Georgine, „oder Nichte des Amtsſchreibers. Von Paul de Koch. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Dritter Theil. DSo Stuttgart: Scheible, Rieger« Sattler. 1841. .» Erſtes Kapitel. Frau von Roſambeau. Lafleur nimmt, ſobald ſie in dem Hauſe ſind, als deſſen Beſitzerin Georgine auftreten wird, andere Manieren gegen dieſelbe an. „Platz, Platz für Frau von Roſambeau!“ ſchreit er mit einem Höllenlärm im Hofe. Georgine, welche Niemand ſieht, begreift nicht, warum er ſchreit: man ſolle Platz machen; in Kurzem eilt aber die durch Lafleurs Geſchrei erweckte Dienerſchaft herbei, um ſich ihrer Gebieterin pflichtgemäß vorzuſtellen; dieſe kommt zwar nur halbgekleidet an, allein was liegt daran, ſie kommt ohne Zweifel von einem Balle. Die Untergebenen kümmern ſich nicht darum, was die gnädige Frau vorher gethan, ehe ſie ein Hötel, eine Equipage und Lakaien gehabt hat. Georgine, der es eben nicht warm iſt(man wird ſich erinnern, in welcher Verwirrung ſie den Pacht⸗ hof verließ), frägt nach ihrem Schlafgemache. Lafleur führt die gnädige Frau durch eine Reihe höchſt ele⸗ gante Zimmer; ſie treten in ein köſtliches Boudoir, worin ſich ein junges, zwanzigjähriges Mädchen mit einem netten Geſichtchen und ſchelmiſchen Augen be⸗ findet: das iſt die Zofe der gnädigen Frau. * 6 „Ich ſtelle Ihnen hier Mamſelle Roſa vor,“ ſagt Lafleur zu Georgine;„es iſt ein Mädchen von ſelte⸗ nen Verdienſten; ſie kann Alles, was man von einem Frauenzimmer in ihrem Alter fordern darfv; ſie fri⸗ ſirt recht gut, weiß die Tagsbegebenheiten hübſch zu erzählen, iſt lebhaft, flink, verſchwiegen; ſie weiß⸗ wie man einen Eiferſüchtigen betrügt, einen Lieb⸗ haber begünſtigt, einen Nebenbuhler verläumdet, eine Intrigue einfädelt, einen Liebesbrief zuſteckt, kurz, ſie iſt zu Allem zu gebrauchen. Ich hoffe, gnädige Frau, daß Sie vollkommen mit ihr zufrieden ſein werden.“ Georgine lächelt gegen Mamſell Roſa, dieſe macht einen kleinen Knix und zieht ſich zurück. „Jetzt, gnädige Frau, denn ich darf Sie nicht mehr Georgine nennen, ſind Sie in Ihrem Eigen⸗ thum. Ich will nun meinen Herrn aufſuchen, der, ich bin es überzeugt, ſehr neugierig ſein wird, das Neſultat meiner Reiſe zu erfahren. Der arme Mann wird ſich vor Entzücken nicht mehr kennen! Machen Sie ſich gefaßt, ihn heute Abend zu empfangen.“— „Wie, Lafleur, ſo ſchnell?“—„In ſeinem Alter hat man keine Zeit zu verlieren.“—„Ei, was ſoll ich zu ihm ſagen?“—„Mein Gott! was Sie wollen; war je ein Frauenzimmer bei einer verliebten Zu⸗ ſammenkunft verlegen? Sie machen ſich luſtig über ihn.“—„Das iſt ſchon recht, aber ſeine Liebe...“ —„Potz Kukuk! Ein Liebhaber von ſechszig Jahren iſt wohl arg zu fürchten! Dieſe Herren ſpielen die Rous's in Geſellſchaften, haben leichtſinnige Geſpräche 3 7 im Munde, benehmen ſich keck und wollen für liebens⸗ würdige Zotenreißer gelten! Aber unter vier Augen kennt man ſie nicht mehr. Man braucht gar nichts, als ihnen Widerſtand entgegen zu ſetzen und zu thun, als ob man ſie fürchte; man würde ſie ſchön in Ver⸗ legenheit bringen, wenn man ihnen nachgäbe. Die Frauen durchſchauen ſo etwas übrigens bald; man müßte recht boshaft oder ſehr unſchuldig ſein, wenn man ſolche Helden auf die Probe ſtellen wollte.“— „Wohlan, Du machſt mir wieder Muth, Lafleur, aber das Kind...“—„So weit ſind wir noch nicht; ich habe Sie übrigens mit Leuten umgeben, auf welche Sie ſich verlaſſen können. Seien Sie alſo ganz beruhigt: ⸗Sie ſind hübſch, ich beſchütze Sie, mein Herr iſt ein Dummkopf, ihre Kammerfrau klug, unter ſolchen Umſtänden bieten wir allen vorkommen⸗ den Ereigniſſen Trotz.“ Als Georgine allein war, bewunderte ſie ihr Hô⸗ tel, ihre Möbeln, ihren Putz und machte tauſend reizende Plane. Sie vergaß die Vergangenheit und kümmerte ſich nicht um die Zukunft; das iſt gewöhn⸗ lich das Mittel, ſich glücklich zu fühlen. Wir wollen Lafleur zu ſeinem Herrn begleiten. Luderlich ſchloß eilends dem Vertrauten das Thor auf, der, nachdem er an dem Hunde, dem Affen und dem Papagei vorbeigegangen war, endlich zu ſeinem Gebieter gelangte. Ein Halbdunkel herrſchte an dieſem Orte des Geheimniſſes. Lafleur näherte ſich auf den Zehen⸗ ſpitzen dem Eſtraden⸗Bette, welches mit roſaſeidenen 8 Vorhängen und ſilbernen Franſen verziert war. Kleine Liebesgötter mit Blumenguirlanden waren oberhalb eeines Spiegels angehracht, welcher den Rahmen dieſes Gemäldes ſchloß und daſſelbe wiedergab. Herr von Lacaille glich eher einem Wickelkinde als einem Amor, und die Zephire um ihn her bildeten einen komiſchen Contraſt mit ihm. Lafleur ſah ſeinen Herrn unter Kiſſen und Decken begraben. Ein ununterbrochenes Schnarchen bewies Lafleur, daß Herr von Lacaille ihn nicht hatte eintreten hören, aber von dem Vergnügen, welches er ihm bereiten werde, zum Voraus überzeugt, entſchließt er ſich, denſelben zu wecken. Lacaille rühmte ſich, einen ſehr leichten Schlaf zu haben, aber die Naſenſtüber, die ihm Lafleur gab, konnten ihn nicht aus ſeinem Schlummer erwecken; der eifrige Diener ſah ſich ſo⸗ mit genöthigt, ihm Fauſtſtöße auf den Rücken zu geben. Endlich ſchlägt Lacaille die Augen auf, breitet die Arme aus und erkennt Lafleur, wodurch er vol⸗ lends erwacht. Entzückt, ſeinen Liebesboten zu ſehen, ſetzt ſich Lacaille aufrecht in's Bett. Lafleur entſchuldigt ſich, die Ruhe ſeines Herrn geſtört zu haben, aber die Nachricht, die er bringt, duldet keinen Aufſchub. Dieſer Anfang erfüllt unſern alten Verliebten mit Wonne. Lafleur erzählt, wie es ihm nach vielen Mühen, Ereigniſſen und für jeden Andern unüber⸗ ſteiglichen Hinderniſſen gelungen ſei, die reizende Ge⸗ orgine nach Paris zu bringen, welche unter dem Namen einer Frau von Roſambeau in dem für ſie 9 beſtimmten Hotel warte, bis ihr Beſieger, der ver⸗ führeriſche Lacaille, komme, ihr Liebe und Treue 3u ſchwören. Lacaille iſt vor Freuden außer ſich; er ſchwimmt im Entzücken, wälzt ſich in ſeinem Bette, kann nicht mehr in Ruhe bleiben, und ſpringt im Hemde heraus, wodurch Lafleur Gelegenheit findet, die Bemerkung zu machen, daß Georgine bei einer Zuſammenkunft unter vier Augen keine große Gefahr zu befürchten habe, wenn die Liebe nicht Wunder verrichte. Herr von Lacaille will ſich unverzüglich ankleiden; vergebens ſtellt ihm Lafleur vor, daß Frau von Ro⸗ ſambeau, nachdem ſie die ganze Nacht durchreist habe, der Ruhe bedürfe und er ſie nicht ſo früh ſtören dürfe: der alte Narr hört nichts. Da übrigens ſein Anzug tadellos ſein ſoll und deßhalb den ganzen Vormittag in Anſpruch nehmen wird, tröſtet ſich Lafleur. Nichts wurde verſäumt, aus Lacaille den ſorg⸗ fältigſten Stutzer zu machen. Die Diener wiſſen nicht, wo ſie den Kopf haben, ſo ungeſtüm wird ihr Herr. Die Haſenfelle, die Schnürleiber, das Weiß, das Schwarz, die Lockenhaare, Alles wird in Anwendung gebracht. Er iſt bereits in die paſſendſte Unterhoſe hineingeſchlüpft, aber ſie muß noch hinaufgezogen werden. Lafleur arbeitet mit zwei Jokey's daran, den Bauch und das Hintertheil ſeines Herrn hinein⸗ zuzwängen. Lacaille ſieht ſich ſchon Formen abzeichnen, die er für verführeriſch hält, aber krach! beim Athem⸗ holen zerplatzt der Stoff, die Schnallen reißen aus, 1 I —— 40 ddie Hoſenträger entzwei und die Illuſion iſt ver⸗ nichtet. Lacaille wird wüthend auf den Schneider, da er es nicht wagt, über die Dicke ſeines Poſteriors zu fluchen.„Dieſe Schlingel können nicht einmal einen Hoſenknopf annähen!“—„Es iſt wahr, gnädiger Herr.“—„Lafleur, gib mir meine geſtrickten Venus⸗ düten⸗Beinkleider; ich will mich mit dieſen begnügen, weil es denn ſein muß.“—„Ach! gnädiger Herr, ſie gehen Ihnen himmliſch, ſie ſitzen Ihnen vor⸗ züglich, Sie ſehen wie ein Lanzenbrecher darin aus!“ —„Meinſt Du? Nun, ſo gib ſie her.“ Endlich iſt die Toilette fertig, und Herr von La⸗ caille, der kaum gehen kann, ſo ſehr ſpannen ihn ſeine Hoſen und zwicken ihn ſeine Huſarenſtiefel, die einen drei Zoll hohen Abſatz haben, lenkt ſeine Schritte mit verliebtem Herzen nach der Wohnung ſeiner An⸗ gebeteten. Es war Nachmittags ein Uhr; Georgine lag noch im Bette. Roſa eilt herbei, ihr zu melden, daß ſie ein Herr ſprechen wolle.„Wie! jetzt ſchon?“—„Ach, Madame! wenn Sie wüßten, wie poſſierlich er aus⸗ ſieht!“—„Ich errathe, wer es iſt.“—„Ich will ſagen, Sie ſeien noch im Bette und können ihn nicht empfangen.“—„Nein, Roſa, ich muß ihn früher oder ſpäter ſehen; es iſt mir lieber, ich entledige mich ſeiner ſogleich. Roſa, Du kommſt unverzüglich, ſobald ich Dir läute.“—„Ja, gnädige Frau.“— „Sage Oerrn von Lacaille, daß er eintreten könne.“ Roſa geht, den jungen Amphitryon zu holen. 11 Georgine benützt dieſe Zeit, um in ihrem Bette eine Lage anzunehmen, wodurch ihre reizenden Formen am anſchaulichſten in's Auge fallen, und ſetzt ihr Häubchen, welches einen Theil ihres Haares bedeckt, recht anmuthig zurecht. Wozu dieſe Vorbereitungen für Herr von Lacaille? wird man fragen. Ei was liegt daran, wer es iſt! Ein Weib will immer hübſch ſcheinen, immer gefallen, ſelbſt dem, den ſie nicht lieben will. Lacaille wird eingeführt; Roſa zieht ſich zurück. Der Anblick des Bettes, wo ſeine Schöne ruht, ver⸗ urſacht unſerm Verliebten eine ſolche Bewegung, daß er mitten im Zimmer ſtehen bleibt und es nicht wagt, weiter vorzutreten. Georgine, welche glaubt, er trete leiſe auf, um kein Geräuſch zu machen, hebt ihren Vorhang in die Höhe und ſieht ihn wie feſt⸗ gebannt, mit offenem Munde, aufgehobenem Fuße und faſt flammendem Blicke daſtehen; nun kann ſie ſich eines ſchallenden Gelächters nicht enthalten. Lacaille wird wieder der Sprache mächtig. „Entſchuldigen Sie, ſchöne Dame, wenn...“— „Ha! hal ha!“—„Die Bewegung, welche der An⸗ blick Ihrer Reize, die noch durch das Halbdunkel er⸗ höht werden, worin...“—„Ha! ha!“—„Kurz, ſchöne Dame, es darf Einen nicht wundern, daß ich den Kopf verliere, wenn ich ſo viel Schönheit ſehe.“ „Nun, mein Herr, Sie treten nicht näher, fürchten Sie mich?“—„Ach, ſchöne Dame! was ſollte man in Ihrer Nähe fürchten!“ 3 Lacaille erlangt, über feine Antwort entzückt, ſeine 8 Geiſtesgegenwart wieder. Er nähert ſich hüpfend und ſetzt ſich neben Georginens Bett. „Ich fürchte, Ihre Ruhe geſtört und mich zu früh vorgeſtellt zu haben, ſchöne Dame.“—„Man könnte kein angenehmeres Erwachen haben?“ Als Lacaille dieſe Worte hört, reibt er ſich vor Freuden das Kinn, und bemerkt nicht, daß er einen Theil des aufge⸗ legten Weiß vom Geſichte wegſtreift. Georgine beißt ſich in die Lippen, um nicht in ein lautes Gelächter auszubrechen. „Darf ich Sie fragen, ſchöne Dame, wie Sie dieſes Hôtel gefunden haben?“—„Herrlich. Alles, was es enthält, iſt nach dem neueſten Geſchmacke.“ —„SIch will es glauben, es hat mich auch ziemlich viel gekoſtet; ich habe aber immer gerne Tollheiten gemacht!“—„Man iſt nur einmal jung!“—„Das iſt richtig, ich habe nie meine Leidenſchaften beherrſchen können!“—„Man iſt davon überzeugt, wenn man Sie ſieht!“—„Sie ſind wahrhaftig zu gütig.“— „In Ihren Jahren beſſert man ſich noch nicht.“— „Das hat man mir ſchon hundert Mal geſagt.“— „Die Vernunft iſt gar ſchwach, wenn man ein zart⸗ fühlendes Herz hat.“—„Ich war immer zartfühlend, und ich fühle, ſchöne Dame, daß ich es in Ihrer Nähe noch mehr bin. Ihre Augen ſind die Funken der Liebesfackel.“—„Ach, mein Herr, Sie ſind all⸗ zu galant!“ Lacaille will Athem holen, um ſeine Zärtlichkeit noch deutlicher zu beweiſen; er erinnerte ſich aber des Vorfalls mit den Unterhoſen, thut ſich Gewalt 2 13 an, und ſeine bedrängte Bruſt ſchafft ſich nur durch ein dumpfes Stöhnen Luft, welches Georgine erſchreckt. „Ach! mein Herr, ſind Sie unwohl?“—„Ich bin nur in Ihrer Nähe unwohl, ſchöne Dame, und das iſt ein Uebel, welches man eben ſo wohl für ein Wohlbehagen halten könnte.“—„Ich geſtehe Ihnen, daß ich Sie nicht verſtehe.“ „Ich will es gerne glauben; Ihre Blicke machen mich verwirrt.“—„Wenn Sie meine Augen um den Verſtand bringen, ſo will ich ſie ſchließen.“— Thun Sie es nicht, um Gotteswillen, thun Sie es nicht! es wäre übrigens auch ſchon zu ſpät!“(Aber⸗ maliges Stöhnen.)—„Wahrhaftig, mein Herr, ich glaube, Sie erſticken.“—„Durchaus nicht; das iſt nur Luft, die ich im Magen habe.“—„Vielleicht geniren Sie Ihre Kleider?“—„O, durchaus nicht, ſchöne Dame, durchaus nicht!“ 8 Lacaille bewegt ſich wie ein Beſeſſener auf ſeinem Stuhl, um zu beweiſen, daß er keineswegs genirt ſei; er dreht und wendet ſich ſo oft, daß ihm der Schweiß über die Stirne herabtrieft. Georgine dreht ſich auch in ihrem Bette, um ihm nicht in's Geſicht zu lachen. Jede Bewegung der ſchönen Lacherin läßt Lacaille entzückende Formen gewahren, endlich geräth er in Hitze: er ergreift eine der blendend weißen Hände und rückt ſeinen Stuhl näher an's Bett. „Nehmen Sie ſich in Acht, gnädiger Herr, Sie könnten ausglitſchen... hängen Sie ſich nicht ſo weit mit Ihrem Stuhle vor, der Boden iſt ſo glatt gewichst!“ —„Sch könnte nur einen glücklichen Fall thun!... Paul de Kock. XLIII. 2 ſchon geihan, im Sie haben, ſchöne Dame, ſo viel man mir geſagt hat, die ländliche Gegend, die Sie bewohnten, ohne Bedauern verlaſſen.“—„Das iſt wahr, mein Herr, ſie hatte keinen Reiz mehr für mich.“—„Wird es Ihnen hier beſſer gefallen?“—„Ohne Zweifel.“— „Das Vergnügen ſoll unter Ihren Füßen hervorſproſ⸗ ſen; ich will es an Sie feſſeln. Nur ſtelle ich Ihnen einige Bedingungen dafür...—„Bedingungen?“— „Sehr einfache! Lafleur wird Sie davon unterrichtet haben.“—„Es gibt Dinge, die man weit beſſer ſelbſt ausdrücken, als durch einen Andern mittheilen laſſen kann!...“ Die Boshafte wollte den armen Lacaille auf’s Aeußerſte treiben; dieſer ſieht ein, daß jetzt der Augen⸗ blick gekommen iſt, ſeine Erklärung zu machen; er, huſtet, ſeufzt, kratzt ſich hinter den Ohren, ordnet, ſeine Locken, ſtreckt das Bein vor und blickt Georgine mit einer Miene an, der er einen mehr als ſchel⸗ miſchen Ausdruck zu geben ſucht. „Was könnte ich Ihnen ſagen, anbetungswürdige Frau, das Sie nicht ſchon errathen hätten* Mein Herz gehört nicht mehr mein, ich bete Sie an... machen Sie meinen Qualen ein Ende!... Lacaille, der ſich bei Laune fühlt, drückt die Hand ſeiner Schönen innig; ſie lacht an Einem fort. Ein lachendes Weib iſt bald beſiegt. Das weiß unſer Ver⸗ liebter noch aus der Erinnerung; er ſieht ein, daß der Moment, über ſeine Eroberung zu triumphiren vorhanden iſt. Ein zwanzigjähriger Liebhaber hätte es ſechszigſten Jahre geht man aber nicht 8 8 * 1 4 — 135 3 mehr ſo haſtig an's Werk. Lacaille beſchwört Geor⸗ gine, nicht ſo ſpröde zu ſein. Dieſe ſah eben nicht ſo ſtrenge aus; ſie lächelte ihren ſchüchternen Liebhaber boshaft an... dieſer entbrannte immer mehr... er küßt begeiſtert die Hand ſeiner Angebeteten... Ge⸗ orgine will ſie zurückziehen, während ſie aber ihren Arm den Küſſen ihres Liebhabers entreißen will, ent⸗ blößt ſie einen ſchneeweißen Buſen, der leicht geeig⸗ net war, das Fieber des unternehmenden Lacaille zu vermehren. Der Anblick der beiden Alabaſtergloben brachte ihn in der That außer ſich. Er erhebt ſich vom Stuhle und tritt auf den Fußſpitzen dicht an das Bett, wel⸗ ches ſo viel Reize verbirgt; in der ihn entflammen⸗ den Glut will er dieſen Buſen küſſen, der Wunder in ihm bewirkt. Georgine ſtößt ihn zurück, aber er iſt kühn geworden, er küßt Alles, ſelbſt das Hemd ſeiner Schönen... endlich will er das betaſten, was ſeine Blicke vor Begiede faſt verzehren... aber, o Un⸗ glück!... wie es Georgine prophezeiht hatte, glitſchen ſeine Stiefel auf dem Boden aus... er will ſich an die Vorhänge anklammern, reißt ſie aber herunter, fällt ſchwer vor dem Bette nieder... und ſein Kopf ver⸗ ſchwindet in einem Nachttopfe, der zum Uebermaß ſeines Mißgeſchicks gerade dort ſtehen mußte. Geyrgine lacht wie eine Närrin, da ſie aber nach einigen Minuten bemerkt, daß Lacaille unter dem te bleibt, und befürchtet, es möchte ihm ein un⸗ fall ugeſoßen ſein, läutet ſie aus allen Kräften und Roſa eilt herbei. Der Anblick Laenile s, der vor dem 16 Bette ausgeſtreckt, ſeinen Kopf aus dem Nachtgeſchirr herauszieht, bewegt das Kammermädchen zu einem ſolchen Gelächter, daß ſie unfähig iſt, Herrn von La⸗ caille beim Aufſtehen behülflich zu ſein. Georgine, welche jetzt den Zuſtand ihres Verführers ſieht, fängt auch an hellauf zu lachen. 5 Endlich erhebt Lacaille ſein Geſicht und ſteht auf. Georgine will ernſthaft ſcheinen, aber das Ausſehen des armen Mannes iſt nicht geeignet, ihre Heiterkeit 5* umzuſtimmen. Lacaille, der in dieſem Zuſtande nicht Aänger anweſend bleiben kann, nimmt ſeinen Hut und ſeinen Stock, ſtellt ſich, als ob er ſelbſt über den ihm zugeſtoßenen Unfall lachen müſſe, küßt Georginen die Hand, kündigt ihr an, daß er ſie heute Abend in ſeinem Wagen abholen werde und entfernt ſich über⸗ glücklich über ſeinen erſten Erfolg. Als Lafleur ſeinen Herrn zurückkehren ſieht, glaubt er, das erſte Zuſammentreffen ſei ſtürmiſch ausgefal⸗ len; bald beruhigt ihn jedrch Herr von Lacaille's gute Laune. 2 „Mein lieber Lafleur, ich bin der glücklichſte Menſch von der Welt... Gib Lavendelwaſſer.“—„Ja, gnädiger Herr, hier,.. ſo viel es ſcheint, ſteht's gut mit Ihrer Nebesgelgce„Ja, Lafleur, ich habe geſehen, gefallen und geſiegt!“—„Und ſind deralen⸗ wie mir ſcheint?“—„Das hat nichts zu ſagen. welches Weib, mein Freund!...“—„Es riechte 3 ark!...“—„Welche Reize!“—„Haben 1 8 ir wunde, gnädiger Herr?“—„Nein, mein Freund. Alles iſt göttlich an ihr! ihre Augen, ihr r —— —„ 17 Mund, ihr Buſen, ihre...“—„Ihre Perücke iſt auch naß.“—„Wie ich ſie an mein Herz drückte!“— „Aber nicht bedeutend.“—„Wie wollüſtig ſie ſich ver⸗ theidigte!“—„Ihre Naſe iſt ganz verſchunden!“— „Dieſes Weib bringt mich um den Verſtand.“—„Sie müſſen Wundbalſam auflegen, gnädiger Herr.“ Während Lafleur ſich hölliſch ärgerte, weil er nicht begreifen konnte, warum ſein Herr in einem ſolchen Zuſtande ſo vergnügt von Frau von Roſambeau zu⸗ rückkommen könne, unterhielt dieſe ſich mit Roſa über 1— . den Herrn, der ſie ſo zum Lachen gebracht hatte.. „Man muß zugeben,“ ſagte Roſa,„daß ſich dieſer Herr leicht in die Dinge ſchickt.