Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet* 2 von Dr. Heinrich Elsner. Neununddreißigſter Theil. ⸗ Stuttgart: Scheible, Nieger& Sattler. 1844. Dritter Theil Stuttgart: Scheible, Nieger Sattler. Paul de Koch. Deutſch bearbeitet Dr. Heinrich Elsner. 2 2 2 2 3 2 2 Erſtes Kapitel. Mathilde bei Carleſia. Man ſchläft ſchlecht, wenn man eiferſüchtig iſt; es iſt dieß eine Leidenſchaft, welche die Nerven an⸗ greift, das Blut in Wallung und den Geiſt beſtändig in Spannung erhält. Man ſollte die Eiferſucht den trägen, phlegmatiſchen und zum Fettwerden geneigten Leuten als Heilmittel verordnen. Aber es iſt merk⸗ würdig, daß derlei Perſonen auch nie die leiſeſte Berührung dieſer Leidenſchaft empfinden. Mathilde hatte die Nacht zugebracht eine Beute der Unruhe, des Argwohns und aller jener Qualen, welche die Eiferſucht im Gefolge führt, ungeachtet ſie bis jetzt noch keinen Grund zu ihren Befürchtungen hatte. Allein die Ungewißheit iſt oft noch peinlicher als die wahre Kenntniß eines Unglücks. Sie konnte es kaum erwarten, zu Carleſia zu gehen, ſie wieder zu ſehen und nach Bequemlichkeit auszufragen; ſie hoffte, wenn ſie ſich allein mit ihrer Freundin fände, würde ſie ihr alle ihre Geheimniſſe anvertrauen und ſie beſonders in alles Das, was ihre Verbindung mit Adhemar betraf, einweihen. 6 Mathilde war zeitig aufgeſtanden und kleidete ſich bereits zum Ausgehen an, obſchon es noch nicht Zeit dazu war. Jeden Augenblick ſchaute ſie nach der Uhr und ſagte:„Noch nicht Mittag! Dieſe Stunde will heute gar nicht kommen.“ Endlich ging ſie noch eine Viertelſtunde vor Mittag fort, nahm ein Gefährt und ließ ſich zu Madame Valmiran führen. Carleſia bewohnte ein Zimmer hinten in einem Hofe eines ſchönen Hauſes der grünen Straße im Faubourg Saint⸗Honoré. Wer dort wohnt, ſehnt ſich augenſcheinlich nach Ruhe und Einſamkeit. Ma⸗ thilde dachte mit Freuden daran, daß dieß nicht das Stadtviertel Adhemars ſei. Frau Valmiran war allein in ihrem Boudoir; ſie hatte ein kleines Käſtchen vor ſich, in welchem ſie Briefe und Papiere zu verwahren pflegte. Als man ihr Mathilde anſagte, verſchloß ſie eilig einen Brief darin, den ſie ſo eben geleſen hatte, und ging dann ihrer Freundin entgegen. Sind dieſe beiden Frauen, welche ſich den Tag vorher die Beweiſe einer ſo wahren und wechſelſeitigen Zuneigung gegeben, wohl immer noch Freundinnen? Man könnte daran zweifeln, wenn man ſie jetzt bei einander ſieht. Das Lächeln Mathildens war erzwungen. In den Blicken, die ſie auf Carleſia heftete, ſprach ſich das Verlangen aus, in der Tiefe ihrer Seele zu leſen, ein Verlangen, das man nicht von ihrem Wohlwollen gegen ſie herleiten konnte; ihre Stimme ſogar hatte einen andern Ton: ſie war trocken, abgebrochen, ſie 7 verrieth eine Bewegung, ein Zittern, das ſich ver⸗ gebens zu verſtecken ſuchte. Carleſia zeigte ſich ruhig, aber kalt in der Art und Weiſe, mit der ſie Mathilde bewillkommte. Es war mehr Verlegenheit, mehr Zwang als Freund⸗ ſchaft, und ſo oft dieſes Gefühl wie ſonſt wieder hervortreten wollte, war es, als ob ſchnell ein Ge⸗ danke dazwiſchen käme, wodurch es gehemmt und ſich zu zeigen verhindert würde. Ein geringer Umſtand reicht hin, dieſe ſüßen, in der Jugend in's Leben getretenen Freundſchaftsgefühle, die man bis an das Ende des Lebens bewahren zu können ſich ſchmeichelt, zu zerſtören. Der Blick eines Mannes bringt oft ſchnell zwei alte Freundinnen in Zerwürfniß. Das Lächeln einer Frau macht zwei Feinde aus Männern, die ſich kaum vorher noch wie Brüder behandelt haben. Allein die Männer verſöhnen ſich zuweilen wieder, während die Frauen einander niemals verzeihen. Dar⸗ aus geht deutlich hervor, daß ihre Eigenliebe dabei in's Spiel kommt. „Da bin ich,“ ſagte Mathilde, ſich ſetzend;„ich hatte Eile, Dich wieder zu ſehen... hätte ich es wagen dürfen, ich wäre bälder gekommen.— Du hätteſt kommen ſollen; wir laſſen ja die Förmlich⸗ keiten beiſeite.— Allein man kann zuweilen Beſuche haben und...— Wen meinſt Du denn, daß ich auf Beſuch haben könnte? Seit beinahe vier Jahren bin ich auf der Reiſe und habe keine... keine wahre Freundin als Dich. Alle meine andern Bekannt⸗ ſchaften, deren ich ſo viele haben ſollte, ſind mir 8 aus dem Gedächtniſſe entſchwunden. Ich habe die Welt nie ſehr geliebt, ich will Niemand bei mir ſehen.— Niemand... als mich?— O, das brauche ich Dir nicht erſt zu ſagen.— Du wohnſt in einem einſamen Viertel... wenigſtens iſt es die Straße... und hinten in einem Hofe. Dein Logis ſcheint mir ſehr hübſch, aber es hat etwas Düſteres.— So ge⸗ fällt es mir gerade!— Sol...“ Mathilde ſtockte; ſie brannte vor Verlangen, ſich auszuſprechen, und wußte doch nicht, wie ſie das, was ſie ſagen wollte, anbringen ſollte. Carleſia ſuchte nicht, ihr darauf zu helfen. „Als Du geſtern Morgen bei mir wareſt, Car⸗ leſia, wollteſt Du mir eben Deinerſeits alle Deine Abenteuer erzählen, Deine Bekümmerniſſe anvertrauen, denn Du haſt, wie ich aus Allem ſchließen kann, ſchwere Leiden gehabt. Ein zu ungelegener Zeit ge⸗ kommener Beſuch hat Dich daran verhindert. Aber jetzt ſind wir allein, wir werden nicht geſtört werden. Du wirſt jetzt reden, und ich höre Dir zu.“ Die Stirne Carleſia's wurde düſter und kummer⸗ voll; ſie wandte ihre Blicke weg und antwortete nach einer ziemlich langen Pauſe:„Ich weiß wirklich nicht, meine liebe Mathilde, warum Du Dir einbildeſt, ich ſolle Dir Geheimniſſe zu vertrauen haben. Ich war lange Zeit auf Reiſen, habe Italien, die Schweiz, die Alpen durchwandert; es ging mir auf dieſen aben⸗ teuerlichen Fahrten wie allen Perſonen, die reiſen... ſchlechte Herbergen, ſchlechte Straßen; gleichwohl habe ich nicht das kleinſte Räuberabenteuer erlebt. Ich b V 9 hatte oft nach Frankreich das Heimweh und war ziemlich lang in Neapel krank. Ich fand in andern Himmelsſtrichen das Glück nicht, nach welchem ich mich ſehnte, und von dem ich in Deiner Nähe ſo oft träumte: einen Mann, der mein Herz verſtanden hätte, der meiner Liebe würdig geweſen wäre... nein, ich fand es nicht! Ich ſehe nun, daß ich allen ſüßen Täuſchungen meiner Jugend Lebewohl ſagen muß, und dieß iſt vielleicht der Grund, warum Du mich ſo traurig und ſo verändert findeſt.“ Während Carleſia alſo ſprach, hatte ſich die Stirne Mathildens ebenfalls umwölkt; ſie antwortete ihr mit vorwurfsvollem Tone:„Geſtern hatten Sie mir ein Geheimniß anzuvertrauen... ja, Sie verſtanden ſich aus freien Stücken dazu... und heute haben Sie mir nichts mehr zu ſagen! Als ich Sie wieder ſah, erzählte ich Ihnen Alles, was mir ſeit unſerer Tren⸗ nung begegnet iſt. Ich habe Ihnen ein aufrichtiges Geſtändniß gethan... mein Vertrauen zu Ihnen war ſo groß, daß ich mich ſelbſt der Furcht entſchlug, vor Ihnen erröthen zu müſſen. Ach! ich hatte Un⸗ recht... ſehr Unrecht, ich ſehe es wohl! denn Sie vergelten mir mein Zutrauen ſehr übel...— Warum dieſe Vorwürfe?" ſagte Carleſia, indem ſie ein weni⸗ ger gezwungenes Weſen anzunehmen ſuchte;„warum wollen Sie durchaus, daß ich Ihnen ein Geheimniß anvertrauen ſoll? Sie haben mir das Geſtändniß Ihrer geheimen Zuneigung zu... einem Andern, als Ihr Gatte iſt, gethan. Dieß Geſtändniß habe ich von Ihnen nicht verlangt, und wenn ich hätte er⸗ 10 rathen können, was Sie mir anvertrauten... ich... doch, Sie dürfen außer Sorge ſein, ich werde Ihr Zutrauen nie mißbrauchen... Ihr Geheimniß wird mit mir ſterben!— Gewiß, ich halte Sie nicht für fähig, die Verrätherin an mir zu machen, nichts⸗ deſtoweniger reut es mich, Ihnen Alles geſagt zu haben. Ach! er hatte wohl Recht, mir zu verbieten, Ihnen von unſerer Liebe etwas zu vertrauen!... aber es war zu ſpät!— Wie? er hätte es Ihnen verboten?— So? Sie wiſſen alſo, von wem ich reden wollte?“ Carleſia wurde noch bleicher, ſie ſtotterte:„Es ſcheint mir... nach dem, was Sie mir geſagt haben .. iſt es gar nicht ſchwer zu errathen...— O ja! für Sie mag dieß durchaus nicht ſchwer ſein... allein wer weiß... auch für mich wird es vielleicht nicht ſchwer ſein, hinter das Geheimniß... hinter das Geheimniß, das man mir verbergen will, zu kommen.“ Mathilde lächelte mit einer kummervollen Miene und ſchwieg eine Weile; bald jedoch, wie wenn ſie nicht mehr die Kraft gehabt hätte, an ſich zu halten, rief ſie:„Nein, jetzt kann ich nicht mehr ſchweigen! ich muß reden, denn es drückt mich nieder, es ſetzt mich in Flammen; ich muß Ihnen alle Qualen, die ich empfinde, alle Beängſtigungen, die ſeit geſtern mein Herz zerreißen, frei bekennen. Carleſia, ſeit geſtern haben Sie ihn geſehen, ſeit geſtern wiſſen Sie, daß ich Adhemar liebe, ſeit dieſer Zeit iſt Ihr Benehmen ein anderes gegen mich. Sie kennen Ad⸗ hemar, o, Sie kennen ihn; Ihre beiderſeitige Unruhe, * 4 11 als ſie ſich wiederſahen, ſeine darauffolgende Trau⸗ rigkeit, ſeine Furcht, ich möchte Ihnen von unſerer Verbindung etwas ſagen, o, es war zu augen⸗ ſcheinlich! Carleſia, warum mir ein Geheimniß aus dem machen, was zwiſchen Ihnen und ihm vorging? Sie haben ihn geliebt, das redet mir Niemand aus! Vielleicht lieben Sie ihn noch, vielleicht liebt er Sie immer! Nun gut! ſo ſagen Sie es mir doch, ſagen Sie es mir, auf daß ich Sie hinfort mit meinem Anblick verſchone, daß ich ihn fliehe, daß ich allein weine... allein, und daß es vor Ihren Augen nicht mehr geſchehe.“ Große Thränen entſtrömten den Augen Mathil⸗ dens, die das Geſicht mit ihrem Taſchentuche be⸗ deckte. Carleſia war bewegt, auch ſie vergoß Thränen und ſuchte ſie vergeblich zurückzuhalten: es war, als ob ein großer Kampf in ihrem Innerſten ſtattfinde. Endlich erwiederte ſie:„Nein, Mathilde, nein! Ihre Befürchtungen ſind ohne Grund, ſeien Sie nicht eifer⸗ ſüchtig auf mich. O, Sie haben ſehr Unrecht, es zu ſein! Herr Adhemar liebt mich nicht, ſeien Sie deſſen verſichert, und ich, o nicht die geringſte Liebe fühle ich für ihn. Noch einmal, Mathilde, glauben Sie mir auf mein Wort, ich werde den, den Sie lieben, nie mehr ſehen, Sie dürfen in Betracht meiner nicht die geringſte Eiferſucht hegen.n Alſo doch! Sie haben ihn gekannt?“ fuhr Mathilde nach einer Weile fort.„In der That, ich erinnere mich, daß er auf Reiſen, daß er in Italien war; ſind Sie vielleicht dort mit ihm zuſammengetroffen?“ 12 Carleſia zögerte einige Augenblicke mit der Ant⸗ wort, dann ſagte ſie nicht ohne Anſtrengung:„Herr Adhemar iſt ein Fremder für mich.— Genug! Sie wollen mir nicht weiter ſagen... ich ſoll nicht weiter in Sie dringen; da Sie mir jedoch die Verſicherung geben, daß meine Eiferſucht ungerecht ſei, ſo will ich Ihnen glauben. Ja, ich will Ihnen glauben, ich würde zu ſehr leiden, wenn ich das Gegentheil denken müßte; ich leide ſchon genug dadurch, daß ich Ihr Zutrauen verloren habe. Sie halten mich deſſen nicht mehr für würdig, da Sie mir ja nicht weiter ſagen, nicht weiter bekennen wollen.. denn daß irgend ein Verhältniß zwiſchen Ihnen Beiden ſtattgefunden hat, iſt mir klar... Sie wollen mir es alſo nicht anvertrauen?“ Carleſia ſchlug die Augen nieder und antwortete nichts. Mathilde ſchwieg, mit einem Blick auf die⸗ jenige, die vor ihr ſaß; man ſah, daß ſie noch hoffte, Madame Valmiran werde ſprechen. Als aber nach mehreren Minuten Carleſia immer noch ſchwieg, ſtand Mathilde plötzlich auf und rief:„Achl ich ſehe wohl, daß alle meine Bitten umſonſt ſind... daß meine Stimme nicht bis in Ihr Herz dringt! Aber auch ich war wohl zu ſtolz! Wie konnte ich, eine ſtrafbare Frau, welche alle ihre Pflichten verletzt, daran denken, daß man in mein Herz ein Geheimniß niederlegen werde, wie wenn ich dieſes Freund⸗ ſchaftzeichens noch würdig wäre! O nein! ich bin nun ein Gegenſtand der Verachtung!— Mathilde! Sie ſind ſehr grauſam!“ flüſterte Carleſta, indem ſie ihr 2 13 8* Tuch an die Augen hielt.„Wenn Sie wüßten... wie ſehr ich... zu beklagen bin!— Sie ſehen ſelbſt, daß Sie etwas haben... ein Geheimniß... ein Geheimniß für mich haben! während ich für Sie keines hatte.“ Carleſia ſuchte ſich wieder zu bezwingen; ſie ant⸗ wortete:„Ich habe keinen andern Kummer, als daß ich bis in dieſe Jahre meines Alters getreten bin... ohne daß ich im Stande geweſen wäre, dieſe Liebe ... die man für Sie fühlt... einzuflößen... denn Sie ſind geliebt... er betet Sie an... er, dem Sie Alles aufgeopfert haben... betet Sie an; ach! mich dünkt, Sie ſollten ſich glücklich fühlen.— Ja, ich werde es ſein, wofern er mich immer liebt... wo⸗ fern ich ſicher ſein kann, daß er keine Andere liebt. Je nun, ich ſehe, Sie haben Ihren feſten Entſchluß gefaßt! ja, Sie haben einen ſehr zurückhaltenden Charakter! ich will Sie nun verlaſſen... ich will wieder nach Hauſe, leben Sie wohl!— Sie wollen ſchon gehen?— Allerdings., Mathilde machte einige Schritte gegen die Thüre, während Carleſia ihr mit auf die Bruſt geſenktem Haupte folgte; in dem Augenblick aber, als ſie aus dem Zimmer gehen wollte, ſtand Mathilde noch ein⸗ mal ſtill, ſah ihre Freundin an und bemerkte, daß ihre Augen in Thränen ſchwammen. Sie trat jetzt wieder auf ſie zu, ergriff zuerſt ihre H d, dann ſtreckte ſie die Arme aus und umarmte ſe nn wieder⸗ holten Malen, indem ſie ſagte:„Du liebſt mich alſo nicht mehr? Du läßt mich gehen, ohne mich zu um⸗ 14 armen?— Doch... doch... ich liebe Dich immer ... ich werde immer Deine Freundin ſein.— O ja, nicht wahr? wir zürnen einander nicht mehr!— Du warſt ja der zürnende Theil!— Je nun, ver⸗ zeihe mir... ich hatte Unrecht... und wir ſagten „Sie“ zu einander? Ach! Carleſia, wie konnten wir 5 ſo weit gehen, Sie zu einander zu ſagen? das wird 4 nicht mehr geſchehen, nicht wahr?— O nein... es 3 darf nicht mehr geſchehen... Du wirſt immer die Nämliche für mich ſein, Mathilde, Du wirſt mir 3 Deine kleinſten Sorgen... Deine Schmerzen anver⸗ trauen... Du wirſt von Demjenigen mit mir reden, den Du liebſt. Du wirſt mir Alles ſagen!— Ja, Du weißt wohl, daß ich kein Geheimniß vor Dir haben kann.— Du wirſft recht oft zu mir kom⸗ men...— Wird Dir dieß nicht zuwider ſein?— Ganz im Gegentheil, es wird mein einziges Ver⸗ gnügen ſein.— Aber Du... wirſt auch Du kommen? — Ich liebe die Geſellſchaft nicht! ich werde Dich manchmal beſuchen, aber Morgens, wenn Du allein biſt, ich habe es lieber ſo.— O ja, Du haſt Recht! man kann dann freier mit einander ſprechen.“ Man ſah, daß dieſe Anordnung Mathilden ganz recht war, denn ſie gewann ihre herrliche Laune wie⸗ der, ſie umarmte Carleſia noch einmal. Ihre Freund⸗ ſchaft war ſtärker als je geworden, als ſie ſah, daß ihre Freundin ſich nicht darnach ſehnte, mit Adhemar zuſammenzukommen. 4 Sie blieb noch eine Stunde bei Madame Val⸗ miran. Die Unterhaltung der beiden Freundinnen 15 war lebhaft und beſeelt; wenn jedoch Mathilde von Adhemar ſprach, ſo ſchwieg Carleſia und beſchränkte ſich auf das Zuhören. Endlich ſagte Mathilde ihrer Freundin Lebewohl, umarmte und verließ ſie mit dem Verſprechen, ſie in wenigen Tagen wieder zu beſuchen, ohne jedoch darauf zu beſtehen, daß auch ſie zu ihr kommen ſolle. Zweites Kapitel. Ein Beſuch in Saint⸗Maur. Als Mathilde weggegangen war, blieb Carleſia ziemlich lang wie verſunken in ihre Betrachtungen; endlich ſtand ſie auf, ſchellte ihrer Kammerfrau, ließ ſich zum Ausgehen ankleiden und befahl dann, daß man ihr einen Wagen beſtellen ſolle. Als der Wagen vor der Thüre war, ließ Carleſia einen reichlichen Vorrath von Kinderſpielſachen und Leckerwaaren, die ſie den Tag vorher gekauft hatte, in denſelben ſchaffen; dann ſtieg ſie ein, ohne auch nur Jemand von ihrer Dienerſchaft mitzunehmen, und befahl dem Kutſcher, ſie nach Saint⸗Maur zu führen. 5 Es war im Monat Juni, in dieſer ſchönen Jah⸗ reszeit, wo die Bäume mit neuem Grün bedeckt ſind, wo die Blumen auf den Wieſen prangen, den Raſen⸗ plätzen einen Schmuck verleihen und die Wälder mit Wohlgerüchen erfüllen. Carleſia ſchien jedoch alle dieſe Schönheiten, welche die ſommerliche Jahreszeit darbot, mit gleichgültigem Auge anzuſehen; immer 16 traurig und nachdenklich in ihrem Wagen ſitzend, fuhr ſie ohne ein Zeichen der Bewunderung an den Alleen des Vincenner Gehölzes vorüber. Neigte ſie von Zeit zu Zeit das Haupt gegen den Kutſchenſchlag vorwärts, ſo geſchah es nur, um zu ſehen, ob der bezeichnete Ort noch nicht erreicht ſei. Als man in Saint⸗Maur war, fragte der Kutſcher, nach welcher Seite zu er fahren ſolle. Carleſia ließ ihn ein Sträßchen einſchlagen, welches ein wenig von der Straße ablenkte, und vor einem recht netten Häuschen halten, welches zwar nicht vornehm genug ausſah, um das Haus eines Bürgers vorzuſtellen, aber doch zu hübſch für die Wohnung eines Land⸗ mannes war. Carleſia ſtieg aus dem Wagen, mit Spielzeug und Zuckerwerk beladen; ſie durchſchritt einen mit Bäumen bepflanzten Hof und trat in einen zu ebener Erde befindlichen Saal. Dort war eine Frau von vierzig Jahren zu ſehen, welche etwa wie eine anſehnliche Pächterin gekleidet war und von deren rundem, rothen und fröhlichen Geſichte Geſundheit und Zufriedenheit ſtrahlte. Dieſe Frau gab einem kleinen Knaben zu eſſen, der dritthalb Jahre alt ſein mochte, äußerſt zart ge⸗ baut und niedlich war, eben ſo feine als ſanfte Züge hatte, und aus deſſen geſuchter Kleidung man abneh⸗ men konnte, daß er nicht das Kind eines Bauern war. Beim Anblick Carleſia's ſtieß der kleine Knabe einen Freudenſchrei aus, ſtreckte ſeine kleinen Aermchen nach ihr und rief:„Mama! Mama! Mama iſt dal“ Die wohlbeleibte Frau ſtand ſchnell auf und machte 17 tiefe Knixe. Carleſia lief zuerſt zu dem Kinde, welches ſie zärtlich umarmte und dem ſie die Spielſachen und das Zuckerwerk mit den Worten gab:„Da, Karl, das iſt alles Dein, aber Du mußt recht brav ſein, Du mußt die gute Frau Mignot nicht allzuſehr er⸗ zürnen; ſie hat Sorgen genug mit Dir und will Dich wie ihr eigenes Kind behandeln.— Ja, ja, ich will recht brav ſein,“ erwiederte der kleine Knabe, beim Anblick der herbeigebrachten Sachen in ein Freudengeſchrei ausbrechend.—„Haſt Du Dich auch bedankt, mein kleiner Engel?