Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Zweiundzwanzigſter Theil. SS Stuttgzart: Scheible, Rieger& Fattler. 1844. Bruder Jakob. Von Paul de Kock. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Derweil ein Einz'ger lebt von ſeinem Spielgewinn, Sieht tauſend Spieler man vor Hunger ſterben hiu. Der Spieler von Regnar. Vierter Theil. GA Stuttgart: Socheible, Rieger& Fattler. 1844. Erſtes Kapitel. Der Platz vor dem Juſtizpalaſt. Adeline weiß noch nicht, welche Mittel ſie anwen⸗ den wird, um bis zu ihrem Gemahl zu gelangen; ſie hat durchaus keinen Plan; ſie weiß auch nicht, welche Schritte dazu gehören, um einen Gefangenen zu ſprechen, ein einziger Gedanke nur beſchäftigt ſie, ihr Eduard iſt unglücklich, ſchmachtet im Kerker und iſtzalles Troſtes beraubt!... Ach! ſie kennt die Welt; ſie zweifelt nicht, daß diejenigen, welche ihn in ſeinem Glücke umgaben, ihn jetzt in ſeiner Noth verlaſſen haben werden!... Wer alſo ſoll die Thränen des armen Gefangenen trocknen, wenn es nicht ſeine Frau und ſein Kind ſind? Er hat ſie zwar zurückgewieſen und ſich ihren Liebkoſungen entzogen!... aber ſolch Unrecht iſt bald vergeſſen, wenn der Geliebte de Unglücke erliegt.... 1 Sansſouci hat von der Conciergerie geſprochen, dorthin alſo will ſie ihre Schritte richten. Sie glaubt, daß ihre Bitten, ihre Thränen, der Anblick ihres Kindes die Schließer rühren werden, und zweifelt nicht, den Zutritt zu ihrem Manne zu erhalten, und dieſe Hoffnung verdoppelt ihren Muth. Nachdem Adeline mit der kleinen, kaum andert⸗ 6 halbjährigen Ermance auf dem Arme, Villeneuve⸗ Saint⸗George erreicht hat, begegnet ihr einer von den ſchlechten Fiakers, deren die Pariſer ſich bedienen, um in die Umgegend der Stadt oder an ländliche Vergnügungsorte zu fahren. Für einen geringen Preis läßt ſie der Kutſcher einſteigen, und ſetzt dann ſeinen Weg nach Paris weiter fort. 3 Ein einziger Reiſender befindet ſich im Wagen, ein Greis von etwa ſiebenzig Jahren, aber von einem guten, freundlichen, Vertrauen und Achtung einflößen⸗ dem Geſicht. Sein Anzug verkündet Wohlhabenheit ohne Luxus, und ſeine Manieren, wenn gleich nicht vom feinſten Weltton, verrathen doch die Gewohnheit des geſelligen Umgangs. Adeline grüßt ihren Reiſegefährten und ſetzt ſich ſtillſchweigend neben ihn. Der alte Herr betrachtet ſie anfangs mit Aufmerkſamkeit, bald hernach aber mit Intereſſe, denn Adeline hat eine ſolch edle, rührende und einnehmende Phyſiognomie, daß es unmöglich iſt, ſie zu ſehen, ohne ihre nähere Bekanntſchaft zu wünſchen. Die kleine Ermance ſitzt auf dem Schooße der Mutter; die niedlichen und anmuthigen Bewegungen der Kleinen gefallen dem alten Herrn; er gibt ihr Bonbons und liebkost ſie. Adeline dankt ihm für ſeine Güte, lächelt dem kleinen Weſen zu, vertieft ſich aber bald wieder in ihre Gedanken. Der Reiſende bemüht ſich, eine Unterhaltung mit der jungen Dame anzuknüpfen, allein ſie ſcheint an ganz andere Sachen zu denken und ihre Antworten find ſo einſilbig, daß er befürchtet, unbeſcheiden zu N werden. Er hoört daher auf zu ſprechen, ſieht jedoch* die Traurigkeit Adelinens, hört ihre halb unterdrückten Seufzer, bemerkt, wie ihre ſchönen Augen unaufhörlich nach der Gegend von Paris gerichtet und von Thrä⸗ nen benetzt ſind; er wagt es deßhalb nicht, ihren Kummer zu zerſtreuen und beklagt ſie bloß im Stillen. Adeline findet den Weg ſehr lang. Die müden Pferde kommen nicht aus ihrem gewohnten Schritt nichts kann ſie bewegen, ſtärker zu laufen. Sie möchte manchmal ausſteigen, in der Hoffnung, zu Fuße ſchneller fortzukommen, aber ſie müßte dann ihr Kind tragen, und ihre Kräfte würden ihren Muth nicht unterſtützen. Sie bleibt alſo und tröſtet ſich damit, daß jeder Um⸗ ſchwing des Rades ſie ihrem Manne näher bringt. Der alte Herr ſieht nach der Uhr, und diesmal unterbricht Adeline das Stillſchweigen:„Mein Herr, wären Sie wohl ſo gütig, mir zu ſagen, wie viel Uhr es iſt?— Bald ein Uhr, Madame!— Sind wir noch weit von Paris?— O nein, vielleicht eine kleine Neile, in drei Viertelſtunden können wir dort ſein.— In drei Viertelſtunden! Ach, wie lange noch!— Madame haben, wie ich bemerke, einige dringende Geſchäfte in Paris?— Ja, mein Herr!.. O jal ich möchte gern bald da ſein!— Madame ſind ohne zweifel daſelbſt bekannt? Sonſt wenn ich Ihnen vielhicht dienlich ſein könnte?“ Adeline antwortet nicht; ſie hört nicht mehr auf ihren Reiſeggfährten, und iſt in Gedanken wieder mit ihrem Manne beſchäftigt. Der alte Herr hat ſeine Anerbietungen vergebens —————„y 8 gemacht, aber, weit entfernt, ſich darüber zu ärgern, wächst ſein Intereſſe für die junge Dame, die ſo großen Kummer zu haben ſcheint, nur noch weit mehr. Endlich langt man in Paris an. Der Wagen hält, Adeline ſteigt raſch aus, nimmt ihr Kind auf den Arm, bezahlt den Kutſcher, grüßt ihren Reiſe⸗ gefährten und verſchwindet aus ſeinen Blicken, ehe dieſer nur noch Zeit gehabt hat, den Fuß auf das kleine Tabouret eines Savoyarden zu ſetzen, um leichter aus dem Wagen zu kommen.„Arme jurge Frau, ſagt er, indem er nach der Seite hinblickt, von der Adeline ſich entfernt hat, wie ſie bewegt zu ſein⸗ſchien! Ol möchten keine traurige Nachrihten ſie nach Paris führen!“ Adeline läuft ſo raſch, als es nur möglcc iſt, wenn man ein Kind auf dem Arme hat. Sit fragt nach dem Wege zur Conciergerie, und eilt dann wei⸗ ter. Liebe und Beſorgniß verdoppeln ihre Schritte; endlich gelangt ſie auf einen Platz; es iſt der des Juſtizpalaſtes. 4 Der Platz iſt ſo von Menſchen überfüllt, daß man kaum gehen kann.„Und da ſoll ich hindurch, ſagt Adeline traurig; vorwärts denn, weil es kinen an⸗ dern Weg gibt, ich muß mir einen Durghgang ver⸗ ſchaffen.“ Aber warum ſind denn hier ſo viele Muſchen ver⸗ ſamitelte. Iſt es irgend eine Feſtlichkeit/ ein Volks⸗ jubel? hat vielleicht ein Charlatan ſeine Bude auf⸗ geſchlagen? ſind es Sänger, Taſchenſpielck, Jongleurs, die durch ihre Lieder, ihre Künſte die Menge angelockt 1 9 hoben? Nein, nichts von alle dem; unſer Pöbel würde ſich weniger drängen, wenn es ſich bloß um angenehme Unterhaltung handelte. Eine Exekution ſoll ſtattfinden. Unglückliche ſollen gebrandmarkt und an den Pranger geſtellt werden, und nur um ein für das menſchliche Gefühl ſo betrübendes Schauſpiel zu haben, laufen Kinder, Greiſe, junge Mädchen ſo eifrig her⸗ bei.. Ihr wundert euch darüber, lieben Leſer? vergeßt ihr, daß der Greveplatz gedrückt voll Menſchen iſt, daß die Fenſter umher an Zuſchauer vermiethet ſind, wenn irgend ein Verbrecher dort hingerichtet wird? Und wer drängt ſich am meiſten zu dieſen ab⸗ ſcheulichen Schauſpielen 2... Frauen... junge Frauen, deren Züge voll Sanftmuth und Zartgefühl ſcheinen!... Was muß da Alles im menſchlichen Herzen vorgehen können, wenn gerade bei dem ſchwächeren, furchtſa⸗ meren Geſchlecht ein ſolcher Grad von Stoicismus ſich zeigt? Laſſen wir jedoch auch den Frauen Gerechtigkeit widerfahren, welche ſolche ekelhaften Anblicke fliehen, und durch das Entſetzliche einer Exekution um ihre Sinnen kommen... Adeline gehörte zu dieſen; ſie weiß noch nicht, was auf dem Platze vorgehen ſoll, und hört nicht auf des Gekreiſch des ſie umgebenden Geſindels.„Da ſind ſie... da ſind ſie... rufen mehre Stimmen... ach! wir wollen doch ſehen, wie ſie das Geſicht verzerren werden, wenn ihnen das glühende Eiſen aufgedrückt wird.“ Adeline bemüht ſich noch immer, über den Platz zu kommen, aber es iſt unmöglich; die Menge ſtößt ſie d 10 vor⸗ und rückwärts, bis ſie endlich zufällig ganz nahe bei den Gendarmen ſteht, welche die Verurtheilten umgeben. Sie erhebt die Augen, um einen Ausweg zu ſuchen und erblickt die mit dem Siegel der Infamie gezeichneten Unglücklichen... ſie ſchlägt die Augen ſogleich wieder nieder, und möchte dem ſchrecklichen Schauſpiel entfliehen... In dieſem Augenblicke aber läßt ſich ein durchdringender Schrei hören; er kommt von einem der Elenden, die ſo eben gebrandmarkt werden. Dieſer Schrei hat auch Adelinens Ohr er⸗ reicht, ihre Sinne überwältigt, ſie hört ihn unauf⸗ hörlich, ſie hat den klagenden Ton erkannt. Ein un⸗ willkürliches Gefühl treibt ſie, ihre Augen noch ein⸗ mal auf den Verbrecher zu richten... Ein noch junger, bleicher, entſtellter Mann iſt ihr zunächſt am Schand⸗ pfahl befeſtigt... Adeline betrachtet ihn, und kann ihn nicht verkennen, die Augen des Unglücklichen be⸗ gegnen den ihrigen... Es iſt Eduard... es iſt ihr Mann, der ſo eben aus der menſchlichen Geſellſchaft geſtoßen worden iſt, es iſt der Vater ihrer Ermance, den ſie am Schandpfahl wiederfindet. Ein Schreckenslaut entſchlüpft der jungen Frau... der Unglückliche läßt ſein Haupt auf die Bruſt wieder niederſinken, und Adeline, außer ſich, ſinnverwirrt, von Schauder ergriffen, unterliegt der Heftigkeit ihres Schmerzens; ſie fällt beſinnungslos, aber ihr Kind noch krampfhaft an ſich drückend auf das Pflaſter hin. 11 Zweites Kapitel. Der gute Gerval. Die Franzoſen, beſonders die aus den niedern Volksklaſſen, haben das Gute, daß ſie ſehr leicht von einem Gefühle zum andern übergehen; nachdem ſie Zeuge einer Exekution geweſen ſind, bleiben ſie vor dem Theater eines Polichinell ſtehen; ſie lachen und weinen mit bewunderungswürdiger Leichtigkeit; und derſelbe Mann, der ſeinen Nachbar grob zurückſtößt, weil er ihn verhindert, einen Verurtheilten zum Hoch⸗ gerichte hin vorbeiführen zu ſehen, wird ſich beeilen, einem Unglücklichen beizuſtehen, den Krankheit oder irgend ein unvorhergeſehener Umſtand zu ſeinen Füßen niederwirft, und ſo vergeſſen denn auch die Frauen und jungen Mädchen, die ſich nicht weit von Adelinen befanden, ſehr bald das ſchöne Schauſpiel, das ſie gehabt, um der unglücklichen jungen Frau beizuſprin⸗ gen, die beſinnungslos auf dem Pflaſter lag. Man bringt ſie mit ihrem Kinde in ein nahes Kaffeehaus, und läßt hier der armen Mutter alle mögliche Pflege angedeihen. Ein Jedes hat ſeine Vermuthungen über dieſe Begebenheit. „Es iſt vielleicht die Hitze und das Gedränge, wovon die junge Frau unwohl geworden, ſagen Ei⸗ nige; Andere denken, und unzweifelhaft richtiger, daß das Uebel der Unbekannten zu heftig erſchienen, als daß es nur eine ſo einfache Veranlaſſung haben ſollte. Vielleicht ſagen ſie, hat die junge Frau unter den 12 Verbrechern Jemand bemerkt, den ſie früher gekannt oder gar geliebt hat.“ Während die Umſtehenden ſo ihre Betrachtungen anſtellen, iſt die kleine Ermance untröſtlich; ſie iſt noch zu jung, um ihr ganzes Unglück zu erkennen, aber ſie weint, weil ihre Mutter ſie nicht mehr küßt und herzt. Endlich gelingt es, die junge Frau wieder zu ſich zu bringen: Unglückliche Frau! iſt's aber auch eine Wohlthat, die man dir erweist?... Ein Jedes wartet ungeduldig auf ihre erſten Worte... aber Adeline wirft nur ſtiere und verwirrte Blicke umher; ſie nimmt die kleine Ermance in ihre Arme, als wolle ſie dieſelbe vor irgend einer Gefahr beſchützen, und will das Kaffeehaus verlaſſen, ohne ein Wort zu ſprechen. Dieſes ſonderbare Benehmen befremdet alle Umſtehenden.„Warum wollen Sie ſchon gehen, Ma⸗ dame? fragt eine freundliche Alte, die Adelinen zu⸗ rückzuhalten ſucht, ruhen Sie doch noch etwas aus, beſänftigen Sie Ihr Gemüth, Sie ſcheinen zu ſehr ergriffen!“ „Ach, ich muß fort... muß zu ihm, antwortet Adeline, indem ſie zugleich nach der Straße hinſieht, da iſt er... er erwartet mich... er hat mir ein Zeichen gegeben, ihn vom Platz fortzuſchaffen, ihm ſeine Ketten abzunehmen... ich höre noch ſeine Stimme... ja,... er ruft mich,... da... hören Sie es doch?... Er beklagt ſich. dieſer gellende, durchdringende Schrei!... der Unglückliche 1.. Ach! wie wehe ſie ihm thun!“ —— 13 Adeline fällt kraftlos auf eine Bank zurück; ihre Augen wenden ſich mit Abſcheu von der einen Seite weg, als wollten ſie einer Erſcheinung entfliehen, die ſie peinigt. Alle Umſtehenden können ihre Thrä⸗ nen nicht zurückhalten, denn man überzeugt ſich end⸗ lich, daß ſie den Verſtand verloren hat; Jedermann beklagt die junge Unglückliche, und möchte dazu bei⸗ tragen, ihre Seele zu beruhigen; aber vergebens be⸗ müht man ſich, ſie zu tröſten, Adeline verſteht ſie nicht, ſie erkennt nur ihre Tochter, und beſteht darauf, mit ihr zu fliehen. Was ſoll man aber thun? Wie ihre Familie aus⸗ findig machen? Wer ſind die Eltern oder Verwandten dieſer unglücklichen Frau? Ihre Kleidung kündigt eben keine glänzenden Vermögensumſtände an; das Paket, daß außer etwas Wäſche noch einige wenige Koſtbar⸗ keiten enthielt, iſt nicht mehr bei ihr gefunden wor⸗ den; wahrſcheinlich hatte irgend Jemand, der ſich den Schandpfahl, den er auch einſt zieren ſoll, be⸗ trachtete, einen günſtigen Augenblick gefunden, Ade⸗ line um ihre letzte Habe zu bringen. Sie iſt alſo ganz hülflos, und da bei vielen Menſchen Rührung und Theilnahme unfruchtbar ſind, ſo ſpricht man ſchon davon, die arme Frau ins Hoſpital, und das Kind ins Findelhaus zu bringen, als die Ankunft eines Fremden der Ausführung dieſes Vorhabens in den Weg tritt. Ein alter Mann erſcheint im Kaffeehauſe, erkun⸗ digt ſich nach der Urſache der Menſchenmenge und er⸗ fährt von allen Seiten die Begebenheit; er drängt 14 ſich durch die Neugierigen„nähert ſich Adelinen, und fährt überraſcht zuſammen, als er die junge Perſon erkennt, mit der er den Weg von Villeneuve⸗St.⸗ George nach Paris gemacht hat.„Ja, ſie iſt es,“ ruft er aus, und die kleine Ermance ſtreckt ihm lächelnd ihr Händchen entgegen, denn ſie erkennt den wieder, der ihr einige Stunden zuvor erſt noch Bon⸗ bons gegeben hatte. Der alte Herr wird jetzt eine wichtige Perſon für die Menge, welche vor Begierde brennt, die Ge⸗ ſchichte der armen Mutter kennen zu lernen, und Alle beſtürmen ihn mit Fragen; er aber, der unbe⸗ ſcheidenen Menge überläſtig, läßt einen Wagen kom⸗ men und, nachdem er vom Herrn des Kaffeehauſes über den Vorgang mit Adeline nähere Erkundigungen eingezogen hat, bewegt ſie, mit ihrem Kinde einzu⸗ ſteigen und entzieht ſie den Blicken der Neugierigen. Adeline befindet ſich in einer völligen Sinnesab⸗ ſtumpfung. Sie läßt ſich leiten, ohne ein Wort zu verlieren; ſie ſcheint von Allem, was um ſie her vorgeht, nichts gewahr zu werden, ja ſelbſt ihr Kind beſchäftigt ſie nicht mehr. Herr Gerval, dies iſt der Name des Greiſen, be⸗ trachtet die junge Frau mit inniger Rührung; er kann es ſich noch nicht vorſtellen, daß diejenige, welche er am Morgen zwar wohl traurig, aber doch noch bei völliger Beſinnung geſehen und geſprochen hatte, jetzt mit einem Male um ihren Verſtand gekommen ſein ſoll, und er verliert ſich in Vermuthungen über dieſes ſonderbare Ereigniß. 15 Der Wagen hält vor einem ſchönen, möblirten— Hotel. Hier wohnt Herr Gerval ſtets, wenn er nach Paris kommt. Man kennt ihn im Hauſe ſchon und ein Jeder begegnet ihm mit der Rückſicht und Aus⸗ zeichnung, welche ſein Alter und ſein Charakter ver⸗ dienen. Er läßt Adeline mit ihrem Töchterchen ausſteigen und führt ſie zu ſeiner Hauswirthin.—„Hier, Ma⸗ dame, ſagt er, bringe ich Ihnen eine Unglückliche, mit der Bitte, ſie bis auf weitere Anordnung bei ſich aufzunehmen.— Ach mein Gott, wie hübſch iſt dieſe junge Frau! aber welche traurigen Züge, welch finſterer Blick!... kann ſie nicht ſprechen, Herr Gerval?— Sie iſt ſehr leidend... es iſt ihr ein großes Unglück widerfahren... man ſagt ſogar, daß ihr Verſtand..— O Himmel, wie ſchade!.. — Ich hoffe, mit vieler Sorgfalt werden wir es dahin bringen, ihren Geiſt zu beruhigen; ich em⸗ pfehle Ihnen die arme Mutter und ihr Kind... Sein Sie ohne Sorge, Herr Gerval, es ſoll ihnen nichts abgehen!... Ich ſehe, es iſt abermals eine Unglückliche, der Sie ſich annehmen wollen!.— Was wollen Sie, meine liebe Wirthin, ſoll man ſich nicht nützlich machen, wenn man es kann? Ich habe keine Kinder und bin alt; was helfen mir alle meine Reichthümer, wenn ich damit nicht Unglück⸗ lichen beiſtehen wollte? Dies iſt ein Genuß für mich .. ich bin wie Florians Menſchenfreund: ich thue nur manchmal Gutes, um des Vergnügens willen.“ „» Ach, Herr Gerval, wenn alle Reichen ſo dächten! 16 — Sagen Sie doch, Madame, iſt mein alter Dupre gekommen?— Ja, mein Herr, er erwartet Sie in Ihrem Zimmer.— Ich will zu ihm gehen... Ich bitte, ſorgen Sie indeſſen für die junge Frau, daß ihr nichts mangle.— Sie können ſich auf mich ver⸗ laſſen, Herr Gerval.“ Der gute Herr geht in ſein Zimmer hinauf, wo ſein alter Diener Dupre ſchon lange ſehnlich auf ihn wartet.. „Ach, da ſind Sie ja, mein Herr, Ihr langes Ausbleiben hat mich ſchon recht beunruhigt. Iſt Ihre Reiſe glücklich geweſen? Haben Sie etwas er⸗ fahren?— Nein, mein Freund, das Haus, worin ſonſt die Familie Murville wohnte, ſteht jetzt zum Verkaufe. Man hat mir wohl geſagt, daß ein Eduard Murville mit ſeiner Frau einige Zeit da gewohnt habe, aber man weiß nicht, was aus ihnen geworden iſt. Und Du, Duprè 2...— Ich, mein Herr, weiß auch nicht mehr. Ihre alten Freunde ſind geſtorben und deren Kinder ſind Gott weiß wo. Einige Per⸗ ſonen haben mir zwar von einem Murville, ehemals Geſchäftsmann, nachher Intriguant, mit einem Wort einem Taugenichts, etwas erzählt... aber man konnte oder wollte mir nicht ſagen, wo er hingera⸗ then... Vielleicht iſt das der Jüngere der Söhne, der, welcher ſich im fünfzehnten Jahre aus dem elter⸗ lichen Hauſe davon machte... So ein Ausreißer ver⸗ ſpricht in der Regel für die Zukunft nichts Gutes... — Es thut mir leid... ich hätte gewünſcht... aber ich ſehe, ich komme zu ſpät. Meine Reiſen haben 17 mich zehn Jahre von Paris entfernt gehalten, erſt ſeit einem Jahre, nachdem ich mich von den Ge⸗ ſchäften zurückgezogen habe, bin ich dann und wann wieder hiehergekommen. Aber welche Veränderung haben zehn Jahre hervorgebracht!... Meine Freunde (es iſt wahr, ſie waren ſchon alt, als ich Paris verließ) ſind todt oder verſchwunden. Alles das be⸗ trübt mich, Dupré. Dieſe Stadt gewährt mir nur moch Erinnerungen! wir wollen wieder nach meinem Landhauſe in den Vogeſen zurückkehren. Dort will ich meine Tage beſchließen. Aber laſſen wir das jetzt; ich habe Dir Etwas mitzutheilen, meine Reiſe iſt doch nicht ganz unnütz geweſen: ich habe dadurch die Bekanntſchaft einer jungen, höchſt intereſſanten und dem Anſcheine nach ſehr unglücklichen Frau ge⸗ macht!— Bahl und wo haben Sie ſie denn ange⸗ troffen?— Wir ſind beide in demſelben Wagen nach Paris gefahren, denn trotz Deines Rathes habe ich doch in einem jener ſchlechten Cabriolets den Weg gemacht.— Ach, mein Herr, wie konnten Sie ſich ſo durchrütteln laſſen, das iſt wahrhaftig nicht Recht.. — Schon gut, ſchon gut, ich fühle mich ganz wohl, und freue mich, Deiner Meinung nicht gefolgt zu ſein, weil ich mit jener armen Frau gefahren bin, die ich nachher zufällig in der traurigſten Lage wie⸗ der angetroffen habe.“ Herr Gerval erzählt ſeinem Diener alles, was ihm begegnet iſt, und wie er die Fremde in dem Augenblicke traf, als man davon ſprach, ſie in einen Spital zu bringen, und Dupre, deſſen Herz eben ſo Paul de Kock. XXII. 2 18 gut iſt, als das ſeines Herrn, kann die Zeit nicht erwarten, die junge Frau und ihr hübſches Töchter⸗ chen zu ſehen; er folgt ſeinem Herrn in das Zimmer, welches man Adelinen gegeben hat. Eduards Gattin ſchreitet mit Lebhaftigkeit im Zim⸗ mer auf und ab, während die kleine Ermance in einem Lehnſtuhl ruht. Beim Eintritt Herrn Gervals erſchrickt ſie heftig, läuft zu ihrem Kinde und ſcheint zu fürchten, man wolle es ihr nehmen. „Erſchrecken Sie nicht, Madame, ſagt der Greis, ſich ſachte nähernd, ein Freund erſcheint bei Ihnen, der Sie tröſten will... Erzählen Sie mir Ihren Kummer, ich werde ihn mildern, ich hoffe es wenig⸗ ſtens...— Was für eine Menge umgibt mich! ruft Adeline, irre Blicke um ſich werfend. Wie viele Leute! . Warum dieſer Auflauf? Ach, ich will nicht... ich will auf dieſem Platze nicht länger bleiben... Hier ſieht man nur Unglückliche... Laſſen Sie mich fort... Aber ich kann nicht, die Grauſamen halten mich zurück... drängen mich... Ach, man muß die Augen zumachen! nicht hinſehen... da iſt er... ganz dicht bei mir...“ Sie fällt auf einen Stuhl und bedeckt das Ge⸗ ſicht mit den Händen.—„Arme Frau, ſagt Dupre, es muß ihr etwas Entſetzliches begegnet ſein... Glauben Sie nicht auch, mein Herr, daß dieſe Un⸗ glückliche dem vornehmern Stande anzugehören ſe cheint? Ighre Kleidung iſt zwar ſehr einfach... beinahe ländlich, aber trotz dem wette ich, dieſe Frau iſt keine Bäuerin.— Ei freilich, ich ſehe es ſo gut 19 wie Du, aber wie ſoll man erfahren, wer fie iſt? wenn das Kind nur ſchon beſſer ſprechen könnte... — Die Kleine wacht auf, Herr Gerval, geben Sie ihr Bonbons, wir wollen uns bemühen, Etwas aus ihr herauszubringen!“ Gerval nähert ſich der kleinen Ermance und ſpielt mit ihr; ſie erkennt ihn und kommt von ſelbſt auf ihn zu. Man gibt ihr Zuckerwerk, läßt ſie tanzen, und ſie ſtammelt den Namen Jakob hervor, denn Jakob hat ſie alle Abend auf ſeinen Knien geſchau⸗ kelt und mit ihr geſpielt. „Man könnte meinen, ſie kenne Sie, Herr Ger⸗ val, ſagt Dupre, ich glaube, ſie ſprach den Namen Jakob aus Da, hören Sie nur...— Arme Kleine... wirklich! vielleicht heißt ihr Vater ſo... wir wollen doch ſehen, ob ſie in der That dieſen Namen genannt hat... ihre Mutter kennt ihn ohne Zweifel.“ Der Greis nähert ſich Adelinen, und ruft mit lauter Stimme den Namen Jakob. Die junge Frau ſchlägt die Augen auf und wiederholt ihn ſodann... „Gut, ſie hat uns verſtanden, ſagt Dupre leiſe.“ „Sie ſuchen Jakob? fragt Adeline Herrn Gerval, ach! ich bitte, erzählen Sie ihm nichts von dem ſchrecklichen Geheimniß!... damit er ſeine Schmach nicht erfährt... Armer Jakob!... er würde vor Gram darüber ſterben... ach! verſprechen Sie mir, ihm nichts davon zu ſagen.“ Der gute Gerval verſpricht es und Dupré ſchüt⸗ telt traurig den Kopf.—„Es iſt aus, mein Herr, 20 da iſt nichts mehr zu hoffen!... aber was wollen Sie nun anfangen?— Wir wollen alle möglichen Nachforſchungen anſtellen; Du, Dupre, fährſt nach Villeneuve⸗St.⸗George und erkundigſt Dich nach allen Jakobs, die ſich im Dorfe befinden mögen: kurz, Du gibſt Dir alle Mühe, etwas zu erfahren... Kannſt Du nichts auskundſchaften, dann werde ich ſchon ſehen, wie.— Ach! ich bin überzeugt, mein lieber Herr, daß Sie die junge Frau mit ihrem armen Kinde nicht verlaſſen werden!...— Nein, Dupre, nein, das werde ich nicht. Aber es iſt ſchon ſpät, ich bin er⸗ müdet. Ich will mich niederlegen und morgen wer⸗ den wir unſere Nachforſchungen weiter fortſetzen.“ Nachdem er den Leuten im Hotel Adelinen und ihre Tochter nochmals dringend empfohlen hat, legt ſich der gute Gerval zur Ruhe. Adeline bringt die Nacht wie den Tag hin; bald lebhaft aufgeregt, unzuſammenhängende Worte aus⸗ ſtoßend, bald in tiefſter Niedergeſchlagenheit, ohne ſich darum zu bekümmern, was um ſie her vorgeht. Man bemerkt jedoch, daß der Lärm, der ſtarke Ton einer Stimme, das geringſte Geſchrei bei ihr Zittern und die heftigſten Ausbrüche des Wahnſinns veran⸗ laßt. Am andern Morgen erſcheint ein von Herrn Gerval herbeigerufener Arzt bei der Unglücklichen, aber alle ſeine Bemühungen bringen es nur dahin, daß ſie etwas ruhiger wird; er iſt der Anſicht, daß ein ruhiger Aufenthalt die ſchrecklichen Anfälle ihres Zuſtandes ſeltener machen werde. Aber er gibt nur wenig Hoffnung zu völliger Hebung ihrer Geiſtes⸗ 21 krankheit, da er die Veranlaſſung derſelben nicht 3 kennt.— Dupre geht nach Villeneuve⸗St.