—— Leihbibliot e deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Ottmann in Gienen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. t. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——.,———qᷣ—— auf 1 Monat: 4 Mt.— Pf. 1 Wer. 59 Pf. 2 wer.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Es ſchlug ſieben Uhr Abends, und Herr Rudemar, der frühere Amtsſchreiber von Rambervilliers, war mit Anlegung ſeiner Pantoffeln, mit Aufmopimg ſeiner Weſte, mit Abziehung ſeiner Perrücke beſe tigt; kurz, Herr Rudemar machte ſich's bequem wie Einer, der keine Beſuche mehr erwartet und ſich bald zur Ruhe begeben wird. Als Herr Rudemar fertig war, ſchob er ſeinen großen Lehnſtuhl zum Kamine, ſtreckte ſich darin aus und befahl Gertrude, ſeiner Haushälterin, das Feuer anzuſchüren: man war damals im April und es fro⸗ ſtete ſehr ſtark. Während er ſich wärmte, ſetzte er ſeine Beine auf den Feuerherd und ſchien ſich mit wohlgefälligem Auge zu betrachten. Sagen muß man: der Herr Amts⸗ ſchreiber hatte ein ziemlich wohlgebildetes Beinz fügte Geſtalt, ein liebenswürdiges Benehmen, einen freund⸗ höflichen Ton, ſo wird man uht erum man dazu lebhafte, ſchwarze Augen, eine regelmäßige— 6 1 daß Herr Rudemar, trotz ſeiner fünfzig Jahre, von 1 den Liebhaberinnen in Rambervilliers noch ſehr ge⸗ ſucht war. Doch außer ſeinen körperlichen Vorzügen beſaß er auch noch werthvollere: er war gutherzig„ und menſchlich, man pries überall ſeine Wohlthätig⸗ 1 keit, wovon er einen Beweis abgelegt hatte, indem 55 er ein kleines, vier⸗ bis fünfjähriges Mädchen in ſei⸗ 4 nem Hauſe aufnahm und erzog, welches er ſeine Nichte nannte, und das, wie ich gerne glauben will, ihn nicht näher anging, obwohl die böſen Zungen(denn ſolche gibt es überall, ſelbſt in der Provinz) einander bisweilen etwas über die Herkunft Georginens, ſo heißt Herrn Rudemars Nichte, einander in's Ohr ziſchelten. So lange Jakobine Haushälterin bei dem Amts⸗ ſchreiber war, wurde Georgine geliebkost und ver⸗ hätſchelt. Sie kannte nur die Annehmlichkeiten des Le⸗ bens; ihre ganze Zeit war mit Tanzen, Eſſen, Trinken 3 und Spazierengehen ausgefüllt. Jakobine behandelte ſie mit einer wahrhaft mütterlichen Zärtlichkeit, wor⸗ 1 aus die böſen Zungen noch mehr Stoff für ihre Be⸗ 5 hauptung zogen; man ſagte nämlich: Jakobine habe ſich fünf Jahre vorher, als ſie bedeutend zugelegt 8 habe, beklagt, ſie ſei waſſerſüchtig und ſei deßhalb 87 mehrere Monate in ihre Heimath gegangen. 3 Vier Jahre nach Jakobinens Reiſe brachte Herr Rudemar eines Tages die kleine Georgine in ſein Haus und ſtellte ſie Jedermann als die Tochter ſei⸗ ner verwittweten Schweſter vor, die in Nancy ver⸗ heirathet geweſen und kürzlich, ohne der armen Geor⸗ Onkels, des Amtsſchreibers, zu hinterlaſſen, dort ver⸗ ſtorben ſei. Dieſes, werther Leſer, über die Herkunft unſerer Heldinz vielleicht hegt ihr einige Zweifel wegen der Legitimität derſelben? Es bleibt euch überlaſſen, zu denken, was ihr wollet; ihr könnet eurer Phantaſie freien Lauf laſſen: denn ich ſage euch zum Voraus, daß die Geſchichte Georginens kein Wort mehr über dieſen Punkt enthält. Georgine war acht Jahre alt, als Jakobine ſtarb. Dieſer Schlag traf Herrn Rudemar ſchmerzlich: Ja⸗ kobine ſtand ſchon lange in ſeinen Dienſten, und als ein freundlicher Herr war er anhänglich an ſie ge⸗ worden. Da mit der Zeit Alles vergeht, ſo tröſtete ſich auch der Amtsſchreiber über ſeinen Verluſt; er war weder in einem Alter, noch in einer Stimmung, ohne Haushälterin zu leben. Viele Frauenzimmer wetteiferten um die Ehre, Jakobinens Stelle zu ver⸗ treten! Die Wittwe Gertrude trug den Sieg über ihre zahlreichen Nebenbuhlerinnen davon. Gertrude ver⸗ diente dieſe Auszeichnung auch: ſie war höchſtens ſechs⸗ unddreißig Jahre alt, ſehr hübſch gewachſen, hatte ſchwarze Haare, reizende Formen, und beſaß außer dieſen Eigellichaften einer Haushälterin auch die Kunſt, ein vortreffliches Mahl zuzubereiten, und Herr Ru⸗ demar hielt außerordentlich viel auf eine gute Tafel. Zum Unglück für Georgine war die neue Haus⸗ hälterin nicht eben ſo ſanft als ſie hübſch war. Nun hatte es ein Ende mit den Aufmerkſamkeiten, Lieb⸗ 4 gine ein anderes Vermögen als den Schutz ihres 8 koſungen und Freuden. Gertrude kannte die Geſchichte kobinens Waſſerſucht beobachtet und verabſcheute G gine deßhalb. Außerdem hatte Gertrude ſelbſt eine Tochter, und faßte, damit ihr Kind allein von dem Herrn Amtsſchreiber erzogen werden ſolle, den küh⸗ nen Entſchluß, die arme Nichte aus dem Hauſe zu vertreiben. Die Greiſe ſind ſchwach, und beſonders wenn ſie verliebt ſind. Herr Rudemar ſtand im Rufe, ſich von ſeinen Haushälterinnen leiten zu laſſen. Gertrude war liſtig: ihr Plan gelang ihr ſo gut, daß Georgine nach Verfluß von zwei Jahren in den Augen ihres Oheims für dumm und bösartig galt, und derſelbe nur noch eine unbedeutende Zuneigung für ſie fühlte. So ſtanden die Dinge, als Herr Rudemar ſich eines Samſtags Abends neben ſeinem Kamine nie⸗ derließ, wie ich die Ehre gehabt habe, im Anfange dieſes Kapitels zu erzählen. Zweites Kapitel. Der Sonntag.— Das Mittageſſen.— Die Flucht. „Gertrude!“—„Herr Amtsſchreiber?“—„Es iſt morgen Sonntag, mein Kind.“—„Ich weiß es, mein Herr.“—„Ja, aber das weißt Du nicht, daß ich morgen Herrn Boullard und ſeine Gattin, den Gevatter Hieronymus, ſeinen Freund Euſtachius und meinen Nachbar Toupin zum Mittageſſen eingelade den X N * 1 5 4+ 7 von Herrn Rudemars Schweſter genau; ſie buecI— eor 5 5 4 4 — habe.“—„Ei, mein Gott! wozu braucht man alle — le Leute da? Glauben Sie, ich hätte die Woche „ Purch nicht genug zu ſchaffen? ich müſſe auch noch den ganzen Sonntag in der Küche ſtehen und mich für Leute abquälen, die nur in das Haus kommen, um zu eſſen!“—„Geh, Gertrude! ſey ruhig; Du weißt wohl, mein Kind, daß es nur des Anſtandes wegen geſchieht; man iſt ſich gegenſeitig Artigkeiten ſchuldig.“—„Man kann Ihnen in dieſer Hinſicht nichts vorwerfen, denn Sie ſind ja ſo höflich! Aber Mahlzeiten halten, das koſtet Geld, Herr Amtsſchrei⸗ ber. Ich laſſe es mir noch gefallen, wenn Sie den Gevatter Hieronymus einladen: das iſt ein liebens⸗ würdiger Mann, der Lebensart hat und Rückſichten gegen mich beobachtet(Gertrude ſpiegelte ſich, wäh⸗ rend ſie dieſes ſprach). Was aber Boullards betrifft, ſo ſind das abſcheuliche Filze und Geizhälſe. Haben Sie je etwas aus ihrer Küche gerochen? Aber Ma⸗ dame Boullard hat das Glück, Ihnen mit ihren run⸗ den Augen und ihrer dicken Trompetennaſe zu gefal⸗ len, obgleich ſie nicht mehr Bruſt hat als meine Land, Ach, wie blind ſind doch die Männer!“— „Du weißt nicht, was Du ſprichſt, Gertrude.“—„Glau⸗ ben Sie, ich habe Sie nicht beobachtet, als das Ehe⸗ paar das letzte Mal bei uns zu Nacht ſpeiste? Ma⸗ dame verzog das Maul, während Sie Ihre Gabel fallen ließen, um Gelegenheit zu finden, ſie in das Knie zu kneifen.“—„Gertrude, ich werde böſe.“— „Ihr Freund Euſtachius iſt ein Schnüffler, der Alles durchſucht, Alles durchſtöbert, ſich in Alles miſcht und 2 10 Ihnen immer etwas in's Ohr zu flüſtern weiß. Ich f werde ihm aber, ſobald es wieder vorkommt, ſeinen Weg weiſen! Ihr Nachbar Toupin iſt ein Trunkene bold und als ſolcher bekannt; er kommt nur zum— Trinken her... er ſäuft aber auch, daß es ſchau⸗ 1 derhaft iſt!“* Gertrude hätte noch lange mit der Schilderung der Gäſte fortgemacht, wenn ſie nicht durch Georgi⸗„ nen unterbrochen worden wäre, die weinend in's Zimmer trat und klagte, Katharine habe ſie geſchla⸗ gen.(Katharine war die geliebte Tochter der Frau Gertrude.) „Was gibt es denn?“ fragte Herr Rudemar, aus dem Schlummer auffahrend, in den ihn Gertrudens Wortſtrom verſenkt hatte.—„Potz Kukuk! das läßt. ſich leicht errathen: Mamſelle Georgine ſchlägt wie⸗] der einen Lärm auf.“—„Onkel, man hat mich ge⸗ ſchlagen,“ ſagt Georgine ſeufzend.—„Halt's Maul, 11 Vieh! Die kleine Gans ſetzt Einen immer in Schre⸗ cken... Geh in's Bett, und laß Dich nicht mehr hören!“— 6 Gertrude ſtößt Georgine zum Bimmer hinaus; ſie folgt ihr bis auf den Hängeboden, wo ſich die Schlaf⸗ ſtelle unſerer Heldin befindet. Das kleine Mädchen will eine Antwort geben, aber ein unwiderſtehliches 4 Mittel nöthigt ſie zum Schweigen: man kündigt ihr an, daß ſie nichts zu Nacht eſſen bekomme, weil ſie 8 die Keckheit gehabt habe, ſich über Katharinen zu be⸗ klagen.— 2* Arme Georgine, Du legſt dich weinend zu Bette! 8 dieß war ſeit dem Tode Jakobinens oft der Fall. Dieſes Kämmerchen aber, der traurige Zufluchtsort Georgi⸗ nens, war auch die Vertraute der Plane unſerer Heldin: ſie ſchlief wenig, ſie dachte viel nach; der Charakter bildet ſich in der Schule des Unglücks. Außerdem war Georgine ein frühreifes Kind, ſie hatte Verſtand und Einbildungskraft. Auch kann ſich der Leſer denken, daß ich ihre Abenteuer nur ſchrieb, weil ich ſie auffallend und ſonderbar fand. Das Reſultat von Georginens Nachſinnen war der Entſchluß, ein Haus zu fliehen, wo ſie keinen ru⸗ higen Augenblick genieße, ihr Glück unter fremden Menſchen zu verſuchen und lieber ihr Brod zu bet⸗ teln, als länger Gertrudens Zorn, Katharinens Schlä⸗ gen und des Herrn Amtsſchreibers Ungerechtigkeit aus⸗ geſetzt zu bleiben.„ Der bedeutungsvolle Sonntag iſt endlich da; Al⸗ les iſt bei dem Amtsſchreiber in Aufregung. Ger⸗ trude, welche ihr Talent, beſonders gegenüber von dem Gevatter Hieronymus, glänzend entfalten wollte, bewirkte Wunder: alle Kaſſerolen waren auf dem Feuer, Georgine hatte den Befehl erhalten, nicht von dem Spieße wegzugehen, und Katharine war beauf⸗ tragt, die Saucen zu verſuchen. Der Gevatter Hieronymus, der immer etwas frü⸗ her kommt, erſcheint mit honigſüßem Tone und grüßt Gertrude; dieſe läßt, während ſie ihm ſein Compli⸗ ment erwiedert, eine ſehr ſchöne Wurſt in die Aſche fallen, welche zu einer Beilage beſtimmt war. Herr Rudemar iſt troſtlos, aber der Gevatter Pieronpinue * zieht eine Truthenne mit Trüffeln unter ſeinem Ueber⸗ ‚rock hervor und macht ſie Gertrude zum Präſent. Bei dieſem Anblick ſtrahlen alle Geſichter: Herr Rudemar beriecht die Truthenne mit Entzücken, Gertrude blickt lächelnd Herrn Hieronymus an, und dieſer nimmt, um ſich bei ihr vollſtändig in Gunſt zu ſetzen, den+ Pfannenſtiel in die Hand, den er mit einer beſondern Anmuth zu halten weiß. Die Stunde zum Mittageſſen ſchlägt. Herr und Madame Boullard kommen: der Gatte iſt ein dicker, kugelrunder Mann, der nichts als ſein Handelsweſen verſteht, und erſt zu ſprechen anfängt, wenn ſeine Frau ausgeredet hat; dieſe iſt ungefähr, wie Gertrude ſie uns beſchrieben hat. Freund Euſtachius und Nach⸗ bar Toupin begleiten ſie. Alle erſcheinen im größten S ame Boullard tritt an der Hand des Herrn Euſtac ius ein und ſteht ſtille, um vor Herrn Rudemar eine tiefe Verbeugung zu machen. Der Nachbar Toupin, der hinter ihr drein kommt, tritt ihr auf die Garnirung ihres großblumigen Kattun⸗ kleides. Als Madame Voullard ſich wieder von ihrer Verbeugung erheben will, füßlt ſie, daß ſie hinter⸗ halb von etwas zurückgehalten wir de ſie verliert das Gleichgewicht und fällt in die Arme des Nachbars, der, nicht vorbereitet, ſte zu empfangen, der Gewalt des Stoßes nachgibt, ebenfalls zu Boden fällt und einen Schmalzhafen zuſammen drückt, der ſich un⸗ glücklicher Weiſe unter ſeinem Hintertheile befand. Der Gevatter Hieronymus läßt erſchrocken die Pfanne fah⸗ ren, und Herr Boullard ſtolpert über die Bratkachel, während er vortreten will, die Veize ſeiner Lälfte zu bedecken, welche in Folge ihres Falles den L/„3 der Umſtehenden preisgegeben ſind. 7, Inmitten dieſes Geſchreis und dieſer Verwirrung, Pechen die aus dieſem Unfall entſtanden, hat Gertrude allein⸗ die Faſſung nicht verloren: ſie ſtellt die Ordnung wie⸗ der her; ſie nähert ſich der Madame Boullard und zieht ihr den Rock hexunter(wozu ſich die Herren gar nicht bereit zeigten). Der Gatte befreit ſich von der Bratkachel, der Gevatter Hieronymus tritt die Pfanne an Georgine ab, Toupin ſäubert ſich von dem Schmalze, das an ſeiner Hoſe hängen geblieben iſt, und Alle fangen an zu lachen. Man denkt nur noch an Hei⸗ terkeit und ein gutes Mittageſſen. Madame Boullard ſelbſt ſcheint nicht unwillig über einen Vorfall zu ſeyn, wodurch die Galanterie der Herren gegen ſie noch vermehrt wurde, was als eine ſchweigende Anerken⸗ nung und Bewunderung des Geſehenen gelten konnte. Man ſetzt ſich zu Tiſche. Nie ſcheint eine Mahl⸗ zeit kräftiger und ſchmackhafter geweſen zu ſein, denn bei jedem Gerichte bricht man in Lobeserhebungen über Frau Gertrudens Kochkunſt aus. Dieß war auch nöthig, um ſie bei guter Laune zu erhalten, den Madame Boullards Fall hatte ſie ſehr geärgert!... Der Anblick der Truthenne mit Trüffeln begeiſterte die Geſellſchaft vollends; Witze werden gemacht, Anek⸗ doten erzählt. Der Gevalter wirft Gertruden Lieb 33 1 blicke zu; Herr Rudemar läßt ſeine Gabel hinunt fallen, wenn er meint, ſeine Haushälterin bemerke es Bihi Freund Euſtachins ünat Sbeurnnerchen 14 der Nachbar Toupin fängt an, auf ſeinem Stuhle zu 8 wanken, und Herr Boullard ſtopft ſich mit Trüffeln voll, weil ſeine Frau zu ihm geſagt hat, das ſei ein ſehr geſundes Eſſen. Alles iſt voll Freude und Ju⸗ bel, nur die arme Georgine nicht, welche bei Tiſche auftragen muß, während Katharine ruhig neben dem Herde in der Küche ſpeist. Indeſſen bricht die Nacht herein; der Nachtiſch wird gebracht. Gertrude iſt genöthigt, in den Keller hinunterzugehen, weil Nachbar Toupin darauf auf⸗ merkſam macht, daß die Flaſchen leer ſind. Gevatter Hieronymus bietet ſich an, ihr das Licht zu tragen, und ſie geht in ſeinen Vorſchlag ein. Die übrigen Gäſte bleiben bei Tiſche ſitzen und befinden ſich bald ganz im Dunkeln. Die Zeit verſtreicht; Gertrude und der Gevatter kommen nicht aus dem Keller herauf. Der Nachbar ſchläft allmälig ein, Herr Boullard iſt in ſeinen Teller vertieft, Herr Rudemar benutzt die⸗ ſen Umſtand, um das Spiel mit ſeiner Gabel zu trei⸗ ben, aber Freund Euſtachius, dem die Zeit lange wird, fordert Georgine auf, in den Keller hinunter⸗ zugehen und nachzuſehen, was es gebe. Georgine geht, aber nicht um Euſtachius⸗ Befehl zu vollziehen, ſondern um ihren großen Plan in Aus⸗ führung zu bringen: ſowohl die Stunde als der Au⸗ genblick ſcheinen ihr günſtig, das Haus ihres Oheims zu fliehen. Sie geht in die Küche hinein, füllt einen Korb mit Nahrungsmitteln an, Katharine will Ein⸗ wendungen machen, aber ein paar Ohrfeigen bringen ſie zum Schweigen. Georgine geht vorſichtig die Treppe — hinab, die Kellerthüre befindet ſich unter derſelben; kluger Weiſe ſchließt ſie den Keller ab und wirft den Schlüſſel in den Brunnen; dann macht ſie die Haus⸗ thüre auf, geht hinaus, fängt an zu laufen und läuft an Einem fort, ohne auch nur zu bedenken, daß gar Niemand die Abſicht hat, ihr nachzuſetzen. Drittes Kapitel. Der Pachter Johann. „Was machſt Du da, Kleine?“—„Ihr ſeht es ja, ich ruhe aus und eſſe mein Frühſtück.“—„Du biſt früh auf dem Wege!“—„Das iſt nicht zum Ver⸗ wundern, ich habe heute Nacht unter freiem Himmel geſchlafen.“—„Pahl und wo gehſt Du denn hin?“ —„Ich weiß ſelbſt nicht.“—„Wo kommſt Du denn aber her?“—„Von einem Ort, an den ich nicht mehr zurückkehren will.“ Dieſes Geſpräch fand auf der Chauſſee zwiſchen Georgine und einem kleinen Manne ſtatt, der ein recht gutherziges, freimüthiges Ausſehen hatte, und deſſen Aeußeres einen reichen Bauern andeutete. Geor⸗ gine war die ganze Nacht durch gelaufen, ſie eilte planlos vorwärts; die Hauptſache für ſie war, ſich aus Herrn Rudemars Hauſe zu entfernen, ihre ein⸗ zige Befürchtung, wieder eingeholt zu werden, denn ſie wußte zum Voraus, welche Behandlung ihr dann von Gertrude bevorſtehe. Endlich hatte ſie ſich gegen Tagesanbruch, von Müdigkeit erſchöpft, an den Rand 16 eines Grabens geſetzt, war dort eingeſchlafen und nicht eher erwacht, als bis der Hunger ſich in ihr geregt hatte. Der kleine Mann, der dieſe Fragen an Georgine gemacht hatte, blieb vor ihr ſtehen und betrachtete ſie mit Theilnahme; die entſchloſſene, beherzte Miene, die eigenthümlichen Antworten des kleinen Mädchens (denn Georgine war zu dieſer Zeit erſt elf Jahr alt), kurz, ihr ganzes Weſen überraſchte ihn. Was Geor⸗ gine anbetrifft, ſo achtete ſie nicht mehr auf ihn und verzehrte ruhig einen Theil der mitgenommenen Mund⸗ vorräthe. Nach etwa fünf Minuten begann der Reiſende auf's Neue:„Wie heißt Du?“—„Georgine.“— „Wie alt biſt Du?2“—„Bald elf⸗ Jahre.“—„Was kannſt Du?“—„Leſen, ſchreiben, arbeiten.“—„Willſt Du mit mir gehen?“ Jetzt ſing Georgine an nachzu⸗ denken; dann befragte ſie ihn ihrerſeits:„Wo geht Ihr hin?“—„Nach Epinal, um eine Erbſchaft ein⸗ zuziehen; dann kehre ich nach Bondy zurück, wo ich mit meiner Frau wohne.“—„Iſt es weit von hier nach Bondy?“—„Allerdings; da Du aber zu jung biſt, dieſen Weg zu Fuße zurückzulegen, werden wir da, wo ich einkehre, einen Platz in dem Eilwagen nehmen.“—„Wie? ich darf fahren? ach, das iſt luſtig! ich gehe mit Euch.“—„Werden aber Dein Vater und Deine Mutter nicht über Deine Entfernung weinen?“—„Ach, ich habe nie weder Vater noch Mutter gehabt!“—„Dann ſteh' auf, gib mir Deine Hand und komm mit mir.