paul de Kock⸗d humoriſtiſche Romane, 3* deutſch bearbeitet 6 von Dr. Heinrich Elsner. Achtunddreißigſter Theil. Stuttgart: Scheible, Nieger« Sattler. . 143844. — Der Mann da! Von Paul de Koch. 4 * Deutſchbearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Zweiter Theil. 2 Stuttgart: Scheible, Rieger& Sattler. 1844. — Erſtes Kapitel. Fortſetzung des Sparſyſtems. Was haben die alten Bäume nicht ſchon ſehen müſſen! Ach, wenn ſie ihre Geſchichte erzählen könnten, uns ſchildern könnten, was unter ihrem Schatten Alles vorging, uns die Unterredungen, die ſie mit ange⸗ hört haben, berichten, uns die ſüßen Geſtändniſſe, die zärtlichen Schwüre wiederholen könnten, wovon ſie oft⸗ Zeugen und Beſchützer waren! Aber ſie ſind ſtumm, ſtumm wie die Einöde! und zwar ohne Zweifel aus dem Grunde, weil man ihnen ſo Vieles anvertraut, und weil man oft ſogar ſo weit geht, verliebte Zeichen und flammende Herzen in ihre Rinde einzugraben. Der Baum iſt treu!... Das Zeichen iſt noch dort, wenn auch die Liebe längſt dahin iſt!. A Adhemar ging eine Weile unter jenen alten und ſchönen K anienbäumen auf und ab, unter welchen Mathilde mit zuſammen zu treffen verſprochen hatte. Im Januar ſind die Bäume ihrer Blätter be⸗ raubt; es war in der Frühe ein feiner, zarter, ſehr kalter Schnee gefallen, was man ſonſt auch einen ſtarken Reifen nennt; ſtatt des Grünen waren die *½ 6 Bäume mit dieſem eiſigen und glänzenden Schnee bedeckt, welcher im Strahl der Sonne funkelt und der Landſchaft einen Anblick gewährt, der auch ſeinen Reiz hat. Es iſt ein winterlicher Schmuck; die Natur hat zu allen Jahreszeiten ihr Schönes. „Wenn ſie nicht käme!“ ſagte Adhemar, auf ſeine Uhr ſehend.„Ach! wie närriſch bin ich doch mit dieſer Frau... es iſt entſchieden, ich werde keine Andere mehr lieben... ich werde ganz in der Stille mit Emmeline brechen. Sie iſt ſo eiferſüchtig, ſo an⸗ ſpruchsvoll!... Wenn ich ihr einigen Anlaß gebe, wird ſie es zuerſt thun... und ich werde dann Ma⸗ thilden ganz angehören. O jal... aber... vorher muß ſie kommen.. ſich mir überlaſſen... wenn ſie nichts als eine Kokette wäre... wenn ſie mit mir nur ein loſes Spiel treiben wollte... ich glaube, ich würde vor Kummer ſterben. Es iſt ſonderbar, wie dieſe Liebe ſo ſchnell kam... Geſtern dachte ich nicht von ferne an Mathilde... aber wo hatte ich denn meine Augen! Ach, es bedurfte nur einer Gelegen⸗ heit... ich bin gewiß, daß in der Tiefe unſeres Herzens eine Menge Empfindungen ruhen, die aus Mangel an Gelegenheit nicht hervorgerufen werden.“ So oft ſich eine Frau in der Ferne zeigte, zitterte Adhemar vor Vergnügen und ſtrengte ſich an, die erwartete Perſon zu erkennen; da er ein kurzes Ge⸗ ſicht hatte, ſo dauerte ſeine Ungewißheit und ſeine Hoffnung ſo lange, bis ſie nahe genug bei ihm war, um ihn zu enttäuſchen; dann äber wurde er ärger⸗ lich, zornig; er erinnerte ſich ſeines Schildwacheſtehens 7 vom geſtrigen Tage und ſagte zu ſich:„Ich ſollte daran gewöhnt ſein!... Wie oft war ich nicht ſchon in meinem Leben in dieſer Lage, und doch macht dieß immer eine gleich ſtarke Wirkung auf mich. Meine Wünſche, meine Befürchtungen, meine Hoffnungen ſind äußerſt lebhaft... d'rum habe ich, auch alle Frauen, mit denen ich bekannt wurde, geliebt... und jedes Mal, wenn ich eine neue Leidenſchaft in mir entſtehen ſah, ſchien es mir, daß ſie ſtärker ſei als die frühere. Iſt es ein Unglück, eine ſolche Natur zu haben! Iſt es nicht beſſer, als für die Liebe abgeſtumpft zu ſein, wie ſo viele junge Leute, die im Alter von fünfundzwanzig Jahren an nichts mehr einen Glauben haben.“ Der Anblick einer Dame von Mathildens Figur, die eilig dem Orte zulief, wo ſich Adhemar befand, machte den Betrachtungen unſeres Verliebten ein Ende. Er lief dieſer Dame einige Schritte entgegen. Ein Hut, von welchem ein Halbſchleier herunterſiel, ver⸗ barg einen Theil ihres Geſichtes, aber an ihrer Hal⸗ tung, an ihrer Eleganz und zumal an der Eile ihrer Schritte erkannte Adhemar Mathilde, und dießmal täuſchte er ſich nicht. Frau Bourdichon war lebhaft bewegt, ſie zitterte. Kaum konnte ſie reden, als ſie Adhemar bemerkte, der ihr mit den Worten entgegen ging:„Sind Sie endlich hier? Ach, ich fing an zu verzweifeln!— Jal... ich ließ lange auf mich warten, nicht wahr? Es iſt aber nicht mein gehler... ich weiß nicht, was ich habe... je näh kam, je mehr befiel mich ein Zittern... kaut 8 glaubte, ich könne nicht mehr bis hierher gelangen.— Nehmen Sie meinen Arm und ſtützen Sie ſich dar⸗ auf.— Ihren Arm? Aber... doch ja... wenn Per⸗ ſonen von unſerer Bekanntſchaft uns bemerken, ſo werden ſie glauben, wir ſeien einander begegnet. Adhemar nahm ihren Arm. Einige Augenblicke gingen ſie ohne beſtimmtes Ziel fort, erſt nach einer Weile gaben ſie ihrem Laufe eine andere Richtung, als ſie Leute herannahen ſahen. Sie ſprachen beinahe nichts mit einander, aber ſie blickten ſich an und mit den Augen kann man viel ſagen. 3 Gleichwohl geben ſich die Frauen beinahe immer Mühe, ihre Aufführung zu rechtfertigen, und wenn ſie einen Fehlſchritt thun, wenn ſie eine Schwaghheit begehen, ſo wollen ſie beweiſen, daß die Schuld nicht an ihnen liege. Dieſe Verfahrungsweiſe haben übrigens beide Geſchlechter mit einander gemein. Höret einen verheiratheten Mann, der einer Frau den Hof macht, er wird nicht verfehlen, ihr zu ſagen:„Wenn ich meiner Frau nicht treu bin, ſo iſt das wahrhaftig nicht mein Fehler! Aber unſere Launen vertragen ſich gar nicht gut mit einander: ſie widerſpricht mir in Allem, ſie zankt mich ohne Unterlaß; wenn ich Frieden haben will, ſo muß ich ihn außer dem Hauſe ſuchen.“ Oder ſo:„Meine Frau iſt ſehr ſanft, ſehr gutmüthig⸗ aber von phlegmatiſchem Charakter, ſie verſteht ſich nicht auf die Leidenſchaften, ſie ahnet nicht, was Liebe iſt, und ich habe ein Herz, das das Bedürfniß fühlt, ſich auszuleeren.“ Oder ſo:„Meine Frau iſt ſehr hübſch, das iſt keine Frage, aber immer krank! Sie 9 bringt ihr Leben mit lauter Sorgen zu! Was Teufel, glauben Sie, ich befinde mich gut dabei!“ Und ſo noch vieles Andere ähnlicher Art. Die Damen haben dabei mehr Feinheit, mehr Takt, ſie wiſſen mehr Gründe anzugeben, und im Allgemeinen liegt in dem, was ſie ſagen, mehr Wahrheit als in den Worten der Männer. „Meine Aufführung muß Ihnen wohl tadelnswerth erſcheinen,“ ſagte endlich Mathilde, indem ſie die Augen niederſchlug,„und ich bin gewiß, daß Sie mich bereits in eine Klaſſe mit allen jenen Frauen ſetzen, welche auf ihre Pflichten nichts halten... welche keinem andern Führer folgen, als der Liebe zum Vergnügen.— Was ſagen Sie da!“ verſetzte Adhemar.„Erſtens wäre das ſehr ſchlecht von mir, Sie ſo zu beurtheilen... ſodann habe ich genug Eigenliebe, um mir vorzuſtellen, daß ich Ihnen ein Gefühl einflößen konnte, welches Sie mit den andern nicht ſo leicht verwechſeln werden... habe ich Un⸗ recht?— O nein! Halten Sie, hören Sie!l ich bin froh, daß Sie in meinem Herzen leſen, daß Sie mich als Die erkennen, die ich bin; in der Tiefe meines Herzens fühle ich das Bedürfniß der Liebe, zu gleicher Zeit aber eine außerordentliche Furcht und Schüchtern⸗ heit... ich könnte ſo zu ſagen mein ganzes Leben lang einen Mann lieben, ohne ihn dieſe Liebe merken zu laſſen, wenn mir derſelbe auch keine beſondere Aus⸗ zeichnung bewieſen hätte. Ich bin vielleicht nicht mit⸗ theilend, aber mein Herz iſt nichtsdeſtoweniger ge⸗ fühlvoll. Noch in ganz jungen Jahren fühlte ich das 10 Bedürfniß einer wahren Zuneigung. In der Anſtalt, in der ich erzogen wurde, fand ich eine Freundin, und mein ganzes Glück beſtand darin, in ihren Buſen meine Leiden wie meine Freuden auszuſchütten, ihr meine geheimſten Gedanken mitzutheilen; ſie ihrerſeits hatte auch kein Geheimniß vor mir. Dieſes gegen⸗ ſeitige Vertrauen hatten wir uns für eine ewige Dauer zugeſchworen, ſelbſt wenn wir die Anſtalt verlaſſen haben würden.— Je nun! haben Sie oder Ihre Freundin ihr Wort nicht gehalten?— O, weder die Eine, noch die Andere! Wir lieben uns noch eben ſo ſehr, aber die Umſtände haben uns getrennt. Ein ſehr reicher Mann heirathete ſie! Er betete ſie an, ſie liebte ihn nicht, aber ihre Eltern drangen auf die Heirath. Ich meinerſeits mußte Herrn Bourdichon heirathen, einen ſehr achtungswerthen Mann; aber habe ich Ihnen lange zu ſagen nöthig, daß das nicht der Mann iſt, den ſich mein Herz auserkoren haben würde! Er iſt vierzig Jahre alt und ich jetzt ſechs⸗ undzwanzigz dieſe Altersungleichheit würde nichts ma⸗ chen, wenn unſere Charaktere etwas Uebereinſtimmen⸗ des hätten; aber Herr Bourdichon iſt ein gar zu ſinn⸗ licher Menſch, wenn er nur ſpielen, jagen, trinken, eſſen und viel Geld gewinnen kann, um eine ſolche Lebensart fortzuſetzen, ſo fühlt er ſich ſehr beglückt. Er nahm eine Frau, daß ſie ſein Hausweſen führen ſolle; er iſt hinſichtlich des Gefühls durchaus nicht eiferſüchtig, aber hat ſehr viel Eigenliebe. Sehen Sie, dieß iſt der Mann, den mich meine Verwandt⸗ ſchaft heirathen ließ, ohne mich zu fragen, ohne mich * 11 zur Rede zu ſtellen, ob ich keine Abneigung gegen Den habe, an den ſich mein Schickſal knüpfen ſollte? Während der erſten Jahre meiner Verheirathung be⸗ ſuchte ich oft meine Freundin, und wir Beide theilten einander unſere Leiden mitz; ſie litt, weil ſie keine Liebe für den Mann fühlen konnte, der ſie anbetete, und ich war im höchſten Grade traurig, daß ich in dem Gatten, den man mir gegeben, keinen Mann finden konnte, der in meiner Seele zu leſen, mein Herz zu verſtehen wußte. Bald jedoch wurde meine Freundin Wittwez ſie hatte jetzt freie Hand und war Herrin eines großen Vermögens; ſie wollte nun ihrem Hange, den ſie immer zum Reiſen gehabt hatte, ein Genüge thun. Obgleich ein Jahr jünger als ich hat meine Freundin doch mehr Geiſtes⸗ und Charakter⸗ ſtärke; es iſt eine ſtolze, hochmüthige Seele, welche keine Beleidigung verzeiht; ihr Herz iſt gleichwohl im höchſten Grade gefühlvoll, aber dieſe übertriebene Reizbarkeit macht ſie empfindlicher, als eine Andere, denn ſie fühlt bei der leiſeſten Berührung lebhaft, und wenn ſie je die Liebe kennen lernt, ſo fürchte ich ſehr, dieſe Leidenſchaft möchte für ſie eine Quelle der Leiden werden. Sie iſt bereits ſeit mehreren Jahren verreist, und ihre Abreiſe hat eine große Leere in meinem Herzen zurückgelaſſen; ſie ſchrieb mir anfangs oft, in der Folge aber wurden ihre Briefe ſeltener, kürzer, dunkler. Sie kündigte mir ein großes Ereigniß an, das ſie mir mittheilen müſſe; dann blieb ich lange Zeit ohne Briefe von ihr, und als ich endlich wieder einen von ihr erhielt, deutete ſie nur darauf hin, daß ſie großen Kummer erfahren habe, den ſie mir bei ihrer Rückkehr mittheilen werde. Dieſen Kdummer— ach, ich bin es überzeugt— hat die Liebe, und nichts Anderes, hervorgebracht. Nur dieſes Gefühl iſt es, was uns Frauen wirkliches Leben gibt; ſie wird ge⸗ liebt und man wird ſie vielleicht getäuſcht haben, ich weiß nicht weiter; aber wenn ſie jetzt zurückkommen wird, ach! ſo bin ich es, die ihr viel zu ſagen haben wird.“ Frau Bourdichon hörte auf zu ſprechen. Adhänar hatte ihr aufmerkſam zugehört, aber während ſie ſprach, hatte er ihre Schritte den elyſäiſchen Feldern zuzulenken gewußt. „Wir ſind nicht mehr im Tuilerien⸗Garten!“ rief Mathilde, die jetzt ihre Blicke um ſich warf, aus.— „Nein!. Wir ſind auf den elyſäiſchen Feldern.— Warum haben wir uns denn aus dem Tullerien⸗ Garten entfernt?— Ich dachte, wir würden uns auf dieſer Seite weniger der Gefahr ausſetzen, Leuten zu begegnen.— Meinen Sie?— Es iſt ſehr langweilig⸗ vor den Vorübergehenden zu plaudern... wir wollen in ein...— Nein, nein, ich werde nirgends hin⸗ eingehen!“ Mathilde ſprach dieß mit ſo viel Entſchloſſenheit wobei ſie ihren Begleiter am Arme mit ſich fortzog,⸗ daß dieſer nicht zu widerſprechen wagte. Sie ſetzten ihren Lauf fort, Adhemar jedoch mit ſehr verzogenem Munde; er biß ſich in die Lippen, ſagte kein Wort,⸗ und begnügte ſich damit, langgedehnte Seufzer ver⸗ nehmen zu laſſen. 3 13 Mathilde brach das Stillſchweigen; ſie ſah ihn lächelnd an und ſagte zu ihm:„Schmollen Sie denn mit mir?— Mit Ihnen ſchmollen?... Nein!... ich habe nicht das Recht dazu; aber... ich kann wohl bekümmert ſein...— Seht mir da die Männer! ſo⸗ bald man ihnen etwas abſchlägt, ſo gerathen dieſe Herren in Aerger... ihre Eigenliebe kommt beim geringſten Widerſtand in Aufregung.— Wenn Sie glauben, daß nur verletzte Eigenliebe in meinem Kummer liege, dann, Madamel haben Sie ganz recht, ſich meinem Vorſchlag zu widerſetzen.— Wenn ich dächte, daß Sie für mich kein anderes Gefühl hätten, meinen Sie, mein Herr! ich würde einge⸗ willigt haben, hierher zu kommen?— O, entſchul⸗ digen Sie!... Sehen Sie, ich weiß nicht, was ich . ſage... aber es geſchah darum, weil ich Sie liebe... können Sie aus den Wünſchen, die ich habe, mir ein Verbrechen machen?... Ein Mann glaubt nicht eher an die Liebe einer Frau, als bis ſie ſich ihm ganz und gar hingegeben hat... ich wenigſtens denke nicht anders. Die ſchönſten Geſpräche, die man über die platoniſche Liebe hält, erſchienen mir immer als leere ſinnloſe Phraſen; die Natur lehrt uns eine ganz andere Liebe, und die Lehren, die ſie uns gibt, ſchätze ich höher als die Moral Plato's und als alle Weiſen Griechenlands. Kurz, ich liebe Sie!... Es ſcheint mir, daß in dieſem Wort Alles liegt: wenn Sie meinen Willen nicht thun, ſo theilen Sie nicht das, was ich für Sie fühle! Ich weiß wohl, daß viele Frauen es lieben, den Augenblick ihrer Niederlage Paul de Kock. XXXVIII, 2 aufzuſchieben... aber... ſehen Sie, ich glaube, daß Die, die am meiſten lieben, den wenigſten Widerſtand leiſten. Aergert Sie das, was ich hier ſage?— Nein... denn ich bin keine Kokette!... Auch liebe ich Sie, und fürchte mich nicht davor, es Ihnen zu ſagen.— Theure Mathilde, wie glücklich bin ich!— Aber wenn ich Ihnen das Opfer meiner Pflichten, meiner Ruhe bringe, ſo laſſen Sie mich wenigſtens mein Möglichſtes thun, meinen guten Ruf zu be⸗ wahren.— Halten Sie mich für fähig, den Schwätzer zu machen?— Nein, aber es iſt nöthig, die größte Klugheit anzuwenden. Morgen früh... will ich zu Ihnen kommen.— Zu mir!— Ja... nun, mein Herr, werden⸗Sie, wie ich hoffe, nicht mehr an meiner Liebe zweifeln.“ Adhemar iſt zu gleicher Zeit entzückt und troſtlos. Der Vorſchlag Mathildens erfüllt ihn mit Freude; aber der Gedanke, daß er nicht mehr allein wohnt, daß eine Perſon bei ihm in ſeinem Zimmer ſich auf⸗ hält, und daß er dieſe bis den andern Morgen nicht fortſchicken kann, iſt quälend für ihn. Mitten unter den Empfindungen, die ihn bewegten, gab er, ohne zu wiſſen, was er ſagte, zur Antwort:„Morgen... zu mir... wiel! Sie werden kommen... in der That!— Ja... da ich es Ihnen verſprochen habe.— Ach, wie gut ſind Sie, wie glücklich bin ich!... Aber haben Sie keine Furcht, in meinem Hauſe Leuten zu begegnen?— In einer Privatwohnung wäre das ein großer Zufall! Dann gibt es ja Ausreden... man ſucht einen Schneider, eine Strickerin, man will 15 ſich die Zimmer beſehen.— Sie haben Recht, Ste haben ganz Recht... aber wiſſen Sie, wo ich wohne?— Auf dem Boulevard Saint⸗Denis, wie 8 Sie mir geſagt haben... in der That, es gehen viele Leute auf den Boulevards vorüber... ein we⸗ niger beſuchtes Stadtviertel wäre mir lieber, eine etwas einſame Straße... aber da Sie auf dem Boulevard wohnen...“ Adhemar ſchien plötzlich auf einen Gedanken zu kommen, er rief:„Nein, ich wohne nicht mehr dort!— Wie, Sie ſind ausgezogen?— Das heißt, ich will ausziehen; meine Wohnung gefällt mir ſchon lange nicht mehr, o und jetzt noch viel weniger; die Su⸗ blimé's wohnen mir auf dem Boulevard gegenüber, und ſie ſind ſehr oft an ihrem Fenſter... ſie ſind ſo neugierig!— O, Sie haben Recht... ſie könnten mich in Ihr Haus gehen ſehen.— Deßwegen will ich morgen ausziehen.— Haben Sie ſich anderswo eingemiethet?— Beinahe... und ich will damit vollends in's Reine kommen, morgen will ich ein⸗ ziehen.— In welchem Stadtviertel?— In dem... in dem.. neuen Viertel bei der Notredame⸗de⸗Lo⸗ rette.— O um ſo beſſer, ich habe gerade einige Freundinnen dort... dieſen Vorwand kann ich be⸗ nützen, wenn man mir dort begegnet... und welche Straße?— Straße... Straße... ich glaube, es iſt die Straße Navarin... eine ſchöne Straße... wo man ſehr wenig Leuten begegnet; übrigens werde ich dieſen Abend zu Ihnen kommen... Ich habe einen Grund: Ihr Gemahl hat mir geſtern im Spiele Geld . 16 geliehen; ich will es ihm nun wieder zurückgeben und zu gleicher Zeit werde ich Gelegenheit finden, Ihnen meine Hausnummer zu ſagen.— Dieſen Abend .. o, da Sie Herrn Bourdichon ohnedieß beſuchen. müſſen, ſo warten Sie, ich beſinne mich auf etwas... wir haben heute einige Perſonen beim Eſſen... um all das Wildpret aufzuſpeiſen, das man geſtern her⸗ gebracht hat... und ich wünſchte, daß Sie auch da⸗ bei wären.— Wie... daß ich heute bei Ihnen ſpeiſe?— Ja, Sie ſollten in einer halben Stunde in's Haus kommen... ich werde auch dort ſein... ich werde Sie einladen, mein Mann wird ſehr ver⸗ gnügt darüber ſein.— Ach, es iſt unmöglich! Ich habe heute mit Freunden zu Mittag zu ſpeiſen ver⸗ abredet.— Mit Freunden! je nun, Sie werden mir dieſes Opfer bringen.— Es würde mit Vergnügen geſchehen, aber da zugleich eine Angelegenheit be⸗ ſprochen werden ſoll, und..— Sie werden mit Ihren Freunden ein andermal von Ihrer Angelegen⸗ heit ſprechen, heute ſpeiſen Sie bei mir, ich wünſche es... ich wünſche es... hören Sie, mein Herr... ich wünſche es!“ Es iſt unmöglich, einer Frau etwas abzuſchlagen, welche verſpricht, in alle eure Wünſche einzugehen! Adhemar ſtotterte endlich:„Gut! ich werde thun, was Sie verlangen.— Das iſt ſchön von Ihnen! In der That, Sie ließen ſich recht ſehr darum bitten.— Weil... wenn Sie wüßten...— Genug, ich will keine andern Gründe mehr hören. Sehen Sie, da ſind wir nahe am Concordienplatz.. ich will in den 17 Tuileriengarten zurückgehen... verlaſſen Sie mich hier, ſchlagen Sie einen andern Weg ein, und in einer halben Stunde kommen Sie zu mir... fehlen Sie ja nicht, ſonſt erhalten Sie morgen keinen Be⸗ ſuch.— G Sie können darauf zählen, daß ich pünkt⸗ lich ſein werde.“ Adhemar drückte Mathilden noch einmal die Hand; dieſe ſchaute ihn mit einem Blick voll Liebe an, dann entfernte ſie ſich haſtig, erreichte bald den Tuilerien⸗ garten wieder und verlor ſich aus ſeinen Augen. „Dieſe Frau wird mich zu Allem bringen, was ſie will!“ ſagte Adhemar zu ſich.„Aber jetzt bin ich auf dem Punkt, den Kopf zu verlieren, und ich weiß gar nicht, wie ich mich aus der Sache ziehen werde... Wohlan! ich habe keine Zeit zu verſäumen... und dieſe armne Emmeline, die... und dieſes Mittageſſen... und eine Wohnung... und... morgen früh... nun, ich habe Geld in der Taſche, und damit richtet man in Paris in kurzer Zeit ſehr viel aus.