V. Panl de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Vierundzwanzigſter Theil. Stuttgart: Scheible, Rieger X Sattler. 1844. Das Weiße Haus. Von Paul de Kock. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Zweiter Theil. SSo⸗⸗ Stuttgart: Scheible, Rieger& Sattler. 1844.. Weiland war ein jedes Dorf Heimgeſucht durch ſeine Geiſter, Jedes Weiler frug um Rath Seinen Spuk⸗ und Hexenmeiſter; Seinen Kobold, ſein Geſpenſt Barg ein jedes Schloß im Grunde, Und das Alter fabelte Gern davon mit regem Munde, Daß manch holdes Kind der Schlaf Floh in ſtiller Geiſterſtunde. Delille(der Landmann). Erſtes Kapitel. Gebirgsreiſe. Als die drei Reiſenden Clermont verließen, folgten ſie anfänglich dem ihnen bezeichneten Wege, der nach Saint⸗Amand führen ſollte. Kaum aber hatten ſie eine halbe Stunde in dem Gebirge zurückgelegt, als ſie der Wunſch, hier eine ſchöne Ausſicht zu genießen, dort einen Felſen zu erklimmen, oder einen maleri⸗ ſchen Fußſteig zu verfolgen, unmerklich von dem ihnen vorgeſchriebenen Wege ablenkte. Vergebens hielt Ro⸗ bineau, der den Enthuſiasmus ſeiner Gefährten für die Schönheit der bald wilden, bald bebauten Ge⸗ genden nicht theilte, zu wiederholtenmalen an und ſagte ärgerlich:„Nicht dorthin, meine Herren!.. Ihr ſchweift vom Wege ab... wir verlieren ihn ganz... legen einen hundertmal größern zurück, als nöthig.“ 3 Alfred und Eduard hören nicht auf ihn. Sie laufen fortwährend in die Kreuz und Quere; dann bleiben ſie vol Entzücken auf der Fläche eines Berges ſtehen und rufen aus:„Welch maleriſches Land... wie viel Abwechslung bietet die Natur hier!.. Da ſchroffe Felſen, unwirthbare Berge, kalkiger Boden... Paul de Kock. XXIV. 1 2 aus vulkaniſchen Ausbrüchen entſprungen; hier zu unſern Füßen, grünende Wieſen, Weinberge, Felder, fruchtbeladene Bäume!...“ „Laß uns noch weiter hinauf! ſagt Eduard, auf den Gipfel dieſes Berges; es ſcheint mir, ich ſehe ein Kornfeld. O! das wäre merkwürdig...“ „Das muß ich ſehen,“ erwidert Alfred, indem er Eduard folgt, und beide erklimmen laufend, ſprin⸗ gend, lachend die Felſen, während Robineau, der unten geblieben iſt und ein entſetzliches Geſicht ſchnei⸗ det, ihnen zuruft:„Es ſcheint mir, meine Herren, daß mein Schloß nicht dort oben liegt... Wenn wir einmal zu Hauſe ſind, habt ihr hinlänglich Zeit, die Gegend zu durchſtreifen!... Es iſt unvernünftig, ſich auf ſolche Weiſe müde zu klettern!...“ Die beiden Freunde laſſen ſich nicht ſtören; und langen auf der Hochebene an, die mehr als die Aus⸗ dehnung einer Stunde zu haben ſcheint und auf welcher man in der That ein großes Kornfeld findet. Ganz dem Vergnügen hingegeben, das ihnen dieſe herrliche Anſicht gewährt, bleiben ſie ſtehen, lächelnd; ſie ſind glücklich!.. Und wenn man ein Gefühl des Glückes empfindet, ſucht man ihm lange Dauer zu geben, es feſtzuhalten in ſeiner Seele... Man iſt ſo ſelten glücklich in der Gegenwart!... und wiegt ſich bei⸗ nahe immer in der Zukunft... Robineau ſetzt ſich mit erbarmungswürdiger Miene auf eine Felsſpitze und blickt nach ſeinen Gefährten, die mehr als zwanzig Klafter über ihm ſtehen. Alfred macht ihm ein Zeichen, zu ihnen zu kommen, indem 3 er ruft:„Komm doch!... es iſt herrlich... man überſieht das ganze Land.“ „Sieht man auch mein Schloß? ſchreit Robineau. — Ol wir erblicken mehr als ein Dutzend!“ Dieſe Worte beſtimmen den neuen Schloßherrn; in Schweiß gebadet, langt er oben an und blickt, ſi ſich die Stirne trocknend, rings umher. „Nun! ſagt Alfred, bereuſt Du es, heraufgeſtie⸗ gen zu ſein? Iſt es nicht der Mühe werth, ſag' einmal, Herr Julius?“ „Allerdings hübſch, meine Herren, ich gebe es zu; man ſieht ſehr weit;... aber im Diorama habe ich eben ſo viel geſehen!...— Mein Freund, das Dio⸗ rama iſt ſicherlich ein reizendes Kunſtprodukt; es iſt unmöglich, die Täuſchung, die vollendete Darſtellung weiter zu treiben; die Kunſt darf uns aber nicht hin⸗ dern, die Natur zu bewundern!— Ihr mögt ſagen, was ihr wollt, meine Herren, mir iſt das Diorama lieber: dort erklärt man mir wenigſtens, was ich ſehe; hier aber weiß ich nicht, was ich vor mir habe... Da unten iſt ein Dorf;. wie heißt nur dies Dorf? — Warte! warte! dort kommt ein Bauer, der unſer Cicerone ſein wird.“ Ein Bauer, im Begriff den Berg hinab zu gehen, nähert ſich mit Hacke und Schaufel; Alfred ruft ihn heran und der Landmann tritt grüßend zu ihnen. Man iſt in der Auvergne viel höflicher, als in der Umgegend von Paris. Guter Freund, wollt Ihr wohl ſo gut ſein und uns ſagen, wie das Städtchen da unten zwiſchen den A 4 beiden Flüſſen heißt?— Das iſt Saint⸗Amand, meine Herren! DO ein hübſches Städtchen! Der kleine Fluß, den Sie auf dieſer Seite ſehen, heißt Laveyre, und entſpringt bei Pagnia, einem Weiler dort unten; er vereinigt ſich mit der Lamone und beide fallen in den Allier. Der Lamone kommt von Saint⸗Saturnin, eine halbe Stunde von Saint⸗Amand. Sehen Sie dort, wo ich mit meinem Finger hinzeige.“ „Was iſt Saint⸗Saturnin?— Ol ein ſehr großes Dorf. Ehemals war es eine Stadt... und noch dazu eine befeſtigte..“ „Iſt ein Schloß in der Gegend? fragte Robineau. — Ol ja, mein Herr; ein feſtes Schloß.— Welches Schwarzenfels heißt?— Nein, Herr, nein, das Schloß Saint⸗Saturnin.— Und wo iſt Schwarzenfels?— Weißenfels wollen Sie ohne Zweifel ſagen.. dies kleine Dorf da unten.— Ich ſpreche nicht von eurem Weißenfels! Sonderbare Kerls, dieſe Auvergna⸗ ten!.. ſie wollen durchaus, ſchwarz ſolle weiß ſein.— Wahrlich, mein Herr, alsdann kenn' ich's nicht.“ „Mein lieber Freund, ſagt Robineau, die Haupt⸗ ſache iſt jetzt, daß Ihr uns den nächſten Weg nach Saint⸗Amand und demzufolge nach meinem Schloſſe, welches in der Gegend liegt, zeigt; das hätten dieſe Herren beinahe vergeſſen.“ „Ah! der nächſte Weg geht da links über Crest, von dort iſts nicht mehr weit. Guten Tag, meine Herren.— Großen Dank, guter Freund.“ Wie der Bauer fort iſt, ſieht Robineau nach ſeiner Uhr und ruft aus:„Vorwärts meine Herren, auf 5 den Weg... Wißt ihr, daß es ſchon halb ſechs Uhr iſt.— Nun, es iſt ja jetzt bis neun Uhr Tag! — Ja Tag je nachdem man ſich auf einem Weg befindet;... zudem ſind wir noch nicht angelangt.“ „So leb denn wohl, reizender Ort! ruft Eduard ſeufzend aus: mit welcher Wonne hätte ich hier die Sonne untergehen ſehen!.— So, auch das noch! und wir würden unter freiem Himmel ſchlafen!— Wahrlich, dieſer Ort begeiſterte mich!...— Sie werden ein ander Mal hieher kommen, und Sonne, Mond oder was Ihnen beliebt, hier untergehen ſehen; für den jetzigen Augenblick bitte ich, mein Schloß aufzuſuchen, um welches ich etwas unruhig zu werden anfange.“ Mit dieſen Worten nimmt Robineau Eduard beim Arm und zieht ihn mit ſich fort; er ruft Alfred und will ihm gleichfalls den Arm geben. „Und warum Teufels! willſt Du uns denn ſo halten? fragt Alfred, ſich von Robineau losmachend.— Drei ſind feſter auf den Beinen als Einer allein, und weniger in Gefahr auszugleiten.— Findeſt Du, daß es Glatteis gibt?... Sag lieber, Du befürchteſt, wir möchten Dir wieder entſchlüpfen.— Wenn dies, auch der Fall wäre, meine Herren, fänden Sie es nicht ganz natürlich, daß ich ungeduldig bin, mein Gut zu ſehen?.— Was liegt an einigen Stunden früher oder ſpäter?— Mein lieber Alfred, Du ſprichſt ſo recht, wie Jemand, der hunderttauſend Franken Ren⸗ ten hat, der an Reichthum gewöhnt iſt, ſtumpf für die Genüſſe, die er gewährt; ich aber bin darin noch 8* 6 ganz neu; ich habe Eile, glücklich zu ſein; und für mich würden die ſchönſten Landſchaften, die wunder⸗ vollſten Ausſichten nicht den Reiz haben, den mir der Anblick des erkauften Beſitzthums darböte.“ „Ich begreife das, ſagte Eduard, vorwärts meine Herren, vorwärts.“ Man ſchritt einige Zeit ohne Aufenthalt fort, bald aber zeigt ſich ein ſchmaler, zwiſchen ſchroffen Fels⸗ wänden ſich windender Pfad, auf dem man Zie⸗ gen eilfertig über beträchtliche Räume ſetzen, hierauf einige Augenblicke unbeweglich am Rande eines Ab⸗ grundes ſtill halten ſah. Eduard kann nicht umhin, wieder ſtehen zu bleiben, um die Scene zu betrachten. „Ach! meine Herren! ruft er aus, geſteht, das iſt prächtig.. dieſer wilde Ort hat etwas Maje⸗ ſtätiſches;... man möchte glauben, man ſei fern von der Welt und den Menſchen!...“ „Wir ſind auch fern von ihr, denn ich ſehe Nie⸗ mand und erblicke auch keine Wohnung,“ ſagt Ro⸗ bineau, traurig um ſich her ſchauend. „Dieſer enge Fußpfad zwiſchen den Felſen hat etwas Großes, Antikes.. er verſetzt mich in frü⸗ here Jahrhunderte... mir iſt, als müßte ich Oedi⸗ pus und Lajus ſehen, wie ſie einander auf dieſem unheilvollen Wege begegnen!...“ „O wehl wenn wir unter die Griechen gerathen, ſo kommen wir gar nicht mehr heraus,“ ſagt Robi⸗ neau, ungeduldig mit dem Fuße ſtampfend. „Ich, meine Herren, nahm Alfred das Wort: ich denke, es wäre viel angenehmer, hier mit einem hübſchen Mädchen umherzugehen. Seit einer Vier⸗ telſtunde haben wir Niemand getroffen! ſo etwas iſt herrlich. Wenn ein Ort gefällt, kann man ſich auf⸗ halten... einander küſſen... über die Schönheiten der Rah ſich freuen, und man darf nicht fürchten, überfall len zu werden, wie überall in der Umgebung von Paris, wo die verdammten Bauern oft in einem Augenblick aus einem Erdbirnacker hervorkommen, wo man am wenigſten daran denkt. Biſt Du nicht meiner Meinung, Robineau?... Sag einmal, wenn Du Fifine hier hätteſt?..“ „Wenn ich Fifine hier hätte, würde ich ſie wenig⸗ ſtens vorwärts bringen! und ſie würde nicht jeden Augenblick ſtehen bleiben, ein bischen Moos betrach⸗ ten oder einen Stein, der ſich losmacht und uns auf die Naſe zu fallen droht.— Fifine iſt alſo nicht ro⸗ mantiſch? Die Damen haben es ſonſt im Allgemei⸗ nen ſehr gern, im freien Felde von Liebe zu reden.— Vorwärts, meine Herren, vorwärts! ich bitte euch⸗ Ich finde nichts Beſonderes in dieſem ſteinigten Weg. Nun! Herr Eduard, was ſehen Sie denn ſo in's Blaue hinein?— Wie! Sie gewahren die Ziege nicht, die gerade über jenem Abgrund ſchwebt!.. ihre Füße ſcheinen den Boden kaum zu berühren... und ihr vorgeſtreckter Kopf betrachtet ohne Zittern den furchtbaren Schlund.— Nein, das iſt zu arg! Als wenn man nie Ziegen geſehen hätte!... ſeine Zeit mit Angaffen derſelben zu verlieren... Beim Hen⸗ ker, ſie ſind hier nicht anders gebaut, als im Jar⸗ din des Plantes... ſogar nicht ſo ſchön; wenn ihr 1 meinetwegen einen Bären, einen Löwen erblicktet, dann könntet ihr bewundern!— Ol ich bin gewiß, Du würdeſt alsdann nicht ſtehen bleiben und ihn an⸗ ſehen!— Verfluchter Weg, der kein Ende nimmt! Dieſer Landmann wird uns falſch berichtet haben; am Ende verirren wir uns in dieſen Bergen... Ach! es iſt mir jetzt leid, daß wir keinen Führer ge⸗ nommen.“ „Daran biſt Du ſchuld, warum, haſt Du den Mann abgewieſen, der ſich uns anbot.— Wen? je⸗ nen Bettler, jenen Elenden, der nicht einmal ſeinen Hut abnahm, als er mit uns ſprach?— Braucht denn ein Führer Höflichkeit zu lernen?— Wenigſtens darf er nicht wie ein Räuber ausſehen und dieſen Eindruck hat der Menſch gerade auf mich gemacht.. Ihr habt alſo ſeine verſtohlenen Blicke nach uns nicht bemerkt; und dann den Knotenſtock, den er in der Hand hatte?— Wie! wir waren unſerer drei und Du hatteſt Furcht vor dieſem Menſchen?— Nein, von Furcht iſt keine Rede!... Wer verſichert uns aber, daß er nicht noch Kameraden im Gebirge hat? er hätte uns geführt, wohin er gewollt hätte und plötzlich wären ſo ein Dutzend Kerls ſeines Schlags über uns hergefallen.— Ach, Du armer Robineau, ich ſehe wohl, Du wirſt keine Reiſe um die Welt zu Fuße machen!— Meiner Treu, ich geſtehe, daß ich lieber fahre, als zu Fuße reiſe, dabei kommt man wenigſtens vorwärts!... Mit euch aber muß man alle Augenblicke ſtehen bleiben... und bei dem Allen ſehe ich kein Schloß.. Es iſt halb ſieben Uhr und 3 4 — 9 ich fange an, ſehr müde zu werden!...— Und ich, tüchtig Appetit zu bekommen, ſagt Alfred; ich ſehe, die Luft dieſer Berge dient ſehr zur Verdauung.“ Die beiden Freunde können nicht umhin, über das Geſicht Robineau's zu lachen, welcher ſeufzt und trau⸗ rig um ſich herblickt. Unterdeſſen kommt man aus dem Fußſteige heraus und erblickt an den Ufern eines See's ein Dorf, nach welchem man ſeine Richtung nimmt. „In dieſem Dorfe wollen wir uns nach meinem Schloſſe erkundigen, ſagt Robineau.— Auch dort eſſen, verſetzt Alfred, denn unſer Spaziergang hat mich hungrig gemacht.— Ja, ein ſauberer Spazier⸗ gang! Ich wette, wir haben mehr als ſechs Stunden zurückgelegt.“. Man kommt dem Dorfe näher, Bauern ſitzen vor ihren Hütten, einige alte Weiber ſpinnen, junge Mädchen nähen, Kinder ſpielen und wälzen ſich auf dem Boden. „Sie ſind etwas brünett, ſagt Alfred, die jun⸗ gen Mädchen genauer betrachtend; trotz dem ſind ſie nicht übel.. lebhafte Augen... weiße Zähne... originellen Kopfputz; mit dem kleinen, halb im Nacken ſitzenden und am Kinn eng zugebundenen Strohhut möchte man ſie für Engländerinnen halten. Wohlan, meine Herren, vorwärts; ich glaube nicht, daß es Wirthshäuſer in dieſem Orte gibt, wir müſſen alſo, wie die alten Ritter, dieſe guten Leute um Gaſt⸗ freundſchaft bitten!... Mit dem Unterſchied jedoch, daß wir bezahlen, was wir genießen; dies mag viel⸗ leicht nicht ſo ritterlich ſein, es erſcheint mir aber natürlicher.“ t. 10 Man tritt in eines, der dem Anſcheine nach beſten Häuschen; die Bewohner betrachten die drei jungen Leute mit einer aus Wohlwollen und Gutmüthigkeit gemiſchten Neugierde. „Könnt Ihr uns etwas zu eſſen geben?“ fragt Alfred;„verſteht's ſich, gegen gute Bezahlung.“ „O ja! mein Herr, augenblicklich; und ſelbſt, wenn Sie nicht bezahlen würden; das iſt gleich.“ „Nun gut,“ ſagt Eduard,„ihr ſeht, meine Herren, daß es noch Gaſtfreundſchaft gibt;... dieſe braven Leute kennen uns nicht, und ſie würden uns unent⸗ geltlich bewirthen!...“ „Ol weil ſie wohl ſehen, daß wir bezahlen,“ verſetzt Robineau.—„Sie glauben alſo nicht an die alten patriarchaliſchen Tugenden, Herr Julius?— Ich werde an Alles glauben, was ihr wollt, meine Herren, ſowie ich mein Schloß geſehen habe!.. Wo ſind wir hier, lieben Leute, ſeid ſo gut?“ „In Ayda, Herr.— Iſt dies weit von Saint⸗ Amand?— Zwei gute Stunden, Herr!— Ein Be⸗ weis, daß, obwohl wir laufen, wir doch nicht ſehr vorwärts kommen!— Zu Tiſche, meine Herrn!“ — Man hatte Eier, Milchkäſe, alten Käs, Milch/ und Obſt aufgetragen; die drei jungen Leute ſetzen ſich auf Schemel; die Landleute ſtehen aufrecht hinter ihnen; vergebens ladet Alfred ſie zum Sitzen ein; die guten Auvergnaten thun es nicht, und Robineau ſpricht bei ſich ſelbſt:„ Sehr gut, nun das ſind ehr⸗ erbietige Bauern, es freut mich ſehr, daß ich eine Beſitzung in der Auvergne gekauft habe.“ 8 ,— 11 Zwei junge Mädchen von fünfzehn bis ſechszehn Jahren bedienen die Reiſenden, ſchenken ihnen zu trinken ein, und bieten ihnen eifrig Obſt, Brod und Milch an, und das Alles lächelnd und ſtets mit einem kleinen Knix begleitet. „Sie ſind ſehr hübſch, ſagt Alfred, und ich finde es viel angenehmer, ſo liebenswürdige Kinder hinter ſich zu ſehen, fortwährend einem Lächeln in ihren Zügen zu begegnen, als ein Dutzend neugieriger, ſchwatzhafter Lakaien im Nacken zu haben;... ſieh, Robineau, ich gebe Dir den Rath, Dein Haus mit ſolchen jungen Mädchen zu bevölkern... da wirſt Du bedient, wie ein Sultan!— O meine Herren! Ihr ſeht immer nur auf Nebendinge!... ich kann aber kein Frauenzimmer zum Kutſcher, Jokey oder Kam⸗ merdiener haben. Das wäre was Hübſches, ein Kut⸗ ſcher im Unterrock!— Du kleideſt ſie als Mann. — O nein! ſagt Eduard, ſie ſind ſo ſchön auf dieſe Weiſe!“ „Rien west beau. que le vrai, le vrai seul est aimable!“ „Noch liebenswürdiger wäre es,“ verſetzt Robi⸗ neau, einen Milchtopf ergreifend,„wenn wir an Ort und Stelle wären. Sagt einmal, Herr Au⸗ vergnat, kennt Ihr in der Gegend das Schloß Schwar⸗ zenfels?“ Der Dorfbewohner, an den Robineau dieſe Frage richtet, ſinnt eine Weile nach, hierauf antwortet er: „Ach! ja, Hee 1... Schwarzenfels... kenne ich 12 wohl!...— Er kennt es!“ ruft Robineau aus, und in ſeinem Freudentaumel erhebt er die Arme gen Himmel, und ſchüttet beinahe alle in ſeiner Schale befindliche Milch in Alfreds Geſicht. „Der Teufel hole Dich und Dein Schloß!“ ruft Alfred aus, indem er aufſteht, um ſein von Milch durchnetztes Halstuch abzunehmen, während Eduard in lautes Lachen ausbricht. „Ach! mein Freund, ich bitte Dich um Verzeihung! ſagt Robineau, ich fing aber wahrhaftig an, unruhig um mein Schloß zu werden!... Dieſer brave Mann hat mir das Leben wieder gegeben.— Hatteſt Du nicht Furcht, Dein Haus möchte davongeflogen ſein? — Ich werde Dir ein anderes Halstuch geben, Al⸗ fred, und Ihr, ehrwürdiger Landmann, der Ihr den Schwarzenfels kennt, ſagt mir, iſt es eine ſchöne Beſitzung?“ „O ja! Herr, ſehr groß! Eine Art Schloß, wie man ſagt, noch mit großen Thürmen; man ſagt, zur Zeit der Alten habe man es belagert!...“ „Man hat es belagert!“ ruft Robineau aus, indem er aufſteht und ſeinen Schemel umwirft, um auf den Bauern zuzulaufen.„Da, mein Freund, habt Ihr ein Hundertſousſtück; ſagt mir, ich bitte Euch, Alles, was Ihr über den Schwarzenfels wißt.“ „Herr, Sie ſind ſehr freigebig, gewiß!— Ich bin noch mehr als das; ich bin der Eigenthümer, der neue Burgherr des Schloſſes, das man, wie Ihr mich verſichert, belagert hat... Ich ſtehe Euch dafür, man ſoll wieder außerordentliche Dinge dort 13 ſehen... Ich werde Turniere, Ringelrennen, Lan⸗ zenſtechen veranſtalten... doch kommen wir auf meine Domäne zurück... Sieht man ſie von ferne? — Ja, Herr.. ſie liegt auf einer Anhöhe.— Auf einer Anhöhe!... herrlich!... Und der Park, die Gärten?— Der Park iſt noch groß, wie man ſagt, ich kenne ihn nicht; bin aber einmal in den Gärten geweſen. O! das iſt prächtig!... Springbrunnen von Marmor... etwas beſchädigt, das iſt aber einer⸗ lei!... Und dann prächtige Statuen, wo man ganz nackte Männer und Weiber ſi bähi. daß man ſich davor fürchtet!..