß ich ihr treu ſein werde; doch daran liegt nichts, verſprich immerhin. In drei Tagen hoffe ich ſie in meinem kleinen Hauſe in der Vor⸗ ſtadt St. Antonie zu finden!... Du weißt...“ „Ja, gnädiger Herr, ich erinnere mich daran, es iſt das, welches Sie ſchon lange beſitzen.“ „Ja, aber ich habe einen herrlichen Ort daraus gemacht; o, Du wirſt ſehen!.. Gemälde, Spiegel, Marmor, Alabaſter vermählen ſich daſelbſt mit Seide, Sammt, den koſtbarſten Stoffen... ich habe mehr als fünfzigtauſend Franken auf ſeine Verſchönerung verwendet.. allein er iſt göttlich. Wir haben da⸗ ——n ———— 36 ſelbſt herrliche Nachtmahlzeiten mit Montglas, Cha⸗ vagnae, Villempré, Monteille und einigen andern Galgenvögeln vom Hofe gehalten.“ „Habe ich nicht dorthin, Herr Marquis, jenes junge Mädchen gebracht, deſſen Entführung ſo großes Auf⸗ ſehen erregt hat? Dieß war, glaube ich, unſere erſte Sache der Art. Sie waren damals höchſtens neun⸗ zehn Jahre alt und die Kleine... „Was Deufel bringſt Du mir da in Erinnerung?⸗ ſagte der Mar is, eine launige Bewegung machend, und den Beutel, den er ſo eben aus ſeinem Gürtel genommen und auf den der Barbier bereits gierige Blicke geworfen hatte, in deſſen Hand drückend. „Verzeihung, Herr Marquis,“ ſagte Touquet, nallein ich glaubte Ihnen nicht zu mißfallen, in⸗ dem ich Sie an ein Abenteuer erinnerte, das den Grund zu Ihrem Rufe legte!... Die junge Perſon war ſchön und verſtändig, ald der Vater, ein alter Häſcher des Königs Heinrich verſtand keinen Spaß: ſeine Büchſe war auf Sie gerichtet, allein Ihr Degen bändigte den Greis, und Sie hörten ihn zu Ihren Füßen fichen, während ich das ohnmächtige Mädchen in meen dmman forttrug.“ „Schweige! ſchweige!... Elender!“ ſagte der Ahuis⸗ ſich raſch erhebend und auf den Varbier einen zornigen Blic werfend, den dieſer mit dem vollkommenſten leichmuthe aufzunehmen ſchien. Die Unterhaltung wird von Neuem unterbrochen; der Marquis geht mit großen Schritten in dem Zim⸗ mer auf und nieder und ſcheint in ſeine Gedanken *„ — 37 vertieft. Bald jevdch entwiſchen einige unzuſammen⸗ hängende Worte ſeinem Munde; allein ſie ſind nicht an Touquet gerichtet. Der Marauis ſcheint lebhaft bewegt, indem er mit gedämpfter Stimme die Worte ſpricht:„Arme Eſtrelle! was iſt aus Dir geworden? ... ſie liebte mich... ſie hielt mich für einen bloßen Studenten!.. ich liebte ſie ebenfalls... ja... nie ſeit jener Zeit habe ich ein Gefühl empfunden, das ich mit der Liebe vergleichen könnte, die ſie mir ein⸗ flößte!... ich war ſo jung!.. ach, der Himmel iſt Zeuge, daß ich mich mit ihrem Vater nicht ſchlagen wollte, ich ſuchte mich nur zu vertheidigen!... Dank dem Himmel, ſeine Wunde war nur unbedeutend und bald wieder geheilt... Allein Eſtrelle, als ſie meinen Namen und dieſen Vorfall erfuhr, verwünſchte mich! ... jal.. ich glaube ſie noch zu hören!. Dann entwiſchte ſie aus dem Hauſe, wo ich ſie verborgen hielt. Ich liebe ſie noch. ſeit dieſer Zeit keine Nach⸗ richt! Und Du, Touqguet, biſt Du ihr ſeitdem nicht begegnet?“ „Nie, gnädigſter Herr, habe 5 ſie geſehen oder von ihr ſprechen gehört.“ „Arme Eſtrelle!“ ſagte der Marquis noch einmal nach einer augenblicklichen Pauſe, und der Barbier bemerkte mit gedämpfter Stimme:„Sie wäre jetzt un⸗ gefähr vierunddreißig Jayre ath⸗ Dieſe Bemerkung ſchien den Kummer des Mar⸗ quis ein wenig zu zerſtreuen. „Wirklich,“ ſagte er, ſich dem Feuer wieder nä⸗ hernd,„muß ſie ungefähr ſo alt ſein, wenn ſie noch ſſͤſI 38 lebt... Und ich, der ich ſie mie⸗ſo vorſtellte, wie ich ſie ehedem gekannt hatte... wie die Zeit verfließt . wohlan, verge wir alles das. Alles genau erwogen, iſt es ein Abenteuer wie jedes andere... ein Kapitel in der Geſchichte meines Lebens!“ „Und der Herr Marquis ſagt alſo, daß jenes junge Mädchen in einem Parfümerieladen der Alt⸗ ſtadt in der Straße la Calandre wohnt?“ „Wie, welches junge Mädchen?“ „Die, welcher der gnädige Herr dieſen Morgen auf der neuen Brücke folgte.“ „Ach, Du haſt recht; ich hatte ſie vergeſſen! Jaz Du wirſt ſie leicht erkennen: ein ſchlanker Wuchs, eine ungezwungene Haltung, zwanzig Jahre, wie ich vermuthe, kaſtanienbraune Haare, ſchwarze Augen, ein mit ſchönen Zähnen beſetzter Mund, eine etwas braune Geſichtsfarbe, ich halte ſie für keine Franzöſin, etwas entſchieden Anziehendes in der Phyſiognomie, nichts, was Schüchternheit oder Offenherzigkeit an⸗ kündigt; dieß iſt Alles, was ich Dir mittheilen kann.“ „Es iſt hinreichend, Herr Marquis; in zwei Ta⸗ gen, hoffe ich, wird die Perſon in Ihrem Hauſe ſein.“ „Es iſt gut, ſehr gut... Hier, dieß für Deine Mühe, ich verſpreche Dir eine gleich ſtarke Summe, wenn Dir Dein Unternehmen gelingt.“ Mit dieſen Worten wirft der Marquis den mit Gold gefüllten Beutel, den er noch in der Hand hielt, auf den Tiſch, und ein Lächeln entſchlüpft den Lippen des Barbiers. Sein Gaſt greift nach ſeinem Mantel und ſetzt ſeinen großen Hut auf den Kopf. 39 „Es iſt ſpät,“ ſagte der Marquis, ſich in ſeinen Mantel hüllend,„ich muß nach Hauſe gehen. Ueber⸗ morgen, um zehn Uhr Abends, werde ich mich wie⸗ der bei Dir einfinden und nach dem Erfolge Deiner Bemühungen fragen. Werde ich Leute in Deinem kleinen Hauſe antreffen?“ „Ja: Martel, einen meiner Leute, einen ergebe⸗ nen Burſchen, der beſtändig da wohnt, ich werde ihn von der Sache in Kenntniß ſetzen; dieß genügt, gnädiger Herr. Ich hoffe, daß Sie auch bei dieſer Gelegenheit mit mir zufrieden ſein werden.“ „Ich verlaſſe mich auf Deinen Eifer... die Kleine iſt wirklich ſehr hübſch... und das wird mich auf einige Zeit zerſtreuen können. Wohlan, mein theurer Touquet, laß uns unſer Schickſal verfolgen!... Die Galanterie, die Wolluſt, das Vergnügen... dieß iſt mein Leben, dieß iſt die Bahn, welche das Schickſal oder meine Leidenſchaften mir vorgezeichnet haben; ich kann keiner andern folgen und ich renne gegen⸗ wärtig wie ein Blinder vorwärts, der ſich der Vor⸗ ſehung überläßt. Ich weiß nicht, ob dieſe Straße mich zum Glücke führen wird, allein ich kann mich nicht von ihr entfernen. Du hingegen kennſt bloß das Geld und die Intrigue, Du ſtrebſt nach den Mitteln, Dein Vermögen zu vergrößern, und jenes Metall, das ich um meiner Launen Willen verſchwende, iſt unaufhörlich der Gegenſtand Deiner Wünſche... Laß uns Jeder ſeine Bahn verfolgen, wir werden eines Tags finden, wer ſich am beſten dabei be⸗ findet.“ Der Marquis lenkt ſeine Schritte nach dem Ver⸗ bindungsgang, der Barbier nimmt die Lampe und führt ihn in die Hausflur. An der Hausthüre ange⸗ kommen, ſchlägt Touquet ſeinem Wirthe vor, ihn bis zu ſeiner Wohnung zu begleiten.— „Ich danke Dir,“ ſagte der Marquis,„allein das iſt unnütz, ich habe meinen Degen und fürchte nichts.“ Dieſe Worte geſprochen, befindet ſich der Mar⸗ quis bereits auf der Straße und entſchwindet den Blicken des Barbiers. Dieſer ſchließt ſeine Thüre und kehrt in den Saal zurück. Da angekommen, beeilt er ſich, den Beutel zu nehmen, der auf dem Tiſche liegen geblieben iſt: er zählt die Stücke, die er enthält, und ſeine Augen können ſich nicht ſättigen an dem Anblicke des Geldes. Allein bald läßt ſich ein langſamer und trauriger Ton vernehmen: die Uhr von St. Euſtach ſchlägt zwei Uhr. Der Barbier erblaßt, ſeine Haare ſchienen ſich emporzurichten; er wirft finſtere Blicke um ſich, als ob er eine Schreckensgeſtalt zu erblicken fürchtete. Hier⸗ auf fuhr er mehrmals mit der Hand über die Stirne, ſchob dann den Beutel zu ſich und nahm ſeine Rich⸗ tung nach der Thüre, mit finſterer Stimme die Worte murmelnd:„Zwei Uhr! ich will zu Bette gehen... Ach! könnte ich doch ſchlafen.“ 3 —— 41 Drittes Kapitel. Blanca.— Eine Zaubergeſchichte. Der Tag iſt auf dieſe lange und regneriſche Nacht gefolgt, die Kaufleute haben ihre Läden geöffnet, die Wache ruhte aus, während die kühnen Diebe der Nacht den Spitzbuben das Feld räumen, die ihr Ge⸗ werbe am hellen Tage und in den volkreichſten Stadt⸗ vierteln treiben. Das Geſinde iſt auf den Beinen, die Männer verlaſſen das Ehebett(es war damals wenigſtens bei den bloßen Bürgern ein ſeltener Fall, wenn ein Mann nicht bei ſeiner Frau ſchlief); die Liebenden, die von ihren Schönen geträumt haben, ſuchen einige ihrer Traumgeſichte zu verwirklichen; diejenigen, welche mehr gethan haben, als bloß ge⸗ träumt, ruhen am Tage von den Mühſeligkeiten der Nacht aus, und die jungen Mädchen, die an ihre ſüßen Freunde denken, mögen ſie nun wachen oder ſchlafen, fahren auch noch bei ihren täglichen Beſchäf⸗ tigungen fort, an ſie zu denken. In jener Zeit war, wie in der jetzigen, die Liebe der Traum der Jugend, die Zerſtreuung der des reifen Alters und die Erinne⸗ rung der des Greiſenalters. Der Barbier ſtand des Morgens ſtets zuerſt in ſeinem Hauſe auf. Er hatte keine Gehülfen oder Diener, obſchon ſein Vermögen es ihm erlaubt hätte; allein wenn man ihn fragte, warum er keinen Jun⸗ gen nehme, der ihm in ſeinem Laden beiſtehen könnte, ſo antwortete Touquet:„Ich brauche Niemand; ich kann mein Geſchaͤft allein verſehen und mag keine Faullenzer ernähren, die nichts thun können, als die Handlungen ihrer Herren ausſpähen, um ſodann bei andern Leuten ihre Erklärungen darüber zu machen.“. Der Barbier wußte, daß Margarethe, obſchon ein wenig neugierig und ziemlich geſchwätzig, nicht fähig war, ihm in irgend Etwas ungehorſam zu ſein; ſie ging nie aus, ausgenommen, wenn ſie die nöthi⸗ gen Mundvorräthe einzukaufen hatte, und dann be⸗ gab ſie ſich wieder zu dem jungen Mädchen, von dem ſie uns geſagt und mit dem wir bald nähere Bekannt⸗ ſchaft machen werden. Margarethe kam nie in den Laden herab, außer wenn ihr Herr ausging, was ſehr ſelten geſchah. Endlich konnte der Barbier nicht ohne eine Magd ſein, ſeit er die Erziehung der klei⸗ nen Blanca übernommen hatte. Touquet öffnet den Laden in eigener Perſon. Er wirft einige Blicke auf die Straße, allein es iſt noch nicht um die Stunde, um welche die Kunden kommen. Der Barbier iſt in Gedanken verloren: er denkt an den Auftrag, den ihm der Marquis ertheilt hat; dann kehrt er an ſeine Thüre zurück, indem er ſagt: „Chaudoreille kommt dieſen Morgen ſehr ſpät... und doch iſt heute ſein Barttag.“ 832 Margarethe erſcheint am Eingange des Saals; nachdem ſie ſich nach allen Seiten umgeſehen hat, vielleicht um ſich zu überzeugen, ob der geſtrige Be⸗ ſuch nicht mehr da ſei, grüßt ſie ihren Herrn ehr⸗ furchtsvoll und ſagt zu ihm:„Mein Herr, Jungfer — 43 Blanca iſt auf und fragt, ob ſie Ihnen einen guten Tag wünſchen könne?“. Der Barbier wirft noch einen Blick auf die Straße und ſagt, ſich in ſeinen Hinterladen begebend, zu ſeiner Dienerin:„Blanca kann kommen.“ Kaum hat Margarethe in dem Gange ein Zeichen gegeben, ſo eilt ein junges Mädchen, leicht wie ein Reh und friſch wie eine Roſe, in den kleinen Saal, wo ſie Touquet erwartet, und läuft mit dem liebens⸗ würdigſten Lächeln auf ihn zu, ihn mit den Worten anredende„Guten Tag, mein guter Freund.“ Sie bietet hierauf Touquet ihre offene Stirne dar, und der Barbier nähert ſich und berührt ſie kaum mit den Lippen. Man möchte glauben, ein pein⸗ liches Gefühl halte ihn zurück, und er fürchte, dieſe zarte Blume zu verletzen. Margarethe hat bei dem Gemälde, das ſie von Blanca entworfen hat, nicht geſchmeichelt: das junge Mädchen iſt eben ſo ſchön, als ſie unſchuldig und treuherzig ſcheint; ihre ſchwarzen Haare fließen in reichen Locken auf ihre Schultern nieder: der Puder, von dem die Hofdamen damals Gebrauch zu machen anfingen, hat Blanca's ſchönes Haupthaar nicht ver⸗ dorben; ihre Haut ſtimmt vollkommen mit ihrem Namen überein; ihr Mund iſt friſch und holdſelig, und ihre blauen Augen, die von langen Wimpern überſchattet werden, haben den ſanfteſten, unſchuldig⸗ ſten Ausdruck. Schade nur, daß ihr ſchöner Körper in ein Korſet eingezwängt iſt, das weit hinabgeht und ihre Reize 44 mit Abſätzen iſt Blanca dennoch ſchön; die Schönheit ſchmückt Alles, was ſie trägt, und die Unſchuld macht die Schönheit anziehender, die Anmuth wahrer. Blanca ihn Blanca. „Sehr gut, ich danke Ihnen.“ „Margarethe fürchtete, Sie möchten erſt ſpät zu Bette gegangen ſein, weil einer Ihrer Freunde bei Ihnen ſpeiste.“ „Ich weiß nicht, warum Margarethe ſich dieſe Betrachtungen erlaubt und was ſie dazu antreiben konnte, Ihnen zu ſagen, daß ich geſtern Abend Ge⸗ ſellſchaft bei mir gehabt habe.“ 5 Dieſe Worte redend, wirft Touquet einen ſtren⸗ gen Blick auf die Alte, welche die Möbeln putzt und abſtäubt, ohne ihren Herrn anzublicken. 3 „Allein, mein Freund,“ erwiedert Blanca,„iſt es denn etwas Unrechtes, wenn man mit einem ſeiner Freunde zu Nacht ſpeist?⸗ „Nein, ohne Zweifel.“ 45 »Welchen Fehler hat alſo Margarethe begangen, indem ſie mir dieſes ſagte?“ „Eine Magd ſoll nicht unaufhörlich Alles aus⸗ plaudern, was ihr Herr thut. Es muß Ihnen, Blanca, ſehr gleichgültig ſein, ob ich des Abends Beſuche habe oder nicht.“ „O, mein Gott, ja, weil Sie nicht haben wollen, daß ich in den Saal herabkomme. Indeſſen würde mir dieß mehr Freude machen, als auf meinem Zim⸗ mer zu bleiben.“ „Ein junges Mädchen ſoll nicht mit Jedermann reden, und es kommen ſehr viele Leute hieher, die ich kaum kenne.“ „Ja, des Morgens; allein Abends empfangen Sie bloß Ihre Freunde.“ „Ich empfange des Abends wenige Beſuche, aus⸗ genommen Chaudoreille, den Sie kennen.“ „O ja, und der mich lachen macht, ſo oft ich ihn erblicke, allein dieß geſchieht gegenwärtig ſelten, denn er gab mir Unterricht in der Muſik, und ich glaube, daß ich gegenwärtig ſo viel davon verſtehe als er. Sie wollen nie, daß ich mein Zimmer ver⸗ laſſen ſoll!“ „Blanca, dieß kommt offenbar daher, weil dieß naicht ſchicklich iſt.“ „Allein wenn Sie allein ſind, möchte ich Ihnen lieber Geſellſchaft leiſten und mit Ihnen ſchwatzen, als Margarethens Geſchichten anhören, die mich oft mit Schrecken erfüllen und nicht ſchlafen laſſen.“ „Sie wiſſen, daß ich nicht ſehr geſprächig bin; 1 8 nach den Ermüdungen des Tages liebe ich die Ruhe.“ „Und Margarethe ſagt, daß Sie erſt ſpät zu Bette gehen, daß Sie lange Licht haben, und ſie nicht weiß, ob Sie jede Nacht nur eine Stunde ruhen.“ Die alte Dienerin huſtete vergeblich, um Blanca zum Schweigen zu bringen, allein dieſe merkte nicht darauf und fuhr fort zu ſprechen, weil ſie nichts Schlimmes dabei vermuthete. Margarethe putzt und wiſcht mit neuem Eifer, um die Blicke ihres Herrn zu vermeiden, allein dieſes Mal ertönt die Stimme des Barbiers und die alte Dienerin iſt es, an die ſie gerichtet iſt. 3 „Margarethe, ich habe ihr, als ſie in meine Dienſte trat, geſagt, daß ich die Neugierigen, die Unbeſcheidenen, die Diener, welche ihren Herrn aus⸗ ſpähen, verabſcheue; erinnert ſie ſich daran?“ „Ja... ja.. mein Herr,“ ſagte die alte Diene⸗ rin, indem ſie fortfuhr, die Platte eines Tiſches zu reiben. „Wie kann ſie alſo wiſſen, ob ich ſpät zu Bette gehe, ob ich lange Zeit Licht habe, ob ich die Nacht hindurch nicht ſchlafe, da ſie doch alle Abende um neun Uhr auf ihr Zimmer gehen und ſich ſogleich zur Ruhe begeben ſoll?“— „Mein Herr, ich bitte Sie um Verzeihung; allein manchmal, wenn es draußen ſtürmt, oder wenn es donnert, iſt es mir unmöglich, zu ſchlafen; dann, mein Herr, ſtehe ich auf, um ein Gebet an meine Schutzheilige zu richten, oder meine Ofenſchaufel und 2 2 47 Feuerzange kreuzweiſe hinzuſtellen, oder einen Zweig von Buchsholz auf mein Bett zu legen, denn Sie wiſſen, mein Herr, daß das Buchsholz den Sturm beſchwört, und wenn man früher ſolches Holz auf. den Thurm Billi gelegt hätte, ſo wäre er im Jahre 1537 oder 38, ich weiß es nimmer ganz genau, nicht vom Blitze gänzlich zerſtört worden.“ „Eil ſo geh' ſie mir doch zum Teufel mit ihrem Buchsholz und ihrem Thurme Billi, und antworte ſie mir auf das, was ich ſie frage.“ „Ich bin bereit dazu, mein Herr: ſtets iſt der Wind oder Sturm Urſache, daß ich nicht ſchlafe, und da mein Fenſter denen Ihres Gemachs gegenüber⸗ ſteht, ſo habe ich manchmal Licht ſehen können, und es hat mir geſchienen, als gehen Sie in Ihrem Zim⸗ mer auf und nieder.. ich weiß es aber nicht ganz beſtimmt, denn Ihr Zimmer hat Vorhänge und der Schatten täuſcht zuweilen.“ „Da ich ihr die Mühe erſparen will, ſich zu überzeugen, ob ich ſchlafe oder nicht, ſo ſoll ſie dieſen Abend noch ein anderes Zimmer beziehen und in dem Zimmer ſchlafen, das ſich oberhalb meines Gemachs befindet.“ „Wie, mein Herr, in jenem Zimmer, in das Niemand geht? Ich glaube nicht, daß es bewohnt worden iſt, ſeit ich hier bin, und ich fürchte...“ „Es iſt genug; ſie hat bloß zu gehorchen und nur ſich zu beſtreben, meine Handlungen künftig nicht mehr auszuſpähen, oder ich werde genöthigt ſein, ſie fort⸗ zuſchicken.“ „Mein Gott! wie leid thut es mir, Ihnen Anlaß dazu gegeben zu haben, Margarethe auszuſchelten,“ ſagte Blanca, ſich dem Barbier nähernd;„wenn ſie mir dieß geſagt hat, ſo geſchah es aus Beſorgniß für Ihre Geſundheit; Sie wiſſen wohl, daß ſie Ihnen ſehr ergeben iſt... Allein weil dieß Sie erzürnt, ſo verſpreche ich Ihnen, daß e es nicht mehr thun wird. Wohlan, es iſt geſchehen; Sie werden darum nicht mehr böſe auf ſie ſein, nicht wahr?“ Blanca's Stimme iſt ſo ſanft, ſo rührend, daß Touquet ſeine ſtrenge Miene ein wenig milderte und ihr faſt lächelnd antwortete:„Ja, es iſt geſchehen; laſſen wir das. Was Sie betrifft, Blanca, ſo fahren Sie fort, weiſe und gelehrig zu ſein.