“ Adhemar ſtieg in ein Cabriolet, ließ ſich auf die Börſe führen, wo er den Verkauf ſeiner Renten in's Reine brachte, und von da begab er ſich zu Herrn Bourdichon. Der Gatte Mathildens betrieb ſeine Geſchäfte nicht wie die Gauner, welche ſich damit befaſſen, allen Narren, die ſich an ſie wenden, Geld abzuzapfen, oder wie jene Unglücklichen, welche eine ganze Woche umherrennen, um den Kauf eines Hauſes in's Reine zu bringen, das ſeit vierzehn Tagen in den„kleinen Anzeigen“ ſteht. Herr Bourdichon hatte zwanzigtauſend 18 Franken Einkünfte, was ſeinen Clienten Vertrauen einflößte, und ihn ſogar in den Stand ſetzte, Speku⸗ lationen zu machen, welche Andere nicht hätten unter⸗ nehmen können. Ueberhaupt braucht man, um Geld zu gewinnen, nur Geld zu beſitzen. Adhemar hatte nach Herrn Bourdichon gefragt. Man führte ihn in das Zimmer, wo der Geſchäfts⸗ mann ſeine Clienten empfing. Der dicke Jäger hat ſich jetzt in ſeinen warmen Schlafrock gehüllt und nachläßig in einen ungeheuern Lehnſtuhl à la Voltaire geworfen; er iſt mitten im Leſen einer Zeitung be⸗ griffen, als man Herrn Marilly bei ihm anmeldet. „Ei! guten Morgen, mein lieber Freund!“ rief Bourdichon, ſich die Augen reibend, aus.„Wahr⸗ haftig, Sie kommen eben recht!... Ich las in einem Journal... aber ich mußte mich anſtrengen, nicht dabei einzuſchlafen... Wenn man die Nacht auf dem Balle zugebracht hat... ich habe nur vier Stunden geſchlafen... und Sie?— Nicht viel länger.— Aber mein Ball war ſchön, nicht wahr? Man hat ſich gut unterhalten?— Sehr gut, er war ausge⸗ zeichnet!— Und meine Maske, he? ich hoffe, daß die luſtig war! Ich geſtehe Ihnen aber, daß ich ſie nicht oft anlegen werde. Man erſtickt faſt unter dieſem Tigerfell und dieſem Kopfe... ich bin entſetzlich ab⸗ gemattet... aber man hat tüchtlg gelacht! Dieſer arme Carcaſſonne, der ſich vor mir fürchtete; der Teufel ſoll mich holen, ich glaube, er hat mich für eine leibhaftige Beſtie gehalten. Seine Frau konnte nicht mehr fort.. ſie iſt hübſch, ſeine Frau, recht 19 hübſch!— Herr Bourdichon! ich will Ihnen meine Schuld bezahlen... hier iſt das Geld, welches Sie mir geſtern geliehen haben.— Ich hoffe, daß dieß nicht der Grund Ihres Beſuches iſt.— Nein, aber die Spielſchulden müſſen pünktlich bezahlt werden!— Ol unter Freunden iſt dieß nicht wie bei Fremden. Uebrigens weiß ich, daß einige Napoleons mehr oder weniger Ihnen nichts ausmachen... Sie ſind reich! O Sie kommen nicht in Verlegenheit, wie Monſig⸗ nard zum Beiſpiel, der das Recht zu haben glaubt, immer den beſten Platz wegzunehmen, weil er zwölf⸗ tauſend Franken Einkünfte hat... für einen Jung⸗ geſellen iſt das recht hübſch, ich gebe es zu! aber ich wette, daß Sie mehr als dieß haben.— Ich? ich verſichere Sie, daß ich nicht reich bin.— Nun, nun, Sie wollen nicht ſagen, wie viel Sie haben! Ich pflichte Ihnen bei, Sie haben Recht... vor Allem iſt man dann weniger dem Umſtand ausgeſetzt, daß man um Geld angeſprochen wird... doch laſſen wir das... ich war recht komiſch als Tiger.“ Herr Bourdichon war im beſten Zuge, die Ball⸗ ſcherze zu belachen, als die Thüre ſeines Kabinets aufging und Mathilde eintrat; ſie ſtellte ſich über⸗ raſcht, als ſie Adhemar bemerkte. „Ach Gott! ich ſtöre Sie, meine Herren! Sie ſprechen vielleicht von Geſchäften? Ich glaubte, mein Mann ſei allein in ſeinem Kabinete.— Nur herein, nur herein!“ rief Herr Bourdichon ſeiner Frau zu, „Du ſtörſt uns nicht... Marilly kam, mir das Geld vom geſtrigen Spiel zu bringen... O das iſt ein * 20 Schuldner von ſeltener Pünktlichkeit... Aber ich glaubte, Du ſeieſt ausgegangen, meine Liebe?— Ich habe einige Einkäufe gemacht; ich kam ſo eben nach Hauſe... Hat Sie der Ball nicht ermüdet, Herr Adhemar?— Nein, Madame, ich wäre bereit, noch einmal anzufangen... Ich habe nie einen ſo ange⸗ nehmen Abend zugebracht!— O das iſt ein Uner⸗ ſchrockener, der Herr Adhemar; was mich betrifft, ſo bin ich recht zufrieden, einen Tiger vorgeſtellt zu haben.— Mein Freund! ich kam, Sie zu fragen... Haben Sie mir geſtern nicht geſagt, Sie würden heute Leute zum Mittageſſen erwarten? Ihre Jäger, glaube ich.— Ja, meine Theure, ja; ich lud Carcaſſonne und ſeine Frau, ſo wie Monſignard ein... Und Sie, mein lieber Herr Marilly, werden wohl ſo freundlich ſein, uns Geſellſchaft zu leiſten... Ein Wildpreteſſen: be⸗ liebt Ihnen dieß?— Sie ſind allzugütig, allein... — Ah, mein Herr! ich unterſtütze meinen Mann; es iſt ein Eſſen ohne alle weiteren Umſtände; und nehmen Sie unſere Einladung an, ſo werden Sie uns damit den Beweis geben, daß Sie uns erlauben, Sie wie einen Freund zu behandeln.— Madame, ich willige ein, denn dieſer Titel iſt gar zu ſüß!— Bravo! es bleibt alſo dabei... wir werden lachen, Narr⸗ heiten ſagen.— Allein ich habe mehrere Ausgänge zu machen, ich erſuche Sie daher um die Erlaubniß⸗ Sie bis zum Mittageſſen zu verlaſſen.— Gut, gehen Sie! Geniren Sie ſich nicht... Ueberdieß haben Sie Zeit dazu! Wir werden erſt um ſieben Uhr ſpeiſen Mein Freund, das heißt um ſechs Uhr!— O die 21— Frauen ſind ſchrecklich; aus Furcht, man möchte auf 3 ſich warten laſſen, geben ſie immer eine Stunde früher an... um halb ſieben Uhr?— Es ſei!“ Adhemar verabſchiedete ſich. Frau Bourdichom ver⸗ beugte ſich anmuthig gegen ihn, ihr Gatte begleitete ihn bis an die Thüre und der junge Mann entfernte ſich, nicht ohne ſich darüber zu wundern, mit wel⸗ cher Geſchicklichkeit die Frauen ihre Sachen einzu⸗ richten wiſſen, ſo daß Alles ſo kommt, wie ſie es wünſchen. „Wohin geht's, mein Bürger?“ fragte der Kut⸗ ſcher Adhemar, der, aus dem Hauſe Bourdichons tre⸗ tend, wieder in das Cabriolet ſtieg.—„Wohin wir fahren? Ach! richtig... Bei Gott, das weiß ich ſelbſt nicht!... Wir wollen uns nach einem Logis umſehen.— Ein Logis, das iſt nicht ſchwer zu finden... Halten Sie, dort unten iſt ein Zettel angeſchlagen.— Das iſt aber nicht das Stadtviertel, wo ich eines wünſchte.. Führe mich in die Navarinſtraße.— O, in's Lo⸗ rettenviertel! Sogleich, Bürger.“ Man kam in die Straße Navarin. Adhemar ſah ſich nach Anſchlagzetteln um: er bemerkte einige, ſtieg aus und forſchte nach; es waren jedoch Miethwoh⸗ nungen um zwölfhundert Franken. Er wollte eben wieder in ſein Cabriolet ſteigen, als er endlich an der Thüre eines neuen Hauſes die Worte las: Ein hübſches Zimmer für einen ledigen Herrn, ſogleich zu vermiethen. „Sogleich! Da haben wir, was wir brauchen!“ ſagte Adhemar zu ſich,„weil ich es ſofort zu be⸗ 8 8 — 22 ziehen wünſche... ich ſprach ihr ja von der Navarin⸗ ſtraße. Das wäre prächtig, wenn ich hier eine Woh⸗ nung fände.“ Adhemar trat in's Haus und erkundigte ſich beim Schließer, der ihm antwortete:„Zwei hübſche Zim⸗ mer und ein Kabinet im dritten Stock mit einem kleinen Schlupfgang beim Eintritt... ganz friſch ge⸗ malt, mit Veloutés⸗Papieren und Bildhauerarbeiten an der Decke! Es iſt Alles ein Spiegel.— Und der Preis?— Fünfhundert Franken... ſo viel wie nichts; der Herr können ſehen, in wie gutem Zuſtande das Haus iſt... und dann zwei Loretten zu Miethfrauen... Der Herr wiſſen, was das heißen will... Griſetten von der vornehmen Gattung! von der hohen Num⸗ mer! Man hat dieſe Damen ſehr gerne in dieſem Viertel hier. So oft Herren in ein Haus ziehen wollen, iſt allemal die erſte Frage: Haben Sie Loretten? Wenn Sie keine haben, ſo ziehe ich nicht ein.“ Adhemar, dem es wenig um die Loretten als Zimmernachbarinnen zu thun war, fand, daß die Wohnung nicht allzu wohlfeil ſei; gleichwohl ſtieg er hinauf, ſie zu ſehen. Der Schließer hatte ihn nicht getäuſcht: Alles war neu, Alles geſchmackvoll ver⸗ ziert, die Wohnung hatte etwas Elegantes, etwas Kokettes, was ſogleich einnahm. Adhemar konnte der Verſuchung nicht widerſtehen; überdieß wollte er eine Wohnung noch für dieſen Tag, und er hatte keine Zeit zu verlieren; nachdem er Alles beſichtigt hatte, rief er:„Kann man ſogleich einziehen?— Ach, mein Gott! ſobald der Herr nur immer will.— Das iſt 23 gut; ich behalté dieſe Wohnung alſo... nehmen Sie, hier iſt mein Handgeld.“„ Der junge Mann gab dem Beſchließer zwei Hundert⸗ Sousſtücke, weil die Gewohnheit, den gnädigen Herrn zu machen und freigebig zu ſein, ihn den Entſchluß, ſich einzuſchränken, vergeſſen ließ. Der Beſchließer verbeugte ſich über die zehn Fran⸗ ken, und zwar ſo, daß ſeine Naſe faſt ſeine Knie be⸗ rührte. „Ich gehe zu einem Tapezier,“ ſagte Adhemar; „ich will mich mit ganz neuen Möbeln verſehen, ich will ihn hierher ſchicken; Sie werden mir an die Hand gehen, daß bis dieſen Abend Alles im Reinen iſt; wenn ich heute nicht hier ſchlafe, ſo werde ich jedenfalls morgen früh ſehr zeitig kommen.— Der Herr dürfen ruhig ſein, ich werde das Auge überall haben. Aber, Sie entſchuldigen, Ihren werthen Na⸗ men, mein Herr?— Da haben Sie meine Karte, meine letzte Wohnung.— O es iſt nicht deßwegen! Man ſieht wohl, mit wem man zu thun hat, es iſt nur darum, wenn Jemand nach dem Herrn fragen ſollte. Ich will ſogleich die Zimmer kehren laſſen.— Sehr gut! Und ich will zum nächſten Tapezier.“ Adhemar ließ ſich zu einem eleganten Tapezier führen, fragte nach dem Herrn des Magazins und ſagte zu ihm:„Ich habe eine Wohnung für einen einzelnen Herrn, zwei Zimmer und ein hübſches Ka⸗ binet, können Sie mir das vollſtändig möbliren?— NRiihts iſt leichter als das, mein Herr!— Wenn ich aber vollſtändig ſage, ſo will ich damit ſagen, daß 24 kein Haar fehlen darf. Ich will große und kleine Vorhänge an die Fenſter; ich will Tücher, Decken, eine Flaumdecke über das Bettz ich will einen Boden⸗ teppich; ich will ein porcellainenes Kaffeebrett, Leuch⸗ ter... Vaſen für das Kamin, kurz, daß man nur hineingehen und ſich ſchlafen legen darf.— Mein Herr, nichts leichter als das!— Aber bis auf den Abend ſoll Alles fertig ſein.— Dieſen Abend... Ach, mein Herr! es iſt ja noch vier Stunden Zeit.— Ich bezahle baar, hier ſind tauſend Franken zum Voraus!— Der Herr werden zufrieden ſein... Alles wird vor Mitternacht noch fix und fertig ſein... Wollen Sie die Möbeln ſelbſt auswählen?— Ja, die hauptſächlichſten; aber ſputen wir uns!“ 3 Der Tapezier hatte ein ſehr ſchönes Magazin; er hatte moderne, antike, gothiſche, Renaiſſance⸗Möbeln von Mahagoni⸗, Citronen⸗ und Paliſſanderholz, ſogar mit chineſiſchem Lack. Adhemar fand alles dieß ent⸗ zückend, und vergaß wieder ſeine klugen Vorſätze: er wählte das, was ihm am meiſten gefiel, ohne nach dem Preis zu fragen; dann ſah er plötzlich auf die Uhr und rief:„Fünf Uhr vorüber! mein Gott, und Emmeline hat noch nicht gefrühſtückt.“ 31 Er ging von dem Tapezier fort, dem er die Num⸗ mer ſeiner neuen Wohnung angegeben hatte und ſagte zu ihm:„Ich verlaſſe mich auf Sie... Machen Sie Ihre Sache auf's Beſte, nehmen Sie vier bis fünf Jungen mit, nur daß Alles dieſen Abend in's Reine kommt.“ 4 Adhemar ließ ſich in ſeine alte Wohnung führen⸗ 25. ſagte aber beim Ausſteigen aus dem Cabriolet zu ſich:„Wenn ich jetzt hinaufgehe, ſo werde ich mit Emmeline einen Auftritt bekommen... ſie wird mich fragen, wo ich herkomme... was ich ſeit dieſen Mor⸗ gen gethan habe; alles dieß wird ſehr lange dauern. Gehe ich dann aus, ſo wird ſie mit mir wollen, und ich werde kein Mittel finden, bei Mathilde zu ſpeiſen... Das Kürzeſte und Einfachſte iſt, daß ich jetzt gar nicht hinaufgehe. Ich will dieſen Abend heimkommen, und dann werde ich noch Zeit genug haben, mit ihr Frieden zu ſchließen. Es bleibt alſo dabei, ich gehe nicht hinauf; da ich aber dieſe arme kleine Frau nicht nüchtern laſſen möchte, weil ich nun auswärts ſpeiſe, ſo will ich ihr ein Mittageſſen herbringen laſſen. Meine Pförtnerin, Frau Coquenard, wird es her⸗ ſchaffen.“ Adhemar ſtieg aus und wandte ſich gegent ſeine ehrbare Pförtnerin:„Frau Coquenard?— Mein Herr! es iſt nichts für Sie da, weder ein Brief, noch eine Karte!... Es kam Niemand, der nach Ihnen gefragt hätte.— Es handelt ſich nicht darum, Frau Coquenard; Sie ſollten mir eine Gefälligkeit thun.— Alles, was der Herr nur wünſchen werden, ich ſtehe zu ſeiner Verfügung; jetzt kann ich gerade meine Zelle verlaſſen, meine kleine Nichte iſt da.— Frau Coquenard! Sie ſollten ſich jetzt zu dem beſten Gaſtwirth in der Nähe begeben und ein gutes Mittag⸗ eſſen beſtellen... Alles, was dazu nöthig iſt... . Bordeaux⸗ und Champagnerwein.— Der Herr wollen 4 ſich gütlich thun, der Herr haben Recht; es iſt das —— Vernünftigſte, was man thun kann, wenn man das Vermögen dazu hat! Was wollen der Herr ſpeiſen?— Das iſt mir einerlei; ich ſage Ihnen, ein feines Mittageſſen.— Ich will Bohnen mit Hammelfleiſch und gebackene Fleiſchſchnitten beſtellen, das ſchmeckt ausgezeichnet.— Ach, Frau Coquenard! was machen Sie mir da für einen Vorſchlag! Ich ſehe, daß Sie ſich hierauf nicht verſtehen; haben Sie eine Feder... Papier?— Ja, mein Herr, hier!— Ich will die Speiſekarte ſchreiben, ich ſehe, daß das vernünftiger ſein wird.— Schön! Das iſt mir weit lieber, mein Herr, weil der Geſchmack des Einen nicht immer der des Andern iſt; ich bin ganz in die Bohnen mit Hammelfleiſch vernarrt.“ Adhemar ſchrieb die Speiſekarte, gab ſie der Pförtnerin und ſagte zu ihr:„Sie beſtellen dieſes ſogleich.— Ja, mein Herr! beim Banquet d'Ana⸗ créau, oder beim Gaſtwirth des Theaters am Thor Saint⸗Martin.— Wo Sie wollen, nur werden Sie ſogleich bezahlen, hören Sie?— Ja, mein Herr!— Halten Sie; ich weiß nicht, wie viel es koſten wird, hier ſind fünfundzwanzig Franken.— Fünfundzwanzig Franken für das Mittageſſen einer einzigen Perſon!... Gott, wie theuer leben die vornehmen Leute!— Aber das iſt noch nicht Alles; hören Sie wohl: Wenn der Kellner das Eſſen herbringen wird..— So werde ich ihn zu Ihnen hinaufgehen heißen, nicht wahr? Ja; aber... halten Sie, Frau Coquenard, Sie ſind eine verſchwiegene Frau, man kann ſich auf Sie ver⸗ laſſen.— Ja, mein Herr! bei Tag wie bei Nacht; 3 -— 4 27 ich thue mir etwas zu gut darauf.— Dieſes Mittag⸗ eſſen iſt nicht für mich, denn ich ſpeiſe in der Stadt... aber ich habe ſeit heute Morgen eine kleine Frau auf meinem Zimmer.— Ich ſah ſie dieſen Morgen in aller Frühe hinaufgehen und dachte bei mir: Du haſt ſie nicht wieder heruntergehen ſehen.— Das iſt Diejenige, der ich das Mittageſſen ſchicken will.— Gerechter Himmel! und Sie beſtellen eines für fünf⸗ undzwanzig Franken! Wollen Sie denn dieſe junge Dame erſticken?— Beruhigen Sie ſich! ſie wird da⸗ von nehmen, ſo viel ihr beliebt... ich hatte anfangs im Sinne, Sie mit dem Kellner hinaufzuſchicken, aber ſie würde eine Maſſe Fragen an Sie richten, Sie würden nicht wiſſen, was Sie antworten ſollten... es iſt beſſer, Sie gehen nicht mit hinauf. Sie wer⸗ den den Kellner auf mein Zimmer ſchicken und ihn erſuchen, der Dame, die ihm öffnen wird, ganz ein⸗ fach zu ſagen: Madame, hier iſt das Mittageſſen, das man für Sie beſtellt hat... hören Sie?— Wahrhaftig, mein Herr! das iſt keine ſchwere Sache; der Speiſewirth wird zu der jungen Dame ſagen: Hier, Madame, iſt das Mittageſſen, das man für Sie beſtellt hat. Und wenn ſie andere Fragen machen ſollte, eil ſo wird der Kellner ſagen, daß er ſonſt nichts wiſſe.— Ganz gut; Sie beſtellen jetzt ſogleich das Mittageſſen.— Auf der Stelle, mein Herrl— Schön! dann kann ich mich dahin begeben, wo man mich erwartet, und wenn zufällig dieſe kleine Dame ſich darnach erkundigen ſollte, ob Sie mich geſehen haben, ob ich heimgekommen ſei... ſo werden Sie 2 geſehen haben.— Soll nicht fehlen, mein Herr!“ Da Adhemar jetzt verſichert ſein konnte, daß Emme⸗ line während ſeiner Abweſenheit nicht faſten dürfe, ſo ſtieg der junge Mann in's Gefährt und ließ ſich zu Frau Bourdichon führen, indem er zu ſich ſagte:„Ich kann das Sparſyſtem doch nicht immer ſo fortſetzen... ſagen, daß Sie mich ſeit dieſen Morgen nicht wieder allein es gibt Umſtände, die dringender ſind, als unſere Entſchlüſſe, wo man dann unmöglich Das aus⸗ führen kann, was man ſich vorgenommen hatte. 3 Zweites Kapitel. Ein Wildpreteſſen.— Der ſchöne Monſignard.— Wahrgewordenes Sprichwort. Es ſchlug ſechs Uhr, als Adhemar in den Salon der Frau Bourdichon trat, welche ihm mit einem zärklichen Lächeln für ſeine Pünktlichkeit dankte; Herr Carcaſſonne und ſeine Gattin waren indeß bereits da. „Das iſt ſehr ſchön, daß Sie nicht auf ſich warten ließen,“ ſagte Bourdichon;„ich halte ſehr viel auf pünktliche Leute, um ſo mehr, als ſie in der Geſell⸗ ſchaft ſehr ſelten ſind.— Bin ich es denn nicht?“ ſagte der lange Carcaſſonne;„es ſcheint mir doch, daß ich nie..— O mit Dir, mein Lieber!“ ſagte Frau Carcaſſonne, ihren Gatten unterbrechend,„iſt's. etwas anders... Du biſt immer vor der Zeit daz und ich glaube, daß das ſchlimmer iſt, als zu ſpät 29 zu kommen; wenn ich auf ihn hörte, ſo gingen wir, wenn man uns auf ſechs Uhr einlud, um vier Uhr ſchon von Hauſe fort; geht er ohne mich auf einen Ball, ſo kommt er, während die Damen noch ihre Toilette machen... noch ehe die Salons beleuchtet ſind. Auf den Theaterbeſuch richtet er ſich, noch ehe die Spritzenmänner auf ihrem Platze ſind. Die Furcht, zu ſpät zu kommen, iſt eine wahre Krankheit bei ihm. Eines Tages waren wir auf einem ländlichen Feſte, vier oder fünf Stunden von Paris; gut, da wir nicht recht wußten, wie viel Uhr es war, fürch⸗ tete er ſich ſo ſehr, die Kutſche zu verfehlen, daß er, kaum angekommen, ſich in's Bureau ſetzte, wo man ſeinen Platz beſtellt, und dort den ganzen Abend zu⸗ brachte, während ich am Tanze Theil nahm; an dieſem Tage erinnere ich mich, zweiundzwanzig Contretänze nach einander getanzt zu haben.— Zweiundzwanzig!“ ſagte Frau Bourdichon lächelnd.„Dann aber hat Ihr Gemahl auf dem Bureau ſehr lang auf Sie warten müſſen.— Nein, doch nicht allzulang... die Violinen ſpielten ſehr ſchnell.— Wir warten nicht länger auf Herrn Monſignard, nicht wahr, Herr Bourdichon?“ ſagt Mathilde zu ihrem Manne.— „Und Dalbrun... unſer junger Türke von geſtern, einer Ihrer Beſieger im Kartenſpiel, Herr Marilly, dem bin ich auch begegnet. Ich ſagte zu ihm: er müſſe mit uns ſpeiſen, um Ihnen dieſen Abend Re⸗ vanche geben zu können, und er war es ganz zufrieden; es iſt ein ſehr lieber kleiner Junge, dieſer Dalbrun.— Paul de Kock. XXXVIII. 3 30 Was iſt denn Herr Dalbrun ſeines Standes?“ fragte Frau Carcaſſonne.—„Er iſt Advokat; ein Junge, der ſehr gute Geſchäfte macht, er hat einen Orden. Ich glaube, daß er in der Zeit ein wenig beſchränkt iſt, aber er wird kommen.“ Die Thüre des Salons ging auf und Herr Dal⸗ brun erſchien. Es war ein junger Mann von ſechs⸗ undzwanzig bis achtundzwanzig Jahren, von dunkel⸗ braunem Haare und dunkler Hautfarbe, von edler Geſichtsbildung, obgleich dieſelbe auf den erſten An⸗ blick etwas kalt und beinahe ſtrenge erſchien; er war zwar nicht groß, aber wohlgeſtaltet und immer ge⸗ ſchmackvoll gekleidet, ohne jedoch in ſeinen Bewegun⸗ gen und in ſeinen Manieren etwas Geziertes zu haben; endlich ſprach er wenig in der Geſellſchaft, ließ aber manchmal ſehr geiſtreiche Scherze vernehmen. „Wenn man vom Wolfe ſpricht!...“ rief Bour⸗ dichon, Dalbrun die Hand bietend.—„Habe ich auf mich warten laſſen?