“ „Es ſind Statuen dort1... und Robineau drückt den Bauer in ſeine Arme; er würde ihn küſſen, wenn er nicht fürchtete, ſeine neue Würde zu compromit⸗ tiren. Er bemüht ſich, ruhig zu werden und fährt fort:„Jetzt, braver Mann, kommen wir zur Haupt⸗ ſache: In welcher Gegend liegt mein Schloß?— Schwarzenfels? ei, Herr! eine Stunde von Saint⸗ Amand ungefähr.— Da dieſer Ort nur zwei Stun⸗ den iſt, ſo befinden wir uns nur noch eine Stunde von meinem Beſitzthum.— Ol verzeihen Sie, mein Herr!... Sie ſind weiter weg... weil der Schwar⸗ zenfels nicht auf dieſer Seite liegt. Wenn Sie von Clermont kommen, ſo haben Sie nicht den rechten Weg dahin eingeſchlagen.— Da haben wir's! das wußte ich wohl!... Wir haben uns verirrt!... Hört ihr's, meine Herren?“ Robineau dreht ſich um, und ſucht mit den Augen nach ſeinen Gefährten; dieſe haben aber während ſei⸗ 14 nes Geſprächs mit dem Bauern die Hütte verlaſſen. —„Nun!... ich wette, ſie gehen jetzt wieder um⸗ her... Sie haben ſich verſchworen, mich zu todt zu ärgern 1... Jetzt bin ich doch wenigſtens etwas ruhi⸗ ger über meine Beſitzung!... Kurz, mein Freund, wie weit ſind wir denn vom Schwarzenfels entfernt? — Ja, Herr... drei kleine Stunden... höchſtens. — Noch drei Stunden!... Und welchen Weg müſ⸗ ſen wir nehmen?— Ahl jetzt... auf Querpfaden müſſen Sie zuerſt nach Chadrat gelangen, dort ſehen Sie alsdann Saint⸗Amand, und von hier aus fin⸗ den Sie Ihr Schloß vollends leicht.— Wenn wir es vor Einbruch der Nacht finden, ſind wir ſehr glücklich!... Schnell dieſe Herren geſucht und auf den Weg!“ Nobineau verläßt die Hütte, bei den Landleuten nach dem Weg fragend, den ſeine Begleiter einge⸗ ſchlagen haben; man deutet auf die Ufer des See's, und bald erblickt er Eduard, am See ſitzend und mit einem Bleiſtift in ſeine Schreibtafel kritzelnd, wäh⸗ rend Alfred etwas weiter entfernt beim Klang der Ouerpfeife eines Bauernburſchen mit einem jungen Mädchen tanzt.“ 4. „Auf den Weg, meine Herren, es iſt bald Nacht!“ ruft Robineau. Aber Alfred fährt fort zu tanzen und Eduard zu ſchreiben.. „Sie haben den Teufel im Leib!...“ murmelt Robineau vor ſich hin, tritt auf Eduard zu, und klopft ihm in dem Augenblick auf die Schulter, wo dieſer die eben gemachten Verſe wieder überliest. — 15 „Herr Eduard! wir müſſen uns auf den Weg machen.“ Eduard erhebt ſeine Augen und antwortet: „Que j'aime ce séjour! près de cette onde pure, Qu'il est doux, sur le soir, d'admirer la nature!“ „Ich ſage Ihnen, es wird bald dunkel ſein.“ „ Né sous cet humble toit, l'habitant de ces lieux D'un oeil indifférent voit ces monts sourcilleux 1...“ „Wir haben noch drei gute Stunden in dieſen Bergen zu machen, mein Herr.“ „»Mais pour un coeur sensible à la mélancolie, Ce site romantique et plein de poésie!.... Ces rochers escarpés, ces limpides ruisseaux, Ces sentiers tortueéux, ces flexibles roseaux!...“ „Es iſt bald acht Uhr und wir werden in dieſen Schlangenwegen den Hals brechen!...“ 8 „ Tout m'agite, m'émeut, et cet endroit sauvage A mes sens étonnés parle un nouveau langage. „Nun, mein lieber Julius, was ſagen Sie zu dieſen Verſen?“ fragte Eduard, indem er aufſtand und ſeine Schreibtafel in die Taſche ſchob. „Ich ſage, ſie ſind herrlich, bewundernswürdig; . aber mit Ihren Verſen werden wir die Nacht im Gebirge zubringen müſſen, was mich keineswegs freuen würde.— Soll ich ſie Ihnen nochmals vorleſen?— Nein, ich will gehen... Und der Alfred tanzt wie wahnſinnig!... Ein junger Mann ſeines Standes, ein Baron! ſolche Poſſen mit einer plumpen Auver⸗ gnatin zu treiben!... Alfred! Alfred!..“ „Nur eine Minute! ſie lehrt mich einen Reigen,“ 1 16 ſagte Alfred forttanzend und das junge Mädchen in ſeinen Armen drehend. Endlich geht der Tanz aus; Alfred küßt das kleine Bauernmädchen und kommt zu ſeinen Gefährten zurück mit den Worten:„Meine Herren, der Tanz der Auvergnaten iſt nicht leicht und luftig; ich verſichere euch aber, er hat auch ſein Gutes. Ich verſpreche Dir, lieber Robineau, daß ich mit allen Deinen Vaſallinnen tanzen will.— Seid ihr fertig, meine Herren?— Ja, und bereit, Dir zu folgen.— Das iſt gut!... laßt uns den Schritt verdoppeln, ich bitte euch... dieſer Weg ſoll uns nach Chadrat führen; und von dort werden wir, ſo es Gott gefällt, nach dem Schwarzenfels kommen.“ Die drei Reiſenden grüßen die Dorfbewohner und begeben ſich wieder auf den Weg; Alfred, indem er die Schritte des Reigens wiederholt, Eduard, ſeine Verſe leſend, und Robineau, jeden Augenblick nach ſeiner Uhr ſehend.— Zweites Kapitel. Das weiße Haus. Schon ziemlich lange war man im Gebirge fort⸗ geſchritten; in der Entfernung gewahrte man ein kleines Dorf, aber ſchon brach die Nacht herein; Alfred muß aufhören, zu tanzen, weil er Gefahr liefe, in irgend ein Loch zu fallen; Eduard kann nicht mehr leſen und Robineau nicht mehr nach ſeiner Uhr ſehen; bald iſt es ſogar nicht mehr möglich, das Dorf, auf 17 welches man zuging, zu unterſcheiden. Nun geräth Robineau in Verzweiflung, Alfred lacht und Eduard deklamirt. „Das ſah ich voraus! ſagte erſterer, einen kläg⸗ lichen Seufzer ausſtoßend. Es iſt Nacht und wir ſind mitten im Gebirge, in einem unbekannten Lande l... Mit jedem Schritt riskiren wir, in einen Abgrund zu ſtürzen, oder dieſe ſchrecklich ſteile Felswand hinab⸗ zurollen!... Statt daß wir mein Schloß finden, entfernen wir uns vielleicht noch mehr davon;... und das macht euch lachen, meine Herren?... das begreife ich nicht!“ „Sollen wir weinen, Robineau? würde Dir das Freude machen? Auf, Burgherr von Schwarzenfels, nimm Deinen edlen Muth zuſammen; wenn man ein altes Ritterſchloß bewohnen will, muß man das Herz eines Paladins haben!... Nicht wahr, Eduard?“ Eduard antwortet nur mit Verſen: „ Tout repose dans l'ombre, et le seul Idamore Des murs de Bénarès s'échappe avant l'aurore. Quel est ce bois antique oũ vos pas m'ont conduit? Mais j'entrevois un temple et Pastre de la nuit.“ „Sie ſehen einen Tempel? ruft Robineau aus. Wo denn?.. ich, ich ſehe gar nichts!“ „Ha! ha! ha! Wie, Robineau, Du kennſt die ſchönen Verſe Caſimir Delavigne's nicht? Du ſiehſt nicht, daß Dir Eduard den Paria vordeklamirt?“ „Meiner Treu, meine Herren... ich dachte nicht, daß Sie hier eine Tragödie aufführen würden. Hm! lacht nur!.. Ihr wißt nicht, was ihr verliert, Paul de Kock. XXIV. 2 18 weil ihr nicht vor Einbruch der Nacht auf meinem Gute ankommt. Ihr glaubt, wir wären nur ganz einfach von dem Hausvogt empfangen worden! Ihr ſolltet aber ganz andere Dinge geſehen haben!... Blumen und Tanz... und Glückwünſche und was Alles unſerer wartete!... das verfehlen wir nun.“ „Wie wiſſen Sie aber, daß man uns feſtlich be⸗ willkommt hätte?“ fragte Eduard. „Ei! wahrlich! ich errathe! ruft Alfred aus; Franz iſt nicht umſonſt vorausgegangen... Ol ich habe es!... Robineau hat einen freiwilligen Empfang anbefohlen... eine Ueberraſchung! mit„es lebe der gnädige Herr!“ und Raketen und das Alles im Styl der Volksfeſte..“ „Nein, meine Herren, nein, ich hatte nichts an⸗-⸗ befohlen; ich kenne jedoch Franzens Eifer; er wird meine Ankunft nicht verhehlt haben, und alsdann er⸗ ſcheint es ziemlich natürlich, das das einiges Auf⸗ ſehen im Lande gemacht haben wird...“ „Nun ſo tröſte Dich; wenn wir morgen früh an⸗ langen, wird Dein Feſt nur um ſo ſchöner werden, man hat Zeit zur Vorbereitung, zu Erlernung von Beglückwünſchungen und zum Putzen gehabt, was niemals ſchadet.“ 4 „Und wie unruhig wird der arme Franz ſein, wenn er uns nicht kommen ſieht? Daran denkt ihr nicht, meine Herren...— O! mein lieber Robi⸗ neau, deßhalb biſt Du nicht ſo ärgerlich!... doch, kurz, es ſteht noch nicht Alles verzweifelt, wir werden immerhin irgendwo anlangen!...“ 19 „Jal... irgendwo! in irgend einer Felsſpalie, in die wir hinabrollen, ohne einen Zweig zu finden, an dem wir uns halten könnten! man ſieht gar nichts mehr!— Um ſo romantiſcher wird es; eine Nacht⸗ reiſe im Gebirge! Du fühlſt die Schönheit unſerer Lage gar nicht.— Das iſt gewiß, daß ich nichts Schönes daran ſehe: wenn wir wenigſtens Waffen hätten... ihr habt aber eure Piſtolen in meinem Reiſewagen gelaſſen!— Uns fehlt nur die Lanze, um irrenden Rittern gleichzuſehen.— Nicht einmal einen Stock haben wir, was weit beſſer wäre!... Wo ſind denn Sie... Herr Eduard? Gehen Sie nicht ſo ſchnell, wir werden einander verlieren;... es fehlte nur noch, daß wir allein gingen!... Ich kann nicht ſchnell gehen, wenn ich nicht hell ſehe;... ei! Herr Eduard!...“ Eduard bleibt ſtehen und ſpricht mit kläglichem Ton die Verſe: 3 „... Ou suis-je? Quelle nuit Couyvre d'un voile affreux la clarté qui nous luit? Ges murs sont teints de sang! je vois les Euménides Secouer leurs flambeaux vengeurs des parricides! Le tonnerre en éclat semble fondre sur moi; L'enfer s'ouvre!...“ „Herr Eduard!... keine ſolche Scherze! ich bitte Sie;... was ſehen Sie? Bei dieſen Worten hatte Robineau Eduard eingeholt und faßte ſeinen Arm.— Ich ſehe nichts, ſondern warte auf Sie, antwortet Eduard ruhig.— Robineau, die Furcht raubt Dir alſo Dein Gedächtniß, weil Du nicht erkennſt, was * 20 Du ſo oft auf der Bühne gehört?— Die Furcht!... ihr ſeid einzig, meine Herren; man ſoll ſich fürchten, weil man eben keine Luſt hat, die Nacht unter freiem Himmel zuzubringen!... Ich bin nicht von Eiſen 1... ich weiß gewiß, es würde mir lange zu ſchaffen machen.— Du haſt Dich zu beklagen: biſt fett wie eine Wachtell.— Das beweist gar nichts... man kann fett und doch zart ſein... Kommt, wir wollen einander den Arm geben; ich gehe in der Mitte und führe Euch.— Du zitterſt, Robineau?— Mich friert.— Frieren, Anfangs Auguſt!— In den Gebirgen gibt's das ganze Jahr Eis.— Hal ha! ha! das iſt zu komiſch!..— Ja, es iſt in der That ſehr komiſch... Warum habe ich auf euch gebaut, um in mein Schloß zu gelangen!“ „Herr Julius, der heilige Gregorius ſagte: Wi⸗ derfährt Dir ein großes Unglück, ſo forſche ſorgſam nach, und Du wirſt finden, daß die Schuld ſtets an Dir liegt.“. „Der heilige Gregorius hatte ganz Recht... Ach! mein Gott! ich glaube ein Gebrülle in unſerer Nähe zu hören...— Ein Geblöcke, willſt Du ſagen! Wir nähern uns einer Meierei...— Oder einer Höhle!... Ah! Victoria, meine Herren! ich ſehe ein Licht... zwar ſehr klein, aber es iſt doch ein Licht! — Laßt uns darauf zugehen.“ Bald ruft Robineau, der das Licht nicht aus den Augen verliert, aus:„Zwei, drei, vier... zehn Lichter! wir ſind gerettet! ein Dorf; Chadrat, vor⸗ wärts.“ 21 Nach Verfluß von fünf Minuten befinden ſich die drei Reiſenden bei den Wohnungen, von welchen die Lichter herſchimmern. Dieſe Wohnungen ſind aber nur elende, aus Lehm und Stroh erbaute Hütten, neben welchen die armſeligen Häuschen von Ayda noch für Paläſte gelten könnten. Robineau bleibt ſtehen, und ſieht ſeine Gefährten entſetzt an, wobei er mit leiſer Stimme ſpricht:„Ach! mein Gott! wo ſind wir?— Du ſiehſt wohl, in einem Dorfe.— Ein ſauberes Dorf!... man möchte glauben, wir ſeien bei Wilden.— Der Ort ſcheint freilich nicht reich; die Bewohner können aber darum ſehr gute Leute ſein...— Sie können auch etwas Anderes ſein. Leute, die in ſolchen Maulwurfslöchern woh⸗ nen!— Wir wollen klopfen, rufen.. ſie ſchlafen noch nicht, da man Licht ſieht.“ „Einen Augenblick, meine Herren!... ſagt Ro⸗ bineau, auf Alfred zulaufend, der den Weg nach der größten Hütte einſchlägt. Einen Augenblick!... wir wollen uns zuvor berathen: iſt es wohl klug, uns Leuten anzuvertrauen, die ſolche Wohnungen haben 2 — Geh doch, Robineau, laß uns mit Frieden!— Verberget wenigſtens eure Uhrenſchlüſſel, meine Herren, ich beſchwöre euch; und ſagt nicht, daß ihr Geld habt; Gelegenheit macht Diebe.“ Alfred klopft an eine niedrige und ſchlecht ver⸗ ſchloſſene Thüre, über welcher ein rundes Loch die Stelle eines Fenſters vertritt. Lange antwortet Nie⸗ mand, bis endlich eine rauhe, kräftige Stimme langſam murmelt:„Nun! wer iſt denn draußen?“ 22 „Sage es ſei Niemand,“ ruft Robineau, den der Ton der Stimme vollends außer ſich gebracht hat. „Drei Reiſende, die ſich im Gebirge verirrt haben,“ erwidert Alfred. „Drei Bettler, die nichts zu Nacht zu eſſen haben,“ fügt Robineau hinzu. 3 „Wenn Du nicht ſchweigſt, Robineau, ſo werfe ich Dich dieſen Hügel hinunter,“ ſagt Alfred unge⸗ duldig. Da man in der Hütte nicht antwortet, tritt Eduard näher und ruft:„Macht uns auf, gute Leute, wir bezahlen eure Mühe gut, ſowie den Führer, den ihr uns geben werdet.“ „Das heißt, wir beten für euch, ſetzt Robineau bei, da wir unſere Börſen vergeſſen haben.“ Die Thüre der Hütte geht auf, und ein Mann in Ziegenfelle gekleidet, tritt heraus und ſieht die drei Reiſenden mit ſtumpfſinniger Miene an. „ Ach! mein Gott! was iſt das? ſagt Robineau, ſich hinter ſeine Gefährten flüchtend; das iſt ein Orangutang oder ein Falſchmünzer!“ Nachdem der Bauer die drei jungen Leute ſtill⸗ ſchweigend betrachtet hatte, zeigt er auf den Eingang der Hütte und ſagt:„Wollen Sie bei uns eintreten, meine Herren?“ „Gerne,“ verſetzt Alfred; dieſer dringt in die Hütte, wohin ihm Eduard folgt; jetzt ſieht ſich Ro⸗ bineau, der nicht allein bleiben will, genöthigt, ein Gleiches zu thun. Das Innere der Hütte war größer, als man von Außen vermuthet hätte. Das Gebäude lief ſpitz zu, 23 und erhielt ſein Licht von oben. Der untere Raum war in zwei Theile getheilt; aber die Scheidewand, aus einigen ſchlecht zuſammengefügten Brettern ge⸗ macht, ſchien eher die Bewohner vor dem Einſturz der Mauern zu bewahren, als ſie von einander ab⸗ ſondern zu ſollen. In einer Ecke der erſten Abtheilung brannte ein Feuer, über welchem ein großer irdener Kochtopf hing; eine Frau von etlichen vierzig Jahren, vor dem Feuer ſitzend, oder vielmehr gekauert, rührie mit einem hölzernen Löffel den Inhalt des Topfes um; neben ihr lagen drei halberwachſene, ſtarke Burſche auf den Knien, ebenfalls auf das über dem Feuer Befindliche ſchauend; weiter hin ſaß ein noch kraftvoller Greis auf einem Strohbund, und lieb⸗ koste einen alten, neben ihm liegenden Ziegenbock. Eine Lampe auf einem kleinen Tiſche erleuchtete nur ſpärlich dies Bild, da der Rauch, des Feuers dicke Wolken bildete, die ſich nur langſam durch die obere Oeffnung des Hauſes verloren. Als die drei Reiſenden eingetreten waren, blieben ſie ſtehen, um das ſeltſame, vor ihren Augen aufge⸗ rollte Gemälde zu betrachten; die Bewohner der Hütte ſahen auch ſie an, aber mit einer dummen Verwunderung, und ohne ſich zu rühren. „Sehr originell! ſagt Alfred zu ſeinen Freunden. — Sehr häßlich! bemerkt Robineau.— Ein ſehr maleriſches Hausweſen mit einer lokalen Färbung!“ nimmt Eduard das Wort. „Ich weiß nicht, ob es eine Färbung hat, mur⸗ 24 melt Robineau vor ſich hin; aber die maleriſche Haushaltung riecht ſehr übel!“ „Wo ſind wir, gute Leute? fragt Alfred.— In Chadrat, erwidert der Greis.— In Chadrat, ruft Robineau aus; wie, das iſt Chadrat!... und man wagt, das ein Dorf zu nennen!... ich möchie es nicht für meine Pferde.“ Der Hirte, der mit den Fremden eingetreten war, machte, ohne daß er auf Robineau zu hören ſchien, den bei dem Feuer ſitzenden Jungen ein gebieteriſches Zeichen, worauf ſie ſich, obgleich ungern, zum Auf⸗ ſtehen entſchloſſen und den Reiſenden hierauf eine Art kleiner, hölzerner Bänke anboten. „Setzen Sie ſich... ruhen Sie aus, meine Herren,“ ſagte der Auvergnat. Alfred und Eduard ſetzen ſich. Robineau betrachtet mit Schrecken die drei großen, ſo eben aufgeſtandenen Burſche, und wirft einen verſtohlenen Blick nach dem Eingang der Hütte; ſeine Gefährten ſchenken jedoch ſeinem Zeichen keine Auf⸗ merkſamkeit, er entſchließt ſich daher, ebenfalls zu ſitzen. „Wir wären dieſen Abend gerne auf eine Be⸗ ſitzung, der Schwarzenfels genannt, gekommen, ſagt Alfred; kennt Ihr ſie?“ Die Bauern ſehen einander an und ſchütteln ver⸗ neinend den Kopf. „Zum Henker!.. will er nicht gar, dieſe Bauern⸗ lümmel ſollen mein Schloß kennen, ſagt Robineau bei ſich ſelbſt. 5 „Und kennt Ihr die Stadt Saint⸗Amand? fragte Eduard.— Saint⸗Amand⸗Talende..ol ja, Herr. 25 — Sind wir weit davon entfernt?— Nicht zu ſehr... wiewohl es noch ein ordentlicher Weg dahin iſt.— Höret, braver Mann; dieſe drei großen Burſche da ſind gewiß eure Söhne?“ Der Bauer gibt ein bejahendes Zeichen. „Nun gut! da ſie dieſe Berge auswendig kennen müſſen, ſo ſeid ſo gut und gebt uns einen davon zum Führer... alle drei, wenn ihr wollt; wir be⸗ zahlen ſie gut.“ „Ja... fällt Robineau ein; man wird ſie in der Stadt bezahlen... dort haben wir unſer Geld.“ Die Bauern ſehen einander eine Weile ſtillſchwei⸗ gend an; dann ſagt der Vater zu ſeinen Kindern: „Wollt ihr gehen, Jungens?“ Die Burſchen ſcheinen unentſchloſſen; endlich ant⸗ wortet der Größere mit leiſer Stimme:„Man müßte am weißen Haus vorüber.“ „Das weiße Haus! ruft Alfred, was iſt das? iſt es ein Wirthshaus?“ Die Landleute geben ein verneinendes Zeichen. „Iſt es ein Pachthof, eine Meierei?“ fragt Eduard. Die Bauern ſchweigen noch immer, und Robineau murmelt zwiſchen den Zähnen:„das ſind doch ent⸗ ſetzlich einfältige Bauern!“ 9 Endlich tritt der Greis den Reiſenden näher und ſagt mit geheimnißvoller Miene:„Das weiße Haus... iſt ein Ort, den wir ſchon bei Tage nicht ſehr lieben, und noch weniger bei Nacht!.. ein gefährlicher Ort ... von dorther kommt immer Unglück!... nn, es iſt verzaubert!“ 26 „Ha! ha! ha! wie, ihr guten Leute! ihr glaubt an Zauberer?“ ſagt Alfred, während die Hütten⸗ bewohner, erſtaunt, daß man zu lachen wagt, wenn ſie vom weißen Hauſe ſprechen, einige Schritte zurück⸗ weichen, und die Reiſenden mit einer Miſchung von Staunen und Entſetzen anblicken. Robineau, der nun einſah, daß die Leute, vor denen er ſich fürchtete, ſelbſt ſehr furchtſam ſeien, ſtand plötzlich auf und rief, mit feſtem Tritt in der Hütte umhergehend:„Wie, ihr armen Leute, ihr ſeid bis zu dieſem Grade kinfältig... ihr glaubt an Mährchen von Zauberern und Teufeln?2... Kerls wie ihr, von fünf Fuß ſechs Zoll! ihr dauert einen 1... das... o weh!...