⸗George und fragt nach allen Jakobs des Ortes. Nur zwei Bauern die⸗ ſes Namens kann er auffinden, beide verſtehen aber nicht, was er mit der jungen Frau und ihrer Toch⸗ ter ſagen will; er kann nichts weiter in Erfahrung bringen und kehrt zu ſeinem Herrn zurück. Dieſer iſt in ſeinen Nachforſchungen gleichfalls nicht weiter gekommen; die Journale kündigen nichts an, daß eine Frau mit ihrem Kinde verſchwunden ſei, und es wird ihm nicht die entfernteſte Kunde über den Namen und die Familie ſeiner bemitleidens⸗ werthen Fremden. So vergehen zehn Tage; Adelinens Zuſtand iſt immer derſelbe; ihr Tiefſinn wird weniger durch heftige Anfälle geſtört, aber vernimmt ſie irgend einen Schrei, ſo bricht ſie in ein entſetzliches, ſchreckliches Raſen aus. Die Stimme ihres Kindes allein ver⸗ urſacht ihr niemals ein ſchmerzliches Gefühl, dieſe Töne dringen immer an das Herz der armen Mutter und wirken wohlthuend darauf. „Mein lieber Dupre, ſagt nach Verfluß der zehn Tage der alte Gerval zu ſeinem Diener, ich ſehe wohl, wir müſſen alle Hoffnung aufgeben, etwas Näheres über dieſe intereſſante Frau zu erfahren. Meiner Treu, ich habe einen Entſchluß gefaßt, ich will ſie mit mir nehmen. Du weißt, ich will mich auf meinen Landſitz in den Vogeſen zurückziehen. Dieſe einſame, von Wald und Bergen umgebene 22 Wohnung wird unſerer ſchwermüthigen Kranken am beſten zuſagen. Es iſt der Rath des Arztes, ihm wollen wir folgen. Dort wird wenigſtens nichts die Ruhe ſtören, die ihr ſo nöthig iſt. Wir werden Sorge tragen, daß kein lautes Geräuſch zu ihren Ohren dringt, und ihr Töchterchen aufziehen. Katha⸗ rine, welche die Kinder liebt, wird das Ihrige dazu beitragen und die Liebkoſungen dieſes unſchuldigen We⸗ ſens werden mich für das entſchädigen, was ich für die Mutter thue... nun, Dupré, was hältſt Du von meinem Plane 2...— Ich bin entzückt darüber, und erkenne Sie darin!... Sie widmen ſich ja ganz den Unglücklichen.— Es iſt mein Vergnügen, ich habe keine Familie, die Unglücklichen ſind meine Kin⸗ der; Du weißt, ich kam in der Hoffnung nach Paris, von einem kleinen Knaben, der mir in ſeiner Jugend theuer war und der überdies ein Recht auf meine Fürſorge hat, Nachrichten einzuziehen. Aber meiner Treu! da ich ihn nicht zu finden weiß, ſoll das kleine Mädchen ihn erſetzen. Von dieſem Augenblicke an adoptire ich es, auch um die Mutter werde ich mich fortwährend annehmen, und danke der Vorſehung, daß ſie mich zu ihrem Beſchützer auserkoren hat. Den folgenden Morgen bringt Herr Gerval ſein Vorhaben in Ausführung. Er kauft eine große und bequeme Berline, und läßt ſie mit Allem, was der jungen Frau und deren Kind auf der Reiſe erforder⸗ lich ſein können, verſehen; dann hinterläßt er der Wirthin ſeine Adreſſe, damit ſie ihm ſchreibe, wenn ſie etwas über die Unbekannte erfahren ſollte, und 23 reist mit Adelinen, Ermancen und ſeinem alten Die⸗ ner nach ſeinem ländlichen Wohnſitze ab, wo er den Reſt ſeiner Tage in Ruhe zu verleben gedenkt. Drittes Kapitel. Jakob und Sansſouci. Was denkt wohl aber Jakob von dem Verſchwinden der beiden von ihm innig geliebten Weſen, während dieſe in dem Wagen des Herrn Gervals dem Oſten Frankreichs zueilen? Um dies zu erfahren, wollen wir nach dem Pachthof zurückkehren. Als Jakob vom Felde kam und nicht ſogleich Ade⸗ line und ihre Tochter gewahr wurde, die ihm ſtets freudig entgegeneilten, ſuchte er ſeine Schwägerin überall. Unruhig darüber, daß er ſie auch nicht im gemeinſchaftlichen Wohnzimmer fand, fragte er Luiſe, ob ſie vielleicht unwohl ſei.—„Ich will es nicht hoffen, ſagte die Pächtersfrau, ich habe ſie aber den ganzen Tag noch nicht geſehen, Ihr wißt, daß ſie manchmal gern allein in ihrem Zimmer bleibt, und ich habe es darum nicht wagen wollen, ſie zu ſtören... — Ich will ſie herunterholen, ſagt Jakob, und begibt ſich raſch in Adelinens Zimmer hinauf.“ Die übrigen Hausgenoſſen fangen auch an zu be⸗ fürchten, daß Madame Murville krank geworden ſei ... Sansſouci ſchweigt, aber er iſt unruhiger als die Andern, denn er denkt an das ,„was er Adelinen anvertraut hat, und zweifelt nicht, daß ſie irgend 24 etwas im Schilde führe. Alle warten mit Ungeduld auf Jakobs Rückkehr; endlich kommt er, aber Trauer und Schmerz malen ſich in ſeinen Zügen: ſeine Augen ſind feucht, ſeine Stirne iſt düſter.—„Was iſt ge⸗ ſchehen?“ rufen ſie ihm entgegen. „Sie iſt fort, ſie hat uns verlaſſen, antwortet Jakob, mit großen Schritten im Zimmer auf und niedergehend, mit gen Himmel gerichteten Augen und krampfhaft geballten Händen.— Sie iſt fort? wie⸗ derholt betrübt die ganze Pächtersfamilie.— O! es iſt nicht möglich! ruft Guillot aus.— Da leſet... damit reicht Jakob ihm das von Adelinen hinterlaſſene Papier hin. Guillot nimmt es und betrachtet es mehre Minuten mit ſtieren Blicken.— Nun, fragt Sansſouci, ſich nähernd, was ſchreibt ſie denn?— Ich kann ja nicht leſen, antwortet Guillot, das Papier immer noch betrachtend. Sansſouci reißt es ihm endlich aus der Hand und liest den Inhalt laut vor. — Ihr ſeht wohl, ſie will nicht, daß wir ihrer Ab⸗ weſenheit wegen in Unruhe ſein ſollen, ſagt Luiſe, ſie wird bald wieder kommen, ich bin deſſen gewiß!... — O! was das betrifft, ſo ſtehe ich ebenfalls dafür, fällt Guillot ein; ſie wird uns ſicher nicht verlaſſen, ohne uns Lebewohl zu ſagen!“... Sansſouci war derſelben Anſicht und bemühte ſich, ſeinen Freund zu beruhigen.—„Aber vor allen Dingen, wo mag ſie hingegangen ſein?... warum dieſer plötzliche Entſchluß? noch geſtern ſchien ſie an⸗ keine Abreiſe zu denken! eine ſo junge, zärtliche, ſchwächliche Frau allein mit einem Kinde auf der 2 25 Landſtraße!... ſie wird krank werden!... o ſie muß irgend eine Nachricht von Paris erhalten haben... Tauſend Bajonette!.. wenn ich dahinter komme, daß man ein Geheimniß vor mir hatte!...“ Bei dieſen Worten richten ſich ſeine Blicke un⸗ willkürlich auf Sansſouci, und dieſer ſchaut vor ſich nieder, bewegt die Zunge im Munde, ſtreicht ſich den Schnurrbart, und weiß nicht, wie er ſeine Ver⸗ legenheit bemeiſtern ſoll. „Nun, Bruder Jakob, ſagte die Pächterin, dem braven Landmanne einen Sitz anbietend, bevor wir verzweifeln, wollen wir es noch abwarten, vielleicht iſt ſie morgen ſchon wieder hier.— Ja, tröſtet Guil⸗ lot, und dann wollen wir eine herrliche Mahlzeit halten und Eins vom letzten Jahrgang trinken, das Weinchen fängt an, koſtbar zu werden!...“ Sansſouci wagt es nicht, ein Wort zu ſagen, denn er fürchtet ſich zu verrathen, die Blicke ſeines Kameraden ſchnüren ihm die Kehle zu. „Ich will noch einige Tage warten, wenn ſie aber bis dahin nicht zurückkommt, ſo werde ich ſie aufſuchen und wenn ich bis ans Ende der Welt gehen müßte!..“ 4 Man geht traurig auseinander. Mehre Tage ver⸗ ſtreichen und Adeline kömmt nicht zurück. Freude, Zu⸗ friedenheit und Geſelligkeit ſind jetzt aus dem Meier⸗ hofe entflohen. Jakob vernachläſſigt ſeine Feldarbeiten, Guillot ſeine neuen Anpflanzungen, ſeine Frau die Hauswirthſchaft, Sansſouci die Pächterei und Alles iſt mißvergnügt. Keine fröhlichen Lieder, keine heitern Abende, keine luſtigen Mahlzeiten, keine munteren Geſchichten und Schlachtenerzählungen mehr. Sans⸗ ſouci verliert allmälig alle Hoffnung, er bereut es, ihr die traurigen Mittheilungen über ihren Mann gemacht zu haben und hat nicht den Muth, Jakob die Wahrheit zu geſtehen. Am achten Tage erklärte dieſer, daß er ſich auf den Weg machen werde, ſeine Schwägerin aufzuſuchen. Jetzt entſchließt ſich Sansſouci endlich zu ſprechen, er zieht ſeinen Kameraden bei Seite, rauft ſich eine Hand voll Haare aus und ſeufzet dabei tief.„Was ſollen dieſe Jeremiaden? ſagt Jakob, ſprich und mach kein dummes Zeug.— Schau, Kamerad, ich bin ein hölliſch einfältiges Thier!... ich bin ver⸗ ſtopft wie Guillots Flintenrohr! und doch habe ich alles ſo gut gemacht als ich nur konnte.— Was willſt Du damit ſagen?— Ich bin ſchuld, daß Deine theure Schweſter uns verlaſſen hat.“ „Du? Unglücklicher!— Wenn Du mir nicht verzeihſt, ſo drücke ich mir fünf Loth Blei zwiſchen die beiden Augbrauen.— Nun, ſo ſprich doch, ich beſchwöre Dich!...— Ich erfuhr, daß Dein Bruder im Gefängniſſe ſei... ich wagte es nicht, es Dir zu ſagen... auch ſeiner Frau wollte ich es verheim⸗ lichen, aber ſie drang ſo lange und inſtändig in mich... und Du weißt, daß die Weiber mit mir machen können, was ſie wollen!... beſonders ſolche, die ich verehre.. und dann dachte ich, daß ſie vielleicht ihren Mann⸗ ein bischen tröſten könnte..— Glaubſt Du denn, daß ich ein Herz von Eiſen habe? mein Bruder iſt —— 27 unglücklich, das ändert Alles, da vergeſſe ich leicht ſeinen Empfang, ich muß ihm auch Troſt bringen... — Guter Jakob.. ich dacht' es wohl!— Und doch ſchwiegſt Du, Schwachkopf, und überließeſt mich der peinlichſten Ungewißheit!... die arme Frau!... Vielleicht iſt ſie bei ihm...— Beim Kukuk! daran iſt gar nicht zu zweifeln.— In Paris ſitzt er im Gefängniß?— Ja, warte doch... in der Concier⸗ gerie.— Er wird Alles verkauft und durchgebracht haben und ſeine Gläubiger ihn in Folge deſſen haben verhaften laſſen.— Ja, ſo iſt es; man erzählte mir von einem Wechſel.— Ach! Bruder... wenn ich reich wäre! wie glücklich würde ich ſein, Dir helfen zu können!... allein das Schickſal wollte es nicht!... wenn auch, ſo muß ich Dir doch wenigſtens beweiſen, daß Du noch einen Freund haſt. Sansſouct, ich gehe nach Paris.— Und ich begleite Dich; alle Wetter, ich werde Dich nicht verlaſſen.— Es ſei, wir wollen aber hier nichts von der Verhaftung meines Bruders ſagen... die guten Leute möchten ihm am Ende auch nützen wollen, und ich kann das nicht annehmen; ſie haben ſchon zuviel für uns gethan.— Du haſt ſtets Recht, ich billige Deine Meinung; wir wollen uns bei ihnen verabſchieden und dann vorwärts!“ Jakob und Sansſouci kündigen den Landleuten ihren Entſchluß an, Adelinen aufzuſuchen; ſie ſcheiden unter den herzlichſten Umarmungen und machen ſich nach Paris auf, wo ſie ſchon am Nachmittag anlangen. „Du weißt den Weg, Sansſouci, ſagt Jakob zu ſeinem Gefährten, führe mich nach dem Gefängniß... 28 ich werde mit dem Commandanten, dem Kapitän, dem Gouverneur, kurz mit aller Welt, wenn es ſein muß, zu ſprechen verlangen; meine ehrenvolle Aus⸗ zeichnung ſoll mir diesmal als Geleitsbrief dienen. — Höre, ich weiß ſo wenig wie Du, wo das Ge⸗ fängniß iſt, aber ich will Dich zu meinem alten Freunde, dem Gefängnißaufſeher, führen; er wird uns ſchon ſagen, wie wir es anſtellen müſſen, um zu Deinem Bruder zu gelangen.— Gut alſo, wir wollen Deinen Freund aufſuchen; wenn wir ihn nur gleich finden!— Allerdings, entgegnet Sansſouci, dort ſehe ich ihn ſchon...“ Sie verdoppeln ihre Schritte und erreichen den Gefangenwärter bald; dieſer erkennt ſeinen Freund, ſchüttelt ihm die Hand und fragt ihn, was ihn nach Paris bringe.„Höre, ſagt Sansſouci zu ihm, laß uns dort auf jener Bank plaudern!.. Ich ſtelle Dir aber zuerſt meinen Kameraden, einen tapfern Soldaten, vor.— Ich ſehe Narben und ein Ordens⸗ band, die für ihn ſprechen. Kann ich euch in Etwas nützlich ſein?— Ja, eine wichtige Angelegenheit führt uns her, wir wünſchen einen Gefangenen zu ſprechen... Du erinnerſt Dich wahrſcheinlich noch des Eduards von Murville, von dem ich das letzte Mal, als ich in Paris war, mit Dir ſprach. Mein Kamerad hier iſt ſein Bruder.— Sie ſind ſein Bruder, ſagte der Wärter, Jakob mit Rührung an⸗ blickend... Ich bedaure Sie...— Ich bin nicht zu bedauern, erwidert Jakob, ſondern er, da er unglück⸗ lich iſt... denn ich will nicht hoffen, daß er eine 84 29 entehrende Handlung begangen hat?— Was wollen Sie hier machen? fragte der Wärter, ohne Jakobs Frage zu beantworten.— Ei, beim Kukuk, wir wollen meinen Bruder beſuchen; ſeine Frau iſt mit ihrem Kinde ſchon hier, ihn zu tröſten.— Keine Frau, ich kann es betheuern, iſt zu ihm gekommen; es hat nicht einmal Jemand nach ihm gefragt.— Wäre es möglich!.— Jeder Verſuch, ihn zu ſprechen, iſt jetzt vergeblich, denn er iſt nicht mehr auf der Con⸗ ciergerie...— Er iſt nicht mehr hier?2... aber wo iſt er denn?— Ganz genau kann ich es Ihnen nicht ſagen— Wie, potz Wetter! ich ſollte nicht er⸗ fahren können, wo mein Bruder iſt?— Nun, nun, mein armer Jakob, tröſte Dich nur, ſagt Sansſouci, der Kamerad iſt ſchlecht unterrichtet, wir werden uns anderwärts erkundigen.— Ich wiederhole es Ihnen, Eduard Murville iſt nicht mehr in dieſem Gefängniſſe, und hat vielleicht jetzt ſchon Paris verlaſſen. Leben Sie wohl, braver Jakob, glauben Sie mir, kehren Sie nach Ihrem Dorfe zurück, verlangen Sie nicht mehr zu wiſſen, und vergeſſen Sie einen Bruder... der Ihrer unwürdig iſt.“ Der Gefangenwärter drückte mit inniger Rührung Jakobs Hand und entfernte ſich ſodann von den beiden Freunden. Jakob bleibt unbeweglich und nachdenklich ſtehen; ſeine Stirne verfinſtert ſich und ſein Blick wird düſterer; Sansſouci ſchweigt ebenfalls; er fängt an zu fürchten, daß der Bruder ſeines Kameraden nicht bloß Schul⸗ den halber verhaftet worden iſt. Die beiden wackern 30 Männer wagen es nicht, ſich gegenſeitig ihre Ge⸗ danken mitzutheilen, und die Nacht überraſcht ſie, in ihre Betrachtungen vertieft, noch auf der Bank. „Was wollen wir nun beginnen? ſagt endlich Sansſouci, wir ſitzen hier wie ein paar verlorene Poſten; wir müſſen uns denn doch zu etwas ent⸗ ſchließen.— So laß uns Adeline und ihr Kind auf⸗ ſuchen, ſagt Jakob mit dumpfem Tone, und Eduard vergeſſen... Mir fängt es an, bange zu werden für den Unglücklichen!... Ja! wir wollen Adeline auf⸗ ſuchen; ha! für die brauchen wir nicht zu erröthen.— Ol für ſie gehe ich ins Feuer...— Unglückliche Frau, arme, kleine Ermance... wo mögen ſie jetzt ſein... Vielleicht der Schmerz, von ihrem Manne zu wiſſen, daß... ach! Sansſouci, warum haſt Du ihr das geſagt?— Sprich mir nicht mehr davon! Wahrhaftig, ich wollte, Du brauchteſt meine Zunge zur Patrone.— Ich finde keine Ruhe mehr, bis ich weiß, was aus ihr geworden iſt. Wir wollen ganz Paris durchſtreifen, uns, wenn es ſein muß, in allen Häuſern nach ihr erkundigen, und finden wir ſi ſie nicht in der Stadt, ſo durchwandern wir ganz Frankreich, alle Städte, Flecken, Dörfer und Weiler.— Ja, beim Henker, wir gehen zum Teufel, wenn es ſein muß! Aber wir finden ſie wieder, Kamerad, wir finden ſie wieder, ich ſtehe dafür.“ Jakob und ſein Gefährte kehren in einem unb deutenden Gaſthofe ein; ſowie der Tag graut, machen ſie ſich auf die Beine, durchſpähen alle Stadtviertel und fragen nach Adelinen und ihrem Kinde, aber 4 31 nirgends kann man ihnen Auskunft über dieſelbe geben. MNan ſeeht ſo viele Unglückliche in der Stadt, daß man einzelne nicht beachtet; man weißt ſie wohl hie und da nach der Wohnung einer armen Mutter, aber wenn ſie hinkommen, finden ſie niemals den Gegen⸗ ſtand ihrer Nachforſchungen. Am elften Tage ihres Aufenthaltes in Paris gehen Jakob und Sansſouci auf den Boulevards auf und ab, und zerbrechen ſich den Kopf, was wohl aus Adelinen geworden ſein kann. Plötzlich wenden ſich die Spaziergänger nach der Fahrſtraße hin und ſcheinen etwas Beſonderes zu er⸗ warten.„Was gibt's denn da? fragt Sansſouci einen neben ihm ſtehenden Taglöhner.— Es iſt, entgegnete dieſer, ein Zug Galeerenſklaven, der aus dem Bicétre kommt und nach Toulon abgeht.. Da.. ſeht... da kommt der Wagen ſchon... bald werden wir ſie ſehen...— Es iſt nicht der Mühe werth, ſich ſo zu drängen, um Schurken und Schelmen zu ſehen.— Sie bitten um ein Almoſen auf ihrem Wege...— Wenn ſie Herz im Leibe hätten, ver⸗ langten ſie todtgeſchoſſen zu werden... komm, Jakob, wir wollen nicht hier hinſtehen... dieſe Burſche können mein Mitleid nicht erregen...— Ich will bleiben, ſagt Jakob ergriffen, ich muß ſie fehen!“ Der Wagen rollt langſam einher, und Jakob, voon einem geheimen Vorgefühl angetrieben, tritt ganz nahe darauf zu, und zieht einige Sous aus der Laſche. Bald ſind die Galeerenſklaven vor ihm; ſie „ ſtrecken ihre verbrecheriſchen Hände aus und flehen — 32 die Barmherzigkeit der Vorübergehenden an. Jakob betrachtet ſie genau, und bemerkt einen, der ſeinen Leidensgefährten nicht nachahmt, ſich vielmehr den Blicken der Menge möglichſt zu entziehen ſucht; aber der Elende, mit welchem er zuſammengeſchmiedet iſt, iſt gerade einer der Frechſten, der ihn mit Heftigkeit fortzieht. Dieſe Bewegung geſtattet Jakob einen genauern Anblick der Züge des Unglücklichen... Er glaubt, ſeinen Bruder zu erkennen... kalter Schweiß tritt ihm auf die Stirne, ſeine Hand greift plötzlich unwillkürlich nach ſeinem Ordensbande, löst es ab und verbirgt es in ſeiner Bruſt. Der Wagen iſt vorüber und Jakob folgt ihm mit den Augen. Sansſouci zieht ſeinen Kameraden am Arme und ſagt:„So komm doch, was Teufels findeſt Du denn für ein Vergnügen daran, dieſe Gauner zu ſehen? Aber was haſt Du denn?2... Dein Geſicht iſt ja ganz entſtellte— Ach, Sansſouci!... ich bin verloren!... entehrt..— Du, entehrt? das iſt nicht möglich, faſſe Dich doch..— Mein Bru⸗ der!..— Nun!...“ Jakob wagt es nicht, das unſelige Wort auszu⸗ ſprechen, aber er weißt mit der Hand auf die Ga⸗ leerenſträflinge, die man noch in der Entfernung erblickt. Das kann er nicht ſein, Freund, Du haſt Dich geirrt.— Ach, wenn es des Himmels Wille wäre!... aber nein, es war kein Irrthum! und die Reden des guten Gefängnißwärters... ſein bedeu⸗ tungsvoller Blick, als er mir die Hand drückte... Ach! es iſt kein Zweifel, nun errathe ich Alles..— 33 Und wenn ſogar Dein Bruder ein Elender wäre, iſt es denn Deine Schuld? haſt Du Dich darum weniger für's Vaterland geſchlagen? haſt Du darum weniger gegen die Feinde geſtritten... und Deine Stirne, Deine Bruſt, haben ſie keine Narben mehr? Tauſend Millionen Granaten! wer würde ſich an Deiner Bekanntſchaft ſchämen?.. ich würde ihm meine alte Klinge zehn Zoll weit in den Nabel ſtoßen...— Ach! mein Freund, mein ehrlicher Name iſt geſchän⸗ det... O! Vater... wenn Du das erführeſt!— Dein Vater iſt todt, aber lebte er noch, ſo würde Dein Ruhm ihn über Deines Bruders Schande tröſten. — Nein, Sansſouci, über ſolches Unglück kann man ſich nicht tröſten. Mir bleibt nur ein Ausweg übrig; jene Elenden einzuholen, mich demjenigen zu nähern, den ich nicht mehr meinen Bruder nennen kann, ihm eine Kugel durch den Kopf zu jagen, und mir ſelbſt es nachher ebenſo zu machen.— Das iſt ein ſauberer Ausweg!.. Du wirſt ihn aber nicht einſchlagen. Du wirſt Dich erinnern, daß Du noch eine Schweſter haſt, denn die gute Adeline liebt Dich wie eine Schweſter; Du wirſt der kleinen Ermance gedenken, die Du ſo oft auf Deinem Schooße geſchaukelt; Du wirſt dieſe Unglücklichen nicht ihres einzigen noch bleibenden Freundes berauben; Du wirſt Deinen Kummer vergeſſen, um den ihrigen zu lindern; und in ihrer Nähe wirſt Du fühlen, daß Du noch nicht Alles verloren haſt... denn wir werden ſie wieder⸗ finden, und müſſen wir ſie in allen Winkeln der Welt aufſuchen... wer weiß, ob ſie nicht vielleicht Paul de Kock. XXII. 3 34 jetzt ſchon auf dem Pachthofe ſind... oder in irgend einer armſeligen Hütte, wo ſie unſerer Hülfe bedür⸗ fen!... und Du wollteſt dieſe Welt verlaſſen, wäh⸗ rend Unglückliche noch auf Dich zählen? Nein, beim Wetter! das thuſt Du nicht.. Du gibſt nach... Du biſt gerührt. Nun, Muth! Jakob, in der Trübſal, wie im Feuer... und vorwärts!“ Jakob läßt ſich von ſeinem Kameraden fortziehen, und dieſer benützt ſeine Stimmung, um mit ihm eine Stadt zu verlaſſen, wo keine Hoffnung mehr iſt, Adelinen aufzufinden. Sie ſchlagen ihren Weg nach dem Pachthofe ein, und ſchmeicheln ſich, hier die junge Flüchtige wieder anzutreffen. Aber auch dieſe letzte Hoffnung iſt bald zerſtört; die Niedergeſchlagenheit der Landleute ſagt ihnen ge⸗ nug. Jakob will ſogleich wieder fort, um aufs Neue Adeline und ihr Kind aufzuſuchen, nur mit Mühe kann man ihn bewegen, eine Nacht im Pächtershauſe zuzubringen. Man bemerkt, daß Bruder Jakob nach der Pariſer Reiſe noch trauriger iſt, aber die Land⸗ leute ſchreiben dieſe Schwermuth dem geringen Er⸗ folge ſeiner bisherigen Bemühungen zu. Sansſoueci trifft alle Vorbereitungen zu einer wahr⸗ ſcheinlich lang dauernden Reiſe. Luiſe iſt über die Trennung von ihrem Vetter ſehr betrübt, aber ſie fühlt wohl, daß er ſeinen Freund nicht verlaſſen darf. Sie ſteckt in den Reiſeſack eines Jeden eine gefüllte Börſe. Obgleich nur der Lohn für ihre thä⸗ tigen Dienſte darin enthalten iſt, ſo wagt ſie es doch nicht, ſie ihnen offen anzubieten, und hält dieſes Ver⸗ 3⁵ fahren für das beſte, um einer Verweigerung ihres Geſchenkes zu entgehen. Gute Menſchen haben im⸗ mer Geiſt und Geſchicklichkeit, wenn es ſich darum handelt, gegen Andere verbindlich zu ſein. Sobald der Morgen graut, iſt Jakob auf den Beinen; Sansſouci läßt auch nicht auf ſich warten. Mit dem Reiſebündel auf dem Rücken und einem tüchtigen Stock in der Hand, tritt er vor ſeinen Freund und ſagt:„Wenn Du willſt, ſo laß uns gehen.“ Die beiden Freunde verlaſſen das Haus. Die Pächtersfamilie ſagt ihnen weinend Lebewohl. Die Kinder, lange daran gewöhnt, mit Jakobs Bart zu ſpielen, und mit Sansſouci ſich auf dem Graſe her⸗ umzuwälzen, hängen ſich an ſie und wollen ſie nicht von ſich laſſen. Luiſe bedeckt ihr Angeſicht mit ihrer Schürze, und ihr Schluchzen ſagt mehr als ihre Worte. Auch Gulllot iſt eben ſo betrübt wie die Andern:„So muß ich nun ganz allein bei meiner Alten bleiben, ſagt er, wie wird mir da die Zeit ſo lang werden! Hier, Freund Jakob, erlaubt, daß ich Euch noch ein kleines Geſchenk auf die Reiſe gebe, wer weiß, ob es Euch nicht nützlich ſein kann.“ Mit dieſen Worten überreichte er ihm ein Paar Piſtolen. „Ich habe ſie letzthin gelegenheitlich im Dorfe einem alten Soldaten abgekauft; ich hatte im Sinne, ſie Euch an Eurem Namenstage zu ſchenken, aber da Ihr nun abreist, ſo könnt Ihr ſie lieber gleich mitnehmen.“ Jakob dankt dem ehrlichen Pächter und nimmt 36 deſſen Geſchenk willig an. Nachdem er Alle geküßt hat, entfernt er ſich mit Sansſouci und ſchwört, ohne Adeline nicht wieder nach dem Pachthof zu kom⸗ men und nicht eher zu raſten, als bis er ſie gefun⸗ den habe. Viertes Kapitel. Die Galeeren⸗Sklaven. Jakob hatte ſich nicht getäuſcht, als er ſeinen Bruder unter den Galeerenſklaven zu erkennen glaubte. Der unglückliche Eduard mußte die Strafe des Ver⸗ brechens erdulden, wozu er ſich hatte hinreißen laſ⸗ ſen. Er wurde zu Brandmarkung, Ausſtellung am Pranger und zwanzig Jahre Zwangsarbeit verurtheilt. Lampin, der ſchon mehre Male ſeinen Richtern entgangen und früher wegen Diebſtahl verfolgt wor⸗ den war, wurde lebenslänglich zu den Galeeren ver⸗ urtheilt. Vergebens hatte er Eduard beredet, Alles zu läugnen; er war zu ſchwach dazu, geſtand bald ſein Verbrechen und lieferte ſich ſeinen Richtern in die Hände. Der Elende hatte ſeine Frau und ſein Kind er⸗ kannt, im Augenblick, als das ſchmachvolle Eiſen ihn berührte. Er hatte Adeline ſterbend vor ſich nieder⸗ ſtürzen ſehen, und dieſes herzzerreißende Bild ſtand lange unauslöſchlich vor ſeiner Seele. Der Gedanke an eine Frau, die ihn anbetet, und deren Unglück er ereitet hat, an ein Kind, das er zur Schande ver⸗ dammt, einſt nur mit Schaudern den Namen ſeines „ —/ — x 37 Vaters nennen zu hören, und die Erinnerung an das früher genoſſene häusliche Glück, Alles beſtürmt den Unglücklichen und läßt ihn das Gräßliche ſeines Zuſtandes noch viel herber empfinden. Gewiſſensbiſſe zernagen das Herz Eduards, und bewegen ihn, ſo viel als möglich die Gegenwart der übrigen Gefangenen zu meiden, die ihn nur ſeines Grames und ſeiner Feigheit wegen verhöhnen. Hun⸗ dert Mal faßt er den Entſchluß, ſeinem Leben ein Ende zu machen, aber mit Zittern und Zagen ſteht er wieder von dieſem Vorhaben ab. In dieſer Ge⸗ müthsſtimmung legt er, ohne ſeinen Bruder in Paris gewahrt zu haben, den Weg von Bicetre nach Tou⸗ lon zurück. Lampin iſt ſtets derſelbe; ſelbſt im Bagno zu Tou⸗ lon bewährt er ſeinen Leichtſinn und ſeine Sorgloſigkeit; Schande iſt für ihn nur ein leeres Wort, und er gibt ſich täglich Mühe, Eduard, wie er ſagt, von ſeinen Vorurtheilen zu heilen. In der Geſellſchaft von Galeerenſklaven kann der reumüthige Verbrecher keine wohlthätigen Grundſätze faſſen. Da gibt es deren zu viele, die, durch Ver⸗ brechen abgehärtet, ſich ein Vergnügen daraus machen, einen von Gewiſſensbiſſen gedrückten Sünder, den eine aufrichtige Reue wieder zu einem tugendhaften Leben zurückführen könnte, vollends zu verderben. Adelinens und ſeiner Tochter Bild verſchwinden ach und nach aus Eduards Gedächtniß, und er be⸗ ſchäftigt ſich nun mit den Planen, womit ſeine Ge⸗ 2 fährten ihn täglich unterhalten. Er verſcheucht die 38 Gewiſſensbiſſe, die, wie man ihm zu beweiſen ſucht, fruchtlos ſind, und denkt mit den übrigen an einen Entweichungsverſuch. Nach Ablauf von ſechs Mo⸗ naten iſt ſein Lebensüberdruß von dem glühenden Durſt nach Freiheit vollkommen verdrängt. Ein kühner Plan iſt entworfen. Selbſt auf den Galeeren finden die Gefangenen Gelegenheit, mit den⸗ jenigen ihrer Freunde, die bisweilen eine größere Freiheit genießen, in nähern Verkehr zu treten, und dieſe wagen Alles zur Rettung und Befreiung ihrer Genoſſen, weil ſie bei der erſten beſten Gelegenheit eine ähnliche Hülfe ihn Anſpruch nehmen. Lampin leitete die Ausführung des Complots. Gezwungen, nüchtern zu ſein, ſteht ihm ſeine ganze Geiſtesgegenwart zu Gebot. Ein gewonnener Wäch⸗ ter läßt die Thüren offen. Die Sträflinge, mit Fei⸗ len verſehen, haben ihre Ketten gelöst, mitten in der Nacht verſammeln ſie ſich auf ein gegebenes Zeichen, erſchlagen drei Wachen und dringen in einen Hof, deſſen Mauern von Leuten ſolcher Art leicht zu überſteigen ſind. Lampin klettert zuerſt hinauf; Eduard folgt ihm, indem er ſich an der Kette feſthält, die immer noch an den Füßen hängt; ſchon haben mehre Galeerenſklaven die Mauer erklommen, und ſich in den auf der entgegengeſetzten Seite befindlichen Gra⸗ ben geſtürzt, als ſich plötzlich Flintenſchüſſe verneh⸗ men laſſen; der Allarm wird allgemein, die Garniſon tritt unter die Waffen, Soldaten eilen herbei und ſchießen auf die Entfliehenden. Mehre ſtürzen todt nieder, Andere ergeben ſich, der Aufſtand iſt bald ——— — 39 bewältigt, aber man hatte noch keine Zeit, ſich zu überzeugen, wie viele der Gefangenen ſich davon ge⸗ macht haben. Lampin und Eduard haben den Waffenlärm ge⸗ hört. Es gelingt ihnen, aus dem Graben zu ent⸗ kommen; aber wohin ſich nun wenden, wie ſchnell genug fliehen? Schon bewegen ſich die Truppen durch die Stadt und den Hafen... bald werden ſie ihnen in die Hände fallen. Eduard iſt in Verzweiflung und Lampin zerbricht ſich den Kopf mit dem Schwure, daß er ſich nicht lebendig ergebe. Auf einmal hören ſie Pferdegeklingel; gleich darauf fährt ein hoher, mit Gemüſe beladener, von einem jungen Landmann geführter Wagen an ihnen vorüber. Der Bauer ſitzt ſchlafend vorne auf dem Wagen und die Zügel hän⸗ gen nachläſſig über den Rücken des Pferdes, das langſamen Schrittes den gewohnten Weg verfolgt. „Mach's mir nach! ruft Lampin, dem Wagen nachrennend, und wir ſind gerettet. Sogleich ſteigt er von hinten hinauf, macht eine große Höhlung in den Kohl, die Möhren und Wurzeln, und gräbt ſich kaum athemholend mit Eduard hinein. Der Bauer wendet ſich um, reibt ſich die Augen aus, ſieht aber noch balb ſchlaftrunken noch nichts und will von Neuem zu ſchnarchen anfangen, als Soldaten auf ihn zu⸗ kommen.