“ ſagte Herr Dalbrun, nachdem er die Freunde begrüßt hatte.„Es iſt erſt ein viertel und Bourdichon gab mir bis halb ſieben Uhr Zeit.- Nein, Sie ſollen nicht gezankt werden,“ ſagte Ma⸗ thilde;„aber mein Mann iſt grauſam, daß er die Beſtellung auf halb ſieben Uhr gemacht hat, weil man dann erſt um ſieben Uhr kommt. Sie werden ſehen, daß Herr Monſignard nicht bälder da ſein wird.— Wir wollen ihm aus Gnade die Viertel⸗ ſtunde ſchenken, aber nicht mehr,“ ſagte Bourdichon. „Man genirt ſich wegen einer Perſon nicht. Ueberdieß ſagte ich vorher: es iſt ein Eſſen ohne Umſtände, ein 31 Wildpreteſſen... Liebſt Du es, Dalbrun?— Das Wildpret?.. Ich kann es nicht ausſtehen!— Ach, dann biſt Du übel daran... aber ich habe es Dir vorher geſagt.— Auch bin ich nicht Deiner Jagd, ſondern Deiner Geſellſchaft wegen gekommen.— Ich nahm mich geſtern als Tiger recht gut aus, nicht dahr⸗— Vortrefflich! Du hatteſt das Ausſehen eines Löwen,— Welch ein Spottvogel dieſer kleine Dalbrun iſt; und Du, mit Deinem Halbmond auf dem Kopfe, wen wollteſt denn Du vorſtellen, he?— Einen Türken wahrſcheinlich?— Wiſſen Sie nicht,“ ſagte Mathilde, ſich an Adhemar wendend,„ob ſich Herr Sublimé von ſeinem geſtrigen Falle wieder erholt hat, und ob ſein Sohn nicht über die Angſt, die er ausge⸗ ſtanden hat, erkrankt iſt? Mein Gott, dieſe Familie hat geſtern recht Unglück gehabt!— Ja, ſehr viel Unglück,“ murmelte Dalbrun lächelnd,„denn das Koſtüm der Frau Sublimé war auch recht unglück⸗ lich.— O, das heißt, man hätte berſten mögen vor Lachen!“ rief Frau Carcaſſonne aus.„Kann man ſich vorſtellen, daß man mit achtundvierzig Jahren (ſo alt iſt Frau Sublimé) in ſolcher Kleidung in Ge⸗ ſellſchaft kommt? Es wäre das ſchon an einer jungen und hübſchen Frau lächerlich, aber Frau Sublimé iſt weder das eine noch das andere.— Sie iſt eine ſehr ſchöne Frau,“ ſagte Mathilde.—„O weil ſie recht groß iſt. Sie iſt wie ein Mann gebaut.— Woher wiſſen Sie das?“ fragte Bourdichon lächelnd.— „Mein Gott! Herr Bourdichon, Sie ſind heute ſchreck⸗ lich; man kann nichts ſagen, ohne daß Sie es falſch 32 auslegen.— Ich kann Ihnen keine Nachricht von der Familie Sublimé geben,“ agte Adhemar;„ich habe ſie dieſe Nacht, oder vielmehr dieſen Morgen nach Hauſe gebracht und ſie ſeitdem nicht wieder ge⸗ ſehen.— Unſere Bedienten haben dieſen Morgen in dem kleinen blauen Saal ein Armband mit einem ungeheuern farbigen Stein gefunden,“ ſagte Ma⸗ thilde;„ich weiß nicht, wem es gehört, aber gewiß wird man es abholen laſſen.— Was ſtellt der Stein vor?“ fragte die kleine Dame.—„Es iſt mir nicht mehr erinnerlich.— O laſſen Sie uns doch dieſes Armband ſehen, zeigen Sie es uns.— Zu welchem Zweck, wenn es nicht Ihnen gehört?— Das iſt einerlei, wir verſuchen es, den Eigenthümer aus der Figur des Steines zu errathen. Holen Sie es doch, meine kleine Mathilde, das wäre ſehr artig von Ihnen!“ Frau Bourdichon gab nach, obgleich ihr Lächeln widerſprach; ſie ging aus dem Saale und kam bald wieder mit dem Armband zurück. Es iſt von ſehr ſchöner Arbeit und mit einem großen Stein ge⸗ ſchmückt, der einen Widderkopf vorſtellt. Als ſie dieſes bemerkte, lachte die ganze Geſellſchaft aus vollem Halſe.. „Das wird ſehr ſchwer zu errathen ſein!“ rief Herr Bourdichon noch viel lauter, als die Uebrigen lachten.— Warum?“ ſagte Dalbrun.— Weil dies Armband einer Menge Perſonen aus der Geſellſchaft gehören könnte.— Es hat ſieben Uhr geſchlagen und Herr Monſignard kommt nicht!“ rief Mathilde;„das iſt unausſtehlich, immer ſo auf ſich warten zu laſſen. t „ —— 33 Setzen wir uns zu Tiſche, meine lieben Freunde! die Nachzügler ſollen das Nachſehen haben.“ In dieſem Augenblick ließ ſich das Geläute der Glocke vernehmen, und bald erſchien die erwartete Perſon im Saale. Herr Monſignard iſt ein Mann von dreißig Jahren, groß, wohlgebaut, obwohl vielleicht ein wenig zu ſtark. Sein Geſicht iſt vollkommen rund und regel⸗ mäßig. Er hat eine gerade, fehlerfreie Naſe, an welcher der bedächtlichſte Maler nichts auszuſetzen ge⸗ funden hätte; er hatte blaue, ziemlich große Augen, einen kleinen Mund, ſehr ſchöne Zähne, eine ſehr rothe Geſichtsfarbe, einen Wald von blonden, ge⸗ lockten und mit großer Sorgfalt geſcheidelter Haare, und endlich eine prächtige Halsbinde, die ſein Geſicht vollſtändig einrahmte. Ihr ſehet, daß Herr Mon⸗ ſignard zugleich ein ſchöner Mann und ein aller⸗ liebſter Junge iſt, füget hiezu noch einen äußerſt ſorgfältigen Anzug, ſo habt ihr Alles, was zur Leibes⸗ anmuth gehört. Eine ſelbſtzufriedene Miene, ein ſpöttiſcher, ſchneidender Ton, eine ſich ſtets gleich blei⸗ bende Phyſiognomie, viel Großſprecherei und wenig Geiſt in der Unterhaltung, dann habt ihr ihn ganz, wie er iſt. Die Einen ſagten: Monſignard ſei ein Geck; die Andern: er ſei ein ſehr guter Junge, wenn an ihn näher kenne; vielleicht hatte Jeder Recht. „Kommen Sie endlich doch, mein Herr!“ ſagte Mathilde zu dem neuen Ankömmling,„wir wollten uns eben ohne Sie zum Eſſen ſetzen.— Ach, ich wette, daß dem nicht ſo iſt, Sie hätten nicht ſo 4 34 grauſam ſein können! Wie viel Uhr iſt es denn? Ihre Uhren gehen alle verkehrt.— Sie gehen ſehr gut,“ ſagte Bourdichon;„aber Sie, Monſignard, ſind außer Ordnung gekommen... das iſt keine üble Falle, das.“— Herr Monſignard grüßte die Geſellſchaft kaum, warf ſich dann auf einen Divan, zog die Beine her⸗ auf, indem er ſie mit den Händen in der Luft hielt (es war ſeine Lieblingsbewegung in Geſellſchaft), dann rief er aus:„Es iſt merkwürdig, wie bald Sie zu Mittag eſſen!— Ja wohl, recht bald, um viertel auf acht Uhr; dann, mein Lieber, muß man Ihnen ſagen, daß Sie zu Nacht eſſen, das werden Sie vielleicht eher gelten laſſen.— Ach, ſonſt hatte ich die Nachteſſen auch recht gerne, ich bin in dieſer Be⸗ ziehung ganz auf der Seite der Regierung.— Mon⸗ ſignard, ich nahm mich als Tiger recht gut aus, nicht wahr?— Als Tiger, wie?— Ach, ich dachte nicht mehr daran, daß Sie geſtern Nacht nicht auf unſerm Balle waren!— Das iſt ſehr ſchlecht von Ihnen, daß Sie geſtern nicht gekommen,“ ſagte Ma⸗ thilde;„ich nehme Ihnen das ſehr übel!— Ach, meine Schöne! Sie können ſich vorſtellen, daß ich ſchon genug dadurch geſtraft bin, daß ich meinen Abend nicht bei Ihnen zubringen konnte. Aber halten Sie ſich an Ihren Mann; Niemand als er iſt Schuld daran. Gott ſoll mich bewahren, jemals wieder mit ihm von der Jagd heimzugehen! Er hat mich kreuz⸗ lahm gemacht, zu Grunde gerichtet! Ich glaube, er hat meinen Tod geſchworen!— Bei Gott, ihr ſeid ,= 35 4 prächtige Jäger, Sie und Carcaſſonne!“ rief Bour⸗ dichon aus.„Der Eine ſchießt bereits kreppirte Haſen, der Andere kann ſein Gewehr nicht tragen, ſeine Jagdtaſche macht ihn müde, man muß ihm gute Wege ſuchen... auch hat er in der That drei ganze Lerchen geſchoſſen.— Fünf, mein Lieber, und im Flug, ich thue mir etwas darauf zu gut.“ Ein Bedienter machte dieſer Unterredung ein Ende, indem eer meldete, daß Madame habe auftragen laſſen. Die Geſellſchaft ging nun in den Speiſeſaal. Mathilde, die ihren Gäſten Plätze anwies, ſetzte Adhemar an ihre linke, und Dalbrun an ihre rechte Seite. Dieſe Anordnung ſchien dem ſchönen Mon⸗ ſignard zu aiseie man ſah eine leichte Wolke ſein Geſicht überſchatten; gleichwohl entſchloß er ſich, ſeinen Platz bei der kleinen Frau des langen Carcaſſonne einzunehmen; aber während des ganzen Eſſens ließ er ſeine Blicke oft auf Mathilde und Adhemar ruhen. Man wird die üble Laune dieſes Herrn begreifen, wenn man erfährt, daß er ſich Mühe gegeben hatte, das Herz Mathildens zu erobern; da er in dieſer Unternehmung nicht glücklich geweſen war, und bei Madame Bourdichon auf eine ungewöhnliche Kälte ſtieß, ſo hatte der ſchöne Stutzer daraus den Schluß gemacht, Mathilde gehöre zu jenen unempfindlichen Frauen, die ſelbſt zu der geringſten Schwachheit unfähig ſeien; denn von dem Augenblicke an, wo ihn eine Frau hatte ablaufen laſſen, überredete ſich Monſignard ſtets, daß kein Mann ſein Glück bei ihr machen könne. Gleichwohl machte Monſignard, trotz aller Klug⸗ 36 heit Mathildens, trotz der Zurückhaltung, mit welcher Adhemar mit ihr ſprach, vielleicht gerade um dieſer Zurückhaltung willen, ein ſonderbares Geſicht. Es gibt Dinge, in welchen ſich ein verſchmähter Lieb⸗ haber nicht irrt, auch konnte Monſignard aus Ver⸗ druß über die Neckereien ſeiner Nachbarin und die Scherze Bourdichons nicht dazu kommen, ſo heiter, das heißt, ſo ſpöttiſch wie ſonſt zu werden. „Ich glaube, Monſignard geht es wie Dalbrun,“ ſagte der Hausherr während des erſten Ganges,„er liebt das Wildpret nicht.— Warum dieß?— Weil Sie nicht eſſen! weil Sie nicht trinken! nicht ſprechen! Sind Sie denn noch müde von der Jagd?— O ganz und gar nicht, der Grund liegt darin, daß ich ſpät gefrühſtückt habe.— Aus Klugheit, weil er hier zum Mittageſſen eingeladen war. Ei! Carcaſſonne, was haſt Du mit Deinen Haſen gemacht?— Meinen Haſen?“ ſagte der lange Jäger, indem er in ſeinem vollen Munde einen Rebhuhnflügel verſchwinden ließ. „Es iſt wahr... Frau, was iſt aus meinen Haſen geworden?— Deinen Haſen?... ich habe ſie unſern Bedienten aufgetiſcht; ich ſagte zu ihnen: machet damit, was ihr wollet. Sie waren verdorben... es war ſchauerlich! So oft mein Mann mir etwas von der Jagd bringt, ſo iſt es immer ſtinkendes Wildpret.— Wahrſcheinlich deßwegen, weil er es alt tödtet,“ ſagt Dalbrun.—„Sie haben dieſe Nacht ſehr viel getanzt,“ ſagt Monſignard zu Mathilde. —„Nicht ſehr, mein Herr... warum?— Sie haben ein ermüdetes Ausſehen.“ —.—— —.—— ich weiß nichts davon... Frau Carcaſſonne, eſſen 37 Mathilde wurde roth, indem ſie erwiederte:„Man hat die Erlaubniß, müde zu ſein, wenn man mehr als zweihundert Perſonen zu empfangen hat.— Auch machte ich dieſe Frage nur deßwegen, Madame, weil mir an Ihrer Geſundheit gelegen iſt.— Ich bin davon überzeugt, mein Herr.— Ach! wer eines Win⸗ ters einmal müde wurde, das bin ich,“ ſagte Frau Carcaſſonne;„wir gaben einen Maskenball... wir wohnten damals in Bordeaux, es waren bei zwei⸗ hundert Perſonen da... meine Wohnung war ganz ausgeräumt; es iſt dieß unerläßlich nöthig, wenn man dreihundert Perſonen empfängt. Abends fand ein Nachteſſen, ein prächtiges Gedecke ſtatt!... vier⸗ hundert Perſonen am Tiſche; man tanzte bis in den Tag hinein und als ſich Alle entfernten, war es eine Verwirrung 3 den Wagen! Sie begreifen wohl, fünfhundert Perſonen! da war ich wohl recht müde. — Sie hat recht, jetzt inne zu halten,“ ſagte Dal⸗ brun zu Mathilden,„denn ſie würde wohl ſicherlich am Ende mehr als tauſend Perſonen empfangen haben.— Ei!“ ſagte Bourdichon,„das Armband! hat Niemand errathen, wem es gehört... Monſig⸗ nard hat es nicht geſehen, man muß es ihm zeigen. — Mein Gott, mein Freund! Sie machen ſich mit dem Armband viel zu ſchaffen,“ ſagte Mathilde,„wir werden erfahren, wem es gehört, wenn man es zu⸗ rückfordern wird.— O nur deßwegen, weil der Stein ſo komiſch iſt!... Du haſt es auf dem Kamin im Salon liegen laſſen, wenn mir recht iſt.— Ach, 38 Sie keine Rebhühner?— O niel ich möchte mit einer meiner Freundinnen ſagen: wenn nichts als Reb⸗ hühner und ich auf der Erde wären, ſo würde die Welt bald aufhören.— Köſtlich,“ ſagte Monſignard, „aber der Scherz über den Spinat gefällt mir noch beſſer.— Der iſt doch etwas abgedroſchen,“ ſagte Adhemar.—„Nur das, was gut iſt, wird abge⸗ droſchen.— Es ſcheint mir, daß in dieſem Augen⸗ blick mein Mann die Rebhühner abdriſcht,“ ſagte die kleine Dame lachend. Herr Carcaſſonne nahm in der That jetzt die Schüſſel zum vierten Mal zur Hand. Herr Bour⸗ dichon indeſſen, dem es ſehr darum zu thun war, daß Monſignard das Armband ſehe, ließ es durch einen Bedienten holen, der es ihm ſogleich herbei⸗ brachte.„Hier iſt der treffliche Schmuck, den man geſtern hier gelaſſen hat,“ ſagte der Gatte Mathil⸗ dens mit einer triumphirenden Miene.„Monſignard, ſehen Sie einmal!“ Der ſchöne Mann nahm das Armband, das man ihm überreichte und betrachtete es mit einem ſardo⸗ niſchen Lächeln; er ſagte:„Das iſt vielleicht ein Fa⸗ milien⸗Portrait.— Ich ſagte, es habe es vielleicht ein Mann ſeiner Frau zum Andenken gegeben.— Welch' böſer Mann Herr Bourdichon iſt, ſo oft er auf der Jagd war,“ rief die kleine Dame.—„Mein Gott! wie mich dieſe Unter haltung ungeduldig macht,“ ſagte Mathilde ganz leiſe zu Adhemar,„wird das nicht bald aufhören?— Aber was haben Sie denn mit Ihren Hunden angefangen?“ ſagte Adhemarz 39 „ich habe geſtern Abend keine geſehen, als ich Ihnen begegnete.— Monſignard nahm dieß über ſich; er hat zwei prächtige Thiere und Carcaſſonne bedient ſich derſelben nicht, er ſagt, es ſei das etwas Ueber⸗ flüſſiges; und in der That, ſo wie er zu jagen pflegt⸗ ſo hat er Recht.“ 6 Der große Jäger antwortete nichts, er ſchien zu ſehr beſchäftigt, als daß er hätte Zeit finden können, ſich in die Unterhaltung zu miſchen.„Und Sie wiſſen alſo nicht, wem das Armband gehört,“ fuhr Monſignard fort, der abſichtlich die Unterhaltung auf dieſen Gegenſtand zurückzuführen ſchien.—„Wir wiſſen es nicht. Ich verlange, daß jeder Anweſende die Perſon nennt, die er für den Eigenthümer dieſes Schmuckes hält... nicht wahr?— Nein, mein Herr,“ ſagte Mathilde;„Ihr Vorſchlag iſt unſchicklich.— Inwiefern denn, meine Liebe? Was Teufels! dieſes Armband gehört Jemand, der ſchwer herauszubringen iſt..— Sie werden ohne Zweifel etwas Lächer⸗ liches daran anknüpfen wollen.— Ich? ganz und gar nicht! Alles iſt nur ein Scherz; überdieß glaube ich meines Theils ziemlich feſt, daß dieſer Schmuck Frau Raimond gehört... und Du, Dalbrun?— Ich? ich denke, daß er dem Poeten Malentrain ge⸗ hört, der ihn von der Dame hat, die er geſtern erobert haben wird, denn er war in ſeiner baum⸗ wollenen Mütze entzückend.— Und Du, Monſignard? — Ich gebe keinen Namen an, ich fürchtete ihn all⸗ zugut zu treffen.— Ich!“ ſagte Frau Carcaſſonne, „verlor einmal ein prächtiges Armband... das mir 40 ſehr theuer zu ſtehen kam... es war mit ächten Smaragden beſetzt... erinnerſt Du Dich jenes werth⸗ vollen Armbandes, Carcaſſonne, das Du mir zu meinem Geburtstag, oder auf Neujahr, oder auf den Carneval gegeben hatteſt?“— Der große Herr machte ein Zeichen der Verſicherung, immer mit dem Eſſen fortfahrend.—„Nun es thut nichts zur Sache... es war prächtig... wir gehen auf den Ball im Opernhauſe... ich hatte einen Domino und mein Armband darüber; das war ſehr un⸗ klug; ein Armband ganz mit feinen Perlen. Nach⸗ dem ich einige Mal in's Wärmezimmer gegangen⸗ war, merkte ich, daß ich mein Armband nicht mehr 3 habe... ich war troſtlos... gleichwohl ſagte ich nichts zu meinem Gatten, der mich gezankt haben würde und das mit Recht... weil man ein Arm⸗ band mit Diamanten auf einen Ball in der Oper nicht mitnehmen ſoll. Endlich nach zwei Stunden wollten wir den Ball verlaſſen, wo ich vergebens auf dem Boden geſucht, aber nichts gefunden hatte, als eine als Poſtknecht gekleidete Maske ſich mir näherte und mir mein Armband mit den artigen Worten überreichte:„Schöner Domino... wenn man eine ſo hübſche Geſtalt hat wie Du, ſo braucht man keine ſolche Zierrathen zu tragen und kommt dann auch nicht in Gefahr, ſie zu verlieren.“ Ich dankte dem Poſtillon, der mein Armband mir ſelbſt wieder an meinen Arm legte und ſich entfernte. Sie können ermeſſen, wie vergnügt ich warz wir gingen dann noch einigemal im Saal auf und ab; aber 1 41 ich hatte gut ſuchen, ich ſah meinen Poſtknecht nicht mehr.“ Die Geſchichte der Frau Carcaſſonne, welche Ma⸗ thilde abſichtlich nicht unterbrochen hatte, ſetzte der Nachtiſch⸗Unterhaltung ein Ziel. Die Hausfrau machte ſich mit dem Eſſen zu thun, weil die Blicke Mon⸗ ſignard's ſie in Verlegenheit ſetzten. Sie gab das Zeichen zum Aufbruch vom Tiſche, worauf Alles in den Saal ging, wo Adhemar ihr in's Ohr ſagte: „Dieſer Herr Monſignard ſieht Sie ſehr oft an und mit einer ausforſchenden Miene; ſollte er ſich etwa einen Scherz erlauben, der Sie verletzen könnte, ſo werde ich ihm Stillſchweigen aufzulegen wiſſen.— Ach, thun Sie mir den Gefallen, mein Freund, und ſchenken Sie dieſem Manne keine Aufmerkſamkeit, der übrigens ſo eingebildet iſt, daß er glaubt, er gefalle allen Damen; bedenken Sie, daß man eine Frau mit ſolchen Geſchichten nur in Verlegenheit bringt.— Sie haben Recht... ich werde ſtille ſein.“ Nach einer halben Stunde Geſprächs rüſtete man ſich alsbald zum Hazardſpiele. Bourdichon war ein leidenſchaftlicher Spieler; auch Adhemar, der ſich bei Geld wußte, ſpielte dießmal nicht ungern; er hoffte⸗ das Glück werde ihm heute günſtiger ſein, und ſeinen Verluſt vom vorigen Tage erſetzen. Dalbrun und Monſignard machten die Parthie vollſtändig. Der lange Carcaſſonne verſtand dieſe Art von Spiel nicht. „Aber was wollen dieſe Damen anfangen?“ ſagte Monſignard;„das iſt nicht ſehr liebenswürdig von uns, daß wir ſie ſich ſelbſt überlaſſen.— Es iſt uns 4² viel lieber,“ ſagte Mathilde;„ich werde ein wenig Muſik machen, Frau Carcaſſonne wird ſingen und überdieß kommt vielleicht noch mehr Geſellſchaft zu uns.“ In der That hatten die Taſten des Piano's unter den glänzenden Fingern Mathildens nicht lange er⸗ klungen, als die Thüre des Salons aufging und Frau Sublimé mit ihrer Tochter und ihrem Sohne eintrat.— Kaum waren die erſten Grüße gewechſelt, als die geſtrige Sappho zu Frau Bourdichon ſagte:„Unſer Beſuch verbindet dieſen Abend ein Anliegen, ſagen Sie uns keinen Dank; ich habe mein Armband geſtern verloren, an dem mir ſehr viel liegt, und ich komme, Sie zu fragen, ob es nicht zufällig bei Ihnen ge⸗ funden worden iſt. Die Männer ſahen ſich alle lächelnd an, während Mathilde ſich beeilte, der Frau Sublimé das Arm⸗ band mit den Worten zu überreichen:„Iſt es viel⸗ leicht dieß da?— Mein Armband! ach, wie froh bin ich, ich wäre troſtlos geweſen, wenn ich es ver⸗ loren hätte, nicht wegen ſeines Werthes, ſondern weil ich es von einer Perſon erhielt, die ich ſehr liebte.— Das iſt Herr Mitraſſe, mein Pathe Mi⸗ traſſe, ver Dir es gegeben hat, nicht wahr?“ rief der junge Eudoxius, zu ſeiner Mutter hinlaufend, aus; dieſe aber ſtieß ihr Söhnchen ziemlich ungeſtüm hinweg, indem ſie dabei zur Antwort gab:„Ja, in der That, es war ein Angebinde meines Gevatters; dieſes Wort läßt ſich ſagen, obgleich es nicht ſehr vornehm klingt.— Madame,“ ſagte Monſignard — 43 ſpielend,„da das Armband Ihnen gehört, ſo werden Sie uns erlauben, Sie um die Erklärung der Alle⸗ gorie des Steines zu bitten.— Der Stein, mein Herr, iſt ſehr einfach: der Widder iſt ein Zeichen des Thierkreiſes, mein Sohn iſt unter dieſem Zeichen geboren, wie ſein Pathe beobachtet hat, der in der Sterndeuterei ſehr bewandert iſt.— Das muß ein gutes Zeichen ſein,“ ſagte die kleine Dame lächelnd. —„O ja, Madame, und ich habe tägliche Proben davon: es iſt ein Kind zum Erſtaunen. Wenn er nicht hier wäre, würde ich ſagen, es ſei ein Wunder; aber Thatſache iſt, daß er für ſein Alter Alles ver⸗ ſteht, was er will.