“ fragte die Mutter Mignot, indem ſie Carleſia einen Seſſel hinſtellte; „ſetzen Sie ſich doch, Madame, ſehen Sie, man muß die Kinder ſchon bei Zeiten Höflichkeit lehren. Sie haben den Meinigen geſehen! ein Burſche von bald zwölf Jahren, ſo groß wie ſein Vater, vor Ihren Ehren zu melden! Ja, ja, Madame, aus dem kann noch Alles werden, der Schulmeiſter ſagt es ſelbſt, denn kein Hund begegnet ihm, vor Ihren Ehren zu melden, vor dem er nicht den Hut abzöge.— Wie hat ſich Karl ſeit geſtern betragen?... iſt er gerne bei Ihnen 2... iſt er luſtig?... hat er Appetit?— O ja, Madame! Siiſt Alles in der Ordnung! Wir verſtehen uns ganz prächtig miteinander. Seien Sie außer Sorgen; erſtlich bin ich närriſch mit den Kin⸗ dern, ich wünſchte mir ein ganzes Rudel... wir haben jedoch nur eines, meinen Peter. Petrus, wie wir ihn nennen.. daher werden Sie begreifen, daß ich mich mit größtem Bläſir mit Ihrem Kinde abgebe... erſtlich zahlen Sie wie eine Prinzeſſin; Paul de Kock. XXXIX. 2 18 was mich jedoch nicht allein beſticht... ich liebe die Friſchlinge; ich könnte einen ganzen Tag damit zu⸗ bringen, mit meinem lieben Bürſchchen zu ſpielen.— Ich weiß, Frau Mignot, daß Sie eine gute und ehrenwerthe Frau ſind... man ſagte mir dieß auf dem Lande und aus dieſem Grunde vertraute ich Ihnen bei meiner Rückkehr nach Frankreich dieſen Herzensjungen an, den mich wichtige Gründe bei mir zu haben verhindern, den ich aber oft beſuchen werde, ja, recht oft!— So oft Sie nur wollen, Madame! o, das wird mir immer großes Bläſir machen! Ich gehöre nicht zu jenen Ammen, welche das Backwerk ihrer Säuglinge verzehren, ſobald die Eltern fort ſind... Ich bin immer recht froh, wenn ich Sie ſehe.“ Carleſia hatte den kleinen Karl genommenz ſie ſetzte ihn auf ihren Schooß, herzte ihn, ſchaute ihn an, herzte ihn dann von Neuem, indem ſie ganz leiſe mit dem Tone tiefſter Traurigkeit flüſterte: „Armer Kleiner!“ Die junge Frau blieb ziemlich lang bei der Mut⸗ ter Mignot, liebkoste das Kind immer wieder und ließ der Zunge der Pächterin, die äußerſt geſchwätzig war und recht gerne ſich auf Fragen und Antworten einließ, ihren Lauf. Allein die Ankunft eines großen zwölfjährigen Dummkopfs, der Bücher unter dem einen Arm und einen Korb unter dem andern trug, unterbrach das Selbſtgeſpräch der Frau Mignotz ſie lief auf ihren Sohn zu mit dem Rufe:„Sehen's⸗ da iſt Petrus! guten Morgen, mein Dicker; grüße dooch auch die Madame... das iſt Karls Mutter⸗ 19 welche ſo eben auf Beſuch kam.. und Dir dieſes ſchöne Buch und dieß Zuckerwerk gebracht hat.“ Herr Petrus ſtürzte auf das Zuckerwerk zu und ſchob davon ſo viel in's Maul, als es nur faſſen konnte, wobei er bedeutende Merkmale ſeiner Freude zu erkennen gab. „Haſt Du Dich bedankt, mein Alter?— Dank, Madame!— Und dieß hübſche kleine Buch, he? das ſind die Erzählungen der Mutter Gans.— O, die ſchönen Bilder!— Haſt Du dafür der Madame noch nicht gedankt?— Dank, Madame!“ Carleſia, die ſich von dieſer Sündfluth von Dank⸗ bezeugungen überſchwemmt ſah, nahm Abſchied von der Frau Mignot. Nachdem ſie den kleinen Knaben, welchen ſie auf's Neue der Sorgfalt der guten Dorffrau empfahl, noch einmal umarmt hatte, ſtieg ſie wieder in ihren Wagen und fuhr nach Paris zurück, während die Mutter Mignot ſich unter die Thüre ſtellte, um ihr nachzuſehen, und dabei wiederholt zu ihrem Sohne ſagte:„Was ſagſt zu dieſer Dame da? Drittes Kapitel. Zerwürfniſſe. Seit er in der Abendunterhaltung bei Bourdichon mit Madame Valmiran zuſammengetu” ffen, war Ad⸗ hemar gar nicht mehr der Alte. Sein Weſen hatte ſich ganz verändert: ſtatt jener Heiterkeit, ſtatt jener 20 Liebenswürdigkeit, durch die er in der vornehmen Welt geglänzt hatte, zeigte er jetzt Niedergeſchlagen⸗ heit und Melancholie; er ſchien immer einen ge⸗ heimen Gedanken im Vordergrund zu haben, der ihn oft verhinderte, an Dem Theil zu nehmen, was um ihn her vorging, kurz, wenn er lachen wollte, wenn er ſich Mühe gab, glücklich zu ſcheinen, ſo war ſeine Fröhlichkeit keine natürliche und man ſah wohl, daß er ein anderes Gefühl darunter zu verſtecken ſuchte. Gleichwohl fand ſich Adhemar oft in der Ge⸗ ſellſchaft ein: er fehlte bei keiner Unterhaltung im Hauſe des Herrn Bourdichon. Trat er aber in den Salon, ſo ſuchten ſeine Augen Jemand, ſo richteten ſich ſeine Blicke den ganzen Abend lebhaft nach der Thüre, wenn Gäſte eintraten, und ſah er dann ſeine Erwartung immer getäuſcht, ſo malte ſich der Aus⸗ druck von Schwermuth auf ſeinem Geſichte ab. Mathilde, die Adhemar fortwährend beobachtete, verlor weder eine ſeiner Bewegungen, noch einen ſeiner Blicke aus den Augen; unter dem Schein der Heiterkeit ſuchte ſie die Qual, unter der ſie litt, zu verbergen. Sie ſcherzte zuweilen über ſein düſteres oder zerſtreutes Ausſehen, ſprach mit ihm jedoch nie mehr über Carleſia, welche ſeither in den Abend⸗ unterhaltungen nicht mehr zu ſehen war; ſie errieth ſehr gut, daß er ſich mit ihr beſchäftige, daß er ſich nach ihr ſehne, und daß ſeine Traurigkeit in nichts Anderem als in dem Verdruß ſeinen Grund hatte, ſie nicht wieder zu ſehen. Herr Bourdichon, der nicht in dem Falle ſeiner —— — 21 Frau war und keinen Grund hatte, über Madame Valmiran den Schweigſamen zu machen, ſagte ei⸗ nes Abends während der Abendunterhaltung zu Ma⸗ thilde:„Meine Liebe! wird wohl Deine Freundin dieſen Abend kommen?— Ich kann darüber nichts ſagen,“ verſetzte Mathilde kurz abbrechend.—„Sie kommt ſehr ſelten zu unſern Caſino's.— Sie liebt die Geſellſchaft nicht... ſie wird mich morgen be⸗ ſuchen.— Das iſt zu bedauern!“ ſagte Monſignard. „Wie? dieſe hübſche Wittwe liebt die Geſellſchaft nicht?... das iſt ein übler zumſtand, daß ſie uns nur einmal das Vergnügen ihrer Gegenwart ge⸗ währte... ſie ſchießt nur einmal einen Pfeil ab, wie die Seythen.— Ich glaube, Monſignard iſt be⸗ reits in Deine Freundin verſchoſſen,“ fuhr Herr Bour⸗ dichon fort.—„Vielleicht... ich ſage hiezu nicht nein,“ ſagte der ſchöne Mann, ſich auf einem Sopha dehnend. Adhemar warf einen zornigen Blick auf Mon⸗ ſignard, den dieſer jedoch nicht bemerkte; Mathilde allein hatte ihn bemerkt. Die Ankunft der Familie Sublims ſetzte dieſer Unterredung ein Ziel. Die kleine Anwandlung von Aerger wurde bei Fräulein Idalia von dem Verlangen überwogen, ſich mit Adhemar wieder zuſammenzufinden; ſie hatte zuerſt wieder ihre Mutter beſtürmt, zu Frau Bourdichon zu gehen. Mathilde ihrerſeits, die jetzt eine Menge von Sachen im Kopfe hatte, von denen ſie unendlich mehr als Fräulein Idalia in Anſpruch genommen wurde, empfing die Sublimé's mit viel Höflichkeit; 22 ſie ſchien zu wünſchen, die Gegenwart Idalia's möchte den Gedanken Adhemars eine andere Richtung geben. Fräulein Sublimé hatte alsbald ihren Seſſel neben den des jungen Mannes, den ſie heirathen wollte, und der jetzt in der Nähe eines Pianos ſaß, geſetzt. Die Mama geſellte ſich zu mehreren Damen, die im Geſpräch begriffen waren, indem ſie dabei ihrer Tochter ſagen zu wollen ſchien:„Mach', was Du willſt, ich laſſe Dir den Zügel!“ Herr Sublimé beſchaute ſich die Standuhr und zog bereits eine Muſikdoſe aus der Taſche, die er ſchalkhaft auf das Kamin zu ſtellen ſich anſchickte. Endlich taſtete das kleine Wunder, welches man auch mitgenommen hatte, an allen jenen hübſchen Gegen⸗ ſtänden herum, welche die Damen auf ein Bücher⸗ brett zu ſtellen pflegen. Fräulein Idalia, in der Meinung, Herr Bour⸗ dichon habe Adhemar von dem Heirathsplane ihrer Eltern in Kenntniß geſetzt, fing, ſobald ſie neben dem jungen Manne ſaß, ihre Mienen ſachte ſpringen zu laſſen an; als ſie jedoch ſah, daß er ihr keine Aufmerkſamkeit ſchenke, entſchloß ſie ſich, das Geſpräch zuerſt anzuknüpfen. „Es iſt ſchon lange her, daß wir nicht hieher⸗ kamen... wenigſtens drei Wochen... ja, oder ſogar vier... nicht wahr, Herr Adhemar?“ Der junge Mann erwiederte mit einem eiskalten Ernſt:„Ich habe nicht nachgerechnet, Fräulein.— So? hat es Ihnen nicht lang gedäucht?“ Adhemar gab mechaniſch zur Antwort:„Sie ent⸗ V 23 ſchuldigen, Fräulein!— Ach, ich dachte es wohl; und auch mir ſchien dieſe Zeit ſehr lang! Sollten Sie aber Luſt haben, in unſer Haus zu kommen, ſo hindert Sie nichts daran, Sie dürfen verſichert ſein, daß uns Das großes Vergnügen macht... warum ſind Sie nicht gekommen? haben Sie es nicht ge⸗ wagt? aber man muß wagen...— Fräulein... Sie ſind allzugütig... ich will mich jetzt nach einem Platz beim Hazardſpiel umſehen.“ Damit erhob ſich Adhemar und ging auf den Spieltiſch zu, ohne Fräulein Idalia weitere Auf⸗ merkſamkeit zu ſchenken. Dieſe, die das Benehmen des jungen Mannes nicht begreifen konnte, verließ ihren Platz und ſprach leiſe mit ihrer Mutter. Frau Sublimé gab ihrem Gatten ein Zeichen, der ſofort herankam; ſie flüſterte ihm in's linke Ohr, während Idalia das Gleiche in ſein rechtes that. Der von zwei Seiten angeblaſene Dardanus ſtürzte hierauf wie ein Luftballon auf Herrn Bourdichon zu, nahm ihn beiſeit und ſagte:„Mein lieber Herr Bourdichon, haben Sie Herrn Marilly in Betreff der Abſichten meiner Tochter, d. h. in Betreff unſerer Heiraths⸗ abſichten, nicht auf den Puls gefühlt?— Potz! beim Himmel! nein... das kam mir ganz aus dem Kopf!“ verſetzte der dicke Herr;„ich habe ſo viele Ge⸗ ſchäfte auf dem Halſe.— Teufel! das wird Idalia ſehr unlieb ſein... weil... ſie natürlich darauf zählte... könnten Sie dieſen Abend nicht ein Paar Worte mit ihm darüber reden, wie wenn Sie nichts Weiteres beabſichtigen... inzwiſchen würde ich mein 24 großes Glockenſpiel, das ich abſichtlich mitgenommen habe, ſpielen laſſen.— Es iſt mir ganz recht! und auf dieſe Art werden Sie ſogleich erfahren, was er mir zur Antwort geben wird.— Gut... gehen Sie ... ich werde beim Kamin zu finden ſein.“ Damit ließ Herr Sublimé ſeine kleine Muſikdoſe ſpielen, indem er gegen die Damen verſtändigende Zeichen machte. Eine lange Zeit verſtrich, denn Adhemar hatte ſich an's Bouilloteſpiel geſetzt und dieß war nicht der Ort, wo ihm Herr Bourdichon die Abſichten der Familie Sublimé in Betreff ſeiner mittheilen konnte. Endlich verließ Adhemar den Spieltiſch; der Gatte Mathildens nahm ihn beiſeit und nach einer ziemlich kurzen Unterredung mit ihm ging Herr Bourdichon zu Herrn Sublimé und ſagte ganz leiſe zu ihm:„Es iſt geſchehen... Ihr Auftrag iſt ausgerichtet..— Nun, iſt er entzückt?— Er wies Alles auf das Beſtimmteſte ab, indem er für die Ehre, die man ihm zugedacht, verbindlich danke. Er will ſich nicht heirathen.— Wie? was?— Ich habe ihm vergeblich die Vortheile dieſer Verbindung begreiflich gemacht... ich ließ ein Wort von der Mitgift fallen... allein das iſt ein junger Mann, der ſich nichts aus dem Gelde macht... er muß ſehr reich ſein. Kurz und gut, ſein letztes Wort war: ich will mich nicht heirathen.— Nun gut, ich will dieß meiner Frau ſagen, ſobald die Melodie aus⸗ geſpielt ſein wird. Es iſt die:„Sie haben ſtolze Rechte... Kennen Sie dieſelbe?“ Frau und Fräulein Sublimé ſchauten mit Un⸗ 25 geduld auf Dardanus, der, an's Kamin gelehnt, ruhig das Ende des Muſikſtückes abwartete. Endlich als die Muſik zu Ende war, näherte ſich Herr Su⸗ blimé ſeiner Frau und ſagte ihr in's Ohr:„Er will ſich nicht heirathen.“ Frau Sublimé ſtand wie verſteinert da; Idalia dagegen, welche nicht recht gehört zu haben glaubte, ſagte zu ihrem Vater:„Was hat er geantwortet?... Sie ſehen wohl, Papa, daß ich vor Ungeduld berſte. — Er will ſiche nicht heirathen.“ Fräulein Idalia erbleichte, biß ſich bald in die Lippen, bald lachte ſie erzwungen; hierauf, in der Vorausſetzung, daß bei ihrer Lage und bei Adhe⸗ mars Gegenwart ein Nervenzufall ſie nur um ſo intereſſanter machen könne, erhob ſie ſich eiwas von ihrem Sitze, ſtreckte die Arme aus, that einen Schrei, wankte und fiel ſanft auf den Schooß ihrer Mutter; allein Frau Sublimé, die zu einem ſolchen Empfang ihrer Tochter nicht vorbereitet war, oder vielleicht auf keinem ganz feſten Seſſel ſaß, wurde rückwärts durch den Stoß Idalia's auf den Boden des Saales geworfen. Die Mama erhob ein lautes Geſchrei, während ihre Tochter Stoßſeufzer vernehmen ließ. Eine große Bewegung entſtand im Saal: Jeder lief hin, um die Damen aufzuheben. Auch Eudoxius wollte auf das Geſchrei ſeiner Mutter und ſeiner Schweſter, das an ſeine Ohren drang, in ihre Nähe eilen, warf aber bei ſeinem haſtigen Vorwärtslaufen das Bücher⸗ brett Mathildens um, wodurch ein Theil der nied⸗ 26 lichen Gegenſtände, die darauf waren, zerbrochen wurde.. Dieſer Genieſtreich des kleinen Wunders brachte vollends den ganzen Salon in die größte Unordnung. Die Damen wurden endlich aufgehoben; deſſenun⸗ geachtet hielt Idalia ihre Augen hartnäckig geſchloſſen, und ließ ſich, trotz der unerhörten Ohnmacht, nicht an dem Rufe hindern:„Herbei! herbei! tragen Sie mich fort! ich will, daß man mich forttrage!“ Frau Sublimé, deren Kopfputz heim Fall ganz außer Ordnung gekommen war, und die ſich jetzt in einem Spiegel beſah, rief ihrerſeits:„Ja, ja, wir gehen, denn dieſer Sturz hat mich übel zugerichtet. Herr Sublimé, laſſen Sie einen Wagen vorfahren, ich glaube, ich werde mich auch forttragen laſſen müſſen.“ Herr Sublimé ging ſchnell fort, Andern die Sorge überlaſſend, ſeine Frau und ſeine Tochter fortzu⸗ tragen. Einige Herren waren bereits eifrig damit beſchäftigt, Fräulein Idalia bis an den Wagen zu tragen, während Frau Sublimé, als ſie ſah, daß Niemand das Geſchäft, ſie fortzutragen, übernehmen wollte, ſich entſchloß, das kleine Wunder an der Hand, das auf ſeinem Wege noch gelegentlich einige Punſchgläſer umwarf, zu Fuß wegzugehen. Als die Familie Sublimé fort war, ſtellte ſich die Ordnung im Saale allmälig wieder her. Ein wahres Witzfeuerwerk wurde auf den Fall der beiden Damen losgebrannt, und als Jeder wiſſen wollte, was wohl die Ohnmacht des jungen Mädchens her⸗ beigeführt haben könnte, ſagte Mathilde einer Dame 3 27 ganz leiſe die Urſache in's Ohr, die es ganz leiſe einer andern wieder ſagte, ſo daß einen Augenblick darauf die ganze Geſellſchaft wußte: Herr Marilly habe die Hand der Fräulein Idalia ausgeſchlagen. Da dieſes Fräulein reich war, ſo war man mehr als je überzeugt, daß Adhemar auch ſehr reich ſein müſſe. Herr Monſignard biß ſich abermals vor Aerger in die Lippen, während Mathilde Denjenigen, den ſie liebte, mit einer Art Dankbarkeit anſah, und Herr Bourdichon murmelte:„All das wird uns mehr als fünfhundert Francs für neue Porzellanwaaren koſten. Das kleine Wunder ſoll die Peſt holen! Wenn die Eltern ſolche außerordentliche Kinder beſitzen, ſollten ſie ſie billiger Weiſe nie in die Geſellſchaft mitnehmen.“ Den andern Tag nach dieſer Abendunterhaltung kam Mathilde morgens zu Adhemar; ſie hatte ihm Tags zuvor geſagt: auf morgen! und er hatte ihr erwiedert: auf morgen! Es durchbebte ihn aber bei dieſer Zuſammenkunft nicht mehr der Schauer, wie bei dem erſten Rendezvous. Mathilde bemerkte die Kälte Adhemars ſehr wohl: eine Frau täuſcht ſich faſt nie über die Gefühle, die ſie Andern einflößt. Manchmal zwar ſucht ſie ſich ſelbſt etwas Anderes zu überreden, wenn das, was ſie ahnt, ſchmerzlich für ihr Herz iſt, aber dieſe Selbſttäuſchungen verlieren ſich bald wieder. Adhemar war heute noch kälter, noch zerſtreuter als je. Mathilde ſeufzte und ſagte, nachdem ſie ihn lange traurig angeblickt:„Es iſt jetzt doch außer Zweifel, daß Sie mich nicht mehr liehen.“ 28 Der junge Mann betrachtete ſie überraſcht und erwiederte:„Wie kommen Sie zu dieſer Bemerkung? — Es iſt nicht das erſte Mal, daß ich dieß wahr⸗ nehme; ich bemühe mich vergeblich, mich hierin eines Andern zu überreden... ich hatte mir vorgenommen, Ihnen keinen Vorwurf zu machen, denn ich weiß nur zu wohl, daß es umſonſt wäre... und ſogar gegen meinen Willen.. nein! ich will Ihnen keine Vorwürfe machen, ich bedaure nur, daß mein Glück ſo kurz gedauert hat!— Mein Gott! ich ändere mein Betragen gegen Sie nicht... ich weiß nicht, wie Sie auf den Gedanken kommen, ich liebe Sie nicht mehr... ſagen Sie mir es vielleicht darum, weil ich die Hand der Fräulein Sublimé ausſchlug; wäre es Ihnen lieber geweſen, ich hätte ſie gehei⸗ rathet?— Nein, gewiß nicht, es wäre mir nicht lieber geweſen, aber ich weiß nicht, warum es mich bedünken will, Sie haben nicht mir dieß Opfer ge⸗ bracht.— Vor allen Dingen ſage ich Ihnen, daß das kein Opfer iſt, ich will mir kein Verdienſt daraus machen. Ich fand an dieſem Fräulein auch nicht den mindeſten Gefallen.— Ich will das nicht beſtreiten... Sie haben einen beſſern Geſchmack; ich ſage dieß nicht um meinetwillen.— Warum ſagen Sie dieß nicht um Ihretwillen?— Weil Sie mich nicht mehr lieben... ja, jal denn eben jetzt empfingen Sie mich ganz kalt, und wie wenn es nur aus Gewohnheit geſchehe: weder in Ihren Augen, noch in Ihren Ge⸗ ſprächen liegt irgend ein Funken Liebe; Sie ſcheinen vielmehr traurig und durch meine Gegenwart gelang⸗ 29 weilt.— Gelangweilt! das ſagen Sie mir? mir, der ich ſo gerne mit Ihnen plaudere.— Ja, ehe⸗ dem!— Immer!“ Adhemar ſchwieg eine Weile ſtill, dann fuhr er fort:„Und... was macht denn Ihre Freundin, Frau Valmiran... haben Sie ſie ſchon lange nicht mehr geſehen?“ Mathilde wurde roth vor Zorn und verſetzte:„Ich ſah ſie geſtern.— Sol Sie kommen vielleicht... oft zu ihr.— Ja, mein Herr!— Kommt ſie noch in Ihre Abendunterhaltungen?— Nein!— Und ſpricht ſie vielleicht von...“ Adhemar hielt inne, er wagte ſeinen Gedanken nicht auszuſprechen; dann fuhr er fort:„Nicht wahr, Sie haben ihr nichts von unſerem Verhältniß geſagt?“ Mathilde nahm ſchnell ihren Hut und ihren Shawl, ſetzte den erſtern auf und warf den andern um, und rief ſodann mit vor Zorn erſtickter Stimme:„Das iſt zu viel, mein Herr! Sie mißbrauchen meine Ge⸗ duld! Da Sie nur mit Frau Valmiran beſchäftigt ſind, da ich, wenn ich mit Ihnen allein bin, nur immer von ihr ſprechen ſoll, ſo werde ich in Zukunft Beſuche einſtellen, die eine Andere als mich zum Gegenſtand haben. Sie lieben mich nicht mehr! O, ich ſehe das nur zu deutlich! Ich kann Sie nicht zwingen, mit mir von einer Liebe zu ſprechen, die Sie nicht mehr für mich fühlen; allein Sie von einer andern Perſon ſprechen zu hören, kann ich meinestheils eben ſo wenig ertragen. Leben Sie wohl, mein Herr! denken Sie an... meine Freun⸗ 30 din!... ſprechen Sie von ihr ganz nach Belieben, aber nur nicht mehr mit mir!