Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Siebenundzwanzigſter Theil. Stuttgart: Scheible, Rieger« Sattler. 1844. Das Weiße Haus. Von Paul de Kock. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Fünfter Theil. Stuttgart: Scheible, Rieger Sattler. 1844. Weiland war ein jedes Dorf Heimgeſucht durch ſeine Geiſter, Jedes Weiler frug um Rath Seinen Spuk⸗ und Hexenmeiſter; Seinen Kobold, ſein Geſpenſt Barg ein jedes Schloß im Grunde, und das Alter fabelte Gern davon mit regem Munde, Daß manch holdes Kind der Schlaf Floh in ſtiller Geiſterſtunde. Delille(der Landmann). Erſtes Kapitel. Abſchied vom Schloſſe. Alfred hatte ſeinen Freund auf dem erſten ihm aufgeſtoßenen Wege fortgezogen, nur um ihn vom weißen Hauſe und Iſaura's Wohnung zu entfernen. Lange waren ſie ſo ſchweigend und auf gut Glück im Gebirge fortgeſchritten; ihr Herz war zu beklom⸗ men, als daß ſie ihre Gedanken einander hätten mit⸗ theilen können. Von Müdigkeit und von Gemüths⸗ bewegungen erſchöpft, ſanken ſie endlich auf den Raſen nieder. Noch geraume Zeit ſaßen ſie ſchweigend neben einander, bis Eduard mit bewegter Stimme ſagte:„Weißt Du ganz gewiß, daß dieſer Mann Dein Vater war?“ „Können ſich die Augen eines Sohnes hierin täu⸗ ſchen, mein Freund!... Ja, er kam richtig auf mich zu... der Mond beſchien ihn völlig. Ich hatte Zeit genug, ihn zu betrachten, zu erkennen!... ganz erſtaunt und betroffen blieb ich unbeweglich... trat nicht hinter den Bäumen hervor, die mich ſeinen Blicken entzogen... wofür ich dem Himmel danke!... Nie ſoll ein Sohn den Urheber ſeiner Tage nöthigen, vor ihm zu erröthen. Jetzt darf ich nicht mehr ſuchen, Paul de Kock. XXVII. 1 2 die Gründe ſeiner Handlungsweiſe, oder ſeiner Ge⸗ fühle für Iſaura zu erforſchen... Iſt er nicht Herr ſeines Thuns? und wenn er... einige Schwächen hat, erſetzt er ſie nicht durch tauſend Tugenden. Ach, theurer Eduard! wenn ich bedenke, welches Grauſen⸗ volle entſtehen konnte, wenn ich meinen Vater nicht erkannt... die Dunkelheit uns beiden ſeine Züge ver⸗ borgen hätte!... Noch ſchaudere ich... mein Herz erſtarrt!... mein Vater... der mich nur glücklich zu machen ſucht... mein wärmſter, zarteſter Freund iſt!... wäre vielleicht von Deiner Hand geſtorben... und in Gegenwart ſeines Sohnes! Ach! mein Freund, glaube mir, aller Gram der Liebe, alle Qualen, die ein Weib uns bereitet, können nie der Angſt gleich⸗ kommen, welche das Herz eines Sohnes bei dem d Gedanken zerreißt, unbewußt dem Mörder ſeines Va⸗ ters als Zeuge gedient zu haben!...“ „Alfred, ich denke, Du biſt jetzt beruhigt.— Ja .. ich habe die Ueberzeugung, daß Du meinen Va⸗ ter achten werdeſt;... und überdies, mein Freund, ſeien wir gerecht, mein Vater hat Dich nicht betro⸗ len.. Iſaura allein iſt die Schuldige; ſie durfte Deine Liebe nicht erwidern, Dir keine Hoffnung ma⸗ chen... aber die Weiber geben ſtets ihrer Gefallſucht nach, ohne die Folgen zu bedenken. In Deiner eifer⸗ ſüchtigen Wuth willſt Du Dich mit dem ſchlagen, der Iſaura verbietet, Dich wieder zu ſehen, Dich ferner anzuhören!... doch hatte er nicht das Recht dazu? Ohne Zweifel kennt er das Mädchen ſchon ſehr lange! „„ das alſo der Grund ſeiner häufigen Reiſen, hei 3 3 welchen er nie meine Begleitung verlangte.. Ja ſchon lange... ſehr lange kommt er in's weiße Haus.. aber eine Liebſchaft!... Ich geſtehe, das wundert mich und noch kann ich's nicht recht glauben. Seit dem Tode ſeiner zweiten Gemahlin, jener Ade⸗ line, die er ſo innig liebte, hörte ich ihn hundertmal ſagen, daß von nun an keine Frau mehr ſein Herz rühren könne... ich weiß wohl, man ſagt das, ohne daß es hindert zu... doch ich wiederhole Dir, es wundert mich... Sein einziger Fehler iſt, mich nicht in's Vertrauen gezogen, mir nicht einige Worte über dieſe Intrigue geſagt zu haben. Bin ich nicht eben⸗ ſoſehr ſein Freund als ſein Sohn!. Dann wären wir nicht um das weiße Haus herumgeſchwärmt, der Kleinen den Hof zu machen;... ich wäre nicht Ge⸗ fahr gelaufen, der Nebenbuhler meines Vaters zu werden!... da er aber dieſen Liebeshandel verbergen will, wollen wir ſein Geheimniß ehren... Er weiß nicht, daß wir in dieſer Gegend ſind; nie hatte ich Zeit, es ihm zu ſchreiben und wenn die Kleine ihm von Eduard ſprach, dachte er ſicherlich nicht, daß von dem Freund ſeines Sohnes die Rede ſei.“ Eduard, der Alfred aufmerkſam zugehört hatte, ſchien Allem beizupflichten; er war ruhiger, die Ver⸗ nunft gewann wieder die Oberhand. Die reine und friſche Nachtluft, die genoſſene Ruhe thaten auch ihre Wirkung. Nach kurzem Schweigen ſagte Eduard zu ſeinem Freund:„Ich mag nicht länger hier ver⸗ weilen... Es treibt mich fort aus dieſer Gegend... Gleich morgen werde ich im Schloſſe Lebewohl ſagen 4. und die Auvergne verlaſſen... wohin ich meiner Ruhe wegen nie hätte kommen ſollen!“ „Ich gehe mit Dir... zudem fange ich an, des Schloſſes Schwarzenfels mit allen ſeinen Narren überdrüſſig zu werden... Ja, morgen verabſchieden wir uns... Wir wollen nach Paris zurück, Zer⸗ ſtreuung zu ſuchen, oder wenn Du es vorziehſt, eine Reiſe durch die Schweiz und Italien machen... Ueberall begleite ich Dich... der Zeit... und mei⸗ ner Freundſchaft wird's gelingen, peinliche Erinne⸗ rungen aus Deinem Gedächtniß zu verwiſchen... Gib mir die Hand, Eduard... Glaube mir, man iſt nie ganz unglücklich, wenn man einen wahren Freund beſitzt.“ 1 Lange drückten ſich die Freunde die Hände und Eduard verſprach Alles zu thun, Iſaura zu vergeſſen. „ Wo ſind wir,“ fragte Eduard nach einer Weile. „Meiner Treu, ich weiß nicht... wir liefen lange umher, ohne auf den Weg zu achten... Ich kenne mich hier nicht aus, der Mond ſteht hinter Wolken. Da wir uns hier leicht verirren könnten, werden wir, glaube ich, beſſer thun, bis Tagesanbruch hier zu „ Pleiben.“ Eduard iſt gleicher Anſicht und ſie ſtrecken ſich auf den Raſen. Sobald es hell wurde, erhoben ſie ſich und ließen ſich von Landleuten, die ſich an ihre Arbeit begaben, den Weg zeigen. Um acht Uhr tra⸗ fen ſie im Schloſſe ein. Mitten im Hofe ſtand Herr Ferulus mit ſeinen Bü⸗ chern unter dem Arm, wie am Tage ſeiner Inſtallation 5 auf dem Schloſſe. Wehmüthig warf er einen letzten Blick nach den Fenſtern des von ihm bewohnten Ge⸗ maches und rief aus:„Leb wohl, Rom! ich ſcheide!“ Als er die beiden jungen Männer erblickte, ging er ihnen mit ziemlich trauriger Miene entgegen und machte einen tiefen Bückling. „Wo gehen Sie denn ſo frühe hin, Herr Feru⸗ lus? redete Alfred ihn an.— Ich gehe fort, meine Herren, verlaſſe für immer dieſe Orte; man ſchickt mich fort, entſetzt mich meiner Stelle!... Und war⸗ Gum!.. weil ich ein junges Mädchen gelehrt habe, ſich des Bettwärmers zu bedienen, den die Natur ihr gabz Nicht meine Schuld, zudem war kein anderer auf dem Schloſſe!— Wie! das Alles glich ſich nicht aus, kam nicht wieder ins Geleiſe?... Robineau iſt doch gutmüthig...— Seit er verhei⸗ rathet, iſt er nur noch eine complette Null... Der arme Mann!... er wird ſchöne Dinge ſehen!... Ich bin nicht ſo glücklich, ſeiner Gemahlin zu ge⸗ fallen!... Meine Verſe fand ſie nicht ſchön, oder weigerte ſich wenigſtens, ſie zu hören... Meine Her⸗ ren, von Jemand, der die Wiſſenſchaft nicht zu ehren weiß, läßt ſich nichts hoffen!... Nachdem ich mich alle Abende damit gelangweilt, die Partie des un⸗ verſchämten de la Pincerie und ſeines Dummkopfs von Bruders zu machen, belohnt man mich ſol... Saturus sum opprobiis!... und weggejagt, ohne mir auch nur einen Monat Gehalt als Bibliothekar zu geben!. Aber ſie mögen einen Andern finden von meiner Gelehrſamkeit! Madame ſagte, Onkel 6 Herzchen könne ſehr gut meine Stelle hier verſehen... Welche Läſterung!... er kann nur der Bediente ſeiner Nichte ſein. Uebrigens trage ich die Biblio⸗ thek mit fort... ſie gehört mein... iſt mein ganzer Reichthum.. Ich will wieder eine kleine Schule zu bilden oder einen andern Mäcen zu finden ſuchen, der für hundert Thaler jährlich einen Virgil braucht, um ihn der Unſterblichkeit zu überliefern. Du aber, un⸗ dankbares Schloß, wirſt bald zu Grunde gehen, ver⸗ zehrt, geplündert, verkauft, verlaſſen ſtehen.. Du wirſt zuſammenfallen und Niemand wird den Namen deines letzten Beſitzers nennen; man wird den Schwar⸗ zenfels ſuchen, wie man jetzt die Städte Babylon, Theben und Ninive ſucht!“ „Wir werden das nicht ſehen, lieber Herr Ferulus, da wir auch das Schloß verlaſſen.— Sie verlaſſen es, meine Herren, rief Ferulus freudigen Antlitzes; das freut mich außerordentlich... dies Volk da iſt nicht werth, euch zu beſitzen! Ihr und ich fort, was bleibt, frage ich, noch Geiſtreiches im Schloſſe 2... Sie kehren nach Paris zurück?— Vielleicht;... wir wollen ein wenig reiſen.— Bedürfen Sie keines Dolmetſchers?— Nein, wir verſtehen genug, um uns in den Ländern, die wir beſuchen, verſtändlich zu machen.— Haben Sie nicht zufällig einige Kin⸗ der zum Erziehen?— Nein, Herr, im Augenblick nicht.— Dann ſage ich Ihnen Lebewohl meine Her⸗ ren. vale et me ame.“ Traurig entfernte ſich der Gelehrte; gerne hätten ihm die jungen Leute ihre Börſe angeboten, um einen 7 Mann vor dem Hungerſterben zu ſichern, welcher ſeine Nebenmenſchen zur Unſterblichkeit zu befördern ſuchte, aber ſie fürchteten ſeine Eigenliebe zu beleidigen. Als er indeß bei ſeinem langſamen düſtern Abzuge einen Band fallen ließ, ohne es gewahr zu werden, nahm Alfred denſelben vom Boden auf, verbarg ſeine Börſe darunter, rief dem Gelehrten und reichte ihm Beides mit den Worten:„Herr Ferulus, Sie ließen dieſen Band fallen.— Jehovahl es iſt die Abhandlung Seneca's über die Verachtung des Reichthums!... — Das hätte Ihnen vielleicht ſehr gefehlt.“ Der ehemalige Bibliothekar ſchließt augenblicklich ſeine Hand, lächelt Alfred freundlich zu und geht eiligſt von dannen, als ob er fürchtete, man möchte ihm das Geſchenkte wieder abnehmen. Alfred und Eduard begaben ſich nach ihrem Zimmer. Beim Frühſtück finden ſie die ganze Familie im Salon verſammelt. Obgleich Robineau bei ſeiner Frau ge⸗ ſchlafen hat, iſt er darum nicht weniger ſchüchtern gegen ſie, aber Cornelia findet kaum Zeit, ihrem Gatten Antwort zu geben; ſie zankt und ſchmält jeden Dienſtboten und kündigt bereits an, daß Jeannette, der Jockey und Herr Cunette dem Bibliothekar unge⸗ ſäumt folgen würden. Robineau iſt es nicht einmal geſtattet, die Beſchlüſſe ſeiner Frau zu billigen, weil ihm ſein Schwiegervater, ſo wie er ſprechen will, ſtets in's Wort fällt, indem er ſagt:„Mein Schwie⸗ gerſohn, laſſen Sie Ihre Gemahlin machen und wi⸗ derſprechen Sie ihr nie, oder, Donnerwetter! Sie haben es mit mir zu thun.“ 8 Die jungen Leute zeigen der Geſellſchaft an, daß ſie das Schloß verlaſſen werden, und Eudoxia ſagt halblaut:„da wird's hier ſehr unterhaltend werden! „ ſicherlich bleibe ich nicht mehr lange!“ Die Frau vom Schwarzenfels nimmt dieſe Nachricht ſehr kalt auf, da ſie durch den geringen Eindruck ihrer Reize auf die beiden Freunde denſelben gar nicht hold iſt. Robineau aber, der ſchon anfing wahrzunehmen, daß ihn ſeine Heirath nicht ſo glücklich macht, als er hoffte, rief aus:„Wie! Ihr wollt uns ſchon verlaſſen!.. abreiſen?... und bis wann?— Heute noch, ſagte Alfred.— Heute!... Ahl das wäre ſauber... ich werde.. wir werden es nicht zugeben, es würde meine Gemahlin betrüben;... noch einige Tage... man macht ſich nicht ſo plötzlich davon!— Nun denn, ſo reiſen wir erſt morgen, erwidert Eduard, der ſeit einigen Minuten in tiefes Nachdenken verſunken ſchien. — Es ſei, morgen, ſagte Alfred, verwundert über den von Eduard bewilligten Aufſchub.“ Bald begibt ſich Jedes, wohin es ihm gefällt. Eudoxia, die ohne Zweifel ſich von Alfred verab⸗ ſchieden will, bittet ihn, mit ihr im Garten ſpaziren zu gehen, und Cornelia, mit Robineau allein ge⸗ blieben, ſagt zu dieſem:„Warum erlauben Sie ſich, dieſe Herren im Schloſſe zurückzuhalten, ohne zu wiſ⸗ ſen, ob es mir angenehm iſt?— Meine Liebe, ich glaubte, daß.— Ihre Freunde ſind ſehr liebens⸗ würdig; ſie ſtreichen den ganzen Tag herum, Nie⸗ mand weiß wo, und ſind nur zum Eſſen hier. Künf⸗ tig, mein Herr, werde ich die Leute einladen, welche 9 ich empfangen will..— Ja, liebe Freundin... wenn Sie wollen, ſage ich zu Alfred und Eduard, daß ſie ſogleich abreiſen können, daß uns dies gleich⸗ gültig iſt...— Wieder eine Dummheit!... mein Herr; ſagen Sie nichts, thun Sie nichts, miſchen Sie ſich in nichts; das iſt Alles, was ich von Ihnen verlange.“ Damit läßt Cornelia ihren Gemahl ſtehen, der, als er allein iſt, heftig mit dem Fuß auf den Boden ſtampft und ſagt:„Ich will ihr nicht widerſprechen, weil wir im Honigmonat ſind, ich weiß aber, daß ich der Herr bin, das iſt mir genug.“ Als die beiden Freunde wieder beiſammen ſind, fragte Alfred:„Aus welchem Grunde haſt Du un⸗ ſere Abreiſe um einen Tag verſchoben? ich glaubte, es dränge Dich aus der Gegend... aus dieſen Ber⸗ gen fort?“ „Ja, ja, gewiß, erwidert Eduard verlegen; aber ehe ich die Auvergne verlaſſe... wohin ich nie wie⸗ der kommen werde... möchte ich... Alfred, Du wirſt mich zanken!.— Nein, ſage mir frei her⸗ aus, was Du noch hoffſt?— Nichts mehr... aber dem Wunſche, Iſaura noch einmal zu ſehen, ihr ein letztes Lebewohl zu ſagen, vermag ich nicht zu wider⸗ ſtehen!— Das dachte ich!...— Ich verließ ſie ſo barſch, ſo plötzlich; doch damals kannte ich ihre ganze Treuloſigkeit noch nicht;... ſei aber ruhig, nicht um ihr unnütze Vorwürfe zu machen, will ich ſie wiederſehen, im Gegentheil!... Ich ſage ihr... daß ich ihr all das Leid vergebe, das ſie mir - 10 zugefügt... wünſche, ſie möge glücklich ſein... daß ihr Bild nie... O! nein, das ſage ich nicht, indeß .. Ach! mein Freund, tadle meine Schwäche!... aber ich glaube, ich liebe ſie mehr als je!...“ „Du willſt Iſaura wiederſehen... Bedenkſt Du aber?. wenn wir... den Baron dort träfen?— Ich werde lauern, bis ſie allein iſt. Du weißt wohl, ſie bringt nicht viel Zeit im weißen Hauſe zu; und dürfte ich ſie nur einen Augenblick ſprechen, muß ich ſie doch wiederſehen... Alfred, es iſt ja zum letzten Mal.— Nun wohlan! ich begleite Dich... Ja, ich gehe mit Dir, wenigſtens bin ich dann ſicherer, daß Du keine Unklugheit begehſt, und will Dich vor Ueber⸗ fall bewahren...— Theurer Alfred, wie gut biſt Dul...— Ich muß wohl geſetzt werden, wenn Du Thorheiten machſt; Jeder hat ſeine Zeit. Ich will dem Reitknecht ſagen, uns die Pferde für den Abend bereit zu halten, denn ich ſehe die Nothwendigkeit nicht ein, wieder zu Fuß zu gehen. Wir brechen auf, wenn man zu Bette geht, geben überdies vor, daß unſere Abreiſe morgen ſehr früh erfolgen werde ... Eduard, hoffentlich rimmf Du keine Waffen mit... „Welcher Einfall!... 91 en nein, nur ſie ſehen, ihr Lebewohl ſagen will ich, ehe ich für im⸗ mer dieſe Gegend meide!“ Nachdem man über Alles im Reinen war, kehrten die jungen Leute wieder zur Geſellſchaft zurück. Wie Ferulus vorhergeſagt, war das Mahl viel weniger heiter als ſonſt. Alfred und Eduard hingen zu ſehr — —— —— 11 ihren Gedanken nach, um das Geſpräch zu unter⸗ halten. Eudoria ſchien ſich zu langweilen, Herr de la Pincerie war übler Laune, weil er vorausſieht, daß er für heute Niemand zu ſeiner Spielpartie haben werde. Cornelia bewahrt ihre hochmüthige Miene und ſpricht kaum; ſogar Herzchen ſcheint nicht ſehr zufrieden, weil ihm ſeine Nichte ſchon tauſend Geſchäfte im Schloſſe angewieſen hat, Robineau be⸗ handelt ſeine Freunde mit auffallender Kälte, in der Hoffnung, ſeiner Gemahlin angenehm zu ſein. Gegen Abend nahmen die jungen Leute Abſchied. „Möglich, ſagt Alfred, daß wir morgen aufbrechen, ehe dieſe Damen aus den Federn ſind.— Wie Ihr wollt, meine Herren, entgegnet Robineau, und wenn es Euch angenehm iſt, dieſen Abend abzureiſen, könnt Ihr... Herr vom Schwarzenfels vollendete ſeine Rede nicht, denn ſeine Frau zog ihn ſo am Frackflügel, daß ſie ihn beinahe zerriß. Alfred und Eduard ſahen einander lächelnd an. Nach einigen langweilig ver⸗ brachten Stunden nahm man Abſchied und trennte ſich. Im Hofe fanden ſie die Pferde geſattelt, ließen ſich vom Pförtner öffnen und ſagten:„In zwei Stun⸗ den kommen wir wieder.“ „Wann Sie mögen, antwortet Cunette, der ſei⸗ ner Gewohnheit nach berauſcht war. Madame hat mir bedeutet, ich könne mich um einen andern Platz umſehen... da können Sie wohl denken, daß ich mich nicht um ihr Thor kümmern werde!... Ich gehe in's Bett und laſſe Alles offen ſtehen!... komm, 12 wer will!... mir iſt's gleich... ich habe keine Luſt, mich zu bemühen.“ Zweites Kapitel. Verbrechen. Schweigend ritten die Freunde neben einander her; die Wege waren vom vielen Regen ſchlecht, ſo⸗ gar an manchen Stellen gefährlich geworden. Neuer Regen ſiel herab, die Straße ward immer unweg⸗ ſamer und noch hatten ſie kaum ein Drittel der ganzen Strecke des Wegs zurückgelegt. Man kann nur noch Schritt reiten, da die Pferde ſchon öfters ausgleiteten. „Ich glaube, wir wären beſſer zu Fuß gegangen, ſagte endlich Eduard voll Ungeduld.— Haben wir nicht Zeit genug... verſetzte Alfred; nichts treibt uns zur eiligen Rückkehr auf's Schloß... und um Iſaura Lebewohl zu ſagen, brauchſt Du nicht die ganze Nacht.— Ich weiß nicht, was mir iſt;... aber ich glaube, nie bald genug zu ihr kommen zu können... Unheilverkündende Gedanken drücken mich nieder... Glaubſt Du an Ahnungen, Alfred?..— Geh' doch, welche Kinderei!... Verfluchtes Pferd! es will durch⸗ aus niederſtürzen. Eduard iſt wieder in ſeine Träu⸗ mereien verſunken und murmelt nach einer Weile vor ſich hin: Wie düſter und traurig iſt dieſe Nacht, welcher Unterſchied gegen die geſtrige!..“ „Ja, ſagt Alfred, ich fange an zu glauben, daß 13 im Winter der Aufenthalt in der Auvergne nicht ſehr luſtig ſein muß..— Ach, hätte ſie mich ge⸗ liebt.. wie ſie ſagte, ich wäre ſo gerne bei ihr ge⸗ blieben in dieſen ſchneebedeckten Bergen mit ihrer Eis⸗ rinde, dieſe wilden Schluchten wären meinen Augen immer lachend erſchienen!“ „Sei vernünftig, Eduard... die Zeit wird Dich tröſten... Auch ich liebte Iſaura ſehr! ach! jal.. ich war raſend in ſie verliebt! und doch habe ich dieſe Liebe überwunden.“ Eduard antwortet nicht, aber ſeufzend denkt er bei ſich ſelbſt:„Er liebte ſie weit nicht ſo, wie ich!“ Im Thale angelangt, binden ſie ihre Pferde am gewöhnlichen Orte feſt und gehen auf das Häuschen zu. Alfred ergreift Eduard, deſſen Aufregung zu⸗ nimmt, je näher ſie Iſaurens Wohnung kommen, beim Arm. „Sie iſt zu Hauſe! rief er aus, als er Licht aus einem Fenſter des erſten Stockes ſchimmern ſah. Ach, mein Freund.. laß uns einen Augenblick halten... mein Herz klopft ſo heftig... ſie iſt in ihrem Zim⸗ mer!.. ich fürchtete, ſie nicht wieder zu ſehen... verzweifelte, bald genug anzulangen. Ach! Du hatteſt Recht, Alfred, ich war ein Kind.. Aber ihr Fenſter⸗ laden iſt geſchloſſen, ich kann ſie nicht ſehen, wie ge⸗ ſtern... ſie ſehen!... ohne daß ſie mich hier weiß!“ „Da Du aber zum letzten Male mit ihr ſprechen willſt, muß ſie wohl Deine Anweſenheit erfahren... Wollen wir nicht pochen?.. oder willſt Du lieber rufen?.. 14 „Ich weiß nicht... warte... wenn Jemand bei ihr wäre... Siehſt Du Licht im weißen Hauſe?— Nein...— Wie uns überzeugen, daß ſie allein iſt? .Wenn Dein Vater da wäre?.— Laß uns warten, vielleicht öffnet ſie ihr Fenſter oder geht nach, dem weißen Hauſe. Die beiden Freunde warten eine Weile; Eduard mit beſtändig auf das Fenſter geheftetem Blick, woher das Licht ſchimmert. „Sehr ſonderbar, ſagte er endlich, ich ſehe keinen Schatten an den Vorhängen... das Licht kommt nicht von der Stelle... und nicht der geringſte Laut verkündigt ihre Gegenwart... doch macht ſich die leiſeſte Bewegung in dieſem einſamen Thale ver⸗ nehmbar.. Alfred, dieſe tiefe Ruhe hat etwas Ent⸗ ſetzliches.“ „Wieder düſtere Gedanken! Du biſt unverbeſſer⸗ lich!... Was ſoll ihr denn zugeſtoßen ſein!... Sieht man denn Diebe oder Räuber in dieſer Gegend.“ „Komm.. wir wollen dicht an das Haus treten, vielleicht hören wir etwas.