— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur d von. Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ==A 8 Leih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei E . . 1 5 ntgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe b wird von zu 24 Stun⸗ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt beträgt: für wöchentlich 2 Büchen: 4 Bücher: —— auf 1 „ werden und 6 Bücher: 1 Mr. 50 Pf. 2 r.— Monat: 4 Wer.— Pf. Pf. 3 3„—„„—.„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruͤckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit K Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene lorene oder defecte Buch ein Theil eines grö der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1 6 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 1 wird. upfern ꝛc.) muß der te, beſchmutzte, ver⸗ Beren Werkes, ſo iſt — q— Paul de Kock's humoriſtiſche Nomane, V deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Dreiundzwanzigſter Theil. Stuttgart: Scheible, Rieger« Sattler. 1844. Das Weiße Haus. Von Paul de Koch. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. 8¾ Erſter Theil. Stuttgart: Scheible, Rieger Sattler. 1844. Weiland war ein jedes Dorf Heimgeſucht durch ſeine Geiſter, 8 Jedes Weiler frug um Rath Seinen Spuk⸗ und Herenmeiſter; Seinen Kobold, ſein Geſpenſt . Barg ein jedes Schloß im Grunde, Und das Alter fabelte Gern davon mit regem Munde, 8 Daß manch holdes Kind der Schlaf Floh in ſtiller Geiſterſtunde. Delille(der Landmann). 8 Erſtes Kapitel. Drei junge Leute. . war mitten im Juli des Jahres 1825; ſo eben ſch glug die vierte Stunde auf der Uhr des Schatz⸗ kammergebäudes, und die Angeſtellten ſchloſſen ſchnell ihre Schreibtiſche, legten die Akten wieder an ihren Ort, die Federn auf das Schreibzeug, griffen eifrig nach ihren Hüten und verließen die Arbeit Seiner Excellenz, um nur noch an ihre eigenen Angelegen⸗ heiten oder das Vergnügen zu denken. Unter der Menge von Perſonen jedes Alters, die man in den langen Gängen umherlaufen ſah, ſchob ſich ein Herr von ſieben⸗ bis achtundzwanzig Jahren, nachdem er ſeine Federmeſſer, Bleiſtifte und Radier⸗ meſſer weit methodiſcher, als junge Leute zu thun pflegen, in Ordnung gelegt und ſorgfältig ſeinen Hut abgeſtäubt und ſeinen Frack ausgebürſtet hatte, ein großes grünes Portefeuille unter den Arm, welches man von ferne für das eines Diviſionschefs hätte . halten können; ſeiner Phyſiognomie einen Ausdruck von Gutmüthigkeit und Leutſeligkeit gebend, folgte er der Menge, die nach der Thüre lief, indem er rechts und links diejenigen ſeiner Kollegen grüßte, Robineau.“ Nachdem Herr Robinxau(da wir jetzt ſeinen Na⸗ men wiſſen) etwa hundert Schritte von ſeiner Kanzlei entfernt war, nahm er plötzlich ganz andere Ma⸗ nieren an: er ſchien ſich in ſeinem Anzuge aufzu⸗ blaſen, hob den Kopf in die Höhe, beſchleunigte auf affektirte Weiſe ſeine Schritte; eine geſchäftige, nach⸗ ſinnende Miene trat an die Stelle des liebe swür⸗ digen Lächelns; das große Portefeuille war ärker unter den Arm gedrückt und die Vorübergehenden ſah er mit dem Blicke eines Beſchützers an; es war nicht mehr das Anſehen eines Subalternbeamten mit fünf⸗ zehnhundert Franken, es war wenigſtens das eines Bureauchefs. Dieſer ſtolzen Haltung ungeachtet, ſchlug Robi⸗ neau den Weg zu einem beſcheidenen Traiteur ein, eeeſſen vorſetzte, das er köſtlich fand, weil ſeine Mit⸗ tel ihm nicht erlaubten, ein beſſeres zu nehmen wenigſtens zeigte ſich Robineau weiſe; Zufriedenheit mit dem, was man hat, iſt das Mittel, glücklich zu lais⸗Royal durchſchneidet, wird er von zwei jungen, ſehr eleganten Herren angehalten, die ihm lachend den Weg vertreten. Der eine, der ungefähr vierund⸗ zwanzig Jahr alt ſein mag, iſt groß, ſchlank und hält ſich leicht gebückt, wie es bei Perſonen von hohem welche im Vorbeigehen zu ihm ſagten:„Guten Tag, — Wuchſe, die nicht dem Militärſtande angehören, ziem⸗ lich häufig der Fall iſt. Dieſes kleinen Fehlers ſeiner Haltung ungeachtet, iſt ſein Auftreten ungezwungen; in ſeinen Manieren, in ſeinen unbedeutendſten Be⸗ wegungen liegt eine freie Nachläſſigkeit, die Offen⸗ herzigkeit und ein Anſtrich von Munterkeit athmet, der für ihn einnimmt. Sein angenehmes Geſicht, ſeine großen blauen Augen, ſeine blonden Haare, die anmuthig über ſeine hohe und gebieteriſche Stirne herabfallen, machen zuſammen aus dieſem jungen Manne einen ſehr ſchönen Cavalier; die Bläße ſei⸗ nes Geſichts, einige ſchon ſcharf gezeichnete Linien um ſeine Augen und ſelbſt der gewöhnliche Ausdruck ſeiner Geſichtszüge jedoch zeigen auch einen Mann an, der das Leben ſehr genoſſen hat und an Gefüh⸗ len und Vergnügungen alt iſt. Sein Gefährte, nicht eben ſo groß und von we⸗ niger regelmäßigem Geſichte, iſt gleichwohl vielleicht hübſcher: ſeine Haare ſind ſchwarz, ſeine dunkelbrau⸗ nen Augen haben einen anziehenden Ausdruck von Sanftmuth, und ſeine Stimme, ſein Lächeln vollen⸗ den, was die Augen begonnen. In ſeinen Manieren liegt nicht ſo viel Munterkeit und Lebhaftigkeit wie bei ſeinem Freunde; aber er ſcheint nicht, wie dieſer, ſchon ſtumpf für alle Genüſſe des Lebens. Beim Anblick der beiden Jünglinge iſt das Geſicht des Angeſtellten wieder liebenswürdig geworden; eifrig ergreift er die Hand, die ihm der lange Blonde bie⸗ tet, und ruft aus:„Eil das iſt ja Alfred von Mar⸗ cry! ich bin entzückt, Dich zu keefen;.⸗. und Herr Eduard!. Mit der Geſundheit ſteht's gut, wie ich ſehe.. Ihr geht ohne Zweifel zu Tiſche, und ich auch.— Derjenige der beiden jungen Leute, dem Robi⸗ neau noch die Hand drückte, und deſſen edle und geiſtreiche Phyſiognomie einen leichten Hang zur Per⸗ fiflage andeutete, blickte unſeren Beamten lächelnd an, und in dieſem Lächeln lag ein Ausdruck von Muth⸗ willen, worüber jeder Reizbare hätte böſe werden können, wenn er nicht zugleich mit einem Tone frei⸗ müthiger Heiterkeit ausgerufen hätte:„Guter Robi⸗ neau, wo treibſt Du Dich denn herum?... Man trägt keine ſo hohen Hüte mehr, mein Freund! Pfui doch!.. das iſt vom vorigen Jahre.. aber es ge⸗ ſchieht, um Dich größer zu machen, nicht wahr 2 Und dieſe Rockſchöße!... ha! ha! ha! Du ſiehſt aus wie ein hochedler Papa.. Wer Teufel macht Dir Deine Kleider? weißt Du, daß Du um ein halbes Jahrhundert zurück biſt?“ Robineau nimmt alle die Scherze vortrefflich auf, und indem er die Hand des jungen Mannes endlich losläßt, antwortet er mit gutmüthiger Miene:„Ihr habt gut reden, ihr Herren mit fünfzig und hundert⸗ tauſend Franken Einkünften, ihr könnt wohl jeder Mode folgen, auf die geringſte Aenderung in dem Schnitt eines Rocks, in der Form eines Hutes lauern; ein gewöhnlicher Commis wie ich aber, der nur hundert Louis Gehalt hat!... ich ſoll indeß bald befördert werden.. ihr ſeht, daß da Ordnung und Sparſamkeit von Nöthen iſt, wenn man keine Schul⸗ 1 —B——õ—jõõ den machen will; und dann habe ich mich nie fehr mit der Toilette beſchäftigt... ich bin nicht gefall⸗ ſüchtigz ach! mein Gott, wenn man nur anſtändig gekleidet iſt, was liegt dann auch daran, ob ein Frack länger oder kürzer iſt?“ „Ha! Du ſpielſt den Philoſophen, Robineau!... Und dieſe ſymmetriſchen Locken, die Du Dir ſorg⸗ fältig auf jeder Seite machſt?— O! das iſt Natur... ich berühre ſie nie!— Geh doch! ich wette, Du gehſt nicht zu Bette, ohne daß Du Deine Haare aufge⸗ wickelt haſt!— Ah! zum Beiſpiel!..— Ol ich kenne Dich... mit Deiner anſcheinenden Gleichgültigkeit!... Gerade wie in der Schule; es war ihm ganz gleich, was man uns zu eſſen auftrug... am andern Tag aber ſtellte er ſich krank, um Bouillon zu erhalten.“ Bei dieſen Worten wendet ſich der große junge Mann zu ſeinem Freund, der ein Lächeln nicht unter⸗ drücken kann, während Robineau, um dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben, zu dem Letztern ſagt: „Nun, Oerr Eduard, wie geht's mit der Literatur, mit dem Theater?... fortwährend Beifall, nicht wahr?... ſchon daran gewöhnt?“ Eduard verzieht ſein Geſicht und Alfred bricht in lautes Lachen aus.„Ah! Du kommſt gut bei ihm an, von Beifall zu reden... welche Saite haſt Du da angeſchlagen! Wie, Robineau, an dieſem langen Geſichte, der finſtern Stirne haſt Du den Dichter nicht errathen, den ein Zufall traf!„der das Opfer einer Kabale geworden iſt!... kurz, Du— ſiehſt nicht den unglücklichen Verfaſſer vor Dir?— Wahrhaftig 2... Wie, Herr Eduard, Sie ſind durch⸗ gefallen?“ 1 „Ja, mein Herr, erwidert Eduard mit einem leichten Seufzer.— Ahl das iſt komiſch!— Du findeſt das komiſch?— Ich will ſagen außergewöhn⸗ lich; Sie, der Sie ſchon öfters Beifall erhielten... Es war alſo ſchlecht?... d. h. es hat alſo nicht ge⸗ fallen?— Es ſcheint ſo, da man es ausgepfiffen hat.— Meiner Treu, ich weiß nicht, wie Ihr Stück war; ich bin jedoch überzeugt, daß es nicht ſchlechter ſein konnte als das, welches ich vorgeſtern im Fey⸗ deau geſehen... O! denkt euch ein rechtes Kauder⸗ wälſch! ein Auf⸗ und Abtreten; kurz, es war ſo dumm, daß ich, der ich gewöhnlich nie pfeife, nicht umhin konnte, es den Uebrigen gleich zu thun... Ich pfiff wie eine Klapperſchlange.“ Alfred, der ſeit einigen Minuten einen neuen Lach⸗ reiz unterdrückte, läßt jetzt den Arm ſeines Freundes fahren und gibt ſich ſeiner ganzen Luſtigkeit hin. während Eduard mit einer ſo viel möglich zufriedenent Miene zu Robineau ſagt:„Ich danke Ihnen, meimn Herr, daß Sie mein Stück haben begraben helfen.“ „Wie!.. das war von Ihnen?“ ruft Robineau, 64 indem er ſeine kleinen ſchwarzen Aeuglein möglichſt 2 aufreißt. 1 „Ja freilich! verſetzt. Alfred, ſein Stück war es, das Du wie eine Klapperſchlange ausgepfiffen haſt! — Ach, mein Gott! wie leid thut es mir! hätte ich das ahnen können.. allein die Schuld liegt an Ihnen; (hätten Sie mir ein Billet zugeſandt, wäre es nicht 11 geſchehen. Ich erinnere mich jetzt wohl, daß ſich geiſt⸗ reiche Worte... hübſche Scenen darin fanden... Wahrlich, ich bin untröſtlich, Herr Eduard...— Und ich, ich verſichere Sie, daß ich darum keines⸗ wegs böſe bin. Was macht ein wenig Pfeifen mehr oder weniger? Auch bin ich der Anſicht, daß ein ſchleuniger Fall auf dem Theater beſſer iſt, als ein Dahinſchleppen durch mehre Vorſtellungen.— Sie werden mir alſo deßhalb nicht grollen 56 „Ei!l nein, ſagte Alfred; Du haſt ihm Deine Freundſchaft bewieſen: wen man lieb hat, züchtigt man; und zudem hat der beſte General ſchon Schlach⸗ ten verloren; nicht wahr Eduard?... Schau, ich wette, das hat man Dir ſeit vorgeſtern wenigſtens ſchon fünfzigmal geſagt.“. Eduard lächelt, diesmal aber aus vollem Herzen, und faßt den Arm ſeines Freundes wieder, der Ro⸗ bineau aufs Neue, ſpöttiſch lächelnd, betrachtet. „Du biſt immer ſehr beſchäftigt, Robineau?— O fortwährend... wir haben eine Höllenarbeit... Mein Vorgeſetzter verläßt ſich ganz auf mich... er weiß, daß ich immer da bin, wo es Noth thut... — Was haſt Du denn in dem großen Portefeuille, das Du ſo feſt unter den Arm drückſt? ſpielſt Du dieſen Abend eine Notarsrolle?— O! das iſt nicht zum Spielen, ſondern eine Arbeit, die ich mit nach Hauſe nehme...— Teufel!— Sehr eilende Ge⸗ ſchäfte... Zuweilen bringe ich einen Theil der Nacht darüber zu... ich bin aber auch ſicher, daß ich vor⸗ rücke... 12 Alfred antwortet nichts; er beißt ſich in die Lippen, nachdem er Eduard einen flüchtigen Blick zugeworfen hat; nach einer Weile fährt er fort:„Und mit den Liebesangelegenheiten, Robineau, wie ſteht's da?... Wie viel Maitreſſen haſt Du im Augenblick?— O! ich bin ſolid, ſehr ſolid... Erſtlich erlauben mir meine Mittel nicht, Frauen zu unterhalten, beſäße ich aber auch die Mittel, würde ich es nicht thun... es iſt nicht mein Geſchmack... Ich will um meiner ſelbſt willen geliebt werden!“ „Gewiß, mein Herr, Sie verdienen wirklich, daß man Sie anbetet!— Ich ſage nicht gerade, daß man mich anbetet; aber ich will jene Sympathie finden... jenes ſüße Hingeben... jenes.. Ach! Du lachſt! Du glaubſt nicht an wahre Liebe“ „Ich! ich glaube im Gegentheil an Alles, was man will; und der Beweis davon iſt, daß ich alle ſchönen Frauen, die ich ſehe, zu lieben glaube; nicht wahr, Eduard?2.. O! von Weibern ſprechen..— Wie? hat er mit dieſen auch einen Fall gethan?“ ſagt Robineau, indem er mit halbgefälliger Miene ſeinen Witz belächelt. „Nein; allein ſeine letzte Liebſchaft hat ſich mit einem Engländer davon gemacht; nun ſchwört Eduard, daß er ſich in keine Wäſcherin mehr verlieben werde. — Ach! es war eine Wäſcherin!... und ich wette, Sie verſagten ihr nichts.. denn Sie ſind ſehr frei⸗ gebig... Und am Ende hat ſie Sie wegen eines elenden Engländers, der ihr einen Wagen verſprochen, ſitzen laſſen; man begehe alſo Thorheiten für die mit dem darf man aber nicht 13 Weiber!...— Und für wen ſoll man denn welche be⸗ gehen, Robineau? Mich haben ſie ſchon ſehr oft be⸗ trogen, ich bin ihnen aber darum nicht böſe... denn eine Geliebte, die uns verläßt, gibt uns die Freiheit, eine andere zu nehmen, während man häufig nicht weiß, wie man eine los werden ſoll, die uns treu iſt.“ „Da hört man ſo recht wieder den Flatterfinn, ſagte Eduard. Ach! beſter Alfred, Du wirſt ſtets glücklich in der Liebe ſein, denn Du wirſt nie lieben!“ „Das iſt wahr, fällt Robineau ein, er iſt nicht für das Gefühl und will nur Vergnügen; und wenn man, wie er, reich iſt, von Adel, der einzige Sohn, und einen Vater hat, der einem ganz den Willen läßt, ſo fehlt es nicht hieran. Ich, meine Herren, weiß mich zu begnügen; und da ich, wie geſagt, nur an ſtillen Freuden Geſchmack finde, halte ich weder auf Luxus, noch auf Ehrenbezeugungen. Was ich wünſche, um glücklich zu ſein, das habe ich: eine Stelle... zwar etwas anſtrengend, allein ich liebe die Arbeit... und bis ich mich verheirathe, eine ſchöne Geliebte, die gefühlvoll iſt, an mir hängt, mich keinen Heller koſtet und auf deren Treue ich zählen kann, denn ich bin entſetzlich eiferſüchtig.— Und wo findeſt Du dieſen Schatz, Robineau?— Das findet ſich ziemlich leicht; freilich wende ich mich nicht an Dirnen und Nätherinnen! Aber, Verzei⸗ hung, meine Herren, während ich mit euch ſchwatze, vergeſſe ich, daß man mit dem Mittageſſen auf mich wartet in einem Hauſe, wo ich ſeit acht Tagen ein⸗ geladen bin... Man wird ſich ohne mich nicht zu 14 Tiſche ſetzen und ich will nicht zu lange auf mich warten laſſen.“ Bei dieſen Worten war Robineau fred getreten, um ihm die Hand zu rei erhaſcht dieſen Augenblick, dem Angeſte tefeuille zu entreißen, das er noch im Arme hat. „Mein Portefeuille!... mein Portefeuille! ſchreit Robineau; Teufel!... keine Späße! „Ich wette mir Dir, pier, ſagt Alfred, das Po Hand haltend. Laß ſehen näher zu Al⸗ chen. Letzterer llten das Por⸗ Bleiſtift und zwei Briefe Stecknadeln. 3 „Darüber alſo bringſt Du Deine Nächte hin?“ ruft Alfred, während Eduard mit vollem Herzen auf Koſten deſſen lachte, der ſein Stück ausgepfiffen hatte. Robineau ſpielt den Erſtaunten und ruft:„Ach! mein Gott! ich habe mich geirrt.. habe ein Heft ſtatt eines andern genommen! Es liegen ſo viele Akten vor mir. Ich verſichere, das iſt mir ſehr är⸗ gerlich, und wenn man nicht mit dem Eſſen auf mich wartete, würde ich in die Kanzlei zurückkehren.“ 8 „Gnädiger Herr, ich gebe Ihnen Ihre geheimen Arbeiten zurück,“ ſage Alfred, indem er Robineau mer unter dem 15 mit ehrfurchtsvoller Miene das große Portefeuille dar⸗ reicht, welches er wieder unter ſeinen Arm ſchiebt und ſich entfernen will, um den Neckergien der beiden jungen Leute zu entgehen; der Größere hält ihn je⸗ doch abermals auf:„Du biſt hoffentlich nicht böſe, Robineau?— Ich! böſe!... Ei!l warum denn?.. Du lachſt gerne, treibſt gerne Scherz, und ich auch wenn ich Zeit dazu habe..— Ja, ich weiß, daß Du im Grund ein guter Kerl biſt; höre, um mir zu beweiſen, daß Du mir nicht böſe biſt, weil ich meine Augen in Dein adminiſtratives Portefeuille geworfen habe, mußt Du dieſen Abend zu mir kommen... in das Hotel: mein Vater gibt große Geſellſchaft... ich weiß nicht gerade, aus welcher Veranlaſſung; was ich aber weiß, iſt, daß man tanzen, ſpielen wird und daß ſehr hübſche Frauen dabei ſein werden. Deiner kleinen Hausleidenſchaft ungeachtet, biſt Du auch Liebhaber und mußt kommen..Eduard iſt einer der Unſrigen, er hat mir's verſprochen; wir wollen ihm im Ecarté ſein Geld abgewinnen, damit er nicht mehr an ſeinen letzten Durchfall denkt... Und dann, wer kann wiſſen? vielleicht findet er in der Geſell⸗ ſchaft eine Schönheit, welche das Andenken an ſeine Treuloſe aus ſeinem Herzen verwiſcht... Nun! wirſt Du kommen?“ Robineau's Geſicht hat ſich während der Einla⸗ dung Alfreds verklärt, er ergreift aufs Neue ſeine Hand, und ſie heftig drückend, erwidert er:„Mein Freund.. gewiß.. ich fühle aufs Innigſte.. dieſe verbindliche Einladung macht..— Laß doch . die Phraſen bei Seite! find Umſchweife zwiſchen uns nöthig?... Ich wollte Dich ſchriftlich einladen; Du weißt aber, wie leichtſinnig ich bin, und ich habe nicht mehr daran gedacht. Nun, Du kommſt?— Gewiß, ich werde die Ehre haben und bin.— Gut, es gilt alſo, dieſen Abend, wir wollen uns zu beluſtigen ſuchen, was in großen Zirkeln nicht immer leicht iſt.“ 3 Damit zieht der große junge Mann ſeinen Ge⸗ fährten fort, beide nicken dem Bekannten mit dem Kopfe zu, und entfernen ſich ſchnellen Schritts, Ro⸗ bineau im Garten des Palais⸗Royal zurücklaſſend, und zwar ſo eingenommen von der erhaltenen Ein⸗ ladung und der Soirée, der er im Hauſe des Barons von Marcey beiwohnen wird, daß er ohne die her⸗ vorſpringende Steinumgrenzung des Baſſins, welche ſeine Füße aufhält, gerade in den Springbrunnen gelaufen wäre, um zu ſeinem Traiteur zu gelangen. Zweites Kapitel.— Die Putzmacherin.— Robineau's Toilette. Robineau iſt bei ſeinem beſcheidenen Speiſewirth angelangt, deſſen Salons, wie gewöhnlich, voll ſind; denn kleine Geldbeutel ſind allgemeiner, als große Reichthümer, was jedoch nicht ſagen will, daß nur reiche Leute zu den beſten Reſtaurateurs gehen; ſo viel iſt aber gewiß, daß man bei den Wirthen zu 1 17 zweiunddreißig Sous mit einem Appetit ſpeist, den man in den goldgezierten Salons nicht immer trifft; und da das Brod hier der Diskretion der Gäſte an⸗ heimgeſtellt iſt, ſo laſſen es ſich dieſe nicht daran fehlen, und der Ruf:„Kellner, Brod!“ macht ſich jeden Augenblick von allen vier Ecken des Saals per⸗ nehmbar. Robineau, der in der Regel nicht zu der Zahl der geringen Eſſer gehört, hat heut weniger Appetit; er verſchluckt ſeine Kräuterſuppe, ohne ſich zu beklagen, daß ſie zu dünn oder zu herb ſei, was den Kellner ſehr wundert, und als dieſer endlich fragt, was er nach der Suppe eſſen wolle, erwidert Robineau:„Was Sie wollen; doch ſchnell... ich habe große Eile... ich gehe dieſen Abend zu dem Baron von Marcey und muß mich noch in Galla begeben.“ „Alſo ein Beefſteack mit Kartoffeln, mein Herr, ſagt der Kellner, der ſich ſehr wenig darum kümmert, ob der Gaſt Abends zu einem Baron geht, während Robineau mit hochtrabender Miene um ſich herblickt, um zu ſehen, ob Jemand auf ſeine Worte Acht ge⸗ geben hat, und ob man ihn nicht mit mehr Hoch⸗ achtung anſieht. Vergebens jedoch ſchweifen ſeine Blicke über die anſtoßenden Tiſche hin; ſeine Umge⸗ bung iſt zu ſehr damit beſchäftigt, den Inhalt ihrer Teller aufzuzehren, als nach ihrem Nachbar zu ſchauen; um ſich wichtig zu machen, darf man nicht in eine Reſtauration zu zweiunddreißig Sous gehen. Wie Robineau ſieht, daß man ſich nicht mit ihm beſchäftigt, wiewohl er mit dem Namen des Barons Paul de Kock. XXIII. 2 um ſich geworfen hat, beeilt er ſich, die drei auf die Suppe folgenden Gerichte aufzueſſen; als ihm der Kellner den Nachtiſch bringt, der nach der Gewohn⸗ heit Robineau's aus Haſelnüſſen, Mandeln, Zibeben und Feigen beſteht, ſteht der Sekretär ſchnell auf und ſagt, ſein Portefeuille wieder unter den Arm ſchie⸗ bend, zum Kellner:„Das iſt für Sie... Jhr Trinkgeld.“ 1 Hierauf geht er mit ſchnellen Schritten durch den Saal, indem er rechts und links die ihm im Wege Stehenden auf die Seite ſtößt, worüber ſie etwas brummen, während der Kellner, das Geſicht verzie⸗ hend, die ihm als Trinkgeld gelaſſenen Haſelnüſſe un. Feigen anſieht. Robinean iſt bei ſeiner Wohnung in der Straße Saint⸗Honore angelangt; wie er ſich dem Hauſe nähert, wo zu ebener Erde ein Putzladen iſt, geht er langſamer und ſeine Augen ſcheinen durch die gelbſeidenen Vorhänge, welche die Arbeiterinnen den Blicken der Vprübergehenden entziehen, hindurchdrin⸗ gen zu wollen. „Zum Teufel! ſpricht Robineau bei ſich ſelbſt— es iſt erſt ſechs Uhr, Fifine kann noch nicht aus dem Laden gehen... und doch hätte ich ſie äußerſt noth⸗ wendig. Wenn mir der leichtfinnige Alfred einige Tage zuvor geſchrieben hätte, ſo würde ich mich auf die große Abendgeſellſchaft gerüſtet haben und es fehlte mir nichts. Dieſe reichen Leute denken nie daran, daß Andere nicht reich ſind!... Ich weiß 3 nicht, ob ich eine weiße Weſte und ſeidene Strümpfe 19 anzuziehen habe.. Habe ich ſeidene Strümpfe 2... Ach! mein Gott! Ich habe ſie Fifinen geliehen, als wir das letzte Mal ins Theater gingen... und ſie hat ſie mir noch nicht zurückgegeben... Dieſes Mäd⸗ chen bringt mich am Ende noch um Alles!... Ich bin zu freigebig.. Hat ſie ſolche aber zerriſſen, werde ich ihr eine tüchtige Lektion geben... Mit fünfzehnhundert Franken Gehalt kann man, wenn man Koſt und Wohnung beſtreiten ſoll und anſtändig in der Welt auftreten will, keinen Ueberfluß an ſei⸗ denen Strümpfen haben... das iſt unmöglich!... Zudem bin ich ſeit einiger Zeit im Ecartè nicht glück⸗ lich!.. Ach! Gott! wann werde ich reich ſein?... gewiß, ich machte nicht weiter Weſens! Wäre weder ſtolz noch übermüthig. Aber dann brauchte ich nicht, wenn ich eine Einladung in vornehme Geſellſchaften bekäme, auf Auskunftsmittel ſeidener Strümpfe halber zu ſinnen.