Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Fünfundzwanzigſter Theil. So Stuttgart: Scheible, Rieger Sattler. 1844. Das Weiße Haus. 5 Von Paul de Kock. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Dritter Theil. DSo⸗ Stuttgart: Scheible, Rieger& Sattler. 1844. Weiland war ein jedes Dorf Heimgeſucht durch ſeine Geiſter, Jedes Weiler frug um Rath Seinen Spuk⸗ und Hexenmeiſter; Seinen Kobold, ſein Geſpenſt Barg ein jedes Schloß im Grunde, Und das Alter fabelte Gern davon mit regem Munde, Daß manch holdes Kind der Schlaf Floh in ſtiller Geiſterſtunde. Delille(der Landmann). Erſtes Kapitel. Abermals der Vagabund.. Eduard iſt wieder im Schloſſe zurück, ohne die Länge des Wegs bemerkt zu haben. Verliebte ſind ſo mit ihren Gedanken beſchäftigt, daß ſie ſich nie langweilen; wenigſtens eine kleine Entſchädigung für die Qualen, welche die Liebe zuweilen verurſacht. Im Schloßhofe begegnete ihm Alfred. „Du biſt ſehr frühe ausgegangen, redete ihn dieſer an, ihm zugleich ſtarr ins Auge ſehend; als ich beim Aufſtehen nach Dir fragte, erfuhr ich, Du ſeieſt ſchon länger als eine Stunde ausgeflogen.. Teufel! Du biſt ſehr frühe!... ich geſtehe, mich hatte der geſtrige Ball etwas ermüdet... dieſe Reigen nehmen kein Ende, und die Auvergnatinnen ſind nicht leicht⸗ füßig... Ich wette, daß ich errathe, wo Du her⸗ kommſt... Du warſt in der Gegend des weißen Hauſes.. haſt die kleine Iſaura wieder ſehen wollen?“ „Nein.. dorthinzu bin ich nicht gegangen... ich ſtreifte in der Gegend umher, die herrlich giſt!... Und dann, zu was wäre es gut, dieſes Mädchen wiederzuſehen 2... es kommt mir mindeſtens unnöthig vor... .. 6 „Unnöthig, ein Mädchen zu ſehen, das ſchön iſt wie die Liebe ſelbſt!... Hal ich finde im Gegentheil, daß das ſeine Zeit gut anwenden hieße.“ „Gerade, weil ſie ſchön iſt, kann es gefährlich werden Du beſonders, Alfred, der leicht Feuer fängt, Du wärſt im Stande, Dich in ſie zu ver⸗— lieben. d. h. eine Kaprice für dieſes.. Land⸗ mädchen zu bekommen.. Ich denke indeß nicht, daß Du die Abſicht haſt, ſie zu verführen.“ „Du denkſt nicht! Du denkſt nicht!. Ha, lieber Eduard, willſt Du mir eine moraliſche Vor⸗ leſung halten? Ich habe mir noch nichts vorge⸗ nommen.. doch kurz, die Kleine iſt hübſch... ich will ſie wiederſehen; und wenn ich ihr gefalle... meiner Treu, dann mag geſchehen was will!... Und was wäre es denn im Ganzen für ein Unglück? 2 „Dieſes junge Mädchen iſt züchtig, unſchuldig, und Du willſt ihre Ruhe ſtören?. Du willſt ihr ein Gefühl einflößen, das Du keine acht Tage empfin⸗ den wirſt... ſie hierauf ihrem Gihnterze überlaſſen! das wäre abſcheulich 16 „Eduard, Du verfällſt ins Romanhafte...Erſt⸗ 1 lich ſoll dieſes Mädchen züchtig ſein, wie Du ſagſt. d das iſt mir aber durchaus nicht bewieſen... ihre ſonderbare Lage.. die Gerüchte über ſie... der Unterſchied zwiſchen ihrem Benehmen und dem der andern Bergbewohnerinnen müſſen zu tauſend Ver⸗ muthungen Anlaß geben. Doch kurz, ich will anneh⸗ 4 men, ſie ſei züchtig; ind kann bei nächſter Gelegen⸗ heit ein Bauer von ihr bezaubert werden und ihr 7 gefallen; warum ſoll ich alſo nicht verſuchen, ebenſo glücklich zu werden, als einer dieſer Bauerntölpel? Ueberdies, theurer Freund, würde man nie den unbe⸗ deutendſten Liebeshandel haben, wenn man immer ſolche Betrachtungen anſtellte, ja man müßte beſtändig mit niedergeſchlagenen Augen umhergehen, aus Furcht, reizenden Blicken zu begegnen und ſchlechte Gedanken zu faſſen!... das wäre prächtig, ich geſtehe; allein was willſt Du? Vollkommenheit liegt nicht in der menſchlichen Natur.. unſere erſten Eltern ſind der Verſuchung unterlegen, und ich werde nie die Krat beſitzen, weiſey zu ſein als ſie!“ Eduard ſagt nichts mehr; gerne möchte er ſein Mißvergnügen hierüber verbergen können, und will ſich gerade von Alfred entfernen, als Robineau mit mehren, von Franz aus der Stadt herbeigeholten Handwerksleuten erſchien. „Meine Kinder, ſprach Robineau, es handelt ſich darum, mir dieſes Schloß zu renoviren. Die Gemächer ſind zu trübſelig, die Tapeten zu alt, die Fenſter⸗ ſcheiben zu klein und die Treppen zu ſchlecht. Richtet mir Alles in gehörigen Stand, und beſonders ſo ſchnell als möglich... ich bezahle als großer Herr. Franz, leite die Arbeiter, Du kennſt meine Abſichten.“ „Wie, mein Freund! ſagte Alfred zu ihm, Du willſt das ganze Schloß repariren laſſen?— Nein, nicht Alles... aber wenigſtens den Theil, den ich bewohnen und wo ich Geſellſchaft empfangen werde... der nördliche Thurm mag bleiben, wie er iſt... dort⸗ hin werde ich nie gehen!.. Sodann muß man den 8 ganzen Garten neu anlegen... Kann ich die ſchöne Welt von Saint⸗Amand empfangen und ſie unter Runkelrüben ſpazieren gehen laſſen?... da gäbe ich eine ſchöne Idee von meinem Geſchmack!... Zwar wird es mich etwas koſten... eine hübſche Heirath wird mir aber Alles wieder erſtatten!...— Du denkſt ſchon ans Heirathen?— Meiner Treu, ja;... es ſcheint mir, der Eheſtand bringe ein feſteres Be⸗ nehmen, flöße Hochachtung ein... kurz, wir werden ſehen... Aber ich gehe nach Saint⸗Amand; Ihr werdet mich hoffentlich begleiten? Alfred zögert; er hat einen andern Plan; Eduard, der es bemerkt, ſagt eifrig: Ja, ja, wir gehen mit nach Saint⸗Amand;... man ſagt, die Stadt ſei ſehr hübſch... wir müſſen mit ihren Bewohnern wohl etwas Bekanntſchaft machen.“ Nach einigem Nachdenken willigt Alfred ein. Cunette kommt herbei, ſich vor ſeinem Herrn bis zur Erde verneigend und zeigt an, daß das Cabriolet bereit ſtehe. „Wiel du haſt ein Cabriolet?..— Ja. d. h eine Art kleiner Carriole... Herr Gaul hat ſie mir verſchafft.— Und woher haſt Du ein Pferd?— Herr Ferulus leiht mir das des Vaters eines ſeiner Zög⸗ linge.— Das heißt, der Vater des Zöglings leiht es Dir.— Ich werde mir unverweilt Pferde kaufen. Nun voran, meine Herren, ſchnell gefrühſtückt und dann fort nach Saint⸗Amand! Ich habe den Notar von meinem Beſuch unterrichten laſſen; ich bin über⸗ zeugt, die ganze Stadt erwartet uns.“ 3 9 Nach dem Frühſtück ſteigt man in die Carriole, wo man etwas geſchüttelt wird, das Pferd iſt jedoch kräftig, und ſchnell erblickt man die Ueberbleibſel der Feſtungswerke von Saint⸗Amand; bald gelangt man in die Stadt, ohne daß die Bewohner unter ihrer Hausthüre ſtehen, was Robineau ſehr in Verwunde⸗ rung ſetzt. I5 Während ſich der neue Gutsherr zu dem Notar begibt, durchſtreifen Alfred und Eduard die Stadt. Strahlenden Antlitzes trifft Erſterer auf dem Haupt⸗ platze wieder zu ihnen, denn der Notzr ſagte ihm, daß man im Ort viel von ihm rede, und lud ihn auf den folgenden Tag zur Tafel, weil er ihn mit den ausgezeichnetſten Perſonen der Stadt bekannt machen will. Die Taſche endlich hat er voll von Empfehlungs⸗ ſchreiben, und da er dem Notar bereits geſagt hat, daß er die Abſicht habe, ſich zu verheirathen, ſo hat er ihm für die folgende Woche drei Bälle und zwei große Soireen verſprochen. 4 Robineau ſchließt mit den Worten:„Ich habe euch nicht vergeſſen, meine Freunde...“ „Willſt Du uns etwa auch verheirathen? fragt Alfred.— So mein ich's nicht!... Wiewohl, wenn Ihr wollet... Es ſcheint, man heirathet in der Pro⸗ vinz ſehr viel; aber ich ſagte, daß ich zwei junge Leute von Paris mitgebracht habe: der Eine ſei ſehr reich, der Andere beſitze viel Geiſt... „Das heißt alſo, daß der Reiche nur ein Dumm⸗ kopf ſei...— Nein, das nicht! aber man fragte 10 mich, ob Ihr auch ledigen Standes ſeid, und auf meine bejahende Antwort hat man mich dringend auf⸗ gefordert, Euch mitzubringen und...— Herr Julius, Sie ſind ſehr artig, wir haben aber keine Luſt, hier kleinſtädtiſche Scenen aufzuführen; Sie werden ohne uns zur Tafel gehen.— Wie ihr wollt, meine Herren... Nichts hält uns mehr auf, kehren wir. auf mein Schloß zurück; wir wollen die Arbeiter antreiben; dem Notar habe ich bereits mitgetheilt, daß ich ein großes Feſt geben werde mit großer Tafel, Ball, Feuerwerk u. ſ. w. nach Art des Tivoli in Paris... Vorwärts, damit die Runkelrüben aus⸗ geriſſen werden.“ Man ſteigt wieder in den Wagen und ſchlägt den Weg nach dem Schloſſe ein. Robineau iſt ganz entzückt; er träumt nur von Ball, Feſten und Hoch⸗ zeit; er ſieht ſämmtliche Frauenzimmer der Stadt ſich um ſeine Eroberung ſtreiten und ſchmachtende Blicke nach ihm werfen. Dabei bemerkt er aber nicht, daß ſeine Gefährten ihm nicht mehr zuhören, und, in ihre Gedanken verſunken, mit etwas ganz Anderem beſchäftigt ſind, als den Feſten, die er zu geben be⸗ abſichtigt, bei denen er ſich jedoch das Wort gibt, die Landleute der Gegend nicht mehr tanzen und trinken zu laſſen.. In der Nähe des Schloſſes ſtößt Robineau einen Schrei aus, der ſeine Gefährten aus ihren Betrach⸗ tungen zieht.* „»Abermals dieſer Menſch!.. imſſer dieſer Menſch! er iſt mir auf den Tod zuwider!.. Ich weiß nicht, —— -—— 11 warum ich lieber einen Wolf ſehen würde, als dieſen großen Lümmel dal.„ Die jungen Leute ſchlagen die Augen auf und er⸗ blicken den armen Reiſenden in geringer Entfernung vom Schloſſe ſitzen, welches er mit eben ſo vieler Aufmerkſamkeit, wie geſtern, zu betrachten ſcheint. „Ah! der Mann mit dem Knotenſtock!“ ſagt Alfred lächelnd.—„Der arme Teufel von Clermont!“ ruft Eduard. „Ja... der ſaubere Herr, welcher ſo häßlich iſt. Sehet doch, wie er mein Schloß begafft!... auf ganz affektirte Weiſe... man möchte glauben, er ſuche Händel mit den Arbeitern... Ich werde die⸗ ſen Schlingel da von meinem Graben wegjagen laſſen.“ „Herr von Schwarzenfels, ich glaube nicht, daß Ihro Gnaden dieſes Recht haben... Herr Ferulus würde Dir ſagen, dieſer Mann ſei extra muros, der Platz demzufolge frei.“ „Doch kurz, warum blickt er mein Eigenthum ſo an? das iſt mir auffallend.“ „Geh, frag ihn.— Nit dieſem Landſtreicher ſprechen!... mich mit ihm compromittiren!... nein, gewiß nicht. Indeß möchte ich gerne wiſſen, was er in dieſer Gegend thut.“ „Nun denn, verſetzte Eduard, ich fürchte nicht, mich zu compromittiren, ſondern will ein wenig mit ihm ſchwatzen... Ich bin immer der Meinung, es ſei ein Unglücklicher, der Beſchäftigung ſucht... Könnten Sie ihm nicht irgend eine Stelle in Ihrem Schloſſe geben, da Sie Ihr Haus einrichten?“ — „Dieſen Menſchen da in mein Haus nehmen 1... Nein, wahrhaftig, ich würde fürchten, er beſtehle mich.“ „Ei! mein Herr, muß man denn immer nach dem Schein urtheilen? und ſoll man dieſem armen Teufel die Mittel entziehen, ſeinen Lebensunterhalt zu ge⸗ winnen, weil ſeine Kleidung ſchlechter iſt, als die der Bauern?... Auf dieſe Weiſe zwingt man Un⸗ glückliche, Verbrecher zu werden...“ „In der That... was Sie da ſagen, iſt ziem⸗ lich richtig... Nun gut!... ſehen Sie... fragen Sie ihn, was er zu thun verſteht... Ich könnte ihn verwenden, die Runkelrüben auszureißen, den Pfer⸗ den, welche ich kaufen will, abzuwarten... kurz, wir werden ſehen... Vorher aber erfahren Sie, wer er iſt... ich will nur Leute von Familie in meinen Dienſten haben. Als der Wagen in den Schloßhof fuhr, war Herr Ferulus bereits zum Mittageſſen angelangt und kam ihnen entgegen. Eduard läßt die Geſellſchaft in das Schloß treten und geht auf den Ort zu, wo er den Mann von Clermont⸗Ferrand erblickte. Der Unbekannte ſaß noch in geringer Entfernung vom nördlichen Thurm, für welchen ſeine Blicke eine beſondere Vorliebe zu haben ſchienen; ſein Stock ruhte zwiſchen den Beinen und ſein Kopf war auf ſeine Hände geſtützt. Eduard tritt ihm näher; der Fremde aber blickt ihn nicht an und bleibt in ſeiner Stellung. Eduard ſieht, daß er das Geſpräch anknüpfen muß, und ſich —,— —,— 13 beinahe hart vor den Unbekannten ſtellend, ſagt er ihm mit gleichgültigem Ton:„Sie ſcheinen das alte Schloß mit vielem Intereſſe zu betrachten, mein Herr.“ Der Fremde erhob die Augen, ſtarrte Eduard einen Augenblick mit ſichtbarem Unmuth an und er⸗ widerte mit barſchem Ton:„Steht es mir nicht frei, hinzuſehen, wo es mir gut dünkt?“ „Niemand macht Ihnen dies Recht ſtreitig. Ich dachte nur, der Anblick dieſes Schloſſes erwecke viel⸗ leicht alte Erinnerungen in Ihnen!... Sie hätten vielleicht ehemals hier Jemanden gekannt.“ Der Unbekannte warf einen durchdringenden Blick auf den jungen Mann, ein bitteres Lächeln glitt über ſeine Lippen, aber er antwortete nicht. Nach einem Augenblick des Schweigens begann Eduard aufs Neue:„Dieſe Gegend iſt herrlich... Es freut mich, daß ich hieher gekommen bin... ſie bietet ein Gemiſch von wilden Partien und freund⸗ lichen Landſchaften dar... Sind Sie aus der Ge⸗ gend, mein Herr?“ 3 Der Fremde ſah Eduard ſtarr an und erwidert: „Wenn ich Sie fragte, woher Sie ſeien, was Sie gethan haben und hier thun wollen, würden Sie das paſſend finden und mir antworten?“ „Vielleicht, mein Herr; überdies kann ich Be⸗ weggründe haben, Sie auszufragen, die Sie nicht hätten.“ 3 41„Das heißt, weil ich ſchlecht gekleidet bin, wie ein armer Schlucker ausſehe, glauben Sie, da Sie gut gekleidet ſind und ohne Zweifel Geld in der Taſche haben, das gebe Ihnen ein Recht, mich aus⸗ zufragen.“ „Sie irren ſich, mein Herr, und wenn Ihr Aeuße⸗ res mich glauben laſſen konnte, Sie befinden ſich in dürftigen Umſtänden, ſo entſprang aus dieſem Ge⸗ danken der Wunſch, Sie zu verbinden, Ihnen nützlich zu ſein, und darum richtete ich dieſe Frage an Sie.“ Der Fremde betrachtete Eduard eine Weile, dann ſchüttelt er den Kopf und ſagt:„Sie wären alſo von den übrigen Menſchen ganz verſchieden!...“ „Ich bin mit dem neuen Beſitzer dieſes Schloſſes, den Sie bei uns geſehen haben müſſen, hieher ge⸗ kommen.“ Der Unbekannte verzieht den Mund zu einem ſpöttiſchen Lächeln und murmelt:„J... ja, ich habe ihn geſehen!... es ſcheint, er will ſchon Alles im Schloß über den Haufen werfen.“ „Das Gut hat Ausbeſſerungen nöthig; er will den zu ſeiner Wohnung beſtimmten Theil der Ge⸗ bäude moderniſiren laſſen... Auch hat er nicht genug Leute zu ſeinem Haushalt.. noch verſchiedene Stellen ſind zu vergeben... ich dachte, vielleicht... wäre es Ihnen angenehm...“ Der Unbekannte runzelt die Stirn, indem er aus⸗ ruft:„Und Sie machen mir den Vorſchlag, Lakai des neuen Beſitzers zu werden!“ Erſtaunt über den ſonderbaren Ausdruck im Ge⸗ ſichte des Fremden, erwidert Eduard zögernd:„La⸗ kai. oder ſonſt etwas.. ich kenne keine entehrende Stelle für den, der ſie mit Rechtſchaffenheit ausfüllt.“ 15 Der Reiſende ſinnt eine Weile nach, dann ruft er mit ironiſchem Ton aus:„Wahrhaftig! das wäre höchſt komiſch!... ja... Ich weiß, daß Jakob dem Laban diente, Apollo Hirtenknecht war, David Schafe hütete, Cincinnatus pflügte und der verlorne Sohn Schweine trieb!... Was liegt im Grunde auch an dem Stande, wenn man ſich darin nur glücklich fühlt .. Iſt ein Mann im geſtickten Kleide achtungswür⸗ diger als einer in Jacke und Holzſchuhen?... Nein; der Reichgekleidete kann ſich alle Genüſſe des Lebens verſchaffen, alle ſeine Wünſche, ſeine Leidenſchaften befriedigen; das iſt der Vortheil, den er vor dem Andern hat. Die Form wechſelt, der Grund bleibt ſtets derſelbe... Dies zu beurtheilen, geben Sie einem armen Teufel Geld und Reichthümer... er wird bald Thorheiten begehen, wie ein Anderer... Ich kenne nur eine Klaſſe kluger Leute, nämlich die, die ſich nicht betrügen laſſen!...“ Eduard hörte dem Fremden mit eben ſo viel Ueberraſchung, als Theilnahme zu. Seine Worte ſezeſe ihm, daß er ſich in der Vermuthung nicht getäuſcht habe, dieſer Mann ſei nicht immer in ſolch ttrauriger Lage geweſen. Ohne ſich, wie es ſchien, um den vor ihm Stehenden zu bekümmern, zog der (Fremde Pfeife und Feuerzeug aus der Taſche, und während des Feuerſchlagens ſetzte er ſeine Betrach⸗ tungen fort:„Ein närriſches Ding um das Leben! .. Iſt man reich, glücklich, angeſehen, ſo ſtellt man es tollkühn preis, macht ſich ein Spiel aus den Ge⸗ fahren, eine Ehre, Allem zu trotzen... Freilich thut das Mißgeſchick, das Elend, das Alter.. jetzt zitttert man für ſein Daſein... wir haben wahrlich keinen geſunden Verſtand! Ich nun habe das beſte Theil erwählt: ich betrübe mich über Nichts!... ſetze mich über Alles weg... Noch habe ich einige Geldſtücke in der Taſche: ſind ſie fort, ſo werden wir weiter ſehen. Es wäre nicht die erſte Verlegenheit, in der ich mich befände... Ueberdies ſind die Auvergnaten gute Leute, ſie werden mir immer ein Stück Brod geben, und dabei ſteht es mir frei, von Morgens bis man es häufig nur aus Eigenliebe... Dann kommt Abends ſpazieren zu gehen. Das iſt ſchon Etwas!.“ Der Fremde hatte ſeine Pfeife angezündet, ſie in den Mund geſteckt, hierauf wendet er ſich mit ſpötti⸗ ſchem Lächeln zu Eduard und ſchickt ihm eine Rauch⸗ wolke zu. „Mein Herr, ſagt Eduard, aus Ihren Reden iſt leicht zu erkennen, daß Sie Erziehung genoſſen haben, nicht in einer niedern Klaſſe der Geſellſchaft geboren ſind. Unglück, das ich nicht kennen will, hat Sie: das Elend gebracht;... Sie ſcheinen die Menſchen zu verachten, weil Sie ſich ohne Zweifel über ſie zu beklagen haben; aber das Unglück erbittert uns unn macht uns öfters ungerecht;... ich, ich wünſche auf richtig, Ihnen nützlich zu ſein und ſie aus einer Lage zu reißen, für die Sie nicht beſtimmt ſind.“ „Nicht beſtimmt bin!... Sie ſehen, es iſt doch ſo, ich bin ja darin! Habe ich übrigens Etwas von Ihnen verlangt? Wer ſagt Ihnen, daß ich mich ſo nicht wohl fühle?