Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Zweiundvierzigſter Theil. SSo Stuttgart: Scheible, Uieger Sattler. 1844. Georgine, oder Die Nichte des Amtsſchreibers. Von Paul de Kock. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Zweiter Theil. Stuttgart: Scheible, Uieger& Sattler. 1844. Erſtes Kapitel. Ein Liebhaber, wie es wenige gibt. Johann war ſeit einem Monat todt, als Urſula eines Morgens zwei Männer in den Hof einreiten ſah.„Ach, werthe Frau!“ rief ſie aus,„ich täuſche mich nicht... er iſt es.. ol wie froh bin ich... er wird Sie tröſten...“—„Wer denn?“ fragte die be⸗ trübte Thereſe.—„Mein Gott! jener junge, fanfte, liebenswürdige Mann: Karl, daß ich es Ihnen kurz ſage; er und ſein Diener ſteigen eben ab und hätten nicht gelegener kommen können. Ach! wie wird er hier Alles verändert finden!“ Schon ſeit Langem haben wir Karl verlaſſen; wir wollen vor allen Dingen den Grund angeben, warum er nicht früher in den Pachthof zurückkam, da er doch Georginen verſprochen hatte, nur einen Monat abweſend zu bleiben. Als ſich der junge Mann von den Landleuten entfernte, begab er ſich unverzüglich in das Schloß ſeiner Eltern; er traf ſeine Angehörigen in der größ⸗ ten Beſorgniß über ſein Schickſal. Herr von Merville war krank und die Abweſenheit ſeines Sohnes ver⸗ — mehrte ſeine Leiden noch. Karls Ankunft beruhigte * das Gemüth der zärtlichen Eltern. Man ſtellte tau⸗ ſenderlei Fragen an ihn und er ſchützte, um ſich aus der Verlegenheit zu ziehen, einen Sturz vom Pferde, ein zerquetſchtes Bein und dergleichen vor; ſolche Er⸗ eigniſſe kommen den Söhnen vornehmer Familien, die man hinausſchickt, ſich in der Welt umzuſehen, während ſich oft ihr ganzer geographiſcher Curſus auf Paris beſchränkt, manchmal ſehr zu Statten. Herrn von Merville's Krankheit war nicht ſo ge⸗ fährlich, wie man anfangs geglaubt hatte, aber die Geneſung ging langſam vor ſich, und der theure 3 Sohn durfte nicht von dem Vater weichen. Schon war die Zeit verfloſſen, die er zu ſeiner Rückkehr in den Pachthof beſtimmt hatte; unſer Verliebter ſeufzte, wenn er an ſeine Georgine dachte.„Was wird ſie von mir denken? ſie wird glauben, ich habe ſie vergeſſen!“ Solche Betrachtungen ſtellte der arme Karl an, der zur Linderung ſeines Grames Morgens, während ſein Vater noch ſchlief, in den Schloßgarten hinabging, um ſeinen Träumereien nachzuhängen! Dort zog er in einer recht düſtern Laube Georginens Taſchentuch aus dem Buſen und bedeckte dieſes Pfand der Treue ſeiner Schönen mit heißen Küſſen. Die Mütter ſind ſcharfſichtig: Frau von Merville bemerkte die Schwermuth ihres Sohnes; ſie ſuchte ihn auszuforſchen, aber der junge Mann wagte nicht zu geſtehen, daß er ein Landmädchen liebe. Dieſes Landmädchen war zwar allerdings kein gewöhnliches Frauenzimmer, ſondern ein mit allen Vorzügen des Herzens und des Geiſtes ausgeſtattetes reizendes 1 Weſen, ein Muſter von Tugend, Beſtändigkeit und Vollkommenheit! Aber die Teufels⸗Eltern betrachten die Dinge gar ſonderbar, wodurch dem geliebten Gegenſtand mancher Eintrag geſchieht; ſie ſehen nicht durch das Prisma der Liebe, ſondern ſie entdecken immer einen Flecken oder einen Makel, der dem Ge⸗ mälde nachtheilig iſt, und ein Liebhaber kann es nicht leiden, wenn man ſeine Schöne tadelt. Endlich wurde Herr von Merville wieder herge⸗ ſtellt und lebte wieder ſeiner Gewohnheit gemäß, welche darin beſtand, daß er einen großen Theil ſei⸗ ner Zeit bei einem ſeiner Freunde zubrachte, deſſen Schloß unfern von dem ſeinigen nahe bei Ramber⸗ villiers lag. Spazierengehen, Jagen und Fiſchen waren die Beſchäftigungen dieſes Herrn. Herr von Merville machte ſeinem Sohne den Vorſchlag, Theil an ſeinen Vergnügungen zu nehmen; dieſer ſchlug es aber aus. Frau von Merville machte daher ihren Gatten auf Karls Traurigkeit aufmerkſam.„Potz Tauſend, Madame,“ entgegnete unſer Edelmann, „der Junge ſchlägt mir nach, er hat ſchon Reiſen gemacht, die Welt geſehen, und noch kein Weib ge⸗ funden, welches mit ihm ſympathiſiren könnte; das mißſtimmt ihn!“—„Ich glaube das Gegentheil, mein Herr... ich vermuthe, daß er Heimweh nach einer Geliebten hat.“—„Glauben Sie das, Ma⸗ dame? Sie ſind der Meinung, Ihr Sohn habe ſo ſchnell gefunden, was ich zeitlebens vergebens geſucht habel... das iſt nicht möglich!... Wenn es übrigens der Fall wäre, ſo iſt es thöricht von ihm, daß er ſich den Beſitz ſeiner Schönen nicht geſichert hat!“— Frau von Merville theilte die Anſicht ihres Gatten nicht; ſie befürchtete, Karl möchte ſeine Gefühle an einen unwürdigen Gegenſtand verſchwendet haben. Da ſie aber entſchloſſen war, den einmal gefaßten Plan zu verfolgen, ſo ſuchte ſie ihren Sohn auf, den ſie, ſeiner Gewohnheit gemäß, an dem einſamſten Orte des Parkes fand. „Du liebſt die Einſamkeit recht, Karl?“—„Das iſt wahr, Mutter! ich dachte...“—„An Etwas, was Dich allem Anſcheine nach ſehr beſchäftigt. Höre, Karl, geſtehe aufrichtig, daß Du große Luſt haſt, Dich wieder von hier zu entfernen.“—„Wenn dieß der Fall wäre, ſo müßte mich ein bedeutender Grund hiezu beſtimmen.“—„Dieſer Meinung ſind wir, Dein Vater und ich, auch.“—„Wie?“—„Mein Freund! Da Du die Geheimniſſe Deines Herzens Deinen Eltern nicht mittheilen willſt, ſo handeln wir offener gegen Dich. Es zieht Dich Etwas an einen andern Ort hin, das wäre für viele Eltern ein Grund, Dich nicht von ſich zu laſſen; wir denken aber anders: der Zwang erbittert die Herzen nur und verſtärkt die Leidenſchaften, ſtatt ſie zu beruhigen. Geh', mein lieber Karl, ſieh' das Mädchen wieder, welches Du liebſt, überzeuge Dich von ihrer Treue, laß Dich aber ja nicht durch den äußern Anſchein täuſchen!... Dein Vater und ich lieben Dich zu ſehr, als daß wir uns Deinem Glücke widerſetzen ſollten, und Du wirſt uns auch in ſo weit lieben, daß Du Deine Neigung nur einem würdigen Weſen ſchenkeſt.“ Karl wirft ſich, über die Güte ſeiner Mutter ent⸗ zückt, in ihre Arme und verſpricht ihr, ihr Vertrauen zu rechtfertigen. Im Uebermaße ſeines Glücks reist er ſchon am folgenden Morgen in Begleitung ſeines getreuen Baptiſts ab, vermuthet aber nicht, daß ihm der alte Dumont insgeheim nachfolgt; während ihm ſeine Eltern Freiheit geſtatteten, behielten ſie ſich vor, ſeine Handlungen überwachen zu laſſen. Karl beſchleunigt ſeinen Weg, um früher bei ſei⸗ ner Angebeteten einzutreffen. Endlich erblickt er den erſehnten Pachthof: er bohrt ſeinem Renner die Spo⸗ ren in den Leib, kommt an und ſteigt ab. Baptiſt ſchaut erſtaunt um ſich.„Wie ſtill es hier iſt!“ ſagte er,„man könnte glauben, der Pachthof ſei an einen andern Herrn übergegangen!“ Karl tritt mit bangem Herzen raſch in's Haus ein. Niemand iſt in der untern Stube; er geht hin⸗ auf, öffnet eine Thüre und ſteht vor Thereſen und Urſala. Aber welche Veränderung gewahrt er in ihren Zügen: die Pächterin wiſcht, blaß und abge⸗ mattet, die Thränen aus den Augen, die über ihre Wangen herabfließen; Urſula lächelt bei dem An⸗ blick des jungen Mannes, aber ſelbſt in dieſem Lä⸗ cheln liegt ein Schmerz. Beide ſcheinen ſich zu fürch⸗ ten, ſich zu äußern. „Was iſt geſchehen,“ fragt Karl;„warum ſeid ihr ſo traurig? Wo iſt Euer Mann, gute Thereſe?“ —„Er iſt todt!“ entgegnete die Pächterin mit einem Thränenſtrome. Karl wagt, vernichtet, keine weitere Frage mehr, er ahnt noch ein Unglück. Indeß ent⸗ N ſchlüyft doch der Name Gearginens ſeinen Lippen... —„Sie iſt forigegangen,“ klagte Thertſe⸗„ſie hat mich verlaſſen!“ Dieſe Nachricht ſchmettert den armen Karl faſt darnieder, er bleibt eine Weile regungslos ſtehen, der Schmerz hat ſeine Gefühle erſtarren gemacht, bald leuchtet aber Eiferſucht und Verzweiflung aus ſeinen Blicken hervor.„Sie iſt fort,“ fragte er wie⸗ der,„wann? wie? und mit wem?“ 88 . Urſula erzählt ihm, was während ſeiner Abweſeh⸗ heit geſchehen iſt: Georginens Spaziergänge und die Folgen derſelben. Jedes Wort iſt für Karl ein Dolch⸗ ſtich. Georgine treulos! Georgine in den Armen eines Andern! welche Pein für das Herz eines Lieb⸗ habers! Thereſe ſucht ihn, von ſeinem Jammer ge⸗ rührt, zu tröſten, indem ſie einwendet, daß das junge Mädchen vielleicht nicht ſo ſtrafbar ſei, als man glaube, man könne ſie ja mit Gemaii aus dem Pacht⸗ hofe entführt haben. Karl giebt dieſer Hoffnung Raum, wie ſoll er ſich aber Gewißheit verſchaffen!„Ich glaube, daß Sie Mamſelle Georgine in Paris finden werden,“ ſagte Urſula,„denn ſie hatte eine fürchterliche Sucht, die Hauptſtadt zu ſehen!“—„Genug!“ ruft Karl aus, nich reiſe augenblicklich nach Paris. Ich ruhe „ ſo lange nicht, bis ich Georgine wiederfinde. Iſt ſie unſchuldig, ſo muß ich ſie ſchnell aus der Schlinge befreien, die man ihr zu legen geſonnen, iſt ſie ſtrafe bar, ſo bleibt mir nichts übrig, als ſie zu verachten.“ —„Ach!“ ſagte Thereſe,„wenn ſie Reue fühlt, ſo it ich ihr ver⸗ mich über den 1 Sagen Sie ihr das Leben ver⸗ bringen Sie ſie zu mir zurü zeihen kann; ihre Beg Die Undankbare, deren he Ihm Zärtlichkeit abnöthigte b Sie finden konnen... aber, ühe! Der Schatz, den ſie beſaß, findet 8 Rist mehr. Zweites Kapitel. Aufenthalt in Paris. Der Reiſewagen, in welchem ſich Georgine und der Marquis befanden, hielt mit Tagesanbruch vor einem prächtigen Hôtel der Chauſſée d'Antin. Lafleur macht einen Höllenlärm vor dem Thore: in einem Nu ſind alle Bewohner des Hauſes auf den Beinen; ſelbſt die Nachbarn ſind erwacht und wün⸗ ſchen den. Marquis zum Teufel. Die erſtaunten La⸗ kaien ſtehen nie ſo früh auf, der Haushofmeiſter wirft ſeinen Schlafrock um, der Portier zieht ſeine Unterr. beinkleider an, man macht dem Herrn Marquis auf, deer Wagen fährt durch's Hofthor ein. Lafleur wird, 3 als Vertrauter des Herrn, von Allen Pälnihſ bee 3 grüßt. Endlich ſteigt der Herr aus und reicht Geor⸗ ginen die Hand, welche, durch den Anblick der ſie um⸗ gebenden Perſonen eingeſchüchtert, weder die Augen zu erheben, noch einen Schritt zu machen wagt. Die Diener verneigen ſich, ohne im Mindeſten erſtaunt zu ſein, denn in vornehmen Häuſern ſind ſie an ſolche Abenteuer gewöhnt. Saint⸗Ange führt Georginen in ein prachtvolles Zimmer, in welchem ſie ſich zur Ruhe legt. 2 Am folgenden Morgen, oder beſſer geſagt Mor⸗ gens beim Erwachen wirft Georgine, welche, ſeit ſie den Pachthof verlaſſen, noch keine Zeit gehabt hat, über ihre Lage nachzudenken, verwunderte Blicke um ſich. Der Luxus und der Glanz, die ſie umge⸗ ben, ſchmeicheln ihrer Eitelkeit und verjagen die Er⸗ innerungen an das Landleben. Zwei Frauenzimmer nähern ſich ihr, als ſie bemerken, daß ſie nicht mehr ſchläft.„Was wollt Ihr von mir?“ fragt Georgine. —„Wenn Madame aufſtehen will, ſo erwarten wir Ihre Befehle.“ Madamel., dieſes Wort klingt angenehm in die Ohren unſerer Heldin, und der reſpektvolle Ton, in welchem es ausgeſprochen wurde, ſchmeichelt ihr eben ſo ſehr. Georgine möchte gerne aufſtehen, aber es hält ſie Etwas zurück: die Frauenzimmer, die ihr ihre Dienſte anbieten, ſind auffallend ſchöner geklei⸗ det als ſie, ſo daß es ſie ſchmerzt, in ihrem geſtrigen Koſtüm vor den Augen derſelben zu erſcheinen. Bald wird ſie jedoch von dieſer Sorge befreit: eine der Kammerfrauen breitet mehrere Anzüge auf ihrem 13 Bette aus und fragt ſie, welchen ſie davon wünſche. Georgine betrachtet mit trunkenem Entzücken die rei⸗ zenden Gegenſtände des Putzes, die das Schönſte, was ſich ihre Einbildungskraft vorgeſtellt hat, über⸗ treffen. Sie entſcheidet ſich endlich und läßt ſich mit Vergnügen von den Kammerfrauen ankleiden und bedienen; es iſt ihr bereits, als ob ſie zeitlebens Marquiſin geweſen wäre. Saint⸗Ange iſt hocherfreut, als er Georgine in den Saal treten ſieht, wo er ſie zum Frühſtück er⸗ wartet; ihre Geſtalt, ihre Anmuth, die Leichtigkeit, mit welcher ſie ſich in ihr neues Koſtüm ſchickte, ma⸗ chen Saint⸗Ange noch verliebter. Er führt ſie vor einen Ankleideſpiegel: Georgine will die Augen nie⸗ derſchlagen, ſie kann aber dem Wunſche, ſich ſo ſchön zu ſehen, nicht widerſtehen; ſie wirft einen Blick auf die Pſyche und iſt hochentzückt, ſich beinahe unkenn⸗ bar verwandelt zu ſehen. Unſere Liebenden frühſtücken, dann führt der Mar⸗ quis Georgine in einem eleganten Wagen, der ſo flugſchnell dahin fährt, daß es der neuen Schönheit, welche an ſeiner Seite ſitzt, ſchwindelig wird, in das Boulogner Wäldchen; Georgine gewöhnt ſich übrigens bald daran. Ein Schwarm junger Leute umringt den Wisky Georginens.„Ei, da iſt Saint⸗Angel... der gute Kerll... was Teufels iſt denn aus Dir geworden? Man vermißt Dich ſeit einem Jahrhundert in Geſell⸗ ſchaften!“ Paul de Kock. XLII. 2 14 Während die Herren mit dem Marquis ſprachen, warfen ſie Georginen Liebesblicke zu und ziſchelten unter ſich:„Alle Welt! ſie iſt wunderhübſch, köſtlich, lächelt reizend, hat ein herrliches Auge, ſchneeweiße Zähne, eine etwas ſteife Haltung, das wird ſich übri⸗ gens ſchon geben. In der That, dieſer Saint⸗Ange iſt im Auffinden von etwas Neuem über allen Be⸗ griff glücklich.. ſie gefällt mir außerordentlich...“— „Ich lege Beſchlag auf ſie; Saint⸗Ange iſt mein Freund, er muß ſie mir abtreten.“ Während ſich Saint⸗Ange mit ſeinen Freunden unterhält, kokettirt Georgine ſchon recht artig mit dieſen Herren; ſie hatte immer eine bedeutende Nei⸗ gung hiezu. Man erlernt dieſe Kunſt ſowohl im Dorfe als in der Stadt; mancher ſcheinbar artigen, be⸗ ſcheidenen, einfachen Frau fehlt es nur an Gelegen⸗ heit, ihre Gefallſucht an den Tag zu legen. Man kehrt wieder aus dem Boulogner Wäldchen in die Stadt zurück. Abends geht Georgine in's Thea⸗ ter und zieht durch ihren herrlichen Putz Aller Augen auf ſich. Während eines ganzen Monats folgt ein Ball, eine Feſtlichkeit, eine Spazierfahrt, ein Aus⸗ ritt, kurz ein Vergnügen dem andern. Juwelen, Diamanten und Lakaien ſtehen zu Georginens Ver⸗ fügung!.. Inmitten des Vergnügungsſtrudels, der ſie hinreißt, bleibt ihr kein Augenblick zum Nachden⸗ ken übrig; wenn ſie ſich indeß zufällig einen Moment an den Pachthof erinnert, aus dem ſie entführt wurde, ſo treten auch Johanns und Thereſens Bilder vor ihre Seele, ſelbſt Karl iſt nicht ganz vergeſſen, aber dieſe vorübergehenden, einem Traume ähnlichen Ideen beſchäftigen ihren Geiſt nur, um alsbald wieder von der Wirklichkeit verdrängt zu werden. Des Marquis' Liebe war durch Georginens Beſitz noch nicht vermindert. Lafleur begriff es nicht.„Wie, gnädiger Herr! Sie haben ſeit einem Monat immer die nämliche Geliebte?“—„Ich wundere mich ſelbſt darüber; aber dieſes Weib vereinigt ſo viele Reize! Ihre ländliche Anmuth, ihre köſtliche Heiterkeit, ihr Verſtand, kurz, ich weiß ſelbſt nicht was Alles reißt mich hin und feſſelt mich!... Weiß Gott! es iſt mir recht, daß ich ein wenig beſtändig bin, wäre es auch nur wegen der Seltenheit des Falles.