“ Im Feuer ſeiner Rede hätte Robineau beinahe den Kochtopf umgeworfen, und er bemerkte, daß er auf brennendes Holz trat. Hierauf fuhr er fort: „Wohlan denn, junge Auvergnaten, wollt ihr uns nach Saint⸗Amand führen? ich bin der Grundherr vom Schwarzenfels, ich werde euch köſtlich belohnen.“ Weder Bitten noch Verſprechungen können die Hüttenbewohner bewegen, den Reiſenden zu Führern zu dienen; die Furcht vor dem weißen Haus, an welchem man vorüber müßte, iſt bei ihnen ſtärker, als alle Hoffnung auf Gewinn. „Meiner Treu, meine Herren, ſagt Alfred, da dieſe Gebirgsleute entſchloſſen ſind, uns nicht vor Tag zu führen, haben wir keine andere Wahl⸗ als die Nacht hier zuzubringen.“ Nach einigem Widerſtreben von Seiten Robineaus 27 fragt Alfred das Haupt der Familie, ob es ihn nicht beläſtige, wenn ſie die Nacht in ſeiner Wohnung blieben. Weit entfernt davon, ſtellt der Auvergnat und ſeine ganze Familie das Haus zur Verfügung der jungen Leute; unſere Reiſenden bemerken, daß, wenn gleich plump und einfältig, die Bewohner von Chadrat doch auch menſchlich, gutmüthig und gaſt⸗ freundlich ſind; Tugenden, die man nicht immer bei feingebildeten und geiſtreichen Leuten trifft. Sowie es einmal feſtgeſtellt iſt, daß unſere Rei⸗ ſenden die Nacht in der Wohnung der Auvergnaten zubringen, denken ſie nur noch daran, es ſich bequem zu machen und ſich zu benehmen, als gehörten ſie zu der Familie. Alfred und Eduard beginnen luſtig damit; ſie lachen, ſingen und plaudern mit den Landleuten; Robineau allein ſchneidet ſtets ein Geſicht und ſieht Alles mit mißvergnügtem Auge an. „Wie heißt Ihr, braver Mann? fragt Alfred den Hirten.— Ich, Herr, nenne mich Claude, meine Frau Claudine...“ „Und ich wette, die Kinder heißen Claudinet,“ ſagt Robineau, achſelzuckend, vor ſich hin. „Was treibt Ihr?— Ich bin Schäfer.— Und Eure Kinder?— Sie bebauen das Land; gleich hier neben haben wir einen kleinen Acker.— Und Euer Vater?— Ol der thut nichts mehr, er ruht aus... Was meine Frau betrifft, ſo kocht ſie, und bringt uns das Eſſen auf das Feld.— Seid Ihr mit Eurem Schickſal zufrieden?— Was ſagen Sie, mein Herr? — Jch frage, ob Ihr Euch glücklich fühlt?— Wahr⸗ lich! was brauchen wir denn weiter? Wir haben zu eſſen, unſere Kleidung, eine gute Hütte zur Woh⸗ nung! iſt das nicht genug?“ „Sieh da, mein Freund, ſagte Eduard zu Alfred, den Menſchen in ſeinem Naturſtande, ohne Ehrgeiz, ohne Neid; die Natur hat ihm nur einfache und reine Triebe gegeben.“ 3 Als die Suppe fertig war, brachte man den großen Topf in die Mitte der Geſellſchaft; da der Tiſch für ſo viele Perſonen zu klein geweſen wäre, ſo halten es die Gebirgsbewohner für einfacher, auf dem Boden herumzuſitzen, Alfred und Eduard machen es ebenſo; Robineau allein bleibt auf ſeiner Bank und ſagt zu ſeinen Freunden:„Wie! meine Herren, ihr ſetzt euch auf den Boden?— Warum nicht? erwidert Alfred, man muß der Weiſe dieſer guten Leute folgen.— Das iſt der natürlichſte Sitz, bemerkt Eduard.— Ihr ſehet aus wie Wilde!— Die Wilden ſind Kinder der Natur, und wir, mein Freund, Söhne des Vor⸗ urtheils.— Alsdann, meine Herren, werde ich morgen ohne Hoſen von hier weggehen, und ſagen, dies ſei das natürlichſte Koſtüm.— Ah! Robineau, das iſt ein Unterſchied! die Wohlanſtändigkeit ward zu allen⸗ Zeiten geachtet!... die Feigenblätter ſind ſchon alt! Uebrigens ſteht es Dir vollkommen frei, Deinen Hin⸗ tern den Bewohnern von Chadrat zu zeigen, und ſogar denen Deiner Beſitzung, wenn es Dir Ver⸗ gnügen macht. Da Du das Schloß erſt gekauft haſt, werden ſie glauben, Du wolleſt damit einen alten Brauch wieder einführen, und leicht möglich, daß ſie 29 ſich entſchließen, Dir nachzumachen, was ausnehmend pikant würde, beſonders an Geſellſchaftstagen.“ Während dieſes Geſprächs vertheilte die Herrin des Hauſes hölzerne Teller und Löffel. Der Alte ſchnitt für Jeden Schwarzbrod ab, und ſeines Wi⸗ derwillens ungeachtet, nimmt Robineau einen Teller voll Suppe an, und ißt am Ende wie die Uebrigen, obgleich er vor ſich hin brummt, die Suppe ſei zu dick und zu geſalzen, und der Wein noch zu jung. Die Gebirgsleute bemerken jedoch ſeine üble Laune nicht, und legen ihm alle Augenblicke neue Suppe auf ſeinen Teller obgleich er ſchreit: Ich habe genug! Und der Greis theilt das Mahl mit dem neben ihm liegenden Bock, der ein alter Freund der Familie zu ſein ſcheint.. Während des Nachteſſens lenkt Eduard das Ge⸗ ſpräch wieder auf das weiße Haus, weil das Wenige, was er davon hörte, ſeine Neugierde erregt hat.„Er⸗ zählt uns doch, lieben Leute, was ihr von dem Orte wißt, der euch ſolchen Schrecken einflößt. Seit wann iſt das weiße Haus das Entſetzen der Gegend?“ „Ach! ja, erzählt uns das, ſagt Alfred. Ich liebe Geſpenſtergeſchichten!... das macht ſchaudern!... es iſt reizend!...“ Robineau ſagt nichts, aber er rückt ſeinen Stuhl dem von der Geſellſchaft gebildeten Kreiſe etwas näher. „Wahrlich! meine Herren, beginnt der Greis, es iſt noch gar nicht ſo lange her, daß das weiße Haus uns ſolche Furcht macht. Zuvörderſt muß ich Ihnen ſagen, das es nicht ſehr weit von hier iſt, gleich 30 links, wenn man den Berg herabkommt. Man tritt in ein kleines, recht niedliches Thal mit Weinbergen, Kleefeldern und ſchönen Nußbäumen, das weiße Haus liegt mitten drin.“ „Es ſcheint, daß es wenigſtens den Boden nicht unfruchtbar gemacht hat... Und wem gehört es denn? Ol Herr!... gerade das weiß man nicht, denn ſeit den zwanzig Jahren etwa, daß es gebaut iſt, wurde es nie bewohnt... als ſeit einiger Zeit durch den Teufel. Stellen Sie ſich vor, Herr, ungefähr dreihundert Schritte vom weißen Haus liegt ein hüb⸗ ſches Häuschen, eine Art kleinen Pachthauſes, das ehemals einem gewiſſen Andre Sarpiotte zugehörte. André war wohlhabend, beſaß zahlreiche Heerden und blanke Thaler; ſo daß er ſich das Haus bauen ließ, welches wir das weiße nennen, weil es als neu ſehr zierlich, ganz weiß und weit ſchöner, als alle in der Gegend war! Gut alſo, Andre Sarpiotte ließ das Haus in der Abſicht bauen, es an einen Liebhaber zu verkaufen; aber wahrlich! das Haus iſt groß, hat einen ſchönen, mit einer Mauer umſchloſſenen Garten, 3 und das war für uns viel zu theuer!... Dar⸗ um verblieb es dem Andre; er aber tröſtete ſich mit ſeiner jungen Frau, denn er war verheirathet, und ſeine Frau beſchenkte ihn gerade mit einem Kind...“ „Aber mein guter Freund, All das ſcheint mir in keinem Zuſammenhang mit dem Abſcheu, den man vor dieſem Orte hat?“ „Ol doch, Herr! o! doch!... All das hängt zu⸗ ſammen, und ich komme jetzt daran. Eines Morgens 31 erfuhr man im Dorfe, die Frau Andre's habe ein Kind zur Erziehung mit dem ihrigen angenommen; es war ein Mädchen, Niemand in der Gegend hatte die Eltern geſehen; Andre aber ſagte, es ſeien fern wohnende nicht reiche Leute; indeß bemerkte man, daß die Frau Andre's noch beſſer gekleidet war, noch ſchöneren Putz habe, und Andre es ſich noch viel wohler ſein ließ. Da er einmal Glück hatte, ver⸗ kaufte er ſechs Monate darauf das weiße Haus an einen Fremden, der die Gegend bereiste; die Ver⸗ kaufs⸗Urkunde fertigte der Notar von Saint⸗Amand aus; der Herr hieß Gervais, weiter erfuhr man nichts über ihn; denn ſehen Sie, was das Erſtaunlichſte iſt, der Herr ließ Möbel kommen und Alles, was zur Einrichtung eines Hauſes gehörte; aber er bewohnte es nie; eilends reiste er ab, und man hat ihn ſeit⸗ dem nicht wieder geſehen;... was zu der Vermu⸗ thung führte, daß ſich der Teufel des verfluchten Hauſes bereits bemächtigt hatte, und der arme Käu⸗ fer, als er es wahrnahm, nicht wieder zurückkommen wollte.“ „Man gewahrte inzwiſchen noch nichts in der Ge⸗ gend, nur fand man es ſonderbar, daß der Herr des Hauſes ſein Eigenthum nie bewohnte. Die Zeit verſtrich, das Mädchen, welches André und ſeine Frau zu ſich genommen hatten, war noch immer bei ihnen. Nach zwei Jahren ſagten ſie, die Eltern ſeien geſtor⸗ ben, und ſie adoptirten das Kind; aber wahrlich dieſe gute Handlung hat ihnen kein Glück gebracht. Ihr eigenes Kind ſtarb; und ein Jahr darauf ſtürzte Gall in ein Loch, wo man ihn nicht mehr lebendig herauszog.“ Anndre, der den Fehler hatte, etwas zu viel zu trin⸗ ken, beim Zurückkehren vom Kirchweihfeſt von St. „Nun war Niemand mehr im Pachthauſe, als die Wittwe André und die kleine Iſaura, ſo hieß das aufgenommene Mädchen. Jetzt fing man an, die Bemerkung zu machen, daß im weißen Hauſe außer⸗ ordentliche Dinge vorgingen. Erſtlich ſah man in dieſem Hauſe, in welchem Niemand wohnte, Abends von Zeit zu Zeit Lichter hin und her wandeln, und vom Garten her vernahm man Laute... wie Pfer⸗ degetrappel!... Sie können wohl denken, daß man das entſetzlich fand. Wäre der Herr des Hauſes ge⸗ kommen, ſo hätte man ihn geſehen!... er hätte ſich nicht verſteckt, wäre nicht bei Nacht angelangt... Das Alles machte Lärm... gab zu denken... Ein Haus, deſſen Thüren und Fenſter ſtets verſchloſſen waren, in welchem man aber dumpfe Töne hörte und Licht ſah... Sie ſehen wohl ein, daß das gar nicht klar ſchien!...“ „ Aber die Wittwe Andreé's, die ganz nahe bei dem weißen Haus wohnte, mußte größere Furcht als die übrigen Leute haben?“ „Durchaus nicht, mein Herr, und das iſt noch weit weniger klar; wenn man mit der Wittwe Sar⸗ piotte von dem Gepolter und den Lichtern ſprach, antwortete ſie, wir ſeien Dummköpfe und es gehe uns zudem gar nichts an.“ 3 „Es ſcheint, die Wittwe Sarpiotte war ein Freigeiſt. 33 — Wahrlich, mein Herr, ich weiß nicht, ob ſie ein Geiſt war; das Alles aber hinderte nicht, daß ſie ihrem Manne nachfolgte... freilich erſt zwölf Jahre ſpäter!“ „Ach! die Pächterin iſt auch geſtorben?“ „Ja, Herr, vor drei Jahren iſt ſie geſtorben, indem ſie durch Teſtament der kleinen Iſaura, die damals fünfzehn Jahre zählte, ihr ganzes Vermögen hinterließ...“ „Und das junge Mädchen wohnte fortwährend beim weißen Haus?— Mein Gott, ja, mein beſter Herr! und ſie fürchtete ſich eben ſo wenig, als ob ſie mitten im Dorfe wäre; und doch bemerkte man nach dem Tode der Wittwe Andre, daß die Erſcheinungen in dem leerſtehenden Hauſe viel häufiger waren. Vor⸗ her hörte man oft ein halb Jahr lang nichts; jetzt vergehen keine zwei Monate, ohne daß man die Ge⸗ wißheit erlangt, es ſei Jemand bei Nacht im Hauſe geweſen; letzthin endlich hat Jakob, der Tags zuvor im Vorbeigehen wohl geſehen hatte, daß alle Läden geſchloſſen ſeien, am andern Morgen wirklich auf dem Rückweg zwei Fenſterläden im erſten Stock offen ge⸗ funden! Sie ſehen wohl ein, daß ſie nicht von ſelbſt aufgegangen ſind. Am folgenden Abend waren ſie wieder geſchloſſen. Und das kleine, noch nicht einmal achtzehn Jahr alte Mädchen, wohnt allein bei einem ſo entſetzlichen Orte!... bei einem Orte, wo wir Männer nicht vorbeizugehen wagen, wenn es dunkel iſt.. Ol das iſt ſehr verdächtig!... Auch haben die Alten der Gegend, und ich bin Einer davon, alle Paul de Kock. XXIV. 3 Umſtände zuſammengeſtellt und den Schluß daraus gezogen: daß dies kleine Mädchen... kein gewöhn⸗ liches Mädchen ſei. b „Wie! ihr glaubt, es ſei ein Knabe?“ ſagte Alfred lachend. „Nein, Herr, das iſt's nicht; aber ſehen Sie, wir haben wohl in Acht genommen, daß erſt ſeit ihrer Ankunft bei Andre alle dieſe außerordentlichen Bege⸗ benheiten ſich zugetragen haben. Der Verkauf des weißen Hauſes an einen Mann, den man nicht mehr ſieht; das Haus ſtets verſchloſſen, und doch erblickte man manchmal Licht darin... und dann ſieht man zuweilen etwas, wie ein ſchwarzes Geſpenſt da und dort um das Pachthaus herumſchleichen...“ „Ahl es iſt ein Geſpenſt da?“ fragt Alfred.— „Ein Geſpenſt?“ wiederholt Robineau, der wäh⸗ rend der Erzählung des Greiſes nach und nach mit ſeiner Bank ſo nahe gerückt war, daß er ſich jetzt mitten in dem von den Zuſchauern gebildeten Kreiſe befand. „Ja, meine Herren, za, es iſt ein Geſpenſt... oder ein Kobold... der ſich hie und da im Thale zeigt.— Habt ihr ihn geſehen, guter Alter?— Nein, Herr, o!l nein; aber Claude hat ihn geſehen.— Nicht ich ſelbſt, aber Peter, mein älteſter Sohn.— Ich war es nicht, ſagte Peter, ſondern Joſeph. „Geſehen habe ich's gerade auch nicht, bemerkt Joſeph, aber Nikolas, bei dem ich war, hat geſagt, er habe geglaubt, etwas zu ſehen.“ „Ol hiernach, ſagt Alfred, iſt das Daſein des 47 8 2 * 3⁵ Geſpenſts herrlich bewieſen; kommen wir jedoch auf die kleine Iſaura zurück, die, wie Ihr meint, weder ein Knabe noch ein Mädchen iſt, was ihr dann eine gewiſſe Aehnlichkeit mit den Kobolden gäbe.“ „Nun gut! mein Herr! um wieder darauf zurück⸗ zukommen, ſo glauben wir Uebrigen, daß, wenn man keine Furcht vor dem Teufel hat, man gut mit ihm ſtehen muß; und wir ſagen... aber ganz leiſe, daß demungeachtet das kleine Mädchen wohl verzaubert ſein könnte, oder wenigſtens uns unbekannte Kniffe haben müſſe, um den Teufeln trotzen zu können. Kurz, ſehen Sie! die ganze Familie, in der man ſie aufnimmt, ſtirbt weg...“ „Ja, in dem Zeitraum von fünfzehn Jahren.“ „Das junge Mädchen lebt jetzt alſo ganz allein?“ „Ja, meine Herren, allein... bei dem weißen Hauſe, wo Leute, wie wir find, nicht in Geſellſchaft bleiben möchten!... das iſt ganz erſtaunlich. Und dann, ſehen Sie, iſt die junge Iſaura den übrigen Mädchen des Gebirges nicht ähnlich; und doch ſollte ſie, da ſie hier erzogen warden iſt, nicht mehr ver⸗ ſtehen, als wir... denn wenn auch André und ſeine Frau wohlhabend waren, waren ſie doch keine Ge⸗ lehrte.“ „Wie! das junge Mädchen iſt unterrichteter, als die Bewohner des Gebirgs?“ „Ol ich glaube wohl!.. ſie weiß alles Mög⸗ liche! Erſtlich kann ſie in gedruckten Büchern leſen.. man ſagt ſogar, ſie leſe darin ganz geläufig! und doch war Andre Sarpiotte darin kein großer 1„ 36 Held!... Wie kommt es nun, daß ſie mehr kann, als ihr Lehrer?“ „Das ſieht man täglich, guter Alter; ferner?“ „Ferner ſingt ſie eine Menge uns unbekannter Lieder, die nicht aus unſerer Gegend ſind... Ich frage, wer kann ſie ſolche gelehrt haben? und dann hat ſie im Sprechen, im Benehmen und ihren Ver⸗ beugungen das Weſen eines Mädchens aus der Stadt!”“ „Und dann, fiel Claudine ein, die den Greis bis jetzt voll Ehrfurcht hatte ſprechen laſſen, Ihr ſagt. nicht, Vater, daß Iſaura ſehr künſtlich im Baum⸗ pflanzen, der Blumenzucht, dem Säen iſt; ſie hat darin erſtaunliche Kenntniſſe! man darf nur den Gar⸗ ten des Pachthofs ſehen, Alles ſchießt wundervoll empor!... und hat ſie nicht auch Heilmittel für das Vieh!— Sie hat Heilmittel für das Vieh?“ ruft Ro⸗ bineau mit verdutzter Miene aus. „Ja, Herr, neulich hat ſie ihre Kuh geheilt, die drauf gehen wollte und bald nachher Jeanettens Ziege, die ein Geſchwür am Bauch hatte.“. „Ich denke, meine Herren, das iſt Beweis genug,. daß das junge Mädchen im Einverſtändniß mit dem Teufel iſt.“ „Gewiß, murmelt Robineau, wenn ſie Kühe und Ziegen heilt.“ „Endlich, meine Herren, für ein in dieſen Bergen erzogenes Mädchen, hat ſie gar nicht unſre Weiſe; ſie ſpricht manchmal in Worten, die ich nicht ver⸗ ſtehe... kurz, ſie hat eine ganz gezierte, ſüßliche Sprache, die gar nicht die unſerer Schäfermädchen iſt.“ 1 37 4 „Wahrhaftig! ich wäre ſehr begierig, das Mäd⸗ 4 chen zu ſehen, ſagt Alfred.— Und ich auch, ſebi 8 Eduard bei. „Meiner Treu, bemerkt Robineau, ich ſtehe euch 3 dafür, daß es mich nicht im mindeſten gelüſtet.“ „Jetzt aber kommen wir aufs Wichtigſte, fährt Alfred fort, wie iſt dieſe Iſaura? Ihr habt ſie uns nicht beſchrieben; hat ſie auch in ihrem Geſicht, in ihren Zügen etwas Teufliſches?“ 3 „Ei, meine Herren!... was das betrifft, meint der Schäfer, ſo muß ich geſtehen, daß ſie nicht übel iſt... es gibt ſogar Leute im Dorfe, welche behaup⸗ ten, ſie ſei hübſch.“ „Ol ja, Vater, ſagen die drei Söhne Claudens, Iſaura iſt ſehr hübſch... und ſie lächelt ſo ſanft.“ „Wollt ihr ſchweigen, Jungens!“ fällt Claudine ein; ihr verſteht euch nicht darauf!... ich, ich ſage euch, in ihren blauen Augen liegt etwas Boshaftes, wohinter Verrath lauert!... und ihre ſanfte Stimme iſt nur eine Falſchheit weiter, um die Leute zu um⸗ ſtricken. Zudem, kann eine kleine Zauberin hübſch ſein?“ „Nein, ſprach Robineau; ich bin der Meinung der Auvergnatin, eine Zauberin iſt immer abſcheulich.“ „Schön oder nicht, ſagte der Schäfer, Jeder in der Gegend meidet ſie, ſtatt ſie aufzuſuchen. Sieht man ſie auf dieſer Seite, geht man auf die andere. Führt ſie ihre Ziegen auf den Berg, ſteigt man eiligſt in das Thal hernieder; und, wahrlich! man hat Recht, denn ſie wäre im Stande, uns eiwas nzu⸗ wünſchen, uns Unglück zu bringen!. ℳ 38 „Ich will morgen das Mädchen ſehen,“ ruft Alfred; „gerne wünſchte ich, es möchte eine Zauberin ſein; denn, da ich noch nie eine geſehen habe, wäre es mir lieb, zu wiſſen, wie ſie gemacht ſind. Robineau, Du beſuchſt morgen mit uns das weiße Haus, nicht wahr?“ „O! morgen, meine Herren, bin ich hoffentlich in meinem Schloſſe, dann könnt ihr gehen, wohin es euch beliebt; der Teufel ſoll mich aber holen, wenn ich euch begleite!... Ich werde mich lange unſerer Gebirgsreiſe erinnern!...“ Die jungen Leute lachen über den Aerger ihres Gefährten. Das Abendeſſen iſt inzwiſchen geendet, und die Auvergnaten denken bereits an ihre Nachtruhe. „Meine Herren,“ wendet ſich Claude zu den Reiſenden,„gerne möchte ich euch Betten anbieten können; wir Leute aber ſchlafen ganz einfach auf Stroh, und ſonſt kann ich Ihnen auch nichts geben, als einige Ziegenfelle, die wir für den Winter auf⸗ bewahren.“ „Wir befinden uns ſo ſehr gut,“ ſagt Alfred; „überdies geht eine Nacht ſchnell vorbei!“ „Wenigſtens gebt mir die Ziegenfelle,“ ſagt Ro⸗ bineau, ein Geſicht ſchneidend,„wenn Ihr keine Betten habt, das iſt weicher, als Euer Stroh!“ „Ja, Herr, ich werde Alles machen.