“—„Ach, Roſa, er iſt im rechten Augenblicke ausgeglitſcht.“—„Ach, gnä⸗ dige Frau, ich bedaure Sie, wenn Sie keine andere Liebhaber zu befürchten haben als ſolche.“—„Es gibt auch von der Art, daß man ihnen Gehör ſchen⸗ ken muß.“—„O freilich, gnädige Frau, die hindern Einen aber nicht, daß man auch Andere anhört.“ —„Glaubſt Du, Roſa?“—„SIch weiß es gewiß; bei Ihrer Schönheit und Ihrer Jugend kann es Ihnen nicht an Anbetern fehlen.“—„Wahrhaftig, Roſa, Du hältſt mich alſo für..“—„Reizend, gnädige Frau, und tauſend Mal zu ſchön für dieſen alten Narren, der nichts Beſſeres verdient, als daß man ſich auf ſeine Koſten luſtig macht.“—„Aber, Roſa, das Zartgefühl...—„In Ihrem Alter, gnädige Frau, gibt man nur ſeinem Herzen Gehör, und ich bin überzeugt, daß das Ihrige nicht zu Gunſten des 1 vorhin anweſenden Herrn ſpricht!“—„O nein.“ Georgine ſteht auf, betrachtet ſich in einem An⸗ kleideſpiegel, und Roſa glaubt an der Taille ihrer Herxin zu bemerken, daß ſich das Herz derſelben be⸗ reits für Jemand erklärt hat. „Wie viel Uhr iſt es, Roſa?“—„Drei Uhr, gnä⸗ dige Frau, die beſte Zeit auf die Promenade. Es „Darf ich aber allein ausgehen?“— Ei! warum wollten Sie ſich geniren?“—„Wenn es dieſem Herrn Lacaille nicht lieb wäre?...“—„Dann iſt es deſto ſchlimmer für ihn. Wie gutmüthig ſind Sie doch! Dieſe Herren regiert man, wie man will, es handelt ſich nur darum, ſie von Anfang an zu ge⸗ wöhnen, Ihren Willen zu thun, und in Krämpfe zu fallen, wenn ſie etwas gegen Ihre Handlungen ein⸗ zuwenden haben.“—„Ich werde Deinen Rath be⸗ folgen, Roſa.“—„Sie werden ſich gut dabei befinden, gnädige Frauz ich bin ein erfahrenes Mädchen. Lafleur wußte wohl, was er that, als er mich in Ihre Dienſte nahm. In unſerm Jahrhunderte ſind die Männer ſo ³ betrügeriſch, daß man es fein angehen muß, wenn man ſie für Narren haben will!... Wenn ſich übrigens ein Frauenzimmer Mühe geben will, iſt ſie ſtets ihres Triumphes gewiß. Lafleur hat mir geſagt, die gnä⸗ dige Frau komme vom Lande; es gibt daher Dinge, welche Sie ohne Zweifel nicht wiſſen, und worin ich beauftragt bin, Sie zu unterrichten.“—„Ja, Roſa, ich bin noch ſehr unwiſſend, ich habe aber große Luſt, es nicht länger zu bleiben. Sage mir, was Du von den Männern in Paris denkſt.“—„Ach, gnädige Frau⸗ iſt feſt gefroren; das Wetter iſt wunderſchön.“— ——— 19 ſie ſind überall gleich: eigenliebig, ſelbſtſüchtig, un⸗ beſtändig, geht ihr Hauptbeſtreben dahin, glücklich zu ſein; ſie ſind es häufig auf Koſten gefühlvoller, all⸗ zu ſchwacher Weiber, die gutmüthig genug ſind, ihren Schwüren zu trauen. Mehr aus Ehrgeiz als aus Liebe eiferſüchtig, fürchten ſich die Männer, hintergan⸗ gen zu werden, weil das ihre Eitelkeit beleidigt. Sie ſchmeicheln uns, ſo lange wir hübſch ſind und unſer Beſitz ihnen Vergnügen macht; ſobald wir aber auf⸗ hören, ſchön zu ſein, kümmern ſie ſich nichts mehr um uns. Sie haben ſechs Liebſchaften auf einmal, weil ſie nur den Sinnengenuß kennen und zu ſchwach ſind, der geringſten Liebkoſung zu widerſtehen; von uns verlangen ſie jedoch, daß wir nur einen Geliebten haben ſollen! Allein wir kennen ihre Schwächen und mit ein wenig Koketterie führen wir die, welche ſich für die Herren der Welt halten, an der Naſe herum.“ Mamſell Roſa hatte das Männerherz ſtudirt und Georgine mußte es unter ihrer Leitung und Bildung weit bringen. Georgine entſchloß ſich auszugehen, aber ſie nahm Roſa mit ſich; dieſe hatte ihr geſagt, daß es ſich ſchicke, mit der Kammerfrau auszugehen. Gleichwie es Roſa prophezeit hatte, wurde Frau von Roſam⸗ beau verfolgt, belorgnettirt, bewundert, und Alles ſammelte ſich um ſie. Unſere junge Kokette war ent⸗ zückt; nie hatte ſie ein Spaziergang ſo gut unterhalten. Man kehrt nach Hauſe zurück. Roſa macht ihrer Gebieterin Complimente über ihre Geſtalt und ihre Anmuth, die ihr einen vollkommenen Sieg erworben 20 haben, denn ein junger Offtzier iſt ihnen bis in's Haus nachgegangen, und ein Stutzer mit einem Lorg⸗ non hat Roſa ein Billet zugeſteckt. „Ein Billet!“ ruft Georgine aus;„ſieh ſchnell nach, was es enthält.“ Man macht das Billet auf, es iſt an Roſa adreſſirt: „Mein liebes Kind, Deine Gebieterin iſt anbe⸗ tungswürdig, ich bin raſend in ſie verliebt. Verſchaffe mir Zutritt bei ihr, oder ich ſterbe. Ich erwarte Dich morgen mit fünfundzwanzig Louisdors und einer Choko⸗ lade in meinem Hauſe. Folleville, Antinſtraße Nro. 1.“ „Der Styl iſt lakoniſch, aber viel verſprechend.“ „Der junge Mann iſt ein Narr,“ ſagt Georgine; „gehſt Du zu ihm, Roſa?“—„Warum nicht, gnädige Frau? was riskire ich dabei?... Eine wohlunter⸗ richtete Zofe ſchlägt kein ſo artig angebotenes Früh⸗ ſtück aus. Ich gehe jetzt zu dem Portier hinunter, um ihn zu fragen, was der junge Offizier geſagt hat.“—„Aber, Roſa, iſt es nicht eine Unklugheit, den Mann zu befragen?“—„Ol ſeien Sie unbeſorgt, gnädige Frau, die Dienſtlente ſind Ihnen alle er⸗ geben. Lafleur hat ſie mit Vorſicht gewählt; Sie können ſich auf ihre Umgebung verlaſſen.“ Roſa geht hinunter, kommt aber bald wieder herauf und bringt die Nachricht, daß der junge Offizier den Portier gefragt habe, wie die gnädige Frau heiße, was ſie treibe, ob ſie verheirathet ſei, und derglei⸗ chen. Der Portier habe kluger Weiſe geantwortet, die gnädige Frau ſei Wittwe und komme vom Lande. Hierauf habe ſich der junge Mann wieder entfernt, 21 die Liebe werde ihm aber ſicher ein Mittel eingeben⸗ ſich mit der jungen Wittwe bekannt zu machen. Man war ſehr mit dieſen Angelegenheiten be⸗ ſchäftigt, als ſich Lacaille vorſtellte; Lafleur beglei⸗ tete ihn und verbeugte ſich achtungsvollſt vor Geor⸗ ginen. „Ich überraſche Sie, ſchöne Dame,“ ſagte der Lo⸗ velace des Marais bei ſeinem Eintritte;„ich will Sie zum Mittageſſen einladen und werde Sie heute Abend in einen glänzenden Cirkel führen, wo Sie gewiß unter Allen hervorſtrahlen werden.“—„Es hätte keine angenehmere Ueberraſchung für mich geben kön⸗ nen, Herr von Lacaille.“ Lacaille lächelt über dieſe Antwort, welche ihn entzückte, und man begibt ſich zu Tiſche. Die Tafel geht heiter vorüber, obgleich Herr und Madame allein ſind, denn Georgine beluſtigt ihr Tiſchgenoſſe ſehr, und er glaubt, er ſei liebenswürdiger als je. Der Champagner begeiſtert ihn und macht ihn redſelig; vom Weine erhitzt erlaubt er ſich, die Hand ſeiner Geliebten zu küſſen, er ließ es jedoch dabei bewen⸗ den, denn er war nicht der Mann, zwei Mal in einem Tage große Unternehmen zu wagen. Es ſchlägt acht Uhr; man erhebt ſich vom Tiſche; Lacaille reicht Frau von Roſambeau den Arm; man ſteigt in den Wagen und fährt in die Francs⸗Bour⸗ gois⸗Straße. Zweites Kapitel. Eine Geſellſchaft im Marais. Unterwegs theilt Lacaille ſeiner Schönen mit, daß er ſie überall als ſeine Verwandte, die Wittwe eines verdienſtvollen Offiziers, vorſtellen werde, und daß ſie ſich nothwendig ſelbſt auch dafür ausgeben müſſe. Georgine verſpricht Alles, was man will, denn während ſie ihrem Begleiter zuhört, denkt ſie nur an ihre beiden Eroberungen vom heutigen Morgen. Der Wagen hält vor einem alterthümlichen, von der Zeit graugeſchwärzten Hôtel. Georgine kommt in einen großen Hof, wo ſie die ſchrillenden Töne einer Geige hört, auf welcher ein Dilettant Contre⸗ tänze herunterfiedelt. „Iſt denn Ball hier, Herr von Lacaille?“ fragt unſere Heldin ihren Führer.—„Ja, Madame, das heißt nicht gerade Ball... es fügt ſich nur zufällig ſoz wir kommen alle acht Tage hier zuſammen: die Väter und Mütter ſpielen Bouillotte, Boſton oder Reverſino, während wir junge Leute unſere Sprünge machen oder Pfänderſpiele ſpielen. Wir nennen das unſere bewegten Abende. Sie werden ſich be⸗ ſtimmt gut unterhalten.“—„Ich bin ſehr neugierig, Ihre bewegten Abende kennen zu lernen.“ Während dieſes Geſpräches, welches im Hofe ſtatt⸗ findet, ſchreit der Portier über Hals und Kopf der Dienerin, die damit beauftragt iſt, den Ankommen⸗ den zu leuchten.„Frau Godin! Frau Godin! wo iſt ſie denn hin? Sie war ja eben noch dal...“—„Sie 23 läuft ihrem Kater nach, Vater, der in der Brunſt iſt, weil ſie fürchtet, er mache der Katze der Frau Mirondon Junge, und dieſe ſie gebeten hat, es nicht zu dulden. Ich meine, ich habe ſie in den Keller hinuntergehen ſehen.“—„Nun, ſo hole ſie, Suschen; ſage ihr, man warte auf ſie, um ſich bei Frau von Vieux⸗Bois anmelden zu laſſen.“—„Gleich, Vater!“ Während Frau Godin ihrem Kater und Suschen der Frau Godin nachläuft, fragt Georgine, die es im Hofe friert, ihren Begleiter, ob man nicht ohne Frau Godin bei Frau von Vieux⸗Bois eintreten könne?—„Nein, ſchöne Dame, das iſt unmöglich; ſie muß uns anmelden, wir können nicht unangemeldet eintreten, das wäre gegen die Etikette, und man hält ſehr viel darauf.“—„Wozu braucht man aber ſolche Ceremonien, wenn man ſeine Freunde beſucht?“— „Schöne Dame, das ſind keine Freunde, hier hängt man ſtreng an den äußern Formen.“—„Dann iſt es etwas Anderes; werde ich wohl aber in einem Hauſe, wo man ſo ſtreng ceremoniell iſt, gut aufgenommen, da ich doch nicht eingeladen bin?“—„Ja, ſchöne Dame, Sie haben Diamanten an ſich, ſind nach der neueſten Mode gekleidet, und dürfen ſomit, da ich Sie vorſtelle, auf einen ſchmeichelhaften Empfang rechnen.“—„Auch wenn ich nichts ſpreche?“—„Sie werden ſtets liebenswürdig ſein! überdieß halten Sie eine Equipage, das iſt hinreichend.“—„Für gewiſſe Leute iſt das ſehr bequem.’“ Suschen kommt endlich mit Frau Godin zurück, die ihren Kater auf dem Arme hat.„Ach, ent⸗ 3 ſchuldigen Sie, Herr von Lacaille! der Wildfang 24 von Kater iſt ſchuld... ſpazieren Sie gefälligſt hin⸗ auf... Kater, Kater... wart, Schlingel, man wird dir davon laufen... Man hat ſchon lange nicht mehr die Ehre gehabt, den gnädigen Herrn zu ſehen... Willſt du ruhig bleiben, Ungezogener, oder ich laſſe dich in Stücke ſchneiden!... Frau von Vieux⸗Bois war in Sorgen, Sie möchten krank ſein, gnädiger Herr... Nein, Wildfang, du mußt jetzt bei mir bleiben.“ Man langt vor dem Empfangzimmer an. Frau Godin macht, ohne ihre Katze aus den Armen zu laſſen, die Thüre auf und meldet, nachdem ſie ſich nach Georginens Namen erkundigt hat, Herrn von Lacaille und Frau von Roſambeau. Der Anblick der zahlreichen Geſellſchaft, inmitten deren ſie ſich befand, hätte ein junges Frauenzimmer, welches zum erſten Male in einen ſolchen Cirkel tritt, beſonders wegen des ſteifen Benehmens der anwe⸗ ſenden Perſonen, die ſich alle in der regelmäßigſten Ordnung von ihren Sitzen erhoben, ſich wie von Springfedern regierte Marionetten verbeugten und mit tragi⸗komiſchem Phlegma wieder niederließen, in Verlegenheit ſetzen können, allein Georgine war durch⸗ aus nicht ſchüchtern. Da ſie im erſten Momente er⸗ maß, welches Vergnügen ihr eine ſolche Verſamm⸗ lung gewähren konnte, nahm ſie ſich vor, in dieſer Soirée genug zu beobachten, um nicht genöthigt zu ſein, ſich ein zweites Mal darin einfinden zu müſſen. Das Spiel hatte noch nicht begonnen. Lacaille's 25 8 Ankunft erzeugte eine allgemeine Aeußerung des Ver⸗ gnügens; er ſtellte ſeine junge Anverwandte, Frau von Roſambeau, mit Sicherheit vor, und dieſe wurde mit Auszeichnung empfangen, auf den Ehrenplatz zu einem ungeheuern Lehnſtuhl neben das Kamin ge⸗ führt, wo ſie den kleinen Schooßhund der Hausfrau zu ihren Füßen hatte, den ſie auch alsbald liebkoste und wunderhübſch fand, obgleich er immer um ſich biß und kläffte; ſo viel hatte Georgine ſchon von den geſellſchaftlichen Manieren angenommen. Lacaille war in einem Augenblick von einer Maſſe junger Leute umgeben, welche den Schnitt ſeines Frackes bewunderten, der kaum ſein Hintertheil be⸗ deckte. Die jungen Damen fragten ihn, ob er ſich über neue Sprichwörter beſonnen und ſeine kleine Flöte mitgebracht habe, um den vorzüglichen Dilet⸗ tanten zu accompagniren, der Contretänze ſpiele wie Weber. Während Lacaille die Fragenden befriedigte, war Georgine, welche Niemand kannte, genöthigt, ſich an den kleinen Hund zu halten, und ſchon thaten ihr beide Kinnladen von dem unterdrückten Gähnen, wel⸗ ches ſie hinter ihrem Taſchentuche barg, wehe, als die Gebieterin des Hauſes das Wort nahm und den Damen eine neue Unterhaltung vorſchlug. „Vorwärts, meine Damen, ſtellen Sie ſich an Ihre Plätze. Hören Sie nicht, daß Herr von Sou⸗ zaigre ſchon längſt das Signal gegeben hat?“ Der Dilettant ſpielte in der That der Geſellſchaft ſeit einer Viertelſtunde höchſt unterhaltende Muſtt⸗ 26 4 ftücke auf. Die jungen Damen ſtellten ſich in's Vor⸗ zimmer, welches den Tanzſaal bildete, und warteten, bis ſie von den Cavalieren engagirt wurden. An⸗ dere, die das Vergnügen des Tanzes verſchmähten, welches, wie ſie ſagten, nur für Kinder tauge und deßhalb auch durchaus nicht mehr ſchicklich für ſie war, beſchäftigten ſich in dem Alkov der Frau von Vieux⸗ Bois, den ſie in ein Theater umwandelten; ſie bil⸗ deten vermittelſt ſpaniſcher Wände Couliſſen, und ſchickten ſich an, ein neues Wortſpiel zu ſpielen, wel⸗ ches ſchon ſeit ſechs Wochen in Aller Munde war. Diejenigen, welche ſich nicht um die Entwicklung des Stückes bekümmerten, ſpielten Bouillotte oder Boſton. Frau von Vieux⸗Bois ſchlägt Georginen vor, an Etwas Theil zu nehmen; da dieſe aber nicht ſpielt, bedankt ſie ſich und verſichert ſie, der An⸗ blick ihrer herrlichen Geſellſchaft unterhalte ſie zur Genüge. 4 Ein etwa fünfzigjähriger Herr mit geiſtreichen, heitern Geſichtszügen, der einen feinen, ſchelmiſchen Blick und Frau von Roſambeau längſt belorgnettirt hatte, ſetzte ſich jetzt neben dieſe. Er war unver⸗ heirathet, neugierig und ſchnüffelig, wie alle alten Junggeſellen. Er wünſchte ein Geſpräch mit der, ſchönen Dame anzuknüpfen, und Georgine ihrerſeits war auch nicht abgeneigt, ſich mit Jemand unterreden zu können. b „Man hat das erſte Mal das Vergnügen, Sie hier im Hauſe zu ſehen, gnädige Frau?...“—„Ja, mein Herr.“—„Wir verdanken Herrn von Lacaille 41 6 6 3 27 dieſes Glück; ich werde ihm noch meinen beſondern Dank dafür ausdrücken. Sie ſind eine Anverwandte von ihm?“—„Ja, mein Herr.“—„Wittwe, ſo viel ich höre?“—„Ja, mein Herr.“— Wenn man in Ihrem Alter Wittwe wird und ſo ſchön iſt wie Sie, gnädige Frau, ſo läßt ſich annehmen, daß man es nicht lange bleibt.“—„Sie ſind gar zu gütig, mein Herr.“—„Wohnen Sie auf dem Lande oder in der Stadt?“—„Ich bin ſeit geſtern in Paris.“—„Ah! werden Sie wohl hier bleiben?“ —„Ich glaube.“—„Das iſt ein Glück für uns, gnädige Frau, da ich hoffe, daß wir hierdurch das Vergnügen haben werden, Sie zuweilen in unſern Geſellſchaften zu beſitzen.“—„Sie ſehen übrigens, mein Herr, daß ich ſehr überflüſſig bin, denn ich ſpiele weder Wortſpiel noch Boſton.“—„Was liegt daran! dann unterhalten Sie ſich mit Zuſchauen und Zuhören. Ich will Sie, wenn Sie es erlauben, über die Mitglieder der Geſellſchaft unterrichten und Ih⸗ nen die Geſchichte eines Theiles derſelben erzählen.“ Und ohne eine Antwort der Frau von Roſambeau abzuwarten, fängt Herr Plinplan(ſo heißt der ge⸗ fällige Nachbar) an, Georginen das, was er die Chronik des Marais nennt, mitzutheilen. „Hier, ſehen Sie dieſen Herrn, der Boutllotte ſpielt, mit dem etwas nachläßigen Anzuge, dem ſchmutzigen Oberrocke und dem verwirrten Haar? Das iſt ein Oberrichter der Zuchtpolizei. Morgens legt er denen, die ſich in der Welt ſchlecht auffüh⸗ ren, Strafen auf, Abends verliert er ſein und ſei⸗ — * 3 28 5 ner Kinder Vermögen beim Spiele. Er ſetzt jedes Mal all ſein Geld. Wenn man ihn lange nicht ſieht, weiß man, daß er nicht bei Kaſſe iſt. „Der dicke Herr mit dem kugelrunden Geſichte hält dem, von welchem ich eben geſprochen, im Spiele Stand; man kann übrigens nach ſeinem Geſichte be⸗ urtheilen, daß er ſo viel zurückbehält, ſich ein gutes Mittageſſen zu bezahlen; ich gratulire ihm dazu:, ſo lange er den Appetit nicht verloren hat, bleibt ihm immer noch Etwas.. „Sehen Sie die Dame, welche mit dem Herrn ſpielt? Sie ſpricht ſo fürchterlich durch die Naſe, daß man ſie kaum verſtehen kann; ihre Augen ſind etwas roth, ihre Zähne ein wenig ſchwarz, ihre Haut kupferig und ihre Naſe finnig. Dieſe Dama hat ſich in früherer Zeit ſehr unordentlich betragen. Und wir ſiſſen, was wir von einer Geſchichte ihres verſtor⸗ benen Mannes, eines bankerottirten Bankiers, halten müſſen, der in der Conciergerie ſtarb, weil er,⸗ wie er vorgegeben, einen Tintenfleck aus einem Wechſel im Werthe von hunderttauſend Franken herausradirte, welches eine Criminalunterſuchung gab, worin man behauptet, der gute Mann habe eine Null ſtatt eines Flecks herausgekratzt. Allein er iſt todt, und ich will ihn gern für unſchuldig halten. Man empfängt ſeine Wittwe, weil ſie fortwährend ſpielt. Ich gebe zu, daß man dieſer Frau in einer ausgewählten Geſell⸗ ſchaft keinen Zutritt geſtatten ſollte; allein ſie ſtiftet viel in den Leuchter, ünd das verdient Anerkennung.“ „Was wollen Sie damit ſagen, mein Herr? ich 29 verſtehe Sie nicht.“—„Ich glaub' es wohl, gnaͤdige Frau; das iſt eine Gebühr, welche die Hausherrin von jedem Spieler einzieht. Sie werden das ſpäter kennen lernen...“—„Trägt es viel ein?“—„Ja, es gibt Häuſer, die von dem Leuchtergelde leben und an Geſellſchaftstagen große Eſſen halten können.“ „Sie ſetzen mich in Staunen, mein Herr; ich hätte nicht geglaubt, daß bei einer Zuſammenkunft von Freunden...“—„Ach, gnädige Frau, man bemerkt wohl, daß Sie vom Lande kommen!... Unter einer ſo großen Geſellſchaft darf man keine Freundſchaft ſuchen; hier finden Sie nur Eitelkeit, Neid, Miß⸗ gunſt und Verläumdung. Jedes ſpricht über ſeinen Nächſten. Jedes ſucht die Fehler oder das Aeußere eines Andern lächerlich zu machen. Man ſtreitet und zankt ſich ſogar beim Spiele. Dieſe iſt ſchlechter Laune, weil man ſich weniger um ſie bekümmert als ſonſt; dieſe macht darauf aufmerkſam, daß die Gemahlin des alten Notars leiſe mit einem jungen Herrn ſpricht; jene tadelt die Hutfagon ihrer Nachbarin, bloß weil er dieſer gut ſteht. Jenes Fräulein dort in der Ecke ſpeit Feuer und Flamme auf die heutige Jugend, und zwar aus keinem andern Grunde, als weil ſie Niemand mehr zum Tanzen auffordert. Trotz dem hat man ſtets ein Lächeln auf den Lippen, während man mit einander ſpricht, küßt ſich, wenn man ſich trennt, heißt ſich meine Theure, meine liebe Kleine u. ſ. w.