“ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Ottmann in Gießen, . Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. d 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 4 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. „ 3„„„= 5„. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, 1 deutſch bearbeitet Dr. Heinrich Elsner. Siebenunddreißigſter Theil. Stuttgart: Scheible, Rieger« Sattler. 1844. Der Maun dan! Von Paul de Koch. Deutſchbearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Erſter Theil. Stuttgart: Scheible, Uieger« Sattler. 1844. Erſtes Kapitel. Zwei Liebende am Rande des Kanals. . Es war im Januarmond jenes von Schwachköpfen und alten Mütterchen ſo ſehr gefürchteten Jahres 1840 (denn nach der Prophezeihung mehr als Eines Ka⸗ lenders ſollte es, wo nicht das letzte, ſo doch eines der mörderiſchſten unſers Planeten werden), als ſieben Uhr Abends bei grimmigem Wetter ein junger gut⸗ gekleideter Mann auf dem Quai Valmy längs dem Kanalufer auf und ab ging, jenem neuen Viertel von Paris, das in einigen Jahren recht heiter, leb⸗ haft und gut gepflaſtert werden dürfte; freilich iſt es bis jetzt noch nicht ſo weit. Der Theil des Quai, auf dem ſich unſer Spa⸗ ziergänger hielt, war deren einer, wo noch wenige Wohnungen zu ſehen ſind, wo es den Häuſerbeſitzern an Miethsleuten fehlt, und wo man ebendaher ſelbſt bei Tag und ſchönem Wetter nur wenigen Leuten begegnet. Hieraus iſt leicht zu ermeſſen, daß dieſer Platz zur Abendzeit menſchenleer ſein mußte, vollends bei kalter, regneriſcher Witterung, wo die alle Au⸗ genblicke ſich erhebenden Windſtöße jeden Vorüber⸗ gehenden zu einer Bewegung nach dem Kopfe zwangen⸗ — 6 8 um dort den Hut zu halten, den ſonſt der Wind mit fortgeriſſen und in den Kanal geſchleudert hätte. Es war ein Wetter, wo man nach dem alten Sprüchwort keinen Hund aus dem Hauſe jagen ſollte; ein Wetter, wo man in der That ein dringendes Geſchäft haben muß, um auszugehen; ein Wetter, wo man, um in einer Straße Schildwache zu ſtehen, entweder verliebt, oder ein Dieb, oder eiferſüchtig ſeyn muß. 4 Die auf dem Quai hin und her wandelnde Perſon machte manchmal zehn, manchmal zwanzig Schritte, worauf ſie dann ſtehen blieb, auf die Uhr ſah, einige Minuten regungslos verharrte, wieder ihre Schritte machte und dieß Manöver immer wieder von vorne anfing. Indeſſen wandten ſich ſeine Augen beinahe immer auf dieſelbe Seite hin: er ſchaute nach den Fenſtern eines ziemlich ſchönen Hauſes und betrachtete ſich beſonders aufmerkſam den erſten Stock, wo man Licht von einem Zimmer in das andere hin und her gehen ſah. Wenn nun der junge Mann manchmal ſeinen Gang eine Weile ſo machte, daß er dabei das Auge unverwandt auf die Fenſter des Hauſes richtete, wo allem Vermuthen nach eine Perſon wohnte, die er erwartete, ſo konnte ihm öfters der Unfall begegnen, daß er mit ſeinem Stiefel in eine Pfütze trat und bis an die Knie in den Koth ſank, wie es zu gehen pflegt, wenn man nach den Vögeln ſieht ſtatt auf den Boden. In ſolchem Falle blieb er mit einem kräftigen Fluche ſtehen, was freilich den beſchmutzten 7 Fuß nicht wieder ſauber machte, aber doch immer⸗ hin ein probates Mittel iſt, die Aufwallung des Zor⸗ nes einigermaßen zu dämpfen. Ja, es konnte ihm zu guter Letzt einfallen, haſtig fortzuſtürzen, wie wenn er ſich vorgenommen hätte, ſich zu entfernen — und nicht länger zu warten; hatte er jedoch etwa zweihundert Schritte mit der gleichen Entſchloſſenheit gethan, ſo wurde ſein Gang wieder langſamer und gemäßigter; er ſtand dann ſtill, kehrte um, ging wieder auf und ab, und machte von Neuem den Schildwacheſteher vor dem Hauſe, wo man Licht hin und her gehen ſah. Einmal, als er wieder in ein Loch mit ſeinem Fuße getreten war, machte der Erwartungsvolle eine Bewegung der Ungeduld und hielt folgendes Selbſt⸗ geſpräch:„Bei Gott, ich bin doch recht albern, hier in der Kälte, in Wind und Regen zu warten, in's r Waſſer zu waten, mich zu beſchmutzen, während ich jetzt zu Hauſe ſein könnte, ein luſtiges Feuer auf dem Kamin, die Füße auf dem Wärmeſchemel, den be⸗ quemen Schlafrock umgeworfen, ja, oder bei einem guten Freunde, oder im Theater, oder ſonſt wo, denn es gibt wahrhaftig kein Plätzchen, wo ich nicht beſſere Unterkunft fände als hier. Und doch, wenn ich wieder ſage: ich bleibe, biete Trotz dem Wetter, Trotz dem Schnupfen, dem Schmutze, den Dieben, die auch hier am Ufer des Kanals ihr edles Hand⸗ werk treiben ſollen, weil ich Hoffnung habe, eine Frau zu ſprechen, in die ich verliebt hin, eine Frau, deren Beſitz mich glücklich macht, eine Frau, die ich 8„ anbete, ſo kann mich dieß hinlänglich entſchuldigen, hier in ſo ſchauderhafter Witterung Schildwache zu ſtehen... Allein noch mehr. Ich frage, bin ich in Emmeline verliebt? Muß ein Verliebter eine ſo hef⸗ tige Leidenſchaft, welche jedes Hinderniß zu beſiegen im Stande iſt, um zum Beſitze der geliebten Perſon zu gelangen, nicht auch auf die Probe ſetzen? Muß er nicht Tag und Nacht an den Gegenſtand ſeiner zärtlichen Neigung denken? Muß er nicht unaufhör⸗ lich von Leid zu Freud, von Verzweiflung zur Hoff⸗ nung übergehen? O, nur zu gut weiß ich, was wahre Liebe iſt! Nachdem ich ſo viele Geliebtinnen gehabt habe, wäre ich in der That unglücklich, yätte ich die Liebe nicht kennen gelernt. Und wenn ich es reiflich überlege, ſo glaube ich ſelbſt, daß ich alle mehr oder weniger geliebt habe. Drum vorwärts! Schön, noch eine Waſſerpfütze! O du Aller⸗Welts⸗ Plätzchen zu einem Stelldichein!“ Unſer Spaziergänger ſchüttelte das Waſſer von den Füßen, ſah wieder auf die Uhr, betrachtete ſich die Fenſter des erſten Stockes jenes großen Hauſes, that wieder einige Schritte und nahm ſofort den Faden ſeiner Selbſtbetrachtungen wieder auf:„Und Emmeline? Wahrhaftig, ich hätte ſie faſt vergeſſen! In der großen Welt war's, wo ich mit ihr zuſam⸗ mentraf, in dieſer überſpannten Welt, wo man auf philoſophiſche Weiſe mit der Frau lebt, die Einem gefällt, wo die Frauen den Namen des Mannes führen, mit dem ſie ſo lange zuſammenwohnen, bis ein Zank, eine Treuloſigkeit, eine neue Leidenſchaft . 9 * einen Bruch und eine Scheidung herbeiführt, welche dann in aller Ordnung, ohne Geräuſch und Scan⸗ dal, vor ſich gehen. So lebt auch Emmeline mit einem Gewerbsmanne und führt den Namen Frau Reginald; ſie iſt keine Maitreſſe, denn eine Maitreſſe lebt nicht als Ehegeſpons mit ihrem Geliebten, ſie zieht es vor, ihren eigenen Herd zu haben und hat wahrhaftig hierin Recht. Eine Frau jedoch, die ſich einem Manne vergibt, wohnt mit ihm zuſammen und trägt ſeinen Namen; ſie hat alle die Sorgen und Widerwärtigkeiten, alle die Langeweile einer Haushaltung, ohne auch nur deren Vortheile zu ge⸗ nießen, Arme Emmeline! Herr Reginald iſt reich, aber ich weiß nur zu gut, daß er Dich nicht glück⸗ lich macht. Ich möchte nur wiſſen, was dieſe Herren denken, die, wenn ſie die Liebe zu einer Frau dahin gebracht hat, ſich mit ihr zu verbinden, ihr nicht den Namen einer Gattin geben und ſie nicht wie ihre Frau behandeln! Oder wie? Ihr verliebet euch in eine Frau, auf daß ihr ſie Tag nnd Nacht bei euch haben müßt; allein fangt ihr dann etwa an, dieſe eure Frau mit Vergnügungen aller Art zu umgeben? Seid ihr dann mehr um ſie als ein Liebhaber, kommt thr ihren Wünſchen zuvor, tragt ihr Sorge, daß ſie auch nicht einen Augenblick Langeweile bekomme, daß eure Wohnung ihr angenehm ſei? Führet ihr ſie in's Theater, auf den Ball, auf die Promenade, kurz, verſchaffet ihr derſelben tauſend Zerſtreuungen, damit ſie ſich nicht nach der Freiheit zurückſehne, die ſie euch geopfert hat? Gott behüte! So macht es 10 der größte Theil dieſer Herren ganz und gar nicht. Kaum haben Sie ihre Frau bei ſich, ſo fangen ſie an, ihr alte Hemden und Strümpfe zum Flicken und Knöpfe zum Annähen an die Hoſen zu geben: das iſt die hoch und theuer geſchätzte Verbindlichkeit, ſie angenehm zu unterhalten! Sofort halten ſie ſie dazu an, die Kleinigkeiten des Hausweſens ſorgfältig zu überwachen, die Rechnungen der Magd und der Wä⸗ ſcherin in Richtigkeit zu bringen, ihnen Hemdkrägen zu ſtärken, Halsbinden zu ſäumen. Was dann end⸗ lich das Non plus ultra ihres Glückes ſein ſoll, das iſt, ſich in der Küche zu beſchäftigen und zu lernen,“ wie man einen kalekutiſchen Hahn füllt oder wie man eine Chokolade⸗Crème zubereitet. Arme bedauerns⸗ werthe Frauen! Euren guten Willen, Euch zu Nä⸗ therinnen und Köchinnen herzugeben, zu belohnen, wird man euch etwa wenigſtens zarte Sorgfalt be⸗ weiſen, wird man euch an Liebe erſetzen, was euch bei häuslicher Beſchwerlichkeit und Mühe verloren geht? O nein! Euer Herr Gemahl wird verdrieß⸗ lich, zankſüchtig, jähzornig ſein;z kaum werdet ihr euch unter dem Dach des Geliebten befinden, ſo wird er ein nur gar nicht liebenswürdiger Ehemann wer⸗ den; er wird ohne euch in die Stadt gehen, dort zu Mittag zu ſpeiſen, er wird euch am Abend allein laſſen, um euch der Langeweile zu übergeben und auf ſich warten zu laſſen, er wird es übel nehmen, daß ihr ihn batet, auszugehen, und wird erſtaunen, daß ihr euch nicht überſchwänglich glücklich bei ihm findet.. Siehe da Emmelinens Geſchichte! Ihr Herr 11 Reginald iſt jung, hübſch, reich; warum iſt er nicht zufrieden, im Beſitze einer wohlgebildeten, reizenden Frau zu ſein, denn Emmeline iſt in der That lie⸗ benswürdig?! Statt ſich glücklich in ihrem Beſitze zu fühlen, vernachläßigt er ſie gänzlich, ſeit ſie bei ihm wohnt, läßt ſie beinahe immer allein, läuft fort, ſich mit ſeinen Freunden, vielleicht mit andern Frauen zu vergnügen, und erinnert ſich nicht bälder, daß er bei ſeiner Frau wohnt, als bis er Abend.— in ſein Haus tritt und ſeine Pantoffeln und ein wohl⸗ gewaärmtes Bett findet. Und dann ſind dieſe Herren noch hocherſtaunt, daß man ihnen nicht treu ſei... In einem Concerte war's, wo ich mich mit dieſer jungen Frau zuſammenfand. Ich dachtẽ wahrhaftig nicht daran, ihr die Cour zu mmachen, allein ich fand ſie liebenswürdig und ſagte 4 jene Artigkeiten, die ſich immer ungeſucht geben, wenn uns eine Frau gefällt, auch wenn man nicht verliebt iſt. Ich war erſtaunt, die Wahrnehmung zu machen, daß ſie mir mit Gefühl, mit Zärtlichkeit antworte, ja, daß ſie das im Ernſte nahm, was nur ſo obenhin geſagt hatte. Wer wird aber in ſoölchem Falle, ohne un⸗ gezogen zu ſein, einer Dame antworten: Ich ſagte Dieß und Jenes zu Ihnen, aber es iſt kein wahres Wort daran! Das wäre für's Erſte ſehr unhöflich, für's Zweite kann ſo davon keine Rede ſein, wenn die Frau, die uns eine zarte Aufmerkſamkeit bezeugt, hat, jung und liebenswürdig iſt; man fühlt ſich viel⸗ mehr geſchmeichelt, ihr zu gefallen, man ſieht ſich in einen Zuſtand der Unruhe, der Genugthuung ver⸗ 12 ſetzt, welcher der Liebe ähnelt, und das Ende vom Lied iſt, daß man ſich überredet, wirklich verliebt zu ſein Ich gebe Emmelinen ein Stelldichein, ſie kommt und ich bin Knall und Fall ihr Liebhaber. Drei Monate iſt's, daß dieß Verhältniß dauert, und es wäre wohl bereits wieder zu Ende, wenn wir uns leichter hätten ſehen und ſprechen können; aber Vorſichtsmaßregeln, geheime Machinationen ſind an⸗ zuwenden nöthig, und Hinderniſſe ſind, wie bekannt, der erſte Brennſtoff der Liebe. Zu Allem hin ver⸗ dient es dieſer Herr Reginald nicht beſſer, eine ſo liebenswürdige Frau hintanzuſetzen! Ich ſage dieß, und an ſeiner Stelle hätte ich es vielleicht kein Haar beſſer als er gemacht! Wenn wir doch wenigſtens den Vortheil aus den Fehlern Anderer zögen, daß wir dieſelben nicht mehr begingen! Nein, es iſt nicht meine Sache, mich zum Richter meines Nebenmenſchen aufzuwerfen!l Der junge Mann verſank in ſeine Träumereien; er blieb fünf Minuten auf derſelben Stelle ſtehen, um die Vorderſeite des Hauſes zu betrachten, und ſchien ſich weder um Wind noch um Regen zu be⸗ kümmern. Man konnte ſagen, es haben ſich jetzt tiefe, ernſthafte Gedanken ſeines Geiſtes bemächtigt, er denke nicht mehr an ſeine Zuſammenkunft und er bemerke es nicht, daß er am Ufer des Kanals ſich befinde. 3 Da ſcholl ein heftiger Peitſchenknall in ſeine Ohren und die heiſere Stimme eines Fuhrmanns brachte ihn wieder zu ſich ſelbſt:„Platz, Platz, Mordelement! * **— . 13 Zehnmal ſchreie ich: Achtung, und er rührt ſich nicht von der Stelle! Iſt nicht genug Platz auf beiden Seiten? Könnt Ihr die Mitte nicht den Fuhrleuten laſſen? Seid Ihr betrunken, ſo iſt dieß freilich ein verſchiedener Caſus. Meinetwegen, ich ſagte Euch das Nöthige!“ Der, an den dieſe Worte gerichtet waren, fand nicht für nöthig, dem Fuhrmann zu antworten; er „ging auf die Seite, ließ das Fuhrwerk vorbeifahren, ſah dann auf ſeine Uhr und murmelte:„Halb acht Uhr! Bereits eine halbe Stunde gewartet, das iſt lange, zumal bei ſolchem Wetter. Tibullus ſagte: OQuam juvat immites ventos andire cubantem!... Et dominam tenero detinuisse sinu!* Aber das iſt wahrhaftig kein Vergnügen, der Stürme unge⸗ ſtümes Toben zu hören und vom Regen durchnäßt zu werden, wenn man die Geliebte erwartet. Es iſt entſchieden, ſie wird nicht mehr kommen! Und warum — kommt ſie nicht? Sie weiß doch, daß ich ſie erwarte. Aber ihr Herr Gemahl iſt vielleicht nicht ausgegangen und ſie muß auch zu Hauſe bleiben. Mich dünkt, es hätte mir dieſen Abend viel Vergnügen gewährt, ſie zu ſprechen. Es pflegt mir immer ſo zu gehen: wenn ſie nicht erſcheint, ſo werde ich unruhig, eiferſüchtig, ich fürchte dann, ſie möchte mich einem Andern nach⸗ ſetzen und dann bin ich ſterblich in ſie verliebt! Wenn Einer, die Abweſenheit Reginalds benutzend, bei ihr müäre, während ich hier unter freiem Himmel Schild⸗ . Wel Vergnügen, im Bette der Winde Brauſen zu hören, Und der weichen Bruſt ſeiner Geliebten zu ruh'n! 14 wache ſtehe, pfui, das wäre ſchändlich! Und doch, warum ſollte ſie mich nicht hintergehen? Hintergeht ſie doch ihn allerſchönſtens; ihn, aber mich? das kann nicht ſein! Sie liebt mich; liebte ſie mich nicht, was hätte ſie dann für einen Grund, ſich der Gefahr auszuſetzen, mich zu ſprechen? Aber ach, die Frauen ſind ſo gefallſüchtig!... Fort denn, ſie wird nicht kommen!“ Damit ſchaute der junge Mann von Neuem um ſich: ſeine Blicke liefen an all den Lichtern auf und nieder, welche an den Fenſtern der bewohnten Ge⸗ mächer bemerkbar waren, und er ſagte mit einem Seufzer:„Ich will wetten, in all dieſen Zimmern, wo ich Licht ſehe, iſt die Liebe die Geſellſchafterin der Meiſten, die dort wohnen! Die jungen Arbei⸗ terinnen denken an ihren Geliebten bei Beendigung ihres Tagewerks; die Einen werden ihn Sonntags ſprechen, die Andern werden ſich heute Abend wieder mit ihm zuſammenfinden. Die Tochter jenes ehrlichen Bürgers iſt in Gedanken mit ihrem Herzgeliebten beſchäftigt, während ſie Tapeten unter den Augen ihrer Eltern macht. Dort in einem neueingerichteten Hausweſen verſchwenden junge Eheleute die zärtlich⸗ ſten Liebkoſungen gegen einander; bei andern, deren Liebe zu Ende, ſind es geheime Liebeshändel, womit ſich Mann und Frau beſchäftigen; dort zählt eine eiferſüchtige Frau die Stunden, bis ihr Mann nach Hauſe kommtz dort in jenem kleinen, von einer Gri⸗ ſette bewohnten Dachſtübchen regiert Amors Scepter einen jungen Studenten, Alle dieſe Plätzchen ſind — 15 hübſch, ſo bald man nur den Gegenſtand ſeiner Neigung dort in die Arme ſchließen kann. Kein Zweifel: die Liebe iſt das höchſte aller Güter; ſehnt man ſich nach dem Glücke, ſo iſt es nur darum, weil es alle Hinderniſſe hinwegräumt, welche unſern Leidenſchaften im Wege ſtehen. Das Glück ohne die Liebe iſt eine ärmliche Sache, während dieſer letztere Gefühlszuſtand uns ſchon für ſich allein glücklich machen kann. Dieſen Abend ſoll ich es jedoch nicht werden, wie es ſcheint. Gehen wir!“ Und dießmal machte der Herr wirklich ernſt, ſich zu entfernen. Da ſah er im Dunkel zwei Perſonen auf ſich zukommen. Es waren zwei Frauen. Die eine davon war von ziemlicher Größe, von leichter, zier⸗ licher Haltung und Geſtalt; ihre Füße ſchienen das Pflaſter kaum zu berühren, während ſie ſich mit ihrem Arm auf den ihrer Begleiterin ſtützte. Dieſe Letztere war eine kleine, kurze, dicke Hausjungfer. Sie trug eine Haube, welche für eine Magd zu elegant gewe⸗ ſen wäre, und einen Regenſchirm, den ſie vielleicht aus Zerſtreutheit mehr über ſich als ihre Gebieterin hielt; dabei hatte ſie ſich aufgeſchürzt, wie wenn ſie die Farbe ihrer Strümpfe und ſelbſt noch etwas dar⸗ über hätte ſehen laſſen wollen. Bei Nacht jedoch, bei ſchlechtem, regneriſchem Wetter und in einem wenig bewohnten Stadtviertel kann man es ſchon überſehen, wenn Perſonen des ſchönen Geſchlechts ſich etwas hoch aufſchürzen. Begegnet man doch öfters bei hel⸗ lem Tag und in ſehr frequenten Straßen Damen, welche noch weit mehr ſehen laſſen. Diejenigen unter 16 ihnen, welche einen hübſchen Fuß beſitzen, zeigen über⸗ haupt eine außerordentliche Achtſamkeit, ſich am Kleide nicht zu beſchmutzen. Der junge Mann erkannte die Perſon, auf welche er gewartet hatte, und lief ihr mit dem Ruf entgegen:„Schon dreiviertel Stunden bin ich hier... ſo eben wollte ich fort... Sie ſind»⸗ grauſam, mich ſo lange warten zu laſſen!— Mein* Gott, bin ich ſchuldig daran, mein Freund? Können Sie glauben, daß mich die Ungeduld weniger peinigte als Sie? Magdalene(und hier wandte ſie ſich zu ihrer Begleiterin), Sie werden mich bei der Krämerin wieder treffen; Sie wiſſen, ich werde in dreiviertel Stunden dort ſein. Wenn Sie ſonſt einen Gang zu machen haben, ſo machen Sie ihn, ſpäter werden Sie dahin gehen, wo ich Ihnen geſagt habe.— Ja, Madame, aber bleiben Sie nicht zu lange aus; Herr Reginald machte eine gar zu komiſche Miene, als Sie durchaus darauf beſtanden, ſchottiſchen Faden kaufen zu wollen bei einem Wetter, wo es Schmied⸗ knechte...— Gut, gehen Sie doch, Magdalene!— Will Madame den Regenſchirm behalten?— Ver⸗ ſteht ſich; Sie ſehen ja, daß Adhemar keinen hat.— Ich, einen Regenſchirm nehmen? Nein, um alle Welt, da will ich lieber durchnäßt werden. Das iſt mir † ein ſchnackiſcher Gedanke! Meine Haube wird ſchön davon kommenz das iſt in der That beluſtigend.— So laſſen Sie uns doch in Ruhe, Magdalene! 2 O ſchön; ſeht mir wieder die Verliebten! Das iſt ihnen einerlei, wenn Andere pudelnaß werden.“ Und ſo, fortwährend leiſe vor ſich hinbrummend, „ 17. lenkte die Hausjungfer ihre Schritte auf die Brücke zu, indem ſie ihren Rock aufſchürz„ wie wenn ſie varin ein Pfund Kirſchen trüge. ſ. Ne IUnſer Pärchen iſt nun allein: Nus ch die Arme, drücken ſie heftig, blicken ein inder in die Au⸗ gen und umarmen ſich zärtlich, vom Regenſchirm nicht ganz geſchützt, doch wenig beſorgt um das Naß⸗ werden. Nach dieſen erſten der Liebe gewidmeten Augenblicken ſagte Adhemar(denn wir wiſſen jetzt, daß dieß der Name unſers Fußgängers iſt) zu der jungen Frau:„Warum haſt Du ſo lange gefäumt? — Weil er dieſen Abend nicht, wie er ſich vorge⸗ nommen hatte, ausgegangen iſt. Er hat Kopfweh⸗ und legte ſich zu Bett.— Aber hier unter freiem Himmel wollen wir doch nicht bleiben; komm mit mir nach Hauſe, Emmeline.— O nein, das iſt mir dieſen Abend nicht möglich; allzulange darf ich nicht ausbleiben, Reginald fängt an äußerſt bösartig zu werden: für nichts und wieder nichts zankt er mich und führt ärgerliche Auftritte herbei. Man muß ihm etwas hinterbracht haben; vordem war er nie eifer⸗ ſüchtig, jetzt aber will er mich nicht mehr ausgehen laſſen. Ja, als ich ſo eben von Hauſe fortging, ſagte er mir: Ich werde nach der Standuhr ſehen und Acht geben, wie lange Du Zeit brauchen wirſt, ſchottiſchen Faden zu kaufen... Ach, ſeit einiger Zeit binich recht unglücklich!...“ Ein Kuß Adhemars unterdrückte einen ſchweren Seufzer, den die junge Frau eben im Begriff war, vernehmen zu laſſen. Paul de Kock. XXXVII. 2 „ 2 4. 18 1 „Dann gehen wir bis auf den Boulevard, neh⸗ men ein Gefährt und laſſen uns ſpazieren fahren. — O nein, mein Freund! Bis wir auf den Boule⸗ vard kommen, brauchen wir viel zu viele Zeit. Es iſt unmöglich dieſen Abend.— Das heißt, es iſt Ihnen nicht genehm, es iſt Ihnen nicht darum zu thun! Ganz, wie es Ihnen beliebt, Madame; ich werde Sie nicht mehr um eine Sache bitten, die Ihnen unangenehm iſt.— Ach! ſagen Sie doch lie⸗ ber, ich liebe Sie nicht mehr! machen Sie mir doch Vorwürfe, ich rathe es Ihnen! Sonſt fehlte mir nichts mehr als das! Zank, Streit und Langeweile zu Hauſe, und ein Menſch, der mir Furcht einflößt, ſo oft er mich ſcharf anblickt, denn es däucht mir immer, er ſehe es mir an den Augen an, daß ich an Sie denke. Und dafür, daß ich Alles dieß für ihn leide, ſagt mir dieſer Herr ſo eben, daß ich ihn nicht liebe! — Verzeihung, Emmeline, Verzeihung! ich wußte nicht, was ich ſagte. Künftighin werde ich Alles thun, was Du willſt. Ich werde fromm ſein wie ein Heiligenbild.— Nun, was machen Sie da... das iſt ſchön... ſind Sie ein Narr?— Es iſt nirgends verboten, das Maß von einem Kleid zu nehmen unter einem Regenſchirm.— Da bitte ich um Ent⸗ ſchuldigung, es iſt verboten, ſich ſo nahe zu ſprechen. — Wenn ich harthörig bin?..— Sehen wir, daß wir gehen! Ich wünſchte nicht hier zu bleiben... ich fürchte mich hier... Halten Sie ſtille, betrachten Sie doch jenen Mann in der Blouſe, der uns entgegen⸗ kommt, er trägt eine Laterne!— Das iſt ein Lum⸗ . * 19 penſammler, der ſich wenig um das bekümmert, was wir hier machen können. Wenn man ſein Leben da⸗ mit zubringt, Lumpen zu ſuchen, ſo muß man noth⸗ wendiger Weiſe ein Philoſoph ſein. Crates und Diogenes hatten ſehr viel Aehnlichkeit mit dieſen Leu⸗ ten.— Mein Lieber, ich fürchte mich vor den Lumpen⸗ ſammlern. Laß uns gehen, ich bitte Dich inſtändig.“ Emmeline zog Adhemar mit ſich fort, welcher ſich wider Willen in Bewegung ſetzte; allein die junge Frau gebot und er mußte ihr folgen. In dem Augenblick, wo ſie an dem Lumpenſamm⸗ ler vorübergingen, erhob dieſer Menſch ſeine Laterne bis zur Höhe ihres Geſichtes, betrachtete ſich Beide auf eine ſonderbare Weiſe, fing dann höhniſch zu lachen an und entfernte ſich pfeifend. Emmeline konnte ſich nicht enthalten, über dieß Benehmen des Lumpenſammlers zu lachen; Adhemar aber wurde ganz beſtürzt, ſeine Mienen zogen ſich zuſammen, ſeine Stirne ſo wie ſeine Augen nahmen einen finſtern Ausdruck an. „Hat man das jemals erlebt! dieſer Menſch iſt ſehr ungenirt,“ ſagte die junge Frau, indem ſie ihren Geliebten weiter führte.„Er fing an zu lachen, als er uns bemerkte. Hätte er Sie vollends ein wenig vorher geſehen, als Sie mir das Kleid anmaßen... ich würde guter Hoffnung werden... Es iſt ſehr gut, daß ich vernünftiger bin als Sie... Nun! Du ſagſt nichts, Freundchen, Du biſt ganz nachdenk⸗ lich, man könnte meinen, der Blick dieſes Lumpen⸗ ſammlers habe Dich verſteinert!— Mich? das nicht, 8. aber ich hätte es nicht vermuthet...— Was denn? — Daß... daß...— So endige doch... Was iſt Dich angekommen, daß Du plötzlich eine andere Miene zeigſt?— Ich eine andere Miene?— Mein Gott! Du willſt behaupten, daß Du gegenwärtig nichts habeſt! kenne ich Dich ſo ſchlecht? So eben waren Sie noch ganz heiter, Sie dachten an nichts Anderes, als zu reden und ſelbſt Poſſen zu machen, und kaum hält uns jener Mann mit dem Tragkorb die Laterne unter die Naſe, ſo wechſeln Sie die Rolle, wie im Theater. Kennen Sie vielleicht die⸗ ſen Menſchen?— O, das iſt wirklich ausnehmend luſtig! Warum ſagen Sie nicht lieber gar, daß er einer meiner Freunde, ja einer meiner Verwandten iſt? V— Mein Gott, Adhemar, wie ſind Sie ſo ſonderbar! Man kennt Ihre Familie, mein Herr; man weiß, daß Sie angeſehene Eltern gehabt haben; man weiß auch, daß Sie ein Mann von zu guten Sitten ſind, als daß Sie mit Leuten Umgang haben ſollten, wel⸗ cher Sie ſich ſchämen müßten. Ich kann mir nicht vorſtellen, daß ein Lumpenſammler Ihr Freund ſein ſollte; doch, könnte dieſer Menſch wohl nicht in einer andern Lage geweſen ſein, ehe er zu dieſem ärm⸗ V lichen Gewerbe ſchritt? Zu Paris erlebt man noch viel außerordentlichere Dinge. Reginald zeigte mir letzthin eine Frau, welche Stecknadeln verkauft, um nicht als Bettlerin angeſehen zu werden; vor zehn 1 Jahren ſtand ihr noch ein Wagen zu Befehl.— Sie haben Recht, Emmeline! Es treten oft die bitterſten Wechſelfälle in der Lebenslage von Leuten ein, welche ( 4 21 3 4 man vorher im Schooße des Reichthums, der Ver⸗ gnügungen und ſelbſt der Herrlichkeiten dieſer Welt geſehen hat. Auf welchen Satan aber kommen wir damit zu ſprechen? Dieſer verwünſchte Lumpenſamm⸗ ler kam, mit ſeiner Laterne unſer Glück, unſere Lieb⸗ koſungen zu ſtören. Ich verwünſche, ich verfluche die⸗ ſen Menſchen. Es ärgert mich, daß ich ihm nicht ſeinen Laſtkorb auf dem Rücken zerſchlagen habe.— Ach ja, das wäre ein ſchöner Anblick geweſen! Aber dieſen Weg wünſchte ich nicht zu machen, er iſt allzu⸗ finſter.— Madame, Sie ſind dieſen Abend fürchter⸗ lich!— Wer fürchterlich iſt, das ſind vielmehr Sie! Ach, noch immer haben Sie Ihre hängende Unter⸗ lippe!— Ich... nein.— Umarmen Sie mich ſogleich.“ Emmeline war eine Frau von zwanzig Jahren: ihre Geſtalt war erhaben, dennoch wohlgebaut, ſchlank und ohne jene Steifheit, welche ſo oft der Anmuth ſchadet; ihr Fuß und ihre Hand waren trefflich ge⸗ formt; ihre Haare blond und von außerordentlicher Feinheit; ihre ſchwarzen Augen waren gleichwohl zärt⸗ lich und ſanft, und bildeten mit ihren blonden Haa⸗ ren einen eben ſo anmuthigen als ſcharfen Contraſt. Adhemar war etwa neunundzwanzig Jahre alt, dem Ausſehen nach jedoch viel jünger. Er war hoch gewachſen, ohne allzugroß, bräunlich, ohne ein gelbes Geſicht, liebenswürdig, ohne ein fader Gecke zu ſein. Seine bald ernſthafte, bald heitere Miene ſpiegelte nur allzugetreu die Eindrücke ab, die er von außen empfing. Es iſt dieß ein Fehler für einen Mann, welcher in die große Welt kommt; es gibt jedoch 5 Fehler, welche ſo mit unſerer Natur verwachſen ſind, daß man ſich vergeblich bemühen würde, ſie zu ver⸗ beſſern. Es iſt dieß gerade wie mit dem Provinzial⸗ dialekt: wenn er auch nicht mehr auf der Zunge zum Vorſchein kommt, ſo lebt er dennoch im Grunde des Herzens fort. Zwei Perſonen, die einander lieben und beiſam⸗ men ſind, vergeht die Zeit ſo ſchnell, als hätte ſie Flügel. Es war bereits über eine Stunde, daß Em⸗ meline am Arme Adhemars ihren Gang machte. Sie bekümmerten ſich weder um das ſchlechte Wetter, noch um den Schmutz; ſie bedienten ſich ihres Regen⸗ ſchirmes mehr, um ſich den Blicken der Vorüberge⸗ henden zu entziehen, als ſich vor dem Regen zu ſchützen. Liebende laſſen kein Vortheilchen dahinten, das ihrer Liebe dienlich wäre. Gleichwohl erinnerte ſich jetzt Emmeline, daß ihre Hausjungfer auf ſie warten müſſe, und ſagte zu Adhemar:„Sehen wir doch auf Deine Uhr!