“ „Man kann ſich über ſein Unglück, ſein Elend betäuben; welche Seelenſtärke man aber auch haben mag, ſo iſt es doch unmöglich, jedes Andenken an glücklichere Zeiten aus ſeinem Gedächtniß völlig zu verwiſchen.“ Nachläſſig ſtreckt ſich der Unbekannte auf den Raſen aus und blickt Eduard an, wobei er ſagt:„Ahl Sie glauben das!... Und ver ſagt Ihnen, daß ich mein Unglück nicht verdient habe, daß mich nicht meine ſchlechte Aufführung, meine Leidenſchaft, ſo weit ge⸗ bracht haben?“ „Wäre das, ſo fände ich darin nur einen Grund weiter, Ihnen zu dieren... Man muß weit un⸗ glücklicher ſein, wenn man es durch eigene Schuld ggeworden iſt.“ „Glauben eir, daß ich nach Zoroaſters Lehre lebe und jeden Tag eine ſtrenge Prüfung vor meinem Gewiſſen beſtehe 2... Wahrlich nein!... Seit langer Zeit ſind ich und mein Gewiſſen die beſten Freunde voon der Welt, und zwar aus dem guten Grunde, daß wir nie miteinander ſprechen... Haben Sie Schnupftabak bei ſich?“ „Nein, ich ſchnupfe nicht.“ „Schade... Es koſtet Teufelsmühe, hier herum welchen aufzutreiben! Nun, ich werde ihn entbehren — man gewöhnt ſich an Alles!... Früher hätte ich 2 geglaubt, daß man eben ſo gut auf freiem Felde, Als in einem Bett ſchlafen könne; jetzt befinde ich * mich herrlich dabei!... Ich geſtehe indeß, das Brod der Gebirgsleute iſt etwas grob.. es ſchmeckt nicht Maul de Kock. XXV. 2. ſo gut, wie ein Kapaun mit Trüffeln!... ein ge⸗ bratener Faſan!... Man muß jedoch mäßig ſein, wenn man nicht anders kann.“ „Und warum weiſen Sie mich ab, wenn ich Ihnen die Mittel anbiete, Flücklicher zu ſein 2.. Eine Bedientenſtelle würde Sie erniedrigen; ohne jedoch gerade das zu ſein, ließe ſich ſchon eine an⸗ dere, weniger peinliche Beſchäftigung finden.“ „Nein, nein;... nicht der Name des Dieners ſtößt mich zurück; ich wiederhole, daß mir alle Men⸗ ſchen gleich ſind;... aber in dieſem Schloſſe die⸗ nen, das kann nicht geſchehen!...“ „Aus welchem Grunde?“. „Es kann nicht ſein, ſage ich Ihnen!...“ Mit dieſen Worten ſtand dor Fremde plötzlich auf und fuhr dann lächelnd wieder fort:„Geſtehen Sie, der neue Beſitzer ſieht einem gewaltigen Dummkopf gleich!...“ Cduard lächelte gleichfalls, indem er antwortete: „Im Grunde iſt er aber ein ſehr guter Kerl.“ „Ja.. ein guter Kerl!... ich kannte verdammt Viele, die ſolche zu ſein ſchienen!... ſie entlehnten Geld von mir und gaben es mir nicht wieder;... übrigens habe ich ſpäter das Gleiche gethan, das iſt natürlich. Es iſt aber viel ſchwerer, mit Einfalts⸗ pinſeln zu leben, als mit Leuten von Geiſt. Reich⸗ thum macht die erſtern noch lächerlicher, weil er ſelbſt⸗ gefällig macht... Ah! ich fühle an meinem Magen, daß es Eſſenszeit iſt;... er dient als Uhr, ſehen Sie!.. Guten Abend, mein Herr.“ 19 „Könnte ich nicht wenigſtens Ihren Namen wiſſen? Wenn ſich Gelegenheit zeigte, Ihnen auf angeneh⸗ mere Weiſe nützlich zu ſein, wünſchte ich Sie wie⸗ derfinden zu können.“ „Mich wiederfinden!... iſt nicht ſehr leicht; ge⸗ genwärtig bin ich, wie die alten Freiſchöppen, über⸗ all und nirgends!... Indeß glaube ich dieſe Berge zu meinem Wohnſitz für einige Zeit gewählt zu ha⸗ ben. Was meinen Namen betrifft, ſo habe ich nicht die geringſte Luſt, Sie mit demſelben bekannt zu machen; ich will Ihnen aber ſagen, daß mich die Auvergnaten den langen Vagabunden nennen. Das iſt nicht ſo wohlklingend, wie Herr vom Schwarzen⸗ fels!... im Ganzen iſt es aber ein Name, wie ein anderer.. Guten Abend.“ Bei dieſen Worten entfernte ſich der Fremde pfei⸗ fend und Eduard geht in das Schloß zurück, nach⸗ denkend über die ſeltſame Perſon, mit der er ge⸗ ſprochen. Man wartete auf Eduard mit dem Eſſen; Herr Ferulus war untröſtlich, weil die Suppe kalt wurde; Robineau aber war ſehr neugierig, den Mann mit dem Knotenſtock kennen zu lernen, und von Ferne ſchon rief er Eduard zu:„Nun denn, haben Sie mit ihm geſprochen?— Ja, wir haben eine ziemlich lange Un⸗ terhaltung zuſammen gehabt.— Erzählen Sie uns das.“ „Könnte der Herr das nicht während des Eſſens tbun?“ ſagte Herr Ferulus. Man ſetzt ſich zu Tiſche und Eduard theilt den Erfolg ſeines Geſprächs mit dem Fremden mit. „Alſo will er nicht in meine Dienſte treten? fragt Robineau.— Nein, er ſchlägt es aus.— Es iſt mir gar nicht leid.“ Alfred und Eduard nehmen an dem weitern Ge⸗ ſpräch, der Albernheiten und Complimente des Herrn Ferulus müde, keinen Theil mehr; ſie ſind in Ge⸗ danken verſunken; Herr Ferulus aber, der ſich das Verſprechen gegeben zu haben ſcheint, für Alle zu eſſen, zu trinken und zu ſprechen, läßt die Unterhal⸗ tung nicht fallen, wobei er Sorge trägt, Robineau fortwährend Lobſprüche und Complimente an den Kopf zu werfen,, dieſer nimmt ſie mit Entzücken auf, und findet Herrn Ferulus weit liebenswürdiger, als ſeine beiden Freunde. Der Schulmeiſter hat ſchon ſeinen Plan; der Aufenthalt im Schloß iſt ihm viel angenehmer, als der in ſeinem Penſionat, und gegen das Ende des Mahls ruft er in ſeiner Veedaurf gießung aus: „Herr vom Schwarzenfels, ich fühla in mir eine ſehr große Anhänglichkeit an Sie.. „Herr Ferulus, ſagte Robineau, ſcch verneigend, ich bitte Sie, zu glauben, daß ich meinerſeits...“ „Herr vom Schwarzenfels, das iſt ſo plötzlich bei mir gekommen, als ich Sie auf Ihrem Eſel da⸗ herreiten ſah. Zwiſchen Männern herrſcht eine ge⸗ heime Sympathie;... und wenn Sie groß ſind durch Geburt und Reichthum, ſo ſchmeichle ich mir, es in der Wiſſenſchaft zu ſein Ich bin ein wahrer Brunnen, hinſichtlich der Wiſſenſchaften!... Sie müſſen eine Bibliothek in Ihrem Schloß haben.“ — 21 „Ich habe im nördlichen Thurm eine gefunden.“ „Alsdann brauchen Sie nothwendig einen Biblio⸗ thekar... „Aber es ſind keine Bücher mehr in der Biblio⸗ thek.— Gleichviel, man thut welche hinein... Ich ſtelle die meinigen dort auf... lauter klaſſiſche Bü⸗ cher; Sie fühlen wohl, Herr vom Schwarzenfels, ein Schloß ohne Bibliothek iſt wie ein Mittageſſen ohne Suppe, ein ſchöner Mann, der nur ein Auge hat, eine Frau, die hinkt... Darum, Herr vom Schwar⸗ zenfels, wiſſen Sie, was ich fähig bin, für ſie zu thun?... Ich habe die Ehre, auf Ihre Geſundheit zu trinken.“ Robineau zerbricht ſich eine Weile den Kopf, dann erwidert er:„Meiner Treu, nein, ich errathe es nicht.“ „Wenn Sie nicht errathen, muß ich es Ihnen erklären;... Sie brauchen durchaus einen Biblio⸗ thekar.— Ich glaubte aber vorher...— Nein, den müſſen Sie zuerſt haben; als Bewahrer der Wiſ⸗ ſenſchaften, welche das Schloß Schwarzenfels um⸗ ſchließen ſollte, iſt ein gründlich tiefer, gelehrter, wiſſenſchaftlicher und beſcheidener Mann nothwendig. Nun ſuche ich vergebens auf zehn Meilen in der Runde, ich ſehe gar keinen, als mich, der alle dieſe Eigenſchaften in ſich vereinigte; consequentia con- sequentium, ich werde Ihr Bibliothekar.“ „Was! Herr Ferulus?...“ „Ich habe die Geſundheit des Herrn vom Schwar⸗ zenfels auszubringen... Ja, ich verlaſſe Alles... meine Zöglinge übergebe ich meinem Unterlehrer.. Zwar hatte ich in dieſem Augenblick deren fünf... Einerlei!... am Geld liegt mir Nichts. Ueberdieß habe ich mir vorgenommen, Sie unſterblich zu ma⸗ chen... und es wird geſchehen... Ich werde Ihnen zu Ehren griechiſche, lateiniſche, franzöſiſche und he⸗ bräiſche Verſe machen, Sie werden ein Mäcen, ein Auguſtus ſein; ich bin Ihr Horaz, Ihr Virgil;... um Sie der Unſterblichkeit zu weihen, verlange ich vierhundert Franken Gehalt, nebſt freiem Tiſch und Wohnung.“ Robineau findet es nicht theuer, für vierhundert Franken jährlich unſterblich zu werden; er ſchlägt dem Herrn Ferulus ein, die Sache iſt abgemacht; der neue Bibliothekar verſpricht, ſich gleich den fol⸗ genden Tag im Schloſſe einzurichten. Auf das Ver⸗ gnügen des künftigen geſellſchaftlichen Zuſammenle⸗ bens hin, ſpricht man auf's Neue dem Glaſe zu, und durch lauter Betrachtungen über die Vortheile der Wiſſenſchaften und Trinken auf die Geſundheit der großen Männer des Alterthums, wiſſen beide Herren am Ende nicht mehr, was ſie reden. Schon lange hatten ſich Alfred und Eduard davon gemacht; Rovineau denkt daran, ein Gleiches zu thun, als er aber vom Tiſche aufſtand, ſah er zu ſeiner Ver⸗ wunderung, daß Alles mit ihm im Ring umhergeht und ſeine Füße ihm den Dienſt verſagen. Er klingelt Franz, damit ihn dieſer nach ſeinem Gemache führe, wobei er ſagt:„Sonderbar! man möchte glauben, ich ſei etwas betrunken.“ — 23 „Herr vom Schwarzenfels, ſagt Ferulus, indem er ſich bemüht, ſeinen Hut zu finden; ein kleiner Spitz macht Nichts; Alexander der Große betrank ſich öfters; ehemals tranken unſere Vorfahren ſo lange etwas da war!... in Deutſchland glaubte man ſei⸗ nen Gaſt nicht freundſchaftlich bewirthet zu haben, wenn man ihn nicht trunken heimſchickte; die Mos⸗ kowiter endlich liebten den Wein mit ſolcher Wuth, daß ſie Brechmittel einnahmen, wenn ſie keinen mehr hinunter bringen konnten. Ich hoffe, wir werden, wenn ich Ihr Tiſchgenoſſe bin, einige dieſer Bräuche des Alterthums wieder ins Leben bringen... Auf morgen, Herr vom Schwarzenfels.“ Herr Ferulus verläßt das Schloß ungefähr in dem Zuſtand, wie Cunette und Vincent den Ball; und Nobineau wirft ſich ganz benebelt auf ſein Bett, entzückt jedoch, wenigſtens in einem Punkt Alexander dem Großen ähnlich zu ſein. Zweites Kapitel. Liebe ſchadet der Freundſchaft. Die Sehnſucht, Iſauren wieder zu ſehen, brachte die jungen Leute früh auf die Beine; noch lag Robi⸗ neau in tiefem Schlummer, als Eduard ſein Zimmer verläßt und flüchtig die Treppe herab in den Hof geht. Er thut es ſo leiſe als möglich, weil er Al⸗ fred aufzuwecken oder gar ihm zu begegnen fürchtet; nicht träumen läßt er ſich, daß dießmal der junge 24 Baron flinker geweſen und ſchon ſeit einer halben Stunde aus dem Schloſſe iſt. Im Hof wird Eduard von Franz angehalten, da dieſer ſeinen Herrn nicht aufzuwecken wagt und doch nicht weiß, was er den Arbeitern, welche Anweiſun⸗ gen von ihm verlangen, antworten ſoll. Eduard beſieht einen Augenblick die Arbeiten, ſagt ſeine An⸗ ſicht und macht ſich dann los. Kaum iſt er aber von Franz weg, als Vincent, der Gärtner, auf ihn zu⸗ kommt und ihn bittet, die Gärten zu beſehen, wobei er ihm ſeine Verſchönerungsplane mittheilt. Es iſt unmöglich, Vincent abzutreiben, ohne ihm zu will⸗ fahren; Eduard begibt ſich in die Gärten, findet Alles reizend, bewundernswürdig, herrlich, und während der Gärtner ſchwatzt, läßt er dieſen ſtehen, eilt aus dem Garten und gewinnt den Hof. Der Pförtner erwartete ihn da; Herr Cunette iſt nicht beſoffen, aber er hat ſchon gefrühſtückt und iſt ſehr zum Plaudern aufgelegt; er will Eduard durchaus die untern Räume und Gewölbe des Schloſſes zeigen; die Schlüſſel hat er bereits in der Hand und die Laterne iſt an⸗ gezündet. „Ich will Eure Souterrains nicht ſehen, ſagt Eduard, Herrn Cunette von ſich ſchiebend; zeigt ſolche Eurem Herrn, ſo lang Ihr wollt... ich will nichts von ihnen.“ „Der Herr iſt alſo andern Sinnes geworden?“ fragt der Pförtner, die Schlüſſel wieder in die Taſche ſchiebend.—„Wie! andern Sinnes geworden?— Ohne Zweifel... Dieſen Morgen hat Ihr Freund, — 1. * Herr von Marcey, uns geſagt, daß Sie durchaus die Souterrains... Gärten... Arbeiten ſehen wollen. Er hat uns eingeſchärft, Ihnen Alles zu zeigen.— Was!... Ihr habt Alfred ſchon geſehen?— Ahl der iſt ſchon lange weit, wenn er immer läuft. Zudem hat er das große Pferd genommen, das geſtern an der Carriole war... Sie wiſſen... Ach Gott! wie er es galoppiren ließ!“ Eduard ſieht, daß Alfred ihm all dieſe Leute auf den Hals geſchickt hat, um ihn im Schloß aufzuhal⸗ ten; er erräth den Grund und ſchon ſchlägt ſein Herz gewaltig... Alfred wollte ſich ein Téte-à-Tète mit Iſauren ſichern, und fürchtete, Eduard möchte ihn ſtören. Was kann er dem jungen Mädchen Geheimes zu ſagen haben? Eduard ahnt es nur zu gut, und er würde ſein ganzes Beſitzthum darum gebem in dieſem Augenblick beim weißen Hauſe zu ſein. „Iſt es nicht möglich, noch ein Pferd aufzutrei⸗ ben?“ fragt er den Pförtner, der ſeine Laterne aus⸗ bläst.—„Ein Pferd... um es vor die Carriole zu ſpannen?— Ach nein! zum Reiten...— Ahal ich ſehe, was es ſein ſoll... der Herr möchte gern ſeinen Freund einholen... wird Sie Mühe koſten... er hat einen tüchtigen Vorſprung, und dann galop⸗ pirte er, was das Pferd laufen konnte!— Ich frage Euch um ein Pferd..— Ah ſo! Nikolaus hat eine kleine Stute, welche hinkt... Das iſt aber einerlei; ſie hat noch drei Füße, mit denen ſie ordentlich aus⸗ langen kann!...— Holt ſie mir... Nehmt, da iſt Geld; aber ich bitte, nur ſchnell.— Es iſt alſo 26 . gewiß„Sie wollen heute die Souterrains nicht ſehen?— Ei nein! um Gotteswillen, bringt mir ein Pferd!“ Der Pförtner entfernt ſich. Eduard läuft in großer Aufregung im Hof hin und her. Er fühlt, wie ſchwer es ihm ſein werde, Alfred von Beſuchen bei Iſaura z abzuhalten; er hat nicht das mindeſte Recht, keinen Grund, ihm böſe zu ſein, und doch ſchneidet ihm der Gedanke durch's Herz und macht ihn faſt wahnſinnig, daß ein Anderer bei dem ſchönen Hirtenmädchen iſt und ihr den Hof macht. Endlich kommt Cunette mit der Stute des Niko⸗ laus zurück; Eduard ſchwingt ſich hinauf. Als er wegzureiten im Begriff iſt, tritt Ferulus in das Schloß, unter dem einen Arm ein kleines Paket mit ſeinen Effekten, unter dem andern etwa zwanzig, durch Bindfaden zuſammen gebundene Bände, mit welchen er die Schloßbibliothek wieder einzurichten gedenkt. „Schon zu Pferde, werther Kollega!... ſagt Ferulus, vor Eduard ſtehen bleibend. O! ol! win gehen früh auf Reime aus... 4 „O vous donc qui, brülant d'une ardeur périlleuse, Courez du bel-esprit la carriére épineuse, NVallez pas!...“ „Auf die Seite, Herr Ferulus! auf die Seite! ich bitte Sie!... ich habe große Eile...“ 4 „Ich möchte Ihnen nur ein ſehr koſtbares Werk zeigen, das ich da unter dem Arm habe... Unter 27 5 altem Zeug hab ich's aufgefunden;... für einen Gelehrten iſt es eine Perle!... Allein man muß wiſſen: Aurum de stercore Ennü.“ Eduard hört nicht mehr auf Ferulus, ſondern treibt ſein Pferd an und läßt den Gelehrten ſein Paket mitten im Hofe aufbinden. Durch den Reiter wacker gejagt, läuft die Stute ziemlich ſchnell, je wärmer ſie wird, deſto weniger hinkt ſie, und Eduard läßt ſie nicht zu Athem kommen; als er bemerkt, daß man die Wohnung Iſaurens bald erblicken könne, wird er etwas ruhiger. Er möchte indeß wiſſen, wie das Mädchen Alfred empfangen hat und ob ſie dieſem mehr Freundſchaft bezeugt, als ihm. Wie aber er⸗ fahren, was ſie mit einander geſprochen haben? Ein plötzliches Geräuſch macht ſie vernehmbar; es iſt das Pferd der Carriole, das in der Nähe angebunden iſt. Eduard ſteigt ebenfalls ab und bindet ſein Pferd neben das Alfreds, ſchlägt hierauf ſeinen Weg nach dem Thale ein, mit bedrängtem Herzen und mit Wehmuth bedenkend, wie kurz gas Glück gewährt, das er geſtern „ Hnoch an dieſem Ort empfand. Im Thale ſieht er Niemand; er geht daher auf den Berg, wo er am vorigen Tage neben Iſaura ſaß, er findet den Platz wieder, der Berg aber iſt verlaſſen, das Schäfermädchen hat ihre Heerde 1 heraufgeführt. Alſo im Häuschen ſind ſie. Eilfertig ſchreitet Eduard gegen die Wohnung hin, wo er den 6 Tag zuvor nicht einzutreten wagte, weil er es das erſte Mal, wo er ſich allein mit Iſauren befand, an⸗ gemeſſener fand, nicht in ihr Haus zu gehen. Alfred aber war nicht ſo zartſinnig... er iſt in der Woh⸗ nung der Kleinen, und ſeit langer Zeit ſeiht ee. Bald iſt er vor dem Häuschen, tappt nach der Thüre, ſie weicht, er tritt barſch ein. Iſaura ſitzt vor ihm und arbeitet; Vaillant liegt zu ihren Füßen .. nicht weit, an einem Tiſch, ſitzt Alfred und hat Obſt vor ſich, das noch unberührt ſteht, und ſeine Augen verliebt auf das Mädchen geheftet, welches die ihrigen niederſchlägt. Beim Geräuſch von Eduards Eintritt erhebt die Kleine den Kopf und ein liebenswürdiges Lächeln verſchönt ihre Züge; Vaillant geht ohne Murren um den jungen Mann herum; aber Alfreds Züge ver⸗ zerren ſich und ein Ausdruck des Aergers glänzt in ſeinen Augen. „Verzeihung! ſagte Eduard, an der Thüre ſtehen bleibend: ich trete ſehr ungeſtüm ein... aber ich komme.. ich ſuchte..“ „Und zu was alle dieſe Schwänke? ſagte Alfred, Sie kamen hieher; Sie ſuchten die Herrin dieſes Orts, und liefen eilfertigſt herbei, weil Sie dachtenn ich ſei bei ihr.“. Eduard erwidert nichts; Iſaura aber ſtand auf; . bietet ihm einen Stuhl, wobei ſie mit lieblichſter Anmuth ſagte:„Sie frühſtücken auch, nicht wahr?“ „Gerne, erwiderte Eduard, Sie bieten es auf eine Weiſe an, daß man nichts abſchlagen kann.“ Mit dieſen Worten nimmt er Alfred gegenüber Platz, welcher ſich nun auch zum Eſſen entſchließt. Nachdem ihm Iſaura das Beſte aus ihrem Garten 4. —₰ 9 3* vorgeſetzt hat, nimmt ſie ihre Arbeit wieder auf. Sie ſcheint wegiger heiter, weniger ungezwungen, als gewöhnlich. Eduard bemerkt es, wagt aber nicht, ſie zu befragen. Alfred blickt ſie beide an, und eine Weile vergeht in dieſer gegenſeitigen Spannung, in der beide junge Männer ſich gleich ſehr zu beobachten ſcheinen. Endlich ſagt Alfred zu Eduard:„Warum haben Sie mir denn geſtern die Wahrheit nicht geſtanden, als ich Sie fragte, woher Sie kämen?... ſtand es Ihnen nicht frei, ſich hieher zu begeben?... warum mir ein Geheimniß daraus gemacht?... Haben Sie es dem Fräulein da verſprochen?... auf alle Fälle war dieſe weniger verſchwiegen als Sie.