“—„Ach, mein Herr, welche Falſchheit! Sie erregen meinen Abſcheu gegen die Geſellſchaft.“ —„Das wäre unrecht von Ihnen, gnädige Frau, man Paul de Kock. XLIII. 30 muß ſie nehmen, wie ſie iſt, dann gewährt ſie Unter⸗ haltung; ſie bietet ein bewegtes Schauſpiel dar, worin jeden Augenblick die orginellſten Scenen wechſeln. Doch fahren wir in unſerer Muſterung fort: Jener kleine Herr mit dem grünen abgetragenen Fracke, der dort würfelt, iſt ein Geſchäftsmannz Sie ſehen 4 ihn an einem Tage an der Börſe, im Palais⸗ Royal, in den verſchiedenen Miniſterien, und ſogar vor den Carrikaturen⸗Läden. Sprechen Sie mit ihm, ſo trägt er Ihnen ein Haus, ein Pachtgut oder gar ein Schloß zu kaufen an, ſagt, er habe ſechsmalhun⸗ derttauſend Franken auszuleihen, Renten zu liquidiren⸗ Zahlungen einzutreiben und für zwanzigtauſend Thaler „Wechſel zu discontiren. Wenn man aber zwei Mal mit ihm ſpricht, ſo hat er ſicher ſeine Börſe vergeſſen oder bittet Einen um ein Hundert⸗Sous⸗Stück. „Sehen Sie auf dem Sopha dort neben jener grau gekleideten Dame...“—„Den gelblichen jungen Mann?“—„Sie halten dieſe Perſon für einen jungen Mann? es iſt ein Frauenzimmer.“—„Ein Frauenzim⸗ mer? ſie benimmt ſich ja wie ein Mann...“—„Man 3 behauptet, ſie habe auch die Neigungen eines Mannes; ſie iſt nirgends gerne als bei ihrer Nachbarin, welche ſie anblickt, wie ein Liebhaber ſeine Geliebte!... 4 Hüten Sie ſich vor den Frauen, welche die Ordnung der Natur verkehren wollen, dieſe Verkleidung läßt unreine Abſichten argwöhnen. Da man ſich aber in der Welt an Alles gewöhnt, da man täglich die em⸗ pörendſten Laſter mit Gleichgültigkeit duldet, ſo ſpricht man ſchon lange nicht mehr von dieſem Zwitter. „Betrachten Sie jene dicke Dame, welche Blumen, Perlen und Diamanten im Haare hat, und beim Boſtonſpiele allein ſo laut ſchreit als die ganze Ge⸗ ſellſchaft zuſammen; ihre Arme haben drei Viertel im Umfange und das breite Canapee, worauf ſie ſitzt, bricht faſt unter ihrer Laſt. Der Gatte dieſer Dame, ein guter Mann im vollen Sinne des Wortes, war doch geſcheidt genug, ſich einen Reichthum zu ſammeln. Man ſieht übrigens dem Weſen ſeiner Ehehälfte an, daß ſie nicht immer unter vornehmer Geſellſchaft ge⸗ lebt hat; hören Sie ihr zu: ſie heißt ein Jedes mein Herzchen, mein Liebchen, mein Kind, oder häßlicher Chineſe; ſobald man eine Viertelſtunde mit ihr ge⸗ ſprochen hat, dutzt ſie Einen. „An demſelben Tiſche ſitzt Madame Dupont, deren Gatte im Lehnſtuhle ſchläft. Dem braven Manne geht das Bouillotte⸗Spiel über Alles, aber ſeine Frau hat es ihm verboten; er wagt es nicht, ihr entgegen zu handeln, denn wenn er in Geſellſchaft ungehorſam iſt, ſo ſperrt ſie ihn daheim einz man behauptet ſogar, ſie prügle ihn; ich will es jedoch nicht beſtätigen, weil ich mich nichts um Ehehändel bekümmere und mich nicht gerne in anderer Leute Angelegenheiten miſche; gewiß iſt aber, daß Madame Dupont die Hoſen an hat. „Sehen Sie jene Dame beim Boulllotte⸗Spiel, welche ihren Platz ihrem Gemahl einräumt? In fünf Minuten können Sie es bemerken, daß er ihr wieder den Platz abtritt, und vice versa; ſo treiben ſie es den ganzen Abend hindurch, und vermöge dieſes Ab⸗ wechſelns gehen ſie mit einem anſtändigen Gewinnſte nach Hauſe. „Jenes noch jugendliche Frauenzimmer, welches im Saale auf und ab geht, eine recht weiße Bruſt, breite Schultern und einen fleiſchigen Rücken zur Schau bie⸗ tet, iſt von dem Gedanken beſeſſen, Eroberungen machen zu wollen; es iſt kein Mann da, den ſie nicht unterjochen möchte. Aber ungeachtet ihrer Liebesblicke, ihrer Schönthuerei und ihrer Grazie nimmt allmä⸗ lig Niemand mehr Notiz von ihr. Wir kennen ihren Rücken, ihre Bruſt und ihr Kreuz auswendig, es macht keinen Eindruck mehr auf uns. „ Jene kleine Dame mit dem Roſahute, dem ſchel⸗ miſchen Geſichtchen und dem ſchlauen Blicke war frü⸗ her nur eine kleine Gärtnerin, aber der alte Procu⸗ rator hat ſie geheirathet, und Gott weiß, wie ſie ihn an der Naſe herumführt!... Man muß jedoch zuge⸗ ſtehen, daß ſie ſich bereits die Manieren der vorneh⸗ men Welt angeeignet Bat... man würde darauf ſchwören, daß ſie immer in guter Geſellſchaft gelebt habe! Nicht wahr, gnädige Frau?“ Georgine entgegnete erröthend ja. Sie fühlte, daß viel Aehnlichkeit zwiſchen ihr und der kleinen Gärt⸗ nerin beſtehe. Herr Plinplan fuhr aber, ohne ihre Verlegenheit zu gewahren, in ſeinen Bemerkungen fort: „Der Herr, welcher dort mit ſo wichtiger Miene ſpricht, iſt ein ſogenannter Schöngeiſt. Er gibt den Ausſchlag, entſcheidet und ſpielt den Herrn, weil er ein kleines Landgut in Montmartre und eine Loge bei Dopen hat. Er ſpricht unaufhörlich von ſeinem 33 Freunde, dem Unterpräfekten; allein man ſucht ihn auf, weil er Verſe an Damen, Lieder bei feſtlichen Veranlaſſungen und Gedichte auf Hunde macht. Ich bin überzeugt, daß er in dieſem Augenblick der Ge⸗ ſellſchaft das Sprichwort erklärt. Wir wollen uns aber auch einmal gegen dieſes Stegreiftheater wenden, ich werde Sie mit einigen der Künſtlerinnen bekannt machen. „Die roſagekleidete Dame, welche eine gefühlvolle Mutter ſpielt, und der es ohnmächtig wird, weil ihr Kind beim Blindekuhſpiel auf's Geſicht fällt, iſt ſeit zehn Jahren verheirathet; nach drei Monaten der Ehe fand es aber ihr Gatte, der ſie eines Morgens mit jenem kleinen braunen Herrn, den Sie dort ſehen, bei ich weiß nicht welcher Scene in ihrem Boudoir überraſchte, für paſſend, ſich von ſeiner all⸗ zu empfindſamen Hälfte zu trennen. Anfangs ſchleu⸗ derte man Feuer und Flammen gegen den Gatten: es hieß, er ſei ein Ausſchweifling, ein Eiferſüchtiger, ein Mädchenjäger, ein Ungeheuer, dem man eine fünf⸗ zehnjährige Jungfrau hingeopfert habe! Die Frauen nahmen die Partei der verlaſſenen Gattin, die Män⸗ ner lachten, die Klugen ſchwiegen, aber nach Ver⸗ lauf von einiger Zeit hat das Betragen der jungen Frau den armen Gatten vollſtändig gerechtfertigt. „Die eben auftretende Dame iſt ein ſechsunddreißig⸗ jähriges Fräulein, welches ſchon mehrere Partien aus⸗ geſchlagen hat; ſie will einen jungen, liebenswürdigen, hübſchen, geiſtreichen, gutmüthigen Mann, der ſie anbetet. Ich fürchte, daß ſie ledig abſterben muß. Unterdeſſen ſpielt ſie in den Wortſpielen Taltten, Gou⸗ vernantinnen, kurz, was man Charakterrollen heißt, ſehr getreu und wahrhaft. „Jene große Dame, welche eine kleine Nichte ſpielt, geht mit ihrem ſechsten Kinde; eines gleicht ihrem Manne, dagegen iſt das letzte das leibhaftige Eben⸗ bild eines Vetters dieſer Dame, eines Huſaren⸗Offi⸗ ziers, der ein recht hübſcher J Junge und der Schrecken 5 aller Ehemänner im Kreiſe iſt. „aſſen Sie uns in den Tanzſaal gehen. Sie ken⸗ nen jetzt die Perſonen, woraus die Geſellſchaft der Frau von Vieux⸗Boiyx beſteht, ſo gut als ich. Die⸗ jenigen, von denen ich Ihnen nichts erzählt habe, ſind ganz unintereſſant; würden ſie irgend eine Be⸗ deutung haben, ſo wüßte ich es, denn ich ſtehe im⸗ mer auf der Lauer der Neuigkeiten, zwar weder aus Bösartigkeit, noch aus Verläumdungsſucht, weiß Gott nicht! ſondern nur, weil ich Junggeſelle bin, jährlich fünftauſend Livres zu verzehren und nichts zu thun habe; man muß ſich doch mit Etwas unterhalten. Ich habe abſichtlich gegenüber von einer ſchönen Frau, welche viel Geſellſchaft empfängt, ein Logis gemiethet. Von meinem Fenſter aus ſehe ich Alles, was bei ihr vorgeht, und da ich weder neugierig ſcheinen, noch haben will, daß ſie es erfährt, habe ich Jalouſieläden vor meinen Fenſtern anbringen laſſen. Dieſe laſſe ich geſchloſſen, ſehe aber hinter denſelben, ohne ge⸗ ſehen zu werden, ganz gut, und ſtelle nun häufig mit einem Vergrößerungsglas meine Beobachtungen an. Meine Nachbarin, welche keine Ahnung hat, 5 — — läßt meiſtens ihre Vorhänge offen, ſo daß ich Alles ſehen kann, und ich entdecke oft äußerſt luſtige Dinge.“ Georgine konnte nicht umhin, über Herrn Plin⸗ plans Zeitvertreib zu lachen. Sie folgte ihm in den Tanzſaal, weil ſie ſeine Bemerkungen beluſtigten. Der Dilettant ſpielte auf der Geige, Lacaille blies auf ſeiner kleinen Flöte. Man tanzte zu Zwanzig eine Francaiſe, weil es an Raum fehlte, zwei Partieen zu bilden. Die Tanzenden geriethen in Unordnung; Herr Souzaigre ſchrie umſonſt:„En avant deux!... hintereinander!... nicht ſo, die Gique... die Gique!“ es half nichts; die Damen gehen links, die Cava⸗ liere wiſſen nicht mehr, wie ſie dran ſind, tanzen untereinander hinein, verwirren ſich, machen aber doch immer fort.— „Wer iſt jene blonde, mit Blumen und Putz über⸗ ladene Dame?“ frägt Georgine.—„Wer ſie iſt, kann ich Ihnen eigentlich nicht ſagen. Sie tanzt außer⸗ ordentlich leidenſchaftlich; ſie hat immer fünf oder ſechs Leute um ſich, welche ſie wahrſcheinlich bilden und in die Welt einführen will. Man ſieht übrigens höchſtens drei Mal denſelben Cavalier bei ihr, ein Be⸗ weis, daß der Unterricht bei ihr nicht lange dauert.“ —„und ihr Mann?“—„Den kennt man nicht. Es heißt, er ſei bei der Armee, das iſt eine bequeme Entſchuldigung; ſeit er aber im Kampfe iſt, muß er entweder gefallen oder General ſein. „Der Herr, welcher das Bein vorſtreckt, den Arm rundet, und ſo viel als möglich eine maleriſche Stel⸗ lung annimmt, iſt der Zephir hier. Niemand wagt es, im Tanzen mit ihm zu wetteifern. Wenn er an⸗ fängt, Gavotte zu tanzen, ſo können Sie eine Fliege ſummen hören! Alles hält den Athem zurück, ſo ſehr fürchtet man ſich, einen Schritt von ihm zu über⸗ 1 hören. Er wird wegen ſeines Gavottetanzens in un⸗ ſern Geſellſchaften angebetet. Er iſt Mitglied des Athenäums und der kurzweiligen Geſellſchaft. Som⸗ mers bewundert man ihn bei Ranelagh oder in Saint⸗ Mandé. Es würde mich nicht wundern, wenn er eines Tages aus Gefälligkeit Gavotte auf dem Bou⸗ 1 levard du Temple oder in dem türkiſchen Kaffeehauſe 6 tanzen würde. 1„Jener Herr dort, der ſo aufgekegt tanzt und ſeine Beine links und rechts umher ſchleudert, braucht allein mehr Platz als drei unſerer eleganten Modeherren 8 (welche allerdings heut zu Tage gehen ſtatt tanzen). Dieſer kühne Cavalier, der etwa fünfundfünfzig Jahre alt ſein mag, ſetzt keine Françaiſe aus, walzt zum Erſticken und im Hopſer habe ich ihn zwei Mal ſeine Perücke verlieren ſehen, ohne daß er deßhalb inne⸗ halten wollte. Man hat ihm daher den Beinamen: der Unermüdliche! gegeben; ſeine Frau verſi chert je⸗ 3 doch, daß er ihn nicht verdiene. 4* 4 7 Das Fräulein, welches ſich beim Tanzen ſo viele Muüßhe gibt und nie den Takt einhält, iſt die Nichte der Frau von la Muraille, der alten Dame, die hin⸗ ter dem Violinſpieler ſitzt. Die gute Tante jammert, wenn ſie ſieht, daß ihre Nichte, trotz des theuren Panzläyrers, keinen Schritt machen kann, ohne auf — ————— 87 ihr Kleid zu treten oder ihrem Nachbar einen Puff zu geben.“ „Wer iſt der junge, blaſſe Mann mit den un⸗ geordneten Haaren, der hohen Stirne und der ernſten Miene, welcher mit einer Gravität und einem Phlegma tanzt, die höchſt komiſch auffallen?“ Herr Plinplan wollte eben antworten, als er von einer Dame, welche ihm etwas Wichtiges zu erzäh⸗ len hatte, auf die Seite gerufen wurde. Herr Plin⸗ plan, der immer auf Neuigkeiten lauerte, verließ Frau von Roſambeau, und unſere Heldin kehrte in den Salon zurück, wo ſie ſich neben einen Spieltiſch ſetzte. Georgine hatte ſich zufällig neben der dicken Dame niedergelaſſen; dieſe knüpfte ſogleich ein Geſpräch mit ihr an, und zeigte ihr ihr Spiel, von welchem Geor⸗ gine nichts verſtand. „Sehen Sie her, mein Herz, was halten Sie von meinem Spiel? hm? iſt es gut?“—„Ja, Madame.“ —„Nicht wahr, mein Liebchen?. Sie haben ein wunderſchönes Kleid an, mein Kind.“—„Ei, Ma⸗ dame,“ rief ein großer, dürrer Herr, der Boſton mit ihr ſpielte, dazwiſchen,„geben Sie doch auf Ihr Spiel Acht!“—„Allerdings, mein Herr.. bei wem laſſen Sie arbeiten?“—„Madame, ſprechen Sie ein an⸗ deres Mal von Ihren Fahnen.“—„Was geht das Sie an, häßlicher Chineſe! deßhalb kann ich doch beim Spiele ſein.“—„Nun! ſo ſpielen Sie, Ma⸗ dame.“—„Was iſt Trumpf? mit wem ſpiel' ich? wer iſt gegen mich? wie ſteht es?“—„Es iſt uner⸗ träglich, mit Leuten zu ſpielen, die durchaus nicht Achtung geben!“—„Du biſt eben nicht galant, Du!“ —„Sie ſind Schuld, daß Madame gewinnt!“— „Kann ich dafür, daß ſie das ganze Spiel in Händen hat?“—„Wenn Sie geſpielt hätten wie ich, wäre es anders gegangen.“—„Schweig, Du ſpielſt ja wie ein Hampelmann.“ 2 „Der kleine Schlem iſt gemacht!“ ruft Madame Dupont mit einer Stimme aus, daß die Fenſter hät⸗ ten erbeben mögen.—„Den kleinen Schlem ſpiele ich niemals, ich bezahle ihn nicht.“—„Wir ſpielen ihn immer hier, Madame.“—„Es thut mir leid, das hätten Sie mir ſagen ſollen, ehe wir angefangen haben.“—„Ich bezahle ihn nicht.“—„Sie müſſen ihn bezahlen, Madame!...“ Georgine entfernt ſich von den Damen, weil ſie befürchtet, der Streit werde zu lebhaft. Sie tritt zu einem andern Boſtontiſche, wo das Spiel eben auch mit derſelben Unruhe aufhört: ein kleiner Herr ſtrei⸗ tet ſich mit Frau von Vieux⸗Boix.„Wie, Madame, man muß Ihnen heute Abend zwölf Sous Karten⸗ geld bezahlen?“—„Ja, mein Herr, wie gewöhn⸗ lich.“—„Man bezahlt doch bisweilen nur zehn.“— „Immer zwölf, mein Herr; wie viel zahlt man übri⸗ gens bei Ihnen?“—„Das iſt ein Unterſchied. Ich gebe wenigſtens reine Karten her.“—„Sind dieſe es nicht, mein Herr?“—„Sie ſind ſchon fünf oder ſechs Mal gebraucht worden.“—„Mein Herr, Sie wiſſen nicht, was Sie reden. Bezahlen Sie lieber gar kein Kartengeld, das iſt das Kürzeſte!“—„Dieß würde Sie allzuſehr ärgern, Madame.“* . —— wenden ſollte, um dem Geſchrei aus dem Wege zu 39 Georgine, welche abermals einen Zwiſt befürchtet, nähert ſich einer Bouillotte⸗Geſellſchaft; dort war aber noch ein weit größerer Lärm; man ſtritt ſich wie wü⸗ thend: der Eine hatte ſchon geſetzt, der Andere zu ſchnell umgeſchlagen, die Spieler waren vollkommen uneinig. 3 Unſere Heldin wußte nicht mehr, wo ſie ſich hin⸗ gehen, als Herr von Lacaille auf ſie zukam. „Nun, ſchöne Dame, wie finden Sie unſere beweg⸗ ten Abende.“—„SIch finde ſie in der That ſehr be⸗ wegt.“—„Warum haben Sie nicht getanzt?“— „Ich bin zu müde.“—„Unterhalten Sie ſich recht gut.“—„Vortrefflich!... Gehen wir bald?“—„Noch nicht; ich weiß, daß Frau von Vieux⸗Bois uns eine Ueberraſchung vorbehalten hat. Sie will uns ein kleines Abendbrod geben und es würde ihr ſehr leid thun, wenn wir nicht ſo lange bleiben würden.“ Georgine, welche einſah, daß ſie ein vollſtändiges Opfer bringen mußte, entſchloß ſich, es mit heiterer Miene zu thun, und nahm ſich vor, nie mehr einer bewegten Soirée beizuwohnen. Die Spielpartien waren beendigt, der Tanz hatte aufgehört, das Sprichwort war ausgeſpielt und drei Viertheile der Geſellſchaft begaben ſich nach Hauſe; nur die Intimen und Bevorzugten, denen die Ueber⸗ raſchung angekündigt worden war, blieben. Herr Plinplan, der Oberrichter, der Proeurator und ſeine Frau, der Schöngeiſt, die Dame mit den Federn, die gefühlvolle Gattin und der Gavotte⸗Zephir gehörten zu den Auserwaͤhlten. Die beiden dicken Damen vom Boſtonſpiele entfernten ſich; Herr Plinplan verſicherte Frau von Roſambeau leiſe, daß man dieſe nicht ein⸗ lade, weil ſie zu viel eſſen, woraus Georgine ſchloß, daß man, wenn man der Dame des Hauſes gefallen wolle, nur wenig eſſen dürfe; und da ihr nichts daran lag, ein zweites Mal eingeladen zu werden, nahm ſie ſich vor, ſich ſo zu betragen, daß Frau von Vieux⸗Bois den Vorzug, welchen ſie ihr zugetheilt hatte, bereuen werde. Man deckt mitten in dem Saale einen großen Tiſch, worauf man mit Kunſt und Symmetrie angeb⸗ lich gedämpftes Geflügel aufſtellte, das in einer gel⸗ ben Rübenſauge ſchwamm, welche die Sulz vorſtellte; zweierlei Salat und die Eſſiggeſtelle ſtanden zu bei⸗ den Seiten, vier Teller mit gekochten Aepfeln und Schmalzbackwerk an den vier Enden des Tiſches, und zwei feſt verſchloſſene Töpfe mit eingemachtem Obſt, die nur zur Schau anweſend waren, machten die Zierde der Tafel des Abendbrodes aus. „Glaubt denn dieſe Dame,“ frägt Georgine leiſe Herrn Plinplan,„mit ſo Wenig zwanzig Perſonen ein Nachteſſen geben zu können?“—„Sie hofſt ſogar⸗ daß noch übrig bleiben werde.“ 4 Noch mehr erſtaunt war Georgine, als die Dame mit den Federn der Frau von Vieux⸗Bois vorwarf, ſie mache ſo viele Umſtände. „Setzen Sie ſich, meine Damen,“ ſagt Frau von Vieux⸗Bois,„die Herren müſſen hinter Sie hinſtehen, aus freien Händen eſſen, wir werden ſie nicht vergeſſen. Herrn Deschaſſés muß man übrigens ein kleines Plätzchen einräumen, er hat ſo viel ge⸗ tanzt, daß er müde ſein muß.“ Herr Deschaſſés war der Gavotte⸗Zephir. Man ſetzte ſich und er nahm ſeinen Platz unter den Da⸗ men ein. Georgine glaubte zu bemerken, daß es der Freund des Unterpräfekten übel nahm, daß man ihm nicht den Vorzug, an ven Tiſch zu ſitzen, gegeben habe, und aus Aerger ergriff er einen Teller mit Aepfel⸗Compot und leerte ihn in einem Nu ab. Frau von Vieux⸗Bois zerlegte die Truthenne, de⸗ ren Duft und Ausſehen Alle bis in den Himmel er⸗ hoben. Als Georgine die niedlichen Stückchen ſah, welche man präſentirte, war ſie ſelbſt der Meinung, daß noch übrig bleiben werde. Da ſie unter den Er⸗ ſten war, welchen ſervirt wurde, und nicht wußte, wie es in Geſellſchaft üblich iſt zu eſſen, hatte ſie das Bischen Geflügel verzehrt, ehe die Hausherrin mit der Platte die Runde um den Tiſch gemacht hatte. Als ſich die alte Dame gegen Frau von Ro⸗ ſambeau zurückwendete, konnte ſie eine Bewegung des Staunens nicht unterdrücken; ſie faßte ſich jedoch ſchnell und ſagte mit Beſorgniß:„Darf ich Ihnen noch ein Stückchen anbieten, Frau von Roſambeau?