— Drei⸗ viertel auf neun.— Ach, guter Gott! und ich bin um halb acht ausgegangen... Wenn er nicht einge⸗ ſchlafen iſt, ſo bin ich verloren.— Du ſiehſt, daß Du wohl Zeit gehabt haben würdeſt, mich nach Hauſe zu begleiten, oder ein Gefährt zu nehmen; aber Du zogeſt es vor, hier in den Goſſen zu waten.— Schmähſt Du mich ſchon wieder? Wohlan, mein Herr, werden Sie nicht böſe! Uebermorgen früh geht er zeitig aus und ich will dann zu Ihnen kommen. Iſt es Ihnen recht?— Welche Frage!— Potz tau⸗ ſend! Sie könnten ja Andere erwarten? Kommt dieß 5 * 23 nicht manchmal vor, vielleicht denn doch?— Nein! Hierzu bin ich unfähig... Seit ich Sie kenne.— O Gott! Wenn ich ſo viele tauſend Livres Einkünfte hätte, als Sie mir ſchon untreu waren... welches Glück!— Emmeline, Sie kränken mich.— Gut, ich will es glauben. Führe mich zu meiner Krämerin.“ Das verliebte Pärchen ſetzte ſich in Bewegung und kam vor dem Laden der Krämerin an, wo die Hausjungfer wartete. „Schon hier?“ rief Emmeline,„komm, wir wol⸗ len noch ein wenig die Straße auf und ab gehen.“ Adhemar war dieß zufrieden. Die zwei Lieben⸗ den gingen noch einmal den Weg zurück, den ſie hergekommen waren, und die junge Frau ſagte trau⸗ rigen Tones:„Schon wieder Abſchied nehmen und zwei Tage ſich nicht mehr ſehen! Welche Langeweile, und wie unglücklich bin ich, wenn ich jetzt nach Hauſe kommen werde und Reginald mich umarmen will... o mein Gott!“ Adhemar ſprach kein Wort; er drückte Emmelinen den Arm, um ſie zu tröſten, und dieſe erwiederte nach einer Weile:„Ein Leben, wie dieſes, mit einem Menſchen, den man nicht mehr liebt, iſt doch das allerhärteſte, zumal wenn man nicht dazu genöthigt iſt. Wäre ich verheirathet, ſo wäre das etwas Ande⸗ res; allein ich bin es nicht, ich bin meine eigene Herrin, nach Allem...“ Adhemar beobachtete fortwährend ſein Stillſchwei⸗ gen; er ſchien ſehr damit beſchäftigt, zu Boden zu ſchauen. Emmeline ſchwieg, ſie ihitd auf die Ant⸗ wort zu lauſchen, die er ihr jetzt geben würde; end⸗ lich, nach einigen Augenblicken, drückte ſie ſich an ihren Geliebten, wandte ihr Geſicht dem ſeinigen zu, ſah ihn verliebt an, und ſagte mit ſehr zärtlichem Ausdruck:„Wenn Du wollteſt... indeß... wir werden uns doch nicht mehr verlaſſen...— Wie verſtehſt Du das?“ murmelte Adhemar.—„Sprich ein Wort, und ich verlaſſe Reginald und bin ganz die Deinige. Du biſt frei. Du biſt allein... welches Hinderniß ſtände uns weiter im Wege, mit⸗ einander zu leben?“ Adhemar verzog einige Augenblicke mit der Ant⸗ wort, biß die Lippen zuſammen und ſchien in Ver⸗ legenheit; dann ſtotterte er:„Meine theure Freundin, es gibt Umſtände... wo man nicht Alles ausführen kann, was man wollte, und gerade jetzt habe ich Gründe, nicht alſo zu handeln.— Welche Gründe könnten Sie wohl haben? Sie ſind unverheirathet... Ihre Eltern ſind todt; Sie haben mir hundert Mal geſagt, daß Sie Ihr eigener Herr ſeien. Was Ihr Vermögen betrifft, ſo weiß ich zwar nicht, ob Sie welches haben, aber das beunruhigt mich nicht. Ich für meine Perſon bin ewig die Ihrige. Führen Sie mich in eine Wüſte oder auf einen Dachboden, ich werde glücklich ſein.— Theure Freundin! das läßt ſich wohl hören, aber..— Ach! Sie glauben wohl, daß ich es nicht recht überlege?— Wohl, wohl... Sie können es für den Augenblick ſchon überlegen; aber ich meinestheils möchte doch keine Frau nehmen, um ihr einen Platz auf dem Dachboden anzuweiſen; 25 ich würde dann fürchten, daß ſie mir der nächſte beſte Luftzug entführte.— Ach! Sie belieben zu ſcherzen! Um es kurz zu ſagen, ich werde mit Ihnen über dieſen Punkt nicht mehr reden; ich ſehe wohl, daß er nicht Ihren Beifall findet.— Im Gegentheil, aber keine Uebereilung! Sobald die Sache ſich wird aus⸗ führen laſſen, will ich es Dir ſagen. Sehen wir zu, daß wir nicht wieder im Aerger uns verab⸗ ſchieden!— O nein!... da ſind wir an dem ver⸗ wünſchten Kramladen... wir müſſen uns nun doch trennen. Lebe wohl denn, mein Freund! Auf über⸗ morgen früh!— Wirſt Du zeitig kommen!— O! ſobald es mir möglich ſein wird!“ Sie umarmten ſich nun nochmals; dann trat die junge Frau in den Laden und ging bald darauf von dort mit ihrer kleinen Hausjungfer nach Hauſe. Adhemar ſah noch, wie ſie ſich entfernten, erreichte dann den Boulevard wieder und ſprach alſo bei ſich: „Mit ihr leben! Nein! wahrhaftig, das ſoll nicht geſchehen! Sie iſt zwar ſehr artig und hübſch, allein ſie hat ſchon vor mir viel geliebt. Und überdieß, welches Loos werde ich einer Frau bieten können, da ich derzeit kaum für mich ſelbſt zu leben habe? Es iſt wahr, daß ich nicht vernünftig bin! Wie habe ich ſeit zwei Jahren mein Vermögen verſchwendet! Allein ich ſuchte Zerſtreuung, wollte im Rauſche des Vergnügens Vergeſſenheit einer Schuld erringen, für die ich grauſam, genug geſtraft wurde... und von meinen achttauſend Franken jährlicher Einkünfte blei⸗ ben mir nun noch ſiebzehnhundert... Von achttauſend * 26 auf ſiebzehnhundert... welcher Abſprung! Ob ich mich hier feſthalten laſſe, darüber bin ich jetzt ſelbſt noch nicht im Reinen. Reich zu ſcheinen iſt wenigſtens immer etwas werth, ſo viel werth, daß man dann hin und wieder um Geld angeſprochen wird... welche Ehre für Einen! Soll ich mich grämen und den Kopf hängen... wozu? Ich habe von jeher nichts auf das Geld gehalten, das dann ſeinerſeits ſich auch nicht an mich hielt... Ueberdieß wenn ich wollte...“ Der junge Mann wurde nachdenklich; er ſetzte ſeinen Weg fort, ſich mit dem Lumpenſammler be⸗ ſchäftigend, der ihm bei ſeiner Zuſammenkunft mit Emmeline begegnet war. Zweites Kapitel. Zwei Jäger.— Ein Fetter und ein Magerer. Adhemar wandte ſich eben in die Straße Angou⸗ leme, als er den Weg von Fuhrwerken verſperrt und ſich genöthigt fand⸗ ſtehen zu bleiben. In dieſem Augenblick kam ein Cabriolet in ſcharfem Trab hin⸗ ter ihm hergefahren. Die Stimme, die ihm: Achtung! zurieß, war ihm gar nicht unbekannt, und da das briolet ebenfalls gezwungen war, zu halten, um auf freie Paſſage zu warten, ſo hatte er Zeit genug, ſich die Perſonen, die darin ſaßen, genau zu betrachten. Das Cabriolet war ganz zurückgeſchlagen und voll todter Thiere: Haſen, Kaninchen, Rebhühner und zwei Faſanen waren um den Rand des Kaſtens 27 befeſtigt, der ganz mit Wildpret ausgefüttert ſchien. Auf dieſe edlen und glorreichen Trophäen hatten ſich zwei Jäger, die Mütze auf dem Kopf, das Ge⸗ wehr zwiſchen den Beinen, geſetzt, welche ſich nach⸗ läßig auf die von ihnen getödteten Thiere lehnten und ſich lieber auf den Kopf regnen ließen, als den Blicken der Pariſer das Blutbad vorzuenthalten, das ſie angerichtet hatten.* Der eine der Jäger, zugleich der Lenker des Ca⸗ briolets, war ein dicker, kleiner, gut ausſehender Mann, röthlichen Geſichts, lebhaften Blicks, luſtiger und, wenn er lachte, nicht ſelten ſpöttiſcher Miene. Sein Be⸗ gleiter dagegen war hoch und langgewachſen, ſchmäch⸗ tig, ſchwächlich, gelblich, ſeine Geſichtszüge ernſt, phlegmatiſch, langweilig und verdrießlich. Dieſe zwei Individuen ſaßen nebeneinander und erinnerten ſo⸗ gleich an Don Quixotte und Sancho. „Halt! ich täuſche mich nicht! das iſt Bourdichon!“ rief Adhemar, indem er den Herrn mit dem heitern Geſicht anſah. Bei dieſem Ausruf wandte der dicke Jäger lebhaft den Kopf, fixirte den Fußgänger, hielt das Pferd an, das ſo eben weiter wollte, und er⸗ wiederte:„Das iſt Adhemar!... das iſt wahrhaftig der liebe Adhemar Marilly!... Sprich ehr. Car⸗ caſſonne, s' iſt Freund Adhemar. 2 Der magere Jäger langte nach ſeiner Mitze) bog das Haupt vorwärts und ſagte mürriſch:„So, der iſt hier? Ich hörte eine Stimme und ſagte zu mir: Sicher iſt Dir dieſe Stimme bekannt... aber in einem Punkt war ich doch nicht ſicher.— Dieſe Be⸗ 8 28 gegnung freut mich ungemein,“ nahm Bourdichon⸗ wieder das Wort, ohne ſeinen Freund Carcaſſonne ausreden zu laſſen,„wir kommen, mein lieber Adhe⸗ mar, ja, acht Stunden weit kommen wir her, noch weiter als von Lagny, und haben über die dortigen Gefilde einen Trauerflor geworfen... Hal hal ich ſage dieß, weil wir dieſes Wildpret von dorther haben; das war einmal eine Götterjagd, das!— Und Sie haben dieß Alles geſchoſſen?— O Sie loſer Spötter! Welche Frage! Fragen Sie einmal Carcaſſonne! Zwei Stücke hier gehören ihm... alles Uebrige iſt mein.— Es iſt wahr,“ ſagte Herr Car⸗ caſſonne,„daß ich nur zwei niedergeſchoſſen, aber angeſchoſſen habe ich wenigſtens fünfundzwanzig. Sind die andern nicht gefallen, ſo will ich Ihnen hievon den Grund angeben. Es begegnet mir oft, während ich ſchieße.— Und wie viel Tage haben Sie gebraucht, dieß Alles zu ſchießen,“ nahm Adhemar wieder das Wort, ſich an Herrn Bourdichon wendend. —„Seit vier Tagen ſind wir verreist, aber davon habe ich drei bei Tiſche zugebracht; glauben Sie mir, erſt ſeit heute fingen wir an zu jagen, fragen Sie einmal Carcaſſonne...— O gewiß! Ihr Freund wird Ihnen keine Lüge aufbinden... er iſt in dieſem Punkt ein Lazarille.— Und jetzt beeilen wir uns, auf den Ball meiner Frau zu kommen; dieſen Abend nämlich, mein Lieber, gibt Frau Bourdichon einen Maskenball. Sie wiſſen wohl... Sie haben eine Einladung erhalten! Wie kommt's, daß Sie noch nicht in Ihrem Anzug ſind?— Was? dieſen Abend 29 iſt Ball bei Ihnen?“ rief Adhemar.„In der That, es iſt heute Samstag! Mein Gott! das hatte ich. vergeſſen!— Das trifft ſich ſehr gut, daß ich Ihnen begegnete, um Sie hieran zu erinnern; wenn Sie nicht kommen, wird meine Frau ſehr böſe auf Sie ſein... Zudem werden wir luſtig ſein, uns ange⸗ nehm unterhalten, ein kleines Hazardſpiel machen; ich beſonders werde gar nicht tanzen... und Du, Carcaſſonne, wirſt Du tanzen?— Ich! ich habe ſehr viel getanzt, ja, ich tanze noch, das heißt, es hängt von— Aber ſeht, wir ſtehen da im Re⸗ gen... Wo gehen Sie hin, Adhemar?— Ich will nach Hauſe.— Ei ſchön! ſo ſteigen Sie ein, ich will Sie hingeleiten, Sie ſind dann um ſo bälder da⸗ heim und um ſo bälder auf dem Ball.— Aber Sie werden keinen Platz mehr für mich in Ihrem Gefährt haben, bei der Maſſe von Wildpret...— Pah! Pah! es iſt noch genug Platz da; die Haſen müſſen ſich ein wenig ſchmiegen...“ Adhemar ſtieg in das Cabriolet, drückte ſich, ſo gut es ging, in eine Ecke, auf die Gefahr hin, einen Wildpretgeruch zu bekommen. Bourdichon preßte ſich an Carcaſſonne, der lange Jägersmann ſeinerſeits an die zwei Haſen, die er getödtet, und das Pferd be⸗ gann wieder zu traben. Adhemar hatte den Ball bei Madame Bourdichon nicht vergeſſen, ſeine Abſicht jedoch war, nicht hin⸗ zugehen. Die Frau des dicken Herrn indeſſen war eine hübſche, auf jeden Fall eine ſehr angenehme Dame, was oft noch mehr ſagen will; ihre Züge hatten 30 nichts Ausgezeichnetes, nichts beſonders Hübſches, aber ihre ganze Figur nahm ſogleich für ſich ein: ſie war groß, wohlgebaut, hatte die artigſten, ſtets dem zuten Ton entſprechende Manieren, endlich war die Ader ihres Geiſtes reich genug, um unge⸗ ſucht und ungezwungen ſich bemerkbar zu machen. Ihr Ausſehen war zuweilen ernſthaft und ſelbſt düſter; ſie war eine jener Damen, von welchen man keine jener Geſchichten zu erzählen weiß, die man Andern wieder zu berichten Anſtand nimmt, deren Lächeln und Beifallsbezeugung uns jedoch ſchmeichelt, ſo lange ſie nicht allzu verſchwenderiſch damit ſind. Die Abendunterhaltungen des Herrn Bourdichon waren ſehr heiter; die Geſellſchaft dort war nicht ſehr zahlreich und vielleicht nicht ſehr geſucht, weil der Hausherr, in der Auswahl ſeiner Gäſte weniger bedenklich als Madame, ohne Umſtände oft ſolche Perſonen in ſein Haus einlud, mit welchen er im dritten Hauſe geſpeist oder eine Spielparthie gemacht hatte. Allein in der großen Welt iſt man nicht ge⸗ halten, ein ſtrenges Examen anzuſtellen mit all den Perſonen, mit welchen man dort zuſammentrifft; wäre es ſo, dürfte man nur mit Damen Umgang haben, deren Tugend ſtets untadelhaft war, oder nur mit unbeſcholtenen Menſchen, die das, was ſie wünſchen, daß man ihnen nicht thue, auch Andern nicht zu thun fähig ſind, dann würde man ohne Zweifel noch hie und da einen Menſchen treffen können, aber wie würden ſich die Reihen lichten, wie mager würden die Zuſammenkünfte werden, wie viele Sa⸗ 31 lons würden leer ſtehen! Man muß ſich vielmehr in der Geſellſchaft damit begnügen, den Stand und die Exiſtenzmittel einer jeden Perſon zu kennen und dann nichts weiter fordern als Lebensart, gute Hal⸗ tung und feines Benehmen. Was Geiſt, Wiſſen, Liebenswürdigkeit betrifft, ſo ſind das Dinge, die, ſtößt man in der Geſellſchaft auf ſie, Einem aller⸗ dings angenehm ſind, aber fordern kann man ſie nicht, das hieße die Welt zu einem Regiſter machen. Man unterhielt ſich in den Geſellſchaften des Herrn Bourdichon gut, weil es dort ungezwungen herging: man ſpielte oder plauderte, man machte Muſik, man ſang, ja man improviſirte oft einen Ball, kurz Jeder folgte dort ſeinem Geſchmack. Man war nicht gehalten, in großer Toilette zu erſcheinen, die Damen brachten zuweilen ihre Arbeit mit und Jedermann hielt es dort nach ſeiner Bequemlichkeit. Madame Bourdichon nämlich hatte das ſehr ſeltene Talent, ihre Gäſte gut zu empfangen und jedem jene füße Freiheit zu laſſen, welche niemals in Aus⸗ gelaſſenheit ausarten darf: eine Freiheit, die nur ſelten in den zahlreichen Geſellſchaftscirkeln ange⸗ troffen wird. Viele Leute glauben, um ſich gut zu unterhalten, ſei es unerläßlich, einen hölliſchen Lärm zu erheben und ſich ganz unſinnig zu geberden: eine Art von Freiheit und Vergnügen, die ſich zur Heiter⸗ keit verhält, wie ein Dummkopf zu einem geiſtreichen Mannz es gibt ſolche Perſonen, welche aber auf ſehr falſchem Sprunge ſind. Adhemar gefiel ſich ziemlich gut in den Cirkeln des dicken Jägersmannes; er wußte . . 32 wohl, daß der Maskenball heiter werden, daß er dort viele Perſonen ſeiner Bekanntſchaft antreffen würde. Aber wer ſich in der großen Welt bewegen will, braucht Geld; mag man auch auf den Anzug nicht allzuviel verwenden, ein junger Mann von gutem Ton muß doch immer friſche Handſchuhe haben. Zudem liebte Adhemar das Spiel; es wurde ihm ſchwer, ſich zu überwinden, wenn man ihn zu einem Hazardſpiel einlud, und er ſpielte ſelten glücklich. Hat man end⸗ lich nur ſiebzehnhundert Franken Einkünfte und will doch eine Rolle in der Welt ſpielen, ſo darf man ſich zum wenigſten nicht allzuoft dort ſehen laſſen. Dieß war der Grund, warum der junge Mann ſich vorgenommen hatte, den Ball der Madame Bour⸗ dichon nicht zu beſuchen. Allein wie oft nimmt man ſich vor, etwas nicht mehr zu thun! wie viele ſchöne Vorfätze werden ge⸗ faßt, wie viele kluge Pläne ſteckt man ſich ab... und doch iſt oft bloß ein Wort, ein Blick, eine Ge⸗ legenheit nöthig, alles Dieß über den Haufen zu werfen. Adhemar hatte ſehr ſelten den Muth, eine Luſtparthie abzuſchlagen; der Verſuchung zu unter⸗ liegen, war ſeine Gewohnheit; ſein flüchtiger Cha⸗ rakter, ſein lebhaftes und heiteres Weſen ließen ihn nicht lange trüben Gedanken Raum geben, oder ſich mit der Zukunft beſchäftigen, und wenn er philoſo⸗ phirte, ſo geſchah es lachend. Seit einigen Jahren jedoch und in Folge einer Reiſe, die er in Italien gemacht hatte, hatten die Freunde Adhemars eine Veränderung in ſeinem Weſen wahrgenommen. Bis⸗ 5 1 4 4 33 weilen konnte er einige Augenblicke wie verſunken in tiefe Selbſtbetrachtungen daſtehen, und dann über⸗ zog ſich ſeine Stirne mit finſtern, kummervollen Wolken. Jedoch waren dieſe melancholiſchen Launen ſelten bei ihm, und der, bei dem ſie ſich einſtellten, war auch immer der Erſte, der ſie wieder zu ver⸗ ſcheuchen ſuchte. Das unerwartete Zuſammentreffen mit den zwei Jägern hatte ſchon wieder die vernünftigen Vorſätze Adhemars über den Haufen geworfen, und beim Einſteigen in das Cabriolet ſagte er zu ſich:„Meiner Treu! ich gehe auf den Ball der Madame Bour⸗ dichon... dieſen noch, und dann will ich die andern ſchwinden laſſen... Zudem habe ich eine Maske zu Hauſe... und, was ebenfalls ſehr hübſch iſt... ich werde keinen großen Aufwand machen dürfen... Handſchuhe... ein Gefährt... das iſt Alles. Ich werde mich in meinen täglichen Ausgaben etwas ein⸗ ſchränken... ich werde zu Hauſe ſpeiſen...— Sie wohnen immer auf dem Boulevard St. Denis?“ fragte Herr Bourdichon, indem er fortwährend ſein Pferd antrieb.—„Immer... ich bin verliebt in den Boulevard; ich wohne ein wenig hoch, habe aber eine vortreffliche Ausſicht!— Wenn ich auf dem Boulevard wohnte,“ ſagte Carcaſſonne,„ſo nöchte ich eine Fenſterkammer haben, wiſſen Sie, ſo eine, welche die Eigenſchaft einer Laterna magica beſitzt. Ein Freund von mir hatte eine Fenſterkammer, mit welcher er bei Jedermann das Unterſte zu oberſt Paul de Kock. XXXVII. 3 34 ſah... indeſſen..— Carcaſſonne, laſſen Sie uns ein wenig ruhig mit Ihren Fenſterkammern. Was uns jetzt beſchäftigen muß, das ſind unſere Masken⸗ anzüge... es iſt Zeit, daran zu denken.— Wie?24 ſagte der lange Waidmann,„iſt es denn durchaus nothwendig, ſich zu verkleiden?— Ja wohl! Uner⸗ erläßlich! Meine Frau ſieht darauf, und ich finde, daß ſie Recht hat, es geht dann weit luſtiger her; Alles Halbe und Gemiſchte kann ich nicht leiden. Auf den Bällen, auf welchen man unmaskirt er⸗ ſcheinen darf, wenn man will, ſind in der Regel die Hälfte der Ballgäſte nicht maskirt. Die Ver⸗ kleideten ſind dann ärgerlich, daß ſie nicht in bürger⸗ lichem Anzug, und die bürgerlich Gekleideten ſind ärgerlich, daß ſie nicht in Verkleidung erſchienen. Die von Madame Bourdichon getroffene Maßregel wird pünktlich befolgt. Denen, die ſich in ſtädtiſcher Klei⸗ dung ſehen laſſen, wird auf der Stelle eine baum⸗ wollene Mütze aufgeſetzt, ſie müſſen ſich eine Schürze anziehen und mit Puder beſtreuen laſſen, das iſt ausgemachte Regel.— Ha, ha! wenn man aber den Puder und die Baumwollenmütze nicht annehmen will?— In dieſem Fall, mein Lieber, wird man weggehen; allein ich gebe Dir zum Voraus die Verſicherung, daß für einen Solchen gar kein Em⸗ pfang ſtattfindet.— Was der Tauſend!... Und in was ſoll ich mich denn verkleiden, Freund?... Meine Frau, die nichts davon weiß, wird mir nichts zugerüſtet haben.— Im Nothfalle,“ ſagte Adhemar⸗ „könnten Sie in Ihrer jetzigen Kleidung auf den Ball 8 35 gehen... Sie ſind im Jagdhabit, hängen ihre zwei Haſen an den Leib...— Glauben Sie?... meiner Treu! das wird mich hinlänglich ausſtaffiren, um ſo mehr, als..— Was mich betrifft, ſo habe ich meinen eigenen Plan,“ ſagte Bourdichon, boshaft lächelnd.„O, das wird ein wenig luſtig werden! Ich ſagte noch Niemand etwas davon, ſelbſt meiner Frau nicht... Aber hier ſind wir auf dem Boulevard St. Denis... Ihre Hausthüre, Herr Marilly?— Halten Sie, die zweite links.— So, Sie wohnen neben den Sublimé's?— Es iſt ſo; ich ſehe ſie öf⸗ ters an ihrem Fenſter im zweiten Stock und mehr⸗ mals begegnete ich der Madame Sublimé, welche mich wohl einladen wollte, ſie zu beſuchen.— Wenn dem ſo iſt, ſo thun Sie mir den Gefallen, mein lie⸗ ber Adhemar ſie mit auf den Ball zu nehmen. Es war beſchloſſen, daß Monſignard zu Ihnen gehen ſollte, aber er war auch auf der Jagd und behauptete, zu müde zu ſein, um dieſen Abend in mein Haus kommen zu können. Er verließ uns an der Barriére, wo er ein Gefährt nahm, um ſich nach Hauſe zu begeben. Die Familie Sublimé wartet auf ihn, und das iſt mir unangenehm... allein Sie werden die Gefälligkeit haben, zu ihnen hinaufzugehen, nicht ſo? Es geht Ihnen in Einem hin.— Wenn Sie glauben, daß es nicht unbeſcheiden iſt?— Unbeſchei⸗ den! Im Gegentheil, das iſt ein Dienſt, den Sie ihnen leiſten; ſie würden im Stande ſein, auf Mon⸗ ſignard bis elf Uhr zu warten.. Ueberdieß hat Sie Madame Sublimé ſehr gern... ſie wird mit Ihnen ſͤſ1“ lateiniſch ſprechen... Sie wiſſen, ſie liebt die Ge⸗ lehrte zu ſpielen... Was ihren Mann betrifft, ſo iſt dieß ein Original anderer Art: ein Narr mit Stand⸗ uhren und Spieldoſen... Aber ſie haben eine aller⸗ liebſte Tochter und einen Knaben, der ein Allerwelis⸗ Wunder ſein ſoll; er iſt erſt acht Jahr alt und ſoll gleichwohl ſchon eine ungemeine Kunſtfertigkeit im Kugelfangſpiel beſitzen... Aber ſehen Sie, hier ſinde wir an Ihrem Hauſe... wohlan denn, beeilen Sie ſich, jetzt haben wir neun Uhr; ich hoffe, daß Sie vor zehn Uhr ſich einſtellen werden.— Gutc ich will es verſprechen, vorausgeſetzt, daß mich die Familie Sublimé nicht aufhält.— Sie werden machen, daß Jene ſich beeilen... Auf Wiederſehen!... Ei⸗ wollen Sie nicht einen Haſen und zwei Rebhühner anneh⸗ men? Sie ſehen, daß ich den Freigebigen wohl ſpie⸗ len kann: ich habe gute Beute gemacht... ich bin ein ganz anderer Mann,⸗ als Carcaſſonne mit ſeinen zwei Haſen... Ha, hal er brauchte vier Tage, ſie zu tödten: macht auf zwei Tage einen Haſen!— Ich nehme den Haſen und die Rebhühner an!“ ſagte Ad⸗ hemar, bei dieſen Worten aus dem Cabriolet ſprin⸗ gend. Der dicke Jägersmann gab ihm die drei Stücke Wildpret und trieb ſein Pferd wieder an, während ſein Freund Carcaſſonne ein Geſpräch anfing, das ſich auf ſeine Haſen bezog. — 37 Aar pe Drittes Kapitel. Haushaltung eines Künſtlers.— Der Haſe.— Die Wohnung Adhemars. Das Haus, welches Adhemar bewohnte, war neu und mit jener Gefälligkeit gebaut, welche man mo⸗ dernen Gebäuden gibt. Ueber der Hausthüre, welche ſich öffnen ließ, wenn man an einem kupfernen Knopf zog, war ein ſehr elegantes Gitter angebracht; man ging durch eine Hausflur, die mit Steinplatten be⸗ legt war; die Wände waren bemalt und ſtellten den Marmor vor; endlich führte eine wohlgeſcheuerte, gutgewichste und von einer Bronzelampe beleuchtete Treppe ohne viel Beſchwerde in die verſchiedenen Stockwerke des Hauſes. Adhemar wohnte im fünften Stock; er hatte nur zwei Zimmer, nicht ein einziges Kabinet und ſein Miethzins betrug hundert Thaler. Es iſt wahr, daß ſeine kleine Wohnung eben ſo neu, eben ſo gut verziert war wie die Zimmer des erſten Stockes, und daß er die Ausſicht auf den Boule⸗ vard hatte. In den neuen Häuſern ſind die Woh⸗ nungen im letzten Stocke eben ſo ſchön als im er⸗ ſten, und man kann ohne irgend welchen Nachtheil in den höheren Geſchoßen wohnen. Aber hundert Thaler Miethzins war doch zu viel für einen Mann, welcher nur ſiebzehnhundert Franken Einkünfte hatte. Adhemar war daher auch jedesmal, wenn ſich's um die Bezahlung einer Friſt handelte, ein Kapital auf⸗ zukündigen genöthigt. 4 „ Der junge Mann hatte ſeine Wachskerze bei ſei⸗ ner Hausaufſeherin genommen, welche, als ſie die drei Stücke Wildpret erblickte, ausrief:„Ach Herr⸗ der ſchöne Haſe! O die ſchönen Rebhühner!... Der Herr kommen wohl von der Jagd?— Nein, aber einer meiner Freunde iſt ein Jagdliebhaber, der mir ſo eben dieſes gegeben hat.— Wie behende iſt doch ein Thier, das Flügel hat, und ſolch' eines, das munter und flink läuft, denn ſolch' ein Haſe da läuft doch ganz hübſch! Wenn mein ſeliger Herr Coque⸗ nard auf die Jagd ging, ſo brachte er mir allemal bloß Neufchateller Käſe und zerriſſene Kleider mit... er ſchoß ungeheuer ſchlecht, mein armer Ehemann! Allein, werden Sie ſagen, ein Schelm thut mehr als er kann.— Iſt kein Brief an mich gekommen, Madame Coquenard?— Nein, mein Herr, keine Silbe... Ach Gott, der ſchöne Haſe, was wird das für einen guten Haſenpfeffer geben!“ Adhemars ſchien ſich im Stillen ein Gefühl von Traurigkeit zu bemächtigen, als die Beſchließerin ihm ſagte, ſie habe ihm nichts zu übergeben. Dieſer Zuſtand dauerte aber nur einen Augenblick, und ſchnell ſeine Munterkeit wieder gewinnend, ſtieg er gewandt ſeine Treppe hinauf, das Wachslicht in der einen und das Wildpret in der andern Hand. Im vierten Stock war eine Thüre offen. Eine junge Frau in einem ſehr geſchmackvollen Nachtkleide⸗ das Hals und den obern Theil der Bruſt offen zeigte⸗ plauderte mit einem Stutzer, welcher ſo eben von ihr fort wollte, aber nicht fortkommen konnte, indem 8 39 er ihr immer wieder jeden Augenblick ſein Lebewohl ſagte. Ddie Dame im vierten Stock war Schauſpielerin; ſie hatte ſchöne Zähne, ſehr lebhafte, gar nicht ſchüch⸗ terne Augen, und ein ſehr einladendes Lächeln ſpielte auf ihren Lippen; pabei war ſie groß und wohlge⸗ baut. Mit ſolchen Eigenſchaften muß eine Schau⸗ ſpielerin in der Welt nothwendig ihr Glück machen, oder es muß ihr an gutem Willen fehlen. Adhemar ging vorüber, indem er ſeine Nachba⸗ rin grüßte; er hatte zu gute Lebensart, um ſich, während jene mit Jemand redete, aufzuhalten; aber Fräulein Azema, ſo hieß die Schauſpielerin, hielt ihn mit den Worten auf:„Ach, mein Gott, Nach⸗ bar, ſind Sie ein Jagdliebhaber? Sind Sie es, der dieß geſchoßen hat?— Nein, es iſt ein Geſchenk, das ich ſo eben erhielt.— Sie ſind ſehr glücklich, daß man Ihnen Geſchenke macht; ich erhalte nie et⸗ was der Art.“ W Dieſe Worte ſprach ſie auf eine ſpöttiſche Weiſe: ſie ſchienen auf den Stutzer gemünzt zu ſein, mit welchem ſie plauderte. Dieſer ſchien ſehr betroffen, er griff nach ſeinen Handſchuhen, zog ſie zornig an und ließ ſie krachen, indem er immer dabei mur⸗ melte:„In der That, Azema, Sie ſind ſonderbar! — Beim Himmel, wenn ich ſonderbar bin, ſo ſind Sie es nicht weniger!“ antwortete die junge Schau⸗ ſpielerin lachend. Dann, ohne ſich um den Zorn des Stutzers zu bekümmern, beſah ſie ſich die zwei Reb⸗ hühner, welche Adhemar in der Hand hielt, berührte, 9 40 befühlte ſie, drehte ſie hin und her und rief:„O die ſchönen Rebhühner! Ich bin eine Närrin mit ſolchen Thieren, zumal wenn ſie gebraten ſind... ja wohl, immer gebraten! Sagen Sie mir nichts von Fri⸗ caſſé's, die verwünſche ich!— Schön, Nachbarin! Da Sie die Rebhühner lieben und Sie dieſe hier ſchön zu finden ſcheinen, ſo nehmen Sie ſie an... Sie werden mir ein Vergnügen damit machen.— Wirklich, Herr Adhemar! Wie, Sie wollen mir ſie geben, alle beide geben? Das iſt allzu liebenswür⸗ dig!... Wiſſen Sie, daß ich im Stande bin, ſie anzunehmen!— In dieſer ſchmeichelhaften Hoffnung biete ich ſie Ihnen an.— Beim Himmel, ich beſinne mich nicht lange und nehme die Rebhühner an.