“ „Seit wann muß ich Ihnen Rechenſchaft von meinen Handlungen ablegen? fragte Eduard ärger⸗ lich; was machte es Ihnen, ob ich in dieſes Thal gekommen war oder nicht?... Ein Freund kann unſer Vertrauen empfangen, aber er darf nicht in das einzudringen ſuchen, was wir ihm verbergen wollen...“ „Ein Freund!... ruft Alfred ironiſch aus; dieſer Name iſt eben ſo allgemein, als er ſelten recht an⸗ gebracht iſt!..“* „Wirklich!... man iſt nicht mehr unſer Freund, wenn man uns über die Folgen unſerer Leidenſchaften aufklären oder uns abhalten will, irgend eine neue . Thorheit zu begehen!...“ „Es iſt gar zu ſpaßhaft, wenn man Andern 30 Rathſchläge gibt, während man ſelbſt welche für ſich brauchen könnte!..“, Die jungen Leute ſchweigen aufs Neue. Iſaura betrachtet ſie nacheinander mit Erſtaunen, worein ſich Unruhe miſcht, wagt aber nicht, ſie anzureden. Nach einiger Zeit bricht Alfred in helles Lachen aus, wobei er Eduard anſieht; dann ruft er:„Wahr⸗ lich, lieber Eduard, wir ſind wirkliche Kinder!... Uns zanken, Groll hegen... und das Alles eines hübſchen Geſichtchens... zwei ſchöner Augen... kurz, dieſes liebenswürdigen Kindes wegen, das viel⸗ leicht weder den Einen noch den Andern anhören wird!.“ „Alfred!“ ruft Eduard,„iſt es ſchicklich, ſo vor ihr zu ſprechen!...“* „Ei, warum nicht? ol ich verhehle meine Ge⸗ danken nicht!... Frag einmal Iſauren, ich habe ihr ſchon geſagt, daß ich ſie anbete, in ſie vernarrt bin, ſie glücklich machen will... daß ich ihre hübſche, ar⸗ tige Miene nicht aus dem Gedächtniß bringe... Nicht wahr, Iſaura, ich habe Ihnen das Alles geſagt? Die Kleine erröthet, und ohne die Augen aufzu⸗ ſchlagen, erwidert ſie halblaut:„Ich erinnere mich eſſen nicht mehr, was Sie mir geſagt haben, mein 8 Herr.“ „Teufel!... hiernach ſchiene es, als ob meine Erklärung keinen großen Eindruck auf Ihr Herz ge⸗ macht hätte!...“ 4 „Alfred, kannſt Du ſo mit dieſem Mädchen ſpre⸗ chen? Du glaubſt immer, daß Du es mit Deinen 31 Pariſer Koketten zu thun habeſt... Die Einſamkeit aber, in welcher Iſaura lebt, muß es uns zur Pflicht machen, ſie noch mehr zu achten;... bedenke, daß wir unter ihrem Dache ſind, daß ſie uns mit Ver⸗ trauen empfängt, und es ſchändlich wäre, daſſelbe zu mißbrauchen.“ „O! Du moraliſirſt und ſtößeſt Seufzer aus und wirfſt ſchmachtende Blicke um Dich!... Mein lieber Eduard, Jeder hat ſeine Art, den Hof zu machen; und bei einem unſchuldigen Mädchen iſt die Deinige glaube ich, die gefährlichſte; ich mache keine Um⸗ ſchweife, ſage auf der Stelle, was ich empfinde... Welch ein Unglück iſt es denn, Iſauren reizend zu finden, ſie zu lieben?.. ſteht es ihr nicht frei, nach Belieben mit ihrem Herzen zu ſchalten?... warum ſollte ich nicht verſuchen, daſſelbe zu unterjochen?... Uebrigens iſt Iſaura mehr in Sicherheit, als Du glaubſt;... ich wollte ſie küſſen;... ein Küßchen verlangen, iſt nicht viel!... aber beim Teufel!... Dieſer Verſuch wäre mich beinahe theuer zu ſtehen gekommen... das Fräulein vertheidigte ſich... und ihr Hund, der es ſahs... ich glaubte, er wolle mich hineinſchnappen!... Beim Henker! wenn ich mich je verheirathe, muß mir ein Hund, wie dieſer, zu meiner Frau!..“ 3 Iſaura hatte den Kopf auf ihre Arbeit gebeugt und ſchwieg. Unmuthig ſtand Eduard auf und ging im Zimmer auf und ab; indem er aber das Mädchen betrachtete, ſah er zwei helle Thränen ihre Wangen herabfließen, obgleich ſie es verbergen wollte. 8 32 „Sieh, Alfred, das iſt dein Werk, ruft Eduard aus; kaum kennſt Du ſie, und ſchon preßſt Du ihr Thränen aus!... „Was ſagſt Du!... ſie weint!... wäre es möglich! und ich daran Schuld!... Jſaura.. theure Iſaura, ſagen Sie mir, daß Sie mir verzeihen!...“ Mit dieſen Worten warf ſich Alfred der Kleinen zu Füßen, bemächtigt ſich ihrer Hand, obgleich Vail⸗ lant bereits den Kopf erhebt und ein Knurren von ſchlimmer Vorbedeutung hören läßt. „Wie leid iſt es mir, Ihnen Kummer gemacht zu haben! beginnt Alfred, ich ſchwöre Ihnen, in Zu⸗ kunft will ich vernünftiger ſein!... Eduard hat Recht, ich bin ein Unbeſonnener, weiß nicht, was ich thue... Sie ſind aber auch gar zu hübſch!... Sie verrücken mir den Kopf.. wahrhaftig ich kann nicht dafür...“ „Alfred, Du fängſt ſchon wieder an!...“ unter⸗ bricht ihn Eduard, dem dieſer Auftritt keineswegs lieb iſt. „Nein... nein... Laß mich doch; ich muß mich entſchuldigen, wieder Verzeihung zu erlangen ſuchen. „ Stehen Sie auf, mein Herr, ſagte Iſaura mit ſanfter, aber trüber Stimme; ich zürne Ihnen nicht .. nicht Sie machten mich weinen;... ich dachte an meine Lage... ich dachte... daß ich keine Eltern habe, daß ich meine Pflegmutter verlor... Als ſie noch bei mir war... ſuchte man nicht, mich zu küſſen... „Sie ſehen alſo wohl, daß ich die Urſache dieſer traurigen Gedanken bin! ſagte Alfred aufſtehend. Ich 33 ſehe ein, daß ich Unrecht habe... aber ich werde Ihnen keinen Kummer mehr machen... Sehen Sie, daß Sie deſſen gewiß ſind, werde ich Sie nicht wieder allein beſuchen... Eduard ſoll immer bei mir ſein ... Ich hoffe, das iſt ein lobenswerther Entſchluß...“ „8l ſehr gut, ſagte Eduard.— O, ja, ſehr gut... doch unter einer kleinen Bedingung, nämlich daß Du, lieber Freund, benſowvenig ohne mich dies liebenswürdige Kind beſuchſt.. Eduard iſt nicht mehr ſo entzückt über Alfreds Vorhaben; aber Iſaura wirft ihm einen bittenden Blick zu, ſie ſcheint zu fürchten, er möchte es ab⸗ lehnen, mit Seufzen erwidert er daher:„Nun denn ja... ich willige ein... wir kommen nur mitein⸗ ander.“ 8 „Wohlan, ſagt Alfred, das wäre ein unſerer alten Ritter würdiger Entſchluß. Für heute wird es aber, meiner Meinung nach, Zeit ſein, der Dame unſerer Gedanken Lebewohl zu ſagen... Komm Eduard, laß uns aufs Schloß zurückkehren... Auf Wiederſehen, liebenswürdiges Kind!... auf morgen; hoffentlich vergießen dieſe ſchönen Augen keine Thrä⸗ nen mehr.“ Beim Weggehen lächelte Iſaura den beiden jun⸗ gen Männern noch freundlich zu. „Hal ha! ha! Du haſt's wie ich gemacht, Eduard, und ein Pferd genommen... Meiner Treu, wir ſind gleich gut beritten... Gewiß, Alles wird gemeinſchaftlich unter uns, bis die Kleine ihre Wahl getroffen hat, und das kann nicht lange anſtehen... Paul de Kock. XXV. 3 Es wäre wohl zum Teufelholen, wenn wir, die wir ſo viele Eroberungen in Paris gemacht haben, nicht einmal einem Landmädchen gefallen könnten!...“ (Sduard theilt die Luſtigkeit Alfreds nicht, er be⸗ handelt ſein Gefühl für Iſauren nicht ſo leichthin. „Mein Freund, ſagt dieſer zu ihm, es thut mir wahr⸗ haftig leid, daß Du an dieſes Mädchen denkſt...“ „Ei, warum das? Du denkſt wohl auch daran. — Ich denke vielleicht auf ganz andere Weiſe an ſie T als Du.— O! mein lieber Eduard, Du wirſt mich nicht glauben machen, daß Du im Sinn haſt, dieſe kleine Ziegenhirtin zu heirathen! Du mwöchteſt es wohl, damit ich eine ſo reine Liebe achte und das Mädchen in Ruhe laſſe!. Der Gedanke iſt nicht übel!...“ „Alfred, Du beurtheilſt Deinen Freund ſehr ſchlecht!— Ich weiß, es gibt keine Freunde mehr, ſowie die Liebe ſich entgegenſtellt!... Wer ſagt Dir übrigens, daß mich Iſaura Dir nicht vorzieht 2...“ „Ol nichts... nichts!..“ erwidert Eduard, einen Seufzer unterdrückend. Den Reſt des Weges bleiben beide ſtill und kommen ganz gedankenvoll ins Schloß zurück. Drittes Kapitel. Welches etwas verſpricht. Mehre Tage waren verfloſſen, und jeden Morgen brachten die beiden Freunde bei Iſauren zu. Ihrem Uebereinkommen treu, verließen ſie zuſammen das —4— 35 Schloß und kehrten auch miteinander zurück. Es war indeß leicht zu ſehen, daß dieſer Vertrag beiden gleich unangenehm war, keiner hatte ihn aber noch zu bre⸗ chen gewagt; jeder möchte wohl ſeinen Nebenbuhler nach dem Thal begleiten, wünſchte jedoch hierauf wieder allein zu dem Mädchen zurückzukommen. Iſaura, gewohnt, jeden Morgen die beiden Freunde zu ſehen, hatte ihre Heiterkeit und ihr Zutrauen wie⸗ der gewonnen; ſie lachte und trieb ſich neckend mit Alfred umher, deſſen Tollheiten und Unbeſonnenheiten ſie zu unterhalten ſchienen; dann kehrte ſie zu Eduard zurück und ſagte zu ihm mit Argloſigkeit:„Warum ſpielen Sie nicht mit uns?“ Aber Eduard ſchwieg, ſich zum Lächeln zwingend; je ausgelaſſener Alfred iſt, je weniger fühlt er ſich geneigt, deſſen Späße zu theilen; er leidet in ſeinem Innern, denn es ſcheint ihm, als ziehe Iſaura Alfred vor, als ob ſie ihn öfter betrachtete und ihm häufiger zulächle. Er möchte gern die Qualen verbergen, die in ihm toben, aber ſchon zerreißt die Eiferſucht ſein Herz. Lange konnte das nicht dauern. Alfred ſchmeichelte ſich, zu gefallen, aber er wollte Gewißheit. Eduard verzweifelte, aber er wollte derjenigen ſeinen Liebes⸗ kummer geſtehen, die ihn verurſachte, und aus ihrem Munde vernehmen, ob er auf die Hoffnung, geliebt zu werden, verzichten müſſe. Iſaura allein war ruhig bei den beiden jungen Männern, die nicht mehr von Liebe mit ihr ſprachen, und ſah ſie gerne jeden Tag, ohne zu ahnen, welche Gefahren für ſie aus dieſen häufigen Beſuchen hervorgehen ſollten. 2 36 Mehrmals hatten ſie, aus dem Thal heraustre⸗ tend, den Vagabunden erblickt, welcher bald auf einer Felsſpitze ſaß, bald mitten im Felde hingeſtreckt lag und ſtets einen ſpöttiſchen Blick auf ſie warf, alsdann den Kopf abwandte, wie um jedem Geſpräch auszu⸗ weichen. 3 1 „Da iſt der ſonderbare Kerl, mit welchem Du ge⸗ ſprochen haſt,“ ſagte eines Tags Alfred;„was Teufels macht er in hieſiger Gegend?... ich fange an, zu denken, wie Robineau, daß dieſer Schlingel ſchlechte Abſichten hegt... Die Kleine muß ihn aber kennen; ich bin begierig, zu wiſſen, ob er ſie angeredet hat... Auch muß mir der elende Kerl ſagen, warum er ſich erlaubt, zu lächeln, wenn er uns anſieht... In ſei⸗ nem Blick liegt etwas Spöttiſches, worüber ich ihm eine Erklärung abfordern werde.“ „Dieſer Menſch iſt unglücklich,“ verſetzte Eduard; „man muß ihm Sonderbarkeiten, vielleicht Folgen erduldeter Leiden, hingehen laſſen.“ „Leiden!... er ſcheint keine zu haben; er pfeift, ſingt, und lebt ſtets für ſich allein.— Bei dem Allem aber, Alfred, dringt ein Ausdruck von Bitterkeit durch, aus dem man ſieht, daß dieſe Luſtigkeit nicht ſehr 5 aufrichtig iſt!“ Am folgenden Tage fragten die beiden Freunde Iſauren, ob ſie den im Gebirge umherirrenden Men⸗ ſchen kenne. Nach der Beſchreibung kannte ſie ihn, denn ſie hatte ihn einige Male geſehen, aber weder mit ihm geſprochen, noch war er in ihre Wohnung getreten. K 37 „Wenn er ſich je hier zeigen ſollte, ſagte Alfred, ſo rathe ich Ihnen, auf Ihrer Hut zu ſein.— Warum denn, fragte Iſaura, wäre dieſer Menſch bösartig?— Ich weiß nicht... habe aber keine gute Meinung von ihm... Erlaubte er ſich übrigens die geringſte Beleidigung...— Und warum wollte er mir Böſes thun 2... ich habe nie Jemand ein Leid zugefügt!— Nicht immer ein Grund;... doch ich hoffe, Vaillant würde Sie vertheidigen... Ich erin⸗ nere mich der Art, wie er die empfängt, die Sie küſſen wollen.“ Bei dieſen Worten ergreift Alfred lächelnd die Hand des erröthenden Mädchens. Eduard, der einige Schritte davon ſtand, ſchwieg, aber ſeine Züge drück⸗ ten den ganzen Kummer ſeines Herzens aus; Iſaura wirft die Augen auf ihn, und alsbald ihre Hand aus der Alfreds zurückziehend, lief ſie zu Eduard und ſagte ihm mit einem Ton, der bis in ſein Herz drang:„Was haben Sie denn?2... Man möchte glauben, Sie empfänden Kummer 2... Bin ich daran Schuld?“ Dieſe ſo ſanften, zärtlichen Töne, die Art, wie Iſaura ihn anblickt, beleben Eduards Hoffnung wie⸗ der, während ſie einen ganz entgegengeſetzten Eindruck auf Alfred machen; dieſer runzelt die Stirn, macht einige Bewegungen von Ungeduld und ruft dann aus: „Laß uns gehen, es iſt Zeit!“ Zugleich zog er Eduard, der gerne noch geblieben wäre, mit ſich fort; Alfred verläßt das Haus minder zufrieden, als er eintrat. Nur eines Worts, eines Blicks, eines Lächelns der 38 Schönheit bedarf es, um uns glücklich zu machen oder unſre Hoffnungen zu zerſtören. Als ſie das Häuschen verließen, erblickten ſie nicht weit davon den Unbekannten. Seiner Gewohnheit gemäß beobachtet er ſie, und ein ſpöttiſcher Ausdruck malt ſich auf ſeinem Geſicht. Alfred ließ Eduards Arm los und ging auf den Vagabunden zu, der ruhig ſitzen blieb. Als er vor ihm ſtand, ſagte er zu ihm mit gebieteriſchem Ton:„Ihr ſcheint alle unſere Handlungen auszuſpähen... und uns mit einem Ausdruck zu betrachten, der mir mißfällt.. Ich liebe weder Unverſchämte noch Neugitrige⸗ das. laßt Euch geſagt ſein.“ Der Fremde ſchaukelt ſich etwas, und begnügt ſich, zu erwidern:„So geht mir's auch;... ich konnte nie weder Unverſchämte noch Neugierige lei⸗ den... Letztere habe ich ſtets geflohen und erſtere zu beſtrafen gewußt.“ „Soll das eine Herausforderung ſein?“ ſagte Alfred, einen verächtlichen Blick auf den Unbekannten werfend. „Eine Herausforderung? wahrlich nein!... das freut mich nicht mehr!... Andere Zeiten, andere Sorgen... Was Eure Handlungen betrifft... ſo braucht's da keines langen Veobachlens, um ſie zu kennen, wie Eure Plane.. „Was wollt Ihr damit ſagen?“ „Zum Henker! wenn junge Männer ein junges Mädchen beſuchen, ſo weiß man wohl, was daraus werden ſoll... und dazu bedarf's keiner großen 3 39 Schlauheit. Uebrigens verſichere ich Euch, iſt mir das höchſt gleichgültig!... Ich ſehe in all dem nur etwas ſehr Alltägliches...“ „Ich finde es ſehr kühn, daß Ihr Euch ſolche Betrachtungen erlaubt... Wärt Ihr nicht immer hinter uns her, wie wüßtet Ihr, wohin wir gehen? ... Wagt Ihr es aber, noch ein Wort über dieſes junge Mädchen zu ſagen, ſo werde ich Eure Unver⸗ ſchämtheit zu züchtigen wiſſen!...“ Statt aller Antwort ſtreckt ſich der Vagabund, hömiſch grinſend, auf dem Raſen aus, zieht hierauf ein Tabaksdoſe aus der Taſche; und nachdem er eine Priſe genommen, bot er ſie Alfred mit der größten Ruht an:„Iſt Euch gefällig?... er iſt ganz friſch, dieſen Morgen erſt in Saint⸗Amand gekauft...“ Die Ruhe des Fremden bringt Alfred ganz außer ſih; ſein Zorn ſteigt aufs Höchſte und er iſt im Be⸗ grff, ſich thätlich an ihm zu vergreifen; aber Eduard hät ihn zurück, und ſich zwiſchen ihn und den Unbe⸗ kamten ſtellend, ruft er:„Lieber Marcey, wo denkſt Du hin?... und warum dieſer Zorn gegen einen unglücklichen?...“ Alfred hielt inne, ſelbſt darüber erröthend, daß erſeine Leidenſchaftlichkeit nicht hatte bemeiſtern kön⸗ ner Aber bei dem Namen von Marcey, den Eduard mepruhen⸗ ſchien der Fremde wie vom Blitz ge⸗ trofn, eine plötzliche Veränderung ging in ſeiner ganm Perſon vor ſich. Nicht mehr Gleichgültigkeit und vonie malten ſich in ſeinen Blicken, ſondern ein Gefül der Ueberraſchung und der Unruhe. Er war 40 plötzlich aufgeſprungen und auf Alfred zugetreten, den er in ängſtlicher Spannung anblickte und dann ſagte:„Verzeihung, mein Herr, aber Ihr Name, wenn's beliebt?“ Die Stimme des Unbekannten iſt nicht mehr die⸗ ſelbe; nicht mehr rauh und hart wie ſonſt; ein neuer Ausdruck lag in dem Ton des Fremden, der Ton eines Mannes aus der höhern Geſellſchaft. Alfred und Eduard ſind erſtaunt über die plöt liche Veränderung in dem Weſen des armen Teufeßs. Inzwiſchen wiederholte er ſeine Frage und Alfed antwortet:„Mein Name?.. Ihr habt ihn ge⸗ hört... Alfred von Marcey.— Sind Sie ein Gohn des Baron von Marcey, der Obriſt der Jäger war? — Ja.. das iſt mein Vater... Wie wißt Ihr das?. Habt Ihr ihn gekannt?— Ja.. dch heißt... ich habe oft von ihm ſprechen hören.. Aber wie alt ſind Sie?“ 1 „Wie alt! wiederholte Alfred erſtaunt, vieruſd⸗ zwanzig Jahr.“ Der Unbekannte ſchien nachzudenken und ſeine Er⸗ innerungen zu ſammeln, worauf er mit halblaute Stimme murmelte:„Vierundzwanzig Jahre!.. ach! ja... ich erinnere mich... er hatte einen Son von ſeiner erſten Frau... man hatte mir's acß Und haben Sie Brüder... Schweſtern?“ 3 „Nein, ich habe keine, erwidert Alfred, Neugierde höchlich aufgeregt iſt. Darf ich aber mein Herr, in wiefern es Euch intereſſirt, ſei Familie zu kennen?“ 8 7 — Der Fremde ſcheint ſeine gewöhnliche gleichgültige Miene wieder annehmen zu wollen und antwortet: „Ol ich habe Sie gefragt... nur um zu ſchwatzen, das iſt Alles. Und lebt Ihr Vater noch?— Aller⸗ dings.— Er iſt nicht in dieſer Gegend?— Nein, er iſt in Paris... habt Ihr vielleicht ehemals in ſeinem Regiment gedient?— Nein... nicht gerade in ſeinem Regiment... Doch habe ich früher gedient.“ „Sie haben Ihr Vaterland vertheidigt und irren jetzt im Elend umher! ruft Alfred. Ach! verzeihen Sie, mein Herr! ich habe eben etwas leichtſinnig mit Ihnen geſprochen... ich bin unbeſonnen... oft be⸗ gehez ich derlei Fehler und bereue ſie hernach; aber Eduard wird Euch ſagen, daß mein Herz nicht bös⸗ artig iſt... Da, durch Annahme dieſer Börſe be⸗ weist mir, daß Ihr mir nicht zürnt... damit ich das Vergnügen habe, einem alten Soldaten nützlich zu werden.“ Damit bot Alfred dem Fremden eine volle Gold⸗ börſe hin, welche dieſer mit gierigen Blicken betrachtet, aber mit einer Art Bitterkeit von ſich ſtößt:„Nein, ich will Ihr Gold nicht... ich brauche Nichts...“ „Ihr ſchlagt mir's ab! verſetzt Alfred, ich ſehe⸗ Ihr ſeid mir noch böſe wegen meiner vorigen Hef⸗ tigkeit. Nun, da Ihr meinen Vater kanntet, biete ich Euch in ſeinem Namen dieſe geringe Unter⸗ ſtützung an.