— Es ſcheint,“ ſagte Dalbrun halblaut,„daß das kleine Wunder nicht leſen lernen will; denn als ich letzthin mit ſeiner Familie in einem Park ſpazieren ging, wo man ein Grabmal errichtet hatte, zeigte Frau Sublimé ihrem Sohn das Denkmal, auf welchem die Worte eingegraben waren: Theure Gebeine! und ſagte zu ihm: Eudo⸗ xius, lies mir doch dieſe Inſchrift. Der kleine Knabe las ſofort mit vieler Zuverſicht: Saure Gebeine. Dieſe Probe ſeines Wiſſens ließ mich auf dieſes junge Wunder ſehr wenig Vertrauen ſetzen.“ Fräulein Idalia, die eine freudige Bewegung beim Anblick Adhemars zu erkennen gab, ſetzte ſich alsbald neben ihn.„Gewinnen Sie, Herr Marilly? — Nein Fräulein, das Glück iſt mir ſo ungünſtig, wie geſtern.— Ich will verſuchen, Ihnen Glück zu bringen.— Es iſt ſchon das ein Glück, Sie an meiner Sris zu haben.“ 44 Das junge Mädchen wurde roth vor Vergnügen, der ſchöne Monſignard ſchien in peinlicher Unruhe zu ſein; er richtete ſpöttiſche Augen auf Idalia und ſagte zu ihr:„Verſtehen Sie auch das Hazardſpiel, Fräulein?— Ich verſtehe alle Spiele, mein Herr. — Teufel! welches Talent!— Meine Tochter hat das Spielorgan,“ ſagte Frau Sublimé;„ſie begreift alle mit einer erſtaunlichen Leichtigkeit, gleicher Weiſe wie ich das Organ der fremden Sprachen habe... hätte ich Zeit dazu, ich würde alle verſtehen. Jeder in der Welt hat ſein Organ.— Es gibt ſogar Per⸗ ſonen, die deren zwei haben,“ ſagte Bourdichon, laut lachend.— Mathilde ſetzte ſich wieder an's Piano und ſpielte im tiefſten Baß.—„Mein Freund Monſignard,“ ſagte der kleine Knabe, zu dem ſchönen Stutzer hin⸗ laufend,„haſt Du mich geſtern nicht als Polichinelle geſehen? ich war gut verkleidet... und der Papa als alter Roué, der mit einem Kutſcher in den Koth gefallen iſt...— Sehen Sie den Schelm!... ſehen Sie, wie geiſtreich er iſt!“ ſagte Frau Sublimé zu Frau Carcaſſonne;„hören Sie ihn? er berichtet un⸗ ſere geſtrigen Abenteuer, es iſt zum Erſtaunen.— Und dann habe ich mein Mundſtück verſchluckt!... und dann hat ſich Papa wieder die Naſe auf der Treppe zerfallen, wie er als Marquis zurückkam... und dann ſagte Mama alle Minuten: wird man mich denn nicht zum Tanze einladen?— Gut, Eu⸗ doxius... genug, mein Sohn.. ſchweigen Sie jetzt ... Sie wiſſen nicht mehr, was Sie reden!“ rief Frau Sublimé;„aber Herr Bourdichon nahm ſich A — 45 gut aus als Tiger, es war wirklich zum Erſchrecken. — Nicht wahr, Madame? Ho!l hal! ha!— Ja,“ fuhr der kleine Knabe fort,„Jedermann ſagte: ol das iſt eine leibhafte Beſtie! das iſt ein Thier, ganz nach der Natur.— Gut, Eudoxius, legen Sie Ihrer naſenweiſen Zunge einen Zügel an; mein Gemahl konnte mich nicht begleiten, er hat ſich von ſeinen geſtrigen Fällen noch nicht ganz erholt.— Es trifft ſich aber jetzt ganz gut!“ rief Idalia aus;„da Herr Adhemar hier iſt, wird er uns zurückbegleiten!“ Adhemar, der bereits viel Geld verloren hatte, und es immer wieder zu gewinnen hoffte, gab bloß zur Antwort:„Fräulein... wenn Sie nicht zu ſehr Eile haben... ſo wird es mir großes Vergnügen machen; ich ſtehe vollkommen zu Ihren Dienſten.“ Der ganze Verluſt Adhemars, der ſich jetzt auf zwanzig Napoleons belief, war von Monſignard gewonnen und eingezogen worden; er ſah Fräulein Idalia mit ſpöttiſcher Miene an, indem er zu ihr ſagte:„Sie bringen dieſem Herri beſtimmt kein Gläick⸗ Das junge Mädchen machte eine Bewegüng, um ſich zu erheben, Adhemar hielt ſie aber lebhaft zu⸗ ne rück:„Bleiben Sie doch, Fräulein... der Herr ſagt das nur in der Hoffnung, daß Sie dann auf ſeine Seite hinübergehen werden.— Ach, ich bleibe weit lieber hier,“ verſetzte Fräulein Idalia. Der ſchöne Monſignard biß ſich vor Aerger in die Lippen, Adhemar legte einen Wechſel von tauſend Paul de Kock. XXXVIII, 3 4 46 Franken vor ſich hin, während Frau Carcaſſonne 5 der Frau Sublimé in's Ohr ſagte:„Meine Tochter 1 iſt noch ganz im Stande der Unſchuld, man liest in ihrem Herzen wie in einem Octavband! aber unter uns... ſeit geſtern glaube ich zu ſehen... kurz, Herr Marilly iſt ein junger Mann von guter Geburt... und wenn das eine unwiderſtehliche Neigung iſt... Sie begreifen ſchon...— Vollkommen... aber ich glaubte, Herr Monſignard habe Ihrer Tochter ein —,— wenig den Hof gemacht.— Er hat es verſucht.. unter uns, ich glaube, er wäre froh geweſen, ſie zur Gattin zu bekommen; hätte er Idalia gefallen, ſo hätten wir unſererſeits nichts dagegen gehabt... allein ſie geſtand mir, daß ſie ihn etwas zu dick⸗ finde, und wir wollen unſere Kinder nicht zwingen.“ Das Hazardſpiel wurde fortgeſetzt, und wie ge⸗ wöhnlich kamen die Spieler deſto mehr in Hitze, je näher die Trennungsſtunde herankam. Adhemar ſpielte fortwährend unglücklich; aus Eigenliebe und in der Hoffnung, das Glück zu erzwingen, legte er immer wieder Geld vor ſich hin. Mathilde hatte indeſſen erklärt, daß man nicht über die Mitternacht hinaus ſpielen dürfe, weil alle Spieler die vorige Nacht 1 durchwacht hätten. Dieſe Stunde kam heran. Frau Sublinié ſprach übrigens mit Frau Carcaſſonne, die oft Dalbrun anſah, eifrig über Poeſie; Idalia rührte ſich nicht von ihrem auserkornen Platze; der lange Carcaſſonne las in einer Zeitung; Eudoxius war auf einem Sopha eingeſchlafen, und Mathilde, die ſo ſaß, daß ſie Adhemar im Geſicht hatte, ließ oſt r 47 die Augen auf ihn fallen. Jedermann war beſchäf⸗ tigt, und Niemand langweilte ſich. Als jedoch Mitter⸗ nacht vorbei war, konnte Bourdichon ſeine Schläf⸗ rigkeit kaum mehr verbergen, Adhemar war abermals ausgezogen, die Partie wurde beendigt und Jeder dachte an den Heimgang. Die Familie Sublimé hatte auf Adhemar ge⸗ wartet, der ſich genöthigt ſah, ſich mit ihr in eine Chaiſe zu preſſen. Aber Mathilde hatte ihm die Hand gedrückt: dieß ließ ihn ſeinen Spielverluſt und den Frohndienſt, den er jetzt verſehen mußte, ver⸗ geſſen. „Sie waren dieſen Abend wieder unglücklich,“ ſagte Bourdichon zu Adhemar.—„Das iſt der Lauf des Spiels,“ erwiederte der junge Mann, während der ſchöne Monſignard zwiſchen den Zähnen mur⸗ melte:„Man kann nicht alles Glück auf einmal haben.“ Drittes Kapitel. Ein Scherz Herrn Tronillade's.— Zu viel Glück in der Liebe. Adhemar hatte ſich beeilt, die Familie Sublimé an ihr Haus zu bringen. Er entzog ſich den Dank⸗ bezeugungen der Damen, und hatte es nicht einmal bemerkt, daß Fräulein Idalia ihm ſehr zärtlich die Hand gedrückt hatte. Er trat in ſein Haus ein und 48 ſagte zu der Pförtnerin:„Haben Sie gethan, was ich Ihnen ſagte, Frau Coquenard?— Ja, mein Herr... o das Eſſen ließ keine zehn Minuten auf ſich warten, man hat es heraufgetragen, wie Sie es befohlen hatten.— Sehr gut; iſt die Dame nicht zu Ihnen heruntergekommen, um mit Ihnen zu reden? — Dieſe Dame ging aus... ja mein Herr... un⸗ gefähr um acht Uhr.— Wiel ſie ging aus, Emmeline? — So, das iſt Frau Emmeline. Ich wußte ihren Na⸗ men nicht.— Und um wie viel Uhr iſt ſie zurückge⸗ kommen?— Zurückgekommen? mein Herr, dieſe junge Dame iſt nicht zurückgekommen.— Sie kam nicht heim, ſie iſt nicht auf meinem Zimmer? wie, Sie täu⸗ j ſchen ſich, Frau Coquenard.— Nein, mein Herr, daß ich mich nicht täuſche, beweist, daß dieſe junge Dame mir hier Ihren Schlüſſel beim Weggehen zugeſtellt hat.— Meinen Schlüſſel... wäre es möglich! aber was ſagte ſie Ihnen beim Zurückgeben des Schlüſſels? — Mein Herr, die junge Dame hatte eine Miene, wie wenn es ihr gar nicht um's Plaudern zu thun wäre; ſie warf ihren Schlüſſel auf den Tiſch mit den Worten: Hier iſt der Schlüſſel Herrn Marilly's, * machen Sie mir die Thüre auf! Tauſend! ſie hatte einen ſo trockenen Ton, als ſie dieſes ſagte, daß ich keine Fragen an ſie zu richten wagte und dann, können Sie wohl begreifen... fürchtet man ſich auch, neugierig zu erſcheinen.— Gut, Frau Coquenard; geben Sie mir gefälligſt das Licht.“ . Adhemar ging nun mit ſeinem Schlüſſel und dem Licht in ſein Zimmer hinauf, indem er zu ſich ſelbſt 44* 49 ſagte:„Sie iſt fort, ſie iſt fort, ſie iſt unwillig über mich, wie es ſcheint. Arme Emmeline! wo iſt ſie hingegangen? Es iſt allerdings nicht zu bezweifeln, ſie hatte keine Urſache, zufrieden mit mir zu ſein: ſeit heute Morgen bin ich fort, laſſe ſie bekümmert zu Hauſe und komme den ganzen Tag nicht heim, um nach ihrem Befinden zu fragen! Ach, ich ärgere mich über mich ſelbſt, es macht mir Sorgen! aber dieſe neue Liebe, gab ſie mir nicht auch Grund genug zur Qual? Gehen wir ſchnell hinauf, ſie wird mir ohne Zweifel einen Brief hinterlaſſen haben.“ Adhemar kam nun vor ſeiner Thüre an; er trat in ſein Zimmer und lief in ſein Schlafkabinet. Alles iſt noch ſo, wie er es dieſen Morgen verlaſſen hat: das Bett in Unordnung, die Ballkleider noch auf den Seſſeln; er iſt überraſcht, keine Spur des Mit⸗ tageſſens zu entdecken, das Emmeline hatte ein⸗ nehmen ſollen; Schüſſeln, Teller, Bouteillen, nichts war zu bemerken. Als er jedoch auf ſeinen Kamin ſah, fand er einen an ihn adreſſirten Brief, den er öffnete und eiligſt las:„Mein Herr, Ihr Betragen gegen mich iſt ſchändlich; als ich nach allen meinen Leiden zu Ihnen kam, nachdem ich Ihnen ſagte, daß ich nur Sie noch zur Stütze habe, laſſen Sie mich allein auf Ihrem Zimmer, gehen fort und kommen den ganzen Tag nicht mehr zurück; ja es liegt Ihnen nicht einmal etwas daran, ob ich frühſtücke, ob ich zu Mittag eſſe... ob ich irgend etwas bedarf; das beweist mir hinlänglich, vaß ich Ihnen zur Laſt bin. Leben Sie wohl, mein Herr; ich will noch lieber bei 4£ 50 einem Manne leben, der eiferſüchtig iſt und mich ſchlägt, als bei Einem, der mich unwürdig behandelt 4 und nicht einmal daran denkt, daß mir Alles bei ihm mangelt, während er anderswo ſeinem Ver⸗ gnügen nachgeht. Emmeline.“ „Sie hatte Mangel an Allem! Sie hat nichts zu Mittag gegeſſen!“ rief Adhemar nach Durchleſung dieſes Briefes.„O bei Gott! das iſt zu arg. Wenn ich auch untreu bin... das mag ſein! aber mich ſo weit zu vergeſſen, wie kann ich mich ent⸗ ſchuldigen! ich blicke umſonſt nach allen Seiten... keine Teller, keine Beſtecke, kein Brod; es ſollten doch gewiß noch einige Spuren vom Mittageſſen da ſein... ach! es iſt zum Teufelholen!“ Der junge Mann ging wieder zu der Pförtnerin herab; dieſe war eben zu Bett gegangen, und zog gerade ihr Nachthemd an. Adhemar klopfte wie ein Wüthender an die Fenſterſcheibe.—„Mein Gott! mein Herr,“ rief die Pförtnerin,„was gibt es denn? Sie erſchrecken mich!— Das, Frau Coque⸗ nard, daß dieſe Dame das Mittageſſen, welches ich für ſie beſtellt und bezahlt habe, nicht erhalten hat, daß ſie fortgegangen iſt mit dem Gedanken, ich wolle ſie Hunger ſterben laſſen, und daß das genügende Gründe zum Wüthendwerden ſind.— Darüber durfte ſie ſchon beleidigt ſein; ſie hat das Mittageſſen nicht erhalten, das ich hinauftragen ſah? Eine Pyramide von Schüſſeln, die alle mit Speiſen angefüllt waren, Bouteillen und einen Korb mit Brod!... das hatte einen Wohlgeruch, als käme es aus des Königs —— — iſt überflüſſig, noch länger nach der Auflöſung des Küche.— Es iſt keine Spur von allem Dem auf meinem Zimmer.“— Die Pförtnerin war ganz be⸗ troffen; ſie und der junge Mann ſchauen ſich einige Augenblicke ſtillſchweigend an. Plötzlich rief Adhe⸗ mar:„Wo haben Sie geſagt, daß der Kellner ſchellen ſolle?— Wo anders, mein Herr, als bei Ihnen? an der Thüre vornen an der Treppe.— Ach! wie ſind wir doch ſo dumm, uns ſo lange abzuquälen, wo das Eſſen hingekommen iſt? es iſt nichts ſo zer⸗ ſtreut als ein Kellner, der in der Stadt aufträgt! Sagt man ihnen auch links vornen, ſo hören ſie es gar nicht, ſie werden überall klopfen, nur da nicht, wo ſie ſollen. Erwartet ihr ein Frühſtück oder ein Mittageſſen, und ihr ſehet den Kellner nicht von dem Fenſter aus herankommen, ſo könnt ihr darauf zählen, daß er euch verfehlen wird. Frau Coquenard, es Räthſels zu ſuchen, der Kellner wird bei meinem Nachbar Trouillade geläutet haben, er wird einfältig genug geweſen ſein, zu ſagen: hier habe ich das Mittageſſen, das beſtellt und bezahlt worden iſt... man wird ſich wohl gehütet haben, ihn wieder fort⸗ zuſchicken.— Wie, mein Herr, Sie denken, dieſe Trouillade's könnten ſo etwas fähig ſein? Das wäre ein ſchmählicher Mißbrauch des Zutrauens.— Nein, Frau Coquenard, es iſt ganz einfach eine deuen des Kellners, die ſie benützt haben.— Ja, ja, es iſt nicht anders! ſie, die ſonſt jeden Abend ausgingen, haben heute keinen Fuß gerührt... ſie werden zu Hauſe geblieben ſein, um ſich gütlich zu thun... ach, ich hätte gute Luſt, ihnen den Marſch zu machen.— Das iſt umſonſt, Frau Coquenard, deßhalb haben ſie jetzt doch das Mittageſſen verſpeist und meine junge Dame iſt nichts deſto weniger fortgegangen! Nun... es iſt vielleicht ein Glück, obwohl es mir Kummer macht. Wird man aber nicht zum Beweiſe dieſer Vermuthung kommen können? Hat der Kellner ſeine Schüſſeln nicht wieder abgeholt?— Nein, mein V Herr, dafür ſtehe ich! überdieß kommt er gewöhnlich erſt den andern Morgen wieder.— Gut, wenn er morgen wieder kommen wird, ſo gehen Sie mit ihm herauf und Sie werden dann ſchon ſehen, wo er ſie abholt.— O! Sie haben vollkommen Recht, mein Herr, und ich ſage Ihnen, ich werde dem prächtigen Liederſänger eine ſchöne Beſtürzung bringen... er wird uns ſeine bravi! bravo! und ſeine Figaro auf der Treppe machen. Er ſoll mir wieder das Mittag⸗ 4 eſſen eines Andern verzehren! ich will ein Wort mit ihm ſprechen.— Inzwiſchen will ich mich ſchlafen legen... denn ich muß morgen frühzeitig ausgehen.“ Adhemar ſtieg wieder in ſein Zimmer hinauf; er legte ſich ſchnell zu Bette und ſagte dort zu ſich: 8 „Emmeline iſt wieder zu Reginald zurück... hätte 8 ich das vorherſehen können, ſo würde ich keine andere Wohnung gemiethet und keine Möbeln gekauft haben! ich will mich einſchränken.. was ſoll ich mit zwei Wohnungen thun, und dieſen Abend habe ich beinahe wieder zweitauſend Franken im Hazardſpiel verloren .. ich komme doch nie dazu, mich zu beſſern!... 4 ach, wenn ſie mir verzeihen wollte, ich liebte ſie gleich⸗ 4 wohl ſehr... trotz...“ Adhemar ſprach nichts wei⸗ ter; ſeine Augen ſchloßen ſich, und er ſchlief ein, einen Namen ſtammelnd, der weder der Emmelinens, noch der Mathildens war. Mit Tagesanbruch erwacht der junge Mann; er ſchaut um ſich, reibt ſich die Augen, ſammelt ſeine Gedanken. Wenn man mehrere Liebesgeſchichten zu⸗ gleich durchzuführen hat, ſo hat man Arbeit, man braucht Gedächtniß und Aufmerkſamkeit, um ſie nicht miteinander zu verwechſeln. Seit lange jedoch war Adhemar an dieſe Lebensart gewöhnt; er erinnerte ſich wieder an den Beſuch, den Mathilde ihm ver⸗ ſprochen hatte, des Glückes, das ihn dieſen Morgen noch erwarte; ein Glück, nach welchem er ſich mit deſto größerem Verlangen ſehnte, als er es mit ihr noch nicht gekoſtet hatte. Emmeline und alle andern Erinnerungen waren jetzt aus ſeinem Herzen ver⸗ bannt; er dachte nur noch an Mathilden, an die, die er jetzt anbetete, und raſch ſtand er auf; denn er erinnerte ſich, daß er in ſeiner neuen Wohnung in der Straße Navarin den Beſuch der Frau Bour⸗ dichon zu erwarten hatte. „Beeilen wir uns,“ ſagte Adhemar zu ſich, indem er ſich ſchnell ankleidete,„es iſt noch nicht ſieben Uhr Morgens, und eine Hausfrau kann nicht vor neun Uhr ausgehen; trotz dem iſt es beſſer, man hat Zeit vor ſich. Ueberdieß bin ich begierig, mein neues Logis zu ſehen und die Möbeln in demſelben; dieſe werden wohl ſehr theuer ſein und ich dachte nicht daran, nach dem Preis zu fragen, oder ungefähr anzugeben, 54 wie viel ich darauf verwenden wolle; doch das läßt ſich jetzt nicht mehr anders machen. So, jetzt bin ich angekleidet; ich wette, zu dieſer Tageszeit iſt noch Niemand im Hauſe auf, ſelbſt die Pförtnerin nicht; ich werde ſie wecken müſſen, damit ſie mir öffne.“ Adhemar ging auf die Thüre, die zum Gang führte, zu: ein ſonderbares Geräuſch drang jetzt an ſein Ohr, ein Geräuſch, das ſich ſeiner Thüre zu nähern ſchien. Es war ein Tellergeklirr, dann leiſe Tritte, wie wenn Jemand barfuß ginge. Der junge Mann lief an ſeine Thüre, öffnete ſie raſch, warf mit ſeinen Füßen ein Porzellaingefäß um, das man an ſeine Thüre geſtellt hatte, und bemerkte ſeinen Nachbar Trouillade im Schlafrock mit einem Haufen Deller im Arme, die er zu dem Gefäß hinſtellen wwollte. Ddie Erſcheinung Adhemars war ſo raſch geweſen, daß Figaro nicht Zeit gehabt hatte, mit den Tellern in ſein Zimmer zu gehen und nun ganz beſtürzt vor ſeinem Nachbar ſtand. „Teufel, Sie ſind bald aufgeſtanden, Herr Trouil⸗ lade,“ ſagte Adhemar, den Künſtler mit einer ſpöt⸗ tiſchen Miene anſehend.—„Ach, guten Morgen, mein lieber Nachbar, es iſt ſehr friſch dieſen Morgen; verzeihen Sie, ich gehe wieder hinein, es iſt allzu⸗ luftig hier.— Erlauben Sie, Herr Trouillade, woll⸗ ten Sie mir, ehe Sie in Ihr Zimmer gehen, nicht gefälligſt ſagen, warum Sie dieſes Tiſchgeſchirr hier an meine Thüre geſtellt haben?— Dieſes Tiſchge⸗ ſchirr? ei, mein Gott, ich ſuchte einen Platz, er iſt 55 zu beſchränkt bei uns; allein wenn es Sie beläſtigen ſollte, ſo trage ich es wieder fort.— Halten Sie, Nachbar! da Sie mir keinen reinen Wein einſchenken wollen, ſo will ich Ihnen ſagen, was Sie damit für eine Abſicht hatten. Sie wollten die Teller vor meine Thüre ſtellen, daß, wenn der Kellner ſie abzu⸗ holen käme, er nicht behaupten könne, er habe das von mir beſtellte und von Ihnen verzehrte Eſſen auf Ihr Zimmer getragen.— Wie, was muß ich hören? was ſagen Sie mir da? Ach, Sie bringen mich zur Verzweiflung. Dieſes geſtrige Mittageſſen war für Sie? Ich glaubte für mich, um ſo mehr, als die Theaterdirektoren im Süden einem Künſtler, den ſie engagiren wollen, oft ein Eſſen zuſenden; das ge⸗ ſchieht dort ſogar ſehr allgemein! Ich ſagte zu meiner Frau: Halt, das iſt dieſer oder jener, der artig gegen uns ſein will. Und das war für Sie! aber ich glaube, daß noch ein Huhnviertel äà la tartare übrig iſt, das ich für Lycoris beſtimmt habez wenn Sie es wollen, ſo...— Sehr verbunden, mein Nach⸗ bar, Sie können Ihr Huhnviertel behalten; jeden⸗ falls hoffe ich jedoch, daß Sie dieſes zerſprungene Gefäß bezahlen werden, weil Sie es hier an meine Strohmatte hingeſtellt haben. Auf dieſe Art werden Sie das Mittageſſen, das Sie auf meine Koſten eingenommen haben, nicht zu theuer bezahlen.“ Adhemar ging raſch die Treppe hinab, noch über das Geſicht Herrn Trouillade's lachend; als dieſer ſich verſichert hatte, daß ſein Nachbar ausgegangen ſei, ſetzte er den Haufen Teller neben die Scherben des Porzellangefäßes und ſagte:„Die Peſt ſoll mich holen, wenn ich je etwas bezahle, ſo, da ſind die Schüſſeln zum Fortnehmen... ich gehe auf mein Zimmer, mich zu wärmen, und gebe keine Antwort mehr. An dem Haſen haben wir noch zwei Tage zu eſſen... wart, Lycoris... ah Schlingel! ich will Dir den Schrank öffnen, ich will Dir, Burſche.