Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Einundzwanzigſter Theil. Stuttgart: Scheible, Rieger& Sattler. 1844. Bruder Jakob. Von Paul de Koch. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Derweil ein Einz'ger lebt von ſeinem Spielgewinn, Sieht tauſend Spieler man vor Hunger ſterben hin. Der Spieler von Regnard. Dritter Theil. S Stuttgart: Scheible, Rieger& Sattler. 1844. Erſtes Kapitel. Die Leidenſchaft macht ſchnelle Fortſchritte, wenn man ſie nicht bekämpft. Eduard hatte von Dufresne 100,000 Franken er⸗ halten, was nur der Betrag der Hälfte aus den er⸗ lösten Papieren war; aber Dufresne, der einen Theil des Geldes für ſich behalten wollte, ſagte, er habe nicht die ſämmtlichen Kapitalien verwerthet, weil er in einigen Tagen einen noch beſſeren Cours zu be⸗ nützen hoffe. Der leichtſinnige Murville verließ ſich ganz auf ſeinen Freund und bat ihn, das ganze Ge⸗ ſchäft dann zu beendigen, wenn er es am zweckmäßig⸗ ſten finden würde. Ganz von ſeiner neuen Liebe ein⸗ genommen, hatte ſich Eduard, der ſein Haus, ſeine Frau und ſein Kind vernachläſſigte, zur Frau von Geran begeben, wo er die ſogenannte Wittwe, deren Reize ſeine Einbildungskraft ſo ſehr erhitzt hatten, allein in ihrem Ankleidezimmer antraf. So ein T6te- à-téte iſt ſchon eine beſondere Gunſt. Die Kokette weiß all ihre Grazie zu entfalten, all ihre körperlichen und geiſtigen Vorzüge möglichſt herauszuheben, um der Eroberung des jungen Geſchäftsmanns ſich zu verſichern. Sie erreicht ihren Zweck leicht, denn ſchwache Menſchen laſſen ſich leicht verführen. Ein 6 Lächeln, ein Blick macht ſie verliebt, und darin glei⸗ chen ihnen oft die geiſtreichſten Männer! Eine kluge Frau geht, wenn ſie nicht liebt, umſichtig zu Werke; und erſt dann, wenn ſie gewiß weiß, befehlen zu können, begünſtigt ſie ihre Anbeter. Bei einem Wüſt⸗ ling, einem Libertin würde Frau von Geran wenig vermocht haben, aber bei einem Ehemann, der ſeit⸗ her ſeine Fran ganz allein geliebt hat, muß eine Kokette ohne Mühe ihren Zweck erreichen!... Deß⸗ halb ſollte eine verſtändige Frau immer lieber einen in der Liebe erfahrenen Mann heirathen, denn dieſer iſt doch vor Verführungen ſicher. Es iſt ausgemacht, um verliebt zu werden, braucht man es gerade nicht ſelbſt zu ſein, ſondern es nur zu ſcheinen; die wahre Liebe macht furchtſam, linkiſch, blöde und ungeſchickt; wie kann man dabei gefallen. Das unſchuldige, junge Mädchen, die in Geſellſchaft von Anderen das Ideal ihres Herzens ins Zimmer treten ſieht, wird plötzlich verlegen, nach⸗ denkend, zerſtreut, Röthe überfliegt ihr Geſicht; man redet ſie an, aber ſie antwortet verkehrt; ſie wagt nicht die Augen aufzuſchlagen, ſie iſt voll Bangig⸗ keit, daß man ihr Inneres errathe und glaubt, ein jeder durchſchaue ſie und wiſſe um ihr Geheimniß. Sprechen zwei Perſonen miteinander, ſo bildet ſie ſich ein, es ſei von ihr die Rede. Die kleinſte Veran⸗ laſſung vermehrt ihre Verlegenheit; iſt ſie muſikaliſch und man führt ſie zum Fortepiano, ſo wird ſie gewiß nicht mit der gewohnten Fertigkeit ſpielen; ſie be⸗ fürchtet zu viel Gewicht auf dieſes oder jenes Wort — 7 zu legen, das in irgend einer Beziehung mit ihrem Geliebten ſteht; tanzt man, ſo hat ſie Furcht, mit dem zu tanzen, den ſie anbetet, und iſt untröſtlich, wenn er eine Andere zum Tanz auffordert. Arme Kleine!... wenn du nicht liebteſt... er nicht zu⸗ gegen wäre, würdeſt du graziös, ungezwungen und heiter ſein, auch wäreſt du ohne Zweifel dann bei weitem reizender und verführeriſcher, und deine mit⸗ leidigen Freundinnen würden ſich nicht über dein lin⸗ kiſches Benehmen, deine Unbeholfenheit luſtig machen. An einem jungen Manne iſt es noch ſchlimmer, denn die Schüchternheit und Verlegenheit geben einem jungen Mädchen immer noch einen gewiſſen Anſtrich der Unſchuld und Sanftmuth, wodurch es dennoch gefällt; wenn aber ein junger Mann ſich ſchmollend in einen Winkel ſetzt, ſobald die Geliebte ſeines Her⸗ zens ihn nicht zärtlich genug angeſehen hat, wenn er neben ihr ſitzt und ſeufzt ohne zu reden, wenn er kein Wort hervorbringen kann, ſobald ein günſtiger Augenblick da iſt, ihr ſeine Erklärung zu machen, ſo iſt das nichts weniger als liebenswürdig; in der Geſellſchaft lacht man darüber, und diejenige, welche die Urſache ſeiner Mißgriffe iſt, ſpottet vielleicht zu⸗ erſt darüber. Statt deſſen triumphirt der Leichtſinnige, der nichts liebt und nichts fühlt, dem es ein Ver⸗ gnügen iſt, mit den Frauen ſein Spiel zu treiben, der das zartere Gefühl, ausdauernde Liebe lächerlich macht, mit einem Wort ein Windbeutel in einem Tage über die, für die der blöde und gefühlvolle Liebhaber vielleicht Jahre lang vergebens geſchmachtet 8 hat! Freilich iſt dieſer Wildfang lebendig, gewandt, unternehmend, während der ſüße Schläfer überall anſtößt. Das Lied ſagt ſehr treffend: Ach wie dumm iſt der Verliebtel Aber hier höre ich viele Da⸗ men über mich herfallen:„Wie, Herr Autor, Sie wünſchen nicht, daß wir wahrhaft geliebt werden? Das iſt ja abſcheulich!... Was ſind das für ge⸗ häſſige Grundſätze!“ Ich bitte, meine Damen, beruhigen Sie ſich; ich habe mich vielleicht falſch ausgedrückt; ich will nur nicht, daß man Sie auf eine lächerliche und linkiſche Weiſe liebe, und ich glaube, darin werden Sie mir Recht geben; ein Liebhaber, der nur ſeufzen kann, iſt ein ſehr läppiſches Weſen; ich will, daß man Ihnen mit Geiſt und Heiterkeit den Hof mache, denn Traurigkeit führt nie zu glücklichen Reſultaten, mit einiger Heimlichkeit, denn das erhöht den Reiz der Liebe, mit Feuer, weil Ihnen das gefällt, das Leben nur kurz iſt, und wenn man für einander paßt, nicht Jahre dazu gehören, es ſich zu geſtehen, und es beſſer iſt, lieber heute als morgen glücklich zu werden. Aber laſſen wir die Metaphyſik der Liebe bei Seite und kehren wir zu unſerem Eduard zurück, der die heißeſte Liebe für eine Frau empfindet, die nie etwas für Jemand empfunden hat, und nicht mit ihm, den ſte nur zu ihrem Sklaven zu machen gedenkt, an⸗ fangen wird. Er war ein erwünſchter Fund für Frau von Géè⸗ ran, welche, was Dufresne ihm auch geſagt haben mochte, gegen einen reichen und leidenſchaftlichen jungen Mann, wie Eduard, nicht ſo grauſam war, als ſie es ſcheinen wollte. Hätte dießer Erkundigun⸗ gen über die junge Wittwe eingezogen, ſo würde er erfahren haben, daß ihr Ruf mehr als zweideutig ſei, daß ſie mit einem reichen Ruſſen, einem dicken Baron, einem Lieferanten und einem Shawlverkäufer in vertrautem Umgange geſtanden, daß ihr Haus der Sammelplatz der Wüſtlinge, Intriguants und Spie⸗ ler ſei, und daß man endlich auf dem Kriegsminiſterio einen General, Namens Geran, nie gekannt habe. Von dem allem wußte Eduard nichts; er glaubte eine Dame kennen gelernt zu haben, die ſich ihm in der Kraftfülle gegenſeitiger Sympathie ergebe: er frohlockte über einen Triumph, den zwanzig Andere vor ihm errungen hatten, und fand ihre Reize der ſeiner Frau aus dem Grunde bei weitem überlegen, weil eine neue Eroberung immer eine zartere Haut, einen ſchöneren Buſen, einen niedlicheren Fuß hat, als die eigene Frau, was freilich oft nicht wahr iſt, worüber ſich die armen Frauen aber bei den Kennern⸗ bisweilen zu rächen wiſſen. Eduard brachte alſo den Tag damit zu, die zarte Haut, den ſchönen Buſen und den niedlichen Fuß der Frau von Geran zu bewundern, und dieſe ließ es geſchehen, weil ſie, wie ſie ihm geſtand, der Gewalt ſeiner Liebe und der Sprache ihres Herzens nicht widerſtehen könne. Bei ſolchen Beſchäftigungen ver⸗ geht die Zeit raſch; er hatte ſein Haus, ſeine Ge⸗ ſchäfte völlig vergeſſen, und erinnerte ſich nicht eher daran, als am Abend bei der Ankunft von einem 10 Dutzend Perſonen, den gewöhnlichen Spielgäſten der liebenswürdigen Wittwe. Eduard wollte ſich entfernen, aber Frau von Ge⸗ ran gab es nicht zu; ſie konnte ſeine Geſellſchaft nicht entbehren, und überdies war ſie ihm ja Revanche im Ecarté ſchuldig. Hier half kein längeres Weigern. Eduard blieb und ſetzte ſich an den Spieltiſch, ſeiner Geliebten gegenüber, die, wie er wohl wußte, mit ganz beſonderer Grazie ſpielte. Auch Dufresne kam den Abend zur Frau von Geran; er ſchien überraſcht, ſeinen Freund anzutref⸗ fen. Dieſer ſpielte jetzt gerade mit einem unbekann⸗ ten Herrn, da ſeine liebe Wittwe aus Rückſicht auf ihr allzu übertriebenes Glück das Spiel verlaſſen hatte, und nicht, wie ſie ſagte, auf Koſten Murville's ihre Glücksader benützen wollte. Indeſſen war er mit ſeinem neuen Spieler nicht glücklicher, er verlor beſtändig, und wollte nicht aufhören, um wieder zu ſeinem Verluſt zu gelangen. Dufresne ſtand vor Eduard und betrachtete ihn ſchweigend. Eine geheime Freude leuchtete in ſeinen Zügen; er entdeckte in ihm alle Symptome einer Leidenſchaft, die, einmal im Zuge, keine Grenzen findet. Beim Anblick ſeiner geſpannten Geſichtszüge, ſeiner brennenden Augen, ſeiner aufgeſchwollenen Adern, ſeinem unterdrückten Athemzuge, konnte er leicht die Wirkung des Spiels bei ihm erkennen. Da er ſich indeſſen erinnerte, daß Eduard eine bedeutende Summe Geldes bei ſich hatte, und nicht wünſchte, daß ſie größtentheils oder ganz in die Hände Anderer — — 11 komme, gibt er ihm leiſe den Rath, nicht weiter zu ſpielen; aber man hört nicht darauf; Murville em⸗ pfindet ſchon das Uebergewicht einer Leidenſchaft, der er ſich zum erſten Male hingibt, und übrigens ver⸗ hindern ihn Eigenſinn und Eitelkeit, ſeinen Platz zu verlaſſen. 1 „Wenigſtens,“ ſagt ihm Dufresne,„wollen Sie fortfahren zu ſpielen, ſo geben Sie mir Ihre Brief⸗ taſche, und was ſie noch enthält; Sie haben ja Geld genug vor ſich liegen; ſetzen Sie ſich dem nicht aus, in einem Abend eine ſo bedeutende Summe zu ver⸗ lieren.“. Jeder Andere wohl würde dieſen Rath nicht be⸗ folgt haben, aber Dufresne hatte ſchon eine ſolche Gewalt über Murville gewonnen, aie ihm ſein Portefeuille, aus dem er ſchon mehre Banknoten ge⸗ nommen hatte, ohne Bedenken gab.„Da,“ ſagt er mit unterdrückter Stimme, und bemüht ſich, ſeine Aufregung zu verbergen,„da, nehmen Sie... hier iſt auch der Schlüſſel zu meiner Wohnung... gehen Sie... und erwarten Sie mich zu Hauſe.“ Dufresne ließ ſich das nicht zweimal ſagen. Er begab ſich nach Murville's Wohnung, und hier war man ſchon ſo daran gewöhnt, ihn kommen zu ſehen. daß die Dienerſchaft kaum mehr darauf Acht gab, Dufresne hatte einen Theil des Abends in Eduards Zimmer auf ihn gewartet, da er aber ganz auszu⸗ bleiben ſchien, faßte er endlich den verwegenen Ent⸗ ſchluß, ſich in Adelinens Zimmer zu ſchleichen. Dies wurde ihm leicht, da er den Schlüſſel dazu zu finden * 12 wußte; und welchen Erfolg ſein Unternehmen hatte, haben wir bereits früher geſehen. Was Eduard betrifft, ſo fand ſich ein glücklicher Treffer bei ihm nicht ein. Er verlor Alles, was er noch behalten hatte, und außerdem tauſend Thaler auf ſein Ehrenwort. Um ihn zu tröſten, behielt Frau von Geran ihn allein beim Abendeſſen zurück. Sie verſicherte ihn, daß der Chevalier Defleuret, der ſein Gewinner war, ein ſehr galanter Mann ſei, und ihm gewiß ſehr gern Revanche geben würde, ſobald er es ¹ nur wünſche, und da jedenfalls das Glück einmal umſpringen müſſe, werde er über kurz oder lang wie⸗ der zu ſeinem Gelde kommen. Solch triftige Gründe konnten nicht verfehlen, Eduard zu beruhigen; und er blieb bis ſpät in die Nacht bei ſeiner Schönen. Am andern Morgen erwachte er um 10,000 Franken ärmer. Das hieß die Gunſtbezeugungen ſeiner ſchönen Wittwe etwas theuer bezahlen! Aber die Liebe rech⸗ net ja nicht. Zweites Kapitel. Das Roulette. Adeline blieb lange Zeit bewußtlos und vom Ueber⸗ gewicht ihres Schmerzens überwältigt. Mehre Stun⸗ den nach Dufresne's Entfernung ſaß ſie noch halb angekleidet in einem Winkel des Zimmers und drückte den ergriffenen Mantel krampfhaft gegen ihren Buſen. Der Tag erſcheint endlich, die Diener des Hauſes 9 Szͤℳ9 eer werde die Wahrheit auf ihrer Stirne leſen!. 13 werden munter; Adeline ſteht auf, kleidet ſich maſchi⸗ 68 nenmäßig an, und fällt wieder auf den Stuhl zurück, den ſie verlaſſen hatte; ſie hat keine Pläne, keine Wünſche, keine Hoffnungen mehr; ſie leidet, aber gedankenlos. Man klopft leiſe an die Thüre: ſie erwacht aus ihrer Erſtarrung und findet ihr Gefühl, aber auch all ihr Elend wieder. Sie will öffnen... bleibt jedoch an der Thüre ſtehen: ein plötzlicher Gedanke hält ſie zurück: wenn es ihr Mann wäre!... ſie fühlt, daß ſie ſeine Blicke nicht würde ertragen können und fürchtet, Arme Adeline... Du biſt nicht ſchuldig und zitterſt!... Welch ein Unterſchied von dem, was wir täglich in der Welt erblicken! Eine Stimme läßt ſich hören, es iſt die ihres Stubenmädchens; ſie fragt, ob ſie hereinkommen dürfe; Adeline beruhigt ſich und ſchließt auf. „Verzeihen Sie, Madame, ſagt das Mädchen, ich hatte bange um Ihr Befinden; es iſt ſchon ſpät, Sie haben nicht geklingelt und ſind auch nicht zum Frühſtück heruntergekommen.— Es iſt ſpät, Marie? iſt Herr Murville noch nicht zu Haufe?— Ja, Ma⸗ 3 dame, der Herr ſind gekommen, gingen auf ihr Zimmer, aber bald darauf wieder aus.— Wieder aus! ſagſt Du?— Ja, Madame!“ Adeline ſchöpft freier Athem und fühlt ſich ruhiger, denn ſie fürchtet jetzt die Gegenwart deſſen, den ſie vor einigen Stunden mit ſo vieler Ungeduld erwartete. Marie betrachtet ihre Gebieterin; ſie findet ſie 14 blaß und entſtellt, ſeufzt und beklagt ſie, denn ſie denkt, daß das Betragen ihres Mannes die Urſache 1 ihres Kummers ſei. Die Diener ſind die erſten Richter ihrer Herrſchaft; ſie ſehen Alles, nichts entgeht ihnen; b es gibt keine Helden und wenig treue Ehemänner vor ihren Kammerdienern. „Iſt Madame die Naiht krank geweſen? fragt* endlich Marie halblaut.— Nein, nein, ich habe nichts gehabt, antwortet Adeline erröthend, verhüllt ihr Geſicht mit dem Taſchentuch und bemüht ſich, ihr Schluchzen zurückzuhalten.— Eil erwidert das gute Mädchen, Madame haben ſehr Unrecht, ſich ſo zu kümmern... ach, mein Gott!... die Männer ſind alle ſo... ſie haben einen Hang zur Zerſtreuung... man kann ſie daran nicht hindern! aber das gibt ſich . und Madame ſind ſo gut, daß...— Laß mich.“ Das Mädchen will gehen, Adeline ruft ſie aber zurück.„Marie, iſt heute Nacht jemand Fremdes im Hauſe geweſen?.— Ein Fremder... heute Nacht.. ſie ſieht ihre Herrin mit Verwunderung an und kann ſich die Frage nicht erklären.— Ja, ja, haſt Du klopfen hören... hat man Geräuſch bemerkt 2— Des Nachts klopfen, das hätten nur der Herr ſein können, aber ſie waren ja nicht zu Hauſe; Gott ſei Dank, es iſ Alles ruhig geweſen, und wir haben Alle gut ge⸗ ſchlafen; es iſt kein Wunder; nach der ſchlafloſen Nacht von vorgeſtern waren wir noch müde genug. Adeline, etwas beruhigter, ſchickt ihr Stuben⸗ mädchen fort; ſie iſt nun wenigſtens ſicher, daß ihrt Entehrung ein Geheimniß geblieben; ſie geht zu ihrer — 15 kleinen Ermance, nimmt ſie in ihre Arme und ſucht bei ihr Troſt zu finden; eine innere Stimme ſagt ihr, daß ſie unſchuldig ſei, und ſie faßt neuen Muth. Die Abſicht allein macht das Verbrechen, und Adeline empfindet ja für Dufresne den heftigſten Haß; ihn zu nähren, iſt ihr Genuß, es ſcheint ihr, je mehr ſie Abſcheu vor ihm fühle, deſto weniger ſtrafwürdig ſei ſie in ihren Augen. Aber ein drückender Gedanke fällt ihr aufs Herz, denn ſie erinnert ſich der letzten Worte Dufresne's: Eduard liebt eine Andere. Er iſt nach Hauſe gekom⸗ men, und denkt nicht daran, ſie zu ſehen. Es iſt Alles aus, er iſt untreu, er vergißt ſie!... Dieſe Gewißheit macht die arme Adeline vollends untröſtlich und benimmt ihr jede Hoffnung. Noch ganz ſinnenberauſcht von der verlebten Nacht hat Eduard die Wohnung der Frau von Geran ver⸗ laſſen, um nach Hauſe zu gehen; aber ein Gefühl der Schande, ſein Gewiſſen hält ihn ab, ſich zu ſeiner Frau zu begeben. Möge man ſich auch vorneh⸗ men, ſeine Handlungen zu entſchuldigen; hat man ſeit längerer Zeit den Pfad der Tugend und des Rechts verlaſſen und der öffentlichen Meinung Trotz geboten, ſoent⸗ geht man bei einer jeden ſchlechten That ſeinem innern Richter nicht. Und Eduard war noch zu ſehr Neuling auf dem Pfade des Laſters, um nicht deſto ſtärker die Vorwürfe ſeines Gewiſſens zu empfinden. Beinahe eine ganze Nacht aus dem Hauſe zubringen, ſeiner Frau untreu ſein und eine beträchtliche 84 16 Summe im Spiele verlieren, wie viel Grund zu ernſt⸗ haften Betrachtungen! Eduard handelt aber wie die meiſten, die Thor⸗ heiten begangen haben; anſtatt es ſich vorzunehmen, künftighin geſetzter und vernünftiger zu ſein, war er bemüht, ſich zu betäuben und ſich völlig der Zügel⸗ loſigkeit ſeiner Leidenſchaften zu ergeben, gleich denen, die ſich ins Waſſer ſtürzen, um dem Untergange der Welt zu entgehen. Bei Dufresne war Eduard ſicher, Zerſtreuung zu finden, er geht alſo zu dieſem. Er findet ihn allein, und in ernſten Betrachtungen vertieft. Zum erſten Male dutzt Murville ihn, denn er fühlt ſich jetzt mehr zu ihm hingezogen, ſeitdem er aufgehört hat ein guter Wirth und rechtſchaffener Ehemann zu ſein; er theilt ja ganz ſeine Grundſätze, jede Ceremonie muß daher zwiſchen zwei engverbundenen Freunden verbannt ſein. Eduard wirft ſich auf einen Stuhl und ſieht Dufresne an, der von ihm zuerſt angeredet zu werden erwartet. „Da bin ich, lieber Freund, ich glaubte Dich bei mir zu finden— Ich bin geſtern Abend auch da geweſen, weil Sie aber nicht kamen und das Warten mich langweilte, ging ich wieder fort.— Meiner Treu, Du haſt Recht gehabt, Du würdeſt vergebens auf mich geharrt haben... Ich bin bis ſpät in die Nacht bei Frau von Geran geweſen.. Du verſtehſt mich doch...— O ja, ſehr wohl!... ich mache Ihnen mein Compliment deßhalb... das will etwas ſagen... die Frau betet Sie an!— Oh! 17 1 ſie iſt wirklich närriſch in mich verliebt... das iſt 4 der wahre Ausdruck... ſie wollte mich kaum fort⸗ 1 laſſen, ich habe ordentlich Mühe gehabt, mich von ihr zu trennen!— Nehmen Sie ſich in Acht... Frau von Geran hat Leidenſchaftlichkeit, feuriges Blut, eine lebhafte Einbildungskraft, ſie wird ohne Sie zuletzt gar nicht mehr leben können!— Du entzückſt mich, ſolche Frauen liebe ich gerade!— Wenn Ihre Frau aber etwas erführe?— Bah, bah, die hat kein Temperament und iſt gleichgültiger, unempfind⸗ licher Natur!... ihre Art zu lieben, hält mit der Frau von Geran gar keinen Vergleich aus.— Ich möchte Ihnen etwas rathen.— Sprich! aber kurz weg... Du.. keinen Zwang mehr zwiſchen uns, mein lieber Dufresne.— Ich bin's zufrieden.— Du ſagteſt alſo..— Wenn Du mir folgen willſt, ſo ſchickſt Du Deine Frau aufs Land, um mehr Freiheit zu haben.— Wahrlich, ein trefflicher Ge⸗ danke!... ſie ſpricht ſo alle Tage vom Lande, von Wieſen und Feldern... ja, ja, ich werde das Lämmlein auf die Weide ſchicken und in Paris bleiben..— Aber Du erzählſt mir ja nichts von Deiner Partie mit dem Chevalier Defleuret? Haſt Du Dein Geld wieder gewonnen?— Nein, im Gegentheil, ich habe 2 ſind heilig, die mußt Du freilich bezahlen.— Das will ich auch ſogleich thun; er hat mir im Palais Paul de Kock. XXI. 2 1 1 18 Royal Nr. 9 Rendezvous verſprochen, wohnt er viel⸗ leicht dort?— Hal hal hal was biſt Du doch uner⸗ fahren, mein lieber Murville... weißt noch nicht einmal, daß Nr. 9 eine Spielbank, ein Roulette iſt?— Wie, der Chevalier beſucht ein Roulette? — Warum das nicht? Du wirſt da ganz ordentliche Leute finden: viel Adelige, die den Glücksrittern gerne Geld abgewinnen möchten, und ehrliche Bürger, die ſich geſchmeichelt fühlen mit Grafen und Baronen zu ſpielen, aber Alles mit dem größten Anſtand!... In größter Ordnung, ohne Lärmen!... Ich ver⸗ ſichere Dich, daß mancher Spieler in unſeren Geſell⸗ ſchaften da Unterricht im feineren Takt nehmen könnte; man verliert ſein Geld, ohne ſich zu beklagen... man ſchimpft und flucht nur innerlich; kurz, Alles geht ſehr anſtändig her.— Meiner Treu, ich bin neugierig das zu ſehen, aber ich glaubte, daß ein Geſchäftsmann ſich an ſolchen Orten nicht ſehen laſſen dürfte; man hat mir geſagt, daß dies dem Ruf ſehr ſchaden könne.— Man hat Dich belogen, im Gegen⸗ theil, Du wirſt vielmehr ſehr viele Kaufleute, Ge⸗ ſchäftsmänner, Wechſelagenten und Courtiers da⸗ ſelbſt finden. In der That, es iſt einer der feinſten Vereinigungspunkte: Militärs, Fremde, große Herren, die Incognito reiſen, geben ſich hier Rendezvous; und außerdem wacht die Polizei darüber, daß kein Pöbel und keine Spitzbuben ſich einſchleichen. Nr. 113 iſt für das ſchlechte Geſindel, für Arbeiter, kleine Fabrikanten und Krämer, denn ſolche Leute wollen doch auch ſich luſtig machen; aber Nr. 9 iſt faſt eben 19 ſo anſtändig wie Frascati.— Hiernach kann ich ja ohne Bedenken hingehen.— Du wirſt auch Defleuret dort nicht verfehlen. Er iſt immer von der Eröffnung bis zu Mittage da, und verſäumt ſogar oft ſeine Mahlzeit. Er ſitzt am grünen Tiſch und ſticht mit der Nadel ſeine Karte. Seit zehn Jahren iſt er bemüht, dahinter zu kommen, wie man gewinnen muß, und verſichert, es binnen Kurzem ergrübelt zu haben; dann will er es ſeinen Bekannten mittheilen. Wenn man das herausbringen könnte! Wetter, das müßte prächtig ſein!... dann brauchte man ſich um nichts mehr zu beunruhigen... man hätte Vergnügen und lebte wie ein Prinz.