—„Iſt Dir Niemand begegnet, Freund? fragt der Sergeant den Landmann.— Meiner Treu, nein, Niemand, meine Herren, als Eſel, Karren und Leute aus dem Dorfe.— Sieh Dich vor, es ſind Galeerenſträflinge entſprungen; wenn Du einen 40 ſiehſt, ſo rufe nach Hülfe und gib genau Acht, wel⸗ chen Weg ſie einſchlagen.“ Die Soldaten gehen weiter. Der Bauer legt ſich wieder auf die Seite und brummt:„Ja, das thäte mir noch Noth, ein ſchönes Vergnügen, Dieben aufzupaſſen! da träume ich lieber von meiner dicken Nannette!.. Uebrigens fürchte ich mich nicht... ſolche Leute ſcheeren ſich nicht um Kohl und Rüben.“ „Wir find gerettet, ſagt Eduard leiſe zu ſeinem Begleiter.— Noch nicht, entgegnet Lampin. Der Bauer bringt ſeine Gemüſe nach dem Markte, und wenn er uns entdeckt, wird er uns nicht für zwei Bündel Zwiebeln halten.— Was iſt nun aber zu beginnen!— Ei, beim Kukuk! wir müſſen quer⸗ feldein laufen; wir wollen nur warten, bis er wie⸗ der tüchtig ſchnarcht, und das wird nicht lange an⸗ ſtehen, weil er an ſeine dicke Nannette denkt.“ Wirklich dauert es nicht lange, und der Bauer ſchläft wieder feſt. Lampin ſtreckt jetzt den einen Arm hervor, greift nach dem Zügel, und wendet den Wagen um. Das Pferd kennt nur zwei Wege, den nach dem Markt und den zum Stalle. Da es ſo mit einem Male umkehren muß, glaubt es, es geht wieder nach Hauſe, und verfolgt ohne Sträuben den Weg ins Dorf zurück. „Endlich ſind wir gerettet! ruft Eduard, indem er behutſam den Kopf aus dem Kohle hervorſteckt, und rings um ſich her nur Bäume und Felder, aber keine Häuſer erblickt.— Du hältſt Dich immer für gerettet, Dummkopf, ſagt Lampin, und doch ſind 41 wir noch keineswegs außer Gefahr... wir ſind ja noch dicht bei Toulon. Der Bauer bringt uns in ſein Dorf, und da werden wir von Neuem gezwickt. — Wir müſſen vom Wagen ſteigen und uns zu ver⸗ bergen ſuchen.— Das iſt bald geſagt... uns zu verbergen!... aber wo denn? auf den Bäumen wie die Spatzen? 1.. vor allen Dingen ſollten wir weiterkommen; mit dieſen Ketten an den Füßen wird es jedoch nicht leicht gehen..— Die feilen wir ab..— Haben wir Zeit dazu?— Jetzt friſch einen Hauptſtreich... wir ſind in einem Hohlweg... ich ſehe nirgends ein Haus.. ſchnell herunter.— Und dann?— Steig ab, ſah' ich Dir, und halte das Pferd ſachte an... während deſſen will ich un⸗ ſern Fuhrmann durchſuchen.“ Eduard ſteigt vom Karren. Lampin hält die Zü⸗ gel an und das Pferd bleibt ſtehen.„Wir müſſen es ausſpannen und auf und davon reiten, ſagt Lam⸗ pin, geſchwind aber.“ Damit unterſucht er die Taſchen des Landmanns und bemächtigt ſich eines Meſſers und einiger Silber⸗ ſtücke. Eduard kann mit dem Abſpannen nicht fertig werden und erſucht Lampin, ihm dabei behülflich zu ſein. Dieſer ſcheint aber, während er die Kleidung des Bauern betrachtet, einen neuen Plan auszuden⸗ ken:„Ich habe Angſt, daß er aufwacht, ſagt Eduard. — Wenn er aufwacht, iſt er ein Kind des Todes, erwidert Lampin, ſpringt eilends herunter und löst die Riemen und Seile, welche das Pferd noch an dem Wagen halten. Aber der Bauer iſt dergeſtalt 42 an die Bewegung des Karrens gewöhnt, daß er, ſo⸗ bald dieſer einige Augenblicke ſteht, aufwacht.— „Hio! Hio! ſchreit er, ſich die Augen reibend.— Wir ſind verloren,“ jammert Eduard halblaut. Lam⸗ pin antwortet nicht, ſondern ſpringt raſch auf den Wagen zu, und im Augenblick, wo ſich der unglück⸗ liche Landmann erheben will, ſtößt er ihm das Meſſer in die Bruſt. Der Bauer ſtößt nur einen ſchwachen Schrei aus. Eduard iſt von Entſetzen ergriffen.„Unglücklicher! was haſt Du gethan! ruft er ſchaudernd aus.— Was nothwendig war, antwortete Lampin. Schade iſt nur, daß ich ſeine Kleider nicht mehr brauchen kann, weil ſie mit Blut bedeckt ſind... ich muß mich mit dem Hute und mit der Blouſe begnügen.“ Mit dieſen Worten entkleidet der Böſewicht ſein Opfer, wirft ſich das Ueberhemd um, ſteigt haſtig aufs Pferd, wendet ſich zu dem noch ganz verblüfft da⸗ ſtehenden Eduard und ſpricht:„Jetzt, mein Junge, hilf Dir aus der Geſchichte heraus, ſo gut Du kannſt.“ Nun gibt er ſeinem Pferde einen Stich mit der Me⸗ ſerſpitze und verſchwindet, indem er Eduard an der Seite des Gemordeten zurückläßt. Fünftes Kapitel. Der Holzhacker und die Näuber. Die Nacht geht vorüber. Eduard ganz beſtürzt über Lampins Flucht und völlig außer Faſſung über ſ — 43 Alles, was ihm ſeit einigen Stunden begegnet iſt, ſteht noch neben dem Wagen, ohne zu wiſſen, was er anfangen ſoll. 2 Der unglückliche Bauer athmet noch und ſtöhnt bisweilen ſchwach. Edugrd weiß nicht, ſoll er ihm beiſtehen oder entfliehen. Er ſchwankt, zögert hin und her, und der erſte Morgenſtrahl findet ihn noch in dieſem Zuſtande. Er wirft einen Blick auf ſeinen Anzug und erſchrickt, ſich in der Kleidung eines Ga⸗ leerenſträflings zu ſehen, in welcher er ſicher für den Mörder des Bauern gehalten worden wäre; dieſer Gedanke erſtarrt ihn zu Eis; der Anblick des Fuhr⸗ manns erregt ſeinen Abſcheu, er entfernt ſich daher ſo ſchnell als es ſeine Kräfte geſtatten, und erreicht ein kleines Wäldchen, wo er ſich den Nachſuchungen zu entziehen hofft. Seine erſte Sorge iſt, die Ketten zu durchfeilen und von ſich wegzuwerfen; aber der Kleidung kann er ſich nicht ebenſo entledigen, und ſieht wohl ein, daß er ſich nicht blicken laſſen darf, wenn er nicht feſtgenommen ſein will. Dieſe Betrachtung bringt ihn zur Verzweiflung, und er bereut einen Augenblick, den unglücklichen Bauer nicht gänzlich ausgezogen und geplündert zu haben. Es iſt heller Tag geworden; die Landleute gehen an ihre Arbeit. Eduard dringt immer tiefer in das Gehölz ein, liest Feigen und Oliven auf, und klet⸗ tert auf einen Baum, um hier die Rückkehr der Dunkelheit abzuwarten. 44 Aber wie lang wird ihm der Tag! und wie oft fährt er nicht mit Zittern zuſammen, wenn er Land⸗ leute ſich nähern, und nicht weit von dem Baume ausruhen ſieht, der ihn verbirgt. Er hört, wie ſie ſich von dem Morde des armen Fuhrmanns unter⸗ halten.„Ein entflohener Galeerenſträfling hat es gethan, erzählen ſie ſich gegenſeitig; es ſind mehre in verwichener Nacht aus dem Bagno in Toulon ent⸗ ſprungen, allein man iſt ihnen auf der Spur und ſie werden gewiß bald wieder ergriffen werden.“ Eduard iſt nur zu ſehr von den Schwierigkeiten überzeugt, die ſich ſeiner Rettung entgegenſetzen, und überläßt ſich völliger Troſtloſigkeit. Endlich wird es wieder Nacht; er ſteigt von ſeinem ſchützenden Baum herab, und macht ſich auf den Weg. Bei dem leiſe⸗ ſten Geräuſch, welches zu ſeinem Ohre dringt, ſteht er ſtill, horcht und verbirgt ſich im nächſten Ge⸗ büſch. Geſicht und Hände ſind ihm von den Dornen und Stacheln zerfleiſcht, aber er kennt keinen Schmerz mehr; er möchte ſich in die Eingeweide der Erde begraben. Er läuft ſo lange es ſeine Kräfte geſtatten, ſam⸗ melt ſich ſorgfältig Früchte auf den nächſten Tag, verweilt nur an den ödeſten Orten, und bringt die Tage in den belaubteſten Baumgipfeln zu. Gegen Abend des vierten Tages kommt er an einem kleinen, von einem Gärtchen umgebenen Häus⸗ chen vorüber, er wirft einen Blick hinein, in der Hoffnung, einige Früchte zu entdecken, aber wie groß iſt ſeine Freude, als er Wäſche und Kleidungsſtücke 4⁵ an einem Seile hängen ſieht! Der Gedanke, ſich dieſelben anzueignen, um ſeinen Galeerenanzug ab⸗ werfen zu können, fährt ihm durch den Kopf; ein Diebſtahl erſchreckt ihn nicht mehr, er entſchuldigt ihn mit der Nothwendigkeit. Nur eine halbverfallene vier Fuß hohe Mauer trennt ihn von den koſtbaren Kleidungsſtücken, zum erſten Male denkt er an keine Gefahr, er ſpringt hinüber, ergreift, was ihm nöthig und entflieht damit, ohne auch den geringſten Ge⸗ wiſſensbiß über dieſen Diebſtahl zu empfinden; denn die That, die er begangen hat, erſcheint ihm nur als eine Kleinigkeit, gegen alles dasjenige, was er ſchon hat verüben ſehen. In einem dichten Gebüſch wechſelt er die Kleider. Etwas beruhigter durch den Gedanken, daß er jetzt ſchon weit von Toulon entfernt ſein müſſe, ſetzt er, entſchloſſen zur Nacht die Gaſtfreundſchaft irgend eines Bauern anzuſprechen, ſeinen Weg weiter fort. Er hofft, man werde ihm doch wenigſtens ein Stück Brod nicht verweigern, und das ſcheint ihm ein Schatz, wodurch er zu neuen Kräften gelangen könne. Indeſſen wagt er es doch noch nicht, ſich einem Dorfe zu nahen, da er fürchtet, Gendarmen darin zu begeg⸗ nen, die ihn verfolgen, daher zieht er es vor, an die Thüre einer einſam im Walde liegenden Hütte zu klopfen. Ein Landmann macht ihm auf und fragt, was er begehre.—„Ihr könnt viel für mich thun, ent⸗ gegnet Eduard; in bin ein Unglücklicher, von Man⸗ gel und Müdigkeit erſchöpft; erlaubt mir, die Nacht 7 46 bei Euch zuzubringen, Ihr rettet mir das Leben. — In der That, ſagt der Landmann, Ihr ſcheint ſehr ermüdet... ſehr leidend! aber wer ſeid Ihr? man will doch wiſſen, wen man bei ſich aufnimmt. — Ich bin ein armer Deſerteur... ich vertraue mich Euch an, ruinirt mich nicht!...— Ein De⸗ ſerteur... Teufel... das Deſertiren iſt eine ſchlimme Sache! aber ich werde Euch nicht ins Unglück ſtür⸗ zen... kommt alſo nur herein und erzählt mir dann, warum Ihr deſertirt ſeid.“ Eduard tritt ein, und empfindet eine innige Freude, ſich einmal wieder unter Dach und Fach zu ſehen. „Nun, ſagt der Bauer, ich werde Euch die Hälfte von dem geben, was ich habe, das iſt eben nichts Gutes, allein Ihr werdet Euch nicht lange ſträuben, es anzunehmen... ich bin ein armer Holz⸗ hauer, habe nicht viel, lebe von der Hand in den Mund, es freut mich aber dennoch, wenn ich mein bischen Abendbrod und mein Nachtlager mit Euch theilen kann. Ich habe Brod, Käſe und ein Reſtchen Wein, welches wir mit einander ausleeren wollen; auch mein Bett iſt nicht ganz ſchlecht, das beſte Mö⸗ bel, welches ich im Hauſe habe, ich wette, Ihr ſchlaft prächtig darin!... Wohlan, Freund, erzählt mir Eure Geſchichte; ich habe auch unter dem Mi⸗ litär gedient, ja, ich war auch Soldat, und kann mir ſchmeicheln, nicht deſertirt zu ſein. Ich möchte erfahren, was Euch zu einem ſchlechten Entſchluſſe bewogen hat.“ Eduard erfindet eine Geſchichte; der Holzhacker 47 hört aufmerkſam zu. Die Sonderbarkeit dieſer Er⸗ zählung, die Unwahrſcheinlichkeit ſeiner Abenteuer, die Verlegenheit Eduards, wenn ihn ſein Wirth um nähere Details über ſein Regiment und ſeinen Gar⸗ niſonsort befragt, Alles das erweckt Argwohn in die⸗ ſem, und er fürchtet mehr und mehr, von irgend einem Landſtreicher angeführt worden zu ſein. Da er indeſſen nichts beſitzt, was die Habgier reizen könnte, ſo theilt er dennoch ſein Abendbrod mit Eduard; dann fordert er ihn auf, ſich auszu⸗ ziehen und niederzulegen. Eduard läßt ſich das nicht zweimal ſagen, ſchon zieht er ſeine Jacke aus und will auch die Weſte ablegen, als ein plötzlicher Ge⸗ danke ihn davon abhält, und er wie verblüfft vor dem Holzhacker ſtehen bleibt. „Eil wollt Ihr Euch nicht zu Bette legen? fragt der Bauer, als er die Beſtürzung Eduards wahr⸗ nimmt.— Doch, erlaubt... ich werde mich ſogleich niederlegen...— Es ſchien doch, als wolltet Ihr Euch ſchon auskleiden, und jetzt ſteht Ihr da, als ob Ihr nicht wüßtet, was Ihr machen ſollt?..— Ach! weil ich überlegte, ob es nicht beſſer ſei, an⸗ gekleidet zu bleiben, um morgen früh gleich wieder reiſeferzig zu ſein.— Wie Ihr wollt, nach Gefallen.“ Eduard wirft ſich aufs Bett, und der Holzhacker macht es eben ſo, jedoch nicht in der Abſicht, zu ſchlafen; eine geheime Unruhe quält ihn, er fürchtet einem Verbrecher Obdach gegeben zu haben und be⸗ finnt ſich, wie er ſeine Zweifel aufklären könne. Der Elende, den die Müdigkeit beinahe niederdrückte, ₰ 48 und welcher lange nicht auf einem ſo weichen Lager geruht hatte, überließ ſich bald dem Schlafe. Der Holzhacker, der ſich nur geſtellt, als ob er ſchliefe, ſteht, nachdem er ſich überzeugt hat, daß der Fremde feſt ſchläft, ſachte wieder auf, geht in eine kleine Küche hinaus und ſchlägt Feuer; dann zündet er eine Lampe an, nimmt ſeine Flinte und kehrt ohne Ge⸗ räuſch wieder ins Zimmer zu Eduard zurück. Der Schlaf des Unglücklichen war peinlich und unruhig; er bewegt ſich unaufhörlich, wirft ſich heftig auf ſeinem Lager umher, und unzuſammenhängende Worte entſchlüpfen ſeinen Lippen; der Holzhacker horcht und vernimmt deutlich folgende Worte:„Auf der Land⸗ ſtraße... mitten in der Nacht... er iſt ermordet . nehmt mir dieſe Feſſeln ab... befreit mich von dieſen Ketten... ſie hindern mich zu fliehen.“ „Ermordet! wiederholt der Landmann leiſe... alſo habe ich einen Straßenräuber aufgenommen, und dieſer Schuft ſchläft in dem Bette eines ehrlichen Mannes.. Wer weiß, ob er nicht ſeiner ganzen Bande hier bei mir ein Stelldichein gegeben hat 2... Man ſagt ohnehin, daß ſich ſeit einiger Zeit Räuber in dieſer Gegend herumtreiben ſollen. Vielleicht woll⸗ ten ſie ſich meiner Hütte bemächtigen, um ſich einen Schlupfwinkel daraus zu machen... Teufel, wenn ich das wüßte, ſo ſuchte ich mir dieſen vom Leibe zu ſchaffen, da er noch allein iſt... Doch halt, erſt wollen wir uns von etwas überzeugen...“ Der Holzhacker nähert ſich Eduard, ſchneidet vorſichtig den Rücken der Weſte des unglücklichen Galeerenſklaven 49 F auf, entblößt ſeine Schulter, holt die Lampe herbei, hält die Hand vor das Licht, damit der Strahl nicht auf die Augen des Fremdlings falle... ſtreckt, den Athem an ſich haltend, den Kopf vor... und er⸗ blickt ſchaudernd das fatale Brandmahl. „So habe ich mich alſo nicht geirrt, ſagt er, die Lampe wieder auf den Kamin ſtellend, und ſein Ge⸗ wehr ladend. Es iſt ein Verbrecher... aber bei allen Teufeln, er ſoll nicht länger bei mir bleiben! ... und ſollte ich mich auch größern Gefahren aus⸗ ſetzen, dieſen Schurken jage ich aus meiner Hütte.“ Sogleich tritt er aufs Bett zu und verſetzt Eduard mit ſeinem Flintenkolben einen derben Stoß; dieſer erwacht, richtet ſich auf und ſieht mit Schrecken, wie ſein Wirth auf ihn zielt und wüthende Blicke nach ihm wirft. „Auf der Stelle mach', daß Du fortkommſt, ſchreit ihm der Holzhacker, das Gewehr immer auf ihn ge⸗ richtet, zu; plötzlich pack Dich fort, und unterſtehe Dich nicht, wieder zu kommen, oder ich zerſchmettere Dir das Gehirn.“ „Was habt Ihr denn?... woher dieſe Wuth? fragt Eduard, ſtaunend um ſich blickend. Bin ich denn nicht mehr in der Hütte, wo man mich gaſt⸗ lich aufgenommen? Ihr ſeid es doch, der mit einem Unglücklichen ſeine Mahlzeit und ſein Lager theilte, und jetzt wollt Ihr mich fortjagen... Was habe ich denn gethan, um ſolche Behandlung zu verdienen?— Du weißt wohl, Elender! geh' zu Deinen Kameraden auf der Landſtraße, plündere und morde die Reiſenden, Paul de Kock. XXII. 4 50 bei mir aber findeſt Du nichts.— Freund, Ihr irrt= Euch, ich ſchwöre es Euch, ich bin einer ſchlechten That unfähig!..— Wahrhaftig, Du biſt wohl gar ein rechtſchaffener Mann?.. und das Brand⸗ mahl auf Deiner Schulter haſt Du etwa für Ruhm und Ehre erhalten?“ 5 „Großer Gott!... ruft Eduard aus, indem er nach ſeiner Weſte greift und bemerkt, daß ſie aufge⸗ ſchnitten iſt. Wie!. Ihr habt es gewagt?— Ich habe wiſſen wollen, wer Du biſt.. Dein Be⸗ tragen hat mich mißtrauiſch gemacht, ich mußte im Klaren über Dich ſein. Du ſiehſt, Deine Reden, Deine Geſchichten können mich nicht mehr irre ma⸗ chen; alſo noch einmal, ſcheer Dich weiter, ein Menſch wie Du darf nicht unter meinem Dache weilen.“ „Ich Unglücklicher! ruft Eduard aus, indem er aus dem Bette ſteigt und ſich verzweifelnd vor die Stirne ſchlägt... ſo gibts denn keine Rettung mehr für mich, ſo bin ich verloren, von der menſchlichen Geſellſchaft ausgeſtoßen, genöthigt, die Welt zu fliehen und im Verborgenen zu leben.. dieſes entehrende Mahl ſtempelt mich zum Verbrecher.. nur unter Ränbern und Spitzbuben finde ich noch einen Zu⸗ fluchtsort... nur durch neue Verbrechen kann ich mein Daſein friſten!... der Weg der Reue iſt mir verſchloſſen, ich ſoll ein Böſewicht ſein!...“ Nach dieſen Worten wirft er ſich troſtlos zu den Füßen des Holzhackers nieder. Dieſer fühlt bei dem verzweiflungsvollen Zuſtande des vor ihm liegenden Elenden einen Augenblick Mitleid; er ſtellt ſeine 2 51 Flinte weg und will ſeiner Empfindung folgen, als ſich plötzlich von mehren Seiten des Waldes her ein durchdringendes Pfeifen hören läßt. Sogleich erwacht in dem Holzhacker ſein ganzer Argwohn, ſeine ganze Wuth wieder. Er zweifelt nicht, daß jenes Pfeifen ein Zeichen der übrigen Räuber iſt, die ihren Kameraden aufſuchen, und legt ſeine Flinte wieder in Anſchlag. Eduard will noch⸗ mals ſein Mitleid anflehen; er naht ſich ſeinem Wirth, und ſtreckt die Hände nach ihm aus, dieſer aber deutet ſeine Bewegung anders, fürchtet, er wolle ihn ermorden, tritt einige Schritte zurück und drückt ab. Der Schuß geht los, aber die falſch gerichtete Waffe verfehlt ihr Opfer, die mörderiſche Kugel pfeift dicht über die Schulter des Unglücklichen, der„ noch auf den Knien liegt, hin, und fährt in die Mauer. Jetzt aber beleben Wuth und Verzweiflung Eduards Muth, nur theuer will er ſein Leben ver⸗ kaufen; er greift nach einer Art, die er in einer Ecke der Stube erblickt, und in demſelben Moment, wo der Holzhacker mit dem Gewehrkolben auf ihn eindringen will, verſetzt er ihm einen ſo heftigen Hieb auf den Kopf, daß dieſer leblos zu ſeinen Füßen niederſtürzt. Der unglückliche Holzhacker fällt, ohne einen Laut von ſich zu geben, und Eduard ſieht ſich mit Entſetzen von oben bis unten mit deſſen Blute beſpritzt. In dieſem Augenblick wird die Thüre der Hütte eingetreten. Vier mit Lumpen bedeckte, aber von Kopf bis zu den Füßen bewaffnete, häßliche Geſtalten 52 erſcheinen auf der Schwelle, ſtecken die Köpfe in die Stube und betrachten ſtaunend das Schauſpiel, wel⸗ ches ſich ihren Augen darbietet. „Oho! ſagt endlich der, welcher der Anführer zu ſein ſcheint, hier gehen ja ſonderbare Dinge vor, und wie ich ſehe, haben wir noch Kameraden im Lande .. Kreuz Donnerwetter!... das iſt ein Burſche, der ſich, wie es ſcheint, nicht ſchlecht aus der Sache gezogen hat!“ Eduard ſteht noch unbeweglich, die mörderiſche, blutige Axt in den Händen, mitten im Zimmer. Die Räuber treten ein; der Chef derſelben be⸗ trachtet Eduard genauer und macht dann eine Bewe⸗ gung freudiger Ueberraſchung.—„Er iſt es! ruft er endlich... ja, er iſt es... ſieh! Kamerad, Du mußt ihn ja auch erkennen.— Beim Kukuk! freilich, es iſt ja unſer alter Freund!... Friſch auf, Mur⸗ ville, umarme Deine alten Bekannten, Deine Freu⸗ dens⸗ und Leidensgefährten!“ Eduard hört die ihm wohlbekannten Stimmen, er erhebt die Augen und erblickt Lampin vor ſich, erkennt aber den andern Räuber noch nicht, deſſen Sprache ihm übrigens auch nicht fremd ſcheint. Der Anführer ergreift ſeine Hand und ſchüttelt ſie ihm kräftig. Eduard ſieht ihn an, und ſucht in ſeinem abſcheulich zugerichteten Geſichte bekannte Züge zu entdecken.—„Wie? ruft Lampin aus, erkennſt Du Deinen alten Freund Dufresne nicht mehr?“ „Dufresne! wäre es möglich!— Ja, Mur⸗ ville, er iſt es ſelbſt, verſetzt Dufresne, indem er 5³ mehre Binden vom Kopfe, ein Pflaſter, welches ein Auge und einen Theil der Stirne bedeckt, und einen Bart, der den untern Theil des Geſichtes verbirgt, abnimmt... Es freut mich, daß Du mich nicht er⸗ kannt haſt, das beweist mein Talent, mich zu ver⸗ ſtellen und iſt etwas werth, wenn man zum Tode verurtheilt iſt. Aber Du alter Freund ſcheinſt etwas gewandter geworden zu ſein, ſeitdem wir uns nicht mehr geſehen haben.. Teufel! das macht Dir viele Ehre...— Kameraden, ſagt Lampin, der inzwi⸗ ſchen die Hütte durchſtöbert hatte, hier iſt nichts für uns zu holen. Der Schuß könnte Leute herbeiführen, denen wir nicht gerne begegnen möchten; glaubt mir, es iſt beſſer, wir verlaſſen dieſe alte Baracke und gehen wieder in den Wald, wir können dort eben ſo gut und ſicher plaudern, als hier.“ Da Lampins Rath für klug anerkannt wird, ſo entfernen ſich die Räuber aus der Hütte, und nehmen Eduard mit ſich, der ſich von ſeinem Erſtaunen noch nicht erholen und es ſich nicht für möglich denken kann, Dufresne als Räuberhauptmann wiederzufinden. Nachdem die Räuber eine Zeitlang das dichteſte Gehölz durchſchritten haben, machen ſie endlich in einer höhlenartigen Vertiefung Halt, zünden ein Feuer an, holen ihre Mundvorräthe hervor, breiten ſie auf dem Raſen aus, legen ihre Waffen für einen mög⸗ lichen Ueberfall zurecht, und lagern ſich ſodann rund um das Feuer im Kreiſe. „Ich weiß nicht, ſagt Dufresne, Eduard mit wilder Freude betrachtend, ein unbeſtimmtes Vorgefühl 54 ließ mich immer hoffen, mit Dir einmal wieder zu⸗ ſammenzukommen... Meiner Treu! ich habe auch immer darnach getrachtet, nicht wahr, Lampin?“ Lampin aß mit Heißhunger, und trank ſeiner Ge⸗ wohnheit gemäß noch beſſer; er begnügte ſich, Eduard lächelnd anzublicken. Dieſer aber betrachtete ſeine neuen Gefährten und wußte noch nicht, ob er ſich zu dem Zuſammentreffen mit ihnen Glück wünſchen ſollte, oder nicht... „Aber wie kommt es denn, daß ich Dich mit Lampin hier im Walde wiederfinde? fragte er end⸗ lich Dufresne; wie kommt es, daß ihr eine ſo ge⸗ fährliche Lebensweiſe eingeſchlagen habt?“ „Und welch ein anderes Leben ſoll man führen, wenn man wie wir aus der menſchlichen Geſellſchaft ausgeſtoßen iſt?... Willſt Du nicht den Unſchuldi⸗ gen ſpielen. Dul der Du ſo eben einen armen Holzhauer erſchlagen haſt, deſſen Tod Dich nicht ein⸗ mal etwas nützt?“?“ „Ich habe mich nur vertheidigt. Dieſer Menſch hatte auf mich geſchoſſen, er drohte, mich zu erſchla⸗ gen, und ich habe nur ſeinen Hieb parirt.