“ „Und Sie werden mir das Vergnügen machen, ein wenig mit mir auszugehen, nicht wahr 2... Sie werden mir erlauben, auf der Pré-aux-Cleres oder auf dem Place-royal ſpazieren zu gehen?“ „Wir werden ſehen... wir werden ſpäter ſehen; wechſeln Sie, um ſich zu zerſtreuen, Ihre Arbeiten.“ „Dieß thue ich, mein Freund: ich verlaſſe oft meine Nadel, um Filet zu ſtricken, auch nehme ich zuweilen meinen Stickrahmen zur Hand... ol Sie werden ſehen, ich mache in dieſem Augenblicke etwas ſehr Hübſches.“ „Ich kenne Ihr Talent, Ihren Geſchmack. Sie haben eine Zither und können darauf ſpielen; Chau⸗ doreille hat Ihnen Unterricht ertheilt.“ „Ja, gegenwärtig ſpiele ich ſo gut als er, denn ich glaube, daß er nicht ſehr geſchickt iſt, obſchon er 49 ſich für einen großen Muſiker ausgibt! Allein alles das unterhält mich nicht; ich möchte mich lieber an's Fenſter ſtellen, das auf die Straße geht, allein Sie wollen nicht, daß ich es öffne.“ „Nein, Blanca, es gehen zu viele Leute vorüber. Sie würden von den Junggeſellen, den Pagen, welche ſich ein Vergnügen daraus machen, Unordnungen zu begehen, erblickt, beäugelt und beſchimpft werden.“ „Nun, ich werde mein Fenſter nicht öffnen... doch wenn Sie wollten, würde ich eine Maske an⸗ legen, dann würden ſie mich nicht bemerken.“ „Man würde Sie nichts deſto weniger bemerken; übrigens iſt es nur den Hofdamen erlaubt, Masken zu tragen. Ich wiederhole es Ihnen, vermeiden Sie die Blicke dieſer Schwindelköpfe, dieſer Unverſchäm⸗ ten, die alle Straßen durchlaufen und alle Fenſter begucken. Sie ſind noch nicht ſechszehn Jahre alt. In einigen Jahren werde ich Paris verlaſſen; ich werde dieſes Haus verkaufen und mich auf's Land zurückziehen, dort werden Ste mehr Freiheit und Freude genießen, als Ihnen dieſe Stadt darbieten könnte. Allein es geht Jemand in den Laden; wohlan, Blanca, kehren Sie wieder auf Ihr Zimmer zurück.“ Das junge Mädchen grüßt den Barbier und eilt flüchtigen Tritts auf ihr Zimmer zurück; beim Ein⸗ tritt in daſſelbe ſtößt ſie einen leichten Seufzer aus und ſagt, um ſich herumblickend:„Immer hier... immer das Nämliche ſehen!... das iſt ſehr traurig .. immer nur mit Margarethe reden!... ſie iſt ſehr Paul de Kock. LV. 4 gut, dieſe Margarethe, ſehr gefällig, ſie liebt mich ſehr... allein zuweilen ſind ihre Geſchichten ſehr lang⸗ weilig. Nun denn, weil es ſein muß!“ Blanca nimmt hierauf ihren Stickrahmen zur Hand und ſingt während ihrer Arbeit eine von den drei Arien, welche ihr Muſikmeiſter ſie gelehrt hat. Bald öffnet ſich die Thüre des Zimmers: Mar⸗ garethe iſt dem jungen Mädchen nachgefolgt, allein ſie kommt erſt lange nach ihr an, weil ihre Beine nicht mehr ſo flink ſind wie in ihrem ſechszehnten Jahre. Die gute Alte macht ein mürriſches Geſicht, denn Blanca iſt Urſache, daß ſie ein anderes Zimmer he⸗ ziehen muß, was für Margarethe nichts Geringes iſt. Blanca bemerkt es, läuft der Alten entgegen, nöthigt ſie, ſich zu ſetzen und faßt ihre Hände, in⸗ dem ſie mit einem reizenden Lächeln zu ihr ſagt: „Biſt Du mir böſe, meine Gute? Du haſt wohl ge⸗ ſehen, daß ich das Alles geſagt habe, ohne zu glau⸗ ben, daß es Dir ſchaden könne.“ Wer könnte Blanca's Lächeln widerſtehen? Ein ſo ſanftes Benehmen macht um ſo größeren Eindruck auf das Alter, als es ihm ſelten zu Theil wird; deßwegen verliert ein Greis manchmal den Verſtand, wenn ein hübſches Mädchen ihm einen zärtlichen Blick zuwirft, denn er iſt ſeit langer Zeit nicht mehr an ſolche Blicke gewöhnt.. „Kann man gegen Sie erzürnt bleiben?“ ſagte Margarethe, Blanca's Hand drückend.„Und doch iſt es ſo unangenehm... ein anderes Zimmer beziehen 51 ... und in meinem Alter!... Ach! das Zimmer, das ich ſeit acht Jahren bewohne, war, Dank meinen Gebeten, meinen Vorſichtsmaßregeln, gegen die Be⸗ ſuche aller böſen Geiſter geſchützt. Ich trotzte daſelbſt den Verſuchen der Schwarzkünſtler und Hexenmeiſter, und Alles, was ich gethan habe, muß ich nun in dem neuen Zimmer, das ich beziehen werde, wieder thun.“ „Du glaubſt alſo, Margarethe, daß die Hexen⸗ meiſter Dich beſuchen würden, wenn Du nicht alle Deine Vorſichtsanſtalten träfeſt?“ „Und warum nicht? Dringen dieſe Leute nicht aller ten ein, wohin ſie gelangen können?... Dieß kommt daher, weil es in Paris eine große Menge gibt; ſie nehmen die Leichname von dem Galgen zu Mont⸗ faucon; ſie begehen tauſend Frevel, um ihre Hexe⸗ reien gelingen zumachen. Es iſt ungefähr fünfzig Jahre... ja, meine Mutter erzählte mir dieſe Ge⸗ ſchichte, daß ein durch's Spiel zu Grunde gerichteter Lakai ſich um zehn Thaler dem Teufel verſchrieb. Der Dämon verwandelte ſich in eine Schlange und nahm Beſitz von dem Lakai, indem er ihm durch den Mund in den Leib kroch; von dieſer Zeit an machte der Unglückliche ſchreckliche Grimaſſen, weil er den Teufel im Leibe hatte. Einige Jahre nachher wurde ein Hauptmann von der Wache durch einen Zauberer entführt...“ „Ach, meine Beſte, Du wirſt mir wieder Geſchich⸗ ten erzählen, die mir des Nachts bange machen.“ .„ Ich ſage dieß nicht, um Ihnen Furcht einzu⸗ 52 jagen, ſondern um Ihnen zu beweiſen, daß man gegen die Schwarzkünſtler auf der Hut ſein und nicht jenen ungläubigen Leuten gleichen müſſe, die an Allem zweifeln, da wir doch ſo viele Beweiſe von der Macht der Magie haben. Ich werde Ihnen nicht die Mar⸗ ſchallin von Ancre anführen, und Urbain Grandier, der in dem Körper der Urſulinernonnen in Boudun Teufel einquartirt hatte, das iſt zu furchtbar; allein ich will Ihnen bloß erzählen, was einem Zauberer, Cäſar Perditor genannt, begegnete; dieß ſchreibt ſich von ungefähr ſiebzehn Jahren her. Sie ſehen, mneii theures Kind, daß dieß nicht ſehr lange iſt.. „Allein, meine Gute, wenn Sie ſich mit Ihrem Ausziehen beſchäftigten!“ ſagte Blanca, die nicht ſehr begierig ſchien, Margarethens Geſchichte anzuhören. „Wir haben Zeit,“ antwortete die alte Dienerin, ihren Stuhl dem des jungen Mädchens nähernd und entzückt, eine Zaubergeſchichte erzählen zu können, obſchon ſie ebenfalls dadurch in Schrecken geſetzt ward. Margarethe beginnt alſobald:„Dieſer Cäſar war, ſagt man, ſehr geſchickt in ſeiner Zauberkunſt; er konnte, ſo oft es ihm einſiel, hageln und donnern laſſen; er hatte einen vertrauten Geiſt und einen Hund, der ſeine Briefe forttrug und ihm die Antwort wieder zurückbrachte. Eine Viertelſtunde von dieſer Stadt bewohnte er eine Höhle, in der er den Teufel und die ganze Unterwelt ſehen ließ!... Ach, mein armes Kind, man ſagt, in einer großen Entfernung von der Höhle habe man des Nachts ein furchtbares — Geräuſch gehört!.. er bereitete Zaubertränke, welche 53 zur Liebe nöthigten, und verfertigte Geſtalten aus Wachs, welche die Perſonen, deren Bild ſie darſtell⸗ ten, vor Liebe tödteten. An einem Tage... nein, es mußte in einer Nacht ſein, begab ſich ein Greis in die Höhle; er ſchien ſehr unglücklich. Ein großer Herr, ein Wüſtling, kurz, ein elender Menſch hatte ihm ſeine Tochter, ſein einziges Kind geraubt; der Greis, der kein Recht erhalten konnte, begab ſich in ſeiner Verzweiflung zu dem Zauberer, um von ihm zu erfahren, auf welche Weiſe er ſich an ſeinem Belei⸗ diger rächen könne..“ „Meine Beſte, ich glaube, es ſcheint mir, der Herr rufe Ihren Namen,“ ſagte Blanca, Marga⸗ rethe unterbrechend. „Nein, nein, er ruft mir nicht... Herr Touquet braucht mich bloß zur Eſſenszeit. Ich ſagte alſo, daß der Greis ſich zu dem Zauberer begab und dieſer ihm ſeine Hülfe verſprach. In der That, man hörte dieſe Nacht in der Höhle noch mehr Geräuſch als gewöhn⸗ lich, ſo daß der Polizeilieutenant Leute dahin ſchickte und Cäſar gefangen in die Baſtille geführt wurde, wo der Teufel ihn bald nachher erdroſſelte.“ „Und der Greis, meine Beſte?“ „Er erſchien nicht mehr in ſeiner Wohnung, ohne Zweifel, weil ihn der Teufel auch holte, oder der große Herr erfahren hatte, in welcher Abſicht er zu dem Zauberer gegangen ſei, und... kurz, man er⸗ fuhr nichts mehr von ihm; dieß beweist ſtets, mein theures Kind, wie gefährlich es iſt, mit dieſen Leuten Umgang zu haben.“ 54 „Iſt alſo der Reine Talisman, den Sie mir ge⸗ geben haben und den ich bei mir trage, nicht das Werk eines Zauberers?“ „Nein, gewiß, meine Kleine! im Gegentheil habe ich Ihnen denſelben gegeben, um Sie gegen ihre Nachſtellungen zu ſchützen; er ſteht unter der Obhut meiner Schutzheiligen! Mit ihm, meine theure Blanca, könnten Sie überall hingehen, Ihre Unſchuld würde keine Gefahr laufen.“ „Warum erlaubt mir aber in dieſem Falle mein guter Freund nicht, mein Zimmer zu verlaſſen?“ „Ach, meine theure Blanca, weil Herr Touquet an keine Zaubermittel glaubt, und das iſt höchſt ſchlimm für ihn!“ „Allein warum tragen Sie, Margarethe, da Sie ſich vor Allem fürchten, keinen ſolchen Talisman.“ „Ach, mein Kind, der Ihrige hat vorzüglich die Eigenſchaft, daß er Ihre Tugend bewahrt, und in meinem Alter bedarf man keines Talismans, um ſie zu ſchützen.“ „Meine Tugend? Rauben denn die Zauberer den jungen Mädchen ihre Tugend?“ „Nicht bloß die Zauberer, ſondern anch die Lieb⸗ haber, die Verführer, kurz, alle ſchlechten Menſchen, von denen Herr Touquet dieſen Morgen geſprochen hat. 11 „Und was würden denn dieſe Leute mit meiner Tugend machen?“ „Mein Kind, dieß will ſagen, daß ſie Dir den Kopf zu verdrehen und Dir Geſchmack für die Co⸗ 55 ketterie, die Unordnung, den Flitterſtaat, die Lüge beizubringen ſuchen würden, kurz, Sie würden dann nicht mehr die weiſe, die ſanfte Blanca ſein.“ „Achl ich begreife; allein, meine Beſte, ich glaube, daß ich auch ohne Talisman an ſolchen Dingen nie Geſchmack finden würde! Ich möchte nichts thun, das den Mann betrüben könnte, der für meine Kindheit Sorge getragen hat, der ſo viel gethan hat, ſeit ich meinen Vater verloren habe!“ „Das iſt ſehr gut, mein Kind, aber ſehen Sie, mit einem Talisman.. kurz, ich bin weit ruhiger, und wenn Herr Touquet daran glaubte wie ich, ſo würde er Ihnen ein wenig mehr Freiheit einräumen. Ich will ihn jedoch nicht tadeln, daß er für Sie die „Schlingen der Böſen fürchtet... Sie werden jeden Tag hübſcher!“ „Meine Beſte, die Böſen quälen alſo die hübſchen Mädchen?“ „Ach ja, meine Theure, ich erinnere mich daran! und unglücklicher Weiſe ſchenken die ſchönen Mädchen den Böſen oft gerne Gehör.“ „Sie ſchenken ihnen gerne Gehör, meine Beſte? Sprechen ſie beſſer als die andern Menſchen.“ „Nein, das nicht, allein ſie wiſſen ſich ſo gut zu verſtellen, ihre Worte klingen honigſüß, ihre Augen trügen, ihre Manieren.. Ach, wie freut es mich, daß Sie einen Talisman haben.“ „Aber, meine Beſte, weil ich mein Zimmer nicht verlaſſe.. „Ohne Zweifel! allein Sie werden Ihr Zimmer 56 nicht ſtets hüten, und unter meiner Aufſicht, ſcheint es mir, könnte man Ihnen wohl zuweilen einen klei⸗ nen Spaziergang erlauben. Herr Touquet iſt ſtreng, ſehr ſtreng... mir ein anderes Logis anweiſen, weil ich bemerkt habe, daß er Nachts nicht ſchläft! Iſt es meine Schuld, wenn er nicht ſchläft?“ „Mir zu verbieten, mein Fenſter zu öffnen...“ „Ach, weil es auf die Straße geht... und wenn er wüßte, daß Sie ſo oft durch die Scheiben ſehen! Allein man kann Sie faſt nicht ſehen... dieſe Schei⸗ ben ſind ſo klein, ſo enge beiſammen.“ „O ja, ſie gleichen faſt einem Gitter.“ „Ein Vater würde nicht ſtrenger ſein.“ „ Ach, Margarethe, er vertritt mir Vaterſtelle.“ „Ja, ja, ich weiß es wohl, und doch iſt er nicht Ihr Vater, nicht wahr?“ „Nein, Margarethe, ich glaube nicht.“ „Nach dem, was ich erfahren habe, ehe ich in die Dienſte meines Herrn trat, ſind Sie die Tochter eines armen Edelmanns, der nach Paris kam, um einen Prozeß zu betreiben... es mag jetzt ungefähr zehn Jahre ſein.“ „Ja, meine Beſte. Ich war damals fünf Jahre und einige Monate alt; es ſcheint mir jedoch, daß ich mich noch meines Vaters erinnere... er war ſehr gut, er umarmte mich oft. 5 „Und erinnern Sie ſich auch Ihrer Muttere⸗ „Ach neinz allein ich erinnere mich, glaube ich, noch an jene Nacht, in der wir hier ankamen.. wir waren lange im Wagen geſeſſen, wir kamen von weit her...“ 57 „Und Herr Touquet räumte euch ein Logis ein, denn er vermiethete damals Zimmer... dann...“⸗ „Ich war ſehr müde, man gab mir zu eſſen, dann legte man mich in dieſem Zimmer ſchlafen.“ „Und dann?“ 4 „Ich ſah meinen Vater nie wieder. Den folgen⸗ den Tag ſagte mir Touquet, daß er todt ſei.“ „Ja, er ſoll auf eine elende Weiſe um's Leben gekommen ſein; es fanden damals, wie gegenwärtig nur zu oft noch, nächtliche Kämpfe zwiſchen Pagen, Lakaien und ehrlichen Bürgern ſtatt, die ſich bei ihrer Heimkehr von dieſen laſterhaften Buben angegriffen ſahen. In jener Nacht wurden tauſend Unordnungen auf den Straßen von Paris begangen, mehrere Per⸗ ſonen wurden ermordet, und Ihr armer Vater, der ausgegangen war, gerieth bei ſeiner Rückkehr ſolchen Böſewichten in die Hände und ſtarb, indem er ſich vertheidigte. Dieß iſt Alles, was ich erfahren habe. Wiſſen Sie weiter?“ „Nein, Margarethe; übrigens weißt Du wohl, daß mein Beſchützer es nicht gerne hat, wenn man davon redet.“ „Ja, weil er fürchtet, es möchte Ihnen Kummer verurſachen.“ „Er iſt ſo gütig geweſen, mich bei ſich zu be⸗ halten und mich wie ſeine Tochter erziehen zu laſſen, auch bin ich von der höchſten Dankbarkeit gegen ihn erfüllt.“ „O ja, er hat ſich ſehr gut benommen und liebt Sie, obſchon er nicht viel ſchmeichelt oder viele Worte 58 macht; ich bin überzeugt, daß ihm Ihr Wohl unge⸗ mein am Herzen liegt. Es ſcheint, er habe nicht im Sinne, ſich zu verheirathen, obſchon er noch ſehr jung iſt; er iſt wohlhabend, wohlhabender ſogar, als er ſcheinen will.“ „Du glaubſt, Margarethe?“ „Ach ſtill! wenn er wüßte, daß ich dieß geſagt und daß ich ihn manchmal Gold zählen geſehen habe, er würde mich auf der Stelle fortſchicken!“ „Du haſt ihn Gold zählen geſehen?“ „Das habe ich Ihnen nicht geſagt, meine Theure; nein, nein, ich habe nichts geſehen. Ach Gott! wir ſchwatzen zu lange. Ich werde beſſer daran thun, mich mit meinem Ausziehen zu beſchäftigen.“ „Ich gehe mit Dir, meine Beſte.“ „Kommen Sie, weil Sie es ſo haben wollen.“ Blanca folgt Margarethen, die in ihr Zimmer hinaufſteigt und ſeufzend daran denkt, daß ſie es verlaſſen muß. Um ihren Gram zu zerſtreuen, be⸗ eilt ſich Blanca, die Möbeln und Effekten der alten Dienerin in das gegenüber liegende Zimmer zu tragen. Vergebens ruft Margarethe ihr zu:„Sachte, meine Jungfer, tragen Sie nichts fort, was ich nicht überall mit geweihtem Waſſer beſprengt habe.“ Blanca hat, um ihr eine Mühe zu erſparen, die Ausräumung bald vollendet und Margarethe ent⸗ ſchließt ſich endlich, ihr neues Gemach zu beziehen, das ſie abermals ihrer Schutzheiligen empfiehlt. „Du wirſt Dich hier beſſer befinden,“ ſagte Blanca zu ihr,„dieſes Zimmer iſt bequemer, größer.“ 59 „Ich finde es düſter,“ ſagte Margarethe, furcht⸗ ſame Blicke um ſich werfend;„dieſer große Alkov, dieſer düſtere Umhang, dieſe Winkel... Ach! meine Jungfer, ſehen Sie, wenn es Ihnen beliebt, ob in dieſem großen Schrank nichts iſt.“ Blanca öffnet den Schrank, durchſucht ihn und findet ein kleines, mit Staub bedecktes Buch. „Dieß iſt Alles, was ich gefunden habe, meine Beſte,“ ſagte ſie, das Buch der Alten überreichend, die ihre Brille aufſetzt und ſagt:„Laß uns ein wenig ſehen, was es iſt.“ 3 Margarethe kann endlich, nicht ohne Mühe, leſen: „Zauberbuch des Schwarzkünſtlers Odoart, des be⸗ rühmten Neſtelknüpfers.“ „Ach, mein Gott!“ ſagte Margarethe, das Buch allen laſſend,„ich bin verloren, wenn dieſer Zau⸗ berer dieſes Zimmer hier bewohnt hat; barmherziger (Gott! ein Neſtelknüpfer.“ „Was will das heißen, ein Neſtelknüpfer, meine Beſte?“ 3 „Dieß will heißen... dieß will heißen, meine zungfer, ein ſehr böſer Menſch, der ſeinen Nächſten icht liebt; kurz, ein Menſch, der behext und ſeinen Nächſten unglücklich macht.“ „Ach! das iſt ſehr boshaft; gibt es noch ſolche Neſtelknüpfer?“ „Ach ja, mein theures Kind, und ſie behexen noch ſimmer, denn ich habe in meinem Leben viele Per⸗ ſonen getroffen, die von ihnen bezaubert worden wa⸗ ren. Laß uns das verbrennen, ſchnell verbrennen.“ 60 Margarethe beeilt ſich, das Zauberbuch in das Kamin zu werfen, wo es Feuer fängt; dann beginnt ſie Gebete an ihre Schutzheilige zu richten, und Blanca kehrt in ihr Zimmer zurück und nimmt ihre Arbeit wieder zur Hand.. Viertes Kapitel. Der Ritter Chaudoreille. Kaum hatten Blanca und Margarethe den hin⸗ tern Saal verlaſſen, ſo eilte Touquet mit den Wor⸗ ten einem Manne entgegen, der in den Laden trat: „Kommſt Du doch einmal, mein theurer Chaudoreille, Du läßt lange auf Dich warten, und ich habe heute gerade mit Dir zu reden.