“ Mit dieſen Worten ging Mathilde trotzig von Adhemar fort, der regunslos da ſtand; der Auf bruch der jungen Dame geſchah ſo haſtig, daß er keine Zeit hatte, ſich demſelben zu widerſetzen. Er ver⸗ ſank einen Augenblick ganz in Gedanken, dann ſagte er zu ſich:„Je nun! warum ſollte ich ſie aufgehalten haben? ſie iſt zu anſpruchsvoll... ſie will immer noch Liebe, während ich ihr keine mehr bieten kann .. und das Schlimmſte iſt, daß ich nicht den Muth mehr habe, ſie zu täuſchen. Ach! ſeit ich Carleſia wiederſah, ſind alle andern Bilder in meinem Herzen erloſchen!... es iſt ein Unglück für mich, daß ſie wieder nach Frankreich zurückkam, oder wenigſtens, daß ich mit ihr zuſammentraf... und dabei muß ſie noch die Freundin Mathildens ſein!... Sie kommt nicht mehr zu ihren Abendunterhaltungen... fürchtet ſie wohl, mich dort zu ſehen? ich muß es wohl ver⸗ muthen... meine Anweſenheit iſt ihr alſo wohl un⸗ erträglich? Nun, nun, wenn ich ſie auch nicht mehr im Leben ſehe, ſo habe ich doch ihr Bildniß.“ Adhemar lief an ſeinen Schreibtiſch und nahm das Bild heraus, das er zuvor in ſeiner Wohnung auf dem Boulevard Saint⸗Denis gehabt hatte, das er jedoch ſeit einiger Zeit beſtändig bei ſich trug. Er warf ſich auf einen Seſſel, fing an, dieß Bild, das die Züge Carleſia's getreu wiedergab, zu betrachten, und verſank dann wieder in ſeine Träumereien. Durch heftiges Ziehen der Glocke wurde er daraus 31 aufgeſchreckt; er legte das Bild auf ſeinen Schreib⸗ tiſch, den er zu ſchließen vergaß, lief an die Thüre und ſagte zu ſich:„Das iſt Mathilde wieder!... Arme Frau! ich muß mich wenigſtens ſo anſtellen, als ob ich ſie liebe.“ Die Thüre ging auf, an der Stelle Mathildens aber zeigte ſich vor ihm die niedliche Emmeline, die in's Zimmer trat mit dem Rufe:„So hat man mich doch nicht getäuſcht! ſo iſt es doch wahr? der Herr haben zwei Wohnungen.“ Adhemar war in augenblicklicher Verlegenheit; da ihn jedoch Das, was ihm jetzt begegnete, nicht gerade in Verzweiflung bringen konnte, ſo that er das Vernünftigſte und bot ſeiner neuen Beſucherin lachend einen Sitz an. „Zwei Wohnungen! wie abſcheulich! und warum wohl? das läßt ſich leicht errathen, Sie müſſen in allen Stadtvierteln welche haben.— Setzen Sie ſich doch, Madame.— Nein, ich ſetze mich nicht. Seit Herr Troutllade dieſen Morgen geſagt hat: mein Nachbar ſchläft nicht mehr bei mir im Hauſe, er ſchläft ſehr oft anderswo, er führt ein ſehr unordent⸗ liches Leben...— So! Herr Trouillade hat Ihnen dieß geſagt? Wahrſcheinlich zum Dank für meinen Haſen und für mein Mittageſſen; ich werde ihn zu finden wiſſen.— Ich glaubte, er ſcherze, er wolle mich nur eiferſüchtig machen; ich ſprach dann mit Ihrer Pförtnerin. Anfangs wollte Frau Coquenard nicht mit der Sprache heraus; allein ich nahm ein NVeſſer und drohte, ſie damit zu durchbohren: ſie 32 geſtand mir dann, daß Sie eine Maſſe Gegenſtände, Päcke, Bücher, in ein Haus der Straße Navarin, ſie wußte nicht mehr welches, ſchaffen ließen. Ich wußte genug; ich machte mich ſogleich marſchfertig. Ihre Nummer wußte ich nicht, allein in alle Häuſer auf dieſer Seite der Straße trat ich ein und würde noch in mehrere gelaufen ſein, hätte ich Sie nicht hier gefunden.— Das hätten Sie mir Alles nicht ſtehend ſagen ſollen, meine liebe Freundin; da Sie ſo viele Häuſer durchſucht haben, werden Sie müde ſein.— Ich glaube, der Herr macht ſich noch luſtig über mich. O Sie garſtiges Ungeheuer! wie ſchade, daß ich nicht früher gekommen bin, ich würde dann ohne Zweifel hier den Gegenſtand Ihrer Leidenſchaft gefunden haben, wahrſcheinlich irgend eine Lorette, denn dieß iſt das Lorettenviertel, und es ſind ſogar deren im Hauſe, wie mir der Pförtner geſagt hat. — Nein, meine liebe Emmeline, ich kenne keine Lo⸗ rette, das verſichere ich Sie... ich miethete dieſe Wohnung ganz gelegentlich; ich wollte ein anderes Stadtviertel beziehen... nachdem ich dann nachgedacht und vergeſſen hatte, das andere aufzukündigen... — O, mein Herr, was braucht es dieſe Mährchen? Sie ſollten ſich vorſtellen, daß ich ſolche Dinge nie glauben werde... wenn Sie kein anderes Liebes⸗ verhältniß haben, warum ließen Sie mich dann nicht hieher kommen, warum zeigten Sie mir dann nicht dieſe Wohnung, die viel ſchöner als die andere iſt? Und dieſe Möbel, welche Eleganz! das iſt ja fürſt⸗ lich! Da werden ohne Zweifel nur Herzoginnen em — — 33 pfangen! und die Wohnung auf dem Boulevard Saint⸗Denis... die war gut genug für mich! der Herr lachen noch, das iſt ſchändlich!— Ich lache, weil Sie noch viel hübſcher ſind, wenn Sie der Zorn in Feuer ſetzt.— O, ich verabſcheue Sie!“ Emmeline ſagte dieſe Worte weit weniger auf⸗ gebracht; allein als ihre Blicke, die ſie im ganzen Zimmer umherlaufen ließ, auf den Schreibtiſch fielen, bemerkte ſie das Bild Carleſia's, das Adhemar in denſelben zu verſchließen vergeſſen hatte. Sie ſtürzte auf daſſelbe zu und ergriff es, ehe noch der junge Mann Zeit hatte, ſie davon abzuhalten. Als Emme⸗ line das Bild einer Frau und zwar einer jungen und ſchönen Frau ſah, ſtotterte ſie mit einer vor Aerger halberſtickten Stimme:„Ah, da iſt ja das Bild Ihrer Geliebten!— Emmeline, geben Sie mir dieß Bild wieder!— O! Sie werden mir doch wohl erlauben, es einen Augenblick anzuſehen... ſie iſt ſchön, dieſe Frau... ja, ſie iſt noch ſchöner als ich ... Sie müſſen ihr den Vorzug geben, das iſt na⸗ türlich.— Ich ſchwöre Ihnen, Emmeline, daß dieſe Frau nicht meine Geliebte iſt, ich verſichere es Ihnen mit einem Eide.— Mit einem Eide! o, daran glaube ich nicht mehr... Sie ſind zu flatterhaft... und doch liebte ich Sie ſo ſehr.— Ich ſage Ihnen noch einmal, daß das nicht das Bild meiner Geliebten iſt..— Ihrer Mutter, Ihrer Schweſter, nicht wahr? — Ich beſitze dieſes Bild ſchon lange, ich hatte es, ehe ich Sie noch kannte.— Wenn Sie wollen, daß Paul de Kock. XXXIX. 3 „ 34 ich Ihnen Glauben ſchenke oder daß ich Ihnen ver⸗ zeihe, wohlan, ſo hören Sie, es gibt hiezu nur ein Mittel: Sie werden mir dieſes Bild ſchenken, oder noch beſſer, Sie werden es vor meinen Augen zer⸗ brechen; dann werde ich Ihnen glauben, daß Sie nicht der Geliebte dieſer Frau ſind!— Emmeline... ich kann nicht, will nicht auf Ihre Forderungen ein⸗ gehen... ich wiederhole Ihnen, daß das nicht das Bild meiner Geliebten iſt, das iſt Alles, was ich Ihnen ſagen kann.— Und ich werde nie mehr in meinem Leben zu Ihnen kommen, wenn Sie mich nicht dieß Portrait zerbrechen laſſen.“ Da Emmeline wirklich Miene machte, ihre Dro⸗ hung auszuführen, ſo entwand es Adhemar ſchnell ihren Händen und verſchloß es in ſeinen Schreib⸗ tiſch, ohne ihr Zeit zu laſſen, ſich dagegen zu ſetzen. Emmeline war ganz betroffen. Sie ſchaute Adhe⸗ mar an, der eine kalte und ernſthafte Miene ange⸗ nommen und augenſcheinlich keine Luſt zum Lachen mehr hatte, und ſchoß zornfunkelnde Augen auf ihn; dann lief ſie plötzlich an die Thüre und ging aus dem Zimmer, ohne ein Wort mehr zu ſagen. Adhemar warf ſich wieder auf einen Seſſel, in⸗ dem er zu ſich ſagte:„Nun gut! das ſcheint einmal der Tag der Zerwürfniſſe zu ſein! Es iſt mit der Liebe, wie mit dem Spiel: es gibt Augenblicke, wo man damit auf keinen grünen Zweig kommt.“ 35 Viertes Kapitel. Einè Abendunterhaltung in der Straße Navarin. Vierzehn Tage verfloßen, ohne daß Adhemar ſeine zwei Gebieterinnen wieder geſehen hätte. Er ſehnte ſich zuweilen nach dem artigen Weſen Emmelinens und nach der leidenſchaftlichen Liebe Mathildens; gleichwohl that er keinen Schritt zu einer Wieder⸗ ausſöhnung mit ihnen. Er blieb zu Hauſe, machte ſich Gedanken über die Vergangenheit, Kummer über die Gegenwart, Zweifel über die Zukunft, und em⸗ pfand doch im Innern einen geheimen Aerger, daß er von keiner der zwei Perſonen, mit welchen er ſich entzweit hatte, eine Nachricht erhielt. Nach Ver⸗ fluß von vierzehn Tagen ſagte er zu ſich:„Jetzt denkt Emmeline nicht mehr an mich!... Bei Ma⸗ thilde iſt es vielleicht noch möglich... aber jene dritte Frau? Dieſe ſtößt jede Erinnerung an mich mit Abſcheu von ſich... doch wozu dieſe Sehnſucht nach einem verlorenen Glück! Man muß das Schickſal ſtandhaft tragen, das man ſich ſelbſt bereitet hat... Ich werde mich wieder in die vornehme Welt be⸗ geben... denn meine Entzweiung mit Mathilden kann mir die Thüre Herrn Bourdichons nicht ver⸗ ſchließen... ich werde leicht Carleſia wieder ſehen, dann aber Allem aufbieten, ein Mann zu ſein... es wie ſie zu machen... vergeſſen, daß ich ſie je gekannt habe.“ Da er jedoch jetzt keinen Grund mehr hatte, ſich zwei Wohnungen zu halten und da überdieß ſeine 36 Kaſſe zuſehends ſchmolz und eine Einſchränkung ſeines Haushalts unumgänglich nothwendig war, ſo ent⸗ ſchloß ſich Adhemar, da er es nicht über ſich ge⸗ winnen konnte, ſeine Wohnung in der Straße Na⸗ varin, ob ſie wohl theurer war, zu verlaſſen, der⸗ jenigen auf dem Boulevard Saint⸗Denis den Abſchied zu geben; dabei zählte er jedoch immer darauf, großen Gewinn aus den zwanzigtauſend Franken zu ziehen, die er in den Handel geſteckt hatte. Adhemar begab ſich in ſein altes Logis, ging zu Frau Coquenard und ſagte:„Zwanzig Franken Trink⸗ geld, wenn Sie mir für meine Wohnung vor dem Aufkündigungs⸗Termin einen Miethsmann finden, und nochmals zwanzig Franken, wenn Sie mir Jemand finden, der mein ganzes Zimmergeräthe kaufen würde. — Das macht vierzig Franken,“ rief die Pförtnerin, indem ſie ihre Augen weit wie ein Hofthor aufriß. „Der Herr können verſichert ſein, daß ich mich mit dieſer Sache emſig befaſſen werde.“ Wirklich meldete auch Frau Coquenard Adhemar nach drei Tagen, daß ſie ihm einen Liebhaber ge⸗ funden habe, und noch am nämlichen Abend hatte der junge Mann ſein Zimmergeräthe auf dem Boule⸗ vard mit zwei Drittel Verluſt verkauft, was jedoch für ihn ein Anfang der Haushalteinſchränkung war. Nachdem er dieß Geſchäft abgemacht hatte, blieb Adhemar den Abend zu Hauſe, um die Summe, die ihm noch in der Kaſſe blieb, zu zählen. Mit dem Ertrag des Verkaufs, den er ſo eben abgeſchloſſen, beſaß er im Ganzen zweitauſend Franken, und damit 37 mußte er den zu hoffenden Gewinn abwarten. Der Ton der Glocke weckte Adhemar aus ſeinen Berech⸗ nungen, er ſchaute auf ſeine Uhr: der Zeiger ſtand auf zehn Uhr. Er erwartete Niemand auf Beſuch und fragte ſich, wer wohl ſo ſpät kommen könnte; gleichwohl öffnete er ſchnell. Es war eine ſehr elegant gekleidete Dame, welche einen Ruf der Ueberraſchung vernehmen ließ, als ſie Adhemar erkannte. Adhemar that das Gleiche, denn in der Dame erkannte er ſeine alte Nachbarin, Fräulein Azema. „Wiel Sie ſind's, Herr Adhemar? ach! nicht von ferne dachte ich daran, hier auf Sie zu ſtoßen... wohnen Sie denn bei Madame Polatinskiskoff?— Was nennen Sie mir da für eine Dame?— Nun gut, es iſt Madame Polatinskiskoff, oder wenn Sie lieber wollen, Azurine, eine meiner Freundinnen, die einen ruſſiſchen Namen angenommen hat, ſeit ſie im Süden Reiſen machte; denn ſehen Sie, ein ſolcher Name ſteht Einem gut an, es gibt ein gewiſſes An⸗ ſehen! Iſt denn dieß nicht ihre Wohnung?— Jhree mit nichten! das iſt mein Zimmer, wenn Sie es gütigſt erlauben wollen.— Ei ſo! Sie ſind alſo auch ausgezogen? ſeht da, welcher Zufall! Ich will bei meiner Freundin Azurine, der ich geſtern begeg⸗ nete, zu Nacht ſpeiſen; wir hatten uns wegen einer Boa, die man ihr für mich übergeben und die ſie für ſich behalten hatte, entzweit; allein das iſt jetzt vorbei, die Boa iſt vergeſſen. Geſtern ſagte ſie zu mir: beſuche mich doch auch einmal, ich wohne in⸗ 38 der Straße Navarin, ich habe eine ſehr hübſche Wohnung; iß morgen zu Nacht bei mir, es werden einige Freundinnen, Damen von der Oper, Herren von gutem Kaliber zu mir kommen... Wir machen vor dem Nachteſſen ein Vingt et un... Azurine iſt närriſch mit dem Vingt et un... Ich ſagte dann zu ihr: ich werde kommen, und komme nun wirklich. Ich frage nach Madame Polatinskiskoff, und der Pinſel von Pförtner ſagt mir: im vierten Stock.— Das iſt hier oben.— Was! ſo bin ich wahrſcheinlich zu müde geworden beim Hinaufſteigen, oder wird viel⸗ mehr die Sympathie mir die Hand geführt haben, daß ich an Ihrer Glocke zog. Iſt vielleicht Beſuch bei Ihnen?— Nein, ich bin allein!— In dieſem Fall, däucht mich, könnten Sie mich ein wenig ein⸗ treten laſſen.— Ahl Sie entſchuldigen.“ Adhemar führte Azema ſofort in ſeine Wohnung; ſie unterſuchte Alles und ſagte:„Hat ſich Niemand hier verſteckt?— O, Niemand.. überdieß ſteht es Ihnen frei, ſich ſelbſt davon zu überzeugen.— So? in der That? ich begreife... Der Vorſchlag iſt ein wenig andaluſiſch... eil da fällt mir bei andaluſiſch ein, ich bin mit dem Meinen zerfallen.— So? mit Herrn Bardajos?— Errathen. Er tyranniſirte mich, dieſer kleine Spanier, worauf ich eines Tages zu ihm ſagte:„Mein lieber Freund, Sie halten mich für einen Quiroga, das will mir aber nicht zuſagen ... die Schauſpielerinnen ſind keine Aragonierinnen, kurz, Sie machen mir Langeweile, Adieu! ſchlafen Sie wohl! Damit war's Baſta. O, ich ſehne mich 39 gar nicht nach ihm; vor Allem war er zu klein: ich verlange keinen Rieſen, will aber auch kein Männ⸗ lein unter drei Zoll... ein artiger Wuchs! Und Ihre kleine Dame, die Nervenzufälle bekam, kommt ſie immer noch zu Ihnen?— Nein, damit iſt's auch Baſta.— So! wirklich?... Je nun, ſolche Sachen können keine Ewigkeit dauern... Sie haben jetzt eine andere, verſteht ſich!— Nein, ich habe keine Geliebte mehr.— Eil was ſagen Sie mir dal... und ſeit wann? ſeit heute morgen wahrſcheinlich.— Bereits ſeit drei Wochen.— Drei Wochen? mein Gott! Sie erſchrecken mich... Sie ſind alſo... ach! da wollte ich gerade eine Dummheit ſagen.— Nur herausgeſagt!— Nein... ich will nicht. Wie! Herr Adhemar, Sie ſind ſeit drei Wochen Wittwer... und mir geht es beinahe ebenſo... das iſt luſtig! Ich habe Ihnen ja geſagt, daß die Sympathie mir die Hand an Ihren Glockengriff geführt habe.“ Dabei lächelte Azema ihren alten Nachbar auf eine ſehr zärtliche Weiſe an; derſelbe ſtieß jedoch nur einen ſchweren Seufzer aus. „Was thun Sie denn ganz allein zu Hauſe, Herr Adhemar?— Nichts... ich wollte mich ſo eben ſchlafen legen.— Sie wollen um zehn Uhr ſich ſchlafen legen? O, dann ſind Sie gewiß krank... wie, ſehen Sie mich an... Scherz bei Seite, Sie haben ſich verändert... Sie ſehen traurig aus... Sie haben Kummer.“ Damit verließ Azema raſch ihren Seſſel und ſetzte ſich Adhemar auf den Schooß, indem ſie mit einer 40 ſehr lüſternen Miene zu ihm ſagte:„Soll ich Ihnen einen Rath geben?“ Der junge Mann gab keine Antwort, fing jedoch an zu lächeln. Jetzt ſtand Azema ſchnell auf, machte einen Sprung im Zimmer und rief:„O, welch herr⸗ licher Einfall! Sie gehen mit mir zur Frau Pola⸗ tinskiskoff und eſſen dort zu Nacht. Es wird etwas zu lachen, zu ſpielen geben... wir werden uns gut unterhalten... hel wollen Sie? o, wenn Sie nicht wollten, es wäre recht ſehr unartig von Ihnen.“ Der Vorſchlag, mit den Loretten zu Nacht zu ſpeiſen, hatte für Adhemar Verführeriſches genug, denn ſeine vernünftige Lebensart fing ihn wieder zu langweilen an; er erwiederte:„Zu Ihrer Freundin zu gehen... zu einer Dame, die ich gar nicht kenne, und zu Nacht zu ſpeiſen, ohne eingeladen zu ſein? — O, ſeien Sie mir doch ſtille! glauben Sie, wir machen unter uns Förmlichkeiten? Jede bringt ihren Freund mit, da braucht es nichts weiter... ſo wird man auch Sie für den meinigen halten... oder iſt Ihnen vielleicht das zuwider?“ Statt aller Antwort nahm Adhemar ſeine Hand⸗ ſchuhe und ſeinen Hut und rief:„Nun gut, führen Sie mich zu Frau Poli⸗Potaſſe... ach, ich kann dieſen Namen nicht ausſprechen.— O, Sie ſind recht artig ... gehen wir; kommen Sie.“ Azema iſt bereits auf dem Gange. Adhemar folgt ihr; man ſteigt einen Stock weiter hinauf und kömmt vor der Thüre der Frau Polatinskiskoff an. Eine Art Kammermädchen, Hausjungfer, Köchin, 41 jung und ziemlich hübſch, öffnete lachend die Thüre. Im Eintrittszimmer hörte man von dem Saale her, wo ſich die Geſellſchaft befand, ſchallendes Gelächter, und ein ſehr ſcharfer Punſchgeruch ließ ſchließen, daß die Geſellſchaft ſich bereits zu erfriſchen anfing „Teufel! da ſcheint es gut herzugehen,“ Nie Azema,„da iſt man bereits im Zuge; ich hoffe wenig⸗ ſtens, daß man noch nicht zu Nacht ißt.— Nein, nein, ſie ſpielen Vingt et un... Herr Ribobiche iſt Bankier und behauptet, man betrüge ihn! Ha, ha, ſie geben ihm hinaus.“ Damit fing die Hausjungfer, welche ſehr gut mit der Geſellſchaft zu ſtehen ſchien, laut zu lachen an, während Adhemar ganz leiſe zu ſeiner Dollmetſcherin ſagte:„Wer iſt denn dieſer Herr Ribobiche?— Das iſt der Andaluſier Azurinens, ha ha, ein kleiner, guter, ſehr luſtiger, ſehr gefälliger Mann; man kann mit ihm anfangen, was man will, er kommt nie in Aerger.“ 4 Adhemar trat mit Azema in einen elegant mö⸗ blirten Saal, wo fünf Damen und drei Herren um einen Eßtiſch, über welchen man einen rothen Teppich geworfen hatte, ſaßen. Die Damen alle waren jung. Eine davon war hübſch, zwei ziemlich hübſch, und zwei häßlich; die hübſche war klein, die ziemlich hübſchen mager, die zwei häßlichen dick; alle jedoch zeigten die ausge⸗ laſſenſte Heiterkeit. Von den drei Männern war einer jung, ein hübſcher Knabe mit einem Künſtlerskopf; ein zweiter, etwa ein Dreißiger, hatte den Ausdruck 3 42 der Lebendigkeit und Schlechtigkeit auf ſeinem Geſicht; der dritte endlich, Herr Ribobiche, hatte das Fünfzigſte auf dem Rücken, war ehe rund, ganz friſch, und ſchien der glücklichſte Menſch von der Welt zu ſein. Die Freundin Azema's gehörte zu den mittel⸗ mäßigen Schönheiten; ihr hauptſächlichſter Vorzug beſtand in einem geiſtreichen, liebenswürdigen Weſen und in Manieren, die diejenigen einer Marquiſe recht glücklich nachahmten. Die ganze Geſellſchaft ſpielte Vingt et un und ſchien daran das größte Vergnügen zu finden. Niemand ließ ſich durch die Neuankom⸗ menden ſtören, die Frau des Hauſes ausgenommen, welche aufſtand und Adhemar anmuthig grüßte, wäh⸗ rend Azema zir ihe fagte:„Ich ſtelle Dir hier Herrn Adhemar vor... er fürchtete, unhöflich zu ſein, wenn er uneingeladen käme.