“ Ad⸗ hemar ließ ſich öffnen, trat aus ſeiner Wohnung und ſtieg in ein Cabriolet, um ſich in ſein zweites Logis führen zu laſſen. Er kam in der Straße Navarin an, wo man noch weniger früh war als auf dem Boulevard Saint⸗Denis; er ſah ſich genöthigt⸗ meh⸗ rere Male zu klingeln und lange Zeit zu warten, ehe er in das neue Haus, das er bewohnen ſollte, ein⸗ treten konnte. Endlich öffnete der Pförtner. Adhemar forderte ſeinen Schlüſſel, erkundigte ſich, ob die Tapeziere den vorigen Tag fertig geworden ſeien, und ſtieg in ſein Zimmer hinauf, indem er mit Nach⸗ druck ſagte:„Ich erwarte eine Dame... und ich bin bloß für dieſe zu ſprechen... Sie verſtehen?— Wohl verſtanden, mein Herr, ich bin an derlei Ordres gewöhnt; denn wir haben zwei Loretten im Hauſe!“ Der Tapezier war mit eben ſo viel Eifer als Geſchmack an ſeine Arbeit gegangen. Adhemar fand ſich in einem köſtlichen kleinen Zimmer, das wahr⸗ haft einem Konditorladen glich, ſo neu, ſo elegant, ſo anmuthig war Alles. „Das iſt bezaubernd, das iſt entzückend,“ rief der junge Mann, ſeine neue Wohnung bewundernd, aus; „dieſer Tapezier iſt ein koſtbarer Mann; er hat nichts 57 vergeſſen... bis auf die Federn und das Atlaspapier im Schreibtiſche, bis auf Dinte und Silberſand, bis auf die Pantoffeln unter dem Bette, bis auf die Seifen und die Eſſenzen im Waſchgefäße, alles dieß wird mich theuer zu ſtehen kommen; nun, was mich betrifft, ſo wollen wir immerhin unſere Freude daran haben... wir werden ſpäter ſehen... eine Standuhr auf dem Kamin, Pſyche und Amor, der Gegenſtand iſt nicht übel gewählt... der Tapezier hat ganz richtig geſchloſſen, daß hier Amor nöthig iſt... er iſt, um das Leben zu verſchönern, überall nöthig.“ Auf der Standuhreſchlug es acht Uhr. Adhemar warf ſich auf ein Sopha und ſagte zu ſich ſelbſt: jetzt wollen wir da warten. „Eiine halbe Stunde war noch nicht vorüber, als man mehrere Male ſchwach an die Thüre pochte. „Das iſt ſie,“ ſagte Adhemar zu ſich, indem er nach der Thüre lief. Es war in der That Mathilde, bewegt, zitternd, unruhig, aber deſto verführeriſcher durch alle dieſe Empfindungen, die ſich in ihrem Geſichte malten. Sie trat ein, ohne ein Wort hervorbringen zu können; der, der ſie erwartet hatte, ſprach eben ſo wenig. Wenn man ſich liebt, ſich ſeine Neigung geſtanden hat und zum erſten Mal allein mit dem Gegenſtand ſeiner Liebe iſt, ſo hat man ſich zu viel zu ſagen, um Worte finden zu können. Die Zeit, die Adhemar und Mathilde miteinander zubrachten, verflog ihnen nur zu ſchnell; indeß ſah Mathilde auf die Uhr, ſeufzte und ſagte:„Ich muß Sie jetzt verlaſſen, mein 58 Freund.. wenn wir uns öfters ſo wiederſehen wollen, ſo muß man den Verdacht zu vermeiden ſuchen.— Wann werden wir wieder zuſammenkommen?— Uebermorgen; dieß hindert Sie aber nicht, öfters in unſer Haus zu kommen... um glücklich zu ſein, möchte ich Sie alle Tage ſehen.— Und ich auch.— Herr Bourdichon empfängt Sie mit Vergnügen bei ſich; Sie werden mir Billete in's Theater und in die Konzerte bringen... und öfters ein Hazardſpiel mit ihm machen, ſo gibt es ja tauſend Vorwände, wieder zuſammenzukommen.— Ich werde ſie zu benützen wiſſen...— Vor Allem, mein Herr, bin ich eine kleine Tyrannin, ich will, daß man nur mich liebt... und daß man mich ſehr liebt.— Es iſt gar nicht anders möglich.— Wiſſen Sie, daß mich Fräulein Idalia ſehr unruhig gemacht hat; ſie kam gar nicht von Ihrer Seite.— Sie dürfen nicht eifer⸗ ſüchtig auf ſie ſein.— Nein, weil ich ſah, daß Sie ihr ſehr wenig Aufmerkſamkeit ſchenken... ei, dieſen Abend wollen wir in die Oper... kommen Sie hin; wir werden uns ſprechen können... Sie werden ſich in unſerer Loge einfinden. Herr Bourdichon frägt wenig nach dem Theater, er iſt leicht im Stande, vor dem Ende wegzugehen, und Sie zu bitten, mich zurückzubegleiten.— Ich werde kommen; ich ver⸗ ſpreche es Ihnen.— Ihre kleine Wohnung iſt be⸗ zaubernd; o, Sie haben wohl daran gethan, ſich hier einzumiethen... aber ich muß gehen... wie ſchmerz⸗ lich! Mein Gott! dieſe Liebe wird künftig mein ganzes Leben ſein... ach, ich bin wohl recht ſtrafbar 1 —2— 59 und doch bin ich nicht ſo tugendhaft, Reue darüber zu fühlen... aber wenn Sie jemals treulos würden, wenn Sie jemals eine Andere liebten! o, dann würde die Strafe ſicher folgen.“ Mathilde verbarg ihr Geſicht in ihre Hände, aber 8 Adhemar beeilte ſich, ſie in ſeine Arme zu ſchließen, indem er zu ihr ſagte:„Ei! was haben Sie für überflüſſige Gedanken?“— Mathilde wollte einige Au⸗ genblicke ihr Geſicht nicht ſehen laſſen; als Adhemar endlich der beiden kleinen Hände Meiſter wurde, die es bedeckten, bemerkte er, daß die junge Frau ihre Augen voll Thränen hatte.—„Sie weinen, aber warum denn? habe ich Sie denn etwa gekränkt?— O nein... aber... entſchuldigen Sie... man weint manchmal, ohne zu wiſſen warum.“ Mathilde richtete ihre Blicke auf die Standuhr, und ſagte mit einem Seufzer:„Pſyche und Amor! ich glaube, daß die Verbindung dieſer Beiden ein. trauriges Ende nahm.— Die Standuhr mißfällt Ihnen, ich werde eine andere herſtellen.— Nein, o ſie mißfällt mir nicht, ſtellen Sie keine andere her, mein Freund, durchaus keine andere, und Sie ſelbſt ſeien Sie immer ſo wie heute gegen mich. Ich bin eine Närrin, daß ich Sie kränke... da ich doch ſo glücklich in Ihrer Liebe bin. Verzeihen Sie mir... leben Sie wohl, ich muß fort. Werden Sie dieſen Abend in die Oper kommen?— Ja, es bleibt da⸗ bei... und übermorgen kommen Sie hierher.— Ja, und Ihr Bild wird mich überall begleiten.“ Mathilde ſloh davon, leicht wie eine Nymphe, —à— — 4 lieblich wie das Vergnügen ſelbſt. Adhemar folgte ihr lange mit den Augen, dann lief er einige Male in ſeinem Zimmer auf und ab und ſeufzte leiſe: „Sie iſt entzückend... ja⸗ ich werde in die Oper kom⸗ men, ich werde mir Billete in das Theater und in die Konzerte verſchaffen... ich werde mit ihrem Manne ſpielen... lauter Gelegenheiten zum Auf⸗ wand.. aber hat man je eine Verbindung, die Einen nichts koſtet? Mathilde hält mich auch für reich, gewiß hat dieß aber keinen Einfluß auf die Gefühle, die ſie für mich hegt; deſſenungeachtet würde es mich ärgern, wenn ihr meine wahxe Lage bekannt würde. O Eitelkeit! o Eitelkeit! aber was iſt na⸗ türlicher als eitel zu ſein!“ Adhemar warf ſich auf einen Seſſel; er blieb vort lange Zeit in ſeine Gedanken verſunken, dann ſtreifte er mit der Hand über die Stirne, wie wenn er peinliche Betrachtungen verſcheuchen wollte; er ſtand auf, betrachtete wie ein Kind alle Möbeln ſeiner Wohnung, ſtellte ſich einige Augenblicke an's Fenſter und ſagte ſofort zu ſich:„Emmeline iſt die Urſache, daß ich dieſe Wohnung gemiethet habe... arme Emmeline, wieder zu dieſem Reginald zu gehen, der ſie mißhandelt... daran bin ich ſchuld, ich hätte ihr Beſchützer ſein ſollen... ſie wollte es... in dieſer Abſicht kam ſie in meine Wohnung... es ſcheint mir jetzt, daß mich ihr Weggehen ärgert, ſo viel iſt aber gewiß, daß ich Emmelinen nicht auf dem Glauben laſſen kann, ich habe ſie in meinem Zimmer Hunger ſterben laſſen wollen, Ich muß mich durchaus recht⸗ — — 61 fertigen; daß ſie mich nicht mehr liebt, iſt wahr⸗ ſcheinlich; daß ſie aber eine ſchlechte Meinung von mir bekommt, darf nicht ſein. Ueberdieß iſt Emme⸗ line recht hübſch, ich meine, daß ich nie größere Sehnſucht hatte, ſie zu ſehen, als eben jetzt. Schreiben wir ihr, bitten wir ſie, morgen zu mir zu kommen ... auf mein Zimmer auf dem Boulevard, um ihr auseinanderzuſetzen, warum ich mich ſo betrug. Ich wette, ſie wird kommen, und ich finde Gelegenheit, ihr durch Magdalene mein Briefchen unmittelbar zu⸗ zuſtellen.“ Adhemar ging an ſeinen Schreibtiſch, um Emmelinen zu ſchreiben, hielt jedoch inne, indem er zu ſich ſagte:„Und Mathilde... die für mich ihren guten Ruf, ſogar ihr Leben ausſetzt! ich ſchwur ihr, keine Andere als ſie zu lieben... wenn ſie es wüßte! Eimeline iſt indeß eine alte Bekanntſchaft; man hat nicht das Recht, eiferſüchtig auf die Vergangen⸗ heit zu ſein... und dann wird ſie ſchwerlich etwas davon erfahren.“ Das Briefchen an Emmelinen wurde geſchrieben. Adhemar wollte eben fort, als man an ſeiner Thüre klingelte. Es war der Tapezier, der wiſſen wollte, ob man mit ſeiner Leiſtung zufrieden ſei und zu gleicher Zeit ſeine Rechnung brachte. „Ich bin ſehr zufrieden, es iſt Alles nach meinen Wünſchen,“ erwiederte Adhemar dem Kaufmann, machte aber zu gleicher Zeit ein ziemlich ſaures Ge⸗ ſicht, denn er ließ ſeine Augen auf die Rechnung fallen, und dieſe belief ſich zu ſeinem Schrecken auf Paul de Kock. XXXVIIII. 5 62 fünftauſenddreihundert Franken.„Nur,“ fuhr er fort, „ſcheint mir die Sache ein wenig theuer zu ſein.— Theuer!“ rief der Tapezier;„o gewiß kann der Herr von dem beſten Tapezier nicht beſſer und ſchneller bedient werden; aber ich habe auch acht Arbeiter dazu gebraucht.— Es iſt freilich billig, die Kürze der Zeit zu bezahlen, je weniger man Zeit braucht, deſto theurer iſt es. Sie haben tauſend Franes er⸗ halten, noch heute werde ich Ihnen den Reſt zuſtellen.“ Der Tapezier verbeugte ſich tief und entfernte ſich wieder. Adhemar warf noch einen Blick auf ſein hübſches Zimmer und ging dann ebenfalls fort, indem er zu ſich ſagte:„Es läßt ſich nicht läugnen, es iſt ſehr hübſch... viel eleganter als auf dem Boulevard Saint⸗Denis, ich werde dieſe Nacht hier ſchlafen... ziehe ich jedoch aus meinem andern Logis aus, ſo wird nothwendig Emmeline hieher kommen und ſomit meinen neuen Aufenthaltsort kennen ler⸗ nen.. ſie iſt eiferſüchtig, ſie kommt oft, wenn ich ſie nicht erwarte.. ſie könnte Mathilde begegnen... Entſchieden! es wäre weit bequemer, die zwei Woh⸗ nungen zu behalten... indeß wir werden beim nächſten Termin ſchon ſehen. Der Augenblick zum Ausziehen iſt noch nicht da.“ 8 Adhemar begab ſich vor Allem zu ſeinem Agen⸗ ten. Er empfing das, was man ihm für den Verkauf ſeiner Renten noch ſchuldig war, ſchob ſeine Bank⸗ billete in ſeine Brieftaſche und konnte nicht umhin, bei dem Gedanken zu ſeufzen, daß, wenn dieſe leer ſein werde, ihm dann nichts mehr übrig bleibez —,— 63 aber die Brieftaſche iſt jetzt noch wohl verſehen, Adhemar iſt jung, die Liebe, das Vergnügen beſchäf⸗ tigen alle ſeine Sinne, und die finſtern Gedanken verſchwinden ſchnell, wenn der Sinn leicht und das Herz warm iſt. Nachdem er ſeinen Tapezier bezahlt hatte, richtete der junge Mann ſeinen Weg der Wohnung Emme⸗ linens zu. Er fand ſich bald am Ufer des Kanals wieder, am nämlichen Orte, wo er vorgeſtern das Rendezvous gehabt hatte. Aber jetzt war die Wit⸗ terung ſchön, ein friſcher, kalter Wind hatte die Erde getrocknet, und bereits lag auf der Oberfläche des Waſſers eine leichte Eisdecke. Als Adhemar an den Fenſtern Emmelinens hin⸗ aufſah, glaubte er Leute an einem derſelben zu bemerken; ein wenig ferner ſchaute er von Neuem hinauf. Wer am Fenſter war, war Herr Reginald, ihm zur Seite die hübſche Emmeline, die ihren Kopf verliebt auf die Schulter dieſes Herrn lehnte, eine ihrer Hände in ſeine blonden Haare geſchoben hatte und ſie zu bewundern ſchien, indem ſie damit ſpielte. Adhemar biß ſich vor Aerger in die Lippen, in⸗ dem er ſagte:„O Weiber! Weiber! wenn wir euch je täuſchen, vergeltet ihr es uns wieder! ihr vergeltet es uns ſogar beſſer, weil ihr mehr Schlauheit dabei anwendet. Emmeline hat ſich mit ihrem Reginald wieder verſöhnt, und jetzt würde ich, glaube ich, Alles darum geben, ſie noch einmal in meinem Zimmer zu haben. O, aber ſie wird wieder kommen! ich 64 will es... es ſcheint mir jetzt, daß ich ſie mehr als Mathilde liebe.“ Der junge Mann ging nun zu ſeinem gewöhn⸗ lichen Unterhändler; er gab ihm für Magdalene den Brief, den dieſe ihrer Gebieterin zuſtellen ſollte. Nachdem er den Mann für ſeine Dienſte freigebig bezahlt hatte, ging er in ſeine Wohnung auf den Boulevard. Die Hausflur war frei, die Teller und die Schüſſeln waren verſchwunden, und die Thüre des Nachbars vollſtändig verſchloſſen. Adhemar brachte die Sachen auf ſeinem Zimmer ein wenig in Ord⸗ nung, dann fiel ihm ein, daß er in ſeinem andern Logis ſchlafen wolle, er mußte dort Wäſche haben, Kleidungsſtücke zum Wechſeln und eine Maſſe Sachen, die man gern bei ſich hat, wenn man erwacht. Er theilte daher ſeine ſämmtlichen Kleider in zwei Theile, worauf er Frau Coquenard herbeirief, ihr die Effek⸗ ten und die Wäſche zeigte, die er fortgetragen haben wollte und ſagte:„Frau Coquenard, gehen Sie mit allem Dieſem auf Ihr Zimmer, dann beſtellen Sie mir einen Fiaker, in welchen Sie dieſe Gegenſtände bringen; iſt das geſchehen, ſo be⸗ nachrichtigen Sie mich, und ich werde hinabkommen. — Wird der Herr vielleicht auf das Land gehen, daß er ſo viele Sachen mit ſich nimmt?“ fragte die Pförtnerin, indem ſie die Sachen zuſammenpackte.— „Ja, Frau Coquenard; erwarten Sie mich daher dieſen Abend nicht zum Schlafengehen, ich werde erſt morgen früh wieder zurückkommen.— Der Herr werden recht kalte Witterung auf dem Lande haben. 65 — Ich liebe das Land und den Winter.— Ah, das iſt etwas Anderes, Jeder nach ſeinem Geſchmack.“ Die Pförtnerin hatte ſeine Befehle ausgerichtet, und Adhemar kam nun in ſeiner neuen Wohnung an, wo ſein Portier ihm das Gepäck hinauftrug, in⸗ dem er ſagte:„Ich bin ſchon gewohnt, mein Herr, Sachen hinaufzutragen; wir haben zwei Loretten im Hauſe, und Sie begreifen, dieſe Damen erhalten oft Pakete.“ Der neue Miethsmann brauchte einige Zeit, um ſich in ſeiner neuen Wohnung zurechtzufinden und Alles zu ordnen. Es machte ihm Spaß, zwei Woh⸗ nungen zu haben; er hatte ſeine Gedanken an Spar⸗ ſamkeit ganz und gar vergeſſen. Man hätte ſeiner Lebensart nach glauben können, Adhemar wolle ſich wegen des Zuſtandes ſeiner jetzigen Lage betäuben, denn ſo bald ihm ein vernünftiger Gedanke kam, ſtieß er ihn, wie ein unnützes Heilmittel, das keine Wirkung bei ihm hervorbringen könne, von ſich. Abends begab ſich Adhemar, treu dem Verſprechen, das er Mathilden gethan, in die Oper und nahm ſeinen Platz auf dem Balkone, von wo aus ſeine Blicke den Saal bequemer durchlaufen konnten. Er bemerkte in einer Loge diejenige, um derenwillen er gekommen war, und ein ausdruckvolles Lächeln zeigte ihm an, daß man ihn geſehen habe. Herr Bourdichon ſtand neben ſeiner Frau, er ſchien hier weit weniger Beluſtigung als bei ſeiner Tigermaskirung zu finden, und konnte ſein unaufhörliches Gähnen nur ſchlecht verbergen. Im Zwiſchenakte begab ſich Adhemar in 66 ihre Loge; Mathilde that, als ob ſie ſein Anblick überraſchte; was Bourdichon betraf, ſo konnte er ſeine Freude nicht verbergen, daß er nun mit ſeiner Frau nicht mehr allein ſei. Er ſagte zu Adhemar: „Sie bleiben jetzt bei uns... wenigſtens können wir plaudern... meine Frau ſpricht gar nichts... das iſt langweilig.— Wenn ich im Theater bin, ſo höre ich gerne zu,“ ſagte Mathilde.—„Du hörſt zu! recht gut; aber man hört nicht immer zu. Ich komme nur um der Ballete willen hieher! ah, die Ballete ſollen leben. Dieſe kleinen Frauen tanzen ſo gut! das iſt ſehr hübſch, trotz dem geſtehe ich, daß das Theater nicht meine Leidenſchaft iſt, ich ziehe mein Spiel vor... wir werden morgen zu Ledoucet gehen . werden Sie kommen? man ſpielt dort ſtark.“ Adhemar zögerte, aber Mathilde blinzelte ihm mit den Augen zu, was ihm zu verſtehen gab: Sie werden kommen, ich will es!“ Jetzt gab er ſchnell zur Antwort:„Ja, ja, ich werde morgen zu Ledoucet kommen, ich habe dann den Vortheil, mit Ihnen zuſammenzutreffen.— Ei, mein lieber Freund, das iſt eine Freude, mit Ihnen eine Partie zu machen ... Sie ſind ein ſo angenehmer Spieler, gleichwohl. gewinnen Sie beinahe nie! ich weiß wohl, daß Sie reich ſind, und daß Sie der Verluſt ſehr wenig be⸗ läſtigt! doch das iſt einerlei, es gibt Millionäre, die ſehr ſchlechte Spieler ſind! ich kenne welche!“ Adhemar mußte eine leichte Nervenzuſammen⸗ ziehung unterdrücken, als ihm das Wort Millionär in den Ohren klingelte; er ſchenkte ſeine ganze Auf⸗ merkſamkeit Mathilden, und blieb in der Loge, denn Bourdichon war der Erſte, der ihn hiezu eingeladen hatte. Der Gatte ging nicht fort, wie man hoffte, allein die Frau fand Mittel genug, ihrem Geliebten all das Glück zu erkennen zu geben, welches ihr ſeine Nähe verurſachte. Das Schauſpiel war zu Ende. Adhemar nahm von Bourdichon's Frau Abſchied, nicht ohne daß ihm im Geheimen eine Hand begegnet wäre, welche die ſeine zärtlich drückte. Er begab ſich nun in ſeine Wohnung auf der Chauſſée d'Antin, wo er zum erſten Mal ſchlafen wollte. Der Pförtner der Straße Navarin gab Adhemar das Licht mit den Worten:„Es iſt Mitternacht! aber ich bin zum Bettgehen noch nicht bereit, weil man, wenn man Loretten in einem Hauſe hat... Sie be⸗ greifen, nicht wahr, mein Herr?“ Den andern Morgen begab ſich Adhemar wieder in ſeine Wohnung auf den Boulevard, wo er Emme⸗ line erwartete, denn er hoffte ſehr, daß der Zorn der jungen Frau dem Briefe, den er ihr geſchrieben, nicht Stich gehalten haben werde, und dann wußte er aus Erfahrung, daß ſich eine Frau zu dem Rendezvous mit einem Liebhaber, gegen den ſie ſich zu beklagen hat, weit eher einſtellt, als zu dem eines Mannes, dem ſie keine Treuloſigkeiten vorzuwerfen hat. Und. wirklich erſchien Emmeline: anfangs war ſie etwas furienartig, bald aber lachte ſie mitten unter den Thränen, als ihr Adhemar die Eulenſpiegelei des Herrn Trouillade's erzählte; kurz, ſie verzieh und zeigte ſich eben ſo zärtlich als vor ihrer Wiederausſöhnung mit Herrn Reginald. Abends begab ſich Adhemar, um ſich Mathilden gefällig zu erzeigen, zu der Abendunterhaltung, von der man ihm geſagt hatte. Er mußte wieder mit Herr Bourdichon ſpielen, und verlor wieder ſein Geld, aber ſeine neue Geliebte hatte ihm ganz leiſe geſagt: „Auf morgen.