Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Vierundvierzigſter Theil. So Stuttgart: Scheible, Nieger& Sattler. Georgine, oder Die Nichte des Amtsſchreibers. Von Paul de Koch. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Vierter Theil. Stuttgart: Scheible, Uieger Sattler. 1844. * Erſtes Kapitel. Kataſtrophe. Georgine war, als wir ſie verließen, von einer Maſſe Anbeter umſchwärmt, welche ſich um die Ehre ſtritten, ſich für die ſchöne Zulma zu ruiniren, und bei dem übertriebenen Luxus, der in dem Häôtel die⸗ ſer modernen Lais herrſchte, utkiihien ſie ihren Zweck auch bald. Aber in Paris, wo es ſich nur um den Ruf und das Vorurtheil handelt, wechſelt die Mode den Ge⸗ genſtand ihrer Gunſt häufig, und Roſa bemerkte bald, daß eine neue Debutantin ihre Herrin in den Hin⸗ tergrund ſtellen werde; als getreue Zofe benachrich⸗ tete ſie Georgine von einem Ereigniß, dem man vor-, zubeugen ſuchen mußte. „Madame,“ ſagte ſie eines Morgens zu ihr, „wundern Sie ſich nicht mehr, wenn man Sie ver⸗ läßt, wenn ſich ſeit einiger Zeit weniger Cavaliere für Sie ruiniren, denn eine neue Schönheit zieht Aller Blicke auf ſich. Es iſt ein junges, ſechszehn⸗ jähriges, ſehr hübſches Mädchen, und überdieß noch eine Agneſe, eine Unſchuld!...“—„Ach, Roſa, wi können wir es verhindern, daß ſie Glück macht?“ Paul de Kock. XLIV.— 4 2 „Madame, wir müſſen Kabalen machen, ſie an dem Tage ihres erſten Aliffast ens auspfeifen laſſen, Leute bezahlen, die einen Lärm aufſchlagen, ſchreien, mit. einander ſtreiten und ſich prügeln, dafür ſorgen, daß Hunde auf dem Parterre bellen, Katzen vom Juchhe heruntergeworfen werden, kurz, einen fürchterlichen Durcheinander veranſtalten! Man treibt es ſo weit, daß man Feurio! ſchreit, wenn es ſein muß; dann gerathen die Zuſchauer in Angſt, die Frauenzimmer eilen nach Hauſe, Keines hört mehr dasAndere, man entfernt ſich ärgerlich und die Debutantin miß⸗ fällt.“—„Dein Plan iſt köſtlich, ich ſtimme mit dem⸗ ſelben überein. Ich befürchte jedoch, daß wir, wenn die Debutantin ſchön iſt, unſer Geld umſonſt aus⸗ geben!...“—„Einerlei, Madame, wir machen einmal den Verſuch! wir werden dann ſchon ſehen. Wir können uns, wenn es nöthig iſt, immer noch zur andern Partei ſchlagen, vor der Hand wollen wir aber kabaliren.“ Nachdem dieſer Ptan einmal gefaßt war, ſetzte Roſa alle Springfedern der Intrigue in Bewegung. Georgine, welche in derartigen Dingen weniger Er⸗ fahrung hatte als ihre Zofe, unterſtützte dieſe nur mit dem nöthigen Gelde zur Bezahlung von Roſa's Verbündeten. Georgine verſchwendete das Gold mit demſelben Leichtſinne, wie ſie es gewann! Und dieſes in civiliſirten Staaten ſo nothwendige Metall, durch den Gebrauch, wozu es der ausſchweifende Greis verwendet, herabgewürdigt, von Koketten im Ueberfluß vergeudet, kommt den Arbeitsmann, der 3„ oft zehn Jahre ſeines Lebens an einer Summe er⸗ wirbt, die ein Bankier der Hauptſtadt in einer Stunde beim Ecarté verliert, ſo theuer zu ſtehen; kurz, die⸗ ſes Gold, der Typus aller Freuden und aller Leiden, die Quelle und der Zweck ſo vieler Verbrechen, dieſes Gold, von welchem ich euch ſo viele ſchöne Dinge erzählen könnte, wenn ich nicht beſorgte, euch lang⸗ weilig zu werden, war in Roſa's Händen die Seele der Verſchwörung, welche die Debutantin zu Grunde richten ſollte. Aber ihr wißt es, liebe Leſer, daß die Vorſätze einer ſchwachen Kreatur in Sand gegraben ſind, oder, wie man im gemeinen Leben ſagt: der Menſch denkt, Gott lenkt. Nämlich drei Tage vor dem, an wel⸗ chem ſich das Schickſal von Georginens Nebenbuhle⸗ rin entſcheiden ſollte, ſah ſich unſere Heldin in Folge eines Unwohlſeins genöthigt, ſich zu Bette zu legen. Am folgenden Morgen war ihr Zuſtand noch ſchlim⸗ mer; ein hitiges Fieber hatte ſie ergriffen. Der her⸗ beigerufene Arzt erklärte, duß ſie alle Anzeichen der Blattern habe. Georgine ſtieß bei dieſer fürchterlichen Mittheilung ein lautes Geſchrei aus; Roſa erblaßte vor Schreck, und alle Liebhaber, Freunde, Schmeichler und An⸗ beter Georginens flohen das Hôtel, als ob es in die Gewalt des Teufels gefallen wäre. Nun adieu Kabalen und Couliſſen⸗Intriguen! Die Debutantin ſelbſt wurde vergeſſen. Eine wichti⸗ gere Sorge beſchäftigte Zulma; es handelte ſich um die Erhaltung jener Schönheit, worauf alle Hoff⸗ — nungen des Glückes und der Freuden beruhten. Man verfluchte den Oheim, der ſeine Nichte vernachläßigt, und Johann, der in ſeinem Pachthofe nicht an das Pockeneinimpfen gedacht hatte. Roſa verließ das Hötel nicht, aber ſie erwartete das Reſultat dieſer grauſamen Krankheit in einem von dem ihrer Herrin entfernten Gemache, weil ſie ſich aus Furcht vör Anſteckung nicht zu dieſer begab. Georgine litt allein, kein Freund nahte ſich ihr zur Tröſtung und Linderung ihrer Leiden! Nun hätte ſie Muſe gehabt, ernſthafte Betrachtungen anzuſtel⸗ len und tugendhaft zu werden! Das Weitere wird euch lehren, ob Georgine dieſe Zeit zu ihrem Vor⸗ theile benutzt hat. Nachdem Georgine lange in Gefahr geſchwebt, kehrte endlich ihre Geſundheit wieder zurück; die Criſis war vorüber. War ſie aber immer noch die verfüh⸗ reriſche Zulma? Unſere Heldin hatte es noch nicht gewagt, die Spiegel hierüber zu befragen. Sie ließ Roſa rufen. Nachdem ſich dieſe vorher genau er⸗ kundigt hatte, ob man ſich der Madame ohne Ge⸗ fahr nähern dürfe, trat ſie in das Schlafgemach ih⸗ rer Gebieterin. Georgine rief ihr zu, an das Bett zu kommen. Roſa nähert ſich ihr ganz ſachte, macht die Vorhänge auf, blickt hinein, thut einen Schrei und eilt an das entgegengeſetzte Ende des Zimmers. Georgine ahnt ihr Unglück.„Ach, Roſa!“ ruſt ſie aus,„ich bin verloren! Du willſt mir nicht ſagen, wie ſehr ich mich verändert habe!...“—„Ma⸗ damel...“—„Tritt näher, ich verlange es. Bin 5 ich denn ſehr häßlich, Roſa?“—„O nein, Ma⸗ dame... Aber trotz dem ſind Sie nicht mehr ganz, was Sie waren.“—„Bringe mir den Spiegel dort her, ich will mich von der Wahrheit überzeugen.“ Roſa reicht Georginen mit Zittern den Spiegel, und ohne es abzuwarten, welche Wirkung er auf ihre Herrin hervorbringe, entfernt ſie ſich, um zur Ausführung eines bereits gefaßten Planes zu ſchreiten. Georgine hält den unſeligen Spiegel in der Hand, den ſie ſonſt ſo oft befragt hat, und worauf ſie jetzt kaum einen Blick zu werfen wagt. Sie muß übri⸗ gens wiſſen, wie ſie ausſieht... O Himmell ſie hat Narben im Geſichte, aufgelaufene Augen, einen röth⸗ lichen Teint, theilweiſe abgefreſſene Augenbrauen und Wimper! Man iſſt leider nicht mehr die reizende Frau, welche ſo viele Eroberungen machte; allein dieſe Röthe wird vergehen und die Geſchwulſt der Augen auch! Man wird immer noch ein hübſches Frauenzimmer ſein und gefallen; im zwanzigſten Jahre gibt man die Hoffnung nie auf. Feſt entſchloſſen, nicht mehr auf dem Theater zu erſcheinen, welches ſie in ihrem Glanze geſehen hatte und wo ſie dem bittern Hohne ihrer Genoſſinnen preis⸗ gegeben wäre, faßt Georgine ſchnell einen Plan. Sie bleibt noch einige Tage in dem Bette, ſteht dann auf und fragt nach Roſa, welche ſie ſeit dem Augen⸗ blicke, wo ihr dieſe den Spiegel in die Hand gege⸗ ben, nicht mehr geſehen hat. F Aber Roſa war nicht mehr im Hauſez; da die ge⸗ treue Zofe ſtets nur bei Modedamen diente, weil ————— man nur in ihrer Nähe ſein Glück machen kann, hatte ſie, nachdem ſie ſich von dem Anblick der trau⸗ rigen Wirkung der grauſamen Krankheit überzeugt, den Entſchluß gefaßt, Georgine zu verlaſſen, und da Lafleur ſtets ihr Vorbild geweſen, vergaß ſie auch nicht, wie es dieſer gemacht, als er ſich von Herrn von Lacaille entfernt: die Juwelen und Diamanten verſchwanden mit Mamſell Roſa. „Ach,“ ſeufzt Georgine, als ſie die Spitzbüberei ihrer theuern Roſa erfährt,„man hat recht, wenn man behauptet: ein Unglück kommt nie allein.“ Durch den Verkauf des Mobiliars iſt man jedoch im Stande, ſich eine kleine Summe zu verſchaffen und eine artige Wohnung einzurichten; man konnte noch anſtändig lehen, aber man war weder Zulma noch Frau von Roſambeau mehr! Zweites Kapitel. Nächtliches Zuſammentreffen. Georgine bewohnte ſeit einiger Zeit ein Logis in der Mühlenſtraße, führte ein ziemlich einförmiges Leben, dachte den Tag über an ihre verlorene Größe, ſeufzte über den Verluſt eines Theiles ihrer Reize, und ging Abends in das Theater, um ihre Langeweile zu vertreiben; allein abgeſtumpft für dieſes Vergnü⸗ gen, fand ſie nicht mehr die geſuchte Zerſtreuung darin. Der Müßiggang, der eine ſchwerere Laſt als Mattigkeit und Anſtrengung, erſchlaffte ihren Geiſt und ernied⸗ 7 rigte ihren Charakter. Im neunzehnten Jahre war Georgine ſchon lebensſatt. Bisweilen erinnerte ſie ſich, daß ſie Mutter ſei, da ihr aber die Süßigkeit dieſes Standes unbekannt war, hatte ſie noch ſechs Monate für die Verköſtigung ihres Sohnes, den ſie nicht zu ſich zu nehmen gedachte, vorausbezahlt. Eines Abends ſieht ſich Georgine, welche auf dem Rückwege vom Theater von einem fürchterlichen Ge⸗ witter überfallen wurde, genöthigt, Schutz zu ſuchen: ſie geht in die erſte beſte Thüre hinein, welche offen ſteht, und wartet, bis ihr das Wetter erlaube, ihren Weg fortzuſetzen. Eine Viertelſtunde verſtreicht und der Regen läßt nicht nach. Ein Mann kommt fluchend in den Haus⸗ gang herein, in welchen ſich Georgine geflüchtet hatte. „Ohol meine Schöne, was machen Sie da?“— „Mein Herr, ich warte, bis das Gewitter aufhört, um nach Hauſe gehen zu können.“—„Kommen Sie mit in mein Zimmer herauf, dort iſt es beſſer als hier.“ Der Vorſchlag war ein wenig kurz angebunden; Georgine, welche an mehr Galanterie gewöhnt war, wußte nicht, was ſie erwiedern ſollte.—„Aha! mein Anerbieten beleidigt Sie; beruhigen Sie ſich!. Ob⸗ gleich ich Sie Nachts allein in einem Hausgange treffe, welches gerade nicht ſehr ſchicklich iſt, verſpreche ich Ihnen doch, da Sie ein rechtſchaffenes Frauenzimmer ſein können, daß ich Sie nicht mit Gewalt bei mir be⸗ halten werde, denn mir gefallen nur die gutwilligen Weiber. Wohlan, glauben Sie mir, kommen Sie mit. Sie ſind ſchon ganz durchnäßt... es iſt win⸗ dig und ungeſund hier, Sie werden es gewiß ange⸗ nehmer in meinem Zimmer finden.“) Mit dieſen Worten nimmt der Galante Georgine bet der Hand und dieſe läßt ſich, ohne eigentlich zu wiſſen, was ſie will, von ihm führen. Man ſteigt eine ſteile Treppe bis in's fünfte Stockwerk hinauf, und je höher es hinauf ging, je ſchmerzlicher ſeufzte Geor⸗ gine und bereute es, dem Manne gefolgt zu ſein. End⸗ lich ſteht der Herr ſtille, ſchließt eine Thüre auf und führte ſeine Dame in ein Gemach, deſſen Größe man wegen der Dunkelheit nicht unterſcheiden kann. „Bleiben Sie, ſo lange ich Feuer ſchlage, ruhig,“ ſagt Georginens⸗Führer zu dieſer, während er ihr einen Stuhl anbietet. Unſere Heldin ſetzt ſich und beſinnt ſich, was ſie jetzt thun ſolle; ihr Wirth zün⸗ det das Licht an, ſie kann die ſie umgebenden Gegen⸗ ſtände unterſcheiden und betrachtet vor allen Dingen den Herrn des Zimmers. Sie ſieht einen vierzigjährigen, großen, robuſten Mann vor ſich, der ein ziemlich hübſches Geſicht hat und anſtändig gekleidet iſt, deſſen Manieren jedoch keinen Mann von Stande verrathen. Nachdem ſie ihren gefälligen Führer betrachtet hat, wirft Georgine einen Blick auf das Zimmer, worin ſie ſich beſindet. Dieſes diente zugleich als Schlaſ⸗ gemach, Salon, DToilettezimmer und Küche. Faſt nackte Mauern, Fenſter ohne Vorhänge, ein Ofen, ein ungemachtes Bett, zerbrochene Stühle, und rings umher Mäntel, Helme, Degen, Harniſche und Papier⸗ rollen, dieß war das Gemälde, welches ſich Georginens 3 Augen darbot; ſie ſeufzte abermals und nahm ſich vor, nicht lange bei ihrem galanten Unbekannten zu verweilen.. Dieſer ſchaute, während er im Zimmer herumeilte, um einigermaßen Ordnung in demſelben herzuſtellen, fortwährend Georgine an, und ohne Zweifel machte unſere Heldin keinen ungünſtigen Eindruck auf ihn, denn je länger er ſie betrachtete, je mehr Mühe gab er ſich, ſeine Stube aufzuräumen. Endlich war er fertig damit und näherte ſich Georginen freundlich.„Eil ſchöne Dame(dieſes Compliment ſchmeichelte Georginen, da ſie nicht mehr daran gewöhnt war), ich hoffe, daß Sie ohne alle Umſtände mit mir zu Nacht eſſen werden; ich wieder⸗ hole Ihnen, dieß macht Sie zu nichts verbindlich, allein bei Tiſche können wir beſſer Bekanntſchaft machen. Sehen Sie, ich bin ein ehrlicher Kerl, der nicht lange Ceremonien macht. Wenn Sie mich eine Stunde kennen, ſo kennen Sie mich ſo genau, als wären Sie meine Frau!...“ Dieſer Scherz brachte Georgine zum Lachen; es regnete immer noch, und da ſie einmal da war, verän⸗ derten einige Augenblicke längern Aufenthaltes nichts an ihrer Lage.„Nun,“ entgegnet ſie,„ſo will ich, weil Sie es erlauben, eine Weile warten.“—„Das läßt ſich hören, und ich will das Abendeſſen auftragen.“ Damit ſtellt unſer Mann einen Tiſch in die Mitte des Zimmers, macht einen Schrank auf und nimmt den Ueberreſt von einer Paſtete, eine Zunge, Schin⸗ ken und mehrere Flaſchen Wein heraus.. 8 1 10* „Vorwärts, ſchöne Dame, laſſen Sie uns zu Tiſche ſitzen, der Frohſinn ſoll leben!“ Georgine läßt ſich zu einem breiten, gepolſterten Lehnſtuhle führen, der nicht zu den übrigen ſchlechten Sitzen im Zim⸗ mer paßt. Man ſetzt ſich, ißt und trinkt; die Unter⸗ haltung wird lebhaft, heiter ſogar. Unſere Heldin findet allmälig einiges Gefallen an ihrem Wirthe; ſie ſpricht unumwunden den Wunſch aus, zu wiſſen, was er ſei und treibe, und dieſer entgegnet mit fol⸗ genden Worten: „Sie ſind neugierig, meinen Stand zu erfahren: ich kann mit zwei Worten Ihrem Verlangen entſpre⸗ chen. Ich heiße Duchenu und bin Schauſpieler beim erſten Theater... der Boulevards. Ich ſpiele Ty⸗ rannen, grauſame Väter und Unterdrücker der Tu⸗ gend. Ich ſchmeichle mir, Talent zu beſitzen, ich kann mich gut verſtellen, bin daher auch ſehr beliebt bei dem Publikum. Meine Kameraden find eiferſüch⸗ tig auf mich; aber das iſt mir gleichgültig, der Di⸗ rektor weiß mich zu ſchätzen. Ich bin gut bezahlt; ich brauche jedoch Alles, was ich verdiene, weil ich ein einzelner Menſch bin; ich bin aber deßhalb doch glücklich und zufrieden. Das iſt meine Lebensgeſchichte, jetzt laſſen Sie mich auch die Ihrige hören.“ Es war Georginen nicht unlieb, zu erfahren, daß Herr Duchenu Schauſpieler ſei; ſie machte ſchon tauſenderlei Plane. Um jedoch dem Verlangen ihres neuen Bewunderers Genüge zu leiſten, erfand ſie eine unglückliche Geſchichte, die ſie recht anmuthig vortrug, und welche er glaubte oder nicht glaubte, darüber 11 berichte ich nichts Beſtimmtes. Was lag auch Herr Duchenu daran, was Georgine früher geweſen; die Künſtler ſind Philoſophen; die Hauptſache iſt, daß ſie ihm gefallen hatte. 3 Er verſicherte ſie ſeiner Neigung, als er die zweite Flaſche getrunken hatte, denn er trank ordentlich für einen Tyrannen. Er bot Georgine an, ſein Glück mit ihm zu theilen, und dagegen ihm beim Rollen⸗ Einſtudiren das Stichwort zu geben und für ſeine Möbeln Sorge zu tragen, welche allmälig abge⸗ nützt waren. Tauſend Schönheiten hatten ſich um dieſe Ehre beworben; aber die eine ſchnupfte, die andere rauchte wie ein Grenadier und alle betranken ſich regelmäßig, wenn man Pantomime ſpielte(wel⸗ ches damals oft vorkam). Herr Duchenu wünſchte eine kluge, ſanfte, tugendhafte Gefährtin.„Sie gefallen mir,“ ſagt er zu Georgine;„unſer Zuſammen⸗ treffen im Hausgange iſt tein Wink des Schickſals; Ihr Alter, Ihre Geſtalt, Ihre Geſichtszüge, Ihr Ge⸗ ſpräch, Alles entzückt mich. Andere würden vielleicht behaupten, Sie ſehen ein wenig blatternarbig aus, allein das macht mir Ihre Phyſiognomie nur um ſo pikanter; allerdings haben Sie auch keine ganz jung⸗ fräuliche Miene mehr, aber mir liegt nichts an ſolchen Kleinigkeiten!... kurz, Sie gefallen mir. Antworten Sie mir mit zwei Worten, ob Ihnen mein Vorſchlag angenehm iſt?