“ Unter dieſen Betrachtungen langt Robineau vor dem Laden an; allein die Thüre iſt geſchloſſen; zwar laſſen die Vorhänge etwas von einem Kopfe und einen Arm ſehen, aber es arbeiten ſechs Mädchen im Laden, und wenn die Gebieterin da iſt, ſo ſieht man auf ſeine Arbeit und nicht durch die Fenſterſcheiben. Robineau geht vorüber und entſchließt ſich, in die Hausflur zu treten, an deren Ende eine Thüre in das Ladenzimmer führt. Dort läuft er einige Zeit hin und her, huſtet ſtark, wenn er vor der Thüre iſt und ſieht ungeduldig nach ſeiner ſilbernen Uhr, die ‚vorn in ſeiner Hoſentaſche ſteckt und an einem blau⸗ 20 ſeidenen, um ſeinen Hals geſchlungenen Bande be⸗ feſtigt iſt. Die ſechs Putzmacherinnen ſchlafen alle im Hauſe. Zwei in einem an das Zimmer der Herrin ſtoßenden Gemach und die vier übrigen in einer Kammer im fünften Stock, gerade über der Wohnung Robineau's. Jungfer Fifine gehört zu den Letztern. Robineau weiß wohl, daß Fifine, um nach ihrer Kammer hin⸗ aufzukommen, durch die untere Hausflur muß; das geſchieht aber erſt gegen neun Uhr, und er kann nicht ſo lange warten, ohne ſie zu ſprechen. Es wäre viel einfacher, wenn er geradezu in den Laden träte und Jungfer Fifine bäte, auf einen Augenblick heraus zu kommen; dadurch würde er es aber auf immer mit ſeiner Schönen verderben, denn Fifine iſt, wie alle Putzmacherinnen, ſittſam; wenn ſie einen Liebhaber hat, ſo iſt das nur, weil alle ihre Geſpielinnen ihre kleine Bekanntſchaft haben, und ſie zum Geſpött wer⸗ den würde, wenn ſie nicht Jemand Sonntags ſpa⸗ zieren führte. Die Woche hindurch aber iſt Madame (der Titel den man der Eigenthümerin des Mode⸗ ladens gibt) ſehr ſtreng gegen ihre Jungfern, und ſie iſt von Morgens acht Uhr bis Abends neun Uhr für ihre Tugend verantwortlich. Nachdem Robineau lange vergeblich im Hausgange gehuſtet hat, entſchließt er ſich, nach ſeinem Zimmer hinaufzuſteigen, ſein Portefeuille wegzulegen und die Vorbereitungen zu ſeiner Toilette zu machen. Er geht vier Stockwerke auf einer ſchmutzigen und finſtern Treppe hinan, wie es viele in der Straße Saint⸗ 1 21 Honore gibt, tritt in ſeine Wohnung, welche aus zwei kleinen Gemächern beſteht, wovon das eine das Vorzimmer, die Garderobe und Küche, das andere das Schlaf⸗, Ankleide und Geſchäftszimmer bildet. Im erſten ſieht man wenig Mobilien; das zweite hin⸗ gegen iſt mit einer gewiſſen Eleganz ausgeſchmückt, es herrſcht Ordnung und Sauberkeit darin, kurz, Alles iſt an ſeinem Platze,— eine Seltenheit bei einem ledigen Mann. Robineau öffnet ſeine Kommode, langt aus einer Schublade ſeinen ſchwarzen Staatsfrack nebſt den Ball⸗ hoſen heraus und findet zu ſeiner großen Freude eine ganz weiße Piqueweſte. Er breitet es auf ſeinem Bette vor ſich aus, betrachtet ſich hierauf wohlgefällig im Spiegel, der über dem Kamin befindlich iſt, und dieſer zeigt ihm, wie ſonſt auch, ein dickes, aufgebla⸗ ſenes Geſicht, kleine, ſchwarze Aeuglein, eine breite Stumpfnaſe, einen kleinen Mund, niedere Stirne, ſehr dicke, blonde Haare und aufgeworfene Lippen. Robineau findet das Alles reizend, lächelt ſich zu, macht ſich graziöſe Mienen und Verbeugungen und ruft alsdann aus:„Ich bin ſehr ſauber, und in vol⸗ lem Putze muß ich großen Eindruck machen. Nachdem er ſich einige Minuten im Spiegel be⸗ trachtet hat, kehrt er an ſeine Kommode zurück, durch⸗ ſucht alle Schubladen, wirft alles durcheinander und ruft: Gewiß, ich habe keine ſeidene Strümpfe... Im Nothfall könnte ich welche kaufen;... ich habe noch drei und zwanzig Franken von meinem Monat⸗ gehalt übrig... Das würde mich aber geniren... . 22 wenn ich etwas im Ecarte ſetzen wollte, könnte ich's nicht. Zwar weiß ich wohl, daß, wenn ich Alfred nur ein Wort ſagte, er mir liehe; ich will jedoch nicht das Anſehen haben, als fehlte es mir an Geld; und dann, da ich in der That noch ſehr ſchöne ſei⸗ dene Strümpfe habe, wozu welche kaufen?— Jung⸗ fer Fifine muß mir ſie durchaus zurückgeben; wo nicht, ſo iſt's aus, wir brechen und ich gebe ihr keinen Gui⸗ tarre⸗Unterricht mehr. Sie wird ſich vorher wohl beſin⸗ nen; man findet nicht alle Tage einen Liebhaber, der Guitarre ſpielt, und ſo gefällig iſt, dem Gegenſtand ſeiner Liebe Unterricht darin zu ertheilen.“ Robineau nimmt in einer Ecke des Zinimers eine Guitarre von der Wand, tritt an das offene, auf den Hof gehende Fenſter und ſingt unter Begleitung des Inſtruments eine Romanze. Befindet ſich Fifine in der Kammer des fünften Stocks, ſo iſt die Guitarre gewöhnlich das Zeichen, daß Robineau ſie erwartet: von dem Magazin aus iſt es jedoch kaum möglich, das Spiel zu hören. Wie Robineau einige Zeit geſungen hat, ſieht er auf's Neue nach der Uhr, ſtampft ungeduldig mit dem Fuße und will wieder in die Hausflur hinab, als man an ſeiner Thüre klingelt.„Sie iſt's!.. ſie wird mich gehört haben!“ ruft ter und eilt nach der Thüre., Statt ſeiner Schönen erblickt er den jungen Schreiber eines Advokaten, in welchem er den Geliebten einer der Gefährtinnen Fifinens er⸗ kennt. „Sind ſie herauf?“ fragt der junge Mann, ohne 8 4 23 einzutreten, und nur den Kopf hineinſtreckend, um in das Gemach des Angeſtellten zu blicken. „Wie? oben?... wer denn?— Dieſe Mädchen. Ich möchte durchaus mit Thenais ſprechen. Auf gut Glück bin ich nach ihrer Kammer, habe gepocht und keine Antwort erhalten; im Rückweg habe ich aber Ihre Guitarre gehört, und da ich weiß, daß Sie Jungfer Fifinen Unterricht darin geben, ſo glaubte ich, die Mädchen ſeien bei Ihnen.“ „Ach! nein;... ſie ſind noch im Laden und wer⸗ den vor einer ſtarken Stunde nicht heraufkommen, was mir ſehr ärgerlich iſt, denn auch ich habe etwas Eiliges mit Fifinen zu reden.— Ganz recht! gibt's denn kein Mittel, ſie wiſſen zu laſſen, daß wir da ſind?— O! wenn wir in den Laden gingen, wür⸗ den ſie böſe, das iſt ausdrücklich verboten, und ich ſelbſt habe keine Luſt... wenn man in einer Staats⸗ kanzlei angeſtellt iſt, ſo hat man ein gewiſſes Deco⸗ rum zu beobachten;... gegenwärtig beſonders iſt man ſtrenge im Punkt der Sittlichkeit.— Ohne in's Ma⸗ gazin zu treten, können wir ſchon machen, daß die Mädchen herauskommen.— Meiner Treu, ich bin ſchon ſeit einer Stunde zu Hauſe und ſinne nach, wie ich es anfangen ſoll!...— Warten Sie, ich bin nie verlegen;... in dieſem Hauſe iſt kein Pfört⸗ ner?— Nein.— Deſto beſſer, ſo kann man thun, was man will. Haben Sie zwei oder drei Por⸗ zellanteller hier?— Teller? höchſtens einen,... ich ſpeiſe beinahe nie zu Hauſe...— Gleichviel, oder eine Salat⸗ oder andere Schüſſel... was Sie wollen?²“ 3 24 Robineau ſucht in ſeinem Speiſeſchrank und kommt mit einer Compotſchale von Porzellan und einem Stein⸗ gutteller zurück:„Das iſt Alles, was ich finden konnte.“ „Vortrefflich! ſagt der junge Schreiber, die bei⸗ den Gegenſtände nehmend.— Was wollen Sie da⸗ mit machen?— Sie ſollen es gleich ſehen; folgen Sie mir, und wann wir beim Laden ſind, ſo ſchreien Sie aus vollem Halſe, wie ich.“ Leichten Trittes geht der junge Mann die Treppe hinab, in einer Hand den Teller, in der andern die Compotſchale; Robineau hintendrein, begierig, zu ſehen, was geſchehen ſoll. Im erſten Stocke ange⸗ langt, fängt der Schreiber an zu ſchreien:„Diebe, Diebe! und Robineau macht es ebenſo; hierauf wirft der junge Schreiber den Teller in der Hausflur hef⸗ tig zu Boden, und Robineau läuft ihm nach, um ihn zurückzuhalten, wobei er ausruft:„Zum Teufel, es iſt genug, werfen Sie meine Compotſchale nicht auch zuſammen!“ Allein es iſt zu ſpät, das Gefäß iſt dem Teller bereits gefolgt, krachend zerſpringt es, und auf die⸗ ſen Lärm ſtürzen alle Mädchen aus dem Laden, um zu ſehen, was es gibt.. Beim Anblick der Nädchen lacht der junge Schrei⸗ ber aus vollem Halſe und rufß:„Ich wußte wohl, daß ich euch von der Arbeit wegbringen würde.“ „Ach! das war eine Liſt!“ ſagen die Mädchen la⸗ chend, während Robineau die Trümmer ſeiner Por⸗ zellangefäße traurig betrachtet und vor ſich hin brummt: „Ja... es iſt hübſch das Mittel!.. aber mein 1 25 Geſchirr werde ich dieſem Heren nicht mehr anver⸗ trauen.“— Die Frauenzimmer lachen noch mehr; der junge Schreiber iſt bereits im Geſpräch mit Jungfer The⸗ nais, und Robineau will ſich Fifinen nähern, als der Ruf ertönt!„Da kommt Madame!“ nun ſtäuben die Putzmacherinnen wie ein Schwarm Sperlinge aus⸗ einander und die jungen Männer befinden ſich wie⸗ der allein in der Hausflur. „Nun, nun!.. da ſind ſie ſchon wieder hinein! ſagt Robineau.— Ich, ich habe mit Thenais ge⸗ ſprochen, was ich wollte,“ erwiderte der Schreiber, und geht aus dem Hauſe, entzückt über ſein Aus⸗ kunftsmittel, während Robineau, der um ſeine Com⸗ potſchale und Teller gebracht iſt und nicht einmal Fifine geſprochen hat, wieder zurückgeht und alle Schreiber und Putzmacherinnen zum Teufel wünſcht. Er legt von Neuem Alles in Ordnung, was er zu ſeiner Toilette bedarf, und entſchließt ſich kendlich, auszugehen, um ſeidene Strümpfe zu kaufen, als man zweimal leicht an ſeine Thüre lopſt und Fifine bei ihm eintritt. Fifine iſt eine luſtige Schweſter von vier und zwan⸗ zig Jahren, mit ſehr lebhafter Geſichtsfarbe, Haaren von einem etwas gewagten Blond, ein wenig her⸗ vorragenden Augen und kleinem Wuchs; das Ent⸗ ſchiedene ihres Weſens zeigt jedoch ein Mädchen von Charakter an, das man für einen Brauskopf halten würde, wenn ſie Hoſen trüge.— „Ei!l was gibt es denn, mein Freund? was iſt 26 um uns zu ſehen?... Gott! welcher Luxus! Die Mädchen haben es ſehr galant gefunden!...“ Mit dieſen Worten wirft ſich Fifine auf eine dem Bette gegenüber befindliche Ottomane und fährt fort, aus einem Taſchentuch Kirſchen zu eſſen. „Wenn Du glaubſt, die Erfindung ſei von mir, ſo irrſt Du Dich ſehr! erwiderte Robineau ärgerlich; Der kleine Schreiber, iſt es, der ohne mir vorher zu ſagen... Wirf mir doch die Steine nicht in das Zimmer, ich bitte Dich...— Man wird Dein Zimmer ausfegen. Ach! mein Gott! Herr Brumm⸗ bär!... hört doch... er ließe mich lieber die Steine hinabſchlucken, auf alle Gefahr hin... nicht wahr, mein Freund?.. Was haſt Du denn dieſen Abend, Raoul? Deine Naſe iſt länger als gewöhnlich... Haſt Du geheimen Kummer?...“ Ol es iſt mir nicht um's Lachen zu thun..— Meinetwegen! ich habe aber keine Luſt, zu weinen... Wenn ich weinen ſoll, ſo ſpiele mir eine Melodrama⸗ ſcene vor, etwas aus Truguelin von Coelina. Wenn Du daran biſt, wo Du Dich umbringen ſollſt, werde ich Dich mit Kirſchſteinen bombardiren...“. „Geh doch, Fifine, ich bitte Dich, laß uns ver⸗ nünftig ſprechen—... Komm, ſetze Dich ein wenig an meine Seite, ich will Dir etwas auf der Guitarre vorklimpern... Dieſen Abend habe ich eine entſetz⸗ liche Luſt zum Klimpern...— Ich habe keine Zeit dazu...— Gott! welch einen liebenswürdigen An⸗ beter ich habe!— Ich gehe dieſen Abend in Geſellſchaft das für eine Manier, das Geſchirr zu zerbrechen, 1 5 1 27 8 zu meinem vertrauten Freunde, Alfred von Marcey, Sohn des Barons von Marcey... der bei hundert⸗ tauſend Franken Renten hat.— Aha! deßhalb alſo darf man Dich nicht gerade anſehen... deßhalb lie⸗ ßeſt Du Dein Porzellan auf der Treppe zertrümmern! wahrlich, wenn man zu einem Baron geht, darf man den andern Tag nicht eſſen. Du biſt ſchon um zwei Zoll größer geworden.“ „Fifine, ich bitte Dich, höre mich an.— Willſt Du weinen?— Um zum Baron von Marcey zu gehen, muß ich große Toilette machen.— Ah, ich verſtehe, wo es hinaus will, ich ſoll Dir Locken machen!— Locken 2... ja, das wäre mir lieb, denn Du machſt ſie vortrefflich.— Nun, der Löwe beſänftigt ſich!— Aber ich habe noch etwas Anderes dringend noth⸗ wendig, nämlich meine ſchwarzſeidenen Strümpfe, die ich Dir am letzten regneriſchen Sonntag lieh.— Deine ſeidenen Strümpfe?— Ja, mein Fräulein.— Ach! die ſind ſchon weit, wenn ſie fortwährend lau⸗ fen!— Was willſt Du damit ſagen?— Ich will damit ſagen, daß ich ſie an Fedora geliehen, um auf einem Liebhaber⸗Theater zu ſpielen, und ſie hat mir geſtanden, daß ſie ſolche den andern Tag ihrem Lieb⸗ haber zu einer Hochzeit gab, da dieſer aber dicke Waden hat, ſo ſind ihm beim Ausziehen fünf oder ſechs Maſchen gebrochen.— Ach mein Gott!... man darf nur etwas herleihen!— Kann man auch ver⸗ langen, daß ein Liebhaber wieder zurückfordert, was er einem geliehen hat?— Mein Fräulein, ich bin kein Kapitaliſt, auch kein Modehändler!... Ich 28 habe nie den großen Herrn bei Dir ſpielen wollen. — O! das ſieht man deutlich!... fang das, Naoull..“ „Wirf mich nicht mit Kirſchenſteinen, ich bitte Dich darum... Was iſt zu machen 2... ſchon acht Uhr.. zwar weiß ich, daß man ſpät in vornehme Geſell⸗ ſchaften geht.— Man geht ſogar erſt am andern Morgen hin, das iſt noch mehr nach dem feinen Ton. — Ich rechnete aber auf dieſe Strümpfe.— So kaufe andere, gerade gegenüber verkauft man.— Ja, welche kaufen! Das iſt leicht geſagt... Da mußteſt Du mich letzten Sonntag nicht zwölf Franken beim Re⸗ ſtaurateur ausgeben laſſen.— Nächſten Sonntag wer⸗ den wir dafür fünfzehn brauchen, lieber Freund!— Du begehrſt immer das Theuerſte.— Für mich iſt nichts zu gut.— Das ſage ich Dir zum Vorgus, wenn ich Strümpfe kaufe, dann gute Nacht mit un⸗ ſerer Landpartie für nächſten Sonntag.— Das fängt an, mich zu erweichen. Wohlan, beruhige Dich, Leute⸗ freſſer, Du biſt ſehr glücklich, daß Du ein Liebchen haſt, die Erfindungsgabe beſitzt... Warte... fang mit Deiner Toilette an... ich will mich mit den Strümpfen beſchäftigen.— Ach! theure Fifine, wie liebenswürdig biſt du!— Gib mir fünf oder ſechs Bogen Briefpapier... feines.— Da ſind ſie. Ich habe ſie gerade von meiner Schreibſtube mitgebracht... willſt Du auch Siegellack... drei Stangen.— Ja, ja, immer her.. Damit gewinne ich mir die Gunſt von Madame... ſonſt hätte ſie mich heute Abend nicht ſo bald weggehen laſſen;... ich habe nun Kopf⸗ * 29 weh vorgeſchützt; da ich der Liebling bin, ſagte man zu mir: Geh zu Bette!“— Fifine nimmt Papier und Siegellack und verläßt hüpfend Robineau's Zimmer; jetzt fängt dieſer an, ſich zu entkleiden, wobei er folgendes Selbſtgeſpräch hält:„Dieſe Fifine iſt wahrhaftig ein gutes Mäd⸗ chen und voll Geiſt. Sie iſt etwas lebhaft, ein wenig lecker; im Ganzen aber raſend in mich verliebt, und würde mir zu lieb durchs Feuer gehen. Meinetwegen hat ſie Marquis, Runkelrübenzucker⸗Fabrikanten, Wech⸗ ſelagenten abgewieſen, und doch führe ich ſie nur ſpazieren, das iſt Alles... ſie iſt nicht wie die Wä⸗ ſcherin Herrn Eduards die ihn eines Engländers wegen im Stich gelaſſen hat. Ha! hal. Mir iſt's gerade nicht zu leid, denn er thut, als wenn er ſich etwas wichtig machen wollte... Er hat, glaube ich, ſo ein tauſend Thaler jährlicher Einkünfte... Dies iſt noch nicht ſo viel!... Aber er ſchreibt Stücke, komiſche Opern... Vaudevilles... d. h. Drittels⸗ oder Viertels⸗Vaudevilles... Eil mein Gott! wenn ich Zeit hätte, würde ich auch Stücke ſchrei⸗ ben... und ich ſchmeichle mir, ſie ſollten ganz anders lauten, als die ſeinigen. Wie ſoll man aber den Muſen huldigen, wenn man von Morgens neun bis Abends vier Uhr in ſeiner Schreibſtube ſein und ar⸗ veiten muß? Wenn ich erſt Chef, oder nur Unterchef ſein werde, wird's anders gehen, d dann habe ich Zeit für mich. Dieſer Alfred aber iſt glücklich!... Ein⸗ ziger Sohn eines Barons, an hunderttar iſend Fran⸗ ken Renten 1... und wie ſchön ſich das Alles gefügt 30 hat: Alfred verlor ſeine Mutter noch im zarten Alter; nach einigen Jahren vermählt ſich ſein Vater wieder; er konnte noch Kinder bekommen, es iſt aber nicht der Fall; ſtatt deſſen ſtirbt ſeine Frau, die er anbe⸗ tete, nach dreijähriger Ehe, und der Baron, untröſt⸗ ich über den Verluſt ſeiner zweiten Frau, ſchwört, ſich nicht mehr zu verheirathen, und hält Wort, ob⸗ gleich er noch jung iſt. Welch gute Wendung das Alles für Alfred genommen hat! Ach Gott! So etwas wird mir nie begegnen!... Doch habe ich irgendwo einen Oheim, der in der Welt herumläuft, wie mir meine Mutter vor ihrem Tode ſagte;... ein Oheim, der, um ſein Glück zu machen, nach Oſt⸗ indien, nach Peru, kurz, man weiß nicht, wohin gegangen iſt; ha! der wird aber den Niagarafall herabgeruſcht ſein!... Nur in den Luſtſpielen ſieht man die Oheime gerade ſo zur Entwicklung kommen, damit die Unſchuld nicht ins Gefängniß wandern darf. Uebrigens bin ich nicht ehrgeizig, ich bin Philoſoph, zufrieden mit dem, was ich habe. Hätte ich ſeidene Strümpfe, wäre ich indeß doch noch zufriedener. Sollte mir aber auch ein Glücksfall zu Theil wer⸗ den, ſo mag man ſehen, mit welcher Kaltblütigkeit, mit welchem Phlegma ich es aufnehmen werde... Ha, ſo! nun wäre ich ausgekleidet, und Fräulein Fifine kommt nicht zurück. Ich kann doch kein Halstuch umbinden, ehe ich Strümpfe und Locken Habe;... glücklicherweife ſind wir im Julius, da erkälte ich mich nicht.“— Um die Zeit zu tödten, hat Robineau, der des 31 Auf⸗ und Abgehens im Zimmer müde, und gekleidet iſt, wie ein Bäckergeſell bei der Arbeit, ſeine Guitarre zur Hand genommen. Es iſt am zweiten Vers der Romanze von Beliſar, als er durch ein tüchtiges Gelächter unterbrochen wird. Es iſt Fifine, die durch die halboffengelaſſene Thüre ganz leiſe eingetreten iſt und ſich vor Lachen die Seite hält, wie ſie den Be⸗ liſar im Hemd erblickt. „Ach Himmel! lieber Freund, Du ſiehſt gut aus ſo... ſagt Fifine fortwährend mit Lachen; ich habe Luſt, die Mädchen heraufzurufen, damit ſie das Por⸗ trät ſehen.— Ich bitte Dich, rufe Niemand!... zwar glaube ich, ohne mir zu ſchmeicheln, daß ich Formen habe, die keine Furcht einjagen würden.— Du ſiehſt aus, wie ein pausbackiger Bachus.— Laß mich gefälligſt die Strümpfe ſehen.— Da ſind ſie, Meiſterſänger, ich hoffe, ſie werden Dir gut gehen.“ Fifine wirft Robineau bei dieſen Worten ſchwarz⸗ ſeidene Strümpfe zu; dieſer beſieht ſie eine Zeitlang und ruft dann aus:„Das ſind Frauenzimmer⸗ ſtrümpfe!— Freilich, weil Adeline ſie mir geliehen hat.— Die Männer tragen aber keine ſolche durch⸗ brochenen Strümpfe.— Ei was! die Männer tragen noch ganz andere Dinge, und das hindert ſie nicht am Tanzen.— Aber.— Aber, das iſt Alles, was ich auftreiben konnte, und es ſcheint mir, daß Du ſehr zufrieden ſein ſollteſt.“ Robineau entſchließt ſich, die Strümpfe anzuziehen, indem er ſagt:„Man wird glauben, es ſei eine neue 8 Mode, die ich aufbringen wolle.“ Während er ſeine Toilette beginnt, ergreift Fifine die Guitarre und ſpielt einige Arien. 4 „Ich werde alſo dieſen Abend keine Lektion er⸗ halten, lieber Freund?— Du ſiehſt, meine Theure, daß es unmöglich iſt... Dieſe Strümpfe paſſen mir ſehr gut... vorzüglich.. es iſt erſtaunlich! ich habe einen Fuß, der ſich in alle Formen gibt...— Ei, denkſt Du auch an den Lärm, den wir geſtern Abend machten? O! wir haben einen ganz ſonderbaren Auftritt gehabt!.. Du weißt, Madame will nicht, daß man im Bett liest, weil ſie fürchtet, es möchte etwas angezündet werden...— Sie hat Recht.. darin ſtimme ich ihr ganz bei.— Ol ja; wir aber ſcheren uns nichts darum: geſtern, nachdem Fedora der Thenais ein Liebesbriefchen andiktirt, und Ade⸗ 5 line uns zu Ende erzählt hatte, auf welche Weiſe ſie ihre Nebenbuhlerin überraſchte.. Ahl ich glaube, ich habe Dir dieſe Geſchichte noch nicht erzählt; das iſt ausnehmend drollig.“ „Wenn Du mir jetzt Locken brennen wollteſt, meine Theure, das würde...— Das Eiſen iſt noch nicht heiß, aber es liegt eben im Feuer; das thut indeſſen nichts, gib mir Papier, daß ich Dich wickle...— Du machſt mir fünfzehn...— Warum nicht gar ſechsunddreißig, wie einer Ninon... Nun, ſei doch ruhig, rühre Dich nicht... Denk dir alſo, Fidelio, der Name von Adelinen's Liebhaber, hat ein Com⸗ miſſionsbureau und hält ſich immer hübſche Dienſt⸗ mädchen, mit denen er, wie man verſichert, in ver⸗ . 33 traulichem Umgange zu ſtehen pflegt; das iſt ſo bekannt im ganzen Viertel, daß man es den jungen Mädchen, die bei ihm in Dienſt treten, zum Voraus ſagt, damit ſie wiſſen, was ſie zu gewarten haben..— Das Eiſen..— Ach! laß mich doch ruhig mit Deinem Eiſen! Adeline wußte von dem Allem keine Silbe. Der Schurke war bei ihr unter einem falſchen Namen aufgetreten... Ach! wie heimtückiſch doch die Män⸗ ner ſind! Sieh, ſtatt Dir Locken zu machen, ſollte ich Dir alle Haare, eins nach dem andern ausrau⸗ fen!...— Fifine... ich bitte Dich...— Ruhig, das iſt aber noch nicht Alles: Herr Fidelio, nicht zu⸗ frieden, eine hübſche, zwanzigjährige Blondine in 6 Heun a Dienſt zu haben, macht auch einer verheira⸗ heten Dame den Hof;... und es ſcheint, daß die verheirathete Dame...— Du ziehſt mich an den Haaren!— Ol das nun iſt ſehr ſchlecht. Eine freie Perſon mag thun, was ihr beliebt, da ſtimme ich bei! Allein man iſt entweder gebunden oder nicht... ich erkenne keinen andern Fall an... inſofern näm⸗ lich der Gemahl nicht ein Tyrann, ein gefühlloſer Filz, ein Erzknauſer iſt...— Fifine, es iſt neun Uhr vorüber!...— Gut! Du haſt noch Zeit genug, Eroberungen zu machen. Nun aber hat das Dienſt⸗ mädchen wahrgenommen, daß die Dame ſehr oft zu Fidelio komme, um über Geſchäfte mit ihm zu ſpre⸗ chen; und daß Fidelio, ſtatt wie ſonſt liebenswürdig gegen ſein Mädchen zu ſein, ſie nur noch zankte und ſchmälte... Man kann indeß Magd ſein und doch heftige Leidenſchaften haben; das war ſchon öfters Paul de Kock. XXIII. 