— Potz Henker! Kamerad, Du parirſt ganz artig! Doch, dem ſei wie ihm wolle, ſprechen wir von dem, was uns betrifft. Du weißt, ich wurde zum Tode verurtheilt; glücklicher Weiſe habe ich die Geſchichte nicht abge⸗ wartet, Dank meinen getreuen Freunden, die mir den Weg aus dem Gefängniß bahnten. Wir dürfen uns nun aber nicht mehr öffentlich ſehen laſſen und haben Wälder und Landſtraßen erwählt, um unſer —— — — 5⁵ Gewerbe zu treiben, man muß in der Welt doch etwas thun. Kürzlich hielt ich im Walde einen Rei⸗ ſenden zu Pferde an; ich erkannte Lampin, und ihm war nichts lieber, als zu den Unſrigen zu gehören. Du ſollſt nun auch bei uns bleiben, lieber Murville, denn es bleibt Dir nichts mehr Anderes übrig, und Du mußt hoch erfreut ſein, uns angetroffen zu haben.“ „Ja, ja, ſagt Lampin, und ich bin überzeugt, Du biſt mir nicht mehr böſe, Dich mitten in der Nacht bei jenem Fuhrmann verlaſſen zu haben. Was willſt Du auch, mein Junge; ich ſah, daß das Pferd nicht viel werth war; mit zwei Reitern auf dem Rücken wäre es nur langſam weiter gekommen, und da mußte ich doch zuerſt an mich denken, das iſt ganz natürlich!... „Welch ein trauriges Daſein! ſagt Eduard um ſich blickend, in den Wäldern, in der Finſterniß leben ... jeden Augenblick fürchten zu müſſen, gefangen zu werden.. ſein Leben für einige Goldſtücke zu wagen.“ „Ha, meiner Treu! entgegnet Lampin, ich geſtehe, es war freilich heiterer, als wir die blonde Veronika auf unſerem Schooße wiegten, und Madeira und Champagner tranken; aber ſiehſt Du, Kleiner, es gibt Vornehme und Geringe in der Welt, heute mir, morgen Dir!“ „Faſſe Muth, mein lieber Murville, fällt Du⸗ fresne wieder ein, wir können noch einmal wieder reich werden, und das Leben unter einem andern Himmels⸗ ſtrich genießen. Inzwiſchen will ich mich aber auch nicht damit begnügen, nur in den Wäldern zu leben, und einigen armſeligen Reiſenden aufzulauern; außer⸗ dem reichen auch vier oder fünf Mann nicht hin, eine furchtbare Bande zu bilden und größere Reiſewägen anzuhalten, ich habe aber andere, großartigere Pläne, und da ich das Talent beſitze, mich, wenn es ſein muß, unkenntlich zu machen, ſo hoffe ich, wenn meine Kameraden von meinem Unterrichte erſt ganz durch⸗ p f drungen ſein werden, kühnere Streiche auszuführen, ſei es nun, bei reichen Privatleuten einzudringen, oder ſonſt unter irgend einer Maske einen ergiebigen Fiſchzug zu halten.“ „Ha! er iſt ſchlau, der Kamerad! er ſoll uns ſchon führen!... ich möchte gerne wiſſen, wem er ſeine Erziehung verdankt!...“ „ Da kann ich euch Genüge leiſten, meine Freunde, indem ich euch meine Jugendgeſchichte erzähle; meine Erzählung ſoll nicht lange ſein, ſie wird euch aber Vergnügen machen! Uebrigens kann ſie Murville ſich zu Nutzen ziehen. Es kommen Dinge darin vor, die Beziehung auf ihn haben, und ich brauche mich a nicht mehr vor ihm zu geniren.“ „Erzähle, erzähle! ruft Lampin, unterdeſſen können wir trinken, wir haben doch nichts Beſſeres in dem verwünſchten Walde hier zu thun, wo wir ſeit zwei Nächten leer ausgegangen ſind. Raſch, Kameraden, ſchürt das Feuer an und laßt uns ſchweigend trinkä“ Die Räuber fachen das Feuer wieder an, ergreifen jeder eine Flaſche und gruppiren ſich um ihren Anführer, während Eduard, den Kopf in die Hand geſtützt, mit dumpfem Brüten Dufresne's Erzählung erwartet. — Sechstes Kapitel. Dufresne'’s Lebensgeſchichte. Ich bin in einem kleinen Dorfe unweit Rennes geboren. Mein Vater wurde, nachdem er reich und angeſehen geweſen war, durch einen Prozeß gegen einen ſeiner Vettern ruinirt. Arm, ſah er ſich ge⸗ nöthigt, die Stelle eines Jagdaufſehers bei einem alten Gutsherrn anzunehmen, dem ſein Wildpret lieber war, als ſeine Vaſallen, und der den Tod eines auf ſeinen Gütern geſchoſſenen Kaninchens oder Rebhuhns niemals verzieh. Mein Vater, durch das Unglück erbittert, nährte heimlich den Wunſch, ſich an demjenigen zu rächen, der ihn um ſein Vermögen gebracht hatte. Er wohnte in einem kleinen Hauſe mitten im Walde, dort nahm er mich hin und behielt mich bei ſich. Im mochte etwa ſechs Jahre alt ſein, als mein Vater ſich dort⸗ hin zurückzog. Ich war kühn, unternehmend, muthig, feſt und entſchieden in meinen Entſchlüſſen. Das beinahe wilde Leben, welches ich ſeit mehren Jahren führte, konnte nicht dazu beitragen, meinen Charakter milder zu machen. Ich ſtreifte unaufhörlich durch die Wälder, erkletterte die Berge, die ſteilſten Felſen, ſprang über Abgründe, ſchwamm durch reißende Ge⸗ wäſſer, und wenn ich dann zu meinem Vater zurück⸗ kam, ſo wiederholte er mir die Geſchichte ſeines Unglücks, lehrte mich die Menſchen haſſen, deren Ungerechtigkeit ſein Herz empört hatte, empfahl mir, 58 keinem Menſchen zu trauen, niemals auf Erkenntlich⸗ keit und Billigkeit von Meinesgleichen zu rechnen, und zum Belege für ſeine Lebensanſichten zählte er mir alle Dienſte auf, die er Andern als reicher Mann geleiſtet habe, und welche alle mit Undank belohnt worden ſeien; er machte mich ausführlich mit dem Prozeß bekannt, den er nur durch Betrug und Bös⸗ willigkeit verloren habe, und ließ mich ſchwören, den als meinen Feind zu betrachten, der ſein Verderben herbeigeführt habe. Dieſe Reden meines Vaters gruben ſich tief in mein Gedächtniß ein. Vielleicht hätte mich der entgegen⸗ geſetzte Rath bewogen, diejenigen zu lieben und zu verehren, die ich jetzt zu haſſen und zu verachten entſchloſſen war; aber die erſten Eindrücke vermögen alles über ein jugendliches Gemüth, und die Unab⸗ hängigkeit, worin ich lebte, ließ mich ein jedes Hin⸗ derniß, welches ſich meinem Willen entgegenſetzte, mit Gewalt bekämpfen. Eine Begebenheit, deren Zeuge ich war, diente nur noch dazu, meinen Abſcheu gegen die Menſchen zu vermehren. Ich war dreizehn Jahre alt, und hatte jetzt erſt von meinem Vater Leſen gelernt; er bewies mir, daß Kenntniſſe für meine Abſichten nöthig ſeien, und dieſer Grund allein konnte mich bewegen, etwas zu lernen. Ich ging eines Tags in den Waldungen ſpazieren, als ich plötzlich ganz in meiner Nähe zwei Flintenſchüſſe fallen hörte. Ich lief nach der Seite hin, woher das Schießen kam, und ſah, wie zwei junge Leute arretirt wurden, weil ſie auf 59 herrſchaftlichem Gebiete gejagt hatten. Der Eine war ein junger, gut gekleideter Mann, von feiner, ausgezeichneter Haltung, der Andere ein armer mit Lumpen bedeckter Landmann, der mit dem größten Elend zu kämpfen ſchien. Erſterer hatte einen Reh⸗ bock, dieſer aber nur einen Haſen geſchoſſen, und doch lachte und ſang der Städter in Gegenwart ſeiner Wachen, während der Bauer blaß und bebend kaum die Kraft hatte, ſich aufrecht zu erhalten. Neugierig, die Folge dieſes Vorfalles kennen zu lernen, folgte ich den Leuten aufs Schloß; der gnädige Herr war gerade abweſend, aber ſein Haushofmeiſter vertrat ſeine Stelle; er beſaß unumſchränkte Gewalt und handelte im Namen des Herrn ganz nach Belieben; die beiden Gefangenen wurden alſo vor den Haus⸗ hofmeiſter gebracht. Ich miſchte mich unter die Menge und es gelang mir, in einen großen Saal mit hin⸗ einzuſchlüpfen, wo man zuerſt die beiden Wilddiebe hineinführte. Der Haushofmeiſter kam endlich. Als er den jungen Städter erblickte, merkte er wohl, daß er es nicht wie gewöhnlich mit grobem Bauernvolk zu thun habe, welches vor ihm zu zittern gewohnt war. Er hieß daher alle Umſtehenden hinausgehen, um den feinen Herrn unter vier Augen zu verhören; ich jedoch, anſtatt mit den Uebrigen hinauszugehen, verbarg mich unter einem mit einem Teppich verhäng⸗ ten Tiſch und hörte deutlich folgende Unterredung mit an:„Mein Herr, ich bin in Verzweiflung, daß ich genöthigt bin, mit Strenge gegen Sie zu ver⸗ fahren, begann der Haushofmeiſter mit einſchmeicheln⸗ 2* dem Tone, allein mein Gebieter iſt ſehr ſtreng und ſeine Befehle ſind gemeſſen!..“ 3 „Ha, alter Fuchs, ich glaube, Du ſcherzeſt mit Deinen Befehlen, erwiderte der junge Herr dem Haushofmeiſter höhniſch; wiſſe, daß ich aus vorneh⸗ mer Familie bin, und Dir bei erſter Gelegenheit die Ohren abſchneide, wenn Du mich nicht augenblicklich in Freiheit ſetzeſt.— Mein Herr, dieſer Ton iſt ſehr befremdend... und ich darf nicht zugeben..— Hier, alter Geizhals, ich verſtehe ſchon, wo Du hinaus willſt! Du biſt Haushofmeiſter, damit iſt genug geſagt, nimm dieſe Börſe, es ſind fünfzehn Louisd'ors darin, das iſt mehr, als alle Rehböcke Deines Herrn werth ſind.“. Mit dieſen Worten warf er ihm eine Börſe zu, die der Haushofmeiſter ohne Schwierigkeit annahm, dann eine kleine Tapetenthüre öffnete und ſagte: „Gehen Sie gefälligſt hier hinunter nach dem Garten, halten Sie rechts, und Sie werden hierauf eine andere Thüre finden, die Sie ins Freie führt. Ich ſetze mich für Sie in Gefahr, aber Sie haben ſo einnehmende Manieren...“ Der junge Jäger hörte nichts weiter, denn er befand ſich ſchon im Garten. Der Haushofmeiſter ſchloß die kleine Thüre ſorgfältig wieder zu, klingelte und befahl dem eintretenden Bedienten, jetzt den andern Wilddieb vorzuführen. Man brachte den Bauern und auch jetzt blieb der Haushofmeiſter allein mit ihm.„Warum haſt Du gejagt?“ fuhr er den Landmann mit einem Tone an, Deine Sache iſt klar, der Diebſtahl liegt am Tage. 61 der keineswegs dem glich, den er gegen den andern Wilddieb beobachtet hatte. „Mein lieber Herr, flehte der arme Landmann und warf ſich auf die Knie, vergeben Sie mir es nur, es iſt das erſte Mal, und ich ſchwöre, es ſoll auch das letzte Mal geweſen ſein.— Das ſagt ihr Schurken immer.— Ich bin kein Schurke, Herr Haushofmeiſter, ſondern ein armer Teufel, der ein Weib und fünf Kinder hat, und nicht weiß, wie er ſie ernähren ſoll.— Ei! Lumpenhund! warum hei⸗ ratheſt Du?— Ach, mein Herr, das iſt ja noch das Einzige, was man im Leben hat.— Wie! können Tropfe wie Du an ſo etwas denken? Arbeitet, Ca⸗ naillen, arbeitet, das iſt euer Loos.— Ich habe keine Arbeit, Herr Haushofmeiſter, und ich verdiene ſo wenig, daß es nicht hinreicht!..— Weil ihr freßt wie Wilde!— Wir eſſfen nicht einmal ſatt, um nur für die Kinder etwas übrig zu behalten... — Deine Kinder, Deine Kinder! Ihr Tagediebe hungert das Land noch aus mit euren Kindern.— Erlauben Sie, Herr Haushofmeiſter, der gnädige Herr füttert fünfzig Hunde, da, denke ich, könnte ich doch wohl vier bis fünf Kinder aufziehen!..— Da ſehe Einer den Elenden; erlaubt er ſich noch ſeine ſchmutzigen Nachkommen mit den Windhunden des gnädigen Herrn zu vergleichen? Jetzt weiter keine Gründe, Du biſt als Wilddieb feſtgenommen worden, Du bekommſt Peitſchenhiebe, zahlſt eine Geldſtrafe und wanderſt ins Loch!.— Ach! Gnade, Gnade, Herr Haushofmeiſter, es war ja nur ein Haſe!— Ein Haſe! Schuft, potz Wetter!... ein Haſe! Du weißt ſcheint's nicht, was das iſt? Der gnädige Herr nimmt die Haſen in Schutz, hegt ſie ſorgfältig und ich muß den rächen, den Du geſchoſſen haſt.— Wenn er aber für den Tiſch des gnädigen Herrn beſtimmt geweſen wäre?— Dann wäre es etwas Anderes. Dann könnte er ſich glücklich ſchätzen, vom gnädigen Herrn geſpeist zu werden; aber Du biſt und bleibſt ein Wilddieb.— Herr Hauskbofmeiſter, haben Sie Erbarmen mit Weib und Kinder, wir ſind ſo arm. Sie finden nicht einen Heller bei uns. — Du verdienteſt gehangen zu werden! Marſch! vorwärts ins Loch! und morgen die Peitſche.“ Der Haushofmeiſter klingelte, die Diener eilten herbei, und man führte den Bauern trotz Bitten und Thränen ins Gefängniß. Ich hätte unter dem Tiſche vor Wuth berſten mögen. Als Niemand mehr im Saale war, ſprang ich aus dem Fenſter, lief zu meinem Vater und er⸗ zählte ihm Alles, was ich geſehen und gehört hatte. Meine Erzählung ſetzte ihn nicht in Erſtaunen. Sie war für ihn nur ein Beweis mehr für ſeine Anſicht von der Ungerechtigkeit und Barbarei der Menſchen. Ich aber hatte meinen Plan gefaßt. Ich wußte, daß der Gutsherr am andern Tage zurückkommen mußte und wollte, daß der betrügeriſche Haushofmeiſter be⸗ ſtraft werden ſollte. Ich ging auch in der That gleich nach Tagesan⸗ bruch auf das Schloß. Als ich in den Hof kam, .63 ſah ich, wie der arme Bauersmann durchgeprügelt wurde, während der gnädige Herr von dem Balkon des Schloſſes herab ſich an dem Schauſpiel weidete, und ſeine Lieblingshunde mit Zucker und Biscuit fütterte. 1 „Ich werde Euch rächen, braver Mann,“ ſprach ich, als ich an dem Landmann vorüberging. Sogleich flog ich die Treppe hinauf und drang in das Zimmer des gnädigen Herrn, bevor noch die Dienerſchaft Zeit hatte, mich anzumelden. Der Haushofmeiſter war bei ihm mit Geldzählen beſchäftigt; ich warf mich zu den Füßen des Gnädigen, aber in meiner Haſt hatte ich das Unglück, die Pfote ſeines Lieblingsthieres zu treffen; es fängt an zu heulen, der Herr ſchleu⸗ derte mir einen wüthenden Blick zu und fragte, wie man mich zu ihm ins Zimmer laſſen könne. Ehe man ihm noch antwortete, brachte ich meine Klage vor; ich erzählte in einem Athemzuge alles, was ich on dem Geſpräch zwiſchen dem Haushofmeiſter und dem vornehmen Jäger wußte. Der alte Herr ſchien bei der Nachricht, daß man noch einen andern Wild⸗ dieb ergriffen habe, etwas überraſcht; aber der In⸗ tendant, der, während ich ſprach, vor Zorn außer ſich gerieth, beeilte ſich, ſeinem Gebieter vorzuſtellen, daß der junge Mann ein Marquis geweſen ſei, und er deßhalb geglaubt habe, ihn nicht zurückhalten zu dürfen. Ein Marquis! rief der gnädige Herr aus, eine Priſe nehmend, ein Marquis! Teufel, in der That... ja... ich begreife... den konnten wir nicht durchprügeln laſſen... da muß der Bauer für Zweie 64 bezahlen.— Das habe ich eben gedacht, gnädiger Herr.— Und Du haſt Recht gethan, ſchicke nur den Jungen wieder fort, der dazu noch ſo tappig gewe⸗ ſen iſt, meinen armen Caſtor zu treten.“ Der Haushofmeiſter ließ ſich das nicht wieder⸗ holen, er nahm mich beim Arm, ich folgte ohne Widerſtand, und konnte es nicht begreifen, wie der Gutsherr gegen ſeinen Spitzbuben von Diener nicht in Wuth gerathen war. Unterwegs verſetzte mir der Haushofmeiſter ein Dutzend Ohrfeigen und ebenſo⸗ viel Hundstritte, und das war die einzige Belohnung, die ich für meinen guten Willen erhielt. Ich kam raſend nach Hauſe und ſchmiedete tauſend Rachepläne. Mein Vater, der bald einſah, zu wel⸗ chem Uebermuth meine Menſchenfeindlichkeit mich ver⸗ leiten könnte, bemühte ſich, mich zu beruhigen, aber es war vergebens. Am folgenden Morgen kam ein Bote vom Haus⸗ hofmeiſter, und überbrachte meinem Vater die Nach⸗ richt, daß er nicht mehr Jagdaufſeher ſei. Er hatte es erwartet und machte mir deßhalb keine Vorwürfe. Wir verließen alſo unſer Häuschen, ohne zu wiſſen, wo wir uns hinwenden ſollten. Was mich betraf, ſo hatte das neue Unglück mei⸗ nes Vaters mich in meinen Rachevorſätzen nur be⸗ ſtärkt, und ich konnte die Zeit nicht erwarten, ſie auszuführen. In der Nacht, während mein Vater unter einem Baume ſchlief, ſchlich ich mich mit einer Blendlaterne und einer Flinte, die er immer bei ſich führte, leiſe 6⁵ davon, lief nach dem Schloſſe, dort ſammelte ich mehre Reisbüſchel und ſteckte das Gebäude an allen vier Ecken in Brand; damit aber ja das Feuer nicht wieder erlöſche, warf ich noch brennende Reiſer nach den anſtoßenden Häuſern und beſonders nach den Ställen. Ich hatte bald die Freude, mein Rache vollkom⸗ men gelingen zu ſehen. Das ßeuer loderte an meh⸗ ren Orten auf und griff ſchnell in allen Flügeln des Schloſſes um ſich. Man läutete die Sturmglocke, die Landleute eilten herbei und viele waren einfältig ge⸗ nug, ſich für ihren Herrn, der ſich ein Vergnügen daraus machte, ſie durchzuprügeln, ins Feuer zu ſtürzen. Mitten in dem Tumult und der Zerſtörung lief ich in die Zimmer des Schloſſes, und ſah, wie der Haushofmeiſter ſich ſo eben mit einem kleinen Kaſten, den er ſorgfältig an ſich drückte, davonmachen wollte; ich trat ihm in den Weg und zielte, da ſagte ich: das iſt für Deine Ohrfeigen und Deine Fuß⸗ tritte, drückte ab, und er fiel todt zu meinen Füßen nieder. Ich warf die Flinte weg, bemächtigte mich des Käſtchens, ſprang mit Leichtigkeit zum Fenſter hinaus, und entfloh aus dem Schloſſe, welches bald nur noch einem Schutthaufen glich. Ich eilte nach dem Orte zurück, wo ich meinen Vater verlaſſen hatte. Ich war ſtolz auf meine Rache und hoch erfreut über den Beſitz meines Käſtchens, welches ich voll Gold vermuthete. Ich wußte ſchon, daß man ſich für Geld alles verſchaffen und allen Gefahren entgehen könne. Paul de Kock. XXII. 5 66 Aber wie groß war mein Erſtaunen, als ich mei⸗ nen Vater nicht mehr fand, den ich noch ſchlafend unter dem Baume zu finden hoffte. Ich rannte über⸗ all umher, ſchrie aus vollem Halſe, aber umſonſt; ich erreichte endlich ein anderes Dorf, ohne zu erfah⸗ ren, was aus ihm geworden ſei. Ueber meinen Schatz in Unruhe, vergrub ich ihn am Fuße einer alten Eiche, nachdem ich einige Goldſtücke herausgenom⸗ men hatte, womit das Käſtchen in der That ange⸗ füllt war. Ich kehrte Nachts in einem kleinen Wirthshauſe ein und dachte ganz richtig, daß man auf ein Kind nicht den Verdacht einer Brandſtiftung hegen könne. Wirklich achtete man auch nur wenig auf mich; man unterhielt ſich von dem großen Unglück, welches dem Gutsherrn geſchehen ſei. Jeder ſprach ſeine Vermu⸗ thungen aus; aber am Morgen des folgenden Tages kam ein Bauer mit der Nachricht an, daß man den Brandſtifter ergriffen habe, es ſei der Jagdaufſeher des Herrn, dem man den Dienſt aufgekündigt habe, und der ſich an dem Haushofmeiſter, dem er ſeine Ungnade zuſchrieb, habe rächen wollen. Er habe das Feuer eingelegt, um deſto ſicherer ſeinem Feinde bei⸗ zukommen, denn man habe den Haushofmeiſter er⸗ ſchoſſen gefunden, und das Gewehr, womit er ge⸗ tödtet worden, für das des Jagdaufſehers erkannt. Bei dieſer Erzählung zweifelte ich keinen Augen⸗ blick länger, daß mein Vater an meiner Stelle ver⸗ haftet worden ſei; ich zitterte für ihn und beſchloß, mich anzugeben, um ſein Leben zu retten; ich verließ 67 unverzüglich das Wirthshaus und lief nach dem Dorfe, wohin man ihn gebracht haben mußte. Ich hielt mich unterwegs keine Sekunde auf, denn ich fühlte wohl, daß die Zeit koſtbar ſei, ich kam auf dem großen Platze vor dem Dorfe an, und ſah hier meinen Va⸗ ter am Galgen hängen. Ich überließ mich nicht dem Schmerz, denn das war nicht das Gefühl, welches ich empfand, ſondern der Wuth der Raſerei. Ich hätte das ganze Dorf in Brand ſtecken, und alle Bewohner deſſelben zu⸗ gleich mit verbrennen mögen. Nachts nahm ich den Leichnam meines Vaters vom Galgen herunter; ich hatte die Kraft, ihn nach dem Walde zu ſchleppen und dort begrub ich ihn; ich ſchwor über ſeiner entſeelten Hülle, ſeinen Tod und ſein Unglück an allen Menſchen zu rächen und niemals einen Funken von Neigung für Diejenigen zu haben, die ihn ſo ungerecht an den Bettelſtab ge⸗ bracht und gemordet hatten. Ich grub meinen werthvollen Kaſten wieder aus und entfernte mich aus der Gegend. Dank meinem Schatze, konnte ich alle meine Wünſche befriedigen, mir jedes Vergnügen verſchaffen. So lebte ich fünf Jahre, indem ich mich jeder Leidenſchaft hingab, welche ſich bei mir ſchon frühzeitig entwickelt hatten; ich liebte den Wein, das Spiel, die Weiber, und ſo lange ich Geld hatte, verſagte ich mir nichts. Aber bei ſol⸗ chem Leben konnte mein Schatz nicht lange währen. Im neunzehnten Jahre war mein Reichthum erſchöpft; aber weit entfernt, mir darüber Kummer zu machen, ———— 68 freute ich mich vielmehr, daß nun der Augenblick ge⸗ kommen ſei, den auf dem Grabe meines Vaters ge⸗ leiſteten Eid in Erfüllung zu bringen. Ddie Menſchen zu betrügen war jetzt mein einziger Gedanke, und das fiel mir nicht ſchwer; in der großen Welt, in welche ich mit Hülfe meines Schatzes Zu⸗ tritt erhalten hatte, war ich zu feinen Manieren und äußerer Abgeſchliffenheit gelangt. Außerdem war es mir ein Leichtes, meine Züge und meine Stimme zu verſtellen, wenn ich es für nöthig erachtete; nehmet dazu noch Geiſt, Verwegenheit, Feſtigkeit und Be⸗ redſamkeit, und ihr werdet begreifen, daß ich glän⸗ zende Erfolge erntete. Unter dem Namen Brreville lernte ich in Brüſſel einen gewiſſen Jakob Murville kennen, der das väter⸗ liche Haus verlaſſen hatte. Das war Dein Bruder, mein armer Eduard, und es gelang mir, ihn um ſein ganzes Vermögen zu bringen. In Paris nahm ich einen andern Namen an, und befand mich auf Deiner 6 Hochzeit; der Name Murville fiel mir auf, ich er⸗ kundigte mich genauer, erfuhr, daß Du einen Bruder hatteſt, und fand es heiter, mir das Beſitzthum des Aelteſten zuzueignen, nachdem ich den Jüngern um 1 ſeine Habe gebracht hatte. Aber ein anderer Ge⸗ danke erfüllte meine Seele, als ich Deine Frau ſah. Adelinens Schönheit und Anmuth bezauberten mich, ich verliebte mich wahnſinnig in ſie, und ſchwor, Alles aufzubieten, ſie zu beſitzen. Vor allen Dingen mußte ich bei Dir eingeführt ſein, dies erreichte ich, dann ſuchte ich euch zu ent⸗ — 69 zweien und zog Dich nach und nach ins Verderben, da dies der Hauptzweck meines Beſtrebens war. Ich entdeckte Deine Neigung zum Spiele, und es war mir ein Leichtes, Dich zu allen nur möglichen Thor⸗ heiten zu verleiten. Ich wollte mich indeſſen auf Deine Koſten bereichern, aber das fatale Spiel zeigte ſich mir nie günſtig. Ich trieb Dich zu Verbrechen an, weil mir Deine Frau ihre Verachtung gezeigt hatte, und ich mich dafür an Dir rächen wollte. Du warſt nur noch eine Maſchine, die ich nach Gefallen in Be⸗ wegung ſetzen konnte. Nachdem ich alle Mittel angewendet hatte, um Adelinens Widerſtand zu beſiegen, nahm ich meine Zuflucht zur Liſt, und es gelang mir, mich Nachts in ihr Schlafzimmer und ihr Bett einzuſchleichen;... Du ſchauderſt!... o! mein armer Eduard, Deine Frau war hintergangen worden!... ſie war ein Muſter von Tugend!... als ſie ihren Irrthum ge⸗ wahrte, bewies ſie mir noch einen wüthenderen Haß, aber ich hatte doch wenigſtens die Gewißheit, ihr Glück auf immer geſtört zu haben. Jetzt haſt Du mich kennen gelernt; nimm Dir die Lehre daraus, künftig die Menſchen richtiger zu beurtheilen. Was mich betrifft, der ich überall nur Falſchheit, Betrug, Undank, Ungerechtigkeit, Eigen⸗ nutz, Ehrgeiz und Neid kennen gelernt... und mei⸗ nen Leidenſchaften jedes Vorurtheil geopfert habe, ſo werde ich auch unverzagt Räuberhauptmann bleiben, wenn ich bei dieſer Lebensweiſe nur all meine Nei⸗ gungen zu befriedigen im Stande bin. Aber welches 70 auch meine Lage und mein Erwerb ſein wolle, werde ich meinem Vater den Racheſchwur ewig halten, ich werde die Menſchen haſſen und würde euch ſelber zu Grunde richten, wenn ihr nicht, nach den gewöhn⸗ lichen Begriffen, gleich mir, zur Geißel der Meniche heit geboren wäret.“ So endigte Dufresne ſeine Geſchichte, und die Räuber ſchienen ſtolz darauf zu ſein, einen ſo aus⸗ gemachten Böſewicht zu ihrem Anführer zu haben. Eduard, wie niedergeſchmettert von Allem, was er gehört hatte, ſchauderte bei der Erinnerung alles deſſen, was er auf den Rath eines Ungeheuers ver⸗ übt hatte, der ſeinen Untergang geſchworen und nun mit der größten Ruhe ſeine Ehrloſigkeit an den Tag gelegt hatte. Es war aber zu ſpät, um zurückzu⸗ blicken, beſonders mit einem ſo ſchwachen, unentſchie⸗ denen Charakter, wie ihn Eduard beſaß. Er fühlte Haß gegen Dufresne, und hatte doch den Muth nicht, ihn zu verlaſſen: das Laſter würdigt den Menſchen herab und verwildert ihn; obwohl er die ganze Ab⸗ ſcheulichkeit ſeiner Lage ermeſſen konnte, fehlte es ihm doch an Kraft, ſich ihr zu entziehen. Die Morgenröthe fängt an, die Gipfel der Berge zu färben und durch die Lichtungen des Waldes her⸗ einzubrechen. Die Räuber löſchten ihr Feuer aus und ſteckten die übrigen Mundvorräthe in ihren Querſack. „Kameraden! ruft Dufresne aus, wir müſſen dieſe Gegend verlaſſen, die uns nichts Ergiebiges darbietet. Setzen wir uns alſo in Marſch, und in der erſten bedeutenden Stadt, die wir antreffen, muß 71 uns der Kühnſte von uns Kleider anſchaffen, damit wir wieder das Ausſehen rechtlicher Leute haben; denn, glaubt mir, mit unſerem Handwerk iſt es, wie mit allen übrigen;— um Glück zu machen, muß man den Leuten Sand in die Augen ſtreuen, mit unſeren Jacken und zerriſſenen Hoſen können wir dieſe Wäl⸗ der nie verlaſſen, und würden ewig erbärmliche Land⸗ ſtreicher bleiben.