“ Während dieſer Unterhaltung machte der Stutzer ein Schafsgeſicht; er ſpielte mit ſeinem ſilbernen Stock⸗ knopf und ſtieß ihn auf die Steinplatte, wie wenn er dort das Maß eines Doppelſchritts bezeichnet hätte. Adhemar machte ſeiner Qual ein Ende, indem er raſch in ſein Logis hinaufſtieg und die zwei Reb⸗ hühner Fräulein Azema ließ. Die Schnelligkeit, mit welcher Adhemar auf ſei⸗ nen obern Stock hinaufgeſtiegen war, machte, daß feine Wachskerze erloſch. Er hätte hinuntergehen und ſie an derjenigen wieder anzünden können, welche ſeine Nachbarin unten brannte, aber er wollte ihre Unterhaltung mit dem hübſchen Herrn nicht wieder von Neuem ſtören; er hatte bemerkt, daß das kleine Geſchenk, welches er Azema ſo eben gemacht, die Eifferſucht des Dandy's erregt hatte, welcher in ihm 41 vielleicht ſeinen Nebenbuhler erblickte; da er es nicht war, und da Adhemar nicht von ferne daran dachte, der jungen Schauſpielerin die Cour zu machen, ſo wollte er dieſen Herrn nicht weiter beunruhigen. Aber auf dem Boden des fünften Stockwerks wa⸗ ren zwei Thüren und zwei Wohnungen: die eine da⸗ von hatte Marilly inne, den Raum der andern nahm eine Haushaltung ein. Es waren ebenfalls Schau⸗-— ſpieler von der dramatiſchen Gattung; der Manñ, welcher in der Oper aufzutreten hoffte und ſich für eine vortreffliche Stimme hielt, ſang von Morgens— bis in die ſpäte Nacht Scalen, Läufer und Triller;— es war ein luſtiger Bruder von fünf Schuh ſechs— Zoll Höhe, welcher ein artiger Junge geweſen wäre, wenn er nicht das Ausſehen eines Thieres gehabt und ſich für einen Marsgott gehalten hätte. Seine Frau, jung, hübſch, aber bleich, mager und ſo er⸗ ſchöpft, als ob ſie ſchon eine lange Theatercarrière durchlaufen hätte, ſpielte auf dem Theater und an⸗ derwärts die Liebhaberrollen. Sie hatte nie Talent gehabt, und dieß erzwungene Künſtlerthum rächte ſich an ihrer Geſundheit; ſie ſpielte das Drama, weil man ihr geſagt hatte, ſie habe eine rührende, Thrä⸗ nen erregende Stimme. Einige Theaterbeſucher woll⸗ ten finden, daß ſie bloß das Schlucken habe. Dieſes dramatiſche Pärchen war mit einem Kinde, einem kleinem Knaben von ſechs Jahren, geſegnet, welchen ſein Herr Vater zu ſeinem Anglück für eine herrliche Stimme hielt. Da er voͤn einem Mediciner aus der Provinz ſagen gehört hatte, daß, je mehr 2 42 die Kinder ſchrien, deſto geſchmeidiger und umfang⸗ reicher ihre Stimme werde, ſo beſchäftigte ſich der Vater aus väterlicher Liebe und um aus ſeinem Spröß⸗ ling einen Duprez zu machen, vom Morgen bis zum Abend damit, ihn zum Schreien zu bringen, und wenn Hungerkoſt und Scheltworte zu dieſem Zweck nicht anſchlugen, ſo wurde die Peitſche und der Bacul hinzugefügt. Als Adhemar vor ſeiner Thüre ankam, gab Herr Trouillade, ſo hieß der Sänger, ſeinem Sohne Ly⸗ coris gerade eine kleine Züchtigung: der kleine Knabe, welchem man zu ſeinem Nachteſſen nichts als trocke⸗ nes Brod gegeben hatte, plärrte wie ein Ochſe; die Mutter bemühte ſich, ihn zu tröſten, der Papa je⸗ doch rieb ſich die Hände, indem er mit jenem Ac⸗ cent, welcher den Landsmann vom Ufer der Garonne bekundete, zu ſeiner Frau ſagte:„Laß ihn doch ſchreien, das wird ihm den Bruſtton C geben. Ach, hätte man mich ſo durchgepeitſcht wie dieſen, welches Ta⸗ lent wäre ich jetzt! Zwar das iſt gewiß, eine aus⸗ gezeichnete Stimme beſitze ich, hätte ich aber in mei⸗ ner Kindheit mehr geſchrieen, ich würde jedem Opern⸗ Buffo den Rang ablaufen und hätte jetzt ſechszigtau⸗ ſend Franken Gehalt; ich geſtehe, daß dieß meine Angelegenheiten einigermaßen in Ordnung bringen würde.“ In der That ließ die innere Einrichtung bei Herrn Trouillade von ſechszigtauſend Franken Einkommen wenig merken; es herrſchte bei ihm eine Unordnung in Sichgehenlaſſen, welches keinem Kunſteffekt . o. — 27 2 eee hs ähnlich ſah, weil es nichts Schönes hatte. Das erſte Zimmer, das zugleich zum Speiſeſaal und zur Küche diente, war nur mit alten Stiefeln, abgetragenen Schuhen und Papierrollen, welche auf dem Theater Dienſte geleiſtet hatten und, bedeckt mit edlem Staube, ſich in der Stube hin und her trieben, ausſtaffirt. In einer Ecke des Fenſters war ein irdener Ofen, auf welchem einige Teller und mehrere Porzellange⸗ fäße aufgepflanzt waren. Gabeln und zinnerne Löffel waren nachläßig auf den Boden geworfenz; ein Ball⸗ bänkchen war an die Wand geſtellt; endlich waren auf der entgegengeſetzten Seite zwei Seſſel einander gegenübergeſtellt, ſo daß ſie ſich faſt berührten. Auf ſie hatte man zwei Sophakiſſen gelegt und über dieſen zwei ae ein geſtickter Mouſſelinvorhang ein Betttuch vor, ein Rock und ein alter Shawl dienten als Decke das Ganze bildete das Bett des klei⸗ nen Lycorisk welcher, wenn er artig geweſen war, das heißt, wenn er tüchtig geſchrieen hatte, von ſei⸗ nem Herrn Vnter die Erlaubniß erhielt, unter ſeinen Kopf eine Kly erſpritzenſchachtel zu ſchieben und deren ſich als Kopfkiſſen zu bedienen. doir zweite Zimmer bildete den Salon, das Bou⸗ und das Schlafkabinet. Dort zeigte ſich ein Bett von Mahagoniholz, ein ſeiner Kiſſen beraubtes Sopha, fünf mit Sammt überzogene Seſſel und ein Schreib⸗ tiſch. Allein jedes dieſer Möbel war in ſchlechtem Zuſtand: Nieder Seſſel hatte Oelflecken, der Schreib⸗ tiſch ließ ſich nicht mehr ſchließen, das Sopha hatte einen Fuß zu wenig und das Bett ſchien zugleich den — Dienſt der Kleiderkammer zu verſehen, denn man ſah auf ihm in ſchönſter Unordnung Röcke, Hoſen, Strümpfe, Weſten, Frauenhalstücher, unreine Sack⸗ tücher, kurz eine Maſſe Mann und Frau gehöriger Gegenſtände. 3 Eine kleine Statue auf dem Kamin, einen Mann in der Tracht des Figaro vorſtellend, verſah die Stelle der Standuhr, und endlich machte eine in einem Winkel aufgehängte Guitarre das Ameuble⸗ ment vollſtändig.— „Schön! Da läßt ſich wieder der ſchreiende Knabe und der ſingende Vater hören!“ ſagte Adhemar bei ſich, indem er den Schlüſſel in das Schloß zu ſtecken ſuchte.„Ich muß geſtehen, daß ich eine ſehr ange⸗ nehme Nachbarſchaft habe. Herr Trouillade langweilt mich beträchtlich mit ſeinen Läufen und Trillern, in⸗ deß, da ſie noch nicht zu Bette ſind, werden ſie mir mein Licht anzünden.“ Damit fing der junge Mann an die Thüre ſeiner Nachbarn zu klopfen an. Allein Herr Trouillade machte mit ſeinen Tril⸗ lern ein ſolches Getöſe, während ſein Söhnchen ſchrie und ſeine Frau ihre Rollen auswendig lernte, daß er lange Zeit klopfte, ohne gehört zu werden.⸗ Endlich drang ein Schlag mit der Fauſt, der mit ſolcher Kraft geführt war, als wollte er die Thüre einſprengen, an das Ohr des Kleinen, der, ſein Ge⸗ heul einſtellend, ſagte:„Horch! J Jemand kommen thut .. man klopft!— Du lügſt, Junge! Was Du doch für ein Eihlinget biſt! Du ſelbſt wirſt's geweſen ſein, 45 der ſo eben geklopft hat.. a. a... a.. tra... q........ la... la! Ha, das war einmal wieder gut geſungen!— Aber ich verſichere Dich, Lieber, daß Lycoris Recht hat: man klopft an der Thüre.— Pah, meinſt Du, Helenchen? Wer zum Teufel ſollte ſo ſpät zu uns kommen, wofern es nicht etwa ein Direktor aus der Provinz iſt, welcher davon gehört hat, daß ich vacant bin und mich anzuwerben kommt. Ja, zum Henker, man darf ſich wohl rühren, denn von allen Seiten richten ſich die Blicke nach mir; alle Direktionen wünſchen an mir eine Acquiſition zu machen, allein man weiß, daß ich in der großen Oper ſpielen will, und die meiſten Provinztheater ſind nicht im Stande, ſo weit hinzulangen, ſonſt hätte ich ſchon zehn Anträge.“ Während ſo Herr Trouillade nach ſeiner Gewohn⸗ heit eine Maſſe von Complimenten an ſich ſelbſt ver⸗ ſchwendete, ging ſeine Frau der Thüre zu und öffnete ſie. Adhemar, immer noch ſeinen Haſen und ſein ausgelöſchtes Licht haltend, zeigt ſich jetzt und ſagt: „Entſchuldigung, Madame! Ich habe Licht bei Ih⸗ nen bemerkt, und da mir der Wind das meine aus⸗ geblaſen hat, ſo bin ich ſo frei...— Daran haben Sie wohl gethan, mein Herr!“ antwortete Helene, indem ſie Miene machte, ſich in einen alten Mantel zu hüllen, welcher ihr zum Schlafrock diente; ſie ließ ihn jedoch abſichtlich vom Halſe abwärts gleiten, um ihre ziemlich weißen Schultern ſehen zu laſſen, de⸗ ren Magerkeit jedoch Schauer erweckte.—„Ei ſchön, der Nachbar. Herr Adhemar! Treten Sie doch ein, Nachbar, nur einen Augenblick treten Sie ein. Willſt Du ſchweigen, Junge! Gib Acht, ich ſtecke Dir eine Ohrfeige! Nehmen Sie doch Platz, Nachbar!— Ich danke Ihnen, Herr Trouillade, ich habe durch⸗ aus keine Zeit... ich will auf den Ball, auf einen Maskenball und muß mich ankleiden.— Ah, Sie verkleiden ſich und in welche Maske?“ fragte Helene. —„Ich beſitze eine engliſche Seemannstracht und dieſe will ich anlegen.— Ich bin ſehr ärgerlich dar⸗ über, daß Sie ſchon ein Koſtüm haben!“ erwiederte Herr Trouillade;„ich würde Ihnen meinen Figaro⸗ anzug, ich welchem ich mit enormem Beifall in den erſten Städten Frankreichs dieſe Rolle ſpielte, ange⸗ boten haben. O mein Figaroanzug iſt recht ſehr huͤbſch... Alles von Seide und Sammt... alle Nahten mit Silber geſtickt!— Mama wollte geſtern das Figarokleid zertrennen, um ſich einen Spencer daraus zu machen!“ murmelte der kleine Knabe, in⸗ dem er bald den Daumen, bald denekleinen Finger der linken Hand in ſeine Naſe ſteckte.—„Willſt Du ſtill ſein, Lycoris! Du wirſt eine Ohrfeige bekom⸗ men, wenn Du Dich noch einmal in das Geſpräch der Leute miſcheſt... Ja, Nachbar, mein Figaro⸗ anzug übertrifft alle diejenigen, welche man zu Paris je geſehen hat, ſo wie die Art, wie ich dieſe Rolle ſinge, Alles weit aufwiegt, was Sie je in dieſer Beziehung hier gehört haben.— Was dieß betrifft, ſo zweifle ich nicht daran!“ erwiederte Adhemar lä⸗ chelnd.— O, das Thier, das Thier!“ rief der naſe⸗ weiſe Lycoris beim Anblick des Haſen, den der junge 47 Mann in der Hand hielt.—„Bei Gott, das iſt ein ſchöner Haſe!“ ſagte Herr Trouillade ſeinerſeits,„ich hatte ihn gar nicht bemerkt.— Das iſt ein Geſchenk, das ich ſo eben erhielt.— Dergleichen Geſchenke macht man uns nie!“ ſagte Helene, einen Seufzer ausſtoßend.—„Zum Exempel, was die Zubereitung eines Haſen betrifft,“ erwiederte Trouillade,„ſo wage ich zu behaupten, daß in dieſem Stück Niemand mir das Waſſer reichen darf.— Wie, Herr Trouillade, Sie verſtehen den Koch zu machen?— Ja wohl, und ich bin ſtolz darauf! Wundern Sie ſich nicht darüber: wir Leute vom Süden ſind ein wenig Lecker⸗ mäuler und lieben, uns mit dieſen Kleinigkeiten zu befaſſen! Vollends einen Haſen gar zu machen, darin bin ich ausgezeichnet.— Ich möchte Sie um die Er⸗ laubniß bitten, mein Licht anzuzünden und...— Das heißt,“ ergriff Trouillade wieder das Wort, Adhemar aufhaltend,„wenn Sie einen nach meiner Art zubereiteten Haſen koſten, ſo werden Sie gar nicht mehr wiſſen, was Sie eſſen, Sie werden mei⸗ nen, es ſei ein Salm.— Ich will zu Nacht eſſen, mich hungert... ich will Thierlein eſſen!“ ſagte der kleine Lycoris, indem er den Haſen an der Pfote nahm.—„Helene, thu mir doch den Gefallen, die⸗ ſen kleinen Schlingel in's Bett zu ſpediren!“ ſagte der Sänger, ſeinerſeits ſich des Haſens bemächtigend, ner ſollte ſchon lange in tiefem Schlafe liegen!— Er verlangt zu Nacht zu eſſen...— Du weißt wohl, daß er dieſen Abend nichts eſſen ſoll, das verdirbt ſeine Stimme.— Mich hungert, mich hungert.. 48 hi, hi, hi!— Du lügſt, Junge!“ Während dieſer Abſchweifung hatte Adhemar ſeine Wachskerze ange⸗ zündet; er trat auf Herrn Trouillade zu, um ſeinen Haſen wieder zur Hand zu nehmen; der Künſtler jedoch lief in das zweite Zimmer mit den Worten: „Nachbar, kommen Sie ein wenig! Kommen Sie auf einen Augenblick hierher, ich muß etwas Drin⸗ gendes mit Ihnen reden!“ Adhemar ließ ſich beſtimmen, in das Schlafzim⸗ mer, ſeine Wachskerze in der Hand, einzutreten, wäh⸗ rend die romantiſche Helene ihn mit zärtlichem Blick anſah und lispelte:„Wie glücklich ſind Sie, auf den Ball zu gehen! Wie ſehr wünſchte ich auch dorthin zu gehen!— Halten Sie, Herr Marilly, ſehen Sie mich hier?“ rief Trouillade, indem er Adhemar vor das Kamin ſchob und mit dem Finger auf die kleine Statue deutete. Adhemar betrachtete die kleine Gipsarbeit, und, nichts Bemerkenswerthes daran findend, ſagte er: „Das iſt ein Figaro!— Ja gewißz; aber dieſer Fi⸗ garo, wem ſieht er ähnlich?— Meiner Treu, das weiß ich nicht. Dabei vergeht die Zeit und ich ſollte angekleidet ſein.— Wie, Herr Marilly, Sie finden keine auffallende Aehnlichkeit mit mir?— Ach ſo, da hat man Sie abbilden wollen? Da ich Sie niemals als Figaro geſehen habe, ſo fiel es mir nicht auf.— Wollen Sie, daß ich ein Barett auf⸗ ſetze, dann werden Sie beſſer beurtheilen können... — Nein doch, Herr Trouillade, ſetzen Sie kein Barett auf.. Das Bild iſt Ihnen aͤhnlich, in der That⸗ 49 ſehr ähnlich.— Halten Sie, ſehen Sie, das iſt die Stellung!“ Und damit neigte Herr Trouillade, der, ſeit er in das Schlafzimmer getreten war, den Haſen nicht mehr in der Hand hatte, den Körper rückwärts, trat mit einem Fuße vor, ſtemmte die Fauſt in die Hüfte und fing mit einer Stentorſtimme jene Stelle zu ſin⸗ gen an:„Ah bravo, Figaro!“ Adhemar, der fürchtete, das ganze Singſtück an⸗ hören zu müſſen, lief der Thüre zu und ſagte:„Das iſt bezaubernd!... die vollkommenſte Aehnlichkeit... ich gehe, mich anzukleiden.— Ja, ja, gehen Sie, ſich anzukleiden; in der That, es iſt ſchon ſpät!“ ſagte Herr Trouillade, der es jetzt kaum erwarten zu können ſchien, bis ſein Nachbar fortging.—„Wie, Ihr Sohn ſchreit noch?“ ſagte der junge Mann, in⸗ dem er wieder in das erſte Zimmer trat;„dieſer Knabe da iſt doch recht ſchlimm, ich höre ihn bei⸗ nahe den ganzen Tag ſchreien!— Sie irren, es kommt dieß nicht daher, weil er ſchlimm iſt,“ er⸗ wiederte Trouillade,„vielmehr iſt es mir ſehr lieb, ſeine Stimme in Uebung zu erhalten. Können Sie glauben, mein Herr, daß der kleine Range eben jetzt, indem er wie ein Ochſe ſchrie, den ſchönſten Cis⸗Ton wegbekommen hat? Iſt das nicht hübſch für ſechs Jahre?— Wirklich, ſehr hübſch.— Aber wir halten einander auf... gehen Sie doch, ſich anzukleiden.“ Herrn Trouillade, welcher die nach dem Gang zuführende Thüre ſchon geöffnet hatte, ſchien darum Paul de Kock. XXXVII, 4 — 50 zu thun zu ſein, Adhemar hinauszuſchieben, als der kleine Lycoris zu rufen anfing:„Aber das Thierlein . das Thierlein!“ Das Geſicht des Sängers zog ſich zuſammen, ſeine Augen ließen Blitze auf den kleinen Knaben ſchießen, während Adhemar ſtehen blieb und ſagte:„Ach ja⸗ meinen Haſen hätte ich faſt vergeſſen!“ Trouillade that, als ob er nichts gehört hätte, und fing wieder ſein:„Ah bravo, Figaro!“ mit ge⸗ waltiger Stimme zu ſingen an. Adhemar jedoch gab ſich mit dieſen Läufen nicht zufrieden, er wandte ſich geradezu an den Künſtler mit den Worten:„Wollen Sie die Güte haben, mir meinen Haſen gefälligſt zurückzugeben?— Ihren Ha⸗ ſen?“ antwortete Trouillade mit erſtaunter Miene und wie wenn man ihm die abgeſchmackteſte Zumu⸗ thung gemacht hätte,„Ihren Haſen?— Ja doch, nichts Anderes! Was braucht es da große Ueberra⸗ ſchung? Erinnern Sie ſich nicht mehr, daß ich, als ich in Ihr Zimmer trat, einen Haſen bei mir hatte! — O, ja freilich.. o, ganz vollkommen!— Sie nahmen mir ihn aus der Hand, geben Sie mir ihn zurück!— Meinen Sie?— Wie, allerdings meine ich! Sie ſehen wohl, daß ich ihn nicht mehr habe! Ein Haſe läßt ſich nicht in die Taſche ſchieben wie ein Rebhuhn!— Sie haben Recht; allein mich be⸗ dünkt, Ihnen denſelben wieder gegeben zu haben.— Sie ſehen wohl, daß dem nicht ſo iſt; Sie haben ihn in das andere Zimmer gebracht.— Das iſt ſon⸗ derbar.„ ich kann mich gar nicht entſinnen.“ 51 Als Herr Trouillade ſah, daß Adhemar in das hintere Zimmer trat, entſchloß er ſich, ihm dorthin zu folgen. Man ſchaut nach allen Flanken, nirgends ein Haſe! „Sie ſehen wohl, daß er nicht da iſt!“ ſagte Herr Trouillade.—„Ich weiß aber, daß er hier ſein muß,“ erwiederte Adhemar, der bei den Schwierig⸗ keiten, die ſich dem Auffinden ſeines Wildprets ent⸗ gegenſtellten, ungeduldig zu werden anfing.„Ein für allemal, ich bin mit einem Haſen zu Ihnen ge⸗ kommen, und ich denke, er kann nicht verloren ge⸗ gangen ſein!“ 8 Der Trillerſänger ergriff den jungen Mann beim Arm und ſagte, eine nachdenkliche Miene affektirend: „Da fällt mir ein, mein Nachbar, war der Haſe auch wirklich ganz todt, könnte er ſich nicht auf die Beine gemacht haben? Dieſe Schelme ſind äußerſt flink!“ Adhemar konnte nicht umhin, über die Zuverſicht zu lächeln, mit welcher Herr Trouillade ihm dieſe Worte ſagte; nachdem er jedoch ſeiner Heiterkeit den Lauf gelaſſen, ſagte er:„Mein Nachbar, ich finde Ihren Scherz ausnehmend artig und er iſt in der That eines Sprößlings des Gascognerlandes würdig; da ich jedoch meiner Sache gewiß bin, daß mein Haſe nicht entflohen, ſondern hier iſt, ſo gebe ich Ihnen die Verſicherung, daß ich ihn finden werde.“ Mit dieſen Worten trat Adhemat auf das Bett zu, warf Röcke, Weſten, Beinkleider und Alles, was zur Decke gedient hatte, beiſeits, und ſtieß nun auf 52 ſeinen Haſen, welcher unter all' dieſe Gegenſtände„ verſteckt worden war.—„Habe ich Ihnen nicht ge⸗ ſagt, ich würde ihn finden!“ rief Adhemar, indem er dem Sänger ſeinen Haſen zeigte;„ei, ei, Nach⸗ bar, Sie ſind doch ein rechter Spaßvogel!“ Trouillade brach jetzt in ein Gelächter aus, das* mehr erzwungen als natürlich war und rief:„Mei⸗ ner Treu, da iſt er wahrhaftig! Halten Sie, ich brannte vor Begierde, Ihr Wildpret zuzubereiten, weil ich überzeugt war, daß ich damit Ihren Beifall erhalten würde. Wollen Sie, daß ich ihn zubereite? — Ich danke; wenn ich meinen Haſen verſpeiſe, ſo liegt mir wenig daran, zu meinen, es ſey von ei⸗ nem Salm.— Ach, ich ſagte Ihnen von einem Salm etwas; ich könnte Ihnen noch etwas ganz Anderes ſagen— Gute Nacht, mein Herr und meine Dame, ich danke Ihnen dafür!“ So kam endlich Adhemar mit ſeinem Haſen von Trouillade fort. Als er in ſein Zimmer trat, hörte er von Neuem das Geſchrei des Lycoris und die Stimme ſeines Vaters, welcher ſagte:„Ich werde Dich lehren, kleiner Eſel, Dich in das Geſpräch zu miſchen!“ 1 Wenn man von dem Opernſänger in das Zimmer Adhemar Marilly's trat, ſo glaubte man aus einer jener ſchmutzigen und ſchlammigten Gaſſen, wo man nicht weiß, wo man den Fuß aufſetzen ſoll, auf eine breite, reinliche und wohl ausgelüftete Straße zu kommen. Die Wohnung des jungen Mannes war zwar nicht größer als die des Herrn Trouillade, aber 1 4 5 ½ ſie war gewichst, geſcheuert und ausgekehrt; zugleich waren die Möbeln eben ſo elegant als von gutem Ge⸗ ſchmack; dieſe Trümmer ſeines vorigen Wohlſtandes trugen nicht wenig dazu bei, eine gute Meinung von dem Vermögenszuſtand des Eigenthümers aufrecht zu erhalten. 3 Adhemar beeilte ſich, ſein Seemannskoſtüm zu beſichtigen. Nachdem er ſich verſichert hatte, daß nichts daran fehle und Alles noch neu und ſchön ſei, öffnete er eine Kommode und nahm ein Paar Hand⸗ ſchuhe heraus, welche er ſchon einmal angehabt hatte; er muſterte ſie, nahm ein Stück Gummi elaſticum, und fing an, ſie zu reinigen, indem er zu ſich ſagte: „Sie werden ſich noch thun... ich hatte Sorge... Fortgerieben, fortgerieben!... So weit iſt es jetzt mit mir gekommen, daß ich meine Handſchuhe ſäu⸗ bern muß, ich, der ich unlängſt noch drei Paare an einem Tage gebraucht habe... und in der That, ich bin mit Recht ſo weit gebracht, weil ich an einem Tage drei Paare gebraucht... Ich weiß wohl, ich könnte mich um eine Stelle umthun... aber ſagen müſſen, daß man einer Stelle benöthigt ſei, wäh⸗ rend man mich für reich hält, das iſt ſehr drückend. Und wenn es nur eine gute Stelle wäre, etwa Prä⸗ fekt oder Unterpräfekt, ſolche nimmt man an, ſelbſt wenn man reich iſt, und wahrſcheinlich gibt man ſie in der Regel Solchen, welche ſie nicht nöthig haben. Aber ſich im Alter von neunundzwanzig Jahren viel⸗ leicht unter die Ueberzähligen geſtellt zu ſehen! Nein, bei Gott! Iſt einmal Alles aufgebraucht, dann wird es noch Zeit genug ſein, einen verzweifelten Entſchluß zu faſſen. O, die Weiber, die Weiber! Wohl eine hübſche Sache, aber ſie ruinirt. Und ſelbſt, wenn man ſie nicht unterhält, muß man doch ihretwegen eine Maſſe Aufwand machen: Eſſen, Theater, Ge⸗ fährte, Bälle... Bei Allem iſt es doch noch die lie⸗ benswürdigſte Art, ſein Geld durchzubringen... Be⸗ ſtimmt ſind jetzt meine Handſchuhe ſehr ſauber; muß ich dann mit der Familie Sublimé gehen, ſo wird gewiß der Papa Sublimé das Gefährt bezahlen... ich habe keinen Grund, gegen ihn den Galanten zu ſpielen... es iſt ſchon das höflich genug, ſie zu be⸗ nachrichtigen, daß ſie nicht auf Monſignard warten. Seht'mal wieder einen Ball, der mich nichts, we⸗ der Handſchuhe noch Gefährt, koſten wird; überdieß werde ich nicht ſpielen, ſondern tanzen, das iſt we⸗ niger gefährlich. Ach, wäre ich doch immer ſo ver⸗ nünftig geweſen!“ Adhemar ging jetzt an ſeinen Anzug. In kurzer Zeit hatte er ſich in ſein Seemannshabit geworfen. Er betrachtete ſich in einem Spiegel, und als er ſich gehörig gekleidet fand, bereitete er ſich zum Abgang⸗ als plötzlich ein Knopf an ſeiner Gurt ſprang. „Das iſt einmal wieder luſtig!“ ſagte der junge Mann für ſich;„gleichwohl iſt es gut, daß er jetzt. gleich abſpringt... Laß ſehen: ſo kann ich nicht ge⸗ hen... Soll ich etwa Frau Trouillade bittens O, beim Himmel, nein, der Mann iſt zu langweilig; er würde wieder meinen Haſen zubereiten wollen... welch' anmaßendes, überläſtiges Geſchöpf! Die Nach⸗ * 4 6½ 55⁵ barin unten würde mir wohl gerne dieſen Dienſt leiſten, allein es könnte ſtörend für ſie ſein. Sie iſt vielleicht noch mit ihrem koſtbaren Liebhaber zuſam⸗ men oder mit einem andern... ich ſah welche bei hihr eintreten, deren Anzug nicht der geſuchteſte iſt, allein ſie empfängt ſie ohne Zweifel mit großem Vergnügen, denn ſie empfängt dieſelben insgeheim. Wohlan denn, ſo will ich ſelbſt den Knopf hinnähen, ich verſtehe dieſe Kunſt vortrefflich, es handelt ſich bloß darum, Nadel und Faden zu finden.“ Adhemar fing die Kommodeſchublade zu durch⸗ wühlen an. Er war zwar ſo glücklich, einen Knäul Faden zu finden, eine Nadel jedoch wollte nicht zum Vorſchein kommen. Er hatte ſchon mehrere Schub⸗ laden durchſucht, ohne das gewünſchte Futteral zu finden, als beim Nachſehen im Schreibtiſch ſeine Blicke auf eine kleine, in rothen Saffian gebundene Brief⸗ taſche fielen. Er hielt im Suchen inne, ſeine Blicke auf die Brieftaſche geheftet; er zögerte, ſeine Hand bewegte ſich langſam vorwärts, man hätte ſagen mögen, er ſcheue ſich, ſie zu berühren. Zuletzt jedoch, wie wenn er dem Verlangen, das er empfand, nicht länger widerſtehen könnte, griff er lebhaft nach der Brief⸗ taſche, öffnete ſie, zog aus einem der Täſchchen ein kleines Medaillon hervor, und begann das Portrait eines Frauenzimmers aufmerkſam zu betrachten. ger Anblick des Gemäldes, das er vor Augen hatte und das die Züge einer jungen und ſchönen Frau wiedergab, ſchien ihn ſo wenig zu ermüden, 56 daß er vielmehr ganz in dieſes Anſchauen ſich verlor. Ein tefer Seufzer jedoch ſtahl ſich aus ſeiner Bruſt, eine Wolke des Kummers beſchattete ſein Geſicht; er ließ ſich auf einen Seſſel nieder und ſagte leiſe: „Mein Gott, und nichts mehr kann ich umfaſſen alss . üir Bild!⸗ 4 Bei dieſen Worten bedeckte er das Medaillon, das er an ſeine Lippen gedrückt hatte, mit Küſſen. Doch plötzlich, wie wenn er einen feſten Entſchluß gefaßt 3 hätte, griff er wieder zu der Brieftaſche, legte das Bild hinein, machte ſie zu und verſchloß ſie wieder in den Schreibtiſch; dann ſagte er:„Es iſt vorbei⸗ ich werde ſie nicht mehr ſehen. Zu was ſollte es auch dienen? ich kann ja doch die Vergangenheit nicht wieder erkaufen... ich bin darüber hinaus. Ver⸗ ſuchen wir, meinen Knopf anzunähen. Ach, dieſes verdammte Nähzeug! Eine einzige Nadel, die noch dazu ſehr fein iſt... werde ich ſo mit dem Nähen zurechtkommen?... indeß bleibt mir nichts Anderes übrig!“ Adhemar hielt die Nadel und nahm von dem Faden, war jedoch nicht ſo geſchickt, ihn durch das Nadelöhr zu bringen; er wurde ungeduldig, fluchte, tobte; endlich konnte er ſich nicht mehr halten und rief:„Das iſt fürchterlich: ſo kleine Nadeln und ſo unſinnig dicken Faden zu machen... es iſt zum Todt⸗ ſchießen!... Es bleibt mir nichts Anderes übrig, als meine Zuflucht zu Fräulein Azema zu nehmen.“ Und ohne ſich Zeit zum Mitnehmen ſeiner Kelze zu gönnen, ſtieg der junge Mann haſtig ſeine Treppe — 57 hinab, ſeinen Faden und ſeine Nadel in der Hand haltend. In dem Augenblick, da er ſich der Thüre der jungen Schauſpielerin näherte, däuchte es ſeinem Ohr, es gehe Jemand behutſam in die untere Etage hinab. Die Bronzelampe, welche im erſten Stock angebracht war, leuchtete nicht hinauf bis zum vierten. Adhe⸗ mar jedoch, ohne ſich um etwaige Perſonen auf der Treppe zu bekümmern, ſchellte bei Azema. Die junge Schauſpielerin ließ nicht lange auf ihre Erſcheinung warten, ſie zeigte ſich in einem zierlichen Nachtkleide. Adhemar trat bei ihr ein wie ein Toll⸗ häusler, indem er ſagte:„Ach, meine Nachbarin, ich bitte Sie, haben Sie Mitleiden mit mir! Ich kann um alle Welt nicht dahin kommen, dieſe Nadel ein⸗ zufädeln! Ach, ich bin recht unglücklich!“ Azema lachte wie närriſch, als ſie den jungen Mann ſo ſprechen hörte, ſchloß jedoch zuerſt die auf die Flur gehende Thüre und ſagte dann zu ihm:„Ei, ei, Nachbar, Sie kommen, mir da ein ſchnackiſches Geſchäft aufzuladen!— Mein Gott, Fräulein, ich bitte um Entſchuldigung! Halten Sie, hier iſt meine Nadel, die ich nicht einfädeln kann; ſchon eine Vier⸗ telſtunde bemühe ich mich vergebens, gleichwohl muß ich durchaus den von meiner Gurt gebrochenen Knopf angenäht haben, und das iſt der Grund, warum ich mir die Freiheit nehme, Sie anzugehen.— Ach, das iſt hans Andereare erwiederte Azema, immer noch lachend.„Armer junger Mann! Laß ſehen, wo iſt Ihr Knopf?— Wie, Sie wollten die Güte haben, ihn hinzunähen?— Seht doch, dieſe Beleidigung! Er gab mir zwei Rebhühner und ich ſoll ihm nicht einmal einen Knopf annähen? Friſch, drehen Sie ſich um. Uebrigens bitte ich Sie, mein Herr, über⸗ zeugt zu ſein, daß ich Ihnen immerhin den Knopf angenäht haben würde, auch wenn Sie mir nichts gegeben hätten. Ich bin ſehr dienſtfertig. Um Ihnen gleich einen Beweis zu geben: halten Sie ein wenig ſtille oder Sie werden ſich ſtechen.— Meine Nach⸗ barin, Sie erzeigen mir eine große Gefälligkeit... Ich fürchtete, Sie zu ſtören, wenn ich ſo ſpät bei Ihnen klingelte.— Pah, warum denn? Sie glau⸗ ben, ich ſei immer in Anſpruch genommen, glück⸗ licher Weiſe iſt man jedoch zuweilen frei. Ich habe meinen trutzigen Andaluſier heimgeſchickt. Ich weiß nicht, was er dieſen Abend hatte, er konnte ſich gar nicht entſchließen, wegzugehen, und iſt eiferſüchtig geworden wie ein alter Rodrigo; er langweilt mich über die Maßen, dieſer Menſch!— Warum geſtat⸗ ten Sie ihm dann Zutritt?— Ach, mein Nachbar, als ein Mann von Geiſt machen Sie mir da eine recht einfältige Frage! Wer ſoll mir Caſimirſtoffe und ſammtene Shawls geben? Bedarf eine Dame, zumal eine Dame vom Theater, nicht allezeit eines Beſchützers?