“ Georgine war dem Wunſche Duchenu's nicht ſehr entgegen, beſonders wegen der Plane, die ſie bereits in ihrem Kopfe hatte; aber es war natürlich, einige Umſtände zu machen und ſich nicht gleich dem erſten Beſten an den Hals zu werfen; deßhalb verlangte ſie einige Tage Bedenkzeit von ihrem Wirthe, um ſein Anerbieten zu erwägen. Duchenu, der nie etwas lange erwog, hätte den Vertrag gleich abſchließen mögen, und da ihn der Wein vergeſſen ließ, daß er ſeiner Schönen verſpro⸗ chen hatte, tugendhaft zu ſein, rückte er ihr unwill⸗ kürlich mit ſeinem Stuhle näher und wollte ein Draufgeld auf den Kauf nehmen; allein Georgine, welche keine Unſchuld mehr war, wie ihr Herr Du⸗ chenu etwas roh in's Geſicht geſagt hatte, ſtieß ihn, als er ſich vorbeugte, heftig zurück. Unſer Verliebter verlor das Gleichgewicht und fiel mit ſeinem Stuhle unter den Tiſch; er erhob ſich aber raſch wieder und betheuerte Georginen, daß ſie vollkommen recht habe, ihn zur Vernunft zu bringen, und daß er entzückt ſei, eine Lukretia begegnet zu haben. Als das Gewitter vorüber war, ſchickte ſich Geor⸗ gine an, ſich von ihrem Wirthe zu entfernen; verge⸗ bens bemühte ſich dieſer, ſie zurückzuhalten, indem er ihr ſein Bett antrug und auf einem Stuhle zu ſchla⸗ fen verſprach. Georgine war unerſchütterlich; er mußte ſie gehen laſſen. Aber Duchenu, zu galant, eine Dame mitten in der Nacht allein hinauszuſchicken, bot ihr ſeinen Arm an, den ſie dankbarſt annahm. An ihrer Hausthüre in der Mühlenſtraße wieder⸗ holte der Schauſpieler ſeinen Antrag und ſeine Ver⸗ ſicherungen der Zärtlichkeit, und bat um eine ſchleu⸗ nige Antwort, denn er ſchmachtete nicht gerne lange — ——— 13 wie ein verliebter Schäfer. Georgine verſprach ihm ihren Entſchluß innerhalb acht Tagen mitzutheilen, ein Zeitraum, der unſerm Verliebten ſehr lange ſchien. Georgine dachte daheim über die Vorſchläge ihres neuen Bekannten nach. Herr Duchenu ſtand weit unter den Männern, welche ſie bisher gekannt hatte. Nachdem ſie mit Saint⸗Ange gelebt, Herrn von La⸗ caille ruinirt und in der Oper geglänzt hatte, war es grauſam für ſie, ſich gezwungen zu ſehen, die Anerbieten eines Mannes ohne Vermögen annehmen zu müſſen; allein die Langeweile tödtete Georgine und Duchenu war Mitglied eines Theaters. Durch ſeine Verwendung durfte unſere Heldin hoffen, angenom⸗ men zu werden; ſie hatte das Tanzen aufgegeben, fühlte aber Anlagen für das tragiſche Fach in ſich, wo die Talente die Reize erſetzen. Die Luſt, ſich wieder zu dem erſten Range zu erheben, macht Geor⸗ gine glauben, ſie habe eine entſchiedene Beſtimmung für das Theater; ſchon ſieht ſie ſich wieder auf einer der erſten Bühnen der Hauptſtadt in den erſten, aus⸗ gezeichnetſten Rollen glänzen. Von ſolchen Chimären gewiegt, ſchläft Georgine, Luftſchlöſſer bauend, ein, und träumt, man richte begeiſterte Verſe an ſie und werfe ihr Blumenkränze zu! Wir wollen ſie träumen laſſen. ſich als Schauſpielerin zu zeigen. Drittes Kapitel. Die Folgen des Leichtſinnes. Unſere Heldin war bei ihrem Erwachen ſehr er⸗ ſtaunt, ſich in ihrem einfachen Logis in der Mühlen⸗ ſtraße als Georgine und weiter nichts als Georgine wieder zu finden! Sie faßte ſich einigermaßen und erinnerte ſich ihres Abenteuers von der verfloſſenen Nacht; ſie wun⸗ derte ſich, wie ſie hatte ein Nachteſſen in der arm⸗ ſeligen Dachwohnung Duchenu's annehmen können. Ihre Eitelkeit empörte ſich bei dem Gedanken, mit einem Manne zuſammen zu wohnen, deſſen Manieren ſo unzart waren, und ſie nahm ſich vor, Duchenu nicht wieder zu ſehen. Aber die Zeit verfloß: ſie mußte zu ihrem Unter⸗ 3 halte entweder ihr Mobiliar verringern, oder einen Theil ihres Putzes verkaufen! Traurige Nothwendig⸗ keit, welche Georgine in düſteres Nachſinnen verſenkte, oder ſie an ihren Hang zum Theater erinnerte. Eines Abends pocht man an die Thüre: Georgine macht auf und ſieht mit Staunen Duchenu vor ſich. Er hätte in keinem günſtigeren Augenblicke kommen können; Georgine dachte eben an Mittel und Wege, „Da bin ich, meine theuxe Freundin; da Sie mir keine Nachricht zukommen ließen, hole ich ſolche ſelbſt ab. Ich ſpiele ausnahmsweiſe heute Abend nicht, ich wette auch, daß das Haus leer ſein wird. Dieſe Gelegenheit habe ich benützt, meine ſchöne Nachdenk⸗ 1 15 liche zu beſuchen. Ich habe Wnen vierzehn Tage Bedenkzeit gelaſſen; wohlan! wie lautet Ihr Ent⸗ ſchluß?“—„Wiſſen Sie, Hern k Duchenu, daß Sie ſehr ungeduldig ſind?“—„Ach, meine Schöne, wir in unſerem Stande haben es ſo ſatt, Liebesſcenen zu ſpielen, daß wir im Leben nicht lange Umſchweife machen. Die Kunſtgriffe, die Liſt, die Geſtändniſſe, die Schwüre und Seufzer können wir alle auswendig, die unterbilc uns nicht im Mindeſten mehr.“— „Ich ſehe wohl, daß Sie eben nicht auf ſchöne Em⸗ pfindungen uürerdef machen. Ich ſage Ihnen alſo ohne lange Redensarten, daß ich Ihre Vorſchläge anzunehmen geſonnen bin, jedoch unter einer Be⸗ dingung!“—„Potz Kukuk! reden Sie, ich bin mit Allem einverſtanden.“—„Ich will auf Ihrem Thea⸗ ter auftreten, da ich eine entſchiedene Beſtimmung für's Schauſpiel in mir fühle.“—„Um ſo beſſer! ich will Ihnen ſchon dazu verhelfen. Geben Sie mir einen Kuß in den Handel!“ Duchenu nahm einen Kuß, nahm zwei, küßte ſie da und dort, und nahm am Ende Alles, was er wollte, da es Georgine nicht für geeignet hielt, einem Manne Widerſtand entgegen zu ſetzen, der ihr ſo große Dienſte leiſten ſollte. Als Herr Duchenu genug genommen hatte, warf er ſich in einen Lehnſtuhl und ſchaute ſich in Georginens Zimmer um.„Weißt Du, meine liebe Kleine, daß Du eine Ein nrichtung haſt wie eine Fürſtin.. es iſt in der That zu ſchön hier!“—„Aber bei Dir iſt es zu häßlich.“—„Wozu Dianchſt d, u dieſe Wandgeſtelle und dieſe Vaſen?—„Das gehört zu dem 7 16 guten Ton.“—„Das iſt Luxus, Ueberfluß! ich will üb⸗ rigens dieſe Geſchichten ſchon fortſchaffen.“—„Wie?“ —„Sei ganz beruhigt!... Vor allen Dingen iſt Dein Boden zu glatt, ich könnte, aus Furcht, niederzufallen, nicht zwei Schritte darauf machen!“—„Du wirſt Dich daran gewöhnen.“—„Nein, bei allen Teufeln nicht... Du ſorgſt dafür, daß er nicht mehr gewichst . wird; es iſt eine Unnoth!“—„Aber...“—„Ei! wie heißt Du?...—„Ich heiße...“—„Nun, haſt Du es vergeſſen?... ſage den erſten beſten Namen, mir iſt es gleich!...“—„Georgine.“—„Georgine, gut. Ich wette, Du haſt dieſen Namen nicht immer getragen?“ —„Ich kann es nicht läugnen.“—„Ich habe es mir gedacht!... Ich kenne die Weiber, mir machen ſie nie etwas weiß!...“—„Du biſt glücklich!“—„So iſt es. Ich beſitze auch die Kunſt, ſie ganz nach meinem Willen zu regieren.“—„Bah! das ſcheint mir eine ſchwere Aufgabe!...“—„O, ich bediene mich eines Mittels dazu.“—„Was iſt das für eines?“—„Du wirſt es erfahren, wenn wir uns erſt länger kennen.“— „Das, welches Du vorhin angewendet haſt?“—„Pfui doch!... das iſt zu gemein!... nein, ein nobleres, energiſcheres, welches ſich beſſer für einen Künſtler ſchickt!“—„Ich zweifle daran, daß es beſſer iſt als das andere.“—„Du wirſt es ſchon ſehen; aber es iſt ſpät: ich gehe nach Hauſe, packe meine Rollen zuſam⸗ men, bringe Alles in Ordnung und quartiere mich morgen bei Dir ein. Adieu, meine ſchöne Georgine!“ Duchenu küßt ſie und geht. Georgine findet zwar, daß ſich ihr neuer Liebhaber ſehr entſchieden benehme 17 und keinen Widerſpruch dulde, aber die Angelegen⸗ heiten ſind ſo weit vorgerückt, daß ſie nicht mehr zurück⸗ weichen kann; ni rdem hat ihr Duchenu verſprochen, ihre Annahme beim Theater zu bewirken und alle dramatiſchen Ideen Georginens beſchäftigen ihre Ein⸗ bildungskraft: ſie denkt nur noch an die neue Lauf⸗ bahn, die ſie einſchlagen will. Am folgenden Morgen ſchon um ſechs Uhr in der Frühe lärmt Duchenu wie beſeſſen vor Georginens Thüre, welche gewöhnlich bis zehn Uhr ſchlief. Sie fährt in ihrem Bette in die Höhe und eilt, die Thüre aufzumachen. „Wie, Du n biſt es ſchon?“—„Seit zwei Stunden poche ich an Deiner Thüre.“—„Warum kommſt Du ſo bald?“—„Warum ſtehſt Du ſo ſpät auf?“—„Das iſt meine Gewohnheit!“— Sie iſt ſchädlich, ich werde Dich ſchon zwingen, ſie aufzugeben.“— Um damit den Anfang zu machen, hatte ſich Geor⸗ gine wieder zu Bette gelegt, aber Duchenu, den der Anblick ſeiner halbnackten Schönen in gute Laune verſetzte, dachte nicht daran, ſie zu zanken, und erhielt ihre Verzeihung, daß er ſe früh bei ihr erſchienen war. So wäre nun Duchenu bei Georginen inſtallirt. Die erſten Tage waren herrlich und Alles ging vor⸗ züglich vorüber. Da er aber nie Geld mitbrachte und einen Appetit hatte wie Vier, ſah ſich Georgine ge⸗ nöthigt, abermals einen Theil ihres Mobiliars zu veräußern, worüber ſie aber Duchen mit der Ver⸗ Paul de Kock. XLIV. 2 18 ſicherung tröſtete, daß man, je leerer ein Zimmer ſey, je beſſer darin deklamiren und Probe halten könne. Die Hoffnung, debutiren zu dürfen, hielt Georgine aufrecht. Duchenu übernahm es, die Unterhandlungen einzuleiten, und gab während deſſen ſeiner Geliebten Deklamations⸗Unterricht, in der feſten Ueberzeugung, daß dieſe, wenn er ſie heranbilde, Glück machen werde. Als Duchenu's Schülerin hatte ſich Georgine an⸗ gewöhnt, ihm zu gehorchen, und dieſes Frauenzimmer, welches ſich nie für Wohlthaten dankbar und anhäng⸗ lich gezeigt hatte, ward die Sklavin eines barſchen, rohen Mannes, der an ihrem Ruin arbeitete und ſich zuweilen erlaubte, ſie zu ſchlagen, wenn er in den Stunden nicht mit ihr zufrieden war. Zuweilen weinte Georgine und wollte ſich Duchenu widerſetzen; aber dann blickte ſie dieſer mit ſo fürch⸗ terlichen Augen an und handhabte ſeinen ungeheuren Knotenſtock mit ſolcher Wuth, daß Georgine entſetzt 8 gehorchte, während Duchenu ſtolz auf ſein Mittel war, wodutth er die Weiber ganz nach ſeinem Willen regierte. 3. Man darf ſich nicht wundern, daß Georgine, welche bisher ſo eigenſinnig und launenhaft war, ſich nun e von einem Gaukler mißhandeln ließ! Denn Lebens⸗ überdruß, Langeweile und Elend ſchwächen die Or⸗ gane und ſtumpfen den Menſchen ab. Mancher war ein Held in ſeinem Glücke, dei, in einer veränderten Lage die Schwäche eines Ki ſdeszeigte. Duchenu, welcher der Anſicht war, daß Georginens Mohiliar nicht ſchnell genug verzehrt werde, brachte jeden Tag einen ſeiner Kamergden zum Mittag⸗ oder 19 Nachteſſen mit. Die Mittageſſen gingen immer ziem⸗ lich vernünftig vorüber, weil die Herren, genöthigt, Abends zu ſpielen, zur Nüchternheit gezwungen waren. Aber beim Nachteſſen, wo man keinen Tadel und kein Auspfeifen mehr befürchten mußte, kannte man keine Schranken. Oft brachten die jungen Künſtler auch ihr Liebchen mit; Georgine war verpflichtet, die Wir⸗ thin zu machen, und wenn ſie ſich dabei mißmuthig oder ärgerlich benahm, ſo erinnerte ſie eine Ohrfeige oder ſonſt eine Artigkeit Duchenu's an die ſchuldige Rückſicht. Arme Georgine, Du konnteſt mit Georg Dandin ausrufen:„Du haſt es gewolltl!...“ * Viertes Kapitel. Der Sturz.. Der Augenblick rückte herbei, wo⸗ Georgine debu⸗ tiren ſollte. Duchenu hatte es bei ſeinem Direktor dahin gebracht, daß ſie in einem pantomimiſchen Dialoge auftreten dürfe, worin er ſelbſt eine bedeu⸗ tende Rolle ſpielte, denn er hoffte durch ſeine Gegen⸗ wart den Eifer und den Muth ſeiner Schülerin zu— beleben. 4 Georgine ſehnte ſich nach dieſem Tage; denn trotz der Fühlloſigkeit, worein ihr Gemüth verſenkt war, grollte ſie doch oft mit ſich ſelbſt; ihre Seele empörte ſich gegen ihre Lage, und ſie nahm ſich vor, Duchenu 8 zu verlaſſen, ſobald ſie ſich durch ihre Erfolge ein 8 Schickſal geſichert habe. * Am Vorabend des Tages, wo unſere Heldin ihren Triumph feiern ſollte, lud Herr Duchenu faſt alle ſeine Kameraden zum Abendeſſen ein. Georgine ſollte vor der ganzen Geſellſchaft ihre Rolle herdeklamiren und ein feſtliches Mahl den Abend beſchließen. Der Reſt von Georginens Mobiliar wurde durch Duchenu verkauft, um die hiezu nöthigen Ausgaben beſtreiten zu können. Seine Schülerin widerſetzte ſich nicht im Mindeſten, da ſie durch ihr künftiges Glück dieſe Verluſte zu decken hoffte. Nach dem Theater kamen Alle freudeſtrahlend zu ihrem theuern Kameraden, den man als erſtes Talent und ausgezeichneten Lehrmeiſter mit einer Begeiſterung und Verehrung behandelte, woraus man auf den Appetit der Gäſte und das Vergnügen ſchließen konnte, welches ſie empfanden, bei ihm zu Nacht zu ſpeiſen. Georgine wurde fetirt, geküßt, geliebkost. Sie hatte rothe Augen, weil Duchenu Morgens nicht mit ihrem Vortrage zufrieden geweſen und dieſes eine etwas lebhafte Scene nach ſich gezogen hatte; man ſchrieb dieſes übrigens der Mühe zu, womit ſie ſich ange⸗ ſtrengt, die Geſellſchaft gut zu empfangen. Die Damen fragen, ob man zuerſt zu Nacht eſſe; man macht ihnen jedoch begreiflich, daß es beſſer ſei, wenn Georgine vorher deklamire, weil man nachher vielleicht nicht mehr im Stande wäre, ſie gehörig zu beurtheilen. Dieſe Anſicht wird gebilligt und man ſetzt 3 ſich in die große Stube: es ſind zwar nicht genug Sctühle vorhanden, daß Alle Platz finden könnten, aber die Herren machen den Vorſchlag, ſie wollen b 21 die Damen auf den Schooß nehmen; dieſe laſſen ſich anfangs dagegen auf, fügen ſich aber endlich unter der Bedingung darein, daß die Herren ſich ruhig ver⸗ halten müſſen, weil ſonſt ihre Aufmerkſamkeit geſtört werde. Man verſpricht es, jede Dame wählt den ihr beliebigen Sitz und man ſchickt ſich an, zuzuhören. Duchenu, welcher ſeiner Schülerin die Stichworte angeben muß, tritt, in einen gelben Taffet⸗Vorhang eingehüllt, womit er das Koſtüm eines ſchweizeriſchen Landmannes nachahmt, aus einem Nebenzimmer her⸗ aus; gleich darauf folgt ihm Georgine, welche ſtatt des Dolches eine Lichtſcheere an die Seite geſteckt hat, und, um ihren tragiſchen Zuſtand anſchaulicher zu ma⸗ chen, die Haare aufgelöst um ihre Schultern flattern läßt. Ein Ausruf des Beifalls erſchallt bei Georgi⸗ nens Eintritt im Zimmer.„Welcher Gang! welch' herrliche Haltung! welch' edler Anſtand!...“ wieder⸗ holten die Damen, ſich auf den Knieen der Herren ſchaukelnd. Unſere Heldin tritt, von dieſem Ausdruck der Be⸗ wunderung geſchmeichelt, mit ſtolzem Schritte bis in die Mitte des Zimmers, und trägt, ohne inne zu hal⸗ ten, faſt ohne Athem zu holen, ihre lange Tirade vor, die einen merkwürdigen Eindruck machen mußte. Duchenu betrachtet, über die Geläufigkeit und das gute Gedächtniß ſeiner Schülerin entzückt, ſeine Ka⸗ meraden mit einer Miene, worin ſich ausdrückte: „Bringt ihr auch Eine ſo weit?“ Die Damen beglückwünſchten Duchenu mit Blicken und Geberden. Was die Männer betrifft, ſo konnte 8 X man ihre Geſichter, wegen den auf ihren Schooßen ſitzenden Damen, nicht ſehen, noch wiſſen, womit ſie während Georginens Tirade beſchäftigt geweſen; ſo⸗ bald aber unſere Heldin geendigt hatte, riefen die Damen mit erſtaunlichem Eifer Dacapo, und man brachte ſie mit Mühe zum Aufſtehen, ſo ſehr fanden ſie Geſchmack an der Deklamation. Endlich wird die gefeierte, bewunderte und beklatſchte Georgine im Triumphe in das Speiſezimmer geführt, wo der Anblick eines ſplendiden Abendeſſens die Gemüther der Anweſenden vollends zu Gunſten der Debutantin ſtimmte. Damit alle Gäſte Platz finden, hängt Duchenu zwei Thüren aus, die, auf Stühle gelegt, als Bänke dienen. Man denkt nur noch an das Vergnügen und überläßt ſich der ausgelaſſenſten Heiterkeit. Man fin⸗ det die Speiſen vorzüglich, die Weine köſtlich; die Damen ſind hinreißend liebenswürdig. Die von der Deklamationsſcene erhitzten Männer laſſen die Pfröpfe ſpringen und ſtimmen luſtige Lieder an. Man lacht, ſcherzt und ſingt im Chore! Alles iſt trunken! Man löſcht die Lichter aus, wirft die aus den Thüren ge⸗ machten Bänke um; Jeder greift in dieſer Unordnung nach ſeiner Nachbarin... und dann.. weiß ich, mei⸗ ner Treu, nicht, was Alles in der Finſterniß geſchah. Dem ſchallenden Gelächter, den Seufzern, den erſtickten Tönen folgte die Stille des Schlafes; die Sonne hatte bereits einen großen Theil ihrer Bahn zurückgelegt, als die Künſtlerverſammlung wieder die Augen aufſchlug. 3 4 23 Georgine erwachte zuerſt: die Erwartung eines großen Ereigniſſes ſtört die Ruhe ſtets. Das wun⸗ derliche Gemälde, welches ſich ihren Blicken darbot, ließ ſie einen Augenblick an ihrem Erwachen zweifeln, aber ſie ſammelt ihre Gedanken und erinnert ſich der Folgen des geſtrigen Feſtmahles. Ohne lange die Gruppen zu betrachten, welche ſie umgeben, ſchüttelt Georgine, überzeugt, daß es ſpät ſein muß, Duchenu am Arme, Duchenu ſchüttelt ſeinen Nachbar, und ſo Einer den Andern, bis Alle auf den Beinen ſind. Der Weindunſt war verflogen, man merkt, daß es die höchſte Zeit iſt, in die Probe zu eilen. Man jagt davon und verläßt den Schauplatz des Vergnügens, um ſich an den Ort zu begeben, wo Georgine ihren Nuhm ernten ſoll. Dieſer längſt erſehnte und erwünſchte Abend iſt endlich da. Das Schauſpielhaus iſt gedrängt voll; denn damals(berückſichtigt wohl, werthe Leſer, daß ich von der Vergangenheit ſpreche) folgten die Pan⸗ tomimen, Melodramen und Seiltänze auf Molière und Racine, welches zwar nicht gerade heißen ſoll, man habe den Verſtand verloren gehabt, allein doch beweist, daß ſich der Franzoſe auch an dem Schönen und Guten langweilt, weil er ſich einmal an Allem langweilt. sic transit omnis gloria! Das Stück beginnt, das Publikum iſt ruhigz man erwartet ſchweigend das Auftreten der Debutantin. Ge⸗ orgine ſteht hinter den Couliſſen, wo ſie nach dem Rathe ihres Meiſters Duchenu mehrere Gläschen Branntwein 4 24 austrinkt, um ſich zu ermuthigen, zu begeiſtern und vor Angſt zu ſchützen. Endlich muß ſie erſcheinen. Georgine tritt kühn vor, denn ſie denkt in ihrem Innern, daß, wenn man im Opernhauſe getanzt habe, man auf dem Boule⸗ vard ein Wunder ſein müſſe. Ein. Gemurmel läßt ſich hören, es ſcheint, als ob die Debutantin ſchwanke; man ſchreibt es übrigens der Furcht des erſten Auftre⸗ tens zu. Allein Georgine, durch die Hitze, den Brannt⸗ wein ung das Andenken an das große Theater, auf dem ſie geglänzt hat, aufgeregt, vergißt ihre Rolle ganz und macht auf der Bühne vor ihrem Liebha⸗ ber, der ſie mit einer Erklärung empfängt, in der Meinung, ſie ſei noch im Opernhauſe, ſtatt ihre lange Tirade zu beginnen, ein Entrechat und eine Pirouette. Der Liebhaber bleibt ſtarr vor Staunen, das Pub⸗ likum lacht und Duchenu, hinter der Couliſſe, ſchreit wie raſend ſeiner Schülerin zu:„Nicht ſo, potz Höl⸗ lenelement!... die Tirade!... die Tirade!...