“ 1 Alfred folgt Eduard; aber die tiefſte Stille herrſcht fortwährend in Iſaura's Wohnung. Plötzlich ruft Eduard von einem Gedanken ergriffen aus:„ Großer Gott!... da ſind wir... hart an der Thüre, und Vaillant bellt nicht... er, der ſchon von ferne die Gegenwart eines Fremden wittert!..“ „In der That, ſagt Alfred, dieſer Umſtand iſt ſonderbar.— Ich kann nicht länger widerſtehen, klopfen wir.“ 15⁵ Eduard pocht zuerſt leicht, dann etwas ſtärker; aber kein Laut zeigt an, daß man ſich anſchicke, zu öffnen. „Iſaura! Iſaura!... Iſaura!... ich bin's, ruft Eduard unter dem Fenſter, ich komme, Dir Lebewohl zu ſagen... ehe ich ſcheide aus dieſem Lande... willſt Du mich nicht mehr ſehen 2..“ Keine Antwort. Die Aufregung und Unruhe Eduards haben den höchſten Grad erreicht.„Hat ſie denn ge⸗ ſchworen, mich nicht mehr zu ſprechen, mich nicht mehr anzuhören? und in ſeinem Unmuth klopft er heftig an die Thüre. Da ſchien ein dumpfes Stöh⸗ nen aus der Tiefe des Hauſes zu antworten. „Haſt Du gehört? rief er Alfred zu.— Ja, es ſchien mir..— Horch... noch einmal... dieſer Trauerton ſchnitt mir durch's Herz... Jſaura iſt irgend ein Unglück begegnet... ich muß hinein.“ Alfred, der jetzt Eduards Beſorgniſſe theilte, un⸗ terſtützte ſeine Anſtrengungen, die Thüre des Häus⸗ chens zu ſprengen; nur der Riegel hielt ſie, bald war er gebrochen und die jungen Leute treten in das Zimmer des Erdgeſchoſſes, wo völliges Dunkel herrſcht. Sie ſtiegen die Treppe hinauf; das Zimmer, aus welchem das Licht ſchimmerte, ſtand offen; aber ſie fanden es leer und bemerkten eine ganz ungewöhn⸗ liche Unordnung. Die Schubladen der Comode waren herausgezogen, mehre Frauenkleider lagen zerſtreut auf dem Boden umher; es ſchien, als habe man nur in Eile einige Effekten genommen, und einige noch 16 daliegende Geldſtücke zeigten an, daß man ſich auch des vorhandenen Geldes bemächtigte. 3 „Sie iſt nicht mehr hier! rief Eduard angſter⸗ füllt umherſehend. Was bedeutet aber dieſe Unord⸗ nung?.. iſt ſie entführt!... wurde ſie gegen ihren Willen aus dieſer Wohnung geriſſen?.— Komm, ſagte Alfred, das Licht ergreifend, laß uns das Haus durchſuchen, vielleicht entdecken wir eine Spur... Beſonders müſſen wir erfahren, woher der gehörte Klagelaut kam.“ Nirgends fanden ſie Iſaura, als ſie aber beim Hof vorüber kamen, hörten ſie das nämliche Stöh⸗ nen wieder. Sie begaben ſich dahin, Blutſpuren entſetzten ſie und mit Schaudern erblickten ſie Vail⸗ lant am Eingang in den Garten, von mehren Sti⸗ chen durchbohrt, in ſeinem Blute gebadet, aber noch verſuchend, ſich denen entgegen zu ſchleppen, die er als die Freunde ſeiner Herrin erkannte. „ Das iſt Vaillant!... ermordet!... Ach! mein Freund, welch ſchreckliches Ereigniß hat ſich hier zu⸗ getragen!... Räuber.. Mörder ſind in dieſe Woh⸗ nung gedrungen!... Was haben ſie aber mit Iſaura gemacht?... ſie haben den umgebracht, der ſie ver⸗ theidigen wollte!... und ich war nicht da!... Ar⸗ mer Vaillant!... er ſcheint ſeine Herrin von mir zu fordern!... Durch dieſen Garten wird man ſie fortgeſchleppt haben... Ach! komm!... laß uns weiter ſuchen!...“ „Aber Vaillant iſt nicht todt, ſagte Alfred, viel⸗ leicht ſind dieſe, wie es ſcheint, durch einen Degen 17 beigebrachten Wunden nicht tödtlich... Sollten wir den hülflos liegen laſſen, der allein es wagte, ſeine Gebieterin zu vertheidigen 2... Armer Hund!... wie er uns anblickt!... Warts, bis ich ſeine Wunden aͤuswaſche.. Dein und mein Sacktuch ſind vielleicht hiinreichend, das Blut zu ſtillen...“ Seeiiner Ungeduld ungeachtet, unterſtützt Eduard ſeinen Freund in der Pflege des armen Vertheidigers Iſaura's. Sanft wird Vaillant auf das Bett ſeiner Herrin getragen und in Leinenzeug gewickelt und ver⸗ bunden. Hierauf begaben ſich die jungen Leute in den Garten, deſſen kleine, in’s Freie führende Thüre noch offen ſtand. Die Blutſpuren beweiſen, daß der Hund ſeiner Herrin bis hieher folgte, und daß man letztere auf dieſem Weg entführte.. Eduard will das Feld durchſtreifen, den Spuren der Räuber Iſaura's folgen; er ſchmeichelt ſich, fie noch einzuholen und verlangt von Alfred Waffen. „Was willſt Du denn jetzt thun? fragte Alfred. Du weißt nicht, welchen Weg ſie eingeſchlagen haben? ... Welche Richtung willſt Du in dieſer Dunkelheit — Warten!... und vielleicht ruft ſie mich jetzt zu Hülfe!... Alles ſcheint anzuzeigen, daß dies ſchreck⸗ liche Verbrechen noch nicht lange begangen wurde; Alfred, ich beſchwöre Dich, gib mir Deine Piſtolen! .. Was haſt Du zu fürchten? Nur Deinem Vater will ich Iſaura wieder geben!... Wäre er Paul de Kock. XXVII. 2 — nehmen 2.. iſt es nicht beſſer, den Tag abzuwarten? hier geweſen, hätte er ſie gewiß vertheidigt!... 18 Komm! komm!.. durcheilen wir das Gebirge; noch iſt's vielleicht Zeit, ſie zu retten.“ Alfred gibt dem Verlangen ſeines Freundes nach; er reicht ihm eine ſeiner Piſtolen, behält die andere und ſucht Eduard zu folgen, der eilfertig in die Nacht hineinläuft. Der Himmel iſt fortwährend trübe, nur mit Mühe erkennt man die Gegenſtände um ſich her. Oefters bleibt Eduard ſtehen und horcht, ob er nicht Rufe oder Tritte höre. Am weißen Hauſe ſind ſie ſchon vorüber und auf dem Wege nach Chadrat. Alfred iſt nur einige Schritte von Eduard, als ſie Tritte vernehmen. Sogleich ſtürzt Eduard darauf los; und ehe Alfred ihm empfehlen konnte, vorſichtig zu Werke zu gehen, vertritt dieſer ſchon einer Perſon barſch den Weg mit der Frage:„Wohin?... woher?..“ Die Perſon, die Eduard angehalten, that einen Schritt rückwärts und ſtreckte ihm unter dem Mantel hervor die Mündung einer Piſtole entgegen, indem ſie mit feſter Stimme antwortete:„Mit welchem Rechte fragt Ihr mich?“ Aber ſchon beim erſten Laut dieſer ſeinem Herzen ſo wohlbekannten Stimme war Alfred an Eduards Seite geſprungen mit dem Aus⸗ rufe:„Unglücklicher, was beginnſt Du!... es iſt mein Vater!.“ Der Baron von Marcey(denn er war es) ſtieß einen Schrei der Ueberraſchung aus, als er ſeinen Sohn erkannte, während Eduard regungsios ſtehen blieb. „Du biſt's, Alfred?... Du... bei Nacht... in dieſem Gebirge, und mit...“ 9 19 „O! beruhigen Sie ſich, lieber Vater; Eduard iſt's, den Sie bei mir ſehen, und wenn er Sie ſo plötzlich angefahren hat, ſo ſeien Sie doch überzeugt, daß wir keine Straßenräuber geworden ſind!... Wir ſuchen im Gegentheil die Spuren von Mädchen⸗ räubern, und Sie erblitkend, nahm Sie Eduard für Einen derſelben...“ „Ihr! in dieſem Lande! Ihr.. hier! ſagte der Baron, der von ſeinem Erſtaunen nicht zuri. kommen konnte; und... das junge Mädchen?.. „Iſt Iſaura,“ rief Eduard. „Iſaura!. Ihr kennt Iſaura!.. verſetzte der Baron, deſſen Erſtaunen und Gemüthsbewegung jeden Augenblick zunahmen. Wie! Sie ſind alſo der Eduard, von dem ſie mir ſo viel ſprach?...“ „Ja, mein Herr, ich bin's, der ſie liebte, immer anbetet, ihr meinen Namen, meine Hand geben, mich nicht mehr von ihr trennen wollte... da ich nicht wußte, daß ein Anderer Rechte auf ſie habe... und dieſer Andere der Vater Alfreds ſei!... doch in dieſem Augenblick, Herr Baron, wollen wir nur an ihre Wiederauffindung... ihre Rettung denken... ihre Wohnung iſt verlaſſen; Vaillant von Stichen durchbohrt. Alles zeugt dafür, daß Iſaura aus ihrer Wohnung geriſſen ward.“ 1 „Großer Gott! armes Kind!... Wenn ſie aber im weißen Hauſe wäre... wenn ſie ſich dorthin hätte flüchten können... Ach! kommt, kommt!... Dieſe letzte Hoffnung bleibt uns; möchte ſie uns nicht bald entſchwinden!“ 20 Alle Drei ſchreiten eilfertig und ſchweigend neben einander her, ein einziger Gedanke, ein einziger Wunſch ſcheint ſie in dieſem Augenblick zu beleben. Bald ſind ſie vor dem weißen Hauſe. Der Baron öffnet und tritt zuerſt ein. Man macht Licht und alle drei durchſuchen das ganze Haus und den Garten: aber Iſaura iſt nirgends. „Wie hätte ſie in Ihrer Abweſenheit hier eintreten können?“ fragt Eduard, den Baron neugierig an⸗ blickend. „Sie hatte einen Schlüſſel zum Garten, erwidert Herr von Marcey; doch laßt uns zu ihrer Wohnung gehen und ſehen, ob wir nicht irgend eine Anzeige finden, die uns behülflich ſein könnte, die Urheber dieſes Verbrechens zu entdecken.“ In's Häuschen zurückgekehrt, ſieht man überall genau umher, aber mit Ausnahme von Iſaura's Zimmer, bemerkt man nirgends im Hauſe die geringſte Unordnung. „Sie hat einen Theil ihrer Effekten mitgenom⸗ men!“ ſagte der Baron, der durch Iſauren's Ver⸗ ſchwinden wie vernichtet ſchien. „Wäre ſie denn freiwillig mitgegangen?“ rief Eduard.—„Freiwillig!... ſagte Alfred, und beweist der ermordete Hund nicht vielmehr, daß Jemand hier eingedrungen iſt, Iſaura zu entführen?... Man wird durch den Garten herbeigekommen ſein... War Iſaura im Beſitz von Geld?..“ „Sie mochte vielleicht etwa fünfzig Louisd'or ha⸗ ben,“ ſagte der Baron. ihm Geld geboten, und er ſchlug es aus... aber ich 21 „Dies Geld findet ſich nicht mehr, rief Eduard aus; ein Dieb iſt's alſo, der hieher kam... doch hätte ein ſolcher Iſaura mitgenommen?“ Im Hofe ſah Alfred etwas Glänzendes an der Mauer und fand mit dem Licht einen noch mit Blut getränkten Degen, allem Anſcheine nach derſelbe, mit dem Vaillant verwundet wurde. Alsbald war dieſer Degen einer aufmerkſamen Unterſuchung unterworfen; es war eine, wie es ſchien, ſehr alte Waffe, deren Handgriff an mehren Orten zerbrochen war, auch konnte man die ehemals in die Klinge gegrabenen Zeichen nicht mehr enträthſeln; ſie mochte vortrefflich geweſen ſein. „Eine ſolche Waffe kann nicht von einem Diebe kommen,“ ſagte der Baron. Die beiden Freunde waren gleicher Anſicht und man überließ ſich tauſend Vermuthungen. Plötzlich rief Alfred aus:„War⸗ tet!... Ich weiß nicht, welches Etwas mir ſagt, daß jener Elende... jener Vagabund, der immer in dieſen Bergen umherirrte, dieſer Begebenheit nicht fremd ſei!“ „Von wem ſprichſt Du?“ fragte der Baron. „ Von einem naülaliae, deſſen Benehmen, Re⸗ den, Geſpräche, Jemand, der einſt in höhern Zirkeln lebte, zu verrathen ſchien, wir konnten keinen Schritt machen, oyne auf ihn zu ſtoßen... er kannte Sie, lieber Vater, wenigſtens ſagte er's mir; und Ihr Name in ſeiner Gegenwart ausgeſprochen, hatte ihn auf ſonderbare Weiſe aufgeregt!... indeß hatte ich weiß nicht, aus welchem Grunde er ſchlecht von Iſaura dachte! der Elende!... Wäre ich ſeinen Rathſchlä⸗ gen gefolgt, hätte ich das Mädchen ſchon lange entführen laſſen!... Er nannte dieſe That nur eine gewöhnliche Schelmerei... und wiederholte mir un⸗ abläſſig, ein junges Mädchen, das allein lebe, ver⸗ diene nicht anders behandelt zu werden.“ „Der Elende! ſagte der Baron... Ach! er kannte meine Iſaura nicht!... Beſter Alfred!... welche Reue würde es Dir nicht verurſacht haben, hätteſt Du einer vorübergehenden Leidenſchaft gefröhnt!... Du weißt noch nicht, wer dies ſanfte, intereſſante Mädchen iſt... Dir iſt unbekannt, welches Band mich an ſie feſſelt!... Ich wollte Dir dies Geheim⸗ niß nie offenbaren... es ſollte ewig verborgen blei⸗ ben!.. da aber die Begebenheiten Dich Deinen Vater an dieſen Orten finden ließen, ſollſt Du Alles wiſſen, das Geheimniß vernehmen, welches das Un⸗ glück meines Lebens machte;... Du wirſt Deinen Vater beklagen, aber daß Du ihn tadeln könnteſt, denke ich nicht. Und Sie, Eduard, der Sie vielleicht glauben, in mir einen Nebenbuhler zu ſehen, Sie mögen vernehmen, wie rein und uneigennützig die Zuneigung war, welche ich für Iſaura hegte;... Sie werden ſehen, daß, indem ich ſie von der Welt zu entfernen ſuchte, es nicht in der Abſicht geſchah, die Sie mir etwa unterlegen konnten.“ „Wie!l mein Herr! wäre es möglich!... rief Eduard aus, deſſen Eiferſucht dieſe Worte augen⸗ blicklich verſcheucht hatten. Nicht Liebe hegten Sie 4 23 für Jealren?... Sie betrog mich alſo nicht durch ihre wiederholte Verſicherung ewiger Liebe? Ihre Thränen waren keine Verſtellung? Ach! mein Gott 1 und ich konnte ihren Kummer noch durch meinen Argwohn.. meine Eiferſucht vermehren!...“ „Jetzt iſt nicht der Augenblick, ſich unnützer Reue zu überlaſſen, ſagte Alfred; zuerſt muß man ſie wiederfinden. Wenn meine Vermuthungen über den Urheber des Raubs gegründet ſind, iſt derſelbe viel⸗ leicht noch in der Gegend... Ha!... mir fällt ein .. der Menſch wäre in feiner Verwegenheit fähig, Iſaura in's Schloß... in den Thurm.. in die untern Räume gar geführt zu haben!... Man darf nichts verſäumen. Ich eile auf's Schloß... durch⸗ ſuche den verlaſſenen Theil in allen Richtungen und Wendungen...“ „Geh, lieber Alfred: der Herr Baron und ich ſetzen unterdeſſen unſere Nachforſchungen hier im Freien fort... Ach! ich werde keinen Augenblick Ruhe genießen, ehe ich Iſaura wieder gefunden habe!“ „Morgen mit Tagesanbruch, verſetzte der Baron, treffen wir wieder im weißen Haus zuſammen;... dort, mein Sohn, will ich Dir die Urſache meines geheimnißvollen Treibens mittheilen... Auch Eduard ſoll mein Unglück kennen... Er liebt Iſauren... wird von ihr geliebt;... er ſoll Alles über ihre Geburt erfahren, ſich dann beſinnen, ob er ſie noch zur Gattin will.“ „Ach! ewig!... ewig!.. 4 Die beiden Freunde ſteigen wieder zu Pferde, der 24 Baron hat das ſeinige im weißen Hauſe; Jeder ſchlägt nun einen andern Weg ein, um bei Tagesanbruch wieder zuſammenzutreffen. Alfred fliegt mit Windeseile durch die Gebirgs⸗ pfade dahin, auf die Gefahr hin, den Hals zu bre⸗ chen; um drei Uhr Morgens langt er im Schloſſe an. Wie der Pförtner ihm vorhergeſagt, iſt das Hauptthor nicht verſchloſſen, und Schloß Schwarzen⸗ fels ſteht jedem Daherkommenden offen; aber Alfred braucht Licht und der Pförtner ſoll ihm die Keller⸗ gewölbe und öden Gemächer, deren Schlüſſel er hat, öffnen. Er pocht daher gewaltig an Herrn Cunettes Wohnung; dieſer ſchläft ſteif und feſt und antwortet nicht; Alfred, ſich wenig um die Ruhe der Schloß⸗ bewohner kümmernd, fährt fort zu poltern und zu ſchreien, und bald gehen mehre Fenſter auf, nur das des Pförtners nicht. Robineau, mit einem Foulard um den Kopf, guckt herab, der Marquis in der Schlafmütze, Eudoxia halh mit Pelz verhüllt, Cornelia im Nachtwamms mit Spitzen beſetzt, Jungfer Gaul im Hemd, Jeannette im Häubchen; auch die Küchenjungen zeigen ſich an ihren Dachkammern. „Wgs iſt's? was gibt's ſchon wieder? fragt Ro⸗ bineau.— Warum dies Gepolter? Cornelia.— Iſt das Schloß verzaubert? Eudoria.— Man kann hier nicht einmal nach Gefallen träumen,“ bemerkt die Köchin. „Mein Schwiegerſohn, ſagte Herr de la Pincerie, ich befehle Ihnen, die zu prügeln, welche mich im Schlafe ſtören!“ 25. „Herr Marauis, es thut mir leid, daß ich Sie aufgeweckt habe, verſetzt Alfred, doch denke ich nicht, daß man mich deßhalb mit Stockſtreichen regaliren werde.“ „Wie! Alfred verführt ſolchen Spektakell.— Mein Freund, leg Dich mit Deiner Frau wieder zu Bett; es ſind weder Diebe noch Geſpenſter in dieſem Schloß. Doch wäre möglich, daß ſich im alten Thurm Jemand verſteckt hätte, und dieſen Jemand will ich feſtnehmen.— Jemand verſteckt bei mir!..— Es wäre nicht das erſte Mal, daß dieſe Perſon die Nacht hier zubrächte..— Ach! mein Gott! es gibt Schlupf⸗ winkel in meinem Schloſſe und ohne mein Wiſſen... — Sie ſehen, mein Herr, wie gut wir bewacht ſind! ſagte Cornelia, morgen werfe ich die ganze Diener⸗ ſchaft zum Hauſe hinaus!. Nach und nach ſchließen ſich die Fenſter wieder; die Köchin gibt Alfred Licht, und dieſer entſchließt ſich, Thurm und Souterrains ohne den Pförtner zu durch⸗ ſuchen. Jungfer Gaul bietet ſich muthig zur Beglei⸗ tung an, aber Alfred dankt und begibt ſich allein in die unbewohnten Schloßtheile. Die Thurmpforte fand er noch offen, und nachdem er zwei Stunden lang in allen Gemächern des Thurms, in allen Gewölben umhergeſtreift und jeden Winkel beleuchtet und genau beſehen hatte, kam er zur Ueberzeugung, daß der Vagabund neuerdings nicht hier geweſen ſei. Der Tag begann bereits ſich zu zeigen, als er in ſein Zim⸗ mer ging, das Nothwendigſte mitzunehmen. Hierauf befahl er Franz, ſeine und Eduards Effekten nach 26 dem weißen Haus zu ſchaffen, und ſchickte ſich an, das Schloß zu verlaſſen, als ihm Robineau entgegen⸗ trat, der ſo frühe aufgeſtanden war, um ſeinen Freund vor ſeiner Abreiſe noch einmal zu ſehen. „Du gehſt alſo wirklich fort? begann Robineau. — Ja, mein Freund... nichts kann mich mehr auf⸗ halten.— Und Herr Eduard?...— Erwartet mich im weißen Hauſe...— Im weißen Hauſe?— Ja, wir kennen jetzt deſſen Beſitzer.— Pah!... und das junge Mädchen?..— Iſt entführt, und wir ſind auf der Verfolgung des Räubers.— Entführt!... die kleine Here!— Leb wohl!.. Weiteres, wenn ich Dich wieder ſehe..— Aber... wer iſt die Per⸗ ſon, die ſich erlaubte, Nachts in mein Schloß zu kommen?— Der Mann von Clermont⸗Ferrand. — Ach mein Gott!... und Du ſagteſt mir's nicht!... Ich laſſe den nördlichen Thurm niederreißen.— Laß nur alle Thüren wohl verriegeln und vermauern, ſo wie die im Garten hinter der Statue des Mars, und es wird Niemand mehr ohne Deine Erlaubniß ein⸗ dringen, wenigſtens wenn Dein Pförtner nicht wieder das Hauptthor offen läßt.“ Mit dieſen Worten drückt er Robineau die Hand; und dieſen ganz betäubt über dieſe Mittheilung ſtehen laſſend, begibt ſich Alfred nach dem weißen Hauſe, in der Hoffnung, ſein Vater oder Eduard werden glück⸗ licher in ihren Nachforſchungen geweſen ſein. Nur den Baron fand er am bezeichneten Orte. Eduard war noch nicht zurückgekommen, daher man ſich der beſten Hoffnung hingab. 27 „Arme Kleine! ſagte der Baron, wenn wir ſie nicht wieder fänden, würde ich mir ewig ihr Unglück vorwerfen; und doch magſt Du urtheilen, Alfred, ob ich Unrecht gethan... ob Liebe und Eiferſucht mich ungerecht gemacht haben...“ „Mein Vater, verſetzte Alfred; wenn es Ihnen ſchwer wird, mir dies Gehemniß zu enthüllen; wenn Sie vor Ihrem Sohne zu erröthen hätten, will ich es nicht kennen...“ „Mein Freund, vor der Welt hätte ich erröthen können, obgleich ich keineswegs ſtrafbar bin... von meinem Sohne aber kann ich nur bedauert werden. Du ſollſt Alles hören.“ Nach zweiſtündigem Harren kam auch Eduard her⸗ bei, aber allein, troſtlos und ohne etwas über Iſaura erfahren zu haben. „Ehe wir neue Nachforſchungen anſtellen, ſagte der Baron, höret mich an, meine Freunde; erfahret endlich die Beweggründe meines Benehmens und mei⸗ nes geheimnißvollen Verkehrs mit Iſauren.