“ Die Perſon, die ſo eben in den Laden des Herr Touquet getreten, war ein Mann von vierunddreißig Jahren, der aber wenigſtens fünfundvierzig alt ſchien, ſo zuſammengeſunken war ſeine Geſtalt, ſo einge⸗ fallen ſeine Wangen; ſeine gelbe Geſichtsfarbe war bloß durch zwei ſcharlachrothe Punkte auf ſeinen Backenbeinen contraſtirt, die ihren Urſprung dur ihren ſchimmernden Glanz deutlich verriethen. Seit Augen waren klein, aber ziemlich lebhaft, und Her Chaudoreille rollte ſie beſtändig umher, ohne ſie je mals auf die Perſon zu heften, mit der er ſprach; ſeine kurze und aufgeſtülpte Naſe ſtach gegen die Größe ſeines Mundes ab, über welchem ein ungeheurer Schnurrbart, ſo roth wie ſeine Haare, thronte, wäh⸗ rend auf ſeiner Unterlippe ein königlicher Knebelbar⸗e 61 wuchs, der ſich auf ſeinem Kinn zuſpitzte. Dieſer Cava⸗ lier war nicht ganz fünf Fuß hoch, und die Magerkeit ſeines Körpers ward noch ſichtbarer in der engen Jacke, die ihn umſchloß; an ſeinem Wammſe fehlten an mehreren Orten Knöpfe, und einige ſchlechte Aus⸗ beſſerungen waren nahe daran, Riſſe zu bilden. Da⸗ gegen gaben ſeine viel zu weiten Beinkleider ſeinen Schenkeln einen ungeheuern Umfang, und die Beine, die daraus hervorgingen, ſchienen noch hagerer; denn die Trichterſtiefeln, die er trug, und die auf ſeine Fußknöcheln zurückfielen, konnten die Mangelhaftigkeit der Waden nicht verbergen. Dieſe Stiefel, von dunkel⸗ gelber Farbe, hatten zwei Zoll hohe Abſätze, an denen man ſtets Sporen bemerkte; das Wamms und die Beinkleider hatten eine verblichene Noſafarbe und waren von einem kleinen Mantel von derſelben Farbe begleitet, der beinahe bis auf die Taille herab⸗ ging; man denke ſich hiezu noch eine ſehr hohe Krauſe, einen kleinen, auf das Ohr geſetzten Hut, auf dem ein alter rother Federbuſch wehte, einen alten Gürtel von grüner Seide, einen Degen, der weit länger war als man ſie trug, und deſſen Griff bis an die Bruſt heraufreichte, und man wird ein getreues Gemälde von dem Manne haben, der ſich den Ritter von Chaudoreille nannte, deſſen leichter gascogniſcher Accent ſeinen Urſprung verkündigte, und der im Ge⸗ hen den Kopf emporrichtete, die Naſe hoch trug, die Hand auf der Hüfte hatte und die Kinnkehle ſpannte, als ob er bereit ſei, ſich in Poſition zu ſtellen und alle Vorübergehenden herauszufordern. 62 Beim Eintritt in den Laden wirft ſich Chaudo⸗ reille auf eine Bank, gleich einem Ermüdeten, und legt ſeinen Hut neben ſich, während er ausruft:„Laßt uns einmal ausruhen, ich habe es wohl verdient!... Au! welche Nacht! großer Gott, welche Nacht!“ „Ei der Teufel, was haſt Du denn dieſe Nacht gethan, daß Du ſo ermüdet biſt?⸗ „Ach, nichts, als was ich gewöhnlich thue, drei oder vier große Schlingel abgebläut, welche den Wagen einer Gräfin anhalten wollten; zwei Pagen, welche ein junges Mädchen inſultiren wollten, ver⸗ wundet; einen Studenten, der durch das Fenſter in ein Haus ſteigen wollte, einen tiefen Stich mit dem Degen beigebracht; vier Diebe, welche einen armen Edelmann ausplündern wollten, der Wache überliefert... dieß iſt es ungefähr, was ich dieſe Nacht gethan habe.“ „Alle Teufel,“ ſagte Touquet, indem ein ironi⸗ ſches Lächeln um ſeinen Mund ſpielte,„weißt du auch, Chaudoreille, daß Du allein ſo viel ausrichteſt als drei Patrouillen; es ſcheint mir, der König oder der Herr Kardinal ſollten ein ſo ſchönes Betragen belohnen und Dich zu irgend einem wichtigen Poſten im Polizeidepartement ernennen, ſtatt einen ſo wackern, ſo nützlichen Mann tagtäglich auf den Straßen um⸗ herirren und in die Spielhäuſer und Kneipen laufen zu laſſen, um daſelbſt einen Thaler zu erwiſchen.“ „Ja,“ ſagte Chaudoreille, der ſich ſtellte, als merke er auf den letzten Theil der Phraſe des Barbiers nicht,„ich geſtehe, daß ich ſehr tapfer bin, und daß 63 mein Degen dem Staate oft genützt hat, das heißt, den Unterdrückten; allein ich handle ohne Eigennutz, ich gebe den Regungen meines Herzens nach, das liegt im Blute. Zum Teufel! die Ehre vor Allem! und in unſerem Jahrhundert ſcherzen wir nicht!... Ich bin das, was man am Hofe einen raffiné d'hon- neur nennt; ein beleidigender Blick, ein etwas kalter Gruß, ein Mantel, der an dem meinigen vorbei⸗ ſtreift, entblößt meinen Degen, ich kenne nur das! Ich würde mich mit einem Kinde von fünf Jahren ſchlagen, wenn es ſich gegen mich verfehlte.“ „Ich weiß, daß wir in einer Zeit leben, in der man ſich um eine Kleinigkeit ſchlägt, aber ich habe nie ſagen gehört, daß Deine Zweikämpfe Aufſehen erregt haben.“ 4 „Der Teufel, mein lieber Touquet, die Todten können nicht ſprechen, und die, welche mit mir zu thun haben, kommen nicht ſobald wieder an's Tages⸗ licht. Du haſt von dem berühmten Balagni, mit dem Beinamen: der Brave, der vor ungefähr fünf⸗ zehn Jahren im Duelle getödtet wurde, ſagen ge⸗ hört... Wohlan, mein Freund, ich bin ſein Zögling und Nachfolger!“ „Es iſt ein Unglück für Dich, daß Du nicht zwei Jahrhunderte früher auf die Welt gekommen biſt; die Tourniere fangen an aus der Mode zu kommen, und die Ritter, welche Beſchimpfungen rächten und Rieſen niederhieben, werden gegenwärtig nur noch in den Gemäldeſammlungen geſehen.“ 1 „Es iſt gewiß, daß, wenn ich in den Zeiten der Kreuzzüge gelebt hätte, ich zweitauſend Saracenen⸗ Ohren aus Paläſtina zurückgebracht haben würde; allein mein theurer Roland iſt daſelbſt geweſen, die⸗ ſer furchtbare Degen, den ich von einem Urvetter habe, der ihn von dem wüthenden Roland erhalten hat. Er hat ſchon verteufelt viele Leute in die andere Welt geſchickt!“ „Ich befürchte ſtets, er möchte Dich umwerfen, er ſcheint mir viel zu groß für Dich.“ „Er iſt jedoch um einen Zoll kürzer geworden, ſeit ich ihn habe, und das durch vieles Brauchen; wenn ich noch eine Zeitlang ſo fortfahre, ſo wird er noch zu einem kleinen Stilet zuſammenſchmelzen.“ „Laſſen wir Deine Prahlereien, Chaudoreille; ich habe von anziehenderen Dingen mit Dir zu reden.“ „Wenn Du mich vorerſt rafiren wollteſt, ich habe es ſehr nöthig; mein Bart wächst des Nachts zwei Mal ſtärker, wenn ich des Abends nichts zu Nacht ſpeiſe.“ „Es ſcheint alſo, daß Du ſeit einigen Tagen gefaſtet haſt.“ Wäͤhrend der Barbier alle nöthigen Anſtalten trifft, um dem Ritter Chaudoreille den Bart zu ſcheeren, ſchnallt dieſer ſeinen Degen los, und nachdem er die Runde in dem Laden gemacht hat, um einen Ort aufzufinden, an den er ihn ſchicklicher Weiſe legen könnte, entſchließt er ſich, ihn auf ſeinen Knieen zu behalten; er entledigt ſich ſeines Mantels, nimmt dann die ein wenig welke Krauſe weg, die ſeinen Hals umgibt, und überläßt ſein kleines, mageres 65 und originelles Geſicht der Sorge des Barbiers, der mit dem Becken und der Seifenkugel ausgerüſtet vortritt. Der Barbier fängt damit an, den langen Raufer, welchen Chaudoreille achtungsvoll auf ſeinen Knieen hält, in eine Ecke des Ladens zu werfen; der Ritter macht eine Bewegung der Verzweiflung und ruft: „Was machſt Du, Unglücklicher? Du wirſt meinen Roland zerbrechen... den Degen des Neffen Karls des Großen!“ „Wenn es eine gute Klinge iſt, wird ſie nicht zerbrechen. Wie ſoll ich Dir den Bart ſcheeren, wenn Du dieſe große Partiſane auf den Knieen hältſt?“ „Du hätteſt ihn wenigſtens mit Vorſicht ergreifen ſollen... Sandis! Du biſt faſt eben ſo raſch als ich.“ „Willſt Du, daß ich Dir den Knebelbart abſchnei⸗ den ſoll?“ „O nein, nie, niel.. ein Ritter ohne Knebelbart! Wie kommſt Du dazu? Willſt Du, daß man mich für ein junges Mädchen halten ſoll?“ 4 „Ich glaube nicht, daß man ſich hierin irren wird.“ „Das iſt gleich; ich hänge mit Leib und Seele an meinem Knebelbart... und der königliche... das läßt gut... das gibt ein männliches Ausſehen... Ah! der König Franz der Erſte wußte wohl, was er that, als er dieſen kleinen Büſchel am Kinne trug... Findeſt Du nicht, daß ich hinſichtlich des Ausſehens eine falſche Aehnlichkeit mit dieſem Könige habe?“ 4 Panul de Kock. LV. 5 * „Eine ſehr falſche, in der That; denn ich wette, daß ſie Niemand bemerken wird. Allein zur Sache; ich habe Dir einen Auftrag zu geben. Du haſt ge⸗ genwärtig freie Zeit?“ „ Ja wohl, d. h. es gibt nichts, was ich um Deinet⸗ willen nicht bei Seite zu legen bereit wäre... Ich habe zwar zwei oder drei verliebte Zuſammenkünfte, und fünf bis ſechs Ehrenſachen... allein, dieß kann verſchoben werden..“ „Du kannſt einige Piſtolen gewinnen.“ „Ich bin der Mann, der in's Feuer läuft, wenn es Dir nützlich werden kann.“ „Die Sache geht mich nicht gerade ſelbſt an.“ „Ja, ich verſtehe... kitzliche Aufträge... Du weißt, daß ich Dir ſchon bei mancher Gelegenheit gedient habe.“ „Ich hoffe, Du wirſt dießmal geſchickter ſein, denn die Art, wie Du Dich der letzten Aufträge, die ich Dir ertheilt hatte, entledigt haſt, könnte mich nicht be⸗ wegen, mich Deiner noch einmal zu bedienen.“ „Ach! mein theurer Touquet, ſei nicht ungerecht; es ſcheint mir, daß ich mich ziemlich gut dabei be⸗ nommen habe. Erſtens haſt Du mir aufgetragen, einem Fräulein einen Brief zu überbringen, ohne daß die Eltern es erfahren...“ „Ja, und Du händigteſt das Billet gerade ihrer Mutter ein.“ „Der Teufel, konnte ich errathen? Dieſe Frau hatte Schminke, Blumen, Spitzen... ein Korſet, das ihr die Taille ſo dünn machte als mein Dau⸗ 67 men! Ich habe geglaubt, ſie ſei das Fräulein; mit ihren Reifen, ihren Vasquinen, ihren ungeheuern Kopf⸗ bedeckungen werden die Weiber endlich machen, daß man ſie gar nicht mehr unterſcheiden kann...“ „Ein anderes Mal ſagte ich Dir, Du ſolleſt ſchein⸗ bar einen Streit mit einem Deiner Freunde anfangen, damit ſich Leute auf der Straße verſammelten, und der Wagen einer jungen Frau, mit der man ſprechen wollte, angehalten würde. Du läßſt Dir zwei oder drei Ohrfeigen geben und läufſt davon.“ „Ach, mein Freund, halte Dich nur an meine Tapferkeit! Ich wußte wohl, daß der Streit nur ſcheinbar war; deſſen ungeachtet fühlte ich bei der dritten Ohrfeige, daß mir das Blut in's Geſicht ſtieg⸗ und ich lief weg, weil ich befürchtete, ich möchte mich erzürnen.“ „Dieſes Mal, hoffe ich, wirſt Du Dich beſſer be⸗ tragen.“— „Sprich, bedarfſt Du meines Arms, meiner Tapfer⸗ keit?“ „Nein, Gott ſei Dank, ich werde Deine Tapferkeit nicht auf die Probe ſtellen. Die Sache iſt ſehr ein⸗ fach und wird keine große Anſtrengung Deines Ge⸗ nies erfordern.“ „Um ſo ſchlimmer; ich ſchwöre bei Roland, daß ich mich aufgelegt fühle, allen Gefahren zu trotzen... Nimm Dich in Acht, mein Freund, Du näherſt Dein Raſirmeſſer meiner Naſe; Du wirſt mir endlich noch ein Stück davon wegnehmen, und dieß würde die Reize meiner Phyſiognomie verringern.“ 68 „Fürchten Sie nichts, tapferer Chaudoreille, ich werde Ihr Geſicht reſpektiren! Es wäre jammer⸗ ſchade, wenn man es beſchädigte.“ 3 „Ja, gewiß, und dieß würde mehr als einer gro⸗ ßen Dame, die ſich herabläßt, gegen Deinen Diener gütig zu ſein, Thränen entlocken.“ „Dieſe großen Damen ſollten Dir ein anderes Wamms ſchenken, denn das Deinige hat es wohl verdient, daß es in den Ruheſtand verſetzt wird.“ „Mein Theurer, die Liebe hält ſich nicht bei ſol⸗ chen Kleinigkeiten auf... ich gefalle mit oder ohne Wamms die Haltung iſt es, die Alles macht... und ich ſteche mehr als einen Ritter aus, der mit Gold und Edelſteinen bedeckt iſt. Wenn ich übrigens Spitzen, Manſchetten u. ſ. w. wollte, ſo würde es mich bloß ein Lächeln koſten. Ach, mein Gott! nimm Dich doch in Acht, mein lieber Touquet... da kommt der Hund des Nachbars und nimmt meine Hals⸗ krauſe. Ach, der Galgenſtrick; er hat ſie in ſeinem Rachen...“ „Du mußt ſie ihm wieder abnehmen. 1 „Das iſt ſchnell geſagt.. dieſer verfluchte Hund beißt Jedermann.“ Chaudoreille ſteht halbraſirt auf und ergreift ſeinen Degen, den er aus der Scheide zieht; allein unterdeſſen verläßt der Hund den Laden, mit der Halskrauſe im Munde, und der gascogniſche Ritter verfolgt ihn auf der Straße unter dem Rufe:„Meine Halskrauſe! Sandis, meine Halskrauſe! Haliet den Dieb an!“ 69 Chaudoreille's Geſchrei bewegt den Hund zu grö⸗ ßerer Eile, und die Vorübergehenden ſtaunen dieſen halb entkleideten, auf der einen Wange raſirten und auf der andern mit Seife bedeckten Menſchen an, der mit dem Degen in der Hand durch die Straße läuft und Dieb! Dieb!“ ruft. Die Gaffer verſammeln ſich, denn es gab ſolche ſchon im Jahre 1632: ſie verfolgen Chaudoreille auf dem Fuße, um den Aus⸗ gang des Abenteuers zu erfahren; die Kinder wer⸗ fen den Hund mit Steinen, und dieſer verdoppelt ſeine Geſchwindigkeit, ſchlägt den Weg nach einer Allee ein und entſchwindet den Blicken des Ritters, der ganz ermüdet endlich Halt macht, einen tiefen Seufzer ausſtoßend. Sein Zorn wächst, als er be⸗ merkt, daß ihn Jedermann lachend anblickt; er ſchwört Rache, aber ſo leiſe, daß Niemand ihn hören kann, und durch die ihn umgebende Menge ſich Bahn ma⸗ chend, begibt er ſich mit niedergeſchlagenem Herzen wieder in das Haus des Barbiers. „Du mußt toll ſein, daß Du ſo durch die Straße rennſt,“ ſagte Touquet, den Chaudoreille's Entfer⸗ nung ungeduldig gemacht hatte;„Du hätteſt es ver⸗ dient, daß ich Dir den Reſt Deines Bartes nicht abnehme.“ „Zum Henker, Du haſt das leicht ſagen!... Ich bin beſtohlen!... eine prächtige Halskrauſe...“ „Du wirſt eine andere umthun.“ „Ich habe keine andere!“ „Durch ein Lächeln wirſt Du Alles erlangen, was Du willſt. 2 „Ja, aber ich bin jetzt nicht zum Lachen aufgelegt.“ „Wohlan, beruhige Dich! Wenn unſere Sache ge⸗ lingt, wie ich nicht zweifle, ſo werde ich Dir einige Thaler geben, womit Du Dir einige Krägen kaufen kannſt; denn die Krauſen ſind nicht mehr Mode.“ Dieſe Verſicherung mildert Chaudoreille's Kum⸗ mer ein wenig, und er ſetzt ſich nieder, um ſich vol⸗ lends raſiren zu laſſen. „Du wirſt heute in die Altſtadt gehen,“ erwie⸗ derte der Barbier, die Toilette des Ritters beendi⸗ gend,„in die Straße Calandre, wo Du ungefähr mitten in der Straße in den Laden einer Parfümerie⸗ Händlerin treten wirſt.“ „Ja, ja, ich kenne ſie; bei ihr pflege ich mich zu verſehen.“ „Um ſo beſſer, Du wirſt deſto leichtern Zutritt haben; auch mußt Du das junge Mädchen kennen, das ich Dir beſchreiben werde: zwanzig Jahre, mitt⸗ lere Geſtalt, eine leichte Haltung, braune Haare, ſchwarze und ziemlich lebhafte Augen.“. „Höre, ich glaube nicht, daß ich ſie kenne, da ich ſchon zwei Jahre keine wohlriechenden Eſſenzen mehr gekauft habe, weil ſie meine Nerven angreifen.“ „Wenn Du Dich enthalten könnteſt, Chaudoreille, mir jede Minute Lügen vorzuſchwatzen, ſo würde mir dieß großes Vergnügen machen.“ „Was verſtehſt Du darunter?.. ich lüge.. ich ſchwöre Dir bei Roland...“ „Schweig' und höre! Ein großer Herr iſt in das junge Mädchen verliebt, das ich Dir ſo eben beſchrie⸗ 3 3 5 — 3 1 ‿☛ — A AA— 71 ben habe. Dieſer große Herr iſt der Marquis von Villebelle...“ „Eil der Marquis von Villebelle, er iſt ein Schalk, der von ſich reden macht; ich bin entzückt, für einen Menſchen von dieſem Schlag arbeiten zu können. Er iſt eben ſo tapfer als großmüthig... ein Galgen⸗ vogel meiner Art! Ich will ihm Beweiſe von meinem Eifer und meinem Genie geben.“ „Du mußt damit anfangen, daß Du das Maul hältſt: bedenke wohl, daß der geringſte Mangel an Verſchwiegenheit Dich theuer zu ſtehen kommen würde. Ich würde Dir den Namen deſſen, der mir den Auf⸗ trag ertheilt hat, nicht genannt haben, wenn das junge Mädchen ihn nicht bereits wüßte; allein da ſie ihn Dir ſelbſt nennen könnte, ſo iſt es beſſer, daß Du ihn durch mich erfährſt... Erinnere Dich weiter, daß ich Dir den Auftrag ertheile, und nicht der Marquis. Ich könnte ihn ſelbſt ausrichten, allein ich fange an, den Ruf eines rechtſchaffenen und wei⸗ ſen Mannes zu erlangen; man glaubt allgemein, daß ich, zurückgekommen von den Irrthümern meiner Jugend, mich in keine Intriguen mehr miſche, und es liegt mir ſehr viel daran, dieſe gute Meinung, die man von mir gefaßt hat, nicht zu vernichten.“ „Ah, Schurke, Du biſt ſo boshaft als ein Affe; Du betreibſt Deine Geſchäfte deßwegen nur deſto beſſer und Deine kalte und ſtrenge Miene täuſcht Viele. Beim Henker! Du haſt recht, man muß ſich verſtellen; dieß iſt das wahre Weſen der Intrigue, und ich werde mich beſtreben, künftig nicht mehr ſo zügellos und locker auszuſehen, damit ich die un⸗ ſchuldigen Kleinen deſto beſſer verführen kann.“ Der Barbier zuckt die Achſeln und macht eine ungeduldige Bewegung, die ſein Raſirmeſſer von Neuem der Naſe des Ritters nahe bringt, deſſen Geſicht noch bleicher wird, ausgenommen den Theil ſeiner Wangen, deſſen Colorit unveränderlich ſcheint. „Der Henker!“ ruft Touquet aus, den Ritter mit der einen Hand an ſeiner Naſenſpitze haltend, damit er ſich nicht bewegen möge, und mit der andern ihm den Bart vollends abnehmend;„kannſt Du Dich nie ruhig verhalten und vor der Klinge meines Raſir⸗ meſſers nicht zittern?... Du verdienteſt, daß Dir das ganze Geſicht zerfetzt würde. Wohlan, ſteh' auf, ... es iſt geſchehen.“ „Großen Dank!“ ruft Chaudoreille aus, der nun freier athmet.„Ich bin raſirt wie ein Cherubim. O! Du haſt eine ſo geſchickte als leichte Hand... Ich bin Dir jetzt ſiebenundſiebenzig Bärte ſchuldig.“ „Es iſt gut, wir werden ſpäterhin mit einander rechnen.“ „Ich weiß, daß Du Dich auf mich verläßſt... Du gleichſt nicht jenem Barbiere, der einen meiner Freunde auf Kredit raſirt, und ihm jedes Mal einen Schnitt beibringt, um die Bärte darnach zu zählen.“ „Laß uns über unſere Sache einig werden, be⸗ vor Leute kommen.“ „Sprich immer, ich höre Dir zu, während 1 mein Geſicht abwiſche.“ 8 73 „Du wirſt alſo zu der Parfümeriehändlerin gehen und Etwas kaufen.“ „Ach ja, einen Halskragen oder eine Krauſe zum Beiſpiel.“ „Gleichviel!“ „Ich finde, daß die Krauſen mir beſſer ſtehen.