3 der Fall. Um ſich zu rächen, geht das Dienſtmädchen eines Tages zu dem Gemahl der Dame und ſchlägt ihm vor, Zeuge von einem Rendezvous ſeiner Frau mit dem Geſchäftsmann zu ſein. Der wüthende Ehe⸗ mann nimmt es an, läßt einen Fiaker kommen, ſteigt mit der kleinen Blondine hinein, die den Kutſcher am gehörigen Orte halten laſſen ſoll; unterwegs aber... und das iſt das Drolligſte an der Sache... fängt der Ehemann an, die kleine Magd ſehr nach ſeinem Geſchmacke zu finden, und will ſeine Wuth an ihr ſtillen, indem er zu ihr ſagt:„Man betrügt uns beide, wir wollen uns zuſammen rächen.“ Die Kleine iſt nicht damit einverſtanden und widerſetzt ſich; der Herr gibt nicht nach. Aergerlich darüber, daß ihr die⸗ ſer immer zuſetzt und nicht mehr an ſeine Frau denkt, befiehlt ſie dem Kutſcher, anzuhalten, öffnet die Thüre und ſpringt aus dem Wagen; der Herr hinterdrein und fällt mit der Naſe auf das Pflaſter; das Mäd⸗ chen tritt, um ſich ſeinen Blicken zu entziehen, in das nächſte beſte Haus... das war gerade das unſrige, und wen findet ſie in der Hausflur?... Fidelio in tiefem Geſpräch mit Adelinen... und nun... Don⸗ nerwetter, Erklärung, Verwirrung, und..— Das Eiſen muß glühend ſein!— Ich will nachſehen, wenn es aber nicht heiß iſt, komme ich nicht zurück.“ Robineau, ſich im Spiegel betrachtend, ſagt bei ſich:„Wenn Fifine einmal im Plaudern begriffen iſt, ſo iſt es nicht möglich, ſie anzuhalten... Sie macht aber Locken, wie ein Engel... ich werde der Beſt⸗ friſirte auf dem Balle ſein.“ ——— 35 Fifine kommt mit dem rauchenden Eiſen in der Hand.„Schnell... es iſt nicht zu heiß...— Mir ſcheint es glühend roth!... Liebe Freundin, nimm Dich wohl in Acht, daß Du mich nicht brennſt, ich bitte Dich...— Ach, Himmel! er iſt ein Lamm, wenn er Furcht hat!... Um auf unſern geſtrigen Auftritt zurückzukommen, ſo hatten wir uns eben erſt ins Bett gelegt, und ich machte die Vorleſerin, weil ich, ohne mich zu rühmen, am beſten leſe. Auguſt hatte uns die Barone von Felsheim geliehen, und wir verſchlangen ſie.. dies iſt das rechte Wort... als man mitten in einem herrlichen Kapitel an unſre Thüre klopft, und wir die Stimme von Madame uns 1 zurufen hören:„Warum habt ihr noch Licht, ihr Jungfern?“ Nun erfolgt die tiefſte Stille auf unſer früheres Gelächter, und um das Licht zu verbergen, denn wir wollten es nicht auslöſchen, komme ich auf den Gedanken, es unter ein Gefäß... Du weißt wohl... unter ein nächtliches Gefäß zu ſetzen. Das iſt ſehr gut! Man ſieht nichts mehr; Madame ruft wieder; wir antworten nicht, worauf ſie fortgeht; und als wir glauben, daß ſie wieder in ihrem Zim⸗ mer ſei, nehme ich das beſchützende Gefäß weg... Alles iſt finſter: das Licht war in Wirklichkeit aus⸗ gegangen! Da ſind wir untröſtlich, hatten noch keine Luſt zu ſchlafen und wollten auch nicht mitten in ei⸗ nem ſehr intereſſanten Kapitel ſtehen bleiben, worin von Trüffeln die Rede iſt... aber kein chemiſches Feuerzeug iſt in unſerm Zimmer, weil wir die dazu nöthige Summe noch nicht zuſammenbringen konnten, 36 denn die Putzmacherinnen tragen nichts auf die Spar⸗ kaſſe. Wir waren indeſſen entſchloſſen, uns Licht zu verſchaffen, und was mich betrifft, ſo hätte ich lieber die Straßenlaterne heruntergeriſſen, als mein Kapi⸗ tel nicht zu Ende geleſen. In dieſem Augenblick hör⸗ ten wir den Klang Deiner Guitarre und die Töne Deiner Stimme.. Ach! beſter Freund, Du kannſt Dir nicht vorſtellen, welchen Eindruck das auf uns hervorbrachte! Du warſt ein Orpheus, ein Halb⸗ gott! Noch nicht zu Bette! riefen wir Alle zu gleicher Zeit, und alsbald bin ich aus meinem Bett; werfe den Unterrock der Scham über, weil die Leſe⸗ luſt nicht ſo weit gehen darf, daß man völlig nackt umherläuft, und eile nach der Thüre... Kaum habe ich aber zwei Schritte im Gang gemacht, als ich mich am Arm gepackt fühle, und Madame, denn ſie war es, die an der Thüre gelauert hatte, ruft aus: Ach! ſo ſchlaft ihr, Jüngferchen! ich will aber wiſſen, wer, meines Verbots ungeachtet, noch auszugehen wagt, ohne Zweifel, um ein Licht anzuzünden... Ich hüte mich wohl zu antworten; Madame ruft Julien, mit Licht herbeizukommen, ich winde mich los, und wäh⸗ rend ſich Madame vor die Thüre ſtellt, um mich am Zurückgehen zu hindern, eile ich in ihr Zimmer, löſche die Lichter, und werfe das Feuerzeug zum Fenſter hinaus... Dadurch konnte Madame nicht erfahren, wer aus der Kammer gegangen war, und wir brach⸗ ten die Zeit damit zu, hintereinander herzutappen... So, jetzt biſt Du gut friſtrt, lieber Freund!“ „Gott ſei Dank!... ich erinnere mich wohl, daß —, 37 ihr Lärm und Gepolter genug machtet... Die Fifine iſt ein wahres Teufelchen! Einerlei, ich liebe Dich aufrichtig... Und wenn ich reich würde, wie Alfred... — Achl ja, da würden wir ſchöne Dinge ſehen, nicht wahr?— Ja. Du würdeſt ſehen... Erſtlich würde mich das Glück nicht verändern... es iſt ſo lächer⸗ lich, den Stolzen, den Aufgeblaſenen zu ſpielen, weil man einige Goldſtücke mehr im Beutel hat... Hat man darum mehr Verdienſt? Wie?.. ich frage Dich, Fifine?— Gewiß, wärſt Du auch Millionär, Deine Augen würden dadurch doch nicht größer werden... — Hm, Boshafte!... ſie ſind groß genug, Dich zu bewundern...— Ach! laß mich doch!.. Ich habe Dich nie von dem Alfred ſprechen hören, zu dem Du dieſen Abend gehſt.— Ein Schulkamerad... Wir ſpielten immer Aufhockens zuſammen; ſeitdem haben wir einander etwas aus dem Geſicht verloren. Er iſt ſtets in der Kaleſche, zu Pferd... ich gehe zu Fuß.— Das iſt beſſer für die Geſundheit.— Nun denn! mit all ſeinem Reichthum langweilt ſich Al⸗ fred... Man ſieht, daß er ſchon nicht mehr weiß, was er treiben ſoll; er iſt der Vergnügungen über⸗ drüſſig; erſtlich iſt er ein Wüſtling, ein Herumſchwär⸗ mer, ein Menſch, der unfähig iſt, wahrhaft zu lie⸗ ben.— Für Deinen Freund richteſt Du ihn ordent⸗ lich zu.— Ol mein Freund! ich ſage ganz einfach, ein Schulkamerad.— Iſt er ſauber?— Ja... nicht übel... das heißt, ein gewöhnliches Geſicht, aber ſchon matt, abgelebt.— Mach mich doch mit ihm bekannt!“ 38 Robineau ſteht gereizt auf und nimmt vor dem Spiegel ſeine Papilloten ab, indem er ſagt:„Wenn ich wüßte, daß er Sie glücklich machen könnte, ge⸗ wiß, ſo würde ich nicht anſtehen! Ich zweifle aber, daß Sie bei Alfred jene innige und aufrichtige Freund⸗ ſchaft finden, die ich für Sie fühle..— Ach! Him⸗ mel, wie Du mich dieſen Abend anbeteſt, mein Schatz! — Weil ich keinen Wagen habe, ſpricht man lachend davon, mich zu verlaſſen... Möge mir aber Reich⸗ thum zu Theil werden, ſo ſoll meine einzige Rache ſein, Dir ein prächtiges Landhaus zu ſchenken.— Du verſiehſt es aber auch mit Ferkelchen, weil ich ſehr gern Gibelotte eſſe?... Mittlerweile aber, will ich, während der Herr tanzt, eine Haube garniren. — Unten?.— Nein, oben.— Iſt der Laden ſchon geſchloſſen?— Schaut, um neun Uhr!... Willſt Du es nicht machen, wie jene Läſterzungen da drüben, welche ſagen, unſer ſtärkſter Commerz beginne, wenn der Laden geſchloſſen ſei?.— Findeſt Du mich gut friſirt?— Zum Entzücken, mein Schatz! Du wirſt alle Deine Nebenbuhler überſtrahlen.— Hm! ich will nur ſauber, anſtändig ſein... Uebrigens bin ich ganz anſpruchslos.— Deßhalb bringſt Du ganze Stunden vor Deinem Spiegel zu, um Dich in anmuthigem Lächeln einzuüben?— Für Dich allein, Fifine... Ach! jetzt meine Handſchuhe...— Hör' einmal, wird eine Tafel gegeben, wo Du hingehſt?.. Bring mir etwas mit heim.— Ich werde Gefrornes in meine Taſchen ſchieben, nicht wahr?— Man wartet nicht allein mit Gefrornem auf; ich verlange, daß Du mir — 39 einige Leckereien mitbringſt, ſonſt mache ich Dir keine Locken mehr.— Gut, gut, wir werden ſehen.— Geht der Herr weit?— In die Helderſtraße.— Ein vornehmes Quartier! Man wird ohne Zweifel einen Wagen nehmen?— Ich werde ſicherlich in dieſem Anzug nicht zu Fuße gehen... Vorwärts, es iſt halb zehn Uhr; bis drei Viertel werde ich beim Baron von Marcey ſein.. Das iſt gut.— Es war alſo nicht der Mühe werth, den Wüthenden zu ſpielen, mein Freund! Gerade gegenüber halten Cabriolets... Wenn Du mit hinabgehen und eins rufen wollteſt... — Ei der Tauſend! es fehlte nur noch, daß ich hin⸗ ten aufſtiege! Es mag ſein, ich habe meinen guten Tag. Vorwärts Marſch!“ Robineau ſchließt ſeine Thüre, Fifine geht mit ihm hinab und läßt ihm ein Cabriolet kommen, in wel⸗ ches Robineau ſpringt, nachdem er der jungen Putz⸗ macherin zärtlich die Hand gedrückt hat, die ihn wegfahren ſieht, und ihm noch zuruft:„Bring mir beſonders etwas Gutes mit.“ Drittes Kapitel. Abendgeſellſchaft bei dem Baron von Marcey.— Gelag junger Leute und ſeine Folgen. Das Cabriolet hält vor einem ſchönen Hotel an, vor welchem eine Reihe von Wagen ſtehen, die ihre Herren ebenfalls dahin brachten. Wie Robineau die 40 große Menge von Wagen, den hellen Schimmer der Lichter, die in den Salons brannten, ſah, ſprach er bei ſich ſelbſt:„Das wird ſehr elegant, ſehr zahl⸗ reich und von ſehr gutem Tone ſein 1...“ Er ſpringt ſchnell aus ſeinem Cabriolet, eilt nach der Treppe, ordnet ſeine Haare und zieht ſeinen zweiten Hand⸗ ſchuh an. Hierauf geht er in den erſten Stock hin⸗ auf, indem er zu ſich ſagt:„Im Ganzen... bin ich wohl ſo gut, als alle dieſe Leute da... vielleicht noch beſſer... weil ſie eigene Wagen haben... was macht mir das?“ Robineau ſagt ſich dies Alles, um keine verlegene Miene zu haben, nicht eingeſchüchtert zu ſein, wenn 5 er in die Salons tritt, was jedoch nicht verhindert, daß er roth, ſteif und linkiſch iſt, als er ſich mitten in der Geſellſchaft ſieht, wo er einige Zeit nach Alfred ſucht. Endlich kommt dieſer auf ihn zu, und den Neu⸗ angekommenen beim Arme nehmend, fängt er an, über verſchiedene Perſonen der Geſellſchaft zu witzeln; das gibt Robineau Zeit, wieder zu ſich zu kommen; bald gewinnt er ſeine Sicherheit, ſein gewohntes Lächeln wieder, und ſeine Blicke auf die Damen umher werfend, denkt er nur noch an Eroberungen. „Ei, und Dein Vater.. der Herr Baron von Marcey... ich habe noch nicht die Ehre gehabt, ihn zu begrüßen, ſagt Robineau, während er einige eben in den Salon getretene ſehr ſchöne Damen bewun⸗ dert.— Mein Vater hat Dich ſchon geſehen... Soll ich Dich ihm abermals vorſtellen?... Das iſt immer die gleiche Förmlichkeit...— Mein Freund, er hat 41 mich ſchon lange nicht mehr geſehen, und..— Gleichviel, Du haſt eines von den Geſichtern, die man nicht vergißt.“ Bei dieſen Worten entfernt ſich Alfred, um eini⸗ gen Damen entgegenzugehen und Robineau murmelt: „Gewiß habe ich ein Geſicht, das... wollte er mir damit eine Stichrede zuwerfen?... das ſtünde ihm gut!... Ahl da iſt Herr von Marcey.“ Ein Mann von hohem Wuchſe, edler und impo⸗ ſanter Haltung, der achtundvierzig Jahre haben mochte, ging bei Robineau vorüber; ſeine ſcharf ausgedrückten Züge waren noch ſehr ſchön, obwohl es ſchien, als hätten zu lebhafte Gemüthsbewegungen mehr als die Zeit ſie gealtert; ſeine Stirne war etwas kahl, ob⸗ gleich ſeine Haare noch ihre dunkelbraune Farbe hatten; ſein Geſicht endlich war beſtändig ernſt und beinahe ſtreng; Perſonen indeß, die beſſer in ſeinen Zügen laſen, oder ihn häufiger ſahen, gewahrten vielmehr einen melancholiſchen Ausdruck in ſeinen etwas finſtern Blicken; ſo oft ihn aber ſein Sohn anblickte, wurden ſeine ſchwarzen Augen ſanfter und ein leichtes Lächeln glitt über ſeine Lippen. Dies war der Baron von Marcey. „Herr von Marcey.. ich habe die Ehre... ich bin ganz entzückt...“ Der Baron ſieht Robineau einige Augenblicke an und ruft dann aus:„Ah! das iſt, glaube ich, Herr Robineau?— Ja, mein Herr, der vertraute Freund Ihres Sohnes, der mich eingeladen hat, und ich benützte..— Die Freunde meines Sohnes, mein 42 Herr, werden immer die meinigen ſein, und machen mir das größte Vergnügen, wenn ſie in mein Haus kommen.“ Bei dieſen Worten verbeugt ſich Herr von Marcey gegen Robineau und ſpricht dann mit andern Per⸗ ſonen, und der Beamte bläst ſich auf und gleitet durch die Menge hin, wobei er ſich ſagt:„Herr von Marcey iſt immer ausnehmend liebenswürdig gegen mich; ich finde ihn ſogar liebenswürdiger als ſeinen Sohn, weil er keine ſo ſpöttiſche Miene hat. Ah! da gibt's Muſik... man wird tanzet... wir wollen mitmachen... aber mit einem hübſchen Frauenzim⸗ mer... denn ich kann bei einer häßlichen nicht im Takt bleiben, das treibt mich wider meinen Willen.“ Das Orcheſter gab das Signal; herrliche Contre⸗ tänze, aus den beſten Opern gewählt, entzücken das Ohr und laden zum Tanze ein. Bei mehren bereits engagirten hübſchen Damen kam Robineau zu ſpät und iſt daher genöthigt, eine Tänzerin zu nehmen, welche nur ihre Jugend und eine Toilette von ſehr gutem Geſchmack für ſich hat. Robineau hat ſie Frau Gräfin nennen hören und das gibt ihm Luſt, ſich bei ihr auszuzeichnen; ſeine Tänzerin ſcheint jedoch der Grazie, die er ſich geben will, wenig Aufmerkſamkeit zu ſchenken und antwortet nur einſilbig auf die an ſie gerichteten Complimente. „Das iſt ein Zieraffe! ſagt Robineau,“ nachdem er die Gräfin an ihren Platz zurückgeführt hat, und fordert ein junges, ſehr hübſches Mädchen auf, bei der er ebenfalls den Liebenswürdigen ſpielen will; 43 n das hübſche Mädchen begnügt ſich jedoch, über ſeine 3 Reden zu lächeln und ſcheint nur mit dem Tanze beſchäftigt. „Das iſt eine Gans! ſagt Robineau, indem er ſeine Huldigungen anderswo anbringt. Da er indeß ſieht, daß er trotz der Beweglichkeit, die er ſich gibt, und dem Lächeln, mit dem er um ſich wirft, gar keinen Eindruck hervorbringt, ſo verläßt er den Tanz, indem er vor ſich hinmurmelt:„Im Ganzen iſt unter allen dieſen ſchönen Damen keine einzige, die Fifinen g gleichkommt!... und wenn Fifine ein Tüllekleid, einen Kranz in den Haaren, und große Armſpangen hätte... ach! welchen Eindruck würde ſie machen!... Gehen wir zum Ecarte... ich werde ſo ganz nach⸗ läſſig ein Fünffrankenſtück hinwerfen, und... Ah! Teufel! da gibt's Gefrornes... Zuerſt wollen wir im Vorbeigehen eine Portion mitnehmen.“ Robineau nimmt Gefrornes, und um es nach ſeiner Bequemlichkeit zu eſſen, ſetzt er ſich hinter zwei Herren von reifem Alter, die in einem Gemache plau⸗ dern, das zum Durchgang vom Tanzſaal in das Spielzimmer dient. Die beiden Sprecher, Freunde des Barons von Marcey, der eine ein alter Waffengefährte, unter⸗ hielten ſich über die Schickſale ihres Freundes, wobei Robineau aufmerkſam zuhorchte. Als ſie geendigt und ſich entfernt hatten, verläßt auch Robineau ſeinen Sitz, indem er ſagt:„Es iſt ſehr unterhaltend, Andere ſprechen zu hören, es belehrt; man thut ganz unbe⸗ fangen und horcht, mit um ſo größerem Recht, als 44 man nichts Heimliches verhandelt, wenn man laut ſpricht. Ah! ich muß auch die Damen etwas ſchwatzen hören, weil die Frauenzimmer immer Geiſt in ihre Unterhaltung bringen... Wenn ich ſage: immer, ſo will das heißen, die, welche haben. Da ſind gerade zwei Damen, die in ein intereſſantes Geſpräch ver⸗ 1 wickelt ſcheinen, denn ſie reden mit Feuer!... Es iſt ein Stuhl an ihrer Seite leer.“ Mit gleichgültiger Miene ſetzt ſich Robineau neben zwei hübſche Frauenzimmer, und den Kopf nachläſſig nach ihrer Seite wendend, fängt er einige Fragmente ihres Geſprächs auf. „Ja, liebe Freundin, ich hatte ihn richtig beur⸗ theilt... Du ſiehſt, ich hatte Recht, ſeinen Liebes⸗ betheurungen, ſeinen Schwüren, ſeinen tiefen Seuf⸗ zern zu mißtrauen!... und doch kannſt Du Dir nicht vorſtellen, mit welch aufrichtiger Miene er mir ſagte, daß er von nun an geſetzt, treu ſein und Niemand mehr, als mich lieben wolle!... Es iſt abſcheulich, ſo zu lügen!“ Robineau dreht ein wenig den Kopf, um die Züge der Sprecherin zu ſehen, und erblickt eine ſchöne Brünette, deren lebhaftes und geiſtreiches Geſicht in dieſem Augenblick ein welches ſie durch ein gezwungenes Lächeln zu ver⸗ bergen ſucht. „Ich glaube, Du biſt ein wenig ärgerlich, meine liebe Jenny, die Liebe Alfreds auf die Probe geſetzt zu haben..— Aergerlich! im Gegentheil, ich bin entzückt darüber... keinen Augenblick habe ich daran Gefühl des Unmuths ausdrückt, geglaubt... ſein Ruf bei den Frauen ſteht zu feſt, um...“ Hier ſpricht man leiſer, und Robineau verſteht nichts. Doch ſagt er zu ſich ſelbſt:„Von Alfred iſt die Rede... Herrlich! Ohne Zweifel eine Dame, der er den Hof macht... O! wie luſtig!“ Nach einer Weile fährt die andere, gleichfalls junge und ſchöne Dame fort:„Seinem Freunde, Eduard Beaumont, würde ich, glaube ich, mehr Ver⸗ trauen ſchenken; er ſcheint weniger frivol, weniger flatterhaft als Alfred; Eduard iſt nicht übel..— Mein Gott, Liebe, ich wette, er taugt nicht mehr, als ein Anderer auch.. Vor den kalten, zurückhal⸗ tenden Mienen muß man ſich noch mehr ſcheuen... Es gibt nichts Schlimmeres, als ſolche Männer im Täuſchen... Bei einem Bruder Liederlich, der ſich⸗ offen zeigt, weiß man wenigſtens, was man zu ge⸗ warten hat.— Deßhalb hatteſt Du eine Schwachheit für Alfred..— O! nie!... nie!... ich lachte über ſeine Liebesſchwüre, es beluſtigte mich vielleicht ein wenig, ſie anzuhören... Zudem iſt er liebens⸗ würdig, hat Geiſt... aber ihn lieben!... Ol ich ſchwöre Dir, davor würde ich mich wohl gehütet haben. Denke das nicht!...— Wenn Du Dich ſo eifrig vertheidigſt, Jenny, ſo glaube ich am Ende⸗ Du beteſt ihn an...— Ahl zum Beiſpiel, ich...“ Die Stimme wird wieder leiſe. Robineau rückt ſeinen Stuhl etwas näher, um die Worte zu erha⸗ ſchen; einige Minuten lang ſprechen jedoch die beiden * — 46 Freundinnen zu leiſe, als daß er etwas auffangen könnte; endlich entgegnete die ſchöne Jenny wieder lauter:„Du haſt wohl daran gethan... ſehr wohl.. Ich bin überzeugt, daß es ihn ſehr ärgert, uns mit einander ſprechen zu ſehen, denn er glaubte uns entzweit.. Hat er nicht zuweilen von mir ge⸗ ſprochen?..— O nein, er ſprach nur von mir. — Ahl das iſt richtig! Ich ſtehe Dir dafür, Klara, ich bleibe Wittwe: ol ich werde mich nie, nie wieder verheirathen!...— Kann man dafür ſtehen, meine Theure? Bedenke doch, daß Du erſt zweiundzwanzig Jahre alt biſt.— Ein Grund weiter, das Glück meines ganzen Lebens nicht aufs Spiel zu ſetzen. Iſt das, was ich von der Ehe erfahren, nicht geeig⸗ net, mich ferne davon zu halten? Herr von Gerville heirathete mich in meinem achtzehnten Jahre, ohne mir den Hof gemacht zu haben; er verlangt mich von oder nicht: er iſt reich und man verbindet uns. Herr von Geroille war indeß jung, hübſch... Ich hätte ihn lieben können, wenn er ſich Mühe gegeben hätte, mir zu gefallen, wenn er mich nur hätte glauben machen wollen, er liebe mich. Damals war ich ſo einfältig!... ich glaubte Alles, was man wollte!... meinen Eltern, ohne zu wiſſen, ob er mir gefällt Aber nein, ich war ſeine Frau, und er hätte ſich für entehrt gehalten, mir den Hof zu machen, zuvor⸗ kommend gegen mich zu ſein. Er hatte zwei oder drei Maitreſſen, die ihn betrogen; das war beſſer, als ſeine Frau zu lieben, die ihn nicht betrog. Allein er iſt todt, und ich muß den Kummer vergeſſen, den — 47 er mir gemacht; indeß, ich geſtehe es, hat dieſer Verſuch von Ehe mir nur eine traurige Meinung von den Männern gelaſſen. Ich halte ſie im Allgemeinen egoiſtiſch, unbeſtändig und ungerecht gegen die Frauen .. ſie vergeben ihnen nichts, und man ſoll ihnen Alles vergeben; ſie wollen uns untreu ſein, und fordern von uns Beſtändigkeit; ſie ſind liebenswürdig, ſo lang wir das Glück haben, ihnen zu gefallen; ſo wie ſie aber für einen andern Gegenſtand ſeufzen, beſchäftigen ſie ſich nicht mehr mit uns; ſtatt daß ſie ihre Untreue zu verbergen ſuchen, indem ſie Sorgfalt und Aufmerkſamkeit verdoppeln, werden ſie mürriſch, launenhaft und reizbar; und wenn wir das Unglück haben, einigen Kummer über ihr verändertes Beneh⸗ men gegen uns an den Tag zu legen, ſo beſchuldigen ſie uns der Anmaßung und der Eiferſucht.— Ach! Jenny! Jenny!— Du wirſt finden, liebe Klara, daß das Alles wahr iſt; kurz, welches ſind die guten Ehen, die Du mir anführen könnteſt? Die ſind es, wo die Frauen über die Untreue ihrer Ehemänner die Augen zudrücken... O! wenn man ſie thun läßt, was ihnen beliebt, kommen, gehen, umherſchwärmen, ohne ſie je um ihr Thun und Treiben zu befragen, dann iſt man, was ſie eine gute Frau nennen, und einmal des Monats würdigen ſie uns, mit uns aus⸗ zugehen!— Ich ſehe, die Unbeſtändigkeit Alfreds hat Dich übellauniſch gemacht!— Was kümmert mich die Unbeſtändigkeit Alfreds?... Ich wiederhole Dir, ich hörte ihn nur zum Spaße an... und habe ſeine Liebeserklärung nie ernſthaft aufgenommen... Es iſt mir indeß lieb, zu wiſſen... den Gedanken ge⸗ habt zu haben, daß...“ Man dämpft aufs Neue die Stimme; und da man an einer ſehr intereſſanten Stelle iſt, und Ro⸗ bineau den Gedanken der Frau von Gerville zu kennen wünſcht, ſo beugt er ſeinen Stuhl etwas mehr, in der Hoffnung, zu verſtehen; die Schwere ſeines Kör⸗ pers wirft jedoch den Stuhl um, und ehe er Zeit hat, ihn aufzuhalten, rollt er vor die Füße der beiden Freundinnen.. Die Damen, die auf ihren Nachbarn keine Acht gegeben hatten, ſind nicht wenig überraſcht, als ſie dieſen Herren beinahe auf ſich hinfallen ſehen. Ro⸗ bineau ſteht ſchnell auf, ſtottert einige Entſchul⸗ digungen und entfernt ſich, vor ſich hinbrummend: Man wichst zu viel!... Es iſt ſo glatt, daß man ſich nicht halten kann!. Ich begreife nicht, wie die Tänzer nicht nacheinander fallen. Ah! ſie gehen freilich, ſtatt zu tanzen. Verfluchter Stuhl!... Ich hätte den Gedanken der ſchönen Blondine erfahren... der Madame Jenny von Gerville; ich werde den Namen behalten und Alfred damit ärgern. O! das iſt ſehr beluſtigend.“ Robineau kehrt in den Tanzſaal zurück; auch nä⸗ hert er ſich den Schwatzenden; nahe bei ſich hört er lachen; zwei Damen ſind es, welche nicht tanzen, und gerade hinter ihnen ſteht ein Sitz frei. Robineau ſetzt ſich eilends darauf, bei ſich ſprechend:„Dieſe Damen lachen... Ich wette, Sie machen ſich über andere Frauen aus der Geſellſchaft luſtig.. O! das darf 49 man nicht verfehlen!... Ich habe keine Zeit gehabt, ſie anzuſehen... Wenn ſie ſich aber umwenden, will ich ſie betrachten: alſo aufmerkſam!