Paul de Kock's V humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Vierzigſter Theil. S⸗ Stuttgart: Scheible, Rieger X Sattler. 1844. Der Mann dal Von Paul de Koch. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Vierter Theil. Stuttgart: Fcheible, Nieger Sattler. 1844. Erſtes Kapitel. Aufenthalt in Havre.— Table⸗d'höte. Faſt drei Stunden lang ſtreifte Adhemar durch das Vincenner Gehölz unter fortwährendem Forſchen, Fragen und Spähen nach jenem Manne, den er durchaus einzuholen ſich in den Kopf geſetzt hatte; allein es war ihm nicht möglich, ſeinen Zweck zu erreichen, und erſchöpft durch die Ermüdung, beſchloß er endlich, wieder nach Paris zurückzukehren. Zu Hauſe angelangt, warf ſich Adhemar auf einen Seſſel; ſein Blick ſiel auf ſeine neue Umgebung. Einen Augenblick dünkten ihm ſeine ſeitherigen Erlebniſſe ein Traum. Dieſer neue Aufenthalt, in welchem er ſich noch nicht heimiſch fühlte, ſeine Reiſe nach Saint⸗ Maur, die Dinge, die er dort ſo eben mit angeſehen, der Verluſt ſeiner zwanzigtauſend Franken— all' Dieß verſetzte ihn in einen Zuſtand der Betäubung, einer trunkenen, traumartigen Aufregung. Als ſein Ge⸗ müth jedoch wieder ruhiger war, als er ſich ſagen mußte, daß Alles dürre, nackte Wirklichkeit ſei, da bemächtigte ſich ſeiner eine düſtere Schwermuth, eine gänzliche Muthloſigkeit, und nach einem Paar Piſto⸗ 6 len greifend, die in ſeinem Schreibtiſche lagen, ſagte er zu ſich:„Alles iſt für mich dahin, Glück, Ver⸗ mögen, Hoffnung... ja, dieſe Hoffnung, die mich nie verließ... dieſe Erinnerung an Carleſia, die mich ſelbſt in den Tagen meiner größten Thorheiten umſchwebte, muß ich jetzt aus meinem Gedächtniſſe verbannen. Ich hoffte, ſie würde die Freiheit, die ich ihr zurückgab, ſich nicht zu Nutze machen... ich täuſchte mich. Alles iſt für mich verloren... habe ich alſo nicht das Recht, mich eines Daſeins zu ent⸗ ledigen, das mir nichts mehr als Kummer und Kla⸗ gen zu bieten vermag?“ Bei dieſen Worten ſpielte er mit einer der Piſto⸗ len, die er in der Hand hielt; nach einem Momente des Nachdenkens warf er jedoch die Waffe bei Seite und rief:„Wenn ich Carleſia's Liebe verlor, wenn ich mein Vermögen verſchwendete, wenn ich nun aller Mittel entblößt bin, habe ich mir dieß Alles nicht ſelbſt zuzuſchreiben? Und ich ſollte nicht den Muth haben, die Folgen meiner fehlerhaften Auf⸗ führung zu tragen!... Nein, der Selbſtmord iſt eine Feigheit; denn er iſt nichts Anderes als eine Preis⸗ gabe des Poſtens, an den uns das Schickſal geſtellt hat; er iſt ferner eine Dummheit, in welcher unſere Eitelkeit uns ſelbſt überleben will... wir möchten gerne nach unſerem Tode von uns ſprechen machen l.., Arme Thoren, die wir ſind! Könnte die Mehrzahl Derer, die ihren Selbſtmordgedanken Raum gaben, das Urtheil der Welt vernehmen, wüßten ſie, wie bald ſie vergeſſen ſind, wahrlich! ſie würden es tief 7 bereuen, ihren traurigen Entſchluß ausgeführt zu haben. Nein, ich werde dem Mißgeſchick Stand zu halten wiſſen; es gehört mehr Muth dazu, als ſich eine Piſtole vor den Kopf zu ſchießen. Und kann man überhaupt den Gang der Zukunft zum Voraus be⸗ ſtimmen? Kann man vorausſehen, was die Vor⸗ ſehung für uns thun kann?... Wohlan! verfolgt mich das Unglück, ſo werde ich mit ihm ringen, werde ein Mann zu ſein anfangen... Ich beging viele Thorheiten der Frauen wegen... ich verdanke ihnen all' meine Freuden und meine Leiden... Das, welches heute auf mir laſtet, iſt zwar ſchwerer als alle früheren, allein man muß es zu tragen wiſſen.“ Zufrieden mit ſich ſelbſt in Folge dieſes Entſchluſſes und all ſeiner Energie wieder habhaft, machte Adhe⸗ mar ſich jetzt ernſthafte Gedanken über ſeine Lage und über die Mittel, die ihm eine Zukunft ſchaffen könnten. Sein ganzes Beſitzthum beſtand jetzt nur noch in den zweitauſend Franken, die ihm der Ver⸗ kauf ſeines eleganten Mobiliars eingebracht hatte; wenn er jetzt nicht gleich einen Entſchluß faßte, ſo mußte er jedenfalls nach Aufbrauch ſeines letzten Thalers eine Beſchäftigung, eine Anſtellung ſuchen, und es ſchien ihm klüger, ſich vorher damit zu be⸗ faſſen. Auch ſah er wohl ein, daß er jetzt den Bällen, dem Spieltiſche, kurz allen Gelegenheiten zum Geld⸗ aufwand den Abſchied geben müſſe, was ihn jedoch keine Selbſtverläugnung koſtete, da er mit Carleſia ſich nicht wieder zuſammenfinden wollte und den feſten Entſchluß gefaßt hatte, künftig die Häuſer zu 8 meiden, wo ein Zuſammentreffen mit ihr möglich war. Da er indeſſen den ſchlechten Zuſtand ſeiner Fi⸗ nanzen nicht gerne enthüllen wollte, ſo pflegte er immer noch mit der größten Sorgfalt ſeine Toilette; er bot Allem auf, wie bisher ſaubere Handſchuhe und lakirte Stiefel zu haben, damit ſeine Kleidung immer noch den Schein eines Mannes auf ihn werfen möchte, der ſich in glänzender Lage befindet. Man ſieht, daß es Adhemars Muth zu einem Siege über ſeine Eitelkeit noch an der gehörigen Kraft fehlte. Einen ganzen Monat lang durchlief Adhemar die Straßen von Paris, ſich den Kopf zerbrechend, wel⸗ cher Ausweg ſich wohl ergreifen laſſen möchte, ohne daß er ſich indeß an einen ſeiner Bekannten oder Freunde von der hohen Welt gewandt hätte, um durch dieſe zu einer Anſtellung zu kommen, denn das wäre nichts Anderes als eine Entſchleierung ſeiner fatalen Umſtände geweſen, und hätte er dieſe auch nur einem Einzigen unter dem Siegel der Verſchwie⸗ genheit anvertraut, ſo war dieß— das wußte er wohl— ſo gut, als hätte er es ganz Paris geſagt. Anſtatt wie ſonſt im Café de Paris oder bei Vefour zu diniren, ſchlich ſich Adhemar verſtohlen in Reſtaurationen zu vierzig Sous, wählte ſich mit Be⸗ dacht ſolche aus, welche in den entlegenſten Stadt⸗ vierteln lagen, blieb dort nicht länger als gerade über die Zeit des Diners, ließ ſich mit Niemand in eine Unterhaltung ein, und ſetzte ſich an Plätze, wo er den Blicken der Gäſte weniger ausgeſetzt war. 9 Der Monat verſtrich. Adhemar hatte Paris nach allen Flanken durchlaufen und war gleichwohl noch auf dem nämlichen Flecke. Es iſt Tantalusarbeit, eine Anſtellung zu bekommen, wenn man Niemandes Ver⸗ wendung in Anſpruch nehmen will. Weitere vierzehn Tage verfloßen. Eines Morgens, als Adhemar über⸗ legte, was etwa anzufangen wäre, erinnerte er ſich eines alten Familienfreundes, eines in Havre eta⸗ blirten Kaufmanns, der ihm, wenn er nach Paris kam, mehrmals ſeine Dienſte angeboten und ſehr oft zu einem Beſuch in Havre eingeladen hatte, und rief: „Es bleibt dabei, ich gehe zu Herrn Bonnefond, das iſt ein ausgezeichneter Mannz entweder wird er mich in ſeinem Hauſe verwenden oder mir für eine ander⸗ weitige Stelle ſorgen; ich werde dann nicht mehr in Paris ſein, das iſt aber nur um ſo beſſer. Wie Teufel kommt mir dieſer Gedanke jetzt erſt in den Kopf?“ Zwei Stunden nachher hatte Adhemar ſeinen Platz nach Havre beſtellt; er ging von da wieder in ſein Logis, packte ſeinen Koffer, rief der Frau Poupoule und bat ſie, ihm den Tapezier herzubeſtellen, von dem er ſeine Möbeln habe, indem er andern Tages Paris zu verlaſſen geſonnen ſei. Der Tapezier kam; er ſchnitt dieſelbe Grimaſſe, wie ſein College von der Chauſſée d'Antin, als er er⸗ fuhr, es handle ſich um's Verkaufen und nicht um's Kaufen. Mit der kleinlichſten Sorgfalt unterſuchte er das ihm bereits ſehr gut bekannte Mobiliar. Ad⸗ hemar verlor wieder die Geduld; das Unglück hatte ihn nicht anders zu machen vermocht. Er rief:„Je Paul de Kock. X. 2 7 10 nun, mein Herr! was geben Sie mir für Alles zu⸗ ſammen?— Es iſt Alles ſo ſchlecht, ſo alt, ſo ab⸗ genützt,“ ſagte der Tapezier, den Kopf ſchüttelnd.— „So? Als Sie mir dieſe Gegenſtände vor ſechs Wochen verkauften, ſagten Sie, ſie ſeien noch gut und recht wohl erhalten.— Ja, aber in ſechs Wochen haben der Herr Ihre Möbeln eben viel gebraucht! — Ich begreife nicht, wie in ſo kurzer Zeit meine Seſſel und mein Bett ſollen bedeutend abgenützt worden ſein, da ich doch Niemand zum Beſuch er⸗ halten habe... allein zur Sache!“ Der Tapezier machte ein Anbot von neunzig Franken für das, was er um hundert Thaler ver⸗ kauft hatte; Adhemar nahm es an mit den Worten: „Wenn ich fortfahre, derartige Handelsgeſchäfte zu machen, werde ich zuverſichtlich kein Kröſus! Hoffent⸗ lich wird das mein letztes in dieſem Genre ſein.“ Den andern Morgen war Adhemar auf dem Wege nach Havre. Bei ſeiner Ankunft in dieſer Stadt ſagte er zu ſich:„Soll ich jetzt ſtehenden Fußes zu Herrn Bonnefond gehen oder in einem Hötel abſteigen? Das Letztere ſcheint mir den Vorzug zu verdienen. Seit mehr als einem Jahre ſah ich dieſen Herrn nicht mehr; bei ihm anzukommen und zwar zur Stunde des Diners könnte als ein Mangel an Lebensart er⸗ ſcheinen. Beträfe die Abſicht meines Beſuches keine Dienſtleiſtung, die ich von ihm zu verlangen genöthigt bin, ſo würde ich ohne Bedenken hingehen, aber das Unglück macht furchtſam... gehen wir in's Hotel.“ Ein Commiſſionär trug ſich unſerem Reiſenden — 11 zum Wegweiſer in einen Gaſthof an. Adhemar folgte ſeinem Cicerone. Wie gewöhnlich nahm dieſer die Kleidung zum Maßſtab des Aufwandes, den man zu machen geſonnen iſt, und führte Adhemar in's Hoôtel de l'Europe, eines der beſten der Stadt. „Das iſt kein Ort zum Sparen,“ ſagte Adhemar zu ſich;„da ich jedoch nur kurze Zeit hier verweilen werde, ſo kann ich mir ſchon erlauben, hier zu logiren.“ Adhemar wurde gefragt, ob er an der Table d'hote diniren wolle; er bejahte es, worauf man ihn erſuchte, ſich in den Speiſeſaal zu begeben, wo die Reiſenden ſo eben Platz genommen hatten und das Werk der Magenſtärkung bereits mit jenem Eifer angriffen, der ein eigenthümliches Merkmal der an die Table d'hote gewöhnten Perſonen iſt. Adhemar gerieth zwiſchen einen Commis voya- geur und einen Weinhändler. Der Commis that jeder Speiſe, die ihm präſentirt wurde, ohne Aus⸗ nahme ihre Ehre anz ſein Teller hatte aber auch mit einer Eiſenbahn die vollkommenſte Aehnlichkeit: die Gegenſtände verſchwanden darauf mit ſolch rapider Geſchwindigkeit, daß man durchaus nicht im Stande war, ſie zu unterſcheiden. Der Weinhändler, der mit dem Commis einen Wettkampf einzugehen ſchien, zog bei Weitem den Kürzern; alle Augenblicke war er am Erſticken, weil er die Speiſen verkehrt hin⸗ unterſchlang. Adhemar bekümmerte ſich wenig um ſeine Nach⸗ barn, und da die Table d'höte⸗Geſellſchaft aus drei⸗ ßig Perſonen beſtand, ſo hatte er noch nicht die Hälfte 12 der Gäſte näher in's Auge gefaßt, als ſich ein leiſer Schrei ihm gegenüber hören ließ. Er ſchaute auf und wurde nun des Anblicks der ganzen an der Table d'hote ſitzenden Familie Sublimé theilhaftig. Der Schrei kam von Fräulein Idalia her, die ihn ausgeſtoßen, als ſie Adhemar erkannte; ſie hatte ſofort ihrer Mutter einen kleinen Ruf gegeben, die hinwiederum ihrem Gemahl einen gab, der ihn an ſein Söhnchen weiter ſpedirte. Dieſer war eben im Begriff, zu trinken, goß ſeinen Wein auf den Tiſch und rief:„Papa iſt ſchuldig d'ran... er gab mir einen Puff... warum ſtößt Du mich denn, Papa, das iſt recht dumm, das!“ Dardanus erwiederte auf dieſen zornmüthigen Er⸗ guß ſeines Söhnleins nichts. Der Gegenſtand ſeiner tiefen Aufmerkſamkeit war eine Muſikdoſe, die er vor ſich auf den Tiſch geſtellt hatte, damit ſie die Bewunderung der Reiſenden erregen möchte; allein an einer Table d'hote bewundern die Reiſenden ge⸗ wöhnlich nichts als die aufgetragenen Speiſen, und Herr Sublimé war ſomit genöthigt, ganz allein den Lobredner ſeiner Muſikdoſe zu machen. Als Adhemar die vor ihm ſitzenden Perſonen er⸗ kannt hatte, begrüßte er ſie höflich, allein Fräulein Idalia wandte den Kopf verächtlich ab, ihre Mutter that, als kenne ſie ihn nicht, und der Gemahl, der bereits den Gruß zu erwiedern begann, erhielt unter dem Tiſche einen Knieſtoß, der ihm die Luſt, artig zu ſein, benahm. Zum Unglück hatte das kleine Wunder keinen —— 13 Knieſtoß erhalten; es rief daher, als es Adhemar erblickte:„Ei, ſieh' da, Herr Marilly! Ah, guten Tag, Herr Marilly! Sie gingen alſo auch nach Havre?2... Wir wollen hier die Seebäder gebrau⸗ chen, ja, denn ſeitdem Sie meine Schweſter nicht zur Frau nehmen wollten, iſt ſie beſtändig krank... O, ich weiß Alles, ich; ich bin ein Schlaukopf!“ Es iſt keine leichte Aufgabe, die Wirkung zu ſchil⸗ dern, welche dieß Geplauder des Herrn Eudorius hervorbrachte: Fräulein Idalia wurde blaßgrün; Ma⸗ dame Sublime, rathlos, wie ſie ſich bei der Sache benehmen ſolle, kaute an ihrer Serviette in der Mei⸗ nung, ſie nage an einer Cotelette; Dardanus ſchaute confuſen Blicks auf ſeinen Teller; die Mehrzahl der Reiſenden endlich gab ihrer Zwergfellerſchütterung Raum und brach in ein ziemlich lang anhaltendes Gelächter aus, an welchem Theil zu nehmen Adhe⸗ mar nicht umhin konnte. Madame Sublimé ergriff jetzt ſchnell das Wort und ſagte mit jenem pretentiöſen Tone, den ſie ſteis an ſich hatte:„Hoffentlich wird die Geſellſchaft das Geplauder eines Kindes, welches das Gewicht ſeiner Worte nicht zu ermeſſen verſteht, nicht ernſthaft neh⸗ men.— Man kann in der ganzen Sache durchaus nichts Ernſthaftes ſinden,“ ſagte ein junger Mann unter fortwährendem Gelächter.—„Wir kamen hie⸗ her nach Havre einzig und allein unſeres Vergnügens wegen,“ fuhr Madame Subliméè fort;„der Anblick des Meeres iſt ſehr geeignet, die intellectuellen Ideen zu erweitern und zu entwickeln; ich gedenke mich über 14 dieſen Gegenſtand in einem wiſſenſchaftlichen Werke, das ich unter der Arbeit habe, weiter zu verbreiten... Uebrigens wird mich meine Reiſe nicht gereuen; die Umgebungen Havre's ſind reizend, die Vegetation iſt ſuperb! Vor einem Landhaus zu Ingouville ſah ich einen magnifiken Populus. Ich wünſchte recht ſehr, einen Baum wie dieſen in meinem Garten zu haben...“ Beinahe hätte dieſes, mit lateiniſchen Brocken untermiſchte Geſpräch der Madame Sublimé die gleiche Wirkung auf die Geſellſchaft gemacht, die das V ihres Sohnes hervorgebracht hatte; indeſſen hielt man an ſich. Nur der Weinhändler, der neben Adhemar ſaß, ſagte halblaut:„Wenn dieſe Dame etwas unter der Arbeit hat, ſo thäte ſie, wie mich dünkt, ſehr wohl daran, es darunter zu laſſen.“ Empfindlich gekränkt darüber, daß die Gäſte ſie keiner Bewunderung würdigten, nahm Madame Su⸗ blimé jetzt ein übellauniſches Weſen an und widmete ſich fortan einzig ihrem Teller. Es ſtand jedoch nicht lange an, als Fräulein Idalia zu ihrer Mutter ſagte: „Ich fühle mich unwohl... ich wünſchte die Tafel zu verlaſſen.“ Auf dieß erhob ſich die Mutter, gab ihrem Ge⸗ mahl ein gebieteriſches Zeichen, der ſich ſofort, wie⸗ wohl ungerne, darein ergab, es auch ſo zu machen. Nicht geringe Mühe koſtete es, das kleine Wunder auch dahin zu bringen. Er fing an zu ſchreien: er habe noch Hunger, er wolle vom Nachtiſch. Man zog ihn daher oder trug ihn vielmehr aus dem Speiſeſaal fort. Solchergeſtalt verſchwand die Fa⸗ 4 5 milie Sublimé, die ſich von dieſem Tage an nicht mehr an der Table d'höôte blicken ließ. Nach dem Diner gedachte Adhemar ſich zu dem alten Kaufmann, ſeinem Bekannten, zu begeben. Seine Adreſſe war ihm nicht entfallen; er machte ſich auf den Weg zu ihm, überzeugt, daß er mit offenen Armen empfangen werden würde; allein als er beim Pförtner des Hauſes nach Herrn Bonnefond fragte, erwiederte dieſer:„Herr Bonnefond, ſeit zwanzig Jahren etablirter Kaufmann dahier in Havre, hat ſich auf der Inſel Bourbon niedergelaſſen, allwo er ſich große Ländereien gekauft hat, deren Wirthſchaft er ſelbſt betreiben will; vor neun Monaten hat er ſich eingeſchifft.— Damit wäre es alſo vorbei,“ ſagte Adhemar auf dem Rückwege nach ſeinem Hotel zu ſich.„Der einzige Freund, auf den ich zählen konnte, der eine Mann, mit dem ich ohne Erröthen über meine Lage hätte ſprechen können, der viel⸗ leicht im Stande geweſen wäre, mir auf die Bahn des Glückes wieder zu verhelfen, iſt abgereist!... nach der Inſel Bourbon!... Ich kenne, außer ihm, keine Seele in Havre... was jetzt anfangen? Doch vergeſſen wir unſern Vorſatz nicht, dem Mißgeſchicke muthig Stand zu halten! Da ich nun einmal hier in Havre bin, wohlan, ſo will ich auch hier bleiben; leicht möglich, daß ſich hier eher eine Thüre für mich aufthut als in Paris.“ Ein weiterer Entſchluß Adhemars war auch, in dem ſchönen Hotel, wo er abgeſtiegen war, zu blei⸗ ben, und die Lebensweiſe eines Reiſenden fortzuſetzen, 16 und zwar aus dem Grunde, weil ſich die Familie Sublimé jetzt immer in Havre aufhielt, wo ſie in der That die Seebäder gebrauchte. Hätte ſich Adhe⸗ mar ein beſcheideneres Logis ausgeſucht, ſo war zu befürchten, ſie errathe ſeine finanzielle Klemme. Zu⸗ mal den Sublimé's wollte er dieſe verbergen; denn erfuhren dieſe etwas davon, ſo war die Sache auch für ſeine Bekannten in Paris bald kein Geheimniß mehr. In der beharrlichen Abſicht, den ſchlechten Zuſtand ſeiner Finanzen zu maskiren, beſuchte Adhemar ſofort das Theater, die Concerte, wo ihm der Anblick der Fräulein Idalia und ihrer Angehörigen zu Theil wurde: ſie thaten jetzt ganz fremd gegen Adhemar, der ſich in ehrerbietiger Entfernung von ihnen hielt. Ferner ging Adhemar, ſtatt ſich um irgend eine Anſtellung zu bemühen, tagtäglich am Strande ſpazieren; das majeſtätiſche Schauſpiel, das man vom Hafendamm aus genießt, macht die Seele gedankenvoll. Bei Adhemar geſchah dieß oftmals; zum Theil waren— es ſehr vernünftige Betrachtungen, die er anſtellte. „Ich hatte ſechstauſend Franken Revenuen,“ ſagte er eines Tages zu ſich;„zwar ein beſcheidenes, aber keineswegs zu verachtendes Vermögen; ich nahm eine ſehr reiche Frau, lebe jedoch getrennt von ihr.. ſie beſtand auf einer Theilung ihres Vermögens mit mir... allein ich wies dieß großmüthige Anerbieten zurück, und mußte dieß, denn ich hatte ſie und nicht ihr Geld geheirathet. Um mich zu tröſten, aufzu⸗ heitern, aus Eitelkeit endlich lebte ich lange Zeit auf dem Fuße eines reichen Mannes! Und gegen⸗ „ 8 S. 3. wärtig beſteht mein ganzer Reichthum noch in eini⸗ gen hundert Franken; wäre ich nur wenigſtens nicht ohne Talente, wäre ich Maler, Dichter, Muſtker, dann dürfte ich nicht lange nach Hülfsquellen ſuchen, ich hätte ſie in mir ſelbſt. Einem Künſtler bleibt doch wenigſtens ſein Talent, wenn er auch Thor⸗ heiten begeht; er kann es nicht verſchleudern wie ſein Vermögen, und darauf zählen, es in den Ta⸗ gen des Mißgeſchickes wieder zu finden... einem treuen Freunde gleich verläßt es uns nie ganz, wenn wir ihm nur offen wieder entgegenkommen. Allein ich bin ohne Talent... und habe Alles verſchwendet! Ich bin alſo ein weit größerer Thor als irgend ein Anderer.“ Einen Monat hindurch hatte Adhemar ſeine Be⸗ trachtungen und Spaziergänge fortgeſetzt, als ihm eines Morgens ein ſtattliches Schiff in's Auge fiel, dem man Ballen und Waaren zutrag; Alles ließ errathen, daß es bald unter Segel gehen würde. Adhemar rief einen Matroſen an, der vom Schiffe kam und an ihm vorüberging:„Wohin iſt Euer Schiff beſtimmt?— Nach Bourbon,“ verſetzte der Matroſe,„in acht Tagen laufen wir aus, falls wir günſtigen Wind haben.— Bourbon!“ wiederholte Adhemar für ſich,„das iſt ja eben der Ort, wo ſich Herr Bonnefond neuerdings etablirt hat. Wie wäre es, wenn ich meinen alten Familienfreund aufſuchte, wenn ich auch nach der Inſel Bourbon reiste!... Da iſt ja ein Fahrzeug, das mich hintrüge; unter einem andern Himmel würde ich Paris vergeſſen und mit 18 leichterer Mühe mein Glück machen, Al⸗ wenn ich in Frankreich bliebe.“) Der Gedanke, Frankreich Lebewohl zu ſagen, hatte zwar keinen allzugroßen Reiz für Adhemar, allein je mehr er ihn bei ſich erwog, deſto mehr überzeugte er ſich, daß er in ſeiner jetzigen Lage nichts Beſſeres thun könne, als nach Bourbon zu Herrn Bonnefond abzureiſen. Tags darauf begab er ſich zu dem Schiffskapitän und fragte ihn, wie hoch ihn die Ueberfahrt nach Bourbon zu ſtehen kommen würde. „Haben Sie eine förmliche Ladung oder Beilaſt zum Mitüberführen?“ fragte der Kapitän.—„Nichts als mich und einen Reiſekoffer mit meinen Effekten. — Dann kommt Sie die Fahrt auf zwölfhundert Franken; allein Sie werden gute Koſt erhalten, es wird Ihnen nichts abgehen. Ueberlegen Sie ſich die Sache. Da Sie keine Beilaſt haben, ſo brauchen Sie mir erſt in vier Tagen Ihren Entſchluß zu melden.“ Adhemar begab ſich wieder auf den Hafendamm, wo er ſeine Promenade fortſetzte und zu ſich ſagte: „Zwölfhundert Franken! Zweitauſend hatte ich im Ganzen... etwa vierhundert gingen darauf, ſeit ich hier bin. Ich kann mich einſchiffen, es bleiben mir bei meiner Landung auf Bourbon immer noch vier⸗ hundert, eine hinreichende Summe für ein Land, wo ich Geld erwerben und keines verbrauchen will. Wohlan⸗ es bleibt dabei, ich reiſe ab. In Paris werde ich recht bald vergeſſen ſein, ja vielleicht denkt man be⸗ reits nicht mehr an mich.