— Das iſt richtig, aber daran werden Sie gewiß keinen Mangel haben...— O, ſind Sie mir ſtille! Ja, an Ratten, die Einen zum Eſſen füh⸗ ren, zu vierzig Sous das Beſteck, daran fehlt es freilich nicht; aber Solche, die das Geld wiſſen ſprin⸗ gen zu laſſen, die werden nicht auf der Straße zuf⸗ 59 geleſen! Deſſenungeachtet können mich alle dieſe Rück⸗ ſichten des Intereſſes niemals abhalten, einen Men⸗ ſchen gehen zu heißen, ſobald er mir Langeweile ver⸗ urſacht.— Sie erinnern mich da an etwas, Nach⸗ barin! Ebenvorhin nämlich, als ich an Ihrer Glocke zog, war es mir, als ob Jemand leiſe die Treppe hinabginge.— Ich wette, das iſt Bardajos!— Bar⸗ dajos... welcher Name! Dieſer Herr iſt wohl ein Spanier?— Ja, er nennt ſich einen Andaluſier rei⸗ nen Geblüts, allein ich vermuthe, daß er zu Nan⸗ king oder Peking geboren iſt; wahrſcheinlich hält er ſich noch auf der Treppe auf, um zu lauern. Er iſt eiferſüchtig auf Sie; die zwei Rebhühner, welche Sie mir gegeben haben, ſtecken ihm im Kopfe... Wenn ich wüßte, daß er es wäre...— Was würden Sie dann thun?— Ich weiß nicht, aber ich möchte ihm eine gute Lection geben... So, das wäre fertig, Ihr Knopf iſt angenäht.— Schönen Dank, Fräu⸗ lein Azema!“ Damit ſchritt Adhemar der Thüre zu, in der Ab⸗ ſicht, ſich zu entfernen; die junge Schauſpielerin nahm ein Licht, ſtellte ſich vor ihn und ſagte lachend:„Es ſcheint, daß Sie meiner nicht mehr bedürfen, ſind Sie meiner Dienſte nicht mehr benöthigt?— Nein, meine Nachbarin!— Kurz und gut geſagt! Gehen Sie auf Ihren Ball, junger Seemann!“ Damit öffnet Fräulein Azema unter fortwähren⸗ dem Lachen ihre Thüre. Adhemar wollte ſich eben wieder in ſein Zimmer hinaufbegeben, als ihn die junge Schauſpielerin am Arm hielt und mit gedämpf⸗ 60 ter Stimme zu ihm ſagte:„Warten Sie... man hört Tritte, es wird unten eine Thüre geſchloſſen; ich wette, daß das Bardajos iſt. Kommen Sie, ſtei⸗ gen Sie ein wenig mit mir herunter!— Was wol⸗ len Sie machen?— Kommen Sie immer, ich habe meinen Plan!“ 3 Fräulein Azema ſtieg nun mit Adhemar die Treppe hinab, indem ſie abſichtlich mit lauter Stimme zu ihm ſprach:„Viel Vergnügen auf dem Ball, mein Nachbar. Aber warum tragen Sie ein Paar Piſto⸗ len bei ſich?“ Adhemar, der die Abſicht ſeiner Nachbarin wohl begriff, erwiederte:„Ich werde ohne Zweifel ſehr ſpät zurückkommen; man iſt nicht immer verſichert, ein Gefährt zu finden, und es iſt, meiner Treu, nicht überflüſſig, Vorſichtsmaßregeln zu treffen: es gibt ſo viele Diebe in Paris.— Das iſt ſehr wahr, mein Nachbar, es gibt dieſes Jahr eine Menge Räuber: in der Gazette des Tribunaux liest man von nichts als Mord und Todtſchlag. Auch ich, wenn ich allein ſchlafe, trage Sorge, meine Thüren wohl zu ver⸗ ſchließen und zu verriegeln.“ Immer ſo fortſprechend, ſchaute ſich Azema, welche voranging und das brennende Licht in der Hand hielt, überall auf der Treppe um, bemerkte aber Niemand. Plötzlich jedoch blieb ſie vor einer Abtritt⸗ thüre, die in der Mitte der dritten Etage angebracht war, ſtehen, machte gegen Adhemar ein Zeichen mit dem Kopf und flüſterte ganz leiſe:„Er iſt da!— Wie, da?— Richtig, er wird meinen Schlüſſel mit 2 61 ſich genommen haben... St!...“ Ihre Stimme wieder erhebend rief jetzt Azema:„Sind Ihre Pi⸗ ſtolen geladen, mein Nachbar?— Ganz gewiß, was würde es mich ſonſt nützen, ſie mitzunehmen?— Sie haben recht, ich werde ganz dunpn. Sie ſind ſehr hübſch gearbeitet.“ Jetzt ſchlug Azema mit ihrem Zimmerſchlüſſl an einen kleinen Seemannsdolch, welchen Adhemar bei ſich trug, um den Ton zweier Gewehre, die an ein⸗ ander ſtoßen, nachzuahmen. Dann lehnte ſie ſich plötzlich an die Thüre des geheimen Gemaches und rief im Tone des Schreckens:„Ach, mein Nachbar! Ach, mein Gott! Haben Sie es gehört?— Was denn, mein Fräulein?— Das Geräuſch da innen. Ich bin überzeugt, daß Jemand da iſt.— Meinen Sie... Indeſſen iſt ja das Kabinet hier das Ihnen gehörige, Sie werden den Schlüſſel allein dazu haben. — Richtig, eben habe ich ihn auf meinem Zimmer vergebens geſucht: man hat ihn mir genommen, um mich zu beſtehlen.— Wie, mein Fräulein,“ erwie⸗ derte Adhemar lachend.—„Nein, nein! aber man hat mir ſicherlich dieſen Schlüſſel zu dem Zweck weg⸗ genommen, um einen Schlupfwinkel im Hauſe zu haben, wo, wenn man einmal darin iſt, die Nacht abgewartet werden kann, um bei mir einzubrechen und mich vielleicht umzubringen. O, ich werde mich nicht zu Bette begeben, bis ich weiß, wer da iſt.“ Azema klopfte an die Thüre und ſagte:„Wenn Jemand im Hauſe iſt, ſo antworte er, ſo gehe er, daß man ihn ſehen kann.“ 62 Keine Antwort. „Sie ſehen wohl, daß es ein Dieb iſt, der ſich ſich hier aufhält,“ ſagte Azema,„ſonſt würde er ant⸗ worten.— Wollen Sie, daß ich dieſe Thüre ein⸗ ſprenge?“ ſagte Adhemar.—„Nein, warten Sie, es fällt mir ein beſſeres Mittel ein: bringen Sie eine Ihrer Piſtolen vor das Schlüſſelloch und ſchießen Sie. Wenn Sie den Dieb tödten, ſo werden Sie wohl daran thun.— Sie haben da einen trefflichen Einfall, Nachbarin, und ich will gleich zur Ausfüh⸗ rung ſchreiten.“ Azema ſtieß eben ihren Schlüſſel mit Kraft an das Schlüſſelloch, als ſich eine gedämpfte Stimme hören ließ, die rief:„Laſſen Sie es gehen, laſſen Sie es gehen! Schießen Sie nicht!“ In demſelben Augenblick öffnete ſich die Thüre und der ſchöne Bardajos, bleich und zitternd, kam zum Vorſchein. Als ſie ihren koſtbaren Liebhaber aus ſeinem ſonderbaren Schlupfwinkel heraustreten ſah, bekam Azema einen ſo ſtarken Lachanfall, daß ſie nicht mehr an ſich halten konnte, ſondern auf die Stufen der Treppe ſich niederſetzen mußte. Adhemar konnte ebenſowenig als ſie das Lachen verhalten, während Herr Bardajos, ſie Beide wech⸗ ſelsweiſe anblickend und keine Spur von einer Piſtole wahrnehmend, zu ahnen anfing, daß man ihn zum Beſten gehabt habe. „Ach, mein Herr,“ ſagte die junge Schauſpielerin, „Sie ſind drin geweſen? Ha, ha, ha!— Mein 63 Fräulein, ich verſichere Sie, daß die Abſicht, die ich hatte.. 4 Adhemar, welcher der jungen Schauſpielerin gute Nacht gewünſcht hatte, ſtieg wieder in ſein Zimmer hinauf. Dann, nachdem er Alles zu ſich genommen, was ihm nothwendig war, ging er endlich fort, um ſich zu der Familie Sublimé zu begeben, welche ne⸗ benan wohnte. Als er die Treppe wieder herunterkam, war weder Azema noch Bardajos mehr zu entdecken; er ſchloß daraus, der Andaluſier werde bemüht ſein, mit ſei⸗ ner Gebieterin Friede zu ſchließen. Viertes Kapitel. Die Familie Sublimé.— Neue Art, in ein Gefährt zu ſteigen. Machen wir die Bekanntſchaft der Perſonen, welche in dem Hauſe neben Adhemar wohnen. Herr Dardanus Sublimèô iſt ein Mann von fünf⸗ undfünfzig Jahren, klein, mager, kränklich, häßlich und lächerlich; das Letztere, weil er nie etwas Ge⸗ fälliges an ſich gehabt hatte und doch ſtets gefall⸗ ſüchtig wie eine Frau war, und weil, je älter er wurde, ſeine Einbildung ſich ſteigerte. Er hatte zwei kleine, fahle Augen, eine kleine, zuſammengekniffene Naſe und einen ſehr breiten Mund, welcher unauf⸗ hörlich lächelte, doch ohne ſich aufzuthun, um den 64 beinahe vollſtändigen Verluſt ſeiner Zähne nicht ſehen zu laſſen. Er trug eine außerordentlich ſchön gefer⸗ tigte und eine ſo gut gepflegte und gelockte Perrücke, daß man auf den erſten Blick die falſchen Haare er⸗ kennen mußte; endlich legte er rothe Schminke in Eſſig auf und machte ſich zwei Stunden des Tages mit ſeinen Nägeln zu ſchaffen. Herr Sublimé hatte in ſeinem Leben mehrere Un⸗ ternehmungen ausgeführt und keine war ihm miß⸗ glückt. Es gibt Leute, welche ihr Glück machen, ohne daß man begreifen kann, für welche Verdienſte ſie Fortuna belohnen will; allein dieſe Dame pflegte ſel⸗ ten großen Unterſchied in der Wahl ihrer Günſtlinge zu machen. Nachdem Herr Sublimé durch den Be⸗ trieb ſeiner Geſchäfte ein Vermögen angeſammelt hatte, das ihm dreißigtauſend Franken Renten einbrachte, ſo war er auf nichts Anderes mehr bedacht, als ſein Leben in aller Gemächlichkeit hinzubringen, indem er ſeine werthe Perſon pflegte, und allen den kleinen Launen, die ihm in den Kopf kamen, freien Lauf ließ. Denn außer der kleinlichen Sorgfalt, welche er auf ſeine Toilette verwandte, war Herr Sublimé noch dazu ein Sonderling, der ſeine Eigenheiten manch⸗ mal bis zur Narrheit trieb. 1 So hatte dieſer Herr einige Zeit hindurch eine leidenſchaftliche Vorliebe für die Vögel gefaßt: es war kein Zimmer in ſeinem Hauſe, wo man nicht auf Käfige ſtieß, die mit ihren Bewohnern prangten. Auf jedem Möbel hatte Herr Sublimé welche ange⸗ bracht; wohin man ſich wenden mochte, überall er⸗ 65 blickte man Zeiſige, Stieglitze, Meiſen, Goldammern, Papageien. Selten trat der Hausherr über ſeine Schwelle, ohne einen neuen Vogel mitzubringen. Frau Sublimé war am Verzweifeln; ihre Wohnung war ein Vogelhaus geworden, es hatte deſſen Wohl⸗ geruch und deſſen Reinlichkeit. Glücklicher Weiſe für ſie hatte eines Tages ein wirklich ſehr zahmes Pa⸗ pageienweibchen, dem Herr Sublimé nicht die ge⸗ ringſte Bösartigkeit zugetraut hätte, den Einfall, von dem Fleiſch ſeiner Naſe zu koſten: mit ihrem zierlichen kleinen Schnabel entführte ſie ihm ein Stück derſelben, das er nicht wieder einſetzen konnte. Von dieſem Augenblick an warf Dardanus Sublimé alle ſeine Vögel aus dem Hauſe, und ſein Abſcheu vor dem Vögelgeſchlecht wurde nun eben ſo ſtark, als frü⸗ her ſeine Vorliebe dafür geweſen war. Der Geſchmack an den Vögeln machte nun dem für Gipsfiguren Platz. Herr Sublimé wurde ein Verehrer von Büſten und kleinen Statuen: er mußte alle Venusbilder, alle Apollo's haben. Seine Woh⸗ nung wurde nun ein Gipsfigurenmagazin: auf allen Möbeln ſtanden ſie umher; ja nicht ſelten ſtieß man veim Oeffnen eines Schrankes ſtatt auf einen Con⸗ fecttopf auf eine Gruppe badender Mädchen, und wenn man einen Sack mit gedörrten Pflaumen in der Hand zu haben glaubte, ſo waren es, genauer beſehen, die drei Grazien; ebenſo konnte man an⸗ ſtatt Zuckerbrods die Büſte Lord Byrons oder der Taglioni bekommen. Die Gipsfiguren rochen zwar Paul de Kock. XXXVII, 5 nicht ſo übel wie die Vögel, aber ſie verunreinigten die Möbeln und gaben der Wohnung das Ausſehen einer nichts weniger als eleganten Künſtlerwerkſtätte. Als ſich Frau Sublimé gegen ihren Gemahl dar⸗ über beſchwerte, daß iore Wohnung mit den kleinen Bildwerken ganz übenſaden ſei, ließ dieſer ſeine Blicke über alle ſeine Gipsfie cen hingleiten und rief:„Wie, Madame, Sie finden dieſes nicht hübſch! Sonder⸗ bar! Sieind ſehr wunderlich, Madame. Unter⸗ ſuche Sie einmal dieſe Venus, betrachten Sie hier den Latihn.. ha, iſt dieß nicht bezaubernd? Und dieſer Herkies, der der Hyder den Garaus macht, und dieſer oicke, mit Epheu und Weinlalub bekränzte Silen... dieß Alles ſollte nach meiner Meinung ein Zimmer nur verſchönern können.“ Ein Unfall, der dazwiſchen kam, bewirkte mehr als alle Vorſtellungen der Madame Sublimé. Eines Abends befand ſich Dardanus vor einem Spiegelar⸗ moir, äußerſt bemüht, ſich die Wangen mit einem Schönheitsmittel zu reiben, das die Gänſefüße ver⸗ treiben ſollte, als mehrere Gipsfiguren, welche oben auf dem Armoir ihren Standort hatten, ſich los⸗ machten und Herrn Sublimé auf den Kopf fielen. Eine Venus ſchlug ihm eine mächtige Beule in die Stirne, ein Merkur zerriß ihm das Ohr und eine Hebe brachte ihm ein blaues Auge bei. Der kleine Mann erhob ein großes Geſchrei, wurde ohnmächtig und befahl, als er wieder zu ſich gekom⸗ men war, ſeiner Magd, alle Gipsfiguren zum Fen⸗ ſter hinauszuwerfen. 67 Die Magd ließ ſich das nicht zweimal ſagen; ihre Frau half ihr bei dieſer Beförderung, und den an⸗ dern Morgen glich die Wohnung der Madame Su⸗ blimé nicht mehr der Werkſtätte eines Figurenformers. Man hätte jetzt erwarten können, daß Herr Su⸗ blimé nach dieſen beiden Unfällen ſich ſeinen Leiden⸗ ſchaften weniger überlaſſen, oder wenigſtens mehr Verſtand bei ſeinen Liebhabereien zeigen würde. In der That begnügte ſich auch der kleine Mann einige Zeit, ſich mit ſeiner Perſon abzugeben; da er aber durchaus etwas Abſonderliches haben mußte und mit ſich ſelber nichts Abſonderliches anfangen konnte, ſo ſtand es nicht lange an, daß er eine große Zunei⸗ gung zu Standuhren und Spieldoſen faßte. Bald waren auf dem Kamin nicht weniger als drei Stand⸗ uhren aufgepflanzt; in allen Zimmern ſeiner Woh⸗ nung brachte er welche an, ja er begnügte ſich nicht damit, bloß die Kamine damit zu verſorgen: ſein Logis, das zuvor ein Vogelhaus und ſpäter eine Gips⸗ figurenwerkſtatt geweſen war, wurde nun ein Uhr⸗ macherladen, ausgeziert mit jenen kleinen Glocken⸗ ſpielkäſtchen, deren einige ohne Unterbrechung fünf Minuten lang ſpielten. Dieſe letztere Narrheit hatte in Wahrheit eine weniger unangenehme Seite und Madame Sublimé ergab ſich in die Nothwendigkeit, ſich an ein Leben unter Standuhren zu gewöhnen. Das Unangenehmſte bei der Sache war, daß man gar nie recht wußte, wie viel Uhr es war, denn die Standuhren ſchlugen in der That ſehr ſelten miteinander, Schlug es auf * 68 einer derſelben zwölf Uhr, ſo fing ſofort eine zweite zwölf zu ſchlagen an, dann wieder eine im nächſten Zimmer, eine vierte noch entfernter, ſo daß man zuweilen zehn Minuten lang nichts als zwölf Uhr ſchlagen hörte, und dieß wiederholte ſich alle Stun⸗ den ganz auf dieſelbe Weiſe. Die Gattin des Dardanus Sublimé hatte auch ihren guten Part Sonderbarkeit. Es war eine große, ziemlich wohlgebaute Dame, mit ſtark ausgeprägten, männlichen Zügen; ſie war mit einer großen Ha⸗ bichtsnaſe und mit zwei hervorſtehenden Augen, welche ſie beſtändig mit vieler Majeſtät rings um ſich laufen ließ, von der Natur ausgeſtattet. Dieſe Dame machte Anſpruch auf Gelehrſamkeit und wiſſenſchaftliche Kennt⸗ niſſe: ſie hatte das Griechiſche und Lateiniſche zu ler⸗ nen verſucht und bemühte ſich immer im Geſpräch, ihre Kenntniſſe zur Schau zu tragen. Sie ſpöttelte über die Verkehrtheiten ihres Ehegemahls, welchen ſie übrigens weit unter ſich erblickte, und ohne Unter⸗ laß mit Leſen und einem Werke beſchäftigt, das ſie ſchon ſeit fünfzehn Jahren zu verfaſſen im Sinn hatte, hätte ſie es unter ihrer Würde gehalten, ſich mit öko⸗ nomiſchen Kleinigkeiten zu befaſſen. Aus dieſer ſo traurig zuſammengeſetzten Verbin⸗ dung waren zwei Kinder hervorgegangen: eine Tochter⸗ Fräulein Idalia, welche im Alter von ſiebzehn Jah⸗ ren ſtand und faſt ſchon ſo groß als ihre Mutter war. Sie hatte ziemlich hübſche Züge und ein ſpre⸗ chendes Geſicht, aber etwas Dreiſtes, Spöttiſches, überhaupt fehlte ihr Das, was den Zauber, die 69 Schönheit eines jungen Mädchens ausmacht; man hätte ſie eher für eine Wittwe halten können. Sodann Herr Eudoxius, welcher acht Jahre zählte; es war dieß das kleine Wundermännchen, von dem Herr Bourdichon Adhemar erzählt hatte. Seiner Schönheit wegen konnte man dieſen kleinen Knaben kein Wunder nennen, denn er war noch viel häß⸗ licher als ſein Vater, obgleich er auch eine große und noch weit mehr an den Adler erinnernde Naſe hatte als ſeine Frau Mutter. Allein Eudoxius ſprach immerfort, er miſchte ſich in jede Unterhaltung. In einem Salon machte er größeren Lärm als zehn Per⸗ ſonen, auf der Promenade geſtikulirte er unaufhör⸗ lich und lief den Leuten unter die Beine, bei Tiſch trank er trotz einem Erwachſenen, im Theater ſprach er ſo laut, daß man ihn fortſchaffen mußte, und aus all' dieſem ſchloß Madame Sublimé, daß ihr Sohn nothwendiger Weiſe ein Weltwunder ſein müſſe. Belauſchen wir jetzt die Familie Sublimé in dem „Augenblick, wo ſie ſich ankleidet, um auf den Ball der Frau Bourdichon zu gehen.. Frau Subplimè hatte das Koſtüm der Sappho ge⸗ wählt; ſie glaubte große Aehnlichkeit mit der berühm⸗ * ten Lesbierin zu haben, nicht der äußern Geſtalt nach, denn Sappho war klein und hatte eine ſchwärzliche Haut, deſto mehr aber der Geiſteskraft nach, indem ſie ſo gut wie jene für eine zehnte Muſe gelten zu können meinte. Herr Dardanus Sublimé hatte lange nach einem Koßüm geforſcht, das für ihn das paſſendſte wäre; er entſchloß ſich endlich, das eines Roué aus der Zeit Ludwigs XIII anzulegen. Fräulein Ida ver⸗ kleidete ſich en Camargo und das kleine Wunderthier wollte durchaus ein Polichinell ſein, obgleich ihm ſeine Mutter mehr als einmal vorgeſtellt hatte, daß dieſe gemeine Verkleidung unter ſeiner Würde wäre. Der Friſeur, den man um acht Uhr erwartet hatte, war um neun Uhr noch nicht da; die Damen, zur Hälfte angekleidet, gingen ärgerlich von einem Zimmer in das andere. Herr Sublimé hatte ihnen gut ſagen:„Es iſt erſt halb neun Uhr!— Ja,“ antwortete Ida, ſpöttiſch lachend,„ſeit dreiviertel Stunden hat es auf den Standuhren im Saal und im Speiſezimmer halb neun geſchlagen.— Die in meinem Zimmer gehen beſſer!“ ſagte Herr Sublimé, indem er eine ungeheure Lockenperücke, die ihm Stirn und Schläfe beſchattete, auf ſeinen Kopf drückte, was ihm das Ausſehen einer alten Trauerweide gab.— „Wie angenehm iſt's, ſechsunddreißig Standuhren zu haben!“ murmelte Frau Subliméz„man iſt nie im Stande, zu wiſſen, wie viel Uhr es iſt.— Geduld, meine Liebe, ſie werden noch alle mit einander ge⸗ hen... wie ein Grenadierregiment.— O, ich bin bald friſirt!“ ſagte Eudoxius, indem er ſich bemühte, die Bocksſprünge eines Polichinells im Saale zu ma⸗ chen,„ich habe eine Baumwollenperücke... O, das gibt meinem Kopf das Ausſehen eines Hammels... tralala!— Eudoyxius, tanze doch nicht auf dieſe Art, mein Lieber!“ rief die Mama,„Du willſt Bocksſprünge machen?— Pah, pah, ich will dieſen Abend auf dem 71 Ball die Polichinelle tanzen... Sie ſehen, wie ich tanzen werde!— Wo ſind meine Stiefel, meine gelben, trichterförmigen Stiefel 2u rief Herr Sublimé, indem er wie toll das Zimmer hin⸗ und herrannte.— „Ach Gott, mein Herr, ich habe Ihre Stiefel nicht genommen! Sie werden doch nicht meinen, die alte Sappho werde trichterförmige Stiefel angehabt ha⸗ ben!— Das habe ich nicht geſagt; aber wo ſind die Halbſtiefel, die zu meiner Maske gehören?— Ich ſah, daß die Hausjungfer ſie wegnahm!“ ſagte Eu⸗ doxius.—„Ach, mein Gott, wenn ſie dieſelben nur nicht wichst... das wäre ein ſchöner Streich! Meine gelben Stiefel, Marie; wichſen Sie mir um Gottes⸗ willen meine mittelalterlichen Stiefel nicht!“ Damit lief Herr Sublimé in die Küche, Ida⸗ lia lief überall hin, Nadeln zu ſuchen, Madame Sublimé wühlte in allen Schubladen, kehrte alle Lappen um, um ſchwarzen Taffet zu Schönpfläſter⸗ chen zu finden, das kleine Wunder endlich ſchlug an Einem fort Purzelbäume, indem er rief:„Mein Mundſtück! Wo hat man mein Mundſtück hingethan 2 Ich will mich üben, wie die Polichinelle zu reden!“ Endlich erſchien der Friſeur. Die Damen murr⸗ ten, ſehr leiſe jedoch und wie wenn ſie ſich fürchteten, ihn zu ärgern. Das iſt ein gar koſtbarer Mann, ein Friſeur! So oft ich ſah, mit welcher Mühe man es dahin bringt, daß dieſe Herren zur gewünſchten Zeit da ſeien, ſo oft ſtellte ich mir die Frage, warum doch ſo viele Leute, welche weder eine Stelle noch Arbeit bekommen können, nicht alsbald Friſeure werden. 72 Bei Madame Sublimé fing der Haarkünſtler ſein Geſchäft an. Sie vertraute ihm ihr Haupt mit den Worten:„Ich bin als Sappho verkleidet. Sie ſehen .. eine Frau aus Lesbos. Ich bedarf einer Friſur, die dieſer Rolle angemeſſen iſt... Sie begreifen... — Halten Sie ſtill!“ Damit friſirte der Künſtler mit unerſchütterlicher Zuverſicht die Madame Sublimé aufchineſiſche Manier. „Wer knüpft mir meine Halskrauſe hinten?“ ſagte Dardanus, indem er auf ſeine Gemahlin zutrat und ihr den Hals hinbot.—„Ach, mein Herr, laſſen Sie mich in Ruhe! Sie ſehen wohl, daß man mich als Sappho friſirt.. Laſſen Sie ſich die Krauſe von Ihrer Tochter anbinden.— Jdalie, willſt Du mir meine Halskrauſe anbinden?— Papa, ich ſtülpe die Taſchen meines Kleides auf... ich habe keine Zeit dazu... wenn ich dieſes nicht feſtnähe, ſo wird es beim Tanzen nicht halten... Wenden Sie ſich an Marie!— Marie, Marie, kommen Sie doch, mir meine mittelalterliche Halskrauſe anzubinden!— Mein Herr, ich habe ſchmutzige Hände; laſſen Sie mich doch mein Tiſchgeſchirr vollends rein machen... Ich habe dieſen Abend eine Maſſe Aufträge zu beſorgen, ich werde nirgends fertig.— Sage doch, Eudoxius, kannſt Du nicht etwa mir dieſe Halskrauſe hinten am Halſe feſtknüpfen? In meinem Anzug da kann ich keinen Arm aufheben.“ Statt aller Antwort verſuchte Eudoxius zu tanzen, indem er ſich in einer bis auf die Kniee gebückten Stellung hielt. 73 Endlich war die Friſur der Frau Sublimè fertig; ſie trat vor einen Spiegel, lächelte und⸗ ſagte:„Es macht ſich ſehr hübſch, ja, in der That, ſehr hübſch! Allein ich glaube, daß die Frauen Griechenlands Stirnbänder trugen...— Ja, ja!“ erwiederte der Künſtler;„voriges Jahr kann dieß ſo geweſen ſein, aber dieß Jahr friſirt man alle Sapphos auf dieſe Weiſe. Rüſten Sie ſich, Fräulein, jetzt kommt es an Sie!“ Während man Fräulein Idalia die eruderte Pe⸗ rücke einer Camargo auf den Kopf ſetzte, ging Herr Sublimé, der ſich am Ende ſeine Halskrauſe ſelbſt hatte zuknüpfen müſſen, auf eine kleine Spieldoſe zu⸗ welche auf einem Tiſchchen aufgeſtellt war, zog an einer Feder, nach dem Friſeur mit einer ſchalkhaften Miene blickend, und alsbald fing die Doſe den Walzer des Robin des Bois zu ſpielen an. Der ganz mit ſeiner Kunſt beſchäftigte Friſeur ſchien auf dieſe Muſik im Kleinen, die von der Ecke des Spiegeltiſchchens herübertönte, nicht zu horchen. Dardanus jedoch ſtieß den Künſtler an, indem er ſagte:„He, was ſagen Sie hiezu?— Zu was denn? erwiederte der Friſeur, indem er eine ſchwarze Steck⸗ nadel befeſtigte.—„Wie... zu was denn! Hören Sie denn dieſe Muſik nicht?— Ach freilich, das iſt eine Vogelorgel.— Eine Vogelorgel? das verſtehen Sie ganz und gar nicht! Die Vogelorgeln ſpielen nicht von ſelber; man muß an einer Handhabe, wie an einer Straßenorgel, drehen, allein ſehen Sie, dieſe hier hat kein Menſch angerührt.— Ich wünſchte noch 74 mehr Stecknadeln!— Horchen Sie, das iſt wieder eine andere Melodie: ſie ſpielt jetzt einen Marſch.— Mein Gott, Papa, laſſen Sie doch den Herrn an meiner Friſur; mit Ihrer Muſik werden Sie es ſo weit bringen, daß mein Nacken nicht recht gepudert und mein kleiner Hut nicht recht aufgeſetzt wird.— Halten Sie ſtill, Fräulein; ich verſichere Sie im Ge⸗ gentheil, daß Sie ſich ſehr gut ausnehmen werden... aber es mangelt an Stecknadeln.— MNutter, gib uns doch Stecknadeln!“ Madame Sublimè betrachtete ſich in einem Spie⸗ gel: ſie fand ihr Ausſehen trefflich; gleichwohl ſtrengte ſie ihr Gedächtniß an, ob ſie die Sapphos wohl mit chineſiſcher Friſur geſehen habe. Während ſie ſich bemühte, für ihre Tochter Steck⸗ nadeln aufzufinden, fing Herr Sublimé den Friſeur wieder zu ſtoßen an, indem er halblaut zu ihm ſagte: „Wieder eine andere Melodie: das iſt die Romanze des Rothkäppchens!“ Fräulein Idalie ſtampfte vor Ungeduld mit dem Fuße, während der Friſeur, ſtatt der Antwort, ſich begnügte zu ſagen:„Stecknadeln, Stecknadeln!“ Plötzlich fingen die Uhren zehn Uhr zu ſchlagen an: die einen gingen miteinander, die andern jedoch etwas hintendrein; alles dieß machte ein Geklingel und ein Getöſe, das gar nicht aufhören wollte. Der Friſeur, der endlich Stecknadeln erhalten hatte, rief:„Horch, Sie haben ein ſamaritaniſches Glockenſpiel hier?— Je, mein Gott, das ſind unſere Uhren!“ ſagte Frau Sublimé.„Wenn ſie beinahe — 75 miteinander ſchlagen, ſo iſt es nicht zum Aushalten. Doch es iſt zehn Uhr und ich ſehe Herrn Monſignard, welcher uns auf den Ball begleiten ſollte, immer noch nicht kommen. Es iſt Zeit zum Fortgehen. Wenn Idalia friſirt ſein wird, ſo wollen wir gehen. Sind Sie fertig, Herr Sublimé?— Ja, aber dieſe gel⸗ ben Halbſtiefel geniren mich ſchauderhaft; ich weiß nicht, ob ich werde darin laufen können.— Es iſt hohe Zeit, daß Sie hieran denken.— Fräulein,“ ſagte der Friſeur, indem er den kleinen Hut auf Idalia's Kopf ſetzte,„wollen Sie ihn etwas rück⸗ wärts?“ 3 Herr Sublimé fing von Neuem den Arm des Künſtlers zu berühren an, indem er ſagte:„Aber⸗ mals eine andere Melodie: das iſt ein Hopſer.— Papa, Sie ſind in der That fürchterlich... Laſſen Sie doch den Herrn in Ruhe mit Ihrer Muſik!... Wollen Sie denn, daß ich eine verkehrte Friſur er⸗ halte?— Nein, allein es macht mir Vergnügen, ihm bemerklich zu machen, daß dieſe Doſe vier Me⸗ lodien ſpielt und zwar ganz vollſtändig... ich habe noch eine andere, die deren fünfe ſpielt...— Man klingelt!“ rief Frau Sublimé.„Sicher Herr Mon⸗ ſignard. Das iſt ſehr angenehm... Tarde venien- tibus. ℳ*) Ehe Sappho ihr Citat zu Ende bringen konnte, ſah man Adhemar in ſeiner Seemannsmaske erſcheinen. „Guten Morgen, Monſignard!“ ſchrie der kleine Wer nicht kommt zu rechter Zeit... 76 Eudoxius, indem er mit ſeinem Mundſtück die Stimme eines Polichinells nachahmte;„wie hübſch biſt Du verkleidet, ich kenne Dich nicht mehr!— Das iſt ja Herr Adhemar Marilly!“ ſagte Dardanus, indem er mit ſeinem Mund die Halskrauſe herunterzudrücken ſich bemühte, welche jeden Augenblick ſich bis an ſeine Naſe heraufmachte.—„Ei ja, wahrhaftig!“ rief Madame Sublimé, indem ſie den neuen Ankömm⸗ ling holdſelig anlächelte, während Fräulein Idalia, als ſie den Namen Adhemar nennen hörte, ungedul⸗ dig und unruhig auf ihrem Seſſel wurde und leiſe zum Friſeur ſagte:„O, richten Sie mich doch recht ſchön her. Machen Sie es ſo hübſch Sie können, und ſputen Sie ſich... nicht wahr?— Ich wollte ſagen, ja, ich hatte ſchon die Stelle zu citiren be⸗ gonnen: Tarde venientibus... in der Meinung, es wäre Herr Monſignard; allein es paßt dieſes nicht auf Sie, Herr Adhemar, denn wir hofften nicht, das Vergnügen zu haben, Sie dieſen Abend bei uns zu ſehen...— Madame,“ erwiederte Adhemar, indem er die ganze Familie begrüßte,„ich begegnete dieſen Abend Herrn Bourdichon, welcher von der Jagd zu⸗ rückkam. Herr Monſignard, welcher mit ihm gejagt hatte, fühlte ſich zu ermüdet, um auf den Ball zu gehen, und da Sie vergebens auf ihn gewartet ha⸗ ben würden, ſo habe ich den Auftrag übernommen, an ſeiner Stelle zu erſcheinen.— Ah, das iſt ſehr liebenswürdig von Ihnen... Sie werden alſo mit uns auf den Ball gehen?— Wenn es Ihnen nicht hinderlich iſt?— Im Gegentheil,“ ſagte Idalia, ves * 77 iſt uns viel lieber, Herr Monſignard tanzt nicht, während Sie.— So, mein Fräulein, jetzt ſind Sie friſirt!