“ In einer Ecke der Hütte bereitet man ein Lager aus Ziegenfellen; Alfred und Eduard aber ziehen es vor, auf Stroh zu liegen, in welchem ſie ſich la⸗ chend umherwälzen, während ſich etwas weiter unten die drei jungen Auvergnaten auf das ihre werfen. * 339 Der Alte hat es ſeinen Kindern bereits nachgethan und ſich neben ſeinem Bock ausgeſtreckt. Das La⸗ ger von Claude und ſeiner Frau befindet ſich im andern Theil der Hütte, welchem eine Art Vorhang von grober Leinwand als Thüre dient. Ehe ſich aber Claude zu ſeiner Frau zurückzieht, bläst er die Lampe aus. „Warum löſcht Ihr denn das Licht?“ ruft Robi⸗ neau.—„O Herr! es wäre ſehr gefährlich, ein ſol⸗ ches brennen zu laſſen; wenn Feuer ausginge, wür⸗ den wir Alle zu Kohlen verbrannt.“ Bei dieſen Worten gießt der Landmann Waſſer auf die Ueberreſte des Feuers, um ſie vollends aus⸗ zulöſchen. „Habt Ihr wenigſtens die Thüre ſorgfältig ver⸗ ſchloſſen?“ Der Schäfer antwortet nicht mehr; ſchon liegt er bei ſeiner Frau, und bald verkündet langes Schnar⸗ chen, mit welchem ſich das des Alten und der drei Söhne vereint, daß die ganze Familie im tiefen Schlafe liegt. „Sie ſchlafen!... Wie glücklich ſie ſind!... dieſer Bauer gab mir keine Antwort hinſichtlich der Thüre.. überzeugen wir uns, ob wir in Sicherheit ſind?“ Robineau ſteht auf, tappt nach der Thüre, findet die Klinke, öffnet ſie, und gewahrt mit Schrecken, daß man von außen gleichfalls öffnen kann. „Wie unvorſichtig dieſe Bauern ſind!“ ruft er aus,„eine Thüre, die man von außen öffnen kann!.⸗ wir ſind ſicher, wie auf offener Landſtraße l... Holla l.. Herr Claude!... Kinder!.... Höret einmal, Groß⸗ papal... gebt doch Antwort...“ Bei dem Geſchrei und Lärm Robineau's wacht der Greis auf und ſagt:„Was haben Sie denn, Herr?“ „Wie! was ich habe? Ich finde es nicht zum Beſten, daß nicht einmal ein Riegel an Eurer Thüre iſt; der nächſte beſte Dieb kann hereinkommen und uns umbringen.“ „Ei! mein Herr, hier zu Lande gibt es keine Diebe!..„udem haben wir nichts, was man uns ſtehlen könnte...“ „Ah! Ihr.. Ihr denkt nur an Euch... Mir aber, Alter, wäre es nicht lieb, wenn man mir nur meinen Hut nähme.. Hört einmal!...“ Der Alte iſt wieder eingeſchlafen und Alfred ſagt zu Robineau:„Willſt Du die guten Leute ruhig ſchlafen laſſen!— Wie unvernünftig, ſo der Gnade der Vorübergehenden ausgeſetzt zu ſein!— Geht um dieſe Zeit Jemand vorüber?— Man kann nicht wiſſen... Kurz, ich will den Tiſch vor die Thüre rücken, immerhin ein kleines Widerſtandsmittel...“ Robineau tappt umher, findet den Tiſch, ſtellt ihn vor die Thüre, und legt ſich etwas beruhigter wieder auf die Ziegenfelle, wo er mit einem tiefen Seufzer ausruft:„Es war wohl der Mühe werth, ein Schloß zu kaufen... reich zu werden... meinen Onkel Gra⸗ tian zu beerben, um wie ein Indianer auf Thierfellen zu ſchlafen! Höre Alfred, Alfred!... Alfred.. liegſt Du gut auf Deinem Stroh?“ — 41 „Mein lieber Robineau,“ erwidert Alfred gäh⸗ nend,„die Neuheit der Lage hat ihren Reiz... es kommt mir ſehr drollig vor, auf Stroh zu ſchlafen!.⸗ nur Schade, daß ich nicht eine kleine Auvergnatin bei mir habe... weil... ah!“ „Weil, warum?... Nun, er iſt wieder einge⸗ ſchlafen... Hören Sie, Herr Eduard... ſchlafen Sie auch?.. Es ſcheint ſo; ſuchen wir ein Gleiches zu thun.“. Endlich gelingt es ihm. Ein glücklicher Traum umſchwebte neuen Burgherrn: endlich war er in ſeinem Schloſſe angelangt; man nannte ihn gnädiger Herr, bewillkommte ihn feſtlich— als ihn ein ziemlich ſchweres Gewicht, das ſeine Bruſt belaſtet, auf un⸗ angenehme Weiſe erweckte. „Wer iſt da?“ ruft Robineau, indem er ſich der auf ihm liegenden Maſſe zu entledigen ſucht. Aber man antwortet nichts, und er fühlt eine neue Laſt auf ſeiner Schulter. Ein kalter Schweiß rinnt ihm von der Stirne; er hat nicht mehr die Kraft zu ſchreien, und zitternd ſtottert er:„Wer... wer iſt da? Gnade... was wollen Sie von mir 2...“ Man gibt keine Antwort, bleibt unbeweglich, und fährt fort, auf Bruſt udd Schulter des Reiſenden zu laſten. So verſtreichen einige Minuten; Robineau vermag nicht zu ſchreien und wartet, daß man ihn wieder Herr ſeiner Bewegungen werden laſſe, indem er heiße Gebete zum Himmel ſchickt. Aber verwundert, daß man unbeweglich auf ihm liegen bleibt, erhebt er gemächlich den Kopf, um ſich loszumachen, als 42 ſein Geſicht einen langen Bart berührt, der ihm das⸗ ſelbe beinahe ganz bedeckt. Robineau ſtößt einen Schrei des Entſetzens aus, in der Meinung, er habe den Teufel auf ſich, und in ſeinem Schrecken wirft er ſich auf die Seite: nun findet er ſich des Gegenſtandes entledigt und ſpringt auf, mitten in die Hütte; allein 5 ihm ſcheint, er höre Tritte, und er iſt überzeugt, der Teufel verfolge ihn. In ſeinem Entſetzen lauft er auf gut Glück, geräth in die Leinwand, welche die Scheidewand ausmacht, verwickelt ſich in Stroh, fällt, hüllt ſich darein und bleibt unbelbeglich ſo lie⸗ gen, den Himmel um ſeinen Schutz anflehend. Inzwiſchen iſt es wieder ruhig geworden; Robi⸗ neau denkt, der Teufel habe ſeine Spur verloren und werde einen ſeiner Gefährten plagen; nachdem er eine Viertelſtunde unter dem Stroh geblieben war, wo er beinahe erſtickte, dreht er ſich etwas, um nach Luft zu ſchnappen. Im Umwenden findet ſich das Geſicht Robineau's wieder auf irgend etwas; diesmal gleicht es keinem Bart, denn es iſt ein dicker, fetter, weicher, ſehr greifbarer und mit einer ſanften Wärme begabter Gegenſtand. Robineau zieht ſeinen Kopf zurück und ſtreckt ſeine Hand vor, um ſich zu überzeugen, ob ſeine Vermuthungen gegründet ſind; in dieſem Augen⸗ blick jedoch dreht ſich die Perſon um, welcher der ſo wohlgeformte Gegenſtand angehört; hierauf umfängt ſie Robineau durch Ausſtrecken eines Armes und eines Beines; er iſt aufs Neue gefangen, und wagt nicht, ſich zu rühren.. 43³ Dieſesmal hat Robineau weniger Furcht, denn er erkannte, mit wem er es zu thun hatte; er fühlt ſehr wohl, daß Madame Claude auf ihm liegt und er fühlt lieber Madame Claude als den Teufel. Bleibt er indeß, ſo denkt er, werde ihn der Schäfer hier finden, und dieſer möchte nicht ſehr zufrieden damit ſein, ihn unter ſeiner Frau ſteckend zu erblicken; geht er, ſo fürchtet er wieder unter die Klauen des langbärtigen Weſens zu fallen; die Furcht vor dem Teufel iſt bei Robineau größer, als die vor dem Schäfer. Er entſchließt ſich bis zu Anbruch des Tages, einer Zeit, wo die Dämone nicht mehr gefährlich ſind, unter Madame Claude zu bleiben. Sich in einer ſolchen Stellung ruhig zu verhalten, war indeß ziemlich ſchwierig; Robineau ruft ſich un⸗ willkürlich ins Gedächtniß, daß die Auvergnatin, ob⸗ gleich etwas brünett, doch noch ſehr ſauber ſei; allein bei Nacht ſind alle Frauen weiß. Und Robineau ſtreckte immer unwillkürlich die Arme aus und ließ ſeine Hände Alles, was ihnen in den Weg kam, be⸗ fühlen; nach und nach verſchwand ſein Schrecken und ſeine Ideen wurden weit weniger düſter. Durch fortwährendes Befühlen weckte Robineau die Auvergnatin endlich auf; dieſe glaubt, ihr Mann kneipe ſie, und als Frau, die weiß, was das bedeuten will, gibt ſie ihm einen herzhaften Kuß; Robineau läßt ſich küſſen; er findet das hübſch; überdies will er die Auvergnatin nicht enttäuſchen, und deßhalb muß er die Rolle des Ehemanns ſpielen; das that er auch ſeit einigen Minuten, als der nämliche 1 44 Gegenſtand, der ihn von ſeinem Lager aufgeſcheucht hatte, auf dem Stroh hüpfend daherkam und über alle, die nicht ſchliefen, hinſprang. Robineau fühlt aufs Neue den langen Bart und ſchreit, in der Mei⸗ nung, der Teufel wolle ihn für ſeine ſchlechte Auf⸗ führung beſtrafen. Die Frau Claudens ſchreit gleich⸗ falls; ſie gewahrt, freilich etwas ſpät, daß ſie nicht ihren Mann küßte; der Schäfer wacht auf und ſchreit auch, denn er will wiſſen, mit wem ſeine Frau etwas hat. Dieſer Lärm weckt die übrigen Bewohner der Hütte auf. Alfred und Eduard ſtehen auf, um zu erfahren, was es gibt; der Alte findet noch etwas Feuer und zündet die Lampe wieder an. Die drei Jungens allein ſchnarchen fort. Mit dem Licht in der Hand erkundigt man ſich nach der Urſache des Geſchreis und erblickt den Ehe⸗ mann und ſeine Frau, wie ſie Robineau feſthalten, der ſich aufs Neue unter das Stroh verſtecken will, während der Bock über die ganze Geſellſchaft ohne Unterſchied wegſpringt. Robineau ſah mit beſtürzter Miene den Bock und den Schäfer an. Alfred und Eduard fangen an, über ſein Geſicht zu lachen, während der Alte ausruft: „Was habt ihr denn da drinnen?— Claudine weckte mich auf, indem ſie wie eine Beſeſſene ſchrie,“ ſagte der Schäfer. „Wahrlich! antwortete Claudine, ich ſchrie, weil ich etwas auf mir fühlte... d. h. Jemanden, und ich wollte wiſſen, wer es wäre.“ 45 „Warum ſind Sie denn da, ſo nahe bei meiner Frau? fuhr der Schäfer Robineau anz und was hat Sie bewogen, Ihre Ziegenfelle zu verlaſſen?“ „Meiner Treu, lieben Freunde, ſagte Robineau, unter ſeinem Stroh vollends hervorkriechend, ich weiß wahrhaftig nicht, wie es gekommen iſt... allein ich bin durch etwas aufgeweckt worden... habe einen langen Bart gefühlt... man hat die Füße auf mich geſetzt...“ „Ha! ha! ha! der Bock hat Dich aufgeweckt, Robineau, und ich wette, Du haſt ihn für den Teufel oder die kleine Zauberin gehalten!“ Robineau macht große Augen, ſieht den Bock an und ruft aus:„Wie, dies verfluchte Thier wäre es? .. ſo iſt's, wenn man in der Arche Noahs ſchläft!“ „Nun, nun, ſagt Claude, in dem Allem ſehe ich kein großes Uebel... Sie haben Furcht gehabt, und das iſt Alles!“ „Das iſt durchaus Alles,“ wiederholt Robineau, einen verſtohlenen Blick auf Claudinen werfend, welche ausruft:„Wahrlich! wegen ſolcher Kleinigkeit war es nicht der Mühe werth, das ganze Haus aufzu⸗ wecken. Doch, mein Herr, müſſen Sie ein ander Mal nicht ſo plötzlich auf uns fallen, weil... das überraſcht, ſehen Sie.“ Robineau bringt neue Entſchuldigungen vor und kehrt auf ſeine Ziegenfelle zurück, froh, ſo leichten Kaufs davon gekommen zu ſein; die Auvergnaten legen ſich wieder nieder, Alfred und Eduard gleich⸗ falls, unter Lachen über das Abenteuer mit dem Bock, und diesmal lacht Robineau mit. 46 Der übrige Theil der Nacht geht ohne weitern Unfall vorüber. Mit Anbruch des Tages iſt Alles auf den Beinen. Die jungen Leute nehmen eine Schale Milch an und machen ſich wieder zum Abmarſch bereit. Diesmal will ihnen Claude ſelbſt zum Führer dienen und das weiße Haus zeigen; denn beim hellen Tage fühlt er ſich ſtark genug, demſelben nahe zu kommen. Nachdem unſere drei Reiſenden die Auvergnaten für ihre Gaſtfreundſchaft belohnt haben, verlaſſen ſie alſo die Hütte, und Claudine wirft, als ſie Robineau grüßt, demſelben noch ein verſtohlenes Lächeln zu. Drittes Kapitel. Iſaura. Heiter ſchritten die drei Freunde vorwärts, den Aufgang der Sonne bewundernd, der ſich im Gebirge weit herrlicher ausnimmt, als aus einem Fenſter von Paris. Claude, als Führer, ging voran, und Robi⸗ neau, den die Gewißheit, nun bald ſein Schloß zu ſehen, glücklicher machte, rieb ſich die Hände und ſchien über gewiſſe, ſeinem Geiſt vorſchwebende Ge⸗ danken zu lächeln. Alfred und Eduard neckten ihren Gefährten über das Lächeln, das die Auvergnatin ihm beim Abſchied zugeworfen hatte; und ſich an die ſonderbare Stellung erinnernd, in der ſie ihn mitten in der Nacht gefunden hatten, leiteten ſie daraus gewiſſe Vermuthungen ab. Lächelnd und aufgeblaſen 47 war Robineau in ſeiner Vertheidigung, alsdann deu⸗ tete er auf den Schäfer und ſagte:„Seid doch ſtill, meine Herren, ich bitte euch... ihr werdet mich com⸗ promittiren!“ Plötzlich blieb der Hirte ſtehen, indem er ausrief: „Da iſt das weiße Haus!“ Man war auf dem Abhang eines Hügels, und von der Stelle, wo der Bergbewohner ſtehen geblieben war, einer Krümmung des Weges, überſah man ein freundliches, von Weingärten und Wieſen durchſchnit⸗ tenes und von Bäumen beſchattetes Thal, ein Ge⸗ mälde voll hübſcher Mannigfaltigkeit. Alfred und Eduard liefen auf den Landmann zu. Mitten im Thale erblickten ſie ein ſchönes, in moder⸗ nem Style erbautes Haus, nur zwei Stockwerke hoch und mit einer Manſardenwohnung verſehen; von der linken Seite des Hauſes erſtreckte ſich ziemlich weit⸗ hin eine Mauer, die dem Garten, der ſehr groß zu ſein ſchien, als Umzäunung diente. „Wie! dies iſt das verzauberte Haus? fragte Alfred den Hirten... aber wahrlich, es hat nichts Abſchreckendes... ſeine Lage iſt reizend; das Thal herrlich, und wenn ſich der Teufel da einquartirte, muß man geſtehen, daß er keinen ſchlechten Geſchmack hatte.“ Der Schäfer antwortet nicht, er begnügt ſich, mit angſtvoller Miene das Haus anzublicken, und Robi⸗ neau, der zurückgeblieben war, ruft aus:„Ich ſähe lieber den Schwarzenfels, als alle eure Bauern⸗ „barracken! 14 48 „Und wo iſt denn die Wohnung der jungen Iſaura? fragt Eduard.— Da unten... nach dem weißen Haus... Sehen Sie? rechts.— Ja, wahrhaftig... ein Landhaus von angenehmem Aeußern, mit hübſchen Bäumen umgeben; Blumenſtöcke an den Fenſtern!... Ah! das iſt die Wohnung der kleinen Zauberin!... Doch laßt uns vorwärts gehen, in das Thal hinab, in der Nähe werden wir Alles beſſer ſehen.“ Man ſteigt den Hügel vollends hinab; aber der Landmann geht nicht mehr voran, bleibt bei den Reiſenden, und dieſe gewahren, daß er einen Weg einſchlägt, der das Thal durchſchneidet, aber nicht hart am weißen Hauſe vorbeiführt. „Jetzt will ich den Führer machen, ſpricht Alfred, denn ich bemerke, braver Mann, daß Ihr uns von dem Ort entfernet, den wir zu ſehen wünſchen.“ „Ei! meine Herren, ich führe Sie auf die Straße nach Saint⸗Amand, und da muß man nicht hart am weißen Hauſe vorbei.“ „Der brave Claude hat Recht; denn mit dieſem Hauſe, in dem kein Menſch wohnt, haben wir nichts zu ſchaffen; wir wollen auf mein Schloß.“ „Und ich, ich ſage Dir, daß ich nicht durch dieſes Thal an dieſer famöſen Wohnung vorüber gehen will, ohne letztere näher zu beſehen. Komm, Eduard, rechts...“ Alfred und Eduard gehen mit ſtarken Schritten auf das weiße Haus zu; der Schäfer folgt ihnen ungewiſſen Schritts und Robineau beſchließt den Marſch, indem er ſeine Gefährten zu allen Teufeln wünſcht. — 49 Man langt endlich ganz nahe bei dieſem Hauſe an, von dem die Bergbewohner nur mit Grauen ſprechen. Claude bleibt zehn Schritte davon ſtehen, weil er keine Luſt hat, näher zu treten; Robineau hält ſich zu Claude und ſetzt ſich auf den Raſen, indem er ſagt:„Wohlan, meine Herren, befriedigt eure Neugierde... wiewohl ich nichts beſonders Merkwür⸗ diges an dieſem Hauſe ſehe!... Es war nicht der Mühe werth, darum einen Umweg zu machen... in Wahrheit, ihr führt euch auf wie Schulbuben.“ Ohne auf Robineau zu hören, ſind Alfred und Eduard dicht an das Haus getreten. Die Fenſter des untern Stocks ſind durch Läden, die des obern durch Jalouſien verſchloſſen. Neugierig betrachten die jungen Leute Alles aufs Genaueſte, und vor der Eingangs⸗ thüre, an welcher ein kleiner eiſerner Hammer ange⸗ bracht iſt, ruft Alfred aus:„Beim Henker, wir müſſen uns überzeugen, ob wirklich Niemand in dieſem hüb⸗ ſchen Hauſe iſt...“ Bei dieſen Worten ergreift er den Hammer und will pochen, als der Schäfer, der ihn nicht aus dem Geſicht verlor, mit Entſetzen ausruft:„Herr! Herr! klopfen Sie nicht!... ol thun Sie ſo etwas nicht!“ „Eil warum denn, mein Freund? verſetzt Alfred lachend: Iſt Niemand drinnen, was liegt daran, wenn ich klopfe? und im andern Fall werden wir den Eigenthümer kennen lernen, der Reiſenden dieſe kleine Indiskretion verzeihen wird.“ „Gleichviel! ſchreit Robineau dazwiſchen; es iſt ſehr unſchicklich, ſogar lächerlich und...“ Paul de Kock. XXIV. 4 50 Der 1 Robineau's wird von dem Schall des Hammers unterbrochen, den Alfred an der Thüre ertönen läßt. Bei dieſem Laut geht der Hirte voll Entſetzen noch weiter zurück; man ſieht, er iſt auf das Heraustreten grauenvoller Weſen gefaßt. Robi⸗ neau erblaßt und murmelt zwiſchen den Zähnen. Alfred und Eduard horchen; aber der Schlag hallt lange durch das Innere des Gebäudes und verliert ſich am Ende, ohne daß eine Antwort erfolgt wäre. „Niemand! ruft Eduard.— Verſuchen wir es nochmals,“ ſagt Alfred. Zwei neue Schläge, mit größerer Kraft geführt, folgen; gleiches Schweigen. „Ihr ſeht wohl, meine Herren, daß ihr euch umſonſt bemüht! ſagt Robineau aufſtehend; ſo könnt ihr bis morgen fortmachen, da Niemand drinnen iſt! — Oder Niemand antworten will,“ brummt der Landmann, der wieder etwas näher getreten war. „Schade! ſagt Alfred, ich hätte gewünſcht, es möchte eine Legion Teufel herauskommen, nur um zu ſehen, was für ein Geſicht der Burgherr vom Schwarzenfels gemacht hätte.“ „Mein Geſicht wäre ſich gleich geblieben, meine Herren, ich glaube nicht, wie ihr, an Ammenmähr⸗ chen; deßhalb ſehe ich auch die Nothwendigkeit nicht ein, an Thüren zu pochen, wenn ich weiß, daß Nie⸗ mand im Hauſe iſt!“ „Hm!.. Nachts um zwölf Uhr dürfte man nicht ſo klopfen! bemerkte der Schäfer, den Kopf ſchüt⸗ telnd. Ich ſtehe dafür, daß es nicht ſo gut abliefe! „Wohlan, ſagt Alfred, da wir nicht in das weiße 51 Haus können, wollen wir nach dem kleinsren gehen, dort ſind wir vielleicht glücklicher.“ „O! meine Herren, ihr werdet auch dort Nie⸗ mand finden, verſetzt Claude, denn um dieſe Zeit führt Iſaura ihre Ziegen immer zur Weide ins Gebirge!“ „Dann, ſagt Robineau, könnten wir es wohl bleiben laſſen, an alle Thüren zu klopfen!“ 3 Alfred und Eduard laſſen ihren Gefährten ſeine Betrachtungen an den Schäfer richten und gehen auf das Häuschen zu, das von ſchönen Bäumen und nied⸗ lichen Blumenbeeten umgeben iſt. „Neben der Hütte, in der wir dieſe Nacht ſchliefen, ſieht das wie ein Palaſt aus, ſagt Alfred, und dieſes Häuschen kann für das Schloß von Chadrat gelten.“ „Ja, dieſer Ort iſt reizend! ſagt Eduard, ſtehen bleibend und die ländliche Wohnung betrachtend. Die ſchönen Bäume, die Blumen, der Rafen!... ſieh, lieber Alfred, ich würde gerne mein Leben an dieſem Orte zubringen!“ „Ah! das Leben!... das iſt ſehr lang; aber acht Tage mit einer ſchönen Frau, da ſage ich nicht nein! Laß indeß ſehen, ob die Herrin des Hauſes der Vor⸗ ſtellung entſpricht, die ich mir von ihr mache.