— Von Dir vorgeſtellt... darf der Herr nichts fürchten.— Zudem iſt es Dein Nachbar, er wohnt einen Stock unter Dir; ein Grund mehr, wie mir ſcheint, der Förmlichkeiten ſich zu be⸗ geben.— So? das iſt der Herr, der einen Stock unter mir wohnt?— Ja, Madame; allein es iſt wahr, ich hatte nie das Vergnügen, Ihnen zu be⸗ gegnen.— Mein Gott, in Paris geht's nicht anders ... man wohnt oft im nämlichen Hauſe, ohne daß man Jahr aus Jahr ein ſich begegnet.— Azurine, was ſetzeſt Du?“ rief die eine der dicken Damen, welche jetzt Bankhalterin war.—„Immer fünf Sous ... das iſt Regel bei mir.— Ausgenommen, wenn ich Bankier bin,“ ſagte Herr Ribobiche lachend. „Wenn ich geſprengt werde, hat ſie gewiß immer 434 zehn Sous geſetzt.— Soshabe ich ſeit vier Tagen,“ fuhr Azurine, ſich wieder an Adhemar wendend, fort, nauf meinem Boden eine Freundin zur Nachbarin; ſie hat die Wohnung unterhalb der Nonores einge⸗ nommen Nonore iſt die Madame, die auch im Hauſe wohnt. Nun, ſehen Sie, wäre ſie mir heute Morgen nicht zufällig begegnet, ich hätte kein Wort davon erfahren... ſtatt daß ich ſie nun zum Nacht⸗ eſſen einlud. Sie wird nach der Oper kommen, in der ſie nie fehlt.— Iſt ſie vielleicht eine Dame vom Theater?“ fragte Azema.—„Nein... allein ſie liebt das Vergnügen ſehr! Das iſt Eine, die ihr Geld ſpringen läßt.— Wie nennt ſie ſich denn?— Madame Folicourt.— Das iſt ein kriegeriſcher Name. — Ja, es iſt eine ſehr hübſche und, wie mir ſcheint, ſogar vornehme Frau... Ich lernte ſie dieſen Winter auf einem Ball in der Oper kennen; ſie hatte ein bezauberndes Koſtüm. Sie iſt eine Ausländerin... — Von Pontoiſe vielleicht?— Mein Gott, Azema, Dir iſt doch nie recht, wenn man Ausländer iſt... Ich ſage Dir hiemit, daß meine Freundin eine Ita⸗ lienerin iſt. Ueberdieß ſieht man ihr das am Ge⸗ ſichte an.— Mein Gott! meinethalben kann ſie eine Chineſin ſein! Was geht das mich an?— Wenn ſie nur keine Wilde iſt,“ ſagte Herr Ribobiche lachend, „das iſt die Hauptſache!— Ah! bravo! köſtlich!— Spielt der Herr vielleicht auch Vingt et un?— Ich thue Alles, was man will, Madame.— So rücken Sie vielleicht ein wenig zuſammen, daß es zwei Plätze mehr gibt?“ 44 f Azema und Adhemar ſetzten ſich an den Tiſch. Die Dame, die die Bank hielt, erklärte ihnen, daß nicht über fünf Sous geſetzt werden dürfe. Der Herr mit dem Gaunergeſicht, den die Damen Ernſt hießen, rief:„Es iſt viel anziehender, wenn man das Spiel in keine beſtimmte Grenzen bannt.— Herr Ernſt, wenn das Bankhalten an Sie kommt, können Sie einen ſo hohen Satz annehmen, als Sie wollen; was mich betrifft, ſo habe ich keine Luſt, neunzehn Franken zu verlieren, wie letzthin eines Abends, da ich Bankhalterin war.— Nun gut... ſo ſetze ich einen Sou...— Wie, Sie wollen... es iſt mir um ſo lieber!— Weißt Du auch,“ ſagte die Hausfrau, ſich an Azema wendend,„daß ich Trouil⸗ lade begegnet bin, ich lud ihn zum Nachteſſen ein. — Ah!l mein alter Nachbar... auch der Ihrige, Herr Adhemar. Findeſt Du Gefallen an dieſem Menſchen?— Wenn er ſich auf die Romanzen be⸗ ſchränken will, ſingt er nicht übel. So z. B. ſingt er recht gut: eines Tages im Herbſte.— Ich wäre begierig, ihn zu hören.— O, er muß uns ſingen; das wird ihm kein Kreuz ſein.— Ei, meine Damenl! bleiben Sie doch bei Ihrem Spiel.. Azema, willſt Du eine Karte?— Nein, ich paſſe.— Ach! dieſe paßt immer; ſie hat zwei Luchsaugen!... und der Herr?— Ich nehme eine, Madame,“ verſetzte Adhemar, an den dieſe Frage gerichtet war.— Wollen Sie noch mehr?— Ja.— Da haben Sie ein Bild. — Sehr gut.— Mein Gott! wie unglücklich bin ich bei meiner Bank, Niemand verliert! und Du, 45 Nonore?“ Nonore war die kleine hübſche Frau, die auch im Hauſe wohnte; ſie ſaß neben Adhemar und hatte ihm bereits mehrmals leiſe zugerufen: „Schieben Sie mir doch ein Aß zu, oder ein Bild! — Sie betrügen alſo?“ ſagte Adhemar lachend.— „Ja wohl, ſo viel als möglich.— Iſt denn das hier erlaubt?— Ja, den Frauen, aber nicht den Männern. — Ahl ſehr ſchön.— Athenais! bringen Sie doch Punſch her.— Ach ja, Punſch!“ ſagte Herr Ernſt, nein ganzes Punſchmeer! denn je mehr ich trinke, deſto mehr gelüſtet mich zu trinken.“ Athenais(es iſt dieß der Name des Kammer⸗ mädchens) brachte ein mit Punſchgläſern beſetztes Servicebrett herbei und ſagte zu Herrn Ernſt, wäh⸗ rend ſie den Punſch präſentirte:„Ich habe mit Ihnen bei Ihrer erſten Bank Halbpart gemacht.— Schön Dank! ich kenne Dich! ich werde Dich für den Walzer ſparen! Sie macht Halbpart, wenn man gewinnt, und will nichts mehr davon wiſſen, wenn man ver⸗ liert.— Sie ſind wieder allerliebſt feige! Herr Ri⸗ bobiche wird mich gewiß nicht abweiſen.“ Der Fünfziger mit der glücklichen Miene nickte dem Kammermädchen, zum Zeichen des Einverſtänd⸗ niſſes, mit dem Kopfe zu, die ihm daſſelbe auch ſo freundlich als nur möglich erwiederte.* Jetzt ließ ſich der Ton der heftig angezogenen Glocke vernehmen.— „Ei, wer mag auch ſo ſtark läuten!“ rief Athenais, zur Thüre laufend.„Sie werden noch unſern Glocken⸗ zug herunterreißen; das iſt unanſtändig!— Das iſt 46 ohne Zweifel Deine Madame Folicourt,“ ſagte Azema. —„O, ich glaube nicht; die Oper iſt noch nicht zu Ende.“ 4 Aber bereits ließ ſich eine ſehr wohlbekannte Stimme vom Eingangszimmer her vernehmen. Es war Herr Trouillade, der in einem ungeheuren Man⸗ tel von gummirter Leinwand, den er durchaus einen Makintosh nannte, und unter welchem er einen voll⸗ ſtändigen Figaroanzug trug, eintrat, was dem Kam⸗ mermädchen viel zu lachen gab. „Seht einmal, welcher Einfall, verkleidet zu kom⸗ men... ha, ha, ha. Und dieſes Haarbüſchel!— Wie, Athenais, gibt denn Deine Gebieterin keinen Maskenball?“ rief Trouillade, ein tiefes Erſtaunen heuchelnd.—„Ein Maskenball im Monat Julil das wäre ein ſchöner Einfall... was wir da machen, iſt eine Partie Vingt et un.— Man lud mich zu einem Nachteſſen ein... und einem Nachteſſen geht regelmäßig ein Ball voraus... ich weiß nicht, wie ich dazu kam, zu glauben, man müſſe ſich verkleiden... — Sind Sie mit Ihrem Geplauder bald fertig? Damit kommen Sie freilich nie zum Ziel.“ Trouillade ſetzte ſich an den Tiſch zwiſchen No⸗. nore und Azurine. Er zog nach langem Suchen ein Zehnſousſtück aus ſeiner Taſche und verlangte es zu wechſeln. „Teufel! Sie ſetzen ſo viel!“ ſagte Azurine lachend zu ihm.—„Iſt das zu viel?... Ich will davon thun.— Sie können ja kaum dreimal ſetzen.. — Wie hoch ſpielen Sie?“ fragte Azema den Vir⸗ 47 tuoſen.—„Ich ſetze einen halben Sous.— Ha, ha, ha, wir ſpielen nicht um halbe Sous.— Wenn man Spielmarken hat, das iſt viel bequemer.— O, Sie Schöps! meinen Sie, wir ändern unſer Spiel Ihret⸗ wegen.— Punſch! Punſch!“ rief Ernſt,„das wird dem Herren Muth geben, und er wird einen Sous riskiren.— Ja, nur Punſch her!“ ſagte Trouillade, „das iſt mein Lieblingsgetränk, ich mache alle Abend auf meinem Zimmer.— Du wirſt Dich betrinken, Ernſt,“ ſagte der junge Künſtler, ſich den Bart ſtreichelnd.—„Ich? o ich kann nie betrunken werden!“ Trouillade entſchloß ſich, einen Sou auf einmal zu ſetzen, aber man bemerkte, daß er beinahe nie Karten verlangte. Nonore, die neben ihm ſaß, rief: „Er paßt mit zwölf! der wird nie beet werden.— Jeder ſpielt auf ſeine Weiſe,“ ſagte Trouillade,„das iſt erlaubt, das heißt nicht betrügen... ich mache nur den Klugen.— Acht und fünfzehn, wie viel macht das?“ fragte eine der Damen, die immer ſehr lang brauchte, ihre Karten zu zählen.—„Du biſt beet, Juliette,“ ſagte Azurine,„gib dein Geld her.— Sie ſehen,“ ſagte Trouillade,„hätte Ma⸗ dame mit fünfzehn gepaßt, ſie wäre nicht um ihr Geld gekommen.“ Seeiin Klugheitsſyſtem befolgend, hatte Trouillade dreißig Sous gewonnen, als das Bankhalten an ihn kam. „Wenn Sie nicht Bank halten wollen, ſo haben Sie das Recht, die Bank zu verkaufen,“ ſagte Herr Ribobiche zu ihm;„ich biete Ihnen einen Franc dafür.“ 48 Figaro ſann nach, berechnete, und bemerkte, daß drei ſchlechte Banken nachfolgen würden; er zählte daher das, was vor ihm lag, und durch die Hoff⸗ nung auf Gewinn angelockt, rief er endlich:„Ich halte Bank, und parire Alles, was man will.“ Bei dieſer Ankündigung, auf welche man gar nicht gefaßt war, zogen die Männer Geld aus ihrer Taſche; die Damen ſchienen neues Intereſſe an dem Spiel zu bekommen. Azema jedoch ſagte Adhemar ins Ohr:„Er parirt Alles, was man will, und hat einundvierzig Sous vor ſich... das ſcheint mir ſehr bedenklich. Gewinnt er, ſo ſchiebt er Alles in den Sack; verliert er, ſo darf man ſich auf einen Hans⸗ wurſtſtreich gefaßt machen.“ Figaro verlangte zuerſt etwas Punſch; er trank zwei Gläſer ſchnell nacheinander, um ſich in guten Zug zu ſetzen, und fing an, Bank zu halten. Sein Geſicht war während des Kartengebens anfangs ernſt⸗ haft und beinahe grießgrämig; allein die verſchiede⸗ nen Gemüthsaffekte, die ihn erregten, gaben ſeinen Zügen bald eine außerordentliche Beweglichkeit. So oft man zu ihm ſagte:„ich paſſe!“ ſo zogen ſich ſeine Brauen zuſammen, ſeine Stirne in Falten, und er biß ſich in die Lippen; ſo oft er jedoch hörte: vich bin beet!“ erweiterten ſich ſeine Augen, ſe Züge lebten auf, ſeine Stirne wurde ſtrahlend, mit einem bezaubernden Lächeln zog er das G eld des Spielers ein. „Zwölf und neun, wie viel macht das?“ fragte den Bankier die Dame, welche nie dazu kommen 49 konnte, ihr Spiel zuſammenzurechnen.—„Sie haben verloren, bezahlen Sie und werfen Sie Ihre Karten weg,“ rief Trouillade, indem er ſich beeilte, die Karten neu auszugeben.—„Wie, wie? ſie hätte verloren,“ ſagte Nonore.„Macht denn zwölf und neun heut zu Tage nicht mehr einundzwanzig?— Zu ſpät! das Spiel iſt ſchon herum... überdieß hatte die Madame dreizehn und neun... ach, wenn man auf die alten Spiele zurückkommt, ſo verwirre ich mich und komme draus.— Unſer Bankier macht den Robert Macaire allerliebſt,“ ſagte die Lorette zu dem jungen Künſtler. Dieſer ſtrich ſich den Bart und verſetzte mit einer kläglichen Mien„Wenn wollen Sie, daß ich Ihr Portrait malen ſoll?— Sobald Sie es ähnlich machen werden, mein lieber Freund, und wir nicht hier ſind.“ Der Künſtler that, als ob er lachen wolle, er⸗ wiederte jedoch ärgerlich:„Uebrigens ſagte ich dieß nur aus Scherz zu Ihnen, denn ich male nur noch Geſchichte.— Und ich ſitze nicht mehr zu geſchicht⸗ lichen Gemälden,“ verſetzte Nonore, in ein Gelächter ausbrechend.—„An's Spiel doch!“ rief Figaro, der mit Schrecken ſah, daß das Glück ihm den Rücken kehrte, und deſſen Stirne ſich mit immer größeren Schweißtropfen bedeckte, je mehr er bezahlen mußte. Nach zweimaligem Bankhalten war das Geld des Bankiers verſchwunden. Gleichwohl legte er nichts vor ſich heraus und fuhr fort, die Karten auszu⸗ geben mit dem Rufe:„Spielen Sie weiter.. ich parire Alles.“ Paul de Kock. XXXIX. 4 50 Als ſich jedoch Trouillade, deſſen Augen aus dem Kopfe ſpringen wollten, nach einigen Spielen überall hin verſchuldet ſah, ergriff er den Ausweg und ſtieß beim Ausgeben der Karten mit ſeinem Arme an die Glaslampe, die mitten auf dem Tiſche ſtand. Die Lampe fiel um, das Glas zerbrach, das Oel ergoß ſich in Strömen über den Teppich, über die Karten und über das Geld. Die Damen ſprangen vom Tiſche weg, Töne des Schreckens ausſtoßend, indem ſie Oelflecken auf ihr Kleid zu bekommen fürchteten; ebenſo machten es die Männer, während Trouillade aufſtand und einen Zipfel des Teppichs zu ſich herzog, ſo daß alle Spieleinſätze untereinander kamen. „Sie ſind recht ungeſchickt, Herr Trouillade,“ ſagte Azurine, die umgeworfene Lampe betrachtend. —„Ich bin troſtlos, Madame Polatinskiskoff, ich bin confus,“ rief Figaro,„ich begreife nicht, wie das kam.— Ich begreife es ſehr gut,“ ſagte Azema. —„Der Punſch wird mein Geſicht umnebelt haben. — Es iſt nur ein Glas und eine Kugel zerbrochen,“ ſagte Herr Ribobiche;„das Unglück iſt nicht groß.— Aber mein Teppich iſt voll Flecken. Athenais, bringen Sie doch eine Serviette, oder irgend etwas, damit man da auftrocknen kann.“ Allein das Kammermädchen gab bloß von weitem zur Antwort:„Ich kann nicht... ich richte das Nacht⸗ eſſen zu... wenn man mich ſtört, ſo werde ich nicht damit fertig.“ Als Frau Polatinskiskoff ſah, daß ihre Haus⸗ jungfer nicht kommen wollte, entſchloß ſie ſich, ſelber —.,— 51 zu gehen. Bald hatte ſich die Ordnung ſo ziemlich wieder hergeſtellt. „Aber unſere Spieleinſätze,“ ſagte die hübſche Nonore.—„Alles iſt unter einander gerathen, wie ſollen wir ſie wiederfinden?— Ich hatte zum we⸗ nigſten ſechs Franken vor mir liegen.— Und ich hundert Sous.— Und ich, meine Damen,“ ſagte Trouillade,„weiß zwar nicht mehr, wie viel ich hatte, aber ich will Alles verlieren unter der Bedingung, daß man von mir nichts mehr verlangt.— Das iſt nicht übel! er will Alles verlieren und hatte doch nichts.— Sie entſchuldigen! ſo eben wollte ich viel Geld vor mich hinlegen, aber gerade fiel die Lampe um.“ Der Klang der Glocke und die Ankunft der Dame, von welcher Azurine geſagt hatte, ſetzten dieſer Er⸗ örterung ein Ziel. Jeder verzichtete auf ſein Geld zu Gunſten Figaro's, der wieder heiter und äußerſt lebhaft wurde, beſtändig wieder ſeine Triller ſchlug und ſich wie ein Hanswurſt in alle Ecken des Saales poſtirte. Die neue Lorette war eine noch ganz junge Frau, die aber ein bleiches, abgemagertes, erſchöpftes Ge⸗ ſicht und von ihrer urſprünglichen Schönheit nichts mehr erhalten hatte als ſehr große ſchwarze Augen und glänzende, glatte, wie Ebenholz ſchimmernde Haare. Uebrigens hatten ihre Züge mehr Glanz als Feinheit; ſie trugen jedoch einen ausländiſchen Stem⸗ pel, der ſie vielleicht verhinderte, gewöhnlich zu erſcheinen und ihnen einen gewiſſen Reiz gab. Die Kleidung der Madame Folicourt hatte etwas 52 mehr Gefallſüchtiges als Geſchmackvolles, und ihr Auf⸗ zug verrieth auf den erſten Anblick, daß die Beſtand⸗ theile ihrer Toilette nie in gehöriger Ordnung waren. Ihr Sichgehenlaſſen gränzte beinahe an Fahrläßig⸗ keit; der Zipfel ihres Shawls kehrte den Fußboden und beſtändig führte ſie einige Bendel im Schlepp⸗ tau nach ſich. „Sie kommen recht ſpät, meine Schöne!“ ſagte Azurine zu der neuen Wittwe, die ſich auf einen Divan warf, hierauf ihren Hut links und ihren Shawl rechts von ſich ſchleuderte, ohne ſich darum zu kümmern, wohin ſie fallen würden.—„Mein Gott! das iſt meine Schuld nicht... ſo eben erſt iſt die Oper aus! Doch es iſt wahr, ich nahm etwas Gefrornes zu mir...— Und Sie kommen allein? Sie haben Ihren Cavalier nicht mitgebracht?... Aus welchem Grund?— Man hat morgen früh Ge⸗ ſchäfte.. man war etwas unpaß... ich rieth ihm, ſich zur Ruhe zu begeben... und dann iſt er ſo eifer⸗ ſüchtig!... Es verdrießt mich gar nicht, manchmal der Feſſeln ledig zu ſein... es iſt ſo ſelten der Fall! — Macht ſie die Wortkrämerin?“ flüſterte Azema, ſich Nonoren nähernd.„Dieſe Frau iſt mir zuwider... ſie iſt bereits welk..— Und der Ring um ihre Augen! So groß wie ein Teller.“ Auch die Männer unterzogen Madame Folicourt einer Prüfung, behielten aber ihre Gedanken für ſich. Herr Ribobiche ſchien die junge Dame ſehr hübſch zu finden, der Künſtler bedauerte, daß ſie kein italie⸗ niſches Koſtüm anhabe, und Herr Ernſt beſchaute ſie 53 ſich vom Kopfe bis zum Fuß nicht anders, als ob es ſich um eine Waare gehandelt hätte. Adhemar anlangend, ſo war ihm beim erſten Anblick an der Lorette wenig aufgefallen; allein beim Ton ihrer Stimme gerieth er in lebhafte Bewegung, und da er ſie von da an fortwährend mit einer größeren Aufmerkſamkeit in's Auge faßte, ſo ſteigerte ſich dieſe Bewegung immer mehr. „Daß ich Sie nur nicht ſtöre... Sie machten vor⸗ hin irgend ein Spiel!“ ſagte Madame Folicourt.— „Wir ſpielten Vingt et un, damit ſind wir aber jetzt zu Ende; Dank dieſem Herrn, der meine Lampe zer⸗ brochen und Alles befleckt hat. Ich verzeihe ihm zwar, weil er im Figarokoſtüm da iſt; auch hat er uns bei ſeinem Eintritt ſo viel zum Lachen gegeben, daß ich ihm keinen Groll nachtragen kann! Allein wir wollen jetzt an's Nachteſſen.— Ach ja!“ ſagte Trouillade, „und beim Nachteſſen wollen wir ſingen. Ich will ſagen: nach dem Nachteſſen.— Und bei Tiſche wer⸗ den Sie die Lampen gewiß nicht umwerfen,“ ſagte Azema zu Figaro.—„Hm, das war boshaft!— Sind Sie fertig, Bibi?“ Jungfer Athenais trat in den Saal und rief: „Herr Ribobiche! habe ich gewonnen? Wie viel be⸗ trägt mein Antheil an unſerer Bank?— Meine liebe Freundin, das Bankhalten kam nicht wieder an mich! Es traten Unfälle, ſtörende Umſtände dazwiſchen... allein nach dem Nachteſſen, wenn wir wieder ſpielen werden, ſollſt Du meine Aſſocié ſein.“ Die Kammerjungfer machte ein verdrießliches Ge⸗ 54 ſicht und murmelte:„Daß Dich! die Madame ſchiebt Alles in ihren Sack und läßt mir immer das Nach⸗ ſehen! Nicht einmal meinen Lohn erhalte ich!— Ei, meine liebe Freundin!“ ſagte Azurine zu Madame Folicourt,„ich will Dich meinem Nachbar von der untern Etage vorſtellen; da Du ſeit vier Tagen im Hauſe wohnſt, iſt er ja auch der Deinige. Eine mir befreundete Dame hat ihn mitgebracht; ich kannte dieſen Herrn nicht, allein er weiß ſich ſehr gut zu benehmen und Potz tauſend!l wo iſt er denn?“ Azurine ſchaute links und rechts, bemerkte aber von Adhemar, der ſich in einem Augenblick, wo Alles im Geſpräch begriffen war, aus dem Saale wegge⸗ ſtohlen hatte, keine Spur. „Wie!l iſt denn der Herr fortgegangen?“ fragte die Frau des Hauſes Azema. Als dieſe Adhemar nir⸗ gends mehr entdeckte, verſetzte ſie:„Er iſt wahr⸗ ſcheinlich hinunter... das iſt Jedem erlaubt; es kann Einem ja das Bedürfniß ankommen, ſich zu entfer⸗ nen, das pflegt Jedermann ſo zu gehen; allein er wird wieder heraufkommen, er weiß ja, daß wir jetzt zu Nacht ſpeiſen.— Und ich bin der Meinung, wir könnten uns immerhin zu Tiſche ſetzen!“ rief Figaro, einen Luftſprung im Saale machend;„mein Magen ſchreit wie ein Kind von zwei Tagen... Ueberdieß hat Herr Marilly zu viel Artigkeit, als daß er Willens ſein könnte, die Damen hinzuhal⸗ ten.— Herr Marilly!“ rief die junge Fremde, ſo daß man den Eindruck der Ueberraſchung bei ihr nicht verkennen konnte.„Der Herr, der vorhin da 55 war... nennt ſich Marilly?