— Glaubſt Du denn, daß es möglich wäre?— Eil! allerdings... man hat noch ganz andere Dinge ergrübelt... man hat Beiſpiele... unter uns geſagt, ich kenne mehr als dreißig Per⸗ ſonen, die ihren Rang in der Geſellſchaft behaupten, viel Geld ausgeben, alle Moden mitmachen, ſich nichts verſagen... und doch nur vom Spiele leben. Höre, was ein bekannter Schriftſteller hierüber ſagt: „Das Spiel ernähret eine Menge Leute, Rechtſchaffner Art, Fiaker, Sänftenträger Und Wucherer, verſehn mit jenem falben Kleinod, das täglich läuft von Hand zu Hand, Gascogner, die in einer Kneipe prahlen, Glücksritter und ein Rudel Jungferſchaften, Die ohne den Ertrag des Lanzknechtſpiels Mit ihrer Tugend wohlfeil Handel trieben!« „Du ſetzeſt mich in Erſtaunen... das hätte ich nie geglaubt, denn es bleibt doch immer nur ein Zufall.— Ei, lieber Freund, für den Mann, der 20 mit Ruhe überlegt, alle Fälle und Wahrſcheinlich⸗ keiten vorausſieht... gibt es keinen Zufall; übrigens was ich Dir da ſage, iſt nicht, um Dir zum Spiel Luſt zu machen Du biſt nicht glücklich... Beſſer, Du läßt es ſein.— Apropos und unſere Geſchäfte? — Es iſt jetzt ein Stillſtand... man muß es ab⸗ warten!— Es ſei! Ach, lieber Dufresne, wenn wir es ausfindig machen könnten, immer zu gewinnen, wie wollten wir leben, während meine Frau auf dem Lande iſt!— Glaube mir, denke nicht mehr daran, das ſind Thorheiten, Chimären... doch ich muß Dich verlaſſen.— Heute Abend ſehen wir uns doch?— Wo denn?— Ei, kannſt Du noch fragen? Bei der Frau von Geran.“ Dufresne und Eduard trennen ſich, der erſtere, der Wirkung gewiß, welche dieſe Unterredung auf den Schwachkopf Eduard gemacht hat, und dieſer, indem er nur vom Roulette und von fortdauerndem Gewinne träumend ſich bereits mit den überſpannteſten Prae jekten beſchäftigt. In dieſem Zuſtande kommt Eduard an den vom Chevalier bezeichneten Ort; er durchläuft mehre Säle und gelangt endlich in ein großes Zimmer, worin die Spieler um ein Roulette verſammelt ſind. Er fühlt, wie ihm das Blut in den Kopf ſteigt, er will ſeine Ver⸗ legenheit verbergen, und gibt ſich raſch das Anſehen eines täglichen Gaſts daſelbſt. Der Chevalier Defleuret erblickt ihn, ſteht auf, geht ihm entgegen und vergißt über dem Wunſch, ſo bald als möglich ſeine tauſend haler einzuziehen, das S techen der Karte. Eduard 42 ε 9⁹◻ 21 beeilt ſich, ſeine Schuld zu berichtigen. Der Chevalier iſt entzückt über die Pünktlichkeit ſeines Schuldners und ladet ihn ein, einen Augenblick neben ihn ſich hinzuſetzen. Eduard zaudert, ſieht ängſtlich umher, fürchtet Bekannte anzutreffen und wird in der That mehre Geſchäftsleute gewahr, die theils mit Dufresne umgehen, theils an jenem Abend ſeine Gäſte waren. Alle dieſe Leute ſcheinen indeſſen um den grünen Tiſch ſehr beſchäftigt und nehmen nicht die entfernteſte Notiz von ihm; der Chevalier zieht ihn mit ſich fort, er gibt nach, und ſo ſitzt er denn am Rollettetiſch. Defleuret ergreift ſeine Karte wieder, um zu ſtechen, und erkundigt ſich bei einem langen trockenen Herrn in hellbraunem Oberrocke nach den Farben und Nummern, die gezogen worden ſind; dieſer aber wirft ihm einen wüthenden Blick zu, huſtet, räuſpert, ſchnaubt ſich, verzieht das Geſicht, ballt die Fäuſte und ant⸗ wortet nicht.„Das iſt ein Original, ſagt leiſe der Chevalier zu Eduard, drei Stunden ſticht er, ehe er ſeinen Fünffrankenthaler daran ſetzt und kommt faſt immer zu ſpät... er hat ſeinen Sinn jetzt auf die rothe Farbe gerichtet, ich wette, ſie kommt heraus, ohne daß er geſetzt hat, der Mann wird nie ſpielen lernen, er iſt zu ſehr Poltron!“ Eduard ſah und hörte auf alles, was zum erſten Male vor ſeinen Augen vorging; denn vor ſeiner Ver⸗ heirathung wollte er nie in ein Spielhaus gehen, weil er zu ängſtlich war, ſeiner eigenen Schwäche zu trauen. Nur wenn man gewiß iſt, der Verſuchung nicht zu unterliegen, und gegen das Spiel den Ab⸗ 22 ſcheu empfindet, der jeden denkenden Menſchen er⸗ füllen ſollte, kann man es wagen, einen ſolchen Ort der Verführung zu betreten. Welch ein weites Feld, um die Wirkungen dieſer unglückſeligen Leidenſchaft zu beobachten und zu ſtudiren! Das Reſultat der Beobachtungen iſt traurig; aber es gibt eine gute Lehre, und gerade in einem Spielſaale könnte einem jungen Menſchen ſein Geſchmack am Spiele verleidet werden, wenn er, ſtatt ſeiner Neigung zu folgen, mit kaltem Blute alles um ſich her prüfte. Von welchem Schwindel ſind alle die Unglücklichen ergriffen, die ſich um den grünen Tiſch drängen, und mit ihren Augen die Maſſen Silber, Gold und Bank⸗ noten verſchlingen möchten, die vor den Croupiers aufgehäuft ſind. Es fällt ihnen nicht bei, daß das Meiſte nur da liegt, um ſie anzulocken und fortzu⸗ reißen; ſie ſagen ſich nur:„Wie der da gewinnt, der ſo eben mit gefüllten Taſchen hinausgeht, warum ſollte mich das Glück nicht gleich ihm begünſtigen?“ Und wenn es nun auch geſchähe! Iſt das in den Spielhäuſern gewonnene Geld je dazu benützt wor⸗ den, eine Familie zu bereichern, eine Frau zu er⸗ nähren, eine Tochter auszuſtatten, oder Unglücklichen beizuſtehen? Nein! Spieler haben jederzeit ein hartes Herz, eine durch ihre Leidenſchaft verderbte und ent⸗ artete Seele. Wenn ſie heute gewinnen, werden ſie morgen wieder ſpielen, und das wird ſo lange ge⸗ ſchehen, bis auch das Letzte ihrer Habe dem unerſätt⸗ lichen Hange geopfert iſt. Und kommen ſie mit vollen Taſchen nach Hauſe, ſo glaubt ja nicht, daß ſie dann —w 23 beſſer und großmüthiger gegen ihre Angehörigen den⸗ ken— im Gegentheil. Die Frau iſt ſchlecht gekleidet, den Kindern fehlt das Nöthigſte, Gläubiger belagern ihre Thüre, aber dennoch geben ſie, zahlen ſie nichts, ſpotten über die Drohungen derer, denen ſie den ver⸗ dienten Lohn vorenthalten und ſind taub gegen die Stimme der Natur. Bald verlieren ſie wieder, was ein günſtiger Augenblick ihnen zuwendete, und wehe dann ihren Umgebungen; auf ſie richtet ſich zuerſt ihr Verduß, ihre Wuth, die ſie gegen Freunde zu⸗ rückhalten müſſen, in ihrem Hauſe dagegen überlaſſen ſie ſich bis zum höchſten Grade ihrer Rohheit. Sie brauchen Geld und benützen alles, um ſich welches zu verſchaffen; die letzten Kleider ihrer Kinder werden verkauft, der Arbeitsverdienſt eines Tages verſchwin⸗ det in einer Sekunde, auf eine Farbe oder Nummer. Dann werfen ſie düſtere Blicke umher, Verzweiflung malt ſich auf ihrem Geſichte, mit Wuth ſtarren ſie das Gold an, das ſie nicht beſitzen follen, und die Croupiers ſehen ihren Schmerz mit der größten Gleich⸗ gültigkeit. Dann quälen die ſtrafwürdigſten Begier⸗ den, die letzten Nichtswürdigkeiten ihre Phantaſie; ſie ſind lüſtern nach dem Gelde ihrer Nachbarn, ſie ſtrecken die Hand darnach aus, und oft, von der zü⸗ gelloſeſten aller Leidenſchaften angetrieben, begehen ſie die ſchändlichſten Verbrechen!... Dieſe Beiſpiele ſind nur zu häufig. Das Spiel hat ein drei⸗ faches Ziel, und dies iſt unvermeidlich; es führt zum Selbſtmord, ins Hoſpital oder ins Zuchthaus. 24 Unglücklicherweiſe machte Eduard dieſe Betrach⸗ tungen nicht; er ſah dem Spiel aufmerkſam zu, und nachdem er es einigermaßen begriffen hatte, ſetzte er ein Zwanzigfrankenſtück auf Roth; dieſe Farbe ge⸗ wann neun Mal hintereinander, und da er den Ge⸗ winn immer hatte ſtehen laſſen, ſo gewann er in fünf Minuten 10,240 Franken. Der Chevalier Defleu⸗ ret, der über ſo ein entſchiedenes Glück ſtaunte, rieth Murville leiſe, für den Augenblick nicht weiter zu gehen, weil nach aller Wahrſcheinlichkeit und den Zeichen auf ſeiner Karte die Kugel nothwendig auf Schwarz treffen müſſe. Der Chevalier freute ſich über das Glück Eduards insgeheim ungemein, denn er hoffte ihn bei Frau von Geran wieder anzutreffen, und da er ſehr ſchlecht Ecarté ſpielte, aber gut be⸗ zahlte, ſo war das für ihn eine brillante Ausſicht. Eduard dachte nicht an die Wahrſcheinlichkeiten des Spiels, ſondern empfand nur ein gewaltiges Krümmen im Magen, denn ſein Eifer und ſeine Thä⸗ tigkeit ſeit dem vorigen Abend hatten an ihm gezehrt, und er fühlte das Bedürfniß, neue Kräfte zu ſam⸗ meln! Er ſtand alſo auf, verließ den Tiſch, und verſprach dem Chevalier, am Abend ihm die Spitze zu bieten. Wider aller Erwartung Defleurets mußte doch wieder Roth gewinnen. Eduard bereute es ſehr, ſo bald aufgehört zu haben, nahm ſich jedoch vor, ſich bei der erſten Gelegenheit zu entſchädigen; der lange trockene Herr im hellbraunen Kleide, der den Rath Delleurets gehört hatte, ließ, als Roth wieder ge⸗ 25 4 wann, ein„Rindvieh“ über die Lippen fahren, was Murville nach der Beſchreibung Dufresne's vom guten Ton, der hier herrſche, nicht wenig befremdete; er verließ jedoch nichts deſto weniger, ſein Gold in den Taſchen und wonnetrunken über ſein Glück, den Saal. d— Er will nach Hauſe gehen, unterwegs denkt er auf einmal an ſeine Frau, die ſehr in Unruhe, ſehr böſe auf ihn ſein müſſe, denn ſeit vierundzwanzig Stunden hat ſie ihn nicht geſehen; er iſt daher etwas verlegen, entſchließt ſich jedoch, zu ihr zu gehen, und begibt ſich, nachdem er das Gold in ſein Arbeits⸗ zimmer gebracht hat, wo er ſeinen Commis auf dem Moniteur eingeſchlafen findet, nach dem Zimmer ſei⸗ ner Frau. Trotz der Gleichgültigkeit, die Eduard ſeit einiger Zeit für Adeline empfindet, betrübt ihn doch die Ver⸗ änderung, die ſeit dem Abend vorher in ihrem Aeußern vorgegangen iſt. Sie iſt blaß und kraftlos, ihre Augen ſind roth, angeſchwollen und thränenſchwer, und ihre Züge drücken den größten Kummer aus. Eduard zweifelt nicht, daß ſeine lange Abweſenheit daran Schuld ſei; er nähert ſich ihr und iſt verlegen, wie er ſein Betragen entſchuldigen ſoll. „ Du haſt mich vielleicht geſtern erwartet... ohne Zweifel haſt Du Dich um mich geänſtigt; aber ich wurde wider Willen in einer Geſellſchaft zurückgehal⸗ ten, wo man ſpielte, ich gewann und durfte Ehren halber die Partie nicht aufheben..— Du biſt Herr Deiner Handlungen, antwortete Adeline, ohne 3* 26 4 ihren Mann anzuſehen, Du würdeſt Unrecht haben, Dich meinetwegen zu geniren.“. Eduard glaubte nicht ſo viel Nachgiebigkeit zu finden; er erwartete Vorwürfe, Klagen, Thränen; aber Adeline ſagte kein Wort weiter; ſie ſchien er⸗ geben, ſeufzte und ſchwieg. Dies Benehmen machte auf das Herz Eduards eine größere Wirkung, als die lauteſten Klagen und Vorſtellungen; er fühlte ſich gerührt und war im Begriff, ihr zu Füßen zu fallen und Verzeihung für ſein Vergehen zu erflehen, als das Bild der Frau von Geran vor ſeine Seele trat und alle ſeine beſſere Gefühle unterdrückte... er ver⸗ ſcheuchte eine jede, für einen Weltmann ja unpaſſende zartere Empfindung und blieb bei ſeinen Projekten. „Adeline, Du haſt den Wunſch, wieder aufs Land zu gehen; die Jahreszeit rückt vor, alſo thue es; übrigens, denke ich, wird es unſerem Kinde ſehr er⸗ ſprießlich ſein, und wünſche darum, daß Du ſofort nach Villeneuve⸗Saint⸗George fährſt; ich kann Dich jetzt nicht begleiten, wichtige Geſchäfte halten mich in Paris zurück, aber ich denke, Dich recht oft zu be⸗ ſuchen.“—„Es iſt gut, Eduard, ich werde Alles zu meiner Reiſe vorbereiten, und ſo lange in unſerem Landhauſe bleiben, bis ich von Dir die Ordre erhalte, zurückzukommen.“. „Auf Ehre, ſagt Eduard bei ſich, meine Frau iſt allerliebſt... welch eine Unterwürfigkeit... welch ein Gehorſam... das iſt wirklich außerordentlich.“ Er ergreift Adelinens Hand, drückt ſie leicht in der ſeinigen, und berührt, ohne das Zittern auf dieſer 27 ſonſt ſo heißgeliebten Hand zu achten, ſie kaum mit ſeinen Lippen, entfernt ſich aber gleich hernach mit der Schnelligkeit eines Schülers, deſſen Lehrſtunde beendigt iſt. „Er will, daß ich ihn verlaſſe, ſagt Adeline, als ſie allein iſt, meine Gegenwart iſt ihm läſtig!... ſo gehe ich denn!... es iſt mir ja künftig gleich, an welchem Orte ich lebe, da ich nirgends mein Glück wiederfinde. Ich habe die Liebe meines Mannes, die Ehre, die Ruhe der Seele verloren; ſo will ich denn meine traurige Exiſtenz möglichſt verbergen; nur für meine Tochter möchte ich meine Tage noch erhal⸗ ten, ihr will ich ſie ganz widmen; armes Kind, was ſollte aus Dir werden, wenn Du mich verlöreſt!“ Adeline küßt ihre Tochter, in ihrem Muttergefühle will ſie neuen Muth ſchöpfen. Sie trifft ihre Ein⸗ richtungen zur Abreiſe nach Villeneuve⸗Saint⸗George, und wünſcht, ihre Mutter möchte ſie begleiten; aber der guten Mama Germeuil liegt wenig am Land⸗ leben; ſie hat ihre Gewohnheiten, ihre Bekanntſchaften in Paris; das Alter iſt ja egoiſtiſch; es fühlt, daß es nur noch wenig zu genießen hat und mag daher auch nur ſo wenig als möglich davon opfern. Acht Tage genügen Adelinen, um Alles vorzube⸗ reiten, was ſie und ihr Töchterchen auf dem Lande bedürfen. Nach Verlauf dieſer Zeit, während welcher ſie ihren Mann nur ſelten und ſtets nur auf einige Augenblicke geſehen hat; will ſie abreiſen, indeſſen möchte ſie vorher noch einen Verſuch wagen, nicht um die Liebe ihres Mannes wieder zu erlangen, denn ſie weiß wohl, daß ſich dies Gefühl nicht erzwingen läßt, ſondern um ihm Dufresne in ſeinem wahren Lichte zu zeigen. Eduard hört nicht auf ſie und glaubt nichts von den elenden Streichen ſeines Bruders; Adeline denkt aber an Madame Dolban und hofft, ſie werde gerne bereit ſein, in einem zweiten Briefe alle die Nichtswürdigkeiten ſeines falſchen Freundes zu ſchil⸗ dern. 3 Für die Ehre, für den Ruf ihres Mannes unter⸗ nimmt ſie dieſen letzten Verſuch, der ſie zwar nicht wieder glücklich machen, aber doch die Zukunft Eduards ſicher ſtellen kann. Die junge Frau begibt ſich nach der Wohnung der Madame Dolban, und fragt den Portier, ob ſie zu ſprechen ſei.—„Sie kommen zu ſpät, Madame, antwortet dieſer, Madame Dolban iſt ſeit vier Tagen todt!— Todt? Vor neun Tagen erhielt ich ja noch einen Brief von ihr!— Ach, mein Gott, Ma⸗ dame, ſo geht's in der Welt! Heftiges Fieber, furcht⸗ bare Koliken... was weiß ich's, da war es denn bald geſchehen.“ „So iſt denn Alles verloren, ſagt Adeline, indem ſte ſich entfernte, keine Hoffnung vorhanden, Eduard zu überzeugen! Dufresne wird triumphiren, ihn in den Abgrund zu ſtürzen!“ Durch dieſes neue Unglück ganz entmuthigt, be⸗ ſchleunigt Adeline ihre Abreiſe von Paris; ſie fährt nach Villeneuve⸗Saint⸗George ab, und, allein im Wagen, ihr Kind auf dem Schooße, vergleicht ſie dieſe Reiſe mit der des vorigen Jahres, und weint ¹ 29 bittere Zähren über die Schnelligkeit, mit der ihr das Glück entflohen. Drittes Kapitel. Intriguanten.— Spieler.— Betrüger. Von der Gegenwart ſeiner Frau, deren Anblick immer noch etwas Peinliches für ſein Gewiſſen hatte, jetzt befreit, überläßt ſich Eduard zwanglos dem Rath Dufresne's, der Liebe für Frau von Geran und der Leidenſchaft des Spiels. Dufresne hatte die Hälfte der Summe, die er aus den Kapitalien Eduards gelöst hatte, behalten. Seine Abſicht war es ſchon immer geweſen, ſich einen Theil des Murville'ſchen Vermögens anzueignen; ohne⸗ dies lebte er ſchon längſt von Eduards Geld, den er immer damit zufrieden zu ſtellen wußte, daß es für Geſchäfte ein unglücklicher Zeitpunkt ſei. Dufresne hatte aber bei ſeinen vielen Laſtern auch noch das des Spiels, und die zurückbehaltene Summe ſollte auch bald den Weg gehen, den das Vermögen der Madame Dolban genommen hatte. Eduard bringt ſeine Tage im Spielhauſe und ſeine Abende bei Frau von Geran zu, bei der gleichfalls furchtbar geſpielt wurde. Ziemlich gut gekleidete Menſchen, deren Geſichtszüge aber Schlechtigkeit und Verworfenheit ausdrücken, finden ſich alle Abende bei der Generalswittwe ein, wo man ſicher iſt, Mur⸗ ville und einige andere Thoren, um die ſich In⸗ triguanten und galante Frauen ſtreiten, anzutreffen. 30 Frau von Geran verliert aber ihren Geliebten nicht aus den Augen, ſie will nicht, daß er ihr ent⸗ ſchlüpfe; ſie weiß ihre ganze Kunſt der Koketterie, jede Liſt, alle nur mögliche Mittel anzuwenden, um einen jungen Mann zu umgarnen und zu feſſeln, der ſich angebetet glaubt und gern ſeiner Gebieterin jedes Opfer bringt. Frau von Geran lebt mit ihren Anbetern auf ſehr großem Fuße: Spiel, Theater, feine Diners, Spa⸗ zierfahrten, Toilette, türkiſche Shawls, Brillanten, ausgeſuchte Abendmahlzeiten,... damit nur kann man, äußerlich wenigſtens, auf ihre Liebe rechnen, und es iſt klar, daß Eduard dabei nur wenig Zeit übrig bleibt, nicht einmal zur Langeweile. Sein Glücksſtern hat indeſſen aufgehört zu leuch⸗ ten. Nachdem er im Roulette mehremal hinter ein⸗ ander gewonnen hat, empfindet er auch die Verän⸗ derlichkeit des Glücks und verliert bedeutende Summen. Statt aufzuhören wird er nur um ſo eigenſinniger und eifriger; dies iſt ja die unvermeidliche Folge eines erſten Gewinnes. Darum ſehen die Bankiers auch lächelnden Muthes die Spieler mit gefüllten Taſchen davongehen, denn ſie wiſſen, daß die Un⸗ glücklichen am andern Tage das Doppelte verlieren werden. Nachdem Eduard es mit dem Roulette, dem Pha⸗ rao und dem Trente⸗et⸗quarante verſucht, und in einer Stunde 20,000 Franken, den Reſt der von Dufresne erhaltenen Summe verloren hat, geht er mürriſch und unruhig nach Hauſe; er ſchilt ſeine 31. Leute und iſt mit allem unzufrieden, aber er muß ja wohl ſeine üble Laune zum Theil auf ſeine Umgebung übertragen. Er tritt in ſein Bureau, findet ſeinen Commis feſt eingeſchlafen und rüttelt ihn auf:„Was ſoll das! ruft er ihm zu, verſeht Ihr ſo Eure Ge⸗ ſchäfte?“. Der junge Mann gähnt, reckt die Glieder, reibt ſich die Augen und ſieht ſeinen Prin⸗ zipal, der mit gewaltigen Schritten im Zimmer ein⸗ hergeht, groß an. „Nun, verſteht Ihr mich, warum ſeid Ihr nicht bei der Arbeit?— Aber mein Herr, Sie wiſſen ja, daß ich nichts zu thun habe.— Warum ſchreibt Ihr nicht Cirkulare für die Provinzen?— Der Herr wiſſen eben ſo wohl, daß ſchon mehre Male an die gleichen Perſonen geſchrieben worden iſt, man uns aber keine Antwort ertheilt hat.— Ihr ſeid ein Schwachkopf und verſteht Euer Geſchäft nicht... und das Haus, das man kaufen wollte?.— Herr Muroille, drei Male iſt man hier geweſen, um ſich darnach zu erkundigen, hat Sie aber immer nicht zu Hauſe gefunden.— Ihr hättet die nöthige Auskunft geben ſollen!— Ich, Herr Murville, ich weiß ja nichts davon.— Und die Papiere, die man placiren wollte?— Man hat Ihnen zweimal ein Rendezvous bezeichnet, aber Sie ſind nicht hingegangen.— Ei, denken denn die Leute, ich wäre bloß für ſie da?— Sie ſagen nur, man müſſe doch pünktlich ſein.— Schweigt, Ihr ſeid unverſchämt, ich brauche keinen Commis, der auf dem Comptoir ſchläft. Ich ent⸗ laſſe Euch.— So werden der Herr mir auch gleich mein rückſtändiges Salair auszahlen.— Euer Sa⸗ lair!... Was Ihr durch Schlafen verdient habt?— Mein Herr, es iſt nicht meine Schuld, wenn es bei Ihnen nichts zu thun gibt... bezahlen Sie mich, und...— Ihr ſollt bezahlt werden, geht!“ Eduard weiß ſehr gut, daß er nichts mehr hat, um ſeinen Commis zu befriedigen; er öffnet ſeinen Sekretär, durchſucht alle Schubfächer, findet aber nichts. Er verläßt ſich auf die Summe, die noch in Dufresne's Händen iſt; er will zu ihm und ihn be⸗ wegen, zu jedem Courſe zu verkaufen, denn er muß durchaus Geld haben. Vom Spiele ermüdet und verſtört will er jedoch erſt noch Toilette machen, und entſchließt ſich, Dufresne holen zu laſſen; er klingelt nach dem Bedienten, aber Niemand kommt. Seitdem Adeline nicht mehr im Hauſe iſt, hat die Dienerſchaft die Gewohnheit verloren, ihrer Herrſchaft aufzuwar⸗ ten. Eduard ſchläft oft mehre Nächte nicht zu Hauſe; darum geniren ſich die Leute nicht mehr und gehen ihrem Vergnügen nach. Marie, die es allein ehrlich meinte, hat ſeit Adelinens Abreiſe das Haus ver⸗ laſſen. Eduard geht hinaus, durchſucht das Haus, findet Niemand in der Küche, kommt in den offen ſtehenden Keller, und ſieht hier den Portier, wie dieſer mit der Köchin den Wein austrinkt; beim Anblick des Herrn ſind beide ganz verblüfft, dieſer aber wüthet, ſchimpft, greift den Portier beim Kopf und gibt der Köchin einen Tritt. „Mein Herr, lallt der Portier halb beſoffen, 33 Sie eſſen nicht mehr zu Hauſe... und da wollten wir bloß nachſehen, ob Ihr Wein nicht verdirbt.“ Eduard jagt die Leute aus dem Keller, ſteigt wie⸗ der nach der Wohnung hinauf und glaubt Geräuſch im Zimmer ſeiner Frau zu hören; er tritt raſch ein und ſieht, wie ſein Kammerdiener der Frau des Por⸗ tiers, einem hübſchen, jungen Weibe, die eben ſo gern gefällt, als ihr Mann trinkt, auf eine gar zu verdächtige Weiſe den Hof macht. „Kreuz Donnerwetter! flucht Eduard, was für eine Wirthſchaft, welche Unordnung!... Denkt ihr Geſindel, daß ich ſo etwas dulden werde?... Ich jage euch alle ſogleich zum Teufel!“ „Wie es Ihnen beliebt, Herr Murville, ſagt der Bediente, ohne aus der Faſſung zu kommen, bezah⸗ len ſie uns und wir verlaſſen das Haus augen⸗ blicklich.