“ Lafleur iſt nicht mit der Tugendhaftigkeit ſeines Herrn einverſtanden, weil ſie ſeine Vortheile ſchmä⸗ lert, aber er muß ſich entſchließen, die Ereigniſſe abzuwarten; der Zufall führte eines herbei. Nach einer herrlichen Landparthie, die man in Geſellſchaft lieber Freunde gemacht hatte, begab man ſich in die Oper. Das Stück hatte ſchon begonnen, aber alle Blicke richteten ſich nach der Loge, in der ein fürchterliches Geräuſch entſtand; denn es gehört zu dem guten Tone, beim Eintritt in die Loge die Thüre heftig zuzuſchlagen, die Bänke mit Geräuſch herunter⸗ zulaſſen, damit man Aufſehen erregt. Dieſer Lärm ſtört allerdings einige gute Leute in dem Parterre, welche Stillſchweigen verlangen, aber die Gebildeten lachen, denn ſie gehen nicht, um das Stück zu hören, in's Theater. Nur während des Ballets iſt es gebräuch⸗ lich, zu ſchweigen: man befürchtet, man möchte den ,,. Huwung einer Pirouette oder eines Entrechats über⸗ hören. Georgine, die hin und her ſchaute, um ſich zu überzeugen, mit welch verliebten Blicken ſie die Män⸗ ner und wie neidiſch ſie die Frauen betrachteten, ſah in einer der ihrigen gegenüber befindlichen Loge eine Perſon, die ihr nicht fremd ſchien: es war ein junger Mann, der die Augen nicht von ihr abwandte und ſie fortwährend fixirte. Sie empfand eine heftige Bewegung, ihr Herz pochte ſtärker; ſie erröthete und wagte nicht mehr den Kopf zu erheben, aus Furcht, Karls Blicken zu begegnen... denn Karl war es, ſie hatte ihn erkannt, ſie gäbe viel, wenn ſie nicht im Theater wäre. Karl war ſeit acht Tagen in Paris, hatte noch nichts über das Schickſal ſeiner jungen Flüchtlingin erfahren, und ahnte nicht, als er, um ſich ein wenig zu zerſtreuen, in die Oper ging, daß er dort den Gegenſtand ſeiner Reiſe treffen werde. Der arme Jüngling wollte ſeinen Augen kaum trauen; er betrachtete ſie lange und aufmerkſam... Kein Zweifel mehr!l... ſie iſt es! Georgine iſt es!... er hat ſie wiedergefunden, aber unter welch verſchie⸗ denen Umſtänden!... Zorn, Wuth und Eiferſucht toben in ihm: im höchſten Grad aufgeregt verläßt er ſeinen Platz und läßt ſich die neben Georginen befindliche Loge auf⸗ ſchließen. Statt dem Schauſpiele zuzuſehen, richtet er ſeine Blicke auf unſere Heldin, achtet, den Kopf auf ſeine Hand geſtützt, nur auf die Undankbare, 1 17 die er noch anbetet, und denkt nicht an ſein ſonder⸗ bares Benehmen, worüber ſich die Gaffer im Saale bereits unterhalten. Saint⸗Ange hat Georginens Beſtürzung und den Eifer bemerkt, mit welchem ſie ihr Nachbar betrachtet. Der Marquis iſt ſehr hitzig. Er will den Frem⸗ den eben um den Grund dieſes auffallenden Beneh⸗ mens fragen, als ſich Karl Georginen nähert und ihr etwas in's Ohr flüſtert. Saint⸗Ange iſt wüthend, tritt auf Karl zu und will von ihm wiſſen, mit wel⸗ chem Rechte er leiſe mit einer Dame ſpreche, die er begleite. Karl, den es außerordentlich freut, Ver⸗ anlaſſung zu einer Streitigkeit gegeben zu haben, entgegnet ironiſch, daß er die Dame ſchon lange kenne und daß er keine Erlaubniß brauche, ſie an⸗ zureden. Saint⸗Ange kennt ſich nicht mehr und ge⸗ räth ganz außer ſich, Karl ſucht ſeinen Aerger noch mehr zu ſteigern... man beleidigt ſich, fordert ſich heraus und beſtimmt auf den folgenden Morgen um fünf Uhr im Boulogner Wäldchen ein Zuſammen⸗ treffen, um ſich zu duelliren; dann ſetzen ſich die Herren, durch die Ausſicht auf eine nahe bevorſtehende Rache befriedigt, ruhiger als zuvor wieder auf ihre Plätze nieder. Während des Zwiſtes war Georginens Lage pein⸗ lich. Sie wußte nicht, wie ſie ſich benehmen ſollte, denn alle Nachbarn, welche den in der Loge ent⸗ ſtandenen Wortwechſel mit angehört hatten, blickten ſie unabläßig an und vermehrten ihre Verlegenheit noch durch ihre Geſpräche darüber.„Haben Sie die Streitigkeit gehört?“—„Nein, was gibt es denn? Wovon handelt es ſich?“—„Zwei junge Herren ſtrei⸗ ten ſich um die Dame, welche Sie ſehen... es ge⸗ ſchieht aus Eiferſucht...“—„Pah! Sie glauben...“ —„Meine Herren, Sie irren ſich,“ verſetzt ein klei⸗ ner Mann mit einer Lorgnette,„ſie haben ſich aus dem einfachen Grunde gezankt, weil ſich der blaſſe Herr zu weit vorbückte und der Dame die Ausſicht raubte.“—„Entſchuldigen Sie, ich habe recht gut gehört, was ſie zu einander ſagten, alſo weiß ich gewiß...“—„Durchaus nicht! denn ich habe es vortrefflich geſehen und ſage Ihnen...— Sie wiſſen nicht, was Sie ſprechen; Sie ſind ein eigenſinniger Menſch!“—„Unverſchämter! ich will Ihnen zeigen, mit wem Sie es zu thun haben!“ Die Nachbarn gerathen in Hitze, das Parterre verlangt Schweigen, die jungen Leute lachen und das Stück geht-zum großen Mißvergnügen des guten Bewohners des Marais, der jährlich nur ein Mal in's Theater geht und ärgerlich iſt, daß er für ſeine drei Livres zwölf Sous nur Störung und Geräuſch gehört hat, mitten unter dieſem Lärm zu Ende. Der Marquis gibt Georginen die Hand, um ſie aus dem Saale hinauszuführen. Man langt im Hotel an, er begleitet ſie in ihr Zimmer und ver⸗ läßt ſie, ohne ein Wort an ſie gerichtet zu haben. Kaum graut der Morgen, läutet Saint⸗Ange ſchon ſeinem Diener.„Der gnädige Herr iſt heute früh auf.“—„Zieh mich ſchnell an, Lafleur, und halte Dich bereit, mir zu folgen.“—„Wie? der —— ¹ ₰ 19 Herr Marquis will ausgehen, ehe es noch recht Tag iſt?“—„Richte auch meine Piſtolen!“—„Aha! jetzt merke ich, wovon es ſich handelt!...“ „Die Treuloſe!“ ruft Saint⸗Ange aus, während er ſich ankleidet.—„Wie, gnädiger Herr, iſt Fräu⸗ lein Georgine an dieſer Geſchichte ſchuld?“—„Ja, Lafleur; der junge Mann, mit dem ich mich ſchießen werde, ſcheint ſie ſchon ſeit Langem zu kennen.“— „Da kann man ſehen, wem man heutzutage trauen ſoll! Gibt man ſich die Mühe, mitten auf dem Lande eine Unſchuld herauszuſuchen, ſo iſt ſie auch nicht beſſer als eine Andere! Es iſt in der That fürchter⸗ lich. Sind Sie Ihrer Sache aber auch gewiß?“— „Ich weiß wirklich nicht recht, was ich von Dem, was ich geſtern geſehen, denken ſoll! Wenn der Mann früher Georginens Geliebter geweſen wäre, ſo würde ich es doch bemerkt haben!“—„Ei, gnädiger Herr, Sie ſind ein zu guter Kenner, als daß Sie ſich täuſchen könnten! Ich wette, das iſt ein abgedankter Liebhaber, ein Mann, den ſie Ihnen aufgeopfert hat. Was hat ſie übrigens zu Ihnen geſagt, gnädiger Herr?“—„Ich habe keine Frage an ſie geſtellt. Du weißt wohl, Lafleur, daß ich den Treuſchwüren der Weiber keinen Glauben ſchenke!“—„Ja, gnädiger Herr, das kommt daher, weil Sie den Frauenzimmern immer falſche Eide ſchwören und ihnen nie treu ſind.“—„Ich fürchte nur eines, Lafleur, daß Georgine, wenn ich ſtürbe, in die Hände meines Nebenbuhlers fallen möchte. Verſprich mir, wenn ich beſiegt werde, Georgine nicht aus den Augen zu laſſen und ſie beſonders der Macht des Unverſchämten zu entreißen, der ſie mir ſtreitig zu machen wagte.“—„Seien Sie beruhigt, Herr Marquis; ſollten Sie, was hoffentlich nicht ge⸗ ſchehen wird, das Unglück haben, zu fallen, ſo nehme ich Fräulein Georgine unter meinen Schutz, führe ſie in die Welt ein, und ſie wird ihren Weg machen, denn ſie hat allem Anſchein nach Anlagen dazu.“ Saint⸗Ange beendigt ſchnell ſeine Toilette und verläßt in Begleitung Lafleurs zu Fuß das Haus. Er hatte es mit Karl ausgemacht, daß kein anderer Zeuge als ihr Bedienter zugegen ſein ſollte. Der Marquis kam an dem Orte des Stelldichein an. Karl war bereits dort. Von Eiferſucht und Rach⸗ ſucht entbrannt, harrte er ungeduldig ſeines Gegners. Hinter ihm ſtand der kleine Baptiſt; der arme Junge war noch nie bei einer ſolchen Gelegenheit geweſen und hatte große Luſt zu weinen, als er ſeinen Herrn mit Piſtolen in der Hand im Walde auf und ab gehen ſah. Die beiden Kämpfer ſtehen einander gegenüber. Karl fordert Saint⸗Ange auf, zu ſchießen; dieſer thut es und fehlt. Nun ſchießt Karl und Saint⸗ Ange fällt tödtlich getroffen zu Boden. Während Lafleur ſeinem Herrn beiſpringt, ent⸗ fernt ſich Karl eilends.„Folge mir raſch, Baptiſt,“ ſagte er;„wir wollen zu dem Orte hingehen, wo ich Dir befohlen habe, eine Poſtchaiſe bereit zu halten.“ Baptiſt folgt ſeinem Herrn in Thränen; der An⸗ blick eines ſterbenden Menſchen hat ihn heftig er⸗ griffen: er begreift nicht, wie man ſich anders als im Kriege tödten könne. Karl ſpricht in ſeiner düſtern aufgeregten Stimmung kein Wort; er denkt an ſein Verbrechen, an Georgine und an ſeine Mutter. Bei der Einmündung in einen Weg, wo eine Poſtchaiſe in Bereitſchaft ſteht, befiehlt er Baptiſt, ihn bei dem Wagen zu erwarten und ſetzt ſeinen Weg nach der Richtung der elyſäiſchen Felder hin fort. Drittes Kapitel. Die Zuſammenkunft. Man wird ſich erinnern, daß Karl im Opernhauſe leiſe mit Georginen ſprach; er hatte ihr nur zwei Worte zugeflüſtert, und ſie auf den folgenden Morgen um ein Rendezvous in den elyſäiſchen Feldern ge⸗ beten. Georgine hatte beſtürzt und ergriffen ver⸗ ſprochen, ſich einzufinden; vielleicht war es ihr auch nicht unangenehm, zu erfahren, daß ſie ihr erſter Liebhaber noch liebe. Karl ging lange vorwärts, ohne die Erwartete zu finden. Schon fürchtete er ſich zu viel eingebildet zu haben, indem er ſich der Hoffnung hingab, Geor⸗ gine werde ihr Verſprechen halten. Die traurigſten Betrachtungen drückten ſeinen Geiſt nieder; ſein Herz hing noch viel zu ſehr an einem Weibe, welches er, wie er wohl einſah, nicht mehr lieben ſollte!... allein ſelten kann man ſeine Leidenſchaften beherrſchen, und die Liebe trägt über einen zwanzigjährigen Kopf ſtets den Sieg davon. 22 Am ſchmerzlichſten war für Karl der Gedanke, einen Mann umgebracht zu haben, der kein anderes Unrecht begangen, als daß er Georgine geliebt hatte. Er bereute dieſe That, aber die Reue kommt zu ſpät, weil ſie erſt die Folge des Vergehens iſt! Aus dieſem Grunde bereuen wahrſcheinlich ſo viele Men⸗ ſchen nichts oder deßhalb tröſten ſie ſich ſo leicht. Fußtritte in der Umgebung erwecken Karl aus ſeinem Nachſinnen. Er erhebt die Augen... es iſt ein Frauenzimmer... ſie kommt näher... Georgine iſt es. Sie trägt ein einfaches weißes Kleid, ein großer DOut bedeckt theilweiſe ihr Geſicht. Karl bemerkt übri⸗ gens doch, daß ſie blaß und abgemattet ausſieht; ihre ſchöne Augen hatten Thränen vergoſſen... dieſer Zuſtand macht ſie noch weit intereſſanter. Karl iſt überraſcht... ſeine Reflexionen ſind vergeſſen, ſein Herz ſchlägt gewaltig... ſtatt Georginen Vorwürfe iiſt er bereit, ihr zu Füßen zu fallen... O, die ver uchte Leidenſchaft! Karl bezingt ſich jedoch, führt Georgine zu ei⸗ ner Bank, ſetzt ſich neben ſie und ſeufzt, ehe er ſpricht. Georgine bricht das Schweigen.„Sie haben mmich zu ſprechen gewünſcht, mein Herr?“—„Ja, Fräulein.“—„Ich habe Ihrem Verlangen nachge⸗ geben, was wollen Sie mir ſagen?“—„Sie fragen noch, Georgine? Ach! entſchuldigen Sie, Fräulein, Sie heißen wahrſcheinlich nicht mehr ſo, denn wenn man ſein Betragen und ſeine Gefühle geändert hat, ſo kann der Name, den man im Dorfe führte, nur — 23 unangenehme Erinnerungen in Einem erwecken und man vertauſcht ihn deßhalb ſchnell.“—„Nein, mein Herr, ich habe keinen andern Namen angenommen.“ —„Ich hätte, als ich Sie im Pachthofe bei Ihren Wohlthätern zurückließ, nicht geglaubt, daß ich Sie in Paris in ſo ganz verſchiedenen Verhältniſſen wieder finden würde. Ach, Georgine, iſt es denn möglich, daß Sie, ich will nicht ſagen unſere Liebe, denn ich war nie ſo glücklich, Ihnen ein ſolches Gefühl ein⸗ zuflößen, ſondern Ihre Pflegeältern, die guten Land⸗ leute, welche Sie aus Erkenntlichkeit nie hätten ver⸗ laſſen ſollen, vergeſſen konnten? Ach, Georgine, wenn Ihnen die traurigen Folgen Ihrer Flucht bekannt wären...“—„Was wollen Sie damit ſagen? Iſt Johann oder ſeiner Frau ein Unglück zugeſtoßen?“— „Johann iſt todt; er wurde in derſelben Nacht, wo Sie in Paris ankamen, als er die Abſicht hatte, Ihre Spur zu verfolgen, ermordet.“—„O, mein Gott! und ich bin Schuld an ſeinem Todel⸗ Georgine zerfließt in Thränen; ihr Herz war nicht gefühllos. Außerdem war ihr Aufenthalt in der Stadt noch von zu kurzer Dauerze ie konnte das Andenken an ihre Wohlthäter noch nicht vergeſſen haben! Karl ſucht, von der Betrübniß, die er her⸗ vorgerufen, ſelbſt gerührt, die, welche er ſeiner Liebe noch würdig zu finden gewünſcht hätte, ganz zur Reue zu bekehren. Er ſchildert ihr Thereſens Schmerz, ſeit ſie ihres Gatten beraubt und von dem Weſen verlaſſen ſei, welches ſie hätte in ihrem Unglück tröſten ſollen; er erinnert ſie an ihre Schwüre, an 24 ihre Liebe... dieſe Liebe, wovon er hatte nicht mehr ſprechen wollen und welche ſich wider ſeinen Willen von Neuem verrieth und ihn beredter, zärtlicher, hinreißender machte als je. Georgine ward wieder das junge Landmädchen; ihr durch die Erzählung von Thereſens Kummer betrübtes Herz ließ ſich durch Karls Treue rühren und ſie zeigte ſich bereit, ſich zu ergeben. Unſere Heldin hatte, wie wir bereits bemerkt, ein empfindſames Herz; die Folge wird uns vollſtändig davon überzeugen. Karl gewahrte ſeinen Sieg und da er ſchon einige Erfahrung erlangt hatte, wollte er Georgine keine Zeit zur Ueberlegung laſſen. Er drang in ſie, zu fliehen und einen Aufenthaltsort zu meiden, wo ihrer nur Schande, Elend und Entbehrung warte.„Wo ſoll ich aber hin?“ frägt Georgine;„wird mich Thereſe wieder aufnehmen wollen, nachdem ich ſie verlaſſen habe?“—„Sie kennen Ihre Herzensgüte; ſie glaubt nicht an Ihre Strafbarkeit; ſie wird Sie aufnehmen und Ihnen verzeihen.“—„Ach! Karl, und Sie ſelbſt?“— Karl kann nicht antworten, aber er drückt Georginens Hand an ſein Herz und ſeine Blicke ſprechen deutlich genug für ſeine Empfindungen. „Ich bin bereit, Ihnen zu folgen,“ ſagt das junge Mädchen ſeufzend.„Wenn man mich aber von dort wegrieße...“—„Seien Sie getroſt, der Marquis kümmert ſich nicht mehr um Sie.“ Mehr ſagte Karl nicht: er wollte ſie ſein Duell mit Saint⸗Ange nicht wiſſen laſſen. Georgine den Arm reichend, führt er ſie bis zu dem Orte, wo ſie 2⁵ der Reiſewagen erwartet, ſetzt ſich neben ſie und das Gefährt rollt davon. 1 So wäre denn Georgine wieder tugendhaft. Iſt es die Wirkung einer wahrhaftigen Reue oder die Folge einer augenblicklichen Rührung? Das werden wir im Laufe dieſer Erzählung erfahren. Vergeblich wird ſich aber Karl bemühen, dem jungen Mädchen zu predigen! Wenn ſie ihre Leidenſchaften nach dem Genuſſe und den Vergnügungen hinziehen, wird ſie nicht lange widerſtehen können: eine von ihrem Ge⸗ liebten betrogene Frau nimmt ſich vor, der Liebe zu entſagen; ein in Folge ſeiner Ausſchweifungen krank gewordener Mann ſchwört, tugendhaft zu werden; der Spieler, der ſein Geld verloren hat, legt einen Eid ab, nicht mehr zu ſpielen; der ausgepfiffene, durchgefallene Schriftſteller will nicht mehr ſchreiben; der durch einen Sturz verwundete Trunkenbold ver⸗ ſpricht, nicht mehr zu trinken; ſind aber ſolche Leute zuverläßig? Unterdrückt die Natur, ſie gewinnt doch ſchnell wieder die Oberhand. Viertes Kapitel⸗ Rückkehr in den Pachthof. Nach einer ziemlich betrübten Reiſe, während welcher Georgine fortwährend Seufzer der Reue oder des Bedauerns ausſtieß, und Karl, von dem Bilde des Marquis verfolgt, unſchlüſſig war, wie er ſich benehmen ſolle, langte man in dem Pachthofe an. 26 Der Anblick dieſes friedlichen Aufenthalts erweckte unſere Reiſenden aus ihren Träumereien: Georgine ward gerührt, als ſie die Veränderung bemerkte, welche während ihrer kurzen Abweſenheit hier vor⸗ gegangen war; Karl dachte an die Freude, die er Thereſen verurſachen werde. Man ſteigt aus dem Wagen. Georgine beſchwört Karl zitternd, zuerſt in's Haus hineinzugehen und die Pächterin von ihrer Rückkehr zu benachrichtigen. Karl willigt ein. Georgine, welche allein zurück⸗ geblieben, läßt ihre Blicke auf den umliegenden Fel⸗ dern herumſchweifen, welche ſie an ſo Vieles erinnern. Einige Schritte von ſich entfernt erblickt Georgine den treuen Hund, welchen ſie ſo gerne hatte. Der arme Cäſar ſcheint den Kummer ſeiner Herrſchaft zu theilen: er meidet alle Geſellſchaft. Georgine will ihn liebkoſen, er flieht entſetzt... ſie folgt ihm nach ... Cäſar läuft lange vorwärts, endlich bleibt er an einem düſtern Orte vor einem mit Cypreſſen beſchatteten Erdhügel ſtehen. Der Anblick dieſes ein⸗ ſamen Ortes verurſacht Georginen einen geheimen Schrecken. Unwillkürlich ſchaut ſie furchtſam um ſich. Der Hund hat vor einem Steine Halt gemacht, auf den er ſich legt. Georgine bückt ſich, um denſelben näher zu betrachten... es iſt Johanns Grabſtein! ihre Kniee beugen ſich und ſie ſinkt, ohne zu wiſſen wie, vor dieſem einfachen, von der chlichen Liebe er⸗ richteten Denkmale nieder. Karl iſt in das Innere des Hauſes hineingegangen. Er findet Thereſe und Urſula, benachrichtigt ſie von 27 Georginens Rückkehr und vertheidigt ſie lebhaft, al⸗ lein es war nicht nöthig, Thereſens Güte anzurufen: die Pächterin war ſo verzeihlich.„Wo iſt das liebe Mädchen,“ frägt ſie,„was mag ſie fürchten? ſie ſoll kommen, daß ich ſie an mein Herz drücken kann!“ Karl eilt entzückt davon, Georgine herbeizuholen, Thereſe gibt ſich ihrer Freude hin und Urſula mur⸗ melt zwiſchen den Zähnen:„Hm! wir wollen ſehen, ob ſie ernſtlich Reue empfindet.“ Karl durchſucht, erſtaunt, ſeine Freundin nicht da zu finden, wo er ſie zurückgelaſſen, mit Beſorgniß die Umgegend um den Pachthof; endlich führt ihn der Zufall an Johanns Grab. Er ſieht Georgine vor dem Leichenſteine knieen... er ſteht ſtille, um ſie zu be⸗ trachten.„Ach!“ ruft er aus,„Georgine war nur auf einen Irrweg gerathen. Die Huldigung, welche ſie den Manen ihres Wohlthäters darbringt, beweist, daß ihr Herz nicht von Undankbarkeit befleckt iſt!