— Allerdings, Adhemar Marilly,“ erwiederte Azema, Madame Folicourt ſcharf fixirend, welche mit verändertem Tone murmelte: „Adhemar Marilly... das iſt er, und kein Ande⸗ rer!— Wie, kein Anderer? Kennen Sie ihn denn?— O jal ich lernte ihn kennen... in Italien... er iſt verheirathet...— Verheirathet!“ rief Azema,„o dann ſehe ich wohl, daß Sie ihn nicht kennen: Herr Adhemar iſt ein lediger Mann... Wir wohnten lange Zeit neben ihm. auf dem Boulevard Saint⸗Denis, nicht wahr, Trouillade? Und da war er nie verhei⸗ rathet.— Ja, ja, er iſt Hageſtolz!“ rief Figaro,„oder führt wenigſtens ein Hageſtolzenleben... allein ich wollte, wir ſpeisten zu Nacht! Was hält Madame Polatinskiskoff davon?“ Die junge Ausländerin, welche nachdenklich ge⸗ worden war, ſagte nach einer Pauſe:„Ich kann mich täuſchen... es iſt vielleicht doch nicht die mir be⸗ kannte Perſon.— Je nun, darüber werden Sie bald in's Klare kommen können, wenn Sie ihn ſehen,“ ſagte Azema, der an dem Verhältniß ſehr viel zu liegen ſchien, das zwiſchen Adhemar und Madame Folicourt ſtattgehabt haben möchte.„Der Nachbar wird bald wieder da ſein... Sie werden dann bei ſeinem Anblick bald ſehen, ob er ein und dieſelbe Perſon mit der iſt, die Sie in Italien kennen ge⸗ lernt haben.— Ei, ei! Haben Sie mich den Tiſch umſonſt decken laſſen?“ rief die am Eingang des Saales ſich zeigende Athenais.„Wenn die Suppe kalt wird, meiner Treu, deſto ſchlimmer! Ich ſtelle — 56 ſie nicht mehr an's Feuer.— Die Suppe iſt aufge⸗ tragen!“ rief Trouillade, Jedermann in den Eßſaal treibend;„die Suppe iſt aufgetragen und man läßt ſie kalt werden! Das iſt ſchmählich, das iſt zum Sich⸗ ſelbſtaufſpeiſen!— So gehen wir denn an's Eſſen,“ ſagte Azurine,„dann kommt der Nachbar vielleicht.“ Jedermann begab ſich jetzt in den Speiſeſaal, wo ein ziemlich elegantes Gedecke hergerichtet worden war. Jeder nahm Platz; zwiſchen Azema und Azurine ließ man jedoch ein Couvert übrig: es war der für Ad⸗ hemar beſtimmte Platz. Trouillade hatte zwei Teller Suppe verſchlungen, bevor noch Jemand mit dem ſeinigen fertig geworden war; er wiederholte ohne Unterlaß:„Ich bin när⸗ riſch mit der Suppe heute Abend... ich könnte die ganze Nacht davon eſſen.. Madame Polatinskiskoff, ich muß Ihnen in Betracht dieſer Suppe meinen voll⸗ kommenen Beifall geben!“ Die junge Fremde ſchien in Gedanken zu ſein, während Azema ungeduldig wurde, als ſie Adhemar nicht wieder kommen ſah. Man hatte Suppe aufge⸗ tragen und ſie an den unbeſetzten Platz geſtellt; als Figaro, der wahrſcheinlich noch mehr davon wünſchte, dieß bemerkte, murmelte er:„Seine Suppe wird kalt werden... das iſt recht ärgerlich!... Ich fange an zu glauben, daß er nicht mehr heraufkommen wird.— O, das iſt nicht möglich!“ ſagte Azema;„Herr Ad⸗ hemar hat zu viel Lebensart, als daß er ſich gegen uns ſo unhöflich benehmen könnte... allein er hat ſich vielleicht etwas unwohl gefühlt... ich will doch —:ꝛ-— 57 hinabgehen, um zu ſehen, was an ihm iſt... denn wenn er krank wäre...— Geh', geh', Azema! und wenn ihm irgend etwas fehlt, wollen wir ihm Thee machen.“ Azema ging weg; unterdeſſen labte ſich die Ge⸗ ſellſchaft am Geflügel und an einer Paſtete. Trouil⸗ lade rief:„Ich bin dieſen Abend ganz närriſch mit der Paſtete; es gibt Perſonen, die behaupten, es ſei eine ſchwere Speiſe, mir dagegen gleitet ſte hinunter wie Zuckerwaſſer. Aber ſeht, da iſt ein Teller mit Suppe, die vergeblich auf einen Herrn wartet... ich bin der unmaßgeblichen Meinung, man könnte ſie verwenden... Madame Polatinskiskoff, Ihre Paſtete iſt köſtlich!“ Zehn Minuten verſtrichen und Azema kam immer noch nicht wieder herauf. „Das iſt auffallend,“ ſagte Azurine,„Niemand kommt wieder! Was iſt wohl aus den Beiden da unten geworden?— Der Herr wird wahrſcheinlich unwohl ſein,“ ſagte die artige Nonore.—„Ich hätte Luſt, auch nachzuſehen,“ fuhr Azurine fort.—„Ich lege Proteſt ein,“ ſagte Herr Ernſt,„ſo könnte die ganze Geſellſchaft verſchwinden! Man brächte die Eſſenszeit damit zu, einander nachzulaufen.— Ich meines Theils würde recht gerne hinabgehen,“ ſagte Figaro, nach einem Teller mit Geflügel greifend,„denn die Sache iſt wirklich außerordentlich... allein Ge⸗ flügel beim Souper iſt mein Leibeſſen... es iſt ſo leicht verdaulich, ſo ſaftig!— Sagen Sie lieber gleich, daß dieſen Abend Alles Ihr Leibeſſen iſt,“ murmelte 58 der Künſtler etwas ärgerlich, als er Figaro ſich eines Stückes bemächtigen ſah, wozu auch er Liebhaber ge⸗ weſen wäre. Endlich zeigte ſich Azema wieder; allein ihr Ge⸗ ſicht glühte, und aus ihren Augen ſprach Zorn und Aerger; ſie war ſo ſehr in Athem, daß ſie kaum ſprechen konnte. „Wie iſt's? Du kommſt allein?“ ſagte Azurine zu ihr;„was iſt denn dem Nachbar?— Was ihm iſt?. Was ihm iſt?.. Ach, ich faſſe es rein nicht! ... In der That, das iſt ſchändlich, das iſt abſcheu⸗ lich... ein Zorn kocht in mir, der mich faſt er⸗ ſticktt!— Nun, nun, beruhige Dich doch und er⸗ zähle!— Ich ging zu Herrn Adhemar hinunter, ich klingle an ſeiner Thüre.. Niemand öffnet; ich reiße faſt die Glocke herunter.. Niemand antwortet; jetzt ſagte ich zu mir: Es muß ihm übel geworden ſein... er hört mich ja nicht. Ich bin untröſtlich und ſteige zu dem Pförtner herunter, um ihn zu fragen, ob er nicht einen Hauptſchlüſſel in ſein Logis habe... kurz, irgend ein Mittel wüßte, die Thüre zu öffnen; ich wußte nicht mehr, wo mir der Kopf ſtand, ich war wie toll. Der Pförtner ſchlief nicht, ich ſagte zu ihm: Herr Adhemar iſt ſehr krank auf ſeinem Zimmer, denn er kann mir nicht öffnen... man wird einen Arzt, einen Schloſſer holen müſſen. Auf dieß fing der Dummrian von Pförtner zu lachen an und ver⸗ ſetzte: So, er iſt krank? Und doch ging er vor einer Viertelſtunde aus und iſt ſeither nicht zurückgekom⸗ men. Sie ſind ein Narr, ſagte ich zu ihm, Herr — zw— —— 59 Adhemar kann nach Mitternacht nicht ausgegangen ſein, um ſo weniger, als wir ihn beim Nachteſſen erwarten.— Ob Sie ihn erwarten, weiß ich nicht, aber zählen Sie darauf, er ging aus, ich ſelbſt habe ihm die Thüre aufgemacht; er weckte mich ſogar, um ihm den Riemen aufzuziehen. Das hat mir ſo eben der Pförtner berichtet; ich kann mich nicht genug wundern!. Ich bin von der Sache ganz ange⸗ griffen; ich komme gar nicht aus ihr!“ Die ganze Geſellſchaft theilte das Erſtaunen Aze⸗ ma's; die junge Fremde allein ſagte nichts und ent⸗ hielt ſich jeder Bemerkung über das Benehmen des Nachbars. „Das nimmt mich ſo ſehr Wunder, daß er aus⸗ gegangen ſein ſoll,“ ſagte Azema,„das iſt höchſt ſonderbar; es muß ihn irgend ein triftiger Grund beſtimmt haben, ſich aus dem Staube zu machen.“ Dabei ſah Azema Madame ßolicourt von der Seite an; dieſelbe ſchien jedoch Dem, was um ſie her ge⸗ ſprochen wurde, keine Aufmerkſamkeit zu ſchenken. „Sei dem nun, wie ihm wolle,“ ſagte Herr Ri⸗ bobiche,„ich ſehe nicht ein, warum das Ausbleiben dieſes Herrn uns an unſerm Eſſen und unſerer Hei⸗ terkeit ſtören ſollte... Ueberdieß hat er möglicher Weiſe ein Geſchäft, er kann immer noch kommen.— Ganz recht,“ ſagte Figaro, Athenais ein Zeichen gebend, ihm den für Adhemar beſtimmten Deller mit Suppe herüberzubieten,„er kann noch kommenz je⸗ denfalls iſt auch ohne ihn das Eſſen der Madame Polatinskiskoff ausgezeichnet.“ 60 Trotz der Bemerkung Herrn Ribobiche's und dem Appetite Figaro's ſchadete das Verſchwinden des Nach⸗ bars der Heiterkeit des Imbißes ſehr: Azema war mißſtimmt, Azurine ärgerlich, die übrigen Loretten verlegen, und die junge Italienerin immer nachdenk⸗ lich und mit etwas Anderem beſchäftigt. Die Geſellſchaft blieb deſſen ungeachtet über eine Stunde bei Tiſche. Allein Adhemar kam nicht wie⸗ der, und als man Figaro nicht zum Singen auffor⸗ derte, trank er ſo entſetzlich, daß er nicht mehr reden konnte und den Namen der Madame Polatinskiskoff auf eine Weiſe ausſprach, welche die Damen faſt zum Erröthen brachte. Endlich dachte Jeder an's Nachhauſegehen: der junge Künſtler nahm die Heim⸗ begleitung der zwei Loretten über ſich; Herr Ribo⸗ ——— biche machte den Geleitsmann der dritten, ſo wie Azema's, die keinen Cavalier mehr hatte. Herrn Ernſt anlangend, ſo unterzog er ſich der Arbeit, Figaro nach Hauſe zu ſchaffen. Als Azema von Madame Polatinskiskoff Abſchied nahm, ſagte ſie ihr in's Ohr:„Das iſt Niemand als Deine vertraute Ausländerin, die Herrn Adhemar zur Flucht veranlaßte... ich wollte darauf wetten! Aber ſie ſoll mir es entgelten, ich werde hinter ihre Schliche kommen.“ Einſtweilen riß Azema, um ihrem Zorne einige Genugthuung zu verſchaffen, den Handgriff von Adhe⸗ mars Glocke herunter, als ſie an ſeiner Thüre vor⸗ überging. 5 61 Fünftes Kapitel. Die Italienerin.— Neue Entdeckungen. Als es Adhemar über allem Zweifel gewiß war, daß Madame Folicourt wirklich die Perſon war, die er in ihr zu erkennen glaubte, dachte er an nichts Anderes mehr als an ſchleunige Flucht, an unge⸗ ſäumte Entfernung, bevor noch die junge Fremde ihn bemerkt haben würde. Als er von Azurine fort war, konnte es ihm nicht einfallen, ſich auf ſein Zimmer zu begeben; er ſchloß mit Recht, Azema, über ſeine Abweſenheit ver⸗ dutzt, werde nach ihm ſehen, nach ſeinem Befinden fragen, und von Jemand getroffen zu werden war gegen ſeine Abſicht; um alle Welt nämlich wäre er nicht wieder zu ſeiner Nachbarin hinaufgegangen. Als ſich Adhemar auf der Straße ſah, lief er auf Gerathewohl fort; wohin der Weg ihn führe, war ihm gleichgüliig. Die Hauptſache für ihn war die Entfernung von dieſem Hauſe, das ihn mit einer Frau zuſammengeführt hatte, die er in ſeinem Leben nie wiederzuſehen hoffte und deren Anweſenheit ihm alle ſeine Leiden wieder vergegenwärtigte. Zum Glück war man mitten im Sommer; das Wetter war ſchön, die Luft milde und warm; bei Nacht ſpazieren zu gehen war eine Luſt. Adhemar lief lange Zeit fort, nicht anders, als ob er beſorgt hätte, die Entfernung zwiſchen ihm und der Perſon, welche die Urſache ſeiner Flucht geweſen war, könnte nicht groß genug werden. 62 Als endlich ſeine Füße gegen einen weiteren Marſch Einſprache thaten, ſchaute er um ſich, ſuchte ſich einen bequemen Ausruheplatz aus und bemerkte jetzt erſt mit Erſtaunen, daß er ſich im freien Felde befand; er hatte nicht bemerkt, daß er Paris verlaſſen hatte. Der Tag fing an heraufzudämmern; er ſetzte ſich unter einen Baum. In kurzer Zeit fühlte er ſich ruhi⸗ ger; die Morgenluft wehte erfriſchend um ſein Haupt; er war jetzt im Stande, über ſeine Lage nachzudenken. „Pepita iſt's, die ich wiederſah,“ ſagte er zu ſi ſich, „Pepita, die Urſache aller meiner Leiden... Sie ver⸗ ließ Italien, iſt in Frankreich, in Paris... welche Veränderung ſeit drei Jahren! Iſt dieß jene einſt ſo hübſche, ſo blühende, ſo reizende und ſo gefallſüchtige Italienerin? Sie iſt noch nicht fünfundzwanzig Jahre alt... und ihre Schönheit, ihre Blüthe, ihre Ju⸗ gendil.. Alles dahin! Als ſie in den Saal trat, war ich nicht im Stande, ſie wieder zu erkennen... nicht im Stande, ſie für Pepita zu halten!... Sie bemerkte mich zwar nicht, aber man wird mitch ver⸗ miſſen... meinen Namen vor ihr genannt haben... und wenn ſie ausgeplaudert hätte, was ſie zu ver⸗ heimlichen ſchwor!... Sie wohnt in ein und dem⸗ ſelben Hauſe mit mir! Wenn das Carleſta zu Ohren käme, müßte ſie dann nicht auf den Glauben kom⸗ men, ich wolle wieder etwas von dieſer Frau... habe mich ihr gefliſſentlich wieder genäherte Achl ich kann unmöglich unter Einem Dache mit Pepita wohnen; noch dieſen Tag werde ich meine Wohnung verlaſſen.“ I d 6³ Adhemar wartete mit Ungeduld, bis es heller Tag war, um ſich wieder auf den Weg zu machen. Er bemerkte einen Bauern, fragte ihn, wo er ſich befinde, und erhielt zur Antwort, daß er auf ſeinem nächtlichen Spaziergang Clignancourt erreicht habe. Er ließ ſich hierauf den Weg nach Paris zurück zeigen, ſetzte ſich wieder in Marſch, und war um halb fünf Uhr wieder vor ſeiner Wohnung in der Straße Navarin. Um dieſe Tageszeit muß man lange läuten, bis einem geöffnet wird; endlich erwachte der Pförtner und ſagte, die Augen reibend:„So, mein Herr, Sie ſind's? Die Damen waren recht in Sorge um Sie... Sie wiſſen, die Lorette im vierten Stock, wir haben gegenwärtig drei im Hauſe... man be⸗ hauptete, Sie liegen bewußtlos in Ihrem Zimmer. Ich hatte gut ſagen: Herr Marilly ging aus, ich habe ihm die Hausthüre aufgemacht! Eine junge, nicht im Hauſe wohnende Dame war da; ob ſie eine Lorette iſt, weiß ich nicht, aber ſie that wie wüthend... ſie wollte durchaus Ihre Thüre erbrechen! Glücklicher Weiſe zeigte ich Feſtigkeit...— Alles gut... allein es handelt ſich nicht mehr um das, ich verlaſſe meine Wohnung... ich ziehe ſogar noch heute aus; ich gehe auf Reiſen, ich verlaſſe Paris.— Wie, mein Herr! Sie ziehen aus und haben nicht aufgekündigt! Der erſte Termin iſt vorüber, Sie können für jetzt nicht ausziehen!— Für Geld kann man Alles. Ich werde dieſen Termin bezahlen, und ſollte es nöthig ſein, auch den zweiten; ſorgen Sie für meine Rechnungen, Sie ziehen ja den Miethzins ein.— Was, der Herr 64 will uns im Ernſte verlaſſen? Und jetzt, da wir drei Loretten im Hauſe haben!— Schreiben Sie mir meine Rechnung und holen Sie mir den Tapezier, von dem ich meine Möbeln habe; ich habe im Sinn, ſie ihm wieder abzutreten.— Den Tapezier? Allein es iſt ja noch nicht fünf Uhr Morgens, mein Herr! Alles liegt noch in tiefem Schlafe in dieſem Viertel... man ſteht in der Chauſſée d'Antin nicht ſo früh auf wie in der Vorſtadt Saint⸗Antoine.“ Adhemar mußte ſeinem Pförtner Recht geben; er entſchloß ſich, in ſeine Wohnung hinaufzugehen, nachdem er ihn erſucht hatte, ihm den Tapezier zu holen, ſobald er aufgeſtanden ſein würde. Adhemar ſah den Griff ſeiner Glocke am Boden liegen; er errieth wohl, daß ihn Azema herunter⸗ geriſſen haben müſſe. Er ſuchte beim Oeffnen ſeiner Thür ſo wenig Geräuſch als möglich zu machen und fing an, ſeine Effekten zu packen. „Wenn ich meine Möbeln forttragen ließe,“ ſagte er zu ſich,„ſo wäre bald kein Geheimniß mehr, wo ich wohne, und doch iſt meine Abſicht, daß Niemand im Hauſe es erfährt.. bin ich ja doch ſelbſt noch hierüber im Ungewiſſen. Allein ich werde einen Wagen nehmen, mein Gepäck hineinſchaffen, und dann— fortfahren, gleichviel wohin, es fehlt in Paris nicht an Wohnungen.“ Adhemar war höchſtens zehn Minuten auf ſeinem Zimmer, als er leiſe an ſeine Thüre pochen hörte. Er dachte, der Pförtner wolle ihm ſeine Rechnung zuſtellen, ehe er den Tapezier hole, dem er ſeine 65 Möbeln zu verkaufen gedachte, und öffnete; allein er wurde bleich und ein Zittern befiel ihn, als er die junge Italienerin vor ſich ſah, die er Tags zuvor wieder erkannt hatte. Dieſe Perſon, die in Paris den Namen Madame Folicourt angenommen hatte, während ihr eigent⸗ licher Pepita war, war in einen großen, weißen, ſehr ſchlecht um ihren Leib befeſtigten Pudermantel gehüllt; eine Haube von kirſchrother Farbe bedeckte ihren Kopf faſt ganz, während die langen Flechten ihrer ſchwarzen Haare unordentlich auf ihren Hals und ihre Schultern fielen. In dieſem einfachen Anzug war die junge Italienerin viel verführeriſcher als Tags zuvor in dem Putze einer eleganten Lorette. Ohne bei dem Eindruck, den ihre Erſcheinung auf Adhemar machte, eine Bewegnng zu erkennen zu geben, trat ſie in's Zimmer, warf ſich auf einen Divan und ſagte:„Ich wußte wohl, daß Sie end⸗ lich kommen würden... Ich hörte Sie vorhin die Thüre öffnen und bin nun hier, weil ich durchaus mit Ihnen zu ſprechen wünſchte. War ich vielleicht die Veranlaſſung Ihrer geſtrigen Flucht, mein Herr? — Ja, Madame,“ verſetzte Adhemar, indem er verſuchte, etwas ruhiger zu erſcheinen.—„Mein Anblick iſt Ihnen alſo zuwider? Es war eine Dame da, die recht ſehr in Aerger gerieth... ſie konnte durchaus nicht glauben, daß Sie ausgegangen ſeien.. ſie ſchoß Blitze mit ihren Augen auf mich... ha, hal — Haben Sie vielleicht erwähnt, daß Sie mich Paul de Kock. XXXIX. 5 66 kennen? Sagten Sie vielleicht, daß...“ Adhemar hielt mitten in ſeinem Satze inne, ſah aber Pepita ſcharf anz dieſe ließ ein bitteres Lächeln um ihre Lippen ſpielen und erwiederte:„Nein, nein, ich ſagte nichts.“ Adhemar ſchien ruhiger und verſetzte:„Ich danke Ihnen... Sie werden ſich an das Verſprechen erin⸗ nern, das Sie mir bei unſerem letzten Zuſammen⸗ treffen gaben.— Ja.. allein ich begreife in der That nicht, zu welchem Zwecke!... denn Sie ſind ja doch verheirathet!— Es iſt ſo gut, als ob ich es nicht mehr wäre, oder vielmehr gar nie geweſen wäre,“ erwiederte Adhemar traurig.—„Und Ihre Frau... was haben Sie mit ihr angefangen? Was iſt aus ihr geworden?“ Adhemar machte eine Bewegung der Ungeduld, lief eine Weile im Zimmer auf und ab, ſetzte ſich dann in ziemlicher Entfernung vom Divan nieder und ſagte:„Laſſen wir dieß Alles unbeſprochen... ich ſage Ihnen nochmals, daß ich überall für einen Junggeſellen gelte... Sie würden mir einen ſchlech⸗ ten Dienſt erweiſen, wollten Sie das Gegentheil ausſagen... Ich brauche Ihnen meine Gründe nicht zu ſagen, Sie kennen ſie genau... und jetzt ſagen Sie mir gefälligſt... was mir das Glück... kurz, was Sie zu mir herführt?— Iſt Ihnen denn mein Beſuch zuwider?— Ja, Madame,“ gab Adhemar mit einem ſtrengen Tone zur Antwort, einem Tone, der zu verſtehen gab, daß alle Buhlerkünſte an ihm verloren ſeien. Die junge Italienerin wechſelte die Farbe, ihre „— — 67 Lippen preßten ſich zuſammen, ihre Augenbrauen zogen ſich in Falten und mit dem Ausdruck des Aergers rief ſie:„Sie dürfen übrigens überzeugt ſein, mein Herr, daß ich Sie nicht aufſuchte und daß mich nicht die Hoffnung nach Frankreich trieb, mit Ihnen wieder zuſammenzutreffen. Sie müſſen wiſſen, daß ich beinahe ſchon achtzehn Monate in Paris wohne. Man findet hier viel Vergnügen; jedoch ſind die Männer ſehr unbeſtändig!... Deſſen ungeachtet wäre ich recht gerne hier, wenn ich nicht ſo oft an meiner Geſundheit litte; die Aerzte be⸗ haupten, die Schuld liege an mir, weil ich zu viele Nächte durchwache und zu viel auf die Bälle gehe! Allein ich höre nicht auf ihre Reden. Das Ver⸗ gnügen iſt mein Götze, und ich glaube, ich würde vor Langeweile ſterben, wenn ich keine Unterhaltung mehr fände! Ich bin keine Freundin von Büchern, vom Lande; die Einſamkeit iſt mir verhaßt... ich muß immer Leute, Lärmen, Anbeter um mich haben... Frauen, die laut auflachen, und Männer, die Com⸗ plimente an mich richten. Sobald es damit zu Ende iſt, ſobald ich allein mit mir ſelbſt bin, werde ich unruhig, traurig; eine Anwandlung von Furcht ſcheint ſich dann bei mir einzuſtellen.