“ Huldigt nur dem Sparſamkeitsſyſtem, wenn ihr dem Zuge eines ſolchen Lebens folget, zwei Woh⸗ nungen und zwei Geliebtinnen habt, wovon die Eine euch nöthigt, ohne Unterlaß in Geſellſchaft, auf Bälle, in's Theater und in die Konzerte zu gehen, während die Andere zuweilen Luſt nach einem Hut, einer Haube, einem kleinen hübſchen Shawle trägt, welchen ihr ihr Eiferſüchtiger verweigert, und den ihr zu höflich ſeid, ihr abzuſchlagen. Manchmal ſtellte Adhemar kluge Selbſtbetrachtungen anz er wollte innehalten... aber wie? er liebte Mathilden und Emmelinen, oder wenigſtens verſuchte er es ſich weiß zu machen, denn er ſchien ſich zu betäuben und ſich über den Zuſtand ſeines Herzens wie über den ſeiner Finanzen täuſchen zu wollen. — ö 69 Viertes Kapitel. Die Freundin Mathildens. Vier Monate waren verfloſſen, ſeit Adhemar ſich zwiſchen Emmeline und Mathilde, zwiſchen ſeinem Logis in der Straße Navarin und dem auf dem Boulevard Saint⸗Denis theilte; dieſe in zwei Theile getheilte Leidenſchaft ließ ihm, da ſie alle ſeine Zeit in Anſpruch nahm, wenig Muße, vernünftige Betrachtungen anzuſtellen, und das, was die Damen vielleicht für unglaublich halten werden, dieſe zwei Verhältniſſe erhielten, ſtatt ſich zu ſchaden, ſich gegen⸗ ſeitig aufrecht. In der That hätten ſich bei dem flüchtigen Cha⸗ rakter Adhemars, wenn er nur die hübſche Emmeline gekannt hätte, da dieſe Verbindung nur mit wenig Hinderniſſen verknüpft war, nur allzubald die Lange⸗ weile, die Einförmigkeit in das Herz des jungen Mannes geſchlichen, und ſeine Liebe wäre aus Mangel an neuen Gefühlseindrücken, die ihr zur Nahrung hätten dienen können, gänzlich erloſchen. Anderſeits war Mathilde wohl recht zärtlich, voller Liebe, ja voller Leidenſchaft, aber ihr Mann legte ihr nichts in den Weg; er war nicht eiferſüchtig, er ſah nicht, was andere Perſonen in der Geſellſchaft an ſeiner Statt ſahen; kurz, Mathilde konnte ohne Schwierigkeit zu Adhemar kommen: ſie fehlte nie bei einem Rendez⸗ vous. Sie war immer dieſelbe, d. h. ſie gab immer dieſelbe Wärme, dieſelbe Anhänglichkeit in ihrem gan⸗ zen Weſen zu erkennen, und alles dieß hatte Reiz, 8 70 war aber nicht im Stande, einen Leichtſinnigen zu feſſeln. Indem ſich nun die zwei Verhältniſſe kreuzten, gab eines dem andern ſeine Würze; hatte Adhemar Emmeline bei ſich, ſo ließ ihn dieſe ein Rendezvous mit Mathilden vermißen, und dann war ſein Ver⸗ langen, Frau Bourdichon zu ſehen, um ſo lebhafter, und ebenſo verhielt es ſich mit Emmeline, wenn Ma⸗ thilde durch ihre Forderung, er ſolle in's Theater oder in die Abendunterhaltung kommen, ihn verhin⸗ derte, zu einem Rendezvous am Ufer des Kanals zu gehen. Man wird vielleicht denken, daß, wenn Adhemar Mathilde oder Emmeline wahrhaftig geliebt hätte, es ihm leicht geworden wäre, die Laune dem wahren Gefühl zum Opfer zu bringen; ja, mein Gott! was kann man darüber ſagen! Das Herz des Menſchen i*ſt ſo wunderlich: es gibt Launen, welche allzu eigen⸗ ſinnig werden, wenn man ſie austreiben will, und dagegen wieder Gefühle von allzu nachgiebiger Be⸗ ſchaffenheit. Unglücklicher Weiſe trat zwiſchen dieſe ſüßen Her⸗ zensangelegenheiten, mit denen man ſich gern ſein ganzes Leben lang befaſſen würde, ohne etwas An⸗ deres zu wünſchen, immer wieder das rauhe, ge⸗ meine, ſich nicht mit Seufzern und zärtlichen Schwüren begnügende Leben, das uns vielmehr gebieteriſch an Nahrung, Kleidung und Bezahlung der Hausmiethe erinnert, wenn man, wie Herr Vautour ſagt, kein eigenes Haus hat. Das Geld entfloh den Händen Adhemars mit er⸗ 1 71 ſchreckender Geſchwindigkeit: er hatte nun eine dop⸗ pelte Miethe zu bezahlen, doppelten Aufwand zu ma⸗ chen, ſo wie zwei Liebesverhältniſſe zu pflegen. Dazu bedurfte er Vermögen und Geſundheit; aber die Ver⸗ liebten ſparen weder das Eine, noch ſchonen ſie des Andern. Eines Abends hört Adhemar im Salon Herrn Bourdichon den Gatten Mathildens mit dem ſchönen Monſignard über ein Geſchäft ſprechen, bei dem er bedauerte, daß er ſich nur mit dreißigtauſend Franken betheiligt habe. „Gibt es kein Mittel mehr, ſich dabei zu bethei⸗ ligen?“ fragte der ſchöne Mann, ſich das Kinn ſtrei⸗ chend.—„Entſchuldigen Sie,“ ſagte Bourdichon, „man braucht noch hunderttauſend Franken. Ich ſetzte dreißigtauſend und glaube nicht, daß das Uebrige ſchon geliefert ſei. Aber Eile iſt nöthig, denn das Geſchäft ſcheint mir zu gut, als daß die Kaſſen nicht ſollten ihre Gelder ſchnell dazu herſchießen.— Ich ſchieße fünfzehntauſend Franken dazu,“ ſagte Mon⸗ ſignard,„ich werde ſie Ihnen morgen geben.— Um was handelt es ſich denn,“ ſagte Adhemar, auf den Gemahl Mathildens zutretend.—„Von einem aus⸗ gezeichneten Geſchäft, mein lieber Freund! Einer meiner Freunde, ein Schiffseigenthümer, hat ſo eben eine Lieferung von Waaren nach New⸗York über⸗ nommen. Es ſind zweihundert Procent dabei zu ge⸗ winnen. Man wird ſeine Kapitalien verdreifachen; ich kenne die Leute, welche die Waaren geliefert haben, ſie werden ſchnell weggehen. Der Kaufmann hat vor 72 einigen Tagen hunderttauſend Franken im Spiel ver⸗ loren, es iſt ein rechtſchaffener Mann, dem ſeine Unternehmungen nie fehlſchlagen können. Er machte mir den Antrag, mich bei dieſem Geſchäft zu bethei⸗ ligen, indem ich ihm die fehlenden hunderttauſend Franken herſchieße. Dieſen Augenblick ſtehen mir bloß dreißigtauſend zur Verfügung, ich gab ſie ihm ſchnell. In ſechs Monaten wird mir das neunzigtauſend ein⸗ bringen; und ſollte man auch nur die Hälfte gewin⸗ nen... ſo iſt das immer artig genug!... Monſig⸗ nard wird fünfzehntauſend Franken einlegen.— Und ich zwanzigtauſend,“ ſagte Adhemar, nachdem er ſich eine Weile beſonnen hatte.—„Zwanzigtauſend, gut!— Morgen früh werde ich ſie herbringen!— Einver⸗ ſtanden. Ich trage Ihr Geld mit Monſignards zu unſerm Kaufmann, der, ſobald er die Summe bei einander hat, nach Havre abreiſen muß. He, he! meine Herren, wir werden da kein ſchlechtes Geſchäft machen. Es iſt wenigſtens beſſer als ein verlorenes Tarokſolo.“ Den ganzen Abend dachte Adhemar nur an die Unternehmung, bei der er ſich ſo eben intereſſirt hatte. Es blieben ihm nur noch ſechsundzwanzigtauſend Fran⸗ ken von der Summe, die er bei ſeinem Bankier auf⸗ gekündigt hatte; er war ſo begeiſtert von dem Ge⸗ ſchäft, das ſich ihm hier dargeboten hatte, daß, wenn er nicht Geld zum Leben bedurft hätte, er ſein gan⸗ zes noch übriges Vermögen in die Hände des York⸗ fahrers gelegt hätte; er dachte daran, daß ihm in einigen Monaten ſeine zwanzigtauſend Franken ſechs⸗ zigtauſend einbringen würden. Bouxdichon hatte es ihm geſagt, und der Gatte Mathildens war zu ſchlau, zu klug in ſolchen Geſchäften, als daß man ihm nicht ſein ganzes Vertrauen hätte ſchenken ſollen. Habe ich einmal ſechszigtauſend Franken, ſo will ich noch andere Unternehmungen anfangen. Meine Kapita⸗ lien werden ſich ſchnell verdoppeln; noch ehe ſechs Jahre vergehen, kann ich, wenn ich Bourdichons Rathſchlägen folge, Millionär ſein! Ach, wie wohl habe ich d'ran gethan, meine Renten zu verkaufen! Es leben die Unternehmungen, es lebe der Handel! Welcher Nachtheil für mich, daß ich nicht bälder daran gedacht habe. 3 Dabei ſetzte der junge Mann, der ſich im Traume ſchon als einen Millionär erblickte, wie närriſch ſein Hazardſpiel fort und verlor lachend ſein Geld. Was ſchlägt auch Einer, der auf dem Wege iſt, bald ein Vermögen zu erlangen, einige Napoleons an. Die Summe, die Adhemar in den Handel ſtecken wollte, mußte er in ſeiner Wohnung auf dem Boule⸗ vard holen. Seit einiger Zeit ſchlief er nur ſelten dort; wenn man Morgens kam, um ihn zu beſuchen, hatte Frau Coquenard den Auftrag, zu ſagen, er ſei in aller Frühe ausgegangen. Dießmal aber lenkte der junge Mann, als er von Bourdichon wegging, die Schritte ſeiner alten Wohnung zu. Es war ein Uhr Morgens, als er zu Hauſe an⸗ kam; er ſchickte ſich an, zu Bette zu gehen, als er an ſeine Thüre klopfen hörte. „Ein ſo ſpäter Beſuch,“ ſagte Adhemar zu ſich. 74 „Das kann nicht Azema ſein... Man ſagte mir, ſie ſei ausgezogen... Ich bin ärgerlich darüber... Sie hatte ſo große Luſt, mit mir zu frühſtücken... Ich weiß nicht, warum ich ihren Vorſchlag nicht an⸗ nahm!... Wenn ſie mich heute zu einem Nachteſſen auffordern würde, ich würde es gewiß nicht mehr 8 abſchlagen.“ V Damit lief er an ſeine Thüre, um ſie zu öffnen, ſtieß aber faſt an die Naſe des Herrn Trouillade's, der ſtatt aller Kleider eine Art Tiſchtuch über ſein Hemd geworfen hat, in welchem er ſich ausnahm, M wie wenn er die Rolle eines Verſchworenen ſpielen wollte. „Guten Abend, Nachbar! wie geht es mit der Geſundheit?“ ſagte der Künſtler, indem er in Ad⸗ hemars Zimmer trat.—„Ah, Sie ſind's, Herr Trouillade! wie kommt's, ſo ſpät?— Ja, es iſt V wahr, es iſt ein wenig ſpät; allein ſeit einiger Zeit iſt es ſo ſchwer, Sie anzutreffen! Komme ich früh 7 Morgens, ſo ſind Sie nie da; den Tag über, wenn Sie Leute bei ſich haben, öffnen Sie nicht, wenn l man auch ſchellt... Das verſteht ſich. O, was ſind I Sie für ein Don Juan! Da hörte ich nun dieſen Abend Geräuſch in Ihrem Zimmer und ſagte zu meiner Frau: Der Nachbar iſt zu Hauſe, ich will die Ge⸗ legenheit benützen, und ſo bin ich denn hier... Ah⸗ bravo, Figaro! la, la, la, la... Puff, paff!— Demnach, ſcheint mir, iſt es Ihnen äußerſt daran ge⸗ legen, mich zu ſprechen; haben Sie mir etwas zu ſagen, Herr Trouillade.— Freilich, mein lieber 75 Nachbar! die Sache an ſich iſt zwar nicht von großer Wichtigkeit, aber doch für den Augenblick für mich höchſt dringend. Die Zeiten ſind ſo hart für das Talent! Die Kabalen laſſen es nicht aufkommen; bald wird es, um in der Oper außzutreten, nöthig ſein, ſelbſt ein Mitglied des Inſtituts zu werden. Hätte ich keine Familie, ſo würde ich längſt nach Braſilien abgereist ſein, wo man mir dreißigtauſend Franken, drei Benefizvorſtellungen und ein eigenes Hotel als Bedingungen anträgt.— Und warum nehmen Sie Ihre Familie nicht mit nach Braſilien?— Meine Frau hat Angſt vor den Affen, und Lycoris kann die Hitze nicht ausſtehen.— Das iſt ein Unglück; aber alles Dieß gibt mir noch keine Aufklärung über die Abſicht Ihres Beſuchs.— Mein Nachbar! Ich will eine kleine Schuld bei Ihnen einkaſſiren.— Eine Schuld? Ich bin Ihnen Geld ſchuldig?— O, eine Kleinigkeit, ein Bagatelle.— Betrifft es etwa die Koſten des Mittageſſens, welches Sie mir wegge⸗ geſſen haben. Ich weiß gewiß, daß ich es bezahlt habe.— Der Nachbar ſcherzen doch immer; es han⸗ delt ſich nur um die Bezahlung eines Billets, das Sie für meine Vorſtellung in Ruel erhalten haben.— Ich hätte Sie um ein Billet erſucht? Ich habe das Theater in Ruel noch mit keinem Blick geſehen.— Wenn Sie nicht kamen, ſo iſt das nicht mein Fehler. Allein ich habe Ihnen das Billet gegeben... Es war an dem Tage, wo Sie zwei Damen in Ihrem Bett ver..— Ich verſichere Sie, Nachbar, daß Sie mir nichts gegeben haben! Ich kann mich gar nicht erinnern.— Entſchuldigen Sie, ich legte den Zettel ſogar in die Vaſe auf Ihrem Kamin... dort hinten.“ Damit wühlte Trouillade in der Vaſez er fand vort das kleine roſenfarbene Papier, das er hineingethan hatte und überreichte es Adhemar mit den Worten: „Sehen Sie den Beweis, hier iſt ja das Billet noch!... Ich bin troſtlos, daß Sie keinen Gebrauch davon gemacht haben; aber die Loge blieb leer und ich habe jenen Abend mehr als zweihundert Perſonen abgewieſen, um Ihnen dieſelbe aufzuheben.“ Adhemar konnte nicht umhin, über das Geſicht zu lachen, das Trouillade machte, als er ihm das Billet überreichte. Er nahm es mit den Worten:„Es ſcheint mir, Nachbar, daß, indem Sie das Billet ganz unten in die Vaſe legten, dieß das ſicherſte Mittel war, es gar nicht zu finden.— Ich legte es vor Ihren Augen dort hinein... vor zwei Zeugen; ſollte es nöthig ſein, ſo können es zwei Damen be⸗ ſtätigen... Azema iſt ausgezogen, das iſt ärgerlich... allein man könnte ſie wieder herholen.— O, das iſt überflüſſig, mein lieber Nachbar; jetzt, da ſich das Billet bei mir gefunden hat, ziehe ich die Schuld nicht in Abrede. Wie viel bin ich Ihnen ſchuldig.— Zwanzig Franken.“ Und wie wenn er gefürchtet hätte, zu viel ge⸗ fordert zu haben, fügte Trouillade ſchnell hinzu:„Es war eine vordere Loge... vergittert oder nicht, nach Belieben; es waren zwei Lehnſeſſel à la Voltaire darin anſtatt der Bänkchen.“ Adhemar gab keine Antwort, nahm zwanzig Fran⸗ 77 ken aus ſeinem Beutel heraus und gab ſie ſeinem Nachbar, der einen Zipfel des Tiſchtuchs, in welches er ſich eingewickelt hatte, losließ, um das Geld zu ergreifen; bei dieſer Bewegung aber kam ein ſo durch⸗ löchertes, obwohl überall ausgebeſſertes Hemd zum Vorſchein, daß man es von Weitem für ein Spitzen⸗ kleid halten konnte. „Gute Nacht, Nachbar!“ ſagte Adhemar;„auch einmal wieder eine Schuld bezahlt; wir können uns im Frieden ſchlafen legen.— Sie können ſich wobl denken,“ verſetzte Trouillade, indem er ſich von Neuem in ſein Tuch hüllte,„daß ich durchaus nicht unruhig war. Aber was wollen Sie? Eine kleine Einnahme kann immer einige Löcher verſtopfen.— Ich zweifle ſehr, ob er damit alle Löcher ſeines Hemds ver opfen kann,“ ſagte Adhemar zu ſich, indem er hinter ſeinem Nachbar die Thüre verſchloß und ſich wieder in ſein Bett legte. Des andern Tages nach jener Abendunterhaltung, ein Uhr Nachmittags, war Mathilde allein in ihrem Zimmer, zur Beluſtigung eine Haube zerknitternd und dabei immer an Adhemar denkend, den ſie auf den Abend ſehen ſollte, als ihr Kammermädchen eintrat und eine Frau anſagte, welche ſie zu ſprechen ver⸗ lange.„Nannte ſie ihren Namen?⸗ fragte Mathilde.— „Nein, Madame, ſie beſtand darauf, ſie wolle Sie überraſchen... Sie ſei verſichert, ſagte ſie, daß ſie von Ihnen mit Vergnügen werde aufgenommen werden.“ Mathilde ſann nach; dann, wie von einem ſchnellen Paul de Kock. XXXVIII. 6 78 Gedanken überraſcht, rief ſie:„Ach, wenn ſie es wäre! O, ja, ja! Laſſen Sie ſie ſchnell ein⸗ treten!“ Sie hatte noch nicht ausgeſprochen, als ſich die Thüre öffnete, eine junge Dame in's Zimmer trat, auf Mathilde zuging und ſich ihr in die Arme warf. Mathildens Geſicht drückte die lebhafteſte Freude aus, als ſie ihre alte Freundin wieder erkannte. Sie ſchloß dieſelbe mit Inbrunſt an ihre Bruſt und rief:„Car⸗ leſia! Du biſt's? Ach, mein Herz hatte es geahnt!“ Die eingetretene Frauensperſon ſtand im Alter von fünfundzwanzig Jahren; ſie ſchien eher älter als ſie war, weil ihre Züge matt, ihre Farbe bleich waren, und die Spuren eines tiefen Kummers ihrem Geſicht einen ernſten und ſtrengen Ausdruck, der bei der Jugend ſelten zu finden iſt, gaben. Gleichwohl war dieſe Frau noch ſchön, ob auch der Schmelz und die Friſche ihrer Jugend verwiſcht war; ihre großen ſchwarzen Augen ſchienen die Gabe zu haben, im Herzensgrunde die Gedanken Anderer zu leſen. Der griechiſche Charakter ihres Geſichtes wurde ſanft und bezaubernd, wenn ſich ein belebendes Lächeln über daſſelbe ergoß. Endlich hatte die von Mathilde an die Bruſt geſchloſſene Dame eine etwas mehr als mittlere Taille, eine Hand und einen Fuß voll Zaubers⸗ und eine edle und anmuthige Tournüre. „Meine theure Carleſia! endlich ſehe ich Dich wieder... nach ſo langer, langer Zeit... ſchon über vier Jahre iſt es ja, daß Du abreisteſt.— Ja, ſo lange iſt es gerade!“ verſetzte die junge Dame, in⸗ 79 dem ſie die Hände Mathildens in die ihrigen ſchloß und ſie mit dem Ausdruck der zärtlichſten Freundſchaft anſah.—„Endlich biſt Du hier, biſt wieder mein... aber... aber... O mein Gott! was iſt Dir denn begegnet?“ Bei dieſen Worten betrachtete Mathilde die ganze Geſtalt ihrer Freundin mit einem überſchauenden Blicke. Die Letztere lächelte auf eine ſchwermüthige Weiſe, indem ſie erwiederte:„Ach, Du findeſt eine Ver⸗ änderung an mir, nicht wahr?— Ja, Du biſt mager, bleich geworden... Deine Züge zeugen von Nieder⸗ geſchlagenheit... O, Du biſt gleichwohl immer lie⸗ benswürdig, immer ſchön, immer meine Carleſia! Aber jene Lebhaftigkeit, die Deinen Blick beſeelte, jene herrlichen Farben, von denen Dein Teint er⸗ glänzte... warum iſt an ihre Stelle ein Zug von Traurigkeit getreten? Meine Carleſia, Du hatteſt Leiden, ſchwere Leiden, und ich war nicht bei Dir, ſie zu theilen! Siehe, das hat man vom Reiſen, vom Hinausgehen in die Ferne, vom Verlaſſen Derer, die uns lieben!— Du haſt Recht, Mathilde; der Einfall, zu reiſen, war ein Unglück für mich. Allein was willſt Du? So wollte es mein Schickſal.— Ach, ſieh' da, Du biſt immer noch die Alte mit Deinen romantiſchen Ideen! Aber ſetze Dich doch ſchnell neben mich, ſo wie einſt in der Anſtalt! Du biſt's ja, mein Gott! wie bin ich froh.“ Die zwei Freundinnen umarmten ſich auf's Neue; ſie konnten kein Ende finden, ſich das Vergnügen ihrer Wiedervereinigung auszudrücken. 80 „Seit wie lange biſt Du in Paris?“ ſagte Ma⸗ thilde.—„Kannſt Du fragen? Erft ſeit dieſem Morgen, und Ou ſiehſt wohl, wie ſchnell ich zu Dir gekommen bin.— O das iſt ſchön!— Ich fürchtete einige Veränderungen... in vier Jahren kann ſich oft ſo viel ereignen... Biſt Du immer noch glücklich mit Herrn Bourdichon, Deinem Gatten?“ Als Mathilde den Namen ihres Mannes ausſpre⸗ chen hörte, ſchlug ſie ihre Augen nieder und wandte den Kopf ſeitwärts, indem ſie dabei mit ſchwachem Tone zur Antwort gab:„Ja... Herr Bourdichon iſt immer noch gegen mich wie ſonſt, unſer Vermögen iſt immer noch daſſelbe... er iſt glücklich... er lebt ganz nach ſeinem Gefallen.“ Carleſia ergriff die Hand ihrer Freundin, drückte ſie in die ihrigen, beugte den Kopf vor, um Ma⸗ thilde zu betrachten und ſagte:„Ja, warum zitterſt Du bei dieſen Deinen Worten? Warum wendeſt Du den Kopf und ſcheueſt meinem Blicke zu begegnen? Mein Gott, Du weinſt jetzt?... O, Du haſt auch Leiden, gewiß! Sprich, ſprich! erzähle mir Alles... und dann werde ich Dir auch meinen Kummer mit⸗ theilen.. Du wirſt ſehen, daß ich recht unglück⸗ lich bin!“ Mathilde verbarg ihr Geſicht im Buſen ihrer Freundin und ſtotterte:„Wenn Du unglücklich biſt, ſo kannſt Du mich wenigſtens ohne Erröthen an⸗ ſehen... aber ich... ich kann es nicht mehr. Ach, Carleſia! Du wirſt mich verachten, denn ich bin recht ſtrafbar.— Dich verachten! wie, bin ich denn mehr 81 als ein Gott? Und weißt Du nicht, daß Gott dem Reuigen verzeiht!— Ja... aber... wenn man nicht bereut... wenn man ſeine Schuld anbetet; Du wirſt nicht begreifen, was ich da ſage, Du Stolze, Du Kalte! Du, die die Liebe noch nicht kennen gelernt hat!— Was ſagſt Du da? Ach, dieſe Veränderung, die Dir an mir aufgefallen iſt, dieſe kummervollen Züge, die Du auf meinem Geſichte ſiehſt, dieſe Bläſſe, die meine Wangen bedeckt... ſollte Dir dieß Alles nicht ſagen, daß ich auch ein Opfer dieſer grauſamen Leidenſchaft bin?— Wäre es möglich? Du haſt ge⸗ liebt... ol dann wirſt Du mich beklagen, dann wirſt Du mich begreifen! Dann werde ich Dir mein Ge⸗ heimniß anvertrauen können... und überdieß könnte ich ja eines für Dich haben! So vernimm denn, daß ſich etwa ſeit vier Monaten... vier Monaten, die mir wie der Blitz dahin geflohen ſind... eine neue Leidenſchaft meines Herzens bemächtigt hat. Ich kannte die Liebe nicht! Du weißt wohl, daß meine Heirath wie die Deine durch meine Eltern zu Stande ge⸗ bracht wurde, ohne daß man für werth gehalten hätte, mein Herz darüber zu befragen... und dieß Herz, über das man ſo verfügt... können wir ſtets verhindern, daß es ſchlägt, wenn wir Dem begegnet ſind, der uns bezaubern ſollte? Ach, dieſe Liebe ſchlief in meinem Herzen... Jedoch eines Abends auf einem Balle... er war dort... er hatte mir noch kein Wort geſagt... führte uns der Zufall, ein uner⸗ warteter Umſtand, zuſammen. Mein Gott!l ich weiß nicht, wie Alles gekommen iſt, aber wir Beide ver⸗ 82 ſtanden uns, daß wir uns lieben, zu gleicher Zeit.— Arme Mathilde! Ich beklage Dich! Dieſe Liebe... da Du nicht frei biſt..— Mache mir keine Vor⸗ würfe! die wären jetzt nicht am Platze. Ich weiß, wie ſtrafbar ich binz ich brachte ihm meine Ruhe, meine Pflicht, meine Zukunft zum Opfer... ich würde ihm, 5 ſo es nöthig wäre, mein Leben zum Opfer bringen; wenn er mich nur immer liebt, ſo werde ich höchſt glücklich ſein.— Aber Dein Gemahl?— Herr Bour⸗ dichon hat keine Ahnung davon; o, Du kannſt Dir wohl vorſtellen, daß ich darauf bedacht bin, ihn das Geheimniß meines Herzens nicht merken zu laſſen..... Ueberdieß verſichere ich Dich, daß das ein Punkt iſt, mit dem er ſich wenig beſchäftigt.