“ „O! dieſer Herr mußte komiſch ſein; ich hätte ihn mögen mit Dir tanzen ſehen!... Du zeigſt mir ihn, wenn Du ihn erblickſt?— Ja... ol ſei ruhig . er iſt leicht zu erkennen!... Ich weiß nicht, wo Herr von Marcey dieſe Figur aufgegabelt hat!...“ „Gut! ſpricht Robineau bei ſich, ſie machen ſich über Jemand luſtig, ich wußte es ſicher;“ und er rückt näher, wobei er indeß Sorge trägt, ſich nicht auf ſeinem Sitze zu ſchaukeln. „Stelle Dir vor, beſte Freundin, einen kleinen vierſchrötigen, ſchwerfälligen, ſteifen Menſchen, mit breiter Naſe, kleinen, dummen Augen, einem Mund, in den er beim Sprechen kneift, und Haare, ſo ſehr aufgewickelt und gelockt, daß er einem Neger gleich⸗ ſieht!..— Hal ha! ha!— Dabei ein anſpruchs⸗ volles Weſen... Er kam und forderte mich zum Tanze auf... es war der erſte Contretanz; ich nehme es an und während des Tanzes will er den Liebens⸗ würdigen ſpielen, weiß aber nichts zu ſagen, als jene platten, abgedroſchenen Gemeinplätze, ſo daß er mich wirklich dauerte!... Da er ſah, daß ich auf dieſe ſchönen Dinge nichts erwidere, erlaubte er ſich, mir beim Tanzen die Hand zu drücken!... hal ha! ha!“ Hiebei dreht ſich die ſprechende Dame um, und Robineau erkennt die Gräfin, mit welcher er in der That den erſten Contretanz getanzt hat. Die Röthe ſteigt ihm ins Geſicht; die Dame, die ihrerſeits den Paul de Kock. XXIII. 4 — 50 Herrn erkennt, von dem ſie ſprach, unterdrückt müh⸗ ſam einen Lachreiz und ſtößt ihre Freundin leicht mit dem Knie. Ehe dieſe ſich aber umgewendet hat, iſt Robineau ſchon fern: er iſt ganz außer ſich, ſchießt wuthvolle Blicke umher, wobei er ſich ſagt:„Zum Henker!.. dieſe Frau muß ſehr ſpottſüchtig ſein!... Ich weiß nicht, ob ſie von mir ſprach... Jedenfalls wünſche ich ihr, Viele ſo zu finden, wie ich bin 1... Sie iſt jedoch zu häßlich, um Liebhaber fangen zu können.“ Robineau hat keine Luſt mehr, die Geſpräche zu behorchen; er tritt zum Ecartè und ſchneidet ein ſo 4 entſetzliches Geſicht, daß Alfred, der ihn bei einem Spieltiſche trifft, ihn mit den Worten anredet:„Ei mein Gott! lieber Robineau, was machſt Du für ein Geſicht... haſt Du unglücklich geſpielt?— Ich habe hundert Thaler verloren!— Kleinigkeit, Du wirſt ſie wieder gewinnen...“ Alfred entfernt ſich und Robineau ſpricht:„Ein guter Kerl.. Kleinigkeit!... Wenn ich hundert Thaler verloren hätte, würde ich mich mein Lebtage nicht mehr tröſten!... Bin jedoch geſichert, daß es nicht geſchehen wird... in Betracht, daß ich nicht mehr weiter als einundzwanzig Franken fünfzig Cen⸗ timen habe... ich muß ſie ſetzen... ſuchen wir zu gewinnen... man ſagt aber, es ſei nicht ſehr klug, in dieſen zahlreichen Geſellſchaften Ecarté zu ſpielen.. O! bei Herrn Baron von Marcey kann es nur ehr⸗ liche Leute geben... einerlei, ich parire für den Ge⸗ winnenden.. das Beſte, was man thun kann.“ 31 Robineau tritt an den Spieltiſch, indem er fragt: „Auf welcher Seite iſt das Glück?“ Unglücklicher⸗ weiſe iſt für ihn das Glück wandelbar; bald hat er ſeine einundzwanzig Franken verloren. Jetzt bemüht er ſich, auf jede Weiſe ſeine üble Laune zu verbergen; er verläßt das Ecartèé.„Adieu Landpartie und Trai⸗ teur für Sonntag!— Fifine ſoll bei ihrer Tante ſpeiſen und ich ſpiele Guitarre!... Ich hatte wohl auch nöthig, mich zu derangiren, große Toilette zu machen, einen Wagen zu nehmen, und in große Ge⸗ ſellſchaft zu gehen!... Iſt es nicht ſehr beluſtigend?... Weiber, die ſich über einen luſtig machen!... Männer, die an einen anrennen, als wollte ſie uns über den Haufen werfen! Spieler, die uns ausbeuteln, ehe man ſich umſieht!... Fifine hat Recht, man unter⸗ hält ſich beſſer bei Madame Saqui oder in den Fu⸗ nambules. Gehen wir zum Speiſetiſch; wenn ich... kein Gefrornes einſchieben kann, kann ich wenigſtens Orangen und Kuchen in die Taſche ſtecken. Er geht an den beſagten Ort; es gibt keine Orangen mehr, aber Kuchen die Menge; damit ſtopft er nun ſeine Taſchen voll, während die Diener Erfriſchungen umherreichen, und ſchlägt eben den Weg nach der Treppe ein, als Eduard vor ihm ſteht; der junge Dichter hält ihn auf. „Guten Abend, Herr Robineau! ich hatte Sie noch nicht bemerkt; es iſt ſo voll hier!— Das iſt wahr... Unter uns geſagt, ich finde dieſes Gewühl da nicht ſehr beluſtigend, ich geſtehe Ihnen, daß ich genug habe, und im Begriff bin, zu gehen.— A. 5² Schon 2... es iſt erſt zwei Uhr.. Ol... Sie ⸗ müſſen bleiben; Sie wiſſen wohl, Alfred will, wir ſollen nach dem Ball unter uns auf ſeinem Zimmer tafeln, um Tollheiten zu ſprechen...— Ah! ich wußte das nicht... das iſt aber etwas Anderes, wenn man tafelt... Teufel... hätte ich das gewußt, würde ich nicht ſo viel Leckereien gegeſſen haben... Gleichviel... ich bleibe.— Wir wollen umhergehen... hübſche Tänzerinnen ſuchen.— Umhergehen, meinet⸗ wegen, zum Tanzen aber habe ich keine Luſt mehr.“ Robineau fährt leicht über ſeine Taſchen herab⸗ um ſie etwas zu ebnen, und folgt Eduard, bei ſich ſprechend:„Es iſt mir nicht unlieb, daß man mich mit einem Schriftſteller ſprechen ſieht; ich will mit ihm vom Theater ſchwatzen... man wird glauben, ich arbeite ein Stück mit ihm aus.“ 3 „Ich wette, Sie lieben das Theater mehr, als dieſe Soireen, nicht wahr, Herr Eduard?— Je nachdem; es gibt unterhaltende Soireen, und ſehr langweilige Theaterſtücke.— Ol ſicherlich; ich will jedoch ſagen... es iſt ſehr angenehm, Dichter zu ſein.. Ich möchte Ihnen einen Plan mittheilen... wenn ich ſage einen, ſo habe ich ein Dutzend in meinem Sekretär!.. O ich habe erſtaunliche..— Ich glaube es.— Plane zu großen Opern, komiſchen Opern, Vaudevilles, Melodramen... Ol ich mache von allen Sorten, habe eine unerſchöpfliche Einbil⸗ dungskraft... und wenn ich Zeit hätte..— Ja, die Zeit fehlt denen immer, die nichts produciren.— Nicht wahr? Ich werde es Ihnen aber zeigen; was 53 mir beſonders gefiele, wäre, freien Zutritt in die Theater zu haben... Ach! in die Couliſſen gehen... die Schauſpielerinnen in der Nähe ſehen... die Tän⸗ zerinnen... Wie viel Liebesabenteuer man haben muß!— Nicht ſo viel, als Sie glauben; und man gewöhnt ſich an die Couliſſen, wie an den Saal.— Das iſt richtig, die Gewohnheit, ich gebe es zu; aber ein Stück ſpielen laſſen...— Das iſt herrlich, wenn man Beifall findet, und wie vielen Plackereien und Kabalen iſt man ausgeſetzt, ehe es ſo weit kommt!“ „Er ſagt das nur, um mir die Luſt zu benehmen, Stücke zu ſchreiben, ſagt Robineau bei ſich. Die Dichter ſind alle ſo; ſie ſuchen Anfänger abzuſchrecken. Ich werde ihm meine Plane nicht mittheilen, er würde mir meine Ideen ſtehlen und hernach ſagen, ſie ſeien von ihm.“ „Sie ſehen die Dinge etwas von der ſchwarzen Seite, Herr Eduard, weil Sie ſich von Ihrer neu⸗ lichen Niederlage noch nicht ganz erholt haben.— n verſichere Sie, daran denke ich nicht mehr... — Bah! gehen Sie doch!... Und haben Sie die Stelle Ihrer kleinen Wäſcherin wieder erſetzt?— Meiner Treu, nein!... Ich fange an, der Liebes⸗ abenteuer müde zu werden, worin man Alles findet, ausgenommen Liebe. Ich glaube, etwas Liebe und weniger Vergnügen wäre mir lieber.— Gerade wie ich, ich bin für das Gefühl, aber was man das wahre, reine Gefühl nennt. Ich habe alle Frauen angebetet, mit denen ich in Bekanntſchaft war, und ſie ihrer⸗ ſeits behandelten mich mit beſonderem Wohlwollen... 54 ich bin ihr Liebling.— Sie ſind ſehr glücklich, Herr Robineau! und ich, ich möchte finden... ich weiß nicht... allein meiner Meinung nach, ſollte eine geheime Sympathie zu gleicher Zeit auf zwei für einander geſchaffene Herzen wirken...— Ja, ich verſtehe Sie. Das iſt mir bei meiner erften Neigung vorgekommen, ich lernte ſie auf einem Ball kennen, da fielen wir beide zu gleicher Zeit, worin ich augen⸗ blicklich eine Sympathie erkannte. Eduard lächelt leichthin und aähert ſich einem Contretanz, wo ſehr hübſche Damen figuriren, die Robineau aber alle mehr oder minder abſcheulich findet, obgleich Eduard und der ſpäter hinzugetretene Alfred ganz entgegengeſetzter Meinung ſind. „Meiner Treu, meine Herren, ſagt Robineau, ſich aufblähend, ich verſichere euch, daß ich alle dieſe Damen mit ſehr gleichgültigem Blicke betrachte... Ich bin Philoſoph, ich... zudem habe ich, was ich brauche, und es würde ſchwer ſein, etwas Beſſeres zu finden.“ „Ah! Robineau, da mußt Du ſie uns zeigen... Du mußt uns bei einem Schmauſe zuſammenbringen. — Oho, zum Beiſpiel... meint ihr, es ſei eine Perſon, die man ſo mit Männern auf Luſtpartien zuſammenführen kann?...— Möchteſt Du uns viel⸗ leicht glauben machen, es ſei eine Herzogin 2..— Ja... hört einmal... das könnte ja der Fall ſein. Hal! hal ha!... Was haſt Du denn in Deinen Taſchen, Robineau? haſt Du Dir Hüften gemacht, um Deiner Dulzinea zu gefallen?“ 5⁵ Robineau wird roth und hält die Hände auf die Taſchen, indem er erwidert:„Es ſind Papiere... die ich vergeſſen, aus meinen Rocktaſchen zu nehmen... — Wenn Du mit dieſen Taſchen getanzt haſt, mußt Du raſenden Effekt gemacht haben!... Ha! hal hal. Sind es wieder miniſterielle Papiere?...“ Zornig läuft Robineau weg und wirft ſich auf eine Ottomane, ohne zu denken, daß er ſeine Kuchen zerquetſcht, und da bleibt er, bis der Ball zu Ende iſt; nun kommt Alfred auf ihn zu und fragt:„Wir gehen in mein Zimmer hinauf, Robineau; mit einigen treuen Freunden wollen wir die Nacht vollends bei Tiſche zubringen... biſt Du dabei?“ „Ja gewiß— Alsdann entſchließe Dich, Dein Kanape zu verlaſſen, auf welches Du feſtgenagelt ſcheinſt, wie ein Paſcha.“ 3 Robineau folgt Alfred. Die Wohnung des jungen MNarcey liegt über der ſeines Vaters; Alles, was Lurus, Eleganz und Abwechslung nur erfinden kann, trifft man hier vereinigt; es iſt ein Ort, den eine Hofdame beneidete. Vier junge Leute, eben ſo toll, eben ſo ausge⸗ laſſen, wie der Herr der Wohnung, ſäumen niccht, der Einladung ihres Freundes ſich zu fügen; Eduard und Robineau vervollſtändigen die Geſellſchaft. „Meine Herren, beginnt Alfred, indem er Ro⸗ bineau ſeinen jungen Freunden vorſtellt, ich ſtelle euch hier einen alten Schulkameraden vor, eine ganz gute Haut, wiewohl ein wenig reizbar, wenn man mit ihm von ſeinen Eroberungen oder ſeinen Geſchäften 56 ſpricht. Bringet die Wohlbeleibtheit ſeiner Taſchen nicht in Anſchlag... Er behauptet, das gebe ihm Anmuth. Jetzt iſt er etwas übelgelaunt, weil er ſein Geld beim Ecarté verloren hat; allein wir berauſchen ihn, und dann wird er köſtlich!“ Sämmtliche junge Leute lachen, Robineau des⸗ gleichen, wobei er ausruft:„Ein Teufelskerl, der Alfred... immer ſpaßhaft!... Was aber das Be⸗ rauſchen betrifft, ſo gehe ich mit euch die Wette ein, meine Herren; ol ich habe einen feſten Kopf, habe mich nie betrunken geſehen.“ „ Auf Ehre, Alfred, deine Wohnung iſt herrlich... Alles mit einer Neuheit... und einem Geſchmack ausgeſchmückt...— Es iſt ein bezaubernder Ort, ſagt einer der jungen Männer, im Gemache umher⸗ gehend. 4 „Wahrlich, meine Herren, wenn es hübſch iſt, deſto beſſer... Ich aber kümmere mich um das Alles nichts; mein Vater wacht über das, was mich an⸗ geht, und erſt neulich hat er alle meine Möbeln er⸗ neuern laſſen, weil er vorgab, ſie ſeien nicht elegant genug; ich, ich laſſe ihn machen.“ „Man muß geſtehen, Alfred, Du haſt einen ſehr liebenswürdigen Vater!..— O! was das betrifft, meine Herren, ſo laſſe ich ihm Gerechtigkeit wider⸗ fahren... Seine Güte iſt ſo groß, daß ich zuweilen verſucht bin, ihn über ſeine zu große Nachſicht mit mir zu ſchelten. Mache ich Schulden, ſo bezahlt er ſie; will ich Geld, ſo gibt er mir; ſpreche ich die Befürchtung gegen ihn aus, meine Streiche möchten 57 ihn böſe machen, ſo umarmt er mich und ſagt:„Du biſt jung, mußt Dich wohl beluſtigen; ſei glücklich, mein Freund; das iſt Alles, was ich wünſche.“ Auch ſchwöre ich euch, ſeine Güte macht, daß ich oft im Augenblick, wo ich irgend eine Uebereilung begehen will, inne halte; denn ich habe keinen Hehl für ihn, und wäre untröſtlich, wenn ich ihn durch etwas ve⸗ trübte.. Ja, meine Herren, ſeine Nachſicht macht mich klug, während ich, wenn er mich gehindert hätte, und ſtreng gegen mich geweſen wäre, hundertmal mehr dumme Streiche gemacht haben würde.“ „Kurz, ihr liebt einander zärtlich, ſagte Eduard, und es ſcheint mir, man müſſe ſich wohl befinden, wenn man ſeinen Vater zum Freunde hat.“ „Mein Vater liebte mich ebenfalls ſehr, fällt Ro⸗ bineau ein; doch zerſchlug er eines Tags ſeinen Stock auf meinem Rücken, weil ich mein Taſchentuch ver⸗ loren hatte... Mein Vater war äußerſt geordnet; allein, gleichviel, er liebte mich zärtlich.“ „Zu Tiſche, zu Tiſche, meine Herren, und Toll⸗ heiten geſchwatzt!... Nach einer ſteifen Soirée iſt es angenehm, ein wenig ungenirt ſein zu können.“ Man ſetzt ſich zu Tiſche, ißt tüchtig und auch Ro⸗ bineau bleibt, der verzehrten Kuchen ungeachtet, nicht zurück; feine Weine machen die Runde und man be⸗ lebt ſich mit Schwatzen, Lachen und Trinken; Jeder erzählt ſeine Geſchichte, oder ein galantes Abenteuer; das Kapitel der Frauen iſt unerſchöpflich, die Männer konimen ſtets mit Vergnügen wieder darauf zurück, 58 denn es gibt keinen, dem es nicht angenehme Erin⸗ nerungen ins Gedächtniß riefe. „Meine Herren, ſagt ein junger Mann, der ein ziemlicher Brauſekopf zu ſein ſcheint, es gibt eine unumſtößliche Wahrheit, nämlich, um von den Frauen geliebt zu werden, darf man keine lieben.— Ah! zum Henker!..— Ich berufe mich auf Alfred... Sag, habe ich Recht?— Meiner Treu, es ſcheint mir, daß ich ganz entgegengeſetzter Meinung bin, denn ich bin ziemlich glücklich bei den Schönen, und doch liebe ich Alle.— Nun gut, Du liebſt ſie Alle, folglich liebſt Du keine, das kommt aufs Gleiche heraus.“ „Meine Herren, ſagt Eduard, es wäre ſehr un⸗ glücklich, wenn ein tiefes, inniges Gefühl nicht er⸗ widert werden könnte, und wenn man uns von dem Augenblicke an, wo wir wirklich verliebt ſind, nicht mehr lieben würde.“ 3 „Ein Verliebter verliert alle ſeine Vortheile und wird dumm, daß man Riegelwände mit ihm einren⸗ nen könnte.“ R „Das iſt wahr, ſagt Robineau, man wird ſehr dumm.. Diejenige, in die wir verliebt ſind, findet uns nicht dumm, wenn ſie unſere Liebe theilt.“ „Herr Eduard hat Recht, ſagt Robineau, ein Glas Chambertin hinuntergießend, wenn man unſere Liebe theilt... o!.. das iſt etwas Anderes... das iſt ein großer Unterſchied!...“ „Wenn man ſie aber nicht theilt, fährt einer der jungen Leute fort, dann macht man ſich über uns 7 59 luſtig, lacht über unſere Seufzer, wir ſehen wahren Einfaltspinſeln gleich, werden es aber nicht gewahr.“ „Es fällt uns ſogar nicht einmal ein, ſagt Ro⸗ bineau, ſich ein neues Glas Chambertin einſchenkend, und das iſt das Drolligſte an der Sache.“ „Meine Herren, verſetzt Eduard, eine Frau, die ſich über einen Mann luſtig macht, weil er wahrhaft in ſie verliebt iſt, eine ſolche Frau iſt eine Kokette, und ich bin der Meinung, daß es nicht bloß Koketten auf der Welt gibt. Wie viel gibt es gefühlvolle, liebende Herzen, die bereit ſind, unſere Liebe zu er⸗ widern!... Wie viele Frauen, die ſich nicht enthalten können, einen Bruder Liederlich insgeheim zu lieben, und die ſich alle Mühe geben, ihre Empfindung zu verbergen!...“ „Unzählige!“ bemerkt Robineau. „Meiner Treu, kokett oder empfindſam, naiv oder ungeſtüm, ſie ſind Alle reizend, ſagt Alfred; aus⸗ genommen indeß, wenn ſie uns nachlaufen, uns ver⸗ folgen, und alle unſere Handlungen ausſpüren laſſen.“ „Ahl pfui doch!... eine Frau, die uns folgt!... das iſt ja abſcheulich!... Erſtlich iſt das ein ſchlechter Ton!... allein, das kommt nicht mehr vor!...— Zuweilen noch!...“ „Ich, meine Herren, nimmt Robineau das Wort, der ſtets ſprechen will, obgleich ſeine Zunge anfängt, ſchwerer zu werden, wenn mir eine Frau folgt... und ich bemerke es;... denn wenn ich es nicht be⸗ merke, drücke ich die Augen zu; wenn ſie mir aber folgt, ſo ſage ich: Theuerſte Freundin, Sie folgen 60 4 mir, das iſt mir nicht anſtändig... Wenn ich bei Ihnen ſein will... werde ich es Ihnen ſagen laſſen ..: will ich aber mit einer Andern ſprechen... ſo iſt mir Ihre Gegenwart nicht vonnöthen, um den Lie⸗ benswürdigen zu ſpielen;... das hindert im Gegen⸗ theil meine Fähigkeiten...“ „Bravo! bravo! rufen die jungen Leute lachend, das heißt geſprochen, wie Cicero!...“ „Jetzt Champagner, meine Herren, ſagt Alfred. — Geh mit dem Champagner!...“ „Ja, Champagner!“ ruft Robineau aus, und ich breche eine Lanze mit dem, der am meiſten trinkt ... ich betrinke mich nie.“ Die Pfröpfe fliegen an die Decke, man trinkt Champagner und bald ſpricht Alles zugleich und Jeder bildet ſich ein, er werde gehört. Mitten unter dieſem Geſchrei und Gelächter gelingt es Robineau, ſich Gehör zu verſchaffen, weil er ſtärker als alle Uebrigen ſchreit, und je mehr er ſich betäubt, um ſo mehr vernünftiger will er ſprechen, als Beweis, daß ihm der Wein nicht zu Kopf ſteigt. „Theurer Freund, ſagt er, ſich an Alfred wen⸗ dend, Du läßt es Dir auch nicht einfallen, daß ich das Geheimniß Deiner Liebeshändel, Deiner Erobe⸗ rungen kenne, d. h. eine hübſche, kleine Brünette, Wittwe... ich will ihren Namen nicht ſagen, weil man verſchwiegen ſein ſoll... es ſcheint aber, daß Du ihr tüchtig zuſetzteſt... und daß die obgenannte Frau von Gerville... deine Beſtändigkeit erproben wollte...“ 61 „Frau von Gerville!... wie weißt Du das 2.. Woher kennſt Du die Frau von Gerville?.. „Erſtlich habe ich Dir nicht geſagt, daß es Frau von Gerville ſei... ich habe den Namen nicht ge⸗ nannt... nicht wahr, meine Herren?...“ „Nein! nein! rufen die jungen Leute lachend, dazu iſt er zu vernünftig... man ſieht wohl, da er ſich nie betrinkt!“ „Ich, meine Herren, ſagt Robineau, ein Glas Champagner an ſeine Lippen führend, ich ſchlürfe das hinunter, wie Milch... ich habe einen Eiſenkopf! ... Gleichviel; Alfred, die junge Wittwe ſagt, Du ſeieſt ein Ungeheuer!... ein Treuloſer!.. Es ſcheint, daß Du ihr ernſtlich gefielſt!“ „Ich weiß nicht, ob ich ihr gefiel, allein ich ge⸗ ſtehe, ſo in ſie verliebt geweſen zu ſein, daß ich einen Augenblick glaubte, es werde Ernſt. Jenny iſt heiter, liebenswürdig, geiſtreich;... eines Tages aber treffe ich eine gewiſſe Klara bei ihr;... ich wußte nicht, daß es ihre Freundin war; denn täglich ſieht man, wie Frauen einander beſuchen, ohne ſich zu lieben. Dieſe Klara iſt nun gleichfalls ſehr hübſch; ich ſagte ihr, ich finde ſie reizend, nichts iſt natürlicher; es ſcheint jedoch, daß ſie der Frau von Gerville Alles wieder erzählte, und dieſe ward böſe. Meiner Treu! mich kümmert's wenig!... Zum Teufel mit der Be⸗ ſtändigkeit! ich, ich kenne nur das Vergnügen!... Laßt uns trinken!... auf die Geſundheit der ſchönen Frauen!...“ „Ah! meine Herren, man muß Jedermann leben laſſen! Auf die Geſundheit der Damen im Allge⸗ meinen,“ ſagt Eduard. „Ja, ſagt Robineau, ſein Glas in die Höhe hal⸗ tend, auf ihre Geſundheit im Allgemeinen... und im Beſondern... weil ich eine Beſondere habe;... hal ha! ha! und eine Kernhafte!... die Tugend ſelbſt... mit ſchelmiſcher Miene... und Sitten... das Alles in Geſtalt einer Putzmacherin.“ „Ahl ah! Deine Herzogin iſt nur eine Putz⸗ macherin! ſagt Alfred, und Du wollteſt ſie nicht mit uns ſchmauſen laſſen!“ „Wie? meine Herren, im Ganzen genommen... was macht das? Was macht der Rang in Betreff der Schönheit?— Er hat Recht. Hat man nicht Könige geſehen, die Schäferinnen heiratheten. Die Alten waren weniger ſtolz, als wir, das findet man in der Bibel.— Gut denn!... es leben die Gri⸗ ſetten!... Nur ſie verſtehen es, Zärtlichkeit mit dem Tanz zu verbinden... uns die Hoſen zu flicken, wenn ſie zerriſſen ſind... uns Morgens das Früh⸗ ſtück zu machen und Abends die Lampe anzuzünden... Bittet aber einmal eine ſchöne Dame von der ele⸗ ganten Welt, wie ich dieſen Abend welche geſehen habe, euch einen Knopf anzunähen oder euren Hoſenträger zu flicken... man würde ſchön empfangen werden, he? Es leben die Griſetten! dabei bleibe ich!...“ „Es leben die Griſetten!“ wiederholten die jungen Leute mit Lachen, und man ſtößt aufs Neue mit Ro⸗ bineau an, weil er bereits nicht mehr weiß, was er ſpricht, was die Herren ſehr beluſtigt und beſonders 63 Alfred, dem es Freude macht, ihn beim Trinken die Lügen widerrufen zu hören, die ihn ſeine Eigenliebe im nüchternen Zuſtande vorbringen ließ. Die Lügner ſollten ſich nie betrinken.. Das Sprüchwort hat Recht, wenn es ſagt: in vino veritas. Wie viele Leute gibt es, welche der Wein Thorheiten ſprechen ließe, wenn ſie ſich nicht bemühten, nüchtern zu blei⸗ ben! Wie viele unvorſichtige Geſtändniſſe, wie viele pikante Bekenntniſſe würde man hören, wenn... doch die Damen betrinken ſich niemals! „Es ſcheint, Robineau, daß Du eine ſehr ſchöne Putzmacherin zur Geliebten haſt?“ fragt Alfred, das Glas ſeines Freundes aufs Neue füllend. „O! hübſch!... meine Herren!... das heißt, das Geſicht iſt nicht durchaus tadellos... es hat ſelbſt einige Fehler in den Umriſſen... Der Wuchs aber! ... ah! wie gegoſſen!... Wenn ſie hier wäre, ließ ich ſie auf dieſen Tiſch ſteigen, damit ihr ſie bewun⸗ dern könntet. Mit einem Wort, Fifine iſt es!... das iſt genug geſagt!“ „Ah! ſie nennt ſich Fifine?— Ja, meine Herren ... ein reizendes Mädchen!... ein wahrer Drago⸗ ner!... die einer Taſſe Kaffee noch nie widerſtand ... wenn es ihr gefällt nämlich..— Und Du haſt ihr augenblicklich gefallen?...— O! augenblick⸗ lich... d. h. ſie hat mich manche Gänge machen laſſen;... und die Schachteln, die ich trug! und die Brezeln, die ich bezahlte!... Wie viel habe ich be⸗ zahlt!... Fifine liebt die Brezeln ſehr!... Gleich⸗ viel, auf ihre Geſundheit, meine Herren!...