“ Eduard entfernt ſich wüthend und verſchließt ſich in ſein Zimmer. Seit der Abreiſe ſeiner Frau hat er nicht einen Sous ſeinen Leuten gegeben, denn er hat nicht einmal genug Geld zur Beſtreitung ſeiner eigenen Ausgaben gehabt, und jetzt iſt er gezwungen, dieſe Elenden, die ihn beſtehlen und das oberſte zu unterſt kehren, im Hauſe zu behalten; er hofft jedoch von Dufresne die nöthigen Mittel zu bekommen, um ſich aus dieſer Verlegenheit zu reißen, und will ſo eben zu ihm gehen, als dieſer mit verzweifelter Miene ins Zimmer tritt. „ Ah! Du kommſt zu rechter Zeit, ruft Eduard ihm entgegen, ich hatte großes Verlangen, Dich zu Paul de Kock. XXI. 3 ſehen, ich brauche nothwendig Geld, und das heute noch.“ „Das wird ſchwierig ſein, antwortet Dufresne mit betrübtem Tone.— Wie! haſt Du nicht meine Papiere?— Ich erfahre ſo eben ein ſchreckliches Unglück. Der, dem ich ſie anvertraut hatte.— Nun!— Hat ſie verkauft... und iſt mit dem Gelde davon gereist.— Davon gereist?— Freilich! er iſt verſchwunden... und es iſt unmöglich, von ihm etwas Weiteres zu erfahren.“ Eduard iſt außer ſich. Er wirft ſich verzweif⸗ lungsvoll auf einen Stuhl.—„Ich bin ruinirt 1... ich habe Alles verloren!...— Ruinirt!... welche Thorheit, wenn man Kredit und Bekanntſchaften hat!... Sei ruhig, ich werde mir angelegen ſein laſſen, dieſen Schaden zu erſetzen... verlaß Dich nur auf meinen Eifer, meine Freundſchaft... mein zu großes Vertrauen iſt daran Schuld, ich werde die Sache ſchon wieder gut machen.“ „Durch welches Mittel denn?— Es gibt deren tauſend.— Bedenke nur, daß ich keinen Pfennig habe, und jeden Augenblick Geld brauche, beſonders für Frau von Geran, der ich dies Unglück verheimlichen will.— Da thuſt Du ſehr recht, obgleich ich über⸗ zeugt bin, daß ſie Dich liebt, daß...— Ich hatte ihr einen koſtbaren Shawl verſprochen, den ſie ſo ſehr wünſchte.— Du wirſt ihn ihr auch geben... da.. unterſchreibe das.— Was iſt das?— Ein Wechſel von 20,000 Franken an meine Ordre.— Ich bin Dir aber nichts ſchuldig!— Freilich wohl, 35. aber es geſchieht ja bloß, um Geld zu erhalten. Man nennt das Wechſelgeſchäfte machen.— Iſt das aber auch erlaubt?— Erlaubt!... ah! deßhalb fragt man nicht um Erlaubniß.— Iſt es wohl auch an⸗ ſtändig, rechtlich, ſo..— Ha ha ha!... ich muß über Deine Bedenken lachen!... zur Verfallzeit be⸗ zahlſt Du, alſo was iſt's denn weiter?— Und Du glaubſt den Wechſel zu discontiren?— Ich bin meiner Sache gewiß; man hält Dich für reich, Du machſt ein großes Haus!.. Deine Abendgeſellſchaft hat Dir viel Kredit gemacht!... ſei ruhig... morgen haſt Du neue Gelder, und es gehört nur etwas Glück dazu, und Du haſt das Doppelte von dem, was Du heute verloren haſt.— Vermaledeites Roulette!... ſtets nichts wie Impair!... Der ſchlaue Defleuret ſagt, er habe ein unfehlbares Mittel ausgegrübelt!... aber vor allen Dingen Geld, um anzufangen...— Wir werden vielleicht nicht genug haben.— O, ich habe noch andere Hülfsquellen! Aber unterſchreibe geſchwind, ich werde dann ſchon das Weitere beſorgen.“ Eduard unterzeichnet den Wechſel von zwanzig⸗ tauſend Franken und geht, um ſich zu zerſtreuen, zu ſeiner Geliebten. Sie ſchmollt etwas, daß er den verſprochenen Cachemirſhawl nicht mitbringt, man verſpricht ihn aber auf morgen, und ſie wird wieder liebenswürdig... Sie ſchilt ihren zärtlichen Freund über ſein ernſtes und zerſtreutes Weſen aus, und er entſchuldigt ſich mit einer ſehr wichtigen Spekulation, und man umarmt und liebkost ihn. Ein Mann, der große Geſchäfte macht und freigebig iſt, welch ein Schatz! Die gewöhnliche Abendgeſellſchaft der Frau von Geran bleibt nicht lange aus. Iſt ſie auch nicht ſehr gewählt, ſo iſt ſie doch ſehr zahlreich: ruinirte Mar⸗ quis, Edelleute ohne Güter, Eigenthümer ohne Grund⸗ beſitz, Glücksritter, Geſchäftsleute wie Eduard, alle Spieler oder Intriguants; einige junge Leute, die nichts mehr zu verlieren haben, und Schwachköpfe, die in anſtändiger Geſellſchaft zu ſein glauben. Dar⸗ aus beſtehen die Männer, und die Damen ſind jener Herren würdig; alte Kupplerinnen, Zwiſchenträgerin⸗ nen, galante Frauen, in allen Spielhäuſern zu Hauſe, wo Damen Aufnahme finden. Das iſt alſo der Zirkel der Frau von Geran, in welchem man auf äußern Anſtand, vornehmen Anſtrich, feine Manieren und ſtreng gewählte Sprache hält, jedoch ſogleich gemein wird und Toilette nebſt eingebildetem Rang vergißt, ſobald die Leidenſchaften rege werden. Frau von Geran gibt einen Punſch; dies iſt die feine Manier, die Herren für Spiel und Damen leidenſchaftlich zu machen. Die durch Cognac erhitzte Phantaſie findet die veraltetſten und verlebteſten Schön⸗ heiten reizend; die Gläſer klingen, die Köpfe werden ausgelaſſen, man ſpielt hoch, die Hitze iſt erdrückend, die Damen nehmen ihre Shawls ab; das Auge eines hinter dem Stuhl einer Spielenden ſtehenden Natur⸗ forſchers vertieft ſich in ihre Schönheit, er bewundert ihren zarten Buſen, ihre weißen Schultern, und ſein irrender Blick erräth das Wenige, was man ihm ver⸗ birgt. Wie kann man da der Schönen, die ſich um⸗ dreht und fünfundzwanzig Louisd'ors zu entlehnen — 37 wünſcht, dabei einem die bedeutungsvollſten Blicke zuwirft, etwas verweigern; man nimmt eine Ab⸗ ſchlagszahlung auf das Darlehen, indem man ſich neben die verführeriſche Borgerin ſetzt und ſie von Liebe unterhält, am wenigſten aber zu befürchten ſcheint. Eduard bewundert dergleichen Schönheiten der Damen nicht, da ihn eine ausſchließlich feſſelt, ſetzt ſich aber zum Spiel, nachdem er unter dem Vor⸗ wande, ſeine Börſe vergeſſen zu haben, von ſeiner Gebieterin dreißig Louisd'ors geliehen hat, die man ihm auch ohne Umſtände gibt, weil man ſie Tags darauf mit Intereſſen wieder zu erhalten überzeugt iſt. Ein gewiſſer Marquis von Monclair, vertrauter Freund des Chevalier Defleuret, bietet Eduard eine Partie Ecarte an; man ſetzt ſich, und Defleuret bleibt dieſem zur Seite, um ihm, wie er ſagt, Glück zu bringen. Indeſſen, ſtatt zu gewinnen, verliert Murville alle Partien; die geliehenen dreißig Louis⸗ d'ors ſind fort, indeſſen will man gern auf ſein Ehren⸗ wort weiter ſpielen, weil man ſeine Pünktlichkeit im Bezahlen kennt. Frau von Geran kredenzt im Ueberfluß ihren Punſch und trinkt ſelbſt einige Gläſer, um ihren Gäſten mit deſto mehr Grazie die Honneurs machen zu können. Ein Jeder ſcheint ſich entweder mit dem Spielen oder mit der Galanterie zu beſchäftigen; die gewöhnliche ruhige Haltung iſt dem Geräuſch ge⸗ wichen, man vergißt ſich hier und da, der erzwun⸗ gene feine Anſtand macht einer etwas freieren Mun⸗ 38 terkeit Platz; man ſchwört, man lacht, man ſtreitet, reizt ſich beim Spiel und wird zärtlich auf einer Ottomane; ein ſehr buntes und bewegtes Bild, wo jedes ſeimemm Intereſſe nachgeht. Auch Frau von Geran ſcheint ſehr erhitzt, obſchon ſie ſelbſt nicht ſpielt; ſie nähert ſich einen Augenblick der Partie Eduards, ſieht; daß er ganz in ſein Spiel vertieft iſt und entfernt ſich dann, um etwas friſche Luft zu ſchöpfen. Cduard gelang es nicht, auch nur eine Partie zu gewinnen; die Wuth, die Verzweiflung kochten in ſeinem Innern; er war dem Marquis ſchon fünfzehn⸗ tauſend Franken ſchuldig und ſpielte immer auf ſeinen Verluſt fort, in der Hoffnung, das Glück ſolle um⸗ ſchlagen; aber er ſah ſich ſtets in ſeiner Erwartung getäuſcht. Blaß, zitternd, mit verſtörtem Blick weiß er nicht mehr, was er beginnen ſoll; ſeine Hände ziehen ſich krampfhaft zuſammen, ſeine Nerven ſind in convulſiviſcher Bewegung, kaum daß er noch athmet. „Ich ſetze jetzt die fünfzehntauſend Franken auf einmal dagegen, ſagt er endlich zu ſeinem Gegner mit veränderter Stimme.— Ich willige ein, ant⸗ wortet der Marquis, Sie ſehen, daß ich großmüthig ſpiele... in der That bin ich auch untröſtlich, daß Sie ſo anhaltend verlieren.“ Eduard antwortet nichts und iſt nur mit der neuen Partie beſchäftigt; ſeine Augen ſind auf die Karten geheftet, von denen er ſein Schickſal erwartet; beim Spiel ſind nur Defleuret, der beſtändig hinter —— Eduard ſteht, und eine alte, mit dem Marquis ſehr — 39 vertraute Intriguantin, gegenwärtig; die übrige Ge⸗ ſellſchaft hat ſich an andern Tiſchen vertheiltilt. Die Partie fängt an, der Marquis hat ſchon drei Points; er ſchlägt einen König um... Eduard, über ſolchen unaufhörlichen Treffer außer ſich, wendet ſich plötzlich nach Defleuret um, um ſich darüber zu be⸗ klagen, und bemerkt, wie dieſer mit andern Karten ſeinem Gegner das Spiel verräth; der Chevalier will verbergen, was er in der Hand hält, aber Eduard läßt ihm dazu keine Zeit, er entreißt ihm die Karten entdeckt die ganze Spitzbüberei, ſtößt in ſeiner Wur den Spieltiſch um und kündigt dem Marquis an, daß er ihn nicht bezahlen werde. Der Marquis, an ſolche Scenen gewöhnt, bleibt ganz ruhig, fordert aber ſein Geld. Eduard nennt ihn einen Betrüger, jener droht ihm mit einem Stuhl, und Defleuret ſucht einige Goldſtücke auf, die zur Erde gefallen ſind. Die Alte erhebt ein raſendes Geſchrei. Murville er⸗ greift einen Leuchter und wirft ihn ſeinem Gläubiger an Kopf, ſo daß dieſem ein Auge hervorquillt und das Geſicht blutet; er fängt heftig an zu ſchreien, die ganze Geſellſchaft erhebt ſich, die Frauen und einige Herren machen ſich davon. Die an Zahl über⸗ legenen Betrüger wollen Murville durchprügeln, in dieſem Augenblick aber tritt Dufresne in den Saal; mit einem Blick erkennt er die Gefahr Eduards; ge⸗ ſchickt weiß er von den Umſtänden Nutzen zu ziehen, dringt bis zu Eduard vor, ſtößt alle Uebrigen zurück, ſchreit lauter als jeder Andere, gibt Eduard ein Zeichen ſich zu entfernen, verſpricht ihm, die Sache beizulegen, und dem Marquis, ihm für Schmerzens⸗ geld wegen ſeines nicht ſehr werthvollen Geſichts be⸗ ſorgt zu ſein. Dufresne's Sprache macht auf die Geſellſchaft Eindruck, man beruhigt ſich, und Mur⸗ ville, der ſich nicht der Stärkſte fühlt, geht aus dem Saal, indem er ſeinen Freund als Gewährsmann zurückläßt. Um ſich über das Geſchehene zu tröſten, ſucht Eduard Frau von Geran auf; ſie war nicht im Salon; er geht durch die Vorzimmer, ohne ſie anzu⸗ treffen; ſo iſt ſie vielleicht auf ihr Zimmer gegangen, das in der obern Etage ſich befindet; er ſteigt raſch die dunkle Treppe hinauf, er kennt ja den Weg, öffnet eine Thüre und bemerkt unter einer zweiten Thüre einen Lichtſchein; der Schlüſſel ſteckt im Schloß.. raſch tritt er ein, aber wie wird ihm, als er ſeine Gebieterin nicht allein, ſondern ihren Jockey bei ihr antrifft, deſſen Gegenwart ſeinen Argwohn erweckt. Er bricht in die furchtbarſte Wuth aus, ergreift eine Ofenſchaufel und ſchlägt damit auf den Diener los; dieſer ſchreit Zeter und Mord; Frau von Geran ſchreit, weil ihr Diener ihr ſehr nahe geht; Eduard ſchreit ſo arg als beide und wirft endlich, des Schla⸗ gens ſatt, die Ofenſchaufel in die Pſyche der gnä⸗ digen Frau. Der Spiegel zerbricht mit gewaltigem Getöſe in tauſend Stücke, Eduard flucht, wüthet, iſt nicht mehr Herr über ſich; der Jockey weint und befühlt ſich am ganzen Körper, und Frau von Geran ruft nach Hülfe, weil ſie für ihre übrigen Möbel, und ſogar für ihre 41 Perſon Alles fürchtet; in der Angſt ſtößt ſie ihren Diener heftig zurück, der fallend einen niedlichen Toilettentiſch umwirft, und Waſchbecken, Schwämme, Gläſer, Flaſchen, Eſſenzen, kurz, Alles rollt auf dem Fußboden fort... Endlich läuft ein Theil der Geſell⸗ ſchaft auf das Geſchrei, das Wehklagen und den Lärmen aus dem Salon herbei und dringt in Frau von Gerans Zimmer. Ein Jedes drückt das größte Staunen über die unerwartete Scene aus; beim Anblick der Frau von Geran, deren Aeußeres die größte Beſtürzung ver⸗ räth; des Jockey, der unter den Stücken des Spie⸗ gels, des Waſchbeckens und den Flacons auf dem Fußboden ſich umherwälzt, und Eduards, der mit wüthenden Blicken, wie Achill vor den Wällen Troja's, durch die Ruinen ſchreitet und Willens zu ſein ſcheint, Alles in Feuer und Blut zu verwandeln. Man will wiſſen, was geſchehen iſt, man fragt, drängt und ſtößt ſich, und vergrößert nur die Unord⸗ nung, anſtatt die Ruhe herbeizuführen. Der Mar⸗ quis von Monclair hält ein Schnupftuch vors Geſicht und erklärt Murville für einen Raſenden, den man ins Tollhaus ſperren müſſe; Defleuret hat ſeine ver⸗ rätheriſchen Karten noch in Händen und ſtopft ſich mit den Flacons, Schwämmen, Seifkugeln, kurz, mit Allem, was er auf der Erde findet, die Taſchen voll, um von der Unordnung Vortheil zu ziehen und ſeine Toilette zu bereichern. Einige alte Koketten um⸗ geben theilnehmend den klagenden Jockey, weil ſein⸗ Jugend ſie anlockt; die jungen Herren helfen Frau von Geran ihre Toilette wieder herrichten; die aber, welche am meiſten bei kaltem Blute geblieben ſind, bemühen ſich, Murville zu beruhigen, und fordern, daß man ſich verſtändige, bevor man ſich ſchlage. Statt aller weiteren Erklärung verlangt Frau von Geran den Preis für ihren Stehſpiegel und ihre Toilette, Eduard aber behandelt ſie mit Schimpf und Verachtung, und will von keiner Ausgleichung etwas wiſſen. Dufresne, der immer in den ſchwierigſten Augenblicken bei der Hand iſt, zieht Eduard wider ſeinen Willen deim Rock aus dem Zimmer und läßt die übrigen Anweſenden nach Gefallen lachen, ſchim⸗ pfen oder ſchreien, wie es ihr Intereſſe mit ſich bringt. „Du biſt ein Kind, ſagt Dufresne zu Murville, als ſie auf der Straße ſind, wozu einen ſolchen Lärmen?— Warum?2... warum?. Du weißt noch nicht, daß ich verrathen, durch eine Frau, von der ich mich geliebt glaubte, ſchändlich betrogen bin! und für wen?... für einen Bedienten!— Aber, mein Gott, iſt denn das ein Grund in einem Hauſe alles umzukehren und zu zerſchlagen?... Man muß jedes Ding von der philoſophiſchen Seite be⸗ trachten! Für eine ſolche Bagatelle zerſchlägt man keine Möbel! Du wirſt tauſend Frauen finden, die Dich für Dein Geld anbeten!..— Nach all' den Opfern, die ich ihr gebracht habe...— Ich geſtehe, es iſt unangenehm!... aber, lieber Freund, das Geld, was man an eine Frau verſchwendet, muß man immer für verloren betrachten. Siehe! das Schlimmſte bei der Geſchichte iſt Dein Streit mi 43 Monclair.. ich bin genöthigt geweſen, ihm einen großen Theil vom Betrage Deines Wechſels zu geben, damit er nur nicht mit ſeinem zerfetzten Geſichte zu einem Friedensrichter geht; das hätte Prozeſſe und Koſten herbeigeführt, und der Juſtiz muß man aus dem Wege gehen. Potz tauſend! weißt Du, daß Du ein entſetzlicher Menſch biſt?... dem Einen das Ge⸗ ſicht, dem Andern die Rippen zu zerſchlagen!... wenn ich mich nicht immer ins Mittel ſchlüge, Du könnteſt'mal ſchön ankommen; aber dieſer Abend kommt Dir theuer zu ſtehen...— Alſo das Geld, worauf ich rechnete..— O ſei ruhig... Du ſollſt ſchon Geld haben... Du machſt mehr Wechſel, und überdies mußt Du auch einmal einen Treffer be⸗ kommen, man iſt ja nicht immer unglücklich.. es gibt Mittel genug, Fortuna zu zwingen.— Mit⸗ tel?— Ja, ja... ſpäter wirſt Du ſie ſchon ken⸗ nen lernen... Abes es fängt ſchon an, Tag zu werden, es iſt Zeit, daß wir uns niederlegen... Komm mit zu mir, morgen wollen wir an unſere Geſchäfte denken.“ Dufresne zieht Eduard mit ſich fort, und dieſer, verwirrt, niedergeſchlagen und verzweifelt über alles, was er ſeit einiger Zeit gethan, wagt es nicht, einen Blick in die Vergangenheit, aber auch nicht in die Zukunft zu werfen. Viertes Kapitel. Das Innere eines Spielhauſes. „Höre, jetzt müſſen wir Deine Angelegenheiten ordnen,“ ſagt Dufresne nach der ſtürmiſchen Nacht bei Frau von Geran, indem er aus dem Bette auf⸗ ſtand;„Du wirſt noch für 15,000 Franken Wechſel unterſchreiben; ich werde ſie ſchon unterbringen. Ich geſtehe zwar, daß es ſchwieriger iſt, als ich glaubte... Man gibt nicht viel auf unſere Unterſchriften, und verlangt zuviel... es ſind nur noch einige Juden, die ſich darauf einlaſſen, aber ſie nehmen fünfzig Pro⸗ zent.. Was ſagſt Du dazu?2— Die Treu⸗ loſe!... für einen Jockey mich aufzugeben!..— Wie, Du denkſt noch an Deine Ungetreue!... Welche Thorheit!...— Wenn ich mich nur rächen könnte!..— Die beſte Rache iſt, viel Geld aus⸗ geben, Luxus zeigen, dann bereut ſie es, Deine Er⸗ oberung nicht beſſer beachtet zu haben. Du ſiehſt alſo, Du brauchſt Geld, und ich gehe aus, um welches an⸗ zuſchaffen; Du aber verſcheuche die Traurigkeit, höre auf zu ſchmachten, denn das führt zu Nichts. Geh! verſuche Dein Glück beim Spiel, da findeſt Du Ener⸗ gie und Geiſt wieder.— Ich habe keinen Pfennig, da würde ich eine ſchöne Rolle ſpielen!— Du wirſt ſchon eine Art und Weiſe finden zu gewinnen... auf Wiederſehen; ich gehe, um Geld zu ſchaffen.“ Eduard geht und begibt ſich nach ſeiner Woh⸗ nung. Er findet einen Brief von ſeiner Frau vor; 45 es iſt der ſechste, den ſie ihm ſchreibt, keinen davon hat er aber beantwortet. Die erſten hatte er geleſen, ſie enthielten Wünſche für ſein Glück, Bitten, ſeine Geſundheit zu ſchonen, aber kein Wort von Liebe; Adeline wagte es nicht mehr, ihn davon zu unter⸗ halten. Einem Treuloſen von Liebe vor⸗ ſchwatzen, heißt mit dem Blinden von der Farbe, mit dem Tauben von der Muſik und mit dem Wilden vom feinen Tone reden. Eduard liest aber die weiteren Briefe ſeiner Frau nicht mehr, weil er nicht weiß, was er ihr antworten ſoll. Sein Herz ſagt ihm nichts, ſein Ge⸗ wiſſen aber zuviel; er verhärtet das Eine und hört auf das Andere nicht. Die ſchöne Jahreszeit iſt ſchon weit vorgerückt, und er befürchtet, Adeline möchte von ihrer Rückkehr reden, und ihre Gegenwart würde ihm jetzt mehr wie je läſtig ſein. Er will ihr den Zuſtand ſeiner Geſchäftsangelegen⸗ heiten verbergen, der nur zu ſehr ihre und ſeiner Schwiegermutter Prophezeihungen beſtätigt. Als er in ſeine Wohnung tritt, iſt er nicht wenig erſtaunt, mehre Gerichtsdiener zu finden, die ſich ſeiner Möbel bemächtigen.„Was ſoll das bedeu⸗ ten? ruft er, wer ſendet euch her?— Mein Herr, antwortet ein kleines ſchwarzes Männchen, der Eigen⸗ thümer dieſes Hotels, dem Sie die Miethe nicht be⸗ zahlen.— Er hätte mich aber zuvor davon benach⸗ richtigen ſollen.— Man hat Ihnen Anweiſungen geſchickt.— Ich habe ſie nicht geleſen.— Das iſt nicht meine Schuld.— Ich kenne die Formen 46 nicht.— Der Herr ſcherzen wohl!... ein Ge⸗ ſchäftsmann!— Ich mache keine Geſchäfte mehr... das geht Euch nichts an.“ Eduard verläßt die Gerichtsdiener und begibt ſich in ſein Bureau; ſein Commis iſt nicht mehr da. Er durchſucht ſeine Papiere, verſteht aber ſelbſt zu wenig von den Geſchäften und wirft voll Verdruß alle Car⸗ jons durcheinander mitten im Zimmer. Er geht hin⸗ unter und ruft ſeine Leute, aber ſie ſind fort. Der Portier allein iſt geblieben, antwortet jedoch Eduard ganz unverſchämt, weil er ſieht, daß er ruinirt iſt. Murville entfernt ſich aus ſeiner Wohnung, geht langſamen Schrittes dem Palais⸗Royal zu und weiß nicht, wie er die Gerichtsdiener los werden ſoll. Er erwartet Dufresne, um ihn um Rath zu fragen. Endlich kommt dieſer vergnügt mit der Nachricht an, daß er Geld aufgetrieben habe. Eduard faßt neuen Muth, und unterrichtet Dufresne von dem, was in ſeinem Hauſe vorgeht. „Meiner Treu, ſagt dieſer, wenn Du mir folgen willſt, ſo läßt Du ſie machen, und verkaufſt Dein Mobiliar, was im Augenblick Dir doch unnütz iſt; Du brauchſt jetzt keinen ſo großen Hausſtand, da Du als Gargon lebſt; es iſt ja nur ein todtes Kapi⸗ tal, was wir beſſer geltend machen können.— Aber wenn meine Frau zurückkehrte?— Bah! ſie zieht das Landleben vor, und übrigens weißt Du ja, daß man in Paris für Geld in einer Stunde Hotel, Möbel und Bedienung haben kann.— Das iſt wahr, aber Du hatteſt mir doch gerathen, Luxus zu zeigen.— I 47 Wir werden uns ein ſehr prächtiges Chambre garnie miethen.— Aber, mein Ruf 2..— Sei ruhig, er iſt auf gutem Wege. Mache nur brillante Geſchäfte und laß die Thoren ſchwatzen, das iſt die Hauptſache.— Ja, aber ich bin weit entfernt, Geſchäfte zu machen 1... — Weil Du die Sache nicht recht behandelſt!— Ich thue doch Alles, was Du ſagſt.— O nein, Du haſt noch eine falſche Scham, die Du verbannen mußt, und die Dir ſchadet. Aber komm zu einem Reſtaurateur, wir wollen Champagner und Madera koſten und alles Andere belachen.