“ * 17 Georgine ſchwankte nicht lange, und ſo trat ſie, mit der einen Hand ihren koſtbaren Korb haltend, mit der andern ihren Reiſegefährten führend, ihren Weg weiter an. Ehe wir ſie begleiten, wollen wir vorher näher mit dem kleinen Manne bekannt werden. Johann war im vollen Sinne des Wortes ein bra⸗ ver Mann. Er hatte als einfacher Pächter die gute Thereſe geheirathet; ſie wohnten bei Bondy, lebten glücklich und zufrieden, erwarben ſich ein Vermö⸗ gen, und beſaßen mehr, als ihre Bedürfniſſe erheiſch⸗ ten;z der einzige Kummer in ihrem Eheſtand war, daß ſie keine Kinder bekamen. Obwohl Johann bis⸗ weilen barſch und brummig war, hatte er doch ein empfindſames Herz und einen offenen Charakter. Das war der Beſchützer, den der Zufall Georginen ver⸗ liehen hatte. Unterwegs richtete Johann noch verſchiedene Fra⸗ gen an das junge Mädchen; dieſe geſtand ihm am Ende die Wahrheit, verſchwieg ihm aber den Namen der Stadt, wo ſie herkam. Johann drang nicht in ſie, da ihn ihre Erzählung überzeugte, daß ſie ſehr unglücklich geweſen ſeyn mußte; er hielt es nicht für unrecht, ſich ihrer arnbohindn und ſie bei ſich zu be⸗ halten, da ihre Angehörigen ihre Pflichten nicht gegen ſie erfüllt hatten. Die beiden Reiſenden wurden bald auf's Innigſte vertraut. Johann freute ſich außerordentlich, ein Kind gefunden zu haben, für welches er bereits ſo viele Zuneigung empfand; er wußte, welches Vergnügen Paul de Kock. XII. 2 3 18 er Thereſen bereiten würde, wenn er ihr das Mäd⸗ chen brächte, das von nun an berufen war, die Stelle ihrer Tochter zu vertreten. Georgine war vor Glück, nicht mehr Gertrudens Haß und Schlägen ausgeſetzt zu ſeyn, außer ſich: ſie hüpfte, lachte, ſang und be⸗ luſtigte Johann durch die Lebhaftigkeit ihrer Antwor⸗ ten.„Der Tauſend!“ dachte der kleine Mann in ſeinem Sinne,„das junge Mädchen wird einmal recht muth⸗ willig werden.“ Unſere Wanderer kamen nach Epinal; ihr Auf⸗ enthalt in dieſer Stadt war nicht von langer Dauer. Da Johann der einzige Erbe war, hatte er zum gro⸗ ßen Mißvergnügen der Herren Anwälte, die in Loth⸗ ringen ſo gut als anderswo die Angelegenheiten zu verwirren wiſſen, mit Niemand zu prozeſſiren. Nach⸗ dem Johann ſeine Gelder flüſſig gemacht hatte, nahm er Georgine auf den Arm und ſtieg mit ihr in einen Eilwagen, der ſie an den Ort ihrer Beſtimmung brin⸗ gen ſollte. Wir wollen ihnen folgen, wenn ihr Luſt habt. Ach, ich höre den Leſer bexeits ausrufen: abermals ein Eilwagen; man ſids, nichts als das! Warum ſoll ich denn aber i h parüber ſchreiben? Was liegt mir daran,* nan ſchon zwanzig Mal, drei⸗ ßig Mal oder hun Mal davon erzählt hat! Wenn euch nur 9 Gaſchichte unterhält, das iſt die Haupt⸗ ſache, nicht 2 Sehen wir nicht auch im Theater in einem ne Stücke, was wir ſchon hundert Mal in den ältergt geſehen haben? Laufen wir nicht im⸗ mer Kunſtfeuͤerwerken, Luftballons, Illuminationen und andern ähnlichen nicht mit einer neuen G heren auch gethan hapdf Oie Manier und die Mode wechſelt, die Sache ſylbſt 5 immer die nämlichg wir lieben uns, wir ſchlagen uns, wir eſſen, wfr trinken, wir ſchlafen u. ſ. w. und unterhalten uhs zum großen Glück immer dabei; alſo consequentia Sonsequentium fann ich wohl auch ein Kapitel überſden Eilwagen ſchreiben. Viertes Kapitel. Der Eilwagen. Der Eilwagen war voll; die Perſonen, welche darin ſaßen, bildeten ein ſo komiſches Ganzes, daß wir, um uns einen genauen Begriff davon machen zu können, jede einzeln betrachten und ſchildern müſſen. Auf dem erſten Platze, auf dem Rückſitz⸗ ſitzt eine Alte(eine angebliche Gräfin), die ſich trotz ihrer ſechs⸗ zig Jahre noch ſchminkt und Schönheitspfläſterchen in’s Geſicht klebt. Neben ihr ruht ihr treuer Azor, den ſie alle Augenblicke mit einer ganz beſondern Zärtlichkeit anblickt; auf ihrem Schooße hat ſie einen Käfig, in dem ein großer Papagei eingeſperrt iſt, der mit Azor die Gunſt ſeiner Gebieterin theilt. Außerdem hat die Alte ein Buch in der Hand, in dem ſie eifrig liest und ihre Lektüre nur unterbricht, um ihrem Hunde Bretzel und ihrem Papagei Biscuit zu geben. Neben der Alten iſt ein Unteroffizier, deſſen offene — e f 2er! T. 4 7 auue, 2 9 4ℳ Teintz ſein Bauch, der weiter hervorſteht als ſeine V Miene und fröhliche Laune zur Heiterkeit aufmuntern; neben ihm hat eine junge, friſche, hübſche Amme ein ¹ leines Wickelkind auf dem Arme, deſſen Geſchrei ſie dadurch beſchwichtigt, daß ſie es an ihre ſchneeweile Bruſt legt, nach der, einſchließlich geſagt, der Soldat, ſo oft ſich Gelegenheit darbot, unaufhörlich hinſchielte, ungeachtet des Aergers der alten Kokette, welche ſeufzte, ſich drehte und wendete.. es war umſonſt, ſie beſaß nichts Anziehendes mehr. 4 Gegenüber von der Amme ſitzt ein Mann von mittlerem Alter mit kupferrothem Geſicht und friſchem Kniee, geſtattet ihm kaum, auf drei Fuß in der Nähe um ſich zu ſehen; trotz dem ißt unſer Mann, aus Furcht, eine Schwäche zu bekommen, alle Viertelſtun⸗ den ein Stückchen Butterluchen und feuchtet es mit einem halben Glas Rum an, wovon er eine Flaſche zwiſchen den Beinen hat. Rechts von dem dicken Herrn war ein anderer Herr, der einen ſeidenen Frack, eine ſeidene Weſte und ſeidene Beinkleider anhatte; er hatte einen drei⸗ eckigen Hut auf dem Kopfe, der ihm faſt bis über die Augen hereinſiel, und einen großen Degen an der 4„ Seite. Die Magerkeit dieſer ſonderbaren Perſon bil⸗ 8 dete einen auffallenden Kontraſt mit der Körperfülle ſeines Nachbars. Den letzten Platz endlich nahm Georgine ein, welche, ſich wenig um ihre Reiſegefährten kümmernd, den größten Theil des Tages ſchlief. Johann ſaß neben dem Conducteur in dem Cabriolet. 21 In den erſten Stunden ging es wie gewöhnlich ziemlich ſtill her. Die Alte las, der Soldat rauchte, die Aune Kugte ihr Kleines, der dicke Herr trank Rum uld wackelte mit ſeinem Bauche, ſein Nachbar bewegte und ſchaute fortwährend auf ſeinen verro⸗ ſteten Degen, und Georgine ſchlief. Das Schweigen wurde durch einen Wortwechſel unterbrochen, der zwi⸗ ſchen der Alten und dem Chevalier entſtand, deſſen Degen ihr zwiſchen die Füße gekommen war.„Sie ſollten ſich doch beſſer in Acht nehmen,“ ſagte ſie, „ſeit zwei Stunden ſchieben ſie an Einem fort dieſe lange Hellebarde herum; ſie genirt mich bedeutend.“ —„Bei Gott, Madame, ich kann Sie verſichern, daß ſie ſchon Manchen genirt hat.“—„Es iſt jedenfalls etwas ſehr Unangenehmes; ich ſehe nicht ein, warum man eine ſolche Waffe in dem Eilwagen tragen muß.“ —„Sie ſehen es nicht ein? Nun, ich ſage Ihnen, daß ſeit dreißig Jahren, ſo lange ich auf der Welt bin, dieſer Degen nicht von meiner Seite gekommen iſt: mein Großvater legte ihn ſelbſt auf meine Wiege nieder; er hatte ihn von ſeinem Ahn geerbt, der ihn ſo glorreich gegen die Mauren führte, daß ihn der König der Lombardei, welcher damals gegen die Aben⸗ cerragen kämpfte, das Anerbieten machte, er wolle ihn zum Kronfeldherrn ſeiner Artillerie machen; ſeit jener Zeit haben wir ihn nicht aus den Händen gelaſſen, und ich bediente mich in meinem fünften Jahre die⸗ ſes Degens ſo gut als jetzt!“ Die Dame, welche auf ſolche Gründe nichts zu erwiedern wußte, ſing wieder an zu leſen, als der Soldat, während er ſich be⸗ 22 wegte, etwas hart an den Hund ſtieß und dieſer zu kläffen anfing. Die Alte ſtieß ein entſetzliches Ge⸗ ſchrei aus und ließ, indem ſie haſtig ihren Azor un⸗ terſtützen wollte, ihren Käfig fallen; das Kind fing erſchrocken auch an zu ſchreien und die Amme lachte, wodurch der Zorn der Alten noch vermehrt wurde. „Nehmen Sie ſich doch in Acht, Herr Lieutenant; Sie drücken meinen armen Azor zuſammen!“—„Zum Teufel mit dem Hund und mit dem Papageiz es iſt ſchon der Mühe werth, eines Thieres wegen ſo zu ſchreien!“—„Solche Geſchöpfe freſſen wahrhaftig mehr als ſie werth ſind,“ ſagte der dicke Herr, der ſich an dem Zorne der Alten weidete.—„Ach, mein Gott! ich glaube, er iſt verwundet... und mein Pa⸗ pagei ſchwatzt nicht mehr.. Jaköbchen! Azor! Ja⸗ köbchen!“—„Potz Donnerwetter! geben Sie ihnen die Bruſt; ſehen Sie, das Kind macht weniger Lärm als dieſe da.“—„Der arme Kleine! er weiß gar nicht, was das Alles bedeutet; genirt er Sie nicht, Herr Lieutenant!“—„Geniren! nein, bei Gott nicht, er iſt ja allerliebſt!“—„Sie ſind recht artig, mein Herr.“—„Ich gäbe meinen Platz nicht für alles Gold in der Welt!“—„Der Kamerad hat auch keinen Grund zu klagen: neben Venus ſitzend, könnte man ihn für den Gott Mars halten.“—„Wer heißt Sie von Mars und von Venus ſprechen?“—„Das iſt ein Bild, Kamerad, wodurch ich...“—„Ein Bild! potz tauſend Bomben! behalten Sie Ihre Bil⸗ der bei ſich, oder es könnte mir einfallen, Ihnen in's Geſicht zu fahren, obgleich es etwas lang ausſieht 3 — 5 X 23 und ſchon einer durchlöcherten Kartätſche gleicht!“— Der Gascogner, denn ein ſolcher war der dürre Mann, wie man gleich an ſeiner Sprache hatte mer⸗ ken können, that, als ob er es nicht gehört hätte, ſchaute durch den Kutſchenſchlag hinaus und nahm ſich feſt vor, mit Leuten, die es nicht verſtehen, nichts mehr von Mythologie zu ſprechen. „Madame liest recht aufmerkſam in dem bürger⸗ lichen Koch.“(Mit dieſen Worten wendet ſich der dicke Herr an die Alte.)—„Der bürgerliche Koch! Nein, mein Herr, an ſolcher Lektüre fände ich keinen Reiz.“—„Um ſo ſchlimmer für Sie, Madame, denn es iſt ein vortreffliches Buch. Sie haben viel⸗ leicht den franzöſiſchen Epikuräer in Händen?“— „Eben ſo wenig, mein Herr; ich leſe einen Roman von Anna Radeliffe, und bin gerade an der Stelle, wo die junge Heldin um Mitternacht ihr Zimmer verläßt, um ſich in den Mordthurm zu begeben.“— „Das Frauenzimmer thäte, wie mir ſcheint, beſſer daran, ſich in's Bett zu legen, ſtatt in der Nacht allein herumzulaufen.“—„Sich in's Bett zu legen, mein Herr, ſich in's Bett zu legen! Darf ſich ein zartes Opfer der Barbarei eines ſchändlichen Tyran⸗ nen ſchlafen legen wie ein Ladenmädchen?“—„Mei⸗ ner Treu! ich habe geglaubt, es ſeien alle Weiber gleich geſchaffen.“—„Ach, mein Herr, man ſieht wohl, daß ſie keine engliſchen Romane leſen! Da könnten Sie Frauen ſehen, die Nächte lang durch unterirdiſche Gänge gehen, ohne die mindeſte Furcht zu haben; die mit Geſpenſtern reden⸗ ohne zu zittern; 4 24 die ſich Tage hindurch mit ihrer Liebe beſchäftigen, ohne je an Eſſen oder Trinken zu denken; die, von einem rohen, zudringlichen Liebhaber verfolgt, oft ſchlafend angetroffen werden, ohne daß trotz dieſer Unfälle ihre Tugend den geringſten Stoß erleidet; Sie würden... ach, mein Gott! welcher Geruch! ach, welcher Geruch! Es iſt eine wahre Peſtluft!“ Das kleine Püppchen der Amme hatte den Rede⸗ ſchwall der Gräfin durch einen bei Kindern dieſes Al⸗ ters ſo häufig vorkommenden Umſtand unterbrochen. Die Amme unterſuchte ihr Kleines, der dicke Herr nahm eine Priſe, der Soldat ſtopfte ſeine Pfeife und der Gascogner hielt ſich die Naſe zu. Die Alte ſeufzte und klagte während deſſen ohne Unterlaß.„Mein Gott!“ rief ſie aus,„es iſt unerträglich, wie kann man auch Kinder im Wagen mitnehmen! man hätte es ſollen auf das Imperial hinaufthun.“—„Warum nicht gar zu dem Gepäck?“—„Dann hätte es uns doch nicht verpeſtet!“—„So! ſeien Sie auch ver⸗ nünftig; vor ſechszig Jahren haben Sie es auch nicht beſſer gemacht.“—„Schweigen Sie, dummes Vieh, oder ich..“(Hier verſagt der Alten die Stimme; der Ausdruck ſechszig Jahre hatte ſie zu tief verletzt.) —„Potz Bomben und Granaten! ſind Sie bald zu⸗ frieden? Geben Sie mir Ihr Kind, Mütterchen. Da⸗ mit nahm der galante Soldat der Amme das Kind ab, damit ſie andere Wäſche ſuchen konnte. Hierdurch wurde das Hintertheil des Kindes gerade gegen das Geſicht der alten Duenna gewendet; ſie wagte aber, durch die Blicke und die Stimme des Beſchützers der 15 2⁵ Amme eingeſchüchtert, nichts weiter zu äußern, und nahm ſeufzend ihren Hund, ihren Käfig und ihr Buch wieder zur Hand. Auf dieſe Weiſe wurde der Frieden vollkommen wieder hergeſtellt: die Amme trug den Sieg davon, wofür ſie ſich bei ihrem galanten Vertheidiger durch Blicke und durch Berührungen mit dem Knie be⸗ dankte, und dieſer ſchwur, das Kind rieche nicht un⸗ angenehm; der Gascogner pflichtete ihm bei, denn er hatte ſich aus Furcht vor Unannehmlichkeiten ent⸗ ſchloſſen, immer der Meinung des Soldaten zu ſein. So kamen unſere Reiſenden in die Herberge, wo ſie die Nacht zubringen mußten. Fünftes Kapitel. Der Gaſthof. „He, wach' auf, mein Kind!“ rief Johann, Geor⸗ gine auf ſeinen Arm nehmend, um ſie aus dem Wa⸗ gen zu heben.—„Sind wir daheim?“ frägt Geor⸗ gine, ſich die Augen ausreibend.—„Noch nicht; aber wir wollen hier zu Nacht eſſen.“—„Das iſt recht, denn ich habe fürchterlich Hunger.“—„Die Kleine iſt nicht dumm,“ ſagte der dicke Herr, indem 1 er mit aller ihm möglichen Leichtigkeit aus dem Wa⸗ gen ſprang und nach der Küche eilte, um ſich mit eigenen Augen zu überzeugen, wie es dort zuginge und was ſie von der Mahlzeit zu hoffen hatten. „Geben Sie auf meinen Käfig Acht; reichen Sie mir meinen Hund, Herr Conducteur.“—„Eil Sie 26 machen mit Ihren Thieren mehr Umſtände als zehn Reiſende zuſammen.“—„Muß man ſich nicht der unſchuldigen Thiere annehmen?“—„Ach, wenn Sie mir, als Sie mir Ihren Platz bezahlten, geſagt hät⸗ ten, daß Sie eine Menagerie mit ſich führen, hätte ich anders mit Ihnen gerechnet.“ Der Conducteur, den die Klagen der Alten lang⸗ weilen, wirft Azor in die erſte Stube mitten unter das Gepäck hinein. Das zarte Thier fängt an zu bel⸗ len, ſeine Herrin hört ſein ſchmerzliches Geſchrei; ſie ſtand bereits mit der Ferſe auf dem Kutſchentritt, hatte in einer Hand Jaköbchens Käfig und hielt ſich mit der andern am Schlage. Als das Geſchrei des Hundes zu ihren Ohren dringt, fürchtet ſie, es ſei ihm ein Unglück begegnet, will ihm zu Hülfe eilen und ſpringt, während ſie den Kutſchenſchlag losläßt, ſtatt nur einen drei Tritte auf einmal herunter, aber vermöge eines unſeligen Verhäͤngniſſes blieb ihr Nock im Innern hängen und hinderte ſie, auf den Boden zu gelangen, ſie ſchwebte ſomit in der Luft und bot den Vorübergehenden den Anblick von Reizen dar, welche nicht wie die der Madame Boullard offen ge⸗ zeigt zu werden verdienten. Die Lage der Dame war grauſam; in ihrer Be⸗ ſtürzung hatte ſie Jaköbchens Käfig fallen laſſen, und Azors Klagen, mit dem Hohngelächter der Paſſagiere vereint, reizten ihre Nerven auf's Aeußerſte. Sie konnte es ſo nicht mehr länger aushalten, nahm ei⸗ nen heftigen Schwung, iyr Kleid krachte, riß, und die Alte fiel ſchwer mit dem Hintern auf den Käfig —:e— 27 des geliebten Vogels. Aber, o Uebermaß des Miß⸗ geſchicks! der Käfig zerbricht und ſie erſtickt mit ihrem Poſteriore das unglückliche Jaköbchen, welches ihr ſterbend ſeinen Schnabel in die Hinterbacken bohrt. Die Duenna ſtößt ein gellendes Geſchrei aus; man eilt herbei, man fürchtet, ſie ſei verwundet, man nimmt ſie, kehrt ſie um, der Gascogner und der Soldat wol⸗ len ſie in die Höhe heben, aber Beide bleiben ver⸗ blüfft ſtehen, als ſie Jaköbchen unter den Röcken ſei⸗ ner Herrin zerquetſcht ſahen. Johann bringt ſie wie⸗ der zu ſich, der Soldat übernimmt es, den Vogel aus dem verwundeten Theil herauszuziehen, der Gas⸗ cogner ruft aus, dieß ſei das erſte Mal, daß er ein Kliſtier mit einem Papageiſchnabel geben ſehe, und der dicke Herr weicht zurück, weil ihm der Anblick der Wunde den Appetit benimmt. Wir wollen die Dame, welche eifrig die Reſte des unglücklichen Jaköbchens aufhebt und ſich vornimmt, daſſelbe ausſtopfen zu laſſen, ein wenig aus den Augen ſetzen und zu Georginen zurückkehren, die wir ſchon eine Weile vergeſſen haben. 8 Georgine war in dem großen Wirthszimmer; ein dreizehn⸗ bis vierzehnjähriger Jüngling ſetzte ſich ne⸗ ben ſie, deſſen ſanfte Stimme und höfliches, artiges Weſen eine gute Erziehung verriethen. Die jungen Leutchen ließen ſich bald in ein Geſpräch ein. Karl, ſo hieß der junge Reiſende, war von Georginens Verſtand und Lebhaftigkeit entzückt. Ehe wir aber weiter gehen, wollen wir vorher genaue Bekannt⸗ ſchaft mit der neuen Perſon machen, die uns intereſ⸗ 28 ſiren muß, da ſie einen wichtigen Platz in Georgi⸗ nens Geſchichte einnehmen wird. Karl war der Sohn des Marquis von Merville, eines franzöſiſchen Edelmannes, der, nachdem er ei⸗ nen Theil ſeiner Jugend auf Reiſen zugebracht hatte, ſich auf einem ſeiner Güter in Lothringen niederließ, wo er ſich mit einer jungen hübſchen Frau verheira⸗ thete, in die er aber keineswegs verliebt war. Herr von Merville war ein eigenthümlicher Mann: er glaubte, man müſſe, um vollkommen glücklich zu ſein, einer Gefährtin begegnen, die für Einen ge⸗ ſchaffen ſei; man müſſe ſich durch gegenſeitige Sym⸗ pathie zuſammenfinden, ihr bei dem erſten Zuſam⸗ mentreffen gefallen und ſie eben ſo ſchnell anbeten, dann erſt ſei man gewiß, die Frau vor ſich zu haben, welche denſelben Geſchmack, dieſelben Wünſche und dieſelben Gefühle habe, welche man ſelbſt empfinde. Vergebens durchreiste aber Herr von Merville Eu⸗ ropa, Aſien und einen Theil der neuen Welt, um den Gegenſtand zu ſuchen, der mit ihm ſympathiſi⸗ ren würde. Da er ſehr haͤßlich war, verliebte ſich kein Frauenzimmer auf den erſten Anblick in ihn. Er faßte alſo, des ewigen Reiſens müde, den Ent⸗ ſchluß, ſich auch wie Andere zu verheirathen. Die ſchöne Adriane von Vallencourt, ein tugendhaftes, wohlerzogenes Mädchen, machte ihn ſo glücklich, als er es mit ſeinen Chimären werden konnte, und Karl war die Frucht dieſer Verbindung. 