“ Drittes Kapitel. Zweite Ehe des Barons von Marcey. Alfred und Eduard hatten ſich im Erdgeſchoß des weißen Hauſes, deſſen Thüren ſorgfältig verſchloſſen waren, neben dem Baron niedergeſetzt; und nachdem dieſer die Hand ſeines Sohnes zärtlich gedrückt und 28 einen tiefen Seufzer ausgeſtoßen hatte, befriedigte er endlich die ungeduldige Neugierde der beiden jungen Männer und begann folgendermaßen: Ich nahm ſehr jung Dienſte; die militäriſche Lauf⸗ bahn hatte beſondere Reize für mich, ich war ein Enthuſiaſt des Ruhms, war lebhaft, glühend, unge⸗ ſtüm; doch blieb darum mein Herz nie gefühllos für die Leiden meines Nebenmenſchen, und ſelbſt auf dem Schlachtfelde bedachte ich ſtets, daß ich mit Männern kämpfe, welche die Politik allein zu meinen Feinden gemacht. Eben ſo leidenſchaftlich liebte ich die Frauen;... wie Du, lieber Alfred, war ich einige Zeit flatterhaft, flog von Eroberung zu Eroberung, heute die vergeſſend, welche mich geſtern entzückte; die glücklichſte Epoche meines Lebens!... doch nur von kurzer Dauer; mein Herz, im Grunde gefühlvoll, ſuchte ſich auf andere Art zu feſſeln, als nur durch frivole Bande. Aber die Eiferſucht war mir angeboren; ſchon hatte mich dies grauſame Gefühl bei Frauen unglücklich gemacht, die ich nur wenig liebte, wie viel ſtand dies zu be⸗ fürchten bei einer Frau, die ich anbeten würde! Deß⸗ halb ließen mich meine Eltern im dreiundzwanzigſten Jahre eine ſogenannte Vernunftheirath eingehen. Ohne gerade ſterblich verliebt zu ſein, ehlichte ich Celine von Colleville. Deine Mutter, lieber Alfred. Ein Jahr darauf gab ſie Dir das Leben. Deine Geburt, die Tugenden Deiner Mutter hätten mein Glück ſichern können; jeden Tag fühlte ich meine Neigung für Celinen ſich mehren und dankte meinen Eltern für 29 ihre Wahl, als ich ein Jahr nach Deiner Geburt meine Gemahlin durch den Tod verlor. Du warſt noch zu jung, als daß ich bei Dir hätte Troſt ſuchen können; aber der wieder ausgebrochene Krieg rief mich in's Feldlager zurück, und dort fand ich Zerſtreuung für meinen Schmerz. Ueber fünf Jahre waren ſeit dem Tod Deiner Mutter verfloſſen, deren Andenken mir ſüß geworden war, wie das eines Freundes, von dem das Schick⸗ ſal uns getrennt. Eine ſchwere Wunde, deren Hei⸗ lung ſich in die Länge zog, veranlaßte mich, meinen Abſchied zu nehmen; dem Vaterland hatte ich meine Schuld bezahlt, jetzt wollte ich mich dem Sohne widmen. Um indeß meine durch die Strapazen des Kriegs und meine Verwundung wankend gewordene Geſundheit wieder herzuſtellen, verordneten mir die Aerzte eine Reiſe nach dem Süden; Du warſt noch zu klein, als daß ich Dich hätte mitnehmen können. Ich ließ Dich in ſichern Händen und begab mich nach Toulon, Marſeille und zuletzt nach Bordeaux. Seit einiger Zeit befand ich mich in letzterer Stadt; meine Geſundheit war völlig wieder herge⸗ ſtellt und ſchon ſchickte ich mich zur Rückkehr nach Paris an, als ich eines Tages bei Herrn von Mont⸗ fort, einem ehemaligen Marineoffizier, welcher ſehr reich und Wittwer war, vorgeſtellt wurde; er hatte nur ein einziges Kind, eine Tochter von ſiebzehn Jahren, Adele... Schwer würde es mir ſein, euch all ihre Reize, ihre ganze Anmuth zu beſchreiben ... Adele war mehr liebenswürdig als ſchön; aber 30 unmöglich konnte man der Holdſeligkeit ihres Geſichts, der Sanftmuth ihres Blicks, dem entzückenden Klang ihrer Stimme widerſtehen;... ich faßte die raſendſte, leidenſchaftlichſte Liebe für ſie, und vom erſten Augen⸗ blick an fühlte ich, daß von ihr mein künftiges Le⸗ bensglück abhänge. Herr von Montfort war ganz das Widerſpiel ſeiner Tochter. Rauh und abſtoßend in ſeinem ganzen Weſen, war er äußerſt ſtreng und in ſeinen Augen ſchienen Blitze zu ſprühen, wenn ſie vom Zorn be⸗ lebt wurden. Miich nahm indeß Herr von Montfort ſehr gut auf; er war beinahe liebenswürdig gegen mich; und ſei es, daß mein Rang, mein Vermögen, oder meine für das Vaterland erhaltenen Wunden, ihn beſtimmten, mich auszuzeichnen, er behandelte mich mit Freund⸗ ſchaft und lud mich zum öftern Beſuche ſeines Hau⸗ ſes ein. Dieſe Erlaubniß war für mich von unendlichem Werthe; bei Adelen zu ſein, bildete bereits meinen einzigen Wunſch; entſchloſſen, ſie zur Gemahlin zu nehmen, wenn mir ihr Vater ihre Hand gewährte, ſtrebte ich, ihr zu gefallen; ſie ſchien mich nicht ungerne zu ſehen, einige Freundſchaft für mich zu haben; ich ſchmeichelte mir, dieſe Freundſchaft werde zur Liebe werden; aber zu meinem Leidweſen bemerkte ich an ihr eine tiefgewurzelte Traurigkeit, eine Melancholie, die nichts zu beſiegen vermochte; nur in Gegenwart ihres Vaters, vor welchem, wie man leicht ſehen konnte, ſie zitterte, verſuchte ſie heiter zu erſcheinen, 31 und an den Unterhaltungen der Geſellſchaft Theil zu nehmen. Nie konnte ich allein bei Adelen ſein, nur vor der Welt war mir vergönnt, ſie zu ſehen, mit ihr zu ſprechen, ihr meine ganze Liebe für ſie verſtändlich zu machen. Adele ſeufzte... ſie wagte nicht, mir Ant⸗ wort zu geben, und bei jedem Blick, den ihr Vater auf uns warf, fuhr ſie ängſtlich zuſammen. Brennend vor Verlangen, mein Glück zu ſichern, erklärte ich Herrn von Montfort ſchon nach vierzehn⸗ tägigem Beſuche meine Liebe für ſeine Tochter. Ich ahnte es, erwiderte er mir mit ſeinem ge⸗ wöhnlichen barſchen Weſen; und ⸗⸗Sie dürfen wohl glauben, daß, wenn mir dieſe Liebe nicht anſtändig geweſen wäre, ich Ihre häufigen Beſuche nicht zuge⸗ geben hätte. Ich kenne Ihre Familie; Sie haben Vermögen, geordnete Lebensweiſe; auch einen Sohn erſter Ehe; doch iſt Ihr Einkommen mehr als hin⸗ reichend, noch mehre Kinder zu erziehen, und ich bin überzeugt, Adele wird Ihren Sohn lieben. Sie gefallen mir als Schwiegerſohn, und ich gewähre Ihnen die Hand meiner Tochter.“ Ich war überglücklich. Herr von Montfort ſetzte noch hinzu:„Ich geſtehe, dieſe frühzeitige Verbindung iſt mir ſehr lieb. Mein Charakter paßt nicht dazu, ein junges Mädchen unabläſſig zu bewachen. Meine Adele iſt züchtig, aber ſie iſt auch hübſch. Schon mehre junge Leute ſchienen ſehr in ſie vernarrt.. ſie ge⸗ fielen mir nicht: und dies muß bei meinem Schwie⸗ gerſohn vornehmlich der Fall ſein.“ „Q 32 „Wenn aber einer derſelben Adelen gefallen hätte? entgegnete ich.— Darf meine Tochter ohne meine Erlaubniß lieben? erwiderte er zornig auffahrend. Nein, mein Herr, nein.. das darf nicht ſein. Ein gewiſſer Chevalier von Savigny, aus einer alten Familie, ſchien beſonders Adelen geneigt; ſobald ich das bemerkte, verbot ich ihm mein Haus, denn er war ein großer Liederlich, ein Taugenichts, Spieler und Wollüſtling... Eine ſcandalöſe Geſchichte, ein Zweikampf wegen eines Weibes, zwang ihn, Bor⸗ deaux wieder zu verlaſſen, wo er ſich ſeit einiger Zeit aufhielt;... und ein ſolcher Menſch hätte der Gatte meiner Tochter werden ſollen... Nein, und wäre ſie vor Liebe geſtorben, nie hätte ich meine Ein⸗ willigung gegeben.“ „Ich hoffe aber, ſie liebte dieſen Savigny nicht, ſagte ich mit einer Unruhe, deren ich nicht Herr werden konnte.“ „Ich glaube wohl, daß er ihr nicht mißfiel, ent⸗ gegnete Herr von Montfort, d. h. wie alle Frauen, war auch Adele geblendet durch die glänzende Auſ⸗ ſenſeite, den ſüßlichen Ton des Schurken, der, um bei mir Zutritt zu bekommen, ſeine laſterhafte Le⸗ bensweiſe anfangs zu verſchleiern gewußt hatte. Aber ihn lieben!... Tauſend Fregatten! das wollte ich ihr nicht gerathen haben!... Sollten Sie übrigens meine Tochter Ihrer nicht würdig halten, ſo iſt noch nichts abgemacht, alsdann fordere ich Sie aber auf, Ihre Beſuche, welche ihrem Rufe ſchaden könnten, einzu⸗ ſtellen und mir nicht mehr von Ihrer Liebe zu ſprechen.“ 33 Bei einem ſolchen Manne mußte man ſich ſchnell entſcheiden; bis zum Uebermaß empfänglich für Alles, was auf die Ehre Bezug hatte, durfte ich keinen Augenblick zaudern, ſonſt war Adele für mich ver⸗ loren. Aber ich war zu verliebt, um ihr entſagen zu können; durfte ich ſelbſt für den Fall, daß ſie Bewerbungen Savigny's mit Vergnügen aufgenom⸗ men hätte, meine Anſprüche aufgeben? Savigny kam nicht mehr in Herr von Montforts Haus, wo ich ihn auch nie geſehen hatte. Er hatte Bordeaux verlaſſen und man wußte nicht, was aus ihm geworden war. Adele zählte erſt ſiebzehn Jahre, durfte ich nicht hof⸗ fen, daß meine Aufmerkſamkeit, meine Zärtlichkeit die Erinnerungen bald aus ihrem Herzen verdrängen könnten, welche ein Anderer darin gelaſſen haben mochte?.. Kurz, ich beeiferte mich, Herrn von Mont⸗ fort zu erwidern, mein ſehnlichſter Wunſch ſei, bald der Gatte ſeiner Tochter zu werden. Vergnügt über meine Gefühle, gab er mir die Zuſage, daß Adele in acht Tagen meine Frau ſein ſolle; und indem er ſeine Tochter rufen ließ, die auf der Stelle herbeikam, kündigte er ihr ohne Weiteres ſeine Abſichten an, mit dem Befehl, ſich auf ihre Vermählung mit mir vorzubereiten. Adele erblaßte, ein plötzliches Zittern bemächtigte ſich ihrer Glieder; ſie wankte, ſtotterte einige unver⸗ ſtändliche Worte. Ich flog auf ſie zu, empfing ſie mit meinen Armen und beſchwor ſie um offene Er⸗ klärung, ob der Gedanke, meine Frau zu werden, ſie betrübe. Aber ihr Vater war da, und heftete ſeine Paul de Kock. XXVII. 3 34 drohenden Blicke auf ſie; mit halblauter Stimme ant⸗ wortete ſie:„Ich werde meinem Vater gehorchen,“ und zog ſich in ihr Gemach zurück. Adelens Verwirrung that mir wehe, aber Herr von Montfort fing gleich an, darüber zu ſcherzen. Er kannte nur Eins: Gehorſam für ſeinen Willen. „Lieber Freund, ſagte er zu mir, muß nicht ein jun⸗ ges Mädchen erröthen, erbleichen, ſeufzen, bewegt erſcheinen, bei Verkündigung ihrer bevorſtehenden Ver⸗ mählung?... Das iſt ſo der Brauch!... Hat aber ein Mann Charakter, ſo bekommt die Frau acht Tage nach der Hochzeit weder Krämpfe, noch Ohn⸗ machten oder Schwindel mehr.“ Mein Vorſatz war nicht, Herrn von Montfort zum Muſter zu nehmen, ſondern ich hoffte, durch Sanft⸗ muth und Liebe Adelens Zärtlichkeit zu gewinnen. Der Vater wünſchte, die Hochzeit ſolle auf ſeinem Landhauſe, unweit Bordeaux gefeiert werden, und reiste mit der Tochter ſogleich dahin ab; mich hielten Geſchäfte und die gewöhnlichen Einkäufe noch einige Tage in der Stadt zurück, worauf ich mit meiner neuen Familie zuſammentraf. Ich fand Adele noch eben ſo traurig und eben ſo zitternd vor ihrem Vater. Mehrmals hoffte ich, ſie unter vier Augen ſprechen zu können, aber Herr von Montfort war beinahe immer da und verließ uns nur ſehr wenig, und ſprach ich allein mit Adelen von meiner Liebe, dann ſeufzte ſie, ſchlug die Augen nieder und antwortete nicht. Unſer Hochzeittag kam heran. Adele, noch ſchöner 35 durch ihre Bläſſe, trat mit mir zum Altar. Als ſie das Gelübde ausſprechen ſollte, das uns auf ewig vereinte, ſah ich ſie wanken und auf ihren Vater blicken... Endlich waren wir vereint, ich empfing ihre Hand; ſie zitterte. Auf dem Gipfel meines Glücks wäre ich geſtanden, hätte mich nicht die Traurigkeit meiner Gemahlin insgeheim beunruhigt; aber ich wie⸗ derhole: ich liebte bis zur Abgötterei und ſchmeichelte mir immer, die Liebe meiner Frau noch zu gewinnen. Geräuſchlos, ohne Feſtlichkeit ging unſer Hoch⸗ zeittag vorüber; nur einige Freunde und Nachbarn machten unſere Geſellſchaft aus. Adelens Niederge⸗ ſchlagenheit ſtieg mit jedem Augenblick, obſchon ſie auf meine Fragen um ihre Leiden, ſanftmüthig ant⸗ wortete, es fehle ihr nichts. Die Zeit, ſich zurück⸗ zuziehen, kam. Adele begab ſich in unſer Gemach, ich mußte noch etwas bei der Geſellſchaft verweilen; endlich entfernte ſich Jeder, und ich beeilte mich, meiner Frau zu folgen. Man hatte uns einen niedlichen Pavillon ange⸗ wieſen, der nach den Gärten hin lag und von den übrigen Gebäuden abgeſondert war; die Dienerſchaft ſchickte ich in's Bett; bald war ich in meinem Ge⸗ mache, wo ich meine Gattin zu finden meinte, fand es aber leer. Erſtaunt, Adelen nicht zu ſehen, gehe ich in die anſtoßenden Zimmer, rufe und ſuche nach ihr, hatte aber bald die Gewißheit erlangt, daß ſie nicht im Pavillon ſei. Dieſe Abweſenheit beunruhigte mich; eine kleine Thüre, die nach dem Garten führte, war halb offen; ich dachte, Adele ſei vielleicht, ſich 36 unwohl fühlend, in den Garten gegangen, friſche Luft zu ſchöpfen, alsbald eilte ich dahin und durch⸗ ſuchte die ungeheuern Räume. Mit jeder Minute nahm meine Unruhe zu und mein Herz war in äußer⸗ ſter Beklemmung. Ich näherte mich einem ſchönen Waſſerbehälter, von einem großen Grasplatze um⸗ geben, als ich am Rand des Waſſers den Schatten einer knieenden Frau wahrzunehmen glaubte. Ich verdoppelte meine Schritte... aber ehe ich am Ufer angelangt war, hatte ſie ſich in's Waſſer geſtürzt, in deſſen Mitte ich bald die weißen Gewänder meiner Adele erkannte... Mit Blitzesſchnelle ſprang ich nach; es gelang mir, ſie zu erfaſſen und das Ufer zu ge⸗ winnen; auf meinen Armen trug ich ſie in mein Gemach zurück, wo ich ihr, ohne Jemand herbeizu⸗ rufen, augenblicklich alle Hülfe leiſtete. Adele war zu ſchnell gerettet worden, als daß ich für ihr Leben hätte fürchten dürfen; wirklich wurden meine Bemühungen in Kurzem belohnt; ſie ſchlug die Augen wieder auf und ſah mich an ihrer Seite, wie ich ihre wiedererwärmten Hände mit meinen Thrä⸗ nen benetzte. „Sie haben mich gerettet!“ ſprach ſie mit dem Ausdruck tiefſten Schmerzes. „Ja, ſagte ich zu ihr, ja... der Himmel fügte, daß ich noch zeitlich genug kam, Sie dem Leben wie⸗ der zu geben... Wer wird aber mich in Zukunft von meiner Verzweiflung retten?... wer die Ge⸗ wiſſensbiſſe mildern, die ich darüber empfinde, daß ich Sie eine Verbindung eingehen ließ, die Ihnen 37 ſo vielen Abſcheu einflößt?... Adele, Sie haſſen mich alſo ſehr?. Sie haben alſo eine unüberſteig⸗ liche Abneigung gegen mich, weil Sie ſich lieber den Tod geben wollten, als mir angehören?“ Adeline ſchien durch meine überſchwängliche Ver⸗ zweiflung gerührt; ihre Augen füllten ſich mit Thrä⸗ nen und ſchluchzend antwortete ſie mir:„Nein, ich haſſe Sie nicht... ich fühle ſelbſt die zärtlichſte Freundſchaft für Sie... aber ach! Ihre Frau konnte ich nicht mehr ſein... und doch mußte ich meinem Vater gehorchen;... meinem Vater, den ich ſo ſehr fürchte... deſſen Zorn ſo ſchrecklich iſt!... Ach! er würde mich umgebracht haben, wenn ich mich ſeinem Willen widerſetzt hätte! Ich wollte lieber mir ſelbſt den Tod geben, nachdem ich ihm gehorſam geweſen war!.. Ums Himmelswillen, vergeben Sie mir... und laſſen Sie mich ſterben!...“ Die Unglückliche warf ſich mir zu Füßen und ſtreckte ihre Hände flehend zu mir empor, ich hob ſie auf, beſchwor ſie, ſich zu beruhigen, in mir nur noch einen Bruder, einen Freund zu ſehen und mir den Gegen⸗ ſtand ihres Schmerzes nicht länger zu verbergen. „Sie wollen es, verſetzte ſie, nun denn, ich ge⸗ horche Ihnen... dies Geſtändniß iſt ſehr hart... zu ſterben, es wäre mir leichter geweſen, aber auch dieſe Strafe muß ich erdulden. Ich habe Ihnen geſagt... ich bin unwürdig, den Namen Ihrer Gattin zu füh⸗ ren... Ein Anderer hat meine Liebe; er ſagte, er wolle lieber ſterben, als mich verlaſſen... Ach! doch iſt er fort!... und ich, ich war ſo ſchwach, ſeinen 38 Schwüren zu trauen!. Ich hoffte, mein Vater werde in unſere Verbindung willigen... allein weit entfernt... verweigerte er dem hartherzig meine Hand, der mich ſchon ſeine Gattin nannte; und als ich meinen Vater durchblicken ließ, daß ich die Liebe des von ihm Zurückgeſtoßenen theile... Ach! wenn Sie wüßten, wie entſetzlich da ſein Zorn war... Ich ſah ein, daß er mir den Tod gäbe, wenn er um meinen Fehltritt wüßte... aber von der Hand mei⸗ nes Vaters wollte ich nicht ſterben... Ja, ich bin ſtrafbar... bin verloren... und trage die Frucht meiner Entehrung unter meinem Herzen.“ Ihr könnt euch denken, welchen Eindruck eine ſolche Mittheilung auf mich machte. Eiferſucht machte mich raſend. Es drängte mich, Savigny den Tod zu geben, oder ihn von ſeiner Hand zu empfangen, denn obgleich ſie den Namen ihres Verführers nicht genannt hatte, konnte ich doch nicht zweifeln, daß der Menſch, von dem Herr von Montfort mit mir ge⸗ ſprochen, es ſei, der Adelens Unſchuld mißbraucht hatte. Während ich, mich den erſten Ausbrüchen mei⸗ ner Wuth hingebend, mit großen Schritten im Zim⸗ mer auf und ablief und Rache ſchwur, hatte die Un⸗ glückliche, die mir ein ſo herbes Geſtändniß gemacht, auf's Neue den Gebrauch ihrer Sinne verloren. Blaß, leblos lag ſie am Boden ausgeſtreckt; dieſer Anblick brachte mich wieder zu mir ſelbſt, ich warf mir meine Grauſamkeit vor, denn wahrſcheinlich hatte Adele, nach dem Bekenntniß ihres Fehltritts, die Dro⸗ hungen gehört, welche die Verzweiflung mir eingegeben⸗ 39. und dadurch waren ihre Leiden noch vermehrt worden. Ich nahm ſie in meine Arme, betrachtete ihre ſo ſanften und ſchönen Züge mit dem Vorſatze, mich möglichſt zu bemühen, ihr, wenn nicht das Glück, doch wenigſtens die Ruhe ihrer Seele wiederzugeben. Durch meine unermüdete Sorgfalt rief ich ſie aber⸗ mals ins Leben zurück; aber ſie wagte nicht mehr, die Augen zu mir aufzuſchlagen, aus Furcht, den Ausdruck der Verachtung darin zu leſen; ſie dachte, ich werde ihr nicht vergeben, daß ſie mir geſchändet ihre Hand reichte, und mit herzzerreißender Stimme wiederholte ſie mir, es bleibe ihr nur noch der Tod übrig. Ich ſetzte mich an ihre Seite, legte eine ihrer Hände in die meinigen und beſchwor ſie, mich ruhig anzuhören. „Adele, ſagte ich zu ihr, ein Verführer hat Ihre Unſchuld, Ihre Argloſigkeit mißbraucht... Er be⸗ ſonders war ſtrafbar; doch beruhigen Sie ſich; dieſer Fehltritt bleibt für immer verborgen.. Niemand ſoll dieſes Geheimniß ahnen, Ihr Vater es nie er⸗ fahren. Nur noch dem Namen nach bin ich Ihr Gatte; ein Bruder... ein Freund will ich für Sie ſein, wenn Sie mich eines Tags dieſes Titels würdig erachten. Ich verfehlte mich durch meine Verbindung mit Ihnen, als mir Ihre Traurigkeit, Ihre geheime Schwermuth ſagen mußten, daß ich Ihre Liebe nicht beſitze. Zu dünkelhaft vielleicht, gab ich nur der Leidenſchaft Gehör, die ich empfand; ich ſchmeichelte mir, ſie Ihnen mitzutheilen... Auf ſolch glückliche 40 Zukunft muß ich verzichten; und doch fühle ich, wird es mir ſüß ſein, mein Leben an Ihrer Seite hinzu⸗ bringen, indem ich mich bemühe, Ihre Leiden zu lin⸗ dern, Ihrer Seele den Frieden wieder zu geben... Ja das ſoll von nun an mein einziges Streben ſein; als Belohnung meiner Sorgfalt verlange ich nichts, als einſt ein Lächeln auf Ihren Lippen und ein wenig Freundſchaft für mich in Ihren Augen zu ſehen.“ Adele drückte mir die Hand und ſagte mit gerühr⸗ ter Stimme:„Wie gut ſind Sie, mein Herr! und wie ſehr vermehrt Ihr Benehmen noch meine Reue! Aber Sie wollens, ich will leben; verfügen Sie in Zukunft über mein Schickſal, in den geringſten Hand⸗ lungen meines Lebens erkenne ich nur noch Ihren Willen an; möchte ich mindeſtens durch meine völlige Unterwerfung Ihnen meine Achtung und Dankbarkeit beweiſen können!