Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, 2* deutſch bearbeitet von Br. Heinrich Elsner. Sechsundzwanzigſter Theil. Stuttgart: Scheible, Uieger ꝗ« Sattler. 1844. 4 Weiſte Haus. Von Paul de Koch. — Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner.— Vierter Theil. Stuttgart: Scheible, Nieger& Sattler. 1844. Weiland war ein jedes Dorf Heimgeſucht durch ſeine Geiſter, Jedes Weiler frug um Rath Seinen Sput⸗ und Hexenmeiſter; Seinen Kobold, ſein Geſpenſt Barg ein jedes Schloß im Grunde, und das Alter fabelte Gern davon mit regem Munde, Daß manch holdes Kind der Schlaf Floh in ſtiller Geiſterſtunde. Delille(der Landmann). — Erſtes Kapitel. Heirathsplane. Als Alfred am Tag nach dem Feſt erwachte, begab er ſich nach dem Gemache Eduards, und wie er ihn nirgends fand, zweifelte er keinen Augenblick, dieſer ſei ihrer Uebereinkunft zum Trotz allein zu Iſaura gegangen. Wüthend darüber, verwünſcht er ſeinen Schlaf, will zu Pferd ſteigen und ihn im Gebirge aufſuchen. Aber bedenkend, daß der Morgen ſchon vorgerückt, und Eduard ohne Zweifel ſchon lange fort, und wieder auf dem Rückweg begriffen iſt, ent⸗ ſchloß er ſich, ihn zu erwarten, um ihm bälder ein Erklärung abfordern zu können. Während Alfred ungeduldig in der Gallerie auf und abgeht, kommt Robineau, ſorgfältig geputzt und mit zufriedener Miene, auf den jungen Baron zu, und ſagt lächelnd:„Guten Morgen, lieber Alfred!“ „Guten Morgen!“ erwidert dieſer barſch, indem er fortfuhr, mit ſtarken Schritten auf und abzugehen. „Wahrlich, es iſt mir ſehr lieb, daß ich Dich dieſen Morgen treffe.. was etwas Seltenes iſt, denn ge⸗ wöhnlich ſtehſt Du und der Poet ſchon vor Tag auf.⸗⸗ Du hörſt mich ja nicht, Alfred?...“ 2 „Nun wohlan! mein Freund, ſo will ich Dir denn ſagen, daß ich am geſtrigen Tage... Apropos, wie fandſt Du den geſtrigen Tag? Du haſt mir noch nichts über mein Feſt geſagt... Nicht wahr, es war hübſch?“ „Ja, mit Ausnahme der Verſe des Herrn Feru⸗ lus, der Käslaibe der Fechter und des Hintern der Jungfer Gaul war's nicht übel.“ *„Ach, was iſt da zu machen? das find ſo kleine, unvorhergeſehene Unfälle... Herr Berlingue verſicherte mich indeß, das habe das Feſt pikanter gemacht. Kurz, mein lieber Alfred, an dieſem Tage habe ich meine Wahl getroffen.“ „Zu was?“ „Du kannſt fragen, zu was? mich zu vermählen! Gewiß, ich branche eine Frau!... Wenn man einen gewiſſen Rang in der Geſellſchaft einnimmt... ein Schloß beſitzt... und dann hat mein Herz geſprochen, ol auf ganz auffallende Weiſe! So bin ich nie verliebt „Dochl doch... ich höre Dich... ſprich immer zu.“ . I geweſen; freilich war auch nie ein ſo verführeriſcher Gegenſtand zu meiner Dispoſition. Ich wette, Du haſt unſer Einverſtändniß bemerkt, Alfred; ich geſtehe, ich konnte nicht mehr an mich halten... Sag' einmal Alfred... was ſiehſt Du ſo durchs Fenſter?“ „Ich höre, verſtehe Dich; ſprich immer zu.“ „So vernimm denn, mein lieber Freund, Fräulein Cornelia de la Pincerie hat mich gefeſſelt, ſie wird meine 4 Gemahlin werden, wenn, wie ich hoffe, der Herr Marquis, ihr Vater, kein Hinderniß in den Weg legt.“ ——ä„ — 5 bete.— Pah! das bildeſt Du Dir ein!. So beteteſt 7 Alfred verläßt das Fenſter und tritt auf Robineau zu und ſagt:„Fräulein Cornelia iſt es... das große Frauenzimmer, mit welchem Du den Ball eröffnet haſt, dieſe willſt Du heirathen?— Ganz richtig, mein Freund... Sie iſt reizend, nicht wahr?— Ja... ſie iſt nicht übel...— Wie ſie tanzt, hum?..— Ja! aber man heirathet nicht, um immer zu tanzen. Höre, Robineau...— Ach, ich habe Dir ſchon ge⸗ ſagt, daß ich auf dieſen Namen keine Antwort mehr gebe!— Nun alſo, Julius vom Schwarzenfels, oder wie Du willſt; höre mich an, ich bitte. Du biſt ein guter Kerl, obgleich Dir der Reichthum den Kopf ver⸗ rückt hat, und Du den großen Herrn ſpielen willſt... Wir waren Schulkameraden, und wahrlich, es wäre mir leid, Dich eines Tags unglücklich zu ſehen.— Was Teufels, welche Einleitung!...— Du ver⸗ brauchſt mehr als Deine Einkünfte;... gehſt zu ſchnell mit Deiner Erbſchaft, doch weil Du Dich beluſtigſt, ver⸗ zeihe ich Dir noch; glaube mir aber, mein Freund, heirathe Fräulein Cornelia nicht, denn alsdann wirſt Du Dich nicht mehr lange beluſtigen, das bin ich überzeugt.“ Robineau beißt ſich mit gereizter Miene in die Lip⸗ pen und erwidert:„Mein lieber Alfred, es brauchte nicht ſo vieler Phraſen, mir dies zu ſagen... ich ſoll das Fräulein de la Pincerie nicht heirathen?2... Ich glaubte, Du werdeſt mir im Gegentheil zu meinem Geſchmack Glück wünſchen. Und warum denn?— Weil fie nicht für Dich paßt.— Der Beweis, daß ſie im Gegentheil für mich paßt, iſt, daß ich ſie an⸗ 8 Du auch Fifine an und haſt ſie ohne Bedauern ver⸗ laſſen!...—. Was Teufels ſprichſt Du mir von Fifine, ich bitte, laß das, es könnte mir bei der Fa⸗ milie de la Pincerie ſchaden.— Nun, ich will an⸗ nehmen, Du liebeſt Fräulein Cornelia... aber ſie.. ſie liebt Dich nicht; ſie heirathet Dich nur, um einen Mann zu haben.“ „Sie liebt mich nicht! ruft Robineau. Hal armer Alfred, ich traute Dir mehr Takt und Einſicht zu... Fräulein de la Pincerie liebt mich nicht!... nein, ſie betet mich an!.. und Gott ſei Dank geſtern erhielt ich Beweiſe... die liebenswürdigſte Hingebung... Händedrücken, Seufzer... Nervenzuckungen!... kurz, ſie iſt in mich vernarrt.“ Alfred dreht ſich um, mitleidig die Achſel zuckend, hierauf fährt er fort:„Wohl, es ſei, ich konnte mich b täuſchen. Sie iſt aber eben ſo alt wie Du; ſie hat gewiß achtundzwanzig Jahre.“ „Nein, nein! keine achtundzwanzig Jahre! ver⸗ gangenen Monat war ſie ſiebenundzwanzig und ein halb!— Und das Vermögen... das iſt wichtig; wie viel bekommt ſie zur Mitgift?— Zur Mitgift!... Sie hat tauſenderlei: Erſtlich, glänzende Hoffnungen; dann, was der Vater von der Regierung für ſeine landwirthſchaftlichen Plane erhalten ſoll, welche er dem Miniſter ungeſäumt mittheilen wird; ferner, was ihr der Onkel Herzchen hinterlaſſen wird, der dieſes Jahr zum Unter⸗Präfekten ernannt werden ſoll... oder wenigſtens im nächſten Jahr, da kann's ihm nicht 4 fehlen; endlich eine ſehr einträgliche Stelle, welche 9 dem Marquis für ſeinen Schwiegerſohn verſprochen wurde.— Und ſeit fünfzig Jahren kann er ſeinen Bruder nicht unterbringen.— Das iſt kein Beweis. Ueberhaupt, mein Freund, geſtehe ich Dir, daß ich nicht gleich einem Krämer nach der Mitgift frage... Ich handle keine Frau ein; pfui doch!... und eine Frau wie Mademoiſelle de la Pincerie! ich glaube, die Ehre, in eine ſolche Familie zu kommen, muß — auch für etwas gerechnet werden.“ Alfred ergreift Robineau's Hand und ſagt ihm mit vieler Kaltblütigkeit:„Ich wiederhole Dir, wenn Du dieſe Ehe eingehſt, machſt Du eine Dummheit.“ Robineau wird roth vor Zorn wie ein Truthahn und zieht ſeine Hand mit den Worten zurück:„Was Dummheiten betrifft, ſo brauche ich Deine Anſichten nicht. Ich mache keiner Ziegenhirtin den Hof, werde aber heirathen, wen ich mag.“ „Meinetwegen heirathe den Teufel!...“ verſetzte Alfred barſch, ſchnell die Gallerie verlaſſend. „Ich werde den Teufel nicht heirathen, ſondern Fräulein Cornelia, erwiderte Robineau, gleichfalls mit entſchloſſener Miene, auf den Hof zulaufend. Ha! man liebt mich nicht!... Ha! ich mache eine Dumm⸗ heit!... ſagt er vor ſich hin, indem er nach dem Stalle geht. Ich kenne das... potz Tauſend!... das iſt leicht zu errathen, möchte mir gerne das Fräulein de la Pincerie wegſchnappen, und deßhalb ſucht er mich von dieſer Verbindung abzubringen... die Liſt iſt aber zu plump. Um ihm jede Hoffnung zu be⸗ nehmen, wollen wir gleich zum Marquis eilen und 10 nicht von ihm gehen, als bis er mir die Hand ſeiner Tochter zugeſagt.“ Robineau ruft Kutſcher und Jockey, ſeinen Chara⸗ banc anzuſpannen, als Herr Ferulus herbeikommt, ſich nach der Geſundheit des Herrn vom Schwarzen⸗ fels zu erkundigen und zu melden, daß das Frühſtück aufgetragen ſei. Robineau denkt, es ſei auch nach dem Frühſtück noch Zeit, um die Hand der Fräulein Cornelia anzuhalten. Er folgt daher ſeinem Bibliothekar in den Speiſeſaal und ſagt ihm während des Eſſens: „Herr Ferulus, ich will mich ungeſäumt vermählen.“ Herr Ferulus verzieht das Geſicht, weil ihm das Leben auf dem Schloß ſehr behagt, und er ſogleich einſieht, daß die Ankunft einer Hausfrau ſeinen Ein⸗ fluß bedeutend vermindern werde. Da indeß Robi⸗ neau auf ziemlich entſchiedene Weiſe ſprach und aus ſeinen Augen leicht zu entnehmen iſt, daß er Glück⸗ wünſche erwartet, bemüht ſich Herr Ferulus, ſeine Grimaſſe in ein Lächeln umzuwandeln und erwidert mit ſüßlicher Miene:„Gnädiger Herr, die Ehe iſt von der Vorſehung eingeſetzt und ſchreibt ſich aus den früheſten Zeiten des Alterthums her, große Männer haben immer eine entſchiedene Neigung für die Ehe gehabt: Herkules heirathete in einer einzigen Nacht neunundvierzig Töchter des Theſpius, Königs von Böotien, und wenn man Dio Caſſius glauben darf, ſo gab Cäſar ein Dekret heraus, das ihn zum Ge⸗ mahl aller Weiber von Rom erklärte... Jetzt aber kann man nur noch eine einzige Frau auf einmal nehmen und in der That, ich glaube, es iſt genug. V — 11 Darf ich wiſſen, gnädiger Herr, wer der Gegenſtand iſt, auf den Ihre Augen fielen?“ 4 „Die jüngere Tochter des Herrn Marquis de la Pincerie, eine junge, große, gut gebaute Perſon, Namens Cornelia, die bei Tiſche neben mir ſaß. „Aha! ich weiß, gnädiger Herr, ich weiß!... da mache ich Ihnen mein Compliment, es war die ſchönſte Dame beim Feſte!“ „Der liebe Herr Ferulus! ruft Robineau, die Hand ſeines Bibliothekars freundſchaftlich drückend. Nun, das laß ich mir gefallen!... er verſteht ſich darauf, er billigt meine Wahl, weil Leidenſchaft ihn nicht verblendet, und er ſagt, was er denkt.“ „Ob ich Ihre Wahl billige! gnädiger Herr, ich thue mehr, ich beſinge ſie in Jamben, Hexametern, und Pentametern.“ 4 „Sehr gut, lieber Ferulus, ich gehe auf der Stelle zum Herrn Marquis; Sie ſehen wohl ein, daß ich eine ſolche Sache nicht vernachläſſigen darf. Ein Anderer würde mir Fräulein Cornelia weg⸗ ſchnappen und ich wäre untröſtlich... Ich hoffe, die Familie vor der Hochzeit einige Tage auf dem Schloſſe zu beherbergen.“ „Gehen Sie, gnädiger Herr,“ ſagt Ferulus, ihn bis zum Wagen begleitend. Alfred war, als er Robineau verließ, auf den Grasplatz gegangen, wo er in großer Anfregung um⸗ herlief, Eduard zu erwarten. Endlich erſcheint dieſer, und Alfred geht ihm entgegen. 4 Eduard ließ ſeinem Pferd die Zügel, und ganz 12 mit Iſauren, ſeiner Liebe und dem ſeinem Glück ent⸗ gegenſtehenden weißen Hauſe beſchäftigt, ſah er nicht um ſich her und glaubte ſich noch nicht ſo nahe beim Schloß. Plötzlich rief ihm eine Stimme zu:„Halt! ſteig ab, ich will mit Dir ſprechen!...“ Eduard ſchauderte beim Schall dieſer ihm wohl⸗ bekannten Stimme, die ihm aber in dieſem Augenblick durch Zorn entſtellt ſchien, zuſammen. Er ſchlägt die Augen auf und ſieht Alfred vor ſich, blaß, unbeweg⸗ lich, obgleich ſich ſeine Aufregung in all ſeinen Zügen kundgibt. Eduard ſteigt ab und läßt ſeinem Pferde, das ſich ſelbſt nach dem Schloſſe begibt, freien Lauf. Auf einen Wink Alfreds ſchlagen Beide einen mit Bäumen beſetzten Weg ein; bei einem etwas abge⸗ legenen Orte halten ſie. Eduard ſchweigt und wartet bis ſein Gefährte ein Geſpräch beginnt, deſſen Gegen⸗ ſtand er erräth. „Du kommſt von Iſauren? fängt Alfred an.— Ja.. ich verlaſſe ſie in dieſem Augenblick.— Auf dieſe Art alſo hältſt Du Dein Verſprechen!... Er⸗ innerſt Du Dich unſerer Uebereinkunft nicht mehr 2... Und auch ich wünſchte hundertmal, mich allein ohne Dich ins Gebirge zu begeben, mich mit dem Mädchen allein zu finden... aber ich verſagte mir die Erfüllung dieſes Wunſches... weil ich mich ſcheute, mein Wort zu brechen... Und Du2— Alfred, ich hatte Unrecht, ich bekenne es... Aber meine Liebe für Iſaura iſt ſo heftig, daß ich mich nicht mehr zu bemeiſtern vermochte.— Sag, daß Du, weniger delikat als ich, mit meiner Treuherzigkeit Dein Spiel triebſt!.— : 8 V 13 Alfred, ich bitte, hör' mich an; glaube nicht, daß ich bloß ein gewöhnliches Gefühl für Iſauren hege...— Und wer ſagt Dir, daß ich ſie nicht eben ſo ſehr liebe, als Du?2. Dich geliebt zu machen, brauchſt Du Seufzer... Melancholie... Ich, ich gehe offener zu Werk, erkläre mich... verberge meine Liebe nicht.— Aber Alfred, das Mädchen kann nicht uns Beide lieben, und wenn... wenn ſie nicht Dir den Vorzug gibt?“ „Ich verſtehe Dich, entgegnet Alfred mit Unmuth; ich ſehe, daß Du dieſen Morgen das Alleinſein mit ihr benützteſt, nichts vernachläſſigteſt, den Sieg über 6 mich davon zu tragen... Und Du glaubſt, ich werde mich gleich auf dieſes Geſtändniß hin zurückziehen und Dir die Eroberung abtreten! Du wirſt mir jedoch erlauben, etwas an Deinem Triumph zu zweifeln und zu verſuchen, ebenſo glücklich zu werden als Du... Auch ich will Iſaura allein ſehen; vielleicht läßt ſich dann dieſe ſtolze Schönheit herab, ſich weniger ſtreng gegen mich zu zeigen.“ 3 „Ich weiß nicht, welches Ihre Abſichten ſind, mein Herr, weil Sie mich aber zwingen, ſo ſage ich Ihnen: ja, Iſaura liebt mich, zieht mich vor... So eben erſt hat ſie es mir geſtanden.“ „In Wahrheit! Sie kommen mir in dieſem Augen⸗ blick gerade vor wie Robineau, als er mir vorhin ſagte, Fräulein de la Pincerie bete ihn an... All' dieſe Herren überreden ſich, daß man ſie anbete!... Ohne eben ſo viel Eigenliebe zu haben, werden Sie 1 mir erlauben, der Meinung zu ſein, daß ich gleichfalls gefallen kann... Aber ich werde die kleine Iſaura — 14 ſehen, die koketter iſt, als ich ihr zugetraut hätte!... und ſage Ihnen zum voraus, daß ich mein Möglichſtes thun werde, von ihr angebetet zu werden.“ „Was Sie auch ſagen mögen, ſo verwechsle ich Iſaura nicht mit den Koketten, die wir kannten.. und fürchte nicht, daß ſie die mir geleiſteten Schwüre vergeſſe.“ „Ah! Ihr habt einander ſchon zugeſchworen!... Ich ſagte ja, man habe die Zeit benützt... Das iſt alſo die ſo ſeltene Tugend, die ſich bei dem erſten Téte-à-téte ergibt!“ „Die ſich ergibt!... wie, Alfred, Sie könnten glauben!.— Ol denke nicht, daß Du mich hinter⸗ gehen könneſt...— Alfred, ich ſchwöre Ihnen!... — Ich glaube nicht an die Schwüre eines Menſchen, der ſich gegen die Delikateſſe verfehlt.— Alfred l... — Ja, ja, ich wiederhole es;... und wenn Sie das beleidigt, ſo ſagen Sie ein Wort und ich ſtehe Iynen⸗ zu Dienſten. B Eduard und Alfred bleiben eine Weile ſtill. Erſte⸗ rer aber bedenkt, daß er glücklicher iſt als Alfred, weil er von Iſauren geliebt wird; er denkt an den Kummer, die Betrübniß desjenigen, der das Herz der jungen Hirtin nicht zu rühren verſtand; da ver⸗ ſchwindet ſein Zorn, er beklagt ſeinen Nebenbuhler, ſagt ſich, der Glücklichere müſſe den Andern entſchul⸗ digen, und Alfred näher tretend, reicht er ihm die Hand, drückt ſie innig und ſagt:„Könnteſt Du Dich denn mit mir ſchlagen?“ Alfred iſt bewegt, aber er bemüht ſich, ſeiner Herr 4 15 zu werden, indem er erwidert:„Muß man nicht Genug⸗ thuung geben, wenn man Jemand beleidigt hat?..“ „Kann ich aber durch ein Wort beleidigt werden, welches der Zorn Dir eingibt und Dein Herz miß⸗ billigt?... Muß man ſeinem Freunde nicht etwas verzeihen?... Und zu was diente die Freundſchaft, wenn ſie nicht nachſichtiger gegen die wäre, welche man liebt?.“ „Freundſchaft!... ich glaube nicht mehr an die Ihrige...— Alfred, ich habe Dir nur noch eins zu ſagen... Iſaura ſoll meine Frau werden...“ „Ihre Frau, rief Alfred erſtaunt aus. Ihre Frau!... dieſes Bauernmädchen!...— Ja, ich bin dazu entſchloſſen... Verzeihſt Du mir jetzt den Vor⸗ zug, den ſie mir gibt?“ „Wenn Sie das Mädchen in der That zur Frau nehmen wollen, verſetzt Alfred nach einer Weile, ſo müſſen Sie den Sieg davon tragen, denn ich geſtehe, ich hatte nie dieſe Abſicht... Aber... es wird mir nicht leicht zu glauben!... Uebrigens werde ich mich von der Wahrheit zu überzeugen wiſſen.“ Alfred ſchlägt den Rückweg nach dem Schloſſe ein, Eduard deßgleichen; doch ſprechen ſie kein Wort mehr miteinander. Zweites Kapitel. Geſpenſterfurcht.— Alſred und der Vagabund. Am andern Morgen herrſchte große Unruhe unter den Leuten des Schloſſes; ſie verſammelten ſich im — 16 Hofe um den Jockey, welcher erzählte, daß er geſtern Nacht Licht im nördlichen Thurme geſehen habe; Vincent fügte bei, ihm ſei vor einigen Tagen im Garten Jemand begegnet, aber auf ſein Anrufen davon gelaufen. Alle fanden etwas Außerordentliches darin, nur war man verſchiedener Meinung darüber und beſchloß, den eben durch den Hof gehenden Ferulus um ſeine Meinung zu befragen. Nachdem man Herrn Ferulus den Vorfall erzählt, wobei er ſehr aufmerkſam zuhörte und mehrmals den Kopf ſchüttelte, ſchwieg er eine Weile, und fragte dann Benedikt, den Jockey:„Biſt Du gewiß, daß es ein Licht war, was Du im Thurm ſaheſt?— Frei⸗ lich! mein Herr, es bewegte ſich hin und her.— Und Ihr, Vincent, ſeid Ihr gewiß, daß ein Mann im Garten war?“ „Gewiß;... d. h. ein Mann oder Weib, über das Geſchlecht kann ich nichts behaupten... Aber es war Jemand, denn es ging umher und lief vor mir davon.“ „Das Alles kommt mir ziemlich ſonderbar vor,“ ſagt Ferulus. „Seht, es iſt ſonderbar, ruft Jeannette, und wir müſſen uns fürchten.“ „Das ſage ich nicht... Es gibt Dinge, die uns von ferne wunderbar vorkommen... und in der Nähe geſehen, oft ganz natürlich ſind... Es gibt ſogar welche, die, zu nahe betrachtet, viel verlieren. Ehe ich mich indeß hierüber ausſpreche, möchte ich mich ſelbſt von der Wahrheit überzeugen, denn pluris est ocu- latus unus quam auriti decem!...“. ——́ᷓꝑQ—ʒʒʒQ——QOCQOQ᷑—Q⸗O„Bqj—— „ 17 „Seht Ihr, ſagt Cunette, das heißt, es ſeien Dummheiten und Ihr habt nur geträumt... „Nein, das heißt's durchaus nicht, verſetzt Ferulus. Ol mein lieber Cunette, Ihr überſetzt nicht wörtlich. Ich denke primo, entweder iſt es etwas oder es iſt nichts. Das iſt mein Princip, wovon ich ausgehe, denn man muß immer von einem Princip ausgehen.“ „Wahrlich! ſagt Jeannette, der Herr, der ein Gelehrter iſt... denn er hat mir ſchon viele Dinge gezeigt..“ „Gut, gut Jeannette! das bleibt inter nos, ſagte Ferulus, das Mädchen an den Arm ſtoßend, geht nicht von der Frage ab.“ „Nun denn, Herr Ferulus, fährt Jeannette fort, ſagt uns gerade heraus, ob es Geſpenſter gibt oder nicht?