4 Der junge Mann hatte die ſanften Tugenden ſei⸗ ner Mutter und etwas von den Eigenthümlichkeiten 4 ſeines Vaters geerbt. Bei ſeinem zartfühlenden, lie⸗ benden Weſen, mit dem er ſich allzu leicht an einen Gegenſtand hängte, der ihn anzog, bedurfte er des Nathes ſeiner Mutter, welche ihm den Unterſchied zwiſchen einer vorübergehenden Neigung und einer wirklichen Liebe, einer Caprice und einer Leidenſchaft deutlich machen mußte. Glücklicher Weiſe hatte er an Frau von Merville eine zuverläßige treue Führerin, und er folgte ihrem vernünftigen Rathe, den ſie ihm mit mütterlicher Zärtlichkeit ertheilte, gerne. Karl wurde in ſeinem achten Jahre in eine der beſten Schulen nach Paris geſchickt. Jedes Jahr brachte er die Ferien bei ſeinen Eltern zu. Auf einer dieſer Reiſen war der junge Mann, den ein alter Diener ſeiner Eltern begleitete, in dem Gaſthofe abgeſtiegen, wo er mit Georgine zuſammentraf. Im elften und vierzehnten Jahre iſt man bald mit einander bekannt. Die jungen Leutchen erzählten ſich ihre Abenteuer. Georgine machte Karl eine weit⸗ läufige Schilderung aller ihrer Erlebniſſe. Der junge Mann tadelte ſie wegen der Art, mit welcher ſie ihren Onkel verlaſſen hatte; aber Georgine war entſchloſſen und beſaß das Talent, ihm zu beweiſen, daß ſie Recht gehabt hatte; dann lud ſie, da ſie ſich bereits benahm, als ob ſie Johanns Tochter wäre, Karl ein, ſie auf dem Pachthofe in Bondy zu beſuchen, welches er ihr verſprach, ſobald es ihm die Zeit einmal erlaube. Ihre Unterhaltung wurde durch den Eintritt der Reiſenden, die zum Nachteſſen in den Speiſeſaal ka⸗ men, unterbrochen. Karl begab ſich auf ſein Zimmer und verſprach Georgine, ihr am nächſten Morgen Le⸗ bewohl zu ſagen. Das Nachteſſen war ſehr gut: man verdankte die⸗. ſes der Sorgfalt des dicken Herrn, der, ſo viel man erfuhr, ein Viehhändler war, welcher ſich nun vom Geſchäfte zurückgezogen hatte.„Sandis!“ rief der Gascogner, ſich der Tafel nähernd, aus, nich ſpeiſe gewöhnlich nicht zu Nacht, aber heute fühle ich Ap⸗ petit; außerdem will ich euch auch Geſellſchaft lei⸗ ſten.“—„Das Nachteſſen wird theuer ſein,“ ſagte die Amme, ſich ſetzend.—„Sechs Franken das Cou⸗ vert,“ entgegnete der Wirth, ſeine Mütze abnehmend. —„Sechs Franken!... das iſt eine Kleinigkeit... und wenn ich bei Tiſche ſitze, laſſe ich die Damen nie bezahlen!“ Mit dieſen Worten nimmt der Gascogner Platz, und die Andern ſetzen ſich dann auch. Die Reiſenden hatten unterwegs Appetit bekom⸗ men: man that dem Eſſen alle Ehre an. Der gas⸗ cogniſche Ritter ließ ſich's, obgleich er an Einem fort wiederholte: er eſſe nie zu Nacht, ausgezeichnet ſchme⸗ cken und übertraf an Geſchwindigkeit den dicken Vieh⸗ händler. Dieſer aß aus Aerger, daß der Gascogner immer die beſten Stücke wegnahm, und um ſeinem ausgehungerten Tiſchgenoſſen gleich zu thun, ſo un⸗ mäßig, daß er faſt erſtickt wäre; nur dadurch, daß ihm eine kleine Magd den Bauch rieb und Johann ihm tüchtige Fauſtſchläge auf den Rücken verſetzte, wurde unſer Mann von dem peinlichen Zuſtande be⸗ freit, in welchen ihn ſeine Gefräßigkeit verſetzt hatte. Als der Chevalier endlich geſättigt war, aß ſein Geg⸗ 31 ner ruhiger, und man fing an, heiterer zu werden. Der Unfall, welcher der Alten begegnet war, bildete den Gegenſtand der Unterhaltung: die Herren erlaub⸗ ten ſich etwas plumpe Scherze über die verwundeten Theile; glücklicher Weiſe fanden die Damen, welche zuhörten, Geſchmack an dergleichen. Beim Nachtiſch erhitzte der Wein die Köpfe: der Soldat beſchäftigte ſich angelegentlich mit der Amme, die nicht allzu grau⸗ ſam gegen ihn war; der Viehhändler, welcher, wenn er gut gegeſſen hatte, auch eine ſehr merkliche Nei⸗ gung zur Zärtlichkeit fühlte, ſchäkerte mit der kleinen Magd, einer jungen, blühenden, derben Brünette, die zwar allerdings nicht die ſchönſte Taille hatte, aber doch reizend genug war, einen Mann zu feſſeln, deſ⸗ ſen Anforderungen ſich rein auf das Nothwendigſte beſchränkten; der Gascogner allein war tugendhaft und ſchien in tiefe Betrachtungen verſunken, als der Wirth kam und ankündigte, daß die Zimmer gerich⸗ tet ſeien. Man erhob ſich, flüſterte ſich etwas in's Ohr und trennte ſich, vielleicht mit der Hoffnung, ſich bald wiederzuſehen. Alles ließ ahnen, daß die Nacht nicht ruhig vorübergehen werde. Ich muß Ihnen das übri⸗ gens erzählen, allein ſo anſtändig als immer möglich. Ach, wenn ich die Feder des guten Mannes hätte! Ich hab's erfahren hundertmal, Wenn nur der Ausdruck ſich empfahl, So läßt ein Weib die Sache ruhig gehen, Selbſt keine Röthe mag ſie d'rob erſtehen, Und alle Welt hört lauſchend euch. Dieß richt’ge Kunſtſtück brauch' ich gleich. N e 32 Sechstes Kapitel. Die abenteuerliche Nacht. Das tiefſte Schweigen herrſchte in dem Gaſthofe. Alles war ruhig; es hatte Mitternacht geſchlagen. Aber dieſe trügeriſche Stille war nur der Vorläufer eines heftigen Sturmes.. Georgine ſchlief, wie man im zehnten Jahre ſchläft, wenn man gut zu Nacht gegeſſen hat, Johann wie ein Mann mit einem reinen Gewiſſen, den keine Sor⸗ gen quälen. Laſſen wir ſie ſchlafen. Eine unglückliche Katze, die mit ihrem Liebesge⸗ ſchrei die Nachbarſchaft ſtörte, war auf dem Dache des Hauſes oberhalb des Fenſters über des Gaſtwirths Stube und neben dem Dachladen, welcher die beſchei⸗ dene Kammer erhellte, wo die junge Magd ſchlief; die Kammer befand ſich ſomit, wie aus dieſem her⸗ vorgeht, gerade über dem Zimmer des Herrn. Ich weiß nicht, ob der Gaſtwirth ſeine Magd ſo nahe bei ſich einquartirte, um ſie jeden Augenblick bei der Hand zu haben, oder ob es ſich ſonſt o fügte. Er war verheirathet, ſeine Frau hatte bereits ihr zehntes Luſtrum erreicht, ſie ſah nicht weiter als ihre Naſe, und ſie war ſtumpfnaſig, der Wirth war b weit jünger wie ſie, etwas leichtſinnig und gar wohl 3 im Stande, während des Schlummers ſeiner ſüßen Hälfte einen Beſuch in der Dachkammer abzuſtatten. V Doch kehren wir zu unſerm Kater zurück. Der Kater, welcher ohne Zweifel ein Rendezvous auf dem Dache ausgemacht hatte, ſpazierte ſchon 33 lange hin und her, als er vom Hofe her miauen hörte. Die Stimme ſeiner Schönen erkennend, wollte er haſtig hinabſpringen; aber gegen die Gewohnheit von ſeinesgleichen that er einen Fehltritt, purzelte gegen den Dachladen, ſchlug ein Fenſter ein und plumpte ſchwer in das Innere der Kammer hinein. Der Gaſtwirth lag neben ſeiner zärtlichen Hälfte, welche dieſe Nacht nicht ſo ruhig ſchlief wie gewöhn⸗ lich, worüber ſich der Gatte höchlich ärgerte, denn der Herr hatte die Schäkereien des dicken Viehhänd⸗ lers und die Liebesblicke ſeiner Magd während des Eſſens beobachtet, und den feſten Vorſatz gefaßt, ſich im Laufe der Nacht zu überzeugen, ob ſein Verdacht gegründet ſei. Man kann ſich denken, wie wüthend ihn die Schlaf⸗ loſigkeit ſeiner Frau machte; vergebens ſtellte er ſich, als ob er ſchnarche. Madame, die gerade zum Scher⸗ zen aufgelegt war, liebkoste ihn, zwickte ihn und warf ihm ſeine Kälte vor. Plötzlich ertönt ein fürchterlicher Lärm über ihrem Kopfe; der Wirth, der einen Vor⸗ wand ſucht, um aufzuſtehen, ſpringt aus dem Bette. „Wo gehſt Du denn hin, Lolo?“ fragte beſorgt ſeine theure Gefährtin.—„Parbleu! haſt Du den gräulichen Lärm nicht gehört, den man da oben ge⸗ macht hat?“—„Doch, mein guter Mann, aber Fränzchen hat vielleicht aufſtehen müſſen und einen Stuhl umgeworfen.“—„Nein, Frau, Fränzchen hat den Teufelslärm, den ich gehört habe, nicht gemacht, oder wenigſtens nicht allein, und das muß ich gewiß Paul de Kock. XLI. 3 3 34 wiſſen.“—„Aber, mein guter Mann...“ Allein mein guter Mann war ſchon fort, zum großen Be⸗ dauern ſeiner zärtlichen Hälfte, die ſich nicht wenig erzürnte, daß ihre Nacht ſo geſtört wurde; laſſen wir ſie lamentiren und ihren Gatten erwarten, während wir dieſen auf ſeinem nächtlichen Gange begleiten. Mit zwei Sprüngen ſteht er vor der Kammer⸗ thüre: ſie iſt halb geöffnet.„Gut,“ ſagt er,„das iſt das erſte Zeichen!“ Er ſchleicht ſachte vorwärts, es huſcht etwas haſtig durch ſeine Beine durch, er klemmt ſie zuſammen, um den Gegenſtand zurückzu⸗ halten, und man bohrt ihm zwei Krallen in die Wa⸗ den; nun beeilt er ſich, dem Thiere ſeinen Lauf zu laſſen, und dieſes ſucht, von ſeinem Falle beſtürzt, die Flucht. Unſer Mann geht zu dem Bette der klei⸗ nen Magd hin... er greift, er taſtet... das Bett iſt leer... ein zweites Zeichen!... kein Zweifel mehr, daß ſich die Verrätherin mit dem Dicken abgibt... wie ſoll er aber das Pärchen überraſchen, wie ſich auf eine eclatante Weiſe an ihnen rächen?... Der Gaſtwirth war eben in Nachſinnen hierüber vertieft, als das Geräuſch von leichten Tritten, gegen die Kammer her, ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zog; er nimmt einen Knotenſtock in die Hand, wirft ſich auf das Lager und erwartet angſtvoll, was da kommen mag. Man ſtößt die Thüre auf: beim ſchwachen Schein des Mondes unterſcheidet der Gaſtwirth einen Mann im Hemde.„Biſt Du da, meine Kleine?“ frägt eine Stimme ſo zart als es ihr möglich iſt.—„Ja, 2 35⁵ ja, ich erwarte Dich,“ entgegnet der Gaſtwirth mit verſtelltem Tone. Er hatte den dicken Viehhändler erkannt, dem er einen Empfang vorbehielt, der die heißeſte Glut zu erſticken vermochte.—„Als ich endlich merkte, daß Du nicht in die Remiſe kamſt, wo Du mich hinbeſtellt hatteſt, ging ich in dieſe Kammer herauf, in welcher Du mir geſagt haſt, daß Du ſchlafeſt... es hat Mühe gekoſtet, bis ich ſte ge⸗ funden habe... ich irrte auf allen Treppen herum ... aber jetzt bin ich bei Dir... und hoffe für meine Leiden entſchädigt zu werden.“ Mit dieſen Worten, wovon dem Gaſtwirth kein einziges entgangen war, ſteigt unſer Verliebter in das Bett, wo er die höchſte Seligkeit zu genießen glaubt. Aber ſtatt eines Kuſſes, den er erwartet, fällt man mit einer Tracht Prügel über ſeinen Rü⸗ cken her. Der unglückliche Liebhaber hat kaum Zeit zu ſich ſelbſt zu kommen... der Stock zerbläut ihn mit einer unglaublichen Behendigkeit. Im höchſten Grade über dieſe Aufnahme entrüſtet, macht er ſich mit lautem Geſchrei, daß man ihn zu Tode ſchlage, davonz er rennt wie beſeſſen die Treppe hinab, macht mehrere Umwege, um ſeinem unbarmherzigen Schlä⸗ ger durchzugehen, ſtemmt ſich mit Gewalt gegen eine Thüre, die der Schwere ſeines Körpers nachgibt, ſchließt ſie hinter ſich zu und dankt dem Himmel, daß er Dem entgangen iſt, der ihn ſo grauſam behan⸗ delte. Wir wollen ihn zu Athem kommen laſſen und wieder zu dem Gaſtwirth zurückkehren.. Seine Abſicht war nicht, den Viehhändler zu ver⸗ 36 folgen, denn von dieſer Seite hatte ſich ſeine Rache Genugthuung verſchafft; aber nach dem, was er ge⸗ hört hatte, beabſichtigte er nun, ſich in die Remiſe, eine Art Schoppen, zu begeben, welche dicht an den Garten ſtieß und gegenwärtig mit Stroh und Heu angefüllt war; dort mußte Fränzchen ſein. Unſer Eiferſüchtiger geht die Stiege hinab; un⸗ terwegs begegnet er verſchiedenen Reiſenden und den Dienſtboten des Hauſes, welche das Geſchrei des Vieh⸗ händlers gehört haben und nachſehen wollen, was es gebe; der Wirth ſtellt ſich, als ob er von nichts wiſſe und ſich aus demſelben Grunde auf dem Hausgange befinde. Unſer Mann dachte mit Recht, daß er es nicht bekannt machen dürfe, auf welche Art er ſeine Reiſenden behandle: das hätte ſeiner Wirthſchaft kei⸗ nen Nutzen gebracht. Man zündet Fackeln an, folgt dem Hausherrn, der in den Hof hinabgeht; man macht vor der Remiſe Halt, die von halbverfaulten Brettern umgeben iſt; man dringt in's Innere hinein, als man Klage⸗ laute von der entgegengeſetzten Richtung her zu ver⸗ nehmen glaubt... man kehrt um.. horcht... es iſt nicht zu bezweifeln: die Stimme kommt aus der Tiefe eines Brunnens herauf, der zehn Schritte weit von der Remiſe entfernt ſtand, und von keiner Mauer, ſondern nur von einem ſechs Zoll hohen Brett einge⸗ faßt war. 4 Es iſt gewiß Jemand in den Brunnen gefallen; zum Glück iſt er aber nicht ſehr tief. Zwei Kellner des Hauſes binden einen großen Kübel an das Seil, 37 ein dritter ſteht hinein, man läßt ihn langſam mit einer Laterne hinab; nicht lange darauf ſchreit er, man ſolle das Seil wieder anziehen, aber der Kübel iſt ſo ſchwer geworden, daß ihn drei Männer kaum in die Höhe bringen. Endlich erſcheint er wieder: der Kellner hat den Soldaten im Arme, der, eben ſo leicht gekleidet wie der Viehhändler, als er in die Kammer ſtieg, vor Entſetzen und Kälte faſt erſtarrt iſt. Allgemeines Erſtaunen der Umſtehenden... Der Wirth hatte ihn anfangs für den armen Geprügelten gehalten, aber nun ſieht er ſeinen Irrthum ein, und während man ſich damit beſchäftigt, den Unteroffizier wieder zu ſich zu bringen, geht der Hausherr mit einem Theil der Reugierigen wieder in die Remiſe zurück, um noch andere Perſonen zu ſuchen. Zuerſt bemerkt man nichts; man horcht: die tiefſte Stille herrſcht unter dem Schoppen. Der Wirth denkt, man werde ſich entfernt haben, ehe er gekommen ſei,⸗ und will es auch ſo machen, als er etwas Weißes unter einem Bund Heu ſieht. Er nähert ſich, es iſt abermals der Zipfel eines Hemdes... er ſchafft das Heu weg und zeigt den erſtaunten Zuſchauern die kleine Magd und die Amme, welche ſich unter das Heu verkrochen hatten, rr wa, Per,enn 8 2 84 . 1 Im einfachen Aufzug aus dem Paradies Aeſ; Von zweien Schönen, die man aus dem Schlafe riß. O glückliche Reiſende, wie ſeid ihr zu beneiden! Der Anblick zweier hübſchen Weiber, welche beinahe nackt unter dem Heu ſtecken, wiegt meiner, Anſicht 3 22. 2 erar ⸗ 22,—„ ate 272 5. e, hr⸗ ,er,e,e,, 7 Be,e e rr Dice 2 —— — — 2 „ 38 nach wohl die ungeheuern Sehenswürdigkeiten auf, die man in Paris von der Magdalenenkirche bis zum Elephantenplatz für zehn Centimen zeigt. Unſere zwei Mädchen zitterten zwar, übrigens nicht vor Kälte(ſie erſtickten faſt unter dem Stroh), ſon⸗ dern vor Schande und Aerger, in einem ſolchen Auf⸗ zuge den Blicken aller Reiſenden ausgeſetzt zu ſein. Man fühlte Mitleid mit ihnen und forderte ſie auf, ſich ohne Furcht zu erheben und ſo ſchnell als mög⸗ lich ihr Lager zu erreichen; der Wirth verſchob jede Erklärung auf den folgenden Tag. Die Damen hat⸗ ten ſich bereits in die Höhe gerichtet, ſuchten einen Theil ihrer Reize mit einigen Händen voll Heu zu verbergen und wollten ſich in das Haus zurückbege⸗ ben, als man ein Geſchrei von der Treppe her hörte, und gleich darauf die alte Dame, eben ſo leicht ge⸗ kleidet als unſere jungen Mädchen, in den Hof her⸗ abrannte und wie beſeſſen ſchrie:„Diebe!.. Mör⸗ der!... Nothzucht!...“ „Nothzucht!...“ wiederholt man von allen Sei⸗ ten, die Alte mit dem Papagei erkennend, während man mit mehr Staunen als Vergnügen ihre Bruſt betrachtete, welche ungeachtet aller Mühe, ſie in die Höhe zu halten, nachläßig und welk über ihren Bauch herabhing.„Nothzucht, liebe Dame! Sie träumen ohne Zweifel?“—„Nein, nein, meine Herren, ich träume nicht: ein Mann kam im Hemde in mein Zimmer und ſtürzte ſich über mein Bett her. Ach, mein Gott! Du haſt meine Tugend beſchützt! Ich erwachte glücklicher Weiſe und fuhr in die Höhe, denn A 4 XA* A 8 39 ſonſt hätte er wahrſcheinlich meinen Schlaf zur Aus⸗ führung ſeines ſchändlichen Planes benutzt, und es gelang mir nicht ohne Mühe, mich aus ſeinen Armen zu befreien!“—„Wiſſen Sie aber auch beſtimmt, daß es ein Mann iſt?“—„Natürlich, es iſt gar nicht zu bezweifeln.“ Die Reiſenden ſchickten ſich, über die Erzählung der Alten erſtaunt und ſehr neugierig, zu erfahren, welches das unglückliche Weſen ſein möge, das der Dämon der Fleiſchesluſt zu dieſem Attentate verführt habe, bereits an, in das Zimmer der Dame hinauf⸗ zugehen, aber in demſelben Augenblicke wurde mit verdoppelten Schlägen an die Hausthüre gepocht.— „Potz Henker!“ ruft der Gaſtwirth aus,„hört es denn heute nicht mehr auf?“ Man eilt an die Thüre, man macht auf und ſieht die Gendarmerie vor der⸗ ſelben, welche den Ritter des Garonnethales, der ein kleines Päckchen unter dem Arme hat, in demſelben Koſtüm wie die Uebrigen herbeiführt.„Parbleu!“ ſchreit der Wirth,„ich glaube, dieſe Leute haben es untereinander ausgemacht, mitten in der Nacht im Hemde ſpazieren zu gehen... und dieß zwar noch im Monat April... ſie müſſen verteufelt erhitzt ſein!“ Der Gascogner ſprach kein Wort und ſchien ei⸗ nigermaßen verlegen. Der Brigadier nähert ſich dem Wirth und ſagt:„Hier, Kamerad, bringe ich Ihnen einen Menſchen, der eben über Ihre Gartenmauer auf die Straße hinausſtieg. Ich machte gerade mit meinen Leuten die Runde, als ich ihn über die Mauer hinunterſpringen ſah. Ein Mann im Hemde mit ei⸗ 40 nem Päckchen unter dem Arme, der auf ſolche Weiſe einen Gaſthof verläßt, ſchien mir ein wenig verdäch⸗ tig; ich rief ihm zu, ſtille zu ſtehen, er that aber, als ob er mich nicht hörte und lief weiter. Ueber ſein Schweigen geärgert, gab ich ihm einige Tritte auf den Hintern, dann rieb er ſich die Augen, ſagte mir, er ſei ſomnambul und es begegne ihm oft, Nachts im Schlafe, ohne daß er es wiſſe, herumzu⸗ wandeln. Das Alles iſt ſehr möglich, aber ſein Päck⸗ chen machte mich argwöhniſch, und ich bringe Ihnen denſelben, um ſich zu überzeugen, ob er nicht viel⸗ leicht im Schlafe auch ſtiehlt.“ „Was ſprechen Sie da von Stehlen!... wiſſen Sie, daß ich der jüngere Sohn einer adelichen Fa⸗ milie aus der Gascogne bin?“—„Das Eine ſchließt das Andere nicht aus! wir wollen jedenfalls das Päck⸗ chen unterſuchen.