“ Karl wußte nicht, daß Cäſar Georgine zu dem Grabmal ſeines Herrn geführt hatte. Der junge Mann nimmt unſere Heldin bei der Hand und führt ſie in's Haus hinein. Thereſe em⸗ pfängt Georgine mit offenen Armen und liebkost ſie aauf das Zärtlichſte; dieſe, welche ſchon durch die Scene bei dem Leichenhügel ergriffen worden war, vergießt Thränen an der Bruſt ihrer Wohlthäterin; Karl empfindet bei der Anſchauung dieſes Gemäldes eine ſanfte Regung; Urſula ſchweigt, ſie blickt Ge⸗ prginen prüfend an. 4 Das junge, reumüthige Mädchen befindet ſich alſo auf's Neue in dem Pachthofe. Sie nimmt ihre alten Gewohnheiten wieder an und Karl begleitet ſie auf ihren ländlichen Spaziergängen. Dieſe Vergnügun⸗ gen waren nicht ſo pikant wie die Zerſtreuungen in Paris, aber ſie hatten wenigſtens den Reiz der Neu⸗ heit; außerdem war Karl liebenswürdig und verliebt, und Georginens Herz blieb in ſeiner Nähe nicht gleichgültig. Unſer Verliebter war indeß nicht ruhig; beküm⸗ mert und unentſchloſſen wußte er nicht, wozu er ſich entſcheiden ſollte. Georgine hatte einen Fehltritt be⸗ gangen, er kann ſie ſeinen Eltern nicht mehr vor⸗ ſtellen; ſie bereut es jedoch und beträgt ſich jetzt tadel⸗ los. Warum ſollte er ihr nicht verzeihen? Iſt es den Männern allein geſtattet, ſtrafbar zu handeln, ohne eine Rüge fürchten zu müſſen? Soll man ein ſchwaches, empfindſames Geſchlecht, wenn es ſich ein Mal vergeht, mit Verachtung behandeln und trotz ſeiner Gewiſſensbiſſe, wodurch der Fehler aus⸗ geſöhnt wird, aus der menſchlichen Geſellſchaft ver⸗ ſtoßen? Die Reue nimmt als Tugend Gott bei Menſchen! Nach dieſem Grundſatze war Georgine ſehr tugend⸗ haft... auch die Vorurtheile ſind oft höchſt unver⸗ nünftig. Eines Tages, als Karl ſolchen Betrachtungen Raum gab(man war bereits ſeit zwei Wochen wie⸗ der in dem Pachthofe), eilte Baptiſt mit verſtörter Miene auf ſeinen Herrn zu.„Ach, gnädiger Herr⸗ ich habe Ihnen etwas Unangenehmes zu ſagen!“— 2 — 29 „Was denn?“—„Sie müſſen in der kürzeſten Zeit dieſen Ort verlaſſen, wenn Sie nicht verhaftet wer⸗ den wollen.“—„Verhaftet! weßhalb?“—„Potz Kukuk, gnädiger Herr, weil Sie den Herrn Marquis von Saint⸗Ange erſchoſſen haben; ſeine Familie hat Schritte gethan, man ſucht Sie ſchon lange; endlich iſt Ihre Zufluchtsſtätte entdeckt worden und morgen, vielleicht heute Abend noch wird man Sie in Ver⸗ haft nehmen.“—„Von wem weißt Du denn das?“ —„Von einem ehrlichen Landmann aus Bondy, der mich ſo eben verließ. Hört, ſagte er zu mir, ich bin eine gute Haut und möchte Euch gerne einen Dienſt leiſten; Ihr ſeid der Diener des jungen Herrn, der im Pachthofe wohnt; thut Eurem Herrn zu wiſſen, daß er die höchſte Zeit habe, ſich aus dem Staube zu machen; Gensdarmen ſind in unſere Hütte gekom⸗ men, haben uns in Betreff des jungen Herrn aus⸗ gefragt und wir haben geſagt, was wir wiſſen; als wir aber merkten, daß es aus der Abſicht geſchehe, ihn zu verhaften, haben wir, mein Weib und ich, uns feſt vorgenommen, ihn zu retten. Sie ſind zu dem Herrn Schultheiß gegangen, um ihm ihren Be⸗ fehl vorzuweiſen und Verſtärkung von ihm zu ver⸗ langen, ich bin unterdeſſen hergeeilt, Euch dieſes mit⸗ zutheilen, ſagt es jetzt Eurem Herrn gleich. Dieſes, gnädiger Herr, iſt die Nachricht, die ich erfahren habe, und es wird Ihnen ſelbſt einleuchten, daß wir keinen Angenblick zu verſäumen haben.“ Karl faßt den Entſchluß, den Rath des guten l de Kock. XIII. 2 Landmanns zu benützen.„Wir wollen gehen,“ ſagte er,„ich verlaſſe Georgine, weil es denn ſo ſein muß. Eine Abweſenheit von wenigen Monaten wird ge⸗ nügen, dieſen Nachforſchungen auszuweichen; weder mein Name noch Stand ſind bekannt, man wird bis dahin von einer zweckloſen Verfolgung abſtehen; dann kann ich wieder hierher zurückkehren, und mich über⸗ zeugen, ob Georgine eine aufrichtige Reue empfunden hat. Vorwärts, Baptiſt, ſattle unſere Pferde.“ Der treue Diener läßt ſich dieſen Befehl nicht wiederholen, denn er zittert vor Angſt, die Leute er⸗ ſcheinen zu ſehen, welche ſeinen theuren Herrn ver⸗ haften wollen. Während er die nöthigen Anſtalten trifft, begibt ſich Karl in das Wohnzimmer, wo The⸗ reſe und Georgine arbeiten.„Ich komme, um mich von euch zu verabſchieden,“ ſagt er bei ſeinem Ein⸗ treten. Georgine hebt den Kopf in die Höhe und ſchaut ihn mit bedeutungsvollen Blicken an:„Wie! Sie verlaſſen mich... Sie verlaſſen uns abermals?“ —„Es muß ſein; ich hoffr jedoch, daß uns nach meiner Rückkehr nichts mehr'von einander trennen wird.“— Was nöthigt Sie denn zu dieſer ſchleunigen Abreiſe? —„Die Augenblicke ſind koſtbar; ich kann euch jetzt nicht auseinanderſetzen, was mich zu dieſer Entfer⸗ nung zwingt, ihr werdet es aber, ſobald ich weg bin, erfahren... haltet mich dann nicht für ſtrafbarer, als ich es wirklich bin.“—„Was wollen Sie damit ſagen?“—„Leben Sie wohl, theure Georgine, adieu, gute Thereſe... ich bin überzeugt, 9* werde meinen Entſchluß billigen.“ —— 8—— 31 Georgine weiß, über dieſe plötzliche Abreiſe be⸗ ſtürzt, nicht, was ſie denken ſoll; Karl küßt ſie, em⸗ pfiehlt ſie mit einem Blicke der Pächterin, rafft ſeine Kraft zuſammen, reißt ſich los, entfernt ſich, ſteigt haſtig zu Pferde und flieht, von Baptiſt gefolgt, dieſen Pachthof, worin er ſtets ſein Glück zurückläßt. * Fünftes Kapitel. Der Teufel miſcht ſich darein. Georgine und Thereſe begriffen nicht, was ſie von dieſer ſchleunigen Entfernung denken ſollten. „Er hat geſagt, daß wir bald den Grund davon erfahren würden,“ tröſtet Urſula,„wir wollen alſo warten und zuſehen.“ Vergebens warteten ſie jedoch; acht Tage ver⸗ ſtrichen, ohne daß ſie ein Wort weiter erfuhren. Niemand kam, wie Karl befürchtet hatte, um Nach⸗ forſchungen in dem Pachthofe anzuſtellen, denn keine Seele dachte daran, ihn zu verhaften. Georgine glaubte am Ende, Karl liebe ſie nicht mehr und dieß ſei der eigentliche Beweggrund ſeiner Abreiſe. Unſere Heldin ſeufzte; die Tage floßen langſam dahin. Karls Gegenwart hatte Georginen die Langweiligkeit des Pachthofes erträglich gemacht; aber mit ſeiner Entfernung veränderte ſich Alles. Die ſchöne Jahreszeit nahte ſich allmälig ihrem Ende. Der traurige Oktober ſtand vor der Thüre, das Laub⸗ werk fing an gelb zu werden, die Farbe der Hoff⸗ 32 nung ging allmälig in die bherbſtliche über, bald ſollte der Landmann den Schatten des Sommers mit Füßen treten. Georgine ſah mit Schrecken den Augenblick her⸗ beikommen, wo ſie, in ihr beſcheidenes Aſyl einge⸗ ſchloſſen, ohne alle Zerſtreuung leben mußte. Wie traurig ſind für Jemand, der gerne in der Stadt iſt, die Abende auf dem Lande! Ein Tag ſieht dem andern gleich: der morgige wird ſein, wie der heu⸗ tige war! So dachte auch Georgine; die Erinnerung an die genoſſenen Freuden quälte ihren Geiſt, Saint⸗ Ange'’s Bild trat zuweilen vor ihre Seele, indeß ärgerte ſie die Gleichgültigkeit, womit er ſich in ihre Entfernung fand, und daß er ſich gar nicht bemüht hatte, ſie ſeinem Nebenbuhler zu entreißen. Vielleicht hoffte Georgine, als ſie ſich in den Pachthof begab, daß ſie der Marquis nicht lange daſelbſt laſſen würde. „Wie treulos ſind doch die Männer,“ wiederholte unſer junges Mädchen, betrübt zum Fenſter hinaus⸗ blickend;„dieſer Saint⸗Ange ſchwört mir tauſend Eide, er werde mich zeitlebens lieben; verſichert mich, ſein Glück beſtehe nur in mir und thut keinen ein⸗ zigen Schritt, mich wieder zu erlangen. Dieſer Karl, der mich anzubeten und einer kleinen Untreue wegen, die ich ſehr unſchuldig an ihm beging, in Verzweiflung zu ſein ſcheint, hat mich kaum hierher gebracht, wo ich ihm durch meine Rückkehr den größten Beweis meiner Liebe gebe, ſo verläßt er mich ſchon wieder und geht, ohne mir nur einen Grund anzu⸗ geben, fort. Da ſoll man Männerſchwüren trauen! 33 nein, ich werde ihnen mie wieder glauben.. Sie geben uns das Beiſpiel der Unbeſtändigkeit, ich will mich aber an ihnen rächen, ſobald ſich Gelegenheit darbietet.“ Einen Monat nach Karls Abreiſe wurde Geor⸗ gine noch verſtimmter und träumeriſcher. Ihre Trau⸗ rigkeit nahm je länger je mehr zu, denn ſie ahnte bereits, welch grauſames Ereigniß ihr bevorſtehe. Unſere Heldin gelangte zu der Ueberzeugung, daß ſie bald Mutter werden ſollte; das war ein Unglück! In der verzweiflungsvollſten Unruhe floh ſie die Be⸗ wohner des Pachthofes; ſie zitterte, man möchte ihren Zuſtand gewahren; ſtatt ſich Thereſen anzuvertrauen, mied ſie ihre Blicke und ſchloß ſich in ihre Stube ein, um über ihre Lage nachzudenken. Sie fürchtete ſich jetzt vor Karls Rückkehr, und hätte ſich unmöglich entſchließen können, ihm ihre Schande zu geſtehen; in der Meinung überdieß, daß er ſie nicht mehr liebe, war ſie der feſten Ueberzeugung, daß ihre Entehrung eine unüberſteigliche Schranke zwiſchen ihnen aufge⸗ worfen habe. Die Pächterin, welche Georginens Schwermuth bemerkte, ſchrieb ſie der Abweſenheit Karls zu; Ur⸗ ſula allein ſchüttelte den Kopf: ſie war der Anſicht, das junge Mädchen habe abermals einen Streich im Sinne. Eines Tages, als Alle vor dem Hauſe ſaßen, um einen ſchönen Herbſtabend zu genießen, gingen zwei Männer mehrmals, doch in ſolcher Entfernung, daß man ihre Geſichter nicht unterſcheiden konnte, an dem Pachthofe vorbei.„Ich weiß wahrhaftig nicht,“ ſagte Urſula,„was dieſe Leute vorhaben, aber gewiß iſt, daß ich ſie ſchon ſeit mehreren Tagen um den Pachthof herum ſchleichen ſehe; ſie ſchauen ſich um, betrachten Alles und eilen davon, ſobald ſie Jemand kommen ſehen!“&„Es ſind vielleicht Diebe,“ entgegnete die Pächterin erſchrocken.—„Ich glaube es nicht... trotz ihrer Geſchicklichkeit, ſich zu verkleiden, meine ich doch einen derſelben gut zu erkennen.. ich weiß ſchon, was ſie ſuchen!“—„Was denn, Urſula?“—„Genug! ich irre mich vielleicht, wir werden es aber bald ſehen.“ Urſula wollte nicht weiter ſprechen. Georgine hatte ihren Worten keine Aufmerkſamkeit geſchenkt; aber als ſie am folgenden Morgen mit Tagesanbruch an's Fenſter trat, ſah ſie zwei Männer ſich dem Pacht⸗ hofe nähern. Sie erinnerte ſich, was Urſula geſtern von den Unbekannten geſagt hatte; neugierig, zu er⸗ fahren, wer dieſe Männer ſeien, blieb ſie am Fenſter und wartete, bis ſie dicht herkamen, um ihre Züge zu unterſcheiden. G Die Fremden näherten ſich, vorſichtig umher⸗ blickend, ob ſie von Niemand bemerkt würden; der Eine winkte Georgine zu... Ja, ihr galt es; er trat bis unter ihr Fenſter und ſie erkannte unter 1 der ländlichen Kleidung Saint⸗Ange's Kammerdiener Lafleur. „Ei! Sie ſind es, Lafleur?“—„Ja, Fräulein; potz Kukuk, ich ſtreiche ſchon lange um den Pacht⸗ hof herum, um Gelegenheit zu finden, mit Ihnen zu ſprechen; ich will aber dieſen Augenblick benützen, —— mein Kamerad ſoll, damit ich von Niemand über⸗ raſcht werde, aufpaſſen.“ Lafleur geht zu ſeinem Gefährten zurück, ſtellt ihn auf die Lauer und kommt dann wieder zu Geor⸗ ginen an's Fenſter, die ihn ungeduldig erwantet, um den Grund ſeiner Anweſenheit zu erfahren. „Nicht ohne Mühe iſt es mir gelungen, in Ihre Nähe zu kommen, Fräulein. Sie haben eine alte, verfluchte Magd im Hauſe, die mir überall in den Weg tritt. Doch ich will mich kurz faſſen: ich bin hier, um Sie nach Paris abzuholen.“—„Nach Paris, Lafleur? Sie hätten mir in dieſem Augenblick keinen größern Gefallen thun können.“—„Wirklich! ich bin entzückt, Fräulein, Sie ſo gut geſtimmt zu ſehen.“ —„Und Saint⸗Ange, Lafleur?“—„Von dem Herrn Marquis habe ich Ihnen viel zu ſagen, Fräulein.“ —„Warum iſt er nicht mitgekommen?“—„Ach! das will ich Ihnen unterwegs ſagen, wir haben jetzt nicht Zeit, davon zu ſprechen, vor allen Dingen...“ (Hier huſtete Lafleurs Kamerad, um dieſem bemerk⸗ lich zu machen, daß ſich Jemand nahe.) „Der Teufel ſoll die Naſenweiſen holen! ich wette, das iſt wieder die Alte. Hier, Fräulein, leſen Sie dieſes Billet, welches für Sie beſtimmt iſt; morgen um dieſelbe Stunde hole ich die Antwort ab.“ Lafleur wirft ein um einen Stein gewickeltes Brief⸗ chen in Georginens Zimmer und entfernt ſich raſch mit ſeinem Gefährten; es war Zeit: Urſula trat bereits unter die Hausthüre. 5 Sechstes Kapitel. Bild eines modernen Manncs. Wenn ich mich recht erinnere, ſo haben wir den „ Tamumtrbienr bei dem Marquis gelaſſen, als dieſer, Heben von einem tödtlichen Schuſſe getroffen, nieder⸗ ſank. Ehe wir weiter gehen, Holten wir ſehen, was Herr Lafleur that. Unſer Kammerdiener hatte immer ein Fläſchchen mit herzſtärkenden Tropfen in der Taſche, die in ſolchen Fällen von großem Nutzen ſind. Er gießt dem Marquis etwas von der Flüſſigkeit ein: Saint⸗Ange ſchlägt die Augen auf, aber der Tod ſtarrte aus ſeinen Blicken; ſeine Stimme iſt ſo ſchwach, daß er kaum folgende Worte ausſprechen kann:„Lafleur, ich fühle, daß ich nur noch wenige Augenblicke zu leben habe, verſprich mir aber, bevor ich ſterbe.. —„Ja, gnädiger Herr!“ ruft Lafleur aus, der ſei⸗ nen Gebieter verſtanden zu haben glaubt,„ja, ich wiederhole Ihnen das heute Morgen gegebene Ver⸗ ſprechen, Fräulein Georgine nicht in der Gewalt Ihres Nebenbuhlers zu laſſen.“ Sajint⸗Ange ſchüttelt den Kopf, ſtammelt mit brechender Stimme einige unvernehmliche Worte, und ſtirbt, ohne ſich ſeinem Diener verſtändlich machen zu können, denn dieſer hatte ſich getäuſcht: der nahende Tod hatte dem Marquis andere Gedanken eingegeben. Der junge Mann, welcher in der Tiefe ſeines Herzens nicht bösartig war und nur die gewöhnlichen Fehler von Leuten ſeiner Art hatte, bereute jetzt ſein Be⸗ — — tragen gegen das junge Landmädchen, und wollte Lafleur auffordern, ſie in den Pachthof zurückzuführen; allein es war zu ſpät, er konnte ſich dieſem nicht mehr begreiflich machen. Lafleur holte Leute herbei und man brachte die Leiche des Marquis in ſein Hoͤtel. Saint⸗Ange war eine Waiſe, Niemand beweinte ſei⸗ nen Tod und Niemand dachte daran, ihn zu rächen. Schade, ſagten einige junge Frauenzimmer, mit welchen er Liebſchaften gehabt hatte, es war ein hoffnungsvoller Mann! Es war wirklich ein guter Kerl, der flott zu leben wußte, ſagten ſeine ge⸗ treuen Freunde, die an ſeinem Ruin mitgearbeitet hatten. Die Herren machten eine Pirouette, die Damen kehrten wieder an ihren Spiegel zurück, und Saint⸗ Ange war vergeſſen, denn die Herren und die Damen waren von ſo zarter Leibesbeſchaffenheit, daß es ihnen Krämpfe verurſucht haben würde, länger von einem Todten zu ſprechen. 4 Lafleur erfuhr, als er in's Hotel zurückkehrte, daß Madame(ſo nannte man Georgine) ſchon ſeit Mor⸗ gens früh fortgegangen ſei, ohne daß man wiſſe, wo⸗ hin.„Parbleu! ich will es ſchon erfahren,“ denkt unſer Schelm bei ſich. Dann verſah er ſich mit einer bedeutenden Summe Geldes, die Frucht ſeiner ehr⸗ ſamen Erſparniſſe, ließ den Haushofmeiſter und die übrige Dienerſchaft ſich mit den Gerichten um den Reſt von Saint⸗Ange’s Vermögen ſtreiten, und ver⸗ ließ das Haus, um ſich vorläufig in einem möblirten Zimmer einzuquartieren, bis er wieder eine ſeiner zahlreichen Talente würdige Stellung gefunden haben würde.„ Lafleur ſann ſeit zwei Tagen darüber nach, wie er es angehen ſolle, das ſeinem Herrn gegebene Ver⸗ ſprechen zu halten. Obgleich er ein ſchlechter Menſch wmar, hielt er doch ſein Wort, und in dieſem Falle händelte es ſich ohnedieß um etwas Beſonderes, wel⸗ ches ſeinem Ehrgeiz und ſeiner Vorliebe für Intri⸗ guen ſchmeichelte: einem Liebhaber ſein Frauenzim⸗ mer zu entreißen und ſie von einer Thorheit zu der andern zu verleiten, bloß um den Willen ſeines ver⸗ ſtorbenen Herrn zu erfüllen! Das war ein neues, ſeiner würdiges Unternehmen. 3 Lafleur hatte Georgine in ganz Paris geſucht. Am zweiten Tage ſeiner Nachforſchungen, als er mit der Ueberzeugung, daß ſie nicht in Paris ſei und da⸗ her nur auf dem Pachthofe ſein könne, nach Hauſe kam ſagte ihm der Portier, daß ein Herr nach ihm gefragt habe und bitten laſſe, morgen früh bei ihm einzuſprechen. 3 Lafleur ſieht auf die Adreſſe, die man dem Por⸗ tier gegeben hat:„Herr von Lacaille, Vendomeſtraße auf dem Marais. O, ol was mag dieſer Sonder⸗ ling von mir wollen?... Gleichviel, ich werde mich einfinden.“ Dieſer Herr von Lacaille war ein junger Mann von fünf⸗ bis ſechsundfünfzig Jahren, noch unver⸗ ſich überhaupt ſein flatterhaftes Weſen ſchlecht mit Hymens Feſſeln vertragen hätte. heirathet, weil er viel zu leichtſinnig dazu war, und . 