“ 19 Obwohl mit ſeinem Entſchluß im Reinen, mel⸗ dete ſich Adhemar doch nicht gleich dem Kapitän; er ließ die vier Tage vorübergehen. Nun aber rief er ſich in's Gedächtniß, daß keine Zeit mehr zu verlieren ſei und machte ſich auf den Weg. „Das Loos iſt geworfen,“ ſagte er,„ich beſtelle meinen Platz!“ Als er ſich dem Geſtade näherte, fielen ihm zwei junge Damen auf, die er an ihrer anmuthigen und koketten Tournure gleich für Pariſerinnen erkannte. Er warf ihnen einen Liebesblick zu und gerieth in nicht geringe Verwunderung, hier in Havre die zwei Loretten von der Straße Navarin, die hübſche No⸗ nore und Madame Polatinskiskoff, zu treffen. Die zwei Damen ihrerſeits, die Adhemar jetzt auch wieder erkannten, kamen lachend auf ihn zu und riefen:„Ah, ſieh' da, Herr... Herr... unſer vorma⸗ liger Nachbar in Paris... Herr Adhemar, jetzt fällt mir der Name des Herrn wieder ein.— Kein Ande⸗ rer, meine Damen! Nicht entfernt hoffte ich, das Vergnügen zu haben, Sie in Havre zu treffen.— Ja, das iſt eine Laune, ein Einfall, den wir Beide zumal gehabt haben. Nonore und ich wollten um alle Welt einmal das Meer ſehen... ein ſehr natür⸗ licher Einfall, nicht wahr? Ich ſah ſchon Mancherlei, ſeit ich auf der Welt bin, aber doch das Meer noch nicht!... Herr Ribobiche macht eine Reiſe im Belgi⸗ ſchen... dieß machte ich mir zu Nutze... Nonore, die ſich mit ihrem Gönner entzweit hatte, war es eben recht, mich begleiten zu können, und ſo ließen wir —— 20 denn Paris hinter uns. Geſtern kamen wir hier an und bezogen ein Logis in Frascati, gerade da, wo man die Seebäder nimmt!— Ja, ja, wir werden auch nehmen, wir werden Alles mitmachen! denn zu was Anderem ſind wir hier als zu unſerem Ver⸗ gnügen... O, wenn Sie wüßten, was wir ſeit geſtern ſchon Auſtern aßen— es iſt ſchauderhaft! Allein mir ſchlüpfen ſie hinunter wie Bisquit... und dann hat man auch hier einen hölliſchen Appetit... Gott! was iſt es etwas Schönes um die Meeresküſte, das Ver⸗ gnügen, Muſcheln aufzuleſen, nicht einmal in Rech⸗ nung zu bringen... es hat prächtige darunter.— Jedoch, was fällt mir ein? Wir ſollten von Rechts⸗ wegen kein Wort mit Ihnen ſprechen, denn Sie ha⸗ ben recht ſchlecht an uns gehandelt... zumal an mir. 4— Was iſt denn mein Verbrechen, Madame?— Wie, mein Herr? Sie erinnern ſich nicht mehr jenes Abends, da Sie plötzlich aus meinem Zimmer ver⸗ ſchwanden? Gerade wollten wir an's Souper... wir warteten eine Ewigkeit auf Sie... und die arme AJema, wie ſchmerzlich war ſie gekränkt!...“ Adhemar ſuchte ſich zu entſchuldigen, allein No⸗ nore unterbrach ihn mit dem Ausruf:„Behalten Sie nur Ihre Ausreden für ſich! Wir wiſſen den wahren Grund recht wohl! Madame Folicourt machte Ihnen damals Füße!— Madame Folicourt!...— Ja, ja, die Italienerin... Sie kennen ſie, Sie wollten ein vis-à-vis mit ihr und Azema vermeiden. Seit ſie krank iſt, iſt ſie ganz verlaſſen... gewiß iſt, daß ſie ſeit zwei Monaten um zehn Jahre älter wurde!... 21 ich beſuchte ſie vier Tage vor unſerer Abreiſe... ſie hatte nicht einmal die Mittel, ſich die vom Arzte verordneten Arzneien anzuſchaffen... ich ſelber lieh ihr zehn Franken... Sie wird ſie mir nie mehr zu⸗ rückgeben!... allein ich bringe ihr damit ein Freund⸗ ſchaftsopfer... Wir machen jetzt eine kleine Prome⸗ nade auf dem Hafendamm... können Sie mit uns, Herr Adhemar, Sie werden uns Muſcheln aufleſen helfen?“ 2 Einige Minuten lang ſchien der junge Mann in tiefes Nachdenken verſunken; als Madame Polatins⸗ kiskoff ihren Vorſchlag wiederholte, erwiederte er endlich:„Ich danke Ihnen, meine Damen, ich kann nicht das Vergnügen haben, ich kehre auf der Stelle nach Paris zurück.— Wie? Sie wollen fort von hier? Ach, wie ſchade! warten Sie wenigſtens nur noch zwei Tage, dann reiſen wir in Ihrer Geſell⸗ ſchaft!— Es iſt unmöglich, eine dringende Ange⸗ legenheit... ich muß ſogar noch heute fort... Ahl. hätten Sie vielleicht die Güte, mir die Adreſſe Pe⸗ pita's... ich will ſagen der Madams Folicourt zu ſagen?— Sie wollen ſie jetzt beſuchen, da ſie krank iſt? Ah, das iſt brav; Sie ſind mehr werth als Ihre Geſchlechtsbrüder. Madame Folicourt wohnt jetzt im Faubourg Saint⸗Martin, eine Treppe hoch; ich weiß zwar die Nummer nicht, allein es iſt ſo ziemlich Saint⸗Laurent gegenüber, ein recht häßliches, ſchmu⸗ ziges, ſchwarzes Haus.— Schönen Dank, ich werde es finden. Leben Sie wohl, meine Damen; ich be⸗ dauere, das Vergnügen Ihrer Geſellſchaft nicht länger 22 genießen zu können.— Leben Sie wohl, Herr Adhe⸗ marl beſuchen Sie uns in Paris, dann wollen wir Ihnen von unſeren Muſcheln geben.“ Damit entfernten ſich die zwei Loretten lachend, hüpfend und ſich der ganzen Luſtigkeit ihres Weſens überlaſſend. Adhemar dagegen, ſtatt auf das Schiff zuzugehen, wie er anfangs im Sinne hatte, kehrte in ſein Hotel zurück. „Ich kann Pepita nicht krank und ohne Geld in Paris laſſen,“ ſagte er zu ſichz„zwar iſt dieſe Frau die Urſache all' meiner Leiden, ſo lange ich jedoch noch irgend Geldmittel beſitze, werde ich ſie nicht hülflos ihrem Schickſal überlaſſen... Anſtatt mich nach Bourbon einzuſchiffen, kehre ich jetzt ſtracks nach Paris zurück... ich glaube nicht, daß das der Weg⸗ zu meinem Glücke ſein wird, allein ich folge lieber der Stimme meines Herzens als meines Intereſſes, und ich würde mir zürnen, bliebe ich mir hierin nicht getreu...“ Noch am gleichen Abend befand ſich Adhemar auf dem Rückwege nach Paris. Zweites Kapitel. Edelmüthig und arm. Kaum in Paris angekommen, ſtieg er in einen Wagen, ließ ſeinen Koffer, ſeine Habſeligkeiten in denſelben bringen und ſich in die Vorſtadt Saint⸗ Martin führen bis hinauf zur Kirche Saint⸗Laurent. 23 Er fuhr im Schritte, firirte die Häuſer ſcharf, ſie nach den gegebenen Bezeichnungen muſternd, und entſchloß ſich endlich, auszuſteigen und Nachfrage zu halten, ob man Madame Folicourt kenne. Er hatte bereits vier Pförtner und zwei Obſt⸗ weiber angeſprochen und jedesmal verneinende Ant⸗ worten erhalten. Auf jede ſeiner Fragen hatte man ihn wiederum gefragt:„Was iſt es denn mit dieſer Dame?“ Aergerlich über dieſe einfältige Frage gab er dann die launige Antwort:„Was kann Euch denn daran liegen, was es mit dieſer Dame iſt, ſo lange Ihr noch keine Perſon dieſes Namens kennet?⸗ Er fing an, die Hoffnung aufzugeben, Diejenige, die er ſuchte, zu finden; er dachte, Madame Pola⸗ tinskiskoff werde eine Vorſtadt mit der andern ver⸗ wechſelt haben, und wußte nicht, was jetzt beginnen, als er bei einem Blick rings auf ſeine Umgebung einen Mann bemerkte, der an der Ecke eines finſtern Ganges ſaß, ziemlich ſchlecht gekleidet war und ihn aufmerkſam zu betrachten ſchien. Adhemar konnte ſich einer lebhaften Bewegung nicht erwehren, als er ſeinen Unbekannten wieder erkannte, eben die Perſon, die er im Gehölz von Vincennes einzuholen ſich vergebliche Mühe gegeben. Dießmal jedoch kam der Fremde, ſtatt ſich aus dem Staube zu machen, geraden Schrittes auf ihn zu, deutete mit dem Finger auf das Haus, vor welchem er ſaß und ſagte trocken:„Diejenige, die Sie ſuchen, wohnt hier...— Wie können Sie wiſſen, wen ich 24 ſuche?“ fragte Adhemar ganz erſtaunt.—„Sie wollen ohne Zweifel Madame Folicourt, oder viel⸗ mehr Pepita beſuchen..— Ganz recht; allein wer konnte Ihnen ſagen..— In dieſem Hauſe werden Sie ſie finden, im zweiten Stocke, die Thüre rechts.“ Damit entfernte ſich der Unbekannte. Das, was er ſo eben vernommen, verſetzte Adhemar in ſolches Staunen, in ſolche Beſtürzung, daß es ihm nicht in den Sinn kam, dieſem geheimnißvollen Menſchen zu folgen; er ließ ihn laufen, ohne ihn weiter auszu⸗ fragen. Nach dem erſten Momente der Beſtürzung war Adhemar gleichwohl ärgerlich darüber, ihn nicht auf⸗ gehalten zu haben, und ſandte ihm ſpähende Blicke nach; allein da er nirgends mehr zu entdecken war, entſchloß ſich Adhemar in das Haus einzutreten, das der Unbekannte ihm bezeichnet hatte. Er durchſchritt den finſtern Gang, ſtieß auf eine ſchmutzige, holpe⸗ rige Treppe, ſtieg in den zweiten Stock hinauf und pochte an der Thüre rechter Hand. Eine alte Frau mit einem Wein⸗, Branntwein⸗ und Schnupftabaks⸗ geruche, rothem, feurigen Geſichte, Triefaugen, einer Haartour, die gefirnißt ſchien und unter welcher weiße Haare hervorquollen, mit einem Anzug endlich, der die Mitte zwiſchen dem einer Haushälterin und Pfört⸗ nerin hielt, öffnete die Thüre, blickte den jungen Mann erſtaunt an und rief:„Halt! ich glaubte, es ſei der Doktor... er iſt es wieder nicht!... Ja, ja⸗ der macht wenig Umſtände, das iſt ein ganz be⸗ quemer Doktor, das! Wäre man meinem Rath ge⸗ 25 folgt, ſo hätte man den Homoͤopathen genommen! der nimmt ſich ſeiner Patienten weit manierlicher an.— Wohnt hier nicht Madame Folicourt,“ fragte Adhemar die Alte.—„Ja, mein Herr, Madame Folicourt, eine nette, allerliebſte Frau... Ihnen zu dienen; es iſt recht ſchade, daß die Geſundheit, die ſie genießt, ſo miſerabel iſt.— Iſt ſie anweſend... kann man ſie ſprechen?— Anweſend? das will ich meinen! Iſt ſie denn im Stande, auszugehen? Sie hat nicht ſo viel Kraft wie mürber Zunder! Zwar fehlt ihr weder Anlaß noch Luſt zum Ausgehen. Erſt vorgeſtern ſagte ſie zu mir: Meine liebe Frau Lichor ... Lichor iſt mein Name, Ihnen zu dienen, Jo⸗ ſephine Deſiree Franziska Amada Zemire Lichor, Wittwe, Krankenwärterin für Alte und Junge, fünf⸗ zehn Sous per Tag, das Doppelte für's Nachtwachen ... ja, und dann ſucht man ſich ineinander zu ſchicken! Mit mir iſt gut auskommen, dafern ich nur Morgens meinen Kaffee, nach dem Eſſen meinen Schluck Brannt⸗ wein und Abends mein kleines Fläſchchen Wein habe, ſo iſt, bei Gott, was das Weitere betrifft, Niemand nüchterner als ich.“ Adhemar fiel der ſchwatzhaften Alten in's Wort: „Ich wünſchte mit Madame Folicourt einige Augen⸗ blicke zu ſprechen.— Ich verſtehe, ich verſtehe; o, ich verſtehe Alles auf der Stelle... aber hören Sie, ich will Ihnen etwas ſagen: wenn Sie Geld von ihr einziehen wollen, für Dieß oder Jenes, das ſie ihr lieferten, ſo ſage ich Ihnen vorher, daß ſie keinen Paul de Kock. XI. 3 3 26* Sou beſitzt. Vorgeſtern zehrten wir den letzten Hel⸗ ler von dem Gelde auf, das ihr Shawl einbrachte, meiner Treu, ein ſchöner Shawll ein prächtiger Shawl! An der Hochzeit mit meinem ſeligen Lichor hatte ich einen ähnlichen an; den Shawl nun... nicht Lichorn... trug ich in's Leihhaus; was meinen Sie? ich bekam nicht weiter als fünfzig Franken dafür! ach! und die ſind bereits zum Teufel! Wahrlich, mit dem Geld geht's hier im Fluge, wenn welches vor⸗ vorhanden. Was glauben Sie? Dieſe Dame hat Phautaſien, Gelüſte, ihre affektionirte Bruſt iſt daran Schuld. So wollte ſie vorgeſtern friſche Auſternz ich ſagte ihr ſofort: ich glaube nicht, daß Sie Beſchwerde davon bekommen werden, zudem werde ich mit Ihnen eſſen.. und dann...— Ich komme nicht, um Geld von ihr einzufordern, im Gegentheil; gehen Sie doch und ſehen Sie nach, ob ich eintreten kann.— O, dafern Sie nur kein Engländer ſind, werden Sie willkommen ſein. Die Gläubiger heißen wir näm⸗ lich Engländer; Sie werden vielleicht von mir wiſſen wollen, warum? Ich kann Ihnen jedoch keinen Grund angeben. Sie wiſſen, in der Converſation ſind ähn⸗ liche Spottnamen im Schwunge...— Ach, Madame, ich bitte Sie...— Ich gehe, mein Herr, ich gehe.“ Die Wärterin entſchloß ſich endlich, in ein Zim⸗ mer im Hintergrunde einzutreten, indem ſie Adhemar in demjenigen ließ, das zum Empfangzimmer diente und gänzlich unmöblirt war. „Welches Elend!“ ſagte Adhemar zu ſich,„und dabei noch krank! Seht da, wohin die Liebe zum . 8. 27 Vergnügen, die Gefallſucht, jenes flatterhafte, ſorg⸗ loſe Weſen führt, das nur der Gegenwart lebt und ſich aller Gedanken an die Zukunft entſchlägt! Mein Gott! mich dünkt, ich könnte von all dieſen Bemer⸗ kungen die Nutzanwendung auf mich ſelber machen.“ Madame Lichor rapportirte mit einem, wie ſie glaubte, höchſt anmuthigen Weſen:„Sie können ein⸗ treten, mein Herr; Madame iſt vollkommen ſichtbar, Ihnen zu dienen.“ Adhemar ließ die Wärterin nicht weiter ſprechen; er trat in das anſtoßende Zimmer, das wenigſtens möblirt war. Hier traf er Pepita auf einer Art Sopha liegend, die Füße hatte ſie auf einem Polſter ruhen. Obwohl leidend und ſchwach, war ſie doch immer noch Kokette. Die Haube, die ſie auf dem Kopfe hatte, war ſehr hübſch und ihr Haar ſorg⸗ fältig geflochten. Beim Anblick Adhemars verrieth die junge Ita⸗ lienerin durchaus keine Ueberraſchung, nur ein leichtes Lächeln ſpielte auf ihrem Geſichte; Adhemar dagegen war ſchmerzlich betroffen, als er die Veränderung wahrnahm, welche mit den Zügen Pepita's in ſo kurzer Zeit vorgegangen war.— „Es ahnte mir, Sie ſeien es,“ ſagte die Kranke, Adhemar durch ein Zeichen zum Sitzen auffordernd. —„und was konnte Sie auf die Vermuthung führen, ich würde zu Ihnen kommen?— Alle meine Anbeter verließen mich, wer konnte alſo außer Ihnen zu mir kommen... wer als Sie, der nicht mehr mein An⸗ beter iſt! Hätte ich Ihre Adreſſe gewußt, ſo hätte ich Ihnen geſchrieben; allein der Pförtner von der Straße Navarin ſagte zu Jedermann, Sie wären verreist.— Er hatte Recht, ich war gar nicht in Paris, ſo eben komme ich an... Ich hatte von Ihrer Krankheit vernommen... und ergriffen, wie ich war, reiste ich hieher.— Das nimmt mich gar nicht an Ihnen Wunder, Sie waren ſo edelmüthig... Sie kommen gerade recht! Ich bin ohne Geld und krank dabei... allein ich werde geneſen, o recht bald ge⸗ neſen. Finden Sie mich recht verändert?— Es läßt ſich leicht denken, daß Sie mancherlei Bedürf⸗ niſſe, eine ſchonende Behandlung nöthig haben wer⸗ den; Sie werden zumal eine ſtrenge Diät befolgen müſſen— Däät! Ach! Sie kommen mir vor wie mein Doctor! Der will auch, ich ſoll mich nicht rüh⸗ ren, ſoll nichts als Milch genießen!... Allein Sie wiſſen nicht, daß all' dieß mein Tod wäre, weil es mir Langeweile macht. O! furchtbare Langeweile! Ich möchte gerne ausgehen, auf den Ball, zu Rane⸗ lagh gehen... ich tanzte ſo gut... ich werde dorthin gehen, ich...“ Ein heftiger Huſten, der Pepita jetzt befiel, ver⸗ hinderte ſie fortzufahren; ſie brauchte lange, bis ſie ſich wieder erholte. Adhemar langte ſofort aus ſeiner Brieftaſche ein Bankbillet von fünfhundert Franken heraus und legte es vor ſie hin mit den Worten: „Ich würde Ihnen gerne mehr anbieten, allein ich pefinde mich gegenwärtig ſelbſt nicht mehr in glän⸗ zenden Umſtänden; indeſſen darf es Ihnen nicht bange werden, ich werde über Sie wachen..— Wie? Sie 29 ſind kein reicher Mann? Das erſte Wort, das ich höre! Ich hielt Sie für einen Millionär... je nun, ich danke Ihnen, mein Herr! Ei, ſagen Sie mir doch Ihre Adreſſe, damit ich zu Ihnen ſchicken... oder nach erfolgter Geneſung, womit es hoffentlich nicht mehr lange anſtehen wird, ſelbſt zu Ihnen gehen und meinen Dank abſtatten kann.— Ich nehme kei⸗ nen Beſuch an, und es iſt überflüſſig, daß Sie meine Adreſſe wiſſen... ich wiederhole Ihnen, ich werde über Sie wachen; Adieu, Pepita.“ Adhemar erhob ſich und wollte ſich eben entfer⸗ nen, als ihn die junge Frau aufhielt mit den Wor⸗ ten:„Warten Sie, ich habe Ihnen ein Geheimniß zu entdecken, das mir ſeit lange auf dem Herzen laſtet..— Ein Geheimniß, das mich angeht?— Allerdings, und ſogar ſehr nahe.— Nun gut! reden Sie!“ Pepita fuhr mit der Hand über ihre Stirne, ſann einige Augenblicke nach und ſagte endlich:„Nein... es geht nicht, ſpäter will ich mit Ihnen davon ſpre⸗ chen... die Hache könnte mir Ihren Unwillen zuzie⸗ hen; ſpäter.*. wir haben noch Zeit.— Adieu alſo, Madame.— Adieu. Nicht wahr, Sie kommen recht bald wieder, denn mich quält tödtliche Langeweile.“ Ohne hierauf etwas zu erwiedern, ging Adhemar jetzt von der Kranken fort. Beim Oeffnen der Thüre wäre er faſt gegen Frau Lichor gerannt, welche ihr Ohr ganz dicht an's Schlüſſelloch gehalten hatte, jetzt aber in aller Eile ſich erhob und mit den tiefſten Bücklingen zu ihm ſagte:„Wie finden Sie unſere 8* Kranke? Recht ſchwach, nicht wahr? Potz Velten! Der Arzt verordnet ihr Milch und ſie verlangt ge⸗ füllten Truthahn. Ich bin recht in Verlegenheit; ſetzen Sie ſich an meine Stellel!...“ Adhemar drückte der Wärterin ein Zehnfranken⸗ ſtück in die Hand und ſagte:„Laſſen Sie ja an der Pflege nichts abgehen und thun Sie vor allen Din⸗ gen Ihr Möglichſtes, daß ſie Vernunft annimmt.“ Die Freude über den Empfang eines ſo anſehn⸗ lichen Geldſtücks ließ Frau Lichor eine Bewegung ma⸗ chen, aus der man faſt ſchließen mußte, es ſei auf eine Embraſſirung des jungen Mannes abgeſehen; derſelbe entzog ſich jedoch dieſer Zärtlichkeit durch einige Schritte, die er rückwärts machte, während Frau Lichor mit gerührtem Tone rief:„Ach, mein lieber Herr! gut pflegen ſoll ich ſie? O, von ganzem Herzen ſoll das geſchehen! Das iſt ja meine Amts⸗ pflicht, Ihnen zu dienen. Allein dieſe kleine Frau iſt lecker wie eine Katze: bald will ſie Dieß, bald Das. Denken Sie ſich an meinen Platz, mein Freund! Erſt vorgeſtern, was meinen Sie? wollte ſie Salat und hartgeſottene Eier, Ihnen zu dienen...“ Adhemar hielt es für überflüſſig, ihr weiter zuzu⸗ hören; er überließ Frau Lichor ihrem Selbſtgeſpräche, ſtieg die Treppe herab und ſagte:„Nun wollen wir an uns denken! Ich habe eine Wohnung nöthig, allein ich werde mich hüten, wieder Möbeln zu kaufen, denn ich komme allemal gar zu ſchlecht weg, wenn ich ſie wieder verkaufen muß; wählen wir uns daher dieß⸗ mal eine möblirte Wohnung. Vor meiner Reiſe nach 31 Italien erinnere ich mich eine junge Schauſpielerin vom Boulevardtheater gekannt zu haben, die in der Straße Malta in einem ſehr beſcheidenen Hotel garni wohnte; ein ſolches ſteht mir in meiner jetzigen Lage wohl an. Will ich mir noch Andere zu Dank ver⸗ pflichten, ſo iſt es Zeit, daß ich auf dem eingeſchränk⸗ teſten Fuße lebe.“ Adhemar ließ ſich ſofort in ein kleines Hoôtel garni in der Straße Malta führen, wo man ihm für vierzig Franken monatlich, wovon er fünfzehn zum Voraus bezahlen mußte, ein kleines, ziemlich hübſches und erträglich möblirtes Zimmer zur Wohnung einräumte. Die Wahrheit zu ſagen, ſo ſchloßen die Schlöſſer der Möbeln nicht gut, die Schubladen wollten ſich nicht ſchieben laſſen, die Seſſel waren altersſchwach, die Käſten hatten den Eigenſinn, ſich dem Oeffnen ihrer Thüren zu widerſetzen; allein Adhemar hatte den feſten Entſchluß gefaßt, den Philoſophen zu machen und mit Allem zufrieden zu ſein. In Folge dieſes Entſchluſſes ſuchte er jetzt, an⸗ ſtatt um vierzig Sous zu diniren, wie dieß vor ſeiner Reiſe nach Havre der Fall geweſen war, viel beſchei⸗ denere Koſthäuſer auf. Da es in Paris Traiteurs für alle möglichen Börſen gibt, ſo durfte er nicht lange nach einem Reſtaurant zu zweiundzwanzig Sous ſuchen. Es war zwar, offen geſagt, ganz oben in der Straße Saint⸗Jaques, allein er ließ ſich durch den weiten Weg nicht abſchrecken: er hatte zum Spa⸗ zierengehen die ungeſtörteſte Muße, und eine Fußtour vor dem Eſſen macht Appetit. 3²2 In der Hoffnung, eine Beſchäftigung ausfindig zu machen, las Adhemar nun jeden Tag den Anzei⸗ ger. So oft er las:„Man ſucht einen Commis, einen Buchhalter,“ oder ähnliche Artikel, notifizirte er ſich die Hausnummer und begab ſich andern Tages an den im Journal bezeichneten Ort. Da Adhemars Kleidung ſtets im beſten modiſchen Zuſtand war, da ſein Auftreten einen Stutzer und ſeine Manieren einen Mann von der guten Geſellſchaft vermuthen ließen, ſo wurde ihm überall ein ſehr guter Empfang zu Theil; die Domeſtiken ließen ihn nicht im Vorzimmer war⸗ ten wie ſo viele arme Teufel, die auch eine Stelle ſuchen, deren Aufzug jedoch Alles, nur nicht glän⸗ zend iſt. Der Vorſtand des Commiſſionsbureaus be⸗ grüßte ihn dann mit einem tiefen Bückling, präſen⸗ tirte ihm einen Sitz, und ſagte mit einem ſüßlichen Tone:„Womit kann ich die Ehre haben, Ihnen zu dienen?“ Setzte dann Adhemar den Zweck ſeines Beſuches auseinander, ſo ſah man ihn mit großen Augen an und ſagte:„Sie ſuchen doch nicht für ſich ſelbſt eine ſo beſcheidene Stelle, mein Herr?— Doch, mein Herr! Sie entſchuldigen.— Es hat durchaus nicht den Anſchein, als ob Sie einer benöthigt wären.. doch, Sie wollen vielleicht das Handelsfach erlernen. — Ganz recht, mein Herr!