“ Idalia erhob ſich und lief an einen Spiegelz ſie betrachtete ſich anhaltend darin, ließ aber dabei fters ihre Blicke auf den jungen Mann fallen, der ſo eben erſchienen war. Man konnte merken, daß ſie eine beifällige Bemerkung zu erhalten hoffte; allein in dem Augenblick, da ſich Adhemar ihr nähern wollte, nahm Herr Sublimé den engliſchen Seemann ganz ſachte am Arm und führte ihn vor eine Kommode, auf wel⸗ cher ein anderes Muſikkäſtchen aufgeſtellt war. Er drückte an die Feder, indem er ſagte:„Haben Sie je welches gehört, das einen Harmonikaton wie dieſes hat?— Das iſt bezaubernd, das iſt köſtlich!“ er⸗ wiederte Adhemar, während Fräulein Idalia ärger⸗ lich mit dem Fuß ſtampfte und den Spiegel verließ, indem ſie murmelte:„Nächſter Tage werde ich alle dieſe Orgeln zum Fenſter hinauswerfen... Man mag noch ſo ſchön friſirt ſein, doch wird man keiner Be⸗ achtung gewürdigt!— Ich werde den Befehl geben, daß man ein Gefährt beſtellt,“ ſagte Madame Sublimé; „es wird nicht lange dauern... den Vorderſitz werden wirt einnehmen.— Aber haben Sie ausdrücklich ein zweiſpänniges beſtellt?“ fragte Herr Dardanus, in⸗ dem er ſich jetzt auch im Spiegel beſah;„wir werden in einer kleinen Stadtkaleſche nicht Platz haben!— Mein Gott, mein Herr! halten Sie mich für eine ſo ſchlechte Mathematikerin, daß Sie eine ſolche Frage an mich richten?... Herr Adhemar, wie gefällt Ihnen mein Sapphokoſtüm?— Vortrefflich, Madamel es iſt unmöglich, es beſſer zu tragen.— Ah, Sie ſchmei⸗ cheln mir!— Nur das Eine, wenn ich mir eine Bemerkung erlauben dürfte...— O reden Sie... Sie machen mir ein Vergnügen.— Die chineſiſche Friſur ſcheint mir die dem Koſtüm weniger ange⸗ meſſene zu ſein.— Nicht wahr! ich habe dieß auch gedacht... Dieſe Haarkünſtler ſi ſind nicht bei Troſt... iſt er fort? Marie, Marie! man muß den Friſeur holen!“ Frau Sublimè lief auf die Treppe und rief ihrer Hausjungfer; unterdeſſen näherte ſich Ida Adhemarn und ſagte zu ihm:„Sie haben da eben etwas Schönes angerichtet... Seh'n Sie'mal, Mama will ſich auf’'s Neue friſiren laſſen... Wir werden vor Mitternacht nicht fortkommen.— Sie haben Recht... ich habe da eine Dummheit geſagt,“ erwiederte Adheiuar,„allein ich werde ſie wieder gut machen.“ Frau Sublimé trat wieder herein mit den Worten: „Marie iſt fort, ein Gefährt zu beſtellen; allein ſo⸗ bald ſie wieder kommt, muß ſie mir den Friſeur holen.— Entſchuldigung, Madamel erlauben Sie mir eine Bemerkung,“ ſagte Adhemar,„ich erinnere mich jetzt, einen Kupferſtich geſehen zu haben, auf welchem Sappho gerade in dem Moment vorgeſtellt iſt, wo ſie ſich vom leukadiſchen Felſen ſtürzt, und da war ſie durchaus ſo friſirt, wie Sie hier; wahr⸗ ſcheinlich hatte die berühmte Lesbierin vor jenem Sprung ein's joniſche Meer ihre Haare auf chineſiſche Art auf⸗ gebunden, damit ſie ihr nicht in die Augen kämen.— 79 Wirklich!“ rief Madame Sublimé mit einer entzückten Miene,„Sie haben dieß im Kupferſtich geſchen? O dann bleibe ich ſo... Sappho im Moment, wo ſie den leukadiſchen Sprung thut! Dieſer Moment iſt der intereſſanteſte ihres Lebens; ich bin hocherfreut, daß der Friſeur dieſen genialen Gedanken gehabt hat.— Das Gefährt iſt unten,“ ſagte die unter der Thüre erſcheinende Magd.—„Geh'n wir, geh'n wir!— Steht mir mein Anzug gut, meine Damen?“ fragte Dardanus, indem er ſich vor ſeine Frau und Tochter ſtellte.—„Ja, ja, ſehr gut!— Daß ſich meine Halskrauſe immer heraufmacht, das genirt mich!— Das wird ſich geben... ſie wird im Tanzen her⸗ untergehen.— Ach, meine Handſchuhe! meine Hand⸗ ſchuhe!— Ach, mein Sacktuch!— Ach, mein Blu⸗ menſtrauß!— Warten Sie doch... und mein Fächer! eine Camargo darf ſich nicht ohne Fächer ſehen laſſen.— Da iſt er; man wartet immerhin bis zum letzten Augenblick... Eudoxius, haſt Du, was Du brauchſt?— Ja, ja!... ja! prrrriſti! Meine Herren, meine Da⸗ maen!— Seht, er hat ſchon ſein Mundſtück zwiſchen den Zähnen.. welch ſchreckliches Kind.. Gib nur wenigſtens Acht, daß Du es nicht hinunterſchluckſt.— Seid rrrrrrruhig, meine Herrrrn, meine Damen.— Wie wollen wir es denn machen, daß wir bis zum Gefährt kommen? Sie wiſſen, daß man über den Boulevard muß und es iſt entſetzlich ſchmutzig... zu⸗ dem iſt die Pechpfanne vor unſerem Hauſe zerbrochen und noch nicht wieder hergeſtellt.— Seht da die Un⸗ annehmlichkeit, wenn man auf dem Boulevard wohnt,“ 8— 4 80 ſagte Herr Sublimé,„die Gefährte können nicht bis an die Hausthüre gelangen. Zumal ich mit meinen gelben Trichterſtiefeln kann nicht in dieſem Kothe laufen.— Aber wir etwa?— Ich, die ich Atlas⸗ ſchuhe anhabe?— Und ich mit meinen Theaterſtie⸗ feln?— Ich habe lakirte Stiefel,“ ſagte Adhemar, „allein, da es einmal ſein muß, hoffe ich bei vor⸗ ſichtigem Auftreten unangefochten bis zum Gefährt zu kommen.“ Unter ſolchen Geſprächen kam die Familie bis unter die Hausthüre. Man unterſuchte den Boden, man maß mit den Blicken die Diſtanz ab, die zu durchſchreiten war, und die Damen riefen:„Es iſt unmöglich, in dieſem Schmutze zu laufen.— Wenn ich nicht ſelbſt genöthigt wäre, Vorſicht anzuwenden, um vom Schmutze frei zu bleiben, gewiß, meine Da⸗ men! ich würde Sie bis zum Gefährt tragen,“ ſagte Adhemar;„allein mir ſcheint, der Kutſcher, der nichts an ſich verderben kann, könnte Ihnen ſehr wohl dieſen Dienſt leiſten.— Sie haben Recht,“ ſagte Frau Su⸗ blimé,„der Kutſcher muß uns auf ſeinen Armen hinübertragen... Laß ſehen, rufen wir ihn an... Wenn nur dieſer Menſch auch ſtark genug iſt.— Ich,“ ſagte die Hausjungfer,„will einmal den Kleinen hin⸗ übertragen.“ Damit nahm Marie den Polichinell auf ihren Arm, ging quer über den Boulevard und ſetzte das Kind in das Gefährt, indem ſie zum Kutſcher ſagte:„Friſch, vom Bock herunter... man bedarf Eurer!— Was, mich! wozu denn?— Geht her⸗ unter, ſag' ich!“ 5 81 Dceer Kutſcher war eine kleine, ziemlich ſtarke Perſon, roch aber ſo ſehr nach Wein, daß dieß weder ange⸗ nehm, noch mutheinflößend für Die ſein konnte, die von ihm getragen werden ſollten. „Kann Er mich wohl bis zu ſeinem Gefährt tra⸗ gen?“ ſagte Madame Sublimé, indem ſie ſich an ihren Automedon wandte, welcher ſo eben an der Thüre erſchien.—„Sie? Ha, ich glaub' ſchon!— Aber Er muß Achtung geben, daß Er an mir nichts zerdrückt.— Sei'n Sie ganz ruhig.“ Damit bückte ſich der Kutſcher und hielt ſich ſchon parat, die Sappho aufzuheben, als dieſe einen Sprung rückwärts that und mit ſchreckenvoller Stimme rief:„Ach Gott, Kut⸗ ſcher! Ihr riecht auf eine höchſt widerliche Weiſe nach Wein.— Ei nun! Wonach ſoll ich denn riechen, nach dem Wunſche dieſer Dame? Nach meiner Anſicht hat der Wein und ſein Geruch da nichts Unangenehmes, im Geringſten nichts! Heda! Seh'n wir, ſeh'n wir! Soll ich Sie tragen, ja oder nein? Das Ding fängt mir an langweilig zu werden.— Mama, laſſen Sie ſich doch aufheben,“ ſagte Idalia ganz leiſe zu ihrer Mutter,„es iſt ja bald geſchehen.— Aber dieſer Menſch hat ſo ein betrunkenes Geſicht, wenn er mich auf den Boulevard fallen ließe!— Kommen Sie, meine Herren, meine Damen!“ rief der Polichinell in ſeiner Chaiſe drin. Madame Sublimé entſchloß ſich endlich und ſagte zum Kutſcher:„Nun, ſo trage Er mich, aber halte Er mich ja immer feſt!“ Paul de Kock. XXXVII. 6 4 82 Der Kutſchex, den alle dieſe Säumniſſe ungeduldig machten, hob eilig Sappho in ſeine Arme und trug ſie bis zum Gefährt. 4 „Das wär' Numero 1,“ ſagte der Kutſcher, in⸗ dem er die Dame in ſeine Miethkutſche niederließ. „Wie nun? bin ich etwa geſtolpert?— Wohlan denn, ſpute Er ſich, an meine Tochter jetzt.“ Der Kutſcher befand ſich ſchon bei dem jungen Mädchen im Reifrock(Camargo), die, ohne den ge⸗ ringſten Tadel gegen ihren Träger zu äußern, glück⸗ lich im Gefährt anlangte; auch Adhemar, der mit vieler Vorſicht auf den Zehenſpitzen den Boulevard überſchritt, ſtieg nun hinein, und der Kutſcher war eben im Begriff, das Thürchen zu ſchließen, als Je⸗ mand zu ihm ſagte:„Je, warte Er doch noch... Sieht Er denn nicht, daß der Roué Ludwigs XIII, der dort unter der Thüre ſteht, auch zu uns gehört... Gehe Er doch und ſuche Er ihn... er ruft ihm ja.— Was! dieſe alte Mummerei, die dort unten ſteht, die ſoll ich auch herübertragen. Der Teufel! hätten Sie zu all Dieſem nicht einen beſondern Geſchäftsmann aufſtellen können!“ Gleichwohl lief jetzt der Kutſcher auf Herrn Su⸗ blimé zu und ſchickte ſich an, ihn aufzuheben, indem er zu ihm ſagte:„Ich hoffe, daß ich für all dieſe Laſten da ein erkleckliches Trinkgeld bekommen werde.“ Allein Dardanus ließ ſich nicht bei den Füßen faſſen, er fürchtete, ſeine Trichterſtiefel möchten, wenn er auf dieſe Art getragen würde, Steifſtiefel werden. Um nicht gedrückt und zerknittert zu werden, zog er es 83 vor, auf den Rücken des Kutſchers zu ſteigen und ſich wie die Kinder Huckepack tragen zu laſſen. „Wenn Sie auf den Rücken wollen... das iſt mir ganz einerlei,“ ſagte der Kutſcher.„Hellauf! klettern Sie und halten Sie ſich feſt; thun Sie es nicht, ſo ſind Sie ſelber ſchuldig, wenn Sie fallen; die ganze Sache geht mich nichts an.“ Der Kutſcher bückte ſich, Herr Sublimé ſtieg auf ſeinen Rücken, umſchlang ſeinen Hals, und ſein Träger ſetzte ſich in Bereitſchaft, ihn hinüberzutragen. Die Perſonen, welche auf dem Boulevard waren, brachen in ein ſtarkes Gelächter aus, als ſie den Roué aus Ludwigs XIII Zeit auf dem Rücken eines Kutſchers erblickten; eben ſo wenig konnten Die, die im Gefährt waren, ſich des Lachens enthalten bei dem Geſicht, das Dardanus in ſeiner mittelalterlichen Verkleidung machte, und dem die Angſt aufgeprägt war, er möchte auf den Boulevard ab⸗ geſetzt werden. Schon war der Kutſcher bis auf etwa vier Schritte dem Gefährt nahe gekommen, als der breitkrämpige, auf die Perücke gepflanzte Hut des Herrn Sublims ſich verrückte und zur Erde fiel.„Mein Hut!“ rief Dardanus, indem er eine Bewegung machte, ſeinen Hut aufzuhalten. Der Kutſcher, welcher den Hut vor ſich liegen ſah, glaubte ihn leicht aufraffen zu können; er bückte ſich, glitt aber dabei aus, die Laſt, die er auf dem Rücken hatte, ließ ihn das Gleich⸗ gewicht verlieren, er fiel und wälzte ſich im Kothe mit dem Roué aus des dreizehnten Ludwigs Zeit. Jetzt erhob ſich ein Geſchrei von allen Seiten.. „Ich will wetten,“ ſagte Sappho,„daß das mei⸗ 84 nem Gemahl begegnet iſt; er verſteht ſich nicht feſt⸗ zuhalten.— Meiner Treu'! ich bin unſchuldig daran,“ ſagte der Kutſcher, indem er ſich wieder aufrichtete, hätten Sie Ihren Hut nicht fallen laſſen, ſo wäre all Dieß nicht geſchehen.— Sind Sie verwundet, Papa?“ rief Idalia.—„Nein, ich bin nicht verwundet,“ ſagte Herr Sublimé, indem er ſich gleichfalls erhob und ſeine Halskrauſe wegzubringen ſuchte, die ſich ihm bis über die Augen heraufgemacht und ein Stirnband gebildet hatte,„aber ich bin ſauber weggekommen, voll Schmutz vom Fuß bis zum Kopf; Kutſcher, Er iſt ein ſchwacher Menſch!— Was ſagen Sie da? Glauben Sie, daß mir das ein beſonderes Vergnügen macht, Sie wie einen Pack zu tragen? Bilden Sie ſich etwa ein, daß das im Miethlohn mitbedungen iſt? Oder bin ich etwa mit Fleiß gefallen?— Je nun, Dardanus, da Sie nicht verwundet ſind, ſo muß man einen Entſchluß faſſen: Sie kleiden ſich an⸗ ders an und kommen dann uns nach auf den Ball... Vorwärts, Kutſcher! Straße Richelieu; wiſſen Sie die Nummer, Herr Adhemar?— Ja, Madame.. ich werde ihm die Thüre zeigen.“ Der Kutſcher ſchloß das Kutſchenthürchen, ſtieg auf ſeinen Bock, peitſchte die Pferde, und die Geſellſchaft fuhr nun auf den Ball, indem ſie den Roué aus Ludwigs Zeit wieder in ſein Haus hinaufgehen ließ⸗ ganz bedeckt mit Straßenkoth und ſchwörend, daß er ſich nicht mehr Huckepack tragen laſſen wolle. 85⁵ Fünftes Kapitel. Der Maskenball.— Bilder nach der Natur.— Das Nachteſſen. Es war halb eilf Uhr, als Adhemar und die ihn begleitenden Perſonen bei Madame Bourdichon an⸗ kamen; die Quadrillen hatten ſich ſchon gebildet, und die Plätze rings um die Tänzer waren rar. Der Ball bot einen anziehenden und mannigfal⸗ tigen Anblick dar: Alles war verkleidet. Einige Herren, die ſich in bürgerlicher Kleidung eingeſtellt hatten, hatte man mit einer Baumwollenmütze und einer Schürze herausgeputzt und auf einer Seite mit Puder beſtreut; ſie hatten es ſich artig und willig gefallen laſſen und ſtellten mit ihrer improviſirten Verkleidung ihren Mann ſehr heiter auf dem Balle. Nur eine einzige Perſon, welche auch in bürgerlicher Kleidung erſchienen war, hatte ſich mit vieler Mühe entſchließen können, ſich mit der Baumwollenmütze vermummen zu laſſen. Ob⸗ wohl dieß ein ſo häßlicher Menſch war, daß ſein Ge⸗ ſicht durch nichts weiter entſtellt werden konnte, gehörte er doch zu jenen auf ihre Manieren, auf ihren Geiſt und ihre Haltung eingebildeten Perſonen, die ſich erhaben über alle Andern dünken, die ſich das Recht anmaßen, hoch herab über das, was um ſie her ge⸗ ſchieht, den Stab zu brechen, und bei welchen man ſtets den Narren erkennt an ihrem pedantiſchen Weſen, an ihrem unverſchämten Blick und an ihren abgezir⸗ kelten und ſteifen Bewegungen. Der, von dem wir ſprechen, war ein ſogenannter Literat; ein Titel, der 86 ſeit einiger Zeit ſo gemein geworden iſt, daß er nichts mehr bedeutet. Herr Malentrain, ſo hieß der Literat, war im Begriff geweſen, ſich zu entfernen, als er mit der Hausregel bekannt gemacht worden war; er hatte behauptet, daß ſie auf ihn keine Anwendung finden könne; es ſchmerzte ihn, auf ſeinem Kopf eine baum⸗ wollene Mütze tragen zu ſollen. Er war erſtaunt, daß man ihn wie die andern Perſonen der Geſellſchaft behandle; er hatte nach Herrn Bourdichon gefragt, jedoch hierauf die Antwort erhalten:„Der Herr iſt eben fort, um ſich zu maskiren; er iſt nicht mehr im Saal.“ Auf Dieß hatte er die Madame rufen laffer, welche, den Lärm vernehmend, der an der Thüre ihrer Zim⸗ mer gemacht wurde, ſchnell herbeikam, in der Meinung, es handle ſich um einen Carnevalsſcherz. Als ſie je⸗ doch den Literaten die baumwollene Mütze und die Schürze, welche man ihm anlegen wollte, zurückweiſen ſah, ſagte Madame Bourdichon mit ihrem liebens⸗ würdigen Lächeln und ihrer Silberſtimme zu ihm: „Es thut mir ſehr leid, Herr Malentrain! allein es iſt allgemeines Geſetz.— Wie, Madamel eine Baum⸗ wollenmütze... mir?“ Dieſes„mir“ wurde von ihm ſo nachdrucksvoll ausgeſprochen, daß die junge Dame ein Lachen nicht unterdrücken konnte; ſie erwiederte:„Ich verſichere Sie, daß ſich dieß ſehr gut ausnehmen wird; allein wenn Sie ein anderes Koſtüm anzulegen vorziehen, ſo gehen Sie, eins zu holen und kommen Sie maskirt wieder.“ —— — 87 Herr⸗Malentrain hatte hierauf etwas gemurmelt, ſich mit grimmigem Geſichte entfernt, und geſchworen, ſich nicht als Küchenjunge vermummen zu laſſen. Unterdeſſen war die Hauswirthin, welche etwas Beſ⸗ ſeres zu thun hatte, als die Erörterungen dieſes Herrn anzuhören, wieder in ihre Salons getreten. Der Li⸗ terat war ſofort einige Stufen der Treppe hinabge⸗ ſtiegen, als er aber ſah, daß Niemanden einfiel, ihn aufzuhalten, hielt er im Fortgehen inne, bei ſich über⸗ legend, daß auf den Ball nothwendig ein Nachteſſen folgen werde, daß überhaupt Herr Bourdichon ſeine Sachen prächtig einzurichten wiſſe, und daß er durch ſeinen Eigenſinn nur eine Gelegenheit vorbeilaſſen würde, ſeinen Gaumen zu kitzeln und ſeinen Magen zu füllen. Das Ende dieſer Ueberlegung war, daß er wieder auf den Ball zurückging, ſich die Mütze, den Puder und die Schürze gefallen ließ, und ſodann mit übel⸗ launiger Miene in den Zimmern hin⸗ und herging, feſt entſchloſſen, Alles, was er ſehen würde, zu kri⸗ tiſixen. Für eine Frau vom Hauſe iſt es keine Kleinigkeit, zweihundert Perſonen bei ſich zu empfangen, jedem Ankommenden etwas Schönes zu ſagen, den Damen Plätze anzuweiſen, auf die Complimente der Männer zu antworten, zu wachen, daß zur Feſtlichkeit nichts fehle, und doch noch Zeit zu finden, mit Denen zu plaudern, welche unter dieſer Maſſe einiges Recht zu beſonderer Auszeichnung haben. Mathilde(dieß war der Name, den der Gattin des dicken Jägers 88 ihre Freundinnen gaben) wußte ſich dieſer Pflichten einer Hauswirthin vollkommen zu entledigen: ſie hatte jene Leutſeligkeit, jenes ungezwungene Benehmen, das ſchüchterne oder verlegene Perſonen in einem Salon in ihre gute Laune zu bringen wußte, jene Heiterkeit, welche ſich mittheilt, und jenen liebenswürdigen Geiſt, welcher Andere glauben macht, ſie beſitzen ihn ſelber. Schon längere Zeit hätte eigentlich Herr Bourdichon die Honneurs mit ſeiner Frau machen ſollen; allein der dicke, ſehr ſpät von der Jagd heimgekommene Herr war auf ſein Zimmer gegangen, ſich dort in ſeine Verkleidung zu ſtecken, und, ſei es, daß die Maske ſchwer anzuziehen war, ſei es, daß er überhaupt noch nicht kommen wollte, Herr Bourdichon hatte den Befehl gegeben, ihn ungeſtört zu laſſen, und ſich noch nicht auf dem Balle gezeigt. Mitten unter den Masken, mit welchen der Saal dicht angefüllt war, bemerkte man einen ſehr langen, ſehr magern, ſehr knochigen Mann, deſſen gelbliches, in die Länge ſich dehnendes Geſicht ſchon zum Voraus im Nothfall als Maske dienen konnte. Er hatte eine Jagdweſte an, eine Lederkappe mit ungeheuerm Stilp, Kamaſchen, die bis über die Mitte der Schenkel her⸗ aufgingen, und auf dem Rücken eine Jagdtaſche, in welcher man zwei natürliche Haſen erblickte. Es war dieß Herr Carcaſſonne, welcher den Rath Adhemars befolgt, und, ſtatt ſich zu vermummen, ſeinen Jagdhabit anbehalten hatte. Damit ſein Anblick größere Wirkung hervorbrächte, hatte der Jäger es ſich durchaus nicht nehmen laſſen, ſeine Jagdtaſche mit —— —— 89 den zwei Haſen, die er zu tödten ſo kühn geweſen war, umzuhängen. Endlich, damit ja nichts an ſeiner Maske fehle, hielt er unter ſeinem Arm eine große Entenflinte, an welcher jedoch der Lauf, die Pfanne lcae, und der Hahn fehlte. Die Gattin des Herrn Carcaſſonne war eine kleine Frau von ſiebenundzwanzig bis achtundzwanzig Jahren, wohlgebaut, gewandt; ihr Geſicht war zwar nicht hübſch, hatte jedoch freundliche und nicht unangenehme Züge; ihre kleinen Augen hatten einen Ausdruck, der den Mangel der Schönheit beinahe erſetzen konnte. Ein Fehler dieſer Dame war, daß ſie an Einem fort ſprach, beſtändig log, den Mund nicht aufthat, ohne aufzuſchneiden, und nie etwas erzaͤhlte, ohne die Sache zu vergrößern oder gänzlich zu entſtellen. Da jedoch ihr Geplauder unterhaltend und beluſtigend war, und ihre Lügen nichts Bösartiges für ihre Freunde hatten, ſo ſchwatzte man gerne mit der Frau Carcaſſonne. Dem langen Jägersmann war es ſo ſehr zur Ge⸗ wohnheit geworden, ſeine Frau ſelbſterfundene Sachen reden zu hören, daß er am Ende ſich überredete, ſie ſeien wahr; auch hütete er ſich wohl, den Erzählungen ſeiner Gattin zu widerſprechen, und war immer bereit, die Treue von Thatſachen zu beſtätigen, von denen er gar keine Kenntniß hatte. Frau Bourdichon kam den Perſonen entgegen, für welche Adhemar in einem der Tanzſäle Plätze zu be⸗ kommen ſuchte. Mathilde wandte ſich mit einem hold⸗ ſeligen Lächeln an den jungen Mann und dankte ihm, daß er den Ritter dieſer Damen gemacht habe. Adhemar 90 ſeinerſeits ließ mit Vergnügen ſeine Blicke auf der Hauswirthin ruhen. Seit achtzehn Monaten ungefähr kam er in das Haus des dicken Jägers und fand ſich in den Kreiſen der Pariſer Welt öfters mit deſſen Frau zuſammen, ohne daß jedoch eine andere Vertraulichkeit ſich zwiſchen Beiden gebildet hätte, als wie ſie die„ Geſellſchaft geſtattet. Adhemar fand Mathilde ſehr anziehend; er plauderte ſehr gerne mit ihr, hatte indeſſen nie daran gedacht, ihr den Hof zu machen. Frau Bourdichon ihrerſeits, welche einen mackelloſen Ruf hatte, war freundlich gegen Jedermann, und vielleicht bemerkte ſie es ſelbſt nicht, daß ihr Lächeln gegen Adhemar viel ſüßer war als gegen die Andern. Wir bevorzugen oft Perſonen auf eine ganz beſondere Weiſe, und geben uns dieſer Neigung hin, ohne uns von ihr gehörige Rechenſchaft geben zu können. Es gibt Gefühle, welche in der Tiefe unſeres Herzens ſchlafen und nur als geheime Sympathie ſich bemerk⸗ lich machen, und welche, wenn die Gelegenheit fehlt, zuweilen gar nie an den Tag kommen. Sappho blickte um ſich, um die Wirkung zu be⸗ obachten, die ihr Koſtüm hervorbringe: ſie war darob erſtaunt, daß Niemand in Bewegung gerathe, daß man ſich nicht in Maſſe herandränge, ſie zu ſehen;* ſie hatte ſich ſogar eingebildet, die Tänzer werden bei ihrem Eintritt in den Ballſaal aufhören zu tanzen. Ein wenig gekränkt darüber, daß man an ihr vorüberging, ohne in einen Ruf des Erſtaunens und der Bewunderung auszubrechen, ſagte Madame Su⸗ blimé zu Madame Bourdichon:„Wie finden Sie 91 mich?— Sehr hübſch... Ihr Koſtüm iſt merkwürdig!— Das iſt Sappho, ſich vom leukadiſchen Felſen ſtürzend... mit indiſcher Friſur... aber kein Menſch weiß dieß, und das iſt ärgerlich.— Wo iſt denn aber Herr Sublimé?— Er wird gleich kommen; als er in das Gefährt ſteigen wollte, iſt ihm ein Unfall zugeſtoßen. Es iſt ſchlechtes Wetter, wir ſtehen auf dem Boule⸗ vard, müſſen uns bis an's Gefährt vom Kutſcher tragen laſſen, und Herr Sublimèé fällt in den Koth.— Ach, mein Gott!— O das macht nichts, das iſt ſeine Schuld; er wollte wie die Kinder auf den Rücken des Kutſchers ſteigen... Nun iſt er wieder nach Hauſe zurück, um ſich anders zu maskiren... er wird bald kommen.— Das ging doch recht widerwärtig.— Vielmehr ſehr glücklich.— Wie?— Ja, ſehr glück⸗ lich, daß dieß nämlich nicht mir begegnet iſt... mein Sapphokoſtüm wäre total verdorben worden... und dann der Schrecken... Gewiß, ich hätte nicht mehr auf den Ball kommen können. Halt, da iſt Madame Carcaſſonne, als Milchfrau verkleidet... nicht übel, allein wie gemein iſt dieß Koſtüm da und wie ent⸗ ſetzlich ſchlecht läßt es ihr!“ Madame Carcaſſonne ließ ſich ſo eben neben Ma⸗ dame Sublimè nieder, indem ſie ſagte:„Guten Abend, Madame... Sie haben ein bezauberndes Koſtüm!— Finden Sie dieß? Ja, es iſt ziemlich ungewöhnlich... das Ihrige iſt ſehr hübſch und macht Sie zu einem Engel.— Fräulein Idalia iſt köſtlich als Camargo; aber was mußte ich ſo eben von Herrn Adhemar hören: Herr Sublimé iſt in den Koth gefallen, als 92 er in das Gefährt ſteigen wollte?— Ja, Madame.— Mir iſt auch ſchon ſo etwas begegnet, ja noch etwas viel Außerordentlicheres. Wir ſollten auf einen Ball gehen... ach! ich muß Ihnen vor allen Dingen ſagen, daß wir in einer ſehr ſchmutzigen Straße wohnten, in der Straße.. wie hieß ſie nur? Doch das macht nichts zur Sache; genug, wir wohnten in einem Halb⸗ geſchoß, das nicht ſehr hoch war. In dem Augen⸗ blick, wo wir auf den Ball wollten, war armmiges Wetter; es hatte den ganzen Tag geregnet⸗ i Fuß hoher Schmutz lag in der Straße.. und an Trot⸗ toir, das die Annäherung an's Haus nicht geſtattete. Ich hatte ein himmliſches Koſtüm: ich war als Baya⸗ dere gekleidet, der Stoff war ganz mit Gold und Silber durchwirkt, ringsum Perlen und Federn; das Koſtüm koſtete mich bei zwölfhundert Franken. Ich ſagte nun: es iſt unmöglich, zu Fuß bis zum Gefährt zu gelangen, und wenn ich mich tragen laſſe, ſo wird mein Kleid zerknittert. Wenn man ein Koſtüm hat, das fünfzehnhundert Franken koſtet, ſo läßt man ſich daſſelbe nicht gerne zerknittern, das iſt begreiflich. Was nun anfangen, um in die Kutſche zu kommen? Auf einmal, den Blick gegen das Fenſter gerichtet, rufe ich: Wir wohnen ja gar nicht hoch, das Gefährt* iſt nicht weit weg, legen wir ein Brett vom Fenſter aus bis zum Kutſchenſchlag und laſſen uns hinunter⸗ gleiten, dann haben wir einen kleinen ruſſiſchen Berg. Man fand meinen Einfall ausgezeichnet, wir hatten gerade ungeheuer große Dielen im Hauſe, welche, ich weiß nicht mehr zu was, benutzt wurden; allein 8 93 das war einerlei. Man legte eine herüber... wir hatten meine kleine Schweſter bei uns.. ich begebe mich zuerſt auf die Diele, um ein Beiſpiel zu geben; ich laſſe mich hinuntergleiten und bin glücklich im Gefährt; meine Schweſter läßt ſich darauf hinunter und iſt gleichfalls glücklich in der Kutſche; jetzt war mein Mann noch übrig, er ſetzt ſich rittlings auf die Diele und rutſcht hinab... krach! da bricht die Diele... Sie werden vielleicht meinen, er werde gefallen ſein?— Ja, nöon er nicht etwarin der Luft hängen blieb?“ ſagte Ibalia lächelnd.—„Nein, das nicht; ich weiß nicht, wie er es angriff: er gab ſich einen Schwung, ſo daß er gerade auf den Fußtritt des Gefährtes die Füße zu ſetzen kam... nicht wahr, Carcaſſonne... Sprich doch, Carcaſſonne, erinnerſt Du Dich noch, wie wir durch's Fenſter in die Kutſche ſtiegen?“ Der lange Jäger, welcher um die Tänzer herum⸗ ſpazierte und eben vor ſeiner Frau ſtehen blieb, rieb ſich die Stirne und murmelte:„Ach ja!... durch's Fenſter... ja!... mit einer Leiter.— Ei nein! auf einem Brett, indem wir uns hinuntergleiten ließen.— Ach, ja, jal... auf einem Brett, ich er⸗ innere mich ſehr wohl, das kam ſchon öfters bei uns vor.— Wie, dieß dort iſt Herr Carcaſſonne?“ fragte Madame Sublimé.„Ich hätte ihn wahrhaftig nicht wieder erkannt... Welch ſonderbare Verkleidung!— Er iſt als Jäger maskirt; das iſt ſein Jagdkoſtüm... Er kam heute vom Jagen her und hat es anbehalten.— O, das iſt wirklich originell... das kommt mir ſehr exact vor... Ich glaube gar, daß er Wildpret in, 4 1 94 ſeiner Jagdtaſche hat.— Gewiß... ein Dutzend Haſen hat er darin.— Ein Dutzend Haſen!— Er hat auf der Jagd dreißig an der Zahl geſchoſſen.— Tauſend! das heißt Geſchicklichkeit!— Ja,“ ſagte Herr Car⸗ ceaſſonne, welcher die letzten Worte ſeiner Frau nicht gehört hatte, aber ſah, daß man ſein Wildpret be⸗ trachte;„ja, das ſind echte Haſen, die zwei einzigen, die ich auf meiner Jagd mit Bourdichon geſchoſſen habe.— Was! Du haſt nicht mehr als zwei ge⸗ ſchoſſen?... Ich glaubte, Du habeſt wenigſtens dreißig getödtet,“ ſagte die kleine Frau des Jägers.„Man ſchickt mir immer ſo viel Wildpret, Rebhühner, Fa⸗ ſanen, daß ich gar nicht mehr daraus komme. Ich⸗ weiß nicht was anfangen mit all dem, was man mir ſchickt. Immer Faſanen eſſen, das entleidet Einem; letzthin habe ich zwei meinem Portier gegeben.“ Herr Malentrain, welcher eben an dem langen Jäger vorüberging, drückte die Naſe zu, machte eine Fratze und entfernte ſich ſchnell, indem er ſagte:„Ich weiß nicht, was dieſer Herr in ſeiner Waidtaſche trägt; aber es riecht ſehr übel. Es gibt Leute, welche, um einen Effect hervorzubringen, einen ganzen Saal zu verpeſten im Stande ſind, wie dieſer Herr da, der ein Koſtüm von Leinwandlappen und Schild⸗ krötenſchalen an ſich befeſtigt hat... in der That, ſehr anmuthig!— Ach, mein Herr! Ihr Gewehr ſetzt mich in Furcht!“ ſagte eine an Carcaſſonne vorübergehende Dame.