39 Herr von Lacaille, der immer ein Stutzer gewe⸗ ſen, wollte jetzt noch als ſolcher erſcheinen, obgleich er anfing, etwas ſchwerfällig zu werden; ſeiner vier⸗ zigtauſend Livres Renten wegen fand man ihn übri⸗ gens reizend und liebenswürdig in den Geſellſchaften, wo man ihn ſeines lächerlichen Betragens halber, 4 wenn es nicht bisweilen in's wirklich Komiſche ver⸗ fallen wäre, gemieden haben würde. Er war von mehr als mittlerer Größe, dagegen aber ſo dick, daß es ihn faſt zur Verzweiflung brachte; denn trotz ſei⸗ nes elaſtiſchen Schnürleibs, ſeiner Haſenfelle, ver⸗ möge deren er ſeinen Bauch zuſammenpreßte, und ſeiner Hoſenträger, womit er ſeine Beinkleider bis unter den Arm hinaufzog, hatte er doch eine un⸗ mäßige Taille und ſein Athem war fortwährend durch ſeine Kleidung beengt. Er hatte von Natur rothe Wangen, welche ſich nicht dazu eigneten, ſo intereſſant auszuſehen, wie er es wünſchte, er rieb ſich daher das Geſicht mit einer Latwerge ein, die ihm einen bleifarbenen Teint verlieh, welcher ſeltſam mit ſeinem dicken Bauche contraſtirte. Denket euch dazu noch eine blonde, lang⸗ gelockte Perücke, den Anzug eines Adonis, eine run⸗ zelige Stirne und eine dünne, zarte Stimme, dann habt ihr das Bild des Herrn von Lacaille. Seit er ſein viertes Jahrzehnt hinter ſich hatte, geſiel ſich Herr von Lacaille nur noch in Geſellſchaft junger Leute; er glaubte ſich ſelbſt jünger in ihrer Mitte. Unter den Wildfangen der Chauſſé d'Antin hatte er Saint⸗Ange's Bekanntſchaft gemacht, mit welchem er einige Monate faſt unzertrennlich um⸗ ging. Die jungen Lente verhöhnten Lacaille, ohne daß er es vermuthete, und er hätte ſeine Lebensweiſe ſo fortgeſetzt, wenn er nicht die Bemerkung gemacht haben würde, daß bei dieſem Geldausleihen, Reiten, Fahren und dem Regaliren von Tänzerinnen ſeine Renten bedeutend in Nachtheil kämen. Lacaille hielt Etwas auf ſeine Renten und nahm ſich vor, ſeine Ausgaben zu verringern, und ohne ſeine Abſicht, ein Modemann zu ſein, aufzugeben, entfernte er ſich aus der Chauſſé d'Antin und er⸗ wählte den Marais als Schauplatz ſeiner neuen Triumphe, die weniger koſtſpielig ſein ſollten. Dort beſchränkte er ſich auf die Hälfte ſeiner Ein⸗ künfte, ſchaffte einen Einſpänner an, richtete ſein Haus einfacher ein, ſtellte einen Schweizer an ſeine Thüre und ließ ſeinem Hofthor einen Marmoranſtrich geben. Nach einigen Wochen, die er ſich auf dem Marais befand, ſprach man von der Kapaunen⸗ bis zu der Sauerampfer⸗Straße nur von dem alten jun⸗ gen Mann in der Straße Vendome. Man lebt herrlich mit einem Einſpänner auf dem Marais. Lacaille ward bald der Gott aller Geſell⸗ ſchaften und die Seele aller unterhaltenden Soiréen; man konnte ihn gar nicht entbehren. Er allein brachte Heiterkeit in die kleinen unſchuldigen Spiele; er konnte Charaden aufgeben, miſchte entzückende Wortſpiele in ſeine Reden, und blies überdieß das Flaſchenett gut ge⸗ nug, daß die Jugend ihr Tänzchen dabei machen konnte. —— 41 Ein Mann, welcher ſo ſeltene Talente beſitzt, iſt in Geſellſchaft ein koſtbares Weſen; auch lächelten ihm die jungen Damen zu, ſobald er erſchien, die Mütter reichten ihm die Hand, die Männer umringten ihn und harrten ungeduldig, bis er den Mund öffnete, um einen jener herrlichen Witze zu hören, womit die Unterhaltung eines Mannes, der vierzigtauſend Livres Renten hat, ſo reichlich ausgeſchmückt iſt. So ſtanden die Dinge, als unſer alter Stutzer eines Abends Saint⸗Ange mit Georginen im Thea⸗ ter bemerkte, wohin er manchmal ging, um auch das Stück und die Schauſpieler zu bekritiſiren. La⸗ caille ſucht mit dem Marquis zu ſprechen, begibt ſich in deſſen Loge und Georginens Anblick verdreht ihm den Kopf; während er mit Saint⸗Ange redet, be⸗ ſchäftigt ihn nur die reizende Frau, welche er vor ſich ſieht. Georgine lacht über das Geſicht und die Geſtalt ihres Bewunderers, allein Lacaille kümmert ſich nichts um den Eindruck, den er hervorbringt; ſein Herz iſt gefangen und er verläßt die Loge ſo verliebt, als man mit ſechszig Jahren ſein kann. Von dieſem Augenblicke an gab es kein Vergnügen, keine Geſellſchaften, keine Spiele mehr für ihn! Trau⸗ rig und melancholiſch verſchloß er ſich in ſein Haus, verzehrte ſein Daſein faſt in Seufzen und ſtarb bei⸗ nahe vor Liebe! Wenn nur dieſe Leidenſchaft hätte wenigſtens ſeine Fettleibigkeit vermindern und ſeinen Bauch verſchwinden machen können... Aber ach!... nicht einmal dieſer Troſt wurde ihm gewährt. Eines Morgens gelangte aber eine große Neuig⸗ keit aus der Chauſſée d'Antin in die Vendoͤmeſtraße: der junge Marquis von Saint⸗Ange war im Duell erſchoſſen worden. Lacaille erwacht aus ſeinem Stumpf⸗ ſinn; er bedenkt, daß das anbetungswürdige Weib vielleicht ohne Engagement ſein könnte, und ſeine Liebe muß um jeden Preis befriedigt werden. Lacaille kennt Lafleur, deſſen glänzender Ruf durch alle Quartiers der Stadt gedrungen iſt; einen ſolchen Mann muß er haben. Lafleur iſt in ſeiner Art ein unvergleichlicher Burſche, und einem Verführer, der nicht mehr durch ſeine Liebenswürdigkeit verführen kann, iſt es höchſt angenehm, einen Kammerdiener zu haben, der die Sache für ihn einleitet; denn ge⸗ wöhnlich haben die Herren ſehr wenig Erfindungs⸗ gabe; ſo ſehen wir es wenigſtens in unſeren Comö⸗ dien, wo die Diener meiſtens die ganze Intrigue durchführen, ohne daß die Verliebten irgend etwas Vernünftiges dabei zu thun haben, weßhalb man 5 glauben könnte, die Liebe mache ſehr dumm. Herr von Lacaille läßt ſein Pferd anſpannen, fährt in das Höôtel Saint⸗Ange, frägt nach Lafleurs Zim⸗ 2* mer, läßt ſich hinweiſen und gibt, da er dieſen nicht 2 trifft, dem Portier die Karte mit dem Auftrage, wie ihn dieſer bereits ausgerichtet hat. Es ſchlägt zwölf Uhr, Lafleur begibt ſich in die Vendomeſtraße. Er weiß, daß der Morgen eines vornehmen Herrn nicht vor Mittag beginnt. Er kommt dort an, geht in den Hof hinein; ein Schweizer tritt ihm in den Weg.„Ich möchte mit Herrn von Lacaille ſprechen.“—„Der Herr läßt Nie⸗ — 43 mand vor.“—„Was ſagt Ihr?“—„Der Herr läßt Niemand vor, wiederhole ich Euch!“—„Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich Dein Kauderwelſch ver⸗ ſtehe! Ich ſage Dir, ich muß in das Haus hinein.“ —„Gerade das ſoll nicht ſein.“—„Freilich, ich muß ja mit Herrn von Lacaille ſprechen.“—„Es darf Niemand hinein!“—„Ei, geh' zum Teufel!“ Lafleur ſtößt den Schweizer auf die Seite und will in's Haus eindringen, aber der Portier ſtreckt ihm ſeine Hellebarde entgegen und läßt ihn nicht vorüber; Lafleur, der ein kräftiger Burſche iſt, läßt ſeinen Gegner einen Satz machen; dieſer ſtellt ſich, eigenſinnig, wie Helvetiens Kinder ſind, dem Kam⸗ merdiener abermals entgegen und macht Miene, als wollte er ihm ſeine Hellebarde durch den Leib rennen. Lafleur verliert den Kopf nicht; er ſieht in der Ecke des Hofes einen Beſen ſtehen, dieſen ergreift er, um den ihm drohenden Schlägen auszuweichen. Beide Kämpfer fallen ſich mit Hitze an, die Dienerſchaft eilt in Folge des Lärmes herbei, man macht ein „Fenſter in dem erſten Stockwerk auf: Lacaille ſelbſt iſt es, der, zur Hälfte angekleidet, in ſeinem Boudoir das Waffengeräuſch gehört hat. „Ei, mein Gott! was ſeh' ich! Ein Lanzenkampf in meinem Hofe! Reißt ſie auseinander! Ich glaube, ich irre mich nicht: Lafleur iſt es!“—„Ach ja, gnäa diger Herr, ich bin es; ich verlange ſchon zwei Stun⸗ den, bei Ihnen vorgelaſſen zu werden, und dieſer Dummkopf verweigert mir den Eintritt in's Haus.“ —„Dieſer einfältige Luderlich macht doch⸗ i mer 8 44 2 ſolche Streiche! Ich hatte es ihm ja ausdrücklich ge⸗ ſagt, daß man hente Morgen nach mir fragen werde, aber dieſe deutſchen Schweizer verſtehen nichts, ich muß einen franzöſiſchen Schweizer anſtellen.“—„Ich weiß doch, gnädiger Herr, daß Sie es nicht gerne haben, wenn man Sie Morgens beſucht, ehe Sie geſchnürt, geputzt und gekämmt ſind.“—„Haltet das Maul, Luderlich, Ihr ſeid ein Vieh. Komm herauf, mein lieber Lafleur.“ 3 Lafleur wirft einen ſtolzen Blick auf den armen Portier, der ſeines Mißgeſchickes wegen ganz außer Faſſung iſt, und eilt mit ſchnellen Schritten die Treppe zu dem Gemache des Herrn iin. Ehe man zu Herrn von Lacaille gelangt, mu man durch eine lange Reihe künſtlich verzierter Zim⸗ wer bindurchgehen: in dem erſten liegt ein ſchöner diniſcher Hund auf einer Ottomane; in dem zweiten befgift ſich ein höchſt poſſenhafter Affe, die Mö⸗ beig und Gardinen zu verderben; in dem r ein Papagei, das Lieblingsthier des gnät äͤdigen H welcher beinahe eben ſo gut ſpricht als ſe ſein Herr; in. dem vierten endlich befindet ſich der Hausbeſiter. Herr von Lacaille ſteht in einer liebenswürdigen Unordnung da, ſeine Toilette iſt ues ant vollendet: er hat erſt eine blaſſe Wange, der Schnürleib hängt noch auf einer Seite, die Perücke auf der andern; da aber die Kammerdiener ſtets in die Toilettenge⸗ heimniſſe eingeweiht ſi ſind, läßt Lacaille Lafleur ſo⸗ 4 h eintreten, unterbricht ſein V Verjüngungsgeſchäft gibt den Befehl, daß ihn Niemand in ſeiner 45 Unterhaltung mit dem liſtigen Kammerdiener ſtören ſolle. „O, lieber Lafleur!“ ruft Lacaille, ſich auf ein Ruhebett werfend, aus,„Du ſiehſt einen jungen Mann in Verzweiflung!“—„Wäre es möglich, gnä⸗ diger Herr?—„Ja, mein Freund, ich befinde mich in einer höchſt peinlichen Lage; ich leide... ich ver⸗ brenne... ich verzehre mich...“—„Wahrhaftig, gnä⸗ diger Herr, Sie erſchrecken mich! Wer kann Sie in dieſen Zuſtand verſetzen! Sie, einen jungen, reichen, liebenswürdigen, zum Gefallen geſchaffenen Mann!“ —„Das weiß ich Alles!...“—„Niemand vermag Ihnen zu widerſtehen.“—„Ja, ich bin geſchätzt, geliebt, gefeiert; in allen Geſellſchaften ſtreitet man ſich um meinen Beſitz, und beſonders die Weiber, ſo daß ich ihren Wünſchen gar nicht nachkommen kann —„Ich glaube es Ihnen, gnädiger Herr.“—,an, mein Freund, das Alles gleitet an meiner Se r⸗ über! Ein einziger Gegenſtand feſſelt mich an vas Leben, und von Dir erwarte ich mein Glück.“— „Von mir, Herr von Lacaille?“—„Ja, Lafleur, von Dir allein; höre mich an. Ich habe gehört, daß der arme Saint⸗Ange geſtorben iſt...“—„Achl lei⸗ der ja, gnädiger Herr.“—„Es thut mir ſehr leid, ger war ein braver Junge. Jetzt biſt Du aber ohne Stelle?“—„Allerdings, gnädiger Herr.“—„Du biſt ein gewandter, liſtiger, ſogar etwas ſpitzbübiſcher Diener.“—„Sie ſchmeicheln mir, gnädiger Herr.“ —„Du ſagſt mir in jeder Hinſicht zu. Ich ne me Paul de Kock. XLII. 8 46 Dich in meine Dienſte und ſchenke Dir mein vollſtän⸗ diges Zutrauenz; biſt Du damit einverſtanden?“— „Natürlich, gnädiger Herr, ganz und gar!“—„Ich ſtehe Dir dafür, daß Dir außer Deinem Gehalte allerlei Vortheile zufließen werden; Du weißt, daß wir Brauſeköpfe uns um verſchiedene häusliche An⸗ gelegenheiten nichts bekümmern und ich ertheile Dir f unumſchränkte Macht im Hauſe. So wäre es denn 1 alſo ausgemacht, von dieſem Augenblicke an biſt Du mein Vertrauter, mein getreuer Liebesbote; heute Abend mußt Du Dich noch bei mir einquartieren, allein ich geſtehe Dir, ich mache eine Bedingung da⸗ für.“—„Sprechen Sie, gnädiger Herr! nichts ſoll mir unmöglich ſein, Ihnen meinen Eifer zu beweiſen.“ —„SJetzt iſt der Augenblick da, Lafleur, Dir meine Scwachheit und den Grund meiner Schwermuth zu geſtehen: ich bin wahnſinnig verliebt.“—„Es iſt nicht möglich, gnädiger Herr!“—„Doch, mein Freund, und zwar in ein anbetungswürdiges Weib, welches ich bei Deinem ſeligen Herrn geſehen habe.) „Wirklich?“—„Ja, in jene reizende Brünette, jene bezaubernde Schönheit. Du mußt wiſſen, wen ich meine?“—„Freilich, gnädiger Herr, und es wun⸗ dert mich nicht, ſie iſt hübſch genug, die Köpfe zu ver⸗ drehen!“—„Es iſt alſo auch nicht zu verwundern, daß ich faſt den Verſtand verliere. Wie heißt ſie, Lafleur?“—„Georgine, gnädiger Herr.“—„Geor⸗ gine, der Name iſt etwas bürgerlich. Gleichviel, wir geben ihr einen andern. Lafleur, Du mußt mich zum g chen Liebhaber dieſes Frauenzimmers machen.“ 2 47 —„Gnädiger Herr, ich verſpreche es Ihnen!“— „Wie, wirklich?“—„Ja, gnädiger Hexr, aber ich ſage Ihnen zum Voraus, daß es ein ſchwieriges Un⸗ ternehmen iſt, welches Zeit, Mühe und Geld koſtet.“ —„Spare nichts, hier iſt meine Börſe, Du ſollſt frei darüber verfügen.“—„In dieſem Falle ſtehe ich für den Erfolg.“—„Wo iſt ſie denn aber?“— „Ich glaube, daß ſie nicht mehr in Paris iſt; ſie wird in einen Pachthof zurückgekehrt ſein, wo ſie früher wohnte, und aus welchem ſie Herr von Saint⸗ Ange vor Kurzem entführt hat; denn es iſt noch ein ganz friſches Frauenzimmer, gnädiger Herr. Sie ſind der zweite Liebhaber, das iſt beinahe, als ob Sie der erſte wären!“—„Ahl es iſt doch ein Unterſchied; ich will aber eben ſo gerne der zweite ſein. Was machen wir übrigens, wenn ſie im Pachthofe iſt?“—„Dann, gnädiger Herr, entführen wir ſie auf's Neue!“— „So iſt es recht! Eine Entführung, das iſt köſtlich, das wird Aufſehen erregen! Allein bedenke, Lafleur, daß ich einen Ruf in dieſem Quartier aufrecht zu erhalten habe; ich kann Georgine nicht öffentlich in mein Haus aufnehmen; die Bewohner des Marais laſſen nicht mit ſich ſpaſſen, in ſolchem Falle könnte ich ſie ja nicht in Geſellſchaft führen.“—„Ol iſt das Ihre einzige Sorge? Miethen Sie ein Haus neben ſich, möbliren Sie es elegant, ſchaffen Sie Dienſtboten, eine Equipage, Juwelen und Geld an, denn ich verſichere Sie, daß das junge Mädchen, ob⸗ gleich ſie einfach und natürlich erzogen iſt, doch ſehr an Genüſſen des Luxus hängt.“—„Das ſetzt ich † — 48 nicht in Verwunderung, Lafleur; das Verlangen, zu genießen, liegt in der Natur; bei mir ſoll ihr nichts abgehen.“—„Sie weiſen Fräulein Georgine das für ſie beſtimmte Hôtel an, geben ihr einen vornehmen Namen und ſtellen ſie als Ihre Verwandte vor; dann können Sie ſie überall einführen.“—„Bravo, La⸗ fleur, Du weißt alle Hinderniſſe zu beſeitigen; ich peauftrage Dich, den reizenden Plan in Ausführung zu bringen.“ Nachdem Alles beſprochen war, verließ unſer liſti⸗ ger Diener ſeinen neuen Herrn, um ſeine Effekten herbeizuholen und ſich alsbald im Hauſe einzuquar⸗ tieren. Unterwegs beſann ſich Lafleur, welches Betragen er nun annehmen ſolle. Er wußte, daß Lacaille ein leicht zu leitender Dummkopf war, und dachte, daß er, wenn er deſſen Neigungen ſchmeichle, bald feſt die Oberhand über ihn bekommen werde. Außerdem war der alte Junggeſelle reich, die Stelle konnte ſo⸗ mit nicht ſchlecht ſein. Was Georgine anbetrifft, deren Beſitz er etwas leichthin verſprochen hatte, ſo ſchmei⸗ chelte er ſich mit dem Gedanken, daß er dadurch die 2 letzten Wünſche des Marquis erfülle. War Georgine einmal in Paris, wenn ſie auch Lacaille nicht liebte, ſo kümmerte ihn das wenig. Die Hauptſache beſtand darin, daß ſie ihn ruinire, beſonders wenn, wie er vorausſetzte, ein Theil des Vermögens des alten Narren der Preis der Thorheiten war, wozu ihn 8* ganz gehorſamſter Kammerdiener zu verleiten ichtigte. 49 Nachdem unſer Spitzbube ſeinen Plan gemacht hat, kommt er zurück und bezieht ſein Zimmer in Herrn von Lacaille's Haus. Die Dienerſchaft iſt be⸗ reits darauf vorbereitet, daß ſie Lafleur als die zweite Herrſchaft zu betrachten hat. Luderlich macht beide Flügel des Hofthores auf und erwartet, mit der Helle⸗ barde in der Hand, ſchweigend und achtungsvoll La⸗ fleurs Ausſpruch über ſein Schickſal. Dieſer konnte ſich beim Anblicke des langen Geſichtes des Portiers eines Lächelns nicht erwehren, dann trat er aber auf den armen Burſchen zu, klopfte ihn freundſchaftlich auf die Schulter und reichte ihm die Hand; dieſer drückte ſie innig, ſo ſehr war er von dem edeln Be⸗ tragen ſeines Feindes gerührt. Lafleur wendet ſich dann an die andern Dienſt⸗ leute und ertheilt ihnen ſeine Befehle; der Haushof⸗ meiſter wird beauftragt, den Küchenzettel zu ver⸗ größern, dem Kellermeiſter fordert er die doppelten Kellerſchlüſſel ab; der Kutſcher muß die Chaiſe neu lackiren laſſen; kurz Jedem wurde eine reichere, ele⸗ gantere Livrée vorgeſchrieben, damit er ſeinem Herrn Ehre machen und mit mehr Glanz erſcheinen ſolle. Der arme Lacaille, der durch ſeine Entfernung aus der Chauſſée d'Antin ſeine Ausgaben hatte verringern wollen, war durch die Anſtellung Lafleurs in ſeinen Dienſten zu neuen Verſchwendungen veranlaßt; aber die Liebe, die alle Menſchen leitet, leitet oft Greiſe, welche ſich noch unter ihr Banner reihen wollen, ſehr zum Nachtheile. Zwei Tage nach ſeinem Einzug in's Döhet reie Lafleur, der den Bitten ſeines Herrn nicht mehr wi⸗ derſtehen konnte, in Begleitung eines ihm untergebe⸗ nen Schelmen, der ihn im vorkommenden Falle kräf⸗ tig an die Hand gehen konnte, nach Bondy ab, und verſprach, nur mit Georginen wieder nach Paris zu kommen. Um durchaus keinen Verdacht zu erregen, zogen unſere beiden Spitzbuben Bauernkleider an. Lafleur erfuhr bald, daß Georgine mit Karl im Pachthofe und der Pächter geſtorben ſei, weiter konnte er aber nichts bezwecken. Wenn er in der Nähe des Pachthofes herumſtrich, ſah er Georgine im Freien ſpazieren gehen, aber ſtets in Begleitung Karls. Dieſer Teufels⸗Karl wich nicht von ihr; das ärgerte ihn bedeutend: man kam über⸗ ein, ihn wegzuſchaffen. Lafleur beauftragte ſeinen Gefährten, Baptiſt auf⸗ zuſuchen; ſein Bauernanzug ſollte ihm dabei zu Stat⸗ ten kommen. Er unterrichtete ihn, wie er ſich zu be⸗ nehmen habe, und es gelang ihm ſo wohl, daß Baptiſt in die Falle ging und in ſeinen Herrn drang, er möchte fliehen, damit er den Nachſuchungen der Gensdarmerie entgehe; Karl glaubte es wie ſein kleiner Jokey. * Lafleur näherte ſich, über dieſen erſten Erfolg ent⸗ zückt, dem Pachthofe immer mehr, aber Georgine ging nicht mehr aus; er ſah ſie nur ſelten und ſtets von Thereſe oder Urfula begleitet. Die Landleute Pbegien Verdacht gegen ihn und ſeinen Gefährten; die alte Urſula lauerte und paßte ihnen unaufhörlich auf, —.,— die Hunde bellten, wenn er herbeikam. Alles ſchien anzudeuten, daß man eine feindſelige Abſicht ver⸗ muthe. Lafleur ſing an die Geduld zu verlieren, als er eines Morgens, wo er ſich wie gewöhnlich in die Nähe des Pachthofes ſchlich, Georgine an ihrem Fen⸗ ſter bemerkte; die Hoffnung erwacht in ſeinem Her⸗ zen, er eilt herbei, benützt die Gelegenheit und es gelingt ihm glücklich, Georgine theilweiſe mit ſeinen Plänen vertraut zu machen. 