“ Der Vorſtand ſchloß dann immer ſeine Unter⸗ redung damit, daß er Vorſchuß forderte. Will man Buchhalter werden, muß man Kaution ſtellen; will man Commis werden, ein halbes Jahr Ueberzähliger 33 ſein; in jedem Falle aber dem Commiſſionär ſeine Gebühren bezahlen. Adhemar ſtand dann von der Sache ab, indem er zu ſich ſagte:„Der Menſch iſt ein Schuft: er thut mir ohne Zweifel, weil ich beſſer gekleidet bin als Andere, auch die Ehre an, gewichtigere Bedingungen zu ſtellen; allein ich kann über keine Kautionsgelder verfügen, und habe durchaus keine Luſt, Vorſchüſſe zu geben, um einen Platz als Ueberzähliger zu er⸗ halten.“ Die elegante Kleidung Adhemars hatte die wei⸗ tere Folge, daß er in der Reſtauration zu zweiund⸗ zwanzig Sous, wo er ſein Diner einnahm, die Auf⸗ merkſamkeit der Gäſte auf ſich zog. Die jungen Leute des Viertels flüſterten untereinander, wenn er ſich zeigte; Diejenigen, deren Kleider etwas mürbe und zunderartig geworden waren, ſchoßen unwillige Blicke auf ihn, wie wenn ſeine Eleganz ihr Negligé belei⸗ digt hätte. Allein Adhemar kümmerte ſich nicht um ſeine Nachbarn; er begnügte ſich damit, gegen Jeder⸗ mann höflich zu ſein und oft konnte es ihm einfallen, alter Gewohnheit treu, dem Kellner nach einem Di⸗ ner zu zweiundzwanzig Sous zehn Sous Trinkgeld zu geben. Indeſſen vermochte dieſe neue Lebensart nicht, aus Adhemars Herzen alle Erinnerungen an die Vergan⸗ genheit zu verbannen. Allein wenn Carleſia's Bild in ſeinem Geiſte wieder feſten Fuß faſſen wollte, bot er Allem anf, es aus demſelben zu verdrängen; auch wünſchte er ſich Glück, noch mit keinem ſeiner ehe⸗ 34 maligen Bekannten wieder zuſammengetroffen zu ſein, denn er wäre durch die Frage: warum er ſich nicht mehr in der Geſellſchaft ſehen laſſe, die er zu mei⸗ den ſich feſt vorgenommen hatte, in große Verlegen⸗ heit gekommen. Eines Morgens, als Adhemar im Citéviertel ſpa⸗ zieren ging, fiel ihm eine kleine, geſchriebene, an die Mauer geklebte Ankündigung in's Auge. Er lief hin und las:„Bertrand, Spezereihändler, ſucht auf der Stelle eine Perſon, die ſich damit zu befaſſen hätte, ſeine Bücher zu ordnen und zu copiren; er bietet hun⸗ dert Franken monatlich, wenn die Handſchrift ſchön iſt.“ „Ein Spezereihändler!“ ſagte Adhemar zu ſich; „bei einem Spezereihändler Arbeit nehmen!... Allein es handelt ſich ja nicht darum, Pfeffer zu wägen und im Laden zu ſtehen. Hundert Franken monatlich iſt in meiner jetzigen Lage wahrhaftig viel; es wäre albern, da den Stolzen zu ſpielen. Friſch zu! tra⸗ gen wir Herrn Bertrand unſere Dienſte an!“ Adhemar ſah nach, wo der Spezereihändler wohnte: die Adreſſe lautete auf eine nahe Straße. Dorthin begab er ſich jetzt und entdeckte bald den Laden Herrn Bertrands. Nach einem Momente zögernden Be⸗ denkens entſchloß er ſich endlich, ein Herz zu faſſen und bei dem Gewerbsmanne einzutreten. Dort traf er einige Hausjungfern, die ſich verſchiedene Gegen⸗ ſtände geben ließen, während an einem Tiſche da⸗ neben verſchiedene Perſonen in Blouſen oder Hemd⸗ ärmeln kleine Gläſer Branntwein oder Likör tranken. Der junge Mann gerieth in augenblickliche Be⸗ 35 ſtürzung, als er ſich in einer für ihn ſo neuen Welt erblickte, während die Kunden des Spezereihändlers ihrerſeits Blicke auf ihn warfen, als ob ſie eines neuen Thieres vom Jardin des Plantes anſichtig würden. „Ich wünſchte mit Herrn Bertrand zu ſprechen,“ ſagte Adhemar laut. Ein kleiner, faßrunder Mann, auf deſſen Geſicht der Liebreiz beſtändigen Lächelns ſchwebte, mit einem Paar kleiner Augen, aus welchen die Schalkheit blin⸗ zelte, trat, die Mütze abziehend, vor ihn und ſagte: „Hier bin ich, mein Herr... Bertrand, das bin ich... ich bin Bertrand..— Ich wünſchte mit Ihnen in Geſchäften zu reden und zwar ohne Zeugen.“ Der Spezereihändler ſchien ſehr verlegen, als Adhemar ihn ohne Zeugen zu ſprechen verlangte; in⸗ deſſen wies er Adhemar eine Thüre im Hintergrund ſeines Magazins, erſchöpfte ſich in Complimenten, ging dann voraus und ſagte:„Wollen Sie mir ge⸗ fälligſt folgen, mein Herr! wir wollen uns an den Ort verfügen, wo wir ohne Zeugen ſein können; nur hieher... geben Sie Acht, hier iſt eine Schwelle.“ In einem kleinen Gelaß angekommen, das ganz vollgepfropft mit Fäſſern, Zuckerhüten und andern Waaren war, becomplimentirte der Spezereihändler Adhemarn von Neuem und ſagte:„Hier ſind wir ohne Zeugen... entſchuldigen Sie, ich lagere hier meine Waaren, ich muß jede Stelle im Hauſe dazu benützen; es fehlt in Paris ſo ſehr an Platz! Darf ich fragen, was mir die Ehre verſchafft... Ich habe Zucker zu neunzehn Sous... Stöcke ausgezeichneter 36 Qualität...— Mein Herr,“ ſagte Adhemar,„ich will Ihnen die Abſicht meines Beſuches auseinander⸗ ſetzen. Sie haben in einem Anſchlagezettel das Be⸗ dürfniß ausgeſprochen, eine Perſon zu bekommen, die Ihre Bücher zu ordnen im Stande wäre.— Ganz recht, ich ſelbſt ſchrieb die Anzeige. Ich bin nämlich mit meinen Büchern hölliſch im Rückſtand. Was glauben Sie? Man hat hier keine Zeit zum Schreiben... immer Leute zu bedienen bis ſpät in die Mitternacht... meine Frau wechſelt, ich ſelbſt muß auf alle Fälle bei der Hand ſein.— Mein Herr, ich habe eine ſchöne Handſchrift und der Zweck meines Kommens iſt der Antrag, ihre Bücher in's Reine bringen zu wollen.“ Der Spezereihändler ſah Adhemar mit erſtaunten, aus dem Kopfe ſtierenden Augen an; auf einmal brach er in ein lautes Gelächter aus und ſagte:„Hal der Schwank iſt gut... der Schwank iſt ſehr gut!— Wie, mein Herr, von welchem Schwank reden Sie denn? — Von dem, den Sie mir da ſpielen wollen... ein Scherz, wenn Sie lieber wollen! Haha! ich gehe nicht ſo ſchnell in die Falle!— Ich ſcherze nicht, mein Herr, und komme nicht aus Ihren Aeußerungen!— Ach, ſehr gut! Ich, was mich betrifft, komme aus dem Späßchen; o, ich komme ſehr gut daraus! Ihnen, meine ſchönen eleganten Herren, iſt nichts lieber, als uns Spezereihändler zum Beſten zu haben; das haben Sie ſo im Brauche. Sie werden unter ſich Rath ge⸗ ſchlagen haben: welchen Streich wollen wir jetzt dem Bertrand da ſpielen.— Noch einmal, mein Herr, 37 Sie ſind im Irrthum, und..— Längſt bekannt! Längſt bekannt! Man weiß wohl, mit wem man zu thun hat. Ein Mann von Ihrer Kleidung bei mir Arbeit nehmen... Haha! Laſſen Sie es doch!... Halt! Nicht wahr, das war auch einer von Ihnen, der einem armen Pförtner faſt die Schwelle ablief, und darauf beſtand, er wolle von ſeinen Haaren! Jetzt iſt die Reihe an den Spezereihändlern.. großen Dank!— Mit nichten, mein Herr! Ich ſpreche ganz im Ernſte... ich beſtehe darauf, Ihre Bücher führen zu wollen.— Laſſen Sie es doch; irgend ein Streich ſteckt dahinter. Ein Stutzer in ſafrangelben Hand⸗ ſchuhen, lakirten Stiefeln, der nach— ich weiß nicht was— duftet!... Sie ſehen, man kennt ſeine Leute. Meine Bücher führen! Sie werden die Wette einge⸗ gangen haben, mir einen rechten Bären aufzubinden. Ich lache gerne, ſehen Sie! Allein über Gebühr muß man mich nicht fexiren wollen, ſonſt werde ich ärger⸗ lich wie jeder Andere!— Ah, morbleu! So gehen Sie mit Ihren Büchern zum Teufel, da Sie mir nicht glauben wollen.— Ei, ſeht mal, der Herr gerathen in Eiſer, weil ich auf Ihre Myſtifikation nicht eingehe... Obwohl nur ein Spezereihändler, bin ich doch kein Gimpel; verſtehen Sie, mein Herr?“ Adhemar wollte nicht weiter hören; er entfernte ſich mit dem Bedauern, zu einem Spezereihändler gegangen zu ſein, der nicht glauben wollte, daß ein junger, elegant gekleideter Mann nichtsdeſtoweniger Gelderwerbs benöthigt ſein könnte, und kehrte nach Hauſe zurück, indem er zu ſich ſagte:„In einiger » 4 38 Zeit werde ich vielleicht dieſe Eleganz nicht mehr haben, dieß Blendwerk, von welchem dieienigen ge⸗ täuſcht werden, an die ich mich einer Anſtellung hal⸗ ber wende; wenn ich kein Geld erwerbe, wird es mir nicht mehr möglich ſein, mir neue Kleider anzuſchaffen. Dann erſt wird meine Armuth an den Tag kommen, dann erſt wird man an mein Unglück zu glauben an⸗ fangen... Mitleid einflößen! Ach, dieſe Prüfung wird am ſchwerſten zu tragen ſein! Mein Gott, möchteſt Du mir Muth in's Herz geben! Doch warum ſich zum Voraus niederbeugen laſſen, ſo lange es noch nicht dahin gekommen iſt!“ Eines Tages, als Adhemar, ohne um ſich zu ſehen, eilfertig über den Palais⸗Royal⸗Platz ging⸗ aus Beſorgniß, Perſonen ſeiner Bekanntſchaft zu be⸗ gegnen, ſah er ſich von Jemand angehalten, der ihn am Arme nahm und ihm herzhaft die Hand drückte: es war Dalbrun, der Adhemar erkannt hatte. Die⸗ ſer ſah keinen Ausweg mehr, das Rencontre zu ver⸗ meiden; allein von allen Perſonen, die er in der großen Welt getroffen, war ihm Dalbrun der Ach⸗ tungswertheſte, eine Achtung, die nicht den Beifall und die Bewunderung der Menge zum Stützpunkt, ſondern in dem wahren Werthe und Gehalt, in dem durchdringenden Verſtande und dem ſoliden Charakter ſeiner Perſönlichkeit ihren letzten Grund hatte. „Wo ſtecken Sie denn, mein lieber Herr Marilly?“ ſagte Dalbrun, Adhemar theilnahmsvoll anblickend. „In der That, ſchon ſeit geraumer Zeit ſieht man Sie mit keinem Blicke mehr in den geſellſchaftlichen Zirkeln. 9 Das iſt unverzeihlich von Ihnen, uns ſo hintanzu⸗ ſetzen; Jeder beklagt ſich darüber. Sie werden doch hoffentlich ſo gerecht gegen ſich ſein und ſich über⸗ zeugt halten, daß Sie dort vermißt werden!— Ich danke Ihnen, Herr Dalbrun; ja, ich zweifle nicht daran, daß einige Perſonen... Sie z. B.... nicht un⸗ gerne hie und da noch an mich denken! Allein was bei weitem die Mehrzahl betrifft, ſo kümmert ſich dieſe gewiß nicht um mein Verſchwinden von der Scene. Die Geſellſchaft gleicht einer Laterna magica: von Zeit zu Zeit müſſen neue Gläſer vorgeſchoben werden, von den alten will man nichts mehr!— Sind Sie denn Miſanthrop geworden? Sie, der ehe⸗ dem ſo heitere, ſo liebenswürdige Mann?— Nein, ich bin kein Miſanthrop; allein Beweggründe, die ich Ihnen nicht ſagen kann, beſtimmen mich, jene ehemals von mir beſuchte Geſellſchaften zu meiden. — Ich bin weit von der Indiscretion entfernt, Sie um Ihre Beweggründe zu fragen; allein erlauben Sie mir die Verſicherung, daß Sie Jedermanu ver⸗ mißt, zum mindeſten alle diejenigen Perſonen, deren Freundſchaft Ihnen vielleicht etwas gilt.“ Adhemar ſeufzte und ſtotterte nach einigem Be⸗ denken:„Und... was gibt es Neues in der Geſell⸗ ſchaft?— Madame Bourdichon iſt immer noch leidend und in einer düſtern, ſie überwältigenden Stimmung der Schwermuth. Ihr Gemahl macht immer noch gerne ſeine Spielparthie. Madame Carcaſſonne iſt immer noch die alte, drollige Plaudertaſche; ſie verdient mit vollem Rechte den Beinamen Aufſchnei⸗ 40— derin, mit dem man ſie einmüthig getauft hat. Die Familie Sublimé iſt noch eben ſo geiſtreich als zu Ihrer Zeit, obgleich die Madame lateiniſch ſpricht und ſich mit einem großartigen Werke beſchäftigt, das man hoffentlich nie zu Geſicht bekommen wird; ihre Tochter wartet immer noch auf einen Mann... — Und... Madame Valmiran?— Sie kam einige Zeit lang nicht mehr zu ihrer Freundin... Freundin⸗ nen entzweien ſich manchmal, und wenn ich recht be⸗ merkte, trat eine ziemliche Gleichgültigkeit zwiſchen Beiden ein; gleichwohl kommt jetzt Madame Valmi⸗ ran wieder. Monſignard anlangend, ſo wollte er, wie Sie ſelbſt bemerken konnten, jener Dame die Cour machen; ſein Sturm wurde jedoch in beſter Form zurückgeſchlagen. Vom Augenblicke ihres Wiederer⸗ ſcheinens in der Geſellſchaft behandelte ihn Madame Valmiran mit ſolcher Eiſeskälte und nahm ſeine Ga⸗ lanterien ſo übel auf, daß Monſignard jede Hoffnung auf Erfolg aufgeben mußte und nun ſeine Schmetter⸗ lingsflügel um Fräulein Idalia ſchwirren läßt.“ Adhemar empfand eine Art Vergnügen bei dieſer Nachrichtz er drückte Dalbrun unwillkürlich die Hand⸗ wie zum Danke für die Mittheilung, die er ihm ſo eben gemacht hatte. Dieſer nahm Abſchied von ihm mit der freundſchaftlichen Erinnerung, ſich bald wie⸗ der im Kreiſe ſeiner Freunde ſehen zu laſſen. „Nein, Carleſia konnte Monſignard unmöglich lieben,“ ſagte Adhemar auf dem Rückwege in ſein beſcheidenes Hôtel garni zu ſich;„ich hatte großes Unrecht, eiferſüchtig auf dieſen Herrn zu ſein; Fadheit 4241. und Albernheit werden gewiß ihren Beifall nie er⸗ langen. Allein ein Dritter muß ihr in den Wurf gerathen ſein, dem es gelang, Eindruck auf ſie zu machen... ſah ich doch mit meinen Augen, hörte ich doch mit meinen Ohren jenes Kind ſie ſeine Mutter nennen! In jedem andern Falle könnte ich es un⸗ möglich glauben. Ich will ſie nicht mehr ſehen! Es kommt mich ſchwer genug an, ſie zu vergeſſen! Ueber⸗ dieß kann ich meine ehemalige Lebensart nicht fort⸗ ſetzen. Ich weiß zwar wohl, man kann ſeine Lage maskiren; allein iſt man auch gut gekleidet, dabei aber unglücklich und außer Standes, Geld zu fort⸗ geſetzten Genüſſen der Lebensfreuden aufzutreiben, ſo iſt die Luſtigkeit eine Grimaſſe und in jeder noch ſo unſchuldigen Bemerkung glaubt man eine verſteckte Anſpielung auf unſere ſchlechten Glücksumſtände zu finden. Die Welt iſt für Glückliche geſchaffen; wer es nicht iſt, findet darin mehr Langeweile als Zer⸗ ſtreuung.“ Beinahe zwei Monate ſchon hatte Adhemar ſein Ilôtel garni bezogen und noch immer keine Stelle ausfindig gemacht. Er brachte ſeine Tage zuweilen zu Hauſe zu, des vergeblichen Umherlaufens in Paris überdrüſſig. Dann beſtand ſeine Hauptbeſchäftigung darin, ſeine Garderobe zu muſtern, ſeine Kleider ſorgfältig auszuklopfen und auszubürſten, überhaupt ſein Möglichſtes zu thun, um in ſeinem Aufzug jene Eleganz, die er bisher gezeigt hatte, nicht fehlen zu laſſen. Freilich hatte ihn eben dieſe Eleganz ſchon Paul de Kock. XL. 4 — 4². mehrmals verhindert, eine Anſtellung zu erhalten, allein trotz dieſes Umſtandes konnte er es doch nicht über ſich gewinnen, ſie ſchwinden zu laſſen. Winter und Froſt hatten ſich wieder eingeſtellt. Eines Morgens rief die Magd des Hoötel garni, während ſie in Adhemars Zimmer Feuer anmachte: „Ich verliere einen guten Miethsmann... den Herrn im untern Stocke; er wohnte ſeit geraumer Zeit in unſerm Höotel und dachte nicht im Schlafe daran, es zu verlaſſen!.. Da macht er eine ganz unverhoffte Erbſchaft: zweimalhunderttauſend Franken fallen ihm wie vom Himmelz eine artige Summe! Alsbald ver⸗ läßt Herr Blondin ſeinen Platz und begibt ſich in die Picardie, wo er ſein Erbe anzutreten und ſich mit Apfelwein zu bewirthen gedenkt! Lauter Glück! — Was für eine Anſtellung hatte denn dieſer Herr Blondin?“ fragte Adhemar.—„Er hatte einen Platz bei einem Handelshauſe oder bei der Bank, der ihm fünfzehnhundert Franken jährlich eintrug... allein zweimalhunderttauſend ſind ein ander Ding! Geſtern erhielt er die Nachricht von ſeinem Glücke und heute iſt er abgereist.— Kann Sie mir das Haus an⸗ geben, in welchem er arbeitete.— Ja wohl! Ich hatte öfters Briefe allerliebſter Damen hinzutragen, welche ihn beſuchen wollten: Herr Blondin war ein Liebhaber von dem ſchönen Geſchlechte. Es iſt in der Straße Saint⸗Louis und gehört Herrn Desma⸗ ture... einem Bankier kleineren Ranges... an der Ecke der Straße Saint⸗Claude. O! jedes Kind kann es Ihnen zeigen.“ — 8 Adhemar fragte nicht weiter; er kleidete ſich an und begab ſich ſchnell an den bezeichneten Ort. Er fand die Wohnung des Herrn Desmature's, ließ ſich die Schreibſtube zeigen, ſtieg in den zweiten Stock hinauf, traf dort einen alten Commis, der ſeine Feder ſchnitt und ihm die Thüre bezeichnete, die in's Kabinet des Bankiers führte. Herr Desmature war ein Mann von mittleren Jahren, ſehr höflichen Benehmeus. Nachdem ihm Adhemar den Zweck ſeines Beſuches auseinanderge⸗ ſetzt und ihm offen erklärt hatte, auf welche Art er erfahren, daß er eines Commis bedürfe, erwiederte der Bankier mit derſelben Offenheit:„Meiner Treu, mein Herr, Sie ſcheinen mir eine ſehr taugliche Per⸗ ſon für dieſe Stelle zu ſein. Ich war in der That in großer Verlegenheit: Herr Blondin verließ mich allzuraſch, und ich kann einen Stellvertreter, der mein Geſchäft zu verſehen hat, wenn ich ausgehe, und dieß kommt oft vor, durchaus nicht entbehren. Ich mache Discontogeſchäfte... weniger im Großen, deſto mehr im Kleinen... Setzen Sie ſich an dieß Bureau.. verificiren Sie dieſe Disconto's... ich werde ſogleich ſehen, ob Sie mit dieſem Geſchäfte vertraut ſind. Sofort ſollen Sie dann wiſſen, daß ich Herrn Blon⸗ din ein Jahrgeld von fünfzehnhundert Franken gab, und dann wird die Sache zwiſchen uns abgethan ſein.“ Adhemar ſetzte ſich ſogleich an einen kleinen Schreib⸗ tiſch neben dem des Herrn Desmature und ging mit Eifer an die Arbeit. Von Zeit zu Zeit ſah der Ban⸗ kier nach, ob er damit zurechtkomme und rief:„Gut! gut! O, es geht! Sie verſtehen's aus dem Grunde! Ich ſehe, Sie können meinem Geſchäfte vorſtehen.“ Adhemar war entzückt, er ſagte ganz leiſe für ſich:„Endlich habe ich doch hier eine Stelle... und zwar in keinem Spezereiladen... und hier wird man auch gegen meine gute Kleidung kein ſchlimmes Vor⸗ urtheil haben.“ Faſt zwei Stunden hatte Adhemar im Kabinete des Herrn Desmature gearbeitet, als ſich eine Thüre öffnete, die in die inneren Wohnzimmer führte, und eine junge Frau im Hauskleide eintrat, die zum Bankier ſagte:„Wie, mein Freund, das Frühſtück wartet immer noch auf Sie, und doch iſt es ſchon eilf vorüber... Kommen Sie doch... es wird Alles kalt!— Entſchuldigen Sie, meine liebe Freundin, ich komme,“ verſetzte Herr Desmature, ſein Bureau verlaſſend;„ich mußte da meinen neuen Commis einleiten, den Herrn, der an Blondins Stelle tritt.“ Als Adhemar die Stimme der jungen Dame ver⸗ nahm, hatte er ſich alsbald nach ihr umgeſehen; dieſe that das Gleiche. Die nächſte Folge dieſes gegen⸗ ſeitigen Anſchauens war Betroffenheit und Wieder⸗ erkennung. Emmeline, denn ſie war es, die ſo eben in’s Kabinet eingetreten war, wußte gleichwohl ihre Ueberraſchung zu verbergenz ſie begrüßte Adhemar mit einer leichten Beugung des Kopfes und ſagte: „Sol das iſt der Herr, der an Herrn Blondins Stelle kommt? Je nun, mein Lieber, das hindert Sie nicht zum Frühſtück zu kommen, denn mich hungert ſehr. — Sogleich, meine liebe Freundin, ſogleich!“ Herr Desmature gab ſeinem Commis noch einige Rechnungen zum Copiren, folgte dann der jungen Frau und ließ ihn im Kabinete allein zurück. „Emmeline hier!“ ſagte Adhemar zu ſich, noch in voller Bewegung in Folge dieſer Wiederbegegnung. „Sie verließ ihren Reginald: das ſetzt mich nicht in Erſtaunen, denn ſeit lange war dieß ihr ſehnſüch⸗ tiger Wunſch; ſie iſt jetzt die Geliebte eines Andern: das iſt wieder natürlich. Allein muß man aus der Art, mit der ſie hier das Wort führt, aus ihrer Kleidung oder vielmehr aus ihrem Negligé nicht bei⸗ nahe ſchließen, ſie lebe mit meinem Bankier wie Mann und Frau? Teufel! das läuft mir ſehr zu⸗ wider! Allein hoffen wir noch, ſie werde die Ma⸗ dame vielleicht nur vorübergehend ſein.“ Nach einer halben Stunde kam Herr Desmature wieder in ſein Kabinet, gab Adhemar neue Ver⸗ haltungsbefehle und ſagte:„Ich muß ausgehen, vor drei Stunden bin ich nicht wieder da, allein Sie ver⸗ ſtehen die Geſchäfte recht gut; ſollten Sie gleichwohl in irgend einem Punkte anſtehen, ſo rufen Sie den alten Commis... oder fragen Sie die Madame; ſie iſt mit meinen Geſchäften vollkommen vertraut. — Ich ſoll die Madame fragen,“ ſagte Adhemar zu ſich, als der Bankier ſich entfernt hatte.„Sollte er ſie wohl geheirathet haben? Unmöglich wäre es nicht ... Dieſe kleinen Damen da machen öfters recht gute Parthien... Jedoch in ſo kurzer Zeit!... Kaum vier Monate her iſt's, daß ſie noch bei Reginald war... Und ich ſoll der Commis ihres Gatten ſeinl« 46 3 Adhemar wurde nachdenklich; da hörte er die hintere Thüre aufmachen und Emmeline erſchien. Nachdem ſie anfangs ziemlich verlegen im Kabi⸗ nete hin und her gegangen war, blieb ſie endlich vor Adhemar ſtehen und ſagte in einem Tone zu ihm, in welchem etwas wie Protection lag:„Wie, mein Herr, Sie verſtanden ſich zu der Stelle eines Com⸗ mis? Ich komme nicht daraus! Ich hielt Sie für reich!— Sie täuſchten ſich, Madame... ich habe nichts mehr... und ſchäme mich nicht, eine Beſchäf⸗ tigung zu ſuchen.— O, wie ſonderbar! Wie ſehr täuſchte ich mich in Ihnen!— Wie verſtehen Sie das, Madame?— Ich meine nur, eine Beſoldung von fünfzehnhundert Franken... reiche nicht wohl zu, zwei Maitreſſen zu unterhalten.— Das iſt nicht die bedauerlichſte Seite meiner jetzigen Lage.— Und zu meinem Manne zu kommen!— Iſt denn Herr Des⸗ mature wirklich Ihr Gemahl?— Noch nicht in voller Form, allein es wird nicht mehr lange anſtehen.