“ Eduard läßt ſich leiten; wie ein Blinder folgt er den Rathſchlägen Dufresne's und ſtürzt ſich mit Ge⸗ walt in den Abgrund. Die Perſonen, die ihn zur Zeit ſeiner Verheirathung gekannt haben, erkennen ihn kaum wieder, ſo ſehr haben Ausſchweifung und Spiel ihn verändert. Welch eine Exiſtenz iſt die eines Spielers! Niemals Ruhe und Beſonnenheit; es iſt, als ob ein immerwährendes ſchleichendes Fieber auf ſeine Organe einwirkte; ſeine Augen ſind hohl, roth; ſeine Geſichts⸗ farbe iſt blaß und ſiech von den Nachtwachen; ſeine Wangen eingefallen, ſein Anzug ſchmutzig und in Unordnung; ſein Gang plump und unſicher; eine geheime Unruhe leuchtet aus ſeinen Augen; wenn er lächelt, ſo geſchieht es nur mit Bitterkeit; Heiter⸗ keit iſt ſeiner Seele fremd, da ſie nur vom Durſt nach Gold, von der Gier nach Gewinn und von der Angſt des Spieles angefüllt iſt. Und das iſt auch das Bild Eduards; wer hätte in ihm den jungen Mann erkannt, der, ganz ſeinem Glück, ſeiner Liebe lebend, mit Frohſinn ſeine Braut zum Altare führte? Jetzt ſind ſeine Züge verzerrt, der Ausdruck ſeiner Phyſiognomie iſt ein ganz anderer, ſelbſt ſeine Stimme iſt nicht mehr dieſelbe, denn die tägliche Angſt und Verzweiflung, Wuth, Schimpfen und Fluchen haben ſie rauh und hohltönig gemacht. Seine Sprache verräth die Geſellſchaft, die er täglich beſucht, denn nicht in Spielhäuſern, mit Mädchen und Betrügern lernt man feinen Ton und Anſtand. Jede Feinheit der Sitten, jede Scham und beſſere Haltung geht da verloren. Eduard ſchreit, tobt und flucht bei jeder Gelegenheit; ſeine Manieren, ſein Benehmen, ſeine Grundſätze entſprechen den Modellen, die ihn täglich umgeben. Ein tugendhafter, rechtſchaffener und vernünftiger Menſchhat oft Mühe dem Einfluſſe ſchlechter Bekannt⸗ ſchaften zu widerſtehen, was ſoll da aus einem ſchwachen, den Leidenſchaften ergebenen Menſchen wer⸗ den, der täglich nur den Auswurf der menſchlichen Geſellſchaft vor Augen hat. Der Winter war herangenaht. Eduard erhielt keine Briefe mehr von ſeiner Frau, er wußte nicht, daß Dufresne ſie für ihn in Empfang nahm und ſie in ſeinem Namen Adelinen zurückſandte. Die erſten Wechſel wurden zur Verfallzeit mit dem Erlös aus dem Mobiliar eingelöst, aber auch die zweiten ſind bald fällig, und die beiden Unzertrennlichen haben kein Geld mehr. Vergebens ſetzt ſich Murville, der ſich nicht mehr ſchämt, links und rechts zu borgen, 49 ⸗ mit dem Wenigen, was er erhaſcht hat, Abends an den Tiſch, vergebens zeichnet er, wie Defleuret, ſeine Karte mit der Nadel, und berechnet alle möglichen Glücksfälle, nichts gelingt ihm. Er ſieht mit Blitzes⸗ ſchnelle das Geld zum Bankier hin verſchwinden, das er zitternd auf eine Nummer ſetzt; die fatale Geldſchippe zieht immer wieder die Summe ein, die er zu verzehnfachen hofft; er hat nichts mehr, er durchfliegt mit den Augen den Saal, um einen Be⸗ kannten zu ſuchen, der ihm Geld borgen möchte, aber er findet keinen. Spielerhaben wenig Freunde. Eduard verläßt Nr. 9, durchläuft die Galerie des Palais⸗Royal, geht in jeden Spielſaal, um Du⸗ fresne oder ſonſt Jemand zu finden, der ihm Geld leihen ſoll, aber Alles umſonſt. Endlich dringt er auch in Nr. 113 ein; hier ſieht er den Arbeitsmann, den Handwerker, wie er den Verdienſt eines Tages zaudernd auf eine Karte ſetzt, und ſo vergeudet; dieſer geht mit leeren Taſchen nach ſeiner Wohnung zurück, wo ſeine arbeitſame Frau mit den Kindern wacht und die Rückkehr des Mannes erwartet, um die nöthigen Einkäufe für das Abendbrod der Familie zu machen... aber er bringt nichts mit, die armen Kinder müſſen ſich hungrig niederlegen, und die un⸗ glückliche Frau benetzt mit Thränen ihr ärmliches Lager, weil der Mann ein Spieler iſt. Und jener Kaufmann, den man mit ſeinem Handel ganz beſchäftigt glaubt, was thut er in dieſer Höhle des Laſters 2... Er verſpielt ſein Vermögen, ſeine Ehre, ſeinen Ruf, das Gut ſeiner Geſchäftsfreunde. Paul de Kock. XXI. 4 50 Am andern Morgen ſoll er Wechſel bezahlen, und vom Roulette will er die Fonds dazu holen!... ſein Blick iſt auf die Farbe gerichtet, von der er Alles hofft, und ſind ſeine Erwartungen betrogen, ſo zer⸗ nagt ſeine Hand im Buſen convulſiviſch die Kleider und das eigene Fleiſch... Aber er fühlt nichts, alle ſeine Sinne, ſeine Gefühle ſind mit dem Kügelchen beſchäftigt, das über ſein Schickſal entſcheiden ſoll. Dort, jener junge Mann, mit dem ehrlichen Aeuße⸗ ren, dem anſtändigen Anzuge, der die Blicke der Menſchen ſcheut, weil er für Schamgefühl noch empfänglich iſt, bietet den Launen des Zufalls eine Summe dar, die der Bankier, bei dem er fungirt, ihm anvertraut hat, um ſie einem Notar auszuzahlen. Das Glück iſt ihm ungünſtig, Alles geht verloren, und ganz befangen bleibt er ſtehen, denn er zweifelt noch an ſeinem Verbrechen, ſeinem Unglück!... Was ſoll er anfangen, wenn er jetzt dieſen Ort der Schande verläßt?.. Seine Familie iſt arm, aber ehrlich; er kann ſich nicht entſchließen, ſie zu entehren, ſich den Vorwürfen ſeines Vaters auszuſetzen; Verzweif⸗ lung bemächtigt ſich ſeiner Seele, er ſieht nur ein Mittel, ſeiner ſchrecklichen Zukunft zu entgehen. Er ſtürzt hinaus, läuft dem Fluſſe zu, ſpringt in die Wellen, und derjenige, der eine glückliche, ehrenvolle Laufbahn vor ſich hatte und das Glück ſeiner Familie gründen ſollte, wird in ſeinem zwanzigſten Jahre ein Selbſtmörder, weil er dem Spiele nicht wider⸗ ſtehen konnte. Solche Bilder ſind nur zu häufig; täglich haben — 51 wir die Beweiſe vor Augen. Wann wird man denn aufhören, dieſe Schulen des Verbre⸗ chens und Laſters zu dulden? Eduard hätte von ſolchen Beiſpielen lernen ſollen, aber ſtatt deſſen ſetzt er ſich zum Biribi; er hat noch zehn Sous in der Taſche; er beeilt ſich, auch dieſe noch an dem Tiſche zu verlieren, wo man die klein⸗ ſten Münzen der Unglücklichen nicht verſchmäht. Indem er ſo neben Leuten ſitzt, die nur Bettlern gleichen, erſcheint Dufresne und gibt ihm ein Zeichen, ihm zu folgen. „Ich habe gute Nachrichten für Dich, ſagt er in freudigem Tone. Vor allen Dingen iſt Deine Schwie⸗ germutter geſtern in einem Anfall von Apoplexie ge⸗ ſtorben.— Wär's möglich?— Ein Aufwärter hier, der mit ihr in einem Hauſe wohnt, hat es mir mit⸗ getheilt, und dann habe ich auch Geld unter der Be⸗ dingung aufgetrieben, daß Du dafür Dein Haus in Villeneuve⸗St.⸗George verpfändeſt.— Mein Haus? .. aber— Nun! mache mir nicht neue Schwie⸗ rigkeiten!... übrigens wirſt Du ja mit dem Wenigen, was Du noch von Deiner Schwiegermutter ererbſt, Deine Wechſel bezahlen und Dein Haus dennoch be⸗ halten. Du ſiehſt, alles geht nach Wunſch. O, wenn ich nur früher an Dein Landhaus gedacht hätte! Aber wenn auch, jetzt haſt Du wieder neue Fonds, und das iſt das Weſentlichſte! Um Dein Erbtheil der Madame Germeutl zu erlangen, mußt Du aber eine Verſchreibung von Deiner Frau haben...— Wie ſoll ich ſie erhalten... ich möchte ihr niemals den 52 Tod ihrer Mutter mittheilen, ſie würde untröſtlich ſein!— Nun, ſo übernehme ich das, wenn Du willſt, ich gehe für Dich nach Villeneuve⸗St.⸗George und ſetze ſie mit aller möglichen Schonung davon in Kenntniß!...— Da würdeſt Du mir eine große Gefälligkeit erweiſen... ſage ihr auch, daß ich ſie nicht vergeſſen und recht bald beſuchen würde..— — Ja, ja, ich weiß alles, was ich ihr zu ſagen habe. Verlaſſe Dich auf meinen Eifer, meine Freund⸗ ſchaft.“ Nach dieſem Uebereinkommen beeilt ſich Dufresne, die nöthigen Papiere zu erhalten, um damit zu Ade⸗ linen zu gehen, welche wiederſehen zu können er vor Begierde brennt; Eduard dagegen, nachdem er auch ſein Landhaus, den letzten Zufluchtsort ſeiner Familie, geopfert und den Reſt aus dem Erlös ſeiner Effekten gehoben hat, überläßt ſich mit erneuerter Wuth der ihn beherrſchenden Leidenſchaft. Fünftes Kapitel. Die guten Menſchen.— Erkenntlichkeit. Adeline befindet ſich immer noch auf ihrem Land⸗ hauſe. Sehr traurig und unglücklich kam ſie hier an, aber die freundliche Stille auf dem Lande, und die erſten Liebkoſungen ihres Töchterchens haben ihre Seele wieder etwas beruhigt, und ſie hat ſich in ihr Schickſal ergeben. In den erſten Tagen nach ihrer .— 53 Ankunft hoffte ſie noch, Eduard würde ihr nachfolgen, ſeine verrätheriſchen Beſchäftigungen aufgeben und über ſeine falſchen Freunde die Augen öffnen, aber gar bald verlor ſich auch dieſe letzte Hoffnung. Sie ſchreibt an ihren Gemahl, er antwortet nicht, durch ihre Mutter erhält ſie Nachrichten aus Paris, und dieſe ſind verzweiflungsvoll; ſie erfährt, welchem wahnwitzigen, ungeordneten Leben ihr Eduard, den ſie noch immer liebt, ſich übergibt; ſie ſchaudert, denn ſie denkt an Dufresne's Rache und Eduards Schwäche; ſie ſchreibt noch mehre Male, erhält aber ihre Briefe uneröffnet zurück. Dieſer letzte Beweis ſeiner Gleichgültigkeit erbittert Adelinens Herz; ſie erwartet ſtill und ohne Klagen, ob der Mann, deſ⸗ ſen Glück ſie gemacht hat, ſich nicht dereinſt ſeiner Pflicht, ſeiner Bande, die ihn an ſie feſſeln, erin⸗ nern werde. Als ſie eines Tages mit ihrer kleinen Ermance im Felde ſpazieren geht, bemerkt ſie, voll Gedanken, nicht, daß ſie ſich weiter als gewöhnlich entfernt hat, bis Ermüdung ſie zwingt, ſtill zu ſtehen. Sie ſteht um⸗ her, und da ſie die Gegend nicht kennt und ſich zu verirren fürchtet, ſo richtet ſie ihren Weg nach einem Meierhofe, den ſie in der Ferne bemerkt, um dort nach dem Wege zu fragen, oder ſich einen Führer zu erbitten. So gelangt ſie auf Guillots Pachthof, denn dieſer war es, den ſie erblickte. Luiſe befand ſich gerade vor der Thüre, um Enten und Hühner in den Stall zu jagen; Sansſouci war auf dem Hofe und band 54 Heu, und die Kinder trieben ſich ihrer gewohnten Weiſe nach mit Gänſen, Katzen und Hunden in eng⸗ ſter Freundſchaft auf der Dunglege herum. Das Gemälde nöthigt Adelinen ein Lächeln ab; ſie bedauert es, nicht in ſolcher Zurückgezogenheit auf dem Lande geboren worden zu ſein, wo das Leben zwargleichförmig, vielleicht zuein⸗ tönig vergeht, wo man aber doch wenigſtens vor bösartigen Menſchen, vor bitteren Erfah⸗ rungen geſchützt iſt. Die Pächterin beeilt ſich, die Dame ins Haus treten zu heißen. Sie nimmt die kleine Ermance auf den Arm, und während ſie dieſelbe tanzen läßt, er⸗ fährt ſie von Adeline, daß ſie über eine Meile von ihrer Wohnung entfernt ſei; dieſe, von der offenen und herzlichen Aufnahme gerührt, williget gern dar⸗ ein, einige Augenblicke bei ihr auszuruhen und an dem Eſſen Theil zu nehmen, das für die Hausgenoſſen ſo eben bereitet iſt. Es ſchlägt ſechs Uhr. Die Stunde, wo ſich die Bewohner des Meierhofs fröhlich zur einfachen, aber guten und nahrhaften, jederzeit aber von dem beſten Appetit gewürzten Mahlzeit verſammeln. Guillot kommt und bringt zugleich ſeiner Gewohn⸗ heit nach einen Arm voll Holz mit, Sansſouci ſingt beim Eintreten ein munteres Lied und Jakob ſtellt die Arbeitsgeräthe in eine Ecke. Der Pächter ſieht die junge Dame gutmüthig an, Jakob grüßt ſie und ſetzt ſich nieder, ohne ihr weitere beſondere Aufmerkſamkeit zu ſchenken, während Adeline ſein Geſicht mit einer — — 7 5⁵ frühern Begebenheit ihres Lebens in Verbindung zu bringen ſucht. Man ſetzt ſich zu Tiſche. Jakob hat ſeinen Platz neben Adelinen, die über ſein höfliches Betragen, ſein offenes Weſen und ſeine Herzlichkeit gegen die Kinder ganz erſtaunt iſt; von Zeit zu Zeit wirft ſie einen fragenden Blick auf ſein ernſtes, mit einem großen Schnurrbart und mehren Narben geſchmücktes Geſicht. Jakob bemerkt den prüfenden Blick der jungen Dame nicht; ihm iſt es unmöglich, eine Perſon wiederzu⸗ erkennen, die er nur einmal in ſeinem Leben in einem Garten flüchtig geſehen hat; aber Adeline erinnert ſich allmälig beim Anblick des gewaltigen Barts an den Ort, wo ſie ihn ſchon früher geſehen hat; ſie kann eine Bewegung der Ueberraſchung nicht verber⸗ gen und ruft:„Wie! Sie ſind es, mein Herr? Achl ich wußte wohl, daß ich Sie ſchon einmal geſehen hatte.— Reden Sie von mir? fragt Jakob erſtaunt. — Ja, o ja, Sie ſind es.. jetzt weiß ich es gewiß. — Sie kennen meinen Kameraden? ſagt Sansſouci, dann kennen Sie einen braven Soldaten, einen recht⸗ ſchaffenen Menſchen.— Ich zweifle nicht daran, und doch hat mir der Herr ſchon große Furcht eingejagt!... — Furcht? Madame, dies macht mich untröſtlich, aber wie wäre das möglich geweſen?— Erinnern Sie ſich eines Tages wo Sie in Villeneuve⸗Saint⸗ George waren? es ſind vielleicht achtzehn Monate her, Sie hielten ſich daſelbſt lange vor der Thüre eines Gartens auf, und durch die Thüre konnte man nur Ihr Geſicht ſehen; ich geſtehe, daß mich damals 56— Ihre Augen, Ihre Narben und Ihr Bart nicht wenig erſchreckten.— Wie! Madame! erwidert Jakob, nach⸗ dem er Adeline genauer beobachtet hat, Sie befanden ſich in dem Garten?— Ja, mein Herr, er gehört zu meinem Hauſe. Aber damals beſuchte ich ihn zum erſten Male mit meiner Mutter und meinem Manne.“ Jakob antwortet nichts hierauf; er wird düſter und nachdenkend, fährt mit der Hand über die Stirne, ſtreicht ſich den Bart und ſeufzt tief auf. „Ja, ja! ſagt Guillot, nachdem er ein tüchtiges Glas Wein getrunken hat, ſo iſt's, wenn man gut ſehen kann, denn wenn ſchon, dennoch...; es iſt nun ein Geſicht oder nicht, ich ſage ſelbſt, es braucht nicht gerade immer ein Bart hinter der Thüre zu ſein... denn man bemerkt das gleich, iſt eines furcht⸗ ſam, ſo zeigt es ſich bei allen Gelegenheiten. Als⸗ dann hat man es ſchon geſehen!“ „Ja, ja, Du haſt Recht, Alter, ſchweig nur, unterbricht die Pächtersfrau Guillots Geſprächigkeit, wenn übrigens Madame das Ehrenlegionskreuz ge⸗ ſehen hätten, was unſer Freund Jakob da auf dem Herzen trägt, gewiß Sie hätten dann keine Furcht gehabt.— O! ſagt Adeline, jetzt brauche ich auch das nicht mehr zu ſehen, um von meinem Irrthum zurückzukommen. Aber, was wollen Sie, die eigen⸗ ihümlichen Umſtände, Frauen ſind furchtſam, und dieſer bärtige Kopf ſo einſam am Ende des Gartens 10 „Ja, wirklich, beginnt Guillot wieder, ich will gerade nicht ſagen, daß ich ein Haſenfuß bin, aber ich hätte mich auch gefürchtet, denn warum, ſo eine 57 Ueberraſchung, hinter einer Thüre... ſolcher Bart... in einem Garten, ſo etwas hält man nicht aus!— O ſchweig doch, Alter, Du biſt ein Haſenfuß; nicht wahr, Vetter, ſoll er ſich nicht ſchämen?“ „Ach, tauſend Bajonette! ruft Sansſouci, wenn Räuber Euren Meierhof angriffen, was wollt' ich ſie davonjagen, ich verſicher's Euch!“ „Iſt Ihr Herr Gemahl immer noch in Villeneuve⸗ Saint⸗George? fragt Jakob Adeline nach einiger Zeit.— Nein, er iſt ſchon längere Zeit in Paris.“ Bei dieſer Antwort ſcheint die junge Frau ſo traurig zu werden, daß Jakob ſchon ſeine Frage be⸗ reut. Je mehr er die Frau ſeines Bruders betrach⸗ tet, deſto mehr fühlt er ſich zu ihr hingezogen; er zweifelt nicht, daß Eduard ihr ſeine Zuſammenkunft mit ihm verſchwiegen habe.—„Sie würde mich nicht zurückgewieſen haben, denkt er, mit ſo vieler Sanft⸗ muth in den Geſichtszügen und in der Stimme hat man kein fühlloſes Herz, Eduard allein iſt ſchul⸗ dig!... aber ſie ſoll nichts davon erfahren, es könnte ſie unnöthig betrüben, und überdies mag ich mich dem Undankbaren, der mich verläugnet, gar nicht nähern.“ Es wurde ſchon finſter, und Adeline konnte allein nach ihrem Dorfe nicht zurückkehren; ein Jeder bietet ſich an, ſie zu begleiten; ſie wählt Jakob, um ihm zu beweiſen, daß ſie auch nicht die mindeſte Furcht mehr vor ihm habe, und er fühlt ſich insgeheim deßhalb geſchmeichelt. Er nimmt die kleine Ermance auf den einen Arm, bietet der jungen Frau den 58 andern, und dieſe nimmt von ihren Wirthsleuten Abſchied, verſpricht aber, erfreut über ſolche gaſt⸗ freundliche Aufnahme, recht oft wieder zu kommen. Anfangs iſt man auf dem Wege ziemlich einſilbig. Dann und wann gibt Jakob nur der kleinen Ermance ein Küßchen, worüber dieſe, erſt acht Monate alt, den Soldaten anlächelt und mit ſeinem Schnurrbart ſpielt. 4 „Ich bedaure, ſagt Adeline, daß ich Ihnen Mühe mache, aber ich glaubte nicht, mich ſo weit von Hauſe entfernt zu haben.“ „Madame, Sie bereiten mir dadurch ein großes Vergnügen.— Das Kind wird Sie müde machen! — Mich müde machen 2.. nein, tauſend Grana⸗ ten.. aber um Verzeihung, vor Damen ſoll man nicht fluchen.— Bei einem alten Militär iſt das immer entſchuldigt.— Ich liebe die Kinder ſehr... und dieſe Kleine iſt wirklich allerliebſt...— Ach! ſie iſt mein einziger Troſt! ſagt Adeline ganz leiſe; Jakob kann ſie nicht verſtehen, aber er bemerkt, daß ſie traurig wird, und gibt daher der Unterhaltung eine andere Wendung.— Madame werden ohne Zweifel bald wieder nach Paris zurückkehren, die ſchöne Jahreszeit iſt vorüber, wir ſind im Monat Oktober.— Nein, ich denke das Land noch nicht zu verlaſſen... vielleicht werde ich den Winter hier zu⸗ bringen!— Das iſt doch ſonderbar, denkt Jakob, ſie bleibt auf dem Lande und ihr Mann in der Stadt, ſollten ſie nicht gut mit einander leben?— In dieſem Fall, erwidert er ihr, werden wir, hoffe ich, manch⸗ ————— 59 mal das Vergnügen haben, Sie auf unſerem Meier⸗ hofe zu ſehen!— Ja, es ſoll mir eine Freude ſein, ihn öfter zu beſuchen. Sie ſind mit dem Pächter verwandt, glaube ich?— Nein, Madame, mein Kamerad ein Vetter der Frau Gutlllot, aber ich bin nur ein alter Soldat, ohne Familie, ohne Be⸗ kanntſchaft, dem man aber gern hat Arbeit geben wollen.— Ich bin gewiß, daß man ſich jeden Tag mehr darüber freuen wird... Sie find noch jung, lange können Sie nicht gedient haben?— Verzeihen Sie, ich trat ſehr frühe in den Dienſt!— Und bei Ihrer Rückkehr aus dem Felde fanden Sie keine Mutter, keine Schweſter, die Sie nach Ihren Kriegs⸗ ſtrapazen hätten pflegen können?— Nein, Madame, ich hatte nur einen Anverwandten, aber er behandelte mich mit zu geringer Freundſchaft... ich bin ſtolz... halte auf Ehre, und verwarf eine Hülfe, die nicht aus dem Herzen kam und mich erniedrigt hätte.— Das war wahrſcheinlich nur ein ſehr entfernter Ver⸗ wandter?— Ja, Madame!— Mein Mann hat einen Bruder... ja! er heißt auch Jakob, wie Sie; ſeit mehren Jahren hat er ſeine Familie verlaſſen; ohne Zweifel iſt er todt; aber wenn er noch lebte und zurückkäme, gewiß würde mein P ann erfreut ſein, ihn zu ſehen!“ Jakob antwortet nichts, aber wender den Kopf weg, um Adelinen eine Thräne zu verbergen, die ſein Auge nicht zurückzuhalten vermag. Man kömmt endlich am Landhauſe an. Adeline bittet Jakob einzutreten, um einige Augenblicke aus⸗ 1 60 1 zuruhen, er lehnt es aber ab, denn er fürchtet durch ſeine Rührung ſich zu verrathen. „Wenigſtens hoffe ich, ſagt die junge Frau, daß Sie mich nicht vergeſſen werden, wenn Sie nach Villeneuve⸗Saint⸗George kommen. Sie ſollen dann auch den Garten ſehen, den Sie ſich nur durchs Gitter betrachtet haben.— Mit Vergnügen, Madame, ich bitte aber auch unſern Pachthof nicht zu vergeſſen.“ Adeline verſpricht es und Jakob entfernt ſich, indem er den Blick ſo lange als möglich auf das Haus heftet. „Das iſt ein recht braver Mann, ſagt Adeline beim Eintreten in ihre Zimmer, und Mama und ich wir haben ihn ſehr falſch beurtheilt... Ich bin über⸗ zeugt, daß dieſe rauhe, ernſte Außenſeite ein gefühlvolles Herzverbirgt. Achl der Schein trügt allzuoft! Eines Tages nachher geht Adeline eines Morgens, von ihrem Kindsmädchen begleitet, nach dem Meier⸗ hof. Die Landleute empfangen ſie mit herzlicher Freude. Adeline iſt ſo liebenswürdig, einfach und ſanft gegen Jedermann, daß die guten Leute ſie gar zu gerne bei ſich ſehen. Gutlllot verliert ſich in lan⸗ gen Phraſen, Luiſe läßt die kleine Ermance ſpringen; Sansſouci ſchwört, beim Regimente niemals ſo ein zartes, ſanftes Frauchen geſehen zu haben, und Jakob erweist ihr die größte Achtung, das lebhafteſte Inter⸗ eſſe; ſeine Zuvorkommenheiten für Adeline ſind ſo auserwählt, ſeine Manieren ſo ehrerbietig, daß ſie nicht weiß, wie ſie ſich dieſes eben ſo rührende als 8 61 8 unerwartete Benehmen erklären ſoll. Aber Jakobs Blicke haben nichts Beleidigendes, es iſt aufrichtige Theilnahme, Freundſchaft, was ſie darin liest, und ihr Herz empfindet daſſelbe, ohne daß ſie ſich darüber Rechenſchaft zu geben weiß. Ein Jedes ſtreitet ſich um die Ehre, die junge Frau nach Hauſe zu begleiten: Gutlllot bietet ſeinen Arm an, Luiſe will die Kleine tragen, Jakob als Wegweiſer und Sansſouci als Escorte dienen; aber Adeline zieht es vor, diesmal mit ihrem Mädchen allein zu gehen, um Niemand eiferſüchtig zu machen. Nur dann und wann bei ihren Beſuchen, wenn es ſehr ſchönes Wetter iſt, kann ſie die Begleitung aller Hausgenoſſen nicht zurückweiſen, weil man es alsdann als einen Spaziergang anſieht, den man in ihrer Geſellſchaft zu machen wünſcht. So vergehen mehre Monate. Der Winter hat ſeine Herrſchaft angetreten, die Bäume ſind kahl, die Felder traurig und öde. Adeline bekömmt keinen Beſuch. Sie lebt in ihrem Hauſe ganz allein mit ihrem Mädchen und einem alten Gärtner, der den groben Hausdiener erſetzt hat, da Adeline ihn deßhalb entlaſſen, weil er die Armen und Bettler hartherzig fortjagte, wenn ſie an ihre Thüre klopften und ein Stück Brod verlangten. Ihre einzige Zerſtreuung ſind die Beſuche auf dem Meierhofe, wenn es recht ſchönes und für ihr Kind nicht zu kaltes Wetter iſt; Jakob iſt jedesmal innig bewegt und erfreut, wenn er ſie ſieht, aber er ver⸗ birgt einen Theil ſeiner Empfindungen, um den Haus⸗ 62 genoſſen keine Veranlaſſung zu Fragen zu geben; Sansſouci iſt mit dem Geheimniß Jakobs vertraut; er weiß, daß Adeline die Frau des Bruders ſeines Kameraden iſt, aber er hat geſchworen, es nicht zu verrathen, und auf ſeinen Schwur kann man bauen, obgleich er oft außer ſich iſt, Adelinen nicht eröffnen zu dürfen, welche Bande ſie an ſeinen Freund knüpfen. Aber Jakob will es ſo, er hat einen Theil des Kummers ſeiner Schwägerin errathen, und will ihn durch die Kunde von dem Betragen ihres Mannes gegen ihn nicht noch vermehren. Indeſſen iſt man weit entfernt, im Dorfe und im Pachthofe das zu errathen, was in Paris geſchieht! Die Nachrichten von dort werden nur zu frühe die Ruhe ſtören, der man ſich noch erfreut. Dufresne hat es ja übernommen, den Frieden einer Frau zu zerſtören, die er für ihre Verachtung züchtigen will. Eines Morgens wird Adelinen hinterbracht, daß ein Herr aus Paris ſie zu ſprechen wünſche; ſie geht in den Salon, wo der Fremde eingetreten iſt, und fährt vor Schrecken zuſammen, als ſie Dufresne er⸗ blickt, der in einem Fauteuil ruhig ihr Erſcheinen er⸗ wartet. „Sie hier! mein Herr! ſagt ſie, indem ſie alle Kräfte zuſammen nimmt, ich glaubte nicht, daß Sie es noch wagen würden, mir vor die Augen zu kom⸗ men!...