“ 2 Bei dieſen energiſchen Worten kehrt Georginens Gedächtniß zurück; ſie tritt bis zu dem Soufleurkaſten vor, um ihre Rolle zu deklamiren. Das Publikum, welches bemerkt, daß die Schauſpielerin ſprechen will, ſchweigt, um ſie zu hören, und der junge Liebhaber nähert ſich ihr, da er nun keine Fußtritte mehr zu befürchten hat.. Georgine fängt ziemlich gut an, ſie hat einen feurigen Vortrag, und das Publikum, welches einen Sccherz gerne verzeiht, vergißt die Entrechats der Prinzeſſin und ſcheint ihre Leiſtung günſtig auf⸗ — Rührung wegen in's Theater gehen, ſind ſehr unge⸗ 25 zunehmen. Aber ein Teufels⸗ Hemiſtichium(halber Vers), welches unſere Heldin vergeſſen hatte, ändert die Sache abermals. Georgine weiß in ihrer Unge⸗ duld nicht mehr, was ſie ſpricht, das Publikum will ſie nicht länger hören, und man pfeift auf dem Par⸗ terre und dem Juche. Der Kapellmeiſter, ein kluger Mann, will die Introduktion zum Ballet ſpielen laſſen, um das Publikum zu zerſtreuen, und der Soufleur ſchreit der Debutantin aus vollem Halſe ihre Rolle zu; allein dieſe, durch das Pfeifen zur Verzweiflung gebracht, verliert den Kopf vollends ganz, der Zorn erſtickt ſie faſt, ſie will trotz aller Hinderniſſe ihre Tirade vollenden, und da ſie ſich kein Gehör ver⸗ ſchaffen kann, gibt ſie dem Soufleur einen Tritt und ſpuckt dem Kapellmeiſter auf die Violine. Nun ſteigt⸗der Tumult auf's Aeußerſte; das Haus widerhallt von dem Geſchrei, dem Geklatſche, dem Pfeifen und Toben der Zuſchauer. Die jungen Män⸗ ner verhöhnen die Debutantin, und die Abonnenten des Juche, die nicht wegen des Lachens, ſondern der halten und kennen keine Schonung: ſie werfen Aepfel, Nußſchalen und Bretzelnſtücke auf die Debutantin hinab, welche, ohne ſich um das Gelärme im Saale zu bekümmern, ſtolz auf der Bühne auf und ab geht. Duchenn hatte ſich indeß, ſich ſeiner Schülerin ſchä⸗ mend, aus dem Theater entfernt; da er die leidigen Folgen dieſes erſten Auftretens vorausſah, lag ihm nichts daran, länger Zeuge dabei zu ſein. Kaum iſt er fort, ſo ſteigt der kühner gewordene S ufleur aus 26 ſeinem Kaſten hervor, um ſeinen Fußtritt zu rächen, auch der Kapellmeiſter begibt ſich auf die Bühne, um Genugthuung für den ſeinem Inſtrumente ange⸗ thanen Schimpf zu fordern. Georgine befindet ſich gegenüber von ihren beiden Feinden und der Kampf ſollte eben losbrechen, als der Polizei⸗Offizier in Be⸗ gleitung einiger Veteranen auf der Scene erſcheint. Bei ſeinem Anblick bekömmt Alles eine andere Wen⸗ dung; der Lärm verſtummt, die Kämpfenden halten inne. Der Herr Polizei⸗Beamte ließ nicht mit ſich ſpaſſen: er nahm Georgine etwas barſch unter dem Arme, und dieſe dachte, durch die eben ſtattgehabten Auftritte eingeſchüchtert, an keinen weitern Wider⸗ ſtand mehr. Man nöthigte ſie, das Theater zu ver⸗ laſſen. Auf der Straße ſah ſie einen Wagen, in den ſie mit einem der ſie begleitenden Soldaten hinein⸗ ſteigen mußte, und ſie ließ ſich ſchreiend fortführen, ohne ſich von der Betäubung erholt zu haben, worein ſie die Ereigniſſe des Abends verſetzt hatten. Fünftes Kapitel. 4 Das Zuchthaus.. Der Wagen vpollte ſchon eine Zeitlang davon, als . Georgine, der die friſche Luft gut that, wieder völlig au ihrer Beſinnung kam. Einen Theil der Erlebniſſe dieſes Abends überdenkend, wunderte ſie ſich am meiſten darüber, daß ſie ſich mit einem Veteranen * in einem Wagen befand, und nicht wußte, wo man ſie hinführte. 5 4 8 27 „Wo gehen wir denn hin?“ fragt ſie endlich ihren ſchweigſamen Nachbar.—„Sie können ſich's beim Kukuk wohl einbilden.“—„Nein, wahrhaftig nicht!“ —„Man führt Sie nach Saint⸗Lazare.“—„Was iſt Saint⸗Lazare?“—„Ein Zuchthaus, wo man leichtſinnige Frauenzimmer einſperrt.“—„Wie? man ſperrt mich ein!“—„Allerdings.“—„Habe ich denn leichtſinnige Streiche gemacht?“—„Wie können Sie noch fragen?“ 3 Georgine beklagte ſich über die Ungerechtigkeit der Menſchen, da ſie nicht begreifen koͤnnte, wie man ein junges Frauenzimmer einſperren mochte, weil es ſeine Tirade vergeſſen hatte. Aber ihr Gejammer war überflüſſig, denn ihr Begleiter achtete gar nicht darauf. Der Wagen hält, man macht den Kutſchen⸗ ſchlag auf und läßt Georgine ausſteigen: der Anblick der vom Alter geſchwärzten Mauern, der Gitter, Angeln, Schlöſſer und Schildwachen machte einen äußerſt widerlichen Eindruck auf unſere Heldin. Der Kerkermeiſter erſchien; dieß war ein ſechs Fuß hoher Mann mit einem gelblichen Teint, hohlen, falſchen Augen, deren dicke rothe Brauen über der Naſe zuſammenliefen, und deſſen ungeheurer Mund ſich von einem Ohre zum andern erſtreckte. Sein Aeußeres machte Georgine erbeben. Nachdem der Veteran dem Kerkermeiſter einige Worte in's Ohr geflüſtert hatte, befahl dieſer unſerer Heldin, ihm zu folgen. Sie mußte über lange Gänge und finſtere, ſchmale Treppen ſchreiten; endlich ſchloß der Kerker⸗ meiſter eine Thüre auf, ſtieß Georgine hinein und 4 28 ſagte mit rauher Stimme zu ihr:„Hier iſt Ihre Stube!“ dann riegelte er wieder hinter ihr zu und überließ ſie ihren Betrachtungen. Beim Eintritt in ihre neue Wohnung warf Geor⸗ gine einen Blick auf den einzigen Stuhl, welcher ſich darin befand. Beim Schrillen der Riegel, die ſich hinter ihr ſchloßen, fühlte ſie einen tiefen Schmerz; ſie weinte lange und bitterlich, jedoch ohne die min⸗ deſte Erleichterung zu empfinden. Des Weinens müde, ſuchte ſie ihren Muth zu beleben, und betrachtete zu ihrer Zerſtreuung ihr Ge⸗ fängniß: es war ein kleines, ſchmales Gemach, wel⸗ ches durch ein vergittertes Fenſter ſchwach erleuchtet wurde. Ein Bett, ein Tiſch und ein Stuhl machte das ganze Mobiliar aus.„Ach!“ ſeufzte Georgine, ſich auf ihr trauriges Lager werfend,„hier würde Duchenu, wenn er da wäre, keinen Lurus finden.“ Georgine wurde Morgens um ſechs Uhr durch das Geräuſch, welches der Kerkermeiſter bei ſeinem Eintritt in's Zimmer verurſachte, erweckt. Er warf ein ſchwarzes Brod auf den Tiſch und ſtellte einen Krug daneben. 3 „ ier iſt Ihr Frühſtück, Ihr Mittag⸗ und Ihr Nachteſſen. Haben Sie bald genug geſchlafen?“— „Was geht das Sie an?“—„Glauben Sie, man ernähre Sie hier, um müßig zu gehen?“—„Schöne Nahrung! Ich habe übrigens auch nicht begehrt, bei euch in die Koſt zu gehen.“—„Ich glaube, Sie ſpaſſen!“—„Ich bin nicht im Mindeſten dazu auf⸗ gelegt.“—„Wenn die hier eingeſperrten Weiber 29 4 ihre Pflicht nicht thun, bin ich beauftragt, ſie zu züch⸗ tigen, und das geſchieht mit Nachdruck.“ Georgine ſchauderte bei der Geberde des fürchter⸗ lichen Kerkermeiſters zuſammen, und wünſchte ſich faſt in Duchenu's Deklamations⸗Stunden zurück! 6„Was muß man denn thun?“ fragte ſie in de⸗ müthigerem Tone.—„Arbeiten, potz Kukukl arbei⸗ 1 ten von Morgens bis Abends.“—„Ach Himmel! ich kann nicht arbeiten!“—„Man wird Sie es 8 lernen. Folgen Sie mir, man wird Ihnen Ihre Aufgabe geben.“ Goorgine folgte ſchweigend ihrem Führer. Der Gedanke, von Morgens bis Abends zu arbeiten, brachte ſie zur Verzweiflung. Nachdem ſie ihre Kindheit mit Spielen, ihr Mädchenalter mit Spazierengehen und ihre Jugend im Leichtſinne zugebracht hatte, ſchien es ihr ſehr hart, nun zum Arbeiten in einem Gefängniß verurtheilt zu ſein. 5 Man führte ſie in einen großen Saal, wo ſie zu ihrem Erſtaunen eine beträchtliche Zahl beinahe lau⸗ ter junger, hübſcher Weiber traf, welche alle gleich in weite, graue Gewänder gekleidet waren. Georgine 4 wurde nicht müde, dieſe Weiber zu betrachten, die allen Klaſſen der Geſellſchaft anzugehören ſchienen, und, dicht neben einander ſitzend, emſig und in der tiefſten Stille arbeiteten. Unſere Heldin wollte mit einer der traurigen Koſtgängerinnen zu Saint⸗Lazare ein Geſpräch an⸗ knüpfen, als ſie von einer im Hintergrunde des Saales ſitzenden Frau, welche ihrem ſtrengen Weſen nach — die Aufſeherin dieſes fürchterlichen Ortes ſein mußte, gerufen wurde. Georgine näherte ſich der Vorgeſetzten und em⸗ pfing aus ihren Händen ein grobes wollenes Kleid, wie es die übrigen Eingeſperrten trugen.„Was ſoll ich damit machen?“ fragt unſere Heldin die Alte. —„Ziehen Sie dieſes Kleid an und kommen Sie dann wieder in dieſen Saal zurück, um an die Ar⸗ beit zu gehen, die ich Ihnen auferlegen will.“— „Ich ſoll dieſes abſcheuliche Kleid anziehen 2... Pfui davor!... ich wäre ja ſchändlich häßlich darin!“— „Gehorchen Sie und ſchweigen Sie!“—„Sagen Sie, was Sie wollen, ich ziehe es nicht an.“ Mit dieſen Worten wirft Georgine, welche der Anblick ihrer unaufhörlich zur Arbeit gezwungenen unglücklichen Genoſſinnen außer ſich gebracht hat, und die ſich in Betreff der Tollette nicht viel gefallen ließ, mit einem Muth, der ihrer erſten leichtſinnigen Streiche würdig iſt, das graue Kleid der Vorſteherin in's Geſicht. Dieſe, welche nur an demüthige, furchtſame Mie⸗ nen, an achtungsvolle, gehorſame Worte und an die genaueſte Befolgung ihrer Befehle gewöhnt war, war über Georginens Benehmen dermaßen erſtaunt, daß ſie, faſt vor Zorn berſtend, mit einem hochge⸗ rötheten Geſichte, wie ein Krebs, drei Minuten laut⸗ los daſaß, und die Eingeſperrten glaubten, ſie er⸗ ſticke. Allein die Sprache kehrte ihr zurück, und gleich einem Strome, der alle Hinderniſſe aus dem Wege 5 31 räumt, die ſeinem Laufe hemmend entgegentreten, ſuchte ſie ſich durch Geſchrei, Drohungen, Grimaſſen und ausdrucksvolle Geberden Luft zu ſchaffen. Endlich, da der Ausdruck ihrer Worte nicht ener⸗ giſch genug war, wollte die gute Dame zur That ſchreiten; ſie ſtößt die im Wege ſtehenden Schemel zurück und eilt mit einem kleinen Stock, von welchem mehrere lederne Riemen auslaufen, auf Georgine zu; mit dieſer gefährlichen Geißel regiert ſie ihre Heerde. Schon bedroht ſie Georgine mit Blicken, Geberden und ſchlägt, ehe ſie ſie ganz erreicht hat, rechts und links um ſich, was ſie trifft. Um ihrer Feindin auszuweichen, verbirgt ſich Ge⸗ orgine hinter die Gefangenen; dieſe, welche dieſer Auftritt beluſtigt, benützen die im Saale herrſchende Unordnung, um, ohne Rückſicht auf die Vorgeſetzte, welche ihnen zuruft, nicht vom Platze zu weichen, von ihrer Arbeit aufzuſtehen. Sie achten nicht mehr auf die ſouſt gefürchtete Stimme, ſo verderblich iſt das Beiſpiel! Georginens Widerſetzung hat die Wirkung hervorgebracht, welche ſie dadurch beabſichtigte: in einem Augenblick iſt Alles in Verwirung und Empö⸗ rung. Die von der Anſtrengung erſchöpfte Alte, welche vergebens der Gefangenen nachſetzt, fällt athemlos vor einer Bank nieder. Dieſes hatte die zügelloſe Bande beabſichtigt; die Weiber ſtehen alle ſtille und Georgine, welche ihnen das Beiſpiel des Muthes ge⸗ geben hat, nimmt das Wort und hält folgende Rede an ſie, der Alle aufmerkſamſt zuhören: * 3² „Frauen... oder Jungfrauen! ich bin erſt ſeit geſtern Abend hier und habe ſchon genug. Ihr, die ihr mir ſchon länge hier zu ſein ſcheint, müßt das Arbeiten müde ſein! Außerdem gewöhnt man ſich nie daran, geſchlagen zu werden, wenn es nicht von ſeinem Liebhaber geſchieht, und trägt in einem Alter, wo man noch gefallen kann, nur mit Widerwillen ein rauhes, wollenes Kleid. Ich ſetze alſo voraus, daß ihr den Plan, den ich gefaßt habe, aus dieſem Gefängniß zu entrinnen, billigt, und es mir nach⸗ ahmt!“ „Ja, ja!“ ſchrieen alle Eingeſperrten,„das iſt unſer eifrigſter Wunſch! Wie ſollen wir es aber an⸗ greifen?“ „Hört mich an,“ entgegnete Georgine,„man muß vor allen Dingen dieſe Megäre am Schreien hindern, denn der Kerkermeiſter lönnte heraufkommen und dieſes unſere Plane vereiteln.“ 3 Georginens Rath wird vernünftig gefunden, man ergreift die vergebens drohende Alte, lacht über ihre Wuth, bietet ihrem Zorne Trotz und bindet ſie, nachdem man ihr den Mund mit einem Nastuche verſtopft hat, an einen Pfeiler des Saales. Als dieſes Geſchäft beendigt iſt, beobachtet man nach Georginens weiterem Rathe das tiefſte Schwei⸗ gen, damit man die Aufmerkſamkeit der Wächter nicht auf ſich lenke; dann erwartet man die ferneren Befehle des Anführers der Inſurgenten im Saint⸗ Lazare. „Wir wollen damit anfangen,“ ſagt Georgine, 33 „daß wir uns an der Alten rächen: ich für die Schläge, die ſie mir geben wollte, ihr für die, welche ihr von ihr empfangen habt.“ Alsbald ergreift Georgine die Geißel, ſchürzt der Alten den Rock auf, gibt das ehrwürdige Hintertheil den Blicken der Verſammlung preis, und prägt dem zweiten Geſichte der Hüterin die Denkzeichen ihrer Rache ein; dann ging die Geißel von Hand zu Hand, denn jede Gefangene hatte eine Rache auszuüben. Nachdem die Alte gehörig durchgepeitſcht war, warf Georgine das ſchreckliche Werkzeug bei Seite und ſagte: eine Jede müſſe ein Mittel zur Flucht angeben und das beſte werde gewählt. So weit hatte Georgine die Verſchwörung ge⸗ hörig geleitet; aber kaum hatte ſie die Frauenzimmer um ihre Meinung befragt, ſo verſtand man, da Alle zugleich ſprachen, kein deutliches Wört mehr. Um⸗ ſonſt rief ſie Georgine, welche die ihnen bevorſtehende Gefahr vor Augen ſah, zur Ordnung auf: ihre Stimme verhallte in dem allgemeinen Geſchrei, und der fürchterliche Kerkermeiſter tritt mit drei ſeiner Schlüſſelträger in den Saal. „Ohol was ſoll das heißen?“ ruft unſer Mann mit einer Stentorſtimme aus; alle Verſchworenen wenden ſich um und bleiben ſtarr vor Entſetzen. Der Anblick des Kerkermeiſters macht den Eindruck des Meduſenhauptes auf ſie. Der Gefangenwärter ſieht die Alte in der Ecke des Saales angebunden, deren geſtäubter Theil noch unbedeckt iſt.„Man treibt, ſo Paul de Kock. XLIV. 3 34 viel mir ſcheint, ſaubere Dinge hier,“ fagt er, die Röcke der Alten wieder herunterziehend;„jetzt kommt aber die Reihe an euch!“ „Potz Kukuk!“ ſchreit Georgine, welche ahnt, daß ſie am meiſten mißhandelt würde, da ſie die Urſache der Empörung war,„ſollen wir uns von dieſen Schurken peitſchen laſſen? Vorwärts, Gefährtinnen, wir ſind unſer zweiunddreißig, ſie nur ihrer vier; Muth gefaßt und mir nachgeahmt!“ Mit dieſen Worten eilt Georgine zur Thüre, die ganze Bande folgt ihr, von dieſen Worten ange⸗ feuert, und ſchwört, ſie zu unterſtützen. Der Kerker⸗ meiſter und ſeine Begleiter wollen die Gefangenen zurückhalten; aber dieſe Weiber, welche die fürchter⸗ lichſte Angſt mit Muth beſeelt hat, fallen mit Fauſt⸗ ſchlägen über ihre Wächter her, und da ſie dieſen an Zahl weit überlegen ſind, hauen ſie dieſelben, prügeln ſie, treten ſie und wälzen ſte, bis ſie den Sieg ge⸗ wonnen haben. „Wir können jetzt in den Hof hinabgehen,“ ſagt Georgine.„Es iſt aber noch nicht genug, wir müſſen auch aus dem Hauſe hinaus, und es ſind noch viele Leute am Thore durchzuprügeln.“—„Ungefähr fünf⸗ zehn Veteranen,“ verſetzt eines der Frauenzimmer, 3 „die Flinten und Säbel haben.“ 3 „Fünfzehn bewaffnete Männer!“ ruft Georgine mit einem Schreckensſchrei aus. b. „Fünfzehn bewaffnete Männer!“ wiederholen alle Gefangenen, und ſchon malt ſich die Furcht auf den vor wenigen Augenblicken noch ſo muthigen Geſich⸗ 35 tern! Doch dieſe Krieger waren Weiber, man muß ihnen ſolche Schwächen verzeihen. „Hört! fünfzehn Männer ſind zu viel für uns! Jetzt handelt es ſich nicht mehr darum, ſich durchzu⸗ ſchlagen, ſondern auf liſtige Weiſe zu entweichen.“. „Bravo!“ ſchreien alle Verſchworenen;„laßt uns eiſt ergreifen, darin ſind wir gewandter!“ „Vor allen Dingen,“ ſagt Georgine,„laßt uns, ſo lange wir es noch können, dieſe vier Schelme an⸗ binden.“ Die Schlüſſelträger und der Kerker reiſter werden an die Säulen des Saalks angebunden; dieſes ge⸗ ſchieht vermittelſt der Leinwand, woran dieſe Frauen⸗ zimmer gearbeitet hatten. Eine der Gefangenen ſchlägt vor, die Männer durchzupeitſchen, aber Ge⸗ orgine wendet ein, daß dieſes zu lange dauern würde, und der Vorſchlag wird ungeachtet des Genuſſes, welchen die Ausführung deſſelben gewähren würde, verworfen. Georgine bemächtigt ſich als Anführer der Schlüſſel. Die Frauenzimmer können aber nicht in Maſſe hinaus, denn die unten Wache ſtehende Garniſon würde ſie anhalten; unſere Heldin ſchlägt ein Mittel vor, wel⸗ ches ſie allein aus der Verlegenheit ziehen kann. „Wir müſſen uns,“ ſagt ſie,„als Schlüſſelträger verkleiden, wir ehen die Kleider dieſer Männer an, ſie ſind weit und ſtehen uns vorzüglich; an den Ker⸗ kermeiſter dürfen wir nicht denken, der iſt zu groß und zu kenntlich, als daß wir es unternehmen könnten, ihn vorzuſtellen; auch verläßt er das Haus nie, wäh⸗ ———= * 36 rend die Anderen unbeachtet ab und zu gehen.“— „Das iſt ganz gut, aber es ſind nur drei und wir zweinnddreißig, es müſſen alſo neunundzwanzig im Gefängniſſe bleiben.„—„Glaubt ihr, ich habe nicht auch an dieſen Umſtand gedacht? Hört: wenn drei draußen ſind, verbergen ſie ſich irgendwo in einem dunkeln Gange, zwei ziehen dort ihre Männerkleider aus und geben ſie der dritten, welche ſie unter ihre Jacke nimmt und in's Gefängniß zurückkehrt; dann klelden ſich wieder zwei Andere an, und gehen mit der, welche ihnen die Kleider gebracht hat, zurück, ſo macht man fort, bis Niemand mehr da iſt.“— „Ja, wenn man aber bemerkt, daß immer nur ein Gefängnißwärter zurückkehrt und ſtets drei hinaus⸗ gehen?“—„Bah! auf dieſe gibt man nicht Acht! Und wenn ihr euch fürchtet, kommt ihr nie aus dem Gefängniß hinaus.“ Dieſe letzten Worte und das Vertrauen, welches man in unſere Heldin ſetzt, heben alle Hinderniſſe; ihr Wlän wird von der Mehrzahl gebilligt.. Vor allen Dingen müſſen die drei Wächter ent⸗ kleidet werden; das iſt eine Kleinigkeit für dieſe Da⸗ men, die mit wunderbarem Geſchick an's Werkg gehen. In einem Augenblick ſahen die Schlüſſelträger, mit Ausnahme der Feigenblätter, welche ihnen abgingen, aus, wie unſer Urvater, als man ihn mit ſeiner Gefährtin aus dem Paradiesgarten hinausjagte. Georgine hat als Erfinderin des Auskunftsmittels das Recht, unter den Erſten hinauszugehen, die An⸗ dern laſſen das Loos entſcheiden, wer ſich zuerſt ver⸗ 37 3 kleiden dürfe; die dazu Erkorenen ziehen die Bein⸗ kleider und die Jacke an und ſetzen die Mütze tief über den Kopf. Ihre Kleider geniren ſie ein wenig unter dieſem Anzuge, doch geht Alles gut. Nach beendigter Toilette nimmt Georgine den Schlüſſel, empfiehlt den zurückbleibenden Gefangenen Geduld, und geht in Begleitung der beiden Andern die Stiege hinab. Georgine und ihre beiden Gefährtinnen zittert während ſie durch den Hof ſchritten, der nach der äußern Thüre führte; allein nichts hemmt ihren Weg: die an ihnen vorübergehenden Soldaten ſehen ſie nicht an. Endlich befinden ſie ſich vor dem Hauptthore;z ihre Angſt vermehrt ſich bei dem Anblicke einer vor demſelben auf und ab gehenden Schildwache. Geor⸗ gine weiß nicht, mit welchem Schlüſſel ſie aufmachen ſolle, wenn ſie mehrere probirt, erſcheint es verdäch⸗ tig: unſere drei Flüchtlinge ſind unentſchloſſen, ob ſie nicht wieder umkehren ſollen, als Georgine mit dem größten Schlüſſel keck auf die Thüre zugeht: der Zufall iſt ihr günſtig, die gewaltige Thüre dreht ſich ſchwer in ihren Angeln. Georgine und ihre Beglei⸗ terinnen ſind im Freien. „Ach!