“ Emmeline lief wieder einige Mal im Zimmer auf und ab und ſagte dann mit einer finſtern, bei⸗ nahe verächtlichen Miene zu Adhemar:„Herr Ad⸗ hemar, ich hoffe, Sie werden ganz und gar ver⸗ geſſen, daß Sie mich gekannt haben... Sie ſehen wohl ein, es käme ſehr unſchicklich heraus! Da Sie jedoch eine Anſtellung nöthig haben... da Sie ſich in drückenden Umſtänden befinden... ſo will ich keineswegs auf Ihre Entfernung dringen... allein ſollten Sie zuweilen in allzu vertraulichem Tone mit mir reden, nein! ich könnte mir das durchaus nicht 7, gefallen laſſen, ich wäre genöthigt...“ Adhemar erhob ſich von ſeinem Schreibpult, langte nach ſei⸗ nem Hut, ſah Emmeline ſtolz an und ſagte:„Sie bemitleiden mich!... Sie ſollen der Mühe über⸗ hoben werden, Madame, meine Entfernung zu be⸗ werkſtelligen, denn ich gehe auf der Stelle ſelbſt; ich bin nicht Willens, länger in einem Hauſe zu bleiben, wo ich unter dem Druck Ihrer verächtlichen Begegnung zu leiden hätte... Hätten Sie, als Sie in mir den Commis des Herrn Desmature's vor ſich ſahen, mir durch Beweiſe von Freundſchaft, von Theilnahme zu erkennen gegeben, wie ſehr Ihnen mein Schickſal nahe gehe, dann, Madame, hätte ich mich darein fügen können und Sie hätten verſichert ſein dürfen, ich ſelbſt wäre der Erſte geweſen, der das Verhältniß, das zwiſchen uns ſtattfand, mil aller Sorgfalt unter dem Siegel des Geheimniſſes zu be⸗ wahren geſucht hätte. Allein, als Sie mich als einen Unglücklichen wieder vor ſich ſahen, als Sie ver⸗ nahmen, daß ich eine beſcheidene Anſtellung nöthig habe, um leben zu können, alsbald hielten Sie ſich für berechtigt, mir impertinent zu begegnen!.. O, ich danke Ihnen, Madame, denn Sie laſſen es mich als Thorheit erkennen, die Zeit, da ich Sie kannte, zurückzuwünſchen.“ Emmeline wurde roth, ſchlug die Augen nie⸗ der und ſtotterte:„Nein doch, Herr Adhemar! Ich wollte Sie nicht beleidigen... ich ſagte es Ihnen nur... ich habe vielleicht die Worte ſchlecht gewählt.“ Adhemar hatte kein Ohr mehr für Emmeline: 48 er ſtürzte ungeſtüm aus dem Hauſe des Bankiers fort. Auch auf der Straße noch war ſein Gang ein ſehr ſtürmiſcher. Nach einer lebhaften Aufregung nämlich ſcheint es Bedürfniß der menſchlichen Natur zu ſein, ſich thätig zu verhalten, ehe man ſich wieder vollſtändig zu ſammeln vermag, und trotz aller Phi⸗ loſophie, deren Jünger Adhemar zu ſein ſich vorge⸗ nommen, war ſein Herz doch nicht im Stande, ſich über die Gemeinheit, die ihn ſein ſchlimmes Geſchick hatte erfahren laſſen, mit kaltem Gleichmuth hin⸗ wegzuſetzen. In ſeiner Wohnung angelangt warf er ſich auf einen Seſſel; ein ſchwerer Druck laſtete auf ſeinem Herzen, denn er war niedrig behandelt worden, und nur mit Mühe wurde er der Thränen Meiſter, die 4 in Schimpf, wie dieſer, in die Augen lockte. Eine gute Weile war er ganz entmuthigt, ganz ver⸗ nichtet; als ſich die Ruhe allmälig wieder bei ihm eingefunden, ſagte er zu ſich:„Ich hatte mir vor⸗ genommen, den Muth nicht zu verlieren. Ach, nicht Emmelinens Liebe iſt's, was ich zu bedauern habe! Ich glaubte nie daran! Warum brachte mich doch ihr Benehmen ſo ſehr in Aufruhr? Kann man etwas Anderes von dieſen jungen Frauen erwarten, die bereits im zwanzigſten Jahre zuerſt ihren Vortheil und dann erſt die Stimme ihres Herzens befragen, die zum Maßſtab ihrer Liebe nur die Vergnügungen machen, die man ihnen verſchafft, oder die man ihnen gewährt?... Wahrlich! eine erbärmliche Liebe, der einen andern Namen zu geben es hohe Zeit wäre!“ 49 Die Magd des Hoôtels kam, Adhemarn einen Brief mit den Worten übergebend:„Ich ſah Sie nicht eintreten, mein Herr, und doch wollte ich auch nicht vergeſſen, Ihnen dieſen Brief zuzuſtellen;z man 8 mir, er ſei preſſant.— Wer hat Ihr dieß gegeben 2 fragte Adhemar, den Brief, der nicht durch die Poſt. gekommen, ſchlecht zuſammengelegt, ſchlecht adreſſirt und kaum lesbar war, genauer beſichtigend.—„Es war ein Herr, oder vielmehr ein Mann, denn er war nicht zum Beſten gekleidet... wenn mir dieſer Menſch Abends begegnet wäre, hätte ich mich vor ihm gefürchtet, ein ſo wildes Ausſehen hatte er... und dann ſeine Ausſprache... er muß kein Franzoſe ſein, dieſer Menſch.“ Dieſe Schilderung erinnerte Adhemar n myſteriöſen Unbekannten; er öffnete das Billet„ las mit Anſtrengung folgende Zeilen: Ste vergeſſen Pepita; ſie iſt ſehr krank und hat kein Geld mehr, nicht einnal um Holz zu kaufen.„Iſt's möglich?“ ſagte Adhemar zu ſich,„und doch brachte ich ihr erſt vor zwei Monaten Geld... bei einiger Spar⸗ ſamkeit könnte ſie noch jetzt davon haben.. allein ihre Krankheit... die Perſon, die ihr wartet... kurz, ſie leidet, ſie hat außer mir keine Seele mehr zur Stütze, und ſo lange ich kann, werde ich ſie nicht verlaſſen. Sehen wir nach... überzählen wir unſern Kaſſenvorrath... ſeit zwei Monaten betrugen meine Ausgaben, den Miethzins mitbegriffen, nicht mehr denn zweihundertundfünfzig Franken... es bleiben mir alſo immer noch achthundertundfünfzig. Ja, ich kann immer noch freigebig ſein. Schnell zu Pepita!“ Adhemar machte ſich auf den Weg und zwar dieß Mal zu Fuß, denn er erlaubte ſich jetzt nicht mehr, zu fahren. In der Nähe von Pepita's Wohnung ſchaute er um ſich, ob ſich ſein Unbekannter, den er für den Urheber des ſo eben erhaltenen Briefes hielt, nicht ſehen laſſe; allein er ließ ſeine Blicke vergebens nach allen Flanken ſtreifen, er entdeckte ihn nirgends und ſo entſchloß er ſich ohne weitere Spähungsverſuche zu der Kranken hinaufzugehen. Frau Lichor öffnete wieder die Thüre. Als ſie Adhemar erkannte, brach ſie in ein Freudengeheul aus, klatſchte in die Hände, ſchlug ſich auf die Schenkel und ſchrie:„Ahl ſeht da, unſer Retter! Endlich kommt er!.. Noch vorgeſtern ſagte ich zu der armen Kranken: will denn unſer Retter gar nimmer kom⸗ men? Schreiben Sie ihm doch, mein Kind, oder beſſer, ſagen Sie mir, wo er ſich aufhält, und ich verfüge mich ſogleich zu ihm. Allein ſie gab mir zur Ant⸗ wort: ſie wiſſe nicht, wo Sie wohnen, Sie hätten ihr Ihre Adreſſe nicht mittheilen wollen.— Ganz recht... allein... wie erfuhr ſie denn dieſer Menſch? — Welcher Menſch, mein beſter Herr? Von wem reden Sie?— Ließ ſich denn hier kein Menſch blicken in ziemlich ſchlechter Kleidung... in einer großen blauen Blouſe, ſchwarzem Barte und einem ſchlechten, ihm faſt in's Geſicht fallenden Hute?— Nein, wir ſahen durchaus Niemand bei uns, den Arzt aus⸗ genommen, der überdieß ſeit einiger Zeit ſehr ſpar⸗ 1 △ 51 ſam kommt.— Und... mit der Patientin geht es alſo ſchlimmer?— Ach! ſchweigen Sie mir davon! die Schwäche ſelbſt!... Sie kann gegenwärtig das Bett nicht mehr verlaſſen... zwar iſt das Ausſehen immer noch gut... der Appetit auch... allein da iſt der entſetzliche Huſten, der oft gar nicht mehr aufhören will, wenn er ſie anfällt... Wenn ich bei der jungen Dame ausharre, ſo geſchieht es ſicher nicht des Vortheils wegen... denn ſeit einiger Zeit geht es bei uns ſehr hungrig her.— Ich bin Ihnen verbunden, Madame, und werde Ihnen meinen Dank gelegentlich abtragen.“ Adhemar hielt ſich nun nicht länger bei der Wär⸗ terin auf. In der Vorausſetzung, ſein Anblick werde der Kranken angenehm ſein, trat er jetzt ungeſäumt in’'s Nebenzimmer: hier fand er Pepita liegend, bei all ihrer Bläſſe und Magerkeit gleichwohl noch in kokettem Haarputze und mit einem kleinen Spiegel in der Hand, in welchem ſie ſich beſchaute. Beim Anblick ihres Beſuchers gab ein vergnügtes Lächeln ihrem Geſichte wieder einen Ausdruck von Leben; ſie faßte Adhemar bei der Hand und liſpelte mit ſchwacher Stimme:„Ahl Sie kommen!.. Sie haben Ihren Wiederbeſuch recht lange verſchoben. — Ich finde mich in der Schuld, da Sie meiner bedurften. Allein ich dachte... ich hoffte, die Summe, die ich Ihnen zur Verfügung ſtellte, würde weiter reichen.— Es kommt dieß nicht mir zur Laſt! Ich gab dem Arzte, der Wärterin Geld... auch hatte ich öfters ein Gelüſte nach einer raren Speiſe. Ich 4 52 glaubte, ich würde ſchneller geſund werden, wenn ich mir hierin ein Genüge thäte... jedoch, ſobald man mir das Verlangte gebracht und ich kaum etwas davon gekoſtet hatte, wollte ich nichts mehr davon! — Haben Sie vielleicht den Brief an mich ſchreiben laſſen?— Ich? nein; wie hätte ich dieß können, da ich ja Ihre Adreſſe nicht wußte... Man ſchrieb Ihnen alſo?— Ja... daß Sie mich dringend zu ſprechen wünſchten..— Je, das iſt recht ſonderbar ... Und wer konnte Ihnen denn wohl ſchreiben?— O, ich glaube, es wird nicht ſchwer ſein, dieß her⸗ auszubringen. Haben Sie manchmal einen Menſchen in einer blauen Blouſe an Ihrer Thüre bemerkt? — Nein, ich bemerkte Niemand.— Dieſer Menſch muß Sie augenſcheinlich kennen; denn als ich nach Ihrer Wohnung forſchte, zeigte ſie mir ebenderſelbe. — Wer kann denn dieſer Menſch wohl ſein? Sie wiſſen ſeinen Namen nicht? Mein Gott! Der Ge⸗ danke an dieſen Menſchen macht mir bange... ich weiß nicht warum.— Seien Sie ruhig und denken Sie nicht mehr daran! Wie... wie befinden Sie ſich gegenwärtig?— O, recht erträglich! Ich habe keine Schmerzen, beinahe keine.. Es geht weit beſſer; wäre ich nicht ſo ſchwach, ich würde aufſtehen. — Sie müſſen nicht aufſtehen, Sie müſſen ſich gut halten, ſich ein tüchtiges Feuer in Ihr Zimmer machen laſſen und ſich der ängſtlichen Sorgen entſchlagen. Nehmen Sie, hier ſind fünfhundert Franken... be⸗ 4 zahlen Sie Ihre Wärterin, laſſen Sie ſich Holz kau⸗ fen und halten Sie künftig Ihre Mittel ſo viel mög⸗ 1 lich zu Rath, denn unglücklicher Weiſe bin ich kein reicher Mann mehr; deſſenungeachtet verſpreche ich Ihnen, nicht ſo lange mehr auf mich warten zu laſſen.“ Pepita drückte Adhemar ſanft die Hand, einige Thränen befeuchteten ihre Wimpern; ſie ſtotterte:„Wie gut ſind Sie! Wenn Sie wüßten, was ich gethan, Sie würden vielleicht auf ſich ſelbſt böſe werden, mir Ihr Mitleid geſchenkt zu haben... Ich werde Ihnen bekennen... ja, ich werde Ihnen Alles bekennen, ſobald ich wieder geſund ſein werde; jetzt fühle ich mich zu ſchwach dazu.— Wenn das Bekenntniß, das Sie mir ablegen wollen, niederſchlagend für Sie ſein ſollte... ſo behalten Sie Ihr Geheimniß lieber bei ſich, Pepita... ich will nichts davon wiſſen.— Nein, Sie müſſen es unter jeder Bedingung wiſſen! ja, Sie müſſen!...“ Ein heftiger Krampfhuſten verhinderte die Kranke fortzufahren; ſo oft ſie wieder ſprechen wollte, begannen die Anfälle von Neuem, die ſie erſchöpften und ihrem Leben Gefahr drohten. Die Wärterin erſchien jetzt und wollte Pepita einen Löffel voll Arznei reichen, allein dieſe wies ſie mit einer Bewegung der Hand zurück.„Sehen Sie,“ ſagte Frau Lichor,„man nimmt keine Raiſon an! Man will nichts von dem vortrefflichen Säftlein, das der Arzt verordnete, Ihnen zu dienen. Potz Velten! Wie kann man denn auf dieſe Weiſe geſund werden?“ Adhemar wartete, bis Pepita wieder ruhig ge⸗ worden war, dann ergriff er ihre Hand und ſagte: „Zeigen Sie mehr guten Willen in Betreff der ärzt⸗ lichen Verordnungen, ſeien Sie vernünftig und reden 54 Sie zumal nichts, als was Sie durchaus müſſen! Das Reden verurſacht Ihnen Huſten! Seien Sie verſichert, daß ich nicht mehr ſo lange ausbleiben werde. Adieu! Reden Sie nicht!“ Die Kranke drückte ihm die Hand, dießmal mit einer ziemlich traurigen Kopfbewegung. Adhemar entfernte ſich, von Frau Lichor bis auf die Hausflur begleitet, wobei ſie unaufhörlich ausrief:„Ach, mein lieber braver Herr, verlaſſen Sie uns nicht ganz, denn Sie ſind unſer Schutzengel! Und kömmt ſie je wieder durch, ſo hat ſie es einzig und allein Ihrer Unterſtützung zu danken.— Madame,“ ſagte Ad⸗ hemar zu der Wärterin,„ich werde immer mein Möglichſtes thun, allein mäßigen Sie ſo viel mög⸗ lich Ihre Ausgaben, ich rathe es Ihnen, denn ich fürchte künftighin nicht mehr ſo viel thun zu können. — Ach, mein Gott, mein lieber Freund, ich ver⸗ ſage mir Alles!... Ich beſchränke mich auf meinen Kaffee und mein Fläſchchen Abends! Allein der Arzt ließ uns einen Haufen Schweinereien kaufen, die, un⸗ ter uns geſagt, nicht das Geringſte zu ihrer Geſund⸗ heit beitrugen! Und dann hat andrerſeits dieſe arme Dame Gelüſte.. ich hatte Zeitlebens nicht ſo viele, außer während meiner Schwangerſchaften, Ihnen zu dienen. Da kann ſie mit einem Male zu mir ſagen: Ich will Krebſe, das wird mir gut thun; geſchwind holen Sie mir, oder gehen Sie zum Henker! Ja, ich bin recht in Verlegenheit, mein Freund, ſetzen Sie ſich an meine Stelle.“ Adhemar, der keineswegs Luſt hatte, ſich an die V 5⁵ Stelle der Frau Lichor zu ſetzen, ging weg und be⸗ gab ſich nach Hauſe, indem er zu ſich ſagte:„So lange man noch Andere ſich zu Dank verpflichten kann, darf man ſich nicht unglücklich fühlen.“ Drittes Kapitel. Oekonomiſche Diners. Zehn Tage nach ſeinem letzten Beſuche bei Pepita treffen wir Adhemar auf dem Wege zu ſeinem be⸗ ſcheidenen Reſtaurant zu zweiundzwanzig Sous. Sei⸗ ner Gewohnheit gemäß hatte er ſich an einen Tiſch in einer Ecke des Saales geſetzt, wo es ſchwer war ihn zu bemerken, da die Plätze neben ihm beſetzt waren. Allein mitten durch das ununterbrochene Geräuſch in einem Saale, wo ſich eine Maſſe von ſechszig Perſonen anhäufte, mitten durch das unaufhörliche, durch die Fragen der Speiſegäſte, durch die Ant⸗ worten der Kellner, die emſige Arbeit der Gabeln, das Geklirre der Teller und das Geknarfel der Kinn⸗ backen verurſachte Geſumme brach ſich eine ſchnei⸗ dende, ſehr accentuirte Stimme Bahn, welche alle andere beherrſchte und die man über die ganze Ver⸗ ſammlung hinein ſchreien hörte:„Kellner, Brod!... Brod, Kellner, daher! Sorgen Sie mir für ein Beefſteak à l'anglaise!... Viel Kartoffeln rings her⸗ um. Mit der Kartoffel iſt es nicht wie mit der Artiſchocke, ſie ſchadet dem Singen nicht wie dieſe 56 ... He, ich will vom Matroſengericht beſtellt haben, horen Sie! Ich belege eine Portion Aal. Man braucht mir nachher nicht mit der Ausrede zu kommen: es iſt nichts mehr da... Brod, Kellner!“ Als Adhemar dieſe ihm ſehr wohlbekannte Stimme vernahm, ſchrack er zuſammen und ſenkte die Naſe noch tiefer auf ſeinen Teller herab, um von ſeinem alten Nachbar nicht bemerkt zu werden. Es war in der That Herr Trouillade, der ſo großen Lärm machte; ſeit er in den Saal getreten, hörte man nur ihn, es verging keine Minute, ohne daß er wieder Brod verlangte, er wurde wild, wenn man ihn nicht raſch genug bediente, kurz, er zeigte ſich ſo anmaßend, wie wenn er zu vierzig Franken das Couvert dinirt hätte. Adhemar hätte gerne ſtehenden Fußes den Reſtau⸗ rant verlaſſen, allein wenn er fort wollte, mußte er an Trouillade's Diſch vorüber und gerade dieß wollte er vermeiden. Er hielt es zu dieſem Ende für das Beſte, in ſeiner Ecke zu bleiben und erſt nach ſeinem Nachbar wegzugehen. Allein Trouillade, der eine Unmaſſe Brodes ver⸗ zehrte, ſchien nicht aufgelegt, bald zum Aufbruch zu blaſen. Er hatte eine ungeheuere Brodrinde in ſeine Kräuterſuppe gebröckelt, ſich dann an ſein Beefſteak gemacht und ſofort einen Disput mit dem Kellner angefangen, der ihm ſo eben ſein Matroſengericht ſervirte. „Was iſt denn das da?“ rief Trouillade;„das iſt ein Karpfe, glauben Sie denn, ich wolle eine 157 Erſtickung riskiren? Wenn man ſein Glück in feinem Schlunde ſitzen hat, muß man ſachte mit ihm umgehen und darf ihn nicht mit Gräthen in Gefahr bringen. Ich will vom Aal.— Mein Herr, es iſt keiner mehr da.— Das iſt kläglich! Ich hatte doch davon be⸗ ſtellt... Was ſchreibt man denn auf die Speiſe⸗ karte: Aal, wenn es ein Karpfen iſt? Das heißt ſeine Gäſte hinter's Licht führen. Tragen Sie Ihre Gräthen ab, ich will nichts davon.— Was wollen denn der Herr ſtatt deſſen?— Bringen Sie mir wieder ein Beefſteak mit unendlich viel Kartoffeln.“ Während Trouillade ſein zweites Beefſteak ver⸗ zehrte, zog er die Karte zu Rath, um zu erſehen, was er für die dritte Auflage wählen könne; nach reifer Ueberlegung rief den Kellner herbei.„Gibt es Steinbutte?— Ja, mein Herr.— Iſt ſie friſch!— Ganz friſch!— Hm! ich will nichts davon. Gibt es Macaroni?— Ja, mein Herr; wollen Sie die⸗ ſelben au gratin oder à l'italienne?— Hm... Geben Sie mir ein Fricandeau mit Wegwarten... und Brod.“ Nach einer Weile brachte der Kellner Trouillade ſeine dritte Auflage; er unterſuchte ſie ſofort und rief:„Was bringen Sie mir da?— Das verlangte Fricandeau.— Das Fricandeau!... Schämen Sie ſich nicht, dieſen kleinen Fleiſchwürfel ein Fricandeau zu nennen... das iſt ja kaum ein Mund voll und . ha! wo ſieht man denn Wegwarten daran?— Das iſt Sauerampfer, mein Herr, es iſt keine Weg⸗ Paul de Kock. XL. 5 58 warten mehr vorräthig.— Das heißt den Leuten übel mitſpielen, mir ein Fricandegu mit Sauerampfer zu bringen, wenn ich eines mit Wegwarten verlange! Tragen Sie Dieſes fort und bringen Sie mir dafür ein Beefſteak mit Kartoffeln, aber daß ja mehr Kar⸗ toffeln dabei ſind! Man iſt hier knauſerig damit! Das iſt ſonderbar, in meinem Lande gibt man ſie umſonſt dazu! Je nun, Kellner, was überlegen Sie? — Mein Herr, wenn Jedermann hier ſich drei Beef⸗ ſteaks wählte, wie Sie, ſo würde für die ſpäter Kommenden dichis mehr übrig bleiben.— Das geht mich nichts an.. Ihre Bemerkung iſt unanſtändig, man kann bier zum Diner eine Suppe verzehren, ſich drei beliebige Portionen auswählen, und Nach⸗ tiſch fordern! Was nun? Zu meinen drei Portionen wähle ich drei Beefſteak⸗Portionen, ich bin in meinem Rechte. Gehen Sie und bringen Sie mir Brod... ich kann thun, was ich will... gehen Sie doch!“ Der Kellner entfernte ſich, indem er halblaut ſagte: „Man wird ſich dieſen Vielfraß da merken und es ſo einzurichten wiſſen, daß nie ein Platz mehr für ihn übrig iſt.“ Während dieſes Wortwechſels zwiſchen Trouillade und dem Kellner war eine ziemliche Zeit verſtrichen; die Koſtgänger eines Gaſtwirths zu zweiundzwanzig Sous ſind in der Regel mit ihrem Diner bald zu Ende. Die Tiſchnachbarn Adhemars, die ihn von vorne verdeckt hatten, erhoben ſich einer nach dem andern, und bald war der Raum, der ihn von Trouillade trennte, ganz leer. Jetzt bemerkte der — — 59 Virtuoſe, während er ſein drittes Beefſteak koſtete, in der Ecke ſeinen alten Nachbar, von dem er durch mehrere Tiſche getrennt war. „Ha! ich täuſche mich nicht!“ rief Trouillade, „das iſt mein vormaliger Nachbar, den ich dort unten ſehe.. Hal welch' glückliches Zuſammentreffen... He, Herr Marilly! Kellner, klopfen Sie doch den Herrn dort unten ein wenig auf die Schulter... er hört mich nicht!“ Adhemar hörte ſehr gut, aber ſtellte ſich abſichtlich taub. Als er ſah, daß kein Ausweg mehr war, ſeinem Nachbar zu entwiſchen, entſchloß er ſich den Kopf zu erheben und ihn ſtumm zu grüßen, allein Trouillade ſchien aufgelegt, die Unterhaltung allein fortzuſetzen, und da er in ziemlicher Entfernung von Adhemar ſaß, rief er ſo laut, daß alle Perſonen im Saale es nothwendig hören mußten:„Der liebe Herr Marilly!... ich bin ganz entzückt, ihn wieder zu treffen. Sie machen es wie ich, diniren zu zwei⸗ undzwanzig Sous... das iſt eine etwas magere Küche.. es gibt hier nichts als einigermaßen erträg⸗ liche Beefſteaks... Ich bin wirklich Junggeſelle; meine Frau iſt mit Lycoris nach Bordeaux abgereist... ſie hat ein treffliches Engagement erhalten... ſie ſpielt die erſten Liebhaberinnen, die Gavaudans und die ſtarken Dügazons!... Sie hat dort ausgezeichnet debutirt... und der kleine Schlingel Lycoris hat Ihnen hölliſches Furore gemacht, als er als Amor in einem Ballete auftrat!... Alle Schriftſteller des Landes ſtehen auf dem Punkte, Stücke zu verfaſſen, 60 in welchen Amors vorkommen. Was mich betrifft, ſo habe ich fünfzehntauſend Franken in Brüſſel aus⸗ geſchlagen... Kellner, Brod!... Ich kann Belgien nicht leiden... mein Land geht vor allen andern! Ich habe Zeit, nichts drängt mich zur Eile... Ich werde vielleicht eine Direktion annehmen... und dann kann ich ſpielen, was ich will und was ich gerne ſpiele. Der liebe Herr Marilly! Seit jenem Abend, wo ich als Figaro koſtümirt war, ſah ich Sie nicht mehr... es war bei Madame Polatinskiskoff, wo wir ſehr gut zu Nacht ſpeisten... das heißt, da Sie nicht zum Souper kamen. Azemar ging hinunter, um nach Ihnen zu ſehen. Als ſie wieder herauf⸗ kam, war ſie wüthend... Sie waren fortgegangen .. Ich glaube, Sie wohnen nicht mehr in der Straße Navarin.