“ Die Worte Dufresne's waren ein Orakel für ſeine ganze Umgebung. Nan ſchickte ſich alſo an, ſeinem Rathe zu folgen, und machte ſich auf den Weg, vorſichtig bei Tag die belebteren Straßen mei⸗ dend. Dufresne führt ſeine kleine Bande an. Lam⸗ pin ſchritt ſingend und trinkend vorwärts, die beiden andern Banditen träumten von neuen Plünderungen, und Eduard wußte noch immer nicht, ſollte er ſeinen Begleitern entfliehen oder der Ihrige werden. Siebentes Kapitel. Das Landhaus in den Vogeſen. Eine lange mit Wald bewachſene Gebirgskette trennt das Elſaß und die Franche⸗Comté von Lo⸗ thringen und dehnt ſich bis zu den Ardennen aus. In dieſen Gebirgen, die Vogeſen genannt, liegt das Gut des Herrn Gerval, und hieher führte er die Un⸗ glückliche, deren Pflege er ſich angenommen hatte. Herrn Gervals Haus war einfach aber bequem; 72 ein freundlicher, mit einem Gatter umſchloſſener Hof führte zum Erdgeſchoſſe, welches nach außen nur zwei Fenſter hatte, die jedoch mit eiſernen Gittern und außerdem noch mit ſtarken Fenſterladen verſehen waren, eine Vorſicht, die bei einer einſam im Walde liegenden Wohnung höchſt nöthig iſt. Das erſte Stock⸗ werk ging zum Theil nach dem Hofe, zum Theil nach einem großen, von einer hohen Mauer umgebenen, hart an das Haus ſtoßenden Garten hinaus. Dieſer an einem Abhang gelegene Landſitz war nicht ferne von einem kleinen Wege, der nach Montigny führt, und ſeine maleriſche Lage, die Abgeſchiedenheit von allen übrigen Wohnungen, und die in der ganzen Umgegend herrſchende Ruhe ſchienen vollkommen ge⸗ eignet, dieſen Aufenthalt zu einem Zufluchtsort der Ruhe und des Friedens zu machen. Die Dienerſchaft des Herrn Gerval beſtand aus. Dupre, den wir ſchon kennen, aus der Köchin und Haushälterin Katharine, einer alten, etwas ſchwatz⸗ haften, neugierigen, aber dabei doch treuen, dienſt⸗ fertigen und ihrem Herrn ſehr ergebenen Perſon, und aus einem jungen Landmann, Namens Lukas, wel⸗ cher die Stelle eines Gärtners, Aufwärters und Bo⸗ tens zugleich verſah. Mehre Meilen in der Gegend umher war der Name Gerval geehrt, und beſonders bei den Armen und Unglücklichen in theurem Andenken, da ihnen der würdige Mann fortwährend hülfreich zur Seite ging. Und wenn er auch nicht immer hier in ſeinem Land⸗ hauſe wohnte, da ihn ſeine Geſchäfte oft längere Zeit ——— —— ͦ——— 73 davon entfernt hielten, ſo hörten doch Dupré und Katharine, das gute Herz ihres Herrn wohl kennend, nie auf, in ſeinem Namen Milde und Wohlthätigkeit zu üben, damit die Nothleidenden die Abweſenheit ihres Beſchützers ſo wenig als möglich empfinden ſollten. Die Landleute, welche erfahren hatten, daß Herr Gerval nach Paris gereist ſei, hatten ſchon befürch⸗ tet, er werde gar nicht mehr zurückkommen, und ſelbſt Katharine hatte dieſe Furcht getheilt, denn ſie mußte, daß ihr Herr den Wunſch hegte, alte Freunde, mit denen er ſich lange nicht hatte beſchäftigen kön⸗ nen, und denen er ſehr gewogen war, aufzuſuchen und vielleicht gar ſeine alten Tage bei ihnen zuzubringen. Allein ein Brief des Herrn Gerval bereitete den Be⸗ nohnern der Vogeſen die ungetheilteſte Freude. Sie ſol⸗ len ihren Freund, ihre Stütze, ihren Vater wiederſehen, er will zu ihnen zurückkommen, um ſie nie mehr zu verlaſſen. Dieſe Nachricht verbreitet ſich bald in der ganzen Umgegend; man überläuft Katharine, um nehr zu erfahren, und dieſe liest mit Freuden einem Jeden, der es wünſcht, das erhaltene Schreiben vor, und kündigt den Tag ſeiner Ankunft an. Endlich iſt der erſehnte Tag da, und alles im Hauſe umgekehrt, um die Rückkehr des guten Herrn zu feiern. Lukas raubt dem Garten all ſeine Blu⸗ men, um den Speiſeſaal damit zu ſchmücken; Katha⸗ rine übertrifft ſich ſelbſt bei der Zubereitung der Mahlzeit, alle Landleute aus der Gegend und die von Gerval unterſtützten Unglücklichen finden ſich im 74 Hauſe ein.„Noch iſt er nicht da, ſagt die alte Die⸗ nerin, aber lange kann er nicht mehr ausbleiben.“ Man geht ihm entgegen, man erſteigt die An⸗ höhen, um ſeinen Wagen deſto eher zu entdecken. Endlich erblickt man ihn, man drängt ſich heran; der Namen des Greiſen geht von Mund zu Munde, und die Segnungen der Armen feiern die Rückkehr des wohlthätigen Reichen. Gerval vergießt beim Anblick der guten Leute, die ihn wie ihren Vater lieben, Thränen der Rührung. „Ach! lieber Freund, ſagt er zu Dupre, wie ſüß iſt es, wohlzuthun!“— Der Wagen fährt in den Hof ein und die Land⸗ leute erheben ein Freudengeſchrei. ;„Still!... ſtill! meine Freunde, ſagt der alte Herr aus dem Wagen ſteigend; mäßiget die Aus⸗ brüche eurer Freude; ſie ſchmeicheln mir, aber ſie thun einer Unglücklichen wehe, für die der geringſe Lärm von ernſten Folgen iſt.“ Mit dieſen Worten hilft Herr Gerval Adelinen aus dem Wagen, während Dupre die kleine Et⸗ mance auf den Arm nimmt. Adeline blickt unruhig um ſich her, Lärm veru⸗ ſacht ihr ſtets Schrecken, und der Anblick verſammel⸗ ter Menſchen vermehrt jederzeit ihren Wahnſinn. Sie zittert und will fliehen. Gerval iſt genöthigt, die Umſtehenden durch ein Zeichen zu bewegen, ſich etwas zurückzuziehen, um alsdann die Unglückliche ins Haus zu führen. Man betrachtet Adeline mit Intereſſe, und u0s 75⁵ man ihren Zuſtand gewahrt, verwandelt ſich die Freude in Traurigkeit.„Arme Frau, wiederholt man von allen Seiten, was mag ſie um ihren Ver⸗ ſtand gebracht haben?... und das kleine Mädchen ... wie hübſch wird es einſt werden!... O, es ſind abermals Unglückliche, deren ſich Herr Gerval an⸗ nimmt!“ „Meine Kinder, ſagt Katharine, ſobald ich die Geſchichte der jungen Fremden weiß, erzähle ich ſie euch, ich verſpreche es und ich werde ſie bald erfah⸗ ren, denn mein Herr verheimlicht mir nichts.“ Unglücklicherweiſe aber wußte ihr Herr nicht mehr davon als ſie. Um indeſſen die Neugierde ſeiner alten Köchin zu befriedigen, erzählte er ihr, wie er Adelinens Bekanntſchaft gemacht, und in welch be⸗ klagenswerthem Zuſtand er ſie dann ſpäter gefunden habe; die Dienerin iſt über die Mittheilung ihres Herrn außer ſich vor Erſtaunen, verſichert ihn aber, daß ſie nach und nach ſchon dahin gelangen werde, das ganze unglück der armen Frau herauszubringen, und da ſie ſich ſchon zu ihr und ihrem Kinde liebreich hingezogen fühlte, ſo beeilte ſie ſich, eines der ſchön⸗ ſten Zimmer des Hauſes für ſie einzurichten. In einem Zimmer des untern Stockes gegen den Wald hinaus ſoll Adeline wohnen: die Fenſter ſind mit ſtarken Eiſenſtäben vergittert und man hat ſomit nicht zu befürchten, daß ſie vielleicht in einem hefti⸗ gen Anfalle des Wahnſinnes entfliehen möchte. Man läßt ihr Kind bei ihr, denn ſie ſcheint es immer zu kennen, und drückt es oft mit Zärtlichkeit an ihr 4 76 Herz.— Das ſcheinen ihre einzigen glücklichen Mo⸗ mente zu ſein, ſagt Herr Gerval, hüten wir uns, ſie darin zu ſtören, und dem Kinde die Liebkoſungen ſeiner Mutter zu entziehen.“ Katharine übernimmt es mit Vergnügen, die Kranke und ihr Kind zu pflegen, auch will ſie, wenn es die Witterung erlaubt, die junge Frau in der Umgegend herumführen, und Lukas ſoll auf Befehl ſeines Herrn alle Morgen Adelinens Zimmer mit friſchen Blumen ſchmücken, da Herr Gerval die Hoffnung hegt, durch dergleichen Aufmerkſamkeiten der Unglücklichen die Ruhe des Gemüths wieder zu verſchaffen. Man hat den Namen der kleinen Ermance er⸗ fahren, weil ihre Mutter ſie mehrmals ſo genannt hat, aber man kennt den ihrigen noch nicht, und Herr Gerval hat deßhalb beſchloſſen, ſie Conſtanze zu nennen; dieſer zarte Namen erhält beſondeis Katha⸗ rinens Beifall, denn ſie behauptet, daß die Liebe Schuld an dem Unglück der Unbekannten geweſen ſei. Adeline wird alſo von nun an von den Hausbewoh⸗ nern Conſtanze genannt, und nur Lukas und einige Landleute aus der Umgegend nennen ſie manchmal die Verrückte. 1 Die Ruhe im Hauſe, das ſtille, geräuſchloſe Leben in demſelben, die rührende Sorgfalt, welche ein Jedes für Adelinen bezeugt, ſcheinen einen woblthätigen Ein⸗ fluß auf ihre Seele auszuüben; ſie ſpielt mit ihrem Kinde; küßt es und lächelt ihren Wohlthäter und die übrigen Hausgenoſſen an; jedoch kommen immer nur wenige, unzuſammenhängende Worte über ihre Lippen, 77 und ſehr leicht verfällt ſie wieder in eine tiefe Schwer⸗ muth, woraus ſie nicht leicht wieder zu erwecken iſt. Einen Theil des Tages bringt ſie in dem großen ſchön angelegten Garten zu; manchmal pflückt ſie Blumen, und ſcheint dann einen Anflug von Heiter⸗ keit zu empfinden; aber bald ſchwindet wieder das Lächeln von ihren bleichen Geſichtszügen; ſie ſetzt ſich auf eine Raſenbank und verweilt ſo ſtundenlang regungslos wie eine Bildſäule. „Was iſt das doch für ein Unglück!“ ſagt dann der gute Gerval oft, ſie betrachtend, und mit der kleinen Ermance, die ſich ſchon ſehr an ihn gewöhnt hat, ſpielend.„Ich glaube, wir haben keine Hoff⸗ nung, ſie jemals zu heilen.“ „Und warum denn nicht, entgegnete Katharine, wir wollen noch nicht verzweifeln... nur Geduld... es tritt vielleicht eine wohlthätige Kriſis ein!... Ach! wenn uns nur der Grund ihres Uebels bekannt wäre... — Ei, das iſt es gerade! Das ſagte auch der Arzt in Paris, aber eben hinter den Grund ihrer Krank⸗ heit werden wir niemals kommen.— Bah!.. das kann man nicht wiſſen... ſie ſpricht manchmal... Da! ſehen Sie nur, ſie ſcheint zu lächeln... ſie blickt ihr ſpielendes Kind an... ſie iſt heute weit beſſer als gewöhnlich... ich werde ſie einmal aus⸗ fragen.— Nimm Dich in Acht, Katharine, Du wirſt ihr wehe thun...— Seien Sie ganz beruhigt, Herr Gerval!“ 3 Katharine nähert ſich der Laube, in welcher Ade⸗ line ſitzt, und Herr Gerval, ſowie auch Dupreé und 78 Lukas ſtehen nicht weit davon, um die Antworten der Unbekannten zu vernehmen. „Liebe Madame, fängt Katharine mit dem ſanf⸗ teſten Tone an, warum grämen Sie ſich denn immer ſo? Sie ſind nur von Leuten umgeben, die Sie lieben, erzählen Sie uns Ihr Unglück, dann wollen wir Sie tröſten..— Mich tröſten? entgegnet Adeline, Ka⸗ tharine mit Verwunderung anblickend. O! ich bin ja glücklich, ſehr glücklich!... ich bedarf keines Troſtes ... Eduard betet mich an... er hat es mir geſchworen, wir ſind vereinigt... er wird mein Glück machen, denn er iſt nicht böſel..— Aber warum hat er ſie denn verlaſſen?— Verlaſſen 2... nein!... er hat mich nicht verlaſſen... er iſt ja bei mir in dem Hauſe, worin er erzogen wurde... meine Mutter... meine Tochter und ſein Bruder ſind bei uns.. o! ich dulde nicht, daß er nach Paris geht... er könnte da Jemanden begegnen... nein! nein! laſſen Sie ihn nicht fort.“ „Sieh Dich vor, Katharine, fällt Herr Gerval ein, ihre Augen werden belebter... ihr Wahnſinn nimmt zu... quäle ſie nicht länger.“ Katharine wagt es nicht, dem Wunſche ihres Ge⸗ bieters zuwider zu handeln, und doch brennt ſie vor Begierde, mehr zu erfahren. Adeline ſcheint in der That ſchon aufgeregter; ſie ſteht auf, rennt umher und macht Miene zu entfliehen. Die alte Magd bemüht ſich, ſie zurückzuhalten.— Laßt mich, ruft Adeline, ſich ihren Armen entwindend, laßt mich fort... da iſt er.. er verfolgt mich.. da! ſeht ihr ihn wohl... 79 er vertritt mir überall den Weg... er hat mein Ver⸗ derben geſchworen... er wagt es, mir von Liebe zu ſprechen!... ach! ich bitte... laßt ihn nicht zu mir...“ Sie entfernt ſich, durchläuft haſtig alle Wege des Gartens und hält nicht eher an, als bis ſie, von ihren Schreckbildern erſchöpft, befinnungslos niederfällt. Man bringt ſie ſogleich auf ihr Zimmer und ver⸗ wendet alle mögliche Sorgfalt, bis es endlich gelingt, ſie wieder ins Leben zurückzurufen. Herr Gerval verbietet es ausdrücklich, ſie ferner zu befragen, um ähnlichen Folgen für die Zukunft vorzubeugen.— „Ganz gut, mein Herr, ſagte Katharine, indeſſen wiſſen wir doch nun, daß ſie verheirathet iſt, daß ihr Mann einen Bruder hat, und daß ſie die Liebe irgend eines ſchlechten Menſchen fürchtet! O, ich errathe Alles ſehr leicht! ich wette, daß jener Taugenichts ihren Mann nach Paris gelockt, und er dort Frau und Kind vergeſſen hat!... Beim Kukuk! das iſt nicht zu bezweifeln... wie ſchade, daß ich nicht weiter in ſie dringen darf, bald würden wir Alles wiſſen!“ Da übrigens das gute Mädchen die Krankheit der Unbekannten nicht verſchlimmern will, ſo wagt ſie keine weitere Frage mehr. Oft geht ſie mit Adelinen im nahen Wäldchen ſpazieren; Ermance wird dann von Katharinen oder ihrer Mutter geführt; die alte Dienerin wacht über jede ihrer Bewegungen, ſie fängt jedes ihrer Worte auf und gründet darauf ihre Ver⸗ muthungen; aber nach Verlauf von drei Monaten weiß ſie doch nicht mehr als am zweiten Tage. Eines Tages jedoch trübte ein unvorhergeſehenes 8⁰ Ereigniß das einförmige Leben Adelinens. Sie ging nämlich mit ihrem Kinde auf einem vom Hauſe nur wenig entfernten Hügel ſpazieren. Katharine folgte ihr in der Nähe, bewunderte die zarte Geſtalt, die An⸗ muth, die edle Haltung der Unglücklichen und ſagt leiſe zu ſich:„Dieſe Frau iſt in keiner Hütte geboren; ihre Manieren, ihre Sprache verrathen die große Welt! und doch ſoll man nicht erfahren können, wer ſie iſt... es iſt zum Verzweifeln.“ Ein junger Schäfer war auf einen Baum geklettert, um ein Neſt auszunehmen; ſein Fuß gleitet aus, der Zweig, den er ergreift, bricht zu gleicher Zeit ab, er fällt auf den Boden, verwundet ſich am Kopfe und ſtößt einen ſchmerzhaften Schrei aus. Adeline befand ſich ſo eben ganz in der Nähe, hört das Geſchrei, und ſteht krampfhaft zitternd plötzlich ſtill; Schrecken malt ſich auf ihrem Geſicht und ihre zur Erde ge⸗ ſenkten Augen ſcheinen einen ihr fürchterlichen Gegen⸗ ſtand vermeiden zu wollen; plötzlich erfaßt ſie ihr Kind, und läuft damit eilig fort in den Wald! Ver⸗ gebens ruft ihr Katharine und eilt ihr nach; Adelinens Kräfte verdoppeln ſich und das Rufen Katharinens vermehrt nur ihre wahnſinnige Angſt; ſie erklettert die ſteilſten Fußpfade, ohne Athem zu ſchöpfen, ſie berührt kaum den Boden, ſie dringt immer weiter in die Berge, und die alte Dienerin verliert ſie bald aus den Augen. Troſtlos kehrt Katharine zu ihrem Herrn zurück und macht ihn mit dem Geſchehenen bekannt. Aber Herr Gerval weiß, daß ihm alle Landleute aus der Umgegend 81 ergeben ſind; er ſendet Dupreé und Lukas aus, die Nachbarn zur Nachforſchung aufzufordern, und Alles beeifert ſich, ſeinen Wünſchen Folge zu leiſten. Der Erfolg krönt ihr Bemühen; man findet endlich Adeline und ihr Kind unter einem Baume liegend; ein heftiges Fieber war der Erſchöpfung gefolgt, und die Flüchtige außer Stand geweſen, weiter zu gehen. Man legt ſie auf eine in der Eile von Baum⸗ zweigen bereitete Trage und bringt ſie und ihr Töch⸗ terchen ihrem Wohlthäter wieder zurück. Der alte Herr entläßt die Landleute, nachdem er ſie für ihren Eifer belohnt hat, und man beſchäſtigt ſich jetzt nur damit, die arme Kranke wieder zu beruhigen, welcher das Klaggeſchrei des Schäfers einen ſo heftigen An⸗ fall des Wahnſinns verurſacht hatte, als er ihr wäh⸗ rend ihres Aufenthaltes in den Vogeſen noch nicht begegnet war. Den heftigſten, immer wiederkehrenden Schreckbil⸗ dern hingegeben, ſpricht Adeline jetzt weit mehr als früher, und Katharine weicht nicht mehr von ihrer Seite; aber dieſe ſchaudert bei den Worten, welche jetzt über die Lippen der Unbekannten kommen.— „Reißt ihn vom Schaffot, wiederholt ſie alle Augen⸗ blicke, indem ſie die Hände vors Geſicht hält; habt Erbarmen... überliefert ihn nicht den Henkern... ſie wollen ihn umbringen.. ich höre ſeine Stimme l... doch nein!... das Klaggeſchrei kam nicht von ihm.. das iſt ein anderes Opfer.. Achl ich irre mich nicht... ich erkenne ſeine Stimme.. ſie dringt ja immer bis zu meinem Herzen.“— Paul de Kock. XXII. 6 82² Katharine vergießt Thränen, Herr Gerval vermu⸗ thet ein abſcheuliches Geheimniß, und die alte Magd kann nicht aufhören, zu wiederholen:„Ein Schaffot!... Henker!... ach! Herr Gerval, wie ſchrecklich!... — Demn ſei, wie ihm wolle, ſagt dieſer, mögen ihr Mann oder ihre Anverwandte Verbrecher geweſen ſein, ich werde ſie dennoch bei mir behalten. Sie iſt nicht ſtrafwürdig, ich bin deſſen gewiß, ſie iſt nur unglück⸗ lich..— Ja, Herr Gerval, aber die Böſewichte, die ſie in dieſen Zuſtand verſetzt haben, verdienten gezüchtigt zu werden!...— Allerdings, gute Katha⸗ rine, aber kennen wir ſie? wir wollen es der Vor⸗ ſehung überlaſſen, dieſe Unglückliche zu rächen! und uns auf ihre Gerechtigkeit verlaſſen!... denn der Gedanke wäre zu ſchrecklich, daß die Böſen in Frieden die Früchte ihrer Miſſethaten genießen ſollten, wäh⸗ rend ihre Opfer ihr Daſein in Thränen und Ver⸗ zweiflung aufreiben.“ Herr Gerval verſammelt ſeine Dienerſchaft und empfiehlt ihr nochmals, die Aufmerkſamkeit auf die unglückliche Mutter zu verdoppeln, um ferneren Un⸗ fällen vorzubeugen.—„Kein Geräuſch!... kein Ge⸗ ſchrei in der Nähe ihres Zimmers. Wollt ihr zuſam⸗ men ſchwatzen und ſcherzen, was ich euch keineswegs „verbieten will, ſo ſei es jederzeit fern von Conſtanze, damit ſie euch nicht höre; und vor allen Dingen keine Fragen mehr, Katharine, denn die haben noch nie zum Guten geführt.“ „O nie mehr, entgegnet die gute Alte, ich mag jetzt nichts weiter wiſſen!... was ich gehört habe, 1 83 iſt traurig genug, und ich wäre untröſtlich, ſollte ich der Armen noch mehr Herzeleid verurſachen!“ Dank dieſer Vorſicht, fängt Adeline wieder an ru⸗ higer zu werden, und Alles nimmt ſeinen gewohnten Gang wieder an. Einige Zeit verſtreicht, bevor man die Kranke wieder aus dem Hauſe läßt, und auch jetzt geht ſie nur in der Begleitung von Lukas und Katha⸗ rinen in der Umgegend ſpazieren, und wenn ſie von den Bauersleuten von ferne geſehen wird, ſo gehen ſie nach dem Wunſche des Herrn Gervals ſogleich bei Seite, um ſie in keiner Art aufzuregen. Wenn ſie unbemerkt an einem Orte erſcheint, wo ſich die jungen Landleute der Heiterkeit überlaſſen, ſo hört Spiel und Tanz ſogleich auf:„Da iſt die Verrückte, flüſtert man ſich zu, laßt uns einen Augenblick ſtille ſein, damit wir ihr Uebel nicht ſchlimmer machen.“ Die Zeit vergeht, ohne in Adelinens Zuſtand eine Aenderung herbeizuführen, aber die kleine Ermance wächst heran, und ihre Züge fangen ſchon an, ſich zu entwickeln. 4 Bereits gleicht ihr Lächeln dem ihrer Mutter, deren Seele ſo viel Gefühl zu verrathen ſcheint. Ein Jahr iſt ſchon verfloſſen, ſeitdem Herr Gerval Mutter und Kind bei ſich aufgenommen hat. Die liebliche Er⸗ mance liebt den alten Herrn, wie ſie ihren Vatex geliebt haben würde. Ihre niedlichen Händchen ſpielen mit den weißen Haaren des Greiſes und dieſer fühlt mit jedem Tage eine größere Zuneigung für das lie⸗ benswürdige Kind. „Du haſt keine Eltern mehr, ſagt er, es Abends 84 auf den Schooß nehmend. Deine Mutter, arme Kleine, iſt todt für Dich! Dein Vater iſt es ohne Zweifel auch, oder hat er Dich verlaſſen, und verdient Deine Liebe nicht. So will denn ich für Dich ſorgen. Du ſollſt dereinſt reich ſein, möchteſt Du auch glücklich werden und manchmal an den Greis denken, der Dich an Kindesſtatt aufgenommen hat, und der es nicht mehr erleben wird, wie Du Dich ſeiner Gaben er⸗ freueſt!“ Der Winter raubt den Bäumen ihr Laub und dem Erdboden ſeinen grünen Schmuck. Schon ſind die Wal⸗ dungen öde und die Vögel ziehen fort, um unter einem andern Himmelsſtrich Schatten und Laubwerk aufzu⸗ ſuchen. Der Schnee fällt in dichten Flocken und macht die ohnehin ſchlimmen Wege in den Vogeſen für Fuß⸗ gänger gefahrvoll, für Wagen aber unfahrbar. Die Abende werden lang, das Sauſen des Windes macht ſie traurig und düſterer. Der einſame Wanderer eilt, ſein Ziel zu erreichen, aus Furcht, von der Nacht überfallen zu werden; er läuft, um ſich zu erwärmen, bläst ſich in die Hände, und die Spur, die er im Schnee zurückläßt, dient verirrten Reiſenden nicht ſelten zum Wegweiſer. Langeweile kehrt indeſſen nicht in Gervals Behau⸗ ſung ein, denn Jedes weiß ſeine Zeit nützlich an⸗ zuwenden. Der alte Gerval liest, führt ſeine Bücher und ſchreibt an ſeine Pächter; denn er beſitzt noch mehre Güter in verſchiedenen Gegenden Frankreichs. Duproe beſchäftigt ſich mit den kleinern Berechnungen, und ſorgt für die Bedürfniſſe im Hauſe, Katharine 8⁵ ſteht der Haushaltung und der Küche vor, und Lukas nimmt ſich des Gartens an, und trifft Vorrichtungen, die Pflanzen und Blumen gegen die rauhe Jahreszeit zu ſchützen. Adeline verläßt nur Morgens ihr Zimmer, um etwa im Garten herumzugehen; ſelten ſieht man ſie in den andern Theilen des Hauſes. Sobald es dunkel wird, zieht ſie ſich in ihr Zimmer zurück, nimmt auch bisweilen ihre Tochter dann mit; und wenn ſie ausnahmsweiſe Abends bei den Uebrigen bleibt, ſo ſetzt ſie ſich neben Katharine, die dem Kinde Geſchichten erzählt, während Herr Gerval eine Partie Piquet oder Dame mit Düpre macht, und Lukas in einem alten Buche eine Geiſter⸗ oder Räubergeſchichte ſtudirt. Wenn von einem heftigen Windſtoß die Fenſter⸗ ſcheiben erzittern, oder die Zweige der dicht vor dem Hauſe ſtehenden Bäume an die Fenſter ſchlagen, dann läßt Lukas, der eben nicht der Tapferſte iſt, und es dabei doch liebt, ſeine Furcht durch ſchreckhafte Geſchichten zu ſteigern, ſein Buch fallen, und ſchaut ängſtlich umher; der eintönige Lärm der Wetterfahne auf dem Dache, der gleichmäßig wiederkehrende Ton eines eiſernen Hakens, der vom Winde bewegt an die Mauer ſchlägt, alles ſetzt den Gärtner in Furcht; manchmal unterbricht Adeline die Stille und ruft plötzlich:„O, da iſt er!... ich höre ihn!“ und dann fährt Lukas vom Stuhle auf und glaubt einen Geiſt erſcheinen zu ſehen. Katharine verhöhnt ihn dann, Herr Gerval ſchilt ihn ob ſeiner Feigheit, und der Gärtner fährt, um neuen Muth zu faſſen, in ſeiner Geiſtergeſchichte fort.. 86 Achtes Kapitel. Das Wahre erſcheint manchmal unwahrſcheinlich. Der Schnee fiel in ungewöhnlich großen Maſſen; der Sturm wüthet, bricht Aeſte von den Bäumen, ſtreut ſie weit umher und macht die Straßen noch unwegſamer. Es ſchlägt acht Uhr, und ſchon lange iſt es finſtere Nacht. Adeline, welche das Toben des Windes noch trau⸗ riger macht, hat den ganzen Tag ihr Zimmer nicht verlaſſen. Katharine kommt und legt die kleine Er⸗ mance neben dem Bette ihrer Mutter zur Ruhe; dieſe aber ſitzt noch auf einem Stuhle und will, ungeachtet der Bitten der Alten, ſich noch nicht niederlegen. Der Herr des Hauſes macht ſeine gewöhnliche Partie mit Dupre, und Lukas hat eben ſein dickes Buch zur Hand genommen, als die Glocke am Gitterthor ſich hören läßt. „Man klingelt, ſagt Herr Gerval; bei dieſem Wetter ſo ſpät noch Beſuche?...— Das iſt ſehr ſonderbar, bemerkt Lukas.— Soll geöffnet werden, Herr Gerval? fragt Dupré.— Ei! Wir müſſen doch wiſſen, wer da iſt, vielleicht verirrte Reiſende oder Unglückliche, die mir die Nachbarn zuſchicken, wie das oft geſchieht... ich höre Katharine, die wird uns ſagen, wer da iſt.“ Katharine war nach dem Gitterthor gegangen, und kam zurück, um ſich nach dem Willen des Herrn zu erkundigen.„Herr Gerval, ſagt ſien es ſind dem Anſcheine nach drei reiſende Handelsleute, denn ſie 8 87 haben Ballen auf dem Rücken. Sie bitten um Ob⸗ dach für dieſe Nacht; ſie können nicht weiter, weil der Schnee zwei Fuß hoch auf dem Wege liegt; einer davon iſt ein alter Mann, der vom Frpoſte ſehr zu leiden ſcheint. Wollen wir ſie aufnehmen?— Aller⸗ dings, und das nach beſten Kräften.— Aber Herr Gerval, fällt Dupre ein, drei Männer in der Nacht... iſt das vielleicht nicht unvorſichtig?— Ei, warum denn, Dupré? es ſind Handelsleute, einer davon iſt ſchon alt! was haben wir da zu fürchten?... es iſt ſo natürlich, daß man bei dieſem Wetter Schutz ſucht; ſoll ich ehrliche Leute in den Bergen umkommen laſſen, aus Furcht, Vagabunden zu beherbergen?... ach mein Freund, wollte man denen erſt immer ins Herz ſehen, die Hülfe von uns verlangten, ſo würde man nur ſelten Gutes ſtiften! geh ſchnell, Katharine, öffne, öffne, laſſe die Fremden nicht länger vor der Thüre .. Du Dupre mach ein tüchtiges Feuer, damit ſich die Leute trocknen können, und Du, Lukas, richte die kleine Stube her, die für Reiſende beſtimmt iſt. Katharina geht und macht den Fremden, die ſie mit Dankſagungen überhäufen, das Gitterthor auf. Die beiden Jüngern führen den Alten, und nur mit vieler Mühe bringen ſie ihn in das Zimmer des erſten Stockwerks, wo ſie der Herr vom Hauſe erwartet. „Seien Sie mir willkommen, meine Herren, redet ſie der gute Gerval an, indem er ſie auffordert, näher zum Feuer zu treten. Laſſen Sie nur gleich den alten Mann ſich niederſetzen, er ſcheint ſehr ermüdet.