3 * Siebentes Kapitel. Lafleur führt ſeine Streiche aus. 5 Die alte Urſala, welche ſchon mehrere Tage dem Vorhaben der beiden Männer, die um das Haus herumſtrichen, auflauerte, öffnete die Thüre noch zeit⸗ lich genug, um Lafleur und ſeinen Gefährten in aller Eile davon jagen zu ſehen, und zu hören, daß Ge⸗ orgine ihr Kammerfenſter ſchloß. „Hm! was mag das Alles zu bedeuten haben,“ denkt die Alte bei ſich;„ich wette, dieſe kleine Ge⸗ orgine hat wieder etwas in dem Sinne; ich will es ihr aber ſchon vertreiben; der arme Karl ſoll nicht immer, wenn er zurückkommt, ein leeres Neſt finden. Dieſe beiden Landſtreicher ſcheinen im Einverſtändniß mit ihr zu ſein, ich will lieber zu meiner Frau ſagen, es ſeien zwei Diebe, und Mamſell Georgine ſei nicht ſicher in ihrer Stube. Wenn ich ihr ſage, ihre Schutz⸗ befohlene wolle wieder davon laufen, ſo glaubt ſie 52 mir es nicht, und doch ſehe ich deutlich, daß das junge Mädchen mehr Luſt zum Sündigen als zum Bußethun hat.“ Während Urſula zur Pächterin geht, macht Ge⸗ orgine haſtig Lafleurs Billet auf und liest folgende Worte in demſelben: „Madame, Sie ſind erſt achtzehn Jahre alt und wunderſchön; ich glaube nicht, daß Sie Luſt haben, Ihr Leben in der Geſellſchaft von Hühnern, Gänſen und Enten zuzubringen. Ich bin von Seiten meines Herrn beauftragt, Ihnen ein prächtiges Haus, eine Equipage, Dienerſchaften, Diamanten und Koſtbar⸗ keiten anzubieten. Sie ſind zu geſcheidt, einen ſolchen Antrag zurückzuweiſen. Sie werden Reize, welche die Zierde einer Stadt ausmachen, nicht in die Ein⸗ ſamkeit des Dorfes begraben. Kommen Sie! Paris ruft Sie, das Vergnügen erwartet Sie, die jungen Herren ſehnen ſich nach Ihnen, die alten beten Sie an, von den Frauen werden Sie gefürchtet! Gibt es eine herrlichere Zukunft? Liebe, Wohlluſt, Flatter⸗ haftigkeit, Koketterie werden Ihre Tage verſchönern! Sprechen Sie ein Wort und ich entführe Sie trotz der Knechte und Hunde im Pachthofe.“ Georgine wundert ſich, daß Saint⸗Ange's Name naicht in dem Briefe erwähnt iſt, allein Lafleur ſchreibt, fer ſpricht von ſeinem Herrn, und dieſer Herr iſt der Marquis, das iſt klar. Warum iſt aber Saint⸗Ange nicht ſelbſt gekommen?... Ohne Zweifel wird ihr Lafleur den Grund davon mittheilen. Uebrigens kann Georgine in dem Zuſtande, worin ſie ſich befindet, 53 nicht lange ſchwanken; ſie muß ſich in jedem Fall⸗ ehe ſie Mutter wird, aus dem Pachthofe entfernen, und da man ihr ein Haus anbietet, weiß ſie wenig⸗ ſtens, wo ſie hingehen kann. Aber Karl... aber Thereſe... ach! wie leid iſt es ihr, ihnen Kummer zu machen, aber in ihrer Lage iſt der Entſchluß, den ſie faßt, das einzige Mittel, ſie der Schande, den Vorwürfen und der Verachtung zu entziehen, und ſie fühlt nicht die Kraft in ſich, ſo viel über ſich ergehen zu laſſen.— So dachte Georgine gleich jenen Leuten, welche ſtets ihr Gewiſſen zu beſchwichtigen ſuchen, um nur- ihren Leidenſchaften Gehör zu geben. Dieſe heilloſen Leidenſchaften, ſie ſind ſo mächtig, ſo einflußreich, ſie bringen Einen immer um den Verſtand, oft auch um die richtigen Gefühle des Herzens; man bekämpft ſie, ſie beläſtigen Einen aber unaufhörlich! Ehre dem, der über ſie triumphirt; glücklich der, der ſie nicht kennt! Georgine ſchreibt nachſtehende lakoniſche Antwort an Lafleur:„Ich willige ein, Ihnen zu folgen; ſor⸗ gen Sie aber dafür, daß man Sie nicht erkennt, und hüten Sie ſich beſonders vor den Blicken der alten ürfula,/ Veorgine wickelt das Papier um den Stein herum, deſſen ſich Lafleur bedient hatte; ſie erwartet den fol⸗ genden Morgen, um ihn an ſeine Adreſſe gelangen zu laſſen; allein die Umſtände ſollten ſich anders geſtalten. Thereſe tritt mit Urſula in Georginens Zimmer ein. Die Pächterin erklärt unſerer Heldin, daß ſie ſchnell dieſe Stube, wo ſie nicht in Sicherheit ſei, verlaſſen und eine auf der entgegengeſetzten Seite des Hauſes in den Hof hinaus beziehen müſſen.„Warum denn?“ frägt Georgine.—„Weil ſich Schelme in's Haus einſchleichen wollen; zwei meiner Knechte müſſen jetzt hier ſchlafen, dann haben wir nichts zu befürch⸗ ten.“—„Man hat Ihnen Geſchichten weiß gemacht.“ —„Nein, meine liebe Georgine, Urſala weiß...“— „Urſala weiß nicht, was ſie ſpricht!“—„Ich weiß nicht, was ich ſpreche, Mamſell? o, doch; ich weiß mehr als Sie glauben!“ Urſula's Miene, während ſie dieſe Worte ſprach, machte Georgine erröthen, ſie ſchwieg und wagte nichts weiter einzuwenden, denn ſie befürchtete, die Alte habe Lafleur erkannt. Sie mußte ſich alſo in das bezeichnete Zimmer zurückziehen, wo ſie unmög⸗ lich mit Jemand verkehren konnte. Georgine fügte ſich mit innerem Widerwillen darein und war mehr als je entſchloſſen, aus dem Pachthof zu entfliehen. Wir wiſſen, daß den Weibern eine verbotene Sache weit wünſchenswerther erſcheint; ſie find darin ganz V. von den Männern verſchieden, welche nie nach dem 7 Weibe ihres Nächſten trachten, ER NLIde 8 trautes Gut berühren, nie die Unſchuld verführen, nie ihre Freunde hintergehen; wahrhaftig, wir leben in einem Jahrhundert, wo die Männer ſehr tugend⸗ haft ſind! Am kommenden Morgen vor Tagesanbruch ſtand Lafleur vor Georginens Fenſter und ſein Kamerad war beauftragt, in der Nähe zu lauſchen. Die Zeit r 55 verſtrich, das Fenſter blieb zu, Lafleur wird unge⸗ 3 duldig; er geht auf und ab, ſingt, blickt hinauf, huſtet mehrere Male, nichts läßt ſich hören, Nie⸗ mand erſcheint. Er gibt den Muth auf und will ſich entfernen, allein man macht zugleich vorſichtig das Fenſter auf; Georgine iſt es, kein Zweifel darüber. Lafleur eilt wieder unter das Fenſter, hebt den Kopf in die Höhe, aber ſtatt das Billet zu empfangen, welches er als Antwort auf das ſeinige erwartet, gießt man den Inhalt eines Gefäſſes über ihn hin⸗ unter, deſſen Geruch ihn leicht errathen läßt, was es für eine Flüſſigkeit iſt. Wüthend ſchaut er hinauf en und ſieht Urſula mit einem Geſchirr am Fenſter, das— ich nicht erſt zu nennen brance und deſſen Anblick den Grimm des Kammerdieners noch vermehrt. „ Aha, Herr Galan, das haben Sie wahrſchein⸗ lich nicht geſucht? Das wird Sie lehren, das Huſten unter meinem Fenſter zu unterlaſſen.“—„Verfluchte Alte! Du ſollſt ſehen, mit wem Du es zu thun haſt. Du ſollſt Deine Freude theuer bezahlen; Dich wird es noch reuen!“ Lafleur hebt mehrere Steine auf und ſchickt ſich an, ſie der Alten in's Fenſter zu werfen, als er, während er nach ſeinem Gefährten ſchaut, der ſich eilends aus dem Staube macht, drei der Knechte aus dem Pachthofe, mit ungeheuren Knitteln bewaffnet, auf ſich zukommen ſieht. Lafleur denkt nicht mehr an's Scheibeneinwerfen, er muß durch eine augen⸗ —— blickliche Flucht dem Begegnen der drei Bauern aus⸗ weichen, deren Geberden ihm nichts Gutes verſprechen 2 lich als ich und haſt auch Deinen Theil bekommen!⸗ „Du biſt feig! Sie ſollen übrigens dieſen Streich es freut mich, eine Gelegenheit zu finden, meine 56 Einner der Knechte war indeß nahe daran, ihn ein⸗ zuholen. Der liſtige Diener verliert jedoch den Kopf nicht; er hat noch die Steine in der Hand, die er nach Urſula ſchleudern wollte, wendet ſich alſo raſch um und wirft ſie ſeinem Gegner alle zumal an den Kopf. Der Bauer, welchem dieſer Hagel die Augen, die Raſe und die Ohren verletzt, ſteht einen Augenblick betäubt ſtille. Lafleur gewinnt unterdeſſen einen bedeutenden Vorſprung und iſt bald ſammt ſeinem Begleiter aus der Nähe des Pachthofes und der Bauern verſchwunden. „Potz Henker!“ ruft Lafleur aus,„wie haben uns dieſe Schurken nachgeſetzt!“—„und wie die d'rein hauen,“ entgegnete ſein Kamerad, ſich die Schul⸗ tern reibend.—„Ich glaube, Du biſt eben ſo glück⸗ —„Ja, aber Ihr Theil konnte Ihnen nicht wehe thun, während ich den meinen noch ſpüre.“—„Dumm⸗ kopf, ich ſpüre es noch mehr als Du, und für einen Mann meiner Art iſt dieß das Allerärgſte! Ich hätte lieber dieſe abſcheulichen Knittel auf meinem Leibe fühlen mögen, als die Schmach erdulden, dieſe ver⸗ fluchte..“—„Jedes hat ſeinen eigenen Geſchmack; ich hätte dieſe Taufe den Prügeln vorgezogen.“— büßen!“—„Wie, Sie wollen ſich noch einmal mit dieſen vermaledeiten Bauern einlaſſen?“—„Je mehr Hinderniſſe zu bekämpfen ſind, je größer iſt der Ruhm; Fähigkeiten zu entwickeln.“ 57 2 Georgine, welche fortwährend mit ihrem Plane, zu entfliehen, beſchäftigt war, zitterte, Lafleur möchte, durch die Hinderniſſe eingeſchüchtert, von ſeinem Un⸗ ternehmen abſtehen. Man ſprach nichts von der Be⸗ gebenheit am Morgen; aber es kam ihr vor, als ob die Bauern miteinander lachten und ziſchelten, und Urſula's triumphirende Miene überzeugte ſie vollends, daß etwas Außerordentliches vorgefallen war. Da Georgine aus dieſem peinlichen Zuſtande be⸗ 4 freit ſein wollte, benutzte ſie im Laufe des Tages ei⸗ nen Augenblick, wo ſie Jedermann beſchäftigt glaubte, um ſich leiſe aus dem Zimmer zu ſchleichen. Sie hatte ein neues Billet in der Hand, welches ſie an Lafleur geſchrieben, und worin ſie ihm die Veränderung ih⸗ rer Wohnung anzeigte. Georgine ſchreitet ſchnell durch den Hof und geht zum Thore hinaus, wie wenn ſie einen einfachen Spaziergang in's Freie machen wollte. Sie hat be⸗ reits die Schwelle übertreten und wünſcht ſich Glück, Urſula's Aufmerkſamkelt entronnen zu ſein, da wen⸗ det ſie den Kopf zurück und ſieht die alte Magd hin⸗ ter ſich herkommen. „Was wollt Ihr, Urſula?“—„Sie begleiten, Mamſell, weil der Weg ſo unſicher iſt.“—„Es iſt überflüſſig, ich fürchte mich nicht.“—„Gleichviel, Mamſelle, ich fürchte mich für Sie!“ Sie war außer Stand, die alte Dienerin von ſich fortzubringen. Georgine merkt, daß man ihr auf⸗ paßt, und läuft aus Aerger ſo ſchnell, daß urſula ihr kaum nachzukommen vermag; dieß hat unſere * 58 Heldin beabſichtigt. An der Krümmung eines Weges erblickt ſie Lafleur; Urſula iſt weit hinter ihr zurück, aber doch nicht ſo weit, daß ſie ſie nicht hätte beobach⸗ en können. Schnell entſchloſſen, macht Georgine eine Kugel aus ihrem Billet, wirft ſie Lafleur zu und kehrt auf ihrem Wege um, indem ſie ſagte, ſie wolle wieder nach Hauſe gehen. Der von dem Spazier⸗ gange erſchöpften Alten iſt nichts lieber; aber Lafleur hebt das Billet auf, überzeugt ſich, daß Georgine nicht in das von den Landleuten gegen ihn gebildete Complott mitverwickelt iſt, und nimmt ſich vor, ſie während der Nacht aus dem Pachthofe zu entführen. Der verwegene Diener kehrt zu ſeinem Kamera⸗ den zurück, beſiehlt ihm einen Reiſewagen bereit zu halten und ihn in die Nähe des Pachthofes zu füh⸗ renz; dann erwartet er, ohne einen Andern zur Un⸗ terſtützung aufzufordern, ungeduldig die Nacht, um ſeine Rache vollziehen zu können. Achtes Kapitel. Das Kunſtfeuerwerk. Es iſt Mitternacht; um dieſe Stunde ſind auf dem Lande nur die Liebhaber, die Diebe und die Hofhunde wach. Lafleur fürchtete keinen Liebhaber und keinen Dieb, und was die Hunde anbetrifft, ſo hatie er ſich mit Kugeln verſehen, an denen ihre Wachſamkeit ſcheitern mußte. Lafleur nähert ſich mit Sicherheit dem Pachthofe. 59 An der Hofmauer ſteht er ſtille und ſchaut ſich auf⸗ merkſam nach allen Seiten um. Er ſieht kein Licht im Hauſe und hörte nicht das mindeſte Geräuſch. In der Ueberzeugung, daß außer Georginen Alles ſchlafe, ſtellt er eine Blendlaterne auf den Boden und legt ein Päckchen neben dieſelbe nieder.(Wir wer⸗ den bald erfahren, welche Bedeutung das Päcchen in dieſer Angelegenheit hatte.) Die Umzäunung des Pachthofes war niedrig und leicht zu überklettern. Lafleur befeſtigt eine Strickleiter, woran ſich zwei eiſerne Haken befinden, an derſelben, nimmt ſeine Laterne und ſein Päckchen, ſteigt hinüber und macht einen Sprung in den Hof. „Beim Henker!“ flüſtert Lafleur vor ſich hin,„beim Henker! Mamſell Georgine, Sie ſetzen mich tauſend⸗ fachen Gefahren aus. Wenn mich dieſe Bauern gewah⸗ ren, hängen ſie mich auf und ich falle als das Opfer Ihrer ſchönen Augen. Allein ich habe gelobt, Sie nach Paris zurück zu bringen und ein ehrlicher Burſche hält ſein Wort! Vorwärts!“ Er macht einige Schritte: ein Hund fährt wü⸗ thend auf ihn zu und bellt ihn anz der Kammerdiener, welcher auf dieſen Angriff gefaßt iſt, wirft ihm Ku⸗ geln zu und zieht ſich, bereit, ſeinem Gegner Stand zu halten, hinter alte Fäſſer zurück; aber der arme Cäſar kann der Verſuchung nicht widerſtehen, er ver⸗ ſpeist die Leckerbiſſen, womit man ihn regalirt, und der Genuß derſelben bringt ihm den jähen Tod. Lafleur iritt wieder aus ſeinem Verſteck hervor. Nachdem er ſich von dem Tode des Hundes überzeugt hat, ſchickt er ſich an, Georginens Zimmer aufzu⸗ ſuchen; er beſorgt, Cäſars Gekläffe möchte Jemand aus dem Schlafe geweckt haben; auf dieſen Fall will er von ſeinem Päckchen Gebrauch machen, es iſt ſein letztes Hülfsmittel, er will ſich dieſes auf's Aeußerſte vorbehalten. Was enthielt aber dieſes geheimnißvolle Päckchen? Nur etwas ganz Unſchuldiges, lieber Leſer, wie Du gleich ſehen wirſt: ein Bündel Schwärmer, Fröſche und Raketen, deren Abfeuerung, ohne gefährlich zu ſein, den Pachthof in Aufregung bringen ſollte; denn während des Lärmens, Geſchreies und Rauches beab⸗ ſichtigte Lafleur Georgine zu entführen, falls es ihm nicht auf ruhigere Weiſe möglich ſein ſollte. Schon mehrere Male war Lafleur rings um das Haus herumgegangen und hatte aufmerkſam nach den Fenſtern geſchaut. Georginens Fenſter führen ohne Zweifel hinten hinaus; es ſind aber mehrere. Zwei Stiegen führen in das erſte Stockwerk: welche ſollte er hinaufgehen? Es wäre gefährlich geweſen, an eine Thüre zu klopfen. Lafleur ſchwankt, endlich öffnet man ein Fenſter. Goorgine iſt es wahrſcheinlich, ſie wird ihn gehört haben; aus Furcht jedoch, ſich aber⸗ mals zu irren, und des Abenteuers vom Morgen ge⸗ denkend, entfernt ſich Lafleur vom Fenſter, ſtellt ſich gegenüber, und erwartet, daß man ſich zu erkennen gebe, damit er ſich zeigen könne. Es erſcheint in der That ein Frauenzimmer an dem Fenſter; Lafleur lauſcht.„Cäſar! Cäſar! O mein Goit, was iſt denn dem armen Hund geſchehen? 641 Ich habe ihn doch bellen hören! Cäſar!... o weh! das iſt mir nicht ganz klar! ich muß nachſehen, was ihm iſt.“ 3 Damit macht man das Fenſter wieder zu.„Ver⸗ fluchte Alte!“ ruft Lafleur aus, der Urſula erkannt hat,„mußt Du mir denn überall in den Weg treten und alle meine Plane zerſtören? Ich ſtehe übrigens nicht von meinem Vorhaben ab. Ich muß mich auf etwas beſinnen. Die Alte wird herunter kommen, ihren Hund todt finden und Lärm im Pachthofe auf⸗ ſchlagen! Damit ich dieſes verhindere, muß ich ſie in Schrecken jagen und ſie nöthigen, meinen Abſichten zu dienen.“ Der Kammerdiener ſtellt ſich in eine Ecke des Hofes; in der einen Hand hat er ſeine Laterne und ſein Feuerwerk, in der andern einen großen Knittel, den er vom Boden aufgehoben. Die Alte kommt 4 eine der Hintertreppen herunter und nähert ſich La⸗ fleur. Urſula trägt ein Licht; ſie iſt im größten Ne⸗ gligé: eine einfache Nachtjacke birgt, ohne ſie ganz zu verdecken, ihre keuſchen Neize; ein kurzer wollener Unterrock ſchmiegt ſich an ihre nicht mehr verführe⸗ riſchen Formeg; der Anblick deſſen, was er ſieht, iſt nicht geeignet, Lafleur von ſeinen Racheplänen ab⸗ zubringen. Urſula geht auf das Hundehäuschen zu, ſie durch⸗ ſucht es, aber es iſt kein Cäſar da. Sie blickt um ſich her, und ſieht das arme Thier auf dem Boden ausgeſtreckt. Sie ſtößt einen Schrei aus:„O 1 n Paul de Kock. XLII. 8 Se 62 Gott, der arme Cäſar iſt todt, man hat ihn vergif⸗ tet. Es müſſen Räuber im Hauſe ſein, ich will ſchnell hinein eilen!...