“ Nach ſo heftigen Gemüthsbewegungen bedurfte Adeline der Ruhe. Ich ließ ſie in ihrem Gemach und zog mich in das meinige zurück. So verging die erſte Nacht unſerer Ehe!... Und während ſo Viele mein Glück beneideten, vergoß ich bittere Thrä⸗ nen über dieſe traurige Verbindung. Am folgenden Tage ſtellte ich im Geheim Nach⸗ forſchungen nach dem Chevalier von Savigny an; aber er war aus Bordeaux geflohen, mit Hinterlaſ⸗ ſung einer ungeheuren Schuldenmaſſe. Alles, was ich über ihn erfuhr, überzeugte mich, daß Herr von Montfort ihn nicht verleumdet hatte und er wirklich ein äußerſt ſchlechter und liederlicher Geſelle war. — 41 Ein ſolcher Menſch hatte indeß die Herrſchaft über Adelens Herz zu erlangen gewußt; doch nur zu häufig ſieht man die Weiber ihre Liebe übel verſchenken. Uebrigens ſprach ich ſeinen Namen nie in Gegenwart meiner Frau aus... es hätte ſie gezwungen, zu er⸗ röthen... ſie empfand ohnehin nur zu viel Reue über ihr Vergehen. Mir genügte, den Namen ihres Verführers zu kennen, um gewiß zu ſein, daß er nie ungeſtraft mit mir zuſammenträfe. Der Plan meines Verfahrens ſtand feſt. Wir. brachten noch vierzehn Tage bei Herrn von Montfort zu; nach Verlauf dieſer Zeit zeigte ich an, daß wir eine Reiſe nach Italien machen wollten. Da mein Schwiegervater uns das Recht zuerkannte, nur nach unſerem Willen zu handeln, begnügte er ſich damit, uns glückliche Reiſe zu wünſchen, unbekümmert, wo⸗ hin wir uns wenden würden. Ohne Dienerſchaft begannen wir unſere Reiſe, die ſich erſt enden ſollte, wenn Adele das Kind, das ſie unter ihrem Herzen trug, zur Welt gebracht hätte.. Wir durchſtreiften Italien und die Schweiz; mehr als ſechs Monden waren verfloſſen und wir befanden 3 uns gerade in der Auvergne, als Adele fühlte, ſie werde bald Mutter werden. Adelens Geſundheitsum⸗ ſtände hatten uns genöthigt, in einem Dorfe, Saint⸗ Sandoux, zwei Meilen von hier, anzuhalten; ich hatte den Namen Gervais angenommen; dort gebar ſie ein Mädchen, das ich Iſaura Gervais taufen ließ. „Iſaura! rief Eduard, den Baron unterbrechend; wie! mein Herr! Iſaura wäre.. 2 Die Tochter Adelens;... ja, Eduard, doch, ich bitte, laſſen Sie mich meine peinliche Erzählung vollenden. Schon lange ſtund mein Plan feſt; bei der Mutter konnte das Kind nicht bleiben. Allein durchwanderte ich die Gegend, unter meinem Mantel das unſchuldige Geſchöpf verbergend, welches ich haſ⸗ ſen wollte, und an dem ich ſchon, wider meinen Willen, regen Antheil nahm. So kam ich in dies Thal und trat in das damals von André Sarpiotte und ſeiner Frau bewohnte Haus; dieſe ſäugte gerade ihr Kind und ich ſchlug ihr vor, auch Amme des Mädchens zu werden, das ich in meinen Armen trug, wobei ich eine Geſchichte über Iſaura's Geburt und Eltern erfand. Die guten Auvergnaten nahmen meinen Vorſchlag an, den ich mit einer vollen Goldbörſe unterſtützte. Sie ſchwuren mir, das anvertraute Kind ſorgſam zu pflegen, und beruhigter kehrte ich wieder zu Adelen zurück, der ich bedeutete, daß ſie unbeſorgt über das Schickſal ihrer Tochter ſein könne, ohne ihr indeß zu ſagen, wo dieſelbe ſich befinde. So wie Adele wieder hergeſtellt war, reisten wir aus der Auvergne wieder ab; aber ehe ich nach Paris heimkehrte und den angenommenen Namen ablegte, machte ich noch verſchiedene Umwege, um jede Ent⸗ deckung des Geheimniſſes zu vermeiden, das meine Ehre ſorgfältig zu verhüllen trachten mußte. Endlich langten wir in Paris an, wo ich mich ſehnte, Dich, lieber Alfred, wieder zu ſehen und zu küſſen. Hier ſtellte ich in der Geſellſchaft meine neue Gemahlin —— 43 vor, welche ſich durch ihre Sanftmuth, ihre Reize, ihre liebenswürdige Eigenſchaften allgemeine Achtung zu verſchaffen wußte. Ein einziger Gedanke ſtörte noch meine Ruhe; ich konnte in Geſellſchaft auf den Verführer meiner Gattin ſtoßen;... dann aber hätte ſein Blut den Adelen angethanen Schimpf ab⸗ gewaſchen. Doch mein Durſt nach Rache blieb ſtets unbefriedigt; nie ſah oder hörte ich etwas vom Che⸗ valier von Savigny. Adele wagte nicht, von ihrer Tochter mit mir zu ſprechen; für Dich aber, lieber Alfred, hatte ſie die Zärtlichkeit einer Mutter; die Welt liebte ſie nicht, hegte nur den Wunſch, Dich ungeſtört zu küſſen, ihre Liebkoſungen an Dich zu verſchwenden, wie oft ſah ich ſie nicht, Dich mit ihren Küſſen bedecken, ver⸗ ſtohlen die Thränen trocknen, welche ſie dem aus ihren Armen verbannten Kinde nachſchickte! Und doch entfuhr ihr nie eine Klage, nie ein Wort über die⸗ ſen Gegenſtand; voll Aufmerkſamkeit, Sorgfalt und Gehorſam für mich, ſchien ſie mir in jeder Hand⸗ lung ihres Lebens nur ihre Dankbarkeit beweiſen zu wollen. Welch ein Weib!... und wie hätte ich ſie nicht immer anbeten ſollen!... Ach! wenn ſie auch einen Augenblick ſtrauchelte, wie viele Andere ſind noch viel ſtrafbarer und können uns nichts bieten, ihre Schwächen loszukaufen! Fünf Monate nach unſerer Ankunft in Paris reiste ich heimlich nach der Auvergne und beſuchte fortwä⸗ rend unter dem Namen Gervais die kleine Iſaura. Die guten Leute, denen ich ſie anvertraut hatte, 44 liebten ſie gleich ihrem eigenen Kinde. Damals wollte Andre dieſes von ihm neuerbaute Haus verkaufen; ich dachte, deſſen Beſitz werde mir bei meinen nun öfte⸗ ren Reiſen in dieſe Gegend bequem ſein. Daher ward ich Käufer des weißen Hauſes. Ich ließ es möbliren, um alles Nothwendige bei der Hand zu haben; nachdem ich hierauf noch die Landleute hatte ſchwören laſſen, Niemand zu ſagen, daß der Beſitzer des weißen Hauſes und derjenige, der ihnen Iſaura übergeben, dieſelbe Perſon ſeien, reiste ich nach Paris zurück, wo ich Adelen die ſüßeſten Freuden bereitete, durch zufriedenſtellende Nachrichten über ihre Tochter. Zwei Jahre verfloſſen; alle ſechs Monate begab ich mich heimlich in's weiße Haus. So wie Andre und ſeine Frau Licht in demſelben erblickten, ſäumten ſie nicht, mir die kleine Iſaura zu bringen. Das Kind der guten Landleute ſtarb, und ſie verſprachen mir, Iſaura ſtatt deſſen zu adoptiren, wogegen ich ihnen die Zuſicherung gab, das Nädchen immer bei ihnen laſſen zu wollen. Indeß war die Geſundheit Adelens beſtändig ſchwan⸗ kend; ich hielt ſie für weit beſſer, als ſie in Wirk⸗ lichkeit war; denn ſie verbarg mir ihre Leiden und empfing mich ſtets mit einem Lächeln. Doch bald ward es ihr unmöglich, mich über ihren Zuſtand zu täuſchen. In der Vorausſetzung, der durch die Tren⸗ nung von ihrer Tochter verurſachte Schmerz unter⸗ grabe ihre Geſundheit, ſchwur ich ihr, daß ich in Kurzem ein Mittel finden wolle, das Kind zu uns 45 kommen zu laſſen, ohne daß man das Geheimniß ihrer Geburt entdecken könne. Adele dankte mir zärt⸗ lich; aber ach! es war zu ſpät; in kurzer Zeit machte das Uebel erſchreckende Fortſchritte und bald mußte ich dieſe angebetete Frau in meinen Armen erbleichen ſehen! ſie ſtarb, mit der Bitte an mich, ihre Tochter nie zu verlaſſen, ihr den Fehltritt ihrer Mutter zu verzeihen und mich anflehend, ihre Iſaura ein wenig zu lieben. Meinen Schmerz will ich euch nicht ſchildern;... nie hatte ich ein Weib ſo leidenſchaftlich geliebt, wie Adelen!... Du aber, mein Sohn, bliebſt mir, auf Dich ſuchte ich alle meine Liebe überzutragen. Doch dem Adelen geleiſteten Schwure treu, be⸗ ſuchte ich Iſaura wieder. Auch André war geſtorben, und ſeiner Wittwe einziger Troſt war ihre Pflege⸗ tochter; ſie zitterte, ich möchte ſie ihr entreißen, aber ich beruhigte ſie. Warum hätte ich das junge Mäd⸗ chen aus dieſen Bergen entfernen ſollen? konnte ſie hier nicht glücklicher leben, als in der Welt, in der ihre Geburt ihr ſtets hindernd entgegengetreten wäre? Seit dem Tode meiner Adele war mir der Auf⸗ enthalt in Paris peinlich, ohne Dich, lieber Alfred, hätte ich die Hauptſtadt verlaſſen und mich in dieſem einſamen Hauſe feſtgeſetzt. Mitten in dieſen Bergen, bei der kleinen Iſaura, welche durch ihre Züge, ihre kindliche Anmuth mich ſo gut an ihre Mutter erinnerte, träumte ich gern von dieſer unglücklichen Frau, die nur die Leiden der Liebe gekannt und in einer ſo kurzen Lebensbahn jene ſüßen Freuden, jene lieblichen 46 Gemüthsbewegungen nicht empfunden hatte, welche das Erbtheil der Jugend und Schönheit zu ſein ſcheinen. Doch ſchon wuchſeſt Du heran, mein theurer Al⸗ fred; ſchon bot ſich Dir die Welt mit ihren glän⸗ zenden Trugbildern dar; ſie zeigte Dir nur Freude, Vergnügungen, Glück; Du warſt in jener Epoche, wo der Mann das Leben genießt; ich ging aus dem Kreiſe heraus, in welchen Du eintratſt. Darum ward es mir leicht, öfter in die Auvergne zu kom⸗ men, ohne daß Du meine häufige Abweſenheit bemerkteſt. Ich kam hierher und brachte zuweilen vier⸗ zehn volle Tage hier zu. Da ich jedoch ſtets fürch⸗ tete, es möchte mich Jemand erkennen und von mei⸗ nen Reiſen in's weiße Haus ſprechen, richtete ich es ſo ein, daß ich nur bei Nacht hier eintraf; ebenſo ging ich nur Abends aus dem Hauſe. Daher die von den abergläubiſchen Bergbewohnern verbreiteten Ge⸗ rüchte über dieſe Wohnung; allein ich forderte die Wittwe Andre auf, die Bauern über ihren Irrthum nicht zu enttäuſchen. Der Schrecken, den dieſe Orte ihnen einflösten, war im Gegentheil meinen Wünſchen dienlich, indem er Jeden aus der Gegend fern hielt. Je mehr ich Iſauren ſah, um ſo größer ward meine Zuneigung für ſie; gut, gefühlvoll, liebevoll, hatte ſie das Herz und den Geiſt ihrer Mutter. Das einſame Leben, zu dem ihre Geburt ſie verdammte, ſollte ſie ewig in dieſen Bergen feſthalten. Ohne Zweifel hätte ich, um allem Verdacht auszuweichen, um die Aufmerkſamkeit nicht auf die kleine Ziegenhir⸗ tin zu ziehen, ſie eben ſo unwiſſend, als die übrigen 47 Schäfermädchen dieſes Landes laſſen ſollen. Aber unwillkürlich ſuchte ich im Geſpräch mit ihr ihren Verſtand zu erleuchten, ihre Urtheilskraft zu bilden; ich dachte, daß bei ihrer Beſtimmung, fern von der Welt zu leben, die Lektüre für ſie eine Quelle von Vergnügungen und angenehmer Zerſtreuung ſein würde. Ich lehrte ſie alſo leſen; mit ſo vieler Aufmerkſamkeit und Gelehrigkeit hörte ſie mir zu, daß ſie in der kur⸗ zen Zeit meines Aufenthaltes im weißen Haus reißende Fortſchritte machte. Auf ſolche Weiſe erlangte ſie nach und nach Kenntniſſe und nahm Manieren an, welche nicht mehr die einer Bäuerin waren; aber das Vergnügen über ihr Fortſchreiten ließ mich die Klugheit aus den Augen ſetzen: ich bedachte nicht, daß ſo viele Reize, Verſtand und Anmuth eines Tags den Reiſenden, die dieſes Thal beſuchten, auffallen müßten. 3 Iſaura liebte mich als ihren Beſchützer und kannte mich nur unter dem Namen Gervais. Ich ſagte ihr, ihre Eltern ſeien geſtorben und hätten ſie meiner Fürſorge anvertraut, außer mir habe ſie Niemand auf der Welt, der Theil an ihr nehme. Es war un⸗ nöthig, ihr Herz durch Erzählung der Leiden ihrer Mutter zu betrüben. Ich gab ihr das Porträt Ade⸗ lens, welches mir die Unglückliche für ihre Tochter eingehändigt hatte; doch ließ ich Iſaura ſchwören, dies Porträt nie Jemand zu zeigen, ſo wie ſie auch nie von mir und meinen Beſuchen im weißen Hauſe ſprechen durfte, und dieſen Schwur hat ſie ſtets ge⸗ halten. 48 Seit beinahe drei Jahren iſt die Wittwe Andre todt, und hinterließ Iſauren ihr Häuschen, die all die Wohlhabenheit genoß, welche ich ihr, ohne zu großen Verdacht zu erregen, verſchaffen konnte. Beim Tode der guten Bäuerin gab ich dem jungen Mädchen einen wachſamen und treuen Wächter; und ich ſelbſt ſuchte noch öfter die Tochter meiner Adele zu ſehen. Erſt wenn die friedlichen Landbewohner ſich zur Ruhe be⸗ geben hatten, zeigte ich Iſauren durch ein an einem der Fenſter dieſes Hauſes aufgeſtelltes Licht meine Ankunft an. Den Tag über beſuchte ich zu Fuß die ſchönſten Landſchaften im Umkreiſe und nur bei Nacht kam ich hieher zurück. Obgleich allein in dieſen Ber⸗ gen, befand ſich Iſaura glücklich; ſie lachte heimlich über den Schrecken der Bauern, welche ſie ſelbſt für eine kleine Zauberin hielten, weil ſie einige Kennt⸗ niſſe in der Botanik hatte, und ein Buch beſaß, das von der Zucht und Pflege der Hausthiere handelte; kurz, ſie wiederholte mir oft, ſie habe keine Sehn⸗ ſucht, kein Verlangen; ihr einzig Glück beſtehe darin, ihr hübſches Häuschen zu bewohnen und ihre Ziegen auf den Berg zu führen. Aber noch kannte das holde Kind die Liebe nicht. Ihr kamt in dieſes Thal, flößtet Iſauren ein neues Gefühl ein, das hef⸗ tiger, gebieteriſcher als alle übrigen war, von nun an genügten dieſes Häuschen, ihre Ziegen, dieſe Berge ihrem Glücke nicht mehr. Vor zwei Tagen kam ich wieder hieher; ich ſah Iſaura; aber ſie war nicht mehr dieſelbe!... Ich hatte nicht nöthig, ſie um den Zuſtand ihres Herzens 49 zu befragen; das liebenswürdige Kind geſtand mir in ihrer Offenheit, daß ein junger Mann, Namens Eduard mit einem ſeiner Freunde in ihre Hütte ge⸗ kommen ſei; Eduard habe ſie hierauf täglich beſucht, ihr geſagt, daß er ſie liebe und ſeine Frau nennen wolle. Mein Sohn hatte mir nicht bemerkt, in welche Gegend er ſich mit ſeinen beiden Freunden be⸗ gab; ich war weit entfernt, zu ahnen, daß Sie der Eduard ſeien, von dem mir Iſaura ſprach. Aber bei der Schilderung von Ihrer Eleganz, Ihren Ma⸗ nieren, dachte ich, daß ein junger Mann aus der Welt nicht die Abſicht haben könne, ein einfaches Landmädchen zu heirathen; ich ſah in dieſem Lieb⸗ haber, den ſie mir ſo zärtlich, ſo liebevoll ausmalte, nur einen neuen Verführer, der ein wehrloſes Mäd⸗ chen mißbrauchen wollte. Das, Eduard, meine Gründe, aus denen ich Iſaura verbot, Sie ferner anzuhö⸗ ren... Sie vermögen jetzt auch zu würdigen, war⸗ um ich den Schleier, der ihre Geburt verhüllte, nicht wollte lüften laſſen. Ich habe Ihnen nun dies pein⸗ liche Geheimniß enthüllt... Ihnen ein Geſtändniß gemacht, das meiner Eigenliebe ſchwer ward... Jetzt, wenn der Himmel geſtattet, daß wir Iſaura wiederfinden und Sie ſolche noch für würdig halten, Ihre Frau zu werden, widerſetze ich mich dieſer Ver⸗ bindung nicht mehr, weil Sie die ganze Wahrheit kennen.“ Eduard drückte die ihm dargereichte Rechte des Barons und rief aus:„Ich liebe Iſaura darum nicht weniger, mein Herr!. Ich ſehe in ihr nur die Paul de Kock. XXVII. 4 50 Tochter Ihrer Adele. Ihre Reize und ihre Tu⸗ genden erſetzen hinlänglich den Makel ihrer Geburt... Möchte ſie uns bald wieder geſchenkt ſein! und mein größtes Glück wäre, ſie meine Frau zu nennen.“ Nachdem Alfred ſeinen Vater zärtlich in die Arme geſchloſſen, wie um ihm den durch ſeine Erzählung erneuten Kummer vergeſſen zu machen, reichte er Eduard die Hand und ſagte:„Ja, Iſaura muß uns wiedergegeben werden... Als Bruder liebe ich ſie jetzt und werde Dich unterſtützen. Keinen Augenblick Ruhe will ich genießen, ehe ich ſie in Deine Arme zurückgeführt.“* „Arme Iſaura! ſagte der Baron, ſeit man mir ſie entriſſen, fühle ich erſt die ganze Gewalt meiner Liebe für ſie. Wer ſind wohl die, welche dich deiner Wohnung entriſſen? Was hat ſie dazu antreiben können? Räuber hätten das ganze Haus geplündert, aber Iſaura nicht entführt. Ein Liebhaber allein!.. Ihr ſeid aber ganz gewiß, daß kein Anderer iyret⸗ wegen in dies Thal kam. Was jenen Elenden, jenen Vagabunden betrifft, von dem Alfred geſprochen, wel⸗ chen Grund könnte er gehabt haben, uns Iſaura zu entführen? Und wie? hätte er ſie allein ihn zu begleiten zwingen können?“ Alle drei verloren ſich in Vermuthungen; doch be⸗ reiteten ſie ſich zu neuen Nachforſchungen vor. In Clermont⸗Ferrand wurden Pferde gekauft; der arme Vaillant zu gutmüthigen Leuten gebracht, welche alle Sorgfalt auf ihn zu verwenden verſprachen; man übergab ihnen die Ziegen nebſt Allem, was Iſaura's 2 51 Reichthum bildete. Alfred nahm den aufgefundenen Degen mit, worauf ſich alle drei in's Gebirge ver⸗ tieften, entſchloſſen, ſelbſt die kleinſte Hütte des arm⸗ ſeligſten Bergbewohners zu durchſuchen, die wildeſten und ſteilſten Fußpfade zu erklimmen, die wenigſt be⸗ tretenen Wege zu gehen; kurz, Alles zu unterneh⸗ men, was zur Auffindung des jungen Mädchens bei⸗ tragen konnte. Viertes Kapitel. Entführung Iſaura's. In der Nacht, wo Alfred und Eduard ſich in's Thal begeben hatten, um Iſaura's Schritte zu be⸗ lauern, war ihnen ein Mann beſtändig im Schatten nachgeſchlichen; dieſer Mann, den man bereits als denjenigen erkannt hat, der kein anderes Aſyl als das Gebirge zu haben ſchien, verlor die beiden Freunde nicht aus dem Geſicht, er ſchien ein großes Intereſſe daran zu nehmen, daß ſie das heimliche Beginnen des jungen Mädchens erführen, und mit Ungeduld das Reſultat dieſer Entdeckung zu erwarten. Im Augenblick, als Alfred in dem Mann, der Iſaura verließ, ſeinen Vater erkannt und ihn Eduard genannt hatte, war der hinter ihnen verſteckt gewe⸗ ſene Vagabund plötzlich aufgefahren, als wollte er über den Baron von Marcey herfallen, aber faft eben ſo ſchnell wieder ſtehen geblieben, vor ſich hin⸗ murmelnd:„Ich habe keine Waffen!“ und hatte 52 ſich eilig in der Richtung von Iſaura's Wohnung entfernt. Vor dem Häuschen angekommen, ſtand er ſtill, betrachtete es lange und ſchien einen Racheplan aus⸗ zubrüten. Plötzlich belebten ſich ſeine Züge, ſein Auge blitzte, ein bitteres Lächeln verzerrte ſein Ge⸗ ſicht, während er leiſe vor ſich hinſprach:„Ha! ſo iſt's beſſer!... weit beſſer!... Hätte ich den Baron umgebracht, wäre Alles vorüber! Das Leben iſt ſchnell verloren; er hätte nur einen Augenblick Kelſr ten.. ich aber leide nun ſchon achtzehn Jahre!. Wir wollen ihm zu vergelten ſuchen, was er mir gethan... Er muß eine beſonders große Zuneigung zu dieſem Mädchen haben, daß er ſie an dieſem Orte verbirgt, ſie mit ſo vieler Heimlichkeit beſucht... Iſaurens muß ich mich bemächtigen; morgen iſt ſie mein.. Aber dazu brauch' ich Waffen... Geld habe ich nicht mehr!... gar nichts!... Neulich in der Nacht hätte ich ohne Alfreds Dazwiſchenkunft im al⸗ ten Thurm gefunden, was ich ſuchte... aber noch iſt's Zeit... ich habe kein anderes Mittel, mir welche zu verſchaffen.“ Sogleich ſchritt er eiligs durch die ihm wohlbe⸗ kannten Gebirgspfade dahin und erreichte bald Schloß Schwarzenfels, in welches er auf gewohnte Weiſe eindrang. Mit Hülfe einer kleinen Blendlaterne, die er beſtändig bei ſich trug und die ihm im Gebirge ſchon oft von großem Nutzen geweſen war, durchſuchte er das alte Arſenal des Schloſſes, warf zornig die zer⸗ brochenen Lanzen und verroſteten Schwertklingen bei 53 Seite, bis er einen noch ziemlich gut erhaltenen Degen fand; ſchon wollte er ſich entfernen, als er in einer Vertiefung der Mauer einen andern aufgehängten Degen erblickte, den er herabnahm, genau betrachtete und ausrief:„Da iſt er!... dieſen ſuchte ich... mit dieſem Degen lernte ich als Edelmann fechten... mich ehrlicherweiſe eines Feindes entledigen... Armer Ri⸗ chard, der du mir ſo gerne Unterricht ertheilteſt, ſo ſtolz auf das Talent deines jungen Zöglings warſt, mir dieſen Degen reichend, wiederholteſt du mir ſo man⸗ chesmal jenen ſpaniſchen Denkſpruch: Zieh ihn nie ohne Grund, ſtecke ihn nie thr los wieder in die Scheide!“ Der Unbekannte drückte den Degen an ſein Herz, will den zuerſt genommenen von ſich werfen, hält aber inne, indem er ſagt:„Nein... dieſer ſoll mir dienen, mich Vaillants zu entledigen, um das junge Mädchen zu entführen... und die Waffe meiner „JIugend ſoll wenigſtens durch dieſe Handlung nicht befleckt werden.“ Jetzt löſchte er ſeine Laterne, verbarg die beiden Degen ſorgfältig unter ſeinem weiten Rocke und ver⸗ ließ das Schloß auf demſelben Wege, den er gekom⸗ men war. Als er nach dem Himmel blickte, die noch übrige Dauer der Nacht und die zur Rückkehr in das weiße Haus nöthige Zeit berechnete, mur⸗ melte er vor ſich hin:„Für heute iſt es zu ſpät, alſo auf morgen.“ Am andern Abend hatte kaum die Nacht ihre Schatten über die Erde verbreitet, als der Vagabund 5⁴4 im Thale erſchien; er betrachtete Alles genau, Nichts entging ſeinen Blicken; Nichts konnte ſeine vorſichtige Klugheit täuſchen. Er iſt überzeugt, daß noch Nie⸗ mand im weißen Hauſe ſei und Iſaura ſich allein in ihrer Wohnung befinde. Alles hat er vorhergeſehen, Alles berechnet; bald ſteht er an Iſaurens Garten⸗ mauer, legt einen Degen auf den Boden, um ihn erſt im Rückwege wieder zu nehmen, und nur den andern in der Hand, überſpringt er leicht die niedere Mauer. Noch hat er keine vier Schritte gethan, als ſich Vaillants Gebell hören läßt, und der Hund wüthend auf ihn losſtürzt; aber der Vagabund, auf dieſen An⸗ griff gefaßt, hatte ſich zur Vertheidigung gerüſtet; ſelbſt dem drohenden Thiere entgegengehend, ſtieß er ihm ſeinen Degen in den Leib; dieſer Wunde unge⸗ achtet, ſprang der Hund auf ſeinen Gegner, brachte ihm an Geſicht und Hals mehre ſtarke Biſſe bei, aber Blutverluſt ſchwächte ihn und drei weitere De⸗ genſtiche beſiegten ihn vollends; der arme Vaillant fiel erſchöpft zu den Füßen des Vagabunden nieder, der nun ſeine Waffe wegwirft und eiligſt in Iſaura's Zimmer hinaufgeht. Die Kleine ſaß traurig beim Fenſter; Erinnerung an Eduard war ihr einziger Troſt, ſie durfte ihn nicht mehr ſehen, ihn lieben aber konnte ſie immer, und dieſem Gefühle gab ſie ſich völlig hin. Wenn man unſerm Willen, unſern Wünſchen entgegentritt, em⸗ pfinden wir eine geheime Genugthuung bei dem Ge⸗ danken, daß wir wenigſtens mit unſerm Herzen nach 5⁵ Belieben ſchalten können, und beſonders die Frauen tröſten ſich oft damit, weil ihren Handlungen weit mehr Hemmniſſe entgegenſtehen. Iſaura ſchauderte zuſammen, als ihr treuer Wäch⸗ ter anſchlug; ſie dachte, es ſchleiche Jemand um ihre Wohnung, ſie lauſchte und rief hierauf dem Hund: „Was gibt's denn, Vaillant?... Wer macht dir Furcht?“ „Ich!“ antwortete der Vagabund, ungeſtüm in Iſaura's Zimmer tretend. Dieſe ſtößt eine Schrei des Entſetzens aus, als ſie dieſen Menſchen erblickte, deſſen Geſicht und Hals mit Blut bedeckt war, und der drohende Blicke auf ſie warf. „Vorwärts!... Ihr müßt mir folgen, dies Haus augenblicklich verlaſſen, ſagte der Unbekannte, mit wilder Miene auf Iſaura, die blaß und zitternd iſt, zugehend; nehmt einige Kleidungsſtücke;... macht ein Paket daraus;... gebt mir all Euer Geld... es kann Euch nicht daran fehlen... wir werden's brau⸗ chen... Vorwärts!... verſteht Ihr mich?“ Iſaura hatte verſtanden, traute jedoch ihren Sin⸗ nen nicht; ſie warf ſich auf die Knie nieder, erhob flehend ihre Hände zu dem vor ihr Stehenden und rief aus:„Mein Herr!... was wollt Ihr denn mit mir anfangen“ „Ich hab's Euch geſagt, ich will Euch mitnehmen und damit Baſta.— Mich mitnehmen!... und wo⸗ hin wollt Ihr mich führen?— Wohin es mir ge⸗ fällt, tauſend Donnerwetter, das geht Euch nichts an!.— Ach! mein Herr!... ſeht... da iſt mein „ 56 Geld.. hier in dieſer Schublade... mein ganzer „Reichthum Nehmt dieſes Geld... nehmt meine Kleider... was Euch beliebt.. aber ich bitte Euch, führt mich nicht fort!