“ 64 jungen Leute. Dieſer Toaſt ſtimmt Robineau ganz weich; er langt nach ſeinem Taſchentuch, um ſich die Augen zu trocknen; im Herausziehen ſtreut er die indeß ganz zerquetſchten Kuchen auf den Tiſch und Boden umher. Alles lacht noch weit mehr und Alfred leert die zweite Taſche Robineau's auf deſſen Teller aus und ruft dabei aus:„Seht, meine Herren, das „Auf die Geſundheit Fifinens! wiederholten die iſt ein vorſichtiger Menſch, er hutit einen Nachtiſch in die Taſche geſteckt...“ „Meine Herren... das war für meinen Zeiſig! ſtottert Robineau, den der Anblick der Kuchen einen Augenblick ſtumm macht; das heißt für den Zeiſig Fifinens!... welcher plappert: küſſe ſchnell, wie ein Staar... Uebrigens werdet ihr wohl ein⸗ ſehen, daß es nur ein Spaß, eine Wette war... ich ſehe nicht auf eine ſolche Lapperei... nicht als ob der Verluſt meiner einundzwanzig Franken fünfzig Centimen mich bedeutend genirte...“ „Ich glaubte, Du habeſt mehr als hundert Thaler verloren? ſagt Alfred.— Warum nicht gar hundert Thaler!... ein Kanzleiſchreiber mit fünfzehnhundert Franken!... das wäre der Gehalt von mehr als zwei Monaten!— Du irrſt Dich, Du erhältſt hun⸗ dert Louisd'or und wirſt eine Zulage bekommen... — Laß mich doch ruhig! hundert Louisd'or!... und was die Zulage betrifft, ſo hat mir mein Unterchef, der alle Augenblicke anderer Laune iſt, erſt dieſen Morgen geſagt, daß er genöthigt ſei, mich abzuſetzen, wenn ich nicht beſſer ſchriebe... Der hat's auch nöthig, 65 er, der kratzt wie ein Hahn und ſechstauſend Franken verdient!... ich glaube, er dürfte wohl beſſer ſchrei⸗ ben, als ich.. Nun, nun, meine Herren, es ſcheint mir, daß es nicht mehr geht, ihr trinkt nicht, ich wußte gewiß, daß ich euch Alle beſiegen würde!“ Die jungen Leute fangen in der That an zu gäh⸗ nen; vergebens ſucht Alfred ſeine Gäſte aufzumun⸗ tern; auch ihn überwältigt der Schlaf. Alle greifen nach ihren Hüten und nehmen Abſchied, indem ſie ſich das Anſehen geben wollen, als ſeien ſie noch ſehr feſt auf den Beinen. Es war heller Tag, ſchon liefen die Arbeiter durch die Straßen, um ſich zu ihren Geſchäften zu begeben und die friſchen Geſichter der letztern machten einen grellen Gegenſatz gegen das blaſſe Weſen un ſcrer jungen, leichtſinnigen Nachtſchwärmer. Robineau verließ mit den Uebrigen das Hotel; wie er ſich allein in der Straße befindet, koſtet es ihn einige Mühe, ſich zu beſinnen, was aus ihm werden ſoll; es ſcheint ihm, die Häuſer bewegen ſich und der Erdboden eile unter ſeinen Tritten davon. Mit beſtürzter Miene ſieht er die Vorübergehenden an; und wahrſcheinlich finden auch ſie etwas Selt⸗ ſames in ſeinem Geſichte oder ſeinem Anzug, denn ſie lachen, wenn ſie ihn erblicken. Da indeß Robi⸗ neau überwältigen will, was er für einen Schwindel hält, ſo drückt er ſeinen Hut tief ins Geſicht, ſucht ſich feſt auf ſeine Füße zu ſtellen und läuft mit ver⸗ doppeltem Schritt bis in ſein Haus, wo er, ohne Paul de Kock. XXIII. 5. 66 ſich eine Minute aufgehalten zu haben, athemlos und erſchöpft anlangt. 4 Die erſte Perſon, der er auf der Treppe begeg⸗ net, iſt Fifine, die Milch für ihr Frühſtück kaufen wollte. „Wie!l jetzt erſt kommſt Du nach Hauſe?“ ſagt ſie zu Robineau, dem es nicht gelingen will, den Schlüſſel in ſein Thürſchloß zu bringen. „Ja, theure Freundin; die Abendgeſellſchaft geht ſo eben erſt zu Ende.— Die Abendgeſellſchaft!... es iſt ſchon lange heller Tag... ſechs Uhr vorüber... Nun, was haſt Du denn da ſo an Deiner Thüre herum zu ſtöbern?— Ich weiß nicht, was in mei⸗ nem Schlüſſel iſt, Fifine; allein er will durchaus nicht hinein.— Gib her; ich will ſchon aufmachen.“ Fifine öffnet die Thüre, und Robineau aufmerk⸗ ſamer betrachtend, ruft ſie aus:„Ach, mein Gott, wie zerſtört ſiehſt du aus!... Die Augen hängen Dir zum Kopfe heraus!— Ich weiß nicht, was ich habe, beſte Freundin... das iſt aber gewiß, daß ich mich nicht ganz wohl fühle.— Ach! ich ſehe gut, was Du haſt;... es ſcheint mir, Du haſt ordentlich mitgemacht!...“ Robineau warf ſich unterdeſſen auf einen Seſſel, wo er tiefe Seufzer ausſtößt; Fifine folgt ihm und blickt ihn achſelzuckend an. Da ſie endlich ſieht, daß er nichts ſpricht und zu ſeufzen fortfährt, ruft ſie aus: „Biſt Du bald zu Ende mit Deinem Geſtöhne?... Du kommſt mir ſehr luſtig von Deinem Balle heim! — Ach! Fifine! ich denke, es ſei ein ſehr elendes 67— 4 Ding um einen Ball!... dieſe großen Verſammlun⸗ gen, die Toilette, die man machen muß... und das Alles, um ſich zu langweilen!... Ach! ich hätte viel beſſer daran gethan, mein Geld zu behalten und mit Dir zu gehen!— Aha! ich merke, was es iſt; der Herr hat ſein Geld im Ecarté verloren!... und da kommt nun der moraliſche Katzenjammer!— Ja, meine zärtliche Freundin, ich habe Alles verloren, habe nichts mehr!— Ich wollte, Alle Deine Ecarté⸗Spie⸗ ler hätten die Gelbſucht und Du auch!— Ich weiß nicht, ob ich die Gelbſucht habe, aber ich fühle, daß mir ſehr übel iſt.— Ah! ich glaube es; es ſcheint mir jedoch, daß Dich Dein Kummer am Eſſen und Trinken nicht gehindert hat.— Ich habe beinahe nichts zu mir genommen, ich verſichere Dich;... man hatte indeß ein koſtbares Eſſen.— Haſt Du mir auch Lecke⸗ reien mitgebracht?— Ich hatte meine Taſchen voll. weiß aber nicht, wie es kam, daß ich nichts mehr habe!— Ah! daran erkenne ich Dich! Wie lie⸗ benswürdig er iſt!— Fifine, wenn Du mir Vor⸗ würfe machſt, ſo falle ich in Ohnmacht.— Das heißt, Dein Nachteſſen erſtickt Dich beinahe... Wie artig das iſt... ein Liebhaber, der ſich mit Andern belu⸗ ſtigt und mit einer Indegeſtion heimkommt!— Ver⸗ laß mich nicht, Fifine, ich bitte Dich!— So, auch noch! Jetzt muß man ihn pflegen! Wohlan, ich bleibe da.. halte Dich ruhig... ich will Dir Thee machen. — Ach! ja, mache mir Thee.. ich will nichts Ande⸗ res mehr trinken.“ Die junge Putzmacherin geht eilends die Treppe 68 hinab, kauft Alles, was ſie für Robineau bedarf, der eine tüchtige Indigeſtion hat. Allein Fifine iſt lebhaft, behend, geſchickt; in einem Augenblick hat ſie Feuer angezündet, Waſſer geſotten und dem Kranken Thee gereicht. Dank ihrer Sorgfalt, er befindet ſich nach einer Weile beſſer; und bei jeder Taſſe Thee, die ſie ihm darbietet, ruft er aus:„Ach! Fifine!.. ich werde an Deine Pflege denken... nur mit Dir werde ich künftig mein Geld ausgeben; ich wollte, ich hätte Dir eine Krone anzubieten, und noch würde ich glauben, Deine Anhänglichkeit nicht genug belohnt zu haben!. Was die großen Soireen betrifft, ſo werde ich nicht mehr hingehen.. die Welt hat nichts Anziehendes für mich; eine Hütte und Dich.. das iſt mein Glück!“ * Viertes Kapitel. Unverhofftes Glück.— Spazierritt.— Wirkung des Geldes. Acht Tage ſind ſeit dem Balle beim Herrn von Marcey verfloſſen. Der Baron hatte Paris am an⸗ dern Tage verlaſſen, um eines ſeiner Güter einige Meilen von der Hauptſtadt zu beſuchen; er machte öfters kleine Reiſen, entweder, um zu Freunden zu gehen, eine ſeiner Beſitzungen zu beſehen, oder auch nur, ſich zu zerſtreuen; ſeine Abweſenheiten dauerten jedoch gewöhnlich nicht länger, als etwa zwölf Tage. Selten begleitete ihn dabei ſein Sohn. Alfred ſei⸗ nerſeits folgte allen ſeinen Launen, ging, wohin es 69 ihm gut dünkte, blieb in der Stadt, oder auf dem Lande, ohne daß ihn der Baron im mindeſten hinderte. Alfred war gerade zu Hauſe, mit ſeiner Toilette beſchäftigt, etwas ſehr Wichtiges für einen Stutzer; diesmal machte er ſie jedoch mit Gleichgültigkeit, weil er für den Augenblick Niemand hatte, dem er zu gefallen ſuchte. Er dachte noch von Zeit zu Zeit an Frau von Gerville; die lebhafte Jenny hatte ihm ſehr gefallen; ſie war aber böſe geworden, weil er Klara hübſch fand, und es ihr ſagte; Alfred, der nicht begriff, daß man über eine ſo natürliche Sache böſe werden konnte, hatte nichts gethan, Jenny's Zorn zu beſänftigen, und während des Ankleidens gab er ſich nun ſeinen Gedanken darüber hin, als er plötzlich durch ein großes Geräuſch in ſeinem Salon in ſeinen Betrachtungen geſtört wird; beinahe in demſelben Au⸗ genblick reißt man die Thüre ſeines Kabinets haſtig auf, und Robineau, wie eine Bombe hereinfallend, wirft ſich mit ſolch ungeſtümer Heftigkeit in ſeine Arme, daß er ein ſehr elegantes Waſchbecken, das vor Alfred ſtand, auf den Boden ſchleuderte. „Ach! mein Freund, mein theurer Freund!...“ ruft Robineau aus, deſſen Geſicht in höchſter Ver⸗ wirrung iſt.„Wie glücklich bin ich doch!... umarme mich doch!... nein... an mir iſt's, Dich zu umar⸗ men! Ach! Du weißt nicht... Du denkſt nicht daran!..“ „Was ich weiß, ſagt Alfred, iſt, daß Du wie ein Raſender da hereinkommſt, und mir ein im beſten Geſchmack gearbeitetes Waſchbecken zerbrichſt...“ 70 „Gleichviel, mein Freund! Ich gebe Dir ein anderes, zwei und drei, wenn Du willſt!.. Alles, was Du verlangſt.“* Alfred blickt Robineau etwas genauer an, ſucht in ſeinen Augen zu leſen; dieſer bemüht ſich, etwas ruhiger zu werden und ſich verſtändlich zu machen. „Lieber Alfred, meine Freude, meine Verwirrung erſcheinen Dir ſonderbar, ich begreife es;... es kommt mir ſelbſt auch ſo vor... und es gibt Augen⸗ blicke, in denen ich zu träumen meine;... doch Gott ſei Dank, es iſt kein Traum... Was war ich, als ich Dich vor acht Tagen nach Deinem Ball verlaſſen habe?..“ 1 „Meiner Treu, Du warſt beſoffen.— Das meine ich nicht... Ich war noch ein gewöhnlicher Sub⸗ alternbeamter, ein beſcheidener Abſchreiber mit fünf⸗ zehnhundert Franken Gehalt.— Biſt Du jetzt Bu⸗ reau⸗Chef?— Mehr als das, lieber Freund!... Ich habe das Bureau zu allen Teufeln gewünſcht!... Ich beſitze fünfundzwanzigtauſend Franken Renten! — Fünfundzwanzigtauſend!— Ja, mein Freund; ja, ich Julius Raoul Robineau... ich werde eine Equipage haben!... Bin reich, beinahe ebenſo wie Du.. doch noch nicht ebenſo, es kann aber noch kommen!... Wenn man einmal im Zug iſt... Ver⸗ mögen hat... Glück!.. O weh!... Warte, ich will mich ſetzen... ich kann nicht mehr 1... Seit ich fünfundzwanzigtauſend Franken Renten habe... habe ich Herzklopfen;... es gibt Augenblicke, wo ich nicht mehr athmen kann!...“ 71 Robineau wirft ſich auf einen Sopha; zieht ſein Taſchentuch heraus, trocknet ſich das Geſicht ab, gür⸗ tet die Hoſen auf, um leichter zu athmen, kurz, macht es ſich ganz bequem; man ſieht, das Geld hat ſchon ſeine Wirkung gethan, und es iſt nicht mehr der be⸗ ſcheidene Schreiber, der ſich in Bücklingen erſchöpft, ehe er bei ſeinem Freunde, dem Baron von Marcey, einen Stuhl zu nehmen wagt. Um jedoch Gemüther, Charaktere, Perſonen, Manieren zu ändern, bedarf es nur des Reichthums; dieſer hat ſchon lange ſeine Beweiſe geliefert, und es iſt wahrſcheinlich, daß die Lehren der Vergangenheit ſtets für die Zukunft ver⸗ loren ſein werden, weil die Menſchen morgen nicht mehr taugen, zu was ſie geſtern taugten, und ſo fort. Alfred dachte, daß die ſeinem Freunde zugefalle⸗ nen fünfundzwanzigtauſend Franken Renten, ihn nicht am Waſchen hindern dürften, und hatte daher den Gang ſeiner ſo plötzlich unterbrochenen Toilette wieder aufgenommen und wartete ruhig, bis Robi⸗ neau ſich deutlicher erklärte. Nachdem dieſer einen Fuß auf einen Schemel aufgelegt und umhergeſchaut hatte, auf welchen Stuhl er den andern legen könne, fing er wieder zu ſprechen an. 1„Du haſt mich früher von einem Oheim reden hören, der in ſeiner Jugend nach Oſtindien gereist iſt..— Ach! ja.. Du hatteſt nie Nachrichten von ihm erhalten, und er kommt unermeßlich reich zu⸗ rück Das iſt wie in allen Vaudevilles.— Es iſt nicht die Rede von Vaudevilles.. Dieſer Oheim, ein Bruder meines Vaters, war alſo abgereist... 72 Meine theuren Eltern hatten nie wieder etwas von ihm erfahren... Sie ſtarben, ohne mir etwas zu hinterlaſſen, als eine Erziehung, die ich wage, ziem⸗ lich.— Weiter, weiter; bin mit Dir in der Schule geweſen und weiß, daß Dir immer ein Anderer Deine Exercitien und Ueberſetzungen machen mußte; doch, kurz?— Ja, laſſen wir das Latein... Geſtern, beſter Freund, fand ich, von der Kanzlei nach Hauſe kommend, einen Brief... Ich öffne; ein Notar la⸗ det mich ein, augenblicklich in ſeine Schreibſtube zu kommen, und mich mit meinen Papieren, als Tauf⸗ ſcheinen u. ſ. w. zu verſehen... Der Brief eines Notars... ich wußte gar nicht, was ich daraus ab⸗ nehmen ſollte, folge indeß auf der Stelle ſeiner Ein⸗ ladung. Der Notar fragt mich, ob ich Verwandte hätte, und verlangt Näheres über meine Familie zu wiſſen; endlich, lieber Alfred, als ich allen ſeinen Fragen Genüge geleiſtet und bewieſen hatte, daß ich wirklich Julius Raoul Robineau ſei, der Sohn von Benedikt Stephan Robineau und Cäcilia Desboulloir, ſagte er mir ohne weitere Vorbereitung: Mein Herr, Ihr Oheim, Gratian Robineau, iſt ſo eben in Havre geſtorben, wo er ſich ausgeſchifft hatte; er trug ſein ganzes Vermögen bei ſich. wollte in Paris ſeine Tage beſchließen, als ihn der Tod, dem er in fernen Landen hundertmal kühn in's Auge geſehen, im Hafen der Ruhe ereilte. Ihr Oheim hinterließ Ihnen ſeine ganze Habe, und dieſe beläuft ſich auf etwa fünfmal hunderttauſend Franken... Fünfmal hunderttauſend Franken!. Ach! mein Freund, Du begreifſt meine 73 Freude, meine Ueberraſchung... Ich bin in Ohn⸗ macht gefallen, der Notar war genöthigt, mich mit Eſſig zu beſprengen.“ „Wie? Du, Robineau, ein Philoſoph, ein Junge ohne Ehrgeiz, der die Reichthümer verachtet, Du fällſt in Ohnmacht, wie Du vernimmſt, Du habeſt geerbt!... „Ach! höre, mein Freund! man iſt Philoſoph... das iſt wahr; das iſt überdies das Beſte, was man thun kann, wenn man genöthigt iſt, in Entbehrun⸗ gen zu leben... Man hat aber auch ein Herz, man iſt gefühlvoll!... und fünfmal hundertauſend Fran⸗ ken!... Anfangs glaubte ich, das gebe eine Million jährlicher Einkünfte, beim Nachrechnen fand ich jedoch, es mache zu fünf Prozent nur fünfundzwanzigtau⸗ ſend... wenn man aber geſchickt iſt, es anzugreifen weiß, ſo kann man ſein Geld zu ſechs, acht, zehn Prozent umtreiben. Nicht wahr, mein Freund?— Ich weiß ſehr wohl, mein Beſter, wie man das Geld durchbringt, es iſt mir aber völlig unbekannt, wie man es umtreibt.“ „Das iſt richtig!... Du warſt nie im Finanz⸗ miniſterium angeſtellt.— Wenn ich Dir übrigens einen Rath ertheilen darf, ſo iſt es der, Dein Vermögen auf ſolide Weiſe, entweder auf Renten oder Güter anzulegen... Es ſcheint mir, daß, wenn man mit fünfzehnhundert Franken lebte, man ſich mit etlichen zwanzigtauſend Livres Renten begnügen kann... denn es wird beſſer ſein, dieſe geſichert zu haben, als ſein Vermögen dem Würfel der Geſchäfte preis 74 zu geben. Dies mein Ralh, lieber Robineau; man kann ſehr leichtſinnig für ſich ſelbſt ſein, und klug in Anderer Angelegenheiten ſehen; Du wirſt daher wohl daran thun, zu...“ Robineau, den das Ende von Alfreds Rede un⸗ geduldig zu machen ſchien, war aufgeſtanden und ging im Zimmer auf und nieder, zwiſchen den Zäh⸗ nen ſummend; endlich unterbricht er Alfred und ruft aus:„Gut!... gut!. Ich danke Dir für Deine Rathſchläge; ich ſchmeichle mir indeß, daß ich mein Vermögen eben ſo gut anzulegen verſtehe, als ein Anderer. Laſſen wir das, mein Freund, beſchäftigen wir uns nur mit dem Vergnügen... mit Feſten... Es ſcheint mir, das Leben muß ein Freudenſtrom ſein, wenn man reich iſt... Mach doch, daß Du mit dem Ankleiden fertig wirſt, wir wollen früh⸗ ſtücken... ich lade Dich ein, in einem der beſten Cafe's, in welchem Du willſt.— Du kommſt zu ſpät, ich habe ſchon gefrühſtückt.— Was macht das? Du fängſt wieder von vornen an...— Nein, wahr⸗ haftig! Glaubſt Du, man könnte fortwährend eſſen, wenn man reich ſei, ohne ſich übel zu machen?... — Teufel!... wie Schade... Ich, ich habe ſchon Kaffee und Thee getrunken, will aber ein Gabelfrüh⸗ ſtück einnehmen, das iſt feiner Ton... Ahl was den guten Ton betrifft, lieber Alfred, da werde ich Deine Rathſchläge annehmen... Ich weiß, Du lebſt nach der Mode, ich will ihr auch folgen und zwar ſtreng... Fünfundzwanzigtauſend Franken Ren⸗ ten!... Kannſt Du mein Glück faſſen?— Meiner — 3 1 75 Treu, ich mache Dir mein Compliment;... denn im Grund biſt Du ein guter Kerl...— Ach! wenn Du wüßteſt, wie viel Plane ich ſchon im Kopf habe! Ich will ſo Vieles thun, und weiß nicht, wo ich an⸗ fangen ſoll!... Aber ich bitte Dich, laß uns früh⸗ ſtücken... Du ſtellſt Dich, als iſſeſt Du.“ Wie die beiden jungen Leute gehen wollten, tritt Eduard in Alfreds Zimmer; Robineau läßt ihm keine Zeit, ſeinem Freunde guten Morgen zu ſagen, er ſpringt ihm an den Hals, drückt ihn in ſeine Arme, und theilt ihm die in ſeinen Vermögensumſtänden vorgegangene Veränderung mit. Eduard wünſcht ihm ganz ruhig Glück, und Robineau begreift nicht, wie dieſe Nachricht nicht mehr Eindruck auf ihn mache; er meint, ſeine ganze Umgebung müſſe ebenfalls in ausgelaſſenſter Freude ſein, wenn man höre, daß er fünfundzwanzigtauſend Franken Einkünfte habe. „Ich komme, mich zum Frühſtück einzuladen, ſagt Eduard zu Alfred. Ohne dieſen antworten zu laſſen, packt Robineau den Arm Eduards und ruft: Ich nehme Sie mit... wir frühſtücken zuſammen, wir eſſen ſogar zu Mittag, wenn ihr Zeit habt, und bei Tiſche theile ich euch meine Gedanken... meine Plane mit... Ich habe mir ſchon einen neuen Frack ge⸗ kauft, er ſteht ſehr gut, nicht wahr?... Gehen wir hinab, ihr werdet mein Cabriolet ſehen.— Wie! Du haſt ſchon ein Cabriolet und Pferde?— Ich habe es gemiethet, bis ich Gelegenheit zum Kaufen finde. Auch brauche ich eine andere Wohnung, denn ich kann mein Cabriolet nicht in mein Zimmer im vierten 76 Stock ſtellen... ich ſuche ein Logis mit Stall und Remiſe.. Ach Gott! wie viel habe ich zu thun!... Weiß der Himmel, ich dachte nicht, daß der Reich⸗ thum ſo viel Geſchäfte macht.“ Alffred und Eduard ſehen einander lächelnd an, endlich gehen ſie mit Robineau, der nicht ruhig ſtehen bleiben kann, und in den Zimmern umherrennt, wo⸗ bei er ſchnaubt wie ein Ochſe. Robineau ſpringt voraus und ruft ſeinem Be⸗ dienten zu, hintenauf zu ſteigen. 3 „Wir werden Dein Pferd kreuzlahm machen, ſagt Alfred, für Eduard und mich hätte ich mein Cabriolet nehmen können.— Nein, nein, erwidert Robineau, ich will, daß wir beiſammen ſind... mein Pferd iſt kräftig... zudem laſſe ich mir, wenn es nicht gut iſt, morgen ein anderes geben... Ol ich laſſe mich hübſch ordentlich bedienen!... Franz, ſteig hinten⸗ auf... ich werde kutſchiren.“ 4 Man ſteigt ein, Robineau ſetzt ſich in die Mitte, ergreift die Zügel und will leiten, in der Ueber⸗ zeugung, daß man Alles verſteht, wenn man reich iſt. Er peitſcht gewaltig drauf los, zerrt rechts und links an den Leitriemen, quält ſein Pferd, das alle. Augenblicke an Eckſteinen den Vorübergehenden ſtreift, und während ſeine beiden Begleiter über die Mühe, die er ſich gibt, und über ſeine Art, zu kutſchiren, lachen, hängt er, einem Karren ausweichend, mit ſeinem Rade in dem eines Fiakers feſt. 8 Der Kutſcher flucht und ſagt, man müſſe ſehr is ungeſchickt ſein, um in ſein Rad zu gerathen; Robi⸗ 277 neau flucht ebenfalls, um ſich das Anſehen zu geben, als liege der Fehler nicht an ihm; indeß reichen ſeine Flüche nicht aus, ihm aus der Verlegenheit zu helfen, und da er ſieht, daß er nie herauskommen werde, überläßt er Alfred die Zügel mit den Worten:„Sei ſo gut, mein Freund, und kutſchire... denn ich bin von meinen Angelegenheiten ſo eingenommen, daß ich den Weg verfehlen könnte.“ Durch Alfreds Bemühung macht man ſich von dem Fiaker los und langt ohne weiteren Unfall im Palais⸗Royal an. Bei Beauvilliers verlangt Robi⸗ neau das Koſtbarſte, was es gibt, und wenn ihn ſeine beiden Gefährten nicht abhielten, ließ er ein Frühſtück für zwanzig Perſonen auftragen, und ſchrie aus vollem Halſe in den Salon, daß er fünfund⸗ zwanzigtauſend Franken Renten habe. „Apropos! ſagt Alfred, und Fifine? Du ſprichſt nicht von ihr 1... ſie muß ſehr vergnügt über Dein Glück ſein?..— Fifine! verſetzt Robineau mit zer⸗ ſtreuter Miene, ach! meiner Treu, ich habe noch keine Zeit gehabt, ſie zu ſehen, ſeit ich zu meinem Notar gegangen bin... Mein Notar!... hört doch, meine Herren, wie ſchön das klingt! mein Notarl..“ „Wie! Herr Robineau, ruft Eduard aus, Sie haben derjenigen Ihr Glück noch nicht mitgetheilt, die Ihnen vor acht Tagen noch ſo theuer war?... Be⸗ denken Sie doch, daß, wenn uns eine Frau um unſerer ſelbſt willen liebt, wir ihr Dank ſchuldig ſind, und ſte zum mindeſten Theil nehmen muß an dem, was uns begegnet.“ „Eduard hat Recht, ſagt Alfred, wenn man ſo glücklich geweſen iſt, ein geſcheites, gefühlvolles und treues Frauenzimmer zu finden, ſo kann man, meiner Meinung nach, nicht zu viel für ſie thun.“ „Meine Herren, meine Herren, entgegnet Robi⸗ neau, ein Stück Geflügel im Mund, ihr habt ſehr gut reden... wollt ihr nicht, ich ſoll Fifine zu me iner Frau machen 2.. das wäre hübſch!...“ „Man weiß ſehr wohl, daß Du ſie nicht zu Deiner Frau machen wirſt; aber...— Aber ich kann eine Putzmacherin ebenſowenig als Maitreſſe beibehalten. Ihr werdet zugeben, daß, wenn man ein gewiſſes Vermögen hat, man etwas vom beſſern Ton... etwas Ausgezeichnetes wählen kann... und dann, unter uns geſagt, meine Herren, iſt Fifine gerade keine Tugend... Und dann hat ſie einen ſehr reiz⸗ baren Charakter... einen Hitzkopf; ſie iſt ein wahrer Drache... auch ich liebe die ſanften Frauen... Ich war an ihr Geſicht gewöhnt, eigentlich aber iſt ſie nicht ſchön, ein frecher Blick, das iſt Alles.“ „Ei was, Robineau, jetzt kannſt Du nicht ſagen, ſie ſei häßlich, neulich war ſie eine Venus.— Ach! ja... eine ſonderbare Venus!... und die mich all mein Geld in Luſtpartien verthun ließ; zwei Drittel meines Gehalts gingen auf dieſe Art zum Teufel.