“. Die Thüre der Wohnung war verſchloſſen. Alfred pocht, ruft, ſieht zu den Fenſtern hinein, Niemand erſcheint. Drinnen vernimmt man jedoch Hundegebell. „Das Haus iſt wenigſtens bewacht, ſagt Alfred. — Was iſt das? ruft Robineau.— Der Hund Iſau⸗ rens, ſagt der Schäfer; ol... er hat ſeine Größe... 52 und ich bin ſicher, daß zwei Männer nicht mit ihm fertig werden!... Es iſt, wie man ſagt, ein... ein... warten Sie doch...— Ein Neufundlands⸗ hund!— Ja, Herr.. richtig.— Und wie kommt es, daß das junge Mädchen einen Hund von einer hier zu Land ſo ſeltenen Race hat?— Ah, Herr, das iſt auch noch eins von den Geheimniſſen, welche beweiſen, daß etwas dahinter ſteckt... Iſaura hat dieſen Hund ſeit dem Tod der Wittwe André; auf die Frage woher, ſagte ſie, es ſei das Geſchenk eines Reiſenden, den ſie gaſtfreundlich bewirthet hatte... ich frage Sie: iſt es wahrſcheinlich, daß ein Rei⸗ ſender ſeinen treuen Begleiter herſchenkt?— Nein, das läßt ſich nicht vermuthen,“ ſagt Robineau. „Wißt Ihr, wie der Hund heißt? fragt Eduard den Hirten.— Ja, Herr; da er manchmal mit ſeiner Herrin geht, ſo hört man dieſe ziemlich oft Vaillant rufen.“„ Eduard tritt der Thüre wieder näher und klopft leicht an, wobei er den Namen Vaillant ausſpricht. Der Hund ſäumt nicht, zu antworten; diesmal aber iſt ſein Bellen weniger ſtark; er ſcheint eher zu fragen, was man wolle, als die Fremden zu bedrohen. Die beiden Freunde hören dem Hunde mit In⸗ jereſſe und der Schäfer mit Aufmerkſamkeit zu; Ro⸗ bineau aber, der ungeduldig hin und her lief, ſtampfte zornig auf den Boden und rief:„Ich weiß nicht, meine Herren, ob ihr in die Auvergne gekommen ſeid, um euch mit den Hunden zu unterhalten und an alle Thüren zu klopfen; was mich betrifft, ich habe 53 andere Abſichten und die Ehre, mich euch zu empfeh⸗ len, wenn ihr euch nicht mit mir auf den Weg be⸗ geben wollt.“ „Nun, beruhige Dich, Robineau, wir wollen weiter gehen. Ich geſtehe indeß, daß ich das kleine Mädchen gerne geſehen hätte.— Und ich auch! ſagt Eduard. Da ſie aber nicht zu Hauſe iſt und Du nicht mehr die Kraft in Dir fühlſt, eine Runde im Gebirge zu machen, ſo wolleu wir Dir folgen, in der Vorausſetzung, die kleine Hexe ein andermal ohne „Dich zu beſuchen und...“ „Da iſt ſie!... da iſt ſie!...“ ruft in dieſem Augenblick der Schäfer aus, mit dem Finger nach dem Berge deutend. Die jungen Leute richten als⸗ bald ihre Augen nach dieſer Seite und erblicken ein junges Mädchen, das, Ziegen vor ſich hertreibend, eiligſt in das Thal herabſtieg. Alfred und Eduard bleiben unbeweglich und folgen ihr mit den Augen; ihr Gang iſt leicht und lebhaft; bald läuft ſie hinter ihren Ziegen her, bald kehrt ſie ſich um, eine zu rufen; kommt ſie einen ſteilen Ab⸗ hang herab, ſo ſcheinen ihre Füße den Boden kaum zu berühren, und ſpielend hüpft ſie über tiefe Klüfte. Endlich iſt ſie im Thal und man vermag ihre Züge beſſer zu unterſcheiden: ihre großen, etwas dunkel⸗ blauen Augen werden von langen ſchwarzen Wim⸗ pern beſchattet, und ihre oft halbgeſenkten Augen⸗ lieder vermehren noch das Sanfte ihres Blicks, deſſen Ausdruck naiv und zärtlich zugleich iſt. Ihre Naſe iſt klein und wohlgeformt; der etwas große Mund 54 zeigt, wenn ſie lächelt, die ſchönſten weißen Zähne; dicke blonde Locken, mit Geſchmack und größerer Sorg⸗ falt, als bei den Bergbewohnerinnen üblich iſt, geord⸗ net, umſpielen ihre Stirn; die Geſichtsfarbe endlich iſt von der Sonne nur leicht gebräunt, da ein großer Strohhut ſie vor derſelben ſchützt. Ihre Taille, mitt⸗ lerer Größe, iſt ſchlank und wohlgeformt, der Fuß * klein, die Hand fein und zart. Ein braunes Röckchen, ein Mieder von gleichem Stoffe, eine kleine, roth und weiße Schürze bildeten ihren ganzen Putz; aber in ihrer Art, ſich zu tragen, liegt eine Anmuth, die mit dem plumpen und unbeholfenen Weſen der Auver⸗ gnaten nicht in Einklang ſteht. „Sie iſt reizend!“ ruft Alfred. Eduard ſagt nichts, aber ſeine Augen folgen jeder Bewegung Iſaurens. „Ja, bemerkt Robineau, für eine Bäurin iſt ſie „ziemlich hübſch.“ Die kleine Hirtin näherte ſich ſchnell ihrer Woh⸗ nung. Bald bleibt ſie überraſcht ſtehen und macht eine Bewegung, welche anzeigt, daß ſie die Fremden erblickt hat. Aber ſie ſetzt ihren Weg fort und kommt heiter auf ſie zu; Alfred und Eduard gingen ihr einige Schritte entgegen. „Habt ihr an meine Thüre geklopft? fragt das Mädchen mit ſanfter Stimme, ſich vor den Reiſenden verbeugend.— Ja, mein ſchönes Kind, verſetzt Alfred. — Ich hatte mich nicht getäuſcht!... ich hörte Vail⸗ lant! Ol der benachrichtigt mich ſchnell, wenn Jemand zu mir kommen will!. Aber Sie wollen — 8 —, 5⁵ ohne Zweifel ausruhen... Erfriſchungen einnehmen? ... Kommen Sie, ich mache Ihnen auf, meine Herren! — Sie ſind zu gütig! ſagt Eduard; aber es thut uns leid, Ihre Rückkehr veranlaßt zu haben..— Warum das 2... habe ich nicht Zeit genug, meine Ziegen ſpazieren zu führen? und iſt es nicht ein Vergnügen, Reiſenden nützlich ſein zu können?“ Bei dieſen Worten öffnete das junge Mädchen die Thüre ihrer Wohnung.— „Freund, ſie iſt hübſch zum Malen, ſagt Alfred leiſe zu Eduard.— Ja, Alles an ihr entzückt und nimmt für ſie ein!...— Wie dumm müſſen dieſe Bergbewohner ſein, um ſich vor einem ſo liebens⸗ würdigen Kinde zu fürchten?... Was mich betrifft, ich würde gerne mit ihr des Teufels ſein!“ „Nun, meine Herren, werdet ihr auch da wieder eintreten?“ fragt Robineau, ihnen näher tretend. „Ach! mein lieber Robineau, Du wirſt zugeben, daß wir die Einladung dieſes liebenswürdigen Kindes nicht ausſchlagen können... überdies haben wir dieſen Morgen nichts als Milch genoſſen, und es ſcheint mir, daß uns einiges Obſt gar nicht übel bekommen würde.— Aber auf meinem Schloß könnt ihr Ge⸗ flügel haben und.— Ich bin überzeugt, daß es Gänſe und Truthühner auf Deinem Schloſſe gibt, inzwiſchen aber, bis wir uns ihrer Geſellſchaft er⸗ freuen, wollen wir mit dieſem hübſchen Mädchen Bekanntſchaft machen. Komm, Robineau, dieſe Ge⸗ fälligkeit noch, es wird die letzte ſein.— Ach Gott, wie viele Gefälligkeiten habe ich ſeit geſtern gehabt! 0 56 Ihr laßt mich mein Schloß theuer erkaufen.— Herr Julius, ich werde Ihnen ein Einweihungsgedicht machen.— Nun, weil ihr es wollt, können wir einen Augenblick bei der Kleinen eintreten... nehmt euch aber beſonders vor dem Hund in Acht.“ Iſaura hat die Thüre geöffnet. Ein ſchöner Hund mit langem, weißem Seidenhaar bewillkommt ſie und ſchnuffelt dann an jedem Reiſenden herum: eine Cere⸗ monie, die Robineau gar nicht gefällt. Als ſie eben einzutreten im Begriff ſind, wendet ſich Alfred um, und ruft aus:„Ei! unſer Führer!.. ich ſehe ihn nicht mehr.“ Derſelbe hatte ſich davon gemacht, ſobald er die Kleine näher kommen ſah. „Es ſcheint, er hat uns im Stich gelaſſen, ſagte Eduard.— Wieder ein Aufenthalt! murmelt Robi⸗ neau.— Wir werden ohne ihn den Weg finden und ich ſtehe Dir dafür, daß wir, ehe zwei Stunden vergehen, in Deinem Hauſe ſind. Unterdeſſen treten wir bei der kleinen Zauberin ein, deren hübſche Augen mir bereits den Kopf verrückt haben.“ Die jungen Leute treten in ein niedriges Gemach, deſſen Möbel geringer Gattung, aber äußerſt reinlich ſind. Hinten ſieht man einen kleinen Hof, der zum Garten führt. „Wollt ihr etwa meinen Garten beſuchen, meine Herren, während ich das Frühſtück bereite?— Gerne, ſagt Alfred.— Auf, Vaillant, führe die Herren in den Garten!..“ Vaillant verſteht die Zeichen ſeiner Herrin und 57 geht voran; die jungen Leute folgen und Robineau ſagt vor ſich hin:„Es ſcheint, der Hund macht hier die Honneurs des Hauſes.“ Man geht durch den Hof, worin Hühner und Tauben ſind, worauf Vaillant die Reiſenden in einen kleinen, mit Geſchmack geordneten Garten, in welchem man Obſt, Gemüſe und Blumen auf die niedlichſte Weiſe vermiſcht findet, herumführt. Der Hund geht vor ihnen her, bleiben ſie ſtehen, macht er es ebenſo und wendet den Kopf nach ihnen; ſo geht es durch alle Kreuz⸗ und Quergänge des Gartens und am Ende führt er ſie wieder gegen das Haus zurück. „Der Hund iſt zum Erſtaunen merkwürdig, ſagt Eduard, ein Bauer hätte uns nicht beſſer fuhren können.— Er iſt prächtig! verſetzt Alfred, ein wirk⸗ licher Neufundländer... er ſcheint noch jung; ich wette, man findet Seinesgleichen im ganzen Lande nicht; er iſt mehr als ſechshundert Franken werth!“ „Ihr werdet zugeben, meine Herren, ſagt Robi⸗ neau, daß es zum Verwundern iſt, ein ſo ſchönes Thier bei einer Bäuerin zu finden;... ich bin der Anſicht des Schäfers, es iſt ganz außerordentlich, daß ein Reiſender ihn hergeſchenkt habe... wenig⸗ ſtens, wenn nicht die Kleine, welche hübſch iſt, ihm gleichfalls das Koſtbarſte gewährt hat, was ſie beſaß.“ „Ah! Herr Robineau! welcher Gedanke!... ruft Eduard voll Aerger aus. Augenblicklich das Schlechte vorausſetzen!... die Tugend dieſes Kindes beflecken 17 In dieſem Augenblick erſcheint Iſaura an der Thüre des untern Zimmers und ſagt zu den jungen Leuten: 58 „Meine Herren, wenn Sie frühſtücken wollen... Alles iſt bereit.“ Man kehrt in's Haus zurück und ſetzt ſich an einen Tiſch, auf dem Obſt, Milchſpeiſen und Butter aufge⸗ tragen und mit einem Geſchmack und einer Sauber⸗ keit geordnet waren, die das Auge ergötzen. „Nun, das iſt appetitlicher als die Suppe der Einwohner von Chadrat! ſagt Alfred, als er mit ſeinen Gefährten Platz nahm.“ „Sie ſetzen ſich nicht zu uns?“ ſagt Eduard zu Iſauren. „Nein, mein Herr, ich habe ſchon gefrühſtückt; ich werde aber hier bleiben, Sie zu bedienen, wenn Ihnen etwas fehlen ſollte.“ Bei dieſen Worten ſetzte ſich Iſaura nicht weit von ihnen und nahm eine Näharbeit zur Hand. Als⸗ bald legt ſich Vaillant vor ſeine Gebieterin, die Au⸗ gen gegen die Reiſenden gewandt, welche er keinen Augenblick aus dem Geſichte verliert, wie eine vor einem wichtigen Poſten aufgeſtellte Schildwache, die ſich beſtändig darauf gefaßt macht, ihn bei einem Angriff zu vertheidigen. Während des Eſſens blicken die jungen Leute häufig nach dem Mädchen. In den Zügen Iſaurens lag ein Ausdruck von Sanftmuth, Gefühl, welchem ihr Blick voll Unſchuld und Offenheit einen unnennbaren Reiz verlieh. 4 „Sie bewohnen dieſes Haus allein? fragt ſ ſie Eduard.— Ja, Herr, allein.. ſeit vor drei Jahren meine gute Mutter geſtorben iſt.“ — 5 59 „Die Wittwe Andre war Ihre Mutter?“ „Sie vertrat ihre Stelle, denn ich habe meine Eltern nie gekannt; ſie ſind ſchon lange todt; der gute Andreé aber und ſeine Frau hatten mich an Kin⸗ desſtatt angenommen... Als er ſtarb, war ich noch ſehr klein,... aber ſeine Frau... habe ich erſt vor drei Jahren verloren und ich denke täglich an ſie.“ Die Stimme des jungen Mädchens war bewegt, ſie beugte den Kopf auf ihre Arbeit nieder; die Rei⸗ ſenden blickten ſie an und ſahen einige Thränen ihren ſchönen Augen entgleiten. Vaillant hatte die in der Stimme ſeiner Herrin vorgegangene Veränderung wahrgenommen; er ſpitzt die Ohren, richtet ſich auf, blickt Iſaura an; dann die Augen wieder auf die Fremden werfend, läßt er ein dumpfes Murren hören, wie um Rechenſchaft von ihnen zu verlangen für die Thränen des jungen Mädchens; dieſe aber fährt als⸗ bald mit der Hand über ihn hin, liebkost ihn, ſchmeichelt ihm, und der Hund wird wieder ruhig unnd legt ſich zu ihren Füßen nieder. „Verzeihen Sie, daß wir durch unſere Fragen Ihren Kummer erneuert haben! ſagt Alfred, Rei⸗ ſende ſind aber neugierig; und wahrlich, Sie ſind ſo hübſch!... aber Sie müſſen ſich in Ihrer Ein⸗ ſamkeit langweilen?“ „Langweilen! o! nein, mein Herr!... ich habe keine Zeit dazu!... ich habe ſo viel zu thun!... mein Garten will Pflege... und dann, habe ich nicht Geſellſchaft? mein Hund, meine Hühner, meine Zie⸗ gen, meine Kuh.“ 60 „Sie nennt das Geſellſchaft!“ ſagt Robineau lächelnd; hierauf ſich an Iſauren wendend:„Sie müſſen ſich aber hier fürchten?“ „Fürchten! nein, Herr; in unſern Bergen gibt es keine Diebe; und habe ich nicht überdies, wenn mir auch Jemand Böſes zufügen wollte, meinen treuen Vaillant? o! er würde mich gut vertheidigen!“ „Gewiß, ich möchte mich nicht mit ihm meſſen,“ ſagt Robineau. „Ja, ſagt Alfred, Sie haben da einen präch⸗ tigen Hund, von einer koſtbaren Race..“ „Haben Sie ihn theuer bezahlt?“ fragte Robi⸗ neau, mit ironiſchem Lächeln. Die Kleine ſchweigt eine Weile, ſchlägt die Augen nieder; endlich ſagt ſie:„Man hat ihn mir geſchenkt... er hat mich nichts gekoſtet. Derjenige, der ihn mir gab, ſagte, er könne mir keinen treuern Wächter geben.“ „An ſeiner Stelle, bemerkt Eduard, hätte ich es eben ſo gemacht. Ihre Lage war nicht ohne Gefahr .. und die Treue mußte die Schutzwache der Unſchuld und Schönheit ſein.“ Iſaura erhebt die Augen zu Eduard, und ſcheint ihm durch ein Lächeln zu danken, während Robineau den Kopf ſchüttelt, und ſich mit Brod und Butter vollſtopft. „Aber, ſagt Alfred, Sie wohnen bei einem Orte, gegen den alle Wachſamkeit Vaillant's zu Schanden werden könnte, wenigſtens wenn man den in der Gegend gehenden Gerüchten Glauben ſchenken darf.“ „Ach! Sie meinen das Nachbarhaus? ſagte Iſaura * — 61 lächelnd, wo die Bergbewohner behaupten, daß Geiſter erſcheinen!“. „Richtig. Jagen Ihnen dieſe Geiſter keine Furcht ein?“ „O! nein, Herr; ich weiß wohl, daß es nur Mährchen ſind. Zur Zeit meiner guten Mutter ſagten uns die Bergbewohner öfters, wir ſollten das ge⸗ fährliche Thal fliehen,... aber das machte uns lachen... Wir wußten wohl, daß keine Gefahr vor⸗ handen war.. denn es iſt uns nie etwas zugeſtoßen.“ „Und Sie ſehen bei Nacht nicht zuweilen Lichter in dem weißen Haus? ſagt Robineau... Sie hören kein Geräuſch... erblicken kein ſchwarzes Geſpenſt?“ Ein ſchalkhaftes Lächeln irrte über die Lippen des jungen Mädchens, welche erwidert:„Ich habe nie etwas Außerordentliches geſehen, mein Herr.“ „Meiner Treu, rief Alfred, wir wollten uns überzeugen, ob das Haus in der That unbewohnt ſei, und ehe wir zu Ihnen kamen, haben wir dort unten geklopft, zum großen Aergerniß des Landmanns, der uns begleitete.“ 3 „Sie haben am weißen Haus geklopft? fragt Iſaura haſtig, und... man hat Ihnen keine Antwort gegeben?“ „Nein! ohne Zweifel, weil Niemand darin iſt.“ Die Kleine ſcheint eine heimliche Gemüthsbe⸗ wegung zu empfinden; aber ſie faßt ſich und er⸗ widert:„Ol ſicher... Ihr Klopfen war ganz ver⸗ geblich.“ Cduard blickt Iſaura aufmerkſam an, und ſucht 62 in ihren Augen zu leſen, als Robineau aufſteht und ruft:„Meine Herren, hoffentlich haben Sie genug gegeſſen, es iſt nun Zeit, uns wieder auf den Weg zu machen.“ Alfred und Eduard ſtehen zu ihrem Leidweſen auf, aber ſie fühlen wohl, daß jetzt der Augenblick nicht iſt, ſich länger zu verweilen. Alfred zieht ſeine Börſe und will ein Geldſtück herauslangen, als ihn die Kleine daran verhindert, indem ſie ſagt:„Sie ſind mir nichts ſchuldig, meine Herren; nie haben meine Pflegeltern von den Fremden, die ſich in ihrer Woh⸗ nung aufhielten, Geld angenommen, und ich würde glauben, ihr Gedächtniß zu entehren, wenn ich nicht ſtets handelte, wie ſie.“ „Wohlan, liebenswürdiges Kind, ſagt Alfred, man muß Ihnen gehorchen; ich werde jedoch dieſe Gegend für einige Zeit bewohnen und ſage Ihnen zum Voraus, daß ich mich wieder zum Frühſtück einlade.“ „So oft es Ihnen Vergnügen macht, Herr,“ ver⸗ ſetzt Iſaura mit einer kleinen Verbeugung, während der junge Mann ihre Hand faſſen wollte, die ſie jedoch unter freundlichem Lächeln ſchnell zurückzog.— Robineau iſt ſchon aus dem Häuschen getreten, Eduard wartet, bis es Alfred eben ſo macht. Er ſagt kein Wort zu Iſauren, aber ſeine Augen ruhen lange auf ihr und nur mit Mühe kann er ſie abwenden. — — — — 63 Viertes Kapitel. Robineau's Einzug auf ſeinen Beſitzungen. Man ſchlug die Straße wieder ein, welcher der Schäfer folgen wollte, und die nach Saint⸗Amand führen ſoll. Diesmal marſchirt Robineau voraus; er treibt ſeine Gefährten an, lauft, kommt hierauf wieder zu ihnen zurück. Alfred und Eduard ſprechen keine Silbe; auf die Manöver Robineau's geben ſie wenig Acht; ſie denken an Iſaura; die Erinnerung an die junge Ziegenhirtin läßt ſie den Zweck ihrer Reiſe vergeſſen. Endlich ruft Alfred aus:„Sie iſt wahrhaftig reizend! und nie hätte ich geglaubt, daß man in dieſen Bergen... in einer Hütte ſo viel Anmuth!.. ſo viel Reize fände! Der Schäfer hatte wohl Recht, ſie gleicht den andern Auvergna⸗ tinnen, die wir bis jetzt geſehen haben, nicht;... und doch war die, mit der ich in Ayda tanzte, nicht übel;.. aber plump, linkiſch!. O! ein wirk⸗ liches Gebirgsmädchen; wogegen dieſe Kleine... Biſt Du nicht meiner Anſicht, Eduard?“ „Ja.. die Kleine iſt gar nicht übel...“ „Gar nicht übel!... O! für einen Dichter ſagſt Du das verdammt kalt! Sage lieber, ſie ſei anbe⸗ tungswürdig, hinreißend!... ah ſie in Paris Alles toll machen würde!“ Eduard gibt keine Antwort mehr, aber der En⸗ thuſiasmus Alfreds ſcheint ihn zu ärgern. Man ſchritt über Khnr⸗, mit Weinſtöcken bepflanzte 64 Hügel hin; die Landſchaft war entzückend, überall nur Felder, Wieſen, Weingärten. Bald ſahen ſie ein Städtchen in der herrlichſten Lage vor ſich, an welchem ſich ein kleiner Fluß hinſchlängelte. Bauern belehrten ſie, daß ſie ſich vor Saint⸗Amand befinden. „Und der Schwarzenfels?“ fragt Robineau. „O! der iſt nicht ſehr weit; man darf aber Saint⸗Amand nicht paſſiren; hier hinauf über Saint⸗ . Sie finden es leicht.“ „Nun, ſagt Robineau, ich ſehe, daß meine Do⸗ maine hier bekannt iſt; vorwärts, meine Herren.— Aber, Robineau, Du rennſt wie ein Hirſch! laß uns doch nur zu Athem kommen!— Ich werde nicht zu Athem kommen, bis ich nicht in meinem Schloß bin!“ Und Robineau lauft weiter, obgleich ihm der Schweiß von der Stirne rinnt, und er roth iſt, wie ein geſottener Krebs. Nach einem weiteren Marſch von einer Viertelſtunde treffen die jungen Leute auf zwei Bauerknaben, die einen Eſel vor ſich her treiben. „Wohin, meine Freunde? fragt Robineau.— Nach Haus, Herr.— Und wo ſeid ihr zu Haus? — Eine halbe Stunde von hier, beim Schloß Schwar⸗ zenfels.