“—„Schweig! verfluchte Alte, oder ich haue Dich nieder!“ Urſula blickt in die Höhe: Lafleur ſteht vor ihr und bedroht ſie mit dem ſchweren Knittel. Sie ſinkt auf die Kniee nieder und ſtößt mit dem Kopfe an den Boden an. „Potz Kukuk! erſchreckt nicht ſo, ich bin kein Dieb.“—„Ihr wollt Euch wohl für einen ehrlichen Mann ausgeben!“—„Ich trachte nicht nach Eurem Gelde.“—„Und habt unſern armen Cäſar getödtet!“ —„Ihr müßt mir gehorchen oder ich haue Euch todt, um Euch dafür zu beſtrafen, daß Ihr mir ein Nacht⸗ geſchirr über den Kopf geſchüttet habt!“ Hier erhebt Urſula die Augen und ſcheint, als ſie Lafleur erkennt, minder erſchrocken.„Wie, Sie ſind es, auf den ich dieſen Morgen...“—„Ja, ich bin es; habt Ihr geglaubt, das gehe Euch nur ſo hin?“ —„Wie! Sie ärgern ſich über eine ſolche Kleinig⸗ keit!“—„Kleinigkeit! mich von Kopf bis zu Fuß zu durchnäſſen!“—„Ach! ich verſichere Sie, es war nur..“—„Schweigt!... und führt mich augen⸗ Plicklich in Georginens Zimmer.“— eWen n 7⸗—* 3„Das geht Euch nichts an.“—„Aber...“—„Kein aber, oder ich haue drein... Marſch, durwarue Urſula, welche keinen Widerſtand wagte, ſchien ergeben; ſie fordert Lafleur auf, ihr zu folgen, über den Hof, erſt eine Treppe hinauf, dann 8 eine zweite, durch einen r langen Gang hindurch 63 und hierauf wieder eine kleine Stiege hinab. Lafleur wird ungeduldig. „Was für einen Teufelsweg führt Ihr mich?“—* „Ach! wir haben die Kleine an einen ſehr verſteckten Ort einquartiert.“—„Das ſcheint mir ſo.“—„Damit man das Neſt nicht ſo leicht ausnehme.“—„Ihr habt Euch überflüſſige Mühe gegeben.“—„Mein Gott! Sie ſind aber gar zu ſchlau für uns!... Doch hal⸗ ten Sie, da ſind wir ſchon.“ Sie ſtanden jetzt vor einer Thüre am Ende eines langen Ganges. Urſula klopfte laut. Vergebens er⸗ mahnte ſie Lafleur, nicht ſo viel Lärm zu machen; die Alte pochte fort und ſchrie, ſie ſei draußen.— „Parbleu! ſagt Lafleur, Euretwegen wird ſie nicht aufſtehen!“ Damit fing er auch an zu rufen und an dem Schloß zu ſchnallen. Endlich wurde der Lärm innerhalb gehört. Ur⸗ ſula will ſich nun entfernen, indem ſie ſagt, Lafleur werde ihrer Dienſte nicht mehr benöthigt ſein; aber dieſer hält ſie am Arm und kündigt ihr an, daß ſie den Reſt der Nacht in Georginens Zimmer zubringen müſſe, in welches er ſie einſchließen werde, weil es ihr ſonſt einfallen könnte, ſich des Mädchens Flucht * entgegen zu ſetzen. Arſuula ſcheint ärgerlich und bleibt mit Zittern ſte⸗ hen, denn Lafleur läßt ſie nicht los. Nach einiger Zeit geht die Thüre auf und an der Stelle Georgi⸗ lhu ſieht Lafleur drei Knechte des Pachthofes hera reten. 3 .„Ergreift dieſen Schurken, meine Kinder,“ ru — ———— 5 64 Urſala, während ſie ſich von ihrem Feinde loszuma⸗ chen ſucht, aber dieſer packt, wüthend und beſchämt, daß er ſich hat anführen laſſen, die Alte um den Leib, hebt ſie in die Höhe und ſchleudert ſie den Angreifen⸗ den entgegen... Die Bauern weichen vor dieſer Laſt zurück, zwei beugen ſich unter ihr und verlieren ihren feſten Standpunkt. Allein alsbald erheben ſich die Banern und die Alte wieder: man eilt Lafleur nach; dieſer hat nur Zeit, über Hals und Kopf die Treppe hinabzurennen. Unten angekommen, will er über die Mauer hinaus⸗ ſpringen, ſeine Beine verſagen ihm aber vor Schrecken den Dienſt, ſeine Strickleiter findet er nicht mehr, er hört die Knechte vicht hinter ſich, in einem Momente iſt er in ihrer Gewalt. Er ſieht eine Thüre offen ſtehen, es iſt eine Holzſtallthüre, er hat keine Wahl mehr, eilt hinein und ſchließt ſie ſo gut als möglich hinter ſich zu. Kaum befindet er ſich im Holzſtalle, ſo gelangen die Knechte in den Hof. Man ſucht ihn in allen Ecken und Winkeln.„Er muß ſich im Holzſtall ver⸗ borgen haben,“ ſagt eine Stimme, an welcher Lafleur Urſula erkennt. Die Landleute ſchlagen an die Thüre, mit weni⸗ gen Streichen wird ſie erbrochen ſein; die Gefahr iſt fürchterlich. Lafleur hat nur noch ein Hülfsmittel übrig, er nimmt ſeine Zuflucht zu demſelben. Ohne zu bedenken, welche Gefahren das Losplatzen des Feuer⸗ werkes an einem mit Holz angefüllten Orte nach ſich ziehen kann, legt er ſein Päckchen in eine Ecke des — 65 Holzſtalles, entfernt ſich ſo weit als möglich davon, macht aus Wolle, womit er ſich verſehen, eine Lunte, zündet mit der Laterne, die er glücklicher Weiſe nicht aus den Händen gelaſſen hat, dieſelbe an, und da das Feuer nur langſam um ſich greift, hat er noch Zeit genug, die Thüre aufzumachen und ſich aus dem Holzſtall zu entfernen, ehe das Haus in Brand ſteht. Wie die Landleute Lafleur herauskommen ſe⸗ hen, glauben ſie, er wolle ſich freiwillig ergeben; ſie packen ihn am Kragen und ſchicken ſich bereits an, ihn für ſeine Streiche büßen zu laſſen, als mit einem Male ein fürchterlicher Knall ertönt; das ganze Haus wird davon erſchüttert, die Holzſtallthüre mit Gewalt und Gekrach in alle Weite hinausgeſchleudert; die Bauern wälzen ſich mit entſetzlichem Geſchrei auf dem Boden. Während ſie ſchreien, außer ſich umherſtür⸗ zen und davon fliehen, ſchaut Lafleur nach allen Fen⸗ ſtern; er erblickt Georgine.„Schnell! vorwärts!“ ruft er ihr zu,„man muß den Augenblick der Beſtürzung zu Ihrer Rettung benutzen.“—„Aber, Lafleur, ich bin im Hemde...“—„Eil was ſchadet es? nehmen Sie Ihre Kleider auf den Arm, Sie können ſich unter⸗ wegs anziehen.“. Georgine befolgt Lafleurs Rath. Während er auf ſie wartet, ſieht er mit Staunen einen dicken Rauch aus dem Holzſtall aufſteigen und die Flamme hinaus⸗ ſchlagen. Der Kammerdiener wundert ſich über die Wirku ſeiner Fröſche, er ſieht traurige Folgen voraus, aber das Unglück iſt geſchehen; es handelt ſich jetzt nur ——— noch darum, es zu ſeinem Vortheil zu benutzen. Geor⸗ gine kommt, ſie hat in der Eile ein Kleid über ſich her geworfen, erſtickt aber faſt in dem Rauche, der mit jedem Augenblicke zunimmt.„O mein Gott! Lafleur, was iſt denn das?“—„Nichts, Fräulein, als ein Scherz von mir.“—„Aber dieſes Feuer?“ —„Machen Sie ſich keine Sorgen! Es iſt nur ein Kunſtfeuerwerk, in fünf Minuten ſieht man keine Spur mehr davon. Laſſen Sie uns dieſe Verwirrung zur Flucht benutzen.“—„Ich habe den Gartenſchlüſſel bei mir.“—„Um ſo beſſer, dort bemerkt man uns nicht.“ Die Flüchtigen eilen in den Garten; ſie haben ihn bald durchſchritten und befinden ſich im Freien. La⸗ fleur treibt Georgine an bis zu dem Orte, wo der Wagen ſteht; das junge Mädchen ſteigt ein. Lafleur wendet ſeine Blicke vorher noch auf den Pachthof zu⸗ rück: das Haus ſteht in Flammen; die Dunkelheit der Nacht verleiht dieſem Schauſpiele noch etwas Entſetzlicheres. „Potz Teufel!“ denkt Lafleur bei ſich ſelbſt,„mein Kunſtfeuerwerk iſt größer geworden, als ich beabſich⸗ tigte. Ach! Fräulein Georgine, Sie kommen Man⸗ chen theuer zu ſtehen!“.. In der Furcht, daß die durch den Brand verur⸗ ſachte außerordentliche Helle Georgine auf die Ver⸗ muthung des Geſchehenen bringen könnte, befahl La⸗ fleur ſeinem Kameraden, ſie im Galopp davon zu füyren und bald verlor er den Schauplatz ſeiner Hel⸗ denthaten aus den Augen. * —.,— 67 Neuntes Kapitel. Ein Geſpräch. „Nun, Fräulein, da wir in gehöriger Entfernungg von dem Pachthofe ſind und ich beruhigter bin, will ich Sie von Allem unterrichten, was für Sie zu wiſ⸗ ſen nöthig iſt.“—„Ich höre, Lafleur.“—„Vor allen Dingen führe ich Sie nicht in die Arme des Mar⸗ quis von Saint⸗Ange, und zwar aus einem ſehr ein⸗ fachen Grunde, denn der gnädige Herr iſt todt.— „Er iſt todt!.. Saint⸗Ange iſt geſtorben!“—„Ja⸗ Fräulein. Sie bedauern es, das glaube ich; es hat mir auch wehe gethan, und ich bin doch ſonſt eben nicht feinfühlend!“—„Ach! Lafleur, warum haben Sie mir das nicht früher geſagt?... Wenn ich von Saint⸗Ange's Tod unterrichtet geweſen wäre, ſo hätte ich nie eingewilligt, Ihnen...“—„Mir zu folgen, wahrſcheinlich? Eben aus dieſem Grunde habe ich es Ihnen nicht geſagt. Ich will Sie an einer Thorheit verhindern. Sehen Sie, Fräulein, Herr von Saint⸗ Ange iſt todt, das iſt ein Unglück; Sie betrauern ihn, das iſt in Ordnung. Sie müſſen aber nicht glauben,⸗ es ſei in der Welt ſonſt Niemand liebenswürdig als er. Es gibt in unſerm Jahrhunderte eine Maſſe hübſcher junger Herren; auch viele, die durch ihren Reichthum verführen und dabei dumm und lächerlich ſind; und thörichte Greiſe, welche allmälig den Ver⸗ ſtand verloren, junge Stutzer nachäffen und glauben, man ſehe ihre Runzeln nicht, weil ſie falſche Waden haben, trifft man im Leben ſo manche. Wohlan! 7* ———C—C—ℳ— 68 Fräulein, ein junges, hübſches, kluges Frauenzimmer regiert dieſe drei Klaſſen von Männern nach ihrer Laune. Die erſten nehmen das Herz in Anſpruch: für ſie findet man mitten in dem Treiben und Ge⸗ tümmel der Geſellſchaft einen Augenblick, wo man ein Gefühl empfindet, welches zwar nicht von Dauer, aber wahrhaft iſt. Die zweiten dienen als Spiel⸗ zeug: ihre Albernheit und Einfalt ergötzt Einen, man lacht ihnen, ohne daß ſie es gewahr werden, in's Ge⸗ ſicht, und heißt ſie, was man will. Ihre Eitelkeit läßt es nicht zu, daß ſie glauben, man wolle ſie verſpotten. Die dritten endlich, deren man ſich aus Mitleid erbarmt, verdienen übrigens von ihrer Thor⸗ heit geheilt zu werden, auch bezahlen ſie für die beiden andern, und ſterben gewöhnlich im Elend, wenn ſie nicht das Uebermaß und die Ausſchweifung verhin⸗ dert, ihre tolle Lebensweiſe fortzuſetzen. „Sie ſind ein Frauenzimmer, welches im Stande iſt, derartige Leute wie die ebenerwähnten am Gän⸗ gelbande zu führen. Ich habe Sie auf den erſten Blick beurtheilt; ich habe weder einen Grund, Ihnen zu ſchmeicheln, noch ſie zu täuſchen, ich bin nicht in Sie verliebt; ich ſage Ihnen die Wahrheit und for⸗ dere Sie auf, meinen Rathſchlägen zu folgen. Es iſt nicht nöthig, daß Sie auf einen Pachthof verküm⸗ mern, weil der Herr Marquis geſtorben iſt. Sie ſind zum Glänzen geboren und Sie werden es auch. Trock⸗ nen Sie Ihre Thränen: man darf die Todten be⸗ aufopfern.“ trauern, aber ihnen nicht das Glück ſeines Lebens 42 3 1 * 1 69 „Wahrhaftig, Lafleur, Du predigſt ſehr gut. So haſt Du das gelernt?“—„Ei, Fräulein! mit glück⸗ lichen Anlagen bildet man ſich im Vorzimmer ſowohl als im Salon. Ich bin mit der Gabe der Beredt⸗ ſamkeit geboren und wäre jetzt vielleicht ein berühm⸗ ter Advokat, wenn mein Vater, das heißt der Gatte meiner Mutter, nicht eines Tages entdeckt hätte, daß ſie ihm mit ihrem Zeichenlehrer Hörner aufſetzte. Der theure Mann ließ in ſeiner Entrüſtung ſeine Frau verhaften. Dieß ging damals noch wegen ſo kleiner Vergehen; heutzutage ſieht man einen Mann, der ſeine Frau wegen Ehebruch Lerklagt, wie einen Toll⸗ häusler an. Meine Mutter ſtarb aus Gram, weil ſie das Jeichnen nicht mehr lernen durfte; mein Va⸗ ter ruinirte ſich mit leichtſinnigen Mädchen, um den Schimpf zu vergeſſen, der feinem Haupte angethan worden. Die Courtiſanen ſteckten ihn mit Galante⸗ rien an, die ihn ad patres ſchickten. Ich blieb allein und hülflos zurück, und war zu einer Zeit, wo ich ſelbſt hätte bedient werden ſollen, glücklich, daß ich eine Stelle als Diener fand, und das Alles nur, weil meine Frau Mutter auf Fächer zeichnen 5e n Unbeſtändigkeit der menſchlichen Dinge!.. ch keh⸗ ren wir zu Ihnen zurück: Sind Sie jetzt beruhigt, daß Sie mir gefolgt ſind?“—„Ich muß wohl; Du haſt 3 mir aber...“—„CEin prachtvolles Hotel und eine glänzende Equipage verſprochen, das ſoll Ihnen wer⸗ den.“—„Und Dein Herr?“—„Ach! der geht in den Kauf.“—„Wie?“—„Er gehört zu der dritten Klaſſe der Individuen, die wir vorhin beſprochen —— ——,— 3 e haben.“—„Wie! Dein Herr...“—„Iſt alt, häß⸗ lich, dumm und lächerlich.“—„Ich danke Dir für eein ſolches Geſchenk.“—„Das iſt es in der That, beklagen Sie ſich nicht darüber! Ein ſolcher Mann iſt ein wahrer Schatz für ein junges Frauenzimmer. Bedenken Sie, daß er reich iſt und daß Sie Alles mit ihm anfangen können, was Sie nur wollenz denn ich muß Ihnen geſtehen, daß er in Sie verliebt iſt, verliebt bis zum Wahnſinn...“—„Aber, Lafleur, ich werde ihn nie lieben können.“—„Ei! wer ſpricht denn von Liebe; ach! ich ſehe wohl ein, daß ich Ih⸗ nen noch manchen Unterricht geben muß! Wer Teu⸗ fels hat Ihnen denn weiß gemacht, daß man die Leute lieben müſſe, mit welchen man ſich ſeines Vor⸗ theils wegen verbindet? Die zwei ſeltenſten Dinge in der Welt ſind treue Liebe und uneigennützige Freund⸗ ſchaft. Ein junger Mann, der eine reiche Erbin hei⸗ rathet, ein Ausſchweifling, der eine Unſchuld verführt, die Hinterbliebenen, welche einen alten Verwandten beweinen, die Schüler, welche ſich vor dem vernei⸗ gen, der ihnen die Ruthe gibt, die junge Gattin, nedeen alten Mann liebkost, ſind lauter Leute, die Li nd Freundſchaft heucheln, wovon ſie nichts empfinden! Die Welt iſt aus Grimaſſen und Zwang zuſammengeſetzt, die man Höflichkeit und Anſtand nennt. Durch einen unaufhörlichen Austauſch von Complimenten und Freundſchaftsverſicherungen hälts ſich die Geſellſchaft gegenſeitig. Der Weiſe würdigt Alles nach ſeinem wahren Werthe: er vergleicht die Leute mit jenen Schauſpielern, die, nachdem ſie eine 71 Liebesſcene auf der Bühne geſpielt haben, ſich hinter ddeen Couliſſen beohrfeigen! Wir ſpielen in der That Alle Comödie; der einzige Unterſchied iſt, daß wir nie die Entwickelung des Stückes vorausſehen, welche bisweilen in einem Augenblick eintritt, wo wir am wenigſten darauf gefaßt ſind.“ „Alſo dürfen wir nie glauben, was man uns ſagt, Lafleur?“—„Doch, Fräulein, denn es gibt Ausnah⸗ men. Wenn Ihre Putzmacherin zu Ihnen ſagt: Ihr Kopfputz ſei ſchlecht; Ihre Nähterin: Ihr Kleid ſitze nicht recht; Ihre Zofe: Sie hätten einen bleifarbigen Teint; Ihr Arzt: er verſtehe nichts von Ihrer Krank⸗ heit; Ihr Liebhaber: er ſei Ihnen untreu, dann dür⸗ fen Sie es glauben, denn Sie haben kein Intereſſe dabei, Sie hierin zu täuſchen. Der Eigennutz, Fräu⸗ lein, iſt der Hauptbeweggrund der menſchlichen Hand⸗ lungen; es haben dieß Viele vor mir geſagt, ich wi⸗ derhole es nur. Der Eigennutz, der ſeinen Einfluß ſowohl im Salon als im Vorzimmer, ſowohl im Pa⸗ laſte als in der Hütte ausübt, und welcher uns, wenn er nicht durch den Ehrgeiz, eine beinahe eben ſo mäch⸗ tige, aber weit weniger gefährliche Leidenſchaft, in Schranken gehalten, zu vielen Thorheiten verleiten würde, obwohl wir dennoch hinreichend begehen, der Eigennutz... Doch ich laſſe mich von meiner Neigung u Schwatzen hinreißen, zur Sache. Sie werden deer Gegenſtand der unabläßigen Sorgfalt und Zuvor⸗ kommenheit des Herrn von Lacaille ſein.“—„La⸗ caille?... wiel... jenes Sonderlings. Ich erinnere mich, ihn geſehen zu haben! Ich konnte ihn nicht an⸗ A* 4 recht⸗hübſcher Namen, der ſeine Wirkung im Marais —— 72 ſehen, ohne zu lachen.“—„Um ſo beſſer, lachen Sie, wenn er mit⸗Ihnen ſpricht, dann glaubt er, ſeine Scherze ſeien daran Schuld. Sie müſſen Ihren Namen ändern. Georgine paßt nicht mehr zu der großartigen Rolle, die Sie jetzt ſpielen werden. Sie heißen von nun an Madame Roſambeau.“—„Ma⸗ dame? und warum nicht Fräulein? Du weißt wohl, daß ich nicht verheirathet bin, Lafleur.“—„Eil den⸗ ken Sie denn gar nicht an den Anſtand. Wahrhaf⸗ tig, Herr von Saint⸗Ange hat Sie nicht viel gelehrt! Worin hat er Sie denn in's Teufels Namen unter⸗ richtet?“—„In der Liebe.“—„Das iſt allerdings eine hübſche Kunſt, aber Jedermann verſteht ſie. Heut⸗ zutage weiß ein fünfzehnjähriges Mädchen eben ſo gũüt, waãs Viebe als ane dreißigjährige Frau; die⸗ ſes Talent iſt ſo allgemein geworden, däß ma tẽin Nutzen mehr daraus ziehen kann. Ich glaube übrigens durchaus nicht, daß Sie Luſt haben, den Herrn von Lacaille zu lieben.“—„O nein!“—„Er ſoll Sie lieben. Sie heißen alſo Frau von Roſambeau, ein — nicht verfehlen wird. Sie ſind Wittwe und mit Herrn von Lacaille verwandt.“=„Wozu das Alles?“— „Herr von Lacaille will Sie in Gefellſchaft führen, nicht als ſeine Maitreſſe, das wäre unſchicklich, ſon⸗ dern als ſeine Anverwandte; man wird ſich allerdings mancherlei denken, aber das iſt gleichgültig, der An⸗ ſtand iſt beohachtet, und das iſt die Hauptſache; be⸗ denken Sie überdieß⸗ daß man Frauenzimmer, welche wie Sie ihren Reichthum ihren Reizen. verdanken, 73 im gemeinen Leben unterhaltene Dirnen nennt, wäh⸗ rend ich unter dem Tſtel einer Verwandten des Herrn von Lacaille eine rechtſchaffene Perſon aus Ihnen mache.“—„Bin ich darum weniger Georgine?