“ —„Recht gern, gnädige Frau,“ entgegnete Georgine. Frau von Vieux⸗Bois hatte dieſe Antwort nicht erwartet; ſie überwand ſich aber und bot Georgine noch einmal das Geflügel dar. Dieſe bemerkte, daß die Damen ſie anſahen, lachten und einander in die Ohren ziſchelten; allein ſie ließ ſich nicht außer Faſ⸗ ſung bringen, ſondern ſuchte dieſelben im höchſten Grade zu ärgern und verlangte wiederholt ein Stück, um zu ſehen, wie es die Geſellſchaft aufnehmen werde. Frau von Vieux⸗Bois konnte ihre Entrüſtung und ihren Unwillen nicht verbergen.„Ich denke, es wird beſſer ſein, wenn ich die Platte vor Sie hinſtelle; es iſt bequemer für Sie,“ ſagte ſie mit beißendem Tone zu Georgine.—„Ganz nach Ihrem Belieben, gnä⸗ dige Frau.“ Frau von Vieux⸗ Bois führte deſſenungeachtet ihre Drohung nicht aus und rief, nachdem ſie Georgine noch einmal aufgewartet hatte, Frau Godin herein, um die Platte abzutragen, worüber ſich die hinten ſtehenden Herrn, denen man verſprochen, ſie nicht zu vergeſſen und die bisher weiter nichts als gebrühte Küchlein erhalten hatten, ſehr ärgerten. Georgine blickte Lacaille an: er ſaß auf Dornen; ihr ungezie⸗ mender Appetit brachte ihn zur Verzweiflung. Herr Plinplan lachte, die Damen ſahen ſich gegenſeitig an, die Männer verlangten ungeduldig zu trinken, um ſich für die Henne zu entſchädigen; aber Frau Godin, welche ſchon zu dieſen Abendeſſen abgerichtet war, blieb immer entſetzlich lange im Keller und kam nur ſelten herauf. Georgine war noch nicht zufrieden, ſie wollte Frau von Vieur⸗Bois raſend machen, und das war eine kleine Mühez ſie betrachtete ſchon längſt die beiden Töpfe mit eingemachten Früchten, wovon man nichts aufgewartet hatte, weil man ſie nach der im Hauſe 3 errſchenden Ordnung ſtets wieder ſo vom Tiſche — — 43 wegnahm, wie man ſie aufgetragen hatte. Herr Plin⸗ plan verſicherte ſogar, daß man ſeit ſechs Jahren die⸗ ſelben Töpfe zu den Abendeſſen ſervirt habe. „Gnädige Frau,“ fragt Georgine die Hausherrin, „könnte man vielleicht etwas von dem Eingemachten verſuchen?“—„Aber, Madame,“ entgegnet dieſe, hoch⸗ roth vor Zorn,„ich fürchte, Sie könnten ſich ſchaden.“— „O, ſeien Sie hierüber ganz beruhigt, gnädige Frau.“ Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, ſtreckte Georgine die Hand vor, um nach dem Topfe zu grei⸗ fen; Herr Deschaſſés, der ein Freund von Leckereien iſt, überreicht ihr denſelben eifrigſt. Sie nimmt ſich ohne Gnade von beiden Töpfen heraus und präſen⸗ tirt ſie ihrem Nachbar, der ſeinem Gelüſte darnach nicht widerſtehen kann. Die Herren alle, welche ſich mit dem Dufte der Truthenne hatten begnügen müſ⸗ ſen, fielen gierig über das Eingemachte her; in we⸗ nigen Minuten waren die durch ihr Alterthum ehr⸗ würdig gewordenen Töpfe leer. Herr Plinplan macht Frau von Roſambeau auf zwei Thränen aufmerk⸗ ſam, welche Frau von Vieux⸗Bois beim Anblicke die⸗ ſes Unſternes aus den Augen floßen. Die alte Dame that ſich indeß mit dem Vorſatze, daß ihr dieſes als Lehre dienen ſolle, Gewalt an. Die Herren ſtillten ihren Hunger mit Eingemachtem. Georgine unterdrückte die Lachluſt, welche dieſe Scene in ihr erweckte, und Diejenigen, die um jeden Preis Unterhaltung haben wollten, baten Herrn Lefin, ſo hieß der Schöngeiſt, ſie mit einigen ſeiner poetiſchen Ergüſſe zu erfreuen. 1 Herr Lefin huſtet, ſpuckt aus, nießt, ſchnäuzt ſich, reibt ſich an der Stirne, kratzt ſich hinter dem Ohre, läßt die Lichter putzen und ſagt endlich, er ſei heiſer; um jedoch dem Willen der Geſellſchaft, die ſeine Verſe zu hören wünſcht, zu entſprechen, bittet er eine der Damen, ein Liedchen zu ſingen, welches er kürzlich bei ſeinem Freunde, dem Unterpräfekten, gedichtet habe. Man nimmt den Vorſchlag mit Entzücken an. Die Dame mit den Federn, welche eine Opernſtimme haben ſoll, wird von Herrn Lefin erſucht, die neue Romanze zu ſingen. Sie läßt ſich nicht lange bitten, da ſie hinlänglich von ihrem ausgezeichneten Talente überzeugt iſt. Sie fängt an, ihr Geſchrei durchdringt Georginens Trommelfell, und dieſe ſagt leiſe zu Herrn Plinplan:„Man ſollte nie in einem Salon ſingen, wenn man eine Opernſtimme hat.“ Herr Lefins Verſe galten der grünenden Natur, dem Zephir, den Vögeln und den Quellen, und der Refrain drückte aus, daß wer eine Freude an der Natur habe, gerne auf dem Lande lebe. Die Ge⸗ ſellſchaft klatſchte mit Begeiſterung Beifall. Als man dem Dichter und der Sängerin gehörig applaudirt hatte, erhob man ſich und ſagte Frau von Vieux⸗ Bois, ihrer Soirée und ihres Abendbrodes wegen, Schmeicheleien; dann zog man ſich, nach den üblichen drei Verbeugungen, nach Hauſe zurück. Gegen Frau von Roſambeau verneigte ſich die Dame des Hauſes mit einer Kälte, wie ſie der Appe⸗ iit derſelben verdiente; der arme Lacaille ſelbſt mußte iihn entgelten. Georgine wurde von ihrem ſchüchternen 45 Liebhaber zurückbegleitet und dieſer überließ ſie dem tiefen Schlafe, worin ſie die Erinnerung an die Abend⸗ unterhaltung wiegen mußte. Drittes Kapitel. Gs geht Alles gut. Es war Mittag, als Georgine erwachte und ihrer Roſa läutete.„Nun, gnädige Frau,“ fragt die Zofe lachend,„haben Sie ſich bei der geſtrigen Soirée gut unterhalten?“—„Ach! Roſa, ſprich mir nicht davon, ich habe mich zum Sterben gelangweilt! Auch werde ich nie wieder in Geſellſchaft gehen, denn ich will mich unterhalten und das war durchaus nicht unter⸗ haltend.“—„Sie haben recht, gnädige Frau, in Ihrem Alter muß man nur thun, was Einem gefällt. Während Ihres Schlafes habe ich übrigens meine Zeit gut angewendet: ich hatte Herrn Folleville's Ein⸗ ladung nicht vergeſſen.“—„Wie, Roſa, Du biſt...“ —„Zu ihm gegangen, um Chokolade mit ihm zu trinken; ja, gnädige Frau, ich war neugierig, ob die Manieren des jungen Mannes der Lebendigkeit ſei⸗ nes Styles entſprechen, und ich verſichere Sie, ich bin zufrieden mit ihm. Dieſer Folleville weiß ſich vor⸗ trefflich zu benehmen! Ich habe ihm bedeutend Hoff⸗ nung gemacht, das koſtet ja nichts, und ihm verſpro⸗ chen, Ihnen dieſes Billet zu übergeben, worin er Sie um ein Rendezvous erſucht.“—„Sonſt nichts?“— „Auf dem Rückwege habe ich den jungen Offtzier be⸗ Paul de Kock. XLIIT. 4 “ 4 8 gegnet, er iſt verliebt wie ein Huſar! Er hat mich erkannt, mich angehalten und geküßt, eh' er ein Wort mit mir ſprach, ich war ganz überraſcht! Er verlangt durchaus, daß ich ihn heute Nacht bei Ihnen einführe, oder er droht, das ganze Haus umzudrehen.“—„Er avancirt ſchnell in der Liebe!“—„Es iſt ein Dä⸗ mon, gnädige Frau; ich konnte ihn nicht eher beru⸗ higen, als bis ich ihm gelobt, dieſes glühende Lie⸗ besbriefchen an Sie abzugeben, worauf er eine Ant⸗ wort erwartet.“—„Wie, noch ein Billet, Roſa?“ —„Das iſt noch nicht Alles, gnädige Frau. Ich wollte eben in's Haus hineingehen, als ich von ei⸗ nem hübſchen jungen Mann angehalten wurde, der zwar ſehr beſcheiden angezogen iſt, aber dabei doch höchſt geiſtreich ausſieht.“—„Was wollte er von Dir?“—„Das iſt auch ein Anbeter, gnädige Frau.“ —„Hört es denn nicht auf!“—„Dieſer iſt unſer Nachbar, er wohnt gegenüber von uns, er ſieht von ſeinen Fenſtern in unſern Hof hinab; es darf Sie nicht wundern, denn er wohnt im fünften Stockwerke über dem Entreſol. Es iſt ein Dichter, und dieſe Herren wohnen aus Neigung und oft aus Zwang ſo nahe als möglich bei den Muſen und dem Par⸗ naſſe. Dieſer Säugling des Pindus(ſo nennt man ihn im Quartier) hat Sie über den Hof ſchreiten ſehen.“—„Er hat gute Augen!“—„Von dieſem Augenblicke an denkt und träumt er nur von Ihnen! Sie find ſeine zehnte Muſe und ich konnte dieſes Son⸗ net in Briefform nicht ausſchlagen, welches er mir gegeben hat, um es Ihnen zu überreichen, und worauf 47 ich ihm auch eine kleine Antwort verſprochen habe.“ —„Wie, Roſa, Du willſt in den fünften Stock hin⸗ aufgehen?“—„Und warum nicht, gnädige Frau! Der junge Mann iſt ſo ſanft, ſo zärtlich, ſo aus⸗ drucksvoll; er hat mich wirklich gerührt! Glauben Sie denn nicht, daß er eher Liebe verdient, als die⸗ ſer alte Narr, der Lacaille?“—„O gewiß!“— „Wohlan! eine gefühlvolle Frau ſucht das Unrecht des Schickſals gut zu machen: ſie nimmt das Gold des alten Narren, um dem jungen Liebhaber nützlich ſein zu können.“—„In der That, das iſt ein ver⸗ dienſtvolles Werk; laß einmal die Billets dieſer Her⸗ ren ſehen.“ Man erbricht die Liebesbriefe. Georgine iſt über den Styl ihrer Anbeter entzückt. Folleville iſt lebhaft, leichtſinnig, heiter; der Militär glühend, leidenſchaft⸗ lich, ungeſtüm; der junge Dichter beſcheiden, ſchüch⸗ tern, aber gefühlvoll und zärtlich.„Sie ſind mir alle Drei intereſſant,“ ſagt Georgine,„welchem ſoll ich nun antworten.“—„Allen Dreien, gnädige Frau.“ —„Ach, Roſa, drei Liebhaber zugleich! Und Herr von Lacaille!“—„Der wird nicht gerechnet.“— „Aber, Roſa...“—„Wie, gnädige Frau, Sie fürch⸗ ten ſich vor drei Liebhabern? Ol das iſt eine Klei⸗ nigkeit, man kann zwölfe an der Naſe herumführen. Außerdem iſt man gleich mit ihnen fertig, wenn ſie Einem anfangen langweilig zu werden! Folgen Sie mir, Madame, verſchmähen Sie dieſe nicht, ſie ſind alle Drei ſehr liebenswürdig.“—„Was ſoll ich ih⸗ nen aber antworten?“—„An Ihrer Stelle würde ich Jedem ein Stelldichein geben.“—„Was fällt Dir ein, Roſa? In meinem erſten Schreiben an ſie...“ —„Was ſchadet das? Wiſſen Sie denn nicht, wie man in Paris liebt? Wenn Sie übrigens ihre Mar⸗ ter verlängern wollen, ſo machen Sie ihnen Hoff⸗ nung, ich will es auf mich nehmen, ſie zu tröſten.“ Wahrſcheinlich war es für Mamſell Roſa nicht un⸗ angenehm, dieſe Herren zu tröſten, und ſie mußte ein beſonderes Mittel dazu wiſſen, denn ſie beſorgte die Antworten ihrer Gebieterin mit ausgezeichnetem Eifer. Mamſell Roſa war ein recht hübſches Weſen und von großem Werthe für ein Frauenzimmer, welches ſich in das Gewühl der großen Welt wagen will. Kaum hatte ſie ihre Gebieterin verlaſſen, ſo erſchien Lafleur bei dieſer.„Ich komme von Seiten meines Herrn, der Sie heute Abend abholen will!“—„Ach! großer Gott, Lafleur, um mich wieder in den Marais zu führen?“—„Nein, Madame, ich weiß, daß Sie in ſo engen Cirkeln nicht glänzen können. Ich habe es meinem Herrn vorgeſtellt, als er ſich bei mir be⸗ klagte, daß Sie bei den freundſchaftlichen Mahlzeiten zu viel eſſen. Ich habe ihm ſein Unrecht vorgewor⸗ fen, er hat es eingeſehen und mich, um es wieder gut zu machen, beauftragt, Ihnen dieſes Käſtchen zu übergeben.“—„Laß einmal ſehen. Ach! das iſt prächtig! Das wird mir zum Entzücken ſtehen. Welche ſchöne Diamanten!“—„Sie ſehen, daß ſich mein Herr zu beſſern ſucht. Uebrigens zeichne ich ihm ſein Betragen vor, und ich ſtehe Ihnen dafür, daß er in ſechs Monaten nicht mehr zu erkennen ſein wird.“ 49 Georgine nimmt das Schmuckkäſtchen und ver⸗ ſpricht Lafleur, Herrn von Lacaille zu erwarten, der ſie in's Theater führen wird. Roſa kommt zurück und gibt beim Anblick der Diamanten zu, daß der alte Narr ſeine Sache gut mache, fordert aber ihre Gebieterin auf, ſich der drei jungen Leute zu erbar⸗ men, die ſich ſo ſehr nach Troſt ſehnen! Mehrere Tage hintereinander folgt Georgine dem Herrn von Lacaille in's Theater und auf Bälle. Die Langeweile, welche ihr die Geſellſchaft des alten Lieb⸗ habers verurſachte, wurde durch die fortwährenden Geſchenke verſüßt, die Lafleur von ſeinem Herrn brachte, der ſeit ſeinem Ausglitſchen und Unter⸗das⸗ Bett⸗fallen ſeine Liebe nur in Seufzern kund gab. Frau von Roſambeau's Schwangerſchaft nahm in⸗ deſſen immer zu; Roſa war ihre Vertraute. Ein fei⸗ nerer Mann als Lacaille hätte ihren Zuſtand bemerkt; aber es gibt Leute, die die auffallendſten Dinge nicht ſehen, die ſonſt Jedermann in's Auge ſpringen. Die drei Liebhaber wurden der Tröſtungen Roſa's müde. Dieſe redete ihnen aus Erkenntlichkeit mit Wärme das Wort. Georgine, welche mit Liebesbrie⸗ fen überhäuft wurde und ſich mehr als je in Herrn von Lacaille's Geſellſchaft langweilte, widerſtand den Bitten ihres Kammermädchens nur noch ſchwach; Roſa wußte die günſtige Stimmung ihrer Herrſchaft zu benutzen, indem ſie ſich auf's Neue für die drei Verliebten bei ihr verwendete, und Georgine geſtand ihr offen, daß ſie nicht wiſſe, wem ſie den Vorzug geben ſolle. 1 S aber Einen nach dem Andern. Bei einer erſten Zu⸗ 6 „Ich weiß ein ſehr einfaches Mittel, die Sache in Ordnung zu bringen, gnädige Frau. Laſſen Sie alle Drei kommen und wählen Sie den, der Ihnen am beſten gefällt. Dieſen Abend können Sie ſie empfan⸗ gen; nicht alle zugleich, das wäre gegen alle Regeln, ſammenkunft dürfen Sie ihnen nur wenige Augen⸗ blicke gönnen, dieſe ſind aber hinreichend, Ihre Wahl zu treffen und zu entſcheiden. Schreiben Sie alſo ſchnell einem Jeden, ſich heute Abend hier einzufinden, der Eine um acht Uhr, der Andere um halb neun, der Dritte um neun Uhr.“—„Es kann nicht ſein, Herr von Lacaille will mich in die Oper führen.“ —„Ich will ihm ſagen, Sie hätten Kopfſchmerz und könnten nicht ausgehen.“—„Wenn aber dieſe jun⸗ gen Leute hier zuſammentreffen würden?“—„Man hat ſchon Zeit, den Einen vor dem Andern zu ent⸗ laſſen.“—„Aber...“—„Immer aber! Seien Sie doch beruhigt, ich bin ſchon da, Sie im Falle der Noth aus der Verlegenheit zu ziehen.“—„Wohlan, ich verlaſſe mich auf Dich.“ Die drei Cireulare waren abgefaßt; Roſa beſorgt ſie an ihre Adreſſen. Herr von Lacaille wird benach⸗ richtigt, daß ſich Frau von Roſambeau zu unwohl fühle, um dieſen Abend auszugehen, und die Kam⸗ merjungfer meldet ihrer Gebieterin, daß ſie ſich zum Empfang der drei jungen Leute vorbereiten könne. Der Tag geht zu Ende und der Augenblick nähert ſich, wo unſere Heldin des ganzen Triumphes genie⸗ ßen kann, nach dem eine Kokette trachtet. Georgine, 2 51 deren Eitelkeit zugenommen hat, weiß ihre Reize zu erhöhen: ein zierliches Negligé macht ſie noch ver⸗ führeriſcher; ihre kunſtreich geordneten Haare fallen in Locken über ihre Stirne herab, auf der, wenn ſie auch nicht mehr der Sitz der Schamhaftigkeit iſt, doch die Anmuth thront. Georgine liegt, ihres Sie⸗ ges gewiß, in einem köſtlichen Boudoir, das nur ſchwach mit Gaskugeln erleuchtet iſt, welche die Wol⸗ luſt erfunden hat, um den Liebhaber kühner und die Schöne minder ſpröde zu machen, nachläßig auf einer Ottomane. Es ſchlägt acht Uhr; man kommtt ein Liebhaber läßt bei einem erſten Rendezvous nie auf ſich war⸗ ten. Der junge Dichter hat den Vorzug vor ſeinen Nebenbuhlern erhalten; er erſcheint zuerſt. Die Frauen laſſen ſich gern in Reimen ſchmeicheln; der Weihrauch, den man für ſeine Schönen aufſteigen läßt, iſt nie verloren. Der Säugling der Muſen wird in Georginens Zimmer eingeführt. Als er ſich der gegenüber ſieht, die er nur von ſeinem fünften Stockwerk aus bewun⸗ dert hat, gerräth er in Verwirrung und bleibt ſtumm ſtehen; ſo viele Reize blenden ſeine Augen! Der junge Poet iſt ſchüchtern, da er bisher nur mit den Muſen verkehrte, von welchen man behauptet, daß ſie ſehr rechtſchaffen ſeien, welches mir nicht ganz glaubwür⸗ dig ſcheint, da ſie ſich doch zuweilen proſtituiren. Georgine bemerkt die Verlegenheit des jungen Man⸗ nes, der es nicht wagt, ihr näher zu treten. Nachdem ſie ſich eine Weile an der Wirkung ihrer Reize ge⸗ 52 weidet hat, winkt ſie dem armen Jungen, Platz zu nehmen und redet ihn freundlich an. Die Geiſtes⸗ gegenwart des jungen Mannes kehrt zurück, die Liebe entflammt ihn: er wird liebenswürdig, zärtlich, ſchmeich⸗ leriſch, dringend, kurz verführeriſch! Georgine hörte ihn mit unbeſchreiblichem Vergnügen an. Er ſpricht nur von ihr und liest ihr Verſe vor, die er an ſie gedichtet hat: Georgine läßt ſich hinreißen und ver⸗ . gißt, während ſie auf ſeine Worte lauſcht, daß ſie ihm nur eine halbe Stunde zu widmen hat. Roſa tritt in's Boudoir ein, und wundert ſich, den jungen Dich⸗ ter noch zu finden, den ſie längſt entfernt glaubt. „Wie, gnädige Frau, der Herr iſt da? und Herr von Lacaille folgt mir auf der Ferſe.“ Sie gibt ihrer Gebieterin durch ein Zeichen zu verſtehen, daß es Herr Folleville ſey; es war in der That halb neun Uhr.—„Ach mein Gott, Roſa, Du haſt Recht,“ ruft Georgine ganz beſtürzt aus,„ich hatte vergeſſen, daß Herr von Lacaille heute Abend kommen werde. Was iſt zu beginnen?“—„Wer,“ frägt ſchüchtern der junge Mann,„iſt denn dieſer Herr?“—„Jemand, den man nicht fortſchicken kann,“ entgegnet Roſa, „verſtehen Sie? Die gnädige Frau wäre verloren, wenn er Sie hier träfe. Fort können Sie nicht mehr, es iſt zu ſpätp. Man muß Sie verſtecken.“—„Ich will thun, was Sie wünſchen.“ Georgine ſchlägt ihm vor, in's Nebenzimmer zu gehen. Es bleibt keine Wahl übrig; der junge Mann ergibt ſich darein. Man ſtößt ihn in's Nebenkabinet, befiehlt ihm, kein Geräuſch zu machen und verſpricht — —— 53 ihm, ihn bald wieder zu befreien! Roſa ſchilt ihre Gebieterin, weil ſie die Zeit verſäumt hat, und for⸗ dert ſie auf, doch ja Folleville bald wieder zu ent⸗ laſſen, damit der Erſtere in Freiheit geſetzt werden könne. Georgine verſpricht aufmerkſam zu ſein und Folleville wird eingeführt. Dieſer zweite Liebhaber iſt der Gegenſatz des erſten; er tritt ſingend und hüpfend in's Zimmer und beſchäftigt ſich mit dem Knoten ſeiner Halsbinde. Er ſetzt ſich heiter neben Georgine, küßt ihr zärtlich die Hand, betäubt ſie mit Artigkeiten, Liebesſchwüren, Treugelübden und vermiſcht dieß Alles mit Witzen und Wortſpielen. Georgine hat nicht Zeit, ein Wort an⸗ zubringen, aber Folleville beluſtigt ſie, ſeine Unter⸗ haltung iſt feurig, ſprudelnd, ſeine Lebhaftigkeit, ſeine ſcherzhaften Manieren ſtimmen die ſüße Melancholie, welche der Poet in unſerer Heldin hervorgerufen hat, in Heiterkeit um. Da ſie ſich übrigens nicht aber⸗ mals vergeſſen will, ſieht ſie auf die Uhr. Gut, Folleville iſt erſt ſeit zwanzig Minuten da. Welcher Lärm läßt ſich aber von Außen hören? Roſa ſtürzt haſtig in's Zimmer. „Gnädige Frau, Herr von Lacaille kommt hinter mir.