“ ruft Georgine, aus Leibeskräften davon⸗ laufend, aus,„endlich haben wir dieſes verfluchte Gefängniß hinter uns! Ich ſchwöre, daß ich keinen Fuß mehr in daſſelbe ſetze.“—„Wer befreit denn unſere Genoſſinnen?“ fragt Eine der beiden Andern. —„Wer? meiner Treu! das iſt mir gleichgültig, ich ſicher nicht; ich habe keine Luſt, noch einmal meine 38 Freiheit für die Augen dieſer ſchönen Damen zu wa⸗ gen!.—„Ich auch nicht.“—„Ich auch nicht!“ -—„Was uns betrifft, ſo wollen wir uns trennen, und Jede auf einem beſondern Wege davon eilen: auf ſolche Weiſe erregen wir den mindeſten Verdacht, falls man uns etwa nachſetzen wollte.“ Georginens Rath wird abermals befolgt; die drei Flüchtigen ſchlagen, ohne ſich weiter um die armen⸗ Gefangenen zu bekümmern, die ſie in Verzweiflung zurücklaſſen, und deren Vertrauen ſie verrathen ha⸗ ben, Jede einen anvern Weg ein! Die ſchöne Ge⸗ legenheit, welche ſich uns hier bietet, lieber Leſer, moraliſche Betrachtungen über die Undankbarkeit der Menſchen anzuſtellen, wollen wir auf ein anderes Mal verſchieben. Die beiden Frauenzimmer, welche uns ferner nicht mehr intereſſiren, laſſen wir laufen, und begleiten unſere Heldin, deren wunderliches Schickſal uns noch mancherlei Ereigniſſe verſpricht. Fünftes Kahktel. Vater Simons Mühle. Georgine lief und lief, ohne inne zu halten, ohne hinter ſich zu blicken und ohne zu wiſſen wohin. Die Furcht, eingeholt und auf's Neue verhaftet zu wer⸗ den, verlieh ihr Muth. Endlich überwältigte aber die Müdigkeit die Angſt: ſie ſank erſchöpft unter ei⸗ nem Baume nieder und konnte nicht mehr weiter gehen. —— 39 Unſere Heldin wirft beſorgte Blicke um ſich: ſie befindet ſich mitten auf dem Felde und hat in der Haſt des Laufens nicht bemerkt, daß ſie die Barrièren überſchritten hat. Der Anblick der ländlichen Um⸗ gebung beruhigt ſie einigermaßen; ſie legt ſich, in der Hoffnung, ſo entfernt von der Stadt nicht gefunden zu werden, im Schatten des Laubwerks, welches auf's Neue die Natur zu ſchmücken begann, auf den Raſen nieder. Ein Stein dient ihr als Kopfkiſſen; ſie findet dieſes weit weicher und ſanfter als das im Gefängniſſe, denn die Freiheit macht aus dem härte⸗ ſten Lager das wollüſtigſte Bett. Georgine genoß einige Stunden der Ruhe, aber bald weckte ſie der Hunger; ſie mußte den Anforde⸗ rungen des Magens Genüge leiſten; aber wie? die Taſchen in den Kleidern des Gefängnißwärters waren leer. Georgine ſteht auf, kratzt ſich hinter dem Ohre, ſeufzt und blickt um ſich her, allein ſie ſieht nichts als Felder! Der Gedanke, zu Duchenu zurückzukeh⸗ ren, kommt ihr in den Sinn, aber Duchenu iſt in Paris, und es wäre unklug, ſich ſo ſchnell wieder in die Stadt zu begeben, auch hätte ſie die Kraft dazu nicht gehabt. Georgine faßt ſich in dieſer Lage kurz; das Noth⸗ wendigſte iſt ihr zu eſſen, und da ſie ſich nichts von einem Nußbaume verſprechen konnte, deſſen Frucht noch nicht einmal in Blüthe ſtand, ſetzte ſie ihren Weg mit dem feſten Entſchluſſe fort, in die erſte beſte Hütte einzutreten.* 40 Nach einem viertelſtündigen Marſche ſieht unſere Heldin eine Mühle. Potz Kukuk! denkt ſie, man wird mir auf mein ehrliches Geſicht ſchon etwas zu eſſen geben; dann ſchreitet ſie keck auf die Mühle zu. Wir dürfen dabei nicht vergeſſen, daß Georgine immer noch Männerkleider anhat und ſich als Junge recht hübſch ausnimmt: ihr unternehmendes Ausſehen, ihre lebhaften, geiſtreichen Augen, ihre tiefſitzende Mütze und jene Anmuth, welche nur dem Weibe eigen iſt, Alles zuſammen verleiht der Phyſiognomie des kleinen Gefängnißwärters etwas ſehr Pikantes. Ein dicker ſchneeweißer Alter war vor der Mühle mit dem Aufladen von Mehlſäcken auf einen Wagen beſchäftigt. Georgine redet ihn an. „Sagt, guter Alter, kann man bei Euch Etwas zu eſſen bekommen!“—„Eil“ entgegnet der Müller, erſtaunt den Mund aufreißend und mit beiden Hän⸗ den auf ſeinen dicken Bauch klopfend,„was iſt das für ein komiſches Bürſchchen?“—„Bürſchchen!“ mur⸗ melt Georgine vor ſich hin, welche bereits ihre Ver⸗ kleidung vergeſſen hatte; allein ſchnell beſonnen hütet ſie ſich wohl, den Müller eines Beſſern zu belehren, da ſie ſeinen Irrthum zu benützen hofft.„Hört, ich frage Euch, ob man Etwas zu eſſen bei Euch be⸗ komme?“—„Potz Hagel, das wäre ſauber, wenn wir, die wir die Andern nähren, nicht auch zu eſſen hätten! Hal hal hal...“—„Wollt Ihr mir zu eſſen geben?“—„Zu eſſen? Hil hil hi! Eil das kleine Bürſchchen iſt ſehr ungenirt! Wohlan, es ſei! wir 3 41 ſind gute Leute; geh' hinein, Du kannſt mit uns zu Mittag eſſen.“—„Ahl das heiße ich brav geſprochen.“ Georgine klopft freundſchaftlich auf Vater Simons Bauch(ſo heißt der Müller); dieſer fängt wieder ſeine Ha, ha, ha und Hi, hi, hil an und ruft mit heiſerer Stimme Maͤriechen.—„Wer iſt Mariechen?“— „Du ſollſt ſehen, wie fett ſie iſt!“—„Das iſt ohne Zweifel Eure Frau.“—„Nein, ſondern meine Stute.“ —„Wir brauchen ſie nicht beim Mittageſſen..“— „Was! mein Mariechen muß auch ſeine Nahrung haben. He, Mariechen!“—„Eure Stute wird nicht ſeit geſtern Morgen nüchtern ſein.“—„Das will ich wohl glauben; ſie frißt täglich ſechs Mal! Du wirſt Dich wundern, was das für ein ſchönes Thier iſt. He, Mariechen!“ Zum Glück für Georgine, welche es kaum erwar⸗ ten konnte, bis Mariechen herbeikam, eilte der Müller ſeiner Stute entgegen; das ſchöne Thier, das von fern ſeinen Herrn herbeikommen ſah, kehrte ſich in dem Augenblicke, als dieſer auf daſſelbe zulief, um, ſchlug hintenaus und den Müller auf den. Bauch, ſo daß dieſer in's Gras purzelte. Georgine eilt mit der Befürchtung, er möchte verwundet ſein, auf ihn zu, aber Vater Simon, der an Mariechens Artigkeit gewöhnt war, ſtand ohne Weiteres auf, rieb ſich den Banuch und lachte noch herzlicher als vorher; nachdem es ihm endlich gelungen war, das boshafte Thier einzufangen, führte er es in den Stall und ging mit Georgine in die Mühle hinauf. Der Tiſch war gedeckt, das Mittageſſen fertig. 42 Zwei Müllerknechte und eine dicke, roth ausſehende, herkuliſch geformte Hausfrau warteten auf Vater Si⸗ mons Rückkehr, um die Mahlzeit zu beginnen. „Sieh, Frau,“ ſagt der Müller, in die Stube tretend,„da bringe ich Dir einen kleinen Schelmen zum Mittageſſen mit, ha! hal...“ Die Müllerin betrachtete Georgine, und dieſe machte einen günſtigen Eindruck auf ſie.„Er iſt, weiß Gott, nicht übel,“ entgegnete ſie, dem kleinen jungen Manne zulächelnd, während ſie ihn neben ſich ſitzen ließ und ihm einen großen Teller voll Kohlſuppe herausſchöpfte.„Sag', Mann, wo haſt Du ihn denn gefunden?“—„So eben vor der Hausthüre.“—„Und wo kommt Ihr her, mein Junge?“—„Aus den Pyrenäen, Frau Müllerin,“ erwiedert Georgine, ſich mit Kohlſuppe vollſtopfend, um ſich für das lange Hungerleiden zu entſchädigen. —„Aus den Pyrenäen?⸗ verſetzt der Müller;„o hol iſt das bei den Wilden?“—„Noch viel weiter.“ —„Und wo geht Ihr hin?“—„Nach Paris.“— „Schau, vielleicht um Euer Murmelthier ſehen, zu laſſen?“—„Dummkopf,“ ſchilt die Müllerin,„Du ſiehſt wohl, daß er kein Murmelthier hat.“— „Hm! ich habe ihn nicht durchſucht, ha! hal.. —„Ich gehe nach Paris, um dort einen reichen Verwandten aufzuſuchen und auch mein Glück zu machen.“—„Schau! das iſt nicht dumm... o! 9! ol“ Das Eſſen war vorüber. Die Müllerin hatte ſich mit Beſorgniß ihres Gaſtes angenommen, dem ſie 5 43 fortwährend Liebesblicke zuwarf und ihn mit dem Knie ſtieß; aber Georgine, welche ſich ganz dem Vergnü⸗ gen hingab, ihren Hunger zu ſtillen, rückte bloß mit dem Stuhle von ihr weg und ſchaute, ohne an die Folgen zu denken, die ihre Verkleidung haben konnte, auf ihren Teller nieder. Ungeachtet des geringen Erfolgs, deſſen ſich ihr Entgegenkommen erfreute, ließ ſich die Müllerin doch nicht abſchrecken, und da ſie das linkiſche Weſen ih⸗ res Nachbars ſeiner Unſchuld in manchen Sachen zuſchrieb, hatte ſie nur um ſo größere Luſt, ihren Plan, das kleine Bürſchchen klüger zu machen, zu vollführen. Nach dem Eſſen erhob ſich der Müller mit ſeinen Knechten vom Tiſche.„Ei, Frau,“ ſagte Vater Si⸗ mon,„Du weißt, daß ich heute Abend durchaus die Mehlſäcke dem dicken Gevatter Johann bringen 5 muß. Es iſt drei Stunden zu ihm; ich will Mariechen einſpannen, morgen in aller Frühe bin ich wieder zurück.“—„Wie, Du kommſt heute Abend nicht heim?“—„Potz Henker, nein; ich werde mich nicht miittten in der Dunkelheit auf den Weg machen, um 6 mir von den Dieben den Hals abſchneiden zu laſſen. Ich bleibe bei dem dicken Johann über Nacht.“— „Aber ich fürchte mich, heute Nacht ganz allein im Hauſe... denn der Mühlenwächter bleibt nur da, und Du nimmſt Blaſius mit Dir...“—„Nun, Du darfſt nur den kleinen Jungen da behalten; er kann über Dir in der Kammer ſchlafen. Sage, Kleiner, preſſirt Dir's nach Paris?“—„O mein — Bett.“—„Ach, entſchuldigt, ich...“—„Nun, man Gott, nein,“ entgegnet Georgine;„ich kann wohl dieſe Nacht bei Euch bleiben.“—„Wohlan! dann iſt die Sache abgemacht, hal! ha!“ Dieſe Uebereinkunft gefiel der Müllerin, welche ſie zum Voraus in ihrem Kopfe beſchloſſen hatte, außerordentlich. Vater Simon ging hinunter, um ſeine Vorbereitungen zu treffen; Georgine folgte ihm, um den Liebkoſungen der Müllerin auszuweichen, die an Einem fort zwickt, ſtößt und ihr auf die Füße tritt. Unſere nun geſättigte Heldin fing nun an zu begreifen, was das Alles zu bedeuten hatte, und befürchtete, die Nacht werde nicht ruhig vorübergehen. Da es aber ſchon ſpät war und ſie ſchwerlich ſonſt wo ein Obdach gefunden hätte, ſo entſchloß ſie ſich, in der Mühle zu bleiben, und ſtellte den Ausgang dieſes neuen Abenteuers dem Schickſal anheim. Die Müllerknechte gehen nach Hauſe, der Wäch⸗ ter in die Mühle, wo er bei dem eintönigen Tik⸗tak derſelben einſchläft. Vater Simſon ſpannt Mariechen an ſeinen Wagen und läßt die Peitſche knallen. Er wäre nun auch fort! Georgine geht einige Zeit auf dem Felde ſpazie⸗ ren und bewundert das Geſtirn der Nacht, welches jene bläuliche Helle über die Erde verbreitet, zur Melancholie ſtimmt und die Einbildungskraft aufregt. Die Müllerin ſucht ſie auf.„Ah, da ſeid Ihr ja, Ihr kleiner Taugenichts; es iſt ein Glück, daß ich Euch finde! Wollt Ihr die ganze Nacht an den Him⸗ mel hinaufſehen? Wir gehen nicht gerne ſo ſpät in's — 3 eſcehen 1⸗ 45 verzeiht Euch ſchon, wenn Ihr Euch nachher ordent⸗ lich aufführt.“ Bei dieſen Worten gibt ihr die Mül⸗ lerin einen kleinen Backenſtreich.—„Teufel! Teufel,“ dachte Georgine,„wie wird das enden.“ Man geht in's Haus zurück. Georgine ſieht, daß man neben dem Bette der Müllerin noch eines ani⸗ geſchlagen hat. „Ich glaubte über Euch zu ſchlafen,“ ſagte fie. „Biſt Du ärgerlich, daß Du neben mir ſchlafen ſollſt, Schelm?“ entgegnet die Müllerin, indem ſie den ver⸗ meintlichen Jungen mit Augen anblickt, aus denen ein ſehr verführeriſcher Glanz leuchtet.—„Nein, ge⸗ wiß nicht, aber..=„Geh, geh, leg Dich zu Bette, kleiner Unſchuldiger.“—„Teufel! Teufel!“ denkt Georgine wieder,„jetzt wird die Lage peinlich.“ Die Müllerin kleidete ſich ohne Umſtände in Ge⸗ genwart des jungen Bürſchchens aus; aber unge⸗ duldig, daß dieſer ſich nicht rührt, rief ſie endlich: „Nun, woran denkt Ihr denn?“—„Meiner Treu, ich...“—„Was? ſagt es doch!“—„Ich bin ſo ſchüchtern; es iſt mir unmöglich, mich vor Euch auszukleiden.“—„Du ſiehſt aber doch, daß ich es auch thue.“—„Ach! Ihr ſeyd kecker als ich!“ —„Was, kleiner Schelm! Du ſiehſt eben auch nicht furchtſam aus!“—„Das iſt gleichgültig, ich lege mich nicht zu Bette, wenn Ihr nicht das Licht auslöſcht.“—„Was der Herr da für Faxen macht! iſt das nicht die verkehrte Welt; wenn aber ſonſt nichts fehlt, Dich muthig zu machen, ſo ſoll es gleich 46 Damit löſcht die Müllerin das Licht aus und Beide ſind im Finſtern. Das hatte Georgine beab⸗ ſichtigt. Entſchloſſen, ſich nicht auszukleiden, ſtellt ſie ſich, als ob ſie ſich ausziehe und legt ſich ſammt den Kleidern zu Bette. 1 Die Müllerin hatte ſich unterdeſſen auch nieder⸗ gelegt. Sie war höchſt mißvergnügt über ihres Nach⸗ bars hühnageit und ſann auf ein Mittel, ihn kühner zu machen; ſie huſtete, drehte ſich im Bette, und ſprach, um ihn munter zu halten; allein„Geor⸗ gine that, als ob ſie ſchliefe und ſogar ſchnarchte. Die Müllerin dachte endlich, der Kleine ſei vielleicht einiger Ruhe bedürftig und entſchloß ſich daher, ihn einige Zeit ſchlafen zu laſſen, um ihn, r hörig ausgeruht Pnle⸗ wieder aufzuwecket Während ſich Georgine ſchlafend ſtellte, ſchlief ſie ein der That ein und die Müllerin, welche entſchloſf⸗ ſen, die Nacht nicht ſo vorübergehen zu laſſen, ſagte zuletzt mit Mahomet:„Da die Berge nicht zu mir kommen, muß ich zu den Bergen gehen.“ Georgine träumte, ſie ſei wieder eine große Dame 3 geworden, ſie habe wieder ein Hôtel, eine Equipage und Diamanten, als man ſie heftig aus dem Schlafe des Müllers Hauſe. „Höre, höre, ſchläfſt Du?“—„Potz Kukuk, Ihr ſeht es ja.“—„Ach! der Schelm ſchläft an Einem fort.“—„Was ſoll ich denn thun?“—„Ich will es Dich ſchon lehren, wenn Du es nicht weißt!’!“ 6 rüttelte. Sie erwacht und ſieht ſich mißmuthig in I —— 47 (dabei ſchüttelt die Müllerin Georgine abermals.)— „Laßt mich doch in Ruhe.“—„Du haſt genug ge⸗ ſchlafen.“—„Warum ſeid Ihr denn aufgeſtanden?“ —„um Dich aufzuwecken, närriſcher Junge.“— „Das iſt mir ein ſchöner Spaß; wenn Ihr ſonſt keinen Grund habt, ſo könnt Ihr Euch wieder nie⸗ derlegen.“—„Ach! ich hatte Flöhe in meinem Bett.“ —„So, Ihr habt Flöhe! was kann ich dafür?“— „Du mußt mir ein wenig Platz machen.“—„Nein, nehmt mir nicht übel, das kann nicht ſein, das Bett iſt zu ſchmal; Ihr wäret auch genirt.“—„Laß es doch geſchehen, Dummkopf!“ Georgine bemüht ſich die Decke feſtzuhalten, aber die Müllerin iſt ein kräftiges Weib: ſie reißt ſie ihm aus der Hand und legt ſich neben den kleinen Bur⸗ ſchen, der ſo weit als möglich von ihr wegrückt; allein Frau Simons Begierde erſtreckte ſich nicht darauf, neben einer Statue zu ſchlafen, auch fing der Tag ſchon an zu grauen, es war keine Zeit mehr zu verlieren. Georgine ſollte bereits aus ihren letzten Verſchanzungen getrieben werden, als die Müllerin einen Schrei des Erſtaunens ausſtieß:„Wie, Ein⸗ faltspinſel, Du haſt Dich in den Kleidern zu Bette gelegt?“—„Ich bin es ſo gewöhnt.“—„Und haſt mich doch das Licht ausblaſen laſſen. Glaubſt Du, ich laſſe mich für Narren halten?“ Georgine konnte ſich über der Müllerin Irrthum und Aergerniß des Lachens nicht erwehren; dieſe iſt wüthend, in ihren Erwartungen getäuſcht zu ſein. Georgine ſieht auf, um dieſem Kampfe durch ihre 48 Entfernung aus dem Hauſe ein Ende zu machen; aber Frau Simon, hiedurch noch erbitterter, hält ſie zurück und ſchwört dem kleinen Schelme, daß er den Schimpf, den er ihr angethan habe, theuer bezahlen werde. Unſere Heldin will ihr entrinnen, allein in demſelben Augenblick hört man Lärm vor der Thüre: Vater Sinon kehrt zurück und die Knechte gehen an 1 ihre Arbeit. Die Ankunft des Gatten verändert den Plan der Müllerin; ſie fängt an, fürchterlich nach Hülfe zu ſchreien. Georgine begreift erſtaunt nicht, was das heißen ſoll, und der Müller eilt mit ſeinen Knechten herbei, um ſich nach der Urſache dieſes Geſchreis zu erkundigen. Frau Simon wird ein zweiter Potiphar und Ge⸗ orgine befindet ſich in Joſephs Lage, ohne jedoch ſo tugendhaft zu ſein wie er. „Was gibt es denn, Frau?“ ruft der Müller aus.—„Was es gibt, Mann, was es gibt? So wiſſe denn, daß dieſer Schurke, dieſer Tropf,⸗ dem wir Gaſtfreundſchaft gewährt haben, Dich zum Hahnrei machen wollte!“—„O, ol zum Hahnrei?“ —„Ja, Mann! es fehlte nicht viel, ſo wärſt Du es geworden!“—„Ha, ha!“—„Schau nur, wie Alles in Unordnung hier iſt; weiß Gott, er that ärger als ein Beſeſſener; er hätte beinahe die Mühle in Brand geſteckt! Siehſt Du ſeine Verlegenheit? er wagt es kaum, die Augen aufzuſchlagen!“ Georgine ſtand in der That ſtarr vor Verwun⸗ derung da, als ſie dieſe komiſche Beſchuldigung hörte. 49 Ihr Schweigen ſchien Vater Simon ein Bekenntniß ihrer Schuld zu ſein. 8. „So, kleiner Taugenichts, Du wollteſt mir Hör⸗ ner aufſetzen? Da biſt Du irre gegangen! Auf mein Weib kann ich mich in dieſem Punkte ſo ſicher ver⸗ laſſen als auf den Schritt Mariechens.“—„Nun! dann nehmt Euch in Acht, daß Ihr nicht fallet,“ fällt Georgine lachend ein.—„Ich glaube, der Schuft lacht noch,“ ſagt die Müllerin,„haut ihn recht durch!“—„Geduldet euch einen Augenblick!“ ſchreit Georgine, als ſie die Landleute im Begriff ſieht, dieſer Aufforderung Folge zu leiſten;„überzeugt euch vorher, ob ich im Stande bin, eine ſolche That zu begehen.“ Mit dieſen Worten wirft ſie ihre Mütze bei Seite und zieht ihre Jacke und Hoſe aus. Nun ſehen die Müllersleute unſere Heldin in ihrem aller⸗ dings etwas zerkrempelten weiblichen Koſtüm, und können nicht mehr an dem Geſchlechte der beherberg⸗ ten Perſon zweifeln. „Ihr ſeht,“ ſagt Georgine,„daß ich ein Weib bin. Was Euch betrifft, Frau Müllerin, ſo ſucht Euch ein ander Mal einen Eurer würdigern Gegen⸗ ſtand für Eure Liebe, und laßt Euch nicht mehr durch den Schein verführen; und Ihr, Vater Simon, be⸗ ſteigt Mariechen nicht mehr, wenn Ihr ihres Schrit⸗ tes nicht gewiſſer und ſicherer ſeid als der Treue Eurer Frau!