“ „Ja, ja, rufen alle Uebrigen, daß wir wenigſtens wiſſen, woran wir ſind.“ „Meine Kinder, verſetzt Ferulus, nachdem er ſich langſam geſchneuzt hatte, dieſe Frage iſt litzlich. Hippokrates ſagt Ja und Galen Nein!..— Aber wir wollen nicht die Meinung des Herrn Pokrates, ſagt Jungfer Gaul, ſondern die Eurige.“ „Meine liebe coqua... gemeinhin Köchin genannt, unterbrecht mich nicht. Ihr wollt wiſſen, ob es Ge⸗ ſpenſter gibt oder gegeben hat, oder ob man noch daran glauben darf; die Frage, von der ich ausgehe, wäre nun: Darf man an Geſpenſter glauben?... Der heilige Auguſtin behauptet, es ſei eine Verwegen⸗ heit, die enge Verbindung der Teufel mit den Weibern zu läugnen;... aber Montaigne ſagt, man ſolle die Paul de Kock. XXVI. 2 Zauberer ins Tollhaus ſchicken und nicht auf den Scheiterhaufen. Ich für meinen Theil glaube nicht an übernatürliche Dinge... Erſtlich habe ich nie welche gemacht. Indeß gehöre ich nicht zu Pyrrhos Schule. Ebenſowenig bin ich einer von den Leuten, die Alles weg⸗ läugnen!... Ihnen zufolge wäre Xerxes nicht mit fünf Millionen nach Griechenland gekommen; eine Wölfin hätte nicht Romulus und Remus geſäugt; Mutius Scävola hätte ſeinen Arm nicht ſtolz über ein glühendes Kohlenbecken gehalten; ſie glauben nicht an das Geſpenſt, das dem jüngern Brutus zweimal erſchien, noch an das von Conſtantin dem Großen in den Lüften erblickten labarum... Ich weiß wohl, das Alles iſt ſehr wunderbar;... ſowie es aber in der Geſchichte ſteht.. O! dann... wie Virgil ſagt: Felix qui potuit rerum cognoscere causas! das nun, Freunde, iſt meine Meinung über Geſpenſter; und ich rathe Euch, darnach zu achten. Uebrigens halte ich es für unnöthig, den gnädigen Herrn damit zu beläſtigen.“ Mit dieſen Worten entfernt ſich Ferulus, um Ro⸗ bineau ſeine auf Fräulein Cornelia gemachten Verſe zu überreichen und die Diener, welche von dieſer Rede nichts verſtanden hatten, gingen auseinander nicht klüger als zuvor. Eduard verläßt frühe ſein Zimmer, ſchon längſt wäre er aus dem Schloſſe, wenn er nicht geglaubt hätte, auf Alfred warten zu müſſen, um ſich mit ihm zu Iſaura zu begeben. Er hoffte, ihm dadurch zu beweiſen, daß er nicht auf die Gefühle des jungen 19 Mädchens einzuwirken ſuchte, und daß ihr Herz allein ſie leite. Obgleich ihn der erlangte Vorzug glücklich macht, möchte er doch nicht, daß ſein Glück in der Liebe ihm ſeinen Freund Alfred, für den er die innigſte Freundſchaft hegt, entzöge. Die Zeit vergeht; Eduard, vor Ungeduld brennend, Iſauren wieder zu ſehen, wundert ſich über Alfreds Zögern. Endlich erſcheint dieſer; aber beim Anblick Eduards umwölkt ſich ſeine Stirne und ein Ausdruck des Mißvergnügens malt ſich in ſeinen Zügen. „Ich wartete auf Dich, redet Eduard ihn an, indem er ſeine Hand faſſen will; Alfred aber zog ſie ſchnell zurück und antwortete kalt: Und warum war⸗ teten Sie auf mich?“ „Um mit Dir... um zuſammen zu Iſaura zu gehen.— Zuſammen! ſagte Alfred ironiſch; das ſcheint mir künftig unnöthig... Jedem ſteht frei, zu thun, was ihm beliebt.. Gehen Sie, laſſen Sie ſich durch nichts abhalten.. ich werde mich auch allein ins Thal begeben.“ „Alfred, Du zürnſt mir noch! ſagte Eduard mit kummervoller Stimme.— Nein; ol ich hätte gewiß ſehr Unrecht;... Ihr Benehmen iſt ſo aufrichtig!.. Und wann werden Sie Iſaura heirathen?“ Eduard ſchwieg und war verlegen. „Nun! Sie antworten nicht? fährt Alfred höh⸗ niſch fort; wenn man ſo verliebt und der Gegen⸗ liebe gewiß iſt, ſehe ich nicht ein, warum man ſein Glück verſchieben ſollte... Ihr ſeid Beide frei, nichts kann ſo ſüßen Banden im Wege ſtehen... haben 20 Sie im Sinn, aus dieſer Ehe ein Geheimniß zu machen?... Sie, der Sie die Vorurtheile der Welt ſo verachten..“ „Nein, mein Herr, wenn ich Iſaura heirathe, mache ich kein Geheimniß daraus! ich ſcheue mich nicht, ſie laut meine Frau zu nennen.“ „Wenn Sie ſie heirathen!... Ach! es ſcheint, Sie find heute nicht ſo entſchloſſen dazu, als geſtern... Wahrhaftig, Eduard, Sie müſſen mich für ſehr leicht⸗ gläubig oder für ſehr dumm halten, um zu denken, ich werde mich durch dieſe Liſt, die mich von der Kleinen völlig entfernen ſoll, täuſchen laſſen!.. Ja, ich geſtehe, das Mädchen iſt ſehr hübſch; aber Sie wiſſen ſo gut als ich, daß man nicht alle hübſchen Frauenzimmer zu heirathen braucht; und wenn es ſich nur um ein Landmädchen handelt, der man ſo leicht den Kopf verrücken kann... ſo werde ich nie glauben...“ „Deſto ſchlimmer für Sie, mein Herr, wenn Sie denken, man könne nicht bei derjenigen bleiben, die Alles in ſich vereint, was uns glücklich machen kann. Ich habe Ihnen offen geſagt, welches meine Abſich⸗ ten find.. Ich kann Sie nicht zwingen, mir zu glauben... doch hoffe ich, Sie bald zu überzeugen, daß ich Sie nicht täuſchte.“ Eduard verläßt hiemit Alfred und reitet allein aus dem Schloß. Alfred bleibt einige Minuten nachdenklich. Er weiß nicht, was er thun ſoll; Iſaura findet er rei⸗ zend, ſeine Eigenliebe iſt gereizt, es kommt ihn ſauer —— 21 an, die Hoffnung auf die kleine Ziegenhirtin ſo leicht aufzugeben. Wäre er indeß gewiß, daß Eduard ſie wirklich zur Frau nehmen wollte, ſo würde er auf der Stelle auf den Beſitz des Mädchens verzichten. Endlich entſchloß er ſich ebenfalls, zu Iſaura zu gehen, und ſich mit eigenen Augen zu überzeugen, ob Eduard wirklich ihm vorgezogen wurde. Er be⸗ ſtieg daher das einzige noch übrige Pferd und verließ eine Viertelſtunde nach Eduard das Schloß. Dies⸗ mal trieb er ſeinen Renner nicht ſtark an, ſondern ſann über die Mittel nach, die Wahrheit zu erfor⸗ ſchen. Er möchte, ohne geſehen zu werden, ſeinen Nebenbuhler belauſchen; und doch widerſtrebte der Gedanke des Spionirens der Geradheit ſeines Cha⸗ rakters zu ſehr, als daß er ſich dabei hätte verweilen können. Als er nicht mehr ferne von Iſaurens Wohnung war, fällt plötzlich Jemand, hinter einem Felſen hervorkommend, ſeinem Pferd in die Zügel mit den Worten:„Sie ſind zu ſpät auf dem Weg, man iſt Ihnen zuvorgekommen.“ Alfred erkannte den Vagabunden, der, auf ſeinen Stock geſtützt, den jungen Mann funkelnden Auges ſtarr anblickte. „Ah! Ihr ſeid es! rief Alfred, und was wollt Ihr ſagen?.— Daß Sie ſich zu ſpät auf deu Weg begeben. Ihr Nebenbuhler iſt früher auf den Beinen... und wendet ſeine Zeit gut an... Geſtern kamen Sie gar nicht; aber er kam und kehrte ganz fröhlich heim!..“. 22 Ein höhniſches Lächeln begleitete dieſe Worte. Die Züge des Unbekannten hatten noch einen ſtärkern Aus⸗ druck von Heimtücke und Bosheit als gewöhnlich. „Wie wißt Ihr das?“ fragte Alfred. „Wie ich es weiß... ol zum Henker, das iſt eben kein Kunſtſtück... Verliebte glauben ſich immer allein und geniren ſich nicht ſehr... ich hatte Zeit genug, ihre Küſſe zu zählen!...“ „Ihre Küſſe!“ wiederholte Alfred zitternd vor Wuth. „Eil gewiß... das wundert Sie?. O! Ihr Freund macht ſich nicht übel... mit ſeiner ſüßlichen Miene kommt er ſchnell vorwärts... Was mich wundert, iſt, daß Sie... der Welt zu haben ſcheint, nicht weiter ſind, als er.“ „Wenn man aber Eduard vorzieht!... erwidert Alfred, einen Seufzer unterdrückend. „Vorzieht!... gehen Sie doch! geben denn ſolche Mädchen Jemand einen Vorzug?... ſie lieben Je⸗ den, der ihnen den Hof macht... ſie würde Sie eben ſo geliebt haben, wenn Sie nicht immer zuletzt gekommen wären... Uebrigens liegt es jetzt auch nur an Ihnen, den Sieg davon zu tragen... Wiſſen Sie nicht, daß man mit Zeit und Geld Alles über⸗ windet?“ 3 „Auf Ehre, verſetzt Alfred, den Vagabunden ver wundert anblickend, Ihr habt Grundſätze, die ich nicht hinter einem alten Soldaten geſucht hätte...“ „Einem Soldaten... und wer ſagt Ihnen, daß ich Soldat geweſen ſei?“ unterbricht ihn der Fremde ſtolz. — 23 „Ihr ſelbſt, als Ihr neulich von meinem Vater ſpracht, deſſen Namen Euch ſo ſehr auffiel.“ Der Unbekannte runzelt die Stirn und ſchweigt einige Augenblicke; endlich fährt er fort:„Davon iſt jetzt nicht die Rede;... wollen Sie ſich denn die Kleine von Ihrem Nebenbuhler vor der Naſe weg⸗ fiſchen laſſen, wenn es nur an Ihnen liegt, ſie zu beſitzen?... Ich geſtehe, das wundert mich an dem jungen Baron von Marcey!...“ „So leichtſinnig und unternehmend ich auch ſein mag, ſo ehre ich doch das Glück meiner Freunde... So lange es ſich nur um eine Laune handelte, konnte ich Eduard auszuſtechen ſuchen!... Da er aber das Mädchen zur Frau nehmen will...“ „Zur Frau nehmen!... lachte der Fremde ſpöt⸗ tiſch heraus. Nun! das wäre doch ſtark... Wenn Sie Eduard lieben, leiſten Sie ihm einen wahren Dienſt, indem Sie ihn von einer ſolchen Thorheit abhalten.“ „Ihr ſprecht mit großer Zuverſicht... Was läßt Euch ſo ſchlecht von dem jungen Mädchen denken?“ „Ich habe Augen, habe Erfahrung!... und Sie kennen die Frauen, wie konnte es Ihnen entgehen, daß das eine kleine verſchmitzte Abenteurerin iſt, mit ihrer unſchuldigen und ſanften Miene? Was iſt es für ein Mädchen, deren Eltern man nicht kennt und der die Pflegeltern Alles vermachen? die Jeden, der bei ihr einſprechen will, großmüthig und gaſtfreund⸗ lich empfängt? allein im Gebirge lebt und ſpricht wie eine Frau von Erziehung? Aber das iſt nicht 24 Alles: es gibt noch weitere Geheimniſſe, die ich her⸗ ausbringen will.. Alfred dachte nach über das, was er gehört; allerdings gibt Iſaura's Benehmen manchem Argwohn Raum. Der vor ihm Stehende betrachtet ihn aufmerkſam und ſchien in ſeinen Augen leſen zu wollen, was in ſeiner Seele vorgeht. Nach langem Schweigen fährt er endlich fort:„Nun das iſt einmal ein Zögern... Zeit und Seufzer verlieren für ein unbedeutendes Mädchen!... die froh iſt, wenn ſie verführt wird . Wäre es die Erbin eines großen Namens, ein edles Burgfräulein, ſo könnte man nicht mit mehr Ehrfurcht zu Werke gehen?... Sind wir denn wie⸗ der in die alten Ritterzeiten zurückgekommen?... Ich möchte es beinahe glauben; o!... man ſollte ein Turnier für dieſe junge Schönheit geben!... einige Lanzen brechen, zum Beweis ihrer Tugendhaftigkeit .. und einige Schädel einſchlagen zu Gunſten ihrer Unſchuld!... Glückliche Zeit, wo es für eine Dame genügte, ſich den tapferſten und kräftigſten Kämpfer zu erwählen, um als die Schönſte und Tugendſamſte anerkannt zu werden!“ Alfred hörte aufmerkſam den letzten Worten des Unbekannten zu. Nun blickte er ihn genauer an und ſagte:„Wer ſeid Ihr denn aber?... der Ihr mir Rath ertheilen wollt, den ich nicht begehre!... Ich ſehe jetzt, daß ich im Irrthum war... Nein, Ihr ſeid kein alter Krieger... Eduard hatte es beſſer getroffen, als er mir ſagte, daß Ihr von Stande — 25 ſein müſſet... und in der That.. Eure Sprache ... obgleich Ihr einen gemeinen Ton und plumpe Manieren affektirt... Eure Sprache verräth doch, daß Ihr Erziehung, Kenntniſſe habt... Welche Er⸗ eigniſſe brachten Euch denn in dieſe traurige Lage?“ „Was finden Sie denn Beſonderes daran, ob ich reich und angeſehen war und nicht mehr bin? das ſieht man alle Tage!. Iſt man nicht tauſend Schickſalsſchlägen in der Welt ausgeſetzt... und be⸗ ſonders je höher man ſteht, um ſo mehr iſt man in Gefahr, zu fallen... Ob dieſe Unfälle meine eigene Schuld oder die Anderer ſind... brauche ich Ihnen nicht zu ſagen... Ich hatte heftige Leidenſchaften und ſuchte ſie zu befriedigen... das iſt ſo ziemlich die Geſchichte aller Menſchen.“ „Ihr werdet zugeben, ſagte Alfred lächelnd, daß Eure jetzige Lage keine Luſt einflößt, Euch nachzu⸗ ahmen.“ „Ol wie viele Andere haben's toller getrieben als ich, und ſtehen noch hoch am Brette!... Und was ſehen Sie denn im Ganzen ſo Unglückliches an meiner Lage? Ich bin frei... mein eigner Herr; kann den ganzen Tag thun, was mir beliebt... mein Anzug iſt zwar nicht elegant, aber er bedeckt mich und das iſt mir genug, ich beneide den Reichthum Anderer nicht, weil ich mich in Genüſſen ſättigte; wenn man ſich oft in feinen Weinen berauſchte, ſchmeckt auch ein Trunk Waſſer gut.“ Aber ich glaubte aus Euren Reden zu bemerken, daß Ihr eine ziemlich ſchlechte Meinung von den Weibern habt... Sie haben Euch alſo mißhandelt, daß Ihr ihnen ſo zürnet? „Mißhandelt! gar nicht!... im Gegentheil, ich war ihr Schooßkind... ſie vielmehr könnten ſich über mich beklagen... Eine indeß liebte ich aufrichtiger als die üürigen... dieſe allein hätte, glaube ich, meinen Charakter bezähmen und meine Leidenſchaften hewältigen können; kurz, mit ihr wäre ich vielleicht ein geordneter Menſch geworden und irrte jetzt nicht in dieſem Gebirge umher!...“ „Warum habt Ihr ſie nicht geheirathet?“ „Warum?... entgegnet der Unbekannte und düſtre Wuth blitzt aus ſeinen auf Alfred gehefteten Augen! weil ein Glücklicherer ſie mir wegnahm... und dieſer Andere...“ „Nun... dieſer Andere?— Noch konnte ich mich nicht an ihm rächen;... aber bald wird die Zeit kommen und ich werde ſie nicht verſtreichen laſſen.“ „Nie kannte ich das Vergnügen der Rache!— Ha! Sie ſind noch jung!... doch kennen Sie die Liebe... und laſſen Ihr Mädchen ſich vor der Naſe wegſchnappen... wenn es nur an Ihnen hängt. „Wenn es nur an Ihnen hängt!... Auf Ehre, Ihr habt gut reden;... Iſaura iſt ſpröder als Ihr glaubt.“ „Geſtern mit Ihrem Freund war ſie's nicht.“ „Sie hat einen ſchwer zu beſtechenden Wächter bei ſich... „Kann man ſie aber nicht von dieſem treuen — 27 8 Wächter entfernen?...— Wie?— Man kann ja dieſe Kleine weit von ihrer Wohnung entfernen„ ſie dann wo anders hinführen... an einen Ort, wo man Herr wäre, mit ihr anzufangen, was man wollte, verſteht ſich, daß man ſie in ihr Häuschen zurück⸗ brächte, wenn ſie durchaus nicht nachgeben wollte?— Und wer ſollte ſich mit dieſem Unternehmen befaſſen? Wer? ei potz Tauſend, ich!— Ihr?— Ja ich; wenn Sie wollen, ſagen Sie ein Wort, und Ihr Neben⸗ buhler ſoll die Kleine nicht mehr im Neſte finden.“ Alfred betrachtete den Vagabunden eine Weile, dann rief er aus:„Ihr ſeid ein Elender!... ent⸗ fernt Euch! kein Wort mehr!... ich erröthe, daß ich ſolche Vorſchläge anhören konnte!...“ Der Fremde brach in ein höhniſches Gelächter aus: „Wie, eine kleine Entführung eines jungen Mädchens, die nichts Beſſeres wünſcht!... eine gewöhnliche Schelmerei macht Ihnen Furcht!... O! ich dachte beſſer von Ihnen, Herr Baron, aber ganz nach Ihrem Belieben!... Mag Ihr Freund ſich auf Ihre Koſten beluſtigen, die Kleine Sie auslachen für Ihren Re⸗ ſpekt!... Was liegt mir im Ganzen daran?... was kümmert's mich?... Allein ich wette, Sie wer⸗ den in Kurzem einſehen, daß mein Rath gut war; ... dann... wann Sie mich brauchen, werden Sie mich wieder finden;.. denn ich trage ein Wort nicht nach. Auf Wiederſehen.“ Der Fremde kehrt Alfred den Rücken und ver⸗ ſchwindet auf einem ſchmalen Fußpfad zwiſchen den Felſen, und der junge Marcey ſchlägt nach kurzem 4 28 Nachdenken den Rückweg zu dem Schloſſe ein, ſtatt ch Iſaurens Wohnung zu reiten. Drittes Kapitel. Die Familie de la Pincerie im Schloſſe. Die Reden und Vorſchläge des Vagabunden hatten auf Alfred einen ganz andern Eindruck gemacht, als dieſer davon zu hoffen ſchien. Empört über die ge⸗ häſſigen Einflüſterungen dieſes Elenden, dachte Alfred über das Ungerechte ſeines Benehmens gegen Eduard nach; er fühlt, daß er ihm kein Verbrechen aus ſeinem Siege über ihn machen dürfe; und wenn ihn Iſaura liebt, ſo nimmt er ſich vor, das Glück ſeines Freun⸗ des nicht zu ſtören. 1 Zufriedener mit ſich ſelbſt über dieſen Entſchluß, empfing er Eduard wieder mit der alten Herzlichkeit, und Eduard eben ſo verwundert als entzückt über dieſe Veränderung, fühlt ſich weit glücklicher, ſeit er hofft, ſeinen Freund wieder gefunden zu haben. Am andern Tage begeben ſich beide zuſammen ins Gebirge; ſie ſprechen nicht von Iſaura, und beide ſcheinen ſich gleich ſehr zu fürchten, das Geſpräch auf ſie zu bringen. Als man dem Thale nahe kam, leidet Eduard für Alfred und doch ſoll er ſeine Angebetete wiederſehen; aber wenn wir glücklich ſind, möchten V wir gerne auch Alle, die wir lieben, unſer Glück theilen laſſen. . 29 3 Seit das Mädchen Eduard ihre Liebe geſtanden hat, ſcheut ſie ſich nicht mehr, ihr Vergnügen über ſeine Gegenwart offen an den Tag zu legen; auf der Schwelle ihrer Wohnung erwartet ſie ihn jetzt, weil ſie da näher bei der Straße und bälder in ſeinen Armen iſt. Die Gegenwart Alfreds ſcheint ſie nicht zurückzu⸗ halten, ſondern ihr angenehm zu ſein; ſie empfängt ihn mit derſelben Lieblichkeit, der nämlichen Freund⸗ ſchaft; aber ſie fürchtet ſich auch nicht, vor ihm das zartere Gefühl, das ſie an Eduard feſſelt, an den Tag zu legen. Alfred erwiderte ihre Artigkeit mit allem Anſtande, und bemerkte leicht, daß Eduard ihm wahr geredet hatte und er wirklich das Herz des Nädchens beſitze. Indeß gingen die jungen Männer bälder wieder, da beide ſich verlegen fühlten. „Mein lieber Eduard, ſagte Alfred auf dem Rück⸗ weg, in Zukunft laſſe ich Dich allein zu Iſauren gehen, Dich liebt ſie... ja, ich ſehe es... ſie ſucht es nicht zu verbergen... aber wahrlich, ſie iſt ſo hübſch, ſo verführeriſch ſelbſt für denjenigen, dem ſie nicht zu gefallen ſucht, daß ich trotz all' meiner Freundſchaft für Dich doch für nichts ſtehen könnte, wenn ich ſie häufig beſuchen würde... ja! ich würde irgend eine Dummheit machen, und hintennach bereuen; es iſt daher weit beſſer, ich ſtelle meine Beſuche bei ihr ein, oder warte wenigſtens, bis ihr Anblick weniger Eindruck auf mein Herz macht... Man behauptet, ich ſei leichtſinnig, flatterhaft; möchte ich es ebenſo⸗ ſehr ſein können, als man ſagt... und bald ver⸗ 7 30 geſſen!... Nun, es iſt vorbei... ſie liebt Dich, und von jetzt an will ich nicht mehr anders an ſie denken, als wie an eine Schweſter.“ Eduard drückt Alfreds Hand zärtlich und ruft aus:„Ein Freund wie Du!... und eine Geliebte wie ſie! braucht man weiter, um der Glücklichſte der Sterblichen zu ſein?