“— „Nein, für ſich ſelbſt ſind Sie die nämliche, aber, wie geſagt, man muß das Decorum beobachten!“— „Und Lacaille, der alte Narr, weiß auch, wer ich bin.“—„Ja, aber man kann nicht wiſſen, vielleicht kommt ihm der Einfall, Sie zu heirathen!“—„Mich zu heirathen. Ach großer Gott, das wäre mir ſehr leid!“—„Leid! Sie kennen die Welt noch nicht! Wie viele Frauenzimmer an Ihrer Stelle würden ſich ſehr glücklich ſchätzen, einen alten Mann zu fin⸗ den, der Ihnen nebſt einem großen Vermögen den Titel als Gemahlin antrüge, womit Sie alle Ihre ver⸗ gangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Thorheiten bedecken könnten. Aber nein! jene vom Vergnügen äbgeſtumpften Weiber, von deren tollen Streichen ſchon die ganze Hauptſtadt geſprochen hat, finden nur ſolche eempfindſame Männer, welche ſich überglücklich fühlen, in den Beſitz einer Schönheit zu gelangen, deren während dagegen rechtſchaffene ädchen ſeufzend harren müſſen, bis ſich ein Mann für ſie zeigt, welcher Art er dann auch ſei; oft ſehen ſie ihren Frühling und ihren Sommer verſtreichen, ohne daß ſie von ihrem Jungfrauenſtande erlöst wurden. Arme Mädchen! was nützt euch Schamhaf⸗ tigkeit und Tugend„da ſolche, welche dieſe Eigen⸗ u ee. Gunſt ſchon vierundzwanzig Andere genoſſen haben⸗ ³ uñd M zü ED— welcheü 3 ——— —— — — 74 8 4 ſchaften nicht beſitzen, vor euch Männer bekommen! Allein, kurz gefaßt, Fräulein Georgine, ich weiß nicht, ob mein Hexr Sie heirathen will, Sie mögen thun, was Ihnen gefällt, ich habe Sie über das, was Sie erfahren mußten, in's Klare geſetzt, das Weitere bleibt Ihnen überlaſſen.“—„Ja, mein lieber Lafleur; da Du nun aber mit Deinen Lehren zu Ende biſt, will ich Dich auch von einem höchſt wichtigen Umſtande unterrichten, worüber ich mich bei Dir Raths erholen muß.“—„Reden Sie, Fräulein, ich höre.“—„Ich fü⸗ ichte, das möchte Deine Pläne einigermaßen ver⸗ eitein.“—„Nicht möglich!“„Wahrhaftig, ich wage es nicht, mich auszuſprechen.“—„Seien Sie doch nicht ängſtlich.“—„Ich weiß nicht, wie ich mit meinem Geſtändniß herausrücken ſoll.“—„Vorwärts, ſeien ie doch nicht ſo kindiſch.“—„Im Gegentheil, Lafleur.„—„Wie! im Gegentheil?“—„c. fühle mich Mutter A„Was Teufels! Sie wären in ger?— 2 ch mein Gott, ja!“—„Und das wag⸗ nñ Sie mir nicht zu ſagen? Das iſt ja eine Klei⸗ nigkeit; ſolche Dinge geſchehen alle Tage, das darf Sie nicht betrüben!“—„Ach, Lafleur, Du flößt mir Muth eim—„Ich geſtehe jedoch, daß dieſer Um⸗ ſtand einige Vorſicht in unſerem künſtigen Betragen erfordert. Vor allen Dingen darf es Herr von La⸗ caille nicht wiſſen. Die Ausſchweiflinge zählen die— Jahre einer Frau nach der Zahl der Kinder, welche ſie geboren hat, doppelt, und wenn ſie ſich die Va⸗ . terſchaft uihnu er en können, ncht es ihre Liebe eralten ——O— 75 würden wir es Herrn von Lacaille in Anrechnung bringen und dieſer es ſtolz und dankbar auf ſich neh⸗ men; wir können aber nicht mehr daran denken, es iſt alſo beſſer, man hält ihm die Sache geheim.“— „Wie machen wir das?“—„Es gibt nichts Leichte⸗ res! Herr von Lacaille läßt ſich ſo einfältig hinter⸗ gehen, daß man ihm Alles weiß machen kann. Sie gehen einige Zeit auf's Land, ſchützen dann eine Krank⸗ heit oder ſonſt etwas vor.“—„Was fange ich aber mit dem Kinde an?“—„Ach, mein Gott, was Sie wollen; ich habe in meinem Leben viele Kinder ma⸗ chen helfen, habe ſogar ſelbſt einige gemacht, mich aber nie darum bekümmert, was aus ihnen gewor⸗ den iſt. Seien Sie übrigens beruhigt. Paris iſt eine ſehr bequeme Stadt; da die unverheiratheten Frauenzimmer daſelbſt häufig Kinder bekommen, ſo hat man ein Hoſpitium zur Aufnahme dieſer Früchte der Verirrung eines empfindſamen Herzens begrün⸗ det, und in Paris ſind die Frauen ſehr empfindſam, 4 deßhalb gibt es auch ſo viele Findelkinder. Hier halten wir aber ſo eben vor dem für Sie beſtimm⸗ ten Hotel; bedenken Sie, daß Sie jetzt nicht mehr Georgine, ſondern Frau von Roſambeau ſind.“ 8 3 Zehntes Kapitel. Armer Karl! Während Georgine, Lafleurs Rathſchlägen über⸗ laſſen, abermals den Pachthof und ihre Wohlthäterin flieht, um ſich rückhaltlos ihrem Hange nach Vergnü⸗ gen hinzugeben, wollen wir ſehen, was der arme Karl⸗ der ſeltene Liebhaber einer Frau, wie es ſo viele gibt, macht! Da er ſich von Gensdarmen verfolgt glaubte, ſetzte er ſeinen Weg mehrere Tage unaufhaltſam fort, end⸗ lich quartierte er ſich in einem Dorfe in das Haus eines Landmannes ein. Die maleriſche Lage der Hütte gefiel ihm, und er beſchloß, in dieſem Orte zu ver⸗ weilen, bis er ſich wieder ohne Gefahr zu ſeiner ar⸗ men Georgine zurückbegeben konnte. Karl langweilte ſich in der Einſamkeit nicht, denn ein Liebhaber iſt eigentlich nie allein; das Bild des geliebten Gegenſtandes begleitet ihn überall. Nie iſt ihm die Zeit, ſich ſeinen Betrachtungen hinzugeben, zu lange; immer füllt er ſie mit verliebten reizenden Träumen aus; er ſucht die dichteſten, Wälder, die einſamſten Spaziergänge auf; je entfernter er von gleichgültigen Weſen iſt, je näher glaubt er ſich bei ſeiner Geliebten. Bisweilen wünſcht man zwar auch ſein Herz in den Buſen einer verſchwiegenen Vertrau⸗ ten auszuleeren. Baptiſt war der Vertraute ſeines Herrn. Allerdings lag dem kleinen Jokey, der nicht verliebt war, wenig daran, jeden Tag von Fräulein Georgine ſprechen zu hören, allein man muß mit Ver⸗ liebten, Schriftſtellern, Invaliden und alten Koket⸗ ten— Geduld haben. 3 Karl war ein Narr, ſich einer Leidenſchaft für ein Weib, welches ſeiner Liebe nicht würdig ſchien und die ihm bis dahin nur Kummer verurſacht hatte, hin⸗ * 77 zugeben. Aber Karl war erſt zwanzig Jahre alt und ganz unerfahren. Georgine war ſeine erſte Liebe, und ein glühendes Herz und eine lebhafte Einbildungskraft verrücken einen jungen Kopf leicht. Eine unerwartete Perſon erweckte Karl aus ſeinen verliebten Träumereien. Eines Tages ſah er, als er im Walde ſpazieren ging, einen Mann einherkrei⸗ ten; dieſer Mann näherte ſich: es war Dumont, der vertraute Diener ſeiner Eltern. „Wie! Du biſt es, Dumont?“—„Ja, gnädiger Herr.“—„Welcher Zufall führt Dich her! Wie konnteſt Du wiſſen, daß ich mich hier befinde?“— „Meiner Treu, gnädiger Herr, Ihre Frau Mutter hat mir den Auftrag gegeben, Sie hier aufzuſuchen.“ —„Meine Mutter? Wie konnte denn ſie wiſſen?“... —„Das iſt mir unbekannt, gnädiger Herr; ich ſoll Ihnen jedoch dieſes Schreiben von der Frau Mar⸗ quiſin überreichen.“—„Einen Brief? gib ihn ſchnell her, Dumont.“ 3 Karl nimmt den Brief haſtig. Dumont wünſcht ſich heimlich Glück, daß er die Fragen ſeines jungen Herrn ſo geſchickt zu beantworten gewußt hat. Man weiß, daß Dumont Karln auf der Spur nachfolgte; da er aber in ſeinen Jahren nicht mehr ſo flink war, als der, den er beſpionirte, ſo hatte er das Duell nicht veerhindern können, weil er es erſt den Tag nach Saint⸗Ange's Tode erfuhr; übrigens hatte er Frau von Merville eine getreue Schilderung von Karls Handlungen abgelegt und dieſer Bericht war nicht günſtig für Georginen ausgefallen. Paul de Kock. XLII. 6 Karl war über den Inhalt des Briefes von ſei⸗ ner Mutter im höchſten Grade erſtaunt; er erſah aus demſelben, daß ihr Georginens Betragen bekannt war. Frau von Merville warf indeß ihrem Sohne nichts vor, als daß er ſein Leben und das Glück ſeiner Eltern eines Frauenzimmers wegen, welches ſeiner Liebe nicht würdig ſei, auf's Spiel geſetzt habe. Sie hoffte, daß er, von ſeiner thörichten Leidenſchaft ge⸗ neſen, in den Schooß ſeiner Familie zurückkehren werde, welche eine tugendhafte, hübſche, ſanfte, gut⸗ müthige, durchaus nicht eitle Gemahlin für ihn wiſſe, deren liebenswürdige Eigenſchaften das Bild des Frauenzimmers, welches er bisher geliebt, bald aus ſeiner Seele verwiſchen würden. Nachdem Karl den Brief durchleſen hat, wendet er ſich barſch an Dumont:„Wißt Ihr, wer meine Mutter von den Details, welche dieſer⸗Brief ent⸗ hält, hat unterrichten können?“ Dumont erröthet und verräth ſeine Verwirrung; Zorn und Wuth drücken ſich auf dem Geſichte ſeines jungen Gebieters aus. Dumont ſieht ein, daß ihm die Klugheit Schweigen auf⸗ er gt, und ſtammelt daher nur ein:„Nein, gnädi⸗ er Herr.“—„Genug, Ihr könnt wieder gehen.“— „Will mir der gnädige Herr keine Antwort für meine liebe Herrſchaft mitgeben?“—„Nein.“—„Was ſoll ich denn lagen?“—„Was Ihr wollt.“—„Aber, ggnädiger Herr...“—„Laßt mich in Ruhe.“ Dumont entfernt ſich traurig; doch trotz dem, daß er ermüdet vom Herwege, will er wieder zu Pferde ſteigen, als Karl, das rauhe Weſen bereuend, mit 4 5 79 welchem er den alten treuen Diener behandelt hat, ſich anders beſinnt, ihm nachläuft und ihn zurückhält. „Du biſt ermüdet, Dumont; warum willſt Du ſo ſchnell wieder fortgehen? ruhe einige Tage hier im Dorfe aus.“—„Der gnädige Herr ſind ſehr gütig⸗ aber Frau von Merville iſt zu ſehr auf den Erfolg meiner Reiſe geſpannt; ſie war der Meinung, mich nicht allein zurückkehren zu ſehen!“—„Du kannſt ihr ſagen, ich folge Dir auf der Ferſe und werde in wenigen Tagen im Schloſſe anlangen.“—„Wie? wirklich, gnädiger Herr; dieſe gute Nachricht läßt mich meine Müdigkeit vergeſſen, ich eile, ſie der gnä⸗ digen Frau zu überbringen.“—„Gut, Dumont.“— „Ach! die Frau Mutter hat Sie ſo gerne! ſie wird ſich außerordentlich freuen, Sie wieder zu ſehen. Sie ſprach immer von Ihnen mit mir. Wenn er nur, ſagte ſie oft, dieſes Mädchen vergißt...“—„Geh, Dumont.“—„Ja, gnädiger Herr, ich gehe.“ T Dumont ſteigt auf's Pferd und trabt davon. Karl bleibt, unſchlüſſig, was er thun ſoll, allein zurück. Er hat den Brief in der Hand und überliest ihn noch einmal. Er iſt der Anſicht, daß ſeine Mutter Georginens Unrecht übertreibe; man hat Frau von Merville getäuſcht und Georgine verläumdet. Sie hat allerdings Fehler begangen, aber ſie bereut die⸗ ſelben, ſie iſt wieder auf den Pfad der Tugend zu⸗ rückgekehrt und wird ihn ſicher nicht mehr verlaſſen. Die Stelle in dem Briefe, worin geſagt iſt, man wiſſe eine reizende Gemahlin für ihn, hindert Karln beſonders, in das Schloß zurückzukehren. Der immer 8 noch wahnſinnig in Georgine verliebte junge Mann findet es höchſt ungeeignet, daß man ſich anmaßt, über ihn zu verfügen. In Folge deſſen faßt er den Entſchluß, in den Pachthof zurückzukehren. Wahr⸗ ſcheinlich denkt man nicht mehr daran, ihn zu ver⸗ haften; er will Georgine wiederſehen, beurtheilen, ob ſie ſich wahrhaft gebeſſert, und dann, o mein Gott! dann komme, was wolle; ein Verliebter denkt nie ſo weit. Baptiſt ſchickt ſich, als er es erfährt, mit Freuden an, einen Ort zu verlaſſen, wo er ſich langweilt, weil er nicht verliebt iſt. Karl bezahlt die Landleute, welche ihm eine Zufluchtsſtätte eingeräumt haben, großmüthig, und ſchlägt in Begleitung ſeines Jokeys den Weg nach dem Pachthofe ein. Die Reiſenden kamen, nachdem ſie ihre Pferde aden ganzen Tag zum Galopp angetrieben hatten, mit ſinkender Nacht in Bondy an. Von dort war es nicht mehr weit bis zum Pachthofe. Es war gegen das Endve des Herbſtes und düſteres, kaltes Wetter; der ſtrömende Regen hatte beide junge Leute bis auf die Haut durchnäßt. Der arme Baptiſt zitterte vor Froſt auf ſeinem Pferde, er hatte keinen trockenen Faden auf dem Leibe, aber Karl hatte nirgends Halt machen wollen, ſo ſehr drängte es ihn, das Ziel ſei⸗ nes Weges zu erreichen. Er bemühte ſich, Baptiſts Muth zu erwecken.„Komm, noch eine kleine Weile, dann kannſt Du Dich im Pachthofe erwärmen.“— „Mein Gott, gnädiger Herr, Sie ſind auch nicht beſſer dran als ich; der verfluchte Regen, der, wäh⸗ rend er heruntergießt, gefriert, muß Sie auch erſtar⸗ 81 ren machen!“—„Mich, Baptiſt? O ich denke gar nicht daran.“—„Sie ſind glücklich, gnädiger Herr! Ach! ich vergaß, daß Sie verliebt ſind, wodurch man vor der Kälte geſchützt iſt!“—„Du ſcherzeſt, Bap⸗ tiſt.“—„Nein, gnädiger Herr, denn ich bin wahr⸗ haftig nicht zum Spaſſen aufgelegt.“ Unter dieſen Geſprächen kamen die Reiſenden in die Ebene, wo der Pachthof liegt, aber die Nacht iſt ſtockfinſter und es regnet in Einem fort. „Siehſt Du irgendwo Licht, Baptiſt?“—„Ach mein Gott! nein, gnädiger Herr, ich ſehe gar nichts.“ —„Das iſt ſonderbar, wir müſſen uns doch ganz in der Nähe des Pachthofes befinden.“—„Wir ha⸗ ben uns vielleicht verirrt, gnädiger Herr.“—„O nein, gewiß nicht. Das fehlte noch, um unſer Ende herbeizuführen! Trotz der Dunkelheit erkenne ich dieſe Gegend und dieſen Baumſtamm; der Pachthof muß gerade vor uns ſtehen. Komm alſo!“ Sie rückten immer vor, ſahen aber weder das Haus, noch ein Licht.„Das iſt ſonderbar!“ ruft Karl aus.—„Das iſt widerwärtig,“ brummt Bap⸗ tiſt ärgerlich. Karl taſtet umher und fühlt die Trümmer einer Mauer.„Spürſt Du etwas, Baptiſt?“—„Nichts, gnädiger Herr, als den Regen, der mich bis auf die Knochen badet.“—„Wir ſtehen vor den Trüm⸗ mern eines Hauſes.“—„Glauben Sie, gnädiger Herr?...“—„Komm, folge mir.“ Karl reitet an der Mauer hin; in einer Weile befin⸗ den ſie ſich mitten unter Schutt. Steinhaufen hemmen Mauer, die ſie umgeben, ſchützen ſie nicht vor der den Pferden den Durchweg; ſie können nicht mehr reiten: Alles deutet darauf hin, daß dieß die Reſte eines Hauſes ſind. Ein fürchterlicher Gedanke ſteigt in Karls Seele auf; mit Entſetzen betrachtet er die Ruinen, wovon ſie umgeben ſind.„Hier,“ ruft er aus,„ſtand Johanns Pachthof, hier habe ich Geor⸗ gine zurückgelaſſen, o mein Gott, iſt ſie das Opfer dieſes unſeligen Verhängniſſes geworden?“—„Wie, gnädiger Herr, Sie ſind der Meinung, daß wir uns in dem Pachthofe befinden?“—„Ja, Baptiſt, wir ſtehen auf ſeinen Trümmern.“—„Ach Gott, gnädi⸗ ger Herr, was iſt denn während unſerer Abreiſe ge⸗ ſchehen?“—„Ich weiß es nicht! ich begreife nicht, was dieſes Ereigniß herbeigeführt haben mag! Ich wage nicht einen Gedanken zu faſſen! Alles iſt mir ſchrecklich! Ach, Georgine! und Du, gute Thereſe, was iſt aus euch geworden? Ich bin vernichtet, Bap⸗ tiſt!“—„Und ich ſtarr, gnädiger Herr!“ Ganz ſeinen finſtern Gedanken hingegeben, blieb „Karl regungslos mitten unter den Ruinen; bald wünſchte er das Geſchehene zu erfahren, bald fürchtete er ſich davor; weder die Kälte, noch die Ermüdung, noch der in Strömen herabfließende Regen vermochten —⸗ ihn aus ſeinen ſchwermüthigen Betrachtungen zu er⸗ wecken. Baptiſt ſeufzt, wagt nichts zu ſagen und blickt ſeinen Herrn an, deſſen Zuſtand ihn ſchmerzt. Der arme Junge findet es übrigens höchſt unange⸗ nehm, bei einem ſo ſchrecklichen Wetter die Nacht unter freiem Himmel zuzubringen. Die Reſte der 83 Näſſe; ihre Lage fängt an, allzu peinlich zu werden; Baptiſt faßt einen Entſchluß.* „Gnädiger Herr, haben Sie die Abſicht, hier zu bleiben?“—„Wo ſollen wir denn jetzt hingehen, mein armer Baptiſt?“—„Meiner Treu, gnädiger 4 Herr, wohin Sie wollen, es wird überall beſſer 1 ſein wie hier. Wir können die Nacht nicht auf die⸗ ſ ſem Schutt zubringen; was würde Sie dieſes auch nützen, mein lieber Herr; hier können Sie nicht er⸗ fahren, was aus Fräulein Georgine geworden iſt. Warum geben Sie ſich dem Schmerze hin? wir ha⸗ ben ja keinen Beweis, daß ſie bei dieſem Unglück umgekommen iſt, vielleicht kann man uns in dem nächſten Orte Auskunft über ſie geben.“—„Du haſt recht, mein Freund, Du machſt mir wieder Hoffnung. Laß uns dieſen Ort, der einſt der Zeuge meines Glückes war und jetzt nur noch das Bild der Zer⸗ ſtörung darbietet, verlaſſen.“. Baptiſt läßt ſich nicht lange bitten, aus der Nähe der Ruinen ſich zu entfernen: er gibt ſeinem Pferde die Sporen, trabt vor ſeinem Herrn her und führt ihn in's Freie. Wie ſoll er aber mitten in der Nacht ein Obdach finden! Der Himmel erbarmt ſich ihrer und leitet ſie einem Lichte zu. Baptiſt bebt vor Freude, als er es erblickt; er theilt Karln dieſe glückliche Enideckung mit. Man treibt die Pferde ſtärker au, welche nur noch ſo viel Kraft haben, ſich bis zu ei⸗ ner kleinen Hütte zu ſchleppen, wovon das Licht aus⸗ ging, welches ihnen als Leitſtern gedient hatte. Man klopft an die Thüre der Hütte.— Stimme.—„Macht um Gotteswillen auf,“ entgeg⸗ net Karl,„Ihr rettet zwei Reiſenden, welche euch dankbar ſein werden, das Leben.“ Kaum hat er zu ſprechen aufgehört, ſo macht man ein Fenſter auf; ein Weib erſcheint an demſel⸗ ben und ruft:„Ich glaube dieſe Stimme zu erken⸗ nen!“—„Großer Gott!“ ſagt Karl,„das iſt Ur⸗ ſula!“—„Ei, der Herr Karl! warten Sie, warten Sie, ich will Ihnen aufmachen.“ Urſula kommt herunter, Baptiſt iſt ſelig, ein Ob⸗ dach gefunden zu haben; Karl fühlt eine heftige Auf⸗ regung; er wird erfahren, was aus Georginen ge⸗ worden iſt, ſie vielleicht ſehen. Endlich zeigt ſich Urſula: ſie küßt Karl und führt den jungen Mann, während Baptiſt die Pferde unter einen Schoppen bindet, in die Hütte.