— Kommt Der, den Du liebſt, hierher?— Gewiß! Er ſteht in ſehr engem Verhältniß mit Herrn Bourdichon, und Bour⸗ dichon iſt der Erſte, der ihn ohne Unterlaß einladet, hierher zu kommen. O, Du wirſt ihn ſehen! Du wirſt ſehen, wie gut, wie liebenswürdig, wie reizend er iſt!... Es iſt ein fuüͤnger Mann, wie er ſein ſoll; er hat Vermögen und iſt ſehr geſucht in der großen Welt.— Wie nennt er ſich?— Herr... jedoch Du bleibſt heute den ganzen Tag bei mir, und ebenſo den Abend, Du widmeſt mir den ganzen Tag, nicht wahr?— Ich will es wohl, ſofern es Dich nicht beläſtigt.— Du mich beläſtigen, o ich bin ſo glück⸗ lich, Dich wieder in meiner Nähe zu haben. Nun, Du wirſt ihn auf den Abend ſehen, es iſt unſer Em⸗ pfangstag. Er wird kommen, denn er fehlt nie; wir. werden große Geſellſchaft haben, allein ich wünſchte, „J 8³ daß Du errathen würdeſt, welcher es iſt und dann zu mir ſagteſt: Der dort iſt es, den Du lieben ſollſt! ich will Dir ihn daher nicht vorher nennen; ich wette, Du erratheſt ihn!— Wie närriſch Du biſt! Ach, wenn Du wenigſtens nur auch ſo ſehr geliebt wirſt, als Du liebſt, wenn Du um den Preis der Opfer, die Du ihm gebracht, einen Mann gefunden haſt, der Deiner Liebe würdig iſt, der mit ſeinen Ver⸗ ſprechungen, ſeinen Schwüren kein Spiel treibt, dann wird dein Schickſal weniger zu beklagen ſein als das meinige.— Carleſia! ich erzählte Dir alle Geheim⸗ niſſe meines Herzens, ich hatte keine Scheu, Dir das Geſtändniß meiner Schuld abzulegen, aber nun hoffe ich auch, daß Du Deinerſeits kein Geheimniß vor mir haben wirſt, daß Du mir Deine Leiden mit⸗ theilen, mir den Grund der Traurigkeit angeben wirſt, der Dein Geſicht bleich gemacht hat, und deſſen Aus⸗ druck ich in Deinen Augen leſe, ſelbſt jetzt, wo Du bei mir biſt. Du biſt frei, Du biſt Wittwe... Du wareſt Gebieterin über Dein Herz wie über Deine Handlungen, und Du wirſt nicht zu erröthen brau⸗ chen, wenn Du mir alles Das berichteſt, was Dir begegnet iſt, ſeit Du Paris verlaſſen haſt.“ Die Freundin Mathildens ſchien tief bewegt, eine noch größere Traurigkeit malte ſich auf ihrem Ge⸗ ſichte ab, ihre Augenlider ſenkten ſich und ſchwere Thränentropfen rollten über ihre Wangen. Dann ſtreifte ſie mit der Hand über die Stirne und ſagte: „Du wünſcheſt es... ich werde Dir Alles ſagen, ob⸗ wohl ich geſchworen hatte, daß dieſes Geheimniß 8⁴ hier... im Grunde meines Herzens... begraben bleiben ſolle... aber muß ich Dein Vertrauen nicht erwiedern? Du haſt mir ja gar nichts verſchwiegen!— O ſprich, meine Freundin! ſprich, ich höre Dir zu.“ Carleſia ſchickte ſich an, ihrerſeits Mathilde ihre Angelegenheiten anzuvertrauen, aber man hörte Ge⸗ räuſch von Schritten, welche von dem Schlupfgang herkamen, der zu dem Kabinet des Herrn Bourdichon führte. „Ach!“ rief Mathilde, erfreut und zitternd zugleich, „das iſt er; es kann wohl ſein... er ſollte dieſen Morgen kommen.— Dein Mann?— Nein... ſondern er.“ Fünftes Kapitel. Ein Fräulein, welches ſich erklärt.— Geheim⸗ niſſe. Die Thüre des Schlupfgangs ging auf, allein es war nicht Adhemar, der erſchien, wie Mathilde ge⸗ hofft hatte: es war Frau Sublimé, ihr Gatte und ihre Tochter, welche bei Frau Bourdichon eintraten. Frau Sublimé, als das Oberhaupt der Familie, zeigte ſich zuerſt. Sie war ſchwarz und roth geklei⸗ det, hatte ſchwarze Bänder in den Haaren und Ko⸗ rallen an den Armen und Ohren, was ihr einige Aehnlichkeit mit Robin des Bois gab. Sie hatte in ihrer Kleidung, in ihrer Haltung und in ihrem Ge⸗ ſichte etwas, das zum voraus merken ließ, ſie komme — 8⁵ nicht um eines einfachen Beſuches willen, ſondern es ſtecke irgend ein beſonderer Plan dahinter. Geiſtreiche Leute haben die Gewohnheit, dem Pu⸗ blikum ihre Gedanken nicht anzuvertrauen; die Ein⸗ faltspinſel machen es gerade umgekehrt. Haben dieſe irgend eine wichtige Sache auszuführen, ſo ſprechen ſie ganz laut mit unmäßigen Geberdenſpielen in den Straßen davon, ſie ſuchen die Aufmerkſamkeit der Vorübergehenden auf ſich zu lenken, und ließe ſich es thun, ſie ließen einen Tambour voranziehen, um die Leute an's Fenſter zu jagen. Fräulein Idalia trat nach ihrer Mutter ein: ſie war ganz ſchneeweiß gekleidet. Das Gewand, das Halstuch, der Schleier auf dem Kopfe, ja ſelbſt die Schuhe, Alles war von einer Weiße, und in dieſem jungfräulichen Koſtüm ſuchte ſich Fräulein Idalia das Ausſehen einer kleinen Heiligen zu geben, aber es gelang ihr nur unvollſtändig: der Ausdruck ihrer Augen ſprach dagegen, es war eher, als ob ſie mas⸗ kirt wäre. Herr Sublimé ſchloß den Zug. Er war wie ein Stutzer von fünfundzwanzig Jahren gekleidet, und wirklich konnte er, von hinten angeſehen, zumal wenn er nicht lief, einige Perſonen täuſchen; von vorne jedoch brachten die Locken ſeiner ſchönen blonden Pe⸗ rücke eine ſonderbare Wirkung auf ſein runzeliges, rothgeſchminktes Geſicht hervor. Man glaubte einen neuen glänzenden Rahmen um ein altes verdorbenes Gemälde zu ſehen. Als Frau Sublimé eine Damne bei Mathilde ge⸗ 86 wahrte, ſtand ſie plötzlich ſtill, trat einen Schritt zurück und rief:„Ach, mein Gott! Sie ſind nicht allein und wir ſtören Sie.“ Die Bewegung ihrer Frau Mutter nöthigte Fräu⸗ lein Idalia auch zum Rückzug, damit man ihr nicht auf ihre weißen Atlasſchuhe trete, und ſie that es ſo ungeſtüm, daß ſie beinahe ihren Herrn Vater, der hinter ihr kam, umwarf. Derſelbe ſah ſich bis an die Thüre des Schlupfgangs zurückgedrängt, in welchem er von Neuem verſchwand, während Idalia ebenfalls aus⸗ rief:„Mein Gott, wir ſtören Madame!“ Einen Augenblick darauf hörte man in dem Schlupf⸗ gang die Stimme Sublimé's, der wie ein Echo die Worte wiederholte:„Wir ſtören Madame!“ Mathilde war in der That ſehr mißſtimmt, als ſie die Geſellſchaft ankommen ſah. Da man jedoch in der Welt alle ſeine Gefühle unter der Maske der Höflichkeit verbergen muß, ſo gab ſie ſich, als die Familie Sublimé nun ganz in's Zimmer getreten war, Mühe, eine liebenswürdige Miene anzunehmen, ſtellte ihr Carleſia vor und ſagte:„Das iſt eine meiner beſten, meiner älteſten Freundinnen, die ich ſo eben nach einer Abweſenheit von beinahe vier Jahren wieder ſehe... es iſt Frau Valmeran, die ich Ihnen hier vorſtelle.“ Die Subliméèé's tauſchten ihre Begrüßungen mi der jungen Frau aus, und Mama, die ſich das Recht vorbehalten zu haben ſchien, das Wort zu führen, begann:„Madame war wahrſcheinlich mit Ihrem Gatten auf der Pilgerſchaft?“ —,— 87. Mathilde konnte kaum ein leichtes Lächeln unter⸗ drücken, als ſie die Gattin des Herrn Dardanus ſo prachtvolle Worte wählen ſah; ſie erwiederte:„Die Madame kommt in der That ſo eben von Reiſen zurück, allein erſt nach dem Tode ihres Gatten hat ſie Paris verlaſſen... Meine Freundin iſt Wittwe ſeit fünf Jahren.— Wittwe und jung... das iſt ein Fall wie bei Andromache, und ich bin überzeugt, daß Madame mehr als einen Pyrrhus finden wird.“ Entzückt von dem, was ſie ſo eben ſagte, warf Frau Sublimé einen Blick auf ihre Tochter, die einen ſchweren Seufzer ausſtieß, und murmelte:„O ja!“ Was Herrn Sublimé betraf, ſo nahm er an der Unterhaltung keinen Theil; er war nämlich äußerſt bemüht, in einer ſeiner Taſchen etwas zu ſuchen. „Wenn man ſich ſo lange nicht mehr geſehen hat,“ fuhr Mathilde fort,„ſo können Sie ſich wohl vor⸗ ſtellen, daß ſich zwei Freundinnen Vieles zu ſagen haben.— Ja, zuverläßig,“ verſetzte Frau Sublimé, „und ich wiederhole es, wir kommen ungeſchickt... ich bedaure es um ſo mehr, als ein ſehr wichtiger, ſehr bedeutender, ſehr ernſthafter, das heißt, ernſt⸗ haft figürlich genommen... kurz, ein Gegenſtand, über welchen ich mich in dem Werke, das ich heraus⸗ zugeben beabſichtige, zu verbreiten gedenke, mich hier⸗ 3 herführt.“ Carleſia erhob ſich, nahm ihren Shawl und ſagte: „Ich wäre troſtlos, Madame, wenn meine Gegen⸗ ½ wart Sie verhindern würde, den Zweck ihres Be⸗ ſuches zu erreichen... ich will jetzt wieder gehen... —— 88 Mathilde und ich werden uns, wie ich hoffe, öfters ſehen... ſprechen Sie mit ihr, ich will einige Be⸗ ſuche machen.— Wie? Du verläſſeſt mich!“ rief Mathilde, ihrer Freundin nacheilend.—„Aber, Ma⸗ dame, wir können recht wohl vor Ihnen von der Sache reden,“ ſagte Frau Sublimé.„Bleiben Sie doch... das, was wir uns zu ſagen haben, wird, wie ich hoffe, bald offenkundig ſein.— Da ich erſt dieſen Morgen zu Paris ankam,“ ſagte Carleſia,„ſo habe ich Vieles zu beſorgen... ich werde wieder kommen, meine theure Mathilde! Du wirſt mich Deinem Gatten melden, denn Du weißt, daß wir den Abend mit einander zubringen.— Ich zähle ſehr darauf, ſonſt würd' ich Dich auch nicht fortgehen laſſen.“ Zugleich flüſterte Mathilde ihrer Freundin ganz leiſe in's Ohr:„Wie verdrießlich, nicht einmal frei auf ſeinem Zimmer zu ſein... und gerade, da Du mir Deine Leiden, Deine Geheimniſſe erzählen woll⸗ teſt.— Das ſoll morgen geſchehen... Du wirſt zu mir kommen, und dort wenigſtens wird uns Nie⸗ mand ſtören... Geh', meine arme Mathyilde, gehe und widme Dich Deiner Geſellſchaft... Ach, wenn er es geweſen wäre! er wäre Dir gewiß nicht un⸗ geſchickt gekommen.— O nein.. aber Du wirſt ihn dieſen Abend ſehen.“ Carleſia umarmte ihre Freundin und entfernte ſich. Mathilde kehrte zu der Familie Sublimé zurück, die ſich nun Alle in ihrem Zimmer geſetzt hatten. „Eine herrliche Frau!“ ſagte Frau Sublimé, nach⸗ —— — ——— 89 dem Carleſia weggegangen war.— Sie hat eine ſehr hübſche Taille.— Ich weiß nicht, warum ſie nicht geht!“ murmelte Herr Sublimé, indem er mit der Hand in ſeine Hoſentaſche langte.—„Nicht geht? Wie? Sie ſehen ja, daß ſie weggegangen iſt,“ ver⸗ ſetzte Frau Sublimé.„Hat ſie Vermögen?— Ihr Gatte hinterließ ihr zwanzigtauſend Franken Renten,“ ſagte Mathilde.—„Das iſt ſehr artig für eine Wittwe!“ rief Idalia;„ſie kann ſich Vergnügen machen, dieſe Dame.— War ihr Gatte jung? War es eine Nei⸗ gungsheirath?— Nein, Madame! Ihr Gatte ſtand ſchon in reifem Alter... es war eine Convenienz⸗ Heirath.— O, dann begreife ich... ein trauriger Hymen für eine junge Frau. Hat ſie Kinder bekom⸗ men?— Nein, Madame!— Sie hat nur zwei Melodien geſpielt,“ murmelte Herr Sublimé. Seine Frau wandte ſich jetzt gegen ihn und ſagte mit einer faſt tragiſchen Miene zu ihm:„Mein Herr! von was ſprechen wir denn, wenn es Ihnen beliebt? Sind Sie bei der Unterhaltung oder nicht?“ Dardanus machte ein ganz kleinmüthiges Geſicht, indem er antwortete:„Verzeihung! ich meinte... dieſe kleine Spieldoſe da, die ich mitnahm, will nicht recht gehen.— Ja, ja, es handelt ſich jetzt von Ihren Spieldoſen! Geſchah es denn nicht um einer höchſt wichtigen Sache willen, daß wir zu unſern Freunden Bourdichon gekommen ſind?— Da wir unſern Sohn Eudoxius nicht mitgenommen haben, müſſen wir in der That einen ſehr ernſthaften Gegenſtand zu be⸗ ſprechen haben.“ 90 Sonſt fehlte nichts mehr, als ihr Sohn, dachte Mathilde bei ſich, indem ſie Frau Sublimé ein Zei⸗ chen gab, welches dieſe verſtand. Sie wandte ſich wieder zurück, ſetzte ſich und fing an:„Ich komme auf die Sache, meine liebe Frau Bourdichon: Wir haben nur eine Tochter... das heißt, wir haben auch einen Sohn, aber deßwegen haben wir doch nicht mehr als eine Tochter. Jdalia iſt ſiebzehn Jahre alt.— Ich bin in ſechs Wochen achtzehn, Mama!“ rief Idalia mit einem ſehr beſtimmten Tone, der zu erkennen gab, daß ſie gerne älter wäre.—„Nun, meine Tochter... wenn Sie es in ſechs Wochen fſind, ſo ſind Sie es doch jetzt noch nicht, und in Betreff des Alters zählt man nie das laufende Jahr... ja, es gibt Perſonen, welche warten, bis ein Luſtrum zu Ende iſt, um dann weiter zu zählen. Ich wie⸗ derhole: Idalia, obgleich noch ſehr jung, kann.— Sehr jung! ich bin nicht mehr ſo jung, denn in ſechs Wochen werde ich in mein neunzehntes Jahr treten.— Idalia, wollen Sie mich in meiner Er⸗ zählung fortfahren laſſen?“ Idalia gab keine Ant⸗ wort, ſie zog ihren weißen Schleier über ihre Stirne. Frau Sublimé ſammelte ſich wieder und fuhr, ſich an ihre erſte Phraſe anlehnend, fort:„Idalia, ob⸗ gleich noch ſehr jung... iſt groß, kräftig, wohlge⸗ baut und fähig, in's Heirathsalter überzugehen.— Und Sie wollen Ihre Fräulein Tochter verheirathen?“ ſagte Mathilde, ungeduldig darüber, daß die große Dame nicht zu Ende kommen konnte.—„Ganz recht⸗ wir wollen es; das heißt, wir haben keinen beſtimmten — ,— 4 91. Grund dazu, aber ihr Herz hat geſprochen. Ein junger Mann macht ihr auf eine ziemlich verſteckte Weiſe den Hof, die aber darum nur um ſo delikater iſt. Das Herz meiner Tochter iſt voll Feuer, es gleicht dem meinigen; es verſtand das, was man ihr gar nicht geſagt hat, gerade wie ich auch in meiner Ju⸗ gendzeit: ich verſtand auch eine Menge Dinge, von denen man mir nie etwas geſagt hatte; kurz, ſie liebt, das iſt das Factum! nicht wahr, Idalia?“ Idalia verhüllte S mit ihrem Schleier, ſo daß man nichts als die Naſenſpitze ſehen konnte. Eben jetzt ließ ſich die Melodie: Schöne Roſenknoſpe! aus der Taſche des Herrn Sublimé's hören, der einen Satz auf ſeinem Seſſel machte, und rief:„Sie geht, ſie geht! ſie hat ſich wieder beſonnen, es war nur eine Laune von ihr, ſie geht!— Wiſſen Sie nichts Beſſeres zu thun, als an Ihre Spieldoſe zu denken, wenn es ſich um die Verheirathung Ihrer Tochter handelt?“ ſagte die große Dame, ihren Mann mit zorniger Miene anſehend.„Herr Sublimé, Sie ma⸗ chen mir wirklich Kummer!— Meine liebe Freundin, hören Sie doch! Dieſe Doſe hat mich zweihundert Franken gekoſtet, und wenn ſie nicht ginge!— Nun, Madame,“ fuhr Mathilde fort,„Sie haben alſo im Sinn, Ihre Fräulein Tochter zu verheirathen, und wünſchen, mich darüber um Rath zu fragen... kenne ich den von dem Fräulein geliebten Mann, der ihr den Hof macht?— Ohne Zweifel! denn es iſt Herr Adhemar Marilly.“ Beim Namen Adhemar wurde Mathilde bleich, ihre Züge zogen ſich zuſammen, gleichwohl zwang ſie ſich zu einem Lächeln, indem ſie antwortete:„Herr Adhemar! wie, Fräulein! Herr Adhemar macht Ihnen den Hof! Sonderbar, ich habe es noch nie bemerkt; es ſcheint, daß er ſein Spiel gut zu verbergen weiß!— Das iſt aber auch nicht nothwendig, daß es Andere bemerken,“ ſagte Idalia trocken;„es ſcheint mir, daß ich dieſes allein wahrzunehmen brauche.— O zweifels⸗ ohne, Fräulein; aber in Ihrem Alter⸗ bei Ihrer Unerfahrenheit, Ihrer Aufrichtigkeit täuſcht man ſich leicht über die Abſichten eines Mannes. Dieſe Herren legen manchmal auf ein höfliches Wort, das ſie Ihnen ſagen, kein weiteres Gewicht, während Sie es im Ernſte nehmen. Hat Ihnen denn Herr Adhemar eine Erklärung gegeben? Aus was ſchließen Sie, daß er Sie liebe?— Ganz daſſelbe habe ich auch zu meiner Tochter geſagt,“ verſetzte die Frau Sublimé, „worauf ſie eine Menge Kleinigkeiten, unbedeutende Umſtände gegen mich in Erwähnung brachte. Klei⸗ nigkeiten allerdings, allein Sie wiſſen, Frau Bour⸗ dichon, daß aus Kleinigkeiten eine große Liebe ent⸗ ſtehen kann. Ich werde mich darüber in dem Werke verbreiten, das ich zu ſchreiben beabſichtige.— Wenn es übrigens faſt nichts als Kleinigkeiten ſind, auf welche Fräulein Idalia ihre Hoffnung gründet, ſo fürchte ich ſehr, ſie möchte ſich irren.— Fräulein Idalia, erzähle der Madame, was zwiſchen Dir und Herrn Marilly vorging... übergehe keinen Umſtand.“ Fräulein Idalia verbarg ſich ganz unter ihrem Schleier und gab mit einem halb ſchüchternen, halb 3 weinerlichen Tone zur Antwort:„Erſtlich hat uns Herr Adhemar... ja, man wird ſogleich ſehen... zweimal nach Hauſe begleitet, was er nicht nöthig gehabt hätte... er fand mich ſehr hübſch en Ca⸗ margo... er ha⸗ mir ſelbſt geſagt... er tanzte mit mir auf dem Ball, drückte mir die Hand.. ſehr ſtark. und ſetzte ſich in Geſellſchaft immer an meine Seite...— Es ſchien mir, Fräulein, daß Sie ſich vielmehr an ſeine Seite ſetzten.— Ich that es, weil ich weiß, daß es ihm Vergnügen macht... auch ſpricht er immer mit mir... dann blickt er mich öfters an, endlich iſt das leicht zu errathen...— Hat er Dir noch keinen Kuß gegeben?“ fragte Frau Sublimé mit wichtiger Miene.—„Ja gewiß... eines Abends, als man bei Herrn le Doucet Geſellſchaftsſpiele ſpielte, hatte Herr Adhemar ein Pfand geben müſſen, und um es auszulöſen, küßte er mich.“ Mathilde mußte lachen; ſie ſagte:„Ach, Fräu⸗ lein! wenn das die einzigen Liebesproben ſind, die Sie von Herrn Marilly erhalten haben, ſo rathe ich Ihnen, nicht allzufeſt darauf zu bauen.— Aber, mein Gott, Madame! warum wollen Sie denn, daß er mich nicht liebe? Ueberdieß liebe ich ihn, ihn und Keinen Andern will ich heirathen. Ich habe es der Mama geſagt, wenn man ſich dagegen widerſetzt, ſo bin ich im Stande, mich im Kohlendampfe zu erſticken.— Genug, Jdalia! genug... satis, meine Tochter!“ rief Madame Sublimé.„Ich und Ihr Vater ſind keine Tyrannen; überdieß werden Sie hundert⸗ Paul de Kock. XXXVIII. 7 94 tauſend Franken zur Ausſteuer erhalten, ohne das, was noch ſpäter dazu kommt; Sie ſind keine zu ver⸗ achtende Parthie. Da wir wußten, daß Herr Bour⸗ dichon in ſehr enger Beziehung zu Herrn Adhemar ſteht, ſo machten wir alle Drei zuerſt einen Beſuch in ſeinem Kabinet, um ihm unſere Pläne mitzutheilen. Bourdichon billigte dieſelben vollkommen... er kannte zwar den Vermögenszuſtand Adhemars nicht genau, aber ſetzte voraus, daß derſelbe nicht ſchlecht ſein könne. Er rieth uns dann, zu Ihnen zu gehen, und Sie von dieſer Angelegenheit in Kenntniß zu ſetzen, das war unſere Abſicht; und jetzt, liebe Frau Bour⸗ dichon, ſind Sie nicht auch der Meinung, daß dieſe Heirath paſſend ſeie, und daß Herr Adhemar unſere Tochter glücklich machen werde. Um Gotteswillen, mein Herr! machen Sie doch dieſem Geleier ein Ende.. dieſe Muſik greift mir die Nerven an.— Sie ſpielt jetzt gerade vollends: Geliebtes, theures Bild, aus, das iſt ihre letzte Melodie,“ verſetzte Herr Sublimé, ſeine Doſe betrachtend. Mathnhilde ſchwieg eine Weile, dann antwortete ſie kalt:„Was dieſe Heirath betrifft, Madame, ſo iſt meine Anſicht, man ſollte ſich aller Rathſchläge enthalten. Wenn Sie die feſte Ueberzeugung erlangt haben, daß Herr Adhemar in das Fräulein verliebt iſt, ſo werden Sie ſchon ſehen, was zu thun iſt. Aber ich rathe Ihnen, ſich hiervon vorher zu ver⸗ ſichern.“ Fräulein Idalia ließ Mathilde kaum ausredenz ſie erhob ſich ungeduldig und ſagte:„Mein Gott! es 95 ſcheint, Madame ſei es ſehr bange vor einer Heirath Adhemars... übrigens... Madame hat Recht, man ſollte in ſolchen Angelegenheiten Niemand um Rath fragen; auch wird mich Alles, was man da ſagt, nicht hindern, Herrn Adhemar zu heirathen.“ Frau Sublimé gab ſich alle Mühe, ihre Tochter zu beruhigen, indem ſie Mathilde bat, die Lebhaf⸗ tigkeit Idalia's zu entſchuldigen, die nicht mehr wiſſe, was ſie ſage. Aber das junge Mädchen hatte ein Wort geſagt, das ſein Ziel zu gut gefunden hatte, als daß Frau Bourdichon es hätte vergeben können; ſie nahm daher ſehr kalt von der Familie Sublimé, die ſich jetzt entfernte, Abſchied. Das Fräulein ver⸗ barg unter ihrem Schleier ihr übellauniges Geſicht, die Mama brüſtete ſich mit ihren ſchwarzen Bändern und ihren Korallen, und der Papa ſchob ſeine Hand in die Taſche, wo er ſeine Doſe hatte. „Welch alberne Familie!