“ Doch ſeufzte Eduard bei dieſen Worten, denn er dachte an Iſaurens Geheimniß und die Hinderniſſe, die ſich ſeinem vollen Glücke entgegenſetzten. Aber Iſaura liebt nur ihn, ſie wiederholte es ihm hundert⸗ mal; ihr Mund kann keine Lüge kennen; was ſie ihm noch verbirgt, wird ſich ohne Zweifel bald aufklären, ſie ſelbſt ließ es hoffen; er kann daher nur das ſüßeſte Glück in der Zukunft ſehen... Auf die Weiſe tröſtet ſich Eduard. Das Glück in der Zukunft ſehen iſt viel, ſelbſt wenn man es nie erreichen ſollte. Auf dem Schloſſe angekommen, fanden die jungen Leute Alles in großer Bewegung; Robineau, ſchon von der Stadt zurück, trafen ſie im Saal und Herr Ferulus deklamirte ihm ſeine Verſe vor. „Wünſchen Sie mir Glück, meine Herren, ruft er den beiden Freunden zu, ſobald er ſie erblicken kann; meine Wünſche find erhört worden!... ich ſiege über meine zahlreichen Nebenbuhler; mit einem Wort, der Herr Marquis de la Pincerie hat mir die Hand ſeiner Tochter feierlich zugeſagt und mich ermächtigt, mich bereits als ein Mitglied ſeiner er⸗ lauchten Familie zu betrachten.“ 8 „Mein lieder Freund, ſagte Alfred, weil man Dir 31 glückwünſchen ſoll, thun wir es; und jetzt, wo es entſchieden iſt, iſt es in der That das Beſte, was man thun kann... Willſt Du aber ſchon ein zweites Feſt in Deinem Schloſſe geben? alle Deine Leute ſehen ſo geſchäftig aus!...“ „Um die Zimmer für meine zukünftige Familie in Stand zu ſetzen, welche ſo gütig ſein will, die Tage bis zur Hochzeit auf meinem Schloſſe zuzubringen. Ich wollte mich augenblicklich vermählen, aber der Herr Marquis, der weſentlich auf die Formen, den Anſtand hält, behauptet, das könne nicht ſo plötzlich geſchehen. Ueberdies muß man die Papiere erhalten, Einkäufe beſorgen, den Brautſchmuck von Paris kom⸗ men laſſen;... kurz, damit uns die Zeit weniger lang vorkommt, bringt man ſie auf meinem Schloſſe zu, um zugleich das Vergnügen des Landlebens zu genießen. Heute noch erwarte ich die ganze Familie. Ich hoffe, meine Herren, ihr werdet künftig etwas länger hier ſein, und nicht das Schloß gleich am 6 frühen Morgen verlaſſen und erſt zum Eſſen wieder zurück kommen.“ „Ich verſpreche Dir, Deinen Damen Geſellſchaft Auo leiſten, bemerkte Alfred, und ſo galant und lie⸗ benswürdig zu ſein, als mir möglich iſt.“ „Ich wage nicht, Ihnen daſſelbe zu verſprechen, ſagte Eduard ſeinerſeits, ich fühle, daß ich ein ziem⸗ lich langweiliger Gaſt bin, und weil Sie ſo viele Geſe ichaft erhalten, erlauben Sie mir, Sie zu ver⸗ laſſen.... „Uns verlaſſen!... ſich entfernen, ohne meiner Hochzeit beizuwohnen!... Nein gewiß, das erlaube ich Ihnen nicht! Zudem würde es die Damen ärgern; ſie haben mich beſonders gefragt, ob meine beiden Freunde fortwährend auf dem Schloſſe ſeien und er⸗ mahnt, euch nicht abreiſen zu laſſen... Es iſt alſo abgemacht, Sie bleiben...O! wir wollen uns luſtig machen. Wir jagen... der Herr Marquis ſagte mir, er liebe die Jagd ſehr... Ihr lehrt mich jagen, meine Herrn, denn ich geſtehe, daß ich niemals einen Verſuch gemacht... meine Zukünftige ſagt aber, ein Mann müſſe das Schießen verſtehen; demnach will ich ein großer Jäger werden.“ „Gnädiger Herr, fällt Ferulus ein, die Ankunft dieſer Herrn hat uns unterbrochen; wenn Sie erlau⸗ ben, will ich ein auf Ihre Hochzeit gemachtes Ge⸗ dicht wieder von vorn anfangen, als Text nahm ich den ſchönen Vers des Properz: „Nec domina ulla meo ponet vestigia lecto.“ „Verzeihen Sie, Herr Ferulus, wir gehen; wenn Sie uns die Verſe jetzt ſchon vorleſen, nehmen Sie uns das Vergnügen der Ueberraſchung. Ueberdies werden Damen kommen, und da müſſen wir etwas mehr Sorgfalt auf unſere Toilette verwenden.“ „Das iſt wahr, ruft Robineau aus, und ich bleibe in meinem Reiſekleid!.. Franz, kleide Deinen Herrn an!“ 4 Alfred und Eduard gehen zur einen, Robineau zur andern Thüre hinaus; als ſich Ferulus allein ſieht, jedoch feſt entſchloſſen, Jemanden ſeine Verſe zu 9 recitiren, läuft er Jeannetten nach, die er gerat 33 Hof erblickt, und zwingt das arme Mädchen, hundert und vierzig Alexandriner bis zu Ende zu hören. Hier⸗ auf faßt er ſie beim Kinn und ſagt: Nun! wie findſt Du es?. Ah, mein Gott! welcher lapsus linguae! Wie findſt Du's, Jeannette?“ „Das Klaglied von Angelika und Medor iſt mir lieber, mein Herr.— Du biſt eine Einfältige, Jean⸗ nette! und wahrhaftig zu nichts gut, als Betten zu wärmen.— Ah! weil gerade davon die Rede iſt, mein Herr, laſſen Sie doch eine Bettflaſche kaufen; denn der Herbſt rückt heran, und wenn ich viele Bet⸗ ten auf dieſe Art im Schloß wärmen müßte, würde es ſehr anſtrengend!— Schweig! Ich habe Dir die angenehmſte Beſchäftigung angewieſen, verrichte ſie mit Anmuth und murre nicht.“ Um vier Uhr endlich langt die Familie in ihrem mit Wachstuch überdeckten Korbwagen an; man ſieht den Papa, den Onkel und die beiden Damen ausſteigen, hierauf kommt eine Menge Schachteln, Pakete und die übermäßig lange Jagdflinte des Herrn Marquis. Alfred und Eduard empfingen die Damen, da Robineau vor lauter Freude ganz gelähmt war; aber beim Anblick Alfreds nahm Fräulein Cornelia ihre vornehme, ſtolze Miene an und reichte Eduard ſchnell den Arm. Die ſchmachtende Eudoxia, welche ihrer⸗ ſeits mit dem jungen Poeten nicht ſehr zufrieden ge⸗ weſen war, ſchien die gegen Eduard bezeugten Gefühle auf Alfred übertragen zu wollen.. Der Marquis beſchäftigt ſich nur mit ſeiner Jagd⸗ flinte. Onkel Herzchen hat Befehl, den Transport der Paul de Kock. XXVI. 3 34— Schachteln zu überwachen. Robineau, der den Ge⸗ brauch ſeiner Füße wieder erlangt hat, empfängt die Geſellſchaft und führt ſie in den Salon, indem er zu Fräulein de la Pincerie ſagt:„ Verſchönern Sie die⸗ ſen Aufenthalt, deſſen Dame und Herrin Sie bald ſein werden.“ Die Damen laſſen ſich jedoch zuerſt ihre Gemä⸗ cher anweiſen, um ihre Toilette zu machen. Der Herr Marquis, der bereits in alle Ecken des Salons ſpuckte, will das ſeinige ebenfalls beſuchen, und Onkel Herzchen, mit den Details beauftragt, ſieht nach, ob die Karoſſe in die Remiſe gekommen und das Pferd gefüttert iſt. „Welche Bewegung die Gegenwart von Damen gleich macht! ſagt Robineau. Die Ankunft der Familie de la Pincerie wird dieſen Aufenthalt recht artig be⸗ leben, meine Herrn!. Ah! à propos; der Herr Marquis ſpielt ſehr gerne Whiſt, er hält darauf, alle Abend ſeine Partie zu machen, wer wird mit⸗ ſpielen?“. „Ich nicht, verſetzt Eduard, denn ich kann es nicht.— Ich kann es, aber ich mag nicht, weil es mich langweilt, ſagt Alfred.“ „Ich, gnädiger Herr, ſchmeichle mir, es ziemlich regelrecht zu ſpielen, bemerkt Ferulus.— Sehr gut, Herr Ferulus! Sie, Onkel Herzchen... und ich, wenn es ſein muß... wiewohl ich es nicht gut kann... gleichviel... man wird mir helfen; zudem hat mir Fräulein Cornelia geſagt, ſie halte ſehr darauf, daß ich die Partie mit ihrem Vater mache. Wie Schade, 3⁵ daß wir nicht einmal ein Klavier hier haben!... meine Zukünftige ſpielt und ihre Schweſter ſingt wie ein Engel... Wie! nicht einmal ein kleines Inſtru⸗ ment hier, die Sängerinnen zu accompagniren!.. „Du könnteſt Herrn Gaul mit ſeiner Trommel kommen laſſen.— Keine ſchlechten Witze, Alfred!“ „Gnädiger Herr, ich ſpiele die Querpfeife ziem⸗ lich gut, ſagt Ferulus, und wenn es den Damen angenehm wäre...“ „Wir werden ſehen... ich will es vorſchlagen. Aber ſie kommen nicht zurück!... Iſt das Mittag⸗ eſſen parat?“ 5 „Ganz parat, gnädiger Herr; ich fürchte nur, es möchte wieder kalt werden.“ „Ah! ich wette, bemerkt Alfred, ſie werden vor einer Stunde nicht hier ſein!... bis die Toilette ge⸗ macht iſt.. das will Zeit bei den Damen... Aber da kommt inzwiſchen der Onkel; ich habe ihn noch nichts Anderes ſagen hören, als: Ja, meine Nich⸗ ten! Ich bin begierig, zu ſehen, ob er auch etwas Weiteres weiß.“. Nachdem der Onkel das edle Roß ſeines Bruders hatte freſſen ſehen, begab er ſich wieder zur Geſell⸗ ſchaft. Er tritt, ſich verbeugend, lächelnd und hüpfend herein, hierauf ſieht er alle der Reihe nach an, ohne ein Wort zu ſprechen. Alfred aber geht auf ihn zu mit den Worten: „Man verſichert, der Herr Marquis liebe die Jagd ſehr;... ohne Zweifel Sie auch, mein Herr?“ „Ja... ol ja... ich gehe auf die Jagd, erwidert 36 Onkel Herzchen, ſich an der Naſe kratzend.— Sie ſind 3 guter Schütze?— Schütze?... nein... ol ich ſchieße nie.— Aber was machen Sie alsdann auf der Jagd?— Ja, ich trage die Sonnenſchirme der Damen..— Wie! dieſe Damen jagen auch?— Ja, ja! o! Cornelia ſchießt öfters Haſen!. Und ihre Schweſter?— Eudoxia ſchießt nicht, folgt aber der Jagd; die Bewegung des Pferdes iſt gut für ihre Nerven... Ah! Verzeihung... ich glaube, meine Nichten rufen mir... ich habe vielleicht eine Schachtel vergeſſen!...“ Herzchen geht eiligſt aus dem Salon, und Robi⸗ neau ſagt zu ſeinen Freunden:„Ihr werdet zugeben, meine Herren, daß es ſchwer iſt, einen gefälligeren und zuvorkommenderen Onkel zu ſehen!... auch hatte mir Cornelia geſagt, ich ſolle ihn zum Muſter neh⸗ men.— Sei ruhig, Robineau, ich ſtehe Dir dafür, man wird Dich ebenſogut dreſſiren.“ Nach einer guten Stunde kommen endlich die Da⸗ men, ohne merkliche Veränderung in ihrer Toilette, herbei, und man ſetzt ſich zu Tiſche. Diesmal ſitzt Alfred neben Eudoxien, worüber Eduard keineswegs eiferſüchtig iſt, dagegen würdigt ihn ſeine Nachbarin, die ſtolze Cornelia, einiger ſüßen Worte.“ „Mein Schloß iſt noch nicht, was es in einiger Zeit ſein wird, beginnt Robineau, ſeine Zukünftige verliebt anblickend, ich werde mich indeß bemühen, Ihnen den Aufenthalt ſo angenehm als möglich zu machen; meine Freunde... werden mich nach Kräf⸗ ten unterſtützen. Ihrer Gegenwart, meine Damen, — — — . 37 hoffe ich es zu verdanken, daß man ſie häufiger hier ſehen wird... denn Gott ſei's geklagt, ſeit unſerer Ankunft haben ſie ſich noch nicht viel hier aufgehal⸗ ten... mit dem früheſten Morgen flogen die Herren aus und kamen erſt um die Stunde des Mittags⸗ mahls wieder.“ „Gehen die Herren gerne ſpazieren?“ fragte Eudoxia. „Leibesbewegung iſt ſehr geſund, meinte der Mar⸗ quis, Schade, daß man Stiefel und Hoſen dabei zerreißt... Ich forſche ſchon lange nach etwas Oeko⸗ nomiſchem an deren Stelle.“ „Anſtatt der Hoſen, Herr Marquis?— Nein, nur der Stiefel.“ „Nicht allein des Spaziergangs wegen laufen dieſe Herren alle Morgen in's Freie„“ fährt Robineau mit ſchalkhafter Miene fort. „Sie jagten? ſagt der Marquis.— Nein... nein; das heißt, ſie jagten wohl, wie man's nimmt, ... aber ein Wild... welches... das...“ 1 „Erklären Sie ſich doch, mein Herr! unterbricht ihn Cornelia, man verſteht Sie nicht.“ „Es ſcheint mir, Herr vom Schwarzenfels, ſagte Eduard, dieſe Damen kümmern ſich wenig darum, wohin wir gehen.“ „Ha! ha! meine Damen, ſehen Sie... der Dichter wird ſchon roth! ruft Robineau lachend. Sie müſſen nämlich wiſſen, daß wir eine Zauberin in der Gegend haben.“ „Eine Zauberin!“ wiederholt Eudoxia entſetzt, 5 38 während Herzchen ſeine Gabel auf die Seite legt und Robineau eine Weile anblickt. „Eine Zauberin! wiederholt Cornelia mit einer Miene des Mitleids; ach! ich glaube nicht an Zau⸗ berer und Hexen!...“ „Sie verſtehen wohl, meine Damen, daß das nur eine Redensart iſt...— Gleichviel, ſagt Eudoxia; wenn ſie Karten ſchlägt, will ich zu ihr gehen, wo wohnt ſie?“. „Ungefähr zwei Stunden von da, in einem kleinen niedlichen Thale im Gebirge, nahe beim Dorf Chadrat. — Sie muß eine Eule, ein Käuzchen und eine ſchwarze Katze haben,“ meint Herzchen. „Von All' dem habe ich nichts bei ihr geſehen, verſetzt Alfred lächelnd, dagegen hat ſie aber die ſchönſten Augen von der Welt, Zähne, ſo weiß wie Schnee und eine ausnehmend ſanfte Stimme.“ „Ach mein Himmel! welches Bild! ruft Corne⸗ lia unmuthig aus; es ſcheint, der Herr hat ſie viel angeſehen...“ „Alſo ein junges Mädchen?“ bemerkt Eudoxia. „Ja, meine Damen, fährt Robineau fort, ein junges, gar nicht übles Mädchen, wiewohl ich nichts Beſonderes an ihr finde... kurz, ein Landmädchen, eine Ziegenhirtin, welche nach den Ausſagen der Schä⸗ fer der Umgegend das Vieh behext... und ich glaube, ſie hat es auch dieſen Herrn angethan...“ „Ahl es iſt ein junges Mädchen, fällt Eudoxia wie⸗ der ein, indem ſie Alfred anſieht, und zu ihr lenkten die Herren ihre Schritte... ich fange jan zu begreifen.“ LU— 39 „Ich begreife gar nicht, welches Vergnügen man daran finden kann, mit einer Ziegenhirtin zu ſpre⸗ chen,“ bemerkt Cornelia mit verächtlicher Miene. „Hätten Sie dieſe ſprechen hören, mein Fräu⸗ lein, entgegnet Eduard, würden Sie uns ſehr entſchuld⸗ bar finden. Es iſt keine Bäuerin, wie die, welche man im Gebirge trifft; es iſt ein junges Mädchen mit artigen, lieblichen Manieren, feinem, zartem Geiſt, ſanfter, rührender Stimme, die ſich ebenſo gut ausdrückt, als eine Perſon von Welt und Er⸗ ziehung.“ „Ah! mein Herr! wie Sie Feuer fangen!.. ſagt Cornelia ſpöttiſch. Sie ſind, wie ich ſehe, der Ritter dieſes außerordentlichen Mädchens.“ „Ich laſſe ihr Gerechtigkeit widerfahren, mein Fräulein, das iſt Alles.“ „Ei! erlauben Sie, mein Herr, nimmt Eudoxia wieder das Wort, wenn dieſe... Ziegenhirtin ſo iſt, wie Sie ſagen... ſo wäre ſie in der That eine Zauberin, denn kurz, wer hätte ſie anders ſprechen, anders ſich ausdrücken gelehrt, als die übrigen Land⸗ mädchen?... ſie hätte denn das Gebirge nicht immer bewohnt und wäre eine verlaſſene Ariadne.“ „Die Folgerung iſt völlig logiſch! bemerkte Fe⸗ rulus; ohne Lehrer kann ſie nicht gelernt haben; und mit Ausnahme meines Penſionats, worin ſie nicht geweſen iſt, kenne ich keinen Magiſter in der Gegend.“ „Ich geſtehe, meine Damen, ſagt Alfred, es liegt wirklich etwas Unerklärliches in den Verhältniſſen 4 40 dieſes Mädchens; ich glaube aber, das vermehrt noch ihre Reize.“ „Die Reize einer Kuhhirtin!... müſſen ſehr ver⸗ führeriſch ſein!...“ fiel Cornelia ironiſch lächelnd ein. „Mein Fräulein, bat Eduard; etwas Barmherzig⸗ keit für Jemand, den Sie nicht kennen!...“ „Ol ich ſehe, meine Herren, daß man nicht gut ankäme, wollte man in Ihrer Gegenwart übel von der Hirtin reden!... Ich laſſe Ihnen Ihr Schäfer⸗ mädchen, allein ich geſtehe, ich hätte es mir nie ein⸗ fallen laſſen, daß zwei junge Männer von ſo gutem Ton an einer ſo gemeinen Natur Gefallen finden könnten!...“ „Ich ſage, man muß ſie ſehen, um ſie richtig zu beurtheilen, ſprach der Marquis, ich werde in der Gegend jagen.“ 3„Der Herr Marquis hat Recht, verſetzte Ferulus, man muß nicht reden, ohne zu kennen... Jedermann ſpricht von der ſchönen Helena, aber nur Wenige wiſſen, daß ſie fünf Männer hatte, Theſeus, Mene⸗ laus, Paris, Deiphobus, Achilles, daß ſie von den Sklavinnen Polixos auf der Inſel Rhodus gehenkt ward, und daß der Krieg, den ſie veranlaßte, acht⸗ malhundertſechsundachzigtauſend Menſchen auf Seite der Griechen und ſechsmalhundertſechsundſiebenzigtau⸗ ſend Menſchen auf Seite der Troianer koſtete.“ „Ach! mein Himmel... da iſt er wieder in die Geſchichte gerathen,“ flüſtert Eudoxia Alfred zu. 4„Mein Herr, ſagte Cornelia zu Ferulus, die griechiſchen und römiſchen Namen thun mir in den 41 Ohren weh; ſprechen Sie von moderneren Dingen.“ — Herr Ferulus verbeugt ſich und ſchwemmt dieſen kleinen Aerger mit einem Glas Beaune hinunter; inzwiſchen trat Robineau, zum Beweis ſeiner Wärme für ſeine Zukünftige, dieſer zärtlich auf den Fuß; Fräulein Cornelia aber ſtößt einen Schrei aus und ſagt:„Nun! wer tritt mir denn da ſo auf den Fuß! ... find Sie's, mein Herr?“ Robineau wird flammroth und ſtottert:„Ja, ich geſtehe... ich wollte Ihnen zu verſtehen geben!.. Sie... „Mein Herr, ich liebe nicht, daß man mir auf die Füße tritt!... Sie haben mir entſetzlich wehe ge⸗ than! Ich bitte, laſſen Sie das bleiben.“ Robineau ſchlägt verwirrt die Augen nieder, und weiß nicht, ob er ſich Cornelien zu Füßen werfen ſoll; um ſich aus der Verlegenheit zu ziehen, bringt er das Geſpräch wieder auf Iſaura. „Meine Damen, um wieder auf das Mädchen im Gebirge zurückzukommen, das Erſtaunlichſte iſt, daß ſie ganz nahe bei einem Orte wohnt, welcher das Entſetzen aller Bewohner des benachbarten Dorfes iſt. Dieſen Ort nennt man das weiße Haus.“ „Und was geht denn in dieſem weißen Hauſe vor?“ fragte Eudoxia. „Was darin vorgeht? erwidert Robineau, o! erſtlich!... das weiß man nicht, klar iſt aber, daß etwas vorgeht. Das Haus iſt unbewoynt, und man ſieht doch Lichter;... man hört Geräuſch, erblickt Niemand!... Das iſt ſehr komiſch, nicht wahr?“ 8₰ 42 „Entſetzlich, ſagt Herzchen.— Das hat keinen Sinn,“ bemerkt Cornelia. „Endlich, meine Damen, iſt das mehrgenannte Hirtenmädchen die einzige, welche ſich vor dem weißen Hauſe nicht fürchtet und gerade nebenan wohnt... Iſt das nicht erſtaunlich von einem jungen Mädchen?“ „Leicht zu errathen! verſetzte Eudoxia; weil ihr Liebhaber darin wohnt; und ſie wohl weiß, daß er kein Teufel iſt.“ „Ihr Liebhaber!“ ſchreit Eduard, der von den Gedanken der Wittwe betroffen, plötzlich blaß wurde und zitterte. „ Ach du mein Gott! mein Herr, was haben Sie mir Furcht eingejagt! ſagte Cornelia; ich glaubte,⸗ Sie bekämen Convulſionen!“ „Verzeihen Sie, mein Fräulein; aber ich weiß nicht;... es wurde mir auf einmal ganz warm...“ — Das würde man nicht glauben; Sie ſind ganz blaß!.“. „Nun, lieber Eduard, fällt Alfred ein, der die Verwirrung ſeines Freundes bemerkt; laſſen wir das weiße Haus, das unſrer Aufmerkſamkeit nicht werth iſt und trinken wir dieſen Champagner auf die Ge⸗ ſundheit der Damen!“ Alfreds Augen ſuchten Eduards Aufregung zu ſtillen. ihn zu beruhigen; dieſer faßt ſich wieder, fühlt wie Unrecht er habe, ſich eines Worts wegen zu betrüben, das zufällig Jemand entſchlüpft, der Iſaura gar nie geſehen. Und doch traf dieſes harte Wort ſein Herz tief. Um eine Unterredung zu enden, die ihm peinlich — 43 iſt, und ſich ein wenig an Robineau zu rächen, ſagte Eduard zu dieſem: Aber wiſſen Sie auch, Herr vom Schwarzenfels, der alles Außerordentliche oder Merk⸗ würdige der Gegend ſo gut kennt, wiſſen Sie auch Alles, was Ihr Schloß umſchließt?“ 4 „Mein Schloß?... nun, jetzt umſchließt es eine erlauchte Familie und anbetungswürdige Damen!“ „Sehr gut, das iſt aber noch nicht Alles; Sie wiſſen, wie ich ſehe, nicht, daß in dieſem alten Kaſtell ein Geiſt, ein Geſpenſt haust!“ „Ein Geſpenſt in meinem Schloß!“ ruft Robi⸗ neau aus, nun ebenfalls die Farbe wechſelnd. „Ein Geſpenſt!