— O! ja! mein Herr, erwidert dieſer mit zitternder 88 Stimme. Die Kälte hat mich ſo angegriffen, daß ich ohne den Beiſtand meiner Kinder unterwegs liegen geblieben wäre!— Nun! Ihr ſollt ſchon wieder zu Kräften kommen, guter Freund, und ihr, lieben Leute, legt nur eure Ballen ab, man ſoll ſie in das für Euch beſtimmte Zimmer thun.“ Die Handelsleute legen mehre Ballen und Päcke in einer Ecke des Zimmers ab, die Leinwand, Tücher, Muſſelin und dergleichen zu enthalten ſcheinen; Du⸗ pre, der etwas mißtrauiſch iſt, nähert ſich den Ballen, aber ſogleich beeilt ſich einer der jungen Männer, der es gewahrt hat, mehre Päcke zu öffnen, und dem Diener ſeine Waaren zu zeigen.„Wenn Euch etwas gefällt, ſo wählt nur aus, ſagt er, wir werden ſchon miteinander fertig werden.— Danke, danke, entgegnet Dupre, als er bemerkt, daß Herrn Gerval ſein Miß⸗ trauen mißfällt, morgen können wir Alles weit beſſer beſehen.“ Die Fremden ſetzen ſich jetzt zum Kamine; Ka⸗ tharine bringt eine Flaſche Wein und Gläſer, und Lukas nimmt die Waarenballen und trägt ſie in die obere Stube. „Hier, meine Herren, bis zum Nachteſſen wird Ihnen das ſchon bekommen, ſagt Herr Gerval den Fremden einſchenkend. Trinkt, meine Herren, der Wein iſt gut.— Mit Vergnügen, erwidert derjenige der jüngern Reiſenden, der ſchon mit Dupré geſprochen hat; der Wein iſt eine herrliche Sache! Da, lieber Vater, da, Johann, auf Ihre Geſundheit, mein Herr!“ „Das find gute Kinder, wie es ſcheint, ſagt Herr 89 Gerval zu dem Alten.— O ja, mein Herr, ſie ſind die Stützen meines Alters... der da, iſt Gervais, der Aelteſte... ein munterer Burſche, immer zum Lachen aufgelegt; und dieſer hier, Johann, mein Jüngſter; dieſer iſt nicht ſo heiter, wie ſein Bruder; ſpricht wenig, iſt ſonſt aber ein guter Junge, ſehr fleißig und ökonomiſch... ich liebe ſie beide recht ſehr!... denn ſie ſind rechtſchaffen, unfähig, Jemand Unrecht zu thun, und bei ſolchen Eigenſchaften läßt ſich etwas erwarten.“ „Ich mache Euch mein Compliment, ſolche Söhne zu haben, aber warum reist Ihr in Eurem Alter noch mit ihnen umher?— Ach, mein Herr, wir gehen jetzt nach Metz, um uns dort niederzulaſſen, meine Söhne werden dort die Töchter eines unſerer Handelsfreunde heirathen, und ich denke dann bei ihnen zu wohnen. — So, ſo! aber hat Euch der Zufall zu mir geführt, oder haben Euch vielleicht die Landleute mein Haus als eine Zufluchtsſtätte für die Nacht bezeichnet.— Mein Herr, antwortete Gervais, wir ſind hier in der Gegend nicht bekannt, und machten uns heut erſt ſpät auf den Weg; da überſiel uns die Dunkelheit; wir ſahen uns genöthigt, irgendwo Schutz zu ſuchen, be⸗ ſonders da der Vater zu alt iſt, um dem Unwetter Trotz zu bieten. Ohne ihn hätten wir es nicht ge⸗ wagt, einem Privatmann beſchwerlich zu fallen, und mein Bruder und ich hätten lieber die Nacht im Schnee zugebracht, nicht wahr, Johann?.— Jal.. erwidert Johann mit leiſer Stimme und ohne die Augen vom Kamin abzuwenden.— Da hättet ihr 90 ſehr Unrecht gehabt, antwortet Gerval, den Fremden wiederholt einſchenkend. Ich diene meinem Nächſten recht gerne, und ihr werdet hoffentlich eine ruhige Nacht bei mir verleben.“ „Sie wohnen hier recht einſam, ſagt Gervais ſein Glas leerend; fürchten Sie nicht, von Räubern über⸗ fallen zu werden?— Das habe ich niemals gefürch⸗ tet!... und bis jetzt iſt mir dergleichen auch noch nicht begegnet... Uebrigens ſind wir auch Leute genug im Hauſe, um uns vertheidigen zu können, fügt Dupre hinzu, und Gott ſei Dank, wir haben Waffen!— Dupre ſieh nach, ob Katharine bald mit dem Abend⸗ eſſen fertig iſt...— Ja, Herr Gerval, ich werde auch nachſehen, ob Madame Conſtanze und ihre Tochter nichts bedürfen.“ Dupré geht nicht zu Adelinen, aber er hat die Fremden nur in Kenntniß ſetzen wollen, daß noch mehr Perſonen im Hauſe wohnen, denn es iſt ihm gar nicht lieb, daß die Fremden die Nacht hier zubringen werden. Er geht in die Küche und fragt Katharine, was ſie von den Fremden halte.„Meiner Treu! ich denke, es ſind gute Leute; der Alte ſcheint ſehr ehrwürdig.. — Für einen Greis, der kaum ſtehen und gehen kann, hat er verteufelt feurige Augen! entgegnet Dupre... und was ſeine beiden Söhne betrifft, ſo ſcheint mir der eine ein rechter Taugenichts zu ſein... er lacht immer ſo höhniſch, wenn er ſpricht, und trinkt!... kein volles Glas kann er ſehen!.— Ei! wirklich... das iſt doch auffallend!... ein Ballenträger!— Und der andere! was hat der für eine finſtere Miene! — —— 91 ... er ſchlägt kaum die Augen auf! bis jetzt hat er nur erſt einmal Ja geſagt... das iſt ſo unheimlich... ich kann ſolche Leute nicht leiden.— Bah!. Du biſt auch gar zu mißtrauiſch, lieber Dupré.— Nein, das nicht, aber ich will wiſſen, mit wem ich es zu thun habe.— Kennen wir denn die arme Frau, die ſchon ſeit einem Jahre bei uns wohnt?— O! was iſt das für ein Unterſchied!... eine junge, ſchöne, intereſſante Frau; ſchon ihr Zuſtand flößt Mitleid ein; und ihr Kind! wie zart und lieblich iſt das doch... ja! ich verſtehe mich einigermaßen auf Phyſiogno⸗ mien!... dieſe Handelsleute aber... ſieh! Katha⸗ rine, ich werde dieſe Nacht ſchlecht ſchlafen.— Und ich werde hoffentlich ganz gut ſchlafen.— Schließ nur Deine Thüre gut zu.— Schon gut, ſchon gut! Du biſt ja wie Lukas... man muß geſtehen, wir haben hier tüchtige Männer zu unſerer Vertheidigung, wenn es darauf ankommt.— Katharine, Du irrſt Dich, ich bin kein Feigling... aber ich fühle, daß ich nicht mehr zwanzig Jahre alt bin... ach! damals nahm ichs mit Dreien allein auf!— Ach! ſo laß mich mein Nachteſſen kochen, ſtatt mir mit ſolchem Gewäſche bange zu machen.— Gewäſch? hm! das iſt bald geſagt... und wird unſere junge Frau auch mit beim Eſſen ſein?à..— Du weißt ja, daß dieſes nicht ihre Gewohnheit iſt... ſie ſchläft, wie ich hoffe, möchteſt Du ſie nicht auch nach aufwecken?..— Katharine?...— Nun, was gibt's?— Es kommt mir vor, als ob ich Lärm im Hofe am Gitter hörte... — Das iſt der Wind, der mit den Bäumen ſein 92 Spiel treibt... übrigens ſieh doch nach.— Ja, ja.. ich will mich lieber ſelbſt überzeugen, obgleich Du mir keine Courage zutrauſt.“ Dupre zündet eine Laterne an, und macht einen Gang über den Hof, findet aber Alles in gehöriger Ordnung, das Gitterthor iſt verſchloſſen; er bleibt eine Weile ſtehen, um bindurch zu ſehen, aber eine Menge vom Winde aufgejagten Schnees fährt ihm ins Geſicht; indem er ſich die Augen reibt, iſt es ihm, als vernähme er ein dumpfes Geräuſch in dem untern Stockwerk, von der Seite her, wo Adeline wohnt. 3 „Arme Frau, ſie ſchläft noch nicht, ſagt er; wenn ich hinginge, um zu fragen, ob ſie eiwas wünſcht, aber der Herr will nicht, daß man ſie Abends ſtört; er hat es ausdrücklich verboten. Ich will daher wieder hinauf und lieber auf die Fremden ein wachſames Auge haben.“ Der alte Diener trifft Lukas auf der Treppe. Der Gärtner fingt und lacht, denn wenn viel Leute im Hauſe ſind, iſt er immer munter und guter Dinge. — Haſt Du das Zimmer für die Fremden in Ordnung gebracht? fragt ihn Dupré.— Ja, und ich habe ihnen auch ihre Waaren hinaufgetragen; ſie haben mir für meine Mühe etn Trinkgeld geben wollen, allein ich habe es ausgeſchlagen!— Du thateſt Recht daran; für Leute, die zu Fuße reiſen, ſind ſie ja recht freigebig?— O, der eine mit den röthlichen Haaren ſieht recht luſtig aus... er lacht... trinkt... und ſpricht für Alle... wenn wir öfter ſolche Gäſte hätten 93 würde es, glaube ich, munterer bei uns hergehen!... aber wir haben ja nur die arme Frau.. und eine Verrückte noch dazu... da kann es eben nicht fidel ſein.— Schweig, Lukas, Du kennſt Deine Leute nicht .. ich will eben nicht behaupten, daß dieſe Kaufleute Spitzbuben find, aber...— Was aber?— Verſchließe Deine Thüre gut, hörſt Du Lukas?. — Ja, ja Herr Dupré... ja... ich verſtehe wohl, antwortet Lukas, deſſen Heiterkeit ſich mit einem Male in Angſt und Unruhe verwandelt, während Dupré langſam zu ſeinem Herrn hinaufgeht. Der fremde Greis und Gervais unterhalten ſich mit Herrn Gerval; der Andere beantwortet die an ihn gerichteten Fragen höchſt einſilbig.„Mein Bru⸗ der iſt ſehr ernſthaft, ſagt Gervais halblaut zu ihrem Wirth; er iſt nämlich eiferſüchtig; er fürchtet, ſeine Braut werde ihn in den zwei Jahren, wo er abwe⸗ ſend war, vergeſſen haben, und das macht ihn be⸗ trübt.— Das läßt ſich denken, es ſcheint mir aber, als wäret Ihr nicht ſo beſorgt?— Ich? Ha! beim Kukuk! ich habe mich um die Weiber niemals ge⸗ quält!... ich bin nicht ſo! zw. ich frage den Teufel darnach, und bin im Stande..— Schweig, mein Sohn, unterbricht ihn der Alte raſch, Du ſprichſt ein wenig zu rückſichtslos; entſchuldigen Sie ihn, Herr Wirth, er iſt Soldat geweſen.— Ah! Ihr habt ge⸗ dient?— Ja, freilich!... und wenn es zu ſchlagen gibt, bin ich bei der Hand, nicht wahr, Vater 2... — Ja, allerdings; Du biſt ein Hitzkopf! das ſieht man.“ 4 9⁴ Katharine meldet, daß im Nebenzimmer aufge⸗ tragen ſei.—„Nun denn, meine Freunde, ſo laſſet uns zu Tiſche gehen;“ ſagt Gerval, und führt ſeine Gäſte ins Speiſezimmer. Man ſetzt ſich; der alte Kaufmann neben den Wirth; Dupre als ein lang⸗ jähriger Diener iſt allmälig der Freund ſeines Herrn geworden, und ſpeist immer mit am Tiſche; er nimmt alſo ſeinen gewöhnlichen Platz ein, Herr Gerval bemerkt aber neben ſich noch ein weiteres Couvert. „Für wen iſt dieſes Gedeck? fragt er Dupre.— Herr Gerval für unſere junge Dame... oder ihre Tochter, wenn ſie etwa kommen ſollte.— Du weißt ja, daß ſie ſchon ſchläft, Conſtanze bleibt nie ſo lange auf.— Sie ſchläft nicht, Herr Gerval, ich habe in ihrem Zimmer noch Geräuſch gehört.“ Der Greis wirft ſeinen beiden Begleitern einen Blick zu, und wendet ſich dann gegen den Wirth.— „Sie haben noch Damen im Hauſe, mein Herr? ſollten wir ſie vielleicht hindern, am Abendeſſen Theil zu nehmen, dann würden wir lieber ſogleich auf unſer Zimmer gehen.— O, nein! es iſt nur eine Mutter mit ihrem Kinde; die arme Frau iſt leider ihres Verſtandes beraubt!... eine Unglückliche, die zu reiz⸗ bare Nerven hat... ſie iſt zu bedauern!...— So wollen wir auf ihre Geſundheit trinken, meine Her⸗ ren, ſagt der große Gervais, indem er ſich und ſei⸗ nem Nachbar das Glas vollſchenkt.“— Der Menſch ſcheint ſich wenig zu geniren, denkt Dupre; Teufel, der möchte unſern Keller bald ausleeren. Der Greis ſieht von Zeit zu Zeit ſeinen Sohn an; 95 er ſcheint unzufrieden, daß er ſo viel trinkt, und macht ihm deßhalb Vorwürfe.—„Der Wein unſeres Wirthes iſt köſtlich, entgegnet dieſer, und Ihr wißt ja, Vater, er iſt meine ſchwache Seite.“ 3 „So ſchonen Sie ihn nicht, ſagt Herr Gerval, er wird Ihnen Kräfte geben, Ihre Reiſe morgen fortzuſetzen.— Gern, ſehr gern, mein lieber Herr Wirth, ich hätte ſchon Luſt, einen kleinen Zopf zu trinken.“ Dupre verzieht das Geſicht und findet, daß Ger⸗ vais ganz beſondere Redensarten führt; je mehr er trinkt, deſto freier wird er. Unſer guter Herr Gerval entſchuldigt es aber und findet Vergnügen an der muntern Laune des jungen Mannes, die ſeinem Vater jedoch ganz und gar nicht gefällt. „So trinke doch Johann, ſagt Gervais, indem er ſeinen Nachbar anſtößt, Du biſt ja ein trauriger Held!... und Du... ahl bitt' um Entſchuldigung... Sie wollt' ich ſagen, und Sie, mein lieber hochver⸗ ehrter Papa, Sie rollen mir ja ein paar Augen zu, wie ein paar Salzfäſſer!... Potz Donner.. ich bin das einzige fidele Haus unſerer Familie, nicht wahr, Herr Wirth? auf Ihre Geſundheit, Herr von Gerval, auf die Ihrer werthen Familie.. Ihrer Verrückten, und auch auf Ihre Geſundheit, alter Brummbär, der Sie uns betrachten, als ob wir aus der arabiſchen Wüſte kämen; auf die Geſundheit der ganzen Geſellſchaft! ich meine es gut!“ „Entſchuldigen Sie, mein Herr, ſagt der Alte zu —— 96 Dupre, ſowie er etwas getrunken hat, weiß er nicht mehr, was er ſpricht.“ Dupre zieht die Augenbraunen zuſammen und antwortet nichts.—„Ich wüßte nicht mehr, was ich ſpreche, ruft Gervais, ah! heiliges Kreuz Bomben⸗ wetter!... das glauben Sie, mein lieber Vater; nun] ſo haben Sie gelogen... gelogen wie ein Schul⸗ fuchs... nicht wahr, Johann? iſt er nicht ein rechter Schulfuchs?“ Der Alte ſteht wüthend auf.„Ohne die Achtung, die ich meinem Wirth ſchuldig bin, ſagt er, würde ich Dich zu züchtigen wiſſen, aber ich habe Mitleid mit Deinem Zuſtand, folge mir, wir wollen den Herrn nicht länger von ſeiner Ruhe abhalten.— Recht ſo, recht ſo, lieber Papa, ich glaube, ich habe Dummheiten geſagt; es iſt beſſer, ich lege mich nie⸗ der.. inzwiſchen bitte ich noch um Ihren Segen.—“ Bei dieſen Worten nähert ſich Gervais dem Alten der ihn jedoch zurückſtößt und Herrn Gerval gute Nacht wünſcht, mit der Bitte, ihm das ungezogene Benehmen ſeines Sohnes doch ja nicht aufrechnen zu wollen. Lukas nimmt ein Licht und will die Fremden auf ihr Zimmer begleiten, als man Geräuſch auf dem Hofe vernimmt; die Handelsleute ſehen ſich überraſcht an, und Dupre läuft nach dem Fenſter und ſieht, wie Adeline im einfachen Nachtkleide mit dem Lichte in der Hand heftig bewegt im tiefen Schnee einherläuft. „Sie iſt es, Herr Gerval, ſagt Dupre zu ſeinem „Herrn; ſonderbar, daß ſie ſo ſpät noch ihre Zimmer 97 verlaſſen hat.— Iſt das Ihre unglückliche Frau? fragt der Alte.— Wetter! ich muß die Verrückte ſehen, ruft Gervais, ich bin neugierig zu wiſſen, ob ſie hübſch iſt.“ Er läuft raſch nach dem Fenſter, aber Adeline war bereits wieder in ihr Zimmer zurückgegangen. „Gute Nacht, meine Herren, ſagt Gerval zu den Fremden, morgen frühe werde ich wohl wieder das Vergnügen haben, Sie zu ſehen.“ Die Kaufleute ſteigen zum zweiten Stock hinauf. Lukas läßt ihnen das Licht und eilt wieder in ſein Zimmer hinunter, das neben der Küche liegt, und von ihm, ſowie es ihm Dupré anempfohlen, ſorgfältig verrammelt und verſchloſſen wird. Dieſer bleibt noch allein bei ſeinem Herrn, denn die Köchin hat ſich auch ſchon zu Bett begeben, und theilt nun demſelben ſeine Bemerkungen über die Frem⸗ den mit.— „Sie werden doch geſtehen, Herr Gerval, daß der Große wie ein Vagabund ausſieht, und ſeine Sprache, ſein Benehmen, der Mangel an Achtung gegen ſeinen Vater..— Was willſt Du; er hatte etwas zu viel getrunken!— Seine ſonderbaren Ausdrücke...—. Er iſt ja Soldat geweſen!— O! das war nicht die Sprache eines Soldaten. Möge es Gott gefallen, mein lieber Herr, daß Sie es nicht bereuen, dieſe Leute gaſtfreundlich aufgenommen zu haben!— Was fürchteſt du denn?— Ich weiß es nicht, aber alles iſt mir verdächtig, ſelbſt das Stillſchweigen des Einen, deſſen finſtere Miene eben kein ehrliches Gemüth Paul de Kock. XXII. 7 98 ankündigt.— Beruhige Dich, Dupre, und geh' zu Bette... Eine Nacht iſt bald vorüber!— Ja, wenn man ſchläft!... aber manchmal kann ſie einem recht lange werden... Es iſt mir nur lieb, daß mein Schlafzimmer an das Ihrige ſtößt, und wenn Sie Geräuſch hören, ſo werden Sie mich ſogleich rufen, nicht wahr, Herr Gerval?— Ja, ja, mein guter Dupre, geh' nur und beruhige Dich.“ Dupre verläßt ungern ſeinen Herrn. Dieſer aber legt ſich vertrauensvoll nieder, und der Schlaf ver⸗ drängt ſehr bald jeden Gedanken an die böſen Ver⸗ muthungen ſeines alten Dieners. Das Zimmer Dupre's iſt im erſten Stockwerk, dicht an dem des Herrn Gerval gelegen, aber die Thüre geht nach der Treppe hinaus, die nach der zweiten Etage und hinunter in den Hof führt. Von einer unwiderſtehlichen Unruhe gequält, iſt Dupre entſchloſſen, munter zu bleiben, und wo mög⸗ lich ſeinen Verdacht aufzuklären. Er ſieht nach dem Fenſter der Fremden hinauf und bemerkt noch Licht. „Sie ſchlafen noch nicht, und ich könnte ſie behorchen, ſagt er; ich will es verſuchen.“ Er ſchleicht ſich ſachte und ohne Licht aus dem Zimmer und ſteigt die Treppe hinauf; er bleibt vor der Thüre, die zu den Kaufleuten führt, ſtehen, aber er erinnert ſich, daß vor ihrem Schlafzimmer noch ein kleines Kabinet ſich befindet, ſo daß man von der Flur aus ſie nicht ſprechen hört. Dupre will ſchon⸗ wieder hinunter gehen, als ihm einfällt, daß die Kaminröhre ihres Schlafzimmers dicht an der Dach⸗ 99 luke ihren Schornſtein hat. Er ſteigt alſo mit der größten Vorſicht nach dem Boden hinauf, öffnet leiſe das Lukenfenſter, legt ſich auf den Bauch ſo weit als möglich hinaus, erreicht ſo wirklich den Schornſtein, und kann nun bei der geringen Entfernung, die ihn von dem darunter liegenden Zimmer trennt, mit der größten Leichtigkeit folgende Unterredung hören: „Du biſt unverbeſſerlich, Lampin; es fehlte nicht viel, ſo hätte Dein verfluchtes Beſoffenſein uns ver⸗ rathen!— Bah! bahl und was hätten wir denn am Ende zu fürchten gehabt; im ganzen Hauſe find ja nur drei alte Schwachköpfe, ein Einfaltspinſel, eine Wahnſinnige und ein Kind!... wahrlich eine fürch⸗ terliche Mannſchaft!... hätteſt Du meinem Rath gefolgt, ſo hätten wir gleich, ſowie wir ins Haus traten, offen gehandelt. Was mich betrifft, ich nehme den reichen alten Kauz und ſeinen Bedienten auf mich.— Es iſt beſſer ganz ſicher zu gehen und auf einen vernünftigen Rückzug bedacht zu ſein. Du kannſt doch wohl denken, daß ich, bevor ich euch herführte, die nöthigen Erkundigungen über die Bewohner des Hauſes eingezogen haben würde. Der alte Herr iſt ſehr reich und thut ſehr viel Gutes.— Nun, ſo ſoll der alte Kröſus für uns auch wohlthätig ſein.— Er hat viel Geld im Hauſe, denn ich weiß, daß er erſt ſeit acht Tagen den Pacht von ſeinen Gütern einge⸗ zogen hat. Alles muß ſich in ſeinem Zimmer befin⸗ den. Da hinein zu kommen ſoll uns nicht ſchwer werden, wir bemächtigen uns der Schätze und ent⸗ fliehen durch das Zimmer der Verrückten, denn das Gitterthor iſt ſehr feſt, und es würde uns ſchwer werden, es aufzubrechen.— Ja, ich habe aber eiſerne Stangen vor den Fenſtern geſehen, die nach dem Wald hinaus liegen, wie wollen wir denn da hinaus fliehen, ſehr verehrter Herr Papa?— Dummkopf, denkſt Du nicht, ich hätte nicht hiefür geſorgt? Unſere beiden Kameraden haben Befehl die Stäbe durchzu⸗ feilen, und ich habe ihnen geſagt, ſie könnten es ohne Gefahr thun, da die, welche das Zimmer bewohnt, ſie daran nicht ſtören würde.— Bravo!... ein herr⸗ licher Gedanke, nicht wahr, Eduard 2... ſo ſprich doch, verwünſchter Duckmäuſer.— Ja, ja, der Plan iſt gut ausgedacht.— Ein wahres Glück, daß Du damit zufrieden biſt... wenn nur der alte Inten⸗ dant, der uns immer ſo von der Seite betrachtete, den Kram nicht verdirbt.— Sein Unglück wär's, wenn er ſich's unterſtände! Wir laſſen unſere Kame⸗ raden hereinkommen, dann find wir ſtark genug, und wer ſich widerſpänſtig zeigt, wird ſogleich zur Ruhe gebracht.— Gewiß, gewiß!.. das ſicherſte Mittel. — Glücklicherweiſe habe ich mich bei Tiſche zu mäßi⸗ gen gewußt; hätte ich Dir gefolgt, Lampin, wäre Alles verrathen worden.— Ja, Teufel! Du ſpiel⸗ teſt auch den Alten ſo gut, daß ich vor Lachen hätte erſticken mögen... wenn ich übrigens getrunken habe, ſo hat das meinen Muth nur vermehrt; hier iſt Gold zu fiſchen, und das ſtählt mir die Nerven... Aber laß ſehen, wie wollen wir denn unſere Poſten ver⸗ theilen?— In einiger Zeit laſſen wir unſere Kame⸗ raden hereinkommen, wir müſſen den alten Leuten — — 101 doch nicht die nöthige Zeit zum Einſchlafen geben. Eduard hält Wache bei der Verrückten, und gibt Acht⸗ daß ſie nicht etwa in einem Anfall des Wahnſinns ihre Thüre verſchließt und uns den Rückzug abſchnei⸗ det. Unſere Kameraden nehmen ihre Poſten, der Eine beim Gärtner, der Andere bei der alten Köchin, und Du Lampin begleiteſt mich beim Aufſuchen des Gel⸗ des.— So iſt's recht, das wäre alſo abgemacht.— Der Kamerad da wird ſich nicht beklagen können, einen zu gefährlichen Poſten erhalten zu haben, bei einer ſchlafenden Frau und einem Kinde Wache zu ſtehen!... Sapperment! welche Heldenthat!— Ja, aber ſie dürfen auch nicht aufwachen, denn wenn ſie das geringſte Geſchrei machen... bedenke Eduard, es handelt ſich um ihre Sicherheit, um unſer Leben viel⸗ leicht.— Schon gut! ich verſtehe!... „Und auch ich, ſagt Dupre, indem er behutſam den Kopf zurückzieht, ich weiß genug! o die Böſe⸗ wichter!... ich hatte mich nicht getäuſcht! Räubern haben wir Obdach gegeben... O mein Gott... rathe mir, wie ich meinen Herrn und die arme Frau rette.“.. Der alte Diener begibt ſich ſachte in den Boden zurück. Ungeachtet des Beſtrebens, ſeinen Geiſt und ſeinen Muth zu beleben, zittern ſeine Beine; kaum kann er ſich ſtehend erhalten, und ſeine Einbildungs⸗ kraft, von Allem, was er gehört, aufs Aeußerſte angeregt, zeigt ihm nur Blut und Mord. Er iſt fünfundſechszig Jahre alt, es wird ihm alſo ſchwer, einen Entſchluß zu faſſen, und in gefährlichen Kriſen iſt ein jeder Augenblick koſtbar und ſein Verluſt oft nicht zu erſetzen. Dupre ſchleicht den Boden entlang. Soll er ſei⸗ nen Herrn oder Lukas wecken? Aber der Gärtner ſchläft feſt; er müßte ſtark an ſeine Thüre pochen, und bei der Stille der Nacht würde das leiſeſte Ge⸗ räuſch von den Räubern gehört werden und ihren Verdacht erwecken. Katharina iſt in ihrer Küche ein⸗ geſchlafen, und ſie würde ohnehin nichts helfen kön⸗ nen!... aber durch Conſtanzens Zimmer ſollen ja die Kameraden der Räuber eindringen, man müßte ihnen alſo dieſen Eingang verſperren und zuvor die junge Frau mit ihrem Kinde aus dem Zimmer ſchaffen. Dieſer Plan ſcheint dem alten Diener der beſte. Er entſchließt ſich hinunter zu gehen, aber er ſchau⸗ dert, indem er den Fuß auf die Treppe ſetzt. Wenn die Nichtswürdigen jetzt heraus kämen und ihn an⸗ träfen, es wäre um ihn geſchehen; auf jeder Stufe ſteht er ſtill und horcht; endlich iſt er vor ihrer Thüre... aber er hört ſprechen, Fußtritte ſich nähern, man öffnet die Thüre, und Dupre ſteigt raſch wieder zum Boden hinauf. 4* Die ſogenannten Handelsleute hatten über ihren Köpfen ein Geräuſch gehört; der Gang des alten Mannes iſt ſchwerfällig, der morſche Fußboden hat unter ihm gekracht und die Aufmerkſamkeit der Räu⸗ ber rege gemacht. Dufresne tritt zuerſt heraus; er hält ein Licht in der einen und einen Dolch in der andern Hand. Lampin folgt ihm; ſie kommen in dem Moment auf dem Boden an, als der treue — 103 Diener gerade hinter einigen Bunden Stroh ſich ver⸗ ſtecken will.—„Wir find verrathen, ruft Dufresne, man hat uns behorcht, aber dieſer Wicht ſoll uns nicht mehr ſchaden.“ Und ſogleich ſtößt er ſeinen Dolch dem alten Manne in die Bruſt, der nur noch die Hände faltet, um die Milde ſeiner Henker anzuflehen; Dupre hauchte, ohne einen Ton von ſich zu geben, ſein Leben aus, ſein Blut überſchwemmt den Fußboden und Lampin be⸗ deckt den Leichnam des unglücklichen Dieners mit Stroh. „Jetzt hinunter, ſagt Dufresne, und da man Ver⸗ dacht geſchöpft hat, ſo müſſen wir nur um ſo ſchneller ans Werk gehen.“ „Was iſt denn geſchehen? fragt Eduard, der als Wache auf der Treppe ſtehen geblieben war.— Nichts, antwortet Lampin, wir haben nur einen Neugierigen weniger.— Jetzt laufe raſch hinunter zu der Verrückten, unſere Kameraden müſſen auf ihrem Poſten ſein; ſie ſollen ſich nicht länger die Naſen erfrieren.“ Die Räuber gehen hinab auf die Hausflur; der Schlüſſel ſteckt in Adelinens Stubenthüre; ſie treten ein; eine Nachtlampe erhellt nur ſpärlich das Zim⸗ mer. Das Bett der Tochter ſteht dicht vor dem der Mutter, und die Vorhänge ſind ganz zugezogen. Dufresne überzeugt, daß die Frau im Bette nicht wacht, ſomit ſie nicht belauſcht, öffnet das Fenſter und läßt die Kameraden einſteigen, die mit dem Durch⸗ feilen der Eiſenſtangen längſt fertig waren. „Alles geht nach Wunſch, ſagt Dufresne, wir wollen jetzt die Fenſterflügel offen laſſen, damit nichts unſern Rückzug hindert. Eduard Du bleibſt hier, und kein Mitleid, wenn man erwachen ſollte! Ihr, meine Freunde, folgt mir, ich werde euch eure Poſten jetzt anweiſen; Lampin und ich nehmen das Weitere über uns.