— Wie! eine Frau, die Dich nur Deiner ſelbſt willen liebte?— O, ja! ich weiß, daß ſie mich liebte, dabei war ſie aber leckerhaft wie eine Katze. Uebrigens will ich nicht ſchlecht von ihr reden, meine Herren; ſicherlich werde ich ihr ein Geſchenk machen... ich 3 79 bin zu großmüthig, um... doch laſſen wir Fifine und ſprechen wir von meinen Planen. Ihr wißt nicht, lieben Freunde, was mir im Kopfe umgeht... nun denn... ein Schloß iſt's!“ „Ein Schloß! ſagt Alfred, aber Du biſt toll, armer Robineau; kaufſt Du ein Schloß, ſo bleibt Dir nicht ſo viel übrig, es in gutem Stande zu er⸗ halten!— Schon gut! ſchon gut! ich kann rechnen!... es iſt ein Unterſchied zwiſchen Schloß und Schloß! kann ich nicht hunderttauſend Franken auf den Ankauf eines hübſchen Guts verwenden... ein Gut, mit einem im alterthümlichen Styl gebauten Hauſe... Mein Notar verſicherte mich, das ſei ſehr leicht zu finden... und alsdann, theure Freunde, kann man den Namen ſeines Guts annehmen... das kommt täglich vor... und, unter uns, wenn man fünfund⸗ zwanzigtauſend Franken Renten hat, iſt der Name Robineau ſehr häßlich.“ „Wie! Herr Robineau, ſagt Eduard, Sie, den die Begebenheiten unveränderlich finden ſollten... Sie, deſſen Reden mich an Sokrates und Cincinna⸗ tus erinnerten?“ „Ich ſage euch, meine Freunde, ich habe meine Plane und ſehe ſchon in weite Ferne! Ich kaufe mir ein kleines Schloß, ein Landgut, gleichviel, und führe deſſen Namen. Das gibt mir ſchon einen Anſtrich von Adel; hierauf finde ich eine reiche Erbin, ſtelle mich vor, gefalle und heirathe ſie; nun? Ich meine, das ſei nicht ſehr dumm; nenne ich mich aber Robi⸗ neau, ſo kann ich mich nie mit einer vornehmen Familie verbinden. Ach Gott! beſter Onkel Gratian, welch ſchönen Gebrauch werde ich von Deinen Reich⸗ thümern machen!— Und zum Anfang willſt Du ſeinen Namen nicht mehr führen?— Du ſiehſt wohl, aus Berechnung. Es iſt beſchloſſen, ich kaufe eine Herrſchaft, werde Bauern und Vaſallen bekommen, und man wird mich gnädiger Herr nennen.“ „Man wird Dich nicht gnädiger Herr nennen, armer Robineau, weil heutzutage der Beſitzer von Wieſen, Häuſern, Pachthöfen, nicht mehr unum⸗ ſchränkter Gebieter über die guten Leute iſt, welche ſeine Felder beſtellen, weil man jene Feudalgerecht⸗ ſame, welche das Schickſal der Vaſallen ſchlimmer als das der Laſtthiere machte, und die Menſchheit brandmarkte, indem ſie den Menſchen ſeinen Neben⸗ menſchen gegenüber erniedrigte, nicht mehr anerkennt; weil man einen gütigen und tugendhaften Herrn liebt, vor einem groben und liederlichen Gebieter aber nicht zittert; weil alle Menſchen unter dem Schutz der Geſetze ſtehen, welche Gehorſam und keine Ernie⸗ drigung anbefehlen; kurz, weil es nur noch in Ruß⸗ land Leibeigene gibt, wo ich Dir ein Schloß zu kaufen anrathe, wenn Du gnädiger Herr genannt ſein willſt. Wahrlich, ich glaube, wenn man Dich machen ließe, Robineau, würdeſt Du einer jener Tyrannen aus früherer Zeit.“ „Hört einmal, meine Herren, es war ein ſehr hübſches Recht, das dem Lehnsherrn erlaubte, zuerſt den Fuß ins Bett einer Neuvermählten zu ſetzen.“ „Jetzt bezahle die Karte, wir wollen gehen.— 2 1 81 Schon?— Willſt Du Dein Leben bei den Reſtau⸗ rateurs zubringen?— Nein, gewiß nicht, meine Herren... es iſt erſt halb ein Uhr... Was treibt man den ganzen Tag, wenn man reich iſt?— Man geht ſeinen Geſchäften nach, wenn man welche hat, beluſtigt ſich, wenn ſich Gelegenheit zeigt... und das kommt nicht alle Tage vor.— Heute verlaſſe ich euch nicht, meine Freunde. Ich führe euch ins Theater, aber es iſt noch nicht ein Uhr und man ſpielt Morgens nicht.“ „Ich und Eduard machen einen Spazierritt ins Gehölz von Boulogne,“ ſagt Alfred. „Einen Spazierritt! ruft Robineau aus. Teufel! das iſt guter Ton... das paßt für mich... ich bin dabei.— Kannſt Du reiten?— Sei ruhig. Es wäre närriſch, wenn ein Mann, der fünfundzwanzigtauſend Franken Renten hat, nicht reiten könnte.— Dann komm mit, ich will Dir eine Stute leihen, die einen äußerſt leichten Trab hat.— Recht ſo, und ich werde immer mit ihr galoppiren.. Ach! meine Freunde, noch ein Wort, ehe wir gehen: macht mir ein Ver⸗ gnügen..— Was denn?— Nennt mich künftig nicht mehr Robineau, nur bei meinem Taufnamen: Julius... das iſt vornehmer.. es klingt viel ange⸗ nehmer.“ „Ich titulire Sie Herr Marquis Julius, wenn Sie wollen, ſagt Eduard lachend.— Was mich betrifft, ſagt Alfred, ſo nenne ich Dich, wie es mir in den Mund kommt!— Bemühe Dich, daß nur noch Julius kommt, ich bitte Dich darum.“ Paul de Kock. XXIII. 6 82 Man kehrt in Alfreds Wohnung zurück; diesmal zu Fuß, der inſtändigen Bitten Robineau's ungeachtet, weil die beiden Freunde ſich nicht mehr zu drei in ſein Cabriolet pfropfen wollen. Der neue Reiche ent⸗ ſchließt ſich daher ſeinen Wagen heim zu ſchicken und geht mit, ſeinen Freunden zu Fuß; unterwegs aber gibt er ſich eine vornehme Miene, welche ſeine Be⸗ gleiter ſehr zum Lachen bringt. Er würdigt die Menge keines Blicks mehr, geht Niemanden mehr aus dem Weg; er glaubt, alle Vorübergehenden müſſen ſich beeifern, ihm Platz zu machen; das iſt aber nicht der Fall, und da ſeine unverſchämte Miene keineswegs für ihn einnimmt, weicht man ihm nicht aus; man erlaubt ſich ſogar, ihm Rippenſtöße zu verſetzen, und er hat bereits mehre tüchtige Püffe erhalten, weil er über Jedermann wegrennen wollte. Nun ruft er aus: „Es iſt recht einfältig, zu Fuße zu gehen, wenn man einen Wagen hat!“ während Alfred und Eduard einander zuflüſtern:„Es gibt noch etwas viel Ein⸗ fältigeres als das.“ In Narcey's Hotel angelangt, ſind die beiden Freunde bald im Sattel, und Germain, Alfreds Reit⸗ knecht, führt Robineau eine hübſche, kleine Stute vor, die mit dem Fuße ſcharrt, und ein edles Feuer an den Tag legt. Robineau beginnt die Stirne zu run⸗ zeln und geht um das Pferd herum, indem er ſagt: „Es ſcheint mir, dieſes Pferd hat ein bösartiges Ausſehen!“& „ Es iſt im Gegentheil das frömmſte Thier, das man finden kann: ein Damenpferd.— Nun dann 8³ iſt's für mich. Warum ſtampft es aber ſo mit dem Fuß auf den Boden?— Weil es ungeduldig iſt, zu laufen.— Teufel! wenn es ungeduldig iſt, wird es mit mir durchgehen;.. ich will nicht davon⸗ ſchießen wie ein Narr!— Sei doch ruhig! Kannſt Du denn nicht reiten?— Doch, doch; wenn man aber vom Frühſtück kommt, muß man gemach reiten; das iſt mein Grundſatz.— Wenn Du gar nicht rei⸗ ten willſt, ſo ſteht es Dir frei; laß uns ohne Dich gehen!— Nein, nicht... bei Gott; ich bin von der Partie!... o! ihr werdet meine Grazie... meine Haltung ſehen.— So ſteig doch auf!— Auf wel⸗ cher Seite ſteigt man auf?— Wie! Du weißt nicht, auf welcher Seite man aufſteigt?— Ich habe es vergeſſen... Es iſt ſchon lange, daß ich's gelernt habe.— Mein lieber Robineau, Du wirſt eigfiebe werden.— Alfred!... ich habe Dir geſagt, ſollſt mich Julius nennen... was macht's Dir dna He, Germain, halt mir den Steigbügel... ſo.— Muthig doch!... Ach, wie ſchwerfällig Du biſt.“ Endlich gelingt es Robineau, ſeinen rechten Juß auf die andere Seite des Sattels zu bringen; er ſitzt zu Pferde und wirft triumphirende Blicke um ſich.„Vorwärts,“ ſagt Alfred, und ſchon treibt er ſein Pferd an, als Robineau, den es auf ſeinem Sattel in die Höhe wirft, ſchreit:„Haltet, haltet, ich bin noch nicht ſo weit... Was Teufels, eilt ihr, ohne daß ihr mir Zeit laßt, mich zurechtzufinden.. meine Steigbügel ſind zu lang; kaum berühre ich ſie mit der Zehenſpitze.— So ſoll ds ſein; Du wirſt 8 84 weniger hüpfen.— Freilich! beinahe wäre ich ſchon über den Kopf des Pferdes hinausgefallen; ich habe die Steigbügel gerne ſehr kurz, man hat weit mehr Feſtigkeit. Germain, ſchnalle ſie mir kürzer, noch mehr.. ſo iſt's gut... das laß ich mir gefallen, nuun ſitze ich feſt im Sattel.— Nun wohlan, kön⸗ nen wir jetzt weiter?— Ja... ja... ol wir können.“ Der kürzer geſchnallten Steigbügel ungeachtet, wankt und ſchießt Robineau immer hin und her, ob⸗ gleich er mit ſeiner rechten Hand den Sattelknopf feſt⸗ gepackt hat. Da man noch in Paris iſt, reiten die jungen Leute nur im kurzen Trab, und Robineau kommt ihnen nach, indem er von Zeit zu Zeit ruft: Doch nicht ſo ſchnell, meine Herren;... es iſt ver⸗ boten, in der Stadt zu galoppiren.— Es ſcheint mir aber, daß wir nicht galoppiren.— Gleichviel;.. nicht ſo ſchnell... ich bitte euch; ich bin noch nicht im Zug... und dann iſt es auch viel luſtiger, gemach zu thun.“ Man kommt in die Elyſäiſchen Felder; Robineau trieft bereits vor Schweiß, und ſein Hut, den die Bewegung des Pferds zurückwirft, ſitzt ihm ſo im 4 Nacken, daß ſeine Haare frei auf der Stirne flattern. „ Vorwärts, Herr Julius,“ ſagt Eduard, hier einen Galopp, das Terrain iſt herrlich.— Ja, ja... das Terrain iſt hübſch, aber ich fühle mein Frühſtück mit jedem Tritt des verfluchten Pferdes heraufkom⸗ men.. es hat einen entſetzlich harten Trab.— Bah! Du ſcherzeſt; überdies laß es galoppiren.— Einen Augenblick, meine Steigbügel ſind noch zu lang.— 8⁵ Du bedenkſt nicht... Deine Kniee ſtehen ja in glei⸗ cher Höhe mit den Ohren Deines Pferdes.— Einer⸗ lei... ohl ich habe nach Principien gelernt.— Sie ſind artig, Deine Principien.— Da.. nun bin ich fertig.— Vorwärts alſo.“ Robineau hat keine Luſt, gleich den beiden Freun⸗ den zu galoppiren, aber ſeine Stute will den andern Pferden folgen, und der Reiter wird wider Willen dazu genöthigt. Bald weiß er, an ſolchen Flug nicht gewöhnt, nicht mehr, wo er iſt; er wirft ſich vor⸗ und rückwärts, zieht die Zügel ſtraff an, oder läßt ſie plötzlich los; da Alles nichts hilft, iſt er über⸗ zeugt, daß ſein Pferd durchgehen will, und er ſchreit daher aus Leibeskräften:„Haltet es an!... haltet es doch an!...“ Alfred aber erwidert ihm:„Habe keine Furcht, Robineau, laß nur gehen.“ Und Eduard ruft:„Wohlan, Herr Julius, feſt, halten Sie ſich aufrechter... etwas mehr Grazie.“ Der neue Stallmeiſter antwortet weder dem Einen— noch dem Andern; er hört nichts mehr; ſchon he⸗ ſeinen Hut verloren, bald rollt er ſelbſt auf 5 hin, und Alfred, der mit Eduard weit voruän war, ſieht die kleine Stute ohne Reiter zu ihm herankommen. Nun denken die jungen Leute, es möchte ihrem Gefährten irgend ein Unglück zugeſtoßen ſein; ſie wenden daher um, und führen Robineau's Pferd an der Hand. Dieſer war wieder aufgeſtanden und kam mit einigen Quetſchungen davon; nachdem er ſeinen Hut geſucht, war er in ein Caft eingetreten. Dort erblickten in ſeine Freunde. 86 „Wie, Du ließeſt Dich abſetzen?“ ſagt Alfred lächelnd, weil er ſieht, daß Robineau nicht verwundet iſt.— Ja, meine Herren; zum Henker! das iſt kein Wunder! Ihr jaget wie der Wind! Mein Pferd will euch folgen, geht durch. Du ſagſt, ich ſolle den Zügel ſchießen laſſen... ich thue es ſo gut, daß ich auf den Sand gerollt bin... und dann habe ich euch nicht geſagt, daß ich wie Franconi oder Paul reite!— Wir haben es bemerkt. Nun gut, ſteigſt Du wieder auf?— Nein, ich danke; ich habe genug für heute. Zudem bin ich beſchädigt; geht, macht euern Spazierritt, ich leſe indeß das Anzeige⸗ blatt, was mir auch wichtiger iſt, da ich ein Landgut kaufen will.“ Man bindet die Stute an; die beiden Freunde reiten weiter, und Robineau liest bei einem Glas Zuckerwaſſer das Anzeigeblatt, indem er nach den feil⸗ gebotenen Landgütern und Schlöſſern ſucht, und ſeine mißfälligen Bemerkungen macht, weil ihm nichts an⸗ ſtändig iſt. Da er, als Alfred und Eduard zurück⸗ kamen, nicht wieder aufſteigen will„führt der Erſtere die Stute an der Hand, und Robineau läßt ſich in einem Cabriolet heimbringen. Da es erſt drei Uhr iſt, die Andern Geſchäfte haben, begibt er ſich aus Langeweile zu ſeinem Notar.. Um ſechs Uhr finden ſich die Freunde aufs Neue zur Mittagstafel bei einem Reſtaurateur zuſammen. Alfred und Eduard, die ſich verſtändigt haben, über⸗ reden Robineau, es gehöre zum guten Ton, die mei⸗ ſten verlangten Gerichte unberührt wieder wegzu⸗ 3 ſchicken, und ſo läßt er mehre, von denen er große Luſt hatte, zu eſſen, wieder wegbringen, denn er opfert ſeinen Appetit dem, was er für den guten Ton hält. 3 4. Nach dem Schauſpiel, wo er möglichſt das Gäh⸗ nen unterdrückte und öfters Bravil Braval Bra⸗ viſſima! derh hatte, trennt er ſich von ſeinen Freunden und läßt ſich in ſeinem Cabriolet nach ſei⸗ ner Wohnung in der Straße Saint⸗Honoré führen, mit dem Vorſatze jedoch, dieſe ihm nun abſcheulicher ſcheinende Wohnung gleich am andern Tage zu ver⸗ laſſen. Ehe er indeß die Treppe hinaufgeht, befiehlt er Franz, ſeinem neuen Bedienten, ihn am andern Morgen ſehr früh mit dem Cabriolet zu erwarten. „Morgen ſehr früh mit dem Cabriolet!“ wieder⸗ holt eine Stimme in der Hausflur, im Augenblick, wo Robineau eintrat, und er erkennt Fifine, die er ſeit ſeiner Glücksveränderung noch nicht geſehen hat. Fifine bleibt ſtehen; ſie hat ein brennendes Licht, um das ein grauer Papierſtreifen gewickelt iſt, in der Hand; ſo erwartet ſie Robineau, der ſich nicht beeilt, vorwärts zu ſchreiten. „Wie! Du biſt es, mein Schatz?— Ja, gewiß, ich bin es!— Was iſt denn ſeit vorgeſtern aus Dir geworden, ſeit man den Herrn nicht geſehen hat?.. und das großartige Weſen 2... das Cabriolet?2... Haſt Du Dich aus eigener Machtvollkommenheit auf dem Spaziergang zum Herzog oder Pair gemacht? — Wir wollen hinauf gehen, Fifine; es ſchickt ſich nicht, daß wir uns auf der Treppe unterhalten, das 88 iſt gemeiner Ton!— Ach! Du mein Gott! Seine Hoheit möchte ſich compromittiren?... hal hal ha! Verzeihen Euer Excellenz, wenn ich die Stunde Ihrer Rückkunft gewußt hätte, würde ich mein Licht in vier Theile zerſchnitten haben, um die Treppe zu illuminiren.“ 1 Robineau geht mit der jungen Putzmacherin nach ſeinem Zimmer, wo er ſich nachläſſig auf einen Seſ⸗⸗ ſel wirft; Fifine tritt mit dem Licht auf ihn zu und ſagt:„Ei! ſeht einmal... waͤs iſt denn das für ein Frack da?... ich kannte bei Dir nur Deinen ſchwarzen, ehemals neuen Frack und Deinen grauen, abgetragenen.“ 1 „Nun gut, jetzt kennſt Du auch einen anderen 1... damit holla!— Und dieſe goldene Kette und Uhrge⸗ hänge!.. Ahl das iſt zu ſtark, darunter ſteckt etwas! — Ja, Fifine, ſeit vorgeſtern iſt eine große Verän⸗ derung in meiner Lage vorgegangen.— Wahrhaf⸗ tig!.. Haſt Du vielleicht hundert Thaler Gratification empfangen?“ NRobineau lächelt mitleidig und ſpricht:„Hundert Thaler! Ach, mein Gott!... welche Kleinigkeit!— Wie! welche Kleinigkeit? Sei doch ſo gut und gib mir ein Dutzend ſolcher Kleinigkeiten, es wird mir lieb ſein.— Höre mich aufmerkſam an, Fifine!— Warte, ich will mich ſetzen, was Du mir ſagſt, macht vielleicht Eindruck auf mich.“ Fifine ſteckt ihr Licht in einen Leuchter und ſetzt ſich vor Robineau, welcher, ehe er ſpricht, eine wich⸗ tige Miene anzunehmen ſucht. 89 „Mein Fräulein, ich..— Was? mein Fräu⸗ lein? ſprichſt Du mit mir?— Gewiß.— Und Du nennſt mich Fräulein! Zuerſt bemühe Dich, ordent⸗ licher zu ſein! Wie dumm er iſt mit ſeinem Fräulein!“ „Nun denn, Fifine, ich muß Dir ſagen, daß Du nicht mehr den jungen Menſchen vor Dir haſt, deſſen ganzes Vermögeft in einein Gehalt von fünzehnhun⸗ dert Franken beſtand; die Hoffnungen, von denen ich Dich öfters unterhielt, haben ſich verwirklicht... Ich wußte wohl, daß lch durch meinen Oheim am Ende noch reich werden würde. Mein theurer Onkel Gratian! er iſt geſtorben und hat mir fünfundzwanzigtauſend Franken Renten hinterlaſſen.— Pah! wahrhaftig... es iſt kein Spaß?— Nein, Fifine, nichts iſt gewiſſer .. Ich bin unermeßlich reich und werde unverweilt ein Schloß haben, worauf ich ſehr halte.“ „Wie! Du biſt reich und ſagſt es mir nicht ſo⸗ gleich! läßt mich zwei Stuͤnden harren!... Ah, gut! wie wir uns beluſtigen wollen!... nun, laß uns doch tanzen, ſpringen, uns rühren! Du biſt reich und bleibſt ſo ruhig?“ Fifine faßte Robineau bei den Armen und dreht ihn gewaltſam mit ſich im Zimmer umher; endlich macht er ſich jedoch wieder los und ſetzt ſich wieder, während Fifine fortwährend ſpringt und auf Stühle und Schränke ſteigt.. „Gewiß, Fifine, fährt Robineau fort, ſich auf ſeinem Stuhle ſchaukelnd, ich wünſche, daß Du Dich deluſtigſt, ja, es wird mir angenehm ſein, Dir bei vorkommender Gelegenheit nützlich zu ſein, und Du 1 3 * ⸗ 4 90 kannſt auf meine Protektion zählen; was jedoch das Weitere betrifft, nämlich fortan meine Geliebte zu ſein, ſo wirſt Du einſehen, daß das unmöglich iſt... und daß mir meine geſellſchaftliche Stellung nicht mehr erlaubt, Dich zu ſehen, wie früher...“ Fifine, die auf die Kommode eſtiegen war, wo ſie in der Stellung einer Pſyche ä⸗ iſt mit einem Sprung bei Robineau und ruft ihm zu:„Was mur⸗ melſt Du da... von Deiner geſellſchaftlichen Stel⸗ lung... daß Du mich nicht mehr ſehen könneſt, wie früher?... Sei ſo gut und erkläre mir das ein wenig deutlicher.“ „Es ſcheint mir ziemlich klar, liebe Fifine. Ich hege fortwährend unendlich viel Freundſchaft für Dich ... habe mir ſelbſt vorgenommen, Dir morgen einen Beweis davon zu geben, indem ich Dir einen Shawl von Flockſeide zum Geſchenk mache... die Farbe kannſt Du wählen, mir'iſt's gleich... Allein ich ſage Dir, daß ich weder mehr Dein Liebhaber ſein, noch mit Dir ausgehen kann, weil die Umſtände und meine neue Stellung in der Welt ſich entgegenſetzen.“ Nachdem Fifine ihn völlig angehört hatte, bleibt ſie noch eine Weile regungslos; dann geht ſie zum Kamin und nimmt das Licht aus dem Leuchter; ehe ſie ſich aber entfernt, bleibt ſie vor Robineau ſtehen, der ſich noch immer auf ſeinem Stuhle ſchaukelt. „Ich hielt Dich nur für dumm, doch ich ſehe, daß Du auch undankbar biſt, ſagt Fifine mit bittere. Lächeln; Du willſt mich nicht mehr ſehen, weil du reich geworden biſt... Sehr ſchön!... der Vorſſs 8 91 iſt Deiner würdig! Was das Geſchenk betrifft, ſo behalte es für die, welche Dich ausziehen werden, indem ſie ſich über Dich luſtig machen; für dieſe wirſt Du nie zu viel haben.“ „Mademoiſelle, ſagt Robineau, zornig aufſprin⸗ gend, was Sie mir da ſagen, iſt ſehr unartig;... übrigens wundert es mich nicht, wenn man ſo ge⸗ meine Manieren hat, wie Sie.“ „Schweig, elender Wicht!... verſetzt Fifine, barſch auf Robineau zutretend, der ſich hinter einem Lehnſtuhl verſchanzt; Du verdienteſt, daß ich Dich zwänge, dieſes Licht brennend zu verſchlucken!— Mademoiſelle Fifine!...— Schweig!... Du dauerſt mich!... Geh zu Deinen Herzoginnen und Prinzeſ⸗ ſinnen; unterhalte Tänzerinnen und Lady's; wenn Du aber beſoffen biſt, dann warte, bis ſie Dir Thee und Heilmittel geben, und Du wirſt wohl am Ma⸗ genkrampf ſterben können.“ Bei dieſen Worten macht Fifine ihrem ehemaligen Liebhaber eine tiefe Verbeugung, geht aus dem Zim⸗ mer und läßt ihn in voller Dunkelheit allein. „Seht einmal die Bosheit! ruft Robineau aus, als Fifine weg iſt, ſie hat mir nicht einmal mein Licht angezündet!... O, die Weiber!... Es thäte Noth, daß ein Mann, der fünfundzwanzigtauſend Franken Renten hat, noch Feuer ſchlüge;... meiner Treu, nein.. ich gehe lieber im Finſtern zu Bett... Dieſe Fifine, die ſich erlaubt, zu... So iſt's! je mehr man für die Weiber thut, je mehr mißbrauchen ſie einen.. Jetzt geht's aber nicht mehr ſo... ich 92 werde mich entſetzlich hoch ſtellen, und um meine Eroberung zu machen, iſt noch etwas Anderes nöthig, als nur eine Stumpfnaſe.“ Robineau legt ſich zu Bett, und Fifinen vergeſſend, ſchläft er ein und träumt von ſeinem zukünftigen Schloß. Fünftes Kapitel. Ankauf eines Schloſſes.— Abreiſe in die Auvergne. Robineau ſchlief nicht lange, weil der Gedanke an Schlöſſer, Güter, Titel, Wagen und Bediente noth⸗ wendigerweiſe Aufregung verurſacht. Des Hin⸗ und Herwälzens in ſeinem Bette müde, ſteht er ſehr früh auf und ſpricht während des Ankleidens bei ſich ſelbſt: „Mein Cabriolet und mein Bedienter warten vielleicht ſchon unten;... ich habe zu viel zu thun, um meine Zeit im Bett zuzubringen.“ Ganz leiſe ſchleicht er fort, weil er von Fifine, die gleichfalls ſehr früh auf iſt, nicht gehört werden will; aber er trifft Niemand auf der Treppe, und in der Straße angelangt, ſucht er vergebens nach ſeinem Cabriolet.. „Teufel! noch nicht da! ſagt er und ſieht nach ſeiner Uhr. Ach, es iſt erſt ſechs Uhr!... gleichviel, wenn ich um ſechs Uhr ſpazieren fahren will, ſo ſtebht es mir wohl frei.“ 3 3 3 Da er indeß Geräuſch auf der Treppe hört und fürchtet, Fifine möchte es ſein, ſo entſchließt er ſich, zu Fuß, und zwar zu ſeinem Notar zu gehen. Der 93 Portier ſteht gerade auf. Die Schreibſtube findet er noch verſchloſſen und er fragt daher, ob der Notar zu Hauſe ſei.—„Gewiß iſt er noch nicht ausgegan⸗ gen! erwidert der Portier. Ich denke, er ſchläft wohl noch mit ſeiner Frau!..— Ahl was ſchlafen! ſeit zwei Stunden ſchlafe ich nicht mehr; ich will zu ihm hinauf.— Aber, mein Herr, man geht nicht ſo früh zu den Leuten.— Wenn man ein Schloß kauft, muß man zu jeder Zeit hinaufgehen können.“ Der Portier, in der Meinung, es handle ſich um ein ſehr wichtiges und eiliges Geſchäft, läßt Robi⸗ neau paſſiren, und dieſer reißt beinahe die Klingel an der Vorthüre des Notars herab. Nach einer Weile erſcheint eine Kammerjungfer mit erſchreckter Miene:„Ei! du mein Gott! was gibt es denn?“ „Ich bin es, liebes Kind, erwidert Robineau, ich will mit Deinem Herrn ſprechen.— Weßhalb denn, mein Herr? entgegnet die Dienerin, immer noch im Glauben, es ſei irgend etwas Beſonderes vorgefallen.— Weßhalb?... Zum Henker! wegen des Schloſſes, das ich ihn beauftragt habe, mir aus⸗ findig zu machen...“ Die Kammerfrau beruhigt ſich, ſieht Robineau an und fährt dann fort:„Der Herr ſchläft noch, er gibt ſich ſo früh nicht mit Geſchäften ab.