“ ſagen alle Mitglieder der Fa⸗ milie de la Pincerie; und Onkel Herzchen läßt in ſeinem Schrecken ſeine Schale Kaffee auf den Schooß fallen. „Meiner Treu, das wußte ich auch nicht,“ ſagt Alfred. „Geht, das iſt ein Scherz, eine Schelmerei von Herrn Eduard,“ nimmt Robineau wieder das Wort, ſich zu einem Lächeln zwingend. „Nein, wahrhaftig, wenigſtens Ihren Leuten zu⸗ folge; denn ich ſelbſt muß geſtehen, daß ich noch Nichts geſehen habe; aber Ihr Jockei verſichert, daß der nördliche Thurm Nachts von einem Geſpenſt heim⸗ geſucht werde; und Ihr Gärtner Vincent behauptet, er habe Abends im Garten eine geheimnißvolle Perſon getroffen, die bei ſeiner Annäherung entflohen ſei. So hat mir wenigſtens Franz, Ihr Kammerdiener, geſagt, indem er mich fragte, ob ich bei Nacht im Thurm und im Garten geweſen ſei?“ 44 Wie Robineau ſieht, daß Eduard ernſthaft ſpricht, kann er ſeine Bewegung über die Nachricht nicht ver⸗ bergen.„Wie!“ rief er aus,„meine Leute haben das Alles geſehen und mir Nichts davon geſagt! Und Sie, Herr Ferulus, der Sie ſo Vieles wiſſen, wie kommt's, daß Ihnen das unbekannt iſt?“ „Gnädiger Herr,“ verſetzte Ferulus, ich hatte Wind von dieſem unbeſtimmten Gerede; aber ich war der Meinung, daß, ehe man die Ueberzeugung davon habe, es unnöthig ſei, es Ihnen zu ſagen.“ „Warum denn unnöthig? bin ich nicht der Herr dieſes Schloſſes?... muß ich nicht zuerſt von Allem unterrichtet werden, was darin vorgeht?“ „Recte dicis, gnädiger Herr, aber es kam kein Dieb in dieſes Kaſtell, weil Nichts entwendet wurde. Es wäre alſo ein Geiſt, was man geſehen hätte... gibt es aber Geiſter? dies iſt die Frage: die Egyp⸗ tier, Gallier, Vandalen und Oſtgothen behaupten...“ „Herr Ferulus, von Oſtgothen iſt jetzt nicht die Rede! Ich will Erklärung, was meinen Leuten Außer⸗ ordentliches erſchienen iſt... Franz, laß meinen Jockei und meinen Gärtner kommen;... auch den Pfört⸗ ner... laß das ganze Hausgeſinde kommen, dns wird am Beſten ſein.“ Franz geht, ſeine Kameraden zu holen, und Cor⸗ nelia ſagt zu Robineau:„Auf Ehre, mein Herr, Sie legen ein Intereſſe, eine Heftigkeit darein... Sie glauben hoffentlich nicht an Geſpenſter!... Ach Gott! ein feiger Mann, der iſt zu bedauern!..“ „Gewiß, mein Fräulein, mein Muth iſt inunt.. 45 meine Freunde können Ihnen ſagen, daß wir die Nacht im Gebirge zugebracht haben, in einer elenden Hütte, deren Thüre kein Schloß hatte...“ „Ja, mein Fräulein,“ nimmt Alfred das Wort, und in dieſer Nacht machte der Herr vom Schwar⸗ zenfels Sachen..., die ich nicht gemacht hätte.“ „Gewiß, beſtätigt Robineau, ſich in die Lippen beißend. An Geſpenſter glaube ich nicht im Gering⸗ ſten. Aber ich will wiſſen, warum meine Leute ſich erlauben, unvernünftige Gerüchte zu verbreiten.“ „Ol freilich, mein Herr!“ ſagt Eudoxia; man muß wiſſen, was es iſt, denn ich fürchte mich vor Allem, und es wäre eine Treuloſigkeit, uns in ein Schloß zu ziehen, das von Geiſtern bewohnt wird.“ „Es wäre ſogar ſchlecht,“ ſagte Herzchen ganz leiſe, indem er der Geſellſchaft folgte, welche ſich vom Tiſche erhob, um ſich nach dem Salon zu begeben, wo bereits der ganze Dienertroß verſammelt war. „Wer von Euch hat Etwas oder Jemand bei Nacht im nördlichen Thurm geſehen?“ fragte Robineau, ſich zierlich in einen großen Armſtuhl lehnend, wäh⸗ rend die Damen und die beiden jungen Leute etwas weiter unten auf einem ungeheuren Sopha Platz neh⸗ men und plaudern. Die Diener ſehen einander eine Weile an, ohne zu antworten; endlich tritt Benedikt mit den Worten vor:„Ich glaube, ich bin's, gnädiger Herr.“ „Sehen Siel er iſt ſeiner Sache ſchon nicht mehr gewiß, ſagt Ferulus. Oculos habent et non vide- bunt! ℳ * 1 46 „Herr Ferulus, rief Robineau ungeduldig, warum ſprechen Sie mit meinen Leuten Lateiniſch? Sie wiſſen doch, daß ſie es nicht verſtehen!... Zum Henker, wenn ich wollte, könnte ich auch Latein mit ihnen reden, und ſogar Küchenlatein, was ihren Verſtandes⸗ kräften viel angemeſſener wäre.“ „Gnädiger Herr, ich citirte eine Stelle aus der heiligen Schrift.— Sie ſind ein ſchrecklicher Menſch mit Ihren Stellen!... Zudem, wenn Damen da ſind, darf man ſich nie einer todten Sprache bedienen.“ Ferulus verbeugt ſich und ſetzt ſich in eine Ecke des Salons, von wo aus er Jeannette beguckt. Ro⸗ bineau fährt in ſeinem Verhöre fort:„Sag mir, Benedikt, was hat Dir Furcht eingejagt?“ „Furcht! ol ich hatte keine Furcht, gnädiger Herr! .. ich wunderte mich nur, das iſt Alles!“ „Er lügt wie ein Zahndoktor! rief Jungfer Gaul; er fürchtete ſich ſo, daß er noch blaß wie eine weiße Rübe war, als er's uns am andern Tag erzählte.“ „Ja, fiel Cunette ein, der ſich hinter ſeinen Ka⸗ meraden hält, weil er getafelt hat und ſich nicht feſt auf den Beinen fühlt, ſich auch ſehr fürchtet, der gnädige Herr möchte es bemerken, was ihn aber nicht hindert, immer ſprechen zu wollen. Ja!... er hatte Furcht!..“ „Wollt Ihr Euer Maul halten, Ihr Andern, und Benedikt ſprechen laſſen. Was habt Ihr alſo bei Nacht geſehen?“ „Gnädiger Herr, antwortet Benedikt, ich lag in meinem Fenſter, weil ich nicht ſchlief 47 „Erſtlich, hätteſt Du ſchlafen ſollen,“ fällt Cu⸗ nette wieder ein... Robineau macht ihm eine dro⸗ hende Geberde... der Pförtner ſchweigt. „Ich ſah zufällig den alten Thurm an... worin Niemand wohnt, und erblickte ein Licht an den Fen⸗ ſtern ganz oben...“ „Erſtlich gibt es ganz oben keine Fenſter, denn da iſt die Plattform,“ bemerkte Cunette halblaut. „Und was that dieſes Licht?“ fragt Robineau mit lebendigem Intereſſe. „Was es that?... es ging hin und her... dann ſah ich es nicht mehr, gnädiger Herr.“ „Wer von Euch, meine Leute, war bei Nacht im alten Thurm mit einem Licht?“ „Ich nicht,“ ſchreien Alle. „Alsdann wird's ſonderbar, ſagt Robineau. Und wen habt Ihr im Garten getroffen, Vincent?“ Der Gärtner tritt mit ſeinem gewöhnlichen übel⸗ launiſchen Geſichte vor und ruft:„Wen ich getroffen habe?... Potz Tauſend! wenn ich das wüßte, wäre ich gleich im Reinen... das weiß ich aber gerade nicht.“— „Ihr hättet Leute herbeirufen und die Perſon feſt⸗ halten ſollen, die es wagte, Abends ohne Erlaubniß in meinen Gärten umherzugehen.“ „ Ah!... ich hätte ſollen!... ich kann nicht Alles thun!“ „Meine Leute, fuhr Robineau, mit ſeinen Dienern ſprechend, fort, weil ihr nicht genau wißt, was euch Furcht machte, ſo mag es für heute auf dieſe Art 4 48 hingehen; das erſte Mal aber, wo ihr irgend ein Geräuſch hört oder etwas Verdächtiges ſeht, befehle ich euch, auf der Stelle zu erfahren, was es iſt... und das bei Strafe, fortgejagt zu werden, denn ich will nicht, daß man in meinem Hauſe Furcht habe. Marſch!“ Sämmtliche Dienſtboten entfernten ſich, und Ro⸗ binean geht auf die Damen zu, indem er ſagt:„Ich glaube, ich habe feſt mit ihnen geſprochen.“ „Und ich glaube, mein Herr, Sie haben viel Lärm gemacht um Nichts,“ verſetzte Cornelia. „Ich bin nicht ſo beherzt, wie meine Schweſter,“ ſagte Frau von Hautmont, ich bin ſicher, daß ich wider meinen Willen dieſe Nacht von Kobolden und Poltergeiſtern träume... Und dann hat dieſes Schloß einen ſo gothiſchen Anblick! Ich bitte Sie recht ſehr, Herr vom Schwarzenfels, logiren ſie uns nicht zu weit von dieſen Herrn weg;... denn bei Nacht... wenn ich Etwas hörte... wenn ich mich fürchtete... wer käme mir zu Hülfe?“ „Beruhigen Sie ſich, Madame, ſagte Alfred; mein Gemach geht gleichfalls in die große Galerie; meine Thüre iſt der Ihrigen beinahe gegenüber; beim geringſten Laut werde ich kommen und Ihnen meine Dienſte anbieten.“ „Ahl deſto beſſer, mein Herr! ich ſtelle mich unter Ihre Schutzwache... unter Ihre Protektion!“ „Cornelia blickt ihre Schweſter und Alfred ver⸗ ſtohlen an und murmelt halblaut vor ſich hin:„Wie bequem iſts doch, wenn man Furcht hat!“ 49 Um die Geſellſchaft angenehm zu zerſtreuen, tritt Herr Ferulus mit ſeinem Gedicht vor und will es vorleſen. Aber das Mahl hatte ſehr lange gewährt. Die Familie de la Pincerie iſt ermüdet. Der Herr Marquis fing bereits an, in ſeinem Lehnſtuhl zu ſchlafen. Jeder ergriff ein Licht, deſſen Schein nur wie ein Pünktchen in den öden Räumen des Schloſſes erſchien; bald verſchwand ein Licht nach dem andern, wie auf einem vom Feuer durchglühten Papier alle leuchtenden Punkte nach einander verlöſchen, um nur noch völlige Finſterniß übrig zu laſſen. Viertes Kapitel. Unruhe.— Eiferſucht. Seit vierzehn Tagen war die Familie de la Pin⸗ cerie auf Schloß Schwarzenfels, wo ſich Robineau alle Mühe gab, der Geſellſchaft verſchiedene Annehm⸗ lichkeiten zu verſchaffen; gleichwohl verſtreicht die Zeit auf ziemlich einförmige Weiſe. Die Damen ſtehen auf dem Lande ſo ſpät auf, als in der Stadt, und kommen erſt zur Zeit des Frühſtücks herab; dann gehen ſie wieder nach ihren Zimmern, ſich mit ihrer Tollette zu beſchäftigen, was bis Mittag dauert, wo man ſich wieder im Salon zuſammenfindet, ſpricht oder im Garten ſpazieren geht. Mehrmals hat Ro⸗ bineau einen Ausflug ins Gebirge vorgeſchlagen; iſt aber das Wetter ſchön, ſo fürchtet Eudoxia die Hitze, iſt der Himmel umwölkt, befürchtet ſie Negen und Paul de Kock. XXVI. 50 Feuchtigkeit. Entſchließt ſie ſich endlich doch, den Ele⸗ menten zu trotzen, ſo will Cornelia nicht mehr aus⸗ gehen; wohl wiſſend, daß Alfred der Cavalier ihrer Schweſter ſein werde, hat ſie keine Luſt, ihrem Zu⸗ künftigen beſtändig den Arm zu geben, mit dem ſie denkt, noch lange genug in Tèéte-à-Téte ſein zu können. Eduard läßt ſich durch die Gegenwart der Familie de la Pincerie nicht hindern, jeden Morgen ſeinen Beſuch bei Iſaura abzuſtatten; nur kommt er etwas bälder ins Schloß zurück; beim Frühſtück ſieht man ihn aber nie, was ein Gegenſtand beſtändiger Witzelei für Robineau iſt; während die Damen, höchſt auf⸗ gebracht, daß man den Spaziergang oder eine Zie⸗ genhirtin ihrer Geſellſchaft vorziehen könne, Eduard mit vieler Kälte behandeln und ihm den Tag über Epigramme zuſchleudern, welche der junge Mann mit einem Gleichmuth und einer Artigkeit anhört, welche den Aerger der Töchter des Herrn Marquis noch ver⸗ mehren. Herr de la Pincerie, der ſo gute Dispoſitionen für die Jagd gezeigt hatte, und jeden Morgen eine Stunde mit dem Betrachten ſeines Gewehrs zubrachte, war bis jetzt noch nicht aufgelegt, auszuziehen, und obgleich Robineau ſich eine ſehr ſchöne Jagdflinte an⸗ ſchaffte, zeigt er doch keinen großen Eifer, ſich der⸗ ſelben zu bedienen. Onkel Herzchen iſt immer zu Allem bereit, was man von ihm verlangt; man hat ihn ſo ſehr daran gewöhnt, daß ſich der gute Mann für krank hielte, wenn er einen eigenen Willen hätte. 51 Nach der Tafel wird augenblicklich zur Whiſtparthie geſchritten, wobei Robineau gewöhnlich vom Herrn Marquis für ſeine Zerſtreuungen gezankt und geſcholten wird, was ihn am Ende langweilt, weßhalb er auf Beſchleunigung der Hochzeit dringt, in der Hoffnung, dann etwas freieren Spielraum zu haben und ſich mehr zu beluſtigen. Von Geſpenſtern oder nächtlichem Gepolter hörte man nichts mehr; Robineau ſcherzt und lacht zu⸗ weilen mit der Wittwe, wenn ſie ſich furchtſam zeigt. Seit einigen Tagen ſcheint indeß Eudoxia etwas be⸗ ruhigter und viel auf den Beiſtand ihres Nachbars zu zählen. Alfred, der, um ſein Verſprechen zu hal⸗ ten, nicht mehr in Iſaura's Wohnung geht, that allerdings ſein Möglichſtes, eine leichte Neigung für die ſchmachtende Eudoxia zu empfinden, welche ihrer⸗ ſeits nur Jemand wünſcht, mit dem ſie ſeufzen kann. Man iſt in der Mitte des September; die Tage werden kurz und die Morgen kalt. Eduard war ſchon oft bei Iſaura, ehe man im Schloß ans Aufſtehen dachte, und jeden Tag entdeckte er neue Eigenſchaften an dem reinen und lieblichen Kinde, deren Liebe, gleich der Eduards, täglich zuzunehmen ſcheint. Sagt indeß dieſer einmal zu dem Mädchen:„Warum können wir einander nicht ganz angehören? warum uns jeden Tag ſo trennen?“ ſo iſt ein Seufzer und ein Blick auf das weiße Haus Iſaura's einzige Antwort. Dieſes Geheimniß quält ihn; an ihrer Liebe kann er nicht zweifeln, und doch bahnt ſich die Eiferſucht zu ſeinem Herzen den Weg. Auf wen ſollte er aber 52 eiferſüchtig ſein? In Iſaurens Nähe iſt er überzeugt, daß ſie unfähig ſei, ihn zu betrügen; aber fern von ihr bewegen ſich tauſend verſchiedene Gedanken in ihm, und wider ſeinen Willen kommen ihm oft die Worte Eudoxiens ins Gedächtniß. Oft, wenn er von dem Mädchen Abſchied genom⸗ men, ſchlich er leiſe wieder zurück. Hinter Bäumen verſteckt, ſind ſeine Blicke ſtets auf ihre Wohnung geheftet. Geht ſie heraus, folgt er ihr von ferne; Stundenlang beobachtet er ſie; aber immer ſieht er ſie allein, hinter ihren Ziegen herlaufend oder ruhig auf einem Grasplatze ſitzend, öfters nach dem Wege ſehend, auf dem ihr Geliebter ſich entfernte. Nur wenn ihre Blicke auf das weiße Haus fallen, drückt ſich Trauer und Unruhe in ihren Zügen aus; doch verläßt ſie deßhalb ihren Ruheplatz nicht, und Nie⸗ mand kommt aus dem geheimnißvollen Hauſe, um mit ihr zu ſprechen. Obgleich bis jetzt nichts ſeine geheime Unruhe hätte rechtfertigen können, iſt Eduard doch nicht Herr, ſie zu überwältigen, ſo lange er das Hinderniß nicht kennt, das Iſauren nicht erlaubt, ſeine Gattin zu wer⸗ den. Jeden Tag bittet er ſie, ihm zu vertrauen, was d ſie bei dem weißen Hauſe zurückhält; doch ſchweigt ſie ſtets oder erwidert ihm:„Vergib, ich kann nicht ſprechen;... dies Geheimniß gehört mir nicht an,.. warte noch;... ſind wir überdies jetzt nicht glücklich, da wir uns täglich unſere Liebesbetheurungen wieder⸗ holen können?“ Ein junges Mädchen kann ſich mit dieſem Glüch 3 53 begnügen; ihrem Herzen genügt es, ſie kann kein anderes wünſchen. Bei einem jungen Liebenden iſt es aber nicht ebenſo; die Verſicherung, geliebt zu werden, die Geliebte in ſeine Arme zu drücken, iſt nicht genug für ihn; mit Blicken und Schwüren allein iſt er nicht ‚zufrieden. Eduard fühlt wohl, daß er ſich nicht lange werde beherrſchen können: er kennt die Gefahren ihrer beiderſeitigen Lage, und doch möchte er die junge Blume nicht knicken, ehe es ihm erlaubt wäre, ſie zu pflücken. Nachdem er eines Morgens abermals vergeblich in das Mädchen gedrungen war, ihm das Geheimniß zu enthüllen, verließ er ſie traurig und betrachtete mit düſterer Unruhe das weiße Haus. Das Wetter iſt ſchlecht; bereits umhüllt ein ziem⸗ lich dichter Nebel das Thal; nachdem Eduard zum Schein die Straße nach dem Schloſſe eingeſchlagen hatte, kehrte er wieder um und gelangte auf einem Umweg wieder vor das verlaſſene Haus. Eiferſucht ſtahl ſich in ſein Herz ein, er iſt unent⸗ ſchloſſen, auf welche Art er entdecken ſoll, ob Jemand heimlich das weiße Haus bewohne. Er läuft rings um das Haus und den Garten herum. Plötzlich fällt ihm ein, daß es ihm durch Einſteigen in den Garten gelingen könne. Anfangs ſtößt er dieſen Gedanken, als ſeiner unwürdig, zurück. Durch Erſteigung der Gartenmauern in ein Haus eindringen, iſt ein Mittel, das ſeinem Zartgefühle widerſtrebt. Indeß, dieſe Wohnung ſteht leer, Niemand wird erfahren, daß er ſeiner Neugierde nachgegeben. Unwillkürlich blickt er 54 um ſich her; der Nebel läßt Iſaura's Wohnung nicht erblicken; demnach kann auch ſie unmöglich herüber ſehen. Er tritt der Gartenmauer näher, die wohl ſechs Fuß hoch ſein mag; an mehren Orten iſt ſte aber beſchädigt; ausgebrochene und hervorragende Steine machen das Hinaufklettern leicht. In einigen Sekun⸗ den iſt er oben, auf der andern Seite hinab und ſteht im Garten. Der Garten war groß aber verwildert; Alles be⸗ wies, daß ſeit langer Zeit keine Hand ihn gepflanzt, kein Fuß ihn betreten hatte. Eduard ſchritt vorſich⸗ tig in dem erſten ſich ihm darbietenden Wege fort. Jeden Augenblick verwickelt ſich ſein Fuß in hochempor⸗ geſchoſſenes Gras und herüberhängendes Strauchwerk und Baumzweige. In einem etwas weniger verwil⸗ derten Bosket ſah er eine Ruhbank, die nicht mit Blättern und Staub bedeckt war und wohin ein mehr betretener Pfad führte. Durch eine unverſchloſſene Gitterthüre gelangt er in einen Vorhof. Auf dieſer Seite des Hauſes ſind keine Fenſterläden angebracht; die Thüre zur Parterre⸗ wohnung ſcheint von Innen nur durch einen Riegel verſchloſſen zu ſein. Eduard horcht eine Weile, aber nicht der geringſte Laut läßt ſich im Hauſe vernehmen. In einem Winkel des Hofes befindet ſich ein kleiner Stall, wo noch Stroh und Hafer liegt; Alles deutet auf den Aufent⸗ halt von Pferden hin: doch beſonders ins Innere des Hauſes ſeine Blicke zu werfen, iſt das brennende Verlangen des jungen Liebenden. Eine zerbrochene * — 5⁵ Fenſterſcheibe an der Parterrewohnung erlaubt ihm, den Flügel aufzumachen und in das Haus zu dringen. Aber noch zaudert Eduard, endlich treibt ihn der Wunſch an, Jſaurens Geheimniß zu entdecken und bald iſt er im Innern. In den Gemächern vermag er kaum um ſich her zu blicken, denn das Wetter iſt trüb und da die auf die Straße führenden Fenſter feſt verſchloſſen ſind, ſo kommt nur wenig Helle vom öden Garten herein; nach und nach gewöhnt er ſich jedoch an dieſes Halb⸗ dunkel und kann die Gegenſtände umher genauer be⸗ trachten. Die Mobilien ſind altmodiſch, ſcheinen aber wenig gebraucht, dicker Staub bedeckt ſie: auf einem Tiſche ſtanden indeß die Ueberreſte eines Mahls; Teller, ein Glas und eine Flaſche mit etwas Wein. „Wenn dies Haus auch nicht beſtändig bewohnt wird, ſagt Eduard bei ſich ſelbſt; ſo iſt wenigſtens gewiß, daß man zuweilen hieherkommt: iſt es aber ein Mann oder ein Weib, der geheimnißvolle Gaſt?“ Eine Hausflur trennt die beiden Gemächer zu ebener Erde. Von hier aus führt eine Thüre auf die Straße, eine andere in den Garten: er durchſchneidet ſie und befindet ſich im zweiten Zimmer; es iſt wenig möblirt, enthält aber eine kleine Bibliothek. Eduard nimmt auf gut Glück ein Buch heraus, deſſen Einband dem völlig gleich iſt, das er bei Iſaura geſehen. „Ja, von hier aus erhält ſie ihre Bücher! ſpricht Eduard, deſſen Neugierde jeden Augenblick größer wird. Dieſe Bibliothek iſt für ſie... Ah! da ſind Sprachlehren, Geſchichtswerke, Geographie, Abhand⸗ lungen über den Landbau und die Botanik, das Alles wäre ſicherlich nicht in einer Bibliothek, wenn man's nicht zum Unterricht irgend einer Perſon gebraucht hätte... Ja hieher kommt der Erzieher Iſaurens... was ſie mehr als andere Landmädchen weiß, hat ſie ohne Zweifel hier gelernt!