“ Georgine verließ die Mühle, ohne daß ſie Jemand daran hinderte, und kümmerte ſich weder um den über Paul de Kock. XLIV. 4 das Geſchehene höchſt erſtaunten Müller, noch um die über ihre plumpe Täuſchung verblüffte Müllerin. Siebentes Kapitel. Neues Mißgeſchick. So wäre denn Georgine wieder auf's Neue im Freien, dießmal übrigens in der ihrem Geſchlechte gehörigen Kleidung; die männliche wäre ihr faſt ge⸗ fährlich geworden. Aber die Lage unſerer Heldin war um nichts glänzender als Tags zuvor. Allein, ohne Geld, ohne Hülfsquellen, mitten in einer ihr fremden Gegend, entſchloß ſie ſich, den erſten beſten Landmann, den ſie begegnete, nach dem Wege zu fragen. „Sagt mir, Freund, wo bin ich?“—„Potz Tau⸗ ſend, dicht bei Montmartre, ſeht, dort liegt es jal“ —„Und wo geht es nach Paris?“—„Durch das Dorf durch und dann immer abwärts.“ Georgine war ſehr erfreut, daß ſie ſich nicht wei⸗ ter von Paris entfernt hatte, denn im Augenblick wußte ſie ſich nicht anders zu helfen, als Duchenu wieder aufzuſuchen; ſie ſchlug alſo den Weg nach dem Dorfe Montmartre ein.— Dort angekommen, ſah ſich Georgine genöthigt, auf einer ſteinernen Bank auszuruhen. Unſere Hel⸗ din glich nicht jenen außerordentlichen Frauen, welche Tage lang in Wäldern und Nächte hindurch in un⸗ terirdiſchen Höhlen zubringen, ohne ein Bedürfniß zu 51 fühlen; ſie war ein ganz gewöhnliches irdiſches Weib⸗ welches empfand, daß es ſeit dem Vorabend nichts gegeſſen hatte und Vater Simons Kohlſuppe ſeinen Magen nicht mehr anfülle. Was ſollte ſie thun? Das iſt eine Frage, welche man in peinlicher Lage ſtets an ſich ſtellt, und worauf man ſich oft nichts zu erwiedern weiß! Sollte ſie abermals die Gaſtfreundſchaft anſpre⸗ chen? Nein, die Bewohner von Montmartre haben nichts Freundliches, Zutrauen Erweckendes in ihrem Betragen, nichts, welches uns an die tugendhaften Patriarchen der guten alten Zeit erinnert, wo ſich gerade der ärmſte Reiſende der freundlichſten Auf⸗ nahme zu erfreuen hatte. Sie mußte alſo weiter nach Paris gehen. Goorgine ſetzt traurig ihren Weg wieder fort. Sie geht an einem kleinen weißen Hauſe vorbei,⸗ in welchem ſich ein Greis mit Kaffeebrennen beſchäftigt. Sie ſeufzt, der Alte hebt den Kopf in die Höhe; ohne Zweifel malten ſich in Georginens Zügen die Empfin⸗ dungen ihrer Seele ab, denn der gute Greis ging von ſeinem Kaffee weg und forderte ſie auf, bei ihm einzutreten. „Sie ſcheinen mir ſehr müde, mein Kind,“ ſagte er, ſie bei der Hand nehmend.—„Allerdings, mein Herr.“—„Wohlan! kommen Sie herein und ruhen Sie einige Augenblicke hier aus, ich bin der ehema⸗ lige Amtsſchreiber dieſes Dorfes; Sie müſſen mir vor den übrigen Bewohnern den Vorzug geben.“ Georgine gibt keine Antwort; der Titel Amts⸗ * * ſchreiber hat ſo viele Erinnerungen in ihrem Ge⸗ dächtniſſe erweckt! Der Greis hält ihr Schweigen für ein Zeichen der Zuſtimmung; er nöthigt ſie, herein zu kommen und iſt, als er die betrübte Miene unſe⸗ rer Heldin näher betrachtet, nur um ſo eifriger be⸗ müht, ihr gefällig zu ſein. „Sie müſſen mit mir frühſtücken, mein Kind; ma⸗ chen Sie keine Umſtände, man ſchlägt einem Manne meines Alters nichts ab!“ Georgine lächelt; der Alte ruft ſeine Magd her⸗ bei, und während die gute Dienerin das Frühſtück bereitet, unterhält er ſich mit der Wanderin. Her⸗ zensgüte leuchtet aus ſeinen Worten; er gibt Geor⸗ ginen ſanfte, tugendhafte Rathſchläge, und dieſe durch⸗ dringt, erſtaunt über das, was ſie hört, ein Gefühl der Achtung, welches ſie bis dahin nicht gekannt hatte; allein Elend und Unglück ändern den Menſchen ſehr. Ein einfaches, aber gehöriges Frühſtück wird auf⸗ getragen. Der Greis läßt Georginen neben ſich Platz nehmen und richtet während des Frühſtückes einige Fragen an ſie.„Wo gehen Sie ſo allein hin, mein Kind?“—„Nach Paris, mein Herr.“—„Nach Pa⸗ ris! dort werden Sie wahrſcheinlich Verwandte oder Freunde aufſuchen?“—„Ja, mein Herr.“—„Neh⸗ men Sie ſich in Acht, mein Kind, Paris iſt für junge Mädchen eine ſehr gefährliche Stadt: Alles iſt blen⸗ dend dort und ſcheint von Vergnügen und Heiterkeit zu ſtrahlen! Es iſt jedoch nur ein trügeriſcher Glanz, der die Vernunft gefangen nimmt! Nehmen Sie ſich wohl in Acht.. G. und die Schmähungen des Publikums gegen mich 53 Georgine hatte bereits nichts mehr zu fürchten. Paris war ihrer Unſchuld nicht mehr gefährlich. Deſ⸗ ſenungeachtet hörte ſie den Worten ihres Wirthes aufmerkſam zu, ſtand dann auf und verabſchiedete ſich von ihm. Der Greis begleitete ſie das ganze Dorf hinab und bat ſie, ſeinen Rathſchlägen zu fol⸗ gen. Georgine dankte ihm und entfernte ſich, den Kopf voll der heilſamen Worte, die ſie eben gehört hatte; aber in Paris beſchäftigten ſie ganz andere Gedanken: ſie mußte Duchenu auſſuchen. Als ſie an dem früher von ihm bewohnten Logis vorbeiging, dachte ſie, er könne vielleicht wieder in daſſelbe zu⸗ rückgezogen ſein, weil er alle Möbeln, die ſie in der Mühlenſtraße gehabt, verkauft hatte; ſie entſchloß ſich alſo, in's fünfte Stockwerk hinauf zu gehen. Vor der Thüre hörte ſie Geräuſch in des Künſt⸗ lers Zimmer.„Gut,“ denkt ſie,„ich habe mich nicht getäuſcht.“ Sie klopft an, Duchenu macht auf und bleibt bei ihrem Anblicke verblüfft ſtehen. 3 „Wie! Du biſt es, Georgine?“—„Ich ſelbſt, wundert es Dich?“—„Beim Kukuk! ich glaubte, Du ſeieſt im Zuchthaus! Was machſt Du da?“—„Ich komme, um wieder mit Dir zu leben, bis ſich mir erſt ein anderes Auskunftsmittel zeigt.“—„Du mit mir leben!... Du hältſt mich alſo für einen Eſel!“— „Warum denn?“—„Ha! warum. Haſt Du denn die ſchöne Scene, die Du auf dem Theater geſpielt, wo ich Dein Auftreten auswirkte, den Schimpf, der dadurch, auf mich ſiel, den Hohn meiner Kameraden vergeſſen?. Ach! wenn ich Dich in den erſten Augen⸗ vblicken meiner Wuth bei der Hand gehabt hätte, wür⸗ 7 deſt Du eine ſchlimme Viertelſtunde erlebt haben!... Aber jetzt, glaub' mir, Kleine, jetzt mach', daß Du weiter kommſt, oder das Donnerwetter bricht los!“— „Ach! ein ſolcher Empfang wird mir von Dir zu Theil! Glaubſt Du, daß ich, nachdem ich ſechs Monate für Deine Koſt und Deine Wohnung geſorgt habe, mich ſo fortſchicken laſſe!...Nein, ich bin nicht mehr ſo einfältig wie früher, ich bleibe, auch wenn Du es nicht haben willſt.“—„So, Du bleibſt!“—„Aller⸗ dings, ich muß wohl, denn ich habe kein Geld und bin hungrig.“—„Wie! Du haſt kein Geld, und biſt aunverſchämt genug, ſo zu mir zu kommen?. Geh', ſcher' Dich zum Teufel und ſpiele nicht die Trotzige, oder ich jage Dich mit dem Beſen die Stiege hin⸗ untev. 3 Georgine will ſich wieder ſetzen; Duchenu greift nach dem Beſen und befiehlt ihr noch einmal, ſich zu entfernen. Sie hatte nicht ſo viel Muth, als ſie vorgegeben, auch wußte ſie, daß ſie im Kampfe mit Duchenu unterliegen würde. Es bleibt ihr alſo keine Wahl: ſie muß gehen; aus Wuth wirft ſie aber Alles, was ihr in die Hände kommt, zuſammen. Duchenu treibt ſie empört nach der Thüre, jagt ſie haſtig die Stiege hinunter und läßt ſie auf der Straße ſtehen. So befand ſich nun Georgine auf dem Pflaſter. Von ihrem letzten Liebhaber, von einem Manne, den ſie ein Jahr früher nicht angeſehen hätte, mißhandelt und verlaſſen, lief ſie rath⸗ und hulflos mit gepreßtem, — von Kummer und Schmerz durchwühltem Herzen, ge⸗ nöthigt, den letzten Schimpf, welchen ſie erlitten und wofür ſie ſich nicht rächen konnte, ſchweigend zu er⸗ tragen, in der großen Stadt umher. In ihre Betrachtungen verſunken, gewahrte ſie kaum, daß es Abend wurde. Es war ſieben Uhr, die Stunde, wo die Müßiggänger der Hauptſtadt ihre Toilette, ihre Gleichgültigkeit und oft ihre Langeweile auf der Promenade zur Schau tragen. Der Rentier, welchex ſich auf wohlfeile Weiſe Vergnügen zu verſchaffen ſucht, hat ſich bereits auf eine ſteinerne Bank geſetzt, wo er alle Vorübergehen⸗ den mit der größten Aufmerkſamkeit betrachtet. Dort macht die Krämerin der Straße Saint⸗Denis, wäh⸗ rend ihr Gatte noch in Comptoir beſchäftigt iſt, ihren Spaziergang mit einem Commis aus der Quincam⸗ poir⸗Straße; dort auch die Gemahlin des reichen Emporkömmlings, welche, ganz erſtaunt über ihren Reichthum, der ſchönen Welt alle Abende ihre Caſche⸗ mirs und ihre Diamanten zeigt; ihr dicker Mann reicht ihr den Arm, er iſt ſtolz darauf, eine modern gekleidete Frau zu haben, und dieſe hadert auf dem ganzen Weg wegen ſeines dicken Bauches, der ihn an der Leichtigkeit der Bewegungen hindert, und ſei⸗ ner rothen Naſe mit ihm, die ihm ein gemeines Aus⸗ ſehen macht. In einiger Entfernung kommt die kleine Putzmacherin mit eifriger Miene, als ob ſie Geſchäfte zu beſorgen hätte; ſie geht ſehr ſchnell vorüber und kehrt ſich nicht um, gibt aber doch Acht, ob man ihr nachläuft und läßt dann ihren Handſchuh oder ihr X 36 Naastuch fallen, um dem jungen, gefäͤlligen Manne Gelegenheit zu geben, ein Geſpräch anzuknüpfen⸗ Was gibt es doch auf der andern Seite zu begaffen? Ein Herr mit einem Stocke in der Hand geht vorüber, der durch ein Loch deſſelben ſein Nastuch durchgezo⸗ gen hat. Die Kleidung dieſes Individuums paßt vollkommen zu ſeiner geiſtreichen Erfindung. Die Menge folgt dieſem Stutzer(deſſen Skizze morgen in Martinets Laden zu ſehen iſt), mit außerordent⸗ lichem Vergnügen. Georgine hebt, von der Maſſe der Vorbeigehen⸗ den hin und her gedrängt und geſtoßen, die Augen in die Höhe und ſieht, daß ſie ſich mitten in den ely⸗ ſäüiſchen Feldern befindet. Aergerlich, ſich in einer Kleidung, welche nichts weniger als elegant iſt, an einem ſo viel beſuchten Orte zu ſehen, ſeufzt ſie bei der Erinnerung an eine Zeit, wo ihre Pracht und ihr Anzug Aller Blicke auf ſich zogen. Beſchämt will Georgine dieſen Spaziergang verlaſſen, der ihre Schmerzen auf's Neue erweckt. Sie ſchickt ſich an, über die Chauſſée hinüberzugehen, aber in demſelben Augenblicke fährt ein von feurigen Rennern gezoge⸗ ner Wagen vorbei und nöthigt ſie, ſtille zu ſtehen; neugierig ſchaut ſie nach den in der Kaleſche ſitzen⸗ den Perſonen: eine prächtig gekleidete und mit Dia⸗ manten geſchmückte Dame befindet ſich neben einem nicht minder eleganten Herrn, der ſich äußerſt bemüht, ihr wohlgefällig zu ſein, in dem Hintergrunde des Gefährtes. Beide werfen kaum einige verächtliche Blicke auf die ſie bewundernde Menge. Allein, welche 1 4 57. Ueberraſchung! Georgine erkennt die beiden ſtoll’en Leute: dieſe ſo glänzende Frau, welche den Kopf ſo anmuthig hin und her wiegt, iſt Roſa! Der elegante Herr, der an ihrer Seite ſitzt: Lafleur! Ja, ſie ſind es! Georgine hat ſich nicht getäuſcht. Da Georgine dem Wunſche, ſie noch einmal zu ſehen und zu ſprechen, nicht widerſtehen kann, eilt ſie der haſtig davon rollenden Chaiſe nach, aber die Pferde raſen mit Windesſchnelle voraus, ſie wird ſie nicht einholen können.. doch zu gleicher Zeit reitet von der entgegengeſetzten Seite ein junger Herr an dem Wagen vorbei und hält dieſen einen Augenblick auf. Der Reiter fängt ein Geſpräch mit dem ehe⸗ maligen Dienſtboten an; Georgine ſieht ſich dadurch in den Stand geſetzt, das Gefährt zu erreichen; ſie nähert ſich dem Kutſchenſchlag. „Ich täuſche mich nicht, Roſa, Sie ſind es!... und Sie, Lafleur!.. wie ſehr freut es mich, euch zu begeg⸗ nen!“—„Was will dieſes Weib? Was ſchwatzt die⸗ ſes Weib? Geht, geht Eures Weges, wir können Euch nichts geben!“ ſchreit der elegante Herr mit be⸗ fehlendem Tone.—„Wie, Lafleur! Sie kennen mich nicht mehr!. Ich bin Georgine, ich bin Frau von Roſambeau.“—„Dieſe Unglückliche iſt wahnſinnig,“ verſetzt die Dame mit dem Brillantenſchmuck,„was⸗ will ſie mit Roſa und Lafleur?“—„Wie, Elende, nachdem Du mir meine Diamanten geſtohlen haſt, thuſt Du, als ob Du mich nicht kenneſt?“—„Jage doch dieſe Bettlerin weg, Jasmin,“ ruft der elegante Herr, der bei dem Worte ſtehlen blaß geworden und zu zittern anfängt, ſeinem Kutſcher barſch zu, während ſich die Dame vor Zorn in ihrem Wagen bäumt. Der Lakai heißt Georgine ſich entfernen, aber dieſe will ſich, vor Wuth und Entrüſtung außer ſich, an den Kutſchenſchlag anklammern, und bedeckt un⸗ ſere beiden Zieraffen mit Schmähworten. Allein der „Herr, den dieſer Auftritt durchaus nicht beluſtigt und der unangenehme Folgen befürchtet, macht demſelben ſchnell ein Ende, indem er dem Kutſcher befiehlt, die Pferde zu peitſchen. Dieſer gehorcht: die Chaiſe fährt mit Blitzesſchnelle davon, und Georgine, die ſich an dem Schlage hielt, wird durch den Stoß umgewor⸗ 8 fen und fällt auf das Pflaſter nieder. * Vorübergehende nähern ſich ihr und ſind ihr beim 4 Aufſtehen behülflich; ſie kommt mit einigen Quet⸗ ſchungen davon, und man rathet ihr, ſie ſoll den Herrn verklagen.„Da ſieht man wieder,“ ruft ein altes Weib aus,„wie dieſe Vornehmen arme Leute zu Boden werfen!“ Georgine ſucht ſich dem öffent⸗ lichen Mitleide zu entziehen, und obgleich ihr der Fall heftige Schmerzen verurſacht, rafft ſie doch ihren Muth zuſammen und verläßt die elyſäiſchen Felder. Achtes Kapitel. 4 Dahin führt es. Die Nacht iſt hereingebrochen. Georgine läuſt, ohne zu wiſſen, wo ſie iſt, noch wohin ſie will, in den Straßen von Paris umher. Allerlei Betrachtungen, Bedauern und Gewiſſens⸗ biſſe erſchüttern das Gemüth dieſes Weibes, welches 59 in ſeinen beſſern Tagen weder denken noch fühlen wollte. 8 Ihre Lebensgeſchichte ſtellt ſich unwillkürlich vor ihr Gedächtniß: ſie ſieht ein, daß ſie Eitelkeit, Ver⸗ gnügungsſucht und Leichtſinn in die beklagenswerthe Lage gebracht haben, worin ſie ſich nun befindet; ſie denkt an ihren Oheim, an Karl und an ihre Wohl⸗ thäter, die guten Pächtersleute, welche ſo⸗ viel für ſie gethan haben! Das Unglück hat das Eigenthüm⸗ liche, daß es unſer Gedächtniß erweckt, während man es im Glück oft ganz verliert. Georgine erinnert ſich auch, daß ſie Mutter iſt; zum erſten Male regt ſich der Wunſch in ihr, ihr Kind zu ſehen. Schon lange hat ſie den Landleuten, die ihren Sohn in der Pflege haben, kein Geld mehra geſchickt; vielleicht nehmen ſich dieſe des Kindes nicht mehr an.. vielleicht erziehen ſie aber auch, gefühl⸗ voller als ſeine Mutter, den kleinen, von ſeinen Eltern verlaſſenen Jungen unentgeldlich! Mit ſolchen Gedanken ſchreitet Georgine betrübt durch dieſe Stadt, die ſie vor Kurzem noch ſo im Glanze geſehen. Niemand, den ſie begegnete, würde „geahnt haben, daß dieſes Weib, deſſen Aeußeres und deſſen Züge Elend und Entbehrung andeuteten, die⸗ ſelbe ſei, welche vor wenig Monden noch die ganze Hauptſtadt von ſich und ihren tollen Streichen reden gemacht hat. In ihrer gegenwärtigen Därftigket trat die Er⸗ innerung an den Pachthof lebendig vor Georginens Seele. Das den Bewohnern zugeſtoßene Unglück war 60 ihr unbekannt; Karl hatte es für überflüſſig gehalten, ſie davon zu unterrichten. In ihrer Unſchlüſſigkeit möchte ſie Thereſe wieder ſehen, ſich ihr zu Füßen werfen, ihr all ihre Fehltritte geſtehen und ſie um Verzeihung anflehen, allein eine falſche Scham, ein. Ueberbleibſel von thörichtem Stolze, verhindert ſie an der Ausführung dieſes lobenswerthen Vorſatzes; ſie will ſich in ihrem jetzigen Zuſtande nicht vor einer Frau zeigen, deren Unglück ſie herbeigeführt hat. Würde Thereſe an ihre aufrichtige Reue glauben? Wer Einen zwei Mal hintergeht, kann es tauſend Mal thun! Das erſte Vergehen geſchieht oft aus Unerfahrenheit, aber wiederholte Fehler beweiſen, daß die Sünde Reiz für uns hat. Georgine verwirft daher den Gedanken, zu Thereſe zurückzukehren. Indeß muß ſie ſich doch zu Etwas entſchließen! An einer Ecke ſitzend, erhebt ſie ihre Augen und blickt wehmüthig um ſich her: ſie ſieht mehrere jener verlorenen Frauenzimmer an ſich vor⸗ über gehen, wovon es in Paris wimmelt; die eine ſang, die andere tanzte. Alle überließen ſich der roheſten Ausgelaſſenheit und nahten ſich liebkoſend den Männern, welche des Weges herkamen. Der Gedanke, ſich zu dieſen abſcheulichen Geſchöpfen zu geſellen, erwacht in dem niedergedrückten Geiſte Ge⸗ orginens, es zeigt ſich ihr kein anderes Mittel, ihr Leben zu friſten.„Es iſt zu ſpät,“ denkt ſie in ihrem Sijnne,„zur Tugend zurückzukehren; die Reue wäre überflüſſig, ich will dieſe erſten Gewiſſensbiſſe er⸗ ſticken und mich meinem Schickſale preisgeben!“ 61 Trotz ihres Entſchluſſes, alles Ehrgefühl zu er⸗ ſticken und ſich ganz der Verworfenheit und dem Laſter hinzugeben, fühlt Georgine doch ihr Herz mächtig ſchlagen; ihre Beine ſchwanken, ſie kann ſich kaum mehr aufrecht halten; ſie ſucht ſich ührigens zu über⸗ zeugen, daß dieſes Zittern eine Folge ihres Hungers und der Entbehrung und nicht ein Reſt von Scham⸗ gefühl ſei. Sie beharrt alſo dabei. Allein unbeweglich auf dem Eckſtein ſitzend, wagt ſie es nicht, die vorübergehenden Männer anzureden. Es ſchlägt auf einer nahen Kirche eilf Uhr. In kurzer Zeit werden die Straßen verlaſſen ſein, und ſie iſt in Gefahr, auf einem Steine Hungers zu ſterben! Ein junger Mann biegt um die Straßenecke, wo Georgine ſitzt; ſie rafft ihren äußerſten Muth zu⸗ ſammen und hält ihn an: der Unbekannte ſtößt ſie zurück und will ſeines Weges gehen.„Aus Mitleid!“ ruft ihm die Unglückliche nach. Bei dem Tone ihrer Stimme bleibt der junge Mann ſtehen und betrachtet ſie aufmerkſam; eine in der Nähe hängende Laterne beleuchtete ihre Züge. Georgine betrachtet den Herrn ebenfalls:„Karl!“ ruft ſie aus und ſinkt beſinnungs⸗ los auf den ſteinernen Sitz nieder. „Georgine!... Georgine unter dieſen... ach⸗ Unglückliche!“ ſeufzt Karl, denn er war es in der That. Dann zieht er, von Mitleid bewegt, die Börſe, legt ſie auf Georginens Schooß und entfernt ſich mit großen Schritten von einem Weibe, deſſen Anblick ihm das Herz zerreißt. . 