“—„Wiel ſchon wieder?“ fragt Georgine ver⸗ wundert, aber Roſa flüſtert ihr in's Ohr, daß der 1 junge Offizier, ungeſtümer als die Andern, vor der Zeit erſchienen ſei; er iſt da, macht einen Teufels⸗ lärm, will durchaus in's Zimmer dringen, und es würde einen ſchlechten Eindruck machen, wenn er mit Folleville zuſammenträfe. 54 „Nun, was gibt es denn?“ frägt der Stutzer, ſich im Spiegel betrachtend.—„Der Gemahl der gnädi⸗ gen Frau kommt,“ entgegnet Roſa.—„Wie, der Gemahl? Du haſt mir ja geſagt, ſie habe keinen! wd kommt denn der her?“—„Wohlan! es iſt noch etwas viel Schlimmeres als ein Gemahl, es iſt...“ —„Ach, ich verſtehe!... ich verſtehe!... auf Ehre, köſtlich!..“—„Man muß Sie verbergen, denn er iſt entſetzlich eiferſüchtig und würde Ihnen übel mit⸗ ſpielen!“—„Ach, mein Gott! verbergen Sie mich ſchnell.“. Folleville wird blaß und fängt an zu zittern, er ſingt in gefährlichen Augenblicken nicht mehr und iſt nur gegenüber von Frauen kühn. Er läuft im Zim⸗ mer umher und ſucht einen Ort, wo er ſich ſicher ver⸗ ſtecken kann. Roſa kann ſich bei Folleville's Schrecken des Lachens nicht enthalten: man hört dicht vor dem Zimmer ein lautes Gelärme. „Ich bin verloren!“ ruft Folleville aus,„er kommt.“ —„Wo ſoll man ihn verbergen?“ fragt Georgine lächelnd.—„Sehen Sie, Madame, dort in Ihren Kleiderſchrank! aber ich weiß nicht, ob er...“— „Freilich, freilich, ich habe Platz darin... es mu ſein!“ 3 Herr Folleville wäre in eine Mäuſefalle geſchlüpft, um der gefürchteten Gefahr zu entrinnen; in einem Augenblick hat er ſich in den Kaſten nächſt der Thüre zu dem Kabinete verkrochen; kaum iſt er darin, ſo tritt der Offizier in's Boudoir ein. Roſa geht und bittet abermals ihre Gebieterin, dieſen dritten Lieb⸗ 55 haber bald zu entlaſſen. Der Offizier iſt ein junger, hübſcher, wunderſchön gebauter Mann, die Epau⸗ letten kleiden ihn vortrefflich und ſeine kriegeriſche Miene nimmt Georgine zum Voraus zu ſeinen Gun⸗ ſten ein. Er liebt militäriſch und ſcheint nicht ge⸗ neigt, den Sentimentalen zu ſpielen. Georgine, welche von den beiden erſten Unterhaltungen, welche ſie nicht hatte beendigen können, noch ganz verwirrt iſt, will den jungen Offizier wegen ſeines Gelärmes ſchelten, als ſie aber ſeine Liebenswürdigkeit, ſeine Verliebtheit und ſeine Galanterie ſieht, fehlt es ihr an Kraft, böſe auf ihn zu ſein. Dieſer letzte Lieb⸗ haber jedoch, welcher unternehmender iſt als ſeine Vorgänger, will allzu raſch erobern; er greift ſie lebe haft an, aber Georgine erinnert ſich, daß ſie Zeugen hat, deren Lage höchſt unangenehm ſein mußz ſie entfernt ſich von dem dringenden Liebhaber und ſucht eine ſtrenge Miene gegen ihn anzunehmen. „In der That, mein Herr, Sie erlauben ſich zu viel Freiheit! Kaum in mein Haus eingetreten, wagen Sie Dinge...“—„Seit einem Monate ſeufze ich nach Ihnen, gnädige Frau, und jetzt, wo ich den Lohn meiner Beſtändigkeit zu erwerben hoffte, behan⸗ deln Sie mich mit einer Strenge...“—„Ich ver⸗ lange nichts als ein vernünftiges Betragen, und wenn Sie mich in einiger Zeit noch lieben...“—„In einiger Zeit, großer Gott!“ Unſer junger Mann zieht heftig ſeinen Degen und kehrt ihn gegen ſeine Bruſt.„Ach Himmel, was be⸗ ginnen Sie?“ ruft Georgine aus.—„Ich tödte mich, wenn Sie gefühllos bleiben!“—„Ha, ha, hal Sie tödten ſich! das möchte ich ſehen, das muß hübſch ſein!“ Georgine lacht aus vollem Halſe und unſer Offi⸗ zier ſteht einfältig da, weil er nicht die mindeſte Luſt hat, ſich umzubringen. Wie viele Liebhaber würden in Verlegenheit kommen, wenn ihnen ihre Schönen beim Tragödienſpielen in's Geſicht lachten. Dieſer, genöthigt, ſeinen Degen wieder in die Scheide zu ſtecken, that das Klügſte: er lachte im Einklang mit „Georgine über ſeine ſchöne Bewegung der Verzweif⸗ lung. Da die Heiterkeit alle Ceremonie verbannte, wurde die Unterhaltung lebhafter und Georgine war im Begriffe, die Bewohner des Schrankes und des Kabinets zu vergeſſen, als Roſa eintrat. „Was gibt es denn ſchon wieder?“ frägt Georgine mit einigem Aerger.—„Was es gibt,“ erwiedert Roſa ganz außer Athem,„ich glaube, der Teufel hat ſein Spiel dabei! Herr von Lacaille kommt ſo eben, er will Sie durchaus ſehen, Ihre Geſundheit ſetzt ihn in Sorgen. Er folgt mir; ich konnte ihn nur beſtimmen, einen Augenblick zu warten, weil ich vorſchützte, ich wolle vorher nachſehen, ob Sie nicht ſchlafen.“—„Iſt es wirklich Herr von Lacaille, Roſa?“—„O, dießmal, gnädige Frau, iſt er es wahrhaftig, es iſt gewiß kein Scherz.“—„Wer iſt dieſer Mann?“ fragt der Offizier,„können Sie ihn nicht fortſchicken?“—„Unmöglich, es iſt unſer Geld⸗ lieferant; er würde böſe werden.“—„Soll ich ihn durchprügeln?“—„Nein, er muß im Gegentheil 6 57 geſchont werden!“—„Was iſt zu thun, Roſa?“— „Meiner Treu, gnädige Frau, man muß den Herrn verſtecken.“—„Wie, Roſa, dieſen auch?“—„Es bleibt uns nichts Anderes übrig, gnädige Frau.“ Die Damen müſſen ſich alle Mühe geben, damit ſie den jungen Mann dazu bewegen, daß er ſich ver⸗ ſteckt. Er hätte Luſt, Herrn von Lacaille zu erwar⸗ ten, um ſich mit ihm zu ſchlagen. Endlich bringt es Georgine durch ihre Bitten und das Verſprechen einer ſüßen Belohnung dahin, daß er ſich mäßigt. Er eilt auf das Kabinet zu.„Nicht dort, nicht dort!“ ſchreit Georgine. Er will ſich haſtig in den Schrank verkriechen.„Nicht dort, nicht dort!“ ſchreit Roſa. —„Ei, mein Gott! meine Damen, wo ſoll ich denn hin?“—„Hier unter das Canapee.“—„Wie, auf. den Boden?“—„Nun, was ſchadet es denn? Sie liegen ganz gut da unten.“—„Wohlan, weil Sie es verlangen.“—„Schnell, ſchnell!“ Der dritte Liebhaber verbirgt ſich unter dem Sopha, legt ſich der Länge nach darunter und bittet die Da⸗ men, ihn nicht lange in einer Lage zu laſſen, die ihm durchaus nicht behagt. Georgine ſetzt ſich auf das Möbel, welches den jungen Mann vor unbe⸗ ſcheidenen Blicken deckt, und Roſa erhält den Befehl, Herrn von Lacaille einzuführen, welchen man ſich vor⸗ nimmt, ſo bald als möglich wieder weiter zu ſchaffen. Herr von Lacaille tritt auf den Zehenſpitzen ein, ſtreckt den Kopf vor und fürchtet ſich, Geräuſch zu machen; er erblickt Georgine, welche er im Bette glaubt. 3 3 * 58 „Hier ſind Sie, theure, liebe Freundin! Nun, Sie ſind unwohl, ſo wie mir Roſa geſagt hat?“— „Ja, mein Herr, ach, ich ſterbe faſt!“—„Und Sie können glauben, ich werde Sie allein Ihren Schmer⸗ zen überlaſſen, um entfernt von Ihnen ein Vergnü⸗ gen zu ſuchen, welches ich nur in der Nähe Ihrer ſchönen Augen genieße!“ Lacaille ſetzte ſich neben Georgine auf den Sopha. „Ich hätte dieſen Abend nicht in der tödtlichen Un⸗ gewißheit zubringen können, worein mich Roſa ver⸗ ſetzt hat. Ich will Ihnen getreulich Geſellſchaft leiſten.“ —„Sie ſind zu gütig! allein wenn man ſich leidend fühlt, iſt man nicht liebenswürdig!“—„Sie ſind es immer, ſchöne Freundin!“ 4 Georgine, welche nicht wußte, welches Mittel ſie anwenden ſollte, ſich des langweiligen Beſuchers zu entledigen, ſinkt auf das Kanapee zurück, ſtöhnt und verfällt ſcheinbar in Krämpfe. „Ach, mein Gott!“ ruft Lacaille erſchrocken aus, „das Uebel verſchlimmert ſich, man muß Leute her⸗ beiholen, ich werde Ihnen dieſe Nacht über wachen.“ Dieſe Worte bewirken Georginens Geſundheit; ſie fühlt ſich erſtaunlich beſſer, als ſie einſieht, daß ſie es anders angreifen muß, um den unausſtehlichen Lacaille zu entfernen. 3 „Ich glaube, daß dieß der letzte Anfall war,“ ſagt unſere Heldin, zur Beſinnung zurückkehrend.— „Sie beruhigen mich; ich fürchtete im Gegentheil...“ —„Nein, der Kopfſchmerz läßt nach, meine Nerven ſind nicht mehr ſo angeſpannt; es iſt mir viel beſſer, 59 Sie dürfen ſich meinetwegen keine Mühe machen, ich danke Ihnen recht ſehr.“—„Um ſo angenehmer wird der Abend ſein, den ich in Ihrer Geſellſchaft zubrin⸗ gen werde.“—„Nein, ich will Sie des Vergnügens, welches Sie erwartet, nicht berauben.“—„Sie ſind allzu rückſichtsvoll, aber... ach, mein Gott!“ Lacaille fährt unwillkürlich vom Sopha empor. „Was haben Sie denn?“ fragt Georgine beſtürzt.— „Es kam mir vor, als ob ich von dem Sopha einen Stoß bekommen hätte.“—„Welch närriſche Einbil⸗ dung... was ſagten Sie ſo eben?“—„Ich habe be⸗ theuert, daß ich nur in Ihrer Nähe glücklich ſei.“ Mit dieſen Worten ſchlingt Lacaille ſeine Arme verliebt um die Taille ſeiner Schönen und blickt ſie ungefähr ſo an, wie an dem Tage ſeines Ausglit⸗ ſchens vor dem Bette. Georgine ſitzt auf Nadeln; Lacaille, der ſelten ſo dringend iſt, fühlt ſich gerade zum Lieben aufgelegt, er iſt feuriger, verliebter als je. Da er ſich in einer Stimmung befindet, welche ihn ſelbſt in Staunen ſetzt, will er keine ſo günſtige Gelegenheit, die ſich ihm vielleicht nie wieder dar⸗ bietet, entrinnen laſſen. Er wird kühn. Georgine rückt von ihm weg, er ihr nach, drückt ſie und preßt ſie an ſich; Georgine wehrt ſich, aber Lacaille iſt ein Dämon und taſtet und greift überall hin... vielleicht hätte er geſiegt, als mit einem Male der Sopha, der Schauplatz ſeiner Unternehmungen, ſich plötzlich erhebend, den Verliebten und ſeine Angebetete auf den Boden wirft; in demſelben Augenblick gehen die Thüren des Boudoirs, des Kabinets und des Schranks auf: vier Männer treten ein, die Lichter verlöſchen, der Tumult iſt fürchterlich... Plötzlich erhellt ſich das die Lampen werden auf den Boden geworfen. Die jungen Leute wollen die Dunkelheit zu ihrer Flucht benützen, ſie rennen haſtig durch das Zimmer und fallen über Lacaille und Georgine, welche noch auf dem Boden liegen. Eines wälzt ſich über das An⸗ dere her: Lacaille, der zu unterſt liegt, ſchreit fürch⸗ terlich und ſucht ſich hervorzuſchaffen; Georgine, welche auf ihn hingefallen iſt, wird von Neuem betaſtet, gekniffen und gedrückt; die Herren haben, während ſie ſich ſo auf einander herumwälzen, Reize unter ihren Händen gefühlt, welche ihnen Geſchmack an ſolchen Leibesübungen beibringen, und ſuchen daher den Kampf nicht zu beendigen. Dieſe Beluſtigung kann übrigens nicht lange dauern. Lacaille, der faſt erſtickt, ſchreit immer ärger; Geor⸗ gine ſelbſt ſieht ein, daß ſie es nicht mehr lange ſo aushalten könnte. Sie ſucht ſich zu erheben und hält ſich an einem großen Toilettenſpiegel, es klammert ſich aber Jemand an ſie an, ſie fällt zurück und reißt das Möbel mit ſich hinunter; die Schüſſeln, Caraffen, Flacons, Taſſen, die Töpfe mit rother, weißer und ſchwarzer Schminke, die Spiegel, Alles bricht über den jungen Leuten zuſammen; nun ſucht ſich ein Jedes frei zu machen, aber in der Dunkelheit wirft man andere Möbeln um und die Verwirrung wird immer größer; Lehnſtühle, Wandgeſtelle, Ruhebetten, die Pſyche, Alles wird umgeworfen und zerbrochen; man ſchreit, man jammert, man hält ſich für verwundet, 61 Zimmer.. Roſa tritt mit einem Lichte in der Hand 35 ein. Sie bleibt auf der Schwelle ſtehen... Der Anblick, welcher ſich ihren Augen darbietet, iſt ſo außerordentlicher Art, daß ſie einen Augenblick an der Wirklichkeit deſſelben zweifelt. Bald erholt ſie ſich von ihrem Staunen und fängt an zu lachen. Es war übrigens nicht der Moment zu ſcherzen: Roſa hat die drei jungen Leute erkannt, auf einen Wink von ihr ſtehen ſie auf, eilen zur Thüre und ver⸗ ſchwinden. Wir wollen ſie wie beſeſſen aus dem Hotel hinausrennen und über ein Abenteuer, deſſen Ent⸗ wickelung ihnen nicht ganz klar iſt, lachen laſſen, und in Georginens Boudoir zurückkehren. Der vierte, der durch die Thüre in's Boudoir eingetreten, war Herr Lafleur. Der Schelm hatte ſich kurz nach ſeinem Herrn in's Hôtel begeben und fand Roſa im höchſten Grade aufgeregt: die Zofe machte ihn mit dem Vorgekommenen und mit der Verlegenheit ihrer Gebieterin bekannt. Lafleur ver⸗ liert keine Zeit: er hält es für das Gerathenſte, Herrn von Lacaille aus dem Hauſe zu bringen. Er beſinnt ſich auf Etwas, wodurch er ſeinen Herrn weglocken kann, und geht mit dieſem Gedanken in das Bou⸗ doir hinein; aber in demſelbeu Augenblicke, wo er die Thüre aufmacht, treten die jungen Leute unge⸗ duldig aus ihren Verſtecken hervor und wirft der junge Offizier das Sopha und die darauf Sitzenden um, da er kein müßiger Zeuge bei dem Auftritte ſein wollte, der ſich auf dem gefälligen Möbel zu⸗ Paul de Kock. XIIII. ☛ tragen ſollte. Lafleur überſieht mit einem Blicke die Gefahr, worin ſich Georgine befand: er ſchlägt die Gaskugel, welche das Gemach erleuchtet, mit einem Stoße zuſammen und hofft, daß die Dunkelheit die Flucht der jungen Leute begünſtigen werde. Sobald die drei Wildfange fort ſind, ſteht Lafleur auf und fängt an zu ſchreien: Diebe! Diebe! Roſa, welche ſeine Abſicht erräth, ſtimmt auch anit ihm ein, und das Geſchrei: Diebe! Diebel durch⸗ dringt das ganze Hötel; die erſchrockene Dienerſchaft ſchreit ebenfalls, ohne zu wiſſen warum; Einige ver⸗ kriechen ſich auf die Bühne hinauf. Keines wagt ſich vor Angſt in das Zimmer ſeiner Gebieterin; Einige eilen jedoch, die Wache zu holen, und ſetzen durch ihr Geſchrei das ganze Quartier in Schrecken. Dieſe ſtoßen auf eine Patrouille und führen ſie in's Hôtel. Die Soldaten gehen bis in Frau von Roſambeau's Boudoir hinauf, ehe Lacaille, der vor Schrecken bebt und gar nichts von dem Geſchehenen begreift, ſich unter den auf dem Boden herumgewor⸗ fenen Möbeln aufrichtet.— „Wo ſind die Diebe?“ fragt mit heiſerer, un⸗ ſicherer Stimme ein kleiner, dürrer, einäugiger Ser⸗ geant, der ſich aus Vorſicht in die Mitte ſeiner vier Füſiliere ſtellt. „Wo ſie ſind?“ entgegnet Lafleur;„Parbleu! das iſt eine geſcheidte Frage; wenn wir es wüßten, hät⸗ ten wir ſie ſelbſt angehalten.“—„Wie viel ſind es unngefähr?“—„Wenigſtens ein Dutzend,“ ſagte La⸗ ceaille, ſeinen Kopf unter einem Gueridon hervor⸗ * . 63 4 richtend.—„Ein Dutzend!...“—„Wenigſtens,“ wiederholt auch Georgine, welche ſich auf ein Ruhe⸗ bett geſetzt hat und heimlich über des Sergeanten Geſicht lacht, der, als er die Anzahl der Diebe er⸗ fährt, ganz blaß und verzagt wird. „Soldaten, wir müſſen Verſtärkung holen; wir ſind nur unſer fünf, ſo können wir uns nicht an die Diebe wagen.“— Mitt dieſen heroiſchen Worten verläßt der Sel⸗ geant das Boudoir, ſtellt zwei Schildwachen an die Thüre und zwei vor die Loge des Portiers. Während dieſer Zeit hilft Lafleur ſeinem Herrn, deſſen Leib ganz zerquetſcht iſt, aufſtehen. Der arme Lacaille hatte bei der Geſchichte fürchterlich gelitten. Er fragt, was denn der Lärm Alles bedeute? Lafleur erklärt ihm, daß Diebe in dem Boudoir der gnädi⸗ gen Frau verborgen geweſen ſeien, daß ſie zur Aus⸗ führung ihrer abſcheulichen Plane die Lichter ausge⸗ löſcht und ohne Roſa's Dazwiſchenkommen, welche mit einer Kerze in's Zimmer gekreten, das ganze Haus geplündert und verheert hätten. Lacaille iſt ſo ergriffen und außer ſich, daß er Lafleur anhört, ohne ihn recht zu verſtehen. Der Kammerdiener war im Begriff, ſeine Geſchichte weiter auszuführen, als ein Gensdarmerie⸗Detaſchement und eine Compagnie Grenadiere in den Hof einzogen, welche von dem Sergeanten angeführt wurden, der die bewaffnete Macht zur Verſtärkung herbeigerufen hatte. 3 5 Georgine und Roſa ſtellen ſich an das Hoffenſter, 64 um die Truppen dort einziehen zu ſehen, welche ſich ausnahmen, als ob ſie das Hôtel belagern wollten. Die Damen lachten wie zwei kleine Närrinnen, wäh⸗ rend Lafleur das Hintertheil ſeines Herrn mit Kam⸗ pherſpiritus einrieb. Die Soldaten ſtellen ſich im Hofe in Schlacht⸗ ordnung auf; die den Hof und das Hôtel erleuchten⸗ den Lampen, die Nachbarn an den Fenſtern, die Vorübergehenden auf der Straße, die Einfältigen und Feiglinge, welche ohne zu wiſſen warum ſchrieen, Alles verlieh dieſer Scene eine außergewöhnliche An⸗ ſchauung. Das ganze Quartier war in Aufregung. Man hatte die Truppen in's Hötel einziehen ſehen, Jedes ſtellte ſeine Muthmaßungen an: ängſtliche Ge⸗ müther glaubten, man wolle das Haus in die Luft ſprengen, alte Weiber hielten in ihrer Angſt die Wagen und Waffenträger für Kanonen. Sie packen in aller Eile ihre Habſeligkeiten zuſammen, um nicht in der Nähe des Kampfplatzes zu bleiben. Die Kinder weinen, die Väter fragen ſich, was zu thun ſei, die jungen Mädchen begeben ſich unter die Menge und die jungen Leute ſtehen ſo dicht als undglich zu ih nen hin. Der Sergeant ſtopſt ſich die Naſe mit Taback voll und richtet folgende Anrede an die ihn umgebenden Soldaten: „Kameraden! Alles deutet darauf hin, daß die Affaire hitzig ſein wird: eine Diebesbande hat ſich * in das Hotel eingeſchlichen. Wir ſind allerdings be⸗ waffnet, aber ihr wißt oder wißt es vielleicht auch 4 65 8 nicht, daß ſich die Räuber wie Löwen vertheidigen, und ſich eher wie Tiger ſchlagen, als ergeben; deß⸗ halb iſt es nicht zu viel, wenn wir unſer Sechſe auf Einen von ihnen kommen. Laßt uns klug zu Werke gehen und Ausgänge offen behalten, damit man die Verwundeten ungehindert auf die Seite ſchaffen kann.“ Der Gensdarmerie⸗Commandant gibt, ohne auf die begeiſterte Rede des Sergeanten zu achten, vor allen Dingen den Befehl, daß das Hofthor geſchloſſen werde, und ſtellt einige Mann bei demſelben auf, damit kein Flüchtling entrinnen könne. Der Ser⸗ geant läßt zum Angriff trommeln, der Commandant befiehlt dagegen Stille, damit man ſicherer über⸗ raſche, und man marſchirt mit geſtrecktem Bajonnet in den Speiſeſaal hinein. Man durchſucht alle untern Zimmer, dann die des erſten und zweiten Stockes, ohne das Geringſte zu entdecken. Nun wendet ſich der Commandant an den Sergeanten und fragt ihn, ob er ihn und ſeine Soldaten für Narren haben wolle, weil er habe trommeln laſſen? „Geduld!“ entgegnete der Sergeant,„die Diebe ſind allem Anſcheine nach gut verſteckt. Sie werden ſich übrigens bald überzeugen, daß ſie dieſes nichts hilft.“ Man fährt in der Hausdurchſuchung fort und ge⸗ langt bis unter das Dach an eine Thüre, welche den Eingang in die Bühnekammer verſchließt; der Sergeant verſucht ſie zu öffnen, ſie iſt aber von innen zugemacht. 