“ „Beim Schwarzenfels! ruft Robineau, außer ſich vor Freude, aus. Das ſind zwei von meinen Va⸗ ſallen.“ „Deine Vaſallen ſind etwas ſöenubis. bemerkt Alfred.— Hal ich glaube! Morgens... Ich finde ſie aber zun Entzüſen... Höret, meine e Kleinen Lie⸗ besengel!..“ . 3 65 Die beiden Bauernknaben, die nicht denken, daß ſie es ſeien, welche man Liebesengel nennt, treiben ihren Eſel immer voran; Robineau aber holt ſie ein, und hält ſie auf.„Hört einmal, Kinder! ihr wohnt beim Schwarzenfels?— Ja, Herr.— Demnach kennt ihr das Schloß?— Ja, Herr.— Iſt das Schloß ſchön?— Ja freilich, Herr, ſehr ſchön!... wie ein Gefängniß!... Mit Thürmen! vergitterten Fen⸗ ſtern!... Alfred lacht laut auf; Robineau aber fährt in ſeinem Geſpräch fort:„Meine Freunde, ihr möget wiſſen, ich bin der Herr, der Beſitzer dieſes präch⸗ tigen Schloſſes...“ Die Bauernbuben blicken ihn mit einfältiger Miene an und Alfred ſagt lachend:„Sonderbar, das macht gar keinen Eindruck auf ſie.“ „Meine Kinder, fährt Robineau fort, ihr habt ohne Zweifel nicht verſtanden, was ich ſagte, daß ich der Beſitzer vom Schwarzenfels bin?— Ja, wir verſtehen wohl... Man erwartete Sie aber geſtern Abend, Herr.— Man erwartete mich!... Sehen Sie, meine Herren, man erwartete mich, ich wußte es!... Die armen Kinder, ihr hattet mir ohne Zweifel ein Feſt bereitet?— Ahl das weiß ich nicht; aber geſtern kam ein Herr zu uns und ſchrie, ſein Gebieter werde anlangen, und man müſſe tanzen, ſich beluſtigen, weil er uns gut bewirthen wolle. Da vin ich und mein Bruder vor das Schloß gegangen und haben den Dudelſack geblaſen und auf den ge⸗ wartet, der uns bewirthen ſollte; aber Niemand iſt Paul de Kock. XXIV. 5 gekommen, ſo daß unſer Vater, der zornig war, weil wir aufs Schloß gegangen ſind, uns kein Nacht⸗ eſſen gab, und ſagte, er wolle uns lehren, ſolche Dummheiten zu glauben.“ „Heute ſollt ihr zweimal zu Nacht eſſen, ich ver⸗ ſpreche es euch! ihr müßt mir aber einen Gefallen thun. Lauft voraus, ihr ſeid nicht müde, werdet vor uns aufs Schloß kommen, dort fragt nach Franz, meinem Kammerdiener... und ſaget ihm, ich treffe bald ein. Geht... laßt mir euren Eſel... Ich ſetze mich darauf, das vertreibt mir die Zeit ein wenig. Zwar iſt es kein ſehr nobles Reitpferd, wenn man aber vierundzwanzig Stunden auf den Beinen iſt, nimmt man, was man erwiſcht. Geht!“ Die Bauernbuben ſehen einander an, und gehen nicht von der Stelle.„Habt ihr mich nicht verſtan⸗ den?“ fährt Robineau fort. „Doch, Herr; wir können Ihnen aber unſern Eſel nicht nur ſo mir nichts dir nichts überlaſſen!... Sie dürften nur damit fortgehen, und man ſähe Sie nicht wieder!..“ „Wie, kleine Schlingel! ihr haltet euern Lehns⸗ herrn für einen Dieb?“ „Höre, Robineau, ſagt Alfred, dieſe Kinder haben Recht, daß ſie Dir ihren Eſel nicht ſo geradezu über⸗ laſſen; allein Du verſtehſt gar nicht, den Herrn zu ſpielen; meinſt Du, es handle ſich nur darum, zu ſagen: Ich bin's... Beweiſe es doch: ziehe Deinen Beutel, damit macht man ſich ſtets kenntlich.“ „Ha! das iſt wahr! ich dachte nicht daran, rief 67 Robineau aus; und alsbald zieht er einen Fünffran⸗ kenthaler aus ſeinem Beutel, den er einem der Knaben gibt. Der Anblick der klingenden Münze macht weit mehr Eindruck auf ſie, als alle möglichen Titel. Der Aeltere willigt ein, voraus aufs Schloß zu laufen, und der Kleine tritt Robineau den Eſel unter der Bedingung ab, ſelbſt hinterherzugehen und ihn an⸗ zutreiben. Der Eſel iſt groß und ſtark, hat aber weder Sattel noch Zaum, doch ſetzt ſich Robineau hinauf, hält ſich an der Mähne und bittet den Kleinen, ihn nicht zu ſehr anzutreiben. Alfred behauptet, er hätte kein ſchöneres Thier finden können, um ſeinen Einzug ins Schloß zu halten.. „Sicherlich, ſagt Robineau, werde ich nicht auf dem Eſel bleiben, in mein Schloß einzuziehen;... bis dahin aber iſt es mir nicht unlieb, denſelben zu benützen... Ihr habt mich ſeit geſtern genug auf den Beinen erhalten, meine Herren... Kleiner, treibe den Eſel nicht ſo... Laß ihn ruhig, ich habe nicht mehr ſo große Eile... Es iſt gut, wenn Dein Bru⸗ der eine Weile vor uns oben iſt.“ Der Kleine entfernt ſich nun vom Eſel und läßt ihn nach dem Willen ſeines Reiters gehen. Alfred und Eduard können nicht umhin, zu lächeln, ſo oft ſie Robineau anſehen, der ihnen von Zeit zu Zeit zuruft:„Meine Herren! wir nähern uns meinem Schloſſe 1... ich fühl's an den Schlägen meines Her⸗ zens!“ Eine Weile ſpäter ruft er, ſein Taſchentuch herausziehend und ſich die Augen trocknend, aus: 68 „Meine Herren!... meine Herren!... ich glaube, ich. ſehe es!... Mein Schloß!... Sehen Sie dort... auf jenem Hügel... Kleiner, iſt das mein Schloß? — Ja, Herr, das iſt der Schwarzenfels.— Ach! meine Herren, welch Vergnügen 1... Sehen Sie, ein Thurm!... zwei l... Wälle!... Kleiner, halte den Eſel ein wenig an... Meine Freunde, wartet... die Freude... die Rührung... ich glaube, ich falle in Ohnmacht...“ Man umgibt Robineau, dem es übel werden will. Endlich bindet er ſein Halstuch lockerer, nimmt eine Priſe Tabak, und kommt wieder ſo weit zu ſich, daß er aufs Neue nach ſeiner Beſitzung ſehen kann, wobei er ausruft:„Ach! meine Herren! das drückt!... es macht Freude... Gott! wie groß erſcheint es mir!... wie ſchön!... welch edles Ausſehen!“ 4 „Es kommt mir vor, wie eine alte Ruine,“ ſagte Alfred.—„Es erinnert mich an die Romane von Anna Radeliff,“ bemerkte Eduard.—„O!l meine Herren, welche Ausdehnung! wie viele Fenſter... Gott! wie viele Fenſter!“ „So viel ich ſehen kann, ſind keine Scheiben mehr in all den Fenſtern.— Vielleicht war das ehemals 5 nicht Mode... Ueberdem hat man mir vorher geſagt, daß einige kleine Ausbeſſerungen nöthig ſeien... doch vorwärts, vorwärts; ich kann nicht mehr bleiben; es ſcheint mir, als ſtrecke mein Schloß die Arme nach mir aus.. Ach! beſonders hier nichts mehr von Robineau, ich bitte Euch; auf dieſen Namen gebe ich⸗ keine Antwort mehr. Ei! Kleiner! treibe Deinen —— 69 Eſel etwas beſſer, damit wir bälder auf den Gras⸗ platz dort kommen.“ Der Kleine gibt ſeinem Eſel einen Hieb mit der Gerte; dieſer, die Nähe ſeines Stalles witternd, iſt froh, daß er ſich in Trab ſetzen darf. Robineau, über ſeinen ſchnellen Gang anfangs erſchreckt, läßt ihn indeß traben, denn das Vergnügen über die Nähe ſeines Schloſſes gibt ihm den Muth, ſich zu halten. Vor dem Schloſſe iſt ein Grasplatz, wo man rechts und links einige ziemlich hübſche Hütten und Häus⸗ chen erblickt. Bald iſt man nahe genug bei dem Schwarzenfels, um mehre Perſonen zu unterſcheiden, die am Eingang des Schloſſes Wache zu ſtehen ſchei⸗ nen. Franz iſt es, der, durch den Bauernbuben be⸗ nachrichtigt, Alles verſammelt hat, was er in der Eile auftreiben konnte. Die Zahl der Neugierigen, die ihre Arbeit verlaſſen wollten, um die Ankunft des neuen Schloßherrn zu ſehen, iſt nicht groß, ſie be⸗ ſchränkt ſich auf drei Bauern und fünf Bäuerinnen, an welche ſich Herr Gaul, ein alter Thierarzt, der die Praxis des Schloſſes zu erhalten hofft, und Herr Ferulus, der eine Erziehungsanſtalt in der Gegend hat und darauf zählt, der Hofmeiſter der Kinder des Neuangekommenen zu werden, angeſchloſſen haben. Zu dieſen zehn Perſonen kommen noch etwa zwanzig Kinder, die Franz leicht zuſammen brachte, da es hieran auf dem Lande nie fehlt, und die der Kam⸗ merdiener alle mit Rohrpfeifen verſehen hat. Franz wünſchte, die Bauern möchten ſeinen Gebieter mit Gewehrſalven empfangen; aber weder auf dem 70 Schloß, noch in der Gegend konnte man taugliche. Flinten auftreiben. Dafür tanzten die Auvergnaten nach ihren Dudelſäcken; Herr Gaul hat ſeine Trom⸗ mel ergriffen, auf der er ſehr fertig iſt, und auf allen Kirchweihfeſten der Gegend ſpielt; Herr Ferulus endlich, der kein Inſtrument ſpielt, und ſingt, als ob er von der Oper gejagt worden wäre, componirte eigens einen Chor, den er aber allein wird ſingen müſſen, da die Bäuerinnen nicht von der Melodie ihrer Tänze abzubringen ſind. Franz hat den Thürhüter und den Gärtner an die Fenſter ihrer Wohnungen poſtirt, welche auf die Straße gehen; ſie ſollen ihn augenblicklich benach⸗ richtigen, wenn ſie Jemand wahrnehmen, damit er das verabredete Zeichen geben kann. Endlich ſchreit der Thürhüter, wie gewöhnlich betrunken, diesmal aber noch mehr, als gewöhnlich, da er ſeinen Ge⸗ bieter würdig empfangen will:„Da kommt Je⸗ mand!.. erſtlich ein Eſel!...“ „Das iſt der gnädige Herr! ſagt Franz, auf, meine Freunde, auf, alle zuſammen, und ſo viel Lärm, als ihr könnt!“ Alsbald wiederhallt die Luft von dem Klang des„ Dudelſacks, der Trommel und der Rohrpfeifen, mit welchen Franz, der Thürhüter und Gärtner langge⸗ dehnte:„Es lebe der gnädige Herr!“ vermiſchen. Der Eſel, der denjenigen trug, welchen man ſo feſtlich bewillkommte, ging ſeinen ſtarken Trab auf dem Grasplatze fort, denn zur Linken erblickte er die* Thüre ſeines Stalls, neben einer kleinen Hütte, vor 71 welcher eine Kuh und eine Gans den neuen Herrn gleichfalls zu erwarten ſcheinen. Aber bei dem hölli⸗ ſchen Spektakel, der ſich plötzlich hören läßt, ſpitzt der Eſel, der kein Muſikliebhaber iſt, die Ohren, und ſetzt ſich eilends in Galopp, um ſchneller in ſeiner Behauſung anzukommen. Robineau will ihn zurück⸗ halten, hat aber ſchon zu viel mit ſich ſelbſt zu thun; umſonſt ſchreit er den Bauern und Franz zu, ſie ſollten den Eſel halten: im Schall der Inſtrumente geht ſeine Stimme verloren. Der Eſel ſchießt wie ein Pfeil durch die Landleute hin, welche ehrfurchtsvoll Platz machen und den neuen Gutsherrn begrüßen, der im Galopp einzieht, wobei er ſich an Schwanz und Mähne ſeines Thieres hält. Statt aber nach dem Schloß zu traben, nimmt der Eſel den Weg in ſeinen Stall, wo er zuvörderſt ſich mit dem gnädigen Herrn auf dem Boden wälzt. Dieſer ſchreit um Hülfe, während der Eſel gleichfalls in das Conzert auf dem Grasboden mit einſtimmt.. Verwundert indeß, daß der gnädige Herr vorzog, in dem Stall eines ſeiner Unterthanen einzukehren, ſtatt in ſeinem Schloßhofe abzuſteigen, begaben ſich Franz und einige Bauern zu ihm, und nicht ohne Mühe gelingt es ihnen, den Herrn vom Schwarzen⸗ fels unter dem Eſel hervorzuziehen. Endlich iſt Robi⸗ neau auf den Beinen; er iſt in den Kuhfladen gefallen und hat davon in den Haaren, auf einem Auge, und auf der einen Seite ſeines Fracks deutliche Spuren; er bemerkt jedoch aus lauter Freude über ſeine An⸗ kunft und den feſtlichen Willkomm die Unordnung 72 ſeiner Toilette nicht. Stolz, obgleich etwas hinkend, ſchreitet er aus dem Stall auf die Bauern zu; hier grüßt er rechts und links, als Herr Ferulus gegen ihn vortritt, und durch eine Bewegung mit dem Arm den Uebrigen Schweigen gebietet; nach einer tiefen Verbeugung beginnt er folgendermaßen: „Herr vom Schwarzenfels.. Albo dies notunda lapillo! Durch ſchwarze und weiße Steine bezeich⸗ neten die Römer glückliche oder unglückliche Tage... wir werden ein Kreuz an den machen, der Sie unter uns führt; ſeit langer Zeit war dieſes Gut verlaſ⸗ ſen... Sie werden die Sonne ſein, welche mehr als vollkommen iſt; die Zukunft, welche unendlich iſt; und dieſe Bauern werden ein Glück genießen ohne Grenzen!“ Alfred und Eduard, die hinter demjenigen ſtanden, der ſo becomplimentirt ward, biſſen ſich in die Lippen, um dem Herrn Ferulus nicht ins Geſicht zu lachen, und entfernten ſich von dem neuen Gutsherrn, deſſen Kleider keine balſamiſchen Düfte aushauchen. Herr Ferulus aber nimmt eine Priſe und fährt in ſeiner Anrede fort:„Herr vom Schwarzenfels, vitam im- pendere vero, nie habe ich weder Complimente noch Schmeicheleien geſprochen; es iſt mir aber ſehr ſüß, der Erſte zu ſein, der den neuen Beſitzer dieſes Schloſ⸗ ſes begrüßt. Möchten Sie in dieſer Burg ſagen können: Inveni poetam! oder wenn Sie lieber wol⸗ len, ſich in der Auvergne ſeßhaft machen. Wenn ich der Fama glauben darf, die durch Ihren Kammer⸗ diener zu mir geſprochen hat, ſo vereinigen Sie in 73 4 einer und derſelben Perſon die Weisheit des So⸗ krates, die Gerechtigkett des Ariſtides, die Größe des Themiſtokles, und die Beredſamkeit Cicero's; möchten Sie das Glück des Polykrates, den Reich⸗ thum des Kröſus und die Lebensdauer Methuſala's damit verbinden!“ Herr Ferulus ſchweigt, trocknet ſich den Schweiß von der Stirne, und nimmt wieder Tabak. Robi⸗ neau hat ihm mit Entzücken zugehört, jetzt macht er ihm eine tiefe Verbeugung und ſagt:„Gewiß, mein Herr!... Verzeihen Sie!... Ihr Name, wenn es Ihnen gefällig iſt?— Ferulus.— Nun gut! Herr Ferulus, ich bin ſehr gerührt... was mich betrifft, ich werde ſo lange als möglich leben... Wenn Sie aber mit mir auf dem Schloſſe ſpeiſen wollen... und gleich heute...“ „Mit großem Vergnügen, Herr vom Schwarzen⸗ fels,“ erwidert Ferulus, der nie eine Einladung zur Tafel ausgeſchlagen, ſchnell. Und Robineau, ſich an ſeine Freunde wendend, ſagt halblaut zu dieſen:„Die⸗ ſer Menſch da iſt ſehr gelehrt!... Teufel!... er iſt bedeutend ſtark!..“ Als Franz ſieht, daß Herr Ferulus mit ſeiner Rede fertig iſt, läßt er die Muſik wieder beginnen. Herr Gaul, der keine Rede zu halten verſteht, und ſich doch die Kundſchaft des Neuangekommenen ſichern möchte, verließ einen Augenblick ſeine Trommel und ging nach Hauſe, von wo er einen kleinen Eſel her⸗ beibringt, den er Robineau mit den Worten vorführt: „Sehen Sie, Herr, das iſt ein ſolider Kerl, der Sie 96 74 nicht abſetzen wird, wie der Eſel des Nikolaus; ſteigen Sie auf, er wurde dieſen Morgen neu beſchlagen.“ Robineau hätte ſeinen Einzug lieber zu Fuß ge⸗ halten; aber er wagt nicht, Herrn Gaul abzuweiſen, und klettert unter der Bedingung auf den Eſel, daß man ihn nur im Schritt laufen läßt. Man geht nach dem Schloß, um welches man noch Ueberreſte von Gräben unterſcheidet, in welchen ſich Kinder balgen. Links und rechts ſind zwei Thürme, die den Einſturz drohen; die Gebäude des mittleren Theils ſcheinen in beſſerem Zuſtand zu ſein. Ein weiter Hof, dicht mit Gras bewachſen, iſt vor den Gebäulichkeiten, zu dem ein großes Thor führt, an deſſen beiden Seiten kleine Pavillons, die Wohnungen des Thürhüters und Gärtners, ſich befinden. Dieſe Beiden waren an ihren Fenſtern geblieben, und erwarteten den Eintritt ihres Gebieters, um eine kleine Ueberraſchung, ebenfalls eine Erfindung Franzens, auszuführen. Endlich langt der Schloßherr an; man hört ein verworrenes Geſchrei, Rohrpfeifen, Trommeln und Dudelſäcke; die Kinder voran, die Bauern hintendrein. Alfred und Eduard„lachend, daß ihnen das Waſſer aus den Augen rinnt, vergrößern den Zug, und Ferulus geht achtungsvoll neben dem Eſel her. Im Augenblick, wo man in den Schloßhof eintritt, wirft der Gärtner einen für ſeinen Herrn bereiteten Blu⸗ menkranz heraus; ſtatt aber auf Robineau zu fallen, bleibt er auf den Ohren des Eſels hängen, der auf dieſe Weiſe gekrönt iſt; zu gleicher Zeit beugt ſich der Thürhüter zum Fenſter hinaus, um die Schlüſſel ☛— — 75⁵* 2 des Schloſſes, welche man in Ermanglung einer gro⸗ ßen Platte in eine Salatſchüſſel gelegt hat, mit der einen Hand darzureichen, während er in der andern ein volles Weinglas hat, das er unter dem Ruf: „Es lebe der gnädige Herr!... es lebe unſer Gebie⸗ ter!“ emporſchwingt. Der Gebieter fragt nicht, was in der Salat⸗ ſchüſſel ſein mag, welche man ihm zum Fenſter her⸗ aus bietet. Aus Neugierde indeß ſagt er zum Thür⸗ hüter:„Gib her, mein Freund!“ Dieſer iſt beſoffen, und in der Meinung, ſein Herr wolle trinken, hält er ihm das Glas hin, und gießt ihm einen Theil des Inhalts über den Kopf; Herr Ferulus aber ruft aus: „O dreimal glücklicher Tag!... Ich glaube in den Tempel Cybelens zu treten!... Der Schall der In⸗ ſtrumente, Blumen, Bauern... nichts fehlt!...“ „Ja wohl, gar nichts,“ ſagte Robineau, ſich das Geſicht trocknend; da er aber keine Luſt hat, weitere Trankopfer zu empfangen, treibt er ſeinen gekrönten Eſel an; und mit Wein und Kuhmiſt bedeckt, bewerkſtelligt er ſeinen Einzug im Schwarzenfels, unter dem Jubelruf und Geſchrei aller Gaſſenſchlingel der Umgegend. 5 Robineau ſetzt den Fuß auf die Erde, und da ihm das Gehen noch gewiſſe Beſchwerden verurſacht, in Folge ſeines Falls mit dem Eſel, fühlt er ſich nicht aufgelegt, augenblicklich ſeine Beſitzung zu be⸗ ſichtigen. Nachdem er auf noble Weiſe eine Handvoll kleiner Münze unter die Kinder geworfen hat, welche ſich um dieſelbe prügeln, was nach Herrn Ferulus 76 Meinung eine Idee von den alten Turnieren gibt, fordert er den Thürhüter auf, Jedermann mit Er⸗ friſchungen zu verſehen; ſich hierauf gegen die Ge⸗ ſellſchaft verbeugend, folgt er Franzen, der ihn nach ſeinem Schlafzimmer führt, wo er ſich ganz gerädert auf ſein Bett wirft, indem er ausruft:„ Gott! wie hübſch iſt es, ein großer Herr zu ſein!... mit An⸗ reden... au weh!... Complimenten... begrüßt zu werden...o weh! meine Rippen!... etwas ermü⸗ dend iſt's freilich, aber das gibt ſich. Franz, laß ſo lang ich ein wenig ruhe, ein glänzendes Mahl be⸗ reiten... und benachrichtige die Bauern, daß dieſen Abend Ball im Schloſſe iſt: ich bin zu gut empfangen worden, als daß ich ihnen nicht meine Dankbarkeit bezeugen ſollte.“ Fünftes Kapitel. Schloß Schwarzenfels.— Ländliches Feſt. Alfred und Eduard hatten gleich Robineau von den Mühen der Reiſe etwas ausgeruht. Nach drei Stunden wacht der Schloßherr wieder auf; er klin⸗ gelt nach Franz und ermächtigt dieſen, indem er ihn zugleich zu ſeinem Intendanten ernennt, alles Nöthige in Eile herbeizuſchaffen, namentlich Leintücher für die Betten, an denen es noch fehlt. 4 „Jetzt wäre es mir lieb, meine Leute zu ſehen, wie viel habe ich?— Nur den Thürhüter und den 77 Gärtner, das iſt Alles.— Nicht genug... ich brauche ein bedeutendes Haus... Gleichviel, ſage ihnen immer⸗ hin, ſie ſollen kommen, daß ich ihnen meine Befehle ertheile.“ Franz geht. Alfred und Eduard treten ein.„Nun Robi... nun Schwarzenfels... biſt Du zufrieden? nun wärſt Du in Deinem Schloß!— Geſteht, meine Herren, es iſt ſchön, majeſtätiſch... Gemächer wie dieſes hier!