“ „Schweig doch, verfluchter Schwätzer! Es handelt ſich hier nicht von Deinem Ausſehen. Du wirſt Dich mit dem jungen Mädchen, das ich Dir beſchrieben habe, in ein Geſpräch einlaſſen; Du wirſt ihr ſagen, daß der Marquis von Villebelle bis zum Sterben in ſie verliebt iſt...“ „Ja, ich will ihr ſagen, daß er ſich vor ihren Augen erdolchen wird, wenn ſie ſich nicht ergibt... „Es handelt ſich hier nicht vom Erſtechen. Welch' ein ſchönes Mittel, um eine Dirne zu verführen!“ „Allein ich verführe ſie nie anders!“ „Man ſpricht von Geſchenken, Edelſteinen u. ſ. w. Dieß macht ſie weit ſchneller weichherzig.“ „Jeder hat ſeine Methode; was mich betrifft, ich erweiche ſie nie damit. Uebrigens werde ich Alles ſagen, was Du verlangſt; ich werde den Marquis großmüthig und freigebig machen, wie ein Gas⸗ cogner.“ „Kurz, Du wirſt im Namen des Marquis eine geheime Zuſammenkunft auf morgen Abend ver⸗ langen.“ „Wo das?“ „Wo Du willſſt; allein am beſten in einem wenig beſuchten Stadtviertel.“ „Sehr gut; dann?“ „O, das Uebrige geht mich an.“ „Noch eines: wenn die Kleine keine Zuſammen⸗ kunft gewähren wollte?“ „Kannſt Du es glauben: ein Ladenmädchen, das weiß, daß es dem edlen Marquis von Villebelle ge⸗ fallen hat? Ich bin verſichert, daß ſie bereits vor Ungeduld brennt, irgend einen Boten ankommen zu ſehen. Du müßteſt Dich ſehr linkiſch benehmen, wenn Du Deinen Zweck nicht erreichteſt.“ „Sei ruhig, ich bin kein Lumpenhund, und ich wünſchte, daß dieſe Geſchichte mir die Gunſt des Marquis erwärbe.“ „Noch einmal, nicht mit ihm, ſondern mit mir wirſt Du zu ſchaffen haben, und wenn Dir ein ein⸗ ziges Wort in Beziehung auf dieſes Abenteuer ent⸗ fährt, wenn Du das Unglück haſt, von dem Marquis zu ſprechen, ſo ſei überzeugt, daß mein Scheermeſſer dieſes Geſicht, das Du ſo werth zu halten ſcheinſt, nicht unverſehrt laſſen wird.“ Die Augen des Barbiers kündigten den feſten Entſchluß an, ſein Verſprechen zu halten; Chaudo⸗ reille beeilte ſich daher, den Degen zu ergreifen, und ſich ihn um den Leib ſchnallend, murmelte er:„Ja⸗ ohne Zweifel halte ich mein Geſicht werth; es ver⸗ dient dieß auch und ich verdanke ihm ſehr glückliche Augenblicke. Dieſer Teufel von Touquet ſpaßt un⸗ aufhörlich. Allein unter Freunden darf man ſich nichts übel nehmen; wir kennen Beide unſere gegen⸗ ſeitige Tapferkeit: es iſt daher überflüſſig, daß wir 75 uns Beweiſe von ihr geben. Ich ſchwöre Dir bei Roland die größte Verſchwiegenheit, und Du weißt, ob man auf mich zählen kann; Du kennſt mich nicht erſt ſeit heute: unſere Freundſchaft ſchreibt ſich ſchon von fünfzehn Jahren her. Wir ſind zwei Schelme, die ihresgleichen ſuchen; wie viele Intriguen ſind durch unſer Talent glücklich geleitet worden! Du, auf herkuliſche Art gebaut, ein antikes Geſicht, von edler Haltung, wurdeſt von den großen Damen, d. h. von den Frauen von hoher Geſtalt angebetet. Ich, kleiner, aber ſchön gewachſen, eine neuere Phyſiog⸗ nomie, ich verlaſſe mich auf die Anmuth und Leich⸗ tigkeit. Die Liebe hat Dich nie ſehr beſchäftigt... Du zogſt das Geld vor. Ah, das Geld und das Spiel, daran fandeſt Du Dein Vergnügen; was mich betrifft, ſo liebe ich das Spiel auch, ich geſtehe es.. ich habe eine furchtbare Force im Piquet.. allein die Galanterie nimmt einen großen Theil meiner Zeit weg; ich kann nicht anders. Ich liebe die Frauen und das iſt nicht zum Verwundern: ich bin ihr verdorbe⸗ nes Kind, ſie haben den Pfad meines Lebens mit Blumen beſtreut, diejenigen nicht zu zählen, welche ich noch pflücken darf! Ich habe ihnen mein Herz und meinen Degen geweiht, allein Liebe und Tapfer⸗ keit führen nicht immer zum Glücke; Du haſt es ſchneller erhaſcht als ich, und ich wünſche Dir Glück dazu. Während ich der Spur einer Venus folgte, machteſt Du ohne mich irgend eine verwickelte In⸗ trigue gelingen. Denn dieſes Haus gehörte ehedem nicht Dir und gegenwärtig biſt Du Eigenthümer davon. Es iſt Dir nicht aus den Wolken zuge⸗ fallen...“— „In was mengſt Du Dich,“ ſagte der Barbier in geringem Tone,„was liegt Dir daran, wie ich mir dieſes Haus erworben habe? Habe ich Dich nicht be⸗ zahlt, ſo oft ich mich Deiner bediente; ja, habe ich Dir oft nicht mehr gegeben, als Du verdienteſt?... Laß es Dir geſagt ſein, Chaudoreille, wenn Du willſt, daß wir gute Freunde bleiben ſollen: wenn es Dir lieb iſt, daß ich Dich zuweilen einige Thaler gewinnen laſſe, ſo bleibe mit Deinen einfältigen Fragen zu Hauſe und ſuche nicht zu erforſchen, was man nicht für gut findet, Dir anzuvertrauen, ſonſt werfe ich Dich zu meiner Boutik hinaus, und nie wirſt Du ſie dann wieder betreten.“ 4 3 „Ei, eil ſo, ſol der Teufel! er iſt ein kleiner Veſuv, dieſer liebe Touquet. Peſt! wenn ich mich meiner natürlichen Hitze ſo überließe wie Du, ſo würden wir ſchöne Sachen machen; es iſt vorbei... ſtill von der Sache! Du ſiehſt mich angekleidet... nur meine Krauſe fehlt mir... wie werde ich es machen, daß ich ohne ſie ausgehen kann?“ „Du biſt ja eben erſt halb entkleidet ausgegangen.“ „Allein ſo eben hatte ich meinen Degen in der Hand, und in ſolchen Augenblicken ſehe ich nichts als mein Schlachtopfer. Das iſt gleich, ich werde meinen Mantel ein wenig weiter heraufziehen. Ahl ich vergaß das Weſentliche: um in dem Laden der Kleinen Etwas kaufen zu können, muß ich Geld haben und ich ſitze im gegenwärtigen Augenblicke ausgebeutelt.“ 77 „Hier, nimm dieſe zehn Thaler; dieß iſt eine Ab⸗ ſchlagszahlung von dem, was ich Dir geben werde, wenn Du meine Abſichten gut erfüllſt.“ „Es iſt eine abgemachte Sache,“ ſagte Chaudo⸗ reille, das Geld nehmend und aus ſeinem Gürtel einen alten, vor Zeiten rothen ſeidenen Beutel zie⸗ hend, in den er die zehn Geldſtücke, welche ihm der Barbier ſo eben gegeben hatte, einzeln und mit einer gewiſſen ehrfurchtsvollen Miene fallen ließ. „Es iſt noch zu frühe,“ ſagte Touquet,„um Dich zu der Parfümeriehändlerin zu begeben; dieſe Damen öffnen ihre Läden nicht ſo frühe wie wir. Könnteſt Du, in Erwartung des ſchicklichen Augenblicks, nicht zur Blanca hinaufgehen und ihr eine Lection in der Muſik geben? Dieß würde ſie zerſtreuen, und ich geſtehe, daß ſie auf ihrem Zimmer, wo bloß Marga⸗ rethe bei ihr iſt, wenig Unterhaltung haben wird.“ Sobald Chaudoreille Blanca's Namen hört, hebt er die Augen gen Himmel empor und ſtößt einen Seufzer aus, den er alsbald erſtickt, indem er aus⸗ ruft:„A propros, wie befindet ſie ſich, dieſes hübſche Kind? Ich war ſo eben im Begriff, nach ihr zu fragen, denn es iſt ſchon mehr als hundert Jahre, daß ich ſie nicht mehr geſehen habe.“ „Sie befindet ſich ſehr wohl; allein ſie langweilt ſich.. ſie möchte gerne ausgehen.“ „Was der Teufel auch! warum ſchickſt Du mich nicht öfter zu ihr, um ihr Geſellſchaft zu leiſten. Ich würde ſte unterhalten, dieſe ſchöne Blanca, und ihr Etwas vorſpielen.“ 78 „Ich bin nicht überzeugt, daß Du ſie ſehr unter⸗ halten würdeſt. Blanca ſagt, Du ſingeſt ihr ſtets das Nämliche und ſie ſei jetzt auf der Zither ſo ſtark als Du.“ 1 „Wie eigenliebig doch dieſe jungen Mädchen ſind; ich geſtehe, daß ſie reißende Fortſchritte gemacht, und das iſt nicht zum Verwundern: ich habe eine Lehrmethode, die einen Eſel in den Stand ſetzen würde, Töne auszuſpinnen. Uebrigens hat die Kleine Verſtand; allein ich ſchmeichle mir, daß ich ihr noch lange Unterricht geben kann.“ „Chaudoreille, ich habe Dir einen großen Beweis von Zutrauen gegeben, als ich Dir erlaubte, Blanca zu ſehen; Du haſt mir geſchworen, nie von ihrer Schönheit zu ſprechen.“ „Sei ruhig; wenn man mich zufällig fragt, ob ich das junge Mädchen kenne, das Du erzieheſt, ſo antworte ich, wie wir mit einander übereingekommen ſind, daß ich ſie drei oder vier Mal geſehen habe, daß ſie weder ſchön noch häßlich ſei... eine jener Figuren, von denen man nichts ſagen kann!“ „Das iſt gut, wenn man wüßte, daß in dieſem Hauſe eine der ſchönſten Jungfrauen von Paris wohnt, ſo hätte ich keinen ruhigen Augenblick mehr. Unauf⸗ hörlich von einer Schaar von Liebhabern, Galgen⸗ vögeln und Wüſtlingen beſtürmt, würde dieſe Woh⸗ nung der Sammelplatz aller ſchlechten Subjecte des Stadtviertels werden. Ich könnte mich keinen Augen⸗ blick entfernen, ohne daß einer von ihnen in Blanca's Zimmer zu ſchleichen ſuchen würde, und Margarethens 79 Aufſicht, ſo wie die meinige, wäre unzureichend, um alle Unternehmungen der Galans zu vereiteln. Um mir alle dieſe Unannehmlichkeiten zu erſparen, ent⸗ ziehe ich Blanca den Blicken der Neugierigen.“ „O! die Sache, von dieſer Seite betrachtet, thuſt Du wohl daran und ich billige Dich!... Du mußt ſie nicht ſehen, ſie keine Minute ausgehen laſ⸗ ſen! Wenn Du willſt, werde ich überall ſagen, daß ſie abſcheulich, einäugig, hinkend und buckelig iſt.“ „Nein, nein, man muß die Vorſicht nie zu weit es treiben und in das entgegengeſetzte Extrem verfallen!“ „Allein es wäre ſo ſchmerzlich, wenn irgend ein elender Abenteurer uns dieſe ſchöne Blume entrieße...“ „Wiel uns entrieße?“* „Ich will ſagen, Dir entrieße! Der innige Antheil⸗ den ich an ihrem Wohle nehme, hat mich verleitet, ſo zu ſprechen. Sie iſt in der That ein Edelſtein!... Die Aufrichtigkeit, die Offenherzigkeit des erſten Al⸗ ters! Ahl wie glücklich biſt Du, Touquet; ich wette, Du ſparſt dieſen Schatz für Dich auf!“ „Für mich?“ ſagte der Barbier, die Stirne runzelnd. Hierauf trat eine augenblickliche Stille ein, während welcher Chaudoreille, vor einem kleinen Spiegel ſtehend, ſich nur damit beſchäftigte, gewiſſe Geberden einzuſtudiren.. „Ich habe Dir bereits geſagt, daß ich die Fragen nicht liebe,“ antwortete endlich Touquet;„allein ich ſehe, daß Du ſo lange unverbeſſerlich ſein wirſt, bis Deine Schultern die Kraft meines Armes gefühlt haben.. 80 „Stets Späße!. Du biſt der ſcherzhafteſte Menſch!“ „Wohlan, geh' zur Blanca hinauf; Du wirſt drei Viertelſtunden daſelbſt bleiben und Dich ſodann durch den Gang wieder entfernen: ich will nicht, daß die Leute, die ſich in meinem Laden befinden werden, Dich aus dem Innern meines Hauſes kommen ſehen. Du wirſt Dich hierauf an den beſtimmten Ort ver⸗ fügen und mir heute noch von dem Erfolge Deines Schrittes Bericht abſtatten.“ „Um die Mittagszeit?“ „Nein, heute Abend, wenn es anfängt dunkel zu werden.“ „Wie Du willſt. Ach, mein Gott! wie ſoll ich ohne Krauſe zu meiner jungen Schülerin gehen?“ „Wird Dich das zu ſingen verhindern?“ „Nein, allein die Wohlanſtändigkeit... dieſer nackte Hals. leihe mir einen Kragen.. etwas...“ „Der Teufel! wozu ſo viele Umſtände!... und glaubſt Du, daß Blanca Deinem Geſichte große Aufmerkſamkeit ſchenkt?“* „Mein Geſicht!.. mein Geſicht!... Es ſcheint, wenn man Dich hört, ich ſei ein Albinos...“ „Hier ſind Leute... pack' Dich.“ Der Barbier ſchiebt Chaudoreille in den Gang hinaus, von wo aus dieſer, nachdem er ungefähr eine Viertelſtunde lang nachgeſonnen hatte, wie er ſeinen Mantel halten wolle, ſich endlich Kntſchließt⸗ zu ſeiner Schülerin hinaufzuſteigen. x*. 81 Fünftes Kapitel. Die Muſiklection. Blanca arbeitete, an einem Fenſter ſitzend, deſſen kleine und etwas ſchwarze Scheiben die Gegenſtände auf der Straße kaum zu unterſcheiden geſtatteten. Indeſſen blickte das junge Mädchen zuweilen durch dieſelben, um ſich zu zerſtreuen; nicht als ob ſie traurig und bekümmert geweſen wäre, allein ein junges Mädchen, das ſich ihrem ſechszehnten Jahre nähert, fühlt in ihrem Herzen eine gewiſſe Leere und unbeſtimmte Wünſche, von denen ſie ſich nicht wohl Rechenſchaft ablegen kann; ſie ſeufzt, wird nach⸗ denkend, ein Nichts ſtört ſie, das geringſte Geräuſch, der Ton einer Stimme, die ſie nicht kennt, beſchleu⸗ nigt die Pulſe ihres Herzens; ſie betrachtet ſich öfter in ihrem Spiegel, macht ihre Toilette ſorgfältiger und doch kennt ſie den Gegenſtand noch nicht, den ſie entzücken will. Allein ein geheimer Inſtinkt flößt ihr das Verlangen, zu gefallen, ein, weil ſie anfängt, das Bedürfniß der Liebe zu fühlen, und alles das verurſacht Träumereien und macht feufzen, ohne daß man weiß warum.. wenigſtens in jener Zeit. Was die jungen Mädchen unſerer Zeit betrifft, ſo träumen ſie auch, allein man verſichert, daß ſie weniger ſeufzen. Der Charakter des Barbiers, ſeine kalte und ernſt⸗ hafte Miene in Blanca's Gegenwart forderte nicht zum Zutrauen auf und imponirte dem jungen Mäd⸗ chen, deſſen offenes Herz einen Freund zu ſuchen ſchien. Paul de Kock. LV. 6 8² Sie war von Achtung und Gehorſam gegen Touquet erfüllt, ſie betrachtete ihn als ihren Wohlthäter, allein ſie konnte nicht offen mit ihm reden, denn die lako⸗ niſchen Antworten des Barbiers kündigten wenig Luſt an, ſich in eine lange Unterhaltung einzulaſſen. Da⸗ gegen war Margarethe ſehr ſchwatzhaft: ſie hätte gerne einen ganzen Tag lang geplaudert, allein ſie ſprach von nichts als von Hexenmeiſtern, Schwarz⸗ künſtlern, Dieben, und dieß unterhielt Blanca nicht⸗ die dieſen ſchrecklichen Geſchichten ein ſanftes Liebes⸗ lied oder eine Rittererzählung vorzog; denn die Liebe war die ſtarke Seite der Ritter, und ſeiner Dame zwanzig Jahre treu bleiben war nicht die geringſte Heldenthat eines Paladins. Blanca träumte alſo, als man ſanft an ihre Thüre klopfte, und bald erſchien zwiſchen der Thüre und der Wand der kleine Kopf des Ritters Chaudo⸗ reille, der in häßlichem Tone ſagte:„Kann man ein⸗ treten, intereſſante Schülerin?“ Blanca blickt auf und bricht in ein lautes Ge⸗ lächter aus, als ſie das Geſicht des Ritters erblickt; dieß war die gewöhnliche Wirkung, welche ſeine Ge⸗ genwart auf das junge Mädchen hervorbrachte.„Tre⸗ ten Sie ein, treten Sie ein, mein werther Lehrer,“ ſagte ſie, ſich erhebend, um Chaudoreille zu grüßen, der nun mit ſeinem ganzen Leibe in dem Zimmer erſcheint und Blanca drei ſo tiefe Verbeugungen macht, daß ſein Degen jedesmal vorſchießt und er, ſich wieder aufrichtend, gezwungen iſt, ſeinen Roland in die Scheide zu ſtecken. 1 8³ „Ich bin ſo ſehr gewohnt, ihn zu ziehen,“ ſagte Chaudoreille, ſeinen Degen wieder an ſeinen Ort bringend,„daß er nicht einmal zwei Stunden ruhig in ſeiner Scheide bleiben will... Wohlan! beruhige Dich, Roland; Du weißt wohl, mein theurer Ge⸗ fährte, daß die Nacht nicht vorübergeht, ehe ich Dir Beſchäftigung gebe.“ „Wie, Herr Chaudoreille, Sie ſchlagen ſich täglich?““ „Was wollen Sie, ſchöner Engel, das iſt mein Element. Ich könnte nicht ruhig ſchlafen, wenn ich den Degen nicht gezogen hätte, und ich würde krank werden, wenn ich drei Tage zubringen müßte, ohne die Erde von irgend einem Schurken oder Neben⸗ buhler zu befreien!... Aber laſſen wir das, und ſprechen wir von Ihnen, holdes Geſchöpf! Sie ſind, ſcheint es mir, noch ſchöner, noch friſcher geworden, Sie ſind eine Knospe, die ſich entwickelt, eine Blume, die aufgehen will, eine Frucht, die... befinden Sie ſich übrigens wohl?“ „Sehr wohl. Kommen Sie, um mir Unterricht in der Muſik zu geben?“ „Ja, wenn Sie es erlauben wollen. Es iſt ſchon lange, daß ich dieſes Glück nicht mehr gehabt habe.“ „Ich hoffe, Sie werden mich etwas Neues lehren.“ „Der Henker, ich habe Sie noch lange nicht Alles gelehrt, was ich verſtehe! Uebrigens, wenn es an Neuigkeiten fehlen ſollte, ſo könnten Ihre ſchönen Augen mich anfeuern, eine Ballade in ſechszig Stan⸗ zen aus dem Stegreife zu dichten.“ Blanca ergreift die Zither und reicht ſie dem 84 Ritter dar, der ſie, die Augen gen Himmel em⸗ porhebend und einen tiefen Seufzer ausſtoßend, empfängt. „Sind Sie krank, Chaudoreille?“ fragte das junge Mädchen, über dieſes Stöhnen erſtaunt. „Nein, ich bin nicht krank, und doch fühle ich mich nicht behaglich,“ antwortete Chaudoreille, die Geber⸗ den, die er vor dem Spiegel eingeübt hatte, in An⸗ wendung bringend. „Es ſcheint, Sie athmen ſehr ſchwer,“ erwiederte Blanca;„vielleicht hat Ihr Magen Ihr geſtriges Nachteſſen nicht recht verdaut.“ „Verzeihen Sie mir... ich ſchwöre Ihnen, daß von demſelben nicht die geringſte Spur mehr in mir iſt.. Ich verabſcheue die Unverdaulichkeit; pfui! ich bringe mich nie in den Fall, daß ich an ihr leide.“ „Singen Sie mir, was Sie mich lehren ſollen; dieß wird Sie beſſer machen.“ „Sie iſt die Unſchuld ſelbſt,“ ſagte Chaudoreille zu ſich, die Zither ſtimmend,„ſie erräth nicht, warum ich ſeufze; deſſenungeachtet merke ich, daß ſie mich mit Vergnügen ſieht... Geduld, ihr Herz wird in Kurzem ſprechen, und ich werde ihr Sieger ſein.“ Blanca hat ihre Arbeit wieder zur Hand genom⸗ men, Chaudoreille ſetzt ſich neben ſie nieder, und nachdem er eine Viertelſtunde lang damit zugebracht hat, die Zither zu ſtimmen, huſtet er, räuſpert, ſchnäuzt ſich, kehrt ſich auf ſeinem Stuhle um, ordnet ſeinen Mantel, verdreht den Mund, beißt mit der Zunge auf die Lippen, und beginnt endlich mit greller und 8⁵ ſchneidender Stimme ein altes Klagelied, das Blanca ſchon hundert Mal gehört hatte. „Ich kenne dieß, mein theurer Lehrer,“ ſagte ſie, ihn unterbrechend;„es iſt eines von den drei Stücken, die Sie mich gelehrt haben.“ „Glauben Sie?“ „Wohlan, ich will es Ihnen ſingen.“ Blanca nimmt das Inſtrument und ſich mit An⸗ muth begleitend, verſchönert ihre melodiſche Stimme das alte Klagelied.„In der That,“ ſagte Chaudo⸗ reille,„Sie machen die Uebergänge gerade ſo wie ich; es ſcheint mir, ich höre mich ſelbſt.