3 „Stille!“ ſagt er,„ich vermuthe, daß ie ig 89 1 drinnen verſteckt haben!...“—„Das wäre recht,“ entgegnet der Commandant. Der Sergeant lauſcht mit dem Ohr an der Thüre und ruft aus:„Wir haben ſie! ſie ſind da drinnen!“ Der Commandant horcht auch und hört in der That die Tritte mehrerer Perſonen, welche ſich in der Kammer befinden. „Sie ſehen, daß ich recht hatte,“ ſagte der Ser⸗ geant, während er ſich hinter die Andern zurückzieht, um die Operationen nicht zu ſtören. „Ergebt euch!“ ſchreit der Commandant mit ſtarker Stimme. Man wartet einen Augenblick, aber die tiefſte Stille herrſcht in der Kammer. „Ergebt euch!“ wiederholt er noch einmal, und der Sergeant empfiehlt ihm, gnädig zu Werke zu gehen. „ Der Commandant boordert ſeine Leute, die Thüre 21 ſprengen. Sie hält lange Stand; endlich fällt ſie aber, von Kolbenſtößen zerſchmettert, zuſammen, und der Wind, der aus der Kammer halnneliha⸗ löſcht alle Kerzen der Soldaten aus. Man tritt mit Vorſicht in's Innere hinein. Der Sergeant räth dem Commandanten, vernünftig mit den Dieben zu ſprechen, dieſer läßt ſeine Soldaten in Reih und Glied ſtehen und ruft ihnen zum letzten Mal zu, ſich zu ergeben. Er erhält keine Antwort, aber er hört ein undeutliches Geflüſter, welches aus den Kammern hervorzudringen ſcheint. „Soldaten, legt an,“ commandirt der Anführer, „Feuer!“ Er hat jedoch ſeinen Soldaten insgeheim befohlen, nur in die Luft zu ſchießen. — j—— —— † Die Schüſſe ſind gefallen, und alsbald fängt man im Hintergrunde der Bühne gellend zu ſchreien anz allein dieſes Geſchrei ſcheint eher eine Folge des Schreckens als des Schmerzes zu ſein, und man un⸗ terſcheidet Stimmen dabei, welche unmöglich die der Diebe ſein können. „Was Teufels iſt das?“ ſagt der Commandant. „Potz Kukuk! es ſind Weiber darunter... geben Sie einmal Acht, Sergeant.“ Allein der Sergeant war nicht mehr vorhanden; ſeit dem Beginne der Handlung hatte er es für klug gehalten, hinunter zu gehen und Licht zu holen. Der Commandant, den das Gehörte auf die Ver⸗ muthung bringt, daß ein Irrthum in dieſer Ange⸗ legenheit ſtattfinden müſſe, befiehlt ſeinen Leuten, ihm nach der Richtung hinzufolgen, wo die Klagelauts herkommen. Man ſchreitet, mit den Händen um ſich tappend, vorwärts, bald ſtößt man an Strohbüſchel; die Einen fallen nieder, die Andern räumen kluger Weiſe das, was ſie hindert, aus dem Wege. Und ſtatt den Dieben fühlt man eine Wade, einen Schenkel, einen Buſen unter der Hand. Die Soldaten, welche gleich be⸗ greifen, mit wem ſie es zu thun haben, legen ihre Flinten bei Seite, um ihren Händen freieren Spiel⸗ raum zu laſſen; die Beſiegten unterwerfen ſich dem Joch des Siegers mit Geduld. Es ſtand geſchrieben, daß man ſich an dieſem Abend in dem Hötel der Frau von Roſambeau aufeinander wälzen ſollte. Das Betaſten wurde auf der einen Seite eiſngt fortge⸗ ſetzt, während man ſich auf der andern willig dazu yergab, als der Sergeant mit Licht in die Kammer trat. Es war Zeit, dieſe Scene, welche bereits eine originelle Wendung nahm, zu beleuchten.„Was ſeh' ich?“ ſchreit der Sergeant,„Weiber!“—„Ja, Wei⸗ ber,“ entgegnet der Commandant, einen Theil ſeiner Kleidung zuknöpfend, der ihm im Feuer des An⸗ griffes aufgegangen war,„das ſind die Diebe, welche Sie ſo in Schrecken geſetzt haben!“ Die Frauenzimmer hatten ſich beim Anblicke des Lichtes aus Schaam wieder unter das Stroh ver⸗ ſteckt. Nun mußte eine Erklärung ſtattfinden. Vor allen Dingen forderte man auf, ſich ohne Furcht zu zeigen, und die Soldaten gewahrten mit Staunen, daß ſich nicht bloß Frauenzimmer unter dem Stroh befanden; dieſe hatten allerdings die Vorderlinie ge⸗ bildet und warxen ſomit dem ſtärkſten Feuer des Fein⸗ des ausgeſetzt geweſen. Die Männer, feiger als ſie, ſteckten ganz hinten unter dem Stroh; endlich wagten ſich die Beſiegten alle hervor, und man erkannte den Portier des Hoôtels, den Kutſcher, den Bedienten, den Haushofmeiſter, die Küchenjungen, die Weißzeug⸗ verwalterin, die Stubenmädchen, die Nähterinnen, die Kehrerinnen u. ſ. w. Man wird ſich erinnern, daß ſich die Dienerſchaft bei dem erſten Schrei Lafleurs auf die Bühne flüch⸗ tete und dort hinter ſich abſchloß. Unbekannt mit dem, was unterdeſſen im Hauſe vorgegangen war, hielten ſie die Soldaten für Diebe und die Stimme — —— — des commandirenden Offiziers für die des Anführers der Bande.„* Glücklicher Weiſe hatte dieſe Verwechslung keine nachtheiligen Folgen; der Commandant lachte zuerſt darüber, der Sergeant allein war beſtürzt über eine ſo plumpe Täuſchung. Er mußte ſich von Allen, be⸗ ſonders von dem Commandanten, verhöhnen laſſen, der gerade zum Spaſſen aufgelegt war. Auch die Frauenzimmer ſchonten den Sergeanten nicht, denn ſie waren ärgerlich über ihn, daß er den Schauplatz des Kampfes ſo ſchnell beleuchtet hatte. „Aber, Herr Commandant,“ ſagt der arme Ser⸗ geant, zur Stärkung ſeiner Gedanken eine Priſe neh⸗ mend,„es müſſen doch Diebe da geweſen ſein!“— „Vielleicht einer oder zwei, die vor Ihrer Ankunft durchgegangen ſind.“—„Ich erinnere mich in der That,“ ſagt der Portier, mit ſeiner baumwollenen Mütze in der Hand vortretend,„daß drei junge Leute zum Hauſe hinausgeſprungen ſind, ehe man noch Diebe gerufen hat.“—„Wahrſcheinlich,“ verſetzt der Commandant,„ein paar Wildfange, die euch zum Beſten gehabt haben, und man hat umſonſt Allarm gemacht und das Quartier aus der Ruhe geſtört! Ein ander Mal, Sergeant, überzeugen Sie ſich vorher, mit wem ſie es zu thun haben, ehe Sie die bewaff⸗ nete Macht herbeiholen.“ Der Sergeant gibt keine Antwort, er iſt zu ſehr gedemüthigt. Der Commandant geht an der Spitze ſeiner Truppen gerade hinab, die Leute des Hauſes kehren in ihre Zimmer zurück, die Soldaten entfernen ſich aus dem Hotel, Herr von Lacaille wird von Lafleur, in welchem Niemand den Urheber dieſer Ver⸗ wirrung vermuthet, nach Hauſe geführt, und Geor⸗ gine legt ſich, mit Roſa über die Begebenheiten des Abends lachend, zu Bette. 1 Viertes Kapitel. Ein Unfall.— Unerwartetes Zuſammentreffen. Man kann ſich wohl vorſtellen, daß es die drei Liebhaber nicht bei dieſem erſten Beſuche bewenden ließen; alle Drei kamen auch in der Folge zu Frau von Roſambeau, deßhalb konnte man nicht wiſſen, welchen ſie bevorzugte. Die böſen Zungen im Hauſe ſagten, die gnädige Frau wolle Niemand verzweifeln laſſen und wiſſe unter Fräulein Roſa's Leitung drei Liebesverhältniſſe auf einmal zu unterhalten; gewiß iſt, daß Georgine nicht mehr ſo unklug war, ihre Rendezvous eines eine halbe Stunde nach dem andern zu geben. Allein inmitten dieſer Freuden verſtrich die Zeit; die Frucht von Georginens erſtem Fehltritte war bis zu dem Punkte gereift, wo ſie die Mutter nicht mehr unter dem Herzen tragen kann; das Kind der Liebe wollte ſeinen Platz in dem ungeheuern Weltall ein⸗ nehmen, wo, es einſchließlich geſagt, ſo viele natür⸗ liche Kinder gibt.. Der Zeitpunkt iſt da: man muß Paris und die entzückenden Genüſſe verlaſſen, um ſich auf einige — — 71 Wochen in ein trauriges Dorf zurückzuziehen. Geor⸗ gine iſt ſehr übel geſtimmt; ſie hat ſich zwar nie ge⸗ ſehnt, Mutter zu werden, aber in dieſem Augenblicke ſcheint es ihr am läſtigſten, und ſie nimmt ſich vor, die Pflichten nicht zu erfüllen, welche dieſer Titel denen auferlegt, welche die Süßigkeit derſelben em⸗ pfinden können. Man mußte abreiſen; kein Hinderniß widerſetzte ſich ihrer Entfernung. Herr von Lacaille iſt der Mei⸗ nung, Frau von Roſambeau leide an Nierenſchmerzen und müſſe deßhalb das Bad gebrauchen; er wünſcht ſie zu begleiten, aber man erſinnt einen Vorwand, ihn davon abzubringen, und Lafleur bedeutet ſeinem Herrn, daß man eine kranke Frau nicht ärgern dürfe, wenn ſie bald geneſen ſolle. Georgine verläßt eines ſchönen Morgens die Haupt⸗ ſtadt; aber anſtatt ſich nach Plombiéres zu begeben, ſchlägt man den Weg nach Montmorency ein. In der Nähe dieſes Dorfes(welches durch den Aufent⸗ halt des Philoſophen, der Abhandlungen über die Erziehung ſchrieb und ſeine Kinder in's Findelhaus gab, berühmt geworden) hatte Lafleur ein kleines, einzeln ſtehendes Häuschen gemiethet, worin ſie ſich während ihrer gezwungenen Entfernung von Paris verbergen wollte. Roſa begleitet ihre Herrin; ohne ſie würde die gnädige Frau vor langer Weile auf dem Lande ſter⸗ ben. Die Damen ſetzen ſich in ein leichtes, mit zwei Pferden beſpanntes Cabriolet, der Poſtillon auf eines derſeèlben. Der Wagen ſcheint eher zu einer Pro⸗ menade als zu einer Reiſe geeignet; allein fünf Stunden ſind bald zurückgelegt, und Georgine be⸗ fiehlt dem Kutſcher, ſo ſchnell als möglich zu fahren. Neben Roſa ſitzend, von Schachteln und Gepäck aller Art umgeben(denn ſelbſt in der Einſamkeit muß eine hübſche Frau an ihre Toilette denken), un⸗ terhält ſich Georgine mit ihrer Zofe von den Freuden, welche ſie bei ihrer Rückkehr empfinden, von dem Vergnügen, womit ſie Lacaille an der Naſe herum⸗ führen und ihre drei Liebhaber betrügen werde, welche auch das Verdienſt der Neuheit nicht mehr haben. Dieſes wichtige Geſpräch nimmt die Reiſenden ſo ſehr in Anſpruch, daß ſie mit Staunen bemerken, wie nahe ſie ſchon dem Orte ihrer Beſtimmung ſind. Man erblickt bereits im Hintergrunde den beſcheidenen Kirchthurm von Montmorency. Das elegante Gefährt rollt faſt mit Windesſchnelle dahin; Mamſell Roſa, welche doch ſonſt ein muthiges Mädchen iſt, befürchtet, die Pferde möchten Reißaus nehmen; Georgine lacht ſie aus und ſcheint ungeachtet deſſen, daß ſie ihres Zuſtandes wegen ängſtlicher ſein ſollte, allen Ge⸗ fahren Trotz bieten zu wollen, indem ſie dem Poſtil⸗ lon zuruft, in geſtrecktem Gallop davon zu fahren. Krach! während der Wagen über einige zur Wie⸗ derherſtellung des Weges da liegende Steine fuhr, brach die Achſe, es ging ein Rad heraus, der Wagen fiel auf die Steine, die Damen auf den Boden und ein Wehgeſchrei folgte dem fröhlichen Gelächter. Der Kutſcher, allzuſehr mit ſich, ſeinem Wagen und ſeinen Pferden beſchäftigt, bekümmert ſich nichts 8 8 73 um die Reiſenden. Roſa fängt aber mehr aus Schreck denn aus Schmerz, ſie war durchaus nicht beſchädigt, laut an zu ſchreien. Georgine, die eine Wunde am Kopfe hatte, lag beſinnungslos da. Ein junger Mann zu Pferde eilt hinzu. Mit dülfe ſeines Dieners hebt er die Frauenzimmer auf und trägt ſie ſeitwärts auf einen kleinen Raſenhügel. Der Poſtillon läuft, von ſeinem Schrecken einigermaßen erholt, in eine nahe Hütte, um Beiſtand zu holen. Der junge Mann wiſcht mit ſeinem Taſchentuche unterdeſſen das Blut ab, welches aus Georginens Kopfwunde fließt; in dem erſten Augenblicke hatte er die Geſichtszüge der Dame, welche er unterſtützte, nicht unterſcheiden können, aber jetzt hob er, neben ihr knieend, den Kopf der intereſſanten Verwundeten in die Höhe. Dieſe ſchlägt die Augen auf und kommt zu ſich.„Georgine!“ ruft der junge Mann aus.— „Karl,“ liſpelt unſere Heldin, indem ſie erröthend die Augen niederſchlägt, was ihr ſeit langer Zeit nicht begegnet iſt. Karl, den wir auf dem Wege nach Paris ver⸗ laſſen haben, hatte in der Hauptſtadt wieder einen Rückfall ſeiner Krankheit bekommen, der ihn nöthigte, die ganze Zeit, welche Georgine in Feſtlichkeiten und Vergnügungen verlebte, im Zimmer zuzubringen. Die Rückkehr des Frühlings ſtellte auch die Geſundheit des empfindſamen Karls wieder her; die Aerzte hatten ihm das Reiten angerathen, und auf einem dieſer Spazierritte extra muros führte ihn der Zufall mit der zuſammen, welche er vergeblich in Paris geſucht hatte. öEöoöoöoöoöoöoͤſͤſͤſͤſͤſ ———— in gehörigem Zuſtande ſei. 74 „Ich habe Ihren Kutſcher um Hülfe fortgeſchickt,“ ſagt Karl nach einer Weile des Schweigens;„in dem C Zuſtand, worin Sie ſich befinden, Madame, kann man nicht vorſichtig genug ſein.“ 9 Karl betonte die letzten Worte mit Nachdruck. 1 Georginens Schwangerſchaft war zu weit vorgerückt, als daß ſie hätte ſeinen Blicken entgehen können. Georgine erröthete abermals und wollte ſich erheben. „Warum wollen Sie gehen?“ fragt Karl mit ſanf⸗ terer Stimme;„warten Sie, bis man irgend ein— Gefährt herbeigeſchafft hat, um Sie nach Hauſe zu führen.“—„Es iſt überflüſſig, mein Herr, meine Wunde iſt von keiner Bedeutung, ich kann ſchon zu Fuße gehen.“ 1 X 1 9 Mit dieſen Worten ſtand Georgine auf, machte— einige Schritte, aber ihre Schwäche nöthigte ſie, inne— „ zu halten. Der Kutſcher kam mit einem Bauern zu⸗ rück, welcher den Damen eine Sänfte oder eine Ca⸗ 2 riole zu ihrer Weiterreiſe antrug. 0 „Ich will weder die eine noch die andere. Ihre Cariole würde mir den Kopf erſchüttern, ſtatt zu 3 lindern, und in einer Sänfte mag ich mich auch nicht tragen laſſen, damit mich Alles mit neugierigen d' Blicken betrachtet; ich will lieber gehen.“* 2Qſ4 Damit gab ſie dem Landmann eine Belohnung, 3 befahl dem Poſtillon, ſich um ſein Cabriolet zu be⸗ 3 kümmern, und ſie einzuholen, ſobald dieſes wieder Karl hörte Georginen zu. Er fand eine ſolche Veränderung in ihrem Tone und ihren Manieren, 75⁵ daß er ſich nicht überzeugen konnte, ſie ſei dieſelbe Perſon, welche er vor ſechs Monaten im Pachthof zurückgelaſſen hatte. Nachdem Georgine ihre Befehle ertheilt hatte, kehrte ſie ſich gegen Roſa, die noch auf dem Raſen lag, und mit Dank Baptiſts Unterſtützung annahm, deſſen unſchuldige und linkiſche Manieren ſie höchlich ergötzten. „Reichen Sie mir den Arm, Roſa, Sie können mich im Gehen ein wenig unterſtützen.“—„Ich ſoll Sie unterſtützen, gnädige Frau? Ei mein Gott, ich brauche ſelbſt Lnnrdapude. Ich habe nicht ſo viel Muth als Sie... ich weiß wahrhaftig nicht, ob ich nur gehen fann.⸗ 4 Mamſell Roſa beabſichtigte bloß, von Baptiſt begleitet zu werden. Georgine war in Verlegenheit, der Bauer und der Poſtillon hatten ſich bereits ent⸗ fernt; ſie hatte einen Muth geheuchelt, der ihre Kräfte überſtieg. Karl ſtand zwei Schritte von ihr, aber ſchweigend und in Nachdenken verſunken, ſchien er ſich in keiner vortheilhaften Stimmung zu befinden. Sie faßte übrigens Herz und näherte ſich ihm mit lachender Miene. „Sind Sie vielleicht ſo galant, mein Herr, mir bis in meine Wohnung den Arm zu reichen? ſie iſt keine halbe Stunde von hier entfernt.“ Karl ſchien aus einer Art Betäubung zu erwachen; er wendete ſich gegen Baptiſt, befahl ihm, der Zofe den Arm zu geben, trat auf Georgine zu und ſagte, er ſei bereit, ſie zu begleiten. Georgine nahm Karls Arm an und Mamſell Noſa ließ ſich von Baptiſt führen: ſo ſetzte man den Weg fort. Man ging, trotz Roſa's Anſtrengungen, die Ge⸗ ſellſchaft aufzuheitern, ſchweigend einher. Karl war nachdenklich, Georgine litt, nicht ſowohl wegen ihrer unbedeutenden Wunde, als wegen der Nothwendig⸗ keit, ihren Arm einem Manne reichen zu müſſen, deſſen Anblick ſie an längſt vergeſſene Dinge erin⸗ nerte. Wenn ſie Schmerz oder Müdigkeit zwangen, ſich auf ihren Führer zu ſtützen, ſo hob ſich ihre Bruſt, ihr Herz pochte ſtärker; ein peinliches Gefühl, wovon die Reue nicht ausgenommen war, bemäch⸗ tigte ſich ihrer Seele, ſie erhob ihre Augen auf Karl und ſuchte in ſeinen Blicken die Empfindungen ſeines Innern zu leſen; aber Karl ſchaute ſeitwärts, auch ihm that es wehe, ſich neben der zu befinden, die er angebetet, welche die Qual ſeines Lebens ausge⸗ macht hatte, und jetzt nur noch ein Fremder für ſie zu ſein. Er fühlte jedoch, daß es nicht mehr anders ſein konnte; wenn ſie ſich aber auf ihn ſtützte, wenn ſie ſeinen Arm preßte, wenn ſie ſeufzte, rührte es Karls Herz und er bedauerte die Illuſionen, die für ihn auf immer verloren waren! 3 Man langte endlich an dem Hauſe an, welches Georgine durch Lafleur hatte miethen laſſen.„Hier bin ich am Ziele, mein Herr,“ ſagte ſtilleſtehend un⸗ ſere Heldin. Karl betrachtete die Wohnung und ſtaunte über das beſcheidene Acußere und die ein⸗ ſame Lage derſelben: eine freudige Empfindung be⸗ lebte ſeine Züge. —— 77 Roſa hatte angeklopft, eine alte Frau machte auf. —„Wollen Sie vielleicht einen Augenblick ausruhen?“ fragt Georgine, Karls Arm loslaſſend.—„Ich danke Ihnen, Madame, ich habe keine Zeit.“—„Ich lade Sie nicht ein, mich zu beſuchen... die Geſellſchaft eines einſamen Frauenzimmers könnte Ihnen ungn⸗ genehm ſein.“ Karl wollte auf dieſen Spott antworten, er hielt aber an ſich, weil er fürchtete, er möchte ſich von dem ihn beherrſchenden Gefühle zu ſehr hinreißen laſſen.„Folge mir,“ ſagt er mit dumpfer Stimme zu Baptiſt und entfernt ſich mit großen Schritten von Georginens Haus. Zu dem Orte zurückgekehrt, wo die Pferde war⸗ teten, ſtand Karl ſtille, um die Stelle zu betrachten, wo er die wiedergefunden, welche er ſo eben barſch verlaſſen hatte. Hier lag ſie verwundet, leidend. Woher kommt es aber, daß ſie jetzt ſo in der Einſam⸗ keit wohnt? Möchte ſie vielleicht ihre Fehler vor Je⸗ dermann verbergen, ſich von der Welt zurückziehen? Armer Karl! ſein Herz ſucht immer noch die zu entſchuldigen, die er noch nicht ganz aus ſeinem An⸗ denken verwiſchen kann. „Was iſt das für ein Sonderling?