“ Pepita vollendete ihre Erzählung mit einem Schmelz der Stimme, welchen ſie beim Beginn derſelben nicht gehabt hatte. Es war eine Frau, welche einzuſehen ſchien, daß ſie über einem, ihr den unvermeidlichen Untergang drohenden Abgrund ſchwebe, die aber nicht die Kraft hat, den Rückzug zu verſuchen. 68 Als ſie zu ſprechen aufgehört hatte, warf Adhe⸗ mar auf die junge Frau einen Blick, in welchem mehr Mitleid als Vorwurf lag, und ſagte in ſanf⸗ terem Tone zu ihr:„Je nun... damit ſagten Sie mir überall noch nicht die Veranlaſſung Ihres jetzigen Beſuches.“ Die junge Italienerin fuhr mit der Hand über die Stirne, warf ihre langen ſchwarzen Flechten zu⸗ rück, wurde wieder lebhaft und munter und verſetzte: „Mein Herr!... ich weiß, daß Sie ſehr dienſtfertig⸗ ſehr edelmüthig ſind... ich warde wirklich durch un⸗ erträgliche Gläubiger in die Enge getrieben... meine Nätherin, meine Modehändlerin, was weiß ich für Leute, laſſen mir keine Ruhe! Nichts langweiliger als dieſe Gläubiger! Ich ſollte Vermögen, beträcht⸗ liches Vermögen haben... wie glücklich würde ich mich dann fühlen!... Aber ich weiß nicht, wie es kommt, in Paris ſind die Männer meiſt ohne großes Vermögen... Ich verſichere Sie, ich wußte nicht mehr, wo mir der Kopf ſtand... als ich aber geſtern Ihren Namen ausſprechen hörte, ſagte ich alsbald zu mir: wenn er es iſt, wird er mir wohl eine Gefälligkeit nicht verſagen; denn wenn ich mein Land verließ, wenn ich ſo viele Thorheiten beging, trägt nicht er die Schuld, iſt nicht er die erſte Urſache davon?— Wohlan, was bedürfen Sie, was wün⸗ ſchen Sie?“ ſagte Adhemar lebhaft.—„Geld und abermals Geld. Glauben Sie mir, mit der Ro⸗ mantik iſt es bei mir zu Ende, ich fange an zu be⸗ greifen, daß die Liebe ohne Geld eine werthloſe⸗ 3 2 69 abgeſchmackte Sache iſt.— Ich glaube, Sie haben die Liebe nie anders kennen gelernt!“ ſagte Adhemar, 3 ſich verächtlich abwendend.—„So? Meinen Sie? Ich könnte Ihnen Manches hierauf erwiedern, allein es würde Sie nur langweilen und mich nicht minder. Ich will Sie lieber bitten, mir fünfzehnhundert Franken zu leihen, damit ich meine Schulden bezah⸗ len kann; Sie ſehen, die Summe iſt unbedeutend.“ Adhemar bedachte ſich keinen Augenblick; er ging an ſeinen Schreibtiſch, nahm die verlangte Summe heraus, und überreich Pepita zwei Bankbillete mit den Worten:„Hier, Madame! nehmen Sie... ich wünſche, dieſes Geld möchte Sie aus der Klemme befreien, in der Sie ſich befinden, und Ihnen die Zerſtreuungen verſchaffen, ohne welche Sie nicht leben können... allein ich bitte Sie, erinnern Sie ſich an Ihr Verſprechen; bringen Sie meinen Namen nie mehr über Ihre Lippen; vergeſſen Sie, daß Sie mich kannten, das iſt Alles, was ich von Ihnen verlange.“ Pepita nahm die Bankbillete, allein ſie ſchaute den jungen Mann auf eine ganz eigene Weiſe an und ſtammelte:„Ich ſoll vergeſſen, daß ich Sie kannte... das iſt Alles, was Sie von mir wün⸗ ſchen... Ich werde mein Möglichſtes thun, Ihnen nicht mehr beſchwerlich zu fallen... da ja meine Beſuche Ihnen ſo unangenehm ſind.“ Die Italienerin erhob ſich, that einige Schritte im Zimmer, ſtand dann ſtill, ſah ſich Adhemar'n ſcharf an, und ſagte:„Sie ſtanden alſo ganz und 70 gar davon ab, mit Ihrer Frau zuſammenzukommen, ſeit ſie entdeckt hat...“ Adhemar ließ Pepita nicht ausreden, er rief voll Ungeduld:„Ich bat Sie, nicht mehr vom Vergange⸗ nen zu ſprechen... Sie ſind die Urſache aller meiner Leiden.. denn ich liebte meine Frau... und liebe ſie noch..— Das iſt die Folge der Trennung!“ ſagte Pepita ſpöttiſch.—„Kurz, ich ſage Ihnen nochmals, ich gelte in den Augen der Welt für un⸗ verheirathet... und werde es für künftig immer bleiben.— Madame war alſo nicht Willens, Ihnen zu vergeben? das ſetzt mich in Erſtaunen, denn... — Aus Barmherzigkeit, Pepita, laſſen wir dieſe Unterhaltung. Sie dürfte gleich peinlich für uns Beide ſein... Ich ſtellte Ihnen die gewünſchte Summe zu.. ich habe Ihnen nichts mehr zu ſagen.— Wie Sie wollen; ich für meinen Theil könnte Ihnen etwas ſagen, allein da es nicht in Ihrem Wunſche liegt... Ach ja, Sie haben Recht, man muß alle dieſe Ge⸗ ſchichten beruhen laſſen. Adio, Signor Ach! unſer Sprüchwort hat Recht: Lontano degli orchi; lontano dal cuore!* Nichtsdeſtoweniger iſt es ſchade!“ Pepita ſah Adhemar'n nochmals an, lächelte ihm zu, beſchaute ſich im Spiegel, wickelte ſich in ihren Pudermantel und ging endlich aus dem Zimmer; doch konnte ſie nicht unterlaſſen, ſich vorher noch mehrmals umzudrehen, um zu ſehen, ob der junge Mann ſie nicht zurückrufen werde. * Aus den Augen, aus dem Sinn. —— 1 -— 1 71 3 Als ſie weg war, ſchien Adhemar wieder freier zu athmen; er unterſuchte die Thüre, ob ſie feſt ver⸗ ſchloſſen ſei, und als er ſich hievon verſichert hatte, ſchritt er wieder an's Einpacken.„Es iſt mir nicht mehr möglich,“ ſagte er zu ſich,„die Geſellſchaft dieſer Frau auch nur halb erträglich zu finden... Wie man ſich doch verändert! Einſt kam ſie mir ſo hübſch vor... und ſie war es in der That. Ich durfte ihr die an mich geſtellte Forderung nicht ver⸗ weigern! Ein großes Glück, wenn ſie mich um dieſen Preis in Ruhe läßt. Zwar ſchmelzen meine Gelder bedeutend... und dieſe Termine ſind auch zu bezah⸗ len... allein glücklicher Weiſe werde ich ſo viel aus meinen Möbeln löſen, daß ich die Zurückkunft jenes Schiffes, die Vortheile, die mir dieſes Unternehmen eintragen muß, ruhig abwarten kann; inzwiſchen werde ich mich einſchränken... ſchon lange iſt ja dieß mein Vorſatz.“ Der Pförtner kam nach einiger Zeit mit ſeiner Rechnung herauf; Adhemar berichtigte ſie und ſagte: „Aber der Tapezier?— Er wird kommen, mein Herr, ich benachrichtigte ihn ſo eben; der Herr ver⸗ laſſen alſo Paris, da Sie Ihre Möbeln verkaufen? — Wahrſcheinlich.— Wie aber dann, wenn Leute zu dem Herrn wollten... jene ſchlanke Dame, die ſich öfters in der Frühe ſehen ließ... einen Schleier auf ihrem Hute hatte... und vor meiner Loge hin und her ging, perrſt! Kaum hatte ich oft Zeit, ſie zu ſehen.— Wollen Leute zu mir, ſo ſagen Sie, ich ſei auf Reiſen, Sie wiſſen nicht wohin.— Ah, e. 72 ſehr gut! Und wenn Briefe an Sie kommen?— Es werden keine kommen. Zudem können Sie ſie ja einſtweilen aufbewahren; nach einiger Zeit will ich wieder vorbeikommen und nachfragen, ob einer da iſt.— Ah, ganz gut!... Der Herr verlaſſen das Haus, gerade jetzt, da wir eine Lorette weiter haben. Ich bin überzeugt, daß Ihre Wohnung nicht lange unbeſetzt bleiben wird. Ei, da kommt Ihr Tapezier, mein Herr.“ Adhemar ſagte zu dem Möbelhändler, die Um⸗ ſtände nöthigen ihn, Paris zu verlaſſen, er wünſche ſein Mobiliar wieder zu verkaufen und wende ſich aus dem Grunde an ihn, weil er ihm Alles geliefert habe und daher beſſer als irgendwer wiſſen müſſe, daß Alles neu, ſchön, gut und nach der Mode ſei. Der Tapezier machte eine Grimaſſe und gab zur Antwort:„Nach der Mode, mein Herr? Es ſind ja bereits ſechs Monate, ſeit ich Ihnen dieſe Gegen⸗ ſtände lieferte.— Je nun! Wird denn die Form der Möbel zu Paris alle ſechs Monate eine andere?— Zuweilen noch bälder, mein Herr; und es iſt wirk⸗ lich erſtaunlich, wie ſchnell die Mode ſeit dieſem Winter gewechſelt hat... Man will keine Seſſel von dieſer Gattung mehr... zu den Schreibtiſchen wird ein anderes Holz genommen... auf den Kaminen hat man jetzt bronzene Kunſtarbeiten, die Bettſtellen haben nicht mehr dieſe Form...— Ich begreife, mein Herr, ich begreife!“ rief Adhemar ungeduldig.„Dieß Alles war trefflich, ganz geſchmackvoll, ganz zeit⸗ gemäß, als Sie es mir verkauften, allein jetzt, da Sie es von mir wieder kaufen ſollen, iſt es häßlich, aus der Mode und keinen Heller werth. So laſſen Sie einmal ſehen, was Sie mir für Alles zuſammen geben wollen.“ Der Gewerbsmann unterſuchte den Zuſtand der Möbeln, der ihm doch ſehr genau bekannt ſein mußte; nach langer, in's Einzelne gehender Beſichtigung ſagte er zu Adhemar:„Mein Herr! um Ihnen einen Ge⸗ fallen zu erweiſen, und weil ich ſchon Geſchäfte mit Ihnen machte, will ich Ihnen für ſämmtliche Gegen⸗ ſtände zweitauſend Franken geben. In einem Zeitpunkt, wie der jetzige, wo die Geſchäfte ſo ſchlecht gehen, iſt es mir unmöglich, Ihnen mehr zu bieten.— Zwei⸗ tauſend Franken!... Ich verliere faſt zwei Drittheile an dieſem vor noch nicht ſechs Monaten abgeſchloſſenen Kaufe.— Ei, mein Herr, im Handel darf man ſich manchmal recht glücklich ſchätzen, nicht mehr als zwei Drittheile zu verlieren.— Ich bekenne Ihnen, mein Herr, daß ich ſehr wenig vom Handel verſtehe!... Gleichviel, ich nehme Ihre zweitauſend Franken an.— Ich will ſie Ihnen herbringen, mein Herr, und dann werde ich die Sachen ſortſchaffen können... Pfört⸗ ner... kann ich die Möbel fortſchaffen?— Ja, ja, das hat keinen Anſtand!“ verſetzte der Beſchließer, „oh, oh! keinen Kreuzer iſt der Herr ſchuldig...“ Adhemar, der bei dieſer Frage des Gewerbs⸗ mannes roth vor Zorn geworden war, faßte ihn beim Arm, drückte ihn heftig und rief:„Für wen halten Sie mich denn, mein Herr? Ihre Frage iſt eine grobe Beleidigung!“ 74 Der Tapezier ſtotterte tauſend Entſchuldigungen; er ſagte, er habe bloß die Ordnung einhalten wollen, und ging fort, um ſein Geld zu holen, indeß Adhemar ſeinen Pförtner nach einem Gefährt ausſandte. „Zweitauſend Franken!... für das, was mich vor einem halben Jahre fünftauſenddreihundert koſtete!“ ſagte Adhemar zu ſich.„Je nun... im Handel geht es nicht anders! Ich will mich nun in's Marais füh⸗ ren laſſen... dort mich nach einem beſcheidenen Logis umſehen, acht bis neunhundert Franken aufwenden, um es zu möbliren; ſind dann ſpäter meine Gelder ausgegeben, ſo werden wir ſehen.“ Inzwiſchen erſchien der Tapezier wieder mit der Summe für die Mobilien. Adhemar ließ die einge⸗ 8* packten Effekten hinunter in den Wagen tragen und wollte eben einſteigen, als der Pförtner ihm einen Brief mit den Worten übergab:„Der trifft Sie noch gerade recht... der Briefträger iſt wieder fort... er koſtet drei Sous... ich würde ihn aufgehoben haben, aber er iſt preſſant... und ſollten Sie auch nur ſechs Monate auf Reiſen ſein...“ Adhemar nahm den Brief z er erkannte die Hand⸗ ſchrift Herrn Bourdichons. Er ging bei Seite, ge⸗ ſpannt auf die Nachrichten, die ihm der Gatte Ma⸗ thildens geben konnte, und las:„Mein lieber Marilly! Wo ſtecken Sie denn? Seit drei Wochen hört man keine Sylbe von Ihnen. Ohne Zweifel haben Sie vollauf mit einer Landparthie oder einer glücklichen Liebe zu thun, denn Sie ſind ein Mann des Ver⸗ gnügens. Ich habe Ihnen eine Nachricht mitzutheilen, 1 75 ſie iſt nicht angenehm! Allein man muß ſich auf gute wie ſchlimme gefaßt halten; zum Glück ſind Sie reich⸗ und ich lebe der Ueberzeugung, Sie werden ſich die⸗ ſelbe nicht allzuſehr zu Herzen nehmen. Das Fahr⸗ zeug, auf welchem ſich unſere Waaren befanden, iſt beinahe Angeſichts des Hafens zu Grunde gegangen; kaum die Paſſagiere konnten gerettet werden und zum Unglück war nichts verſichert. Ich bin ganz untröſt⸗ lich, daß ich Sie zur Theilnahme an dieſem Unter⸗ nehmen aufmunterte; glücklicher Weiſe haben Sie bloß zwanzigtauſend Franken darin ſtecken, während ich dreißigtauſend verliere. Monſignard, der um fünf⸗ zehntauſend kommt, iſt in teufliſcher Laune; was mich betrifft, ſo denke ich bereits nicht mehr daran und bin überzeugt, daß Sie recht bald meinem Bei⸗ ſpiel folgen werden. Kommen Sie doch zu einem Boulllotteſpiel, wir wollen verſuchen, uns am Glücke zu rächen. Apropos, meine Frau war krank und mußte acht Tage das Bett hüten; allein ihre Freun⸗ din, Madame Valmiran, machte die Krankenwärterin bei ihr und leiſtete ihr treue Geſellſchaft. Das iſt eine bezaubernde Frau. Monſignard iſt entſchieden in ſie verliebt: er ſteuert mit allen Segeln auf ſein Ziel los, behauptet, der Wind wehe von guter Flanke, und macht den Großhans; laſſen Sie ſich doch auch wieder ſehen, dann wollen wir über alle dieſe Geſchichten lachen... Ganz der Ihrige Bourdichon.“ Der ganze Eindruck, den der erſte Theil dieſer Zuſchrift bei Adhemar hervorgebracht hatte, wurde durch den zweiten ſogleich wieder verwiſcht. Adhemar hatte die Nachricht vom Verluſt des Fahrzeugs, das ſeine letzten Glückshoffnungen an Bord hatte, nicht ohne lebhaften Kummer geleſen; als er jedoch ver⸗ nahm, daß Carleſia wieder zu Mathilden komme, daß Monſignard ihr den Hof mache und ſich mit einem Erfolge ſchmeichle, war der ſo eben erlittene Verluſt bereits wieder vergeſſen. Die Rückkehr in das Bourdichon'ſche Haus und die perſönliche Ueber⸗ zeugung von dem Wohlgelittenſein des ſchönen Mon⸗ ſignards bei Carleſia war jetzt ſein einziger Gedanke; V dieſer Eine ſetzte ſein Blut in Wallung, ſeinen Kopf in Fiebergluth, und bereits drängten ſich in ſeinem Geiſte tauſend Racheprojekte hin und wieder. „Die Pakete ſind alle im Wagen und es fehlt bloß noch an dem Herrn,“ ſagte der Pförtner, ſich Adhemar nähernd. Dieſer rief jetzt ſeinem Geiſte die Lage zurück, in der er ſich befand. Bereits ging man im Hauſe hin und her und die Stimme der Jungfer Athenais erſcholl auf der Treppe; ſie ſchwatzte mit den andern Kammermädchen und erzählte ihnen, daß Madame Polatinskiskoff die ganze Nacht unwohl geweſen ſei auf ihr geſtriges Souper, daß man habe aufſtehen und ihr Thee machen müſſen, und daß der ganze Umſtand recht einfältig ſei. Da Adhemar von den Loretten nicht überraſcht werden wollte, ſtieg er ſchnell in den Wagen. „Wohin ſoll ich fahren?“ fragte der Kutſcher. Adhemar, der den noch am Wagen verweilenden Pförtner bemerkte und ſeine Abſicht durchſchaute, die 77 Antwort, die er geben würde, zu vernehmen, rief: „An's königliche Poſthaus!“ Der Wagen fuhr ab. Sobald man jedoch in einer andern Straße war, rief Adhemar ſeinem Kutſcher zu:„Wir fahren nicht an's Poſthaus. Führe Er mich in's Marais... ſehe Er ſich dort nach einer Junggeſellenwohnung für mich um; ich werde Ihm dann ein Trinkgeld geben.“ Der Kutſcher knallte mit ſeiner Peitſche und er⸗ wiederte:„Ganz gut! ich verſtehe!... ich führe Sie in das Haus der Madame Poupoule; dort gibt es immer übrige Wohnungen.“ 3 Adhemar ließ den Kutſcher für das Weitere ſorgen, lehnte ſich in den Bauch des Wagens zurück, und ſtatt ſeine jetzige Lage zum Gegenſtand ſeines Nach⸗ denkens zu machen, dachte er nur an Monſignard und Carleſia. Sechstes Kapitel. Soirée bei Bourdichon. Es war acht Uhr Abends; der Tag ging zu Neige. In Herrn Bourdichons Saale waren jedoch die Lichter noch nicht angezündet und die eben von der Tafel gegangene Geſellſchaft genoß jener ſüßen Behaglich⸗ keit, welche in den vornehmen Häuſern dem Diner zu folgen und der Abendunterhaltung vorherzugehen pflegt. Herr Bourdichon ſchöpfte Luft unter einem Fenſter und plauderte dabei mit dem ſchönen Monſignard eifrig von Börſenſpekulationen, eine Unterhaltung, welche gleichwohl den ſchönen jungen Mann nicht ſo dringend in Anſpruch nahm, daß er nicht Zeit zum Streicheln ſeiner Haarlocken gefunden hätte. 1 Etwas entfernter ſaß an einem Spieltiſch Herr Carcaſſonne; er machte ſich mit dem Legen und Ab⸗ heben von Karten zu ſchaffen und zerbrach ſich den Kopf wegen eines Kunſtſtücks, mit dem er die Ge⸗ ſellſchaft unterhalten wollte. Am andern Ende des Saales hatte ſich Madame Carcaſſonne neben Dalbrun geſetzt; ſie ſchien mit ihm ſehr lebhaft zu ſprechen und Dalbrun hörte ihr zu; zuweilen entfuhr ihm ein lautes Lachen. Mathilde endlich, immer noch bleich und ſchwach, ſaß oder lag vielmehr auf einem Divan neben Carleſia, welche ihre Hand gefaßt hatte und ſehr aufmerkſam auf das zu horchen ſchien, was dieſe zu ihr ſagte. „Er liebt mich nicht mehr... ol es iſt Alles zu Ende, ich ſehe es wohl,“ ſagte Mathilde nach einem kleinen Stillſchweigen.„Zweiundzwanzig Tage ſind es jetzt, daß ich ihn nicht ſah... nichts von ihm hörte!... zweiundzwanzig Tage!... Ich hätte ſterben können!... er hätte ſich kein Haar darum bekümmert! — Er iſt vielleicht auf dem Lande oder auf Reiſen,“ ſagte Carleſia mit dem Tone einer Perſon, die ſelbſt nicht von ihrer Behauptung überzeugt iſt und auch Andere nicht zu überzeugen wünſcht.—„Auf dem Lande... vort würde er keine drei Wochen bleiben... auf Reiſen... wozu?... um mir deſto weiter aus 79 dem Auge zu kommen, ja! Aber nein! er iſt nicht auf Reiſen... ich habe mich überdieß darnach erkun⸗ digt... und dann ſind der Dinge zu viel, die ihn in Paris zu feſſeln vermögen.— Was denn?“ ſagte Carleſia lebhaft. Mathilde ſah ihre Freundin ſcharf an und ver⸗ ſetzte:„Andere Leidenſchaften! Sobald uns ein Mann nicht mehr liebt, hat es in der Regel ſeinen Grund darin, weil er eine Andere liebt.— Du haſt Recht, und doch konnte dieſe Liebe... zumal bei einem unbeſtändigen Manne wie Herr Adhemar... nicht ewig dauern! Und da ſie einmal ein Ende nehmen mußte, ſo liegt wenig daran, ob etwas bälder oder ſpäter! Du ſollteſt ihn vergeſſen und Dir eine Ge⸗ nugthuung verſchaffen.— Ein Ende nehmen!... Nach fünf Monaten! Ach großer Gott! Die Ruhe meines Lebens verlieren für ein fünfmonatliches Glück! — Oft ſcheint eine Liebe noch weit tiefere Wurzeln zu haben und dauert nicht einmal ſo lange!“ ſagte Carleſia, und dießmal mit dem Ausdruck der Ueber⸗ zeugung auf ihrem Geſichte.—„Ja, Du mußt das auch aus Erfahrung wiſſen... ungeachtet Du mir nichts davon geſtehen wollteſt; die Liebe iſt eine grau⸗ ſame Leidenſchaft, nicht wahr 2... Und unſere Schwach⸗ heiten ziehen manchmal Folgen... Folgen recht trau⸗ riger Art nach ſich.“ Carleſia gab keine Antwort und ſchien in dieſen, obwohl, wie es ſchien, mit Abſicht geſprochenen Worten ihrer Freundin nichts Verfängliches zu finden. „Zum Glück verließeſt Du mich nicht,“ fuhr 80 Mathilde nach einer Pauſe fort.