“ Dabei ſtößt der junge Verliebte einen Seufzer aus, denn er fürchtet, man möchte ſein Liebchen nur zu viel gelehrt haben. „Von hier aus geht Eduard die Treppe hinauf in den erſten Stock. An jeder Thüre ſteckt der Schlüſſel: zuerſt tritt er in ein Schlafgemach; das Bett bewies, daß Jemand die Nacht hier zugebracht. Noch beengter betrachtet Eduard Alles aufs Sorgfältigſte! der Se⸗ kretär iſt verſchloſſen, ſowie die Kommode; auf dem Tiſche aber erblickt er ein Paar kleine Taſchenpiſtolen; er nimmt, unterſucht ſie: die Waffen ſind geladen. „Piſtolen! ſagt Eduard bei ſich ſelbſt; ein Weib führt ſolche Waffen nicht!... doch... zuweilen auf Reiſen... O! nein! nein!... ein Mann iſt's, der heimlicherweiſe in dies Haus kommt... Ein Mann! und Iſaura will ſich nicht von da entfernen!... Sie könne mir ihre Hand noch nicht geben, ſagt ſie!... Wenn dieſer Mann ihr Vater wäre? Aber ſie hat mir erſt dieſen Morgen wieder geſagt, daß ſie nie ihre Eltern gekannt! Nein! ihr Vater iſt's nicht... Wer iſt denn dies geheimnißvolle Weſen, das einen ſo großen Einfluß auf ſie ausübt?...“ Eduard wirft ſich auf einen Seſſel; ſeine Gemüths⸗ bewegung iſt ſo ſtark, ſein Herz klopft mit ſolcher 57 Heftigkeit, daß er einiger Erholung bedarf. Seufzend um ſich her blickend, ſpricht er:„Ach! wüßte ich Alles, was hier vorgefallen iſt!“ Er legt die Piſtolen wieder an ihren Platz; tritt in zwei Nebenzimmer und da er nichts findet, das ſeine Zweifel aufhellen könnte, denkt er, es ſei Zeit, das öde Haus zu verlaſſen. Er ſchließt die Thüren wieder ab, geht die Treppe herunter und ſteigt zu dem Fenſter der Parterrewohnung hinaus in den Hof. Nachdem er noch einen letzten Blick auf das Haus geworfen, ſpringt er über die Gartenmauer wieder ins Freie, ſieht ſich nach allen Seiten um, und über⸗ zeugt, daß ihn Niemand bemerkt habe, entfernt er ſich eilenden Schrittes vom weißen Hauſe, noch unruhiger und aufgeregter, als er es vor deſſen Beſuche geweſen. Fünftes Kapitel. Das Geſpenſt.— Der nördliche Thurm. Zwei Tage waren verfloſſen, ſeit Eduard das weiße Haus beſucht hatte, und des in ſeiner Seele aufgeſtiegenen Argwohns ungeachtet, fühlte er doch ſtets alle quälenden Gedanken verſchwinden, wenn er Iſaura wieder ſah; ſie bezeugte ihm eine ſo wahre Anhänglichkeit, ſagte ihm mit ſo vieler Offenherzigkeit, wie glücklich ſie ihre Liebe mache, daß er oft ſich ſchämte, wie er Bewegungen von Eiferſucht habe nach⸗ geben können. 58 Aber Alfred bemerkte, daß Eduard nicht ſo glück⸗ lich war, als man erwarten konnte; öfters ſchon hatte er ihn um die Urſache ſeiner Melancholie und Unruhe gefragt; allein Eduard antwortet ſtets:„Ich habe nichts, lieber Alfred, doch Du weißt, Liebende ſind nie ganz zufrieden!... Hätte ich irgend einen reellen Gegenſtand zur Kümmerniß, wem könnte ich es beſſer vertrauen als dem, der mir ſeine Liebe zum Opfer brachte?“ Noch ein Tag, und Fräulein de la Pincerie ſoll die Gemahlin Robineau's werden. Alle Urkunden ſind ausgefertigt, die Geſchenke gekauft, die Toiletten be⸗ reit. Die Feierlichkeit ſoll in der Stadt vor ſich gehen, und das Ehepaar wieder auf das Schloß zurückkommen, wo das Hochzeitmahl gehalten wird. Mehr in der Ordnung wäre es geweſen, daß die Familie de la Pincerie in ihrem Hauſe in der Stadt bliebe, und der Zukünftige von dort ſeine Gattin abhole. Aber unter die ökonomiſchen Plane des Herrn Marquis ge⸗ hörte auch der, kein Haus mehr zu halten, und be⸗ ſtändig das Schloß ſeines Schwiegerſohns zum Wohn⸗ ſitz zu nehmen, daher die ganze Familie darin einquartirt blieb. Da der Herr Marquis der Meinung war, daß nur geringe Leute an ihrem Hochzeittage tanzen, kam man überein, keinen Ball zu geben; doch erhielt Robineau von ſeinem künftigen Schwiegerpapa die Erlaubniß, an dieſem Tage keine Whiſtpartie machen zu dürfen. Seit einer Stunde haiten ſich die Bewohner des Schloſſes in ihre Gemächer zurückgezogen, ſich der 59 3 Ruhe zu überliefern. Robineau, ſich ſelbſt überredend, daß er ſehr verliebt und es eine große Ehre für ihn ſei, in die Familie eines Marquis zu treten, denkt, daß er morgen die ſtolze Cornelia zum Altar führe, daß wahrſcheinlich die ganze Stadt in die Kirche ſtrö⸗ men werde, die Feierlichkeit zu ſehen, und daß man lange davon ſprechen werde. Cornelia denkt nur an die beiden Toiletten dieſes Tages und an den Neid und Aerger der Frauenzimmer, die ſich ſchmeichelten, von Robineau gewählt zu werden, auch ſagt ſie ſich ſelbſt, daß ſie Dame und Herrin des Schloſſes werde, und nimmt ſich vor, die ihr hienach zuſtehenden Rechte wohl zu benützen. Eduard beſchäftigt ſich kaum mit der bevorſtehenden Hochzeit. Alle ſeine Ideen, alle feine Wünſche und Neigungen ſind auf das kleine Thal, welches Iſaura umſchließt, und auf das weiße Haus gerichtet, und zu viele Gedanken gehen in ihm um, als daß er leicht Ruhe finden könnte. Der Marquis und fein Bruder Herzchen liegen bereits in tiefem Schlafe: der Eine träumt von einem Mittel, die Kin⸗ der mit Dampf groß zu ziehen, der Andere ſucht Stecknadeln in einem Bund Heu. Was Alfred und Eudoxia betrifft, ſo kann ich nicht gerade ſagen, was ſie machen. Plötzlich ertönt in dem von der Dienerſchaft be⸗ wohnten Gebäudeflügel heftiges Geſchrei. Es war die Stimme Benedikts, welcher die Küchenjungen, die Köchin und den Pförtner aufweckte. Er ſchreit ſo ſehr die Furcht es ihm erlaubt:„Steht auf!... ſeht nach dem Thurm!.. da unten! da oben!... 4 60 das Geſpenſt! Diesmal wird man nicht ſagen, ich ſei verblendet!..“ Jungfer Gaul ſprang ans Fenſter und erblickte in der That ein Licht in dem verlaſſenen Thurme; nun ſtimmt ſie mit in das Geſchrei Benedikts ein: „Da iſt etwas!... vielleicht ein Dieb, man muß das Licht arretiren!“ Bald iſt die ganze Dienerſchaft auf den Beinen; und da Herr vom Schwarzenfels geſagt hatte, er werde ſie aus dem Hauſe jagen, wenn ſie nicht ent⸗ decken, was ihnen Furcht mache, glauben ſie ihren Herrn aufwecken und ihm die Sache mittheilen zu müſ⸗ ſen. Man läuft nach der großen Galerie des erſten Stockes, in welche die Herrenzimmer führen. Bei dem Geſchrei des Geſindes wacht Robineau auf. In der Meinung, es ſei Feuer im Schloſſe ausgekommen, klingelt er Franz, und ſein erſtes Wort an den Ein⸗ tretenden iſt:„Spritzen! ſchnell Spritzen!...“ „Feuerſpritzen für das Geſpenſt, Herr?“ fragt Franz verwundert. „Das Geſpenſt! ruft Robineau aus, ſeine Füße wieder in's Bett zurückziehend, aus dem er ſchon halb heraus war. Wie!... hat man etwas Erſchrecken⸗ des geſehen?“ „Im nördlichen Thurm ſieht man ein Licht, Herr! — Ein Licht!... Teufel!... Franz, wecke augen⸗ blicklich die Herrn auf... das ganze Haus! Ich gehe ſogleich aus dem Bett...“ Franz lärmt an der Thüre Alfreds, aber Nie⸗ mand antwortet. Bald gehen indeß alle Thüren auf, 4 — 61 die Eudoxia's ausgenommen. Eduard ſchlüpft in die Hoſen und erkundigt ſich nach der Urſache des Lärms. Cornelia erſcheint im Nachtkleid„ über welches ſie in der Eile einen großen floretſeidenen Shawl geworfen hat, mit einem Licht in der Hand. Auch Herr Ferulus kommt herbei, gefolgt von Jeannetten, die man bis jetzt nicht geſehen hatte und die über ihrem Hemde eine alte ſchwarze Weſte angezogen hat, die nichts weniger als einem Nachtleibchen gleichſieht; während Herr Ferulus eine Schlafhaube auf dem Kopfe hat; man iſt jedoch gerade zu ſehr in Aufregung, um dies zu bemerken. Man fragt einander aus, und ſchreit durcheinander.„Das Thurmgeſpenſt! ſchreit das Geſinde, während Fräulein Cornelia unaufhör⸗ lich ihrer Schweſter ruft, wobei ſie ſagt: Und warum ſteht denn Herr Alfred nicht auf?“ Robineau erſcheint in Unterhoſen, zwei Piſtolen im Gürtel, eine Flinte in der linken und ein Rafir⸗ meſſer in der rechten Hand. Endlich macht Eudoxia ihre Thüre halb auf und ſagt mit ſchwacher Stimme:„Warum pocht man denn ſo bei mir 2.. wie abſcheulich, mich ſo plötzlich aufzuwecken!... ich werde vierzehn Tage davon krank ſein! Ich laufe dem Geſpenſt ſicherlich nicht nach!.. laßt mich doch ſchlafen, ich bitte... ich habe mein Kopfweh.“ „Du wirſt Dein Kopfweh ein andermal haben, liebe Schweſter, verſetzt Cornelia, da aber Jedermann aufſteht, kannſt Du es wohl ebenſo machen.“ Eudoxia iſt ſehr ärgerlich, endlich kommt ſie aus 62 ihrem Zimmer hervor, halb durch einen über die Schultern geworfenen Pelz bedeckt, bleibt jedoch be⸗ ſorgt unter ihrer Thüre ſtehen. In dieſem Augen⸗ blick ſtürzt die ganze Dienerſchaft mit fürchterlichem Geſchrei und dem Rufen:„Da iſt es! da kommt es!“ übereinander her und flüchtet ſich an das andere Ende der Galerie, während von der entgegengeſetzten Seite ſich eine lange weiße Geſtalt majeſtätiſch ein⸗ herbewegt, welche indeß Niemand anders iſt, als der Herr Marquis de la Pincerie, der mit ſeiner langen dürren Figur, ſeinem im Winde flackernden Hemde und ſeiner weißbaumwollenen Nachtmütze recht gut für ein Geſpenſt gelten kann. Schon hat Robineau ſeinen künftigen Schwieger⸗ vater aufs Korn genommen, als ſich dieſer durch Huſten und Räuſpern zu erkennen gibt. „Das iſt der Herr Marquis! ruft Robineau aus, ich glaube, dieſe Schurken da ſind toll geworden.“ „Allerdings bin ichs, verſetzt Herr de la Pincerie, der im Hemd ebenſo ſtolz einherſchreitet, als ob er eine Gallauniform trüge: Was iſt denn vorgefallen? . Wird das Schloß belagert und geſtürmt?“ „Ja, was gibt es denn,“ fragte Alfred, der wäh⸗ rend des letzten Lärms plötzlich unter den Andern er⸗ ſchienen war, ohne daß man wußte, woher er kam. „Ah! da ſind Sie, mein Herr! ſagte Cornelia ſpöttiſch; für einen galanten Mann kommen Sie den Damen ſehr ſpät zu Hülfe.“ „Ich dachte, mein Fräulein, daß man vor Allem wenigſtens die nöthige Kleidung anlegen müſſe.“ 63 „Ja, ſagt Herr Ferulus vortretend, vor Allem der Anſtand und Züchtigkeit; denn...“ Herr Ferulus bringt ſeinen Satz nicht zu Ende, denn ſo eben erblickt er bei Jeannetten eine ſchwarze, ſehr kenntliche Weſte. Er zieht das Mädchen mit ſich fort an eine dunkle Stelle der Galerie, und während ihm dieſe die Schlafhaube abnimmt, zieht er ſchnell die Weſte an mit den Worten: Errare humanum est, Jeannette.“ „Kurz, warum dies Geſchrei, dies Gepolter?“ wiederholt Eduard. „Das Geſpenſt, der Geiſt geht wirklich im Thurm umher, Herr!“ ſagt Benedikt. „Wir Alle haben ein Licht geſehen,“ ruft die ge⸗ ſammte Dienerſchaft zu gleicher Zeit. „Nun wohlan! ſagt Alfred, ſo muß man den Thurm viſitiren, das iſt Alles.“ „Recht, bemerkt Robineau, man muß alle dieſe Haſenfüße in den Thurm ſchicken.“ „Wo iſt denn aber mein Onkel Herzchen? fragt Cornelia, er allein iſt nicht aufgeſtanden.“ „Er wollte nicht unter ſeiner Decke hervorkriechen, erwidert der Marquis, umſonſt ſagte ich ihm, er ſolle aufſtehen... noch nie zeigte er ſolche Feſtigkeit.“ „Laſſen wir Onkel Herzchen unter ſeiner Decke, verſetzt Eduard, und gehen wir nach dem Thurm. Vorwärts, Pförtner, Ihr wißt den Weg, führt uns.“ Herr Cunette iſt nicht mehr ſo ungläubig, ſeit er das Licht geſehen, er zeigt großen Widerwillen, die jungen Leute zu führen, und die übrigen Diener haben 64 ebenſowenig Luſt, ſie in den Thurm zu begleiten. —„Wer wird aber uns bewachen, meine Herrn? fragt Eudoxia, denn wir gehen doch nicht mit Ihnen in den entſetzlichen Thurm.“ 2* „Ich lege mich wieder zu Bette, bemerkt der Marquis, denn ich fühle ein kühles Lüftchen, das mich erkältet, und wenn ich gewußt hätte, daß nur von Geſpenſtern die Rede iſt, wäre ich wie Herzchen in meinem Bette geblieben.. „Meine Damen, ich werde Sie bewachen, ich, ruft Robineau, ich weiche nicht von der Stelle, ich will Sie keine Minute verlaſſen.“ 4 Die Damen ſchienen durch Robineau's Gegen⸗ wart nicht ſehr beruhigt. Einer der beiden Freunde ſoll ihnen durchaus noch Geſellſchaft leiſten. Alfred iſt aber ſchon auf dem Wege, indem er Cunette zwang, vor ihm herzugehen. Eduard muß daher zurückblei⸗ ben, während Robineau zu ſeinen übrigen Dienern ſagt:„Geht hinter Alfred drein und ruft mich bei der geringſten Gefahr... es iſt doch recht unange⸗ nehm, am Vorabend der Hochzeit nicht ruhig ſchlafen zu können!“. Die Diener geben ein Zeichen des Gehorſams, aber am Ende der Galerie angelangt, machen ſie linksum und flüchten nach der Küche. Alfred ſtieg inzwiſchen mit Cunette, in einer Hand ein Licht, in der andern Hand eine von Robineau's Pi⸗ ſtolen, die nach dem Thurm führende Treppe hinab. „Nun macht die Thüre auf, ſagt er zum Pfört⸗ ner.— Dieſe Thüre ſoll ich aufmachen... der Herr 65 will alſo durchaus da hinein— Gewiß.— Wir ſind aber nur unſerer zwei, Herr! die andern feigen Tropfen ſind davon gerannt.— Wir ſind unſerer genug, einen Spitzbuben feſtzunehmen, wenn wirklich einer in dieſem Gebäude iſt.— Wenn aber mehr als einer da wäre, Herr?— Dann, ſchreien wir nach Hülfe.— Ja, aber ehe dieſe herbeikommt...— Macht doch auf!..— Ich finde den Schlüſſel nicht, mein Herr!... werde ihn in meinem Zimmer ge⸗ laſſen haben.“ Ungeduldig ſtößt Alfred die alte Thüre durch einen tüchtigen Fußtritt ein, zur großen Verwunderung des Pförtners. Während dieſer ſeine Betrachtungen darüber anſtellt, geht Alfred die Wendeltreppe hinauf, und wie Herr Cunette dies ſieht, ſucht er, ſtatt ihm zu folgen, ſeine Kameraden auf. Alfred tritt in die alten Gemächer des erſten Stocks, worin er Niemand findet; Alles iſt noch in derſelben Ordnung, wie bei ſeinem erſten Beſuch mit Robineau. Beim Herausgehen bemerkt er, daß auch der Pförtner ihn verlaſſen; nichts deſtoweniger ſetzt er ſeine Nachſuchungen fort und ſteigt weiter hinauf, da er auch hier Niemand findet, begibt er ſich nach dem noch höher liegenden ſogenannten Arſenal, vor deſſen Thür er deutlich Jemand im Innern auf und abgehen hört. Alfred ſteht ſtill, ſpannt den Hahn, horcht: Alles iſt wieder ruhig. Raſch öffnet er die Thüre dieſes Gemachs, worin völliges Dunkel herrſcht;... in einer Ecke des Saals bemerkt er indeß eine unbewegliche Paul de Kock, XXVI. 5 66 Figur, auf die er zugeht und ſein Licht vorhaltend, erkennt er bald den Vagabunden, der ruhig in einem alten Lehnſtuhl ſaß. Alfred war überraſcht und der Fremde ſagte lä⸗ nicht wahr?“ „Wahrhaftig nicht, erwiderte Alfred, ſein Licht neben ſich niederſetzend. Was macht Ihr aber in dieſem Thurm... wie ſeid Ihr bei Nacht in dies 4 chelnd:„Mich glaubten Sie hier nicht zu finden, Schloß gekommen? kurz, was ſucht Ihr hier? ant⸗ wortet, und verſucht nicht, mich zu hintergehen... „Was ich hier thue?... Sie ſehen! ich ruhe aus! Wie ich hereingekommen bin?... ol ganz einfach, durch die Thüre, denn ich bin nicht ſo ge⸗ 5 ſchickt, durch Thürſchlöſſer zu ſpazieren, wie die dumm⸗ köpfe im Schloß glauben... Was ich hier ſuche 2.. heute Sie, mit dem ich etwas insgeheim zu reden habe; und da ich Sie nicht mehr im Gebirge treffe, weil Sie das Schloß nicht mehr verlaſſen, mußte ich Sie wohl hier aufſuchen; und meine Abſicht war, dieſe Nacht leiſe an die Thüre Ihres Schlafgemachs zu klopfen.“ Die Ruhe und Kaltblütigkeit, mit welcher der Un⸗ bekannte ſpricht, vermehren Alfreds Verwunderung noch; er kann nicht vorausſetzen, daß ein Uebelthäter, ein Menſch, der in der Abſicht zu ſtehlen gekommen wäre, ſo ruhig mit ihm ſprechen könnte; überdies gibts in dem alten Thurm nichts, das die Habſucht zu reizen vermöchte, auch erinnert er ſich noch, daß der vor ihm Stehende kurz zuvor eine volle, ihm angebotene Gold⸗ börſe ausſchlug. 5 4 — *— 67 Der Fremde, der die Gedanken des jungen Mannes zu errathen ſchien, ſagt zu ihm:„Sie können nicht denken, daß ich in der Abſicht zu ſtehlen in dies Schloß gekommen ſei; ſeit Sie es mit dem neuen Beſitzer bewohnen, ſind wenige Nächte vergangen, ohne daß ich in dieſem Thurme ſchlief; nie aber habe ich ge⸗ wünſcht, in einen andern Theil des Schloſſes zu gehen, was mir indeß eben ſo leicht geweſen wäre... Nein, dieſer Ort allein gefällt mir... Jugenderinnerungen knüpfen ſich daran.. einſt wohnte ich hier zur Zeit der alten Edeldame, von welcher Sie wohl gehört haben;... da ich ſah, daß dieſer Thurm völlig un⸗ bewohnt blieb, ſah ich kein großes Unrecht darin, zu⸗ weilen Nachts eine Zufluchtsſtätte zu ſuchen, an dieſem Orte... wo ich einſt... ſo gut ſchlief!...“ Der Ton des Fremdlings war bei den letzten Worten langſam und traurig geworden und ganz ver⸗ ſunken in ſeine durch dies alte Gemach hervorgeru⸗ fenen Erinnerugen, ſchweifte ſein Blick über die von der Zeit geſchwärzten Mauern, über die verroſteten Waffenſtücke, die noch in einigen Ecken umherlagen. Ein Seufzer entſtieg ſeiner Bruſt... ſeine Augen wurden feucht und alle ſeine Züge drückten das Elend der Gegenwart und den Schmerz über das Dahin⸗ ſchwinden der glücklichen Vergangenheit aus. Alfred konnte ſich einer innern Bewegung beim Anblick dieſes ſonderbaren Menſchen nicht erwehren. „Aber, ſagte er nach einer Weile, auf welchem Wege gelangt Ihr denn ins Schloß?...“ „Auf einem ſehr einfachen: im Garten bei dem 68 kleinen Pavillon, hinter der Statue des Mars, iſt eine kleine, wie es ſcheint in Vergeſſenheit gerathene Pforte, die ins Freie führt und zu der ich zufällig noch den Schlüſſel habe. Durch dieſe gelange ich in den Garten; von da iſt es nicht ſchwer, hieher zu kommen, wenn man der großen Allee und dann der Terraſſe folgt und ohne durch die Thüre einzutreten, wie Sie, kann man durch die untern in die Gemächer des erſten Stocks heraufkommen.“ 5 „Ihr kennt, wie ich ſehe, das Schloß ſehr genau und wahrſcheinlich beſſer als der neue Eigenthümer.“ „In meiner Kindheit habe ich ſo oft dieſe Gänge durchwandert!... dieſe geheimen Wege!... Sie gefielen mir!... dieſes gothiſche Schloß ſchien mir ſehr geeignet zu den wunderlichen Abenteuern, die ich in Ritterromanen las; und ich wäre entzückt geweſen, 4 wenn ich ein Geſpenſt in den untern Hallen dieſes Thurms getroffen hätte; aber dieſes Vergnügen ward mir nie zu Theil.“ „Als Ihr mit dem Licht umherliefet, hättet Ihr doch denken ſollen, daß man Euch bemerken werde.“ „Nur zweimal zündete ich dieſes Laternchen an; ich dachte, Alles im Schloß ſchlafe, man ſehe daher mein Licht nicht. Ich konnte dem Verlangen nicht widerſtehen, verſchiedene Gegenſtände, die mir... welche ehemals den Bewohnern dieſes Schloſſes ge⸗ hörten, wieder einmal zu betrachten; und da der Mond nicht immer ſcheint, ſo war es ziemlich ſchwer, ohne Licht meine Neugierde zu befriedigen.