“ fragt Roſa ihre Herrin, als ſich Karl entfernt hat;„er hat Sie auf ſo eigenthümliche Weiſe verlaſſen: ich glaubte eeinen Augenblick, er wolle in Thränen ausbrechen! Sein Diener iſt recht artig; er iſt zwar noch ein Kind, aber man könnte Etwas aus ihm machen. Paul de Kock. XLIII. Georgine erwiedert nichts. Man tritt in's Haus ein; dieſes wäre Jemand, der gerne auf dem Lande wohnt, reizend vorgekommen, Georgine fand es un⸗ erträglich und nahm ſich vor, ſo kurz als mögſich darin zu verweilen. Ihr Fall hatte ihrer Geſundheit nichts geſchadet; eine zärtliche Mutter würde das be⸗ glückt haben, ſie freute ſich nur aus dem Grunde darüber, weil ſie hoffte, bald wieder nach Paris zurückkehren zu können. Karls Begegnung hatte Er⸗ innerungen in ihrer Seele hervorgerufen, die es ihr zum Bedürfniß machten, ſich zu zerſtreuen. Der von den meiſten Müttern ſo ſehnlich herbeige⸗ wünſchte Augenblick nahte ſich endlich: nach bedeu⸗ tenden Schmerzen gab Georgine einem Sohne das Leben. Der Anblick ihres Kindes erſchütterte ſie ei⸗ nigermaßen, aber Roſa übergab es ſchnell den Hän⸗ den einer Amme, welche ſchon zum Voraus ausge⸗ kundſchaftet war und mit dem Befehle, das Kind nie nach Paris zu bringen, auf ein Jahr bezahlt wurde. Der kleine Paul(ſo hieß man Georginens Sohn) ging ſomit ohne ſeiner Mutter Liebe und Bedauern in die Hände einer Fremden über. Nachdem Gergine die zu ihrer Herſtellung nö⸗ thige Zeit auf dem Lande verblieben war, ſchrieb fie an Lafleur, damit er ſeinem Herrn die Rückkehr an⸗ kündige. Alles wurde auf's Klügſte ausgeführt, und in Kurzem war Frau von Roſambeau wieder in ih⸗ 4 rem Hötel einquartiert, ohne daß man das Mindeſte vermuthete, oder Miene machte, als wiſſe man, weß⸗ halb Madame eigentlich entfernt geweſen ſei. Junge Leute, wenn ihr eine unſchuldige, tugend⸗ hafte Gemahlin ſucht, ſo hütet euch vor gereisten Frauenzimmern. Fünftes Kapitel. Das Blatt fängt an ſich zu wenden. Sobald Herr von Lacaille die Rückkunft der Frau von Roſambeau erfahren hatte, begab er ſich in das Hötel. Zu ſeiner großen Verwunderung fand er ſie magerer und ſehr verändert; wirklich hatte auch Georgine viel von ihrem Glanze und ihrer Friſche verloren. Sie beklagte ſich, daß das Bad ihr geſchadet habe, und da ſie durch die Toilette wieder erſetzen wollte, was ſie an Schönheit verloren hatte, ſo überließ ſie ſich dem tollſten Aufwande, dem ungezügeltſten Luxus, und ihre Unterhaltung ruinirte ſo Lacaille. Oft dachte der arme Mann mit Schrecken an die nothwendigen Folgen ihres Benehmens; aber Lafleur war ſein Vertrauter und außerdem noch ſein Ver⸗ walter: ſo war es ihm unmöglich, klar in ſeinen ei⸗ genen Angelegenheiten zu ſehen und ſeine Dummhei⸗ ten wieder gut zu machen. Frau von Roſambeau machte nicht nur für ihre Perſon großen Aufwand, ſondern lieferte auch ihren drei Liebhabern Alles, was ſie zu wünſchen ſchienen. Da ſie ſich nicht verbergen konnte, daß ſie ſehr viel von ihren Reizen verloren hatte, ſo befürchtete ſie verlaſſen zu werden, und wandte, um ihre Sklaven in ihren Ketten zu halten, die für Herrn von Lacaille verderblichſten Mittel an. Sie ließ die Werke des jungen Dichters drucken, der nun, da ſeine Schöne ihm das Vergnügen machte, daß ſeine Werke erſchienen, unerſchöpflich in neuen Produktionen war und ſorgfältig alle derjenigen wid⸗ mete, die die Koſten der Publikation trug. Herr Folleville machte keine Verſe, allein er hatte eine Paſſion für Pferde. Frau von Roſambeau, die oft mit ihm im Boulogner Wäldchen ſpazieren fuhr, ſorgte dafür, daß ihre Equipage ſich durch die Schön⸗ heit des Zugs auszeichnete. Der junge Offizier begnügte ſich zwar auf ſeinen Spazierritten mit einem Pferde, allein er war ein leidenſchaftlicher Spieler. Selten war er glücklich, und Frau von Roſambeau, die ſein Partner war, war genöthigt, täglich das Deſicit ihrer eigenthüm⸗ lichen Kaſſe zu decken. Die vierzigtauſend Franken Rente des Herrn von Lacaille konnten nicht lange anhalten. Der Finanz⸗ miniſter Lafleur ſah ſchon lange, was kommen mußte, aber als gewandter Spitzbube hütete er ſich wohl, ſeinem Herrn mitzutheilen, wohin ihn ſeine Thor⸗ heiten führen möchten; er verdeckte im Gegentheil den Abgrund, der ſich zu deſſen Füßen öffnete, und drängte ihn ſanft gegen den Rand. Man verpfän⸗ dete Güter, lieh bei Geldmäklern, und Lacaille un⸗ terzeichnete Alles. Der Unglückliche hatte den Kopf verloren; er wagte nicht, ſeine Rechnungen zu unter⸗ ſuchen, und ſein Kammerdiener verſicherte ihn, daß ihm noch Hülfsquellen für ſeine übrigen Tage blie⸗ ben. Thörichtes Alter, das ſich von Leidenſchaften beherrſchen läßt, du biſt mehr zu verachten als zu bedauern!... Um den Schlingen zu entgehen, die man deinen Sinnen und deiner Eigenliebe legt, hät⸗ teſt du die Erfahrung und deinen Spiegel. Eines Morgens— Herr von Lacaille war die vergangene Nacht auf einem Balle geweſen, wo Frau von Roſambeau großes Aufſehen gemacht hatte, und ſchlummerte noch— ließ ſich im Hofe des Hotels ein verworrenes Geſchrei von Stimmen hören. Lacaille öffnet die Augen und läutet, um die Urſache dieſes Lärmens zu erfahren, ſeinem kleinen Jokey. „Was höre ich, Jarein?“—„Mein Herr, es ſind Gerichtsdiener, Geldmäkler, Pfandleiher, kurz, alle Teufel der Hölle, und beſetzen das Häôtel.“— Wie! was ſagſt Du? Dieſe Menſchen ſind ohne Zweifel im Irrthum!.“—„Sie fragen indeſſen nach Herrn von Lacaille, dem alten Rentier.— „Dem alten Rentier! das bin ich nicht!“— 20 doch, Herr! ſie haben Sie ſehr gut beſchrieben.. „Und was wollen ſie?“— Geld oder in's Geräng⸗ niß, Herr.“—„In's Gefängniß! Du biſt toll... Sie wollen nur Geld, nicht wahr?“—„Ja, Herr.“ —„Zum Henker! das iſt ſehr einfach: deßwegen hätte man nicht nöthig gehabt, mich zu wecken!. Schicke ſie zu meinem Verwalter Lafleur.“—„Herr⸗ Ihr Verwalter iſt heute Morgen vor Tagesanbruch abgereist.“—„Was ſagſt Du?“—„Die Wahrheit, Herr.“—„Was? Lafleur...“—„Hat das Hötel . verlaſſen und Alles, was ihm gefiel, mitgenommen.“ —„Ha! der Schlingel! der niederträchtige Menſch! Ich bin beſtohlen, betrogen, verrathen!“ Lacaille fällt auf's Bett zurück: er iſt vernichtet. Er bemerkt, daß er von einen Spitzbuben betrogen iſt. Indeſſen nimmt der Lärmen zu. Die Gerichtsdiener ſchreien und die Bedienten entfliehen und nehmen mit, was ſie können. Bald umringt der ganze Troß das Bett des alten verſchwenderiſchen Kindes; man zeigt ihm die Wechſel, die er unterſchrieben, die Verträge, die er eingegangen hat: das Reſultat iſt, daß ſein Ver⸗ walter ſogar die Geldmäkler betrogen hat, denn ſein Herr iſt dreimal mehr ſchuldig, als er zahlen kann, ſelbſt wenn man all ſein Beſitzthum mit Beſchlag be⸗ legt. Dieſe Entdeckung ſtillt den Zorn der Gläubi⸗ ger nicht und Herr von Lacaille muß ſich vorläufig in's Gefängniß begeben. Der alte Narr ſteht auf; man läßt ihm keine Zeit, Schminke aufzulegen, den Schnürleib anzuziehen oder die Lockenperücke aufzu⸗ ſetzen, ſondern nimmt ihn ohne Weiteres mit fort... In dem Augenblick, wo er ſein Zimmer verlaſſen will, kommt Jungfer Roſa mit einem Billet ihrer Herrin. Lacaille empfängt und liest es, während Roſa mit Entſetzen die Perſonen mit den erſchreck⸗ lichen Geſichtern betrachtet, womit das Zimmer an⸗ gefüllt iſt.. Das Billet enthält eine Bitte der Frau von Ro⸗ ſambeau, ihrer Kammerfrau 300 Louisdor zuzuſtel⸗ len, deren ſie dringend bedarf. „Meine Liebe,“ entgegnet Herr von Lacaille, —— — haben. 83. „ſage Deiner Frau, daß ich für ſie in's Gefängniß gehe und daß dieß der letzte Beweis von Liebe iſt, den ich ihr geben kann.“ „Sagen Sie ihr auch, Jungfer,“ ſetzt ein großer, hagerer, ſchwarzer Mann bei, deſſen forſchender Blick und verſchmitztes Geſicht einen Gerichtsdiener errathen laſſen,„ſagen Sie Ihrer Frau, daß ich ihr nur zwei⸗ mal vierundzwanzig Stunden Zeit gebe, ihre Woh⸗ nung zu verlaſſen; ich kenne die Frau von Roſam⸗ beau. Das Haus, das ſie bewohnt, wurde an dieſen Herrn verkauft, und muß folglich uns überlaſſen werden.“ 4 Roſa entfloh, ohne weiter zu hören. Herr von Lacaille wurde in's Gefängniß abgeführt. Kurze Zeit darauf ſtarb der Unglückliche, ohne daß ihn Jemand beklagt und ohne daß nur einer ſeiner vielen Be⸗ kannten ihm die geringſte Hülfe geleiſtet, den leich⸗ teſten Troſt gewährt hätte. Sechstes Kapitel. Ein für Manchen nützlicher, für Manchen unnutzer Abſchnitt. Georgine wartete mit Ungeduld auf die Rückkehr ihrer Kammerjungfer; ehe wir aber Mamſell Roſa weiter folgen, wollen wir zu Karl zurückkehren, den wir in der Umgegend von Montmorency verlaſſen Als Karl den Ort ſah, an den Georgine ſich zu⸗ rückgezogen, hatte er ſich geſchmeichelt, ein Gefühl der Reue habe die geleitet, welche nach tauſend Thor⸗ heiten noch(er hoffte dieß wenigſtens) zur Tugend zurückkehren könnte. Gefoltert von dem Verlangen, ſie wieder zu ſe⸗ hen und betrübt darüber, daß er ſie ſo plötzlich ver⸗ laſſen, ſchwankte Karl lange Zeit, ob er ſich zu Ge⸗ orginen begeben ſollte: die Liebe gewann es endlich, und eines Morgens ſchlug er mit Baptiſt den Weg nach dem abgelegenen Hauſe ein. An dieſer friedlichen Wohnung angelangt, klopft Karl an der Thüre. Bei einer Bäuerin, die erſcheint, erkundigt er ſich nach der jungen Dame, die das Haus bewohne, und erfährt nun von dieſer, daß jene Dame ſchon ſeit zwei Monaten abgereist ſei und nicht zurückkehren werde. „Ah!“ ſagt Karl,„noch einmal habe ich mich getäuſcht!... Wir wollen nach Paris zurück, Bap⸗ tiſt.“—„Wenn der Herr dort Fräulein Georgine zu ſehen wünſchen, ſo geht das ganz leicht.“—„Wie ſo, Baptiſt?“—„Ich kenne ihre Adreſſe, gnädiger Herr.“—„Wer hat ſie Dir gegeben?“— Ihre Kam⸗ merjungfer, der ich den Arm gab. Sie wiſſen, gnä⸗ diger Herr, Jungfer Roſa hatte mich eingeladen, ſie zu beſuchen, aber ich habe mich nicht mehr erinnert.“ „Georgine in Paris beſuchen?“ ſagte Karl leiſe; „nnein! das wäre eine Schwachheit!..“ und mehrere Tage lang war er unentſchloſſen, bis endlich die Liebe ihn wider ſeinen Willen zu Georginen hinzog. 3 85. Als Roſa nach Hauſe kam, zankte ſie ihre Frau wegen ihrer Langſamkeit.„Du weißt, Roſa, daß ich ich auf dieſes Geld warte. Folleville braucht ein Pferd.“—„Wenn er kein anderes mehr beſteigt, als das Sie ihm mit dem Gelde des Herrn Lacaille kau⸗ fen, ſo kann er fortan zu Fuße gehen. 4—„Was ſoll das heißen, Roſa?“ Die Kammerfrau erzählte nun die Scene, von der ſie Zeuge geweſen war. Georgine iſt zwar über⸗ raſcht von dem Unglück ihres alten Liebhabers, aber keineswegs ergriffen.„Der alte Narr!“ ruft ſie aus, „er hätte das wiſſen können! Ich bin ſehr froh, daß ich ihn los bin.“ Richtet euch nur für eine Kokette zu Grunde. „Dennoch kommt mir dieſer Fall ungelegen,“ ſagte Georgine nach kurzem Bedenken,„ich zählte auf dieſes Geld. Und Lafleur! haſt Du ihn geſehen, Roſa?“— „Lafleur iſt, ſo viel ich im Hôtel erfahren habe, ſchon weit fort; ein verſtändiger Burſche wartet, um ſei⸗ nen Herrn zu verlaſſen, nicht den Augenblick ab, wo die Juſtiz in's Haus kommt.“—„Morgen, Roſa, verlaſſen wir dieſes Hôtel. Ich habe Edelſteine, Dia⸗ manten..“—„O! Sie haben Hülfsquellen, Ma⸗ dame; in Ihrem Alter iſt man nie in Verlegenheit.“ —„Geh', Roſa, und packe Alles ein, was wir mit⸗ nehmen können.“ Als Georgine allein war, überließ ſie ſich ihren Gedanken; ſchon lange Zeit war es ihr nicht mehr eingefallen, über ihre Lage nachzudenken; wenn man an die Zukunft denkt, kommt man manchmal auf die 86 „Vergangenheit zurück, welche ſo viele Menſchen zu vergeſſen ſtreben, und Georgine gehörte zu dieſen letztern. Unſere Heldin befand ſich in jener Gemüthsver⸗ faſſung, wo man, unzufrieden mit ſich ſelbſt, einige Scenen ſeines Lebens möchte ändern können, als die Thüre ihres Zimmers aufging: es war Karl, der, getrieben von dem Verlangen, Georginen wieder zu ſehen, zu Frau von Roſambeau eilte. „Ich habe alſo die Ehre, mit Frau von Roſam⸗ beau zu ſprechen?“ ſagte Karl im Eintreten.— „Wie? Sie ſind es, mein Herr? Wer hat Ihnen denn meinen Namen geſagt?“—„Ol ich zweifelte ſehr, Madame, daß der, den Sie auf dem Pacht⸗ hofe führten, Ihnen in Paris zuſagen würde.“— „Wenn Sie zu mir kommen, um mir Moral zu predigen, mein Herr, ſo verlieren Sie nur Zeit; ich bin durchaus nicht geneigt, Ihre Vorwürfe an⸗ zuhören.“ Karl ſah ſich im Zimmer um: der Luxus, der Ueberfluß, der bei Frau von Roſambeau zu herrſchen ſchien, hatten bereits alle Hoffnung aus ſeinem Her⸗ zen vertrieben. „Ich komme nicht, um Ihnen Vorwürfe zu ma⸗ chen,“ ſagte er endlich;„außerdem ſehe ich, daß es zu ſpät ſein würde!“—„Was iſt denn die Urſache Ihres Beſuchs?“ Karl wußte in ſeiner Verlegenheit nicht, was er antworten ſollte; er wagte nicht zu geſtehen, in wel⸗ cher Hoffnung er zu ihr gekommen war; ſo zog er ein Taſchentuch heraus und hielt es Georgine hin. „Ich wollte Ihnen dieſes Pfand der Treue zurück⸗ geben, das ich einſt von Ihnen erhielt und ſchon bälder hätte zurückgeben ſollen.“ „Ah, ah!“ ſagte Georgine, in Lachen ausbrechend; „wie, mein Herr! deßwegen ſind Sie gekommen? Ah! daran erkenne ich Sie wieder... immer romantiſch, immer ſentimental!“—„Und Sie immer undankbar und meineidig.“—„Wahrlich, mein Herr, Sie ſind nicht galant. Ich glaubte, die Reiſen würden Sie gebildet haben, allein ich ſehe, daß man nie Etwas aus Ihnen machen kann.“—„Sehr gut, Madame, fahren Sie fort, verbinden Sie Ironie mit der Be⸗ leidigung. Sie könnten mir keinen größeren Gefallen thun; ich ſehe Sie endlich ſo, wie Sie ſind, und ich danke Ihnen, daß Sie mir die Binde abnehmen, die auf meinen Augen lag.“ „Wie, Karl, Sie liebten mich noch? Das iſt eine unſerer alten Ritter würdige Beſtändigkeit!... Aber, unter uns, ich verdiene ſie nicht.“—„Ich ſehe mit Vergnügen, daß Sie ſich Gerechtigkeit wieder⸗ fahren laſſen.“—„Warum ſollte ich gegen Sie die Heuchlerin ſpielen? Hören Sie, ich will aufrichtig ſein: Sie gefielen mir, als ich Sie das erſte Mal ſah; dieſe Neigung nahm zu, als Sie in den Pacht⸗ hof kamen; vielleicht wäre ich Ihnen treu geblieben, allein Sie ließen mich dort, Sie verließen mich, ohne ſich darum zu bekümmern, was aus mir wer⸗ den würde. Ein junges Mädchen von ſiebenzehn Jah⸗ ren ſpricht gerne von Liebe: ein anderer Liebhaber 88 zeigte ſich; er ſagte mir in acht Tagen mehr, als Sie in zwei Monaten, und ich hörte es gerne, daß man mir ſagte, ich ſei hübſch! Ich vergaß Sie, ich geſtehe es; allein iſt dieß mein Fehler?... Seitdem habe ich manche Thorheiten begangen! Was wollen Sie? Mein HOerz iſt leicht und mein Kopf noch nicht reif zur Vernunft! Indeſſen, ſo oft ich Sie ſehe, fühle ich mich ergriffen, was mich ſelbſt wundert; ſehen Sie, Karl, ich bin noch nicht zwanzig Jahre alt, bin noch hübſch. Geben Sie dieſe Predigers⸗ miene, dieſen ſentimentalen Ton auf, ſprechen Sie zu mir von Liebe, ſtatt mir Moral zu predigen. Ich würde es, wie ich fühle, mit Vergnügen hören.“ Als Georgine mit dieſer Rede, die ſie mit ſehr ausdrucksvollen Blicken begleitet hatte, zu Ende war, ſchlang ſie ihren Arm um Karl, ſtützte ihr Köpfchen auf die Schulter des jungen Mannes, und erwartete nun mit wogendem Buſen und ihre Augen auf die ſeinigen heftend, ihren Sklaven auf die Kniee ſinken zu ſehen... Aber Karl entwindet ſich kalt den Armen, die ihn umſchlingen, zieht ſich einige Schritte zurück und ſagt zu Georginen:„Ich ſehe nun, wie ſehr ich mich getäuſcht habe! Ich kann Ihnen keine Vorwürfe machen: Sie ſind den Neigungen gefolgt, welche die Natur Ihnen verliehen hat. Fahren Sie mit Ihren Thorheiten fort, vermehren Sie jeden Tag die Zahl Ihrer Anbeter, ſeien Sie glücklich! ich wünſche es; aber das Glück verläßt bald diejenigen, die das Vergnügen im Uebermaße genießen; vielleicht wäre es Ihnen, hätten Sie Ihre Wohlthäter nicht ver⸗ —— —,.,— —— 89 laſſen, gelungen, es an Sie zu feſſeln. Leben Sie wohl, Georgine, wir ſehen uns nie wieder.“ Mit dieſen Worten wirft Karl einen letzten Blick auf Georgine und verläßt das Hôtel, dem Himmel dankend, daß er ihm endlich die Augen geöffnet. Siebentes Kapitel. Die Scene verandert ſich. Die letzten Worte Karls hatten Georgine inner⸗ lich in Unruhe verſetzt; ſeine plötzliche Entfernung in dem Augenblicke, wo ſie ihn ſtärker als je zu feſſeln hoffte, demüthigte ihre Eigenliebe und betrog ihre tolle Eitelkeit. Roſa zog ihre Gebieterin aus ihren Gedanken durch die Nachricht, daß Alles zum Auszug gerichtet ſei. Sie hatte gehofft, einen Theil der Möbeln mitnehmen zu können, allein die Gerichis⸗ diener hatten auf Alles Beſchlag gelegt. Sie mußte ſich daher mit ihren Kleidern und ihrem Schmucke begnügen; ein Lohnkutſcher lud Alles auf und brachte ſie in ein Hôtel garni. Georgine hatte ihren drei Liebhabern ihre neue Wohnung angezeigt; allein Keiner ließ ſich dort ſehen. Unſere Heldin konnte den Grund dieſer Vernach⸗ läßigung nicht begreifen, Roſa mußte ihn ihr er⸗ klären: Frau von Roſambeau konnte die Werke des jungen Dichters nicht mehr drucken laſſen, dem Herrn von Folleville keine Pferde mehr kaufen und die Kaſſe 90 des jungen Offiziers nicht mehr füllen. Dieſe Herren brachten ihre, für den Gegenſtand derſelben ſo ſchmei⸗ chelhafte Huldigungen anderswo an. Roſa tröſtete ihre Gebieterin, die über die Un⸗ dankbarkeit dieſer Herren ſich geärgert hatte, und Ge⸗ orgine gelobte ſich, künftig vernünftiger zu ſein. Indeſſen war Georgine, ſeitdem ſie das Hôtel garni bewohnte, verlaſſen und hatte keine Geſellſchaft mehr. Die Schnelligkeit, mit der ſie Herrn von La⸗ caille, deſſen Vermögen geſichert ſchien, zu Grunde ge⸗ richtet, hatte die zahlreichen Bewunderer ihrer Schön⸗ heit erſchreckt. Niemand erſchien, um den armen Lacaille, der im Gefängniſſe ſtarb, zu erſetzen; die Zeit verging, die Edelſteine wurden verkauft(denn in Paris iſt das Leben in einem Hotel garni theuer) und die Hülfsmittel nahmen ab. „Wo iſt Lafleur?“ ſeufzte Georgine;„er würde mir ſchon wieder ein Hôtel und einen Wagen aus⸗ findig gemacht haben 10 Roſa antwortete nicht, aber ſie zerbrach ſich den Kopf, um ein Mittel zu erſinnen, ſich aus der Verlegenheit zu ziehen. Eines Morgens kam die Soubrette zu ihrer Herrin an's Bett; ihre ſelbſtgefällige Miene bewies, daß ſie einen Plan im Kopfe habe. 3 „Was willſt Du denn, Roſa?“ ſagte Georgine halb noch im Schlafe.—„Madame, Madame!... ich habe da eine prächtige Idee... Sie werden wie⸗ der glücklich ſein!“—„Wie denn, Roſa?“ und Ge⸗ orgine reibt ſich die Augen und wacht vollends auf. —„Sie tanzen ſehr gut, ſind etwas muſikaliſch, Sie 91 müſſen ſich bei der Oper anſtellen laſſen.“—„Bei der Oper!... Ich!... wo denkſt Du hin?“— „Lange habe ich darüber nachgedacht, und ſchlage Ihnen dieſes als das Angenehmſte vor, da man dort am ſchnellſten glänzendes Glück machen kann.“— „Und was ſoll ich in der Oper thun?