„Du bemitleideteſt Deine Freundin, Du errietheſt den Grund meiner Leiden, meiner Krankheit! Du durchſchauteſt die Be⸗ ſchaffenheit jenes Uebels, das an mir zehrte und noch an mir zehrt! Ach, ohne Dich wäre ich geſtorben; denn ich hätte keine Seele gehabt, mit der ich hätte von ihm reden, keine Seele, in die ich meinen Schmerz, meine Thränen hätte ausſchütten können. Die Thränen ſcheinen weniger bitter, wenn eine Freundin um uns iſt, die uns aufrichtet, die uns tröſtet! Ach! nicht mehr geliebt zu ſein und doch ſelbſt noch zu lieben, ſieh', das iſt ſchrecklich.“ Mathilde faßte bei dieſen Worten convulſiviſch die Hände Carleſia's; allein Carleſia gab ihr ein Zeichen, ihrer Bewegung Meiſter zu bleiben; ſie erinnerte ſie daran, daß ſie nicht allein ſeien. „Meinſt Du, ein Einziger von dieſen Allen be⸗ kümmere ſich um mich,“ verſetzte Mathilde mit einem leichten Achſelzucken.—„Dein Gatte doch..— O, der noch weniger als die Andern. Du ſaheſt ſelbſt⸗ wie ich acht Tage an heftigem Fieber darniederlag, ohne das Bett verlaſſen zu können, und brachte er auch nur Einen Abend bei mir zu?... Ich wieder⸗ hole Dir, ich habe Niemand mehr als Dich... denn Du beklagſt mich, nicht wahr?“ Dieſe Worte begleitete Mathilde mit einem Blicke, der Carleſia in Verlegenheit zu ſetzen ſchien; ſie er⸗ wiederte:„Zweifelſt Du etwa daran?“ Allein der Ton, mit dem dieſe Frage geſprochen war, konnte wirklich Zweifel erwecken. 81 „Und ſeit drei Wochen ſahſt Du ihn nicht wieder?“ fuhr Mathilde fort, ihre Freundin mit Blicken an⸗ ſehend, die auf den Grund ihres Herzens niederzu⸗ tauchen ſuchten.—„Wen? Herrn Adhemar?— Freilich.— Und wo ſollte ich ihn denn geſehen haben? ... Glaubſt Du vielleicht, er komme zu mir?— Nein, denn Du betheuerteſt mir ja, daß Du keine Beſuche von ihm erhalteſt... daß Du ihn nicht kenneſt, und ich glaube Dir... es wäre zu entſetz⸗ lich, mich zu hintergehen. Nein! dazu biſt Du nicht fähig.“ 3 Die Art, mit welcher Mathilde dieß ſagte, be⸗ wies ihre vollſtändige Ueberzeugung hievon keines⸗ wegs. Carleſta warf einen Blick voll Zärtlichkeit und Mitleid auf ſie und flüſterte:„Du haſt mich immer noch im Verdacht!— O nein, nein, ver⸗ gib mir; ſieh', wenn Du an meiner Seite ſitzeſt, iſt mir beſſer, iſt mein Gemüth ruhiger; ich wollte, Du verließeſt mich nie mehr.— Sagteſt Du mir nicht, Dein Gatte habe ihm geſtern Abend geſchrieben?— Ja, Herr Bourdichon mußte ihm von dem traurigen Erfolge eines Unternehmens Nachricht geben, worein er zwanzigtauſend Franken geſteckt hatte.... Alles iſt verloren! Glücklicher Weiſe iſt Herr Adhemar reich; ich denke, dieſer Verluſt werde ihm nicht ſehr empfind⸗ lich fallen.— Woher weißt Du, daß er reich iſt?— Ha... ich ſchloß es aus ſeiner Lebensweiſe, aus ſeinem Gleichmuth, wenn er im Spiel verliert, auch wenn es um große Summen geht. Endlich beweist Paul de Kock. XXXIX. 6 82 auch ſein abſchlägiger Beſcheid auf den Heirathsantrag 3 der Fräulein Sublimé, daß er nicht auf Geld ſieht./ Carleſia ſchien nachzudenken und erwiederte nichts; Mathilde fuhr fort:„Herr Bourdichon mußte ihm ſchreiben, daß ich ſehr krank geweſen ſei... je nun! Du ſiehſt... er zeigt ſich nicht!— Die Zeit der* Abendunterhaltung iſt ja noch nicht da... er kommt vielleicht noch..— Ach! wenn ich das hoffen könnte... — Ei, Carcaſſone, haſt Du Deine Karten bald zu⸗ rechtgelegt?“ ſagte Herr Bourdichon, vom Fenſter weggehend.„Was Teufel machſt Du denn dae Ich beſinne mich auf ein Kartenkunſtſtück! Frau,⸗ erinnerſt Du Dich des Kunſtſtücks nicht mehr?— Sie haben mir ja nie eines beigebracht, mein lieber Freund; legen Sie Ihre Karten, wie Sie wollen, und langweilen Sie mich nicht mit Ihren Kunſt⸗ ſtücken... die Karten wußte ich nie zu etwas Ande⸗ rem als zum Häuſerbauen zu verwenden; ich baute deren, die ſo hoch als dieß Zimmer waren.— Dazu brauchten Sie gewiß mehr als Ein Piket⸗ ſpiel?“ ſagte Dalbrun lachend.—„Eil ich hatte Karten genug! Im Hauſe meiner Eltern wurde viel geſpielt, ſo viel, daß man in der Küche zum Wär⸗ t men nur alte Karten nahm.— Man hat uns man⸗ ches Schöne von Oreſtes und Pylades, von Achilles und Patroklus erzählt,“ ſagte Monſignard, ſich den zwei auf dem Divan ſitzenden Damen nähernd,„allein ich zweifle, ob das Alterthum je eine erbaulichere Freundſchaft aufzuweiſen hat als die Ihrige, meine Damen.“ 83 Carleſia lächelte traurig; Mathilde gab zur Ant⸗ wort:„Drum verſtehen ſich die Frauen, wenn ſie lieben, auf dieſen Gefühlszuſtand beſſer als die Män⸗ ner, und betrachten ihn nicht bloß als ein Mittel, ſich zu zerſtreuen.— Daß Ihnen in Bezug auf die Liebe der Preis vor den Männern gebührt, weiß ich recht wohl, meine Damen; hinſichtlich der Freund⸗ ſchaft aber war ich bisher der Meinung, der Lorbeer komme den Männern zu. Nehmen Sie wohl in Acht, daß außer den vorhin angeführten Helden die vom Alterthum uns vorgehaltenen Ideale der Freund⸗ ſchaft ſtets Männer ſind. Damon und Pythias, Niſus und Euryalus, Theſeus und Pirithous, Scipio und Lälius und eine Maſſe Anderer, die ich Ihnen noch herzählen könnte; von der Freundſchaft der Frauen iſt aber nie die Rede.— Der Grund iſt, weil Männer die Geſchichte ſchrieben,“ ſagte Dal⸗ brun lachend.—„Oder vielmehr, weil man dachte, da die Frauen ganz für die Liebe geſchaffen ſeien, ſo bleibe ihnen für andere Gefühle kein Raum mehr übrig,“ fuhr Monſignard fort, Madame Valmiran einen Blick zuſchleudernd, in welchen er ſo viel Aus⸗ druck als möglich zu legen ſuchte.—„Von was iſt die Rede... von der Freundſchaft... dem Herois⸗ mus der Freundſchaft?“ ſagte Madame Carcaſſonne, ſich dem Divan nähernd.„O, wenn ich Jemand recht liebe, ich ließe mich für ihn in's Feuer werfen. — Es ſcheint demnach, Sie haben niemals recht ge⸗ liebt,“ ſagte Dalbrun;„es zeigt ſich nämlich auch nicht das geringſte Brandmal an Ihnen.— Drum 84 hat ſich mir noch keine Gelegenheit dargeboten.“— Die Ankunft mehrerer Perſonen gab dem Laufe des Geſprächs eine andere Wendung. Bald ſetzte ſich ein Theil zu einem Whiſt⸗ und Bouillotteſpiele nieder. Monſignard entzog ſich dießmal dem Spiele, weil er lieber mit den Damen, zumal mit Carleſia, der er ſich beſtändig zu nähern ſuchte, plaudern wollte. Carcaſſonne, vom Spieltiſch vertrieben, verſchanzte ſich mit ſeinem Kartenſpiel hinter ein Spiegeltiſch⸗ chen, wo er immer wieder das vergeſſene Kunſtſtück wegzubekommen ſuchte. Mathilde ergriff einen Augenblick, wo man ſie nicht hören konnte, um ihrer Freundin in's Ohr zu ſagen:„Entſchieden, Herr Monſignard iſt ſehr ver⸗ liebt in Dich.— Meinſt Du?“ verſetzte Madame Valmiran ſehr gleichgültig.—„Hal das iſt merklich genug... zudem ſucht er es nicht zu verbergen.— Ich kann dieſem Herrn kein Hinderniß in den Weg legen, in mich verliebt zu ſein, wenn ihm das Vergnügen macht; nur möchte ich ihm rathen, die Sache nicht ernſthaft zu nehmen, er hätte verlorene Zeit.“ Die Stirne Mathildens umdüſterte ſich, ſie heftete ihre Blicke auf Carleſia und ſagte:„Du biſt recht kaltherzig, meine Liebe; Herr Monſignard iſt doch ein ſehr hübſcher Cavalier... er hat anſehnliches Vermögen... würde er um Dich freien, da Du doch noch für ein beſtändiges Wittwenleben zu jung biſt...— Gleichwohl werde ich für alle Zukunft ſo bleiben, wie ich jetzt bin..— O, ſo ſagſt Du jetzt... ⸗ —4—— —4—— 8⁵ aber ein Anderer wird Dich ſchon auf andere Gedan⸗ ken bringen.“ In dieſem Augenblick trat Adhemar in den Salon. Seine ſtets geſchmackvolle Kleidung war heute noch exacter, noch gewählter als gewöhnlich; ſein Geſicht jedoch war bleich und alle ſeine Züge waren entſtellt. Beim Anblick Adhemars ſchauerte Mathilde zu⸗ ſammen und drückte ihrer Freundin heftig die Hand; Carleſia wechſelte die Farbe und ließ raſch die Hand Mathildens fahren; Monſignard ſchnitt ein ſehr aus⸗ drucksvolles Geſicht; die Uebrigen begrüßten Denjeni⸗ gen, der ſich ſo lange nicht mehr hatte ſehen laſſen, freundſchaftlich. „Ei ſeht, der liebe Adhemar!— Wo Teufel kommt er her?— He, hel mein lieber Freund, wir ſind in's Waſſer geplumpt! Man darf es wohl ſagen!“ rief Bourdichon, indem er dem jungen Manne die Hand bot.„Was meinen Sie? Es iſt ein Unglück! — Bereits Alles vergeſſen,“ erwiederte Adhemar.— „Bravo! das nenne ich einmal Philoſophie haben,“ ſagte Dalbrun.—„Und Vermögen haben,“ fuhr Bourdichon fort. Adhemar lenkte ſeine Schritte dahin, wo Mathilde ſaß; als er jedoch Carleſia neben ihr bemerkte, ſtand er verlegen ſtill und ſchien unſchlüſſig, ob er vor⸗ wärts gehen wolle. Er entſchied ſich gleichwohl dazu und begrüßte die zwei Damen mit etwas gezwunge⸗ nem Weſen; hierauf ſagte er, den Blick immer auf Carleſia geheftet, zu Mathilde:„Ich vernahm die Kunde von Ihrer Krankheit, Madame.. hätte ich 86 ſie bälder bekommen... ich hätte mir die Freiheit genommen, perſönlich zu ſehen, wie Sie ſich befin⸗ den.— Nicht die Madame.. ich war krank, mein Herr,“ erwiederte Mathilde mit dem Tone des Un⸗ willens. Adhemar ſchlug die Augen nieder und erröthete; Carleſia erhob ſich raſch und ſetzte ſich an das andere Ende des Saales. „Ja, mein Herr, ja, ich litt recht ſehr, ich leide noch,“ fuhr Mathilde fort,„und Sie ſind die Urſache davon, Sie wiſſen es wohl; ſtatt daß Ihnen aber nun dieß Leiden, das Sie mir zufügten, bei Ihrem jetzigen Wiederkommen leid wäre, blicken Sie immer nur auf ſie, ſcheint Ihr Geiſt immer nur mit ihr umzugehen! Ach, ich bin recht unglücklich!“ Mathilde trocknete mit ihrem Tuche ihre thränen⸗ vollen Augen und winkte Adhemar, ſich neben ſie zu ſetzen. Dieſer hatte nicht den Muth, es abzulehnen; er fürchtete, man möchte die Bewegung Mathildens bemerken, und wünſchte, ihre Thränen trocknen, ſie tröſten zu können, und doch war es ihm zuwider, an ihrer Seite zu ſitzen; er ſaß neben ihr wie ein Schü⸗ ler, den ſein Lehrer zum Lernen nöthigt. Mathilde ſprach zärtlich mit ihm, aber er hörte ihr mit zer⸗ ſtreutem Weſen zu, ja in kurzer Zeit hörte er gar nicht mehr auf ſie, wußte nicht einmal mehr, daß ſie mit ihm ſprach. Monſignard nämlich hatte ſich ſo eben neben Madame Valmiran geſetzt; er ſagte ihr Galanterien, welche ſie gegen ihre Gewohnheit lächelnd und, wie es ſchien, mit Vergnügen anhörte. 87 Dieß verſetzte den Dandy in ſolches Entzücken, daß er immer geſchwätziger wurde und ſich nie geiſtreicher als heute dünkte. Bereits zum dritten Male hatte Mathilde zu Adhe⸗ mar ganz leiſe geſagt:„Ich liebe Sie immer noch!“ als Adhemar raſch aufſtand, ſich vor Monſignard ſtellte und ihn höhniſch und ſogar unverſchämt anſah. Den ſchönen Mann ſchien dieſes Benehmen Adhe⸗ mars zu überraſchen; gleichwohl fuhr er in ſeinem Geplauder mit Carleſia fort, ſich den Schein gebend, als achte er nicht auf die Sache, und ſelbſt ein Lachen affektirend, wenn ſie etwas erwiederte. Adhemar hielt ſich nicht mehr, er wollte eben Monſignard her⸗ ausfordern, als ſein und Carleſia's Blick ſich begeg⸗ neten. Der Ausdruck, der in ihrem Blicke lag, ſchien ihn zu erſchrecken; er ſchlug die Augen nieder, fing an zu zittern und entfernte ſich, ohne ein Wort zu ſagen. Madame Valmiran verließ jetzt ſchnell ihren Platz und ging aus dem Saale, nachdem ſie von Mathilde, die nicht die geringſte Luſt zeigte, ſie auf⸗ zuhalten, Abſchied genommen und den Antrag Mon⸗ ſignards, der ſie durchaus begleiten wollte, abge⸗ lehnt hatte.. Mathilde hatte Adhemar ohne Unterlaß beobachtet; ihre Augen, aus welchen das Feuer des Zornes und der Eiferſucht ſtrahlte, hatten all' ihren vorigen Glanz wieder, der Purpur färbte ihre Wangen, ihre Stirne glühte. „Ihr Ausſehen iſt heute Abend bezaubernd, meine liebe Freundin,“ ſagte die kleine Carcaſſonne zu ihr. 88 „Sie haben Farbe, Ihre Augen glänzen.— Ja... ja, ol ich fühle mich recht wohl.— Ging Ihre gute Freundin ſchon fort?— Ja... ſie ging fort.— Welch liebenswürdige, geiſtreiche, hübſche Frau! Sagen Sie einmal, Herr Monſignard, wiſſen Sie, daß Sie mit ihr mit einem Feuer ſprachen... gewiß! Sie ſind ein ſchrecklicher Verführer!“ Monſignard wiegte ſein eitles Haupt in ſeiner Cravatte, beſchaute ſich im Spiegel, und verſetzte ſelbſtgefällig:„Sollte mich dieſe Dame erhören... ohnedieß iſt ſie ja ihre eigene Herrin... und es däucht mich, ſie könnte noch eine ſchlechtere Wahl treffen...— Will der Herr uns etwa damit zu ver⸗ ſtehen geben, er mache Glück bei dieſer Dame,“ ſagte Adhemar, ſich Monſignard nähernd und einen zornigen Blick auf ihn ſchießend.—„Ei, warum nicht? Bekümmert Sie das etwa, mein Herr? Finden Sie ſich etwa dadurch unangenehm berührt?“ ver⸗ ſetzte der ſchöne Mann mit ſpaßhaft neckendem Tone. —„Es gibt ſo großſprecheriſche Menſchen, welche mit Dingen prahlen, die gar nicht exiſtiren... welche dem guten Ruf einer Frau Blößen zu geben ſuchen. — Ich hoffe, mein Herr, daß, was Sie da ſagen, nicht auf mich gemünzt iſt.“ Adhemar wollte eben antworten, als Mathilde, die ſich mit Mühe erhoben hatte, zwiſchen die beiden Herren trat und rief:„Ei, meine Herren! was ſoll das heißen? Ich hoffe, Sie werden nicht vergeſſen, daß Sie in meinem Hauſe ſind und um meiner Freun⸗ din willen nicht in Streit gerathen.. Wenn ſie das 4 89 erführe, gewiß, Sie würden ſie nie mehr wieder hier ſehen... Herr Adhemar, wollen Sie die Güte haben, mir Ihren Arm bis auf mein Zimmer zu geben, denn ich fühle mich matt und will mich zu⸗ rückziehen.“ Die beiden jungen Leute ſchwiegen. Mathilde nahm den Arm Adhemars und ging mit ihm aus dem Salon; er beharrte in ſeinem Schweigen, denn er fühlte wohl, daß er ſich durch die Eiferſucht hatte fortreißen laſſen und ſich nicht zu entſchuldigen ver⸗ mochte. Als jedoch Mathilde auf ihrem Zimmer war, ſagte ſie zu ihm:„Sie ſind ein Ungeheuer, mein Herr! Ihr Benehmen gegen mich iſt nichtswürdig!... Die Leidenſchaft, die Sie für Madame Valmiran fühlen, läßt Sie alle Regeln der Schiicklichkeit ver⸗ geſſen... dieſe Leidenſchaft haben Sie heute nicht einmal mehr geheim zu halten geſucht... Nein, jetzt will ich dieſe Frau mit keinem Blicke mehr ſehen... mit unſerer Freundſchaft iſt es aus... ich kann ſie in Zukunft unmöglich mehr meine Freundin nennen... Dieſen Abend zerrießen Sie die letzten Bande, die uns verknüpften... Der Herr iſt raſend, daß Car⸗ leſia den Galanterien Herrn Monſignards Aufmerk⸗ ſamkeit ſchenkte... der Herr will ſich zum Ritter dieſer Dame, zum Paladin ihrer Tugend machen... Ihrer Tugend!... ha, hal ich muß Sie bedauern! — Was ſoll das heißen... was bedeuten dieſe Worte, Madame?“ fuhr Adhemar fort, der ſeine ganze Ener⸗ gie wiederkehren ſah.—„So viel ſoll es heißen, mein Herr, daß Madame Valmiran ſammt ihrer Heiligen⸗ 90 miene nicht beſſer als eine Andere iſt...— Warum, Madame? Sprechen Sie! Was bringt Sie auf dieſen Gedanken?— O, Sie thun, als verſtehen Sie mich nicht! Allein das Kind, das ſie bekommen hat, das ſie insgeheim erziehen läßt...— Ein Kind?“ rief Adhemar, wie vom Blitz getroffen;„ein Kind... ſie hat ein Kind!... O nein! das kann nicht ſein... Sie ſagen mir ein Mährchen! Nein, das kann nicht ſein!“ Mathilde, beſtürzt bei der Wirkung, die ihre ſo eben ausgeſprochene Bemerkung auf Adhemar her⸗ vorbrachte, erwiederte zitternd:„Ja, es iſt ſo! Und Sie wüßten nichts davon?— Sie hat ein Kind... aber wo denn? Wie erfuhren Sie es?... Ach! Ma⸗ dame, ich muß nothwendig den Beweis von Dem haben, was Sie mir ſo eben ſagten.— Sie ſollen ihn haben, mein Herr!— Und wann?— Morgen früh... ſeien Sie um neun Uhr am Eingang der Vorſtadt Saint⸗Antoine... ich will dann dort mit einem Gefährt zu Ihnen ſtoßen und Ihnen zeigen, daß ich Sie nicht belog.— Morgen um neun Uhr... es genügt, Madame, ich werde dort ſein, werde Sie erwarten.— Adhemar.. verlaſſen Sie mich auf ſolche Weiſe 2...“ Allein bereits war Adhemar weggegangen, ohne weiter hören zu wollen; er durchlief heftig den Saal, wo die Geſellſchaft war, nahm ſeinen Hut und rannte wie toll davon, ohne Bourdichon etwas zu erwiedern, der ihn zu einer Partie Bouillotte aufgefordert hatte. „Was iſt denn dieſen Abend an ihm?“ rief der 91 Gemahl Mathildens.„Er benimmt ſich ja ganz ſon⸗ derbar.“ Dalbrun ſchüttelte ſchweigend den Kopf, Mon⸗ ſignard dagegen ſagte lachend:„Dieſer Herr iſt ſehr erzürnt darüber, daß ſich Madame Valmiran viel mit mir unterhielt. Das macht ihm ſchmerzlichen Gram!. Allein ein ander Mal, hoffe ich, werde er etwas ſparſamer mit ſeinen Worten ſein, wo nicht, ſo wird man ihn lehren, was Höflichkeit iſt. — Frau, Frau!“ rief Carcaſſonne, vor Freude auf⸗ ſpringend,„ich hab's, ich hab's... mein Kunſtſtück ... ſieh, ſo macht man's.— Gut, mein Freund,“ verſetzte die kleine Dame,„Du wirſt es mir zeigen, wenn wir zu Hauſe ſein werden.“ 4 Siebentes Kapitel. Das Kind.— Der Unbekannte. Die Frau des Miethkutſchers, dem Adhemar auf⸗ getragen hatte, ihm eine neue Wohnung zu ver⸗ ſchaffen, war zufällig Köchin bei einem alten Eigen⸗ thümer der Straße Perche im Marais. Poupoule, ſo nannte ſie ſich, hatte mehrmals zu ihrem Mann geſagt, er ſolle ihr Hausleute herzuſchaffen ſuchen und dieſer hielt daher ganz ſtolz mit dem Wagen, in welchem der eine Wohnung ſuchende Herr ſaß. Adhemar, deſſen Geiſt immer mit ganz andern Dingen umging, als mit dem Suchen einer Woh⸗ nung, hatte ſogleich zwei kleine, ſehr häßliche Zimmer 92 angenommen, deren Tapeten an mehreren Stellen mit Nägeln verſchlagen waren. Hierauf hatte er einen Tapezier des Viertels holen laſſen, blieb aber dieß Mal in ſeinen Anſprüchen ſehr beſcheiden: für nicht weiter als dreihundert Franken hatte er auf der Stelle ein Gelegenheitsmobiliar. Freilich ſtand es dem in der Straße Navarin weit zurück, doch hatte er im Grunde faſt Alles, was ein unverheiratheter Mann, der keine Soiréen zu geben im Sinne hat, braucht. Als Adhemar von Bourdichon fort war, ſtürzte er wie ein Wahnwitziger in ſeine neue Wohnung. Er gab Poupoule, die ſich mit dem Pförtner unter⸗ hielt und ihm Licht anbot, keine Antwort; er fand ſich in einer Wohnung, wo er nicht wußte, wo oder wie ſeine Möbel ſtanden, wo ihm Alles noch fremd. war. Als er ſein Bett ſuchte, ſtieß er Tiſch und Seſſel um; endlich warf er ſich ganz angekleidet auf ſeine Pritſche und ſagte zu ſich:„Mein Gott! könnte ich doch ſchlafen! Ach! wie ſehr wünſchte ich doch, es wäre Morgen. Carleſia hätte ein Kind!... ach! ich kann es nicht glauben!... Mathilde iſt entweder im Irrthum, oder wollte ſie ſich an mir rächen da⸗ durch, daß ſie mich in dieſen Zuſtand der Verzweif⸗ lung ſtürzt!... Carleſia ſollte mir die Treue gebrochen haben. Doch was ſage ich? hatte ſie nicht das Recht dazu... habe ich ſie nicht ſelbſt ihrer Eide entbunden, kann ich ihr irgend einen Vorwurf machen! Und doch kann ich nicht glauben, daß Mathilde wahr geſprochen.