“ „In ſeinem Namen!... ſchrie der Unbekannte, und eine düſtere Wuth blitzte aus ſeinen Augen. Aber gleich darauf ſchien er ſeiner mehr Herr und fuhr * 42 ort:„Ich wiederhole Ihnen, ich bedarf im jetzigen Augenblicke Nichts... möglich, daß Ihr Geld mir ſpäter nützlich ſein kann... Leben Sie wohl, junger Mann, wir ſehen uns wieder.“ Mit einem ſeltſamen Blick auf Alfred, entfernte ſich jetzt der Vagabund. Die jungen Leute beſtiegen ihre Pferde wieder und kehrten ins Schloß zurück, im Geſpräch über dieſes Zuſammentreffen, das ſie Iſaura und ihre Nebenbuhlerſchaft auf einen Augen⸗ blick vergeſſen ließ.. Viertes Kapitel. Vorbereitungen zum Feſt. Während die beiden Freunde der ſchönen Ziegen⸗ hirtin den Hof machten, Ferulus ſeine Sprachlehren und Wörterbücher in die beſtaubten Fächer der Bib⸗ liothek ſtellte, Jungfer Gaul ſich in der Küche, Cu⸗ nette im Keller tummelte, der Gärtner die Garten⸗ anlagen drunter und drüber kehrt und die Arbeiter das alte Schloß Schwarzenfels reſtauriren, brachte Robineau ſeine Zeit mit Feſten und Gaſtmahlen zu, die ihm zu Ehren in Saint⸗Amand, wohin er ſich täglich begab, gegeben wurden. Robineau iſt reich, hat ein Schloß gekauft und will eine Frau nehmen; das iſt mehr als genug, um überall feſtlich und zu⸗ vorkommend aufgenommen und eingeladen zu werden. Robineau macht Aufſehen in jedem Hauſe, in das er kommt; man ſagt ſich: das iſt der Herr von — 43 Schwarzenfels, der neue Gutsherr; er iſt reich und will ſich vermählen, was die ganze Stadt durch ſei⸗ nen Notar erfuhr. Alle Fräuleins werfen ihm ver⸗ ſtohlene Blicke zu, um dem Herrn zu gefallen, der gar nicht ſehr verführeriſch iſt; aber es iſt ſo hart, Jungfer zu bleiben und ſo ſüß, ein Schloß zu haben und Frau von Schwarzenfels genannt zu werden, ſo daß die jungen Mädchen wohl zu entſchuldigen ſind, wenn ſie den neuen Ankömmling zu feſſeln ſuchen. Mitten unter allen dieſen Anlockungen von Seiten der Frauen, wozu die Mütter der zu Verheirathenden, und eheluſtige Wittwen gleichfalls nach Kräften ein⸗ ſtimmen, weiß Robineau vor Wonne nicht mehr wo er iſt; er hält ſich bereits für einen Apollo, findet daß die Abendunterhaltungen von Saint⸗Amand den Bällen in Paris unendlich vorzuziehen ſind, und ge⸗ ſteht ſich nicht, daß ſeine fünfundzwanzigtauſend Fran⸗ ken Renten es ſind, welche ihm bei vielen Leuten Anmuth, Geiſt und Kenntniſſe verleihen, während er im Grunde ſtets ebenſo unbeholfen, ebenſo einfältig iſt, als früher! Robineau, gefeiert, verehrt, eingeladen und nicht wiſſend, wem er das Schnupftuch zuwerfen ſolle, wollte indeß die ihm in der Stadt zu Theil gewor⸗ denen Artigkeiten erwidern; er treibt die Arbeiter auf ſeinem Schloſſe an, ſo oft er zu Hauſe iſt, und beauftragt ſeinen Bibliothekar, in ſeiner Abweſenheit dieſe zu überwachen und das Nöthige anzuordnen. Der Bibliothekar, der noch nicht mehr als dreiund⸗ zwa Bände für die Bibliothek hatte zuſammen 44 bringen können, war froh, mehre Aemter in ſich zu vereinigen und der Haushofmeiſter des gnädigen Herrn zu werden. Durch den Eifer des Herrn Ferulus wurden der Jungfer Gaul zwei kleine Auvergnaten als Küchenjungen beigegeben, denn in der Küche wandte der Gelehrte ſeine Verbeſſerungen zuerſt an; hierauf beſucht er die Keller und läßt ſich, zu Cu⸗ nette's großem Mißvergnügen, die Schlüſſel derſelben einhändigen, denn er legt ſich auch das Amt des Mundſchenken bei; dann läßt er zwei neue Diener, einen Kutſcher und Lakai kommen, ein kleines Pferd und einen Char-à-banc kaufen, in welchem er täglich nach der Stadt fährt; endlich wird dem Herrn Vincent, der immer wiederholt, daß er nicht Alles thun könne, ein tüchtiges Dienſtmädchen zum Beiſtand gegeben, und die neue Gärtnerin ſoll auf Verlangen die Betten und die Füße des Herrn von Schwarzenfels wärmen. Dieſe Klauſel wurde von Herrn Ferulus ausdrücklich berührt:„denn, ſagte er, ehemals wärmten die — Mägde ihre Herren, wenn dieſe es brauchten, und der Herr von Schwarzenfels und ich haben einander das Wort gegeben, die ſchönen Gebräuche des Alter⸗ thums wieder in Wirkſamkeit zu ſetzen.“ Das dicke Mädchen, das ſich verbindlich machte, Alles zu thun, verſpricht, zu erwärmen, was man nur wolle, und der Bibliothekar⸗Hausmeiſter⸗Mund⸗ ſchenk weist Jeannette ihren Platz im Schloſſe an. Nach einigen Tagen gewinnt das Schloß ein neues Anſehen; man kann die Treppen wieder mit Sicherheit paſſiren, die Wände ſind friſch bemalt und 4⁵ tapeziert, die Fenſter haben Scheiben, die Thüren ſchließen feſt und der Wind dringt nicht mehr von allen Seiten ein. Robineau denkt, er könne jetzt das der ſchönen Geſellſchaft von Saint⸗Amand verſpro⸗ chene Feſt geben. Sein Haus iſt eingerichtet, der Keller gefüllt, die Dienerſchaft hat ihre Livree, der Garten iſt zum Theil von den Runkelrüben frei gemacht und mit friſchen Blumen geſchmückt; Herr Ferulus endlich hat die Feſtgedichte in Bereitſchaft. Robineau hat den Tag feſtgeſetzt, ſeine Einladungen gemacht und Alles ſchickt ſich im Schloße zu dieſer großen Feier⸗ lichkeit an, bei welcher der neue Gutsherr einen Be⸗ weis ſeines Geſchmacks, ſeiner Eleganz und Pracht geben will. Als Alfred und Eduard vom Thale von Chadrat zurückkamen, waren ſie nicht wenig erſtaunt, Alles im Schloß in Bewegung zu finden; man kam, ging, lief hin und her, im Hofe ſind Lampen auf Pfählen angebracht; in den Laubgängen des Gartens farbige Gläſer aufgehängt und dazwiſchen läuft Herr Ferulus, ein Buch in der einen und einen Korkzieher in der andern Hand, hin und her und trocknet ſich mit ſei⸗ nem Rockärmel den Schweiß von der Stirne, weil er wahrſcheinlich das Departement der Taſchentücher noch nicht erlangt hat. „Ei! mein Himmel!... was iſt denn hier im Werk?“ rief Alfred. „Wird Herr Julius von Schwarzenfels ſich ver⸗ mählen?“ fragt Eduard. „Meine Herren, ſagt Ferulus, ich las in dieſem 46 italieniſchen Autor(bei dieſen Worten deutete er auf den Korkzieher): Lontano dagli occhi, lontano dal cuore! Sie, meine Herren, ſind den ganzen Tag fern vom Schloſſe, demzufolge können Sie nicht wiſſen, was hier Alles vorgeht... da kommt aber der gnädige Herr von Schwarzenfels ſelbſt, der Sie mit Allem bekannt machen wird.“ Robineau kam in der That herbei.„In Wahr⸗ heit, meine Herren, ſagt er zu ihnen, Ihr ſeid ſehr liebenswürdig!... ich ſehe euch nicht mehr... am frühen Morgen macht ihr euch auf... um... ich ahne ſchon, wohin zu gehen!... Wenn ich nicht Herrn Ferulus, den achtungswerthen Gelehrten, ge⸗ habt hätte, der mein Haus auf einem prächtigen Fuß einrichtete, ſo wäre ich nie zu Stande gekommen... Ich hoffe, ihr werdet wenigſtens morgen nicht ab⸗ weſend ſein. Ich gebe ein Feſt... mit großer Tafel... Ball und Spielen jeder Art; die Vergnügungen wer⸗ den Mittags, Punkt zwölf Uhr, ihren Anfang neh⸗ men. Nicht wahr, Herr Ferulus? „Ja, gnädiger Herr. Um zwölf Uhr wird die Kanone, d. h. drei mit Lunten abgefeuerte Büchſen das Signal geben... hierauf kommt ein Wettlauf im Garten, einer in den Gemächern des Schloſſes... Erfriſchungen aller Art, ein kleines, unter den Fen⸗ ſtern des Balkons ausgeführtes Concert, Maſtklet⸗ tern an zwei Bäumen, einer für Männer und einer für Weiber, ſtatt der alten Turniere, eine Nach⸗ ahmung der gymnaſtiſchen Spiele, wie man ſie auf den Feſten zu Eleuſis und ſogar vor den römiſchen —— 47 Kaiſern ausführte. Alsdann werden Fanfaren an⸗ zeigen, daß das Mahl bereit iſt. Beim Deſſert ſinge ich einige Verſe Ihnen zu Ehren, gnädiger Herr, wobei Sie die Gefälligkeit haben, da capo zu rufen, wie es immer zu geſchehen pflegt.— Verſteht ſich. — Hierauf begibt man ſich in den Ballſaal, der auf alt griechiſche Weiſe mit Blumenguirlanden und In⸗ ſchriffen ausgeſchmückt wird. Eine im Hof abge⸗ brannte Rakete wird den Anfang des Feuerwerks verkündigen, welches dieſen ſchönen Tag durch einen Feuerregen beſchließen wird.— Ein Feuerregen!... Teufel... Sie ſorgen dafür, daß es nicht auf die Geſellſchaft regnet.— Ich ſtehe für Alles, gnädiger Herr; ich werde es leiten und bin darin bewandert, als wenn ich das Pulver erfunden hätte.“ „Nun, meine Herren, was haltet ihr von dieſem Feſte?“ ſagt Robineau, ſich wohlgefällig die Hände reibend. 3 „Ich hoffe, Du wirſt ein Programm vertheilen laſſen, bemerkte Alfred. Wen empfängſt Du denn aber morgen?— Die beſte Geſellſchaft von Saint⸗ Amand: Edelleute, Rentiers, Männer von großem Verdienſt... Ihr werdet ſehen, meine Herren, daß nicht alle liebenswürdigen Leute in eurem Paris ſind... und Frauen!... ach Gott! Frauen, ihr werdet von allen Farben ſehen!“ „Pahl wirſt Du Afrikanerinnen, Mulattinnen haben?— So iſt's nicht gemeint! ich will ſagen, Ihr werdet Schönheiten jeder Art ſehen.. Schade, daß wir nicht die Gebräuche der Türken angenommen 3 48 haben, ſtatt einer Frau hätte ich deren zwölfe gehei⸗ rathet... denn wahrhaftig, ich habe die Eroberung von mehr als zwölfen gemacht... indeß... beſon⸗ ders Mademoiſelle de la Pincerie...— Wer iſt dieſe Fräulein de la Pincerie?— Ein reizendes Frauen⸗ zimmer... groß, gut gebaut, ſchlank... und ſie tanzt wie ein Hirſch!... kurz, Mademoiſelle de la Pincerie, aus einer die ſich in der Auver hier wohlfeiler iſt. der älteſten Familien von Poitou, gne niedergelaſſen, weil die Butter . der Vater, der es mir geſagt hat, iſt ein gründlich gelehrter Mann, ein großer Oekonom... ſeit dreiundvierzig Jahren arbeitet er an einem philanthropiſchen Plan, der beweiſen ſoll, daß man die Fleiſchbrühe mit Kalbsfüßen allein machen könne, was eine große Erſparniß wäre!“ „Teufel! es iſt ſehr ärgerlich für die Ochſen, daß er dieſe Arbeit noch nicht beendigt hat.— Die ältere Tochter, eine Wittwe, iſt noch ſehr hübſch, wie ich glaube, aber etwas kokett... dann ein Bru⸗ der des Marquis, der die perſonifieirte Gusmnüthig⸗ keit iſt.Kurz, meine Herren, ihr werdet morgen die ganze Familie laden werde, einige Zeit auf meinem Schloſſe zuzu⸗ bringen. ſehen, welche ich überdies ein⸗ Die jungen Leute wollen den Hof verlaſſen, als Herr Ferulus, der ſich auf einen Augenblick davon gemacht hatte, wieder zurückkommt und Robineau mit den Worten anhält :„Gnädiger Herr vom Schwar⸗ zenfels, Sie wiſſen, daß ich Ihr Haus vollzählig gemacht habe, aber Sie hatten noch keine Zeit, alle 49 Ihre Leute zu ſehen; überdies habe ich es für dienlich erachtet, ihnen ihrem Dienſte angemeſſenere Namen zu geben, als ſie früher führten. In der großen Galerie habe ich ſie verſammelt, wollen Sie ſolche die Muſterung paſſiren laſſen?“ „Dies ſcheint mir ziemlich paſſend, verſetzt Ro⸗ bineau, ich muß die, welche ich bezahle, doch wenig⸗ ſtens auch kennen.“ 1. Man begibt ſich in die Galerie, wo die ganze. Dienerſchaft des Schloſſes verſammelt iſt. Herr Feru⸗ lus, ein großer Liebhaber des Ceremoniels, hat alle in einer Reihe aufgeſtellt, mit dem Befehl, irgend ein Attribut ihres Dienſtes in der Hand zu halten. Der Pförtner hat ſeine Schlüſſel, der Gärtner eine Schaufel, Franz eine Gerte zum Kleiderausklopfen, der Kutſcher eine Peitſche, der Jockei eine Mütze, die Küchenjungen Spicknadeln, Jungfer Gaul eine Kaſſerole und Jeannette, die keine Bettflaſche im Schloß gefunden hatte, hält einen Fußwärmer unter dem Arm. „Sehr gut!... ſieht ſehr gut aus! ſagt Robineau, vor ſeinen Leuten ſtehen bleibend, neun Dienſtleute, Pferde und Hunde ungerechnet... das iſt hübſch!“ „Erlauben Sie, gnädiger Herr, daß ich Ihnen ddie neuen Namen eines Jeden mittheile,“ ſagte Feru⸗ lus, und ſich vor Jeden hinſtellend, und mit einem Stab auf ihn deutend, als ob er Wachsfiguren zeigte, beginnt er ſeine Erklärung mit dem Pförtner. b „Dieſer hier, gnädiger Herr, iſt Ihr Pförtner... ſtatt Cunette, einem häßlichen Namen, wollen wir ihn mit Ihrer Erlaubniß Cuſtos nennen, was, wie Paul de Kock. XXV. Sie ſehr gut wiſſen, im Lateiniſchen Wächter be⸗ deutet. Verſteht Ihr, Ihr nennt Euch Cuſtos.“ „Ich nenne mich Cunette, rief der Pförtner aus; und ich behaupte, daß das ein ſchönerer Name, als Ihr Cudechauſſe iſt...— Ich ſage, Cuſtos, Un⸗ wiſſender.— Aber.— Stille!... Dieſer hier, gnädiger Herr, iſt Ihr Gärtner, und heißt Olitor, der wahre Name ſeines Handwerks... Olitor, prä⸗ ſentirt Eure Schaufel...“ „Was heult Ihr mir da vor? ſagte der Gärtner ärgerlich. Ich heiße Vincent... Was findet Ihr über dieſen Namen zu ſagen? Glaubt Ihr, ich werde mir in meinem Alter einen neuen Namen angewöhnen? — Olitor, mein Freund, iſt ſehr leicht.— Den Teufel auch, ich werde Euch nicht darauf antwor⸗ ien!.. das iſt ein Hundsname.— Es iſt ein Gärt⸗ nername, ſeht nur in das Dictionnaire.— Laßt mich doch mit Ruhe!... wachſen Dictionnaires in mei⸗ nem Garten?..— Ich ſage Euch, Ihr nennt Euch Olitor, auf Befehl des gnädigen Herrn.— Und ich ſage Euch, unſer Herr kann eine ſolche Dummheit nicht befehlen...— Eine Dummheit!... Die Frucht langer Forſchungen... „Mein lieber Ferulus, fällt Robineau ein, indem er majeſtätiſch vortritt, ich laſſe Eurer Gelehrſamkeit Gerechtigkeit widerfahren... und weiß, daß Ihr hinſichtlich des Wiſſens alle dieſe Kerls da ohne An⸗ ſtand auffreſſen würdet; ſo viel iſt aber gewiß, daß ich meinen Leuten keinen neuen Namen geben werde... das könnte mich verwirren; ich nenne alſo Jeden ganz 51 einfach bei ſeinem Dienſtgeſchäft... d. h. Pförtner... Gärtner... Kammerdiener... das iſt mir lieber.“ „Es lebe der gnädige Herr! ſchreit Cunette, ſei⸗ nen Hut in die Höhe werfend, während ſich Ferulus umdreht und zwiſchen den Zähnen murmelt: Da gebe man ſich nur die Mühe, ein Haus mit Geſchmack zu bilden!... So muntert man die Wiſſenſchaft auf!... numerus stukorum est infinitus!...“ 3 Nachdem Robineau mit ſeinen ſämmtlichen neuen Dienſtboten Bekanntſchaft gemacht hatte, kam er zu Jeannetten, der Letzten in der Reihe, und welche dem gnädigen Herrn eine Glutpfanne darreicht. „Was iſt das, meine Liebe?“ ſagte Robineau, die Kohlpfanne betrachtend. „ Ei, gnädiger Herr, das iſt ein Attribut, wie dieſer ſchwarze Herr da ſagt, der mich in Ihren Dienſt genommen hat.— Wiel ſeid Ihr in meine Dienſte getreten, um Kohlpfannen darzureichen 2... es ſcheint mir, daß Ihr etwas Beſſeres thun könnt.“ „Euer Gnaden vom Schwarzenfels, das iſt eine ſinnbildliche Darſtellung, ſagte Ferulus vortretend; dieſes Mädchen iſt in Ihrem Hauſe, um Alles zu thun... und vornehmlich um das Bett zu wärmen, wenn es Ihnen angenehm iſt... da ſie jedoch im Augenblick keine Bettflaſche gefunden hat, ſo bietet ſie Ihnen das Sinnbild Ihrer Amtsverrichtung dar.“ „Ja, gnädiger Herr, ich werde Sie wärmen,“ ſagte Jeannette, indem ſie einen Knix machte. „Gnädiger Herr, fährt Ferulus fort, Abraham ließ ſich von Hagar wärmen, David von Bathſeba, 8 52 ich ſehe nicht ein, warum ſich Euer Herrlichkeit nicht von Jeannetten wärmen laſſen ſollte?“ „Ich ſehe es eben ſo wenig ein, bemerkte Robi⸗ neau, und ich billige die Bildung dieſes Amtes in meinem Schloſſe ſehr. Geht, meine Leute, zeigt Eifer und Thätigkeit, und beſonders morgen ſeid umſichtig und betrinkt euch nicht.“ — Nach dieſen Worten entfernt ſich Robineau mit ſeinen beiden Freunden. Die Dienſtboten kehren an ihre Arbeit zurück und Ferulus ſagt Jeannetten leiſe ins Ohr:„Du wärmſt dieſen Abend mein Bett.— Wie, mein Herr! jetzt ſchon? bei dieſer Hitze 2.. wir ſind kaum im Anfang des September.— Das beweist nichts, es kann warm ſein und doch feucht. — Aber, mein Herr, weil ich keine Bettflaſche ge⸗ funden habe.— Gleichviel, meine liebe Freundin, in Eurem Alter muß das Centrum der Schwerkraft heiß genug ſein, um ihre Stelle zu erſetzen..— Was iſt das, das Centrum der Schwerkraft, Herr? — Auf was Ihr Euch ſetzt, Jeannette.— Wie, mein Herr! ich ſoll Euer Bett mit meinem... wärmen! — Gewiß, meine Liebe, auf dieſe Weiſe wärmte man ſtets die Betten im Alterthum, denn damals gab es noch keine Bettflaſchen.— Alſo recht, mein Herr.— Ahl... Jeannette, ſorgt dafür, daß ich den Bett⸗ wärmer noch im Bett finde, wenn ich mich niederlege.“ Jeannette macht große Augen und verbeugt ſich, — während Herr Ferulus, mit ſeinem Korkzieher ſpie⸗ lend, weiter geht. — 53 Fünftes Kapitel. Das Mädchen und der Unbekannte. Während auf Schloß Schwarzenfels Alles mit dem großen Feſt beſchäftigt war, herrſchte die tiefſte Ruhe um Iſaurens Wohnung. Nachdem die jungen Leute weggegangen waren, führte die kleine Hirtin ihre Ziegen ins Gebirge. Unterwegs fielen häufig ihre Blicke auf das weiße Haus; ſie ſchien es ehr⸗ furchtsvoll zu betrachten und zu prüfen; dann ging ſie weiter und von Zeit zu Zeit entfuhr ein leichter Seufzer ihrer Bruſt. Unvermerkt verfiel Iſaura ſeit den Beſuchen Alfreds und Eduards öfters in Träu⸗ mereien; ſie dachte an die beiden Freunde. Allein in ihrem Häuschen oder auf den Bergen, hatte Iſaura Zeit genug, ſich ihren Gedanken zu überlaſſen; und wenn die Liebe das Herz einer Frau bewegt, findet ſelbſt die am meiſten Beſchäftigte Muße, an den Ge⸗ genſtand ihrer Liebe zu denken, oder vielmehr, ſie denkt immer an ihn; in die Geſellſchaſten und trotz dem Zwang, den ſie uns auferlegen, folgt uns das Bild des angebeteten Gegenſtandes. Das iſt unſere wahre Sylphide oder unſer Schutzengel. Alfred und Eduard waren beide gleich ſehr ge⸗ ſchaffen, geliebt zu werden; beide ſuchten Iſauren zu gefallen. Ein noch jungfräuliches Herz gibt ſich leichter hin und nimmt die Eindrücke der Liebe ſchneller in ſich auf. Das junge Mädchen, welches die Gebirgs⸗ bewohner flohen, empfand in der Nähe derer, welche 54 bei ihr ſo glücklich zu ſein ſchienen, ein neues, ihr noch unbekanntes Vergnügen. Dieſes konnte aber nicht ohne Gefahr ſein, und ſchon zeigten zarte Träu⸗ mereien bei Iſauren das Entſtehen eines neuen Ge⸗ fühls an. Das Leſen iſt keine genügende Zerſtreuung mehr für die kleine Hirtin. Sie hat indeß ein Buch mit⸗ genommen, aber ſie öffnet es, blickt hinein und liest nicht; ihre Augen ſchweifen ab nach dem Wege, auf welchem die jungen Leute in das Thal kommen. „Morgen werde ich ſie wieder ſehen, ſpricht ſie bei ſich ſelbſt; ſie haben keine Scheu vor mir 1... Sie gehen bei meinem Anblick nicht davon, halten mich nicht für boshaft!... Ach! ich fange an, einzuſehen, wie traurig es iſt, allein zu leben... keinen Freund um ſich zu haben. Vor einiger Zeit indeß dachte ich noch nicht daran... war glücklich... Was fehlt mir denn jetzt?