— Sagen Sie ihm, meine Liebe, ſein Klient ſei es, Julius Raoul Robineau, der von ſeinem Onkel Gratian fünfund⸗ zwanzigtauſend Franken Renten geerbt hat, das wird ihn ſogleich aufwecken.— O! mein Herr, ich glaube 94 nicht!... Zudem ſind Herr und Madame erſt ſeit Kurzem verheirathet und ich weiß nicht, ob ich nur ſo eintreten kann.— Soll ich hineingehen..— O! nein, mein Herr.. warten Sie, ich will nach⸗ ſehen.“ Die Dienerin entſchließt ſich, die Botſchaft aus⸗ zurichten, und Robineau geht inzwiſchen in einem großen Speiſeſaal auf und ab, zu ſich ſelbſt ſprechend: Wenn der Notar weiß, daß ich es bin, ſo wird er gewiß augenblicklich aufſtehen.“ Das Mädchen kommt jedoch bald mit ſpöttiſcher Miene zurück und ſagt:„Der Herr hat geflucht, weil ich ihn aufweckte, mich zum Teufel geſchickt und hat geſagt, man ſolle wieder kommen...— Sie haben alſo meinen Namen nicht genannt?— Doch, mein Herr;... das hat nichts gemacht.— So! das hat nichts gemacht!... Nun, ich werde wieder kommen.“ Ziemlich übel gelaunt entfernt ſich Robineau, vor ſich hinmurmelnd:„Wenn mir dieſer Menſch da ſchon aͤlle meine Gelder eingehändigt hätte, würde ich auf der Stelle einen andern Notar nehmen. Gehen wir zu Alfred!“ Vor ſieben Uhr langte er im Hotel Marcey an, Diener liefen im Hof umher. Der Kammerdiener Alfreds hält Robineau an mit den Worten:„Mein Gebieter ſchläft noch, mein Herr!“ „Ach was!.. gleichviel! es wird ihm nicht un⸗ lieb ſein, mich zu ſehen... er erwartet mich!“ da⸗ mit eilt Robineau die Treppen hinauf, geht durch die Gemächer und dringt endlich in Alfreds Schlafzimmer, 95⁵ der noch in tiefem Schlafe lag. Er ſtößt ihn an, ſchüttelt ihn und ruft:„He da, mein Freund... werden wir nicht aufſtehen? Komm doch, Fauler!“ Alfred ſchlägt die Augen auf, blickt Robineau an und ruft:„Wie! Du biſt es!... Was willſt Du denn?..— Ich komme, mit Dir über Geſchäfte zu ſprechen Du hatteſt mir, glaube ich, geſtern geſagt, daß Du ein reizendes Landgut in der Gegend von Nantes geſehen habeſt, deſſen...“ „Ei! der Teufel hole Dich und Deine Land⸗ güter!... Ich träumte beſtens von der Frau von Gerville...— Ich bitte Dich um Verzeihung, daß ich Dich aufgeweckt habe, aber...— Und ich bitte Dich um Verzeihung, wenn ich wieder einſchlafe.“ Damit legt ſich Alfred auf die andere Seite und gibt keine Antwort mehr, worauf ſich Robineau end⸗ lich entſchließt, ſich zu Eduard zu begeben, wobei er ſich ſagt:„Gehen wir zu Herrn Eduard Beaumont. Ein Dichter muß früh aufſtehen, zudem werde ich ihn zum Frühſtück einladen, und man ſagt, die Schrift⸗ ſteller haben ſolche Einladungen gerne.“ Er war noch nie in Eduards Wohnung, kennt aber ſeine Adreſſe. In deſſen Hauſe in der Straße d'Enghien angelangt, hält ihn der Pförtner nicht auf, ſondern ruft ihm zu:„Im vierten Stock.“ Hier klingelt er ein und zweimal, Niemand ant⸗ wortet; er wird jedoch nicht müde und beim dritten Male läßt ſich die Stimme Eduards vernehmen und fragt, wer da ſei? „Ich bin es, Julius... Sie wiſſen wohl. ich 96 K will Sie zum Frühſtück abholen... Oeffnen Sie... — Ach! ich bitte Sie tauſendmal um Verzeihung, Herr Robineau, ich habe aber ſehr ſpät in die Nacht hinein gearbeitet und ſchlafe gerne noch ein wenig... Auf Wiederſehen!“ Robineau bleibt noch einige Minuten unbeweglich vor der Thüre und ſagt ſich:„Was haben denn alle — dieſe Leute da gegeſſen, daß ſie ſo lange ſchlafen 2... Das iſt außerordentlich!“ Er ſteigt die Treppe hinab, ſieht auf ſeine Uhr: es iſt beinahe halb acht Uhr und er denkt daher, ſein Cabriolet müſſe ihn erwarten; in der Straße Saint⸗ Honorè erblickt er ſchon von ferne den Wagen vor ſeiner Thüre. Fifine und die jungen Putzmacherinnen ſtehen unter der Ladenthüre; ſtolz ſchreitet er an ihnen vorüber, wirft ſich unter dem ſchallenden Ge⸗ lächter der Mädchen in ſein Cabriolet und ſagt ſich: „Sie lachen!... Gut! ich werde ſuchen, ſie mit Koth zu beſpritzen.“ Eine Stunde lang läßt er ſich in den Straßen von Paris ſpazieren führen, hierauf begibt er ſich wieder zu ſeinem Notar; dieſer, bereits müde, den Narren viermal täglich zu ſehen und öfters von ihm aufgeweckt zu werden, denkt, man müſſe ihm ſo ſchnell als möglich ein Gut verſchaffen, um ihn los zu wer⸗ den. Gleich bei ſeinem Eintritt ruft er ihm daher zu: „Ich hab's gefunden.— Wär's möglich?.. Ein Landgut?— Beſſer als das, ein Schloß.— Ein Schloß!... Sie ſind ein herrlicher Mann..— Es hat noch Thürme, Zinnen...— Zinnen!.. laſſen 97 Sie ſich umarmen!...— Gräben.. freilich trocken. — Ich laſſe Waſſer hineinbringen.— Große Woh⸗ nung, viele herrſchaftliche Gemächer, Stallung für zwanzig Pferde...— Ich werde Eſel hineinſtellen. — Ein Park, Gehölz, ungeheure Gärten, in denen man ſich verlieren kann!— Sich verlieren! herrlich! — Ein Terrain zum Jagen.— Ich werde nichts Anderes thun.— Ein kleiner, reichlich mit Fiſchen verſehener Fluß.— Gerade recht, ich liebe Fiſch⸗ ſpeiſen!— Endlich iſt das Schloß noch möblirt... freilich etwas im alterthümlichen Styl; aber mit Ausnahme des Weißzeugs findet man Alles, um es augenblicklich bewohnen zu können.— Mein beſter Notar, das iſt zum Entzücken... im alterthümlichen Styl möblirt?... nur um ſo vornehmer!— Uebri⸗ gens werden Sie aus den Dokumenten das Nähere über den Inhalt des Schloſſes ſehen.— Das Alles iſt ſehr gut... nur fürchte ich, dieſes köſtliche Gut möchte zu theuer ſein...— Achtzigtauſend Franken. — Achtzigtauſend Franken!... eine Bagatelle!... es iſt mein!— Ich muß Ihnen aber zum Voraus ſagen, daß es nicht viel einbringt; es ſcheint, daß die dazu gehörigen Güterſtücke nicht in gutem Stande ſind.— Mir einerlei.— Es werden ſogar an den Gebäuden einige Ausbeſſerungen vorzunehmen ſein. — Ich werde thun, was nöthig iſt...— Endlich iſt es weit von hier.— Was macht mir das? ich gehe nicht zu Fuß. Kurz, wo iſt es?— In der Auvergne, bei Saint⸗Amand⸗Talende und Cler⸗ mont... neunzig Stunden ungefähr von Paris.“ Paul de Kock. XxXIII. 7 Robineau beſinnt ſich eine Weile und ſagt:„In der Auvergne!... neunzig Stunden von hier!... Teufel! da kann ich nicht im Café Anglais früh⸗ ſtücken und Abends wieder auf meinem Schloß zurück ſein.— Bedenken Sie aber auch, mein Herr, daß ein in der Nähe von Paris gelegenes Gut, der Menge 8 der fortwährenden Beſuche wegen, für den Beſitzer verderblich wird; der Eine kommt und bleibt acht Tage, ein Anderer vierzehn, man iſt nie frei und braucht ein beträchtliches Vermögen, alle hiedurch veranlaßten Ausgaben zu beſtreiten.— Das iſt wahr... Und in der Auvergne wird man ſich nur ſo auf dem Spa⸗ ziergang zum Eſſen bei mir einladen... Iſt die Auvergne ſchön?— O, mein Herr! ein ſehr merk⸗ würdiges, maleriſches Land, mit prächtigen Bergketten, reizenden Ebenen, kurz, den unvergleichlichſten Schön⸗ heiten und Abwechslungen.— Alles iſt ſehr gut; aber der Name des Schloſſes? Ich halte viel auf den Namen.— Das Gut heißt Schwarzenfels.— Schwarzenfels! prächtig! und wenn es mein gehört, kann ich ſeinen Namen führen?— Nichts hindert Sie daran.— Herr von Schwarzenfels... Julius von Schwarzenfells!... herrlich!... göttlich!... Alſo abgemacht, Herr Notar. ich kaufe das Schloß. — Sie können vor Abſchluß des Handels es einſehen, und— Nein, nein! ol es könnte unterdeſſen an einen Andern verkauft werden und der Name von Schwarzenfels entginge mir!... Es iſt beſchloſſen, abgemacht, ich kaufe das Schloß. Wann kann ich die Kaufbriefe erhalten? Es eilt mir ſehr, mein Schloß 8 4 ¹ 99 zu haben.— Ich muß vorher an meinen Collegen in Saint⸗Amand ſchreiben... hernach die Urkunden... o! es iſt höchſtens eine Sache von acht Tagen.— Acht Tage!... ach! wie lang!... Gleichviel, thun Sie was nöthig iſt, damit man mir meine Beſitzung nicht ſtreitig machen kann... Ach! wenn Sie in die Auvergne ſchrieben, wäre es mir nicht unangenehm, wenn man auf meinem Schloſſe wüßte, daß ich dort eintreffen werde... und man mir einen kleinen Empfang vorbereitete. Es ſind ohne Zweifel Leute in Schwar⸗ zenfels?— Höchſtens ein Hausvogt und ein Gärt⸗ ner.— Einerlei, es wird nicht übel ſein, wenn man ihnen zu wiſſen thut, daß ihr neuer Gebieter bald in ſein Schloß kommen wird. Nun, ich verlaſſe Sie... beſchleunigen Sie die Sache. Bedenken Sie, daß mein Leben, mein Glück, alle meine Hoffnungen bereits auf meinem Schloſſe ruhen.“ Robineau iſt ganz außer ſich vor Freude, und da das Glück, gleich dem Schmerze, der Mittheilung bedarf, kehrt er zu Alfred zurück, den er diesmal aufgeſtanden findet und dem er ſchon vom Vorzimmer aus entgegenſchreit:„Es iſt geſchehen... ich bin Gutsbeſitzer... ich habe ein Schloß... das Schloß Schwarzenfels... nichts Geringes... mit Thürmen, Zinnen, Gräben... vielleicht mit Kanonen; nichts fehlt! Mein beſter von Marcey, ich bin der glück⸗ lichſte Menſch.“ Mlfre lächelt über die eaung ihn auf, ruhiger zu werden und fragt ihn, wo ſeine Beſitzung gelegen ſei. „In der Auvergne, erwidert Robineau; ein herr⸗ liches Land!.. Vaterland der Bergleute, mit male⸗ riſchen Gegenden.— Ich kenne die Auvergne nicht, man hat mir aber geſagt, daß es in der That ein ſehr merkwürdiger Landſtrich ſei. Ehe Du aber das Schloß kaufſt, wirſt Du es hoffentlich vorher beſich⸗ tigen?— Nein, nicht, ich kaufe es ſogleich und be⸗ ſichtige es nachher; ich will dort meinen Einzug als Grundherr, als Beſitzer machen; die Domäne Schwar⸗ zenfells für achtzigtauſend Franken! Du wirſt zu⸗ geben, lieber von Marcey, daß das ein Fund iſt... — Sag lieber, es ſei ein altes, gothiſches, ſtark in Ruinen liegendes, ſtark beſchädigtes Gebäude, wo Du viel nur auf Ausbeſſerungen verwenden mußt.— Ich werde nichts ausbeſſern, ich liebe die Ruinen... und ein Park! ein Gehölz! Jagd! Fiſcherei...— Jagſt Du eben ſo gut als Du reiteſt?— O! ſchlechter Witz! Schau, ich bin ſicher, Du machſt Dir eine ſehr falſche Idee von meinem Schloß.— Ich ver⸗ ſichere Dich, es iſt mir ſehr lieb, daß Du eins haſt, weil Du mich wenigſtens ruhig ſchlafen laſſen wirſt. — Ach, mein Freund! mein beſter Freund!... ein herrlicher Gedanke!— Wieder ein Schloß, das Du kaufſt?— Nein, ich habe an einem genug; ich bin nicht ehrgeizig. Du haſt mir aber ſo eben geſagt, Du kennſt die Auvergne nicht... eine prächtige Ge⸗ legenheit, ſie kennen zu lernen. Ich nehme Dich mit, mein Gut zu beſehen; geſtehe nur, daß ich einen 101 guten Kauf gemacht habe... Du ertheilſt mir einige Rathſchläge über die Weiſe, mein Haus einzurichten... lehrſt mich jagen... wir geben Feſte, Du ordneſt ſie an... Nun denn, was ſagſt Du darüber? ſcheint es Dir nicht hübſch?— Meiner Treu... in die Auvergne zu gehen, würde mir ſchon gefallen; allein mir fällt bei, daß ich mit Eduard dieſen Sommer eine kleine Reiſe in die Schweiz machen ſoll... das iſt eine unter uns abgemachte Sache.— Statt in die Schweiz zu gehen, kommt ihr mit mir in die Auvergne, die Schweiz Frankreichs; dort werdet ihr Berge und Schnee ſehen, eben ſo gut als in der Schweiz... Eduard beglette uns.— Was Henker, Du willſt alſo die ganze Welt mitnehmen?— Nein, aber Eduard, es wird mir Vergnügen machen; er iſt Dichter, und ein Dichter iſt oft nützlich, beſonders wenn man, wie ich, Bankette geben, Damen empfan⸗ gen, galant ſein will.— Ahal ich verſtehe, Du willſt, Eduard ſoll mitgehen, um Gelegenheitsgedichte zu machen.— Er mag machen was er will; es ſcheint mir aber, daß es einem Dichter, einem Schriftſteller gleichfalls nicht unangenehm ſein dürfte, ein maleri⸗ ſches Land zu beſuchen; ein Land, wo es Felſen, Abgründe gibt; er wird zehn Stücke darüber ſchrei⸗ ben 1... Es gibt nichts Geeigneteres als Schnee, Gebirge, Gießbäche, um das Genie zu inſpiriren; ich bin ſicher, er wird ein Gedicht oder eine Tra⸗ gödie über mein Schloß verfaſſen, unter dem Titel: Schloß Schwarzenfels. Alfred, ich bitte Dich, lade ihn zum Mitgehen ein.— Ich verſpreche Dir, — —— — 10²2. es ihm vorzuſchlagen, und wenn er einſchlägt, iſt es abgemacht, wir reiſen mit Dir und quartiren uns in Deinem Schloſſe ein.“ Robineau verläßt Alfred, um ſich mit den Zu⸗ rüſtungen zu ſeiner Abreiſe zu beſchäftigen; und dieſer Letztere iſt, beim Nachdenken über den ihm gemachten Vorſchlag, der Meinung, die Reiſe in die Auvergne werde ihm manche Gelegenheit geben, ſich zu ergötzen; der Gedanke, Robineau im Schloß Schwarzenfels den großen Herrn ſpielen zu ſehen, freut Alfred ſchon zum Voraus, und da er mit Eduard den Plan einer Schweizerreiſe nur in der Abſicht gemacht hatte, von dem Pariſer Leben etwas abzuſchweifen, ſo dachte er, ſein Freund werde, gleich ihm, den Vorſchlag Robi⸗ neau's annehmen.. Selten ſtand es mehr als zwei Tage an, daß Alfred und Eduard einander ſahen; ohne gerade gleichen Geſchmack und gleichen Charakter zu haben, liebten ſie ſich und fanden Gefallen aneinander; die Sympathie, welche zwei Weſen zuſammenführt, ent⸗ ſteht nicht immer aus Uebereinſtimmung von Geiſt und Gemüth. Der Geiſt bedarf der Contraſte. Wie viele Leute gehen nur in die Geſellſchaft derer, mit denen ſie in fortwährendem Streite liegen. Alfred war vielleicht flatterhafter, leichtſinniger, luſtiger als Eduard; indeß war dieſer nicht viel ordentlicher als die jungen Leute ſeines Alters; weniger reich jedoch, als der junge von Marcey, trieb er ſeine Tollheiten nicht ſo weit, und war vernünftig enug, keine Schulden machen zu wollen. Die * 1⁰³ Gewohnheit, weniger auszugeben, nachzudenken, ehe er an einer Luſtpartie Theil nahm, hatte ihm von ſeinem Freunde den Zunamen des Vorſichtigen verſchafft, und doch war Eduard nicht klüger als Alfred, wenn ſein Herz mit ins Spiel kam. Beide waren liebens⸗ würdig; Alfred, indem er ſagte, was ihm in den Sinn kam, und ſeine natürliche Heiterkeit gab ihm oft viel Spaßhaftes ein; Eduard, indem er nur ſeine Empfindungen ausdrückte, und ſeine Gedanken er⸗ mangelten nie eines richtigen Gefühls. Endlich lachte Eduard über die Tollheiten, die Alfred vorbrachte, und dieſer klatſchte den Betrachtungen ſtines Freundes Beifall zu. Am Abend deſſelbigen Tages, wo Robineau ſie beide aufgeweckt hatte, trifft Eduard mit Alfred zu⸗ ſammen, und dieſer theilt ihm den Vorſchlag des neuen Beſitzers von Schwarzenfels mit. Eduard beſinnt ſich einige Augenblicke, und ſchon wird Alfred ungeduldig und drängt ihn zu einem Entſchluſſe. „Zu Herrn Julius Robineau gehen! ſagt Eduard endlich: weißt Du aber, daß Dein Freund Robineau ſehr einfältig iſt?— Gewiß, weiß ich es... allein was liegt daran!... geht man nicht alle Tage zu einfältigen Leuten?— Wäre es nur dies, machte es nichts! er iſt aber voller Einbildung und Prätentio⸗ nen...— Deſto beſſer! das iſt das Luſtigſte... Denke nur an das Leben, das er in ſeinem Schloſſe beginnen wird!... an das Geſchrei, das ſich in 104 tritte! die daraus erfolgen werden!... Du, als Schriftſteller, wirſt darin eine Menge Sittengemälde, komiſche Details finden.— Sehr gut; wir können den armen Teufel doch nicht bloß in der einzigen Ab⸗ ſicht begleiten, uns auf ſeine Koſten luſtig zu machen! 3 — Nun, Du wirſt gar etwas Unrechtes dabei ſehen! Merkſt Du aber nicht, daß wir Robineau einen wah⸗ ren Dienſt leiſten, während wir uns bei ihm belu⸗ ſtigen? in tauſend Gelegenheiten wird er unſerer be⸗ dürfen... Er will Bälle... Feſte... geben... ja Du ſollſt ihm Hochzeits⸗ und Taufgedichte fertigen! — Ahl ſehr verbunden.— Kurz, wenn wir uns auf ſeinem Schloſſe langweilen, reiſen wir wieder ab... Ich will mein Leben auch nicht auf dem Schwarzen⸗ fels zubringen.— Und wie machen die Reiſe?— Mein Gott, wie Du willſt.. Mit Poſtpferden wahrſcheinlich, und auf gemeinſchaftliche Koſten, das verſteht ſich von ſelbſt!... Ich habe keineswegs Luſt, von Herrn Robineau auf der Reiſe freigehalten zu werden;... allein wir werden nicht mehr Geld brauchen, als in der Schweiz... Nun denn, Du beſinnſt Dich... Sieht Deine Weisheit irgend ein Stein des Anſtoßes?.. Mit Deinen viertauſend Franken Renten und Deinen Erſparniſſen wirſt Du am Ende reicher, als ich!— Ich begehre keinen Reichthum, ich wünſche nur glücklich zu ſein.— Du biſt nicht lecker, Du willſt bloß das Beſte!... Nun, was beſchließeſt du?— Was Du willſt; laß uns in die Auvergne gehen und das Schloß des Herrn Ro⸗ binean Kzeians — Das laß ich gelten. Wie ent⸗ 105 zückt wird der arme Robineau ſein, wenn er hört, daß wir mit ihm gehen. Im Grunde iſt er ein ziem⸗ lich guter Kerl; ich fürchte indeß ſehr, er möchte ſich mit ſeinem Schloß zu Grunde richten, und wir wollen uns bemühen, ihn davor zu bewahren, wenn er nicht eigenſinnig darauf beharrt. Laß uns die Auvergne be⸗ ſuchen!... die kleinen Auvergnatinnen!..⸗ Ich weiß nicht, allein ich ſtelle mir immer vor, daß wir dort hübſche Geſichtchen finden werden...— Ach! Du denkſt ſchon wieder an die Weiber!...— Ol ſo ſtell Dich doch ehrlich an, Du!... Eil mein Freund!... ein Land, worin es keine Weiber gäbe... folglich keine Hoff⸗ nung zu Liebſchaften, wäre es auch ſchön wie Eden, reich wie Eldorado, angenehm wie das glückliche Ara⸗ bien, würde in meinen Augen doch nur eine traurige Einſamkeit ſein... Auch habe ich den armen Ro⸗ binſon ſtets bedauert, der ſtatt einem Weibe nur ſeinen Freitag zur Geſellſchaft hatte.“ Robineau ermangelt nicht, am andern Tag nach dem Entſchluß der beiden Freunde zu fragen, und als er vernimmt, daß ſie ihn in ſein Schloß beglei⸗ ten werden, iſt er ganz entzückt. Er hat ſich eine Poſtchaiſe zur Reiſe angeſchafft, und will ſich auch Pferde kaufen. Nicht ohne viele Mühe macht ihm Alfred begreiflich, daß es weit beſſer ſei, bis Cler⸗ mont⸗Ferrand Poſtpferde zu nehmen. „Warum nicht bis in mein Schloß? fragt Robi⸗ neau.— Haſt Du mir nicht geſagt, Dein Gunt liege nur ein oder zwei Meilen von dieſer Stadt?— Ja. — Nun gut! da wir in die Auvergne gehen, um 106 das Land ein wenig zu ſehen, ſo können wir, glaube ich, ſehr wohl zwei Meilen zu Fuße machen.— Aber indeß..— Indeß, wenn Du uns immer wider⸗ ſprichſt, ſo laſſen wir Dich ganz allein gehen.“ NRobineau gibt nach, wiewohl er es weit vorneh⸗ mer gefunden hätte, mit der Poſt in dem Hofe ſei⸗ nes Schloſſes anzulangen; aber er denkt, daß er in Clermont leicht andere Pferde für den Reſt des Wegs bekommen könnte, um ſeine Bagage weiter zu be⸗ fördern, denn er hatte einen tüchtigen Vorrath von Kleidungsſtücken und Toilettengegenſtänden zuſammen⸗ gekauft, da er die neueſten Pariſermoden in die Au⸗ vergne bringen wollte.— Durch beſtändiges Laufen zu ſeinem Notar hat Robineau ſeine Angelegenheiten ſchnell zu Ende ge⸗ bracht; und nach Verlauf von ſechs Tagen iſt er zur Abreiſe mit ſeinem neuen Bedienten, Franz, bereit, der ſein Cabriolet führt, und den er zu ſeinem Kam⸗ merdiener erhoben hat, weil dieſer, auf der Stelle ſeine ſchwache Seite erlauernd, nie anders als mit niedergeſchlagenen Augen und den Hut in der Hand mit ihm ſpricht. Alfred hält nicht für nothwendig, Jemanden mit⸗ zunehmen; da jedoch im Angenblick der Abreiſe der Baron von Marcey noch nicht wieder in Paris zu⸗ rück iſt, ſo übergibt er ſeinem Diener Germain ein Billet mit den wenigen Worten an ſeinen Vater: „Ich mache eine kleine Reiſe mit Eduard und Robi⸗ neau.. Es thut mir leid, Dich vorher nicht um⸗ armen zu können, ich werde mich aber bei meiner 107 Rückkunft entſchädigen. Bleibe geſund, unterhalte Dich gut. Ich will mich zu vergnügen ſuchen.“ Der Leichtſinnige bezeichnete nicht einmal die Ge⸗ gend, in die er ſich begab; aber er dachte, es werde ſeinem Vater ſehr gleichgültig ſein; überdies nahm er ſich vor, bei längerer Abweſenheit zu ſchreiben. An dem zur Abreiſe beſtimmten Tag ſaß Robi⸗ neau im Wagen, noch ehe die Pferde angeſchirrt waren, dreimal ſchickt er zu Alfred und Eduard; endlich langen ſeine beiden Gefährten an; die Koffer ſind geſchnürt, die Pferde angeſpannt, der Poſtillon knallt mit der Peitſche, man fährt ab, und Robineau ſagt vor ſich hin:„Da wäre ich nun auf dem Weg nach meinem Schloſſe.“ Sechstes Kapitel. Der Unbekannte von Clermont⸗Ferrand. So eben war die Sonne über dem hübſchen Städtchen Clermont⸗Ferrand heraufgeſtiegen und die geſchäftigen Einwohner waren ſchon größtentheils an der Arbeit. Vor der Poſtherberge rupften die Mägde Geflügel, die Knechte ſchnitten Häckerling, Buben führten Pferde zur Tränke, einige Reiſende labten ſich am Abſchiedstrunk, einige, viel durch Clermont kommende Kaufleute ſtießen mit dem Wirthe an und die Poſtillone küßten die Mägde, die ſich zwar wehrten, es aber doch geſchehen ließen, wie es der Brauch iſt in allen Landen. Etwa zweihundert Schritte von der Herberge be⸗ trachtete ein Mann, nachläſſig auf eine Steinbank hingeſtreckt, dieſes Schauſpiel mit großer Gleichgültig⸗ keit, und während er um ſich herblickt, ſchien ſein Geiſt gleichwohl mehr den Erinnerungen der Vergan⸗ genheit, als den Eindrücken der Gegenwart zugäng⸗ lich. Dieſer Mann, deſſen Kleidung Armuth, noch mehr aber eine umherſchweifende Lebensweiſe verkün⸗ digte, ſchien etwa fünfundvierzig bis fünfzig Jahre zu zählen; allein die Unordnung, die in ſeinem Aeußern herrſchte, der ſeit mehr als einem Monat nicht ge⸗ ſchorene Bart, ſchwarze ungekämmte Haare, wovon mehre Locken das Geſicht bedeckten, ließen ſein Alter nicht leicht errathen; dennoch erblickte man, der Un⸗ ordnung ſeiner Haare ungeachtet, unter dem elenden Filz, der ſeinen Kopf bedeckte, noch Spuren ehema⸗ liger großer Schönheit: eine ſchöngeformte Naſe, mittleren, doch beinahe völlig zahnloſen Mund, ſchwarze bogenförmige Brauen und große braune Augen, deren Ausdruck ironiſch zu ſein pflegte, und mit dem ſpöttiſchen Lächeln, das von Zeit zu Zeit über ſeine Lippen kam, übereinſtimmte; ſein Wuchs war hoch und ſchlank. Kurz, wiewohl er nur mit ſchlechten Hoſen von grauer Leinwand, einer rothen, beſchmuzten Weſte und einem weiten nußbraunen, an mehren Orten mit Stücken von anderer Farbe ge⸗ flickten Ueberrock bekleidet war; als Fußbedeckung nur ſchlechte, durchlöcherte Stiefel, um den Hals nur 10⁰9 ein nachläſſig zuſammengelegtes Taſchentuch hatte, lag in der Phyſiognomie dieſes Menſchen doch ein Etwas, das keine gemeine Herkunft verrieth, und in ſeinem ganzen Weſen zeigte ſich eine gewiſſe Leich⸗ tigkeit und beinahe ein Stolz, die ſeltſam mit ſeinem armſeligen Koſtüm im Widerſpruch ſtanden. Nachdem der Unbekannte noch eine Weile auf ſei⸗ ner Steinbank ausgeſtreckt geblieben war, ſteht er auf, ſchiebt einige Haarlocken unter ſeinen Hut zurück, ergreift einen derben Knotenſtock, der neben ihm lag, und geht mit feſtem Schritte auf das Gaſthaus zu, wo er mit hoher Miene, und wie Jemand, der zu ſeinem Vergnügen reist, eintritt. Er dringt in den den Reiſenden gemeinſchaftlichen Saal zu ebener Erde, ſetzt ſich vor einen mit Wachstuch überzogenen Tiſch, und ſchlägt mit ſeinem Stock tüchtig darauf. Eine Magd kommt herbei; obgleich man in Her⸗ bergen an Gäſten aller Klaſſen gewöhnt iſt, ſo ſtimmt ſie der Anzug des Reiſenden doch nicht zu ſeinen Gunſten; und da man bei Leuten, die man für un⸗ glücklich hält, kein Blatt vor den Mund nimmt, ſo fragt die Magd zuerſt mit zänkiſchem Tone, warum er durch ſein Schlagen auf den Tiſch ſo viel Lärm mache? „Weil es mir ſo gefällt, ¹ mein Liebchen, ant⸗ wortete der Fremde mit ſtarker Stimme, indem er das Kellermädchen mit drohender Miene anſieht. „Wäre man ſchneller herbeigekommen, ſo hätte ich nicht nöthig gehabt, ſo ſtark zu klopfen. Sie haben mich wohl in das Haus treten ſehen, denn Sie waren vor der Thüre. Warum ſind Sie nicht auf der Skelle gekommen, mich zu fragen, was ich wolle?