— Ja, ſehr groß; werden wir das Haus nicht beſichtigen?— Im Augenblick!... ich erwarte meine Leute, denen ich Befehle zu ertheilen habe, alsdann beſehen wir das Schloß vom Keller bis zum Speicher.“ Der Thürhüter und der Gärtner ſtellen ſich vor, beide beſoffen, beſonders kann ſich erſterer nur mit Mühe auf den Beinen erhalten. „Unſer Herr fragt nach uns? beginnt der Gärt⸗ ner, langſam ſprechend, damit er nicht ſtecken bleibt, während der Thürhüter ſich an einen Lehnſtuhl ſtützt, um ſich vor Umfallen zu ſichern. „Aha! mein Haus! ſagt Robineau.— Es ſcheint mir nicht ſolid,“ bemerkt Alfred. „Welche Stelle nehmt Ihr hier ein? fragt der Schloßherr den Gärtner.— Welche Stelle? mein Gebieter!... wollen Sie ſagen, was ich mache?— Freilich.— Ich bin Vincent, der Gärtner des Schloſ⸗ ſes... mit Ihrer Erlaubniß... und Gott ſei Dank, es fehlt nicht an Arbeit!... Sie werden den Garten ſehen!... man kennt ſich gar nicht aus!..— Der Garten iſt groß?— Ach! ich glaub's wohl!... ſo groß, daß ich ſeit lange nur die Hälfte beſorge, weil ich, Sie verſtehen wohl, nicht Alles thun kann.“ „Herr Gärtner, ſagt Alfred, warum laſſen Sie Gras im Hof wachſen?— Ah! Herr... ich kann nicht Alles thun, und überdies iſt der Hof nicht der Garten!“ „Er hat Recht, ſtimmt Robineau bei, er muß ſich auf ſein Geſchäft beſchränken... und Ihr da hinten.. was macht denn Ihr in meinem Hauſe 2... Kommt doch vor!“ Wankend tritt der Thürhüter, der ſich nun nicht mehr am Lehnſtuhl halten kann, vor; er zieht ein rothes Schnupftuch, voller Tabak, aus der Taſche, um ſein rothes Geſicht abzutrocknen; dann fängt er zu lachen an und ſagt:„Ich, ich bewache Sie, Herr... Sie ſehen da einen Kerl vor ſich, der für ſechs ißt und trinkt.“ „Du dürfteſt keine zehn ſolcher Dienſtboten haben, Robineau... das richtete Dich zu Grunde,“ ſagt Alfred. „Ah! Ihr ſeid mein Thürhüter?— Ja Herr, gnädiger Herr... will ich ſagen! denn Ihr Kammer⸗ diener ſagte, es freue Sie, wenn man Sie gnädiger Herr titulire... und mir, Sie verſtehen wohl, iſt das einerlei... ich gebe Ihnen, willſt Du, da haſt's!“ „Ich glaube, der Schlingel da iſt betrunken! ſagt Robineau. Wie heißt Ihr, Thürhüter?— Herr, ich heiße Cunette, mit Reſpekt zu melden.— Herr Cu⸗ nette, es ſcheint mir, Ihr habt zu viel getrunken.— Immer auf Ihre Geſundheit, ehrwürdiger, gnädiger — 79 Herr, und bin bereit, wieder von vorn anzufangen, wenn es Ihnen angenehm iſt...— Wer bereitet das Eſſen hier 2.. ich ſehe keinen Koch unter euch.“ „Ich, ich kann nicht Alles thun, brummt der Gärtner, die Küche iſt nicht im Garten.— O! mir iſs, gleichgültig, ſtottert der Thürhüter, ſich wieder am Lehnſeſſel feſtklammernd, wenn es Ihnen Ver⸗ gnügen macht, Herr, ſo gehe ich in die Küche und koche Ihnen, wie für mich!...“ „Lieber Robineau, ſagt Alfred, ich hoffe, Du ſchickeſt die Herren Vincent und Cunette ins Bett, und läſſeſt ſie Deine Küche nicht beſorgen, ſonſt eſſe ich nicht hier.“ „Welche Verlegenheit!“ ruft Robineau, nach der Klingel laufend und ſie mit Heftigkeit ziehend. Franz eilt mit Beſen und Kehrwiſch herbei. „Was thuſt Du, Franz?— Herr, ich putze und kehre den Speiſeſaal... er war voll Staub und Spinnen!.. Ach, mein Gott, wie viel Spinnen habe ich umgebracht!“ „Und wer beſchäftigt ſich mit dem Mittageſſen?“ Franz ſieht Vincent an, dieſer Cunette, und letzterer gar nichts, weil er nichts mehr ſieht. „Ha, Schlingel, wollt ihr mir Antwort geben? ſchreit Robineau zornig. Glaubt ihr etwa, ich werde Spinnen zu Mittag eſſen?“ „Man wird doch eine Köchin in der Gegend auf⸗ treiben können, ſagt Alfred; ſagen Sie einmal, Herr Vincent, wo ißt man am beſten hier zu Lande?— O! wahrlich! Herr, man ißt überall gut, beſonders 80 bei Herrn Gaul, dem Thierarzt... er hat eine Tochter, ſehen Sie, die bei einem reichen Kaufmann in Clermont geweſen iſt.“ „Franz, eile ſchnell zu Herrn Gaul und bitte ſeine Tochter, die Küche im Schloß zu beſorgen, ſie wird es nicht abſchlagen. Laß von überall her Lebensmittel beiſchaffen und ſchicke nach Saint⸗Amand⸗Talende, das nur anderthalb Stunden entfernt iſt und laß Lichter und Leintücher bringen, an denen es auf dem Schloſſe fehlt.“ Franz eilt, die Befehle Alfreds zu vollziehen und Robineau ſagt zum Gärtner und Thürſteher:„Geht an euer Geſchäft und laßt euch nicht wieder in ſolchem Zuſtand vor mir blicken.“ „ Gnädiger Herr, wir werden wieder auf Ihre Geſundheit trinken, ſagt Cunette.— Nein, ihr habt genug getrunken.— Das iſt einerlei, Herr, bei der Feier Ihrer Ankunft werden wir die Andern nicht bloß anſehen; und dieſen Abend wird Alles zum Tanz kommen.“ „Jetzt wollen wir das Schloß beſichtigen,“ ſagt Alfred. „Ich will Sie führen, Herr, ſagt Cunette.— Pack Dich ins Bett, Trunkenbold! Du thuſt beſſer daran!— Gnädiger Herr, ich kenne meine Pflicht.“ Die Freunde verließen das Zimmer, und Cunette, im Rauſch äußerſt eigenſinnig, folgt, ſich an den Wänden haltend, ſeinem Herrn, in der Ueberzeu⸗ gung:, der Thürſteher und Hausvogt müſſe bei der Beſichtigung des Schloſſes gegenwärtig ſein. — ᷣ— 81 Durch lange und alte Gänge gelangt man in ungeheure Gemächer, zu deren Decke man kaum hin⸗ aufblicken kann. „Dies Schloß muß ſchon aus Pipins Zeiten her⸗ ſtammen, ſagt Eduard.— All das iſt prächtig, ruft Robineau, der vor jeder, über Thüren und Spiegeln gemalten Landſchaft voll Bewunderung ſtehen bleibt. — So durchſchreitet man eine Reihe von Gemächern im erſten Stock, verſchiebt aber die Beſichtigung des zweiten, wo nach Cunette's Ausſage eben ſo viele Zimmer ſind, nur etwas niedriger und ohne Wand⸗ gemälde. Nun gelangt man in eine Gallerie, die auf eine Terraſſe führt, welche aber in ſehr ſchlechtem Zuſtande iſt. „Teufel, ſagt Robineau, das war ein feſtes Schloß!... ich bin ſicher, daß es Belagerungen ausgehalten hat... Mich wundert's, daß keine Zug⸗ brücken da ſind.“ „Ach! gnädiger Herr, vor einigen Jahren war noch eine vorhanden; da aber der letzte Beſitzer einen Verſuch mit dem Runkelrübenbau machte... in dem Garten da unten, ſo ärgerte mich's, die Zugbrücke wegen der Runkelrüben immer aufziehen und herab⸗ zulaſſen; ich füllte daher den Graben aus, und der Herr gab mir Recht und ließ ein gewöhnliches Thor dafür hinſetzen.“ „Dieſer Mann ſtammte alſo nicht von den alten Beſitzern des Schloſſes ab, weil er ſo wenig erhabene Gedanken hegte?“ „Woher er ſtammte, weiß ich nicht gerade, aber Paul de Kock. XXIV. 6 . 82 er hatte das Schloß zu einer Zuckerfabrik gekauft, es ſcheint aber, daß ſie mißglückte, lpei man's wieder zum Verkauf ausſetzte. „Wem gehörte das Schloß aber früher 2— Wem? ... Ach! warten Sie doch... meiner Treu, den Namen weiß ich nicht, allein es war eine alte Wittwe aus vornehmem Geſchlecht. Die alte Dame bewohnte das Schloß, und wollte, wie man ſagt, nichts aus⸗ beſſern laſſen, aus Furcht, es zu verderben. Uebri⸗ gens habe ich ſie nicht gekannt, fährt Cunette fort, ich bin durch den Runkelrübenzuckerfabrikanten hier angeſtellt worden, der mich mit meinem Freunde Vincent da gelaſſen hat.— Wohin führt dieſer lange Corridor? fragt Robineau den Pförtner.— In den nördlichen Thurm, Herr... der iſt prächtig, Sie werden ſehen.“ Man erreicht die Thüre des Thurms; Cunette, indem er ſich an den Mauern forthilft; eine finſtere, enge Wendeltreppe führt zu den Gemächern hinauf. Der Pförtner öffnet die Thüre des erſten Stockwerks, die Thüre kracht in ihren Angeln und der dumpfe Ton hallt noch lange durch die öden Räume. „Cunette, Ihr müßt alle dieſe Thüren mit Oel einſchmieren, ſagt Robineau, ich kann dieſen Ton nicht leiden... Wo ſind wir hier 2... Sind hier Fallthüren unter unſern Füßen?... ſagt es uns gleich.“ „Nein, Herr... es war das Zimmer des Rit⸗ ters. wie man ſagt...— Welches Ritters?— Ei! des Ritters, Neffen der alten Wittwe wie ich b 8³ ſagen hörte.— Ich werde es nicht zu meiner Woh⸗ nung machen, man ſieht ja nicht recht.“— Im zweiten Stock iſt nichts Beſonderes und weiter oben befindet ſich die Rüſtkammer des Schloſſes, wo man aber nichts mehr antrifft, als einige verroſtete Harniſche, Schwerter ohne Handgriffe, Flinten ohne Schlöſſer und Lanzen ohne Spitzen. Auf der Plattform des Thurmes dagegen genießt man eine herrliche Ausſicht. Die jungen Leute bewundern die umliegenden Berge und die ſchöne von Waſſer umgebene Stadt Saint⸗ Amand. Während man umherblickt, ſetzt ſich Herr Cunette klugerweiſe mitten auf der Plattform auf den Boden, indem er ſagt:„Ich kann nicht ſo hoch her⸗ abſehen, es ſchwindelt mir.“ Man iſt im Begriff, den Thurm zu verlaſſen, als Eduard ausruft:„Alfred! ſieh doch auf jenem Hügel .. dort... am Rande des Grabens; ſiehſt Du den Menſchen, der das Schloß ſo aufmerkſam betrachtet?... erkennſt Du ihn?— Ei freilich!... der Mann, der ſich uns im Wirthshaus zu Clermont⸗Ferrand als Führer anbot;... nach Geſicht und Anzug iſt er leicht kenntlich.“ Robineau tritt herzu und ſagt:„Wie! der Kerl mit dem widerwärtigen Geſicht iſt hier?... Ja, meiner Treu... er iſt's... ich erkenne ihn an dem Kpoetenſtock, auf den er ſich ſtützt;... wie er mein Schloß betrachtet!... er rührt ſich nicht... wie eine Bildſäule!... Ich möchte gern wiſſen, warum er meine Beſitzung ſo begafft?... „Es iſt in der That etwas Seltſames in dem 84 Blick und dem ganzen Weſen dieſes Mannes,“ ſagte Alfred. „Seltſames?. Du biſt ſehr artig... ſage lieber Zweideutiges... Finſteres... Feindſeliges ... ſeine Augen hängen immer noch ſtarr an meinem Schloſſe!... Hört einmal, Pförtner?. Dieſer war im Begriff, auf der Plattform einzu⸗ ſchlafen; er richtet den Kopf etwas auf und ſtottert: „Was willſt Du?“ „Wie, Schlingel!... mit wem ſprecht Ihr?“ ruft Robineau zornig aus. „Ah! Verzeihung, gnädiger Herr und Gebieter, erwidert Cunette aufſtehend; ich glaubte, ich ſpreche mit meinem Freunde Vincent und deßhalb...“ „Macht, daß Ihr keine ſolche Zerſtreuungen mehr habt... und ſagt mir, ob Ihr dieſen Landſtreicher kennt, der wie ein Pfoſten da unten am Thurm hin genagelt iſt und unaufhörlich heraufſieht.“ Wankend tritt Cunette vor; Alfred und Eduard halten ihn unter beiden Armen, damit er nicht über 4 die Brüſtung hinausfällt und ſo ſtreckt er ſeinen Kopff vorwärts, um nach dem Menſchen zu ſehen. „Nun alſo?“ ſagt Robineau nach einer Weile. „Nun alſo? was?“ verſetzt Cunette, dumm um ſich herblickend. Kennt Ihr dieſen Menſchen?— Ich ſehe eben⸗ ſowenig Menſchen als Bouteillen!— Wie! Einfalts⸗ pinſel? dort... unten am Thurm, Ihr ſeht nicht? — Ach! wie dumm ich bin!... mit Reſpekt zu melden, gnädiger Herr, ich hielt das für einen Wein⸗ — — V 8⁵ ſtock.— Nun! jetzt ſeht Ihr ihn aber, kennt Ihr den Kerl?— Da? warten Sie doch... iſt's nicht Vin⸗ cent?— Ei nein, Dummkopfl...— So iſt's viel⸗ leicht Herr Ferulus, der Schulmeiſter...“ „Sicherlich ſieht der Schlingel nicht mehr gut,“ ſagt Robineau; voran, meine Herrn, wir wollen dieſen Thurm verlaſſen, es iſt noch einer zu beſehen. Man geht vom nördlichen Thurm herab, der nicht beſtimmt ſcheint, des neuen Beſitzers Lieblings⸗ aufenthalt zu werden; Herr Cunette ſchlägt dem Herrn vor, die unten befindlichen Kerker zu beſuchen, aber Robineau hat keine Luſt. Man begibt ſich in den andern Thurm, deſſen Gemächer beſſer erhalten ſind und kein ſo düſteres Ausſehen haben. Man findet dort eine Bibliothek, ein Badzimmer, ein Muſikzim⸗ mer, und einige Betten in ziemlich gutem Stand. Endlich geht man nach den Gartenanlagen. Mit Schmerz ſieht Robineau, daß der Zucker⸗ fabrikant Dreiviertel mit Runkelrüben anpflanzen ließ; Vincent, der nur die Hälfte zu pflegen vorgibt, läßt auch dieſe in Unordnung und beinahe mit Unkraut bedeckt. Die hie und da ſich vorfindenden Statuen ſind in keinem beſſern Zuſtande als der Garten. Vom Garten gelangt man in den ſehr großen Park, kann aber vor Stacheln und Hecken nicht weiter kommen, man geht daher nach dem Schloſſe zurück, beſucht noch die Stallungen, Keltern und Käſerei und ruht endlich in einem der Säle des Schloſſes von dem er⸗ müdenden Gange aus.„Wohlan denn, meine Herren, beginnt Robineau, wie findet ihr mein Beſitzthum?“ 86 „Dein Gut iſt ſehr groß, verſetzt Alfred; aber glaube mir, Du thuſt am beſten, wenn Du Dein altes Schloß niederreißeſt, denn ſeine Unterhaltung würde Dich zu Grunde richten, und mit den Materialien ein hübſches Haus im modernen Styl erbauſt, bei dem Du nicht drei Stunden nöthig haſt, wenn Du es beſehen willſt; aus den Gütern kannſt Du alsdann durch Verpachtung Nutzen ziehen.“ „Lieber Alfred, entgegnet Robineau, ich habe mein Schloß nicht gekauft, um nur ein gewöhnliches bürgerliches Haus zu haben... ich wäre ein Van⸗ dale, wenn ich Deinem Rath folgte.— Du wirſt Dich zu Grunde richten, wenn Du ihn nicht befolgſt. — Ich richte mich zu Grunde, wenn es mir Vergnügen macht, mein Schloß aber behalte ich.— Behalte, was Du willſt; nur frag mich nicht mehr um meine Anſicht.“ „Und Sie, Herr Eduard? ſagt Robineau, ſich an den jungen Dichter wendend, der in tiefes Nach⸗ ſinnen verſunken ſchien. Was halten Sie von meinem Schloß?“ „Dies Land gefällt mir ſehr,“ ſagt Eduard mit zerſtreuter Miene. „Nun genug, Schwarzenfels, ſeit dieſem Morgen ſprechen wir nur von Deinem Schloß und nun iſt's beinahe fünf Uhr Abends, das entleidet mir. Wird man nie bei Dir zu Mittag eſſen?— Verzeihung, meine Freunde! Holla! Franz.“ Franz eilt herbei, diesmal in Köchinkleidung. „Bereitet man uns endlich ein Mittageſſe en, Frane . — 87 — Ja, Herr.— Wer denn?— Jungfer Gaul, der es Freude macht, wenn ſie dem gnädigen Herrn nütz⸗ lich ſein kann.“. In dieſem Augenblick tritt Herr Ferulus herein, in völlig ſchwarzem, etwas aufgefärbtem Anzug, einen formlos gewordenen Filzhut in der Hand, und ver⸗ beugt ſich tief vor der Geſellſchaft, wobei er den Gruß ausſpricht:„Salutem omnibus.“ 4 Robineau beeifert ſich, ſeinem Gaſte entgegen zu gehen und ihm die Hand herzhaft zu drücken, denn er erinnert ſich noch ſeiner Rede vom Morgen. „Herr vom Schwarzenfels, ich folge Ihrer ehren⸗ werthen Einladung.— Herr Ferulus, Sie erzeigen mir großes Vergnügen; heute müſſen Sie vorlieb nehmen, mein Haus iſt noch nicht eingerichtet.— Herr vom Schwarzenfels, die Ehre, mit Ihnen zu ſpeiſen, iſt die lieblichſte Würze des Mahls...— Herr Fe⸗ rulus ich hoffe, Sie werden öfters bei mir einſpre⸗ chen.— Alle Tage, wenn es Ihnen Vergnügen macht, Herr vom Schwarzenfels! Wäre es möglich, Herr vom Schwarzenfels, eine Geſellſchaft, wie die Ihrige auszuſchlagen? Nein, Herr vom Schwarzen⸗ fels, lapides clamabunt, ehe ich eine Mahlzeit bei Ihnen ausſchlüge.“ Nie hatte man Robineau mit Schwarzenfels titu⸗ lirt, und bei Ausſprechung dieſes Namens riß Feru⸗ lus den Mund auf, als wolle er das ganze Schloß verſchlingen. Auch fuhr Robineau fort, ihm die Hand zu drücken. Ferulus ebenſo, Keiner will an Höflich⸗ keit zurückbleiben und die Hand des Andern fahren 88 laſſen. Glücklicherweiſe für dieſe Herren erſcheint Franz mit der Anzeige, daß das Eſſen bereit ſei. Das Mahl beſteht zum Theil aus nicht übel zu⸗ bereitetem Geflügel; die neuen Schloßbewohner haben durch ihre Runde etwas Appetit bekommen und Herr Ferulus ißt, als ob er zwanzig Meilen gemacht hätte. „Herr Ferulus, bewohnen Sie ſchon lange dieſe Gegend? fragt Robineau.— Etwa zehn Jahre, Herr vom Schwarzenfels.— Kannten Sie den letzten Be⸗ ſitzer... den Zuckerfabrikanten?— Sehr wenig, es war ein Dummkopf, ein Unwiſſender;... empfing nie Geſellſchaften... traktirte nicht!... kannte nur ſeine Runkelrüben!— O! ich, ich will traktiren!... empfangen! Sind auch Leute von Stand in der Um⸗ gegend?— Nicht viel!... ſie ſchicken nicht einmal ihre Kinder in mein Penſionat.— Und iſt die Ge⸗ ſellſchaft in Saint⸗Amand gewählt?— Wie in allen kleinen Städten gibt es liebenswürdige Leute und Originale, Herr vom Schwarzenfels;... in meinem Penſionat habe ich nur zwei Kinder aus der Stadt; doch aus den beſten Familien.— Ich habe einen Brief an den Notar des Orts; morgen will ich ihn beſuchen und bitten, die Notabilitäten des Orts zu mir einzuladen.“ Alfred und Eduard, die, ohne es einander ge⸗ ſtanden zu haben, an ein und denſelben Gegenſtand denken, ſuchen dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben. „Kennen Sie das Dorf Chadrat?“ fragt Alfred. „Chadrat!.. ja, ein wahres Loch!.. ein 89 elender Weiler!... Nicht ein einziges Kind von Chadrat iſt in meinem Penſivnat!... Wie die Ta⸗ taren leben die Einwohner in der Unwiſſenheit... Sie können nicht einmal buchſtabiren! „Haben Sie vom weißen Haus reden hören?“ fragt Eduard. „Iſt das weiße Haus nicht eine weibliche Erzie⸗ hungsanſtalt?— Nein, ein unbewohntes Haus, das Schrecken in der Umgegend verbreitet.— Ach!... ich glaube mich deſſen zu erinnern;... wir ſprachen davon mit meinen Zöglingen und begaben uns in das Thal, wo wir nichts Außerordentliches ſahen... Ich frage Sie überdies, meine Herren, ob wiſſenſchaft⸗ liche, gebildete Leute an Geiſter glauben können?... Non est hio locus... an Einfältige, Dummköpfe und Nichtswiſſer glaube ich... ich habe die Ehre, auf die Geſundheit des Herrn vom Schwarzenfels zu trinken... an Geiſter aber!... Retro Satanas!... das paßt nicht in mein Erziehungsſyſtem. „Wie ich, fällt Robineau ein; ich finde, es ſind nur Dummheiten!... handgreifliche Mährchen.“ „Herr vom Schwarzenfels, Sie denken wie ein Tacitus und denken wie Livius... Ich habe die Ehre, auf Ihre Geſundheit zu trinken.“ In den Kellern des alten Kaſtells lagen noch einige Flaſchen guten Weins, die Herr Cunette nicht zu trinken gewagt hatte, weil ſie gezählt worden waren, ehe man ihn zum Wächter des Schloſſes beſtellte. Robineau läßt mehre heraufbringen; die jungen Leute ſprechen wacker zu und Herr Ferulus 90 leert ein Glas nach dem andern. Da man das Eſſen ſehr gut fand, denkt man beim Nachtiſch daran, der Jungfer Gaul, die Robineau als Schloßköchin in Dienſt nehmen will, Dank zu ſagen. Man läßt ſie durch Franz hereinkommen, und bald erſcheint ein großes, ſtarkes, pausbackiges Frauenzimmer und ver⸗ neigt ſich vor der Geſellſchaft. „Jungfer Gaul! ſagt Robineau, ich bin ſehr zu⸗ frieden mit Ihrer Kochkunſt... Ich behalte Sie als Köchin, wenn es Ihnen recht iſt.