“ Der Vagabund zieht die ihm bezeichnete Schub⸗ lade auf, füllt ſeine Taſchen mit dem darin gefun⸗ denen Geld und murmelt:„Gut.. damit kann man ein Jahrhundert in dieſen Bergen leben... Hier⸗ auf kehrt er ſich um, und als er Iſauren unbeweg⸗ lich auf den Knien an derſelben Stelle ſindet, ruft er zornig: Nun wird's? habt Ihr mich verſtanden? .. Ich ſagte Euch, Ihr ſolltet Eure Sachen zuſam⸗ menpacken!.. ſchnell.“ „O mein Gott! Ihr wollt alſo noch immer mich fortführen?“ ſagte Iſaura, händeringend und mit flehender Stimme. „Ob ich's will! Ja, deßhalb bin ich in Eure Wohnung gedrungen, habe dem Tode getrotzt... das von meinem Geſicht herabträufelnde Blut mag Euch beweiſen, daß mein Entſchluß unabänderlich iſt... daß ich weder Euern Bitten noch Euern Thränen weichen werde. Was Euer Schreien betrifft, ſo wäre es vergebens. Niemand kann Euch hören... Eure Vertheidiger, Eure Freunde ſind jetzt fern... Euer treuer Wächter todt!..“ 1— „Vaillant todt!..“ rief Iſaura und ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus, dem bald reichliche Thrä⸗ nen folgten. „Ja, Valllant iſt todt, oder nicht viel weniger. Vorwärts! ich wiederhole Euch, keine vergeblichen 57 Worte, keine Bitten!.. Ihr müßt mir gutwillig folgen... wo nicht...“ 8 Der Fremde faßt den Arm des Mädchen und drückt ihn mit ſolcher Heftigkeit, daß der Schmerz ihr beinahe alle Kräfte raubt; ſie vermag nur noch zu ſtammeln:„Ich gehorche Euch.“ Nun ließ er ihren Arm und ſtößt ſie ungeſtüm gegen die Com⸗ mode vor. Ohne zu wiſſen, was ſie thut, noch was aus ihr werden ſoll, rafft Iſaura einige Kleidungsſtücke zu⸗ ſammen, die ihr gerade in die Hände fallen, bindet ſie in ein Schnupftuch, nimmt das Paket in die Hand und lehnt ſich an die Wand, um nicht niederzufinken. „Gut, ſagte der Vagabund, jetzt gebt mir die Hand und kommt.“ Zitternd bot ihm die Kleine die Hand, er riß ſie mit fort zur Treppe, und fühlend, daß er ſie zwingt, nöthigt er ſie, ſich auf ſeinen Arm zu ſtützen. Im Hofe erblickt ſie Vaillant, in ſeinem Blute gebadet; das treue Thier ſtöhnt kläglich und verſucht nochmals, ſich aufzurichten und ſeine Herrin zu vertheidigen. Bei dieſem Anblick verliert Iſaura das Bewußtſein, ihr Führer fängt ſie in ſeinen Armen auf, und ſie kraftvoll über die Schulter werfend trug er ſie durch den Garten, öffnete die kleine Thüre, die in's Freie führte, nahm den hier niedergelegten Degen wieder auf und eilte hierauf feſten und ſchnellen Schrittes mit ſeiner Laſt dem Innern des Gebirges zu. Der Himmel war düſter, die Nacht kalt und reg⸗ neriſch und das noch immer in Ohnmacht liegende 58 Mädchen ward vom Regen ganz durchnäßt. Nach⸗ dem der Vagabund ſo längere Zeit auf wilden und rauhen Felſenpfaden fortgeſchritten war, hielt er auf dem Gipfel eines Berges an; er blickte eine Weile um ſich hier, wie um ſich zu orientiren, ließ das Mäd⸗ chen auf den Boden gleiten und ſchöpfte Athem. Eine Zeitlang betrachtete er den ſchönen Körper, der wie eine Leiche zu ſeinen Füßen lag; ein bitteres Lächeln ſpielte um ſeine Lippen und Iſaura anblickend, rief er:„Da wäre ſie alſo in meiner Gewalt, ſie, die der Baron heimlich in dieſen Bergen beſuchte!... Dieſes Landmädchen, die er erzog... die er ohne Zweifel anbetet! endlich genieße ich das Vergnügen der Rache!... ich wollte, Alfred ſollte die Kleine ent⸗ führen, ich wollte ihn zu tauſend Thorheiten treiben, er ſollte ſich mit ſeinem Freunde ſchlagen; doch das Alles hätte den Baron nicht ſo geſchmerzt, wie der Verluſt dieſes Mädchens. Ja... ich weiß, was man empfindet, wenn ein Anderer uns die entreißt, die wir anbeten... ich liebte Adelen auch... Adele war mein.. ich durfte ſie als mein Weib betrachten und doch hat er ſie mir entführt!...“ Einige Minuten ſchien er gänzlich ſeinen Erinne⸗ rungen anzugehören. Endlich wandte er ſeine Blicke auf's Neue zu Iſaura, und beugte ſeinen Kopf auf ſie herab, indem er ſagte:„Sie kommt nicht zu ſich! ... Keine Bewegung!... wenn ſie ſtürbe!... O ich will ihren Tod nicht!... nein... ſo lang ſie bei mir iſt, mag ſie leben;... aber mit Marcey, nie.“ Er nahm den Kopf der Kleinen, richtete ihn auf, 59 lehnte ihn auf ſeine Knie, und ſucht Iſaurens erſtarrte Hände in den ſeinigen zu erwärmen. Aus dem mit⸗ genommenen Pakete langt er auf gut Glück etwas heraus, trocknet damit das ganz durchnäßte Geſicht des armen Kindes. Endlich ſchien das Leben wieder⸗ zukehren, die Schläge des Herzens wurden ſchneller und fühlbarer. Iſaura ſchlug die Augen auf, blickte um ſich her und machte eine Bewegung des Ent⸗ ſetzens, als ſie ſich mitten in der Nacht auf einer Felsſpitze liegen und den Kopf an den Mann gelehnt ſah, der ſie gewaltſam aus ihrer Wohnung geriſſen. „Beruhigt Euch... kommt wieder zu Euch, und fürchtet nichts, ſagte der Fremde.— O mein Gott! .. es iſt alſo kein Traum! rief Iſaura, ſich völlig aufrichtend; ich weile nicht mehr an der Stätte, wo ich meine Kindheit verlebt, in der Hütte André's... Ihr habt mich daraus weggeſchleppt!.. Ihr habt ihn getödtet!...“ „Ja, antwortete der Vagabund kalt, ich habe Vaillant getödtet, ich mußte wohl, um nicht von ihm zerriſſen zu werden... Auch Euch würde ich nieder⸗ gemacht haben, wenn Ihr mir nicht hättet folgen wollen..— Ich Unglückſelige!..— Nun fürch⸗ tet Euch nicht, Kleine, Ihr habt mich begleitet, ſeid bei mir, folglich braucht Ihr nichts mehr zu fürch⸗ ten... ſofern Ihr nicht abermals Umſtände macht... zu entfliehen ſucht... doch ich denke, Ihr werdet ver⸗ nünftig ſein und Euch in Euer Schickfal fügen... Ich gebe ſehr gerne zu, daß Ihr lieber ſanft und weichlich in Eurem Häuschen gelebt haben würdet, 60 wo Ihr Alles im Ueberfluß hattet!... wo Euer ge⸗ heimnißvoller Beſchützer es an nichts fehlen ließ, und wo Ihr endlich mit den jungen Leuten, die zum Be⸗ ſuche kamen, kokettiren konntet... Dieſe Lebensweiſe war angenehmer für ein junges Mädchen, als die⸗ jenige, die Ihr bei mir führen werdet... ol das gebe ich zu. Allein Ihr müßt Euch drein ſchicken!... denn mein Wille iſt unwiderruflich; Thränen, Kla⸗ gen, Seufzer, Alles wäre bei mir umſonſt. Ich habe beſchloſſen, Ihr dürft mich nicht mehr verlaſſen... doch glaubt nicht, daß Liebe mir dieſen Entſchluß ein⸗ gegeben habe. Nein!.. ich bin nicht in Euch ver⸗ liebt, denke keineswegs Euch zu verführen!... und von dieſer Seite könnt Ihr vollkommen ruhig ſein. Ihr ſeid indeß hübſch, ſogar ſehr hübſch; ich ſchwöre Euch aber, dies iſt mir ganz gleichgültig!“ Dieſe letztern Worte ſtillten die Beſorgniſſe und den Schmerz Iſaurens ein wenig, und aus Furcht, dieſen Menſchen, deſſen Zorn ihr ſo ſchrecklich ſchien, auf’s Neue aufzubringen, antwortete ſie ihm, ihr Schluchzen unterdrückend:„Nun denn! mein Herr, ich werde Euch folgſam ſein,... werde Alles thun, was Ihr befehlt.“ „Gut.. ſehr gut; Ihr ſeid ein gutes Mädchen, ſagte der Vagabund, Iſaura die Hand ſchüttelnd; auf dieſe Art werden wir gute Freunde werden. Aber es muß nahe an Mitternacht ſein, wir müſſen uns wie⸗ der in Marſch ſetzen... Fühlt Ihr Euch ſtark genug zum Gehen?... Wenn Ihr nicht könnt, will ich Euch tragen.. genirt Euch nicht.“ 8— 3 61 „Ol ich kann gehen, mein Herr.— Dann gebt mir den Arm, ſtützt Euch auf mich und laßt uns aufbrechen.“ Iſaura gehorchte ohne Widerrede; ſie faßte den Arm ihres Führers, der das Paket an ſeinen Degen hängte und ſo auf der Schulter trug. Abermals ſchritt man auf ſteinigen Felsſtücken weiter, entfernte ſich von Ayda und erreichte die Bergketten, welche mit denen von Cantal und Puy⸗de⸗Dome in Verbin⸗ dung ſtehen. Iſaura iſt genöthigt, ſich an den Arm ihres Führers zu hängen, um nicht ſteile und glatte Abhänge hinabzugleiten; ſtillſchweigend ſchritten ſie einher; doch zuweilen ſagt der Vagabund zu Iſaura: „Seid Ihr müde? wollt Ihr ein wenig ausruhen? — Nein, Herr, ich kann noch weiter,“ antwortet dann das Mädchen, und beide ſetzen darauf ihren Weg fort. S Endlich folgte der Tag auf die finſtere Regen⸗ nacht, der Führer Iſaura's, der ſorgfältig jeden Ort, ja jede Hütte vermied, hielt mit dem Mädchen auf dem Abhang eines Berges an, ſchaute rings umher und ſprach:„Hier wollen wir ausruhen, bis man beſſer in die Ferne ſehen kann; ich glaube nicht, daß ich mich getäuſcht habe... wir müſſen nahe am Ziele unſerer Wanderung ſein... noch eine Stunde höchſtens.“ Nun ſetzte er ſich auf den Boden; Iſaura that einige Schritte von ihm daſſelbe. Finſter und nie⸗ dergeſchlagen, ließ ſie den Kopf auf die Bruſt herab⸗ ſinken und ſprach kein Wort. Der Vagabund ſah ſie 62 einen Augenblick an, wendete hierauf den Kopf nach der andern Seite mit den Worten:„Sie iſt nicht zum Schwatzen aufgelegt!... ich ſeh' es ein.“ Nach einer Viertelſtunde iſt es hell genug, um die Wege zu erkennen. Lächelnd ſagte Iſaura's Beglei⸗ ter:„Ich habe mich nicht geirrt O! ich kenne dieſes Land ſo gut!... habe es in meiner Jugend ſo voft durchzogen, und ſeit einigen Monaten wieder!... Vorwärts, Kleine, auf den Weg, noch eine Stunde, und Ihr könnt ganz nach Gefallen ausruhen.“ Iſaura erhob ſich und faßte den Arm ihres Füh⸗ rers wieder. Sie ſtiegen den Berg hinauf, wandten ſich links auf ſchmalen über Felſen ſich hinwindenden Pfaden; mit jeder Minute wurden dieſe unwegſamer; ſie befanden ſich auf ſteinigtem, unfruchtbarem Boden, wohin nie ein Menſch gedrungen zu ſein ſchien; nur ſelten erblickten ſie eine Schäferhüte und die wilden Zie⸗ gen, welche hie und da an ihnen vorüberkamen, flohen bei ihrer Annäherung, als wenig an die Gegenwart des Menſchen gewöhnt. Nachdem ſie noch eine ziemliche Strecke in dieſen öden Gegenden fortgelaufen, befan⸗ den ſie ſich am Eingange eines Pfades, der zwiſchen zwei hochemporſtrebenden und oben einander ſo nahe ſtehenden Felſen hinführte, daß kaum das Tageslicht in dieſen, mehr als achtzig Fuß unter dem Gipfel der ihn begrenzenden Felſen gelegenen ſchmalen Weg eindringen konnte. In dieſen düſtern, entſetzenerregenden Gang führte der Vagabund die arme Iſaura; die Kleine bebte, als ſie zwiſchen die Felſen einbog, welche den Einſturz drohten.„O mein Gott!... hier iſt's!“ ſagte ſie zitternd. „Ja, hier ſind wir am Ziele,“ erwiderte ihr Be⸗ gleiter und hielt vor einer kleinen Hütte ſtill, die links am Wege von Holz erbaut und von dem her⸗ vorſpringenden Felſen gänzlich überragt war. Iſaura erhob die Augen nach dieſer elenden Wohnung, in welcher ſie ihr letztes Aſyl zu ſehen glaubte, aber ſie ſchwieg, ließ in der Stille ihre Thränen fließen, denn ſie verſuchte nicht mehr durch Bitten den zu rühren, der ſie an dieſen wilden Ort geführt. Nach dem Aeußern zu ſchließen, mußte das Haus nur wenig Raum haben; ein Stockwerk mit einem Fenſter unter dem Dach. Unten befand ſich eine ein⸗ zige Oeffnung neben der Thüre, und Alles war in ſo ſchlechtem Zuſtande, daß es ſchien, als könne man mit einem Fußtritt die ganze gebrechliche Wohnung über den Haufen werfen. Iſaura's Begleiter legte Degen und Bündel auf eine Holzbank vor dem Hauſe nieder, klopfte hierauf an der Thüre und ſchrie mit donnernder, im Fußpfad wiedertönender Stimme:„Holla! Charlot.. Holla! .. ſchläfſt Du noch, Faulenzer 2... Auf!..Dein Freund iſt da, der Vagabund!...“ Einige Minuten blieb Alles ſtill; endlich hörte man ſchwerfällige, langſame Tritte, die aber von weiter her, als nur vom Hauſe zu kommen ſchienen. Sie näherten ſich indeß; die Thüre geht auf und ein kleiner Mann von etwa ſechzig Jahren erſchien am Eingang der Hütte; er war mager, ſchwächlich, von 64 erdfahler Bläſſe, ſeine mit rothem Rande umgebenen Augen hatten nur noch einen matten dummen Aus⸗ druck; die Vorderfüße und ein Theil der Beine waren nackt, der übrige Körper aber mit Ziegenfellen be⸗ deckt, durch ſchmale Lederſtreifen zuſammengebunden; auf ſeinem Kopfe ruhte nur noch die Form eines alten Strohhuts, von dem der Rand völlig abgefallen war. Der Mann, den Iſaura's Begleiter Charlot ge⸗ nannt hatte, legte weder Ueberraſchung noch Neu⸗ gierde beim Anblick der vor ſeiner Wohnung Harren⸗ den an den Tag; indeß ſtreckte er dem Vagabunden die Hand entgegen und ſagte mit langſamer, kräch⸗ zender Stimme:„Ah! Du biſt's! biſt ſchon lange nicht mehr bei mir geweſen...“ „Ia, aber diesmal gedenke ich für lange bei Dir zu bleiben, antwortete Iſaura's Führer, ich bringe Dir Geſellſchaft mit, wie Du ſiehſt.“ Dabei deutete er auf das junge Mädchen, wel⸗ ches Charlot mit blödſinniger Sorgloſigkeit betrach⸗ tete und nur die Worte ausſprach:„ Ah... ja... ein Weib!“ „Doch wir wollen zuerſt eintreten, wir haben hernach Zeit zum Sprechen,“ ſagte der Vagabund, in⸗ dem er Iſaura winkte, in die Hütte zu treten. Die arme Kleine konnte ſich nur mit Mühe dazu ent⸗ ſchließen; noch einen Blick warf ſie rückwärts, fürch⸗ tend, den Himmel zum letzten Mal zu betrachten; aber ihr Begleiter ſtieß ſie barſch hinein; bald iſt ſie in der grauenvollen Wohnung Charlots, deren Thüre ſich gleich darauf hinter ihr ſchloß. 3 65⁵ Das Innere des Hauſes beſtand im untern Theil aus einer ziemlich großen Stube, worin mehre frei⸗ ſtehende Balken den obern Stock trugen; links war ein großer Kamin, unter welchen ſich ein Mann un⸗ gebückt bätte ſtellen können, rechts die Treppe, welche nach oben führte. Einige Schemel, ein paar irdene Gefäße und etwas Stroh bildeten das ganze Ameu⸗ blement. Iſaura vermochte kaum um ſich her zu blicken, ſo ſehr waren ihre Augen mit Thränen gefüllt; ſie ſetzte ſich in einen Winkel des Zimmers, wohin der Tag dringen konnte, weil der Fels weit über das Haus hervorragte. Sie dachte, man werde ſie in das obere Gemach hinauf gehen heißen und ſchweigend erwartete ſie, bis man über ihr Schickſal verfüge; doch der Vagabund gab Charlot ein Zeichen, worauf dieſer im Hintergrund der Stube ein Brett bei Seite ſchob und ſo einen Durchgang öffnete, der weit hel⸗ ler ſchien, als das Innere der Hütte. „Kommt hieher,“ rief der Führer Iſaurens, ihr ein Zeichen gebend, aufzuſtehen. Sie gehorchte; durch dieſe enge Oeffnung ließ er ſie durchſchlüpfen und ſie befand ſich in einer geräumigen Höhle, durch deren obere Oeffnung ſie zu ihrer Freude den klaren Him⸗ mel ſehen konnte. Im Hintergrunde dieſes Orts war ein zweites, einſtockiges, hölzernes Häuschen ge⸗ baut, wohin kein fremdes Auge dringen konnte und in welches man jetzt das Mädchen verwies, die ein lachendes und fruchtbares Thal bewohnt hatte. Paul de Kock. XXVII. 5 66 „Das wird von nun an Eure Wohnung ſein, ſagte der Vagabund, als er Iſaura in die im Hinter⸗ grund dieſes Loches angebrachte Wohnung führte. Ihr ſeht, daß ich Euch nicht ohne beſondern Grund vor⸗ zugsweiſe hieher führte. Dieſen Zufluchtsort kann nur der finden, der ihn kennt... man könnte das ganze Vorderhaus durchſuchen, ohne auf den Gedanken zu gerathen, daß noch ein anderes hinter demſelben ſtehe. Nur oben auf dem Felſen, achtzig Fuß über uns, könnte man es erblicken! Da aber dieſer Felſen ent⸗ ſetzlich ſteil iſt und nirgends hinführt, läßt ſich's nie Jemand einfallen, denſelben zu erklimmen; höchſtens erlaubt ſich hie und da eine Gemſe, hinauf zu klet⸗ tern. Ich bin daher ganz ruhig, man wird Euch nicht finden. Dieſe Wohnung iſt nicht ſo hübſch, ſo freundlich als Eure vorige, ich geb' es zuz aber was war zu machen! Ich hatte nicht zu wählen!... Schickt Euch deßhalb darein und ſucht Euch an Euren neuen Aufenthaltsort zu gewöhnen. Es ſteht Euch hier von Morgens bis Abends völlig frei, zu thun, was Euch beliebt... ausgenommen indeß, fortzu⸗ gehen; Ihr habt da ein ziemlich großes Zimmer zu Eurer Verfügung; mit einem Lager, einem Tiſch, einer Bank.. es iſt das beſtmöblirte des Hauſes... wenn ich ein Stückchen von einem Spiegel auftreiben kann, werde ich's Euch bringen; ich weiß, die Weiber hal⸗ ten darauf. Bemüht Euch, ruhig zu werden, Eure Thränen zu trocknen... ich wiederhole Euch, Eure Tugend iſt hier mehr in Sicherheit, als beim weißen Hauſe. Dieſer Ort erſcheint Euch jetzt entſetzlich, 67 abſcheulich!... doch das wird ſich geben, weil man ſich an Alles gewöhnt.“ Damit ließ der Vagabund das arme Mädchen allein und kehrte zu Charlot in's Vorderhaus zurück. Vor ſeinem ſchweigſamen Gefährten niederſitzend, ſagte er zu dieſem:„Charlot, ich habe Dir vor zwei Mo⸗ naten das Leben gerettet, da es mir gelang, als Du in Verfolgung einer Ziege in eine Felſenſpalte zu ſtürzen im Begriff warſt, Dich zu ereilen, Dir meinen Stock zu reichen und aus dem Loche wieder herauszuziehen.“ „Ich hab's nicht vergeſſen, antwortete der alte Hirte leiſe.— Ja, fuhr der Vagabund fort, ſeit jener Zeit warſt Du mir völlig ergeben: hatte ich kein Brod, kam ich hieher und war ſicher, daß Du das Deinige mit mir theilteſt... das iſt gut, Charlot... Du biſt dankbar, haſt Dich beſſer gegen mich benom⸗ men... als viele reiche und vornehme Herren... als Damen aus der großen Welt; das iſt aber noch nicht genug, Charlot; heute mußt Du mich frei mit Dei⸗ nem Hauſe ſchalten laſſen... da haſt Du Gold und Silber dafür... nimm, was Du willſt.“ Der Vagabund breitete vor den Augen des alten Hirten die bei Iſauren genommene Summe aus; Charlot ſah das Geld mit gleichgültigem Auge an, und begnügte ſich, zu erwidern:„Wo ſoll ich denn ſchlafen, wenn ich kein Haus mehr habe?“ „Du magſt immer hier wohnen, das iſt ſogar nothwendig; das junge Mädchen erhält das Hinter⸗ haus; ich ſchlafe oben. Du mußt mir aber bei 4 68 Deinem Leben ſchwören, Niemand zu ſagen, daß Du Jemand bei Dir beherbergſt...— Wem ſollte ich's denn ſagen? ich ſehe ja Niemand!— Kurz, wenn der Zufall einige Reiſende hieher führte, würde ich mich auf der Stelle zurückziehen, dort hinten... und nie wirſt Du dieſe geheime Wohnung offenbaren... — Nein, nein.— Du ſchwörſt mir's...— Schwö⸗ ren?... ich ſage Dir nein, das iſt genug.— In der That, ich traue Deinem Verſprechen mehr, als den Schwüren Anderer;... und Du nimmſt dieſes Gold nicht?— Was damit thun?... ich mag's nicht.— Ich werde Dir zudem davon geben, wenn Du Lebensmittel einkaufſt... Du gehſt weit fort... kaufſt an verſchiedenen Orten, damit Du nicht den geringſten Argwohn erregſt... Mit dieſer Summe und Deiner Geſchicklichkeit, wilde Ziegen zu erlegen, Vögel zu fangen, haben wir Jahrelang genug zu leben. Nun, es iſt alſo abgemacht... wir wohnen beiſammen.— Ja.— Du ſagſt Niemand von uns? — Nein.— Und nie öffneſt Du einem Reiſenden Deine Wohnung, ehe ich mich in's Hinterhaus zu⸗ rückgezogen?— Nie.“ „Nach dieſen Vorſichtsmaßregeln ſtieg der Vaga⸗ bund in den obern Raum hinauf, legte ſich auf's Stroh und ſchlief ein; der alte Hirte, der einen Theil ſeines Lebens verſchlief, that ein Gleiches in der un⸗ tern Stube. Iſaura allein wachte, auf den Knieen liegend in der elenden Hütte, in die man ſie ver⸗ wieſen; flehend ſtreckte ſie ihre Hände gen Himmel; erhob zu ihm ihre Augen, aus welchen ein Strom von 69 Thränen rann und hatte in ihrer Verzweiflung nicht. einmal die Kraft, ein Wort zu ſprechen. Fünftes Kapitel. Auſenthalt in der Höhle.— Die letzte Hoffnung ſchwindet. Im Uebermaß des Mißgeſchicks liegt auch eine letzte Kraft, ein letzter Muth; auf dem höchſten Gipfel des Unglücks ſtehend, gezwungen, auf jede Hoffnung eines beſſern Looſes zu verzichten, empfindet man doch einen gewiſſen Troſt, das Schickſal herausfordern zu können, uns neue Schläge zu verſetzen. Dies iſt jetzt die Lage Iſaura's. Dieſes junge, ſanfte, furchtſame Mädchen, der Wohnung, worin ſie ſeit ihrer Kindheit geweilt, ihrem Beſchützer, ih⸗ rem Geliebten entriſſen, um in einer abſcheulichen Höhle, im Schoß der Erde verborgen, nur in Ge⸗ ſellſchaft zweier Männer zu leben, deren einer der Urheber ihrer Leiden, der andere völlig gefühllos für dieſelben iſt,— hatte gleichwohl ihre Verzweif⸗ lung überwunden. Ihre Augen vergoſſen keine Thrä⸗ nen mehr, wenigſtens in Gegenwart ihrer beiden Gefährten nicht; keine Klage entſchlüpft ihrem Mund, und wenn ſie mit ihrem Entführer ſprach, weit ent⸗ fernt⸗ daß Zorn aus ihren Augen blitzte, und ihre Stimme den Abſcheu ausdrückte, den dieſer Menſch ihn einflößen mußte, geſchah es mit Sanftmuth und Folgſamkeit. 