— Madame.. verzeihen Sie, erwidert Dufresne mit heuchleriſchem Tone, ich hoffte, daß die Zeit Ihren Haß beſchwichtigt haben würde.— Niemals, mein Herr, Sie wiſſen nur zu gut, daß 63³ Ihre Beleidigungen ſich aus dem Gedächtniſſe nicht entfernen laſſen!... Beeilen Sie ſich, mir zu ſagen, was Sie herführt!— Ich komme, Ihnen neuen Kummer zu machen, aber die Befehle Ihres Mannes... — Spyrechen Sie, ich bin auf Alles gefaßt!— Ihre Mutter... ohne Zweifel wiſſen Sie?— Meine Mutter, o Gott! ſollte ſie krank ſein? Vor Kurzem erhielt ich noch einen Brief von ihr!— Ein Ner⸗ venanfall... ein Schlagfluß!...— Großer Gott, ſie iſt nicht mehr, und ich habe ſie in ihren letzten Augen⸗ blicken nicht geſehen!“ Adeline fällt vernichtet auf einen Stuhl nieder; endlich machen zwei Thränenſtröme ſich Luft, und ihr Schmerz, ihr Jammer, würde das fühlloſeſte Weſen rühren; aber zarte Empfindungen kennt die Seele Dufresne's nicht, die können nur die ver⸗ werflichſten, die Menſchheit entehrenden Leidenſchaften reizen. Stillſchweigend beobachtet er die Verzweiflung einer jungen, ſchönen Frau, deren Unglück er bereitet hat; er hört ihre Seufzer, ſcheint ſie zu zählen und weit entfernt, einen Anflug von Reue zu empfinden, finnt er vielmehr darauf, wie er ihr noch neue Qualen zufügen kann. Die Gegenwart Dufresne's vermehrt noch Adeli⸗ nens Schmerz; vor ihm kann ſie ja nicht nach Ge⸗ fallen ſich ausweinen und bloß an ihre Mutter den⸗ ken; ſie will es verſuchen, den verächtlichen Menſchen los zu werden, der an ihren Leiden ſich noch weidet. „Verbinden Sie mit Ihrem Beſuche keinen andern 64 Zweck, als mir den ſchrecklichen Verluſt, den ich er⸗ litten habe, mitzutheilen? ſagt ſie, indem ſie ſich erhebt und ihr Schluchzen unterdrückt.— Madame, die Hinterlaſſenſchaft von Madame Germeuil muß regulirt werden; ich habe geglaubt, es würde Ihnen ſchmerzlich ſein, mit dieſem Geſchäfte ſich abzugeben, das übrigens Ihren Mann betrifft... dazu iſt jedoch Ihre Unterſchrift nöthig... ich habe alle nöthigen Papiere bei mir.— Ah, ſo geben Sie her, ich un⸗ terzeichne Alles... ich will Alles verlieren!... wenn nurßwenigſtens Ihre Gegenwart mich in meiner Zu⸗ rückgezogenheit nicht mehr ſtört.“ Bei dieſen Worten ergreift ſie die Papiere, unter⸗ ſchreibt alles blindlings, gibt ſie ihm zurück, und will ſich entfernen... er aber hält ſie in dem Augen⸗ blick, wo ſie den Salon verlaſſen will, kräftig am Arm zurück. „Einen Augenblick, Madame, Sie eilen ſehr, mich zu verlaſſen. Was mich betrifft, ſo möchte ich mich gern für die Zeit ſchadlos halten, in der ich Sie nicht geſehen habe... außerdem habe ich noch Nachrichten an Sie von Ihrem Gemahl.“ Ein grauſames Lächeln leuchtet aus den Augen Dufresne's; Adeline ſchaudert und will ent⸗ ſchlüpfen. „Halten Sie mich nicht zurück, ruft ſie, oder ich laſſe Sie für Ihre Frechheit ſtrafen!— O! nicht ſo viel Stolz, ſchöne Adeline! denken Sie, daß ich nicht die nöthige Vorſicht gebraucht hätte? Ihr Gärtner iſt hinten im Garten beſchäftigt, und Iyr Mädchen 65 iſt unten in der Küche, von wo aus man Sie nicht hören kann; ich kenne das Haus ſehr gut!... Sie werden bleiben, weil ich es ſo haben will.. Sie werden mich anhören... und nachher wird ſich das Weitere finden.— Elender!... Glauben Sie nicht mich einzuſchüchtern, der Haß gegen Sie verdoppelt mmeeine Kräfte.— Ah, ſo! Sie haſſen mich alſo noch immer? Sie wollen alſo keine Vernunft annehmen?... hich habe eine beſſere Geſinnung; ich will Ihre Be⸗ leidigungen vergeſſen, wenn Sie mich endlich Ihrer Liebe verſichern wollen... Aber nehmen Sie ſich in Acht.. meine Geduld möchte vergehen, und dann möchte ich zu allem fähig ſein.— O, mein Gott!... warum muß ich ſolche Schurkereien anhören?— Nun, keinen Zorn weiter... Ihren Mann können Sie nicht mehr lieben, der hat Sie aufgegeben, ver⸗ geſſen, ruinirt Sie, beſucht alle Spiel⸗ und Freuden⸗ häuſer... Er iſt jetzt der Ausſchweifung ſo ergeben, als dem Spiel, und es iſt nicht zu viel geſagt, er bringt Sie an den Bettelſtab!... Ich biete Ihnen Reichthümer an... nichts ſoll mir zu koſtbar ſein, Ihre Wünſche zu befriedigen!... Oeffnen Sie die — Augen! und überzeugen Sie ſich, ob ich Ihrem ein⸗ fältigen Eduard nicht gleichkomme!... Sie ſchwei⸗ gen? nun, nun, ich merke, Sie ſehen die Richtigkeit meiner Rede ein... alſo ſchließen wir Frieden.“ Dufresne will ſich Adelinen nähern, ſie aber ſtößt einen durchdringenden Schrei aus.— Wie! was! noch immer dieſe Strenge... Ich werde doch die „ Neeiiſe nicht umſonſt gemacht haben, ein in Kächen Paul de Kock. XXI. 8 66 muß ich haben.— Ungeheuerl lieber ſterben.. — Bah! wegen ſolch einer Kleinigkeit ſtirbt man nicht./ Umſonſt verſucht die Unglückliche zu fliehen, der Elende hält ſie zurück; ſein unreiner Hauch will ſo eben die Lippen der Schönheit berühren, als ein lautes Geräuſch ſich hören läßt und gleich darauf Jakob und Sansſouci ins Zimmer treten. Dufresne hatte nicht mehr Zeit gehabt zu ent⸗ kommen; der Kampf, den Adeline zu beſtehen hatte, nahm ihr alle Kräfte; ſie kann daher nur noch die Worte herausſtammeln:„Rettet mich, befreit mich von dieſem Ungeheuer!“ und bewußtlos fällt ſie auf den Fußboden nieder. Jakob läuft zu Adelinen und droht Dufresne; dieſer will hinaus, Sansſouci ſtellt ſich ihm aber in den Weg und ruft:„ Einen Augenblick, Kamerad, Ihr habt dieſe junge Dame beleidigt, und das kann nicht ſo hingehen.— Ihr ſeid im Irrthum, antwortet Du⸗ fresne, indem er ſich bemüht, ſeine Angſt bei'm An⸗ blick Jakobs zu verbergen... dieſe Dame hatte einen Nervenanfall, auf ihr Geſchrei kam ich herbei, ich wollte ihr hülfreiche Hand leiſten. Laßt mich, ich will das Mädchen rufen.“ Sansſouci iſt zweifelhaft, und weiß nicht mehr, was er glauben ſoll, als Jakob, dem die Stimme Dufresne's auffiel, ſich umdreht, ihn aufmerkſam an⸗ ſchaut und ihn plötzlich erkennt.—„Halt den Spitz⸗ buben feſt, ruft er Sansſouci zu, und laß ihn nicht entwiſchen, das iſt Breville... der Halunke, 67 der mich in Brüſſel beraubt und beſtohlen hat; tau⸗ ſend Granaten, der ſoll's büßen!“ „Ah, ah! Kameradchen, ſagt Sansſouci, auf ſolch' eine Erkennungsſcene war't Ihr nicht vorberei⸗ tet!.. Das iſt freilich unangenehm; ich geſtehe es . aber man wird ſchon nach der Pfeife tanzen müſ⸗ ſen!... alſo vorwärts!“ Dufresne ſieht, daß Liſt hier nichts mehr hilft und ſetzt ſeine Hoffnung nur noch auf die Flucht. Jakob iſt immer mit Adelinen beſchäftigt, die noch nicht wieder zur Beſinnung gekommen iſt; Sansſouci allein kann ihn daher nur aufhalten; aber Dufresne iſt ſtark und kräftig, Sansſouci dagegen klein und mager; er faßt deßhalb einen Entſchluß, wirft ſich auf ſeinen Gegner, packt ihn und wirft ihn nieder, ehe dieſer ſich beſinnen kann, ſetzt über ihn weg, öff⸗ net die Thüre und fliegt in großen Sätzen die Treppe hinunter.— Luiſe hatte nämlich Jakob und Sans⸗ ſouci nach Villeneuve⸗St.⸗George begleitet und ſo waren gerade die Bewohner des Meierhofes gekom⸗ men, um Madame Murville aufs Guillots Geburts⸗ tagsfeier einzuladen. Als ſie nun in den Hof traten, den Gärtner nicht fanden und die Pächterin in die Küche gegangen war, um ſich nach Madame Mur⸗ ville zu erkundigen, hatten Jakob und ſein Freund unten an der Treppe gewartet und plötzlich das Ge⸗ ſchrei vernommen, auf das hin ſie zu Hülfe eilten. Auf ſeiner Flucht begegnet Dufresne Luiſen; er ſtößt ſie heftig zurück; ſie taumelt und fällt ihm zwi⸗ ſchen die Beine; während er ſich, auf den Boden mit 68 hingeworfen, von. ihr losmachen will, läuft Sansſouci voll Wuth, von ſolchem Schuft überwältigt worden zu ſein, mit einem tüchtigen Knotenſtock herbei und driſcht auf Kopf und Schultern Dufresne's ſo ge⸗ waltig los, daß dieſem Hören und Sehen vergeht; endlich aber rettet er ſich gegen den Garten hin; Sansſouci verfolgt ihn, aber Dufresne kennt alle Wege, weiß den Augen ſeines Feindes zu entgehen, erlangt eine mit Staketen beſetzte Mauer, klettert hinüber, läuft querfeldein nach Paris zu und ver⸗ wünſcht das unglückliche Zuſammentreffen mit Jakob. Sansſouci läuft nach dem Hauſe zurück, und be⸗ merkt jetzt erſt, daß Dufresne entkommen iſt. Ade⸗ line erlangt mit Hülfe Jakobs, der ſie nicht ver⸗ laſſen hat, endlich ihre Beſinnung wieder. Sie öffnet die Augen und ſieht Jakob und die Pächtersfrau an ihrer Seite.—„Ach, meine Freunde, ſagte ſie mit zitternder Stimme, ohne euch wäre ich verloren ge⸗ weſen!— Der Böſewicht! ſagt Jakob, ſchon lange kenn ich ihn... er hat mich auch einmal all' meines Hab und Guts beraubt; ein anderes Mal werde ich Ihnen das erzählen.— Ah, der Spitzbube, ſagt die Pächterin, und mich hat er über den Haufen gerannt, als wär' ich eine fette Ente; aber ich kann Sie ver⸗ ſichern, Sansſouci hat ihn gehörig durchgegerbt... ach, hat der ihn geprügelt, man ſah den Stock in der Luft nicht!“ Gerade kömmt Sansſouci mit betrübter Miene zurück.—„Nun! ruft ihm Jakob entgegen, haſt Du ihn arretirt?— Wetter, nein!... ich weiß nicht, ,— — 69 wie er's gemacht hatte; im Garten verlor' ich ihn aus den Augen; er ſchien darin Beſcheid zu wiſſen, ich aber wußte nicht, welchen Weg ich'einſchlagen ſollte; doch gleichviel, er hat eine tüchtige Ladung bekommen!... wenn es die Madame wünſcht, ſo will ichenoch Feld und Dorf durchſuchen.“ „Nein, das iſt unnütz, erwidert Adeline; ich danke herzlich für Ihren Eifer, laſſen wir den Elenden laufen; ich glaube, daß er ſich künftig hier nicht wieder blicken laſſen wird.— Hat er ſie nicht be⸗ ſtohlen, Madame, fragt Jakob.— Nein, er kam wegen eines Geſchäfts, einer Auskunft her... wagte es dabei, mir von Liebe vorzuſprechen, und wüthend über meine verächtliche Abweiſung wollte er das Aeußerſte wagen, als Sie dazu kamen.— Das Un⸗ geheuer!... ach! wenn ich ihn wiederfinde! Potz tauſend! ſieh' einer den Schlingel, wagt ſich an ſo kleine, niedliche, zarte Frauen, wie Madame Mur⸗ ville!... ich möchte nicht einmal, daß er mir den H..... küßte... aber verzeihen Sie, vor Ihren Ehren mit Reſpekt zu ſagen.— Er ſoll ſich nicht wieder einfallen laſſen, weder Sie zu küſſen, noch überhaupt anzuſehen, ruft Sansſouci, oder, bei der Schlacht von Auſterlitz ſei's geſchworen, mein Säbel⸗ griff ſoll ihm zur Uhrkette dienen!“ Die Ruhe ſtellt ſich wieder her, aber Adeline, untröſtlich über den Verluſt ihrer Mutter, und dar⸗ über, was ſie durch den treuloſen Dufresne von Eduard erfahren, lehnt es ab, Guillots Geburtstags⸗ feier anzuwohnen, was die ehrlichen Landleute ſehr 70 ſchmerzt. Umſonſt verſuchen Luiſe und ihre Beglei⸗ ter, ihren Entſchluß wankend zu machen; ſie ſollen nun ohne ſie nach Hauſe gehen und ſie ihrem nagen⸗ den Kummer überlaſſen. Jakob und Sansſouci bieten ſich an, die Nacht unten im Hauſe zu wachen, um möglichen neuen An⸗ ſchlägen des Böſewichts zu begegnen, aber Adeline will dazu nicht einwilligen, ſie dankt ihnen herzlich, verſichert ſie, nichts mehr befürchten zu dürfen, und bittet nur, ſie recht oft zu beſuchen. Die Bewohner des Meierhofes entfernen ſich end⸗ lich mit kummervoller Miene, und Jakob nimmt es ſich vor, in allem Ernſte über die Frau ſeines Bru⸗ ders zu wachen. Sechstes Kapitel. Das Lotterie⸗Comptoir. „Wie mag es nur zugehen, daß ich mich ruinire, indeß Andere gewinnen? Soll ich denn nie zu einem raſchen Mittel gelangen, reich zu werden?“ So ſprach Eduard an dem Tage zu ſich ſelbſt, als Dufresne nach Villeneuve⸗St.⸗George fuhr. Er trat ſo eben aus einer Akademie(der noble Ausdruck für ein Spielhaus), wo er abermals einen Theil des auf ſein Landhaus geliehenen Geldes verſpielt hatte. Verdrießlich durchläuft er die Straßen der Stadt; er träumt im Wachen vom Spiel, von den Nummern, Farben, Parolis und all' den Dingen, 71 wovon das Gehirn eines Spielers voll iſt. Eine lärmende Muſik, von einer Pauke, zwei Klarinetten und einer Trompete, erwecken ihn aus ſeiner Träu⸗ merei; er wirft die Augen umher, um ſich von dem Lärmen zu entfernen, der ſeine Ohren betäubt, und bemerkt, daß er vor einem Lotterie⸗Comptoir ſteht. Die Muſik rührt von jenen herumziehenden Künſtlern her, die um ein Vierzigſousſtück vor dem Laden einen hölliſchen Läͤrmen machen, um die alten Gevattern des Viertels nach dem Lotterie⸗Comptoir hinzulocken, vor deſſen Thüren und Fenſtern die Liſten der Amben, Ternen, ja ſelbſt Quaternen, die irgend einmal her⸗ ausgekommen ſein ſollen, mit genauer Angabe des Gewinnes auf gelbem, blauem oder rothem Papier prangen. Eduard bleibt, wie die anderen Gaffer, vor dem Laden ſtehen, und ſtarrt die verführeriſchen Karten an. 70,000 Franken mit 20 Sous gewonnen: das iſt ſehr einladend!... Freilich wohl iſt es eine Qua⸗ terne geweſen, und die ſind ſelten, aber es iſt doch geſchehen, und man kann ſie ſo gut, als ein Anderer, gewinnen. „Ach, Frau Nachbarin! die ſchöne Ziehung!... ſagt eine Fiſchverkäuferin zu einer Obſthändlerin, die neben Eduard ſeeht und ſich die gezogenen Nummern 11, 20, 44, 19 und 76 notirt: Ach, wie eine Kö⸗ nigin müßte ich reich ſein... Seit einem Jahre ver⸗ folge ich eine trockene Terne auf die drei erſten Num⸗ mern, die gezogen worden ſind; vorgeſtern wurde geſchloſſen! Ich erwartete Thomas, der im Louvre 72 arbeitet, und mir eine gefüllte Gans zu unſerem Abend⸗ brod und einen Sechszehner Gabli von Euſtache im grünen Anker mitbringen ſollte. Ich dachte, ſo ein kleines heimliches Abendbrod unter vier Augen bringt Glück, und wollte nachher beim zu Hauſe gehen ſetzen!.. Aber es war nichts.. Thomas läßt mich wie eine Excellenz lauern... ungeduldig geh' ich end⸗ lich nach ſeiner Schlafſtelle und finde ihn da mit der heftigſten Kolik befallen, weil er am Sonntag zuviel gewalzt hat. Ich bin genöthigt, ihn zu pflegen, die Zeit vergeht, mit ihr der Lotterieſchluß, und ich ver⸗ geſſe meine trockene Terne über ſeinen Klyſtieren.— Meine arme Gertrude! das heißt Unglück haben! Aber Potz Schlag! mein verſtorbener Mann hätte ſich noch ſo ſehr krümmen mögen, ich hätte die Lot⸗ terie nicht darüber vergeſſen. Seit zehn Jahren bringe ich meinen Einſatz immer den zwanzigſten des Mo⸗ nats, eine Ambe und zwei Auszüge, diesmal iſt's etwas ſpäter geworden, aber es ſchadet nichts, und fiehſt Du, es iſt mir wieder geglückt, o! ich wollte ja lieber mein letztes Hemde verkaufen, als von mei⸗ nem Plane abgehen.— Kennſt Du Leute, die das große Loos gewonnen haben?— O, freilich, die Köchin aus der Modehandlung... Drei Nummern zufällig aus dem Rade gezogen.— Weißt Du, daß das ein Glück iſt!— Ach, das iſt eben nicht ſo erſtaunenswerth, denn ſie hatte zuvor geträumt, daß ihr Herr ſich bei ihren Kochhäfen zu ſchaffen mache.— Ach! dann war es freilich ſicheres Geld .. Ich möchte aus der Haut fahren; mir hat noch 73 nie ſolches Zeug geträumt!— Aber mir dagegen, mir träumte oft noch bei Lebzeiten meines verſtorbe⸗ nen Mannes!“ 5 Eduard drängt die Menge, die ihn vor dem Lot⸗ terie⸗Comptoir gefeſſelt hält, auseinander und ent⸗ fernt ſich. Auf ſeinem Wege denkt er an die gezogenen Nummern. Dieſe Art reich zu werden geht nicht ſo raſch, wie das Roulette, und die Glücksfälle mögen auch ſeltener ſein, aber die Reſultate ſind ungleich glänzender, weil man mit einem Geldſtücke bedeu⸗ tend gewinnen kann. Den ganzen Tag denkt er bloß an die Lotterie, und am andern Morgen entſchließt er ſich, ſein Glück auch auf dieſem Wege zu verſuchen. Er geht in das erſte Lotterie⸗Comptoir, das er findet, und braucht daher nicht weit zu laufen, denn in den Straßen von Paris trifft man mehr Lotterie⸗ als Armen⸗Collekten. Es war zehn Uhr Morgens, und der Schluß einer auswärtigen Collekte. Das Bureau war ſo gedrängt voll Menſchen, daß man nicht hineinkommen konnte, und man ſich am Ende der Menſchenreihe aufſtellen mußte, die gegen einige Stücke Papier ihr Geld los werden wollte. Eduard entſchließt ſich zu warten, und wirft in⸗ deſſen ſeine Blicke auf die ihn umgebende Menge. Sie beſteht beinahe nur aus Perſonen der niedrigſten Klaſ⸗ ſen: aus kleinen Krämern, Köchinnen, Wäſcherinnen, Schuhflickern, Botenläufern und Trödlern. Damit iſt aber nicht bewieſen, daß die höheren Klaſſen nicht auch in der Lotterie ſpielen; die feineren Leute aber 74 laſſen für ſich ſetzen; und der anſtändige Bürger, der ſich ſchämt, geht durch die Hinterthüre ins Bureau. Eduard zieht das Taſchentuch hervor, denn die Vereinigung dieſer Herren und Damen verbreitet eben keinen ſehr aromatiſchen Duft, vielmehr bilden der Putzkaſten des Savoyarden, die Hätinge des Krä⸗ mers, der Tragkorb des Lumpenſammlers, das Pech des Schuhflickers und der Stockfiſch der Köchin eine Miſchung von Gerüchen, die einen Grenadier zurück⸗ ſchrecken könnte; aber die Lotterieſpieler berechnen ihren Gewinn und riechen nichts. Bei dem Warten unterhalten ſich die Spieler über ihre Träume, ihre Muthmaßungen, und dabei ſprechen alle zugleich und jeder hat Recht; es iſt ein unausſtehlicher Lärmen, trotz der Bitten und Vor⸗ ſtellungen der Frau im Comptoir, die alle fünf Mi⸗ nuten, wie der Sprecher im Juſtizpalaſt ruft:„Stille doch da hinten... Ruhig, meine Damen, man ver⸗ ſteht ja ſein eigenes Wort nicht!“ Eduard, der nicht zu den gewöhnlichen Gäſten gehört, iſt von dem unaufhörlichen alten Weiberge⸗ ſchwätz ganz wirr im Kopfe geworden; aber das Glück kann nicht theuer genug erkauft werden, und er faßt Muth, ja ſogar den Entſchluß, von dem Ge⸗ wwäſche Vortheil zu ziehen. „Meine Kleine, ſagt eine ganz mit Lumpen be⸗ deckte alte Frau zu einem andern Weibe, die einen blinden Bettler führt: ich habe heute früh nüchtern eine Spinne hinter meinem Strohſack ſpinnen ſehen. — Ci Wetter, bekommt ſie zur Antwort, ich ſehe 55 75 alle Tage genug Spinnen bei mir.— Mag ſein, das bringt aber Glück; ich werde einen Thaler auf Nr. 9, 30 und 51 ſetzen; ich bin gewiß, die müſſen herauskommen.“ Und die Unglückliche, die baarfuß geht, deren Rock voller Löcher iſt, zieht einen Thaler heraus, um ihn auf eine Spinne zu ſetzen. Für die, welche feſt an Träume glauben, ſind die Nummern keine Num⸗ mern mehr, ſondern die Gegenſtände, die ſie im Traume geſehen haben, und Dank ſei es den Traum⸗ büchern, dem kleinen Caglioſtro, dem Blinden des Glücks und tauſend andern niedlichen Arbeiten vom gleichen Genre, welche die Lottoſpieler auswendig wiſſen, der Lotterieſpieler kennt auch ſein Metier, und weiß, wenn es der Mühe lohnt, nach dem Ne⸗ bel der Seine euch ſeine Berechnungen und Traum⸗ auslegungen zu machen.—„Mein Herr, beſetzen Sie meine Ochſen, ruft eine Auſterkrämerin, indem ſie ihre dreißig Sous hervorholt.— Mein Herr, ſetzen Sie mir vierundzwanzig Sous auf eine weiße Katze.— Mein Herr, beſetzen Sie mir das Kamiſol meiner alten Tante.— Beſetzen Sie mir eine Terne auf Artiſchoken.— Mein Kind, die ganze Nacht habe ich Pferde geſehen, die, wie im Stalle, in mei⸗ nem Zimmer herumtrabten.— Von welcher Farbe waren ſie? fragt der Schreiber mit komiſchem Ernſt. — Ah! der Tauſend... warten Sie doch... ich glaube, es waren Apfelſchimmel... Nein, nein, ſie waren ſchwarz.— Das iſt die 24. Waren ſie an⸗ geſchirrt?— Ja, ich glaube!..— Das iſt die 23. 76 Liefen ſie ſehr ſtark?— So wie im Circus!— Das iſt die 72.— Nun dann ordnen Sie mir das alles. Mit ſolch' einem Traume kann's nicht fehlen, da muß ich Kutſche und Pferde erhalten.— Ich habe einen weit komiſcheren Traum gehabt!... Ich befand mich in einem Lande, wo Kühe und Schäfer und Schäferinnen in die Runde tanzten, nachher aber alle Häuſer, die von Pfefferkuchen waren, zu tanzen anfingen.— Ei, ſieh doch, da hätte man ſich beim Mauerlecken gütlich thun können.— Laß ſie doch fortfahren und ſchweig.— Und dann war es mir, als führe ich auf einem Waſſer, das ſchäumte und kochte, wie ein Fleiſchtopf am Feuer.— Und Du fingeſt die Fiſche gekocht, nicht wahr?— Aber ſo ſei doch ſtill, Plandertaſche!— Endlich ſah ich auf der andern Seite des Waſſers einen ſchönen Palaſt aus der Erde ſteigen, wie im Theater der Seiltänzer, die Dächer waren von Diamanten, die Mauern von Gold, die Fenſter von Silber und die Thüren von Rubi⸗ nen.— Teufel! das muß Deine Pfefferkuchenhäuſer überſtrahlt haben!— Ich, wie ich den Palaſt ſehe, bitte einen Schiffer, einen ſchönen jungen Mann, mich ſogleich hinüber zu fahren; da verlangt er... ach der Spitzbube...“*— Das war alſo der ſchöne Traum, ich denke Wunder, was da herausſchlüpfen wird!“ Das ſind ſchöne Geſchichten;„aber Platz doch, ſagt eine Köchin, indem ſie ein ſo eben gekauftes * Im Intereſſe des Leſers haben wir dieſe Unterredung etwas abzukürzen für gut befunden. Der Ueberſ. — 77 Huhn in ihren Korb ſteckt, das man nach dem Ge⸗ ruche ebenſowohl für eine Schnepfe hätte halten kön⸗ nen, mein Herr wartet auf's Frühſtück, er will frühe ausgehen und ich habe noch nicht einmal Feuer an⸗ gemacht; geſchwinde, Madame, mein gewöhnlicher Satz, da find dreißig Sous, fertigen Sie mich raſch ab, ich bitte.