“ Iſaura ließ ihr Köpfchen auf ihre Bruſt ſinken; das Buch wird zugeſchlagen; ſie gibt ſich ſüßen Schwärmereien hin. Plötzlich fuhr ſie auf, ſchlug die blonden, ihr ins Geſicht hängenden Locken zurück, ſich dann unruhvoll umwendend, betrachtet ſie wieder das weiße Haus, beugte den Kopf etwas vor und ſchien zu horchen, zu harren, zu hoffen... Aber Nichts ſtörte die Ruhe der Umgebungen, und dieſes Haus, der Schrecken der abergläubiſchen Gebirgsbewohner, ſchien verlaſſen wie immer. Endlich wandte Iſaura ihre Blicke von dieſer Seite ————— 55 ab; nachdem ſie aber die Augen rings umher hatte laufen laſſen, wie um ſich zu überzeugen, ob Niemand ſie ſehen könne, zieht ſie ein kleines Medaillon aus ihrem Buſen, führt es an ihre Lippen, küßt es mit Inbrunſt und einige Thränen benetzen den Gegenſtand, dem ſie ſo viele Liebeszeichen gegeben. Nach einigen Minuten verbirgt ſie das Kleinod wieder ſorgfältig in ihrem Buſen, trocknet ſich die Augen, ſteht auf, ſammelt ihre Ziegen und geht langſam nach ihr Wohnung zurück. Vaillant kam ſeiner Herrin freudig wedelnd ent⸗ gegen.„Armer Vaillant! ſagte Iſaura, ihren treuen Gefährten liebkoſend, du biſt nicht zufrieden mit mir, gewiß, ich ſpiele nicht mehr ſo viel mit dir, wie ſonſt... liebkoſe dich weniger, und doch liebe ich dich noch gleich ſehr. O, ich bin wahrhaft böſe auf mich, daß ich nicht mehr ſo heiter bin wie früher.“ Der Hund ſpitzt die Ohren, ſieht das Mädchen an; man möchte glauben, er ſinne auf ein Mittel, ſie zu erheitern. Eine Weile verfließt ſo und Vaillant rührt ſich nicht. Plötzlich aber ſenkt er den Kopf, entfernt ſich von Iſauren, geht an die Hausthüre und läßt endlich ein dumpfes, gedehntes Bellen ver⸗ nehmen. „Was gibts denn, Vaillant? was haſt du?“ ſagt Iſaura, ihren Hund zurückrufend; dieſer aber bleibt an der Thüre und will nicht davon weg; er knurrt fortwährend, ſeine Augen drücken ſeinen Aerger und eine unruhige Neugier aus. „Es iſt alſo Jemand da? fährt das Mädchen 56 fort. Sollten ſie zurückgekommen ſein?... oder Einer von ihnen allein!...“ Schon bedeckte eine lebhafte Röthe ihre Wangen, indeß eilte ſie zur Thüre, um zu öffnen; aber ſtatt ihrer jungen Freunde erblickt ſie den unheimlichen Wanderer einige Schritte von ihrem Hauſe. Der Fremde ſtand unbeweglich, auf ſeinen Knoten⸗ ſtock geſtützt; er ſchien jeden Stein des Häuschens anzuſtarren und zugleich in tiefe Betrachtungen ver⸗ ſunken; als die Thüre ſich öffnete und der Hund um ihn herging, rührte er ſich nicht; nur fielen ſeine ſchwarzen, durchdringenden Augen auf das Mädchen, die auf der Schwelle ihrer Wohnung geblieben war. Der Anblick des Unbekannten, der Ausdruck ſeines Geſichts hatte in dieſem Augenblick etwas Finſteres, das, im Verein mit ſeiner ärmlichen Kleidung, Miß⸗ trauen einflößte. Nie war Iſaura dieſem Menſchen ſo nahe geweſen; ſie hatte ihn nur in großer Entfer⸗ nung vorübergehen ſehen, jetzt aber ſtand er vor ihr und ſeine Blicke, die von einem düſteren Feuer blitzten, ſchienen in das Innere ihrer Seele dringen zu wollen. Das lebhafte Roth, welches das ſchöne Geſicht des kleinen Hirtenmädchens färbte, wich einer plötz⸗ lichen Bläſſe, ihr Herz klopfte und ſie fühlte ein leichtes Zittern. Noch nie hatte ſie jenes peinliche Drücken empfunden, das ſie beim Anblick des Fremden befiel. Sich indeß ihrer Furcht ſchämend, ſuchte ſie ſich zu faſſen und ſagte mit einer Stimme, der ſie Sicherheit zu geben bemüht war:„Mein Herr, wün⸗ ſchen Sie Etwas?“ 57 Der Vagabund betrachtete ſie lange; endlich ant⸗ wortete er:„Meiner Treu, nein, ich wollte Nichts... Doch, da ich einmal vor Euch ſtehe, würde ich wohl einen Biſſen eſſen... wenn es anginge.“ O ja, mein Herr!... das geht leicht. Treten Sie ein.“ Jetzt erblickt Iſaura in dem Unbekannten nichts mehr als einen Unglücklichen, und die Freude, Gutes thun zu können, verſcheuchte ihre Furcht. Während indeß der Fremde eintritt und im untern Gemache Platz nimmt, läßt ſich Iſaura beim Herbeiholen deſſen, was ſie ihm anbieten will, beſtändig von Vaillant be⸗ gleiten; und ihre Stimme, die ihrem treuen Wächter hin und wieder einige freundliche Worte ſagt, ſcheint ihm noch mehr Wachſamkeit als ſonſt anzuempfehlen. Der Fremde hatte ſich auf einen Stuhl geworfen, Hut und Stock abgelegt. Hierauf betrachtete er neu⸗ gierig das Innere des Hauſes. Wenn die Kleine ins Zimmer zurückkommt, blickt er ſie von Neuem an, und je mehr er ſie betrachtet, deſto größeres Staunen drückt ſich in ſeinen Augen aus. Als Iſaura ihre Vorräthe auf einem Tiſche auf⸗ getragen und dieſen ihrem Gaſte näher gerückt hatte, ſagte ſie mit Anmuth:„Da, mein Herr, iſt Alles, was ich Euch anbieten kann, es geſchieht aber mit Freuden.“ „Das iſt weit mehr als nöthig... und noch ein koſtbares Mahl, neben der Koſt, wie ich ſie ſeit eini⸗ ger Zeit habe. Ich ſage Euch aber vorher, meine Kleine, daß ich es nicht bezahlen kann.“ 58 „Mich bezahlen, Herr!... Ol ich bin nicht ge⸗ wohnt, mir die unbedeutenden Dienſte, die ich zu leiſten vermag, bezahlen zu laſſen... Iſt man nicht über⸗ glücklich, wenn man ſeinen Nebenmenſchen zuweilen nützlich ſein kann?“ „Sehr ſchön gedacht, Kleine, ſagte der Fremde mit ſpöttiſcher Miene, doch zweifle ich, daß Eure Nebenmenſchen es Euch bei vorkommender Gelegenheit erwidern! Ihr ſeid noch jung, lernet frühzeitig, nie auf die Dankbarkeit Derer zählen, denen Ihr gefällig geweſen ſeid!“ „Ich bedarf ihrer Dankbarkeit nicht, um Gefallen am Gutesthun zu finden... Meine Belohnung it in meinem Herzen.“ Bei dieſen Worten erbob Iſaura ihre blauen Augen mit rührender Unſchuld und ihr ganzes Weſen ſchien verklärt. Der Unbekannte ſah ſie, während er aß, fortwährend an.„Junges Mädchen, begann er wieder, nicht bei Euren Ziegen und Euren plumpen Bergbe⸗ wohnern habt Ihr gelernt, Euch ſo auszudrücken.“ Iſaura erröthet und ſtammelt:„Wie! mein Herr, wie, glaubt Ihr, die Bewohner dieſer Berge ſeien nicht eben ſo gaſtfreundlich als ich?“ „Gaſtfreundlich?... freilich!... aber es gibt ſo viele Arten, es zu ſein;.. und ich ſehe wohl an Eurem Ton... Euren Reden... Ja, ja, ich ver⸗ ſtehe mich darauf, und ich glaube, es würde künftig ſchwer ſein, mich zu hintergehen... Nun, ſetzt Euch her... leiſtet mir Geſellſchaft... Ich mnache Euz hoffentlich keine Furcht?“ 59 „Nein, Herr,“ antwortete die Kleine ſchüchtern, ſich einige Schritte vom Tiſch niederſetzend und be⸗ ſorgt, daß Vaillant neben ihr bleibt. Nachdem der Unbekannte gegeſſen und getrunken hat, ſtützt er ſeine Ellbogen auf den Tiſch, den Kopf auf die Hände, ſteht Iſauren ſtarr an und ſagt zu ihr:„Man ſpricht viel von Euch in der Gegend.“ „Von mir, Herr?“ „Ja, von Euch... die Bergleute behaupten, Ihr ſeid eine Zauberin...— Eine Zauberin!— Ja... Das macht Euch lächeln, und Ihr habt Recht; dieſe Dummköpfe verdienen nur Mitleid. Ich fange jedoch an, wirklich einzuſehen, daß ſich dieſe Bauern leicht über den Unterſchied wundern konnten, der zwiſchen Euch und ihnen beſteht, obgleich ich nur eine ſehr natürliche Urſache dabei vermuthe. Ihr werdet mir ſagen, das gehe mich nichts an 2... und daß, wenn Ihr Euch beſſer ausdrücket, als die Bergleute, man wahrſcheinlich mehr Sorgfalt auf Eure Erziehung verwandt habe... Sehr gut; Ihr werdet aber zu⸗ geben, meine Kleine, daß es ziemlich unnütz war, Euch mehr zu lehren, als eine Ziegenhirtin, um Euch hintendrein in dieſen Bergen zu laſſen.“ Iſaura antwortet nicht: ſie ſchlägt die Augen nieder; der Ton des Fremden, deſſen beſtändig auf ſie geheftete Blicke ſie in eine unüberwindliche Ver⸗ wirrung ſetzen, hat ſie eingeſchüchtert. „Lieve Kleine, fährt der Vagabund fort, Ihr ſeid ſchön!... ſehr ſchön, wahrhaftig... und weit mehr, als ichs dachte, ehe ich Euch ſo genau geſehen... Aber dieſe Schönheit wird Euch Abenteuer zuziehen... Die Männer beten ſchöne Weiber an, oder ſind we⸗ nigſtens ſehr eifrig bei ihnen!. Und darin ſehe ich nur etwas ſehr Vernünftiges und Natürlicheres, als Thiere anzubeten wie die alten Egyptier. Man wird Euch alſo anbeten... Aber was ſage ich 2... das iſt ohne Zweifel ſchon geſchehen... Ihr erröthet! Ei, zum Teufel, das iſt doch etwas ganz Gewöhn⸗ liches!..“ „Mein Herr... ich weiß nicht, was Ihr ſagen wollt,“ entgegnete Iſaura mit einer Unbefangenheit, die jeden Andern überzeugt hätte, als den Mann, der ihr gegenüber ſaß. „Ihr wißt nicht! murmelte dieſer achſelzuckend. Ja, ja... das iſt ſo ihre Sprache!... Sie wiſſen nie!... find ſtets unſchuldig und rein!... Und haben wir Beweiſe ihrer Treuloſigkeit, legen wir ſie ihnen klar vor Augen, antworten ſie uns doch mit treu⸗ herziger Miene, daß ſie nicht wiſſen, wie das zuge⸗ gangen ſei!..“ Ein bitteres Lächeln irrte über die Lippen des Unbekannten; ſeine Augbrauen zogen ſich zuſammen, er ſchien von peinlichen Erinnerungen beherrſcht. Iſaura rückte zitternd ihren Stuhl zurück, ihre Augen drückten das Entſetzen aus, das ſich ihrer bemächtigte; der Fremde blickte ſie an und errieth, was in ihr vorging; er nimmt ſeine gewöhnliche Miene wieder an und fährt fort:„Warum entfernt Ihr Euch denn ſo von mir?“ „Mein Herr... es kam mir vor, als wäret Ihr 6ͤ112 zornig.— Zornig? durchaus nicht!... Zum Teufel, auf wen ſollte ich denn zornig ſein 2... Wir wollen auf Euch zurückkommen... nun, rückt näher und zittert nicht.“ Iſaura folgt, wider ihren Willen, dem Verlangen ihres Gaſtes; der vertrauliche Ton, mit welchem er ſpricht, würde ſie beleidigen, wenn er nicht im Elend zu ſein ſchiene; aber ſie hält ihn für unglücklich und ſchreibt dem Mitleiden ihre Unterwürfigkeit gegen ihn zu. „Ich habe Euch geſagt, Ihr ſeid ſchön... Das konnte nicht verurſachen, daß Ihr Euern Stuhl zu⸗ rückzoget... Andere mußten Euch dies ſchon vor mir ſagen, und darunter die beiden jungen Leute, die Euch ſeit einiger Zeit jeden Morgen beſuchen.“ Iſaura wurde feuerroth und ſtotterte:„Die beiden jungen Leute 2... Ahl... Ihr wißt... Kennt Ihr ſie, Herr?“ 3 „Ja.. ich kenne ſie jetzt ſehr gut. Aber kennt Ihr ſie auch, wißt Ihr, wer ſie ſind?— Ich weiß, daß ſie Alfred und Eduard heißen... auf Schloß Schwarzenfels wohnen... ſehr liebenswürdig und artig gegen mich ſind..— Iſt das Alles?— Ja, mein Herr.— Ihr lügt; Ihr wißt ſehr gut, daß Beide in Euch verliebt ſind.“ Iſaura will ihre Augen erheben, aber die Blicke des Fremden zwangen ſie, ſolche gleich wieder nieder⸗ zuſchlagen, und ſie erwiderte mit bewegter Stimme: „Die Herren konnten es mir unter Lachen ſagen... ich durfte es nicht glauben.— Eil der Tauſend! lachend oder anders, gibt es nicht tauſend Mittel, 62 ſich verſtändlich zu machen!.. Die Einfältigſte be⸗ merkt, wenn ſie gefällt; um ſo mehr aber die, welche, wie Ihr, weder dumm noch affektirt iſt... O! glaubt mir, ich kenne die Weiber beſſer, als Ihr Eure Ziegen und Eure Hühner! Ich hatte auch meine Zeit... zwar war ſie kurz, aber ich habe ſie gut benützt... Man fand mich eben ſo liebenswürdig und uerſi reriſch, als Ihr Alfred und Eduard finden könnt., nur brachte ich die Sachen ſchneller zum Ziel!.. Wie viele Schönheiten wurden verführt und verlaſſen, um wieder neuen Platz zu machen!... Wie wußte ich alle Töne anzunehmen, alle Nüancen des Gefühls aufzufaſſen, um meine Schlachtopfer zu umgarnen! Ich heuchelte Liebe, Schmerz, Verzweiflung; ſogar Thränen vergoß ich; aber im Grunde war mein Herz trocken und kalt; ich lachte innerlich über die Seufzer, welche dieſe Damen rührten... O! ja, ich kann ſagen, ich hatte eine ſehr glänzende Epoche... Schade, daß es ein ſo ſchlechtes Ende nahm!...“— Iſaura hörte dem Fremden mit Entſetzen zu, ohne daß ſie ihn zu unterbrechen wagte; dieſer blieb einige Minuten in wiedererwachte Erinnerungen verſunken, dann ließ er den Kopf auf die Bruſt ſinken und fuhr fort:„Ja.. Alles iſt dahin!... Liebe! Freund⸗ ſchaft!... Ueberfluß!... ich werde es nicht mehr koſten;... allein... elend... habe ich auch keinen Freund!...“ Die Stimme des Unbekannten war langſam und traurig geworden. Iſaura fühlte ſich bewegt, gerührt; ſie ſtand auf, näherte ſich dem Manne, vor dem ſie 63 alle Furcht verloren, und ſagte mit wohlthuender Theil⸗ nahme:„Ihr ſeid alſo ſehr unglücklich geweſen 2...“ Der Fremde erhob den Kopf, blickte ſie ſtarr an und rief:„Das iſt doch wunderbar!... ſo deutlich war es mir noch nie geworden, wie jetzt.— Was denn, mein Herr? fragte Iſaura.— Nichts! o! Nichts... Ohne Zweifel Wirkung meiner Träume. Zum Teufel, warum denke ich auch an all das Zeug. Nein, es gibt nur noch ein Gefühl, das mein Herz beleben kann... dieſes aber wird mir ſüße Genüſſe verſchaffen.“ Die Augen des Fremden funkelten aufs Neue. Eine teufliſche Freude malte ſich darin, Iſaura eilte wieder an ihren Platz zurück und ihre Hand legte ſich auf Vaillants Hals. „Kleine, fing der Vagabund wieder an, nachdem er ein Glas Wein geleert, ich ſagte alſo, die beiden jungen Leute, welche Euch ſo häufig beſuchen, ſind in Euch verliebt!... Das hat nun nichts zu ſagen;... Ihr könnt wohl denken, daß um Euer Thal oder die ſchönen Augen Eurer Ziegen zu ſehen, zwei junge Pariſer nicht ſo früh auſſtehen... Ich habe aber meine Gründe, zu fragen, welchem von Beiden Ihr den Vorzug gebt... wenn Ihr ſie nicht Beide liebt, was ich indeß noch nicht von Euch glaube... Nun ſprecht, gebt Antwort!“ 3 Iſaura erhebt ſich würdevoll, ſie zittert nicht mehr, denn ſie fühlt ſich beleidigt; und nun ebenfalls Den betrachtend, den ſie gaſtfreundlich in ihrer Wohnung aufgenommen, antwortet ſie:„Eure Fragen ſetzen 64 mich in Erſtaunen, mein Herr! wer hat Euch denn beauftragt, ſie an mich zu richten?— Wer denn? ei, zum Henker! ich mache ſie Euch!... ich frage Euch!... braucht's ſo viele Umſtände, um zu ſagen, ich liebe Dieſen oder Jenen mehr?2...“ „Nie hat noch Jemand ſo mit mir geſprochen, V mein Herr... und wenn meine gute Mutter noch lebte..— Von Eurer guten Mutter iſt nicht die Rede.. wenn ſie noch lebte, würdet Ihr wahrſchein⸗ lich nicht jeden Morgen zwei ſchöne junge Männer empfangen. Ich ſehe, Ihr benützt Eure Freiheit... ziert Euch doch nicht ſo ſehr!... das macht keinen Eindruck auf mich... potz Donnerwetter! gebt Ant⸗ wort!“ Der Fremde war dabei plötzlich aufgeſprungen und auf Iſaura zugegangen; dieſe war aus einem Gefühl des Entſetzens über die Annäherung dieſes Menſchen zurückgewichen, wobei ſie einen Angſtſchrei ausſtieß. Vaillant, der glaubte, man wolle ſeine Herrin angreifen, ſtand alsbald auf, ſprang mit Blitzesſchnelle auf den Unbekannten los und packte ihn am Bein. Hel... he! ruft doch Euern Hund zurück.. tauſend Donner! ſeht Ihr nicht, daß er mich Fer. reißen will!...“ Iſaura rief Vaillant zurück, der ſich ungern ent⸗ ſchloß, das erfaßte Bein loszulaſſen, und zu ſeiner Herrin zurückkehrend, knurrt er fortwährend und be⸗ trachtet den Fremden mit funkelnden Augen. „ Verzeiht, ſagte Iſaura; aber dies treue Thier 65 hat allem Anſcheine nach geglaubt, daß Ihr mich bedroht..— Ei, zum Henker! warum ſchreit Ihr, wenn ich Euch näher trete? Glaubt Ihr denn, ich wolle Euch freſſen?... Wie dumm doch dieſe Mädchen ſind! Teufel!... Ihr habt da einen Wächter, der nicht ſpaßt!... ſeine Zähne ſind tief eingedrungen;... empfänge er Eure jungen Leute eben ſo, würden ſie nicht ſo oft kommen!... Aber da ſchreit Ihr nicht, wenn die Euch zu nahe kommen, nicht wahr? Adieu, ſchöne Verſchwiegene!... Geht! ich will bald wiſſen, was Ihr mir heute nicht ſagen wollt!... Ja, ich will bald Alles erfahren, was Euch betrifft!... Für eine Zauberin halte ich Euch nicht; aber meiner Meinung nach iſt es nicht natürlich, daß Ihr ſprecht wie die Damen der Stadt, daß Ihr nur mit Euren Ziegen lebt und reich genug ſeid, alle bei Euch Ein⸗ ſprechende gratis zu beherbergen... Dahinter ſteckt Etwas, und ich erfahre es, Kleine, denn ich hab's Euch geſagt, man hintergeht mich nicht, und ich glaube weder an die Unſchuld auf dem Lande, noch an pla⸗ toniſche Liebe, noch an von Gott verliehenes Wiſſen.“ Der Fremde griff nach Hut und Stock und ging aus dem Haus, noch einen verächtlichen Blick auf das Mädchen werfend. Iſaura fühlt, daß ſie freier athmet, als ſie dieſen Menſchen aus ihrer Wohnung ſich ent⸗ fernen ſah; und Vaillant, der nicht aufhörte, zu knurren, folgte dem Fremden bis vor die Thüre und kehrte nicht eher zurück, als bis er ihn völlig aus den Augen verloren hatte. Paul de Kock. XXV. 66 Sechstes Kapitel. Neue Perſonen.