“ „Wißt Ihr, daß wer Euch außer mir bei Nacht 69 an dieſem Ort getroffen hätte, Euch feſtnehmen... vielleicht ins Gefängniß hätte werfen laſſen. „Was kann der noch fürchten, mit dem es ſo weit gekommen iſt, wie mit mir!... Ueberdies wußte ich ſehr gut, daß, Sie und Ihren Freund ausgenom⸗ men, Niemand vom Schloſſe in Verſuchung gerathen wäre, Nachts in dieſen Thurm zu kommen; und wenn ich ſie ſogar Alle aus dem Schloß hätte ver⸗ treiben wollen, durfte ich nur Nachts mit einem Lein⸗ tuch über dem Kopf, im bewohnten Flügel umher⸗ gehen; ich ſtehe dafür, der gegenwärtige Beſitzer hätte zuerſt die Flucht ergriffen; aber ich wiederhole Ihnen, es kam mir nie in den Sinn, weder Jemanden zu erſchrecken, noch etwas zu entwenden; wenn ich dem alten Gärtner einmal Furcht einjagte, ſo geſchah das ohne meinen Willen; ich dachte nicht, ihn noch ſo ſpät im Garten zu treffen.“ „Ich glaube Euch. Doch kommen wir auf das was mich betrifft: Ihr ſagt, meinetwegen ſeiet Ihr heute hieher gekommen?.. Was habt Ihr mir zu ſagen? ſprecht.“— Die Züge des Fremden verloren den Ausdruck, den ihm die Erinnerungen an die Vergangenheit ge⸗ geben zu haben ſchienen, und nahmen jetzt den ihnen eigenthümlich gewordenen wieder an:„Ja, entgeg⸗ nete er bitter lächelnd, wir wollen darauf zurück⸗ kommen... die Gegenwart muß wichtiger ſein, als Alles, was nicht mehr iſt und nicht wieder kommen kann. Es ſcheint, daß Ihr gänzlich auf die Er⸗ oberung der kleinen Ziegenhirtin verzichtet habt, da 70 Ihr ſie Eurem Freunde abtratet und ſie nicht mehr beſucht.“ „Was geht das Euch an!.. bin ich Euch Rechen⸗ ſchaft über meine Gefühle ſchuldig? Wenn Ihr mich in der Abſicht, Eure niederträchtigen Vorſchläge zu erneuern, zu ſprechen wünſchet, ſo bemüht Ihr Euch vergeblich!... und ich verbiete Euch...“ 1 „Nun! nun!... nur ruhig, Herr Baron! ich will Sie keineswegs verführen, ſondern möchte Sie nur überzeugen, daß ich mich in meinem Urtheil über die Kleine, deren Unſchuld zu entehren Sie ſich ſcheuten, nicht getäuſcht hatte... die ſich von Ihrem Freunde will heirathen laſſen!. Ich wußte wohl, daß etwas dahinterſtecke...“ „Was wißt Ihr Neues über Iſaura?.. erklärt Euch.— Ihr Geliebter iſt da.— Ihr Geliebter?— Oder wenigſtens der Mann, der für ſie ſorgt... Nennen Sie ihn, wie's Ihnen beliebt;... ich wußte gewiß, daß plumpe Bauern dem jungen Mädchen die artigen Manieren nicht beibringen konnten, welche Sie ſo ſehr entzückten. Kurz, ihre Erziehung... ihr Wohlſtand konnte nur von einem Manne kommen, der ſie liebt, und ſie wahrſcheinlich aus Eiferſucht in dieſem Gebirge verborgen hält, wo er hofft, daß man ſeinen Schatz nicht entdecken werde. Nun denn! ich wiederhole Ihnen, dieſer Mann iſt heute Abend an⸗ gekommen.“ „Habt Ihr ihn bei Iſaura geſehen?— Bei Iſau= ren! ol nein, man iſt vorſichtig!... Man geht nicht zu dem Mädchen, man fürchtet, ſich zu compromit⸗ 71 tiren oder Jemand dort zu treffen... und aus den Vorſichtsmaßregeln dieſer geheimnißvollen Perſon iſt leicht abzunehmen, daß man ſich davor fürchtet... — Kurz?— Das weiße Haus iſt das Stelldichein der Liebenden.— Das weiße Haus?— Ja, ob es dem Unbekannten angehört, weiß ich nicht, ſo viel iſt aber gewiß, daß er die Schlüſſel dazu hat. Die⸗ ſen Abend langte er dort an und bald flimmerte ein Licht an einem Fenſter. Alsbald verließ die Kleine, die ſeit einiger Zeit ununterbrochen auf der Lauer war, ihre Wohnung, und begab ſich eilig nach dem weißen Hauſe; ein Mann,.. den ich ſehr gut be⸗ merkte, denn ich war ganz nahe dabei verſteckt... öffnete ihr die Thüre; ſie tritt ein; was ſie hierauf thaten, kann ich Ihnen nicht gerade ſagen, aber erſt nach Verlauf einer guten Stunde ging die Thüre wieder auf, und die Kleine kehrte nach zärtlichem Ab⸗ ſchiede wieder in ihr Häuschen zurück. Da wäre nun der Schlüſſel zu allen Geheimniſſen!... die ſehr natürliche Urſache des Schreckens der Bergbewohner! ... das endlich, warum die Kleine allein das weiße Haus nicht fürchtete!... So iſt's beinahe immer! ... viel Geſchrei und wenig Wolle... Wunderba⸗ res, das in der Nähe betrachtet, nur noch etwas ſehr Gewöhnliches iſt.“ Alfred hat dem Vagabunden aufmerkſam zuge⸗ hört. Es koſtete ihm viel Mühe zu glauben, daß Iſaura, die ihm ſtets ſo offen und unſchuldig er⸗ ſchien, ihn ſo ſehr habe hintergehen können.„Wißt Ihr das Alles gewiß, was Ihr mir da meldet?“ 72 fragte er endlich, den vor ihm Stehenden feſt in's Auge faſſend. „Wenn Sie mir nicht glauben, ſo überzeugen Sie ſich ſelbſt... Es iſt nicht zu vermuthen, daß dieſer Mann nur für einen Tag in dieſe Gegend ge⸗ kommen iſt. Ihre Augen werden Ihnen alsdann be⸗ weiſen, daß ich wahr geredet;... und Sie werden bedauren, meinen Rath nicht befolgt zu haben; es wird Sie reuen, daß Sie ſo viele Umſtände mit einer feinen Betrügerin machten, die ſich über Sie und ihren Freund luſtig macht; doch ich wiederhole Ihnen, noch iſt es leicht, die verlorene Zeit wieder einzubringen!“ Bei dieſen Worten ergriff der Fremde ſein La⸗ ternchen und verſchwindet durch eine geheime Thüre, noch ehe Alfred, der in Gedanken verſunken daſtand, ſeine Abweſenheit bemerkt hatte. Erſt nachdem er nach mehren Minuten um ſich her blickte, gewahrte der junge Marcey, daß er ſich allein im Thurm be⸗ fand. Jetzt denkt er daran, daß die Schloßbewohner verwundert und vielleicht unruhig ſein müſſen, ihn nicht zurückkommen zu ſehen. Gerne hätte er mit dem Fremden noch mehr geſprochen und beſonders ihm verboten, bei Nacht das Schloß wieder zu be⸗ ſuchen, allein er iſt nicht mehr da und Alfred ent⸗ ſchließt ſich, den Thurm gleichfalls zu verlaſſen. Man war in Cornelia's Zimmer verſammelt; die Damen wurden unruhig, Eduard wollte Alfred ab⸗ holen, Herr Ferulus citirt die Autoren, welche das Daſein von Geſpenſtern läugnen und Robineau hat 73 noch immer das Raſirmeſſer in der Hand und wie⸗ derholt:„Es iſt ſehr hart, ſich am Vorabend der Hochzeit ſo zu ermüden... nicht wahr, theuerſte Braut?“ Die Braut antwortete nicht, oder verzog das Geſicht und Robineau ſprach bei ſich ſelbſt:„Zwei⸗ deutige Worte liebt ſie nicht... Die Schamhaftig⸗ keit ſelbſt!“ Endlich kommt Alfred und man beſtürmt ihn mit Fragen—„Gab es etwas? Iſt's ein Geſpenſt?— Iſt's ein Dieb?— Ift's etwas Entſetzliches?“ „Es iſt gar nichts, erwidert Alfred, ich fand den Thurm leer und Alles an ſeinem alten Platze. Hieraus darf man ſchließen, daß das geſehene Licht nur eine Abſpiegelung des Mondes auf den Fenſter⸗ ſcheiben iſt.“ „Dieſen Abend ſcheint der Mond nicht,“ ſagt Robineau. „Nein!... dann mag's geweſen ſein, was es will; doch verſichere ich Sie, meine Damen, daß Sie ruhig ſchlafen können und kein Kobold Sie am Fuße ziehen wird.“ Man muß mit Alfreds Reden zufrieden ſein, doch bemerkt man, daß er weit weniger heiter iſt, als ihe er ſich in den Thurm begab; er bleibt aber bei der Behauptung, nichts geſehen zu haben und man entſchließt ſich, wieder ins Bett zu gehen; Eudoria, ſih beklagend, daß man ſie ohne Urſache aufgeweckt hebe, Cornelia, indem ſie Alfred nachſieht, um ſich zu überzeugen, daß er in ſein Zimmer geht, dieſer, 74 Eduard traurig anblickend, da er nicht weiß, ob er ihm die Worte des Vagabunden mittheilen ſoll; Ro⸗ bineau endlich, mit dem Rafirmeſſer in der Hand, als ob er geſchworen hätte, den Geſpenſtern ſeines Schloſſes den Bart zu ſcheeren. Sechstes Kapitel. Robineau's Hochzeit. Alfred dachte die ganze Nacht über die Worte des Vagabunden nach; er weiß nicht, ob er Eduards Glück ſtören ſoll, indem er ihn von der Aufführung Iſaurens unterrichtet. Er ſelbſt will ſich vorher von der Wahrheit des Gehörten überzeugen. Er nimmt ſich feſt vor, Eduard keine unauflöslichen Bande knüpfen zu laſſen, ehe dies Geheimniß aufgeklärt iſt, aber noch fühlt er nicht den Muth in ſich, ſeinen Freund zu betrüben. Zudem iſt man heute zu ſehr mit Robineau's Hochzeit beſchäftigt, um Muße zu einer Unterhaltung ohne Zeugen zu haben. Eduard ſelbſt mußte ein großes Opfer bringen, er konnte Iſaura nicht beſuchen, da Robineau ihn gebeten, bei der Geſellſchaft zu bleiben und ſeiner Schwägerin den Arm zu reichen; denn die Ordnung und der Gang der Ceremonien ſind ſchon ſeit lange feſtgeſetzt. Er will, daß Alles bei einander ſei, und noch glaubt er nicht genug Zeugen ſeines Glücks z haben. 1 7⁵ Um zehn Uhr ſoll die ganze Geſellſchaft beim Frühſtück verſammelt ſein, zu welchem der Chevalier von Tantignac, Herr Berlingue und ein alter Ren⸗ tier, ein Freund des Marquis, eingeladen ſind. Die Diener haben ihre Gallalivrée angelegt; Herr Ferulus ließ ſeine großen Sonnenknöpfe auf ſeinen Frack nähen und hat ein Gedicht in jeder Taſche. Robineau iſt ſchwarz vom Kopf bis zu den Füßen, hält ſich ganz ſteif und lacht nicht, weil der Mar⸗ quis ihm ſagte, daß man an ſeinem Hochzeittage nicht ernſt genug ſein könnte. Onkel Herzchen endlich hat ſich mit einer Partie Stecknadeln verſehen, weil er dachte, daß bei einer Hochzeit nothwendig etwas los⸗ gehen müſſe. Cornelia iſt prachtvoll geputzt und Robineau, von ihrem Anblick ganz hingeriſſen, tritt einige Schritte zurück und ſagt zu Alfred:„Gott, wie blendend!“ Herr de la Pincerie ergreift die Hand ſeiner Tochter, führt ſie Robineau zu und ſagt ihm mit beinahe drohendem Tone:„Herr vom Schwarzenfels, ich übergebe Ihnen ein prächtiges... vortrefflich erzo⸗ genes Mädchen... entſproſſen aus erlauchter Fa⸗ milie. Ich hoffe, Sie werden ſich der Ehre dieſer Verbindung würdig zeigen. Wenn ich aber vernähme, daß meine Tochter unglücklich wäre... daß ſie ſich über ihren Gemahl zu beklagen hätte!... Meiner Seel! Herr vom Schwarzenfels, dann wollte ich ein Wort mit Ihnen ſprechen...— Sie ſoll glücklich werden, theurer Schwiegervater, ſie ſoll's werden... und ich hoffentlich auch! rief Robineau aus, der zu 76 fürchten ſchien, die Ruthe zu erhalten, wenn er nicht brav iſt. Aber das Frühſtück wartet auf uns und unſere Augenblicke ſind gezählt.“ Gegen das Ende der Frühſtücks zog Herr Ferulus ein großes Papier aus der Taſche und ſchickte ſich an zu leſen, als der Marquis mit feierlichem Tone ſagt: „es iſt Zeit, nach der Stadt zu fahren.“ Herr Ferulus ſchiebt ſein Gedicht wieder ein. Alles ſteht auf und man ſetzt ſich in die drei vorhandenen Wagen: Eduard mit der Braut, Eudoxia und dem Schwiegervater in die Karoſſe; Alfred und die drei Zeugen in den Charabanc, und Robineau mit Onkel Herzchen und Herrn Ferulus in die Poſtchaiſe. Da jedoch vor letztere der hinkende Gaul geſpannt ward, konnte ſie den beiden andern nicht folgen, und als Robineau die Karoſſe des Marquis nicht mehr er⸗ blickte, rief er aus:„Ach, mein Gott!.. ich werde zu ſpät kommen, man wird auf mich warten müſ⸗ ſen... das wäre ſehr unangenehm... „Gnädiger Herr, verſetzt Ferulus, Sie können ge⸗ wiß ſein, daß die Ceremonie nicht ohne Sie beginnt.“ „Wohl... aber der Herr Marquis wird mich zanken.— Nicht unſere Schuld, wenn das Pferd nicht ſchneller laufen will.— Ganz recht... Onkel Herz⸗ chen, Sie ſind Zeuge, daß die Schuld am Pferde liegt.— Ja, ja, ja, antwortet Herzchen; ol das Pferd iſts!..“. „Dieſer Kerl da verheirathet ſich nicht!“ ſagt Robineau, aus Leibeskräften auf das arme Thier lospeitſchend. 77 „Alsdann würde er noch mehr hinken,“ murmelt Ferulus ganz leiſe vor ſich hin. „Ach! meine Herren... der Hochzeittag iſt ein ſehr wichtiger!“ fährt Robineau mit einem Seuf⸗ zer fort. „Ein Tag, der zum memento dient, gnädiger Herr... est pater ille quem nupfiæ demonstrant.“ „Ja, ja, ja,“ erwidert Herzchen lächelnd. „Ich geſtehe, ich hielt mich für ſtärker... ſtoi⸗ ſcher... aber meine Zukünftige iſt ſo hinreißend... das verwirrt mich ſo ſehr... daß mein ganzer Kör⸗ per in Aufregung iſt!... Meine Herren, verzeihen Sie... halten wir einen Augenblick, ich muß ab⸗ ſteigen.“ Robineau ſteigt ab und geht hinter eine Heck, während Ferulus ſagt: „Homo sum et humani a me nihil alienum puto!« Nachdem Robineau wieder aufgeſtiegen iſt, nimmt er, ſich an Ferulus wendend, wieder das Wort: Die Liebe, das Glück, machen einen ſonderbaren Eindruck auf meine Sinne!... Sie wiſſen das nicht, Sie waren vielleicht nie verheirathet? 24 „Verzeihen Sie, gnädiger Herr, ich ehlichte mich ein Mal... und hatte daran übergenug.“ „Und Sie, Onkel Herzchen? haben Sie ſich nicht verheirathet?— Ich!... nein... ich glaube hicht ...O! nein, nein!... das iſt mir nie paſſirt... Robineau läßt aufs Neue anhalten, ſteigt ab und ſchlüpft hinter ein Gebüſch. Herr Ferulus nimmt eine Priſe und tnſj aus: 78 „Naturam expellas furca tamen usque recurret!“ Bald erſcheint Robineau wieder, und um die ver⸗ lorene Zeit einzubringen, peitſcht man wacker auf das arme Pferd los, welches aber darum nicht ſchneller geht; der zukünftige Ehemann verzweifelt beinahe, indem er ſagt:„Der Herr Marquis wird ſehr zornig .. ſicherlich iſt man ſchon auf der Mairie und war⸗ tet auf uns... Meine Herren, Sie ſind Zeugen, daß die Schuld am Pferde liegt.“— „Hat noch eine andere Urſache, ſagte Ferulus zu Herzchen, von der ſprechen wir aber nicht.“ Eine Viertelſtunde von Saint⸗Amand läßt Robi⸗ neau abermals halten und ſteigt mit dem Ausruf ab: „Es iſt in Wahrheit fürchterlich!... ich weiß nicht, was das heißen will!“ „Muth, gnädiger Herr! tröſtet Ferulus: Labor improbus omnia vincit!..“ „Was hat er denn, daß er ſo oft abſteigt?“ fragte Herzchen, als Robineau fort war. „Was er hat!... Wie! das haben Sie noch nicht gemerkt... Zum Henker, er hat una hilis suf- fusio!... Er ſagt, es ſei eine Wirkung der Liebe... Wenn indeß dieſe Wirkung vierundzwanzig Stunden anhält, wird es ihn jedenfalls in eine falſche Stel⸗ lung bringen!...“ Endlich ſteigt Robineau wieder ein und man kommt in der Stadt an. Der Zukünftige erkundigt ſich nach der Karoſſe ſeines Schwiegervaters; man ſagt ihm, dieſer ſei ſeit einer ſtarken halben Stunde auf dem Mairie, wo die Braut und die ganze Geſellſchaft 79 aauf ihn warte, auch habe man ſchon zwei Perſonen abgeſandt, um zu erfahren, was aus ihm geworden ſein möge. Robineau treibt ſein Pferd mit Peitſchenhieben an, ſteuert auf die Mairie zu und ruft aus:„Was wird man ſagen? Der Herr Marquis iſt viel⸗ leicht beleidigt!... Und meine Zukünftige!... wenn ſie böſe wäre 1... Glücklicherweiſe ſind meine Freunde bei ihr!... Man kommt auf die Mairie. Mit wüthender Ge⸗ berde ſchritt der Marquis im großen Saale auf und ab; die jungen Leute unterhielten ſich mit den Da⸗ men; Herr Berlingue machte bereits Epigramme über das Zögern des Zukünftigen; der alte Rentier hatte nur das bevorſtehende Mittagsmahl vor Augen; der Chevalier von Tantignac endlich ſagte, um den Herrn de la Pincerie zu beſänftigen:„Als uns bei der Hei⸗ rath einer meiner Couſinen der Bräutigam nur fünf Minuten warten ließ, hatte die Verlobte bei ſeiner Ankunft bereits einen Andern geheirathet, um ihn zu lehren, ein andermal flinker zu ſein.“ Doch Robineau erſcheint mit ſeinen beiden Ge⸗ fährten.„Herr vom Schwarzenfels, rief der Mar⸗ quis aus, mit ſeinem Stock auf den Boden ſtampfend, wiſſen Sie, daß es unſchicklich iſt, Leute, wie wir ſind, warten zu laſſen 2...— Mein theurer Schwie⸗ gervater, nicht...— Wen glauben Sie denn zu heirathen, mein Herr? Meinen Sie, Sie hätten es mit einem gemeinen Bürgermädel zu thun?— Nein gewiß nicht, Herr Marquis, aber ich..— Aber 8 80 Sie verdienten, daß ich Ihnen die Hand meiner Tochter nicht mehr gewährte, um Sie zu lehren, uns eine Stunde lang in der Langeweile hinzuhalten.— Mein ſehr geehrter Schwiegervater... da ſind meine Zeugen... Fragen Sie Ihren Bruder Herzchen und Herrn Ferulus, ſie werden Ihnen ſagen, daß wenn ich nicht bälder gekommen bin, es nicht aus Mangel an Luſt geſchah.“ „Ja, ſo iſt es, bemerkte Ferulus, an der Luſt hats nicht gefehlt!“ „Unſer Pferd allein, fährt Robineau fort, theilte unſere Ungeduld nicht...“ „Ja, ja, ſagte Herzchen, das Pferd.. und... belis suffu..“ Robineau tritt Herzchen auf den Fuß und zerquetſcht ihm zwei Hühneraugen, um ihn zum Schweigen zu bringen, worauf er aber im Gegentheil ſchreit wie ein Beſeſſener; man hört jedoch nicht mehr auf die⸗ ſen und ſchreitet zum Civilakt. Hierauf ſetzt man ſich wieder in den Wagen, um nach der Kirche zu fahren, die zwar nur einige Schritte von da entfernt iſt; allein man hält es nicht für ſchicklich, zu Fuß anzukommen. Der Bräutigam verſchwand indeß beim Herausgehen aus der Mairie und man kommt ohne ihn zur Kirche. Hier bemerkt der Herr Marquis die abermalige Abweſenheit ſeines Schwiegerſohns; und da die Kirche mit Leuten vollgepfropft iſt, weil in einer kleinen Stadt eine Hochzeit Aufſehen macht, iſt Herr de la Pincerie ganz raſend gegen Robineau, 1 8¹1 welcher den feierlichen Einzug aufhält und den Auf⸗ ſchub der Feierlichkeit veranlaßt.— „Wo iſt er? wo iſt er wieder?“ ruft der Mar⸗ quis, während Cornelia ängſtlich über die Menge hinblickt, wobei ſie ſagt:„Das iſt aber unbegreif⸗ lich!... zweimal nach einander auf ſich warten laſſen!... wenn die Sache nicht ſchon ſo weit wäre, würde ich Alles abbrechen!“ „Warum habt ihr ihn verlaſſen? fuhr Herr de la Pincerie ſeinen Bruder und Herrn Ferulus an.— Nicht wir ihn, ſondern er hat uns verlaſſen, indem er uns ſagte: Geht immer zu, ich werde gleich nach⸗ kommen.“ Endlich erſcheint Robineau, roth, keuchend und von Schweiß triefend; er ſchlüpft zwiſchen ſeine Braut und ſeinen Schwiegervater; dieſer faßt ihn bei der Hand, drückt ſie heftig und raunt ihm in's Ohr: „Mein Herr, nach der„eierkiihteit werden Sie mir Rechenſchaft geben!...“ Indeß wird das Auun daur vor den Altar geru⸗ fen und während der Ceremonie beſänftigt ſich Herr de la Pincerie etwas und bedenkt, daß es nicht ſchick⸗ lich wäre, ſeinen Schwiegerſohn an deſſen Hochzeit⸗ tage herauszufordern. Der Rückweg nach dem Schloß, wo man gegen vier Uhr anlangt, geht in der gleichen Ordnung vor ſich und Robineau ſteigt während deſſelben nur ein⸗ mal aus. Die Damen begaben ſich in ihre Zim⸗ mer, ſich umzukleiden, während ſich ein Dutzend zum Hochzeitmahle eingeladener Gäſte einfanden, wobei Paul de Kock. XXVI. 4 6 1 82 Becomplimentiren und Glückwünſchen kein Ende nimmt. Nach zwei Stunden erſchienen auch die Damen wie⸗ der; Cornelie noch prachtvoller geſchmückt als am Morgen, empfing die Glückwünſche der Neuangekom⸗ menen und beſchäftigte ſich mit Jedem, nur nicht mit ihrem Gemahl. Herr Ferulus, der die Neuvermählten noch nicht becomplimentirt hatte, weil er warten wollte, bis die ganze Geſellſchaft verſammelt war, tritt nun vor Cornelia, verbeugt ſich bis zur Erde und über⸗ reicht ihr eine mit Roſaband umwundene Papierrolle mit den Worten:„Erlauben Sie mir, Madame, daß ich den Weihrauch meiner Wünſche mit den Wohl⸗ gerüchen der Felicitationen, die Ihren Weg bereits umdufteten, verbindend, Ihnen dies Werkchen, das . Ihrem Hymen ſein Daſein verdankt, dedicire... Möchte freundliches Lachen und Koſen Ihr Lager um⸗ ſchwärmen! und der Himmel Ihnen Kinder, männ⸗ lichen, weiblichen und ſächlichen Geſchlechts ſchenken, deren Lehrer ich werde!