70 Schon mehre Tage waren verfloſſen, ſeit der Va⸗ gabund ſie bei dem alten Hirten verbarg und erſte⸗ rer ſchien ſelbſt über das Benehmen des Mädchens verwundert. Oefters betrachtete er ſie ſtundenlang, ohne ein Wort zu ſprechen, je mehr er ſie ſah, um ſo mehr ſchien ſeine Verwunderung zuzunehmen. Eines Morgens war der alte Hirte in's Gebirge gegangen und der Vagabund ſaß allein mit Iſaura in der Höhle vor dem Eingang der zweiten Hütte; ſchon lange hatte er das Mädchen, das ſchweigend an Ziegenfellen nähte, betrachtet; erſtaunt über ihre Sanftmuth, ihre Ruhe, konnte er ſich nicht enthalten, auszurufen:„Ihr ſetzt mich in Verwunderung, Kleine; wahrhaftig, ich fange an zu glauben, daß ich Euch falſch beurtheilte, und daß Ihr im Gegentheil all' das Gute verdientet, welches die beiden Freunde von Euch dachten... Eure Lenkſamkeit... Unſchuldsmiene... Nein! der junge Eduard hatte nicht Unrecht, Euch zu lieben, Euch heirathen zu wollen... doch der Mann, den Ihr heimlich im weißen Hauſe beſuchtet!... welches Band feſſelte ihn an Euch?... ſeit wann kanntet Ihr ihn?... Nun, ſprecht, antwortet mir aufrichtig.“ Ein Iſauren unerklärliches Gefühl, nicht das der Furcht, bewog ſie immer, dem Fremden ſchnell zu gehorchen; ſeufzend antwortete ſie daher:„Seit mei⸗ ner Kindheit kannte ich Herrn Gervais..— Herrn Gervais!.. Ahl er ſagte Euch nicht, er ſei der Baron von Marcey?— Nein, mein Herr; ich habe ihn nie anders als Gervais genannt; und auch meine 71 Pflegeltern, Andrè und ſeine Frau, kannten ihn nur unter dieſem Namen.— Ja... ich begreife es... er wollte das Incognito bewahren... Entweder ſeid Ihr ein natürliches Kind von ihm.. oder wollte er, in der Vorausſetzung, daß Ihr eines Tages ſehr hübſch werdet, ſeine Geliebte aus Euch machen.— Seine Geliebte!... Ach! Herr, mein Beſchützer liebte mich wie ſeine Tochter;... aber er wiederholte mir oft, meine Eltern ſeien todt...— Und er hatte Euch zu den Landleuten gebracht?— Ja, Herr, an⸗ fangs ſah er ſelten nach mir;... ſpäter kam er häu⸗ figer... Als ich noch ganz klein war, nahm er mich auf ſeine Arme, küßte und liebkoste mich. Ich wuchs heran: er plauderte mit mir; nachher lehrte er mich Leſen, Schreiben, mich anders ausdrücken. Er ſagte, ich lerne gut, und es wäre ſchade, wenn ich ſo un⸗ wiſſend, wie die Gebirgsbewohner bliebe...— Wei⸗ ter!— Das iſt Alles, Herr.— Er ſagte nicht, er wolle Euch eines Tages in die Welt einführen, Euch tauſend Vergnügungen verſchaffen?— Nein, das ſagte er mir nie.— Und als Ihr Eduard kennen lerntet, liebtet, geſtandet Ihr es ihm?— Ja, Herr; ol ich verhehlte ihm nichts.— Was ſagte er da? — Er zankte mich... aber mit Sanftmuth... Er ſagte mir, ich hätte übel gethan, Eduard zu lieben; ich müſſe ihn vergeſſen, ihm entſagen, er könne nie mein Gatte ſein..— Ich wußte es doch! Nicht für Andere zog er Euch im Verborgenen auf... Nein, nur für ſich that er's!... Ha!l um zu handeln wie er, mußte er große Liebe für Euch hegen!... 72 Und ich beraubte ihn Eurer Gegenwart, Eurer Lieb⸗ koſungen.. zerſtörte ſein für die Zukünft geträumtes Glück... Endlich bin ich alſo gerächt!...“ Ein teufliſches Lächeln verzerrte die Züge des Vagabunden. Entſetzt wandte Iſaura ihre Blicke ab. Nach einer Weile fuhr er fort:„Glaubt nicht, daß ich Euch mit dem einzigen Zweck, eine ſchlechte Hand⸗ lung zu begehen, aus Eurer Wohnung riß; nein. Ich hatte viele Fehler, ſelbſt manches Laſter... aber Böſes nur des Vergnügens wegen zu thun, kam mir nie in den Sinn; und obgleich ich Gründe genug habe, die Menſchen zu verabſcheuen, ſo laß ich ihnen doch noch ſo viel Gerechtigkeit widerfahren, daß ich denke, ſie wären ſelten ſchlecht, wenn ſie keinen Nutzen dabei fänden. Hört mich an, Kleine, ich will Euch ſagen, weßhalb ich Euch Eurem Beſchützer entführte. Ich weiß, ich bin Euch keine Rechenſchaft über meine Handlungen ſchuldig und könnte Euch meine Gründe verſchweigen; aber Eure Gelaſſenheit, Eure Unter⸗ werfung... flößen mir Intereſſe ein... Ja... je mehr ich Euch ſehe... je mehr ich Euch ken en lerne... je mehr muß ich mich wundern!... Zch mache Euer Unglück, ich weiß es; und doch möchte ich Euch glücklich ſehen... Sonderbare Wirkung, welche die Schönheit im Verein mit Güte und Tugend yervorbringt... Ich glaubte, mein Herz laſſe ſich da⸗ durch nicht mehr bewegen, und Ihr beweist mir, daß ich mich täuſchte...“ 4 Sanften Blicks ſah Iſaura nach dem Vagabunden; ein unerklärliches Gefühl malte ſich in ihren Augen, 73 während ſie zu ihm ſagte:„Ach! Herr... auch ich.. ich fühle, daß ich Freundſchaft für Euch haben möchte .. ſelbſt jetzt, wo Ihr mein Unglück macht... kann ich Euch nicht haſſen, wie ich ſollte!...“ „Schweigt Kleine und ſeht mich nicht ſo an, er⸗ widerte der Unbekannte, den Kopf abwendend, ſeine Gemüthsbewegung zu verbergen. Ja... ich bin zu⸗ frieden mit Eurer Unterwürfigkeit... Doch Euer Loos wird nichtsdeſtoweniger daſſelbe bleiben, denn ich kann nicht anders; und trotz der Theilnahme, die Ihr mir einflößt, würde ich Euch umbringen, wenn ich den Baron von Marcey im Begriff ſähe, Euch meinen Händen zu entreißen... Beruhigt Euch!... das kann nie der Fall ſein; Ihr ſeht, meine Vorſichts⸗ maßregeln ſind zu gut. Kommen wir auf das zu⸗ rück, was ich erzählen wollte... auf die Gründe meines Verfahrens; und weil das Geſchick uns für immer zuſammenführte, ſo mögt Ihr endlich Den⸗ jenigen kennen lernen, mit dem Ihr jetzt Euer Leben zuzubringen habt.“ ch bin nicht niedrig geboren, Ihr habt Einſicht genug, es wahrgenommen zu haben. In einem Schloß ward ich erzogen: im Schooße des Reichthums, von wöhienbn Dienerſchaft umgeben, die allen meinen Wünſchen zuvorzukommen ſuchte, verfloſſen meine er⸗ ſten Lebenstage. Welcher Wechſel!... und durfte ich erwarten, mich eines Tages in ſolch beklagenswerther Lage zu ſehen!... Doch der Menſch ſollte auf Alles gefaſt ſein, wenn er nicht ſeine Laſter zu zähmen, und ſeinen Leidenſchaften zu widerſtehen weiß;... 74 aber wahrhaftig, ich glaube, das Unglück lehrte mich auch, moraliſche Betrachtungen anzuſtellen. Von allen mit mir vorgegangenen Veränderungen iſt das nicht die wenigſt auffallende!...“ Der Vagabund ſchweigt einige Augenblicke; dann nahm er ſeine Pfeife, ſtopfte ſie, zündete ſie an, und fuhr in ſeiner Rede fort, die er nur dann und wann unterbrach, um die Pfeife aus dem Mund zu nehmen. „Die beiden jungen Männer, die Euch ſo oft be⸗ ſuchten, wohnten zwei Stunden von Euch, auf dem Schloß Schwarzenfels... ſie werden's Euch geſagt haben?...— Ja, mein Herr.— Nun gut! in die⸗ ſem nämlichen Schloſſe verlebte ich meine früheſte Jugend; damals gehörte es einer Tante von mir, einer alten, ſehr ehrenwerthen Wittwe, die mir den ganzen Tag meinen Willen ließ. Meine übrigen Ver⸗ wandten hatte ich verloren; ich beſaß ein ziemlich beträchtliches Vermögen, das ungerechnet, was ich von meiner Tante zu hoffen hatte; dieſe nun dachte, ein junger und reicher Edelmann könne nie zu früh ſein eigener Herr ſein und ſich ſchlecht in der Welt aufführen... Die arme gute Frau!... wie ſehr täuſchte ſie ſich!... Ich beging frühzeitig Thorhei⸗ ten!.. Die Weiber!... das Spiel!.. die Tafel!... Schwelgereien und Ausſchweifungen boten mir Reize, denen zu widerſtehen ich nicht einmal verſuchte; ich fand es ganz natürlich, meinen Leidenſchaften zu fröh⸗ nen, meine kleinſten Gelüſte zu befriedigen!... Man hatte mich ſo ſehr daran gewöhnt, nur meinen Wil⸗ len zu thun, daß ich Geld mit vollen Händen verſtreute, nur um keinem Hinderniſſe auf meinem Wege zu be⸗ gegnen!... Ueber den mir bald dadurch in der Ge⸗ ſellſchaft gewordenen Ruf lachte ich.. Ich war der Schrecken der Väter, das Entſetzen der Ehemänner; 4 denn mein größtes Glück beſtand darin, eine junge Schönheit zu verführen, mich von ihr geliebt zu ma⸗ ceen, und ſie hierauf ihrer Reue zu überlaſſen!...“ „O mein Gott! ſagte Iſaura, wie kann man Vergnügen daran finden, die zu betrügen, welche uns lieben 2...“ „Das begreift Ihr nicht, Kleine! Ihr lebtet nicht in der Welt... habt keine Ahnung von all dem, was dort vorgeht! Ihr wißt nicht, daß die Liebe dort trügeriſch, die Freundſchaft eigennützig, die Tugend ſelten und die Dankbarkeit beinahe eine Null iſt!... Wenn Ihr ſie kenntet, dieſe frivole Welt, ſo würdet Ihr Euch vielleicht für minder unglücklich halten, in einer Höhle zu wohnen. Doch zur Sache zurück! Bald war mein elterliches Vermögen verſchwendet; meine alte Tante ſtarb, mit ihrem Erbe half ich mir wieder etwas empor; ich reiste viel umher, um neue Genüſſe, neue Geſichter zu ſuchen, zuweilen auch um der Rache eines Bruders, eines Gatten zu entgehen; ich war, ich muß es geſtehen, ein ſehr liederlicher Geſelle.“ „Der Zufall führte mich nach Bordeaux... Hier ſah ich eine junge, reizende Perſon, welche ihr Vater, ein alter, rauher Seemann, in ſtrenger Zurückgezogen⸗ 4 heit hielt. Aber Gitter, Riegel und Duena's waren keine Hinderniſſe für mich. Es gelang mir, mich bei 76 Adelen einzuführen; ſogar bei ihrem Vater fand ich Zutritt, denn ich trug Sorge, mein vergangenes Leben zu verſchleiern. Damals war ich jung und wohlge⸗ baut, meine Züge nicht durch Entbehrungen verwelkt, meine Augen nicht durch Mühſeligkeiten ausgehöhlt; ich war geſchaffen, zu gefallen... beſonders beſaß ich die Kunſt, verliebt zu erſcheinen; doch diesmal war meine Liebe keine Heuchelei; Adele flößte mir ein Gefühl ein, daß ich nie für ein anderes Weib empfunden; es ward mir nicht ſchwer, mich von einem leichtgläubigen, liebevollen jungen Mädchen angebetet zu machen... ſie zu verführen und über ihre Unſchuld den Sieg davon zu tragen... Allein, ich ſchwöre, des Lebens, das ich bisher geführt, müde, war meine Abſicht, mein einziger, aufrichtiger Wunſch, Adelen zu heirathen. Unglücklicherweiſe verbot mir ihr Vater, der Erkundigungen über mich eingezogen hatte, ſein Haus; gleich darauf zwang mich ein Zweikampf, die Stadt zu verlaſſen; doch ich entfernte mich in der Ueberzeugung, Adele werde mir treu bleiben; mancher Umſtand hätte mir die Gewißheit geben ſollen, ſie werde keinem Andern angehören, und ich bewahrte die Hoffnung, ſie meine Gattin zu nennen. Denkt Euch daher meine Wuth, als ich, ſechs Monate ſpä⸗ ter nach Bordeaux zurückgekehrt, erfuhr, Adele ſei ſchon lange verheirathet, und daß man, da ſie mit ihrem Gemahl auf Reiſen gegangen ſei, nicht wiſſe, wo ſie ſich gerade befinde! So hatte mich dieſe ſo ſanfte, liebevolle Adele, die mir ſo viele Rechte ein⸗ geräumt, ebenfalls betrogen!..“ — — 77 „Achl mein Herr!... ſie ward ohne Zweifel ge⸗ zwungen, ihrem Vater zu gehorchen, und da ſie Euch liebte, muß ſie ſehr unglücklich geweſen ſein!...“ „Ja... ja... man ſagte mir wirklich, ihr Vater, habe ſie zu dieſer Heirath gezwungen. Aber der⸗ jenige, der ſie ehlichte, war darum nicht weniger niederträchtig... es konnte ihm nicht unbekannt ſein... Adele mußte ihm mittheilen... Nein, ſie konnte ihm nicht mehr angehören!... Nun denn! jener Mann, der mir die entriß, die ich liebte, der mich des ein⸗ zigen wahrhaften Glücks, das mir zu Theil werden konnte, beraubte... iſt Euer geheimnißvoller Be⸗ ſchützer... der Baron von Marcey!. Jetzt ur⸗ theilt, wie ſüß es mir iſt, mich zu rächen, und ob ich das Recht hatte, Euch ſeiner Liebe zu entziehen!“ „Ach! mein Herr, mein Beſchützer wußte ohne Zweifel, als er die unglückliche Adele heirathete, nicht, daß er ſie und Euch unglücklich mache!“ „Nein, es konnte ihm nicht unbekannt ſein!... Wie ich dieſe Verbindung vernahm, wollte ich zuerſt den Baron aufſuchen, ihm den Tod geben oder ihn von ſeiner Hand empfangen; aber man wußte damals nicht, wo er war, und bald mußte ich ſelbſt flie⸗ hen, um verfolgenden Gläubigern zu entgehen. Ich ließ Schloß und Gut Schwarzenfels verkaufen, ging nach England, und wollte mich durch neue Vergnü⸗ gungen betäuben; aber von dieſem Augenblick ſchien das Unglück meinen Schritten zu folgen. Das Spiel nahm mir einen Theil meines Vermögens weg; Wei⸗ ber und falſche Freunde brachten mich um den Reſt!... 78 Ich kehrte nach Frankreich zurück... Zur Zeit mei⸗ ner Größe hatte ich Geld ausgeliehen, meine Freunde auf großmüthige Weiſe verbunden;... ich nahm mei⸗ nerſeits ihre Dienſte in Anſpruch... die Schurken!... ich konnte nichts von ihnen erlangen.. Ich erfuhr, Adele ſei nach dreijähriger Ehe mit dem Baron ge⸗ ſtorben... und habe ihm keine Kinder hinterlaſſen... dieſen Umſtand zu wiſſen, war mir wichtig. Bereits rächte mich der Schmerz des Barons, das war aber nicht genug; und wahrſcheinlich hätte ich ihm von da an neuen Kummer zu bereiten geſucht, wenn nicht der bedauernswerthe Zuſtand meines Vermögens mich zu neuer Flucht gezwungen hätte, um dem Schuld⸗ thurm zu entgehen.“ „Ich ging nach Italien und Spanien; ich war aber ſchon nicht mehr derſelbe... nicht mehr jener glänzende, von den Frauen bewunderte und von mei⸗ nen Nebenbuhlern gefürchtete Verführer. Unaufhör⸗ lich genöthigt, auf neue Unterhaltsmittel zu denken, erröthete ich nicht, mich mit nichtswürdigen Intri⸗ ganten, verächtlichen Geſchöpfen zu verbinden, welche ich einige Jahre zuvor aus meinem Hauſe geworfen hätte!... Was war aber zu machen?.. arbeiten?... ich verſtand nichts, und ſchon der Gedanke daran war mir unerträglich... Es währte nicht lange, ſo nahm ich die Gewohnheiten, das gemeine Weſen jenes Geſindels an, das ohne wirkliche Exiſtenzmittel lebt... kurz, ich verfiel in die wüſteſte Liederlichkeit... zu⸗ weilen warf ich noch einen Blick rückwärts; weihte der Vergangenheit eine Erinnerung, eine Thräne!.. ——————— 79 ich ſchämte mich vor mir ſelbſt; und mehr als ein⸗ mal warf ich mit Ekel dieſe Pfeife von mir, welche Unthätigkeit, thieriſche Erſchlaffung mir in den Mund gab, und die ſeitdem mein einziges Vergnügen, meine einzige Zerſtreuung geworden iſt.“ „Doch blieb mir mitten in meiner Zügelloſigkeit, mitten in meinen Ausſchweifungen noch ein Reſt von Ehrgefühl... nie nahm ich Theil an den niederträch⸗ tigen Betrügereien, welche die Menſchen begingen, die meine Geſellſchaft ausmachten... ſie ſpotteten über das, was ſie meine Grundſätze nannten. An⸗ geekelt endlich von der Sprache dieſer Elenden, ver⸗ ließ ich ſie, und entſchloß mich, in mein Vaterland zurückzukehren und beſonders jene Auvergne wieder⸗ zuſehen, wo ich die glücklichſten Tage meines Lebens zugebracht hatte. Zu Fuß, beinahe ohne Geld kam ich zurück. Aber manches Jahr war ſeit meiner Ab⸗ weſenheit dahingeſchwunden, ich fürchtete nicht, wie⸗ der erkannt zu werden. Vor einigen Monaten langte ich an. Ich ließ hier einſt Freunde und Bekannte zurück, doch die Einen waren geſtorben, die Andern lebten unter andern Himmelsſtrichen. Ich verſuchte, mich den Reiſenden nützlich zu machen, mir Beſchäf⸗ tigung zu verſchaffen... aber es ſchien, daß irgend Etwas Alle die von mir entfernte, denen ich meine Dienſte anbot!... Ich wußte mich zu beſcheiden, trat in die Hütte des Gebirgsbewohners und nie verſagte mir ein Auvergnate ein Stück Brod und Gaſtfreund⸗ ſchaft... So ſah ich das Schloß meiner alten Tante, dieſen Schwarzenfels wieder, wo ich erzogen worden .. 80 war. Noch war mir's möglich, heimlich in daſſelbe einzudringen; und bei Nacht, während der neue Beſitzer ſich dem Schlafe überließ, liebte ich es, in dem alten Thurme umherzuirren... jene Mauern, die Zeugen meiner erſten Spiele,... jene Hallen und Gänge wiederzuſehen, von welchen das Echo meiner Freuden⸗ töne erklungen war... dort, ganz meinen Erinnerun⸗ gen angehörend, habe ich mehr als einmal dreißig Jahre meines Lebens vergeſſen... und noch einmal mich glücklich gefühlt!...“ Der Vagabund läßt den Kapf auf ſeine Bruſt ſin⸗ ken, ſtößt einen Seufzer aus und hält inne. Iſaura, die das Ende ſeiner Erzählung tief gerührt hatte, war ihm unwillkürlich näher gerückt und ſagte mit zarter Stimme zu ihm:„Ach! Ihr ſeid ſehr unglück⸗ lich geweſen!...“ Der Vagabund erhob ſeine Augen, blickte ſie an, ſchien lebhaft betroffen über ihre Züge, den Ton ihrer Stimme und rief aus:„Es iſt erſtaunlich!... ich glaubte ſie zu hören!... es ſcheint mir, ich ſehe ſie wieder!...“ „Wen denn?“ fragte ſanft das junge Mädchen. „Die, welche ich am meiſten geliebt... und die man mir geraubt!... Ja... Ihr habt ihre Züge... ihren ſanften Blick... oder i*ſt es vielleicht nur eine Täuſchung?... Der Anblick dieſes Landes hatte mich den Baron von Marcey beinahe vergeſſen machen, ich haßte ihn fortwährend; aber dieſe Berge hätte ich nicht verlaſſen, um ihm näher zu kommen. Das Schickſal hat mir indeß erlaubt, mich zu rächen! 0. 81 Zuerſt erfuhr ich, daß Alfred, der Freund Eduards, der Sohn ſei, den der Baron aus erſter Ehe hatte.“ „Alfred, der Sohn meines Wohlthäters? rief Iſaura voll Verwunderung aus.— Ja, er iſt ſein Sohn und darum forderte ich ihn mehr als einmal auf, Euch zu entführen... Ich wollte ihn zu tauſend Thorheiten treiben!... einen Zweikampf zwiſchen ihm und Eduard veranlaſſen!... Indem ich den Sohn iws Verderben ſtürzte, hoffte ich mich am Vater zu rächen;... Alfred aber war ſo ſchwach, ſeiner Liebe zu entſagen... Ich weiß nicht, zu was ich mich noch entſchloſſen hätte... Vielleicht würde ich in ſeinem Blute Rache geſucht haben!... Aber das Schickſal hat mir beſſer gedient. Ich erfuhr durch Alfred ſelbſt, daß der Mann des weißen Hauſes ſein Vater ſei; von da an änderte ich meinen Plan, und mich Eurer Perſon bemächtigend, wollte ich dem Baron einen Theil der Leiden wieder vergelten, die er mir verurſacht... Es iſt mir gelungen; Ihr ſeid auf ewig von ihm getrennt... Jetzt, Kleine, wißt Ihr Alles und kennt die Gründe, die mich bewogen, Euch an dieſe undurchdringliche Stätte zu führen.“ „O mein Gott! ſagte Iſaura, ſich auf die Knie werfend und ihre Hände gen Himmel erhebend; ge⸗ wiß, ich bin ſehr unglücklich; wenn ich aber durch mein Bleiben in dieſer Höhle meinem Wohlthäter, oder ſeinem Sohne das Leben rette... darf ich mich nicht mehr beklagen, und unterwerfe mich ohne Mur⸗ ren meinem Geſchick.“ Gerührt durch das Benehmen des Mädchens, Paul de Kock, XXVII. 6 —— —— 82 erlaubt der Vagabund ihr zuweilen, im Fußpfad am Eingang des Hauſes friſche Luft zu ſchöpfen; Char⸗ lot ſteht alsdann etwas entfernter auf der Lauer, und beim geringſten Laut, bei der Annäherung eines Menſchen müſſen Iſaura und ihr Begleiter in die hintere Wohnung zurück. Doch iſt es ſelten, daß ein Reiſender dieſen ſteinigten Weg geht, der fern von jeder beſuchten Straße iſt; ſeit den vierzehn Tagen ihres Aufenthalts in der Hütte erblickte Iſaura nur erſt einige Ziegen, welche ihren Kopf oben an dem Loche zeigten, in welchem ihre Wohnung iſt. Indeß unterwarf ſie ſich ohne Murren ihrem traurigen Loos, und wenn zuweilen der Name Eduards ihrem Munde entfuhr, ſo geſchah dies, weil ſie ſich allein wähnte. Um dann das arme Kind zu tröſten, ſagte der Urheber ihrer Leiden kalt zu ihr:„Euer Eduard wäre auch nicht mehr werth geweſen, als die andern... ſeine Liebe wäre vergangen... weil Alles im Leben vergeht... dann hätte er Euch betrogen... verlaſ⸗ ſen... oder hätte er's bereut, Euch geheirathet zu haben und es Euch hart vorgeworfen.