“ 4 Die Köchin nimmt ihr Loos und kehrt calculirend nach Hauſe zurück: das Huhn hat zwanzig Sous ge⸗ koſtet, ſie wird es zu zwei Franken zehn Sous an⸗ ſchlagen, dann hat ſie ihre Einlage umſonſt, und das iſt ſchon etwas; freilich wird die Herrſchaft ein ſehr theures und obendrein angegangenes Huhn ver⸗ zehren; aber die kleinen Profitchen dürfen nicht vergeſſen werden, und man läßt ſich doch nicht umſonſt ſchelten und quälen. „Viele Nummern ſind lange nicht herausgekom⸗ men, ſagt ein kleiner Mann, nachdem er drei Vier⸗ telſtunden die Karte der früher gezogenen Nummern betrachtet hat.— Da! ſagt ein Anderer, bemerken Sie wohl, daß die 6 gefangen iſt... ſie muß bald herauskommen.— Die 2 iſt gezogen worden, das zieht die 20 nach ſich.—. Die 39 iſt unzählig oft ge⸗ kommen, die iſt Tonnen Goldes werth!— Die Nul⸗ len in der Zahl haben lange kein Glück gehabt.— Das iſt wahr, man muß ſie bei einer Ambe oder Terne benützen.— Mein Herr, wenn ich meiner erſten Idee gefolgt wäre, hätte ich in der Straßbur⸗ ger Lotterie eine Ambe gewonnen, denn ich muß Ihnen ſagen, wenn meiner Frau träumt, daß ſie in 3 die Wochen kömmt, wird jedesmal 144 gezogen, o0! das ſchlägt nie fehl... nun! und vor Kurzem träumte ſie es; ich habe jetzt einen Hund, den lehre ich aus einem Beutel Nummern ziehen; er fängt ſchon an, ſie ganz ſauber mit der Pfote herauszuholen; er zog Nr. 46, ich wollte dieſe Nummer beſetzen, den ganzen Tag haben wir darüber nachgedacht, meine Frau wollte aber die Zahl ihres Namenstages ſpie⸗ len, ich gab nach, und da ſehen Sie, die Nummer meines Hundes iſt auf ihren Traum herausgekommen! . D ich gebe das Thier nicht um 100 Thaler weg. — Ich, lieber Freund, ruft eine alte Honigverkäufe⸗ rin, ich bin ſchlauer als Ihr, ich habe einen Talis⸗ man.— Einen Talisman!— Ja, gewiß, eine Kar⸗ tenſchlägerin hat mir das Geheimniß anvertraut.— Was iſts denn? ſchrien einſtimmig die Klatſchbaſen. — Ein Stückchen Pergament, auf das ich mit mei⸗ nem eigenen Blute einige Zeichen geſchrieben habe.— Ach, mein Gott, das iſt ja noch ſchlimmer, als im Ambigu⸗Theater. Aber was ſind es für Zeichen? — Ja, meiner Treu, ich verſtehe ſie nicht.. es ſoll Hebräiſch ſein, wie ſie mir geſagt hat.— Nimm Dich in Acht, Javotte, traue nicht, das iſt vielleicht eine Teufelsverſchreibung!... Du wirſt mit Deinem Talisman noch geradenwegs in die Hölle kommen.— Bah, bah, ich fürchte nichts und laſſe von meinem Pergamentſtückchen nicht ab... ich bin Philo⸗ ſophin.“ 1 „Iſt dieſe dumm, mit ihrem Talisman, ſagen die Gevattern, nachdem Javotte davon gegangen iſt 1 79 es iſt erſtaunlich, wie er ihr Glück bringt; allen Menſchen im Stadtviertel iſt ſie ſchuldig, nirgends kann ſie bezahlen. Aber die Stunde des Marktes iſt da, und ich habe noch nicht ausgekramt.— Und ich ſollte ſchon an der Fontaine des Innocens ſein.— Ach, mein Gott, Du erinnerſt mich daran, daß meine Kinder noch im Bett liegen, ich weiß gewiß, die armen Würmer ſchreien!... und die Suppe ſteht ſeit acht Uhr am Feuer.— Nun, die wird ſchön an⸗ gebrannt ſein! Ich mache mich davon... Adieu, Nachbarin.— Bald werden wir die Liſte haben, ach! wenn unſer Glücksſtern doch leuchten wollte!“ Mitten unter dieſer Menſchenmenge, bald rechts, bald links gedrängt und geſtoßen, wartet Eduard drei Viertelſtunden, bis an ihn die Reihe kommt. Endlich gelangt er an's Bureau; alles, was er über die guten, die ſchlechten, die glücklichen und die gefange⸗ nen Nummern gehört hat, geht ihm quer durch den Kopf; er ſetzt endlich zwanzig Franken auf die erſten beſten Nummern, die ihm einfallen, und verläßt mit ſeinen Hoffnungen in der Taſche das Lotterie⸗Comptoir. Jetzt begegnen ihm viele ſchlecht und ſchmutzig ge⸗ kleidete Perſonen, die ihm fünfzig Louisd'or für zwölf Sous anbieten. Dieſe Männer oder Frauen bedür⸗ fen ohne Zweifel das Glück nicht, das ſie ſo wohlfeil den Vorübergehenden verkaufen wollen. Aber Mur⸗ ville ſchlägt alles aus. Er hat in der Taſche, was er braucht; ſchon baut er neue Luftſchlöſſer, denn ſeine Nummern ſind excellent, wie der Schreiber ihm geſagt hat, und es kann nicht fehlen, ſie müſſen herauskommen. Er wird allen Geſchäften überhoben ſein, auf großem Fuß leben, die höchſten und theuer⸗ ſten Freuden genießen können, kurz, er wird ſich nichts mehr verſagen dürfen. Aber die Entſcheidung iſt da; um drei Uhr wer⸗ den die Liſten vor den Lotterie⸗Comptoirs ausge⸗ hangen; Eduard, der unweit desjenigen, in welchem er am Morgen geſetzt hatte, ungeduldig auf und niedergeht, nähert ſich endlich der Liſte und— hat nichts gewonnen. Siebentes Kapitel. Die guten Freunde, und was daraus erfolgt. Dufresne hat das Dorf im Rücken und iſt nun voll Wuth im Herzen und voller Rachepläne im Kopfe. Es iſt nicht die Leidenſchaft für Adeline, die ihn quält, denn er ſieht ein, daß an ihre Eroberung nicht mehr zu denken iſt; ſie iſt zu tugendhaft. Ver⸗ gebens hat er ja alles verſucht, die Anſichten von Eduards Frau zu ändern; ſie verabſcheut ihn jetzt nur noch mehr. Aber was will er denn noch?... iſt ſie nicht unglücklich genug?... ſie wehklagt über einen Verrath an ihrer Ehre, woran ſie jedoch ſchuldlos iſt; ſie hat die Liebe ihres Mannes verloren und die größte Dürftigkeit zu erwarten!... welche Schläge des Schickſals kann er ihr denn noch bereiten? Der Rath, die Anweiſung Dufresne's, Eduard zum Spiel zu verleiten, waren bereits überflüſſig 81 geworden. Der Unglückliche bringt ſchon keinen Tag mehr zu, ohne die Spielſäle, von denen Paris wimmelt, zu beſuchen. Da will er ſich über ſeine Lage be⸗ täuben, und vertieft ſich immer mehr in den Abgrund. Der Ertrag ſeiner letzten Wechſel folgt ſeinem Ver⸗ mögen nach. Was wird er jetzt anfangen, um neue⸗ Mittel zu erlangen, ſeinen ſchändlichen Neigungen zu fröhnen? Die Verfallzeit ſeines Wechſels rückt heran, er kann ihn nicht einlöſen, man wird ſein Landhaus verkaufen, und Frau und Kinder haben keinen andern Zufluchtsort, keine anderen Hülfsquellen mehr; aber das iſt das Wenigſte, was ihn beſchäftigt; er denkt nur an ſich und will ſich keineswegs Geld verſchaffen, um das unglückliche Schickſal ſeiner Familie zu er⸗ leichtern; er erinnert ſich der heiligen Bande nicht mehr, die ihn an ſeine liebenswürdige und ſchöne Frau feſſeln ſollten. Ueber die Spielwuth vergißt er, daß er Gatte und Vater iſt.— Genöthigt, ſeine Wohnung zu verlaſſen, die er in einem ſchönen Hotel als Garçon bewohnte, logirt er ſich jetzt bei Du⸗ fresne ein.— Dieſer iſt bei ſeiner Zurückkunft von Villeneuve⸗St.⸗George einige Tage in Sorgen, Jakob möchte ihn in Paris aufſuchen, er wechſelt daher ſeinen Namen und bewegt Eduard, daſſelbe zu thun. Dufresne nennt ſich jetzt Courval und Eduard Mon⸗ brun. Unter dieſem Namen miethen ſie ſich jetzt in ein erbärmliches Gaſthaus der Vorſtadt St. Jakob ein, und ihr täglicher Umgang beſteht hier nur aus Intriguanten, Leute ohne ehrlichen Nahrungszweig, Paul de Kock. XXI. 6 die, wie Dufresne, ihre Gründe haben, ſich den Augen der Welt zu entziehen. Drei Wochen nach Madame Germeuils Tode war ihre Hinterlaſſenſchaft bereits verpraßt, und man mußte jetzt auf neue Schliche denken, ſich Exiſtenz⸗ mittel zu verſchaffen. Eines Tages, als Eduard und Dufresne aus Mangel an Geld zu Hauſe geblieben ſind, und ſich den Kopf zerbrechen, um eine neue Liſt auszuſinnen, klopft es an die Thüre, und ein gewiſſer Lampin, ein ausgemachter Gauner, Dufresne's Freundſchaft werth, tritt mit fröhlichem Geſichte und vier Flaſchen unterm Arm ins Zimmer. „O, ol. das iſt Lampin,“ ruft Dufresne, in⸗ dem er ſeinem Freunde öffnet und demſelben einige verſtohlene Blicke wegen Eduards, der ihn, im Nach⸗ denken vertieft, nicht bemerkt, zuwirft.—„Ja, meine Herren, ich bin es. Ei, Kamerad Monbrun, weg mit den Sorgen!... hier bringe ich einige Sorgen⸗ brecher.— Was iſts denn 2..— Wein, Brannt⸗ wein und Rum.— Teufel auch, Du biſt alſo bei Kaſſe?— Meiner Treu, ich habe beim Biribi zehn Franken erwiſcht, und will ſie mit meinen Freunden vertrinken.— Das iſt brav, Lampin, Du biſt eine gute Seele, Du kommſt gerade zur rechten Zeit, denn Monbrun und ich, wir waren ſo traurig, wie leere Beutel es nur ſein können.— Nun, ſo trinken wir erſt und ſchwatzen nachher.“ 3 Man ſetzt die Flaſchen auf den Tiſch, die Freunde ₰— — 83 ſetzen ſich herum, und die Gläſer füllen und leeren ſich ſchnell hinter einander. „Wir haben nicht einen Sous, Lampin, und das iſt eine häßliche Krankheit.— Bah!... weil ihr Eſel ſeid! Auf eure Geſundheit!— Wie ſo denn, Bruder Liederlich?— Ei freilich, wenn ich Eure Fähigkeiten beſäße, und beſonders die Monbruns, ich würde mein Schäfchen ſchon ins Trockene bringen.— Was wollt Ihr damit ſagen? fragt Eduard, der ſich von Neuem Branntwein einſchenkte, laßt hören, er⸗ klärt Euch!— Das iſt bald zu begreifen, mein Sohn, ich wiederhole es Euch, wenn ich des Schreibens ſo kundig wäre, wie Ihr, ich würde Spekulationen ins Große machen!... aber Ihr ſeid zu furchtſam! — Wir haben genug ſpekulirt, aber es iſt uns nicht geglückt.— So mein' ichs nicht, mein Junge; aber trinkt, meine Herren, es iſt keine ſchlechte Sorte.— So ſag' uns doch, Lampin, was Du gethan haben würdeſt, um— Ei, ſeht nur, ich bin ſchlau und würde die Möglichkeit wagen, aber ich ſchreibe wie eine Katze!— Nun, was würdeſt Du denn ſchreiben?— Das iſt verſchieden, bald das Eine, bald das Andere... Seht, da hat mir zum Beiſpiel ein Freund ein Pa⸗ pier anvertraut; es iſt der Betrag deſſen, was ſein Vater ihm zugehen läßt, damit er ſich mit uns amü⸗ ſiren ſoll.— Was iſts denn?— Ein von einem großen Pariſer Bankier angenommener Wechſel von 1200 Franken... Oh! der iſt was werth!, den nimmt man gern; mein Kollege kennt Jemand in der Um⸗ gegend von Paris, der verſteht ſich darauf! Nun! feine Geſellen, macht eben ſo einen, und man kauft denſelben euch ebenſo gerne ab!— Wie! was ſagſt Du? den Wechſel nachmachen?— O nein! nicht accurat ſo machen, denn ſtatt 1200 Franken würde ich 12,000 Franken ſchreiben... Eure Geſundheit!— Unglücklicher! das iſt ja ein falſcher Wechſel!— Nein, das iſt eigentlich kein falſcher Wechſel, ſondern nur ein neues Papier, das wir im Handel ciculiren laſſen; nicht wahr, Dufresne, das iſt eigentlich kein falſcher Wechſel? und bei alle dem bindet man den Bankiers etwas auf, denn dieſe Schnapphähne ſind reich genug, um auch uns etwas zufließen zu laſſen.— In der That, ſagt Dufresne, iſt es auch nicht ein falſcher Wechſel zu nennen; wir creiren ein neues Papier und laſſen es durch einen Andern be⸗ zahlen, das iſt alles.— So iſts, mein Alter, ein bloßes Poſſenſpiel. O, Du verſtehſt Dich auf ſolche Späße, nur Monbrun iſt etwas ungelehrig.— Nein, nein! ich verſtehe euch Herren ſehr gut, aber ich kann zu derlei Mitteln meine Einwilligung nicht geben.— So? nun ſo wirſt Du nie vorwärts kommen, mein Junge, und vor Hunger berſten wie die Baumwanzen im Winter.— Es iſt wahr, wir haben gar nichts mehr, ſagt Dufresne, keine Wäſche, keine Kleider, nichts, als was wir auf dem Leibe tragen!— Das iſt erbaulich!... nun ſo bedenkt doch, daß Ihr nichts zu verlieren und alles zu gewinnen habt.— Und die Ehre? fragt Eduard mit ſchwacher Stimme.— Die Ehre? nun, wahrhaftig, ich glaube, daß die Deinige ſich ſchon lange unſtät umhertreibt; was 8⁵ Dufresne betrifft, ſo geht's ihm wie mir; er hat niemals darauf gehalten, aus Furcht ſie zu verlieren.— Der Teufelskerl Lampin muß doch immer Spaß machen!... Stoßen wir an, Leut⸗ chen.— Ueberlegt auch, daß Ihr mit 12,000 Franken wieder ganz auf die Beine kommen könnt!.. Ich habe ein Mittel gefunden, um ganz ſicher zu gewinnen, mit 300 Louisd'ors will ich jedesmal 1000 erwiſchen. — Wirklich?— So wahr ich ein ehrlicher Mann bin; ich gebe Euch Unterricht und nachher theilen wir den Gewinn.“ 3 „Das macht wahrhaftig Luſt,“ ſagt Dufresne, der den Wechſel aufmerkſam betrachtet, während Lampin dem ſchon halb berauſchten Eduard das Glas mit Rum füllt;„ Lampin, Du ſagſt, Du kennſt Jer. mand, der das Papier Deines Freundes anbringen will?— Ja, er weiß, daß es gut iſt; es kann ihm gar nicht verdächtig vorkommen, ſag' ich Dir; er wird nur glauben, der folgende ſei noch bedeutender, das iſt Alles.“ 8 Und in der That, ſagt Dufresne, wer weiß es denn? Es bleibt ein Geheimniß unter uns.— Und unſer Gewiſſen? ſtottert Eduard.— Ach! iſt der noch auf dem Holzwege mit ſeinem Gewiſſen!... Denkſt Du denn, Du habeſt es mit Heiligen zu thun?— Das Weſentlichſte, fällt Dufresne wieder ein, iſt nur das Gelingen. Was mich betrifft, ſo übernehme ich die Unterſchriften, und ſtehe für Alles, wenn Mon⸗ brun nur den Wechſel ſelbſt ſchreiben will.— Nun, Haſenfuß, was iſt da noch einzuwenden? willſt Du noch zögern?... Du hörſt, er ſteht für Alles, ich dächte doch, das wäre ein Freundſchaftsſtreich.— Wie!... Dufresne... Du wollteſt..— Fürwahr! ich ſehe kein anderes Mittel, um uns aus der Klemme zu ziehen... ich wiederhole es Dir... Du haſt da⸗ bei nichts zu vertreten.— Biſt Du deſſen gewiß?— Aber ſo nimm doch Vernunft an, Nicodemus, wenn Du einmal hörſt, daß Du aus dem Spiele bleibſt... Hier, Kameraden, ich habe gerade ein geſtochenes Wechſelformular bei mir, ſchneide Federn, Dufresne, damit der Wechſel recht ſauber und klar wird.— Meine Hand zittert, ſagt Eduard, ich kann unmöglich ſchreiben.— Ach ſo geht doch, geht doch... das fehlte noch... was wollt' ich reich ſein, wenn ichs ſo verſtände!... aber meine Erziehung iſt, ſo zu ſagen, etwas vernachläſſigt worden.— Wenn wir arretirt, erkannt würden.— Bah! unmöglich... nun, und dann wäre es mit ein paar Monaten Gefängniß abgemacht; und das iſt auch nicht ſo übel; man amüſirt ſich dabei, macht intereſſante Bekannt⸗ ſchaften.“ Evuard, von dem Zuſprechen der beiden Elenden ſchwankend gemacht, ſeit lange her ſchon für das zartere Gefühl durch Umgang und Lebensweiſe abge⸗ ſtumpft, überſchreitet den kleinen Raum, der ihn noch von den Unglücklichen, die dem Geſetz verfallen ſind, trennt; er erſtickt die letzte Mahnung ſeines Gewiſſens und begeht das ſchändlichſte der Verbrechen. Der Weichſel iſt geſchrieben. Dufresne macht die unterſchriften täuſchend ähnlich nach, worüber ſich 87 nur Eduard wundert. Man fabrizirt jetzt Indoſſenten, und Muxville, der ſich wie ein Kind leiten läßt, bietet auch hiezu noch die Hand. Lampin iſt entzückt und ſchlägt der Sicherheit wegen vor, das Papier demjenigen zu überbringen, welcher den Verkauf des Wechſels übernommen hat, und in einer kleinen Stadt nicht weit von Paris wohnt. So iſt alles beſchloſſen; Dufresne ſoll Lam⸗ pin begleiten, weil man dieſem nicht genug traut, um ihm den Wechſel allein zu überlaſſen, und Eduard ſoll in Paris den Erfolg abwarten. Man fängt jetzt von Neuem zu trinken an; Eduard, um ſich vollends zu betäuben, und die Uebrigen, um fröhlich zu ſein; man ſchmiedet Pläne über Pläne, baut die kühnſten Luftſchlöſſer und ſchläft endlich, mit dem Ellbogen auf dem Tiſche, ein.* Eduard, der am meiſten getrunken hatte, aber weniger ertragen kann, erwacht erſt am andern Morgen um acht Uhr. Sein erſter Gedanke iſt der, daß er ſich der entehrenden Handlung vom geſtrigen Abend erinnert. Er ſchaudert, denn jetzt erkennt er den ganzen Umfang des Verbrechens. Er ſucht Du⸗ fresne, um ihn zur Vernichtung des falſchen Wechſels zu bewegen, aber dieſer iſt nicht mehr da. Früh Morgens iſt er ſchon mit Lampin abgereist; er ſah die Gewiſſensbiſſe Eduards voraus, und wollte ihm durch ſeine Abreiſe jeden möglichen Rückſchritt benehmen. Murville verläßt ſein Zimmer, um durch Zer⸗ ſtreuung ſeine eigene Unruhe zu beſchwichtigen. Schon jetzt fürchtet er, für einen Verbrecher gehalten zu werden und wirft nur unſtäte Blicke umher; wenn Jemand im Vorbeigehen ihn etwas ſchärfer anſieht, ſo erröthet er, wird verlegen und glaubt, man wolle ihn feſtnehmen; vergebens bemüht er ſich, ſeine Angſt und ſeine Schwäche zu bekämpfen und verwünſcht ſchon das ſo theuer erkaufte Gold. Wie er gerade in eine andere Straße einlenken will, hört er plötzlich einen Schrei und ſeinen Namen rufen; er verdoppelt ſeine Schritte und wagt es nicht, 5 ſich umzuſehen, aber man läuft ihm nach, erreicht ihn, faßt ihn beim Arm; er zittert... kalter Schweiß rinnt von ſeiner Stirne... er blickt endlich auf und ſieht ſeine Frau und ſein Kind vor ſich. „Du biſt es alſo wirklich!... ſo finde ich Dich denn endlich wieder, ſagt Adeline; ach! wie lange ſache ich Dich ſchon.— Du haſt mir recht Furcht eingejagt, ſagt Eduard, von dieſem Zuſammentreffen noch ganz betroffen. Aber was willſt Du hier, war⸗ um haſt Du das Land verlaſſen?— Deine Gläubiger haben mich verjagt, das Haus gehört Dir nicht mehr... Seit einiger Zeit ſchon hatte mich der Notar davon in Kenntniß geſetzt, daß Deine Finanzen zerrüttet wären, und auf das Haus ſehr viele Schulden ein⸗ getragen ſeien.— Das weiß ich Alles, erſpare mir Deine Klagen und unnützen Vorwürfe.— Ich will Dir keine machen... und doch... o, lieber Freund, wie haſt Du Dich verändert!— Ich bin krank ge⸗ weſen.— Warum haſt Du mir nicht geſchrieben? ich wäre ja gekommen, um Dich zu pflegen.— Ich brauche Niemand.— Und ſo behandelſt Du diejenige, — 89 die Du an den Bettelſtab gebracht haſt?. Ich habe meine Mutter verloren, und ſoll nun auch meinen Mann aufgeben 2... Der Zufall allein läßt mich Dich auffinden; ich habe in allen Häuſern, wo Du gewohnt haſt, nach Dir gefragt, aber Niemand konnte mir über Dich Auskunft geben. Vierzehn Tage bin ich nun ſchon hier... ich gab bereits alle Hoffnung auf, bis ich Dich endlich finde... lieber Eduard... und nun empfängſt Du mich ſo 2... Du gibſt Deiner Tochter nicht einmal einen Kuß?— Soll ich mich vor den Vorübergehenden lächerlich machen?— Wenn ein Vater ſein Kind liebkost, ſo kann das rechtlichen Leuten nicht lächerlich erſcheinen... Aber treten wir irgendwo ein... in ein Kaffeehaus.— Ich habe nicht Zeit.— Wo wohnſt Du denn jetzt?— Sehr weit von hier, und da ich ſehr genirt war, ſo hat mir Dufresne ſeine Wohnung angeboten.— Bei Dufresne wohnſt Du, bei dieſem Böſewicht, der ſchon ſo viele Schändlichkeiten verübt hat?— Schweig' und lang⸗ weile mich nicht mit Deiner Moral; ich thue, was ich will, gehe um, mit wem ich mag, und erlaube Dir, das Gleiche zu thun.“ „Welch ein Ton, welches Benehmen? denkt Ade⸗ line, Eduard genauer anſehend; aber es ſei, ich mache den letzten Verſuch: Murville, ſagt ſie, iſt es nur die Noth, die Dich zwingt, mit dem Elenden zu leben, ſo ziehe mit mir, wir wollen dieſe Stadt verlaſſen, die ſo böſe Rückerinnerungen für Dich hat, und nach irgend einem entfernten Orte gehen; ich habe nichts mehr, aber ich will arbeiten, ich werde 90 die Nächte bei der Arbeit zubringen, wenn es ſein muß, und für unſern unterhalt ſorgen. Auch in der niederen Hütte kann man noch glücklich ſein, wenn man die Schläge des Schickſals muthig erträgt, und der Himmel wird ſich unſerer zuletzt erbarmen. Du wirſt die Ruhe wiederfinden, die Dir fehlt, und ich meinen Gatten... Ich bitte Dich, Eduard, ſchlage mir dies nicht ab, ich beſchwöre Dich, fliehe dieſe Stadt, die treuloſen Rathgeber, die gefährlichen Be⸗ kanntſchaften, oder fürchte, ſelbſt ein Verbrecher zu werden.“ 3 Eduard fühlt ſich gerührt, ſein Herz iſt von Mit⸗ leid und Gewiſſensbiſſen bewegt, er ſieht zum erſten Mal ſein Kind an.„Nun, antwortet er, ich werde ſehen, wenn ich meine Geſchäfte beendigen kann, ſo folge ich Dir.— Was hält Dich denn jetzt zurück? — Eine einzige Sache... aber eine ſehr wichtige... ich muß erſt wiſſen... wo wohnſt Du denn?— In einem Gaſthauſe der Vorſtadt St. Antoine, da iſt meine Adreſſe.— Gib her, morgen will ich zu Dir kommen.— Du verſprichſt's mir?— Ja... auf morgen... adieu... ich muß Dich jetzt verlaſſen.“ Eduard entfernt ſich eilig, Adeline kehrt in ihr Gaſthaus zurück, und überläßt ſich bald der Furcht, bald der Hoffnung. Sie kennt ihren Mann, ſie weiß⸗ wie wenig man auf ſeine Verſprechungen rechnen kann, und erwartet angſtvoll den andern Morgen. Aber am andern Morgen kommen Dufresne und Lampin mit dem Gelde zurück. Der Wechsler hat ſich fangen laſſen, er hat geglaubt, die Unterſchrift 91 des Bankier zu erkennen. Die beiden Gauner ziehen Eduard mit ſich fort, man ergibt ſich von Neuem den Tafelfreuden, dem Spiel und dem ſchönen Ge⸗ ſchlecht. Man bringt das Gewiſſen und die Scrupel Murville's zum Schweigen; man macht ſich über ſeine Furcht luſtig, und anſtatt ihn am andern Morgen wieder zu ſehen, erhält Adeline nur folgende Zeilen von ihrem Manne:„Verſuche es nicht, mich wieder ſehen zu wollen, und hoffe nicht umſonſt, mich irgendwo in einer Hütte lebendig begraben zu können, alles das iſt nichts für mich; verlaſſe Paris ohne mich, das iſt das Letzte, was Dein Mann von Dir ver⸗ langt, der Dir übrigens die völlige Freiheit gibt, zu thun und zu laſſen, was Dir beliebt!“ Adeline badet dieſen Brief in ihren Thränen.