“ Adhemar war nicht im Stande, weiter zu hö⸗ ren. Er rief dem Kellner, bezahlte und ging fort, indem er ſchnell an Trouillade vorüberging, den er mit einer leichten Kopfbewegung grüßte. Zu gutem Glücke hatte der Virtuoſe in dieſem Augenblicke nicht Zeit, ihn aufzuhalten; er hatte nämlich wieder einen Disput mit dem Kellner, von dem er verlangte, er ſolle ihm ſtatt des Deſſerts die vierte Auflage Beef⸗ ſteak bringen, was dieſer nicht eingehen wollte. Adhemar begab ſich wüthend nach Hauſe; er ſchwor, nie mehr an einem öffentlichen Orte zu ſpeiſen, weil er ſich ähnlichen Begegnungen nicht mehr aus⸗ ſetzen wollte. Er war feſt entſchloſſen, künftig ſeine Mahlzeit zu Hauſe auf ſeinem Zimmer einzunehmen. 61 Tags darauf ſagte er zur Magd des Hotels:„Maß Sie vielleicht nicht für einige Hausherren die Küche beſorgen?— Nein, mein Herr, man hat hier keine Zeit dazu... und dann verſtehe ich bloß Omelettes zu machen. Dieß iſt faſt mein tägliches Eſſen.— Könnten Sie nicht auch eine für mich fertig machen? — O freilich, mein Herr... nichts leichter.— Nun gut! ſo kaufe Sie mir Brod für drei Sous und mache Sie mir eine Omelette.“ Die Magd des Hotels brachte dem jungen Manne ungeſäumt das Verlangte herbei. Adhemar fand die Omelette, für welche man nur zehn Sous forderte, ausgezeichnet. „Ach! ich vergaß, Ihnen Wein zu holen,“ ſagte die Magd, als ſie ſah, daß ſich Adhemar zu ſeinem Diner anſchickte; dieſer erwiederte, daß er ſich deſſen begeben wolle, weil ihm der Arzt verordnet habe, ſich an's Waſſer zu halten. Adhemar hatte ein wahres Vergnügen an ſeinen Omelettendiners; müde und überdrüſſig der ſchlechten Küche bei dem Reſtaurant zu zweiundzwanzig Sous genoß er jetzt das einfache Gericht, das vor ihm ſtand, gierig, indem er zu ſich ſagte:„Das iſt doch etwas unendlich Beſſeres und Geſünderes als die vergiftete Küche des Gaſtwirths, bei dem ich ſpeiste. Das Waſſer iſt dem ſauern Getränke, das man mir dort vorſetzte und das man die Unverſchämtheit hatte, Wein zu nennen, weit vorzuziehen. Ich brauche viel weniger, ich ſpeiſe beſſer und riskire dabei kein Zu⸗ ſammentreffen, wie das geſtrige war! Es iſt doch Alles zu etwas gut! wie Voltaire ſagt. Es iſt nur ärgerlich, daß ich nicht früher auf den Gedanken kam, zu Hauſe zu ſpeiſen.“ Während er ſo ſeine beſcheidene Mahlzeit einnahm, machte ſich Adhemar dabei das Vergnügen, die Aus⸗ ſicht zu genießen; er hatte den Tiſch an das Fenſter geſtellt, das gegen die Straße Malta, eine, die Wahrheit zu ſagen, ziemlich traurige Straße, hinaus⸗ ging. Allein das Fenſter befand ſich im dritten Stocke, man ſah über die Holzſchoppen hinaus, hinter welchen man die Hügel im Geſichte hatte, an deren Fuß der Kirchhof Pére Lachaise liegt. Ein Anblick wie dieſer kann zwar einen Melancholiker düſter ſtimmen, allein nicht Jeder hat die Schwachheit des großen Lud⸗ wig XIV., der die Thürme von Saint⸗Denis nicht im Geſichte haben wollte; es gibt Gemüther, in wel⸗ chen die Ausſicht auf einen Kirchhof nur Gedanken des Friedens und der Ruhe weckt. Adhemar war mitten in ſeinem Diner, das er mit vollſter Bequemlichkeit zu ſich nahm. Er hatte keinen Grund, damit zu eilen, es war ihm vielmehr ein Genuß, ſich frei zu fühlen und des Kauerns in einer Ecke überhoben zu ſein, wo er den Blick bloß auf ſeinen Teller zu richten wagen durfte. 1 4* Ein zweimaliges leichtes Klopfen an ſeine Thüre ſchreckte ihn aus ſeiner Ruhe auf. Er war der Mei⸗ nung, es ſei die Magd des Hotels, die ihn fragen wolle, ob er mit ihrer Küche zufrieden ſei, und rief daher, ohne ſich weiter ſtören zu laſſen:„Nur her⸗ ein, der Schlüſſel befindet ſich oben an der Thüre.“„ Alsbald öffnete ſich die Thüre, ein Frauenzimmer trat in's Zimmer und rief, indem ſie ſich vor den jun⸗ gen Mann ſtellte:„Ich habe mich nicht getäuſcht!... er iſt's!“ Adhemar war ganz beſtürzt, als er Fräulein Azema wieder erkannte: einer regungsloſen Bildſäule gleich hielt er ſeine Gabel in die Luft, mit einem Stück Omelette an der Spitze. Die junge Schauſpielerin brach in ein Lachen aus, warf ſich auf einen Seſſel und ſagte:„Ach, wie drollig Sie ausſehen! Aber fortgemacht, mein Herr! ich will Sie nicht am Eſſen ſtören.“ Adhemar kam es ſehr ungelegen, daß ihn die junge Künſtlerin bei ſeinem Omelettediner traf. Da er jedoch kein Mittel wußte, ſeine Mahlzeit unge⸗ ſehen zu machen, fing er wieder zu eſſen an und zwang ſich zu einer heitern Miene; nur ſchob er, um bälder fertig zu werden, ungeheure Stücke in den Mund. „Wie? Sie ſind's, Fräulein Azema?— Ja, mein Herr! Ich war unten im Hauſe bei einer meiner Freundinnen, dort hinter dem Schoppen. Als ich an's Fenſter hinaufſah, traf mein Auge das Ihrige. Ich habe ein ſehr gutes Geſicht, es ſchien mir, Sie ſeien es; ich ſagte hierauf zu mir: ich will mir ein Herz faſſen! ging ſogleich hinunter und fragte die Hausaufſeherin, ob ſie Herrn Adyemar Marilly kennez ſie bezeichnete mir Ihr Zimmer, ich ſtieg herauf und da bin ich nun. Aber eſſen Sie doch keine ſo großen Stücke, es könnte Ihnen übel werden...— Ach! 64 d'rum hatte ich, als ich nach Hauſe kam, abſcheu⸗ lichen Hunger; ich bekam Luſt zu einer Omelette... es iſt weiter nichts als eine... eine Grille. Außer⸗ dem macht ſie die Magd hier wirklich vortrefflich.— Das bleibt Jedem unverwehrt. Auch ich eſſe die Ome⸗ letten ſehr gern, nämlich bisweilen einmal.— So, das wäre vorbei, ich habe keinen Hunger mehr! Kommen Sie doch an's Feuer, Fräulein!“ Adhemar verließ ſeinen Tiſch, legte Holz in den Kamin und präſentirte Azema einen alten Lehnſtuhl, der an der Feuerecke ſtand; ſie nahm ihn an, ſetzte ihre Füße auf den Wärmeſchemel und ſagte:„Sie hätten einen Beſuch von mir nicht von ferne erwartet, nicht wahr?— Allerdings.— Wiſſen Sie auch, daß ich ganz wüthend auf Sie ſein, daß ich Sie zer⸗ malmen ſollte und weiß was noch! Seit jenem Abend in Azurinens Wohnung, wo Sie ſich auf die Reiſe machten wie Seltenſerwaſſer, ſah ich Sie nicht wie⸗ der.— Ich geſtehe, mein Betragen mußte Ihnen nicht ſehr höflich vorkommen. Ich bitte Sie um Ent⸗ ſchuldigung. Allein ſobald ich jene fremde Dame bemerkte, welche kurz vor dem Souper erſchien, er⸗ kannte ich in ihr eine Perſon, mit der ich nicht zu⸗ ſammen ſein will. Ich ging, und kam nicht wieder heim, weil ich mir wohl denken konnte, man würde nach mir ſehen.— Das will ich glauben! Ich zog wie beſeſſen an Ihrer Glocke, ich glaube gar, ich habe den Griff abgeriſſen. Ich ſetzte Zweifel in den Portier, der mir ſagte, Sie ſeien ausgegangen. Schreckliche Streiche muß Ihnen dieſe Dame geſpielt 65 8 haben, daß Sie vor ihr ſo die Flucht ergreifen! Das iſt ſonderbar; als man Ihren Namen vor ihr aus⸗ ſprach, ſagte ſie, Sie ſeien verheirathet...“ Adhemar ſchauerte zuſammen, wandte die Augen ab und ſtotterte:„Was? ſie hätte das geſagt!— Ja, indeß, wenn Sie es auch ſein ſollten, ſind Sie doch wohl Ihr eigener Herr! Ich kenne mehr als einen Ehemann, der nicht mit ſeiner Frau lebt, und man braucht nicht einmal vom Theater zu ſein, um das zu erleben.“ Azema, die bemerkte, daß Adhemar traurig und nachdenklich geworden war, fuhr ſchnell fort:„Allein ich ſpreche von Dingen, die mich nichts angehen. Ei! da ich eben vom Theater ſpreche, ich habe wieder ein Engagement, ich gehe nach Lyon, das heißt, ich will gehen, ich habe noch nicht unterzeichnet, ich kann mich nicht leicht entſchließen, Paris zu verlaſſen. Aber was iſt denn aus Ihnen ſeit ſo langer Zeit gewor⸗ den? Als ich mich wieder zu Azurine begab, hatten Sie Ihr Logis in der Straße Navarin verlaſſen; ich wollte von dem Pförtner Ihre Adreſſe erfragen, allein er ſagte mir, Sie wären auf Reiſen.— Ganz recht, ich ging nach Havre; ich hielt mich dort über zwei Monate auf, traf auch dort mit Ihren zwei Freun⸗ dinnen Madame Polatinskiskoff und Nonore zuſam⸗ men, welche Muſcheln am Meergeſtade ſuchten.— Wirklich! Ich weiß nicht, was ſie dort geſammelt haben, allein ſie ſind noch nicht wieder zurück. Sie wohnen alſo jetzt hier?— Ja, vorläufig; ich weiß nicht, ob ich in Paris bleiben werde, und ſo bezog ich inzwiſchen dieſe Wohnung.— Sie ſcheinen die Quartiere gerne zu wechſelſt... Ei, zum Henker, wiſſen Sie, daß es recht häßlich hier iſt im Vergleich mit Ihrem Logis in der Straße Navarin und ſelbſt dem auf dem Boulevard!“ Adhemar wurde roth und gab keine Antwort. Azema unterhielt ſich damit, das Zimmer näher zu betrachten. Als ihre Muſterung vorüber war und ſie ihre Augen auf den Bewohner richtete, bemerkte ſie ſeine finſtere, kummervolle Miene; jetzt ergriff ſie ſelbſt ein Gefühl gänzlicher Niedergeſchlagenheit: ſie ſah ein, daß ſie ein albernes Wort geſprochen, erhob ſich ſchnell von ihrem Sitze, ging ein paar Mal im Zim⸗ mer auf und ab und rief dann:„Nein, nein, es iſt nicht häßlich hier! Ach, ich wohnte ſchon in Gelaſſen, die weit nicht ſo gut waren... zumal für einen Jung⸗ geſellen, und nur proviſoriſch... man iſt nicht ge⸗ nöthigt... 3 Azema wurde gewahr, daß ſie ſich immer mehr verwickle; ſie brach daher ihren Diseurs kurz ab und rief:„Ach, mein Gott! Und meine Freundin dort drüben, die ich ſo haſtig verließ, die wird glauben, ich habe mich entführen laſſen. Ich muß gehen und ſie beruhigen. Leben Sie wohl, Herr Adhemar! ich verlaſſe Sie; allein ich werde Sie wieder beſuchen, da ich jetzt Ihre Adreſſe weiß; es iſt Ihnen recht, nicht wahr?— Wenn es Ihnen Vergnügen macht, o gewiß.— Auf Wiederſehen.“ Azema entfernte ſich; als ſie fort war, ſagte Adhe⸗ mar zu ſich:„Sie wird nicht wiederkommen! Sie hat A. lA. 4* 67 errathen, daß meine Umſtände nicht mehr die glück⸗ lichſten ſind. Alle dieſe jungen vergnügungstollen Damen ſind wie die Schwalben: ſie verſchwinden mit den ſchönen Tagen! Ach, ich kann es ihr nicht übel nehmen! Iſt es doch natürlich, dem Glücke nachzu⸗ gehen, und findet man es doch niemals bei Denen, die in der Entbehrung leben! Nun, ich glaubte, meine Omelette ohne Zeugen auf meinem Zimmer verſpeiſen zu können, und es ſollte nicht ſo ſein; allein das war ein Zufall, der nicht wiederkehren wird! Ich habe keine Beſuche mehr zu erwarten; man wird nicht mehr kommen, um nach mir zu ſehen.“ Obwohl Adhemar ſich vorgenommen hatte, Phi⸗ loſoph zu ſein, konnte er ſich doch einer wehmüthigen Empfindung nicht erwehren, wenn er daran dachte, daß ſein unglückliches Schickſal Perſonen von ihm entferne, die ſonſt Anhänglichkeit an ihn bewieſen hatten; er fühlte, daß im Unglück die Gleichgültigkeit Derer, von welchen man ſich geliebt glaubte, am allerſchwerſten zu tragen iſt. Alles dieß war jedoch für den beſcheidenen Mieths⸗ mann kein Grund, ſeinen Entſchluß, zu Hauſe zu ſpeiſen, aufzugeben. Tags darauf ließ er ſich ganz wie am vorhergehenden eine Omelette bringen, ſetzte ſich zu Tiſche und ſagte:„Dießmal wird mich, ich wollte darauf wetten, Niemand ſtören.“ Allein er war noch nicht zur Hälfte mit ſeiner Omeleite fertig, als wieder leicht an die Thüre ge⸗ pocht wurde. Faſt zu gleicher Zeit öffnete ſie ſich und Fräulein Azema trat in's Zimmer. 68 Adhemar gerieth wieder in lebhafte Verlegenheit, in die ſich gleichwohl eine Doſis Vergnügen miſchte, als er Azema wieder zu ſich kommen ſah. Dieſe wartete nicht ab, bis er ſie ſitzen hieß; ſie nahm einen Seſſel und ſetzte ſich neben ihn mit den Worten: „Sagte ich Ihnen nicht, ich würde wiederkommen. Da bin ich. Ich hoffe übrigens auch, daß Sie an meiner Wiederkehr nicht gezweifelt haben werden.“ Adhemar lächelte und reichte ihr die Hand; hier⸗ auf fing er an, ſeine Omelette zu verſchlingen, in⸗ dem er wieder die Gabel mit doppelt großen Stücken belud. „Es ſcheint, dieſe Zeit iſt Ihre Dinerzeit, oder vielmehr Ihre... Omelettenzeit,“ ſagte Azema lachend. —„Ja, ja, ich habe die geſtrige allzugut gefunden, daß ich, ſo wahr ich lebe, heute wieder eine eſſen mußte.— Daran thun Sie ſehr wohl, aber machen Sie nicht ſo ſchnell, oder genire ich Sie vielleicht beim Eſſen? Ich hoffe nicht; unter uns zwei braucht es keiner Förmlichkeiten.— O, gewiß nicht! Allein ich bin immer bald mit dem Eſſen fertig.— Ich glaube es, beſonders wenn...“ Azema hielt inne und wurde bis an die Ohren roth, weil ſie gewahrte, daß ſie abermals eine Al⸗ bernheit ſagen wollte, obwohl ſie wahrlich nicht die Abſicht hatte, ſich über Adhemar luſtig zu machen. Allein Perſonen, welche ſchnell denken, verfallen leicht in ſolche Fehler, und während es oft nichts als Unbeſonnenheit bei ihnen iſt, klagt man ihr Herz und ihren Verſtand an. . 69 Adhemar war bald mit ſeiner Mahlzeit fertig ge⸗ worden; er hatte ſich wohl gehütet, dazu zu trinken, um den Umſtand zu verbergen, daß er nur Waſſer zu dieſem Zweck beſitze. Hierauf blies er das Feuer ſeines Kamines zu einer luſtigen Flamme an und lud Azema ein, den Platz, den ſie geſtern inne ge⸗ habt, wieder einzunehmen. Die junge Schauſpielerin ſetzte ſich wieder in den alten Lehnſtuhl und wollte die Unterhaltung mit ihrer gewohnten Luſtigkeit fort⸗ führen; allein man ſah trotz aller Anſtrengungen, die ſie machte, daß ſie zerſtreut, von etwas eingenommen und noch viel weniger zum Lachen aufgelegt war, als Tags zuvor. Von Zeit zu Zeit ſah ſie Adhemar aufmerkſam an; ſie ſchien ihm etwas ſagen zu wollen und es doch nicht zu wagen, denn ſie ſtockte nach und nach im Reden, ſchlug die Augen nieder und ſchien in großer Verlegenheit. Der junge Mann that jetzt ſein Möglichſtes, wieder Leben in die Unterhaltung zu bringen, und verſuchte ſo aufgeräumt, ſo luſtig zu erſcheinen, wie in den Tagen ſeines Glückes. Nachdem auf dieſe Weiſe eine Stunde verſtrichen war, erhob ſich Azema und ſagte:„Ich muß jetzt zum Theatercorreſpondenten, er erwartet mich um dieſe Stunde. Leben Sie wohl, Herr Adhemar! das heißt auf Wiederſehen, denn ich werde wiederkom⸗ men; nicht wahr, es iſt Ihnen nicht unangenehm, wenn ich wiederkomme?— Nein, meine liebe Nach⸗ barin... ich will ſagen: meine Exnachbarin; ich glaubte einen Augenblick, ich befinde mich noch in meiner Boulevardwohnung.— Ach ja, wo Sie mir 70 die Rebhühner gaben.— Daran erinnern Sie ſich noch?— O, ich habe ein gutes Gedächtniß. Ich erinnere mich auch noch, wie wir miteinander früh⸗ ſtücken ſollten und das Frühſtück nicht zu Stande kam.“ Adhemar erwiederte lächelnd:„Wollten Sie mir vielleicht jetzt dieß Vergnügen ſchenken? Ich wüßte nichts Angenehmeres für mich!— O, wir wollen ſehen; wir haben noch Zeit, ich bin noch nicht auf dem Wege nach Lyon... Auf Wiederſehen, Herr Adhemar.“ Azema entfernte ſich, nachdem ſie ihrem alten Nachbar zärtlich die Hand gedrückt hatte; ſie ſchien ihm beim Abſchied wieder etwas ſagen zu wollen und es doch nicht zu wagen. Als Azema fort war, nahm ſich Adhemar vor, zu einer andern Zeit zu ſpeiſen, damit man ihn nicht jedesmal mitten im Diner antreffe, und ſagte hier⸗ auf zu ſich:„Warum ſoll ich mich des Verluſtes mei⸗ nes Vermögens, meiner Armuth vor dieſem jungen Frauenzimmer ſchämen, das mir Beweiſe einer wah⸗ ren Freundſchaft gibt? Die Eitelkeit iſt nur dann zu entſchuldigen, wenn man ſich Thoren gegenüber be⸗ findet; denn dieſe meſſen den Werth eines Mannes nur nach dem Maßſtab des Geldes! Allein darf man vor ſeinen Freunden deßhalb erröthen, weil man eine Omelette zu Mittag ſpeist und Waſſer dazu trinkt?“ AUnd trotzdem beeilte ſich Adhemar Tags darauf wieder recht ſehr, mit ſeinem Diner fertig zu wer⸗ den und ſeine Omelette zu verſchlingen, als ſich die Thüre öffnete. Es war wiederum Azema; dießmal — 71 war ſie eingeireten, ohne zu pochen. Sie näherte ſich Adhemar, der ihr die Hand reichte; ſie faßte dieſelbe und wollte ihm guten Morgen wünſchen, als ihre Blicke abermals auf die Reſte einer Omelette fielen. Jetzt ſuchte ſie zu lächeln, allein ſtatt deſſen floßen Thränen aus ihren Augen, ſie konnte nicht mehr ſprechen, ſchlang dagegen ihre Arme um Adhemars Hals und umarmte ihn mehrmals; dieſer ſtumme Akt drückte mehr aus als der beredteſte Sermon. Nachdem Adhemar die zärtlichen Umarmungen der jungen Dame erwiedert hatte, hieß er ſie neben ſich ſitzen und ſagte zu ihr:„Ja, meine liebe Azema, ja, ich bin arm, ich bin genöthigt, auf die eingeſchränk⸗ teſte Weiſe zu leben, allein ich erröthe nicht vor Ihnen, weil ich an Ihre Freundſchaft glaube, und jetzt werde ich mir Zeit zur Verzehrung meiner Ome⸗ lette gönnen, ich werde mich nicht mehr ſcheuen, vor Ihren Augen Waſſer zu trinken, denn mit Ihnen werde ich es von nun an anders halten als mit Leuten von der großen Welt oder Fremden.— O, ich ſah es wohl! Ich hatte es errathen. Ich wollte geſtern mit Ihnen darüber ſprechen, wagte es aber nicht. Ich ſagte zu mir: er möchte vielleicht böſe werden, wenn es den Anſchein hätte, als beklage ich ihn. Mein Gott! Sind denn Sie daran Schuld, wenn Sie kein Geld mehr haben! Und wenn auch, iſt das ein Grund, Sie nicht mehr zu lieben?“ Bei dieſen Worten drückte Azema Adhemar die Hände, ſie umarmte ihn, verſuchte zu lächeln und weinte wieder. „Meine theure Freundin!“ ſagte Adhemar,„meine Lage iſt vielleicht nicht ſo bedenklich, als Sie ſich vor⸗ ſtellen; ich habe immer noch baare hundert Thaler; Sie ſehen, ich könnte, wenn ich wollte, etwas Anderes als eine Omelette eſſen. Erſt wenn dieß Geld ein⸗ mal verbraucht iſt, habe ich keine Hülfsquellen mehr, darum ſpare ich jetzt. Wenn ich nur ſo glücklich wäre, eine Anſtellung, eine Beſchäftigung zu bekommen. Ich bemühe mich ſchon geraume Zeit darum, es will mir jedoch nicht gelingen. Zwar hatte ich einmal einen Paatz bei einem Bankier ausfindig gemacht und fühlte mich bereits recht glücklich, allein ein unerwarteter Umſtand nöthigte mich, wieder von ihm wegzugehen; wohlan, es wird mir vielleicht doch noch gelingen, einen andern zu erhalten! Ich habe mir vorgenom⸗ men, den Muth nicht ſinken zu laſſen, an nichts zu verzweifeln; ich ſehe, daß ich Recht daran that, denn in meinem Unglück blieb mir doch noch eine Freun⸗ din.— Ach! ſchön, daß Sie ſo ſprechen! Ja, ich bin Ihre Freundin, und werde Ihnen beweiſen, daß es ſelbſt beim Theater Frauen gibt, welche ohne Eigennutz zu lieben wiſſen. Allein vor allen Dingen möchte ich mit Ihnen dejeuniren oder beſſer diniren. Ja, ich brachte mein Diner mit und warte nur auf Ihre Erlaubniß, es dem Ihrigen anſchließen zu dürfen.“ Mit dieſen Worten holte Azema einen Brodkorb herbei, den ſie hatte vor der Thüre draußen ſtehen laſſen, als ſie in's Zimmer getreten; ſie langte nun eine Paſtete, eine Fleiſchwurſt, ein kaltes Huhn und 4 73 eine Bouteille Champagner hervor. Adhemar ſchmähte ſie; er zürnte, daß ſie ſo Vieles hergebracht hatte und wollte bereits fortgehen, um ebenfalls Eßwaaren ein⸗ zukaufen, allein Azema hielt ihn mit den Worten da⸗ von ab:„Sehen Sie, da zeigt ſich wieder Ihre ein⸗ gefleiſchte Eitelkeit! Wie, mein Herr! Sie ſind böſe darüber, daß ich mir erlaubt habe, mein Mittag⸗ eſſen Ihnen mitzubringen? Und Sie ſagen, meine Freundſchaft ſei ein Troſt für Sie? Wenn Sie den Mund hängen laſſen, ſo gehe ich und komme nicht wie⸗ der; denn ich müßte dann glauben, Sie ſeien entſchie⸗ den zu ſtolz dazu, ein Diner mit mir einzunehmen.“ Steatt aller Antwort führte Adhemar Azema an den Tiſch, den er in die Nähe des Feuers geſtellt hatte, und ſetzte ſich neben ſie. Die Omelette, die er gegeſſen, hinderte ihn keineswegs, dem Schmauſe ſeine gebührende Ehre anzuthun, und das Waſſer, das er ſeit drei Tagen getrunken, ließ ihn den Champagner nur deſto köſtlicher finden. Kurz, ſeit lange hatte er kein ſo angenehmes Mittageſſen ein⸗ genommen; ſo wahr iſt es, daß das widrige Geſchick das unbedeutendſte Gut ſchätzenswerth erſcheinen läßt, gleichwie für den Kranken die Geſundheit einen neuen Werth erhält. 3 Auch Azema war ſehr vergnügt: ſie zeigte ſich ſo luſtig, ſo zärtlich, ſo glücklich, daß ſie mit Adhemar zuſammen ſein konnte; ſie wiederholte immer wieder: „Ach, dieß Diner habe ich wohl verdienen müſſen!“ ſo daß es ſchwer geweſen wäre, an ihrem Glücke 5 Paul de Kock. XI. 6 keinen Antheil zu nehmen. Auch zog ſich die Mahl⸗ zeit bereits in die Länge, als Azema endlich an das Weggehen dachte; ſie näherte ſich Adhemar verwirrt, bot ihm eine kleine Brieftaſche an und ſagte:„Mein Freund! ich bin wirklich bei Geld; ich habe geſtern mein Lyoner Engagement unterzeichnet und Vorſchuß erhalten. Erlauben Sie mir, Ihnen tauſend Franken zu leihen; Sie geben mir dieſelben wieder heim, ſo⸗ bald Sie glücklicher ſein werden.“ Adhemar wies die Brieftaſche von ſich und ver⸗ ſetzte:„Meine liebe Azema! Dieſer neue Beweis Ihrer Freundſchaft rührt mich unendlich, allein ich kann Ihre Güte nicht annehmen, ich habe noch Geld für geraume Zeit. Späterhin wird mir der Himmel helfen; ich bitte Sie, dringen Sie nicht weiter in mich, Sie würden mich böſe machen.