—„Madamel fürchten Sie ſich nicht, es iſt nicht geladen... Seien Sie verſichert, daß ich mit einer gefährlichen Waffe nicht in Geſellſchaft gehe. Man 95 hat ſchon ſo viele traurige Beiſpiele von Unglücks⸗ fällen erlebt, welche durch das Spielen mit Feuer⸗ gewehren herbeigeführt wurden. Mir ſelbſt iſt dieß ſchon begegnet, ja, daß ich fehlſchoß, ja, fehlſchoß dieſen Winter... Au weh! der kleine Polichinell da gibt mir gräuliche Fußtritte!— Ihr Gatte bringt doch die Geſchichte nie zu Ende, die er zu erzählen an⸗ fängt,“ ſagte ein junger Mann zu Frau Carcaſſonne. In dieſem Augenblick wurde ein Walzer geſpielt. „Ah, ein Walzer!“ rief Madame Carcaſſonne, nich bin in den Walzer verliebt... Ich werde drei Stunden ohne Aufhören fortwalzen.“ Ein Türke lud ſie zum Walzen ein, ſie nahm die Einladung an und das Paar verſchwand in der Reihe der Tanzenden. „Madame Carcaſſonne tanzt ſehr gut,“ ſagte eine Dame zu Sappho, die neben ihr ſaß. Dieſe er⸗ wiederte mit einer ſpöttiſchen Miene:„Ja, wenn ich jedoch ihr Gatte wäre, ſo würde ich finden, daß ſie ſich im Walzen zu ſehr bloßgibt.— Sie hat viel Grazie.— Ach Gott! wenn ich walzen würde wie ſie.. Herr Sublimé iſt zwar nicht eiferſüchtig... aber er wäre im Stande, auf Scheidung zu klagen. Eudoxius, Eudoxius! komm doch daher, häßliches Kind! Er macht den großen Seitenſprung mitten unter den Walzenden, er wird noch blaue Male be⸗ kommen.— Der kleine Knabe gehört Ihnen, Ma⸗ dame?— Ja, Madame! In allen Stücken ein Kind zum Erſtaunen, ich wage es zu behaupien; er ha viel Geiſt, daß es erſchrecklich iſt.“ 1 96 Fräulein Idalia war nicht zum Tanzen aufgelegt, d. h. ihre Mutter hatte es ihr verboten. Sie hielt ſich ſchadlos dadurch, daß ſie alle vorüberſchwebenden Paare die Hechel der Kritik paſſiren ließ. Plötzlich kündigte ein großer Tumult, ſchallendes Gelächter und die ſich mit Macht auf ein und daſſelbe Zimmer zu⸗ drängende Menge einen Maskenzug beſonderer Art an. Bald zeigte ſich in der That ein ungeheurer Tiger, der ſich mit tauſend Wendungen und Drehungen unter die Walzenden miſchte, und die Damen zu faſſen ſuchte, um ſie mit ſich fortzuziehen. Die Gegenwart des Tigers, der mit Jedermann Poſſen zu machen ſuchte, ſich auf der Erde wälzte, Burzelbäume ſchlug und Andere auch dahin bringen wollte, ſie zu ſchlagen, brachte den ganzen Maskenball in Aufruhr. Man „ wollte herausbringen, wer die ſo maskirte Perſon wäre, Jeder bildete ſich ſeine Vermuthungen, und Herr Malentrain ſagte ganz laut:„In jedem Falle iſt das eine echt thieriſche Vermummung! Sich in einen Tiger zu maskiren, wie geiſtreich das iſt! Welch Vergnügen muß es machen, ſich da unten herumzu⸗ wälzen!— Sollte das wohl der Papa ſein, dieſe Beſtie da?“ ſagte der kleine Eudoxius, indem er zu ſeiner Mutter heranlief.—„Herr Subliméè in einer Tigermaske?“ erwiederte Sappho mit einer ſardo⸗ niſchen Miene, den Kopf ſchüttelnd.„O nein! er iſt nicht im Stande, ſolche Gedanken zu faſſen, ich kenne ſein Unvermögen zu gut! Wäre er als Vogelorgel⸗ 5 4 eller hier, das ließe ich mir gefallen.— Auf, er!“ ſagten mehrere Perſonen zu Herrn Carcaſſonne, — 8 4 — 97 „jetzt iſt es Zeit, Ihre Kunſt zu zeigen... Sie haben Ihr Gewehr bei ſich... erlegen Sie dieſen Tiger da!— Das iſt wahr, mein Freund, du biſt hierin ſo geſchickt,“ ſagte Madame Carcaſſonne zu ihrem Gatten.„Allons, zeige Dich... eine Tigerjagd iſt nichts Neues für dich. Denken Sie ſich, meine Da⸗ men, in Afrika, wo er war, hat mein Gemahl eines Tages zehn getödtet... er hat mir die Bälge davon geſchickt... ich habe allen meinen Freundinnen Ge⸗ ſchenke damit gemacht.. nicht einmal für mich habe ich einen behalten.“ Während Madame Carcaſſonne ſo ihre Windbeu⸗ teleien auf die Perſonen losließ, die ſie umringten, hatte die Ballgeſellſchaft einen großen Kreis gebildet, in deſſen Mitte ſich der Tiger befand; man hatte den langen Jäger zu ihm hineingeſchoben, und dieſer Mann, der die wirklichen Tiger in Afrika zu erlegen gewohnt war, ſchien beinahe erſchrocken, ſich einer Perſon gegenüber zu befinden, die ſich in den Balg eines ſolchen Thieres geſteckt hatte. Der Tiger hatte ſich auf ſeine Hinterbeine geſetzt, in dieſer Stellung mit ſeinen Blicken allen Bewe⸗ gungen Carcaſſonne's folgend und drohende Miene machend, ihn mit ſeinen Vordertatzen anzufallen, wenn er ſich nähern würde. Der lange Jäger ge⸗ brauchte ſein Gewehr mehr dazu, ſich zu vertheidigen, als anzugreifen, indem er fortwährend den Tiger umlief, während die Geſellſchaft eben ſo ſehr über das Geſicht Carcaſſonnes, als über die Necker des Thieres lachen mußte. Paul de Kock. XXXVII. 7 98 „Wird dieß noch lange ſo fortgehen?“ ſagte Herr Malentrain, indem er ſeinen Kopf über den einer Dame ſtreckte.„Es ſcheint mir, man ſollte zu glei⸗ cher Zeit auf den Tiger und den Jäger Jagd machen.“ Gereizt durch die Scherze, mit denen man ihn foppte, und ſich erinnernd, daß er es nur mit einer Maske zu thun habe, ſchritt endlich Herr Carcaſſonne zu einem ſchönen Entſchluß, lief gerade auf den Tiger zu, der ſich jetzt auf ſeinen Hinterpfoten aufrichtete, mit einem Satze auf den langen Jäger losſprang, ihn alsbald mit ſich auf den Boden riß und dort ſich mit ihm wälzte. Herr Carcaſſonne begann klägliche Seufzer aus⸗ zuſtoßen, indem er ſchwor, daß er es mit einem leibhaftigen Tiger zu thun habe, als vom Eingang eines benachbarten Zimmers her durchdringendes Ge⸗ ſchrei erſcholl, in welches ſich die Stimme des Poli⸗ chinells miſchte. Die Aufmerkſamkeit richtete ſich bald auf dieſe Seite hin. Jeder ließ nun den Tiger mit dem gro⸗ ßen Jäger auf dem Fußboden ſich wälzen und wollte wiſſen, welche Rolle der Polichinell ſpiele, um das Geſchrei, das die Geſellſchaft erſchreckte, zu veran⸗ laſſen.. Es war das kleine Wunderkind Eudoxius, wel⸗ cher, indem er unaufhörlich ſingen und ſprechen wollte, eben ſein Mundſtück verſchluckt hatte, und ſich vor ſeiner Frau Mutter mit offenem Munde und mit dem ſchrei, daß er erſticke, auf dem Boden wälzte. Sappho, erſchreckt ob dem Zuſtand ihres Sohnes⸗ » 99 ſtieß das durchdringende Geſchrei aus; Fräulein Idalia lief bald zu ihrem Bruder, bald zu ihrer Mutter, und inmitten dieſer Bewegungen wiederholte der kleine Knabe mit der Stimme des Polichinells beſtändig die Worte:„Ich habe ſie verſchluckt, ich habe ſie im Halſe!“ was eine ſo komiſche Wirkung hervorbrachte, daß viele Perſonen glaubten, die Scene ſtñ in der That nicht im Ernſt zu nehmen. Der Madame Sublimé indeſſen war es eben übel geworden, als ein junger Mann, der ſah, daß die Sache ernſthaft wurde, ein Paar kleiner Zangen er⸗ griff, dem kleinen Wunder den Mund öffnete und ſo glücklich war, ihm das Mundſtück aus dem Hals zu ziehen. Das Kind war gerettet, der allgemeine Schrecken legte ſich; es handelte ſich jetzt bloß darum, die unglückliche Sappho wieder zu ſich zu bringen. Inmitten dieſer Unruhe und Verwirrung zertheilte Madame Bourdichon die Maſſe und lief haſtig durch den Saal, indem ſie rief:„Ach, mein Salzwaſſer⸗ fläſchchen... ich eile, es zu ſuchen!“ Als Mathilde mit ihrem Fläſchchen wieder in den Saal zurückkam, war jedoch Sappho ſchon wieder bei Sinnen. Der kleine Eudoxius fing wieder ſeine Polichinellſprünge zu machen an, und wollte ſein Mundſtück wieder zwiſchen die Zähne nehmen; Fräu⸗ lein Idalia ſchien ſehr übler Laune zu ſein. Der Kampf des Tigers und des Jägers war inzwiſchen beendigt, weil während des Gewälzes auf dem Bo⸗ den der Kopf des Thieres ſich losgemacht und man in dem Tiger den Hausherrn, Herrn Bourdichon, 100 erkannt hatte, der, als er ſeine Frau erblickte, auf ſie zuging und zu ihr ſagte:„Das war ich, meine Liebe... haſt Du mich nicht erkannt? He, dieſes Koſtüm ſteht mir ſehr gut... ich hatte ein wildes Ausſehen... Ha, ha, ha, habe ich dem armen Car⸗ caſſonne Furcht eingejagt?— Ja, ja, mein Freund, Sie waren recht natürlich verkleidet!“ verſetzte die junge Dame, welche mit etwas ganz Anderem als ihrem Ehgemahl beſchäftigt war und deren Blicke Jemand zu ſuchen ſchienen.—„Der Herr vom Hauſe ſich in ein vierfüßiges Thier zu vermummen!“ mur⸗ melte Herr Malentrain, indem er ſich in den Sälen erging.„Das iſt mir ein ſauberes Koſtüm, ſeine Gäſte zu empfangen! Jetzt wundere ich mich nicht mehr, daß man die Ankommenden nöthigt, eine baum⸗ wollene Mütze und einen Schurz anzulegen. Wenn der Amphitryon ſich lächerlich macht, ſo verlangt er es auch von den Uebrigen.— Eines Tages,“ ſagte Madame Carcaſſonne, ſich an Madame Sublimé wendend,„eines Tages war ich auf einem Masken⸗ ball, wo Jedermann die Maske eines Affen ange⸗ than hatte: es war dieß außerordentlich luſtig!— Eines Affen... auch die Frauen?— Ganz gewiß... jedoch...— Ei wie, man tanzt ja gar nicht!“ rief Herr Bourdichon,„das Orcheſter gibt das Zeichen zum Anfang... Wer will mit mir tanzen? Sappho, ach, Sappho, Sie können mir keinen Korb geben!“ Madame Sublimé ging bei ſich zu Rath, ob ſie ihrer Würde nichts vergebe, wenn ſie mit einem Tiger tanze; da es ihr jedoch Langeweile machte, 101 als Bildſäule dazuſtehen, ſo ließ ſie ſich vom Haus⸗ herrn mit fortführen. Adhemar ſeinerſeits, der in dieſem Augenblick bei Mathilde ſtand, ging auf ſie zu und bot ihr die Hand, dieſe gab ihm alsbald die ihre, und beide Paare ſtellten ſich nun zu einer Quadrille auf, während Fräulein Idalia zornigen Tones zu Madame Carcaſſonne ſagte:„Wie finden Sie Herrn Adhemar? Er hatte mich zum erſten Contretanz engagirt, ehe der Tigerkampf ſtatt hatte. Das iſt der, der bis daher gar nicht tanzte und nun Madame Bourdichon zum Tanz einlädt! Das iſt ſehr unanſtändig!“ Die kleine Dame erwiederte, etwas Gefrornes zu ſich nehmend:„Sie müſſen hierüber nicht ärgerlich werden. Die Männer ſind ſo zerſtreut! Beliebt Ihnen nichts vom Gefrornen?— Nein, ich will nichts! — Das Eis iſt ausgezeichnet. Einmal war ich auf einem Ball die Urſache zweier Duelle... eines Con⸗ tretanzes halber... ich hatte vergeſſen, daß ich mich an zwei Offiziere verſagt hatte... Es riecht ſehr nach Vanille... Zu eben jenem Contretanze... ſiehe da! laſſe ich mich von einem Andern abführen ... Ach, ſehen Sie, Carcaſſonne tanzt wenigſtens ſchon mit der ſechsten!.. Die zwei Offiziere alſo kommen gerade beim Tanz auf mich zu und ſagen mir anzügliche Worte... Bemerken Sie den Herrn dort unten? ich habe ihn längſt im Auge, er poſtirt ſich ſo eben an die Thüren, um auf das zu lauern, was ſervirt wird: er ergreift etwas, verſchlingt es, und begibt ſich eben wieder an eine andere Thüre, 10² wo er es ebenſo macht; ich habe ihn dieß Verfahren den ganzen Abend beobachten ſehen.— Aber Ihre Offiziere!— Todt, meine liebe Freundin! Sie haben ſich alle Beide mit ihrem Degen durchſtochen... ich habe davon eine Krankheit bekommen, während wel⸗ cher ich in allen Speiſen, die ich aß, nichts als Degen erblickte. Carcaſſonne, ſei doch ſo gut, und bringe mir ein wenig Punſch.“ Während der Quadrille, bei welcher Sappho und der Tiger alle ihre Anmuth entfalteten, überließen ſich Adhemar und Mathilde, welche ſich auf dem Ball ein Rendezvous gegeben hatten, ganz dem Ge⸗ fühl jenes ſüßen Glückes, das die Seele erfüllt, wenn man zum erſten Male vom Gegenſtand ſeiner Liebe verſtanden wird und die Gewißheit der Erwiederung hat. Dann reicht ein Wort, ein Blick, ein Druck der Hände zum Verſtändniß hin, und das Vergnügen, das man dann empfindet, iſt um ſo lebhafter, wenn es unter einer Menge Menſchen genoſſen wird, welche nichts davon merken oder wenigſtens ſich die Miene geben, nichts davon zu merken. Dieſer Contretanz kam den beiden Perſonen, welche ſich jetzt ſo gut verſtanden, nur allzukurz vor.. G„Werde ich den andern auch mit Ihnen tanzen?“ ſagte Adhemar ganz leiſe am Schluß der Quadrille. —„Es iſt unmöglich,“ erwiederte Mathilde,„ich bin von allzuviel Perſonen angeſprochen, ich darf nicht merken laſſen, daß ich Jemand auszeichne; allein beim Nachteſſen, wenn es Ihnen Vergnügen macht, neben mir zu ſitzen...“ 103 Adhemar drückte ſtatt aller Antwort freudig die Hand, die er mit der ſeinigen hielt, und nun beeil⸗ ten ſich Beide, ſich zu trennen, um den Reſt des Feſtes ſcheinbar der Geſellſchaft zu widmen. „Carcaſſonne, mein lieber Freund, ſieh, da ſind mehrere Perſonen, welche ſich über den Peſtgeruch beklagen, den Du bereiteſt,“ ſagte Bourdichon, indem er auf den langen Jäger zuging, der ſich eben be⸗ mühte, ein Service mit Punſch abzufangen.„Jetzt, da ich Dich ſpreche, kann ich Dir unumwunden ihre Meinung ſagen. Lege ſchnell Deine Jagdtaſche ab, ſchaffe urplötzlich Dein Wildpret bei Seite, oder wir ſind genöthigt, Dich zur Thüre hinaus zu befördern. — Das ſind ja aber doch die Haſen, die ich geſchoſſen habe.— Ja! O, ich weiß wohl, daß Du zwei Haſen binnen vier Tagen getödtet haſt,“ erwiederte Bour⸗ dichon lachend.„Hören Sie'mal, meine Herren, ich war Zeuge dieſer Großthat: der erſte wurde von meinem Hund verfolgt, er lief Carcaſſonne unter die Beine, welcher in Angſt gerieth, ſtolperte, und im Fallen den Haſen unter ſich zerdrückte: das wäre Numero eins; die Erlegung des zweiten geſchah fol⸗ gendermaßen: Carcaſſonne näherte ſich einem Ge⸗ büſche, that einen Freudenſprung und ſchrie: ein Haſe, ein Haſe! Ei gut! rief ich von Ferne, ſo ſchieß doch; aber ſpute Dich, denn der Haſe wird ſchwer⸗ lich lange auf Dich warten. Allein mein munterer Junge fing jetzt an, ſich zu ſchneuzen und eine Priſe Tabak zu nehmen. Jetzt entſchloß er ſich endlich, ſein Gewehr auf den Haſen abzuſchießen, welcher 104 jedoch gar keine Miene machte, ſich zu ſalviren, denn er war vermuthlich den Tag vorher ſchon ange⸗ ſchoſſen und zu der Zeit, als Carcaſſonne ſein Gewehr losdrückte, ſchon lange todt. Sehen Sie, auf dieſe Art hat unſer Freund zwei Haſen geſchoſſen.“ Der große Jäger hatte den Schluß des Bour⸗ dichon'ſchen Berichts nicht mit angehört, er war weg⸗ gegangen, ſeine Jagdtaſche von ſich zu thun, und be⸗ gann bei ſeiner Zurückkunft den Tellern mit Back⸗ werk und Erfriſchungen aufzulauern, in welcher Jagd⸗ art er ſehr viel Gewandtheit zeigte. Madame Sublimo fing jetzt einige Verwunderung darüber zu äußern an, daß ihr Gemahl immer noch nicht da ſei, als das Gerücht von einem Unfall, der auf der Treppe Jemand betroffen habe, bis zu den Ohren der Geſellſchaft gelangte. „Was gibt es denn?“ fragte Madame Bour⸗ dichon ängſtlich.—„Es iſt nichts, Madame, beinahe nichts,“ verſetzte ein junger, in einen Strohſack ge⸗ hüllter Mann,„es iſt ein Marquis, der ſo eben die Treppe hinuntergepurzelt iſt... er war im Be⸗ griff, in den Ballſaal zu treten. Einige Schram⸗ men in der Naſe... einige Beulen an der Stirne... das iſt Alles. Allein der arme Marquis macht eine ſehr klägliche Miene...— Ach, mein Gott! ich wette, daß das Dardanus iſt, der wieder hinfiel,“ rief Ma⸗ dame Sublimé;„Eudoxius, ſieh doch ſogleich nach.“ Es war in der That Herr Sublimé, dem der Unfall auf der Treppe begegnete. Nach ſeinem un⸗ glücklichen Sturz auf dem Boulevard war der Ge⸗ —— 105 mahl Sappho's wieder in ſeine Wohnung hinauf⸗ gegangen, hatte ſich ausgekleidet, während er dabei fortwährend ſeine Standuhren ſchlagen ließ; dann hatte er, ſeine Hausjungfer herbeigerufen und ihr die Ordre gegeben, einen Friſeur und die Kleidung eines Marquis herbeizuholen. Dieſes Alles hatte viele Zeit gebraucht. Während der Friſeur Herrn Sublimé mit weißem Puder beſtreute, wollte ihm derſelbe durchaus einen Ohrenſchmaus mit den Melodien einer Muſikdoſe, die ſechs Mal ſpielte, zum Beſten geben. Dann als ſeine Perücke ſpät genug auf ſeinem Kopfe ſaß, hatte der Marquis Schuhe mit rothen Abſätzen angezogen, welche ihn zwei Zoll höher mach⸗ ten, und als er zu guter Letzt ſeinen Anzug fertig hatte, wiederholte er an Einem fort:„Es iſt mir jetzt ſehr lieb, daß ich genöthigt wurde, mein Ko⸗ ſtim zu wechſeln; die Marquiskleidung ſteht mir weit beſſer als die eines mittelalterlichen Roué. Dieſes jetzige Koſtüm macht mich viel größer.— Ja, aber nehmen Sie ſich vor dem Fallen in Acht, mein Herr,“ ſagte die Hausjungfer;„mit Ihren hohen Abſätzen, ſcheint mir, werden Sie nicht allzufeſt auf den Beinen ſein.— Sei ruhig, Marie, ein Mar⸗ quis läuft leicht weg; er macht Sprünge, er flattert herum... er berührt den Boden faſt nicht... Geh', und beſtelle mir ein Gefährt... Indeß werde ich mich dießmal vom Kutſcher nicht wieder tragen laſſen!“ Das Gefährt kam an. Herr Sublimé gelangte glücklich bis zum Kutſchenſchlag, ohne hinzufaͤllen, hatte jedoch fünf Minuten gebraucht, um über den 106 Boulevard zu kommen. Er war ſofort unangefochten bis in den Hof des Herrn Bourdichon gefahren, ja bereits auf die letzte Treppenſtufe des erſten Stockes gelangt, wo ihm die Töne des Orcheſters entgegen⸗ klangen, als der Marquis, vielleicht durch die Muſik electriſirt, ſich allzuraſch auf den Gang ſchwingen wollte, mit dem Fuße ausglitt, und wider Willen mehrere Staffeln hinunterfiel. Man hatte ihn aufgehoben, worauf er ſich. im erſten Eintrittszimmer niederſetzte. Jedermann beeilte ſich, von dem Zuſtand des Marquis Einſicht zu nehmen⸗ und hätte ſeine Verwundung keine Beſorgniß erregt, ſo hätte man bei ſeinem Anblick ſich des Lachens nicht erwehren können, indem ſeine ſchöne Perücke durch den Sturz ſo aus der Richtung gekommen war, daß der Zopf an ſeinem linken Ohre Platz ge⸗ nommen hatte, während einer der Taubenflügel ſein Geſicht beſchattete. Dieſe Verwüſtung ſeiner Friſur war es auch, was Dardanus am meiſten Kummer machte, der den ihn umringenden Perſonen zur Ant⸗ wort gab:„Ich meinestheils habe nicht den geringſten Schaden genommen... meine Perücke allein hat gelitten... ich wünſchte recht ſehr einen Friſeur... — Einen Friſeur!“ rief Herr Bourdichon, indem er ſich dem armen Marquis näherte,„halt, mein lieber Freund, ſo friſiren wir unſere Tänzer.“ Damit zog Herr Bourdichon eine Baumwollenmütze Herrn Su⸗ blims über das Haupt, dann nahm der dicke Am⸗ phitryon Adhemar, der in der Nähe Mathildens ſtand, beim Arm, und führte den jungen Mann mit 107 ſich fort in einen Saal, wo Spieltiſche aufgeſtellt waren; dort rief er:„Heran, meine Herren, ein kleines Hazardſpiel; ich meinestheils habe am Tanzen ſatt ... ich bin ganz im Schweiß... überdieß fehlt es dieſen Damen nicht an Rittern... es muß Abwechs⸗ lung in den Vergnügungen ſtatthaben... hier findet ſich gerade ein Quartett tüchtiger Spieler zuſammen ... Dalbrun... Ledoucet... Herr Marilly und ich. Schnell, ſchnell, auf den Platz! Wir haben vor dem Nachteſſen nicht zu viel Zeit übrig.“ Als Adhemar auf den Ball ging, hatte er ſich heilig vorgenommen, nicht zu ſpielen; allein als er dieſen ſchönen Entſchluß gefaßt hatte, ſteckte ihm noch keine neue Liebe im Kopf, er war noch nicht der Günſtling einer liebenswürdigen Frau, deren Erobe⸗ rung eben ſo ſehr ſeiner Eigenliebe als ſeinem Herzen ſchmeichelte. Was lag ihm jetzt, verſunken in die ſüßeſten Hoffnungen, daran, ein Paar Gold⸗ ſtücke zu verſpielen. Man iſt immer ein Kröſus, wenn man glücklich iſt, und was ſchlagen die Rath⸗ ſchläge der Weisheit bei einem Menſchen an, der von einer neuen Leidenſchaft trunken iſt! Ueberdieß war es ja Herr Bourdichon, der ihn zu einer Parthie einlud, und es wäre am unrechten Orte geweſen, einem Ehemann etwas abzuſchlagen, mit deſſen Gattin man in gutes Einvernehmen kommen will. Adhemar ſtellte ſich an den Spieltiſch; er ſpielte mit dem Tiger, mit einem Türken und einem Holz⸗ auslader. Die Spieler kamen bald in Feuer; Ad⸗ hemar verlor in kurzer Zeit die Summe, die er bei 108 ſich hatte. Die Börſe Bourdichons ſtand ihm jedoch zu Dienſt: man iſt immer bereit, Perſonen, die man für reich hält, Geld vorzuſtrecken; überdieß war Ma⸗ rilly noch nie mit einer Spielſchuld im Rückſtand geblieben. Der Klang der Nuſik, die Hitze, der Punſch, Alles vereinigte ſich, Tänzer und Spieler in Feuer zu ſetzen. Adhemar indeſſen verlor ſein Geld mit einer Kaltblütigkeit, einer Gleichgültigkeit, welche das Staunen der Gallerie erregte; es hatte ſeinen Grund darin, weil er unter den Perſonen, die um den Tiſch ſtanden, öfters Mathilde erblickt hatte, die immer neue Vorwände fand, ſich wieder in die Nähe des Hazardſpiels zu machen. Da hefteten ſich dann ihre Blicke auf Adhemar, und dieſer, konnte er wohl aufmerkſam auf ſein Spiel ſein, wenn ſein ganzes Weſen mit dieſer Frau beſchäftigt war, wenn er jede ihrer Bewegungen, jeden ihrer Blicke belauerte! „Sie ſind nicht glücklich dieſen Abend, Herr Ma⸗ rilly!“ ſagte der Türke, indem er das Gold an ſich zog, das der junge Mann auf einen Wurf verſpielt hatte.—„Nicht glücklich!“ verſetzte Adhemar, der ſah, daß ihn Mathilde zärtlich anblickte.„O, ent⸗ ſchuldigen Sie, ich finde mich ſehr glücklich dieſen Abend!— Das iſt etwas Anderes; Sie finden ſich glücklich, zu verlieren... Jeder nach ſeinem Geſchmack! — Das iſt, weil Herr Marilly ſehr ſchön ſpielt,“ ſagte der Gatte Mathildens.„O, in dieſem Punkt kenne ich ſehr wenige, die den unglücklichen Wechſel des Spiels mit ſolcher Ruhe aushalten. Wenn ich z. B. etwas anhaltend verliere, ſo werde ich zwar 109 nicht übler Laune, aber doch ungeduldig.— Nein, er kommt nicht in üble Laune,“ murmelte der Lite⸗ rat, welcher auch dem Hazardſpiel zuſah;„aber er wird purpurroth, ſeine Naſe bläst ſich auf und ſeine Augen hängen ihm aus dem Kopfe.— Sie ſpielen nicht, mein Herr?“ fragte Madame Carcaſſonne Herrn Malentrain.—„Ich, Madame? O nie! Ich verabſcheue die Karten! Ich begreife nicht, wie es Perſonen gibt, die den Abend am Spieltiſch zubringen können. Liegt etwa was Geiſtreiches darin?“ Der als Türke verkleidete junge Mann, der am Hazardſpiel ſaß, ſagte auf dieß ſo laut, daß er von dem Literaten gehört werden konnte:„Und ich meinestheils kann jene Leute nicht begreifen, die ſich in einem Salon immer zu naſenweiſen Tad⸗ lern Anderer aufwerfen. Wenn man das Karten⸗ ſpiel nicht liebt, ſehr gut, man zwingt Niemand dazu, es zu lieben; wenn man aber ſich in der Nähe eines Spieltiſches aufſtellt, wenn man Angriffe auf die Spielenden macht, wenn man ihnen zu ver⸗ ſtehen gibt, ſie ſeien Schwachköpfe, weil ſie Gefallen am Kartenſpiel finden, ſo iſt dieß jedenfalls ein Be⸗ weis von Mangel an Lebensart und Verſtand; wenn dieſer Herr kein Schulmeiſter iſt, ſo iſt es Schade, daß man ihn nicht hiezu beſtellt hat; er ſollte ein hölzernes Scepter führen.“ Jedermann lachte über dieſe Reden des jungen Türken, Herr Malentrain ausgenommen, der aus dem Spielzimmer ging, indem er murmelte:„Es iſt hier erſtickend heiß... man iſt genöthigt, friſche Luft 110 zu ſchöpfen.— Ich,“ ſagte Madame Careaſſonne, „würde gerne ſpielen, allein mein Mann iſt dagegen. Es iſt wahr, daß ich höchſt unglücklich ſpiele, ſchon zweimal verlor ich 1500 Franes, für eine Frau iſt das viel!— Fünf Francs wollte ſie ſagen,“ mur⸗ melte eine Dame, welche die Worte der Frau des langen Jägersmanns gehört hatte. Adhemar hatte beharrliches Unglück; er würde ſich aus freien Stücken der Spielparthie begeben haben, wenn er nicht gefürchtet hätte, man ſchließe daraus, er habe wenig zu verſpielen. Es war zugleich die Eigenliebe, die Eitelkeit, die ihn an dieſen Ort feſſelte, obwohl ihm längſt die Vernunft und die Weisheit hätten in's Ohr raunen ſollen: O vanitas vanitatum! Es iſt dieß immer die Triebfeder der Handlungen derer, die ſich in der großen Welt be⸗ wegen.. Glücklicher Weiſe machte der Ruf zum Nachteſſen allem Spiel ein Ende. „Herbei, meine Herren, Hand an die Damen!“ ſagte Mathilde, indem ſie in's Spielzimmer trat.— „O recht gerne!“ rief Adhemar, ſich erhebend;„Herr Bourdichon, ich bin Ihnen 65 Napoleons ſchuldig.— Sehr wohl, ſehr wohl, mein lieber Freund, es ſtehen andere zu Ihren Dienſten, wenn ſie Revanche wollen. — Nein, ich habe genug für dieſen Abend!“ Madame Bourdichon hatte, indem ſie die Männer fortwährend aufforderte, die höflichen Ritter der Damen zu machen und ſie in den Speiſeſaal zu füh⸗ ren, Auswege gefunden, keinen Arm anzunehmen. 3 111 Denen, die ihr ihren Arm angeboten, um ſie zum Eſſen zu führen, bezeichnete ſie geſchwind eine Dame, indem ſie ſagte:„O halten Sie... geben Sie doch Ihre Hand dieſer Dame dort... Ah Sie ſind recht liebenswürdig!“ 3 Und bei dieſer ganz natürlichen Verfahrungsweiſe fand ſich Mathilde noch frei, als Adhemar zu ihr trat. Dieſen denn forderte ſie nicht zum Geleits⸗ mann einer andern Dame auf, vielmehr bot ſie ihm die verlangte Hand mit einem jener Blicke, welcher diejenigen, die mit ſolchen ſüßen Gunſtbezeugungen noch wenig erfreut worden ſind, faſt zu Narren macht, und ſelbſt denen noch großes Vergnügen gewährt, weelche daran gewöhnt ſind. Das Nachteſſen war koſtbar. Zwei ſehr große Zimmer, welche für den Ball zu einem einzigen her⸗ gerichtet werden konnten, bildeten einen ungeheuren Saal. Alle Damen und die Hälfte der Männer hatten ſich an die Tafel geſetzt. Diejenigen, die dieſes Glücks entbehren mußten, tröſteten ſich damit, daß es dann ſpäter auch an ſie kommen würde. Herr Malentrain gehörte zur Zahl der Letzteren, und da er ſich ſehr darüber gekränkt fühlte, daß man ihm nicht unter den Allererſten mit den Damen einen Platz angewieſen hatte, ſo kritiſirte er die Anordnung des Nachteſſens, die Art, wie die Platten aufgeſtellt waren, beſonders die Verſchwendung von Armleuch⸗ tern und Blumen, welche die Tafel bedeckten, und pflegte dann dieß Geſpräch mit dem Gemurmel zu ſchließen:„Ei daß doch! Sie werden noch nicht ſobald 112 fertig werden; Sie werden uns nichts als die Beine des Geflügels und die Kruſte der Schüſſeln übrig laſſen... das wird anmuthig ſein!“ Adhemar wußte nicht, ob er am Nachteſſen ſaß⸗ noch ob er etwas aß; er wußte bloß das Eine, daß er an der Seite Mathildens ſich befand, daß er ſanft mit dem ſeinigen ihr Knie berühren, manchmal ihre Hand nehmen, ſie zärtlich drücken und dann ganz leiſe ſagen konnte:„Wann werde ich Sie wie⸗ der ſehen? wann werde ich Sie ohne Zeugen ſprechen, Ihnen ſagen können, wie ſehr ich Sie liebe!— Morgen um zwei Uhr.. ich werde in den Tuilerien auf der Terraſſe am Rand des Waſſers ſpazieren gehen.