“ Das Compliment des Bibliothekars erregt viel Aufſehen; die Männer lächeln, Damen fragen ein⸗ ander ganz leiſe, was denn ſächliche Kinder ſeien, und Robineau ſcheint entſchloſſen, ſeine Frau mit keinen andern zu beſchenken. Mit gnädiger Beſchützermiene nahm Cornelia das Papier, gab es hierauf Ferulus wieder zurück, indem ſie ſagte:„Sie werden es uns beim Nachtiſch vorleſen.“ Die Tafel geht eben traurig und langweilig vor⸗ über wie Alles Uebrige, und nur gegen das Ende —— 83 bringt der Geiſt des Weins etwas mehr Leben in die Geſellſchaft. 3 Ferulus glaubte, jetzt ſei der Augenblick gekom⸗ men, ſeine Verſe vorzuleſen; er ſieht daher Robineau fragend an; dieſer aber hat aufgehört, der Befehlende zu ſein, ſtill und ſchüchtern ſitzt er neben ſeiner Ge⸗ mahlin, die bereits einen Ton angenommen, aus dem zu ſchließen iſt, daß ſie ein ſtrenges Hausregiment führen werde. Doch endlich ſagt Cornelia ſelbſt:„Ich glaube, der Herr hat etwas zum Vorleſen... hoffent⸗ lich iſt's nicht ſo lang, wie ſein letztes Gedicht.“ „Ich ſchmeichle mir, Madame, daß Sie meine Verſe im Gegentheil zu kurz finden werden, erwi⸗ dert Ferulus, nichts weniger als erfreut über die Art, wie man ſeines früheren Gedichtes gedenkt. Nach⸗ dem er das Roſaband gravitätiſch von der Rolle ab⸗ gewunden hat, beginnt Herr Ferulus folgendermaßen: „Als Text meines Huldigungsgedichts habe ich die Worte des Propertius genommen: „Nec domina ulla meo ponet vestigia lecto.“ „Und was ſoll das heißen, unterbricht ihn Cor⸗ nelia, Sie hätten, glaube ich, beſſer gethan, uns die Ueberſetzung zu geben.“ „Ja, ſtimmt Robineau bei, er iſt ſchrecklich mit ſeinen Citationen! Schon hundertmal wiederholte ich ihm, daß ich nur Ueberſetzungen liebe.“ „Madame, fährt Ferulus, den Liebenswürdigen ſpielend, fort, das will heißen: Kein anderes Weib ſoll mehr mein Bett beſteigen!...“ „Mein Gott! wie abſcheulich! wie unanſtändig!“ d 8⁴ rief Eudoxia aus, ihren Kopf hinter Alfreds Schul⸗ tern verbergend.. „Wie, mein Herr! ſagte Cornelia, Sie erlauben ſich, ſolche freie Verſe zu machen!...“ „Madame, ich habe die Ehre, Ihnen zu ſagen, daß ſie von Propertius ſind und daß...“ „Kein Weib auf meinem Bett! rief ſeinerſeits der Herr Marquis aus: Donnerwetter!... ich möchte einmal ſehen, daß... was bedeutet dieſe Anſpielung, mein Schwiegerſohn!..“ „Beſter Schwiegerpapa, ich ſchwöre Ihnen, ich weiß nichts, entſchuldigte ſich Robineau, es iſt mir völlig unbekannt, aus welcher Veranlaſſung ſich Herr Ferulus einen ſo ſchlechten Witz erlaubt!...“ „Ich wiederhole Ihnen, mein Herr, ſagt Feru⸗ lus, es iſt die Ueberſetzung der Strophe und...“ „Schon gut, mein Herr, genug, ſagt Cornelia befehlend, nach einem ſolchen Anfang will ich nicht weiter hören!... Wenn das Weitere damit über⸗ einſtimmt, kann es nicht in Gegenwart von Damen geleſen werden.“ „Keine Bemerkungen, mein Herr, ruft Herr de la Pincerie aufſpringend und mit einer Geberde, als ob er den Gelehrten prügeln wollte. Man ſagt Ihnen, Ihr Werk tauge nichts... ich glaube, Sie ſind nicht hier, Geſetze zu machen.“ Ferulus ſinkt auf ſeinen Seſſel zurück, zerknittert das Papier in ſeinen Händen, wirft es unter den Tiſch und in ſeinem Zorn verſchluckt er drei Makaronen auf einmal, wobei er ſich beinahe in die Zunge beißt. —.— — 8⁵ Endlich verläßt man die Tafel, um ſich in den Salon zu begeben; Ferulus allein folgt der Geſell⸗ ſchaft nicht, ſondern legt ſich zu Bett, indem er bei ſich ſpricht:„Jetzt können ſie mit dem Whiſt auf mich warten! Ich öffne meine Thüre nicht.“ Aber man bildet eine Whiſtpartie ohne den Bibliothekar, auch ein Piquet und eine Schachpartie; kurz, der Abend geht ſo ruhig hin, daß man glauben möchte, man befinde ſich bei Eheleuten, die ſchon zwanzig Jahre beiſammen ſind.— Robineau, der für heute vom Spiele gnädigſt dis⸗ penſirt worden war, verließ inzwiſchen mehrmals den Salon und ſchien beſtändig unruhig und gedan⸗ kenvoll, häufig ſah er ſeine Frau an und ſagte ſich jedesmal dabei:„Noch nie erſchien ſie mir ſo rei⸗ zend, wie dieſen Abend!... meine Liebe nimmt mit jedem Augenblicke zu!“ Bei einer ſeiner Excurſionen aus dem Salon be⸗ ſuchte Robineau auch ſein Gemach, wo ſeine Frau nunmehr mit ihm ſchlafen ſoll. Es iſt bereits etwas kühl, doch man hat noch kein Feuer in den Zimmern angemacht und der Neuvermählte ſagt:„Ich fürchte, daß mich heute Abend friert, mit meiner Gemahlin ... nicht daß ich... demungeachtet... hätte man dieſes Zimmer heizen ſollen.“ Beim Herausgehen trifft er auf Jeannetten und nun erinnert er ſich an die Funktionen der Dirne; ein Gedanke bietet ſich ihm dar... freudig ſchlägt er ſich vor die Stirne und ruft dem Dienſtmädchen. „Jeannette. Du wärmſt heute Abend das 86 Brautbeit... verſtehſt Du?— Ahl ich ſoll das Bett des gnädigen Herrn wärmen?— Ja, Jean⸗ nette... das kann mir und meiner Gemahlin nur angenehm ſein.— Gut, Herr..— Ei, Jeannette, Du wärmſt es mit Zucker; das iſt zarter und riecht ſehr gut.— Mit Zucker 2... aber gnädiger Herr... — Thu, was ich befehle, Jeannette.“ Damit entfernt ſich Robineau und keyrt in den Salon zurück. Als Jeannette allein iſt, kratzt ſie ſich hinter den Ohren und ſagt:„Ich ſoll ſein Bett mit Zucker wärmen!... Wie kann das geſchehen?.. Davon verſtehe ich nicht das Mindeſte.“ Um es ſich erklären zu laſſen, geht Jeannette, die Ferulus hatte in ſein Zimmer gehen ſehen, nach dieſem und klopft mit dem Rufe:„Ich bin's, mein Herr.“ „Ich ſchlafe! antwortet Ferulus aus ſeinem Bette hervor.— Aber, mein Herr, es iſt, um mir etwas erklären zu laſſen..— Ich aber ſage, daß ich ſchlafe; retro satanas!— Der Herr verlangt, ich ſoll ihm ſein Bett mit Zucker wärmen..— Meinet⸗ wegen mit allen Gewürzen, nur laß mich in Ruhe.“ 5 Da Jeannette keine weitere Antwort mehr erhal⸗ ten konnte, geht ſie in die Küche zu Jungfer Gaul und fragt dieſe:„Wißt Ihr, wie man's anfangen muß, ein Bett mit Zucker zu wärmen?“ „Ei der Tauſend! keine Kunſt! erwidert die Kö⸗ chin; man thut Zucker in den Bettwärmer und damit holla!— Man thut Zucker in den Bettwärmer? Nichts Anderes, Kleine.— Und der Herr ſagte, das 87 3 rieche gut.— Ja freilich; es gibt ſo eine Art brau⸗ nen Gerſtenzucker.— Ahl es gibt braunen Gerſten⸗ zucker!... wie komiſch! das hätte ich nie gedacht!...“ Jeannette läßt ſich mehre Stücke Zucker geben, und geht in die Brautkammer hinauf mit den Wor⸗ ten;„Was doch die reichen Leute für raffinirte Ein⸗ fälle haben!... gleichviel; es iſt mein Amt, ich muß wohl gehorchen!“ 3 Damit ſchlüpft Jeannette in das Hochzeitbette, das von ungeheuern ſeidenen Vorhängen umgeben iſt; hierauf bezuckert ſie ihren Bettwärmer, vor ſich hin⸗ ſprechend:„Weil ſie's lieben, wollen wir ihnen braunen Gerſtenzucker machen.“ Das für das neue Ehepaar bereitete Bett iſt ſanſt und weich, Jeannette dehnt ſich voller Freude darin aus, um es mit beſonderer Sorgfalt zu wärmen; aber ſie hat ſich den Tag hindurch mit Ankleiden der Damen, Serviren bei Tiſche ſehr anſtrengen müſſen und war müde; während ſie an ihre heutigen Ver⸗ richtungen, den Putz der Braut, die verſchiedenen Ge⸗ richte des Mittagsmahls denkt, gähnt ſie, ſchließt die Augen und ſchläft endlich im Hochzeitbette ein. Die Geſellſchaft iſt mit ihrem Whiſt, Piquet und Schachſpiel zu Ende. Die Fremden begrüßten die Neuvermählten nochmals mit feierlicher Amtsmiene und verließen das Schloß. Eduard und Alfred wünſch⸗ ten Robineau eine gute Racht und gingen nach ihren Zimmern. Eudoria hat ſich ſchon lange in das ihrige zurückgezogen, da ſie Krämpfe befürchtete. Nun er⸗ hebt ſich der Herr Marquis, tritt auf Robineau zu „— 88 und flüſtert ihm ins Ohr:„Macht, daß es gut vor⸗ übergeht, Schwiegerſohn.“ Robineau verbeugt ſich vor dem Herrn de la Pincerie, indem er antwortet:„Seien Sie verſichert, Schwiegerpapa, es geſchieht Nichts.“ Endlich nimmt er ſeine Gemahlin am Arm und begibt ſich nach dem Brautgemache. Man findet das Zimmer erleuchtet, ſieht jedoch darin nur eine Aufmerkſamkeit der Dienerſchaft. Das Gemach iſt groß, das Bett ſteht in einem Alkoven und iſt durch die Vorhänge verdeckt. Ehe man ſich dem⸗ ſelben nähert, muß man ſich vorher ſeiner Toilette entledigen; das thut nun Cornelie mit der größten Ruhe von der Welt, während Robineau bereits alle Kleidungsſtücke von ſich geworfen hat, im Zimmer umherhüpft und ſagt:„Ich bin zu glücklich!“ Endlich iſt Cornelia mit ihrer Nachttoilette fertig und tritt in den Alkoven; aber im Begriff, die Vor⸗ hänge zurückzuſchieben, hält ſie inne, geht einige Schritte rückwärts und erblaßt, indem ſie ausruft: „Wie ſonderbar! Kommen Sie her, mein Herr, ganz leiſe... horchen Sie, es kommt mir vor, als höre ich Jemanden athmen.“ Robineau ſchaudert zuſammen, will dem Bett nicht näher treten, ſeine Frau muß ihn holen; an dem Alkoven angelangt, hört er ſehr deutlich, daß Jemand im Bette iſt. Jetzt brechen ſeine Füße unter ihm und er iſt genöthigt, ſich an einem Lehnſtuhl zu halten. „Hören Sie? ſagt Cornelia halblaut.— Ja.. 89 ja... Madame— Es hat ſich hier Jemand ver⸗ ſteckt und iſt vielleicht eingeſchlafen.— Das... das Geſpenſt vom Thurme... gekommen, um mein Glück zu ſtören.— Eil nein, mein Herr!... es iſt kein Geſpenſt, kann aber ſehr leicht ein Dieb ſein!... Vorwärts, mein Herr, laufen, rufen, klingeln Sie. — Madame, ich kann nicht von der Stelle!— Ach Gott! was ſind Sie für ein Mann!...“ Cornelia eilt nach der Thüre, öffnet ſie und ruft um Hülfe; als ſich Robineau allein beim Bett ſieht, findet er ſeine Kräfte wieder, läuft ſeiner Frau nach und vereint ihr Schreien mit dem ihrigen. Beim Geſchrei der beiden Ehegatten eilen die noch nicht eingeſchlafenen Bewohner des Schloſſes mit Lichtern herbei; man iſt begierig zu wiſſen, warum der Neuvermählte und ſeine Frau ſo ſtark ſchreien. Halb angekleidet langt man an, findet Robineau blaß wie den Tod und Cornelia in einer Unordnung, die gerade nichts Entſetzliches hat. „Was iſt's denn? Was gibt es? fragen Alfred und Eduard, während der zuletzt herbeigekommene Herr Marquis zornig auf Robineau zugeht und ihn anruft: Ich möchte wohl wiſſen, mein Schwieger⸗ ſohn, warum Ihr meine Tochter in der erſten Hoch⸗ zeitnacht ſo ſchreien macht! Ich habe mich auch vermählt, aber meine Gemahlin ſchrie nicht im ge⸗ ringſten!“ „Ei! lieber Schwiegerpapa! ich mache meine Frau nicht ſchreien; ich ſchreie im Gegentheil mit ihr!... Aber greift zu den Waffen!... ſchnell, bewaffnet 90 euch! es liegt Einer in unſerem Bett!. Ich dachte an's Geſpenſt, aber meine Frau ſagt, es ſei eher ein Dieb.“ „Laß ſehen, verſetzt Alfred, wir ſind unſerer ge⸗ nug und brauchen keine Waffen... Du kannſt keine Räuberbande in Deinem Alkoven haben!“ Und Alfred ſchreitet mit Eduard an das Braut⸗ bett; die Eheleute, der Marquis und die Diener folgen. Vor dem Bett angelangt, ziehen die beiden jungen Männer den Vorhang ſchnell auseinander und Alles erblickt Jeannette mit ausgeſpreizten Beinen friedlich ſchnarchen. „Jeannette! rufen Alfred und Eduard aus vollem Halſe lachend. Jeannette, wiederholt Jeder der An⸗ weſenden.“ „Aber was macht das Mädchen in Ihrem Bett, mein Herr?“ ſagt Cornelia, Robineau verwundert anſehend. „Ja in der That, fällt Herr de la Pincerie ein, dieſe Magd findet man in Ihrem Bette... was be⸗ deutet das, mein Schwiegerſohn?. Donnerwet⸗ ter!... das iſt verdächtig!...“ „Ich ſchwöre Ihnen, mein Schwiegerpapa, ich weiß nicht, was das heißen ſoll... bin die Unſchuld ſelbſt... Man wecke Jeannette auf, ſie muß uns wohl erklären, warum ſie da iſt.“ Man ſchüttelt das Mädchen, ſtößt ſie an, worauf ſie gähnt, die Arme ausſtreckt, ſich die Augen reibt, dann verwundert um ſich herblickt und ausruft:„Ach! du mein Gott! habe ich denn geſchlafen...“ 91 2 „Wie kommt Ihr dazu, Euch in dieſes Bett zu legen?“ fragt Cornelia Jeannetten mit keinem ſehr ſanften Blick. „Wie!... mein Gott! Madame, ich bitte Sie ſehr um Entſchuldigung;... es iſt indeß ſehr natür⸗ lich, um es zu wärmen...“ „Es zu wärmen?— Iſt es nicht wahr, Herr, daß Sie mir befohlen hatten, Ihr Bett zu wärmen?“ „Ja, ich gebe es zu, ſagte der Angeredete, ich glaubte, es würde meiner Gemahlin angenehm ſein; aber ich ſagte Euch nicht, Ihr ſollet deßhalb in's Bett liegen.“ „Ach! gnädiger Herr... ich muß Ihnen ſagen, es iſt kein Bettwärmer auf dem Schloß;... man vergaß bis jetzt einen zu kaufen und Herr Ferulus be⸗ hauptete ſogar, es ſei unnöthig... er lehrte mich... nach Art der Alten zu wärmen.. kurz bis jetzt... habe ich ſein Bett immer mit meinem Schwer⸗ punkt, wie er ſagt, gewärmt.“ „Welche Abſcheulichkeit! rief Cornelia aus; Ihr Gelehrter, mein Herr, iſt ein liederlicher Kerl... und ich hoffe, er wird gleich morgen aus meinem Hauſe gehen.“ „Madame, ich bin vollkommen Ihrer Anſicht, ver⸗ ſetzte Robineau, überdies macht er nur noch ſchlechte Verſe.“ „Er iſt ein Schurke! ſagt Herr de la Pincerie, und wenn ich nicht beinahe im Hemd wäre, würde ich ihn auf der Stelle an den Ohren nehmen 1...“ „ Inzwiſchen werde ich aber ſicherlich nicht da 92 drinnen ſchlafen, verſetzt Cornelia, und da man mein Bett abgeſchlagen hat, werde ich die Nacht bei meiner Schweſter zubringen.“ „Aber, theure Gemahlin, doch!... ſagt Robi⸗ neau.— Nein, mein Herr, das iſt beſchloſſen und wird Sie lehren, Leute, die ſich ſo aufführen, nicht in Ihr Schloß zu nehmen.“ Cornelia ergriff eine Kerze und begab ſich, ohne weiter auf ihren Gatten zu hören, zu ihrer Schwe⸗ ſter. Der Marquis billigte das Verfahren ſeiner Tochter, und Jeannette, welche mittlerweile aufgeſtan⸗ den war, ging mit den übrigen Dienſtboten fort. Alfred ſagte zu Robineau:„Du haſt's ge⸗ wolltl.. und dieſer, im Hochzeitgemache allein zu⸗ rückgeblieben, ſagt, ſich niederlegend:„Im Ganzen iſts vielleicht beſſer, daß es für dieſe Nacht ſo ging.“ 5 Siebentes Kapitel. Nächtlicher Beſuch des weißen Hauſes, Um ſich für den Tag zu entſchädigen, den Eduard verlebte, ohne Iſaura zu ſehen, erhob er ſich mit Tagesanbruch; und Alles ſchlief noch im Schloſſe, als er ſchon auf dem Wege in's Gebirge war. Schon vorher hatte er ſeiner Freundin geſagt, daß er einen Tag ausbleiben werde und das Mädchen hatte ihm voll Zärtlichkeit geantwortet:„Ich werde den ganzen Tag über nur an morgen denken.“ Er trieb daher 93 ſein Pferd an, um bälder bei ihr zu ſein, denn er zweifelte nicht, daß Iſaura ſeine Ungeduld theile. Endlich erreichte er das niedliche Thal, band ſein Pferd an und ging auf das Haus zu; zu ſeiner Verwunderung ſieht er Iſaura nicht am Fenſter, ihn zu empfangen: jeden Morgen harrte ſie da ſeiner An⸗ kunft, um wie viel mehr ſollte ſie nicht nach einem langweilig verlebten Tage wünſchen, ihn noch bälder zu ſehen. Er klopfte, Vaillant ſchlug an und bald wurde ihm die Thüre geöffnet. Iſaura erſchien vor ihrem Geliebten; aber ſie ſtürzt nicht in ſeine Arme: Freude und Liebe ſchienen ſie nicht mehr zu beleben und ſtatt ihn wie ſonſt mit ihrem ſüßen Lächeln zu empfangen, flüſterte ſie traurig mit geſenkten Blicken:„Du biſt's?“ „Ja.. ich bin's, antwortet Eduard, betroffen über die in Iſaura's ganzem Weſen vorgegangene Veränderung. Haſt Du mich nicht erwartet?— O! ich dachte wohl, daß Du kommen würdeſt.— Jſaura, was haſt Du? was iſt denn geſchehen in der kurzen Zeit, ſeit ich Dich verließ?... Ums Himmels willen, antworte!“ Iſaura ſetzte ſich und erwiderte ſeufzend:„Nichts iſt geſchehen... Nichts iſt mir.“ „Du hintergehſt mich, Iſaura; Du biſt nicht mehr dieſelbe... dieſe Traurigkeit!... dieſe Thränen, die ich noch nie in Deinen Augen ſah, meinſt Du, ich könne mich darüber täuſchen?... ſprich, ich verlange ¹ es.. ich beſchwöre Dich!... was iſt dies neue Geheimniß?... Du liebſt mich alſo nicht mehr?... X 94 „Ol ewig, ewig werde ich Dich lieben! ſagte Iſaura, Eduard mit thränenvollem Auge anblickend; ja, ewig!... obgleich man mir ſagte, daß ich übel gethan... ſehr Unrecht gehabt. Dich zu lieben und anzuhören.“ „Wer ſagte das? fuhr Eduard auf.— Werde nicht zornig, ich bitte!... ach! das nützte nichts. Mein Freund... vergib, daß ich Dir Liebe einge⸗ flößt!... nicht meine Schuld, daß ich Dir nicht angehören darf, daß ich verzichten muß auf das Glück, das wir uns verſprachen; vergiß mich... Ich werde Dich ewig lieben; dieſe Liebe wird von nun an mein einziges Gefühl, mein einziger Gedanke... mein einziger Troſt ſein!“ Die Thränen, die aus den Augen des lieblichen Mädchens rannen, ſchienen die Wahrheit ihres Schmer⸗ zes zu beſtätigen. Doch Eduard, heftig aufgeregt, erhob ſich, und entfernte ſich von Iſauren, indem er ausrief:„Du ſagſt, Du liebeſt mich ewig, und willſt nicht mein ſein!... Wenn ich, das vergeſſend, was ſo viele Leute in der Welt zur Richtſchnur ihrer Handlungsweiſe nehmen, Dir meinen Namen geben, Dich meine Gattin nennen, nur für Dich allein leben will... Jemand verbietet Dir, mich zu lieben, mir anzuhören, und alsbald biſt Du anders gegen mich, willſt aufhören, mich zu ſehen und ich ſoll auf meine ſüßeſten Hoffnungen verzichten!... Nein, Du liebſt mich nicht... wenn Du meine Liebe kennteſt, würdeſt Du mehr an mir als an jedem Andern hängen... kurz, mein Fräulein, welche Macht hat jene Perſon über — 9⁵ Sie, der Sie mich opfern?... Ihr Vater iſt es nicht, mehrmals wiederholten Sie mir, daß Sie keine Eltern mehr hätten... Mit welchem Recht verlangt die Perſon, die ſich in ſolch geheimnißvolles Dunkel hüllt, daß Sie ſich von mir trennen? wo iſt ſie? ich will ſie ſehen, kennen, ſprechen.“— „Nein!.. nein!.. denke nicht daran, ruft Iſaura angſtvoll aus. Ach! ich bitte Dich, wenn Du noch Liebe für mich haſt,... ſo ſuche dieſe Perſon nicht kennen zu lernen... er will es nicht... er hat nie gekannt.. geſehen ſein wollen...“ „Er will nicht! ſagte Eduard unmuthig. Sehr gut! ein Mann iſt's: Du haſt Dich verrathen...