— Großes Feſt auf dem Schwarzenfels. Endlich iſt der große Tag erſchienen, an welchem Robineau die ganze Pracht und Herrlichkeit eines Kalifen entfalten will, obgleich ſein Vermögen nicht einmal dem des kleinſten Paſcha Seiner Hoheit gleich⸗ kommt. Aber nachdem man lange Zeit mit der größten Sparſamkeit gelebt hat, der Beſitzer eines Schloſſes werden, ſich Euer Gnaden und Herr vom Schwarzen⸗ fels nennen hören, neun Dienſtboten haben und ſich endlich von den Männern geſchmeichelt, bewillkommt, aufgeſucht, von allen Frauen gehätſchelt ſehen, das iſt mehr als nöthig, um den Kopf zu verlieren, beſonders wenn man nur ſehr wenig geſunden Verſtand und viel Eitelkeit beſitzt; auch hat Robineau den ſeinigen beinahe ganz verloren; er rechnet nicht, denkt nicht darüber nach, daß die Lebensweiſe, die er führt, weit über ſein geerbtes Vermögen geht; er beſtellt und ordnet an. Doch ſchwelgt er in Wonne, er iſt glück⸗ lich... das iſt immerhin etwas. Wie vielen Leuten gelingt es mit den größten Reichthümern nie! 3 Robineau wacht ſehr frühe auf und denkt zuerſt an ſeine Toilette, ein ſehr wichtiger Punkt, beſonders wenn man eine Frau nehmen will. Franz bringt ſeinem Herrn die neuen, eben erſt aus Paris ange⸗ kommenen Kleidungsſtücke herbei. Er breitet ſie vor ſich aus und ſchwankt zwiſchen vollſtändig ſchwarzem Anzug und den weißen Beinkleidern, welche d 5 was ſind das für Bänder auf beiden Achſeln?— 67 Jahreszeit angemeſſener ſind. In dieſem Augenblick tritt Herr Ferulus ins Gemach; der Bibliothekar, Haus⸗, Hof⸗ und Kellermeiſter iſt ſchon in völligem Ornat, obgleich er ſtets den gleichen Frack trägt; um denſelben aber ein wenig herauszuheben„ ließ er Stahlknöpfe von der Größe eines Fünffrankenthalers darauf nähen, welche in der Sonne einen ſtrahlenden Glanz umherwerfen. Außerdem ließ er auf den Schultern ungeheure Bandſchleifen feſtmachen, deren lange Enden wie Zöpfe auf ſeinem Rücken umher⸗ flattern. Seines Gallakleides ungeachtet hat Herr Ferulus ein viel längeres Geſicht als ſonſt, und ſeine Augen ſind roth und matt. „Wahrlich, lieber Ferulus, Sie kommen gerade recht, Sie werden mich in der Wahl meines Coſtüms leiten; ſoll ich vollſtändiges Schwarz nehmen oder mir weiße Beinkleider erlauben?“ „Völlig ſchwarzer Anzug iſt durchaus nothwendig, gnädiger Herr, ſich anders kleiden, wäre ein Maje⸗ ſtätsverbrechen gegen das Ceremoniel!... Bedenken Sie, gnädiger Herr, daß dieſer Tag Epoche machen wird;... Sie, für ſich allein, repräſentiren alle früheren Burgherren dieſer Beſitzung!...“ „ Franz, Du hörſt... rüſte mir das ſchwarze. Staatskleid... Ach! Teufel! Herr Ferulus, Sie ſind glänzend!... Sie haben ſehr ſchöne Knöpfe!— Nicht wahr, gnädiger Herr? Sie kommen von dem Groß⸗ onkel meines Vaters, der ſie bei einem Menuet trug, die er mit der Frau von Maintenon tanzte.— Und 68 Gnädiger Herr, das Zeichen meiner Würde... das will ſagen, ich ſei würdig, an Ihrer Tafel zu ſpeiſen, mit der vornehmſten Geſellſchaft. Die Pagen unter König Dagobert hatten es ſo.“ „Alsdann haben Sie ſehr wohl gethan, es eben ſo zu machen! Was haben Sie denn aber, Herr Ferulus?.. Sie erſcheinen mir dieſen Morgen ſehr blaß... „Gnädiger Herr, weil... ich mein Bett wärmen ließ— Wiel ſchon?— Der Thurm, in welchem ich wohne, iſt ſehr feucht, gnädiger Herr... indeß bekam es mir nicht ſo gut, als ich geglaubt hatte... ich hoffe, das Frühſtück wird mich wieder ins Geleis bringen. Aber man hat die Livree Ihrer Leute ge⸗ bracht.. ſie iſt prächtig... dunkelgrün mit aprikoſen⸗ farbnen Hoſen und orangegelben Treſſen.— Ja, meine Erfindung; ſieht mans von ferne?— Von ſehr ferne, gnädiger Herr; ich muß Ihnen indeß ſagen, daß der Bauernlümmel, der Olitor... Ihr Gärtner, will ich ſagen, ſie nicht anlegen will, unter dem Vorwand, er ſehe darin aus wie ein Papagei.— Dieſer Schlin⸗ gel macht immer den Widerſpänſtigen!... Franz, be⸗ fehle ihm in meinem Namen, ſeine Livree anzuziehen, bei Strafe, aus meinem Hauſe gejagt zu werden!“ Alfred und Eduard beſchäftigten ſich ebenfalls mit ihrer Toilette, wiewohl ſie nicht, wie der Herr des Hauſes, auf Eroberungen ausgehen; die beiden jungen Leute wollten vor der zahlreichen Geſellſchaft mit Vor⸗ theil erſcheinen, und dann will man immer gefallen, ſelbſt ohne die Abſicht, Eroberungen zu machen. 69 Zwölf Uhr iſt vorüber; Robineau iſt im Staats⸗ kleid, alle Vorbereitungen zum Feſte ſind beendigt, aber noch hat ſich Niemand von der erwarteten Ge⸗ ſellſchaft gezeigt. Indeß feuern Franz und die beiden Küchenjungen drei Flintenſchüſſe ab, und Robineau eilt auf den Balkon und ſchreit:„Was iſt das?— Gnädiger Herr, antwortete Franz, das Zeichen zum Beginn des Feſtes.— Dummkopf!.. ſoll das Feſt beginnen, ehe Jemand da iſt?— Eil gnädiger Herr, Herr Ferulus ſagte uns, wir ſollen alle zuſammen um zwölf Uhr ſchießen...“ „Non errabis! ſchreit Ferulus, im Hof erſcheinend, ich ſagte euch, ihr ſollt um zwölf Uhr ſchießen... natürlich aber coram populo, d. h. vor der Geſell⸗ ſchaft... demnach ladet eure Waffen wieder und gebt noch einmal das Zeichen.“ 3 Während die Waffen wieder geladen werden, hört man aus einer Ecke des Hofes klägliches Gewinſel. Alles geht auf den Ort zu, und man findet den Chef des aus drei Mann von der Stadtmuſik beſtehenden Orcheſters, der die Kellertreppe hinabgefallen iſt, wo⸗ hin er beim Knall der Flinten in voller Angſt ge⸗ ſprungen iſt; man richtet den armen Mann wieder auf, läßt ihn auf das im Hof errichtete Orcheſter ſteigen, und befiehlt ſeinen beiden Kameraden, ihn nicht mehr fort zu laſſen, was ſie unter der Bedingung verſprechen, daß man ihnen ſechs Flaſchen Wein unter ihren Sitz legt. 4. Robineau's Geduld wird auf eine harte Probe geſtellt, denn über eine Stunde ſchaute er mit ſeinen 70 2 Freunden vom ſüdlichen Thurm nach der Straße, bis er endlich in einem Reiter Herrn Berlingue, einen der Geladenen, erkennt, dem er ſogleich entgegengeht, und ihn ins Schloß führt. Der Neuangekommene, ein kleiner Mann von fünfzig Jahren, blickte mit boshafter Neugier um ſich her. Sein Aeußeres iſt nicht ſehr elegant; aber ſein ſchalkhaftes Geſicht ſcheint fortwährend etwas zu ſuchen, über das er ſich luſtig machen kann. Er geht auf Robineau zu, reicht ihm die Hand und fragt nach ſeiner Geſundheit, wobei er bereits die beiden Freunde und das ganze Gemach die Muſterung paſſiren ließ. „Herr Berlingue, ſagte Robineau, Sie ſind ein liebenswürdiger Mann, Sie kommen endlich!... Aber die andern Herren und Damen laſſen auf ſich warten, und es iſt ein Uhr! doch hatte ich gebeten, man möchte bald kommen.— Herr vom Schwarzenfels, erwiderte Herr Berlingue mit ſchreiender Stimme, mein Grund⸗ ſatz iſt Pünktlichkeit... dieſe Herren ſind Ihre Freunde aus Paris? 2.. mir ſchmeichelhaft, ihre Bekanntſchaft zu machen. Aber, Herr vom Schwarzenfels, wollen Sie Leute um zwölf Uhr haben, müſſen Sie ſie auf neun Uhr einladen, denn hier.. Sie haben dieſen Theil des Schloſſes neu malen kaſſen, das ſehe ich..⸗ hier, Herr vom Schwarzenfels, übertreiben wir d Moden; in Paris lißt man eine Stunde warten, der Provinz vier... das iſt Ihre Livrée?... en ganz neues Genre... und unſre Damen und Fräu⸗ leins!. glauben Sie, die Toilette könne ſchon um zwölf Uhr fertig ſein?... einige Ihrer Möbel ſind — 71 noch altmodiſch... müſſen ſie wechſeln... die Frauen ſind koketter als in Paris!... Ihr Frack iſt vortreff⸗ lich gemacht... Ei! Klettermaſten in Ihrem Hofe!... Ah! herrlich! eine neue Idee!...“ Trotz der Vorausſagung des Herrn Berlingue traf die übrige Geſellſchaft bald ein. Die Familie de la Pincerie kam, wie die andern, zu Wagen, obgleich der ihrige nicht zu den eleganteſten gehörte, in einer Art weitem Cabriolet mit einem magern Gaule. Der Marquis de la Pincerie war ein Mann von ſechzig Jahren, ſechs Fuß hoch und ausnehmend mager, mit Puder und Haarzopf; ſein gelbes, runzlichtes Geſicht hatte einen beſtändigen Ausdruck von Stolz und Verachtung; ſelten ſtund es zwei Minuten an, ohne daß er huſtete und ſich räuſperte; aber er that es mit einer Würde, die glauben machen konnte, es ſei nicht Jedermann wie ihm gegeben, ſich zu räuſpern. Nach ihm ſtieg ein kleines, grauäugiges, roth⸗ haariges Kerlchen mit blauer Naſe und rothen Ohren aus dem Wagen; kaum hatte er den Fuß auf dem Boden, als er lächelte und Zähne zeigte, deren kein Pferd ſich zu ſchämen gehabt hätte. Dieſer Herr, aus dem man noch nichts hatte machen und den man noch nicht hat unterbringen können, obgleich er ſchon ein Fünfziger war, iſt der Bruder des Marquis und wurde Herzchen genannt, ein Name, den man ihm als Kind beigelegt hatte, und den er ſein ganzes Leben führen zu wollen ſchien. Nachdem er gelächelt hatte wie ein Eber, während ſein Bruder bereits auf einen Klettermaſt ſpie, trat 72 Herzchen vor, um einem aus dem Wagen ſpringenden Fräulein die Hand zu reichen, wobei dieſe zu ihrem Onkel ſagte:„Es iſt nicht der Mühe werth... ich ſteige lieber allein ab... 3 Dieſe Dame, die mit ſo vieler Leichtigkeit heraus⸗ ſpringt, iſt die jüngere Tochter des Marquis, Fräu⸗ lein Cornelia: ſie war ſiebenundzwanzig Jahre alt, groß, hübſch gebaut, ihr Geſicht regelmäßig und nicht übel, aber ihre gebieteriſche Miene und ihre Augen, die ſie nur ſelten niederſchlug, ſchienen Huldigungen anbefehlen und ſie nur als einen ſchuldigen Tribut hinnehmen zu wollen. Hierauf kam ihre Schweſter, eine Wittwe, welche man Frau von Hautmont oder nur ganz einfach Eu⸗ doxia nennt; ſie mag fünf oder ſechs Jahre weiter haben als Fräulein Cornelia; ſie war hübſch, aber entſtellt durch Grimaſſen und anſpruchsvolles Weſen; ihre Toilette von übertriebener, ans Lächerliche gren⸗ zender Eleganz, und mit Wohlgerüchen überladen; in der einen Hand beſtändig einen Blumenſtrauß, in der andern ein Riechfläſchchen; die geringſte Kleinigkeit macht ihr übel und verurſacht eine Ohnmacht. Weit entfernt, allein abzuſteigen, braucht ſie drei Perſonen zu ihrer Unterſtützung. Robineau war der Familie de la Pincerie ent⸗ gegengegangen, begrüßte ſie mit vieler Ehrfurcht und Eifer, und führte ſie in den großen Salon, wo ihm Alfred und Eduard beiſtanden, die Honneurs zu machen; Robineau vervielfältigte ſich, um die ganze, nun her⸗ anſtrömende Geſellſchaft würdig zu empfangen; dieſe 73 beſtand aus dem Notar und ſeiner Gemahlin, einem reichen Papierfabrikanten, der ſeine Frau, drei Töch⸗ ter, zwei Knaben und zwei Nichten mitbringt, dem Ehepaar Gerard, welche allein die beiden Sitze ihrer Karriole ausfüllen, und im Gehen einander nicht den Arm geben können, weil ihre Hüften ſich widerſetzen; dem Herrn Chevalier von Tantignac, der keine zwei Worte ſprechen kann, ohne eine Lüge darein zu miſchen, und der zu Fuß mit Sporen und Reitpeitſche ankam, um glauben zu machen, er ſeie geritten; endlich Be⸗ amten, reichen Kaufleuten, angeſehenen Leuten des Städtchens, welche der Einladung des Herrn vom Schwarzenfels folgten, weil in der Provinz die Ge⸗ legenheiten, ſich zu beluſtigen, ſeltner ſind, man da⸗ her jede gern ergreift. Endlich war die Geſellſchaft in dem geräumigen Saale des erſten Stocks verſammelt; man begrüßte, betrachtete, bekrittelte einander. Robineau rannte von dem Einen zu dem Andern, ſpielte den Liebenswürdigen und lächelte Jedermann freundlich zu; vorzüglich aber richtete er ſeine Huldigungen an Fräulein Cornelia de la Pincerie, obgleich dieſe ſeit ihrem Eintritt in den Salon Alfred weit mehr Aufmerkſamkeit ſchenkte, als dem Herrn des Hauſes, während Eudoxia den armen Eduard mit ſchmachtenden Blicken bombardirte. Der Herr Marquis de la Pincerie hatte ſich gleich Anfangs auf eine Ottomane geworfen, auf welcher er ſich dehnte, als wenn er einſchlafen wollte, und ſeine Beine ſo ausſtreckte, daß die Geſellſchaft genöthigt war, einen Umweg zu machen, um vorüber zu kommen; 74 er fing bereits an, zu huſten, und ſpuckt verächtlich mitten ins Zimmer, wobei er Jeden anſieht, wie ein Sultan ſeine Sklaven. Der Onkel Herzchen ſetzte ſich im Gegentheil be⸗ ſcheiden hinter ſeine Nichte Cornelia, deren Ober⸗ ärmel, die im Wagen etwas gedrückt waren, er wieder aufrichtete. Die Uebrigen ſehen gruppenweiſe zum Fenſter hinaus. Herr Berlingue geht im Salon auf und ab, Jedermann mit boshafter Miene betrachtend. Der Chevalier von Tantignac endlich, der zuletzt eintrat, ſucht mit den Sporen in dem Kleid einer Dame hängen zu bleiben, damit er das Vergnügen hat, auszurufen:„Wie unbeſonnen bin ich doch!... ich habe meine Sporen noch an... Ach! meine Damen, wie ſehr muß ich um Entſchuldigung bitten!... aber die Gewohnheit, zu Pferde zu ſein!...“ „Und was haben Sie denn mit Ihrem Renner gemacht? ſagt Herr Berlingue; ich habe ihn nicht geſehen, als ich ins Schloß trat.“ „Ich ſtieg zehn Schritte vom Thor ab, um Zufälle zu verhüten, weil mein Pferd ſchrecklich ausſchlägt; hierauf habe ich ihm, wie gewöhnlich, zwei Hiebe mit der Reitpeitſche auf den Schwanz gegeben, und alsbald ging es allein nach ſeinem Stall zurück. Es iſt darauf abgerichtet... ein Zögling Franconi's... doch ich eile, mich dieſes Reitapparats zu entledigen!...“ Das Geſpräch war in ſeinem Gange, der Cheva⸗ lier log, Herr Berlingue machte über Jedermann malitiöſe Bemerkungen, Onkel Herzchen bediente ſeine Nichten, als Herr Ferulus in den Salon trat, unm 75 Robineau zu fragen, ob es Zeit zum Beginn der Feſtlichkeiten ſei. Bei ſeinem Anblick lehnt ſich Frau von Hautmont mit lautem Schrei an Eduard, und fragte:„Ach! mein Gott, was iſt das?— Der Feſtordner iſts, Madame, erwiderte Eduard.— Er hat mir aber entſetzlich weh in den Augen gethan! Ich glaubte die Sonne oder den Mond hereintreten zu ſehen... Was hat denn dieſer Herr auf ſich?— Seine Knöpfe ſtrahlen von ſolchem Glanz.— Ach! wenn man ſolche Knöpfe trägt, ſollte man wenigſtens die Leute vorher davon in Kenntniß ſetzen.“ „Gewiß, bemerkte Herr Berlingue, es iſt ſehr ſchwer, dieſen Herrn anzuſehen, ohne zu blinzeln.“ Wie ein Pfeil ſchoß Herr Ferulus fort, und bald veerkündigen die Büchſenſchüſſe den Anfang der Feſt⸗ lichkeiten. Beim Krachen derſelben wird es Eudoxien beinahe übel; doch trägt ſie Sorge, nur in Eduards Arme zu fallen, den alle dieſe Schwächen zu lang⸗ weilen beginnen, der aber nicht umhin kann, der Wittwe den Arm zu bieten. Jedermann eilt auf den Balkon und zu den Fenſtern, von wo man die Spiele in dem Hofe ſehen kann. Onkel Herzchen allein blieb zurück, weil er zwei Stecknadeln für ſeine Nichte Corne⸗ lia und ein Glas Waſſer für ſeine andere Nichte ſucht. Das Orcheſter indeß, welches ſich hören laſſen ſollte, bleibt ſtill, weil der Blinde bei den Schüſſen unter die Bank gekrochen war, und allen Raiſonne⸗ ments des Herrn Ferulus ungeachtet nicht vorkommen will, bis er endlich bei den wiederholten Rufen Ro⸗ bineau's:„Fangt doch an!... wir warten,“ von 76 Ferulus und Franz mit Gewalt hervorgezogen wird. Endlich läßt ſich die Muſik hören, und ſechs große Auvergnaten, nackt vom Kopf bis an die Lenden, er⸗ ſcheinen auf dem mitten im Hofe errichteten Kampfplatz. Herr Ferulus aber, der auf die Treppe geſtiegen iſt, von wo aus er Alles leitet, ſchreit:„ Gymna⸗ ſtiſche Spiele, nach Art der Griechen und Römer.“— Drei Auvergnaten treten vor, jeder mit einem großen Käſelaib in der Hand, welcher die Wurfſcheibe dar⸗ ſtellen ſoll, mit der man nach dem Ziele wirft, das oberhalb der Treppe angebracht iſt. Die drei Erſten erreichten das Ziel nicht, der Vierte aber, ein baumſtarker Kerl, wirft mit aller Gewalt ſeinen ungeheuren Käſelaib, und trifft gerade das Geſicht des Herrn Ferulus, wo er in zwei Stücke zerſprang, ohne ihm jedoch weiteren Schaden zuzu⸗ fügen, als daß ihm verſchiedene Reſte im Geſicht und Haar zurückblieben, die ihn zur Vogelſcheuche für zarte Naſen machten. „Onkel Herzchen, bring mir kölniſch Waſſer, rief Eudoxia, ſich auf Eduards Arm ſtützend, denn dieſes Spiel riecht gar zu ſehr nach der Miſte.“ „Das iſt noch nichts, meine Damen; Sie werden noch ganz andere ſehen!“ verſetzt Robineau, in der Meinung, man ſei entzückt über das Geſehene. Nun beginnt der Wettlauf mit Stöcken, welche die Auvergnaten einander zwiſchen die Beine werfen,“ um ihre Gegner zum Fallen zu bringen. Dieſes Spiel geht ohne Unfall vorüber; in dem darauf folgenden Fauſtkampf aber, wobei die Kämpfer in Eifer und 77 zuletzt in Wuth gerathen, ſetzt es blutige Naſen, und man muß jene mit Gewalt auseinander reißen. Zwei Auvergnaten, hartnäckiger als die übrigen, wollen ſich nicht fahren laſſen, man ſtößt ſie daher auf den Vor⸗ platz hinaus, worauf die Damen wieder beruhigt ſind. „Jetzt geht's vom Ernſten zum Sanften über,“ ſchreit Herr Ferulus, und in der That kommen die Diener mit Körben voll Blumenbouquets für die Damen herbei. „Ah! das laß ich mir gefallen, ſagte Frau von Hautmont, das iſt anmuthiger.“— „Und riecht nicht nach Käſe,“ verſetzt Herr Berlingue. „Eil aber... es iſt ein Papier in meinem Bou⸗ quet, ruft Madame Gerard.— Ein Papier, Madame!“ wiederholt Herr Gerard, ſeiner Ehehälfte ſo nahe tre⸗ tend, als ſeine Dickleibigkeit es ihm geſtattet. „Ich habe auch eins, ſagt Eudoxia.— Und ich auch,“ wiederholt jede der Damen. Cornelia öffnet das ihrige und liest: „Vos attraits charment les coeurs, Vous avez gräce et jeunesse; La plus douce des faveurs Est de vous aimer sans cesse.“ „Das iſt ausnehmend artig!