„So haſt Du denn keinen Vater mehr, ſagt ſie zu ihrer kleinen Ermance, armes Kind!... was wird dereinſt Dein Schickſal ſein. So will ich denn dieſe Stadt verlaſſen, und ſeinen letzten Wunſch erfüllen; ich werde meine guten Landleute wieder heimſuchen; auf dem Meierhofe wird man mich nicht verſtoßen. Ich werde nicht erröthen, von ihnen Arbeit zu verlangen... o, meine gute Mutter, wenn Du noch lebteſt, in Deinen Armen würde ich Troſt finden... ach, hätte ich Deinen Rath befolgt!.. vielleicht würde Eduard... aber jetzt iſt es zu ſpät, wenigſtens haſt Du das Uebermaß meines Schmerzens nicht mehr erlebt.“ Adeline verkauft alles, was ihr künftig unnütz zu ſein ſcheint. Keine Juwelen, keine Blumen, keinen überflüſſigen Putz mehr: ein ganz einfaches Kleid, 92 ein Strohhut, mit einem ſchlichten Bande befeſtigt, ihre Tochter auf dem einen, ein kleines Patet unter dem andern Arme, ſo macht ſich Madame Murville auf den Weg nach Gutllots Pachthof. Achtes Kapitel. Adeline findet einen Beſchützer. Die Bewohner des Meierhofs ſind untröſtlich über Madame Murville's Abreiſe. Seit dem Tage, wo man Dufresne aus dem Dorfe verjagt hatte, erlag Adeline einer tiefen Traurigkeit und verließ ihre Wohnung nicht; ſie dachte an keine Zerſtreuung mehr, und die Bitten der guten Landleute hatten ſie noch nicht bewegen können, ihr Landhaus zu verlaſſen. Jakob wußte nicht, was er von dem Betragen ſeines Bruders denken ſolle. Es war ihm wohl außer Zweifel, daß er ſeine Frau unglücklich mache, aber er war weit entfernt, ſich von ſeinem Bruder alles das Schlechte zu denken, was er wirklich be⸗ ging. Er wagte es nicht, Adelinen zu befragen, aber ſie las in ſeinen Augen den Antheil, den er an ihrem Kummer nahm, und ihr dankbares Herz belohnte den braven Landmann mit der aufrichtigſten Freundſchaft. All' andern Tag ging Jakob nach Villeneuve⸗St.⸗ George, um ſich nach Madame Murville's Befinden zu erkundigen. Eines Morgens, als er, ſeiner 93 Gewohnheit gemäß, am Gitterthore des Hofes klingelt, öffnet ihm der alte Gärtner unter Thränen die Thüre. „Nun, was gibt's, Vater Forit? iſt der Madame Murville doch kein weiteres Unglück begegnet?— Ach, mein guter Herr, das Schlimmſte iſt geſchehen!... ſie haben meine gute Gebieterin aus dem Hauſe ver⸗ trieben.— Vertrieben? das iſt unmöglich, Donner und Wetter!— Leider iſt es doch ſo!— Es waren alſo Räuber, Spitzbuben?— Nein, mein Herr, Gerichtsdiener... Gläubiger... was weiß ich?... ſie haben der Madame Papiere vorgewieſen und er⸗ klärt, daß ſie nicht mehr Beſitzerin ihres Hauſes wäre... die arme Frau!... ſie hat geweint, aber nichts erwidert, ſondern ſtill ihr Bündelchen gepackt, ihr Kind auf den Arm genommen und ſich davon gemacht.— Sie iſt fortgegangen?... fort?... wär' es möglich!... der Unglückſelige!... was? ſo hat er ſie ins Elend geſtürzt!— Herr Jakob, ich ſage Ihnen, es waren mehre, da, ſehen Sie die Tafel, das Haus iſt zu verkaufen und man hat mich hier gelaſſen, um à es Kaufluſtigen zu zeigen.— Und wißt Ihr, welchen Weg Madame Murville eingeſchlagen hat?— Frei⸗ lich, ſie iſt auf Paris zugegangen.— Sie wird ihren Mann aufſuchen wollen.— Ja, o, ohne Zweifel geht ſie zu ihrem Manne... aber, unter uns geſagt, man bebauptet, er ſei ein Taugenichts; er ſoll die aller⸗ tollſten Streiche in Paris machen, und Sie werden begreifen, Herr Jakob, wenn man eine junge, hübſche, vernünftige Frau hat!... denn, alle Welt! ſie iſt „ die Tugend und Güte ſelbſt!... und ein Kind, das 94 Ebenbild der Mutter; ja, wenn man alles das ver⸗ gißt, das ganze Jahr hindurch, das iſt ſehr ſchlecht und verſpricht nichts Gutes!“ 4 Jakob wirft noch einen Blick auf das Haus, ſagt dem Gärtner Lebewohl, und verläßt traurig das Haus. Tauſend Pläne durchkreuzen ſeinen Kopf; er will nach Paris gehen und Adelinen aufſuchen, er will mit ſeinem Bruder reden, ihm ſein ſchlechtes Betragen vorwerfen und zugleich das ſchändliche Verfahren, ſeine Frau zu verlaſſen, vor Augen ſtellen; dieſer Gedanken voll kömmt er auf dem Meierhofe an. Die Hausgenoſſen fragen ihn aus, ſie ſind mit ihm un⸗ tröſtlich, hoffen indeſſen noch, daß Madame Murville wieder zu ihnen zurückkehren werde. Sansſouci theilt dieſe Hoffnung, er beruhigt ſeinen Kameraden und bewegt ihn, noch einige Tage zu warten, bevor er einen Entſchluß faſſe... Die Geduld Jakohs fing an, ſich zu erſchöpfen, er war im Begriffe, den Pachthof zu verlaſſen und nach Paris zu wandern, als eines Morgens das Geſchrei der Kinder eine frohe Nachricht verkündigte. Adeline nämlich kam mit ihrer kleinen Ermance an. Alles läuft ihr entgegen, man umgibt, man um⸗ armt ſie, man überläßt ſich der ausgelaſſenſten Freude; Adeline fühlt bei der Anhänglichkeit der rechtſchaffenen Landleute, daß ihr Herz für die Empfindungen der Freude noch empfänglich iſt.„Ach, ſagt ſie, ich habe ja nicht alles verloren, da mir noch ſo wahre Freunde bleiben.“ Jakob iſt außer ſich, er ergreift Adelinens Hände, 9⁵ küßt ſie, weint, flucht, ſchreit, ſtampft mit dem Fuße und wendet ſich ab, um ſeine Thränen zu verbergen. Sansſouci, glücklich über Adelinens Zukunft und ſeines Kameraden Freude, ſpringt wie närriſch durch Hühner und Enten, und ſtreichelt die Kinder, was er nur in den Augenblicken der fröhlichſten Laune zu thun pflegt. „Meine Freunde, ſagt Adeline zu den Bewohnern „ des Meierhofes, ich bin nicht mehr, was ich war; unglückliche Zufälle haben mich um mein Vermögen gebracht; ich habe nichts mehr, als den Muth, mein Unglück zu ertragen, und mein reines Gewiſſen, das mir den Troſt gibt, es nicht verdient zu haben. Ich muß jetzt für meine und meines Kindes Exiſtenz arbeiten; ihr habt mich aufgenommen, als ich reich war; arm nun werdet ihr mich nicht abweiſen, und ich komme voll Vertrauen zu euch, um euch um Ar⸗ beit zu bitten;... ach! ſchlagt ſie mir nicht ab, nur unter dieſer Bedingung kann ich hier bleiben.“ Während Adeline ſprach, malte ſich die Rührung auf jedem Geſichte. Luiſe konnte ihre Thränen nicht verbergen; Guillot, mit offenem Munde und ſtieren auf Madame Murville gerichteten Augen ſeufzte tief auf; Sansſouci ſelbſt ſtrich ſich den Bart und wiſchte die feuchten Augen. Aber Jakob, am tiefſten von der Umgebung einer edlen Frau ergriffen, die ſich in einem Pachthof auf dem Lande vergraben, auf alle Vorzüge der Stadt verzichten will, ohne auch nur ein Wort der Klage gegen den Urh⸗ aller ihrer Leiden hervorzubringen, 96 der brave Jakob kann ſich nicht länger halten; er ſtößt Luiſe und Guillot zurück, ſchüttelt der von ſeinem Benehmen überraſchten Frau die Hand und ruft: „Nein, ſo wahr ein Gott lebt, Ihr ſollt nicht ar⸗ beiten, Ihr⸗ſollt Eure Geſundheit nicht aufs Spiel ſetzen, Ihr ſollt Eure zarten Hände, Eure feine Haut nicht mit Arbeiten verderben, die über Eure Kräfte gehen... ich übernehme es, für Eure Exiſtenz, für Euer Kind zu ſorgen. Ich will Euer Ernährer ſein, über euch Beide wachen... und fürwahr! ſo lange ein Tropfen Blut in meinen Adern fließt, werde ich meine Schuldigkeit thun.— Was ſagen Sie, Jakob, Ihre Schuldigkeit?— Ja, Madame.. ja, meine Schuldigkeit... mein Bruder hat Sie un⸗-⸗ glücklich gemacht, und es iſt das Wenigſte, was ich thun kann, daß ich Ihnen meine ganze Exiſtenz widme und Alles verſuche, ſeine ſchlechten Streiche wieder gut zu Pen— Wär' es möglich?... Sie wären... — Ja Murville, der Knabe, der mit fünfzehn Jahren, vom heftigen Wunſche beſeelt, die Welt zu ſehen, ſein umherirrendes Leben anfing... und ich geſtehe es, der vorzüglich nur durch die Kälte ſeiner Mutter und ihre ungerechte Vorliebe für ſeinen Bru⸗ der zu jenem unverzeihlichen Schritte bewogen wurde.“ Adeline umarmt Jakob; ſie fühlt die lebhafteſte Freude, ihres Mannes Bruder wiederzufinden, und die Bauern ſtehen von Ueberraſchung bewegungslos da, während Sansſouci ſich die Hände reibt und dabei aus vollem Halſe ruft:„Ich hab's gewußt, tauſend Granaten, ich hab's gewußt, ich! aber der pt, 97 Kamerad hatte mir Verſchwiegenheit auferlegt, und um alle Pfeifen des Großſultans hätte ich nicht ein Wort davon verrathen.“ „Aber warum mir ſo lange das Band, das uns vereint, verheimlichen wollen? fragt Adeline, zwei⸗ felten Sie an meiner aufrichtigen Freude?— Nein, antwortet Jakob etwas verlegen, nein, aber ich wollte 5 vorerſt Sie beſſer kennen lernen.. man erröthet oft Aℳ über ſeine Verwandten!— Ach, lieber Freund, wenn man dieſen Orden ſieht, kann man da wohl noch Zweifel aufkommen laſſen?— Ei, tauſend Granaten, das hab' ich ihm doch alle Tage entgegen gehalten, ruft Sansſouci, aber er iſt eigenſinnig, der Kamerad, wenn er ſich was in Kopf geſetzt hat, läßt er nicht nach.— Sie ſehen, daß ich Ihnen jetzt nützlich ſein darf, und das iſt die Hauptſache. Noch einen Kuß, und dann ſehen Sie mich für Ihren Bruder... für den Vater des kleinen Mädchens an, weil der, der es lieben und Sie hochverehren ſollte, kein Gemüth hat, weil er unwürdig iſt... doch genug, Sie wollen, daß ich ſchweige... Sie lieben ihn noch, ſehe ich! nun gut, es ſei, wir ſprechen nicht mehr von ihm, und wollen uns bemühen, ihn zu vergeſſen,— Ah, ſagt Adeline, wenn er Sie geſehen, ſeinen Bruder wiedergefunden hätte, vielleicht daß Ihr Rath..— Wenn er mich geſehen hätte!... Aber laſſen wir das... vergeſſen wir einen Undankbaren, der nicht eine Ihrer Thränen verdient.— Ja, ja, Munter⸗ keit, Fröhlichkeit, ruft Guillot, Wetter, man muß Paul de Kock. XXI. 7 barkeit an; Sansſouci dagegen ruft, indem er Guillot auf die Achſel klopft:„Meiner Treu, Ihr habt eine kreuzbrave Frau! ſie weiß, was ſie will!— S iſt wahr, antwortet Guillot, drum laſſ' ich ſie auch machen, und miſche mich in nichts, ſelbſt nicht in die 8 98 8 nicht immer weinen, das macht nur dumm!. Jetzt N wollen wir uns an den Tiſch ſetzen, und heute Abend X erzählt uns Bruder Jakob eine von ſeinen Schlachten, 2 damit wir uns zerſtreuen! Das macht Vergnügen. wenn ich ihm zugehört habe, träume ich jedesmal 4 die ganze Nacht davon, ich halte die Beine meiner. X ein Bataillon⸗Quarre und ihren B.. für e Bagi 3 malannl er mar a h d den Kanonendonner.— Schweig doch, Alter!!— Aaß der Magkeen beſchäftigte man ſich mit den △ nöthigen Einrichtungen für Adelinens Wohnung. Luiſe „ richtete für Madame Muroille ein kleines Zimmer 5 ein, deſſen Fenſter nach dem Felde hinausgingen, ſie 8 ſuchte es ſo freundlich als möglich herzuputzen und 3 ſtellte die beſten Möbel hinein, die ſie nur im Hauſe 6 hatte. Vergebens will Adeline ſich all' dem wider⸗ KNKſetzen, denn was Luiſe einmal beſchloſſen hat, muß d geſchehen; ſie hört nicht auf die junge Frau, wenn D dieſe ſie bittet, ſie nur als eine Bäurin zu betrachtenz 8 ſie will der Madame Murville den Verluſt ihres X Vermögens vergeſſen machen und verdoppelt deßhalb ihren Eifer, ihr zu dienen.. X Jakob dankt der Pachterfrau nicht mit Worten, aber er faßt ihre Hände jedesmal, ſo oft ſie etwas 3 7 ☛ für ſeine Schwägerin thut, mit Zärtlichkeit und Dank⸗ — — — 99 Kinderangelegenheiten; ſie kommen und gedeihen darum doch!“ So iſt nun Adeline in der Pachterwohnung förmlich zu Hauſe; ſie näht mit Leichtigkeit, und Luiſe iſt gezwungen, ſie den ganzen Tag, ſei es mit Nähen oder Spinnen, beſchäftigt zu ſehen. Jakob fühlt ſeine Kräfte ſich verdoppeln, ſeitdem ſeine Schwägerin und ſeine Nichte in ſeiner Nähe wohnen. Er arbeitet für drei. Die erlangte Fertigkeit in allen Ackerarbei⸗ ten, kurz in allem, was er vornimmt, trägt ſehr zur Vermehrung von Gulllots Einnahmen bei, und auch Sansſouci gibt ſich alle Mühe, ihm nachzuah⸗ men; er würde erröthen, unthätig zu ſein, während alle übrigen ſo gut ihre Zeit anwenden. Alles geht alſo auf dem Meierhofe nach Wunſch; Guillot und ſeine Frau ſchelten oft mit Adelinen, daß ſie zu fleißig ſei, und verbieten auch Jakob, ſo unermüdet zu arbeiten; aber beide achten nicht hierauf und haben die beruhigende Gewißheit, den biedern Landleuten nicht zur Laſt zu fallen. 3 So vergehen mehre Monate, ohne irgend eine Veränderung auf dem Pachthofe. Adeline wäre mit ihrem Schickſale zufrieden, wenn ſie ihren Mann vergeſſen könnte; aber ſie liebt denjenigen noch immer, der ſie unglücklich gemacht hat, und der Gedanke an Eduard betrübt unaufhörlich ihre Ruhe.„Was mag er jetzt thun?“ fragt ſie ſich jeden Tag, und die Ueberzeugung, daß er mit Dufresne lebt, vermehrt nur ihre Unruhe, ihre Qualen. Manchmal nimmt ſie ſich vor, nach Paris zu gehen, um über das 100 Betragen ihres Mannes Erkundigungen einzuziehen; aber ſie befürchtet Jakob böſe zu machen, der gegen ſeinen Bruder erbittert, nie etwas von ihm hören will. Jakob zeigt eine Gleichgültigkeit, die ſeinem Her⸗ zen fremd iſt. Im Stillen denkt er nur zu oft an ſeinen Bruder; er iſt über ſein Betragen gegen Frau und Kind entrüſtet, und gäbe alles in der Welt darum, wenn Reue ihn von ſeinem Irrwege zurückbrächte und er um Verzeihung bäte, die man ihm gern gewähren würde.. Adeline und Jakob verſchweigen ſich alſo gegen⸗ ſeitig, was ſie beſchäftigt, weil ein Jeder glaubt, den Andern zu betrüben. Sansſouci iſt der Ver⸗ traute von Beiden. Guillot hat manchmal Aufträge nach Paris; ſei es für den Verkauf ſeiner Feldfrüchte oder den Ankauf von nöthigen Dingen zur Wirthſchaft; dazu wird nun immer Sansſouci gebraucht, weil Jakob es mehre Male, aus Beſorgniß, ſeinem Bruder zu begegnen, abgeſchlagen hat. Aber jedesmal, wenn Sansſouci nach der Hauptſtadt geht, bittet ihn Adeline insgeheim, ſich nach ihrem Manne zu er⸗ kundigen; Jakob dagegen begleitet ihn vor das Hof⸗ thor und ſagt dann im Vertrauen zu ihm:„Wenn Du etwas Fatales von dem hören ſollteſt, den wir vergeſſen müſſen, ſo denke, daß Du ſchweigen mußt; verſtehſt Du mich 2... wenn Du ein Wort davon meiner Schwägerin hinterbringſt, ſo biſt Du nicht mehr mein Freund!“ Sansſouci entfernt ſich hierauf mit dieſem dop⸗ pelten Auftrage, kehrt aber. jedesmal zurück, ohne 2 — 101 etwas erfahren zu haben; da Eduard ſeinen Namen gewechſelt hat, ſo kann Niemand ihm ſagen, was aus ihm geworden iſt. Neuntes Kapitel. Der Verwegene.— Der Feige.— Der Betrunkene. Das Glück ſchien den Elenden von Neuem zu lächeln, die ſich gegen Ehre und Geſetz verſchworen hatten; eine neue Verſuchung zog ſie zum Verbrechen hin und hielt ſie ab, umzukehren; die erſten Erfolge ſchienen ihnen auch für die Zukunft Strafloſigkeit zuzuſichern; der Verbrecher wird ja immer dreiſter, und der, welcher zitternd die Bahn des Laſters be⸗ tritt, entledigt ſich gar leicht aller Scham und übertrifft oft noch die, welche ihn zum Böſen verleitet haben. Das Spiel, dem ſich Eduard mit erneuter Wuth ergibt, hat aufgehört ihm ungünſtig zu ſein; er ge⸗ winnt, und der Unglückliche triumphirt, den Weg gefunden zu haben, wodurch man Vermögen erlangt. Dufresne und Lampin unterrichten ihn in allen von Betrügern beobachteten Mitteln, um dem weniger verſchmitzten Gegner das Geld abzugewinnen; ſie lachen dann auf Koſten der Einfaltspinſel, die ſie ruinirt und ausgeſogen haben, und ein Jeder bemüht ſich, ſeine Kameraden in Lug und Trug möglichſt noch zu übertreffen. Lampin wohnte bei ſeinen beiden Freunden; Du⸗ fresne hatte es Eduard begreiflich gemacht, wie noth⸗ 102 wendig es ſei, es mit ihm nicht zu verderben. Uebrigens war Lampin ſehr fruchtbar an luſtigen und ſchlauen Streichen, und daher eine erwünſchte Hülfs⸗ quelle, ein reicher Schatz für unſere beiden Freunde. Wenn das Glück günſtig war, dachte man bloß daran, ſich zu beluſtigen. Eines Abends, als man nur noch Lampin erwar⸗ tete, um ſich zu Tiſch zu ſetzen, kommt dieſer lachend an, und beeilt ſich ſeinen Freunden anzukündigen, wie ein gewiſſer Wechſel als falſch erkannt und der Einlöſer deſſelben von ſeinem Verluſte überzeugt worden ſei. Eduard wird blaß und betreten. Du⸗ fresne beruhigt und überredet ihn, daß ſie niemals entdeckt werden könnten; ſie hätten ja Namen und Wohnung verändert, nicht einen einzigen Beweis ver⸗ möge man gegen ſie aufzuſtellen; Lampin höchſtens könne man verfolgen, dieſer habe jedoch eine ſolche Geſchicklichkeit, ſein Geſicht und ſeine Perſon zu ver⸗ ändern, daß er die Agenten der Polizei ſicher über⸗ liſten werde. 8 Eduard iſt damit nicht zufrieden geſtellt, verſucht jedoch ſich zu zerſtreuen und jede Furcht zu verſcheu⸗ chen. Zwei Nachbarinnen, die öfteren Gäſte unſerer Freunde, kommen gerade zur gelegenen Zeit, um den Abend aufzuheitern.—„Das iſt herrlich, ruft Lam⸗ pin, unſere blonde Veronica ſoll uns einige Späße erzählen! Sie weiß immer die pikanteſten Neuig⸗ keiten; das wird unſern ſchläfrigen Bellecour(Eduards neuer Name), der heute Abend wieder ein wenig den Kopfhänger ſpielt, erheitern.— Ach! ich habe heute 2 103 Abend wenig Luſt zum Spaßen, antwortet Veronica, indem ſie einen leichten Seufzer unterdrückt, mir iſt heut gar nicht recht!— Aber ich dächte doch, Du wäreſt ſonſt immer oben aus.— Nein, wirklich, ich bin ganz betrübt.— Bah! ſtehſt Du vielleicht ſchlecht mit Deinem Wirthe?— Das nicht, aber ich habe eine Freundin, die in eine fatale Geſchichte verwickelt iſt!... und das quält mich!— Was iſt denn das für eine Geſchichte? ſprich doch; vielleicht können wir ihr dienlich ſein.— Ach nein, die Juſtiz hat ihre Klauen ſchon darüber, und doch iſt die arme Kleine ſo unſchuldig, wie ihr und ich.— Potz Blitz, das will viel ſagen, aber erzähle uns doch, wovon es ſich handelt.— So wißt denn, daß meine Freundin früher Kammerjungfer in verſchiedenen Häuſern war; unter anderm diente ſie bei einer Wittwe, die vor nicht gar langer Zeit ſtarb, und man erlaubte ſich im Stadtviertel auszuſtreuen, ſie ſei vergiftet wor⸗ den!.Dieſe Gerüchte kamen der Juſtizbehörde zu Ohren, man hat die Todte nun ausgegraben, und die Aerzte ſcheinen zu beſtätigen, was die Nachbarn behaupten. Darauf hat man Nachforſchungen ge⸗ halten und meine Freundin feſtgenommen, weil ſie gerade um jene Zeit bei der Dame diente; aber das arme Mädchen iſt ſo rein, wie dies Glas Wein, ich will es beſchwören.“ Dufresne hört der Erzählung der blonden Vero⸗ nica zu, während Lampin mit dem andern Mädchen ſcherzte, und Eduard, den der Gedanke an den falſchen Wechſel quälte, ſich in einer Ecke des Zimmers auf ·. 104 einen Stuhl niedergelaſſen hatte, ohne einer Geſchichte Gehör zu ſchenken, die ihn gar nicht intereſſirte. „Die Sache ſcheint mir in der That ſonderbar, ſagt Dufresne, indem er ſeinen Stuhl näher an Veronica rückt. Aber wie heißt denn Deine Freun⸗ din?— Suſanne; ſie iſt auf Ehre ein gutes Kind und unfähig, irgend Jemand ein Haar zu krümmen!“ Bei dem Namen Suſanne entfärbt ſich Dufresne; aber er faßt ſich bald wieder, blickt im Zimmer um⸗ her, ſieht, daß Murville nicht auf ihn hört, Lampin anderwärts beſchäftigt iſt, und fährt fort, Veronica auszufragen. 3 „Esſcheint mir, als ob Deine Suſanne Mühe haben werde, ſich aus der Affaire zu ziehen, wenn, wie Du ſagſt, die Dame ſie allein zur Bedienung hatte.— O, das ſchadet nichts, Suſanne hat Ver⸗ dacht auf Jemand, der den Streich ausgeübt haben werde.— Wirklich?— Ja, mein Lieber; ein junger Mann, ein Spieler, ein Taugenichts und Gauner, war der Geliebte der Wittwe und beſuchte ſie oft! — Gut, gut, ich verſtehe!— Nachher verlor die gutmüthige Frau durch ihn ihr Vermögen!... Warten Sie doch, ich glaube, ich erinnere mich ihres Na⸗ mens... Madame Dou... Dol...— Schon gut, ſagt Dufresne, Veronica ſchnell unterbrechend, an ihrem Namen liegt mir nichts.—'S iſt auch wahr, der Name macht nichts zur Sache. Kurz! die Dame war närriſch in ihn verliebt; es lag ihm aber gar nichts an ihr, denn er ſog ſie bloß aus, ſo lange ſie etwas hatte... Es ſcheint nun, daß ſie zuletzt ſich —,.— 10⁵ mit ihm zerworfen und der Elende ſie darauf vergiftet hat, um ſich zu rächen, da ſie ſeine Schlechtigkeiten an den Tag zu bringen beabſichtigte.— Das iſt nicht unwahrſcheinlich!— Ach! die Männer find heutzutage recht niederträchtig, ſie bringen eine Frau um, wie eine Fliege.— Und was denkt denn Suſanne zu thun?— O, ſie hat das alles dem Gericht ſchon angezeigt, damit man dem Thäter nachſpüre, der jetzt, Gott weiß wo, iſt.— Das iſt ganz gut und ich wünſche nur, daß man hinter die Wahrheit komme.“ Die letzten Worte ſagt Dufresne nur halblaut. Ungeachtet der affektirten Ruhe verrathen ſeine ver⸗ änderten Züge die Empfindungen, die ihn bewegen. Die Abendunterhaltung hat früher, als gewöhn⸗ lich, ihr Ende erreicht. Eduard iſt unruhig, und auch Dufresne ſcheint ungewöhnlich aufgeregt. Man ſchickt die Nachbarinnen fort. Lampin, der allein ſeine heitere Laune behalten hat ,ſchenkt ſeinen Freun⸗ den volle Gläſer ein und ſpottet über ihre Traurig⸗ keit. Eduard trinkt bloß, um ſeine angſtvollen Ge⸗ danken hinunter zu ſpülen, aber Dufresne iſt gar nicht aufgelegt, ihnen die Spitze zu bieten, und Lampin allein berauſcht ſich, indem er ſich vergebens bemüht, ſeine Kameraden zum Lachen zu bringen. „Hübſch munter doch, meine Freunde, ſo geht das nicht, ſagt er, die Gläſer füllend. Ihr ſeid ja heut Abend ſo ernſthaft, wie Gehängte!... Bellecour will ich noch entſchuldigen, denn der iſt immer wie ein begoſſenes Huhn!... aber Du Freund da hinten... 106 Vermontré... Courval... Dufresne... oder wie Du ſonſt noch heißt.“ „Halts Maul, Dummkopf, ruft Dufresne ganz wüthend, ich verbiete Dir, mich jetzt bei dieſem letzten Namen zu nennen!— Du willſt mir das verbieten .. So.. Sieh mal einer... mit einer Miene, als wenn er einen durchbohren wollte!... Du haſt Dich* doch ſonſt ſo genannt, als Du mit der armen Dolban lebteſt... die blind glaubte, daß Du ſie liebteſt... und die.