“* Das Kellermädchen, nicht darauf gefaßt, von einem ſo ſchlecht gekleideten Menſchen auf ſolche Weiſe be⸗ handelt zu werden, iſt ganz verdutzt, und erwidert, ihre Schürze zuſamunan uitternd„ Wahrhaftig! 1., weil... weil... „O! zum Henker!... weil ich nicht in einer Equipage gekommen bin... und meine Toilette nicht ausgeſucht iſt! Was liegt aber daran, wenn ich nur zahle, was ich verzehre, ſo habt Ihr nichts zu ſagen; vorwärts, bringt mir Käs, Brod und eine Kanne Wein;.. und zwar ſchnell, denn ich habe Hunger.“ Das Dienſtmädchen geht, vor ſich hinbrummend: „Macht der ein Weſen mit ſeinem Käs und Brod!...“ Indeß beeilt ſie ſich, den Fremden zu bedienen, der mit vielem Appetit ſein Frühſtück verzehrt, und ſich über ſein Stück Käſe hermacht, als ob er ein wel⸗ ſches Huhn mit Trüffeln äße; die übrigen Reiſenden im Saale aber erlauben ſich nicht, die Augen zu oft auf den Neuangekommenen zu werfen, denn es liegt etwas in ſeiner Phyſiognomie, das anzeigt, daß er ſchlechte Witze nicht gut aufnehmen würde; es gibt eine Art Armuth, die ſich Achtung verſchafft, gleich⸗ wie es einen Reichthum gibt, der nie achtungswerth iſt. Die Kellnerin erzählte indeß ihrem Herrn, was für ein neuer Reiſende angekommen ſei, und der Wirth, eine neugierige und geſchwätzige Perſon, der ſehr den Vielwiſſer ſpielte, obgleich er nicht ſo groß iſt, als 111 ſeine Frau, ſelbſt, wenn er ſeine braunwollene Nacht⸗ mütze auf hat, kommt trippelnd und lächelnd in den Saal, ſpricht mit mehren Reiſenden, wobei er ſeit⸗ wärts nach dem Unbekannten ſchaut; nachdem er dreimal um dieſen herumgeſchlichen iſt, entſchließt er ſich, ihn anzureden, und ſich auf die Tafel lehnend, auf welcher derſelbe ißt, ſagt er:„Nun denn! Sie finden mein Weinchen nicht übel, nicht wahr?“ Der Fremde läßt das ihm eigen gewordene ſpöt⸗ tiſche Lächeln über ſeine Lippen ſchlüpfen, und ohne den Wirth anzublicken, erwidert er nach einer Weile: „Muß ich ihn nicht bezahlen, ich mag ihn gut oder ſchlecht finden?“ „Ahl gewiß!... des heißt, wenn Sie beſſern wollten, könnte man...— Wenn ich andern wollte, würde ich Ihre Erlaubniß nicht abgewartet haben, welchen zu beſtellen.— Richtig;... aber..— Aber, ich bin jetzt nicht mehr lecker!— Sie ſind's nicht mehr?... Ahl ich verſtehe, das will heißen, Sie ſind es geweſen?... nicht wahr?“ Der Unbekannte richtet ſeine Augen nach dem Wirth, und nachdem er ihn eine Weile ſtarr angeſe⸗ hen hat, ſagt er:„Es gibt etwas, was Sie geweſen find, was Sie noch ſind, und wahrſcheinlich immer ſein werden!“ Jetzt heftet der Wirth ſeine kleinen, rothen Aeug⸗ lein auf die des Fremden, um aus denſelben Beleh⸗ rung zu ſuchen über das, was er ſagen will; da es ihm jedoch nicht gelingt, ruft er aus:„Davon ver⸗ ſtehe ich nichts... Prophezeihen Sie etwa?“ 112 Der Fremde zuckt die Achſeln, antwortet nicht mehr, und ißt fort. „Bleiben Sie einige Zeit in unſerer Stadt?“ be⸗ ginnt der Wirth nach einer Weile von Neuem.— „Weiß nicht;... wenn es mir gefällt, zu bleiben, ſo bleibe ich.— Das iſt richtig!.. Ah! Sie wer⸗ den hier hübſche Dinge ſehen!... einen herrlichen botaniſchen Garten... ein prächtiges Collegium!... ich ſpreche Ihnen nicht von unſern Aprikoſenpaſteten.. Sie ſcheinen nicht auf Leckereien zu halten. Hinſichtlich der Schönheit der Umgegend aber werden Sie über⸗ raſcht, erſtaunt ſein!— Nichts überraſcht, ſetzt mich mehr in Erſtaunen.— Ah! das iſt ein Anderes!... Noch etwas, bleiben Sie hier über Nacht?“ Ohn f dieſe Frage zu antworten, führt der Unbekannte mit der Hand über die Stirne und ſcheint nachzuſinnen; endlich fragt er den Wirth:„Iſt Niemand mehr von der Familie Granval in dieſer Stadt?— Die Familie Granval! ſagt der Wirth verwundert; wie! haben Sie dieſelbe gekannt? Die Granval waren ſehr reiche, ſehr angeſehene Leute, und.— Ich weiß, was ſie waren; ich frage Sie, ob noch Jemand von ihrer Familie im Lande iſt.— Nein, Niemand mehr. Der alte Granval iſt ſchon vor fünf Jahren geſtorben, mit Hinterlaſſung eines Sohns und einer Tochter. Der Sohn genoß eine ſehr ſchlechte Geſundheit; der Gebrauch des Bades von Mont d'Or machte ihn nicht fetter; er ließ es ſich einfallen, zu heirathen... das hat ihm vollends den Treff gegeben; vor zwei Jahren ſtarb er. Was 8 —— 113 ſeine Schweſter betrifft, ſo hat dieſe einen Krufmann geheirathet, mit dem ſie nach Italien gereist iſt.“ Die Ellbogen auf den Tiſch gelehnt, den Kopf auf die Hände geſtützt, hörte der Unbekannte dem Wirthe zu. Als dieſer zu ſprechen aufgehört, entfuhr ihm ein derber Fluch, hierauf murmelte er:„Die Einen geſtorben, die Andern nicht mehr im Lande! Wie ſich in ſo wenig Jahren Alles ändert, Alles zerſtreut wird!...“ „Hatten Sie einen Auftrag an die Familie Gran⸗ val?“ fragte der Gaſtwirth, dem Reiſenden gegen⸗ über ſitzend, der, ohne ihm zu antworten, nach eini⸗ gen Augenblicken in ſeinem Selbſtgeſpräch fortfährt: „Er wäre am Ende auch nicht beſſer geweſen, als die Uebrigen... Jeder iſt ſich ſelbſt der Nächſte!... natürlich!... deſto ſchlimmer für die, welche dumme Streiche machen les⸗ ſich ausplündern laſſen!... man hat Recht, ſie auszulachen... jetzt aber fordere ich ſie heraus!... ich ſtehe über Allem!... ich verachte ſie!... und werde ſie zu entbehren wiſſen.“ „Sie werden ſie zu entbehren wiſſen?“ ſagt der Wirth, in der Meinung, der Fremde ſpreche mit ihm.„Ahl... wahrlich, wenn Sie könnten;... de. ich habe nicht Teiht verſtanden, von welchem de... „Was bin ich ſchuldig? 2“ ſagte der Fremde, plötz⸗ lich aufſtehend. „Was Sie ſchuldig ſind? ol die Rechnung wird bald gemacht ſein!... Brod, Wein, Käſe, macht zuſammen zwölf Sous.“ Paul de Kock. XXIII. 8 114 Der Unbekannte nimmt zwölf Sous aus einer Weſtentaſche und wirft ſie auf den Tiſch; dann eine Pfeife und Rauchtabak aus einer Rocktaſche ziehend, ſtopft er die Pfeife und fragt:„Wo gibt's Feuer? — Feuer. Ihre Pfeife anzuzünden?— Wahr⸗ ſcheinlich.— Zum Henker! in der Küche... ſie wird hier nie kalt.. Sie haben mir aber nicht geſagt, vb... Der Fremde hört nichts mehr; geht nach der Küche, zündet ſeine Pfeife an, ſteckt ſie in den Mund, geht langſam aus der Herberge, ſtreckt ſich wieder auf die Steinbank und raucht ruhig, wie ein Muſel⸗ mann, der auf weichen Kiſſen ſäße. „Ein ſonderbarer Patron! ſpricht der Wirth bei ſich, als er den Fremden ſich entfernen ſieht. Er raucht... ich glaube, es iſt ein alter Soldat. Was Teufels wollte er von den Granval?... Er ſagte am Ende, er werde ſie zu entbehren wiſſen... Gleich⸗ viel, ich habe wohl daran gethan, ihm Geſellſchaft zu leiſten; wenn er wieder kommt, werde ich ihn abermals zum Schwatzen bringen.“ Nachdem der Unbekannte den ganzen Morgen auf ſeiner Steinbank zugebracht hatte, kam er wirklich um zwei Uhr wieder in das Gaſthaus; er läßt ſich wieder Käs und Brod geben, trinkt aber diesmal nur Waſſer. Der Wirth ſchleicht um ihn herum, richtet einige Fragen an ihn, das Geſpräch einzuleiten; er ißt, ohne zu antworten, zahlt ſein mageres Mahl und entfernt ſich; diesmal jedoch geht er, ſtatt ſich auf die Steinbank zu ſetzen, die Straße hinab. 3 115 „Ein trauriger Kunde! ſagt hierauf der Wirth. — Und zudem, bemerkt das Kellermädchen, ver⸗ führt er einen Spektakel wie ein Marquis! Er be⸗ fiehlt! ſpricht mit gebieteriſchem Ton!... er thäte 1 beſſer daran, ſeinen Bart ſcheeren zu laſſen, ſtatt ſich mit Käs vollzuſtopfen!...— Iſt er wieder auf der Steinbank da drüben?— Nein, Herr, er ging die Straße hinab.— Alsdann werden wir ihn wahr⸗ ſcheinlich nicht mehr ſehen.— Ein großer Jammer!“ Der Wirth irrte ſich, um acht Uhr Abends ſieht er den ſchlechtgekleideten Unbekannten mit ſeinem Kno⸗ tenſtock wieder in den Saal treten. „Nun, wieder der Käſemann!“ ſagt das Keller⸗ mädchen ganz leiſe; ihr Herr gibt ihr aber ein Zeichen, zu ſchweigen, weil er den Reiſenden böſe zu machen fürchtet. Dieſer ſetzt ſich vor einen Tiſch, fordert Käſe, Brod und ein Gläschen Branntwein. Man bedient ihn ſchnell; er ißt ſtillſchweigend; als er aber den Wirth fragt, was er ſchuldig ſei, tritt dieſer, ſchon lange brennend vor Begierde, ihn auszufragen, vor, zieht höflich ſeine Mütze ab und fagt:„Werden Sie hier nicht über Nacht bleiben?— Hier über Nacht bleiben? wiederholt der Fremde, nein; man ſchläft eben ſo gut im Freien. und das koſtet nichts; während ich hier bezahlen müßte, nicht wahr?“ „Ja, das iſt ſo der Brauch; Sie ſehen wohl ein, daß wir nicht umſonſt..— Gut! gut! Habe ich etwas umſonſt verlangt?— Nein, mein Herr, ich ſage ja nicht, aber...— Aber dann halten Sie Ihr Maul und laſſen Sie mich mit Frieden.“ 116 Der Wirth ſetzt ärgerlich ſeine baumwollene Schlaf⸗ mütze wieder auf, und der Fremde geht fort, nachdem er bezahlt hat. „Ich komme auf den Glauben, daß der Käſeherr nur ein Landſtreicher iſt, bemerkt der Gaſtgeber, als er ſich von der Entfernung des Unbekannten überzeugt hat. Ein Mann, der im Freien ſchläft... iſt ein wenig verdächtig... Es iſt mir leid, daß er nicht bei mir über Nacht blieb, weil er mir alsdann doch ſeinen Namen hätte ſagen müſſen.“ „O! ſeine Papiere ſind in Ordnung, ſagt ein kleines, ſo eben eingetretenes Männchen, der dem Reiſenden noch begegnet war. In der Stadt ange⸗ langt, ging er auf der Stelle zum Herrn Maire und ließ ſie viſiren.“ „Ei, ſchaut! Sie kennen alſo dieſen Menſchen, Herr Benedikt? fragte der Wirth, dem Neuangekom⸗ menen näher tretend. Herr Benedikt ſtreicht ſein Kinn, ſchüttelt den Kopf, um ſich eine wichtige Miene zu geben und erwidert:„Ja.. ich bin ihm ſchon mehr⸗ mals in der Stadt begegnet; er iſt wenigſtens ſeit acht Tagen hier.— Wie heißt er?— Seinen Namen weiß ich nicht, glaube aber, daß er reich geweſen iſt, Alles durchgebracht hat und nichts mehr beſitzt?— Und was treibt er jetzt?— Sie haben's ja geſehen; geht ſpazieren, ruht aus, raucht, ſpricht aber wenig. — Ich, ich habe nichts an ihn zu fordern, er hat ſeine Zeche bezahlt... iſt aber ſehr ſchlecht ange⸗ zogen... Hm! Herr Benedikt, Sie werden zugeben, daß das nicht die Kleidung eines Mannes iſt, der 117 von Zinſen lebt!— Ich habe Ihnen nicht geſagt, daß er von Zinſen lebe... ſondern ich vermuthe, er ſei reich geweſen, ein großer Unterſchied!“ Man unterhält ſich noch einige Zeit von dem Unbekannten; bis die Ankunft neuer Gäſte den Mann mit ſeinen mageren Mahlzeiten in Vergeſſenheit bringt. Am andern Morgen lag er auf ſeine Steinbank 4 niedergeſtreckt; weniger ſeinen Gedanken hingegeben, ſchien er die ankommenden Reiſenden zu muſtern, und mehr als einmal machte er eine Bewegung, einigen von ihnen näher zu treten; bald fiel er jedoch wieder auf ſeine Bank zurück, und ein peinliches Ge⸗ fühl malte ſich auf ſeinen Zügen. Um zwolf Uhr etwa tritt er in die Herberge, nimmt ein gleich beſcheidenes Mahl ein wie geſtern, und bleibt, ſeinen Kopf in beide Hände geſtützt, lange in ſeine Gedanken verſunken. Der Wirth ſelbſt wagte nicht, ihn zu ſtören, als ſich ein großer Lärm hören läßt: eine Extrapoſt kommt an. Drei junge Leute: und ein Diener ſtiegen heraus, und Wirth und Keller⸗ mädchen ſprangen herbei, Robineau und ſeine beiden Reiſegefährten zu empfangen, denn ſie waren es, dir in Clermont eintrafen. „O weh! holla!... ich bin gerädert, aagt Ro⸗ bineau, man hat wohl Recht, zu ſagen, es geht wie mit Extrapoſt... Wie es gegangen iſt, meine Herren! Städte und Dörfer flogen vor uns davon!— Das heißt, wir flogen vor ihnen!— Es iſt hübſch... luſtig, ſchnell zu reiſen... o weh, meine Wade!... Franz, gib auf meine Koffer und Effekten Acht!— 118 Wohlan, Herr Wirth, laſſen Sie uns ein gutes Eſſen auftragen... das Beſte, was Sie haben.. ich habe entſetzlichen Hunger... und Du, Eduard?— Ich auch... die Luft dieſes Landes ſcheint mir ſehr ge⸗ ſund— Und Du, Robineau, haſt Du nicht auch Appetit?“ 3 Robineau zieht Alfred am Frack und ſagt halb⸗ laut zu ihm:„Nenne mich doch nicht mehr Robineau, mein Freund, Du weißt, ich heiße nicht mehr ſo... ich bin Julius von Schwarzenfels.— Ach! zum Teufel! denke ich daran!.. Kurz, Herr Julius Robineau vom Schwarzenfels, ſind Sie nicht geneigt, ſich zu Tiſche zu ſetzen?— Mein Freund, ſo lange ich nicht auf meinem Schloſſe bin, habe ich keinen Hunger.— Das iſt ein Schloß, das Dich krank machen wird, armer Teufel.“ Die drei jungen Leute waren in den großen Saal getreten; das Geräuſch ihres Geſprächs ließ den Un⸗ bekannten den Kopf aufrichten, der ſie, ohne aufzu⸗ ſtehen anſieht. „Meine Herren!.. ſetzt euch doch nicht hieher! ſagt Robineau, wie er den Fremden erblickt; wir können nicht in dieſem Saale bleiben!... Leute, wie wir... ſeht ihr denn nicht? die Geſellſchaft iſt aus⸗ gezeichnet!“ Alfred ſteht auf und ſagt:„Meiner Treu, auf der Reiſe bin ich Philoſoph, und wenn nur das Eſſen gut iſt, ſo.. Robineau ſchreit aber, ruft, macht Lärm, und der Wirth läuft mit der Mütze in der Hand herbei. 119 „Laſſen Sie uns doch ein beſonderes Zimmer geben, ſagt Robineau; es ſcheint mir, Herr Wirth, daß Sie Rückſichten haben... und uns nicht mit Jedermann zuſammen ſetzen ſollten.“ „Man deckt im erſten Stock für Sie, meine Herren; und wenn Sie hinaufgehen wollen..— Ja, gewiß.— Werden die Herren hier übernachten?— Nein! nein! wir übernachten auf meiner Beſitzung Schwarzenfels.“ Beim Namen Schwarzenfels erhebt der Unbekannte die Augen und ſieht Robineau ſcharf an, welcher fortfährt:„Sie müſſen dieſes Schloß kennen, Herr Wirth?— Den Schwarzenfels? nein, mein Herr, ich kenne nur das Dorf Weißenfels, das ungefähr zwei Meilen von hier iſt.“ „Höre mal, Robineau, ſagt Alfred lachend, man hat ſich vielleicht geirrt, Du biſt ohne Zweifel Grund⸗ herr von Weißenfels?— Durchaus nicht... ich habe meine Urkunden; ich weiß gewiß, es iſt ſchw arz... Zudem ſagt, wie iſt Weißenfels?— O! mein Herr, die meiſten Einwohner wohnen in Höhlen, in einer Art in die Felſen gehauener Kaſematten...— Ihr ſeht wohl, meine Herren, das trifft nicht zu... Höh⸗ len, Kaſematten... und ich, ich habe ein herrliches Schloß... Sie kennen hoffentlich die Stadt Saint⸗ Amand?— Saint⸗Amand⸗Talende? ja, mein Herr; vier gute Meilen von hier.— Nun gut, mein Schloß iſt in der Gegend... man muß es von ferne ſehen, weil.— Ach! um Gotteswillen, fiel Alfred ein, ſetzen wir uns zu Tiſch!... Ich habe ſchon Magen⸗ krämpfe von Deinem Schloſſe, ehe ich dort bin...“ 120 „Ja, ja, bleiben wir nicht hier.“ Bei dieſen Worten wirft Robineau einen verächtlichen Blick auf den Unbekannten, der, weit entfernt, den Kopf zu ſenken, die Stirne runzelt und den Grundherrn vom Schwarzenfels mit den Augen verfolgt. Dieſer geht eiligſt aus dem Saal und ſagt zum Wirth:„Warum haben Sie ſolche Leute in Ihrem Hauſe?— Wie wer, mein Herr?— Zum Henker! wie jener Bettler, der in Ihrem Saale ſaß und bei unſerer Ankunft nicht einmal aufſtand.— Dies iſt kein Bettler, mein Herr, ein Reiſender.— Nun gut! ein ſauberer Vogel. von einem Reiſenden!... Ueberdies ſieht er ſehr unverſchämt aus, und wenn ich nicht gefürchtet hätte, mich zu compromittiren, würde ich ihn gelehrt haben, daß man einen Mann, wie ich bin, nicht auf ſolche Weiſe anſieht.“ „Ahl Robineau, ich bitte Dich, ſpiele nicht den Meſchanten, ſagte Alfred, ſich zu Tiſche ſetzend; ſeit Du ein Schloß haſt, willſt Du Jedermann über die Achſel anſehen, über den Haufen rennen. Glaubſt Du, der Reichthum gebe das Recht, überall den Herrn zu ſpielen?— Davon iſt keine Rede... ich verlange, daß man höflich gegen mich iſt... Mir ſcheint das nicht zu viel.. „Sie aber, Herr Julius, nimmt Eduard das Wort, ſind Sie höflich gegen den armen Kerl ge⸗ weſen? ſowie Sie ihn erblickten, wollten Sie den Saal verlaſſen... er wird Ihre verächtlichen Blicke bemerkt haben... Unglückliche ſind viel zartfühlender als Andere, weil ſie ſtets Erniedrigungen befürchten. 121 — Nun, laſſen wir das! Ich muß wirklich andere Dinge im Kopf haben, als auf ſolche Leute Acht zu geben; eſſet ſchnell, meine Herren, damit wir bälder in mein Schloß kommen.— Erſticke Dich, wenn Du willſt, ich eſſe mit Ruhe; bedenke doch, daß es erſt zwei Uhr iſt!... Wir haben noch Zeit genug!— Warum denn aber zu Fuße gehen... behalten wir den Wagen... man wird uns andere Pferde auf⸗ treiben.— Eil wir ſind des Fahrens müde; iſt es nicht angenehmer, die paar Stunden vollends zu Fuß zu machen, die Gegend, die Bäuerinnen zu bewun⸗ dern?. denn kurz, man muß wiſſen, mit wem wir zu thun haben.— Dann laſſen wir Wagen und Bagage hier und ich laſſe ſie morgen durch meine Leute abholen. Trotzdem will ich Franz vorausſchicken, daß man die Zimmer in Ordnung bringt.— Wie Dir beliebt.“ Robineau ſteht auf und nimmt ſeinen Bedienten auf die Seite:„Franz, Du gehſt voraus auf mein Schloß!— Ja, mein Herr; wo liegt es, Herr?— Schlag den Weg nach Saint⸗Amand ein, dann fragſt Du... Zum Henker, es muß bekannt ſein!— Ja, Herr... O, ich will es leicht finden.— Du theilſt dem Hausvogt mit, daß ſein neuer Gebieter mit zwei jungen Edelleuten ankommen werde.— Ja, Herr! — Du ſagſt ihm, er ſolle Alles rüſten, uns würdig zu empfangen.— Ja, Herr.. ich ſage ihm, er ſoll die Betten machen.— Du gibſt ihm zu verſtehen... ſo, als wenn es von Dir käme, daß ich auf Com⸗ plimente ſehe, und daß er eine Rede an mich richten 2 122 ſolle.— Ja, Herr, ich ſage ihm, Sie hätten mir geſagt, er ſolle eine Rede an mich halten.— Nein, Dummkopf! Du ſagſt nicht, daß ich es geſagt hätte, daß Du es aber vermutheſt..— Ahl ich verſtehe, Herr.— Hierauf gehſt Du in die Umgegend, Franz, zu allen Bauern.. theilſt ihnen meine Ankunft mit... gibſt ihnen zu verſtehen, ich ſei ſehr reich, ſehr großer .— Ich ſoll ſagen, Sie ſeien groß?— Das heißt großmüthig... und daß, wenn ſie mir Blumen⸗ kränze überreichen... einen kleinen Empfang berei⸗ ten... mit Gewehrſalven... Geſchrei... Tänzen, ſo könne mir das nur Vergnügen machen.— Gut, Herr!... Sie wollen ein Feſt... ohne Ihr Vor⸗ wiſſen.— Richtig. Kurz, Franz, Du ſetzeſt Jeder⸗ mann in Bewegung.— Ja, Herr, ſeien Sie ruhig... Sie ſollen zufrieden ſein.“ Franz entfernt ſich, um ſich nach dem Schwarzen⸗ fels zu begeben; und Robineau, entzückt über ſeinen Einfall, geht, ſich die Hände reibend, zu ſeinen beiden Reiſegefährten zurück; er treibt ſie ſo ſehr, daß ſie endlich die Tafel verlaſſen und in den Hof der Her⸗ berge herabkommen. „Wir reiſen, ſagt Robineau; Herr Wirth, wir laſſen Ihnen meinen Reiſewagen, meine Koffer und Effekten zurück; Franz, mein Kammerdiener, wird Alles mit einem Pferde morgen abholen; dieſe Herren wollen zu Fuße gehen.— O! Sie werden eine herr⸗ liche Gegend ſehen, meine Herren!— Ja, aber wir ſollten auch wiſſen, nach welcher Seite wir zu gehen haben.— Ein hübſcher Weg führt durch die Gebirge 123 nach Saint⸗Saturnin, das nur eine halbe Stunde von Saint⸗Amand iſt... dann gibt es eine Haupt⸗ ſtraße nach Iſoire und Saint⸗Flour.“ „Nein, nein, keine Landſtraßen, ſagt Eduard; wir wollen Maleriſches, Abwechslung... Schreckliches ſogar!— Einen Augenblick, meine Herren, ich gehe nicht am Rand der Abgründe! Es wäre viel klüger, wir nähmen einen Führer, der uns durch das unbe⸗ kannte Land leitete.“ Der Fremde, der die letzten Worte Robineau's gehört hat, nähert ſich jetzt plötzlich den drei jungen Leuten, und ohne ſeinen Hut abzuziehen, ſagt er zu ihnen:„Wenn Sie einen Führer brauchen, meine Herren, ſo kann ich Ihnen dienen... denn ſeit acht Tagen ſchweife ich ſtets in der Gegend umher, und kenne ſie ein wenig.“. Alfred und Eduard ſind unſchlüſſig, Robineau aber, dem des Fremden Geſicht keineswegs gefällt, antwortet ſchnell:„Nein, nein, wir wollen Niemand; ich ſcherzte... wir ſind groß genug, unſern Weg ſelbſt zu finden.“ „Ganz wie's beliebt, erwidert der Unbekannte; und die Pfeife in den Mund ſteckend, entfernt er ſich vom Wirthshaus; bald verlaſſen die drei jungen Leute Clermont und ſchlagen den Weg ein, der, wie man ihnen ſagte, nach Saint⸗Amand führen ſoll. —-— —.— ſſſſſſſſſſſſſmmſſſiſniſfiſün ſnannnnemim Ang 9 10 11 12 13 14 15 1 päcin 6 17 18