“ Man macht das armſelige Päckchen auf, welches unſer angeblicher Nachtwandler trug, und da es nur ſeine eigenen Effekten enthielt, die von äußerſt ge⸗ ringem Werthe waren, zog ſich die Gendarmerie zu⸗ rück und forderte den Wirth auf, ſich jetzt von dem Chevalier bezahlen zu laſſen, damit er nicht noch ein⸗ mal Luſt bekomme, im Hemde davonzulaufen. Nachdem ſich die Soldaten entfernt hatten, dachte man an eine Wiederherſtellung der Ordnung im Gaſt⸗ hauſe. Während des Gascogners Ankunft hatten ſich die Amme, die Magd und der Unteroffizier auf ihre Stuben zurückgezogen; der Chevalier that ein Glei⸗ ches und verſprach in ſeinem Bette zu bleiben. Nur 41 die Alte war noch übrig: man führte ſie in ihr Zim⸗ mer, welches man durchſuchte, worin man aber zum großen Erſtaunen der Duenna Niemand fand; man bat ſie, ruhig zu ſein oder es geſchehen zu laſſen, wenn noch einmal Jemand käme, der ſie nothzüch⸗ tigen wolle, was aber höchſt unwahrſcheinlich wäre, da ſich heutzutage ſelten Wunder ereignen. Während Alles ruhig ſchläft, wollen wir die verſchiedenen Be⸗ gebenheiten dieſer ſtürmiſchen Nacht erzählen. Der Viehhändler hatte die kleine Magd ſo weit gebracht, daß ſie ihm ihr Schlafgemach zeigte; da aber das junge Mädchen bedachte, daß ihr Herr nicht ferne von ihr liege, ſo hatte ſie es vorgezogen, ihn in den Schoppen zu beſtellen, wo ſie völlig ungeſtört zu ſein vermuthete. Der Zufall fügte es, daß der Soldat und die Amme, welche den energiſchen Erklärungen ihres Nachbars im Eilwagen nicht hatte widerſtehen kön⸗ nen, denſelben Ort zum Rendezvous beſtimmt hatten. Man wird einwenden, daß die Amme und die Magd wohl hätten die Herren auf ihren Zimmern beſuchen können, das wäre einfacher geweſen; aber dieſe Frauenzimmer hatten zu viel Ehre im Leibe: Nachts in das Zimmer eines Mannes zu gehen, pfui davor! ... Ein Rendezvous an einem dritten Orte, das geht noch an! Sie hatten ſich allerdings in einem Koſtüm hinbegeben, welches andeutete, daß ſie nicht begpſihe tigten, grauſam zu ſein. vſ 2us s h Während man ſich Rendezvous gab, ſtellte der Chevalier eine Berechnung ſeiner Finanzen an; das 4 42 Ergebniß war, daß er weder den Gaſtwirth noch den Conducteur bezahlen konnte, und er ſah kein anderes Mittel vor Augen, ſich aus dieſer Verlegenheit zu ziehen, als ſich heimlich, während die Reiſenden und der Wirth ſchliefen, aus dem Staube zu machen. Aber der Teufel, der ſeine Freude daran hat, die arme Menſchheit wüthend zu machen, ſtatt die Dinge ihren Gang gehen zu laſſen, ſtörte alle Pläne dieſer Nacht. Der dicke Viehhändler kommt zuerſt zum Stell⸗ dichein: ungeduldig, daß ihn ſeine Schöne ſo lange warten läßt, geht er oben hinauf und ſucht ſie in ihrer Kammer. Kaum iſt er fort, kommt Fränzchen, welche auf einer andern Stiege in den Schoppen ging, herun⸗ ter; ſie legt ſich auf das Stroh und erwartet ihren dicken Liebhaber. Nach Verfluß von einer Viertelſtunde macht man leiſe die Thüre auf: die Amme i*ſt es, die ihren Rit⸗ ter ſucht. Die Lage dieſer Damen wird komiſch: die eben Eingetretene horcht, nachdem ſie die Thüre zu⸗ gemacht hat, und hört ein Geräuſch; in der Voraus⸗ ſetzung, ihr Liebhaber ſei da und doch erſtaunt, daß er ihr nicht entgegenkommt, geht ſie an ihm vor⸗ über und ſpricht nichts, und wirft ſich entſchloſſen, das Geſpräch nicht zuerſt anzufangen, auf einen Bund Stroh nieder. Die kleine Magd begreiſt gar nicht, warum ſich ihr dicker Anbeter, ohne ein Wort zu ſprechen, in eine Ecke legt.„Potz Kukuk!“ denkt ſie bei ſich,„wenn 3 43 er mich deßhalb zu kommen aufgefordert hat... ſo hätte er es können unterlaſſen, denn das iſt nicht der Mühe werth, mich in meiner Ruhe zu ſtören!“ Während ſich dieſe beiden Damen ſchmerzlich är⸗ gern, verläßt der Gascogner im Hemd ſein Zimmer, um ſich auf die Flucht zu machen. Er will eben in den Hof hinausgehen, als man ihn am Hemde zupft. Zitternd glaubt er, man habe ihn beobachtet und ſeine Abſicht entdeckt; er wagt es nicht, den Mund zu öffnen...„Biſt Du es, Hühnchen?“ fragt eine rauhe Stimme;„ich bin auf dem Wege zu dem be⸗ zeichneten Stelldichein...“ Damit kneift unſer Unter⸗ offizier, denn er war es, den Gascogner tüchtig in das Hintertheil; dieſer faßt Muth, als er den Irr⸗ thum des Andern gewahrt, und entgegnet mit ver⸗ ſtellter Stimme:„Folge mir, ich will Dir den Weg zeigen...“ Der Soldat läßt ſich das nicht wieder⸗ holen und läuft ohne Weiteres Dem nach, welchen er für den Gegenſtand ſeiner Flamme hält. Der Gascogner rennt aus Leibeskräften; der Mi⸗ litär will, obgleich er ſich über die Behendigkeit ſei⸗ ner Schönen wundert, doch nicht hinter ihr zurück⸗ bleiben; er hatte ſich aber beim Nachteſſen überladen und war nicht recht ſicher auf den Beinen: heftig ſtieß er ſich an die im Hofe ſtehenden Bäume, aber der Wunſch, ſeine Schöne zu erreichen, verlieh ihm Flügel: er eilt ihr an Einem fort nach, glaubt ſie ſchon zu haben, aber ſeine Füße ſtraucheln... er wankt, verliert das Gleichgewicht, fällt und badet ſeine fröhliche Trunkenheit und ſeine brennende Glut 44 in der Tiefe eines Brunnens. Während unſer Ver⸗ liebter im Waſſer rang, vergingen unſere beiden ſchö⸗ nen Frauenzimmer faſt vor Ungeduld in der Remiſe. Jede ſaß in einer Ecke und verwünſchte ihren Liebha⸗ ber.„Iſt er wohl zu ſchüchtern, ſich mir zu nähern?“ denkt die Amme.—„Er ſah doch nicht furchtſam aus,“ denkt Fränzchen.—„Seinen Manieren nach ſchien er Erfahrung zu haben!“—„Wohlan! ich muß ihn aufmuntern... denn ſonſt könnte vollends die ganze Nacht ſo vergehen, und das wäre mir höchſt lang⸗ weilig!“ Während die Mädchen dieſe Betrachtungen an⸗ ſtellen, näherten ſie ſich einander... und es ſollte eben eine Erklärung ſtattfinden, als ſie durch den Lärm im Hofe genöthigt wurden, ſich in das Stroh zu verſtecken.— Wir haben bereits geſehen, wie die Sache vor⸗ überging: wie der Viehhändler empfangen wurde, der ſich in das Zimmer der Alten flüchtete, die ein fürchterliches Geſchrei aufſchlug, weil ſie glaubte, man wolle ſie nothzüchtigen(woran der gute Mann nicht im Mindeſten dachte); wir haben den Soldaten aus dem Brunnen herausziehen ſehen; wir haben geſehen, wie der Gascogner in ſeinem Anfall von Somnambulismus überraſcht wurde... und meiner 5 Treu, lieber Leſer, wenn man ſo viel geſehen hat, 4 darf man wohl ein wenig ausruhen. 1 — 45 Siebentes Kapitel. Abreiſe.— Ankunft. Johann und unſere Heldin waren vielleicht die Einzigen, welche während dieſer denkwürdigen Nacht nicht aus ihrem Bette aufſtanden, und, ohne zu ahnen, was in dem Gaſthof vorging, ruhig fortſchliefen. Auch waren ſie den folgenden Morgen am früheſten mun⸗ ter und angekleidet. Johann geht in die untere Stube hinab. Er iſt erſtaunt, Niemand zu ſehen, und will wieder in ſein Zimmer hinauf, als er unterwegs dem Chevalier be⸗ gegnet, der leiſe oben herunter kam(dieß Mal jedoch in einem anſtändigeren Koſtüm). Der Gascogner bleibt, ärgerlich, den Landmann zu treffen, ſtehen; er faßt ſich übrigens ſchnell und macht ihm den Vor⸗ ſchlag, einen Spaziergang auf's Feld hinaus mit ihm zu machen. „Weiß Gott, mit Vergnügen,“ entgegnet Johann, „aber man iſt hier ſo faul, daß noch Niemand aus dem Gaſthofe auf und ſomit die Hausthüre noch ge⸗ ſchloſſen iſt.“—„Wir können vielleicht durch den Garten gehen.“—„Eben ſo wenig; das Gitter, wel⸗ ches geſtern offen ſtand, iſt jetzt, ich weiß nicht aus welchem Grunde, geſchloſſen.“ Bei dieſen Worten zieht der Chevalier ein langes Geſicht und bleibt einen Augenblick unbeweglich ſtehen, dann grüßt er Johann, wie wenn er ſich über etwas beſonnen hätte, und ſagt zu ihm, daß er wieder in ſein Zimmer gehen und dort das Erwachen der Rei⸗ ſenden erwarten wolle. Der gute Pächter wurde recht ungeduldig über die Langſamkeit ſeiner Reiſegefährten; endlich erſchienen die Leute des Hauſes, und in Kurzem war Alles auf den Beinen. Georgine eilte herbei und fragte: ob man wieder in den Wagen ſteige. Die Paſſagiere beſprachen ſich leiſe über die Abenteuer dieſer Nacht; Jeder lachte und betrachtete ſchelmiſch ſeinen Nachbar. Die kleine Magd kam nicht herunter; der Vieh⸗ händler trat auf ſeinen Stock geſtützt in den Speiſe⸗ ſaal herein und ſchien ſeit dem Vorabende um zehn Jahre älter geworden zu ſeyn; der Soldat rauchte, ohne ein Wort zu ſprechen, in einer Ecke; die Alte betrachtete jeden Reiſenden aufmerkſam, um den Sterb⸗ lichen zu erkennen, der ſich in ihre Reize verliebt hatte; die Amme wendete ihre Blicke nicht mehr von ihrem Säugling ab, und die Reiſegeſellſchaft erfuhr mit vielem Vergnügen, daß es jetzt Zeit ſei, ſich auf den Weg zu machen. Karl von Merville ſtieg in demſelben Augenblick zu Pferde, wo Georgine abreiste.„Adieu, meine kleine Freundin,“ rief er ihr von Ferne zu.—„Adieu; beſuche mich auf dem Pachthofe, oder ich habe Dich nicht mehr lieb...“ Mit dieſen Worten ſtieg unſere Heldin in das Gefährt und Karl trabte eilends da⸗ von. Alles ſaß im Wagen. Der Poſtillon wollte eben die Pferde antreiben, als der Conducteur bemerkt, daß der Chevalier noch fehlt. Er flucht, er ſchreit, 47 man ruft dem Reiſenden, man ſucht ihn im ganzen Gaſthofe. Dem Wirth, der noch nicht bezahlt war, wurde es ganz bange, indem er an die nächtliche Flucht deſſelben dachte. Man ſucht den Herrn Che⸗ valier vergebens; endlich bemerkt man bei genauer Nachſorſchung in ſeinem Zimmer eine auffallende Un⸗ ordnung in dem Kamine: der Herd und die Feuer⸗ hunde ſind voll Ruß. Man geht in die Dachkammern hinauf, blickt auf das Dach hinaus, und ſieht den großen Säbel des Maurenbeſiegers an einer Dach⸗ rinne hängen. Es bleibt kein Zweifel mehr übrig: der Nachtwandler iſt über die Dächer hinweg entflo⸗ hen. Der Wirth lacht über dieſes Abenteuer, dem Conducteur bleibt auch nichts Anderes übrig, und die Reiſenden entfernen ſich, indem ſie über dieſe Ma⸗ nier, billig zu reiſen, nachdenken. Wir wollen den Eilwagen weiter rollen laſſen; die Unterhaltung der Reiſenden könnte meine Leſer am Ende langweilen. Wir begleiten den Pächter und Georgine nach Bondy, wo ſie ſich von ihren Reiſe⸗ gefährten, die Paris zu fuhren, verabſchiedeten, tre⸗ ten mit den Perſonen, welche unſere Theilnahme erregen, in die ländliche Wohnung ein, die der Schau⸗ platz von Georginens erſten Thorheiten ſein wird, und wollen vor allen Dingen ſehen, welchen Eindruck ihre unerwartete Ankunft unter dem einfachen Dache des guten Pächters hervorbringt. 48 Achtes Kapitel. Ländliches Gemälde. Nichts verſchafft dem Geiſte ſolche Erholung, ſtärkt die Sinne und beruhigt die Seele in ähnlichem Grade als der Anblick einer freundlichen, belebten Land⸗ ſchaft. Jedermann iſt für dieſen Genuß empfänglich. Das Schauſpiel der aufgehenden Sonne koſtet nichts; auch verſchaffen ſich die armen Leute oft dieſes Ver⸗ gnügen, welches die Reichen nicht zu würdigen wiſ⸗ ſen! Es gibt Menſchen, die Alles mit Gleichgültig⸗ keit anſehen, welche ſelbſt die Schönheiten der Natur nicht rührt... dieſe haben einen Sinn zu wenig; Andere allzu ſchwermüthigen Sinnes erblicken in der⸗ ſelben nur Gegenſtände der Traurigkeit. Allerdings will ich einer Mutter, welcher ihr Kind entriſſen wurde, nicht rathen, ihren Schmerz in einen düſtern Wald zu tragen; eben ſo wenig einen Unglücklichen in ein einſames Thal führen! Aber jene maleriſchen Gegen⸗ den, jene von Blumen prangenden Thäler, jene Land⸗ ſchaften, wo man mit einem Blicke die Hütte des Schäfers, den Pferch, die nährende Fabrik und das Häuschen des Landmannes überſieht: ein ſolches Ge⸗ mälde kann keine friedliche Seele betrüben, denn bei der Bewunderung deſſelben durchdringt Einen im Ge⸗ gentheil ein Gefühl des Glückes. Solche Betrachtungen drängen ſich uns unwillkür⸗ lich auf, wenn wir uns dem Pachthofe Johanns nä- hern, der in einiger Entfernung von dem Dorfe in einem reizenden Thale erbaut iſt, welches auf der ¹ 49 einen Seite einen majeſtätiſchen Wald und auf der andern eine lachende Landſchaft bekränzt. Die Stille daſelbſt und das beſcheidene Dach kündigten einfache, zufriedene Menſchen an; wir wol⸗ len hoffen, daß Georgine die Ruhe dieſer guten Leute nicht ſtören werde. Dem Pächter klopfte das Herz ſtärker, als er ſein Haus erblickte.„Schau her, mein Kind, ſiehſt Du jenes von Kaſtanien umgebene Haus? dort gehen wir hin; dort lebe ich ſchon ſeit fünfzig Jahren glücklich und zufrieden.“—„Wie? in jenem einſamen Pacht⸗ hofe... langweilt Ihr Euch dort nicht?“—„Wa⸗ rum nicht gar langweilen! Ich bin verheirathet, liebe Kleine, ich habe eine brave Frau; unſere größte Freude iſt beiſammen zu ſein... darauf beſchränken wir uns; denn ſiehſt Du, wenn man ſich recht lieb hat, braucht man keine Geſellſchaft.“—„Ah!..“ mehr ſprach Georgine nicht, ſie begnügte ſich, insgeheim ihre Be⸗ trachtungen anzuſtellen.. „Da ſind wir ja ſchon!“ ruft Johann, ſich dem Hauſe nähernd, aus.„Komm, Georgine... laufe auch ſchneller...“ Damit zieht der gute Landmann die Kleine hinter ſich her; ſie gehen in's Haus hin⸗ ein. Ein treuer Hund erblickt ſeinen Herrn, er ſpringt ihm entgegen und ſcheint durch ſein Bellen ſeine Freude zu verkünden. Die gute Thereſe, welche gerade mit etwas beſchäftigt war, hört Cäſars Kläffen; ſie kommit herbei, um nach der Urſache deſſelben zu ſehen, und ſinkt ihrem Manne in die Arme. In wenig Augen⸗ Paul de Kock. XII. 4 50 blicken iſt die Rückkehr des Herrn im ganzen Hauſe bekannt. Drei Knechte und eine alte Magd, woraus ſammt dem Pächter und ſeiner Frau die ganze Ein⸗ wohnerſchaft des Pachthofes beſtand, eilen auch hin⸗ zu, um ihren Herrn zu küſſen, und überlaſſen ſich der Freude, ihn wieder bei ſich zu haben. Wie glücklich ſind Diejenigen, welche, wie Johann, nur von Freun⸗ den umgeben ſind! Als ſich das erſte Entzücken ein wenig gelegt hatte, gewahrte Thereſe Georgine.„Was iſt das für ein Mädchen?“—„Sieh', Frau, das iſt ein Kind, welches von nun an uns gehört. Du weißt, daß wir Beide unſer Möglichſtes gethan haben, wir bekom⸗ men keine!... meiner Treu! ich habe das kleine Mädchen unterwegs gefunden; ſie war eltern⸗ und aufſichtslos... ich nahm ſie alſo mit und verſprach ihr, Vaterſtelle an ihr zu vertreten. Geh, küſſe ſie, Thereſe, und betrachte ſie wie unſer eigenes Kind; das wird uns Glück bringen.“ Thereſe küßt Georgine zärtlich; dieſe läßt ſich gut⸗ willig von der Pächterin liebkoſen.„Ich habe ein Kind aus der Umgegend annehmen wollen,“ ſagte Thereſe,„aber obgleich die Einwohner arm ſind, hat mir doch Keiner das ſeinige abtreten wollen.“ Die Pächterin hätte nur nach Paris gehen ſollen! Nicht für die armen Landleute, die an ihren Kindern hängen, ſondern für die Bewohner der Stadt hat man das Hoſpitium der Findelkinder gegründet. Johann iſt yocherfreut, daß ſeine Frau ſeine Hand⸗ lung billigt.„Du wirſt Dich wundern, wie die Kleine 51 ſo drollig iſt; ſie hat einen Teufels⸗Verſtand.“ —„Hm!“ brummt die alte Urſula, die Dienerin des Hauſes, vor ſich hin;„ſie ſieht verdammt entſchieden aus. Ich müßte mich ſehr irren... oder das kleine Mädchen da... doch genug!“ und Urſula entfernt ſich kopfſchüttelnd. Als das mäßige Mahl bereitet war, ſetzte man ſich zu Tiſche. Georgine, die von Jedermann bewundert wird, iſt liebenswürdiger als je, und die Landleute ſind entzückt über ſie. Georgine hat Verſtand, ſehr viel Verſtand! möge er ihr nicht zum Unheil werden! Ein beliebter Schriftſteller hat geſagt: Der Verſtand der meiſten Weiber dient eher zur Beſtärkung ihrer Thor⸗ heiten als ihrer Vernunft! und dieſer Grundſatz hat ſich oft bewährt. Nach beendigter Mahlzeit machte Georgine, wäh⸗ rend Johann über ſeine Reiſe und über die Verwen⸗ dung des geerbten Geldes mit ſeinem Weibe ſprach, aus dem übrigen Nachteſſen Kugeln und warf ſie Cäſar vor, den dieſes Spiel beluſtigte, und der ſie mit bewunderswürdiger Geſchicklichkeit auffing. Ur⸗ ſula ſah dieſes mit an und rief aus:„Ei, Mam⸗ ſelle, was machen Sie denn da? wenn Sie dem Hunde ſolche Kugeln vorwerfen, wird er heute Nacht ſchön Wache halten; er wird ſchlafen, ſtatt den Hof zu hüten! Dieſe Kinder maßen ſich doch Dinge an...“ Johann befahl der Alten zu ſchweigen, was ſie mit Bedauern that, aber nicht, ohne noch einmal zu wieder⸗ holen:„Das kleine Mädchen da.. doch genug!...