— Nun gut! Bei ſo bewandten Umſtänden werde ich nicht eher nach Lyon reiſen, als bis ich über Ihr Schickſal be⸗ ruhigt ſein kann, bis ich Ihnen einen Platz gefunden habe. O, Sie werden ſehen, wenn ſich eine Frau in eine Sache miſcht, ſo gelingt ſie weit ſchneller als in den Händen der Männer! Ich muß in zehn Tagen fort; noch ehe dieſe Zeit herum iſt, müſſen Sie eine Beſchäftigung haben.“ Adhemar mußte über die Zuverſicht lachen, mit welcher Azema ihm dieß Verſprechen machte. Sieben Tage verſtrichen, während welcher Zeit die junge Schauſpielerin alle Morgen auf Beſuch zu ihrem Freunde kam und zu ihm ſagte:„Seien Sie ruhig⸗ ich bemühe mich um Sie.“ Endlich am achten Tage eilte Azema ganz freude⸗ verklärt zu Adhemar und ſagte:„Herr Angely, Archi⸗ tekt, braucht Jemand, der ihm Copien zu machen und manchmal bei ihm in ſeinem Kabinete zu arbei⸗ ten hätte. Man findet bei ihm faſt das ganze Jahr Arbeit; hier iſt ſeine Adreſſe, gehen Sie zu ihm, er erwartet Sie. Ich werde Sie dieſen Abend beſuchen und mich erkundigen, wie Sie miteinander zurecht gekommen ſind.“ Adhemar begab ſich zu dem bezeichneten Architek⸗ ten. Abends, als Azema zu ihm kam, lief er ihr entgegen, umarmte ſie und ſagte:„Mein Loos iſt ſicher geſtellt, Dank Ihrer Güte: dieſer Herr Angely hat mich ſehr gut aufgenommen. Hier ſind die Copien, die ich zu Hauſe machen ſoll; in dringenden Fällen werde ich bei ihm in ſeinem Kabinet arbeiten; dieß Alles wird mir, wie er ſagte, ungefähr hundert⸗ fünfzig Franken monatlich einbringen. Für mich iſt das jetzt ein Vermögen, denn ich gehe nicht mehr in Geſellſchaft und werde ſparſam leben, und dieſes Glück habe ich Ihnen zu danken.— Jetzt kann ich alſo nach Lyon abreiſen. Ich kann jetzt doch wenig⸗ ſtens beim Abſchied von Ihnen ruhig über Ihr Schick⸗ ſal ſein.— Reiſen Sie ſchon ſo bald ab, Azema? — Morgen, mein Freund, morgen; denn ich hatte Ihnen eine Unwahrheit geſagt, als ich Ihnen be⸗ merkte, daß es mit der Abreiſe noch zehn Tage an⸗ ſtehen könne; bloß ſechs hatte man mir vergönnt⸗ Allein, ſei's d'rum, ich nahm mir vier weitere dazu! Ich werde mit der Poſt fahren, werde wie ein Engel ſpielen, man wird entzückt und Alles im Reinen ſein! — So iſt alſo dieſer Abend der letzte, den Sie mir ſchenken?— Mein Gott, ja!“ Viertes Kapitel. Alles klärt ſich auf Seit dem Tage, da Mathilde Adhemar nach Saint⸗Maur führte und dieſer ſie ſo haſtig verließ, um die Spur ſeines Unbekannten zu verfolgen, haben wir ſie aus dem Geſichte verloren. Mathilde hatte einige Zeit in ihrem Wagen auf ihn gewartet, endlich aber ſich entſchloſſen, allein nach Paris zurückzukehren. Sie dachte, Adhemar werde es nicht lange anſtehen laſſen, ſie wieder zu beſuchen; ſie glaubte, das, was er in Saint⸗Maur geſehen, werde einen gänzlichen Bruch zwiſchen ihm und Carleſia herbeiführen, und theils aus Aerger, theils aus Freundſchaft werde er neue Anknüpfungs⸗ punkte mit ihr ſuchen; ihre Liebe, ſchmeichelte ſie ſich, werde dann vollends das Uebrige thun und ihren Geliebten ihr ganz mit der ehemaligen Zärtlichkeit und Liebe wieder in die Arme führen. Man ſchmei⸗ chelt ſich lange, wenn man liebt; man ſchmeichelt ſich ſelbſt dann noch, wenn man längſt alle Hoffnung verloren geben ſollte. 3 Als indeß ein Tag um den andern verſtrich und ſie immer noch nichts von Adhemar hörte, ſah ſie allmälig ihre Hoffnungen zu Rauch werden. Da 77. ihr dieſer Zuſtand der Ungewißheit unerträglich war, ſo entſchloß ſie ſich, an den Gegenſtand ihrer fort⸗ dauernden Liebe zu ſchreiben und adreſſirte natürlich ihren Brief in die Straße Navarin. Da wieder einige Tage verſtrichen, ohne daß ſie eine Antwort erhielt, faßte ſie den weitern Entſchluß, ſich ſelbſt zu Adhemar zu begeben. Der Pförtner der Straße Na⸗ varin erklärte ihr, daß die fragliche Perſon plötzlich weggezogen und nach ihrer Ausſage auf Reiſen ge⸗ gangen ſei. Dieſer Bericht entmuthigte Mathilde wieder ganz, ohne daß ſie ſich jedoch vollkommen von der Entfernnng Adhemars aus Paris hätte überzeu⸗ gen können. „Ja,“ ſagte ſie zu ſich,„nur um meiner Beſuche, meiner Briefe los zu werden, unterließ er es, dem Pförtner ſeine Adreſſe anzugeben; er hat nicht allein keine Liebe mehr zu mir, ſondern er will ſogar nichts mehr von mir hören.“ Auch war es bereits geraume Zeit her, daß Ma⸗ thilde ihre Beſuche bei Madame Valmiran eingeſtellt hatte. Seit dem Abend, an welchem Adhemar auf dem Punkte geweſen war, den ſchönen Monſignard herauszufordern, war ſie nicht mehr in ihre Geſell⸗ ſchaften gekommen. Vorher hatten ſich die beiden Freundinnen ihre regelmäßigen Morgenbeſuche ge⸗ macht; namentlich war Madame Bourdichon häufig zu Carleſia gegangen, weil hier die zwei Frauen ganz nach Bequemlichkeit über ihre Herzensangelegenheit ſprechen konnten, ohne fürchten zu müſſen, durch un⸗ gelegene Perſonen geſtört zu werden. Als jedoch Car⸗ leſia von Mathilden keinen Beſuch mehr erhielt, un⸗ terließ ſie es ihrerſeits auch, zu ihr zu kommen. Ueber⸗ dieß hatte jener Abend, an welchem ſich Adhemar zum letzten Mal eingefunden hatte, die zwei Damen gleich empfindlich verletzt, und ihre Freundſchaft ſchien an demſelben den Todesſtoß erhalten zu haben. Allein obgleich Mathilde Carleſia nicht mehr mit der alten Liebe umfaßte, obgleich oftmals ſogar Ge⸗ fühle des Haſſes in ihr aufſtiegen, koſtete ſie es doch große Ueberwindung, auf weitere Beſuche bei ihr gänzlich Verzicht zu thun. Die beiden Frauen theilten eine Leidenſchaft, durch die ſie beiderſeits ohne Unterlaß bald von einander abgeſtoßen, bald angezogen wur⸗ den. Für Mathilde beſonders war es ein Bedürfniß, Carleſia zu ſprechen, denn nur bei ihr konnte ſie von dem Manne reden, an den ſie beſtändig dachte, und dann fühlte ſie in ihrem Innern wohl, daß auch ſie nicht ohne Schuld, daß es von ihrer Seite durchaus nicht recht war, Adhemar nach Saint⸗Maur geführt zu haben, um ihn zur augenſcheinlichen Ueberzeugung zu bringen, daß ihre Freundin ein Kind habe. Alle dieſe Erwägungen und insbeſondere das Ver⸗ langen, von Adhemar zu ſprechen, führten eines Ta⸗ ges Mathilde wieder zu Carleſia. Dieſe nahm ihre Freundin anfangs froſtig auf, alsbald jedoch ent⸗ ſchwand ihr beim Anblick der tiefen Traurigkeit der⸗ ſelben der Muth, in ihrem Grolle hartnäckig zu behar⸗ ren: ſie wurde wieder gut und freundlich wie ſonſt. „Er iſt fort,“ ſagte Mathilde, ihre Freundin an⸗ ſchauend;„er verließ ſeine Wohnung mit der Erklä⸗ rung: er gehe auf Reiſen. Glauben Sie, daß er wirklich Paris verlaſſen hat?“ Carleſia verſetzte mit einem traurigen Lächeln: „Wie mir ſcheint, hegen Sie die Hoffnung, von mir Nachricht über ihn zu erhalten, allein ich weiß ſo wenig als Sie. Indeß, zu welchem Ende ſollte er Paris verlaſſen haben? Er liebt das Vergnügen, die Geſellſchaft, die Zerſtreuung...— Geraume Zeit her zeigte er ſich ſehr ſelten in unſern Zirkeln...— Der Umſtand, daß er ſelten in Ihr Haus kommt, beweist nicht, daß er nicht anderswohin geht. Soll er Paris verlaſſen haben, ſo muß ihm irgend etwas begegnet ſein, ſo muß er einen bedeutenden Beweggrund ge⸗ habt haben.“ Mathilde ſchwieg und ſchlug die Augen nieder. Sie erinnerte ſich, wie kummervoll ſich Adhemar beim Anblick Carleſia's gezeigt hatte, als ſie in Saint⸗ Maur den kleinen Karl liebkoste. Nichtsdeſtoweniger zog ſich der Beſuch der alten Freundinnen in die Länge. Auch wenn ſie nichts ſprachen, langweilten ſie ſich doch keineswegs. Als Mathilde wegging, ſagte ſie zu Carleſia:„Werden Sie jetzt wieder zu mir kommen?“ Carleſia erwiederte:„Ja! Da Sie mich wieder beſucht haben, ſehe ich wohl, daß ein Gegenbeſuch von meiner Seite recht ſehr in Ihrem Wunſche liegt.“ Endlich trennte man ſich, wenn auch nicht mit den Beweiſen einer ächten Freundſchaft, doch wenig⸗ ſtens mit dem Verlangen, ſich oft wiederzuſehen. Carleſia hielt Wort: ſie kam wieder zu Madame 80 Bourdichon; allein von eben dieſem Zeitpunkt an nahm ſie die Artigkeiten Monſignards mit jener Kälte auf, von der Dalbrun geſprochen. Der ſtolze Dandy begriff endlich, daß er ſeine Zeit und ſeine ſchmach⸗ tenden Blicke umſonſt verſchwende, und entſchloß ſich, ſeine Seufzer anderswohin zu tragen. In Geſellſchaft ſprach Mathilde nie von Adhemar, allein ſie fand Gelegenheit, das Geſpräch auf Um⸗ ſtände zu leiten, die ihn wieder bei Andern in Er⸗ innerung brachten und dann ſprachen dieſe von ihm. So konnte Herr Bourdichon öfters ausrufen:„An jenem Tage ſpeiste Herr Marilly bei uns!“ Oder: „Als dieſes Stück gegeben wurde, waren wir mit Adhemar im Theater.“ Dann konnte man faſt immer darauf rechnen, von Jemand anders aus der Geſellſchaft die Frage zu hören:„Aber wo ſteckt denn Herr Adhemar? Man ſieht ihn nicht mehr, man begegnet ihm nirgends.“ „Ich komme rein nicht daraus,“ rief Bourdichon; „es iſt ein Junge, den ich ſehr gerne habez ich that ihm nichts, was ihn hätte beleidigen können und ſehe durchaus keinen Grund, warum er feindſelig gegen mich ſein ſollte. Nicht wahr, Frau, wir haben Ad⸗ hemar nichts zu Leide gethan?“ Mathilde wurde roth und gab eine unbeſtimmte Antwort, während ihr Gatte fortfuhr:„Adhemar muß auf Reiſen ſein; ja, ohne allen Zweifel macht er irgend eine Vergnügungstour, ſonſt würde er uns ſicher beſuchen.“ Eines Abends jedoch, als Carleſia bei ihrer Freun⸗ — —— 81 din war, näherte ſich Dalbrun, der eben angekom⸗ men war, den Damen und ſagte:„Ich ſah heute einen Ihrer Bekannten, meine Damen: als ich über den Palais⸗Royal⸗Platz ging, begegnete ich Herrn Adhemar.“ Bei dieſen Worten machte die Bläſſe Mathildens einer lebhaften Röthe Platz; auch Carleſia hatte Mühe, ihre Bewegung zu verbergen. Die Verwirrung der Damen fiel jedoch Niemand auf, weil Herr Bourdi⸗ chon ſogleich ausrief:„Was? Adhemar iſt in Paris. Sind Sie deſſen gewiß, Dalbrun?— Habe ich doch dieſen Morgen mit ihm geſprochen.— Je nun, wo ſteckt er denn? Was macht er denn? Man ſieht ihn ja mit keinem Blicke mehr!— Beinahe ganz dieſel⸗ ben Fragen richtete ich an ihn; ich ſagte ihm, daß keine Seele in der Geſellſchaft ſei, die nicht ſeinet⸗ wegen in Unruhe wäre, daß man mit Schmerzen ſeine Abweſenheit vermiſſe.— Und was hat er Ih⸗ nen darauf geantwortet?— Phraſen, die eigentlich nicht als beſtimmte Antwort gelten, aber wohl deren Stelle vertreten können, weil ſie zu verſtehen geben, daß man nicht weiter fragen ſoll, wenn man nicht unhöflich ſein wolle. Uebrigens ſchien er mir, wenn er nicht wirklich krank iſt, wenigſtens abgemagert, verändert.— Ich komme rein nicht aus der ganzen Sache; wüßte ich Adhemars Adreſſe, würde ich ihn jedenfalls beſuchen und ihn fragen, warum er uns grolle; allein er wohnt nicht mehr in der Straße Navarin und Niemand weiß ſeine Adreſſe. Sagte er ſie Ihnen vielleicht, Dalbrun?— Mein Gott, 82 nein! Und ich hatte nicht den Muth, ihn darnach zu fragen.“ 8 Die Ankunft mehrerer Perſonen machte dieſer Un⸗ terhaltung ein Ende; allein Diejenigen, welche die⸗ ſelbe am meiſten intereſſirte, verloren kein Wort davon. „Sie ſehen,“ ſagte Mathilde ganz leiſe zu ihrer Freundin,„er hat Paris nicht verlaſſen...— Das dachte ich mir auch,“ verſetzte Carleſia.—„Allein er geht nicht mehr in Geſellſchaft, er wird ein Zu⸗ ſammentreffen mit mir zu ſehr ſcheuen.“ Carleſia erwiederte nichts, allein ſie geſtand ſich, daß allerdings weit mehr ihre Freundin und die Furcht, ihr zu begegnen, die Urſache ſei, warum Adhemar auf ein weiteres Erſcheinen in der Geſell⸗ ſchaft Verzicht gethan habe. Weitere zwei Monate waren verfloſſen, ſeit Ma⸗ thilde und Carleſia durch Dalbrun Nachricht von Adhemar erhalten hatten; allein von da an war nicht mehr die Rede von ihm geweſen. Man fing in der Geſellſchaft an, weniger an ihn zu denken, denn bei Leuten des Vergnügens ſind die Abweſenden in kurzer Zeit vergeſſen. Nur zwei Frauen allein glichen hierin dem großen Haufen nicht; es war ihnen nicht möglich, Denjenigen, den ſie geliebt hatten, zu ver⸗ geſſen, aus dem einfachen Grunde, weil ſie ihn noch liebten. Da man nun jetzt in der Geſellſchaft wenig mehr von ihm ſprach, ſo ſprachen ſie deſto mehr unter ſich von ihm, Mathilde wenigſtens, die indeß an Carleſia immer eine bereitwillige Zuhörerin fand. 88— 3 Eines Abends— die Verſammlung war ſehr zahl⸗ reich bei Herrn Bourdichon und Madame Valmiran hatte ſich neben ihre Freundin geſetzt— ſah man die ganze Familie Sublimé in den Saal treten. Seit die Heirathsgeſchichte ſo ſchlecht abgelaufen war, wa⸗ ren Fräulein Idalia und ihre Familie nicht mehr zu Mathilden gekommen; man ſah ſich zwar an dritten Orten, unterhielt ſich jedoch kalt und einſilbig. Ir⸗ gend ein außerordentlicher Umſtand, ein unverſehenes Ereigniß mußte daher heute die Sublimé's zu Ma⸗ dame Bourdichon führen. „Sie kommen wahrſcheinlich, um uns die Heirath ihrer Tochter zu melden,“ ſagte Mathilde halblaut. —„Sie heirathet ohne Zweifel Monſignard,“ ſagte Dalbrun.—„Ich glaubte, er ſei ihr zu dick,“ lachte Madame Carcaſſonne, mit Thränen in den Augen, und fuhr dann fort:„indeß thut dieß nichts zur Sache; ich kannte eine Frau von ſechs Fuß zwei Zoll, die einen„Zwerg zum Manne nahm.— Und die ſich wahrſcheinlich von ihm die Pantoffeln tragen ließ,“ ergänzte Dalbrun. Die Familie Sublimé ſchien in der That vor Freude zu ſtrahlen: die Tochter überließ ſich einer tollen Luſtigkeit; die Mama trug ihren Kopf noch höher als ſonſt; Dardanus endlich machte den Ar⸗ tigen, von Zeit zu Zeit eine Muſikdoſe aus der Taſche ziehend. Dabei warfen ſich Mutter und Tochter be⸗ deutungsvolle Blicke zu. „Außer Zweifel, ſie haben etwas!“ ſagte Ma⸗ thilde, mit Ungeduld den Zeitpunkt erwartend, wo die 84 Sublime's der Geſellſchaft die Urſache ihrer Freude auseinanderſetzen würden. Als es Madame Sublimé däuchte, die Verſamm⸗ lung werde vollzählig und der Saal gefüllt ſein, nahm ſie das Wort und ſagte ſo laut, daß ſie überall verſtanden werden konnte:„Mein Mann... Herr Dardanus Sublimé.. hat uns heute eine Neuigkeit hinterbracht, die uns, meine Tochter und mich, recht ſehr in Erſtaunen ſetzte, das heißt, nicht eigentlich in Erſtaunen, weil mir die Lage Herrn Adhemar Marilly's von jeher etwas geheimnißvoll, etwas zwei⸗ deutig vorkam. Als Madame Sublimé den Namen Adhemars ausſprach, fing die ganze Geſellſchaft aufmerkſam auf ihren Bericht zu horchen anz zugleich aber waren es zwei Perſonen, welche all ihr Blut gegen ihr Herz ſtrömen fühlten, und mit ängſtlicher Spannung auf. das lauſchten, was noch kommen würde. „Sa,“ fuhr Madame Sublimé fort,„dieſer junge Mann, der ſo viel Aufhebens machte, ſich ſo zierte und ſperrte, ſo wahnſinnig ſpielte, ſich mit der äußer⸗ ſten Eleganz trug— und dieß Alles, um auf dieſe Art ſeine wahren Umſtände deſto beſſer zu verſchleiern — mit Einem Wort, Herr Adhemar beſitzt nicht einen Sou und muß, um ſein Leben zu friſten, bei An⸗ dern Arbeit nehmen.“ Carleſia's Geſicht überzog eine Todesbläſſe, allein ſie hatte ſo viel Selbſtbeherrſchung, das, was in ihr vorging, zu verbergen. Mathilde, voller Beſtürzung über die vernommene Neuigkeit, wollte reden, allein 85⁵ die Kraft dazu verſagte ihr; inzwiſchen rief Herr Bourdichon:„Wie, wer hat Ihnen das geſagt, Ma⸗ dame? Das iſt nicht möglich! Man hat Sie hinter⸗ gangen.— Hintergangen! Nein, mein Herr! Mein Mann hat de visu berichtet, iſt es nicht ſo, Darda⸗ nus, daß Sie de visu berichteten 2u Herr Sublimsé, der keine Silbe Latein verſtand, ſah ſeine Frau verblüfft an und murmelte:„Nein, ich kenne keinen Herrn Viſu; ich ſprach mit Ihnen von Herrn Marilly, den ich im Kabinet meines Archi⸗ tekten an der Arbeit traf.— Das, was ich zu Ihnen ſagte, mein Lieber, iſt für Sie ein böhmiſches Dorf; Sie ſehen indeß, Herr Bourdichon, die Thatſache iſt eine unläugbare. Herr Sublimé, äußerſt über⸗ raſcht, Herrn Adhemar bei Herrn Angely zu ſehen, fragte dieſen ganz leiſe, was dieſe Perſon hier zu ſchaffen habe, worauf ihm Herr Angely die Auskunft gab: es iſt ein junger Mann, den ich beſchäftige; er ſuchte Arbeit, er war ſehr unglücklich. Er fertigt mir Copien zu Hauſe und ſchreibt manchmal in mei⸗ nem Kabinet meine Diktate nach. Das ſind Herrn Adhemars Verhältniſſe! Alles unzweifelhaft und au⸗ thentiſch!— Ich komme nicht daraus,“ ſagte Herr Bourdichon;„was Sie mir da erzählen, Madame, ſetzt mich in das äußerſte Erſtaunen.— Mich ſetzt es keineswegs in Erſtaunen,“ ſagte Monſignard, ſich das Kinn ſtreichelnd;„ſeit geraumer Zeit hatte dieſer Herr ſo etwas Zerſtreutes, Tiefſinniges an ſich; das iſt in der Regel das Merkmal eines Menſchen, mit deſſen Finanzen es nicht gut ſteht.— Ja, den Schein 86 müßt Ihr als Maske vorhängen,“ fuhr Madame Sublimé fort.„Man gibt ſich ein ſteinreiches An⸗ ſehen, man thut, als ob man auf das Geld nichts halte, und dieß Alles nur, um die Welt am Narren⸗ ſeil zu führen.— Am Narrenſeil, Madame!“ rief Dalbrun, auf Madame Sublimé einen zornſprühen⸗ den Blick werfend.„Wer gibt Ihnen das Recht, Herrn Marilly dieſe niederträchtige Abſicht zu unter⸗ ſchieben? Wenn er jetzt arm iſt, wenn er die Launen des Schickſals erfuhr, iſt das noch ein Grund, ſeine Ehre anzutaſten? Anſtatt ihn zu bedauern, klagt man ihn anz allein ich werde Bürge ſein für die Ehren⸗ haftigkeit ſeiner Gefinnungen.— Ah, ſchön geſpro⸗ chen, mein Herr!“ rief Carleſia, des Sturmes ihres Herzens nicht mehr Meiſter, indeß Mathilde Dalbrun mit thränenfeuchten Blicken dankte.—„Ich denke wie Dalbrun,“ ſagte Bourdichon,„ich halte Adhe⸗ mar für einen ſehr ehrenhaften Jungenz iſt er rui⸗ nirt, ſo iſt das ein Unglück, allein das kann Jeder⸗ mann pafſiren.— Nun gut, meine Herren!“ fuhr Madame Sublimé mit einem bittern Tone fort;„es i*ſt nichtsdeſtoweniger wahr, daß wir beinahe die Narren dieſes Herrn geworden wären, er hat unſer Schwiegerſohn werden ſollen. Ach Gott! ich zittere bei dieſem Gedanken; hätte meine Tochter von Adhe⸗ mar nicht die gute Meinung gehabt, er befinde ſich in glänzenden Umſtänden, gewiß! ſie hätte keinen zärtlichen Blick auf ihn fallen laſſen.— Ja, gewiß!“ rief Fräulein Idalia;„ich habe eine zu gute Erzie⸗ hung genoſſen, als daß ich einem Manne, der nicht 87 1 reich iſt, meine Aufmerkſamkeit ſchenken könnte.“— Auf einmal fing jetzt der kleine Eudoxius von einem andern Ende des Saales her wie ein Eſel zu ſchreien an:„Ei, ſag' mal, Schweſter, warum denn Mama den Gobet, unſern Wichſer, der ſo artig war, fort⸗ geſchickt hat? Mama ſagte, Du ſeieſt in ihn verliebt!“ Fräulein Idalia wurde ein Purpur, Dardanus ließ eine Muſikdoſe zu Boden fallen, Madame Su⸗ blimé endlich, nachdem ſie verſucht hatte, ein Lachen zu erkünſteln, rief:„Eudoxius, mein Sohn, Sie werden ſtupidus! Man erzählt Ihnen Mährchen, um ſich über uns luſtig zu machen, und Sie glauben es. Die Geſellſchaft wird Ihr Gerede nach ſeinem wahren Werthe zu ſchätzen wiſſen.“ Der kleine Junge lief, etwas zwiſchen den Zäh⸗ nen murmelnd, wieder in ſeine Ecke. „Madame,“ fuhr Dalbrun mit Wärme fort,„was die Geſellſchaft zu ſchätzen wiſſen wird, das iſt, wie ich hoffe, das Benehmen Adhemars, welches jeder⸗ zeit achtungswerth war. Ich begreife gar nicht, wie Sie Zweifel in ſeine Delikateſſe ſetzen können; denn, indem er die Hand Ihrer Fräulein Tochter ausſchlug, gab er Ihnen ja gerade den klaren Beweis, daß er nicht auf Geld ſieht.— Er wird darum nicht ge⸗ wollt haben, weil er ohne Zweifel gedacht haben wird, ſeine prekäre Lage möchte in dem Augenblick an’'s Licht kommen, wo er den Heirathskontrakt un⸗ terzeichne.— Ei, Madame, hätte er eigennützige Abſichten gehabt, ſo hätte er gewiß in aller Eile die Heirath abgeſchloſſen. Wie, man greift die Ehre eines Mannes an, weil er in dürftige Umſtände ge⸗ ſunken iſt? Geſetzt, Herr Adhemar habe— was ich auch glaube— wirklich ſein Vermögen verloren, hat er deßhalb an irgend Jemand in der Geſellſchaft un⸗ recht gehandelt? Hat er von irgend Jemand Geld geborgt? Ganz im Gegentheil! Er kommt nicht mehr in die Geſellſchaft, weil er es verſchmäht, Jemandes Unterſtützung in Anſpruch zu nehmen, weil er nicht will, daß man ſeine Lage kenne. Ein Betragen wie dieſes zeugt vielleicht von Stolz, von Eigenliebe; aber eben dieſe Eigenliebe macht unfähig, irgendwie niederträchtig zu handeln. Hal ich bedauere nichts als den Umſtand, ſeine Lage nicht gekannt zu haben, als ich ihm vor einiger Zeit begegnete, ich hätte mich glücklich geſchätzt, wenn er ſich meiner Börſe und meines Kredits hätte bedienen wollen.