“ Adhemar fragte nichts mehr, er war trunken vor Freude. Man erhob ſich von der Tafel. Mathilde ſagte ihm ganz leiſe, er möchte nicht in ihrer Nähe bleiben, was er ohne Widerrede befolgte; jetzt, da er ſeines Glückes gewiß war, unterwarf er ſich jedweder Noth⸗ wendigkeit. Man fing wieder an zu tanzen; er for⸗ derte Fräulein Idalia dazu auf, machte eine Tour mit Sappho. In ſeiner Freude brachte er ſelbſt Herrn Carcaſſonne mit ſeinen Haſen zum Tanzen. Während des Reſts der Nacht überließ er ſich vol⸗ lends der ausgelaſſenſten Freude; Jedermann bewun⸗ derte ſeine Luſtigkeit, deren wahren Grund Mathilde allein kannte. Als es endlich Zeit zum Weggehen war, bemerkte 4 Madame Sublimé erſt, daß ihr Gemahl nicht auf 113 dem Ball geblieben war; Dardanus war aus Ver⸗ zweiflung davongegangen, daß ſich ſeine Perücke verrückt hatte. Die Familie Sublimé nahm wieder die Gefälligkeit Adhemars in Anſpruch, um einen guten Geleitsmann nach Hauſe zu haben, und der junge Mann, der dieſen Abend Niemand etwas ab⸗ ſchlug, weil ihm Mathilde ein Rendezvous verſprochen hatte, machte wieder bei Sappho und ihren Kindern den Ritter. Er nahm den Polichinell, der in einem Winkel eingeſchlafen war, auf ſeine Arme, warf ihn in die Kutſche, half ſofort der Madame und ihrer Tochter hinein und folgte dann ſelbſt. In dem Augen⸗ blick jedoch, wo er dem Commiſſionär, der den Kutſchentritt herabgelaſſen hatte, die Straße angeben wollte, fiel der Schein einer Laterne auf das Geſicht dieſes Menſchen. Adhemar war änußerſt betroffen, indem er das Geſicht des Lumpenſammlers wieder zu erkennen glaubte, welcher ihm dieſen Abend am Ufer des Kanals begegnet war. „Ei!“ ſagte Fräulein Idalia,„ich glaube, Herr Adhemar erinnert ſich nicht mehr unſerer Nummer! — Ach! entſchuldigen Sie,“ verſetzte Adhemar, den Kopf aus dem Kutſchenſchlag beugend. Während er dem Kutſcher fortwährend die Nummer zurief, ſuchten ſeine Augen den Commiſſionär, dem er etwas Münze geben wollte; aber bereits war dieſer wieder ver⸗ ſchwunden. Paul de Kock. XXXVII. 8 Sechstes Kapitel. Zwei Damen, die es friert. Adhemar, ob er gleich ſehr ermüdet war, hatte ſehr ſchlecht geſchlafen; man kommt nicht leicht zum Genuß eines ruhigen Schlummers, wenn eine neue Leidenſchaft in uns wogt, wenn eine Maſſe Erinne⸗ rungen und Hoffnungen in unſerm Kopfe ſich drängen. In ſolchen Fällen werden Einem die Stunden lang, man wünſcht den Lauf der Zeit beſchleunigen zu können; das beſte Mittel hierzu würde freilich der Schlummer abgeben, aber dieß ſchlägt dann gerade nicht an. Die Liebesgedanken und die vergnüglichen Träume, in welche ſich der junge Mann gewiegt hatte, wech⸗ ſelten jedoch manchmal mit weniger angenehmen Be⸗ trachtungen, welche ſich gleichſam wie dunkle Schatten inmitten des Gemäldes warfen. „Ich habe ſieben Napoleons, die ich bei mir hatte, verloren,“ ſagte Adhemar zu ſich,„und fünfundſechszig bin ich Bourdichon ſchuldig... beinahe fünfzehnhun⸗ dert Franken verſpielt... in meiner Lage will das nicht wenig heißen. Ich hatte mir vorgenommen, nicht mehr zu ſpielen; konnte ich es aber geſtern anders machen? Nein, es war unmöglich! Ich habe keinen Sous mehr im Hauſe... Morgen muß ich Geld haben .. man kann zu einem Rendezvous nicht mit lec Taſche kommen... ich will morgen früh zu meinem Wechſelagenten gehen, ein Kapital von hundert Franken Rente aufzukündigen. Damit gedenke ich Bourdichon zu bezahlen und mehr als ſechszig Franken werden 115 mir übrig bleiben. Ach, Teufel! das iſt mein Zahl⸗ termin! und meinem Schneider glaube ich auch Geld verſprochen zu haben. Doch, das iſt einerlei... er mag mir einige Zeit hindurch ein Geſicht ſchneiden... unterdeſſen werde ich mich dann einſchränken. Von Mathilden geliebt, werde ich glücklich ſein; ich werde vergeſſen, daß ich es noch mehr hätte ſein können! Ja, ich werde die Vergangenheit total vergeſſen... Welch bezaubernde Frau! Ich ſage ihr nur ein Wort von meiner Liebe, und ſie ſetzt nicht den mindeſten Zweifel darein... es bedurfte nur einer Gelegenheit, um meine Flamme zum Ausbruch kommen zu laſſen... Es iſt immer ſo im Leben... die Gelegenheiten geben Allem den Ausſchlag. Es iſt ohne Zweifel das, was man ſonſt auch Zufall nennt; ich werde ſie morgen ſehen!... um zwei Uhr... in den Tuilerien... wenn ſte nur auch gewiß erſcheint. O gewiß! dieſe Frau iſt keine Kokette... ſie wird mit mir kein loſes Spiel treiben wollen... ſie wird kommen... Wie viel Uhr iſt es wohl? ſechs Uhr Morgens.. und noch nicht Tag. könnte ich doch ſchlafen!“ Der junge Mann ſchloß die Augen und verſuchte ein wenig zu ſchlummern; aber bald heunruhigten ihn wieder andere Erinnerungen und beſchäftigten ſeine Einbildungskraft. Er ſah wieder dieſen Lumpenſamm⸗ ler, dieſen Commiſſionär, deſſen Züge ihn ſo ſehr betroffen gemacht hatten, und, in ſeinem Bette ſich immerfort hin und her wendend, um Ruhe zu finden, ſagte er bei ſich:„Immer dieſer Menſch! was will er nur von wir In allen Ländern, die ich durchreist, 116 nach meiner Rückkehr aus Italien, auf allen meinen Wegen ſtieß ich auf dieſen Menſchen. Gleichviel, in welcher Tracht, er zeigte ſich meinem Blick! Ich kenne dieſe ſonnverbrannte Hautfarbe, dieſe ſtark ausge⸗ prägten Züge, dieſe ſchwarzen durchdringenden Augen .. was habe ich dieſem Menſchen gethan, daß er mich überall hin verfolgt? Schon mehrmals ſuchte ich ihn einzuholen, ihn zur Rede zu ſtellen, jedoch man könnte meinen, er habe meine Gedanken ge⸗ leſen: jedes Mal verſchwand er in dem Augenblick, wo ich ihn zu erreichen glaubte. Ich, der ich doch kein Romanheld bin, muß jetzt geſtehen, daß das, was mir ſeit einiger Zeit begegnet, ſehr die Farbe des Romanhaften trägt... Manchmal kommt mir der Gedanke, daß dieſe geheimnißvolle Perſon nur nach den Befehlen einer andern Perſon handle. Doch nein!... um mir einen Spion nachzuſchicken, um meinen Schritten und Tritten, meinem Betragen auf⸗ zulauern... müßte ſie ſich noch mit mir beſchäftigen, und dann würde ich ihr nicht ganz gleichgültig ſein. Nein! ſie hat mir das Gegentheil oft genug geſagt... von nun an habe ich nichts mehr mit ihr zu ſchaffen... Doch weg mit dieſen Erinnerungen! Schlafen und träumen wir von Mathilde!’“ In Folge des Zuthuns ſeiner Augen und ſeiner Bemühung, den Schlaf zu finden, gelang es Ad⸗ hemar, bis Morgens neun Uhr etwas zu ſchlummern, als ein Pochen an ſeine Thüre ihn die Augen auf⸗ ſchlagen ließ. Er ſtand auf, warf einen Schlafrock um und öffnete die Thüre. Eine junge, ſehr hübſch ⸗ 117 gekleidete Frau, die aber ihr Geſicht mit einem Ta⸗ ſchentuch verbergen zu wollen ſchien, obgleich ſie be⸗ reits einen Hut und einen Schleier auf dem Kopfe hatte, trat haſtig bei Adhemar ein, lief, ohne inne zu halten, bis in das Schlafzimmer, ließ ſich erſt dort auf einen Seſſel nieder, legte Hut, Schleier und Shwal bei Seite und erlaubte jetzt dem jungen Mann ihr Geſicht anzuſehen. Adhemar war ſehr betroffen, als er in ihr die Perſon erkannte, mit welcher er den Abend vorher am Ufer des Kanals ſpazieren ge⸗ gangen war. „Emmeline!— Ja, ich bin's! Du hatteſt mich nicht erwartet, wie?— Nein! gewiß... Du ſollteſt ja erſt morgen kommen... es ſcheint mir— O ja, da bin ich... da bin ich für immer!... Halt, ſieh einmal, wie dieſes garſtige Ungeheuer mich zu⸗ gerichtet hat! Er hat mich geſchlagen... zerkratzt... verwüſtet... aufgeritzt... darum verberge ich auch mein Geſicht, denn ich muß ſchrecklich anzuſehen ſein... O mein Gott, mein Gott! ich bin unglücklich!“ Bei dieſen Worten fing Fräulein Emmeline zu weinen an, indeß Adhemar ſich ihr näherte, ihr Ge⸗ ſicht unterſuchte und in der That dort mehrere blaue Male, Nägelritze und überhaupt die Spuren einer Unterredung wahrnahm, die mit ausdrucksvollen Be⸗ wegungen geführt worden war. „Arme Emmeline! Wie, iſt es möglich? Hat man ſich ſolchen Unfug gegen Sie erlaubt?— Er ſcheint mir nur allzuſichtbar zu ſein!— Und wer denn?— Wer ſonſt als dieß Ungeheuer... dieß Scheuſal von 118 Reginald? Wer ſonſt hätte ſich erlaubt, mich zu ſchlagen?— Das iſt furchtbar... aber wie kam er denn dazu? Bei welchem Auftritt geſchah es?— Ich will Dir Alles erzählen... gib mir ein Glas Zucker⸗ waſſer mit Orangenblüthe, wenn Du welche haſt.— Ja, jal... Arme Emmeline! Ich bin ganz er⸗ griffen, Sie in ſolchem Zuſtand zu ſehen! Halt, trink!“ Die junge Frau ſchlürfte das Glas Zuckerwaſſer auf einen Zug aus, dann fing ſie ihre Erzählung, untermengt mit Seufzen und Schluchzen, an. „Geſtern Abend Du weißt, daß ich mich lange auf dem Spaziergang mit Dir verweilte, allzulange, denn Reginald ſchlief böswilliger Weiſe nicht ein. Als ich eintrat, ſagte er mit barſchem Tone zu mir: Woher kommen Sie? Darauf verſetzte ich: Von meiner Krämerin, wo ich ſchottiſchen Faden kaufte! So, und zwei Stunden bleibt man aus, um mir von der Seite zu gehen? Ich gebe dieß nicht mehr zu! Auf dieß gab ich ihm die Antwort: Wenn man auf eine Frau eiferſüchtig iſt, ſo läßt man ſie nicht alle Tage allein zu Hauſe ſitzen, wie Sie es machen, man leiſtet ihr vielmehr Geſellſchaft und ſucht ihr Auf⸗ heiterung zu verſchaffen. Gut, er antwortet nichts mehr, legt ſich ſeitwärts und ſchläft ein. Ich da⸗ gegen leſe noch ziemlich lange, lege mich dann auch zu Bette, ohne daß er aufwacht, und ſchlafe gleich⸗ falls ein. Den andern Morgen... haſt ihn ge⸗ ſehen?... wacht mein Herr Reginald, der ſich in der Regel ſehr ſpät aus den Federn macht, wohlbe⸗ dachter Weiſe früh auf, ſteigt in aller Stille aus dem 119 Bette und fängt meinen Putztiſch zu durchſuchen an. Ich vermuthe, daß er ſchon geſtern Abend dieſe Durch⸗ ſtöberung begann, daß ihn aber meine Zurückkunft an der Fortſetzung dieſes edlen Geſchäftes hinderte... unglücklicher Weiſe hatte ich Deinen letzten Brief daxin aufbewahrt...— So, das iſt's! Und doch ſagt' ich Ihnen hundert Mal: Bewahren Sie nie einen Brief auf... man kann ihn leſen... es kann Ihnen Un⸗ annehmlichkeiten zuziehen!— Ja, mein Gott! Ich weiß wohl, daß Sie mir dieß geſagt haben; auch verbrannte ich die Briefe jedes Mal... allein dieſer war ſo allerliebſt... ich wollte ihn noch einmal leſen... Uebrigens ſetzt Sie dieß keiner Verdrießlichkeit aus... er war nicht unterzeichnet.— Ich wollte lieber, er wäre es geweſen und Sie wären nicht geſchlagen worden!— Nun gut, er findet den Brief und liest ihn: er wird roth wie ein Puter, naht ſich meinem Bette und ſpringt auf mich zu wie eine wüthende Katze. Du kannſt Dir wohl vorſtellen, daß ich hier⸗ auf nicht gefaßt war, doch ahnte ich, daß er jenen Brief geleſen haben müſſe, und zerbrach mir nun den Kopf, ob ich ihm nicht ein Geſchichtchen aufbinden könnte. Er hielt mir den Brief unter die Naſe und ſagte: Was iſt denn das da? Ich erinnerte mich, daß Dein Brief kein Datum hatte, und da er nicht durch die Poſt gekommen war, ſo fand ich plötzlich eine Ausflucht und gab ihm ziemlich kaltblütig zur Antwort: Dieß da, dieſer alte Brief? mein Gott! der iſt ſchon ſeit undenklicher Zeit da! Er ſagte mir dann, daß ich lüge, und fragte mich endlich: von wem dieſer Brief herrühre; ich erwiederte, daß ich ihn vor der Bekanntſchaft mit ihm erhalten, und daß ich mich nicht mehr entſinnen könne, von wem er mir zuge⸗ ſandt worden. Das brachte ihn auf; er nannte mich wieder eine Lügnerin, und befahl mir gebieteriſch, zu ſagen, von wem dieſer Brief wäre; ich gab ihm jedoch kein Gehör. Hierauf beging er die Schänd⸗ lichkeit, mich zu ſchlagen... ich ſchrie... ich warf ihm, was ich unter die Hände bekommen konnte, an den Kopf, er gerieth in noch größere Wuth über mich... zerriß mir das Geſicht mit ſeinen Nägeln, indem er ſagte, daß er ein gutes Mittel wüßte, meine Er⸗ oberungen zu verhindern... kurz, wäre Magdalena nicht dazu gekommen, ich glaube, er hätte mich gänzlich verunſtaltet.— Arme, bedauernswerthe Frau! wie kann ſich ein Mann ſo weit vergeſſen! Ein ſchwaches Weib zu ſchlagen! Wie wenn das ein Mittel wäre, ihre Liebe zu gewinnen!— Ich bin häßlich genug zugerichtet, nicht wahr! Ich habe eine zerſchundene Naſe und dann eine Verwundung unter dem Auge... es iſt ganz blau.— O, das will nichts bedeuten... Sie ſind nichtsdeſtoweniger hübſch, und in meinen Augen ſind Sie nur um ſo intereſſanter; ich bin troſt⸗ los, die Urſache von all Dieſem zu ſein!— O mein Gott! Ich bin ja ſchuldig daran.. ich hätte den Brief verbrennen ſollen. Uebrigens ſuchte Reginald ſchon lange nur einen Vorwand, mich ſo zu behandeln; wäre er Willens, mich zu verlaſſen, ſo würde ich das natürlich finden, allein, ſollten Sie es glauben, mein Freund? nachdem er mich auf die angegebene Weiſe * 121 mißhandelt und ich ihm geſagt hatte, daß ich aus dem Hauſe gehen würde, ſchrie er: Beſinne Dich wohl, zu gehen! Ich verbiete es Dir; und ſollteſt Du ſo unglücklich ſein, mir nicht zu gehorchen, ſo werde ich Dich zu finden wiſſen und Dich tödten, Dich und Den, mit dem ich Dich zuſammen treffen werde. Sieh', ſolche Sachen wagte er mir zu ſagen; allein Du kannſt Dir wohl vorſtellen, daß mich dieß nicht hinderte, nachdem er weggegangen war, mich in aller Eile fortzumachen. Mit dieſem Menſchen noch länger zu leben... nein! lieber ſterben. Ich kam nun hier⸗ her... denn ich habe keine andere Stütze als Sie. Ich ſagte zu mir: Er wird mich nicht von ſich ſtoßen... er wird mich niemals mißhandeln... er iſt gut... er liebt mich... er wird mich bei ſich behalten für immer, für immer!.. Ich werde glücklicher ſein, als bei dieſem ſchändlichen Reginald, den ich, ſeit⸗ dem Sie meine ganze Liebe beſitzen, nicht mehr aus⸗ ſtehen kann!“ Adhemar blieb einige Augenblicke ohne Antwort., Das, was ihm jetzt begegnete, machte ihm eben kein großes Vergnügen. Als Emmeline vorhin bei ihm angeklopft hatte, war er ſo ferne von einem Gedanken an ſie; man hätte beinahe glauben können, die Er⸗ innerung an dieſe junge Frau ſei ganz aus ſeinem Herzen verbannt. Seit geſtern Abend hatte eine Andere Beſitz von ihrem Throne genommen, zum wenigſten hatte ſie bei Seite rücken und ſich mit einem kleinen Plätzchen beſcheiden müſſen, um die zärtliche Mathilde dort nach Bequemlichkeit herrſchen zu laſſen. 122 Während der Erzählung Emmelinens hatte der junge Mann ſich mehr als einmal an das Rendez⸗ vous erinnert, das heute in den Tuilerien ſtatthaben ſollte, und das zu verſäumen ihn in Verzweiflung gebracht hätte; allein die neue Neigung, die das Herz Adhemars gefangen hielt, konnte ihn gleichwohl* nicht unempfindlich werden laſſen gegen den Gram ſeiner andern Geliebten, zumal gegen einen Gram, von dem er die Urſache ſo gut als bei ſich ſelbſt ſuchen mußte. Dennoch wollte der Vorſchlag, von nun an immer bei ihm zu wohnen, dem jungen Manne keines⸗ wegs gefallen. In jedem andern Falle hätte er ihn zurückgewieſen, weil er alle damit verbundenen Un⸗ annehmlichkeiten wohl überblickte; aber nun kam Em⸗ meline geſchlagen, ja, ſeinetwegen geſchlagen, und unmöglich konnte er unter ſolchen Umſtänden ihr die Gaſtfreundſchaft verweigern. Während Adhemar alle dieſe Gedanken, die ſich in ſeinem Kopfe kreuzten, bei ſich erwog, fand er nichts Beſſeres zu thun, als ein zweites Glas Zucker⸗ waſſer, das er Emmeline präſentirte, zuzurichten; allein ſie wies das Glas mit den Worten zurück: „Ich danke, mein Freund!. Ich habe keinen Durſt. mehr... ich habe Sie aus dem Schlaf aufgeſchreckt... Sie ſchliefen ſo gut... Aber was ſehe ich auf dieſem Seſſel?... ein Seemannskoſtüm! Sie waren wohl dieſe Nacht auf einem Maskenball?— Jal... es iſt ſo.. Ich ging mit einem meiner Freunde auf einen Maskenball.— Und geſtern Abend ſagten Sie mir nichie davome Sie gaben mir die Verſicherung, 123 Sie werden nach Hauſe gehen und ſich zeitig zu Bette legen.— Es war dieß mein feſter Entſchluß; allein ich begegnete dem Herrn, der den Ball gab, und dieſer bat mich ſo lange, mich darauf einzuſtellen, bis ich nachgab.— Und dieſer Haſe? Wer hat Ihnen den gegeben?— Derſelbe Herr; er kam von der Jagd zurück und gab mir ihn.— Welche Geſchichte wollen Sie mir da aufbinden! Derſelbe Herr, der von der Jagd zurückkam und Abends einen Ball gab?! Sie ſagen mir Unwahrheiten!— Seht da die Frauen! Wenn man ihnen die Wahrheit ſagt, ſo glauben ſie gewiß nie; ſagt man ihnen aber Lügen vor, ſo laſſen ſie ſich ſogleich überzeugen. Ich ſage Ihnen noch ein⸗ mal, daß ich auf dem Ball bei Bourdichon war, der von der Jagd zurückkam... Geſtern, als ich Sie ver⸗ ließ, dachte ich nicht von Weitem daran, mich auf dem Ball einzufinden... Es iſt nichts Unwahres an Allem, was ich da ſage.— Ach! das rührt davon her, weil ich bereits ſo unglücklich bin. Wenn Sie mich täuſchten, Sie! Ach, ich wüßte, was ich dann thun würde!— Laſſen Sie es gut ſein, Emmeline! Beruhigen Sie ſich! Setzen Sie ſich wieder!— Es iſt der Haſe da, der mir im Kopfe umgeht.— Was? Sie ſind jetzt eiferſüchtig auf einen Haſen?— O nein! doch... entſchuldige, mein Freund! ich habe Unrecht.. Aber Sie ſind noch nicht angekleidet... es iſt allzukalt... Legen Sie ſich wieder zu Bette, mein Freund! es wird beſſer ſein... man friert bei Ihnen...“ Adhemar befand ſich in großer Verlegenheit; er / Laune bei dieſem neuen Beſuche zu erkennen; Emmeline 124 hatte ſeine Plane für den Tag gefaßt und das, was ihm jetzt vorgeſchlagen wurde, wollte ſo gar nicht da⸗ mit zuſammenpaſſen. Er ſtellte ſich, als höre er nicht, was die junge Frau ihm ſo eben ſagte, trat auf ſie zu und unterſuchte mit gerührter Miene alle die Be⸗ ſchädigungen ihres Geſichtes, indem er murmelte: „Arme Kleine! Eine ſo niedliche, ſo hübſche Frau zu zerkratzen, zu ſchlagen... Thut Dir dieſes noch weh?— Nein!— Und dieß?— Ein wenig... Meine Naſe iſt aufgeſchwollen, nicht wahr?— Nein, wenigſtens ſcheint es nicht ſo.— O, ich hab' ihn meines Theils auch gezeichnet: ich warf ihm eine Taſſe und einen Präſentirteller an den Kopf; er glaubte einäugig geworden zu ſein. Es ärgert mich nur, daß er es nicht iſt. Aber'es iſt kalt bei Ihnen, mein Freund! Sie zittern.— Ich? Ich verſichere Sie vom Gegentheil. Hat er Sie unter das Auge geſchlagen? Es ſieht blau!— Gewiß.. Ich bin recht häßlich, nicht wahr?— Sie können es nie werden!— Doch, wenn mein Zuſtand Beſorgniß erregt, ſo bin ich es zuverläßig!... und ich ſehe wohl, daß ich dieſen Ein⸗ druck auf Sie mache.— Auf mich? Und warum ſagen Sie mir dieß zum Beiſpiel?— Ach!... weil ...— Sagen Sie es doch!“ Emmeline antwortete nicht; allein ſie hielt von Neuem ihr Taſchentuch vor die Augen. Adhemar wollte gerade einige Troſtworte an ſie richten, als man von Neuem mehrmals an die Thüre pochte. Der junge Mann gab mehr Erſtaunen als gute —₰— „— —— 125 dagegen erbleichte und zitterte, es ſchien ihr ein Uebel⸗ befinden ankommen zu wollen, und ſie ſtotterte fort⸗ während:„Ach, mein Gott! das iſt er! Ach, zuver⸗ läßig iſt er es!— Was denn, meine theure Freundin! und wer denn?— Reginald! Er wird mir gefolgt ſein, wird mir aufgepaßt haben. O, mein Freund! ich bin verloren! Er wird mich tödten! Er wird auch Dich tödten!— Habe doch keine Furcht! Tödtet man denn die Leute auf ſolche Art? Für's Erſte ſei ver⸗ ſichert, daß ich ihn zum Fenſter hinauswerfen werde, bevor er noch Hand an Dich legt. Sodann, was hätte er für ein Recht dazu? Es iſt nicht Dein Mann, nach Allem— O, das iſt einerlei! Oeffne nicht, ich bitte Dich!— Doch, ich will öffnen, denn ich glaube nicht, daß es Reginald iſt.— Ach, verſtecke mich doch! O, verſtecke mich doch!“ Emmeline, erſchrocken und überzeugt, daß es ihr eiferſüchtiger Mann ſeie, der an der Thüre poche, lief wie toll im Zimmer hin und her; ſie öffnete die Schränke, die Schubladen, die Möbel, um ein Ver⸗ ſteck zu finden, und als ſie nicht dahin kommen konnte, ergoß ſie ſich in Klagen und Jammertönen. Während dieſer Zeit fuhr man fort zu klopfen, dabei wurde die Glocke heftig gezogen. Emmelinens Schreck wurde mit jeder Minute überwältigender, und in der Er⸗ manglung eines andern Verſtecks warf ſie ſich endlich in das Bett Adhemars, ſteckte ſich haſtig unter die Bettdecken und Kiſſen, rief ihm zu, alle ſeine Ball⸗ kleider und ſelbſt ſeine Sophapfühle auf ſie zu werfen, ſo daß ſie am Ende auf eine Art darunter begraben 126 war, daß es ſchwer war, irgend Jemand im Bette zu vermuthen. „Aber Sie werden erſticken!“ ſagte Adhemar zu ihr, welcher ſie nicht mehr in ſeinem Bette wahr⸗ nehmen konnte.—„Nein, nein!... ich habe Luft an der Fußſtätte... ich liege unten... verbergen Sie meinen Hut und meinen Shwal gut.— Seien Sie ganz ruhig!“. Der Hut und der Shwal wurden unter die Unter⸗ beinkleider verſteckt, als dieß im Reinen war, öffnete Adhemar die Thüre, zu welcher ſeine Nachbarin vom untern Stocke, Fräulein Azema, hereintrat. „Guten Morgen, mein kleiner Nachbar!“ ſagte die junge Schauſpielerin, indem ſie in das Zimmer trat und ſogleich in die Schlafkammer drang, wäh⸗ rend Adhemar die äußere Thüre wieder ſchloß.„Ich wäre nicht ſo frühe zu Ihnen heraufgegangen, weil ich wußte, daß Sie dieſe Nacht auf dem Ball waren und ich mir vorſtellte, daß Sie noch im tiefen Schlafe ruhten, allein Ihr Nachbar, Herr Trouillade, ver⸗ ſicherte mich, daß er dieſen Morgen Ihre Thüre be⸗ reits öffnen gehört habe, und ſo habe ich denn Sie zu ſtören gewagt.“ Während Fräulein Azema ſo fortſprach, ließ ſie neugierige Blicke durch das ganze Zimmer ſchweifen. „Setzen Sie ſich doch, meine Nachbarin!“ ſagte Adhemar, indem er ſich beeilte, der jungen Theater⸗ dame einen Armſtuhl anzubieten, die jedoch auf das Bett ſich niederließ, und, wie es ſchien, nicht ohne Abſicht.—„Ich danke, mein Nachbar! Sie machen 127 vielleicht etwas Feuer an, es iſt nicht ſehr warm bei Ihnen.— Das hat ſeinen Grund darin... weil ich ſo eben erſt aufſtand. Doch ich werde gleich anma⸗ chen.— Kommt denn nicht die Beſchließerin alle Morgen zu Ihnen herauf, um Ihnen welches anzu⸗ zünden?— Ja, das heißt... wenn ich ſie rufe.— Ich meines Theils bediene mich der ehrenwerthen Frau Coquenard, ſeit ich ohne Hausjungfer bin; ſie ver⸗ ſieht die Stelle meiner„groom“, meiner Kammer⸗ jungfer, meines Negers... jedoch werde ich nächſtens wieder eine Kammerfrau nehmen... Da ich auf dem Theater bin, kann ich es nicht in die Dauer ſo gehen laſſen... man hat immer Pakete fortzuſenden; allein dieß iſt Nebenſache. Ich komme einer Angelegenheit wegen zu Ihnen, wie Sie ſich wohl vorſtellen werden. Ich bin Ihnen außerordentlichen Dank ſchuldig für die zwei Rebhühner, die Sie mir geſtern geſchenkt haben.— Ach, meine Nachbarin! kommen Sie wieder auf dieß zu ſprechen?— Ich komme darauf, um auf etwas Anderes zu kommen... Ein Rebhuhn führt einen manchmal einen Schritt weiter... Sie ſind doch die Urſache, daß ich mit Bardajos einen fürch⸗ terlichen Auftritt gehabt habe.— Ach ſo! Sagen Sie mir doch, wie ſich derſelbe endigte? Der Herr ſchien mir in der That etwas verſtimmt!— Ja, aber als ich ſah, daß er in Aerger gerathen wollte, ſchrie ich noch viel ärger als er.. Dann kam er auf den Gedanken, daß er doch Unrecht haben könne. Es iſt dieß ein altes, aber ein probates Mittel. Kurz, Bar⸗ dajos warf ſich in meinen Schoß, wo er ſich Ver⸗ 128 zeihung erflehte. Er verſprach mir einen ſehr hübſchen Smaragdſchmuck unter der Bedingung, daß ich mit Ihnen nicht mehr plaudern ſolle... Mein Andaluſier iſt ſehr eiferſüchtig auf Sie.— Und Sie haben ihm verſprochen, nicht mehr mit mir zu plaudern?— Halt, das will ich glauben! Für einen Smaragdſchmuck verſpricht man Alles, was man will; was jedoch das Halten betrifft, das iſt wieder eine andere Frage... Mein Nachbar! Ich komme, Ihnen das Anerbieten zu machen, in meiner Geſellſchaft das Frühſtück ein⸗ zunehmen und die Rebhühner zuſammen zu verſpeiſen .. Nicht in meinem Zimmer.. ich würde dabei nicht ruhig ſein... ſondern hier... unter der Bedingung, daß Sie zum Exempel etwas Feuer machen; denn es iſt ſchauderhaft kalt bei Ihnen. Wohlan! Laß ſehen, ſind Sie damit einverſtanden?— Meine Nachbarin! Ihr Vorſchlag iſt ſehr liebenswürdig, gewiß! Allein dieſen Morgen habe ich ein Rendezvous... und— Hat man denn die Rendezvous in ſo früher Tages⸗ zeit? Sie werden nach dem Frühſtück gehen.. die ehrenwerthe Frau Coquenard wird uns die zwei Thierchen braten, ein wenig Fiſch, ein wenig Salat, ein wenig Bisquit und Champagner dazu.. köſtlich! Wir werden ohne alle Ceremonie dejeuniren... nicht ſo? Beliebt es Ihnen?— Ich kann nicht, meine Nachbarin!“ Fräulein Azema erhob ſich mit einer beleidigten Miene, machte einige Schritte im Zimmer und mur⸗ melte:„Sie ſind erſtaunlich artig... Ach, wie kalt iſt es bei Ihnen! Nun gut, ich gehe... ich verlaſſe —— 12²9 3 Sie... wie war ich doch ſo albern, zu glauben, mein Vorſchlag werde angenehm ſein! Das wird mich lehren, ein anders Mal weniger eingebildet zu ſein... ich finde mich ſehr ſchmerzhaft berührt... ich werde Ihre Reb⸗ hühner zum Fenſter hinauswerfen... Sie lachen... Ach! der Herr macht ſich luſtig über mich, in der That, ich habe es verdient!— Ach, meine Nach⸗ barin!... Ich hoffe, Sie werden mich nicht für fähig halten, mich über Sie luſtig zu machen.. Ihr An⸗ erbieten iſt ſehr liebenswürdig... und ohne einen dringenden Umſtand...— O ja, das iſt ein drin⸗ gender Umſtand! Wir wiſſen, was das iſt! O, Sie kennen mich ſehr ſchlecht, ich habe einen ſchnackiſchen Kopf! Es iſt gut, dnß Bardajos mir verbietet, mit Ihnen zu reden. Der Ton der gertes angezogenen Glocke unterbrach Azema mitten im Satze. Adhemar ſchien ziemlich er⸗ ſtaunt über dieſen neuen Beſuch, während ſeine junge Nachbarin die Farbe wechſelte und ihre Munterkeit ganz verlor; ſie ſah den jungen Mann mit beſtürzter Miene an, indem ſie ſtotterte:„Klingelt man bei Ihnen?— Ja, ja! vor meiner Thüre.— Ach, mein Gott! welcher Einfall.— Was denn? Was haben Sie?— Ich habe... ich habe... Dieſer Einfalts⸗ pinſel Bardajos iſt wohl im Stande, mir auf dem Fuße zu folgen... mir aufzulauern... Er wird in meinem Zimmer geweſen ſein... ich beging die Thor⸗ heit, meinen Schlüſſel ſtecken zu laſſen... er wird vermuthen, daß ich nicht weit ſein könne.. er wird Paul de Kock. XXXVII. 4 9 130 mich hier aufſuchen wollen.— Meiner Treul deſto ſchlimmer für ihn! Ich werde dieſen Herrn zum Beſten haben.— O, aber ich! Mir liegt an dem Sma⸗ ragdſchmucke, den er mir verſprach... findet er mich hier, ſo werde ich ihn nicht erhalten!— Was wollen Sie anfangen?— Oeffnen Sie nicht!— Unmöglich, man wird ſchon geſagt haben, daß ich da ſei.— In der That, wenn er es iſt... ſo wird er auf dem Gange warten... Kling, kling, ſchelle, ſchelle, Beſtie! Ich verſtecke mich!— Ich habe kein Verſteck!— O doch! halten Sie, in Ihrem Bette... es liegt eine Maſſe Gegenſtände darauf... man wird mich nicht bemerken.— Nein, nein, meine Nachbarin! nur nicht in meinem Bette... ich bitte Sie inſtändig!“ Allein Fräulein Azema hörte nicht auf Adhemar; ſie war bereits im Bett, kam nicht ohne Mühe dazu, die Decke zu finden und machte ſich dann unter ſie, indem ſie murmelte:„Es iſt doch da weit beſſer als auf einem Seſſel!