“ ſagte Herr de la Pincerie, auf die Landleute im Hofe ſpuckend. „Und an die richtige Adreſſe gelangt,“ bemerkt Alfred, welchen Fräulein Cornelia auf eine Weiſe be⸗. trachtet, die ihn nöthigt, ihr etwas Schönes zu ſagen. „Ich habe ebenfalls Verſe, ruft Eudoxia, ſehen wir... Ei!... das iſt aber das Nänliche, wie bei meiner Schweſter. Da ſehen Sie, mein Herr.“ Eduard ſieht die ihm dargereichten Verſe an: „Man hat gedacht, Madame, dieſelben Raize muͤßten ſch in der gleichen Familie wieder finden.. „Ah! was Sie da ſagen, iſt ſehr gakant, daß meine Phyſiognomie von einem ganz andern Genre iſt, als die meiner Schweſter...“ „Sehen wir das meinige, ſagte Madame, ich bin ſehr begierig zu wiſſen, was man mir ſagt: „Vos attraits charment les coeurs, Vous avez grâce et jeunesse!.. „Sicher, das iſt ein Nundſchreiben,“ bemerkte Herr Berlingue. 3 „Aeußerſt ſchmeichelhaft, das nämliche Compliment zu erhalten, wie Madame Gerard,“ ruft Fräulein Cornelia achſelzuckend aus. Zum Maſtklettern zeigen die Auvergnaten wenig Luſt, da die Preiſe, einige Sprachlehren und Leſe⸗ bücher, ſie nicht ſehr verführen. 5 „Nun denn, ſagt der Bibliothekar, die Weiber werden euch das Beiſpiel geben, euch lehren, wie man hinaufſteigt... Vorwärts, ihr Jungfern.“ „Frauenzimmer werden klettern! ſagt Berlingue, das muß intereſſant werden...“ „Ah! die Damen klettern! fällt Herr de la Pin⸗ cerie ein; hum!... hum... das iſt eine Neuerung!“ „Ol wir haben Alles vorgeſehen! beruhigt Ro⸗ Pmneau, der Maſt iſt mit Honig beſtrichen.“ „Mit Honig beſtrichen? verſetzt Onkel Herzchen; ah! ich verſtehe! ich verſtehe; der Schicklichkeit wegen.. 79 Einige plumpe Bauerndirnen treten lachend vor, gehen um den Maſt herum und wollen nichts wagen; aber Herr Ferulus bleibt am Fuße des Baums, um allen denjenigen als erſte Leiter zu dienen, welche einen Verſuch machen. Endlich klettert ein Land⸗ mädchen, bleibt aber unterwegs hängen, indem ſie ſchreit, daß ſie feſthänge; und Ferulus ruft ihr zu: „Immer zu.. weicht nicht... das iſt der Weg des Lebens... Dornen, um Roſen zu erlangen... quid femina possit.“ Die Bäuerin rutſcht, ſich die Hände leckend, herab; eine andere kommt und iſt nicht glücklicher, obgleich Herr Ferulus ſtets am Fuße des Maſts ſtehen bleibt, um den Landmädchen zur Leiter zu dienen und ſie aufzumuntern. Und Herr Berlingue behauptet, der Bibliothekar habe den beſten Platz, und ſehe unend⸗ lich beſſer, als die ganze übrige Geſellſchaft. Doch Niemand erſcheint mehr. Vergebens ſchreit Herr Ferulus:„Es iſt die Abhandlung über die Participien und die bürgerliche Köchin zu gewinnen.“ Die Preiſe werden in der Luft hängen bleiben; als plötzlich Jungfer Gaul, die aus einer Ecke des Hofes die Spiele mit anſah, ſtolz auf Ferulus zugeht und ſagt:„Schaut... eine Köchin iſt zu gewinnen! das geht mich an; laßt mich klettern, Herr Decanus, ich will euch die Gegenſtände hübſch abreißen!... o! ich verſtehe mich auf alle Spiele!“. * Und den Mundſchenken, der ihr die Leiter machen will, zurückſtoßend, umklammert ſie den Maſt, ſchiebt ſich mit den Knieen nach, und zwar ſo kräftig, daß 80 man ſie ſchnell vorwärts kommen ſieht.„Sie wird das Ziel erreichen, ſagt Herr Gerard, das iſt ein feſtes Mädchen...— Ol ſie hat eine außergewöhn⸗ liche Stärke! verſetzt Robineau, ſie hat mich einmal weggetragen wie eine Feder.— Ordentliche Waden hat ſie,“ meint Herr Berlingue. Jungfer Gaul zeigte in der That beim Nachſchie⸗ ben ihre Waden und das Strumpfband, doch war bis jetzt noch Alles gut gegangen; endlich erreicht ſie das Ziel, nimmt die beiden Bände und wirft ſie in den Hof herab. Der Bibliothekar, entzückt, daß man den Preis gewonnen habe, läßt das Orcheſter Fanfaren ſpielen; die Geſellſchaft klatſcht in die Hände, und Jungfer Gaul will in der Freude des Triumphs ſchnell her⸗ abrutſchen; aber ihr Kleid, durch den Honig feſtge⸗ klebt, will ſich nicht mehr losmachen und im Herab⸗ gleiten verſchwindet das Geſicht der Jungfer Gaul bald unter ihren Röcken, die oben bleiben, während ihre Beine und ihr anderes Geſicht den Blicken der Geſellſchaft ausgeſetzt ſind. Ein Gemurmel läßt ſich hören; die Damen halten ihre Fächer vor oder verlaſſen den Balkon, die Männer nehmen ihre Lorgnetten und ſtellen Betrachtungen an über das, was ſie erblicken; Robineau ruft:„Macht ſie los!“ Herr Ferulus, der die Urſache des Tu⸗ mults nicht bemerkt, ſchreit aus vollom Halſe:„EChre der Siegerin!...“ Die Bauern lachen und jubeln, und Jeannette ſagt ganz naiv:„Ei, da zeigt ſie ihre Bettflaſche!“ 81 Durch eine letzte Anſtrengung gelingt es indeß der Jungfer Gaul, ſich loszumachen, gerade als Franz mit einer großen Leiter herbeikam; ſie ſetzt den Fuß auf den Boden, macht eine Verbeugung und kehrt unter dem Jubelgeſchrei der Bauern in ihre Küche zurück. Jetzt verläßt die Geſellſchaft den Balkon und die Fenſter und begibt ſich auf Robineau's Vorſchlag in den Garten. Man bietet den Damen den Arm. Eduard braucht ſich nicht zu bemühen, denn die ſchmach⸗ tende Eudoria hat den ſeinigen noch nicht verlaſſen. Cornelia ſieht ſtehts nach Alfred, dieſer aber macht den Cavalier von zwei ziemlich artigen jungen Mäd⸗ chen, und Fräulein de la Pincerie entſchließt ſich, den Arm anzunehmen, welchen ihr der Herr des Schloſ⸗ ſes ſeufzend bietet. 3 „Wie haben Sie die Spiele gefunden?“ fragt Robineau, mit Cornelien eine ſchattige Seitenallee einſchlagend. „Hum, ſehr gut... es hat mir ziemlich gefallen ... es war originell... Warum entfernen wir uns von der Geſellſchaft..— O! wir werden uns wieder zuſammenfinden... ich bin ſo glücklich ein⸗ mal... einen Augenblick... zu ſuchen... zu ſein... — Wer iſt der große junge Mann, welchen Sie Alfred nennen?— Mein vertrauter Freund... ein Baron mit mehr als hunderttauſend Franken Einkommen... Aber ich ſagte Ihnen, mein Fräulein, daß ich in dieſem Augenblick das höchſte Glück genoß... und daß.— Iſt Herr Alfred vermählt?— Nein, noch ledig... und Eduard Beaumont auch. Kurz, weil Paul de Kock. XXV. 82 wir einen Augenblick allein ſind... ein ziemlich ſel⸗ tener Umſtand... möchte ich Ihnen gerne ausdrücken ... Ihnen begreiflich machen...— Ah, ich glaube, Ihre beiden Freunde zu erblicken, laſſen Sie uns doch ein wenig ſchneller gehen.— Seien Sie ruhig, der Herr Marquis, Ihr Vater und Ihr Oheim ſind in tiefem Geſpräch über Politik mit Herr Moulinet, ſie werden nicht bemerken, daß...— Es handelt ſich nicht von meinem Vater und meinem Oheim, man denkt gut genug von mir, mein? derr, um mich gehen zu laſſen, mit wem es mir gut denkt!— Ich zweifle nicht daran, mein Fräulein... das wollte ich nicht ſagen... wenn man aber in Ihrer Nähe iſt, die Verwirrung... die Aufregung, welche man empfindet... machen, daß man wider Willen..— Herr Alfred iſt nicht übel... wie ſein Freund auch. — Ich rede nur vom Schönſten!. Ich weiß nicht, mein Fräulein, ob ſie die geheiniſten Gefühle meines Herzens errathen haben... Als ich neulich bei dem Steuereinnehmer mit Ihnen tanzte, ſchien es mir, daß ich ſo glücklich war, zu.— Wird Ihr Freund Alfred einige Zeit in der Gegend bleiben?— O ja, er hat keine Eile... Nichts zu thun... Nun denn! mein Fräulein, erinnern Sie ſich, daß ich Ihnen bei jenem Contretanze geſtand, daß Ihre Reize... Ihre Anmuth...— Mein Gott! mein Herr, ich bin ſo ſehr an Complimente und Erklärungen gewöhnt, daß ich größtentheils gar keine Acht darauf habe— Ich begreife das völlig und es macht Ihrer Scham⸗ haftigkeit Ehre. Aber am Ende muß Ihr Oerz doch 83³ do üßeen Fein, und mwenn ich der glückliche Sterb⸗ 2 liche wäre, welcher...— Ach! verzeihen Sie, ich er⸗ blicke meine Schweſter, ich habe ihr Etwas zu ſagen.“ Fräulein Cornelia entſchlüpft, um zu Eudoxia zu laufen, welche mit Eduard, Alfred und einigen Da⸗ men ſpazieren ging; Robineau ſah ihr nach, indem er bei ſich ſagte:„Sie iſt reizend!... eine herrliche Haltung, und nach dieſem Geſpräch habe ich alle Ur⸗ ſache, a daß ich ihr nicht mißfalle.“ V C deren Familie Nichts beſaß, als ihr imbaum und die ökonomiſchen Plane des H ern s, hatte zwar die Bewer⸗ bungen Robineau. enkünfte man auf fünfzig⸗ gefallen laſſen, da ſie bereits an ihr achtundzwanzigſtes Jahr gränzte und alle ihr gemachten Galanterien nur mit leeren Com⸗ plimenten endigten. Aber ſie hatte Alfred weit liebenswürdiger gefunden, als den Burgherrn vom Schwarzenfels, und als man wußte, der ſchöne junge Mann ſei Baron und habe hunderttauſend Franken Einkünfte, dachte man nur noch an ſeine Eroberung, weil bei ihm außer den phyſiſchen Vortheilen auch noch fünfzig Prozent mehr zu gewinnen waren. Deßhalb verließ man den Arm Robineau's, um zu Eudoxien zu eilen, welche ſich in eine Laube ſetzte, worin auch Alfred und mehre Damen waren. Man bietet dem Fräulein einen Sitz und das Geſpräch entſpinnt ſich, wobei Alfred und Eduard ebenſo ſehr von den Albernheiten, dem anſpruchsvollen Weſen und der an Aufdringlichkeit grenzenden Zuvor⸗ 84 kommenheit der beiden Töchter des Pearduto Verang- weilt wurden. Glücklicherweiſe kam Robineau herbei und zeigte an, daß das Eſſen aufgetragen ſei. Cornelie hatte ſich Alfred genähert und ſchien ihm in der Zerſtreuung die Hand zu reichen, dieſer aber, ohne die Zerſtreuung des Fräuleins de la Pincerie zu beachten, führte wieder die beiden Mädchen, mit denen er bisher ſpazieren gegangen war, und entfernte ſich mit ihnen. Nun ergriff Corneli die ihr Robineau bot, und ſie ſie ſtark; trunken vor Fre unterwegs bei ſich ſelb 4 Sterbliche!“. Bei Tiſche ſchnitt i entſetzliches Ge⸗ ſicht, weil ſie, zwiſchen Robineau und Herr Berlin⸗ gue ſitzend, ſehen mußte, wie Alfred mit den beiden neben ihm befindlichen Mädchen ſcherzt und lacht. „Wer will Suppe? wer hat keine Suppe? ſchreit Herr Ferulus, als ob er ſeine Zöglinge vor ſich hätte.“ „Ol meine Herren, ſagt Herr de la Pincerie, nachdem er zwei Teller voll verſchlungen hatte, ich hoffe, Ihnen ganz andere Suppen vorzuſetzen!... Wenn ich mit meinem ökonomiſchen Plane fertig bin, worin ich beweiſe, daß man Fleiſchbrühe machen kann, ohne Fleiſch, werde ich Ihnen erſtaunliche Suppen zu eſſen geben!“ .„Hoffentlich werde ich an dieſem Tage nicht bei ihm eſſen,“ ſagt Herr Berlingue zu ſeinem Nachbar. „Sie eſſen Nichts, ſchöne Cornelia? fragte Ro⸗ bineau ſeine Nachbarin zärtlich.— Ich habe keinen⸗ — ——, 8⁵ Hunger, mein Herr.— Ahl wie ich vorgeſtern!... — Ihr Freund Alfred ſieht ſehr vergnügt aus.— Ja, er iſt ziemlich ſpaßhaft...“ „Onkel Herzchen, rief Eudoxia, ſuchen Sie mir mein Sacktuch, das ich im Salon ließ. Mit Be⸗ dauern verläßt der Aufgerufene die Tafel, und als er zurückkommt, ſchickt ihn Cornelia nach ihrem Ri⸗ dicule. Während dem geräth Herr Moulinet über alle Speiſen, von denen er ißt, in Extaſe, und ruft aus: Sie haben da einen vortrefflichen Koch, Herr vom Schwarzenfels.— Es iſt eine Köchin, verſetzt Robinean, ein ſehr verdienſtvolles Mädchen.. die, welche den Preis beim Maſtklettern davon getragen hat.— Wir kennen ſchon einen Thril ihrer Verdienſte, fällt Herr Berlingue ein.“ „In Betreff der Kochkunſt, ſagt Tantignac, habe ich, ohne daß ich es merken laſſe, ein erſtaunliches Talent!... Sie werden ſelbſt darüber urtheilen. Eines Tags äberſielen mich drei Freunde unverſehens in einem einſamen Waldſchloſſe, das ich bewohnte, und luden ſich zum Eſſen ein; alle Diener waren ausge⸗ gangen und keine Speiſevorräthe im Kaſtell; nun wiſſen Sie, was ich ausdachte? Ich hatte ein altes Paar Lederhoſen, deren ich mich nicht mehr bediente, es fiel mir ein, dieſe meinen Freunden zum Eſſen vor⸗ zuſetzen... Ich ſchabte, reinigte ſie, ließ ſie kochen und machte eine ſo köſtliche Sauce daran, daß ich und meine Gäſte ein herrliches Mittageſſen hatten!... „Darin ſehe ich nichts Beſonderes, entgegnete Sduard, welcher der Lügen des Herrn von Tantignar 86 überdrüſſig zu werden begann. Ich, mein Herr, habe einmal einem Freunde altes Pergament mit Hühner⸗ brühe zum Frühſtück gegeben.“ „Ol das wäre, mein Herr, ruft der Chevalier hämiſch lächelnd aus, erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß das etwas ſtark iſt! Pergament vermöchte man nicht zu verdauen.“ „Ei! mein Herr, verſetzte Eduard, ich habe Sie mit Lederhoſen zu Mittag eſſen laſſen; es ſcheint mir, daß Sie mir wohl auch einmal erlauben können, mit Pergament zu frühſtücken.“ Alles lachte laut auf und der Ritter von Tanti⸗ —— gnac ſprach, ſo lange das Mahl noch währte, kein Wort mehr. Cornelia langweilte ſich bei Tiſche, und ſie for⸗ derte Robineau ganz leiſe auf, den Dienſt zu be⸗ ſchleunigen, unter dem Vorgeben, daß es nicht zum guten Ton gehöre, lange zu tafeln; aber Herr Feru⸗ lus fand immer irgend einen Vorwand, die Schüſ⸗ ſeln, welche die Diener forttragen wollten, noch länger da zu behalten. Man war am Deſſert, die Damen brannten vor Tanzluſt und ſprachen bereits davon, in den Ballſaal zu gehen; da erhebt ſich Herr Ferulus und ſagt mit feierlichem Tone, daß er Etwas zu ſin⸗ gen habe, über einen Gegenſtand, welcher der Ge⸗ ſellſchaft nur gefallen könne. Alles wird ſtill und iſt in Erwartung; der Biblio⸗ thekar trinkt ein Glas Madera, um ſich Stimme zu geben, und fängt einen Lobgeſang auf Robineau an, worin er dieſen mit Saturn, Sophokles, Cicero und 87 Bayard vergleicht. Die Gäſte ſehen einander verſtoh⸗ len an und beißen ſich in die Lippen. Da er aber nicht aufhören will, geht die Geſellſchaft in den Tanz⸗ ſaal, und bald bemerkt er, daß er nur noch vor dem Onkel Herzchen ſingt, der auch bald von ſeinen Nich⸗ ten abgerufen wird. „Das ſind die Früchte einer ſchlechten Erziehung! ſpricht Ferulus bei ſich ſelbſt. Wir wollen Jeannetten vorſingen, dieſe wird mich anhören.“ Der Ballſaal war feſtlich geſchmückt und Robi⸗ neau eröffnet den Ball mit Cornelia; Alfred iſt ihnen gegenüber, was das Fräulein ſo anſpornt, daß ſie ihre Schritte mit einer Genauigkeit macht, die Ro⸗ binau den Ruf auspreßt:„Sie tanzt wie ein Geo⸗ meter!...“ Deſſenungeachtet lud ſie Alfred nicht zur nächſten Tour ein, und wenn Onkel Herzchen nicht ausgeholfen hätte, wäre ſie gar nicht zum Tanzen gekommen, da auch Robineau diesmal eine andere Dame einladen zu müſſen glaubte. Als man am vierten Contretanze war, hört man das Krachen einer Rakete den Beginn des Feuerwerks anzeigen. „Wie, ſchon jetzt! ſagte Robineau, das iſt viel zu bald: Franz, ſage Herrn Ferulus, er ſolle noch nicht losbrennen.“ Aber Herr Ferulus wollte, um ſich dafür zu rächen, daß man ihn nicht beim Singen anhörte, den Ball auch nicht länger dauern laſſen, als das Eſſen. Er wartete die Botſchaft Franzens nicht ab, um ſeine Sonnen und Feuerräder anzuzünden, und als der 88 Kammerdiener die Befehle ſeines Herrn überbrachte, antwortete er ihm:„Es thut mir leid, allein mein Feuer iſt im Gang, ich kann es nicht mehr auf⸗ halten.“ Nun entſchließt man ſich, den Tanz zu verlaſſen, um das Feuerwerk im Garten zu ſehen. Im Wirr⸗ warr dieſes Durcheinanderrennens nimmt man die erſte beſte Dame; Eduard war einer der Erſten, der davon ging, um Frau von Hautmont nicht wieder am Arm zu haben. Alfred zog eine der Nichten des Herrn von Moulinet mit fort; Fräulein Cornelia, genöthigt, ſich von Robineau führen zu laſſen, und endlich einſehend, daß all ihre Mienen keinen Ein⸗ druck auf den jungen Baron mit hunderttauſend Fran⸗ ken Renten machen, hält es für klüger, nicht auch Robineau ſeine Huldigungen anderswo anbringen zu laſſen; ſie nimmt daher ſeinen Arm mit gezwunge⸗ nem Lächeln, läßt ſich von ihm im Garten umher⸗ führen, ſich ſtellend, als gewahre ſie nicht, daß man in einen abgelegenen Gang komme; und erſt, als man an einem finſtern Orte angelangt iſt, ſagt ſie: „Wo führen Sie mich denn hin, Herr vom Schwar⸗ zenfels? Sie ſind wahrhaftig ein grauſamer Menſch!“ Bei den Worten„grauſamer Menſch!“ läßt ſich Robineau auf ein Knie nieder, indem er ſagt:„Ich weiß nicht, was ich bin... das aber weiß ich, daß ich Sie anbete.. Ihre Reize, Ihr Tanz, Ihr Geiſt, Alles ſchlägt mich in Feſſeln... ich lege mein Ver⸗ mögen und mein Herz zu ihren Füßen.“ „Nun!) man wird ſehen... ich bedenke, daß... 89 Sprechen Sie mit meinem Vater...— Aber Sie! himmliſche Cornelia?— Ich... ich.. Ach! mein Gott! da geht das Bouquet los und wir ſind nicht dabei!“ Die Geſellſchaft war in der That nur gekommen, um das Schlußbouquet zu ſehen und ſich einige Schwär⸗ mer auf die Naſe fallen zu laſſen; Herr Ferulus reibt ſich die Hände und ſagt:„Das wird ſie lehren, fort⸗ zugehen, wenn ich ſinge!“ Man geht in den Tanz⸗ ſaal zurück, um wieder fortzufahren, aber man ſucht vergebens nach dem Orcheſter. Beim Knall der Ra⸗ keten war der Blinde auf und davon gegangen und ſeine beiden Collegen mit ihm verſchwunden. So endete das Feſt weit früher, als man erwartet hatte, und eine Familie nach der andern fuhr nach Hauſe. Da das Pferd des Chevalier ſeinen Herrn nicht auf⸗ ſuchte, bat er um die Erlaubniß, als Zehnter in den Charabanc des Papierfabrikanten ſchlüpfen zu dürfen. Robineau flüſterte Cornelien beim Einſteigen in den Wagen noch ins Ohr:„Bereiten Sie Ihren Vater vor, daß er mich gütig anhört.“ Endlich iſt Alles zum Schloſſe hinaus, Cunette ſchließt hinter dem letzten Wagen die Thore zu, wo⸗ bei er ſagt:„Gott behüte euch!“ Vincent wirft ſeine Livree unter's Bett. Alfred, vom Tanz, Um⸗ hergehen und den Geſprächen des Tages müde, iſt froh, ins Bett zu kommen, Eduard gleichfalls, allein zu ſein und frei ſeinen Gedanken nachhängen zu kön⸗ nen, und Robineau zieht ſich in ſein Gemach zurück, indem er zu Herrn Ferulus ſagt:„Das Feſt iſt, . 