“ 52 Johann ſehnte ſich, von der Reiſe ermüdet, nach Ruhe; man führte Georgine in ein kleines, hübſches, außerordentlich reinliches Zimmerchen, von dem man eine Ausſicht über die herrliche Umgegend hatte; man richtete ihre neue Wohnung für ſie ein und verließ ſie, damit ſie ſich niederlegen konnte. Somit iſt nun Georgine bei dem Pächter ein⸗ quartirt. Wir wollen ſehen, womit ſie ihre Zeit zu⸗ bringt. Sobald der Tag graut, geht ſie in den Gar⸗ ten hinab, läuft in dem ganzen Pachthofe herum und reitet auf den Eſeln; ermüdet kommt ſie nach Hauſe, frühſtückt mit Appetit und läuft dann wieder fort, oft bis in den Wald hinein! Dort ruht ſie im Schat⸗ ten der Bäume aus und hört dem Geſange der Vögel zu, welche in den Gipfeln ihre Neſter gebaut haben. Endlich ſchläft ſte ein und erwacht erſt wieder, wenn ſie der Hunger erweckt; dann kehrt ſie abermals in den Pachthof zurück, wo Alles bei dem Abendeſſen verſammelt iſt. Johann und Thereſe liebkoſen ſie, ſie ſpielt mit Cäſar, macht die alte Urſula wüthend, und legt ſich zu Bette, um am folgenden Tage die⸗ ſelben Freuden zu genießen. Mehrere Monate verfloßen auf dieſe Weiſe. Wel⸗ cher Unterſchied zwiſchen ihrem jetzigen Leben und ihrer Exiſtenz bei dem Amtsſchreiber! zwiſchen den Schmeicheleien der Dorfbewohner und Gertrudens Schlägen! Und doch muß man zur Schande der Menſch⸗ heit geſtehen, langweilt uns ein allzu einförmiges Glück. Alle Tage glücklich zu ſeyn, nichts zu wün⸗ ſchen übrig zu haben, iſt wunderſchön; es hat aber 1 53 E Sduichis Pikantes für den Geiſt und nichts Reizendes für die Phantaſie! Einen ganz andern Genuß gewäh⸗ ren verbotene Freuden, und dieſe datiren ſich bekannt⸗ lich von alten Zeiten her. Allein unſere Heldin Ge⸗ rgine konnte keine verbotene Freuden genießen, weil Rihr nichts verboten war, und gerade deßhalb lang⸗ weilte ſie Alles. Die blühenden Wieſen, die köſtlichen Geſträuche, der klare Bach, der majeſtätiſche Wald, der Dudelſack des Schäfers, das Zwitſchern der Vö⸗ gel, die ganze Umgebung war dem jungen Mädchen, welches noch zu jung war, jenes Gefühl zu empfin⸗ den, wodurch Alles verſchönert wird, gleichgültig! O, dichter Hain, bezaubernd Schattendunkel, Ihr friſchen Lauben, zum Genuß der Luſt Dient ihr dem Mann, der glücklich in der Liebe. Verſchmähte Liebe aber birgt ſo gern In eurem dichten Buſche Seufzer, Thränen. Nur ein gleichgültig Weſen, fühllos gegen Das Elend, ſieht mit kaltem, trocknem Blick Dieß Eden, nichts bewegt ſein Fiſchblut ihm. Ihr ſeid ohne Liebe— Nichts als Erde, Blätter, Holz. Georgine ſtieg zuweilen auf eine Höhe, von der man eine weite Ausſicht genoß; dort blickte ſie auf die Straße, die nach der großen Stadt führte(mit dieſem Namen bezeichnete man ihr Paris); ſie ſeufzte und kehrte dann traurig in den Pachthof zurück. Sie T war nicht für das Landleben geboren. Georgine erklärte Johann eines Tages, daß ſie in die Dorfſchule gehen wolle, um Alles zu lernen, 54 worin man dort die jungen Mädchen unterrichtete. Der gute Pächter war der Meinung, ſie wiſſe genug, um auf dem Lande zu leben; da man aber Georginen keinen Wunſch verſagen konnte, ſo wurde ausgemacht, daß ſie zwar nicht in die Dorfſchule, dagegen in eine Erziehungsanſtalt zu Bondy gehen und dort alle die ſchönen Kenntniſſe, wie die Fräulein aus der Stadt, erlernen ſolle. Johann war reich und das Geld übt überall ſeine Wirkung aus. Es war ihm ſomit ein Leichtes, Ge⸗ orgine in die Erziehungsanſtalt für Kinder aus der Stadt zu bringen. Unſere Heldin, welche der Müßig⸗ gang langweilte, lernte Alles, worin man ſie un⸗ terwies, mit erſtaunlicher Schnelligkeit; eine beſondere Vorliebe zeigte ſie jedoch für Tanz und Muſik: in dieſen beiden Künſten brachte ſie es am weiteſten. Die Landleute ſtaunten ihren Schützling an, ſie hör⸗ ten ihm zu wie einem Orakel, und betrachteten ſie als ein außerordentliches Weſen, wenn ſie ſich herbei⸗ ließ, vor ihnen zu ſingen und zu tanzen. Die alte Urſula allein theilte ihre Freude nicht; ſie tadelte ihre Herrſchaft und brummte oft vor ſich hin:„Wozu braucht man dieſe Talente in einem Pachthofe? Die glauben vielleicht, Georgine werde ihr Leben lang bei ihnen bleiben!... ſie ſetze ihre Füßchen ſo hübſch auseinander, um auf den Aeckern herumzulaufen!... ſie ſinge dieſe Rouladen zur Beluſtigung Cäſars!... Wäre es nicht beſſer, wenn man ſie ſtricken, ſpinnen, melken, Butter rühren und andere Geſchäfte lehrte? aber nein... man macht eine Dame aus ihr! Ach, meine arme Herrſchaft!... ihr werdet ſchon ſehen! . das kleine Mädchen da... doch genug!...“ Neuntes Kapitel. Die Liebe kommt in's Spiel.— Wird die Unſchuld nicht in Gefahr gerathen? Georgine lernt fleißig, das iſt ganz recht, und wir wollen ſie alle Tage in ihr Inſtitut gehen laſ⸗ ſen(in dem ſie nur deßhalb nicht übernachtet, weil⸗ ſich die Landleute nicht vollſtändig von ihr trennen wollen). Wir gönnen ihr das Glück, welches das ihren Talenten geſpendete Lob in ihr erregt, und ſehen ſie Manieren annehmen, die durchaus nicht mit ihrem Aufenthaltsorte in Einklang ſind. Die Zeit verſtreicht allmälig; wir können uns einen Augen⸗ blick von unſerer Heldin, die noch zu jung iſt, als daß viel über ſie zu berichten wäre, trennen, und zu einem jungen, höchſt intereſſanten und, wie die Folge dieſer wahrhaftigen Geſchichte darthun wird, äußerſt tugendhaſten Manne zurückkehren. Karl von Merville hatte ſein achtzehntes Jahr er⸗ reicht, ſeine Studien vollendet, und nahm von ſeiner Schule Abſchied, um ſich in das Schloß ſeiner El⸗ tern zurückzubegeben. Karl hatte die kleine Georgine, die er in dem Gaſthofe zu Metz getroffen, nicht vergeſſen. Er hielt auch ſein Verſprechen, ſie in dem Pachthofe zu beſu⸗ chen, nur deßhalb nicht, weil er keine Gelegenheit dazu hatte. Außerdem war Karl noch ein Kind, von deſſen Anhänglichkeit ſich noch nicht zu viel erwarten ließ, allein ſein Verlangen, die kleine Freundin wie⸗ derzuſehen, nahm mit den Jahren durchaus nicht ab, ſondern es wuchs immer mehr. Für einen Jüng⸗ ling ſind die erſten Neigungen ſo ſüß, er hält ſie ſtets für Liebe; friſche Herzen trachten jederzeit nach einem Gegenſtand, für den ſie empfinden können. Ein Jüngling liebt alle Weiber, und ich kenne Män⸗ ner, welche zeitlebens Jünglinge bleiben. Karl hätte beſtimmt ſeine kleine Bekanntſchaft be⸗ ſucht, wenn der alte Dumont, der vertraute Diener ſeiner Eltern, nicht geweſen wäre, der ihn ſtets auf ſeinen kleinen Reiſen begleitete. Er wollte es im Schloſſe nicht wiſſen laſſen, daß er eine junge Bäue⸗ rin kenne; er fürchtete nicht etwa ſeinen Vater, denn Herr von Merville geſtattete ſeinem Sohne die voll⸗ kommenſte Freiheit, ſondern den Unwillen ſeiner Mutter; ſie liebte ihn ſo zärtlich, ſie gab ihm in ih⸗ ren Briefen ſo kluge Räthe, daß es dem jungen Manne wehe gethan hätte, wenn er ihr den mindeſten Kum⸗ mer gemacht haben würde, und obgleich ein Beſuch bei den Pächtersleuten keine tadelnswürdige Handlung geweſen wäre, ſo wünſchte Karl doch, ohne recht zu wiſſen warum, ſeine Verbindung mit Georginen ge⸗ heim zu halten. Endlich hatte nun Karl ſein achtzehntes Jahr er⸗ reicht; man befahl ihm, das Gymnaſium zu verlaſ⸗ ſen und in das Schloß zurückzukehren. Da er jetzt ein Mann war, ſchickte man ihm nicht mehr den al⸗ ten Dumont zur Begleitung entgegen, ſondern nur kennt dieſelbe. Das betrübt Karl ſehr; nach langem hatte Anlagen, ſein Glück zu machen. 57 einen kleinen achtzehnjährigen Jockey. Karl iſt hoch⸗ erfreut, daß er von dieſem neuen Reiſegefährten keine Einwendungen zu befürchten hat; die Gelegenheit, ei⸗ nen Beſuch bei dem kleinen Landmädchen zu machen, ſcheint ihm zu günſtig, und er ſchlägt mit ſeinem Jockey den Weg nach Bondy ein. Es war um die Mitte des Monats Juni. Karl kommt mit Baptiſt an, macht im Dorfe Halt und erkundigt ſich nach der kleinen Georgine. Niemand * vergeblichen Fragen bei den Bauern, die nicht wiſ⸗ ſen, was er will, entfernt ſich Karl endlich wieder aus dem Dorfe. Der kleine Baptiſt folgt ihm trau⸗ rig, denn der Jockey hatte ſich angewöhnt, je nach der Stimmung ſeines Herrn traurig oder heiter zu ſeyn; die Stirne Karls war der Thermometer, nach dem er ſeine Phyſiognomie richtete: der kleine Junge Karl ließ ſein Pferd auf dem Felde herumirren. Er erblickt einen Pachthof.„Geh da hinein,“ ſagte er zu Baptiſt,„und ſieh nach, ob man uns Etwas zur Erfriſchung reichen will; ich möchte gerne unter jenem Schatten ausruhen.“ Baptiſt galoppirt auf den Pachthof zu. Karl ſteigt vom Pferde und geht langſam hinter ihm her. Die Stimme eines jungen Mädchens klingt angenehm an ſein Ohr: wie weich, wie biegſam iſt ſie! So ſingen beſtimmt die dicken Bäuerinnen nicht, die er auf dem Weg begegnet hat! Er ſteht ſtille und ſeine Blicke ſuchen die Sängerin... ſie kommt auf ihn zu, er wartet, 58 ſie geht an ihm vorüber: es i*ſt ein junges, höchſtens tebenzeßnfthriges Mädchen in einem weißen Kleide, das, vom Winde bewegt, ihre reizenden Formen ab⸗ zeichnete; ein unter dem Kinne feſtgebundener Stroh⸗ hut bedeckt einen Theil ihres Angeſichts, aber das, was man ſieht, deutet auf die Schönheit des Ganzen hin! Ein lebhaftes, ſchelmiſches Auge, einen lieb⸗ lichen Mund, ſchneeweiße Zähne.. und? Und weiter nichts, lieber Leſer! Wie? ſie hat keinen Teint wie Lilien und Roſen, keinen Atlashut, keine jungfräu⸗ liche Stirne, keine edelgeformte Naſe, keine Nym⸗ phentaille, keinen Buſen, deſſen Wölbung die Liebes⸗ götter gerundet zu haben ſcheinen? Nein, Leſer, nein; meine Heldin hat allerdings einen recht hübſchen Kör⸗ per, aber nicht ſo vollkommen ſchön, als ihr zu glau⸗ ben ſcheint... kurz, ich ſpreche von einem hübſchen Frauenzimmer, wie man ihnen oft im Leben begegnet, und nicht von einer von der Haarwurzel bis zur Fußzehe vollkommenen Schönheit, wie man ſie meiſt nur in Romanen findet. Karl bewundert das junge Mädchen; ihr edler Gang erhöhte die Reize ihres Aeußern noch. Der jugendliche Reiſende, deſſen Herz gewaltig ſchlägt, hat keine Ahnung, daß die kleine Georgine ſich in ſeiner Nähe befindet, an welche er noch vor wenigen Augenblicken dachte. Das junge Mädchen kehrte von ihrem täglichen Unterrichte aus der Stadt in den Pachthof zurück, als ſie Karl begegnete. Die Ueberraſchung und das Vergnügen, welches ihr Anblick in dem jungen Rei⸗ 8 59 ſenden erregte, entgingen ihr nicht, ein⸗ vergnügtes Lächeln verſchönerte ſie noch. Der Eindruck, den ihre Reize hervorbrachten, beglückte Georgine: ſelbſt einer durchaus nicht eiteln Frau macht es Vergnügen, wenn ſie gefällt... und wenn ſie eitel iſt, ſo iſt das ihr einziger Zweck! Ich tadle euch durchaus nicht darum, meine Damen! was würde aus uns Junggeſellen und Liebhabern werden, wenn die Frauenzimmer durchaus keine Eroberungen machen wollten? wenn die jungen Mädchen mit niedergeſchlagenen Blicken einhergingen? wenn die Griſetten nur an ihre Arbeit dächten und ihre Haare nicht auf Papilloten wickel⸗ ten? wenn die Putzmacherinnen grauſam, gefühllos und eigennützig wären? wenn die Krämerinnen Sonntags nicht auf den Ball gingen, um eine an⸗ ſtändige Bekanntſchaft anzuknüpfen? wenn die Tän⸗ zerinnen keinen Fehltritt mehr machten 2 wenn ſich die Weiber nur um ihre Männer bekümmerten?. Ich zittere bei dem bloßen Gedanken daran. Georgine ſetzt übrigens ihren Weg fort. Die jun⸗ gen Leutchen erkannten ſich Beide nicht mehr: ſie hat⸗ ten ſich alle zwei in vier Jahren ſehr verändert. Karl konnte es nicht über ſich gewinnen, das junge Mäd⸗ chen unangeredet vorbeigehen zu laſſen; er ſuchte ei⸗ nen Vorwand... plötzlich kommt ihm ein Gedanke. „Fräulein!“ beginnt er und ſtellt ſich vor die junge Sängerin hin.—„Mein Herr?“ entgegnet Geor⸗ gine, auf's Neue lächelnd.—„Ich ſuche ein junges Mädchen in dieſer Gegend, über welches mir bisher Niemand hat Auskunft geben können: vielleicht habe 60 ich bei Ihnen mehr Glück.“—„Ich will es wünſchen, mein Herr; wie heißt ſie?“—„Ich kenne ſie nur un⸗ ter dem Namen der kleinen Georgine...“ Bei dieſen Worten betrachtet unſere Heldin Karl aufmerkſamer; das Zuſammentreffen im Gaſthofe tritt vor ihr Ge⸗ dächtniß; es ſchmeichelt ihr, daß ſie der junge Mann. nicht vergeſſen hat, und ſie fragt ihn lächelnd:„Dieſes Frauenzimmer ſcheint Sie zu intereſſiren?“—„Ja... vor wenigen Augenblicken noch.. jetzt fühle ich aber, daß mich eine andere mehr intereſſirt!“—„Deßhalb werden Sie mich auch nicht erkennen!“—„Wäre es möglich? Sie wären... 24—„Die kleine Georgine, ja, Herr Karl.“ Karl kann ſich nicht von ſeinem Staunen erholen. „Es ſcheint mir,“ ſagt Georgine zu ihm,„daß Sie mich wiederzufinden hofften, wie Sie mich vor vier Jahren verlaſſen haben?“—„Ach, entſchuldigen Sie meine Verwunderung; es iſt wahr, Sie verſprachen damals ſchon, recht hübſch zu werden, aber ich konnte nicht ahnen, daß Sie ſo viel Reize, ſo viel Anmuth, folche Jugendfriſche in ſich vereinigen würden!...“ —„Ich ſehe mit Vergnügen, daß Sie Ihr Verſpre⸗ chen halten.“—„Erinnern Sie ſich denn noch an unſer Zuſammentreffen?“—„Allerdings, und ich muß Ihnen nur den Vorwurf machen, daß Sie ſich haben lange erwarten laſſen.“—„Ach, glauben Sie mir, es iſt nicht meine Schuld, und wenn es auch der Fall wäre, ſo würde ich durch das Bedauern, Sie nicht früher geſehen zu haben, ſchon hinlänglich be⸗ ſtraft ſein.“ 61 „Herr Karl, Herr Karl! Sie können kommen, der Pächter bietet Ihnen ſein Haus an.“ Damit lief Baptiſt ſeinem Herrn entgegen; er hätte jedoch ſeine Zeit nie übler wählen können.—„Gut!“ entgegnete Karl mißlaunig,„Du kannſt voraus gehen.“—„Sie kehren in dem Pachthof ein,“ ſagte Georgine ſchnell, „das freut mich recht; ich wollte Sie eben einladen, denn ich wohne dort.“—„Wäre es möglich? Ach, der Zufall ſei geſegnet...“ Karl ſteht ſtille, betrachtet dann das junge Mädchen aufmerkſam, und fährt fort: „Nein, es iſt nicht möglich, Sie täuſchen mich.“— „Wie ſo?“—„Sie wohnen nicht in einem Pacht⸗ hofe.“—„Warum denn nicht?“—„Ihre Manieren, Ihr Geſpräch, Alles beweist mir...“—„Sie irren ſich: ja, ich wohne auf dieſem Pachthofe und bin im⸗ mer noch die kleine Georgine; iſt Ihnen das nicht recht?“—„Ach! wenn Sie in der elendeſten Hütte wohnten... wäre dieſe der köſtlichſte Aufenthalt für mich!“—„So reichen Sie mir den Arm und kom⸗ men Sie mit mir.“ Karl läßt ſich das nicht zwei Mal ſagen, er nimmt Georgine beim Arme und führt ſie. Baptiſt eilt mit den Pferden voraus. Karl geht mit ſeiner Beglei⸗ terin nur langſam vorwärts, damit er länger das Glück genießen kann, in ihrer Nähe zu ſein. Er hatte eine glühende Einbildungskraft, ein liebendes Herz, ganz friſche Sinne, ſomit darf man ſich nicht wun⸗ dern, daß Georgine bereits all ſeine Gefühle be⸗ herrſchte. Das junge Mädchen merkte bald, welchen Sieg ſie errungen hatte, und vermehrte Karls Auf⸗ ————— 62 wallung noch, indem ſie ſich zärtlich auf ſeinen Arm ſtützte, wenn ſich ein Stein oder eine hervorragende Wurzel im Wege befand; ſie bedankte ſich dann bei ihrem jungen Führer durch ein Lächeln... Dieſer ſchwamm ſchon, von Liebe entbrannt, in Entzücken, wenn Georginens ſchöne Augen den ſeinigen begeg⸗ neten! Der arme Junge war leicht zu entſchuldigen: Cleopatra's Blicke verdrehten Antonius den Kopf, alſo durfte auch Georginens Liebäugeln einen Jüngling außer Faſſung bringen. Unſere jungen Leutchen kommen im Pachthofe an. Johann und ſeine Frau wollen ſich eben zu Tiſche ſetzen: ſie ſind etwas überraſcht, als ſie Georgine am Arme eines jungen Mannes eintreten ſehen; dieſe fliegt auf ſie zu, küßt ſie und erklärt ihnen mit zwei Worten Alles. „Aha!“ ruft Johann aus,„das iſt der Herr, den Du damals auf unſerer Reiſe in Metz kennen lern⸗ teſt? Ei der tauſend! er ſei willkommen.“ Mit dieſen Worten reicht der Pächter Karl die Hand; dieſer drückt ſie feſt, küßt ihn dann, küßt Thereſe... und hätte beinahe die alte Urſula geküßt... Man zeigt ſich immer gegen Leute gefällig, deren Dienſte man braucht. Karl gefiel den Landleuten ſehr; er hatte nichts von jenem Weſen an ſich, welches die Reichen gewöhnlich gegen Untergebene beobachten, und wo⸗ durch dieſe zu einer gewiſſen Zurückhaltung gezwun⸗ gen werden, die keine Heiterkeit aufkommen läßt; ſelbſt die alte Urſula fand ihn nach ihrem Geſchmack, und das war etwas Seltenes. 4 63 Man war recht munter bei dem Mahle; Alle aßen mit Luſt. Man ſagt, die Liebe verhindere Einen am Eſſen, aber das Vergnügen macht Appetit, und es iſt doch ein großes Vergnügen, mit dem geliebten Gegenſtand zu Tiſche zu ſitzen, unter einem verſchwie⸗ genen Tiſchtuch einen Fuß zu drücken, ein Knie zu berühren oder ein Kleid anzufaſſen... Für Liebende iſt Alles ein Genuß. Karl wurde nicht müde, Georginen zuzuhören; nie war ſie ſo liebenswürdig geweſen: ſie wollte ih⸗ ren Sklaven vollſtändig an ſich feſſeln und es gelang ihr nur zu leicht. Der arme Junge verlor den Kopf; er ſah nur noch Georgine in der Welt. Es war ſchon ſpät.„Sie bleiben hier,“ ſagte Johann zu Karl,„nehmen dieſe Nacht ein Lager in unſerem Hauſe an, und wenn Sie uns ein Vergnügen machen wollen, ſo verweilen Sie einige Tage bei uns.“ Dieſer Vorſchlag entſprach den Wün⸗ ſchen des jungen Mannes vollkommen; er blickte Ge⸗ orgine an und las in ihren Augen den Befehl: Blei⸗ ben Sie, ich will es haben!„Wenn ich nicht befürchten muß, euch überläſtig zu ſein...“ entgegnete er ſtam⸗ melnd.—„Uns überläſtig zu ſein!... von ſo Etwas wiſſen wir nichts! wir laden Sie ein, weil Sie ein liebenswürdiger junger Mann zu ſein ſcheinen und uns gefallen...“—„Dann bin ich ſo frei, Ihr An⸗ zerbieten dankbarſt anzunehmen!“—„Dazu braucht es keiner Dankbarkeit. Geben Sie mir die Hand: Sie ſind ein braver junger Herr.“ Alles iſt vergnügt. Während die Landleute damit beſchäftigt ſind, eine Stube zur Aufnahme ihres Gaſtes einzurichten, nähert ſich Bapliſt leiſe ſeinem Herrn.„Bleiben wir hier, Herr?“—„Wie Du ſiehſt.“—„Erwartet man uns nicht im Schloſſe?“— „Schweig, das geht dich nichts an.“ Baptiſt ſchwieg. Georgine, welche es bemerkt hatte, wie heftig Karl ſeinen Jockey von ſich gewieſen, ging, als ſich Baptiſt entfernt hatte, auf ihn zu und ſprach:„Ich fürchte, Sie bleiben nur ungern hier, Herr Karl (der junge Mann war bei den Landleuten unter kei⸗ nem andern Namen bekannt), vielleicht thun Sie es nur aus Gefälligkeit...“—„Das kann Ihr Ernſt nicht ſein, liebenswürdige Georgine.“—„Wenn Sie dringende Geſchäfte an einen andern Ort berufen...“ —„Ich würde Alles hintanſetzen, um bei Ihnen zu bleiben!“—„Es wird Ihnen nicht lange im Pacht⸗ hofe gefallen...“—„So lange Sie hier ſind, bin ich glücklich.“—„Der Aufenthalt auf dem Lande wird Ihnen langweilig... traurig vorkommen... —„In Ihrer Nähe erſcheint er mir reizend.“— „Ihr Stand und Ihr Vermögen erhebt ſie weit über die guten Landleute...“—„Ihre Anweſenheit gleicht alle Verſchiedenheiten aus...“—„Sie ſind nicht geboren, um unter dem Dache einer Hütte zu woh⸗ nen...“—„Sch bin nur geboren, um Sie zu lie⸗ ben.. das Leben wäre mir zur Laſt, wenn ich es entfernt von Ihnen zubringen müßte.