„Kommen Sie,“ ſagt ſie,„tre⸗ ten Sie zu meiner armen Gebieterin ein. Achl ich hatte meine Hoffnung nur noch auf Sie gegründet! ich war übrigens feſt überzeugt, daß Sie wiederkom⸗ men würden.“ Urſula's Worte ließen Karl einen Theil ſeines Unglücks ahnen; er folgt der Alten zitternd, ſie treten in eine kleine Stube ein, wo Thereſe, neben einem kaum geheizten Ofen ſitzend, mit Spinnen be⸗ ſchäftigt iſt. Sie ſteht auf, eilt Karl entgegen und ſchließt ihn weinend an ihr Herz. Der junge Mann wirft unruhige Blicke um ſich, ſpäht aber vergebens nach Georginen.„Ach!“ ſagt die Pächterin, welche ſeine „Wer iſt da?“ frägt eine heiſere, zitternde 1 4 — Gedanken erräth,„ſie hat mich abermals verlaſſen 16 85— Karl iſt niedergeſchmettert, die Kraft fehlt ihm, weiter zu fragen.„Hören Sie,“ ſpricht Urſula,„das Frauenzimmer iſt es nicht werth, daß man ſich ihret⸗ wegen ſo viel Kummer macht wie Sie. Wenn Sie ſie ſtets ſo richtig beurtheilt hätten wie ich⸗ ſo hätten Sie ſich nicht zwei Mal dran kriegen laſſen. Das Troſtloſeſte an der Sache iſt die Einäſcherung des Pachthofes, denn dieſe⸗verdanken wir ebenfalls Mam⸗ ſell Georginen; ſie ſcheint zum Unglück ihrer ganzen Umgebung geboren zu ſein!“ Urſula erzählt nun Karl Alles, was ſich ſeit ſei⸗ ner Abweſenheit zugetragen hat. Wir wiſſen, daß Lafleur, als er mit unſerer Heldin in den Wagen ſtieg, das Umſichgreifen des Feuers bemerkte und beim Anblick der ſchrecklichen Folgen ſeiner Unbeſon⸗ nenheit ſo ſchnell als möglich davon eilen ließ. Sein Kunſtfeuerwerk war in der That an dem ganzen Unglück Schuld: die Lunte, welche die Rake⸗ ten anzünden ſollte, hatte auf ihrem Wege das dürre Holz im Holzſtall in Brand geſteckt und bald ſchlu⸗ gen die Flammen lichterloh empor. Die Knechte, welche der Knall des Losplatzens mit Entſetzen erfüllt hatte, flohen, ohne den Brand zu gewahren, der alle Theile des Gebäudes ergriff, angſtvoll davon, weil ſie glaubten, der Teufel jage hinter ihnen her. Ver⸗ gebens bemühte ſich Urſula, ſie zurückzuhalten, indem ſie ihnen zurief, ſie möchten ihrer armen Gebieterin beiſtehen: die Exploſion, welche ſie für übernatürlich hielten, hatte die Landleute zu ſehr erſchreckt, als daß ſie Urſula's Stimme Gehör gegeben hätten. Die erfuhren, ſteuerten ſie in aller Eile zuſammen, um arme Magd kehrte allein zu ihrer Frau zurück und half dieſer ſich aus ihrer Stube zu retten, welche bereits zu brennen anfing. Die beiden Weiber ſchrieen nach Hülfe und rannten auf dem Felde umher; wo ſoll man dieſe aber an einem einſam ſtehenden Orte finden! Ihr Geſchrei war vergeblich; dem Feuer konnte kein Einhalt mehr gethan werden. Als die unglückliche Thereſe ſah, daß ſie verge⸗ bens die Vorſehung anrief, ſetzte ſie ſich gegenüber von dem Pachthof an den Fuß eines Baumes nieder, ſchaute hier den Verheerungen des Brandes zu und ſah in kurzer Zeit, ohne es im Mindeſten verhindern zu können, ihr Aſyl, wo ſie einen Theil ihres Lebens zugebracht und die Ruhe ihres Alters zu genießen gehofft hatte, deſſen Verluſt ſie an den Bettelſtab brachte, in Aſche zuſammenſinken. Die Erntezeit war vorüber, alle Speicher des Pachthofes mit Korn angefüllt, Thereſens ganzes Ver⸗ mögen wurde ein Raub der Flammen. Es blieb ihr nichts als die Erinnerung ihrer Wohlthaten, ein trau⸗ riger Troſt in der Dürftigkeit! denn man darf nie auf die Erkenntlichkeit derer rechnen, denen man Gutes gethan hat. Die Einwohner von Bondy waren übrigens menſch⸗ lich; als ſie das der Pächterin zugeſtoßene Unglück ihr ein Obdach und Nahrungsmittel anbieten zu kön⸗ nen. Die Landleute fanden mit Anbruch des Tages Thereſe neben Urſula ſitzend, wie ſie mit düſterem Auge nach den Trümmerm ihrer Wohnung ſchaute —zꝛx r Die Pächterin nahm die Liebesgaben der Landleute ohne Erröthen hin, ſie wunderte ſich nicht über ihr Mitleid; ſie hätte es an ihrer Stelle auch gethan. Urſula wollte ihre arme Herrin nicht verlaſſen und arbeitete ohne Unterlaß zu ihrer Unterſtützung. Für Urſula war die Dankbarkeit ein Vergnügen. Karl hört die Erzählung der guten Alten an, ohne ſie zu unterbrechen; er fühlt ſich niedergedrückt und ſieht mit einem Mal alle Täuſchungen ſeines Herzens ſchwinden. Bald erwacht er jedoch wieder aus dieſem Zuſtande des Stumpfſinnes; Eiferſucht,. Haß und Wuth entflammen ihn. Er ſchwört, ſich an der Ungetreuen zu rächen, ſie überall zu verfolgen, ihr ihr ſchändliches Betragen vorzuwerfrn und ſie dann auf ewig zu verlaſſen; ſie ſoll aber wiſſen, daß er ſie in gleichem Grade haßt und verachtet, als er ſie vorher geliebt hat. Der arme junge Mann war nicht im Stande, dieſe wiederholten Stöße auszuhalten; die erlittenen Anſtrengungen, die mitten im Sturme zugebrachte Nacht hatten ſein Blut entzündet. Am nämlichen Tage ſeiner Ankunft in Thereſens Hütte wurde Karl von einem hitzigen Fieber ergriffen und genöthigt, ſich zu Bette zu legen, wo eine ſowohl durch körperliche als geiſtige Schmerzen herbeigeführte ſchwere Krankheit ſein Leben in Gefahr brachte. 4 Er verfiel in das heftigſte Delirium. Thereſe und Urſula pflegten den Kranken auf's Zärtlichſte. Baptiſt eilte in's Dorf, um einen Arzt zu holen. Unglücklicher Weiſe erkundigte ſich der junge Jokey, 88 der nicht wußte, an wen er ſich wenden ſollte, und doch ſeinem Herrn gerne ſchleunige Hülfe verſchafft hätte, bei einem Barbier nach der Wohnung eines Aeskulaps. Der Barbier war auch Arzt, er glaubte es wenigſtens, und er war geſchickt genug, im Dorfe eine Wunde zu verbinden, eine Aderläſſe zu erthei⸗ len, einen Thee zu verordnen, einen Zahn auszu⸗ reißen, Pillen zuſammenzukneten und ſeinen Kranken ſo gut als ein Anderer unter die Erde zu ſchaffen. Der von ſeinem Verdienſte überzeugte Barbier hü⸗ tete ſich wohl, dem Jokey zu ſagen, wo der Orts⸗ arzt wohnte; er macht dem kleinen guten Manne weiß, er beſorge alle Kranken im Umkreiſe, dann greift er haſtig nach ſeinen Lanzetten, ſeinen Raſir⸗ meſſern, ſeinen Zahnmeiſeln und Pillen(welche alle Krankheiten heilen), ſteckt ſie zu ſich und folgt Baptiſt mit der Verſicherung, daß ſich der Zuſtand ſeines Herrn bald ändern werde. Man langt an der Hütte an. Der Doctor un⸗ terſucht Karl und erklärt, daß er zu vollblütig ſei; daß die Heftigkeit des Fiebers von der Beklemmung der Organe herrühre; daß die mit dem Gehirne cor⸗ reſpondirenden Fibern ſo ſehr angeſpannt ſeien, daß leicht die Hirnſchale des Kranken zerplatzen könnte; daß er verrückt und wahnſinnig werden und einen Blutſturz bekommen könnte, wenn man nicht ſogleich einſchreite, und zu dieſem Ende müſſe man dem Kran⸗ ken ſechszig Blutegel zwiſchen dem Schenkel und dem Rücken anſetzen.. Es muß hier erwähnt werden, daß der Barbier — 89 zu Karls Unglück auf ſeiner letzten Reiſe nach Paris einen bedeutenden Einkauf von Blutegeln gemacht hatte, die er mit Vortheil in ſeinem Orte los zu werden glaubte. Aber trotz ſeiner Verordnungen, Anpreiſungen und Redekünſte hatten die Landleute einen ſolchen Abſcheu vor den kleinen Thieren, daß ſie ſich nicht überwinden konnten, ein einziges zu kau⸗ fen. Dieſer Urſache muß man alſo den Eifer zu⸗ ſchreiben, womit der Barbier ſeine Waare an das Hintertheil des erſten fremden Kranken anzubringen ſuchte, den ihm die Vorſehung zuſchickte. Dieſem geiſtreichen Mittel verdankte es Karl, daß er ſich bald nicht mehr rühren konnte. Das Delirium hatte allerdings nachgelaſſen, und unſer Arzt brü⸗ ſtete ſich daher auch mit ſeiner Wiſſenſchaft.„Aber,“ ſagte Urſula zu dem Barbier,„man hört den jungen Mann ja gar nicht mehr athmen.“—„Eil was ſchadet das, wenn ſein Athem nur leicht und rein iſt.“— „Er iſt ganz kraftlos, Herr Doctor.“—„Deſto beſ⸗ ſer! das Fieber hat aufgehört.“—„Er kann kaum mehr ſprechen!... ſeine Stimme iſt todesſchwach.“ —„Gut!l das ſind Beweiſe, daß ſeine Organe nicht mehr aufgeregt ſind.“—„Aber ſeine Augen ſind er⸗ loſchen!“—„Bravo! ſie ſind nicht mehr vom Wahn⸗ ſinn belebt.“—„Mit alle dem ſcheint er mir übel daran zu ſein.“—„Wie es unter dieſen Umſtänden ſein ſoll.⸗—„Er ſieht aus, als ob er nur noch zwei Tage zu leben hätte.“—„Ich ſtehe Ihnen zwar nicht dafür, daß er die Krankheit durchmacht, aber er ſtirbt ſicher vollſtändig geheilt.“—„Das iſt ein ſchö⸗ 90 ner Troſt! Da wäre es eben ſo gut, als würde er krank leben!...“—„Krank leben!... gute Frau, was redet Ihr dal... was würde aus meinem Rufe werden!... aber beruhigt Euch, der junge Mann iſt noch nicht todt, und wir ſetzen ihm heute Abend wieder drei Dutzend Blutegel an den Unterleib; wenn dieſe nicht wirken, machen wir Gebrauch von den Schröpfköpfen, das iſt ein neues, ſehr häufig ange⸗ wendetes Mittel. Ich weiß nicht, von welchem Lande die Erfindung ausgeht, man muß aber zugeben, daß es ein ſehr ſchöner Gedanke iſt!... Vierzig Lanzet⸗ tenſpitzen dringen mit einem Male zugleich in's Fleiſch ein und zeichnen den Körper auf tauſenderlei ver⸗ 1 ſchiedene Arten! Man iſt tättowirt wie ein kanniba⸗ liſcher Fürſt!“—„Ach, mein Gott! vierzig Wunden — auf ein Malk..:“—„Es thut nicht wee. Ich habe übrigens das nöthige Inſtrument mit allen Rafir⸗ meſſer⸗Stücken, die ich mir habe verſchaffen können, ſelbſt zuſammengeſetzt, und es wäre mir lieb, wenn ich an meinem Kranken eine Probe damitzmachen könnte.“ Während Karl ſterbend in einer Hütte lag, gab ſich ſeine Familie der Freude hin. Dumont hatte, in's Schloß zurückgekehrt, Frau von Merville die 4 Verſicherung gegeben, daß ihr Sohn in wenig Tag3en zurückkehren werde und ihr Brief die gewünſchte Wir⸗ kung gethan habe. „Wie glücklich werde ich mich fühlen!“ rief Frau voon Merville aus;„mein Sohn bleibt dann bei mir. Liebe Alexandrine, Du ſollſt meinen Karl ſehen und zugeſtehen, daß er es verdient, geliebt zu werden.“ 2 t —y 91 Fräulein Alexandrine lächelte, weil man ihr ge⸗ ſagt hatte, Karl ſei ein hübſcher Junge und im ſechs⸗ zehnten Jahre hängt man an ſolchen Kleinigkeiten. Dieſes junge Frauenzimmer war die künftige Gat⸗ tin, von welcher Frau von Merville in dem Briefe an ihren Sohn geſprochen hatte. Alexandrine war die Tochter des Nachbars, bei dem Herr von Mer⸗ ville einen großen Theil ſeiner Zeit zubrachte. Herr von Saint⸗Urſain war ein guter Mann; er hatte, was vielen Leuten abgeht, die Gefälligkeit, geduldig Dinge anzuhören, die man ihm ſchon oft erzählt hatte und die ihn durchaus nicht anſprachen. Herr von Merville hielt häufig, nach ſeiner Manier, die Dinge anzuſehen, lange Reden über die Schwie⸗ rigkeit, ein zweites Ich zu finden. Der Nachbar hörte ruhig das Geſpräch des Marquis an, und dieſer konnte daher die Geſellſchaft des Herrn von Saint⸗Urſain nicht mehr entbehren.* Aber Fräulein Alexandrine, welche Herrn von Merville's Erzäßgungen nicht erbauten, langweilte ſich in dem großen Schloſſe ihres Vaters. Mit ſechs⸗ zehn Jahren faſt den ganzen Tag allein ſein, iſt ſehr traurig; zum Glück für das junge Mädchen bat Frau von Merville, welche Alexandrinens liebenswürdige Eigenſchaften entdeckte, den Vater derſelben, ihr ſeine Tochter auf einige Zeit zu überlaſſen. Bald ver⸗ band die aufrichtigſte Freundſchaft zwei Herzen, welche für gegenſeitige Neigung geſchaffen waren. Alexandrine beſaß alle Reize, die gefallen machen konnten, und vereinigte mit den Gaben der Natui die 92 heit und Liebenswürdigkeit nicht gefühllos bleiben können: reizende Augen, deren Glanz durch raben⸗ ſchwarze Wimpern gemildert wurde, ein anmuthiger Mund, dunkelblonde Haare, welche in natürlichen Locken über ihre majeſtätiſche Stirne herabfielen, eine 3 feine Taille und entzückende Formen machten Alexan⸗ Wonne ihre Tochter genannt hätte. Allein unſer junger Verlieber dachte in dieſem Augenblick an keine Heirath; blaß und regungslos lag er einem Geſpenſte gleich. Der getreue Baptiſt⸗ welcher an dem Bette ſeines Herrn ſaß, bemerkte ſchweigend die fürchterliche Veränderung, die ſeit einigen Tagen in Karls Zügen vorgegangen war. zuweilen aus,„Du haſt mit Deinen vermaledeiten Blutegeln meinen Herrn in dieſen Zuſtand gebracht! ... Nimm Dich aber in Acht!... wenn Herr Karl ſtirbt, ſchlag' ich Dich todt.“ „Wie geht es Eurem Herrn?“—„Schlecht!...“ —„Laßt mich einmal nachſehen... In der That, der Puls iſt aufgeregt, die Geſichtsfarbe glühend... er iſt zu vollſäftig! Das Blut erzeugt ſich zu ſchnell... wir wollen Schröpfköpfe ſetzen, dann wird es beſſer werden.“ Baptiſt, der nicht weiß, was Schröpfköpfe ſind⸗ Vorzüge des Herzens. Karl hätte bei ſo viel Schoͤn⸗ läßt es geſchehen. Als er aber den Barbier ein 1 drinens Bildniß aus, welche Frau von Merville mit „O verfluchter Bartkratzer!“ rief der kleine Jokey In dieſem Augenblick tritt der Barbier in das Zimmer des Kranken. Er nähert ſich dem Bette. 93 langes, mit ſpitzigen Klingen verſehenes Werkzeug aus der Taſche ziehen ſieht, und dieſer ſich anſchickt, daſſelbe in den Körper des Kranken einzubohren, ge⸗ räth der kleine Jokey in Wuth und ſtürzt ſich zwiſchen ſeinen Herrn und den Barbier. „Ich brauche Eure Hülfe nicht, junger Mann,“ ſagte der Barbier, der ſich über Baptiſts Abſicht täuſchte, ruhig.—„Meine Hülfe!... Weit entfernt, Ihnen zu helfen, verbiete ich Ihnen ſogar, meinen Herrn mit dieſer Höllenmaſchine zu berühren.“— „Ihr mir verbieten, Ihr?. Kleiner Einſaltspinſel!“ —„Ja, ich; Sie wollen meinen Herrn umbringen!“ —„Dummkopf, ich will ihn heilen, und deßhalb ſchröpfen.“— Sie dürfen ihn nicht ſchröpfen.“— „Freilich ſchröpfe ich ihn!“ Der Barbier beharrt darauf, Baptiſt weicht nicht von dem Platze. Unſer Aeskulap, der ſieht, daß er nur einen Jüngling vor ſich hat, will den Jokey zur Thüre hinauswerfen, aber Baptiſt wird zum Löwen: er ſtößt den Barbier ſo heſtig zurück, daß dieſer neben einem Speiſeſchrank niederſinkt; des Doctors Perücke bleibt an einer Schüſſel voll Eier hängen, die Schüſſel fällt um, die Eier rollen herunter und zerbrechen auf der Naſe, den Augen und den Wangen des Doc⸗ tors. Er erhebt ſich mit einem Kopfe wie ein Jeſus⸗ kind und einem Geſichte wie ein Pfannenkuchen ra⸗ ſend vom Boden. Baptiſt erwartet ihn, mit einem Kruge und einem Beſenſtiel bewaffnet, feſten Fußes. Der Barbier ſtürzt Paul de Kock. XLII. 2 94 keck ſeinem Feind entgegen; dieſer prugelt ihn, pufft ihn, ſtößt ihn und wirft ihn, während er ihn zurück⸗ treibt, in eine Truhe hinein, wo Urſula ihren Mehl⸗ vorrath aufbewahrt. Der Barbier zappelt, wehrt ſich und ſchreit wie beſeſſen: das Mehl hatte ſich an die Eier geklebt und auf dem Geſichte und den Augen unſeres Mannes, der faſt nicht mehr ſehen konnte, einen Teig gebildet. Baptiſt zieht als großmüthiger Feind ſeinen beſieg⸗ ten Gegner aus der Kiſte heraus, ſteckt ihm die Beloh⸗ lohnung für ſeine Beſuche und ſeine Blutegeln in die Taſche, führt ihn aus der Hütte hinaus und ruft einen kleinen Bauern herbei, damit er den blinden Barbier in ſeine Wohnung führe. Der arme, beſchämte und verwirrte Raſirer zieht mit ſeinem Schleier über dem Geſichte, von einer Maſſe Landleute geleitet, durch's Dorf und ſchwört allerdings etwas zu ſpät, daß er nie wieder Jemand ſchröpfen werde. Dank dieſem Vorfalle kam der Barbier nicht mehr in die Hütte und kümmerte ſich auch nicht mehr um den Kranken. Die Natur ſiegte über die Blutegeln und Karl erlangte allmälig ſeine Geſundheit wieder. Er hatte zwei Monate in der Hütte zugebracht; erſt nach Verlauf dieſer Zeit geſtatten ihm ſeine Kräfte, ſie zu verlaſſen. 3 Karl behielt von ſeiner Krankheit eine geheime Schwermuth, welche andeutete, daß ſein Herz nicht ſo geheilt ſei, wie ſein Körper. Baptiſt wagte es ni ragen an ſeinen Herrn zu richten; als er dem⸗ hgß vas anzeigte, daß Alles zur Abreiſe gerichtet 95 ſei, erinnerte er ihn daran, daß man ſie im Schloſſe*. erwarte. Karl gab keine Antwort. Er verabſchiedete. ſich von Denen, die ſich ſeiner ſo zärtlich angenom⸗ men, und nöthigte Thereſe, eine Börſe anzunehmen, worin ſich eine hinreichende Summe befand, ſie für den Reſt ihrer Tage vor Elend zu ſchützen. Als ſie im Freien waren, ließ Baptiſt ſein Pferd hinter dem ſeines Herrn hertraben, und hoffte un⸗ geduldig, daß dieſer den Weg nach Lothringen ein⸗ ſchlagen werde; wie ſchmerzlich wurde er aber ent⸗ täuſcht, als Karl ſeinen Sinn änderte und Paris zuritt. „O wehl“ ſeufzte der kleine Jokey bei ſich,„es iſt keine Hoffnung da, ihn zu heilen: er iſt behext.“ ſſſſſſinſnſnſnſſnſſſſ 9 10 11 12 13 14 15 16 17