“ „Lehren Sie mich daher ein anderes,“ ſagte das junge Mädchen, ihm das Inſtrument wiedergebend, und Chaudoreille ſtimmte ein Ringellied über die hohen Thaten Pipins des Kurzen an.„Ich kenne es ebenfalls,“ ſagte Blanca, ihn unterbrechend. „In dieſem Falle werde ich Ihnen ein reizendes Hirtenlied ſingen.“ „Mein Gott, es wird das dritte ſein, das Sie mich gelehrt haben. Sie kennen alſo keine andere?“ „Verzeihen Sie mir; allein da ein verfluchter Hund mit meiner Krauſe zum Teufel ging, während man mir den Bart abnahm, ſo kann ich mit bloßem Halſe keinen neuen Geſang wagen... dieß hemmt den Schwung meines Genies; übrigens iſt das Hir⸗ tenlied ſtets eine Neuigkeit, da ich Variationen daran mache, ſo oft ich es ſinge.“ „Wohlan, ich höre,“ ſagte Blanca, die Augen auf die Straße richtend. Chaudoreille ſtößt einen ——— 5— 5 86 neuen Seufzer aus, und nachdem er ſich die Stellung gegeben hat, die ihm die günſtige ſcheint, um ſeine Reize geltend zu machen, beginnt er das Hirtenlied, das er Blanca vorſang, ſo oft er ihr Unterricht ertheilte. „J'ai perdu ma tourtérelle „Esb ce point elle que j'oi? „Je veux aller après elle... „Tu régrettes ta fémelle! „Hélas! aussi fais je moil... „J'ai perdu ma tourtérelle.“ In dieſem Augenblicke zogen herumwandernde Sänger durch die Straße. Sie halten vor dem Hauſe des Barbiers und laſſen, ſich mit ihren Mandolinen begleitend, italieniſche Geſänge ertönen. Blanca hört zu. Dieſe Muſik, die von der, welche ihr Lehrer ihr vorſingt, himmelweit verſchieden iſt, regt ihr Herz angenehm auf, und dem Fenſter ſich nähernd, ruft ſie aus:„Ahl wie ſchön iſt das!“ „Ja, ohne Zweifel, es iſt hübſch,“ ſagt Chaudo⸗ reille, der in der Meinung iſt, das junge Mädchen ſpreche von dem Hirtenliede;„allein man muß auch den Ausdruck, den ich ihm gebe, wohl auffaſſen... Bemerken Sie doch: J'ai perdu ma tourtérelle; welch' ein herzzerreißender Ausdruck des Schmerzes, heben Sie die Augen gen Himmel empor und ſchlagen Sie den Takt mit dem linken Fuße... Est ce point elle que j'oi?... einen leiſen flötenden Ton.. dabei ma⸗ chen Sie eine überraſchende Bewegung und halten Sie mit der Fiſtel aus... Je veux aller apréès elle! .. eine verwirrte Miene, uld ſtets daſſelbe Schla⸗ gen mit dem Daumen und dem Zeigefinger... Tu 87 régrettes ta fémelle... dieß verlangt langes An⸗ halten; Tu régrettes... reine Cadenz; ta fémelle... verſtärken Sie den Ton und ſteigen Sie immer. „Ach! wie würde es mich freuen, wenn ich oft eine ſolche Muſik hören könnte,“ ſagte Blanca, die Chaudoreille's Worte nicht beachtet und bloß die Ita⸗ liener hörte. „Ich wünſchte meinerſeits, Ihnen alle Tage Un⸗ terricht zu ertheilen, verführeriſches Jüngferchen, allein meine vielen Beſchäftigungen!... und dann erlaubt Meiſter Touquet nicht oft, daß ich das Vergnügen Ihrer Gegenwart genieße... und ferne von Ihnen ſinge ich unaufhörlich: Tu régrettes ta fémelle..“ „Das iſt ein Gondelliedchen, nicht wahr, mein Herr?“ „Nein, meine ſchöne Freundin, das heißt man ein Hirtenlied: der Lieblingsgeſang unſerer alten Trouba⸗ dours und der Schäfer, welche um ihre Schäferinnen trauern.“ „Schade, daß ich nicht italieniſch verſtehe!“ „Wiel italieniſch? um zu ſagen: N'est ce point elle que j'oi?...“ „Schweigen Sie! ſchweigen Sie!... Sie ſingen jetzt franzöſiſch,“ ſagte Blanca, ſich an das Fenſter wendend, und dem Ritter durch einen Wink bedeutend, daß er ſich nicht rühren ſolle. „Was ſoll das heißen,“ rief der Zitherlehrer, ſich mit Erſtaunen erhebend, ich ſoll ſchweigen!.. kommt es daher, weil Sie dieß zu ſehr rührt? Zum Teufel mit den Gaſſenſängern, die Sie hindern, mich zu hören! Ich weiß nicht, was mich zurückhält, hinab⸗ 88 zueilen und ſie mit dem Degen in der Hand fort⸗ zutreiben.“ „Wenn ich mein Fenſter zu öffnen wagte,“ ſagte Blanca ſeufzend;„aber nein, Herr Touquet hat es mir verboten!... die hübſche Melodie!... Ach, ich werde mich noch lange an ſie erinnern... J'aime et c'est pour la vie... ma mie est tout pour moi! dieß iſt der Schlußreim.“ „Nein, göttliche Blanca, die Worte lauten: Pai perdu ma tourtérelle, n'est ce point elle que j'oi?“ Die Sänger haben ſich entfernt. Blanca verläßt das Fenſter, und ſich umwendend bemerkt ſie, wie 3 Chaudoreille den Hals vorſtreckt, um einen Ton beſſer auszuſpinnen. Sie kann die Lachluſt nicht bändigen, zu der ſie die Miene des Ritters anregt, und dieſer gafft ſie mit aufgeſperrtem Munde an, nicht wiſſend, wie er ihr Gelächter nehmen ſoll, als Margarethe in das Gemach tritt. „Es iſt endlich verbranni,, ſagte die Alte ein⸗ tretend. „Was denn?“ ruft Chaudoreille aus. 1¹ „Ein Zauber⸗, ein Hexenbuch †... es hat lange gedauert, bis es Feuer fing, dieſe Bücher ſind an's Fenſter ſo gewöhnt!“ „Was ſoll das heißen, Margarethe? Ha ſie Zau⸗ berbücher? ſie, die ſtets zittert... will ſie mit den Geiſtern der andern Welt in Berbindung treten?“ „Ach! Gott behüte mich, Herr Chaudoreille; allein ich will Ihnen ſagen, wie dieſes Buch in meine Hände gekommen iſt, in denen es jedoch nicht lange blieb, 89 denn es ſchien mir, es verbrenne mir die Finger. Mein Herr will, daß ich ein anderes Zimmer bezie⸗ hen ſoll... weil... allein nicht das wollte ich Ihnen ſagen...“* 4 ugeſenmt ſie ſich ein wenig auf das, was ſie mir ſagen will.“ „Kurz, ich muß das Zimmer verlaſfen, das ich bisher bewohnt, und in ein anderes gehen, in das ſeit den acht Jahren, in denen ich in dieſem Hauſe bin, Niemand den Fuß geſetzt hat, und das man ehedem wahrſcheinlich eben ſo wenig bewohnte... es iſt ſo ſchwarz, ſo düſter; die Scheiben, auf denen ein zwei Zoll dicker Staub liegt, laſſen das Tageslicht kaum in das Gemach dringen.“ „Ich glaube, Gott verzeih' mir, daß ſie mir alle Spinngewebe herzählen wird, die ſie daſelbſt gefun⸗ den hat... Was halten Sie davon, meine verfüh⸗ reriſche Schülerin?“ Blanca antwortete nichts, denn ſie merkte nicht auf Margaretha's Worte: ſie beſchäftigt ſich mit dem Schlußreime, den ſie ſo ſchön gefunden hat, und wie⸗ derholt ganz leiſe:„J'aime et c'est pour la vie!“ und Chaudoreille, der ſie in ihre Träumereien verſunken ſieht, will ſie nicht ſtören, überzeugt, daß das junge Mädchen ihr Herz gegen die Reize des Hirtenliedes nicht von Spinnen die Rede,“ beginnt die alte Dienerin in mürriſchem Tone wieder;„wenn ich nur das geſehen hätte!... allein in einem Schranke hat Blanca ein Teufelsbuch gefunden: es war das 90 Zauberbuch eines Hexenmeiſters, genannt Odoart. Haben Sie von dieſem Zauberer gehört?“ Ich erinnere mich nicht!“ TWTenn ſie von einem beherzten Manne, von einem Ehrenhelden(raffiné d'honneur) mit mir ſpräche, ſo würde ich ihn ohne Zweifel kennen.. allein ein Zauberer, was Teufels will ſie, daß ich mit ihm thue... dieſe Leute ſchlagen ſich nicht.“ „Herr Chaudoreille, da Sie ſo tapfer ſind, müſſen Sie mir einen Dienſt erweiſen.“ „Worin beſteht er?“ ſagte Chaudoreille, Marga⸗ rethens Worten mehr Aufmerkſamkeit ſchenkend. „So eben, nachdem ich das Zauberbuch dieſes Odoarts, mit dem Beinamen der große Neſtelknüpfer, verbrannt hatte, habe ich mein Zimmer von Neuem unterſucht und es, wie Sie ſich leicht denken können, überall mit geweihtem Waſſer beſprengt.“ „Dann?“ „In dem Alkov habe ich eine kleine Thüre ge⸗ ſehen... man würde nie merken, daß ſich daſelbſt eine Thüre befindet... allein obſchon alt, habe ich doch gute Augen...“ „Zur Sache, ich bitte ſie,“ erwiedert Chaudoreille, deſſen Augen eine Unruhe blicken laſſen, die er ver⸗ gebens zu verhehlen ſucht. „Wohlan, mein Herr, ich geſtehe J ich es nicht gewagt habe, dieſe Thüre zu verſchließt ohne Zweifel irgend ein Cabinet; allein dieſer Alkov iſt ſo tief, ſo ſchwarz! Sie würden mich daher ſehr verpflichten, wenn Sie mit mir hin⸗ 91 aufſtiegen und zuerſt hineinträten, um das Gemach, das ſich da befinden muß, zu unterſuchen, denn ich wage es nicht, Herrn Touquet darum zu bittenz er würde ſich über mich luſtig machen.. 14 „Und er hätte recht; der Teufel! wie, Marga⸗ rethe, in ihrem Alter nicht mehr Muth haben?“ „Was wollen Sie, ich fürchte, es möchte ſich irgend ein Kobold in dieſem Cabinete befinden, der mir in's Geſicht ſpränge, wenn ich die Thüre öffnete, die vielleicht ſeit vielen Jahren verſchloſſen iſt; denn ich habe Herrn Touquet nie in dieſes Zimmer treten ſehen.“ „Dringen die Kobolde nicht durch das Schlüſſel⸗ loch ein 2... fort, Margarethe, ſie iſt eine Träumerin, und ich erröthe ihrer Kleinmüthigkeit wegen für ſie.“ „Kann man wohl ſagen, daß die Zauberer in Paris ſelten ſind? Hat man nicht im Arſenal eine beſondere Kammer errichtet, um ſie zu richten?“ „Dieß iſt wahr, ich geſtehe es, allein ich ſehe nicht, was ſie auf die Vermuthung bringt, daß es in die⸗ ſem Hauſe ſolche gegeben hat.“ 3 „Ach, Herr Chaudoreille!... wenn ich Ihnen Alles ſagte, was ich geſehen und gehört habe... und des Nachts alles Geräuſch, das...“ „Was haſt Du denn geſehen, meine Beſte?“ ſagte aencer aus ihrer Träumerei erwachte und ſo eben die letzten Worte der Alten vernommen hatte. „MNichts... nichts, Jungfer.“ Und die alte Dienerin fügt in leiſerem Tone, an den Ritter ſich wendend, hinzu:„Mein Herr will es 92 nicht haben, daß ich hievon rede, und er würde mich aus dem Hauſe jagen, wenn er erführe, daß...“ „Es if genug, ich will nicht weiter davon hören,“ ſagte Chaudoreille aufſtehend und nach ſeinem Hute greifend;„und da Touquet ihr verbietet, dieſe Poſ⸗ ſen zu erzählen, ſo bitte ich ſie, mir die Ohren nicht mehr damit zu betäuben.“ „Allein Sie werden mit mir hinaufſteigen, um dieſes Cabinet zu beſichtigen; nicht wahr, mein Herr?“ „Ach, mein Gott, ich höre zehn Uhr ſchlagen; ich ſollte bereits in der Altſtadt ſein. Nicht um ihre alten Mährchen anzuhören, habe ich zehn Thaler erhalten. Ich eile fort; auf Wiederſehen, meine reizende Schü⸗ lerin... ich bin entzückt, daß meine letzten Varia⸗ tionen Ihnen gefallen haben... ich hoffe, Ihnen in Kurzem eine neue Lection geben zu können. Bei einem Lehrer wie ich werden Sie eine Virtuoſin werden!“ Nach dieſen Worten ſteht Chandoreille auf, legt ſeine linke Hand auf ſeine Hüfte, rundet ſeinen rech⸗ ten Arm, als ob er fechten wolle; allein ſtatt ſeinen Roland aus der Scheide zu ziehen, greift er nach ſeinem Hute und macht Blanca eine ehrfurchtsvolle Verbeugung, dann geht er raſch an Margarethe vorbei, die ihn vergebens zurückhalten will, öffnet die Thüre und ſteigt ſchnell die Treppe hinab, die Worte trillernd: 4 „Tu régrettes ta fémelle, „Hélas! aussi fais je moi.“ * 93 Sechstes Kapitel.* Die Verliebten.— Die Plaudereien. Der Laden des Barbiers war mit einer Menge Leute aus verſchiedenen Ständen angefüllt: Bürger, Studenten, Pagen, Dichter, Abenteurer und ſogar junge Edelleute; denn in dieſer Zeit erlaubte der gute Ton den vornehmen Stutzern, ſich manchmal unter die niederſten Klaſſen der Geſellſchaft zu miſchen, theils um eine für ſie anziehende Sprache anzuhören und ſich dadurch neue Genüſſe zu bereiten, theils um den Leuten, unter die ſie ſich mengten, irgend einen Streich zu ſpielen. Der Laden des Meiſters Touquet war groß und mit Bänken verſehen, was faſt ein Luxus in einer Zeit war, in der man ſelbſt in den Theatern nicht ſaß. Der Barbier bediente ſeine Kunden mit einer großen Schnelligkeit; er verſah Alles, antwortete Je⸗ dem und richtete für ſich allein ſo viel aus als zehn Perückenmacher unſerer Zeit. Seine gewandte und geſchickte Hand hatte ihm den Ruf einer der beſten Barbiere in Paris erworben und lockte viele Zierlinge in ſein Haus, weil man unter der mittlern Klaſſe ſich eine CEhre daraus machte, das Kinn ſtreichelnd ſagen zu können: Ich bin von Touquet raſirt worden. Allein die, welche er bedient hatte, blie⸗ ben zuweilen noch eine Zeitlang in ſeinem Laden, um ſich mit den Perſonen zu unterhalten, die noch warteten, bis die Reihe an ſie kam. 83 die meiſten 94 dieſer Müßiggänger wünſchten, einige Augenblicke über die Neuigkeiten des Tages und die Abenteuer der Nacht zu ſprechen, ſo traf man um zehn Uhr Norgens ſtets ziemlich zahlreiche Geſellſchaft bei Mei⸗ ſter Touquet. Hier ſah man alle Arten von Toiletten; allein damals, wie auch gegenwärtig, war der Reichthum der Kleidung nicht immer ein Beweis von hohem Rang oder Wohlhabenheit. Der Geſchmack für den Luxus wurde allgemein, weil man bloß glänzenden Equipagen und prächtigen Kleidern Achtung zuge⸗ ſtand; das wahre Verdienſt, ungekannt, glanz⸗ und ruhmlos, blieb vergeſſen und dürftig! Man verſichert, daß dieß gegenwärtig noch ſo ſei. Bei Hofe konnte man ſich leicht Zutritt verſchaffen; man durfte, um daſelbſt eingeführt zu werden, nur nach Art der Höflinge gekleidet ſein: ein Hut, auf dem ein Federbuſch prangte, ein Wamms und Man⸗ tel von Atlas oder Sammt, ein Degen am Gürtel, und alles das mit goldenen oder ſilbernen Treſſen geſchmückt, waren die nöthigen Erforderniſſe. Jeder ſuchte ſich dieſe glänzende Außenſeite zu verſchaffen, und man richtete ſich zu Grunde, um reich zu ſcheinen. Man ſuchte jedoch dieſem Hange zum Luxus, der das Elend der Zeit nnur ſchlecht verbarg, Einhalt zu thun. 4 1 Im Jahre 1633 und 34 wurden mehrere Edikte gegen die allzugroße Kleiderpracht erlaſſen, allein dieſe Geſetze wurden bald überſchritten. Die Männer werden ſtets den Wunſch hegen, mehr zu ſcheinen, — 95 als ſie ſind, und die Frauen zu verbergen, was ſie ſind. Unter den verſchiedenen, in dem Laden des Bar⸗ biers verſammelten Individuen befand ſich auch ein Menſch, der mit Niemand ſprach und ſogar an der Erzählung der ſcandalöſen Abenteuer der verfloſſenen Nacht keinen Antheil zu nehmen ſchien. Es war ein junger Menſch, der höchſtens neunzehn Jahre alt ſchien. Er hatte eine Geſichtsbildung, die keineswegs glück⸗ lich genannt werden konnte, denn man gibt dieſen Namen gewöhnlich jenen Jubelmienen, jenen runden, friſchen, rothen und vollen Geſichtern, die Geſundheit und Frohſinn athmen. Dieſer hatte ſchöne Augen, allein eine blaſſe Geſichtsfarbe, edle Züge, allein ein etwas melancholiſches Ausſehen, kurz, er hatte ein ſogenanntes intereſſantes Geſicht; und dieſe ſind im Allgemeinen in der Liebe glücklicher als die glück⸗ lichen Phyſtögmamien. Die Kleidung dieſes jungen Menſchen war ſehr einfach: keine Verzierung, keine Stickerei war auf ſeinem grauen Rocke zu ſehen, der bis auf die Kniee mit Knöpfen verſehen und nach Art unſerer heutigen kleinen Reiſeröcke geſchnitten war; ſein Gürtel war ſchwarz, keine flatternden Bänder an ſeinen Beinen oder Armen, kein Degen, keine Spitzen, keine Fe dern an den breiten Bändern ſeines Huts.— Er befand ſich ſchon ziemlich lange in dem Laden des Barbiers. Bei ſeinem Eintritte hatten ſeine Au⸗ gen etwas Anderes als den Herrn des Hauſes zu ſuchen geſchienen; er hatte ſie in den Hinterladen ge⸗ * 8 / 96 worfen, und warf ſie noch oft dahin. Schon mehr⸗ mals war die Reihe an ihn gekommen, und Touquet hatte zu ihm geſagt:„Wenn es Ihnen beliebt, Herr Baccalaureus!“ Die Tracht des jungen Menſchen war in der That die, welche die Studenten in Paris damals gewöhnlich trugen. Allein der Baccalaureus begnügte ſich, auf jede Einladung zu antworten:„Ich habe keine Eile,“ und ein Anderer trat an ſeine Stelle. Nach Verfluß einiger Zeit entfernten ſich die Müßig⸗ gänger und Schwätzer, und der junge Menſch befand ſich allein bei Touquet, der ſein Betragen ſonderbar zu finden anfing. „Jetzt können Sie Ihren Platz keinem Andern mehr abtreten,“ ſagte der Barbier, dem Fremden einen Stuhl anbietend.„In der That, ich werde Ihnen den Bart nicht abnehmen, denn Sie haben keinen am Kinn... allein Sie ſind ohne Zweifel aus irgend einer Urſache hierher geiomnen... Sie haben nur zu befehlen, mein Herr.“ „Ja,“ ſagte der junge Menſch mit verlegener Miene und ſeine Blicke noch nach dem Hinterladen richtend, vich möchte.. meine Haare ſind zu lang und. v ben Sie ſich hieber, Herr Baccalaureus; Sie werden ſehen, daß ich geſchickt bin. Ich handhabe die Scheere ſo gut als das Scheermeſſer.“ rjunge Mann entſchließt ſich endlich, dem Barbier ſeinen Kopf zu überlaſſen, allein ſobald dieſer ihn einen Augenblick frei läßt, wendet er ſich um und blickt in den Hinterladen. 97 8 „Suchen Sie Etwas, mein Herr?“ ſagte Touquet endlich, dem dieſes Benehmen nicht entgeht. „Nein... nein.. ich ſah bloß, ob Sie allein ſeien...“ „Ja, mein Herr, Sie ſehen, daß ich Niemand brauche, um meinen Kunden Genüge zu thun.“ „In der That, man hat mir geſagt, daß Sie ſehr geſchickt ſeien.“ 2 „Und Sie haben auch Zeit gehabt, mein Talent zu beurtheilen, denn Sie befinden ſich beinahe ſchon zwei Stunden in meinem Laden.“ „Ich hatte durchaus keine Eile... und dann wollte ich bei Ihnen einige Erkundigungen einziehen... Sagen Sie mir, mein Freund, wer den erſten Stock dieſes Hauſes bewohnt?“ „Ich, mein Herr,“ ſagte Touquet nach einer augenblicklichen Zögerung; der junge Menſch aber ſcheint unzufrieden darüber, daß er dieſe Frage ge⸗ than hat.„Darf ich wiſſen, mein Herr, inwiefern Sie dieß intereſſirt?“ fragt Touquet, den Unbekann⸗ ten aufmerkſam betrachtend.— „Ach!... ich ſuche ein Logis in dieſem Stadt⸗ viertel... ich würde mich mit einem einzigen Zimmer begnügen... Vermiethen Sie keine Zimmer und könn⸗ ten Sie mir nicht eines einräumen, wenn dieſes Haus Ihnen gehört?“ 3 „Dieſes Haus gehört in der That mir, mein Herr, und doch kann ich Ihrem Wunſche nicht entſprechen.