“ ſagte Mathilde zu ſich. „Adhemar ſollte mit ſolchen Leuten in eine Verbin⸗ dung treten! O nein, das kann er gewiß nicht thun! Und Herr Bourdichon billigt dieſe Heirath; allein was geht denn das ihn an. Dieſe kleine Ungezogene, es ſei mir bange, ihn verheirathet zu ſehen. Mein Gott! ſollte die Welt meine Schwachheit errathen haben!“ 3 Mathilde begab ſich in das Kabinet ihres Gatten. Bourdichon war allein; ſeine Frau benachrichtigte ihn von dem Beſuche, den ſie erhalten habe, und fragte ihn, ob es wahr ſei, daß er ſeinen Beifall zu einer Heirath Adhemars mit Fräulein Idalig gegeben habe. 96 „Und warum nicht?“ rief der dicke Herr.„Ma⸗ rilly hat Vermögen, ich denke es wenigſtens; über⸗ dieß braucht er es bei der Lebensart, die er führt; er hat mir dieſen Morgen ſogar zwanzigtauſend Francs gebracht, um ſie bei einem Geſchäſt anzu⸗ zulegen. Fräulein Sublimé iſt eine gute Parthie, hunderttauſend Francs ſogleich und das Doppelte zu erwarten, nicht übel; es ſcheint mir, daß das keine ſchlimme Sache wäre.— Schlimme Sache! Gehen Sie mir doch,“ erwiederte Mathilde,„Sie ſehen in der Heirath nur eine Sache! Das Herz, die Liebe, alles Dieß iſt nichts für Sie. Fräulein Idalia iſt häßlich, ſie iſt albern wie ihre Mutter, dieſe Heirath ſtritte gegen den geſunden Menſchenverſtand.— Wie Sie Feuer fangen, meine liebe Freundin! Ueberdieß wird Adhemar, wie ich denke, wiſſen, was er zu thun hat.“ Mathilde beſann ſich, ſie erröthete darüber, daß ſie ſich durch die Leidenſchaft, von der ſie beherrſcht war, hatte fortreißen laſſen, und zwang ſich zu lächeln, indem ſie ſagte:„O, Sie haben Recht, mein Freund, zudem geht es uns ja nichts an; allein ich kam, um Ihnen die Rückkehr meiner Freundin zu melden, von der ich Ihnen ſo vft geſagt habe... Sie wiſſen, Madame Valmiran.— Ach ja, die, von welcher Sie ſo ſelten Nachricht erhalten haben, ſeit ſie verreist war; iſt ſie zurückgekommen?— Ja, ſie iſt in Paris, ſie wird vielleicht mit uns eſſen, in jedem Fall wird ſie den Abend hier zubringen... o ich bin recht froh. — Um ſo beſſer... Ihre Freundin iſt, wenn ich nicht 97 1 irre, eine Wittwe.— Eine Wittwe von fünfund⸗ zwanzig Jahren.— Hübſch?— Sie war reizend, ſie war ſogar eine auffallende Schönheit. Sie hat Kummer gehabt, denn ſie iſt ſehr verändert. Gleich⸗ wohl ſieht ſie noch recht gut aus.— Hat ſie Ver⸗ mögen?— Zwanzigtauſend Francs Renten.— Zwan⸗ zigtauſend Francs?... eine Wittwe von fünfund⸗ zwanzig Jahren, hübſch... Teufel! das würde für Adhemar noch beſſer paſſen, als Fräulein Idalia.“ Mathilde fühlte ſich abermals das Blut in die Wangen ſteigen, und konnte nicht umhin, auszurufen, indem ſie zu lachen verſuchte:„Ach Gott, mein Lieber, Sie ſind heute ſchrecklich mit Ihren Heirathsgedanken! Uebrigens glaube ich nicht, daß meine Freundin ſo ſehr eilen wird, wieder ihre Freiheit zu verlieren.“ Damit verließ Mathilde eilend das Kabinet ihres Gatten und ging wieder auf ibr Zimmer zurück. Das, was Bourdichon ihr ſo eben geſagt, hatte ihr weh gethan, ihr Herz kam in peinliche Spannung dadurch.„Ach! von Carleſia habe ich nichts zu fürch⸗ ten,“ ſagte ſie zu ſich;„ich bin jetzt recht froh, ihr mein Geheimniß anvertraut zu haben... da ſie nun weiß, daß ich Adhemar liebe, ſo kann ſie nicht daran denken, ihn auch zu lieben... und überdieß bin ich es ja, die er liebt... er wird ſich nicht mit ihr ab⸗ geben... wie närriſch bin ich doch, ſolche Gedanken zu haben... was fiel aber auch Herrn Bourdichon ein, mir ſolches Zeug zu ſagen? Man hätte glauben mögen, er thue es ausdrücklich, um mir das Herz zu brechen.“ 98 Die Stunde des Eſſens kam; Carleſia war noch nicht wieder da. Mathilde war bereits traurig und unruhig, Herr Bourdichon wiederholte ihr jedoch mehrmals, daß ihre Freundin tauſend Sachen zu beſorgen haben werde, da ſie erſt ſeit dieſem Morgen wieder in Paris ſei, und daß, da ſie wiſſe, daß dieſen Abend Geſellſchaft ſei, ihre Toilette wahr⸗ ſcheinlich nicht in dem Zuſtand ſei, den ſie wünſche, kurz tauſend andere Gründe, welche Mathilde zwar für ſehr triftig anerkannte, die ſie aber doch nicht verhinderten, unruhig zu werden, als ſie diejenige nicht ankommen ſah, nach der ſich ſeit vier Jahren ihr Herz vergeblich geſehnt hatte. Bereits hatte ſich nach dem Eſſen Herr und Frau Carcaſſonne, Dalbrun, der ſchöne Monſignard und einige andere Perſonen in dem Saal des Herrn Bourdichon eingefunden, als man Frau Valmiran anſagte. „Ach, biſt Du endlich da!“ rief ſie, auf ihre Freundin zulaufend. Aller Augen richteten ſich auf die junge Dame, welche man noch nicht kannte. Carleſia hatte in der That ihren Anzug gewechſelt; der, den ſie jetzt trug, war eben ſo elegant als gut gewählt: er paßte wie zur Geſchmeidigkeit ihrer Taille, ſo zur Anmuth ihres ganzen Weſens ausnehmend. Ein Flüſtern der Bewunderung ging bei ihrem Ein⸗ tritt durch den Saal. „Dieſe Dame iſt entzückend,“ ſagte der kleine Dalbrun zu Monſignard.—„Ja, ja.. ſie iſt wohl gebaut,“ erwiederte der ſchöne Mann;„aber man 147 99 ſollte alles Dieß ausgepackt ſehen.— Ausgepackt?“ ſagte Frau Carcaſſonne, welche dieſe Herren gehört hatte.„Das iſt hübſch! Sie ſind anſtändig! Sie be⸗ handeln die Frauen wie Leinwandballen.— Im Gegentheil,“ erwiederte Monſignard, ſich auf dem Seſſel wiegend.„Ich wollte damit ſagen, man ſollte dieſe Schönheit alles Deſſen entledigt ſehen, was ſie verborgen hält.— Recht gut! ich verſtehe, Sie ſchlechter Mann.“ Damit neigte ſich Frau Carcaſſonne gegen Dal⸗ brun, und ſagte ihm in's Ohr:„Wenn man ihn auspackte, ſo wollte ich nicht darauf ſchwören, daß er allzu verführeriſch wäre.“ Herr Bourdichon beeilte ſich, die Freundin ſeiner Frau zu empfangen, ſuchte bei ihr den Liebens⸗ würdigen und Höflichen zu ſpielen, und erſtickte ſie einige Minuten faſt mit Komplimenten. Als endlich die zwei Freundinnen einen Augenblick fanden, wo ſie ſich ſprechen konnten, ſagte Mathilde zu Carleſia: „Er iſt noch nicht da.— Ich vermuthe es, wenn er hier wäre, ſo würde ich es Dir an den Augen an⸗ ſehen.— Meinſt Du... o ja, denn Du verſtehſt mich, aber Du erräͤthſt nicht, was dieſe ganze Fa⸗ milie, die heute Morgen bei mir war, von mir wollte. — Was denn?— Das Fräulein iſt verliebt in ihn... und will ihn heirathen, und nun wollte man mich um meine Meinung über dieſe Heirath fragen. — Da wandte man ſich an die Rechte! indeß, wenn dieſes Fräulein reich iſt... wenn ſie eine gute Par⸗ thie iſt, ſo wird die Liebe, denke ich, Dich nicht zur 9„ Egoiſtin machen.— Doch, doch, zu einer Egoiſtin im höchſten Grade! überdieß ſagt ihm dieſe Parthie nicht zu! er liebt dieſes Fräulein nicht, und kann ſie nicht Jieben! ſodann hat er Vermögen, warum ſollte er dapnuf denken, ſich zu... warum.. ſollte er hieran denken?⸗ Carleſia, welche Mathilden gegenüber ſaß, und den Rücken der Thüre zuwandte, ergriff die Hand ihrer Freundin und ſagte:„Ich wette, daß er ſo eben ankam... daß er hier iſt.— Wirklich... und warum?— Weil Dein Geſicht die Farbe gewechſelt hat... weil Du nicht mehr die Vorige biſt..— Du haſt Recht! ja... ja... er iſt da.“ Adhemar trat ſo eben in den Saal. Nachdem er einige Perſonen begrüßt hatte, wünſchte er Bour⸗ dichon guten Abend, der ihm ſogleich erzählte:„Wir haben eine neue Dame... eine Freundin meiner Frau bei uns, welche von der Reiſe zurückkam... Sie müſſen ſie ſogleich ſehen; ſie ſpricht mit Frau Bourdichon... Sie werden mir wieder berichten.“ Adhemar, der ſich anſchickte, Mathilde zu grüßen, trat vor, um ſich die Dame genau zu betrachten, von der man ihm geſagt und die ihm bis jetzt den Rücken geboten hatte; in dem Augenblick aber, wo der junge Mann in die Nähe der Hausfrau kam, wandte ſich Carleſia um, und alsbald begegneten ihre Augen denen Adhemars, der ſie gerade an⸗ ſchauen wollte. Die beiden Perſonen ſahen ſich einige Augenblicke ſcharf an: ein unausſprechlicher Ausdruck malte ſich auf ihren Geſichtern. Carleſia wurde * —₰—— —— = 101 bleicher, bald aber, wie wenn ſie über ihre Schwach⸗ heit geſiegt hätte, verſuchte ſie zu lächeln, und ruhig und gleichgültig zu erſcheinen. Adhemar, viel weniger Herr über ſich, ſuchte ſeine Bewegung vergeblich zu verbergen: eine tiefe wehmüthige Empfindung hatte die Lebhaftigkeit ſeiner Augen verdüſtert, es war nicht mehr derſelbe Mann, der vorhin in den Saal trat. Die Wirkung, die der Anblick Carleſia's auf Adhemar hervorbrachte, war zu merklich, als daß ſie Mathilden nicht aufgefallen wäre: ihr Herz pochte bereits in unruhigen Schlägen und mit einer beinahe zitternden Stimme ſagte ſie zu Marilly:„Kennen Sie etwa meine Freundin... die Frau Valmiran?“ Man ſah Adhemar an, daß er nicht wußte, was er antworten ſollte; endlich ſtotterte er:„Wenn ich nicht irre... ſo bin ich der Madame ſchon begegnet. — Du kennſt Herrn Adhemar Marilly?“ ſagte Ma⸗ thilde, ſich an Carleſia wendend. Dieſe antwortete jedoch mit einem froſtigen Tone:„Der Herr täuſchen ſich... ich kenne ihn nicht, es iſt das erſte Mal, daß ich mit ihm zuſammenkomme.— Ach ja, ich denke, daß Madame Recht hat,“ verſetzte Adhemar halblaut und die Augen niederſchlagend;„es iſt das erſte Mal, ich habe nicht die Ehre, Madame zu kennen.“ Mathilde biß ſich in die Lippen, man ſah wohl, daß ſie ſich durch die Antworten, die ſie auf ihre Fragen erhielt, nicht irre machen ließ, indeß gab ſie ſich Mühe, ihre Empfindungen zu verheimlichen. Bereits fühlte ſie jedoch die Berührungen einer für ſie neuen Empfindung: bereits quälte, peinigte ihr 10² Herz eine unbeſtimmte Unruhe, ihre Blicke richteten ſich abwechslungsweiſe auf ihre Freundin und auf ihren Geliebten, doch jedesmal that ſie es ſo, daß es nicht allzu auffallend war. Frau Valmiran, welche ſo viel Selbſtbeherrſchung zu haben ſchien, um ihre Bewegungen im Zaum zu halten, ſetzte ſich jetzt an ein Piano und fand ſich an der Seite der Frau Carcaſſonne, die ſich beeilte, ein Geſpräch mit ihr anzuknüpfen. Nichts konnte in dieſem Augenblick Carleſia lieber ſein, auch gab ſie ſich die Miene, mit viel Aufmerkſamkeit auf Das zu hören, was ihr die kleine Dame ſagte, und dieſe be⸗ nützte die Gelegenheit, ihre Münchhauſiaden auf ſie loszulaſſen. Adhemar ging an ein anderes Ende des Saales; Bourdichon ſprach ſchon lange mit ihm, ohne daß er darauf hörte. Der Gatte Mathildens rief endlich: „Wahrhaftig, mein lieber Freund, ich weiß nicht, was Sie dieſen Abend haben; Sie ſind ganz zer⸗ ſtreut... ich ſpreche mit Ihnen von der Familie Sublimé und Sie antworten mir, daß das Theater⸗ ſtück kein Geld eintragen werde; ich frage Sie, was Sie von Fräulein Idalia halten und Sie ſagen mir, man ſollte mehr Abſchnitte machen. Es bleibt dabei⸗ ich werde dieſen Abend nicht mehr mit Ihnen reden ... Sie ſind mit Ihren Gedanken nicht hier... ich rathe Ihnen, heute nicht zu ſpielen, Sie würden die Damen für Könige nehmen.— O doch! im Gegen⸗ theil, ich werde mit Vergnügen ſpielen... ich habe ſehr ſtarkes Kopfweh.— Haben Sie das, ſeit Sie 4* 8 103 da ſind? als Sie in den Saal traten, ſchienen Sie ſo heiter... ich weiß nicht, aber Sie blicken ver⸗ ſtohlen auf die Freundin meiner Frau, ich glaube, daß Madame Valmiran Ihnen etwas angethan hat. — Mir Lo nein... nein... ganz und gar nicht. — Sollte dieß der Fall ſein, iſt es ſchon der Mühe werth... dieſe Dame iſt hübſch, es ärgert mich, daß ſie mich nicht in meiner Tigermaske geſehen hat! allein ich werde ſie kommendes Jahr wieder anlegen, ſeht, da hört er ſchon wieder nicht auf mich. Ich will ein Hazardſpiel zuſammenbringen. Oder wäre Ihnen ein Whiſt lieber?— Ja... ja...— Sie werden alſo kein Hazardſpiel machen?— Do ... ich bin bei dem Hazardſpiel.— Ei! eil das wird zu ſtark, das wird beunruhigend.“ Der dicke Herr entfernte ſich lachend. Adhemar erwiſchte einen Augenblick, wo Mathilde mit Nie⸗ mand ſprach, er näherte ſich ihr und ſagte ihr mit gedämpftem Tone:„Dieſe Dame... iſt ſie wohl die Freundin, von der Sie mir geſagt haben, und die Sie ſo ſehr lieben?— Ja, ſie iſt es: ſie kam von ihren Reiſen zurück, erſt ſeit heute iſt ſie wieder in Paris. O ich bin überzeugt, Sie kennen ſie, ich habe die Art, wie Sie Beide ſich angeblickt haben, wohl in's Auge gefaßt; überdieß weiß ich nicht, was an Sie gekommen iſt, ſeit Sie Carleſia wahrge⸗ nommen haben... Sie ſind nicht mehr der Alte.— — Ich verſichere Sie, daß Sie ſich täuſchen.— Nein, nein... übrigens werde ich es morgen von meiner Freundin erfahren, denn wir haben keine Geheim⸗ 104 niſſe vor uns.— Keine Geheimniſſe? doch hoffe ich recht ſehr, daß Sie ihr unſer Verhältniß nicht an⸗ vertrauen werden.— So? Sie fürchten, ich möchte es ſagen, daß... Sie mich lieben.— Das wäre eine große Unklugheit... die Geheimniſſe des Herzens dürfen nie offenkundig werden... Mathilde, glauben Sie mir, wenn Sie davon ſprechen würden... es wäre ein großer Fehler... und dann ſind Sie ja nicht frei, warum wollen Sie ſich dem Tadel einer Freundin ausſetzen?“ Mathilde ſchien einen Augenblick nachzudenken, dann antwortete ſie:„Seien Sie ruhig, mein Herr, da Sie ſo ſehr fürchten, man möchte erfahren, daß ich Sie liebe... gut, ſo will ich nichts zu Carleſia ſagen.— Verſprechen Sie es mir?— Ja, mein Herr, ich verſpreche es Ihnen!“ Adhemar ſchien ruhiger, als er dieß Verſprechen erhielt; gleichwohl wandte er ſich während ſeines Geſprächs mit Mathilden oftmals um, um zu ſehen, ob Frau Valmiran ihn beobachte, aber dieſe ſchien ihre Aufmerkſamkeit nicht auf ihn zu richten. Was Mathilde betrifft, deren Eiferſucht mit jedem Augen⸗ blick zunahm, ſo ſagte dieſe, durch das Benehmen Adhemars beunruhigt, in abgebrochenen Sätzen:„Ich merke wohl, daß Sie ſich nur mit ihr beſchäftigen, beſorgen Sie, ſie möchte ſehen, daß Sie mit mir ſprechen?— O, welcher Einfall!— Man könnte es wohl glauben; ach! wie leide ich... mein Gott! iſt dieß ſchon meine Strafe? meine Qual fängt an. — Mathilde, beruhigen Sie ſich! ich bitte Sie... 105 man könnte Ihre Bewegung bemerken.— Ja! Nicht wahr? o es findet irgend eine Beziehung zwiſchen Ihnen und Carleſia ſtatt... allein ich werde es er⸗ fahren... ich werde...— Friſch, Herr Marilly, man erwartet Sie... halt, da iſt Ihre Karte; Sie ſind das Aß.“ Herr Bourdichon war es, der Adhemar zum Ha⸗ zardſpiel holte. Der junge Mann, froh, daß dieſe Gelegenheit einer ihm peinlichen Unterhaltung ein Ziel ſetzte, lief an den Speeltiſch, feſt entſchloſſen, ihn dieſen Abend nicht mehr zu verlaſſen. Nachdem Carleſia lange Zeit mit Frau Carcaſ⸗ ſonne geplaudert, oder vielmehr lange Zeit ihr zu⸗ gehört, dann einige Worte mit dem ſchönen Mon⸗ ſignard, der den Liebenswürdigen bei ihr zu ſpielen ſuchte, gewechſelt hatte, trat ſie auf ihre Freundin zu und ſagte ihr ganz leiſe:„Lebe wohl! ich gehe jetzt.— Was, Du gehſt ſchon?“ 4 Dieſes ſchon wurde von Mathilden ſo ſchwach ausgeſprochen, daß man es kaum hörte. „Ich bin müde und bedarf Ruhe.— Allerdings, ich begreife das... wirſt Du allein gehen?— Ohne Zweifel; ich will unten ein Gefährt nehmen. O, ich bin nicht ängſtlich; das Reiſen macht einen muthig, überdieß möchte ich Niemand beläſtigen, Niemand in der Geſellſchaft ſtören.— Du haſt Recht! ich bin ganz Deiner Meinung. Lebe wohl denn, auf morgen. Ich habe Deine Adreſſe, ich werde morgen Mittag bei Dir ſein, denn Du haſt mir viel zu ſagen.. Du weißt!“ Carleſia begnügte ſich damit, auß eine krampf⸗ hafte Weiſe die ihr von Peneeh nden Hand zu drücken, dann entfernte ſie ſich, indem ſie lispelte: „Bis morgen.“ 4 Adhemar folgte während ſeines Spiels jeder Bewegung der Madame Valmiran. Als ſie den Saal verließ, erhob er ſich, wie wenn er auch weg⸗ gehen wollte; bald jedoch ſank er wieder auf ſeinen Seſſel zurück, noch niedergeſchlagener als vorher. „Dieſe junge Dame iſt bezaubernd, ſehr geiſtreich, ſie ſpricht ſehr gut,“ ſagte die kleine Frau des langen Jägers, als Carleſia wegging.—„Möglich,“ ſagte Dalbrun mit einem ſpöttiſchen Tone;„allein als Sie neben ihr ſaßen, ſchien es mir, als ob Sie immer geſprochen hätten.— Das thut nichts zur Sache; es gibt auch eine geiſtreiche Art, zuzuhören. Ich hatte einen Vetter, der ſtumm... taubſtumm... nein, nur ſtumm war... ſehen Sie, mit dem konnte man mit dem größten Vergnügen plaudern.— War er geiſt⸗ reich?“ ſagte Monſignard, höhniſch lächelnd.—„Ja⸗ mein Herr! ja, ſein Geſicht war ſo bewegt, ſo be⸗ ſeelt! der Geiſt blickte ihm aus den Augen hervor, aus eben dem Grunde wollte ſich ein anderer meiner Vettern die Zunge abſchneiden, in der Hoffnung, er würde dadurch ſeinem Geſichte eben dieſen Ausdruck geben; aber ſein Vater geſtattete es nicht.— Schwä⸗ gerin!“ murmelte Monſignard, indem er ein halbes Rädchen mit ſeinem Seſſel ſchlug.„Sehen Sie wieder die Ente!... dieſe Frau ſollte ein Zeitungs⸗ ſchreiber werden.— Unſtreitig iſt,“ ſagte Bourdichon, ——,———— 107 ndaß Madame Valmiran ſehr hübſch iſt, ſie beſitzt eine köſtliche Würnure; ich bin recht froh, daß meine Frau ſo ausgezeichnete Freundinnen hat.“ Herr Carcaſſonne, der auch ſeine Meinung über Carleſia geben wollte, fing an ſich zu ſchneuzen und ſagte dann:„Dieſe Dame iſt, nach meiner Anſicht, und ich glaube, daß dieſe auch von Andern getheilt werden wird... dieſe Dame iſt, zumal beim erſten Anblick... denn. ſpäter hat ſie nichts mehr ſo Her⸗ vorſtechendes, dieſe Dame...— Ganz recht, mein Freund! die Fortſetzung morgen,“ ſagte die kleine Dame.„Hole mir meinen Shawl.“ Die Meinungen, ob Madame Valmiran hübſch ſei oder nicht, waren getheilt. Adhemar war der Einzige, der nichts ſagte, wenn von ihr die Rede war, und das beſtärkte Mathilde noch in ihrem Argwohn. Nachdem Adhemar ganz verkehrt geſpielt und ſein Geld verloren hatte, ging er auch weg, von einem Blicke Mathildens begleitet, in welchem ſie ihm inhaltsſchwere Gedanken zu verſtehen gab. Aber er hatte kaum darauf geachtet, ſo groß war ſeine Zerſtreutheit; auf der Straße ging er vorwärts, ohne auf ſeine Schritte zu ſehen, und war ſehr in Gedanken vertieft, ſo daß er faſt an eine Perſon geſtoßen wäre, welche, ohne daß er ſie bemerkt hätte, neben ihm lief. Ein ſpöttiſches Lachen ließ ihn die Augen er⸗ heben: er betrachtete dieſen Mann, an dem er an⸗ prallen wollte und erkannte bei dem ungewiſſen Schein der Straßenlaternen wieder jenen Menſchen, dem er ſchon ſo oft begegnet war. 108 „Ja, ja, das bin ich wieder!“ murmelte der Unbekannte mit dumpfem Tone; aber in demſelben Augenblicke entfernte er ſich wieder ſchleunigen Schrittes und verſchwand in der Dunkelheit.—„Das iſt ſehr ſonderbar,“ ſprach Adhemar für ſich,„ich hätte dieſen Mann anhalten und ihn fragen ſollen, warum ich ihn immer auf ſolche Weiſe unter Umſtänden, die in meinem Leben Epoche machen, auf meinen Wegen antreffe. mffſſnſſſnnſſſſſſſſſſffiſiſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16