“ 3 Und bald war ihr Kopf, ſo wie ihr übriger Leib, ganz unter den Ueberwürfen verſchwunden. Adhemar ſtand einen Augenblick wie verſteinert da. Azema ſtieß einen Schrei aus und ſteckte ihren Kopf. wieder mit den Worten aus dem Bett:„Ach, da iſt ja ſchon Eine d'rin! Das Ungeheuer! Jetzt nimmt mich's nicht mehr Wunder, daß er ſich nicht zum Früh⸗ ſtück hergeben wollte... Doch gleichviel... wir wer⸗ den uns nicht rühren... denn es ſcheint mir, die hier befindliche Perſon möchte ſo wenig als ich hier ange⸗ troffen werden. Nun gut, jetzt können Sie öffnen.“ 131 Damit verſchwand die junge Schauſpielerin von Neuem im Bette. Adhemar ſchritt ſofort der Thüre zu und öffnete ſie, indem er ſagte:„Herein denn! in Gottesnamen!“ Siebentes Kapitel. Mittel gegen Nervenübel.— Adhemar iſt kein Kapitaliſt mehr. 1 Es war Herr Trouillade, der auf dem nämlichen Boden wohnende Trillerſänger, der an der Thüre ſeines Nebenwohners geſchellt hatte, wobei der mäch⸗ tige Schall ſeiner Stimme und mehr oder weniger ausgehaltene Orgeltöne das Getöſe der Glocke be⸗ gleiteten, ein Getöſe, das nur dann ſich unterbrach, wenn er ſeinem Sohn drohte, den man von frühem Tage an ſchon ſchreien und heulen hörte. In jedem andern Fall würde Adhemar den über⸗ läſtigen Nachbar heimgeſchickt haben; aber dießmal empfing ihn der junge Mann beinahe mit Vergnügen, weil er hoffte, ſeine Ankunft werde ihn aus der Verlegenheit retten, in der er ſich befand. Herr Trouillade hatte ſehr wenig Haltung und Anſtand. Er hatte lange flanellene Beinkleider an, die vormals weiß geweſen waren, die aber in Folge des Waſchens eine gelbliche Farbe angenommen hat⸗ ten, und eine Moltonweſte vom nämlichen Stoffe, Weſte und Hoſen jedoch waren alle beide in der Wäſche etwas kürzer geworden, ſo daß ſie ſich, zumal über dem dicken Leibe ihres Eigenthümers, unmöglich wie⸗ der zuſammenfinden konnten; vielmehr befand ſich zwiſchen den Hoſen und der Weſte eine Kluft, welche durch ſein um den Körper herum bauſchig hervor⸗ quellendes Hemd ausgefüllt wurde. Der Künſtler wollte jedoch finden, daß das ſeinem Negligé etwas Spaniſches gebe, und ſeitdem er ſich als Figaro hatte abbilden laſſen, überredete er ſich immer, den Anblick dieſer Rolle darbieten zu müſſen. „Guten Morgen, mein lieber Nachbar,“ ſagte Herr Trouillade, indem er in Adhemars Zimmer trat;„ich hoffe, daß ich Sie nicht ſtöre... Wart, Lycoris, wart, Schlingel! ich werde ſogleich zu Dir kommen! So? biſt Du mit Deinem Frühſtück nicht zufrieden... Schwernoth! ich wünſchte, daß Du immer Sachen wie dieſe hätteſt... einen Vogel⸗ flügel à la Marengo und eine Hand voll Oliven? Ich glaube, damit ſollte ein ſo kleines Kind zufrieden ſein können!— Es ſcheint mir, Ihr Sohn ſchreit, ſeit er die Augen offen hat,“ ſagte Adhemar, indem er ſich wieder in ſein Schlafzimmer zurückbegab, wohin ihm ſein Nachbar folgte.—„O das iſt eine Gewohnheit, die ich ihm beigebracht habe, ſeit ſeine Amme mir ihn wieder brachte, und nur im Intereſſe ſeiner Stimme und ſeiner Lungenflügel. Der kleine Schlingel darf mir kein Bruſtkranker werden, das ſage ich Ihnen; mit zwölf Jahren muß er mir Robert den Teufel ſingen, wie die verſtorbene Lais Anakreon bei Polykrates ſang... Ich habe den Anſchein eines barbariſchen Vaters, allein 13³ ich bereite dieſem Kinde nur eine goldene Zukunft vor... Halt, haben Sie Ihren Haſen noch?“ Die Augen Herrn Trouillades richteten ſich jetzt auf das Fenſter. Den Abend vorher hatte Adhemar den Haſen an's Fenſter aufgehängt und ſeither hatte er nicht daran gedacht, ihn zum Fenſter hinauszuthun. „Glauben Sie etwa, ich habe ihn dieſe Nacht verſpeist?“ ſagte Adhemar lächelnd und heftete ſeine Blicke auf das Bett, wo ſich Alles in der vollſtän⸗ digſten Unbeweglichkeit befand.—„Nein, nein, aber wenn Sie ihn allzulange aufbewahren... es wird warm in Ihrem Zimmer.— Finden Sie dieß? Sie ſind der Erſte, der mir dieß ſagt. Aber zur Sache, Nachbar! haben Sie mir etwa ein Anliegen vorzu⸗ bringen... etwas zu ſagen?— Eine Sache, die ſehr wichtig für mich iſt... ich wollte mit Ihnen geſtern Abend darüber reden... aber Sie hatten ſo ſehr Eile... dieſen Morgen ſagte nun meine Frau zu mir: Geh' doch gleich zu unſerm liebenswürdigen Nachbar, Herrn Marilly, er liebt die Künſte und die Künſtler und dann iſt er reich... er ſieht nicht auf das Geld; er iſt kein ſolcher Geizhals, wie ſo viele Leute der großen Welt.— Zur Sache, Nach⸗ bar!... Sparen Sie Ihre Complimente, ich bitte Sie!— O ihr Götter! Complimente! Weg mit ihnen! ich verfluche ſie!... die Wahrheit, immer die reine Wahrheit! Sie ſehen mich hier, um Ihnen zu ſagen, daß ich, den lebhaften Aufforderungen meh⸗ rerer Direktoren, dramatiſcher Beamten und Regiſ⸗ ſeure der Provinz und des Auslandes, welche mich um jeden Preis zu hören wünſchen, nachgebend, mich entſchloſſen habe, eine Vorſtellung zu meinem Benefiz zu geben. Ich gedachte anfangs im Saal Chante⸗ reine oder in dem der Straße Lancry zu ſpielen, allein dieſe beide würden viel zu klein ſein.— Haben Sie nicht das Odeon verlangt?— Nein, ich habe den Saal von Ruel bekommen... Sie kennen das kleine Dorf Ruel, nahe bei Malmaiſon; dort befindet ſich ein koſtbarer Saal, den die Behörde ſich beeilte, zu meiner Verfügung zu ſtellen. Ich habe nun noch eine vordere Loge übrig. Geſtern warfen ſich mir wenigſtens fünfzig Perſonen zu Füßen, um noch eine Loge zu erhalten, allein ich wies ſie ab, um dieſelbe Ihnen aufzubehalten. Meine Frau ſagte zu mir: hebe dieſe Loge für unſern lieben Nachbar Marilly auf, er wird ſich geſchmeichelt fühlen, Dich hören zu können. Ich würde tauſend Francs haben können, wenn ich dieß behalten wollte... das da... es iſt für morgen Nachmittag... und ich denke, daß...“ Ehe Adhemar noch Zeit hatte, ſeinem Nachbar zu antworten, gerieth ſein Bett in große Bewegung oben an der Kopfſtätte: die Decke, ein Kopfkiſſen, ein Ohrpfühl wurden beiſeit geworfen, und Azema arbeitete ſich unter all dieſem Zeuge hervor, indem ſie ſagte:„Ich hoffe, daß das irgend ein Schwätzer iſt! Ah ſo! Herr Trouillade! der kommt nicht um⸗ ſonſt aus der Gascogne.“ Der Sänger der Läufe und Triller ſtand ſehr betroffen da bei dieſer unerwarteten Erſcheinung; gleichwohl öffnete er den Mund, um der jungen Schau⸗ 135 ſpielerin zu antworten, als das Bett abermals und zwar dießmal auf einer andern Seite in Bewegung gerieth. Von der Fußſtätte aus wurden alle mög⸗ lichen Gegenſtände in die Luft geworfen: Decke, Klei⸗ der, Kiſſen, während die arme, halberſtickte Emme⸗ line ihren Kopf in die Luft hob und leiſe ſagte: „Ach! es gibt kein Mittel mehr, es länger auszu⸗ halten; ich bin am Tode!— Zwei Frauen? zwei in Ihrem Bett, Nachbar!“ rief Trouillade, Emme⸗ linens gewahr werdend.—„Eil Herr Trouillade, es handelt ſich hier um keine Scherze mehr... dieſe Frau hat das Bewußtſein verloren!“ rief Adhemar, indem er Emmelinen zuſprang;„helfen Sie mir doch, Beiſtand zu leiſten!— Beruhigen Sie ſich,“ ſagte Azema, welche aus dem Bett geſprungen war und bereits den Kopf Emmelinens hielt, ihr das Halstuch abnahm und ihr Kleid aufzuhäckeln ſich be⸗ mühte,„es hat nichts zu bedeuten, die unmäßige Wärmel Freilich! ſie hatte den Eigenſinn, darin aus⸗ zuhalten. Ich, als ich verſichert war, daß es nur mein Hausgenoſſe Trouillade ſei, habe mich alsbald in die freie Luft gemacht.— Aber ſie kommt nicht zu ſich.. Emmeline, theure Emmeline... Seht doch, ihre Glieder werden ſteif, ihre Adern ſchwellen an! — In der That, ich fürchte, es möchte ein Nerven⸗ zufall ſein!— Ja, ja, das iſt ein Nervenzufall,“ rief Trouillade,„Ich kenne das, meine Frau hat deren öfters... ſeit der Zeit, da man ihr im Thea⸗ ter ſo viele Blumenſträuße und Kränze zugeworfen ... Es gibt nichts Gefährlicheres für die Nerven... welche bereits ſich darauf beſſer zu befinden ſchien. 136 Auch ich habe mir ausgebeten, daß man mich mit nichts werfe... ich bin ſehr nervenſchwach... ich wäre im Stande, eine Ohnmacht zu bekommen.“ Azema und Adhemar hatten ſehr wenig Luſt an dieſen Reden Trouillade's; die Erſtere hatte eine Scheere auf dem Kamin gefunden: ſie entkleidete Emmeline, indem ſie Schnüre, Schleifen und Alles, was den Rock und die Schnürbruſt feſthielt, auf⸗ ſchnitt. Adhemar lief in alle Ecken des Zimmers: er ſuchte Waſſer, Zucker, Eſſig, während die Schau⸗ ſpielerin ihm zurief:„Aether... Salz... oder wenigſtens Orangeblüthenwaſſer, das wird helfen... Haben Sie welches?— Mein Gott, nein! Ich glaube nicht. Doch, doch! ich hatte einmal.— Warten Sie, warten Sie, ich weiß, was man dieſer jungen Dame geben muß, um ſie wieder zum Bewußtſein zu brin⸗ gen,“ ſagte Trouillade, indem er eine Doktorsmiene annahm;„werden Sie nicht unruhig... ich werde ihr's ſogleich holen... Sie werden ſehen, daß ſie alsbald wieder bei ſich ſein wird.— Nun, ſo laufen Sie, mein Nachbar... eilen Sie, ich bitte Sie... — Ich will holen, was nöthig iſt... Glücklicher Weiſe habe ich davon in meinem Zimmer! O ich habe ſtets in Bereitſchaft; ich bin ein Mann der Vorſicht!“ Der Nachbar ging endlich auf ſein Zimmer, das nervenſtärkende Mittel zu holen. Unterdeſſen hatte jedoch Adhemar, alle Winkel durchſtöbernd, das Oran⸗ geblüthenwaſſer gefunden; Azema goß einige Tropfen davon auf Zucker und gab dieß der Kranken ein, 137 „Sie iſt recht hübſch!“ ſagte Azema, Emmeline betrachtend;„Ahl ſchlechter Mann! jetzt begreife ich wohl, warum mein Frühſtück Sie nicht verlocken konnte. Allein warum haben Sie geöffnet? Und warum verbarg ſie ſich?— Achl es würde zu lange dauern, es Ihnen ausführlich zu erzählen.— Sie haben Recht, und überdieß geht mich dieß nichts an ... aber ſie hat Male im Geſicht, wie wenn ſie von Nägeln herrührten, zerkratzte Stellen... Arme kleine Frau! O, zuverläßig haben Sie ſie nicht ſo behandelt... und ich begreife jetzt gut, warum ſie ſich verſteckte. Sapperment! Bardajos oder irgend ein Anderer ſollte mir kommen und mein Geſicht mir ſo verwüſten! Ich ſchwöre heilig, er müßte über eine Katzenpfote davonlaufen. Sehen Sie, es wird ihr beſſer... die Farbe kehrt wieder... um ſo beſſer; denn ich ſetze kein großes Vertrauen in das, was der Nachbar herbeibringen wird. Gibt es einen ärgern Prahlhans als den da? mit ſeiner Benefiz⸗ Vorſtellung in Ruel! Ein ſchönes Theater, das von Ruel! Man kann keine drei Stücke aufführen! dieſer Hanswurſt von Trouillade! Wenn der jemals in der Oper ſingt, ſo miethe ich den Saal.“ . Die Rückkunft des Nachbars machteé dieſen Be⸗ trachtungen der jungen Schauſpielerin ein Ende. Herr Trouillade trat mit triumphirender Miene ein, indem er in ſeiner Hand etwas hielt, das er jedoch noch nicht ſehen ließ. Er näherte ſich jetzt dem Bette und ſchob mit der Miene eines Operateurs, der in ſeiner Kunſt geſtört zu werden fürchtet, Azema 8 138 und Adhemar bei Seite; dann die rechte Hand an die Naſe der Kranken legend, während die linke ſich ſanft auf ihren Kopf lehnte, ließ er ſie an einer un⸗ geheuren Knoblauchszehe athmen.—„Was haben Sie denn da!“ rief Adhemar,„Sie heben ihr ja eine Zwiebel unter die Naſe!— Eine!Zwiebel? das wäre noch gut, wahrhaftig!“ ſagte Azema,„rie⸗ chen Sie nichts von dem Knoblauch, den er ihr hin⸗ hält!— Laſſen Sie mich doch machen!“ erwiederte Trouillade, ſeine Kur fortſetzend.„Wenn ich Ihnen Sſage, daß das unfehlbare Wirkung thut! Halten Sie... ſehen Sie! Sie bewegt ſich... ſie ſchlägt die Augen auf...“ 3 Emmeline, deren Bläſſe jetzt weniger furchter⸗ regend war, bewegte ſich in der That auf ihrem Bett, ſchien jedoch mit der Hand das, was man ihr zu riechen gab, abwehren zu wollen, und bald darauf ſtammelte ſie:„Legen... legen Sie doch dieſes weg, ich bitte Sie.. Es macht mir ſchreckliche Herzbe⸗ klemmung, es wird mir dadurch nur übler!“ Als Adhemar ſah, daß Trouillade beharrlich fort⸗ fuhr, ſeine Knoblauchszehe unter die Naſe Emme⸗ linens zu halten, faßte er ihn mitten um den Leib, ließ ihn einen Kreisſchwung machen und ſagte zu ihm: „So legen Sie es doch weg... Sie ſehen ja, daß dieſer Geruch ihr widerlich iſt!— Ei! Sehen Sie denn nicht, daß ſie dieß ſo eben wieder zu ſich ge⸗ bracht hat?“ ſagte Trouillade, indem er ſich im Spiegel beſah und die Stellung ſeiner Gipsfigur annahm!—„Meiner Treu!“ ſagte Azema,„ich glaube 139 ſchwerlich, daß es Ihre Knoblauchszehe iſt, die dieſe Frau wieder zu ſich brachte; jedenfalls aber bitte ich Sis, mein lieber Hausgenoſſe, ſollte ich einmal in Ihrer Gegenwart Nervenzufälle bekommen, von ihrem Mittelchen keinen Gebrauch zu machen, um mich wieder zum Bewußtſein zu bringen... das würde mich zu ſehr verpeſten!— Sehr hübſch! ſehr hübſch!“ murmelte Trouillade, indem er eben den Haſen ſtreichelte;„ſie liebt den Knoblauch nicht, und doch weiß ich die Zeit noch gar wohl, wo ſie nichts Anderes als Würſte für drei Sous zu Mittag ſpeiste, die damit gewürzt waren... damals war freilich noch kein Andaluſier da und man knüpfte ſeine Schuhe mit Bindfaden zu. Wart... Weibsbild! Wenn Du Deine Rollen auswendig lernſt, dann werde ich falſch wie eine Eule ſingen.“ Adhemar brachte Emmeline wieder auf ſein Bett und in möglichſt gute Lage. Azema hatte eine Flaſche mit Eau de Portugal auf dem Kamine gefunden und ſpritzte daſſelbe reichlich im Zimmer umher, um den Knoblauchgeruch zu vertreiben. Der jungen Kran⸗ ken wurde wieder beſſer, ſie fing an, gegen Adhemar zu lächeln, der alle die Beweiſe der Beſorgniß zu erkennen gab, die eintritt, wenn man Perſonen das Bewußtſein verlieren ſieht. Unterdeſſen hatte der Trillerſänger ein roſenfarbenes Papier aus ſeiner Taſche gezogen und es mit den Worten auf's Kamin gelegt:„Hier iſt das Billet, Herr Marilly... ich lege es hieher... unter den Leuchter... nein, Teu⸗ fel! es könnte etwas vom Wachslicht darauf kommen 140 .. ich lege es Ihnen unter das Glas.. doch nein, ich will es in dieſe Vaſe legen, es wird da ſicherer aufgehoben ſein.“ Adhemar gab ſeinem Nachbar keine Antwort; denn ganz mit Emmelinen beſchäftigt, hörte er ihn nicht und ſchenkte ſeinem Geſchwätze überhaupt keine Aufmerkſamkeit. Er neigte ſich über Emmelinen, nahm ihre Hand, drückte ſie in die ſeinige und lis⸗ pelte:„Wie befinden Sie ſich jetzt?— Ein wenig beſſer... doch habe ich noch Herzdrücken.— Daran iſt nichts Anderes als der Knoblauch unſers Nachbars Trouillade ſchuld,“ ſagte Azema lachend.—„Knob⸗ lauch und Herzbeklemmung? Wie!“ ſagte Trouillade, „es iſt ein Präſervativ gegen die Peſt, es muß dieß Uebel einen andern Grund haben, der... die.. Immer ſprechend ließ Trouillade ſeine Blicke nach dem Haſen hin ſchweifen, der immer noch an der Fenſterſtange hing; dann, wie vom Blitzſchlag eines Gedankens getroffen, ſchlug er ſich an die Stirne⸗ zog an ſeinem bauſchigen Hemde und ſchrie:„Der Grund! ei, mein Gott! der Grund, den wir ſuchen, der Grund, da iſt er ja! Allmächtige Götter! da iſt er klar und evident! ich rieche ihn hier! dieſer Haſe 4 .. dieſer unglückliche Haſe, der ſo ſtark riecht und deſſen Geruch der Madame Herzbeklemmungen ver⸗ urſacht... und der, ſo lange er hier bleibt, ſie nicht geneſen laſſen wird. Halten Sie, Madame, ich will ſie von dieſer unglückſeligen Beſtie befreien... ich bin troſtlos, daran nicht früher gedacht zu haben.“ Nit dieſen Worten ging Trouillade auf den Haſen des Geſchoßes zumachen. Azema warf ſich in einen Sie kam, mir den Vorſchlag dazu zu machen... zu, nahm ihn herab und verſchwand damit, indem er rief:„Seien Sie ruhig, Madame, Sie werden nichts mehr davon riechen.“. Man hörte den Nachbar weggehen und die Thüre Lehnſtuhl, brach in ein Gelächter aus und rief: „Seht mir einmal dieſen Ausgang! Er durfte nicht fehlen und würde ſich nie ſo ſchön auf dem Theater ausnehmen. Ei du verruchter Figaro, wie gut ſteht dir der Haſe an! Was ſagen Sie dazu, mein Nach⸗ bar? Aber Entſchuldigung! ich ſchwatze und denke nicht daran, daß ich Sie langweile. Madame hat meine Dienſte nicht mehr nöthig, ich werde wieder in mein Zimmer hinuntergehen. Sollten Sie manch⸗ mal mißvergnügt ſein und mich brauchen können, ſo rufen Sie nur nach mir und geniren Sie ſich nicht, ich werde ſogleich zu Ihnen heraufkommen. Auf Wiederſehen, mein Nachbar!“ 1 Die junge Schauſpielerin machte eine anmuthige Beugung gegen Emmeline, beglückte Adhemar mit einem Lächeln und entfernte ſich, die Melodie eines „Contretanzes trillernd. „Das iſt eine ſehr artige, ſehr heitere, und wie ich glaube, ſehr gefällige Perſon,“ ſagte Adhemar, indem er ſeiner Nachbarin nachblickte.—„Ja,“ ant⸗ wortete Emmeline, ihre Blicke feſt auf die des jungen Mannes richtend;„aber ſie kam, um mit Ihnen ein/ Frühſtück einzunehmen und ich liebe dieſes nicht.— allein wenn Sie, wie ich hoffe, unſere Unterredung 142 gehört haben, ſo ſollten Sie hieraus deutlich erkennen können, daß kein Verhältniß zwiſchen uns ſtattfindet. — Wenn es auch jetzt noch nicht ſo weit iſt, ſo denke ich doch, daß dieß nach dem Beſuche, den die⸗ ſes Fräulein dieſen Morgen bei Ihnen gemacht hat, nicht lange mehr anſtehen wird.— Ach! Emmeline, Sie werden grauſam! Sie denken immer an ſolche Sachen...— Es ſcheint mir, daß, wenn eine Frau zu einem Manne auf das Zimmer kommt, und ihn zu einem Frühſtück unter vier Augen einlädt, man nicht weiß, was man hiezu ſagen ſoll. Warum haben Sie auch die Rebhühner dieſem... Fräulein gegeben? — Mein Gott! der Zufall! Ich begegne ihr geſtern Abend auf der Treppe, als ich mit meinem Wild⸗ pret heraufſtieg.— Sehen Sie, ſo eben haben Sie mir von einem Haſen geſagt; Sie haben ſich aber gehütet, von den Rebhühnern zu ſprechen!— Ei mein Gott! meine liebe Freundin, ich habe ganz andere Dinge im Kopf!— Sie hat eine ſchrecklich freche Miene... dieſe... Azema... ach, hätte ſie mich nicht im Bette entdeckt, ich wäre lieber erſtickt⸗ als mich zu zeigen.— Da würden Sie eine ſehr, ungeſchickte Sache gemacht haben.— Ei wie? Was machen Sie da? Sie kleiden ſich an?— Gewiß! es ſcheint mir Zeit dazu zu ſein... Mein Gott! halb zwölf vorüber.— Werden Sie wohl ausgehen?— Ja, ich habe dieſen Morgen ein Geſchäft... ein unaufſchiebbares Geſchäft.— Ich will aufſtehen... ich will mit Ihnen ausgehen... Warum hat man mich entkleidet?“ 143 Unter ſolchen Geſprächen hatte ſich Emmeline halb aufgerichtet, und ſuchte ihren Buſen zu bedecken, Adhemar jedoch lief zu ihr hin und ſagte in einem ſehr zärtlichen Tone zu ihr:„Meine theure Emme⸗ line, ich muß zu meinem Wechſelagenten, denn ich habe keinen Sous mehr hier... ich habe geſtern, was ich noch hatte, im Spiel verloren und ich muß Geld haben; es mangelt mir ſogar dieſen Morgen ſchon: Sie wiſſen wohl, daß man ohne Geld nicht leben kann. Ueberdieß habe ich eine Spielſchuld zu berichtigen und dieß muß binnen vierundzwanzig Stunden bezahlt ſein.“ „Ach, wie häßlich iſt es doch, zu ſpielen... Wie viel haben Sie verloren?— Es iſt jetzt ſchon ſo... aber Sie ſehen wohl ein, daß ich jetzt ausgehen muß und daß ich Sie nicht mitnehmen kann.— Sehr beluſtigend! Aber wenigſtens werden Sie nicht lange ausbleiben.— Ich werde mich beeilen... Ich habe noch einen oder zwei Gänge dieſen Morgen zu machen ... ich werde nicht lange ausbleiben.— Einen oder zwei Gänge... und wohin! zu wem! warum!— Mein Gott, theure Emmeline! das würde zu lange dauern, es Ihnen auseinander zu ſetzen. Kann ich denn nicht einen Schritt thun, ohne daß Sie mich fragen, wohin ich gehe! Haben Sie nicht ſo viel Zutrauen zu mir, um ruhig zu ſein? O nein, ich habe gar wenig; erſtens muß ich Ihnen ſagen, daß ich ſehr eiferſüchtig auf die Leute bin, die ich liebe. Reginald ging den ganzen Tag aus... das war mir ſehr gleichgültig, ich liebte ihn nicht; aber 8 144 Sie...o, damit hat es eine ganz andere Bewandt⸗ niß... Wenn Sie mich nicht mitnehmen, ſo werde ich Ihnen folgen und ich werde wohl merken, ob Sie mich täuſchen.— Wohlan, meine beſte Freun⸗ din, beruhigen Sie ſich; Sie ſind ſo eben unwohl geworden; der Auftritt dieſen Morgen mußte auch Ihre Gedanken in Unordnung bringen. Sie bedütfen der Ruhe; verſuchen Sie zu ſchlafen, d is wird Ihnen gut thun.— So! Schlafen ſoll ich? O nein! Ich werde vielmehr weinen, bis Sie wieder zurückgekehrt ſind.— Das wäre in der That geiſtreich! Mein⸗ Gott! es gibt doch keine vernünftige Frau!— Nun, ſo ärgern Sie ſich nur nicht; ich will vernünftig ſein; ich werde nicht ſchlafen, aber ich werde an Sie denken. Ich werde zu mir ſagen: ich bin bei * ’ 4 — 1 6 1 ihm, mit ihm, er wird bald zurückkommen; künftig werden wir uns nie mehr werlaſſen und ich werde mich ſehr glücklich fühlen.“ Adhemar antwortete nichts. Er beeilte ſich, ſeine Toilette vollends zu machen, nahm ſeine Anwei⸗ ſung aus ſeinem Schreibtiſche, legte ſie mit einem Seufzer in ſeine Brieftaſche, dann ſah er auf die Uhr: in einigen Minuten war es zwölf... er hatte keine Zeit zu verlieren. Er umarmte Emmeline, deren Augen ihm aufmerkſam gefolgt waren, und die keine ſeiner Bewegungen im Zimmer aus der Acht ge⸗ laſſen hatte. 1 „Adieu, meine beſte Freundin,— Adieu. O! das iſt mir ſehr unangenehm, daß Sie gehen.— Ich ſagte Ihnen, daß ich es nicht anders machen kann. Adieu.— Sie werden Sich doch beeilen, mein Freund. — O ja, ja; zum Henker, ja!“ Nach dieſer ein wenig derben Antwort ging Adhemar raſch fort und ſtieg vier Stufen zumal hinab, aus Furcht, ſie möchte ihn noch einmal zurück⸗ rufen. Auf der Straße angekommen, lief er haſtig inen Naata ſagte zu ſich:„In welches eſpenneſt ich gerathen; zuverläßig eine artige, hübſche Frau, mit der ich aber nur eine einfache Bekanntſchaft zu machen gedachte, eine jener Ver⸗ bindungen, die man, wenn man will, wieder ab⸗ bricht, denn im Grunde fühle ich für ſie keine große Leidenſchaft. Je nun! daß ſie ſich aber auch mußte von ihm ſchlagen laſſen, ſo zu ſagen um meinetwillen, und nun mir gar vollends in die Arme fällt, in dem Augenblick, wo es mir unerläßlich iſt, mit der genaueſten Einſchränkung zu leben m Gleichwohl kann ich dieſe junge Frau nicht von mir ſtoßen, welche jetzt ohne alle Hülfsmittel ſein würde; wenn ſie mir nur wenigſtens eine angenehme, liebenswürdige Ge⸗ ſellſchaft in Ausſicht ſtellte.. Aber kaum iſt ſie drei Stunden bei mir, und ſchon will ſie mich am Aus⸗ gehen hindern und nimmt ſich heraus, Rechenſchaft von meinen unbedeutendſten Handlungen zu fordern. O Cott! das, was wir Leute von vornehmem Stande Glüct äne en übereinkamen, wird in der That nichts allteres ſein, als ein langes,⸗ trügeriſches Um⸗ hertreiben, das in unſerem Herzen nichts Anderes 2. als den Schmerz der Täuſchung und Reue zurückläßt! Ja, ja, ich ſuchte mich zu zerſtreuen, und jetzt muß Paul de Kock. XXXVII. 10 * * 146 ich dem Strome folgen. Uebrigens iſt Mathilde be⸗ zaubernd, und ich liebe ſie wirklich.“ Adhemar erinnerte ſich nicht, daß er ſo ſprach, ſo oft er eine neue Verbindung angeknüpft hatte. Wohl wiſſend, daß ſein Wechſelagent ihm Geld zuſtellen würde, ehe er auch nur ihm ſeine Anweiſung ein⸗ gehändigt hätte, ſtieg er in ein Cabriolet, um ſich zu dem führen zu laſſen, der ſein Banquier geworden war. Unterwegs ſagte er bei ſich: Ein Kapital von hundert Francs Rente aufkünden, wird nun nicht zureichen! Ich werde Emmelinen nicht bei mir be⸗ halten; nein, denn ich würde dann nicht mehr frei ſein und das iſt vor allen Dingen das Geringſte, daß ich meine Freiheit bewahre. Sie kommt mich theuer genug zu ſtehen! Allein ich werde dieſe junge Frau in einer kleinen Wohnung unterbringen, die ich möbliren laſſen will. Zu all dem, das kann ich ſchon berechnen, werden tauſend Francs lange nicht zureichen... Sodann muß ſie doch zu leben haben, und ich auch. Jeden Augenblick zu meinem Wechſel⸗ agenten gehen, um die Trümmer meines Vermögens aufzukündigen, langweilt mich. Kündige ich Alles auf... meiner Treu! ich habe gute Luſt dazu... ſo werde ich zum wenigſten eine lange Zeit vor mir haben. Die Wahrheit geſagt, wenn dieß aufgebraucht ſein wird, ſo wird mir kein Pfennig mehr bleiben ... ja, aber die Ueberzeugung, daß ich keine andere Hülfsquelle mehr habe, wird mich ſparſam machen. Indeß wer weiß, man ſagt, daß man mit Geld Geld gewinnt. Ich werde vierzigtauſend Francs ein⸗ 147 nehmen, damit könnte ich irgend eine Spekulation verſuchen... bei Gott, es bleibt dabei, ich kündige Alles auf.“ Adhemar war von ſeinem Einfall entzückt. Er ging mit der ſtrahlenden Miene eines Mannes, der ein ausgezeichnetes Geſchäft macht, zu ſeinem Agenten und gab ihm ſeine Anweiſung mit den Worten zu⸗ rück:„Ich kündige Alles auf.— Sie werden ſich doch vorſtellen können⸗ daß der Cours fallen wird,“ ſagte man ihm,„und Sie wollen es hernach wieder einlöſen?“ Um Adhemars Lippen ſpielte ein Lächeln, indem er murmelte:„Hm! kann ſein... ich habe andere Pläne!— Sie wiſſen, wohin man gehen muß, um auf der Börſe zu zeichnen!— Ja, ja! o ich kenne den Weg. Unterdeſſen wollen Sie mir immerhin fünftauſend Francs zuſtellen.“ Man gab Adhemar die verlangte Summe. Er ſtieg wieder in ſein Cabriolet, indem er zu ſich ſagte: Gehe ich jetzt ſogleich zu Bourdichon?... Etwa, weil ich noch nicht gefrühſtückt habe, und in all dieſer Verwirrung faſt vor Hunger ſterbe. Geſtern Abend beim Nachteſſen war ich zu verliebt, um zu eſſen... Auch jetzt noch bin ich ſterblich verliebt, gewiß... aber ein Liebhaber, welcher ſeit geſtern Abend nichts zu ſich genommen hat, und zu einem Rendezvous geht, zumal zu einem erſten Rendezvous, das könnte gefährlich werden! Ich weiß wohl, daß ich Mathil⸗ den den Vorſchlag machen könnte, mit mir zu früh⸗ ſtücken, aber es iſt nicht gewiß, ob ſie es annimmt, * . und dann erlauben uns die Frauen nur zu eſſen, wenn wir jede andere Unterhaltung erſchöpft haben. Alſo zum Frühſtück!“ Adhemar ließ ſich in's Café de Paris führen, ſagte ſeinem Kutſcher, er ſolle auf ihn warten, und frühſtückte dann, wie Einer, der die verlorene Zeit wieder hereinbringen will, wobei er, indem er den Coteletten die gebührende Ehre anthat, zu ſich ſagte:„Dieſe arme Emmeline, die auf mich wartet! ſte hat noch nicht gefrühſtückt, und in meinem Zim⸗ mer iſt nichts zu finden... Ach! die Hälfte dieſes Apfelgelés... aber ſie iſt unwohl... ſie hatte einen Nervenanfall, und ſie darf keinen Hunger haben. Ueberdieß iſt es ja nicht mein Fehler; aber wenn ich jetzt wieder zu ihr ginge, ſo würde ſie mich nicht mehr fortlaſſen und ichtmöchte doch um alle Welt nicht mein Rendezvous l Madamr Bourdichon da⸗ hinten laſſen; ich muß mich alſo entſchließen, Emme⸗ line ohne Frühſtück zu laſſen... aber ich werde ihr ein kleines, artiges Mittageſſen zuſtellen laſſen, das fein, artig, ſchmackhaft genug iſt, um dieß wieder gut zu machen... Sehen wir nach der Uhr... halb zwei... laſſen wir uns in die Tuilerien führen: man muß immer der Erſte ſein beim erſten Rendez⸗ vous.“ mffſſnſſſnnſſſſſſſſſſffiſiſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16