“ Jungfer Gaul huſtet, verbeugt ſich, trocknet ſich den Schweiß von der Stirne und antwortet mit einer Schnapsſtimme:„Wahrlich!... Es wäre auch när⸗ riſch, wenn ich nicht kochen könnte! ich war Köchin bei einem Mann, der zwanzigtauſend Franken Ren⸗ ten hatte!“ Während man noch mit der Köchin im Geſpräch war, verkündete der Schall des Dudelſacks, der Auerpfeife und Trommel die Ankunft der Bauern. Robineau fühlt, daß er diejenigen empfangen muß, denen er einen Ball verſprach. Zum großen Verdruß des Herrn Ferulus verläßt man die Tafel und begibt ſich in den Hof, wo die Auvergnaten ſind. Robineau ſucht ſich eine großartige Miene zu geben, indem er die guten, tanzluſtigen Leute begrüßt. Alfred und Eduard machen ſich an die ſchönſten Bauernmädchen, um ſich einen Augenblick zu zerſtreuen. Im Garten ſucht man einen Platz auf, wo die wenigſten Runkelrüben ſind und richtet dort auf leeren Beeten ein Orcheſter an. Die Bauern ſtellen ſich lu⸗ ſtig auf. Robineau iſt der Meinung, er müſſe den „ ‿ 91 Ball eröffnen; ſeine beiden Freunde haben ſchon die ſchönſten Mädchen eingeladen; er nimmt die am be⸗ ſten Gekleidete. 1 4 Der Ball beginnt; die Muſik der Auvergnaten iſt nicht ſehr harmoniſch, macht aber deſto mehr Lärm, und Tänzer und Tänzerinnen pflegen ihre Schritte mit Geſchrei und Händeklatſchen zu begleiten. Bei einem ſolchen Getöſe kann man nicht leicht kalt blei⸗ ben. Alfred und Eduard drehen ſich und ſpringen mit ihren Tänzerinnen und klatſchen lachend in die Hände. Da die Reigen in der Auvergne gar kein Ende nehmen, tanzt Robineau ſeit einer halben Stunde und er kann kaum mehr die Füße rühren. Herr Ferulus trieft am ganzen Leibe, die Höflich⸗ keit erlaubt ihm aber nicht, vor Herrn von Schwar⸗ zenfels den Tanz zu verlaſſen. Glücklicherweiſe für dieſe Herren kommen der Thürſteher und Gärtner mit Wein herbei und das Orcheſter pauſirt einen Augenblick, um ſich zu erfriſchen. 4 Man trinkt, tanzt wieder, und hält auf's Neue an, um zu trinken; ſo geht's ſeit vier Stunden fort. Die Auvergnaten ſind unermüdliche Trinker und Tän⸗ zer. Elf Uhr iſt bereits vorüber; die Beleuchtung ward, ſo gut es ging, bewerkſtelligt, doch geht der Tanz nicht mehr recht. Alfred und Eduard haben ihre Tänzerinnen im Garten umhergeführt und die Landmädchen kommen, etwas zerzaust, wieder. Einige Papa's und Mama's ſind auf ihren Bänken einge⸗ ſchlafen, Herr Ferulus iſt ſeit lange fort und Robi⸗ neau möchte lieber ins Bett liegen und die Geſellſchaft 92 verabſchieden, als ſich plötzlich Geſchrei und Fluchen von einer Seite her vernehmen läßt. Die Herren Vincent und Cunette tanzten nicht, hatten aber ſeit Beginn des Balls nicht aufgehört zu trinken. Der Pförtner war toll und voll, und der Gärtner wollte nicht hinter ſeinem Kameraden zurück⸗ bleiben. Herrn Vincent aber machte der Wein zän⸗ kiſch, es brauchte nicht viel, ihn böſe zu machen und dann wollte er Jedermann prügeln. Er war mit einem Auvergnaten in Streit gerathen und ſchon ſetzte es ordentliche Püffe; Cunette nahm, als guter Ka⸗ merad, für Vincent Partei; als Robineau, aufgebracht, daß man ſich erlaube, bei ihm Händel anzufangen, mitten unter die Streitenden tritt, in der Ueberzeu⸗ gung, ſeine Gegenwart werde zur Wiederherſtellung der Ruhe genügen. „Wiel mein Pförtner und mein Gärtner machen dieſen Spektakel! ſagt Robineau, auf ſie zugehend: Warum prügelt ihr euch, Schlingel?“ „Geh' zum Teufel!... laß uns mit Frieden! verſetzt Cunette, der ſeinen Herrn nicht erkennt. Ich vertheidige meinen Freund Vincent...“ „Schurke! Du wagſt's, ſo mit mir zu ſprechen?“ „Dich.! Dich prügle ich, wenn Du herkommſt,“ ruft Vincent, rechts und links um ſich ſchlagend; und ſchon hat der neue Schloßherr einen Hagel von Püffen empfangen, als Jungfer Gaul durch die Menge dringt, ihren Herrn leicht wie ein Kind un⸗ ter den Arm nimmt, ſich, rechts und links Fauſtſtöße 93 austheilend, einen Weg bahnt, und Robineau aus dem Getümmel trägt.. Unterdeſſen iſt es Franz, Alfred und Eonard, mit Beſenſtielen bewaffnet, gelungen, ſämmtliche noch Anweſende auszutreiben. Cunette und Vincent leg⸗ ten ſich zu Bette, und die NRuhe iſt endlich wieder hergeſtellt.„Dein Feſt war ſehr hübſch! ſagten Alfred und Eduard lachend.— Achl ja, verſetzt Robineau, ſich die Seite haltend: ich werde an die⸗ ſen Ball denken!... Wenn ich dieſe Bengel je wie⸗ der tanzen laſſe!... O weh!... welcher Teufels⸗ lärm!... Sie hätten mich beinahe umgebracht!... Und meine Leute, welche die Achtung gegen mich aus den Augen verloren, jage ich morgen fort.— Ei! mein Lieber, ſie waren betrunken!.. Du mußt ihnen verzeihen.“ Die beiden Freunde wünſchen Robineau gute Nacht und laſſen ihn allein. Es iſt beinahe Mitternacht; ſein Zimmer iſt nur ſchlecht beleuchtet, er ruft Franz zu ſich und befiehlt ihm, in dem anſtoßenden Gemache zu ſchlafen, damit er immer gleich bei der Hand ſei, wenn er ſeiner bedürfe. Endlich legt er ſich zu Bette, nachdem er noch eine Lampe neben ſich geſtellt hat. Die Erinnerung an den Mann von Clermont⸗Ferrand dringt ſich ihm unwillkürlich wieder auf, und unruhig ſchläft er ein, nachdem er ſich noch das Verſprechen gegeben, ſeinem Schloß einen modernern Anſtrich zu geben, da ihm nun ſelbſt Alles zu groß und zu düſter erſcheint. Sechstes Kapitel. Beſuch bei Iſaura. Mit Anbruch des Tages ſtand Eduard auf; er hat keine Luſt, noch einen Tag mit Durchſuchung des Schloſſes Schwarzenfels zuzubringen; was er ſich vorbehalten, iſt ein viel ſüßeres Vergnügen; die kleine Lecgenerii das Thal, worin Iſaura wohnt, will er wieder ſehen. Die Erinnerung an das junge Mäd⸗ chen iſt keinen Augenblick von ihm gewichen und ob⸗ gleich er am wenigſten von ihr geſprochen hatte, war er doch am meiſten mit ihr beſchäftigt. Im Hofe findet er den Thürhüter und den Gärt⸗ ner, welche, wieder völlig nüchtern geworden, auf das Erwachen ihres Herrn warten, um ihm ihre Ent⸗ ſchuldigungen vorzubringen. Eduard, ohne auf die Verſicherungen der Reue dieſer Herrn zu hören, geht aus dem Schloß und fragt auf dem Grasplatz einen Bauern um den nächſten Weg nach Chadrat; alsdann begibt er ſich auf den Weg, geht leichten Schritts die Berge und Hügel hinab und legt in einer Stunde die Strecke zurück, zu der ſie geſtern mehr als die doppelte Zeit brauchten. Bald erkannte er das Thal, das weiße Haus, Iſaurens Wohnung; jetzt erſt gönnt er ſich einige Augenblicke, Athem zu ſchöpfen; und geht langſamer das Thal hinan, fortwährend um ſich herblickend. Einige Schritte von dem freundlichen Häuschen bleibt er, in Betrachtung verſunken, eine Weile ſtehen, ———— —— 95⁵ bei ſich ſelbſt ſprechend:„Hier wohnt ſie allein... fern von dem Geräuſch der Welt!... Sie iſt ſchön, wie man uns nur Engel malt... ſie ſcheint züchtig, naiv, wie die Unſchuld!... Aber es iſt unmöglich, daß ſie nicht früher oder ſpäter einem Bergbewohner den Kopf verrückt... Sie fürchten ſich vor ihr... die Dummköpfe!... Allein Reiſende... Leute aus der Stadt!... Nein, es iſt unvernünftig, das junge Mädchen auf dieſe Weiſe tauſend Gefahren preiszu⸗ geben. doch, was habe ich mich darum zu beküm⸗ mern 2... nur ein einziges Mal habe ich die Kleine geſehen... nur einige Worte mit ihr geſprochen... Entflamme ich mich nicht gar, wie Alfred, auf den erſten Blick! O! nein, ich bin vernünftiger... ab⸗ ſcheulich, wenn ich das liebenswürdige Mädchen zu verführen ſuchte!... doch man kann ſie wohl beſu⸗ chen, ohne ſich auf der Stelle in ſie zu verlieben... Sehen wir, ob ſie zu Hauſe iſt?“ Eduard findet die Thüre des Häuschens verſchloſ⸗ ſen, und das Bellen Vaillants allein antwortet dem jungen Mann. Er erinnert ſich, daß Iſaura ihre Ziegen ins Gebirge auf die Weide führt, daher er ſich dorthin wendet, und ſie auch bald auf einem Hü⸗ gel im Leſen begriffen findet. „Dieſe Bergleute haben nicht ganz Unrecht,“ ſagt Eduard bei ſich ſelbſt, indem er von ferne die kleine Ziegenhirtin, die ihn noch nicht gewahrte, betrachtete. „Es iſt nichts Gewöhnliches, eine Ziegenhirtin leſen zu ſehen... und das Mädchen drückt ſich zu gut aus, als daß man ſie mit den andern Bäuerinnen in eine 5* 96. Reihe ſtellen könnte... Es hat ſie alſo Jemand ge⸗ lehrt, was die Andern im Gebirge nicht wiſſen... und ihre Pllegeltern vermochten das nicht... Es liegt etwas Geheimnißvolles, Seltſames in Allem, was auf Iſaura Bezug hat... deßhalb ohne Zweifel intereſſirt ſie mich... Wie ſchön ſie iſt, ſo auf ihr Buch niedergebeugt, den Kopf auf die Hände geſtützt! Wäre ich Maler, welches Vergnügen fände 9 an dieſem Gemälde!...“ 13 Nachdem Eduard ſie noch einige Minut betrat tet, tritt er ihr näher. Leiſe ſchreitet er rwärts, um ſie nicht zu ſtören, aber ein Kieſel rollt unter ſeinen Füßen hin; bei dieſem Geräuſch fährt ſie über⸗ räſcht zuſammen, wie ſie einen jungen Menſchen bei ſich ſieht; bald aber erkennt ſie ihn und ein leichtes Lächeln umſpielt ihre Lippen; ſie ſteht auf, Eduard zuzempfangen. „Bleiben Sie, ich will nicht ſtören, ſagt er etwas linkiſch und verlegen... Ich ging im Gebirge ſpazieren... habe Sie erblickt... bin herzugekom⸗ men.. aber Sie leſen, wie mir ſcheint?“ „Ja, mein Herr, ich leſe ſehr gerne.“ „Ein Vergnügen, das die meiſten Bewohner die⸗ ſer Gebirge nicht kennen!— Wahr, aber ich danke auch dem Himmel, daß ich mehr weiß als ſie, denn da ich beinahe immer allein bin, ſo iſt ein Buch meine Erholung von der Arbeit.“ „Darf ich wiſſen, was Sie leſen?— Warum nicht, mein Herr?4* Iſaura reichte ihm das Buch, es waren Florians — 97 Werke. Er betrachtete das Mädchen mit noch größe⸗ rem Erſtaunen, und gab ihr dann das Buch mit den Worten zurück:„Wahrlich, Sie find kein gewöhn⸗ liches Landmädchen!..“ „Weil ich Leſen kann?“ entgegnete Iſaura lä⸗ chelnd.—„Nicht darum allein, ſondern Ihr feines Benehmen.. Ihre Art, ſich auszudrücken.— Ich ſpreche wie Jedermann, mein Herr!— Nicht wie die, welche um Sie her wohnen... ſelbſt die Wahl dieſes es.— Ich hab' es nicht gewählt, man hat es gegeben.“ Eduard war im Begriff, zu fragen:„Wer denn?“ Aber er wagt es nicht, er ſchweigt, wohl fühlend, daß ſeine Bekanntſchaft mit Iſauren zu neu ſei, a daß er ſich eine ſolche Frage erlauben dürfte. Er fühlt ein geheimes Mißbehagen und denkt, Robinea fände, wenn er hier wäre, daß das Mädchen vie Geſchenke erhalte. 5„Mein Gott! Herr, Sie haben vielleicht noch nicht gefrühſtückt?“ ruft plötzlich die kleine Hirtin aus.„Wollen Sie mit dach Hauſe kommen? Ich dachte nicht gleich daran!...“ „Nein, nein, ich bedarf nichts, ſagt Eduard, die Kleine zurückhaltend; ich will nur mit Ihnen plaudern... wenn es Sie nicht langweilt.“ „Mich langweilen!... im Gegentheil!... man plaudert ſo ſelten mit mir! Die Schäfer führen ihre Heerden immer weiter von den meinigen weg, ſie weichen mir aus.. und doch habe ich nie Jemand ein Leid zugefügt; ſehr ich ſo böſe aus, mein Herr?“ 98 „O! nein!. ganz im Gegentheil!...“ ruft Eduard aus, im Begriff, Iſauren die Hand zu reichen und zärtlich zu drücken; aber er hält noch an ſich. „Seit dem Tod meiner guten Mutter habe ich wohl bemerkt, daß man mich flieht, nur ungern mit mir ſpricht; anfangs machte es mir Kummer;... in meinem Alter allein in der Welt zu ſtehen, ſchien mir traurig;.. ſeit ich aber Vaillant habe, bin ich nicht mehr allein. Vaillant liebt mich ſehr!... er entfernt ſich nicht von mir, wenn ich thn lieb⸗ koſen will.“ In dem Ton, in der Sprache Iſaurens lag eine Miſchung von hinreißender Reinheit und Anmuth; ſie drückte ſich aus, wie ein feingebildetes Mädchen mit dem naiven Ton der Bergbewohner. Eduard fühlte, während er ihr zuhörte, daß jeder Argwohn bei ihm verſchwand.„Sie würden es alſo gefälligſt erlauben, ſagte er, daß ii zuweilen käme und mit Ihnen ſchwatzte?“ „So oft es Ihnen Vergnügen macht, mein Herr! Wohnen Sie hier in der Nähe?— Ja freilich... auf dem Schwarzenfels... zwei kleine Stunden.— Zwei Stunden!... mir ſcheint das ſehr weit;... mir, die ich nie über die Höhe jener Berge hinaus⸗ gekommen bin.— Sie ſind nie in der nächſten Stadt, in Saint⸗Amand, geweſen?— Ol nein, Herr;... man hat mir ſtreng verboten, jemals dieſe Berge zu verlaſſen.— Wer verbietet Ihnen denn dieſes, da Sie doch allein in der Welt ſtehen, keine Eltern mehr haben?“ 99 Iſaura ſchwieg eine Weile, dann ſagte ſie end⸗ lich:„Meine gute Mutter verbot es mir.— Sind Sie aber jetzt, wo ſie nicht mehr iſt... nicht Herrin ihrer Handlungen?— Ohne Zweifel... aber ich fühle kein Verlangen nach der Stadt... was ſollte ich dort ſuchen?... ol nein, ich werde das Haus des guten Andre, wo ich meine Kindheit zugebracht, nie verlaſſen!“ Eduard blieb einen Augenblick ſchweigend. Iſaura läuft einer ſich entfernenden Ziege nach, leicht ſteigt ſie die Felſen hinan; er ſetzt ſich an ihren Platz und erwartet ihre Zurückkunft. Die Schönheit der Land⸗ ſchaft, die in dieſen Bergen herrſchende Ruhe, die Sonne, welche heraufzuſteigen begann, die Einſam⸗ keit, in der er ſich mit dem ſchönen Hirtenmädchen befand, Alles trägt dazu bei, in Eduards Seele tauſend Gedanken zu erzeugen; er fühlt ſein Herz ſtärker klopfen, ſeinen Athem gedrängter, ſeine Phan⸗ taſie verwirrt durch Sehnſucht nach Liebe oder viel⸗ mehr Vergnügen... aber Iſaura kommt zurück, lächelnd ſetzt ſie ſich neben ihn und ſagt:„Da bin ich endlich!“ In dieſer Handlung, in ihrem Blick liegt ſo viel Vertrauen und Unſchuld, daß Eduard innerlich über die in ihm aufgeſtiegenen Gedanken erröthet; ſein Kopf wird ruhiger, ſein Herz minder bewegt, und jetzt erſt wagt er's, Iſauren anzuſehen. „Meine Ziegen jagen mich öfters weit herum,“ fährt die Kleine fort,„ich könnte zwar Vaillant mit⸗ nehmen, der ſie gut bewachte; aber es muß doch Jemand das Haus hüten.— Kommt nie ein Land⸗ 100 mann der Gegend, um mit Ihnen zu plaudern, Iſaura? — Nein, Herr... nie!..— Und iſt unter den Reiſenden, die durch das Thal kommen, nie einer, wie ich, zurückgekehrt, um Sie aufzuſuchen?— Nein, Herr;... aber es iſt ſehr ſelten, daß Fremde hier vorbeikommen, denn das Thal liegt an keiner beſuch⸗ ten Straße, und die Bergbewohner, welche Reiſende führen, vermeiden ſtets das weiße Haus.“ Wieder trat ein Augenblick des Schweigens ein. Eduard betrachtete das Mädchen aufmerkſam und dieſe folgte ihren Ziegen mit den Blicken auf die Berge; fallen ihre Augen zufällig auf Eduard, ſo lächelt ſie ihm freundlich zu, nicht mit dem Lächeln der Koket⸗ terie, ſondern dem der Unſchuld, die keine Gefahr in dem Vergnügen ſieht, das ſie erzeugt. „Man hat mir in Chadrat geſagt,“ nahm Eduard wieder das Wort, daß Leſen nicht Ihr einziges Ta⸗ lent ſei... ſie ſingen auch!— Ja, mein Herr, ich ſinge oft;... ich habe nichts Beſſeres zu thun!... aber ich glaube, ich ſinge ſehr ſchlecht.— Und wer hat Sie denn Lieder lehren können, die in dieſer Gegend unbekannt ſind?“ Eine leichte Röthe färbt Iſaurens Wangen; mit geſenkten Augen antwortet ſie:„Ein Reiſender, der ſich einige Zeit bei uns aufhielt.— Lebte Ihre Mut⸗ ter noch?— O freilich! Herr!“ Eduard ſchwieg; wider ſeinen Willen drängte ſich ihm dunkler Argwohn auf. Ihn zu zerſtreuen, ſieht er das reizende Mädchen an, deſſen Züge die reinſte Unſchuld ausdrückten. Da er ſeine Abweſenheit, oder 2 3 3 101 wenigſtens die Ahnung einer weiten Entfernung auf dem Schloß verbergen möchte, fühlt er die Nothwen⸗ digkeit, jetzt aufzubrechen. Er ſagt daher zu Iſauren: „Jetzt muß ich Sie verlaſſen.— Jetzt ſchon? ant⸗ wortet unſchuldsvoll die kleine Hirtin.— Wie! rief Eduard aus, machte Ihnen meine Gegenwart einiges Vergnügen?— Ich habe Ihnen geſagt, mein Herr, daß ich hier ſo ſelten Gelegenheit habe, mit Jemand zu ſprechen.— Ahl das iſt wahr, verſetzte Eduard kälter, und nur deßhalb...“ Er ſchwieg und ſagte bei ſich ſelbſt:„Nun! wollte ich nicht gar, die Kleine ſolle ſchon in mich verliebt ſein? Wahrlich, ich predige Alfred Moral, und bin ſelbſt nicht beſſer, als er.“ „Ich gehe mit Ihnen den Berg hinab,“ ſagt Iſaura,„es iſt Zeit, daß ich heimgehe, mein armer Vaillant muß ſich langweilen.“ Alsbald trieb ſie ihre Heerde zuſammen und gegen das Thal hinab, bei dem geringſten Sprung ihrer Ziegen aus vollem Herzen lachend und ſchäkernd. 3 Man langt vor der Wohnung Iſaurens an, der Hund kommt beim Oeffnen ſogleich herbei und liebkost ſie, hierauf blickt er Eduard an, geht um ihn herum, zeigt aber keinen Widerwillen. „Ich glaube, er kennt Sie ſchon, ſagt das junge Mädchen.— Ich ſehe wohl, erwidert Eduard, daß wir in Kurzem auf gutem Fuße mit einander ſtehen werden.. Leben Sie wohl, liebenswürdige Iſaural.,. auf morgen früh!— Auf morgen, mein Herr... ach! verzeihen Sie, ich weiß Ihren Namen nicht!— 10² Ich heiße Eduard.— Nun denn, auf morgen, Herr Eduard, da Sie heute nicht bei mir raſten wollen.“ Bei dieſen Worten machte das Mädchen eine anmuthige Verbeugung und geht fröhlich in ihre Wohnung. Der junge Mann ſchlägt nun wieder den Weg nach dem Schwarzenfels ein, nur an die kleine Ziegenhirtin denkend. Jeden Augenblick ſpricht er bei ſich ſelbſt:„Sie iſt reizend;... ihre Manieren, ihre Stimme, ihr naives Weſen... Alles zum Ent⸗ zücken.. ol ich werde mich nicht in ſie verlieben.. das wäre eine Tollheit... ſie iſt aber ſo intereſſant, daß ich wollte, es wäre ſchon morgen. Sagen wir Alfred nichts von meinem Beſuch, er wäre im Stande, ebenfalls zu kommen; Alfred iſt leichtſinnig, er würde ſie auf der Stelle zu verführen ſuchen.. es wäre abſcheulich, aber ſicherlich, ich würde es nicht dulden.“ Armer Eduard! er will nicht lieben, und iſt ſchon eiferſüchtig!.. Ei! warum denn einer, in ſeinem Alter ſo natürlichen Leidenſchaft widerſtehen wollen! Erſt wenn die Zeit der Vernunft kommt, muß man gegen die Liebe auf ſeiner Hut ſein, gleichwie die Blat⸗ tern mehr Verheerung anrichten, je ſpäter ſie kommen. —.— ſſſſſſſſſſſſſmmſſſiſniſfiſün ſnannnnemim Ang 9 10 11 12 13 14 15 1 päcin 6 17 18