“ Iſaura antwortet nichts; aber ſie glaubt nicht, daß Eduard ſich auf dieſe Weiſe benommen hätte; ihr Herz ſagt ihr, daß er ſie immer gleich ſehr geliebt hätte, daß, obgleich er ſie nicht mehr ſieht, er doch unab⸗ läſſig an ſie denkt; dieſer Gedanke war der letzte Troſt, das letzte Glück, das der Kleinen blieb, war⸗ um ſollte ſie ihn nicht zu bewahren ſuchen?... An Eduard denkt ſie ſtets in ihren langen, einſa⸗ men Stunden; unwillkürlich ruft ſie ihm; noch iſt — 1 8³ vielleicht nicht jede Hoffnung aus ihrer Seele ver⸗ ſchwunden; wird aber ihr Muth ſchwächer, fühlt ſie ganz das Entſetzliche ihres neuen Daſeins, dann zieht ſie das ſorgfältig verwahrte Medaillon aus ihrem Buſen; nachdem ſie ſich hierauf wohl überzeugt hat, daß ſie allein iſt, Niemand ſie ſehen kann, be⸗ deckt ſie mit ihren Küſſen das Bild, das ihre Mut⸗ ter vorſtellen ſollte und das ſie geſchworen, nie Je⸗ mand zu zeigen. Zudem denkt ſie nicht, daß der Anblick dieſes theuren Kleinods diejenigen intereſſiren könnte, mit welchem ihre Tage zu verleben ſie ver⸗ dammt iſt. Drei Wochen waren ſeit ihrem Aufenthalte in Charlots Hauſe verfloſſen, und während dieſer gan⸗ zen Zeit waren nur zwei junge Hirten in der Um⸗ gegend erſchienen und auch dieſe betraten den engen Fußpfad zur Hütte nicht, ſondern begnügten ſich, auf dem vorüberführenden Wege zu bleiben. Der Vaga⸗ bund iſt deßhalb der Meinung, daß, obgleich nur zwölf Stunden höchſtens vom weißen Hauſe entfernt, ſeine Gefangene doch unfindbarer ſei, als wenn er ſie in ein anderes Land geführt hätte. Iſaura ſaß gerade auf der vor der erſten Hütte an⸗ gebrachten Bank; man war in der Mitte des Tages, aber das Wetter ſchlecht und Niemand ſollte verſucht ſein, jetzt in dieſen Bergen zu reiſen. Gleichwohl ſtund der alte Hirte auf einem umliegenden Felſen Schildwache, und der Vagabund ſelbſt, nur einige Schritte von Iſauren befindlich, ließ gleichfalls ſeine Blicke in die Ferne ſchweifen. Da ließ der alte Charlot plötzlich das abgeredete Signal erſchallen, das die Annäherung von Menſchen verkünden ſollte. Der Vagabund trat eiligſt mit dem Mädchen in die hintere Hütte zurück, wo der alte Hirte bald zu ihnen ſtieß. „Was gibts denn? redete der Vagabund ihn an. — Drei Männer ſah ich fernhin im Gebirge..— Drei Männer!. Kommen ſie in unſerer Richtung? — Es ſcheint, ſie wiſſen nicht, wohin ſie gehen wol⸗ len.— Bleib in Deiner Hütte; wenn ſie bei Dir anklopfen, ſo öffne ihnen unverweilt, laß ſie aus⸗ ruhen;... begehren ſie etwas, ſo gib ihnen nur Brod und Waſſer; legt man Dir Fragen vor, ſo weißt Du, was Du zu antworten haſt.“ Charlot nickt mit dem Kopfe und geht in ſein Haus zurück. Die Verbindung mit der zweiten Hütte ward ſorgfältig verſchloſſen. Iſaura bebte, als ſie von drei Reiſenden ſprechen hörte; ein geheimes Vor⸗ gefühl ſchien ſie zu benachrichtigen, daß ihr Beſchützer mit ſeinem Sohn und Eduard es ſeien, um ſie auf⸗ zuſuchen. Aber die Augen des Vagabunden waren drohend geworden, er ergriff ſeinen Degen, der in einem Winkel der Höhle verborgen war und Iſaura beim Arme faſſend, ſagte er mit dumpfer Stimme zu ihr:„Wenn Euch ein einziger Schrei entfährt, ſo lange dieſe Fremden bei Charlot ſein werden, wenn Ihr verſucht, Euer Daſein kund zu geben... ſo müßt Ihr ſterben!... Schwört mir daher, daß Ihr das tiefſte Schweigen beobachten wollt!“ „Ich ſchwöre es!“ antwortete Iſaura zitternd; —— 8⁵ nun ließ ſie der Vagabund in ihrer Hütte, und in die Höhlung zurückgehend, näherte er ſich den Brettern wieder, welche das Haus Charlots ſchloſſen, hierauf ſein Auge auf eine ziemlich breite Spalte legend, ſah er Alles, was in der vordern Stube vorging.. Mehr als zehn Minuten vergingen, ohne daß Jemand kam; der alte Hirte fing an zu glauben, die Reiſenden hätten einen andern Weg genommen, als man Schritte vernahm; vor dem Hauſe hielten ſie ſtill und eine Stimme rief:„Da iſt übrigens eine Wohnung!...“ Der Vagabund erbebte beim Ton dieſer Stimme, die er als die Eduards erkannte. Man pochte an die Thüre, Charlot öffnete und der Vagabund ſchauderte zuſammen, als er den Baron von Marcey, Alfred und Iſaura's Geliebten in die Hütte treten ſah. „Verzeiht, guter Mann, wenn wir Euch beun⸗ ruhigen, ſagte der Baron, während die jungen Leute * neugierig umherſahen. Wir find müde... die Wege ſo ſchlecht in dieſen Bergen, daß wir genöthigt wa⸗ ren, unſre Pferde im nächſten Dorf zu laſſen; könn⸗ ten wir ein wenig bei Euch ausruhen?“ 3 „Ja, meine Herren, ruht aus,“ antwortet Charlot ruhig. Die drei Reiſenden ſetzen ſich auf's Stroh und Alfred zieht einen Degen unter ſeinem Mantel hervor und legt ihn neben ſich. Der Vagabund konnte ſich eines gewiſſen Entſetzens nicht entſchlagen, als er die Waffe erkannte, deren er ſich gegen Vaillant be⸗ dient hatte. Aber ſeine Seele erfüllte teufliſche Freude, als er den Kummer, die Traurigkeit ſah, welche ſich 86 in den Augen des Barons und der beiden jungen Leute malte. „Wohnt Ihr allein hier? fragte der Baron den alten Hirten.— Ja, Herr.— Und beſuchen Euch zuweilen Reiſende?— O! nur ganz ſelten kommt Jemand hier herauf!...— Erinnert Ihr Euch nicht, hier einen Mann aufgenommen zu haben, der ein junges Mädchen führte.— Nein!“ „Hört, ſagte Alfred zu Charlot, wir ſuchen ein junges reizendes Mädchen, das ein oder mehre Schur⸗ ken aus ihrer Wohnung entführt haben;... wenn die Räuber nicht hieher gekommen ſind, iſt's doch möglich, daß ſie in der Gegend waren... daß Ihr von ihnen ſprechen hörtet... wenn Ihr uns einige Nachrichten über ſie geben könntet, würdet Ihr groß⸗ müthig belohnt werden...4 „Ich weiß nicht... und habe Niemand geſehen,“ erwiderte Charlot mit kalter Theilnahmloſigkeit. „Alſo find alle unſre Nachforſchungen vergebens! rief Eduard mit dem Tone der Verzweiflung. Ge⸗ liebte Iſaura! ſo ſollen wie Dich alſo nie wieder finden! Dich nie wieder ſehen!... Wir wiſſen ſogar nicht einmal, in welcher Gegend wir Dich ſuchen müſſen!...“ Der Baron faßte Eduard bei der Hand und ſuchte ſeinen Schmerz zu ſtillen, wiewohl man leicht ſehen konnte, daß er ſelbſt nicht minder ergriffen war. Alfred ſtand auf z er unterſuchte den Ort, an dem ſie ſich befinden, und die Treppe bemerkend, ſagte er zu Charlot:„Ihr habt da oben noch eine Kammer? .* —— 87⁷ — Ja, Herr.— Sie geht ohne Zweifel auf den ſchmalen Fußpfad, auf dem wir herkamen... Könnte man da nicht beſſer ausruhen, als hier?.. ℳ Ohne die Antwort des alten Hirten abzuwarten, ſtieg Eduard in den obern Boden hinauf; aber er fand ihn leer, und traurig wieder zurückkommend, ſetzte er ſich neben ſeine Gefährten mit den Worten:„Wir ſind hier wohl ebenſo gut...“ „Dieſer Theil des Gebirges iſt ſehr wenig beſucht, ſagte der Baron zu Charlot. Wie findet Ihr hier zu leben?— Ich kaufe Brod im nächſten Dorfe... ich nehme auf zehn Tage.— Welch traurige Woh⸗ nung!... fagte Alfred, und wie Teufels kann man ſich entſchließen, hier ſein Leben zuzubringen?“ „Arme Iſaura! rief Eduard; wer weiß, ob du nicht eine ebenſo erbärmliche Hütte bewohnſt!.. Schon ſind drei Wochen verfloſſen, ſeit man dich unſerer Liebe entzog... und noch kein Zeichen... nichts, das uns hoffen ließ, ihren Räubern auf der Spur zu ſein!..“ Lange blieben die drei Reiſenden in tiefes Schweigen verſunken. Hinter der Rückwand verborgen, verlor ſie der Vagabund nicht aus dem Geſicht. Nach einer halben Stunde erhob ſich der Baron, indem er ſagte: „Auf! wir wollen uns wieder auf den Weg begeben... Es iſt ziemlich unnöthig, länger hier zu bleiben. 5 „Ja, laßt uns weiter gehen, verſetzte Alfred, und geben wir auf die Wege Acht, damit wir nicht zwei⸗ mal an den gleichen Ort kommen, was uns nur zu vergeblichen Nachforſchungen führte... Uebrigens iſt dieſer Ort hier leicht zu erkennen... Ich habe noch ——— —́O—— 88 wenig gleich wilde, gleich traurige Lagen geſehen, als die, wo man ſich einfallen ließ, dieſe Wohnung zu erbauen. Nun, ommſt Du, Eduard?“ Eduard ſtand auf, warf einen letzten Blick auf die Wände der elenden Hütte und geht langſam mit Alfred und dem Baron weiter. Bald verloren ſich die Tritte der drei Reiſenden in dem Felspfad; hierauf entſchwan⸗ den ſie den Blicken Charlots völlig, welcher ihnen vom Eingang ſeiner Wohnung mit den Augen folgte. Nun kehrte der Vagabund mit triumphirender Miene zu Iſaura zurück, indem er ausrief:„Sie waren's! .. aber ſie faßten nicht den leiſeſten Argwohn, und entfernen ſich jetzt von dieſer Wohnung, um nie wie⸗ derzukehren!“ „Sie waren's!“ jammerte das Mädchen. Da war's ihr, als entriſſe man ſie von Neuem denen, die ſie liebte; noch nie empfand ſie ſolch ein ſchmerzliches Ge⸗ fühl, die letzte Hoffnung war ihr genommen. Schluch⸗ zend ſank ſie vor dem Vagabunden nieder. Sechstes Kapitel. Der Neufundländer. Der Baron von Marcey und die beiden Freunde durchſuchten mit größter Sorgfalt alle Dörfer, alle Weiler der Auvergne, nicht die elendeſte Stroh⸗ oder Lehmhütte entging ihnen; überall fragen ſie nach, ziehen Erkundigung ein, beſchreiben Iſaura und ver⸗ 89 ſprechen Gold mit vollen Händen zu ſpenden, wenn man ihnen nur einige Nachweiſungett über das Mäd⸗ chen geben könne. Ueberall bleiben ihre Nachfor⸗ ſchungen fruchtlos, und jeder Tag raubte ihnen einen Theil der Hoffnung, die ſie noch aufrecht erhielt. Eduard ward der düſterſten Verzweiflung zur Beute. Seit er weiß, daß Iſaura ihn aufrichtig liebte, daß nur für ihn ihr Herz ſchlug, iſt ſeine Liebe noch viel heftiger geworden. Bitter warf er ſich den gehegten Argwohn, die der armen Kleinen ausgepreßten Thränen vor. Der Gedanke, Iſauren nicht wieder zu ſehen, ſie nicht durch vermehrte Liebe den verurſachten Kummer vergeſſen zu laſſen, drückt ihn nieder und macht ihn jedem andern Ge⸗ fühle unzugänglich. Wenn der Schmerz des Barons weniger lebhaft hervortritt, ſo ſieht man an der Nie⸗ dergeſchlagenheit ſeiner Blicke, ſeiner ſorgenvollen Stirn, wie ſehr er das liebenswürdige Kind, deſſen er ſich mit ſo vieler Sorgfalt angenommen hatte, beklagt. Oft ſogar mißt er ſich ſelbſt die Schuld des Iſauren widerfahrenen Unglücks bei.„Hätte ich ſie bei mir behalten, ſagte er dann, die Tochter meiner Adele nicht fern gehalten von meinen Armen, wäre ich ihrer Liebkoſungen jetzt nicht beraubt.“ Alfred, deſſen Charakter geeigneter iſt, den Kum⸗ mer zu überwinden, gibt ſich alle Mühe, ſeinen Vater und Eduard ein wenig aufzuheitern; wenn dieſe jede Hoffnung verlieren, beeilt ſich Alfred, dieſelbe wieder zu erwecken, indem er zu ihnen ſagt:„Warum ſol⸗ len wir verzweifeln? im Augenblick, wo wir es am 90 wenigſten hoffen, können wir Iſaura wieder finden; ſie ſelbſt kann von dem Orte, wo man ſie ohne Zweifel gewaltſam zurückhält, entrinnen; dann käme ſie ſchnell in ihre Wohnung oder das weiße Haus zurück; wer weiß, ob ſie nicht jetzt ſchon wieder dort iſt?...“ 2* Dieſe letzte Hoffnung veranlaßt die Wanderer, in das kleine Thal zurückzukehren. Nachdem ſie mehr als ſechs Wochen nach allen Richtungen im Gebirge umhergeſtreift waren, kamen ſie wieder zu Iſaurens Wohnung, fanden ſie aber noch eben ſo einſam und verlaſſen. Die ſie ſuchten, war nicht mehr in der Gegend von Chadrat erſchienen; und diesmal ſchien ſogar Alfred die Hoffnung aufzugeben. Ehe ſie im weißen Hauſe von den Strapazen ihrer mühſeligen Wanderſchaft ausruhten, begaben ſich der Baron und die beiden Freunde in die Hütte der Bauern, bei welchen ſie Vaillant zurückgelaſſen; ſie fürchteten, Iſaurens treuen Vertheidiger nicht mehr lebendig zu treffen; bald aber verſchwand dieſe Furcht, noch ſind ſie etwa hundert Schritte von der Woh⸗ nung des Auvergnaten entfernt, als ein ſchöner Hund aus derſelben und ihnen mit größter Freude wedelnd entgegenſpringt. Vaillant iſt's, der von ſeinen Wun⸗ den völlig geheilt, den Baron auf tauſenderlei Weiſe liebkost, hierauf Alfred und Eduard die Hände leckt, wie um ihnen für ihre Hülfe, ihren Verband zu danken, die er empfing, als er röchelnd im Hofe von Iſaura's Wohnung lag. Auch die drei Reiſenden, entzückt, denjenigen wieder zu ſehen, der beinahe für — 91 ſeine Herrin das Leben verloren hätte, ſchmeicheln ihm abwechslungsweiſe; plötzlich aber hört Vaillant auf, ſeine Freude zu bezeugen, geht ſuchend und ſchnobernd um ſie her, blickt nach Iſaura's Hauſe und ſtellt ſich dann vor die Reiſenden hin. „Ach! du armer Vaillant! ſagte Eduard, du ſuchſt noch Jemanden?... Du fragſt uns, ob wir dir deine Herrin wiederbringen... Nein!... ſie iſt für uns verloren... vielleicht auf ewig!“ Aufmerkſam blickte der Hund Eduard an, er ſchien ſeinen Schmerz zu verſtehen, ſchwieg und begnügte ſich nun, neben ihm her zu laufen; man begibt ſich zu den Landleuten und belohnt ſte großmüthig für die Pflege, die ſie dem armen Vaillant angedeihen ließen; hierauf kehrt man in's weiße Haus zurück, wo man bis auf Weiteres wohnen will. Der Winter brach herein, jagte fernhin die gelben Blätter der Bäume, entblätterte vollends das Buſch⸗ werk und trocknete die Raſenplätze aus; in gebirgigen Gegenden iſt der Winter rauher, ſtrenger, die Natur gewinnt einen impoſanten, aber traurigeren Anblick, ſchon war reichlicher Schnee im kleinen Thale ge⸗ fallen, das Dach des weißen Hauſes war davon be⸗ deckt und die Gärten boten nur noch ein Gemiſch von ſchwarzen und dürren Zweigen, mit jenem glän⸗ zenden Wiederſchein vom Eiſe an ſchneebedeckten Or⸗ ten. Indeß waren, der Rauhheit der Jahreszeit ungeachtet, der Baron von Marcey, ſein Sohn und Eduard noch in der Auvergne und bewohnten das weiße Haus, von dem aus ſie täglich neue Ausflüge 92 in der Umgegend machten z ein geheimes Hoffen hielt ſie noch immer an den Orten zurück, die Iſaura be⸗ wohnt hatte; ſie konnten ſich nicht entſchließen, ſich davon zu entfernen. Jetzt begleitete ſie Vaillant in Aufſuchung ſeiner Herrin; es ſchien, als wolle der Hund unter dem ſchneebedeckten Boden Iſaurens Tritte aufſpüren; mehr als einmal ſah man ihn ſtill ſtehen, mit Gewalt den Boden aufkratzen, und dann rechts und links unruhig umherſchauen; aber die Schneedecke, die ſich über das ganze Land ausbreitete, ſchien ihn wieder abzu⸗ lenken und ſeine Schritte zu hemmen. Da öfters der Baron und die jungen Leute Jeder einen andern Weg einſchlagen, iſt er bald bei dem Einen, bald bei dem Andern; jedesmal erlangt man neue Beweiſe ſeiner Klugheit; jedesmal vergnügt und luſtig, wenn man das weiße Haus verläßt, umher⸗ zuſchweifen, kehrt er traurig und niedergeſchlagen wieder heim. Alfred iſt der Meinung, immer an demſelben Orte bleibend, gelänge es ihnen nicht, Iſaura wiederzufin⸗ den; er vermuthet, die Näuber des armen Mädchens 1 werden nicht mit ihr in der Auvergne geblieben ſein; er fordert Vater und Freund auf, von dieſem Lande für einige Zeit Abſchied zu nehmen. Einige Geſchäfte machen die Anweſenheit des Barons in Paris noth⸗ wendig: man kommt daher überein, ſich für kurze Zeit dorthin zu begeben, und dann die weitere Wan⸗ derſchaft anzutreten. ₰ Ehe man aber die Auvergne verläßt, ſchlägt 93³ Eduard vor, eine letzte Runde im Gebirge zu machen, ooon dem er ſich nur mit Bedauern entfernt. Obgleich man ſich von dieſem Verſuche keinen beſſern Erfolg veerſpricht, fügen ſich der Baron und Alfred doch 3 6 — ſeinem Wunſche. An einem ſchönen Wintertage mach⸗ ten ſich alle drei zu Fuß auf den Weg, von dem treuen Vaillant begleitet: ſie werfen ihre weiten Män⸗ liel um ſich, wickeln ſich darein, und Alfred trägt unter dem ſeinigen ſtets den in Iſaura's Hofe gefun⸗ denen Degen. Einen großen Theil des Tages waren unſere Reiſen⸗ den auf Wegen, die der Schnee glatt gemacht hatte, fortgeſchritten, bis ſie Abends in ein Dorf kamen, wo ſie die Nacht zubrachten; und da ihre Nachforſchun⸗ gen nicht glücklicher geweſen waren, nahmen ſie ſich vor, den andern Tag nach ihrer Wohnung zurück⸗ zukehren. Früh machte man ſich auf und folgte dem nächſten Wege nach Saint⸗Amand; aber nach mehr⸗ ſtündigem Marſche befanden ſie ſich mitten im Ge⸗ birge an einem völlig öden Orte, und zweifelten nnun nicht, daß der Schnee ſie vom rechten Wege ab⸗ 1 gebracht habe. „Wo Teufels ſind wir? rief Alfred aus, indem er ſtillſtand und rings umher ſchaute; ſtatt unſrer Beſtimmung näher zu kommen, haben wir uns noch davon entfernt.— Ich glaube dieſe Landſchaft zu er⸗ kennen, ſagte der Baron, wir ſind ſchon einmal hier geweſen...— Laßt uns Vaillant folgen, ſiel Eduard ein; ſeht, er läuft immer zuz es ſcheint, er will unſer Führer ſein.“. 94 Der Hund lief in der That unaufhaltſam vor⸗ wärts und legte eine auffallende Emſigkeit, einen ganz beſondern Eifer an den Tag. Die drei Wanderer wickelten ſich ſo viel als möglich in ihre Mäntel, um ſich vor der Kälte zu bewahren und entſchloſſen ſich, Vaillant zu folgen; bald kommen ſie an den Abhang eines Berges, und vor ſich erblicken ſie einen ſchma⸗ len, finſtern Pfad, der ſich zwiſchen zwei hoch em⸗ porſtrebenden Felſen hinzog. „Jetzt erkenne ich dieſen Ort, ſagte der Baron, vor etwa zwei Monaten betraten wir dieſen Fels⸗ ſteig... und beſuchten dort eine alte, von einem alten Hirten bewohnte, elende Hütte.— Dann, bemerkte Alfred, brauchen wir dieſen Weg nicht mehr zu gehen, er würde uns nur noch mehr von unſerem Ziele entfernen.“ Die Reiſenden waren im Begriff umzukehren, als ſie, nach Vaillant ſuchend, dieſen mit unglaublicher Schnelligkeit auf den beſprochenen Felspfad zueilen ſehen. Man ruft ihm: aber diesmal gehorcht er der Stimme ſeiner Gebieter nicht und läuft zwiſchen den Felſen hin. Der Eifer, mit welchem der Hund nach dieſer Seite eilte, erweckt die Aufmerkſamkeit der drei Wanderer; ſie gehen ihm nach bis in die Einbiegung des Weges zwiſchen die Felſen; aber ſchon verkündigt ihnen langes Bellen und wuthähnliches Heulen, daß Vaillant irgend eine wichtige Entdeckung gemacht hat. Mit ſchnellen Schritten folgten ſie ihm auf dem ſchmalen Pfade und fanden ihn vor der Thüre der hölzernen Hütte; ſeine Augen funkelten; er ſtürzte — 95 gegen die Thüre an, kratzte heftig mit ſeinen Pfoten und verdoypelte ſein Wuthgeheul. „Was bedeutet das? rief Eduard, zeigt uns die Wuth Vaillants nicht an, daß dieſes Haus ſeinen Mörder einſchließt? Seht!... ſeht!... er will nicht von der Thüre weichen... er blickt uns an, um uns aufzufordern, ſeine Anſtrengungen zu unterſtützen.— Wir haben doch dieſe Hütte beſichtigt, ſagte der Ba⸗ ron..— Gleichviel... nicht ohne Grund will die⸗ ſer treue Diener in dieſe entſetzliche Wohnung drin⸗ gen... O, mein Gott! wenn wir Iſaura an dieſem Orte wieder fänden!.— Macht auf! macht auf,“ rief Alfred, an die Thüre pochend. Niemand ant⸗ wortete und kein Laut ertönte im Innern; indeß ſchien Vaillants Zorn mit jedem Augenblicke zu wachſen; ſein Geheul verlor ſich weithin unter den Felſen und die Reiſenden beſchloſſen, mit Güte oder Gewalt in die alte Hütte einzudringen. Seit den erſten Lauten des Hundes hatte ſich im Innern der zweiten Wohnung eine ſchreckliche Scene geſtaltet; der Vagabund war gerade allein mit dem jungen Mädchen, da der alte Hirte ſich in's Dorf begeben hatte, um Lebensmittel zu holen. So⸗ bald Iſaura's Gefährte den Hund gehört, war er an die vordere Oeffnung gelaufen und hatte Vaillant erkannt; ein kalter Schweiß rann ihm von der Stirne, er fühlte ſich verloren, Iſaura entdeckt, weil keine menſchliche Macht im Stande wäre, den Hund aus der Hütte zu bringen, ehe er ſeinen Mörder gefunden. Bald hatte die Stimme des Barons, das Rufen der 96 jungen Leute ihn vollends überzeugt, daß er das junge Mädchen ihren Blicken nicht mehr entziehen kann, denn Vaillant wird ihnen den Eingang zu Iſaura's Schlupfwinkel zeigen. Kein Mittel bleibt ihm, mit ſeiner Gefangenen zu fliehen; es iſt unmög⸗ lich, aus der Höhle herauszukommen und den obern Rand des Felſens zu erreichen; in einem Nu hatte der Elende Alles gefühlt, Alles überlegt und einen ſchrecklichen Entſchluß gefaßt. Er ging zu Iſaura zurück, verſchloß ſorgfältig die Verbindung mit der vordern Hütte; das junge Mädchen hatte mit größter Aufmerkſamkeit dem Geheul des Hundes gelauſcht, und ſagte gerade mit halblauter Stimme:„O, mein Gott!... Sollte das Vaillant ſein; ſendete mir der Himmel Retter!.. wäre mein treuer Wächter nicht todt?“ „Ja!... er iſt's in der That, ſagte mit dum⸗ pfer Stimme und wilden Blicken der Vagabund; aber ſtatt Euch zu retten... ſtürzt er Euch in's Ver⸗ derben.“ F „Großer Gott!... was wollt Ihr damit ſagen? .. und warum dieſe entſetzlichen Blicke?“ fragte Iſaura bebend. Der Vagabund griff nach ſeinem Degen, trat der Kleinen näher, packte eine ihrer Hände, die ſie flehend zu ihm emporſtreckte und ſagte:„Du mußt ſterben.“ „Sterben! rief das Mädchen, den Drohenden mit bittenden Blicken betrachtend. O, mein Gott!.. Ihr wollt mich umbringen!... was habe ich denn gethan!.. womit habe ich es verdient?... hab' ich 1 —. 