“ Beinahe alle Perſonen der Geſellſchaft gaben die⸗ ſer Rede Dalbruns ihren Beifall. Die Familie Su⸗ blimé jedoch, höchſt unzufrieden darüber, daß man ihre Anſichten über Adhemar nicht theile, nahm ſchleu⸗ nigen Abſchied. Die Art, wie Mathilde die Abſchieds⸗ Complimente dieſer Damen aufnahm, mußte dieſen nothwendig begreiflich machen, daß ſie mit ihrem neuen Beſuche ſehr übel bei ihr angekommen ſeien. Sogar der ſchöne Monſignard folgte dießmal der Fräulein Idalia nicht; Das, was er von dem aller⸗ liebſten Wichſer gehört hatte, ſchien einen Umſchwung ſeiner Gefühle bewirkt zu haben. Inzwiſchen nahm auch Carleſia, die ſich dem An⸗ ſchein nach in lebhafter Aufregung befand, ungeſäumten 89 Abſchied von ihrer Freundin.„Sie haben es mit⸗ angehört,“ ſagte Mathilde zu ihr,„er iſt unglück⸗ lich und verheimlicht es Jedermann. Stolz iſt alſo der Grund, warum er ſich nicht mehr bei uns zeigt; er will ſich Niemand zu Dank verpflichtet wiſſen.. Was thun?— Sein Schickſal wird ſich wenden!“ verſetzte Carleſia, die Hand ihrer Freundin faſſend. —„Inwiefern? Woraus ſchöpfen Sie dieſe Hoff⸗ nung?“ Allein Carleſia ſagte nichts weiter; ſie nahm ſchnell ihren Hut und ihren Shawl und ging weg, ohne auf die Fragen Mathildens zu antworten. Als Carleſia zu Hauſe angekommen war, ließ ſie durch ihre Bedienung einen Handelsalmanach holen. Nachdem ſie das Buch bei der Hand hatte, ſuchte und fand ſie darin die Adreſſe Herrn Angely's, Architek⸗ ten. Sofort ſchickte ſie ihren Bedienten in ſein Haus mit dem Befehle:„Es iſt jetzt erſt zehn Uhr Abends, iſt der Herr noch nicht da, ſo wird Er auf ihn war⸗ ten. Man muß ihn nothwendig dieſen Abend noch ſprechen. Er verlangt von ihm die Adreſſe einer Perſon, die ſeit einiger Zeit bei ihm arbeitet... Herrn Adhemar Marilly's; Er ſagt ihm, es handle ſich um eine dringende, dieſen Herrn betreffende An⸗ gelegenheit; ohne dieſe Adreſſe darf Er nicht zurück⸗ kommen. Gehe Er!“ Der Bediente ging. Nach einer halben Stunde kam er wieder: er hatte Herrn Angely angetroffen und von ihm die verlangte Adreſſe erhalten. Carleſia Paul de Kock. XI. 7 90 ſchien wieder freier zu athmen, als ſie wußte, wo ſich Adhemar aufhielt; ſie entließ ſofort ihre Leute, ſetzte ſich an ihren Schreibtiſch und ſchrieb folgenden Brief: „Mein Herr! Nach jenem Vorfall, der unſere Trennung herbeiführte, ſchrieben Sie mir mehrere Briefe, worin Sie mich um Verzeihung baten und meine Einwilligung zu Ihrer Rückkehr zu mir nach⸗ ſuchten. Ich ging damals nicht auf Ihre Bitten ein, mein Herz war noch zu tief verwundet! Heute bin nun ich es, die Ihnen wieder entgegenkommt, ich, die Sie inſtändig bittet, mich nicht länger Wittwe ſein zu laſſen. Ich habe ſo eben vernommen, daß Sie um Ihr Vermögen gekommen ſind, daß Sie genöthigt ſind, Beſchäftigung zu ſuchen. Ach! hätte ich alles Dieß bälder gewußt, ſo hätten Sie längſt Nachricht von mir; allein ich hielt Sie für glücklich und bemittelt: ſehen Sie hierin den Grund, warum Sie nichts von mir hörten. Ach! kommen Sie, ich bitte, kommen Sie wieder zu Ihrer Gattin, die nie einen Andern als Sie geliebt hat und eher keine Ruhe finden wird, bis ſie Sie wieder an ihr Herz wird drücken können.“ Nachdem ſie den Brief unterzeichnet und ihre Adreſſe darunter geſetzt hatte, ſchaute Carleſia auf ihre Uhr: der Zeiger wies auf elf Uhr. Dann klingelte ſie eilends ihrem Diener und ſagte zu ihm:„Trage Er ſchnell dieſen Brief in die Straße Malta... in das Haus, deſſen Nummer man Ihm ſagte... er iſt an Herrn Adhemar Marilly. Glaubt man, er 14 91 1 2 ſei ſchon zu Bette, ſo erkläre Er, daß man ihm den 3 Brief unfehlbar morgen in aller Frühe zuſtellen ſolle.“ Der Bediente ging. Carleſia zählte die Minuten. Beim leiſeſten Geräuſch lief ſie au's Fenſter: ſie brannte vor Verlangen, zu wiſſen, ob Adhemar den Brief wohl noch dieſen Abend erhalten haben würde. Endlich kam der Diener zurück und berichtete:„Der Herr war zu Hauſe, allein die Magd war der An⸗ ſicht, er liege längſt in tiefem Schlafe, ſie wird ihm daher den Brief morgen in aller Frühe zuſtellen.— Morgen!... Alſo warten bis morgen!“ ſagte Car⸗ leſia zu ſich„Ach! wie lange wird dieſe Nacht wäh⸗ ren! Doch morgen werde ich ihn ſehen; er wird kom⸗ men, denn er ſcheint mich noch zu lieben... Die Bewegung, die ihn ergriff, als er mich in der Ge⸗ ſellſchaft wiederſah... die Eiferſucht, die er nicht verbergen konnte, als Herr Monſignard mir den Hof machte, endlich die Verlaſſenheit, der er Mathilde anheimgab: ja, er liebt mich immer noch! Ach, ich war wohl allzuſtreng, allein künftighin werde ich alle ſeine Fehltritte vergeſſen und auf nichts Anderes mehr bedacht ſein, als ihn glücklich zu machen.“ Carleſia brachte die ganze Nacht zu, ohne einen Augenblick Ruhe zu finden. Endlich dämmerte der Tag; ſie ſah nach der Uhr, berechnete die Zeit und ſagte dann:„Jetzt muß man ihm meinen Brief ge⸗ geben... jetzt muß er ihn geleſen haben; er wird bald fommen, ja vielleicht in wenigen Minuten wird er bei mir ſein, noch eine kleine Weile Geduld!“ Allein die Stunde verſtrich und der Gegenſtand ihrer ſehnſüchtigen Erwartung erſchien nicht. Bereits drängten ſich unbeſtimmte, bange Gefühle an die Stelle ihrer Hoffnung, als der Klang der Glocke ſich vernehmen ließ und Schritte gegen ihr Zimmer zu tönten. „Jetzt kommt er! das iſt er!“ rief Carleſia, der Thüre zulaufend, in der Hoffnung, Adhemar zu ſehen; allein es war nur der Bediente: er hatte einen Brief in der Hand, den man ihm ſo eben für ſeine Gebie⸗ terin übergeben hatte. Carleſia nahm ihn zitternd; ſie erkannte ſogleich die Handſchrift ihres Gatten. „Er ſchreibt mir,“ ſagte ſie zu ſich,„er ſchreibt und kommt nicht! Aus welchem Grund? Sollte meine Hoffnung zu ſanguiniſch geweſen ſein? Sollte er mich wohl nicht mehr lieben?“ Inzwiſchen hatten ihre Finger bereits das Siegel erbrochen; nichtsdeſtoweniger hatte ſie nicht den Muth, dieß Papier zu leſen, auf welchem ihr Schickſal ge⸗ ſchrieben ſtand. Endlich überwand ſie ſich doch und las nun folgende Zeilen: „Es iſt zu ſpät, Madame! Ich danke Ihnen für das Andenken, das Sie einem Unglücklichen ſchenken, allein ich kann nicht mehr an Ihre Seite zurückkeh⸗ ren. Nicht mein Stolz iſt's, der mir es verbietet; glaubte ich noch an Ihre Liebe, ſo würde ich der Stimme der meinigen gerne gefolgt ſein. Allein Sie brachen mir die Treue, ich habe den Beweis davon. Ich gab Ihnen Ihre Freiheit zurück und Sie machten ſich dieſelbe zu Nutze: Sie hatten vielleicht das Recht dazu; allein für mich gibt das den Grund „ 93 zu einer ewigen Trennung ab.“—„Ich ihm die Treue gebrochen!“ rief Carleſia, indem ihr der Brief aus der Hand fiel.„Er klagt mich an, er hält mich 2 für eine Meineidige! Mich, die ich ohne Unterlaß nur an ihn dachte! Mich, die ihn liebte, immer liebte, und ſelbſt dann liebte, wenn ich ihn floh; die ihrem Herzen Gewalt anthun mußte, daß es ihm nicht entgegenflog! Er hat den Beweis davon, ſagt er. Ol ich muß dieſes ſchreckliche Geheimniß auf⸗ klären; ich muß ihn ſprechen. Er kann mir die Bitte nicht abſchlagen, mich anzuhören; mag er mich als⸗ dann von ſich ſtoßen, wenn es ihm beliebt. Ja, mich rechtfertigen muß ich zum mindeſten; ich kann den Gedanken nicht ertragen, in ſeinen Augen als eine Schuldige dazuſtehen.“ Carleſia nahm in aller Eile einen Hut und einen Shawl. Sie ließ einen Wagen vorfahren, ſtieg hin⸗ ein und ließ ſich nach dem Hôtel garni ihres Gatten führen. Sie kam an, fragte nach Herrn Adhemar Marilly, beſtand darauf, ihn auf der Stelle ſprechen zu wollen und hörte kaum, daß man ihr antwortete: „Madame! der Herr, nach dem Sie fragen, iſt nicht mehr hier, er iſt dieſen Morgen ausgezogen.— Ausgezogen!... er iſt ausgezogen!“ rief Carleſia endlich,„das iſt nicht möglich, er ſchrieb mir ja ſo eben, ſchickte mir ſo eben einen Brief zu..— Ganz wohl, Madame! Alrs er fortging, übergab er der Magd einen Brief, den ſie auf der Stelle forttragen mußte.— Wo iſt er denn aber jetzt?— Darüber können wir nichts ſagen, Madame; der Herr ſagte — 94 nicht, wo er jetzt zu logiren gedenke.— Wer hat denn aber ſeine Effekten fortgetragen?— Er ſelbſt, Madame! Wir erboten uns, ſie ihm fortzutragen, er ſchlug es jedoch aus, indem er ſagte: er werde einen Commiſſionär oder den nächſten beſten Wagen dazu nehmen.— Und Sie ſind ihm nicht nachgegan⸗ gen?— Zu was Ende dieß, Madame? Der Herr hat ſeine Rechnung bezahlt, wir haben nichts weiter an ihn zu fordern.“ Carleſia war untröſtlich; ſie ſah wohl ein, daß alle ihre Fragen vergeblich ſeien: man wußte nichts weiter. Sie mußte ſich entfernen, ohne irgend eine Nachricht, irgend einen Fingerzeig erfahren zu haben, der auf die Spur ihres Gemahls hätte führen können. Ihre Verzweiflung war um ſo größer, da, wie ſie wußte, ihr Gatte ſie ſchuldhaft glaubte, für eine Treuvergeſſene hielt, und ihr nun für die Zukunft jede Rechtfertigung abgeſchnitten war, ſo lange ſie nicht wußte, wo er war. Niedergebeugt, vernichtet durch alle dieſe Ereigniſſe, begab ſich Carleſia wie⸗ der nach Hauſe, wo ſie ſich ihrem ganzen Schmerze überließ. Während dieſer Vorfälle war Mathilde nicht un⸗ thätig geblieben. Die letzten von Carleſia beim Ab⸗ ſchied geſprochenen Worte brachten ſie auf den Ge⸗ danken, ihre Freundin habe die Abſicht, ſich mit dem Schickſal Adhemars zu befaſſen, und ſie ihrerſeits hatte ſich vorgenommen, ſich von ihr nicht zuvorkom⸗ men zu laſſen. In der Frühe deſſelben Morgens hatte ſich auch Mathilde auf den Weg gemacht; da 95 ihr jedoch der Name des Architekten, den Tags zu⸗ vor Herr Sublimé genannt hatte, entfallen war, und ſie nicht wußte, welchen Weg ſie einſchlagen ſollte, um den Gegenſtand ihrer Nachforſchung zu entdecken, hatte ſie ſich wieder in die Straße Navarin begeben. Als ſie dort nichts Neues erfuhr und durchaus rath⸗ los war, an wen ſie ſich jetzt wenden ſolle, kam ihr der Gedanke, wieder auf den Boulevard Saint⸗De⸗ nis, in die alte Wohnung Adhemars, zu gehen. Frau Coquenard, die gerne plauderte, hatte mit viel Begierde die Fragen Mathildens angehört und ihr hierauf erwiedert:„Ja freilich! Herr Marilly hat hier gewohnt, es war ein junger Mann, den ich unendlich ſchätzte; er empfing oftmals hübſche Damen bei ſich, das iſt allerdings wahr! allein wer wird darin etwas Böſes ſehen? Sind denn die beiden Geſchlechter nicht dazu geſchaffen, ſich gegenſeitige Beſuche abzuſtatten? Uebrigens muß ich Ihnen ſagen, daß ich nicht entfernt weiß, wo er ſich jetzt aufhält.“ Mathilde wollte eben weiter gehen, als ein Herr die Treppe unter fortwährendem Trillerſingen herab⸗ kam, welchem die Pförtnerin zurief:„Warten Sie, da iſt ein Herr, der neben ihm wohnte... Sagen Sie'mal, Herr Trouillade, da iſt eine Dame, welche die Adreſſe Herrn Adhemars gerne wiſſen möchte. Wiſſen Sie ſie vielleicht?“ Trouillade trat näher und überzeugte ſich, als er einer vornehmen und hübſchen Dame anſichtig wurde, vor allen Dingen, ob der Knoten ſeiner Cravatte ſich in der Mitte befinde; dann poſtirte er ſich, ſeiner Gewohnheit gemäß, in der Stellung ſeiner Figaro⸗ Statue auf; ſofort probirte er, ob er in der Fiſtel⸗ oder Bruſtſtimme antworten ſolle und ſagte endlich in einem näſelnden Tone:„Herr Adhemar... ah! Madame fragen nach Herrn Adhemar Marilly? Ich kenne ihn ſehr gut! Unſere Zimmer in dieſem Hauſe befanden ſich gegenüber; er kam auf Beſuch zu uns, ſpielte mit Lycoris, meinem Sohn, der jetzt die Amors in Bordeaux machte...— Können Sie mir ſeine Adreſſe ſagen, mein Herr?— Madame! Als er dieſes Haus verließ, nahm er eine Wohnung in der Straße Navarin; jetzt wohnt er aber nicht mehr dort. — Ich weiß es, mein Herr! Und ſeither ſahen Sie ihn nicht mehr?— Sie verzeihen! Ich hatte mich eines Tages zum Mittageſſen begeben, zu demſelben Traiteur, wo auch er ſpeiste... zu Very, im Palais⸗ Royal. Ich redete ihn an, allein er entfernte ſich raſch, und da ich mich eben angeſchickt hatte, einen guten Wein für meinen zweiten Gang mir auszu⸗ ſuchen, ſah ich ihn bei Gott nicht einmal fortgehen. — Weitere Auskunft können Sie mir nicht geben, mein Herr?— Nein, Madame, außer daß ich ein⸗ mal einen Abend mit ihm bei einer ſehr vornehmen Dame, Madame Polatinskiskoff, zubrachte, allein das hat wenig Intereſſe für Sie.— Sie entſchuldigen, mein Herr! Alles, was Herrn Adhemar betrifft, in⸗ tereſſirt mich ſehr. Fahren Sie fort, ich bitte ſehr. — Nun gut, Madame! Da Sie Intereſſe daran finden, ſo will ich Ihnen einen Umſtand mittheilen, der mir ſehr auffallend vorkam, nämlich immer in Bezie⸗ 97 hung auf meinen ehemaligen Nachbar! Eine Dame, die in jene Geſellſchaft kam und Herrn Adhemar ſehr genau zu kennen ſchien, verſicherte uns, er ſei ver⸗ heirathet!— Verheirathet!— Allerdings, verhei⸗ rathet in Italien. Aber, mein Gott, was iſt Ihnen 5 denn, Madame? Sie wechſeln die Farbe! Sie ſind unpäßlich... Frau Coquenard, kommen Sie doch der Madame zu Hülfe, ſie wird ohnmächtig!“ Mathilde war bleich wie der Tod geworden, ihre Kräfte verließen ſie; einige Worte hatten hingereicht, ein helles Licht in ihre Seele fallen zu laſſen und die hieraus entſpringenden Empfindungen hatten eine ſo ſchnelle Erſchütterung bei ihr zur Folge, daß ſie auf das Steinpflaſter gefallen wäre, wenn ſie nicht Trouillade in ſeinen Armen aufgefaßt hätte. Er trug ſie zu der Pförtnerin hinein; Frau Coquenard be⸗ ſprengte die junge Dame mit Meliſſengeiſt und Eſſig, während Herr Trouillade unaufhörlich rief:„Das wäre die hundertſte Frau, der übel wird, während ich mit ihr ſpreche. Rührt es wohl vom Schmelze meiner Stimme her, oder von den Mittheilungen, die ich ihr gemacht? Ich bin ſehr geneigt, den erſten Grund auzunehmen.“ Frau Coquenard fing an, über die lange Ohn⸗ macht der jungen Dame unruhig zu werden und wollte bereits einen Arzt herbeiholen, als Mathilde die Augen wieder aufſchlug; ſie ſah um ſich, erin⸗ nerte ſich wieder der vorgefallenen Umſtände, dankte den Perſonen, die ſie umringten, und bat die Pfört⸗ nerin, nach einem Wagen zu ſehen. „Es iſt gerade einer da,“ verſetzte Frau Coque⸗ nard,„er ſteht ſchon vor dem Hauſe; Madame iſt jedoch nicht im Stande, ſich allein zu entfernen.— Ich erbiete mich, die Madame bis nach Hauſe zu be⸗ gleiten,“ ſagte Trouillade, ſchmachtende Blicke auf Mathilde werfend.—„Ich danke Ihnen, mein Herr! Ihren Arm bis zum Wagen, das iſt Alles, was ich von Ihrer Höflichkeit verlange.“ 1 Mathilde ließ hierauf ein Zehnfrankenſtück in die Hand der Pförtnerin gleiten, die ihr gerührt dafür dankte, nahm Trouillad's Arm und ließ ſich von ihm über das Boulevard führen; ſie ſtieg ſofort in einen Wagen, dankte dem Virtuoſen nochmals, der ſich vor dem Kutſchenſchlag en Figaro aufpoſtirte, und ließ ſich zu Carleſia führen. Alle dieſe Gänge Mathildens hatten Zeit gekoſtet; es war jetzt nahe an zwei Uhr. Carleſia befand ſich allein in ihrem Zimmer, in jenen ſtummen, düſtern Schmerz verſunken, der das Verlorengeben der letzten Hoffnung zu begleiten pflegt, als ſich raſch die Thüre öffnete und Mathilde vor ihr erſchien. Sie war jedoch ſo bleich, ihr Zittern war ſo heftig und ihre Augen waren vom Weinen ſo roth und angeſchwollen, daß Carleſia über ihren Zuſtand in Schrecken gerieth; ſie wollte eben ihrer Freundin entgegengehen, als Ma⸗ thilde ſich ihr zu Füßen warf, eine ihrer Hände er⸗ griff, mit ihren Thränen benetzte und ſtotterte:„Ver⸗ geben Sie mir! Sie ſind ſeine Gattin, ich weiß jetzt Alles. Ach! wie verachtungswürdig muß ich Ihnen erſcheinen.“ 99 Carleſia wollte ihre Freundin emporrichten, dieſe blieb jedoch hartnäckig in ihrer kniefälligen Stellung; da ſie ihre Abſicht nicht erreichen konnte, drückte ſie ei⸗ nen Kuß auf die Stirne Mathildens und ſagte:„Ja, ich bin ſeine Frau.. ich will es nicht länger läug⸗ nen, und jetzt, da er unglücklich iſt, halte ich es für meine Pflicht, ſeinen Namen zu führen. Ich ver⸗ achtete Dich niemals, Mathilde, ich konnte Dich nur beklagen, denn ich wußte wohl, daß die Leidenſchaft, die Du für ihn fühlteſt, Dir nichts als Leiden ver⸗ urſachen würde.— Dieſe Leidenſchaft... ein Wort von Ihnen hätte ſie aus meinem Herzen bannen können... allein Sie ſcheuten ſich, mir eine Beſchä⸗ mung zu bereiten... Ach! Sie waren allzu edel⸗ müthig, während ich... wenn Sie wüßten, was ich Alles that!— Ich ſage Dir, daß ich Dir vergebe. Allein erkläre Dich, auf welche Art ſich Dir das Geheimniß meiner Verbindung mit Adhemar ent⸗ hüllt hat.“ Mathilde ſtattete ihrer Freundin nun einen aus⸗ führlichen Bericht über ihre vormittägigen Gänge ab, und erzählte ihr, wie ihr bei jenem verhängnißvollen Worte Trouillade's plötzlich ein Licht aufgegangen ſei. Als ſie mit ihrem Berichte zu Ende war, nö⸗ thigte Carleſia ſie, ſich an ihre Seite zu ſetzen, faßte ihre Hand und ſprach:„Jetzt darf ich kein Geheim⸗ niß mehr vor Dir haben. Ich will Dir die Geſchichte meiner Heirath mit Adhemar und die Umſtände, die unſere Trennung zur Folge hatten, erzählen. So höre denn: Als Herrn Valmirans Tod mich zur 100 Wittwe und zur freien Herrin meiner Handlungen gemacht hatte, kam mir die Luſt, Italien zu ſehen; ich reiste ab. Zu Neapel lernte ich Adhemar ken⸗ nen: ſein ausgezeichnetes Benehmen, ſein Geiſt, Alles nahm mich für ihn ein. Mein Herz, das noch nie geliebt hatte, flog dem ſeinigen zu; es gibt eine geheime Sympathie, die uns an Den magnetiſch hin⸗ zieht, der unſere Liebe beſitzen ſoll. Adhemar warb um meine Hand, indem er zu mir ſagte: Mein Ver⸗ mögen iſt zwar dem Ihrigen nicht gleich, wenn es ſchon für mich recht wohl hinreicht; allein ich lebe des guten Glaubens, Sie werden überzeugt ſein, daß ich Sie aus Liebe und nicht aus eigennützigen Abſichten heirathe. Ich reichte nun Adhemar meine Hand mit den Worten: Ich glaube an Ihre Liebe; allein überlegen Sie es wohl: ich will Zeitlebens geliebt ſein. Meine erſte Heirath war für mich eine drückende Feſſel, weil ich mit einem Manne ver⸗ bunden worden war, der mich liebte, den aber ich nicht liebte. Da empfand ich es vollkommen, wie grauſam es iſt, mit einer Perſon, die uns mit einer Liebe quält, die wir nicht theilen können, leben zu müſſen. Ich liebe Sie und meine Liebe wird eine unwandelbare ſein! Allein ſollten Sie mich täuſchen ... ſollten Sie mir eines Tages untreu ſein, ſo werde ich Sie augenblicklich verlaſſen, weil ich nicht Willens bin, das für Sie zu werden, was mein erſter Gatte für mich war. „Adhemar ſchwor mir nun unwandelbare Liebe; ich glaubte ihm und unſere Heirath vollzog ſich. Wir ——*— ——— — 101 mietheten hierauf eine herrliche Villa in der Nähe Neapels, woſelbſt ich ein junges italieniſches Land⸗ mädchen als Kammermädchen annahm. Dieſes Mäd⸗ chen war ſehr hübſch und recht gefallſüchtig; allein ſie war noch ſo jung, noch ſo unbefangen! Ueberdieß, konnte ich eiferſüchtig auf mein Kammermädchen oder auf irgend eine andere Perſon ſein, wenn ich mich der Liebe meines Gatten feſt verſichert hielt? Indeß war ich nicht länger als drei Monate Adhe⸗ mars Gattin. Ich begab mich eines Morgens auf den Weg nach Neapel, um dort Einkäufe zu machen; mein Mann ſollte mich Abends in der Stadt ab⸗ holen. Auf einmal hielt ein Mann, den ich nicht kannte, meinen Wagen an. Ich glaubte anfangs, er ſei ein Räuber, allein der Mann ſagte mir nur: Ihr Gatte hintergeht ſie; kehren Sie nach Ihrer Villa zurück, Sie werden ihn in den Armen Pepita's finden. „Dieſe Worte machten mein Herz zu Eis erſtarren; ich konnte dieſer Mittheilung keinen Glauben ſchenken, und doch befahl ich dem Kutſcher, nach Hauſe um⸗ zukehren; der Unbekannte, der mich benachrichtigt hatte, war verſchwunden. Ich ſtieg in ziemlicher Entfernung von meiner Wohnung aus dem Wagen, damit man mich nicht zurückkommen höre, und ſchlich mich unbemerkt bis in Pepita's Zimmer. Ach! jener Mann hatte mich nicht belogen... Adhemar machte den Verräther an mir! Er warf ſich mir zu Füßen und bat mich, ihm ſeinen Fehltritt zu verzeihen. Allein mein ganzer Stolz erwachte wieder, das Ueber⸗ maß meiner Liebe ſelbſt bewirkte dieß; beſchimpft, wüthend, wie ich war, erinnerte ich Adhemar an die Bedingungen, die ich ihm geſtellt, als ich ihn hei⸗ rathete. Von jetzt an, ſagte ich zu ihm, bin ich nicht mehr Ihre Frau, Sie ſind ſo viel als nichts mehr für mich. Ich gebe Ihnen Ihre Freiheit zu⸗ rück; wir vollzogen unſere Verbindung in einem frem⸗ den Lande, in Frankreich können Sie ſich wieder für unverheirathet ausgeben. Was mich betrifft, ſo höre ich von dieſem Augenblick an auf, Ihren Namen zu tragen und nehme wieder den meines erſten Mannes an. Trennen wir uns auf der Stelle... gehen Sie, mein Herr, wo nicht, ſo werde ich Ihnen den Platz räumen. „Die Bitten, die Thränen Adhemars waren nicht im Stande, mich zu rühren. Er brach auf, ging aus dem Hauſe und nach einigen Tagen erfuhr ich, daß er Italien verlaſſen habe. Ach! Du kannſt Dir wohl denken, Mathilde, wie ſehr ich litt... wie ſehr ich meinem Herzen Gewalt anthun mußte; er ſchrieb mir nämlich vor ſeiner Abreiſe und gab mir in dieſem Briefe, ohne ſich rechtfertigen zu wollen, zu verſtehen, wie ihn die Buhlerkünſte eines jungen gefallſüchtigen Mädchens in einen Fehltritt hineingezogen hätten, den er nicht vorbedacht gehabt habe. Ehe ich einen Aufenthalt verließ, der mir jetzt unerträglich war, wollte ich wiſſen, was aus Pepita geworden ſei, die an dem Tage der Abreiſe meines Mannes aus dem Hauſe verſchwunden war. Nach viermonatlichen ver⸗ geblichen Nachforſchungen fand ich endlich das junge Mädchen; ſie hielt ſich in einer Strohhütte in der 103 Nähe von Tivoli auf, wo ſie ein einſames, elendes Leben führte... ſie war guter Hoffnung.