“ Georgine ſchlägt die Augen nieder und erröthet vor Vergnügen. Iſt Liebe oder Citelkeit der Grund ihrer Freude? Einen jungen Mann von Stande ihr ℳ 65 ſein Herz anbieten zu ſehen, kann ihrer Citelkeit ſchmei⸗ cheln, aber dieſer Mann iſt zugleich liebenswürdig, reizend, und verdient es, Liebe einzuflößen; Georgine müßte alſo ſehr unempfindlich ſein, wenn ſie nicht wenigſtens einige Neigung für ihn fühlte. Armer Karl! wenn Georgine Deine glühende Leidenſchaft nicht theilt, biſt Du ſehr zu beklagen! Johann kommt und kündigt Karl an, daß fein Zimmer gerichtet ſei.„Vorwärts, Urſula, führe den Herrn in ſeine Stube,“ ſagte Thereſe;„auf mor⸗ gen alſo. Betrachten Sie ſich hier als wie in Ihrem Eigenthume.“ Karl dankt den guten Leuten, wirft noch einen Blick auf Georgine und folgt Urſula, welche ein Licht nimmt und ihn in ein Zimmer führt, das ſeine Ausſicht nach dem Garten hat. Er hätte gerne wiſſen mögen, auf welcher Seite Georginens Schlaf⸗ kammer iſt, wäre es auch nur, um nach ihren Fen⸗ ſtern zu ſehen; aber die alte Magd ſieht nicht ge⸗ ſchwätzig aus, er wagt es daher nicht, ſie zu befragen und wünſcht ihr eine gute Nacht. Karl ſchlief mit dem Gedanken an ſeine Geliebte ein. Er machte tauſend Plane, einen toller als den andern, und angenehme Träume vergegenwärtigten ihm abermals das Bild ſeiner Georgine. Was ſie betrifft, ſo ſchlief ſie wenig. Was war Schuld da⸗ ran?.. Meiner Treu, verehrte Leſer, ich wäre in Verlegenheit, es euch zu ſagen; es iſt ſo ſchwierig, das Herz eines Frauenzimmers genau kennen zu ler⸗ nen, daß ich ſelbſt nicht weiß, welche Gefühle unte Paul de Kock. KLI. Heldin bewegten; ich glaube übrigens, daß ſie ein wenig Liebe, viel Eitelkeit, ein innerlicher Ehrgeiz und ein wenig Empfindſamkeit aufregten! Die Folge wird lehren, welches Gefühl den Sieg davon trug! Kaum ſtrahlte die Sonne am Horizonte, als Karl ſchon an ſeinem Fenſter ſtand. Er genoß das Schau⸗ ſpiel der erwachenden Natur; die reine Landluft be⸗ hagte ihm und beruhigte ſeinen noch von den Träu⸗ men der Nacht erhitzten Kopf. Die Erinnerung an ſeine Familie, welche ihn ungeduldig erwartete, drängte ſich ſeiner Seele auf.„Was wird wohl mein Vater denken! welche Unruhe wird meine Mutter empfin⸗ den! Einige Tage will ich ſie hinhalten, aber ich kann nicht immer hier bleiben, das hieße ſie der grauſamſten Verzweiflung preisgeben... Ich muß abreiſen.. Abreiſen!. Georgine verlaſſen!... werde ich je den Muth dazu haben?... Wohlan, ich reiſe ab, weil es denn ſo ſeyn muß, aber nicht auf lange. Ich ſage meinem Vater, daß ich das Weſen gefunden habe, welches das Glück meines Lebens ausmache; dann hole ich Georgine ab, ſtelle ſie mei⸗ ner Mutter vor... und ſie wird ſie lieben, wenn ſie ſie ſieht.. wer könnte auch anders! ach! ich werde der glücklichſte Menſch ſeyn!...“ Armer Junge! höre ich meine Leſerinnen aus⸗ rufen; wie unerfahren iſt er noch!.. ſich in eine Bäuerin zu verlieben und zu glauben, er könne ſie zu ſeiner Gattin erheben! Erinnert euch, meine Da⸗ men, daß Karl erſt aus dem Gymnaſium getreten und ſich noch nicht in der Schule der Welt gebildet — F hat, wo man Galanterie und Lebensart ſo frühzeitig erlernt, daß ein wohlerzogenes Fräulein von fünfzehn Jahren über nichts mehr erröthet, weil es für ſie nichts mehr Neues gibt, und ein junger fünfund⸗ zwanzigjähriger Mann ſo gebrechlich iſt wie ein Greis, und des wunderkräftigen Macaſſaröls, der haarſtär⸗ kenden Pomaden und Eſſenzen(welche den Haarwuchs befördern, wie die Balſame der Zahnärzte zur Er⸗ haltung der Zähne beitragen) bedarf und ein falſches Dupeh tragen muß. Doch kehren wir zu Karl zurück, der ſchöne Haare und gute Zähne hat, weil er noch nichts mit den Herren Empirikern zu thun hatte, welche das Talent beſitzen, alle früheren, gegenwärtigen und zukünftigen Krankheiten in vierzehn Tagen zu kuriren, vermittelſt des mercuri sublimati terantur et solvantur accu- ratissime in aqua vitae, addentur syropi absynihii et syropi diacodii! vor welchen euch Gott bewahre, lieber Leſer! Karl ſieht ein Frauenzimmer durch den Garten gehen; er erkennt Georgine. Mit zwei Sprüngen eilt er aus ſeinem Zimmer zu ihr hinab!„Sie ſind es, Herr Karl, Sie ſtehen gerade nicht frühe auf! Schon ſeit einer Stunde gehe ich allein ſpazieren.“—„Ach, wenn Sie wüßten, liebenswürdige Georgine, worüber ich nachgedacht habe!“—„Ich denke nie über Etwas nach. Kommen Sie, ich will Ihnen den Garten zeigen.“ Unterwegs erzählt Georgine dem jungen Manne, wie ſie ihr Leben zubringt und wie es in dem In⸗ ſtitute iſt, welches ſie gewöhnlich alle Tage beſucht. „Wie müſſen Sie den guten Pächter und ſeine Frau ſo gerne haben,“ ſagt Karl zu ihr,„da Sie ſich Ih⸗ rer ſo ſorgfältig annehmen!“—„Gewiß habe ich ſie gerne... und doch würde ich mit Vergnügen dieſen Aufenthaltsort verlaſſen!“—„Wo möchten Sie denn hingehen?“—„Das wäre mir gleichgültig! überall, wo man Vergnügen trifft!“ Karl ſeufzt und denkt, Georgine ſei in moraliſcher Hinſicht nicht ſo vollkom⸗ men wie in phyſiſcher. 3 Unſere jungen Leutchen kehren in den Pachthof zurück, wo ſie das Frühſtück erwartet. Johann ſpricht mit Karl, deſſen Offenheit und Heiterkeit ihm gefällt. Seit ſich der junge Mann im Pachthofe aufhält, iſt Georgine viel liebenswürdiger als gewöhnlich; es war ſomit eine doppelte Freude für die Landleute, das junge Mädchen auch vergnügt zu ſehen. Nach der Mahlzeit gingen die jungen Leutchen in der Umgegend ſpazieren, und Johann begab ſich an ſein Geſchäft. Die alte Urſula blieb allein bei ihrer Herrin und benützte dieſen Augenblick, ein Wort mit ihr zu reden.„Frau,“ begann ſie,„es ſcheint mir nicht klug, die jungen Leutchen ſo allein mit einander ſort zu laſſen...“—„Warum, Urſula?“—„Warum! ... warum!.. weil ſie in einem Alter ſind, wo man noch nicht weiß, was man thut... und.. doch genug!...—„Das iſt ein rechtſchaffener junger Mann, Urſula; ich halte ihn nicht für fähig, Geor⸗ ginens Unſchuld zu mißbrauchen!“—„Jal er ſieht allerdings rechtſchaffen aus... aber die Liebe ſetzt Alles hintan, und wenn Sie geſehen hätten, mit 69 welchen Augen er die Mamſelle betrachtete... und wie ſie ihm zulächelte, während ſie mit ihm ſprach! ... Ach, ich fürchte...“—„Urſula, Ihr ſeht in Allem etwas Böſes, und Ihr wißt doch, daß wir das nicht gerne haben!“ Urſula ſchwieg, dachte aber bei ſich:„Sie werden ſich vielleicht eines Tages über⸗ zeugen, daß ich nicht ſo Unrecht hatte!“ Während UArſula dieſe Betrachtungen anſtellte, führte Georgine Karl auf's Feld hinaus: ſie ſuchen Gebüſche auf, rennen auf den Wieſen herum und ſetzen ſich in den Schatten. Karl führt ſeine Freundin an der Hand; ohne ſich beſtimmt gegen einander ausgeſpro⸗ chen zu haben, verſtanden ſie ſich doch recht wohl. Wenn ſie ſich, vom Gehen ermüdet, unter einer ſtäm⸗ migen Eiche lagern, umſchlingt Karl Georginens Taille, bedeckt ihre Hand mit glühenden Küſſen... ſie ſtößt ihn zwar zurück... allein ſo ſanft und ſie lächelt ſo zärtlich dabei, daß man wirklich aus der Schule kommen mußte, um nicht mehr zu wagen. Zwei Wochen verfloßen auf dieſe Weiſe. Karl konnte, immer mehr entflammt, ſich nicht zur Abreiſe entſchließen; doch ſtörte die Erinnerung an ſeine El⸗ tern und der Gedanke, daß er ihnen abſichtlich einen ungeheuern Schmerz bereite, ſein Glück, in Georgi⸗ nens Nähe zu ſein. Oft ſtellte ſich Baptiſt ſeinem Herrn in den Weg und ſchien ihn fragen zu wollen: „Wann reiſen wir ab?“ Karl verſtand ihn; er faßte den Entſchluß, ſich aus dem Pachthofe zu entfernen, aber Georgine erſchien, ſie blickte ihn zändliih an und die Abreiſe wurde verſchoben. Eines Tages ſahen ſich Karl und Georgine, die wie gewöhnlich mit einander ſpazieren gegangen wa⸗ ren, genöthigt, der fürchterlichen Hitze wegen Schatten aufzuſuchen; ſie lenkten ihre Schritte dem Walde zu, wo ſie Kühlung erwarteten. Karl war nachdenklicher und träumeriſcher als ſonſt. Sie liefen ſchweigend neben einander her. Georgine, welche ſich über die Zerſtreutheit ihres Begleiters ärgerte, erwartete mit Ungeduld, daß er das Wort wieder an ſie richte. Mißmuthig über den Mangel an Aufmerkſamkeit ge⸗ gen ſie, ſetzte ſie ſich unter einen Baum und weigerte ſich, weiter zu gehen. Karl erwacht aus ſeinem weh⸗ müthigen Nachſinnen: er gewahrt die verdrießliche, ſchmollende Miene ſeiner Freundin, und fliegt auf ſie zu. Georgine dreht ihm den Rücken zu und gibt ihm eine Weile kein Gehör; aber zwei Liebende dieſer Jugend können ihren Herzen nicht lange widerſtehen. Karl verdoppelt ſeine Schmeicheleien... er raubt zum erſten Mal einen Kuß von Georginens Mund! Wie ſüß ſind die erſten Liebesküſſe! Bereits ſind ihm zwanzig andere nachgefolgt... und unſere wonne⸗ trunkenen Liebenden werden nicht müde, ſich zu küſ⸗ ſen! Ganz ihrer Liebe hingegeben, ſchwindet vor ihnen das Weltall um ſie her. Aber plötzlich hört man einen Lärm... ein Hund bellt und naht ſich ih⸗ nen. Cäſar iſt es, vielleicht kommt Johann hinter ihm. Raſch ſtehen Karl und Georgine auf... ſie eilen aus einander... allein ſie blicken ii an und ſeufzen! Der Hund iſt übrigens allein, Johann iſt nicht widerſtehen... Karl widerſtand jedoch: die Folge was aber mich betrifft, verehrte Leſerinnen! ſo glau⸗ 9 dabei; ein neuer Seufzer Georginens! Aber Karl iſt ruhiger geworden; er denkt nach und zittert bei dem Gedanken, daß er einen Augenblick ſpäter die Gaſt⸗ freundſchaft des Pächters vergeſſen und die Unſchuld ſeiner Adoptivtochter verführt hätte; er nimmt ſich feſt vor, ſich keiner ſo gefährlichen Probe mehr aus⸗ zuſetzen und nicht mehr mit Georginen in den Wald zu gehen! Man kann nicht läugnen, daß ohne Cäſar die Tugend des jungen Mädchens große Gefahr lief! Georgine ſetzte ſich wiedey auf den Raſen nieder (ich gebe gerne zu, daß es in aller Unſchuld geſchah); ſie blickte Karl an, ihr Buſen wogte, ihre feuchten Augen ſprachen ſehr beredt. Ihr Mund ſchien auf neue Küſſe zu warten, und es gehörte in der That eine große Ueberwindung dazu, ſo vielen Reizen zu wird uns lehren, ob er Recht oder Undecht hatte. Die ſtrenge Rechtſchaffenheit iſt hierüber nicht im Zweifel; bet mir, daß ich nicht widerſtanden hätte. Karl nimmt daher Georginen beim Arm, hilft ihr aufſtehen, und zieht ſie heimwärts. Das junge Mädchen ließ ſich, über die Eile erſtaunt, mit der ſie ihr Begleiter aus dem Walde trieb, zurückführen, und begriff dieſes Benehmen nicht, worauf ſie, wie es ſchien, nicht gefaßt war. Unterwegs zwang ſich Karl zu einem Entſchluſſe. „Ich muß gehen,“ dachte er bei ſich;„ich würde nicht zweimal dieſelbe Kraft haben, und die Gelegenheit, einen Fehltritt zu begehen, kann ſich jeden Augen⸗ 72² blick darbieten. Ich will morgen fortgehen, aber meine Abweſenheit ſoll nicht lange dauern; bald werde ich mich mit Georginen verbinden, um mich nicht mehr von ihr zu trennen.“ In den Pachthof zurückgekehrt, zeigte Karl Baptiſt an, daß er ſich morgen zur Abreiſe bereit halten ſolle. Dann ging er in die große Stube hinein, wo die Landleute gewöhnlich alle Abend verſammelt waren. Johann las in ſeinem dicken Buche, Thereſe ſpann, Georgine hängte träumeriſch das Haupt. Karl ſtand ſtille, dieſes Gemälde zu betrachten, welches er wahr⸗ ſcheinlich nicht lange mehr vor Augen haben ſollte. Nie hatte ihm Georgine ſo intereſſant geſchienen: der Auftritt im Walde hatte ihren Zügen etwas Sanftes, Schmachtendes verliehen, welches ihre Reize noch er⸗ höhte. Allein der junge Mann blieb bei ſeinem Ent⸗ ſchluſſe. „Morgen reiſe ich ab,“ ſagt er ſeufzend.—„Sie reiſen ab?“ wiederholen erſtaunt die Landleute.— „Sie verlaſſen uns?“ ruft Georgine aus.— Karl kündigt ihnen an, daß ſeine Reiſe unaufſchiebbar ſei, verſpricht aber, vor Ablauf eines Monats wieder zu kommen. Dieſes Verſprechen beruhigt die Landleute, aber Georgine ſcheint mißvergnügt.„Ich hätte nicht geglaubt,“ ſagt ſie halbleiſe,„daß Sie ſich ſo plötzlich von uns trennen würden.“ Karl tritt näher zu ſeiner Freundin, entſchuldigt ſich wegen ſeinen Pflichten, wie⸗ derholt ſeine Verſprechungen, in einem Monat zurück⸗ zukehren, ſchwört treu zu ſein und niemals eine An⸗ dere als Georgine zu lieben. Dieſe wollte eben den⸗ ſelben Eid leiſten, als Johann hinzukam, um von Karl, den er recht liebgewonnen hatte, Abſchied zu nehmen.„Seid beruhigt, meine Kinder,“ ſagte der gute Mann,„macht euch keinen Kummer, wir wer⸗ den uns bald wieder ſehen; wir wollen uns aber noch heute Abend von einander verabſchieden, damit man morgen in aller Frühe auf den Weg kann!“ Karl bedankt ſich bei den Landleuten für die freund⸗ liche Aufnahme in ihrem Hauſe; er küßt ſie, drückt Georginen die Hand und man trennte ſich mit Be⸗ trübniß. Am folgenden Morgen ſteigt Karl mit Ta⸗ gesanbruch auf's Pferd; er wirft einen Blick nach Georginens Fenſter. Seine Freundin ſteht ſchon an demſelben, und während ſie ihm ein Lebewohl zu⸗ winkt, läßt ſie ihr Taſchentuch fallen, welches Karl haſtig aufhebt und als ein Pfand der Treue ſeiner Schönen in ſeinem Buſen verbirgt. So nahmen ehe⸗ mals die Ritter eine Schärpe ihrer Angebeteten mit in den Kampf; aber die Liebespfänder unſerer Schönen heutzutage ſind nicht mehr werth als Ninon' Lie⸗ besbriefe. Zehntes Kapitel. Das Gewitter.— Neue Perſonen. Für Lieb iſt ferne ſein, was Wind iſt für das Feuer: Er löſchet kleines aus, ſchürt großes ungeheuer. Dieſe Reime ſind von einem Dichter, der das menſch⸗ liche Herz und beſonders verliebte Herzen kannte. Wir wollen ſehen, wie es mit Georginens Neigung ſteht, und ob ſie die fürchterliche Probe der Drennung be⸗ ſteht. 88 Die erſten Tage nach Karls Abweſenheit waren traurig und wehmüthig; ſchon ſeit langer Zeit bot überhaupt Johanns Wohnung Georginen die Freuden und Genüſſe nicht mehr, nach denen ſie ſich ſehnte. Das junge Mädchen verſuchte es, wieder an ihre Arbeit zu gehen, ſie hatte aber keinen Sinn mehr für dieſelbe. Sie lief allein auf dem Felde an den Orten herum, wo ſie mit Karl ſpazieren gegangen war; ihr Herz pochte, wenn ſie jene Wieſen, jenen Wald und jene Geſträuche ſah!... beſonders der Wald er⸗ innerte ſie an ihre Liebe. Sie kehrte dann immer ſchwermüthig und nachdenklich in den Pachthof zurück. Die Landleute bemerkten ihre Traurigkeit, aber ſie bemühten ſich vergebens, ihre Seele aufzuheitern. Drei Wochen waren auf dieſe Weiſe ſeit Karls Abreiſe verfloſſen. Die Bewohner des Pachthofes wa⸗ ren alle unter ihrem ländlichen Dache verſammelt; die Nacht ſenkte ſich allmälig auf die Erde nieder, aber ſie brachte jene Kühlung nicht mit, die ſonſt ge⸗ wöhnlich auf einen ſchönen Sommertag folgt. Eine unerträgliche Hitze herrſchte in der Atmoſphäre; die von der brennenden Sonne geſpaltene und ausge⸗ trocknete Erde ſchien ſehnſüchtig eines wohlthätigen Regenguſſes zu harren; entfernte Donnerſchläge zeigten an, daß die Wünſche des Landmannes bald erhört werden ſollten. „Potz Kukuk! ich glaube, daß es ein tüchtiges 4 * * —, 79 Gewitter geben wird,“ ſagt Johann, zum Fenſter hin⸗ ausſchauend.„Hier, Georgine, ſiehſt Du die ſchweren Wolken, die der Blitz über dem Walde hin beleuch⸗ tet? Wer bei ſolchem Wetter unterwegs iſt, dauert mich!..“ Ein fürchterlicher Donnerſchlag unterbrach Johann. Urſula ſtieß einen Schrei aus, bekreuzte ſich und ging in den Keller, ihren gewöhnlichen Zufluchtsort wäh⸗ rend des Gewitters, hinab. Johann und Thereſe legen ſich zu Bette, Georgine begibt ſich auf ihr Zimmer. Alle Thüren und Fenſter werden zugemacht; und nach dem Syſtem des Herrn Azais hatte Der, welcher unter Dach und Fach ruhte, während er einſchlief, das ſüße Vergnügen, den Regen in Strömen auf die armen Teufel herabgießen zu hören, die ſchutzlos umher⸗ irrten. In dieſer entſetzlichen Nacht ſchienen ſich die Ele⸗ mente gegenſeitig zu bekämpfen: Donner, Regen und Blitz erſchreckten den unglücklichen Wanderer; denn zu jeder Stunde und bei jeder Witterung iſt Jemand auf der Reiſe, gleichwie man auch berechnet hat, daß in jeder Minute, in jeder Sekunde ein... doch das bezieht ſich nicht auf das Genitter Man pocht wiederholt an das große Thor des Pachthofs.„Großer Gott! wer mag bei ſo abſcheu⸗ lichem Wetter draußen ſeyn!“ ruft Johann, aus dem Bette aufſtehend, aus. Er öffnet das Fenſter.„Wer iſt da?“—„Machet um Gotteswillen zwei Reiſen⸗ den auf, die vor Eurer Thüre zu Grunde gehen, wenn Ihr Euch derſelben nicht erbarmt.“—„Ich komme, — ich komme,“ erwiedert Johann. Der wackere Mann hatte nie Jemand Gaſtfreundſchaft verſagt; rechtſchaf⸗ fene Leute ſind nicht mißtrauiſch. Es war Zeit, daß die Reiſenden Obdach fanden. Ihre Kleidung war durch den Regen und auf den ſchlechten Wegen ruinirt worden; ſie befanden ſich in einem Zuſtande, der in der That Mitleid einflößte. Man führte ſie in das Wohnzimmer, wo ein gutes Feuer zum Trocknen ihrer Kleider aufgemacht wurde. Einer der Knechte mußte die Pferde verſorgen; den armen Thieren ging es nicht beſſer als ihren Herren. Thereſe rief Urſula herbei, die noch im Keller war, damit ſie ihr bei den Zurüſtungen für die beiden Fremden behülflich ſei. Dieſe waren leicht von einander zu unterſcheiden: der jüngere, welcher der Gebieter war, war groß und hatte ein ziemlich hübſches Aeußere; ſeine Geſtalt war edel, und er wäre ohne das ſtolze, dünkelhafte We⸗ ſen, welches er bei all ſeinen Handlungen und Worten an den Tag legte, ſogar liebenswürdig geweſen. Alles an ihm kündigte einen von Geburt, Glück und Reichthum begünſtigten Mann an, welcher glaubt, es ſei ihm nichts verhoten, und es könne ihm kein Wunſch verſagt werden, der aber zugleich an Allem ſatt hat und den Alles langweilt, der ſeinen Neben⸗ menſchen unerträglich iſt und nicht weiß, auf welche Art er ſeine Zeit und ſein Geld verwenden ſoll. Un⸗ glücklicher Weiſe trifft man ſolche Leute nur allzu häufig in der Welt. Wir können zu dem Bilde des jungen Marquis 77 von Saint⸗Ange noch hinzufügen, daß er Geiſt hatte (was bei vielen Menſchen ſelten der Fall iſt), und ziemlich gutmüthig war; er hätte ſich jedoch geſchämt, Empfindung zu zeigen: dieß würde ihn bei ſeinen ſchönen Bekanntſchaften lächerlich gemacht haben, und 2 die Lächerlichkeit fürchtet der Franzoſe am meiſten. Der Diener, welcher den Marquis begleitete, war ein gewandter, verſchmitzter, durchtriebener Schelm, der kein Mittel ſcheute, die Wünſche ſeines Herrn zu befriedigen, und ſich je nach den Umſtänden bald ge⸗ fällig und geſchmeidig, bald frech und unverſchämt benahm: ſo war Lafleur, der ſeinen Herrn auf die Jagd begleitet hatte, wo ſie ſich, von der Nacht und dem Gewitter überfallen, im Wald von Bondy ver⸗ irrten und die Landleute um ein Nachtlager bitten mußten. 