“—„Tanzen. Eine Sängerin wird manchmal kaum beachtet, aber eine Tänzerin, das iſt ganz etwas Anderes: der Tanz gibt Ihnen Gelegenheit, Ihre Reize geltend zu machen, Ihre Grazie zu entfalten! Das Pikante des Anzugs, reizende Formen und eine hübſche Geſtalt, die auf den Brettern blendend ſein muß, das iſt mehr, als man braucht, um ganz Paris auf die Beine zu brin⸗ gen.“—„Wahrhaftig, Roſa, Du machſt mir faſt Luſt zum Tanzen, aber wie ſoll ich es angreifen, daß ich an⸗ genommen werde?“—„Ol das iſt ganz leicht; ich habe einmal bei einer Dame gedient, deren Liebhaber einen Bruder hatte, der in eine Dame verliebt war, deren Oheim bei der Verwaltung der Oper ange⸗ ſtellt war. Durch Vermittlung dieſer Perſonen habe ich mit dem erſten Kammerdiener des Herrn Ver⸗ walters Bekanntſchaft gemacht; der ſagte mir, daß ſein Herr ein äußerſt liebenswürdiger Mann ſei, die Frauen ſehr liebe und gerne Etwas für ſie thue. Zu ihm alſo gehen wir. Machen Sie große Toilette, denn nur Perſonen comme il faut treten in der Oper auf; zeigen Sie ſich ohne Furcht, ſehen Sie den Herrn Verwalter und ich ſtehe dafür, daß Sie auf⸗ treten dürfen.“ Georgine folgt dem Rathe Roſa's. Alsbald macht 1 b 92 ſie Toilette, nimmt einen Lohnkutſcher und iſt im Vorzimmer des Herrn Vorſtands der Oper. Dieſes Vorzimmer war wie das aller Angeſtellten von einer Menge Bittſteller, Aſpiranten und ähnlicher Perſonen angefüllt. Georgine nahm mitten unter dieſer Heerde Platz, und Roſa ſuchte den Kammer⸗ diener des Herrn auf, um durch Erneuerung ihrer Bekanntſchaft die Gunſt zu erlangen, daß ihre Ge⸗ bieterin, ehe die Reihe an ſie käme, in das Cabinet des Verwalters zugelaſſen würde. Während Roſa die Unterhandlungen einleitet, wird Georgine von dem unaufhörlichen Geſumme um ſich ganz betäubt; Jeder ſpricht laut und macht ſich das Vergnügen, ſeinem Nachbar die Urſache ſeiner ge⸗ rechten Beſchwerde mitzutheilen: ein Tänzer beklagt ſich über ſeinen Kameraden, der im letzten Ballet ihm ein Pas de deux wegſchnappte; eine Sängerin beſchuldigt das ganze Orcheſter, daß es ein kriege⸗ riſches Stück als Adagio geſpielt habe, um ſie aus dem Takte zu bringen; ein Statiſt ſchreit um Ge⸗ rechtigkeit, weil er in einem Stücke, wo Thiere vor⸗ kommen, einen Bären vorſtellen mußte, während ei⸗ ner ſeiner Untergebenen einen Löwen ſpielte. Jeder ſchreit, Alles ſpricht zu gleicher Zeit, Keiner verſteht den Andern, aber wer den Andern überſchreit, iſt überzeugt, daß er Recht hat. Georgine, die noch nicht an eine Geſellſchaft Künſtler und an Couliſſen⸗ Streitigkeiten gewöhnt iſt, ſieht Roſa mit Vergnügen zurückkommen. Die Zofe dringt durch die Menge und gelangt 93 endlich zu ihrer Gebieterin und benachrichtigt ſie, daß ⸗ſie, obgleich nicht ohne Mühe(und in der That ſieht ſie auch ſehr echauffirt aus) glücklich war und Alles gut gehen wird. Der Kammerdiener folgt Roſa anuf dem Fuße nach und Frau von Roſambeau wird in das Cabinet des Herrn Verwalters eingelaſſen. Welche Unterredung hatte Georgine mit dem Be⸗ amten? welche Pas tanzte ſie vor ihm? wie gewann ſie ihren Richter? Das ſind Cabinets⸗Geheimniſſe, in die wir nicht einzudringen vermögen; gewiß iſt⸗ daß Georgine den Verwalter mit der Gewißheit ver⸗ ließ, in Bälde ihre Reize an der Oper entfalten zu dürfen. „Nun, Madame,“ fagte Roſa zu ihrer F Frau, als ſie wieder im Wagen ſaßen,„habe ich Ihnen nicht geſagt, daß Sie glücklich ſein werden?“—„Das iſt wahr, Roſa; anfangs hatte ich einige Mühe, aber ich drängte ſo ſehr!... ſo ſehr!...“—„Ach! das muß man, Madame; auch ich hatte viele Mühe, bis mich der Kammerdiener wieder erkannte; aber end⸗ lich— ol er bemerkte wohl, daß er mich nicht zum erſten Mal ſah— brachte ich es dahin, daß er viel guten Willen zeigte.“ Bei dieſen Worten legte Roſa ihr Halstuch zurecht, welches etwas zerkrümpelt war und Georgine brachte ihre Friſur wieder in Ordnung. Paul de Kock. XLIII. 7 94 Achtes Kapitel. Zulma. Bald nach ihrem Beſuche bei dem Verwalter er⸗ hielt Georgine die nachgeſuchte Erlaubniß, unter den Nymphen Terpſichore's auftreten zu dürfen. Jetzt wären die Dienſte Lafleurs Zulma(dieß war der Theatername Georginens) von Nutzen ge⸗ weſen; Roſa mußte ihren Eifer verdoppeln, um ihrer Gebieterin den Weg über die Intriguen zu verſchaf⸗ fen, welche die zahlreichen Nebenbuhlerinnen der neuen Tänzerin ſpannen. Georgine war erſtaunt über die Kabalen, die Mienen, die Streitigkeiten, deren Veranlaſſung ſie war; da ſie bis dahin in der Theaterlaufbahn fretrd war, wußte ſie nicht, daß es leichter iſt, eine Armee von einmalhunderttauſend Mann anzuführen, als eine Truppe von fünfzehn bis zwanzig Komödianten. Sie kannte die Eiferſüchteleien, die lächerlichen Anſprüche, die Anciennitäts⸗Rechte, welche die Talente entfernt halten, die Begünſtigungen, welche die Schriftſteller mißmuthig machen, die Klatſcher, welche die Mittel⸗ mäßigkeit halten, das Pfeifen des Publikums, das früher oder ſpäter dem Schlechten Gerechtigkeit wider⸗ fahren läßt, Alles dieſes fannte Georgine nicht. Georgine trat auf und wurde gut empfangen, nicht weil ſie viel Talent hatte, ſondern Roſa hatte drei Viertel der Parterre⸗Billets gekauft und die Leute comme il faut pfeifen nichtz außerdem war die De⸗ butantin ſehr hühſch, ihre Reize, die noch durch Alles, 95 was die Kunſt erfunden hat, die Augen zu verführen, 5. gehoben waren, erſchienen auf der Bühne ſo friſch, daß ſie ſelbſt die Erfahrenſten im Orcheſter, was viel heißen will, täuſchten. Bald war die ſchöne Zulma mehr geſucht, als früher die Frau von Roſambeau. Die glänzendſten Anerbieten, Geſchenke, Liebesbriefe folgten einander bei der ſchönen Tänzerin. Roſa wußte trotz ihrer Erfahrung in Sachen der Galanterie nicht, auf wen ſie hören ſollte; ihre Herrin war die Gottheit des Tages, die Frau der Mode, und in Paris iſt die Mode ein Vermögen werth. Das Hoôtel Zulma's war das Stelldichein der 4 Stutzer der Hauptſtadt. Jeden Morgen war unſere Heldin von einem Kranze Anbeter jeden Alters und jeden Standes umgeben(aber ſie hatten alle Equi⸗ page, denn ohne eine ſolche wurde man nicht ange⸗ nommen), und bezahlte mit einem Lächeln, einem Blicke, einem Schmeichelworte die Huldigungen der Männer, die ſich allzu glücklich glaubten, wenn ſie ſich für ſte zu Grunde richteten. Georgine hätte ſich mit nur etwas Vorausſicht und weniger Thorheit ein Vermögen ſammeln kön⸗ nen, aber die Gegenwart genießen, ohne an die Zu⸗ kunft zu denken, das war ihr Wahlſpruch. Sie hatte nie auf etwas Anderes gehört, als auf ihren Kopf, und im Strudel der Vergnügungen konnte dieſer nicht wohl vernünftig werden. 3 Alle Abende gab man bei Zulma eine jener kleinen Soupers, die die ganze Nacht dauern; man . ſpielte hoch: die Verlierenden tröſteten ſich beim Cham⸗ pagner, die Gewinnenßen feierten ihren Triumph bei den Schönen; lärmende Freude, ausgelaſſene Lieder, ſcandalöſe Scenen ſchloßzen dieſe der Wolluſt geweih⸗ ten Nächte; die Strab der aufgehenden Sonne beſchienen noch die Gäſte des Hôtels, die man größ⸗ tentheils nach Haüſe führen mußte. Wir wollen Georginen zügel⸗ und rückhaltlos ih⸗ ren Leidenſchaften ſich hingeben laſſen und ſehen, ob. Karl noch immer behext ä. 3 — INnca 4—— —— 8 4 9 Neuntes Kabitxl. 3 Wo wieder Jemand erſcheint, den man wergefſen hatte. 4 Karl hatte das Hôtel der Frau von Moſambeau mit leichtem Herzen verlaſſen. Der Stein, der ſchon lange ihn gedrückt hatte, war weggewälzt. Als Karl ſah, was Georgine war, ihr unempfindliches Herz, ihren von den Sophiſtereien des Laſters verdorbenen Geiſt, ihre von Wolluſt und Frechheit glänzenden Augen, ihre einſt ſo reizenden, nun durch das Ueber⸗ maß der Genüſſe angegriffenen Züge, da fühlte er jene Leidenſchaft, die Qual nes Lebens, aus ſeinem Herzen weichen. Er attr Grginen verziehen, daß ſie ihn nicht liebte, a ante ſie nicht entſchul⸗ digen, daß ſie ſich ſeitae obe unwürdig gemacht hatte. Kälte, Koketterie, ſelbſt Unbeſtändigkeit ver⸗ mögen manchmal nicht, die Liebe zu erſticken, aber Gemeinheit und niedrige Luſt entfernen ein zartes Herz auf immer.** Baptiſt vermuthete⸗ daß eine glückliche Aenderung vorgegangen ſein müſſe, als er ſeinen Herrn zurück⸗ kehren ſah und den fröhti gegebenen Befehl ver⸗ nahm, Alles zur Abreiſe zuͦ richten. Karl wollte als⸗ bald Paris verlaſſen, da ihn nichts mehr hier zu⸗ rüchhielt. Auch dachte er an den Kummer, den ſeine Abweſenheit ſeinen Eltern bereitete und eine geheime Stimme ſagte ihm, daß er im Schloſſe Merville ei⸗ nen würdigern Gegenſtand ſeiner Neigungen finden würde, als den, der ſich ſeiner ſo länge Zeit bemäch⸗ tigt hatte. 4 Wir verließen Frau von Merville in der Hoff⸗ nung, daß ſie bald ihren Sohn wiederſehe und ſich zu ſeiner Rückkehr in's Schloß, die Dumont ange⸗ kündigt hatte, mit der liebenswürdigen Alexandrine Glück wünſchend. Aber dieſe ſüße Hoffnung mußte bald der Ungewißheit weichen: die Zeit verſteich und Karl kam nicht. „Ich habe mir zu bald geſchmeichelt,“ ſagte Frau von Merville zu ſich;„mein Sohn iſt ohne Zweifel mehr als je von dieſer Georgine eingenommen! Eine verächtliche Frau wird—h. itlebens ſein Unglück ſein, während eine tugendhaft Hefährtin ihm ſein Leben hätte verſchönern könnee nage lköpfe, ihr ſucht das Glück und flieht e⸗ es ſich euch unter dem Schutze der Weishen dietet.“ Die junge Alexandrine ſeufzte ebenfalls nach dem, den man ihr mit ſo ſchmeichelhaften Farben gemalt und den ihre Einbildungskraft noch verſchönert hatte. Ein junges Madchen iſt erfinderiſch in phantaſtiſchen Gebilden und ihr Kopf arbeitet mehr, wenn es ſich von einem hübſchen Burſchen handelt. Dieſe Damen tröſteten ſich, ohne ihre geheimen Gedanken zu kennen, dadurch, daß ſie von dem ſpra⸗ chen, den man immer erwartete. Eines Morgens (man befand ſich damals mitten im Winter) machte Alexandrine Frau von Merville den Vorſchlag, einen Spaziergang in der Nähe des Schloſſes zu machen. Der Vorſchlag wird angenommen; die Damen ſetzen die Hüte auf, wickeln ſich ſorgfältig ein und gehen, der Kälte trotzend, Rambervilliers zu. — Ganz vertieft in ihr Geſpräch über den, an den ſiie immer dachten, hatten dieſe Damen eine beträcht⸗ licche Strecke Wegs zurückgelegt und Frau von Mer⸗ ille wünſchte auszuruhen, als Alexandrine in kleiner Entfernung von ihnen einen Greis bemerkte, der auf einer ſteinernen Bank ſaß und das öde, aber impoſante Schauſpiel zu Pennaehien ſchien, das die Natur an einem ſchönen Wintertage gewährt. „Wer iſt dieſer Greis?“ fragte Alexandrine Frau von Merville.„Kennen Sie ihn, Madame? Er grüßt Sie.“—„Es iſt der ehemalige Amtsſchreiber von Rambervilliers.“—„Er ſcheint ſehr alt zu ſein?“ —„‚Nicht ſo ſehr, als man glaubt; aber er hat viel Kummer gehabt und das Unglück macht bald ralt! Ich kenne ihn wenig. Herr Rudemar lebt ſehr zurück⸗ gezogen und beſucht keine Geſellſchaft; er ſcheint mit alten Erinnerungen beſchäftigt, von denen nichts ihn 99 abzuziehen vermag. Man vermuthet, daß ehemals ſein Benehmen nicht ohne Tadel war! Da ich jedoch dem Stadtgeklatſch keinen Glauben ſchenke, ſo weiß ich nichts Näheres über dieſen Punkt. Ich habe Herrn Rudemar einige Mal eingeladen, auf das Schloß zu kommen, aher er hat ſich immer entſchuldigen laſſen.“ Die Dainen waren an der Bank angekommen, der Greis ſtand auf, um Frau von Merville zu grü⸗ ßen, und dieſe ſetzte ſich müde neben Herrn Rudemar, während Alexandrine, die einen Spaziergang auf dem Schnee einer für ihr Alter zu ernſten Unterhal⸗ tung vorzog, ſich in der Nähe erging. Es iſt ſchon ſehr lange, daß wir Herrn Rudemar verlaſſen haben und wir treffen ihn ſehr verändert gegen früher; wir haben ihn bei Gertrude gelaſſen, die mit ihm anfing, was ſie wollte. Der Herr Amts⸗ ſchreiber war immer ſchwach gegen ſeine Haushälterin geweſen. Frau Gertrude mißbrauchte den Einfluß, den ſie auf ihren Herrn hatte, um die arme kleine Georgine zu verderben, die ohne ſie vielleicht zufrie⸗ den bei ihrem Oheim geblieben wäre und nicht alle verdenklichen Thorheiten begangen hätte, was freilich für den Leſer ein großes Unglück wäre. Aber die Flucht Georginens war Rudemar zu Gemüth gegangen; er hoffte indeſſen, daß ſie zurück⸗ kehren und ihn um Verzeihung bitten werde. Aber Jahre vergingen und die kleine Nichte kehrte nicht zurück. Der Herr Amtsſchreiber, der mit den Jah⸗ ren geſcheidt wurde(was noch verdienſtlich iſt, da wir ſo viele alte Libertins ſehen, welche es nicht 100 mehr werden), klagte ſich wegen der Flucht Geor⸗ ginens an, die er ſich umherirrend, unglücklich, allen Drangſalen des Elends ausgeſetzt und weit von dem entfernt dachte, der mit Recht ihr an Vaters Statt ſein ſollte. Gertrude wurde entlaſſen, Rudemar nahm eine ſechszigjährige Haushälterin und zog ſich allmälig von der Welt zurück, immer in der Hoff⸗ nung, daß Georgine ihm, zur Belohnung ſeiner Reue, die Augen zudrücken würde. Herr Rudemar wußte nicht, daß Frau von Mer⸗ ville ihm Nachrichten von ſeiner Nichte geben könne, und die Mutter Karls war weit entfernt zu glauben, 8 daß die Frau, die ihrem Sohne den Kopf verrückte, die Nichte des Herrn Amtsſchreibers ſei. Alexandrine hatte kaum die Frau von Merville verlaſſen, als ſie einen jungen Herrn bemerkte, dem ein Bedienter folgte. Der Reiſende grüßt ſie, wie er an ihr vorbeikommt, mit Anſtand; aber in dem⸗ ſelben Augenblicke fällt ſein Pferd und bricht das Beein, der junge Mann ſtürzt und der Bediente ſtößt einen durchdringenden Schrei aus. Alexandrine fühlt ſich einer Ohnmacht nahe, allein ſie überwindet ihre Schwäche und eilt zu dem Reiſenden, den ſie ver⸗ . wundet zu finden fürchtet. Der junge Mann ſtand bereits, ehe Alexandrine bei ihm war.„Ahl wie bin ich zufrieden,“ ſagte ſie,„ich fürchtete, Sie wären verwundet.“—„Sie ſind zu gütig, Fräulein, mein armes Pferd allein muß dieſen Unfall büßen.“—„Was wollen Sie nun anfangen?“—„Zum Glücke gehe ich nicht weit; ich 4 101 kehre mit Leuten zurück, um zu ſehen, ob man i helfen kann.“—„Ah! Sie ſind aus der Nähe?.. und Alexandrine betrachtete den Reiſenden mit In⸗ tereſſe.„Sie gehen vielleicht nach Rambervilliers?“ —„Nein, ſondern auf das Schloß Merville, das nicht weit weg iſt.“—„Was! Sie gehen auf das Schloß Merville?...“ Alexandrine hält inne und wird roth über die Freude, die ſie an den Tag gelegt hat; ſie ſchlägt die Augen nieder, denn der junge Mann betrachtet ſie nun ſeinerſeits.„Dürfte ich Sie fragen, Fräulein,“ ſagte er,„warum Sie ſo erſtaunt ſind?“—„Mein Herr.. weil ich auch auf das Schloß gehe.“—„Er⸗ lauben Sie mir, daß ich Ihnen meinen Arm anbiete, Sie dahin zu begleiten.“ Ein ſo natürliches Anerbieten konnte man nicht ausſchlagen, und Alexandrine nahm alſo erröthend den Arm des Reiſenden an. Ihr Herz klopfte, ſie wünſchte und fürchtete die Ankunft.„Kommen Sie hieher,“ ſagte ſie zu ihrem Begleiter, indem ſie den Weg verläßt.—„Aber, mein Fräulein, da liegt das Schloß nicht.“—„Nein, aber Frau von Mer⸗ ville iſt da... Sehen Sie, da unten iſt ſie... doxt auf der Bank.“ Der junge Mann läßt alsbald den Arm Alexan⸗ drinens fahren, ſtürzt auf die Bank zu, die Frau von Merville ſteht auf, als ſie ihn ſieht, und Karl liegt in den Armen ſeiner Mutter. Alexandrine iſt entzückt, ihr Herz hat ſie nicht ge⸗ täuſcht: Karl iſt zurückgekehrt. Herr Rudemar iſt von x 4½ der glücklichen Scene vor ihm gerührt. Aber man muß auf's Schloß zurück, muß die Rückkehr Karls be⸗ kannt machen. Frau von Merville lud Herrn Rude⸗ mar ein, mitzukommen, ihre Freude zu theilen; dieß⸗ mal nimmt der Greis die Einladung an. Der An⸗ blick einer glücklichen Familie hatte ſeine Lebensgei⸗ ſter belebt und ſeinen Kummer verſcheucht. Trotz ſeiner Originalität konnte Herr von Mer⸗ ville ſeine Freude bei dem Wiederſehen ſeines Soh⸗ nes nicht verbergen. Die Freude war allgemein. Herr Rudemar wurde eingeladen, im Schloſſe zu Mittag zu eſſen, und er hatte nicht den Muth, eine ſo liebenswürdige Einladung abzulehnen. Das Eſſen war köſtlich. Die Familie Merville war glücklich, Alexandrine hoffte es noch mehr zu werden, ſelbſt⸗ Herr Rudemar vergaß ſeinen Kummer. Karl, der neben Alexandrine ſaß, bewunderte ihre Schönheit, ihre Anmuth, ihre Sanftmuth, er ſtellte bei ſich Vergleichungen an, die immer zum Vortheil ſeiner liebenswürdigen Nachbarin ausfielen. Alexan⸗ drine, deren Herz noch ganz Neuling war, konnte ihre Empfindungen nicht verbergen und überließ ſich ganz dem neuen Gefühle, das ihr Karl einflößte. Beim Nachtiſch kam Herr von Mexrville auf den Gedanken, ſeinen Sohn zu fragen, was er in Paris gethan habe. Karl wurde verlegen und ſah ſeine Mutter an; dieſe ſagte ihrem Gemahle, daß ihr Sohn ohne Zweifel einige Thorheiten begangen habe, daß aber ſein Alter ihn entſchuldigen werde. „Zum Henker, Madame!“ rief Herr von Mervils 103 „glauben Sie denn, daß ich ſo ein Narr bin und böſe werde, wenn mein Sohn ſich nicht wie ein Cato aufgeführt hat? Ich würde im Gegentheil böſe ſein, wenn er keine begangen hätte. Ich mag die jungen Leute nicht, die in ihrem Alter keinen Fehler haben, die Thorheiten ihrer Kameraden kalt mit anſehen, im Alter der Leidenſchaften ruhig bleiben und nie dem Vergnügen ſich hingeben. Ein junger Weiſer wird in der Regel ein alter Narr. Irrthümer ge⸗ ben Erfahrung und lernen die Welt kennen; und da die Natur, ſei es nun bälder oder ſpäter, ſprechen muß, ſo iſt es beſſer, ſie thut es mit zwanzig als mit fünfzig Jahren.“ Herr Rudemar unterſtützte die Meinung des Herrn von Merville(er hatte ſeine Gründe dazu). Karl um⸗ armte ſeinen Vater und man erhob ſich von der Ta⸗ fel. Der Abend verging angenehm; die jungen Leute machten nähere Bekanntſchaft und am andern Mor⸗ gen verſtanden ſie ſich ſchon ſehr gut. Ueberlaſſen wir ſie dem Glücke einer gegenſeitigen Leidenſchaft; zufrieden mit der Gegenwart, glücklich in der Zukunft, ſehen ſie mit Freuden der Jahreszeit der Liebſchaften entgegen: es iſt die Zeit, wo ihre Verbindung geſchloſſen werden ſoll; und kehren wir zu Georginen zurück, die vielleicht ſchon nicht mehr Zulma iſt. do— ſſſſſſinſnſnſnſſnſſſſ 9 10 11 12 13 14 15 16 17