“ . 3 — 93 Die Nacht ſcheint dem Leidenden und Erwar⸗ tungsvollen, Demijenigen, der mit dem nächſten Tage die Ruhe des Herzens wieder zu erhalten hofft, eine Ewigkeit zu dauern. Auch war das Gelegenheitsbett im Vergleich mit dem weichen Lager ſeiner letzten Wohnung hart ge⸗ nug; deſſenungeachtet würde Adhemar wie ein Prinz darauf geſchlafen haben, hätte er nur den Pfeil, der ſein Herz ſo grauſam zerfleiſchte, herausziehen können. Mit Tagesanbruch ſtand Adhemar auf; er ver⸗ ſuchte ſich die Zeit damit zu verkürzen, daß er ſich an's Fenſter ſetzte und ſeine neue Nachbarſchaft be⸗ trachtete, allein ſeine Fenſter gingen auf einen finſtern, traurigen Hof hinaus. Einige Reſeda⸗ und Nelken⸗ töpfe waren die einzigen Zierden, die man hier an⸗ zubringen ſich erlaubte. Welcher Unterſchied zwiſchen Parr und der ſchönen Ausſicht der Straße Navarin! Allein den neuen Bewohner ſchlug dieß nicht nieder; er ſah gleichſam, ohne zu ſehen, oder war vielmehr mit ſeinen Gedanken wo anders, und das, was er ſah, machte keinen Eindruck auf ihn. Plötzlich erglänzte ſein Geſicht von einem Schim⸗ mer von Zufriedenheit; es kam ihm nämlich der Gedanke, daß die Straße Perche nicht ſehr ferne vom Baſtilleplatze ſei, und er wünſchte ſich beinahe Glück, im Marais zu wohnen. Um acht Uhr Morgens ging er aus, machte einen Spaziergang auf dem Boulevard und begab ſich end⸗ lich an den Ort, wo Mathilde ihn treffen wollte. Es ſchlug neun Uhr und Mathilde war immer noch nicht da. 94 Zehn Minuten verfloßen, ſie däuchten Adhemar zehn Jahrhunderte; bereits ſagte er bei ſich:„Sie wird nicht kommen, weil ſie mir den Beweis zu dem, was ſie geſtern behauptete, nicht wird geben können.“ Schon fing die Hoffnung in ſeine Seele wieder⸗ zukehren an, da hielt eine von den Boulevards kom⸗ mende Kaleſche am Eingang der Vorſtadt. Eine Frau beugte den Kopf zum Kutſchenſchlage vor: es war Mathilde; ſie bemerkte Adhemar. Ein Augenblick und er ſaß neben ihr und der Kutſcher fuhr weiter. Mathilde war noch niedergeſchlagener als am vorigen Tage; allein eine Nervenaufregung gab ihren Augen augenblicklichen Glanz und ſchien ſo die ver⸗ lorenen Kräfte bei ihr zu erſetzen. Als ſie Adhemar erblickte, verlieh eine leichte Röthe ihren Augen einige Farbe; allein dieſe verſchwand in Bälde wieder, um einer Todesbläſſe Platz zu machen. Adhemar ſaß neben Mathilde, ohne ein Wort zu ſprechen. Der Wagen rollte eine Weile fort, ohne daß der eine Theil ſein Stillſchweigen gebrochen hätte; endlich entſchloß ſich Mathilde hiezu:„Sie wünſchen ohne Zweifel zu erfahren, mein Herr,“ ſagte ſie,„wohin ich Sie führe und wie ich zur Entdeckung jenes Geheimniſſes, das ich Ihnen geſtern mittheilte, gelangt bin. Ich will es Ihnen ſagen, denn für Sie, mein Herr, habe ich kein Geheimniß; Sie wer⸗ den ſehen, daß der Zufall Alles gethan hat.— Ich höre, Madame.— Als ich das letzte Mal, wo Sie mich ſo übel aufnahmen, Sie beſucht hatte, ging ich.. Sie erinnern ſich vielleicht noch deſſen... recht im 95 Trotze fort; ich hoffte indeſſen doch im Stillen, Sie würden mich zurückrufen. Ich blieb daher einige Minuten auf Ihrer Treppe; allein ich hoffte ver⸗ gebens; o, es war Ihnen allzulieb, daß Sie mich vom Halſe hatten!“ Mathilde hielt hier ſehr bewegt inne, allein Ad⸗ hemar ſprach keine Silbe und ſah fortwährend auf den Boden. Die junge Frau fuhr etwas gefaßter fort:„Ich vergeſſe immer, daß es ſich nicht um mich handelt, daß ich Sie nicht von mir zu unterhalten habe; Verzeihung, mein Herr, es ſoll nicht mehr geſchehen. Als ich von Ihnen weggegangen war, nahm ich einen Wagen und ließ mich zu Madame Valmiran führen... Ich wollte ſie zu Rede ſtellen ... ich wollte ſie noch einmal inſtändig bitten, mir zu ſagen, ob Sie ihr Geliebter wären oder geweſen wären. Eben als ich bei Carleſia anfahren wollte, ſehe ich ſie von Ferne in einen Wagen ſteigen. Jetzt kam mir der Gedanke, das Ziel ihres Ausgangs könnte ein Beſuch bei Ihnen ſein, oder könnte ſie ſich wenigſtens an einen dritten Ort begeben, den Sie ihr zur Zuſammenkunft bezeichnet hätten. Ich vermag Ihnen nicht zu ſagen, was mir Alles in den Kopf kam, kurz, ich ſagte zu meinem Kutſcher: folge Er von Ferne jenem Wagen, wir wollen ihm nachfahren. Madame Valmiran ließ ſich nach Saint⸗ Maur führen und ſtieg vor einem hübſchen Häuschen aus, in welches ſie eintrat. Mein Kutſcher war ſo geſcheidt, ferne genug zu halten, daß es nicht auf⸗ fallen konnte. Ich ſtieg auch aus und hielt mich auf 96 Nebenwegen, ohne das Häuschen aus dem Auge zu verlieren; bald darauf ſah ich Carleſia, einen kleinen Knaben an der Hand, der zwei Jahre oder etwas drüber zählen mochte, herauskommen.“ „Sie ſahen ſie mit dieſem Kinde?“ rief Adhemar, Mathilden ſcharf anblickend.—„Allerdings, mein Herr, ich ſah ſie. Ach! der Blick, mit dem Sie mich jetzt anſehen, muß Ihnen wohl die Augen öffnen: nicht wahr, Sie finden mich recht verändert; meinen Sie, Sie haben mir genug Kummer gemacht?— Bitte, Madame, erzählen Sie doch vollends.— Ach! Sie haben Recht, ich machte mich wieder zum Gegen⸗ ſtand meiner Rede, als ob Sie dieß intereſſirte! Ich ſah alſo Madame Valmiran mit dem erwähnten Kinde; ſie ging ziemlich lange am Ufer der Marne mit ihm ſpazieren. Ich konnte ihr nur aus großer Entfernung folgen, weil ich nicht geſehen ſein wollte; daher verſtand ich nicht, was ſie zu dem Kinde ſagte, ſah aber, daß ſie es alle Augenblicke herzte und um⸗ armte. Ja, ſie ſchien große Liebe zu ihm zu haben. Endlich führte ſie es wieder in das Häuschen zurück, ſtieg nach einer Weile wieder ein und fuhr davon. Dießmal folgte ich ihr nicht; nachdem ich mich vielmehr vergewiſſert hatte, daß ſie fort war, ging ich eben⸗ falls in jenes Haus unter dem erſten beſten Vor⸗ wand. Da fand ich eine Bäuerin, die ſehr gerne plauderte. Nachdem ich mir den Schein gegeben hatte, als ob ich eine hier auf dem Lande wohnhafte Magd ſuche, herzte ich den kleinen Knaben und ſagte zu der Bäuerin: es däucht mich, ich ſei ſo eben die⸗ 97 ſem kleinen Knaben mit einer Dame begegnet?— Das iſt ſeine Mama,“ verſetzte die ſchnellzüngige Bäuerin.„Sie komint beinahe täglich zu ihrem kleinen Karl; ol ſie liebt ihn recht ſehr, ſie bringt ihm alle⸗ mal Bonbons und Spielſachen mit.— Dieß Kind nennt ſich Karl?.. Und die Bäuerin ſagte Ihnen, Madame Valmiran ſei ſeine Mutter?“ murmelte Adhemar finſter.—„Ja, mein Herr, ich wiederhole Wort für Wort, was man mir meldete. Indem ich die Mutter Mignot, ſo nennt ſich die Bäuerin, zum Plaudern brachte, wußte ich bald, daß ſie das Kind erſt ſeit der Rückkehr Carleſia's bei ſich hatte; endlich ſagte ſie mir auch, daß die Mutter des kleinen Karl beinahe täglich, aber immer allein komme; dieß iſts im Allgemeinen, wonach ich mich erkundigte. Ich wußte daran genug und ging fort. Seither ging ich aus Neugierde öfters, faſt immer zur nämlichen Zeit an den nämlichen Ort und ſah allemal Carleſia mit ihrem Sohne auf der Flur ſpazieren gehen. Aus dieſem Grunde führe ich Sie nach Saint⸗Maur. Ich denke, mein Herr, Sie werden dort auch ſehen, was ich ſah, und ſich ſo mit eigenen Augen über⸗ zeugen, daß ich Sie nicht belogen habe, als ich Ihnen ſagte, Madame Valmiran habe ein Kind und zwar ein Kind, das nicht vom ſeligen Herrn Valmiran kommen kann.“ Mathilde ſchwieg. Adhemar richtete keine Frage mehr an ſie; er ſchien ganz vertieft in das, was er ſo eben vernommen hatte. Nach einer Weile brach Paul de Kock. XXXIX. 7 wieder Mathilde das Stillſchweigen, indem ſie rief: „Und jetzt, mein Herr, können Sie mir Ihre Leiden⸗ ſchaft für Madame Valmiran nicht mehr wegläugnen; denn hätten Sie keine Liebe zu ihr, wäre ſie Ihnen glleichgültig, was läge Ihnen denn an dieſem Kinde? Wie hätte die Entdeckung dieſes Geheimniſſes bei Ihnen eine ſo heftige Bewegung zur Folge haben können? Und dann war geſtern Ihr Aerger, Ihre Eiferſucht, als Herr Monſignard ſich mit Carleſia unterhielt, merklich genug. Sie konnten ſich ja nicht mehr halten... Sie verließen mich unartig, um in die Nähe derſelben zu kommen... Sie waren nahe daran, dieſen Herrn herauszufordern, was in einem fremden Hauſe ſchon ein ſehr übles Benehmen iſt, was aber in dem meinigen von Ihrer Seite ein Alt der Grauſamkeit war, denn Sie mußten ja wohl wiſſen, daß ich auf der Folter ſtand, daß ich Todes⸗ qual litt... Was kümmert das aber Sie? Sie ſehen nur den Gegenſtand Ihrer jüngſten Liebe vor ſich! Andere gelten Ihnen jetzt nichts mehr. Auch ich... ich... die Ihretwegen an der Freundin die Ver⸗ rätherin mache... denn ich weiß wohl, was ich heute thue, iſt recht ſchlecht!... Allein nachdem ſie nicht einmal ſo viel Vertrauen zu mir hatte, mir ihre Geheimniſſe mitzutheilen, nachdem ſie mir ihr Herz entfremdet hat... warum ſoll ich ſie nach alle dem noch ſchonen? O, ich verabſcheue ſie jetzt... denn Sie lieben ſie... Sie läugnen es nicht nahr.e. Sie lieben ſie, nicht wahr?“ Mathilde drückte Adhemars Arm, um ihn zu einer 99 Antwort zu bewegen, allein mit einem Male öffnete dieſer die Wagenthüre, beugte ſich hinaus und rief: „Wir ſind in Saint⸗Maur, Madame.— Gut, mein Herr, der Kutſcher weiß, wo er halten muß; allein ich hoffe, mein Herr, daß Sie mich nicht compro⸗ mittiren... nicht mit Madame Valmiran ſprechen... daß Sie einiges Mitleid mit mir haben wer den.— Seien Sie ruhig, Madame, ich habe mit... mit dieſer Frau weder zu ſprechen im Sinn... noch ſie überhaupt merken zu laſſen, daß ich den Belaurer ihrer Handlungen mache.“ Der Wagen hielt in einer Art von Seitengäßchen, wo er die Weiſung bekam, auf ſeine Paſſagiere zu warten. Mathilde ſtieg aus, Adhemars Arm neh⸗ mend, obwohl derſelbe ihr nicht angeboten worden war. Sie lehnte ſich ſtark auf ihn und zog ihn an ſich; die Schwäche ihrer Geſundheit diente ſo zur Entſchuldigung der Schwäche ihres Herzens. Nachdem ſie einige Zeit auf Querwegen gelaufen waren, zeigte Mathilde ihrem Begleiter in der Ent⸗ fernung ein Häuschen, vor welchem ein Miethwagen hielt und ſagte zu ihm:„Hier! Carleſia iſt bereits angelangt! Wir können dieß aus dem dort wartenden Gefährt ſchließen. Sie wird ohne Zweifel, wie ſie zu thun pflegt, mit dem Kinde am Ufer der Marne ſpazieren gegangen ſein... Kommen Sie... ſteigen Sie dieſen Fußpfad herunter... wir werden ſie bald ſehen... aber laſſen Sie uns bei unſerm Gange Vor⸗ ſicht anwenden, laſſen Sie uns weit vor uns blicken.“ Adhemar ließ ſich geleiten. Mathilde ließ ihn 100 einen ſehr hübſchen Feldweg hinabgehen, der an's Ufer des Fluſſes führte. Dort hinderten oftmals Geſträuch und Weidenbüſche den Ausblick nach vor⸗ wärts. Von Zeit zu Zeit ſtand Mathilde ſtill, ſpähte, horchte, ließ jedoch den Arm ihres Begleiters nicht fahren. Adhemar ließ ſeine Augen unruhig nach allen Seiten ſchweifen, ſprach aber keine Silbe. Plötzlich hielt Mathilde im Laufe inne, drängte Adhemar einige Schritte rückwärts und ſagte ganz leiſe zu ihm:„Sie iſt da.... ſie ſitzt unter einem Weidenbuſche..Glücklicher Weiſe bemerkte ich ſie noch gerade recht... einige Schritte mehr und ſie hätte uns geſehen... Halt! wenn wir uns hieher machen, werden wir ganz nahe bei ihr ſein und ſie uns doch nicht ſehen können.“ Adhemar beſiel ein Zittern: er war ſo eben eine Frau gewahr geworden, die auf dem Raſen ſaßz es wollte ihm die Kraft zum Vorwärtsgehen gebrechen. Allein Mathilde faßte ihn bei der Hand, führte ihn, und bald konnte er durch die Blätter eines Buſches hindurch Carleſia und den kleinen Knaben, den ſie auf dem Schooße hatte, mit aller Bequemlichkeit beobachten. Eine Todesbläſſe überzog Adhemars Geſicht, als er Madame Valmiran erkannt hatte. Mathilde be⸗ merkte es und gerieth darob in Beſtürzung; ſie drückte ihm heftig die Hand und ſagte ganz leiſe zu ihm: „Wohlan! Muth, mein Herr, Muth!... Gebrach er doch mir nicht... und Sie leiden gewiß nicht ſo ſehr wie ich.“ 101 Carleſia hatte den kleinen Knaben auf ihrem Schooß. Von Zeit zu Zeit umarmte ſie ihn, ſpielte mit ihrer Hand in ſeinen Haaren und ſchien ihn mit Rührung zu betrachten. Bald machte ſich die kind⸗ liche Stimme des kleinen Karl vernehmlich und die⸗ jenigen, die ſich hinter dem Buſche verſteckt hatten, verloren kein Wort von ſeinem Selbſtgeſpräch:„Meine liebe gute Mama, hätte ich nur auch eine Kutſche mit einem Rappen, dann thäte ich meinen Hanswurſt im Garten ſpazieren fahren.— Ich werde Dir Einen bringen, mein Lieber; Du weißt wohl, daß ich Dir Alles gebe, was Du von mir willſt.— Ja, Du biſt recht gut.— Und haſt Du mich auch recht lieb?— O ja!— Und die Mutter gibt Dir keine Schläge, nicht wahr?— O nein, ſie ſpielt mit mir und Pe⸗ terchen auch, er iſt recht artig, Peterchen.“ Carleſia umarmte das Kind zärtlich, indem ſie wieder flüſterte:„Armer Kleiner.“ Sie überliß ſich dann ziemlich lange Empfindungen und Gedanken, die nicht heiterer Natur ſein konnten, aus den Thrä⸗ nen zu ſchließen, die langſam ihren Augen entfloßen und die ſie nicht einmal zu trocknen gedachte. Sie erhob ſich endlich vom Raſen, nahm den Kleinen bei der Hand und ſagte zu ihm:„Komm, Karl, wir müſſen zu Madame Mignot zurückkehren.“ Carleſia ging mit dem Kinde auf dem Fußweg wieder nach dem Häuschen zurück; in kurzer Zeit hatte man ſie aus dem Auge verloren. Die zwei Perſonen jedoch, die ſie beobachtet hatten, blieben auf ihrem Standorte zurück: Adhemar, niederge⸗ 10² ſchlagen durch das Schauſpiel, das ſich ihm ſo eben dargeboten, ſchien keinen Schritt mehr thun zu können; Mathilde ſah ihn aufmerkſam an und ſuchte zu er⸗ gründen, was in ſeiner Seele vorging. „Wie nun, mein Herr, habe ich Sie hintergangen, habe ich Madame Valmiran verläumdet,“ ſagte Ma⸗ thilde;„habe ich Ihnen den Beweis zu meiner Be⸗ hauptung gegeben?— Sie haben es, Sie haben mich nicht hintergangen,“ flüſterte Adhemar;„es bleibt mir kein Zweifel mehr übrig!— Madame Valmiran iſt ohne Zweifel nach Paris zurück; ſoll ich Sie zu der Bäuerin führen, um ſie auszuforſchen über dieß ihrer Pflege befohlene Kind.— Nein, das iſt überflüſſig; ich weiß genug, wir können nach Paris zurück.— So geben Sie mir Ihren Arm, denn ich fühle mich noch nicht kräftig genug, es wird viel ſein, wenn ich unſern Wagen wieder erreichen kann. Mein Gott, Sie zittern auch, was haben Sie denn? — Nichts, Madame, es wird vorübergehen.— Der Anblick, der ſich Ihnen vorhin darbot, war recht pein⸗ voll für Sie! Hätte ich das gewußt... jedoch, Sie haben ſich ja auch nicht geſcheut, mir manche Pein zu bereiten. Sie fühlen alſo einen hohen Grad von Liebe zu dieſer Frau? Was that ſie Ihnen denn aber, daß ihre Treuloſigkeit Sie in dieſen Zuſtand der Verzweiflung ſtürzt! Sind Sie vielleicht deßhalb ſo verliebt in Sie, weil Sie von ihr nicht geliebt wer⸗ den? Adhemar, antworten Sie mir!— Ich kann Ihnen nichts ſagen, Madame; Ihnen abzuläugnen, daß zwiſchen Madame Valmiran und mir Beziehungen 1 8 103 ſtattfanden, wate jetzt allzu abgeſchmackt; allein von der Natur dieſer unſerer Verbindung kann ich Sie nicht näher unterrichten. Ich bin ſehr im Unrecht gegen Sie, Madame, ich weiß es, es macht mir Kummer; allein ſobald ich Ihre Freundin in Ihrem Hauſe wiederſah, wurde ich meiner Bewegung nicht Meiſter, und Ihre Eiferſucht that das Uebrige.— Dieß Un⸗ recht... Adhemar, es kommt nur auf Sie an, daß ich es vergeſſe.“ Adhemar erwiederte nichts; dagegen führte er ſeine Begleiterin an den Ort zurück, wo der Wagen auf ſie wartete. Er half Mathilden einſteigen und ſetzte ſich neben ſie. Der Kutſcher ſtieg wieder auf den Bock und fuhr ab. In dieſem Augenblick be⸗ merkte Adyemar bei einem Blick aus dem Kutſchen⸗ ſchlag etwa fünfzig Schritte vom Wagen einen unter einer Gruppe von Bäumen ſtehenden Mann, deſſen Kleidung faſt an einen Bettler erinnerte und der ſeine Augen ſtier auf den Wagen und ſeine Paſſa⸗ giere geheftet hatte. „Das iſt er,“ rief Adhemar,„das iſt wieder dieſer Menſch... ja... ol ich kenne ihn... der Blick dieſes Elenden ſcheint mich immer verhöhnen, beleidigen zu wollen.— Was für ein Menſch? Von wem ſprechen Sie denn?“ fragte Mathilde unruhig.—„Je, mein Gott! ich weiß ſelbſt nicht... es iſt ein Unbekannter, eine mir ohne Unterlaß auf allen Schritten folgende Kreatur. Ja! aber heute will ich ihn faſſen, heute muß er mir Rede ſtehen... ich werde ihn dießmal wohl zu einer Erklärung zwingen... Kutſcher, Kut⸗ — 104 ſcher, halt, halt!— Wie? Was wollen Sie be⸗ ginnen? Sie wollen mich jetzt verlaſſen!— Nein, ich ſtoße wieder zu Ihnen... immer zugefahren... allein ich muß durchaus einmal Licht über dieſen Menſchen bekommenz ſchon lange dauert dieß Auf⸗ lauern, ich will ihm ein Ende machen.“ Der Kutſcher hielt. Mathilde ſuchte Adhemar ver⸗ geblich zurückzuhalten; er hörte nicht auf ſie. Er öffnete die Wagenthüre, ſtieg aus und fing an, der Richtung, wo er ſeinen Unbekannten geſehen hatte, zuzulaufen. Allein er ließ umſonſt ſein Augenin die Ferne ſchweifen, er bemerkte ihn nicht mehr; er lief fort und fort, und als ihm ein junges graſendes Mädchen begegnete, fragte er daſſelbe, ob es nicht einen ſo und ſo ausſehenden Mann geſehen habe. „Ja, mein Herr,“ verſetzte das junge Mädchen, nich ſah ihn, er ging nach der Richtung von Vin⸗ cennes zu; er machte ſich in den Wald da... ol er lief, was er konnte.— Sei's,“ ſagte Adhemar zu ſich, auf den Theil des Waldes zugehend, der ihm gewieſen worden war.„Sollte ich auch den ganzen Tag den Wald durchſtreifen müſſen, ich muß doch dieſen Menſchen finden. Eine ahnungsvolle Stimme ſagt mir, daß dieſer Menſch, ſei es aus was für einem Grunde, in Allem ſteckt, was mir ſeit einiger Zeit begegnet.“ mffſſnſſſnnſſſſſſſſſſffiſiſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16