“ Während Dufresne's Anordnungen ſtülpt Lampin die Aermel hinauf, zieht ſeinen Dolch hervor und unterſucht deſſen Spitze; ein wildes Lächeln glänzt in ſeinen Augen und ſein widerwärtiges, von Wein und Raubſucht belebtes Aeußere trägt in ſeinem ganzen Umfang den Stempel des verworfenſten Ver⸗ brechers. Die vier Räuber hatten ſich entfernt, und Eduard iſt allein im Zimmer zurückgeblieben. Auf das kleinſte Geräuſch aufmerkſam, geht er unaufhörlich vom Fen⸗ ſter nach dem Bette; er horcht nach dem Gehölz hinaus und lauſcht dann wieder an den Vorhängen, die Adeline verbergen. Er unterſucht des Kindes Bettchen, es iſt leer; Adeline von dem dumpfen Ge⸗ räuſch außen am Fenſter, mehr als gewöhnlich auf⸗ geregt, hat die kleine Ermance zu ſich ins Bett ge⸗ nommen und ſich ſelbſt ganz angekleidet niedergelegt. Neugierig, die Wahnſinnige zu ſehen, will Eduard ſo eben den Vorhang aufheben, als ein Geräuſch im Walde ſeine Aufmerkſamkeit rege macht; er geht nach dem Fenſter zurück und hört Fußtritte auf dem halb⸗ gefrorenen Schnee und den trockenen, vom Winde umhergeſtreuten Zweigen und Reiſern. Das Geräuſch 105 nähert ſich, man unterſcheidet ſchon Stimmen... Wenn man dem Hausbeſitzer zu Hülfe eilte... viel⸗ leicht ſind es Gendarmen, die uns nachſetzen... wenn ſie das Fenſter bemerken, deſſen Gitter geſprengt iſt... Eduard ſchaudert; er legt leiſe die Fenſterladen an, damit man nicht in das Zimmer ſehen könne, er athmet kaum. Trotz all' ſeiner Vorſicht iſt Adeline erwacht; ſie ſchlägt raſch die Vorhänge zurück, richtet ſich auf und ruft mit aller Kraft ihrer Stimme: „Biſt Du es? Ja! ja! Du biſt's!“ „Die Unglückliche wird uns verrathen, ſagt Eduard für ſich, ihr Geſchrei wird jene Fußgänger anlocken, ſo ſei es denn!“ Er läuft zum Bett, den Dolch in der Hand... will eben zuſtoßen, als er ſeine Frau und ſein Kind erkennt. Ein Schrei des Entſetzens und Schreckens entfährt dem Elenden, das meuchleriſche Eiſen entfällt ſeiner Hand, und unbeweglich ſteht er vor der Unglückſeli⸗ gen, die er ſo eben vernichten wollte. Aber dieſer furchtbare Schrei hat in Adelinens Seele wiederge⸗ klungen; ſie hat die Stimme ihres Gemahls wieder erkannt; dieſelben Töne, die ihr den Verſtand ge⸗ raubt, bringen abermals eine Umwälzung in ihrem ganzen Weſen hervor; ſie rafft ihre Sinne, ihre Ge⸗ danken zuſammen, erwacht aus einem ſchweren Traum, ſie ſieht Eduard, erkennt ihn, bricht in lautes Freu⸗ dengeſchrei aus und ſtürzt ſich in ſeine Arme. „Eduard! Du hier! bei mir! ruft ſie, ihn zärtlich anſchauend, liebſter Beſter, wie geht das 8 zu?... ach, wie iſt mir? mein Kopf brennt wie Feuer!“ „Komm, ſagt Eduard, komm, gib mir das Kind und laß' uns fliehen... von hier entfliehen oder Du biſt verloren.— Warum denn fliehen? was droht Dir für Gefahr? haſt Du nicht ſchon genug gelit⸗ ten?... verfolgen Dich die Menſchen noch?— Ja! ja! und auch Du biſt der Wuth der Räuber ausge⸗ ſetzt, da! hörſt Du nicht das Rufen im Innern des Hauſes?... jetzt ermorden ſie einen Greis ohne Gnade... komm', ſage ich Dir.. oder ſte werden auch Dich vor meinen Augen tödten.... oh! verwei⸗ gere es mir nicht, ich bin ein Ungeheuer, ein Nichts⸗ würdiger, aber ich will Dich retten.“ Adeline läßt ſich von ihrem Gemahl mit fortzie⸗ hen; ſie nimmt ihr Kind in den Arm und will ihm folgen, als die Fenſterladen mit Gewalt aufgeſtoßen werden und man anhaltendes Klingeln am Gitter⸗ thore hört. Ein Mann erſcheint vor dem Fenſter und ſpringt ins Zimmer, indem er ſeinem Begleiter zuruft: „hier iſt eine Breſche, hierher Kamerad, hierher! es ſind Hundsfötter in der Feſtung, aber wir wollen ſie ja ſtriegeln, tauſend Bomben Granaten! vor⸗ wärts.“ Beim Anblick des Fremden zweifelt der ebenſo ſchwache als beſtürzte Eduard keinen Augenblick, daß man komme, ihn und ſeine Begleiter zu ergreifen; um ſich der gerechten Strafe zu entziehen, läßt er Adelinens Hand los, ſtößt ſie zurück und ruft:„Du — — 107 biſt jetzt gerettet, laß' mich, folge nicht.. lebe wohl! Lebe wohl, auf ewig!“ Raſch entflieht er durch die Thüre, erreicht ven Hof, ſchwingt ſich über das Gitter und läuft in den Wald; in demſelben Augenblick dringen Jakob und Sansſouci in Adelinens Zimmer, die von den hefti⸗ gen Seelenerſchütterungen erſchöpft, bei dem plötz⸗ lichen Verſchwinden ihres Mannes bewußtlos umfällt. Neuntes Kapitel. Wer iſt der gute Gerval? ⸗ „O, unglaubliches Wunder! welches Glück! darf ich meinen Augen trauen? ruft Jakob, indem er der Unglücklichen zu Hülfe eilte. Dieſe Frau, ſie iſt es, Sansſouci... komm, ſieh nur.— Ei freilich, hei⸗ liger Gott! ſie iſt es!... endlich müſſen wir ſie finden... habe ich es Dir nicht geſagt... man ſoll niemals verzweifeln.— Und ihre Tochter... da... ſieh, o, ich erkenne ſie.— Aber als ich das Fenſter öffnete, glaubte ich einen Mann zu ſehen, er iſt ent⸗ flohen... Ha! welch Geräuſch!... hörſt Du?2... man ruft nach Hülfe... bleibe Du hier... verlaſſe ſie nicht... gib mir aber eine von Deinen Piſtolen.“ Jakob thut es, und Sansſouci, in einer Hand das Piſtol, in der andern einen tüchtigen Stock, läuft dem Geſchrei nach, ſteigt die Treppe hinauf, tritt in ein Zimmer, deſſen Thüre eingeſtoßen iſt und erblickt einen Greis auf den Knien, wie er das Mitleid eines Böſewichts anfleht, während ein Anderer mit Geld⸗ ſäcken beladen ſich ſo eben davon machen will. Sansſouei drückt ſein Piſtol auf Dufresne ab, als dieſer den Greis ſo eben niederſchmettern will, und das Ungeheuer ſtürzt zu den Füßen des Herrn Gerval nieder. Sein Kamerad wirft die Geldſäcke fort und will entſpringen, allein Sansſouci läßt ihm keine Zeit dazu; er erreicht ihn auf der Treppe und ver⸗ ſetzt ihm einen ſo fürchterlichen Hieb auf den Kopf, daß Lampin ſtrauchelt, mehre Stufen hinunterfällt, ſich den Kopf gegen die Mauer zerſchellt und unter den gräulichſten Flüchen ſein Leben aushaucht. „Ihr ſeid mein Retter, mein Befreier, ſtöhnt Gerval, während Sansſouci ihm ſeine Bande löst. — Es iſt wahr, mein lieber Herr, es war die höchſte. Zeit; aber vielleicht ſind noch Räuber im Hauſe, ich eile, ſie aufzuſuchen.— Ich folge, ich folge, o mein Retter! ſagt der Greis, ich will Euch führen, aber ach! ich ſehe ja nicht meinen treuen Dupré!“ In dieſem Moment hört man einen Piſtolenſchuß. Sansſouci fliegt die Treppe hinunter und erblickt Jakob, wie dieſer ſo eben einem der beiden andern Räuber den Hirnſchädel zerſchmettert hat, während deſſen Kamerad auf demſelben Wege, den Eduard genommen, entflieht. 4 Das Schießen, der Tumult, das Geſchrei haben endlich Katharine und Lukus erweckt, aber erſt auf die Stimme ihres Herrn wagen ſie es, ihre Zimmer zu verlaſſen. Man vereinigt ſich und begibt ſich nach Adelinens Zimmer. Dieſe kommt endlich zur Beſin⸗ nung, und eine neue Ueberraſchung erwartet ſie, denn ſie erblickt ihren treuen Jakob. „Mein Bruder, mein Freund! auch Sie ſoll ich wiederfinden? ruft ſie erſtaunt; ich weiß nicht, iſt's ein Traum.. aber ſo viel auf einmal l... So eben war auch Eduard hier bei mir.— Eduard!.. aber kommen Sie zu ſich, beruhigen Sie ſich, liebe Ade⸗ line, fürchten Sie nichts mehr... die Räuber ſind beſtraft.“ Adeline antwortet nicht, aber ihre Augen ſuchen nach ihrem Gemahl. „Viktoria! ruft Sansſouci, zweien habe ich allein das Lebenslicht ausgeblaſen!— Ihr habt uns das Leben gerettet, brave Fremden, ſagt Gerval, indem er auf Jakob zugeht, wie kann ich Euch genug danken? — Sie haben, wie ich ſehe, meine Schweſter und meine Nichte gepflegt, erwidert Jakob, und alſo bin ich Ihnen Dank ſchuldig.“ „Seine Schweſter, ſeine Nichte!“ wiederholen Herr Gerval und ſeine Leute.—„Vor allen Dingen laßt uns das Haus durchſuchen, es könnten noch irgendwo Spitzbuben verborgen ſein.— Und Dupr läßt ſich nicht ſehen!... ich zittere, daß er ein Opfer ſeines Dienſteifers geworden.— Erſt alle Hausbewohner in Sicherheit, und dann vorwärts!“ Man führt Herrn Gerval, Adeline, ihre Tochter und Katharine in ein Zimmer, wo ſie nichts zu fürch⸗ ten haben, und jetzt beginnen Jakob und Sansſouci, von Lukas geführt, der wie Eſpenlaub zittert, ſeine Hülfe aber nicht verſagen darf, ihre Nachſuchung im 110 Hauſe. Der Name Eduard, den Adeline ausgeſprochen hat, iſt für Jakob ein Räthſel, denn er wagt es noch nicht, dem Verdacht, der ſeine Einbildungskraft dann und wann feſſelt, Raum zu geben. Man durchſucht alle Winkel und findet Niemand, nur auf dem Boden entdeckt man den Leichnam des unglücklichen Dupré; nachdem man ſich überzeugt hat, daß kein Leben mehr in ihm iſt, tragen Sansſouci und Lukas ihn in ein Zimmer des untern Stockwerks, wo die Ueberreſte des treuen Dieners bis zu ihrer Beſtattung bewahrt werden ſollten. Während Sansſouci und der Gärtner ſich dieſer traurigen Pflicht unterziehen, geht Jakob in das Zim⸗ mer des Herrn Gerval, aus dem ein dumpfes Ge⸗ ſtöhn zu ſeinen Ohren dringt. Dufresne athmet noch, aber die erhaltene Wunde iſt tödtlich, und der Elende kämpft vergebens mit dem Tode. Jakob hält dem Sterbenden die Laterne vor's Geſicht und fährt über⸗ raſcht zurück. Auch Dufresne erkennt Eduards Bruder. Ein hämiſches Lächeln belebt ſeine halberloſchenen Au⸗ gen; er nimmt ſeine wenigen Kräfte zuſammen, um noch folgende Worte auszuſtoßen:„Ich werde ſterben... aber wenn Ihr meine Kameraden getödtet habt, ſo iſt auch Euer Bruder dem Tode nicht ent⸗ gangen... ſagt ſeiner Frau... dieſer falſchen Ade⸗ line, die mich verachtete... daß ihr Mann, nachdem er von den Galeeren entſprungen war, auf meinen Rath Räuber und Mörder wurde.“ Mit dieſen Worten haucht er, teufliſch erfreut, 111 auch in ſeinen letzten Augenblicken noch Böſes bewirkt zu haben, ſein ehrloſes Leben aus. Jakob ſteht einige Augenblicke vor Abſcheu, wie verſteinert, vor dem entſeelten Körper deſſen, der ſeine Familie ins Unglück geſtürzt hat. Sein Schau⸗ dern bekämpfend, will er ſich von der gräßlichen Wahrheit überzeugen; er geht die Treppe hinunter und leuchtet Lampin ins Geſicht.„Das iſt er nicht,“ ruft er, und ſchöpft freier Athem; er kommt auf die Hausflur, und beſichtigt auch den noch, der von ihm getroffen worden iſt. „Gott ſei gedankt, ruft er, die fremden Geſichts⸗ züge erblickend, meine Hand hat ſich nicht mit Bru⸗ derblut befleckt!... er iſt gerettet... O! möchten wir ihn nie wiederſehen! ich will das ehrloſe Unge⸗ heuer vergeſſen, und alle meine Sorgfalt den beiden wiedergefundenen Unglücklichen ſchenken.“ Bevor er jedoch wieder zu Adelinen geht, durch⸗ ſucht er ſorgfältig die Taſchen der Räuber, und be⸗ ſonders die Dufresne's, aus Beſorgniß, einige ſeinen Bruder betreffende Papiere bei ihnen zu finden; er überzeugt ſich, daß ſie nur Waffen und Geld bei ſich tragen, und begibt ſich jetzt beruhigter zu ſeiner Schweſter. Die Hausbewohner haben mit der größten Freude die Ueberzeugung gewonnen, daß Adeline ihren Ver⸗ ſtand wieder erlangt hat, und während man die ſtrengſte Hausſuchung gehalten, hat Herr Gerval ſie davon in Kenntniß geſetzt, wie er ſie aufgefunden, in Paris verpflegt, hieher nach ſeinem Landhauſe 112 gebracht, und ſie die ganze Zeit bei ihm ver⸗ lebt hat. Adeline wirft ſich vor ihrem Beſchützer auf die Knie, denn ſie fühlt, was ſie ihm alles zu danken hat, obgleich dieſer nur von ſeinem Vergnügen ſpricht, ihr nützlich geweſen zu ſein und ſeiner Dienſte nur oberflächlich erwähnt.. Sie fragt jetzt nach den Begebenheiten der letzten Nacht und erfährt, wie die Räuber ſich bei ihnen eingeſchlichen haben, und ſie ohne die beiden Reiſen⸗ den, wovon der Eine ihr Bruder zu ſein ſcheine, ge⸗ plündert und vielleicht des Lebens beraubt worden wären. Adeline erbebt... ſie erinnert ſich, in welchem Augenblick Eduard ihr erſchienen iſt, ſeine Verwir⸗ rung, ſein Schrecken bei der Ankunft der Fremden; ſie wagt es nicht mehr zu fragen, aber mit Seelen⸗ angſt erwartet ſie Jakob; endlich tritt dieſer ins Zimmer. „Mehre Räuber ſind entſprungen, ruft er, Ade⸗ linen einen Blick zuwerfend, deſſen Ausdruck dieſe verſteht. Die, welche umgekommen ſind, haben ihr Schickſal verdient.— Sapperment, ſagt Sansſouci, ſie verdienten alle gerädert zu werden, und ich be⸗ daure es nur, daß Einige unſerer Rache entgangen ſind.— Und mein treuer Dupre, fragt Herr Gerval, ſoll ich denn nichts von ihm erfahren?— Mein guter Herr, leider iſt Ihr alter Diener ein Schlachtopfer der Böſewichter geworden... er iſt nicht mehr!— O die Niederträchtigen!... einen ehrwürdigen Greis 113 umzubringen, mein armer Dupre... hätte ich Dei⸗ nen Ahnungen gefolgt!... meine Unvorſichtigkeit iſt Schuld an ſeinem Tode!... unaufhörlich werd' ich es mir vorwerfen!.. Dies Haus iſt mir jetzt ver⸗ heaßt!.. ſchon morgen will ich es verlaſſen.“ Herr Gerval vergießt die bitterſten Thränen über das Schickſal ſeines vieljährigen Dieners und Freun⸗ des, Katharine theilt ſeinen Schmerz, und ein Jeder bemüht ſich, den braven Herrn über ſeinen Verluſt zu tröſten. Der Tag überraſcht die Hausbewohner in dieſer Lage. Herr Gerval gibt den Bitten ſeiner Freunde nach, ſich ein wenig Ruhe zu gönnen, und Lukas wird beauftragt, die benachbarten Gemeinden von den Ereigniſſen der Nacht in Kenntniß zu ſetzen. Katharine macht auf Befehl ihres Herrn die nöthigen Vorbereitungen zur Abreiſe, und Adeline verſpricht ihrem Wohlthäter, ihn alsbald mit ihrem unglücklichen Schickſal bekannt zu machen. Jakob findet endlich Gelegenheit, mit Adelinen allein zu ſein; ſie brennt vor Begierde, ihn auszu⸗ fragen, und wagt es doch nicht, das Stillſchweigen zu brechen; er erräth ihren Schmerz, ihre Furcht, ihre geheimſten Gedanken.—„Dufresne iſt nicht mmehr, ſagt er, er hat endlich den Lohn für ſeine Schandthaten empfangen.— Dufresne!.. Wie! Dufresne befand ſich unter den Räubern?2... O, ich Unglückliche! kein Zweifel mehr, ſo hatte er ihn auch zum äußerſten Verbrechen verleitet... Eduard war.. — Still! ruft Jakob halblaut, dies abſcheuliche Paul de Kock. XXII. 8 Paichen gegeben, einem kleinen Wildfang, der jetzt 114 Geheimniß bleibe unter uns beiden; der Elende iſt gerettet; möge er ſeine ſchamloſe Exiſtenz unter einem andern Himmel dahin ſchleppen... mit ihm iſt es zur Reue zu ſpät, und ſeine Gegenwart würde für mich, wie für Euch, das größte Unglück ſein. Ver⸗ geſſet auf ewig einen Menſchen, der Eurer Liebe nie⸗ mals werth war; jetzt wird Euch das eine Pflicht. Die Zuneigung für ein ſo ſchlechtes verächtliches We⸗ ſen iſt Schwäche, und eines redlichen, edelmüthigen Herzens unwürdig. Erhaltet Euch für Eure Tochter, für mich, für alle, die Euch lieben, und Tage des Friedens und der Seelenruhe werden Euch wieder⸗ kehren.“ Adeline wirft ſich, Thränen vergießend, in Jakobs Arme.„Mein Freund, mein Bruder! ja, ich will Euren Rath befolgen, Ihr ſollt mit mir zufrieden ſein.“ Die von den furchtbaren Begebenheiten der Nacht unterrichteten Landleute laufen herbei, um ihren Be⸗ ſchützer, ihren Wohlthäter zu ſehen und ſich ſelbſt zu überzeugen, daß er außer Gefahr iſt. Dem armen Dupre erzeigt man die letzte Ehre; am Ende des Gartens wird er beſtattet, und ein Grabſtein ver⸗ kündet das traurige Ende des treuen Dieners. Herr Gerval verlangt endlich den Namen ſeines Retters zu wiſſen.„Ich heiße Jakob, mein Herr, ſagt dieſer, früher war ich Soldat, jetzt bin ich Landmann.— Jakob? antwortet der Greis, ſo heiße ich auch, und hatte dieſen Namen auch einem kleinen —ꝑ 115 in Eurem Alter ſein wird, und den ich vergebens in Paris auszumitteln mich bemühte.“ Jakob betrachtet Herrn Gerval mit größerer Auf⸗ merkſamkeit und findet in ſeinen Zügen einige Aehn⸗ lichkeit mit jenem alten Herrn, der ihm in ſeiner Jugend ſo viele Beweiſe ſeiner Zärtlichkeit gab. Tau⸗ ſend Erinnerungen tauchen in ſeinem Gedächtniß auf; kaum hat er die Kraft, ihn nach ſeinem Namen zu fragen, auf den er im Laufe der verwichenen ſchreck⸗ lichen Nacht bisher noch nicht geachtet hatte.— „Mein Name iſt Gerval, ſagt der Greis, der eine unwillkürliche Gemüthsbewegung bekämpft, früher war ich Kaufmann und hatte in Paris ein bedeutendes Fabrikgeſchäft.— Wär's möglich! Sie ſind Ja⸗ 1... kob Gerval, mein Pathe, den ich ſo innig lieb hatte?“ Jakob fällt dem Greis um den Hals, drückt ihn mit Herzlichkeit an ſich, und vergießt Thränen der Freude über dies glückliche Wiederfinden, während alle Umſtehenden von der lebhafteſten Rührung er⸗ griffen ſind. „Ei! Donner und Wetter! welch erwünſchtes Zuſammentreffen, ruft Sansſouci, das konnte wohl keiner von uns beiden ahnen, Kamerad!“ „Mein lieber Jakob, hebt Herr Gerval an, wie ſehr hab ich Dich überall geſucht, wie ſehnlichſft wünſchte ich Dich wieder zu finden, Dein Weglaufen hatte mir damals viel Kummer gemacht, denn ich war die unſchuldige Urſache davon. Der Name Ja⸗ kob war Dir nicht günſtig, mein armer Pathe, er hatte auf Dein ganzes Leben großen Einfluß; Deine Mutter vernachläſſigte Dich, und Dein Vater wagte Deinen Namen nicht vor ihr auszuſprechen; ich allein wollte Dir wohl, allein das genügte Deinem Herzen nicht. Du verließeſt das Vaterhaus, und ich ſchwur, die Ungerechtigkeit Deiner Eltern wieder gut zu ma⸗ chen, wenn es mir dereinſt gelingen ſollte, Dich wiederzufinden... So habe ich Dich denn wieder... o jetzt erkenne ich Dich vollkommen! Dieſe Narbe hat Deine Geſichtszüge verändert... Jetzt wollen wir uns nicht mehr trennen, Jakob, Du ſollſt mir die Augen zudrücken, Du biſt mein Kind, mein ein⸗ ziger Erbe; von jetzt an gehört mein Vermögen Dir; verfüge darüber, um allen denen wohl zu thun, die Du lieb haſt.“ Jakob umarmt aufs Neue ſeinen alten Gönner, er kann ſein Glück noch nicht faſſen.—„Beſte Ade⸗ line, ſagt er endlich, wenn ich reich bin, ſo ſeid Ihr auch nicht mehr arm, das iſt der höchſte Genuß, den mir der Reichthum gewährt.“ Auch Adeline und Ermance umarmen, umfaſſen die Knie des glücklichen Greiſes.—„Das ſind Deine Schweſtern und Deine Nichte? fragt er Jakob, wäreſt Du vielleicht verheirathet?— Nein! antwortet dieſer verlegen... Sie ſehen die Frau und die Tochter meines Bruders vor ſich!— Deines Bruders, ja, ja! Du hatteſt einen Bruder, aber was iſt aus ihm geworden?— Er iſt nicht mehr!... ich habe keinen Bruder, ſie keinen Gatten mehr.— Meine Freunde, ich ſehe Thränen in euren Augen, ohne es zu wollen, A 32 —* habe ich eure Schmerzen erneuert, vergebt mir! die Erinnerung an Eduard verurſacht euch Kummer, ich kenne euer Unglück nicht, theilt es mir mit, und ich will euch dann tröſten, ſoviel ichs vermag.“ Jakob übernimmt es, Herrn Gerval mit einem Theil von Adelinens Unglück bekannt zu machen, aber er verſchweigt ihm das Gehäſſigſte von Eduards Be⸗ tragen. Jener glaubt, daß Adelinens Mann in Pa⸗ ris im Elend geſtorben ſei, nachdem er ſie und ihr Kind verlaſſen, und daß die Nachricht von ſeinem traurigen Ende ſie um ihren Verſtand gebracht habe. Der gute Alte fühlt ſich noch mehr, als zuvor, zu der jungen Frau, dem Muſter aller Gattinnen und Mütter, hingezogen, und wünſcht auch die Bekannt⸗ ſchaft der Bewohner des Meierhofes zu machen, die ihr und Jakob ſo viele Freundſchaft bewieſen haben. „Das iſt ſehr leicht, ſagt Sansſouci, wollen Sie Alle glücklich machen, ſo müſſen Sie nach Guillots Pachthof. Alle Welt! ſehen Sie Madame und mei⸗ nen Kameraden wieder, glaube ich, ſind ſie vergnügter, als wenn ihre Pachterwohnung ein Schloß wäre.— Nun, ſo laßt uns hin, ruft der gute Gerval, alle zuſammen, meine Kinder; dieſe Reiſe ſoll uns gut bekommen; ſie wird die liebe Adeline etwas zer⸗ ſtreuen und der kleinen Ermance Freude machen. Ja⸗ kob wird denen nützlich werden können, die ihn in der Dürftigkeit unterſtützt haben, und wir, gute Ka⸗ tharine, auch wir werden in der neuen Umgebung weniger an den unglücklichen Tod unſeres Freundes Dupre denken.“ laſſen, das ſo traurige Erinnerungen für ſie hat und wo ſie keine Stunde mehr ruhig ſchlafen würde. Lu⸗ kas erbittet ſich die Erlaubniß, die Gärtnerei auf⸗ geben und für die Folge ſein Diener ſein zu dürfen; der alte Herr willigt ein, und Alles macht ſich zur Abreiſe fertig. Das Landhaus in den Vogeſen wird an Landleute vermiethet, die es in ein für die einſame und ver⸗ laſſene Gegend höchſt erwünſchtes Wirthshaus um⸗ ſchaffen. Herr Gerval und ſein Diener verlaſſen traurigen Herzens über den Verluſt Dupré's die Woh⸗ nung; Jakob und Adeline kehren einem Orte gern den Rücken, der Zeuge von Eduards Ehrloſigkeit war, und Sansſouci wirft mit innerem Stolz ſeinen letzten Blick auf das Gebäude, in welchem er einem ehr⸗ würdigen Greis das Leben gerettet und zwei nieder⸗ trächtige Schurken aus der Welt geſchafft hat. Zehntes Kapitel. Abermals die kleine Gartenthüre. Sansſouci ſetzt ſich, trotz den Bitten des Herrn Gervals, er möchte im Wagen Platz nehmen, neben den Poſtillon, denn er will mit dieſem auf den Weg Achtung geben, um ein jedes Hinderniß, was ihnen gefährlich werden könnte, als Steine, Löcher, ſchlechte Deerr Vorſchlag Gervals verbreitet eine allgemeine . Freude. Katharine iſt ſehr erfreut, ein Haus zu ver⸗ Gleiſe u. dgl., möglichſt zu vermeiden; ſeine Freude iſt ſo groß, Madame Murville wieder auf den Meier⸗ hof zu bringen, daß er ſich ſelbſt für jeden kleinen Aufenthalt unterwegs verantwortlich macht. Während der Reiſe erzählt Jakob dem Herrn Gerval die Abenteuer ſeiner Jugend; die Geſchichte von den Liebestränken und dem Magnetismus ge⸗ währt dieſem nicht geringes Vergnügen und nöthigt auch Adelinen ein Lächeln ab. „Aber welch ein glücklicher Zufall hatte Sie und Ihren braven Gefährten denn gerade ſo zur rechten Zeit in unſer Haus geführt, um uns von den Räu⸗ bern zu retten, fragt ihn Katharine.“ „Als wir einige Tage nach Adelinens Abreiſe vom Meierhofe dieſe nicht wieder zurückkehren ſahen, antwortet Jakob, und befürchten mußten, daß ihr irgend etwas Trauriges begegnet ſei, gingen wir, Sansſouci und ich, auch davon; entſchloſſen, ganz Frankreich zu durchwandern, wenn es ſein müßte, um Mutter und Kind wiederzufinden: Zuerſt gingen wir nach Paris und brachten hier ohne günſtigen Erfolg mehre Tage zu. Nachdem wir darauf dem guten Guillot und ſeiner Frau Lebewohl geſagt hat⸗ ten, ſetzten wir uns in Marſch, und durchſuchten ver⸗ ſchiedene Gegenden Frankreichs, hielten uns an den kleinſten Orten, den unbedeutendſten Wohnplätzen auf, erkundigten uns überall mit der größten Sorgfalt nach unſerer lieben Adeline, wurden aber immer in unſeren Hoffnungen betrogen. Ueber ein Jahr war ſchon verfloſſen, und unſere Bemühungen blieben immer vergeblich. Indeſſen Sausſouci's ſich niemals verläugnender Frohſinn ſtählte und belebte immer aufs Neue meinen Muth, wenn Kummer und Trau⸗ rigkeit mich überwältigen wollten. Endlich kamen wir auch in dieſe Gegend, ohne zu wiſſen, ob wir hier glücklicher ſein würden; nachdem wir einen Theil der Franche⸗Comté durchwandert hatten, durchſtreiften wir die Vogeſen. Da wir Räuber nicht zu fürchten hatten, ſo geſchah es öfters, daß wir Nachts mar⸗ ſchirten, und auch unter freiem Himmel Nachtquar⸗ tier hielten, denn zuweilen trafen wir einladende Plätze an, die uns genügenden Schutz darboten, Geſtern war jedoch das Wetter ſo ſchlecht, das Schnee⸗ geſtöber ſo anhaltend, und ein jeder Weg ſo über⸗ ſchneit, daß wir uns im Walde verirrten. Ich war ſtarr von Kälte und von Müdigkeit beinahe erſchöpft, als Sansſouci in einiger Entfernung ein ziemlich ſtattliches Wohnhaus gewahr wurde; ich mochte es nicht wagen, um ein Nachtlager zu bitten, er wollte jedoch durchaus einkehren; während wir uns darüber ſtritten, hörten wir mit einem Male ein Geſchrei aus dem Hauſe zu uns herüber ſchallen; da ſchwankten wir nicht länger, ich klingelte heftig an der Ein⸗ gangspforte und Sansſouci erblickte ein offenes Fen⸗ ſter im untern Stockwerk; die Eiſenſtangen davor lagen weggebrochen am Boden und wir konnten hin⸗ einſpringen. Urtheilen Sie nun von meinem Erſtau⸗ nen, meiner Freude, als ich die wieder fand, die wir ſo lange geſucht hatten, und von der ich mich vielleicht auf immer wieder entfernt hätte, wenn jenes Geſchrei nicht bis zu unſeren Ohren gedrun⸗ gen wäre.“ „Mein lieber Jakob!... die Vorſehung hatte Dich zu unſerer Rettung herbeigeführt, ſagt Herr Gerval; aber das größte Wunder bleibt es immer, daß Adeline durch dieſe Begebenheit wieder zu ihrem Verſtand gelangt iſt.“ 1 „Ei, lieber Herr, verſetzt Katharine, ſagte ich es Ihnen nicht vorher, daß es dazu einer recht ſtar⸗ ken unerwarteten Erſchütterung, einer Kriſis bedürfe? nun, und die war es gewiß.“ Die Reiſe geht glücklich von Statten und man langt auf Guillots Pachthofe an. Jakob empfindet ein freudiges Wohlbehagen, als er über die Felder fährt, die er bebaut hat.