“ „Mich verrathen!... erwidert Iſaura, ihre ſchö⸗ nen thränenvollen Augen zum Himmel erhebend; und was läge Unrechtes darin, wenn es ein Mann wäre?“ „Wer iſt dieſer Mann?... Welche Rechte hat er auf Dich?“ „Was er iſt?.. ich weiß es ſelbſt nicht... aber er hat die ſtärkſten, die heiligſten Rechte auf mich... die der Dankbarkeit... Ihm verdanke ich Alles.“ „Ihm verdankſt Du Alles!... Wie? Biſt Du nicht von den guten Bauern, den Bewohnern dieſes Hauſes aufgenommen und erzogen worden?... Biſt Du nicht ihnen allein Dankbarkeit ſchuldig?...“ „OI... nein!.. nicht ihnen allein!.. die guten Landleute, die hier wohnten, liebten mich ſehr, ich weiß es wohl; doch indem ſie mich aufnahmen, mich wie ihre Tochter behandelten, gehorchten ſie nur den Befehlen desjenigen, dem ich heute ebenfalls gehorchen 96 muß! Ich thue Unrecht, Dir dies ſchon zu ſagen... er hatte es mir ſtreng verboten...“ „Wenn man nur reine Abſichten hat, Iſaura, verbirgt man ſich nicht ſo, hüllt ſich nicht in ſolch geheimnißvolles Weſen; und wenn dieſe Perſon Dein Glück will, warum verbietet ſie Dir, mich zu lieben, meine Frau zu werden?...“ „Deine Frau!... nein;... er fagte mir, ich könne nie eines Mannes Frau werden... Ich darf Dich nicht mehr ſehen, nicht mehr hier empfangen... auch ſagte er, das ſchade nur meinem Rufe.. Ach! ich wußte nicht, daß es Unrecht ſei, gerne in Deiner Geſellſchaft zu ſein.. „Und Du gehorchſt dieſem Befehl, der Dich von mir trennt?“ „Ich muß wohl!... Zürne mir nicht, Eduard .. Auch ihm, der uns trennt, thut es leid, daß er mir Kummer macht;... denn er iſt ſo gut... und liebt mich ſo ſehr!...“ „Das iſt zu viel! rief Eduard, zornig aus dem Haus gehend; einen Andern beklagt, liebt man, und als Belohnung meiner Liebe und daß ich nicht gehan⸗ delt, wie ſo Viele an meiner Stelle gethan hätten, bittet man mich, nicht wieder zu kommen!... Ha! ich müßte ein großer Thor ſein, wenn ich Dich noch liebte... Leb wohl!... Dein Wille ſoll Dir ge⸗ ſchehen, Du ſollſt mich nicht mehr ſehen.“ „Eduard!... Eduard!... ſo verläßt Du mich?“ rief Iſaura, die dem jungen Mann vor die Thüre gefolgt war. Aber Eduard hörte nicht mehr. Außer 97 ſich vor Zorn und Eiferſucht, hatte er ſich aufs Pferd geſchwungen und eilte im Galopp zum Schloſſe zurück. Mit Ausnahme des Herrn Ferulus war Alles im Salon verſammelt. Dieſem war bedeutet worden, daß er binnen vierundzwanzig Stunden das Schloß zu verlaſſen habe und er war gerade in der Biblio⸗ thek, wo er, die junge Gemahlin des Herrn vom Schwarzenfels zum Teufel wünſchend, die mitgebrach⸗ ten Bücher wieder einpackte. Alfred war bei der Familie im Salon und blickte Robineau lächelnd an, welcher noch ſchüchterner bei ſeiner Frau, noch unter⸗ würfiger gegen ſeinen Schwiegervater zu ſein ſchien. Eduard war zu aufgeregt, um ſich in den Salon zu begeben; er ging daher in ſein Zimmer und ließ Alfred insgeheim bitten, zu ihm zu kommen. Alfred ſäumte nicht, ſich den Wünſchen ſeines Frreundes zu fügen. Als er Eduard bleich und ver⸗ ſtört erblickte, lief er betroffen auf ihn zu, erfaßte ſeine Hand, drückte ſie zärtlich mit der Frage:„Was iſt geſchehen? ſprich!“ Eduard war noch unfähig, zu antworten, der Schmerz drohte ihn zu erſticken; er wollte ſprechen, aber ſein Herz war zu gepreßt; endlich warf er ſich in Alfreds Arme und ſtotterte in abgebrochenen Worten:„Lieber Alfred, Du haſt mir Deine Liebe für Iſaura zum Opfer gebracht... Du wollteſt mich glücklich ſehen!... Du ſahſt meine grenzenloſe Leidenſchaft für das Mädchen; nun wohlan! zum Lohn meiner Liebe will ſie mich nicht mehr ſehen. Paul de Kock, XXVI. . . 98 Jede Hoffnung auf ihren Beſitz ſoll ich fahren laſſen. Ich vergeſſe, daß ſie nur ein Landmädchen ohne Namen und Vermögen iſt, und ſie weigert ſich, mein zu ſein!“ „Wer ſagte Dir das?“ „Sie ſelbſt, ich verlaſſe ſie ſo eben.“ „Und welche Gründe gibt ſie Dir an?“ „Schuldigen Gehorſam gegen einen Mann, der ihr verbietet, mich wieder zu ſehen...“ „Man hatte mich alſo nicht getäuſcht!“ rief Al⸗ fred nach einer Weile aus. „Wie? was willſt Du damit ſagen?“ „Höre! Als ich in der vorgeſtrigen Nacht den alten Thurm viſitirte, fand ich wirklich Jemand dort, jenen Vagabunden, den wir ſo oft im Gebirge tra⸗ fen; er gab vor, er habe ſich bei Nacht ins Schloß geſchlichen, nur um mich insgeheim zu ſprechen und er ſagte mir nun, Iſaura ſei Deiner Liebe unwür⸗ dig, und ſchon lange ſei ihm ihre Aufführung ver⸗ dächtig, jetzt aber habe er die Gewißheit erlangt, daß ſie ſich Nachts in's weiße Haus begebe, um einen Mann zu beſuchen, der erſt dort eingetroffen ſei... „Die Treuloſe!... ſie geht Nachts zu ihm!... und ich, ich ehrte ihre Unſchuld... ſcheute mich, ihre Reize zu beflecken!... Ach! mein Freund! die Wei⸗ ber!... die Weiber!... ich erſticke... ich kann nicht mehr.. eine Centnerlaſt drückt mich zu Boden, bringt mich um!...“ „Komm Eduard, ſei ein Mann... faſſe Dich... verdient ein Weib, welches uns verräth, daß wir * — 3 99 uns grämen um ſie?— Ach! mein Freund, ich habe Deinen Charakter nicht;... warum aber verhehlteſt Du mir, was Du erfuhrſt?“ „Ich wollte einige Gewißheit erlangen, ehe ich Dir Kummer machte.. denn ich hatte Gründe, an der Wahrheit jenes Elenden zu zweifeln, wel⸗ cher ſo viel Vergnügen daran zu finden ſchien, das Mädchen anzuſchwärzen... und ſelbſt jetzt zweifle ich noch...“ 4. „Wie!l wenn ſie mir ſelbſt ankündigt, daß ſie mich nicht mehr ſehen wolle... weil ein Unverſchämter es ihr verbietet!... und ich ſollte einen ſolchen Schimpf geduldig hinnehmen?. Nein, ich will dieſen Men⸗ ſchen kennen lernen... meinen Nebenbuhler ſehen... ſein oder mein Leben gilt's...“ „Eduard, mäßige Dich... beſinne Dich, ehe Du... „Jedes Beſinnen iſt umſonſt... ich bin eutſchloſ⸗ ſen, mich mit Demjenigen zu ſchlagen, der mir Iſau⸗ rens Herz ſtiehlt...“ „Der es Dir ſtiehlt! iſt nicht ganz richtig; bedenke, daß vielmehr Du es ihm ſtahlſt... Dieſer kannte Iſaura, ehe Du ſie kannteſt; wenn Jemand ein Recht hat, ſich zu beklagen, iſt nicht er es?“ „Ja, er kannte Iſaura; aber ehe er wieder an dieſe Orte zurückkam, liebte ſie mich... wenigſtens gelobte ſie mir's... täglich ſchien ſie mich mit er⸗ neutem Vergnügen zu ſehen, mit mehr Bedauern von mir zu ſcheiden... Seit der Wiederkunft dieſes unbekannten Beſchützers ſtößt ſie mich von ſich, will 8 meine Beſuche nicht mehr... Du ſiehſt wohl,... er ſtiehlt mir diejenige, die ich liebe... er macht mich unglücklich!...“ 1 „Ich ſehe... daß es unmöglich iſt, einem Lie⸗ benden Vernunft einzureden!...“ „Mein Entſchluß ſteht feſt, mein Freund... dieſe Nacht ſuche ich meinen Nebenbuhler auf... er ſoll mir Iſaura abtreten oder mir das Leben nehmen...“ „Dir Iſaura abtreten!... wie!... noch wollteſt Du ihr Deinen Namen geben?...“ „Ich weiß nicht mehr, was ich thun werde. mein Blut kocht... mein Kopf brennt... Ach! Al⸗ fred, möchteſt Du nie die Qualen einer Eiferſucht kennen lernen!... Mache mir keine Vorſtellungen mehr! ehe ich meine Wuth geſtillt, höre ich nichts mehr... dieſe Nacht gehen wir zuſammen in's weiße Haus... dort will ich den Mann finden, der ſich mit ſo vielen Geheimniſſen umgibt... ich rechne auf Dich als Begleiter, als meinen Sekundanten... Tadelſt Du indeß mein Beginnen, ſo gehe ich allein...“ „Wer, ich! Dich in einem ſolchen Augenblicke ver⸗ laſſen! Nein, lieber Eduard, ich gehe mit Dir... „Ich werde meine Piſtolen mitnehmen... nimm auch Du Waffen... Aus dem Schloſſe gehen wir zu Fuß... um acht Uhr... um zehn ſind wir dort... bald genug... Jetzt laß mich, geh' in den Salon zurück... Entſchuldige mich, daß ich nicht dort er⸗ ſcheine, ſag', ich ſei unwohl.. Ja, es wäre mir unmöglich, jetzt mit Leuten zuſammen zu ſein, bei denen ich mich verſtellen müßte.“ 101 Alfred drückt ſeines Freundes Hand und beſteht nicht darauf, bei ihm zu bleiben, denn er weiß, daß es bei großem Schmerz Augenblicke gibt, wo ſelbſt Tröſtungen läſtig ſind. Zur Geſellſchaft zurückgekehrt, verkündigt er Eduards Unwohlſein. Die Abweſenheit eines der jungen Männer, Alfreds düſteres, nach⸗ denkliches Weſen tragen nicht dazu bei, das Mahl des zweiten Hochzeittags zu erheitern, und als man ſich zum Spiel ſetzte, wartete Alfred nur die achte Stunde ab, um ſich zu entfernen. Nachdem er ſich mit Mantel und Waffen verſehen, begab er ſich zu Eduard, der ungeduldig im Zimmer auf und ablief. „Da bin ich,“ ſagte Alfred. „So laß uns gehen, war Alfreds kurze Antwort, es iſt Zeit.“ „Warum zu Fuß?...“ „Wir werden weniger bemerkt... man kann uns nicht ſo leicht kommen hören... Wer weiß, ob der, den ich ſuche, nicht einige Spione auf der Straße poſtirte, um ihn von einem etwaigen Ueberfall zu benachrichtigen?“ „Es ſei, gehen wir zu Fuß... auch gut, viel⸗ leicht wird der Marſch und die kühle Abendluft Dich etwas ruhiger machen.“ Eduard antwortet nicht mehr, er nimmt ſeine Piſtolen, wickelt ſich in ſeinen Mantel und ſteigt die Treppe hinab. Alfred drückt dem Pförtner ein Gold⸗ ſtück in die Hand, damit er ihre Rückkunft abwarte, die ſich wohl ſehr verzögern kann. Sie verließen das Schloß und ſchlugen beim bleichen Mondlicht, 10² das zuweilen durch die Wolken brach, den Weg in's Gebirge ein. Schweigend und ſchnell ſchritt Eduard dahin, Al⸗ fred wagte nicht, ihn in ſeinen Betrachtungen zu ſtören, er begnügt ſich, von Zeit zu Zeit nach den ſie um⸗ gebenden Felſen und Bergen zu blicken; dieſe Nacht⸗ reiſe erinnert ihn an ihre frühere auf den Schwar⸗ zenfels; er denkt an ihre damalige Heiterkeit und ſeufzt bei dem Gedanken, wie kurze Zeit es brauchte, das Glück, das die Zukunft ihnen verſprach, zu zerſtören. Nachdem ſie ſo anderthalb Stunden fortgeſchritten waren und nicht mehr fern vom kleinen Thale ſich be⸗ fanden, ſagte Alfred zu ſeinem Freund:„Laß uns einen Augenblick ruhen und Athem ſchöpfen,... der, den Du ſuchſt, iſt vielleicht nicht ſo frühe im weißen Haus... „Es ſei, verſetzt Eduard, laß uns hier raſten!“ damit ſetzt er ſich neben Alfred auf ein Felsſtück, die⸗ ſer faßt ſeine Hand und ſpricht:„ Armer Eduard, ge⸗ ſtehe, wir ſind ſehr thöricht, uns ſo viel Kummer zu machen eines Mädchens wegen.. die zwar ſchön iſt, ich geb' es zu... aber wie viele andere gibt es, die wir noch nicht kennen!...“ „Möglich, Alfred, daß es eine Thorheit, ein Wahnſinn iſt... wohl ſehe ich ein, daß ich beſſer daran thäte, Iſaura zu vergeſſen... ſie zu verachten; aber mein Freund, täglich beharrt man bei etwas, wiewohl man ſein Unrecht erkennt. Ich ſagte Dir's: Du fühlſt die Liebe nicht ſo, wie ich!... für Dich ein großes Glück... Du liebteſt Iſaura leidenſchaftlich; 103 3 ſo wie Du aber entſchloſſen warſt, mir dieſe Liebe zu opfern, konnteſt Du ein angebetet Bild aus Deinen Gedanken entfernen, und einige Tage ſpäter ſchwebte es Dir ſchon weit weniger vor. Ich liebte Iſaura, ohne es ſo bemerklich zu machen; aber es iſt ein Ge⸗ fühl, das nur mit meinem Leben endigen wird!... Möchte ich nicht lange ſo zu leiden haben!... Komm, die Zeit vergeht... mich drängt's...“ Eduard ſteht auf, ſie ſetzen ſich wieder in Marſch und nach zehn Minuten ſteigen ſie ins Thal herab. Jetzt iſt Eduard genöthigt, anzuhalten, ſein ganzer Körper zittert, ſein Athem ſtockt, er muß ſich auf Alfreds Arm ſtützen, um nicht zuſammenzubrechen. „Warte... warte... der Anblick dieſes Orts thut mir zu wehe!... verzeih, theurer Alfred, all die Sorge, die ich Dir verurſache.“ Statt aller Antwort drückte ihm Alfred die Hand, und bald gingen ſie weiter; aber ſie gewahrten nicht, daß der Mann mit dem Knotenſtock, der nur in ge⸗ ringer Entfernung von ihnen geſtanden, jetzt ihnen nachſchlich, ſorgfältig bemüht, ſich ſtets im Schatten zu halten. „Zuerſt zu ihrer Wohnung, ſagte Eduard, damit wir erfahren, ob ſie noch zu Hauſe iſt.“ Schweigend gingen ſie weiter; möglichſt das Ge⸗ räuſch der Tritte vermeidend, ſtanden ſie bald vor dem Häuschen: im untern Zimmer erblickten ſie Licht, das Fenſter ſteht offen und von ferne ſehen ſie Iſaura im Gemach. 5 „Sie iſt da!... ſagte Eduard leiſe.— Ja, 104 erwiderte Alfred, und allein..— Sie treibt nichts .. ſcheint in Gedanken verſunken... Alfred, ſieh nur, wie ſchön ſie immer noch iſt!..— Ei! mein Freund, ein treuloſes Weib iſt darum nicht weniger ſchön!... zuweilen erſcheint ſie es nachher noch mehr. — Sie ſteht auf... liebkost Vaillant... ſieh nur, ich glaube, ſie weint... ach! ich möchte mich ihr zu Füßen werfen!...— Halt, ſie nähert ſich dem Fen⸗ ſter... Komm hinter dieſe Bäume.“ Iſaura legt ſich in's Fenſter und blickt nach dem weißen Hauſe. „Dorthin!... dorthin ſind ihre Augen immer ge⸗ richtet!... ſagte Eduard bitter, und ich Wahnſinni⸗ ger glaubte, ſie denke an mich!“ Zehn Minuten vergingen, während welcher Iſaura fortwährend am Fenſter bleibt und die jungen Männer hinter ihren Bäumen ſie nicht aus dem Geſicht ver⸗ lieren, als an einem Fenſter der geheimnißvollen Wohnung ein Licht erſcheint. „Ohne Zweifel das erwartete Zeichen, ſagte Al⸗ fred. Wirklich verſchwand das Mädchen alsbald vom Fenſter und verließ bald darauf das Häuschen, eilte flüchtigen Fußes auf das weiße Haus zu, ſchlüpfte hinein, und die Thüre ſchloß ſich hinter ihr. Die jungen Leute waren ihr gefolgt, hatten ſie in's Haus treten ſehen und blieben einige Schritte davon ſtehen. „Kein Zweifel mehr! ſagte Eduard mit dumpfer Stimme; da iſt ſie... da!... mit einem Neben⸗ buhler!... Hal ich will...“ 105 „Was thuſt Du? rief Alfred, ſeinen Freund zu⸗ rückhaltend, an dieſe Thüre klopfen?... Lärm machen?... Sie werden nicht öffnen; und überdies würdeſt Du nichts weiter erfahren. Beſſer, wir war⸗ ten, bis ſie herauskommt.. vielleicht begleitet er ſie; wenn wir ſie unbemerkt ſehen und hören könnten!... es iſt dann immer noch Zeit, Deinen Nebenbuhler herauszufordern; da er hier iſt, kann er Dir nicht entgehen.“ Ja.. ja. Du haſt Recht, ſagte Eduard, wir wollen warten... ich will mir Mühe geben, daß ich's kann!.— Sieh, komm hinter dieſe Baumgruppe, dort ſind wir der Thüre gegenüber.. und man kann uns nicht ſehen.. Komm.“ Alfred zog Eduard fort unter die Bäume, die etwa vierzig Schritte vom weißen Hauſe entfernt waren. Dort kauern ſie ſich an der dunkelſten Stelle nieder und harren ſchweigend des Oeffnens der Thüre. Eine Viertelſtunde vergeht in peinlicher Erwartung; Eduard vergeht beinahe vor Ungeduld und Eiferſucht; doch gibt ihm der Wunſch, den Beweis von Iſaura's Treuloſigkeit zu erlangen, die Kraft, den ungeſtümen Regungen ſeines Herzens zu widerſtehen. Plötzlich macht ſich ein leichtes Geräuſch vernehmbar, aber nicht vom weißen Haus her, ſondern hinter ihnen. „Ich hörte etwas,“ ſagte Eduard. „Ja, ich glaubte auch...“ „Sollten wir nicht allein hier ſein?...“ Aufmerkſam ſahen ſie umher, gewahrten aber Nie⸗ mand. In dieſem Augenblicke brach der Mond hinter 106 dem Gewölke hervor, und erlaubte, jeden Gegenſtand deutlich zu unterſcheiden. Eduard ſchauderte zuſammen, als er die Thüre des weißen Hauſes gehen hörte. „Da ſind ſie!“ rief er. Iſaura trat zuerſt heraus; ihr folgte ein hoch⸗ gewachſener Mann in einen weiten Mantel gehüllt, mit einem runden Hut tief in die Augen gedrückt. Beide befanden ſich noch im Schatten des Hauſes. Mit traurigem Tone ſagte bald darauf das Mädchen: „Lebt wohl, mein Freund... lebt wohl, ich gehe heim... Ihr zankt nun nicht mehr, nicht wahr?... Er wird nicht wieder kommen.. ich habe ihm geſagt, daß ich ihn nicht mehr empfangen dürfe.“ Der Mann antwortete zu leiſe, als daß die jungen Leute ihn verſtehen könnten; ſprechend ging er einige Schritte mit dem Mädchen, ſie gegen ihre Wohnung zu begleiten. Eduard folgte ihnen, ſich immer im Schatten haltend, während Alfred unter den Bäu⸗ 4⁄ men vor dem Hauſe blieb, um dem Unbekannten den Rückzug abzuſchneiden. Bald ſtehen Iſaura und ihr Begleiter ſtill; er drückt das Mädchen in ſeine Arme und küßt ſie zärt⸗ lich. Bei dieſem Anblick will Eduard wüthend auf ſie losſtürzen; aber ſchon fliegt Iſaura leichten Fußes ihrer Wohnung zu, während der Andere mit ſtarken Schritten nach dem weißen Hauſe zurückgeht, längs den Bäumen hin, die Alfred ſeinem Blick entziehen. Der Mond, der gerade mit vollem Scheine auf ſein Geſicht fiel, erlaubte Alfred, den gegen ihn Her⸗ kommenden mit Muße zu betrachten; weit entſernt, 107 ihn anzuhalten, blieb Alfred unbeweglich ſtehen. In⸗ deß verfolgt Eduard racheſchnaubend ſeinen Feind, aber ſieht ihn nur noch in das Haus treten, deſſen Thüre ſich hinter ihm ſchließt. „Wiel ſagte er zu Alfred, er kam an Dir vorbei, und Du hielteſt ihn nicht auf? Du ließeſt ihn ruhig meinem Zorne entfliehen?... Jetzt kann ich an Iſaura's Treuloſigkeit nicht mehr zweifeln!... Er drückte ſie in ſeine Arme! Hal mit ſeinem Leben ſoll er dieſes Glück bezahlen; jal wenn er ſich wei⸗ gert, mir zu öffnen, müßte ich die Mauern erklet⸗ tern... die Fenſter erbrechen, er ſoll mir nicht ent⸗ kommen!...“ Schon rannte Eduard mit vorgehaltener Piſtole auf das Haus zu. Aber Alfred, aus ſeiner Betäu⸗ bung erwacht, ſtürzt ihm nach, ergreift ihn am Arm, und ihn zurückhaltend, ruft er aus:„Ednard, ich bitte Dich, denke nicht mehr an dieſen Kampf!... er kann nicht mehr ſtattfinden.“ „Ich ſoll nicht mehr on meine Rache denken?... Mir ſolche Vorſchläge zu machen, darum haſt Du mich begleitet?... laß mich!...“ „Nein, ich beſchwöre Dich!... im Namen un⸗ ſerer Freundſchaft... wirf dieſe Waffen von Dir, vor denen mir ſchaudert!...“ „Welches Intereſſe flößt Dir denn dieſer Mann ein? Hah! ich fühle, daß ich ihn haſſe... ver⸗ abſcheue!... und in ſeinem Blute...“ „Unglücklicher!... was ſagſt Du?... Es iſt mein Vater!“.. 108 „Dein Vater!“ rief Eduard, wie vom Blitze ge⸗ troffen. „Sein Vater!“ wiederholte eine dumpfe Stimme hinter ihnen; es war der Vagabund, der ſich eilen⸗ den Schrittes entfernte und im Dunkel der Nacht verſchwand. Nach einigen Augenblicken des Schweigens reichte Eduard, der jetzt erſt ſeine Beſinnung wieder zu ge⸗ winnen ſchien, Alfred die Piſtolen und ſagte mit hoh⸗ ler Stimme:„Da!... nimm!.. fort mit dieſen Waffen! Du haſt Recht, gegen ihn kann ich mich nicht ſchlagen!“ Ohne Eduard Zeit zu laſſen, ſeinen Entſchluß zu ändern, ergriff ihn Alfred beim Arm und zog ihn fort von dem weißen Hauſe. —.— ſſſſſſſſſſſſſmmſſſiſniſfiſün ſnannnnemim Ang 9 10 11 12 13 14 15 1 päcin 6 17 18