— Schon ſeit langer Zeit vermiethe ich keine Zimmer Paul de Kock, LV. 7 98 mehr, und ich habe im ganzen Hauſe, das nicht ſehr geräumig iſt, keinen leeren Raum.“ „Wiel Sie ſollten mir nicht einmal ein einziges Zimmer, ein einziges Cabinet überlaſſen können... Ich wiederhole es, ich möchte in dieſem Stadtviertel wohnen, weil ich oft in der Nähe des Louvre Ge⸗„ ſchäfte habe... ich würde Ihnen Alles bezahlen, was Sie von mir verlangten.“ „Alles!“ ſagte der Barbier, einen ironiſchen Blick auf die einfache Kleidung des jungen Menſchen wer⸗ fend.„Sie laſſen ſich vielleicht ein wenig zu weit ein, Herr Student. Uebrigens kann Ihrem Wunſche nicht genügt werden; ich fordere Sie auf, Ihrem Plane zu entſagen.“ Touquet legt einen ſtarken Nachdruck auf dieſe letztere Phraſe, und eine leichte Röthe färbt das Ge⸗ ſicht des Jünglings. Allein der Barbier hat nun ſein Geſchäft beendigt, und der junge Menſch kann nun f ſeinen Aufenthalt unmöglich bei einem Manne ver⸗ längern, der nicht geneigt ſcheint, die Unterhaltung fortzuſetzen, und dem er bereits zu viel geſagt zu haben befürchtet. Der Student ſteht auf, bezahlt und entfernt ſich aus dem Laden, allein nicht ohne — nooch einmal nach den Fenſtern des Hauſes hinauf⸗ b zuſchauen.— „Dieß iſt ein Verliebter,“ ſagte Touquet zu ſich, ſo ſich der Unbekannte entfernt hatte.„Ja, ſeine Verwirrung... ſeine Blicke... ſeine Fragen.. o, ich kenne alles das! Ich habe den Liebenden zu oft ſchon gedient, als daß ich mich je hierüber täu⸗ 99 ſchen könnte. Verflucht... das iſt es eben, was ich fürchtete... Wie viele Unannehnlichkeiten ſehe ich voraus! Wie viele Bekümmerniſſe ſtehen mir bevor! Er hat Blanca geſehen, aber wo?... wann?... wie?... Nie hat ſie ohne mich das Haus verlaſſen, und das iſt ſo ſelten... Gleichwohl iſt dieſer junge Menſch in ſie verliebt, ich wollte hundert Goldſtücke wetten. Holla! Margarethe, Margarethe!“ Die alte Dienerin hatte die ſtarktönende Stimme ihres Herrn gehört; ſie vollendet ein ſtilles Gebet an ihre Schutzheilige und ſteigt in den Laden hinab. „Seit wann iſt Blanca ausgegangen, ohne daß ich es weiß?“ fragt der Barbier in barſchem Tone. „Ausgegangen, Jungfer Blanca?“ antwortet Mar⸗ garethe, ihren Herrn erſtaunt anblickend. „Ja, ausgegangen mit ihr. Antworte ſie doch.“ „Gute heilige Jungfrau, das iſt ſeit zwei Jahren nicht geſchehen; damals war Blanca noch ein Kind; Sie erlaubten ihr nur zuweilen, mit mir einen Spazier⸗ gang auf der Pré-aux-Clercs zu machen... allein ſeit dieſer Zeit iſt die arme Kleine, glaube ich, nur zwei Mal mit Ihnen ausgegangen, und es war noch dazu Nacht, und Blanca hatte einen ſehr dichten Schleier...“ „Ich frage ſie nicht, ob ſie mit mir ausgegan⸗ gen ſei. Und iſt während meiner Abweſenheit kein Menſch gekommen, der mit ihr von Blanca geſpro⸗ chen und ſich in ihr Zimmer zu ſchleichen geſucht hätte?“ „In der That, ich würde ihn ſehr gut aufneh⸗ men! Kennen Sie mich nicht?... Den Ritter Chau⸗ — 100 dereille ausgenommen, ſieht das Fraͤulein Niemand; was den Letztern betrifft, ſo hat er ihr dieſen Mor⸗ gen eine Muſiklection gegeben...“ „O, Chaudoreille iſt nicht gefährlich!... allein wenn irgend ein Student, irgend ein junger Page in meiner Abweſenheit käme und Blanca zu ſprechen ſuchte, ſo ſei ſie darauf bedacht, dieſe Wagehälſe ſo⸗ gleich fortzufchicken.“ „Ja, mein Herr, ja. O! Sie können ruhig ſein ... Hat übrigens dieſes ſchöne Kind nicht ſtets den koſtbaren Talisman bei ſich, der es vor jeder Gefahr bewahrt? Ich würde zehn Liebhaber herausfordern, ihr den Kopf zu verdrehen, ſo lange ſie ihn trägt, und ich wache darüber, daß ſie ihn nie von ſich ent⸗ fernt.“ „Wache ſie darüber, daß ſie ihr Fenſter nie öff⸗ net, dieß wird beſſer ſein. Falls dieß vorkäme, ſo wäre ich genöthigt, ihr den kleinen Saal, der nicht auf die Straße geht, als Wohnung anzuweiſen.“ „Ach, mein Herr, Blanca würde daſelbſt vor Langeweile ſterben; man ſieht dort faſt gar nichts, und die arme Blanca, die nicht ausgeht, müßte daſelbſt des Tags bei Licht arbeiten.“ „Wenn das nicht wäre, ſo würde ſie es ſchon längſt bewohnen,“ ſagte Touquet mit gedämpfter Stimme und gab der Dienerin einen Wink, ſich zu asenan uabntes mit den Worten that:„Welch' ein Unglück, nicht an die Zaubermittel zu glauben! Wenn der Herr daran glaubte, ſo würde er dieſer — armen Kleinen nicht jedes Vergnügen rauben.“ 101 Der Barbier hatte ſich in ſeiner Meinung, daß der junge Menſch, der ſeinen Laden ſo ungern ver⸗ laſſen hatte, ein Verliebter ſei, nicht betrogen. Der Geſang der Italiener hatte Blanca's Ohren ſo ſehr bezaubert, daß ſie ſich an das Fenſter ge⸗s lehnt und ſich in dieſer Stellung nicht gerührt hatte, während ihr Muſiklehrer Variationen an dem Hirten⸗ lied machte. In eben dieſem Augenblicke ging Urbain vorüber; er war ſtehen geblieben, um die Muſik anzuhören, und während deſſen hatten ſich ſeine Blicke nach Blanca's Fenſtern gerichtet. Anfänglich hatte er nichts als ſehr kleine Scheiben geſehen; allein ſpäter hatten ſeine Augen hinter dieſen Scheiben eine ſo ſchöne Geſtalt und ſo ſchöne Augen bemerkt, daß er unbeweglich ſtehen geblieben war, die Blicke auf jenes Fenſter geheftet, an welchem das reizende Bild regungslos ſtand. Nach Beendigung der Muſik war die ſchöne Ge⸗ ſtalt verſchwunden, und der junge Menſch hatte zu ſich geſagt:„Es iſt alſe kein Irrthum: in dieſem Hauſe lebt ein Engel, eine Gottheit.“ Und da dieſer Engel, dieſe Gottheit das beſchei⸗ dene Haus eines Barbiers bewohnte, ſo hatte der Baccalaureus in den dritten Himmel zu dringen ge⸗ glaubt, als er in den Laden des Meiſters Touquet trat; allein zu irdiſcheren Gedanken zurückgekommen, als er nur Leute ſah, die ſich den Bart abnehmen ließen, was nichts Göttliches an ſich hat, aller Eſ⸗ ſenzen ungeachtet, mit denen man uns das Kinn be⸗ ſchmiert, hatte Urbain in der Hoffnung, die reizende 102 Geſtalt daſelbſt zu erblicken, ſeine Blicke in den Hin⸗ terladen geworfen, und ſeinen Aufenthalt bei dem Barbier ſo ſehr als möglich verlängert. Wir haben geſehen, was das Reſultat ſeiner Un⸗ terhaltung mit Meiſter Touquet war. Der junge Menſch entfernt ſich mißvergnügt; er ſieht ein, daß es ein Mißgriff von ihm geweſen iſt, den Barbier auszufragen, der wahrſcheinlich der Vater der Perſon iſt, die er bereits anbetet; denn die jungen Leute wurden in jener Zeit faſt eben ſo ſchnell von Liebe entflammt, als in der unſrigen. Er fühlt, daß er, ehe er in den Laden trat, einige Erkundigungen bei den Nachbarn des Barbiers hätte einziehen ſollen, und entſchließt ſich, da zu enden, wo er hätte be⸗ ginnen ſollen. Die Bäcker haben von jeher ſehr richtige Aufſchlüſſe über ihre Nachbarn ertheilen kön⸗ nen, weil die Nachbarn alle gezwungen ſind, zu dem Bäcker zu gehen oder zu ſchicken. Urbain bemerkt einen Bäckerläaden in einer geringen Entfernung; er bezahlt, ein Geſpräch mit einer Frau an, die ſich an dem Zähltiſche befindet; bald miſchen ſich alle Diene⸗ Unnen, die in dieſem Augenblicke herbeikommen„ in die Unterhaltung. „Kennen Sie einen Barbier in dieſer Straße?“ *„Einen Barbier? Ja, mein ſchöner Herr, da un⸗ nan der Ecke der Straße Honoré, den Meiſter Touquet... Haben Sie mit ihm zu ſchaffen?“ 4 auch iſt er ſehr reich geworden.. durch. Bartſcheeren 3 „SO, er iſt ein geſchickter Mann in ſeinem Fachel 103 oder irgend etwas Anderes, ich kann es Ihnen nicht gewiß ſagen! Nicht wahr, Frau Ledoux?“ „Es iſt gewiß,“ ſagte Frau Ledoux⸗ einen Korb voll Gemüſe auf den Zäßhltiſch ſtellend,„daß Touquet nicht immer in dem beſten Rufe geſtanden iſt! Ich bin ſchon zwanzig Jahre in dieſem Stadtviertel, und Gott ſei Dank, ich weiß Alles, was da vorgegangen iſt, Alles, was man da gethan hat, und Alles, was man noch da thut. Allein, um auf Meiſter Touquet zurückzukommen, o, das iſt ein verſchmitzter Schlau⸗ kopf; er hat ſich vor ungefähr fünfzehn Jahren in dieſer Straße niedergelaſſen und das Haus gemie⸗ thet, das Herrn Richard, dem Tuchhändler, ge⸗ hörte... „Ihm, deſſen Frau im ſiebenten Monate ihrer Ehe zwei ziemlich fette und ziemlich quatſchelige Zwil⸗ linge geboren hat?“ „Ja, und dieſe gleichen ihrem Vater nicht im mindeſten. Touquet wurde damals Zimmervermie⸗ ther und Barbier⸗Badehalter, und die Chronik ſagt, er ſei zudem noch den jungen Leuten von Stande bei ihren Liebesabenteuern beigeſtanden. Er hatte da⸗ mals zwei Ladenjungen, und hätte reich werden ſollen; gleichwohl aber ward er eine Zeitlang bettelarm, denn ſeine Ladenjungen verließen ihn, weil er ſie nicht bezahlen konnte. Man erſtaunte daher vor zehn Jahren, als er die Erziehung der Tochter eines Man⸗ nes übernahm, den er nicht kannte, der zufällig gin Logis bei ihm gemiethet hatte, und der in einen naächtlichen Streite zwiſchen einigen ſchlechten Sube 4 104 jecten und den Wachen getödtet wurde. Der arme Mann!... man fand ſeinen Leichnam da unten... in der Straße St. Honoré vor dem Laden des Krä⸗ mers.. erinnern Sie ſich daran, Frau Legras?“ Frau Legras, die in dieſem Augenblicke in die Bäckerswohnung tritt, wirft ſich unverzüglich auf ei⸗ nen Seſſel und ruft aus:„Guten Tag, meine Da⸗ men! Großer Gott, wie theuer ſind heute die Fiſche! man kann nicht an ſie hin!“ Urbain ſagt ſeufzend zu ſich:„Ach, die Fiſche wer⸗ den uns vom Barbier entfernen; allein um in der Liebe Fortſchritte zu machen, muß man oft Geduld haben!“ und das, was ſich von all dieſem Geklatſch auf Tou⸗ quet bezog, war dem jungen Studenten ungemein willkommen. „Ich wollte einen Aal kaufen, um meinen Mann damit zu bewirthen, aber unmöglich...“ „Iſt dieß ſein Leibeſſen?“ „Nein, aber er hat mich geſtern um die Baſtille ſpazieren geführt, und eine Galanterie iſt die an⸗ dere werth!. Ich kann mit Stolz ſagen, daß es wenige Haushaltungen gibt, in denen ſo große Ein⸗ tracht herrſcht wie in der unſrigen; in den vier Jah⸗ ren, ſeit denen ich mit Herrn Legras verheirathet bin, haben wir uns bloß fünf Mal geſchlagen, allein ſtets wegen Kleinigkeiten. „Wovon ſchwatzen Sie denn, meine Damen?“ „Von Touquet, unſerem Nachbar, über den der hier Erkundigungen einzuziehen wünſcht...“ „Von Touquet, dem Barbier? So wahr ich 105 lebe, meine Damen, Sie können ſagen, was Sie wol⸗ len, allein ich liebe dieſen Menſchen nicht.“ „Er iſt nichts deſto weniger ein ſchöner Mann.“ „Ja, von derſelben Geſtalt wie Herr Legras, allein in ſeiner Geſichtsbildung liegt etwas Hartes, Falſches und Wildes.“ „Ja, ſeit einiger Zeit, denn ehedem war er fröh⸗ licher, offener... gegenwärtig ſchwatzt er nicht mehr ... er ſpielt den Stolzen.“ „Darüber darf man ſich nicht wundern, er iſt reich geworden.“ „Ja, durch's Bartſcheeren vielleicht?“ „Wohl eher dadurch, daß er einigen großen Her⸗ ren bei ihren Liebesgeſchichten behülflich geweſen iſt .. daß er, aus Auftrag, die Schönen verführt hat.“ „Wohlan, meine Damen, keine Bosheit! Was mich betrifft, ſo wiſſen Sie wohl, daß ich keine Läſterzunge bin! Herr Touguet iſt ſehr geſchickt in ſeinem Fache. Ich weiß wohl, daß er manchen Bart hat abnehmen müſſen, um das Haus, in welchem er wohnt, kaufen und baar bezahlen zu können; allein man ſagt, der Bar⸗ bier ſei gegenwärtig eben ſo vernünftig als ſparſam.“ „Wenn der Teufel alt wird...“ „Touquet iſt nicht alt; er hat kaum vierzig Jahre.“ „Deßwegen wird es ihm auch Vergnügen gemacht haben, jenes kleine Mädchen an Kindesſtatt anzu⸗ nehmen.“ „Dieß habe ich dem Herrn erzählt. Arme Kleinel* ... man hat nicht einmal gewußt, was ihr Vater war* 244 106 Brief mit der Adreſſe gefunden: Herrn Moranval, Edelmann.“ „Ach, es war ein Edelmann?“ „Ja, meine Theure. O, ich erinnere mich an alles das, als ob es erſt geſtern geweſen wäre!“ „Wie glücklich iſt man, wenn man ein ſolches Ge⸗ dächtniß hat! Und was enthielt dieſer Brief?“ „Es ſcheint, daß er nur aus einigen Zeilen beſtan⸗ den hat, aus denen man eben nicht ſehr viel Erheb⸗ liches erſehen konnte; man ermahnte dieſen Moran⸗ val zu großer Vorſicht in der Sache, die ihn nach Paris führte!... Allein welche Sache?... man weiß nichts hierüber.“ „Fand man nichts Anderes bei ihm?? „Nein; ohne Zweifel wurde der arme Mann ge⸗ plündert, nachdem er getödtet war.“ „Man ging ohne Zweifel zu Touquet, und erkun⸗ digte ſich bei ihm uͤber das, was er von dem Manne wußte?“ „Touquet antwortete dem Gerichtsbeamten, dieſer Mann ſei den Tag zuvor bei ihm angekommen und habe ſich für einen Edelmann ausgegeben, der ei⸗ nige Zeit lang in Paris bleiben müſſe; er habe zuerſt verlangt, man ſolle ſeine kleine Tochter zu Bette bringen, dann ſei er ausgegangen, nachdem er zu⸗ vor erklärt habe, daß er einige Stunden abweſend ein werde; er habe ihn des Nachts lange erwartet, und das öffentliche Gerücht habe ihm erſt den fol⸗ genden Morgen verkündet, daß man bei Anbruch „O ja, meine Nachbarin, man hat bei ihm einen 6* 107 des Tages in der Straße St. Honors einen Mann erdolcht gefunden habe. Bereits wegen ſeines Gaſtes beſorgt, habe er ſich zu dem Schlachtopfer begeben und den Mann in demſelben erkannt, der den Abend zuvor bei ihm angekommen ſei.“ „Ich hoffe, daß dieß eine Geſchichte iſt!. Un⸗ glücklicher Weiſe erfährt man viele ähnliche Geſchichten; unſere Straßen ſind wahre Mördergruben.“ 3 „Die Herren vom Parlamente erlaſſen jedoch ziem⸗ lich oft Dekrete; es ſcheint jedoch, daß dieß nicht viel nützt.“ „Es iſt noch nicht lange, daß ein Rath von der Unterſuchungskammer auf ähnliche Weiſe ermordet worden iſt.“ „Das Parlament hat kürzlich eine neue Ordonanz gegen die Ruheſtörer erlaſſen; nicht wahr, mein Herr?“ „ZJa,“ ſagte Urbain,„der Generalprokurator hat ſich über die Mordthaten und Räubereien beklagt, die täglich, ſowohl auf den Landſtraßen als in die⸗ ſer Stadt und in ihren Vorſtädten, durch bewaffnete Perſonen begangen werden, welche in die Häuſer der Privaten einbrechen, und zwar durch die Nach⸗ läßigkeit der Polizeibeamten. Das Parlament hat geſtern einen neuen Beſchluß gefaßt, des Inhalts, daß die Vagabunden, die heimathloſen Leute und Nachidiebe die Stadt Paris und ihre Vorſtädte in vierundzwanzig Stunden räumen ſollen.“ „Ahl darum haben wir dieſe Nacht einen noch weit größern Lärm gehört!“ 1 108 „Und der Barbier Touquet iſt nicht verheirathet?“ beginnt Urbain wieder, der die Unterhaltung auf den Gegenſtand, der ihn anzieht, zurückzuführen wünſcht. „Nein, er iſt noch Junggeſelle,“ ſagte Frau Ledoux. „Alſo iſt das junge Mädchen, das bei ihm wohnt..“ „Das iſt die Kleine, die er an Kindesſtatt ange⸗ nommen hat...“ „Sie hat keinen andern Beſchützer?“ „Und welchen ſollte ſie denn haben, da Niemand ihre Eltern kennt! Touquet hat, ſagt man, große Sorge für ſie getragen; man muß ihm dieſe Gerech⸗ tigkeit wiederfahren laſſen. Er hat zur Bedienung der Kleinen eine Magd zu ſich genommen, die alte Margarethe... eine Schwätzerin, die überall nach Schutzmitteln gegen den Wind, den Donner und die Zauberer, oder auch nach Zaubermitteln, die ihre theure Blanca vor den Schlingen der Liebhaber be⸗ wahren können, fragt.“ „Blanca! das iſt alſo der Name des jungen Mäd⸗ chens?“ „Ja, ſo nennt man ſie.“ „Und dieſe alte Frau iſt allein bei ihr?“ „Ei, iſt das nicht genug? Uebrigens geht die Kleine niemals aus, und thut ſogar nicht einmal einen Blick durch's Fenſter.“ „Sagen Sie mir doch, meine Damen, glauben Sie nicht, gleich mir, daß der Barbier dieſes hübſche Kind für ſich erzieht, und daß er ihr nur deßwegen ſo große Aufmerkſamkeit widmet, weil er in ſie verliebt iſt?“ 109 „Das könnte wohl möglich ſein, mein Herr... Touquet iſt noch jung, er will ſie vielleicht heirathen.“ „Bahl ich wenigſtens glaube das nicht. Erſtens verſichert man, die junge Perſon ſei nicht ſchön... ich habe dieß von jenem kleinen, magern Schurken mit dem langen Degen gehört, der oft zu dem Bar⸗ bier geht; er behauptet, die Waiſe ſei ſehr häßlich.“ „Häßlich!“ ruft Urbain lebhaft aus,„das iſt eine abſcheuliche Lüge!“ „Der Herr hat ſie alſo geſehen!“ rufen alsbald die Gevatterinnen aus, den jungen Menſchen mit boshafter Miene anblickend. Dieſer fühlt, daß er eine Unklugheit begangen hat, allein da er von die⸗ ſen Damen nichts mehr zu erforſchen hat, ſo macht er ihnen eine tiefe Verbeugung und verläßt ſchnell den Laden, indeß die Gevatterinnen unter ſich ſagen: „Wohlan, er iſt weggegangen und hat uns nicht geſagt, was er von Touquet will!