3„Guter Mann,“ ſagt Saint⸗Ange, indem er ſich in einen Stuhl neben dem Kamine wirft,„ohne Euch wären wir wahrhaftig umgekommen.“—„Sie wa⸗ 4 ren allerdings bei ſehr ſchlechtem Wetter unterwegs.“ —„Die verfluchte Jagd iſt Schuld! das Thier, wel⸗ ches ich verfolgte!. Ich verirrte mich... die Nacht! . das Gewitter! der Teufel!. Alles vereinigte ſich zu unſerm Verderben!“— der Herr werden doch ein Stückchen eſſen?“ 3 ter Treu, ja, der Ritt hat mich hölliſch hungrig gemacht!“—„Sie werden bald ſehen, womit wir Ihnen aufwarten können... He, Thereſe!... Urſula!...“ „Vorwärts, Alte,“ ſagte Lafleur zu der eintreten⸗ den Urſula,„rührt Euch ein wenig und richtet uns Etwas zu eſſen.“—„Alte!... Alte! dieſe Leute re⸗ den recht ungenirt!“—„Wo iſt denn Georgine?“ fragt Johann ſein Weib,„man muß ihr ſagen, ſie ſolle herunter kommen; ſie kann den Herren Geſell⸗ ſchaft leiſten, ſo lange man ihre Zimmer zurichtet!“ —„Es iſt ganz überflüſſig, guter Mann; ich brauche keine Unterhaltung!... ſtöret Mamſelle Georgine nicht!“ Dem Marquis lag nichts daran, mit einer linki⸗ ſchen, einfältigen Bäuerin zu ſchwatzen: denn ſo ſtellte er ſich die Tochter des Pächters vor; aber kaum hatte er ausgeſprochen, ſo ging die Thüre auf und Georgine trat ein. Sie hatte ſich in aller Eile an⸗ gezogen, ein Tuch war um ihren Kopf gewickelt, welches jedoch ihre ſchönen Haare nur zur Hälfte verbarg, das in der Haſt umgeworfene Halstuch be⸗ deckte ihre blendendweiße Bruſt nur theilweiſe, und die Nachläßigkeit ihrer Toilette machte ihre Reize noch pikanter. Herr von Saint⸗Ange bewunderte ſie ſchweigend.. „Du kannſt wieder hinaufgehen, mein Kind, die Reiſenden verlangen keine Geſellſchaft.“—„Ent⸗ ſchuldigt, lieber Wirth,« ſagt der Marquis, den Pächter zurückhaltend, welcher Georgine wieder fortſchicken will,„Ihr habt u daß Ihr eine e t.“ Göttin in Eurem „Eine Göttin! Potz Kukuk! davon wiſſen wir ſelbſt nichts!... doch gleichviel... bleibe, mein Kind, da es der Herr jetzt wünſcht.“ 1 „Hml wie launiſch ſind doch dieſe Leute!“ brummte 79 Urſula vor ſich hin, während ſie ſich gegen ihre Herr⸗ ſchaft kehrte. Dieſe dachte ebenſo wie ſie; der Ton des Herrn von Saint⸗Ange und Lafleurs unver⸗ ſchämte Blicke gefielen ihnen keineswegs. Aber ſie waren menſchenfreundlich und konnten die Reiſenden nicht zum Hauſe hinausjagen. Die Landleute entfernten ſich, die Stube herzu⸗ richten, Georgine blieb zurück. Saint⸗Ange nahm ſie bei der Hand und drückte ſie ihr heftig. Der Mar⸗ quis rückte bei den Weibern ſchnell vor und empfand bereits für Georgine eine heftige Leidenſchaft, wie er ſchon oft eine empfunden hatte; aber in der Liebe ſcheint immer das neueſte Gefühl das ſtärkſte und be⸗ ſtändigſte zu ſeyn. Er warf einen Blick auf Lafleur; der Diener, welcher wußte, was dieß zu bedeuten hatte, verließ das Zimmer und ging, um ſeine Zeit gut anzuwenden, mit einem Lichte in der Hand in den Hof hinab. Dort ſchlug er mit der Reitpeitſche einige Hühner zu dem Nachteſſen des Marquis todt, und ſchaute ſich zugleich um, ob er nicht ein ziemlich friſches, rundes Stallmädchen finde, mit welchem er ſich während ſeines Aufenthaltes im Pachthofe, wo⸗ hin, wie er zum Voraus vermuthete, ſein Herr nun öfters kommen werde, unterhalten könne. Georgine war nicht ſchüchtern, ſie benahm ſich recht artig. Der Marquis, welcher darüber erſtaunte, in einem Pachthofe Lebensart, Geiſt und Anmuth zu finden, hörte dem Mädchen eine Zeitlang zu, ohne zu wiſſen, welchen Ton er gegen ſie annehmen ſollte; der Wunſch, ſich liebenswürdig zu zeigen, brachte ihn 80. zur Faſſung. Saint⸗Ange beſaß alle Eigenſchaften, zu verführen: er war galant, eifrig, und wußte ſeine Lobeserhebungen, ohne die Beſcheidenheit zu verletzen, mit der größten Zartheit anzubringen. Georgine war ein Frauenzimmer und zwar ein ſehr eitles Frauen⸗ zimmer; es machte ſie ſtolz, daß ein Mann von ho⸗ hem Range(Lafleur hatte ihn Herr Marquis genannt) ihre Reize bewunderte und ihren Geiſt pries; im ſechs⸗ zehnten Jahre empfindet man gar lebhaft, und die Eitelkeit hat ſchon mehr als einem jungen Mädchen den Kopf verdreht!... Saint⸗Ange faßte bald ihre ſchwache Seite in's Auge, und nahm ſich vor, die⸗ ſelbe zu benützen, um ſich ſeines Sieges zu ver⸗ ſichern. Lafleur kam mit den Landleuten zurück. Saint⸗ Ange ſpeiste mit Appetit zu Nacht. Seit er Geor⸗ ginen geſehen, nahm er ein anderes Betragen gegen ſeine Wirthe an; als gewandter Mann bemerkte er, daß er, wenn er bei dem jungen Mädchen Glück ma⸗ chen wolle, auch gut bei den Landleuten angeſchrie⸗ ben ſein müſſe; aber er bemühte ſich umſonſt: bei Johann kam auf den erſten Eindruck Alles an, es ge⸗ lang ihm daher nicht mehr, deſſen Beifall zu erlangen. Und was Lafleur betrifft, ſo verzieh ihm Urſula nicht, daß er ſie Alte geheißen, und Thereſe mißbilligte im höchſten Grade, daß er ihre Hühner umgebracht hatte, ohne ſie vorher um Erlaubniß zu fragen. Da Saint⸗Ange keinen Grund hatte, nach dem Eſſen noch länger aufzubleiben, ſo ließ er ſich in ſein Zimmer führen. Ungern trennte er ſich von Geor⸗ — ——— 84 ginen, nahm ſich aber vor, mit Lafleur einen Theit. der Nacht darüber nachzuſinnen, wodurch er in den Beſitz des jungen Mädchen gelangen könne. Elftes Kapitel. Der erſte Schritt. Die Midigkeit beſiegt häufig die Liebe; in dieſem Falle gewann ſie noch die Oberhand: der Marquis und ſein Kammerdiener ſchliefen ein, ehe ſie einen Plan gefaßt hatten. Mit Tagesanbruch weckte aber Saint⸗Ange Lafleur auf. „Rühre Dich, Schelm! Du haſt lange genug ge⸗ ſchlafen, während ich mir den Kopf mit tauſenderlei Projekten zerbreche.“—„Ich dachte es mir doch, Herr Marquis.“—„Lafleur, ich bin verliebt.“— „Das konnte ich mir auch einbilden.“—„Wahnſin⸗ nig verliebt!“—„Ja, wie gewöhnlich!“—„Du haſt Georgine geſehen?“—„Ja, gnädiger Herr.“ —„Iſt ſie nicht anbetungswürdig?“—„Nicht übel.“ —„Ich muß dieſes Frauenzimmer um jeden Preis beſitzen.“—„Das wird keine ſo große Aufgabe ſein .. eine kleine Bäuerin!...“—„Du irrſt Dich, es iſt kein gewöhnliches Bauernmädchen.“—„Gleich⸗ viel!... wir haben noch immer unſere Zwecke erreicht!“ —„Es iſt vielleicht nicht ſo leicht, als Du glaubſt... Georgine iſt geſcheidt!...“—„Um ſo beſſer, Herr Marquis, an ihrem Verſtande packen wir ſie!... Paul de Kock. XLI. 6 Nichts iſt leichter zu verführen, als eine geſcheidte Frau!... dieſe haben immer ftärkere Leidenſchaften und eine aufgeregtere Phantaſie!... ſie verlaſſen ſich zu ſehr auf ihre eigene Stärke und das bringt ſie zu Falle! Auch weiß der Herr Marquis wohl, daß der Verſtand der Weg zum Herzen iſt, daß er Alles be⸗ herrſcht und den Kopf verrückt!... Ja, gnädiger Herr, gegenüber einer geſcheidten Frau hat man immer Hülfsquellen, während bei einer dummen, wenn man ihr nicht auf den erſten Anblick gefällt oder ſie tugend⸗ hafte, rechtſchaffene Grundſätze hat, Alles umſonſt iſt! ... man gibt ſich dann unnöthige Mühe, ſie zu ver⸗ führen, es gelingt dem Liebenswürdigſten ſo wenig als dem Fadeſten! Um aber wieder auf unſere Schöne zurückzukommen, ſo ſind jedenfalls der Pächter und ſeine Frau am ſchwierigſten zu verführen... Dieſe habe ich gleich beurtheilt: das gemeine Volk ſieht uns nicht gerne.“—„Was liegt mir darau, wenn ich nur Georginen gefalle. Der Pächter iſt nicht ihr Vater: ſie hat es mir geſtern Abend im Geſpräch er⸗ zählt.“—„Das hilft uns nichts, Herr Marquis, wir wollen ſachte zu Werke gehen!... wenn man die Kleine beſchwatzen könnte, ohne daß es die Bauern bemerkten...“—„Man muß Georgine um ein Stell⸗ dichein bitten... wenn ſie ſich aber weigert?— „Dann greifen wir zu großen Mitteln!... unterdeſſen will ich mich aber kluger Weiſe nach dem täglichen Treiben im Pachthofe und nach Mamſell Georginens Gewohnheiten erkundigen.“ Saint⸗Ange geht in den Garten hinunter; ehe er —— 92 die Landleute wiederſah, ſuchte er Georginen zu ſpre⸗ chen. Der Zufall kam ihm zu Hülfe: das junge Mäd⸗ chen ging nachdenklich über das, was ihr der Mar⸗ quis am Vorabend geſagt hatte, ſpazieren. Saint⸗ Ange läßt eine ſo ſchöne Gelegenheit nicht unbenützt vorübergehen; er ſetzt ſeine Unterhaltung vom geſtri⸗ gen Abende wieder fort, iſt lebhafter, dringender, verführeriſcher als je. Ach, welcher Unterſchied zwi⸗ ſchen Saint⸗Ange und Karl! Der Marquis war mit ſeinen Angelegenheiten in einer Stunde weiter ge⸗ kommen als der arme Karl in einem Monate. Saint⸗Ange flehte zu Georginens Füßen um ein Rendezvons; ſie fürchtete, ihre Pflegeltern möchten kommen, und ſuchte ein Mittel, dem Marquis zu entrinnen; es ſiel ihr kein beſſeres ein, als ihm zu fagen, ſie gehe alle Tage allein nach Bondy. Der junge Mann verlangte nicht mehr; er ließ Georgine los und kehrte auf einem andern Pfade in den Pacht⸗ hof zurück. Nach dem Frühſtück bedankte ſich der Mar⸗ quis bei den Landleuten und zeigte ihnen an, daß er ſich wieder auf den Weg begeben wolle. Man hielt ihn nicht zurück; das Weſen des Herrn und des Dieners geſiel den Bewohnern des Pachthofes nicht. Die Pferde ſtanden vor der Thüre, der Marquis ſtieg auf und entfernte ſich mit einem zärtlichen Blicke auf Georgine. „Weiß Gott,“ ſagte Johann,„ich bin recht froh, daß ſie nicht länger dageblieben ſind; was iſt es doch für ein Unterſchied zwiſchen dieſem ſchönen Herrn und dem liebenswürdigen Karl!“ 84 Bei dem Namen Karl ſchlug Georgine die Augen nieder und ſtammelte:„Er iſt ſchon recht lange fort, er hat uns vielleicht vergeſſen.“—„O nein, mein Kind, ich wette, daß er wiederkommt.“— Georgine ſeufzt und geht, um in ihrem Zimmer zu träumen. Ob von Karl oder von dem Marquis?... das wage ich nicht zu unterſcheiden; vermuthlich dachte ſie an alle Beide. Lafleur ließ ſein Pferd neben dem ſeines Herrn hertraben, und unterwegs unterhielten ſie ſich von dem jungen Mädchen.„Mein lieber Lafleur, es geht Alles gut, die Kleine hat mir ein Stelldichein ver⸗ ſprochen.“—Nun, da haben Sie ja einen Beweis, daß ich Ihnen einen guten Rath gegeben habe; ohne mich wären Sie mit Ihrer romanhaften Liebe im Pachthofe geblieben, wo Sie das dumme Volk um⸗ geben hätte, welches die Laune eines vornehmen Man⸗ nes nicht zu reſpektiren weiß!“—„In der That, Lafleur, Du haſt Verſtand, Du ſprichſt ſehr klug!“ —„Ach, gnädiger Herr, ich habe meine Erfahrung, und weiß, wie man ſich benehmen muß, um in der Welt ſein Glück zu machen.“—„Sag' lieber, um die Leute an der Naſe herumzuführen, Schelm!“— „An der Naſe herumzuführen? Ei, Herr Marquis, iſt das nicht die allgemeine Wiſſenſchaft? mit dieſer Kunſt ſtirbt man nie Hungers!“—„Nein, aber man lebt auf Koſten Anderer.“—„Was liegt daran! man betrachtet die Sache philoſophiſch.“—„Deine Philoſophie grenzt ſehr an Betrügerei.“—„Daher gibt es auch jetzt ſo viele Philoſophen, gnädiger Herr. In ſeinem Landhauſe angekommen, zieht Saint⸗ Ange ein einfaches Gewand an und geht mit der Flinte auf der Schulter und der Waidtaſche an der Seite wieder fort.„Glückliche Jagd, gnädiger Herr!”“ ruft ihm Lafleur lachend nach. Saint⸗Ange iſt ſchon im Freien und bald an dem Orte, wo er Gearginen zu treffen hofft. In kurzer Zeit ſieht er das junge Mädchen ſeines Weges herkommen, welches ſich ſingend nach Bondy begibt. Georgine blickt umher, ob ſie den jungen, liebenswürdigen Mann nicht gewahre, der ihr ſo ſchöne Dinge geſagt, die Hand ſo feurig geküßt... dem ſie den Kopf verrückt... und der ihr vielleicht den Verſtand verwirrt hat! Der junge Mann war da, ganz in ihrer Nähe, er hatte ſich längs einer Hecke hingeſchlichen und ſich ihr genähert, ohne daß ſie es bemerkt hatte; mit einem Male ſchließt ſie Je⸗ mand in ſeine Arme, ſie wendet ſich um und ſtößt einen Schrei aus. „Ach! Sie ſind es, Herr Marquis?“—„Ja, ſchöne Georgine.“—„Sie ſind ſchon auf der Jagd? ... Sie müſſen eine beſondere Vorliebe für dieſe Beſchäftigung haben.“—„Ach, Georgine, Sie wiſſen wohl, daß ich nur Ihretwillen hier bin! warum ſtel⸗ len Sie ſich, als ob Ihnen die Gefühle unbekannt wären, die ich Ihnen bereits geſtanden habe? Glau⸗ ben Sie, daß der Eindruck, den Sie auf mein Herz gemacht haben, ſich je wieder verwiſchen laſſel... Ach, Georgine, Ihr Bild lebt auf ewig in der Tiefe meiner Seele fort!“ 86 Georgine erröthete, ſie wurde verlegen, Saint⸗ Ange dringender; er wollte die Verwirrung des jun⸗ gen Mädchens benützen, ſie zu einem Geſtändniſſe be⸗ wegen, aber Georgine war eitel, ſie wollte den Mar⸗ quis in Furcht ſchweben und ſeufzen laſſen, vielleicht ihm gar kein ernſtliches Gehör ſchenken!... Sie ſah 11 kein Unrecht darin, auf dieſe ſchmeichleriſchen Worte 4 zu lauſchen, ſie wußte nicht, daß die Freuden der Koketterie der Unſchuld immer einigen Eintrag thun. Alles, was Saint⸗Ange bei dieſer erſten Zuſam⸗ menkunft erreichen konnte, war das Verſprechen, daß Georgine alle Tage denſelben Weg machen und zu Hauſe nichts von ihrer neuen Bekanntſchaft ſagen wolle; dann trennte ſie ſich und ging weiter. Saint⸗ Ange verließ ſie mit einem von Hoffnung und viel⸗ leicht auch von Liebe erfüllten Herzen: denn man liebt wahrhaft, ſo lange man noch nicht im Beſitze iſt; woher kommt es, daß dann die Neigung immer wieder abnimmt?.. verſtehen Sie mich aber recht, meine Damen, ich ſpreche hier nur von Männern, welche durch Ausſchweifungen abgeſtumpft ſind wie der Marquis. Die Zeit, die Karl zu ſeiner Rückkehr feſtge⸗ ſetzt hatte, war verfloſſen; der junge Mann kam nicht. Die Landleute betrübten ſich, daß er ſo lange aus⸗-⸗ blieb; aber Georgine, welche vielleicht ihrer Unbe⸗ ſtändigkeit wegen einige Gewiſſensbiſſe empfand, war es durchaus nicht unlieb, daß Karl durch ſein Ver⸗ geſſen ihren Leichtſinn entſchuldigte. Georgine ſah Saint⸗Ange alle Tage. Der Mar⸗ quis machte in dem Gemüthe des jungen Mädchens — raſche Fortſchritte. Als gewandter Verführer ging er in einer Intrigue, die ihm ſo ſüße Früchte tragen ſollte, nicht ſo umgeſtüm zu Werke; er wünſchte, daß ſich Georgine, deren Einbildungskraft er durch das Gemälde der Vergnügungen zu Paris und des Glü⸗ ckes, welches dort junge Liebende genießen, überhaupt durch die Schilderungen des köſtlichen Lebens in der Hauptſtadt auf's Höchſte gereizt hatte, ſich ihm ganz ergebe. Schon ſeit Langem war ſie des Aufenthalts im Pachthofe ſatt; ſchon zwanzigmal war ſie auf dem Punkte geweſen, Saint⸗Ange's Bitten nachzu⸗ geben, der ſie beſchwor, ihm nach Paris zu folgen; ſie brannte vor Begierde, ihr ländliches Aſyl zu ver⸗ laſſen, aber der Anblick Johanns, Thereſens Güte, der Gedanke an die Wohlthaten, womit ſie die bra⸗ ven Landleute überſchüttet hatten, hielten unſere Hel⸗ din davon zurück und gaben ihre Seele den heftigſten Kämpfen Preis. Lafleur, der ſtaunte, daß ſein Herr nicht ſchneller zum Ziele gelangte, ſprach zu dieſem:„Ei der Tau⸗ ſend, gnädiger Herr, Sie machen kein Ende mit dem kleinen Mädchen!... wie lange geben Sie ſich ſchon Mühe um ſie und ſie fügt ſich nicht in Ihre Wünſche. ... Ich erkenne Sie gar nicht mehr!... Sie, der ſo viele Frauenzimmer betrogen, Vormünder für Nar⸗ ren gehalten, Unerfahrene, Unſchuldige und ſogar Koketten verführt hat, Sie, der ein wahres Muſter zu werden verſprachen, Sie ſchmachten und ſeuf⸗ zen auf dem Dorfe nach einem Landmädchen!... Ei, Herr Marquis, kommen Sie zu ſich ſelbſt; die⸗ 88 ſes Betragen iſt eines galanten jungen Mannes, den ich gebildet habe, unwürdig.“ Saint⸗Ange gibt Lafleur keine Antwort, fliegt aber, von dem Rathe dieſes Schelmen aufgereizt, an den Ort des Rendezvous. Der Marquis hatte Geor⸗ gine ſchon längſt ſo ſehr an ſich gefeſſelt, daß dieſe, ſtatt wie ſie zu Hauſe vorgab, nach Bondy zu gehen, den ganzen Tag in ſeiner Nähe zubrachte. An dieſem Tage kam ſie jedoch mit betrübtem Angeſichte ſpäter als gewöhnlich.„Was iſt Ihnen, meine theure Geor⸗ gine? was veranlaßt dieſe Schwermuth, die ich in Ihren Zügen gewahre?“—„Ach, Herr Marquis!...“ —„Sie haben mir verſprochen, mich nur Saint⸗ Ange zu nennen...“—„Wohlan, Saint⸗Ange, ich habe Betrachtungen angeſtellt... die Schilderungen, die Sie mir von den Freuden zu Paris machen, rei⸗ zen meine Einbildungskraft, das kann ich nicht läug⸗ nen; da ich aber bedacht habe, daß ich den Pachthof nicht ohne Grund verlaſſen kann, ſo wird es beſſer ſein, wenn ich Sie in Zukunft nicht mehr ſehe!...