97 Euch nicht immer ohne Murren gehorcht, ſeit ich bei Euch bin?“ „Jal... ja! Du verdienſt ein ſo ſchreckliches Loos nicht, ich fühle es; weit entfernt, Dich zu haſſen.. habe ich für Dich.. ich weiß nicht welches Gefühl... aber mein Haß gegen den Baron iſt ſtärker als Alles Uebrige!... ich habe geſchworen, daß Du nicht lebendig in ſeine Hände fallen ſollſt... Ich werde meinen Schwur halten... Hörſt Du ſie!... ſie be⸗ lagern das Haus... bald werden ſie die ſchwache Thüre gebrochen haben; der verfluchte Hund wird ſie zu dieſem letzten Zufluchtsorte führen; ſie wollen Dich retten!. Dich von hier wegnehmen!... aber lebend ſollen ſie Dich nicht finden!... Du mußt ſterben, Iſaura, ehe ſie hieher gedrungen find!...“ Außer ſich, wahnſinnig, verſuchte Iſaura noch⸗ mals, das Ungeheuer, das ſie morden wollte, zu rüh⸗ ren; ſie warf ſich ihm zu Füßen; aber in ſeiner Wuth kaunts er ſich nicht mehr, ſeine rechte Hand hielt den Mordſtahl gezückt, mit der andern will er die Bruſt ſeines Schlachtopfers entblößen, um ihr beſſer das Herz zu durchbohren. Iſaura wehrt ſich; noch will ſie verſuchen, ſich zu retten;... ſie gewaltſam packend, reißt er ihr die Bruſtbedeckung ab, und das Medail⸗ lon, welches das Mädchen hier verborgen hatte, hält den Stahl auf, der ihr den Tod geben ſollte; der Mörder ſtutzt beim Anblick des Porträts, ſtößt einen Schrei des Entſetzens, der Verwunderung aus und ruft:„Darf ich meinen Augen trauen?... dieſes Bild!... dieſes Weib! Sprich! Rede!... Paul de Kock. XXVII. 7 98 woher haſt Du's?— Es iſt das Bild meiner Mut⸗ ter! rief Iſaura händeringend; ſie war auch ſehr unglücklich, wie man ſagt; ach! habt Mitleid!... übt Gnade an ihrer Tpglergeee „Deine Mutter! Adele Deine Mutter... welch ein Gedanke!.... Du wäreſt!.. Er vollendet nicht; der Degen Aurenr Lenen Hän⸗ den, er ſchien wie vom Donner gerührt. Aber bald hört man ein furchtbares Gepraſſel, die Thüre der Hütte war krachend geſprengt werden. Während der Baron und Eduard in die untere Stube traten, hatte Alfrede mit Hülfe Vaillants, und durch Umherſtoßen mit ſeinem Degen an der Wand, den Eingang in die Höhle entdeckt, und trat in dem Augenblick in die zweite Hütte, wo Iſaura, ihrer Schreckensangſt unterliegend, leblos zu den Füßen des Vagabunden niederſtürzte. „Elender! rief Alfred, ſo hab' ich mich nicht ge⸗ täuſcht, Du haſt ſie uns geraubt!... Zahle mit dem Leben Deine Schandthat.“ „Iſaura gehört mein, entgegnete der Vagabund, ſeinen Degen wieder ergreifend; kein Sterblicher hat mehr Rechte an ſie, als ich!..“ Aber ſchon war Alfred mit gezücktem Degen auf ihn losgerannt; ein ſchrecklicher Kampf entſpann ſich wenige Schritte von dem ihrer Sinne beraubten Mäd⸗ chen; er dauerte nur einige Sekunden. Alfred verdop⸗ pelte ſeine Stöße, er ſchien mit unerhörter Stärke, unerhörter Geſchicklichkeit begabt; ſein Gegner ſank, von einem tödtlichen Stiche getroffen, gerade als der Baron und Eduard herzutraten. 99 Man ſchickte ſich an, das Mädchen aus der ab⸗ ſcheulichen Stätte wegzubringen und in den Hohlweg zu tragen, wo die friſche Luft ihr den Gebrauch ihrer Sinne wieder geben ſoll; aber der von Alfred Beſiegte winkt, daß er ſprechen wolle;.. man um⸗ gibt ihn, Mitleid folgt auf die Rache, man will ihm Hülfe leiſten. „Erſpart Euch vergebliche Mühe, ſprach der Ver⸗ wundete mit ſterbender Stimme, ich fühle, mein Ende naht... aber laßt mich noch einmal die theuren Züge Iſaura's betrachten... Ach!... ruft ſie nicht in's Leben zurück, bis ich aufgehört habe zu ſein... Alfred.. Ihr habt Euern Vater gerächt!... Ich bin jener Savigny!... der Verführer der unglück⸗ lichen Adele!...“ „Savigny!...“ rief der Baron mit einer Bewe⸗ gung des Abſcheu's. „Ja.. und jetzt wird mir Alles klar... Iſaura iſt meine Tochter... das Kind meiner Adele!.. und bald hätte ich ſie gemordet!... doch der Himmel gab ſolch ein entſetzliches Verbrechen nicht zu, und ich danke ihm dafür!... Mein Andenken... muß dem armen Kinde... zum Abſcheu werden!... Ach! verſprecht mir... ſchwört mir.. ihr nie zu ſagen, daß ich ihr Vater war!...“ Kaum hatten ſie Savigny den verlangten Schwur geleiſtet, als der Unglückliche nach einer letzten An⸗ ſtrengung, die Hand ſeiner ohnmächtigen Tochter zu küſſen, zuſammenſank und auf ewig ſein Auge ſchloß. Man trug Iſaura auf die Bank vor der Hütte — und verwendete alle Sorgfalt auf ſie. Endlich ſchlug ſie ihr Auge wieder auf, blickte um ſich her und ein Schrei der Freude entfloh ihren Lippen, als ſie ſich än den Armen ihrer Freunde ſah. „O mein Gott!... Ihr habt mich gerettet!... ſagte ſie; doch bald einen Blick des Entſetzens auf die Hütte werfend, rief ſie aus: Aber er iſt da!... wenn er wieder käme... mich noch einmal tödten wollte!..“ „Der Dich unſern Armen entriß, lebt nicht mehr, fagte der Baron. Du wirſt ihn nicht wieder ſehen, theure Iſaura; er blieb, indem er ſich gegen meinen Sohn ſchlug...“ 3 „Er iſt todt! rief Iſaura, die nun ein Gefühl des Mitleids anwandelte; alsbald warf ſie ſich auf die Knie, erhob ihre Hände gen Himmel und ſprach: Guter Gott!... vergib ihm, wie ich ihm all das Böſe vergebe, das er mir gethan!...“ Ehrfurchtsvoll ließ Iſaura's Umgebung ſie beten; aber die Blicke, die ſie einander zuwarfen, verriethen die ganze Gemüthsbewegung, die ſie empfanden, als fie ſahen, wie das Mädchen unbewußt den Himmel für ihren Vater anrief. Jetzt dachte man nur darauf, Iſaura fortzubrin⸗ gen, fern von dem abſcheulichen Orte, in welchem ſie beinahe drei Monate verlebt hatte. Der alte Hirte kehrte gerade heim; man gab ihm eine Börſe und trug ihm auf, Savigny am Eingang in den Fels⸗ pfad zu beerdigen und das Grab dieſes Unglücklichen, ſo lange er lebe, reſpektiren zu laſſen. die Hände, blickt Eduard an und in dieſem Blicke Man machte ſich auf den Weg nach dem kleinen Thal. Vaillant läuft, hüpft, macht tauſend poſſier⸗ liche Sprünge vor ſeiner Herrin und man kann ſich denken, durch wie viele Liebkoſungen man den zu be⸗ lohnen ſucht, welchem man Iſaura's Wiederfinden ver⸗ dankt. Das Mädchen kann noch immer nicht an ihr Glück glauben; ſie drückt dem Baron und Alfred malt ſich ihre ganze Liebe. Endlich ſieht man Iſaura's Wohnung und das weiße Haus wieder; in dem letztern ſchlägt man ſei⸗ nen Sitz auf und überläßt ſich der ganzen Freude des Wiederſehens. Hierauf erfuhr Iſaura, daß ihr Beſchützer ſich ihrer Verbindung mit Eduard nicht widerſetze und daß ſie ſich ohne Scheu dem Vergnü⸗ gen, zu lieben, hingeben kann. Nach drei Monaten der Trennung und der Lei⸗ den iſt es ſehr natürlich, daß man ſich beeilt, glück⸗ lich zu werden; Eduard wollte das weiße Haus nur als Iſaura's Gatte verlaſſen. In der Auvergne ward daher dieſe Verbindung gefeiert, ohne Geräuſch, ohne Feſtlichkeiten, ohne andere Geſellſchaft, als die der Freundſchaft und der Liebe. Unter dem Namen Iſaura Gervais wurde Eduard das Mädchen angetraut; den letztern Namen hält ſie für den ihres Vaters, und ihre Freunde hüteten ſich wohl, ſie zu enttäuſchen. Aber Eduard fand in ſeiner Gattin ebenſo viele Tugenden und liebenswür⸗ dige Eigenſchaften, als Reize und Sanftmuth; er iſt der Meinung, das möchte wohl einen Stammbaum. „ aufwiegen, und die Verſe aus Merope parodirend, † ſagte er oft:-. „ 4 „Qui sait se faire aimer n'a pas besoin d'ateux.“ 1 „Wer ſich geliebt kann machen, bedarf der Ahnen gicht.“ Siebentes Kapitel. Drei Jahre ſpäter. Ungefähr drei Jahre woſen ſeit den eben erzähl⸗ ten Ereigniſſen verfloſſen aus ein kleiner, dicker Herr in einen weiten Oberroetattice propriétaire gehüllt, beide Hände in den Taſchen, gegen drei Uhr Nach⸗⸗ mittags durch die Straß eenne ging; nachdem er einen flüchtigen Blick auf i euen Bücher im Laden Ambroise Dupont et Co ie geworfen und die ſchöne Ausgabe des Gedichte:„Napoleon in Aegyp⸗ ten,“ von Barthélemy und Mery, bewundert hatte, entfernte er ſich hüpfend und bog ſo ſchnell in die Straße Colbert ein, daß er beinahe eine Dame um⸗ gerannt hätte, die eben herauskam. 4 Ddieſe Dame, von freiem leichtem Weſen, trug 1 einen niedlichen Roſahut; ſie fürchtet, der Hut möchte durch den Stoß gelitten haben, war daher ärgerlich und wollte gerade in Klagen über ſeine Haſt aus⸗ brechen, als ſie, den Herrn näher betrachtend, laut auflachte, dieſer aber durch einen Schrei des Erſtau⸗ nens antwortete:„Ei!.. ich täuſche mich nicht!... das iſt ja die reizende Fifine!— Ei!... und das iſt Robineau!„. Ach! mein lieber Freund, wie abgenützt find Sie in den drei Jahren geworden, ſeit ich Sie nicht mehr geſehen habe!..— Immer die⸗ ſelbe!.. immer liebenswürdig, beißend!... Welch glücklicher Zufall läßt mich Ihnen begegnen?...— Und wie kommt es, daß Sie's wagen, mit mir zu ſprechen? Nehmen Sie ſich in Acht, Sie werden Aufſehen errregen! Wenn eine Ihrer hohen Bekannt⸗ ſchaften, eine Ihrer Prinzeſſinnen Sie mit mir ſprechen ſähe!.. Ach Gott!... was würde man ſagen 2... Machen Sie doch geſchwind, daß Sie fortkommen, Sie könnten ſich comprominiren!...“ „Ach! Fifine!. ee Spott, Sticheleien!... Ihrem alten, immer zacliichen Freund!...“ „Ei, ich erinnere mich an die Art, wie mich der alte und zärtliche und ſitzen ließ, ſobald er zu Vermögen kam!... Ach, Sie haben mich ſehr falſch beurtheilt, Fifine, Sie, im Gegentheil, waren augenblicklich erzürnt und wollten mich nicht mehr hören... Sie ſind ſo ein Hitzkopf!... Ich erinnere mich ſogar noch, daß Sie mich ohne Licht ſtehen ließen!... das machte mir vielen Kummer!... und wenn ich nicht gefürchtet hätte, ſchlecht aufgenommen zu werden, ſo legte ich den andern Tag mein Ver⸗ mögen zu Ihren Füßen, denn was ich geſagt hatte, war nur um Ihren Charakter auf die Probe zu ſtellen.— Es iſt erſtaunlich, wie ich davon überzeugt bin!. Aber laſſen wir die Vergangenheit!.. Du weißt wohl, daß ich mich immer gern der Gegenwart erfreute, ohne mich um das Weitere zu bekümmern; deßhalb auch, mein lieber Freund, gab ich Dir zwei Tage darauf einen Nachfolger; denn zudem biſt Du kein Kerl, der unheilbare Leidenſchaften einflößen könnte!..“ 8 „Fifine, ſagen Sie mir ſo etwas nicht... Gewiß, ich konnte mir's denken, daß ein Anderer Ihr Herz ſeit den drei Jahren gerührt hätte...“ „Ein Anderer! Ja freilich, wie gut er iſt!.. Sieben Andere, mein lieber Freund, immer Einer liebenswürdiger als der Andere, und alle von einem ſehr confortablen Teußern... Ich ſpreche jetzt engliſch.“ „Fifine, wenn Sie wüßten, welchen Kummer Sie mir dadurch verurſachen, würden Sie mir keine ſolche Geſtändniſſe machen!... mir, der Sie immer in ſeinem Herzen trug!...“ „Geh, ſprich doch keine Dummheiten!... Aber ich bin ſehr begierig, was Du ſeit den drei Jahren getrieben haſt... gib mir den Arm. Kannſt Du's, ohne Furcht, Aufſehen zu erregen?“ „Ja, gewiß kann ich's.— Nun, ſo laß uns in der Paſſage auf und ab gehen, ich habe Zeit bis vier Uhr, aber erzähle mir Alles.“ Robineau gab Fifinen den Arm mit einem Geufzer, über den ſie laut lachen mußte; hierauf begann er ſeine Erzählung:„Nach unſerer Entzweiung reiste ich nach meinem neuerkauften Schloß...“ „Du hatteſt ein Schloß!... und wo denn?— In der Auvergne.— In Belleville wär' mir's lieber geweſen, da iſt's luſtiger, beſonders jetzt, wo es ein —— —— 10⁵ hübſches Theater hat, wie an der Barriere Roche⸗ chouart.— Jal.. nachher ſah ich auch ein, daß ich beſſer gethan hätte, nur ein hübſches Landhaus zu kaufen. Kurz, ich reiste nach der Auvergne, und Alfred von Marcey und Eduard...— Alfred! der, bei dem Du Dich an einem gewiſſen Abend ſo hübſch beſoffen haſt, daß ich Thee und ſonſtige Mittel für den Herrn machen mußte... Gott! wie gut bin ich doch gegen dieſen Menſchen da geweſen!..— Ich hab's nie vergeſſen, Fifine!— Nein, Du nicht, ſon⸗ dern die Katze!... doch, weiter.— Ich hatte ein ſehr ſchönes Schloß... Ach! es war herrlich!... Thürme, Hallen, Gemächer mit Liebesgöttern an der Decke!— Ach! Gott! und Du ſpazierteſt als Cu⸗ pido in Deinem Zimmer umher?— Laß mich doch fortfahren. Unglücklicherweiſe war mein Schloß nicht neu Ich ließ Ausbeſſerungen daran vornehmen; hierauf nahm ich eine Frau.. um mich von meinen Erinnerungen an Dich zu zerſtreuen. Ich heirathete die Tochter eines Marquis, die raſend in mich ver⸗ liebt war.. Ich glaubte eine prächtige Verbindung eingegangen zu haben! Aber ich mußte die ganze Familie mit heirathen!... den Vater, den Onkel, die Schweſter, Alles bekam ich auf den Hals. Mein Schwiegervater, der mir ein glänzendes Amt ver⸗ ſchaffen ſollte, verſchaffte mir gar nichts... Meine Frau jagte alle unſere Leute fort und nahm andere, die uns beſtahlen; mein Teufelsſchloß erforderte un⸗ aufhörlich Ausbeſſerungen; war man auf einer Seite zu Ende, mußte man auf einer anderen wieder anfangen!... Und mein Onkel Herzchen, den man zum Generalinſpektor meines Hauſes ernannt hatte, las lieber Stecknadeln zuſammen, als daß er die Ar⸗ beiter beaufſichtigte. Auf der andern Seite richtete mich mein Schwiegervater mit ſeinen ökonomiſchen Planen zu Grunde; er ließ mich ganze Heerden von Schafen kaufen, die er zum Ziehen des Pfluges ab⸗ richten wollte, indem er ſagte, die Arbeit ginge ſchneller von Statten; aber die armen Schafe gin⸗ gen drauf im Augenblick, wo ſie anfingen, ſich an die Arbeit zu gewöhnen. Er ließ die Speicher meines Schloſſes mit Pflaumen füllen, indem er behauptete, das gäbe weit beſſern Zucker, als die Runkelrüben; als man aber mit dem Verfahren beginnen wollte, waren die Pflaumen verfault. In meinem Park ließ er einen Kanal graben, weil er verſicherte, wir würden darin Gründlinge bekommen, die er einſalzen laſſe und als Sardellen verkaufe; aber der Kanal trocknete immer aus und man fiſchte nie etwas Ande⸗ res heraus, als Ratten. Während der Herr Mar⸗ quis dieſe ſaubern Experimente machte, gab meine Frau Gaſtmahle und prächtige Feſte!... Aber ich konnte mich dabei nicht beluſtigen, weil ich mit mei⸗ nem Schwiegervater ſeine Partie Whiſt ſpielen mußte. Meine Schwägerin verehlichte ſich an einen Wittwer mit drei Kindern, die ich noch weiter in mein Schloß zu wohnen bekam. Ich wollte Einwendungen machen, meine Frau entgegnete mir, daß man nicht knauſern dürfe, wenn man ſo reich wie ich ſei. Ich hätte gern erfahren, wie reich ich denn eigentlich noch ſei, 107 und ſchrieb daher an meinen Notar; es war zwei Jahre nach meiner Hochzeit. Dieſer antwortete mir, daß von meinem ganzen Vermögen nur noch fünfzig⸗ tauſend Franken übrig ſeien. Ungefähr dreimalhun⸗ dertfünfzigtauſend Franken hatten wir in Ausbeſſerungen des Schloſſes, Feſten und ökonomiſchen Unternehmun⸗ gen verſchwendet. Ich eilte zu meinem Schwieger⸗ vater, um ihm zu ſagen, daß ich nichts mehr als zweitauſend fünfhundert Franken Renten und unſer Schloß habe. Da fiel meine Frau in Ohnmacht, mein Schwiegervater griff nach einem Stock und wollte mich prügeln, indem er behauptete, ich habe ihn be⸗ trogen, und um die Ehre zu haben, ſeine Tochter zu heirathen, mich für reicher ausgegeben, als ich ge⸗ weſen ſei.“ 1. „Wahrlich, endlich ward ich's überdrüſſig, im⸗ mer gezankt, bedroht zu werden und Whiſt zu ſpielen, ich ging daher an einem ſchönen Morgen davon nach Paris, überließ ihnen das Schloß, das ſie ſeitdem zu verkaufen genöthigt waren, weil es nichts ein⸗ brachte; aber ich trat ihnen den Kaufſchilling ab! ich bin mit meinen zweitauſend fünfhundert Franken Nenten zufrieden.. und vorausgeſetzt, daß meine Frau und mein Schwiegervater nicht nach Paris kommen und mich holen, ſind alle meine Wünſche befriedigt. Das, beſte Fifine, ſind meine Abenteuer!... Meine beiden Reiſegefährten ſind glücklicher geweſen als ich: Eduard hat ein junges Mädchen geheirathet, die im Gebirge, in der Umgegend meines Schloſſes wohnte.. Dieſe hatte keinen erlauchten Namen, tanzte nicht wie Cornelia, aber es ſcheint, daß ſie ihren Gatten ſehr glücklich macht. Sie haben ſchon ein niedliches Töch⸗ tterchen und bewohnen ſechs Monate im Jahre das weiße Haus, ein hübſches Landgut in der Auvergne, wohin ſie mich eingeladen haben; gerne würde ich ſie dort beſuchen, wenn ich nicht fürchten müßte, auf meine Frau oder meinen Schwiegervater zu ſtoßen. Alfred hat ſich neulich auch vermählt, mit einer ge⸗ wiſſen Jenny von Gerville, die er ſchon lange liebte! .. ſeine Frau iſt ſehr liebenswürdig und ich ſpeiſe zuweilen bei ihnen. Das, meine liebe Fifine, iſt Alles, was ich von den drei Jahren zu erzählen weiß Und Du?“ „Ich, ich flatterte luſtig umher!..— Biſt Du immer noch im nämlichen Putzladen?— Ei, warum nicht gar!... wenigſtens im dreißigſten ſeither!... Aber ich glaube, ich werde mich nun endlich ſelbſt etabliren, die Perſon, die ich jetzt kenne, ſucht mir einen kleinen faſhionablen Laden!— Fifine!... — Nun?2.— Sagt Dir Dein Herz nichts?2... verurſacht Dir dies Zuſammentreffen nicht, wie mir, eine ſüße Regung?— Ach! mein Gott, nein; ich bin nicht im mindeſten gerührt!...— Fifine, ich habe noch ein hübſches Einkommen... und hoffe meine alte Anſtellung wieder zu bekommen... Da wir uns wieder finden, was hindert uns, die einſt ſo zarten Bande wieder anzuknüpfen, uns zu lieben wie ehemals?— Nein, ſehr verbunden! ich knüpfe nichts wieder an; Du dürfteſt nur wieder eine neue Erbſchaft bekommen, dann ließeſt Du mich abermals 109 ſitzen!... Ach! Fifine! welcher Vorwurf! Du durch⸗ ſchneideſt mir das Herz!— Thut mir leid, mir durchſchneideſt Du aber gar nichts!...— Benützen wir wenigſtens den Zufall, der uns zuſammenführt; komm, ſpeiſe mit mir, Fifine..— Nein.— Ich kenne einen Traiteur, bei welchem man vortreffliches Rhum⸗Gelee ißt... das liebteſt Du ehemals, Fifine. — Ich liebe es noch, aber ich ſpeiſe doch nicht mit Dir. O! Du haſt gut eine zärtliche Miene anneh⸗ men!... Das rührt mich nicht mehr! Da ſchlägt's vier Uhr, ich muß Dich ſogar ſogleich verlaſſen;... ich muß zu meinem kleinen Mylord gehen, der mich auf dem Börſenplatze erwartet.“ Bei dieſen Worten machte ſich Fiſine von Robi⸗ neau's Arm los; dieſer ſtieß einen tiefen Seufzer aus und zog ſein Taſchentuch, indem er die Augen gen Him⸗ mel erhob; aber Fifine lachte darüber, und verließ ihn mit den Worten:„Mein lieber Freund, Untreue kann ein Weib verzeihen, Undankbarkeit aber nie.“ 3 —qᷓ;ᷓ— Inhalt des erſten Theils. Seite Erſtes Kapitel. Drei junge Leute.... 5 Zweites— Die Putzmacherin.— Robineau's Toilette 16 Drittes— Abendgeſellſchaft bei dem Baron Marcey.— Gelag junger Leute und ſeine Folgen 39 Viertes— Unverhofftes Glück.— Spazierritt.— Wir⸗ kung des Geldes.... 68 Fünftes— Ankauf eines Schloſſes.— Abreiſe in die Auvergne. 8... 92 Sechstes— Der Unbekannte von Eiermont⸗ Ferrand. 107 Inhalt des zweiten Theils. Seite Erſtes Kapitel. Gebirgsreiſe... 4.. 1 Zweites— Das weiße Haus..... 16 Drittes— Iſaura.... 46 Viertes— Robineau's Einzug auf ſeine Beſitungen 63 Fünftes— Schloß Schwarzenfels.— Ländliches Feſt 76 Sechstes— Beſuch bei Iſaura..... 94 Inhalt des dritten Theils. Seite Erſtes Kapitel. Abermals der Vagabund... 5 Zweites— Liebe ſchadet der Freundſchaft.. 23 Drittes— Welches etwas verſpricht.. 34 Viertes— Vorbereitungen zum Feſt... 42 Fünftes— Das Mädchen und der Unbekannte. 53 Sechstes— Neue Perſonen.— Großes Feſt auf dem Schwarzenfels... 66 Siebentes— Liebe und Geheimniß.... 90 Inhalt des vierten Theils. Erſtes Kapitel. Zweites— Drittes— Viertes— Fünftes— Sechstes— Sebente⸗— Heirathsplan. 5 „Geſpenſterfurcht.— Alfred uns der Va⸗ gabund... 15 Die Familie de la Pincerie im n Schloſſe 28 Unruhe.— Eiferſucht. 49 Das Geſpenſt.— Der nördliche Thurm 57 Robineau's Hochzeit.. 74 Nächtlicher Beſuch des weißen Hauſes. 92 Inhalt des fünften Theils. Erſtes Kapitel. Zweites— Drittes— Viertes— Fünftes— Sechstes— Siebentes— Seite Abſchied vom Schloſſe... 1 Verbrechen.... 12 Zweite Ehe des Barons von Martey. 27 Entführung Iſaurens. 39.. 51 Aufenthalt in der Höhle.— Die leßte Hoff⸗ nung ſchwindet.... 69 Der Neufundländer... 88 Drei Jahre ſpäter..... 102 —.— ſſſſſſſſſſſſſmmſſſiſniſfiſün ſnannnnemim Ang 9 10 11 12 13 14 15 1 päcin 6 17 18