“ Allein Urbain hat genug erfahren, und den Weg nach der Straße Montmartre, in welcher er wohnt, einſchlagend, ſpricht unſer Verliebter Folgendes bei ſich:„Sie iſt nicht die Tochter des Barbiers; er hat ihr Vaterſtelle vertreten, allein er hat bloß die Rechte an ſie, welche die Wohlthätigkeit auf ein dankbares Herz verleiht. Sie iſt die Tochter eines Edelmanns, um ſo beſſer; mein Vater war auch Edelmann, er hat unter König Heinrich tapfer gefochten. Die alten Krieger erinnern ſich noch des Kapitäns Dorgeville, und der Name, den er an mich vererbt hat, iſt rein und fleckenlos. Ich bin allein, bin mein eigener Herr; 110 habe, wie ſie, keine Eltern mehr; vor einem Jahre hat der Tod mir meine gute Mutter geraubt; mein Vermögen iſt nicht ſehr beträchtlich: zwölfhundert Livres Einkommen und ein kleines Haus an den Ufern der Loire iſt Alles, was mir mein Vater hinterlaſſen hat; allein ſie hat nicht mehr, und wenn ich ar⸗ beite, werde ich ſie glücklich machen können. Ich habe es bis zum Baccalaureus gebracht... allein ich will eine trockene Bahn verlaſſen, die Wiſſenſchaften füh⸗ ren zu langſam zum Glücke!... Weiß ich nicht ge⸗ nug, wenn es mir gelingt, ihr zu gefallen?... Ja⸗ damit muß ich mich allererſt beſchäftigen. Wenn ſie mich liebt, ſo verlange ich von dem Barbier ihre Hand; wenn er ihr Glück ſichern will, ſo wird er mir ſie nicht ausſchlagen können... wofern er nicht ſelbſt... wenn dieſe Frauen die Wahrheit geſagt hät⸗ ten, wenn er in ſie verliebt wäre? Der rauhe Ton, in welchem er mir dieſen Morgen geantwortet hat, ſeine Weigerung, mir ein Logis in ſeinem Hauſe einzuräumen, könnten mich bewegen, es zu glauben .. Und jener Elende, der frech genug geweſen iſt⸗ zu behaupten, ſie ſei häßlich... da doch mein Auge noch nie einen entzückenderen Gegenſtand erblickt hat .. Ahl nicht von ihr wollte er ſprechen. Was auch geſchehen mag, ich will ſie ſehen, will ihr die ganze Liebe, die ſie mir eingeflößt hat, offenbaren, und wenn es mir gelingt, ihr zu gefallen, ſo wird nichts mich hindern können, ihr Gatte zu werden.“ Dieß ſind, wird man ſagen, ſehr närriſche An⸗ ſchläge in Betreff eines jungen Mädchens, deren 111 Geſtalt man bloß durch dunkle Fenſterſcheiben erblickt hat, und auf den Beſttz dieſes faſt idealen Gegen⸗ ſtandes baut Urbain bereits das Glück ſeines Lebens. Allein gehen wir auf uns ſelbſt zurück, und wir wer⸗ den finden, daß wir wahrlich nicht vernünftiger ſind! Glücklich wären wir zu nennen, wenn ſich zwiſchen uns und den Träumen, in denen wir uns wiegen, oft nur die Dicke einer Fenſterſcheibe befände. Der Knoten der Antriguen ſchürzt ſich. Chaudoreille eilt mit großen Schritten nach der Altſtadt; die zehn Thaler, welche er in ſeinem Beutel fühlt, auf den er beim Gehen aus Klugheit beſtändig die Hand hält, veranlaſſen ihn, den Kopf noch dün⸗ kelhafter empor zu richten. Er hat ſeinen kleinen Hut auf ſein linkes Ohr dergeſtalt geſetzt, daß die alte rothe Feder, die auf ihm prangt, genau auf ſein rechtes Auge zurückſinkt und der Ritter bei jedem Schritte, den er thut, ſeinen Blick an dem Schwan⸗ ken ſeines Federbuſches weiden kann. Nie hat ſich Chaudoreille ſo leicht, ſo mit ſich ſelbſt zufrieden gefühlt. Blanca's Bild ſchwebt noch vor ſeinen Augen, und ſtets voll Zuverſicht auf ſein Verdienſt, überredet er ſich, daß die junge Agnes ihn nicht mit Gleichgültigkeit ſehe. Andererſeits ſchmeichelt das ihm aufgetragene Unternehmen ſeiner Eigenliebe; er hält ſich für den Freund, den Ver⸗ trauten des Marquis von Villebelle, obgleich dieſer noch nie ein Wort mit ihm geſprochen hat; allein 112 er glaubt, daß die Gewandtheit, mit der er deſſen Liebesprojekte befördern werde, dem großen Herrn bälder oder ſpäter zu Ohren kommen und ihm ſeine Gunſt erwerben werde. Von dieſen Gedanken erfüllt, beeilt er ſich, den ihm von Touquet bezeichneten Laden zu erreichen. Ehe er hineintritt, faßt Chaudoreille ſeine Ge⸗ danken noch einmal zuſammen:„Es handelt ſich hier,“ ſagt er zu ſich,„nicht davon, wie ein Schulfuchs auszuſehen und das ganze Magazin unter einander zu werfen, ohne Etwas zu kaufen; vergeſſen wir nicht, daß ich der Abgeſandte eines großen Herrn bin. Man hat nur zehn Thaler als Abſchlagszahlung an der für meine Dienſte mir zugedachten Belohnung gegeben, ich kann daher wohl vierundzwanzig Sous ausgeben.“ Nachdem er dieſen Entſchluß gefaßt hat, öffnet er die Thüre des Ladens und tritt ſchnell hinein; allein während er eine Wendung machen will, um ſich mehr Anſtand zu geben und zu gleicher Zeit rechts und links zu grüßen, ſchleudert er die Scheide ſeines Rolands an eine Scheibe der Glasthüre und zer⸗ ſchmettert ſie in tauſend Stücke. Chaudoreille geräth in Verwirrung und ſeine Ge⸗ ſtalt beugt ſich vorwärts, denn er berechnet, daß der Preis der Scheibe die Ausgabe, die er machen will, bereits überſteigt. Zwei junge Mädchen, welche links in einem Comptoir ſitzen, brechen laut in ein ſchal⸗ lendes Gelächter aus, während eine alte, ihnen ge⸗ genüber ſitzende Frau zwiſchen den Zähnen murmelt: „Wie ungeſchickt das doch iſt!“ 113 „Ich werde es bezahlen,“ ſagte endlich Chaudo⸗ reille, einen tiefen Seufzer holend. „In der That, ich hoffe es,“ erwiedert die Han⸗ delsfrau,„allein hat man auch je irgend Jemand einen größern Degen tragen geſehen!“ Bei dieſen Worten richtet ſich der Ritter wieder empor, hält ſich auf ſeinen Fußſpitzen und ſagt, dem alten Weibe einen zornigen Blick zuwerfend:„Es fällt mir ſehr auf, daß man ſich ſolche Bemerkungen erlaubt; ich ir ige die Waffe, die mir geziemt, und wenn ein bärtiges Kinn mir Etwas der Art geſagt hätte, ſo würde mein Degen auf der Stelle das Maß von ſeinem Körper genommen haben.“ „Was ich darüber geſagt habe, ſagte ich nicht, um Sie zu kränken, mein Herr,“ erwiedert die alte Handelsfrau, einen mildern Ton annehmend;„es ſchien mir nur, dieſer lange Raufer hindere Sie im Gehen.“ 1 „Mich hindern!... das iſt noch ärger!“ Mit dieſen Worten kehrt Chaudoreille der Handelsfrau den Rücken und nähert ſich den jungen Perſonen. „Ich bin nicht hieher gekommen,“ redete er ſie an, „um über die Länge meines Degens zu ſtreiten, laſſen wir dieſe Frau faſeln.“ „Was wünſcht der Herr?“ ſagt ein junges, ſchiel⸗ äugiges Mädchen mit platter Naſe, dicken Lippen, krummem Kinn und einer dunkelrothen Geſichtshaut, die mit einer Schichte von Firniß überzogen zu ſein ſcheint. Chaudoreille betrachtet ſie einige Augenblicke Paul de Kock. LV. 8 114 und ſagt bei ſich:„Der Henker, ſie gleicht dem Ge⸗ mälde, das man von der Kleinen entworfen hat, nicht ganz; es iſt wahr, die Liebe iſt blind und die großen Herren lieben die originellen Phyſiognomien.“ Allein nachdem Herr Chaudoreille die Perſon, die ſo eben das Wort an ihn gerichtet, eine Zeit lang betrachtet hat, wendet er ſein Auge von ihr ab und erblickt ein anderes Frauenzimmer, das Bänder mit der Elle mißt. Beim erſten Blicke hat der Abge⸗ ſandte des Barbiers das junge Mädchen erkannt, deren Bild man ihm entworfen hat: ſie war genau ſo, wie Meiſter Touquet ſie ihm beſchrieben hat, nur die Farbe ihrer Augen, die ſie auf den Zeug gerichtet, hat er noch nicht bemerken können. Chaudoreille nähert ſich ihr und macht ihr eine anmuthige Ver⸗ beugung, indem er leiſe zu ſich ſagt:„Das iſt un⸗ ſere Perſon; ich habe einen erſtaunlich feinen Takt, um richtig zu errathen. Andere würden eine ganze Stunde lang ſchwanken; allein ich erkenne diejenigen, welche man mir bezeichnet hat, auf den erſten Blick, und ich täuſche mich nie.“ „Das ſind köſtliche Bänder,“ ſagte Chaudoreille, ſich mit unbefangener Miene auf das Comptoir ſtü⸗ zend, nachläßig ſein Kinn ſtreichelnd und die leichten Manieren nebſt dem unverſchämten Tone der Stutzer des Tags zu copiren ſuchend. Das junge Mädchen blickt jetzt nach dem Ritter auf: der Glanz, der Ausdruck ihrer Augen hemmen Chaudoreille mitten in einem Complimente, von dem er die glücklichſte Wirkung erwartete. 115 „Der Henker! welcher Blick, welches Feuer!“ ſagt er zu ſich, einen Schritt rückwärts tretend, wäh⸗ rend das Mädchen fortfährt, ihn zu betrachten, was ihn vollends ſo ſehr bezaubert, daß er eine leichte Kreiswendung wagt, bei welcher Rolands Scheide einer auf einem benachbarten Tabouret ſitzenden Katze beinahe das Auge ausgeſchlagen hätte. Ein ſpöttiſches Lächeln ſchwebt auf den Lippen des jungen Mädchens, während ſie zu Chaudoreille ſagt:„Welches Band wünſcht der Herr?“ „Welches Band 2... meiner Treu, ich weiß es ſelbſt nicht recht... Etwas, das zu meiner übrigen Kleidung paßt... ich will eine Bandroſe für Roland.“ „Was iſt dieſer Roland, mein Herr?“ „Mein Degen, ſchöne Brünette, den ich Jedem in den Leib ſtoßen werde, der läugnet, daß Sie die ſchönſten Augen auf der Welt haben.“ Entzückt über ſein Compliment ſagt Chaudoreille ganz leiſe zu ſich:„Nehmen wir uns in Acht, gehen wir nicht zu weit, ſeien wir nicht zu liebenswürdig, vergeſſen wir nicht, daß ich nicht für meine Rechnung hier bin... dieſes junge Mädchen ſcheint bei meinem Anblicke zu entbrennen... Zum Henker! wenn ich eine Krauſe hätte, ſo würde ich, ohne es zu wollen, die Kleine dem Marquis von Villebelle wegkapern!... Wohlan, Chaudoreille, verbirg Deine Reize, wenn Du kannſt, ſchieße Deine Blicke nicht auf dieſe hübſche Perſon, und beeile Dich, ihr zu ſagen, daß Du nicht der biſt, mit dem ſie ſich beſchäftigen muß.“ Während Chandoreille dieß ſagt, beſchaut und 116 entrollt er zwanzig verſchiedene Arten von Bändern, nähert ſie dem Griffe ſeines Degens und blickt von Zeit zu Zeit umher, um ſich zu verſichern, ob er ſprechen könne, ohne von den zwei andern Frauen⸗ zimmern, welche ſich in dem Laden befinden, gehört zu werden. Dieſes Benehmen entgeht dem jungen Mädchen nicht, die zu den Zeichen von Einverſtänd⸗ niß, welche ihr Chaudoreille gibt, lächelt und zu er⸗ warten ſcheint, daß er ſich deutlicher erkläre. Zum Glücke für den Letzteren treten zwei Perſonen in den Laden, und während die Alte und das andere Frauen⸗ zimmer damit beſchäftigt ſind, ſie zu bedienen, knüpft er mit halblauter Stimme die Unterhaltung alſo an: „Ich bin nicht bloß hieher gekommen, um ein Band zu kaufen, himmliſches Geſchöpf!“ „Wenn Sie etwas Anderes verlangen, ſo ſprechen Sie, mein Herr, man wird Sie bedienen.“ „Julie, ſind Sie noch nicht fertig mit dieſem Herrn?“ ſagte die Alte in ungeduldigem Tone, den langen Raufer des Ritters, der, ſo oft er ſich regt, die Augen ihrer Katze bedroht, mürriſch anblickend. „Der Herr entſchließt ſich nicht,“ erwiedert Julie, während Chaudoreille mit unverſchämter Miene aus⸗ ruft:„Es ſcheint mir, daß es mir freiſteht, die Farbe auszuwählen, die mir gerade gefällt... Wenn ein Menſch wie ich in einen Laden kommt, ſo muß man, mein Schatz, darauf bedacht ſein, ihn ſo lange als möglich daſelbſt aufzuhalten; wenn Ihnen meine Kundſchaft lieb iſt, ſo laſſen Sie mich mit dieſem ſchönen Kinde ſchwatzen, ſo lange es mir gefällt.“ 117 Dieſe unverſchämten Reden waren damals ſo ſehr Mode, daß die Handelsfrau ſchwieg, ſtatt den Ritter zur Thüre hinauszuwerfen, was gegenwärtig einem Stutzer geſchehen könnte, der ſich wie Chau⸗ doreille benähme. „Beim Henker, wenn man dieſe Spießbürger nicht an ihren Ort verwieſe, ſie würden, glaube ich, ſich erlauben, uns Bemerkungen zu machen,“ ſagte Chaudoreille, ein roſenrothes Band zum zwanzig⸗ ſten Male ſeinem Wammſe nähernd.„Dieſe Farbe paßt gut für mich... Was halten Sie davon, be⸗ wundernswürdiges Jüngferchen?“ „Ich glaube, daß dieſe Bänder zu friſch ſind, um ſich mit den Kleidern des Herrn zu vereinigen, und das wird immer grell abſtechen.“ „Ich geſtehe, daß der Sammt meiner Jacke ein wenig abgeſchoſſen iſt, allein was wollen Sie: wenn ein Menſch ſich ſchlägt, ſo wird er nothwendig be⸗ ſtäubt und beſchmutzt... meinen Mantel da habe ich z. B. erſt ſechs Wochen, und ich wette, daß Sie ihm ein Alter von wenigſtens einigen Monaten geben.“ „Entſchließen Sie ſich doch, was Sie für ein Band wollen, mein Herr!“ ſagte das junge Maͤd⸗ chen, ohne ſeine Frage zu beantworten. „Nun denn, ich will eine roſenfarbene Band⸗ roſe,“ ſagte Chaudoreille und fügte in geheimniß⸗ vollem Tone hinzu:„Ich habe Ihnen etwas ſehr Wichtiges mitzutheilen.“ „Ich muthmaße es,“ erwiedert Julie. „Wohlan!“ ſagte Chaudoreille zu ſich,„ich wette,— 118 ſie glaubt, daß ich in ſie verliebt ſei, und erwartet mit Ungeduld meine Erklärung. Ich bin unverbeſſer⸗ lich!... ich laſſe mich hinreißen... und ich verdrehe ihr den Kopf, ohne es zu merken. Beeilen wir uns, ſie zu enttäuſchen.“ „Nein, ſchöne Brünette, Sie muthmaßen nichts,“ erwiedert er, die Augen mit kokettiſcher Geberde niederſchlagend,„ich muß Ihnen geſtehen, daß es ſich nicht von mir handelt, und daß ich nur der Ge⸗ ſandte der Amoretten bin, obſchon Sie mich für den Amor ſelbſt hätten halten können.“ Ein lautes und anhaltendes Lachen, in das Julie ausbrach, hindert Chaudoreille fortzufahren; er weiß anfangs nicht, wie er dieſe Ausbrüche von Frohſinn nehmen ſoll, allein da ſeine Eigenliebe ihn die Dinge ſtets in dem für ihn günſtigen Lichte erblicken läßt, ſo entſchließt er ſich, ebenfalls zu lachen, während er zu dem jungen Mädchen mit halblauter Stimme ſagt:„Nicht wahr, es iſt ſehr drollig, mich die Rolle des Botſchafters eines Liebhabers ſpielen zu ſehen? Ich, der ich ihnen faſt alle ihre Eroberungen weg⸗ kapere!... das iſt in der That ſehr luſtig!“ „Nun denn, Herr Geſandter, theilen Sie mir Ihre Botſchaft mit,“ ſagte Julie, einen mitleidigen Blick auf den Abgeſandten werfend. Chaudoreille blickt noch einmal umher, legt einen Finger auf ſeinen Mund, betrachtet die Perſonen, die ſich in dem Laden befinden, entfernt das Tabouret, auf welchem die Katze liegt, von ſich, beugt ſich dann nach Julie mit der Miene eines Verſchwörers 119 hin und flüſtert ihr in's Ohr:„Ein großer Herr ſchickt mich zu Ihnen... er iſt ein gewaltig reicher Mann.. und ein Günſtling des... ein Liebhaber der...“. „Es iſt... es iſt der Marquis von Villebelle,“ ſagte die ungeduldige Julie,„ich weiß es ſchon lange! Was will er von mir? was hat er Ihnen mir zu ſagen aufgetragen? Wohlan, mein Herr, beendigen Sie...“ „Ich muß ſehr geſchickt ſein,“ ſagte Chaudoreille bei ſich,„weil man, ohne daß ich ſpreche, Alles erräth, was ich ſagen will!... Da Sie ſeinen Na⸗ men wiſſen,“ beginnt er wieder, ſein Geſicht von Neuem Juliens Ohre nähernd, die ihn ungeſtüm zurückſtößt,„ſo habe ich nicht nöthig, es Ihnen zu ſagen; dieſer große Herr betet Sie an.“ „Er hat Ihnen ohne Zweifel nicht den Auftrag gegeben, mir ſeine Geſinnungen auszudrücken.“ „Nein, aber er hat mir aufgetragen, Sie um eine geheime Zuſammenkunft zu bitten; wenn Sie ihm dieſe Gunſt nicht gewähren, ſo legt er in den vier Winkeln dieſer Straße Feuer ein, um das Ver⸗ gnügen zu haben, Sie zu retten. Ich flehe Sie an, ſchöne Julie, denn ſo nennt man Sie, glaube ich, was mich vermuthen läßt, daß Sie keine Franzöſin ſind... Habe ich richtig errathen?“ „Hat man Ihnen aufgetragen, mich dieß zu fra⸗ gen,“ ſagte Julie, einen verächtlichen Blick auf Chaudoreille werfend. Dieſer beißt ſich in die Lippen, ſetzt ſeine linke 12²0 Hand auf ſeine Hüfte und ſagt mit gedämpfter Stimme:„Was werde ich dem Marquis von Ville⸗ belle ſagen, deſſen Buſenfreund ich bin und den ich in dieſem Augenblicke vertrete?“ „Daß er ſeine Geſandten beſſer wählen ſolle!“ ſagte Julie in trockenem Tone. „Ich wußte es doch,“ ſagte Chaudoreille zu ſich, einige Schritte zurücktretend;„ſie iſt in mich verliebt geworden, denn meine Perſon hat noch immer un⸗ widerſtehliche Reize! Das Alles iſt ſehr unangenehm .. ich hätte mich ein wenig verhüllen oder wenig⸗ ſtens meinen Augen nicht erlauben ſollen, neue Wunden zu ſchlagen... es iſt hier Geld zu gewin⸗ nen; der Teufel, verlieren wir es nicht aus dem Geſichte.“ Chaudoreille ſagt nun wiederholt zu Julien, in⸗ dem er ſie aus Klugheit nur ſein Profil ſehen läßt: „Was werde ich dem Marquis ſagen; wo gehen Sie morgen Abend ſpazieren?“ Das junge Nädchen ſchweigt einige Augenblicke und ſcheint in tiefes Nachdenken verloren; während dieſer Zeit betaſtet Chaudoreille ſeinen Beutel, mit Ungeduld die Antwort des Mädchens erwartend und zu ſich ſagend:„In jedem Falle werde ich die zehn Thaler nicht zurückgeben.“ „Morgen Abend um acht Uhr auf der Brücke la Tourneille,“ ſagte endlich die junge Italienerin, denn Julie war in der That keine Franzöſin. „Es iſt genug,“ antwortet Chaudoreille, ſtets eine ſolche Stellung behauptend, daß dem jungen 121 Mädchen nur ſein Profil ſichtbar iſt.„Ich verlange nicht weiter von Ihnen und ich entferne mich aus Furcht, mein Anblick möchte eine Aenderung Ihres Entſchluſſes bewirken.“ Der Abgeſandte hat bereits die Thüre geöffnet, als Julie ihn zurückruft.„Sie vergeſſen Ihr Band zu bezahlen, mein Herr!“ ſagte ſie zu ihm. „Das iſt bei Gott wahr; hol' mich der Teufel! ich mache ſtets ſolche Streiche; ich bin unbegreiflich unbeſonnen!“ Mit dieſen Worten zieht Chaudoreille ſeinen Beutel heraus und richtet ein ungeheures Geraſſel mit den zehn Thalern an, die er enthält, indem er ſie mehr⸗ mals in ſeiner Hand zählt und wieder zählt.„Ich weiß nicht, ob ich Münze zu mir genommen habe,“ ſagte er,„gewöhnlich trage ich nur Gold bei mir, das iſt leichter... Wie viel muß ich bezahlen, ſchöner Engel?“ „Dreißig Sous, mein Herr.“ „Dreißig Sous für eine Bandroſe!“ ruft Chau⸗ doreille aus, ſonderbare Geberden ſchneidend und die Thaler in ſeinen Beutel zurückſchiebend;„das ſcheint mir ziemlich theuer! Sie ſehen, daß das Band ſehr ſchmal iſt.“ „Es fällt mir auf,“ ſagte Julie lächelnd,„daß ein Menſch, der nur Gold bei ſich trägt, um eine ſolche Kleinigkeit handelt.“ „Ich handle nicht, aber noch einmal, es ſcheint mir, man könnte Etwas nachlaſſen, und um vierund⸗ zwanzig Sous muß man eine prächtige Bandſchleife 122 erhalten. Doch gleichviel, ich ſträube mich nicht, zu bezahlen. Geben Sie mir meinen Reft zurück.