62 Neuntes 82K apitel. Nothwendige Auftlarungen. Wir hatten Karl und die Bewohner des Schlofſes Merville ſeit einiger Zeit vergeſſen, aber der Leſer wird wahrſcheinlich zum Voraus errathen haben, daß für Karl nur ein kurzer Aufenthalt bei ſeiner Familie nöthig war, um in ſeinem Herzen jene ſüßen und zarten Gefühle zu erwecken, welche ihm die reizende Alexandrine einzuflößen wußte. Karl empfand für ſeine neue Freundin eine viel⸗ leicht weniger heftige Leidenſchaft, als er für Geor⸗ gine gefühlt hatte, aber er genoß in Alexandrinens Nähe ein reineres Glück und innigere Freuden; dieſes Gefühl ſollte auch von längerer Dauer ſein als das frühere, denn die flammendſten Feuer erlöſchen oft am früheſten. Alexandrine erwiederte die Empfindungen, welche ſie erregte. Unſchuldig und naiv, unbekannt mit. der Kunſt, die Gefühle ihres Herzens zu verbergen, ſchente ſie ſich nicht, ihrem Liebhaber zu geſtehen, daß ſie ſeine Neigung theile. Karl hatte ſeine Mutter bereits gebeten, ihn mit ſeiner Freundin auf immer zu verbinden, aber Frau von Meroille fürchtete, daß ihr leicht zu entflammen⸗ der Sohn vielleicht nur eine vorübergehende Lei⸗ denſchaft für Alexandrine empfinde, daher wollte ſie erſt einige Monate verſtreichen laſſen, ehe ſie der Vereinigung der beiden jungen Leute das Wort rede. Der von ihr feſtgeſetzte Zeitraum nahte ſeinem 4 à1 63 Ende, als ein unvorhergehendes Ereigniß das Glück der beiden Liebenden nochtweiter hinausſchob: Herr von Saint⸗Urſain wurde gefährlich krank, und die ganz ihren kindlichen Pflichten lebende Alexandrine war ſomit gezwungen, ihre reizenden Hoffnungen und Ausſichten für die nächſte Zeit aus den Augen zu ſetzen. Während Karl einen Unfall verfluchte, der ſein Glück verzögerte und traurige Folgen nach ſich ziehen konnte, bewunderte er zugleich die Tugenden ſeiner Freundin; wie intereſſant ſchien ſie ihm, da er oft Zeuge ihrer unermüdlichen Sorgfalt für ihren Vater war, wenn ſie, an deſſen Bette ſitzend, aufmerkſam auf alle Bewegungen des Kranken achtend, jedem Wunſche deſſelben zuvorzukommen ſuchte, und er ihre unendliche Seelengüte und alle Vorzüge ihres Herzens aus ihrer Handlungsweiſe hervorleuchten ſah! Wenn ſich Karl in ſolchen Augenblicken an Georgine erin⸗ nerte, ſo dachte er ſie ſich, wie ſie jetzt ihre Eitelkeit und ihre Pracht in der Oper zur Schau ſtellte; fiel dann ſein Auge wieder auf das Gemälde, welches ſich ſeinen Blicken darbot, ſo rief er im Stillen aus „Ach! welcher Unterſchied beſteht zwiſchen dieſen bei⸗ den gleich jungen und hübſchen Mädchen... zwiſchen Alexandrine, die ihren Vater pflegt, und„Georgine, die ein Rendezvous ausmacht!“ Der Sorgfalt ſeiner Tochter verdankte Herr von Saint⸗Urſain endlich ſeine Geneſung, und unſere Liebenden ihr Glück. Als dieſer ſich wieder ganz hergeſtellt fühlte, erin⸗ nerte er Frau von Merville zuerſt daran, daß ihre 64 Kinder für ihre zärtlichen Bemühungen eine Beloh⸗ nung verdienten. Frau von Merville hatte keinen Grund mehr, ſich zu widerſetzen, und Herr von Mer⸗ ville billigte Alles. Der Hochzeittag der jungen Leute wurde feſtgeſetzt; da aber ein künftiger Gatte ſeiner Verlobten verſchiedene Geſchenke machen muß, und man die für die jugendliche Braut beſtimmten Gegen⸗ ſtände nur in Paris bekommen konnte, ſo verlangte Frau von Merville, daß ſich ihr Sohn ſelbſt in die Hauptſtadt begebe, um die nöthigen Einkäufe zu machen. Mit der Sendung ihres Sohnes nach Paris ver⸗ band Frau von Merville noch einen andern Zweck: in der Beſorgniß, Georginens Bild möchte noch nicht ganz aus Karls Herz verwiſcht ſein, und dieſer, mit Ale⸗ xandrine vereinigt, dieſelbe nicht ſo glücklich machen, als ſie es verdiente, wollte ſie ihrem Sohne eine letzte Prüfung auferlegen. Wenn er Georgine nicht mehr liebt, dachte ſie, ſo iſt der Aufenthalt von Paris nicht gefährlich für ihn, und er wird auch nur ſo lange dort bleiben, als es ſeine Geſchäfte erfordern; liebt er ſie aber noch, und er vergißt bei ihrem An⸗ blick die reizende, für ihn beſtimmte Gattin, ſo ſoll er nie die Hand eines F Frauenzimmers erhalten, deſſen Beſitz er nicht verdient. Karl reiste nach Paris ab, aber nicht mehr mit einem von Sehnſucht pochenden Herzen, dort ein an⸗ gebetetes Weib zu finden; ol er war geheilt, voll⸗ ſtändig geheilt, und Georgine hatte alle Bedeutung für ihn verloren. ) 44. 65 Am erſten Abend ſeiner Ankunft in Paris führte der Zufall, der ſtets Karls und Georginens Zuſam⸗ mentreffen begünſtigt hatte, ihre Begegnung auf der Straße herbei. Der junge Mann entfernte ſich haſtig, nachdem er Georginen ſeine Börſe zurückgelaſſen hatte. Die Lage, worin er ſie angetroffen, erſchütterte ihn heftig, und wenn er bemerkt hätte, daß ſie ohne Beſinnung auf den Stein zurückgeſunken war, ſo hätte er ſie gewiß nicht ſo plötzlich verlaſſen. Aber er ſchrieb dieſen Zuſtand der Unempfindlichkeit, worein ſie ver⸗ fallen, dem Gefühle der Schande zu, von einem Manne, welchen ſie früher verrathen und verachtet hatte, in ſolcher abſcheulichen Lage geſehen worden zu ſein. Mit Gewalt das Andenken an rin Weib aus ſeinem Innern verbannend, welches er ſich ſchämte, geliebt zu haben, mied Karl Alles, was ihn an daſ⸗ ſelbe erinnern konnte, und ſehnte ſich nur um ſo inniger, Paris bald wieder zu verlaſſen. Nachdem er ſeine Einkäufe gemacht und die ihm aufgetragenen Commiſſionen beſorgt hatte, trat er mit Freuden den Rückweg nach dem Schloſſe Mer⸗ ville an, wo ihn Hymen und die Liebe erwarteten. 4 Zehntes Kapitel. Beſſerſpätalsnie. Als Georgine wieder zu ſich kam, herrſchte die tiefſte Stille in den verödeten Straßen; die Laternen Paul de Kock. XLIV. 5 warfen bloß noch eine flackernde Helle von ſich⸗ Alles ſchien während der Stunde des Schlummers erlöſchen zu wollen. Unſere Heldin ſucht, erſtaunt, ſich mitten in der Nacht auf einer ſteinernen Bank zu finden, ihre Ge⸗ danken zu ſammeln; mit dem deutlichern Bewußt⸗ ſein kehren auch ihre Schmerzen zurück; das Begegnen Karls betrübt ſie am meiſten, ſie wendet übrigens den Kopf um und ſucht ihn zu ſehen. „Ich bin allein,“ ruft ſie aus,„von all' meinen Bekannten verlaſſen!... ſelbſt Karl flieht mich!... ach! ich Unglückliche! wie ſehr habe ich es verdient! in welcher Lage hat er mich getroffen! wie muß er ſich ſchämen, mich geliebt zu haben!“ Es ſchlägt zwei Uhr auf dem nahen Kirchthurme. Der dumpfe Klang der Glocken, die matte Helle der Laterne, die Ruhe der Nacht, Alles trug zur Ver⸗ mehrung der entſetzlichen Lage Georginens bei; die ſchrecklichſten Gedanken ſtiegen in ihrer Seele auf, das Uebermaß der Leiden brachte ſie an den Rand der Verzweiflung. 3 „Es iſt aus,“ ſagt ſie,„dieſe Stunde iſt die letzte, welche für mich geſchlagen hat. Ich will meinem Daſein ein Ende machen: beſſer todt als ehrlos.“ Sie hebt die Augen gen Himmel, deſſen Barm⸗ herzigkeit ſie anzuflehen ſucht; dann fallen ihre Blicke auf eine der verglimmenden Nachtlampen. Sie be⸗ denkt, daß man dieſe ſterbende Flamme wieder an⸗ fachen könnte, daß wenn dagegen der Lebensfunken, der die traurige Georgine noch in Bewegung ſetzt, ein⸗ 67 mal erloſchen ſei, ihn nichts mehr wieder anzünden könne. 4 Sie ſteht auf, in der Abſicht, ihren unheilvollen Plan auszuführen. Bei dieſer Bewegung fällt Etwas auf den Boden, welches ſie nicht auf ihrem Schooße gefühlt hatte: ſie bückt ſich und hebt den Gegenſtand auf. O Wunder! es iſt eine Börſe und dazu eine ziemlich ſchwere Börſe... Sie errathet gleich, woher ihr dieſe unerwartete Hülfe komme: Karl allein iſt einer ſolchen Handlung fähig. Welcher Andere hätte ihr auch in der That eine dem Anſcheine nach ziemlich beträchtliche Summe geben ſollen? Georgine preist die Vorſehung, ihr Herz lebt wieder auf, ſie athmet freier, und der kaum gefaßte fürchterliche Plan iſt vergeſſen! Arme Menſchen, wie leicht gebt ihr euch doch der Hoffnung hin! 3 „Ich darf noch leben,“ denkt Georgine;„dieſe Summe wird zur Anſchaffung meiner dringendſten Bedürfniſſe hinreichen, dann will ich arbeiten, die gute Thereſe aufſuchen und all' meinen Vergehen und ſündhaften Neigungen entſagen.“ Georgine beſtärkt ſich mehr und mehr in dem Entſchluſſe, ein anderes Betragen anzunehmen, und erwartet auf der ſteinernen Bank, worauf ſie ſitzt, den Tag. Sobald das Frühroth graut, macht ſie ihre Börſe auf und zählt ihren Schatz: ſie iſt im Beſitze von zehn Louisdor und einiger Münze. Frü⸗ her hätte ihr eine ſolche Summe nicht zur Befriedi⸗ gung einer einzigen Laune genügt, jetzt ſchien ſie ihr ungeheuer! Sie zählt das Geld mehrere Male, be⸗ 4 68 trachtet es mit Entzücken und ſieht in dieſen zehn Goldſtücken das Ende ihrer Qualen und den Beginn einer glücklichen Zukunft. Ungeduldig wartet Georgine auf den Augenblick, wo ſie ihren Hunger ſtillen kann. Der frühe Land⸗ mann iſt ſchon lange an ſeinem Geſchäft, aber der faule Städter überläßt ſich noch dem Schlummer. Endlich macht ein Bäcker ſeinen Laden auf; Geor⸗ gine eilt hin, ſich einige Nahrung zu kaufen. Nach⸗ dem ſie dieſem erſten Bedürfniſſe Genüge geleiſtet hat, ſetzt ſte, in der Abſicht, ſich ein kleines Zimmer⸗ chen zu miethen, ihren Weg fort. Georgine befindet ſich zufällig in der Mühlen⸗ ſtraße und iſt genöthigt, an dem Hauſe vorbei zu ge⸗ gehen, wo ſie zuletzt gewohnt. Da ſie ſich nur un⸗ gern vor denen gezeigt hätte, die Zeugen ihres leicht⸗ ſinnigen Lebens geweſen, will ſie, ohne ſich aufzuhal⸗ ten, vorüber gehen, als ein Weib, welches die Straße vor dem Hauſe kehrt, ſie mehrere Male beim Namen ruft. Georgine kehrt ſich um und erkennt ihre Por⸗ tière. „Ach der Tauſend, Madame, es iſt ein Glück, daß ich Sie ſehe!“—„Was wollen Sie von mir?“ —„Ich war bereits in Sorgen, Sie nie wieder zu treffen!“—„Warum?“—„Dieſes Paris iſt ſo groß, man kann ſich lange ſuchen, ohne ſich zu fin⸗ den!“—„Sprechen Sie doch.“—„Mein Gott, es fing uns allmälig an läſtig zu werden!“—„Läſtig, was denn?“—„Wir ſind nicht reich und, ſehen Sie, ein Kind weiter, wenn man ohnehin ſchon fünfe hat...“ 69 —„Ein Kind?“—„Der arme Junge, wir konnten ihn doch nicht auf die Straße ſetzen! Mein Gott, er iſt ſchon ſo hübſch und ſo drollig; wir haben ihn ſo lieb, als wäre er unſer eigen.“—„Um's Himmels Willen, erklären Sie ſich deutlicher, von welchem Kinde ſprechen Sie?“—„Ei, der Kukuk! von dem Ihrigen!“—„Dem meinigen, wäre es möglich! wo iſt mein Sohn?“—„Bei uns, davon rede ich ja ſchon zwei Stunden mit Ihnen. 4 Georgine gibt ihr weiter kein Gehör, ſondern eilt oder vielmehr fliegt in die Wohnung des Por⸗ tiers. Das Verlangen, ihren Sohn zu ſehen, bewegt zum erſten Mal ihr Herz; aber dieß Verlangen iſt bereits ſo heftig wie jede erſte Leidenſchaft eines Weibes. Sie geht in den Hof hinein: ein kleiner drei⸗ bis vierjähriger Junge ſpielt an der Treppe; Georgine rennt auf ihn zu, betrachtet ihn, ſchließt ihn in ihre Arme und bedeckt ihn mit Küſſen.„Das iſt mein Sohn!“ ruft ſie aus. Sie hat ſich nicht ge⸗ täuſcht; die Natur trat wieder in ihre Rechte. „Schau! das iſt auffallend, wie ſchnell Sie ihn erkannt haben,“ ſagt die Portière zu Georgine. Das erſtaunte Kind läßt ſich von ſeiner Mutter küſ⸗ ſen und erwiedert mit ſeinen kleinen Händchen ihre Liebkoſungen.„Das iſt Deine Mutter, Paul,“ ſagt die Portiéere zu ihm,„geh, Kleiner, umarme ſie! Der arme Junge weiß nicht, was das heißen ſoll! Meiner Treu, er iſt auch noch ſo jung! mich nannte er ebenfalls Mutter und ich weiß in der That nicht, was ohne uns aus ihm geworden wäre!“ 4 70 Georgine erröthet und frägt die Portisre, wie es komme, daß ſich ihr Sohn bei ihr befinde. „Das iſt ganz einfach,“ entgegnet dieſe.„Die Buäuerin, welche Ihr Kind in der Pflege hatte, war geärgert, daß ſie ihr kein Geld mehr ſchickten, und da ſie den Kleinen nicht umſonſt halten wollte, ent⸗ ſchloß ſie ſich, Ihnen denſelben nach Paris zu brin⸗ gen. Sie kam Tags nach Ihrer Entfernung, und da ich ihr nicht ſagen konnte, wo Sie ſeien, weil ich es ſelbſt nicht wußte, ließ ſie mir das Kind, welches ich hoffentlich zur Zufriedenheit verpflegt habe, denn ich liebe die Kinder, zurück, und kehrte allein heim.“ Georgine machte dem Geſpräch der Portiére ein Ende, indem ſie ihr einen Louisdor in die Hand drückte; dann bedankte ſie ſich nochmals, nahm das Kind bei der Hand, und verließ mit dieſem das frü⸗ her von ihr bewohnte Haus. Georgine war über das neue Gefühl, welches ſie empfand, ſelbſt erſtaunt: ſich ganz dem Vergnügen hingebend, ihren Sohn zu bewundern, vergaß ſie bei ſeinem Anblick ihren Kummer, ihre Fehltritte und ihre Lage. Sie machte es ſich zum Vorwurfe, ſich ſo lange die Mutterfreuden entzogen zu haben. Von den eiteln Genüſſen der Koketterie geheilt, reinigte ihre Seele, indem ſie ſich den ſüßen Empfindun⸗ gen überließ, welche die Nähe ihres Sohnes in ihr erweckte.— Der kleine Paul lief ſchweigend neben ſeiner Mutter her. Dieſes durch ſeine anmuthigen Züge und ſeine ſanfte Gemüthsart intereſſante Kind hatte 71 nichts von dem plumpen Weſen an ſich, welches ſich die Kinder oft durch einen allzu langen Aufenthalt auf dem Lande aneignen. Georgine ſtand, ſtolz auf ihren Sohn, oft ſtille, ihn zu bewundern.„Wo ge⸗ hen wir denn hin, Madame?“ fragt das Kind end⸗ lich.—„Ich heiße nicht Madame, mein Liebchen, ich bin Deine Mutter.“—„Ich habe ſchon zwei Mütter gehabt!“—„Dieſe waren es nicht eigentlich, ich allein bin Deine Mutter. Willſt Du mich lieb haben, Paul?“—„Wenn Du nicht böſe biſt, mir zu eſſen gibſt und mich nicht ſchlägſt, wie meine Mutter auf dem Lande!“—„Wie, ſie ſchlug Dich, armes Kind?“—„Ja, wenn ich Hunger hatte! ſie ſagte, man bezahle ſie nicht mehr für meine Ver⸗ köſtigung und ich wollte immer eſſen, deßhalb ſchlug ſie mich.“—„Armer Kleiner, und das iſt meine Schuld; ich konnte Dich ſo lange verlaſſen! Ja, ich habe alle Leiden verdient, die ſeither über mich ver⸗ hängt wurden!“ Georgine fand endlich in einem einſamen Quartier ein kleines Zimmerchen für den monatlichen Preis von zwanzig Franken(weil es mit den nöthigen Geräthen verſehen war), welches ſie ſogleich beziehen konnte. Unſere Heldin quartierte ſich mit ihrem Sohne in dieſen düſtern Winkel ein und empfand, allein mit ihrem Kinde, in einem unbeſuchten Quartier, nit Niemand im Verkehr, nur aus dem Hauſe ge end, um ihre Nahrungsmittel zu holen, keinen Augenblick Langeweile; ſie fühlte nicht mehr jene Leere in der Tiefe ihres Herzens⸗ welche ſie mitten in die Feſtlich⸗ 8 * 72 keiten und Vergnügungen verfolgt hatte. Jetzt ge⸗ nügte ihr ihr Sohn: ſtets bemüht, ihm Unterhaltung zu verſchaffen, ihn küſſend und ihn betrachtend, wenn er ſchlief, lebte ſie und athmete ſie nur für ihn; die Mutterliebe entſchädigte ſie für Alles. Aber die Summe, welche Georgine beſaß, konnte nicht lange dauern. Sie hatte für ihren Sohn und ſich auch einige Kleidungsſtücke kaufen müſſen. Eines Abends überzählte ſie den Reſt ihres Vermögens: ſie ſah ein, daß es ihr bald wieder au Allem mangeln werde. „Ich muß arbeiten,“ denkt ſie,„ich muß Beſchäfti⸗ gung ſuchen; ach! jede Mühe iſt mir leicht, wenn ich an meinen Sohn denke.“ Sie legt ſich mit dem Vorſatze nieder, ſchon am folgenden Tage ihren Plan auszuführen, und warf ſich vor, nicht früher daran gedacht zu haben. Die Hoffnung, durch ihre Arbeit die Stütze ihres Kindes zu ſein, ließ ihr, was ſie früher nur mit Schrecken betrachtete, reizend erſcheinen. Sobald es Tag war, ging Georgine in's Haus hinunter und erkundigte ſich, ob Niemand Arbeit brauche; allein die Einen hatten bereits ihre gewöhn⸗ lichen Leute dazu, die Andern im Augenblicke nichts zu thun oder ſie verſprachen, an ſie zu denken. Im Allgemeinen nahmen ſie ſie Alle ſchlecht auf und ſprachen in jenem zurückſtoßenden, das Unglück de⸗ müthigenden Tone mit ihr. Georgine kehrt traurig wieder in ihr Stübchen zurück, erſtaunt über die Schhwierigkeiten, die ſich Einem in Paris entgegen ſetzen, wenn man ſich Andern nützlich machen will! 1 73 Ihr Herz wird ſchwer, Thränen füllen ihre Augen; aber ihr Söhnchen erwartet ſie, es lächelt bei ihrem Eintritt, breitet die Arme aus, eilt ihr entgegen... und ſie vergißt ihren Gram, indem ſie es an ihr Herz drückt. 3 Am folgenden Tage erneuert ſie ihre Schritte, bezweckt aber nichts weiter und erleidet diefelben Demüthigungen. Georgine geht noch betrübter wie⸗ der zu ihrem Sohne hinauf. Ein Tag verſtreicht um den andern, ihr Geld geht aus, ſie hat keine Arbeit und keine Hülfsmittel zur Ernährung ihres Kindes! Unglückliche Mutter! dieſen Beſitz, welcher dein Glück ausmacht und worein du deine theuerſten Hoffnun⸗ gen ſetzeſt, dieſen angebeteten Sohn, der dich die ſüßeſten Gefühle kennen gelehrt hat, betrachteſt du nur noch mit Zittern: du befürchteſt, daß dich bald das Elend dieſes armen Kindes berauben werde! Du wendeſt die Blicke ab, um ſeine geliebten Züge nicht mehr zu ſehen, und duldeſt ſeine Liebkoſungen nur noch mit innerer Pein. Während einer Nacht, wo Georgine, welche kei⸗ nen Augenblick der Ruhe mehr genoß, an dem Bette ihres Sohnes ſitzend, den Himmel anflehte, damit er ſich ihrer Reue und ihrer Qual erbarme, ſtieg der Gedanke an Thereſe in ihrer Seele auf; ſie wunderte ſich, daß ihr die gute Pächterin, die allein Mitleid mit ihrer Lage fühlen werde, nicht früher eingefallen war. Georgine entſchließt ſich, ſich der guten Bäuerin zu Füßen zu werfen. Furcht, Ehrgeiz und Scham 74 treten in den Hintergrund; es handelt ſich um die Rettung ihres Sohnes! Wenn ſie auch bei dem Gedanken an den Kummer, den ich ihr verurſacht habe, mich von ſich ſtößt und mir den Aufenthalt in ihrem Hauſe verweigert, ſo wird ſie ſich doch meines ar. nen Pauls annehmen; ſie weiß den Unſchuldigen von der Schuldigen zu unterſcheiden und wird ihn meinen Leichtſinn nicht entgelten laſſen. Ueber das Schickſal meines Sohnes beruhigt, kann ich dann getroſt ſterben, denn ich weiß, daß mein Kind bei ihr guten, ſorgſamen Händen anvertraut iſt. Georgine trifft ſogleich ihre Vorbereitungen zur Reiſe; dieſe ſind bald im Reinen: einige Kleidungsſtücke von ihr und ihrem Kinde machen ihre ganze Habſe⸗ ligkeit aus. An Geld blieb ihr kaum noch ſo viel, ſich einen Tag das Leben zu friſten, und ſie muß zu Fuße gehen!