“ Saint⸗Ange, den dieſe Worte faſt vernichteten, ſchwor insgeheim, den Entſchluß des jungen Mädchens umzuſtimmen. Er nimmt ſie beim Arme, zieht ſie in ein dichtes Gebüſch, Beide ſetzen ſich auf den Raſen nieder und Saint⸗Ange bemüht ſich, Georginens Ab⸗ ſicht zu bekämpfen, indem er ſie ſeiner Liebe ver⸗ ſichert, die zeitlebens dauern werde. Noch nie waren ſeine Worte ſo leidenſchaftlich, ſo glühend und ſo⸗ beredt geweſen; die Furcht, Georgine zu verlieren, machte ihn unternehmend... ſie zittert, geräth in —— Verwirrung... Liebe und Scham ſtreiten ſich noch ... Saint⸗Ange wagt Alles. und Cäſar ſtört ſein Vorhaben nicht! „Ach, Saint⸗Ange!... was haben Sie glthanen —„Theure Georgine, vergib Deinem Liebhaber.. trockne Deine Thränen... die Liebe allein iſt an meinem Vergehen ſchuld!.—„Ach, meine Un⸗ ſchuld war mein einziges Vermögen!... was bleibt mir jetzt noch übrig?...“—„Verſcheuche dieſe trü⸗ ben Gedanken, überlaſſe Dich dem Vergnügen, zu lieben. Du kannſt nicht hier bleiben; der Pachthof iſt kein Aufenthaltsort für Dich! Dieſe traurige Gegend iſt zu einförmig für uns, wir könnten uns unſerm gegenſeitigen Glücke nicht ungeſtört hingeben. Wil⸗ lige alſo ein, mir nach Paris zu folgen.“—„Ach, ich bin Dein! Du kannſt jetzt über mein Schickſal verfügen.“ Saint⸗Ange führt Georgine wonnetrun⸗ ken aus dem Gebüſche weg... ſie wirft noch einen Blick auf den Raſen zurück... ihr Herz iſt beklom⸗ men, ſie vergießt Thränen... es iſt das letzte Lebe⸗ wohl an ihre Unſchuld. Der Marquis will Georginen nicht lange Zeit zum Nachdenken laſſen; er nöthigt ihr das Verſprechen ab, ſich um Mitternacht bei einem ſchmalen Wege einzufinden, der etwa einen Büchſenſchuß vom Pacht⸗ hofe entfernt iſt; dort will er ſie mit einem zur Flucht eingerichteten Reiſewagen erwarten. Georgine, welche nicht mehr weiß, was ſie thut, verſpricht Alles, nnd Saint⸗Ange verläßt ſie, um ſeine Btereitungen zur Entinhrung zu treffen. — ⸗ 90 Georgine kehrt mit ſchwerem Herzen und trübem Blicke in den Pachthof zurück. Ihre Schritte ſind un⸗ ſicher und ſchwankend; ſie geht in das Haus hinein, ohne die Augen auf dieſes Laſtliche Dach zu erheben, unter welchem man für ihre Jugend geſorgt und ſich ihrer angenommen hatte. Die Worte des Marquis treten vor ihre Seele: Der Pachthof iſt kein Aufent⸗ haltsort für Dich!...„O nein,“ ſagt ſie,„er paßt nicht mehr für mich!.. ich bin nicht mehr würdig, die Wohnung meiner achtungswürdigen Wohlthäter zu theilen.“ Johanns Stimme erweckte ſie aus ihren Träume⸗ reien.„Warum kommſt Du ſo ſpät, mein Kind? Du weißt doch, daß Thereſe und ich immer mit dem Nachteſſen auf Dich warten, denn wenn Du nicht da biſt, ſchmeckt es uns nicht. Mein Gott, das iſt auch ſehr natürlich: wir fangen an alt zu werden; wir ſind daran gewöhnt, Dich um uns zu haben; Du biſt uns ſo lieb, und in unſern Jahren hängt man an ſeinen Gewohnheiten.“ Georgine entſchuldigte ſich, ſo gut es ging; die Landleute waren ſo vertrauensvoll. Man ſetzt ſich zu Tiſche. Thereſens Liebkoſungen und Johanns Freund⸗ lichkeit drücken das junge Mädchen ſehr, indeſſen gab ſie ſich Mühe, ihre Aufregung zu bemeiſtern. Endlich war man mit dem Eſſen fertig; nie hatte ihr die Mahlzeit ſo lange geſchienen. Sie ſteht auf, nimmt ihr Licht und küßt die Pächterin und ihren Mann. Einige Thränen benetzen ihre Wimpern; die Land⸗ leute haben aber keine Zeit, ſie zu gewahren; ſie ſchließt ſich eilends in ihr Zimmer ein, um dieſes erſte Zeichen ihrer Reue vor ihnen zu verbergen. „Als ſie allein iſt, läßt ſie ihren Thränen freien Laufz der Gedanke, daß dieſes die letzte Nacht ſei⸗ die ſie in dem Pachthofe zubringe, das Bewußtſeyn ihrer Undankbarkeit gegen Johann und Thereſe quälte Georgine fürchterlich; ſie machte ſich die bitterſten Vorwürfe. Ihre Wohlthäter im herannahenden Alter zu verlaſſen, ſie dem Kummer preiszugeben, während ſie zur Verſchönerung ihrer letzten Tage auf ſie zäh⸗ len!... Ach, das iſt ſehr ſchlecht!... Unſere Heldin fühlt es wohl, ſie verhehlt ſich ihr Unrecht nicht; aber die Erinnerung an ihre Liebe und ihre Schwäche trägt den Sieg davon; ſie glaubt ſich unwürdig, ferner unter einem Dache mit den Pächtersleuten zu wohnen.. der erſte Schritt iſt gethan... und dieſer zieht die andern ſchnell nach ſich. Saint⸗Ange kommt, über ſeinen Triumph entzückt, das Herz von Georginens Bild erfüllt, in welche er nun wirklich verliebt war, in ſeinem Landhaus an. Als Lafleur ſeinen Herrn ſo vergnügt ſieht, ahnt er das Geſchehene.„Wohlan, gnädiger Herr, Sie haben meinem Rathe gefolgt und Ihren Zweck erreicht?“ —„Ja, Lafleur, ich bin der glücklichſte Menſch!.. Georgine iſt mein!.. ſie erwiedert meine Liebe und meine Leidenſchaft! Ach, nie hat mich ein Weib ſüßere Freuden und ein reineres Entzücken kennen ge⸗ lehrt!“—„Gnädiger Herr, ſo haben Sie ſtets von Ihrer letzten Geliebten geſprochen.“—„Ach, das iſt ein großer Unterſchied!“—„Es mag ſein; übrigens 92 kann man einem Liebhaber eben ſo wenig beweiſen, daß ſeine Liebe aufhören werde, als einer Kokette, daß ſie gealtert habe. Was ſind Sie aber entſchloſ⸗ ſen, Herr Marquis?“—„Ich reiſe ab und nehme Georgine mit nach Paris.“—„Nach Paris... neh⸗ men Sie ſich in Acht!...“—„Was willſt Du da⸗ mit ſagen?“—„Sie würden vielleicht beſſer daran thun, Ihre junge Eroberung in dieſem Luſthauſe zu behalten.“—„Warum denn 27—„Parbleu, gnä⸗ diger Herr, errathen Sie das nicht? Sie haben eine hölliſche Mühe mit dieſem kleinen Mädchen gehabt, und jetzt, wo ſie die Frucht Ihres Sieges im Frieden genießen könnten, führen Sie ſie nach Paris, wo man der Unſchuld nachſtellt und ſie Einem zu ent⸗ reißen ſucht.“—„Schwatze mir kein ſolches Zeug vor. Georgine iſt würdig, in Paris zu glänzen und Alles, was man bisher Liebenswürdiges, Reizendes geſehen hat, zu überſtrahlen!... und Du verlangſt, ich ſolle ſie im Dunkel dieſer Zurückgezogenheit vege⸗ tiren laſſen!... ich ſolle einen ſolchen Schatz ver⸗ bergen und die Welt ihres ſchönſten Schmuckes be⸗ rauben!“—„Ach, ich ſehe, daß der gnädige Herr die Abſicht hat, ſie zu zeigen.“—„Du wirſt ſehen, daß mir Georgine Ehre macht 1... ſie ſoll eine ge⸗ feierte Modedame werden....“—„Seien Sie über⸗ zeugt, Herr Marquis, wenn die Weiber einmal Toll⸗ heiten machen, ſind wir nur Kinder gegen ſie!“— „Heute Nacht reiſen wir ab. Halte bis zwölf Uhr eine Chaiſe mit guten Pferden bereit; der Weg iſt nicht weit. Morgen mit Tagesanbruch ſind wir in ℳ 2 93 meinem Höotel in der Straße Montblanc inſtallirt, und übermorgen, wette ich, erkennt Niemand mehr in Georginen das einfache Landmädchen von Bondy.“ —„Wo muß ich Sie mit dem Wagen erwarten?“ —„In dem ſchmalen Wege links vom Pachthofe.“— „Wenn nur der Pächter ſeine Hunde nicht nach uns hetzt!... Sie hätten ſie auch heute Morgen mitneh⸗ men können, als ſie bei Ihnen war.“—„Ach, Dumm⸗ kopf, dann hätten uns ja Bauersleute begegnen und dieſe ſehen können, daß Georgine bei uns iſt!... Wahrhaftig, Lafleur, für einen Schurken, der ſchon oft bei ſolchen Gelegenheiten war, kommſt Du mir feig vor!“—„Ich feig! gewiß nicht, gnädiger Herr, aber ich geſtehe Ihnen, daß ich lieber ſechs vornehme Frauenzimmer entführen will als eine Bäuerin; denn dieſe Landleute beſitzen eine Grobheit... und ich weiß ſchon, wie Prügel ſchmecken; übrigens fürchte ich mich aber keineswegs davor.“ Alles iſt zur beſtimmten Stunde bereit: Lafleur, der die Stelle eines Poſtillions vertritt, fährt in den ſchmalen Weg hinein; Saint⸗Ange wartet am be⸗ zeichneten Orte ungeduldig auf Georgine. Das Wetter war düſter und drohte mit einem heftigen Gewitter.„Dieſe Gegend iſt wahrhaftig unheilbringend für uns!“ ſagt Lafleur, auf dem Wege lauſchend, ob ſich Niemand nahe.„Heute Nacht gibt es wieder ein Gewitter wie damals, als wir das erſte Mal in dieſen Pachthof kamen. Erinnern Sie ſich noch, gnädiger Herr? wir waren in einem trau⸗ rigen Zuſtande!“ 94 Saint⸗Ange konnte ſich bei dem Gedanken an des Pächters Gaſtfreundſchaft eines peinlichen Gefühles nicht erwehren; er verläßt Lafleur, ohne zu antwor⸗ ten, und nähert ſich dem Pachthofe, wo er Georginen erwartet, deren langes Zögern ihn zu beunruhigen anfängt. Unſere Heldin war noch in ihrem Zimmer; in ihre Betrachtungen vertieft, merkt ſie das Verſchwin⸗ den der Zeit nicht. Plötzlich ſchlägt es aber auf der alten Uhr des Pachthofes Mitternacht. Sie ſteht auf, löſcht ihr Licht ab und ſchleicht leiſe die Treppe hinab. Georgine wußte, daß ihrer Flucht kein Hinderniß im Wege ſtand. Die Landleute, welche keine Ahnung von ihrem Vorhaben hatten, ſchliefen ruhig; die Hausthüre konnte von innen aufgemacht werden. Georgine mußte an der Schlafſtube ihrer Wohl⸗ thäter vorbeigehen. Mit beklommenem Herzen blieb ſie einen Augenblick vor derſelben ſtehen.„So lebt denn wohl, ihr, die ihr Vater⸗ und Mutterſtelle an mir vertratet... lebt auf ewig wohl!...“ rief ſie ſchluchzend aus. Zitternd trat ſie aus dem Hauſe hin⸗ aus, ſchritt durch den Hof und öffnete das Thor ohne Schwierigkeit; ſie ſtand noch einmal ſtille... ihre Kräfte verließen ſie. Sie warf noch einen letzten Blick um ſich her und ihr Auge fiel auf die Stelle, wo Karl bei ſeinem Abſchiede das Taſchentuch auf⸗ hob, welches ſie ihm zuwarf, und an ſein Herz drückte. Sie lehnte ſich an die Mauer und fühlte ſich außer Stand, weiter zu gehen. „Georgine! Georgine!..“ rief eine Stimme, 95 welche ſie augenblicklich erkannte,„warum zögern Sie ſo lange? ich fürchtete ſchon, es ſei Ihnen etwas zu⸗ geſtoßen!“ Saint⸗Ange’s Stimme und ſeine Gegen⸗ wart beleben Georginens Muth wieder; der Mar⸗ quis nimmt ſie beim Arme und zieht ſie mit ſich. Der gewaltig rollende Donner und das Leuchten des Blitzes vermehren die Erſchütterung des jungen Mäd⸗ chens. Saint⸗Ange iſt genöthigt, ſie in den Wagen zu tragen und ſetzt ſich neben ſte; Lafleur peitſcht die Pferde und fährt Paris zu. Zwölftes Kapitel. Der Lohn einer Wohlthat. Ehe wir Georginen nach Paris begleiten, wollen wir noch einen Augenblick im Pachthofe bleiben, denn die armen Landleute verdienen wohl, daß wir uns um ſie bekümmern. Wir kommen ohnehin vielleicht das letzte Mal dazu, weil ich ſchon jetzt vorausſehe, daß uns Georgine ſehr in Anſpruch nehmen wird. Mit dem erſten Frührothe legte ſich das Gewitter, das Wetter heiterte ſich auf, die Luft war rein und friſch; Johann ging wie gewöhnlich an ſeine Arbeit. Der Pächter ſah Georginen nie ſo früh, ihre Abwe⸗ weſenheit fiel ihm alſo nicht auf, aber als er zum Eſſen wieder heimkam, ſchaute er ſich nach ihr um und bemerkte Thereſens Unruhe. „Wo iſt denn Georgine?“—„Ich weiß es nicht, mein Freund; wir haben ſie den ganzen Tag nicht ————¼¾ geſehen! Ich begreife nicht, wo ſie hingerathen ſein kann.“—„Sie wird ſich zu lange in Bondy aufge⸗ halten haben...“—„Es macht mir nur Sorge, daß Urſula behauptet, die Haus⸗ und die Hofthüre ſeien heute Morgen offen geweſen...“—„Nun! wenn ſie hinaus will, muß ſie doch vorher aufma⸗ chen!...“—„Hm!“ verſetzte Urſula,„ich ſage euch, ſie iſt heute Nacht fort, ſonſt hätten wir ſie ja die⸗ ſen Morgen geſehen, wie ſolches ſonſt immer der Fall iſt, wenn ſie vorgibt, ſie gehe in die Schule!“ —„Was! vorgibt?... was willſt Du damit ſagen?“ —„Mein Gott, Herr, ich habe es nicht früher zu ſagen gewagt! Sie hätten mich doch eine Närrin ge⸗ heißen und mir es nicht geglaubt, wie immer, wenn ich etwas von Mamſelle Georgine vorbrachte!. So viel iſt gewiß, daß ſie oft, ſtatt in's Dorf zu gehen, den ganzen Tag mit dem jungen Stutzer her⸗ umlief, den wir bei jenem fürchterlichen Gewitter — . — beherbergt haben. Ol ich habe ſie ſelbſt einmal mit, einander geſehen, ohne daß ſie es vermutheten!“ Der Pächter runzelt ſeine Stirne; ſo leid es ihm thut, Georginen ein Unrecht vorwerfen zu müſſen, fühlt er doch, daß ſie ihm das Zuſammentreffen und 1 ihre Spaziergänge mit dem Herrn Marquis nicht hätte verbergen ſollen. Thereſe, welche das junge Mädchen mit mütterlicher Zärtlichkeit liebte, wartete ungeduldig, bis ſie nach Hauſe komme, um ſich zu rechtfertigen und den Verdacht von ſich zurückzuwei⸗ ſen. Aber die guten Leute warteten vergebens!... Georgine kam nicht. 1 . —,—,— — 97 Mit jedem Augenblick nahm ihre Angſt zu. Es war ſchon lange Nacht! Thereſe beweinte ihre Tochter; Johann ging kreuz und quer auf dem Hof auf und vo, ſtand oft unter das Thor und ſchaute in die Ferne hinaus... dann ſtampfte er ungeduldig mit dem Fuße und gab ſich den traurigſten Vermuthungen hin; die alte Urſula ſprach kein Wort: die Betrübniß ihrer Herrſchaft ergriff ſie ſo ſchmerzlich, daß ſie ſich nichts mehr zu ſagen erlaubte; ſie wünſchte ſehnlich, Georgine möchte nicht ſo ſtrafbar ſein, als ſie glaubte. Es ſchlägt Mitternacht. Johann nimmt ſeinen Hut und Stock.„Was willſt Du beginnen?“ fragt Thereſe. —„Ich kann es nicht mehr aushalten, ich gehe nach Bondy; wir müſſen durchaus eine Gewißheit erfah⸗ ren.“—„Was fällt Ihnen ein, Herr, um dieſe Zeit und in dieſer Gegend... wiſſen Sie nicht, daß es in dem nächſten Walde nicht recht ſicher iſt? da könnte Ihnen etwas Schönes begegnen!“—„Ich habe keine Furcht! mit dieſem Stocke biete ich Jedem Trotz!“ —„Lieber Johann, begib Dich nicht unnöthig in Ge⸗ fahr; morgen iſt es noch Zeit genug...“—„Mor⸗ gen! Du verlangſt, daß wir die Nacht in ſolch bangem Zuſtande verleben ſollen! nein, man muß wiſſen, was aus ihr geworden iſt.“—„Ach! ſie hat uns verlaſ⸗ ſen!“—„Nein, das iſt unmöglich! vielleicht iſt ſie krank und braucht unſere Hülfe; ich gehe nach Bondy.“ —„Nehmen Sie wenigſtens den Cäſar mit, Herr, er gilt für zwei Männer!“—„Wohlanl! ich will ihn mitnehmen, obwohl ich Deinen Räubergeſchichten kei⸗ Paul de Kock. XLI. 7 nen Glauben ſchenke.“ Der Pächter küßt ſeine Frau und verſpricht ihr gute Nachrichten zu bringen. Thereſe fühlte einen unbeſchreiblichen Schmerz, als ſie ihren Gatten an's Herz drückte; Johann bindet ſeinen ge⸗ treuen Hund los und verläßt mitten in der Nacht mit ihm den Pachthof. 3 Der gute Pächter ſchritt, ganz mit Gedanken an Georgine beſchäftigt, raſch vorwärts, und bemühte ſich, den Verdacht, der gegen ſie in ihm erwachte, zu be⸗ ſchwichtigen. Die Nacht war ſo pechſchwarz, daß man kaum vor ſich hin ſah. Cäſar folgte ſchweigend ſeinem Herrn und ſchien ihn, um ihn herwedelnd, um den Grund einer ſo ſpäten Reiſe befragen zu wollen. In ſeinem Nachſinnen vertieft, bemerkt Johann nicht, daß er, ſtatt den Weg nach Bondy einzuſchlagen, auf den nach dem Walde gerathen iſt; erſt als er eine lange Strecke zurückgelegt hatte, ſtand er ſtille, um ſich, ſo weit es die Dunkelheit erlaubte, zu über⸗ zeugen, daß er in der Nähe des Dorfes ſey; er ſieht ein, daß er ſich verirrt hat und ſich am Saume des Waldes befindet. Ueber dieſen widrigen Zufall ge⸗ ärgert, will der Pächter wieder umkehren, als er, indem er ſich nach ſeinem Hund umſchaut, etwas hinter die Bäume ſchleichen ſieht. Trotz ſeines Muthes empfand Johann ein peinliches Gefühl... er horcht ... das Laubwerk rauſcht... er will auf ſeinem Wege zurückkehren... Cäſar bellt wüthend... hieraus geht hervor, daß Jemand in der Nähe verſteckt iſt... der Pächter verdoppelt ſeine Schritte, ſich wieder aus dem Walde zu entfernen, aber es iſt zu ſpät...vier 1. 99 Männer ſtürzen aus einem Dickicht hervor und auf ihn los, ehe er zu ſich ſelbſt kommen kann. Johann will ſich vertheidigen, der Hund ſpringt an den Die⸗ ben hinauf, während ſein Herr, der eine ſeiner Hände frei gemacht hat, die Elenden, welche ihn umringen, mit ſeinem Knotenſtocke ſchlägt. Aber trotz des Hundes Anſtrengung, trotz des Pächters Muth muß Dieſer der Ueberzahl weichen! Die Räuber ſtoßen ihn, wüthend über ſeinen Widerſtand, mit hundert Stichen nieder⸗ plündern ihn aus und entfernen ſich von dem Schau⸗ platze ihrer Miſſethat, indem ſie den unglücklichen Johann in ſeinem Blute liegen laſſen; Niemand iſt zu ſeiner Unterſtützung in der Nähe als der arme Cäſar, der, ſelbſt verwundet, ſeine eigenen Leiden ver⸗ gißt und die Wunden ſeines Herrn ableckt. Der Morgen nach dieſer unſeligen Nacht bricht an. Thereſe wartet auf ihre Tochter und ihren Gatten. Traurigkeit, Beſorgniß und Thränen herrſchten an dieſem Orte, wo ſonſt Friede und Glück zu Hauſe war. Man hört in der Ferne ein dumpfes Heulen. „Das iſt Cäſar!“ ruft Thereſe aus.—„Das iſt Cä⸗ ſar!“ wiederholen die Dienſtleute, die alle, ihrem Herrn ergeben, ſehnlich ſeine Rückkehr erwarten. Man eilt an das Hofthor: der arme Hund nähert ſich lang⸗ ſam, aber in welchem Zuſtande! mit Blut und Wun⸗ den bedeckt. Er ſtieß mitunter jene ſchmerzlichen Klage⸗ laute aus, die immer ein Unheil zu bedeuten ſcheinen. „Großer Gott! mein Mann iſt ermordet!“ ſchrie Thereſe und fällt in Ohnmacht. Während Urſula ſie wieder ins Leben zurückzurufen ſucht, kriecht der Hund 100 um die Knechte herum, ſchleppt ſich nach der Thüre und ſcheint ſie aufzufordern, ihm zu folgen.„Geht, geht,“ ſagt Urſula,„gebe Gott, daß ihr noch zu rechter Zeit kommt!“ Die Landleute folgen ihrem treuen Führer, welcher ſich trotz ſeiner Wunden bis zu dem Orte hinſchleppt, wo ſein unglücklicher Herr liegt. Dort überzeugt man ſich von der verbrecheriſchen That... aber Johann iſt kalt und todt! Die Landleute kehren mit der traurigen Laſt wie⸗ der in den Pachthof zurück. Thereſens Verzweiflung läßt ſich nicht beſchreiben: ſie verlor auf einmal Alles, was ſie liebte; es blieb ihr kein Troſt mehr übrig. Der Pachthof war von nun an der Sitz der Thränen und des Jammers. Die Zeit linderte Thereſens Kummer nur unbe⸗ deutend. Es gibt Leiden, die ihr Widerſtand leiſten; man wird gefühlloſer, aber man iſt nicht geheilt. ſſſſſſinſnſnſnſſnſſſſ 9 10 11 12 13 14 15 16 17