“ Seufzend bietet er einen von ſeinen Thalern dar, und während Julie ihm ſeinen Reſt zurückgibt, be⸗ feſtigt er ſeine roſenfarbene Bandroſe an Rolands Griff; die Wirkung, welche das Band hervorbringt, lindert den Kummer ein wenig, den er darüber empfindet, daß er dreißig Sous ausgeben muß. Er nimmt die Münze und ſich ohne Zweifel erinnernd, daß man noch eine andere Forderung an ihn machen könne, läuft er nach der Thüre, ſtürzt auf die Straße hinaus, und verſchwindet mit Blitzesſchnelle. „Und meine Scheibe,“ ſagte die alte Handelsfrau, at er meine Scheibe bezahlt?“ mein Gott, nein, Madame!“ erwiedert „Ach! ich war überzeugt... laufen Sie doch, meine Jungfern, laufen Sie, dieſer unverſchämte Laffe, der mit ſeinem alten) abgeſchabenen Mantel und ſeiner Feder, mit der ich nicht einmal meine Fächer putzen möchte, den galanten Herrn ſpielen will, er wirft Alles durcheinander, er ſtößt meiner Katze beinahe die Augen aus, er ſagt mir Unver⸗ ſchämtheiten, handelt zwei Stunden lang um eine Bandroſe, und läuft davon, ohne die Scheibe zu bezahlen, die er zerbrochen hat... das iſt ein ausge⸗ machter Spitzbube, ein Beutelſchneider...“ Die zwei Frauenzimmer hatten die Thüre des Ladens geöffnet und auf die Straße geſchaut allein der Herr Ritter war nirgends mehr zu ſehen.„Daran 123 bin ich Schuld, Madame,“ ſagte Julie;„ ich hätte ihm den Betrag der Scheibe abfordern ſollen.“ „Ja, Jungfer, das wird ſie ein ander Mal lehren, nicht mehr auf die Reden dieſer Herren zu hören, die viel Lärmen machen und keinen Sous in der Taſche haben.“ Die junge Italienerin antwortet nichts; es iſt wahrſcheinlich, daß in dieſem Augenblick Chaudoreille und die Scheibe ſie nicht beſchäftigen. Die Nacht iſt eingebrochen; ſeit einigen Stunden hört man keinen Laut mehr in dem Laden des Bar⸗ biers, der, ſeiner Gewohnheit zufolge, ſeinen Laden ſchließt, ſobald ſich der Tag neigt, da er des Abends keinen Fremden zu empfangen pflegt und keine Kun⸗ den mehr erwartet. Dieſen Augenblick hat Touquet einem Mittag⸗ eſſen gewählt, obſchon man dämals dieſes Mahl ge⸗ wöhnlich weit früher einnahm. Das Mittageſſen des Barbiers konnte daher a ch für ein Nachteſſen gelten. Sobald Margarethe aus ihrer Küche ruft:„Man erwartet Sie, Fräulein!“ verläßt Blanca ihr Zim⸗ mer und eilt in den untern Saal herab, wo das Eſſen aufgetragen iſt. Touquet ſpeist mit dem jungen Mädchen; dieſer Augenblick des Tages vereinigt ſie am längſten, obſchon der Barbier ihn, wie es ſcheint, ſo viel als möglich abzukürzen ſucht. Er bleibt nur ſo lange bei Tiſch, als er zur Befriedigung ſeines Appetits nothwendig bleiben muß, und beantwortet Blanca's Aeußerungen nur durch einſylbige Worte, um die Dauer der Mahlzeit nicht zu verlängern. 124 Auch dieſes Mal ſitzt der Barbier wie gewöhnlich an dem Kamine und erwartet Blanca's Ankunft; allein ſobald ſie erſcheint, heftet er gegen ſeine Ge⸗ wohnheit die Augen auf das junge Mädchen und ſcheint in den ihrigen leſen zu wollen. Erſtaunt, ſich von dem Manne, deſſen Blicke ihrem Lächeln ſtets ausgewichen waren, auf dieſe Art be⸗ trachtet zu ſehen, ſchlägt Blanca unwillkürlich ihre Augen, aus denen Offenherzigkeit und Unſchuld ſpre⸗ chen, nieder, und eine ſtärkere Röthe ſchmückt ihre Wangen, denn die Blicke des Barbiers haben etwas Durchdringendes, an das ſie nicht gewöhnt iſt. Allein Touquet ſcheint bereits beruhigt: der Aus⸗ uck der Geſichtszüge des jungen Mädchens hat ſeine Beſorgniſſe verjagt. Er ſetzt ſich an den Tiſch und gibt dem nszedeae Kind ein Zeichen, ſeinen gewohnten Platz einzunehmen. Die Mahlzeit ſcheint wie gewöhnlich ſtill vorübergehen zu wollen; bloß Margarethe wagt, indem ſie die Teller wechſelt und die Schüſſeln herbeibringt, einige Phraſen, welche Blanca durch ein Paar Worte beantwortet. Allein plötzlich ruft das junge Mädchen, das ſich an eine angenehme Idee zu erinnern ſcheint, aus:„ Mein Freund, haben Sie dieſen Morgen die Muſik ge⸗d hört?“ „Die Muſik?“ ſagte Touquet, Blanca verſtohlen anblickend;„ich glaube ſie gehört zu haben.“ „O, ſie war ſehr ſchön! Anfänglich wurde ita⸗ lieniſch geſungen, dann eine Romanze in franzöſiſcher Sprache... warten Sie... ich glaube, ich weiß den ’ 125 Schlußreim noch.“ Blanca ſingt jetzt mit Ausdruck: „J'aime et c'est pour la vie, ma mie est tout pour moi.“(Ich liebe und liebe auf immer, mein Liebchen gehört ganz mein.) Der Barbier zieht ſeine dichten Brauen zuſammen, während Blanca ſpricht.„Wie! Sie haben die Ro⸗ manze ſchon gelernt?“ ſagte er in ironiſchem Tone. „Nicht die ganze Romanze, ſondern bloß den Schlußreim.“ „Und dieß iſt das erſte Mal, daf Sie ſie hörten?“ „Ja, mein Herr.“ „Sie hatten alſo Ihr Fenſter geöffnet?“ „Nein, obſchon ich Luſt dazu hatte; allein ich hatte mich ganz an die Scheiben gelehnt, um beſſer zu hören.“— „Und beſſer zu ſehen, ohne Zweifel.“ „Sehen? O, ich hörte lieber,“ erwiedert Blanca, faſt erſchrocken über den Ausdruck der Augen des Barbiers. „Sind keine Vorhänge an Ihrem Fenſter?“ er⸗ wiedert Touquet nach einem augenblicklichen Still⸗ ſchweigen. „Ja, mein Herr!“ erwiedert furchtſam das junge Mädchen. „Blanca, ich habe es Ihnen ſchon oft geſagt: ich ſeehe es nicht gerne, wenn man ſich von den Leicht⸗ füßen, die in diden Straßen auf nnd ab gehen, beäu⸗ geln läßt.. „ Aber,) mein Freund, kann man mich hinter den Scheiben ſehen?“ 126 „Ja, ohne Zweifel.“ „Nun, mein Freund, wenn Ihnen das mißfällt, ſo werde ich mich denſelben nicht mehr nähern.“ Ge⸗ rührt von Blanca's Sanftmuth nimmt der Barbier eine mildere Miene an und ſich vom Tiſche erhebend, ſagte er faſt in liebreichem Tone zu ihr:„Gehen Sie auf Ihr Zimmer zurück, Blanca; ich werde mich bald bemühen, Ihr Leben minder einförmig zu machen; ja, ich fühle, daß Sie nicht beſtändig in einer ſo traurigen Zurückgezogenheit bleiben können.“ „Ach, ich befinde mich wohl, mein Freund, und wenn ich nur die Romanze ganz lernen könnte... allein Herr Chaudoreille ſingt mir nur ſein Hirten⸗ lied und dieſes unterhält mich nicht.“ Ich werde Ihnen andere kaufen.“ „Ach! en Sie diejenigen zu erhalten, die ich dieſen Morgen vehort habe:„Ich liebe und liebe auf immer, mein Liebchen gehört ganz mein.: Werden Sie ſich daran erinnern?“ „Ja, ja, ich werde mich daran erinnern. Allein ich erwarte Jemand... gehen Sie auf Ihr Zimmer zurück.“ Blanca grüßt den Barbier und kehrt fröhlich auf ihr Zimmer zurück, während Touquet, ſie mit den Augen verfolgend, zu ſich ſagt:„Wohlan, ich hatte keine Urſache, beſorgt zu ſein, ſie kennt ihn nicht.“ Eine Stunde nach dieſer Unterhaltung klopft man an die Thüre des Barbiers und Margarethe öffnet dem Ritter Chaudoreille, der mit der wichtigen Miene eines Menſchen, der ſehr mit ſich zufrieden iſt, in den Saal tritt. -. * „ 127 „Du kommſt ſehr ſpät,“ ſagte Touquet, ihm durch ein Zeichen bedeutend, daß er ſich ſetzen ſolle. „Was Teufel, mein Theurer, glaubſt Du, daß die Sache ſo raſch gehe?“ „In keinem Falle glaube ich, daß Du bis jetzt in dem Laden geblieben biſt, in den ich Dich ge⸗ ſchickt habe.“ „Nein, ohne Zweifel; allein ich habe daſelbſt eine gute Zeit zugebracht, dann mußte ich zu Mittag ſpeiſen. Du hatteſt mich nicht eingeladen, Dein Mit⸗ tageſſen zu theilen... ich glaube wenigſtens?“ „Zur Sache, iſt Dir Dein Unternehmen gelungen? Lege mir Rechenſchaft ab von Deiner Sendung.“ „Ich bin bereit dazu; nur warte, bis ich mir die Stirne ein wenig abgewiſcht habe.“ Der Barbier macht eine zornige Bewegung, wäh⸗ rend Chaudoreille mit einem kleinen ſeidenen Schnupf⸗ tuch, das er aus Klugheit nie auseinander wickelt, über ſein Geſicht fährt. Nachdem er noch einige Aus⸗ rufe in Betreff ſeiner Mattigkeit gethan hat, wäh⸗ rend welcher Touquet vor Ungeduld mit den Füßen auf den Boden ſtampft, beginnt er ſeine Erzählung. „Um von hier in die Altſtadt zu gehen, konnte ich zwei Wege einſchlagen; ich konnte ſogar drei ein⸗ ſchlagen.“. „Schwätzer, ſchlage zwölf ein, wenn Du willſt; allein komme nur daſelbſt an!“ „Ich muß wohl daſelbſt angekommen ſein, weil Du ſiehſt, daß ich wieder zurückgekommen bin! Ich habe mich für die neue Brücke, dann für den Quai „ —— bis zur Straße entſchloſſen... Du weißt wohl, wo man ſo gute Törtchen kauft.“. „Chaudoreille, ſpotteſt Du meiner?“ 8 „Nein, es ſcheint mir, daß ich Dir Alles ſagen muß, was ich gethan habe; allein Du biſt ſo unge⸗ ſtüm!... kurz, ich habe den kürzeſten Weg eingeſchla⸗ gen. Endlich befinde ich mich in dem Laden, wo die Kleine arbeitet.“ „Das iſt ein Glück!“ „Ich trete mit jener Anmuth hinein, die mich charakteriſirt; ich grüße anfänglich eine Alte, die rechts ſitzt; ich grüße hierauf zwei junge Mädchen, die ſich zu meiner Linken befanden; mitten in dem Laden ſehe ich bloß eine Katze, die auf einem Ta⸗ bouret ſchläft.“. „Du gruͤßteſt ſie auch, ohne Zweifel?“ „Ah! wenn Du mich unterbrichſt, ſo werde ich mich verwirren. Man fragt mich, was ich wünſche; ich antwortete, meine Abſichten verhehlend:„Laſſen Sie mich Bänder ſehen. Man zeigt mir gelbe, blaue⸗ rothe, grüne, pomeranzenfarbige. Während dieſer Zeit betrachte ich die zwei Kleinen; da die Natur mich mit einem durchdringenden Scharfblicke begabt hat, ſo erkenne ich auf der Stelle die, welche man mir beſchrieben hat.“ „Du ſprachſt mit ihr?“. „Einen Augenblick Geduld; Du ſollſt ſogleich ſehen, wie ich die Sache eingefädelt habe. Ich bin klug genug, mich von ihr bedienen zu laſſen; ſie frägt mich, für welche Farbe ich mich entſchließe und 7 — 129 ich, als feiner Schlaukopf, entſchließe mich nicht, um die Unterhaltung zu verlängern. Endlich kommen durch einen ſehr glücklichen Zufall andere Perſonen in den Laden; jetzt ſind wir weniger beobachtet...“ „Und Du ſagſt ihr, was Dich zu ihr führe.“ „Ich entſchließe mich zuerſt für die Roſafarbe und laſſe mir eine Bandroſe für meinen Roland daraus machen... ſchau', findeſt Du, daß mir dieß gut ſteht?“ Mit dieſen Worten ſteht Chaudoreille auf und nähert ſeinen Degen dem Geſichte Touquets, der den Ritter ein wenig unſanft auf ſeinen Stuhl zurück⸗ wirft und ausruſt:„Bezwänge ich meinen Unwillen nicht, ſo würde ich Dir die Knochen zerbrechen, um Dir zu zeigen, ob man meine Geduld ſo mißbrauchen dürfe.“ „Man hat kein Vergnügen davon, eine Intrigue mit Dir zu leiten,“ ſagte Chaudoreille, ein wenig beſtürzt darüber, daß er ſo plump auf ſeinen Stuhl zurückgefallen iſt.„Allein Du willſt, daß ich zur Sache ſchreite. Nun denn: ich habe dem Mädchen die Abſichten des Marquis von Villebelle mitgetheilt.“ „Seine Abſichten? Ich habe ſie Dir nicht anver⸗ traut.“ „Das heißt, ſeine Liebe, ſeine Flamme.. kurz, ich habe ſie um die geheime Zuſammenkunft auf morgen Abend gebeten.“ „Nun?“ „Sie zauderte lange, dachte lange nach; jetzt Paul de Kock. LV. 3 130 verdoppelte ich meine Beredtſamkeit: ich malte ihr den Marquis, aus Verzweiflung ſterbend, falls ſie ſeinen Wünſchen nicht entſpräche...“ „War denn dieß aber nöthig, Schwachkopf?“ „Ja gewiß, dieß war ſehr nöthig! Die Kleine ſchwankte.“ „Grimaſſen!“ „Nein, im Gegentheil machte ſie mir intereſſante Geberden.“ „Wird ſie kommen?“ „O ja, bei Gott, ſie wird kommen!... allein ich war es, der ſie dazu bewegen mußte.“ „Morgen Abend?“ „Ja, um acht Uhr.“ „Wo das?“ „Auf der Brücke la Tourneille.“ „Gut.“ „Als ich einmal ihre Antwort hatte, ließ ich mir die Bandroſe befeſtigen und...“ „Erſpare mir das Uebrige, ich weiß genug.“ „Du mußt gleichwohl noch wiſſen, daß ich, in⸗ dem ich zu eilig grüßte, eine Scheibe zerbrach, für die ich einen Thaler bezahlen mußte, der mir, wie ich hoffe, wieder erſtattet werden wird. Ah! das iſt nicht Alles, ich weiß auch noch, daß die Schöne Julie heißt und ich wollte wetten, daß ſie eine Italienerin iſt. Du ſiehſt, daß ich meine Zeit nicht verloren habe; biſt Du zufrieden mit mir?“ „Ja, es iſt nicht gar übel,“ ſagte Touquet in ſanfterem Tone und ſich einem Tiſche nähernd, auf 131 den Margarethe wie gewöhnlich einige Becher und eine zinnerne Kanne mit Wein geſtellt hatte.„Dein ewiges Geſchwätz abgerechnet, bin ich ziemlich mit Dir zufrieden; trink einmal.“ „Du heißeſt die Genauigkeit der Einzelnheiten Geſchwätz?“ ſagte Chaudoreille, einen von den Be⸗ chern bis an den Rand füllend.„Was mich betrifft⸗ ſo ſuche ich ſtets zu beweiſen, daß ich das Geld nicht ſtehle, das man mir gibt; was die Scheibe betrifft, ſo mußte ich Dich mit dieſem Umſtande bekannt machen, denn es ſind mir nur noch neun Thaler geblieben; ach! ich vergaß... und die Bandroſe hat mich zwei Thaler gekoſtet, ich habe daher nur noch ſieben Thaler.“ „Zwei Thaler dieſe elende Schleife!“ ſagte der Barbier, einen ſpöttiſchen Blick auf den Degengriff des Ritters werfend.„Chaudoreille, Du haſt Deine Beſtimmung verfehlt, Du hätteſt Intendant werden ſollen, denn Du haſt ein eigenes Talent, die Rech⸗ nungen zu vergrößern!“ „Was meinſt Du mit dieſen Worten, ich bitte Dich.“ „Daß dieſe Bandroſe höchſtens fünfzehn Sous werth iſt.“ „Ja, für einen Reiſenden, für einen Unbekannten vielleicht, aber wenn man einen großen Herrn reprä⸗ ſentirt, ſo ziehen einem die Kaufleute die Haut ab. Ich glaubte nicht filzig ſein zu dürfen: wenn man das Dreifache von mir verlangt hätte, ich würde es gegeben haben, ohne ein Wort zu verlieren, ſo bin ich.“ „Beruhige Dich,“ ſagte Touquet, über die Hitze 132 lachend, mit der Chaudoreille zu beweiſen ſuchte, daß er drei Thaler ausgegeben habe;„man wird Dir Deine Auslagen erſetzen.“ „Ol das bekümmert mich nicht. Allein was ſoll ich morgen thun? Werde ich der Zuſammenkunft bei⸗ wohnen? werde ich die Kleine entführen?“ „Nein, das geht mich an; ich kann mich Deiner bedienen, um das Wild aufzujagen, allein ich halte Dich nicht für fähig, es zu erlegen.“ „Du kennſt mich noch ſehr wenig, mein theurer Touquet! Ich glaubte, Du würdeſt meiner Geſchick⸗ lichkeit und Tapferkeit mehr Gerechtigkeit widerfahren laſſen! Wenn Du wüßteſt, wie viele Intriguen ich glücklich geleitet habe! In den ſchwierigen Augenblicken muß man mich ſehen; ich trotze Allem, ich würde eine Venus vor den Augen des Mars entführen, und alle Vulkane würden mir keine Furcht einjagen.“ „Ich zweifle nicht daran, aber ich will Dich nicht auf die Probe ſtellen.“ „Um ſo ſchlimmer für Dich, denn Du würdeſt erſtaunliche Dinge ſehen! Kein Hinderniß hält mich auf. Wenn ich Etwas im Kopf habe, ſo bin ich ein Achilles; höre, ich wünſchte, Du befändeſt Dich ein⸗ mal zufällig in irgend einer Gefahr, kurz, Du be⸗ dürfteſt meiner Hülfe, dann würde ich blitzesſchnell, meinen Roland in der Hand, herbeieilen und...“ In dieſem Augenblicke ließ ſich ein Geräuſch auf der Straße vernehmen und Touquet ſagte, Chaudo⸗ reille's Arm ergreifend:„Still! ſchweige, ich höre Etwas!“ 133 „Was liegt uns an dem, was man auf der Straße thut? Es ſind vielleicht junge Leute, die ſich beluſtigen; laſſen wir ſie machen. Ich ſagte Dir alſo, daß ich, meinen furchtbaren Degen ſchwin⸗ gend...“ „Schweige, Unglücklicher!“ fällt der Barbier ein, den Ritter feſt am Arme packend.„Es beginnt wieder!“ Man hörte jetzt deutlich die Töne einer Guitarre, auf der man in der Nähe des Hauſes ſpielte. „Es iſt Jemand, der die Muſik liebt,“ ſagte Chaudoreille. „Pſt, hören wir,“ ſagte Touquet, deſſen Ge⸗ ſichtszüge die lebhafteſte Unruhe ausdrücken, während der Ritter mit ſchwacher Stimme murmelte:„ Er ſpielt nicht ſehr gut, meine Lectionen würden ihm wohl zu Statten kommen.“ Bald läßt ſich eine Stimme vernehmen und ſingt, ſich mit der Guitarre begleitend, eine Romanze, deren Schlußreim den Barbier an die Worte erin⸗ nert, die ihm Blanca vorgeſagt hat. „Kein Zweifel mehr,“ ſagte Touquet, ſich raſch erhebend,„ihretwegen ſingt man. Ah! Tollkühner, ich will Dir die Luſt benehmen, wieder hieher zu kommen.“ Mit dieſen Worten greift der Barbier nach dem Dolche, der am Kamine hängt, während Chaudo⸗ reille erblaßt und ſtammelt:„Was Teufel haſt Du denn? was kommt Dich an? wem gilt dieß?“ „Einem Unverſchämten, der ſich vor dieſem Hauſe 134 befindet; komm', Chaudoreille, folge mir. Wären es † ihrer zehn, ſie müßten die Spitze meines Dolches fühlen; komm', Du wirſt das Vergnügen haben, dieſe Schurken zu züchtigen.“ Mit dieſen Worten eilt Touquet in den Laden und beeilt ſich, die Thüre zu öffnen, da er auf dieſem Wege ſchneller auf die Straße kommen kann, als wenn er durch den Gang ging. Während er haſtig aufſchließt, erhebt ſich Chaudoreille wie ein Wüthen der und macht drei Mal die Runde in dem Saal, als er ausruft:„Der Teufel! wo hab' ich meinen Degen hingelegt?“ Als er dieſen Spaziergang beendigt hatte, bemerkt er, daß Roland nicht aufgehört habe, ſich an ſeiner Seite zu befinden, und ruft Touquet, der ihn nicht mehr hören kann, zu:„Wie unbeſonnen ich doch bin... in meiner Eile ſah ich ihn nicht mehr.. ich bin ſogleich bei Dir... ich darf ihn nur noch aus der Scheide ziehen... wohlan denn, Ro⸗ land.. aber dieſe verfluchte Schleife hält ihn zu⸗ rück... verflucht ſei dieſe Bandroſe... Touquet, hier bin ich, halte ſie ein wenig hin, bis Roland die Scheide verlaſſen hat!“ Allein der Barbier befindet ſich bereits auf der Straße, während Chaudoreille⸗ der in dem Saale zurückbleibt, unerhörte Anſtren⸗ gungen zu machen ſcheint, um ſeinen Degen zu zie⸗ hen, und ſtets ausruft:„Du darfſt Dich auf mich verlaſſen; die Unverſchämten werden mich in der Nähe ſehen... Verfluchte Bandroſe, ohne ſie hätte ich ſchon fünf oder ſechs getödtet!“ —j,——— 9——— 9So 56 mſſinn 10 1 HzxaaaxmmmmmErrmmmrrrnmm 1 12 13 14 15 16 17 18