„Einerlei,“ ſagt unſere Heldin, vich habe Muth und trage mein Kind, wenn es ermüdet iſt. Bondy liegt nicht ſo fern von Paris: in einem Tage ſind wir dort und ich treffe an dem Ziele mei⸗ ner Reiſe den Troſt für die erduldeten Leiden.“ Sobald ihr Sohn erwacht, kleidet ſie ihn ſchnell an. Der kleine verwunderte Paul frägt ſeine Mut⸗ ter, was denn geſchehen ſolle.„Wir gehen auf's Land,“ entgegneteſie ihm,„wo wir hoffentlich glück⸗ licher und heiterer ſein werden als hier. Dort kannſt Du im Freien herumlaufen und ſpielen.“—„Ach, das iſt recht, und Du ſpielſt auch, nicht wahr?“— „Ja, mein Herz!“—„Dann ſind wir nicht mehr den ganzen Tag in eine häßliche Stube eingeſperrt?“ . 75 —„Nein, lieber Paul.“—„Und Du weinſt nicht mehr, wenn Du mich anſtehſt?“—„Nein, theures Kind, nein! ich werde dann nicht mehr weinen, weil ich über Dein Schickſal beruhigt bin!“. Der kleine Paul iſt hoch erfreut, auf's Land zu gehen; er lacht, läuft, ſcherzt, hüpft und macht tau⸗ ſend Tollheiten. Georgine gibt ſich, durch das Ver⸗ gnügen ihres Kindes belebt, neuen Hoffnungen hin. Der Gedanke an eine ruhige Exiſtenz auf dem Lande ſpricht ihre von Freuden und Leiden erſchöpfte Phan⸗ taſie lebhaft an. Dieſer Aufenthalt, der ihr einſt ſo langweilig geſchienen, dieſen Pachthof, den ſie zwei Mal geflohen, betrachtet ſie jetzt als einen Hafen, wo ſie gegen die Stürme des Lebens Schutz finden werde. Arme Georgine, Du weißt nicht, daß dieſes erſehnte Aſyl nicht mehr exiſtirt. Man tritt den Weg an. Georgine verläßt mit Vergnügen dieſe Stadt, den Schauplatz ihrer Ver⸗ irrungen, in welche ſie nie mehr zurückzukehren hofft. 1 Elftes Kapitel. Beſtrafter Undank. Unſere Reiſenden ſind auf dem Wege; Georgine trägt in der einen Hand das leichte Päckchen, das all ihr Vermögen enthält, und reicht die andere dem kleinen Paul, der auf dem ganzen Wege ſingt und ſcherzt. Seine Mutter lächelt, wenn ſie ihn betrachtet; Hoffnung und Muth ſind ihre einzigen Begleiter l... Die arme Georgine hat ſich ſeit einiger Zeit ſehr ver⸗ ändert: bleich, mager, mit hohlen, erloſchenen Augen und farbloſen Lippen ſteht ſie zehn Jahre älter aus, als ſie iſt, denn Thränen machen gar ſchnell alt. Von Zeit zu Zeit ruht Georgine und ihr Sohn unter einem Baume oder an einer Wohnung aus: ſie ſind nicht gewöhnt, ſo weit zu gehen. Indeſſen drängt es ſie, noch dieſen Abend auf dem Hofe an⸗ zukommen. Was würde ſonſt aus ihnen werden? wo ſollten ſie die Nacht zubringen? Georgine faßt ihren Muth zuſammen;z ſie nimmt ihren Sohn auf die Arme, denn das Kind kann nicht mehr gehen, und eilt dann, beladen mit dieſer köſt⸗ lichen Laſt, dem Ziele zu, wohin ſie ihre Wünſche drängen. Die Nacht lagert ſich allmälig auf die Landſchaft und ſie ſind noch nicht in Bondy. Georgine iſt er⸗ ſchöpft und fühlt ihre Kräfte weichen: ſie lehnt ſich an einen Baum und bittet den Himmel um Kraft, um weiter gehen zu können. Der kleine Paul, der ſeine Mutter ſehr traurig ſieht, ſingt nicht mehr und ſagt kein Wort. Ein Bauer gehi an ihnen vorüber: mit dem Spa⸗ ten und der Hacke anf der Schulter kehrt er fröhlich nach ſeiner Hütte heim. Georgine ruft ihm zu:„Gu⸗ ter Mann, haben wir noch weit nach Bondy?“ —„Nein, mein Kind, höchſtens eine halbe Stunde.“ —„Eine halbe Stunde! Werde ich die Kraft ha⸗ ben, dahin zu kommen?“—„Was machen Sie denn — — 77 da?“—„SIch ruhe aus, wie Ihr ſeht!“—„Sie ſehen ſehr müde aus?“—„O ja!“—„Und Sie gehen nach Bondy?“—„Wenn meine Kräfte es zugeben!“ —„Nun, wir gehen zuſammen, ich gehe auch dahin zu... Und dieſes Kind?“—„Iſt mein Sohn.“— „Er iſt hübſch... ich will ihn tragen... Und Sie, nehmen Sie meinen andern Arm und ſtützen Sie ſich darauf. Ol ich bin ſtark, kommen Sie!“—„Ihr ſeid zu gut. Aber ich fürchte..“—„Vorwärts! keine Ziererei!...“ Georgine nimmt mit Vergnügen den Arm des guten Bauern. Dank ihrem Reiſegefährten kommt Georgine und ihr Sohn nach Bondy; aber ſchon ſeit geraumer Zeit war es Nacht und bis zu dem Pacht⸗ hofe war es noch weit. „Bleiben Sie hier?“ fragt der Bauer Georginen. —„Nein, nicht eigentlich, ich gehe weiter, aber...— „Halt! es iſt ſpät, wenn Sie nicht ſehr eilen, ſo kommen Sie mit Ihrem Sohne und bleiben Sie in meiner Hütte über Nacht; Sie werden von braven Leuten empfangen und morgen können Sie dann wei⸗ ter reiſen, ſobald Sie wollen.“—„Ich nehme Ihr Anerbieten mit Dank an, denn ich fühle, daß ich nicht mehr weiter gehen kann.“—„Vorwärts, zum Henker, was braucht's da noch kange zu ſchwatzen; meine Huͤtte iſt gleich hier neben, wir werden im Augenblick dort ſein.“ Man ſetzt ſich wieder in Bewegung und iſt bald an der Wohnung des Meiſters Peter. Eine brave Bäuerin und ſechs Kinder, die um einen Tiſch herum 78 ſitzen, erwarteten ungeduldig die Rückkehr des Haus⸗ vaters. Wie man ihn ſieht, läuft Alles ihm entgegen und umarmt ihnz alle ſeine Kinder, von denen das älteſte ein hübſches Mädchen von fünfzehn Jahren iſt, über⸗ häuften ihn mit den zärtlichſten Liebkoſungen, wäh⸗ rend ſeine Frau ihm ſeinen großen Lehnſtuhl herbei⸗ rückt; man ſieht Georginen noch nicht, beachtet ſie nicht. Hier gehen die Geſetze der Natur Allem vor: der erſte Gruß gehört dem, den man liebt, und nicht einem Fremden. Meiſter Peter zieht Georginen und ihr Kind ſelbſt herein und ſtellt ſie ſeiner Familie als arme Rei⸗ ſende vor, die man ſo gut als möglich bewirthen ſolle. Alle Bewohner der Hütte drängen ſich nun um Georgine und ihr Kind; die hübſche Louiſe(ſo heißt das junge fünfzehnjährige Mädchen) nimmt den klei⸗ nen Paul in die Arme, während die Frau Peters ſeiner Mutter einen Sitz gibt und die andern Kinder das Nachteſſen richten. „Wie glücklich ſie ſind!“ ſagt Georgine leiſe, dieſes Bild betrachtend.„Ach! mögen ihre Kinder ſich nie von dieſer friedlichen Wohnung trennen!“—„Sie ſehen es,“ ſagt Peter;„ich ſagte Ihnen, Sie wer⸗ den gut empfangen werden! außerdem iſt es eine Pflicht. Die Unglücklichen werden immer bei mir aufgenommen, nur Schlechte und Undankbare weiſe ich ab, dieſe könnten meinetwegen vor meiner Thüre über Nacht bleiben!“ Bei dem Worte: Undankbare! erblaßt Georgine; ——:-—— ſie fühlt, daß Niemand mehr als ſie dieſen Namen verdient; ſie iſt in Unruhe. Allein die Bauersleute nöthigen ſte, an den Tiſch zu ſitzen: ſie verſcheucht die traurigen Gedanken und nimmt mit ihrem Sohne Platz am Tiſche des Meiſters Peter. Man ißt fröhlich zu Nacht. Georgine bewundert die Aufmerkſamkeit der Kinder Peters für ihre El⸗ tern; ſie ſuchen in den Augen ihres Vaters zu leſen, kommen ſeinen kleinſten Wünſchen zuvor und finden in der Erfüllung dieſer Pflichten das ſüßeſte Ver⸗ gnügen. Wenn der Appetit geſtillt iſt, geht es an's Plau⸗ dern. Meiſter Peter ſpricht gerne. Georgine fragt ihn, ob er ſchon lange in der Nähe von Bondy wohne? —„Verzeihung! Ich bin in dieſer Hütte geboren und hoffe auch darin zu ſterben.“—„Sie kennen dem⸗ nach alle Bewohner in der Umgegend?“—„Gewiß; warum?“—„Sie können mir Nachrichten von den Leuten geben, die eine im Thale gelegene Meierei bewohnten?“—„Ol das iſt der Pachthof des armen Johann, ſo wollen Sie doch ſagen?“(Peter ſeufzt dabei tief.)—„Johanns Pachthof, den meine ich!“ —„Wiſſen Sie nicht, daß er geſtorben iſt?“— „Doch, ich weiß es, aber...“—„Ohne Zweifel kennen Sie die Urſache ſeines Todes nicht, und nicht alles Unglück, das auf dieſes ſchreckliche Ereigniß ge⸗ folgt iſt! Ach, das iſt eine traurige Geſchichte, die ich zu gut kenne, denn der arme Johann war mein Freund, das heißt, ich ſah ihn zuweilen auf dem Felde. Hören Sie zu, ich will Ihnen das erzählen; 80 meine Kinder kennen die Sache, aber es kann ihnen nichts ſchaden, wenn ſie ſie erzählen hören, denn es i*ſt eine Lehre für ſie, namentlich für meine Mädchen! Zum Henker! Wenn ſie je ſo ſich aufführten, wie jenes... Doch hören Sie zu.“* Georgine ſchaudert und iſt bewegt; ſie ſieht, daß ſie die Erzählung des Unglücks hören muß, das ſie ihren Wohlthätern bereitet hat. Wirklich erzählt ihr auch Peter die Adoption des kleinen Mädchens, die Art, wie ſie auf der Meierei Johanns erzogen wurde, den Undank, mit dem Georgine ihre Wohlthäter be⸗ zahlte, und ihren Hochmuth gegenüber von den Bau⸗ ersleuten. Meiſter Peter vergißt nichts: er kennt die Lieb⸗ ſchaft Karls, dem er gerne Gerechtigkeit wiederfahren läßt, denn man ſah wohl, daß Karl kein Verführer war; aber umgekehrt ſchont er den jungen Marquis nicht, den erſten Urheber der Fehler Georginens. Der gute Bauersmann weint, als er den Tod Jo⸗ hanns, eine Folge ſeiner Zärtlichkeit gegen eine Un⸗ dankbare, erzählt; alle Bewohner der Hütte ſind be⸗ wegt; Georgine ſitzt bleich, unbeweglich, die Augen auf den Boden geheftet, da, und ſucht ſich zu halten und die Qualen ihrer Seele zu verbergen. Peter nimmt den Faden ſeiner Erzählung wieder auf. Als er aber an die zweite Flucht Georginens und den Brand des Pachthofes kommt, unterbricht ihn unſere Heldin, da ſie nicht an das glauben kann, was ſie hört. „Wie!“ ruft Georgine,„Lafleur hätte gewagt...“ 81 —„Ja, er hatte das Feuer angezündet, das die Wohnung der Wittwe Johanns ergriff; die Brunſt machte in kurzer Zeit mächtige Fortſchritte! Mitten in der Nacht hatte man keine Hülfe! Alles ver⸗ brannte, und Thereſe war eine Bettlerin durch die geworden, die ſie mit Wohlthaten überhäuft hatte.“ „Großer Gott!“ ruft Georgine heftig,„ich habe die Schuld!“—„Sie,“ ruft Peter, ſie mit Schrecken betrachtend.—„Was iſt aus Thereſe geworden?“ fragt Georgine, die in ihrer Verzweiflung die Un⸗ ruhe nicht beachtet, die ſich auf dem Geſichte Peters malt;„was iſt aus ihr geworden? Im Namen des Himmels, geben Sie Antwort.“—„Sie iſt nicht mehr! Nachdem ſie noch eine Zeitlang in Trauer und Kummer lebte, ſtarb ſie, ein Opfer der Undank⸗ barkeit und der ſchlechten Aufführung derjenigen, die ſie an Kindesſtatt angenommen hatte!“—„Unglück⸗ liche!“ ruft Georgine aus und ſtürzt ohnmächtig zu⸗ ſammen. Die Frau und die Kinder Peters ſpringen ihr eilends hülfreich bei, der kleine Paul weint und ruft laut nach ſeiner Mutter, Peter allein bleibt bei die⸗ ſem Bilde unbewegt: ſeine Stirne iſt ernſt geworden, ſeine Augen forſchen Georginen aus, es ſcheint, als ſuche er ſich ihre Züge zurückzurufen, und je mehr er ſie betrachtet, um ſo ernſter wird ſeine Haltung, um ſo mehr Gleichgültigkeit zeigt er bei den Leiden Georginens. Er entfernt ſeine Kinder von ihr und ſcheint zu fürchten, es möchte ihnen Schaden bringen, Paul de Kock. XLIV. 86 * ihre Verirrungen ſehr theuer bezahlt hat. Ich bin 8² dieſelbe Luft mit dieſer Unglücklichen einzuathmen. Endlich kommt Georgine wieder zu ſich: ſie ſchlägt die Augen auf und ſieht ſich ängſtlich um.—„Wer ſind Sie?“ fragt Peter ſie ernſt, indem er zwiſchen ſie und ſeine Kinder tritt;„wer ſind Sie? Antworten Sie!“ Georgine zittert; der Ton Peters verſteinert ſie. „Ich bin,“ ſagte ſie halblaut,„eine Unglückliche, die jene Georgine, deren Fehler Sie ſo eben erzählt haben. „Unglückliche!“ ruft Peter, während ſeine Familie Georginen ſchmerzlich betrachtet,„Sie ſind jene un⸗ dankbare Tochter! Sie haben Ihre Wohlthäter um⸗ gebracht! Entfernen Sie ſich augenblicklich! Ich will keine Frau in meiner Hütte haben, die uns Unglück bringen kann! Alle Familienväter dieſes Sprengels haben ihren Kindern verboten, ſich Ihnen zu nähern, und die meinigen würden bei Ihnen ſich zu Grunde richten. Entfernt Euch, ſage ich!...“—„Habt Mitleid!“ ruft Georgine, in die Kniee ſinkend.— „Mitleid mit den Undankbaren? nie!“—„Jagt mich nicht mitten in der Nacht fort... Soll dieſes Kind unter den Fehltritten ſeiner Mutter leiden 24—„Euer Sohn iſt das Kind des Verbrechens und einer ſchlech⸗ ten Aufführung; ich dulde es nicht in meinem Hauſe. Noch einmal, entfernt Euch, oder ich ſtehe nicht da⸗ für, daß mich nicht der Unwille übermannt, den Euer Anblick in mir erregt!“ Georgine umarmt die Kniee Peters, badet ſie mit ihren Thränen, zeigt ihm ihren Sohn; die Familie 4 8³ des Arbeiters iſt erweicht von dem Anblick der Schmer⸗ zen Georginens und ſucht den Grimm Peters zu beu⸗ gen; aber alles Bitten iſt vergebens: die Anweſenheit Georginens reizt ihn. Die Unglückliche muß ſeinen Zorn fliehen und wird mit ihrem Sohne mitten in der Nacht aus der Hütte hinaus gejagt. Nicht weit von der Hütte weg ſtürzt Georgine unter einen Baum. Ein Strom von Thränen entſtürzt ih⸗ ren Augen, ihre Seele iſt vom Schmerz zerriſſen. Ihr Sohn iſt unruhig über ihren Kummer, deſſen Urſache zu erkennen eine glückliche Unwiſſenheit ihn hindert, und der kleine Paul umarmt ſie, küßt ihre in Thränen gebadeten Wangen und ſucht ihre Leiden zu lindern. S 2 „Ach, mein Kind!“ ruft Georgine,„ohne Dich hätte ich längſt ſchon meinem Leben ein Ende ge⸗ macht; aber für Dich muß ich die Kraft haben, Alles zu ertragen.“ Sie nimmt das Kind auf ihre Kniee, ſucht es vor der Kälte der Nacht zu ſchützen(denn man war erſt im Frühling), indem ſie einen Theil ihrer Kleider auszieht. Ein heftiger Froſt ſchüttelt ihre. Glieder, aber ihr Kind fühlt die Kälte nicht und ſie faßt wieder Muth. Bereits eine halbe Stunde ſitzen die Unglücklichen auf dem Felde: der kleine Paul ſchlief auf den Knieen ſeiner Mutter, und dieſe wachte für ihren Sohn. Plötzlich hört ſie näher kommende Schritte... ſie er⸗ hebt das Haupt... es iſt eine Frau, es iſt Louiſe, die älteſte Tochter Peters. 84 „Arme Frau,“ ſagt das junge Mädchen,„ich will ſuchen, Ihnen nützlich zu ſein. Mein Vater iſt ſehr ſtreng; deßhalb komme ich auch ſo verſtohlen. Alles ſchläft, aber ich konnte nicht einſchlafen, da ich be⸗ dachte, daß Sie mit Ihrem Sohne mitten auf dem Felde ſind. Ich bin ganz leiſe aufgeſtanden, habe den Schlüſſel des kleinen Schoppens genommen, worin wir Stroh und Holz aufbewahren; kommen Sie da⸗ hin: Sie ſind da wenigſtens gegen die Kälte geſchützt und können ruhig ſchlafen.“—„Liebes Kind, ſetzt Euch doch nicht aus!.. Wenn es Euer Vater wüßte!“ —„Nein, nein, er kann es nicht wiſſen, wenn Sie morgen mit Tagesanbruch abreiſen.“ Georgine folgt dem jungen Mädchen mit ihrem Sohne änf dem Arme. Man kommt an dem Schop⸗ pen an, Louiſe läßt unſere Heldin eintreten, die ver⸗ ſpricht, mit Tagesanbruch aufzubrechen, und die junge Bäuerin entfernt ſich, zufrieden, eine gute Handlung gethan zu haben. Georgine, die neben ihrem Sohne auf dem Stroh liegt, ſucht vergebens einen Augenblick Ruhe zu finden. Die Unruhe über ihr zukünftiges Schickſal, der Man⸗ gel an Allem, an dem ſie leidet, die Art, mit der Peter ſie behandelte, Alles vereinigt ſich, ihre Sinne aufzuregen und hindert ſie, der Ermüdung in die Arme zu ſinken. Die letzte Hoffnung, die ihr geblie⸗ ben war, iſt dahin: Thereſe iſt nicht mehr! Georgine bringt die Nacht von Gewiſſensbiſſen gefoltert hin. So wie der Tag heraufkommt, weckt ſie, eingedenk des Louiſen gegebenen Verſprechens, 8⁵ ihr Kind zur Abreiſe. Der kleine Paul verlangt zu eſſen von ſeiner Mutter. Sie wendet das Geſicht ab, um ihre Thränen zu verbergen.„Komm,“ ſagt ſie, komm, mein Freund, bald, hoffe ich, werde ich...“ Sie hat nicht die Kraft, zu endigen, und das Kind, das ſeine Blicke auf ſie heftet, fühlt ſeinen Hunger nicht mehr, als es Thränen in den Augen ſeiner Mutter ſieht. Georgine nimmt ihr Kind am Arm und verläßt den Schoppen, ohne zu wiſſen, wohin ſie gehen ſoll. Der Anblick der Hütte Peters ruft ihr die Scene vom geſtrigen Abend zurück; ſie zieht ihren Sohn von die⸗ ſer Wohnung weg, aber der kleine Paul erinnert ſich, geſtern Abend hier zu Nacht gegeſſen zu haben; er hält ſeine Mutter an und zeigt ihr die Wohnung der Bauersleute.„Mama, warum treten wir nicht hier ein?...“—„Ach, mein Kind, wir können nicht, man hat uns hinausgejagt!“—„Hinausgejagt! was haben wir ihnen denn gethan?“—„Du haſt nichts gethan, mein Kind, aber Deine Mutter!..“— „Du biſt doch ſo gut, Du; das ſind häßliche Men⸗ ſchen, uns fortzujagen. Aber halt, wir wollen in dieſes andere Haus da unten. Da wird man uns aufnehmen...“—„Nein, mein Kind, alle Thüren ſind uns verſchloſſen, ich werde nirgends aufgenom⸗ men... Schande und Entbehrung ſind künftig das Loos Deiner unglücklichen Mutter!..“—„Ol die häßlichen Menſchen! Nun, wenn ich einmal groß bin, komme ich wieder und ſchlage dann Alle, die meine Mutter fortgejagt haben.“ * 86 * — 4 Georgine nimmt ihren Sohn fort von den Hüt⸗ ten und ſie lenken ihre Schritte nach dem Thale, das ſie in der Ferne ſehen. Bald erkennt unſere Heldin die Landſchaft, die Stelle, wo die Hütte Johanns ſtand; jeder Schritt in dem Thale ruft ihr eine Epoche ihres Lebens zurück, ſie bedauert jene glückliche Zeit der Jugend, die ſo ſchnell entflieht, um nie wieder zu kehren. An jedem Baume, jed Strauche bleibt Georgine ſtehen: da ſetzte ſie die alte Urſula in Bewegung... dort ſpielte ſie mit Cäſar... von dort her begegnete ihr Karl zum erſten Mal... etipns entfernter ſchwor er ihr, ſie ewig anzubeten. Geoorgine ſucht mit den Augen den Pachthof, aber vergeblich! Der Pflug des Landmanns hat den Boden durchfurcht, auf dem die Wohnung Johanns ſtand; doch erkennt ſie den Punkt, wo ſie geſtanden, einige Steine liegen daneben, aber bald wird von dieſen Ruinen nichts mehr ſein und das Auge in der Be⸗ wunderung dieſer fruchtbaren Felder keine Spur einer Wohnung mehr entdecken. Georgine geht ungern weiter; ſie lenkt ihre Schritte nach einem Wäldchen, wo ihr Wohlthäter ruhen muß. Da ſie ihm ihre Reue nicht mehr ausdrücken kann, will ſie wenigſtens ſeinem Andenken eine letzte Hul⸗ digung darbringen. Bald bemerkt ſie das Grab Johanns: der Ort ſcheint von den Landleuten geachtet, ja ſogar ver⸗ ſchönert worden zu ſein. Sie läßt die Hand ihres Kindes los und geht mit frommen Gedanken zu der —— —— —j—;—— 87 letzten Ruheſtätte ihrer Wohlthäter, denn ſie ſtellt ſich vor, Thereſe ruhe neben ihm im Grabe; wirklich ſchließt auch Ein Grab Beide ein, und Georgine liest folgende in den Grabſtein gehauene Worte: „Schenket zweien Unglüklichen, die Undankbarkeit in's Grab ſtürzte, eine Thräne!