—„Dal ſehen Sie, ſagt er zum guten Gerval, da iſt der Pflug, mit dem ich im Schweiße meines Angeſichts ſo oft geackert habe. — Lieber Freund, antwortet der Greis, vergiß ihn ſelbſt im Schooße des Glücks nicht, und die Unglück⸗ lichen werden nie vergebens Deine Hülfe anflehen.“ Ein Wagen mit vier Pferden iſt eine große Sel⸗ tenheit auf dem Lande. Die Landleute verſammeln ſich, die Taglöhner verlaſſen ihre Arbeit, die Bewoh⸗ ner des Meierhofes laufen neugierig herbei, um die Reiſenden zu muſtern; aber Sansſouci's Stimme läßt ſich ſchon weithin hören; er knallt mit der Peitſche, daß alle Hühner eine Viertelmeile in der Runde da⸗ von jagen, und die Tauben ſich auf die höchſten Schornſteine flüchten. „Wir ſind es, er iſt's! ſie iſt wieder da! ruft er ſchon von weitem, ſo wie er Gutlllot und Luiſe erblickt; große Feſtlichkeit, Freunde! Herbei die kräf⸗ tigſte Suppe, den beſten Wein! Tod allen Kaninchen und Hühnern!“ 3 Die ehrlichen Pächtersleute umgeben den Wagen; Jakob, Adeline und Ermance werden von jedem ge⸗ herzt und geküßt. Luiſe weint, Gutlllot iſt außer ſich vor Freude, Herr Gerval iſt über die aufrichtige Freundſchaft, die man ſeinen Kindern beweist, denn ſo nennt er Jakob, Adeline und ihre Tochter jetzt, wahrhaft gerührt, und im Triumph wird er in das Haus eingeführt, wo bald Alles ein anderes An⸗ ſehen gewinnt, um die Rückkehr derjenigen zu feiern, die man wiederzuſehen nicht mehr zu hoffen wagte. Sansſouci läuft im freudigen Getümmel, in der allgemeinen Unordnung, bei den Vorbereitungen zur Mahlzeit, von Einem zum Andern, will Jedem helfen, zerbricht die Teller, ſtößt Töpfe und Kaſſerolen um und ruft einmal über das andere:„Ihr wißt noch nicht Alles, Jakob iſt jetzt reich, der alte Herr iſt ſein Pathe!... wir haben ihn gerettet... wir haben die Schurken getödtet!. O, ich werde euch das Alles noch erzählen!“ „Fürwahr! ſagt Gutllot, es ſcheint, als ſtände alles gut; aber der Bruder Jakobs..— Still! unterbricht ihn Sansſouci, ihm den Mund zuhaltend, wenn Du je wieder ein Wort von ihm ſprichſt, iſt alle Freude aus, einem Jeden das Weinen nahe und Deine Mahlzeit beim Teufel; alſo glaube mir, reiße lieber Dir die Zunge ab, als daß Du nur 4 ein Wort wieder davon verlauten läſſeſt.— Schon gut, ſchon gut, ſagt Guilot, dann werd' ich mich wohl hüten!“ Der Aufenthalt auf dem Pachthofe gefällt Herrn Gerval; er macht Spaziergänge in der Umgegend; freut ſich über die lieblichen Fernſichten und bewun⸗ dert den fruchtbaren Boden.„Potz Tauſend! mein Herr, wenn Sie das alles erſt im Sommer ſähen! ſagt Guillot,... im Winter ſieht Alles nur traurig aus!.. Wenn unſere Aecker jetzt aber mehr Werth haben und weit mehr als ſonſt einbringen, ſo danken wir das unſerm Freund Jakob; in zwei Jahren hat er mehr geleiſtet, als ich in ſechſen; er hat mir mehr genützt, als drei tüchtige Arbeiter. Schade, daß er jetzt reich iſt, da komme ich um meine beſte Stütze.“ „Mein lieber Jakob, redet der Greis dieſen an, Du mußt dieſe Gegend, dieſe Felder, die Zeugen Deines Fleißes, lieb gewonnen haben. Es wäre grauſam von mir, Dich von hier wieder zu entfer⸗ nen. Wir wollen uns hier niederlaſſen, mein Sohn, ich gebe Dir den Auftrag, hier in der Umgegend eine nette Beſitzung zu kaufen; ich bin zu alt, um ſo ein Geſchäft zu betreiben, und verlaſſe mich ganz auf Deine Einſicht.“ Jakob übernimmt mit Freuden dieſen Auftrag, ein Plan durchkreuzt ſeinen Kopf, und des andern Morgens ganz frühe begibt er ſich nach Villeneuve⸗ St.⸗George. Zitternd nähert er ſich ſeinem Vater⸗ haus, der Wohnung, an die er ſo oft mit kummer⸗ vollem Herzen gedacht hat. Sein größter Wunſch wäre es, den Aufenthalt ſeiner Jugend, der zwar ſehr ſchmerzliche, aber auch ſehr ſüße Erinnerungen für ihn hat, als ſein Eigenthum bewohnen zu können. Er iſt vor dem Gitterthore und liest auf einer Tafel:„Dies Haus iſt zu kaufen oder zu vermiethen.“ — Es iſt unſer, ruft er aus, ich ſoll in meine väter⸗ liche Wohnung wieder einziehen; als Junge von fünf⸗ zehn Jahren bin ich daraus entflohen, als Mann von dreißig Jahren kehre ich darin wieder zurück; o, möchte ich es nie mehr verlaſſen! ich bin gewiß, Adeline wird es gerne wieder betreten; ſie hat es mir oft geſagt, daß ſie hier die ſchönſten Tage ihres Lebens zugebracht hat, und wenn dieſe Wohnung ſie an den Mann erinnert, den ſie zu ſehr geliebt hat, ſo war er doch wenigſtens ihrer hier noch würdig.“ Jakob klingelt; man öffnet ihm nicht; aber eine Nachbarin erſucht ihn, ſich ſchräg gegenüber nach der Wohnung des Notars zu begeben. Es iſt noch der⸗ ſelbe, der vier Jahre früher den Kaufcontrakt für Eduard Murville ausgefertigt hatte. Das Haus war, nachdem es den Gläubigern zugefallen war, nach und nach in mehre Hände gekommen. Der gegen⸗ wärtige Beſitzer bewohnte es faſt nie, und wünſchte ſehr, es wieder los zu werden. Jakob erkundigt ſich nach dem Preiſe, und verſpricht, am andern Mor⸗ gen wieder zu kommen, um das Geſchäft ins Reine zu bringen, denn er mag es doch nicht wagen, ohne Rückſprache mit Herrn Gerval abzuſchließen. Er eilt nach dem Pachthofe zurück und der alte Herr —* —* nen Unterhandlungen glücklich geweſen.„Sie werden das Landhaus wieder erkennen, worauf ich ſpekulire, ſagt ihm Jakob, Sie ſind oft darin geweſen, denn es gehörte meinem Vater.— Und Du haſt den Han⸗ del nicht gleich geſchloſſen?... ſo muß ich wohl ſelbſt hin, um alles in Ordnung zu bringen.“ Und gleich am andern Morgen fährt er mit ſei⸗ nem Adoptivſohne nach Villeneuve⸗St.⸗George. Er begibt ſich zum Notar und kauft die Beſitzung auf den Namen Jakob; auf dieſen Namen allein wird der Kauf geſchloſſen, denn nur dieſen Namen will ſein Sohn künftig führen; der gute Gerval verlangt deßhalb keine weitere Erklärung, weil er zum Theil Eduards Aufführung erräth. „Da, mein braver Junge, ſagt er, ihm den Contrakt einhändigend, es iſt Zeit, daß ich Dich durch ein Geſchenk dafür entſchädige, Dir einen ſo ſchlechten Namen gegeben zu haben. Das Grund⸗ ſtück iſt jetzt Dein, und mein kleiner Jakob befindet ſich nun wieder in dem Hauſe, woraus ihn ſein Name verjagt hatte.“ Jakob umarmt den ehrwürdigen Greis, und beide kehren nach dem Meierhof zurück, um Adeline und ihre Tochter zu holen.„Habe ich Euer Herz richtig beurtheilt, ſagt Jakob zu ſeiner Schwägerin, wenn ich annehme, daß Ihr gern nach Villeneuve⸗St.⸗ George zurückkehren würdet?— Gewiß, lieber Freund, antwortet ſie, ich bin dort zu glücklich geweſen, um nicht zu wünſchen, auch ferner da zu leben; die ſchließt aus ſeiner zufriedenen Miene, daß er in ſei⸗ Erinnerung an mein vergangenes Glück ſoll meinen Trübſinn mildern; was er fern von da gethan hat, will ich aus meinem Gedächtniß verdrängen, die Tage ſeiner Zärtlichkeit und Liebe ſollen allein meinen Geiſt beſchäftigen, und ſo werde ich ihn beweinen können, ohne zu erröthen.“ Die Familie Guillot iſt glücklich, daß ihre Freunde in der Nähe bleiben, denn der Weg von Villeneuve⸗ St.⸗George iſt ein Spaziergang, und man verſpricht ſich, ihn in der ſchönen Jahreszeit recht oft zu machen. Nach vier Tagen laſſen unſere Reiſenden ſich end⸗ lich in ihrer neuen Wohnung nieder. Adelinens Augen füllen ſich mit Thränen, als ſie das Haus, den Garten, die Zeugen der erſten glücklichen Monate ihrer Ehe wieder betritt. Katharine übernimmt die Küche und Lukas den Garten; letzterer verſieht aber auch zugleich die Stelle des Hausvogts. Herr Ger⸗ val nimmt ſeine Wohnung zwiſchen Jakob und Ade⸗ linen, und die kleine Ermance bleibt bei ihrer Mutter, um ihr durch ihr kindliches Geſchwätz und ihre ſchmei⸗ chelnden Liebkoſungen ſo oft als möglich die für ihren Trübſinn ſo heilſame Erheiterung zu gewähren. Sansſouci will zu ſeinen ländlichen Arbeiten auf dem Meierhof zurückkehren, aber Herr Gerval und Jakob geben das nicht zu.„Ihr habt mir das Leben gerettet, ſagt jener, Ihr dürft mich nicht mehr verlaſſen.— Du haſt. Kummer und Elend mit mir getheilt, ſagt Jakob, Du ſollſt nun auch an meinem Glücke Theil nehmen, wir dürfen uns nicht trennen. — Tauſend Granaten! rief Sansſouci, indem er ſich eine Thräne im Auge zerdrückte, die Leute ma⸗ chen mit mir, was ſie wollen! Gut, ich bleibe; jedoch nur unter der Bedingung, daß ich mich entferne, wenn Geſellſchaft da iſt, und mit Madame Adeline nicht an einem Tiſche eſſe, weil man Reſpekt vor ſeinen Vorgeſetzten haben muß, und ich in feiner Ge⸗ ſellſchaft ſo dumm wie eine Gans bin.— Ihr könnt Euch entfernen, ſpazieren gehen, jagen und fiſchen, auch rauchen, wie's Euch gefällt, erwidert der Greis, aber mit uns am Tiſche müßt Ihr eſſen, denn ein braver Mann iſt überall an ſeinem Platze.— Nun denn! tauſend Granaten! ein alter Soldat muß gehorchen!“ Keine Abenteuer, keine Lebensſtürme, kein Un⸗ glück mehr. Friedliche, heitere Tage lachen endlich die Bewohner von Villeneuve⸗St.⸗George an. Ade⸗ linen erfüllt nur noch eine leichte Melancholie, die ihr die kindliche Liebenswürdigkeit und Anmuth ihrer Toch⸗ ter erträglich machen. Die kleine Ermance wächst heran und wird mit jedem Tage ſchöner; ihre Züge ſind reizend, ihre Stimme iſt zart, wie die ihrer Mutter, und ihr Herz gefühlvoll und mitleidig. Jakob iſt ſtolz auf ſeine Nichte, und hat, ſeitdem er im Schooße ſeiner Familie lebt, viel von ſeinen rauhen Manieren abgelegt; Sansſouci flucht noch immer, würde aber für ſeine Gönner durchs Feuer geben; der alte Gerval iſt doppelt glücklich durch das Gute, was er geſchaffen, und durch das, was Jakob täglich wirkt; kurz, Alle genießen eines lang entbehrten, ſtillen, zufriedenen Glücks, und die Bewohner des Pachthofes kommen auch öfters nach Villeneuve⸗St.⸗ 128 George, um daran Theil zu nehmen. Eine einzige Streitſache trübt den Frohſinn Sansſouci's, daß er nämlich den wohlverdienten Orden nicht mehr auf Jakobs Bruſt prangen ſieht.—„Warum willſt Du ihn denn nicht mehr tragen? fragt er ihn, wenn ſie allein ſind, was kann Dich daran hindern? Donner und Wetter! Du biſt nicht geſcheit, mit ſolcher Chi⸗ märe!— Mein Bruder hat unſern Namen entehrt. Aus Achtung für dieſe ehrenvolle Belohnung darf ich ihn nicht mehr anlegen.— Aber wenn Du doch jetzt nur Jakob heißt— Gleichviel! deßhalb weiß ich eben ſo wohl, daß Eduard gebrandmarkt wurde. Ahl die Erinnerung daran läßt mich für das Ehrenzeichen er⸗ röthen. Nein, ich kann es nicht mehr tragen.— Du haſt Unrecht.— Es iſt möglich, die Ehre bleibt mir immer, aber mein Stolz dafür iſt gebrochen, ſeit⸗ dem ich der Schande meines Bruders gedenken muß.“ Die Ruhe, der ſich die Bewohner von Villeneuve⸗ St.⸗George erfreuten, wurde plötzlich durch eine traurige Begebenheit geſtört, die man noch weit ent⸗ fernt glaubte. Der gute Gerval erkrankt und ſtirbt, 3 ohne daß die eifrige Sorgfalt und Pflege aller ſeiner Lieben ihn zu retten vermag. „Meine Kinder, ſagt er zu ihnen in ſeinen letzten Lebensaugenblicken, ungern ſcheide ich von euch, aber ich ſterbe wenigſtens beruhigt über euer Schickſal; ich hoffte noch länger unter euch zu leben, aber Gott hat es anders beſchloſſen, und ſein Wille geſchehe. Gedenket meiner, aber weint nicht um mich.“ Der Greis hat ſein ganzes Vermögen an Janoh 4 und Adeline vermacht. Er beſaß 30,000 Franken Renten, wovon ein Theil zur Unterſtützung Noth⸗ leidender beſtimmt iſt. Die alte Katharine überlebt ihren Herrn nur wenige Monate, und dieſer doppelte Todesfall verbreitete auf längere Zeit eine tiefe Trauer über Jakobs Haus.— Aber die Zeit lindert auch den herbſten Schmerz; ſie triumphirt über Alles; im Lethe verſchwinden all⸗ mälig die Erinnerungen an unſern Kummer, wie an unſere Freuden. Mehre Jahre vergehen. Ermance iſt ſchon neun Jahre alt, und das Glück Jakobs und der Troſt Ade⸗ linens. Um ſich nicht von ihr zu trennen, werden Lehrer nach Villeneuve⸗St.⸗George beſchieden, die ſie in allen nöthigen Wiſſenſchaften unterrichten. „Tauſend Granaten! ſagt Sansſouci, die Kleine wohlgefällig betrachtend, die wird einmal den Män⸗ nern die Köpfe verrücken; Geiſt, Schönheit, Grazie, Talent, ein gutes Herz, ihr fehlt ja nichts, Bomben und Granaten!— Ja, das iſt wahr, erwidert Jakob, aber ihren Vater wird ſie nie nennen dürfen!— Ahl weiß Gott! in dem Falle ſind viele Menſchen, und das wird ſie nicht hindern, Liebe zu erwecken.— Die Liebe macht oft das ganze Leben unglücklich, ich möchte lieber, ſie lernte ſie nicht kennen!— Dazu wird man Dich nicht um Erlaubniß bitten, Ka⸗ merad!“ Adeline iſt ſtolz auf ihre Tochter, die nicht nur mit dem beſten Charakter begabt iſt, ſondern auch * in allem, was man ſie lehrt, die reißendſten Fort⸗ - 1 Paul de Kock. XXII. 9 130 ſchritte macht.—„Liebe Ermance, ſagt ſie oft leiſe, mögeſt Du dereinſt glücklicher werden, als Deine Eltern; ſie gedenkt dabei Eduards, den ſie in Elend und Verzweiflung längſt geſtorben glaubt. Ach, ſagt ſie manchmal zu Jakob, wenn ſie in ſeinen Augen ähnliche Gedanken zu leſen glaubt, wenn ich nur wenigſtens die Ueberzeugung hätte, daß er mit Reue im Herzen die Welt verlaſſen hat! ich fühle, das könnte mir einen leichten Troſt gewähren.“— Jakob antwortet darauf nichts, aber er ruft Ermance und führt ſie zu ihrer Mutter, damit ihr Anblick jede trübe Erinnerung verſcheuche. Er weiß nicht, daß eine Frau in ihrem Kinde immer das Bild deſſen er⸗ blickt, den ſie geliebt hatte. An einem ſchönen Sommerabend ging Jakob im Garten ſpazieren, Ermance pflückte nicht weit von ihrem Onkel Blumen und Adeline ſaß einige Schritte davon entfernt auf einer Bank und beobachtete mit Wohlgefallen die graziöſen Bewegungen ihres Töch⸗ terchens. Plötzlich ſchreit Ermance, die ſich eben einem Roſengebüſch genähert hatte, laut auf, und bleibt vor Schrecken ſtehen. Adeline und Jakob ſprin⸗ gen herbei, und fragen nach der Urſache ihres Ent⸗ ſetzens.„Da, da, antwortet die Kleine, nach der Gartenmauer hinzeigend, da, ſeht nur, da iſt er noch, Gott! welche ſchreckliche Geſtalt.“ Jakob und Adeline ſehen nach der Seite hin, die Ermance ihnen bezeichnet, und erblicken hinter dem mit Brettern verſchlagenen Gitter, gerade an der⸗ ſelben Stelle, wo ſich ehemals ſder Kopf mit dem * 131 Schnurrbart zeigte, ein männliches Geſicht, das in den Garten ſchaut. „Wie ſonderbar! ſagt Adeline, erinnerſt Du Dich noch, vor zehn Jahren erſchienſt Du auch ſo vor uns?“ „Ja freilich, antwortet Jakob, ich erinnere mich deſſen ſehr wohl.— Ermancens Schreck iſt zu ent⸗ ſchuldigen, denn ich weiß, damals hatteſt Du mir auch keine geringe Furcht eingejagt!... Mann ſheint ein Unglücklicher zu ſein; komm, liebe Tochter, virbanne die Furcht; wir wollen ihm unſere Zälfe anzieten; Nothleidende ſollen uns Mitleid, aber keine Funht einflößen.“ Bei dieſen Worten nähert ſich Adeline mit Er⸗ mance der kleinen Gitterthür; die Züge des Mannes hiner dem Gitter ſcheinen ſich zu veleben; er betrach⸗ tet hie junge Frau mit ihrem Kinde; wirft dann einen Blick auf Jakob und ſtreckt einen Arm durch die Offfnung nach ihnen aus, als wolle er ihr Mit⸗ leid anfehen. Adeline tritt näher, ſteht den Bettler genauer an, ſtößt einen ſchmerzhaften Schrei aus und läuft bleß, zitternd und entſtellt Jakob entgegen. „Ich weij nicht, ruft ſie ihm zu, iſt es eine Täu⸗ ſchung!.. dieſer Mann.. er ſcheint mir, ja ſieh nur.. er ſſt's! es iſt.!“ Mehr vemag ſie nicht hervorzubringen. Jakob eilt nach der kleinen Thüre, erkennt ſeinen Bruder Eduard, mit Lumpen bedeckt, von Mangel erſchöpft, und ein Bild des größten Elends) der bitterſten Verzweiflung dar⸗ bietend, tritt in ien Garten. 132 „Hilf mir, hilf mir... rette mich! ruft er, ſich zu Jakob hinſchleppend, der noch kaum ſeinen Augen trauen kann, ach! aus Barmherzigkeit ſtoße mich nicht zurück!“ „Ach, Mama, laſſ' uns fliehen, ich fürchte mich vor dem Mann,“ bittet Ermance und ſchmiegt ſich angſtvoll an ihre Mutter. Dieſe umklammert ihr Kind, betrachtet bewegungslos Eduard, und heiße Thränen ſtürzen aus ihren Augen. 1 „Unglücklicher! ſagt endlich Jakob, was wilſt Du hier?... wirſt Du uns denn ewig verfolgen? ſoll Deine Infamie nicht aufhören, Deine Fanilie zu martern? ſoll dies Kind vor Deinem Anblick erröthen?“ 1 Eduard antwortet nicht, aber er blickt auf 2de⸗ line, und dieſe verbirgt das Geſicht ihrer Tochter in ihrem Schooß.—„ Ach, ſtammelt er endlich/ ſich vor Jakob auf die Knie ſtürzend, habe Mitleid, ſieh, wie elend ich bin, man verweigert mir ſoger, die Geſichtszüge meines Kindes zu ſehen!... man ſchützt ſie vor dem Anblick ihres Vaters.“ Jakob hat nicht mehr die Kraft, ihn zurückzu⸗ ſtoßen; Eduard nähert ſich Adelinen, ſtürt zu ihren Füßen nieder, drückt ſeine Stirne gegei die Erde, und fängt heftig zu ſchluchzen an. Be den Klage⸗ lauten des Unglücklichen richtet Ermane ihre Augen auf ihn, und Theilnahme verdrängt ihr Furcht.„ Ach, Mamal ſagte ſie, der arme Mann ſheint ſehr elend zu ſein, erlaube, daß ich ihm aufhefe... ich fühle, daß ich mich nicht mehr vor ihm fürchte.“ * 133 Eduard ergreift die Hand ſeines Kindes, drückt ſie mit Heftigkeit an ſich und erhebt ſeine Augen auf Adeline, deren Ausdruck dieſe verſteht. „Ich verzeihe Dir, ſagt ſie, ach! hätteſt du mir nur wehe gethan.. aber dies Kind, meine Tochter, niemals darf ſie Dich nennen.“ Jakob unterbricht Adeline und legt ihr den Finger auf den Mund. In dieſem Augenblick läuft Sans⸗ ſouci herbei und äußert ſeine Ueberraſchung über die Anweſenheit des Unbekannten.—„Was willſt Du? fragt ihn Jakob, was bringſt Du ſo eilig? was iſt geſchehen?— Kamerad, ich komme nur, Dir zu ſagen, das Gendarmen im Dorfe Hausſuchung hal⸗ ten; man iſt einem Vagabunden auf der Spur, den man eine halbe Meile von hier erkannt hat, und wird ſogleich auch unſer Haus durchſuchen; ich ſagte ihnen, es werde fruchtlos ſein, aber, Wetter! ich wußte nicht, daß..“— Still! ſagt Jakob, kein Wort von dem, was Du hier geſehen haſt... liebe Schweſter, geh' mit dem Kind ins Haus. Ged', und fürchte nichts, ich ſtehe für Alles. Sansſouci führe meine Schweſter hinein, und vor allen Dingen das tiefſte Stillſchweigen!“ Sansſouci betheuert es und entfernt ſich einige Schritte, über alles, was er ſieht, im höchſten Er⸗ ſtaunen. Adeline iſt über die Gefahr, in der Eduard ſchwebt, beſtürzt, aber er ſelbſt beſchwört ſie, ihn ſeinem Schickſal zu überlaſſen. Er legt ſeine Hand aufs Herz, drückt einen Kuß auf die Stirne ſeiner Tochter und entfernt ſich von beiden, während Sans⸗ 13⁴ ſouci, auf ein Zeichen ſeines Kameraden, Mutter und Tochter nach dem Hauſe mit ſich fortzieht. „Jetzt ſind ſie fort und wir allein, ſagt Jakob zu ſeinem Bruder, ſprich, biſt Du es, den man ver⸗ folgt?“ „Ja.. nicht weit von hier in einem Wirths⸗ hauſe, wo ich um ein Almoſen bat, ſaß ein Mann am Tiſche, der früher Gefangenwärter in Toulon war; er ſah mich ſcharf an, ich entfernte mich ſo⸗ gleich, aus Furcht, erkannt zu werden, aber leider war es zu ſpät, ich ſehe, ich bin verloren! Indeſſen bin ich jetzt weniger unglücklich... ich habe mein Kind geſehen, meine Frau hat mir verziehen... und Du.. ach! mein Bruder, ich beſchwöre Dich, laſſe auch Du mir Deine Vergebung angedeihen!“ „Ja, ſagt Jakob, ich vergebe Dir... aber Du mußt Unglücklicher, weißt Du, welche Strafe Deiner wartet? Auf dem Schaffot wirſt Du enden! .. und die Kunde von Deinem entehrenden Tode wird unſere Schande verewigen!... haſt Du nur den Muth, Verbrechen zu begehen, und wirſt Du nicht endlich das thun können, was die Ehre Deiner Frau, Deines Kindes ſchon längſt von Dir fordert? Du lebſt, armer Feigling!... ſo willſt Du Deine Henker erwarten... bedenke, daß Du es nicht ver⸗ meiden kannſt, der Gerechtigkeit in die Hände zu fallen! Großer Gott! biſt Du Deiner bejam⸗ mernswürdigen und infamen Exiſtenz nicht überſatt?“ „Ich verſtehe Dich, antwortet E ard, o glaube, daß der Tod eine Wohlthat für mi in; aber ich 13⁵ wollte, bevor ich aus dieſer Welt ſcheide, euch meine Reue zeigen!... Jetzt biete mir die Mittel, mich einer gerechten Strafe zu entziehen,.. ich werde keinen Augenblick zaudern.“ Jakob gibt Eduard ein Zeichen, ihn zu erwarten, geht auf ſein Zimmer, nimmt ſeine geladenen Piſto⸗ len und kehrt nach dem Garten zurück. Hier erblickt er ſeinen Bruder an der Gartenthüre auf den Knien; mit feſter Hand reicht er ihm die Waffe hin und Eduard ergreift ſie. „Jetzt, ſagt Jakob, komm Unglücklicher zum letz⸗ ten Male in meine Arme! Dein Bruder vergibt Dir Deine Verbrechen, und jeden Tag wird er auf Dei⸗ nem Grabe den Himmel für Dich um Gnade an⸗ flehen!“ Eduard wirft ſich ſeinem Bruder in die Arme, und lange Zeit halten ſie ſich feſt umſchloſſen, doch endlich reißt er ſich ſchnell los, entfernt ſich einige Schritte, der Schuß fällt, und der Unglückliche iſt nicht mehr. Jakob läuft zu dem entſeelten Körper ſeines Bru⸗ ders hin, nimmt all' ſeinen Muth zuſammen, und unter heißen Thränen gräbt er ihm eiligſt ein Grab unter einer Weide, nahe an der kleinen Gartenthür. Sansſouci eilt auf den Schuß herbei und über⸗ raſcht ſeinen Kameraden bei dieſer traurigen Be⸗ ſchäftigung. 5 „Silf mir!... es iſt mein Bruder...“ Sans⸗ ſouci will allein die ſchmerzliche Arbeit übernehmen, aber Jakob gihes nicht zu, denn er will ſeinem — 136 Bruder den letzten Dienſt erweiſen, und erſt als die Erde ſeine Hülle deckte, entſchließt er ſich, zu Ade⸗ linen zurückzukehren. „Nunl! ruft dieſe ihm entgegen, was iſt aus ihm geworden?— Fürchte jetzt nichts mehr, antwortet Jakob, er iſt gerettet, und ich ſtehe dafür, die Juſtiz ſoll ihn nicht mehr erreichen.“ Adeline verläßt ſich auf den Ausſpruch Jakobs und ſieht eine Stunde darauf ruhig den Gendarmen zu, wie ſie vergebens nach Eduard das Haus durch⸗ ſuchen. Nach einiger Zeit erblickt ſie mit Staunen im Garten einen Grabſtein, den Jakob unter der Weide hat errichten laſſen. „Wozu dies Denkmal? fragt ſie ihn.— Für mei⸗ nen unglücklichen Bruder! antwortet Jakob.— Wäre er todt?— Jal er iſt nicht mehr; jetzt hab' ich Gewißheit darüber.— Ach!... in welchem Winkel der Erde mag er ſein Leben geendet haben?— Dort ruht er, ſagt endlich Jakob, und zeigt nach der Weide.“ Adeline fährt zuſammen und wagt es nicht, weiter zu fragen, aber alle Tage führt ſie ihre Tochter nach der Weide, um für den armen Bettler zu beten, und Ermance weiß nicht, daß ſie für ihren Vater ihr Ge⸗ bet zum Himmel erhebt. Und am Fuße der Weide ſcharrt Jakob auch ſein Ehrenkreuz ein.— Inhalt des erſten Theils. 4₰ Seite Erſtes Kapitel. Eine Hochzeit in Cadran⸗Bleu.— Die Fa⸗ — milie Murville... 5 Zweites— Großes Ereigniß, von der Tanzſucht und 1 einer Tabaksdoſe herbeigeführt. 18 Drittes— Dufresn...... 33 Viertes— Glückspläne... 38 Fünftes— Der Kopf mit dem Schaurrbarte.. 46 Sechstes— Das ländliche Mittagsmal... 55 Siebenies— Worin der bärtige Mann wieder Lorkaummt 72 Achtes— Man urtheile nicht nach dem Schein. 86 Neuntes— Die Abenteuer Bruder Jakobs.. 92 Zehntes— Unterricht im Magnetiſiren... 106 Inhalt des zweiten Theils. Erſtes Kapitel. Jakob bringt Clairette in magnetiſchen Schlaf und thut Wunder. 3. 5 Zweites— Große Experimente des Buckligen.* 15 Drittes— Wirkung der Zaubertränke.— Bruder Ja kob verläßt ſeinen Reiſegefährten. 35 Viertes— Schluß von Jakobs Abenteuern.. 42 Fünftes— Vier Monate der Ehe.— Neue Pläne. 56 Sechstes— Rücktehr nach Paris.— Der Geſchäftsmann 66 Siebentes— Große Abendgeſellſchaft.— Liebeserklärung, 8 wenn man will... 81 Achtes— Verblendung.— Thorheit.— Scwäche. 96 Erſtes Kapitel. Zweites Drittes Viertes Fünftes Sechstes Siebentes Achtes Reuntes Erſtes Kapitel. Zweites Drittes Viertes Fünftes Sechstes Siebentes Achtes Neuntes Zehntes Inhalt des dritten Theils. Die Leidenſchaft macht ſchnelle Fortſchritte, wenn man ſie nicht eimoſ.. Das Noulette.... Intriguanten.— Spieler.— Betrüger. Das Innere eines Spielhauſes. Die guten Menſchen.— Erkenntlichkeit Das Lotterie⸗Comptoir Die guten Freunde, und was daraus erfoi Adeline findet einen Beſchützer Der Verwegene.— Der Feige.— Der Betrunkene...... Inhalt des vierten Theils. Der Platz vor dem Juſtizpalaſt Der gute Gerval.... Jakob und Sansſouci.... Die Galeerenſtlaven Der Holzhacker und die Näuber Dufresne's Lebensgeſchichte... Das Landhaus in den Vogeſen.. Das Wahrſcheinliche erſcheint mamchmal unwahrſcheinlich..... Wer iſt der gute Gerval.... Abermals die kleine Gartenthüre.. 4— Seite 5 12 29 44 52 70⁰ 80 92 101 Finſnſnnnfſſſſnſnn 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17