90 glaube ich, ziemlich hübſch geweſen... ich hoffe, man wird lange davon ſprechen...— Noch in hundert Jahren, gnädiger Herr, wird man es als Muſter nennen... nur iſt man nicht lange genug bei Tiſche geblieben..— Und der Ball iſt zu früh ausge⸗ gangen Nehmt einmal an, dieſe Schlingel von Muſikanten ſind während des Feuerwerks davon ge⸗ laufen!... Wer, Teufel! hatte wohl dem Blinden den Weg gezeigt?“ Herr Ferulus antwortet nicht, aber dreht ſich um, ein Lächeln zu verbergen, wünſcht hierauf Ro⸗ bineau gute Nacht, welcher ſich gleichfalls, unter Gedanken an die ſtolze Cornelia, entſchließt, zu Bett zu gehen; denn damit endigt ſich Alles, ſowohl ein Tag der Freude und Feier, als auch ein Tag voll Mühe und Arbeit. 3 Siebentes Kapitel. Liebe und Geheimniß. Nach dem Beſuch des Vagabunden war Iſaura traurig und tieffinnig geblieben; was ihr jener Mann in Beziehung auf Alfred und Eduard geſagt hatte, ließ ſie über ihre Lage nachdenken. Sie dachte, daß ſie Unrecht habe, alle Morgen mit zwei jungen Leu⸗ ten zu ſchwatzen; aber konnte ſie dieſelben abhalten, ins Thal zu kommen? in ihrer Hütte auszuruhen? Sie bezeugten ihr eine ſo zarte Freundſchaft! und ſeit —,— 91* langer Zeit ſprachen ſie nicht mehr von Liebe. Alfred hatte ſie zuweilen küſſen wollen; iſt es aber etwas Seltenes, daß ein Bauer einem Mädchen auf dem Felde einen Kuß raubt? Zwar iſt es richtig, daß ſie Eduard ſehr zärtlich anblickte, daß er ſeufzte, wenn er ihr die Hand drückte; bewies aber das Alles, daß er in ein gewöhnliches Landmädchen verliebt war? Unter dieſen Betrachtungen geht der Abend hin. Beim geringſten Laut im Freien horcht Iſaura auf⸗ merkſam;... ſie fürchtet einen neuen Beſuch des Fremden; dieſer Menſch flößt ihr ein Gefühl ein, das ihr ſelbſt nicht recht klar iſt; es iſt nicht das, was gewöhnlich für einen Unglücklichen Theilnahme erregt; ſie fürchtet ſich jetzt in ihrer Wohnung, ihre Blicke haben nicht mehr dieſelbe Zuverſicht; die Schat⸗ ten der Nacht verurſachen ihr einen unerklärlichen Schrecken; mehrmals geht ſie nach dem höchſtgelege⸗ nen Zimmer des Häuschens hinauf, und das Fenſter öffnend, welches die Ausſicht auf das weiße Haus hat, blickt ſie lange nach dieſem Gebäude, auf wel⸗ ches der Mond gerade ſeinen blaſſen Schein wirft. Nach mehren am Fenſter hingebrachten Stunden legte ſich Iſaura zur Ruhe, und mit Anbruch des Tages führt ſie ihre Ziegen wie ſonſt auf den Berg: „Sie werden kommen! ſpricht ſie bei ſich... Soll ich ihnen ſagen, was der Fremde mit mir ſprach?... Nein... ich darf nicht! Er ſagte mir, dieſe Herren lieben mich!.. Können denn junge Männer aus der Stadt eine armſelige Gebirgshirtin lieben.. O! nein... nur aus Scherz ſtellt ſich Alfred, als wäre — 92 er in mich verliebt!... Und Eduard?.. Ach! er hat mir nie geſagt, daß er mich liebe!..“ Aber die Stunde, zu der die jungen Leute ins Thal zu kommen pflegen, iſt lähgſt vorüber, und ſie ſind nicht erſchienen; Iſaura ſah oft nach dem Weg, auf dem ſie kommen ſollten, blieb länger auf dem Berge, geht endlich traurig nach Hauſe zurück und wartet dort noch auf die, welche ihr ſo viele Freund⸗ ſchaft bezeugten. „Sie werden nicht kommen! ſpricht ſie bei ſich, nach der Thürſchwelle ſchauend. Nein... ſie kom⸗ men heute nicht.. vielleicht morgen ebenſowenig... Ich darf nicht böſe darüber ſein, weil es Unrecht war, alle Tage mit dieſen Herren zu plaudern.“ Und doch perlt eine Thräne in ihrem Auge; es ſcheint ihr, ſie ſei aufs Neue gänzlich verlaſſen. „Vielleicht ſind ſie abgereist, fährt ſie in ihrem Selbſtgeſpräch fort. Abgereist, ohne mir Lebewohl zu ſagen!... Beſonders er, dem es ſtets ſo leid zu ſein ſchien, wenn er mich verlaſſen ſollte!... der mir ſo ſüß zulächelte!... Warum mußte er mich auch daran gewöhnen, ihn alle Tage zu ſehen!“ Die Kleine hat Recht; warum die Leute ans Glück gewöhnen, um ihnen hernach Kummer zu ma⸗ chen? Das ſollte man ſich vorher ſagen, ehe man ein Herz zu verführen ſucht... Allein da denkt man an ganz andere Dinge. 3 Der Tag verſtrich Iſauren ſo trübe, wie nie einer in ihrem Leben. Der Morgen erſchien wieder; das Mädchen war frühe auf und im Begriff, ihre Wohnung 93 zu verlaſſen, als ferner Laut an ihr Ohr ſchlug... Bald kommt es näher; Iſaura bleibt. Hoffnung und Freude glänzen in ihren Augen.. Ja, es iſt wirk⸗ lich der Hufſchlag eines Pferdes... es kommt näher .. Iſaura blickt weithin auf die Straße. Ein junger Mann kam im ſauſenden Galopp daher.. ſie hat ihn erkannt, er iſt es... der iſt es, den geſtern nicht zu ſehen, ſie beſonders in Verwunderung ſetzte... Kann ein Weib ſich täuſchen im Kapitel der Liebe? Eduard hatte in der Nacht nach dem Feſte nicht geſchlafen, und ehe der Tag graute, war er aus den Federn und hatte ſelbſt ein Pferd geſattelt. Alfred ſchlief; Eduard fühlte keine Luſt in ſich, ihn aufzu⸗ wecken; ohne ihn Iſaura beſuchen, hieß indeß ſein Wort brechen; allein die Liebe macht eben ſo viele Schwüre vergeſſen, als ſie ſelbſt vergißt! Im Nu iſt Eduard vom Pferde und eilt, nach⸗ dem er es feſtgebunden, auf Iſaura zu, die nicht daran denkt, ihm das Vergnügen zu verbergen, wel⸗ ches ihr ſeine Gegenwart verurſacht. „Da ſind Sie! ruft ſie aus, ach! ich glaubte ſchon, Sie würden nicht mehr kommen!...“ „Nicht mehr kommen! Iſaura, Sie nicht mehr ſehen!... Wäre es mir denn möglich, fern von Ihnen zu leben!“ Bei dieſen Worten ergriff Eduard die Hände der Kleinen, drückt ſie zärtlich, worauf ſich beide am Juße eines Baumes niederſetzen und einander eine Weile ſchweigend betrachten... allein man ſpricht ſo gut mit den Augen! „Sie ſind geſtern nicht gekommen?“ beginnt end⸗ lich das Mädchen. „Nein, es war unmöglich!... große Geſellſchaft, ein Feſt war auf dem Schloſſe! Aber wie lang kam mir der Tag vor, unter dem Lärm und den Leuten, die mir gleichgültig ſind, den Vergnügungen, an wel⸗ chen ich nicht Theil nehmen konnte, weil ich nur an Sie dachte... an Sie allein, bei der ich mich ſo wohl fühle!...“ „Auch mir iſt die Zeit ſehr lang geworden; ich habe oft nach dem Wege geſehen, auf dem Sie kommen ſollten... Sie haben mich daran gewöhnt, Sie zu ſehen... Sie hatten Unrecht... denn Sie werden nicht immer in der Gegend bleiben; alsdann werde ich Sie nimmer ſehen... und ich glaube nicht mehr ſo glüfklich ſein zu können, als früher.“ „Theure Iſaura!... Aber bin ich's... iſt's Alfred, den Du am ſchmerzlichſten vermiſſen wirſt? Heute bin ich ohne ihn gekommen; ich trotze feinem Zorn, denn ich will endlich wiſſen, was ich zu hoffen habe... Ja, ich liebe Dich, Iſaura; ich empfinde die innigſte Liebe für Dich... eine Zeitlang habe ich ſie zu be⸗ kämpfen geſucht, aber ich fühle, es iſt mir unmöglich, dieſe Liebe bildet jetzt einen Theil meines Daſeins... Warum ſollte ich alſo fürchten, mich derſelben hinzu⸗ geben?. Ich bin frei, mein eigener Herr... und wer könnte ſich unſerm Glück widerſetzen, wenn Du mich liebſt? Aber dazu gehört, daß Du mich liebſt, mich Alfred vorziehſt. Ach! ſprich, geſteh mir offen, was in Deinem Herzen vorgeht.. Iſaura, Du willlſt, 95 kannſt mich nicht täuſchen!“ JIſaura ſchlägt ſchüch⸗ tern die Augen nieder und zieht ihre Hand aus der Eduards zurück, indem ſie ſtottert:„Es iſt alſo wahr... Ihr liebt mich?... Er hatte mich nicht getäuſcht...“ „Wer?“ „Jener arme Mann... Sie wiſſen wohl, jener Fremdling, der im Gebirge umherſchweift.— Du haſt ihn geſehen?— Ja, vorgeſtern, nachdem Sie fort waren, kam er in meine Wohnung. Ich bot ihm an, bei mir auszuruhen; er blieb ziemlich lange... blickte mich fortwährend an und auf ſo ſonderbare Weiſe!.. Ach! nicht wie Sie! denn ſtatt mir Freude zu machen, machte es mir Furcht.— Hätte Dich der Elende beleidigt?— Nein... ol nein!... Er hat mir nur geſagt... was Sie ſo eben auch ſagten... daß Liebe Sie zu mir führe... bieranf fragte er mich, welchem ich den Vorzug gebe...“ „Wer hat ihm erlaubt, Dich über Deine geheim⸗ ſten Gefühle auszufragen... Ha! wenn ich ihn treffe, werde ich ſeine Unverſchämtheit zu beſtrafen wiſſen!“ „Ol ſein Sie nicht böſe auf ihn, ich bitte; dieſer Mann iſt unglücklich!... Er ſagt, Alles verlaſſe ihn . Man muß ihm nicht noch Kummer machen... Gewiß befragte er mich nur zur Unterhaltung; aber er beſtand nicht darauf, als er ſah, daß es mir miß⸗ fiel... Sie werden ihm nichts ſagen, nicht wahr?“ „Wie gut biſt Du!... Aber Du haſt Recht, laß uns den Menſchen vergeſſen! Ach! theure Iſaura, antworte mir, laß mich in Deiner Seele leſen.“ „Was ſoll ich Ihnen denn ſagen?“ 96 „Wem gibſt Du den Vorzug, Alfred oder mir?“ „Mein Gott!... ich ſehe Euch beide ſehr gern... — Beide gleich gern?“. Die Kleine erröthete; ſie wußte nicht, wie ſie ihr Gefühl geſteben ſollte. Eduard rückte ihr näher, um⸗ ſchlang ſanft ihren Leib, und ſagte zärtlich:„Würde es Dir vielen Kummer machen, wenn Alfred nicht mehr käme?“ „Ja... ich würde zuweilen an ihn denken... wir würden miteinander von ihm plaudern... das iſt Alles.“ „Und wenn ich nicht mehr käme, würde Dich das Geſpräch mit ihm ebenſo tröſten?“ „O! niel... nie!“ rief das Mädchen mit einem Tone aus, der ihr aus der Seele kam.“ „Theure Iſaura! mich alſo liebſt Du mit wahrer Liebe!.“ Iſaura ſchlug ihre ſanften blauen Augen zu Eduard auf; der Ausdruck dieſes Blicks, worin ſich ihre ganze Seele malte, konnte dem Glücklichen, der ihr Herz beherrſchte, keinen Zweifel laſſen. In ſeiner Trunkenheit preßt ſie Eduard in ſeine Arme und drückt einen Kuß auf ihre Lippen... Da ließ ſich ein höhniſches Gelächter hören. Die Liebenden ſahen ſich um, erblickten aber Niemand. „Haben Sie nicht etwas gehört? fragte Iſaura unruhig.— Ja... es kam mir ſo vor... ich ſehe indeß Niemand um uns her... Ei, was kümmert uns die Welt! Du liebſt mich, theure Iſaura!... Ach!... dieſe Verſicherung gründet mein Glück! Du liebſt mich, biſt Waiſe, von Niemanden abhängig... auch ich bin mein eigener Herr; ich werde Dein — y— —— 97 Gatte 1... ja, ich werde ſo vieler Reize, ſo vieler Unſchuld würdig ſein! Ach! ich kenne die Welt hinlänglich, um zu wiſſen, daß ich nichts darin finden kann, das Dir zu vergleichen wäre... doch wir leben nur unter uns, für uns... Mein Vermögen iſt mehr als hinreichend, um unſere Wünſche zu befriedigen... ich kaufe ein kleines Landhaus in einer lachenden Gegend und wenn mich mein Hang zum Theater zu⸗ weilen nach Paris ruft, werde ich mit neuem Ver⸗ gnügen mich in Deinen Armen für das Stadtleben entſchädigen. Ach! dieſer Lebensplan verſpricht mir das glücklichſte Loos... Sag mir, ob er auch Dein Glück machen würde?“ Seit einigen Augenblicken ward Iſaura nachdenk⸗ lich, ihre Augen verloren den Ausdruck der Freude, der ſie belebte; traurige Erinnerungen, neue Ge⸗ danken ſchienen ſie zu erfüllen; Eduard gewahrt dieſe Veränderung, denn jedes, ſelbſt das unbedeutendſte Gefühl malt ſich alsbald in ihren Zügen. „Was haſt Du denn? fragte er unruhig. Iſt Dir's leid, daß ich in Deiner Seele geleſen, daß ich weß, daß Du mich liebſt?“ „O! nein.. das iſt's nicht, erwidert die Kleine ſeufzend. Warum ſollte ich Dir verbergen, was ich empfinde; man muß immer ſagen, was man denkt, nicht wahr?— Ja, immer.— Aber vielleicht thue ich Unrecht, Dich zu lieben!... ich hätte vorher... wiſſen ſollen.. Ich hatte nicht geſucht, mich zu ver⸗ theidigen... was ich bei Deinem Anblick fühlte, war ſo ſüß.“. Paul de Kock. XXV. 7 „Nun denn, Iſaura, warum dieſe Trauer, jetzt voo ich Dir ewige Liebe ſchwöre? und Dir den Namen meiner Gattin geben will?— Deiner Gattin! er⸗ widerte das Mädchen düſter, indem ihre Blicke auf das weiße Haus fielen. Ach ja! da wäre ich ſehr glücklich!... aber vielleicht iſt das nicht möglich!— Ei! warum? biſt Du nicht Waiſe?... allein auf Erden, ſeit Du Deine guten Pflegeltern verloren haſt?“ Iſaura ſchwieg eine Weile; endlich ſagte ſie mit niedergeſchlagenen Augen:„Ja.. ich bin Waiſe... habe keine Eltern mehr.— Nun denn! wer könnte unſerem Glück ein Hinderniß in den Weg legen? wer kann Dich abhalten, die Meinige zu ſein... mich nicht mehr zu verlaſſen?“ Iſaura ſchien lebhaft bewegt; nachdem ſie furcht⸗ ſam um ſich hergeblickt, ſtreckte ſie die Hand vor, deutete mit dem Finger auf das weiße Haus und ſagte ganz leiſe zu Eduard:„Ich kann mich nie von da entfernen!“ Eduard iſt ganz betroffen; erſtaunt blickt er das be⸗ zeichnete Haus an, dann ließ er ſeine unruhigen Augen wieder auf dem Mädchen ruhen und ſchien eine wei⸗ tere Erklärung zu erwarten. Aber Iſaura ſchwieg. „Wiel ſagte Eduard endlich, Du wirſt Dich nie von dieſem verlaſſenen Hauſe entfernen können!... und welcher gewichtige Grund zwingt Dich, bei dieſem Gebäude zu bleiben?— Das darf ich nicht ſagen, antwortet Iſaura mit halblauter Stimme.— Was iſt denn das für ein Geheimniß 2... Für mich Ge⸗e heimniſſe!... Wenn ich Dir mein Leben weihen, mich mit unauflöslichen Banden an Dich ketten will... 8 4 99 Ach! ich beſchwöre Dich, ſprich, verhehle mir nichts!... — Ich darf nicht ſprechen. Ach! verzeih mir, daß ich Dir Kummer mache!... Wenn es nur von mir abhinge..— Theure Iſaura! haſt Du Deiner Pflegmutter ein Verſprechen, einen Eid geleiſtet?... Hatte ſie Dir etwa befohlen, dieſe Berge nie zu ver⸗ laſſen... Aber bedenke doch, daß, wenn Deine Eltern noch lebten, ſie unſre Liebe nicht mißbilligen könnten!... das auf ſo geheimnißvolle Weiſe bezeichnete Haus iſt ſeit lange unbewohnt, es gehört Dir nicht, und Du kannſt Dich nicht davon entfernen! Wohlan, gib zu, daß darunter irgend eine kindiſche Grille, ein bedeu⸗ tungsloſes Verſprechen ſteckt!... Geſteh mir Alles und ich will Dir bald beweiſen, daß Du völlig frei biſt, über Dein Schickſal zu verfügen.— Ueber mein Schickſal zu verfügen! wiederholte das Mädchen leb⸗ haft; ol nein... ich kann es nicht!— Und von wem biſt Du denn abhängig? Wer kann denn Rechte an Dich haben?“ 88 Iſaura ſchlägt die Augen nieder und ſchweigt. Die Stirne Eduards umwölkt ſich; tauſend argwöhniſche Vermuthungen ſteigen wieder in ihm auf; die Liebe, welche aus ſeinen Augen ſtrahlte, machte dem Miß⸗ trauen und Unmuth Platz. Der junge Mann ſteht auf, entfernt ſich einige Schritte von der Kleinen, die aam Fuße des Baumes ſitzen bleibt, und ſagt endlich mit einem Tone, dem er Gleichgültigkeit zu geben ſich bemüht:„Nun wohl, mein Fräulein! da Sie mich Ihres Vertrauens nicht würdig halten, werde ich mir keine Frage mehr erlauben.„Ich glaubte, Ihre Liebe zu beſitzen... hoffte, Sie glücklich zu machen... ich habe mich getäuſcht... und werde ſuchen, alle meine Plane zu vergeſſen!...“ Das Mädchen antwortet nichts. Eduard entfernt ſich noch einige Schritte; überraſcht indeß durch ihr Schweigen, wendet er ſich nochmals um Iſaurens liebliches Geſicht iſt in Thränen gebadet, die in Strö⸗ men aus ihren Augen rinnen. Bei dieſem Anblick liegt Eduard bald zu ihren Füßen, bedeckt ihre Hände mit Küſſen und ruft:„Du weinſt!... ich bin daran Schuld!... Ach! verzeihe mir, liebe Iſaura... ver⸗ gib ungerechten Argwohn!..— Du glaubſt, ich liebe Dich nicht! antwortete die Kleine ſchluchzend. — Ich konnte Dich betrüben!... Bin ich nicht zu glücklich, von Dir geliebt zu werden! wie ſehr bereue ich, Dir Thränen ausgepreßt zu haben! Nein, ich will Deine Geheimniſſe nicht mehr zu erforſchen ſuchen.. keine Frage mehr an Dich machen.... Du liebſt mich! was kann ich mehr verlangen!— O, gewiß! verſetzt Iſaura, indem ein holdes Lächeln durch ihre Thränen brach, ich werde Dich immer lieben... denn ich glaube nicht, daß man ſich ändern kann. Verzeih, daß ich Dir nicht Alles ſage, was mich angeht.. Ach! ich möchte ſo gerne! Aber das Geheimniß iſt nicht das meine. Einſt werde ich keins mehr vor Dir haben... und... in Kurzem werde ich ohne Zweifel wiſſen, ob ich Deine Gattin ſein darf, ob ich Dir überall hin folgen kann. Mein Herz iſt Dein, und Du weißt wohl, ich kann es Dir nicht mehr entziehen.“ Das liebenswürdige Kind drückte zärtlich Eduards b 3 101 Hand und ſcheut ſich nicht, ihm offen ihre Liebe zu zeigen; doch Eduard denkt nicht daran, ihr Vertrauen zu mißbrauchen, denn auch er liebt ſie wahrhaft. Zwiſchen Liebenden, die einander noch nicht Alles gewährt haben, vergeht die Zeit ſchnell; Eduard be⸗ merkt endlich, daß es hohe Zeit iſt, ins Schloß zu⸗ rückzukehren. Mit Mühe riß er ſich von ſeiner Ge⸗ liebten los, ihr zärtlich zurufend:„Auf morgen!“ „Auf morgen, ſagt Iſaura. Bedenke, daß Du mich gewöhnt haſt, Dich zu ſehen, daß, fern von Dir, mir die Zeit lang wird, und jetzt, wo ich Dir das Geſtändniß meiner Liebe gemacht, möchte ich es Dir jeden Augenblick wiederholen.“ Eduard ergriff die Hand des reizenden Mädchens, dräckte ſie an ſein Herz und rief:„O! möchte ich doch bald Dich nicht mehr verlaſſen dürfen!“ Er ſchwang ſich auf's Pferd, warf Iſaura mit der Hand noch einen letzten Scheidegruß zu und ſchlug den Rückweg nach dem Schloſſe ein. Aber er konnte nicht umhin, noch einen Blick auf das weiße Haus zu werfen, und obgleich er verſprochen, ſich wegen des Geheimniſſes nicht zu beunruhigen und keinem unge⸗ rechten Zweifel Raum zu geben, klopft doch ſein Herz beim Anblick jener verlaſſenen Wohnung, und ſeufzend ſpricht er bei ſich ſelbſt:„Was mag doch der Grund ſein, der ſie hindert, ſich von dieſem Orte zu entfernen?“ —— —.— ſſſſſſſſſſſſſmmſſſiſniſfiſün ſnannnnemim Ang 9 10 11 12 13 14 15 1 päcin 6 17 18