— O ſo ſchweig doch, Trunkenbold... — Trunkenbold!... ah!... das kleidet Dich gut, mich Trunkenbold zu nennen, der Du geſtern unterm Tiſch geſchlafen haſt, und Punſch trinkſt, wie ein Loch!... Mag ſein! Freunden nehm' ich nichts übel, und Freunde ſind wir doch einmal!... ich ſehe wohl, daß ihr alle beide bei ſchlechter Laune ſeid, Eduard wegen des Schnitzels Papier, was ihm zu ſchaffen macht... und Du... ja Du, wahrhaftig, ich weiß es nicht!... irgend ein Fiſchchen, das Dir aus dem Garne entkommen iſt, oder ein Freund, der Dich in die Klemme gebracht hat... oder auch... ja, aber was hat Dir denn Veronica da von einer Vergiftung vorgewinſelt, von einer Wittwe, einem Liebhaber, und der es doch nicht wäre? Siehe! das gleicht wie ein Tropfen Waſſer dem andern, Deiner Liebesintrigue mit der alten Dolban... Wenn Du es wäreſt, der .. ha, ha, ha! Du wäreſt eines ſolchen Streiches ſchon fähig.— Lege Dich doch nieder, Lampin, Du ſiehſt, Eduard ſchläft ſchon, Du wirſt ihn mit Dei⸗ nen Tollheiten noch aufwecken.— Nun, ſehe einer. 107 das große Unglück, wenn er aufwachte.. Teufel... Du biſt ja ſehr zärtlich, heute Abend!... aber ich will nun einmal Spaß machen, trinken und lachen... und will noch nicht ſchlafen, verſtehſt Du? ich fühle mich ſo recht im Zuge... ich bin verdrießlich, un⸗ ſere Veſtalinnen fortgeſchickt zu haben... ich bin der Mann ihnen Stich zu halten... Tra la la la!— Du willſt Dich alſo heute gar nicht niederlegen?— Ich werd's thun, wenn's mir gefällt, Murrkopf. O! ich ſehe wohl, daß Du brummig biſt, ſag' ich Dir... Du willſt uns Deine Sache verbergen; Veronica's Erzählung hat Dir die Zunge ausgetrocknet, mein armer Dufresne!— Elender, wirſt Du endlich ſchweigen? ſchreit Dufresne, indem er ihn bei der Gurgel packt; Lampin wehrtt ſich, ſtolpert zurück und fällt auf Eduard, der in einer Zimmerecke ſchlief, plötzlich aufwacht, Blicke des Schreckens umherwirft und ausruft: Da ſind ſie! da ſind ſie! jetzt wollen ſie mich arretiren!“ „Dich arretiren, ſagt Dufresne, und wer denn? — Ha ha ha?... ſind das Schwachköpfe! ruft Lampin, wieder aufſtehend und ſich mit Mühe aufrecht erhaltend, der Eine träumt und der Andere ſieht wachend Gefahr!— Ah, es war nur ein Traum, ſtammelt Eduard, indem er ſich die Augen reibt.— Nun freilich! Ihr ſeid beide Kinder... aber Du, wag' es nicht noch einmal mir meine Kehlpfeife zu verderben... oder ich zürne ernſtlich...— Es iſt ſchon ſpät, Freunde, ſagt Dufresne, ich bin müde und lege mich nieder.— Nun, ſo lauf!... Dein 108 Freund wird mir bei dieſer Flaſche Rum noch Ge⸗ ſellſchaft leiſten.— Nein, ich gehe auch zu Bette, ich bin ſchon ganz ſchlaftrunken.— So macht, daß ihr fortkommt, dann trink ich allein.— Noch ein⸗ mal, Lampin, mache nicht ſo viel Lärm, die Nach⸗ barn möchten es hören.— Die Nachbarn mögen ſich Thee kochen laſſen, ich will nun einmal luſtig ſein, und jetzt mach' ich gerade noch mehr Lärmen! He tra la la la!“ Lampin ſingt aus voller Kehle und gießt ein Glas nach dem andern hinunter, Dufresne und Eduard nehmen ein Licht, um ſich in ihr Zimmer zu begeben, als ſich plötzlich drei ſehr harte Schläge an die Haus⸗ thüre hören laſſen. Dufresne macht eine Bewegung des Schreckens, Eduard horcht zitternd auf, und Lampin wirft ſich lachend auf ein Kanape. „Man hat geklopft, ſagt Eduard zu Dufresne.— Ja, ich hab's gehört.— Nun ja, und ich auch, denn ich bin nicht taub, aber... was geht uns das an, wir erwarten Niemand... es iſt beinahe drei Uhr Morgens, wenn's nicht vielleicht unſere Nymphen ſind, uns einzuwiegen.— Still!... man öffnet, glaub' ich!— Man muß doch die Thüre aufmachen, wenn man herein will!... In einem Gaſthauſe, wie das hier, geht's da nicht die ganze Nacht aus und ein 2... übrigens mag kommen, wer will, ich belache alles und trinke.“ „Ich höre nichts mehr, ſagt Dufresne, oh! das galt uns nicht!“ —— 8—— — 109 Eduard lehnt ſich gegen die Stubenthür, die auf die Hausflur führt, und horcht aufmerkſam. Lampin fängt wieder an zu fingen, und hat Mühe, ſein Glas an die Lippen zu bringen, das die Hand kaum mehr halten kann. Plötzlich fährt Eduard auf:„Was iſts? fragt Dufresne leiſe.— Ich höre mehre Stim⸗ men... das Geräuſch nähert ſich... ja man ſteigt die Treppe herauf, oh!... kein Zweifel mehr, man will uns feſtnehmen, wir ſind entdeckt!— Still, Unbeſonnener! ruft Dufresne, indem er bemüht iſt, ſeine eigene Furcht zu bekämpfen, ſollte man wirk⸗ lich zu uns kommen, nur nicht verlegen! gebe ein Jeder Acht auf das, was er ſagt, und beſonders nennt mich nicht Dufresne.— Ich weiß nicht mehr, was ich thun und ſagen ſoll, erwidert Eduard, deſſen Angſt in gleichem Maße, wie das Geräuſch draußen zunimmt.— Nun, alſo ich... ich weiß kaum meinen Namen noch... ich! ſagt Lampin, ſein Glas fal⸗ len laſſend, aber ich ſag euch ja, es gilt uns nicht.“ In dieſem Augenblick klingelt man auf dem Flur. Eduard fällt faſt ohne Beſinnung auf einen Stuhl; Dufresne bleibt unbeweglich mitten im Zimmer ſtehen, und gibt beiden ein Zeichen, ſich nicht zu rühren. Bald darauf klingelt es nochmals, und dann wird heftig angeklopft:„S iſt Niemand zu Hauſe, ſchreit Lampin, geht zum Teufel!“ „S hilft nichts, ſagt Dufresne, wir müſſen öff⸗ nen.. wer iſt da?— Aufgemacht, ihr Herren, oder man iſt genöthigt, die Thüre einzuſtoßen.— Stoßt 110 ſie ein!... meine Freunde, mir iſt's gleich, das Haus iſt nicht mein.“ Dufresne ſieht, daß kein Ausweg mehr möglich iſt und entſchließt ſich, zu öffnen, nachdem er den Uebrigen nochmals ein Zeichen gegeben hat, vorſich⸗ zu ſein; aber Lampin ſchwamm es ſchon vor den Augen, und Eduard hatte den Kopf verloren. Ein Unteroſſizier und mehre Gendarmen traten ein. Bei ihrem Anblick erblaßte Dufresne, Eduard ſtößt einen Schrei des Schreckens aus, und Lampin rollt vom Stuhl auf den Fußboden.— Sie müſſen uns folgen, ſagt der Unteroffizier zu Dufresne; dieſer aber nimmt alle Faſſung zuſammen und fragt mit Anmaßung, wie man ſich unterſtehen könne, ſeine Ruhe zu ſtören. „Ja, mit welchem Rechte... ſtört man das Ver⸗ gnügen rechtlicher Leute? ſtottert Lampin, ich ſtehe mit meinem Leben für meinen Freund.— Eure Bürg⸗ ſchaft hat keinen Werth, man kennt Euch, Meiſter Lampin!— Nun dann hat man eine gute Bekannt⸗ ſchaft gemacht, hoffe ich.— Ihr werdet uns auch folgen!— Ich!... ohol das möchte ſchwer ſein, ich thue nicht mehr zwei Schritte um eine Bowle Punſch, .. überlegt, ob ich ſo ins Gefängniß gehen kann. — Was den Herrn da betrifft, ſagt der Unteroffizier, ſo habe ich keinen Befehl, ihn zu arretiren, aber ich rathe ihm, künftig ſeine Bekanntſchaften beſſer zu wählen.“ Eduard ſteht zitternd und mit niedergeſchlagenen Augen im einer Ecke des Zimmers. Er verſteht nicht, 111 was man ihm ſagt; er iſt ſo ſehr überzeugt, daß man ihn fortführen will, daß er ſich ſchon im Kerker ſieht und entſchloſſen iſt, ſein Verbrechen zu bekennen, um durch Offenherzigkeit ſeine Richter zu erweichen. Dufresne iſt wüthend, daß man ihn feſtnehmen will und Eduard ihm nicht ins Gefängniß folgen ſoll. Sie ſind im Irrthum, meine Herren, ich habe nichts verbrochen, um arretirt zu werden.— Ihr ſeid ein gewiſſer Dufresne, der mit der Madame Dolban lebte?— Sie irren ſich, ich heiße Vermontré!— O ja, das iſt wahr, fällt Lampin ein, der bemüht iſt, ſich ohne die Hülfe der Gendarmen wieder auf⸗ zurichten, ſo heißt er faſt ſchon zwei Monate lang.— Sie läugnen umſonſt; ſeit langer Zeit beobachtet die Polizei Sie ſchon, und auf die Nachrichten von dem Morde, deſſen Sie angeklagt ſind, iſt es uns, unge⸗ achtet aller Ihrer falſchen Namen, nicht ſchwer ge⸗ worden, Sie aufzufinden.— Einen Mord!— Einen Mord, ruft Lampin gleichfalls, einen Augenblick, meine Herren, das geht mich gar nichts an!... Ich glaubte, Sie kämen wegen eines Blättchens Papier . was nur eine Bagatelle iſt!... Aber ein Mord! ... Alle Teufel! verſtehen wir uns recht! Ich bin weiß wie der Schnee, und Fluet, dahinten in der Ecke, wird es Euch bezeugen!... Wir haben nur mit der Feder gearbeitet.— Mit der Feder?— Ja! wenn ich ſage wir... das heißt, La Valeur, der da ſteht und zittert... hat das Meiſte geſchrie⸗ ben... aber er ſchreibt nett!.. Ah, das war ſchlau erwiſcht!... Und der alte Jude ging in die Falle... *8 112 So gut, daß uns die Goldſtückchen recht gut behagt, haben... Wenn Sie uns Geſellſchaft leiſten wollen, ich bin der Mann dazu.“ Der Unteroffizier hörte aufmerkſam zu, und der Schrecken Eduards, verbunden mit den zuſammen⸗ hängenden Phraſen Lampins ließen ihn errathen, daß die Herren ſich Spitzbübereien noch anderer Art ſchul⸗ dig gemacht haben mußten, als den Gegenſtand be⸗ traf, der ihn herführte. Wegen des Verbrechens an der Madame Dolban ſuchte man die Elenden in der Nacht auf, um Dufresne deſto ſicherer zu finden; die Unächtheit des Wechſels war erſt den Abend vorher entdeckt worden, und die Polizei, die gleich davon Nachricht erhielt, hatte die Spur der Thäter noch nicht aufgefunden.. „Nachdem, was ich höre, werden Sie uns auch folgen, ſagt der Unteroffizier zu Eduard, wenn Sie unſchuldig ſind, wird es Ihnen leicht werden, ſich zu rechtfertigen.— Ach! ich werde Alles geſtehen! ſagt Eduard, indem die Gendarmen ihn feſtnehmen.— Nun, Du biſt und bleibſt ein Schwachkopf, ſo wahr ich Lampin heiße, ich werde nichts geſtehen! Wohlan, vorwärts Freunde, tragt mich, wenn ihr verlangt, daß ich mit euch ſoll.“ Man zieht Dufresne, der noch Widerſtand leiſten will, mit ſich fort. Eduard dagegen läßt ſich führen, ohne ein Wort zu ſagen, Lampin aber muß getragen werden, da er nicht auf den Beinen ſtehen kann; und ſo bringen alle Drei den Reſt der Nacht auf der Wache zu. 113 Am andern Morgen, vor den Inſtruktionsrichter geführt, um in ein vorläufiges Verhör genommen zu werden, zittert und ſtottert Eduard, und hat kaum die Kraft, ſein Verbrechen zu läugnen; vergebens hat Lampin, von ſeinem Rauſch nun befreit, ihm die wichtigen Folgen ſeiner Antworten vorgeſtellt und ihn unterrichtet, was er ſagen ſoll; Murville hat ihm auch verſprochen, unerſchrocken zu ſein und ſeinem Rathe zu folgen; aber vor dem Richter verliert der Unglückliche allen Muth und alle Faſſung. Bis das Urtheil über die Fabrikation des falſchen Wechſels erfolgt, werden Eduard und Lampin in das Gefängniß La Force eingeſperrt. Dufresne bleibt nicht bei ihnen, bereits beſchuldigt, Madame Dolban ver⸗ giftet zu haben, ſoll er früher als ſeine beiden Freunde verurtheilt werden, und wird alſo nach der Concier⸗ gerie gebracht. Eduard, der nicht die Vorſicht gebraucht hatte, etwas Geld mitzunehmen, wird mit Lampin in einen ſchmutzigen, ſtinkenden Saal geführt, der von einer Menge Elender angefüllt iſt, die des Diebſtahls oder anderer Verbrechen wegen hier beiſammen find. Ein wenig Stroh iſt ſein Lagek, und zur Nahrung er⸗ hält er die gewöhnliche Gefangenenkoſt. Lampin fin⸗ det ſich in ſein Schickſal, iſt fröhlicher Laune, fingt, ſchreit und treibt mit den Unglücklichen, die ihn um⸗ Reue. Er weint die g uze Nacht auf der ihm zum Lager dien Nund ſeine T Paul de Kock. XXI. 8. hränen ſind 4 114 eine Quelle des Scherzes und Spottes für ſeine Mit⸗ gefangenen. Bei Tage haben die Gefangenen die Erlaubniß, auf einem großen Hofe einherzugehen; Eduard folgt ſeinen Kameraden nicht dahin, um einige Augen⸗ blicke allein und ungeſtört ſeinem Schmerz freien Lauf laſſen zu können. Er bekömmt keinen Beſuch, hat keine Freunde mehr; ſeine früheren Spießgeſel⸗ len des Vergnügens und der Luſt erinnern ſich ſeiner nicht mehr, und doch werden die übrigen Gefangen)en faſt täglich von ihren luftigen Collegen heimgeſucht; aber Eduard ſteht auch bei allen im Rufe eines ſchwa⸗ chen und kindiſchen Tropfs, und Menſchen von ſolchem Schlage ſind in ihren Augen gar nichts werth; die kleinſte Widerwärtigkeit entmuthigt ſie, und die Fei⸗ gen werden von den Verbrechern ebenſoſehr verachtet, † als ſie von rechtlichen Leuten mit Geringſchätzung behandelt werden. Die Erinnerung an Adeline und ſeine Tochter ſchwebt jetzt Eduards Gedächtniß vor... im Un⸗ glücke gedenkt man ij gionders derer, die uns wahr⸗ haft geliebt haben. und Kind hat er verſtoßen und verlaſſen, ohne 3 en, ob es ihnen möglich ſein wird, ihr Leben zu en, aber dennoch iſt er überzeugt, daß Adeline ihm zu Hülfe eilen, ihm ihren Troſt bringen und ihre Thränen mit den ſeinigen miſchen würde, wenn ſie ihn hier im Gefängniß ver⸗ muthen könnte. Ungeachtet alles Unrechts, was er ihr angethan, weiß er doch, daß ihr Herz noch für ihn ſchlägt. 115 Eines Tages nähert ſich ihm Lampin, und ſeine freudige Miene ſcheint ihm irgend eine gute Nach⸗ richt anzukündigen.„Werden wir begnadigt werden? fragt Eduard ſogleich..— Nein, wahrhaftig, das dürfen wir nicht hoffen; übrigens haſt Du, Dumm⸗ kopf, unſere Sache ja ſo ſchön eingefädelt, daß man blind ſein müßte, wenn man uns nicht verurtheilen wollte. Ach! wenn Du ein anderer Kerl geweſen wäreſt; wenn Du nur wenigſtens nachgeſprochen hät⸗ teſt, was ich Dir eingetrichtert hatte, ſo hätten wir unſere Angelegenheiten doch ſo verwickelt, daß man der Sache nicht gewiß war; aber Du ſchwatzteſt ja wie eine Elſter.— Vergeßt Ihr, daß es Euer Fehler iſt, daß ich arretirt worden bin? Ihr habt zuerſt die Juſtiz aufmerkſam gemacht.— Ha, ha, ha! mein Junge, das iſt ein ander Ding; ich hatte etwas im Kopfe, wie ein braver Kerl, ich hatte für Drei ge⸗ trunken, und, wie das Sprüchwort ſagt, in vino veritas! Aber davon handelt es ſich überhaupt nicht; unſer Freund Dufresne iſt glücklicher als wir.— Hat man ihm die Freiheit geſchenkt?— Ei bewahre, aber er hat ſie ſich ſſelbſt genommen, er iſt mit zweien ſeiner Mitgefangenen entſprungen. Potz Blitz, mein. Junge, das iſt ein Pfiffikus, der Dufresne, ein ſo⸗ lides Haus, nicht ſolche Schlafmütze, wie Du,... ich wette, er hätte lieber ſein Gefängniß in Brand geſteckt, als drin zu bleiben... Wenn man ſo iſt, fehlts nicht an Freunden; Dufresne hat Bekannt⸗ ſchaft gemacht, iſt davon gegangen, und er hat Recht daran gethan, denn man verſichert beſtimmt, er wäre zum Tode verurtheilt worden.— Zum Tode? was hat er denn verbrochen?— Was er verbrochen hat? Kommſt Du aus einem Mäuſeloch? Weißt Du denn nicht, warum man ihn feſtgenommen hat?— Ich glaubte, wegen des unglücklichen Wechſels, wie uns. — Ei, ich dächte gar!... weit beſſer, als das... aber zur Sache, ich erinnere mich ſo eben, daß die Furcht Dich um Deinen Kopf gebracht hatte. So wiſſe denn, daß Dufresne angeklagt iſt, eine Ma⸗ dame Dolban, mit der er lebte, vergiftet zu haben. — Großer Gott!... das Ungeheuer!— Es ſcheint, ſeine Sachen ſtehen ſchlecht; er wird auch in in con- tumaciam zum Tode verurtheilt werden, aber Du kannſt wohl denken, daß er ſich hier nicht wieder ſehen läßt, um ſich das Lebenslicht ausblaſen zu laſſen. Wir werden ihn nicht wieder zu ſehen be⸗ kommen, und das ärgert mich; er iſt ein grundge⸗ ſcheiter Kerl; ſchade, daß er ſich ſo weit eingelaſſen hatte!— Und wir?— Binnen Kurzem wird man uns nach der Conciergerie bringen, um uns ins Ge⸗ bet zu nehmen, und da werden wir nun alle unſere Feſtigkeit und unſere Beredſamkeit gebrauchen kön⸗ nen! Wenn Du da weinſt, wie hier, ſo iſts vorbei! . dann müſſen wir übers Meer, zum Dienſt fürs Gouvernement.— Unglücklicher wär es möglich? — Still, man hört auf uns, genug geſchwatzt.“ Während der unglückliche Eduard ſich der größten Angſt des Gewiſſens, der Furcht und dem Schrecken überläßt und von Böſewichtern umgeben iſt, die ſich ihrer Verbrechen und Gemeinheit rühmen, ihn 1 — zugleich als einen Gegenſtand ihrer Verachtung betrach⸗ ten, und weder Theil an ſeinem Kummer nehmen, noch ein Wort an ihn verlieren, verlebt Adeline ruhig ihre Tage auf Guiloots Meierhofe. Sie ſieht ihre Tochter heranwachſen, die ſchon einige ihr allein verſtändliche Worte ſtammelt. Jakob, immer voll Eifer und Muth, übernimmt die härteſten Arbeiten und macht ſich ein Vergnügen daraus. Des Abends bleibt er bei Adeline; er nimmt die Kleine auf den Schooß und läßt ſie bei einem militäriſchen Liede tan⸗ zen. Ein Jedes liebt den Bruder Jakob, und ſo wird er jetzt auch im Dorfe genannt, ſeitdem man weiß, daß er Madame Murville's Schwager iſt. Die Pachtersleute ſind ſtolz darauf, unter ihrem länd⸗ lichen Dache eine Frau wie Adeline und einen recht⸗ lichen Mann wie Jakob zu beſitzen. Dieſes friedliche Leben ſollte jedoch nicht fort⸗ dauern. Eine Reiſe Sansſouci's nach Paris ſollte eine große Veränderung darin berbeiführen. Der Kamerad Jakobs geht eines Tages mit geheimen Aufträgen hinſichtlich Eduards von Adelinen und ihrem Schwager verſehen, nach Paris. Bisher hatte Sansſouci noch nie etwas über Mur⸗ ville erfahren können; aber ein unglücklicher Zufall will es, daß er diesmal einem Freunde begegnet, den er ſeit vielen Jahren nicht geſehen hat. Dieſer Freund iſt, nachdem er mehre Erwerbszweige ergrif⸗ fen hatte, endlich Bote bei der Conciergerie geworden. Er iſt es, der von den Gefangenen, die noch mit der menſchlichen Geſellſchaft verkehren dürfen, zu 118 allerlei Aufträgen verwendet wird. Sansſouci ſpricht den Namen Eduard Murville aus, und erfährt nun, daß dieſer im Gefängniß ſitzt, und daß ſein Urtheil am andern Morgen publicirt werden ſoll.— Im Gefängniß? ruft Sansſouci, der Bruder meines bra⸗ ven Kameraden?... Tauſend Granaten! Was ſagſt Du mir da? was wird das meinen armen Jakob unglücklich machen?“ Der Bote, der bemerkt, daß Sansſouci ſich für Eduard ſo lebhaft intereſſirt, bereut es ſchon, zu viel geſagt zu haben.—„Aber warum ſitzt er im Ge⸗ fängniß? fragt Sansſouci unruhig, was hat er ver⸗ ſchuldet? ſprich! unterrichte mich, iſt's Schulden hal⸗ ber?— Ja, ja... o, ich glaube eines Wechſels wegen, antwortet zaudernd der Bote, der ſich wohl hütet, die Wahrheit zu ſagen, und bemüht iſt, der Unterhaltung eine ande„ Wendung zu geben.— Donner! ſein Bruder! ihr Mann im Gefängniß! Arme, kleine Frau! un ücklicher Kamerad!— Sag Ihnen nichts davon, lieber Freund, es thut mir be⸗ reits leid, Dir dieſe traurige Kunde mitgetheilt zu haben.— Du haſt Recht, ich werde ſchweigen, denn ſie können hier doch nichts machen... dieſer Eduard iſt ein Taugenichts! deſto ſchlimmer für ihn.— O ja, es iſt ein trauriges Subjekt, und ſie thun am beſten, ihn zu vergeſſen.— Ja, wir Andern können das wohl ſagen, aber eine Frau, ein Bruder, man hat doch ein Herz, ſiehſt Du, und wenn man liebt, vergißt es ſich nicht ſo leicht..„Leb wohl, Alter, ich kehre ſehr unzufrieden darüber, Dir begegnet zu ſein, 119 nach Hauſe zurück, obgleich die Schuld nicht an Dir liegt. Mir iſt das Herz ſo voll, und es i*ſt fatal, daß ich mich nicht verſtellen kann.“ Sansſouci verläßt ſeinen Freund, und kommt auf dem Meierhofe wieder an; Adeline und Jakob fragen ihn gewöhnlich aus, und er antwortet, daß er nicht mehr als frühen erfahren habe; aber vergebens be⸗ müht er ſich, ſein Geheimniß zu verbergen; ſeine Traurigkeit verrath ihn; ſeine Verlegenheit, wenn Adeline mit ihm von Eduard ſpricht, macht dieſe argwöhniſchz denn eine Frau erräth gar leicht unſere“ Empfindungen. Ueberzeugt, daß Sansſouci ihr ir⸗ gend etwas Bedenkliches über ihren Mann verſchweigt, ver ast den armen Sansſouci keinen Augen⸗ blick, end quält und beſchwört ihn, ihr alles zu geſtehen. 4 Zwei Tage hält der brape Soldat ſich tapfer gegen die dringenden Bitten Adelinens; aber er erwägt Eduards Lage im Gefängniß und meint, ſie müſſe noch einige Bekannte in Paris haben, durch die ihm vielleicht geholfen werden könnte. Eduard iſt ſtraf⸗ fällig, vielleicht hat aber das Unglück ihn klüger ge⸗ macht, er darf doch nicht aller Hülfe und alles Troſtes beraubt werden. Dieſe Betrachtungen beſtimmen end⸗ lich Sansſoucit, ihr nichts zu verſchweigen. Die Ge⸗ legenheit bietet ſich leicht dar. Am andern Morgen dringt die junge Frau aufs Neue in ihn, ihr zu ge⸗ ſtehen, was er weiß. Sansſouci verſpricht es untern der Bedingung, daß ſie Jakob nichts davon ſage, weil er befürchtet, von ihm geſchimpft zu werden. Adeline 120 iſt bereit dazu, und erfährt nun Alles, was ihm in Paris mitgetheilt worden iſt. Sowie Adeline davon in Kenntniß geſetzt iſt, daß ihr Mann im Gefängniß ſitzt, faßt ſie plötzlich ihren Entſchluß; ſie verläßt Sansſouci, geht in ihr Zim⸗ mer, nimmt einige Gegenſtände von Werth, die letzten Ueberreſte ihres Vermögens, ſchnürt ein kleines Bün⸗ delchen mit den nothwendigſten Kleidungsſtücken, und nimmt, nachdem ſie mit einigen Linien ihre Wirths⸗ leute gebeten hat, über ihre Abweſenheit nicht in aunruhe zu ſein, ihre kleine Ermance auf den Arm, und verläßt den Meierhof, feſt entſchloſſen, alles zu thun, um die Freiheit ihres Mannes zu erlangen oder ſein Gefängniß zu theilen. Es iſt erſt morgens neun Uhr. Jakob iſt auf dem Felde, die übrigen Hausgenoſſen ſind mit ander⸗ weitigen Arbeiten beſchäftigt, und ſo befindet ſich denn Adeline ſchon längſt auf dem Wege nach Paris, bevor die Hausbewohner von ihrer Abreiſe etwas er⸗ fahren. Finſnſnnnfſſſſnſnn 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17