“ Georgine fällt auf die Kniee, badet das Grab mit ihren Thränen und ſendet heiße Bitten gen Him⸗ mel um Vergebung des Uebels, das ſie gethan. Nach⸗ dem ſie dieſe Pflicht erfüllt hat, fühlt ſie ihr Herz erleichtert; ſie erhebt ſich gefaßter, nimmt ihren Sohn an der Hand und verxläßt dieſen traurigen Ort nicht ohne noch oft ſich umzuwenden, um ihn noch einmal zu ſehen. Unſere Reiſenden gingen wieder einige Zeit ihren Weg fort. Georgine überließ ſich ihren Erinnerun⸗ gen und vergaß ihre gegenwärtige Lage; ſie wurde wieder daran erinnert, als ſie ihre Blicke auf ihren Sohn warf: das Kind, eingeſchüchtert durch die Traurigkeit ſeiner Mutter, wagte nicht, ihr ſeine Bedürfniſſe mitzutheilen. Georgine ſchloß es in ihre Arme und küßte es.„Liebes Kind,“ ſagte ſie,„ich habe Dich einen Augenblick vergeſſen, verzeihe mir! es geſchah wegen meiner Wohlthäter! künftig will ich nur für Dich leben. Du haſt gewiß Hunger und wagteſt nicht, es mir zu ſagen!... Komm, mein Freund! bald werden wir ein Frühſtück erhalten.“ Bei dieſen Worten betrachtet Georgine ihr leich⸗ tes Päckchen; es war ihre letzte Hülfsquelle.„Wenn ich das verkaufe,“ dachte ſie,„ſo bleibt uns nichts ‿ 88 8 mehr!... Aber vielleicht erbarmt ſich dann der Him⸗ mel unſer.“ Zu Bondy traf Georgine einen Kaufmann, der ihr aus Gefälligkeit für ihre Habſeligkeiten ſechs Franken gab. Es war dieß der vierte Theil ihres Werths. Sie nahm das Geld und eilte, ihrem Sohne Etwas zu kaufen, um ſeinen Appetit zu ſtillen. Wäh⸗ rend das Kind frühſtückte, zählte ſie das Wenige, das ihr blieb und war ſchmerzlich betrübt bei dem Ge⸗ danken, daß der Tod Thereſens ihr ihre letzte Hoff⸗ nung geraubt hatte. Plötzlich kommt die Erinnerung an ihren Oheim ihr in's Gedächtniß; dieſer Onkel, den ſie einſt verließ, iſt vielleicht geneigt, ihr zu ver⸗ zeihen. Mit Begierde ergreift Georgine dieſe letzte Hoffnung. Früher hätte ſie nicht gewagt, zu dieſem Verwandten zurückzukehren, der ſie als Kind erzogen; jetzt hängt die Exiſtenz ihres Kindes davon ab und ſie zaudert nicht; die Hoffnung, in Rambervilliers eine Zufluchtsſtätte und Hülfe zu finden, belebt ihren Geiſt. Aber ein ſchrecklicher Gedanke ſchleicht ſic zugleich ein: wenn ihr Onkel todt wäre!.. Dieſe Befürchtung iſt zum Verzweifeln und Geor⸗ gine ſtößt ſie mit Schrecken zurück.„Wenn er nicht mehr iſt,“ ſagt ſie bei ſich,„ſo habe ich wenigſtens das letzte Mittel verſucht, das mir geblieben iſt. Allein der Himmel wird Mitleiden mit meinem Unglück ha⸗ ben und zugeben, daß ich meinen Oheim wiederſehe, daß er mir verzeiht und ich endlich ruhig über das Schickſal meines Sohnes ſein kann!“ Aber wie ſollten ſie mit ſo wenigem Geld nach 5 89 Rambervilliers kommen?„Nun,“ ſagt Georgine,„ich werde auf dem Wege das Mitleiden barmherziger Seelen anflehen; ich habe mich ſonſt nicht gefürchtet, mich an die verächtlichſten Geſchöpfe anzuſchließen; ach, ich darf nun nicht erröthen, wenn ich für mei⸗ nen Sohn bettle.“ Als der kleine Paul ſeine beſcheidene Mahlzeit beendigt hatte, nahm ihn ſeine Mutter auf die Arme und begab ſich auf den Weg zu ihrem Onkel, dem Amtsſchreiber. Zwölftes Kapitel. Letzte Reiſe. uUnſere Heldin und ihr Kind gehen den ganzen Tag und ruhen bloß dann aus, wenn die Kraft, wei⸗ ter zu gehen, ihnen ganz und gar mangelt. Bei Ein⸗ bruch der Nacht langen ſie an einem kleinen Dorfe an, wo Georgine fragt, wie weit es von da bis Bondy ſei?—„Sechs Stunden,“ entgegnete man ihr. —„Wie!“ ſagt ſie bei ſich,„wir ſind ſeit heute Mor⸗ gen gelaufen und haben nur ſechs Stunden gemacht?“ Mit Schrecken berechnete Georgine die Zeit, die ſie brauchte, um Rambervilliers zu erreichen. Eine Frau und ein Kind kommen nicht weit zu Fuß! Sie ſuchte den Augenblick hinauszuſchieben, wo ſie das Mitleiden der Vorübergehenden anflehen mußte und ſchonte deßhalb ihre kleine Börſe. Ihr Sohn kann nach Hunger eſſen und ihn vollkommen ſtillen, gber 90 Georgine nimmt nur das abſolut Nothwendigſte zu ſich, um ſich bei Kräften und Muth zu erhalten. Die armen Reiſenden ſchlafen in dem Dorfe, wo ſie angehalten haben. Eine Scheune dient ihnen zum Obdach, etwas Stroh iſt ihr Kopfkiſſen. Aber Er⸗ müdung läßt ſie dieſe Ruheſtätte vortrefflich finden und ſie ſchlafen tief. Am andern Morgen erkundigt ſich Georgine nach der Straße, die ſie einſchlagen müſſen und ſie machen ſich auf den Weg. Zuweilen haben mitleidige Seelen Erbarmen mit ihrem Elend und laſſen ſich für das frugale Eſſen, das ſie in ih⸗ rer Hütte einnehmen, nichts zahlen. Georgine ſegnet ſie und ihr Herz iſt getröſtet, wie der Tag vorbei iſt, ohne daß ſie ihr kleines Vermögen hat angreifen müſſen. Georgine und ihr Sohn machen ſo faſt vierzig Stunden. Die arme Mutter trug ihr Kind, wenn es müde war, ſie verbarg ihre Leiden und mißbrauchte die Kräfte, die ihr geblieben waren, in der Hoffnung, bälder anzukommen. Aber jetzt bleibt ihnen, trotz der ſtrengen Sparſamkeit, die ſie beobachtet hat, nichts mehr und ſie haben noch einen eben ſo weiten Weg zu machen, um nach Rambervilliers zu kommen. Georgine fühlt ſich einen Augenblick muthlos, in⸗ deſſen betrachtet ſie ihr Kind, und die Hoffnung, eine Zufluchtsſtätte für daſſelbe zu finden, wo man ſich ſei⸗ ner Jugend annehmen wird, ſiegt über ihre Schwäche; ſie entſchließt ſich, die öffentliche Mildthätigkeit anzu⸗ flehen. Abends kommt ſie in ein ziemlich anſehnliches 91 Dorf. Georgine ſetzt ſich auf eine ſteinerne Bank, aber ſie hat nicht die Kraft, Etwas zu verlangen... Ihre Augen ſchließen ſich, ihre Sinne ſchwinden, ſie wird das Bewußtſein verlieren, ohne um Hülfe bit⸗ ten zu können.. aber ihr Sohn fühlt inſtinktmäßig, daß ſeine Mutter leidet, daß ſie nicht mehr ſprechen kann. Der kleine Paul läuft zu jedem Vorüberge⸗ henden und ruft:„Habt Mitleiden mit Mamal ſie iſt ſehr krank, helft ihr!“ Dieſe ſchluchzend geſprochenen Worte und die rüh⸗ rende Anmuth des Kindes ziehen die Aufmerkſamkeit mehrerer Perſonen auf ſich: man folgt Paul, um⸗ gibt Georginen, betrachtet ſie, macht Bemerkungen über ihren Zuſtand und hilft ihr nicht!... Eine gute Alte iſt menſchlicher: ſie läßt Georginen an einem kleinen Fläſchchen riechen und unſere Heldin kommt wieder zu ſich. 1 „Kommt,“ ſagt die alte Frau zu ihr,„ſtützt Euch auf mich; ich wohne hier gerade über.. ich werde Euch Etwas zu eſſen geben; die Leute da ließen Euch eher ſterben, als daß ſie Euch halfen! Kommt, kommt mit mir.“ Georgine kann der guten Frau nur mit Kopf⸗ nicken danken; dieſe nimmt ſie unter dem Arme und auch der kleine Paul will ſeine ſchwankende Mutter unterſtützen. Man kommt an das kleine Haus, ſteigt nicht ohne Mühe eine dunkle Treppe hinauf, tritt in ein Zimmer, wo man nicht hell ſieht, die Alte ſetzt Georgine nieder und ſchlägt, ſo ſchnell ſie kann, Feuer. 92² Endlich hat man Licht; aber Georgine, deren Au⸗ gen faſt erloſchen ſind, unterſcheidet kaum die Gegen⸗ ſtände.„Warten Sie,“ ſagt die gute Frau,„ich habe in mekner Flaſche noch etwas Wein, das wird Sie wieder zu ſich bringen und Ihnen wohlthun.“ Die Alte läßt Georgine ein halbes Glas Wein zu ſich nehmen und dieſe fühlt ſich beſſer. Ihre erſte Bewegung iſt, ihren Sohn zu umarmen, dem ſie ihr Leben verdankt; dann wendet ſie ihre Blicke zu dem mitleidigen Weſen, das Erbarmen mit ihrer Lage hatte. Die gute Frau ſtand vor Georginen und be⸗ merkte mit Freuden die Wirkung, die ihre Sorgfalt hervorbrachte.„Wie viel Dank ſchulde ich Ihnen nicht, gute Mutter!“ ſagte Georgine zu ihr,„Sie ha⸗ ben mich in's Leben zurückgerufen!. Ach! ohne mei⸗ nen Sohn würde mir nichts daran liegen.“—„Arme Frau, Ihr ſeid dennoch ſehr unglücklich!“ Die Stimme ihrer Wohthäterin, die Georgine bis jetzt nicht genau hören konnte, dieſe Stimme ruft ihr Jemanden in's Gedächtniß, den ſie früher einmal ge⸗ kannt hat. Sie betrachtet die gute Frau aufmerk⸗ ſam und ruft:„Ich täuſche mich nicht! Ihr ſeid es! Ihr ſeid es!. es iſt Urſula!“—„Ja, das bin ich,“ entgegnet Urſula(denn ſie war es);„aber Ihr?... ich erinnere mich nicht, Euch jemals geſehen zu ha⸗ ben!“—„Wie, Urſula, Ihr erkennet mich nicht mehr?“ —„Nein, nein, wenigſtens.. doch das iſt nicht mög⸗ lich!“—„Großer Gott! ich bin alſo ganz unkennt⸗ lich?“—„Indeſſen, dieſe Stimme.. O mein Gott! Ihr wäret jene Georgine, die ſo hübſch war!“—„Ich X — bin es, Urſula!“—„Unglückliche!... In welchem Zuſtande!“ Die Alte tritt in ihrem Erſtaunen einige Schritte zurück.„O, flucht mir nicht!“ ruft Georgine, die Hände gegen ſie zuſammenlegend,„ich bin hinlänglich geſtraft!“—„Nein, nein, ich ſtoße Euch nicht zu⸗ rück, Unglückliche; ich ſehe, daß Ihr genug gelitten habt!.. Und dieſes Kind?“—„Es iſt mein!..“— „Armes Kind! arme Georgine! wie verändert Ihr ſeid!“ Als die erſten Augenblicke der Ueberraſchung vor⸗ über waren, brachte Urſula ein kleines Abendeſſen auf den Tiſch.„Ich bin nicht reich,“ ſagte ſie zu Georgine,„aber ich biete das, was ich habe, von Her⸗ zen an.“ Man ſetzte ſich zu Tiſche. Georgine fragte Ur⸗ ſula, durch welchen Zufall ſie in dieſer Gegend ſei. Die Alte ſagte ihr, daß ſie nach dem Tode There⸗ ſens, da ſie nichts mehr in Bondy zurückgehalten habe, in dieſes Dorf zurückgekehrt ſei, wo ſie geboren. Bei Erzählung ihrer Geſchichte hatte Urſula die zarte Rückſicht beobachtet, Georginen nicht ein Bild der Leiden zu entwerfen, die ſie verurſacht hatte. Georgine erzählte Urſula ihren Lebenslauf und ſuchte ihre Verirrungen nicht zu verhehlen. Sie be⸗ ſchloß ihn, indem ſie der Alten ihre Abſicht mit⸗ theilte, in Rambervilliers jenen Onkel aufzuſuchen, den ſie verlaſſen hatte, als Johann ſie auf der Land⸗ ſtraße, am Rande eines Grabens ſitzend, fand. Urſula billigte die Abſicht Georginens, und ſich 4 plötzlich an Etwas erinnernd, ſagte ſie:„Sie gehen nach Rambervilliers, ſagen Sie?“—„Ja,⸗ warum?“ —„Weil... warten Sie. ja, doch; weil in dieſer Gegend das Schloß Merville liegt.“—„Was iſt das für ein Schloß?“—„Das der Eltern Karls.“ —„Woher wißt Ihr es?“—„Ich habe es von Baptiſt erfahren, der mir Alles erzählte, als ſein Herr in unſerer Hütte krank lag’“—„Was ſoll das heißen?“ urfſula erzählte nun Georginen die Krankheit Karls und ſeine Verzweiflung, als er ſie das zweite Mal nicht auf der Meierei fand. Georgine mußte weinen, während ſie zuhörte.„Wie er mich liebte!“ rief ſie aus. Mit Erſtaunen hört ſie, daß Karl, deſ⸗ ſen Stand ſie bisher nicht kannte, der Sohn des Marquis von Merville iſt und nahe bei Rambervil⸗ liers wohnt. Der Wunſch, ihn zu ſehen, macht ihr Herz klopfen; vielleicht auch miſcht ſich die Hoffnung, noch von ihm geliebt zu werden, in das Gefühl, das ſie bewegt! Georgine und ihr Sohn bringen die Nacht in der beſcheidenen Wohnung Urſula’s zu. Dieſe gute Frau⸗ welche die Reue unſerer Heldin und die Spuren ſieht, die die Leiden auf ihren Zügen zurückgelaſſen haben, ſucht jetzt nur ihren Kummer zu lindern und ihr zu helfen. Man richtet ſich, ſo gut man kann, für die Nacht ein. Unſere Reiſenden find nicht anſpruchsvoll und haben ſeit langer Zeit unter keinem gaſtfreund⸗ lichen Dache geruht. 4— Am andern Morgen ſetzt Urſula ihren Gäſten ein Frühſtück vor, und drückt dann Georginen einige Geldſtücke in die Hand.„Mein liebes Kind,“ ſagt ſie ihr,„das iſt Alles, was ich Dir geben kann!... Ich bin auch arm, aber von ganzem Herzen theile ich Alles mit Dir.“ 3 Georgine nimmt erröthend das Geſchenk Urſula's an, umarmt die gute Frau und begibt ſich mit ihrem Sohne wieder auf den Weg. Die Unterſtützung der Alten reicht zwei Tage lang für ihre Bedürfniſſe aus, und ſie hatten nur noch zwei weitere Tagereiſen nach Rambervilliers. Muthig verfolgten ſie ihren Weg und treten am Ende der erſten Tagreiſe in eine Hütte, wo ſie um Etwas bitten, ihre erſchöpften Kräfte wieder herzuſtellen. Aber die Frau vom Hauſe iſt hart, böſe.„Packt euch,“ ſagt ſie,„es gibt Bettler genug im Lande! Wir brauchen nicht auch noch die Landſtreicher zu verhalten!“ Und ſie ſchlägt den armen Reiſenden die Thüre vor der Naſe zu. Georgine nimmt ihr Kind auf die Arme und wendet ſich wo anders hin; dieſelbe Un⸗ menſchlichkeit, dieſelbe Abweiſung! „Wir müſſen alſo bis Morgen warten,“ ſagt ſie traurig,„und die Nacht auf dieſer Bank zubringen.“ —„O Mama, ich habe großen Hunger!.— „Liebes Kind! morgen... Ach! Morgen werden wir vielleicht nicht glücklicher ſein!“ Die Unglücklichen bringen die Nacht unter einem Baume zu und begeben ſich mit Tagesanbruch wieder auf den Weg, obgleich ſie ſeit vergangenem Abend nichts mehr zu ſich genommen haben. Der arme 96 Paul macht einige Schritte und kann nicht mehr gehen; Georgine nimmt ihn auf den Arm und fleht zum Himmel, er möge ihre Kräfte verdoppeln. Sie ſetzt ihren Weg fort: die Hoffnung, bald bei ihrem Onkel anzukommen, hält ſie noch aufrecht; aber am Ende des Tages ſind ſie mitten auf dem Felde und ſehen *¹ nirgends eine Wohnung. Das Kind verlangt mit ſchwacher Stimme nach 1 Nahrung. Georgine blickt in Verzweiflung umher: Nichts! Nichts! um ihren verzehrenden Hunger zu ſtillen!„O mein Gott!“ ruft ſie,„muß ich ſo nahe am Ziele unſerer Reiſe umkommen!“ Sie pflückt ei⸗ nige Blätter von Sauerampfer, der einzigen Pflanze, die ſie erblickt, und drückt den Saft auf die Lippen ihres Kindes; da ſie aber ſieht, vaß dieſe Hülfe ſeine Leiden nicht lindern kann, waffnet ſie ſich mit über⸗ natürlichem Muth und, ihren Sohn in ihre Arme ſchließend, fangt ſie an zu laufen, in der Hoffnung, endlich eine Wohnung zu finden. Nach einſtündigem Marſche entdeckt ſie in der Ferne die Spitze eines Thurmes: es iſt der von Ram⸗ bervilliers; noch eine kleine Strecke Wegs und ſie ſind dort. Aber die Nacht ſenkt ſich auf die Felder 2 herab, Georgine iſt ganz kraftlos und bemüht ſich 1 vergebens, weiter zu kommen; ihre Kniee brechen mit ihr zuſammen. Ein dichter Nebel lagert ſich auf ihre V Augen... ſie fällt mit ihrem Sohne und bleibt auf dem Felde liegen. 3 Als Georgine wieder zu ſich kam, war es ſtock⸗ inſtere Nacht, ſo daß ſie nichts unterſcheiden konnte. — 97 Ihre erſte Bewegung iſt, ihren Sohn zu ſuchen; ſie ſtreckt den Arm aus und faßt den des Kindes.„Er iſt bei mir,“ ſagt ſie,„er ſchläft; daß ich ihn nicht aufwecke. Morgen mit Tagesanbruch werde ich nach Rambervilliers gebracht werden und da Hülfe für meinen Sohn finden.“. Sie vertraute ihr Schickſal der Vorſehung an, und ſlützte ihren Kopf auf die Hand; die Ermattung ſiegt über das Bedürfniß und ſie fällt in tiefen Schlaf. Der Tag leuchtete in ſchönſter Pracht, als Geor⸗ gine die Augen aufſchlug. Sie blickt eilends nach ihrem Kinde... ein Schrei des Schreckens und der Verzweiflung entfährt ihr... der kleine Paul hatte ſich im Fallen den Kopf an einen Stein geſtoßen, als ſeine Mutter das Bewußtſein verlor; das arme Kind hat eine tiefe Wunde erhalten, iſt über und über mit Blut bedeckt und ganz leblos. Seine Mutter nimmt ihn auf den Schooß, umarmt ihn und ruft ihn laut bei ſeinem Namen, allein das Kind gibt keine Antwort. Dieſer Schlag war zu hart für die bereits ge⸗ ſchwächten Kräfte Georginens. Der Anblick ihres todten Kindes und der Gedanke, daß ſie Schuld an dieſem Unfall iſt, machen ſie raſend; ſie fühlt ihre Schwäche nicht mehr, ſie nimmt ihren Sohn, lauft, ſteht hin, ſpricht mit ihm, verſpricht ihm, daß er bald zu eſſen bekommen ſoll; in ihrer Raſerei ſieht ſie ihn nicht mehr für todt an, die Erinnerung an den Hunger, der ſte Beide verzehrte, iſt der einzige Gedanke, der ein ihrer Erinnerung lebt. Paul de Kock. XLIV. 7 .. 8 1» 5 Bleich, mit verwirrten Haaren und glühenden Augen kommt Georgine in Rambervilliers an; ſie hält ihr Kind an ihrem Buſen, verborgen unter dem Tuche, das ihren Kopf bedeckt. Zufall oder Natur leitet ſie: ſie geht nach der Wohnung ihres Onkels; eine Frau öffnet ihr die Thüre, der Anblick Georgi⸗ nens erſchreckt ſie. „Wo iſt Herr Rudemar?“ fragt Georgine mit aufgeregter Stimme, finſtere Blicke um ſich werfend. —„Was wollt Ihr von ihm? Er iſt nicht hier, er iſt auf dem Schloſſe Merville.“—„Auf dem Schloſſe Merville. Ach jal ich erinnere mich, da iſt er auch.“ —„Was ſchwatzt Ihr da?“—„Ich gehe auf's Schloß Merville, ich werde ihn noch einmal ſehen, er wird meinem Kinde Brod geben. Ja, ja, dahin werde ich gehen!“ Die gute Frau verſteht nicht, was das heißen ſoll; aber in der Abſicht, ſie fortzubringen, ſagt ſie: „Wenn Ihr auf's Schloß wollt, ſo ſchlagt nur die⸗ ſen Weg ein, er führt kerzengerade dahin.“ Georgine fängt wieder an zu laufen; die Natur ſcheint für ſie eine letzte Anſtrengung zu machen: ſie kommt am Schloſſe an und tritt ein. Der große Hof iſt offen. Georgine begegnet Nie⸗ mandenz ſie überläßt ſich dem Zufall. Die Töne einer Kirchenmuſik dringen an ihr Ohr und ſie geht dem Orte zu, woher ſie kommen. Sie kommt vor die Kapelle des Schloſſes, tritt ein, und wirft erlo⸗ ſchene Blicke auf die an dieſem heiligen Orte Ver⸗ ſammelten. Sie ſtoßt einen Schrei aus. 9en, L 4 „Viertes Kapitel. Der Sturz Fünftes Kapitel. Das Zuchthaus Sechstes Kapitel. Vater Simons Mühle Siebentes Kapitel. Neues Mißgeſchick Achtes Kapitel. Dahin führt es Zehntes Kapitel. Beſſer ſpät als nie. Elftes Kapitel. Beſtrafter Undank Zwölftes Kapitel. Letzte Reiſe. 9 Neuntes Kapitel. Nothwendige Aufklärungen. — 8. 2 *..—. —“ e ————— 4——————— A— ſſſſſſinſnſnſnſſnſſſſ 9 10 11 12 13 14 15 16 17