“ „Guter Hoffnung!“ rief Mathilde, auf Carleſia bedeutungsvolle Blicke heftend.—„Ja, ja; laſſe mich aber fortfahren. Ich ging nun zu dem jungen Mäd⸗ chen, das ſich mir zu Füßen warf und mein Mit⸗ leiden anflehte. Was wollen Sie mit Ihrem Kinde anfangen? ſagte ich zu ihr. Sie ſchlug die Augen nieder und ſtotterte: Ich habe die nöthigen Mittel nicht, es zu ernähren und aufzuziehen. Sofort machte ich ihr den Vorſchlag, ich wolle dieſe Sorge auf mich nehmen, wenn ſie ſich entſchließen könne, es mir zu geben. Die Freude, mit welcher ſie dieſen Vorſchlag aufnahm, bewies mir, daß ihrem Herzen die Süßigkeiten der mütterlichen Liebe etwas ganz Fremdes waren. Ich wartete den Zeitpunkt ihrer Entbindung ab. Sie brachte einen Knaben zur Welt, den ich auf meinen Armen mit mir nahm und nach mir nannte, denn ich konnte es nicht über mich ge⸗ winnen, ihm den Namen ſeines Vaters zu geben. Pepita dagegen ließ ich eine volle Goldbörſe zurück und ſah ſie nicht wieder. Dieſes Weib empörte mich: ſie bezeugte nicht einmal das Verlangen, ihr Kind noch einmal zu umarmen. Einige Zeit nachher ver⸗ ließ ich Italien mit meinem kleinen Karl, dem ich eine gute Amme gegeben hatte; ich begab mich in die Schweiz, wo ich über ein Jahr zubrachte. Ich verhehle Dir nicht, daß ich im Herzen die Hoffnung hegte, mich eines Tages wieder mit meinem Manne zu vereinigen und ihm zu verzeihen. Allein jedesmal, 104 wenn ich mit dieſem Plane umging und im Begriffe war, nach Frankreich zurückzukehren, erhielt ich ano⸗ nyme Briefe, in welchen mir Adhemars Aufführung bis in's Detail geſchildert war; man verſchonte mich mit keiner ſeiner Unbeſonnenheiten, keiner ſeiner Lieb⸗ ſchaften. Die Folge davon war dann das Wieder⸗ erwachen meines Unwillens, meiner Eiferſucht und das gänzliche Aufgeben des Gedankens, mich wieder mit ihm auszuſöhnen. Als ich in Paris ankam, er⸗ fuhr ich, daß er jetzt eine gewiſſe Emmeline zur Geliebten habe und wahrſcheinlich würde man mir auch ſeine Verbindung mit Dir geſchrieben haben, wenn Du mich nicht ſelbſt davon in Kenntniß geſetzt hätteſt. Jetzt weißt Du Alles... Der Sohn Adhe⸗ mars iſt in Saint⸗Maur bei einer braven Bäuerin, die ihn in guter Pflege hat; ich gehe beinahe alle Tage hin, um ihn in meine Arme zu ſchließen; heute hoffte ich endlich, ihm ſeinen Vater wiederzugeben. Als ich vernahm, daß Adhemar unglücklich ſei, mußte ich all' ſein begangenes Unrecht vergeſſen. Ich hatte ſeine Adreſſe aufgefunden... ich ſchrieb ihm, daß Alles vergeben ſei... ich hatte die Abſicht, ihm die ſüßeſte Ueberraſchung dadurch zu bereiten, daß ich ihm ſeinen Sohn in die Arme lege... allein ſieh' hier, was er mir antwortete... jetzt iſt er fort und Niemand weiß, was aus ihm geworden iſt.“ Mathilde nahm den Brief zitternd, den ihr Car⸗ leſia hinbot; nach Leſung deſſelben wandte ſie den Kopf ab und ſenkte die Blicke zur Erde. „Er hält mich für ſchuldig!“ rief Carleſia;„ach! 105 nicht wahr, das indignirt Dich! Allein welchen Grund zur Anklage hat er denn? Wer kann mich denn bei ihm verläumdet haben?— Ich!“ flüſterte Mathilde kaum hörbar!—„Sie?“ Unwillkürlich verließ jetzt Carleſia ihren Platz und trat weg von Mathilde; dieſe fuhr fort, ohne die Augen aufzuſchlagen:„Ich hatte die Entdeckung gemacht, daß Sie insgeheim in Saint⸗Maur ein Kind erziehen ließen; ich hatte gehört, wie dieſes Kind Sie Mutter nannte, und mußte daher auf den Glauben kommen, es ſei in Wahrheit Ihr Sohn. Ich theilte ſofort Adhemar dieſe Entdeckung mit: er wollte mir nicht glauben; ich führte ihn nach Saint⸗ Maur: er ſah, wie Sie den kleinen Karl in Ihren Armen hielten.“ 4 „Ol das iſt abſcheulich!“ ſagte Carleſia, auf einen Seſſel niederſinkend, faſt vernichtet durch die ſo eben vernommene Mittheilung.„Sie wußten allerdings nicht, daß ich die Gattin Adhemars bin, allein war das ein Grund, mir, Ihrer alten Freundin, ſo großes Leid zuzufügen.— Ach! drum liebte ich ihn auch!“ verſetzte Mathilde, ihr Geſicht mit ihren Händen be⸗ deckend. Fünftes Kapitel. Noch einmal derſelbige Herr. Azema war nach Lyon abgereist, glücklich und ruhig in Betreff des Schickſals Adhemars, dem ſie Paul de Kock. XL. 8 106 eine Beſchäftigung bei einem Architekten ausfindig gemacht hatte; allein ein widerwärtiger Zufall wollte, daß jener Herr Angely, bei dem Adhemar arbeitete, gerade der Architekt Herrn Sublimé's war. Als er mit dem Vater der Fräulein Idalia zu⸗ ſammengetroffen war, hatte Adhemar ſogleich ein⸗ geſehen, daß ſeine Lage alsbald in jenen Cirkeln, in welchen er ſich vordem eingefunden hatte, bekannt werden würde; er hatte ſich hierauf, verzweifelnd und ſein Geſchick verwünſchend, das ihm nicht vergönnte, unerkannt in ſeiner neuen Stellung zu leben, nach Hauſe begeben. Er war rathlos, was er jetzt be⸗ ginnen ſolle, denn wenn er auch den Muth hatte, die Laſt der Armuth zu tragen, ſo fühlte er ſich doch nicht der Mann, die hochmüthigen, verächtlichen Blicke von Leuten wie Sublimés ruhig auszuhalten, die das Verdienſt nur nach dem Glücke meſſen. Der Brief Carleſia's traf ihn in dieſer Stimmung; er ſah daraus, daß Herr Sublimé ſogleich aller Welt ausgeplaudert hatte, in welcher Lage er ihn geſehen habe. Die Antwort, die Adhemar auf dieſen Brief gegeben, wiſſen wir. Nachdem er ſeiner Frau 1 geſchrieben hatte, ſtand ſein Entſchluß feſt. Er verließ ſein Hotel, weil er ſeine Schritte nicht wieder verfolgt wiſſen wollte; ſein Plan war gefaßt: er war zu dem Entſchluß gekommen, im Auslande ſich die Mittel zur Exiſtenz zu ſuchen, damit er nicht mehr dem unangenehmen Umſtand ausgeſetzt ſein möchte, irgend einer Perſon ſeiner vormaligen Be⸗ kanntſchaft zu begegnen. 107 Adhemar begab ſich in den Poſthof. Er trat in ein Bureau und forderte einen Platz. „Der Herr wollen nach Bordeaux?“ fragte der Commis. 4 Adhemar wußte nicht, wo er hin wollte; die Hauptſache war für ihn, Paris zu verlaſſen. Er ver⸗ nahm, daß die Diligence nach Bordeaux um ſechs Uhr Abends abgehe; er beſtellte ſeinen Platz, be⸗ zahlte, ließ ſein Felleiſen da und entfernte ſich dann, indem er ſich fragte, was er bis ſechs Uhr Abends anfangen ſolle. Es war erſt zehn Uhr Morgens. Plötzlich fuhr ihm eine Erinnerung durch den Kopf. Er lenkte ſeine Schritte nach dem Faubourg St. Martin, indem er zu ſich ſagte:„Und die arme Pepita! ſeht da, faſt einen Monat ſah ich ſie nicht mehr! Ich kann nicht abreiſen, ohne ihr zuvor Lebe⸗ wohl zu ſagen. Ich habe wenig Geld mehr! Gleich⸗ wohl werde ich es, ſollte es nothwendig ſein, noch⸗ mals mit ihr theilen. Finde ich in Bordeaux keine Stelle... gut, ſo ſchiffe ich mich ein... werde See⸗ mann.. laſſe mich anwerben... ich bin zu Allem bereit.“ Adhemar kam vor Pepita's Wohnung anz er wollte eben hineingehen, als ihn eine Frau am Arme hielt; er wandte ſich um und erkannte Frau Lichor. Die Krankenwärterin ſagte mit einer Art Zer⸗ knirſchung zu ihm:„Wohin wollen Sie denn, mein lieber Herr?— Ihre Kranke beſuchen. Wie befindet ſie ſich jetzt?“ Frau Lichor ſchüttelte den Kopf und murmelte: 108 „Seit vierzehn Tagen iſt ihr Leiden aus, die arme Damel Es iſt vorbei mit ihr!— Iſt ſie todt?— V Ach ja, mein Gott! Und ſie wünſchte vor ihrem Tode noch recht ſehr, Sie zu ſprechen... ſie habe etwas wie ein Geheimniß, ſagte ſie, das ihr auf dem Herzen laſte. Allein, mein lieber Freund, ich wußte nicht, wo ich Sie ſuchen ſollte... Uebrigens ging ihr, Dank ihrer Güte, nichts ab bis an's Ende! Sie iſt ganz ſanft geſtorben.“ Adhemar ſtieß einen Seufzer aus. „Geſtorben! ſo jung! und unter einem fremden Himmel! Welches Geſchick! Arme Pepita! Und keine Seele, ohne Zweifel, die ſie begleitet hätte zu ihrer letzten Ruheſtätte.— Sie verzeihen, ein Herr, der nicht ſehr leutſelig ausſah... und doch ſeine Sachen recht gut machte, folgte der jungen Dame. Es ſcheint, er habe ihr ſogar ein kleines, recht artiges Grabmal auf dem Peère-Lachaise ſetzen laſſen. Das iſt recht ſonderbar und doch beſuchte er ſie während ihrer ganzen Krankheit nie.“ Adhemar fiel dieſer Umſtand auf: er ließ ſich eine Schilderung von dieſem Manne machen und zweifelte dann nicht länger, daß es ſein Unbekannter ſei; hier⸗ auf verließ er, ohne ſich genau Rechenſchaft zu geben, welche Triebfeder ihn in Bewegung ſetzte, raſch die Wärterin und ging in großen Schritten dem öſtlichen Kirchhofe zu. Der Weg war weit und Adhemar ließ bald im Laufe nach, weil er ſich in ſeine Gedanken verlor. Er dachte an Pepita, er fragte ſich, welches Geheim⸗— 109 niß ſie ihm wohl mochte zu vertrauen gehabt haben. 5 Sofort kam ihm auch das Bild ſeines myſteriöſen Unbekannten wieder in den Sinn; er war feſt ent⸗ ſchloſſen, im Fall eines Zuſammentreffens mit dieſem Menſchen ihn zu einer Aufklärung über ſein Be⸗ nehmen zu zwingen. Adheniar kam endlich auf dem Kirchhof an. Der Tag war kalt und trüb. Wenige Perſonen ergingen ſich an dieſem traurigen Orte; allein diejenigen, welche ein wahrer Schmerz hierher führt, treffen hier ſtatt des Geräuſches der Welt lieber Stille und Ein⸗ ſamkeit an. „Wie werde ich hier unter all' dieſen Gräbern das Pepita's herausfinden?“ ſagte Adhemar, indem er um ſich blickte.„Ich habe durchaus kein Erken⸗ nungszeichen. Gleichviel... irgend ein Umſtand kann mich vielleicht leiten... Suchen wir!..“ Ueber zwei Stunden ſchon war Adhemar auf dem Kirchhof hin und wieder gegangen, als er beim Vor⸗ übergehen an einer dichten Baumgruppe einen ein⸗ fachen, mit einem Gitter umgebenen und mit Blumen friſch umpflanzten Grabſtein bemerkte; er trat näher und las auf dem Steine Pepita's Namen. Er ſtand ſtille, kniete nieder, neigte ſein Haupt gegen das Gitter, und ohne daß er es ſelbſt bemerkte, entfloßen Thränen ſeinen Augen. Ein Mann zeigte ſich jetzt auf der andern Seite des Gitters, der Adhemar anfangs mit wildem Blicke betrachtete, deſſen Geſicht jedoch, als er ihn weinen ſah, allmälig einen ſanfteren Ausdruck annahm. —₰— ——OVV— Als Adhemar endlich die Augen erhob, begegnete er dem Blicke des Mannes. Ferne davon, Ueber⸗ raſchung zu erkennen zungeben, als er in ihm ſeinen Unbekannten wieder erkannte, rief er aus:„Hal irgend Etwas ließ mich ahnen, Sie hier zu treffen. — Wirklich?“ verſetzte der Fremde traurig.„Sie hier iſt die Urſache, daß ich Sie nie aus dem Geſichte verlor... Su N es abermals, die uns zuſammen⸗ äher— Mein Herr, ich wollte oftmals mit Ihnen rechen; ich ſuchte Sie, um Sie zu fragen, welchen Beweggrund Sie haben, mir überall auf den Ferſen zu folgen... meine Schritte und Tritte zu belauern ... Sie ſind mir jedes Mal entwiſcht... Heute, da ich Sie hier finde, werden Sie ſich, wie ich hoffe, erklären.— Ja, heute will ich Ihnen Rede ſtehen... Ich würde es früher nie gethan haben, aber jetzt, da ſie todt iſt... iſt Alles vorüber! Die junge Dame, die hier ruht, liebte ich... ich liebte ſie, ehe Sie in unſer Land kamen... denn ich bin unter dem gleichen Himmel mit Pepita geboren; da ich indeß eifer⸗ ſüchtigen und mißtrauiſchen Charakters bin, hatte ich derjenigen, die ich heirathen wollte, noch keine Liebes⸗ erklärung gemacht, als Sie Ihren Aufenthalt in der Nähe Neapels nahmen. Pepita trat in die Dienſte Ihrer Frau, das Weitere brauche ich Ihnen nicht zu ſagen. Sie ſind die Quelle meines Unglücks; ich beſchloß, mich dadurch an Ihnen zu rächen, daß ich eine Ausſöhnung mit Ihrer Frau verhinderte, denn ich wußte wohl, daß Sie dieſelbe noch liebten. Von da an folgte ich insgeheim jedem Ihrer Schritte; ich —“ — — 1t je nach Umſtänden war mir gen... und folgte Ihnen auf Ihren Reiſen, Stand und Kleidung ändernd recht, um zu meinem Zwecke zu zum Leben brauchte ich js ſo oft an Ihre Frau, um ein Vergeſſe von ihr zu erwirken, allein ich ſchrie ſie von all' Ihren Thorheiten, intriguen in Kenntniß zu ſetzen, ich, daß ſie Ihnen verzieh. Se ich gethan... Es war wohl g denn Sie machten mich, der ich Popite— recht unglücklich.“ Adhemar hatte dieſer Erzählun zugehört; als der Italiener ſchwieg, trat 1 zu, reichte ihm die Hand und ſagte:„Wenn ch die Urſache Ihres Unglücks war, ſo haben Sie ſich ſch genug gerächt... allein am Grabe dieſes Frauenzimmers müſſen alle Haß⸗ und Racheged verſtummen... Vergeben Sie mir, wie ich Iynen vergebe... Leben Sie wohl, mein Herr.“ Der Fremde ſchien ergriffen, drückte Adhemar die Hand und als Dieſer ſich zum Weggehen anſchickte, hielt er ihn durch folgende, mit bewegter Stimme geſprochenen Worte auf:„Warten Sie... ich habe Ihnen noch Etwas mitzutheilen... Das, was Sie an Pepita während ihrer Krankheit thaten... die Thrä⸗ nen, die ich Sie ſo eben auf ihrem Grabe vergießen ſah, entwaffneten meinen Haß... Das Geheimniß⸗ das Sie Ihnen noch mittheilen wollte... iſt mir bekannt... es kann Sie wieder zum Glücke führen. uuſa 112 — Hal ſprechen Sie, mein Herr.. ſprechen Sie, ich bitte Sie inſtändig.— Pepita trug eine Frucht ihres Fehltritts unter dem Herzen, als Sie Italien verließen.— Wäre es möglich?— Ja, ne brachte einen Knaben r Welt.— Einen Tadenk. Und r 2 Ihre Frau ſorgte für dun und läßt ihn in Saint⸗Maur unter dem Namen Karl erziehen; es s iſ das Kind, das Sie dieſdar umarmen, lieb⸗ 1... es iſt Adhemar ſtieß einen Freudenſchrei aus. Die Ueber⸗ ng, das Entzücken, in das ihn dieſe Mitthei⸗ lung verſetzte, war ſo groß, daß er einige Augen⸗ im vor freudigem Schrecken daſtand; end⸗ eer auf den Fremden zu, ſchloß ihn in die id ſtotterte geinige unverſtändliche Worte. Hierauf verließ er, ohne etwas weiter zu ſagen, in aaller Eile den Kirchhof, ſtieg in einen Wagen und ließ ſich zu ſeiner Frau führen. Dem Kutſcher ver⸗ ſprach er ein Zehnfrankenſtück, wenn er fahre, daß die Steine Funken ſprühen. Carleſia war noch in dem tiefen Schmerz ver⸗ ſunken, den die Worte Mathildens bei ihr verurſacht hatten. Dieſe hielt ſich, nachdem ſie ihrer Freundin alles Unrecht, das ſie ihr zugefügt, geſtanden hatte, einige Schritte von ihr entfernt, ohne den Muth zu haben, ſie um Verzeihung zu bitten, als ſich plötzlich die Thüre öffnete und Adhemar in's Zimmer trat. Er war bleich, aufgeregt, ſeine Augen waren thrä⸗ 113 nenfeucht; er lief auf Carleſta zu, warf ſich ihr zu Füßen und rief:„Ich weiß jetzt Alles... es iſt mein Sohn, den Sie insgeheim erziehen... Sie geſtatten ihm, Sie ſeine Mutter zu nennen! Und ich wagte Sie zu beargwohnen, anzuklagen! Ach, Sie werden mir nicht mehr verzeihen wollen!“ Statt aller Antwort ſtürzte ſich Carleſia in die Arme ihres Gatten, zog ihn an ihr Herz, und ge⸗ raume Zeit verging, ehe ſie Worte finden konnte⸗ ihm ihre Empfindungen auszudrücken. Mathilde, die Zeugin des Glücks ihrer Freundin, empfand dießmal die lebhafteſte Freude. Nachdem ſie an Carleſia ſo ſehr übel gehandelt, fühlte ſie nun ihr Herz erleichtert, als ſie dieſelbe wieder glücklich ſah. Da ihr jedoch das Verhältniß, das zwiſchen ihr und Adhemar ſtattgefunden hatte, nicht mehr ge⸗ ſtattete, mit dem Gatten ihren Freundin zuſammen zu ſein, ſo nahm Mathilde von Carleſia Abſchied mit dem erneuten Schwure, keine anderen Wünſche mehr als die ihres Glückes im Herzen zu tragen. Carleſia zweifelte an der Aufrichtigkeit ihrer Freundin nicht, nichtsdeſtoweniger nahm ſie mit Vergnügen von ihr Abſchied und lud ſie zu einem Wiederbeſuche nicht ein. Als Mathilde fort war, umarmte Carleſia von Neuem ihren Gatten und ſagte zu ihm:„Künftig ſoll all' meine Sorge auf Ihr Glück gerichtet ſein, denn ich war zu ſtreng gegen einen Fehltritt... für den ſo viele Frauen gefliſſentlich keine Augen haben .. Allein ſo oft ich auf dem Punkte war, Ihnen zu verzeihen, machte ſich ein geheimer Feind eine Freude daraus, mein Herz von Neuem zu zerfleiſchen, indem er mich benachrichtigte, daß ich gänzlich aus dem Ihrigen verbannt ſei.— Er hinterging Dich,“ ſagte Adhemar; ich ſuchte Zerſtreuung, das iſt Alles! Allein ihr Frauen verwechſelt nur gar zu oft die Unbeſtändigkeit mit der Treuloſigkeit.— Ich werde künftig vernünftiger ſein, mein Lieber, und jetzt wollen Sie Ihren Sohn in die Arme ſchließen, der uns von jetzt an nicht mehr verlaſſen wird.“ CEs iſt überflüſſig, zu ſagen, daß von dieſem Tage an der Genius des Glückes wieder einzog in das Haus Abhemars und Carleſia's. Die Welt war na⸗ türlich ſehr erſtaunt, als ſie vernahm, daß Madame Valmiran ſeit lange Madame Marilly ſei. Vierzehn Tage lang wurde unendlich viel darüber geſchwatzt; nach dieſer Zeit hörte man weniger davon und end⸗ lich ſprach man wieder von andern Dingen! Das iſt der Lauf der Welt. Allein Adhemar, der durch ſeine Frau erfahren hatte, welchen Vertheidiger er an Dalbrun gehabt, verſäumte keinen Augenblick, dem jungen Advokaten ſeine Freundſchaft anzutragen und fortan beſtand zwiſchen ihnen eine Verbindung, die nicht mehr bloß eine gewöhnliche geſellſchaft⸗ liche war. Madame Carcaſſonne fuhr fort, ihre Münch⸗ hauſiaden aufzutiſchen, und ihr Mann nach Punſch⸗ gläſern Jagd zu machen; Bourdichon verkleidete ſich wieder in Beſtien, mußte aber damit auf andere Bälle gehen, weil ſeine Frau in ihrem Hauſe keinen — 4 ₰ 115 mehr geben wollte. Die Erinnerung an den letzten war ihr übergenug. Der ſchöne Monſignard blieb unverheirathet, und Fräulein Idalia Sublimé nahm endlich einen Miſtunternehmer zum Manne. Emmeline heirathete Herrn Desmature und wurde zahm. Azema machte wenig Glück auf dem Theater, deſto größeren Erfolg hatte ſie in der Stadt, wo ſie ſehr geſucht war. Trouillade reiste nach Bordeaux, um dort ſeine Frau und ſeinen Sohn abzuholen, konnte aber nur ſeinen Sohn wieder bekommen. Seine Fraun war nach einer Benefizvorſtellung verſchwunden, da ihr der Direktor angekündigt hatte, daß nach gimachtem Abzug ſie ihm noch ſiebzehn Franken ſchulde. Figaro fing hiernach Lycoris wieder zu peitſchen an, um ihm eine gute Stimme zu geben; das Kind ſchrie auch wirklich ſo gut, daß es nach e einem Jahre nicht mehr ſprechen konnte. Seit jenem Gange zum Grabe Pepita's ſah Ad⸗ hemar ſelbigen Herrn nie wieder. OSo⸗ Inhalt des erſten Theils. e Erſtes Kapitel. Zwei Liebende am Rande des Kanals. 5 Zweites Kapitel. Zwei Jäger.— Ein Fetter und ein Magerer............. 26 Drittes Kapitel. Haushaltung eines Künſtlers.— Der Haſe.— Die Wohnung Adhemars.... 37 Viertes Kapitel. Die Familie Sublimé.— Neue Art, in ein Gefährt zu ſteigen Fünftes Kapitel. Der Maskenball.— Bilder aih der Natur.— Das Nachteſſen..... 85 Sechstes Kapitel. ade Damen, die es friert.114* Siebentes Kapitel. Mittel gegen Nervenübel.— Adhe⸗* mar iſt kein Kapitaliſt mehr...... 131 Inhalt des zweiten Theils. Erſtes Kapitel. Fortſetzung des Sparſyſtems... 5 Zweites Kapitel. Ein Wildpreteſſen.— Der ſchöne 3 Monſignard.— Wahr gewordenes Sprichwort 28 Drittes Kapitel. Ein Scherz Herrn Trouillade's.— Zu viel Glück in der Liebe....... 47 Viertes Kapitel. Die Freundin Mathildens... 69 Fünftes Kapitel. Ein Fraulein, welches ſich erklärt.— Geheimniſſe............ 84 Inhalt des dritten Theils. Erſtes Kapitel. Mathilde bei Carleſta Zweites Kapitel. Ein Beſuch in Saint⸗Maur. Drittes Kapitel. Zerwürfniſſe... Viertes Kapitel. Eine eue nii häunna in der e Straße Navarin 2. eunftes Kapitel. Die Ftalienerin.— Neue Entdeckun⸗ gen................ Sechätes Kapitel. Soirée bei. Bourdichon. 4 Siebentes Kapitel. Das Kind.— Der Unbekannte Iuhatt des vierten Theils. Erſtes Kapitel. Aufenthalt in Havre.— Table⸗d'hote Zweites Kapitel, Edelmuthig und arm Drittes Kapitel. Dekonomiſche Diners Viertes Kapitel. Alles klärt ſich auf... Fünftes Kapitel. Noch einmal derſelbige Herr... Seite 5 15 19 35 61 77 91 8 8 4 8 4 ☛᷑—ũ 8 5 —— — * 6— 1 — 4 — 6 . 1 * * 8 * 14„ 4 21— —— 1 mffſſnſſſnnſſſſſſſſſſffiſiſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16